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August 2014 / Nummer 34 L’OSSERVATORE ROMANO Wochenausgabe in deutscher Sprache

10 Pastoralreise von Papst Franziskus nach Korea

Hüter des Gedächtnisses und Hüter der Hoffnung


bitte euch, ihnen meine herzlichen Grüße und
Fortsetzung von Seite 9 meinen Dank zu überbringen für ihren engagier-
ten Dienst am Volk Gottes. Seid euren Priestern
kirchlicher Bewegungen, in soliden Programmen nahe, bitte! Nähe, es braucht Nähe zu den Prie-
für Katechese und Jugendarbeit sowie in den ka- stern, dass sie ihren Bischof treffen können.
tholischen Schulen, Seminaren und Universitä- Diese brüderliche und auch väterliche Nähe des
ten. Die Kirche in Korea genießt hohes Ansehen Bischofs – die Priester brauchen sie in vielen Au-
aufgrund ihrer Rolle im geistigen und kulturellen genblicken ihres Lebens als Seelsorger. Nicht
Leben der Nation und ihres starken missionari- Bischöfe, die fern sind, oder schlimmer noch, die
schen Impulses. Von einem Missionsland ist euer sich von ihren Priestern entfernen. Es ist mir
Land nun zu einem Land der Missionare gewor- schmerzlich, das zu sagen. In meinem Land habe
den; und die Weltkirche profitiert von den vielen ich oft Priester gehört, die zu mir sagten: »Ich
Priestern und Ordensleuten, die ihr ausgesandt habe den Bischof angerufen und um Audienz ge-
habt. beten; drei Monate sind vergangen, und ich habe
Hüter des Gedächtnisses zu sein bedeutet noch keine Antwort.« – Aber hör einmal, Bruder,
mehr, als die Gnadenerweise der Vergangenheit wenn ein Priester dich heute anruft, um dich um
in Erinnerung zu bewahren und zu schätzen; es eine Audienz zu bitten, dann rufe sofort zurück,
bedeutet auch, aus ihnen das geistliche Kapital zu heute noch oder morgen. Und wenn du keine
ziehen, um mit Weitblick und Entschiedenheit Zeit hast, ihn zu empfangen, sag ihm: »Ich kann
den Hoffnungen, den Erwartungen und den Her- nicht, weil ich das und das und das zu tun habe.
ausforderungen der Zukunft zu begegnen. Wie Aber ich wollte dich hören und stehe dir zur Ver-
ihr selbst festgestellt habt, liegt der Maßstab für fügung.« Dass sie doch die Antwort des Vaters Der Heilige Vater freute sich von Herzen über das Beisammensein mit den asiatischen Mitbrüdern.
das Leben und die Mission der Kirche in Korea hören, und zwar sofort. Bitte, entfernt euch nicht
letztlich nicht in äußeren, quantitativen und in- von euren Priestern! zu wachsen und auf würdige Weise die eigene im Aufschwung, sie ist eine große missionarische
stitutionellen Bedingungen; sie müssen vielmehr Wenn wir die Herausforderung annehmen, Persönlichkeit, Kreativität und Kultur zum Aus- Kirche, sie ist eine große Kirche. Möge der Teufel
im klaren Licht des Evangeliums und seinem Ruf eine missionarische Kirche zu sein, eine Kirche, druck zu bringen, hinwegzusehen. Die Solidarität nicht dieses Unkraut säen, diese Versuchung, die
zur Umkehr zur Person Jesu Christi beurteilt wer- die ständig hinausgeht in die Welt und besonders mit den Armen steht im Zentrum des Evangeli- Armen aus der prophetischen Struktur der Kirche
den. Hüter des Gedächtnisses sein bedeutet ein- an die Peripherien der heutigen Gesellschaft, ums; sie muss als ein wesentliches Element des zu entfernen, und euch zu einer wohlhabenden
zusehen, dass das Wachstum zwar von Gott müssen wir jenes »geistliche Wohlgefallen« för- christlichen Lebens gesehen werden; durch Pre- Kirche für die Wohlhabenden werden lassen, zu
kommt (vgl. 1 Kor 3,6), zugleich aber Frucht ru- dern, das uns fähig macht, jedes Glied des Leibes digt und Katechese auf der Grundlage des reichen einer Wohlstandskirche… ich sage nicht: bis hin
higer und ausdauernder vergangener wie gegen- Christi zu umarmen und uns mit ihm zu identifi- Erbes der Soziallehre der Kirche muss sie in Herz zu einer »Theologie der Prosperität«, nein, aber
wärtiger Arbeit ist. Unsere Erinnerung an die zieren (vgl. Evangelii gaudium, 268). Hier gilt es, und Verstand der Gläubigen eindringen und sich bis zur Mittelmäßigkeit.
