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Heinz Reif (Hg.

)
Adel und Bürgertum
in Deutschland
II

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ELITENWANDEL
IN DER
MODERNE

Herausgegeben von Heinz Reif


in Zusammenarbeit mit René Schiller
Band 2

Band 1
Adel und Bürgertum in Deutschland I.
Entwicklungslinien und Wendepunkte im 19. Jahrhundert,
herausgegeben von Heinz Reif

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Heinz Reif (Hg.)

A D E L UND
BÜRGERTUM IN
DEUTSCHLAND
II
Entwicklungslinien und
Wendepunkte im
20. Jahrhundert

Akademie Verlag
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Gedruckt mit Unterstützung der
Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei


Der Deutschen Bilbliothek erhältlich

ISBN 3-05-003551-X

© Akademie Verlag GmbH, Berlin 2001

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oder übersetzt werden.

Einbandgestaltung: Jochen Baltzer


Druck: G A M M E D I A , Berlin
Bindung: Norbert Klotz, Jettingen-Scheppach
Printed in the Federal Republic of Germany

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Inhaltsverzeichnis

HEINZ REIF

Einleitung 7

M A R K R . STONEMAN

Bürgerliche und adlige Krieger: Zum Verhältnis zwischen sozialer


Herkunft und Berufskultur im wilhelminischen Armee-Offizierkorps 25

MARTIN KOHLRAUSCH

Die Flucht des Kaisers -


Doppeltes Scheitern adlig-bürgerlicher Monarchiekonzepte 65

A X E L SCHILDT

Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen".


Adel und Bürgertum in den Anfangswirren der Weimarer Republik 103

M A R C U S FUNCK

Schock und Chance. Der preußische Militäradel in der


Weimarer Republik zwischen Stand und Profession 127

STEPHAN MALINOWSKI

„Führertum" und „Neuer Adel" Die Deutsche Adelsgenossenschaft


und der Deutsche Herrenklub in der Weimarer Republik 173

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WOLFGANG ZOLLITSCH

Orientierungskrise und Zerfall des autoritären Konsenses: Adel


und Bürgertum zwischen autoritärem Parlamentarismus, konservativer
Revolution und nationalsozialistischem Führeradel 1928-1933 213

GUIDO MÜLLER

Jenseits des Nationalismus ? - „Europa" als Konzept grenzübergreifender


adlig-bürgerlicher Elitendiskurse zwischen den beiden Weltkriegen 235

ECKART CONZE

Adel und Adeligkeit im Widerstand des 20. Juli 1944 269

Teilnehmer an den beiden Symposien


"Adel und Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert" ,297

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HEINZ REIF

Einleitung*

„Die preußischen Junker können, wenn sie


von der Bildfläche abtreten sollten, ruhig
abwarten, ob Elemente, die jetzt zur Regie-
rung berufen werden, es besser können als
sie. "
(Elard von Oldenburg-Januschau, 1936)

I.

Adel wie Bürgertum verstanden den Prozeß der Elitenbildung im 19.


wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Bildung eines „neuen
Adels", das heißt: Adel und Adelskultur gehörten in Deutschland bis in
die Zeit des Nationalsozialismus hinein zu den offenbar unverzichtba-
ren Ressourcen neuer Elitenbildung. Am Anfang des Forschungspro-
jekts „Elitenwandel in der gesellschaftlichen Modernisierung" standen
zwei Konferenzen, die einen Überblick über die Beziehungsgeschichte
der beiden Protagonisten im Prozeß der Elitenbildung, Adel und Bür-
gertum, erarbeiteten. Im ersten Band dieser Reihe, der sich auf den
Elitenwandel im langen 19. Jahrhundert konzentrierte, wurden drei

* Die mit diesen Bänden I und II beginnende Buchreihe präsentiert Ergebnisse des
Forschungsprojekts „Elitenwandel in der gesellschaftlichen Modernisierung. Adel
und Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert", das in Durchfuhrung wie Druckle-
gung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in großzügiger Weise gefordert
wurde. Alle Mitarbeiter dieses Forschungsprojekts sind der DFG zu Dank ver-
pflichtet. Die beiden Tagungen zur Geschichte von Adel und Bürgertum in
Deutschland, deren Beiträge in den ersten zwei Bänden dieser Reihe veröffentlicht
werden, sind durch die Unterstützung der Werner-Reimers-Stiftung ermöglicht
worden und fanden in deren Haus in Bad Homburg statt. Auch dieser bewährten
Einrichtung der Forschungsforderung gilt unser herzlicher Dank.

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8 Heinz Reif

Perioden dieser Beziehungsgeschichte herausgearbeitet:** In der ersten


Hälfte des 19. Jahrhunderts schien noch vieles denkbar und machbar.
Die Begegnungen zwischen Adel und Bürgertum im staatlichen, be-
ruflichen und gesellschaftlichen Bereich nahmen an Zahl wie an Inten-
sität rasch zu. Die Imaginationen über das künftige Verhältnis zuein-
ander reichten von der Bildung einer adlig-bürgerlichen composite
élite bis zur völligen Einschmelzung des Adels in die aufkommende
bürgerliche Gesellschaft. Die siegreiche Gegenrevolution, vor allem
aber die Einrichtung des Herrenhauses 1854 in Preußen brachten dann
eine langfristig folgenreiche Wende: Der preußische Adel, und auf
längere Sicht auch der Adel des kleindeutschen Reiches gewann die
Vision eines vom preußischen Königtum und dessen Militär gestützten
eigenen Weges durch das weitere Jahrhundert. Von dieser Vision neu
motiviert sammelte er in ständischer Reorganisation seine Kräfte und
richtete sich noch entschiedener als bisher auf den Dienst für Monar-
chie und Staat aus. Der Adel blieb stark, zu stark für einen schrittwei-
sen Rückzug aus der Geschichte, zu stark und zu „eigensinnig" selbst
für die Idee der Bildung einer composite élite.
Die bürgerlichen Angebote, gemeinsam eine neue Aristokratie und
politische Klasse zu bilden, gingen ins Leere, obwohl angesichts fort-
schreitender proletarischer und kleinbürgerlicher Radikalisierung und
damit einhergehenden Drucks von unten vieles dafür sprach. Adlig-
bürgerliche Elitenbildung konnte damit im Grunde nur dort voran-
schreiten, wo sich der Adel aus eigener Entscheidung konzentrierte, in
Militär- und Staatsdienst.
Eine Erweiterung dieses engen Begegnungsfeldes konnte nach
1848/54 letztlich nur noch durch Lenkung von oben, durch Wegwei-
sungen des Monarchen und seiner Regierung erfolgen. Und diese Auf-
forderung zu einer offenen Elitenbildung blieb aus.
Erst in den 1890er Jahren eröffnete der Wilhelminismus neuen
Raum für eine solche Aristokratiebildung von oben. Der bürgerliche
Reichtum, in den 1870er Jahren noch als schnöder Materialismus
stigmatisiert, hatte sich inzwischen veredelt, ließ sich an Kultur, Mili-
tärbegeisterung und Monarchiebindung vom Adel nur noch schwer
übertreffen. Adlige Exklusivitätsbereiche wurden nun wieder stärker
abgebaut, neue Felder gesellschaftlicher Begegnung und gemeinsamer
Aktivität erschlossen. Zugleich aber wurde das inzwischen erreichte
Ausmaß an Heterogenisierung und Desintegration auf beiden Seiten
sichtbar: Ein schillerndes Spektrum bürgerfeindlicher Bürger und

** Vgl. Heinz REIF (Hg.), Adel und Bürgertum in Deutschland I. Entwicklungslinien


und Wendepunkte im 19. Jahrhundert, Berlin 2000.
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Einleitung 9

unadliger Adliger. Die Suchbewegung nach einem „neuen Adel" dis-


soziierte, wurde hektisch, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Integra-
tionsprobleme, die nun offensichtlich und sofort heiß diskutiert wur-
den, über eine Klärung des Verhältnisses von Adel, Bürgertum und
Monarchie weit hinaus gingen.
Der hier vorliegende Band konzentriert sich auf diese neue Welle
von Suchbewegungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auf
ihre weiterhin wachsende Vielfalt und ihre Radikalisierung unter den
Bedingungen eines schwachen Kaisertums, von Kriegsniederlage und
Revolution, vor allem aber der Suche nach einem angemessenen Weg
zur Integration der aufkommenden Massengesellschaft.

II.

Zur Zeit der Jahrhundertwende war die Elitenbildung aus Adel und
höherem Bürgertum zweifellos im Offizierkorps des Reiches am wei-
testen fortgeschritten, allerdings - so die noch immer vorherrschende
Forschungsmeinung - unter dem prägenden, Identität stiftenden Ein-
fluß adlig-altpreußischer, „feudaler" Orientierungen und Verhaltens-
weisen. Mark Stoneman entwickelt am Fallbeispiel des bürgerlichen
Generals Wilhelm Groener auf der Grundlage neuer analytischer Kate-
gorien und Konzepte einen Erklärungsansatz, der sich weitgehend von
dieser Sicht löst: Entscheidend für die Prägung des Offizierkorps war
der Prozeß militärischer Professionalisierung, der adlige und bürgerli-
che Offiziere gleichermaßen erfaßte und prägte. Die stark feudale Au-
ßenhaut des Offizierkorps war in seiner Sicht Teil des Prozesses beruf-
licher Modernisierung. Traditionsbildung, die sich aus adligen, alt-
preußischen und aristokratischen Bedeutungsarsenalen munitionierte,
und deren Ort die Vielzahl der „Regimentskulturen" war, erfüllte über-
aus moderne Funktionen: Die Heterogenität, die sich aus der Profes-
sionalisierungsdynamik, der schnell fortschreitenden sozialen und
funktionalen Differenzierung des Offizierkorps ergab, wurde durch
kulturelle Praxis, durch Herstellung von Gedächtnis und gemeinsamer
Identität gekontert und letztlich sogar wieder aufgehoben. Der Adel
lieferte die Kulturbedeutungen und Verhaltensmuster, die Profis des
Militärs kreierten nach innen die neue Identität, nach außen die
Selbstrepräsentation der neuen Elite.
Herkunftsbeziehungen räumt Stoneman demgegenüber nur noch
relativ geringes Gewicht ein. Sie „spielten hinein" in vielfaltige tag-
tägliche Karriereentscheidungen, aber selbst hier besaß das gemeinsa-
me adlig-bürgerliche Bemühen um Absetzung nach unten, zum Klein-

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10 Heinz Reif

bürgertum, eine größere Bedeutung für Orientierung und Verhaltens-


prägung als die Fragen nach adliger vs. bürgerlicher Herkunft. Die
Begriffe Adel und Bürgertum verlieren in Stonemans elitengeschichtli-
chem Ansatz rasant an analytischer Kraft. Allerdings bleiben zwei
kulturgeschichtlich bedeutsame Fragen undiskutiert: Warum wurden in
diesem Professionalisierungsprozeß nicht modernere, eigene, stärker
bürgerliche Angebote traditioneller Identitätsstiftung, Repräsentation
militärischer Leistung und Darstellung gesellschaftlicher Bedeutung
erarbeitet? Und: Welche gesellschaftlichen Folgen ergaben sich, z.B.
für den so zahlreichen preußischen Kleinadel, aus der Tatsache, daß
das gesamte moderne Offizierkorps aus Adligen und Bürgerlichen sich
in Formen und Bildern repräsentierte, die aus den Arsenalen des Adels
stammten oder zumindest zu stammen schienen? Im Militär ebnete seit
dem Ende des 19. Jahrhunderts - folgt man der Deutung Mark Stone-
mans - der Professionalisierungsprozeß die Unterschiede zwischen
adliger und bürgerlicher Herkunft sukzessiv ein.

Martin Kohlrauschs Studie zur Flucht Wilhelms II. nach Holland 1918
erschließt einen ähnlichen Angleichungsprozeß auf einem ganz ande-
rem Gebiet. Wilhelm II. wurde aufgrund seines neuen, neo-
absolutistischen Herrschaftsstils zum Fixpunkt überzogener Hoffnun-
gen des Adels wie des höheren Bürgertums auf Ausgleich der schnell
wachsenden Interessengegensätze in der Gesellschaft des Reiches.
Adlig-bürgerliche Integrationserwartungen fanden ihre Bestätigung im
Führungsversprechen des wilhelminischen Stils. Daneben etablierte
sich aber, zumindest vom Kaiser unbemerkt, ein neues Kriterium mon-
archischer Legitimität: Die Forderung nach Leistungsbeweis und er-
folgreicher Leistungsprobe. Die Welle der Kaiserkritik, die schon lan-
ge vor 1914 einsetzte, wird in dieser Sicht zum Signal einer schlei-
chenden Legitimitätskrise der Monarchie, und zwar im Adel wie im
höheren Bürgertum: Die Erwartung effektiver Führung und die Erfah-
rung, daß monarchische Integrationsleistungen auf der Ebene der
Reichselite wie des Reichsvolks ausblieben, strebten zunehmend aus-
einander. Die Führungserwartung löste sich in der Folge von der Per-
son des Kaisers und nach 1918 auch erstaunlich leicht von der Institu-
tion der Monarchie.
Die schmähliche Flucht Wilhelms II. nach Holland beschleunigte,
als gescheiterte Leistungsprobe interpretiert, diesen Ablösungsprozeß.
Der extrem flüssig werdende Diskurs über Funktion und Bedeutung
der Monarchie verhüllte nur begrenzt die im Hintergrund ablaufende
Transformation der gescheiterten Kaiserkonzepte in das Modell echten,

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Einleitung 11

Leistung erbringenden Fiihrertums, mit der Figur Hindenburg als Zwi-


schenstation. Die Enttäuschung über das Scheitern ihrer überzogenen
Kaiserkonstrukte führte Adel und Bürgertum, jenseits aller Interessen-
unterschiede und Ungleichzeitigkeiten, in ihrer Verlusterfahrung, in
gemeinsamer Generations-Desillusionierung, zusammen. Der Kaiser
und, so wäre zu ergänzen, die eigenen „Väter" in den staats- und kai-
sernahen Elitenpositionen hatten weder gesellschaftliche Stabilität
noch militärische Effektivität gesichert. In einer schon vor 1914 einset-
zenden, gemeinsamen neukonservativen, rechten Wende verlagerte
eine adlig-bürgerliche Generation während der Weimarer Republik
ihre Loyalität auf das, was wirkliche Stabilität, Effektivität und Eliten-
kontinuität im Wandel versprach: auf die Nation, den gemeinsamen
völkischen Urgrund und den kommenden, neue Einheit und neue Elite
stiftenden Führer.

Daß Axel Schildt in seiner Studie zur Genese und zu den Trägern des
Kapp-Putsches nur einige Indikatoren für die Handlungsrelevanz adli-
ger vs. bürgerlicher Herkunftstraditionen identifizieren kann, liegt an
der Vernachlässigung dieser Perspektive in der bisherigen Forschung,
an der episodischen Kürze und Verworrenheit des von ihm untersuch-
ten Geschehens, aber auch zu einem erheblichen Teil daran, daß Krieg
und Revolution die Schnittmenge gemeinsamer konservativer, antibür-
gerlicher und rechtsextremer Uberzeugungen des Adels und eines Teils
des Bürgertums in erheblichem Maße vergrößert hat. Die aggressiv
aufgeladene Sammlungspolitik der Vaterlandspartei, die Ablehnung
des „westlichen", angeblich von einer kraß materialistischen Bourgeoi-
sie dominierten liberalen Parteiensystems, die Furcht vor der bolsche-
wistischen Revolution, aber auch die Kritik am Versagen der alten,
adligen wie bürgerlichen Machteliten begründeten eine neue, rechte
adlig-bürgerliche Gemeinsamkeit.
Schildt betont, daß den beträchtlichen Reserven, mit denen viele
altkonservative und rechte Adlige wie Bürgerliche dem Kapp-Putsch
begegneten, weit eher strategische als inhaltliche Differenzen zugrunde
lagen. Dies lenkt den Blick auf weitere adlig-bürgerliche Überein-
stimmungen schon in dieser frühen Phase der Bekämpfung der Repu-
blik: Man präferierte die langfristige Auflösung der Republik von
rechts, mit der Zwischenstufe einer Präsidentschaft Hindenburgs, ge-
genüber einer schnellen Zerstörungsaktion, die ohnehin nur wenig
Aussichten auf Erfolg hatte. Dies war, bei aller adlig-bürgerlichen
Sympathie für die Putschisten, die realistischere Strategie, weil eine
Rückkehr zur Monarchie, wie der Beitrag von Kohlrausch zeigt, für die

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Lenkung und Integration der aufkommenden Massengesellschaft keine


Lösung mehr war, weil der leistungsfähige Führer (noch) nicht in
Sicht, vor allem aber eine effektive neue politische Aristokratie, die
diesen Führer unterstützte, erst noch zu bilden war, und zwar - nun
allen Beteiligten an diesem rechten Diskurs selbstverständlich - aus
Adligen und Angehörigen des höheren Bürgertums. In beiden Strate-
giegruppen, der kurzfristig orientierten des Putsches und der langfristig
ausgerichteten der rechten Transformation der Republik, wirkten Adli-
ge und Bürgerliche in engem Verbund nebeneinander. Aber Schildt
identifiziert darüber hinaus einen weiteren wichtigen, äußerst folgen-
reichen Trend: Der Putsch war gerade unter adligen Offizieren attrak-
tiv; und es darf wohl - unter Vorbehalt künftiger Forschung - begrün-
det vermutet werden, daß diese Offiziere überwiegend aus Adelsfami-
lien stammten, die zum Kleinadel gehörten, dessen Konturen Marcus
Funck und Stephan Malinowski in den anschließenden Studien heraus-
arbeiten, einem militärisch ausgerichteten Kleinadel, der durch die
gravierende Heeresreduzierung im Kern seiner Existenz getroffen
wurde, wodurch die schon in der Kaiserzeit latent vorhandene Tendenz
zur Radikalisierung eine neue Dynamik gewann.

Marcus Funcks Aufsatz über den Militäradel in der Weimarer Repu-


blik belegt klarer als der Beitrag Schiidts und in gewisser Distanz zu
den Befunden Stonemans die bleibende analytische Bedeutung der
Herkunftskategorie Adel. Indem er die Forderung nach Klärung der
Binnengrenzen des Adels ernst und die gravierenden Auswirkungen
der Heeresreduzierung konkret ins Visier nimmt, fordert er ein ganzes
Geflecht von hochdynamischen, geschichtlich relevanten Entwicklun-
gen in Adels- wie Militärgesellschaft zutage. Als Sonde in diese Ge-
sellschaften dient ihm der Militäradel, eine Teilgruppe des kleinen
Adels, eine Adelsformation aus der Kaiserzeit, zusammengesetzt aus
(nachgeborenen) Söhnen des Gutsadels, der Adelsfamilien ohne Land-
besitz und der nobilitierten Offiziersfamilien. Solche Militäradligen
machten das Gros der über 9000 adligen Offiziere aus, die durch die
Heeresreduzierung zum „Adelsproletariat", zu Doppelexistenzen mit -
günstigstenfalls - bürgerlichem Beruf, zugleich aber bleibendem An-
spruch auf militärische Führungskompetenz herabsanken. An Zahl
überwogen die entlassenen, aber keineswegs inaktiven Militäradligen
ihre glücklicheren, in der Reichswehr aktiven Standesgenossen um ein
Vielfaches. Die Forschung hat dieser großen Verlierergruppe bisher
eher beiläufig Beachtung geschenkt. Funck holt sie in die Geschichte
der Weimarer Republik zurück, indem er ihre hohe Bedeutung für den

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Einleitung 13

Wandel des damaligen Militär- und Gesellschaftsgefüges aufzeigt.


Vier Adelsgruppen werden sichtbar: Erstens: Die „alten" Offiziere
aristokratisch-altpreußischer Prägung, die das Vertrauen der jungen
Adelsgeneration verloren und zu Fossilien erstarrten. Zweitens: Die
alten und jungen „Bürosoldaten" in der Modernisierungstradition des
Generalstabs, die eine neue Akzeptanz als Wertelite, als Wahrer von
Staat, Nation und Volk (gleichsam oberhalb der Republik) anstrebten,
von einer neuen Prägung und Lenkung der Massen träumten, zugleich
aber die Entwicklung des Offizierkorps der Reichswehr hin zu einer
offenen Profession forcierten, nicht zuletzt durch die gezielte Aussie-
bung des soldatesken, anti-bürgerlichen, brutalisierten Putsch-Typus
des Frontoffiziers. Drittens: Innerhalb des professionellen Reichswehr-
Offzierkorps eine Gruppe von adligen Offizieren, die die relativ auto-
nome Lebenswelt des Regiments, den Auftrag zur Traditionspflege
und die den Regimentern zugehörigen Regimentsvereine zum Aufbau
von Nischen, Inseln und Bastionen des Militäradels (nicht zuletzt in
den Reiterregimentern) und damit zur Ausbildung eines traditionali-
stisch-professionellen Mischtypus des Offiziers nutzte, der - gestützt
auf die glänzenden adligen Formen der Repräsentation - das Profes-
sionalisierungs- und Öffnungskonzept der Reichswehrführung von der
Truppe her, mit eigenen, adelsgemäßen Offiziersorientierungen, wirk-
sam konterte. In der Modernisierungsbewegung von oben, so Funcks
These, verloren Herkunftskriterien wie Adel und Bürgertum ihre Be-
deutung; in der Gegenbewegung von der Truppe her wurde parallel
dazu die Herkunft aus dem Adel wieder aufgewertet. Schließlich vier-
tens und nicht zuletzt: Die adligen ehemaligen Offiziere jenseits der
Reichswehr, teils Militärfossilien, teils aggressive, deklassierte Dop-
pelexistenzen oder schlicht Gestrandete, die in den zahllosen Wehr-
und Veteranenverbänden ein Surrogat militärischer Führung entdeck-
ten, ein rassistisches Konzept von Führung ausarbeiteten, ihre Verbän-
de in eine militaristische „nationale Opposition" lenkten, und weit
darüber hinaus zur Militarisierung und politischen Radikalisierung der
Adelsgesellschaft, der Reichswehr, der bürgerlichen Rechten und der
Weimarer Gesellschaft insgesamt beitrugen.
Funcks Bilanz der Geschichte des Militäradels in der Weimarer Re-
publik ist ernüchternd und stellt die Forschung, in der ein Trend zur
Relativierung der Adelsherkunft der Reichswehroffiziere unverkennbar
ist, vor neue Aufgaben: Zwei der aufgezeigten Entwicklungen im Mi-
litäradel blockierten, ja destruierten die in Gang gekommene Moderni-
sierung der Reichswehr. Und die größte Gruppe des Militäradels, die
deklassierten would be-Militärs in den militärischen und zivilen Mas-

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senverbänden, kumulierte ein Radikalisierungspotential von hoher


Sprengkraft, das anscheinend wesentlich stärker zur Zerstörung der
Weimarer Republik beitrug als die Aggressivität der adligen Agrarier
im Umkreis Hindenburgs und in der DNVP.

Stephan Malinowski geht bei seiner Suche nach den Ursachen der
ideologischen und politischen Radikalisierung des Adels in der Wei-
marer Republik ebenfalls von der Gesamtheit des Adels aus, untersucht
die alte und die neu sich ausbildende Binnendifferenzierung dieses
Adels und erschließt damit Adelsrealitäten, die bisher noch kaum in
den Blick der Forschung geraten sind. Der Erklärungszusammenhang
Adel und Nationalsozialismus gewinnt so neue Dimensionen hinzu:
Nicht nur der relativ erfolgreiche, gutsituierte Land-, Beamten-, Mili-
tär- und Diplomatenadel, der als Teil der traditionellen Machtelite die
Erosion seiner Führungsstellung zu stoppen versuchte, driftete in den
Nationalsozialismus ab. Weitaus dynamischer als die anhaltende (rela-
tive) Erfolgserfahrung dieses Adels drängte die massive Verlusterfah-
rung im breiten Strom des deklassierten Kleinadels zur Radikalisie-
rung, welche die Weimarer Republik, aber auch den Adel und den
stark vom Adel geprägten Konservativismus dissoziierte und letztlich
zerstörte. Beharrungs- wie Verlustgeschichte des Adels mündeten,
vermittelt über relativ genau bestimmbare adlige Teilgruppen, in den
Nationalsozialismus.
Ein sanftes, nostalgisches Abdanken kam für den weitaus größten
Teil des Adels in Deutschland, zumal für den preußischen Adel, auch
nach 1918 nicht in Frage. In seiner Sicht stand seine Teilnahme auch
an der künftigen Elitenbildung nie zur Disposition. Die gutsituierten
Adligen waren gefordert, ihr weiteres Obenbleiben zu sichern. Die
extrem anwachsende Zahl der deklassierten Kleinadligen, bestenfalls
mittelständische Existenzen, hatte sich wieder emporzuarbeiten. Dazu
waren beide Gruppen auf Brückenschläge zu Teilen des Bürgertums
angewiesen; und für beide fanden sich entsprechende Optionen und
Organisationen. Malinowski untersucht anhand der beiden wichtigsten
„Laboratorien" adliger Neuorientierung in der Weimarer Republik, der
Deutschen Adelsgenossenschaft und dem Deutschen Herrenklub, zwei
Varianten adlig-bürgerlichen Zusammenrückens im Nebel neuer,
hochideologisierter Elitenkonzeptionen. Der deklassierte Kleinadel in
der Deutschen Adelsgenossenschaft stilisierte und organisierte auf
seinem vermeintlichen Weg zurück nach oben die einzige ihm noch
verbliebene Ressource der Führung, das „reine Blut". Dies setzte radi-
kalen Aktivismus frei, schreckte das höhere Bürgertum ab und zer-

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Einleitung 15

störte den alten aristokratischen Adelsbegriff, weil diese Option letzt-


lich zu einem rassischen Konzept der aus dem Volk hervorgehenden
adligen Massenfiihrer tendierte, die ihren Vorranganspruch mit vielen
anderen - bürgerlichen, bäuerlichen, ja selbst proletarischen - Rein-
blütigen zu teilen hatten. Der Deutsche Herrenklub suchte eine alter-
native Option zu verwirklichen: Die kontrollierte Auslese und Vereini-
gung von Angehörigen vorwiegend traditional legitimierter Eliten zu
einer neuen Führungsschicht von „Herren", einer - nun allerdings ge-
schulten - politischen Elite des künftigen, autoritär umgeformten
Staates, welche lenkend über den Massen stehend den autoritären Füh-
rer aus einer inneren und äußeren Unabhängigkeit heraus unterstützen
sollten. Diese Konzeption führte letztlich zum „Zähmungskonzept"
v. Papens und nach dessen Scheitern zumeist in einen matten NS-Op-
portunismus, während der in der DAG dominierende deklassierte
Kleinadel - allerdings weitaus eher der protestantische als der katholi-
sche - mehr oder weniger früh in SA oder SS vor Anker ging. Mali-
nowskis Studie, die den Adel in seiner Gesamtheit und seiner konkre-
ten Differenzierung in die NS-Forschung zurückholt, regt zur Suche
nach weiteren adligen Optionen und adlig-bürgerlichen Brückenschlä-
gen an. Sie stellt zugleich zwei Eigenarten der deutschen Entwicklung
heraus: Auch in der Weimarer Republik behielt der deutsche Adel in
seiner Gesamtheit seinen ungebrochenen Führungswillen und Füh-
rungsanspruch, jenseits aller internen Differenzierungen. Und es gab
ein breites Spektrum an undemokratischen, politisch autoritären und
sozial elitären, auf Ungleichheit beharrenden Bewegungen und Grup-
penbildungen im Bürgertum, die sich als politisch gleichgestimmte
Partner von Brückenschlägen anboten.

Die Studie von Wolfgang Zollitsch, die in ihrem Kern der bisherigen,
eher politikgeschichtlich ausgerichteten, den relativ beharrungskräfti-
gen Adel akzentuierenden Forschung zum Zusammenhang von Adel
und Nationalsozialismus verpflichtet ist, ergänzt das von Malinowski
in den Blick genommene Geschehen um eine Reihe weiterer adliger
Handlungsfelder. Denn zweifellos erfuhren der Nationalsozialismus
und die Bewegungen, die ihm langfristig gewollt oder ungewollt zuar-
beiteten, auch im etablierten, noch immer wohlsituierten Landadel
erhebliche Zustimmung, zumindest aber wohlwollende Duldung. Zol-
litschs Leitfrage, warum die aus dem 19. Jahrhundert stammende For-
mation der „alten Machteliten" am Ende der Weimarer Republik zu
keinem Konsens mehr fand, der ihren Interessen entsprach, lenkt den
Blick ebenfalls auf Schwächen des Adels und auf ein doppeltes Defizit

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adlig-bürgerlicher Elitenbildung: Das adlig-konservative Lager zerfiel


in mehrere unvereinbare politische Richtungen. Und der Brücken-
schlag zum höheren Bürgertum scheiterte letztlich, trotz einer bis dahin
unerreicht großen Schnittmenge gemeinsamer politischer und gesell-
schaftlicher Grundorientierungen, an den sich verschärfenden Interes-
sengegensätzen zwischen Landwirtschaft und Industrie.
So fand man weder auf die Wirtschaftskrisen noch auf die vielfälti-
gen Modernisierungskonflikte eine gemeinsame, eigenständige, auto-
ritäre Antwort, die man dem Aufstieg des Nationalsozialismus entge-
genstellen konnte. Da als Folge dieser Entwicklung der Verlust loyaler
Wählermassen nicht ausblieb, kam es nach 1930 auch im relativ gut-
situierten Landadel (wie im industriellen Bürgertum) zu Panikreaktio-
nen, zu schnellen, unüberlegten Anschlüssen an die neuen nationalre-
volutionären, völkischen und nationalsozialistischen Optionen. Die
verzweifelten Versuche, die wachsende Kluft zwischen dem nie in
Frage gestellten Führungsanspruch und der real schwindenden Macht
zu überbrücken, fraktionierten die adligen Machteliten massiv, trieben
Adel und Bürgertum in diesen Machteliten zunehmend wieder ausein-
ander. Dies erklärt, warum - wie von Malinowski beobachtet - große
Teile des etablierten Landadels den Weg des völkischen Kleinadels
stützten, zumindest aber guthießen. Zugleich werden aber doch erheb-
liche Unterschiede zwischen Klein- und Landadel erkennbar: Der Weg
des Kleinadels in den politischen Radikalismus, in völkische Bewe-
gung und Nationalsozialismus, scheint als Suchbewegung langfristiger
angelegt und - bei aller geistigen Armut dieses Adelsrassismus -
ideologisch konsequenter durchdacht gewesen zu sein. Die unüberleg-
ten Panikreaktionen und Ausbruchsversuche des wohlsituierten, land-
besitzenden altkonservativen Adels, dessen Wunschträume von einem
aus den Völkischen und dem Nationalsozialismus hervorgehendem
neuen, massenwirksamen Konservativismus, kamen dagegen gleich-
sam aus dem Nichts und zerplatzten an der Realität nationalsozialisti-
scher Herrschaft wie Seifenblasen.
Zollitsch erklärt den scheiternden Brückenschlag zwischen Adel
und höherem Bürgertum, das Ende des Projekts einer neuen, den Kon-
servativismus modernisierenden adlig-bürgerlichen Elitenkultur, letzt-
lich mit der unausräumbaren Fremdheit, der bleibenden großen Distanz
zwischen Adels- und Bürgermilieu. Dies mag für die Kerngruppen
seiner Studie und seines Arguments, die großen adligen Landbesitzer
vor allem des agrarischen Nordostdeutschland und die mächtigen Indu-
striellen, zutreffen. Für den Adel und das höhere Bürgertum in seiner
Gesamtheit gilt dies - wie viele Studien dieses Bandes zeigen - aber

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Einleitung 17

nicht. In den professionalisierten Handlungsfeldern, in denen Adel und


Bürgertum zusammentrafen, war die Angleichung der Milieus inzwi-
schen weit fortgeschritten. Für die Weimarer Republik scheint deshalb
gerade die nicht mehr kontrollierte und integrierbare Vielfalt adlig-
bürgerlicher Brückenschläge charakteristisch gewesen zu sein. Wenn
der Deutsche Herrenklub im Interessenkonflikt zwischen Land-
wirtschaft und Industrie 1932 auch unverkennbar zahlreiche Mitglieder
verlor, so bleibt doch festzuhalten, daß viele seiner bürgerlichen Mit-
glieder nicht austraten, weil sie das vom Herrenklub vertretene adlig-
bürgerliche Elitenkonzept trotz des Konflikts weiterhin, auch politisch,
für plausibel hielten. Genauso wichtig wie die von Zollitsch herausgear-
beitete Distanzierungsbewegung zwischen zwei Teilgruppen des Adels
und Bürgertums scheint mir, daß sich jenseits dieses am weitesten
fortentwickelten Machtelitenmodells - aus der sich auflösenden bür-
gerlichen Gesellschaft heraus - andere bürgerliche Teilmilieus als Part-
ner für eine scheinbar weniger kostenreiche Erneuerung der Führungs-
stellung des Adels anboten, auf der Grundlage anderer, Adel wie Bür-
gertum verfügbarer Ressourcen. Doch auch die Wege, die sich hiermit
eröffneten, waren ohne Aufgabe eines großen Teils der traditionellen
adligen Denkmuster, ohne flexible Anpassungsleistungen nicht zu
gehen, es sei denn, man reihte sich, was allerdings nur ein Teil dieses
Adels tat, während des Nationalsozialismus „lernunfahig" in den Kreis
der Entmutigten und Resignierten ein.

Guido Müllers Darstellung der Elitendiskurse in den Europabewegun-


gen der Weimarer Republik erweitert in mehrfacher Hinsicht die bishe-
rigen Forschungsperspektiven: Er erschließt erstmals das weite Feld
der nicht unmittelbar politischen, zahlenmäßig weniger gewichtigen
Versuche adlig-bürgerlichen Brückenschlags im Rahmen von Eliten-
diskursen, die allerdings auch jetzt noch Diskurse über „neuen Adel"
blieben. Damit werden andere Traditionen und inhaltliche Topoi, vor
allem aber auch andere Akteure des adlig-bürgerlichen Elitendiskurses
in den Blick gerückt: Süddeutscher und habsburgischer katholischer
Adel; hochgebildete, europäisch orientierte und agierende Angehörige
des Hochadels und der Diplomatie; Schriftsteller und Intellektuelle,
nicht zuletzt auch die kultivierten, sozial-paternalistischen, nicht mehr
materialistisch-deformierten Führungsgruppen der Technik, der Indu-
strie und des Finanzwesens. Es waren durchweg eher städtisch-welt-
männisch-intellektuell als ländlich-militärisch-beamtenmäßig ge-
prägte Existenzen, ebenfalls in der bisher von ihnen beanspruchten
gesellschaftlichen Führungsstellung gefährdet, aber zumeist doch eher

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18 Heinz Reif

(noch) in angesehenen Stellungen und auskömmlichen Lebenslagen.


Einig waren sie sich in dem Ziel eines einheitlichen Mittel- und West-
europa mit starker deutscher Führungsstellung und einer Wiederher-
stellung von „Gemeinschaft", von organischer Harmonie in den von
Partei- und Klassenkämpfen zerfurchten Industrie- und Massengesell-
schaften Europas. Weitgehend einig waren sie sich auch über die
Grundvoraussetzung des Weges dort hin: Die Erhaltung von Qualität
und Hierarchie in Gesellschaftsordnung und Herrschaftsbildung, Ab-
wehr der Massen, der blanken Zahlen, der reinen Quantität, kurz: der
westlich-liberalen und östlich-rätedemokratischen Fiktion der Gleich-
heit. Basis dieser neuer Eliten, Kern der notwendig gewordenen neuen
Führungsauslese, sollte die Kultur werden, ein die nationalen Eigenar-
ten übergreifendes europäisch-abendländisches Kulturkonzept.
Dies schuf Raum für weitere adlig-bürgerliche Brückenschläge.
Der alte Land- und Dienstadel der Geburt war in der Sicht der daran
beteiligten Gruppen spätestens 1917/18 untergegangen. Aber es gab
noch eine andere Adelstradition, die man für die neue Elitenbildung
nutzen konnte: die geistesaristokratische. Seit Rationalismus und Auf-
klärung hatte sich ein Teil des Adels stets den neuen, modernen Kul-
turbewegungen angeschlossen. Die traditionelle Aufgeschlossenheit
für neuere Entwicklungen im Bereich der Kultur legitimierte diesen
Adel zur Teilnahme an der nun anstehenden Bildung einer werteset-
zenden und wertesichernden, die Massen führenden, tendenziell ge-
genüber allen sozialen wie nationalen Herkunftsgruppen offenen, aber
stark bürgerlich dominierten sozialen Aristokratie des Geistes. Dieses
Konzept einer politisch relevanten Kulturelite vermochte offenbar
traditional und modern orientierte, neoromantisch, neusachlich-funk-
tional und technokratisch-patemalistisch geprägte Persönlichkeiten mit
„natürlicher Autorität" zusammenzuführen, allerdings nur in der locke-
ren Kommunikationsstruktur von europäischen Bünden, mondänen
Hauptstadtsalons und internationalen Zeitschriften. Die Verbindung zu
zahllosen ähnlichen Zirkeln, vor allem aber zum Deutschen Her-
renklub (nicht zuletzt durch die von Malinowski identifizierten „Am-
phibien" wie z.B. der katholische v. Papen) ist offensichtlich und zeigt
erneut, daß in dieser wie vermutlich in vielen weiteren Bewegungen -
Studien zu Adel und Bürgertum in den Politischen Hochschulen der
frühen Weimarer Republik und in den zahlreichen esoterischen Krei-
sen, insbesondere in der „Schule der Weisheit" des Grafen Keyser-
lingk, wurden leider nicht fertiggestellt - der Interessengegensatz von
Landwirtschaft und Industrie von vielfaltigen anderen, konsensstiften-
den Motiven überlagert wurde.

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Einleitung 19

Der in den Europabewegungen agierende kultivierte Adel, der sich


zumeist schon mit ähnlichen Konzepten in der Lebens- und Kunstre-
formbewegung der Kaiserzeit nachhaltig engagiert hatte, war anschei-
nend bereit, in der anvisierten Geistesaristokratie aufzugehen. Aber
Müllers Darstellung zeigt auch, daß der süddeutsche und österreichi-
sche Adel in dieser „neuen Geistigkeit", neben bürgerlich-reformeri-
schen Motivarsenalen wie Jugend, Kriegserlebnis, Reinheit und Wahr-
haftigkeit auch beträchtliche Bestände an Adelstradition wiederfand:
Den übernationalen Reichsgedanken, katholisches und neuständisches
Hierarchiedenken, die Forderung einer dienenden Bindung an ein über-
individuelles Ideal, Opferbereitschaft bis hin zum Blutopfer, Heroen-
kult und einen ausgeprägten Sinn für „bedeutende Formen". Das Kon-
zept „neuer Adel", das am Ende des 18. Jahrhunderts in zahlreichen
Adelsreformdiskussionen entwickelt und vom aufklärerischen deut-
schen Bürgertum mitgetragen wurde, zeigte in diesen Europabünden
noch einmal seine extrem hohe Halbwertzeit. Die Elitenkonzepte auch
dieser Bewegungen waren deshalb letztlich nicht demokratisierbar,
aber - bei aller Faszination für den italienischen Faschismus und den
deutschen „Führet' Adolf Hitler - gemessen an der völkischen Adel-
stradition des Kleinadels doch sehr viel weniger radikal und kosten-
reich.

Angesichts all dieser beeindruckenden zeitlichen Widerständigkeit


adliger Traditionen in den Elitendiskussionen des 19. und 20. Jahrhun-
derts ist es nicht allzu erstaunlich, daß Eckart Conze im deutschen
Widerstand, insbesondere in den stark von Adelsangehörigen mitge-
prägten Kreisen des 20. Juli, immer noch erhebliche „Überhänge" an
Adelskultur wie an vormodernem adligem Eliten-, Gesellschafts- und
Politikverständnis findet. Noch einmal erhob der Adel, gleichsam auf
der Rückseite seiner Unterstützung des Nationalsozialismus, den An-
spruch auf selbstverständliche Teilhabe an einer Zukunftsgestaltung,
die sich am Elitenkonzept orientierte. Aber das Konzept einer „neuen
Aristokratie", ein Begriff der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der
Adelsreformdiskussion langsam den „neuen Adel" zu ersetzen begann,
signalisiert zugleich das wachsende bürgerliche Übergewicht im adlig-
bürgerlichen Diskurs. Conze zeigt die Schwierigkeiten und Aporien
der Widerständler des 20. Juli beim Versuch, Qualitätskriterien für die
Auslese und Herrschaftsetablierung der Besten zu finden, welche Adel
und Bürgertum übergriffen; er zeigt auch, in welch hohem Maße dabei
- neben modernen Tendenzen - weiterhin adlige, eher rückwärts ge-
richtete Denk- und Verhaltenstraditionen ins Spiel kamen. Allerdings

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20 Heinz Reif

gehörten nicht wenige der hier identifizierten Werthaltungen und Herr-


schaftsvorstellungen inzwischen schon lange zur Schnittmenge adliger
und bürgerlicher Grundorientierungen. Conzes Studie weist selbst auf
die große Zahl bürgerlicher Ehen im Adel des 20. Juli hin. Die ent-
scheidende Aporie der Elitenkonzepte des 20. Juli war dagegen, wie
das im Text angeführte Beispiel Theodor Heuss zeigt, eine Einstellung,
die adligen und bürgerlichen Widerständlern in erheblichem Maße
gemeinsam war: Das Beharren auf Qualität, auf edler, autonomer „Per-
sönlichkeit" als Voraussetzung der Elitenzugehörigkeit, das Festhalten
an personaler Integration einer Gesellschaft durch Monarchen oder
Führer, die Unwilligkeit, ja Unfähigkeit, Elite als Funktionselite aus-
differenzierter gesellschaftlicher Teilbereiche, Qualität als Qualität in
der Funktionserfullung und gesellschaftliche Integration weitgehend
abstrakt, als Ineinandergreifen von gesellschaftlichen Funktionen und
Funktionseliten (ohne Voraussetzung umfassender Personqualitäten)
zu begreifen, kurz: das Allgemeinwohl als Ergebnis des Zusammen-
wirkens von Partikularinteressen aufzufassen. Stattdessen beharrte man
auf einem von der Gesellschaft abgehobenen „Staat", der das Allge-
meinwohl in sich barg, und auf einem allgemeinen Stand, der dieses
Allgemeinwohl zu erkennen und ihm zu dienen vermochte, und dessen
Zugangskriterium - eine Personqualität, welche letztlich Führungsan-
spruch in der Massengesellschaft begründete - weder inhaltlich noch
formal verfahrensmäßig zu bestimmen war.

III.

Resümiert man die Ergebnisse der beiden Tagungen, so kommt man


im Kern auf das folgende Entwicklungsmuster: Strukturell war ent-
scheidend, daß der Adel in Deutschland relativ stark und wohlorgani-
siert ins 19. Jahrhundert eintrat. Das geburtsaristokratisch gegründete
Vorrangdenken blieb enorm stark, gerade auch bei den deklassierten
Kleinadligen, deren Zahl schon im Kaiserreich, vor allem dann aber in
der Weimarer Republik extrem anwuchs. Bis 1933 und darüber hinaus
verstand sich der Adel in Deutschland ganz selbstverständlich als
wichtigstes Rekrutierungsreservoir jeglichen Versuchs neuer Elitenbil-
dung. Diese wurde in der adlig-bürgerlichen Diskussion dieses Zeit-
raums durchweg als Bildung „neuen Adels", „neuer Aristokratie" ver-
kündet, was die Ansprüche des Adels stärkte und - im Gegensatz zum
Begriff „Elite" - den gesellschaftlichen Mechanismus neuer Auswahl
eher verschleierte. Erst die dichte Folge von Verlusterfahrungen seit
dem 20. Juli 1944 und der Kriegsniederlage 1945 - Verfolgung, Ver-

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Einleitung 21

treibung, Enteignung und Einbuße fast aller staatlichen Führungsposi-


tionen - brachte diesen Adel zur Anerkennung der pluralen Gesell-
schaft, zur (bescheiden machenden) Erkenntnis eigener Partikularität,
zum endgültigen Verzicht auf Vor-Rang, zum Rückzug in die Gesell-
schaft und zu weitgehend privaten Strategien ständischer Selbstorgani-
sation und Überlebenssicherung.
Der Abschied des Adels von seinem Vorrangdenken war in
Deutschland unendlich lang, mühsam und zunehmend von Aggressi-
vität geprägt. Beispiele der Mäßigung, des eher stillen, entspannten,
selbstbewußt-resignierenden Ausstiegs aus der Geschichte findet man
dagegen selten. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und
letztlich nur im internationalen Vergleich aufzuklären. Doch war für
die erfolgreiche Selbstbehauptung des preußisch-deutschen Adels in
Staat und Gesellschaft - jenseits seiner eigenen Anpassungsleistungen
und der Unterstützung durch Monarchen wie Fürsten - zweifellos die
Konstellation, in welcher er im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts
zum Bürgertum stand, von mitentscheidender Bedeutung. Bis in den
Nationalsozialismus hinein haben in Deutschland immer wieder bür-
gerliche Gruppen mit ihren Angeboten zur Bildung „neuen Adels", mit
ihren Zugriffen auf Werte, Kulturbedeutungen und Handlungsmuster
der Adelstradition, den Adel aufgewertet, zu Re-Inventionen eigener
„Adligkeit" angeregt und damit von härteren, kostenreicheren Alterna-
tiven der Anpassung an die Moderne abgelenkt.
Richtet man den Fokus der Forschung auf diese Beziehung, genauer
auf die Vielzahl adlig-bürgerlicher Versuche des Brückenschlags mit
dem Ziel neuer Elitenbildung, so wird eine charakteristische Verlaufs-
form sichtbar. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die ge-
sellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Bildung einer neuen,
adlig-bürgerlichen, durch Leistung legitimierten, innerlich gefestigten
Elite relativ günstig. Die Leitbilder des starken Staates und (noch) der
vorindustriellen Bürgergesellschaft stützten die Vorstellung einer Ver-
schmelzung von Adel und Bürgertum zur staatsnahen wie auch parla-
mentarischen Elite. Aber der Adel fühlte sich noch zu stark, darauf
einzugehen, und die Mehrzahl der Monarchen und Fürsten stützte diese
Einschätzung, zumal nach der erfolgreichen Gegenrevolution 1848/49.
So blieben - bei aller Offenheit der Diskussionen über einen „neuen
Adel" - die Felder realer adlig-bürgerlicher Begegnung eng begrenzt
und Eingriffe „von oben", zur Öffnung des Adels in Richtung Bürger-
tum, weitgehend aus.
Seit den 1890er Jahren wird dann in ersten Konturen eine fast um-
gekehrte Konstellation erkennbar: In den wenigen gemeinsamen Be-

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rufsfeldern wurden die „einschmelzenden" Wirkungen des Professio-


nalisierungsprozesses unübersehbar. Die gemeinsame Bindung an die
Monarchie stiftete im Positiven wie (später) im Negativen neue Ge-
meinsamkeit. Auf Öffnung zielende (wenn auch inkonsequent bleiben-
de) Lenkung von oben zeigte Wirkung. Die Zahl adlig-bürgerlicher
Brückenschläge wuchs. In den Diskursen zahlreicher neuer adlig-bür-
gerlicher Suchbewegungen hatten adlige Werte - z.B. Führung, Auto-
rität, Charakter, Persönlichkeit, Wille, Haltung, Härte und Heldentum
- große Konjunktur. Eine Welle mythologischen Denkens lieferte dem
Adel eine Fülle neuer Anregungen für die eigene Re -Invention, z.B.
als Stand der Tradition, der festen Werte, des Allgemeinwohls, des
unverdorbenen „Landes", der Naturnähe, der „Tat", des „Opfers", der
„Treue", des „Reiches", des „Abendlandes", des „reinen Blutes", des
unverfälschten Kerns des „Volks", und vieles andere mehr. Es bleibt
noch sehr viel zu erforschen an dieser Fülle von Suchbewegungen und
Brückenschlägen von Gobineau bis George und Rohan, an den hier
erarbeiteten Schnittmengen gemeinsamer, adlig-bürgerlicher Deutung
der modernen Gesellschaftsentwicklung, an den zunehmend flexiblen
„Vermittlungsbegriffen", die auf der Suche nach „neuem Adel" ausge-
arbeitet wurden. (z.B. Gesinnung, Kultur, Bildung und Intelligenz,
nicht zuletzt aber „Rasse"). Wichtiger ist in unserem Forschungszu-
sammenhang allerdings der Verweis auf die völlig veränderten Rah-
menbedingungen für das Elitenprojekt „neuen Adels" aus Adel und
Bürgertum: Das Bürgertum hatte seine Einheit stiftende humanistische,
zivilgesellschaftliche Vision verloren. Der Adel war, trotz allen ständi-
schen Sammlungsbemühens, durch die schnell wachsende Zahl der
landfern lebenden, vermögenslosen und deklassierten Familien in eine
Vielzahl von Fraktionen auseinandergedriftet. Beiden potentiellen
Partnern des Projekts „neuer Adel" fehlte somit das nötige Minimum
innerer Homogenität, das zur Vermittlung oder gar zur Verschmelzung
beider Lebenswelten und Kulturen nötig gewesen wäre. Diese Kon-
stellation steigerte zwar die Zahl der Brückenschläge; aber deren Er-
gebnisse wiesen offenkundig, je später desto mehr, in völlig unter-
schiedliche Richtungen. Treibende Kräfte dieser Bewegung, „Fermente
der Radikalisierung" (Th. Nipperdey) waren vor allem die Deprivierten
und Deklassierten in beiden Gruppen, Kleinadlige und gebildete, ten-
denziell eher vermögenslose Bürgerliche, genauer: neukonservative
bürgerliche Intellektuelle. Für den Adel bedeutete diese intensivierte
gemeinsame Suche nach Stabilität, Bindung und Führung, das neue
Interesse der bürgerlichen Meisterdenker und Sinnkonstrukteure - auf
der Suche nach Stoff für neue Entwürfe - für adlige Traditionen und

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Einleitung 23

Lebensformen, kurz- und mittelfristig eine trügerische Aufwertung


seines Standes. Langfristig gerieten die Kleinadligen, die an diesen
Suchbewegungen teilnahmen, über diese hinaus aber auch weitere
Kreise des Adels in eine Dynamik, einen circulus vitiosus zunehmen-
der diskursiver Verflüssigung und Verflüchtigung des Adelskonzepts,
der letztlich nicht mehr kontrollierbar war. Schon im Ersten Weltkrieg,
erst recht in der Weimarer Republik wurden die einstigen altkonserva-
tiven Hochburgen, Großgrundbesitz und Militärdienst, durch die ent-
fesselten Neuadelsdiskurse zu Inseln in einem aufgewühlten Meer,
dessen Wellen der Diskussion die Kernsubstanz bisheriger „Adligkeit"
gierig und schnell abtrugen.

