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Brief der Pastorin

Gudrun zu Oldenburg-Dietrichsfeld
an die neue Pastorin Anja zu Oldenburg-Bürgerfelde

(von Torsten Schwanke)

Liebe Schwester Anja,

Da die Veränderung in meiner Nachbarschaft vorging, dass der alte Pastor starb, an dessen Stelle du
kommst, freute ich mich von ganzem Herzen. Denn ob ich gleich keine unwillige Frau bin und
meinen Nächsten nichts mehr gönne als ihr bisschen Leben, das bei manchen, wie bei den Tieren,
das einzige ist, was sie haben; so muss ich doch aufrichtig gestehen, dass deines Vorgängers
Totengeläut mir ebenso eine freudige Bewegung ins Blut brachte als das Glockenläuten sonntags
früh, wenn es mich zur Kirche ruft, da mein Herz vor Liebe und Sympathie gegen meine
Zuhörerinnen überfließt. Er konnte niemanden leiden, dein Vorgänger, und Gott möge mir vergeben,
dass ich ihn auch nicht leiden konnte; ich hoffe, du sollst mir soviel Freude machen, als er mir
schlechte Laune gemacht hat; denn ich höre soviel Gutes von dir, wie man von einer Geistlichen
sagen kann, das heißt: Du treibst dein Amt still und mit nicht mehr Eifer, als nötig ist, und bist eine
Feindin von Streitgesprächen. Ich weiß nicht, ob es deinem Denken oder deinem Herzen mehr Ehre
macht, dass du so jung und friedfertig bist, ohne deswegen schwach zu sein; denn freilich ist es
auch kein Vorteil für die Herde, wenn die Schäferin ein Schaf ist.

Du glaubst nicht, liebe Schwester, was mir dein Vorgänger für Not gemacht hat. Unsere
Gemeindebezirke liegen so nah beisammen, und da steckten seine Leute meine Leute an, dass die
zuletzt haben wollten, ich solle mehr Menschen verdammen; es wäre keine Freude, meinten sie, ein
Christ zu sein, wenn nicht alle Heiden ewig gebraten würden. Ich versichere dir, liebe Schwester,
ich wurde manchmal ziemlich mutlos, denn es gibt gewisse Dinge, von denen anzufangen zu reden
ich so entfernt bin, dass ich vielmehr jedes Mal am Ende der Woche Gott von ganzem Herzen
danke, wenn mich niemand danach gefragt hat, und, wenn es geschehen ist, ich Gott bitte, dass er es
künftig abwenden möge; und so wird es mit jeder frommen Geistlichen sein, die denkende
Menschen nicht mit leeren Worten befriedigen will und doch weiß, wie gefährlich es ist, sie
unbefriedigt wegzuschicken oder gar abzuweisen. Ich muss dir gestehen, dass die Lehre von der
Verdammnis der Heiden eine von denen ist, über die ich wie über glühendes Eisen hinweg eile. Ich
bin nicht mehr so jung wie du und habe die Wege Gottes betrachtet, soviele eine sterbliche Frau es
in Stille vermag; wenn du ebenso alt sein wirst wie ich, sollst du auch bekennen, dass Gott und
Liebe das Gleiche ist, wenigstens wünsche ich es dir. Zwar musst du nicht denken, dass meine
Toleranz mich indifferent gemacht habe. Das ist bei allen Eiferern für ihre Sekten ein mächtiges
Zeichen der Redekunst, dass sie mit Worten um sich werfen, die sie nicht verstehen. Sowenig die
ewige, einzige Quelle der Weisheit indifferent sein kann, so tolerant sie auch ist, sowenig kann eine
Seele, die sich ihrer Seligkeit gewiss werden will, die Gleichgültigkeit zu seinem Charakterzug
machen. Wer möchte zeitlebens auf dem Meer von Stürmen getrieben werden? Unsere Seele ist
einfach und zur Ruhe geboren; solang sie zwischen verschiedenen Gegenständen geteilt ist, fühlt sie
etwas, das jeder am besten kennt, der zweifelt.

