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B1

BAU Januar 18
115 . J A H R G A N G

Das Architektur-
Magazin

ME ISTER
Arbeitswelten

Über
Freiräume und
ihre
Grenzen

+
BUREAU SPEC TACUL AR
KINZO
SELGASCANO
MENSING TIMOFTICIUC
ARCHITECTS
SCOPE ARCHITEKTEN
HERMAN HERTZBERGER
4
194673
016003

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KLINKERRIEMCHEN

900 Mahler, Amsterdam. Architektur: Inbo Architecten, Amsterdam


Klinker: „Ruhrerde“
Editorial

K
aum ein gesellschaftlicher Bereich wandelt sich so rasant wie die
Welt der Arbeit. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen.
Dieses Editorial schreibe ich in Mexiko, knapp 10.000 Kilometer
von meinen Kollegen in der Redaktion entfernt. Die Abstimmung
darüber läuft danach über Skype.
Kommunikation mit Kollegen im Transatlantik-Format – vor weni-
gen Jahren noch utopisch, heute für viele Angestellten normal.
Und neues Arbeiten braucht neue Räume. Es lohnt also, einen Blick
auf Lösungsansätze zu werfen, die die Architektur für unsere Ar-
beitswelt bereit hält. Das tun wir in dieser Ausgabe.
Und Sie werden sehen – die Architekten von heute hecheln neuen
Arbeitsformen nicht hinterher, sondern prägen diese mit. Zum AB SEITE
38
Beispiel in Hannover. Der dortige Coworking-Space „Hafven“ fun-
giert als Schreibtisch, Werkstatt, Treffpunkt, Bühne, Quartiersanker.
Und er fungiert auch als architektonisches Statement.
Das ist wichtig: Je digitaler wir arbeiten, desto relevanter wird
das Gesicht des Umfeldes, in dem wir dies tun. Wir brauchen
charaktervolle Räume, unterscheidbare Städte. Nur dann wird
die Digitalisierung inspiriert. Nur dann produziert sie mehr als aus-
tauschbare Facebook-Sklaven-Lebensstile. „Digital“ und „analog“
funktionieren nur gemeinsam. Und deshalb ist die Architektur
heute wichtiger denn je. Auch die Architektur neuer Büroumfelder.
Ein Spezifikum unserer Art zu arbeiten ist der Verzicht auf vordefi-
nierte Rollenbilder. Die Fixierung auf starre Hierarchien hat ausge-
dient. Wer gute Ansätze vieler integriert, erzeugt bessere Produkte.
Dieses Heft ist ein Beispiel dafür. Geboren wurde die Idee im Ge-
spräch zwischen mir und der Innenarchitektin und Wissenschaft-
lerin Tanja Remke. Sie hat uns auch in der Umsetzung unterstützt.
Außerdem wichtig: Der dauerhafte, offene Dialog über die Gren-
zen der eigenen Disziplin hinweg. Ein Heft wie dieses kann einen
COVE RFOTO: MODE LL: BUREAU SPEC TACUL AR; FOTO: INJE E UNSHIN

Anstoß dafür geben. Der Dialog über das Thema „Zukunft der
Arbeit“ wird für uns als Verlag aber auch künftig einen wichtigen
inhaltlichen Schwerpunkt bilden. Wir planen einen Award und eine
digitale Plattform für wegweisende architektonische Lösungen.
Und wir laden alle Beteiligten – Architekten, Bauträger, Unter-
nehmen – ein, mit uns den Austausch zu suchen.

Alexander Gutzmer
Chefredakteur
a.gutzmer@baumeister.de
4

B1 Köpfe Ideen
Unsere Jobs
haben sich
in den letzten
Jahren
grundlegend
verändert.
Wir zeigen,
wie die Archi-
tektur darauf
reagiert.

Die unterstri-
chenen Bei- 10 20
träge rechts Geschichtenerzähler: das Bureau Spectacular Viel Grün: das Second Home in Lissabon

befassen
sich mit dem
Titelthema. 10 20
Bureau Second Home
Spectacular London
Von der Papierarchitektur zur
gebauten Realität
und Lissabon
Wie Coworking die Arbeitswelt verändert

14 38
Kinzo Hafven Hannover
Ob Großraumbüro oder Einzelzelle:
Kinzo aus Berlin gestalten die neue Sozialer Katalysator: ein Coworking
Arbeitswelt Space aus Deutschland

50
Apple, Facebook,
Google
FOTOS V. L .: INJE E UNSHIN; IWAN BA AN; JOHAN VAN DE R KE UKE N; K ALDEWE I
Hauptquartiere und Arbeitersiedlungen
der Tech-Giganten
BAU
MEISTER. 64
DE Innovation Center
2.0 Potsdam
Lernen vom Silicon Valley: SAP und das
neue Arbeiten

In dieser Ausgabe porträtieren


wir unter anderem Jimenez Lai
und sein Bureau Spectacular.
Mehr spektakuläre Projekte des
Bureaus finden Sie auf unserer
Homepage.
5

Fragen Lösungen

Gast-Arbeiter

Tanja Remke ist Innenarchi-


tektin. Sie lehrt an der Leibniz
Universität Hannover und der
Hochschule Coburg zum Thema
84 104
Büroarchitektur. Bei dieser
Verlassene Ikone: das Centraal Beheer Badewanne aus der Serie „Miena“ von Kaldewei
Ausgabe ist sie uns fachkundig
zur Seite gestanden und
schreibt unter anderem über
die mögliche Nachnutzung von
74 94 Ikonen der Büroarchitektur.
Wie werden wir Mauerwerk und
künftig arbeiten? Wandbaustoffe

78 100
Wie sieht er aus, Referenz
Farbige Schalter von Jung im Ferienhaus
der perfekte
Arbeitsplatz? 102
Bad
84
Wer rettet
Hertzberger
und Eiermann?
RUBRIKEN
Mark Phillips hat eine Professur
06 für Innenarchitektur an der
EIN BILD Hochschule Coburg inne und ist
36 Director Interior Design bei
SONDERFÜHRUNG Orangeblu Building Solutions in
48 Stuttgart. Für uns schreibt er
KLEINE WERKE über das Coworking-Konzept
62 der „Second Homes“ in London
UNTERWEGS und Lissabon.
10 0
REFERENZ
105
IMPRE SSUM + VORSCHAU
106
KOLUMNE
Asad Raza, Untitled (plot for dialogue) Mailand 6
Ein Bild
7
Immer mehr
Firmen locken
heutzutage mit
Fitnessräumen,
Lounge-Berei-
chen und diver-
sen anderen Frei-
zeitangeboten.
Die Idee dahinter:
Ist der Mitarbeiter
entspannt, arbei-
tet er effektiver –
sagen zumindest
die Businessex-
perten. Als Folge
verschwimmt die
Grenze zwischen
Arbeit und Freizeit
immer mehr, was
sich auch auf die
Architektur aus-
wirkt: Alles soll
multifunktional
und veränderbar
sein. Allerdings
gibt es immer
noch Räume,
die sich diesem
Zwang widerset-
zen. Kirchen sind
so ein Beispiel.
In denen ist das
oben erwähnte
Freizeitangebot
nur schwer vor-
stellbar – so
scheint es zumin-
dest. Jetzt hat der
amerikanische
Künstler Asad
Raza den Gegen-
beweis ange-
treten und einen
Tennisplatz im
Schiff der Kirche
San Paolo Con-
verso in Mailand,
platziert. Die Hal-
le des im 16. Jahr-
hundert gebau-
ten und heute als
Ausstellungsraum
verwendeten
Sakralbaus wurde
einen Monat lang
von den jewei-
ligen Besuchern
bespielt. Damit
wollte Raza die
dort stattfinden-
FOTO: ANDREA ROSSE T TI

de sportliche
Tätigkeit als reine
Freizeitaktivität
und Dialogplatt-
form präsentieren
– ganz ohne
Arbeitszwang.

Text Leonardo Lella


Ein schönes Paar:
Jimenez Lai und Joanna Grant
von Bureau Spectacular
9

5
Köpfe:
SEITE
10

Bureau JIMENEZ LAI


JOANNA GRANT

Spectacular
SEITE
14

Kinzo
MARTIN JACOBS CHRIS MIDDLETON
K ARI M E L-ISHM AWI
FOTO: INJE E UNSHIN
10

Die Geschichten-
erzähler
JIMENEZ LAI

Kunst,
Architektur,
Geschichte,
Politik,
Soziologie, Rechts: Der „Tower
of Twelve Stories“,

Linguistik,
den Bureau
Spectacular für das
Kunst- und Musik-
festival Coachella in

Mathematik, Kalifornien entwor-


fen haben.

Grafikdesign,
Technologie
und Comicbücher – das alles
vereint das Bureau
JOANNA GRANT
Spectacular in
seiner Arbeit.
Ein möglicher Weg
von der Papier-
architektur zur
gebauten Realität
FOTOS: INJE E UNSHIN FOTO RECHTE SE ITE: JE FF FROST
Köpfe
1 bis 2
11
12 Köpfe 1 bis 2

Für die Modemarke


„Frankie“ entwarfen
Bureau Spectacular
drei Retail-Stores
in Los Angeles.
Herzstück des
Flagshipstores in
Downtown ist eine
konfigurierbare
Treppe.

FOTOS: INJE E UNSHIN


13
Was ist das „Bureau Spectacular“? Gar stalteten. Im Flagshipstore, in der Down- zugrunde. Als Beispiel nennt er die Vermi-
keine so einfach zu beantwortende Frage. town, gibt es eine 8,50 Meter lange und schung verschiedener Tätigkeiten inner-
Bürogründer Jimenez Lai formuliert es so: 2,40 Meter hohe, aus einzelnen Modulen halb einer Wohnung, wie das Schlafen in
„Unsere Ausbildung als Architekten reicht zusammengesetzte Treppe, die als eine der Küche, das als Verstoß gegen eine so-
vom Design für einen Esslöffel bis zur Pla- Art Podium für Events genutzt werden ziale und vom Architekten geplante Norm
nung ganzer Städte. Irgendwo dazwi- kann. Zerlegt man die Treppe in ihre Ein- angesehen wird. „Die Bürolandschaft ist
schen sind wir anzusiedeln.“ So unkonkret, zelteile wird sie zum Stauraum, zum Aus- für uns deshalb so interessant, weil es dort
so gut. Man könnte den Mann, der dieses stellungsschrein oder zur Umkleidekabine keine physische, sondern eine organische
weite Spektrum für sich beansprucht, aber – eine intelligente und humorvolle Spiele- Grenze gibt, die durch Mobiliar flexibel
auch sehr gut als Geschichtenerzähler rei, wie sie typisch für das Bureau ist. und frei formbar ist.“ Ein Ansatz der ganz
bezeichnen. Deshalb verwundert es nicht, Das wird auch an einem anderen Projekt gut die DNA des Bureaus beschreibt, in der
dass zum Œuvre des 38-Jährigen eine deutlich, dem „Tower of Twelve Stories“, es auch um den permanenten Wandel
„Graphic Novel“ mit dem Titel „Citizens of einem 16 Meter hohen, fiktionalen Wohn- und das Verschieben von Grenzen geht.
No Place“ zählt, die eine Sammlung aus gebäude, das Bureau Spectacular auf Momentan arbeiten sie an einem Wohn-
Short Stories ist. In denen geht es unter an- dem Kunst- und Musikfestival Coachella haus in der Wüste – man darf gespannt
derem um Raumschiffe, extrem hohe Tür- in Kalifornien installierten: Das „Gebäude“ sein, welche Grenzen dort verschoben
me, Zukunfts-Archäologen und das Ver- selbst bestand aus zwölf comicartigen werden.
hältnis von Grundriss und Schnitt. Raum b l asen, d i e unte rsch ied l ichste
räumliche Konfigurationen bildeten und
Zwischen den Disziplinen die das dort stattfindende Wohnen auf-
grund der fehlenden Fassade in eine öf-
Gegründet hat Lai sein Bureau im Jahr fentliche Per formance ver wandelten.
2008 als ein eher fluides Gebilde ohne fes- Ganz nebenbei erfüllte die Installation
ten Bürositz und ohne Angestellte, was auch ihren eigentlichen Zweck als Son-
auch anhand der Bürodefinition auf der nenschutz für die Festivalbesucher.
Homepage deutlich wird: „Bureau Spec- Mittlerweile ist das Bureau vielfach ausge-
tacular is a group of individuals who en- zeichnet und international tätig. Davon
gage culture through the contemplation zeugen der „Architectural League Prize for
of art, architecture, history, politics, socio- Young A rch i tect s“ 2 012 , de r „Debut
logy, linguistics, mathematics, graphic Award“ bei der Lisbon Triennale 2013 oder
design, technology, and graphic novels.“ die Teilnahme an der Architektur-Bienna-
Zuvor arbeitete er bei OMA, lebte in Frank le 2014 und der Chicago Architecture Bi-
Lloyd Wrights berühmter Architekturschu- ennal 2015 und 2017. Im letzten Jahr zeigte
le Talisien West in Arizona und in einem das SFMOMA in San Francisco (Baumeister
Schiffscontainer am Rotterdamer Hafen, 10/16) große, von Bureau Spectacular an-
der vom Atelier Van Lieshout gestaltet gefertigte Architekturmodelle, die auf
wurde. In den ersten sechs Jahren von Bu- Lais Zeichnung „insideoutsidebetween-
reau Spectacular konzentrierte er sich beyond“ basierten. An der Fülle an Aus-
dann vor allem auf diverse Recherchear- stellungen und Auszeichnungen wird aber
beiten, architektonische Experimente auch das Talent des Bürogründers zur
und Publikationen wie die bereits erwähn- Selbstinszenierung und Vermarktung sei-
te Citizens of No Place-Reihe. Mittlerweile ner architektonischen Ideen deutlich.
kommen aber immer mehr konkrete Pro-
jekte hinzu, weshalb Bureau Spectacular Bürolandschaften
seit 2015 einen festen Standort in Los An-
geles hat. Wer so theoretisch und konzeptionell un-
terwegs ist, der lehrt natürlich auch. Mo-
Der Songwriter mentan sind das die UCLA in Los Angeles
und die GSAPP der Columbia University in
Und nicht nur das: Lai hat mittlerweile eine New York, wo Lai Adjunct Assistant Profes-
feste Partnerin, seine Frau Joanna Grant, sor ist. Seine Lehrstühle bezeichnet er als
die seit 2013 Teil des Bureau Spectacular „Option Studio“, momentan beschäftigen
ist und zuvor unter anderem bei Johnston sie sich dor t unter anderem mit der
Marklee & Associates (Baumeister 11/15) Phalanstère von Charles Fournier und der
arbeitete. Eine Angestellte gibt es dort Idee einer Stadt in einem Gebäude. Ein
momentan auch, trotzdem sind Lai flexib- anderes wichtiges Thema für Bureau
le Strukturen wichtig. Er selbst sieht sich als Spectacular ist die sogenannte „Büro-
Songwriter einer Band, die immer mal wie- landschaft“, ein Wort das Lai zwar nicht
der den Gitarristen oder Schlagzeuger ganz akzentfrei, dafür aber mit umso mehr
wechselt. Folgt man diesem Vergleich, Begeisterung in der Stimme ausspricht:
dann wäre diese Band in allen möglichen „Im Büro unterhalten wir uns ganz oft über
Musik-Genres zu Hause. Übertragen auf den Begriff Bürolandschaft, was daran
ihre Arbeit reicht das von Architekturuto- liegt, das wir über die Beziehung zwischen
pien über Comicbücher bis hin zum Shop Handlung und Programm sehr intensiv
Design. Letzteres bespielte Bureau Spec- nachdenken.“ Der Analyse dieser Bezie-
tacular für die Modemarke „Frankie“ in hung liegt auch Lais grundlegendes Inter-
Los Angeles, wo sie drei Retail-Stores ge- esse an der Definition sozialer Normen
14

Schöne
neue Arbeitswelt
M ARTIN JACOBS

Soundcloud, Erste
Bank, 50Hertz:
Karim El-Ishmawi,
Martin Jacobs
und Chris Middleton,
die Köpfe hinter
CHRIS MIDDLETON
dem Berliner
Büro Kinzo,
gestalten Büros,
in denen man
gerne seine
Arbeitstage verbringen
würde.
K ARI M E L-I SHM AWI

Kritik:
Anja Hall

Fotos:
Sebastian Dörken
Köpfe 2 bis 4 15
Arbeitswelt, Bürolandschaft, Open Space
– für viele ist das nur eine freundliche Um-
schreibung dafür, möglichst viele Büroar-
beiter auf möglichst engem Raum zusam-
menzupferchen. Karim El-Ishmawi, Martin
Jacobs und Chris Middleton, die drei
Gründer von Kinzo, würden das allerdings
so nicht unterschreiben. Sie entwerfen
moderne Büroräume – kreativ, undogma-
tisch. „Wir verteufeln weder Großraumbü-
ros noch Einzelbüros“, sagt Chris Middle-
ton. „Die entscheidende Frage ist doch:
Was passiert da genau in dem Raum? Die
Art der Nutzung muss mit der Belegung
und dem Ort abgestimmt sein.“ Soll hei-
ßen: Wer, wie beispielsweise ein Lektor,
viel Ruhe zum Arbeiten braucht, bekommt
von Kinzo ein Einzelbüro geplant. Für
Teams, die sich regelmäßig austauschen
müssen, kann dagegen ein Open Space
die bessere Lösung sein. Wenn Unterneh-
men neue Firmensitze planen, fällt die Ent-
scheidung der Bauherren allerdings fast
immer zugunsten von Großraumbüros
oder eben „Bürolandschaften“ aus. Das
hat vor allem drei Gründe: Unternehmen
wollen die Kommunikation innerhalb der
Teams verbessern und Flächen effizienter
nutzen. Sind die Arbeitsplätze dann auch
noch attraktiv und modern, ist das im
Wettbewerb um hochqualifizierte Mitar-
beiter ein wichtiger Pluspunkt.

Kreative Spielwiesen

Bekannt wurde Kinzo mit der Innengestal-


tung des Hauptquartiers von SoundCloud
in Berlin. Für Middleton, El-Ishmawi und Informelle Sitzflächen bei SoundCloud in Berlin
Jacobs dürfte das Projekt die ideale krea-
tive Spielwiese gewesen sein: Sie versa-
hen die Firmenzentrale des Start-ups nicht für welche Aufgaben benötigt wird. Diese heiß geliebten Einzelbüros aufgeben und
nur mit Gruppenarbeitsplätzen und Be- Arbeitsplatz-Typologien wurden durch in einem Open Space arbeiten sollen, da-
sprechungsräumen, sondern auch mit ei- unterschiedliche Möblierungen und Farb- ran ändern auch die Entwürfe von Starar-
nem Kaminzimmer, einer Lese-Ecke und Codes gekennzeichnet. Die Innenarchi- chitekten nichts. Das war zuletzt an der
einem „Nap Room“ für das Nickerchen tekten wählten Kombinationen aus vier Reaktion der Apple-Entwickler zu beob-
zwischendurch. Schreibtischen für die normalen, alltägli- achten, die sich dagegen wehrten, in die
Das bislang größte Projekt der Innenarchi- chen Arbeitsaufgaben und Tische mit hö- offenen Großraumbüros der neuen, von
tekten ist der „Erste Campus“ in Wien, der herer Einhausung für das konzentrierte Norman Foster entworfenen Konzernzent-
neue Hauptsitz der Erste Bank mit 4.600 Arbeiten. Jede Abteilung erhielt eine rale zu ziehen (siehe Seite 50). Die Apple-
Arbeitsplätzen auf 65.000 Quadratme- „Home Base“, die aus Garderobe, Küche Entwickler sind dabei keine Ausnahme,
tern, das der Bauherr sogar als „die mo- und Druckerraum besteht und als Begeg- sondern fast schon die Regel. Neun von
dernste Konzernzentrale Österreichs“ be- nungsstätte dient. Gleichzeitig wurden zehn Experimente mit innovativen Büro-
zeichnete. Das Gebäude selbst wurde von Bereiche für die Teamarbeit eingerichtet. räumen gehen schief, schätzt der Organi-
Henke Schreieck Architekten entworfen, Meetingräume und „Think Tanks“ – kleine sationsberater eines Immobiliendienst-
es hat ein öffentlich zugängliches Erdge- Räume für konzentriertes Arbeiten – sind leisters. Ein wichtiger Grund dafür sei, dass
schoss, das Dach des ersten Oberge- die einzigen abgetrennten Räume. Viele Mitarbeiter und Führungskräfte die neuen
schosses ist als Park gestaltet. Auf dieser Pflanzen, Polstersessel und Stehleuchten, Räume einfach nicht haben wollen.
Fläche stehen drei geschwungene Bau- die wie eine moderne Interpretation von Und bei Kinzo? Chris Middleton sagt, dass
FOTO RECHTS: WE RNE R HUTHM ACHE R

körper mit Fassaden aus Glas und Holz, in Großmutters Wohnzimmerlampe anmu- die großen Projekte von Kinzo eine sehr
denen die Büros der Bankmitarbeiter un- ten, lassen die Büroetagen im Erste Cam- hohe Akzeptanz erreichen würden. Nach-
tergebracht sind. Das Kinzo-Team griff die pus fast schon wohnlich wirken. trägliche Befragungen hätten ergeben,
Idee der Parklandschaft für die Innenge- dass 70 bis 80 Prozent der Mitarbeiter ihre
staltung auf und entwarf eine weitläufige Partizipative Planung Arbeitsplatzsituation besser als vorher
Bürolandschaft, die sich aus kleinen, empfinden. Dieser hohe Akzeptanzgrad
überschaubaren Einheiten zusammen- Schöne neue Arbeitswelt? Könnte sein – liegt womöglich an der aufwendigen Vor-
setzt. Ausgangspunkt der Planung war al- Tatsache bleibt allerdings, dass Mitarbei- gehensweise, mit der Kinzo seine Aufträge
lerdings die Frage, welcher Arbeitsplatz ter regelmäßig Sturm laufen, wenn sie ihre angeht. „Wir entwickeln unsere Projekte

WEITER
16 Köpfe 2 bis 4
anhand der Marke und der Unterneh-
menskultur – und in Workshops mit Nutzern
und Entscheidern“, sagt Middleton dazu.
Die Innengestaltung der neuen Hauptzen-
trale 50Hertz in Berlin, die im Sommer letz-
ten Jahres eingeweiht wurde, ist in einem
solchen partizipativen Verfahren entwi-
ckelt worden. Die Mitarbeiter des Übertra-
gungsnetzbetreibers konnten schon mit
dem Beginn der Planung in Workshops
und verschiedenen Dialogformaten bei
der konkreten Planung und Ausstattung
mi t reden, wo ran deut l ich wi rd, dass
durchdachte Entwürfe nur eine Seite der
Medaille sind. Mindestens genauso wich-
tig sind die psychologischen Aspekte.
„Der Planungsprozess sollte mit den Nut-
zern intensiv kommuniziert, die Planung
möglichst genau erklärt werden. Wenn
die Mitarbeiter wissen, was warum ge-
plant wurde, steigt die Akzeptanz“, so
Middleton.