Was in der ersten Jahrhunderthälfte, unter den Bedingungen von


starkem Staat und vorindustrieller Bürgergesellschaft noch vorstellbar
war und wohl auch möglich gewesen wäre, die Bildung einer neuen,
adlig-bürgerlichen, Integration fordernden und Orientierung leistenden
Wertelite, geriet unter den Bedingungen der industriellen Klassen- und
Massengesellschaft mit ihren völlig neuen, extrem verschärften Inte-
grationsproblemen, aber auch unter den Bedingungen fortschreitender
Heterogenisierung von Adel wie Bürgertum zum hoffnungslosen Un-
ternehmen. Es gab unter diesen Bedingungen, je später desto sicherer,
keine Lösung mehr für das Problem der Selbsterhaltung als Stand des
Vor-Rangs, weder für den Adel noch für das neukonservative, rechte
Bürgertum. Es gab nur noch Hoffnungen, die immer vager wurden. In
der Radikalisierung zweier sich vielfach verknüpfender Suchbewegun-
gen verlor der Adel, wie auch große Teile des Bürgertums, schließlich
fast jegliche Bodenhaftung. Neue, Adel und Bürgertum verbindende
Leitbilder jenseits der bloßen Negation wurden nicht mehr erarbeitet.
An die Stelle der angestrebten kulturellen Konzepte neuer, adlig-bür-
gerlicher „Adligkeit", mit welchen beide Partner ihre Kraft zur Zu-
kunftsgestaltung aufs neue beweisen wollten, konnte so, mit einem
makabren letzten Höhepunkt im Nationalsozialismus, das „Satyrspiel
des Adelsmodells" (H. Mommsen) treten, in welchem die Adligen,
soweit sie mitspielten, ein letztes Mal den Verlust ihrer vielhundertjäh-
rigen Tradition, kurz: den Verlust ihrer Identität demonstrierten.
Die ältere Adels-, insbesondere die Junkerforschung im Gefolge
Hans Rosenbergs hat zurecht betont, daß nur in Preußen-Deutschland
eine massive Gegenbewegung des Adels gegen die moderne Gesell-
schaft stattgefunden hat. Die wichtigsten Prämissen dieser Forschungs-
richtung, welche die Beharrungserfolge, die bleibende Stärke des
Adels innerhalb der dominierenden adlig-bürgerlichen Machteliten

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24 Heinz Reif

akzentuierte, können inzwischen als weitgehend widerlegt gelten.***


Der hier, in den beiden Tagungsbänden vorgestellte Zugang, der das-
selbe Phänomen aus der Perspektive des historisch fassbaren Projekts
adlig-bürgerlicher Elitenbildung betrachtet, legt eine andere Deutung
nahe:
Nicht die innere Homogenität und Stärke, sondern die innere Zer-
splitterung und Schwäche des Adels, nicht sein langfristiger Behar-
rungserfolg, sondern die sehr spezifische zeitliche Abfolge von er-
staunlich lang anhaltendem Beharrungserfolg einerseits, beschleunigter
Verlustgeschichte andererseits, nicht die Radikalisierung des Adels,
zumal des altkonservativen Adels allein, sondern sich gegenseitig vor-
antreibende Suchimpulse, im dissoziierten Adel wie im desorganisier-
ten, nach rechts driftenden Bürgertum, haben in beiden Elitenreservoi-
ren die Tradition der Mäßigung zerstört, eine politische Radikalisie-
rung völlig neuen Ausmaßes entbunden, welche - neben anderen Ent-
wicklungen - gravierend zum Versagen der Eliten in der Weimarer
Republik und zur Machtübergabe an den Nationalsozialismus beige-
tragen haben.

*** Vgl. Heinz REIF, Adel im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999, S. 58-118.
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MARK  Κ.  STONEMAN 

Bürgerliche und adlige Krieger:


Zum Verhältnis von sozialer Herkunft
und Berufskultur im wilhelminischen
Armee-Offizierkorps

Vor  dem  Weltkrieg  bildete  das  ٧ber  30.000  Offiziere  umfassende  akti­
ve  Armee­Offizierkorps  eine  gesellschaftliche  Elite  im  wilhelmini­
schen  Deutschland. 1  Mit  wenigen  Ausnahmen  ist  der  heutige  wissen­
schaftliche  Diskurs  von  zwei,  sich  widersprechenden  Interpretationen 
geprδgt,  die  j e w e i l s  nur  einen  Aspekt  des  Offizierkorps  beleuchten. 
Einerseits  wird  die  soziale  Herkunft  der  Offiziere,  andererseits  der 
Offiziersberuf  an  sich  als  wesentlicher  Kern  der  Militδrelite  bewertet. 
Historiker  betrachten  oft  das  Offizierkorps,  das  sie  als  „adlig",  „ari­
stokratisch"  bzw.  „feudal"  charakterisieren,  als  eine  der  Hauptursa­
chen  f٧r  die  ungl٧ckliche  innenpolitische  Entwicklung  des  Kaiser­
reichs  sowie  f٧r  den  Ausbruch  und  den  Verlauf  des  Ersten 
Weltkrieges.  D i e  zahlreichen  b٧rgerlichen  Offiziere  seien  von  den 
adligen  assimiliert  bzw.  „feudalisiert"  worden,  woraus  nicht  nur  reak­

Der höchste Friedensstand aktiver Offiziere in Deutschland betrug etwa 30.450


Mann, just bevor es 1914 in den Krieg zog. Vgl. Ludwig RODT V. COLLENBERG,
Die deutsche Armee von 1871 bis 1914, Berlin 1922. Hinzu kamen die Offiziere
der kaiserlichen Marine, nicht zu vergessen diejenigen, die vom aktiven Dienst ih-
ren Abschied genommen hatten, aber immer noch in der Gesellschaft als Offiziere
galten. Weiter gab es die Offiziersangehörigen, v. a. die Offiziersfrauen, die inof-
fiziell, aber faktisch zu den Regimentern ihrer Männer gehörten. Die Reserveoffi-
ziere, die ich aus Platzgründen völlig außer Betracht lasse, waren noch zahlreicher
als die aktiven. Eine knappe Einführung zum Militär im gesellschaftlichen Kon-
text des Kaiserreichs mit kommentierter Bibliographie bietet Stig FÖRSTER, The
Armed Forces and Military Planning, in: Roger CHICKERING (Hg ), Imperial Ger-
many. A Historiographical Companion, Westport 1996, S. 454-488. Für das Ma-
rine-Offizierkorps siehe Holger H. HERWIG, The German Naval Officer Corps: A
Social and Political History 1890-1918, Oxford 1973.

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26  Mark R. Stoneman

tionδre  politische  R٧ckstδndigkeit,  sondern  auch  Innovationsfeind­


lichkeit  entstanden  seien.  Diese  Interpretation  des  Offizierkorps 
herrscht  in  der  Historiographie  noch  heute  vor. 2  Den  Gegenpol  dazu 
bildet  eine  funktionale  Interpretation  der  amerikanischen  Soziologie. 
Infolge  des  Zweiten  Weltkrieges  und  des  angehenden  Kalten  Krieges 
sahen  die  USA  sich  einer  im  eigenen  Land  politisch  einflußreich  ge­
wordenen  Armee  gegen٧ber,  worauf  Soziologen  mit  dem  vermeintlich 
universalen  Modell  des  professionellen  Offiziers  reagierten,  das  be­
wußt  vom  preußischen  Offizierkorps  und  den  Reformen  wδhrend  der 
napoleonischen  Kriege  ausging. 3  Auf  dem  Papier  ­  wenn  auch  noch 
nicht  umfassend  in  der  Realitδt  ­  sei  das  adlige  Monopol  gebrochen, 
die  militδrische  Fachausbildung  verbessert  bzw.  standardisiert  und  die 
allgemeine  Bildung  als  Voraussetzung  f٧r  die  Offizierslaufbahn  auf­
gewertet  worden.  Dar٧ber  hinaus  förderte  die  allgemeine  Wehrpflicht 
einen  verδnderten  Umgangston  mit  den  Soldaten.  Das  Paradebeispiel 

Außer den betreffenden Titeln in der Bibliographie von FÖRSTER, Armed Forces
(wie Anm. 1) vgl. ζ. B. Martin KITCHEN, The German Officer Corps, 1890-1914,
Oxford 1968; Hans Hubert HOFMANN (Hg.), Das deutsche Offizierkorps 1860-
1960, Boppard a. R. 1980; Daniel J. HUGHES, The King's Finest. A Social and
Bureaucratic Profile of Prussia's General Officers, 1871-1914, New York 1987.
Für einen anderen Ansatz siehe Stig FÖRSTER, Der doppelte Militarismus. Die
deutsche Heeresrüstungspolitik zwischen Status-Quo-Sicherung und Aggression
1890-1914, Stuttgart 1985, in dem er zwar auch von einem Primat der sozialen
Herkunft ausgeht, aber die Interpretation eines „feudalen" Offizierkorps wesent-
lich auflockert, indem er in ihm zwei verschiedene militärpolitische Positionen
identifiziert, die er auf die unterschiedlichen sozialen Herkünfte der betroffenen
Offiziere zurückfuhren möchte. Eine Interpretation, die anstatt der adlig-
bürgerlichen Dichotomie die gesellschaftlich integrative Wirkung der Armee be-
tont: Dennis E. SHOW ALTER, Army, State and Society in Germany, 1870-1914: An
Interpretation, in: Jack R. DUKES and Joachim REMAK (Hg.), Another Germany: A
Reconsideration of the Imperial Era, Boulder 1988, S. 1-18, zum Offizierkorps:
S. 7 f.
Der amerikanischen Soziologie und dem Alltagssprachgebrauch folgend, werden
das Wort,,profession" und seine Ableitungen in diesem Aufsatz folgendermaßen
benutzt: „1. an occupation, especially one that involves knowledge and training in
a branch of advanced learning, the dental profession. 2. the people engaged in an
occupation of this kind", aus: Oxford American Dictionary, hrsg. v. Eugene EHR-
LICH u. a., New York 1980, S. 714. Andere Professionelle wären ζ. Β. Ärzte,
Rechtsanwälte, Ingenieure und Universitätsprofessoren. Historisch gesehen hatte
„Profession" eine andere Bedeutung in Deutschland: „im allgemeinen jeder Beruf,
zu dem man ,sich bekennt', [...] vorzugsweise aber ein Gewerbe oder Handwerk,
daher Professionist, soviel wie Handwerker", aus: Meyers Großes Konversations-
Lexikon. Ein Nachschlagwerk des allgemeinen Wissens, 6. Aufl., Bd. 16, Leipzig
1907, S. 367. Siehe auch Konrad H. JARAUSCH, The Unfree Professions. German
Lawyers, Teachers, and Engineers, 1900-1950, New York 1990, S. 4-8.
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B ٧ r g e r l i c h e  und  a d l i g e  Krieger  2 7 

des preußischen militärischen Professionalismus war der Generalstab.


Nach Samuel Huntington war die Professionalisierung des preußi-
schen Offizierkorps eine unvermeidliche Folge der gesellschaftlichen
Modernisierung. Eben dieses Korps habe sich dann in den Einigungs-
kriegen militärisch bewiesen, wodurch Prestige und Vorbildcharakter
international enorm stiegen. 4
Spitzen wir ein wenig zu: Die erste Interpretation geht zwar vom
Primat der sozialen Herkunft adliger Offiziere aus, dennoch mißt sie
der Kultur primäre Bewegungskraft zu, seien doch adlige Offiziere in
„feudalen" kulturellen Orientierungen haften geblieben, die so stark
wirksam gewesen seien, daß sie eine Hegemonie über jegliche „bür-
gerlichen" kulturellen Orientierungen ausgeübt hätten. Vertreter dieser
Interpretation bemängeln das Offizierkorps wegen dieser „reaktionä-
ren" Entwicklung, war Deutschland j a sonst in vielerlei Hinsicht ein
modernes, industrialisiertes Land. Die Offiziere hätten sich der mate-
riellen Entwicklung des Kaiserreichs fügen sollen, was sie aber nicht
taten. Dagegen mißt die zweite Interpretation den materiellen Faktoren
größere Bedeutung bei, insofern sie Modernisierungsprozesse und die
daraus resultierenden funktionalen Zwänge betont, an die das Offi-
zierkorps sich durch Professionalisierung gut angepaßt habe. Wir ha-
ben also die alte Frage: Bestimmte die Kultur oder die Materie das
historische Resultat? Doch die Ursache ist weniger interessant als das
umstrittene Resultat selbst, d. h. die kulturellen Orientierungen und
Praxen des Offizierkorps, womit beide Interpretationen sich zu Recht
befassen, allerdings noch ohne sich der Sprache und Methoden der
Kulturgeschichte zu bedienen. Aber erst in einer kulturgeschichtlichen
Perspektive lassen sich die bürgerlichen und adligen Offiziere als so-
ziale Akteure überhaupt erfassen. Es geht nicht nur darum zu erfahren,
ob, in welchem Maß und wie sie im Offizierkorps vertreten wurden,
sondern auch was ihre Handlungen ihnen und anderen im jeweiligen

S a m u e l  P.  HUNTINGTON,  T h e  S o l d i e r  and  the  State.  T h e  T h e o r y  o f  P o l i t i c s  and 


C i v i l ­ M i l i t a r y  R e l a t i o n s ,  N e w  Y o r k  1 9 5 7 ;  M o r r i s  JANOWITZ,  T h e  P r o f e s s i o n a l 
S o l d i e r .  A  S o c i a l  and  Political  Portrait,  G l e n c o e  I 9 6 0 .  V o n  Historikern  k o m m e n 
z w e i  n e u e r e  A r b e i t e n ,  d i e  v o n  e i n e m  f u n k t i o n a l e n  A n s a t z  geprδgt  sind,  aber  w e ­
s e n t l i c h  dar٧ber  h i n a u s  g e h e n :  M i c h a e l  GEYER,  T h e  Past  as  Future.  T h e  G e r m a n 
O f f i c e r  C o r p s  as  P r o f e s s i o n ,  in:  G e o f f r e y  COCKS  und  Konrad  H.  JARAUSCH  ( H g . ) , 
G e r m a n  P r o f e s s i o n s ,  1 8 0 0 ­ 1 9 5 0 ,  N e w  York  1 9 9 0 .  S.  1 8 3 ­ 2 1 2 ,  in  d e m  d i e  f u n k ­
t i o n a l e  R o l l e  der  s o g .  „ f e u d a l e n "  Kultur  d e s  O f f i z i e r k o r p s  h e r v o r g e h o b e n  wird, 
und  A r d e n  BUCHOLZ,  M o l t k e ,  S c h l i e f f e n ,  and  Prussian  War  P l a n n i n g ,  N e w  Y o r k 
1 9 9 1 ,  d a s  sich  mit  d e m  G e n e r a l s t a b  als  b٧rokratische,  p l a n e n d e  und  l e h r e n d e  Or­
g a n i s a t i o n  befaßt. 

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28  Mark  R.  S t o n e m a n 

beruflichen und sozialen Kontext bedeuteten, d. h. was für einen sozia-


len Sinn ihre Praxen hatten. 5
In den folgenden Ausfuhrungen hinterfrage ich die obigen zwei In-
terpretationen des Offizierkorps und stelle Ansätze fur eine alternati-
ve, kulturgeschichtliche Erklärung des gemischten historischen Be-
funds auf, die sowohl die soziale Herkunft der Offiziere wie auch
ihren beruflichen Kontext berücksichtigen. Methodisch-empirisch
gehe ich auf zweierlei Art vor: Einerseits untersuche ich die kulturel-
len Orientierungen und Praxen des bürgerlichen Generals Wilhelm
Groener (1867-1939), den ich heuristisch als Gegenbeispiel zur gängi-
gen Vorstellung eines „feudalen" Offizierkorps nehme. Daß er „Gene-
ralstäbler" war und somit nicht als typisch für das gesamte Offizier-
korps gelten kann, zumal er aus kleinen Verhältnissen in Württemberg
stammte, sei hier nicht in Frage gestellt. Dennoch sollten meine Aus-
fuhrungen Relevanz für das gesamte Offizierkorps besitzen, weil Gro-
ener in Bezug auf sein soziales und kulturelles Umfeld betrachtet wird.
Meine Anlehnung an die Biographie Groeners hat den Vorteil, daß
man bei relativ quellennaher, anschaulicher Beschreibung die
vielfältigen Perspektiven von Klasse, Kultur und Beruf zusammen-
bringen und auf konkrete Handlungen und ihre soziale Bedeutung
beziehen kann. Die Skizzen zu Groener bilden das Herz des folgenden
Aufsatzes (II. und V.). Andererseits stelle ich das Offizierkorps als
eine „Profession" dar, was ich mit seinen Ähnlichkeiten zu den zivilen
Professionen in Deutschland begründe. Um Aufschluß über die Lauf-
bahnen, Selbstdarstellungen und Berufsverständnisse eines breiteren
Spektrums wilhelminischer Offiziere zu gewinnen, ziehe ich einen
kleinen Teil der sehr umfangreichen Eigenliteratur der wilhelmini-
schen Armee heran, v. a. die militärischen Ranglisten und das Militär-
Wochenblatt, die gewissermaßen die Konturen des Berufsfelds umris-

D i e  Literatur  z u m  m e t h o d i s c h  v i e l f δ l t i g e n ,  in  sich  t e i l w e i s e  w i d e r s p r ٧ c h l i c h e n 


F e l d  der  K u l t u r g e s c h i c h t e  w δ c h s t  mit  b e a c h t l i c h e m  T e m p o .  E i n l e i t e n d  s i e h e  ζ.  B. 
L y n n HUNT  ( H g . ) ,  T h e  N e w  Cultural  History,  B e r k e l e y 1 9 8 9 ;  W o l f g a n g HARDT-
WIG  u n d  H a n s ­ U l r i c h WEHLER  ( H g . ) ,  K u l t u r g e s c h i c h t e  H e u t e ,  G ö t t i n g e n 1996.
W i c h t i g  f٧r  m e i n  e i g e n e s  D e n k e n  ist  d i e  relationale,  p r a x i s b e z o g e n e  B e t r a c h ­
t u n g s w e i s e  v o n  Pierre BOURDIEU;  s i e h e  u.  a.:  D i e  f e i n e n  U n t e r s c h i e d e .  Kritik  der 
g e s e l l s c h a f t l i c h e n  Urteilskraft,  ٧bers,  v.  B e r n d  S c h w i b s  und  A c h i m  R u s s e r , 
10
Frankfurt  a.  M . 1 9 9 8 ;  ders.,  S o z i a l e r  Sinn.  Kritik  der  t h e o r e t i s c h e n  V e r n u n f t , 
٧bers,  v.  G٧nter  Sieb,  Frankfurt  a.  M. 1 9 8 7 .  A n r e g e n d :  Marshall SAHUNS,  Islands 
o f  History,  C h i c a g o  1 9 8 5 . 

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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  2 9 

sen. 6 Diese Überlegungen bilden den inhaltlichen Kern des folgenden


Aufsatzes (I., III. und IV.).

I. Die heterogene Zusammensetzung des „feudalen" Offizierkorps

Zuerst einige bekannte Zahlen, welche die Folgen der vielen Heeres-
vermehrungen in der wilhelminischen Ära für das A r m e e -
Offizierkorps verdeutlichen: 1860 waren 35% der Offiziere im preußi-
schen Offizierkorps bürgerlich. Bis 1913 stieg diese Zahl auf 70%. In
den höheren Rängen ist eine ähnliche, aber für den Adel etwas günsti-
gere Tendenz festzustellen. 1860 waren 86% der Oberste und Generä-
le adlig, 1900 61% und 1913 52%. Im elitären Großen Generalstab
waren 1906 60% der Offiziere adlig, 1913 noch 50%. Eine noch stär-
kere Tendenz zur „Verbürgerlichung" zeichnete sich außerhalb des
preußischen Kontingents ab. Bürgerlich waren z. B. 1910 81,5% der
Offiziere im württembergischen Kontingent und 1898 bzw. 1908
80,6% bzw. 85,2% der Offiziere im sächsischen Kontingent. Im baye-
rischen Kontingent sank der Adelsanteil von 30% im Jahre 1866 auf
15% im Jahre 1914, als nur noch 9% der Anwärter adlig waren. Wie
kontinuierlich der Abstieg des Adels im Offizierkorps aber auch war,
sein Beharrungsvermögen ist unverkennbar, zumal die absolute Zahl
der adligen Offiziere in Preußen von 3 250 im Jahre 1860 auf 6 630 im
Jahre 1913 stieg. Eine ähnliche Tendenz zeichnete sich im sächsischen
Kontingent ab, in dem die absolute Zahl adliger Offiziere 1888 450,
1898 600 und 1908 571 betrug. 7
Die bürgerlichen Offiziere wurden sorgfältig ausgewählt, um das
exklusive, „aristokratische" Erscheinungsbild und die zuverlässige
Monarchentreue des Offizierkorps möglichst nicht zu beeinträchtigen,

Die  Bedeutung  der  Ranglisten  und  des Militär-Wochenblattes  f٧r  den  Offiziers­
beruf  behandele  ich  unten,  aber  man  kann  ihren  Stellenwert  bereits  in  folgender 
Anekdote  erblicken:  Eine  Offiziersfrau  beschrieb  eine  andere  so:  „Scherzweise 
ging  ihr  der  Ruf  voraus,  militδrisch  so  beschlagen  zu  sein,  daß  sie  die  Rangliste 
und  das  Militδr­Wochenblatt  stδndig  vor  ihrem  Bette  liegen  hatte";  Mathilde 
Freifrau  v.  GREGORY,  Dreißig  Jahre  preußische  Soldatenfrau,  Br٧nn  [ca.  1933],  S. 
6 5 . 
DEMETER,  O f f i z i e r k o r p s  ( w i e  A n m .  1),  S.  2 6 ­ 2 7 ,  3 0 ;  J o a c h i m  FISCHER,  D a s  w ٧ r t ­
tembergische  Offizierkorps  1866­1918,  in:  Hofmann  (Hg.),  Offizierkorps  (wie 
Anm.  2),  S.  103;  Hans­Ulrich  WEHLER,  Deutsche  Gesellschaftsgeschichte,  Bd.  3, 
M٧nchen  1995,  S.  819;  Hermann  RUMSCHÖTTEL,  Das  bayerische  Offizierkorps 
1866­1914,  Berlin  1973,  S.  91.  Offiziere,  die  erst  wδhrend  ihrer  Laufbahn  geadelt 
wurden,  zδhlt  Demeter  als  b٧rgerlich,  Fischer  aber  zum  Adel,  so  daß  hier  die  Zahl 
des  Adels  in  w٧rttembergischen  Kontingent  vergleichsweise  größer  erscheint,  als 
sie  von  der  Herkunft  her  war. 

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3 0  Mark R.  Stoneman 

da es auf Grund seiner Repräsentationsfunktion, seines Gewaltpotenti-


als und seiner verfassungspolitischen Stellung eine Hauptstütze der
deutschen Monarchien bildete. Die Hauptauswahlkriterien sind einem
Befehl Wilhelms II. vom 29. März 1890 zu entnehmen:

„Der gesteigerte Bildungsgrad unseres Volkes bietet die Möglichkeit,


die Kreise zu erweitern, welche für die Ergänzung des Offizierkorps in
Betracht kommen. Nicht der Adel der Geburt allein kann heutzutage wie
vordem das Vorrecht für sich in Anspruch nehmen, der Armee ihre Offi-
ziere zu stellen. Aber der Adel der Gesinnung, der das Offizierkorps zu
allen Zeiten beseelt hat, soll und muß demselben unverändert erhalten
bleiben. [...] Neben den Sprossen der adligen Geschlechter des Landes,
neben den Söhnen meiner braven Offiziere und Beamten, die nach alter
Tradition die Grundpfeiler des Offizierkorps bilden, erblicke ich die
Träger der Zukunft meiner Armee auch in den Söhnen solcher ehren-
werten bürgerlichen Häuser, in denen die Liebe zu König und Vater-
land, ein warmes Herz für den Soldatenstand und christliche Gesittung
gepflegt und anerzogen werden. "s

Christlich hieß in der Regel protestantisch, völlig ausgeschlossen blie-


ben Juden. Der Kaiser rechtfertigte die Erweiterung der in Frage
kommenden Kreise, mit den bei o. g. sozialen Kreisen vorhandenen
wünschenswerten kulturellen Attributen. Implizit wurden auch ausrei-
chende ökonomische Mittel verlangt, einmal wegen der schlechten
Besoldung der unteren Ränge bei gleichzeitig teuerem Lebensstil, v. a.
aber weil die militärische Führung glaubte, daß das passende kulturel-
le Kapital bei j u n g e n Männern der unteren Schichten überhaupt nicht
vorhanden sein könnte. Als besonders wünschenswert galt der altpreu-
ßische Offizierersatz: Söhne von Offizieren, hohen Beamten und
Gutsbesitzern. Als vertrauenswürdig galten auch die Söhne von Aka-
demikern, Rechtsanwälten, Ärzten und an der Universität ausgebilde-
ten Lehrern, 9 d. h. die professionellen, akademischen Gruppen, w o f ü r
das preußische Beamtentum gewissermaßen als kulturelles Vorbild
diente. 1 0 Des weiteren wurden die Söhne von Kaufleuten und Fabri-
kanten in zunehmendem M a ß e genommen. Zwar überwog der altpreu-
ßische Offizierersatz in der preußischen Generalität, aber Offiziere aus
dem Wirtschaftsbürgertum waren auch dort mehr und mehr zu finden:

8
  Zit.  n.  Hans  Meier­WEi.CKER  (Hg  ),  Offiziere  im  Bild  von  Dokumenten aus  drei 
Jahrhunderten,  Stuttgart  1964,  S.  197. 
9 DEMETER,  Ofïizierkorps  (wie  Anm.  1),  S.  18­21. 
10
  Charles MCCLELLAND,  The  German  Experience  of  Professionalization.  Modern 
Learned  Professions  and  Their  Organizations  from  the  Early  Nineteenth  Century 
to  the  Hitler  Era,  Cambridge  1991,  S.  109­110. 
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Bürgerliche und adlige Krieger 31

1882-1892 entstammten nur 9 (2,09%) der preußischen Generäle dem


Wirtschaftsbürgertum; diese Zahl stieg auf 12 (2,25%) in den Jahren
1893-1903 und 57 (7,98%) in den Jahren 1904-1914. 11 In Süddeutsch-
land entstammten Offiziere auch kleinbürgerlichen Kreisen, aber mit
abnehmender Tendenz. In Württemberg kamen ζ. B. 1872 45% der
bürgerlichen Fähnriche aus dem Kleinbürgertum, 1912 lag diese Zahl
nur noch bei 9%. Diese Tendenz lag ζ. T. an der zunehmenden Inte-
gration des württembergischen Kontingents in das preußische und die
damit verbundene Übernahme preußischer, militärischer Leitbilder.' 2
Hinzu kam das steigende Prestige des Offizierkorps in der wilhelmini-
schen Gesellschaft, so daß der Offiziersberuf zunehmend auch die
höheren süddeutschen Schichten anzog. 1 3 Außerdem wurden die Söh-
ne von Offizieren mit kleinbürgerlichem Familienhintergrund schon
nicht mehr zum Kleinbürgertum gerechnet, wenn sie ebenfalls den
Weg ins Offizierkorps einschlugen.
Des Kaisers Rede von einem „Adel der Gesinnung" zum Trotz
spielte die soziale Herkunft des einzelnen Offiziers eine gewichtige
Rolle in seiner Laufbahn. Adlige wurden manchmal bei Beförderun-
gen und der Besetzung von Kommandostellen bevorzugt. Technische
Positionen, die vergleichsweise geringen militärischen Prestigewert
besaßen, ζ. B. in einem Eisenbahn-Bataillon oder in einem Artillerie-
Regiment, wurden überwiegend mit Bürgerlichen besetzt. Die soziale
Herkunft beeinflußte auch, wo ein Offizier diente und wohnte, bei-
spielsweise in der Metropole Berlin oder im unbeliebten Elsaß, in
einer attraktiven Residenzstadt oder weit weg an der russischen Gren-
ze, in der eigenen vertrauten Region oder woanders im Reich, wo
Sprache, soziale Struktur, Konfession und die Sitten fremd sein konn-
ten. Weil jedes Regimentsoffizierkorps seinen Nachwuchs auswählte,
tendierten Adlige dazu, sich in elitären Regimentern zu konzentrieren,
wie in der Garde oder der Kavallerie, während Bürgerliche in den
weniger angesehenen Regimentern vorherrschten. Dabei spielten der
Lebensstil des jeweiligen Regiments und die dafür nötigen Mittel der
Aspiranten die entscheidende Rolle. Die militärischen Personalbehör-
den scheinen sich dieser Tendenz wenig oder gar nicht entgegenge-
setzt zu haben. Das Ergebnis war ein heterogenes Offizierkorps: Sogar

11
  HUGHES, K i n g ' s Finest (wie Anm. 2), S. 22.
12
  FISCHER, Württembergisches Offizierkorps, in: Hofmann (wie Anm. 2), S. 104-
105.
Zu einer ähnlichen Tendenz in Bayern, wo das Offizierkorps vor 1871 kein gutes
Ansehen genoß, siehe  RUMSCHÖTTEL, Bayerisches Offizierkorps (wie Anm. 7),
S. 82-94.
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32 Mark R. Stoneman

das  vermeintlich  „adlige"  preußische  Kontingent  wies  große  Unter­


schiede  zwischen  seinen  Einheiten  auf. 14 
Tabelle 1 : Verhältnis zwischen Adel und Bürgertum in den Offizierkorps ausgewähl-
ter preußischer Einheiten, 1912 1 5

Regiment  [Standort]  Verhδltnis 


Adel  /  B٧rgertum 
1. Garde-Regiment zu Fuß [Potsdam] 86:0
Oldenburgisches Infanterie-Regiment Nr. 91 [Oldenburg] 43:7
Grenadier-Regiment Prinz Carl v. Preußen 26:30
(2. Brandenburgisches) Nr. 12 [Frankfurt a.O.]
Infanterie-Regiment Hamburg 24:21
(2. Hanseatisches) Nr. 76 [Hamburg]
Grenadier-Regiment Graf Kleist v. Nollendorf 19:37
(1. Westpreußisches) Nr. 6 [Posen]
Infanterie-Regiment Prinz Moritz v. Anhalt-Dessau 11:44
(5. Pommersches) Nr. 42 [Stralsund & Greifswald]
Infanterie-Regiment v. Horn (3. Rheinisches) Nr. 29 [Trier] 8:46
Infanterie-Regiment v. Boyen 3:47
(5. Ostpreußisches) Nr. 41 [Tilsit & Memel]
4. Badisches Infanterie-Regiment Prinz Wilhelm Nr. 112 3:52
[Mühlhausen (Elsaß)]
3. Garde-Ulanen-Regiment [Potsdam] 32:0
2. Rheinisches Husaren Regiment Nr. 9 [Straßburg] 6:21
1. Großherzoglich Hessisches Feldartillerie-Regiment Nr. 25 25:4
[Darmstadt]
I. Thüringisches Feldartillerie-Regiment Nr. 19 [Erfurt] 0:29
Garde Pionier-Bataillon [Berlin] 7:16
Eisenbahn-Regiment Nr. 1 [Berlin] 5:41
Telegraphen-Bataillon Nr. 3 [Koblenz] 0:27

Dennoch  betont  die  Forschung  die  Homogenitδt  des  Offizierkorps 


derart,  daß  selbst  die  ansonsten  sehr  unterschiedlichen  Synthesen 
Hans­Ulrich  Wehlers  und  Thomas  Nipperdeys  eine  wichtige  Gemein­
samkeit  aufweisen:  Der  Adel,  allen  voran  der  preußische,  ostelbische 
Adel,  gab  den  Ton  im  gesellschaftlich  so  bedeutenden  Offizierkorps 
an.  Wehler  schreibt:  „In  einer  Langzeitperspektive  ist  der  R٧ckgang 
des  Adels  in  den  Leitungspositionen  der  Streitkrδfte  eine  sozialhistori­
sche  Tatsache.  Da  er  aber  im  Hegemonialstaat  seine  Vorherrschaft  im 
oberen  Offizierkorps  dennoch  behaupten  konnte,  reichte  sein  Einfluß 

14
Max  VAN DEN BERGH, Das deutsche Heer vor dem Weltkriege. Eine Darstellung
und Würdigung, Berlin 1934, S. 103-107;  HUGHES, King' Finest (wie Anm. 2),
S. 56-57, 70, 74-76, 79; Jena oder Sedan? [kritische Rezension des gleichnamigen
Romans, M.S.], in: Deutsches Offizierblatt, Bd. 7, Nr. 20 (19.5.03), S. 4.
15
Rangliste der Königlich Preußischen Armee und des XIII. (Königlich Württem-
bergischen) Armeekorps für 1912 [...], Berlin 1912.
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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  33 

im größten [d. h. Preußens] Militärverband, damit auch im Reichsheer,


immer noch erstaunlich weit". 1 6 Nipperdey zufolge „[wurden] die
bürgerlichen Offiziere in die tradierten Verhaltensnormen integriert,
sie wurden Teilhaber der Exklusivität und des homogenen Korpsgei-
stes. Insofern hat die zunehmend bürgerliche Herkunft an Geist und
Stil des Offizierkorps wenig geändert - allenfalls die schulische Vor-
und die technisch-intellektuelle Fortbildung gewannen an Gewicht". 1 7
Wie verträgt sich diese Interpretation mit der Vielfältigkeit des eu-
ropäischen bzw. deutschen Adels? 1 8 Was ist mit den Erkenntnissen
der neueren Bürgertumsforschung, wonach die wilhelminischen Eliten
nicht nur aus Adel und einem dominierten bzw. „feudalisierten" Bür-
gertum, sondern auch aus vielfältigen und selbstbewußten bürgerli-
chen Elementen bestand? 1 9 Die breite historiographische Überein-
stimmung, die Wehlers und Nipperdeys Schlüsse widerspiegeln, wirft
drei Probleme auf. Erstens: Der deutsche Adel wird häufig als etwas
Monolithisches gesehen, eine Tendenz, die sich bei Nipperdeys Syn-
these dadurch auszeichnet, daß dort wenig Sozialgeschichtliches zum
Adel überhaupt zu finden ist. Auch Wehler, der sonst differenziert
über den Adel schreibt, tendiert dazu, „Offizier" mit „Adel" bzw.
„ostelbischem Adel" gleichzusetzen. Zweitens: Hieraus könnte man
folgern, daß nur der Adel das Offizierkorps prägte, jedoch umgekehrt
nicht das Offizierkorps den Adel, was sich schwer glauben läßt. Die
wechselseitige Beziehung von adliger und militärischer Kultur müßte
anhand konkreter Beispiele einzelner Offiziere untersucht werden, um
die unterschiedlichen Einflüsse von Erziehung, Bildung, Beruf und
sozialem Milieu auf den Habitus (im bourdieuschen Sinn) und das
Handeln individueller, sozialer Akteure festzustellen. Drittens: Dies
gilt auch für den kulturellen Beitrag der bürgerlichen Offiziere, die
wichtige Positionen innehatten und deren bürgerlicher Habitus trotz
berufsbedingter Sozialisierung nicht einfach wegzudenken ist. Im
nächsten Abschnitt gehe ich an das dritte Problem heran, weil bürger-
liche Offiziere so gut wie nicht erforscht sind. In der Literatur gelten
sie eben kaum noch als bürgerlich.

16
  WEHLER,  Gesellschaftsgeschichte  (wie  Anm.  2),  S.  821. 
17
  Thomas  NIPPERDEY,  Deutsche  Geschichte  1866­1918,  2  Bde.,  M٧nchen  1990/92, 
Bd.  2,  S.  222. 
18
  S.  Jonathan  DEWALD,  The  European  Nobility,  1400­1800,  Cambridge  1996; 
Dominic  LIEVEN,  The  Aristocracy  in  Europe,  1815­1914,  N e w  York  1992  und 
neuerdings  Heinz  REIF,  Adel  im  19.  und  20.  Jahrhundert,  M٧nchen  2000. 
Siehe  Jonathan  SPERBER,  B٧rger,  B٧rgertum,  B٧rgerlichkeit,  B٧rgerliche  Gesell­
schaft.  Studies  of  the  German  (Upper)  Middle  Class  and  Its  Sociocultural  World, 
in:  Journal  of  Modern  History  69  (1997),  S.  271­297. 

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34  Mark  R.  Stoneman 

II. Die kulturellen Orientierungen des bürgerlichen Generals


Wilhelm Groener

Der Habitus eines jeden Offiziers war durch Erziehung, Bildung und
berufliche Sozialisation bedingt. Demzufolge beeinflußte die soziale
Herkunft sehr wohl die kulturellen Orientierungen des einzelnen bür-
gerlichen Offiziers, auch wenn sie von beruflichen - einschließlich
scheinbar „adligen", preußisch-militärischen - Vorstellungen modifi-
ziert oder ergänzt wurden. Um dieses soziologische Argument empi-
risch zu untermauern, werde ich die kulturellen Orientierungen Wil-
helm Groeners, welche die Grundzüge seines Habitus sichtbar
machen, anhand eines Bürgerlichkeit-Katalogs aus der neueren Bür-
gertumsforschung kurz erläutern. Stichpunkte dieses Katalogs sind
individuelle Leistung, Erfolg und Fleiß, die sich in der männlichen
bürgerlichen Karriere verkörperten. Bildung war dafür Voraussetzung,
aber auch wichtig als Wert an sich - unabdingbar für die Entwicklung
der Persönlichkeit wie für die soziale Anerkennung des Individuums.
Hinzu kamen rationale Lebensführung, Mißtrauen gegenüber Tradi-
tionen und unabhängiges Denken. Schließlich wurde die Kleinfamilie
in affektiven Worten hochgepriesen. Sie stellte den emotionalen Rah-
men dar, innerhalb dessen das Individuum seine Persönlichkeit ent-
wickelte, und sie bildete ein wichtiges Gegenstück zum öffentlichen,
männlichen, beruflichen Leben. 20
Fangen wir mit dem Familienideal an, wie es Groeners Feder wie-
dergab. Am 21. November 1914 schrieb er seiner Frau Helene einen
Brief, in dem er über seine dreißigjährige Dienstzeit nachdachte:
„Dankbar bin ich der Vorsehung, die mir in meinem Beruf ein gutes
Los beschieden hat, vor allem aber muß ich Dir danken, weil Du mir
eine treue, feste Stütze warst. Du darfst mir glauben, daß ich nie das
erreicht hätte in meinem Beruf, wenn Du nicht mein treuer Begleiter
auf allen Wegen gewesen wärest seit meiner Leutnantszeit." 21 In sei-
nen Lebenserinnerungen kommentierte er seiner Meinung nach zu

20
  Vgl.  J٧rgen  KOCKA,  B٧rgertum  und  B٧rgerlichkeit  als  Problem  der  deutschen 
Geschichte  vom  spδten  18.  zum  fr٧hen  20  Jahrhundert,  in:  Ders.  (Hg.),  B٧rger 
und  B٧rgerlichkeit  im  19.  Jahrhundert,  Göttingen  1987,  S.  43  f.;  David  BLACK­
BOURN,  The  German  Bourgeoisie.  An  Introduction,  in:  Ders.  und  Richard  EVANS 
(Hg.),  The  German  Bourgeoisie.  Essays  on  the  Social  History  of  the  German 
Middle  Class  from  the  Late  Eighteenth  to  the  Early  Twentieth  Century,  2.  Aufl., 
London  1993,  S.  9; NIPPERDEY,  Deutsche  Geschichte  (wie  Anm.  17),  Bd.  1,  S.  43­
45,  382­395. 
21
  Zit.  n.  Dorothea  GROENER­GEYER,  General  Groener.  Soldat  und  Staatsmann, 
Frankfurt  a.  M.  1955,  S.  30. 

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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  35 

streng erzogene Jugendfreunde, die trotzdem „alle gute Menschen


geworden [waren], warmherzige Frauen und in ihrem Beruf tüchtige
Männer." 22 Dieses häuslich-partnerschaftliche Ideal setzte ein festes
Frauenbild voraus, das er bei der Erziehung seiner Tochter Dorothea
(geb. 1900) konsequent durchsetzte. Viele Jahre später klagte die Be-
troffene darüber: „Als ich 14 und 15 Jahre alt war, habe ich meinen
Vater zweimal gebeten, mir den Übergang in eine weiterfuhrende
Schule zu ermöglichen; ich wolle Abitur machen und Geschichte stu-
dieren - ich erntete nur Hohn und Spott. ,Lern du kochen, dann
kommst du immer durchs Leben' war die Antwort. [...] Er war so fel-
senfest überzeugt, daß ich eines Tages heiraten würde." 23
Was Groeners Karrierevorstellung betraf, schrieb er: „Der Offi-
ziersberuf bot [...] die Möglichkeit zu rascher Selbständigkeit". Er
meinte damit nicht nur finanzielle Selbständigkeit. Ein Mann mußte
sein Potential in seinem Beruf verwirklichen: „Mein Vater", ein würt-
tembergischer Zahlmeister (ein militärischer Beamter), „war in seinem
Beruf nicht glücklich; seine Fähigkeiten lagen brach, und es drückte
ihn, daß er aus den engen pekuniären Verhältnissen nicht herauskom-
men konnte". 24 Der Weg zur Selbstverwirklichung und zur aufwärts-
gerichteten sozialen Mobilität begann für Groener im Gymnasium.
Viele Jahre später entsann er sich eines Deutschlehrers, der einmal den
Schülern eine Hausaufgabe zu jenem Goethewort erteilte: „Es bildet
ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Zeit".
Groener: „Es war der erste Aufsatz aus bewußtem eigenem Nachden-
ken, der deshalb auch dauernd in mir nachgewirkt hat." Mit dieser
Erinnerung bestätigte er seine Hochschätzung der gebildeten, vollen-
deten Persönlichkeit. In der Metropole Berlin konnte der junge Groe-
ner sich frei von den kleinstädtischen Beschränkungen entwickeln.
Gerne folgte er dem Rat des Generalleutnants von Brauchitsch, Direk-
tor der Kriegakademie, der „uns bei unserem Eintritt [riet], neben un-
seren wissenschaftlichen Studien auch die Genüsse der Großstadt
nicht zu vernachlässigen." Was Groener an Berlin besonders gefiel,
war „die unabhängige Lebensform. Man war frank und frei und

22
  Wilhelm  GROENER,  Lebenserinnerungen.  Jugend  ­  Generalstab  ­  Weltkrieg,  hrsg. 
v.  Friedrich  Frhr.  Hiller  von  Gaertringen,  Göttingen  1957,  S.  34. 
23
  Dorothea  GROENER­GEYER,  Kurt  von  Schleicher  privat,  unvollendetes  Manu­
skript,  1984,  S.  13­14,  in:  B A ­ M A  Freiburg,  N46,  unsortierter  Teilnachlass  von 
Dorothea  Groener­Geyer  (2  Kartons). 
24
  GROENER,  Lebenserinnerungen  (wie  Anm.  22),  S.  32  u.  37;  [ders  ],  Kommandie­
rung  wiirtt.  Offiziere  nach  Preußen,  in:  Schwδbischer  Merkur  vom  24.8.1911, 
Abendblatt,  in:  B A ­ M A  Freiburg,  N46/78,  Bl.  1­2. 