Also, liebe Schwester, danke ich Gott für nichts mehr als die Gewissheit meines Glaubens; denn im
Glauben sterbe ich, dass ich kein Glück habe und keine Seligkeit zu hoffen habe, als die mir von der
Schönen Liebe Gottes mitgeteilt wird, die sich in das Elend der Welt einmischte und auch elend
wurde, damit das Elend der Welt durch sie selig gemacht werde. Und so liebe ich Jesus Christus,
und so glaub ich an ihn und danke Gott, dass ich an ihn glaube, denn wahrlich, es ist nicht mein
Verdienst, dass ich glaube. Es war eine Zeit, da ich Saula war, Gott sei Dank, dass ich Paula
geworden bin. Man fühlt Gott in Einem Augenblick, und der Augenblick ist entscheidend für das
ganze Leben, und der Geist Gottes hat sich vorbehalten, den Moment zu bestimmen. So wenig bin
ich indifferent, aber darf ich deswegen nicht tolerant sein? Um wie viel Millionen Kilometer
verrechnet sich der Astronom? Wer der Liebe Gottes Grenzen bestimmen wollte, würde sich noch
mehr verrechnen! Weiß ich, wie viele Wege zu Gott es gibt? So viel weiß ich, dass ich auf meinem
Weg gewiss in den Himmel komme, und ich hoffe, dass er andern auch auf ihrem Weg hineinhelfen
wird. Unsre Kirche behauptet, dass der Glaube allein und nicht Werke selig machen, und Christus
und seine Apostel lehren das so ungefähr auch. Das zeigt nun die große Liebe Gottes, denn für die
Erbsünde können wir nichts und für die wirklichen Sünden auch nichts, das ist so natürlich, wie
dass einer geht, der Füße hat; und darum verlangt Gott zur Seligkeit keine Taten, keine Tugenden,
sondern den kindlichsten Glauben, und durch den Glauben allein wird uns das Verdienst Christi
mitgeteilt, so dass wir die Herrschaft der Sünde einigermaßen loswerden hier im Leben, und nach
unserm Tod, Gott weiß wie, auch das angeborene Verderben im Grabe bleibt. Wenn nun der Glaube
das einzige ist, wodurch wir Christi Verdienst uns zueignen, so sage mir, wie ist es denn mit den
Kindern? Die spricht man selig! Nicht wahr? Warum denn? Weil sie nicht gesündigt haben! Das ist
ein schöner Satz, man wird ja nicht verdammt, weil man sündigt. Und das angeborene Verderben
haben sie ja doch an sich und werden also nicht aus Verdienst selig; so sage mir die Art, wie die
Gerechtigkeit der Mensch-gewordenen Liebe sich den Kindern mitteilt. Siehe, ich finde in dem
Beispiel einen Beweis, dass wir nicht wissen, was Gott tut, und dass wir keinen Grund haben, an
der Seligkeit von irgendeiner Person zu verzweifeln. Du weißt, liebe Schwester, dass viele Leute,
die so barmherzig sind wie ich, auf die Allversöhnung gekommen sind, und ich versichere dir, es ist
die Lehre,mit der ich mich heimlich tröste; aber das weiß ich wohl, es ist keine Sache, darüber zu
predigen. Über das Grab hinaus geht unser Amt nicht, und wenn ich einmal sagen muss, da
ss es eine Hölle gibt, so rede ich davon, wie die Schrift davon redet, und sage, sie ist ewig. Wenn
man von Dingen spricht, die niemand begreift, so ist es gleich, was für Worte man gebraucht.
Übrigens hab ich gefunden, dass eine fromme Geistliche in dieser Zeit so viel zu tun hat, dass sie es
gern Gott überlässt, was in der Ewigkeit zu tun ist.

So, meine liebe Mit-Schwester, sind meine Gedanken über diesen Punkt: Ich halte den Glauben an
die göttliche Liebe, die vor zweitausend Jahren, unter dem Namen Jesus Christus, auf einem kleinen
Stückchen Erde, eine kleine Zeit lang als Mensch herumzog, für den einzigen Grund meiner
Seligkeit, und das sage ich meiner Gemeinde, sooft die Gelegenheit dazu ist; ich verflüchtige die
Materie nicht; denn da Gott Mensch geworden ist, damit wir armen sinnliche Kreaturen ihn fassen
und begreifen können, so muss man sich vor nichts mehr hüten, als ihn wieder zum bloßen Geist zu
machen.