Mehr als nur Büros

Kein Zweifel, die Entwürfe von Kinzo sind


gefragt. Die Projekte, die das 2005 von
den drei Studienfreunden Middleton, El-
Ishmawi und Jacobs gegründete Büro
stemmt, werden größer und vielfältiger.
Zurzeit arbeiten sie an einem „Innovation
Lab“, in dem Möbel miteinander kommu-
nizieren und Elemente aus der Weltraum-
t e ch n i k e r p ro b t we rd e n . Au ße rd e m
planen sie die Innengestaltung des Natio-
nalmuseums von Ki rgisistan und die
Gemeinschaf tsflächen für ein Mik ro-
Apartment-Projekt in Berlin mit 600 Woh-
nungen.
Mit den Aufgaben wächst auch das Büro:
„Wir bearbeiten inzwischen viele größere
Projekte auch parallel, das geht im klei-
nen Kreis der Gründer kaum noch“, sagt
Middleton über das Arbeitspensum. Des-
halb haben die Ur-Kinzos seit Sommer
2016 drei Partner aufgenommen, zwei
weitere folgen Anfang 2018. „Wir wollen
die Verantwortung teilen und zugleich
weiterhin als Team arbeiten – nicht wie in
Bekannt wurden Kinzo durch die Innengestaltung der Büroräume von SoundCloud. einem klassischen Architekturbüro mit ei-
Dort gibt es nicht nur Büros und Besprechungsräume, sondern auch ein Kaminzimmer, eine nem Stararchitekten an der Spitze.“ Mitt-
Lese-Ecke und einen „Nap Room“ für das Nickerchen zwischendurch. lerweile besteht das Team aus 45 Mitar-
beitern. Ende letzten Jahres zogen die In-
nenarchitekten deshalb in neue, größere
Räume um. Dabei haben sie sich natürlich
nicht für eine klassische Büroetage ent-
schieden. Angemietet wurden Räume ei-
ner ehemaligen Galerie, in der die Kinzos
genügend Spielraum haben, um ihre Ide-
en für die Zukunft der Arbeit selbst auszu-
FOTOS: WE RNE R HUTHM ACHE R

probieren.
bestworkspaces.com
Inspiring projects. Creative leaders. Smart solutions. One network.

Foto (c) Jasper Sanidad, Architecture by Assembly Design Studio


Der Eingang zum Second Home in
Spitalfields, London
19

7
Ideen:
SEITE
20
„Second Home“
in London
und Lissabon
SEITE
38
„Hafven“
in Hannover
SEITE
50
IT-Hauptquartiere
im Silicon Valley
SEITE
64
„Innovation
Center 2.0“
in Potsdam
FOTO: IWAN BA AN
20

Ein zweites Zuhause

Informeller Austausch und


kreatives Arbeiten –
Coworking ist der letzte
Schrei und ein Konzept, das
zurückgeht auf die Hacker-
szene der 1990er-Jahre.
Jetzt machen sich Unter-
nehmen wie Second Home
daran, die Arbeitswelt des
21. Jahrhunderts mithilfe
von Coworking Spaces zu
transformieren, wie Beispiele
I. II.
aus London und Lissabon
zeigen.

Architekt: Kritik: Fotos:


Selgascano Mark Phillips Iwan Baan
Ideen 1 bis 2 21

Kommuniziert
mit der Stadt:
das Second Home

I. London Spitalfields in
London
22

W
für die eigene Tätigkeit, die Fortschritt
möglich machen. Zusammen arbeiten ist Es geht beim
dann so etwas wie gemeinsam zusammen
leben – statt zusammenzuleben. kreativem
Humanistisches Arbeiten Arbeiten um alle
er sich mit der Frage beschäftigt, ob und
wie sich das gestaltete Büroumfeld auf die
Darin zeigt sich eine humanistische Be-
trachtung von Arbeit, die sich von der eher
Disziplinen, die
Kreativität von Menschen auswirkt, wird
den Ursachen der Kreativität etwas auf
rationellen Betrachtung der Mitarbeiter im
Büro des 20. Jahrhunderts stark unter- in ihrer täglichen
den Grund gehen müssen. Kreativ arbei- scheidet. Dieser humanistische Ansatz ist
ten zu können hat nämlich viel damit zu allerdings immer noch stark von einer rati- Büroarbeit
tun, ob vorhandene Potenziale genutzt onalen Vorgehensweise geprägt. Die Hal-
werden und die kreative Intuition durch tung zu dem, was unter Arbeit verstanden neue Dinge
die Räume, in denen das Arbeiten stattfin- wird, manifestiert sich in der gestalteten
det, unterstützt wird. Es geht beim kreati-
ven Arbeiten um alle Disziplinen, die in
Arbeitsumgebung und wirft die Frage auf,
ob bestimmte Räume für unsere menschli-
entwickeln oder
ihrer täglichen Büroarbeit neue Dinge ent-
wickeln oder erschaffen, Herkömmliches
chen Systeme, unsere Intuition oder Intel-
ligenz ansprechend sind oder nicht. Wenn
erschaffen,
infrage stellen und somit Innovationen
hervorbringen. Dies kann auch temporär
ein räumliches Konzept in der Lage ist, ge-
nau die Tätigkeiten zu fördern, denen wir Herkömmliches
der Fall sein und ist ganz unabhängig da- uns als Menschen für kreative Tätigkeiten
von, ob man ein Web-Designer oder Pro- automatisch oder intuitiv zuwenden, dann infrage stellen
grammierer ist. sollten wir diese Räume in unseren Büros
In dieser Hinsicht bietet Coworking, das
man als „zusammen arbeiten“ übersetzen
verwirklichen. So ließe sich ein weiterer
Schritt zu einem humanen Büro- und Ar-
und somit
könnte, eine interessante neue Interpreta-
tion des kreativen Arbeitens. Der feine Un-
beitsumfeld ebenso realisieren, wie ein
Beitrag zu einem humanistischen Men-
Innovationen
terschied zwischen „zusammen arbeiten“
und „zusammenarbeiten“ macht dabei
schenbild des Büroarbeiters.
hervorbringen.

A
insofern Sinn, als er eine Bedeutung auf-
zeigt, bei der sowohl das gemeinsame Ar-
beiten wie auch das bloße Zusammensein
einen Wert darstellen. Nimmt man Letzte-
res ernst, so stellen sich durchaus interes-
sante Fragen: Worin hat diese Form des
Zusammenseins neben dem Arbeiten ih-
ren Wert? Was kann daraus entstehen und uffällig ist, dass es sich bei den Gebäuden,
wie kann man dieses fruchtbare „Zusam- die diesen Konzepten entspringen, oft
men“ befördern? nicht um klassische Verwaltungs- und Bü-
rogebäude handelt. Es sind vielmehr Uni-
Zusammen sein versitäts- und Hochschulverwaltungsge-
und zusammen arbeiten bäude, denen jeweils zu ihrer Zeit ein Pla-
nungskonzept zugrunde lag, das die Be-
Aus dem zusammen sein und zusammen dingungen für Kreativität und Innovation
arbeiten wächst ein Bedürfnis nach Kom- schaffen sollte. Im Bereich der Bürokon-
munikation und Austausch – insbesondere zeption ist die Idee der Unterstützung von
über das Arbeiten. Viel mehr als das Ar- kreativem Arbeiten verhältnismäßig neu.
beiten an einem gemeinsamen Projekt In der Geschichte finden sich daher erst in
oder das Sitzen im selben Raum treten den letzten Jahren Beispiele, bei denen
beim Coworking die Möglichkeiten des diese Bedingungen bei der Planung eine
Austauschs über die jeweilige Tätigkeit in Rolle gespielt haben. Coworking ist solch
den Vordergrund. Zusammen arbeiten ein Beispiel. Der Begriff wurde geprägt
bedeutet gerade nicht, dass Teams zu- durch die Hackerszene im Berlin der
sammen in einem Raum oder in einem Be- 1990er-Jahre. Laut dem Internet-Magazin
reich arbeiten, sondern vielmehr dass un- „Deskmag“ wird der Begriff im Jahr 1999
terschiedliche Mitarbeiter aus unter- erstmals eingeführt von Brian DeKoven als
schiedlichen Bereichen ein Bedürfnis ha- eine „...Methode, die Zusammenarbeit
ben, sich darüber auszutauschen, woran und Geschäftstreffen über Computer er-
sie gerade arbeiten. Das Zusammenar- leichtert“.
beiten entsteht somit erst durch den inten-
siven und vor allem zufälligen Austausch, Das Second Home-Konzept
der die Grundlage für die Planung und
Einrichtung eines Coworking Space ist. Einige ganz aktuelle Beispiele für Cowor-
Erst durch den ungeplanten Austausch mit king-Räume, die Interdisziplinarität, Kol-
anderen ergeben sich kreative Impulse laboration, Kommunikation und zufällige
Ideen 1 bis 2 23

I.
Begegnungen als Katalysator für Kreativi- sogenannten Mid-Century-Möbeln aus-
tät und Innovation unterstützen sollen, gestattet sind. Die Möblierung und eine
sind die Coworking Spaces von Second Fülle an Pflanzen führen dazu, dass diese
Home. Auch hier findet der zufällige Aus- zeitgemäße und radikale Umsetzung der
tausch üblicherweise nicht an den ge- Idee von Coworking auf den ersten Blick
wohnten Plätzen statt, also weder am Ar- so wirkt, als sei sie ursprünglich eine Idee
beitsplatz noch in Konferenz- oder Mee- aus den 60er- oder 70er-Jahren des 20.
tingräumen. Er findet vielmehr dort statt, Jahrhunderts. Die Pflanzen sind dabei ein
wo man sich ungeplant trifft. Und er findet integraler Bestandteil des Konzepts und
zwischen verschiedenen Mitarbeitern un- finden sich an allen Standorten von Se-
terschiedlicher Arbeitgeber beziehungs- cond Home wieder – sei es in London oder
weise verschiedener Unternehmen aus in Lissabon. Gepflegt werden sie von ei-
unterschiedlichen Branchen statt. Cowor- nem festen Team, das durch eine ständige
king ist dort ein radikales Konzept für Zu- Rotation dafür sorgt, dass jede Pflanze
sammenarbeit. ausreichend Tageslicht bekommt und im
Im Englischen und auch im Deutschen Wintergarten gepflegt wird, wenn es ihr
wird ein Ort, in dem Coworking stattfindet, mal nicht gut geht – ganz so als wären die
als Coworking Space bezeichnet. Es fin- Pflanzen ebenfalls „Members“ und Kolle-
den sich anhand der Konzeption der Lon- Second Home Spitalfields gen derjenigen, die dort arbeiten. Denn
doner Coworking-Standorte von Second auch um die Menschen kümmern sich die
Home einige Anhaltspunkte, was diesen In den Räumen von Second Home in Spi- Betreiber intensiv, indem sie ein Angebot
„Space“ – also den Raum oder den Ort – talfields – dem ersten Standort, der 2014 an wöchentlichen Update-Gesprächen,
tatsächlich ausmacht. Dessen poetischs- eröffnet wurde – ist die Ausgangsidee des täglicher Präsenz vor Ort auf jedem Stock-
te Seite ist am besten im dazugehörigen Buchladens in Form eines viergeschossi- werk, Yogastunden am Morgen, Sportkur-
Buchladen Libreria, auf der gegenüberlie- gen Bürogebäudes zu besichtigen. Auch se sowie Kultur- und Informationsveran-
genden Seite des Standorts des ersten Se- hier sitzen die unterschiedlichsten Men- staltung anbieten.
cond Home im Stadtteil Spitalfields im Os- schen aus verschiedenen Branchen ne-
ten von London, spürbar. Dort sind die Bü- beneinander oder liegen die als „Studios“ Durchmischung der Nutzer
cher in den hohen Regalen zu beiden Sei- bezeichneten Arbeitsräume verschiede-
ten des langgezogenen Raumes nach ner Unternehmen auf einem Geschoss Konzepte zum Thema moderne Arbeits-
spezifischen Themen geordnet, was dazu dicht beieinander. Ein hoher Designan- welten, wie das Coworking-Konzept von
führt, dass man zu einem Thema wie „Aus- spruch ist sofort auszumachen. Der be- Second Home, das vom spanischen Archi-
steigen“ Romane, Sachbücher, Bildbän- zieht sich allerdings nicht allein auf das tekturbüro Selgascano in eine räumliche
de, Reiseführer, aktuelle und klassische Design von Büros und einer Infrastruktur Realität übersetzt wurde, beruhen weni-
Literatur ganz zufällig angeordnet beiein- wie der Lobby, Lounges mit Pflanzen, ei- ger auf wissenschaftlichen Forschungen,
ander findet. Sucht man so die Regale ab, nem Café, Duschen mit Schließfächern, sondern zumeist auf der eigenen Erfah-
dann stößt man neben Büchern aus dem Besprechungszimmern und Konferenzbe- rung. Dies mag dadurch erklärbar sein,
eigenen Sachgebiet immer wieder auf reichen oder dem bereits er wähnten dass sich Trends in der Arbeitswelt sehr
überraschende Entdeckungen aus einem Buchladen. Vielmehr besteht die Idee da- schnell ändern und eine wissenschaftli-
anderen Genre. Neben einem Bildband rin, dass Design im Sinne einer gesamt- che Untersuchung dagegen lange dauert.
über Designer-Hütten im Wald – der in ei- heitlichen Problemlösung auch ein Kon- Oder auch dadurch, dass Trends einfach
ner normalen Buchhandlung im Bereich zept für den Raum ist und dass dies Auswir- schneller sind als die Prozesse, die in ei-
von Design, Architektur und anderen Bild- kungen auf das kreative Arbeiten hat, was nem konservativen Unternehmen stattfin-
bänden zu finden wäre – entdeckt man überall im Gebäude zu spüren und vor al- den, das sich für eine Forschung im Be-
gleichzeitig den Roman „Walden“ von lem zu hören ist: Es summt wie in einem reich neue Arbeitswelten interessier t.
1854, in dem David Thoreau beschreibt, Bienenstock, ein ständiges Kommen und Doch Coworking, wie es sich bei Second
wie er für zwei Jahre in einer Hütte im Wald Gehen, sich begegnen und in Kontakt mit Home darstellt, allein als eine besondere
bei Boston gelebt hat. Im Spruch an der Tür den unterschiedlichsten „Members“ tre- räumliche Gestaltung von Arbeitsplätzen
zur Libreria kommt auch die grundsätzli- ten sind hier als Teil des räumlichen Kon- oder -orten zu definieren wird dem Phäno-
che Idee von Second Home zum Aus- zepts realisiert worden. Offene, großzügi- men nicht gerecht. Es ist vielmehr eine
druck: „Second Home’s mission is to foster ge Treppenverbindungen zwischen den neue Selbstbestimmung durch eine neue
creativity and innovation, which is why we Geschossen, sich windende und weitende Definition des Begriffs Arbeit. Das Konzept
created this bookshop“ – die Unterstüt- Flure mit Aufenthaltsbereichen, gemütlich des Coworking beruht auch bei Second
zung von Kreativität durch zufällige Entde- möblierte und schön eingerichtete Zwi- Home auf „Freelancern“ und „Entrepre-
ckungen und Begegnungen. schenräume für zufällige Begegnungen neurs“, also auf Selbstständigen und klei-
und attraktive Vorräume spielen dabei nen Unternehmen, die zu den häufigsten
ebenso eine Rolle wie das Café, die Nutzern von Coworking Spaces zählen.
Loungebereiche und die Lobby im Ein- Dort entsteht dann automatisch ein inter-
gangsbereich. disziplinärer Austausch, da sich eben sehr
unterschiedliche Menschen an einem Ort
Über Pflanzen und Menschen treffen. Und das sind zunehmend auch fest
angestellte Mitarbeiter von Unternehmen,
Die tatsächliche gestalterische Ausprä- die Flächen buchen und zur Verfügung
gung stellt sich dabei als sehr retrospektiv gestellt bekommen. So wird der Cowor-
dar: Es handelt sich zu einem großen Teil king Space auch zum Ersatz für das Home
um rundlich geschwungene und mit Plexi- Office. Insofern ist es kaum verwunderlich,
glasscheiben abgetrennte Räume, die mit dass sich das Angebot von Second Home

WEITER
24

Typisch Selgascano:
Plexiglas, viel Farbe
und geschwungene
Formen im Café

I. des Second Home in


Spitalfields
Ideen 1 bis 2 25

Offenes Raumkon-
tinuum: Der Standort
in Spitalfields er-
möglicht vielfältige
Formen der
Kommunikation.
26 Ideen 1 bis 2

Über Lufträume
werden vielfältige
Blickbeziehungen

I. zwischen den
Nutzern hergestellt.
27

Zufällige Begegnun-
gen sind ein wich-
tiger Faktor für den
kreativen Austausch
im Second Home.
28

Längsschnitt
I.
M 1: 2 0 0 0

Lageplan

1. Obergeschoss BAUHERR:
Second Home

ARCHITEKTEN:
selgascano

MITARBE ITE R:
Paolo Tringali, Víctor Jiménez,
Bárbara Bardín, María Levene,
Inés Olavarrieta

TR AGWERKSPL ANER:
Tibbalds
C A . M 1:5 0 0

BAULEITUNG:
OD Group

KOSTE NPL ANUNG:


Jackson Coles

MÖBELDESIGN:
selgascano

FERTIGSTELLUNG:
2014

STANDORT:
Erdgeschoss 68-80 Hanbury Street, London
Ideen 1 bis 2 29

Das Café

Ein zentrales
Element des Second Vielmehr
Home in Spitalfields
ist das Café, das besteht die
sich als orange-
farbener Tunnel
nach außen wölbt.
Idee darin, dass
Die Fassade der
ehemaligen
Design im Sinne
Teppichfabrik wurde
dafür im Erd- einer gesamt-
geschoss aufge-
brochen. heitlichen
Problemlösung
auch ein
M 1:1 0 0

Konzept für
den Raum ist
und dass dies
Auswirkungen
auf das kreative
Arbeiten hat.

1. Obergeschoss

Erdgeschoss
30

II.
mit circa 400 Plätzen in London im Jahr
2014 in nur vier Jahren auf über 2000 Plät- Die spezielle
ze mehr als verfünffacht hat.
Nutzerstruktur
Grenzen des Wachstums

Die spezielle Nutzerstruktur und das Zuge-


und das Zu-
hörigkeitsgefühl in den Coworking Spaces
sind also die Basis für ein funktionierendes
gehörigkeits-
System. Dies zeigt deutlich auf, dass diese
Ideen – so interessant sie an den jeweili- gefühl in den
gen Standorten von Second Home auch
sein mögen – sich nicht so ohne Weiteres Coworking
auf andere Unternehmensstandorte über-
tragen lassen. Die Idee des Coworking ist Spaces sind
hier an einem Wendepunkt angekom-
men, was sowohl in inhaltlicher als auch in
struktureller Hinsicht der Fall ist. Die Größe
die Basis für ein
der Standorte ist nicht einfach erweiter-
bar, da sich die Basis für das System und
Second Home Lisboa
funktionierendes
die Vorteile, die daraus erwachsen, dann
verlieren würden. Die neuen Londoner
Die weitere Entwicklung bei der Expansi-
on dieser Markenidee zeichnet sich be- System.
Standorte von Second Home in Holland reits am Horizont ab: Mit „Work at Second
Park und London Fields sind deshalb auch Home Lisboa this summer“ bewirbt Se-
etwas kleiner als der mehrfach auf ge- cond Home den Standort in Lissabon. Das
genwärtig circa 1000 „Members“ erwei- Arbeiten von heute soll dabei auf die Be-
terte Coworking Space in Spitalfields. dürfnisse der Arbeiter von heute zuge-
Auch die Struktur und das Klientel der neu- schnitten werden – im Sommer am Strand,
en Standorte ist anders: Während es sich im Winter in der Großstadt, im Frühjahr in
beim ersten Coworking Objekt von Se- den Bergen. Diese Art des Arbeitens wird
cond Home um ein mehrgeschossiges zum integralen Bestandteil des Lebens er-
Gebäude handelt, das von einem Waren- klärt. Es soll keine Unterschiede mehr ge-
haus im East End an der Brick Lane in ein ben zwischen Alltag, Freizeit und Arbeit,
Bürogebäude der besonderen Art mit viel ein Konzept, das die Einflüsse digitaler
Rauheit und Sichtbeton umgewandelt Medien auf unser alltägliches Umfeld und
wurde, ist beim zweiten Second Home in unser Arbeitsleben in sich aufnimmt. Denn
Holland Park – mitten im noblen Stadtvier- die digitale Infrastruktur für ein modernes
tel Notting Hill – mehr Luxus angesagt: Der nomadisches Leben ist schon längst vor-
dortige Coworking Space setzt sich aus handen: Neben der digitalen Verfügbar-
einer Ansammlung von Nebengebäuden keit von Transportmitteln wie der Buchung
in einem Wohngebiet zusammen, bei dem von Zügen und Flügen über das Internet,
Tageslicht, eine noch stärkere Verwen- der Fortbewegung vor Ort mittels Carsha-
dung von natürlichem Grün und die Erwei- ring oder Uber, dem Buchen von Hotelzim-
terung des Angebots durch zusätzliche mern und Wohnungen über Buchungs-
Funktionen wie zum Beispiel einem Foto- plattformen oder Airbnb gibt es nun auch
studio eine tragende Rolle spielen, um die ein Angebot an digital verfügbaren Ar-
gehobene Klientel im Londoner West End beitsplätzen. Die räumliche Infrastruktur
anzusprechen. Trotz dieser Unterschiede für ein nomadisches Arbeitsleben wird
bleibt sich Second Home bei der Art der also gerade gebaut – unter anderem von
Ausstattung und der Nutzung treu. Schließ- Unternehmen wie Second Home, die Orte
lich ist die räumliche Planungsidee von schaffen, wo man wortwörtlich eine zwei-
Selgascano längst zum Teil des Markeni- te Heimat hat. Ein deutlich erkennbares
mages des Unternehmens geworden. Alleinstellungsmerkmal dieser räumli-
chen Angebote ist das einheitliche kon-
zeptionelle und räumliche Design über
alle Standorte hinweg. Deren Nutzer sol-
len sich an jedem Standort zu Hause füh-
len und sich ganz intuitiv zurechtfinden.
Der Name Second Home ist hier also nicht
nur Programm, sondern auch ein mögli-
cher Ausblick auf die Arbeitswelt des 21.
Jahrhunderts.
Ideen 1 bis 2 31

Das Second Home


in Lissabon wurde
ebenfalls von

II. Lissabon Selgascano entwor-


fen.
32 Ideen 1 bis 2

Viel Grün: Das


Second Home in

II. Lissabon erinnert an


ein Gewächshaus.
33

Hybride Nutzung:
Coworking in
Lissabon über einer
Markthalle
34 Ideen 1 bis 2

Und auch in Lissa-


bon geht es bunt zu:
das Café mit
Bücherei und
Loungebereich.
35

II.
BAUHERR:
Second Home

ARCHITEKTEN:
selgascano
Schnitt A — A

M 1:5 0 0
MITARBE ITE R:
Julio Cano, Bárbara Bardin, Inés Ola-
varrieta, Paolo Tringali, Giulia Cosen-
tino, Víctor Jiménez, Ricardo Man-
cho, Barbara Pitto, Carolina Hidalgo

BAULEITUNG: Schnitt B — B Schnitt C — C


Old2New

LANDSCHAFTS-
ARCHITEKTEN:
Grow Green

BAUPHYSIK:
Adam Ritchie,
Ritchie+Daffin

MÖBELDESIGN:
selgascano 1. Obergeschoss

F E R T I G S T E L L U N G : 2016
M 1:5 0 0

STANDORT:
Time Out Market – 1st Floor
Mercado da Ribeira
Avenida 24 de Julho, Lissabon

Die Markthalle

Das Second Home Die Architekten lie-


in Lissabon befindet ßen die gesamte
sich direkt über Struktur der alten
dem „Mercado da Markthalle sichtbar,
Ribeira“, dem ältes- um eine Verbindung
ten Lebensmittel- zwischen Alt und
markt der Stadt. Neu zu schaffen.
36 Sonderführung mit...
BAUMEISTER: Warum Brutalis-
mus?
OLIVER ELSER: Es gibt kein
anderes Architekturthema,
das derzeit so viele Leute
auch jenseits der Architek-
tenszene so stark interessiert.
Wir merken das an den Reak-
tionen in den Medien und
im DAM mit über 1.500 Besu-
cher am ersten Wochenende.
Das Publikum ist gespalten.
Die einen feiern, die anderen
hassen die „Betonmonster“,
wie wir sie liebevoll nennen.
Jetzt ist daher der richtige
Zeitpunkt, die Geschichten
hinter den Gebäuden zu
erzählen und vor allem den
Blick über den deutschen
Tellerrand hinaus in die Welt
zu richten. SOS Brutalismus
ist die erste weltweite Be-
standsaufnahme zur brutalis-
tischen Architektur. Archi-
tekturgeschichte trifft Gegen-
wartsdiagnose. Zusammen
mit unseren Partnern von
der Wüstenrot Stiftung wollen
wir einen neuen Weg der
Denkmalschutz-Debatte
einschlagen: Raus aus den
Fachzirkeln, rein in die breite
Öffentlichkeit.
 