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36  Mark  R.  Stoneman 

brauchte auf keine der kleinstädtischen Bindungen Rücksicht nehmen;


gefiel es einem in seiner Wohnung nicht mehr, so fand man leicht eine
andere: Auswahl war genügend da." 25 Diese Trivialität exemplifiziert
einen Lebensstil, der Groener gut bekam. Besonders stolz war er auf
seine Ausbildung an der Kriegsakademie, die ihm den Weg in den
Generalstab eröffnete. Er schätzte „Wissenschaft" sehr hoch ein, aber
sie durfte nicht zu einseitig sein; eine gute Allgemeinbildung war
ebenfalls nötig. Groener zufolge fehlte eben diese dem General Erich
Ludendorff. 26 Schließlich war Groener stolz auf seinen eigenen Fleiß.
Als alter Mann beschrieb er seine frühen Tage in der Eisenbahnabtei-
lung als lang und voll. Er und seine Kollegen waren „Arbeitstiere".
Wenn er und seine Frau mit Freunden einmal ausgingen, nannten sie
die seltene Gelegenheit einen „heiligen Abend". 27
Diese Skizze legt nahe, daß Groener an der wilhelminischen bür-
gerlichen Kultur, so wie sie von der Bürgertumsforschung beschrieben
wird, teilnahm. Dies reicht zwar nicht, um die Vorstellung von einem
homogen „feudalen" Offizierkorps zu verwerfen, aber sie scheint jetzt
noch weniger sinnvoll zu sein.
Allerdings bedarf die Analyse eines historischen Kontextes, bevor
es als erwiesen gelten kann, daß diese kulturellen Orientierungen nur
dem Bürgertum und nicht etwa einer gemeinsamen Elitenkultur zuzu-
rechnen sind. Es bleibt eben ein Forschungsdefizit, daß die meisten
Bürgertumsstudien, aus denen der obige Bürgerlichkeitskatalog ent-
standen ist, nicht explizit in Bezug auf andere sozialen Schichten erar-
beitet wurde. 28 Wie schon Ε. P. Thompson festgestellt hatte, ist „Klas-
se" eine „historische Beziehung", die „in echten Menschen und in
einem echten Kontext verkörpert werden muß." 29 In den Worten Pi-
erre Bourdieus: „das Reale ist relational". 30 Handlung, Geschmack,
Wert oder Leitbild erlangen soziale Bedeutung nur in Bezug auf ande-
re Handlungen, Geschmäcker, Werte oder Leitbilder, und zwar in ei-
nem spezifischen sozialen und temporalen Kontext, zumal Bürgertum
und Adel jeweils heterogene soziale Gruppen darstellten. Der Bürger
Groener entstammte dem württembergischen Kleinbürgertum und

2 5
  GROENER,  L e b e n s e r i n n e r u n g e n  ( w i e  A n m .  2 2 ) ,  S.  3 4 ,  5 5 . 
26
  Ebd.,  S.  59­61;  ders.,  Brief  an  Fritz  Kern,  [1936],  in:  B A ­ M A  Freiburg,  N46/63, 
Bl.  195. 
27
  DERS.,  Lebenserinnerungen  (wie  Anm.  22),  S.  56. 
2 8
  SPERBER,  B ٧ r g e r  ( w i e  A n m .  1 9 ) ,  S.  2 8 4 . 
29
  E.  P.  THOMPSON,  The  Making  o f  the  English  Working  Class,  N e w  York  1966,  S. 
9. 
30
  Pierre  BOURDIEU,  Praktische  Vernunft.  Zur  Theorie  des  Handelns,  ٧bers,  v.  Hella 
Beister,  Frankfurt  a.  M.  1998,  S.  15. 
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Bürgerliche und adlige Krieger 37

besuchte das Gymnasium bis zur Primareife; der Vater des Bürgers
Ludendorff hingegen war ostelbischer Gutsbesitzer bzw. -pächter und
Ludendorff wuchs in einer Kadettenanstalt heran. 31 Genauso unter-
schieden sich viele Adlige untereinander. Wie ähnlich waren wohl die
familiären Erfahrungen und der Habitus eines Hauptmanns von
Schmid und eines Hauptmanns von Bismarck? 3 2 Zu den erfahrungsbe-
dingenden Unterschieden der Region, des Bildungswegs und gegebe-
nenfalls des Zeitpunkts der Erhebung der Familie in den Adelsstand
kamen auch Unterschiede zwischen den Konfessionen und Generatio-
nen - eine Vielfalt von Faktoren, die im Rahmen dieses Aufsatzes nur
wenig, wenn überhaupt berücksichtigt werden können.

III. Das wilhelminische Offizierkorps als Profession

Der historische Kontext adlig-bürgerlicher Beziehungen, um den es


hier geht, das Offizierkorps, war ein Feld, das die allgemeinen sozia-
len Verhältnisse innerhalb seiner Reichweite auf besondere Art und
Weise prägte. Natürlich galt auch der umgekehrte Fall, daß Klassen-
beziehungen das Offizierkorps prägten. Doch überwiegt dieser Sach-
verhalt in der Historiographie so sehr, daß der erste leicht übersehen
wird. Bevor ich also das komplexe Zusammenspiel von Klassenbezie-
hungen und Berufskultur anhand des Beispiels Groener näher untersu-
che, stelle ich den Versuch an, die Konturen und die innere Logik des
Berufsfeldes der Offiziere möglichst unabhängig vom Einfluß der
Klassenbeziehungen zu skizzieren.
Den Offiziersberuf und das Offizierkorps kennzeichne ich als Pro-
fession, weil dieses Fremdwort den rhetorisch-heuristischen Gegenpol
zu den vermeintlichen Charakteristiken des wilhelminischen Offizier-
korps bezeichnet, die man mit „feudal", „adlig" und „vormodern" um-
reißt, wobei in folgenden Ausfuhrungen noch gezeigt werden wird,
daß eine Verwendung in diesem Sinne angebracht ist. Darüber hinaus
gibt es bereits eine wissenschaftliche Literatur zu den Professionen
und der Professionalisierung, die unserem Verständnis des wilhelmini-
schen Offizierkorps dienlich sein kann. Eine Implikation dieser Litera-
tur, die hier jedoch nicht übernommen werden soll, ist die wenig hilf-

3 ' GROENER, Lebenserinnerungen (wie Anm. 22), S. 3 2 - 3 7 ; Erich LUDENDORFF,


Mein militärischer Werdegang. Blätter der Erinnerung an unser stolzes Heer,
München 1933, S. 4 - 8 .
32 Die vielen „feinen Unterschiede" unter Preußens Adligen verschiedenen Ur-
sprungs werden deutlich im letzten Roman des zeitgenössischen Kenners, Theo-
dor FONTANE, Der Stechlin ( 1899).

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38 Mark R. Stoneman

reiche Vorstellung von einer richtigen Entwicklung einer jeweiligen


Gesellschaft, in der die Professionen bestimmte Formen aufzuweisen
bzw. Rollen zu spielen haben. Problematisch an der wissenschaftli-
chen Erfassung der Professionen ist eben, daß die betreffenden Defini-
tionen und Theorien in der Regel normativen aufgeladen sind und
keine Allgemeingültigkeit besitzen. 33 Indes kann aber gerade der fast
unvermeidbar normative Inhalt des Professionsbegriffs ihn für die
Interpretation des Offizierkorps nützlich machen: Wenn das anzuwen-
dende Professionsbild empirisch den deutschen zivilen Professionen
entstammt, wird dieses Bild uns erlauben, das Offizierkorps in Ver-
bindung mit diesen in einen gemeinsamen, historischen Kontext zu
stellen. Wenn schließlich bedeutende Ähnlichkeiten nachweisbar wä-
ren, hätten wir einen Grund mehr, die gängige Interpretation eines
archaischen Offizierkorps anzuzweifeln. Aber noch wichtiger: Es läge
dann nahe, die für unsere Augen dennoch sonderbare Erscheinung des
wilhelminischen Offizierkorps auf ihre zeitgenössische, professionelle
Bedeutung hin zu untersuchen - anstatt diese Erscheinung zu verding-
lichen und einem Stereotyp des Adels gleichzusetzen.
In seiner Studie über die deutschen Professionen stellt Charles
McClelland fest, daß folgende Faktoren ihre „Modernität" ausmachte:
erstens der gründliche, höhere Bildungsweg fur einen für das ganze
Leben auszuübenden Beruf; zweitens deutliche Karrierestufen mit
regelmäßigen Laufbahnen; drittens eine der jeweiligen Profession
zugrundeliegende Wissenschaft; und schließlich, viertens leisteten die
deutschen Professionen der inneren Nationsbildung Vorschub, weil
viele sich auf nationaler Ebene organisierten und somit die Horizonte
ihrer Mitglieder - ζ. T. schon vor 1870 - auf die ganze Nation erwei-
terten. 3 4 Schließlich sei angemerkt, daß für McClelland die Professio-
nen und das Bürgertum eng verknüpft sind. 35 Angesichts letzterem
überrascht nicht, daß er dem aristokratischen wilhelminischen Offi-

3 3 MCCLELLAND, Professionalization (wie Anm. 10), S. 1 1 - 2 7 , bietet eine hilfreiche


Diskussion der verschiedenen Professionalisierungstheorien; dabei weist er auf
das korrekturbedürftige Defizit hin, daß die meisten sich a u f den außergewöhnli-
chen anglo-amerikanischen Fall beziehen. Pierre Bourdieu verwirft „Profession"
als wissenschaftliches Konzept ganz; an ihre Stelle soll der wertneutrale, dynami-
sche B e g r i f f des Feldes treten: Pierre BOURDIEU, The Practice o f Reflexive S o c i o -
logy (The Paris Workshop), in: ders., An Invitation to Reflexive Sociology, Chi-
c a g o 1 9 9 2 , S. 2 4 1 - 2 4 4 . Siehe auch folgende historiographischen Beiträge zur
Professionalisierung in Deutschland: JARAUSCH, Unfree Professions (wie ANM.
3); COCKS und JARAUSCH, German Professions (wie Anm. 4).
3 4 MCCLELLAND, Professionalization (wie Anm. 10), S. 2 3 1 f.
3 5 Ebd., S. 8.

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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  39 

zierkorps die „Modernität" dieser Professionen abspricht. 36 Doch in


der Tendenz wies das Offizierkorps ähnliche Merkmale auf, was aber
nicht heißen muß, daß dessen Professionalismus bürgerlich (oder ad-
lig) war.
Erstens: Gewiß ließ die schulische Vorbildung vieler Offiziere zu
wünschen übrig. 37 Noch wichtiger aber scheint mir folgender Sach-
verhalt: Ob sie eine Kadettenanstalt, ein Gymnasium oder ein Real-
gymnasium besuchten, ob sie ein Abitur erwarben oder nicht. Eine
zunehmend große Zahl von Offizieren besaß das Abiturzeugnis, die
meisten zukünftigen Offiziere besuchten eine höhere Schule fur Jun-
gen. 38 Deswegen nahmen die zuständigen Militärs an den preußischen
Schulkonferenzen 1890 und 1900 teil. 39 Nun blieben alle Knaben in
Deutschland, die überhaupt eine höhere Schule (einschließlich einer
Kadettenschule) besuchten, eine sehr kleine Minderheit unter den
schulpflichtigen Kindern. 40 Das heißt, obwohl es unter den höheren
Schulen soziale und inhaltliche Unterschiede gab, war die Zahl ihrer
Schüler in Bezug auf sämtliche wilhelminischen Kinder so klein, daß
diese Schüler, die später u. a. Offiziere und zivile Professionelle wur-
den, eine klar abgegrenzte soziale Elite gegenüber den anderen Kin-
dern und Jugendlichen des wilhelminischen Deutschlands bildeten. Ihr
Status drückte sich nicht zuletzt in der Berechtigung aus, ihren Mili-
tärdienst als Einjähriger abzulegen - mit der Aussicht, Reserveoffizier
zu werden, vorausgesetzt, daß sie die Mittel dazu hatten und sowohl
ihre soziale Herkunft wie auch ihre politischen Einstellungen stimm-
ten. Die soziale Bedeutung des Einjährigen-Privilegs läßt sich ζ. B. im

36
  Ebd.,  S.  47,  75­76,  106. 
37
  Siehe  ζ.  B.  Major  v.  BUSSE,  Was  und  wie  soll  der junge  Offizier  lesen,  in:  Deut­
sches  Offizierblatt,  Bd.  7,  Nr.  50  (8.12.03),  S.  2;  Jena  (wie  Anm.  14). 
38
  Mit  wenigen  Ausnahmen  mußten  alle  Offizierbewerber  in  Bayern  das  Abitur 
haben.  44%  der  im  Jahre  1900  in  die  preußischen,  sδchsischen  und  w٧rttembergi­
schen  Kontingente  eingetretenen  Fahnenjunker  waren  Abiturienten.  Diese  Zahl 
wuchs  auf  fast  52%  im  Jahre  1906  und  etwa  65%  im  Jahre  1912.  Fahnenjunker 
ohne  Primareife  waren  43  von  968  im  Jahre  1900,  83  von  949  im  Jahre  1905  und 
54  von  1449  im  Jahre  1912.  Fahnenjunker,  die  auf  Gnade  Wilhelms  II.  ohne  be­
standene  Fδhnrichspr٧fung  in  das  Offizierkorps  eintraten,  waren  wesentlich  weni­
ger  als  1%  in  den  Jahren  1903­12;  s.  die  Tabelle  in  DEMETER,  Offizierkorps  (wie 
Anm.  1),  S.  89. 
39
  Heinz  STÜBIG,  Der  Einfluß  des  Militδrs  auf  Schule  und  Lehrerschaft,  in:  Hand­
buch  der  deutschen  Bildungsgeschichte,  Bd.  IV,  hg.  v.  Christa  BERG,  M٧nchen 
1991,  S .  517. 
40
  Nach  NIPPERDEY,  Deutsche  Geschichte  (wie  Anm.  17),  Bd.  1,  S.  555,  betrug  diese 
Zahl  5%  im  Jahre  1911,  wobei  unklar  ist,  ob  sie  die  Kadetten  einschloß,  die  je­
doch  im  Verhδltnis  zu  den  ٧brigen  Gymnasiasten  usw.  nicht  viele  waren. 

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Bestreben der wenig angesehenen Volksschullehrer erkennen, dieses


auch für sich zu eröffnen. 4 1 Dabei lag dem Status der Einjährigen eine
gemeinsame Bildungskultur zu Grunde: „Das Gymnasium", schreibt
Nipperdey, „vermittelte die gemeinsame Sprache und Denkweise der
meinungsbildenden Gesellschaft, der politischen Öffentlichkeit. Die
gesamte bürokratische, parlamentarische, ökonomische, gebildete,
freiberufliche, verbandliche Führungsschicht war davon geprägt." So
gesehen entstammten viele Offiziere dem gleichen prägenden Boden,
aus dem die zivilen Professionellen hervorgingen. Nipperdey schreibt
weiter: „Das Gymnasium war nicht nur das Fundament der herrschen-
den Ordnung, sondern auch Boden und Waffenarsenal jeder Oppositi-
on. Es integrierte den Staat und alles Weitertreiben; Reform und Kritik
wuchsen aus seinem Boden." 4 2 Diese Reform und Kritik führte u. a. zu
dem an dieser Kultur teilnehmenden Realgymnasium, das auch zu-
künftigen Offizieren Bildung vermittelte.
Lediglich die Kadettenanstalten waren insofern verschieden, als in
ihnen Knaben ab dem zehnten Lebensjahr einer strengen militärischen
Regie unterworfen waren. Bei den preußischen Anstalten konstatiert
Klaus Schmitz eine „Dominanz der militärischen Erziehung gegenüber
der schulischen Allgemeinbildung" 4 3 . Doch auch hier mußten die Ka-
detten das zunehmend erwünschte Abitur, das dem eines Realgymna-
siums glich, durch schulische Leistungen verdienen. Darüber hinaus
fanden die Reformdiskussionen und -versuche - so unvollkommen sie
gewesen sein mögen - explizit in Bezug auf die breiteren wilhelmini-
schen Bildungsdiskussionen und -reformen statt. 44 Die Andersartigkeit

41 Einfuhrend zu den höheren Schulen, den historiographischen Kontroversen über


sie und mit weiterführender Literatur: James ALBISETTI, Education, in: CHICKE-
RING, Germany (wie Anm. 1), S. 2 5 3 - 2 5 5 , 2 6 4 - 2 7 1 . Zur Bedeutung des Einjähri-
g e n - P r i v i l e g s im wilhelminischen Bildungskontext: STÜBIG, Einfluß (wie A n m .
3 9 ) , S. 5 1 9 - 5 2 3 ; Lothar MERTENS, Das Privileg des Einjährig-Freiwilligen Mili-
tärdienstes im Kaiserreich und seine gesellschaftliche Bedeutung. Z u m Stand der
Forschung, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 39/1 ( 1 9 8 6 ) , S. 5 9 - 6 6 ; DERS.,
Bildungsprivileg und Militärdienst im Kaiserreich. Die gesellschaftliche B e d e u -
tung des Einjährig-Freiwilligen Militärdienstes fur das deutsche Bürgertum, in:
Bildung und Erziehung 4 3 ( 1 9 9 0 ) , S. 2 1 7 - 2 2 8 .
4 2 NIPPERDEY ( w i e A n m . 1 6 ) , B d . 1, S. 5 4 8 .
4 3 Klaus SCHMITZ, Militärische Jugenderziehung. Preußische Kadettenhäuser und
Nationalpolitische Erziehungsanstalten zwischen 1 8 0 7 und 1 9 3 6 , Frankfurt a. M.
1 9 9 7 , S. 155.
4 4 Ebd., S. 7 9 - 1 6 4 , wo der Autor zu einem negativen Urteil über die Bildungslei-
stungen der Kadettenanstalten kommt. Dagegen John MONCURE, Forging the
K i n g ' s Sword: Military Education between Tradition and Modernization. The
C a s e o f the Royal Prussian Cadet Corps, 1 8 7 1 - 1 9 1 8 , N e w Y o r k 1 9 9 3 .

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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  4 1 

der Kadettenanstalten war echt, aber sie sollte nicht überbewertet wer-
den, zumal Kadetten eine Minderheit des Offiziersnachwuchs stell-
ten. 45
Die Tatsache, daß Offiziere kein Universitätsstudium ablegten, un-
terschied sie von den anderen deutschen Professionellen. Sogar den
begabtesten Offizieren, die mit einem dreijährigen Studium an der
prestigeträchtigen Kriegsakademie eine für ehrgeizige Offiziere attrak-
tive Generalstabslaufbahn einschlagen konnten, fehlte diese wichtige
Erfahrung. Dieser Sachverhalt wird aber dadurch relativiert, daß ein
Großteil der Bildungsaufgaben der Universitäten in der beruflichen
Ausbildung - d. h. in der Vermittlung von Fachwissen, nicht von Bil-
dung im idealen Sinne - bestand, deren Ziel der Erwerb einer formel-
len Zugangsberechtigung zu einer bestimmten Profession war. 46 Offi-
ziere hätten solches Fachwissen an einer Universität nie finden
können, sie hätten es nicht einmal dort gesucht, weil das Offizierkorps
das Monopol darüber für sich, v. a. für den Generalstab, erfolgreich
beanspruchte, wie die ablehnende Haltung sowohl des Militärs als
auch der Historikerzunft gegenüber Hans Delbrücks militärgeschicht-
lichem Projekt demonstrierte. 47 Das dennoch vergleichbare symboli-
sche Kapital 48 des Offiziers und des Historikers, das ihrer jeweiligen
Ausbildung und der professionellen Fachkompetenz entstammte, er-
kennt man ζ. B. in einem großen patriotischen Folioband, in dem die
deutsche Geschichte von den Germanen bis zu Wilhelm II. dargestellt

45
  Nach  STÜBIG,  Einfluß  (wie  Anm.  3 9 ) ,  S .  5 1 7 ,  stellten  die  Kadettenanstalten  etwa 
1 5 %  der  Offizierbewerber  1 8 7 8 / 9 0 .  Es  ist  anzunehmen,  daß  im  2 0 .  Jahrhundert 
angesichts  der  Heeresvermehrungen  trotz  einer  Zunahme  der  Kadetten  dieser  An­
teil  weiter  sank. 
46
  Konrad  H.  JARAUSCH,  Universitδt  und  Hochschule,  in:  Handbuch  (wie  Anm.  39), 
S.  329­332. 
47
  Siehe  Arden  BUCHOLZ,  Hans  Delbr٧ck  and  the  German  Military  Establishment: 
War  Images  in  Conflict,  Iowa  City  1985. 
Dieser  Terminus  kommt  von  Pierre  Bourdieu.  Hier  verstehe  ich  unter  symboli­
schem  Kapital  z.  B.  eine  Offiziersuniform,  einen  Doktortitel,  ein  Adelsprδdikat 
usw.  samt  der  gesellschaftlichen  Anerkennung  und  (meist  informellen,  aber  rea­
len)  Macht,  die  daraus  folgten.  Das  symbolische  Kapital  konnte  mit  materiellem 
Kapital  verbunden  sein,  aber  auch  mit  kulturellem  Kapital  (Wissen,  Geschmack, 
Kultiviertheit  usw.,  die  man  „besaß")  und  sozialem  Kapital  (soziale  Netzwerke 
familiδrer  oder  beruflicher  Natur).  Siehe  Hans­Ulrich  WEHLER,  Pierre  Bourdieu. 
Das  Zentrum  seines  Werks,  in:  Ders..  Die  Herausforderung  der  Kulturgeschichte. 
M٧nchen  1 9 9 8 ,  S.  2 7 ­ 2 8 . 

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42 Mark R. Stoneman

wurde:  Offiziere  schrieben  die  operativen  und  Historiker  die  politi­


schen  Beitrδge. 49  Folgendes  Stellenangebot  sagt  auch  viel  aus: 

„ Gesucht wird ein rüstiger, gewandter Ingenieur oder Offizier a. D. der


Artillerie, Pioniere, der Eisenbahn-Brigade oder der Marine, welchem
es bei einem großen Rheinisch-Westfälischen Hüttenwerk obliegen
würde, geschäftliche Besuche zu empfangen, vorbereitend mit ihnen zu
verhandeln und sich ihrer anzunehmen. Gute gesellschaftliche Formen
und etwas technische Kenntnisse unerläßlich. Es handelt sich um eine
angenehme, dauernde und gut salarirte Stellung. "50

Hier  waren  Offiziere  aus  den  technischen  Branchen  des  Militδrs  den 
zivilen  Ingenieuren  ebenb٧rtig,  zumindest  wenn  es  um  die  öffentliche 
Reprδsentation  der  Firma  ging.  Dies  sowohl  wegen  des  symbolischen 
Kapitals  ihres  Titels  als  Offiziere  a.  D.  als  auch  wegen  der  gefragten 
Fachausbildung,  die  sie  bei  der tδglichen  Aus٧bung  ihres  militδrischen 
Berufs und  in einer  militδrischen  Fachschule  erworben  hatten.51 
Diese  Erörterungen  sollen  die  Bildungsunterschiede  zwischen  den 
Offizieren  und  den  zivilen  Professionellen  nicht  leugnen,  zumal  sich 
bei  den  Generδlen  dieser  Bildungstrend  noch  nicht  durchgesetzt  hatte, 

Deutsche Gedenkhalle. Bilder aus der vaterländischen Geschichte, Schriftleitung


von Julius v. PFLUGK-HARTTUNG, Leitung des Illustrativen Teils von Hugo v.
TSCHUDI, v e r a n s t a l t e t v o n M a x HERZIG, B e r l i n [ c a . 1 9 0 7 ] . B e i s p i e l e v o n B e i t r ä -
gen zur neuesten Geschichte: August KEIM, „Aspern und Wagram (1809)"; Ders.,
„Der deutsch-dänische Krieg"; Otto HINTZE, „Die Stein-Hardenbergischen Re-
formen"; Friedrich MEINECKE, „Das Zeitalter der Restauration"; Ders., „Friedrich
Wilhelm IV. und Deutschland"; Colmar FREIHERR V. D. GOLTZ, „Der Krieg gegen
d a s f r a n z ö s i s c h e K a i s e r r e i c h 1 8 7 0 " . V g l . SHOWALTER, A r m y ( w i e A n m . 2 ) , S. 7 ,
der das Aktiv- und Reserveoffizierpatent als ein „generally-negotiable social cur-
rency" in der bunten sozialen Landschaft des Kaiserreichs bezeichnet.
50
Allgemeiner Anzeiger zum Militär-Wochenblatt, Nr. 3 (10.1.1900), S. 19. Siehe
auch den beruflichen Vorschlag und Kommentar dazu in: Ein Fingerzeig fur ver-
abschiedete Offiziere, in: Deutsches Offizierblatt, Bd. 14, Nr. 49 (8.12.1910),
S. 1033; Zu „Ein Fingerzeig für verabschiedete Offiziere", in: Deutsches Offi-
z i e r b l a t t , B d . 14, N r . 5 1 ( 2 2 . 1 2 . 1 9 1 0 ) , S. 1 0 8 5 f.
Siehe Briefkasten, Frage 2813: Welche Vorteile erwachsen einem Offizier aus
dem Besuch der Militärtechnischen Akademie usw.?, in: Deutsches Offizierblatt,
B d . 13, N r . 4 7 ( 2 5 . 1 1 . 1 9 0 9 ) , S. 9 3 4 ; E r n s t M . ROLOFF ( H g . ) , L e x i k o n d e r P ä d -
agogik, Bd. 3, Freiburg i. Br. 1914, S. 686 f. Das Standardwerk der militärischen
Ausbildung ist immer noch Bernhard POTEN, Geschichte des Militär-Erziehungs-
und Bildungswesens in den Landen der deutschen Zunge, 5 Bde. [Berlin 1889-
1897], Neudruck, Osnabrück 1982. Siehe auch Heiger OSTERTAG, Ausbildung
und Erziehung des Offizierkorps im deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918, Frank-
furt a. M. 1990, dessen negatives Urteil sich zu sehr von heutigen Maßstäben ab-
leitet.
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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  43 

als sie in die Armee eingetreten waren 5 2 . Dennoch wird deutlich, daß
die wilhelminischen Offiziere keine exotischen „feudalen" Überbleib-
sel einer längst überholten Zeit bildeten. Vielmehr waren sie in den
aktuellen Bildungs-, Ausbildungs- und Berufskontext der zivilen Pro-
fessionellen ihrer Zeit integriert, in dem sie sich mit ihrem symboli-
schen Kapital gut behaupten konnten. In diesem Sinne ist vom Bil-
dungsstandpunkt aus die Anwendung des Professionsbegriffs auf das
wilhelminische Armee-Offizierkorps sinnvoll.
Zweitens: Deutliche Karrierestufen und regelmäßige Laufbahnen
waren im Offizierkorps vorhanden. Vorausgesetzt der Offizier eignete
sich für eine Beförderung, galt das Prinzip der Anciennität - andern-
falls mußte er früher oder später seinen Abschied einreichen. Das
Dienstalter wurde bis zum Hauptmann hinauf innerhalb des jeweiligen
Regiments festgestellt, während die höheren Ränge in den Dienstal-
terslisten der jeweiligen Waffengattung geführt wurden. Durch schrift-
liche Beurteilungen, Vorpatentierungen, Versetzungen in ungünstige
Regimenter sowie das Bitten um den Abschied konnten die Vorgesetz-
ten eines Offiziers das Anciennitätsprinzip unterlaufen. 5 3 Doch trotz
mancher Unzufriedenheit war das Beförderungswesen keinesfalls
willkürlich. Zum einen sind uns Ranglisten und Dienstalterslisten
überliefert, denen man den ziemlich regelmäßigen Verlauf von Offi-
zierslaufbahnen entnehmen kann. Zum anderen wurden solche Listen
wohl von den meisten Offizieren regelmäßig gelesen, was bedeutet,
daß sie einen Sinn darin sahen. 5 4
Jährlich veröffentlichte die königliche Hofbuchhandlung, Mittler
und Sohn, die offiziellen Ranglisten des preußischen A r m e e -
Offizierkorps und der zu ihm gehörenden Einheiten (u. a. der kolonia-
len Schutztruppe und des württembergischen Offizierkorps). Eine Li-
ste führte sämtliche Offiziere, eine andere nur die aktiven. Beide Li-
sten zeigten die Zugehörigkeit zu einem Regiment, das Datum des
Offizierspatents, der letzten Beförderung, Versetzungen oder Kom-

52
  HUGHES,  King's  Finest  (wie  Anm.  2),  S.  63. 
53
  Ebd.,  S.  75,  80­82. 
54
  Siehe  Alfred  SCHWARZ,  Wie  entsteht  die  Rangliste  unserer  Armee?,  in:  Deutsches 
Offizierblatt,  Bd.  7,  Nr.  21  (26.5.1903),  S.  5;  Die  Dienstalters­Liste  1912/13,  in: 
Militδr­Wochenblatt,  97.  Jg.,  Nr.  146  (14.11.1912),  Sp.  3341  f.  Generell  zur  Be­
förderungspraxis:  Edgar  GRAF MATUSCHKA,  Die  Beförderungen  in  der  Praxis,  in: 
Gerhard  Papke  u.a.,  Untersuchungen  zur  Geschichte  des  Offizierkorps.  Anciennti­
tδt  und  Beförderung  nach  Leistung,  hg.  v.  Militδrgeschichtlichen  Forschungsamt, 
Stuttgart  1962,  S.  163­172. 
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mandierungen  an. 55  Vor  dem  Ersten  Weltkrieg  war  der  Markt  f٧r  sol­
che  Informationen  derart  groß,  daß  auch  der  Privatverlag  des Deut-
schen Offizierblattes  eine  nationale  Rangliste  herausgab,  die  Bayern 
und  Sachsen  einschloß. 56  Außerdem  konnte  man  bei Mittler und Sohn
eine  Dienstalterliste  erwerben,  welche  der  Verlag  1900  in  einem  Inse­
rat folgendermaßen  beschrieb: 

„ Dieselbe gewährt nicht nur einen genauen Aufschluß über die Stel-
lungsbesetzung, die Dienstalters- und Beförderungsverhältnisse inner-
halb eines jeden Truppentheils undjeder Kommandobehörde, sondern
bietet insbesondere auch einen leichten Überblick über die Avance-
ments-Verhältnisse innerhalb jeder einzelnen Waffengattung sowie der
gesammten Armee. [...] Die „Dienstalters-Liste" wird in vorliegender
Anordnung jedem Offizier, jeder Dienststelle willkommen sein. "57

Dar٧ber  hinaus  war  die  Nachfrage  groß  genug,  eine  langjδhrig  kon­
kurrierende  Liste  zu  tragen. 58  Neben  den  Rang­  und  Dienstalterslisten 
informierte  das  vom  Großen  Generalstab  herausgegebenen Militär-
Wochenblatt,  das  regelmδßig  derartige  Nachrichten  aus  dem  ganzen 
Reich  enthielt,  die  Offiziere  ٧ber  die  aktuellsten  Beförderungen,  Ver­
setzungen  und  Abschiede. 59  Alle  diese  Listen  zeigen,  daß  das  wilhel­
minische  Offizierkorps  regelmδßige,  professionelle  Laufbahnen  mit 
deutlichen  Karrierestufen  anbot. 

55
Zwei Beispiele: Rang- und Quartierliste der Königlich Preußischen Armee und
des XIII. (Königlich Württembergischen) Armeekorps für 1900 [...] (Redaktion:
die Königliche Geheime Kriegs-Kanzlei), Berlin; Rang- und Quartierliste der
Königlich Preußischen Armee für den aktiven Dienststand, Berlin 1893.
56
Deutsche Rangliste umfassend das gesamte aktive Offizierkorps [...] der deut-
schen Armee und Marine und seinen Nachwuchs, Oldenburg i. Gr. 1911. Natür-
lich veröffentlichten Bayern, Sachsen und Württemberg auch ihre eigenen offizi-
ellen Listen. Zum Beispiel: Ranglisten der aktiven Offiziere der Königlich
Bayerischen Armee, München 1904 (Druck: Kriegsministerium); Militär-
Handbuch des Königreichs Bayern, hrsg. v. Kriegsministerium, München 1914;
Rangliste der Königlich Sächsischen Armee für das Jahr 1914, hrsg. v. Kriegsmi-
nisterium, Dresden; Militär-Handbuch des Königreichs Württemberg, hrsg. v.
Kriegsministerium, Stuttgart 1908.
57
Allgemeiner Anzeiger zum Militär-Wochenblatt, Nr. 3 ( 10.1.1900), S. 20.
58
Vom Verlag Hopfer in Burg erschien seit 1858 jährlich folgende Liste: Vollstän-
dige Dienstaltersliste (Anciennitätsliste) der Offiziere der Königlich Preußischen
Armee, des XIII. (Königl. Württemb.) Armeekorps und der Kaiserlichen Schutz-
truppen.
59
Eine adlige Offiziersfrau, deren Mann Karriere machte, erwähnte dieses Blatt an
mindestens vier Stellen in ihren Erinnerungen:  GREGORY, Soldatenfrau (wie Anm.
6) 65, 78, 104, 172. Eine breite Leserschaft leite ich auch aus dem Inseratenteil
ab.
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Bürgerliche und adlige Krieger 45

Tabelle 2: Auszug aus einer Dienstalterliste 1912: Majore der Infanterie 6 0

Name  Datum  des  Patents  als 


Major  Hauptmann  Oberleutnant  Leutnant 
Wermelskirch 27.1.06 1.9.96 15.12.90 13.9.82
Vogel 27.1.06 12.9.96 29.3.92 13.8.83
v. Schwemler 27.1.06 27.1.97 16.2.92 11.9.83
Graup 27.1.06 17.4.97 19.9.91 13.2.83
Alefeld 27.1.06 27.1.98 17.11.92 14.4.84
Renner (W) 27.1.06 25.3.99 14.9.93 6.2.86
v. Brauchitsch 27.1.06 25.3.99 14.9.93 14.8.86
Gröner [sic!] (W) 27.1.06 25.3.99 14.9.93 9.9.86
v. Derschau 27.1.06 25.3.99 14.9.93 18.9.86
Friedrich Wilhelm Prinz v. Preußen 27.1.06 11.4.02 19.4.98 12.7.90
Rentel 11.2.06 15.12.94 16.1.90 11.12.80
v. Leyser 13.2.06 18.11.97 28.7.92 12.2.84
Frhr. v. Humboldt-Dachroeden 13.2.06 27.1.98 29.3.92 12.2.84
Glück (W) 25.2.06 15.12.94 23.2.91 8.11.80
Schott v. Pflummern (W) 25.2.06 18.4.95 31.3.91 8.10.81
v. der Osten 20.3.06 21.3.98 14.9.93 14.4.85
v. Passow 20.3.06 22.3.98 27.1.93 14.4.84
Frhr. v. Schleinitz 10.4.06 24.7.94 22.5.89 14.10.80
Johannes 10.4.06 25.7.94 18.6.92 13.9.84
v. Bauer 10.4.06 22.3.97 16.5.91 13.2.83
v. Wurmb 10.4.06 21.12.97 16.2.92 11.9.83
Kotze 21.5.06 12.9.96 19.9.91 13.2.83
v. Wodtke 21.5.06 24.5.98 27.1.93 13.9.84
v. Walther 31.5.06 27.1.95 24.3.90 16.9.81
v. Jena 31.5.06 27.1.95 12.8.90 16.9.81
v. Roques 14.6.06 15.6.98 15.8.93 14.2.85
Bering 14.6.06 18.3.99 14.9.93 14.2.85
Frhr. v. Graß 28.6.06 24.5.97 27.1.93 13.9.84
v. Cramer 18.8.06 19.8.94 20.9.90 16.9.81
v. Estorff 18.8.06 20.8.94 24.11.91 14.4.83
Wohlgemuth 13.9.06 1.9.94 16.1.90 12.2.81
Oesterreich 13.9.06 12.9.94 17.6.89 14.10.80
v. Funcke 13.9.06 12.9.94 2.9.89 14.10.80
Billig 13.9.06 12.9.94 18.12.89 11.2.82
Stud 13.9.06 13.9.94 15.12.90 11.2.82

(W) = Württembergisches Kontingent

60 Vollständige Dienstalterliste (Anciennetätsliste) der Offiziere der Königlich Preu-


ßischen Armee, des XIII. (Königl. Württemb.) Armeekorps und der Kaiserlichen
Schutztruppen [...], Burg 1912, S. 20.
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Drittens:  Dem  Offiziersberuf  lag  eine  fachspezifische  Wissenschaft 


zu  Grunde.  So  lautete  der  Untertitel  eines  1901  erschienenen  Fachle­
xikons  „Handwörterbuch  der  Militδrwissenschaften".  Das  Handwör­
terbuch  erklδrte  den  Begriff  unter  einem  synonymen  Stichwort  folgen­
dermaßen: 

„Kriegswissenschaften, d[ie] einzelnen Zweige der Kriegskunst in wis-


senschaftlicher] Behandlung, werden gewöhnlich geschieden in:
Haupt-K[riegswissenschaften] : die Schwesterwissenschaften Strategie
ufndj Taktik, welche die Kriegskunst didaktisch, u[nd] dfiej Kriegsge-
schichte, welche sie empirisch lehrt; Hülfs-K[riegswissenschaften] :
Waffen-, Befestigungs-, Geländelehre in erster, Mil[itär]-Verwaltungs-,
Rechts-, Gesundheitslehre, Mil[it är]-Geographie in zweiter Linie. "61

Ohne  weiter  darauf  einzugehen,  verweise  ich  auf  das  informative  Buch 
von  Arden  Bucholz 6 2 ,  in  dem  er  die  organisatorischen  Bem٧hungen 
des  Großen  Generalstabs  beschreibt,  Fachwissen  zu  produzieren  ­
besonders  im  Bereich  der  Kriegsgeschichte  ­  und  dieses  Wissen  in 
einer  sich  rasch  δndernden  technischen  Umwelt 6 3  f٧r  die  Vorbereitung 
eines  zuk٧nftigen  Krieges  zu  nutzen,  der  vom  Vernichtungsgedanken 
und  von  Angriffsgeist  geprδgt  sein  sollte.  Ein  wesentlicher  Grund, 
warum  der  Generalstab  am  politisch  und  militδrisch  so  verhδngnisvol­
len  Schlieffenplan  festhielt,  war  m.  E.  die  Verwissenschaftlichung 
seiner  Planungsarbeit,  die  von  einem  nachhaltigen  Paradigma  geprδgt 
wurde,  dessen  G٧ltigkeit  f٧r  manche  Generalstδbler  ­  darunter  auch 
Groener  ­  nicht  einmal  durch  den  Ersten  Weltkrieg  ersch٧ttert  wur­
de. 6 4 

61
  H .  FROBENIUS (Hg.), Militär-Lexikon. Handwörterbuch der Militärwissenschaf-
ten, Berlin 1901. Vgl. Kriegswissenschaften, in:  MEYERS (wie Anm. 3), Bd. 11,
1907, S. 681; vgl. Wissenschaft, in: Ebd., Bd. 20, 1908, S. 695.
62
  BUCHOLZ, M o l t k e ( w i e A n m .  4). 
63
In seinem Vorwort schrieb  FROBENIUS, Militär-Lexikon (wie Anm. 59): „das
Lexikon [musste] mit äusserster Beschleunigung gearbeitet werden", damit es
„nicht bereits vor dem Erscheinen veraltet" sein würde.
64
Zu Paradigmen siehe Thomas S.  KUHN, Die Struktur wissenschaftlicher Revolu-
tionen, übers, v. Hermann Vetter, Frankfurt a. M. 2 1976. Für das paradigmatische
Verständnis der wilhelminischen militärischen Fachwelt von Strategie siehe z. B.
den betreffenden Eintrag in  FROBENIUS, Militär-Lexikon (wie Anm. 59), S. 824,
826, der den Kern der Dinge traf: „Der Kriegszweck ist stets in erster Linie d[ie]
Vernichtung der feindlichen] Armee, diese das Ziel der Operationen [...]. Für
d[ie] gesuchte Entscheidung ist d[ie] Vereinigung einer möglichsten Anzahl von
Streitern am entscheidenden Punkte" (S. 826). Und im Vorwort des Lexikons fin-
det sich das paradigmatische Verständnis von der militärischen Nutzbarmachung
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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  47 

Ein wesentlicher Bestandteil der Generalstabsarbeit war auch die


Verbreitung von dort erarbeiteten Erkenntnissen im Offizierkorps
durch die Postierung von Generalstabsoffizieren in den Stäben der
Feldarmee sowie durch Fachbücher und -Zeitschriften. Das Militär-
Wochenblatt veröffentlichte Aufsätze und Rezensionen, die eine breite
Palette fachspezifischer Themen aus dem In- und Ausland abdeckten.
Gewiß, im Offizierkorps gab es auch Diskrepanzen zwischen wissen-
schaftlichem Anspruch und alltäglicher Wirklichkeit, aber dies änderte
nichts an der zentralen Bedeutung der Militär-Wissenschaften fur die
Offiziersprofession.
Viertens: Wie viele andere Professionen im wilhelminischen
Deutschland war das Armee-Offizierkorps, mit der bedingten Aus-
nahme des bayerischen, auf nationaler Ebene organisiert, was den
Blick der Offiziere auf den neuen Nationalstaat erweiterte, ihren
kleindeutschen Nationalismus fütterte und mithin die innere Nations-
bildung forderte. Zwar wurden ein sächsisches und ein württembergi-
sches Kontingent mit entsprechenden Offizierkorps beibehalten, doch
waren sie als XII. und XIII. Armeekorps Glieder der preußischen Ar-
mee. Auch das Offizierkorps der eigenständigen bayerischen Armee
orientierte sich früh am preußischen Vorbild und spielte eine bedeu-
tende Vorreiterrolle bei der Entwicklung eines kleindeutschen Natio-
nalismus in Bayern, was mit dem bayerischen Patriotismus durchaus
vereinbar war. 65 Die kulturelle Wirkung der militärischen Verset-
zungs- und Kommandierungspraxis im wilhelminischem Deutschland
schlug sich in folgender Parodie eines Leserbriefs für das Militär-
Wochenblatt nieder, die 1910 in Rahmen einer württembergischen
Generalstabsreise gedruckt wurde: „Ich bin in Sachsen geboren, woh-
ne in Preußen und bin kommandiert nach Württemberg. Welcher Staat
ist zur Zahlung eines Reisevorschusses verpflichtet?" 66 Dieser Witz
sollte wohl als Ausdruck der Neuartigkeit nationaler Erfahrungen für
viele junge Offiziere verstanden werden, die oft erst durch das Offi-

vergangener  Kriege:  „Das  Lexikon  soll  nur  das gegenwärtig  Wichtige  angeben, 
deshalb  geht  es  ­  mit  wenigen  Ausnahmen  ­  geschichtlich  nur  bis  zum  Beginn 
des  dreißigjδhrigen  Krieges  zur٧ck"  (Hervorhebung  im  Original).  Diese  Vorstel­
lungen  kamen  auch  in  Meyers  Großem  Konversations­Lexikon  (wie  Anm.  3)  zum 
Ausdruck,  Bd.  11,  1907,  S.  681  („Kriegswissenschaften"),  S.  668  („Kriegsge­
schichte"),  S.  669­670  („Kriegskunst  und  Kriegf٧hrung").  Zur  Einf٧hrung  in  die 
Historiographie  zum  strategischen  Denken  des  Großen  Generalstabs  siehe  FÖR­
STER, Armed  Forces  (wie  Anm.  1). 
65
  Zum  bayerischen  Offizierkorps:  RUMSCHÖTTEL,  Das  bayerische  Offizierkorps 
(wie  Anm.  7),  S.  224­226. 
66
  B A ­ M A  Freiburg,  N46/83,  Bl.  43. 
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zierkorps die Nation über den Rahmen ihrer jeweiligen Ursprungsre-


gion hinaus kennen lernten. Eine andere Deutungsmöglichkeit, daß der
Witz eine satirische Bemerkung zum etwas chaotischen föderalisti-
schen System des deutschen Nationalstaats sei, würde ebenfalls die
These unterstützen, daß das Offizierkorps der inneren Nationsbildung
förderlich war. Ein Lied aus der gleichen württembergischen Redakti-
on machte diese Wirkung noch deutlicher: Fünf Stabsoffiziere aus
Württemberg, Preußen und Sachsen hoben die Vorteile ihrer jeweili-
gen Region hervor, bis ihr Chef ihnen sagte: „Schön ist's überall im
Reiche / Jedes Land hat seinen Wert!"

Mag man dort die Weine preisen,


Dorfen mehr auch den Kaffee,
Wir sind doch in einem einig:
In der Liebe zur Armee!

Worauf die anderen ihm antworteten: „Deutschlands Heer, Ihr habt's


getroffen, / Ist des Reiches Edelstein!" 67
Über die Tatsache hinaus, daß das Offizierkorps seinen Offizieren
Zugang zum kleindeutschen Nationalstaat ermöglichte, könnte man
mit Showalter auch eine Reihe anderer integrativer Wirkungen der
Armee konstatieren. 68 Im Kontext der Frage nach der Professionalität
des Offizierkorps sind die selbständigen Züge, die das Offizierkorps
trotz seines nie in Frage stehenden Treueverhältnisses zu seinem ober-
sten Kriegsherrn aufwies, eher von Belang. Dabei meine ich nicht die
Meldungen von Offizieren, die anonym aus dem Glied traten, um ihre
Kritik mittels der Presse oder eines Reichstagabgeordneten an die
Öffentlichkeit zu bringen. Interessanter sind die linientreuen Offiziere,
die anonym ihre professionellen und monarchischen Ideen der Öffent-
lichkeit vortrugen. Was aber wirklich überrascht sind die privaten,
aber offiziell sanktionierten Vereinsgründungen von Offizieren, verab-
schiedeten Offizieren und ihren Angehörigen. Über diese Vereine
wissen wir noch wenig, doch seien hier einige erwähnt: Der Deutsche
Offizierverein wurde 1884 gegründet. Er war 1907 60 000 Mann stark.
Sein Zweck war, „die wirtschaftlichen und kameradschaftlichen Inter-
essen der Angehörigen der deutschen Armee und Marine durch billige
Beschaffung von Ausrüstungs-, Bekleidungs- und sonstigen Ver-
brauchsgegenständen sowie durch die Vermittlung von Vorzugsprei-
sen in Gasthäusern, Theatern etc. zu fördern." Der Umsatz seines Ber-
liner Warenhauses für Armee und Marine, das von einem Hauptmann

67
  Ebd.,  Bl.  49;  Hervorhebung  im  Original. 
6 8
  S i e h e  SHOW ALTER,  A r m y  ( w i e  A n m .  2 ) ,  S .  3 ­ 1 2 . 

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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  49

von Wedel gegründet wurde, betrug 1907 ca. 4 Millionen Mark. 69 Es


gab auch den 1895 gegründeten Verein inaktiver Offiziere der Deut-
schen Armee und Marine mit Ortsgruppen in Berlin, München, Köln,
Breslau und Dresden. Laut Militär-Wochenblatt war „seine Hauptauf-
gabe, den Geist und die Gesinnungen, welche die Grundlagen des ak-
tiven Offizierkorps bilden, unter seinen Mitgliedern weiterzupflegen."
Darüber hinaus: „Die Erfüllung dieser ersten Aufgabe ist gleichzeitig
eine patriotische Pflicht", weil sie die inaktiven Offiziere kriegsbereit
hielt. Schließlich sollten wirtschaftliche Interessen gefördert werden;
erwähnt wurden Arbeitsvermittlung sowie Hilfe in Verbindung mit
anderen Vereinen in den Fällen, in denen die Staatshilfe nicht ausrei-
chend war. 70 Hinzu kam eine Reihe von Wohltätigkeitsvereinen, die
sich ausschließlich oder teilweise mit der Unterstützung von Offiziers-
angehörigen beschäftigten: der Bund Deutscher Frauen zur Unterstüt-
zung von Offizier-Witwen und -Waisen, der Verein zur Versorgung
Deutscher Offiziertöchter, der Militär-Hilfsverein zu Berlin, der Cen-
tral-Hilfsverein der Deutschen Adelsgenossenschaft, der Verein zur
Errichtung adliger Damenheime, der Kaiserin Augusta-Verein für
Deutsche Töchter, die Charlotten-Stiftung. Ein Berichterstatter im
Militär-Wochenblatt wünschte sich eine bessere Koordinierung zwi-
schen diesen Vereinen und forderte deshalb die Gründung eines über-
geordneten „Militär-Hülfsverein". 71
Der Verlag des Deutschen Offizierblattes bemühte sich seit etwa
1897 durch eine Reihe von Veröffentlichungen, seine eigenständige
professionelle Vorstellung für das gesamte wilhelminische Offizier-
korps zu verbreiten. Der Inhalt dieser wöchentlich erscheinenden Zei-
tung war dem des Militär-Wochenblattes ähnlich, insofern er auch
aktuellen militärwissenschaftlichen Entwicklungen folgte und Perso-
naländerungen nachdruckte. Neuartig waren hingegen die Beiträge zur
autodidaktischen Vorbereitung auf die Zulassungsprüfung für die
Kriegsakademie sowie Übungen in anderen europäischen Sprachen.
Auch die wirtschaftliche Lage der Offiziere und Technikfragen wur-
den behandelt. Für die Offiziersfrauen, von deren häuslichen und gast-
geberischen Bemühungen die Karrieren ihrer Männer abhängen konn-

69
  Warenhaus  f٧r  A r m e e  und  Marine,  in: MEYERS  ( w i e  A n m . 3),  Bd. 6, 1908, S. 3 7 4
f..  Informationen  zu  den  Offiziervereinen  im  europδischen  Kontext:  O f f i z i e r ­
Vereine,  in:  M i l i t δ r ­ W o c h e n b l a t t , 86.  Jg.,  Nr. 5 9 ( 6 . 7 . 1 9 0 1 ) ,  Sp. 1 5 7 0 - 1 5 7 3 .
70
  V e r e i n  inaktiver  O f f i z i e r e  der  D e u t s c h e n  A r m e e  und  Marine,  in:  M i l i t δ r ­
Wochenblatt,  86.  Jg.,  Nr.  4 5  ( 2 2 . 5 . 1 9 0 1 ) ,  Sp.  1 2 2 2 ­ 1 2 2 4 . 
71
  M i l i t δ r ­ W o c h e n b l a t t ,  86.  Jg.,  Nr.  4 0  ( 8 . 5 . 1 9 0 1 ) ,  Sp.  1 0 7 1 ­ 1 0 7 4 .  V g l .  auch  ebd. 
97.  Jg.,  Nr.  162  ( 2 1 . 1 2 . 1 9 1 2 ) ,  Sp.  3 7 6 0 ­ 3 7 6 2 . 
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ten 72 , erschien alle zwei Wochen die von einer Johanna von Sydow
herausgegebene Beilage Die praktische Offizierfrau, in der ζ. B. rich-
tige Formen der Repräsentation sowie Menüvorschläge verbreitet
wurden, 73 was für ein statisches, homogenes Offizierkorps wohl kaum
nötig gewesen wäre. Im Deutschen Offizierblatt gab es manchmal so-
gar Beiträge, die politische Implikationen besaßen, die sich ζ. B. mit
Fragen der Heeresgröße, der Wehrfinanzierung befaßten. 74 1900 emp-
fingen bis zu 10 000 aktive und 1 000 inaktive Offiziere das Deutsche
Offizierblatt, das auch als offizielles Organ für nationale Vereine fun-
gierte, deren Bekanntmachungen, Berichte usw. es veröffentlichte. 75
Die betont nationale Ausrichtung des Verlages fand seit 1908 auch
Ausdruck in der Herausgabe einer Deutschen Rangliste, die sogar
Bayern einschloß. Im Vorwort der Ausgabe 1914 wurde die Heeres-
vermehrung von 1913 gepriesen und eine weitere gefordert, während
die Ablehnung dieser Forderung als „vaterlandsfeindlich" bezeichnet
wurde. 76 Dies war eine Anklage, die sowohl der politischen Linken als
auch den Konservativen galt, die sich über die soziale Zusammenset-
zung des Offizierkorps Sorgen machten.77 Hierzu schrieb die Redakti-
on stolz weiter:

72
  Vgl.  ζ.  B.  GREGORY,  Soldatenfrau  (wie  Anm.  6). 
73
  Ζ.  B.:  Das  Belegte  Brot,  Nr.  1  (14.1.1903),  S.  11;  Die  immer  korrekt  ist,  Nr.  2 
(28.1.1903),  S.  11  f.;  Das  liebe  Federvieh,  Nr.  5  (11.3.1903),  S.  11;  es  gab  auch 
die  regelmδßige  Rubrik  „Tδglicher  K٧chenzettel". 
74
  Ζ.  B.:  Zu  dem  Militδretat  1903,  Bd.  7,  Nr.  8  (25.2.1903),  S.  3  und  Bd.  7,  Nr.  9 
(4.3.1903),  S.  5;  Zur  Wehrsteuerfrage  in  Deutschland,  Bd.  7,  Nr.  15  (15.4.03),  S. 
2­4;  Zum  weiteren  Ausbau  unseres  Heeres,  Bd.  17,  Nr.  3  (16.1.1913),  S.  53  f.. 
75
  S.  ζ.  B.  das  Inserat  des  „Deutschen  Offizierblatts"  in:  Allgemeiner  Anzeiger  zum 
Militδr­Wochenblatt,  Nr.  23  (21.3.1900),  S.  183. 
76
  Deutsche  Rangliste  umfassend  das  gesamte  aktive  Offizierkorps  [,..]der  deutschen 
Armee  und  Marine  und  seinen  Nachwuchs  [...],  Oldenburg  i.  Gr.  1914,  Vorwort. 
77
  Zur  politischen  Auseinandersetzung  ٧ber  die  Heeresaufr٧stung  siehe  FÖRSTER, 
Militarismus  (wie  Anm.  2). 

