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März 2015 / Nummer 11 L’OSSERVATORE ROMANO Wochenausgabe in deutscher Sprache

Aus dem Vatikan und der Weltkirche 11

Im Gespräch mit Kardinal Charles Maung Bo, Erzbischof von Yangon in Myanmar Salvatorianer öffnen
römische Ordenszentrale
Für Frieden und Fortschritt für Besucher

ist die Kirche grundlegend Rom. Rom-Besucher erwartet künftig unweit


des Petersplatzes ein weiterer Kunstgenuss: Der
Salvatorianerorden öffnete ab 11. März seine Or-
denszentrale im Palazzo Cesi-Armellini für Pilger
Von Nicola Gori sowie religiöse Treffen organisiert. Mit der budd- und Touristen. Der prachtvolle Palast in der Via
histischen Religion, die die Mehrheit bildet, un- della Conciliazione wurde Anfang des 16. Jahr-
terhalten wir beständige Kontakte durch die hunderts für Kardinal Francesco Armellini erbaut
Mönche, die dieselbe Sichtweise haben wie wir. und später von Angelo und Pier Donato Cesi ge-
Eine Kirche der Armen und für die Ar- Dank der Gruppe »Religions for peace« (Religio- kauft und renoviert.
men, die ihre Stimme erhebt, um die Würde nen für den Frieden) finden regelmäßige Begeg- Zu besichtigen sind neben kostbaren Fresken
der Menschen gegen Ungerechtigkeiten zu nungen statt. Wir fahren fort, unsere Stimme ge- unter anderem die Bibliothek, ein Museum, das
verteidigen. So sieht die Wirklichkeit der gen Gewalt zu erheben, insbesondere gegen die dem Ordensgründer Franziskus Jordan (1848-
Kirche in Myanmar aus, wie sie Kardinal Angriffe auf die Muslime durch fundamentalisti- 1918) gewidmet ist, sowie die Dachterrasse mit
Charles Maun Bo im Interview mit unserer sche Gruppen. einem spektakulären Blick auf die Kuppel des
Zeitung beschreibt. Er wurde im Konsisto- Petersdoms. Der Palazzo ist seit 1895 Ordens-
rium vom vergangenen 14. Februar in das Auf welche Weise ist die Kirche der Bevölke- zentrale der 1883 gegründeten Salvatorianer.
Kardinalskollegium aufgenommen. rungsmehrheit nahe, die unter der Armut leidet? Während der deutschen Besatzung Roms im
Zweiten Weltkrieg fanden in der Ordenszentrale
Sie sind der erste Bischof von Myanmar, der Kardinal Charles Maun Bo: Sechzig Pro- Juden, Partisanen und verfolgte italienische Politi-
Kardinal wird. Was bedeutet diese Entscheidung zent der Bevölkerung sind sehr arm. Die absolute ker Zuflucht.
des Papstes? Armut betrifft etwa vierzig Prozent. Es gibt sehr Geöffnet ist der Palazzo montags, mittwochs
viele Binnenflüchtlinge oder in andere Länder und freitags, jeweils von 10 Uhr bis 12.30 Uhr, so-
Kardinal Charles Maun Bo: Meine per- Geflohene, einige erleiden die modernen Formen wie mittwochs zusätzlich von 14.30 Uhr bis
sönliche Empfindung ist, dass diese Geste dem der Sklaverei. Aber unser Land war nicht immer Frieden und Fortschritt ist die Rolle der Kirche 16.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Die Salvatorianer
Leben und der Sendung von Franziskus ent- so. In den 1950er Jahren und Anfang der 1960er grundlegend. bitten jedoch um eine Spende für ihre Arbeit in
springt. Er blickt aus der Perspektive der »Peri- Jahre gehörte Burma zu den reichsten Nationen Afrika, Asien und Lateinamerika.
