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August 2014 / Nummer 35 L’OSSERVATORE ROMANO Wochenausgabe in deutscher Sprache

Aus dem Vatikan und der Weltkirche 3

Botschaft von Kardinal Pietro Parolin im Namen des Papstes


an die Teilnehmer des »35. Meetings für die Freundschaft unter den Völkern« (Rimini, 24.-30. August 2014)

Rückkehr zum Wesentlichen: zum Evangelium Jesu Christi


An Seine Exzellenz er sein Zentrum in Jesus Chri- tig, lediglich die Oberfläche der Erfahrung zu be-
Francesco Lambiasi, stus hat. Er befreit uns von der trachten, nur ihren Wellenkamm, ohne in die
Bischof von Rimini Angst. In seiner Gegenwart Tiefe ihrer Bewegung einzutauchen« (Der Reli-
können wir an jedem Ort si- giöse Sinn, Bonifatius, Paderborn 2003, S. 130-
Exzellenz! cher vorangehen, auch durch 131).
die dunklen Momente des Le- Darüber hinaus fordert er auf, den Blick fest
Es ist mir eine Freude, Ihnen, den Organisato- bens, weil wir wissen, dass, auf das Wesentliche zu richten. Die schwerwie-
ren, den freiwilligen Helfern und allen Teilneh- wo auch immer wir hinge- gendsten Probleme entstehen in der Tat, wenn
mern anlässlich des »35. Meetings für die hen, der Herr uns mit seiner die christliche Botschaft mit sekundären Aspek-
Freundschaft unter den Völkern« die herzlichen Gnade vorausgeht, und un- ten gleichgesetzt wird, die nicht den Kern der Ver-
Grüße und den Segen von Seiner Heiligkeit Papst sere Freude ist es, die frohe kündigung zum Ausdruck bringen.
Franziskus zukommen zu lassen und ebenso Botschaft, dass er mit uns ist, In einer Welt, in der nach 2000 Jahren Jesus
meine persönlichen guten Wünsche für diese mit den anderen zu teilen. in vielen Ländern auch des Westens wieder ein
wichtige Veranstaltung. Nachdem die Jünger Jesu auf Unbekannter ist, ist es »besser, realistisch zu sein
Das in diesem Jahr gewählte Thema – »An Mission ausgesandt worden und nicht davon auszugehen, dass unsere Ge-
den Peripherien der Welt und des Lebens« – spie- waren, kehrten sie begeistert sprächspartner den vollkommenen Hintergrund
gelt eine konstante Sorge des Heiligen Vaters über ihre Erfolge zurück. dessen kennen, was wir sagen, oder dass sie un-
wider. Schon in seiner Zeit als Erzbischof von Bu- Aber Jesus sagte zu ihnen: sere Worte mit dem wesentlichen Kern des Evan-
enos Aires wurde ihm bewusst, dass die »Peri- »Doch freut euch nicht darü- geliums verbinden können, der ihnen Sinn,
pherien« nicht nur Orte sind, sondern auch und ber, dass euch die Geister ge- Schönheit und Anziehungskraft verleiht« (Evan-
vor allem Personen, wie er in seinem Beitrag in horchen, sondern freut euch gelii gaudium, 34).
den Generalkongregationen vor dem Konklave darüber, dass eure Namen im Deshalb erfordert eine sich schnell verän-
sagte: »Die Kirche ist aufgerufen, aus sich selbst Himmel verzeichnet sind« dernde Welt von den Christen die Bereitschaft,
heraus- und auf die Peripherien zuzugehen, nicht (Lk 10,20). Nicht wir sind es, Formen und Weisen zu suchen, um in einer ver-
nur die geographischen, sondern auch die exis- die die Welt retten, nur Gott ständlichen Sprache die ewige Neuheit des Chri-
tentiellen: die Peripherien des Mysteriums der rettet sie. stentums zu verkünden. Auch darin muss man
Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, der Die Männer und Frauen realistisch bleiben. »Oftmals ist es besser, den
Ignoranz und des fehlenden Glaubens, jene des unserer Zeit laufen Gefahr, in einer individualisti- haben die Pflicht, es ausnahmslos allen zu ver- Schritt zu verlangsamen, die Ängstlichkeit abzu-
Denkens und jeder Art von Elend« (9. März schen Traurigkeit zu leben, isoliert auch inmitten künden, nicht wie jemand, der eine neue Ver- legen, um dem anderen in die Augen zu sehen
2013). einer Fülle von Konsumgütern, von denen aller- pflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der und zuzuhören, oder auf die Dringlichkeiten zu
Daher dankt Papst Franziskus den Verant- dings viele ausgeschlossen bleiben. Oft herrscht eine Freude teilt, einen schönen Horizont auf- verzichten, um den zu begleiten, der am Straßen-
wortlichen des Meetings, dass sie seine Auffor- ein Lebensstil vor, der dazu führt, seine Hoffnung zeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet. rand geblieben ist« (ebd., 46).
derung, diesen Weg einzuschlagen, angenom- auf ökonomische Sicherheiten zu setzen oder auf Die Kirche wächst nicht durch Proselytismus, Der Heilige Vater bietet diese Gedanken als