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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  51

,,[...] so ist für jeden Vaterlandsfreund unsere „Deutsche Rangliste"


kein blutloses Namensverzeichnis von Truppenteilen, Behörden und
Persönlichkeiten; nein uns bedeutet das aus warmem nationalen Emp-
finden geborene Werk diejenige Gruppe unserer Volksgemeinschaft,
welche in erster Linie die Ehre und die Machtstellung unseres Volk-
stums, unseres großen, ganzen Vaterlandes verbürgt. In dieser Eigen-
schaft unseres Werkes liegt für alle Zeit seine werbende Kraft, seine Be-
deutung, seine Daseinsberechtigung.78

Es handelte sich hierbei um einen radikalen, völkischen Nationalis-


mus, der von der offiziellen Regierungspolitik abwich, obwohl das
Offizierkorps staatstragend war. 7 9
Showalter bezeichnet die wilhelminische Armee als „interest
group". Wilhelm Deist konstatiert beim preußischen Offizierkorps ein
wachsendes „Bewußtsein der Eigenständigkeit", das ζ. T. auf das für
höhere Offiziere befremdende Verhalten Wilhelms II. zurückzuführen
ist, auch wenn ihre Treue dem Kaiser gegenüber nie in Frage stand. 8 0
An anderer Stelle schreibt Deist von „einer zunehmenden Verselb-
ständigung des Korps": Das preußische Offizierkorps unterstand kei-
ner politischen Autorität außer dem preußischen Monarchen, dessen
persönliche Beteiligung an Personalentscheidungen seit den unter
Wilhelm I. geschaffenen Richtlinien nur bedingt wirksam war. 8 1 Auch
in diesem Sinne ist es angebracht, das Offizierkorps als eine selbstän-
dige Profession zu betrachten, trotz seiner erst am Ende des Welt-
kriegs gebrochenen persönlichen Beziehung zu den deutschen Monar-
chen.

IV. Tradition

Wie paßt aber die schwülstige Erscheinung des Offizierkorps mit sei-
ner starken Betonung der Vergangenheit und der individuellen Re-
gimentstraditionen ins Bild? Eine Teillösung dieses Rätsels bieten
Geoff Eley und Michael Geyer mit der These, daß die „feudale" Er-
scheinung des Offizierkorps eine kreative Antwort auf seine wachsen-
de soziale und funktionale Heterogenität war. Das Offizierkorps be-

78
  Deutsche  Rangliste  (wie  Anm.  73),  Vorwort. 
Siehe FÖRSTER,  Militarismus  (wie  Anm.  2),  in  dem  allerdings  diese  Denkweise 
dem  B٧rgertum  zugeschrieben  wird,  was  bisher  noch  nicht  bewiesen  ist.  Im Deut-
schen Offizierblatt  waren jedenfalls  auch  adlige Namen  vertreten. 
80
SHOWALTER,  Army  (wie  Anm. 2),  S. 12.  Wilhelm DEIST,  Militδr,  Staat  und  Ge­
sellschaft.  Studien  zur  preußisch­deutschen  Militδrgeschichte,  M٧nchen 1991,  S. 
29,  45. 
81
  Ebd.,  S.  46. 
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durfte eines kulturellen Bindestoffs, um seine internen Unterschiede


mit einem starken Korpsgeist zu überbrücken. Dafür habe man auf
bereits bekannte kulturelle Vorbilder zurückgegriffen, die im neuen
Kontext neue Bedeutungen gewannen. 82 Dieser Interpretation, die
auch Licht auf den besonderen Ehrenkodex im Offizierkorps wirft, 83
ist zuzustimmen und sie ist auszubauen. Insbesondere muß die militä-
risch-professionelle Funktion von Tradition sowie die Rolle der Tradi-
tion in der Sicherstellung der sozialen und politischen Stabilität des
Kaiserreichs berücksichtigt werden.
Die Traditionspflege ist noch heute eine wichtige Aufgabe in der
deutschen Armee. Natürlich werden in der Bundeswehr andere militä-
rische Traditionen betont, weil Soldaten, wie die Menschen überhaupt,
einen großen Teil ihrer Identität durch ihre Interpretation der Vergan-
genheit gewinnen und die Identität der Soldaten und Offiziere ihrem
Staat nicht gleichgültig sein kann. 84 In diesem Sinne sind die Traditio-
nen, welche die Bürger bzw. Untertanen eines Staats sich zu eigen
machen, maßgebend für seine Stabilität. Nun existierte das Kaiserreich
zu einer Zeit, in der die Betonung alles Geschichtlichen und Traditio-
nalen in Europa auf Grund rapider sozialer und politischer Transfor-
mationen besonders intensiv gepflegt wurde. Tradition sollte beste-
hende oder neu geschaffene politische Verhältnisse und
Machtbeziehungen anderer Art legitimieren bzw. affektive Loyalität
für sie gewinnen. Die Identifizierung und Deutung von Traditionen
war eine besonders dringende Notwendigkeit für das junge Kaiser-
reich, das sich auf kein eindeutiges historisches Vorbild berufen konn-
te, es sei denn, man behauptete und wiederholte oft genug, es gäbe
eine zwingende Kontinuität zum Heiligen Römischen Reich Deutscher
Nation. So wurden, um mit Eric Hobsbawm zu reden, Traditionen
erfunden. 85 Auch in der wilhelminischen Armee, die vor 1866 bzw.

82
  GEYER,  Past  as  Future  (wie  Anm.  4),  S.  192­195;  G e o f f  ELEY,  Army,  State  and 
Civil  Society:  Revisiting  the  Problem  o f  German  Militarism,  in:  ders.,  From  Uni­
fication  to  Nazism.  Reinterpreting  the  German  Past,  Boston  1986,  S.96­99. 
83
  Zu  dieser  wichtigen  Komponente  der  wilhelminischen  militδrischen  Profession, 
siehe  Ute  FREVERT,  Ehrenmδnner.  Das  Duell  in  der  b٧rgerlichen  Gesellschaft, 
M٧nchen  1995,  S.  109­162. 
84
  Vgl.  Donald  ABENHEIM,  Bundeswehr  und  Tradition.  Die  Suche  nach  dem  g٧ltigen 
Erbe  des  deutschen  Soldaten,  M٧nchen  1989;  David  GLASSBERG,  American  Hi­
storical  Pagentry.  The  Uses  of  Tradition  in  the  Early  Twentieth  Century,  Chapel 
Hill  1990,  S.  1­3,  w o  n٧tzliche  Gedanken  zur  kulturellen  Funktion  von  histori­
scher  Bildersymbolik  zu  finden  sind. 
85
  Eric  HOBSBAWM,  Introduction:  Inventing  Traditions,  in:  ders.  und  Terence  Ranger 
(Hg.),  The  Invention  o f  Tradition,  Cambridge  1983,  S.  1­14;  Eric  HOBSBAWM, 
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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  53

1870/71 mehrere Armeen mit unterschiedlichen Vergangenheiten ge-


wesen war und erst danach trotz des föderalen Systems allmählich zu
einer nationalen Armee sich entwickelte, wurden Traditionen erfun-
den, um den Korpsgeist der Offiziere und der Truppe zu fördern, wo-
von die Effektivität der Armee als Gewaltmittel abhing - ob für die
Innen- oder die Außenpolitik. Angesichts regionaler Spannungen
konnten wilhelminische Traditionen nicht auf einer rein preußischen,
hohenzollernschen Symbolik aufgebaut werden. Effektive Traditionen
mußten Deutschlands vielfaltige Regionen und Vergangenheiten um-
fassen, die als bereichernde Teile des Nationalstaats zu deuten waren.
Durch die Betonung der regionalen Wurzeln der Armee konnte auch
der Zusammenhalt zwischen Militär und Gesellschaft auf regionaler
Ebene gefestigt werden. 86
Wilhelm II. sagte 1890 in einer Rede vor Offizieren: „im monarchi-
schen Staatswesen" sei „des Staats größte Stütze die Tradition", des-
sen Hauptträger das Offizierkorps sei. 87 Seine Instrumentalisierung
von Tradition sieht man im Erlaß vom 29. März 1890, in dem er einen
neuen Begriff schuf, den er mit vermeintlichen historischen Kontinui-
täten begründete: So sollte „der Adel der Gesinnung, der das Offizier-
korps zu allen Zeiten beseelt hat," anstelle des „Adels der Geburt" den
Offiziernachwuchs stellen. Der Kaiser schuf Traditionen im Offizier-
korps durch Uniformänderungen, die Vergabe oder Weihe von Re-
gimentsfahnen, die Umbenennung von Truppenteilen und die „Verlei-
hung" von Traditionen älterer Einheiten an diese Truppenteile, wobei
er Deutschlands regionaler Vielfalt große Aufmerksamkeit widmete. 88
Ein anschauliches Beispiel für die Legitimierung und Festigung von
Neuem durch die Berufung auf Altes lieferte ein Beitrag aus dem Mili-
tär-Wochenblatt von 1900:

Mass­Producing  Traditions:  Europe,  1870­1914,  in:  ebd.,  S.  2 6 3 ­ 3 0 8 ,  speziell 


zum  Kaiserreich:  S.  273­279. 
86
  Einfuhrend  zum  Thema  Regionalismus:  Dan  S. WHITE,  Regionalism  and  Particu­
larism,  in:  CHICKERING,  Germany  (wie  Anm. 1),  S.  131­155,  bes.  S. 132.  Zur  na­
tional­integrativen  Wirkung  der  Armee  auf  der  Ebene  der  Regionen:  Showalter 
(wie  Anm. 2),  4-6;  Jakob VOGEL,  Nationen  im  Gleichschritt.  Der  Kult  der  „Nation 
in  Waffen"  in  Deutschland  und  Frankreich,  1870­1914,  Göttingen  1997,  S.  168­
170. 
87
  Zit.  n.  Ebd.,  S.  177. 
88
ABENHEIM,  Bundeswehr  (wie  Anm. 84), S. 16-18,  der  allerdings  fδlschlicherweise 
behauptet,  daß  die  Traditionspflege  im  Kaiserreich  eher  „nat٧rlich",  nicht  bewußt 
gepflegt  wurde; VOGEL,  Nationen  (wie  Anm. 86), S. 168  f. 
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„Die Tradition zu erhalten, ruhmvolle Erinnerungen neu zu beleben,


welche mit der im Jahre 1866 erfolgten Auflösung der Königlich Han-
noverschen Armee ihre Hauptpflegestätte eingebüßt hatten, war das
Ziel, welches Kaiser Wilhelm II. verfolgte, als er am 24. Januar 1899
die Preußischen Truppentheile, in deren Reihen damals die alten Han-
noverschen Krieger übergetreten waren, zu Trägern der Ueberlieferun-
gen ihrer Altvorderen einsetzte undjenen eine neue Heimath im Kreise
ihrer jüngeren Kameraden anwies. Die jungen Regimenter sollten die
Erben des Ruhmes derer sein, zu deren Nachfolgern sie erklärt worden
[waren], und sollten die diesen verliehenfenj [...] Auszeichnungen wei-
terführen. "

Mit dieser Begründung erhielt das Königs-Ulanenregiment (1. Han-


noversches) Nr. 13 das exklusive Recht, die alten Präsentier- und Pa-
rademärsche der ehemaligen hannoverschen Garde du Corps bei be-
sonderen Anlässen auszuführen. „Die Verleihung war ein weiteres
Mittel zur Belebung der Erinnerung und zur Verschmelzung der Ver-
gangenheit mit der Gegenwart." 89
Dieses Beispiel weist auf die starke Betonung des einzelnen Re-
giments hin, das eine kameradschaftliche Einheit seiner jetzigen und
früheren, auch verstorbenen Offiziere bildete. Das Regiment war eine
Familie mit einem langen Gedächtnis, das sich neue Offiziere durch
Regimentsfeiern, -geschichten und -stammlisten als Teil ihrer militäri-
schen Sozialisation zu eigen machten. 90 Wie das obige Zitat aber an-
deutete, sollten die individuellen Traditionen eines Regiments keinem
Partikularismus, sondern der Stärke der nationalen Armee dienen. In
einem Befehl am 28.1.1902 zu seinem Geburtstag bemerkte Wilhelm
II., daß es noch viele Regimenter gebe, die keine „selbständige Unter-
scheidung" hatten:

®9  Β.  V.  POTEN,  Die  Hannoverschen  Prδsentir­  und  Parademarsche,  in:  Militδr­
Wochenblatt,  85.  Jg.,  Nr.  21  (3.3.1900),  Sp.  523­526,  Zit.  Sp.  523;  vgl.  Die  Pfle­
ge  der  Überlieferungen  der  alten  Armee,  in:  Militδr­Wochenblatt,  85.  Jg.,  Nr.  32 
(7.4.1900),  Sp.  811­814. 
90
  Erstens  wurden  Regimentsfeiern  regelmδßig  im Allgemeinen Anzeiger zum Mili-
tär-Wochenblatt  bekannt  gegeben.  Zweitens  nahm  die  Veröffentlichung  von  Re­
gimentsgeschichten  im  Kaiserreich  rasant  zu.  Siehe  Paul  HIRSCH,  Bibliographie 
der  deutschen  Regiments­  und  Bataillonsgeschichten,  Berlin  1905.  Schließlich 
schlössen  die  zahlreichen  gedruckten  Regimentsstammlisten  alle  zu  ihm  gehören­
der  Offiziere aus  der Vergangenheit  und  Gegenwart  ein. 
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Bürgerliche und adlige Krieger 55

„Aber je größer eine Heeresorganisation sich gestaltet, um so notwen-


diger ist die individuelle Entwicklung ihrer einzelnen Theile; nur im
Wetteifer derselben werden die Eigenschaften und Kräfte lebendig, wel-
che das Ganze auf eine höhere Stufe der Leistung zu bringen sind,  [sie!] 
In meiner Armee vereinigen sich die Traditionen vieler Deutscher
Stämme und Landestheile; diese Ueberliefer ungen zu pflegen, ist Mein
Streben und Meine Pflicht. Heer und Volk sind bei Uns eins; im Heere
verkörpert sich die Geschichte Meines Landes. Mögen die neuen Na-
men, die Ich hiermit verleihe, das Bewusstsein lebendig erhalten, daß
Unser Deutsches Reich geschaffen ist durch die Tüchtigkeit der einzel-
nen Glieder seines Volks, und daß es die Pflicht jedes Angehörigen
Meines Heeres ist, seinen Stamm, seine Heimath im Wetteifer mit den
anderen zu Ehren zu bringen. Möge den Truppentheilen hieraus ein
neuer Ansporn erwachsen zur Pflege des Geistes, der allein ein Heer
groß und siegreich macht. "

So  wurden  aus  den  Infanterieregimentern  Nr.  97,  98,  128  und  129 
folgende  Einheiten:  1.  Oberrheinisches  Infanterieregiment  Nr.  97, 
Metzer  Infanterieregiment  Nr.  98,  Danziger  Infanterieregiment  Nr. 
128,  3.  Westpreußisches  Infanterieregiment  Nr.  129.  Insgesamt  waren 
etwa  neunzig  Einheiten  von  diesem  Befehl  betroffen. 91 
Schließlich:  Bei  aller  starken  Betonung  der  Tradition  im  einzelnen 
Regiment  muß  hervorgehoben  werden,  daß  Offiziere  wδhrend  ihrer 
Laufbahnen  mehreren  Regimentern  angehörten  und  mithin  in  den 
Stammlisten  all  dieser  Regimenter  gef٧hrt  wurden. 92  Daß  Offiziere  in 
der  Lage  waren,  sich  in  anderen  Regimentern  einzuleben,  deutet  auf 
die  Verbreitung  gemeinsamer  professioneller  Werte  im  wilhelmini­
schen  Armee­Offizierkorps  hin  ­  einschließlich  des  hohen  Stellen­
werts  der  Traditionspflege. 

91
A r m e e - B e f e h l , in: M i l i t ä r - W o c h e n b l a t t , 8 7 Jg., N r . 9, 2 8 . 1 . 1 9 0 2 , Sp. 2 2 1 - 2 2 6 ,
Zit. Sp. 2 2 1 - 2 2 2 .
92
Zum Beispiel: v. REDEN, Offizier-Stammliste des Grenadier-Regiments Prinz
Karl von Preußen (2. Brandenburgisches) Nr. 12, Oldenburg 1912; FUNCK und v.
FELDMANN, Offizier-Stammliste des vormaligen Königlich Hannoverschen 3. In-
fanterie-Regiments und des 1. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 74,
1813-1913, Hannover 1913; BADENSTEIN, Offizier-Stammliste des 2. Badischen
Grenadier-Regiments Kaiser Wilhelm I. Nr. 110, Berlin 1902; DIETRICHS, Offi-
zierstammliste des vormals Kurhessischen 2. Inf. Regts. „Landgraf Wilhelm von
Hessen" 1813-1866 jetzt 2. Kurhess. Inf. Regt. Nr. 82, Göttingen 1913; GRAB-
MANN, Offizier-Stammliste des 6. Rheinischen Infanterie-Regiments Nr. 68,
1860-1902, C o b l e n z 1902.

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5 6  Mark  R.  S t o n e m a n 

V. Die Laufbahn des Generals Wilhelm Groener


Das wilhelminische Armee-Offizierkorps war eine Profession, die
durchaus zeitgemäße Charakteristiken aufwies. Sogar die intensive
Traditionspflege entsprach aktuellen beruflichen und gesellschaftli-
chen Bedürfnissen. Allerdings spielten in diese Profession die wilhel-
minischen Klassenbeziehungen hinein. Die Wechselwirkungen von
sozialer Herkunft und Berufskultur lassen sich ansatzweise am Bei-
spiel von Wilhelm Groener verdeutlichen.93
Am 22. November 1884 trat Groener als Fähnrich in das 3. Würt-
tembergische Infanterieregiment Nr. 121 in Ludwigsburg zum frü-
hestmöglichen Zeitpunkt ein: an seinem siebzehnten Geburtstag.
Zwölf Jahre später wurde der Oberleutnant aufgrund seiner Fähigkei-
ten zur Kriegsakademie in Berlin kommandiert. 1897 begann er seine
Generalstabsarbeit, zuerst in der Topographischen Abteilung, dann in
der Eisenbahnabteilung. Neben diesen technischen Posten besetzte er,
wie alle Generalstabsoffiziere während ihrer Laufbahn, auch verschie-
dene Stellen in der Feldarmee: 1902/04 diente der Hauptmann als
Kompaniechef im Metzer Infanterieregiment Nr. 98; 1908/10 war der
Major beim Generalstab des XIII. Armeekorps in Stuttgart; 1910 in
der selben Stadt Bataillonskommandeur im 7. Infanterieregiment Nr.
125, bevor er 1911 wieder in die Eisenbahnabteilung des Großen Ge-
neralstabs in Berlin zurückkehrte. Groener machte eine erfolgreiche
Karriere und zielte auf noch höhere Positionen.
Die Verbindung zwischen seiner militärischen Laufbahn, seinem
durch die bescheidene Herkunft geprägten Ehrgeiz und seinem in na-
tionalem Rahmen blühenden Professionalismus wird in einem Beitrag
deutlich, den er 1911 anonym im Schwäbischen Merkur veröffentlich-
te:

E i n e  gute  biographische  S k i z z e  bietet  JohannesTSRLIHGE


H Ü RTER,   W i l h e l m  Groener. 
R e i c h s w e h r m i n i s t e r  am  Ende  der  Weimarer  Republik  ( 1 9 2 8 ­ 1 9 3 2 ) ,  M ٧ n c h e n 
1993,  S.  1­35.  Außer  der  bei  ihm  zit.  Literatur  siehe  den  knappen  L e b e n s l a u f  in 
K l a u s ­ V o l k e r GIESSLER ,  N a c h l a s s  Groener.  Bestand  N 4 6 ,  K o b l e n z  1986,  S.  VI­
VII. 
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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  57 

Die Kommandierung höherer Offiziere nach Preußen ist für unser


württfembergischesj Offizierkorps gar nicht mehr zu entbehren, wenn
wir in der Lage sein wollen, tüchtigen Offizieren eine erfolgreiche Lauf-
bahn zu eröffnen und ein gesundes Vorwärtsstreben zu fördern. [...] In
dem Wechsel der Verhältnisse und in dem Drang veränderter Anforde-
rungen an Geist und Gemüt, wie sie ein Beruf mit sich bringt, der den
Menschen weiter in der Welt herumführt, gewinnt der Schwabe vermöge
seiner Charaktereigenschaften und seines Fleißes an Kraft und Lei-
stungsfähigkeit und verliert vor allem eine Eigenschaft, die auch dem
württfembergischen] Offizier nicht selten anhaftet: eine gewisse geistige
Schwerfälligkeit, die man im gewöhnlichen Leben etwas drastischer zu
bezeichnen pflegt.94

Manche Offiziere aus höheren sozialen Kreisen hätten Groener zu


dieser Zeit wohl als Streber abgewertet. So stellte ein Major von Busse
seinen Lektüre-Ratschlägen fur junge Offiziere folgende Einschrän-
kung voraus: „Ich bin als praktischer Frontsoldat' ausgesprochener
Feind von allem Strebertum, Duckmäuserei und Blaustrumpfwesen
und verlange wahrhaftig nicht, daß die Gelehrsamkeit bei uns die erste
Rolle spielen soll. Gott möge uns in Gnaden davor bewahren." 95 Die-
ser Infanterieoffizier zog eine Trennlinie zwischen Front- und Stabsof-
fiziere. Darüber hinaus gehörte er zum Adel, besaß somit symboli-
sches und soziales Kapital, das vom Offizierkorps nicht abhing. Für
Groener hingegen bedeutete die Armee und das eigene berufliche
Fortkommen alles. Aus seiner militärischen Position leitete Groener
sein ganzes symbolisches und etwaiges soziales Kapital ab, und erstes
war durch die roten Streifen seiner Generalstabshose und die Rangzei-
chen eines Majors immerhin hoch genug, um aus ihm 1906 die Ziel-
scheibe eines mißlungenen Attentats im Berliner Zoologischen Garten
zu machen. 96
Durch Leistung erreichte Oberstleutnant Groener 1912 die Position
des Chefs der Eisenbahnabteilung. Wegen der Vorurteile im Offizier-
korps gegen technische Positionen blieb das militärische Prestige al-
lerdings hinter der eigentlichen Bedeutung der Position zurück. Die
erfolgreiche Durchfuhrung des deutschen Aufmarsches hing wesent-
lich von der Eisenbahnabteilung ab. Funktional gesehen war nur die
Operationsabteilung noch wichtiger. Doch in der amtlichen Stellenbe-
setzung der höheren Führer und Generalstabsoffiziere bei Beginn des

94
  B A ­ M A  Freiburg,  N46/78,  Bl.  1 f. 
95
  v.  BUSSE,  Offizier (wie  Anm.  37). 
96
  Zum  versuchten  Attentat,  das  von  einem  verstimmten  Veteranen  ausging,  der 
Groener  nicht  kannte:  B A ­ M A  Freiburg.,  N46/27,  Bl.  114  f. 
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58  Mark  R.  Stoneman 

Weltkrieges wurden Groener und die Eisenbahnabteilung auf die letzte


Seite plaziert - hinter sämtliche Stellen der Armee außer der General-
intendantur, abgesondert von den übrigen Abteilungen des Generalsta-
bes, die auf den ersten zwei Seiten aufgelistet wurden. Als Reichs-
wehrminister behauptete Groener später, daß „er auf die
Eisenbahnabteilung abgeschoben worden [sei]."97 Dies deutet darauf
hin, daß auch im Generalstab, in dem der Professionalismus im Ar-
mee-Offizierkorps am weitesten vorangeschritten war, die soziale
Herkunft dem Leistungsprinzip Grenzen setzen konnte.
1910 las Major Groener eine Parodie seiner selbst, die von einem
jüngeren Kameraden während der jährlichen Generalstabsreise verfaßt
worden war:
Seht zum Beispiel Major Groener:
Welch ein kluger Mann, ein schöner!
Wie ist ihm der Geist so vive,
Wie strotzt er von Initiative!
Schrecklich seinen Feinden allen,
Tut er nachts sie überfallen,
Ehe die sich noch bedacht
Hat er sie schon umgebracht!
O der Grimme kennt kein Schonen
Schlachtet Reiterdivisionen.9S

Diese Skizze erinnert an die Stärke des Generalstäblers," der sich die
Doktrinen der Vernichtungsschlacht und des Angriffs zu eigen ge-
macht hat. Sie zeugt auch von seinem „strammen" militärischen Ver-
halten, von seinem Kriegergeist und seiner „Schneidigkeit". Groener
erscheint als der typische Offizier. Jedoch existierten unterschiedliche
Auffassungen im Korps über das korrekte Verhalten eines Offiziers,
die z. T. auf soziale Unterschiede zurückzuführen waren. Ein Kenner,
Theodor Fontane, läßt in einem Roman die Tante Woldemars von
Stechlin zu diesem sagen: „Was in unserer Armee den Ausschlag gibt,
ist doch immer die Schneidigkeit." Der märkische Adlige und Rittmei-
ster des exklusiven 1. Garde-Dragoner-Regiments Königin Viktoria
von Großbritannien und Irland, am Alexanderplatz in berlin statio-

97
  Stellenbesetzung  in:  B A ­ M A  Freiburg  PH  1/17.  Zitat  in:  Heinrich  BRÜNING. 
Memoiren  1918­1934,  Stuttgart  1970,  S.  548.  Zu  Offizieren  in  den  technischen 
Laufbahnen:  HUGHES,  King's  Finest  (wie  Anm.  2),  S.  92,  zur  funktionalen  Bedeu­
tung  der  Eisenbahnabteilung:  BUCHOLZ,  Moltke  (wie  Anm.  4). 
98
  B A ­ M A  Freiburg,  N46/83,  Bl.  45. 
99
  Helmut  HAEUSSLER,  General  William  Groener  and  the  Imperial  German  Army, 
Madison  1962,  S.  43. 
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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  59 

niert, entgegnet seiner Tante: „Liebe Tante, sprich, wovon du willst,


nur nicht davon. Das ist ein Wort für kleine Garnisonen. Wir wissen,
was wir zu tun haben. Dienst ist alles, und Schneidigkeit ist bloß Re-
nommisterei. Und das ist das, was bei uns am niedrigsten steht." 100
Eine Offizierfrau, Mathilde Freifrau von Gregory, deren Mann für
längere Zeit Hauptmann im überwiegend adligen Regiment des Groß-
herzogs von Oldenburg war, bevor die Familie Gregory einige Beför-
derungen und Versetzungen erlebte, schrieb über ihre Zeit in der Resi-
denzstadt Oldenburg: „Ein einziges Mal nur hatten wir ein
kommißdurchsetztes Ehepaar, das sich von der Grenze hierher verflo-
gen hatte. Aber nur Eintagsfliegen. Unsere redlichen Bemühungen, sie
zu erziehen, blieben resultatlos. Das Übel saß zu tief. Der Major er-
hielt ein Bezirkskommando." 101 Die Karriere dieses Offiziers ging
offenbar nicht weiter. Für Freifrau von Gregory bezog sich „Kommiß"
auf ein einseitiges, nur von der Armee abgeleitetes Verhalten, das
nichts mit den schönen gesellschaftlichen Formen zu tun hatte, an die
sie sonst inner- und außerhalb des Regiments gewöhnt war. „Kommiß"
bezog sich somit auch auf Offiziersfamilien, deren soziale Herkunft
oder pekuniäre Mittel sehr bescheiden waren. 102 Wohl möglich, daß
die Freifrau von Gregory Groener als „Kommiß" bezeichnet hätte,
dem hätte ihr Mann allerdings aus ganz anderen Gründen zugestimmt.
Einmal sagte ihm ein Oberst: „Nur starke, konzentrierte Einseitigkeit
vermag Ganzes zu schaffen." Woraufhin er erwiderte: „Gewiß [...]
aber schöne Mußestunden muß es auch geben. Wie sähe es sonst in
unserer Familie aus? Wir sind, auch ohne den Willen zur schroffen
Einseitigkeit, oft hervorragend unausstehliche Kommißonkels." 103 Das
Militärleben nahm ebenso starken Einfluß auf diese adlige Familie von
guten Namen, wie es Groeners Verhalten und sein Familienleben be-
einflußte.
Als Generalstabsoffizier hatte Groener eine gründliche taktische,
operative und strategische Ausbildung bekommen, die sein Selbstver-
ständnis prägte. 104 Er betrachtete sich als ein abgerundeter, professio-
neller Offizier und schrieb Aufsätze über Themen, die nichts mit sei-
ner Generalstabstätigkeit zu tun hatten: „Aufklärungsdienst der
Kavalleriedivision", „Lanze oder Säbel" und „Das Turnen im Heere"
erschienen 1911 im Militär-Wochenblatt, als Groener Zeit dafür hatte,

100 FONTANE,  Stechlin  (wie  Anm.  32),  S.  115. 


101
GREGORY,  Soldatenfrau  (wie  Anm. 6),  S. 122.
102
  Ebd.,  S.  156­158. 
103
  Ebd.,  S.  133. 
104
GROENER,  Lebenserinnerungen  (wie  Anm. 22).
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60  Mark  R.  Stoneman 

weil er auf seine Übernahme in die Eisenbahnabteilung wartete. 105


Seine eigentliche Stabsarbeit hielt ihn im engeren technischen und
bürokratischen Rahmen der Eisenbahn. Dennoch bereitete sie ihm
Genugtuung: „Es war im Laufe der Zeit eine gewisse Tradition der
Arbeitsmethode entstanden, die unabhängig vom Wechsel der Persön-
lichkeiten geworden war." Ein neuer Fahrplan, der etwa 3 000 Bahn-
strecken umfaßte, wurde jedes Jahr geschrieben. „Vor der Sektion
Fahrplan hatte jeder Generalstabsoffizier in der Eisenbahnabteilung
ein leises Grauen; doch konnte man aus der Arbeit viel lernen und
bekam gründlichen Einblick in die technische Seite des Eisenbahnbe-
triebs." 106
Da er unzählige Details zu berücksichtigen hatte, bemerkte er die
nicht ausreichende Vorbereitung der vorhandenen militärischen und
zivilen Einrichtungen auf einen Krieg nach Schlieffenschem Muster.
Nachdem er Chef der Eisenbahnabteilung geworden war, begann er
mit der Revision des gesamten Fahrplans. Er arbeitete mit Militär- und
Zivilbehörden zusammen, um schnellere Züge sowie mehr und verbes-
serte Linien zu erhalten. Um eine gute Zusammenarbeit im Krieg zu
ermöglichen, führte er die ersten regelmäßigen Übungen ein, in denen
ziviles und militärisches Personal die Bewältigung unvorhergesehener
Situationen mittels Telefon und Telegrafen übten. In seinem Fahrplan
versuchte er auch, die Versorgung der Großstädte zu berücksichtigen.
Weiter nahm er an Gesprächen mit zivilen Experten teil, in denen es
um eventuelle (aber ausgebliebene) wirtschaftliche Vorbereitungen für
den nächsten Krieg ging. 107
Diese Aktivitäten liefen darauf hinaus, daß Groener seine Position
und den Stellenwert der Eisenbahnabteilung in der Armee - und in
Deutschland überhaupt - ständig ausbaute und verbesserte. Im Krieg
sollte sich zeigen, wie wichtig er inzwischen geworden war. Sogar der
Kaiser hatte ein freundliches Wort für den Oberst übrig 108 und seit
1915 erhielt der frisch beförderte General Photographie- und Auto-
grammgesuche. 109 Als er 1916 die Übernahme der Leitung des

105
  B A ­ M A  Freiburg,  N46/76,  Bl.  68­85,  92  f.,  88  f.,  96,  123. 
1 0 6
  GROENER,  L e b e n s e r i n n e r u n g e n  ( w i e  A n m .  2 2 ) ,  S.  8 1 ,  1 3 2 . 
107
  Ebd.,  S.  131­135;  BUCHOLZ,  Moltke  (wie  Anm.  4),  S.  231­234;  Lothar  BUR­
CHARDT,  Friedenswirtschaft  und  Kriegsvorsorge.  Deutschlands  wirtschaftliche 
R٧stungsbestrebungen  vor  1914,  Boppard  a.  Rh.  1968,  S.  164  f.,  S.  175  f., 
S.  210  f.,  236  f. 
108
  Brief  Groeners  an  seine  Frau,  3.11.1914,  in:  GROENER,  Lebenserinnerungen  (wie 
Anm.  22),  S.  527. 
109
  Brief  des  Gymnasiumsdirektors  Maspari  an  Groener,  30.6.1915;  Brief  von  F. 
Waldeck  an  Groener,  9.7.1915;  Brief  des  Geheimen  Kommerzienrats  Georg  W. 
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B٧rgerliche  und  adlige  Krieger  61

Kriegsernährungsamtes akzeptierte, bestand er auf der Beibehaltung


seiner Position als Chef der Eisenbahnabteilung, weil „mein persönli-
ches Gewicht auch für jede andere Aufgabe mit diesem Amt, das so
außergewöhnlich weite Befugnisse hatte, stand und fiel." 110 Jedoch
hatte seine Macht Grenzen. Während des Krieges konnte er keinen
Einfluß auf die Operationen nehmen, auf die ihn seine professionelle
Ausbildung vorbereitet hatte und die ihn so interessierten. 111 Erster
Generalquartiermeister wurde er erst nach der Entlassung Luden-
dorffs.
Interessant waren die Reaktionen mancher hoher Truppenfuhrer auf
Groeners Ernennung Ende Oktober 1918. Für Generaloberst Karl von
Einem war Groener ein „aus ganz kleinen Verhältnissen hervorgegan-
gener Mann. Sehr klug, aber die Ballonmütze im Koffer." General-
leutnant Adolf Wild von Hohenborn schrieb seiner Frau verbittert, daß
Groener „insofern gut ausgesucht ist, als er Nichtpreuße und Demokrat
ist, also in unsere hohen Kreise paßt." 112 Das unzutreffende demokra-
tische Etikett bezog sich auf Groeners Bereitschaft, auch die Gewerk-
schaften ernst zunehmen, um die Kriegsgüterproduktion nicht zu be-
einträchtigen. 113 Noch im Juni 1915 hatte Wild den „tüchtigen
Groener" erwähnt 114 und etwa elf Monate später gegenüber Einem den
Eisenbahnchef als „einen Organisator ersten Ranges" bezeichnet. 115
Zu dieser Zeit spielte die soziale Herkunft in ihren Überlegungen kei-
ne Rolle. Erst als Groener die höchste militärische Position nach dem
Chef des Generalstabs, Paul von Hindenburg, besetzte, die vorher dem
Adel, allenfalls jemandem aus altpreußischen Kreisen vorbehalten

B٧renstein,  19.7.1915,  in:  B A ­ M A  Freiburg,  N46,  nicht  nummerierter  Teilnach­


lass  des  Sohnes,  Ruthard  Groener  (1  Karton). 
1 1 0
  GROENER,  L e b e n s e r i n n e r u n g e n  ( w i e  A n m .  2 2 ) ,  S .  3 3 4 .  V g l .  BUCHOLZ,  M o l t k e 
(wie  Anm.  4),  S.  226,  in  dem  die  Eisenbahnabteilung  als  „the  most  important  in­
tegrating  vehicle"  des  Großen  Generalstabs  bezeichnet  wird. 
111
  Zu  seinen  operativen  Interessen,  siehe  ζ.  B.:  GROENER,  Lebenserinnerungen  (wie 
Anm.  22);  ders.,  Das  Testament  des  Grafen  von  Schlieffen.  Operative  Studien 
٧ber  den  Weltkrieg,  Berlin  1927;  ders.,  Der  Feldherr  wider  Willen.  Operative 
Studien  ٧ber  den  Weltkrieg,  Berlin  1930;  BRÜNING  (wie  Anm.  104),  S.  548  f. 
112
  Zit.  n.  Gerhard  W.  RAKENIUS,  Wilhelm  Groener  als  erster  Generalquartiermeister. 
Die  Politik  der  Obersten  Heeresleitung  1918/19,  Boppard  a.  Rh.  1977,  S.  17. 
113
  Siehe:  Gerald  D.  FELDMAN,  Army,  Industry  and  Labor  in  Germany  1914­1918 
[ 1 9 6 6 ] ,  P r o v i d e n c e  1 9 9 2 . 
114
  Helmut  REICHOLD  (Hg.),  Adolf  Wild  von  Hohenborn.  Briefe  und  Tagebuchauf­
zeichnungen  des  preußischen  Generals  als  Kriegsminister  und  Truppenfiihrer  im 
Ersten  Weltkrieg,  Boppard  a.  Rh.  1986,  S.  63. 
115
  Junius  ALTER  (Hg.),  Ein  Armeef٧hrer  erlebt  den  Weltkrieg.  Persönliche  Auf­
zeichnungen  des  Generalobersten  v.  Einem,  Leipzig  1938,  S.  229. 
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62 Mark R. Stoneman

war, hatten sie etwas an seiner Herkunft auszusetzen. Dabei müssen


die Beziehungen Einems und Wilds zu Groener näher erforscht wer-
den, um festzustellen, in welchem Maße ihre Abneigungen grundsätz-
lichen sozialen Charakter besaßen oder ob diese auf ihren dienstlichen
Verhältnissen zu Groener gründeten, und inwieweit der Zusammen-
bruch von Reich und Monarchie eine Rolle spielte.

In den historischen Kontext eingebettet, verdeutlicht Groeners


Laufbahn sowohl den zeitgemäßen Professionalismus des wilhelmini-
schen Offizierkorps als auch die Bedeutung von Klassenunterschie-
den. Leistung und Können brachten Groener sehr weit in seinem B e -
ruf, aber seine kleinbürgerliche, süddeutsche Herkunft setzte ihm
deutliche Grenzen. Offiziere altpreußischer Herkunft dominierten in
den wichtigsten Positionen. Doch was heißt das? Groeners bürgerli-
cher Vorgänger, Ludendorff, gehörte der neuen altpreußischen Elite
an, die Wilhelm II. „Adel der Gesinnung" nannte. Auch der frühere
Generalquartiermeister, der kurhessische Wild von Hohenborn, der
1900 von Wilhelm II. nobilitiert worden war 1 1 6 , entstammte bürgerli-
chen Kreisen und gehörte nun diesem Adel an. In diesem Sinne waren
die höchsten Positionen im Offizierkorps der deutschen Armee für
Adlige und Bürgerliche offen, 1 1 7 solange sie über symbolisches Kapi-
tal verfugten, das fur die richtige Gesinnung bürgte. War dieses nicht
vorhanden, ließ es sich in Einzelfällen durch die militärische Variante
des kulturellen Kapitals, d.h. herausragende militärische Fachkennt-
nisse, ersetzen. Männer aus kleinen Verhältnissen erhielten manchmal
auch Zugang zum Offizierkorps, aber ihre Laufbahnen glänzten weni-
ger; sie gelangten nie ins innerste Zentrum der Macht. Kleinbürger
gehörten vielmehr ins Unteroffizierkorps. Groener selbst schaffte es
zwar zum Ersten Generalquartiermeister, allerdings erst als das Kai-
serreich bereits am Rande des Zusammenbruchs stand. Dies alles
heißt: Zu einem gewissen Grad reproduzierten Armee und Offizier-
korps die vielfältigen sozialen Hierarchien des Kaiserreiches, aller-
dings bei bedingter Bevorzugung des Adels.

Doch war die „feudale", „adlige" bzw. „aristokratische" Erschei-


nung des überwiegend bürgerlichen Offizierkorps kein unmittelbares
Resultat dieser Bevorzugung. Vielmehr bildete sie eine kreative, pro-

1 1 6 REICHOLD ( H g . ) ( w i e A n m . 1 1 4 ) , S. 3.
117 Siehe Ulrich TRUMPENER, Junkers and Others: The Rise of Commoners in the
Prussian Army, in: Canadian Journal of History 14 (1979), S. 29-47 u. Friedrich
Wilhelm EULER, Die deutsche Generalität und Admiralität bis 1918, in: HOF-
MANN, O f f i z i e r k o r p s ( w i e A n m . 2 ) , S. 1 7 5 - 2 1 0 .

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fessionelle Antwort des gesamten Korps auf aktuelle soziale, kulturel-


le und politische Bedürfnisse. Die Offiziere folgten dem Ruf der Tra-
dition. Indem Traditionen erfunden, ausgebaut und kultiviert wurden,
konnten regionale und soziale Unterschiede überbrückt und ein star-
kes, homogenes Bild des Offizierkorps nach außen projiziert werden.
Dieses Bild stärkte wiederum das Offizierkorps in seinen aktuellen
gesellschaftspolitischen und militärprofessionellen Aufgaben.

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MARTIN KOHLRAUSCH

Die Flucht des Kaisers -


Doppeltes Scheitern adlig-bürgerlicher
Monarchiekonzepte

„Das Ungeheure ist Tatsache geworden. Die Bahn Wilhelms IL, dieses
eitlen, überheblichen und fleißigen Monarchen ist beendet", notierte
Gerhart Hauptmann am 9. November 1918 in sein Tagebuch. „Mir
griff es an die Gurgel, dieses Ende des Hohenzollernhauses; so kläg-
lich, so nebensächlich, nicht einmal Mittelpunkt der Ereignisse", hielt
Harry Graf Kessler am selbigen Tag fest, den er einen der „denkwür-
digsten" und „furchtbarsten der deutschen Geschichte" nannte.1 Das
plötzliche Verschwinden der Figur zu der - positiv oder negativ - fast
jeder Deutsche eine dezidierte Position entwickelt hatte, forderte Re-
aktionen heraus, die schnell über ein bloßes Erstaunen hinausgingen.
„Dem Zeitgenossen", so vermutete einer von diesen, „ist die Entthro-
nung der Hohenzollern ein Erlebnis, das ihn irgendwie zur politischen
Stellungnahme verleitet".2 Derartige Stellungnahmen bezogen sich
bald nach Bekanntwerden der genaueren Umstände vor allem auf die
kontrovers diskutierte Flucht des letzten Hohenzollernherrschers in die
Niederlande.3
Es ist auf die merkwürdige Diskrepanz aufmerksam gemacht wor-
den, die im Hinblick auf den 9. November 1918 zwischen der histori-

Gerhart HAUPTMANN, Tagebücher 1914 bis 1918, hg. v. Peter Sprengel, München
1997, S. 244; Harry GRAF KESSLER, AUS den Tagebüchern 1918-1937, München
1965, S. 9 ff.
Kurt HEINIG, Hohenzollern. Wilhelm II. und sein Haus. Der Kampf um den Kron-
besitz, Berlin 1921, S. 1.
Über die Flucht Wilhelms II. in die Niederlande wurde eine breitere Öffentlichkeit
erst im Laufe des 11.11. 1918 durch die Tageszeitungen informiert. Vgl. a. die
entsprechenden Notizen etwa in den Tagebüchern Thomas Manns und Graf
Kesslers für diesen Tag.
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66 Martin Kohlrausch

sehen Einschätzung und dem Empfinden der Zeitgenossen klafft. 4


Wenn heute die Abdankung des Monarchen als konsequenter Schluß-
punkt politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen des Kaiser-
reichs und insbesondere des Ersten Weltkriegs gesehen wird, dann
muß mit Verwunderung die vielfach bezeugte Erschütterung der Zeit-
genossen registriert werden, unter denen viele den Zusammenbruch der
Monarchie als massiven und originären Eingriff in ihr Leben empfun-
den zu haben scheinen.5
Andererseits erscheint eine gewisse Zurückhaltung angesichts des
eigenwilligen Gemisches aus Selbstmitleid, politischer Agitation,
ideologischer Überhöhung und Verdrängung des vergangen Geglaub-
ten durchaus angebracht bei dem Versuch, das Ende der Monarchie in
Deutschland mentalitätsgeschichtlich zu beleuchten.6 Immerhin, eine
solche Annäherung verspricht Aufschlüsse nicht zuletzt unter dem
Gesichtspunkt einer erneuerten Elitengeschichte. Schließlich war es
zuvorderst die Figur des Monarchen, auf die sich hohe Erwartungen im
Hinblick auf eine Elitenintegration - eine zu schaffende Reichselite -
aus dem Bürgertum richteten, und zu der sich - als preußischer Kö-
nig - zumindest der preußisch-ostelbische Adel in einem spezifischen
Näheverhältnis wähnte.7 Jene vielschichtigen Hoffnungen, Erwartun-
gen und Projektionen an und auf den letzten Hohenzollemherrscher als
vermeintliche „Integrationsinstanz" sollen im folgenden unter dem
vereinfachenden Begriff der „Kaiserkonzepte" angesprochen werden.
Hiermit ist angedeutet, daß dieser Beitrag sich nicht auf die Schil-
derung der dramatischen Ereignisse um den letzten Kaiser am 9. und

Ernst-Wolfgang BÖCKENFÖRDE, Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilo-


sophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt a. M. 1992, S. 306.
Vgl. zum „Schmerz" der monarchisch Gesonnenen auch die instruktiven zeitge-
nössischem Schilderungen von Friedrich MEINECKE in dessen Artikel von 1922,
„Das Ende der monarchischen Welt", abgedruckt in: Ders., Politische Schriften
und Reden, hg. v. Georg Kotowski, Darmstadt 1958, S. 344-350, hier S. 344.
Dieses Erstaunen über die geringe Aufmerksamkeit gegenüber dem Ende der
Monarchie - ein „Nicht-Ereignis" der historischen Forschung - bei Karl Ferdi-
nand WERNER, Fürst und Hof im 19. Jahrhundert: Abgesang oder Spätblüte, in:
Ders. (Hg.), Hof, Kultur und Politik im 19. Jahrhundert, Bonn 1985, S. 1-53, hier
S. 35.
Im Gegensatz etwa zu der allzusehr den Selbstdarstellungen seiner Protagonisten
verbundenen Darstellung von Johannes ROGALLA v. BIEBERSTEIN, Adel und Re-
volution 1918/1919, in: Mentalitäten und Lebensverhältnisse. Beispiele aus der
Sozialgeschichte der Neuzeit. FS Rudolf Vierhaus, Göttingen 1982, S. 242-259.
ROGALLA V. BIEBERSTEIN spricht von einer „Symbiose von Adel und Monarchie".
Vgl. ebd., S. 244.