pherien« auf die Wirklichkeit der Kirche: diese Südostasiens. Es gibt immer noch immense Wie sehen Sie aufgrund Ihrer Erfahrung als
radikale Sichtweise prägt all seine Entscheidun- natürliche und menschliche Ressourcen. Die Re- Salesianer die Rolle der Ordensleute für die För-
gen. Sicherlich ist es eine Ehre für das Volk von gime, die seit den 1960er Jahren an der Macht derung der menschlichen Entwicklung? Migrantinnen
Myanmar. Fünf Jahrzehnte lang haben wir unter waren, haben ein reiches Land in eines der ärm-
einer erdrückenden Diktatur gelebt, mit einer sten der Welt verwandelt. Die Armut in Myan- Kardinal Charles Maun Bo: Es gibt im haben zunehmend Einfluss
schwerwiegenden Diskriminierung der Christen. mar ist eine vom Menschen verursachte Kata- Land über 2500 Ordensleute. Die Ordensfrauen auf Weltwirtschaft
Viele betrachten das Überleben und das Wachs- strophe. Woran es mangelt, das ist nicht die haben große Arbeit geleistet unter den entlegen-
tum der Kirche als ein Wunder. In der Tat ist die Nächstenliebe, sondern Gerechtigkeit. Daher sten Gemeinschaften. Ihre Nähe zu den Armen Englewood. Migrantinnen haben nach An-
Ehre, die mir zuteil wird, ein Ruf, den Männern muss die Kirche gemeinsam mit anderen Grup- verdient großes Lob und sie ist einer der Gründe gaben des US-Unternehmens Western Union zu-
und Frauen unseres Landes zu dienen. Es ist auch pen, die genauso denken, ihre Stimme erheben, für die Solidität dieser Gemeinschaften. Aber mit nehmenden Einfluss auf die Weltwirtschaft.
eine Ehrerweisung gegenüber meinen bischöfli- um wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit zu der Öffnung des Landes brauchen die Ordens- »Frauen sind nicht länger nur Randfiguren im
chen Mitbrüdern, deren Geduld und Umsicht der verteidigen. Die Kirche hat eine bedeutende Rolle frauen mehr Kapazitäten, Kompetenzen und Wirtschaftskosmos Migration, sondern spielen
Kirche geholfen haben zu überleben. Ich denke, zu spielen und wir widmen uns zwei wichtigen Ausbildung. Abzusehen ist auch eine größere heute eine Rolle als Entscheiderinnen und unent-
dass der Papst uns durch diese Anerkennung zu Fragen: den Landrechten und dem Recht auf Bil- Rolle in den Sektoren von Erziehung und Bildung behrliche finanzielle Unterstützerinnen ihrer Fa-
einem noch größeren Dienst an der Kirche und dung. Hinsichtlich der Unterstützung der Armen sowie im Gesundheitswesen. milien und Gemeinden«, erklärte der Vizepräsi-
an der Nation in dieser kritischen Zeit der Ge- arbeitet unser in 16 Diözesen vertretenes Netz dent der zentral-europäischen Sektion von
schichte berufen hat. der Caritas sehr hart. Wir setzen uns auch für die Wie kann man dem Stil von Papst Franziskus Western Union, Herbert Seitner. Das Unterneh-
Unterstützung der Vertriebenen ein. Aber die Ar- entsprechend Missionar sein? men bietet weltweite Bargeldtransfers an.
Die Christen sind eine Minderheit im Land. mut in Myanmar ist ein an unserem Volk began- Die Hälfte der jährlich weltweit getätigten
Was tun sie, um den Dialog mit den anderen Re- genes Unrecht und wir werden keinen Frieden Kardinal Charles Maun Bo: Franziskus 523 Milliarden Euro an Rücküberweisungen in
ligionen zu fördern? finden, bis den Armen Gerechtigkeit zuteil wird. drängt auf eine Kirche, die nach vorne schaut. In Heimatländer stammen demnach von Migrantin-
Evangelii gaudium sagt er, dass die Kirche kein nen. Frauen zeigten sich allerdings sozialer und
Kardinal Charles Maun Bo: Wir engagie- Wie können die Katholiken zum Aufbau der Museum von »Mumien« ist, und spricht von der gäben prozentual einen größeren Anteil ihrer
ren uns in dreierlei Hinsicht: Dialog mit den Ar- Nation beitragen? Notwendigkeit, eine »Grabespsychologie« hinter Gehälter ab als Männer. Insgesamt überwiesen
men, Dialog mit den Kulturen und Dialog mit den sich zu lassen. Die Kirche von Myanmar ist in den sie zwar geringere Beträge, dafür aber regelmäßi-
Religionen. Der Dialog mit den Armen ist sehr in- Kardinal Charles Maun Bo: Wir haben viel fünf Jahrhunderten ihres Bestehens ihrer missio- ger und über längere Zeiträume hinweg.