B : Warum sind diese Gebäu-
de erhaltenswert?
O E : Jeder Baubestand, der
nicht zusammenbricht, ist
Das Gymnasium erhaltenswert. Wir können
in Hückelhoven in uns nicht über den eingebau-
Nordrhein-West- ten Verschleiß unserer Smart-
falen, das von phones und Autos aufregen,

FOTO: CHRISTOPH PAR ADE CA . 1974 ; UNTE RSTÜT Z T VON DE R WÜSTE NROT STIF TUNG, UNCUBE UND BAUNE T Z
Parade Architekten aber bei unseren Häusern
entworfen wurde. sagen wir: „Kann weg, weil es
...Oliver Elser Der Entwurf stammt eh alle hässlich finden.“ Der
aus dem Jahr 1963, Brutalismus hat es besonders
fertiggestellt wurde schwer. Dabei ist es die Zeit
des Aufbruchs: Neue Univer-
Kurator der Ausstellung das Gebäude 1974.
Damit die Schüler sitäten, Rathäuser als Zeichen
„SOS Brutalismus – Rettet den Sichtbeton bürgerlichen Selbstbewusst-
nicht bekritzeln, seins, robuste Schulen und
die Betonmonster!“ im wurde in den Klas- Kitas entstanden in den
senräumen des Boomjahren der 1960er und
Deutschen Architektur- Gymnasiums keine 1970er. Es steckt schon etwas
museum in Frankfurt am Kreide offen auf- Mad-Man-Nostalgie darin,
bewahrt. zugegeben, man muss sich ja
Main bis 2. April 2018 nur mal die Fotos in unserem
Katalog anschauen: Junge
Männer in schmal geschnitte-
nen schwarzen Anzügen, rau-
chend vor gestockten Beton-
wänden. Heute dagegen
wird in Berlin ein Betonklotz
gebaut, um anschließend für
ein preußisches Kostümfest
herausgeputzt zu werden,

Das Gespräch führte Leonardo Lella


das sogenannte Stadtschloss, solcher, die eher um 1960,
oder auch Humboldtforum und anderer, die erst 1980
genannt. Da sehnt man sich entworfen wurden. Um den
schon nach dem wahren jeweils regionalen Entwick-

VARIANT®
schönen Harten. lungszeitstrahl abzubilden,
  wurden die Bauten innerhalb
B : Der britische Kritiker
Reyner Banham erkannte im
der Regionen chronologisch
sortiert, maßgeblich war das
DAS UNIVERSELLE
Brutalismus eine neue archi- Entwurfsjahr. Drittens: Die Ar- BANDSYSTEM FÜR
tektonische „Ethik“. Heute chitekten sollten vorzugswei-
wird das Wort „Ethik“ eher mit se aus der jeweiligen Region OBJEKTTÜREN
nachhaltiger Architektur in stammen. Der Anteil an Frauen
Verbindung gebracht. Ist bru- ist beschämend gering, wir
talistische Architektur dem- zeigen Bauten von Krystyna
nach immer noch ethisch? Toł łoczkoRóżyska aus Polen,
O E : Nein, das war sie bereits Högna Sigurðardóttir aus
nach wenigen Jahren nicht Island und Yasmeen Lari aus
mehr. Banham ist daran Pakistan. Architektinnen
ziemlich verzweifelt. Es war waren in jener Zeit lediglich in
schlicht eine Mode, ein inter- Osteuropa und Israel häufiger
nationaler Betontrend. Aber in führenden Positionen tätig.
obwohl aus der Ethik schnell Viertens: Die regional typi-
eine Ästhetik wurde, wie schen Bauaufgaben sollten
Banham um 1966 bereits er- repräsentiert werden und
kannte, bietet die ästhetische fünftens: Der heutige Zustand
Seite  des Brutalismus viele spielt eine wesentliche Rolle.
Entdeckungen. Zum Beispiel, „Zeitkapseln“ sind besonders
dass es viele regionale Bruta- interessant, also Bauten, die
lismen gab, in Israel, Japan, weitgehend im Originalzu-
Jugoslawien oder Brasilien. stand erhalten sind. Sechs-
Überall dort diente der Bruta- tens: Nicht zuletzt galt es, die
lismus als eine Art architekto- richtige Mischung aus „übli-
nische Nährlösung für einen chen Verdächtigen“ und
Prozess, den wir „Nation Buil- Neuentdeckungen zu finden.
ding“ nennen, also den Auf-
bau neuer Staaten. Es ist ab- B: Was hat das Ende des
solut faszinierend zu sehen, Brutalismus verursacht?
welche immense Rolle Archi- O E : Da kommt vieles zusam-
tektur dort jeweils gespielt men: Die Energiekrise und
hat. So haben wir entdeckt, das Öko-Bewusstsein der
dass es in den USA in den 1970er-Jahre haben, bis heu-
1960er-Jahren eine Gegend te, die Bauten in ein Wärme-
gab, in der eine Dieselmoto- dämm-Mäntelchen gepackt.
renfabrik die Architektenho- Gleichzeitig konnte sich im
norare für Bauten der öffentli- Westen niemand mehr die
chen Hand übernahm, wenn extrem aufwendigen Holz-
die Entwerfer aus einer Liste schalungen leisten, die in den
bekannter Namen bestand. 1960ern beispielsweise die
ESO STERNWARTE, MÜNCHEN
So kamen dort Eero Saarinen, Kirchenbauten von Gottfried Architekt: AUER WEBER, Stuttgart
Cesar Pelli, Robert Venturi, Böhm und vielen anderen
Robert Stern, John Johansen, buchstäblich geprägt haben.
Gunnar Birkerts oder Ieoh Gleichzeitig sorgten die Flä- Ein abgestimmtes System aus Band
Ming Pei zu Aufträgen. chenabrisse von gründerzeit- und Aufnahmeelement. Mit geprüfter
  lichen Wohnquartieren und Sicherheit durch CE-Zertifizierung.
B : Nach welchen Kriterien der Bau von Trabantenstädten
haben Sie die ausgestellten für einen immensen Vertrau-
Projekte ausgewählt? ensverlust in die moderne
O E : Wir haben versucht, Architektur. Obwohl brutalis-
folgende Kriterien gegenein- tische Bauten ja häufig die
ander abzuwägen: Erstens: Diven in einem Meer von Mit- VARIANT® VX
die Identifizierung der wich- telmaß waren, wurden sie von gBelastungswerte bis 400 kg
tigsten Länder innerhalb der der generellen Ablehnung gkomfortable 3D Verstellung
Regionen in Bezug auf eine und dem absolut notwendi- gvielfältige Oberflächenvarianten
brutalistische „Szene“ oder gen Kurswechsel hin zur gfür Holz,- Stahl- und
Aluminiumzargen
einen Diskurs und zweitens: Stadtreparatur voll erfasst
die Berücksichtigung früher und niemand wollte mehr in
wie späterer Projekte, also Monster investieren. 

www.simonswerk.com
38

Fels der Ideen

Der Coworking Space


„Hafven“ in Hannovers
Nordstadt ist vieles: Schreib-
tisch, Werkstatt, Treffpunkt,
Bühne, Quartiersanker,
architektonisches Statement.
Vor allem aber ist er der
Wegbereiter einer neuen
Form des Arbeitens und eine
Brutstätte der Ideen.

Architekten: Kritik: Fotos:


Mensing Timofticiuc Architects Lars Menz Hélène Binet
Ideen 3 39

Geschlossenes
Äußeres, offenes
und kommunika-
tives Inneres: der
Hafven in Hannover
40 Ideen 3

Der Innenhof wird im


Sommer zur Spiel-
wiese, zum Beispiel
für ein Urban-Garde-
ning-Projekt.
41

Lichtspiel: Die ver-


tikalen Schlitze der
Fenster erinnern
an die Kolossal-Ord-
nung alter Fabriken.
42

Die Dachterrasse des


Hafvens bietet trotz
aller Introvertierheit
auch Ausblicke nach
draußen.
Ideen 3 43

Das Gebäude orien-


tiert sich auf drei
durchlaufenden
Geschossen um den
zentralen Innenhof.
44 Ideen 3

Das pultartig an-


steigende Dach lei-
tet sich aus der um-
gebenden Bebau-
ung ab.
45

E
vornehmen“, so Raczkowski, „wenn etwas erst der Beton habe introvertierte Räume
nicht funktioniert, reißen wir es wieder geschaffen, die sich zum Hof hin öffnen
ein.“ Sie selbst braucht wie viele andere und sich dadurch gut für konzentriertes
hier nur einen Laptop und ein Handy zum Arbeiten eignen. „Das Haus ist eine Her-
Arbeiten und bewegt sich den Tag über ausforderung“, sagt Pauline Raczkowski
durch die Räume, sitzt mal hier, mal dort. über die Architektur und deren Aneig-
Ihr Traum ist es, im kommenden Jahr im nung. „Doch die Herausforderung tut gut.
„in eigenes Büro könnte ich mir gar nicht dann grünen Innenhof zu arbeiten. Der ist Das Haus bildet die rohe Leinwand, auf der
leisten“, sagt die zweiunddreißigjährige als Urban-Gardening-Projekt konzipiert wir uns austoben.“
Stella Dobewall. Und Homeoffice sei ihr zu und kommt vor allem dem Café zugute, Im Quartier stößt der Koloss wegen seiner
einsam. Die freie Szenografin arbeitet lie- das Herz, Treffpunkt und Bühne des Haf- hermetischen, fast brachialen Anmutung
ber im Coworking Space und sitzt mit ih- vens ist – und auch eine Transitzone. Nach nicht überall auf Gegenliebe. „Sicher, das
rem Laptop stets im Zentrum des Gesche- dem Espresso geht es von hier aus zu den Haus provoziert“, sagt Raczkowski dazu.
hens. Dobewall ist eine von gegenwärtig Arbeitsplätzen. Im Sommer werden die „Aber wir versuchen, seinen Zweck zu er-
rund 730 Coworkern, die seit September Mitarbeiter des Cafés Tomaten und Kräu- klären, und arbeiten an seiner Öffnung
2016 in Hannovers Nordstadt die Arbeits- ter ernten, die im Rahmen eines Flücht- zum Quartier.“ Regelmäßig finden des-
welt der Zukunft testen. An der Kreuzung lingsprojekts in Hochbeeten angepflanzt halb Kulturveranstaltungen statt, der Haf-
eines kleinteiligen Gewerbegebiets gele- wurden. Die Verwendung regionaler Pro- ven sei zwar kein rein lokales Projekt, aber
gen und in fußläufiger Entfernung zur im- dukte ist dabei kein hohles Label, sondern eben lokal angebunden.
mer hipper werdenden Quartiersmeile Anspruch der Hafven-Food-Community.
Engelbosteler Damm sowie in Rufweite Trend-Spielwiese
der Leibniz Universität sitzen sie gemein- Einfach und komplex
sam in einem grauen Monolithen aus Be- In den Werkstätten ist es möglich, Kleinst-
ton, genauer gesagt im Hafven. Der ist die So geschlossen der Bau von außen wirkt, s e r i e n vo n P ro d u k t e n h e r z u s t e l l e n,
Speerspitze des Coworkings mit einem so offen empfängt er die Menschen in sei- 300.000 Euro Maschinenwert stehen zur
bundesweit einmaligen Konzept und ei- nem Kern. Entworfen wurde er vom jungen Verfügung. Deshalb entdecken auch Kon-
nem Architektur-Statement, das es in sich Berliner Architekturbüro Mensing Timofti- zerne wie Bosch oder KPMG den Hafven
hat. ciuc. Ihr erst zweites realisiertes Projekt und schicken Mitarbeiter dorthin. „Es geht
erhielt 2017 gleich eine Anerkennung um Innovationsmanagement“, sagt Ge-
Die Mischung machts beim Deutschen Architekturpreis und schäftsführer Jonas Lindemann dazu. „Die
schaffte es auf die Shortlist des DAM-Prei- Leute sollen kreative Luft schnuppern.“ So
Coworker müssen Mitglied im Hafven wer- ses 2018. gewinne man heute den Kampf um Talen-
den, die monatlichen Kosten zwischen „Der Hafven war ein total rationales Pro- te. Auch Pauline Raczkowski ist von der
zehn und 190 Euro sind moderat und vari- jekt“, sagt Marius Mensing, einer der Part- Zukunftsfähigkeit des Konzepts überzeugt:
ieren je nach gebuchtem Kontingent. 70 ner des Berliner Büros. Es sei zwar ein kom- „Die Erfahrungen zeigen, dass die Bedürf-
Arbeitsplätze stehen zur Verfügung, vom plexer Raum, der in der Wahrnehmung nisse der Menschen danach, ihr eigenes
Schreibtisch bis zur CNC-Fräse. Was es al- schwer zu verstehen sei und dessen Les- Ding zu machen, steigen. Sie wollen das
lerdings nicht gibt sind Einzelbüros. Über barkeit man sich erst erarbeiten müsse, Arbeitsleben stärker selbst bestimmen.“
ein Community-Management werden Ar- der aber doch ein einfaches Regelwerk Der Hafven ist Spielwiese dieses Trends,
beitszeiten online organisiert, im Bürobe- habe. Auf drei Geschossen, ähnlich wie in die Vision eines flexiblen, selbstbestimm-
reich des Open Space oder in den Werk- alten Stockwerk-Fabriken, orientieren ten Arbeitslebens wird hier tagtäglich er-
stätten des Maker Space kommt man sich sich die Räume auf durchlaufenden Ge- probt. Die Architektur transzendiert die
so nicht in die Quere. „Bei uns trifft Pro- schossdecken um einen zentralen Innen- Idee des Work in Progress und schafft so
grammierer auf Grafiker auf Schreiner- hof. Die 25 Zentimeter starken Betonau- einen Zukunftsort.
meister“, sagt Hafven-Geschäftsführer ßenwände erlauben es den Nutzern, bei Stella Dobewall, die hannoversche Free-
Jonas Lindemann über das Konzept. Bedarf Löcher zu bohren, dazu kommen lancerin, ist jedenfalls begeistert von ih-
„Wenn die im Hafven gemeinsam Mittag Ausbauwände aus Kalksandstein im In- rem Arbeitsplatz: „Ich muss mich hier nicht
essen, entstehen Ideen, die es so sonst nern – Leichtbauwände hätten nicht zum festlegen, sitze jeden Tag woanders, ar-
nicht gegeben hätte.“ Lindemann, der in rauen Charme des Hafvens gepasst. „Wir beite gern. Ich treffe neue Leute und alte
den USA und Australien selbst 14 Monate haben nach der Kraft alter Produktionsge- Bekannte, lasse mich inspirieren und auch
Coworking ausprobierte, ist der Meinung, bäude gesucht. Wir wollten eine moderne mal ablenken. Ich genieße die Atmo-
dass vor allem der Austausch der Nutzer Halle, und wir wollten die Gegend mit ei- sphäre. Der Hafven, das sind meine Kolle-
entscheidend für den Erfolg eines solchen nem besonderen Typus bereichern“, sagt ginnen und Kollegen, das ist auch ein
Projekts sei. „Ein stylishes Loft mit Desig- Mensing über das Gebäude. Stück Zuhause.“
nermöbeln allein nutzt nichts. Geile Leute
mit geilen Ideen, darum geht’s.“ Derzeit Aneignung des Orts Pläne auf der
feilen 20 Start-ups im Hafven an ihren Ide- folgenden Seite
en. Die ungewöhnliche Geometrie des Hau-
„Wenn viele zusammenkommen, werden ses ergibt sich aus dem schwierigen
die Ideen größer“, sagt auch Pauline Ra- Grundstückszuschnitt und aus der hetero-
czkowski, die im Hafven zuständig für die genen Nachbarschaftsbebauung. Die
Kommunikation ist. „Und, obwohl dies ge- Fassade steigt über dem Eingang pultartig
sellschaftlich meist noch immer streng an, um die umliegenden Höhen aufzuneh-
getrennt wird, sind Kopf- und Handarbeit men, während die vertikalen Schlitze der
bei uns gleichberechtigt.“ Dieser Ansatz Fenster an die Kolossal-Ordnung alter Fa-
ist bundesweit einzigartig. „Wir wollen mit briken erinnern. Ursprünglich hatten die
dem Konzept aber keine starre Setzung Architekten mehr Glas vorgesehen, doch
46 Ideen 3

Coworking

M 1: 2 0 0 0

Lageplan

Der Ort

FOTOS VON OBE N: HANNE S BUCHHOL Z , LUCAS THORE NSSE N, SASCHA WOLTE RS; FOTO LINKS: HÉ LÈ NE BINE T
Der Hafen fügt sich
in die heterogene
Bebauung von
Hannovers Nord-
stadt ein und nimmt
dessen unterschied-
liche Gebäude-
höhen auf. Er liegt
an der Kreuzung
eines kleinteiligen Seit September Herz, Treffpunkt und
Gewerbegebiets 2016 arbeiten rund Bühne des Hafvens
und in fußläufiger 730 Coworker im ist. Im Innenhof
Entfernung zur Hafven. Dort gibt es wird Gemüse im
Quartiersmeile 70 Arbeitsplätze – Rahmen eines
Engelbosteler- vom Schreibtisch Flüchtlingsprojekts
Damm sowie in Ruf- bis zur CNC-Fräse. angepflanzt.
weite der Leibniz Zum Projekt gehört
Universität. auch ein Café, das
47

C A . M 1:5 0 0
Schnitt A — A Schnitt B — B

C A . M 1:5 0 0
1. Obergeschoss 2. Obergeschoss

Erdgeschoss Untergeschoss

BAUHERR: TR AGWERKSPL ANER: BETONTECHNOLOGIE: GEBÄUDETECHNIK:


Plimo GmbH&Co. KG, Berlin Pichler Ingenieure, Berlin Fläming Baustofflabor, HDH Ingenieure, Berlin
Treuenbrietzen
ARCHITEKTEN: PROJ E K T S T E U E R U N G/ FERTIGSTELLUNG:
Mensing Timofticiuc OBJE K TÜBE RWACHUNG: BAUPHYSIK: 2016
Architekten, Berlin Ute + Ludger Bühren Architekten, Ingenieurbüro Axel C. Rahn,
Berlin Berlin STANDORT:
Kopernikusstraße 14, Hannover
48 kleine Werke ( 91 )

M THE
ZU M
R
A
H

LE
E
M

BAU
SE N SIE

MEISTER.
G.

DE
O
L

B N
UN
SE REM

Reif für die Insel

Früher war Arbeit meist ortsabhängig – Vollzeit und unbefristet. spiel dafür ist die sogenannte CPHØ1. Unter diesem Namen hat der
Heute hat die digitale Revolution den Arbeitsmarkt komplett um- australische Architekt Marshall Blecher zusammen mit Studio Fok-
gekrempelt: Man kann von Hong Kong aus seine Kunden in Berlin strot eine 20 Quadratmeter große Insel für den Hafen von Kopen-
beraten, in Bali die Marketingstrategie einer amerikanischen hagen entworfen. Sie besteht aus Holzplatten, recycelten Plastik-
Fluggesellschaft entwickeln oder von Kapstadt aus einen spani- flaschen inklusive einer sechs Meter hohen Linde und steht jedem
FOTO: AIRFLIX

schen Onlineshop gestalten. Dafür wird nur eine Sache benötigt: zum Grillen, Campen oder einfach nur zum Faulenzen zur Verfü-
eine gute WLAN-Verbindung. Mit der können die „Digitalen Noma- gung. Und natürlich kann man dort auch arbeiten – falls man es
den“ auf jeder einsamen Insel an ihren Projekten arbeiten. Ein Bei- schafft, den Laptop trocken auf die Insel zu bringen.

Text Leonardo Lella


The International Review of
Landscape Architecture and Urban Design

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50

Neudenker haben’s
auch nicht leicht

Beim Begriff „Arbeitswelten“


denkt mancher vermutlich
an die großen Drei im Silicon
Valley: Apple I., Facebook II.,
Google III.. Alle drei bauen
gerade beziehungsweise
haben gebaut. Und alle
versuchen, mit Architektur
das Verhältnis zwischen Mit-
arbeiter und Unternehmen
neu zu denken.