Du hast in deiner vorigen Pfarrei, wie ich höre, viel von jenen Leuten um dich gehabt, die sich
Philosophen nennen und eine sehr lächerliche Rolle in der Welt spielen. Es ist nichts trauriger, als
Männer unaufhörlich von Vernunft reden zu hören, da sie doch allein nach ihrer Einbildung
handeln. Es liegt ihnen nichts so sehr am Herzen als die Toleranz, und ihr Spott über alles, was nicht
ihrer Meinung ist, beweist, wie wenig Friede man von ihnen zu hoffen hat. Ich war recht erfreut,
liebe Schwester, zu hören, dass du dich niemals mit ihnen gestritten hast noch dir die Mühe
gemacht hast, sie eines Bessern zu belehren. Man hält einen Aal am Schwanz eher fest als einen
Spötter mit Vernunftgründen.

„Bleibe denn Philosoph, weil du es nun einmal bist, und Gott habe Mitleid mit dir!“ So pflege ich
zu sagen, wenn ich mit so einem zu tun habe.

Ich weiß nicht, ob man die Heiligkeit der Bibel einem Menschen beweisen kann, der das nicht fühlt,
wenigstens halte ich es für unnötig. Denn wenn du fertig bist, und es antwortet dir einer: „Es ist
nicht meine Schuld, dass ich keine Gnade im Herzen fühle“, so bist du geschlagen und kannst nichts
antworten, wenn du dich nicht in das Problem des freien Willens und der Gnadenwahl einlassen
willst, wovon wir Theologinnen, alle zusammengenommen, zu wenig wissen, um darüber
diskutieren zu können.

Wer die Süßigkeit des Evangeliums schmecken kann, der mag so was Schönes keinem aufdrängen.
Und gibt uns Jesus nicht das beste Beispiel selbst? Ging er nicht gleich von Gergesa fort, ohne böse
zu werden, als man ihn darum bat? Und vielleicht war es ihm selbst um die Leute nicht zu tun, die
ihre Schweine nicht darum geben wollten, um den Teufel loszuwerden. Denn man mag ihnen sagen,
was man will, so bleiben sie immer in ihrem Starrsinn. Was wir tun können, ist die Suchenden zu
führen, und den anderen lässt man, weil sie es nicht besser haben wollen, ihre Teufel und ihre
Schweine.

Da hast du also den Grund, warum und wie tolerant ich bin; ich überlasse, wie du siehst, alle
Ungläubigen der ewigen Liebe und habe das Vertrauen zu ihr, dass sie am besten wissen wird, den
unsterblichen und makellosen Gottes-Funken, unsre Seele, aus dem Leib des Todes hinauszuführen
und mit einem neuen und unsterblich reinen Geistleib zu umgeben. Und diese Seligkeit meiner
friedfertigen Empfindung vertauschte ich nicht mit dem höchsten Ansehen der Unfehlbarkeit.
Welche Wonne ist es zu denken, dass der Moslem, der mich für einen ungläubigen Hund, und der
Jude, der mich für ein unreines Schwein hält, sich einst freuen werden, meine Brüder zu sein.

Soweit davon, meine liebe Schwester, und nur wie im Vorbeigehen; denn das Hauptelend der
Intoleranz offenbart sich doch am meisten in dem Zank in der Christlichen Kirche selbst, und das ist
etwas wirklich sehr Trauriges. Nicht, dass ich meine, man sollte die Vereinigung mit Rom suchen.
Wir sind alle Christen und Christinnen, und Augsburg und Genf machen sowenig einen
wesentlichen Unterschied der Religion als Frankreich und Deutschland in dem Wesen der
Menschheit. Eine Französin ist von Kopf bis auf die Füße eben ein Menschenkind wie eine
Deutsche, das andre sind politische Zankäpfel.