tensiv: wir sind eine arme Kirche, wir leben mit- zum Aufbau der Nation beigetragen. Die Kirche narischen Sendung niemals untreu geworden. Sowohl männliche als auch weibliche Mi-
ten unter ihnen, wir sorgen für ihre Erziehung ist bis in die entlegensten Winkel gegangen und Aus 200.000 Katholiken sind wir 800.000 ge- granten senden den Angaben zufolge ihr Geld
und Bildung, wir helfen ihnen durch verschie- hat den ethnischen Gemeinschaften Erziehung worden. Aber wir folgen auch dem Rat des Pap- überwiegend an Frauen. Diese setzten das emp-
dene Sozialprogramme. In vielen Bereichen ist und Bildung vermittelt. Jetzt sind sie gut ausge- stes, die Armen zu begleiten. Unsere Kirche ist fangene Geld mehrheitlich so ein, dass es dem
die Kirche als einzige unter den Armen der abge- bildete und sichere Gemeinschaften geworden, eine Kirche der Armen und für die Armen. Das ist Wohl der Familie zugutekomme. Das beinhalte
legensten Gebiete präsent. Der Dialog mit den so dass sie selbst Lehrer, Priester, Ordensfrauen eine lebendige Mission in unseren Diözesen. Pa- Ausgaben für Nahrung, Bildung, Gesundheit und
Kulturen ist sehr wichtig. Wir sind ein »Regenbo- und Entwicklungsarbeiter stellen. Unser Beitrag storal gesehen hat der größte Teil der Diözesen Unterkunft. Männer tendierten dagegen eher
genland«: sieben Hauptstämme mit 135 Stam- wurde von einer Politik begrenzt, die dem Volk ein eigenes Programm, das auch in Sozialpro- dazu, Geld für Konsumgüter auszugeben, so das
mesclans. Wir sind eine vielfarbige Kirche. Das ist von Myanmar eine qualitätvolle Ausbildung ver- grammen konkret wird. Wir sind dabei, die Kate- Unternehmen.
ein Segen und eine Herausforderung. Die Kirche weigert hat. Die Kirche ist in den Bereichen der cheten auszubilden, ein Heer von fast 3000 Män- »Damit Frauen noch erfolgreicher an der welt-
muss inkulturiert werden und auch eine gemein- Ausbildung und Erziehung, des Gesundheitswe- nern und Frauen, und unsere Arbeit unter den weiten Wirtschaft partizipieren können, benöti-
same Identität formen. Das sind Anstrengungen, sens und der menschlichen Entwicklung aktiv Migranten und Vertriebenen hat ihnen bereits gen sie besseren Zugang zu Finanzdienstleistun-
die auf vielerlei Weise unternommen werden. und effizient. Und die Regierung muss die Kirche Christus gebracht. Zurzeit sind wir in einer Mis- gen und Finanzbildung«, forderte Seitner. Sowohl
Wir haben starke Lokalkirchen. Gemeinsame beim Aufbau der Nation als Partner behandeln. sion engagiert, die sich zusammenfassen lässt mit der öffentliche als auch der private Sektor seien
Treffen, wie zum Beispiel aus Anlass der Wir haben unseren Dienst angeboten. Die Regie- dem Ausdruck »Evangelisierte, die Evangelisierer dazu verpflichtet, Frauen dabei noch stärker ein-
500-Jahrfeier der Evangelisierung Myanmars, rung von Myanmar braucht die Kirche. Wir ar- werden« und die das Ziel hat, Laien darauf vorzu- zubinden.
sind eine Quelle des Zusammenwirkens. Es wer- beiten in Gebieten, die selbst die staatlichen In- bereiten, die entlegensten Gegenden des Landes
den jährliche Konferenzen für die Jugendlichen stitutionen nie erreicht haben. Für einen echten zu erreichen.