men und verbreitet haben. Eine Kirche, die Macht oder rein irdischen Erfolg. Dieses Risiko sondern ›durch Anziehung‹« (Evangelii gaudium, Beitrag zur Woche des Meetings allen Teilneh-
»hinausgeht«, ist dem Evangelium entsprechend besteht auch für die Christen. »Es ist offenkundig, 14), das heißt »durch ein persönliches Zeugnis, mern an, insbesondere den Verantwortlichen,
die einzig mögliche Kirche. Das zeigt das Leben dass an einigen Orten eine geistliche ›Wüstenbil- eine Erzählung, eine Geste oder die Form, die der den Organisatoren und Referenten, die aus den
Jesu, der von Ort zu Ort ging, das Reich Gottes dung‹ stattgefunden hat; sie ist das Ergebnis des Heilige Geist selbst in einem konkreten Umstand Peripherien der Welt und des Lebens kommen
verkündete und seine Jünger vor sich her sandte. Planes von Gesellschaften, die sich ohne Gott auf- hervorrufen kann« (ebd., 128). werden, um zu bezeugen, dass Gottvater seine
Dazu hatte ihn der Vater in die Welt gesandt. bauen wollen«, sagt Papst Franziskus (Apostol. Der Heilige Vater weist die Verantwortlichen Kinder nicht allein lässt. Der Papst wünscht, dass
»Das Schicksal hat den Menschen nicht allein Schreiben Evangelii gaudium, 86). Aber das darf und die Teilnehmer des Meetings auf zwei be- viele neu die Erfahrung der ersten Jünger Jesu
gelassen«: So lautet der zweite Teil des Themas uns nicht entmutigen, worauf uns Benedikt XVI. sondere Aspekte hin. machen können, die bei der Begegnung am Ufer
des Meetings. Es sind Worte des Dieners Gottes bei der Eröffnung des Jahres des Glaubens hin- Vor allem fordert er dazu auf, nie den Kontakt des Jordan die Frage hören: »Was wollt ihr?«
Luigi Giussani, der uns daran erinnert, dass der wies: »In der Wüste entdeckt man wieder den mit der Wirklichkeit zu verlieren, sondern viel- Möge diese Frage Jesu stets den Weg jener be-
Herr uns nicht uns selbst überlassen hat, dass er Wert dessen, was zum Leben wesentlich ist; so mehr die Wirklichkeit zu lieben. Auch das gehört gleiten, die das »Meeting für die Freundschaft
uns nicht vergessen hat. Am Anfang hat er einen gibt es in der heutigen Welt unzählige, oft impli- zum christlichen Zeugnis: angesichts einer vor- zwischen den Völkern« besuchen.
Mann, Abraham, erwählt und ihn veranlasst, zit oder negativ ausgedrückte Zeichen des Dur- herrschenden Kultur, die den Schein an die erste Während Papst Franziskus um das Gebet für
sich auf den Weg zum Verheißenen Land zu ma- stes nach Gott, nach dem letzten Sinn des Le- Stelle setzt, das, was oberflächlich und vorläufig ihn und sein Amt bittet, ruft er den mütterlichen
chen. Und in der Fülle der Zeit hat er ein junges bens. Und in der Wüste braucht man vor allem ist, besteht die Herausforderung darin, sich für Schutz der Jungfrau Maria herab und erteilt Ih-
Mädchen erwählt, die Jungfrau Maria, um glaubende Menschen, die mit ihrem eigenen Le- die Wirklichkeit zu entscheiden und sie zu lie- nen, Exzellenz, und der ganzen Gemeinschaft
Mensch zu werden und unter uns zu wohnen. ben den Weg zum Land der Verheißung weisen ben. Don Giussani hat das als Lebensprogramm des Meetings den Apostolischen Segen.
Nazaret war wirklich ein unbedeutendes Dorf, und so die Hoffnung wach halten« (Predigt in der hinterlassen, wenn er sagt: »Die einzige Bedin- Mit der Bitte an Eure Exzellenz, auch meine
eine »Peripherie« sowohl in politischer als auch heiligen Messe zur Eröffnung des Jahres des gung, um jederzeit wirklich religiös zu sein, ist, persönlichen guten Wünsche zu übermitteln,
religiöser Hinsicht. Aber gerade dorthin hat Gott Glaubens, 11. Oktober 2012). stets intensiv das Wirkliche zu leben. Die Formel verbleibe ich mit dem Ausdruck vorzüglicher
geblickt, um seinen Plan der Barmherzigkeit und Papst Franziskus lädt ein, auch mit dem »Mee- des Weges zum Sinn der Wirklichkeit heißt: das Hochachtung
der Treue zu verwirklichen. ting für die Freundschaft unter den Völkern«, an Wirkliche ohne Abstriche leben, das heißt ohne Pietro Kardinal Parolin
Der Christ hat keine Angst das Zentrum zu dieser Rückkehr zum Wesentlichen mitzuwir- etwas zu verleugnen oder zu vergessen. Es wäre
verlassen und in die Peripherien zu gehen, weil ken: zum Evangelium Jesu Christi. »Die Christen in der Tat nicht menschlich, das heißt unvernünf- (Orig. ital. in O.R. 24.8.2014)