Wer die Geschichte des Wortes Gottes unter den Menschen mit liebevollem Herzen betrachtet, der
wird die Wege der Ewigen Weisheit anbeten. Aber wahrlich, weder Kardinal Bellarmin noch
Zinzendorf wird dir eine reine Geschichte erzählen. Warum sollte ich leugnen, dass der Anfang der
Reformation ein Zank von besoffenen Mönchen war und dass es Luthers Absicht am Anfang gar
nicht war, das zu tun, was er dann tat. Was sollte mich antreiben, die Augsburgische Konfession für
was anders als eine Formel auszugeben, die mich nur äußerlich bindet und mir übrigens meine
Bibel lässt. Kommt aber ein Credo dem Wort Gottes näher als das andre, so sind dessen Bekenner
besser dran, aber das kümmert niemanden.

Luther arbeitete, uns von der Knechtschaft zu befreien; möchten doch alle seine Jünger so viel
Abscheu vor den Pfaffen haben, wie er empfand.

Er arbeitete sich durch alte Vorurteile hindurch und trennte das Göttliche vom Menschlichen, soviel
wie ein Mensch es scheiden kann, und was noch mehr war, er gab dem Herzen seine Freiheit des
Gewissens wieder und machte es der Liebe fähiger; aber man lasse sich nicht verblenden, als hätte
er das Reich Gottes errichtet, daraus er andere hinauswarf, man bilde sich nicht ein, die Alte Kirche
sei deswegen ein Gegenstand des Abscheus und der Verachtung! Sie hat doch nur wenige Gesetze,
die nicht auf die göttliche Wahrheit gegründet sind. Warum lästert ihr die katholische Messe?
Verflucht sei der, der einen Gottesdienst Abgötterei nennt, dessen Gegenstand Christus ist. Liebe
Schwester, es wird täglich heller in der römisch-katholischen Kirche, und ob es Gottes Werk ist,
wird die Zeit zeigen. Vielleicht protestiert sie bald mehr, als gut ist... Luther hatte die Schwärmerei
zur Empfindung gemacht, Calvin machte die Empfindung zum Verstand. Ich bin fern, eine
Vereinigung der Kirchen zu wünschen, dass ich sie vielmehr für äußerst gefährlich halte, jede
Teilkirche, die sich ein Haar ausreißen ließe, hätte unrecht. Man würde vielleicht den Gewissen ihre
Freiheit rauben. Ob ein Sakrament nun nur ein Zeichen oder eine Realpräsenz ist - wie könnte ich
böse sein, dass ein andrer nicht empfinden kann wie ich. Ich kenne die Seligkeit zu gut, es für mehr
zu halten als nur ein Zeichen, und doch habe ich unter meiner Gemeinde eine große Anzahl
Menschen, die die Gnade nicht haben, es auch zu fühlen; es sind Männer, wo der Kopf das Herz
überwiegt, mit diesen lebe ich in so zärtlicher Eintracht und bitte Gott, dass er jedem Freude und
Seligkeit gebe nach seinem Maß; denn der Geist Gottes weiß am besten, was einer fassen kann.
Eben so ist es mit der Gnadenwahl, davon verstehen wir ja alle nichts, und so ist es mit tausend
Dingen. Denn wenn man es im Licht betrachtet, so hat jeder seine eigene Religion, und Gott muss
wohl mit unserm armseligen Dienst zufrieden sein, aus übergroßer Barmherzigkeit, aber das müsste
mir ein heiliger Mensch sein, der Gott dient, wie sich gebührt.

Ach, keiner kann dem widersprechen, liebe Schwester, dass keine Lehre uns von Vorurteilen
reinigen kann, als nur die, die vorher unseren Stolz zu demütigen weiß; und welche Lehre ist es, die
auf Demut aufbaut, als die aus der Höhe? Wenn wir das immer bedenken und im Herzen fühlen
würden, was das ist: Religion, und jeden auch fühlen ließen, wie er kann, und dann mit
geschwisterlicher Liebe unter alle Sekten und Kirchen träten, wie würde es uns freuen, den
göttlichen Samen des Wortes auf vielfältige Weise Frucht bringen zu sehen. Dann würden wir
ausrufen: Halleluja, dass das Reich Gottes auch da zu finden ist, wo ich es nicht vermutet.