Kritik:
Alexander Gutzmer
Ideen 4 bis 6 51

I
turfirma im Team für sich arbeiten lässt – schichte und Gegenwart der Planung im
am Neubau der Weltzentrale in Mountain Valley ergründen. Die Forscher formulie-
View (Kalifornien) genauso wie in London, ren auch klare Forderungen an Unterneh-
wo die beiden Büros die neue Europazen- men und Regionalpolitik: mehr Ansied-
trale errichten. lungen von Unternehmen in den (ja durch-
aus existierenden, wenn auch kleinen)
Woran anknüpfen? Zentren, weniger isolierte Firmensitze.
m deutschen Architekturdiskurs ist der Be- Stärkere Investments in den öffentlichen
griff „Silicon Valley“ natürlich negativ Dabei erscheint aus europäischer Sicht lo- Nahverkehr und mehr Ansiedlungen von
konnotiert. Hier gilt als „kritisch“ oder gischerweise das London-Projekt leichter A rbei t splä t zen rund um bestehende
wohlinformiert, wer dem Treiben großer nachvollziehbar. Es gliedert sich ein in Bahnhöfe. Breiter gestreute Wohnungs-
Unternehmen in den USA mit Skepsis be- den Kanon der „europäischen Stadt“, den bauinitiativen. Und die Reduktion der Ab-
gegnet. Mit Erleichterung dürften viele wir hierzulande gerne bemühen. Im Sili- hängigkeit vom Individualverkehr. Jede
Beobachter da die Missstimmung notiert con Valley gibt es keine konzentrische Forderung für sich genommen kommt
haben, die Norman Fosters Apple-Firmen- Stadt, in die sich die Firmenzentralen ein- nicht mal besonders originell daher. Zu-
sitz unter einigen Mitarbeitern ausgelöst gliedern könnten. Überhaupt erscheint es sammen aber sind sie sinnvoll, um dem
hat. „War klar, sobald es an die Architek- schwer, sinnvolle  Ideen wie städtische Valley auch raumplanerisch etwas von
tur geht, versagen die“, so der Tenor. Mein Eingebundenheit oder Bezug auf lokale jener Dynamik zu geben, die in den Fir-
Vorschlag an dieser Stelle dennoch: ge- Parameter zu realisieren, wenn mit Aus- men selber herrscht.
nauer hinschauen. Was man dann sieht, ist nahme von San Francisco nur wenige de-

D
nämlich überraschend wenig homogen. zidiert urbane Parameter vorhanden sind
Denn letztlich sind Apple, Facebook und (und nach dort sind es von Palo Alto aus
Google sehr unterschiedliche Unterneh- noch 50 Kilometer). Der Schritt hin zu ei-
men. Und unterschiedlich fallen folgerich- nem eigenen Campus, also letztlich der
tig auch die architektonischen Projekte Simulation urbaner Mechanismen unter
der Giganten aus. Ausschluss von Öffentlichkeit, ist da ir-
gendwie naheliegend. Aber er repliziert
Formenliebe eine überkommene Typologie. Seit Eero as Silicon Valley ist der einzige Ort der
Saarinen in den 1950er-Jahren die „Bell Welt, der nicht versucht zu sein wie das Si-
Der „Apple Park“ in Cupertino ist weniger Laboratories“ auf die grüne Wiese zim- licon Valley“, formulierte einst der Grün-
ein „Park“ als ein fetischhaftes Kreisen um merte, wurden die USA zur prototypischen der des Ethernets, Robert Metcalfe. Er
die perfekte Form. Ein Raumschiff ist ge- Landschaf t für den Typus „Corporate meinte das positiv. Doch was mal eine
landet, proklamierte der mittlerweile ver- Campus“. Groß verändert haben sich die- Stärke war, könnte sich nun als Schwäche
storbene Firmengründer Steve Jobs, als er se bis heute nicht. Auch Apple Park ist kein entpuppen. Aus Planungssicht täte etwas
das Projekt im Stadtrat präsentierte. Ein Schritt in eine völlig neue Dimension. Und mehr (ganzheitliche) Nabelschau der
Statement, das zeigt, wie verliebt Jobs und die Frage stellt sich, durch welche Art Wiege der Digitalwelt gut.
Foster in die Form des Gebäudes waren. räumlicher Reibung den Appleianern die
Was passt, denn letztlich ist Apple ebenso künftigen Großideen für die Städter der
sehr Designfirma wie Tec-Company. Welt kommen sollen. Und natürlich produ-
ziert der Apple Park Probleme. Die Ver-

A
kehrslage im Silicon Valley ist verheerend.
Apple hat genauso viel Platz für Autos ge-
plant wie für seine Mitarbeiter. So erzeugt
man weitere Verkehrsdramen. Das Projekt
wirkt daher bei einem Unternehmen, das
sich in der Zukunft der Automobilität en-
gagieren will (Stichwort Apple Car), et-
nders der Facebook-Campus in Menlo was, nun ja, konventionell.
Park. Eine Arbeitsmaschine, ein provozie-

A
rend unfertiges Konstrukt. Auch hier ein
Raumschiff? Vielleicht, aber dann eines,
das mehr mit den irritierenden Formen des
Kampfsterns Galactica zu tun hat als mit
einer elegant schwebenden Untertasse.
Auf jeden Fall passt dazu, dass Facebook
jetzt OMA mit der Planung eines ganzen
Stadtteils um den Campus herum beauf- lso: Den Status als Labor für Arbeitswelten
tragt hat. Hierbei sollen gerade auch der hat das Silicon Valley womöglich, den ei-
Wohnungsbau und die Anbindung an den nes urbanen Raumlabors sicher nicht.
öffentlichen Nahverkehr eine große Rolle Doch immerhin – im Valley kursiert zumin-
spielen. dest der Gedanke, dass dieser Status an-
Und Google (beziehungsweise Alphabet, zustreben wäre. Eine Forschungsinitiative
wie sich die Konzernmutter der Suchma- de r l oka l en Non-Pro f i t- O rgan i sa t ion
schine jetzt nennt): Das Unternehmen „SPUR“ zeigt dies. „Rethinking the Corpo-
scheint den Weg als Ziel zu begreifen. Dies rate Campus: The Next Bay Area Work-
zeigt sich schon daran, dass man mit BIG place“, so der Titel des Projekts, in dem
und Heatherwick zwei statt eine Architek- W issenscha f t le r und U rban isten Ge-

WEITER
52

I.
Apple Park die Planer die rund 12.000
Mitarbeiter untergebracht.
Es sollte der ganz große Viele von ihnen hatten aber
Wurf sein – und, verzeihen vorher Einzel- oder Zweier-
Sie mir das erwartbare büros. Einigen gefiel die
Wortspiel, eine runde neue Offenheit deshalb gar
Sache: das neue Firmen- nicht. Folglich protestierten
gebäude namens „Apple sie medienwirksam gegen
Park“, das Foster + Partners die neue Großraumsituati-
für rund 5 Milliarden US-Dol- on. Ein Blogger griff den
lar in acht Jahren realisiert Unmut auf – und die ganze
haben. Und eine Ikone ist gute Eröffnungslaune war
das neue Apple-Headquar- erst mal dahin. Die Kritik
ter ja auch. Die perfekte entzündete sich nicht zu-
Form, elegant, dynamisch. letzt an den sogenannten
Die Fassade gestalterisch „Pods“ – riesigen Gruppen-
beeindruckend. Geschaf- räumen mit geteilten
fen wurde sie mithilfe des Tischen, je Geschoss hat
deutschen Unternehmens der Apple Park 80 Pods.
Seele. Dieses produzierte Formal hat Apple bei deren
die 800 jeweils 15 Meter Gestaltung vieles richtig
hohen, gebogenen Glas- gemacht. Die Arbeitsplätze
paneele für die Außenwand sind akustikoptimiert, die
des Ufos. Tische aus weißer Eiche eig-
Ja, das Ufo stellt eine ful- nen sich zur Kollaboration.
minante architektonische Die Ausstattung stammt
Geste dar. Aber natürlich vom japanischen Designer
auch eine reichlich selbst- Naoto Fukasawa.
bezügliche. Eine Offenheit Großraum ja oder nein –
in Richtung Stadt oder vermutlich hätte Firmen-
Umfeld signalisiert diese gründer Steve Jobs die
260.000-Quadratmeter- Strahlkraft seines größten
Zentrale jedenfalls nicht. Produkts ungern auf diese
Sie agiert so autistisch wie Debatte beschränkt wissen
viele Apple-Produkte, die wollen, die so alt ist wie die
sich gegenüber Verlinkun- Idee, nicht jedem Mitarbei-
gen mit Nicht-Apple-Ob- ter sein eigenes Büro zu
BAUHERR: jekten ja auch nicht gerade stiften. Am Ende wird man
Apple
offen zeigen. wohl noch ein wenig am
ARCHITEKTEN: Kritik dieser Art dürfte Raumkonzept im Inneren
Foster + Partners
Apple erwartet haben. Eher feilen. Was so überraschend
GRÖSSE: überrascht sein dürfte das letztlich auch nicht ist. Ein
260.000 m2
Unternehmen hingegen von iPhone bekommt ja auch
FERTIGSTELLUNG: dem Unmut, den einige Mit- immer mal ein Update
2017 arbeiter zur Arbeitssituation verpasst.
STANDORT:
im Inneren äußerten.
Cupertino, USA In Großraumbüros haben
WEITER
Ideen 4 bis 6 53
Lageplan
54 Ideen 4 bis 6
Erdgeschoss

M 1:5 0 0 0

Untergeschoss
55
Das Ufo ist mittlerweile gelandet, Bilder
vom Gebäude sind aber rar.
VISUALISIE RUNGE N: FOSTE R + PARTNE RS

Das Gebäude mit transparenter Fassade


in der Landschaft
56

II.
Facebook Willow über den neuen Bauherrn.
Campus Für Facebook zu planen sei
aufregend, weil der Innova-
Wie eine Arbeitsmaschine tionsgeist des Unterneh-
wirkt das vom Büro Frank mens sich auch in Richtung
Gehry gestaltete Haupt- räumlicher Konnektivität er-
quartier Facebooks in Men- strecke.
lo Park. In seiner bewussten Die Stadt- und Regionalpla-
Schroffheit signalisiert es nung als Ausdruck eines
durchaus so etwas wie Of- ganz neuen, an Verbindun-
fenheit für künftige bauli- gen orientierten, ganzheit-
che Veränderungen. lich denkenden
Gearbeitet werden soll Unternehmens? Das kann
nicht nur in, sondern auch man so sehen. Man kann
mit diesem Gebäude. An- hierin aber auch eine ganz
ders als im Apple Park ist traditionelle Auffassung von
hier keine glatte Ikone ent- Unternehmertum entde-
standen, sondern ein Ge- cken: Im 19. Jahrhundert
bäude, das Fragen stellt haben Unternehmen schon
– auch an seine Umgebung. einmal großflächig sozial
Nur konsequent erscheint motivierte Arbeitersiedlun-
es da, wenn das Unterneh- gen realisiert. Außerdem
men Facebook sich nun sind womöglich Bezüge
auch planerisch mit dieser zum Modell „Gartenstadt“
Umgebung befasst. Rem von Ebenezer Howard zu
Koolhaas’ Firma OMA soll entdecken. Insgesamt
deshalb einen Masterplan 1.500 Wohneinheiten sollen
für ein ganz neues Dorf ent- entstehen. 15 Prozent davon
werfen, das sich an den Fir- sind für Mieten unter dem
mensitz in Menlo Park Marktpreis vorgesehen. Die
anschließt. Über 220.000 sinnvolle Idee: das Berufs-
Quadratmeter Land hat Fa- pendeln Richtung Menlo
cebook dafür gekauft – den Park zurückzufahren. Au-
früheren „Menlo Science & ßerdem soll das höhere
Technology Park“ südlich Maß an Wohndichte mittel-
vom Hauptsitz. Der neue, fristig auch für mehr öffentli-
„Willow Campus“ genannte chen Personenverkehr in
BAUHERR: Stadtteil soll vor allem Richtung Menlo Park sor-
Facebook
Wohnraum und öffentlich gen. Die erste Bauphase
ARCHITEKTEN: nutzbare Funktionsgebäu- soll bereits im Frühjahr 2021
OMA
de schaffen. Knapp 12.000 abgeschlossen sein.
GRÖSSE: Quadratmeter sind für
220.000 m2
Shoppingflächen reserviert.
FERTIGSTELLUNG: Shohei Shigematsu, Chef
In Planung des New Yorker OMA-Büros,
STANDORT:
äußerte öffentlich schon
Cupertino, USA mal seine Begeisterung
WEITER
Ideen 4 bis 6 57
Ein Dorf für Facebook: der Willow
Campus im Silicon Valley
VISUALISIE RUNGE N: OM A

Der neue Campus soll vor allem


Wohnraum schaffen.
58

III.
Google werden und in welchem
King‘s Cross Central Maße sie auch der Öffent-
+ lichkeit zugänglich sind.
Google Eines sollten wir nicht ver-
Charleston East gessen: Der All-inclusive-
Ansatz, der auf nicht-urba-
Architektur ist immer auch nem Gelände im Silicon
eine Frage der Perspektive. Valley Sinn macht, mag im
Die Visualisierungen für das servicemäßig hyperer-
neue Europa-Headquarter schlossenen London wie ein
von Google demonstrieren Fremdkörper wirken. Bjarke
dies. Sie signalisieren einen Ingels betonte anlässlich
großen Wurf, ein drama- der Planvorstellung den
tisch bergab mäanderndes lokalen Charakter des
Stück Büroarchitektur. Doch Gebäudes. Dieser führe zu
die weiteren Bilder zeigen einer „kontextuell definier-
ein weitaus weniger aufre- ten Gebäudehülle“. Dane-
gendes – oder aufgeregtes ben kommt es ihm darauf
– Exempel Westlondoner an, möglichst viele Ver-
Gebäudegestaltung. Natür- bindungen zwischen den
lich definiert dieses Gebäu- Googlers auf den unter-
de sich nicht zuletzt über schiedlichen Geschossen
den Dachgarten. Daneben zu stiften. Mit dem neuen
beinhalten die 93.000-Qua- Gebäude macht Google
dratmeter eine Laufbahn die Gegend um King‘s Cross
und einen Pool – Mitarbei- ein Stück weiter zu „Google-
ter-Pampering, wie man es Land“. Gleich um die Ecke
von Google gewohnt ist. sitzt das Unternehmen näm-
Bis zu 7.000 „Googlers“ sol- lich künftig noch in zwei
len in dem Komplex in Kings weiteren Gebäuden. Schon
Cross arbeiten. Die kaska- heute unterhält der Techgi-
disch an- oder absteigende gant Büros im „6 Pancras
Struktur beginnt mit sieben Square“ von Wilmotte &
und endet bei elf Geschos- Associés (Paris). Darüber
sen. Eine diagonale Treppe hinaus baut man einen
zieht sich am gesamten weiteren Elfgeschosser in
BAUHERR: Gebäude von Stockwerk Westlondon, dieses Mal
Google eins bis elf entlang, der nach Plänen von Mossessi-
ARCHITEKTEN:
Dachgarten überspannt an Architecture (London).
BIG das gesamte Gebäude. Mit dem Londoner BIG-
Heatherwick Studio
Daneben dürfen sich die Heatherwick-Entwurf ver-
GRÖSSE: (ohnehin verwöhnten) Mit- sucht Google etwas, was in
80.819 m2
arbeiter über einen Event- der kalifornischen Bay Area
FERTIGSTELLUNG: bereich, ein Fitnesszentrum leichter von der Hand geht
In Planung und diverse Cafés freuen. als in der Themsemetropo-
STANDORT:
Man wird sehen, ob diese le: die Schaffung einer
King‘s Cross, London Angebote wirklich genutzt eigenen, campusähnlichen
WEITER
Ideen 4 bis 6 59
Das Google King‘s Cross Central
in London
VISUALISIE RUNGE N: BIG

Außenanlagen des Google King‘s


Cross Central
60 Ideen 4 bis 6
Struktur. Die Stadt als
Campus – dahinter steht die
Idee eines Unternehmens,
das organisch wächst und
dieses Wachstum räumlich
spiegelt. Auch in Mountain
View wird daher groß ge-
baut. Dort entsteht gerade
die neue Google/Alphabet-
Weltzentrale, wieder mit
BIG und Heatherwick.
Auf insgesamt 600.000
Quadratmeter Bürofläche
entsteht im Viertel Charles-
ton East eine Bürostadt –
unter einem Zeltdach.
Wie ein Hangar überspannt
dieses eine Reihe Pavillons.
Einige von ihnen werden
Büros beherbergen, andere
Labore, Cafés oder Event-
räume. Oder auch komplett
andere Funktionen –
schließlich sucht sich
Google/Alphabet als Unter-
nehmen auch ständig neue
Spielwiesen.

BAUHERR:
Google

ARCHITEKTEN:
BIG
VISUALISIE RUNGE N: BIG

Heatherwick Studio

GRÖSSE:
600.000 m2

FERTIGSTELLUNG:
In Planung

STANDORT:
Mountain View, USA
61
Der Campus Charleston East von
Google in den USA
62

Oben:
Zehrt immer noch von vergangenem
Ruhm – der Kur- und Wintersportort Bad Gastein

Links:
Auch im Winter schön – Sonnenbaden auf der
Panoramaterrasse. Unten: Trotz vieler Sammlerstücke
und Designaccessoires in Empfang, Bar und
Restaurant sind die Gästezimmer angenehm schlicht
ausgestattet.

FOTOS: HOTE L M IR A MONTE


Unterwegs im 63

Hotel Miramonte
Bad Gastein

Ein eigenartiger Ort, dieses Bad Gastein:


vergangene Größe, verlassene Hotels.
Allerdings findet sich in dieser Kur- und Wintersport-
gemeinde auch eine gemütliche
Herberge mit einer bunten Mischung aus Vintage
und modernem Design.

„Der Zauberberg“ von Thomas Mann erschien 1924. In diesem Roman


verbringt Hans Castor viele Jahre im Sanatorium und verliert dort
seinen Zeitsinn. Er gewöhnt sich schnell an den neuen Lebensrhythmus
und verschiebt seine Rückkehr nach Hamburg ständig; immer tiefer
taucht er in den Mikrokosmos ein.
Bestimmt hätte sich Hans Castor auch im „Miramonte“ wohl gefühlt,
PREISE
denn es hat seine ganz eigene Aura. Ebenso wie Bad Gastein, der alte
Kurort der Kaiser und Könige. Dieser wird von einem Wasserfall in zwei Sommer:
Hälften geteilt und wirkt sonderbar unfertig, denn im eigentlichen ab 125 Euro
Zentrum stehen seit vielen Jahren riesige alte Palasthotels leer und pro
gammeln vor sich hin. Der Investor will die Häuser nicht verkaufen, aber Zimmer und Nacht
auch nicht renovieren. Winter:
Im Gegensatz zu Ike Ikrath. Er ist Architekt und betreibt mit seiner Frau auf Anfrage
Evelyn das Familienhotel „Haus Hirt“. Aus aller Welt strömen Gäste dort-
hin, und so hat sich Ikrath vor einigen Jahren vorgenommen, auch
noch das Miramonte neu zu erschaffen, einen unscheinbaren Hotel-
ADRESSE klotz, dessen Äußeres stark an die Architektur der 1960er-Jahre erin-
nert. Allerdings stammt das klobige Gebäude aus der Jahrhundert-
Hotel Miramonte wende und wurde in den 60ern erweitert.
Reitlpromenade 3 Beim bloßen Vorbeispazieren lässt sich also die eigentliche Schönheit
Bad Gastein des Miramonte noch nicht erahnen. Doch nach nur wenigen Schritten
Österreich ins Innere entdeckt man seine bohèmehafte Atmosphäre, die Collage
info@ aus Altem und Neuem. Designer, Grafiker und Architekten aus Ham-
hotelmiramonte burg, München und Wien haben am Miramonte mitgewirkt – die
.com Mischung aus Gebrauchsarchitektur der 60er, viel Stein und Holz, aber
auch den vielfältigen, eigens entworfenen Lampenschirmen, Tischen
und Sesseln fasziniert. Eine gemütliche Bar, zwei Saunen, ein kleiner
Yogaraum und einige Becken für warme Radonbäder runden das
Angebot des Hauses ab.
Im Miramonte geht es bunt zu, es ist aber nicht überladen. Die 36
Zimmer sind schlicht und duften nach dem massiven Zirbenholz der
Betten. Über die Hängematten auf den Balkonen freuen sich nicht nur
Kinder. Die Bäder sind modern und nehmen nur in der Gestaltung Bezug
auf die 60er. „Wir schaffen die Kulisse, ihr seid die Akteure“, ruft uns Ike
Ikrath beim Abendessen in seinem Wiener Dialekt im hellen Speise-
raum entgegen. Für einen kleinen Plausch mit seinen Gästen ist er
immer zu haben. Vor den breiten Fensterfronten im Speiseraum mit
Blick ins Tal könnte man Stunden sitzen. Satt gesehen? Im Miramonte
sind Hunderte Bücher aus aller Welt verteilt. Am besten macht man es
sich dafür auf der Panoramaterrasse gemütlich. Architektur, Kunst oder
Belletristik? Wie wäre es mit dem „Zauberberg“? Schon lange nicht
mehr gelesen...

Text Kristina Dumas


64

Orangerie
des IT-Zeitalters

Google und Facebook


haben es vorgemacht,
jetzt hat SAP mit dem
Innovation Center 2.0
nachgezogen: Das vom
Stuttgarter Architekturbüro
Scope entworfene Büro-
gebäude überzeugt durch
ein offenes und flexibles
Raumkonzept, das vielfältige
Arbeitsformen ermöglicht.

Ein haushoher Luft-


raum gibt Orien-

Architekt: Kritik: Fotos: tierung. Von dort


aus sind alle Ge-
Scope Architekten Falk Jaeger Zooey Braun schosse einsehbar.
Ideen 7 65
66 Ideen 7
67

Linke Seite: Das Oben: Eine Ecke im Unten: Der Luftraum


Innovation Center Gebäude mit mit den einläufigen
2.0 gleicht einem Lounge-Charakter, Treppen funktioniert
gläsernen Regal mit Teeküche und Bistro als interner Bewe-
prägnantem Dia- gungs- und Kommu-
gonalstützensystem. nikationsraum.
68
Ideen 7 69

E
ines von weltweit zwölf Innovationszent-
ren des Software-Weltmarktführers SAP
steht im Norden Potsdams am Jungfern-
see, ein respektables Bürogebäude, des-
sen bemerkenswerte Innenausstattung
vom Stuttgarter Architekturbüro Scope
entwickelt wurde. Nebenan ist jetzt ein Er-
weiterungsbau nach dem Entwurf von
Scope entstanden, das Innovation Center
2.0, der nun auch architektonisch ein Aus-
rufezeichen setzt. Es ist kein massives Ge-
bäude, sondern eine Art gläsernes Regal
mit einem signifikanten Diagonalstützen-
system und auskragenden Geschossebe-
nen – gebaute Offenheit, gebaute Trans-
parenz, gebaute Nonchalance. Ringsum
ist noch alles grün, während in der Nach-
barschaft weitere Bürobauten in die Höhe
wachsen, und zumindest im Winter fällt
der Blick durch die Uferbäume auf den
Jungfernsee. Das Gebäude zelebriert das
Naturerlebnis und den Rundumblick über
Landschaft, See und eigenen Gar ten
durch eine geschosshohe Verglasung, die
große Dachterrasse und einen Tiefhof mit
Sitztreppe.