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Die Flucht des Kaisers 67

10. November 1918 beschränken will. Vielmehr sollen diese, insbe-


sondere ihre Rezeption, gleichsam als Angelpunkt dienen, um retro-
spektiv und prospektiv das Verhältnis der wilhelminischen und Wei-
marer Eliten zum letzten deutschen Kaiser auszuloten. Zumindest in
zweifacher Hinsicht erscheint hierfür dieses Beispiel in besonderer
Weise geeignet. Erstens spiegeln sich in den einschlägigen Reaktionen
Kritikpunkte an der wilhelminischen Herrschaft in extremis wider.
Zweitens beförderten diese eine nahezu vollständige Ablösung vom
Monarchen, die wiederum für das Selbstverständnis der Eliten - des
Adels zumal - eine nicht zu unterschätzende Bedeutung gewann.
Beginnen wird dieser Beitrag mit sehr generellen Überlegungen
zum Verhältnis der wilhelminischen Eliten - vor allem des Adels - zur
monarchischen Spitze, anschließend auf die Rezeption der Flucht Wil-
helms II. eingehen, an diesem Beispiel die ausgeführten Vermutungen
untersuchen, um abschließend die Ablösung vom Monarchen und die
Transformation der gescheiterten Kaiserkonzepte in alternative Führer-
und Herrscherkonzepte nach 1918 anzusprechen. Hier berühren sich
die zwei eng miteinander verknüpften Fragestellungen dieser Untersu-
chung; jene nach dem Wandel des monarchischen Bewußtseins und
jene nach dem Verhältnis insbesondere des ostelbischen Adels zum
Deutschen Kaiser und letzten König von Preußen.

I. Stilwandel der Herrschaftsrepräsentation und schleichende


Desillusionierung des Adels

Nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul v. Hindenburg forderte


Wilhelm II. in Erwartung seiner Restauration: „Blut muß fließen, viel
Blut, bei den Offizieren und den Beamten, vor allen beim Adel, bei
allen, die mich verlassen haben"8 . Ohne jede faktische Relevanz indi-
ziert der kaiserliche Wutausbruch doch ein - nicht erst seit 1918 —
höchst problematisches Verhältnis des letzten Königs von Preußen zu
seinen Standesgenossen, das in der Allgemeinheit des Adels ebenfalls
als konfliktreich gesehen wurde. Überspitzt formuliert, fühlte sich zu-
mindest der ostelbische Adel - über den hier vornehmlich zu sprechen
sein wird - vom Monarchen ebenso verraten wie dieser von ihm.

Tagebucheintragung Sigurd v. Ilsemanns vom 22.8. 1934, zit. nach: John C.G.
RÖHL: Kaiser Wilhelm II. „Eine Studie über Cäsarenwahnsinn", München 1989.
Die Stelle ist in der von Harald v. Koenigswald herausgegebenen Ausgabe der Il-
semann-Tagebücher nicht enthalten.

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68 Martin Kohlrausch

Die frühzeitige und heftige Opposition vieler Adliger gegen den


Neuen Kurs Wilhelms II. erstreckte sich hauptsächlich, so die gängige
Ansicht, auf das Feld der Wirtschaftspolitik. Die Ablehnung der Ca-
privischen Handelsverträge und später der Streit um das Mittelland-
kanalprojekt, als sich Heinrich York symptomatisch als „Seiner Maje-
stät untertänigste Opposition" apostrophierte, sind bekannte Beispiele.9
Durch Versuche des Kaisers, einen „Gewissenszwiespalt" in „seinem
Adel" zu vermeiden, sollten die Konflikte auf eine sachliche Ebene
begrenzt werden; ausgeräumt wurden sie nicht.10 Dies fiel schwer bei
einem Monarchen, der, wie der Alldeutsche Ernst Graf zu Reventlow
rückblickend klagte, den Wunsch hatte, als „Bahnbrecher und Fackel-
träger einer neuen Zeit hervorzutreten."11 Adlige Kritik an Wilhelm II.
war breit gefächert. Zumal aus dem hohen Adel zielte sie auf dessen
militärisch-burschikose Art und erfolgte aus einer gemäßigt liberalen,
bzw. zentrumskatholischen Position.12 Letztendlich problematischer
wirkte aber die Kritik aus preußisch-konservativer Sicht, die besonders
anschaulich in der Weigerung des alten Adels, einen wilhelminischen
Fürstentitel zu akzeptieren, hervortritt.13 Hier tritt ein Unbehagen am
wilhelminischen Stil hervor, das sich schnell im idealisierten Bild Wil-
helms I. einen Ausdruck schuf, und auf die Formel, Wilhelm II. sei „zu

9
Zum Zitat und zu den „Kanalrebellen" jetzt ausfuhrlich: Hartwin SPENKUCH, Das
preußische Herrenhaus. Adel und Bürgertum in der Ersten Kammer des Landtages
1854-1918, Düsseldorf 1998, S. 263 ff.
10
Man denke etwa an die Rede Wilhelms II. beim Festmahl der Provinz Ostpreußen
vom 6.9. 1894 mit der symptomatischen Warnung: „Eine Opposition preußischer
Adliger gegen ihren König ist ein Unding." Johannes PENZLER (Hg.), Die Reden
Kaiser Wilhelms II., Leipzig 1897 ff., Bd. I., S. 275. 2
11
Ernst GRAF ZU REVENTLOW, Von Potsdam nach Doorn, Berlin 1940, S. 196.
12
Zur ersteren vgl. etwa Marie PRINCESSE RADZIWILL, „Une grande dame d'avant
guerre". Lettres de la Princesse Radziwill au Général de Robilant 1889-1914,
4 Bde., Bologna 1933-34 und die Beispiele aus Isabel V. HULL, The Entourage of
Kaiser Wilhelm II 1888-1918, Cambridge 1982, S. 118 f.; zur Kritik aus liberaler
und katholischer Perspektive (etwa Franz Graf v. Ballestrem; Heinrich Prinz zu
Schoenaich-Carolath): SPENKUCH, Herrenhaus (wie Anm. 8), S. 265.
13
Zur Kritik aus preußischer Sicht etwa Alexander FÜRST ZU DOHNA-SCHLOBITTEN,
Erinnerungen eines alten Ostpreußen, Berlin 1989. Zur Weigerung der Familien
Armin, Dönhoff und Maitzahn, einen wilhelminischen Fürstentitel zu akzeptieren
vgl. Das Tagebuch der BARONIN SPITZEMBERG. Aufzeichnungen aus d^r Hofge-
sellschaft des Hohenzollernreiches, hg. v. Rudolf Vierhaus, Göttingen 1960, S.
405 u. 558 sowie SPENKUCH, Herrenhaus (wie Anm. 8), S. 265.

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Die Flucht des Kaisers 69

wenig König von Preußen und zu sehr deutscher Kaiser" gebracht


werden konnte.14
Wie neuartig und irritierend die Herrscherkritik aus der Mitte der
traditionell Königstreuen war, zeigt sich besonders anschaulich in der
sogenannten Caligula-Affäre. 15 Nachdem 1894 der linksliberale Histo-
riker Ludwig Quidde sein Pamphlet „Caligula. Eine Studie über römi-
schen Cäsarenwahnsinn" auf den Markt gebracht hatte, das vom ersten
Wort an keinen Zweifel daran ließ, wer mit der Schilderung des wahn-
sinnigen Kaisers gemeint war, übernahm es ausgerechnet die Kreuz-
zeitung, durch eine detailreiche Besprechung den bis dahin schleppen-
den Verkauf anzukurbeln.16 In einem Rückblick aus den 1920er Jahren
vermutet Quidde den Grund für die Maßnahme der Kreuzzeitung in der
Desillusionierung der „preußischen Aristokratie" durch den Kaiser.
Dieser habe durch seine Art im Adel und der Armee viel vom „Kapital
monarchischer Gesinnung verwirtschaftet".17 Der Kommentator der
Post beschreibt das verbreitete zeitgenössische Erstaunen angesichts
dieser Tatsache: „Wenn es die Republikaner' wären, die sich an der
Quiddeschen Schrift erfreuten, so wäre weiter nichts zu verwundern,
aber es sind unzweifelhafte Monarchisten, altbewährte ,Kartellbrüder',
die Jedem der es hören will, die Flugschrift als ,schneidig' und fabel-
haft interessant' anempfehlen."18

14
So die Kritik Adolf Frhr. Marschall v. Biebersteins im Gespräch mit der Baronin
S p i t z e m b e r g . V g l . SPITZEMBERG, T a g e b u c h ( w i e A n m . 1 3 ) , S. 4 2 1 ( 2 4 . 1 0 . 1 9 0 2 ) .
Bisher hat dieser Skandal kaum Beachtung in der historischen Forschung gefun-
den. Vgl. lediglich die Einleitung von Hans-Ulrich WEHLER in Ders., (Hg.), Lud-
wig Quidde. Schriften über Militarismus und Pazifismus, Frankfurt a. M. 1977,
S. 7-18 sowie Helmuth ROGGE, Affären im Kaiserreich. Symptome der Staatskrise
unter Wilhelm IL, in: Die politische Meinung 8 (1963), S. 58-72.
16
Die Broschüre wurde mit einer Auflage weit über 200.000 die bestverkaufte poli-
tische Schrift des Kaiserreichs. Vgl. WEHLER, Quidde (wie Anm. 15), S. 13.
17
Gemutmaßt wurde sogar, Quidde habe aufgrund von intimen Informationen ihm
bekannter ostpreußischer Adliger gehandelt. Vgl. hierzu sowie zum Zitat ebd., S.
27 u. S. 24 f. Zur Bedeutung der adligen Gegnerschaft zu Wilhelm II. fur die Ca-
ligula-Affare vgl. auch Utz-Friedbert TAUBE, Ludwig Quidde. Ein Beitrag zur
Geschichte des demokratischen Gedankens in Deutschland, München 1963,
S. 4 ff. Die Einschätzung Quiddes wurde in der liberalen Presse der Zeit durch-
gängig geteilt. Vgl. z.B. Berliner Tageblatt, Wer ist Quidde?, 19.5. 1894 u. Bres-
lauer Zeitung, Herrn Quiddes „Caligula", 24.5. 1894.
18
Die Post, 18.5.1894. Vgl. a. Hermann Heinrich QUIDDAM (d.i. Hermann Heinrich
Rothe), Contra Caligula. Eine Studie über deutschen Volkswahnsinn, Leipzig
1894, S. 7 ff.

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70 Martin Kohlrausch

Noch weiter gingen aus dezidiert bürgerlicher Perspektive verfaßte


„Gegen-Pamphlete" zum Caligula. Hier wurde beispielsweise die „Un-
fähigkeit der Männer des Ancien régime", sich auf einen „jungen und
willensstarken Kaisei" einzulassen, verurteilt. Charakteristisch sei, daß
„allein die Kreuzzeitung die Notwendigkeit empfand, dem Caligula ein
Ende zu machen." Dieser „Sehnsuchtsschrei nach der kaiserlichen
Sympathie" resultiere aus Wilhelms II. „Absage an die zu sicher ge-
wordenen Magister der monarchischen Idee". Es wiederhole sich „der
Konflikt zwischen Jung und Alt", den man schon bei der Bis-
marckentlassung habe erkennen können. Die Konservativen hätten
„[...] auf der ganzen Linie, aus einem leicht begreiflichen steif und
starr gewordenen Machtbewußtsein heraus, die Introduktion des kom-
menden Monarchen unterschätzt, und sich in den Ansprüchen nicht zu
menagieren verstanden."19 Wilhelm II. wird als ein Modernisierer ge-
schildert, der die Notwendigkeiten der neuen Zeit - vor allem in der
Wirtschaft - verstanden habe. Es paßt in dieses Bild, wenn Quidde aus
seiner anecdotal experience berichtet, daß „dem zeitweiligen gesell-
schaftlichen Boykott, [...] alte Beziehungen in aristokratischen Kreisen
auffallenderweise viel besser Stand hielten als in bürgerlichen."20
Von dem Bürgertum und dessen Haltung zum Kaiser sprechen zu
wollen, ist unmöglich, aber es läßt sich doch generalisierend feststel-
len, daß Anknüpfungspunkte sowie eine gewisse Affinität zum wil-
helminischen Stil hier durchaus vorhanden waren. Als Anknüpfungs-
punkt kann eine zweifellos erhöhte Durchlässigkeit der Hofgesellschaft
und der Umgebung des Kaisers ebenso gelten wie die massive Aus-
weitung der imperialen Gunsterweisungen, die als Erfolgsversinnbild-
lichung von großen Teilen des Bürgertums zumindest akzeptiert wur-
den, sowie schließlich eine auffällige persönliche Nähe Wilhelms II. zu
Mitgliedern der akademischen Intelligenz und Repräsentanten des
Wirtschaftsbürgertums.21 Wie die Zukunft noch 1903 feststellte, war

19
STEINHAMMER, Der Caligula-Unfùg, Berlin 1894. S. 6 ff.
20
WEHLER, Quidde (wie Anm. 15), S. 37.
21
Thomas A. KOHUT, Wilhelm II. and the Germans. A Study in Leadership, New
York/Oxford 1991, S. 142. Isabel V. Hull klassifiziert die wilhelminische Politik
sogar explizit als „eine bürgerliche", Vgl. Isabel V. HULL, „Persönliches Regi-
ment", in: John C.G. Röhl (Hg.), Der Ort Kaiser Wilhelms II. in der deutschen
Geschichte, S. 3-24, hier S. 20 ff. Generell: John C.G. RÖHL, Hof und Hofgesell-
schaft unter Wilhelm II., in: Ders. (Hg.), Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und
die deutsche Politik, München 1995, S. 78-115, insbesondere S. 114 f. sowie
Hartmut POGGE VON STRANDMANN, Der Kaiser und die Industriellen. Vom Primat
der Rüstung, in: Röhl, Ort, S. 111-130, insbesondere S. 115 f.

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Die Flucht des Kaisers 71

die Meinung weit verbreitet, daß nur die „eiserne Faust" des Kaisers
die Agrarier „niederzwinge". Wenn es den Kaiser nicht mehr gebe, sei
es mit der industriellen Weltmacht bald vorbei. 22 Aufgrund seiner viel-
beschworenen „Jugend und Energie" wurde Wilhelm II. als der „rich-
tige Mann am richtigen Platz", als ein „Mann der Zukunft" gefeiert.23
In der zunächst durchaus positiv rezipierten Entlassung Bismarcks
fanden diese Assoziationen ihr Symbol. 24
Diese Affinität bestimmter bürgerlicher Gruppen zu Wilhelm II.
fand ihre Entsprechung und wurde verstärkt durch die Präsentation des
Kaisers als moderner Herrscher. In vielerlei Hinsicht vertrat Wil-
helm II. durch sein Auftreten die Aspirationen des jungen, elastischen,
großstädtischen, aufstrebenden Mittelstandes.25 Zwar ist es nicht un-
gewöhnlich, daß sich Hoffhungen auf gesellschaftliche Veränderungen
mit dem Thronfolger verbinden, die Intensität der Erwartungshaltung
an Wilhelm II. erscheint allerdings ebenso als Spezifikum wie der pro-
pagierte enge Nexus zwischen dem „jungen Kaiser" und den tech-
nisch-industriellen Eliten als Bannerträgem der neuen Zeit. 26 In der
oftmals dokumentierten kaiserlichen Sympathie für das Marineoffi-
zierskorps - die im adlig dominierten Offizierkorps des Heeres rezi-
prok als Ablehnung empfunden wurde - fand dieser Stilwechsel einen

22
Die Zukunft 1903. Zit. nach: Joachim RADKAU, Das Zeitalter der Nervosität,
Deutschland zwischen Bismarck und Hitler, München/Wien 1998, S. 280 f.
23
So etwa in der Badischen Presse vom 4.10. 1889. Zit. nach KOHUT, Wilhelm II.
(wie Anm. 21), S. 229. Ahnlich liest sich selbst die Rede Theodor Mommsens
zum Kaisergeburtstag 1891 vom 29.1 des Jahres, sowie, hagiographischer noch,
zwei Jahre später zum selben Anlaß. Vgl. Theodor MOMMSEN, Reden und Aufsät-
ze, Berlin 1905, S. 183 ff.
24
Vgl. hierzu: Elisabeth FEHRENBACH, Wandlungen des deutschen Kaisergedankens
(1871-1918), München/Wien 1969. S. 89 f. sowie Kurt KOSZYK, Deutsche Presse
im 19. Jahrhundert: Geschichte der deutschen Presse, Bd. II., Berlin 1966, S. 250;
Ferdinand TÖNNIES, Kritik der öffentlichen Meinung, Berlin 1922, S. 434 u. 476.
Trotz aller Rückschläge bewahrte das Schlagwort vom „modernen Kaiser^' einen
Teil seiner Faszination. Noch in den Jubiläumsschriften des Jahres 1913 wird die-
ses regelmäßig beschworen: vgl. beispielhaft Martin SPAHN, 25-jähriges Regie-
rungsjubiläum, in: Hochland 10 (1913), S. 294-308, S. 294 f. Friedrich Wilhelm
V. LOEBELL, Rückblick und Ausblick, in: Philipp ZOM/Herbert v. Berger (Hg.),
Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. Bd. IV, Berlin 1914, S. 1698-1699.
25
Zum Ort des Kaisers im Jugendkult des ausgehenden 19. und beginnenden 20.
Jahrhunderts vgl. Birgit MARSCHALL, Reisen und Regieren. Die Nordlandfahrten
Kaiser Wilhelms II., Hamburg 1991, S.34 ff.
26
Christian SIMON, Kaiser Wilhelm II. und die deutsche Wissenschaft, jn: Röhl, Ort
(wie Anm. 21), S. 91-110.

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deutlichen Ausdruck.27 Ob allerdings von einem konsistenten Eliten-


konzept Wilhelms II. gesprochen werden kann, erscheint durchaus
fraglich. Neben den Angeboten an die aufstrebenden bürgerlichen
Gruppen steht die wiederholt ostentativ vollzogene Rückwendung zum
Adel. Ideologisch erfolgte diese etwa auf der Ebene der notorischen
Reden Wilhelms II. vor dem Brandenburgischen Provinziallandtag,
symbolpolitisch durch eine berechnende Vergabe von Gnadenerweisen
an Adlige.28 Von den Spannungen unbenommen standen dem Adel
fortdauernd vielfältige Kanäle zur persönlichen Beeinflussung ebenso
offen, wie der oft wiederholte Verweis auf die adligen Verdienste,
zumal in der preußischen Kriegsgeschichte, auch gegenüber dem preu-
ßischen König, seine Wirkung nicht verfehlen konnte 29
Vor dem Hintergrund der Loyalitätsverschiebungen gegenüber dem
Monarchen verliert nicht nur die strikte Trennung Adel gleich monar-
chisch und vice versa weitgehend ihren Sinn. Die durchaus breiten-
wirksame Vorstellung vom „modernen Kaiser4' mußte auch das - nicht
zuletzt ideologisch bedeutsame - Näheverhältnis des Adels zum Mon-
archen langfristig gefährden. Nur schwerlich ließ sich der „politische
Ideenhaushalt" des ostelbischen Adels mit dem wilhelminischen Image
des Herrschers in Einklang bringen. Der Konnex zwischen der Affini-
tät des Kaisers zu einem „modernen" Lebensstil und der Entfremdung
traditionell königsnaher Gruppen vom Kaiser ist augenscheinlich. Ein
Gefühl der Zurücksetzung zumal des im Vergleich mit den wohlha-
benderen Standesgenossen alternativlosen „junkerlichen" Adels ange-
sichts der zunehmenden Präsenz des „Geldadels" am Hof trat hinzu.30

27
Holger H. HERWIG, The German Naval Officer Corps. A Social and Political
History. 1890-1918, Oxford 1973, S. 31 ff., v.a. S. 34.
28
Vgl. etwa die Rede anläßlich des Festmahls des Brandenburgischen Provinzial-
landtages vom 5.3. 1890, in: Ernst JOHANN (Hg.), Reden des Kaisers. Ansprachen,
Predigten und Trinksprüche Wilhelms II., München 1966, S. 48 ff. Zum Anstieg
der Gnadenerweise gegenüber Adligen vgl. René SCHILLER, Vom Rittergut zum
Adelstitel? Großgrundbesitz und Nobilitierungen im 19. Jahrhundert, in: Ralf Prö-
ve/Bernd Kölling (Hg.), Leben und Arbeiten auf märkischem Sand. Wege in die
Gesellschaftsgeschichte Brandenburgs 1700-1914, Bielefeld 1999, S. 49-89, hier
S. 58.
2 9
SPENKUCH, H e r r e n h a u s ( w i e A n m . 8 ) , S. 1 7 7 , v g l . a.: A l a s t a i r THOMPSON, H o n -
ours Uneven: Decorations, the State and Bourgeois Society in Imperial Germany,
in: Past and Present 144 (1994), S. 171-204.
Diese Beobachtung über seine ostelbischen Standesgenossen etwa bei Alexander
PRINZ V. HOHENLOHE, Aus meinem Leben, Frankfurt a. M. 1925, S. 348. Vgl. die
Klagen über den „neuen Reichtum" bei Kurt FRHR. V. REIBNITZ, Geschichte und
Kritik von Doorn, Berlin 1929, S. 88 sowie James RETALLACK, Notables of the

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Die Flucht des Kaisers 73

Dessen ungeachtet überlebten spezifisch ostelbisch-adlige Bezüge zum


Monarchen. Wilhelm II. beeinflußte über die Zivil- und Militärkabi-
nette das Avancement adliger Söhne in der höheren Bürokratie und vor
allem der Armee. Als Oberster Kriegsherr trat er in ein vielseitiges
Näheverhältnis zum adlig dominierten Offizierkorps, als Schloßherr in
Berlin und Potsdam war er Angelpunkt eines expandierenden Hofle-
bens, das trotz aller Öffnungstendenzen eine primär adlige Veranstal-
tung blieb.31 Gleichsam als oberste Instanz der preußischen Adelsge-
sellschaft bildete Wilhelm II. zudem deren Fokuspunkt und Macht-
faktor bis hinein in Heiratsentscheidungen.32 Hinzu trat die ideologisch
überhöhte, als adlig-monarchische Symbiose rezipierte und als solche
prägende preußische Geschichte.33
Allerdings waren auch diese Bindungen zwischen Adel und Mon-
arch einer beständigen Erosion unterworfen. Wilhelm Π. gefiel sich
nicht nur in der Pose des modernen Herrschers und in demonstrativ zur
Schau getragener Nähe zu den Protagonisten des Industriezeitalters.34
Der Markgraf von Brandenburg und preußische König betonte auch
ungleich stärker als sein Großvater seine Stellung als deutscher Kaiser
zuungunsten der preußischen Königswürde. Strukturell verschärfte
sich diese Entwicklung zudem aufgrund der stetig wachsenden Zahl
Adliger und eine hierdurch bedingte kontinuierliche Abnahme der
Herrschernähe. Hiermit wurde jene schon zuvor zur Illusion mutierte
Vorstellung vom preußischen König als primus inter pares innerhalb
der preußischen Adelsgesellschaft für jeden sichtbar zu Grabe getra-
gen.
Freilich änderten derartige, im ostelbischen Adel stark empfunde-
nen, Verlusterfahrungen nichts an der für den Adel evidenten Tatsache,
daß er ohne die monarchische Verfassung des Reiches seine herausge-
hobene Stellung nicht bewahren konnte. Die Einsicht in diese Wahrheit
konnte ein Grund sein, den Träger der Krone, von dem man glaubte, er

Right: The Conservative Party and Political Mobilization in Germany, 1876-1918,


L o n d o n 1 9 8 8 , S . 1 5 2 f. u n d ROGALLA V. BIEBERSTEIN, A d e l ( w i e A n m . 6 ) , S . 2 4 8 .
31
Vgl. Karl MÖCKL, Einleitung, in: Ders., (Hg.): Hof und Hofgesellschaft in den
deutschen Staaten im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, Boppard 1990, S. 7-
16, hier S. 14.
3 2
RÖHL, H o f ( w i e A n m . 2 1 ), S. 1 0 7 .
33
Vgl. Abschnitt Mythen und Legenden, in: Gottfried KORFF (Hg.), Preußen. Ver-
such einer Bilanz, Bd. I., Berlin 1981, S. 471-499; Jürgen MIROW, Das alte Preu-
ßen im Geschichtsbild seit der Reichsgründung, Berlin 1981, S. 58 ff.
34
So etwa, zum Leidwesen vieler Adliger, während der Kieler Woche. Vgl. RÖHL,
Hof (wie Anm. 21), S. 114.

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gefährde die Monarchie, anzugreifen oder aus demselben Grund seine


Kritik zurückzuhalten bzw. den Monarchen zu verteidigen. Dieses
Dilemma trat im „Krisenjahr 1908" anschaulich zutage. Theodor
Eschenburg bilanzierte zwanzig Jahre nach dem Höhepunkt der Pro-
zesse um die Kaiserfreunde Kuno Moltke und Philipp Eulenburg sowie
die erregten Reaktionen auf das Daily Telegraph-interview: „Damit
[mit der Kritik des Reichstages, einschließlich der konservativen Par-
teien, am Monarchen; M.K.] brach ein Stück aus der preußischen Kö-
nigstradition".35 „Die Loyalität zum Monarchen bei den konservativen
Abgeordneten der Wahlparlamente war nie so erodiert wie im letzten
Vorkriegsjahrzehnt", urteilte jüngst Hartwin Spenkuch. Im Reichstag
war es selbst innerhalb der Rechten lediglich der „die-hard-Konser-
vative" Elard v. Oldenburg-Januschau, der in einer breit rezipierten,
emotional-dramatischen Rede „seinem Kaisei" zur Seite sprang und
die „alte Treue" des Adels zum Monarchen beschwor. 36
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Rede vom „mon-
archischen Kapital", dessen Aufzehrung durch Wilhelm II. Zeitgenos-
sen beklagten oder zumindest registrierten. In einer Abhandlung über
die „geistigen Strömungen der Zeit" aus dem Jahr 1911 resümierte
Theobald Ziegler: Im November 1908 sei man, „um den letztverant-
wortlichen Führer dieses neuen Kurses zu treffen, von der Gewohnheit
abgegangen, in der Debatte die Person des Kaisers aus dem Spiel zu
lassen". Das „Volksgericht" über den Kaiser sei „eine Abrechnung
über die Höhe des aufgezehrten Kapitals" gewesen.37 Kurz nach dem
Zusammenbruch der Monarchie abstrahierte der Staatsrechtler Her-
mann Heller in einer Schrift über die „Ideenkrise der Gegenwart" diese
Beobachtung. Ausgehend von Bismarcks berühmten Brief an den jun-
gen Wilhelm, worin der Kanzler einen Träger des Königtums forderte,
der bereit sein müsse, auf den Stufen des Thrones um seine Krone zu
kämpfen, folgerte Heller: „Wir haben es hier mit einer neuen, von der

35
Theodor ESCHENBURG, Das Kaiserreich am Scheideweg. Bassermann Bülow, und
der Block, Berlin 1929, S. 131.
36
Man beachte die persönliche Fixierung auf den Monarchen bei Oldenburg-Janu-
schau. Vgl. Ders. als Abgeordneter der Konservativen im Reichstag, Verhandlun-
gen des Reichstages, XII. Legislaturperiode, 1. Session, Bd. 233, Berlin 1909, S.
5437. Zur Darstellung des Redners: Elard v. OLDENBURG-JANUSCHAU., Erinne-
rungen, Leipzig 1936, S. 98. Verweise auf die Rede finden sich etwa bei Joachim
V. WINTERFELDT, Jahreszeiten meines Lebens. Das Buch meiner Erinnerungen,
Berlin 1942, S. 55.
37
Theobald ZIEGLER, Die geistigen und sozialen Strömungen Deutschlands im 19.
Jahrhundert, Berlin 1916, S. 466.

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Die Flucht des Kaisers 75

monarchischen Idee sowohl friderizianischer wie romantischer Prä-


gung grundverschiedenen Auffassung der Monarchie zu tun. Diesem,
in den tonangebenden bürgerlichen und auch adeligen Schichten herr-
schend gewordenen Gedankenkreis, fehlt jede letzte, sei es rationale,
sei es religiöse Fundierung." Entlang der wirkungsmächtigen Deutung
Treitschkes sei die monarchische Idee lediglich zur zweckmäßigsten
Organisationsform des Staates mutiert, die sich durch stetigen Lei-
stungsbeweis legitimieren müsse.38
Zeitgenossen - adlig oder nicht - konstatierten regelmäßig mit eini-
ger Besorgnis ein zwar breites, aber zunehmend flacheres monarchi-
sches Bewußtsein - man sei Monarchist mit dem Kopf, nicht mehr mit
dem Herz, stellte Ziegler mit Blick auf die oberen Schichten fest. D.h.
die Institution Monarchie wurde gerechtfertigt, der Monarch immer
stärker - auch öffentlich - kritisiert. Diese Beobachtung korreliert mit
der - positiv oder negativ - problematisierten Exponiertheit der „aller-
höchsten Person". Nicht zuletzt weil der spezifisch wilhelminische Stil
als Führungsversprechen begriffen wurde, konnte immer wieder kai-
serliches Führungsversagen beklagt werden. 39 Will man diesen Prozeß
als Verlusterfahrung beschreiben, so wird man eine Linie ziehen müs-
sen von 1908, über die Jahre 1914/16, die dann schließlich symbol-
trächtig am 9./10. November 1918 in der Abdankung Wilhelms Π. und
dessen Flucht nach Holland endete. Vor dem Hintergrund der hier für
das Verhältnis des Adels zum Monarchen gemachten Vermutungen gilt
es, die Rezeption dieses dramatischen Ereignisses genauer in den Blick
zu nehmen.

II. Die Rezeption der Flucht Wilhelms II. als sinnfälliges Scheitern der
Kaiserkonzepte

„Der Thron der Hohenzollern ist durch unseren Bittgang zu Wilson zu


schmal für Wilhelm II. geworden, er konnte jetzt nur noch ein Kind
tragen", formulierte Max Weber in einer kurz nach der Revolution
gehaltenen Rede und brachte damit ein allgemein empfundenes Di-

Hermann HELLER, Die politischen Ideenkreise der Gegenwart, Breslau 1926,


S. 4 3 .
39
Allerdings, konzediert Ziegler, nötige die „stark ausgeprägte Persönlichkeif'
Wilhelms II. das Volk, sich mit ihm zu beschäftigen, sei es auch, um Kritik zu
üben. Dadurch gerate der Kaiser immer wieder „in den Mittelpunkt des Interes-
ses", ZIEGLER, Strömungen (wie Anm. 37), S. 547, Vgl. auch KOHUT, Wilhelm II.
(wie Anm. 2 1 ) , S. 1 6 3 .

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76 Martin Kohlrausch

lemma auf den Punkt.40 Spätestens nachdem der schwer angeschlagene


Kaiser durch die dritte Wilsonnote für jeden ersichtlich zum Friedens-
hindernis geworden war, stand die Abdankungsfrage im Raum.41 Daß
diese Frage nicht im Zuge einer Regentschaft ihrer Lösung zugeführt
werden konnte, hatte viele Gründe. Einer der wichtigsten war die Re-
nitenz des Monarchen gegenüber allen Vermittlungsbemühungen, die
in dessen Abreise aus dem politischen Zentrum Berlin nach dem mili-
tärischen Zentrum in Spa festgeschrieben wurde. Bezeichnenderweise
lasen Zeitgenossen diese „Flucht nach Varennes" als endgültigen Ver-
zicht auf eine freiwillige Abdankung.42
Es würde hier zu weit führen, die Ereignisse im Hauptquartier im
Detail zu rekonstruieren, zumal es deren Rezeption ist, die hier interes-
siert.43 Offensichtlich ist allerdings, daß durch die eigenartige Mi-

40
Dieses Zitat bei REIBNITZ, Doorn (wie Anm. 30), S. 197, der sich offensichtlich
auf eine Rede Webers am 17.11. 1918 in Heidelberg zum Thema „Die zukünftige
Staatsform Deutschlands" bezieht. Vgl. Wolfgang MOMMSEN (Hg.), Max Weber
zur Neuordnung Deutschlands. Schriften und Reden 1918-1920, Tübingen 1983,
S. 370 ff. Weber hatte schon am 11.10. 1918 „als aufrichtiger Anhänger monar-
chischer Institutionen" den „Rücktritt" des Kaisers gefordert. Für den Fall eines
Endes „mit Unehren", d. h. auf äußeren Zwang hin prophezeit Weber „auf Gene-
rationen nachwirkende" Folgen für die Monarchie. Vgl. Max WEBER , Gesam-
melte politische Schriften, München 1921, S. 477. Zur Debatte um eine Regent-
schaft vgl. Ernst-Rudolf HUBER, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Bd.
V.: Weltkrieg, Revolution und Reichserneuerung 1914-1919, Stuttgart 1978,
S. 658 ff. Zu den zahlreichen Bemühungen prominenter Persönlichkeiten, eine
Regentschaft einzurichten vgl. Ludwig FRANZ, Die deutschen Monarchisten 1919-
1925, Kulmbach 1932, S. 16 f.
41
Es wäre reizvoll, ist allerdings in diesem Rahmen nicht durchführbar, die Abdan-
kung der übrigen deutschen Herrscher einzubeziehen. Vgl. hierzu: Helmut
NEUHAUS, Das Ende der Monarchien in Deutschland 1918, in: Historisches Jahr-
buch 111 (1991), S. 102-136.
42
Die Metapher wird benutzt von Arnold Wahnschaffe, im November 1918 Unter-
staatssekretär in der Reichskanzlei, in seinem Artikel „Der letzte Akt der Kaiser-
tragödie", abgedruckt in Alfred NIEMANN: Revolution von Oben - Umsturz von
Unten. Berlin 1928, S. 423 ff. Zur öffentlichen Diskussion um die Abdankung
vgl. Karin HERRMANN, Der Zusammenbruch 1918 in der deutschen Tagespresse.
Politische Ziele, Reaktionen und Ereignisse und die Versuche der Meinungsfüh-
rung [...], 23. September bis 11. November 1918. Phil. Diss., Münster 1958,
S . 121-125; Adolf STUTZENBERGER, Die Abdankung Kaiser Wilhelms II. Die Ent-
stehung und Entwicklung der Kaiserfrage und die Haltung der Presse, Berlin
1937, S. 78-101. Zur Regentschaftsfrage vgl. Friedrich MEINECKE, Das Ende der
Monarchie, in: Ders., Politische Schriften (wie Anm. 4), hier: S. 222 f.
43
Vgl. HUBER, Verfassungsgeschichte (wie Anm. 40), S. 676, sowie Wilhelm
GROENER, Lebenserinnerungen. Jugend. Generalstab. Weltkrieg, hg. v. Hiller v.

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Die Flucht des Kaisers 77

schung höfischer und militärischer Elemente, die das Soziotop Spa


charakterisierte, über Tage hinweg ein Entscheidungsvakuum herrsch-
te. Wilhelm Groener fühlte sich nach eigener Aussage als Württember-
ger nicht berufen, dem preußischen König Ratschläge zu erteilen, Paul
v. Hindenburg reklamierte, daß dieses ihm als preußischer Offizier
versagt sei. 44 Daß Wilhelm II. nicht selbst die Initiative ergriff, vermag
kaum zu überraschen; ebensowenig, daß der gordische Knoten nicht
durch Mitglieder der immer noch auf die Gunst des Herrschers be-
dachten Entourage zerschlagen wurde.45 Vor diesem Hintergrund war
die freiwillige Abdankung des Kaisers ebenso unwahrscheinlich wie
dessen Fronttod.46 Freilich wurde dies in den Folgejahren des Ersten
Weltkrieges durchaus anders gesehen. Es waren vor allem folgende,
jeweils symbolisch stark aufgeladene Fragen, welche die außerordent-
lich heftigen Debatten um den „9. November in Spa" bestimmten:
1. Warum und auf wessen Initiative erfolgte der Ortswechsel des
Kaisers von Potsdam nach Spa?

Gaertringen, Göttingen 1957, S. 456, Siegfried A. KAEHLER, Vier quellenkritische


Untersuchungen zum Kriegsende 1918, in: Ders., Studien zur deutschen Ge-
schichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Aufsätze und Vorträge, Göttingen 1961. S.
283 sowie Ekkehart GUTH: Der Loyalitätskonflikt des deutschen Offizierskorps in
der Revolution 1918-1920. Frankfurt a. M. u.a. 1983, S. 12 ff.
44
Vgl. die Niederschrift aus einem Vortrag Groeners vor seinem engsten Stab
(Kommandostelle Kolberg) am 18.8. 1919, abgedruckt in: Kuno GRAF V.
WESTARP, Das Ende der Monarchie am 9. Nov. 1918, hg. v. Werner Conze, Berlin
1952, S. 201-206, hier: S. 203, vgl. auch GROENER, Lebenserinnerungen (wie
Anm. 43), S. 459. Zu Hindenburg: J.W. WHEELER-BENNEETT, Hindenburg, The
Wooden Titan, London 1936, S. 184.
45
Zu deren Zusammensetzung auch noch ffir den November 1918: Isabel V. HULL,
Entourage (wie Anm. 12), S. 289.
46
Einiges deutet sogar darauf hin, daß die Weichen nach Holland relativ früh ge-
stellt worden waren. Zu den Kontakten zwischen Spa und den Niederlanden: J.A.
DE JONGE, Wilhelm II., Köln/Wien 1988, S. 122-127. Die mit Abstand hilfreichste
Darstellung der Vorgänge in Spa ist bis heute die von Westarp in den 30er Jahren
kompilierte Zusammenstellung der Augenzeugenaussagen. Zum Ablauf der Er-
eignisse - trotz deutlicher Parteinahme - vgl. die Rekonstruktion in HUBER, Ver-
fassungsgeschichte (wie Anm. 40), S. 666 ff. Vergleichsweise hohe Authentizität
besitzen auch die Tagebuchaufzeichnungen von Albrecht v. THAER, General-
stabsdienst an der Front und in der Obersten Heeresleitung. Aus Briefen und
1915-1919, Göttingen 1958, S 251 f. sowie Ludwig BERG, „Pro Fide et Patria".
Die Kriegstagebücher von Ludwig Berg 1914-1918. Katholischer Feldgeistlicher
im Großen Hauptquartier Kaiser Wilhelms II., hg. v. Frank Betker und Almut
Kriele, Köln u.a. 1998, S. 775 ff.

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78 Martin Kohlrausch

2. Warum gelang es nicht, den Kaiser rechtzeitig von der Notwen-


digkeit abzudanken bzw. eine Regentschaft einzurichten, zu über-
zeugen?
3. Warum kam es nicht, wenn die Option der freiwilligen Abdankung
verworfen wurde, zu einem „Frontunternehmen"47 Wilhelms II.;
vor allem: Ist der Kaiser mit derartigen Vorhaben konfrontiert
worden?
4. War eine bewaffnete Niederschlagung der Revolution möglich?
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Befragung jener
39 Frontoffiziere, die auf Betreiben Groeners für den Morgen des
9. November nach Spa gerufen worden waren, um diese Frage so-
wie die nach der Einstellung der Armee zum Kaiser zu beantwor-
ten? 48
5. Wer gab letztlich die Anregung, den Kaiser nach Holland „zu
schicken" bzw. überredete ihn zu diesem Schritt? Welche Haltung
nahm der Kaiser selbst ein?
Dies waren die Kernfragen, die sich schon in den frühen Zeitungsbe-
richten über die demütigenden Szenen, denen das kaiserliche Gefolge
durch Schmähungen holländischer und belgischer Schaulustiger ausge-
setzt war, finden.49 Unzählige Darstellungen - bald nicht mehr nur in
Zeitungen - über den 9. November in Spa bildeten das Rohmaterial für
eine beispiellos intensive Debatte über Vergangenheit und Zukunft der
gestürzten Monarchie, die sich zunächst sehr konkret an einer - in der
Regel stark von den jeweiligen Interessen geleiteten - Rekonstruktion
der Ereignisse orientierte, freilich zunehmend nach Intentionen und
Überzeugungen der Akteure fragte. Die Spa-Zeitzeugen - fast aus-
nahmslos Militärs - schrieben in knappem zeitlichen Abstand zum
Zwecke der Rechtfertigung für Ehrengerichte oder „Richtigstellungen"

47
Begriff bei THAER, Generalstabsdienst (wie Anm. 46), S. 252.
48
Zum Ablauf der eigentümlichen Abstimmung den detaillierten Bericht des Au-
genzeugen Wilhelm HEYE, Lebenserinnerungen, BA-MA Freiburg, Ν 18/4. Vgl.
auch: GUTH, Loyalitätskonflikt (wie Anm. 43), S. 15 f. und KAEHLER, Untersu-
chungen (wie Anm. 43), S. 283.
49
Vgl. Jan BANK, Der Weg des Kaisers ins Exil, in: Hans Wilderotter/Klaus-D.
Pohl, (Hg.), Der letzte Kaiser. Wilhelm II. im Exil, Gütersloh/München 1991,
S. 105-112., hier S. 109 ff. sowie die entsprechenden Berichte der großen Tages-
zeitungen. Friedrich WENDEL, Wilhelm II. in der Karikatur, Dresden 1928, bietet
eine gute Auswahl einschlägiger Karikaturen, welche die Peinlichkeit des Ereig-
nisses variieren, S. 103 ff.

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in Zeitungen.50 Ihrem Charakter nach können diese frühen Ansätze,


eine einheitliche Linie der Fluchtinterpretation herzustellen, durchaus
noch als Versuche gelesen werden, die Deutungsmacht des monar-
chietreuen Adels zu sichern. Jenen begrenzten Diskursen folgte aber
bald deren Verlagerung nach außen, die sich in einschlägigen Pam-
phleten und nahezu allen Formen publizistischer Auseinandersetzung
Raum schaffte.51
In diesen Darstellungen aus zweiter Hand wird das Geschehen re-
gelmäßig dramatisch überhöht. Suggestiv beginnen fast alle Berichte
mit der Schilderung metaphorisch ins Spiel gebrachter „grauer No-
vembernebel" und „sterbender Blätter".52 Sowohl rechtfertigende als
auch kritische Beiträge suggerieren damit eine Notwendigkeit der ein-
getretenen Entwicklung, die entweder den Herrscher entlasten sollte
oder vermeintlich dazu diente, das Ende der Monarchie als eine kau-
sale Notwendigkeit zu begründen. Gerade von Apologeten wurde mit
stilistischen Mitteln immer wieder die Kennzeichen einer Tragödie
beschworen. Die Hauptakteure des „letztfen] Akt[es] der Kaisertragö-
die" werden als loyale, aber verzweifelte Männer präsentiert, die sich
widerwillig einem abstrakten Schicksal beugen. 53 „Tragik", „Schick-

50
Vgl. hierzu, neben dem in der Arbeit von Westarp präsentierten Material, die
Denkschriften der Generale Schulenburg, Marschall und Plessen, der Offiziere
Gontard und Niemann, des Staatssekretärs Hintze, des Unterstaatssekretärs Wahn-
schaffe, des Kapitäns zur See Restorfif, des Konteradmirals Levetzow sowie diver-
ser weiterer Augenzeugen und Entscheidungsträger in Spa und Berlin, sämtlich
abgedruckt in: NIEMANN, Revolution (wie Anm. 42), S. 325 ff.
51
Als paradigmatisch für diese Entwicklung - wenn auch freilich ein späteres Zeug-
nis - kann das Erscheinen der Schrift: Ludwig HERZ, Die Abdankung, Leipzig
1924 angesehen werden. Auf die .aufklärerischen Darstellung aus liberaler Per-
spektive reagierte der Loyalist und doomhörige Alfred NIEMANN mit seiner kapi-
telweise vorgehenden „Widerlegung", Die Entthronung Kaiser Wilhelms II. Eine
Entgegnung auf: Ludwig Herz „Die Abdankung", Leipzig 1924.
52
Zitate nach Edgar V. SCHMIDT-PAULI, Der Kaiser. Das wahre Gesicht Wil-
helms II., Berlin 1928, S. 272; Nahezu deckungsgleich: Karl ROSNER (Hg.), Erin-
nerungen des Kronprinzen Wilhelm. Aus den Tagebüchern und Gesprächen,
S t u t t g a r t / B e r l i n 1 9 2 2 . , S . 2 8 0 f.; REVENTLOW, P o t s d a m ( w i e A n m . 1 1 ) , S. 4 6 9 ; J o -
seph SONNTAG, Schuld und Schicksal, 1919, S. 54 ff. Aber auch kritische Stim-
men verwenden jene theatralische Sprache: Emil LUDWIG, Wilhelm der Zweite,
München 1964, S. 321, dem das Motto „Welch Schauspiel! Aber ach ein Schau-
spiel nur!" vorangestellt ist, spricht von Hoftheaterstil. Vgl. auch Theodor
PLIEVIER, Der Kaiser ging, die Generäle blieben, Berlin 1981, S. 316-322.
53
So der Titel eines Sonderabdruckes aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom
16.8. 1919 mit einer Stellungnahme des Unterstaatssekretärs Arnold Wahnschaffe.
Abgedruckt in NIEMANN, Revolution (wie Anm. 42), S. 423 ff. Vgl. zum Hinter-

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80 Martin Kohlrausch

sal" und „Schuld" sind die Schlagwörter, um die eine stilisierte Kon-
frontation zwischen Groener, Hindenburg und dem Generalstabschef
des Kronprinzen, Friedrich Graf v. d. Schulenburg, entwickelt wurde.54
Erstere, Groener zumal, drangen demnach mit der Macht ihrer militäri-
schen Autorität auf eine Abdankung des Kaisers und auch - zumindest
Hindenburg - auf dessen Übertritt nach Holland. Schulenburg hinge-
gen profilierte sich - zumindest in den einschlägigen Berichten - als
Siegelbewahrer preußischer Traditionen, indem er das Verbleiben des
Kaisers beim Heer forderte.55
Vor diesem Bühnenbild spielt Wilhelm II. in rechtfertigenden Dar-
stellungen den Part des tragischen Helden. Der Kampf, der in der Rea-
lität nicht stattfand, wurde in die Seele des Herrschers transferiert. Karl
Rosners suggestiver Bestseller „Der König" etwa beschreibt nichts
weiter als Wilhelms II. „Seelenkämpfe" am 9. November, während der
aktive Monarchist Ernst v. Eisenhardt-Rothe die „ungeheuren Er-
schütterungen" der „kaiserlichen Seele" beschwor und seine Ausfüh-
rungen zum Thema mit der rhetorischen Frage beendete: „Welcher
Dramatiker wird sich finden, diese Tragik je in Worte zu fassen". 56
Derartige Deutungs- und Verdrängungsversuche der Anhänger des
Ancien Régime verweisen eindringlich auf die Symbolkraft der Kaiser-
flucht. Einerseits versinnbildlichte jenes demütigende Ereignis den
vergleichsweise abstrakten Vorgang der Abdankung, andererseits war
es umstrittenes Objekt der Kämpfe um politische Deutungsmacht. Die
Flucht Wilhelms II. wurde schnell zur Chiffre im symbolischen Bür-
gerkrieg der Weimarer Republik. In der Thematisierung des Ereignis-
ses spiegelte sich die Enttäuschung über das Versagen desjenigen,

grund der Beschreibung von „politics as theatre" im wilhelminischen Deutsch-


land: David BLACKBOURN, Populists and Patricians. Essays in Modern German
History, London 1987, S. 249 ff.
54
Vgl. Anm. 52 sowie die bezeichnenden Titel des Werkes „Kaiser Wilhelm II.
Schicksal und Schuld", Göttingen 1962 von Wilhelm SCHÜSSLER, sowie
SONNTAG, Schuld (wie Anm. 52).
55
Hierzu vor allem die vielzitierte Denkschrift vom 7.12. 1918 von Schulenburg
selbst, abgedruckt in NIEMANN, Revolution (wie Anm. 42), S. 325-331, die zu-
nächst in der kommunistischen „Die Freiheit" erschien. Vgl. Joachim v.
STÜLPNAGEL, 70 Jahre meines Lebens, Nachlaß v. Stülpnagel, BA-MA Freiburg,
N5/27, S. 159.
56
Karl ROSNER, Der König. Weg und Wende, Stuttgart/Berlin 1921, passim;
EISENHARDT-ROTHE, Der Kaiser am 9. November! Eine Klarstellung nach noch
nicht veröffentlichtem Material, Berlin 1922, S. 40.