Unser lieber Jesus wollte nicht, dass es das Leben kosten sollte, dieses Reich auszubreiten, er
wusste, dass das Reich Gottes nicht ausgerichtet wäre mit Gewalt, er wollte anklopfen an die Tür
und sie nicht eintreten. Wenn wir das nur bedenken und Gott danken würden, dass wir in diesen
bösen Zeiten noch ungestört predigen dürfen! Und ein für allemal, Herrschaft ist ganz und gar
gegen den Begriff der wahren Kirche. Denn, meine liebe Schwester, betrachte nur selbst die Zeiten
der Apostel gleich nach Christi Tod, und du wirst bekennen, es war keine sichtbare Kirche auf
Erden. Es sind seltsame Leute, die Theologen; da behaupten sie, was nicht möglich ist. Die
christliche Religion in ein Credo zu zwingen, o ihr guten Männer! Petrus sagte schon, in Paulus‘
Briefen ist vieles schwer zu verstehen, und Petrus war doch ein anderer Mann als unsere Bischöfe;
aber er hatte recht, Paulus hat Dinge geschrieben, die die ganze christliche Kirche bis auf den
heutigen Tag nicht versteht. Da sieht es denn schon merkwürdig um die Lehre aus, wenn wir alles,
was in der Bibel steht, in ein System zwängen wollen, und so lässt sich wenig Gewisses bestimmen.
Petrus tat schon Sachen, die Paulus nicht gefielen, und ich möchte wissen, mit was für Titeln der
große Apostel unsere Bischöfe beehren würde, die noch weit größere Heuchelei mit ihrer Sekte
treiben als Petrus mit den Juden.

Dass bei der Einsetzung des Abendmahls die Jünger das Brot und den Wein genossen wie die
evangelische Kirche, das glaube ich, denn ihr Meister, den sie kannten, der saß bei ihnen, sie
versprachen es zu seinem Gedächtnis zu wiederholen, weil sie ihn liebten, und mehr wollte er auch
nicht. Wahrlich, Johannes, der an seinem Herzen lag, brauchte nicht erst das Brot, um sich von der
Existenz seines Herrn lebendig zu überzeugen, es mag den Jüngern dabei der Kopf schwindlig
geworden sein, wie an jenem Abend, denn sie verstanden nicht eine Silbe von dem, was Jesus sagte!

Kaum war Jesus von der Erde gen Himmel gefahren, als zärtliche, liebende Menschen sich nach
einer innigen Vereinigung mit ihm sehnten, und weil wir immer nur halb befriedigt sind, wenn
unsere Seele genossen hat, so verlangten sie auch was für den Körper und hatten nicht unrecht, denn
der Körper bleibt immer ein wesentlicher Teil des Menschen, und dazu gaben ihnen die Sakramente
die erwünschte Gelegenheit. Durch die sinnliche Handlung der Taufe oder der Handauflegung
gerührt, gab ihr Körper der Seele eben den Ton, der nötig ist, um mit dem Wehen des Heiligen
Geistes zusammen zu stimmen, das uns unaufhörlich umgibt. Eben das fühlten sie beim Abendmahl
und glaubten, durch die Worte Christi geleitet, es für das halten zu dürfen, was sie so sehr
wünschten. Besonders da die Sünden ihres Körpers sich durch diese Heiligung am besten heilen
ließen, so blieb ihnen kein Zweifel übrig, dass ihr verewigter Bruder ihnen von dem Wesen seiner
göttlichen Menschheit durch diese sinnliche Zeichen mitteilt. Das waren unaussprechliche
Empfindungen, die sie im Anfang zur gemeinschaftlichen Erbauung einander kommunizierten, die
aber leider nachher zum Gesetz gemacht wurden. Und da konnte es nicht ausbleiben, dass die, deren
Herz keiner solchen Empfindung fähig war und die mit einer bedächtigen Andacht sich begnügten,
dass die sich trennten und zu behaupten wagten, eine Empfindung, die nicht allgemein sei, könne
kein allgemein verbindliches Gesetz sein.