Orientierung und Desorientierung

Architektonisch erlebt der Besucher das


Gebäude schon im Foyer in seiner Ge-
samtheit. Das liegt an einem haushohen
Luftraum, der Orientierung gibt und von
dem aus die Geschosse einsehbar sind.
Dumm nur, dass hier niemand eintritt,
denn SAP beließ den Empfang im Nach-
bargebäude, und der Besucher erreicht
das Innovation Center 2.0 durch einen
Tunnelgang oder wird bei schönem Wetter
über den Gartenhof durch eine informelle
Tür geführt. Gleichwohl, der Luftraum mit
den einläufigen Treppen funktioniert als
interner Bewegungs- und Kommunikati-
onsraum, und Kommunikation wird hier
wahrhaft groß geschrieben, genauso wie
Bewegung – zumindest steht oben ein
Tischkicker und draußen im Garten ein
Beachvolleyballfeld. Es gibt unterschied-
lich tiefe Galerien mit Sitzgruppen und
eine Ecke mit Lounge-Charakter, Teekü-
che und Bistro – und immer den Blick in die
Geschosse der Arbeitsbereiche.
Nichts Geringeres als eine neue Arbeits-
Die offenen und welt sollten die Architekten hier schaffen.
transparenten Will heißen, dass alles andere als Normbü-
Arbeitsbereiche ros mit Normschreibtischen vom Bauherrn
werden durch gefordert wurde. Denn die Innovations-
gläserne Wand- sparte beim Softwarehersteller SAP arbei-
scheiben oder tet anders, flexibler, offener, unkonventio-
Möbel zoniert. neller, individueller, internationaler – wie

WEITER
70 Ideen 7

Oben: Rohbau- Die Räume werden


Ästhetik trifft auf häufig umgebaut
Seekiefer-Holzober- und sind mal mit
flächen und Tischen oder
grafisch-künstle- Tribünen besetzt.
risch ak zentuierte
Glaswände.
71
auch immer. Die Themen sind Künstliche ungestörten Telefonieren, für Zweierge-
Intelligenz, verbale Kommunikation mit spräche oder diskrete Mitarbeiterbespre- Der Ort
dem Computer, „Blockchain“ (gesicherte chungen.
Datenwege) und die Zukunft der Arbeits-
welt. In keinem Unternehmensbereich Architektonische Zuneigung
gibt es mehr Innovation, ständige Verän-
derungen, Booms und Rückschläge. Die Die Erzeugung einer ungezwungenen Ar-
160 meist sehr jungen IT-Spezialisten ar- beitsatmosphäre ist offenkundig gelun-
beiten hier auf interaktive Weise zusam- gen. Man spürt die den Mitarbeitern unter
men. anderem über die Architektur entgegen-
gebrachte Zuwendung – zum Beispiel
Flexible Strukturen durch die Materialwahl und die „Verede-
lung“ der Rohbauarchitektur, die zunächst
Was dazu nötig ist, sind ständig wechseln- mit Industriebaucharme auftritt. Doch der
de Teams, Arbeitsweisen und Kommuni- Sichtbeton zeigt exzellente Qualität. Hier
kationsformen. Das zeigt sich zum Beispiel und da gibt es schöne Seekiefer-Holz-
im Erdgeschoss, wo ein großer Raum häu- oberflächen, grafisch-künstlerisch ak-
fig umgebaut wird und mal mit Tischen zentuierte Glaswände, Teppichböden wo
oder Tribünen besetzt ist. Die Konferenz- nötig sowie bepflanzte Sideboards und
möbel und interaktiven Großbildschirme begrünte Wände. Auch für eine ausrei-
stehen auf Rollen, die Wände sind ver- chend gedämpfte Akustik ist Sorge getra-
schiebbare Tafeln, die sich beschriften gen. Die allgegenwärtigen diagonalen
lassen. So können Raumteile sehr schnell V-Stützen wurden vom Problem zum Aktiv-
abgetrennt werden und situationsbedingt posten. An den Unterseiten sind die Köpfe
neue Raumsituationen entstehen. Sicht- schonend gepolstert, in der V-Beuge lie-
beton, Estrichboden, Schienen- und Ins- gen Sitzkissen als Einladung, es sich mit
tallationssysteme erzeugen Werkstatt- dem Laptop auf dem Schoß bequem zu
charakter, nebenan gibt es zwei zusam- machen.
menschließbare „Garagen“, die als sepa-

F
rierte, mit dämpfendem Teppichboden
ausgestattete klassische Meeting Rooms
nutzbar sind. Im Untergeschoss stehen ein
Konferenzraum und ein Telepräsenzraum
mit Bildwänden zur Verfügung, in dem Lageplan
weltweite Videokonferenzen in High-End-
Bildqualität möglich sind. Dass die smar-
ten Digital Board Rooms aus der Zeit gefal-
lene, Potsdam-spezifische Bezeichnun-
gen wie „Orangerie“, „Sanssouci“ und
ast könnte man meinen, dass derartige
Angebote kontraproduktiv sind und sich
die Mitarbeiter durch die vielfältigen Zer-
S
„Marmorpalais“ tragen, wird wohl nur die-
jenigen überraschen, die noch nicht vom
Engagement des SAP-Chefs Hasso Platt-
ner für die Rekonstruktion des historischen
streuungsangebote – vom Café im Erdge-
schoss bis zu den Schaukelstühlen auf der
Dachterrasse – von der Arbeit abgelenkt
fühlen müssten. Doch heute weiß man,
A
Potsdams gehört haben.

Vielfalt der Kommunikation

Grundanliegen bei der Organisation und


dass sich in solchen Denkfabriken Effekti-
vität und Produktivität durch eine bewusst
erzeugte Atmosphäre und eine Mischung
aus Konzentration und Entspannung, Ab-
geschiedenheit und Kommunikation,
P
Das Innovation
Gestaltung der Räume war die Bereitstel- Ruhe und Anregung steigern lässt. Dazu Center 2.0 des Soft-
lung unterschiedlichster Interaktions- trägt diese Architektur ganz entscheidend ware-Weltmarktfüh-
möglichkeiten durch Architektur und Ge- bei. rers SAP steht im
räteausstattung. Dies gilt auch für den Norden Potsdams
Grad der Förmlichkeit – vom lockeren Pläne auf der und bildet eine
Meeting oder Skype-Gespräch bis zum folgenden Seite Erweiterung zum
hochoffiziellen Empfang. Dieses Ziel wird bestehenden Inno-
auch in den oberen Geschossen verfolgt. vationszentrum.
Die Flächen sind im Wesentlichen offen SAP-Chef Hasso
und transparent, Gruppenarbeitsberei- Plattner engagiert
che sind durch gläserne Wandscheiben sich auch in der
oder Möbel mehr zoniert als abgetrennt. Rekonstruktion des
Persönliche Büros oder permanent verge- historischen Pots-
bene Arbeitsplätze gibt es nicht, lediglich dam, zum Beispiel
Spindwände mit persönlichen Schließfä- mit dem um-
chern. In den Gebäudeecken liegen glä- strittenen Museum
serne Besprechungsräume, im Kernbe- Barberini.
reich gibt es kleine Kabinen, „Thinktanks“
genannt, zum konzentriert Nachdenken,
72 Ideen 7

M 1:5 0 0
Querschnitt

BAUHERR:
SAP SE

ARCHITEKTEN:
SCOPE Architekten

MITARBE ITE R:
Oliver Kettenhofen,
Mike Herud,
Andreas Witte,
Christine Ackermann,
Lachezar Hristov
und
Sophia Zouros

TRAGWERKS-
PLANER:
Gruninger + Schrüfer
Beratende
Ingenieure GmbH
3. Obergeschoss Erdgeschoss
LANDSCHAFTS-
ARCHITEKTEN:
Topotek 1

BAUPHYSIK:
GN Bauphysik

FERTIGSTELLUNG:
2016

STANDORT:
Konrad Zuse Ring 8,
Potsdam
M 1:5 0 0

1. Obergeschoss Untergeschoss
73

3
Fragen:
SEITE
74
Wie werden wir
künftig arbeiten?
SEITE
78
Wie sieht er
aus, der perfekte
Arbeitsplatz?
SEITE
84
Wer rettet
Hertzberger und
Eiermann?
74
Fragen 1 75

Wie
werden
wir
künftig
arbeiten

Eine Architektur, welche die Produktivprozesse


in den Unternehmen unterstützen will, muss
verstehen, wie die Arbeitswelt sich verändert.
Unser Chefredakteur, studierter Ökonom, hat
ILLUSTR ATION: ANDRÉ L A A ME / SE PIA

sich dazu ein paar Gedanken gemacht. Sechs


Thesen
76
Text: I. II. III.
Alexander Die Zeit der Selbsterfinder Gesucht: der kollaborative Komplexitätsmanagement
ist gekommen Stratege heißt Selbstmanagement
Gutzmer
Die Wirtschaft ist momentan „Kollaboration“ ist einer der Die Digitalisierung verändert
getrieben von der Idee des zentralen Begriffe der neuen unsere Art zu arbeiten. Der
Start-ups. Zum einen rütteln Ökonomie. Mitarbeiter müs- feste Arbeitsplatz ist nur mehr
junge Kleinstfirmen ganz real sen bereit sein, Wissen zu tei- eine Option. Und für viele Un-
Märkte und etablierte Anbie- len und über den eigenen ternehmen nicht mal mehr
ter auf, zum anderen versu- Ego-Schatten zu springen, um das: Sie haben den festen Ar-
chen große Unternehmen ih- gemeinsam mit anderen zu beitsplatz abgeschafft. Mitar-
rerseits, von Start-ups zu ler- starken Lösungen zu kom- beitern wird zunehmend zu-
nen und selber wie diese zu men. Das ist zumindest die getraut, selbst zu entschei-
agieren. Das bedeutet nicht Idee. Und die hat ja auch ei- den, wann und wo sie arbei-
zuletzt: Gegebene Markt- niges für sich. Aber: Kollabo- ten. Hauptsache, das
grenzen werden immer weni- ration darf kein Selbstzweck Ergebnis stimmt.
ger akzeptiert. Und Unterneh- sein. Grundlegende Strate- Ein guter, auch treffender An-
men aller Größe üben sich in giebrüche entstehen nicht al- satz. Aber: Zu allumfassender
der Praxis der permanenten lein durch gemütliches Ge- Zufriedenheit führt die totale
Neuerfindung. plauder in endlosen Pla- Flexibilität nicht. Vor allem
Genau dasselbe gilt für ihre nungsrunden, sondern – auch deshalb nicht, weil die per-
Mitarbeiter. Auch sie erfinden – dadurch, dass Innovatoren manente Erreichbarkeit als
sich ständig neu – teils freiwil- hin und wieder einfach mal Stressfaktor verstanden wird.
lig, teils getrieben durch die nachdenken. Allein. Ohne Markus Albers, einer der Vor-
Veränderungen in den Fir- Kommunikation. Der Autor denker des flexiblen Arbei-
menstrategien. Die neue stra- Duncan Simester machte sich tens, artikuliert in seinem ak-
tegische Volatilität bedeutet, kürzlich im Sloan Manage- tuellen Buch selbst ein gehö-
dass auch interne Prozesse ment Review genau dafür riges Stück digitale Fort-
und Kompetenzen von Unter- stark. Die „verlorene Kunst schrittsskepsis. Er schreibt von
nehmen eine stetige Neufas- des Denkens“ müsse wieder Zweifeln, die ihn zuletzt be-
sung erfahren. So, wie „wir die gestärkt werden, forderte er. schlichen haben, und davon,
Sachen gestern gemacht ha- Und das stimmt. Kollaborati- dass „die Menschen nicht
ben“, interessiert heute im on ist gut – wenn sie individu- selbstbestimmter und glückli-
Zweifel niemanden mehr. elle Denkprozesse ergänzt cher sind, sondern gestress-
Immer mehr Mitarbeiter emp- und weitertreibt. ter, getriebener ... und ir-
finden dies nicht als Belas- gendwie: erschöpfter“. Die
tung, sondern als reizvolle Frage ist nur: Was heißt das?
Herausforderung. Sie wollen Meine These: Ein Zurück zu
sich geradezu kontinuierlich vordigitalen Arbeitsweisen
neu erfinden und mit neuen wird es nicht geben. Und hin-
Aufgaben und Kreativheraus- ter der digitalen Erschöpfung,
forderungen konfrontiert wer- die häufig beklagt wird,
den. Außerdem empfinden steckt auch ein Stück ent-
sie es als spannend, Eindrü- täuschte Naivität. Natürlich
cke, die sie in ihrer Freizeit ist die digitale Arbeitswelt
machen, mit dem zu kombi- kein Produktivhimmel ent-
nieren, was sie im Unterneh- spannter Kreativsessions im
men umtreibt. Ein Beispiel: Café. Wir leben in einer Wett-
Eine Mitarbeiterin lernt in ei- bewerbsgesellschaft, und
nem sozialen Netzwerk eine das bedeutet: Es herrscht
andere Art zu kommunizieren Druck, und es herrschen klare
kennen. Sie wird sich dann Erwartungen an einzelne Mit-
fragen: Was heißt das für arbeiter. Auch Hierarchien
mich im Job? Ein agiles Unter- sind kein Ding der Vergan-
nehmen bietet ihr die Chan- genheit.
ce, hieraus eine eigene Pro- Und doch hat sich etwas ge-
zess- oder sogar Produktinno- ändert. Die Ergebnisorientie-
vation zu entwickeln. Dieses rung bietet ergebnisorientiert
Unternehmen ist adaptiv ge- handelnden Mitarbeitern
nug, seine Mitarbeiter nicht nämlich wirklich neue Frei-
als strukturell festgelegte Ein- heiten. Traditionsrelikte wie
heiten zu verstehen, sondern Stechuhren gehören zu Recht
als wandlungsfähig und der Vergangenheit an. Nur
wandlungszentriert. müssen die Mitarbeiter mit
der neuen Freiheit auch um-
gehen können.
Fragen 1 77
IV. V. VI.
Das heißt auch: einen souve- Recruitment ist immer Ein neuer Generationen- Arbeit wird (wieder)
ränen Umgang mit neuen und überall vertrag wird gebraucht körperlich
Kommunikationswegen und
Produktivtools erlernen. Ge- Wir kennen die Klage: „Die Auch wenn es gewerkschaft- Einer der größten Irrtümer
rade Letzteres ist elementar. jungen Leute“ von heute, die lich orientierte Traditionalis- über die Digitalisierung ist
Wir alle müssen verstehen ler- Generation Y oder die Millen- ten nicht mögen: Wir werden der, ihr eine Entkörperlichung
nen, wie wir die sich bieten- nials, haben keine Loyalität künftig wieder länger arbei- der Arbeit zuzuschreiben. Das
den Tools in eine – weiter er- mehr gegenüber ihrem Ar- ten. Die Rente mit Anfang 60 Gegenteil ist der Fall: Durch
gebnisorientierte – individu- beitgeber. Derlei bejammer- ist ein Auslaufmodell. Das be- die digitale Durchdringung
elle Produktivkultur einbet- ten Manager vor 50 Jahren deutet: In den Unternehmen unserer Tätigkeit werden wir
ten. Und das heißt dann eben: vermutlich auch. Doch in der von morgen prallen verschie- räumlich flexibler. Und damit
Wir müssen uns selbst, unse- Tat ist die Lage heikler gewor- dene Generationen aufein- spielt der Ort, an dem wir je-
ren Arbeitsoutput und die Er- den: Im Zuge der digitalen ander. Zugleich sind die Un- weils arbeiten, eine zentrale-
wartungen unserer Vorge- Dauervernetzung haben terschiede in den Werteprofi- re Rolle. Bezogen auf Städte
setzten bewusst und strate- Menschen – und Unterneh- len zwischen den Generatio- als Ganzes wird dies unter der
gisch managen. Parallel dazu men – eine Visibilität, die jene nen größer als früher, was Headline der „Smart City“
müssen wir uns selbst und an- früherer Tage übersteigt. Klar, auch mit dem jeweils unter- diskutiert. Für die Arbeitswelt
deren immer wieder bewusst dass dabei auch das Thema schiedlichen Mediennut- gilt entsprechend: Das physi-
vermitteln, dass wir zu genau möglicher Jobwechsel eine zungsverhalten zu tun hat. sche Umfeld, an dem wir ar-
diesem Management auch Rolle spielt. Um von guten Beides zusammen bedeutet: beiten, ist wichtig. Es braucht
tatsächlich in der Lage sind. Jobs zu erfahren, muss heute In Unternehmen steht das Räume, die uns mit den nöti-
Ein Mitarbeiter, der die Kom- niemand mehr Stellenanzei- Management der Beziehun- gen Informationen versehen,
plexität heutiger unterneh- gen lesen oder mit Headhun- gen unterschiedlicher Gene- aber auch der jeweils kon-
merischer Produktivprozesse tern sprechen. Es genügt eine rationen zueinander auf der kreten Arbeitssituation ange-
versteht, hat die Chance, sich zielgerichtete Kommunikati- Tagesordnung. Ein neuer Ver- messen sind. Das oben er-
selbst zu diesen bewusst zu on über soziale Medien. trag zum Austausch zwischen wähnte strategische Denken
positionieren. In diesem Sin- Unternehmen müssen sich den Generationen muss her. bringt komplett andere räum-
ne leben wir wirklich in einer dessen bewusst sein. Das Diesen fordern auch Jeanne liche Notwendigkeiten mit
neuen Zeit der Selbstbestim- heißt aber nicht, dass sie ihre C. Meister und Karie Willyerd sich als unterschiedliche For-
mung. Mitarbeiter von sozialen Ka- in ihrem Buch „The 2020 men der Kollaboration.
nälen abkapseln sollten. Eher Workplace“ ein. Die Autorin- Aber auch diese sind für sich
ein Treppenwitz sind mir be- nen arbeiten heraus, wie das genommen alles andere als
kannte Versuche aus Ener- Aufeinanderprallen unter- trivial. Was wollen wir in kolla-
giekonzernen, ihren Mitarbei- schiedlicher Generationen borativen Arbeitssituationen
tern den Zugang zu ihren (von Traditionalisten über sehen, welche körperlichen
Mailanbietern zu sperren. Das Baby Boomers bis zu den Mil- Dispositionen und Bewe-
ist albern. Nein, Unternehmen lennials) produktiv gestaltet gungsmuster passen zur je-
müssen selber eine Präsenz in werden kann. Klar ist: Jede weiligen Fragestellung und
den sozialen Medien entwi- Generation erwartet, dass sie zum Unternehmen? Welche
ckeln, die sie als attraktiven ihre Werte im Unternehmen visuellen oder sonstigen
Arbeitgeber ausweist und die wiederfindet, idealerweise räumlichen Bezüge zu ande-
sie zugleich verstehen lässt, sogar räumlich/architekto- ren Abteilungen helfen? All
welche Themen die High Po- nisch verankert. Nicht leicht, dies sind Fragen, die Archi-
tentials im Netz gerade um- aber ein lohnendes Unterfan- tekten und Innenarchitekten,
treiben. Werden etwa be- gen, wenn man Meister und gemeinsam mit ihren Bauher-
stimmte Standorte auf sozia- Willyerd glaubt. ren, beantworten müssen.
len Plattformen kritisch disku- Denn mit einer bewussten
tiert, so ist ein Unternehmen Gestaltung des körperlich-
gut beraten, dies nicht zu ig- räumlichen Umfeldes in Un-
norieren. Darüber hinaus gilt ternehmen ergeben sich
Quellen: auch: Nicht nur Mitarbeitern neue Produktivzonen. So stei-
Albers, M. 2017: Digitale
bietet die Digitalisierung eine gen Motivation und kreativer
Erschöpfung. München: neue Flexibilität, sondern Output.
Hanser
auch den Unternehmen sel-
Meister, J. C. und ber. Im Netz finden auch sie
Willyerd, K. 2010: potenziell ständig gute Leute.
The 2020 Workplace:
How Innovative Compa- Sie müssen nur die entspre-
nies Attract, Develop, chenden Kontaktplattformen
and Keep Tomorrow’s
Employees Today.
aufbauen.
New York: Harper
Collins

Simester, D. 2016:
The Lost Art of Thinking
in Large Organizations.
In: MIT Sloan Manage-
ment Review 57.4
78 Fragen 2

Wie
sieht er aus,
der
perfekte
Arbeitsplatz

Schon seit langem versuchen Architekten und


Bauherren, dem Wandel der Arbeitswelt zu
entsprechen. Daraus resultieren Gebäude, die
jeweils den Geist ihrer Zeit widerspiegeln.
Eine Rück- und Vorausschau in die Entwicklung
der Büroarchitektur
79
Text: Positionierung der „Chefeta-
ge“ im für alle Mitarbeiter
einsehbaren Atrium im Erd-
Tanja Remke geschoss des Gebäudes ver-
mittelte gelebte Offenheit
und Transparenz. All dies wa-
ren letztendlich Maßnahmen,
die den Unternehmenserfolg
sichern sollten. Faktisch je-
doch beschritt hier erstmals
ein Unternehmen einen für
seine Zeit als mitarbeiterori-
entiert und kooperativ zu be-
schreibenden Weg – und be-
anspruchte dafür eben jenen
Satz „Factory to family“. Das
Es hat sich viel getan in der Gebäude war damit rich-
Arbeitswelt. Rutschen führen tungsweisend für die weiteren
zielsicher von Geschoss zu Das Larkin Administration Building von Frank Lloyd Wright Entwicklungen in der Büroar-
Geschoss, mobile Devices er- chitektur.
lauben die freie Wahl vielfäl-
tig gestalteter Arbeitsorte, die lers vermittelt werden. beitsteiligen Bearbeitung Deep Plan
Defokussierung durch die Dabei ging es aber um eine durchliefen Bestellungen das
Selbsorganisation der Mit- weitaus grundlegendere Aus- gesamte Gebäude. Die Qua- Vielleicht als Fortsetzung des
tagspause ist abgeschafft, sage: Im Jahre 1875 zunächst litäten des Gebäudes gingen eigenen, noch sehr rigiden
weil frisch gekochtes Essen als kleine Seifenfabrik in Buf- jedoch weit über die strenge Entwurfs des Larkin Administ-
rund um die Uhr und kosten- falo, New York, gegründet, bauliche Umsetzung des ration Building baute Wright
frei zur Verfügung steht. wuchs das Unternehmen Lar- schon damals schnell kritisch 1939 das Johnson Wax Admi-
All dies ist Ausdruck der so- kin im Zuge der Industrialisie- betrachteten Taylorismus hin- nistration Building in Racine,
genannten „neuen Arbeits- rung rasant zu einem Ver- aus. Tageslichtversorgung, Wisconsin. Aus den zwiespäl-
welt“ und ihrer Konzepte. Ac- sandhandel mit über 4000 Frischluftzufuhr (eines der ers- tigen Erfahrungen des Taylo-
tivity Based Working, Cam- Angestellten an. Das drin- ten Gebäude mit einer frühen rismus heraus hatte sich eine
pus- oder Open Plan Office gend benötigte Verwaltungs- Form der Klimaanlage) und neue gesellschaftliche Sensi-
sind nur einige Begriffsbei- gebäude baute kein gerin- akustische Maßnahmen zeu- bilität für die Mitarbeiter-
spiele, die den Wandel der gerer als Frank Lloyd Wright gen von einer für diese Zeit schaft entwickelt. Es war ein
Arbeitswelt und die dazuge- im Jahr 1906. Bis heute gilt außergewöhnlichen Raum- weniger hierarchischer, et-
hörigen Innovationen in Pro- das „Larkin Administration qualität, Nutzungsangebote was flexiblerer und partizipa-
zess und Produkt transportie- Building“ als Meilenstein der wie Mitarbeiterrestaurant, Bi- tiver Managementstil ent-
ren. Fakt ist, dass die Arbeits- Büroarchitektur zur Zeit der bliothek, Lounge oder Dach- standen, auf den auch der In-
welt aktuell durch Globalisie- Industrialisierung: Mitarbeiter gärten von einer neuen Wert- haber des Unternehmens,
rung und Digitalisierung saßen dort fließbandgleich schätzung und Orientierung H. F. Johnson Jr., setzte. Der
einen grundlegenden Verän- an langen Tischreihen, zur ar- hin zur Mitarbeiterschaft. Die Mensch rückte dabei in den
derungsprozess erfährt. Aber
stimmt es auch, dass dieser
Wandel in seiner Intensität so
neu und einzigartig ist, wie es
vielfach vermittelt wird? Zur
Einordnung der Situation
lohnt sich ein Blick in die Ge-
schichte der Büroarchitektur.

