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Rotari Dina GE161SE

Altenburg als Mikrokosmos im Roman „ Simple Storys“ von Ingo Schulze

Ingo Schulzes Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz gehört zu den zahlreichen
literarischen Widerspiegelungen der Wendegeschichte. Die Entstehung von Simple Storys ist
direkt mit den Erfahrungen verbunden, die Ingo Schulze zwischen 1989 und 1993 machte. Ingo
Schulze hat sich mehrfach in Interviews darüber geäußert, dass er über Dinger schreibt , die in
der Realität waren, welche er aus eigener Anschauung kennt. Trotz des Untertitels Roman
besteht das Werk lediglich aus 29 kleinen Einblicken ins Alltagsleben der thüringischen
Kleinstadt Altenburg. Die einfachen Geschichten' schildern die Veränderungen und neuen
Umstände, denen die verschiedenen Figuren unter dem Einfluss des Systemwechsels ausgesetzt
sind. Diese stehen implizit in einem Zusammenhang zueinander und zeugen gemeinsam von
einem historischen Prozess. Das große Verdienst dieses Romans besteht darin, dass er diese
Prozesse im Bewusstsein der Menschen mit großer Tiefenschärfe und Menschenkenntnis
erforscht, festhält und in das kulturelle Gedächtnis der Deutschen einschreibt. Die Wahl
Altenburgs als Mikrokosmos, die Verbindung von Kurzgeschichte und Roman erweisen
sich zugleich als geeignete Mittel, mit deren Hilfe der Leser die Räume der ostdeutschen
Gesellschaft der frühen neunziger Jahre durchschreiten kann.

IngoSchulzesRomanSimple Storys erzählt in aneinandergereihten kurzen Geschichten vom


Leben in der thüringischenStadt Altenburgindenerstensechs Jahrennachdem Fall der Mauer. Die
Sorgen, Lebensumstände, Wünsche und Beziehungen seiner nahezuausschließlichenOst‐
FigurenstehenimMittelpunktdesRomansund lassen so eine Stimmung entstehen, die dem Leser
einen Einblick in das LebensgefühlderPost‐Mauerfall‐Atmosphäregibt. Eingeführt wird der
Leser in den Roman über das Ehepaar Meurer aus Altenburg, das nochvorder offiziellen
Vereinigung nachdemMauerfallmit gefälschten Pässen eine Busreise nach Italien unternimmt.
Noch gibt es Momente, indenensichErnstundRenateMeureraufdieserReiseaufeiner gewissen
Ebene vertraut sindundeine Nähe zwischenden beiden gewährt ist. Doch das Ende des ersten
Kapitels, besser gesagt: der ersten kurzen Geschichte, zeigt die Richtung an, in die sich das
Leben der rund dreiundzwanzig Protagonisten und der etwa zwanzigweiterenFigurenaus
Altenburg entwickeln wird: Angst, Unsicherheit, gescheiterte Beziehungen,
Orientierungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, unerfüllte Wünsche und eine bestimmte Art von
Passivität und Lethargie werden sie in den folgenden MonatenundJahrenallemehroderweniger
heimsuchen.

Als repräsentatives Werk, welches das Alltagsleben der Ostdeutschen während sowie nach der
Wende und der Wiedervereinigung widerspiegelt, behandelt Ingo Schulzes Prosatext Simple
Storys auf eigentümliche Weise diesen historischen Prozess und dessen Folgen. Die „Wende“
bedeutet für die Protagonisten in der Tat einen radikalen Wendepunkt, der sie aus der Bahn wirft.
Viele erleben im Folge der neuen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ihren beruflichen
und sozialen Abstieg; sie reagieren auf die neue Erfahrungen oftmals verwirrt, in hilfloser
Resignation; manche dagegen versuchen tapfer, ihr Leben in den Griff zu bekommen und ihre
Würde zu bewahren. Im Kapitel 1 erzählt Renate Meurer „von einer Busreise im Februar 90“,
das Ehepaar M. ist „ zum ersten Mal im Westen, zum ersten Mal in Italien“. Für die Erzählerin
klangen die Zielorte Venedig, Florenz, Assisi wie Ziele in einer unerreichbaren, exotischen
Ferne. Selbst an Ort und Stelle erscheint es immer noch unwirklich: „ Man befindet sich auf der
anderen Seite der Welt und wundert sich, dass man wie zu Hause trinkt und isst und einen Fuß
von den anderen setzt, als wäre das alles selbstverständlich“. Obwohl die Reise nach Italien über
München mit gefälschten westdeutschen Ausweisen vor sich gehen sollte, trifft R. Meurer ihre
Reisevorbereitungen noch so, wie sie es von früheren gelegentlichen Reisen ins Ausland
gewöhnt ist. Es gehörte zum geteilten Alltagswissen, dass man sich für Reisen ins Ausland, um
die knappen Reisedevisen zu sparen, mit dem Nötigsten vorher versah, um später nicht unnötig
Geld für Lebensmittel oder Restaurantbesuche ausgeben zu müssen. Und dazu gehören vor allem
die genannten Konserven. Die Erinnerung an diese Zeiten verbinden dich für die Erzählerin mit
scheinbar nebensächlichen Alltagsdingen: „Warum ich das erzähle? Weil man so schnell
vergisst. Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass Ernst und ich noch an dasselbe gedacht und
in einer schwarzrot karierten Tasche Konserven mit uns herumgeschleppt haben“.