Ich denke, dassß das der ehrlichste Zustand der ist, den man erwarten kann, und wenn man wohltun
will, so verfährt man mit seiner Gemeinde so duldsam wie möglich. Einem Meinungen
aufzuzwingen, ist schon grausam, aber von einem verlangen, er müsse empfinden, was er nicht
empfinden kann, das ist Unsinn.

Noch was, liebe Schwester, unsere lutherische Kirche hat sich nicht nur mit der reformierten Kirche
gezankt, weil die zu wenig empfindet, sondern auch mit andern ehrlichen Menschen, weil sie
vielleicht zu viel empfanden. Die Schwärmer und Charismatiker haben sich oft unglücklicherweise
viel auf ihre Erleuchtung eingebildet, man hat ihnen ihre phantastischen Privat-Offenbarungen
vorgeworfen; aber wehe uns, dass unsere Pastoren nichts mehr von einer unmittelbaren Eingebung
wissen! Und wehe dem Christen, der bloß aus Kommentaren die Heilige Schrift verstehen lernen
will! Wollt ihr die Wirkungen des Heiligen Geistes beschränken? Nennt mir die Zeit, da er
aufgehört hat, den Herzen zu predigen und euren leeren Diskussionen das Amt überlassen hat, das
Reich Gottes zu bezeugen. Was sah der Apostel Paulus im Dritten Himmel? Nicht wahr,
unaussprechliche Dinge? Und was waren denn das für Leute, die in der Gemeinde in Zungen
redeten, die einer Auslegung bedurften? O meine Herren Theologen, eure Dogmatik hat noch viele
Lücken! Liebe Schwester, der Heilige Geist gibt allen Weisheit, die ihn darum bitten! Und ich habe
Schuster gekannt, die Karl Barth Rätsel aufgegeben hätten...

Genug, die Weisheit sei uns lieb, wo wir sie finden! Lass uns unser Gewissen nicht beflecken, daß
wir am Jüngsten Tag rein sein mögen, wenn an das Licht kommen wird, dass die wahre Lehre von
Christus nirgends gedruckter war als in der heiligen Kirche. Und wem darum zu tun ist, die
Wahrheit dieses Satzes noch in seinem Leben zu erfahren, der wage es, ein Jünger Christi öffentlich
zu sein, der wage es, sich es merken zu lassen, dass ihm um seine Seligkeit wichtig ist! Er wird
einen Spott am Hals haben, eh er es denkt, und eine christliche Gemeinde macht ein Kreuz vor
ihm...

Lass uns also arbeiten, liebe Schwester, dass nicht unsere Meinung, sondern dass Christi Wahrheit
rein gepredigt werde. Lass uns unbekümmert um andere Reiche sein, nur lass uns für unser Reich
sorgen, und besonders hüte dich vor den falschen Propheten! Diese Heuchler nennen sich Christen,
und unter ihrem Schafspelz sind sie reißende Wölfe! Sie predigen eine glänzende Weisheit und eine
besonders eifrige Frömmigkeit und beleiden doch Christi Kirche, wo sie nur können! Wahrhaftig,
alle Spötter in der Welt sind doch wenigstens ehrliche Leute, die über das lachen, was sie nicht
verstehen, und einen öffentlichen Feind hat man wenig zu fürchten; aber diese heimlichen
Wühlmäuse versuche aus deiner Gemeinde auszuscheiden.