Märtyrer und die vergangenen Generationen den Kindern und den älteren Menschen in un- in allen Aspekten kirchlichen Lebens widerspie- Liebe Brüder, ein prophetisches Zeugnis für
der Christen muss eine realistische, nicht seren Gemeinden besondere Zuwendung und geln. Das apostolische Ideal einer Kirche der Ar- das Evangelium stellt für die Kirche in Korea eine
eine idealisierende und nicht eine »trium- Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Wie men und für die Armen – einer armen Kirche für besondere Herausforderung dar, da sie ihr Leben
phalistische« sein. In die Vergangenheit zu können wir Hüter der Hoffnung sein, wenn die Armen – kam in den ersten christlichen Ge- und ihren Dienst mitten in einer wohlhabenden,
schauen, ohne auf Gottes Ruf zur Um- wir das Gedächtnis, die Weisheit und die meinden eures Landes deutlich zum Ausdruck. dabei zunehmend säkularisierten und materiali-
kehr in der Gegenwart zu hören, wird Erfahrung der alten Menschen und die Ich bete, dass dieses Ideal den Pilgerweg der Kir- stischen Gesellschaft vollzieht. Unter solchen
uns nicht voranbringen; es wird uns Sehnsüchte unserer Jugendlichen igno- che in Korea in ihrem Blick auf die Zukunft wei- Umständen ist es für die im pastoralen Dienst
stattdessen nur zurückhalten und sogar rieren? In diesem Zusammenhang terhin prägen möge. Ich bin überzeugt: Wenn das Tätigen eine Versuchung, nicht nur wirksame
unseren geistlichen Fortschritt möchte ich euch bitten, euch in be- Gesicht der Kirche zuerst und vor allem ein Ge- Modelle des Managements, der Planung und der
blockieren. sonderer Weise um die Erziehung sicht der Liebe ist, werden immer mehr junge Organisation aus der Geschäftswelt zu überneh-
Außer Hüter des Gedächtnis- der Kinder zu kümmern, indem ihr Menschen zum stets von göttlicher Liebe bren- men, sondern auch einen Lebensstil und eine
ses zu sein, seid ihr, liebe Brüder, die unverzichtbare Aufgabe nicht nur nenden Herzen Jesu in der Gemeinschaft seines Mentalität, die mehr von weltlichen Kriterien des
auch berufen, Hüter der Hoffnung zu der Universitäten – die wichtig sind –, mystischen Leibes hingezogen werden. Erfolgs – und tatsächlich der Macht – geleitet
sein: Hoffnung, die aus dem Evan- sondern auch katholischer Schulen Ich habe gesagt, dass die Armen im Zentrum sind, als von den Kriterien, die Jesus im Evange-
gelium von Gottes Gnade und auf allen Stufen unterstützt, angefan- des Evangeliums stehen; sie stehen auch am An- lium aufstellt. Weh uns, wenn das Kreuz um
Barmherzigkeit in Jesus Christus gen von den Grundschulen, wo fang und am Ende. Zu Beginn seines apostoli- seine Kraft gebracht wird, über die Weisheit die-
hervorgeht, die Hoffnung, welche die Märtyrer Geist und Herz der Kinder in der Liebe zum schen Lebens spricht Jesus in der Synagoge von ser Welt zu urteilen (vgl.1 Kor 1,17)! Ich bitte euch
beseelte. Diese Hoffnung einer Welt zu verkün- Herrn und seiner Kirche, im Guten, Wahren und Nazareth deutliche Worte. Und als über
den, die bei all ihrem materiellen Wohlstand et- Schönen geformt werden und wo Kinder lernen, den Letzten Tag redet und uns jenes »Pro- Ihr hütet diese Hoffnung,
was sucht, das mehr ist, etwas Größeres, etwas gute Christen und rechtschaffene Bürger zu sein. tokoll« bekannt macht, nach dem wir alle indem ihr die Flamme der Heiligkeit,
Echtes und Erfüllendes: Das ist unsere Heraus- Hüter der Hoffnung zu sein bedingt auch, gerichtet werden – Matthäus 25 –, sind der Bruderliebe und des missionarischen
forderung. Ihr und eure Mitbrüder im priesterli- dafür zu sorgen, dass das prophetische Zeugnis dort ebenfalls die Armen. Es besteht eine Eifers in der kirchlichen Gemeinschaft am
chen Dienst bietet diese Hoffnung durch euren der Kirche in Korea deutlich sichtbar bleibt in ih- Gefahr, es gibt eine Versuchung, die in Zei- Leben erhaltet. Aus diesem Grund bitte ich
Dienst der Heiligung, der die Gläubigen nicht nur rer Sorge um die Armen und in ihren Hilfspro- ten des Aufschwungs auftaucht: Es ist die euch, euren Priestern immer nahe zu sein,
zu den Quellen der Gnade in der Liturgie und den grammen besonders für Flüchtlinge und Migran- Gefahr, dass die christliche Gemeinde sich sie zu ermutigen in ihren täglichen Mühen,
Sakramenten führt, sondern sie auch ständig an- ten sowie für die, die am Rande der Gesellschaft »sozialisiert«, das heißt, dass ihr jene my- ihrem Streben nach Heiligkeit und ihrer
treibt, vorwärts zu drängen als Antwort auf die leben. Dieses Anliegen sollte sich nicht nur in stische Dimension abhandenkommt, dass Verkündigung der Frohen Botschaft vom Heil.