In den literarischen Umsetzung zentraler Themen werden allerdings vielfach nicht die
entsprechenden Schlüsselwörter verwendet, sondern die im alltäglichen Sprachgebrauch eher
anzutreffenden Umschreibungen bzw. entsprechende umgangssprachliche Benennungen, oder es
wird indirekt mit Situationsbeschreibungen auf offizielle Schlüsselkonzepte wie Währungs-,
Wirtschaftsbezug genommen. So beschreibt in Kapitel 2 „ Neues Geld“ die Kellnerin Conny,
wie sie die Einführung der neuen Währung erlebt: „Zu Hause sprachen meine Eltern viel von
dem neuen Geld, das es ab nächsten Montag geben sollte..“, „ Beim Kassieren fühlte ich mich
wie zu Beginn der Lehrzeit, als wir untereinander servieren geübt und mit Spielgeld bezahlt
hatten“.Altenburg wird als Prototyp der „ ostdeutsche Provinz“ dargestellt, in der wirtschaftliche
und soziale Situation nach der Wende noch schwieriger ist als in den stärker im Blick der
Öffentlichkeit liegenden Großstädten. Was sich in Altenburg in etwas größerem Umfang an
Typischen zeigt, zeigt sich im „ Wenzel“ dem „ einzigen Hotel“ in Altenburg im Kleinen: „
Harry Nelson, mit seinen ledernem Aktenkoffer, der zwei Zahlenschlösse hatte“, repräsentierte
den Prototyp des „ aus Frankfurt nach Altenburg“ gekommen, suchendes Geschäftsmannes.
Altenburg zog auch solche Geschäftsleute an wie „ den dicken Czisla aus Köln“ oder „
Pakistans, wie Erika sie nannte“. Ein Trennende zwischen Ost und West scheint hier scharf auf,
und im weiteren Verlauf gestaltet sich die Vereinigung von BDR und DDR als Mischung aus
plumper Verführung Zeichen des Geldes. Als solche ist der Vorgang zwischen Conny Schubert
und dem Geschäftsmann Harry Nelson “Harry Nelson kam im Mai 90 aus Frankfurt nach
Altenburg. Er suchte nach Häusern, vor allem aber nach Bauland an den Zufahrtsstraßen zur
Stadt.” Der übermächtige Nelson, dessen Namen auf den britischen Admiral erinnert, genießt
unverhohlen den Sieg des Kapitalismus. Schulze erzählt die Geschichte aus der Sicht des
Mädchens. Auch bei Schulzes Geschichte sind die letzten Sätze entscheidend. Es wird aber nicht
nur die Enttäuschung der Frau gezeigt, sondern Schulze wendet die Geschichte in eine Parabel
über den Anschluss Ostdeutschlands. Das Mädchen beendet ihre Ich-Erzählung mit dem
Kommentar ihrer Eltern: "Obwohl ich so naiv und blauäugig gewesen wäre, sagen sie , hätte ich
bereits sehr früh - als sich die anderen noch Illusionen hingaben -, bereits da hätte ich gewusst,
wie alles hier kommen würde. Und damit haben sie ja auch irgendwie recht."

Das Bild von Altenburg trifft man auch in der dritte Geschichte „ Mal eine wirklich gute Story“.
Im Februar 91 stellt sich der Journalistin Danny die Situation so dar: „ Überall wartet man auf
den großen Aufschwung. Supermärkte und Tankstellen werden gebaut, Restaurants eröffnet und
die ersten Häuser saniert. Sonst gibt es aber nur Entlassungen und Schlägereien zwischen
Faschos und Punks, Skins und Redskins, Punks und Skins“. Dannys Job ist es, über die
Wirklichkeit zu berichten und dabei schreibt sie nicht nur über das, was sie als Augenzeugin am
Bahnhof miterleben kann, sondern man geht auch „Zeugenaussagen“ nach, die auf der Linie
dieser Ereignisse liegen. Im Gespräch mit Beyer, wird Danny aufgefordert, endlich das
Unternehmerporträt über einen Anzeigenkunden zu schreiben. Beyer glaubt, seinem Anliegen
mit der Bemerkung:“ Vielleicht reden wir hier über Ihr Gehalt, Danny“. Am Anfang geht die
Geschichte von Bertram gut bis Danny merkt dass sie es mit einem verwirrten Alten zu tun hat.
Dieser fingierten Story hält sie ihre selbst erlebte Geschichte mit dem geisteskranken Alten
entgegen: „ Das ist mal eine wirklich gute Story, sage ich und ziehe den Reißverschluss meiner
Handtasche zu. Vergleichend mit Ihrer ist sie geradezu glänzend!“. Auf diesen Unterschied ,
den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Story, kommt es hier an, und wenn
man noch einmal zurück blättert, dann zeigt sich: die gute Geschichte ist die Geschichte , die
man selbst „erlebt“, hat und „ die wahr ist, wahr, bis ins letzte Detail“.

Die Veröffentlichung von Simple Storys hat einenkleinen,Hype‘ausgelöst. UlrichGreinernennt


denRoman „den Roman der Vereinigung“, der unerschrocken ins Herz der deutschen Zwietracht
ziele und Wolfang Höbel nennt Schulze „einen scharfen Beobachter“. Auf der Suchedanach,
was diese Begeisterung für den Roman auslöst,stößt man zunächst auf seine ungewöhnliche
Machart. Die miteinander verstrickten und verästelten Kurzgeschichten wecken das Interesse der
Lesender.Der Autor weckt Erinnerungen- sowohl positive als auch negative- an die Arbeits- und
Lebensverhältnisse in der DDR und liefert dem dafür empfänglichen Rezipienten wichtige
Verstehenshintergründe für die Befindlichkeit seiner Figuren in einer Zeit, in der alles bisher
Selbstverständliche in Frage gestellt ist.