Kardinalstaatssekretär 2015 Fest- und Gedenkjahr


Parolin würdigt in Taizé
Reformpapst Pius X.
Taizé. Die ökumenische Gemeinschaft von
Vatikanstadt/Riese. Kardinalstaatssekre- Taizé in Burgund feiert 2015 ein Fest- und Ge-
tär Pietro Parolin zelebrierte für den vor denkjahr. Begangen werden der 100. Geburtstag
100 Jahren verstorbenen Papst Pius X. (1903- des Gründers, Frère Roger, zudem dessen zehn-
1914) im Marienheiligtum nahe Riese, dem Ge- ter Todestag sowie der 75. Jahrestag der Grün-
burtsort des Papstes in der norditalienischen Re- dung der Gemeinschaft, wie der derzeitige Prior,
gion Venetien, eine Gedenkmesse. Mit seiner der Deutsche Frère Alois Löser, mitteilte. Als
Energie habe Pius X. die Kirche neu entflammt Thema des Festjahres habe man Solidarität ge-
und sie mit spirituellem und pastoralem Weitblick wählt.
aus der Isolation geführt. Durch seine Beschei- Die Festwoche wird vom 9. bis 16. August
denheit und Volksnähe beseitigte er nach Paro- 2015 begangen. Der 16. August ist der Todestag
lins Worten auch Barrieren zwischen der Amts- von Frère Roger; er wurde 2005 von einer geistig
kirche und dem Kirchenvolk. Vor dem verwirrten Frau während des Abendgebetes er-
Hintergrund der fortschreitenden Säkularisie- stochen. Erwartet werden nach den Worten von
rung habe Pius X. einerseits den Verlust alter Frère Alois Vertreter verschiedener Kirchen. »Wir
kirchlicher Besitzstände hingenommen, anderer- wollen mit den Jugendlichen Wege suchen, um
Vatikanstadt. Papst Franziskus hat sich von seinem Sondergesandten Kardinal Fernando Filoni über seits aber deutlich gemacht, dass die Abwendung noch stärker aus dem Glauben heraus in Solida-
die Lage im Irak informieren lassen. Der Kardinal hatte den Norden des Landes bereist, um sich über der modernen Gesellschaften von Gott ins Ver- rität mit anderen zu leben«, so der Prior. Man
die Situation der von der dschihadistischen Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) verfolgten Christen derben führe. Unter Kirchenhistorikern gilt wolle deutlich machen, »dass wir Christen in der
und Jeziden zu informieren, die humanitäre Hilfe voranzubringen und das Vorgehen gegen die Dschi- Pius X. als vielschichtige Persönlichkeit, die für globalisierten Welt neu herausgefordert sind«. Be-
hadisten zu erörtern. Er überbrachte eine Spende als Soforthilfe für die verfolgten religiösen Minder- einen strikten Antimodernismus wie für inner- reits in den vergangenen Jahren habe die Ge-
heiten im Irak. Unter anderem sprach er mit dem Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan, Ma- kirchliche Reformen steht. meinschaft zur Vorbereitung in diesem Sinne Ju-
sud Barzani. Dorthin sind viele der Opfer geflohen. In Bagdad traf Filoni den irakischen Präsidenten (Siehe auch Interview mit gendtreffen auf anderen Kontinenten veranstal-
Mohammed Fuad Masum. Kardinal Parolin auf Seite 6.) tet, zuletzt in Mexiko-Stadt und 2012 in Ruanda.