Factory to family

„Factory to family“ – dieser


Claim scheint auf viele aktu-
elle Büroarchitekturen zu
passen, von Facebook in Ka-
lifornien bis hin zu Sound-
cloud in Berlin. Tatsächlich
aber ziert er das Cover von
FOTOS: © E ZR A STOLLE R /E STO

„The Larkin Plan“, einem Ver-


sandkatalog der Larkin Com-
pany aus dem Jahre 1917.
Dem Kunden sollte mit die-
sem Anspruch die familien-
orientierte Vielseitigkeit im
Angebot des Versandhänd- Das Connecticut General Life Insurance Building von SOM

WEITER
80 Fragen 2
Mittelpunkt der Betrachtun- damit endgültig für die Loslö- enthaltsqualität des campus-
gen, und als Loslösung vom sung des Arbeitsplatzes von ähnlichen Geländes bedeut-
bisherigen, starr linearen Sys- der Fassade. Teppich als Ver- sam. Was im Larkin Administ-
tem entwickelte Wright die legeware und erste System- ration Building in Ansätzen
Idee des „Deep Plans“, eines möbel halfen dabei, die vorhanden war, setzte sich
großen, offenen und somit Raumakustik und Zonierung hier fort: Pools, Bars, Tischten-
flexibel nutzbaren Büroraums. dieser tiefen Büroflächen in nis, Bücherei, Wäscherei,
Seine naturbezogen und den Griff zu bekommen. Bowling, Tennis, Cafeteria,
emotional vielfach als „Wald- Kurse für Fremdsprachen, Sin-
lichtung“ mit „pilzähnlichen“ Rasterarchitektur gen oder Autoreparaturen
Stützen beschriebene, intro- dienten zum einen der Mitar-
vertierte Gestaltung setzte Das Connecticut General Life beitermotivation, zum ande-
die neuen Anforderungen Insurance Building von 1957 ren der Attraktivität des Ar-
und veränderten Sichtweisen zeigt dieses Zusammenspiel beitgebers auf dem Land.
nicht nur funktional, sondern meisterhaft. SOM hatten hier Das Action Office von
auch motivisch-thematisch das Rastermaß der abge- Kampf dem Chefbüro George Nelson
um. In der Folge rückte der hängten Decke als Grundmo-
Team-Gedanke in den Fokus dul zugrunde gelegt. Danach Auch in Europa dachte man
von Unternehmen und Wis- richteten sich alle weiteren in der Nachkriegszeit zuneh- zeit. Die große, flexibel orga-
senschaft: Teamarbeit wurde Elemente – vom Schreibtisch mend über Arbeitsräume nisierte und frei gestaltbare
als mögliches Modell unter- über den Stauraum bis zur nach. Zur Optimierung der Bürofläche stellte somit einen
sucht, um der fehlenden Mit- Trennwand und der Anord- Arbeitsabläufe in den sich Paradigmenwechsel dar,
arbeitermotivation und der nung ganzer Teams, die in manifestierenden Strukturen räumliche Anpassungen auf
Strenge der Fließbandkon- diesem typischen Gebäude des Deep Plans analysierten veränderte Arbeitsprozesse
zeption entgegenzuwirken. des Deep Plan flexibel grup- die Organisationsberater des konnten nun erstmals aus-
Flexible, rekonfigurierbare piert werden konnten. Quickborner Teams (QT) den schließlich durch die Einrich-
tung abgebildet werden.
Das Quickborner Team war
konsequent in seinem Tun. Im
Kampf um die optimale Büro-
optimierung kratzten sie
auch am Tabu des Einzel- und
Chefbüros, da es der Verkür-
zung der Bearbeitungszeiten
nicht zuträglich ist. Ein weg-
weisendes Beispiel für die so-
genannte „Bürolandschaft“
ist die Osram Hauptverwal-
tung in München von Walter
Henn aus dem Jahr 1962. Der

FOTOS: OBE N RECHTS: © VITR A DE SIGN MUSE UM , NACHL ASS GEORGE NE L SON; UNTE N LINKS: HE INRICH HE IDE RSBE RGE R
im Deep Plan immanente Au-
ßenraumentzug führte in die-
ser Zeit auch zu einer neuen
Fokussierung auf den Arbeits-
platz und das Möbel als Be-
zugseinheit.
Aus dieser Erkenntnis heraus
entwarf George Nelson, seit
1946 Chefdesigner bei Her-
man Miller, das „Action Of-
fice“. Aus verschiedenen,
modulartigen Elementen be-
Die Osram-Hauptverwaltung von Henn Architekten stehend, konnte es frei zu-
sammengestellt und der Ar-
beitssituation entsprechend
Arbeitsgruppen lösten das li- Um ein derart durchdachtes, Papierfluss im Büro. Das Er- angepasst werden. Von 1964
neare Büro des Taylorismus integriertes Design erreichen gebnis war eine grafische an hergestellt, war es zwar re-
ab. Auch die technischen In- zu können, musste sich auch Darstellung der Prozessab- volutionär in Konzept und Wir-
novationen dieser Jahre be- der Planungsprozess ändern: läufe im individuellen Büro- kung, wurde aber 1971 auf-
einflussten die Entwicklung Erstmals bestand das Pla- betrieb, die räumlich umge- grund geringer Verkaufszah-
der Büroarchitektur: Leucht- nungsteam nicht nur aus Ar- setzt wurde: kleine, leichte len wieder eingestellt.
stofflampen, Klimaanlagen- chitekten und Fachplanern, Schreibtische, die organisch Robert Probst entwarf daher
technik und abgehängte De- sondern wurde auch um In- anhand des Papierflusses an- 1968 das ökonomischere
cken erlaubten erstmals eine nenarchitekten und Organi- geordnet wurden, verkürzte „Action Office II“, welches
flexible Versorgung von Licht, sationsberater erweitert. Laufwege und eine daraus die Module an freistehende
Luft und Strom über ganze Bü- Neben dieser konsequenten resultierende, deutliche Ein- und beliebig konfigurierbare
roflächen hinweg und sorgten Gestaltung ist auch die Auf- sparung der Bearbeitungs- Wände koppelte. Das System
81
eignete sich hervorragend
zur flexiblen Organisation der
Bürolandschaften in Groß-
raumbüros und war enorm
erfolgreich.
Schnell wurde aus dem Ac-
tion Office eine Box – allein
40 Millionen Angestellte in
Amerika arbeiteten bis 1998
im sogenannten „Cubicle“.
Es ist bis heute ein mit extrem
negativen Assoziationen und
Beispielen belegtes Synonym
für Büroarbeit und wird leider
nur noch selten mit dem fort-
schrittlichen, flexiblen und
offenen Konzept assoziiert,
als das es eigentlich gedacht
war.

Generisch und individuell

Die kritischere Einstellung der


Europäer zu Arbeit und Raum
verhinderten den Erfolg des
Cubicle in Europa. Die strik- Das Action Office aus einer Herman-Miller-Broschüre von 1974
ten Regularien führten hier zu
innovativeren und humane-
ren Lösungen. Den, um diese alisierungsmöglichkeiten für ration. Erste Ansätze dazu er-
Zeit entstandenen „Struktura- seine Nutzer. Als deutliches probte Frank Gehry 1991 im
lismus“, der den Menschen, Signal der Wertschätzung ge- Chiat/Day Building (Binocu-
seine Bedürfnisse und Maß- genüber dem Einzelnen wur- lars Building). Bekannt ist das
haltigkeiten in den Mittel- den die Mitarbeiter zur Ge- Gebäude durch die postmo-
punkt stellte, beschreibt sein staltung ihres Arbeitsplatzes derne Kunstwerk-Fassade
wohl berühmtester Vertreter mit eigenen Bildern, Pflanzen von Claes Oldenburg und
Herman Hertzberger mit dem und Dekorationselementen Coosje van Bruggen. Doch
FOTOS: OBE N: © VITR A DE SIGN MUSE UM , NACHL ASS GEORGE NE L SON; M IT TE RECHTS: WILLE M DIE PR A A M UNTE N: BILL L AI, GE T T Y IM AGE S

Gestaltungsanspruch „des animiert. die Gründer der Werbeagen-


Gefühls, Teil einer Arbeitsge- tur Chiat/Day aus Los Angeles
meinschaft zu sein, ohne in Die Auflösung der Struktur erfanden hier zugleich das
der Menge verloren zu ge- „Virtual Office“, ein Konzept
hen“. Mit dem Computer veränder- des produktiven Nomaden-
Mit seinem „Centraal Beheer te sich diese Arbeitswelt dann tums. Allerdings war dieses
Building“ (Seite 84) von 1972 erneut – und zwar deutlich. seiner Zeit voraus und daher
setzte Hertzberger diesen An- Das Internet und die Entwick- wenig erfolgreich.
spruch auf eindrucksvolle lung mobiler Geräte machten 1997 folgte die Weiterent- Das Centraal Beheer-Gebäude
Weise um. Das Gebäude bie- den Arbeitsplatz unabhängig wicklung von Clive Wilkinson von Herman Hertzberger
tet eine offene, großmaß- von Ort und Zeit. Büroarchi- Architects an einem neuen
stäbliche Struktur und gleich- tekturen wurden zu Orten der Standort. Die Architekten ver-
zeitig Privatheit und Individu- Kommunikation und Koope- folgten dort das Konzept des im Gebäudeinnern fortzuset-
„Advertising Village“. Gleich zen. Dadurch wurde der klas-
einer Stadt reihten sich ver- sische Arbeitsplatz gegen frei
schiedene Lounges, Cafés, wählbare und vielfältig ge-
Büros oder Besprechungsräu- staltete Szenarien einge-
me entlang der „Main Street“ tauscht. Je nach Arbeitsauf-
auf – es dominierten dort klar gabe und Teamgröße stan-
die Orte für Zusammentref- den introvertierte, abge-
fen, Kommunikation und Ko- schottete oder offene,
operation. Arbeitsplätze wa- kommunikationsorientierte
ren auch vorhanden, traten Bereiche zur Verfügung.
aber in den Hintergrund.
Nahezu zeitgleich zu TBWA/ Das Ende der Freizeit
Chiat/Day entstand in den
Niederlanden das Konzept Und heute? Die bekanntesten
des „Activity Based Working“. und inzwischen zum Synonym
Erik Veldhoen entwickelte für die neue Arbeitswelt ge-
dort die Idee, den Trend des wordenen Beispiele sind wohl
Action Office in der späteren Anwendung: das Cubicle multilokalen Arbeitens auch die Google Offices (Seite 50).

WEITER
82
In ausgewogener Balance durchaus ernst. Mit der Mani-
von starker Unternehmensi- festation dieses inzwischen
dentität und jeweiligem Regi- globalen Verständnisses von
onsbezug entstehen Büroar- „neuer Arbeitswelt“ entste-
chitekturen mit spielerischer, hen in großer Geschwindig-
zumeist bunter und extremer keit neue Büroformen. Nach-
Gestaltsprache. Sie richtet dem die Nachteile des von
sich klar an ihrer Zielgruppe vielen beschworenen Home-
aus: junge, gut ausgebildete office deutlich geworden
Mitarbeiter, oft direkt von der sind, entstehen seit dem
Universität kommend. Für sie Jahrhundertwechsel soge-
wird auch bei Google das nannte „Third Places“, Orte
Konzept eines umfassenden der Wissensarbeit neben Büro
Nutzungsangebots verfolgt: und Homeoffice. „Coworking
Neben dezentralen „Micro- Spaces“ werden überall er-
kitchens“ mit kostenfreiem öffnet ( Seite 20 und S. 38), in
Essen sind Sportangebote, Kombination mit „Maker
gesundheitsfördernde und Google Office in Tel Aviv von Camenzind Evolution Spaces“ kann Erdachtes
zum Alltag benötigte Funktio- gleich prototypisch produ-
nen Teil der Bürowelt: So sol- ziert werden.
len Kommunikation und Moti- ten Fabrikgebäude mit dem men. Die neue Hauptverwal- In Deutschland stand das
vation der Mitarbeiter in einer Konzept des Activity Based tung der Sparkasse LeerWitt- „Beta-Haus“ im Jahr 2009 am
hart umkämpften Branche Working und einem Werk- mund zeigt sich jüngst mit Anfang dieser Entwicklung.
gesteigert, aber auch deren stattcharakter eine neue vielfältigen Raumangeboten Aber: All dies betrachtet noch
Effektivität erhöht werden. Identität. und einem gemeinsamen vor allem den statischen Ort
Auch in Deutschland setzt Aber nicht nur aufstrebende Schreibtisch für alle drei Vor- der Arbeit. Für eine qualitati-
sich dieser Trend mehr und Unternehmen der New Eco- stände. Man meint das Vor- ve Gesamtbetrachtung müs-
mehr durch. 2014 eröffnet nomy bedienen sich dieser haben, den Standort in der sen jedoch auch temporär
„Soundcloud“ in Berlin (Seite Methoden, längst ist die Ent- strukturschwächeren Gegend wählbare Arbeitsplätze mit in
14). Dort gaben die Innenar- wicklung auch in der Mitte Ostfrieslands auf diese Weise die Betrachtung einbezogen
chitekten von Kinzo einem al- der Gesellschaft angekom- perspektivisch zu gestalten, werden: Arbeiten in Cafés,

FOTOS: OBE N: BOBAK HA‘E RI CC-BY-SA-3.0; UNTE N: ITAY SIKOL SKI FÜR EVOLUTION DE SIGN

Das Chiat/Day Building von Frank Gehry


Fragen 2 83
Flughäfen, Zügen oder ähnli-
chen Beispielen des Transits
bildet die konsequente Fort-
setzung einer flexiblen und
multilokalen Arbeitsweise –
man füllt sinnvoll die Zeit, die
zum Pendeln zwischen den
statischen Orten (noch) be-
nötigt wird.

Fragen und Antworten

Auch wenn sich die zukünfti-


ge Entwicklung der Arbeits-
welt durch eine retrospektive
Betrachtung allein nicht ab-
leiten lässt, so kann sie doch
einen Beitrag zur Einordnung
der Gegenwart leisten. Be-
reits 100 Jahre vor der heuti-
gen Digitalisierung lässt die
Industrialisierung, als ähnlich
dramatische Veränderungs-
welle, aus einem Seifenpro-
duzenten einen Versandrie-
sen, vergleichbar mit Ama- Soundcloud in Berlin von Kinzo
zon, werden. Die mit der Posi-
tionierung des Chefarbeits-
platzes inmitten des Teams 1939. Auch „Caring Compa- cut General Life Insurance ist die Motivation vergleich-
gelebte Abbildung flacher nies“, also Unternehmen mit Building bereits in den bar: Der Teamgedanke soll
Hierarchien findet ihren einem erweiterten Raum- und 1950er-Jahren das heute weit gestärkt werden, kreativ und
räumlichen Ursprung im Lar- Nutzungsangebot, sind kein verbreitete Campus-Konzept lang arbeitenden Mitarbei-
kin Administration Building. reines Produkt unserer Zeit. finden. Mit den TBWA/Chiat/ tern wird auf diese Weise
Das Großraumbüro in seiner Von der vergleichbaren Her- Day-Gebäuden wird in den Wertschätzung entgegenge-
heutigen, kooperativ ge- ausforderung angetrieben, 1990er-Jahren die konzeptio- bracht.
meinten Form findet seinen gute Mitarbeiter langfristig an nell-gestalterische Basis für Wir sehen: Der aktuelle Wan-
Vorläufer im Johnson Wax das Unternehmen zu binden, die gegenwärtigen Büroar- del der Arbeitswelt hat einen
Administration Building von lässt sich mit dem Connecti- chitekturen gelegt. Auch hier breiten, auch historischen
Kontext. Immer wieder hat es
in der Arbeitswelt vergleich-
bare Phasen des Wandels ge-
geben. Und immer hat die Ar-
chitektur, durchaus auch er-
folgreich, Antworten darauf
gefunden.
FOTOS: OBE N: WE RNE R HUTHM ACHE R: UNTE N: ANDREAS ME ICHSNE R (PAR AT BILDE R)

Das Betahaus in Hamburg von Büro Parat


84
Eigentlich haben sie nicht viel
Wer rettet gemeinsam, das ehemalige
Verwaltungsgebäude der
Hertzberger Centraal Beheer Versicherun-
gen im niederländischen
und Eiermann Apeldoorn und die ehemali-
ge IBM Hauptverwaltung in
Stuttgart-Vaihingen. Klar, bei-
des sind Bürogebäude, doch

? damit enden zunächst mal


die Gemeinsamkeiten. Das
Centraal Beheer steht stell-
vertretend für die Strömung
des Strukturalismus, eine Be-
Zwei Ikonen der wegung, die den Mensch als
Maß aller Dinge in den Mittel-
Nachkriegsarchi- punkt stellte und eine dem-
entsprechend kleinteilige

tektur stehen und partizipative Struktur in


ein großes Ganzes überführ-

momentan leer – te. Das Andere repräsentiert


die großmaßstäblichen Ver-
waltungsbauten eines inter-
das Centraal Beheer- nationalen Konzerns mit ei-
nem seinerzeit hohen archi-
Verwaltungsge- tektonischen Anspruch an
sich selbst.
bäude von Herman Nutzerwechsel: jeweils null

Hertzberger und Aber: Auf den zweiten Blick


könnten diese Architekturen
die IBM-Hauptver- vergleichbarer kaum sein.
Beide Gebäude sind wichtige
waltung von Egon Meilensteine der Büroarchi-
tektur. Beide wurden von re-
Eiermann. Es scheint nommierten Architekten er-
richtet – das Centraal Beheer
so, als passten beide von Herman Hertzberger als
bekanntestem Vertreter des

Architekturen nicht Strukturalismus, die IBM-


Hauptverwaltung von Egon
Eiermann, einem der wich-
mehr in unsere Zeit. tigsten deutschen Architek-
ten der Nachkriegszeit. Sogar
Aber stimmt das das Baujahr ist identisch:
1972. Nie hat es einen Nutzer-
wirklich? Unsere wechsel gegeben, über viele
Jahrzehnte hinweg wurden

Autorin fordert mehr beide Bauten durchgängig


betrieben.

Mut von den mög- Und nun – stehen beide leer.


Beide Unternehmen zogen
vor einigen Jahren in jeweils
lichen Nachnutzern. nicht weit entfernte Neubau-
ten. Die seitdem erfolglos
verlaufene Suche nach einer
neuen Nutzung muss als Di-
Text: lemma beschrieben werden:
Investorenübernahmen, er-

Tanja Remke folglose Vermarktungsversu-


FOTO: WILLE M DIE PR A A M

che, Insolvenzen, Verfall der


Bausubstanz bis hin zum An-
Vielschichtige trag auf Abriss des IBM-Ge-
Räume: Das bäudes im Jahr 2013 – die Lis-
Centraal Beheer von te der gescheiterten Ansätze
Herman Hertzberger ist lang. Aktuell wird eine

WEITER
Fragen
3

Centraal Beheer von Herman Hertzberger


85
86 Fragen 3
Wohnnutzung für das Centra-
al Beheer geplant und mit
dem „Garden Campus Vai-
hingen“ die Entwicklung des
IBM-Areals zu einem nach-
verdichteten Quartier disku-
tiert.
Aber was macht eine
Nachnutzung dieser Gebäu-
de so schwierig? Sind es der
Respekt oder die Ehrfurcht
vor der Bedeutsamkeit der
Gebäude? Ist es der Denk-
malschutz und damit das Auf-
einandertreffen unterschied-
lichster Interessen bei einem
nicht unerheblichen Investiti-
onsvolumen? Oder einfach
eine unternehmensspezifi-
sche Planung, die nur schwer
generalisierbar ist? Die
schnelle Antwort lautet: von
allem etwas.

Haus? Siedlung? Beides?!

Schauen wir mal etwas ge-


nauer hin: Als das Centraal
Beheer 1972 eröffnet wurde,
war es ein Paradebeispiel des
Strukturalismus. Hier konnte
Herman Hertzberger seine ar-
chitektonische Idee zum ers-
ten Mal konsequent umset-
zen. Städtebaulich gesehen
scheint es eher Teil einer
Stadt oder einer Siedlung als
ein Gebäude zu sein.
Kern des Entwurfs sind quad-
ratische, neun mal neun Me-
ter messende Grundmodule,
von denen 56 Stück gebaut
wurden. Sie sind so angeord-
net, dass eine offene Kontur
entsteht, die jederzeit erwei-
terbar ist. Im Inneren setzt
sich diese freie Struktur fort.
Eine Aufteilung der Grund-

FOTOS: OBE N: AE RO CARTO - KL M SCHIPHOL-AVIODROME; HE R M AN HE RT ZBE RGE R


module in je vier Unterseg-
mente von drei mal drei Me-
tern führt zu einer Rasterung
des Gebäudes, die in der
Lage ist, alle benötigten
Funktionen aufzunehmen. Ei-
ner Dorfstruktur gleich, liegen
Oben: Ein Parade- Eine Entwurfsskizze im Zentrum des Gebäudes
beispiel des Struk- von Herman Hertz- die zentralen, passageähnli-
turalismus: das berger mit den chen Verbindungsachsen in
Centraal Beheer von zentralen Verbin- Form von fünfgeschossigen
Herman Hertzberger dungsachsen Türmen mit angrenzenden
Gemeinschaftsflächen. Die
Büroflächen befinden sich
hingegen in den nach außen
auf drei Geschosse abfla-
chenden Bereichen. So ent-
steht ein nahezu archaischer
Gebäudecharakter mit einer