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Die Flucht des Kaisers 81

durch den sich viele repräsentiert fühlten, sie verwies aber auch noch
einmal ausdrücklich auf die Person des letzten Kaisers.
Letztendlich zählte in Spa der kaiserliche Wille, einen anderen als
den eingeschlagenen Weg zu gehen. Daran, daß dieser Wille nicht
vorhanden war, konnten auch wohlwollende Beobachter nicht vorbei-
gehen: „Ein König muß mehr als ein Mensch sein!"57 behauptet der
Spa-Zeitzeuge Joachin v. Stülpnagel in seinen Erinnerungen. Dem
Auftreten des Kaisers an diesem Tage könne man nur menschlich ge-
recht werden, geschichtlich nicht. Unstrittig war die Wirkungsmacht
der kaiserlichen Flucht: „Daß der Kaiser geflohen sei, war der gehäs-
sigste und wirksamste der gegen mich erhobenen Vorwürfe, die mir in
Versammlungen, Presse und Privatgesprächen unausgesetzt entgegen-
strömten", klagte bezeichnenderweise auch Kuno Graf Westarp, kon-
servativer Parteiführer und einer der letzten Herolde der Monarchie
nach 1918. Auf der Linie Westarps waren sich die Verteidiger des
Kaisers - und der Monarch selbst - einig über die verheerenden Folgen
der Flucht für das monarchische Bewußtsein: „Der Fluch, der auf Wil-
helm II. lastet und ihn in den Augen des Volkes unmöglich macht, ist
[...] die angebliche feige Flucht und Desertion nach Holland" glaubte
etwa Josef Sonntag.58 Allerdings, so argumentierte nicht nur Sonntag,
seien diese Beschuldigungen des Kaisers haltlos. Wilhelm II. habe
„gewiß nicht als legendärer Gewaltmensch gehandelt, aber als guter
Deutscher," so der ehemalige Pressechef des Auswärtigen Amtes Otto
Hammann, indem er sich auf den angeblich durch den Fortgang Wil-
helms II. vermiedenen Bürgerkrieg bezog. 59 „Wenn vielleicht die
Monarchisten im Interesse des monarchischen Gedankens Grund ha-
ben mögen, zu beklagen, daß der Kaiser nicht den Entschluß gefaßt
hat, zu bleiben - das deutsche Volk, das ihn der Flucht angeklagt,
müßte ihm tief dankbar für das Opfer sein, das der Kaiser ihm gebracht
hat", argumentierte einer der umtriebigsten Anhänger der Monarchie,
Edgar v. Schmidt-Pauli.60

57
Stülpnagel forderte ein Handeln des Kaisers „aus eigenem Willen" - ohne Bera-
ter. Vgl. STÜLPNAGEL, 70 Jahre ( w i e Anm. 55), S. 147 f.
58
SONNTAG, Schuld (wie Anm. 52), S. 45 Wilhelm II. verwendet in seinen Erinne-
rungen einigen Raum auf die Erwiderung des Fluchtvorwurfs. WILHELM II., Er-
eignisse und Gestalten 1878-1918, Leipzig 1922, S. 245 f.
59
Otto HAMMANN, Bilder aus der letzten Kaiserzeit, Berlin 1922, S. 134.
60
SCHMIDT-PAULI, Kaiser (wie Anm. 52), S. 284. Sonntag resignierte: „Das Opfer
ist umsonst gewesen". SONNTAG, Schuld (wie Anm. 52), S. 59.

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82 Martin Kohlrausch

Durchaus inkonsistent angesichts des gepriesenen „Königsopfers"


wurde zudem hervorgehoben, daß der Kaiser beim Heer habe bleiben
wollen und erst auf Drängen seiner Berater - vor allem Hindenburgs -
nach Holland gegangen sei. Von Feigheit könne keine Rede sein.
Schließlich habe nicht der Kaiser das Heer, sondern dieses - in der
Abstimmung der 39 Offiziere manifestiert - ihn verlassen: Die Flucht
bleibe am Kaiser haften, „weil der Volksverstand [...] sich immer an
das Sinnliche, Augenfällige und Äußerliche hält", so Sonntag.61
Den wenigen, welche die Entscheidung Wilhelms II. vorbehaltlos
verteidigten, standen diejenigen gegenüber, für die der „9. November"
die Schwächen des monarchischen Systems bestätigte. In seiner Schrift
über „Die Abdankung" beschwor der linksliberale Ludwig Herz unter
der Überschrift „Dies Irae" die Symbolkraft der Flucht: „Die Stunde
war gekommen, in der die Rechnung für eine dreißigjährige verfehlte
Politik dem Herrscher vorgelegt wurde, der sein eigener Kanzler und
sein eigener Generalstabschef hatte sein wollen. Die Rechnung mußte
bezahlt werden, er mußte sie selbst zahlen." Ähnlich wie später die
dezidierten Republikaner Emil Ludwig oder Johannes Ziekursch ar-
gumentiert Herz, daß nur der freiwillige Tod des Herrschers die Kon-
sequenz aus der Situation des November 1918 habe sein können, wenn
er beklagt, daß der 9. November „herandämmerte", ohne „daß in Spaa
das geschehen wäre, was geschehen mußte". 62 „Mit dem romantischen
Ideale des Herrschers, das Wilhelm II. zu verkörpern suchte", so Herz,
„stimmt das klägliche Ende schlecht zusammen". 63
Sehr deutlich wird hier, wie vermeintlich adlig-monarchische
Ideale sich in den Augen der liberal-republikanischen Öffentlichkeit
zum Bumerang entwickelten. Imperiale Beteuerungen, wie etwa Wil-
helms II. Credo, „ein Nachfolger Friedrichs des Großen dankt nicht
ab" oder vergleichbare martialische Postulate des Herrschers, aber
auch generell ein über 30 Jahre hinweg zur Schau getragener Habitus,
wurden zum Nennwert genommen.64 Weit stärker noch als bei Herz

61
Ebd., S. 71.
62
HF.RZ, Abdankung (wie Anm. 51 ), S. 53.
63
Ebd., S. 71.
64
Wilhelm II. zu Hugo Graf v. Lerchenfeld-Koefering, zit. u.a. in REVENTLOW,
Potsdam (wie Anm. 11), S. 472. Auf ähnliche Weise zum Nennwert genommen
wurde der unter Bezugnahme auf seinen Vorfahren Albert Achillles getätigte
Ausspruch Wilhelms II.: „Ich kenne keinen reputierlicheren Ort zu sterben, als in
der Mitte meiner Feinde" von 1891. Vgl. Johannes ZIEKURSCH: Politische Ge-
schichte des Neuen Deutschen Kaiserreichs. Bd. 3. München 1930, S.443 und
WENDEL, Karikatur (wie Anm. 49), S. 117.

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Die Flucht des Kaisers 83

führte dies in Ludwigs stilbildender Wilhelm-Biographie und Zie-


kurschs vielbeachteter „Deutscher Geschichte" zu einer Vulgarisierung
vermeintlicher feudaler Ideale - vor allem in der expliziten Forderung
nach dem Königstod - denen der Kaiser nicht entsprochen habe.65 Die
Durchschlagskraft derartiger Argumente zeigte sich noch einmal im
ständigen Rückgriff auf selbige in den hochemotionalen Debatten um
die „Fürstenenteignung". Die Agitation der Volksentscheidbefürworter
speiste sich zu nicht unerheblichen Teilen aus der Kritik an den als
üppig empfundenen Verhältnissen des Ex-Kaisers in Doorn und einer
ohne Hemmungen ins Lächerliche gezogenen Präsentation der Flucht
nach Holland.66 Mit Genugtuung prophezeite Maximilian Harden:
„Daß der Erste Bundesfiirst, der König von Preußen, aus dem Felde
über die Grenze floh, wird selbst der gestern ihm anhänglichste Offi-
zier und Lehnsmann niemals verzeihen".67
Gerade diesem Vorwurf versuchte sich eine Fluchtdeutung, die auf
die Institution Monarchie abhob, zu entziehen. Die Flucht des letzten
Trägers der Krone sei letztendlich irrelevant, da Amt und Inhaber ge-
trennt werden müßten. Daß dies „vor allem die dazu berufenen
Schichten damals nicht verstanden, war ein nationales Unglück, das
sich meines Erachtens bitter gerächt hat. Ein Mann mochte zurücktre-
ten, die Idee aber mußte gerettet werden" bedauerte beispielsweise
Stülpnagel.68 Nicht selten wurden aus dieser Einsicht - gerade auch
von Adligen - weit radikalere Schlußfolgerungen gezogen. Ehemals
oder immer noch überzeugte Monarchisten attackierten gerade als sol-
che die Flucht Wilhelms II.: „Im ganzen Volk und besonders in den

65
ZIEKURSCH, Geschichte (wie Anm. 64), S. 442 f. und - ein „altpreußisches Hurra"
fordernd - LUDWIG, Wilhelm (wie Anm. 52), S. 328 f.
66
„Wilhelm II. ist aus seiner Staatsstellung bei Nacht und Nebel geflohen. Damit hat
er sich selbst der Anrechte [auf sein Vermögen, M.K.] begeben" formulierte typi-
scherweise ein „Frauenstimme" iiberschriebenes Flugblatt 1925, in: Rijksarchief
Utrecht, R14, Nr. 662. Regelmäßig wurde eine Verbindung zwischen dem hohen
Lebensstandard in Doorn und der „feigen Flucht" gezogen. Vgl. auch Lamar
CECIL, Wilhelm II. Bd. II., Chapel Hill 1996, S. 332.
67
Maximilian HARDEN in: Die Zukunft, 23.11. 1918. Nahezu identisch: HO-
HENLOHE, Leben ( w i e A n m . 30), S. 3 6 3 ; SCHÜSSLER ( w i e A n m . 54), W i l h e l m II.,
S. 121.
68
STÜLPNAGEL, 70 Jahre (wie Anm. 55), S. 11. Vgl. auch SCHREYER, Monarchismus
und monarchistische Restaurationsbestrebungen in der Weimarer Republik, in:
Jahrbuch fur Geschichte 29 (1984), S. 291-320, hier: S. 297 und Friedrich FRHR.
HILLER V. GAERTRINGEN, Monarchismus in der deutschen Republik, in: Michael
Stürmer, Die Weimarer Republik. Belagerte Civitas, Königstein/Ts. 1980, S. 254-
271, S . 260.

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84 Martin Kohlrausch

monarchistischen Kreisen ist Seine Majestät ganz außerordentlich


durch den 9. November belastet", beobachtete Schulenburg.69
Das kaiserliche Verhalten ließ sich auch von Loyalisten kaum über-
zeugend vermitteln: „[...] der der Führer hätte sein sollen, der Kaiser,
suchte sein Heil in der Flucht, so daß selbst noch der Rest derjenigen,
die noch dem Obersten Kriegsherrn und Monarchen die Treue zu hal-
ten und sich zu opfern bereit waren, sich verlassen sahen", lamentierte
der durchaus moderate Prinz Alexander zu Hohenlohe.70 „Kein Wort
der Kritik ist für diesen Abgang zu herb. Wilhelms II. Vorgehen war
unköniglich, unsoldatisch und geeignet der Dynastie und dem monar-
chischen Gedanken den Todesstoß zu versetzen", schrieb Der Tag.11
Desillusioniert und enttäuscht sahen viele Monarchisten in der Flucht
eine endgültige Bestätigung für die Schwächen des Kaisers. Daß dieser
zu wenig König von Preußen und zu sehr deutscher Kaiser gewesen
sei, effektives Regieren zu sehr zugunsten von Äußerlichkeiten ver-
nachlässigt habe, der Vorwurf „innerer Schwächlichkeit" und viele
weitere der Topoi der Kaiserkritik von rechts finden sich in der Kritik
an der Flucht wieder.72 Reventlow, einer der schärfsten Kaiserkritiker
im neurechten Lager, argumentierte folgerichtig, daß eine direkte Linie
von Wilhelms II. Thronbesteigung zu dessen Flucht führe, und ge-
langte zu dem Urteil: „Die ganze Summe der Regierangszeit Wilhelms
II. ballte sich vernichtend zusammen am 9. November 1918. Das Erbe
war vertan." Reventlow selbst zog für sich die Konsequenz einer end-
gültigen Ablösung von der Monarchie und propagierte nicht erst nach
1933 die Notwendigkeit einer durchsetzungsfahigen Führerfigur.73

69
Schulenburg an Müldner v. Mülnheim [Adjutant des Kronprinzen Wilhelm], 29.7.
1919, Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, 90 Mu 1 Nachlaß Müldner von Müln-
heim, Bd. 1, fol. 158f.
70
HOHENLOHE, Leben ( w i e Anm. 30), S. 381
71
Der Tag. 29.11. 1918.
72
Dies gilt insbesondere fur eine grundlegende Kritik an den vermeintlichen Aus-
wüchsen des Wilhelminismus. Durch sein Verhalten erscheint der Kaiser ein
letztes mal als Vemichter spezifisch preußischer Werte. Dieser Vorwurf kurz nach
dem 9.11. 1918 selbst bei KESSLER, Tagebuch (wie Anm. 1), S. 10 u. 12. Revent-
low spricht von „Innerer Schwächlichkeit": REVENTLOW, Potsdam (wie Anm. 11),
S. 470. Vgl. auch: REIBNITZ, Doorn (wie Anm. 30), S. 88, HOHENLOHE, Leben
(wie Anm. 30), S. 348 f. sowie WERNER, Abgesang (wie Anm. 5), S. 51.
73
REVENTLOW, Potsdam (wie Anm. 11), S. 466 u. 478. Zur Führerforderung durch
Reventlow vgl. dessen Werk - eine Antwort auf die Novemberkrise 1908 - „Der
Kaiser und die Monarchisten", Berlin 1908, S. 1 ff. Zur Instrumentalisierung der
Kaiserflucht durch die Nationalsozialisten: Martin KOHLRAUSCH: Die Deutung der
Flucht Wilhelms II. als Fallbeispiel der Rezeption des wilhelminischen Kaiser-

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Die Flucht des Kaisers 85

Paul v. Hoensbroech, der schon 1919 mit einem äußerst kaiserkriti-


schen Pamphlet im konservativen Lager für Furore gesorgt hatte,
wehrte sich in einer Nachfolgeschrift gegen den Vorwurf, er habe der
Monarchie geschadet: „Um freie Bahn zu haben zur Verteidigung der
Monarchie, muß man den Mut, ja die Rücksichtslosigkeit besitzen,
einen zufalligen Träger der Krone, [...] der die Krone zum Nachteil der
Monarchie getragen hat, zu verurteilen, ihn gleichsam von sich zu tun
[...], denn ohne die Preisgabe des Kronenträgers würde einem der be-
treffende unfähige Monarch, hier Wilhelm 2., stets entgegengehalten
werden". 74 Diese Haltung ist als Indikator von einiger Bedeutung. Die
Abdankung Wilhelms II. und vor allem die Art und Weise, wie diese
zustande kam, wird als Chance begriffen. Hoensbroechs Aufruf „Zu-
rück zur Monarchie", so der Titel des zitierten Bandes, heißt dann
nicht viel mehr als „weg von der Demokratie" und hin zu einer autori-
tären, auf eine Person ausgerichteten Staatsform.
Was nun bedeutet dieses Spektrum der Fluchtdeutung für das Ver-
hältnis der bürgerlichen und adligen Eliten zum ehemaligen Kaiser?
Ein idealisiertes Herrscherbild war durch die Flucht derartig verletzt
worden, daß ein mentaler Ablösungsprozeß vom Monarchen befördert
wurde, der mehr als die bloße Abdankung Wilhelms II. reflektierte.
Bisher zurückgehaltene bzw. marginalisierte Kritik an Wilhelm II.
wurde gleichsam zur herrschenden Meinung und der ehemalige Mon-
arch auch in adligen Kreisen zur persona non grata. Mehr noch, die
Rede vom „Versager auf dem Thron" erleichterte vielen pragmatisch
Denkenden ihre politische Neuorientierung - sei es in republikanische
oder später in die nationalsozialistische Richtung. „Der Kaiser hat sei-
nen Fahneneid gebrochen [...]. Jetzt bindet euch kein Eid mehr", rief
Reventlow nicht nur seinen Standesgenossen zu.75
Hier allerdings trennte sich die gemeinsame Erfahrung. Notwendi-
gerweise war der Adel in seiner Stellung durch sein spezifisches Nähe-
verhältnis zum Herrscher stärker als das Bürgertum auf die Fortexi-
stenz der Monarchie angewiesen. Notwendigerweise büßte er mit dem

turns, in: Wolfgang Neugebauer/Ralf Pröve (Hg.): Agrarische Verfassung und po-
litische Struktur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte Preußens 1700-1918, Berlin
1998, S. 3 2 5 - 3 4 7 , hier: S. 340.
74
Paul GRAF V. HOENSBROECH, Zurück zur Monarchie, Berlin 1919, S. 3 f.
75
REVENTLOW, Potsdam (wie Anm. 11), S. 467. So argumentierte Groener aus der
vorgeblichen Enttäuschung über die Flucht: „Mit einem solchen Monarchen hatte
ich nichts mehr zu tun, das ging über alle meine monarchische Überzeugung".
Dorothea GROENER-GEYER, General Groener. Soldat und Staatsmann, Frankflirt
a. M. 1 9 5 4 , S. 1 9 3 .

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86 Martin Kohlrausch

Sturz der Monarchie seine gesellschaftliche Sonderposition ein. Aus


der adligen Umgebung des Kaisers lassen sich folgerichtig viele Bele-
ge persönlichen Schmerzes und Verlustes liefern. So beklagte Wil-
helms II. Adjutant Oskar v. Chelius den „armen, armen Kaiser, dem
mein Leben gehörte", Eberhard Graf v. Schwerin, Augenzeuge in Spa,
berichtete, er sei nach der Nachricht von der bevorstehenden Abreise
des Kaisers zusammengebrochen, und Dietlof Graf Arnim-Boitzen-
burg schrieb im Januar 1919: „Mir ist noch immer so, als ob ich ohne
unseren Kaiser und König nicht leben könnte". 76 Flucht und Abdan-
kung fallen hier in der Erfahrung der Zeitgenossen zusammen.
Freilich waren durch die Kaiserflucht zu offensichtlich Werte ver-
letzt worden, die zumindest der ostelbische Adel, hier zumal die von
Marcus Funck identifizierten Militärclans, als für sich konstitutiv be-
griff. 77 Gerade diejenigen aber, die noch immer nach Doorn blickten
und nach Erklärungen fragten, wurden durch kaiserliches Selbstmitleid
enttäuscht.78 Während die ältere Generation hofnaher Aristokraten,
jene, die direkt oder indirekt noch durch einen idealisierten Wilhelm I.
geprägt worden waren, sich hierdurch kaum in einem gewissermaßen
selbstverständlichen Monarchismus beirren ließ, verlangten Anhänger
der mittleren und jüngeren Generation nach einer Rechtfertigung des
kaiserlichen „Versagens".79

76
Chelius an Fürstenberg am 25.11. 1918, zit. nach HULL: Entourage (wie Anm.
12), S. 306. Erinnerungen von Graf Eberhard v. Schwerin, abgedruckt in:
NIEMANN, Revolution (wie Anm. 42), S. 455-463, hier S. 459; zu Arnim-Boit-
zenburg: Schreiben von Dietlof Graf v. Arnim Boitzenburg vom 15.12. 1918 und
26.1. 1919 in: Landesarchiv Magdeburg, Außenstelle Wernigerode, Rep H Ka-
row, Nr. 220, fol. 72. u. 98. Für den Hinweis danke ich Stephan MALINOWSKI.
77
Vgl. den Beitrag von Marcus FUNCK in diesem Band.
78
Dies war der Tenor der Erinnerungen WILHELMS II. ( w i e A n m . 58). REVENTLOW
bezeichnete Wilhelms II. Erinnerungen als „den schwersten Schlag für den mon-
archischen Gedanken", in: Der Reichswart Nr. 47 v. 25.11. 1922. Zur negativen
Aufnahme der Erinnerungen des Ex-Kaisers und des Kronprinzen: FRANZ, Mon-
archisten (wie Anm. 40), S. 169 f. und Sigurd v. ILSEMANN, Der Kaiser in Hol-
land. Aufzeichnungen des letzten Flügeladjutanten Kaiser Wilhelms II. aus
Amerongen und Doorn 1918-1923, München 1967, Bd. I, S. 264. Paul v. Hintze
kommentierte die Feier des 70. Geburtstages Wilhelms II. mit der Bemerkung:
„C'est le ridicule que tue". Zit. nach: Johannes HÜRTNER, Paul von Hintze: „Ma-
rineoffizier, Diplomat, Staatssekretär." Dokumente einer Karriere zwischen Mili-
tär und Politik 1903-1918, Göttingen 1998, S. 110. Auch HERZ, Abdankung (wie
Anm. 51 ), S. 77 f. vermißt bei Wilhelm II. jeglichen Ansatz zur Selbstkritik.
79
Dieses Phänomen zeigt sich schon in der Abdankungskrise. Vgl. die Tage-
buchaufzeichnungen Hintzes vom 29.10. 1918, in: HÜRTNER, Hintze (wie Anm.
78), S. 656. Zur Kritik der jüngeren Generation vgl. Dankwart GRAF V. ARNIM,

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Die Flucht des Kaisers 87

Um dieses Phänomen zu erhellen, lohnt ein kurzer Blick auf die


sehr heterogenen Varianten der Vorstellung vom notwendigen Kö-
nigstod. Grundsätzlich zu unterscheiden sind die diffusen Pläne, die
vor dem 9. November kontempliert wurden, und die Verselbständigung
des Themas in dem der Kaiserflucht folgenden Diskurs. Entlang Bis-
marckscher Vorgaben wollen Berater des Kaisers Anfang November
1918 den Tod des Kaisers im Kampf gegen die Revolution geplant
haben.80 Staatssekretär Clemens Delbrück hatte sich vorgeblich zu
diesem Zweck schon von Berlin aus auf den Weg nach Belgien ge-
macht, während das Tagebuch des Oberst Albrecht v. Thaer für den 5.
November von Vorbereitungen für einen „kleinen Spezialangriff' be-
richtet, der dem Kaiser den „Soldatentod" erlauben sollte.81 Ebenso
wie Thaer und dessen Offizierskollegen will der ehemalige Reichs-
kanzler Georg Michaelis die Idee eines Herrschers, der „selbst den
Degen [...] ziehen" müsse, propagiert haben. 82
Gemeinsam haben diese vermeintlichen Aktivitäten lediglich, daß
sie durch die Quellenlage nur sehr bedingt überprüfbar sind.83 Bemer-
kenswerter sind dagegen, nicht zuletzt für diesen Kontext, die vielzäh-
ligen Varianten, in denen der publizistisch eingeforderte Königstod
während der Weimarer Republik wiederkehrte. Grundtenor war die,
sich nicht selten loyalistisch gebende, zweckrational motivierte vor-
gebliche Überzeugung, nur durch ein „heroisches Ende" hätte der Kai-

Ais Brandenburg noch die Mark hieß, Berlin 1991, S. 115, Marion GRÄFIN
DÖHNHOFF, Bilder, die langsam verblassen. Ostpreußische Erinnerungen, Berlin
1989, S. 36, und Ottfried G R A F V. FINCKENSTEIN, Nur die Störche sind geblieben.
Erinnerungen eines Ostpreußen, München 1994, S. 103.
80
„Die feste Stütze der Monarchie suche ich [...] in einem Königtum, dessen Träger
entschlossen ist, in kritischen Zeiten lieber mit dem Degen in der Faust auf den
Stufen seines Thrones für sein Recht zu kämpfend zu fallen, als zu weichen",
hatte Bismarck 1886 in einem „Lehrbrief an Prinz Wilhelm angemahnt. Das Zitat
findet sich in fast allen Abhandlungen zum 9. November. Vgl. etwa: Joachim v.
KÜRENBERG (alias Joachim v. Reichel), War alles falsch? Das Leben Kaiser Wil-
helms II, Bonn 2 1952. Zu den Königstodplänen vgl. generell CECIL, Wilhelm II.
(wie Anm. 66), S. 290.
81
Zu Delbrück vgl. LUDWIG, Wilhelm (wie Anm. 52), S. 327. THAER, Generalstabs-
dienst (wie Anm. 46), S. 251 f. Vgl. auch HEYE, Lebenserinnerungen (wie Anm.
48), S. 471.
82
Zum Plan von Michaelis dessen Sohn: Wilhelm MICHAELIS, Zum Problem des
Königstodes am Ende der Hohenzollemmonarchie, in: Geschichte in Wissenschaft
und Unterricht 13 (1962), S. 695-704.
83
Die Problematik der Quellen ist sehr überzeugend herausgearbeitet bei KAEHLER,
Untersuchungen (wie Anm. 43), S. 285 ff.

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88 Martin Kohlrausch

ser die Monarchie retten können. Groener etwa vermutete kurz nach
dem Krieg, dieser Fall hätte einen Umschwung der öffentlichen Mei-
nung bewirkt.84 Bezeichnenderweise reklamierte er die Urheberschaft
am „Königstodplan" noch einmal in einem von ihm selbst angestreng-
ten Ehrengericht für sich. Der ehemalige Generalquartiermeister kon-
terte auf diese Weise einen vorrangig von adligen Offizieren (v. d.
Schulenburg) vorgebrachten „Defätismusverdacht" im Rückblick auf
den 9. November 1918.85
Allerdings ist äußerst fraglich, ob das Herrscherverständnis, wel-
ches in der Forderung nach dem Königstod zutage tritt, wie Groener
behauptet, als traditionell - d.h. der monarchischen Überlieferung ent-
sprechend - bezeichnet werden kann. Zurecht hat Siegfried Kaehler in
seinem einschlägigen Aufsatz darauf aufmerksam gemacht, daß es
ausgerechnet der als Demokrat verschrieene homo novissimus Groener
war, der am entschiedensten, auch öffentlich, für diese Lösung einge-
treten sei.86 Und ebenso bemerkenswert sind die Argumente, die Gro-
ener bemüht. Der Kaiser müsse die Konsequenz aus dem verlorenen
Krieg ziehen, er habe die Verpflichtung, sich um der „monarchischen
Idee" willen zu opfern, und schließlich dürfe er sich nicht aus der
„Schicksalsgemeinschaft des Volkes ausschließen".87 Auffallig ist hier
die Instrumentalisierung der Person des Kaisers, wie sie zutage tritt in
der Überlegung, den Königstod für die Anfeuerung einer Levée en
masse zu nutzen, und wie sie vor allem in der Vorstellung eines für das
Fortleben der Monarchie notwendigen Todes des Trägers der Krone,
gleichsam eine Abwandlung der Lehre von den zwei Körpern des Kö-
nigs, zum Tragen kommt. 88

84
Groener in einer öffentlichen Stellungnahme in der Kreuzzeitung, vom 2.2. 1919.
85
Vgl. HEYE, Lebenserinnerungen ( w i e A n m . 48), S. 4 7 8 f.
86
KAEHLER, Untersuchungen (wie Anm. 43), S. 286. Auch andere Verfechter des
Gedankens - wie Heye und Michaelis - hatten einen bürgerlichen Hintergrund.
Bemerkenswert ist zudem, wie präsent der Gedanke vom Königstod auch in der
„bürgerlichen Flotte", im Kreis um Admiral Reinhard, war. Vgl. Willibald
GUTSCHE, Wilhelm II., Der letzte Kaiser des deutschen Reiches, Berlin 1991, S.
191
87
GROENER-GEYER, Soldat (wie Anm. 75), S. 96. Eine nahezu identische Auffas-
sung findet sich bei Emst Jünger mit Bezug auf Wilhelm II., der König [!] habe
die Pflicht zu sterben. „Das können die Unzähligen verlangen, die vor ihm in den
Tod gingen." Emst JÜNGER, Der Kampf als inneres Erlebnis, Berlin 1922, S. 52.
88
Andreas KRAUSE, Scapa Flow. Die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte,
Berlin 1999, S. 143 ff.

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Die Flucht des Kaisers 89

In den bemerkenswert verbreiteten, erstaunlich intensiven, wirk-


lichkeitsfremden und romantischen Debatten über den von Wilhelm Π.
geforderten „Königstod" beweisen zwar idealisierte adlige Selbstbilder
noch einmal ihre Prägekraft, aber ebenso die Beliebigkeit ihrer An-
wendung. Als Beispiel kann etwa die Vorstellung, der „Lehnsherr"
dürfe seine Vasallen nicht verlassen, gelten, aber ebenso die vermeint-
liche preußische Tradition, die angeblich den Tod des Herrschers nach
einem verlorenen Krieg nahelegte.89 Die Phantastereien über letzte
Reiterattacken und Frontunternehmungen belegen eine Verselbständi-
gung monarchischer und aristokratischer Ideologie sowie eine Vulgari-
sierung derselben. Jetzt erwiesen sich die ambitionierten, spezifisch
wilhelminischen Vorgaben als Bumerang, ebenso wie jene hybride,
stark ideologisierte Preußenmythologie, wie sie im Kaiserreich ausge-
formt worden war, und den Träger der Krone genuin umschloß.90
Paradoxerweise kann daher gerade der ständige Verweis auf die
„Tradition" als Indikator für eine massive Veränderung der Monarchie-
rezeption dienen. Es paßt in dieses Bild, daß nur vereinzelte ältere
Adlige darauf insistierten, daß die Königstodforderung gegenüber ei-
nem Monarchen nicht angemessen sei. Dies war letztendlich die Auf-
fassung Hans v. Plessens, der diversen Berichten zufolge mit der Be-
merkung: „Seine Majestät darf nicht in Lebensgefahr gebracht werden"
die Königstodforderung in dieser Angelegenheit vorstellig gewordener
Militärs abwehrte.^1 Mit einiger Verwunderung urteilte Herz „Anders
[als in der Berliner Reichskanzlei, M.K.] abgetönt war allerdings die
Ideenwelt im Hauptquartier. Hier lag die Betonung auf Kaiser, weniger
auf Reich und noch viel mehr auf König und Preußentum, Unterord-
nung und Nachklang alter lehnsrechtlicher und ständischer Verfassun-
gen [...]" 92
Für die jüngere Generation Adliger hingegen galten großenteils
Haltungen und Einstellungen gegenüber dem Monarchen, die sich
nurmehr sehr bedingt von denen Bürgerlicher in vergleichbaren Posi-

Vgl. hierzu: Hans ROSENBERG, Friedrich der Große in den Krisen des siebenjähri-
gen Krieges, in: Ders., Bismarck, der Osten und das Reich, Darmstadt 1960, S.
129-147.
90
So insistierte selbst der Verteidiger Wilhelms II., Graf Westarp: „Das Urteil der
Geschichte [...] kann an den König der Hohenzollerndynastie nur die höchsten
Ansprüche stellen." WESTARP, Ende (wie Anm. 44), S. 172.
91
Vgl. KAEHLER, Untersuchungen (wie Anm. 43), S. 290. Vgl. auch die Berichte bei
Finckenstein über die Verteidigungsbemühungen der älteren Generation:
FINCCKENSTEIN, Erinnerungen (wie Anm. 79), S. 103.
92
HERZ, Abdankung (wie Anm. 51 ), S. 6 f.

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90 Martin Kohlrausch

tionen unterscheiden lassen. Dies trifft zumal für das Offizierkorps zu,
in dem der Vorwurf der „Fahnenflucht" besonders relevant war.93 Der
Feststellung des notorischen Korvettenkapitäns Hermann Erhardt, die
Monarchie sei für ihn und seine Offiziere „erledigt" gewesen, nachdem
der Kaiser über die Grenze gegangen sei, lassen sich nur wenige Bei-
spiele entgegenstellen,94 wenn auch die Erhardtsche Feststellung da-
hingehend zu korrigieren ist, daß es weit stärker die Person Wil-
helms II. als die Institution Monarchie war, die durch die „Novembe-
rereignisse" im Offizierkorps endgültig diskreditiert war. Diese Kon-
stellation mußte gerade in einer Situation Bedeutsamkeit erlangen, in
der die unreflektierte Legitimation, die der Institution Monarchie im-
manent war, der Person des Monarchen nicht länger zur Verfügung
stand.95 Adlige und Bürgerliche teilten die Einsicht in den Mangel an
geeigneten Thronprätendenten - Ernst Feder sprach von einem anony-
men Monarchismus - ebenso wie die Überzeugung, daß ein solcher

93
SCHREYER, Monarchismus (wie Anm. 6 8 ) , S. 3 0 8 . Bezeichnenderweise wehrte
sich der Heidelberger Mediävist Karl Hampe in einer Auseinandersetzung mit
Max Weber gegen den Vorwurf der „Desertion". Folker REICHERT, Max Weber
im Ersten Weltkrieg, in Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 89 vom 17.4. 1999.
Vgl. a. Anm. 7 9 .
94
Zit. nach Johannes ERGER, Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen
Innenpolitik 1919/1920, Düsseldorf 1967, S. 20. Vgl. auch Hermann SCHREYER,
Monarchismus (wie Anm. 68), S. 292. Zur Ablösung des Offizierkorps, insbeson-
dere der jüngeren Offiziere, von Wilhelm II. vgl. die aussagekräftigen Beispiele
bei Wilhelm DEIST, Zur Geschichte des preußischen Offizierkorps 1888-1918, in:
Ders., Militär, Staat und Gesellschaft. Studien zur preußisch-deutschen Militärge-
schichte, München 1991, S. 45 f., der davon spricht, der oberste Kriegsherr sei fur
die Offiziere ein „belangloses Phänomen" geworden. Zur Ablösung der Offiziere
vom Kaiser vor dem 9.11. 1918 auch die Mitteilung von Siegfried A. Kaehler in
einem Brief an Meinecke vom 22.1. 1919, in: Friedrich ME[NECKE, Ausgewählter
Briefwechsel, hg. v. Ludwig Dehio und Peter Classen, Stuttgart 1962, S. 332. An-
stelle der Loyalität zum Herrscher war die Nation zum Bezugspunkt geworden,
der auch eine insbesondere im Adel lange überdauernde spezifisch preußisch-
monarchische Loyalität überlagerte. Vgl. BOCKENFÖRDE, Recht, S. 309 f. Zur
Loyalitätsverschiebung von der Monarchie zur Nation im Offizierskorps vgl.
GUTH, Loyalitätskonflikt (wie Anm. 43), S. 40 f.
95
In diesen Kontext gehört die merkwürdige Tatsache, daß der Kaiser seine Memoi-
ren verfassen zu müssen glaubte, nicht zuletzt um hier dem Vorwurf der „feigen
Flucht" entgegenzutreten. Bis dato war ein solches Vorgehen für gekrönte Häup-
ter durchaus unüblich und belegt somit erneut nicht nur die Profanisierung des
Monarchen, sondern auch den selbstverständlich gewordenen Rechtfertigungs-
druck. Insofern steht die Deutung der Flucht sichtbar in der oben aufgezeigten
Kontinuität der Monarchenrezeption unter Wilhelm II. Vgl. Anm. 78.

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Die Flucht des Kaisers 91

„von den breiten Schultern des ganzen Volkes getragen" werden müs-

III. Die Ablösung vom Monarchen als gemeinsame adlig-bürgerliche


Erfahrung

Die neuen Anforderungen an den gemäß dem Verfassungsverständnis


des 19. Jahrhunderts unverantwortlichen Monarchen erscheinen als
Konsequenz aus der neoabsolutistischen Attitüde Wilhelms II. und
dessen vollständigen Stilwandel in der Herrscherdarstellung.97 Durch
ihr ununterbrochenes öffentliches Hervortreten war die Person Wil-
helms II. zur „konkreten Abstraktion"98 der monarchischen Idee in
Deutschland geworden und hatte das Kaiseramt über die Grenzen der
traditionellen konstitutionellen Unverletzlichkeit hinausgedrängt. Die-
ses Hervortreten - das durchaus strukturelle Gründe hatte - unterwarf
den Monarchen einer Leistungserwartung, die in ihrer Übersteigerung
Enttäuschung fast zwangsläufig herausforderte: „Der Tag kann kom-
men, an welchem dem seine Persönlichkeit stets in den Vordergrund
stellenden Monarchen alle Schuld und alle Verantwortung allein zuge-
schoben und dadurch für die Krone eine direkte Gefahr heraufbe-
schworen wird" trug der Hofmarschall Robert v. Zedlitz-Triitschler
1904 in sein Tagebuch ein.99 Prophezeiungen, daß der Kaiser wegen
der starken Betonung seiner Machtstellung einmal zur Flucht gezwun-
gen sein würde, finden sich bezeichnenderweise schon kurz nach des-
sen Regierungsantritt.100

Schulenburg an Müldner v. Mülnheim, 8.12. 1919, Zit. nach: SCHREYER, Monar-


chismus (wie Anm. 68), S. 296. Ernst FEDER, Artikel „Republik oder Monarchie",
in: Berliner Tageblatt, Nr. 504 vom 24.10. 1919. Zur Kronprätendentenfrage vgl.
HILLER V. GAERTRINGEN, M o n a r c h i s m u s ( w i e A n m . 6 8 ) , S . 2 5 7 .
97
Hierzu der klassische Text von Friedrich Julius STAHL, Das monarchische Prinzip.
Eine staatsrechtlich-politische Abhandlung, Berlin 1845. Vgl. auch Christoph
SCHÖNBERGER, Das Parlament im Anstaltsstaat, Zur Theorie parlamentarischer
Repräsentation in der Staatsrechtslehre des Kaiserreichs (1871-1918), Frankfurt
a. M. 1997, S. 83 ff. und 216 ff.
9 8
KAEHLER, U n t e r s u c h u n g e n ( w i e A n m . 4 3 ) , S . 3 0 1 .
99
Robert V. ZEDLUZ-TRÜTZSCHLER, Zwölf Jahre am deutschen Kaiserhof, Ber-
lin/Leipzig 1924, S. 66
1 0 0
V g l . KOHLRAUSCH, D e u t u n g ( w i e A n m . 7 3 ) , S . 3 3 1 .

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92 Martin Kohlrausch

Darüber hinaus trug die hybride, unter tatkräftiger Mithilfe Wil-


helms II. immer wieder popularisierte, Vorstellung des omnikompe-
tenten Herrschers nicht unerheblich zur Konstruktion eines Führerver-
sprechens bei, das sich spätestens seit 1908 nicht mehr ausschließlich
an der Figur des Monarchen festmachte.101 Diese Entwicklung kulmi-
nierte im massiven Verfall des kaiserlichen Ansehens nach dem Aus-
bruch des Ersten Weltkriegs und dem gleichzeitigen Einsetzen des
Hindenburg-Mythos. Auf die Gründe für den Legitimitätsverlust Wil-
helms II. im Krieg und dessen Ausdrucksformen einzugehen, würde
hier zu weit führen. Bernd Sösemann hat am Beispiel der „Deutschen
Gesellschaft 1914" darauf aufmerksam gemacht, wie maßgebliche
gesellschaftliche Kreise fast aller politischen Richtungen spätestens ab
1915 schockiert feststellten, daß von Wilhelm II. weder die im Krieg
dringend gebotenen Regelungsleistungen innerhalb des Militärs, zwi-
schen Militär und Politik, innerhalb der Politik, ja nicht einmal mehr
repräsentativer Natur erbracht werden konnten. 102 Der Kaiser, so
zeigte sich, war nicht nur der von Harden gescholtene „Guillaume le
Pacifique", sondern auch insofern ein Friedenskaiser, als er zwar in
idealer Weise die Prosperitätserfolge der Vorkriegsjahrzehnte zu sym-
bolisieren verstand, andererseits aber kaum in der Lage war, angemes-
sen auf die Kriegssituation zu reagieren, ganz zu Schweigen von seiner

101
Die Forderung nach einem Führer wird im späten Kaiserreich immer lauter, der
Bezug auf die Person des Monarchen bleibt freilich uneindeutig. Vgl. etwa: Her-
mann ONCKEN, Der Kaiser und die Nation. Rede bei dem Festakt der Universität
Heidelberg zur Erinnerung an die Befreiungskriege und zur Feier des 25-jährigen
Regierungsjubiläums Kaiser Wilhelms II., Heidelberg 1913. Ein extremes Bei-
spiel für die Ablösung vom Monarchen, die in der Forderung nach einem neuen
Führerstil, wenn nicht nach einem neuen Führer zum Tragen kommt bietet das
Kapitel „Der Kaiser als Führer", in: David FRYMANN, (d. i. Heinrich Claß), Wenn
ich der Kaiser wär'. Politische Wahrheiten und Notwendigkeiten, Leipzig s 1914,
S. 227. Vgl. auch den Artikel „Cäsarismus" in: Geschichtliche Grundbegriffe. Hi-
storisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. v. Otto
Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck, Bd. I., S. 726-771, hier: S. 728 u.
756.
102
Bernd SÖSEMANN, Der Verfall des Kaisergedankens im Ersten Weltkrieg, in:
Röhl, Ort (wie Anm. 21), S. 145-172, hier: S. 153 ff. Insbesondere die Entlassung
Alfred v. Tirpitz' erregte nachhaltige Verstimmung: „Tirpitz dismissal was a mi-
lestone in the disaffection of the German right [...] from the Kaiser [...] and the
monarchic system". So jüngst: Raffael SCHECK, Alfred von Tirpitz and the Ger-
man Right-Wing Politics 1914-1930, New York 1998, S. 43.

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Die Flucht des Kaisers 93

Unfähigkeit, die Rolle eines Obersten Kriegsherrn auszufüllen. 103 Die-


se Einsichten machten selbst vor dem inner circle des hofnahen Adels
nicht halt. Das Mitglied des Herrenhauses Ernst v. Hertzberg-Lottin
etwa beklagte 1917 den „falschen Royalismus" seiner Fraktionsgenos-
sen, die zu sehr Rücksicht auf den Monarchen nähmen. 104
Innerhalb der zunehmend nervösen Eliten, denen bis dato, trotz al-
ler Enttäuschungen, die Kombination aus Heer und Kaiser als Stabili-
tätsausdruck galt, wurde die hervorgehobene Rolle des monarchischen
Herrschers zunehmend in Frage gestellt; etablierte Kaiserkonzepte
wurden modifiziert. „Die gebildeten, wohlhabenden Kreise waren aufs
Äußerste besorgt um den Fortbestand unserer Monarchie", hieß es
1917 in einer Mitteilung an die OHL. 105 Diktaturmodelle hatten Kon-
junktur, „aber das [die Errichtung einer Diktatur; M.K.] geht nicht,
wenn man einen Monarchen hat" schrieb Karl v. Einem 1915 resigniert
in sein Tagebuch. 106 In seiner Eigenschaft als Führer der Nationallibe-
ralen stellte Gustav Stresemann am Tag der Entlassung Ludendorffs
folgerichtig fest: „Ich bin der Meinung, daß von unserem Standpunkt
aus die Abdankung des Kaisers eher zu ertragen sein würde als das
Gehen von Hindenburg".107
In Hindenburg stand ein Prätendent bereit, auf den sich breiteste
Kreise zu einigen vermochten. Bemerkenswert ist, daß dieser die in
ihrer Totalität unerwartete militärische Niederlage des Reiches ohne
„Imageschaden" überstehen konnte, während der Kaiser für selbige
verantwortlich gehalten und mit dieser assoziiert wurde. Hindenburg
hatte, lapidar gesagt, all die Vorzüge, die der Kaiser nicht besaß. In
dem Resümee „Von Spa nach Weimar" argumentierte Gerhard Schul-
ze-Pfaelzer entlang eines gängigen Interpretationsmusters: „Niemand
käme auf die Idee, den Mann, der jenseits aller Parteien steht, zur Ver-
antwortung zu ziehen." Hindenburg, der durch sein Alter altpreußische
Zeiten repräsentiere, wird als „vom Schicksal erwählter Patriarch"

103
Vgl. Die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918, unter Mitar-
beit v. Eugen Fischer und Walter Bloch i. A. des Vierten Untersuchungsausschus-
ses, hg. v. Albrecht Philipp, Berlin 1925, Bd. 5, S. 130 f. Wilhelm DEIST, Kaiser
Wilhelm II. als Oberster Kriegsherr, in: Röhl, Ort (wie Anm. 21), S. 25-42. Zu
Bethmann Hollwegs Idee eines Volkskaisertums vgl. FEHRENBACH, Wandlungen
(wie Anm. 24), S. 218.
104
RETALLACK, N o t a b l e s ( w i e A n m . 30), S. 219.
105
Bericht des Majors v. Weiß, zit. nach DEIST, Innenpolitik II, Nr. 332, S. 846 f.
Anm. 5.
106
Ebd., Nr. 425 u. Nr. 1136.
107
Gustav STRESEMANN, Vermächtnis, Bd. 1, Berlin 1932, S. 13.

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94 Martin Kohlrausch

bezeichnet.108 Die Anklänge an den idealisierten Wilhelm I. sind hier


überdeutlich, aber auch das Gegenbild zu Wilhelm II. entlang der ein-
geübten Kontrastierung mit dem späten Bismarck. 109 „Hindenburgs
Nimbus" sei nicht von oben gemacht worden, sondern der Feldherr
durch „freien Wunsch und Willen des Volkes auf den Schild gehoben"
worden. „Darin", so Schulze-Pfaelzer, „liegt schon etwas Volksmon-
archisches".110 Deutlich tritt hier die eingangs beschriebene Überzeu-
gung zutage, daß der Monarch sein Amt durch Leistung und vorbildli-
ches Auftreten legitimieren müsse. Die Gegenüberstellung des königli-
chen „Versagers" mit „echtem Führertum" knüpft, dies zeigt sich nicht
zuletzt bei Harden, an eine Linie der Kritik an, die schon im Kaiser-
reich virulent war. 111
Nach der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten erst wurde
deutlich, wie vollständig sich der Ablösungsprozeß von Wilhelm II.
vollzogen hatte. Walther Lambach, der 1928 in einem aufsehenerre-
genden Artikel das Dogma der legitimistisch-monarchischen Orientie-
rung der DNVP aufbrach, stellte fest, neben der „Größe" Hindenburgs
sei der „Nimbus" der „lebenden Hohenzollem" in sich zusammenge-
sunken. Nicht sie, sondern Hindenburg habe den Platz neben Wil-
helm I., Friedrich dem Großen und dem großen Kurfürsten erhalten.
Hindenburg sei zwar zunächst nur als bloßer Statthalter des Monarchen
gedacht gewesen, habe sich aber als „Träger eigener Größe" herausge-
stellt: „Der hinter dem Reichspräsidenten aufragende Schatten des
Kaisers und Königs, der jeden anderen überragt hätte, überragte einen
Hindenburg nicht mehr", behauptete Lambach. 112 Wenn der Staats-
rechtler Freiherr v. Freytag-Loringhoven mit Genugtuung feststellte,
daß sich durch die Präsidentschaft Hindenburgs der „Führergedanke"

108
Gerhard SCHULZE-PFAELZER, Von Spa nach Weimar. Die Geschichte der deut-
schen Zeitenwende. Leipzig/Zürich 1929, S. 34. Es paßt ins Bild, daß Theodor
Eschenburg von der Figur Hindenburg nicht nur als von einem „Ersatzkaiser"
sondern auch von dem „heimlichen, aber wirklichen Kriegskaiser" gesprochen
hat. Theodor ESCHENBURG, Die improvisierte Demokratie. Ein Beitrag zur Ge-
schichte der Weimarer Republik, in: Ders., Die improvisierte Demokratie. Ge-
sammelte Aufsätze zur Weimarer Republik, München 1964, S. 53, 31.
109
Wulf WÜLFING/Karin BRUNS/Bernd PARR, Historische Mythologie der Deutschen
1798-1918, München 1991, S. 181 f.
1 1 0
SCHULZE-PFAELZER, S p a ( w i e A n m . 1 0 8 ) , S . 3 3 .
111
Zur Forderung nach Führertum schon im Kaiserreich s. Anm. 73. Vgl. a. Paul v.
ROHRBACH, Monarchie, Republik und politische Parteien in Deutschland, Stutt-
gart 1920, S. 5 ff.
112
Walther LAMBACH, Politische Wochenschrift fur Volkstum und Staat 4 ( 1 9 2 8 ) ,
S. 4 9 5 - 4 9 7 .

