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"Deutschland hat seine Seele verloren"

Der chinesische Künstler Ai Weiwei verließ vor einem Jahr seine Wahlheimat Berlin,
auch wegen der deutschen China-Politik. Der Dissident macht der Bundesregierung
schwere Vorwürfe.
Ein Interview von Marcel Rosenbach
29.09.2020, 18.32 Uhr

Künstler Ai Weiwei bei einer Podiusmdiskussion im Reichstagsgebäude


Foto: FILIP SINGER/EPA-EFE/Shutterstock

Rund ein Jahr nach seinem wütenden Abschied aus Berlin kehrte Ai
Weiwei an diesem Dienstag in seine zwischenzeitliche Heimat zurück. Der
chinesische Filmemacher, Künstler und Aktivist, der in der Hauptstadt
weiterhin ein Atelier unterhält, aber nun mit seiner Familie im britischen
Cambridge lebt, ist auf einer Mission. Am Vortag noch demonstrierte er in
London gegen die Umstände des dort laufenden Verfahrens gegen
WikiLeaks-Gründer Julian Assange.

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Nach Deutschland kam er diesmal auf Einladung des außenpolitischen


Sprechers der FDP, Bijan Djir-Sarai und der Stiftung Cinema for Peace, um
im Reichstagsgebäude seine Wuhan-Dokumentation "Coronation" zu zeigen
- und mit dem per Videolink zugeschalteten Hongkonger Demokratie-
Aktivisten Joshua Wong und deutschen Abgeordneten über Chinas
autoritären Kurs in der ehemaligen britischen Kronkolonie zu diskutieren.

Wir trafen Ai zum Interview, während im Fraktionssaal der FDP gerade sein
Film gezeigt wurde.

Zur Person

Ai Weiwei wurde 1957 in Peking geboren und wuchs wegen der


Verbannung seines Vaters, eines in China sehr bekannten Dichters,
weitgehend in der ländlichen Mandschurei und in Xinjiang auf. Nach einem
Studium an der die Pekinger Filmakademie zog er 1981 in die USA und
kehrte erst acht Jahre später nach China zurück. Als Konzeptkünstler,
Bildhauer und Kurator nahm er unter anderem an der documenta 12 in
Kassel im Jahr 2007 teil, wegen seines Engagements als Menschenrechtler
war er nach regierungskritischen Äußerungen in China von April bis Juni
2011 inhaftiert und hatte bis 2015 Reiseverbot. Bis 2019 lebte er mit
Hauptwohnsitz in Berlin.

SPIEGEL: "Coronation" zeigt in beklemmenden Bildern die ersten Wochen


mit dem Virus im Ursprungsort Wuhan. Wie bewerten Sie den Umgang der
chinesischen Regierung mit der Coronakrise in dieser frühen Phase?

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Muss sich der Mittelstand jetzt anders aufstellen?


Kai Ostermann, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Leasing AG, über neue
Entwicklungen infolge der Corona-Krise, die Widerstandsfähigkeit des
Mittelstands und den Spagat zwischen ausreichenden finanziellen Mitteln
und Zukunftsinvestitionen
Ai Weiwei: China hätte das viel besser managen müssen. Die Regierung hat
Informationen zurückgehalten und die Zahlen manipuliert. Sie hätte sich
damals schon öffnen und alle Welt einladen müssen, das Virus sorgfältig zu
analysieren und zu studieren. Stattdessen ist man massiv gegen die Ärzte
vorgegangen, die Informationen geleakt haben, mit der geballten
Staatsmacht. Warum, wissen wir nicht genau - wohl weil man Information
als Waffe sieht, die von der Partei zentral kontrolliert werden muss.

SPIEGEL: Ist die chinesische Regierung verantwortlich dafür, dass die


Ausbreitung außer Kontrolle geriet und Corona zur Pandemie werden
konnte?

Ai Weiei: Für diese erste Phase ist sie absolut verantwortlich. Ich glaube
aber, dass man sich nicht vorstellen konnte, wie schlimm es wird - und dass
man das auch bedauert. Das wird natürlich nie öffentlich gesagt. Sondern
immer jede Verantwortung bestritten und behauptet, das habe nichts mit ihr
und ihren Entscheidungen zu tun.

"Die Deutschen verhalten sich opportunistisch. Deutschland und China sind


seit Langem enge, beste Partner. Die deutsche Wirtschaft sieht ihre
industrielle Zukunft dort, wegen der billigen Arbeitskraft."

SPIEGEL: Ihr Film wurde von diversen Festivals abgelehnt, in Venedig und
New York beispielsweise. Sie glauben, dass dies nicht aus künstlerischen
Gründen geschah. Aus welchen dann?

Ai Weiwei: Ganz einfach, die Filmindustrie ist keine Plattform mehr für
offenes Denken. Es geht darum, das Produkt Film zu verkaufen. Und der
größte Markt ist eben China, dort können 30 bis 40 Prozent der globalen
Ticketumsätze erzielt werden. Als Festivalchef müssen Sie das mit bedenken,
denn China ist ziemlich brutal, wenn es um Inhalte geht, die chinakritisch
sind. Das ist also verständlich. Aber es ist auch eine Schande. Die westliche
Kreativindustrie, die ein Hort der Meinungsfreiheit sein sollte, ist kollabiert.
Nehmen Sie nur den Disney-Film "Mulan", der extra designt wurde, um den
Chinesen zu gefallen und an dem historisch so ziemlich alles falsch war. Es
gibt keinen Unterschied mehr zu anderen Industrien, es geht darum, den
chinesischen Markt zu gewinnen.
In den Bundestag zugeschalteter Aktivist Joshua Wong
Foto: FILIP SINGER/EPA-EFE/Shutterstock

SPIEGEL: Wir sind hier im Deutschen Bundestag. Sie kommen gerade aus
einer Veranstaltung, zu der Joshua Wong zugeschaltet war. Jener Aktivist aus
Hongkong, der morgen wieder vor Gericht stehen wird. Wie bewerten Sie die
deutsche Außenpolitik gegenüber China?