WEITER
87
Die Grundidee für das Ge- veränderten Nutzungsprofi- kein Kunstwerk sein, an dem
Über die bäude der Centraal-Beheer- len gerecht werden. Das Ge- keine Veränderungen vorge-
Versicherung besteht darin, bäude ist als ein geordnetes nommen werden dürfen, son-
Zukunft des ein Raummodul von 9 x 9 Me- Gebilde gedacht, dessen dern eine Struktur, die unter-
tern als Basiskomponente Grundstruktur aus einer im schiedliche Inhalte aufneh-
Centraal stetig zu wiederholen. Die
Größe bemisst sich daran,
gesamten Komplex weitge-
hend unveränderlichen Zone
men kann, ohne jedoch ihr
eigenes Prinzip aufzugeben.
Beheer alle Komponenten des Pro-
gramms in einem Modul un-
besteht und einer dazu kom-
plementären variablen und
Angesichts der konstitutio-
nellen Offenheit des Entwurfs
terzubringen. Die Raummo- interpretierbaren Zone. Die für Veränderungen sind die
dule haben zwar eine cha- Grundstruktur trägt gewisser- jüngsten Vorschläge zum Um-
rakteristische Form, sind aber maßen den Gebäudekom- bau keineswegs unpassend.
nicht an bestimmte Funktio- plex in seiner Gesamtheit. Transformationen gehören zu
nen gebunden und daher va- Seitdem die Versicherungs- einem Gebäude grundsätz-
riabel interpretier- und nutz- gesellschaft Achmea aus lich dazu, eine Bewahrung
bar. Die Geschosse sind als dem Gebäude ausgezogen des ursprünglichen Zustands
„Inseln“ artikuliert, die über ist, beschäftigen wir uns mit nach Fertigstellung, wie sie
verschiedene, als Brücken Studien für eine multifunktio- vielleicht bei einem Kunst-
fungierende Elemente mitei- nale Nutzung, mit dem werk möglich ist, wäre in un-
nander verbunden und von Schwerpunkt Wohnraum. Da- seren Augen unangemessen.
offenen Räumen (Hohlräu- bei ist eine Ausrichtung auf Solange die Grundstruktur
Ein Vorschlag von men) umgeben sind. Insge- das Thema Nachhaltigkeit gewahrt bleibt, kann das Ge-
Herman samt weist der Komplex eine sehr wichtig. Da es vor allem bäude je nach wechselnden
Hertzberger durchbrochene Struktur auf, Raumbedarf für Bildungsein- Anforderungen neu ausge-
dessen verschiedene Ebenen richtungen und Wohnungen staltet werden. Neben der
räumlich miteinander ver- gibt, insbesondere für Stu- Möglichkeit, Dachgärten an-
bunden sind. Das Gebäude denten und für ältere Men- zulegen, eignen sich die
wurde von innen nach außen schen, wollen wir feststellen, Dachflächen auch für zusätz-
entworfen, die gleich großen in welchem Umfang entspre- liche, leichtgewichtige Mo-
Raummodule folgen in ihrer chende Programme in der dulaufbauten beziehungs-
Anordnung einem Schach- bestehenden Konstruktion weise für eine Installation von
brettmuster. Je nachdem, unterzubringen wären. Solarpaneelen in größerem
welche Nutzungsmöglichkei- Dass die Räumlichkeiten der Umfang. Jüngst angefertigte
ten in einem Abschnitt des Module sich für Bildungsver- Entwurfsskizzen zeigen das
Komplexes benötigt werden, anstaltungen nutzen lassen, Gebäude mit einer doppel-
können den Modulen jeweils ist auf den ersten Blick er- wandigen Glasfassade, ähn-
neue Funktionen zugeordnet sichtlich. Für Wohnungen sind lich einem Gewächshaus. Für
werden, sie sind insofern in- große Fassadenflächen wich- die Umwandlung in Wohnun-
terpretierbar. Gleichzeitig tig, das heißt, eine weitflächi- gen wäre eine stärkere Be-
sind sie trotz der Brückenver- ge Peripherie. Der vorhande- grünung der Außenflächen
In einem Telefonat bindungen von einem Meer ne Komplex dagegen hat viel sinnvoll, etwa durch das An-
mit unserem Redak- an Raum umgeben. Dadurch Raum im Inneren. Hier wäre legen von Gärten auf den
teur Alexander Russ entsteht ein großer „Gemein- eine erhebliche Verbesse- Terrassen oder dem Anbau
erzählte Herman schaftsraum“, dessen Atmo- rung durch das Anlegen von von Gemüse auf den umge-
Hertzberger von sphäre das Gefühl eines ge- Innenhöfen zu erzielen. Dafür benden Freiflächen. Neben
der Geschichte und meinschaftlichen Arbeitsor- müssten eventuell einige der den Einheiten mit Wohnungen
möglichen Zukunft tes vermittelt. Die Firmen- „Türme“ in der Mitte geopfert würden Freiflächen für kom-
seines Hauptwerks. struktur ist einem ständigen werden. Auf diese Weise ge- munale Dienste sowie für
Seine Gedanken Wandel unterworfen. Das länge es, die richtige Balance kleine Büros, Sport- und Bil-
brachte er für macht häufige Anpassungen zwischen außen- und innen- dungseinrichtungen oder
uns noch einmal zu der Größe einzelner Abteilun- liegenden Räumen zu schaf- vielleicht ein Restaurant be-
Papier. gen erforderlich. Vom Ge- fen. Restliche Freiraumflä- reitgestellt. Mit diesem ehr-
bäude wird erwartet, dass es chen in der Mitte könnten für geizigen Programm ließe sich
diese firmeninternen Verän- die Errichtung von Gemein- der Gebäudekomplex in eine
derungen raumorganisato- schafts- und Veranstaltungs- Mikrostadt verwandeln, was
risch auffängt. Gleichzeitig räumlichkeiten genutzt wer- in der Tat die Erfüllung jener
muss der Gebäudekomplex den. Die ursprüngliche Ent- Vision wäre, die in der frühen
als Ganzes in allen Aspekten wurfsidee des Gebäudes war Entwurfsphase angestrebt
und zu jeder Zeit funktionie- es, ein Ensemble von größen- wurde. Es wäre auch ein Be-
ren. Fortwährende Adaptier- begrenzten und funktional weis dafür, dass das Konzept
barkeit ist daher Vorausset- unbestimmten Raummodulen der interpretierbaren Raum-
zung des Entwurfs. Die einzel- zu schaffen, die auf unter- module, die, statt Funktionen
nen Komponenten müssen, schiedliche Weise genutzt zu erfüllen, Rahmenbedin-
um das Gleichgewicht des werden können. Der Entwurf gungen vorgeben und für
Systems insgesamt aufrecht- war also bereits auf zu erwar- Transformationen und unter-
zuerhalten, im Falle eines or- tende Umwandlungen einge- schiedliche Nutzungen offen
ganisatorischen Umbaus den stellt. Das Gebäude sollte sind, gelingen kann.
IBM-Hauptverwaltung von Egon Eiermann 88
Fragen
3
89
kleinteiligen, auf das Indivi- eingeschossiger Baukörper
duum bezogenen Maßhaltig- für die Kantine und das Gar-
keit. Die Funktionen sind nach tenensemble von Walter Ros-
„öffentlich“ und „privat“ ge- sow bilden das heute denk-
trennt. Gleichzeitig und na- malgeschützte Areal, wel-
hezu unbemerkt ist das Ge- ches bereits im Bebauungs-
bäude eine großmaßstäbli- plan eine Erweiterung um
che Bürolandschaft für mehr zwei weitere Pavillons fest-
als 1000 Mitarbeiter. „Das legte, um die geforderten
Gefühl, Teil einer Arbeitsge- 1650 Arbeitsplätze auf insge-
meinschaft zu sein, ohne in samt 3000 ausweiten zu kön-
der Menge verloren zu ge- nen. Die nahezu gleiche An-
hen“, war das erklärte Ziel zahl an Parkplätzen war da-
des Architekten. mals Bedingung. Verbunden
Ganz im Sinne der Partizipati- sind die Pavillons durch filig-
on und des bewusst unferti- rane Brücken und Übergän-
gen und „einfüllbaren“ Ge- ge, die gemeinsam mit den
bäudekonzepts wurden Mit- vorgelagerten Balkonum-
arbeiter zur Gestaltung ihrer gängen den feingliedrig li-
Arbeitsbereiche ermutigt. nierten Charakter der Ge-
Ihre Individualität sollte ge- bäude und vielschichtige
stärkt und mit privaten Ein- Sichtbeziehungen ermögli-
richtungsgegenständen zum chen.
Ausdruck gebracht werden. Anders als das Centraal Be-
Die von den Büros aus zu- heer beinhaltet das Nut-
gänglichen Dachterrassen zungskonzept eine Mischung
lassen das Bürogebäude tat- aus klassischen Einzel- und
sächlich zu einer vertrauten Großraumbüros. Die Einzel-
Umgebung werden, Nutzer büros sind introvertiert und
werden hier fast zu Bewoh- umlaufend um die Innenhöfe
nern. Bis heute ist es in einem angeordnet, die Gruppenbü-
bemerkenswert guten Zu- ros liegen extrovertiert an
stand. Zuzuschreiben ist das den Außenflächen der Pavil-
dem dreißigjährigen Mitspra- lons. Den sich ständig verän-
cherecht des Architekten und dernden Nutzungsanforde-
der wertschätzenden Haltung rungen des Unternehmens
des Bauherrn. Unter Denk- konnte während der gesam-
malschutz steht der Komplex ten Nutzungsdauer durch An-
bislang nicht. passungen der Grundriss-
strukturen entsprochen wer-
Kulturdenkmal IBM den, was die große Flexibilität
und Adaptionsfähigkeit des
Die ehemalige IBM-Haupt- Gebäudes zeigt.
verwaltung, auch Eiermann- Eiermann erlebte die Fertig-
Campus genannt, ist ein Kul- stellung nicht mehr, er starb
turdenkmal der Nachkriegs- am 19. Juli 1970. Die Baumaß-
moderne. Seine inselähnliche nahme wurde durch die Ar-
Lage in einem Waldgebiet, chitektengemeinschaft Kuhl-
umgeben von zwei Autobah- mann-Biró-Biró-Wieland wei-
nen und einer Hauptstraße, tergeführt. Einen vierten Pa-
war mit einer Freistellung der villon ergänzten die
Bauten zur Autobahn als ad- Architekten Kammerer Belz
ressbildende Planungsab- im Jahr 1984 nach dem Vor-
sicht bewusst gewählt. Eier- bild der drei bestehenden. Bis
mann entwickelte einen Ent- 2009 wurden die Gebäude
wurf in flacher Pavillon-Bau- von IBM, deren baukultureller
weise, die einerseits auf Fokus als Marketingstrategie
Topografie und Baumbestand lange Zeit gut funktionierte
Rücksicht nahm und anderer- und die sich weltweit mit Bau-
seits den funktionalen An- ten renommierter Architekten
sprüchen einer abschnitts- wie Eero Saarinen, Norman
weisen Errichtung der Bauten Foster oder eben Egon Eier-
Pavillon-Ensemble: und einer späteren Erweite- mann einen Namen gemacht
Die IBM-Haupt- rung genügte. hatten, in einem exzellentem
verwaltung von Drei freistehende, 60 mal 60 Zustand gehalten. Inzwischen
FOTO: IBM

Egon Eiermann in Meter messende Bürogebäu- ist der äußere Verfall aber un-
Stuttgart-Vaihingen de in Atriumbauweise, ein übersehbar, innen sind die

WEITER
90 Fragen 3

Links: Eine Entwurfs- Oben: der Foyer- Typisch Eiermann:


skizze von Egon bereich spiegelt die feingliedrige
Eiermann für die den offenen und transparente
Anordnung der Charakter des Ge- Fassade mit Brücken
Gebäude, um 1968 bäudes wider. und Übergängen
FOTOS: HORSTHE INZ NE UE NDORFF
91
Gebäude und insbesondere Hierzu drei Thesen: de Veränderungen vorge- der Spezifik und stringenten
die Kantine in einem überra- nommen, die vollständige Konsequenz der Entwürfe bis
schend guten Zustand. Asbestsanierung des IBM- ins Detail, in der Qualität der
I. Gebäudes sei neben den Bauausführungen bis hin zur
Was tun? Beide Gebäude sind infra- räumlichen Anpassungen als Implementierung von techni-
strukturell ideal angebunden. Beispiel genannt. Aber davon schen oder gesellschaftli-
Beide Bürokomplexe bieten Und genau das ist ein Prob- abgesehen sind beide Ge- chen Innovationen und dem
sich für vielfältige Nachnut- lem, denn weder öffentliche bäude auf dem Stand von absoluten Fokus auf den Mit-
zungen an. Sie sind attraktiv noch private Nutzer möchten 1972 und genau deshalb arbeiter als Nutzer – das Ge-
aufgrund ihrer historischen von Autobahnen umgeben denkmalwürdig. Die gesell- bäude als Gesamtkunstwerk.
Bedeutsamkeit, wurden wäh- sein. Die Wahrnehmung und schaftliche Wahrnehmung Auch seine Effekte sind ext-
rend ihrer gesamten Nut- Bewertung von Straße und der eigenen Hauptverwal- rem, sowohl auf nachfolgen-
zungsdauer optimal gepflegt Verkehr und somit auch bei- tung als Statussymbol ist aber de Architekturen (beide Ge-
und haben ihr Anpassungs- der Standorte hat sich seit in Veränderung begriffen: Un- bäude haben einen starken
vermögen und ihre Flexibilität den 1970er-Jahren stark ver- ternehmen mieten auf Zeit, Vorbildcharakter und sind
dauerhaft unter Beweis ge- ändert. Aber natürlich hat sie bauen nicht oder weniger, fester Bestandteil jeder Vorle-
stellt. Darüber hinaus sind auch die Verkehrsdichte zu- sie wollen und müssen sich sung über Architekturge-
beide mit einer guten infra- genommen. Die schalltechni- schneller auf Veränderungen schichte) als auch auf Nutzer
strukturellen Anbindung aus- schen Belastungen machen des Marktes einstellen. Es und Öffentlichkeit. Sie polari-
gestattet. Trotzdem – es läuft insbesondere Wohnnutzun- geht um Leichtigkeit, Flexibi- sieren, es gibt Verfechter und
nicht. Eine Berufsschule, die gen ohne zusätzliche massive lität und Resilienz. Ein aktuel- Gegner sowohl der Bauten als
Interesse am Centraal Beheer Maßnahmen kaum möglich. ler Trend geht dahin, dass auch ihrer jeweiligen Nach-
zeigte, ist wieder abgesprun- Großunternehmen Büroflä- nutzungsstrategien.
gen. Der Investorenverlauf chen von Coworking- und Of- Genau in diesem extremtypi-
des IBM-Gebäudes wurde II. fice Space-Anbietern eigens schen Charakter liegt die
oben beschrieben. Beide Gebäude sind auf- ausstatten lassen und sie in- Schwierigkeit der Nachnut-
Aber warum tun sich heutige grund ihrer Bedeutsamkeit klusive einer Komplettbetreu- zung.
Bauherren oder Investoren so sehr attraktiv – zumindest in ung mit nicht sehr langlau- Gemäß Definition handelt es
schwer mit beiden Komple- der Szene der Planenden und fenden Verträgen mieten. sich bei einem Extremtypus
xen? Welche Faktoren sind Bauenden. Ihre Bedeutsam- um den Endpunkt einer defi-
es, die das Risikopotenzial keit resultiert aus einer Archi- Mut zu extremen Lösungen nierten Skala, der gemäß der
der beiden Immobilien ver- tektur, die perfekt auf ihre Gaußschen Normalverteilung
größern und das bereits ge- speziellen Nutzer abgestimmt Das alles macht es für Nach- nur schwer zu erreichen ist.
nannte Potenzial überlagern? ist. Beide Entwürfe beruhen folger schwer. Wer investiert Entsprechend schwierig dürf-
Welche gesellschaftlichen auf intensiven vorgeschalte- in eine Komplettsanierung, te es sein, adäquate und
Veränderungen machen die ten Analyse-Phasen, in denen wenn Nutzungskonzept, Lage langfristig funktionierende
einstigen „Größen“ der Büro- die Nutzeranforderungen in und natürlich die Größe von Lösungen zu finden – vermut-
architektur so unbrauchbar ihrer jeweiligen Komplexität jeweils ca. 30.000 Quadrat- lich benötigt es dafür einen
für eine heutige Nutzung? herausgearbeitet und mit ei- metern Nutzfläche auch nach ähnlich extrem gedachten
ner baulich-räumlichen Ant- dem Umbau nicht den Anfor- Ansatz. Das ist unbedingt als
wort versehen wurden. Die derungen ganzheitlich ent- Appell gemeint. Denn auch in
beschriebene Anpassungsfä- sprechen? Das hätten auch Zukunft werden heute genutz-
higkeit ist ein Teil dieser Ant- Centraal Beheer und IBM te Ikonen vor der Herausfor-
wort und funktioniert im Kon- nicht getan. Dieser Erklä- derung einer gelingenden
text aller anderen Aspekte. rungsansatz liegt im extrem- Nachnutzung stehen. Daher
Aber: Flexibilität allein ist kein typischen Charakter und ei- wäre es mehr als begrüßens-
ausreichendes Merkmal für ner im positiven Sinne ge- wert, um den extremtypi-
eine alternative Nutzung. meinten Radikalität von iko- schen Charakter des jeweili-
nografischen Gebäuden über gen Gebäudes und seinen
ihren gesamten Lebenszyklus dazugehörigen Lösungsan-
III. hinweg. Denn darum handelt satz zu wissen – und den dar-
Beide Gebäude wurden opti- es sich. Das Centraal Beheer aus resultierenden Weg mit
mal instand gehalten. Weil und auch das IBM-Gebäude viel Mut zu beschreiten.
Architekt und Bauherr die hatten in ihrer damaligen Zeit
Gebäude schätzen. Die spe- eine ähnliche Bedeutung wie
zifischen, für beide Unterneh- heute die allseits bekannten
men nahezu idealtypischen Büroarchitekturen von Apple,
Entwürfe, die Bedeutung als Google, Facebook und Co.
jeweilige Hauptverwaltung, Die Radikalität, die wir heute
die sich auch in der Qualität bei der Gestaltung dieser Ge-
der Bauausführung in allen bäude und ihrer prägenden
Details niederschlug, und das Rolle in der Entwicklung der
daraus resultierende Investiti- Büroarchitektur wahrneh-
onsvolumen sind Grund ge- men, lässt sich auch bei den
nug für Hege und Pflege der betrachteten Beispielen viel-
Aushängeschilder. fach finden: Sie liegt in der In-
Natürlich wurden fortwähren- tensität der Analysephase, in
Wohnen in massiven Wänden aus
perlitgefüllten Poroton-S9-Planziegeln
93

13
Lösungen:
SEITE
94

Mauerwerk
und Wand-
baustoffe
SEITE
102

Bad
+ REFERENZ:
FARBIGE SCHALTE R VON JUNG IM
FERIENHAUS

SEITE
FOTO: SU UND Z ARCHITE K TE N

10 0
94 Lösungen

1
Mauerwerk
und
Wandbaustoffe

Die Hersteller
von Mauer-

WWW.UNIPOR.DE
werkssteinen
beäugen arg-
wöhnisch, was
die Kollegen
vom Holzbau
gerade so trei-
ben. Ihre Sorge:
Der derzeit an-
gesagte Bau-
stoff Holz könnte
ihnen den Rang Die inneren Werte zählen wachsendes, FSC-zertifiziertes Nadelholz.
Dieses Material lässt sich hervorragend
als wichtigstes Ziegel mit integriertem Dämmstoffkern er- mit dem Ziegel kombinieren und schafft
möglichen ein gesundes, zukunftsfähiges somit ein umweltverträgliches Naturpro-
Baumaterial im Wohnen und Arbeiten in energetisch und dukt: ressourcenschonend und zugleich

Wohnungsbau ökologisch hochwer tigen Gebäuden.


Eine besonders nachhaltige und energie-
vollständig recyclebar. Die Dämmstofffül-
lung verbessert zudem den Schallschutz,
ablaufen. Doch effiziente Außenwandlösung ist der Mau- und ihre diffusionsoffene Struktur sorgt
erziegel „Silvacor“ von Unipor, der mit für einen natürlichen Feuchtigkeitsaus-
die Sorge ist Holzfaser gefüllt ist. Bei dieser neuartigen gleich. Ein weiterer Pluspunkt ist die gute
Füllung handelt es sich um schnell nach- Tragfähigkeit.
unbegründet,
wenn man sich
auf die eigenen
Stärken besinnt:
etwa besonders Schneller und günstiger

hohe Schall- Im Zuge des Umbaus der Wohnanlage


„Neuland-Burg“ im Wolfsburger Stadtteil
schutzwerte, Detmerode zum Wohnquar tier „Neue
Dauerhaftigkeit Burg“ wurden sieben fünf- bis siebenge-
schossige Gebäude mit 84 Wohnungen
oder gleich-
WWW.KS-ORIGINAL .DE

und acht Penthouse-Wohnungen in Mas-


FOTO OBE N: UNIPOR; UNTE N: GUIDO E RBRING/KS-ORIGINAL GMBH

sivbauweise errichtet. Zum Einsatz kamen


bleibende großformatige Kalksandstein-Planele-
Produktqualität. mente des KS*-Bausystems „KS-Plus“ als
tragendes, vorkonfektioniertes Massiv-
mauer werk. Nach Aussagen des Ge-
schäftsführers und Architekten der Woh-
von

2
nungsgesellschaft Neuland, Hans Dieter
Sabine Brand, war diese massive Konstruktion
schneller und günstiger als die ursprüng-
Schneider lich vorgesehene Holzrahmenbauweise.
Zudem seien der Detaillierungsaufwand
und die statischen Berechnungen auf-
grund der hohen Druckfestigkeiten von
Kalksandstein deutlich geringer und ein-
facher gewesen.
Mauerwerk und Wandbaustoffe

3
W W W. SCHL AGM ANN.DE

Wohnen am Auwald

Die vier Baukörper mit 36 Wohneinheiten des Projekts


„Wohnen am Auwald“ von SU und Z Architekten aus Mün-
chen gehören zu einem neuen Wohngebiet auf einem
ehemaligen Kasernengelände in Ingolstadt. Alle Ge-
bäude sind in massiver, einschaliger Ziegelbauweise
errichtet und entsprechen den Anforderungen der EnEV
20 09. Die Außenwände aus perlitgefüllten Poroton-
FOTO: SU UND Z ARCHITE K TE N

S9-Plan-Ziegeln in 36,5 cm Wanddicke mit einem U-Wert


der Wand von 0,23 W/(m 2K) tragen dazu bei, den energie-
effizienten Gebäudestandard einzuhalten. Ein neues
Lochbild verhilft dem Poroton-S9 zu einer fast 50 % höhe-
ren Tragfähigkeit als bisher. Mit ihm lassen sich nun
Gebäude von bis zu neun Stockwerken in monolithischer
Ausführung realisieren.
96 Lösungen
Kunst inszenieren

Seit 2008 dient der


Frankfurter Saasfee-
Pavillon als Raum
für zeitgenössische
Kunst, Design und
elektronische
Musik. Die Farbe,
die auf die Wände
aufgetragen wird,
dient als Untergrund
für die künstleri-
schen Arbeiten und
Rauminstallationen.
Die Ausstellungs-
macher setzen
dabei auf die stark
pigmentierten Far-
ben „Caparol Icons“
in matter Ausfüh-
rung. Deren Farb-
palette bietet eine
große Auswahl
an Farbtönen und
feinen Nuancen.
Im August bespielte
die Künstlerin Sonja
Yakovleva mit
„Red Roses Club“
den Ausstellungs-
raum. Die Installati-
on wurde in Szene
gesetzt mit den
Farbtönen Nr. 114
„Hysteria“ und Nr. 10
„Tribute to Vinyl“.
W W W.C A PA R O L . D E

4 FOTO: INGM AR KURTH


Mauerwerk und Wandbaustoffe

5
W W W.HAGE ME ISTER.DE

Eine runde Sache

Zum Wohnbauprojekt Strünkeder Höfe in Herne-Baukau


gehören vier Mehrfamilienhäuser. Das Ensemble wurde
von Tor 5 Architekten aus Bochum geplant. Wesentlicher
Bestandteil der vier Einzelgebäude ist die helle Fassade
mit Hagemeister-Klinkern der Handstrich-Sortierung
„Weimar“. Die gerundeten Formsteine für die Balkone
fertigte Hagemeister eigens für das Projekt an und lie-
ferte die Balkone als Fertigstürze. Die Klinker wurden im
wilden Verband vermauert. Die Wohnhäuser entspre-
chen dem KfW55-Standard und wurden in einer zwei-
schaligen Bauweise mit Klinkermauerwerk errichtet. Die
Außenwand, in der eine 18 cm dicke Schicht Dämmstoff
verbaut ist, hat eine Stärke von rund 0,5 m.
98
WWW.LIAPOR.COM Lösungen

6
FOTO: JUD ARCHITE K TUR/SE BASTIAN JUD/R AFAE L KRÖT Z

Mineralische Lösung für Passivhaus-Dämmstandard wurden der Mauerstein „Super-K plus VBL2“ in 36,5 cm
Breite als Außenschale und der „Meier M10 VBL4“ in
Der Neubau einer Grundschule in Ulm-Unterweiler 49 cm Breite als Innenschale. Die 20 mm breite Fuge
sollte eine mineralische, massive und homogene zwischen den Mauerschalen wurde mit einer zement-
Wärmedämmung erhalten, die zugleich passivhaus- gebundenen Liapor-Schüttung 4 – 8 mm verfüllt.
tauglich ist. Eine monolithische Bauweise mit gefüge- Als Fensterstürze hat man vorgefertigte, bis zu 3,80 m
dichtem Liapor-Leichtbeton schied aufgrund zu hoher lange Elemente aus stahlbewehrtem, gefügedichtem
Wandstärken aus. Der Stuttgarter Architekt Sebastian Liapor-Leichtbeton verwendet, auf den eine Schicht
Jud entschied sich deshalb für einen doppelschaligen aus haufwerksporigem Liapor-Leichtbeton aufbeto-
Wandaufbau mit Liapor-Mauersteinen. Verwendet niert wurde.
Mauerwerk und Wandbaustoffe 99

7 Schallschutz mit
Kalksandstein

Die Anforderungen an den Schallschutz

WWW.UNIK A-K ALKSANDSTE IN.DE


beim Wohnungsbau lassen sich mit Unika-
Kalksandstein-Planelementen oder den
Unika-KS-R-Plansteinen in RDK 2,0 erfül-
len. Für besonders hohe Ansprüche an
den Schallschutz eignen sich Unika KS-R-
Plansteine in den Mauerwerksformaten
5 DF (L/B/H = 24,8/15,0/24,8 cm) für 15 cm
dicke Wände, 6 DF (24,8/17,5/24,8 cm)
für 17,5 cm dicke Wände und auch 4 DF
(24,8/24,0/12,3 cm) für 24 cm dicke Wän-
de. Ein einschaliges Mauerwerk mit dem
Unika-KS-R-Planstein 4 DF der Rohdichte-
klasse 2,2 und 2 x 10 mm Putz ermöglicht
ein Schalldämm-Maß von R‘ w = 56 dB.
Damit liegt der Wert über den Empfehlun-
gen des Beiblatts 2 der DIN 4109 für einen
erhöhten Schallschutz für Wände zwi-
schen Treppenhaus und Wohnung oder
für Wohnungstrennwände. Unika bietet
dazu auf seiner Homepage einen Schall-
schutzrechner zum Download an.