himmlische Berufung, die Gott uns schenkt (vgl. konkreten karitativen Initiativen zeigen, die not- sie die Fähigkeit verliert, das Mysterium
Phil 3,14). Ihr hütet diese Hoffnung, indem ihr die wendig sind, sondern auch im fortlaufenden Ein- zu feiern, und sich in eine geistliche, christliche und eure Brüder im priesterlichen Dienst drin-
Flamme der Heiligkeit, der Bruderliebe und des satz bei der Förderung auf sozialer und beruf- Organisation verwandelt, mit christlichen Wer- gend, dieser Versuchung in all ihren Formen zu
missionarischen Eifers in der kirchlichen Ge- licher Ebene sowie im Bildungswesen. Wir ten, aber ohne prophetischen Sauerteig. Dort ist widerstehen. Mögen wir vor jener geistlichen
meinschaft am Leben erhaltet. Aus diesem können Gefahr laufen, unsere Arbeit mit den die Funktion verloren gegangen, die die Armen in und pastoralen Verweltlichung bewahrt werden,
Grund bitte ich euch, euren Priestern immer Notleidenden allein auf ihre institutionelle Di- der Kirche haben. Das ist eine Versuchung, unter die den Heiligen Geist unterdrückt, Umkehr
nahe zu sein, sie zu ermutigen in ihren täglichen mension zu reduzieren und dabei über die indi- der die Teilkirchen, die christlichen Gemeinden durch Selbstgefälligkeit ersetzt und dabei jeden
Mühen, ihrem Streben nach Heiligkeit und ihrer viduellen Bedürfnisse jedes Einzelnen, als Person in der Geschichte sehr gelitten haben. Und das missionarischen Eifer zerstreut (vgl. Evangelii
Verkündigung der Frohen Botschaft vom Heil. Ich zu wachsen, über das Recht, das er hat, als Person bis zu dem Punkt, sich in eine Mittelklasse-Ge- gaudium, 93-97)!
meinde zu verwandeln, in der die Armen sich Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, danke für
schließlich sogar schämen: Sie schämen sich ein- alles, was ihr tut: Danke! Mit diesen Gedanken
zutreten. Das ist die Versuchung des geistlichen über eure Rolle als Hüter des Gedächtnisses und
Wohlstands, des pastoralen Wohlstands. Es ist der Hoffnung wollte ich euch in euren Bemühun-
nicht eine arme Kirche für die Armen, sondern gen ermutigen, die Gläubigen in Korea in Einheit,
eine reiche Kirche für die Reichen oder eine Mit- Heiligkeit und Eifer aufzubauen. Gedächtnis und
telklasse-Kirche für die Wohlhabenden. Und das Hoffnung inspirieren uns und führen uns in die
ist nichts Neues: Es begann gleich zu Anfang. Zukunft. Ich gedenke euer aller in meinen Gebe-
Paulus muss den Korinthern in seinem ersten ten, und ich bitte euch inständig, auf die Kraft der
Brief an sie – im 11. Kapitel, Vers 17 – Vorwürfe Gnade Gottes zu vertrauen. Vergesst nicht: »Der
machen; und noch stärker und deutlicher der Herr ist treu.« Wir sind nicht treu, doch er ist treu!
Apostel Jakobus in den Versen 1 bis 7 im zweiten »Er wird euch Kraft geben und euch vor dem Bö-
Kapitel seines Briefes: Er muss diese wohlhaben- sen bewahren« (2 Thess 3,3). Möge die Fürspra-
den Gemeinden, diese wohlhabenden Kirchen che Marias, der Mutter der Kirche, in diesem
für die Wohlhabenden rügen. Man jagt die Ar- Land die Samen zu voller Blüte bringen, die von
men nicht fort, aber man lebt so, dass sie nicht den Märtyrern ausgesät, von Generationen gläu-
wagen einzutreten, dass sie sich nicht zu Hause biger Katholiken begossen und euch übergeben
fühlen. Das ist eine Versuchung der Prosperität. wurden als ein Pfand für die Zukunft eures Lan-
Ich mache euch keine Vorwürfe, denn ich weiß, des und unserer Welt. Euch und allen, die sich eu-
dass ihr gute Arbeit leistet. Doch als Bruder, der rer pastoralen Sorge und Obhut anvertraut ha-
seine Brüder im Glauben stärken muss, sage ich ben, erteile ich von Herzen meinen Segen und
Papst Franziskus nahm sich Zeit, um mit jedem Bischof einzeln ein paar Worte zu wechseln. euch: Passt auf, denn eure Kirche ist eine Kirche bitte euch, für mich zu beten. Danke.