Der liebe Evangelist Johannes lehrt uns ganz kurz alle Unterscheidung in seinen Briefen; das sei die
einzige, die wir kennen. Ich habe in meinem Amt Jesus so rein gepredigt, dass die Antichristen sich
von mir geschieden haben, und weiter braucht es keine Scheidung. Wer Jesus seinen Herrn nennt,
der sei uns willkommen, mögen die anderen auf eigene Faust leben und sterben, wohl bekomms
ihnen. Wenn die Pastorin eine Frau ist, die nicht vom Wesentlichen abweicht, so wird unter der
Gemeinde auch kein Zwiespalt entstehen, hier hast du mein und meiner ganzen Gemeinde
Glaubensbekenntnis.
Wir sind elend! Wie wir es sind und warum wir es sind, das ist schwer zu sagen, wir sehnen uns nur
nach einem Weg, auf dem uns geholfen werden kann. Wir glauben, dass die Ewige Liebe darum
Mensch geworden ist, um uns das zu geben, wonach wir uns sehnen, und alles, was uns dient, uns
mit ihr zu vereinigen, ist uns liebenswürdig, und das, was zu diesem Ziel nicht führt, ist uns
gleichgültig, und das, was uns von der Liebe entfernt, das ist uns verhasst. Du kannst dir denken,
Frau Mit-Schwester, in was für einem Ansehen der Streit bei uns steht.

Lass uns den Frieden bewahren, liebe Frau Amts-Schwester, ich weiß nicht, wie eine Pastorin es
wagen sollte, mit Hass im Herzen auf eine Kanzel zu treten, von wo nur Liebe ertönen soll, und um
keinem Zwiespalt Gelegenheit zu geben, lass uns alle Kleinigkeiten fliehen, wo man Phantasie für
Wahrheit und Spekulation für Dogmen verkauft. Es ist immer lächerlich, wenn ein Pastor seine
Gemeinde belehrt, dass die Erde nicht um die Sonne kreist, und doch kommt so etwas vor...

Noch eins, Frau Schwester, las deine Gemeinde ja die Bibel lesen, soviel sie können, wenn sie sie
auch nicht verstehen, das tut nichts zur Sache; es kommt doch immer viel Gutes dabei heraus; und
wenn deine Leute Respekt vor der Bibel haben, so hast du viel gewonnen. Doch bitte ich dich,
nichts zu lehren, was du nicht jedem in seinem Herzen begründen kannst, und wenn es hundertmal
geschrieben stünde. Ich habe mich sonst auch gesorgt, die Leute möchten Anstoß an Dingen
nehmen, die hier und da in der Bibel vorkommen, aber ich habe gefunden, dass der Heilige Geist sie
gerade über die Stellen hinweg führt, die ihnen nichts nützen.

Überhaupt ist es eine eigene Sache mit der Erbauung. Es ist oft nicht das Wort an sich, das einen
erbaut, sondern die Situation des Herzens, worin es uns überrascht, das ist das, was einer
Kleinigkeit den Wert gibt.

Darum kann ich die modernen Lieder nicht leiden, die mögen für Leute sein, die dem Verstand viel
und dem Herzen wenig geben; was ist daran gelegen, was man singt, wenn sich nur meine Seele
erhebt und in den Flug kommt, in dem der Geist des Dichters war! Aber wahrlich, das wird einem
bei jenen modernen Liedern sehr gleichgültig bleiben, die mit aller Kälte auf dem Schreibtisch
poliert worden sind.

Adieu, liebe Schwester! Gott gebe deinem Amt Segen. Predige die Liebe, so wirst du geliebt! Segne
alles, was Christi Sache ist, und sei übrigens in Gottes Namen geduldig, wenn man dich verlästert.
Sooft ich an eurem Glockenläuten höre, dass du auf die Kanzel steigst, sooft will ich für dich beten.
Und wenn deine Predigt gut formuliert ist und du die Seelen, die sich dich besonders anvertrauen,
gut belehrst, so dass du sie alle auf den Mittelpunkt unsres Glaubens, die Ewige Liebe, hinweist;
und wenn du dem Starken im Glauben genug und dem Schwachen so viel gibst, wie er braucht,
wenn du die Skrupel verminderst und allen die Süßigkeit der Liebe begehrenswert machst, so wirst
du einst mit der Überzeugung, dein Amt gut geführt zu haben, vor den Richterstuhl Christi treten
können, der über Hirten und Schafe als oberster Hirte allein zu richten das Recht hat. Ich bin mit
aller Zärtlichkeit

Deine Schwester Gudrun

Pastorin zu Oldenburg-Dietrichsfeld