Nasse Kellerböden sanieren

Vor allem in Kellern von Häusern, die vor 1947 gebaut wurden,
kommt es immer wieder zu Feuchteschäden. Der Grund: Die
WWW.ISOTEC.DE

Kellerfußböden wurden in der Regel aus Ziegelsteinen erstellt.


Feuchte kann dann ungehindert aufsteigen. Isotec hat ein drei-
stufiges Beschichtungssystem entwickelt, das ab einer Schicht-
dicke von 4 mm dauerhaft die Feuchtigkeit stoppt, die bisher
ungehindert durch den Kellerboden aufsteigen konnte. Das
System eignet sich nicht für Keller mit Lehmböden oder gestampf-
te Böden. Wenn der Keller permanent drückendem Wasser
ausgesetzt ist, nach Regenfällen oder wenn ständig Wasser
im Keller steht, ist der Einbau einer neuen Stahlbetonbodenplatte
allerdings unabdingbar.

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Der Vorarlberger Architekt Georg Bechter entschied sich für einen Schalterklassiker von Jung, der sich den Wandfarben anpassen kann.

Farbharmonie
an der Wand
SCHALTER VON JUNG IN E INE M FERIE NHAUS
IM BREGE NZE RWALD

von Ulrike Sengmüller


Referenz 101

Farbgestaltung

Der Bregenzerwald ist für seine Holzarchi- Außen wurde das gesamte Gebäude neu
tektur weithin bekannt. Von der Bushalte- mit Weißtanne vertäfelt. Im Inneren kam
stelle bis zum Hotel, vom Kindergarten dem Farb- und Materialkonzept entschei- Den Jung-Schalterklassi-
bis zum Wohnhaus – der Werkstoff verbin- dende Bedeutung zu, damit alt und neu ker „LS 990 in Les Cou-
det Altes mit Neuem, traditionelle Bauten miteinander harmonieren, der Übergang leurs® Le Corbusier“ gibt
mit auffallend modernen. Folgt man der aber trotzdem erkennbar bleibt. es – wie der Name sagt –
Straße von Langenegg in Richtung Roten- Im Bestand sind Böden und Vertäfelung in den 63 matten Farben,
berg, findet man diese Verbindung sogar nachgedunkelt. Dagegen heben sich die die Le Corbusier für sein
innerhalb eines Ferienhauses. E rbaut neuen Räume mit einer Verkleidung aus Farbsystem „Polychromie
wurde das ehemalige Bauernhaus in den Weißtanne deutlich ab. Die gemütlichen architecturale“ zusam-
1960er-Jahren. Die einzigartige Aussicht Ecken, also die Schlafnische und der Alko- mengestellt hat.
auf den Bodensee und die Damülser Spit- ven sind mit türkisblauem Filz ausgeklei- Neben konventionellen
ze waren für die Besitzer der Grund, es nun det. So entstehen einzelne Ruhezonen, Schaltern, Steckdosen
zu einem Ferienhaus umzugestalten. die Akzente setzen. Das Türkis findet sich oder Dimmern sind auch
Im Erdgeschoss befinden sich Küche, Bad, ebenso an den Schranktüren wieder, die Bedienelemente zur
Essbereich, ein Schlafzimmer und eine den Atelierraum schließen, als auch in Steuerung von Raum-
Loggia. Für die Nutzung durch eine Familie den Mosaik-Fliesen des Badezimmers. funktionen in das Farb-
war dies allerdings zu wenig. Im Rahmen Damit die flächige Wirkung des türkisfar- system integriert. Mit
der umfassenden Modernisierung wurde benen Filzes nicht gestört wird, entschied „LS ZERO in Les Couleurs®
daher auch der Wohnraum erweitert – im sich Georg Bechter für den Schalterklassi- Le Corbusier“ lassen
Einklang mit der Gestaltungssatzung. ker LS 990 von Jung im Corbusier-Farbton sich die handlackierten
Der ortsansässige Architekt Georg Bech- „32030 bleu céruléen 31“. Für das Projekt Schalter auch flächen-
ter löste diese Aufgabe, indem er den wurden die Schalter und Steckdosen in bündig in Möbel, Mauer-
Dachstuhl abtragen ließ, um ein halbes einem speziellen Verfahren handlackiert. werk und Trockenbau
Geschoss aufstockte und das Dach wie- Dadurch entsteht eine besonders matte verbauen.
der neu errichten ließ. Darunter gestaltete Oberfläche, die optisch und haptisch mit
er einen offenen, großzügigen Raum mit dem Filz eine Einheit bildet.
zwei Panoramafenstern an den Stirnsei- Die Eigentümer genießen diesen neu ge-
ten. Vor einem der Fenster steht ein raum- stalteten Rückzugsort sehr. So sehr, dass
hoher Alkoven, der als zusätzliches Bett sie nahezu jede freie Minute dort verbrin-
genutzt werden kann. An seiner Rückseite, gen. Und auch die Gestaltungskommis-
dem Raum zugewandt, sind Schränke, mit sion ist zufrieden.
deren Schranktüren sich der Atelierraum
FOTOS: ADOLF BE RE UTE R

vom Treppenraum abtrennen lässt. Unter


einer der Dachschrägen befindet sich
ein kleines Bad und dahinter eine Nische,
die Platz für ein Doppelbett bietet. Durch
ein großes Dachfenster kann man hier
nachts im Liegen die Sterne beobachten.
1
102 Lösungen
Bad

In den Städten
wird der Wohn-
raum immer

W W W. D U R AV I T. D E
knapper, und
da werden nicht
nur die Wohnun-
gen tendenziell
kleiner, sondern
auch die Bade-
zimmer. Deshalb
sind hierfür intelli-
gente, platzspa- Walk-in-Dusche und Badewanne in einem Das formstabile Kissen liegt auf der integ-
rierten Tür sowie dem Wannenrand auf
rende Lösungen Mit der Dusch- und Badekombination und bietet eine bequeme Sitzgelegenheit
„Shower + Bath“ ist es Duravit gelungen, und zusätzliche Ablagefläche. Einge-
gefragt, die zu- die hohen Ansprüche an modernes Bad- rahmt wird der Duschplatz von einer groß-
gleich den ge- design und optimale Raumnutzung zu
vereinen: Der Entwurf von EOOS ist Walk-
flächigen Abtrennung aus Glas. Optional
bietet Duravit die Duschabtrennung auch
wohnten Komfort in-Dusche und Badewanne in einem. in Spiegelglas an. Diese Variante bringt
Dank integrierter Glastür wird die Wanne außerdem optische Großzügigkeit in klei-
bieten. Die Her- schnell und unkompliziert zur offenen ne Bäder. Kompakte Außenmaße von 170

steller von Sani- Dusche, die sich mühelos betreten lässt.


Wird die Tür zum Inneren der Wanne geöff-
x 75 cm ermöglichen einen raumeffizien-
ten Einbau und sorgen dafür, dass diese
tärtechnik und net, verschwindet sie unter einem wasser- neue Lösung eine herkömmliche Bade-
festen Sitzkissen und bleibt unsichtbar. wanne ersetzen kann.
Badezimmer-
keramik bieten
dafür zum Bei-
spiel Kombinatio-
WWW.GEBERIT.DE

Kompaktes Dusch-WC
nen aus Dusche
und Badewanne Geberit erweitert seine Dusch-WC-Serie
„AquaClean“ um das neue Modell „Tuma“:
sowie filigrane Die Komfor t toilet te vereint elegantes
Design mit praktischen Funktionen und er-
und modular zu- möglicht dank ihrer kompakten Form eine
sammenstellbare optimale Raumausnutzung. Erhältlich ist
Tuma als Komplettanlage mit passender
Badmöbel. spülrandloser WC-Keramik und verdeck-
ten Strom- und Wasseranschlüssen oder
als Aufsatz va riante zum Nach rüsten.
von Herzstück des neuen Dusch-WCs ist die
patentierte „WhirlSpray“-Duschtechnolo-
Alexander gie: Dabei wird der Duschstrahl dank dy-
namischer Luftbeimischung ver feinert
Russ und sorgt so für eine schonende und ge-

2
zielte Reinigung des Intimbereichs. Die
Ladydusche ist separat in geschützter
Ruheposition in die Duschdüse integriert.
Weitere Funktionen wie eine WC-Sitzhei-
zung, ein Föhn sowie eine Geruchsabsau-
gung runden die Ausstattung ab. Für die
Steuerung stellt Geberit eine Fernbedie-
nung oder ein Wandbedienpanel bereit.
Bad

SEI 884

3
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Er hat ein Gespür für Trends, Spaß an Inno-
vationen und hohe Qualitätsansprüche an
unsere Produkte und an sich selbst. Flüssi-
ges Schreiben und die Fähigkeit sich schnell
in unterschiedliche Themenbereiche hinein-
zudenken sind für ihn selbstverständlich.
Das Profil wird durch große Leidenschaft
für Content Marketing und die damit
verbundene enge Zusammenarbeit mit
unseren Kunden abgerundet.

Wenn Du Lust hast, Teil des Callwey-Teams


Stauraum ohne Ende
zu werden, über ein sicheres Sprachgefühl
verfügst, online-affin bist und außerdem
Die Badmöbelserie „Acanto“ von Keramag zeichnet sich durch
kreatives und konzeptionelles Denkvermö-
ihre Vielseitigkeit aus. Die Möbel können als reine Waschplatz-
gen mitbringst, sollten wir Dich unbedingt
lösung mit Waschtisch, Unterschrank und Spiegelschrank oder als
kennenlernen.
Konzeptlösung eingesetzt werden. Besonders vielfältig sind die in
verschiedenen Größen erhältlichen Hochschränke. Die schmale, Wir freuen uns auf Deine Bewerbung!
raumsparende Variante mit Apothekerauszug kann zum Beispiel
als Raumteiler dienen. Der Seitenschrank ist mit den Unterschrän- GEORG D.W. CALLWEY VERLAG
ken kombinierbar und schafft mit seinem Glastop eine zusätzlich GMBH & CO. KG
geschützte Ablagefläche. Optional erhältliche Ordnungsboxen Julia Piontek, Assistenz der Geschäftsführung
helfen bei der optimalen Nutzung des Stauraums in den Unter- Streitfeldstraße 35, 81673 München
schränken. Für Ordnung sorgen außerdem eine Magnettafel an Fon: +49 89 436005-163
der Badezimmerwand oder ein Spiegelschrank, dessen Flügel- www.callwey.de/jobs
türen über Ablagefächer verfügen.
104
WWW.K ALDEWE I.DE Lösungen

4 Filigrane Waschtisch-Schalen

Das Design der neuen Waschtisch-Serie „Miena“ von


Kaldewei basiert auf klaren, zeitlosen Grundgeome-
trien, die jedoch, wie natürlich fließend, leicht aus der
puren Geometrie losgelöst wurden. Weiche Konturen
verleihen den Schalen eine außergewöhnliche Leich-
tigkeit. Die Stahl-Email-Waschtische, die in runder und
eckiger Ausführung jeweils in zwei Abmessungen an-
geboten werden, können frei auf einer Trägerplatte
oder Konsole platziert werden und müssen sich nicht
vorgegebenen Maßen der Badmöbel unterordnen.
Dank der emaillierten Ablaufdeckel ergeben sich
vielfältige Kombinationsmöglichkeiten mit den Bade-
wannen und emaillierten Duschflächen aus dem Kal-
dewei-Portfolio. Die Miena-Modelle sind in den klassi-
schen Sanitärfarben wie auch in den Tönen der „Coor-
dinated Colours Collection“ von Kaldewei erhältlich.

Modular aufgebaute Spiegelschränke

Die Spiegelschränke von Samoo lassen sich dank


ihres modularen Aufbaus optimal und individuell an
die Wünsche und Bedürfnisse der Nutzer anpassen.

5
WWW.SAMOO.CH

Die Schränke sind neben Standardmaßen in jeder ge-


wünschten Größe erhältlich und stehen in drei Einbau-
varianten zur Verfügung: aufgesetzt, halbeingesetzt
und eingebaut. Bei der eingebauten Variante ver-
schwindet der Stauraum des Schranks komplett in der
Wand, und der Spiegel fügt sich flächenbündig in die
Wand ein. Außerdem können Farbe, Lichtsituation,
Materialien und die Anzahl der Flügel gewählt wer-
den. Auch der Innenraum kann nach Belieben modu-
lar aufgebaut werden: Zur Verfügung stehen dafür fili-
FOTO OBE N: K ALDEWE I

grane, dezente Glastablare und beständige Metall-


tablare mit dünnem Profil. Die Metalltablare werden
pulverbeschichtet und sind in zahlreichen Farben er-
hältlich. Darüber hinaus können auch offene Ablagen
und Kippfächer für größere Objekte realisiert werden.
Impressum 105
Baumeister — Das Architektur-Magazin — 115. Jahrgang
Eine Marke von

S 4

REDAKTION
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(verantwortlich für den redaktionellen Inhalt)
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Alexander Russ Tel – 172

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formlos widerrufen. Die Frist beginnt an dem Tag, an dem Sie die erste bestellte Ausga- von geplanten Holzbau-
be erhalten, nicht jedoch vor Erhalt einer Widerrufsbelehrung gemäß den Anforderun-
gen von Art. 246a § 1 Abs. 2 Nr. 1 EGBGB. Zur Wahrung der Frist genügt bereits das
rechtzeitige Absenden Ihres eindeutig erklärten Entschlusses, die Bestellung zu wider-
projekten in Brisbane,
rufen. Sie können hierzu das Widerrufs-Muster aus Anlage 2 zu Art. 246 a EGBGB nutzen.
Der Widerruf ist zu richten an: Leserser vice Baumeister, D-65341 E lt ville, Tel +49 (0) São Paulo, Bergen, London
6123 / 92 38-225, Fax +49 (0) 6123 / 92 38-244, leserservice@baumeister.de

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PERSÖNLICH HAFTENDE GESELLSCHAFTERIN
Georg D.W. Callwey Verwaltungs-GmbH Deutschland sind solche
ALLEINIGER GESELLSCHAFTER
Helmuth Baur-Callwey, Verleger in München
KOM M ANDITISTE N
Holzhochhäuser derzeit
Helmuth Baur-Callwey und Dr. Veronika Baur-Callwey, Verleger in München;
Dr. Marcella Prior-Callwey und nicht realisierbar, den-
Dominik Baur-Callwey, Geschäftsführer in München
GESCHÄFTSFÜHRER
Dominik Baur-Callwey Tel – 159
noch entstanden in letzter
Dr. Marcella Prior-Callwey
ADVERTISING DIRECTOR
Tel – 165
Zeit einige bemerkens-
Andreas Schneider Tel – 197
(verantwortlich für den Anzeigenteil)
DISPOSITION
werte Gebäude mit
Kirstin Freund-Lippert Tel – 123, Fax 4 36 11 61
DIRECTOR BUSINESS DEVELOPMENT Holz- und Holzhybrid-
Christian Keck Tel –178

Marion Bucher
VERTRIEB
Tel – 125, Fax – 113
konstruktionen, die wir
HERSTELLUNGSLEITER
Mark Oliver Stehr Tel – 167 in der nächsten Ausgabe
(alle Adressen wie Verlag)

DRUCK, BINDUNG
vorstellen.
OPTIMAL : MEDIA, Glienholzweg 7, D – 17207 Röbel / Müritz

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den. Diese Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Abbildungen
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Erfüllungsort und Gerichtsstand München

Ab 1.1.2018 ist die Anzeigenpreisliste Nr. 57 gültig.


Anzeigenschluss ist jeweils am 25. des Vormonats.
Mitglied der agla a + b, Arbeitsgemeinschaft Leseranalyse
Architekten und Bauingenieure.
ISSN 0005-674X B1547
106 Kolumne

Die ganze Wahrheit


über …
das Bauhaus
heute

Was haben Toyo Ito, David Chipperfield und John


Pawson gemeinsam? Nun, Sie werden sich wundern,
Friedrich von Borries

aber sie sind die wahren Vollstrecker des Erbes des


Bauhauses. Über das Bauhaus wird ja derzeit viel dis-
kutiert, allerorten werden Ausstellungen und Events
vorbereitet, weil 2019 der 100. Gründungstag gefeiert
werden soll. Allein drei staatliche Institutionen in
Deutschland – die Stiftung Bauhaus in Dessau, das
Bauhaus-Museum in Weimar und das Bauhaus-Archiv
in Berlin – beanspruchen, die Hüter des Erbes zu sein.
Parallel sind auch andere Initiativen entstanden,
zum Beispiel das „Projekt Bauhaus“, ein von der Kultur-
stiftung des Bundes gefördertes Ausstellungs- und
Forschungsvorhaben rund um den früheren Direktor
der Stiftung Bauhaus Dessau, Philipp Oswalt, und die
Architekturzeitschrift ARCH+.
Allen gemeinsam ist, dass sie fragen, wie und ob sich
von

das Bauhaus „aktualisieren“ lässt. Damit ist gemeint, Und genau das haben Ito, Chipperfield und Pawson
welche Bedeutung das Bauhaus für uns heute hat. gemacht. Sie gehören zu den wenigen zeitgenössi-
Und spiegelt letztlich den Versuch der Institutionen, schen Architekten, die nicht nur Paläste und Hütten,
ihre eigene Existenz zu legitimieren. sondern auch Löffel entworfen haben. Das Essbesteck
Ja, das Bauhaus, was wollten die nochmal? Den von Ito heißt „Mu“ und hat sechseckige Griffe, was
neuen Menschen schaffen und die Welt verändern. wohl irgendwie an Japan erinnern soll. Ebenfalls von
Dieser revolutionären Seite steht aber auch ein ganz Alessi wird ein Besteck von David Chipperfield ange-
bürgerliches Moment gegenüber. Zumindest in der boten. Es ist etwas zu klobig, um minimalistisch zu sein,
Wirkungsgeschichte, denn im sogenannten Bauhaus- und heißt Santiago. Warum es diesen Namen trägt,
Stil wurden mehr Arztpraxen eingerichtet als Arbeiter- ist unklar, vielleicht, weil es wie die Reichstagskuppel
wohnungen. von Calatrava entworfen wurde, aber sich unter dem
„Das letzte, wenn auch ferne Ziel des Bauhauses“, so Namen Chipperfield besser vermarkten lässt. John
der Gründungsdirektor Walter Gropius, „ist das Ein- Pawsons Besteck wird von einer kleinen belgischen
heitskunstwerk, der große Bau.“ Einen ähnlichen An- Firma namens „When Objects Work“ vertrieben und
spruch formulierte bereits 1898 der Architekt Joseph hat gar keinen Namen. Dafür wurde er bei der Gestal-
Maria Olbrich bei der Eröffnung der ersten Ausstellung tung von georgischen Mönchen inspiriert. Das Bau-
der Wiener Secession: „Eine Stadt müssen wir erbau- haus ging bisher leer aus. Inspiriert es keinen mehr?
en, eine ganze Stadt. (…) Alles von dem selben Geist Wir erwarten also für das Bauhaus-Jahr 2019 eine
beherrscht, die Straßen und die Gärten und die Paläs- spektakuläre Besteckausstellung. Architekten aller
te und die Hütten und die Tische und die Sessel und die Länder, beteiligt euch, und entwerft Essbestecke.
Leuchter und Löffel Ausdrücke derselben Empfin- Damit wäre dann auch die Frage, welche Bedeutung
dung.“ das Bauhaus heute noch hat, beantwortet.

An dieser Stelle schreibt der Architekturtheoretiker Friedrich von Borries im Wechsel mit
der Architektin Anne-Julchen Bernhardt
und Baumeister-Chefredakteur Alexander Gutzmer.
URBANE
ARCHITEKTUR
LEBT VON
INTELLIGENTER
VERDICHTUNG.
Alexis Angelis & Horst Gumprecht | Architekten
Angelis & Partner Architekten mbB | Oldenburg

Unser Projekt auf


projekt-weiss.blog

Solide. Massiv. Natürlich. Und weiß.


Grundstein für anspruchsvolle Architektur.
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Architekt Pavol Mikolajcak Foto: Oskar Dariz


HÄUSER DES JAHRES gesucht!
Es überzeugt durch höchste architektonische Qualität, ist einzigartig und stimmig in Form, Raumgestaltung
und Materialität, wurde individuell für seine Bewohner entworfen und setzt sich mit seinem städtischen
oder ländlichen Umfeld angemessen auseinander: Gesucht wird das Haus des Jahres 2018 aus den 50 besten
Einsendungen des Wettbewerbs.

Die Bedingungen
Teilnahmeberechtigt sind Architekten aus dem deutschsprachigen Raum, die Urheber der eingereichten Projekte
sein müssen. Die Häuser sollen nach dem 1. Januar 2015 fertig gestellt und noch nicht in einer Buchpublikation
veröffentlicht worden sein. Die Teilnahmegebühr beträgt 190,- Euro pro Projekt. Die eingereichten Arbeiten
werden von einer unabhängigen Jury unter Vorsitz von Peter Cachola Schmal (Direktor DAM) beurteilt.

Die Preise
Der 1.Preis ist mit 10.000 Euro dotiert; weitere Büros bekommen eine Auszeichnung.
Die 50 besten Einfamilienhäuser aus dem Wettbewerb werden im Buch Häuser des Jahres 2018 veröffentlicht
und in einer mehrwöchigen Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt präsentiert. Die
Architekturzeitschrift BAUMEISTER berichtet ausführlich über die Sieger.
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eschlus
Die Teilnahme Einsend i s
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Detaillierte Informationen zum Wettbewerb sowie die Teilnahmeformulare finden Sie ab 30.11.2017 unter: verläng
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www.haeuser-des-jahres.com