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Die Flucht des Kaisers 95

im gewählten Staatsoberhaupt verwirkliche, wird vollends deutlich, wo


die Defizite des abgedankten Monarchen lagen. 113
Die spontanen Ausdrucksformen des Hindenburg-Kultes deuten
auf eine tiefverwurzelte Popularität, die in vielem an den Bismarck-
Mythos erinnert und Defizite der gescheiterten Kaiserkonzepte auf-
zeigt. 114 Der Kanzler und der Feldmarschall a.D. boten reine Projekti-
onsflächen für die symbolische Vergegenwärtigung nationaler Einig-
keit und Stärke. Daß sich die Grenzen der Akzeptanz Hindenburgs
gerade im konservativen Lager schnell zeigten, nachdem der Feldmar-
schall die politische Bühne betreten hatte, bestätigt nur diesen Befund.
Wie auch die Kritik an Hindenburg aus dem monarchischen Lager und
aus Doorn, die sich vor allem an dessen Rolle am 9. November fest-
machte, nur den Erfolg des „Konkurrenzkultes" unterstreicht.115 Nur
mühsam konnte Mitte der zwanziger Jahre der Bruch zwischen dem
Generalfeldmarschall und seinem Obersten Kriegsherren mittels eines
durchsichtigen Formelkompromisses kaschiert werden. Indem Hinden-
burg eine unspezifizierte „Mitverantwortung" an den Ereignissen des
9. November öffentlich akzeptierte, glaubte man in Doorn die Popula-
rität des Feldmarschalls für die eigene Sache instrumentalisieren zu
können. 116 Wilhelm II. habe sich demnach nach „furchtbarem inneren

113
Politisches Handwörterbuch (Führer-ABC), hg. v. M. WEIß, Berlin 1928, S. 944.
114
Vgl. Peter FRITZSCHE, Presidential Victory and Popular Festivity in Weimar Ger-
many: Hindenburg's 1925 Election, in: Central European History 23 (1990),
S. 205-224 und Rolf PARR, „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust". Struktu-
ren und Funktionen der Mythisierung Bismarcks, München 1992, S. 89 f. Zu den
gescheiterten Kaiserkonzepten vgl. John RÖHL, Defizite des Kaiser-Konzepts.
Wilhelm II. im Wandel der politischen Institutionen und Politikfelder nach Bis-
marcks Entlassung, in: Heinz Reif (Hg.), Adel und Bürgertum in Deutschland I.
Entwicklungslinien und Wendepunkte im 19. Jahrhundert, Berlin 2000, S. 331-
355.
115
„Der allverehrte Generalfeldmarschall und sein Generalquartiermeister haben vor
Gott und der Geschichte zu verantworten, was sie am 9. November, dem dunkel-
sten Tag deutsch-preußischer Geschichte, ihrem kaiserlichen Herrn geraten und
gemeldet haben", kritisierte Schulenburg in einer Denkschrift vom 26.8. 1919,
abgedruckt in NIEMANN, Revolution (wie Anm. 42), S. 350-365, hier S. 365. Eie
sehr ähnlich begründete Kritik findet sich noch bei HUBER, Verfassungsgeschichte
(wie Anm. 40), S. 668 f.
116
Vgl. Wilhelm II. an Dommes, 21.8. 1922, abgedruckt in: ILSEMANN, Aufzeich-
nungen (wie Anm. 78), Bd. I., S. 317. Vgl. auch ein in hoher Auflage erschiene-
nes „Merkblatt", welches das „Schuldeingeständnis" Hindenburgs publik machen
sollte: Rijksarchief Utrecht, Bestand Wilhelm II., unsortiert, sowie den Abdruck
des frühen Briefwechsels zwischen Hindenburg und Wilhelm II. in dessen Erinne-
rungen (wie Anm. 58), S. 249.

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96 Martin Kohlrausch

Kampf dazu durchringen können, seinen „Thron zum O p f e f zu brin-


gen. Seine Entscheidung, das Heer zu verlassen, sei nur auf Drängen
seiner Berater, insbesondere Hindenburgs, zustande gekommen. 117
Die Versuche, Hindenburg mit der Verantwortung für die Flucht zu
belasten, fugen sich ein in den Kampf um die Deutung der Flucht und
unterstreichen, wie brisant und delikat das Thema auch lange nach dem
9. November 1918 noch war. Es bleibt aber festzuhalten, daß die
Doorner Bemühungen zwar die Prominenz des Ereignisses in der öf-
fentlichen Meinung bezeugen, zu keinem Zeitpunkt aber eine Neube-
wertung der Flucht herbeiführen konnten. Vielmehr veranschaulicht
die im Ganzen unkoordinierte „Fluchtbewältigung" nach 1918, wie
stark die Spaltungen innerhalb der monarchischen Rechten waren.118
Als Wilhelm II. versuchte, Hindenburg zur Rechenschaft zu ziehen,
indem er den Rat des Feldmarschalls über seinen eigenen vorgeblichen
Willen stellte, bestätigte der Kaiser implizit jenes verkehrte Verhältnis
zwischen Monarchen und militärischem Führer, welches sich in den
Köpfen schon wesentlich früher festgesetzt hatte.119 Potentielle Loya-
litätskonflikte wurden mit der durch das Ende der Monarchie einge-
tretenen Orientierungslosigkeit nunmehr virulent. Um den Kaiser zu
schützen, hätte die Schuld auf Hindenburg, den Hoffnungsträger der
monarchischen Sache, geschoben werden müssen. Dessen Erfolg als

117
Hindenburg an Wilhelm II. am 2 8 Juli 1 9 2 2 , abgedruckt in NIEMANN, Revolution
(wie Anm. 4 2 ) , S. 4 7 2 .
118
Zur „Fluchtbewältigung" von Doorn aus vgl. die „Notizen über die Vorgänge im
Oktober und November", welche Sigurd v. Ilsemann für das Hohenzollern'sche
Hausministerium in Berlin verfaßte, Rijksarchief Utrecht, Bestand Wilhelm II.,
unsortiert. Vgl. auch die - freilich fruchtlosen - Versuche einer Koordinierung der
monarchistisch-loyalen Bemühungen von Friedrich v. Berg und später Magnus v.
Levetzow. Berg richtete 1926 auf „Allerhöchste Ordre" eine Propagandastelle zur
„Bearbeitung der Presse bis weit nach links ein", deren Ziel es sei, „der ungezü-
gelten Agitation der Linksparteien [...] einen Damm entgegenzusetzen." Zit. nach:
John C.G. RÖHL, Der „Königsmechanismus" im Kaiserreich, in: Ders., Kaiser
(wie Anm. 21), S. 116-141, hier Anm. 10 (S. 254). In den Monaten zuvor hatte im
Zusammenhang mit der Fürstenenteignung das Thema der „Kaiserflucht" eine
enorme Brisanz erhalten. Vgl. Rijksarchief Utrecht, R14, Nr. 662. Levetzow ar-
beitete direkte Richtlinien aus, mit denen der "Doorner H o f die Flucht verteidi-
gen sollte: Gerhard GRANIER: Magnus von Levetzow. Seeoffizier, Monarchist und
Wegbereiter Hitlers. Lebensweg und ausgewählte Dokumente. Boppard/Rhein
1982, S. 345 ff.
119
So notierte etwa v. Einem im Weltkrieg mit Genugtuung, daß sich Wilhelm II.
gegenüber Hindenburg „ehrerbietig" gezeigt habe. DEIST, Innenpolitik (wie Anm.
105), Nr. 425, S. 1137.

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Die Flucht des Kaisers 97

einzige schichtenübergreifende Integrationsfigur aber machte ihn fiir


die Eliten so attraktiv, nachdem offensichtlich geworden war, daß es
dem angestammten Herrscher unmöglich war, eine Massenloyalität zu
binden. Hier scheint der Kern des neuen Leistungsparadigmas zu lie-
gen, dem Hindenburg zunächst so hervorragend zu entsprechen schien
bzw. dessen Vorhandensein zumindest durch den Kult um Hindenburg
indiziert wurde.

IV. Resümee

In der im Hindenburgmythos manifestierten Ablösung vom Kaiser


scheiterten die Kaiserkonzepte der wilhelminischen Eliten endgültig,
nachdem im November 1918 die Institution Monarchie beseitigt wor-
den war. Dieses doppelte Scheitern ist als Vermischung paralleler Pro-
zesse zu verstehen. Zum einen veränderten sich strukturell die Erwar-
tungen an den Herrscher hin zum Leistungsvorbehalt. Zum anderen
schritt konkret eine kontinuierliche Ablösung von der Person Wil-
helms II. fort. Beide Prozesse waren eng miteinander verwoben, was in
der Kritik der Flucht Wilhelms II. nach Holland deutlich hervortritt. In
der Hilflosigkeit und gleichzeitigen Radikalität der Fluchtkritik, d. h.
Herrscherkritik, spiegelt sich ein stark idealisiertes Bild des omniprä-
senten und omnikompetenten Monarchen, dem die Person Wilhelms II.
im Rückblick nicht zu entsprechen vermochte. Es zeigte sich aber
auch, wie sehr Wilhelm II. „den Erfolg in seine Legitimationsgrundla-
gen" aufgenommen hatte.120
Die Lücke, die zwischen monarchischer Prägung und Enttäuschung
durch die Herrscherfigur entstand, offenbarte sich nicht nur im Hin-
denburgkult, sondern konkret in der Einforderung eines Diktators bzw.
Führers. In dem „Schrei nach dem Diktator", wie Friedrich Everling
„das Sehnen des Volkes nach seinem König" zu verorten, und wie
Westarp das „Kaiserreich der Zukunft" zu propagieren, mochte als
Formel zur Beruhigung der Loyalisten taugen, politisch blieb dies Au-
genwischerei, die aber die Brücke vom enttäuschten Monarchismus zu
gesellschaftlichen Ordnungsentwürfen, die mit den ehemaligen Kai-
serkonzepten nurmehr sehr wenig gemein hatten, nicht verdecken
konnte.121

120
Zu den starken cäsaristischen Elementen des wilhelminischen Kaisertums vgl.
Artikel „Cäsarismus" (wie Anm. 101), S. 768 ff, Zitat ebd., S. 769.
121
Zit. nach Roswitha BERNDT, Monarchisch-restaurative Organisationen im Kampf
gegen die bürgerlich-parlamentarische Staatsform der Weimarer Republik, in: Je-

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98 Martin Kohlrausch

In diesem Kontext ist auf den jüngst von Klaus Schreiner beschrie-
benen politischen Messianismus hinzuweisen, definiert als Sehnsucht
„nach einem starken Mann, der, ausgestattet mit der Autorität und dem
Sendungsbewußtsein eines messianischen Führers, in Politik, Wirt-
schaft und Gesellschaft eine Wende zum Besseren herbeifuhrt." 122 In
ihrer Intensität können diese Sehnsüchte wohl nur vor dem Hinter-
grund eines schon lange vor dem 9. November 1918 „vagabundieren-
der Monarchismus" verstanden werden - wie er etwa im Kaiserbuch
von Heinrich Claß auftrat. 123 Anklänge an die überzogenen wilhelmi-
nischen Versprechungen sind in den messianischen Phantasien nach
1918 deutlich zu erkennen: „Daß das Problem der Führerschaft und
Gefolgschaft [...] einem Volke, das durch Krieg und Revolution seine
bisherigen politischen Führerschaften auf allen Lebensgebieten zum
Teil beraubt ist, auf der Seele brennen muß, das ist selbstverständlich",
glaubte etwa Max Scheler.124 Wenn selbst der Adjutant des Kronprin-
zen, Ludwig Müldner v. Mülnheim, 1923 konstatierte, daß ein solcher
Führer „augenblicklich noch kein Hohenzoller sein kann, sondern nur
irgendein Mann mit fester Hand und einem mehr oder weniger gut
sitzenden Cut", unterstreicht dies noch einmal die Ablösung von der
Hohenzollernmonarchie, von der Monarchie überhaupt bis weit in den
Kern des ostelbischen Adels hinein.125 Auch für den Großteil des
Adels war der Herrscher eine politische Größe neben anderen gewor-

naer Beiträge zur Parteingeschichte 43 (1978), S. 26 Anm. 33 und Walter H.


Kaufmann, Monarchism in the Weimar Republic, New York 1953, S. 172.
122
Klaus SCHREINER, „Wann kommt der Retter Deutschlands?" Formen und Funk-
tionen des politischen Messianismus in der Weimarer Republik, in: Saeculum.
Jahrbuch fur Universalgeschichte 49 (1998). S. 107-160, hier: S. 108.
123 FRYMANN, Kaiser (wie Anm. 101), S. 219 ff. Der von einer konkreten Person
losgelöste Kaisergedanke bekam nach 1918 eine eigenartige Konjunktur. Vgl. et-
wa die Vielzahl monarchischer Artikel zum 27.1. 1919. Man denke auch an die
Beschwörung eines „heimlichen Kaisers" im George Kreis und in diesem Kontext
an Ernst KANTOROWICZ, der in „kaiserloser Zeit" seine stark mythisierende Bio-
graphie Kaiser Friedrichs II. schrieb. Das Zitat findet sich in der Vorbemerkung
zum Werk. Vgl., Ders., Kaiser Friedrich, Berlin 2 1928.
124
Max SCHELER, Vorbilder und Führer, in: Ders., Zur Ethik und Erkenntnislehre,
Berlin 1933, S. 151. Vgl. auch die Überlegungen zur Etablierung des „Führerge-
dankens" im „Vakuum eines monarchenberaubten Staates" in: Karl Dietrich
BRACHER/Wolfgang SAUER/Gerhard SCHULZ, Die nationalsozialistische Machter-
greifung. Studien zur Errichtung des totalitären Gesellschaftssystems in Deutsch-
land 1933/34, Köln/Opladen 2 1962, S. 24.
125
Müldner am September 1923. Zit. nach SCHREYER, Monarchismus (wie Anm. 68),
S. 318

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Die Flucht des Kaisers 99

den, die ihre Stellung beständig zu rechtfertigen hatte. Diese Entwick-


lung bestätigten paradoxerweise selbst jene Monarchisten, die - bei
aller internen Kritik am Monarchen - entsprechend dem Leistungspa-
radigma ihre Energie hauptsächlich darauf verwandten, das Verhalten
des Monarchen zu rechtfertigen.
In dieser Transformation ehemals monarchischer Loyalität in alter-
native politische Bindungen läßt sich das Gegensatzpaar Adel und
Bürgertum als Kategorie kaum mehr ertragbringend verwenden. Viel-
mehr präsentiert sich hier das Ergebnis einer langfristigen Angleichung
der Einstellungen zum Monarchen, die sich im Weltkrieg massiv be-
schleunigte, und in der Ablösung vom Monarchen und in der äußerst
aktiven Hinwendung zu Ersatzobjekten der Erwartungsprojektion, wie
vor allem Hindenburg, als vollzogen gelten kann.
Zweifelsohne war der Weg, den der Adel in diese Angleichung zu
gehen hatte, weiter und mit größeren Verlusterfahrungen verbunden als
der Bürgerlicher.126 Ohne Monarchie, d.h. ohne preußischen König,
war zumindest der ostelbische Adel langfristig nicht existenzfähig.
Diese Wahrheit hat derselbe in großen Teilen in ihrer vollen Tragweite
realisiert. Die respektive Enttäuschung äußerte sich gerade im Diskurs
über die Flucht Wilhelms II., während die Fluchtrezeption gleichsam
als Vehikel den adligen Frontenwechsel erleichterte.
Wenn auch die andauernde Verbindlichkeit des „Symbols Doorn"
für die ältere Generation nicht unterschätzt werden sollte, so handelt es
sich hier doch um ein zunehmend oberflächliches Phänomen. 127 In der

126
Das Ende der Monarchie habe den Familien des Adels „von heute auf morgen die
Grundlage entzogen" klagte mit typischem Tenor etwa Rudolf-Christof FRHR. V.
GERSDORFF, Soldat im Untergang, Frankfurt a.M. 1979, S. 26. Vgl. die vielfälti-
gen Belege insbesondere für den ostelbischen Adel bei ROGALLA V. BIEBERSTEIN,
Adel (wie Anm. 6), S. 248 f. und jetzt reflektiert bei Marcus FuNCK/Stephan
MALINOWSKI, Geschichte von oben. Autobiographien als Quelle einer Sozial- und
Kulturgeschichtegeschichte des deutschen Adels in Kaiserreich und Weimarer
Republik, in: Historische Anthropologie 7 (1999), S. 236-270, hier v. a. S. 260-
266.
127
Die Trauer äußerte sich regelmäßig stark nostalgisierend und wurde sentimental
vorgetragen. Vgl. etwa die Klage Oldenburg-Januschaus, es sei „eine Welt" ein-
gestürzt, mit allem „was der Inhalt meines Lebens gewesen war" und was seine
Eltern ihn von „Kindesbeinen an zu verehren gelehrt" hätten. Elard V. OL-
DENBURG-JANUSCHAU, Erinnerungen (wie Anm. 36), S. 208. Typischerweise
wurde bei adligen Familienfeiern etc. des Kaisers gedacht, ohne das hieraus eine
monarchistische Aktivität abgeleitet wurde. Vgl. die Erinnerungen von Alexander
STAHLBERG, Als Preußen noch Preußen war. Erinnerungen, Berlin/Frankfurt a. M.
1992, S. 94 u. 131; Philipp Franz FÜRST z u SALM-HORSTMAR, Ein fürstliches Le-

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100 Martin Kohlrausch

jüngeren Generation Adliger wurden überkommene Loyalitäten nahezu


hinfällig. 128 Einen solchen Schluß legt zumindest die Gruppe deijeni-
gen nahe, die den Ex-Kaiser mit der Königstoderwartung konfrontier-
ten. Hier konnte die Ablösung vom Monarchen von Bürgerlichen und
Adligen unisono mit der ausgebliebenen „Leistungsprobe" Wil-
helms II. begründet werden. Dementsprechend läßt sich in den monar-
chischen Vereinigungen der Weimarer Republik keine nennenswerte
adlige Überrepräsentation feststellen, während in der aufstrebenden
völkischen Bewegung Adlige wiederum durchaus keine Seltenheit
waren. 129 Spätestens seit dem November 1918 war der „nationale Ge-
danke", nicht mehr die Dynastie, gerade für junge Adlige der wesentli-
che Bezugspunkt.130
In dieser Entwicklung zeigt sich, wie politisch inhaltsleer und wi-
dersprüchlich Leitbilder, die um Wilhelm II. kreisten, geworden waren.
Die zugkräftige Idee eines Volkskaisertums blieb immer eine Illusion,
die nicht zuletzt am Inhaber des Amtes scheiterte. Insofern bestätigt
die Rezeptionsgeschichte der Flucht die Paradoxie des wilhelmini-
schen Kaisertums. Wilhelms II. Interpretation des Kaisertums wurde
nicht zuletzt deshalb scharf angegriffen, weil der Kaisergedanke seine
Integrationskraft entfaltet hatte und vor seinem eigenem Verfechter in
Schutz genommen werden sollte. Diese Überlegung verweist noch
einmal auf die hohen Erwartungen zumal der bürgerlichen Eliten an
Wilhelm II. als Integrationsfaktor, die in ihrer Tragweite darauf ange-
legt waren, enttäuscht zu werden. Freilich konnten derartige Erwartun-
gen wiederum auf kaiserliche Vorgaben zurückgreifen, die insbesonde-
re die Möglichkeit einer erfolgreichen Elitenintegration durch den
Herrscher suggerierten. Wilhelm II. hatte, wenn auch nicht konsistent,

ben. Mein Leben, meine Arbeit, meine Erkenntnisse, Dülmen 1994, S. 281, Ger-
hard V. JORDAN, Unser Dorf in Schlesien, Berlin 1987, S. 203.
128
Vgl. HERZ, Abdankung ( w i e Anm. 51), S. 10.
129
Arne HOFMANN, „Wir sind das alte Deutschland, Das Deutschland wie es war..."
Der „Bund der Aufrechten" und der Monarchismus in der Weimarer Republik,
Frankfurt a. M. u. a. 1998, S. 60 f. kann sogar nachweisen, daß die Werbeversu-
che des Bundes der Aufrechten in adligen Kreisen ein ausgesprochener „Mißer-
folg" waren. Vgl. auch: BERNDT, Organisationen (wie Anm. 121), S. 15-27, hier
insbesondere S. 18 ff. Im Gegensatz zu diesen Befunden steht die - freilich unbe-
legte - These bei ROGALLA V. BIEBERSTEIN, Adel (wie Anm. 6), S. 259, der Adel
habe „in der Monarchie nach wie vor das Heil gesehen." Zur Präsenz Adliger in
den völkischen Bewegungen siehe den Beitrag von Stephan MALINOWSKI in die-
sem Band.
130
HILLER V. GAERTRINGEN, M o n a r c h i s m u s ( w i e A n m . 6 8 ) , S . 2 6 2 .

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Die Flucht des Kaisers 101

durchaus Ansätze, eine Reichselite unter ausdrücklicher Einbeziehung


der technischen und wirtschaftlichen Eliten zu schaffen, gezeigt. Sein
Interesse als Monarch, angewiesen auf eine möglichst breite Legitimi-
tätsbasis und mit der Vorgabe konfrontiert, die Gesellschaft umfassend
zu repräsentieren, stand in diesem Punkt allerdings diametral den In-
teressen der etablierten Gruppen - d. h. vornehmlich des Adels - ent-
gegen. Wenn letzterer sich gegen die spätestens seit 1908 sichtbare
schleichende Demontage des Monarchen nicht entschiedener zur Wehr
setzte als andere Gruppen, verweist dies auch auf die Einsicht in die
immer offensichtlicher werdende Aporie der eigenen Monarchiekon-
zepte.131 Diese Konzepte setzten auf das Überleben eines Herrschers,
der gezwungen war bzw. sich gezwungen glaubte, die Basis der Mon-
archie über Preußen hinaus zu verbreitern, den Hof zu öffnen und seine
Amtsführung in der Öffentlichkeit zu präsentieren und bewerten zu
lassen, mithin die Monarchie als Institution in der modernen Gesell-
schaft zu verankern. In diesem durchaus strukturell angelegtem Prozeß
blieb für eine vielversprechende Neudefinition der adlig-monarchi-
schen Geschäftsgrundlage - zumal für die hier in den Blick genomme-
nen adligen Gruppen - nahezu kein Spielraum.

131
Zeitgenossen erkannten diese Problematik durchaus: vgl. zum Dilemma des Mon-
archen: HOHENLOHE, Leben (wie Anm. 30), S. 358, zum adligen Dilemma:
FRYMANN, Kaiser (wie Anm. 101), S. 212, der von einer „Zwickmühle" in wel-
cher der Adel sich befinde, sprach.

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AXEL SCHILDT

Der Putsch der „Prätorianer, Junker


und Alldeutschen". >
Adel und Bürgertum in den
Anfangswirren der Weimarer Republik

I. Der Schock der Revolution

In der Abendausgabe der Kreuzzeitung vom 9. November 1918 hieß es


unter der Überschrift „Der Kaiser dankt ab": „Uns fehlen die Worte,
um das auszudrücken, was uns in dieser Stunde bewegt. Unter der
Wucht der Ereignisse hat die dreißigjährige Regierungszeit unseres
Kaisers geendet, der stets das Beste für sein Volk gewollt hat. Das
Herz jedes Monarchisten krampft sich zusammen bei diesem Ereig-
nis."2 Tiefe Trauer, Lähmung, Apathie, Eskapismus und Hoffnungslo-
sigkeit sowie Ängste vor dem Kommenden bis hin zu Panikreaktionen
kennzeichneten die vorherrschende Stimmung in den alten Eliten3 nach
dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und dem sang- und klanglosen
Abgang aller Dynastien4 im November 1918. Die Revolution wurde
vom Adel wie von weiten Teilen des Bürgertums gleichermaßen als
illegitime „Besitzergreifung der staatlichen Macht durch das Industrie-

Ernst TROELTSCH, Spektator-Briefe. Aufsätze über die deutsche Revolution und


die Weltpolitik 1918/22. Mit einem Geleitwort von Friedrich Meinecke. Zusam-
mengestellt und hg. von Hans Baron, Tübingen 1924, S. 118.
Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung; künftig zit. als NPZ) Nr. 574 vom
9.11. 1918.
Vgl. Dieter GROH, Der Umsturz von 1918 im Erlebnis der Zeitgenossen, in: Hans
Joachim Schoeps (Hg.), Zeitgeist der Weimarer Republik, Stuttgart 1968, S. 7-32,
v. a. S.15f.
Vgl. Helmut NEUHAUS, Das Ende der Monarchien in Deutschland, in: Histori-
sches Jahrbuch, 111 (1991), S. 102-136.
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104 Axel Schildt

proletariat"5 wahrgenommen, und die Weimarer Republik galt den


meisten Konservativen gleich welchen Standes als widernatürliches
„System", das baldmöglichst zu überwinden sei.6 Werner von Rhein-
baben hielt in seinen Erinnerungen als tiefen Eindruck fest: „Man sah
keine Fürsten, keine Oberschicht, kein Bürgertum mehr, nur noch
Massen."7
Aber noch mehr als für das Bürgertum handelte es sich für den
Adel 1918 nicht nur um einen tiefgreifenden politischen Regimewech-
sel, sondern darüber hinaus gehend, sowohl materiell wie ideell, um
den „Zusammenbruch einer Welt",8 die in der Wahrnehmung mancher
Adliger vom „Mittelalter [...] bis 1918" gereicht hatte.9
Da die Bedeutung der Elitenkontinuität über 1918 hinweg10 als
Faktor der Auflösung und Zerstörung der ersten deutschen Demokratie
von großen Teilen der historischen Forschung hoch gewichtet wird,11
fallt es besonders auf, daß in den einschlägigen historischen Handbü-
chern und Überblicksdarstellungen, die ein Sachregister aufweisen, die

5
So Walther v. Altrock, langjähriger Generalsekretär des Landes-Ökonomie-Kol-
legiums, zit. nach Jens FLEMMING, Landwirtschaftliche Interessen und Demokra-
tie. Ländliche Gesellschaft, Agrarverbände und Staat 1890-1925, Bonn 1978, S.
161.
6
Vgl. Axel SCHILDT, Konservatismus in Deutschland. Von den Anfangen im 18.
Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 1998, S. 131 ff.
7
Werner v. RHEINBABEN, Kaiser, Kanzler, Präsidenten, Mainz 1968, S. 165.
Rheinbaben wurde 1920 auf der Liste der DVP in den Reichstag gewählt und war
1923 zeitweilig Staatssekretär in der Reichskanzlei.
8
Francis L. CARSTEN, Reichswehr und Politik 1918-1933, Köln/Berlin 21965,
S. 13; DERS., A History of the Prussian Junkers, Hants/Vermont 1 9 8 9 , S. 1 5 2 ; vgl.
Arnold J. MAYER, Adelsmacht und Bürgertum. Die Krise der europäischen Ge-
sellschaft 1 8 4 8 - 1 9 1 4 , München 1 9 8 8 ; Johannes ROGALLA V. BIEBERSTEIN, Adels-
herrschaft und Adelskultur in Deutschland, Frankfurt/M. 1989, S. 290.
9
Hans Olof V. ROHR, Qui Transtulit. Eine Stammreihe der von Rohr, Hannover
1 9 6 3 , S. 1 6 ; vgl. Johannes ROGALLA V. BIEBERSTEIN, Adel und Revolution
1918/19, in: Mentalitäten und Lebensverhältnisse. Beispiele aus der Sozialge-
schichte der Neuzeit. Rudolf Vierhaus zum 60. Geburtstag, hg. v. Mitarbeitern
und Schülern, Göttingen 1982, S. 243-259.
10
Für den Staatsapparat als Überblick Wolfgang ELBEN, Das Problem der Konti-
nuität in der deutschen Revolution. Die Politik der Staatssekretäre und der militä-
rischen Führung von November 1918 bis Februar 1919, Düsseldorf 1965.
11
Vgl. etwa Henry Ashby TURNER JR., „Alliance of Elites" as a Cause of Weimar's
Collapse and Hitler's Triumph?, in: Heinrich August Winkler (hg. unter Mitarbeit
v. Elisabeth Müller-Luckner), Die deutsche Staatskrise 1930-1933. Handlungs-
spielräume und Alternativen, München 1 9 9 2 , S. 2 0 5 - 2 1 4 u. Wolfgang ZOLLITSCH,
Adel und adlige Machteliten in der Endphase der Weimarer Republik. Standespo-
litik und agrarische Interessen, in: ebd., S. 239-256.
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Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen 105

Stichworte „Adel" und „Bürgertum" nicht verzeichnet werden12 und


nur selten nach unterschiedlichen Reaktionen dieser Gruppen auf die
Revolution gefragt worden ist. Dies liegt wohl teilweise daran, daß
beide Begriffe äußerst heterogene soziale Gebilde kennzeichnen,13 die
im 20. Jahrhundert kaum mehr trennscharf abgrenzbar zu sein schei-
nen.
Nun hatten sich in der wilhelminischen Gesellschaft unzweifelhaft
einige Annäherungen von Bürgertum und Adel ergeben; Zeitgenossen
glaubten eine „adlig-bürgerliche Amtsaristokratie" (Otto Hintze, 1911)
und insgesamt eine „sozial verschmolzene, politisch herrschende com-
posite élite" zu erkennen.14 In manchen historischen Darstellungen
wurde das Kaiserreich, die schon ältere These einer „Feudalisierung"
des Bürgertums umdrehend, retrospektiv weitergehend modernisiert
und sogar schlicht als „Gesellschaft des Besitzbürgertums"15 charakte-
risiert, in der preußische Traditionen schon längst untergegangen wä-
ren, als die Republik ausgerufen wurde. In dieser Perspektive erübrigte
es sich, nach unterschiedlichen Reaktionen des Adels und Bürgertums
auf die Novemberrevolution zu fragen. Erst in der jüngsten Forschung
wird demgegenüber wieder die im Kaiserreich fortbestehende ökono-
misch-soziale Distanz zwischen Adel und Bürgertum namentlich in
Preußen hervorgehoben,16 ablesbar etwa an der doch relativ geringen
Zahl an Nobilitierungen, an der Dominanz des Grundadels im Preußi-

12
Vgl. etwa Eberhard KOLB, Die Weimarer Republik, München 21988.
13
Die soziale und politisch-kulturelle Spannbreite des Adelsbegriffs im Deutsch-
land des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird idealtypisch angedeutet in der Ge-
genüberstellung eines westlich-grundherrschaftlichen und katholisch-zentrumso-
rientierten Adelstypus auf der einen und eines ostelbisch-gutsherrschaftlichen und
royalistisch-konservativen Adelstypus auf der anderen Seite von Heinz REIF, Der
katholische Adel Westfalens und die Spaltung des Adelskonservatismus in Preu-
ßen während des 19. Jahrhunderts, in: Karl Teppe (Hg.), Westfalen und Preußen,
Paderborn 1991, S. 107-124. Hinzuweisen ist auch darauf, daß für die ostelbi-
schen Provinzen die Begriffe „Adel" und „Junker" in diesem Zeitraum nicht mehr
synonym waren, weil die Grenzen des adligen und bürgerlichen Großgrundbesit-
zes fließend geworden waren.
14
Hartwin SPENKUCH, Das Preußische Herrenhaus. Adel und Bürgertum in der
Ersten Kammer des Landtages 1854-1918, Düsseldorf 1998, S. 27, 29.
15
Ernst-Wolfgang BÖCKENFÖRDE, Der Zusammenbruch der Monarchie und die
Entstehung der Weimarer Republik, in: Karl Dietrich Bracher u.a. (Hg.), Die
Weimarer Republik 1918-1933. Politik - Wirtschaft - Gesellschaft, Düsseldorf
1987, S. 17-43 (Zit. S. 22).
16
Dolores L. AUGUSTINE, Die wilhelminische Wirtschaftselite, Phil. Diss. (FU)
Berlin 1991; vgl. zuletzt Morten REITMAYER, „Bürgerlichkeit" als Habitus. Zur
Lebensweise deutscher Großbankiers im Kaiserreich, in: Geschichte und Gesell-
schaft 2 5 ( 1 9 9 9 ) , S. 9 4 - 1 2 2 .
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106 Axel Schildt

sehen Herrenhaus17 und an den Bastionen des Adels in Diplomatie,


staatlicher Verwaltung und im Militär. Sämtliche preußischen und
deutschen Armeekorps hatten bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs
adlige Kommandeure. In Preußen waren 1914 von 11 Staatsministern 8
adliger Herkunft, von 12 Oberpräsidenten waren es 9 und von 490
Landräten 270.18 Ungeachtet von Adaptionen einiger Züge adlig-höfi-
schen Lebensstils im neuen Luxus des Wirtschaftsbürgertums exi-
stierten im übrigen viele formelle Gräben, welche die Kultur prägten.
Sinnfällig wird dies durch das Schweriner Beispiel illustriert, wo es bis
1918 unterschiedliche Sitzplätze und Eingänge fur Adlige und Bürger-
liche in Schloßkirche und Hoftheater gab.19
Mit solchen und wichtigeren Privilegien für den Adel war es nach
1918 vorbei - eine Wiener Zeitung resümierte lakonisch: „Blaublut ist
kein guter Typ mehr".20 Genauer gesagt, in Deutschland verlor der
Adel durch den Artikel 109 der Weimarer Reichsverfassung alle Vor-
rechte der Geburt, womit auch die Rangunterschiede im Adel selbst im
öffentlichen Recht planiert wurden. „Deutscher Adel" bedeutete offizi-
ell nur noch, daß dem „Familiennamen ein Adelsprädikat als Teil des
Namens vorangestellt"21 war. Dies betraf in der Weimarer Republik
nach unterschiedlichen Schätzungen 50.000 bis 100.000 Personen,
wobei gerade der Verlust ständischer Privilegien zum starken Mitglie-
derzuwachs in kleinen regionalen und konfessionell gebundenen adli-
gen Interessenorganisationen sowie in der überregionalen Deutschen
Adelsgenossenschaft führte.22 Politisch orientierte sich der organisierte
Adel an den Parteien der Rechten, vor allem an der Deutschnationalen

17
Spenkuch, Herrenhaus (wie Anm. 14), S. 153.
18
Walter GÖRLITZ, Die Junker. Adel und Bauer im deutschen Osten. Geschichtliche
Bilanz von 7 Jahrhunderten, Glücksburg 1956, S. 331.
19
Joachim v. Dissow (d.i. Johann Albrecht v. Rantzau), Adel im Übergang. Ein
kritischer Standesgenosse berichtet aus Residenzen und Gutshäusern, Stuttgart
u.a. 1961, S. 69. Vgl. zu dieser Dimension adliger Höherwertigkeit Hans-Ulrich
WEHLER, Einleitung, in: ders. (Hg.), Europäischer Adel 1750-1950, Göttingen
1990.
2 0
ROGALLA v . BIEBERSTEIN, A d e l s h e r r s c h a f t ( w i e A n m . 8 ) , S. 3 2 .
21
Iris FREIFRAU V. HOYNINGEN-HUENE, Adel in der Weimarer Republik. Die recht-
lich-soziale Situation des reichsdeutschen Adels 1918-1933, Limburg 1992, S.
15; zu den genauen Regelungen ebd., S. 29 ff. Vgl. auch ebd., S. 11 ff. zur Defi-
nition des Adels bis 1918.
22
Vgl. Georg Η. KLEINE, Adelsgenossenschaft und Nationalsozialismus, in: Vier-
teljahreshefte für Zeitgeschichte 26 (1978), S. 100-143; Dieter FRICKE/Udo
RößLiNG, Deutsche Adelsgenossenschaft 1874-1945, in: Dieter Fricke u.a. (Hg.),
Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien
und Verbände in Deutschland (1789-1945), Bd. 1, Köln 1983, S. 530-543.

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Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen 107

Volkspartei (DNVP), daneben an der Deutschen Volkspartei (DVP),


für den katholischen Adel kam der rechte Flügel des Zentrums lind die
Bayerische Volkspartei in Frage.23 Allerdings gab es eine erhebliche
„mentale Reserve", die gegen ein adliges Engagement in den bürger-
lich geprägten Parteien sprach.24 Viele Adlige zogen es vor, sich in
überparteilich-konservativen Klubs zu sammeln, die seit 1919 ver-
mehrt gegründet wurden, an erster Stelle in dem exklusiven, von Hein-
rich Freiherr v. Gleichen-Russwurm präsidierten Juniklub, wo sie mit
wichtigen Vertretern des , jungkonservativ" bzw. „konservativ-revolu-
tionär" gestimmten Bürgertums, mit führenden Kräften der DNVP,
nationalistischer Wehrverbände usw. zusammentrafen, sowie im Na-
tionalen Klub von 1919.25 Der Zusammenschluß der rechten Klubs, die
sogenannte Ring-Bewegung, besaß numerisch nahezu eine Parität von
Adel und Bürgertum. Von den 634 Mitgliedern des Deutschen Her-
renklubs, der Ende 1924 das Erbe des Juniklubs antrat, sollen 42%
Angehörige des Adels gewesen sein, im größten des an 13 Orten ver-
tretenen Herrenklubs, in Berlin, waren es 55%.26 Diese Klubs boten
wichtige Gesprächsorte für die Koordination gegenrevolutionärer
Kräfte.27
Als Reaktion auf die Novemberrevolution standen zwei politische
Tendenzen - sich ergänzend - nebeneinander. Im Vordergrund und
weit verbreitet war die besonders von Offizieren, ob bürgerlicher oder
adliger Herkunft, vorgebrachte Klage über die Feigheit des Bürger-
tums. Dem bürgerlich-württembergischen Generalquartiermeister
Wilhelm Groener zufolge hatte es sich von einer „verschwindenden
Minderheit" den Schneid abkaufen lassen, von einer „Handvoll Matro-
sen, denen das russische Gift" von Juden als den eigentlichen „Draht-

23
Allerdings gab es ständig latente Gegensätze zwischen der mit Sozialdemokraten
und Linksliberalen koalitionsbereiten Parteiführung des Zentrums und dem Verein
katholischer Edelleute; vgl. Der katholische Adel und das Zentrum, in: NPZ, Nr.
123 vom 7.3. 1920.
24
Wolfram PYTA, Dorfgemeinschaft und Parteipolitik 1918-1933. Die Verschrän-
kung von Milieu und Parteien in den protestantischen Landgebieten Deutschlands
in der Weimarer Republik, Düsseldorf 1996, S. 174.
25
Vgl. nach wie vor Hans-Joachim SCHWIERSKOTT, Arthur Moeller van den Bruck
und der revolutionäre Nationalismus in der Weimarer Republik, Göttingen u.a.
1962; Gerhard SCHULZ, Der „Nationale Klub von 1919" zu Berlin, in: Jahrbuch
für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 11 (1962), S. 207-237; Joachim
PETZOLD, Wegbereiter des deutschen Faschismus. Die Jungkonservativen in der
Weimarer Republik, Köln 1978, S. 99 ff.
26
HOYNINGEN-HUENE, Adel (wie Anm. 21 ), S. 99.
27
Vgl. Fritz Günther v. TSCHIRSCHKY, Erinnerungen eines Hochverräters, Stuttgart
1972, S. 58 f.; FLEMMING, Landwirtschaftliche Interessen (wie Anm. 5), S. 226 f.
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108 Axel Schildt

ziehern" „eingespritzt war".28 Auf dieser Basis verstärkte sich wohl


der traditionelle „antikapitalistische Affekt"29 in adligen Kreisen. In
der Kreuzzeitung erschien am 1. März 1920 ein Artikel von Walter
Freiherr v. Keyserlingk, in dem die Verbürgerlichung der Armee, der
Weg zu „Mittelmäßigkeit und unsicherer Manneszucht", als wesentli-
cher Faktor für die Kriegsniederlage benannt wurde: „Die Gewähr für
Durchdringung der durch den Waffendienst hindurchströmenden Mas-
sen des Volkes mit dem Geiste selbstloser Hingabe mußten die Führer,
die Offiziere geben. Ihr Denken und Trachten war der Maßstab für das
Ganze, die Erziehung hierzu die sich nach oben aufdrängende Aufga-
be. Aus der Forderung der Abkehr von politischem Handeln entwik-
kelte sich jene Sonderstellung eines ideal denkenden Offiziersstandes,
der in dem Gefühle der alleinigen Verpflichtung gegen den Monarchen
und Kriegsherrn in der Anerkennung von Über- und Unterordnung
Begriffe von Pflichterfüllung und Ehre in sich festigte, wie sie in der
Geschichte der sittlichen Entwicklung der Menschen einzig dastehen.
[...] Doch die Gefahr der Unterhöhlung blieb nicht aus. Der wachsende
Zahlenbedarf seiner Mitglieder machte ein Übergreifen in Heranzie-
hung des Ersatzes aus Kreisen notwendig, die mit Leib und Seele im
Strom des tätigen Wirtschaftslebens standen."30 Und wie im militäri-
schen Bereich sei es im zivilen Leben gewesen, stellte ein anderer Ar-
tikel des gleichen Blattes anläßlich der Beratungen im Reichskabinett
über die Frage der Verleihung von Titeln31 fest, denn Ehrentitel seien
„allzu häufig oder gar an ungeeignete Personen verliehen" worden:
„Kein Zweifel, daß in den letzten Jahrzehnten der Geist des Mammo-
nismus gerade hier gesündigt hat, wenn etwa reiche Stifter zu Ehren-
doktoren ernannt oder in den Adelsstand erhoben wurden für Leistun-
gen, deren Motiv lediglich die Erlangung solcher Titel und Würden
war. Doch nicht derlei unerfreuliche Nebenerscheinungen, von denen
schließlich keine menschliche Einrichtung frei ist, haben zum Kampf
gegen die Titel geführt. Es war vielmehr das Prinzip der Demokratie
oder - wie man sie vielfach richtiger nennen würde - der Egalité (und
wir gebrauchen das Fremdwort für diesen dem germanischen Denken

28
Brief von Wilhelm GROENER an seine Frau vom 17.11.1918, in: ders., Lebenser-
innerungen. Jugend, Generalstab, Weltkrieg. Hg. von Friedrich Freiherr Hiller von
Gaertringen, Göttingen 1957, S. 471 f.
2 9
DLSSOW, Adel (wie Anm. 19), S. 25.
30
Walter FREIHERR V. KEYSERLINGK, Widernatürlicher Soldatenstand, in: N P Z
Nr. 111 vom 1.3. 1920.
31
Kabinettsitzung vom 30.12. 1919, in: Das Kabinett Bauer vom 21. Juni 1919 bis
27. März 1920 (Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik), bearb. v. Anton
Golecki, Boppard am Rhein 1980, S. 500 f.
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Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen 109

fremden Begriff hier gern)". 32 Schließlich bleibt zu erwähnen, daß die


bürgerlichen Parteien in der Kreuzzeitung Anfang März 1920 anläßlich
der Beratungen der preußischen Landesversammlung über eine Abfin-
dung für die Hohenzollern heftig kritisiert wurden, weil sie, abgesehen
von der DNVP, dem „Raub am preußischen Königshause" nichts ent-
gegenzusetzen hätten: „Der Pöbel mußte seine Brocken zugeworfen
bekommen. [...] Das ganze Bild, der Zeit entsprechend: würdelos und
gemein." 33
Aber neben antibürgerlichen Affekten adliger Kreise und aus dem
Bürgertum selbst, man denke nur an Oswald Spenglers hemmungslose
Haßtiraden gegen den Liberalismus, gegen das „innere England"34,
lassen sich Stimmen ausmachen, die angesichts der katastrophalen
Lage nun erst recht die Einheit von Adel und Bürgertum als den wich-
tigsten politischen und sozialen Kräften gegen den Bolschewismus
beschworen, und es war kein Zufall, daß zu diesen Eduard Stadtler,
einer der maßgeblichen Ideologen der „Ring"-Bewegung und Chefre-
dakteur des Zentralorgans des Juniklubs, „Das Gewissen", gehörte. Ein
„gesundes Bürgertum" als „Volkstum bindendes, Volkstum schaffen-
des, Volkstum tragendes" Element sollte, mit dem kleinen preußischen
Soldaten- und Beamtenadel in enger Fühlung, die soziale Führung
übernehmen, wie Stadtler noch in den 30er Jahren schrieb.35
Vorläufig führte die Bedrohung durch die Novemberrevolution zur
stärkeren politischen Abschottung der agrarischen Provinzen vom
Reich und bereits im Vorfeld der Gründung des Reichs-Landbundes
zur Mobilisierung regionaler landwirtschaftlicher Organisationen, die
von Interessenvertretern des Großgrundbesitzes dominiert wurden.36
Zwar hatte die Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919 einige
Verluste für die Konservativen gezeitigt, die nun vor allem von den
Deutschnationalen repräsentiert wurden, aber Unruhen und Streiks von
Landarbeitern konnten schon im Ansatz erstickt werden. Symptoma-
tisch scheint die Erzählung des Junkers Elard von Oldenburg-Janu-

32
Die Titelfrage, in: NPZ Nr. 21 vom 12.1. 1920.
33
Der Raub am preußischen Königshause vor der Landesversammlung, in: NPZ
Nr. 115 vom 3.3. 1920.
34
Oswald SPENGLER, Preußentum und Sozialismus, München 1920, S. 102.
35
Eduard STADTLER, Weltrevolutions-Krieg, Düsseldorf 1937, S. 154 ff.; vgl. auch
ders., Die Diktatur der sozialen Revolution. Ein parteifreies Aktionsprogramm zur
Überwindung der Anarchie in Deutschland, o.O./o.J. (Berlin 1920).
36
Jens FLEMMING, Landwirtschaftliche Interessen (wie Anm. 5), S. 161 ff.; zu den
regionalen Entwicklungen ebd., S. 1 9 8 ff; vgl. neuerdings Stephanie MERKENICH,
Grüne Front gegen Weimar. Reichs-Landbund und agrarischer Lobbyismus 1918-
1933, Düsseldorf 1998.