(Orig. ital. in O.R. 28.2.2015) Unmenschliche Zustände
im Aufnahmelager
gegen den Heuchlern niemals über die Lippen
Fortsetzung von Seite 10 käme, die zu sagen pflegen: »Gott, ich danke dir, Neuer Rektor vom Vatikanstadt/Lampedusa. Angesichts
dass ich kein Sünder bin, sondern dass ich ge- des andauernden Zustroms von Bootsflüchtlin-
recht bin« (vgl. Lk 18,11).
Germanicum et Hungaricum gen hat der Pfarrer von Lampedusa unmenschli-
telkeit, der Stolz, die Macht, das Geld«. Und sie Das also seien die drei Worte, über die es in che Zustände im Aufnahmezentrum der Mittel-
München. Der deutsche Jesuit P. Ste-
seien »Heuchler«, weil »sie so tun, als kehrten sie dieser zweiten Woche der Fastenzeit nachzuden- meerinsel angeprangert. Mehr als 1000 Migran-
fan Dartmann gibt die Leitung des Ost-
um. Ihr Herz aber ist eine Lüge: sie sind Lügner.« ken gelte: »die Einladung zur Umkehr; das Ge- ten, die Tragödien hinter sich hätten, unter un-
europa-Hilfswerks Renovabis in Freising
Tatsächlich »gehört ihr Herz nicht dem Herrn. Es schenk, das uns der Herr machen wird, und zwar würdigen Verhältnissen und ohne ausreichende
ab und wird Rektor des römischen »Colle-
gehört dem Vater der Lüge: Satan. Und das ist die eine große Vergebung«; und »die ›Falle‹, also ›so Betreuung alle zusammen in eine Einrichtung für
gium Germanicum et Hungaricum«. Dart-
Heiligkeit des ›So-tun-als-ob‹.« Gegen dieses Ver- zu tun‹, als kehre man um und dabei den Weg der 250 Personen zwingen, sei »nicht hinnehmbar«,
mann, der aus Nordrhein-Westfalen
halten habe Jesus sich stets ganz eindeutiger Heuchelei einzuschlagen«. Mit diesen drei Wor- sagte Mimmo Zambito gegenüber Radio Vatikan.
stammt, trat 1978 in den Orden ein und
Worte bedient. In der Tat habe er »tausendmal« ten im Herzen könne man an der Eucharistie teil- Dies sei eine »ungeheure Schande« für die Regie-
war von 1986 bis 2004 als Seelsorger in
die Sünder den Heuchlern vorgezogen. Wenig- nehmen, »unserer Danksagung«, in der man »die rungen in Rom und Brüssel, aber auch für die Be-
St. Eugenia in Stockholm tätig. Von 2004
stens »sagten die Sünder die Wahrheit über sich Einladung des Herrn« höre: »Komme zu mir, esse wohner der Insel, auch wenn letztere keine Ver-
bis 2010 war er Provinzial der Deutschen
selbst: ›Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sün- mich! Ich werde dein Leben verändern. Sei ge- antwortung dafür trügen. Zugleich äußerte sich
Provinz der Jesuiten.
der!‹« (Lk 5,8). Das, so erinnerte der Papst, habe recht, tu Gutes, aber bitte sei auf der Hut vor dem der Priester besorgt über die große Zahl unbeglei-
»Petrus einmal« getan. Ein Eingeständnis, das da- Sauerteig der Pharisäer: der Heuchelei«. teter minderjähriger Flüchtlinge.