Ai Weiwei: Die Deutschen verhalten sich opportunistisch. Deutschland und


China sind seit Langem enge, beste Partner. Die deutsche Wirtschaft sieht
ihre industrielle Zukunft dort, wegen der billigen Arbeitskraft. Daher ist
Deutschland äußerst zurückhaltend, wenn es darum geht, die eigenen Werte
zu vertreten. Und weil es in Europa so einflussreich ist, setzt es damit ein
klares Beispiel für andere und sendet ein Signal nach China, dass es Europa
nicht kümmert, solange die wirtschaftlichen Beziehungen funktionieren.
Deshalb wird China gewinnen.

SPIEGEL: Sie haben hier heute gesagt, Deutschland habe Blut an den
Händen. Was meinen Sie genau?

"Manche Deutsche bewundern ja mittlerweile ganz offen den autoritären


Staat. Natürlich ist er effizient. Aber eben zulasten der Gesellschaft, der
einzelnen Bürger und deren Rechten."

Ai Weiwei: Ich habe das schon getweetet, als Obama damals China
besuchte. Alle sollten wissen: Jeder Deal, der in China abgeschlossen wird,
geht zulasten der Menschenrechte und menschenwürdigen Bedingungen in
der Gesellschaft. Das gilt auch für Deutschland: Jeder, der mit autoritären
Staaten Geschäfte macht, stimmt letztendlich deren Politik zu. Manche
Deutsche bewundern ja mittlerweile offen den autoritären Staat. Natürlich
ist er effizient. Aber eben zulasten der Gesellschaft, der einzelnen Bürger und
deren Rechten. Ich finde, Deutschland und der gesamte Westen haben ihre
Seele verloren.

SPIEGEL: Wie sollte deutsche Politik gegenüber China aussehen?

Ai Weiwei: Deutschland sollte alarmiert sein und eine globale Perspektive


einnehmen. Der gesamte Westen braucht Antworten auf das schnelle
Wachstum autoritärer Systeme. Es braucht eine klare gemeinsame Haltung
und eine Vorstellung für das 21. Jahrhundert. Es geht hier nicht um einfache
kleine Reparaturen, sondern um eine Art grundlegenden Krieg der
Ansichten. Der Wettbewerb zwischen Kapitalismus und Kommunismus läuft
und der Westen tut sich gerade schwer. Hier herrschen eher technische
Bürokratien und Verwaltungen, sie tun sich schwer, mitreißende Visionen zu
entwickeln. China hingegen hat eine solche Vision, und auch eine Strategie.

"Der gesamte Westen braucht Antworten auf das schnelle Wachstum


autoritärer Systeme. Es braucht eine klare gemeinsame Haltung und eine
Vorstellung für das 21. Jahrhundert. Es geht hier nicht um einfache kleine
Reparaturen, sondern um eine Art grundlegenden Krieg der Ansichten."

SPIEGEL: US-Präsident Donald Trump versucht sich in einem Handelskrieg


gegen den chinesischen Telekom-Ausrüster Huawei und die Videoplattform
TikTok. Auch in Deutschland wird darüber debattiert, Huawei vom Aufbau
der 5G-Netze auszuschließen. Was halten Sie davon?

Ai Weiei: Was Trump macht, ist eine Geste, symbolische Politik. Ein Bann
ist nicht die Antwort, die muss viel tiefer gehen. Chinas Verständnis von der
Welt, seine Philosophie, kann zu einem enormen Problem für die Sicherheit
in der Welt werden. Damit muss der Westen umgehen, ausgehend von den
eigenen Prinzipien und Werten. Momentan wirkt er verwirrt, schwach und
zerstritten. Das ist ein Geschenk für China.

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Kultur" Ein Interview von Wolfgang Höbel

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SPIEGEL: Sie haben rund fünf Jahre in Berlin gelebt, bevor sie im vorigen
Jahr nach Cambridge gezogen sind. Haben Sie in jener Zeit mit deutschen
Politikern über diese Fragen gesprochen?

Ai Weiwei: Mich hat niemand besucht oder gefragt, wahrscheinlich haben


sie darauf gewartet, dass ich vergiftet werde (lacht). Das ist okay, ich bin
Künstler, mache meine Filme. Aber Deutschland bedeutet mir etwas. Als ich
von China fortging, hätte ich auch in die USA ziehen können, immerhin
hatte ich dort schon zwölf Jahre gelebt. Ich habe Deutschland gewählt. Und
wenn ich hier bin, will ich nicht nur Dekoration sein, ich muss mich
einmischen.
SPIEGEL: Das klingt jetzt sehr diplomatisch und versöhnlich. Als sie nach
Großbritannien zogen, sind sie hart mit den Deutschen ins Gericht
gegangen. Es gebe hier keine offene Gesellschaft, sagten Sie.

Ai Weiwei: Ich wurde da falsch verstanden. Aber ich habe gelernt, dass man
Kritik insgesamt hier insgesamt nicht so gut verträgt, das wusste ich damals
nicht, sonst wäre ich vielleicht vorsichtiger gewesen. Man sollte hier
vielleicht ein bisschen selbstkritischer sein und nicht so fragil. Deutschland
ist so stark, es sollte ein paar Schläge einstecken können. Schlagt gern zurück