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schau, dem bei der Rückkehr auf sein ostpreußisches Gut „der Geist
der Auflehnung" in Gestalt eines Knechtes begegnete: „In dem Gefühl,
daß hier auf meinem eigenen Grund und Boden schnell, persönlich und
kräftig gehandelt werden müsse, nahm ich einen handfesten Knoten-
stock und begab mich auf das Feld, wo auch der erwähnte Knecht ar-
beitete. Ich trat auf ihn zu, nahm ihn beim Ohr und fragte ihn: ,Wer
regiert in Januschau?' Als er nicht antwortete, schrie ich ihn an: ,Ich
hau dich in die Fress', daß du Kopp stehst.' Diese Sprache verstand er.
Sein Mut verließ ihn, und er bezeichnete mich als den Herrn. Das ge-
genseitige Vertrauensverhältnis war wieder hergestellt. [...] Damit war
die Revolte in Januschau erledigt." Nicht überall ging es wohl in der
Form so schlicht zu, aber im Resultat festigten sich die überkommenen
ostelbischen Besitz- und Machtstrukturen sehr rasch.37

II. Die Organisierung und das Scheitern der Gegenrevolution

In den ostelbischen Provinzen entwickelte sich bereits 1919 eine „bri-


sante Mischung" von „wirtschaftlichen Interessen der agrarischen
Oberschicht" und „aggressiver nationalistischer Machtpolitik"38, die
umgehend zur konterrevolutionären Bewaffnung drängte und ein zu-
verlässiges Hinterland für die Gegner der Weimarer Republik entste-
hen ließ.39 Die Aufmerksamkeit der Reichsregierung galt währenddes-
sen zuvörderst den dramatisierten Gefahren von links. Hierzu paßte das
auf Karl Marx und Friedrich Engels zurückreichende Diktum, mit dem
Kurt Tucholsky am 8. Mai 1919 einen seiner Artikel in der Weltbühne

37
Elard v. OLDENBURG-JANUSCHAU, Erinnerungen, Leipzig 1936, S. 208 f.; als
Beispiel für ein etwas dezenteres, aber gleichwohl ähnlich selbstbewußtes Auf-
treten Sieghart GRAF ARNIM, Dietlof Graf Arnim-Boitzenburg (1867-1933). Ein
preußischer Landedelmann und seine Welt im Umbruch von Staat und Kirche,
Limburg 1998.
38
Helge MATTHIESEN, Konservatives Milieu in Demokratie und Diktatur. Eine
Fallstudie am Beispiel der Region Greifswald in Vorpommern 1900-1990, Phil.
Diss. Göttingen 1998, S. 59.
39
Vgl. diesbezüglich die einstimmig angenommene Entschließung der 27. General-
versammlung des Bundes der Landwirte, in: Korrespondenz des Bundes der
Landwirte, Nr. 8 vom 17.2. 1920; als illustratives Beispiel die Schilderung über
das Verhalten der von der Marwitz bei GÖRLITZ, Junker (wie Anm. 18), S. 326 f.;
aufschlußreich auch die Erlebnisse eines demokratischen Landrats im ostpreußi-
schen Kreis Rosenberg Anfang 1921, dok. in Jens FLEMMING u.a. (Hg.), Die Re-
publik von Weimar, Bd. 1: Das politische System, Königstein/Ts./Düsseldorf
1979, S. 60-63; Jens FLEMMING, Die Bewaffnung des „Landvolks". Ländliche
Schutzwehren und agrarischer Konservatismus in der Anfangsphase der Weimarer
Republik, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 26 (1979), S. 7-36.
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Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen 111

einleitete: „Wir haben in Deutschland keine Revolution gehabt - aber


wir haben eine Gegenrevolution."40 Mitte Oktober 1919 war nach Ar-
beiterunruhen im Bitterfelder Industrierevier erstmals der Ausnahme-
zustand nach Artikel 48 der Weimarer Verfassung verhängt worden,41
während erst Ende des Jahres im Kabinett „die unhaltbaren Zustände in
Ostpreußen" zur Sprache kamen, wo der Belagerungszustand von
rechter Seite „in einzelnen Kreisen tatsächlich gegen die jetzt in der
Regierung befindlichen Parteien gehandhabt werde." 42
Die propagandistischen Bemühungen der rechten Bewegung kon-
zentrierten sich seit dem Herbst 1919 auf die Verbreitung der „Dolch-
stoß-Legende", die sich als trostreiche Flucht aus der Verantwortung
und gleichzeitig als aggressive Spitze gegen die Weimarer Koalition,
die dem Versailler Vertrag zugestimmt hatte, hervorragend zur Inte-
gration des rechten Lagers eignete.43 Hohe - und in der Historiogra-
phie häufig ignorierte ~ symbolische Bedeutung erhielt vor diesem
Hintergrund die Debatte um die alliierten Forderungen nach Ausliefe-
rung deutscher Offiziere, die verschiedener Kriegsverbrechen beschul-
digt wurden. Die Reichsregierung hatte zwar nicht die Absicht diesen
nachzukommen, versuchte aber einen Verzicht auf diplomatischem
Wege zu erreichen und „passiven Widerstand" 44 zu leisten, während
die nationalistische Rechte wider besseres Wissen suggerierte, es be-
stehe ernsthaft die Absicht, „Deutschlands Söhne" dem Feind zu op-
fern und so gegen „alle Rechtsgründe, den gesunden Menschenver-

40
Ignaz WROBEL (d.i. Kurt Tucholsky), Preußische Studenten, in: Die Weltbühne 2
(1919), S. 532-536; auch in Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke, Bd. 2, Reinbek
1975, S. 87.
41
Vgl. die Dokumente in: Zwischen Revolution und Kapp-Putsch. Militär und
Innenpolitik 1918-1920, bearb. v. Heinz Hürten, Düsseldorf 1977, S. 252 ff.
42
Gemeinsame Sitzung des Reichskabinetts mit dem Preußischen Staatskabinett am
4.12. 1919, in: Das Kabinett Bauer (wie Anm. 31), S. 457; Reichswehrminister
Gustav Noske suchte dies mit Hinweis auf Aussagen des sozialdemokratischen
Oberpräsidenten August Winnig zu entkräften, der sich zufrieden über die Zu-
sammenarbeit mit den militärischen Instanzen gezeigt habe; Winnig schloß sich
im März 1920 den Putschisten an.
43
Ulrich HEINEMANN, Die verdrängte Niederlage. Politische Öffentlichkeit und
Kriegsschuldfrage in der Weimarer Republik, Göttingen 1983; vgl. Anneliese
THIMME, Flucht in den Mythos. Die Deutschnationale Volkspartei und die Nie-
derlage von 1918, Göttingen 1969.
44
Unmißverständlich war die öffentliche Stellungnahme des Reichskanzlers zur
Auslieferungsfrage anläßlich eines Presseempfangs in der Reichskanzlei am 5.2.
1920, in: Das Kabinett Bauer (wie Anm. 31 ), S. 576 ff. (Zitat: S. 579).
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stand, das einfachste sittliche Gefühl" zu verstoßen.45 Dieser „Ehrlo-


sigkeit" gegenüber sah man sich zur physischen Gewaltandrohung
moralisch legitimiert, wie es der damals 52jährige Baron Leopold v.
Vietinghoff-Scheel, also kein jugendlicher Heißsporn, vertraulich in
einer Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses des Alldeutschen
Verbandes in Berlin am 14. Februar 1920 ausdrückte: „Das einzige
Druckmittel, über das wir verfügen, ist, überall im ganzen Volke zu
verbreiten, daß jedermann, der irgendwie den Versuch macht, die Aus-
lieferung herbeizuführen, dabei sein Leben riskiert, also Furchterre-
gung." 46
Die Regierung wurde aber nicht nur als ehrlos gegenüber dem äu-
ßeren Feind, sondern gleichzeitig als im Inneren korrupt verächtlich
gemacht. Im ersten Viertel des Jahres 1920 wurde dazu die gerichtliche
Auseinandersetzung zwischen Reichsfinanzminister Matthias Erzber-
ger (Zentrum) und dem deutschnationalen Fraktionsführer Emil Helf-
ferich weidlich ausgenutzt. Dieser hatte haltlose Beschuldigungen über
die Verquickung öffentlicher und privater finanzieller Interessen gegen
den Minister erhoben. Am Tag vor dem Beginn des Kapp-Lüttwitz-
Putsches wurde Helfferich, wegen formaler Beleidigung lediglich zu
300 Mark Geldstrafe verurteilt, von der rechten Presse als moralischer
Sieger gefeiert. Die „nationale Misere" legte publizistisch immer
wieder den Vergleich mit der Situation Preußens nach Tilsit nahe und
ließ immer wieder den Ruf nach einem Arndt oder Fichte laut werden,
in deren Geiste die Weimarer Demokratie hinweggefegt werden sollte.
Extremer Nationalismus und Diktaturgelüste in alldeutscher Tradition
hatten sich innerhalb weniger Monate wieder zu einem mächtigen po-
litischen Faktor entwickelt.
Trotz der Offensivstimmung der Rechten brach der Kapp-Lüttwitz-
Putsch im März 1920 nach vier Tagen kläglich zusammen. Die Gründe

45
General der Kavallerie v. KLEIST, Die Unmöglichkeit der Auslieferungen, in:
NPZ Nr. 18 vom 10.1. 1920; die Pressekampagne zog sich über Wochen hin; vgl.
etwa Massenkundgebungen gegen die Auslieferung, in: NPZ, Nr. 46 vom 26.1.
1920; Deutschlands tiefste Erniedrigung, in: NPZ Nr. 65 vom 5.2. 1920; Gegen
die Auslieferungsschmach. Erklärung des Deutschen OfFiziersbundes und des
Nationalverbandes Deutscher Offiziere, in: NPZ Nr. 68 vom 6.2. 1920; vgl. auch:
Zur Auslieferungsfrage. Überreicht von der Vermittlungsstelle Vaterländischer
Verbände, Berlin 1920; Sollen wir der Entente deutsche Männer zur Aburteilung
ausliefern?, o.O./o.J. (Berlin 1920) - beide Broschüren in Kopie im Archiv der
Forschungsstelle fur Zeitgeschichte in Hamburg (FZH), 285-3.
46
(Seinerzeit) Deutsches Zentralarchiv Potsdam, Ausschußsitzung des AV vom
14./15.2. 1920 in Berlin (Kopie in FZH, 412-2).
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Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen 113

dafür sind in der Forschung ausführlich dargelegt worden.47 Daß es


sich um ein schlecht geplantes Unternehmen handelte, dessen Ziele
nicht hinreichend klar festgelegt worden waren, stellten schon die
Zeitgenossen immer wieder heraus. Die Putschisten wußten die Armee
nicht hinter sich, sondern beabsichtigten sie durch die Aktion über-
haupt erst in ihrem Sinne zu mobilisieren. Es gab zwar kaum der Re-
publik ergebene Offiziere, aber eine starke „neutrale" Mittelgruppe, die
Abenteuern abhold war und abwartete.48 Zudem existierten taktische
Differenzen zwischen beteiligten Militärs und Zivilisten während der
Planung. Während Waither Freiherr von Lüttwitz, als Kommandieren-
der des Gruppenkommandos I der starke Mann der Reichswehr 4 9 für
eine Einbeziehung der äußersten Rechten der Sozialdemokratie, für
eine „Noske-Diktatur", plädierte, bestanden die Putsch-Protagonisten
der zivilen Rechten, an erster Stelle der ostpreußische Generalland-
schaftsdirektor Wolfgang Kapp, auf der restlosen Ausschaltung aller
parlamentarisch-demokratischen Kräfte. Hier wirkte die autoritäre
Ideologie der konservativen Sammlung der Kriegsjahre, die in der
Deutschen Vaterlandspartei ihren organisierten Ausdruck gefunden
hatte, besonders nachhaltig fort. Solche Differenzen konnten bis zum
Beginn des Putsches nicht ausgeräumt werden. Während ursprünglich
Kapp und Ludendorff die Verbindung zur militärischen Spitze gesucht
und diese gedrängt hatten, rasch loszuschlagen, waren es im März
1920 äußere Umstände, vor allen Dingen die drohende Auflösung von
Teilen der Reichswehr aufgrund der Bestimmungen des Versailler
Vertrags, die nun die beteiligten Offiziere zur überstürzten Ingangset-
zung einer Aktion bewogen. Davon wurde nicht nur die Reichsregie-
rung, die sich lange auf die beruhigenden Ausführungen des Wehrmi-
nisters Gustav Noske verlassen hatte,50 überrascht. Auch große Teile

47
Vgl. grundlegend die Interpretation von Johannes ERGER, Der Kapp-Lüttwitz-
Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf 1967; zum Ab-
lauf auch J. BENOIST-MÉCHIN, Jahre der Zwietracht. 1919-1925, Olden-
burg/Hamburg 1965, S. 80 ff.
48
CARSTEN, Reichswehr, S. 92 ff.; bisweilen ist die taktisch bedingte Zurückhaltung
gegenüber dem Putsch von hohen Offizieren in der älteren Literatur zur prinzipi-
ellen Gegnerschaft stilisiert worden (vgl. etwa Carl GUSKE, Das politische Denken
des Generals von Seeckt, Lübeck 1971, S. 186 ff.; vgl. dagegen die psychologisch
feinsinnige Charakterisierung von Golo MANN, Deutsche Geschichte 1919-1945,
Frankfurt/M. 1961, S. 21).
49
Hans MEIER-WELCKER, Seeckt, Frankfurt/M. 1967, S. 254.
50
Vgl. die Selbstdarstellung von Gustav NOSKE, Von Kiel bis Kapp. Zur Geschichte
der deutschen Revolution, Berlin 1920; kritisch zur Rolle des Wehrministers
Wolfram WETTE, Gustav Noske. Eine politische Biographie, Düsseldorf 1987, S.
637 ff.

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der politischen Rechten waren offenbar völlig uninformiert.51 So mut-


maßte die Kreuzzeitung am 13. März 1920, es handle sich unter Um-
ständen um einen Trick, mit dem die Regierung von der Blamage des
Ausgangs im Prozeß zwischen Erzberger und Helfferich ablenken
wolle.52
Selbst einige der als Minister vorgesehenen Personen hatten zuvor
nichts von der Aktion gewußt, wobei entsprechenden Aussagen der
Beteiligten allerdings mit einiger Skepsis begegnet werden muß. Kapp
als designierter Kanzler verließ noch am 4. März für einige Tage Ber-
lin, weil er den nach ihm benannten Putsch nicht erwartet habe, und
Conrad Freiherr v. Wangenheim, als Landwirtschaftsminister vorgese-
hen, war von Berlin am 9. März nach Hannover gereist und habe dort
erst am Mittag des 13. März aus der Zeitung von den Ereignissen er-
fahren. Friedrich Freiherr v. Falkenhausen, als Chef der Reichskanzlei
ausersehen, sei am späten Nachmittag zuvor bei der Gartenarbeit alar-
miert und lediglich in groben Zügen in Kenntnis gesetzt worden.53
Die Regierungserklärung Kapps fiel reichlich nichtssagend aus.
Unverbindliche Absichtserklärungen auf wirtschaftlichem Gebiet, au-
ßenpolitisch die Beschwörung der Gefahr durch den „kriegerischen
Bolschewismus" und innenpolitisch die vage Vision eines „über allem
Kampf der Berufsstände und Parteien" stehenden Staates und einer
Nation als „sittlicher Arbeitsgemeinschaft", verrieten kaum etwas über
konkrete Schritte des neuen Regimes.54 Aussagen über eine Rückkehr
zur Monarchie wurden vermieden.55 Der Bund der Aufrechten, die
größte monarchistische Organisation, hatte den Putsch deshalb verur-

51
Dies galt etwa für eine der seinerzeit größten rechtsextremen Organisationen Uwe
LOHALM, Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen
Schutz- und Tnitzbundes 1919-1923, Hamburg 1970, S. 190 ff.
52
Der angebliche Putschversuch, in: NPZ, Nr. 134 vom 13.3. 1920; vgl. in gleichem
Sinne Kuno GRAF WESTARP, Helfferich, in: Hans von Arnim/Georg von Below
(Hg.), Deutschnationale Köpfe. Charakterbilder aus der Vergangenheit und Ge-
genwart der rechtsstehenden Parteien, Leipzig/Wien 2 1928, S. 371-385 (hier S.
383).
53
ERGER, K a p p - L ü t t w i t z - P u t s c h ( w i e A n m . 4 7 ) , S. 1 2 9 f.; Jan STRIESOW, Die
Deutschnationale Volkspartei und die Völkisch-Radikalen 1918-1922, Frank-
furt/M. 1981, Bd. 1,S. 169 f.
54
Abgedruckt in ERGER, Kapp-Lüttwitz-Putsch (wie Anm. 47), S. 324-326.
55
Vgl. Ludwig Franz GENGLER, Die deutschen Monarchisten 1919-1925. Ein Bei-
trag zur Geschichte der politischen Rechten von der Novemberrevolution 1918 bis
zur ersten Übernahme der Reichspräsidentschaft durch Generalfeldmarschall von
Hindenburg, Phil. Diss. Erlangen 1932, S. 75 ff.
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teilt; er galt ihr als plebejische Massenaktion, die auf die Zustimmung
der Parteien schielte. 56

III. Adlige und bürgerliche Putschisten

Man wird diese Differenzen und Unklarheiten schwerlich auf einen


Gegensatz von Adel und Bürgertum beziehen können, denn sowohl bei
den militärischen wie bei den zivilen Akteuren waren Adlige und Bür-
gerliche jeweils führend vertreten. Allerdings gibt es durchaus einige
Indizien für die verhältnismäßig starke Attraktivität des Putsches gera-
de unter adligen Offizieren und besonders in der elitären ehemals kai-
serlichen Marine, deren Oberkommandierender Adolf v. Trotha sich in
falscher Einschätzung der Lage explizit den Putschisten zur Verfügung
stellte. 57 Zwar war es, wie bereits erwähnt, vor und besonders im Er-
sten Weltkrieg zu der auf der Rechten bisweilen beklagten begrenzten
Öffnung des Offizierkorps für „erwünschte Kreise", die „Gruppen der
bürgerlichen Oberschicht", gekommen. Wilhelm II. hatte den „Adel
der Gesinnung" ganz offiziell neben den „Adel der Geburt" gestellt,
und im gesamten Offizierskorps hatte sich der Adelsanteil von etwa
40% zur Jahrhundertwende auf 30% bei Kriegsausbruch und etwa 20%
Ende 1920 verringert. Aber zum einen ist dabei die „Adelspyramide"
zu beachten. Während der Adelsanteil im Offizierkorps 1914 bei 30%
lag, betrug er unter den Generälen 70%. Zum anderen war der Adels-
anteil auch unter den rangniederen Offizieren gerade in einigen Tradi-
tionseinheiten - besonders der Kavallerie - wesentlich höher, die in
den putschistischen Umtrieben eine aktive Rolle spielten. 58 Hinweise,
die näher geprüft werden müßten, gibt die von Emil Julius Gumbel
1924 vorgelegte Liste von 540 Offizieren, gegen die wegen ihrer Teil-
nahme am Kapp-Lüttwitz-Putsch ermittelt wurde - bekanntlich kam
es nur in einem einzigen dieser Fälle zu einer Verurteilung. Der Adels-

56
Vgl. jetzt die Studie von Arne HOFMANN, „Wir sind das alte Deutschland, Das
Deutschland, wie es war..." Der „Bund der Aufrechten" und der Monarchismus in
der Weimarer Republik, Frankfurt/M. u.a. 1998, S. 71 ff.
57
Das Kabinett Bauer (wie Anm. 31), S. 670 ff.; vgl. zur Rolle der Marine im
Kapp-Lüttwitz-Putsch Werner RAHN, Reichsmarine und Landesverteidigung
1919-1928. Konzeption und Führung der Marine in der Weimarer Republik,
München 1976, S. 51 ff.; Gerhard GRANIER, Magnus von Levetzow. Seeoffizier,
Monarchist und Wegbereiter Hitlers. Lebensweg und ausgewählte Dokumente,
Boppard 1983, S. 70 ff.
58
Detlef BALD, Der deutsche Offizier. Sozial- und Bildungsgeschichte des deut-
schen Offizierskorps im 20. Jahrhundert, München 1982, S. 21 ff., 39ff., 85 ff.;
vgl. HOYNINGEN-HUENE, Adel (wie Anm. 21), S. 267 ff.
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anteil dieser Liste - über ein Viertel - liegt etwas über dem Anteil des
Adels bei den Offizieren der Reichswehr. 59
Für das Verständnis des Kapp-Lüttwitz-Putsches - auch hinsicht-
lich des hier behandelten Aspekts - ist die Betrachtung der Freikorps
unerläßlich. Die im zweiten Halbjahr 1919 anschwellende rechte Welle
ging einher mit der Verstärkung der Freikorps durch die vom „Kampf
gegen den Bolschewismus" 60 im Baltikum zurückgekehrten Truppen,
die sich nun in den ostelbischen Provinzen sammelten. Freikorps und
mit diesen über personelle Netzwerke verbundene nationalistische
Wehrverbände 61 errangen an vielen Orten die hegemoniale Macht. Die
Marinebrigade Ehrhardt, die am 13. März 1920 in Berlin einmarschier-
te und das militärische Zentrum des Putsches bildete, 62 verkörperte
besonders deutlich den schon bald metaphysisch überhöhten „Frei-
korpsgeist", eine Melange aus Weltkriegserlebnis, Frontkameradschaft,
Führergedanke und „Frontstellung gegen das bürgerliche Zeitalter",
eine Ideologie, in welcher die „Gestalt des Bourgeois" als der „eigent-
liche Gegner" fungierte. 63 Solche rechtsextremen antibürgerlichen
Affekte - die ja durchaus in Traditionen der wilhelminischen Kultur

Emil Julius GUMBEL, Verschwörer. Zur Geschichte und Soziologie der deutschen
nationalistischen Geheimbünde 1918-1924, Neuausgabe Frankfurt/M. 1984, S.
62-71; noch signifikanter erscheint dieser Umstand, wenn berücksichtigt wird,
daß der Adelsanteil in der Reichswehr Ende 1920 vermutlich schon höher gewe-
sen ist als Anfang des Jahres, denn durch die Verkleinerung des Offizierskorps in-
folge des Versailler Vertrags erhöhte sich zumindest bis Mitte der 20er Jahre der
Adelsanteil; einschränkend ist allerdings festzuhalten, daß in diesen Tagen viele
Offiziere gar nicht wußten, welcher Kommandeur eigentlich „seine Macht legal
ausübte und wer putschte" (Harold J. GORDON, Die Reichswehr und die Weimarer
Republik 1919-1926, Frankfurt/M. 1959, S. 134).
60
Forderungen des Generals Rüdiger Graf von der Goltz an die Reichsregierung,
August 1919, dokumentiert in: Otto-Ernst SCHÜDDEKOPF (Hg.), Das Heer und die
Republik. Quellen zur Politik der Reichswehrführung, Hannover/Frankfurt 1955,
S. 100 f.
6
' Vgl. Horst W.G. NUßER, Konservative Wehrverbände in Bayern, Preußen und
Österreich 1918-1933 mit einer Biographie von Forstrat Escherich (1870-1941),
München 1973; James M. DIEHL, Paramilitary Politics in Weimar Gemrany,
Bloomington 1977; Hans-Joachim MAUCH, Nationalistische Wehrorganisationen
in der Weimarer Republik. Zur Entwicklung und Ideologie des „Paramilitaris-
mus", Frankfurt/Berlin 1982.
62
Gabriele KRÜGER, Die Brigade Ehrhardt, Hamburg 1971, S. 38 ff.
63
Hagen SCHULZE, Freikorps und Republik 1918-1920, Boppard 1967, S. 57 (ff.);
Schulze betont, daß auch die Freikorps vom Beginn des Putsches, den sie insge-
heim schon lange erwartet hatten, überrascht wurden (ebd., S. 278).
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Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen 117

wurzelten 64 - gingen einher mit schlichtem monarchistischem Denken.


Ein Aktivist brachte es, aus dem „Dritten Reich" rückblickend, auf die
Formel, man sei „für ein neues Deutschland unter der alten schwarz-
weiß-roten Flagge"65 marschiert - mit dem Hakenkreuz am Stahl-
helm. 66 In einem Bericht der Deutschen Zeitung wurde die Parade zum
einjährigen Bestehen der Marine-Brigade Ehrhardt am 1. März 1920
geschildert: „Mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen zogen die
Sturmkompagnie, die Bataillone, Artillerie, Maschinengewehr- und
Scheinwerferzüge in vorzüglicher Verfassung vorüber. Dann Feldgot-
tesdienst unter blauem Frühlingshimmel - wie einst. Nachmittags
Sportfest und abends frohes Beisammensein - alles wie einst. Auch
das Wetter - Hohenzol lern weiter! Nur einer fehlte." 67 In einer Bro-
schüre umriß Hermann Ehrhardt, der Führer der etwa 2.500 Mann zäh-
lenden nach ihm benannten Brigade, ein Jahr nach dem Putsch die nur
locker verknüpften Komponenten seiner Weltanschauung. Er offenbar-
te seine Sympathie für den Gedanken der „Aristokratie" und „Monar-
chie" ebenso wie das Verlangen nach einem Arndt und Fichte zur na-
tionalen Gesundung sowie seine Absicht, die „bürgerliche Gesell-
schaftsordnung" kompromißlos zu verteidigen und den Klassenkampf
durch einen „Adel der Arbeit" zu überwinden.68 Während hier zumin-
dest der Versuch gemacht wurde, eine Ideologie der Freikorps zu ent-
werfen, begnügte sich ein Offizier seiner Einheit mit der Verklärung

64
Vgl. Axel SCHILDT, Radikale Antworten von rechts auf die Kulturkrise der Jahr-
hundertwende. Zur Herausbildung und Entwicklung der Ideologie einer „Neuen
Rechten" in der Wilhelminischen Gesellschaft des Kaiserreichs, in: Jahrbuch fiir
Antisemitismusforschung 4, (1995), S. 63-87.
65
Edgar VON SCHMIDT-PAULI, Geschichte der Freikorps 1918-1924, Stuttgart 1936,
S. 236.
66
Zum radikalen Antisemitismus der Putschisten vgl. die Erinnerungen von Bogis-
lav VON SELCHOW, Hundert Tage aus meinem Leben, Leipzig 1936, S. 312 ff.;
Striesow, Deutschnationale Volkspartei (wie Anm. 53), Bd. 1, S. 170 ff. Der Anti-
semitismus bildete eine wichtige Klammer nahezu der gesamten politischen Rech-
ten und war gerade in den agrarischen Verbänden allgemein verbreitet; vgl. Heinz
REIF, Antisemitismus in den Agrarverbänden Ostelbiens während der Weimarer
Republik, in: ders. (Hg.), Ostelbische Agrargesellschaft im Kaiserreich und in der
Weimarer Republik. Agrarkrise - junkerliche Interessenpolitik - Modernisie-
rungsstrategien, Berlin 1994, S. 379-411.
67
Deutsche Zeitung (Berlin), Nr. 103 vom 4.3. 1920.
68
Hermann EHRHARDT, Deutschlands Zukunft. Aufgaben und Ziele, München 1921,
S. 7, 1 5 , 2 1 , 2 8 , 30.
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118 Axel Schildt

der abenteuerlich-landsknechtshaften Kameradschaft der „zweitausend


resoluten Männer unter einem mannhaften Führer". 69
In mancher Hinsicht bildeten die bürgerlich bzw. kleinbürgerlich
geprägten Einwohnerwehren, die auf Anweisung des zuständigen Mi-
nisters Noske seit den Tagen der Novemberrevolution und verstärkt
seit Januar 1919 aufgestellt worden waren, 70 um als militärische Hilfs-
truppen politische Unruhen zu bekämpfen, den ideologischen Gegen-
pol zu den Freikorps und nationalistischen Wehrverbänden, mit denen
sie wiederum personell vernetzt waren. Denn bei aller antibolschewi-
stischen Gemeinsamkeit ging es den Einwohnerwehren, die Anfang
1920 940.000 Mitglieder mit 690.000 Gewehren und Karabinern auf-
brachten, doch in der Regel gerade nicht um Putschabenteuer, sondern
ausschließlich um die „Sicherung des persönlichen Eigentums"71 ge-
gen tatsächliche und vermeintliche Revolutionsgefahren. Die Einwoh-
nerwehren warteten insofern in den Märztagen vielfach ab, wie sich
die Situation entwickelte, um dann im Anschluß an den gescheiterten
Putsch, als das Militär mit großer Brutalität gegen revolutionäre be-
waffnete Arbeiter vorging, auf der Seite der siegreichen bürgerlichen
Ordnung zu stehen. Im April 1920 wurden die Einwohnerwehren, auch
auf Druck der Alliierten, aufgelöst. 72
Während für die militärische Seite des Unternehmens immerhin
vorsichtige Trendaussagen bezüglich des Anteils von Offizieren adli-
ger und bürgerlicher Herkunft getroffen werden können, sind solche
Aussagen für die „zivile" politische Rechte kaum möglich.73 Zu den
prominenten zivilen Verschwörern zählten neben Wolfgang Kapp der
schon im Kaiserreich als Sittenwächter umstrittene deutschnationale
Theologe und Hofprediger Gottfried Traub, vorgesehen als Kultusmi-
nister, außerdem Georg Wilhelm Schiele, der bereits erwähnte Freiherr
v. Wangenheim, auch er in der DNVP und als Vorsitzender des Bundes
der Landwirte gewichtiger Lobbyist der Großagrarier, vorgesehen als
Landwirtschaftsminister, daneben auch Hans-Jürgen v. Dewitz aus

69
Manfred v. KJLLINGER, Ernstes und Heiteres aus dem Putschleben, München
1942, S. 51; vgl. ders., Der Klabautermann. Eine Lebensgeschichte, München
1936 (jeweils Verlag Franz Eher Nachf.).
70
Erwin KÖNNEMANN, Einwohnerwehren und Zeitfreiwilligenverbände, Berlin (Ost)
1971, S. 34 ff. und einschlägige Dokumente ebd., S. 351 ff.
71
Peter BUCHER, Zur Geschichte der Einwohnerwehren in Preußen 1918-1921, in:
Militärgeschichtliche Mitteilungen 9 (1971), S. 15-59 (Zit. S. 51).
72
Zur Auflösung der Einwohnerwehren einige Unterlagen in FZH, 4132.
73
Ohnehin verschwimmen die Kategorien „Zivil" und „Militär" in diesem Fall,
denn auf der „zivilen" Seite der Putschisten standen etliche ehemalige Angehörige
der deutschen Armeen und kaiserlichen Marine.
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Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen 119

dem Direktorium des Pommerschen Landbundes, der erwähnte Frei-


herr v. Falkenhausen, der ehemalige Berliner Polizeipräsident Traugott
v. Jagow, vorgesehen als Innenminister, der frühere Vorsitzende der
konservativen Reichstagsfraktion, Herausgeber der Kreuzzeitung und
deutschnationale Vorständler Kuno Graf Westarp sowie die Industri-
ellen Hugo Stinnes und Arnold Rechberg, eine Gruppe, die etwas her-
ablassend und unterschätzend als „Gemisch von entlassenen Beamten
der Kaiserzeit, ultrakonservativen Politikern und, am Rande, krassen
Opportunisten" bezeichnet worden ist.74
Wichtiger ist wohl die Tatsache, daß fast alle Protagonisten und
Sympathisanten des Putsches, an erster Stelle Wolfgang Kapp, zu den
führenden Mitgliedern der im September 1917 gegründeten Deutschen
Vaterlandspartei zählten, die mit nationalistischer und antisemitischer
Agitation alle Kräfte zur moralischen Stärkung der Heimatfront zu
koordinieren und mobilisieren versuchte. Die organisatorische Infra-
struktur dieses Sammlungsversuchs hatte vor allem der Bund der
Landwirte gestellt, während es in der Deutschkonservativen Partei
erhebliche Reserven gab, nicht zuletzt wegen des Versuchs einer Ver-
breiterung der politischen und sozialen Basis des rechten Lagers. Das
Ziel, relevante Teile der Arbeiterschaft zu erreichen, gelang der Va-
terlandspartei allerdings dann nicht wie erhofft. 75 Sie blieb eine „aus-
gesprochen bürgerliche Bewegung", 76 in der „Honoratioren, das geho-
bene wilhelminische Bildungs- und Besitzbürgertum",77 das Bild
prägten, unter Einbeziehung eines beträchtlichen Adelsanteils in der
öffentlich herausgestellten Führung.

74
GORDON, Reichswehr (wie Anm. 59), S. 98.
75
Zu den diesbezüglichen Versuchen der Konservativen im Kaiserreich, die in die
faschistische Bewegung und Gründung der Deutschen Arbeiterpartei 1919 mün-
deten, vgl. Dirk STEGMANN, Zwischen Repression und Manipulation: Konservati-
ve Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910/12-1918, in: Ar-
chiv für Sozialgeschichte 12 (1972), S. 351-432; im Oktober 1918 hatte es sogar
inoffizielle Verhandlungen zwischen Vertretern der Vaterlandspartei und der Ge-
neralkommission der Gewerkschaften gegeben, die allerdings ohne Ergebnis blie-
ben; Hans MOMMSEN, Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar
in den Untergang 1918 bis 1933, Berlin 1989, S. 24.
76
Dirk STEGMANN, Vom Neokonservatismus zum Proto-Faschismus: Konservative
Partei, Vereine und Verbände 1893-1920, in: ders. u.a. (Hg.), Deutscher Konser-
vatismus im 19. und 20. Jahrhundert. FS Fritz Fischer zum 75. Geburtstag und
zum 50. Doktoijubiläum, Bonn 1983, S. 199-230 (Zitat: S. 220); vgl. ders., Die
Erben Bismarcks. Parteien und Verbände in der Spätphase des Wilhelminischen
Deutschlands. Sammlungspolitik 1897-1918, Köln/Berlin 1970, S. 497 ff.
77
Heinz HAGENLÜCKE, Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende
des Kaiserreiches, Düsseldorf 1997, S. 406.
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120 Axel Schildt

Die engere Führung der Vaterlandspartei stand nach der Revolution


und der Auflösung der Partei, nachdem Versuche zur Bildung einer
nationalliberal-konservativen Sammlung gescheitert waren, zunächst
nicht in der ersten Reihe der neuen Deutschnationalen Volkspartei,
ebensowenig wie die vorherigen Repräsentanten der Deutschkonserva-
tiven. Gewichtige Ausnahmen bildeten allerdings Kapp selbst, der seit
Juli 1919 dem engeren Vorstand der DNVP angehörte und ihren Lan-
desverband Ostpreußen führte, sowie der erwähnte Graf Westarp, der
autonome Strukturen des Hauptvereins der Deutschkonservativen in
der DNVP erhielt. Zudem dominierten auf lokaler Basis oftmals ehe-
malige Funktionäre der Vaterlandspartei, von der ganze Ortsgruppen
geschlossen zu den Deutschnationalen gewechselt waren. „Fast könnte
man sie (die DNVP; A.S.) mit der Vaterlandspartei identifizieren",
bemerkte deshalb Sigmund Neumann in seinem berühmt gewordenen
Buch über die Parteien der Weimarer Republik nicht ganz zutreffend.78
Denn die DNVP wurde von der Gruppierung um Kapp ganz offen-
sichtlich als nicht ausreichend für die Verwirklichung weiter gespann-
ter Pläne empfunden.
Zur Koordination von Aktionen gegen die Republik wurde im Au-
gust 1919 eine Nationale Vereinigung gegründet, die etwa Freikorps-
soldaten aus dem Baltikum als Ersatz für unbotmäßige Landarbeiter
auf ostelbische Güter vermittelte. Dadurch konnten militärische
Strukturen erhalten und reorganisiert werden, die dem ersehnten Um-
sturz dienen sollten.79 Die Nationale Vereinigung war also keine rein
zivile politische Angelegenheit, wie auch deren organisatorische Füh-
rung durch den Ludendorff-Vertrauten Oberst a.D. Max Bauer, „die
Seele des ganzen Unternehmens", zeigte.80 In der Nationalen Vereini-
gung gaben er und der ehemalige Hauptmann des Gardekavallerie-
schützenkorps Waldemar Pabst, der als Hauptgeschäftsführer fungier-
te, den Ton an. Pabst hatte nach einem in letzter Minute gestoppten
ersten Putschversuch im Juni 1919 seinen Abschied nehmen müssen,
galt aber nach wie vor als Verbindungsmann zu Lüttwitz.

78
Sigmund NEUMANN, Die Parteien der Weimarer Republik, Stuttgart u.a. 31973
( 1 9 3 2 ) , S. 6 1 .
79
Hagen SCHULZE, Otto Braun oder Preußens demokratische Sendung, Frankfurt/M.
1977, S. 291; zur Nationalen Vereinigung vgl. Junius ALTER, Nationalisten, Leip-
zig 1 9 3 0 , S. 3 0 .
80
GENGLER, Monarchisten, S. 82; vgl. Ekkehart P. GUTH, Der Loyalitätskonflikt des
deutschen Offizierskorps in der Revolution 1918-1920, Frankfurt/M. 1983, S.
2 3 2 ff.

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Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen 121

Neben früheren Führungskräften der Vaterlandspartei waren es in-


nerhalb der DNVP vormalige Funktionäre und Anhänger der Deutsch-
konservativen, die sich bei den Vorbereitungen des Putsches 1919/20
hervortaten. In der DKP aber hatte es eine eindeutige Überrepräsentanz
des preußischen Adels gegeben,81 und adlige Junker stellten insofern
auch einen gewichtigen Teil der Putsch-Protagonisten, 82 etwa Wil-
helm Freiherr v. Gayl, als Landrat deshalb später seines Amtes entho-
ben und am Ende der Weimarer Republik Innenminister von Papens
„Kabinett der Barone", oder Botho-Wendt Graf zu Eulenburg. Das
Gerüst des Putsches bildeten die von Großagrariern dominierten land-
wirtschaftlichen Verbände und Regionen,83 und es war kein Zufall, daß
Freiherr v. Wangenheim, der Vorsitzende des Pommerschen Landbun-
des, als Landwirtschaftsminister vorgesehen war. 84 Von den DNVP-
Landesverbänden wurde dem Putsch explizite Unterstützung vor allem
in Mittelschlesien, wo ihn die von Axel Freiherr v. Freytag-Loringho-
ven geführte Partei „mit tiefster Befriedigung" 85 aufnahm, in Pommern
und in Mecklenburg zuteil.

IV. Rechte Kritiker des Putsches

Allerdings rieten fuhrende Kräfte der Deutschnationalen ebenso wie


die Führung der DVP in den ersten Märztagen den Putschisten von
ihrem Plan ab und versuchten zwischen ihnen und der Regierung zu
vermitteln.86 Die Funktionäre der DNVP verblieben dann, als dies
nicht gelang, mehrheitlich in einer abwartenden „virtuellen Identität"87

81
James RETALLACK, Notables of the Right: The Conservative Party and Political
M o b i l i z a t i o n in G e r m a n y , 1 8 7 6 - 1 9 1 8 , L o n d o n / B o s t o n 1 9 8 8 ; v g l . SCHILDT, K o n -
servatismus (wie Anm. 6), S. 102 ff.
82
Dies betonte neben DLSSOW, Adel (wie Anm. 19), S. 182, in naiver Apologie etwa
GÖRLITZ, Junker (wie Anm. 18), S. 341 ff., der eine Ehrenlinie von den Putschi-
sten zu den Männern des 20. Juli 1944 zog.
83
Neben den in der Literatur häufig abgehandelten Regionen Ostpreußen, Schlesien,
Pommem ist vor allem Thüringen und Schleswig-Holstein zu erwähnen; vgl.
Matthias SCHARTL, Landräte und Kapp-Putsch im nördlichen Schleswig-Hol-
stein, in: Demokratische Geschichte. Jahrbuch zur Arbeiterbewegung und Demo-
kratie in Schleswig-Holstein 8 (1993), S. 173-204.
84
Vgl. Martin SCHUMACHER, Land und Politik. Eine Untersuchung über politische
Parteien und agrarische Interessen 1914-1923, Düsseldorf 1978, S. 248 ff.
85
Schlesische Zeitung vom 15.3. 1920, dok. in: Karl BRAMMER, Fünf Tage Militär-
diktatur. Dokumente zur Gegenrevolution, Berlin 1920, S. 42.
86
Vgl. ERGER, Kapp-Lüttwitz-Putsch (wie Anm. 47), S. 335 f.; namentlich Gustav
Stresemann hegte ursprünglich Sympathien für das Unternehmen.
87
MOMMSEN, Verspielte Freiheit (wie Anm. 75), S. 80.

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122 Axel Schildt

oder sahen das Unternehmen Kapp-Lüttwitz als strategisches Aben-


teuer an, von dem man sich nach dem Mißlingen selbstverständlich
distanzierte.88
Zudem gab es eine ganze Reihe von Adligen aus dem gleichen
preußisch-junkerlichen Milieu mit ähnlichem politischem Werthori-
zont, die aus unterschiedlichen Gründen zu den scharfen Kritikern des
Putsches zählten, am seltensten wohl aus demokratischer Überzeu-
gung. 89 In seinen Erinnerungen berichtet Oldenburg-Januschau über
seine Ablehnung, als Kapp ihm im Januar 1920 die Leitung der Pro-
vinz Ostpreußen für den Fall einer Erhebung andienen wollte: „Es sei
in dieser Zeit der allgemeinen Unsicherheit nicht möglich, von Berlin
aus einen Umsturz der Verhältnisse für ganz Deutschland ins Werk zu
setzen. Eine solche Tat sei unter den gegenwärtigen Umständen nur
von Ostpreußen aus denkbar. Hier habe man die Truppen in der Hand,
so daß der Erfolg innerhalb Ostpreußens dank des Mangels an Groß-
städten sicher sei. Nach der bewaffneten Erhebung müsse man einen
selbständigen Staat aufrichten mit dem Ziel, von hier aus Preußen neu
zu gründen. Gegenüber Berlin sitze man am längeren Hebelarm, da
man die Ernährung der Hauptstadt bis zu einem gewissen Grade unter-
binden könne.[...] Sei das geschehen, dann könne man, den preußi-
schen Osten im Rücken, den Marsch auf Berlin wagen. Im Scherz
fügte ich zu Kapp gewandt hinzu: ,Nehmen Sie Reitstunden. Wer Ber-
lin in die Hand bekommen will, muß durchs Brandenburger Tor gerit-
ten kommen.'" 90
Während hier eine alternative - wohl ebenso illusionäre - Strategie
für einen Putsch vorgeschlagen wurde, verurteilten einzelne adlige
Politiker wie etwa der Fraktionsfiihrer der DNVP in der Nationalver-
sammlung, Arthur Graf Posadowsky-Wehner, das Unternehmen, weil

88
Vgl. Das Kabinett Bauer (wie Anm. 31), S. 792 ff.; STRIESOW, Deutschnationale
Volkspartei (wie Anm. 53), Bd. 1, S. 174 ff.; Werner LIEBE, Die Deutschnationale
Volkspartei 1918-1924, Düsseldorf 1956; eine Sammlung von Zeitungsartikeln in
FZH, 7533.
89
Vgl. TROELTSCH, Spektator-Briefe (wie Anm. 1 ), S. 118.
90
OLDENBURG-JANUSCHAU, Erinnerungen (wie Anm. 37), S. 212. Einem Zeitzeu-
gen zufolge fand dieses Gespräch allerdings in den Tagen des Putsches in Berlin
statt, wohin sich Oldenburg-Januschau als Unterstützer begeben hatte. Prinz Ernst
Heinrich V. SACHSEN, Mein Lebensweg vom Königsschloß zum Bauernhof,
Frankfurt/M. 1979, S. 153 ff.; tatsächlich hatte Kapp ursprünglich, im Sommer
1919, den Plan verfolgt, zunächst Ostpreußen zu erobern, den er nach einem Ge-
spräch mit Ludendorff und General Friedrich Karl von Loßberg, Chef des Stabes
des Reichswehrgruppenkommandos 2, fallen ließ; vgl. STRIESOW, Deutschnatio-
nale Volkspartei (wie Anm. 53), Bd. 1, S. 164.
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Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen 123

dadurch die langfristige Entwicklung der „bürgerlichen Gesellschaft"


nach rechts gefährdet würde.91 Diese Position entsprach, zumindest
unmittelbar nach dem Mißlingen, breiten Stimmungen in der Partei.92
Ähnlich äußerten sich auch der zum „Held von Tannenberg" stilisierte
Generalfeldmarschall Paul v. Hindenburg, den die politische Rechte
Anfang März 1920 zum Präsidentschaftskandidaten erkoren hatte,93
und Generalfeldmarschall August v. Mackensen. 94 Großen Teilen der
alten Herrschaftsschicht des Kaiserreiches schien es schlicht noch zu
früh, an eine erfolgreiche Gegenrevolution zu denken. Zu Beginn des
Jahres 1920 hatte die Kreuzzeitung herausgestellt, daß die Gegenwart
den „Urhebern und Nutznießern der Revolution [...] den Demagogen
auf der Gosse" gehöre, und geschlossen: „Uns gehört die Zukunft,
auch wenn wir sie nicht erleben."95
So fand der Kapp-Lützwitt-Putsch keine ausreichende Basis, ob-
wohl die Stoßrichtung gegen die Weimarer Republik durchaus einem
breiten Konsens der politischen Rechten entsprach. Aber nur eine klei-
ne Minderheit der militärischen Führung, in der adlige Offiziere eine
hervorgehobene Rolle spielten, radikalisierte Freikorps, große Teile
der adligen Junker und eine Minderheit des rechtskonservativen Bür-
gertums fand sich zur aktiven Tat bereit.96 Den größten Anteil am
Fehlschlag des Putsches hatte der gewerkschaftlich organisierte Gene-
ralstreik der Arbeiterschaft, aber auch eine Mehrheit der politischen
Rechten und „die breiten Schichten des Bürgertums" standen Kapp

91
Arthur GRAF V. POSADOWSKY-WEHNER, Weltwende. Gesammelte politische
Aufsätze, Stuttgart 1920, S. 117.
92
Auch der spätere Partei-Diktator Alfred Hugenberg und der Führer der Alldeut-
schen Heinrich Claß äußerten sich in diese Richtung; vgl. STEGMANN, Neokonser-
vatismus (wie Anm. 76), S. 228 f.
93
Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht abzusehen, daß die erste Volkswahl des
Reichspräsidenten erst 1925 stattfinden würde; vgl. Generalfeldmarschall von
Hindenburg Präsidentschaftskandidat, in: NPZ Nr. 122 vom 6.3. 1920; Andreas
DORPALEN, Hindenburg in der Geschichte der Weimarer Republik, Berlin 1966,
S. 58 ff.; Walter RAUSCHER, Hindenburg. Feldmarschall und Reichspräsident,
Wien 1997, S. 216 f.
94
Theo SCHWARZMÜLLER, Zwischen Kaiser und „Führer". Generalfeldmarschall
August von Mackensen. Eine politische Biographie, Paderborn u.a. 1995, S. 186.
95
Neujahrsgedanken, in: NPZ, Nr. 1 vom 1.1. 1920.
96
Etwa in einzelnen „bürgerlichen Gegenstreiks", SCHARTL, Landräte - wie
Anm. 83), S. 193, 196 - gegen den gewerkschaftlichen Generalstreik oder bis-
weilen in der Unterstützung von Bürgerräten für die Putschisten; vgl. Hans-Joa-
chim BIEBER, Bürgertum in der Revolution. Bürgerräte und Bürgerstreiks in
Deutschland 1918-1920, Hamburg 1992, S. 313 ff.
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124 Axel Schildt

„mißtrauisch oder doch mindestens abwartend gegenüber."97 Die legi-


time Reichsregierung, die - wie die Nationalversammlung 1849 - in
Stuttgart Zuflucht gefunden hatte, bezeichnete die Putschisten in ihrem
Aufruf „An das deutsche Volk" vom 14. März 1920 als „reaktionäre
Frevlei", 98 und in der Nationalversammlung bedankte sich Reichs-
kanzler Bauer in seiner Regierungserklärung am 18. März ausdrücklich
bei Arbeiterschaft und Bürgertum gleichermaßen für die Niederschla-
gung des „bolschewistischen Angriffs von rechts", während der Adel
bei ihm und in der anschließenden ausführlichen Debatte keine Erwäh-
nung fand. 99
In einer weiteren Perspektive handelte es sich beim Kapp-Lütt-
witz-Putsch lediglich um eine Episode im Kampf gegen die Weimarer
Demokratie. Der politischen Rechten führte sein Ausgang vor Augen,
daß eine Vendée im Deutschland des 20. Jahrhunderts ebenso anachro-
nistisch war wie ein militärischer Staatsstreich ohne ausreichende Mas-
senbasis. Den Putschisten selbst wurde allerdings durchaus ein ehren-
des Andenken zuteil. In der Kreuzzeitung wurde ihnen attestiert, sie
seien „entschlossene Männer, durchglüht von heißer Vaterlandsliebe
und getrieben von schwerer Sorge um die Zukunft Deutschlands", die
geglaubt hätten, „mit militärischen Kräften die Besserung herbeiführen
zu können. [...] Die Gründe, aus denen ihr Unternehmen gescheitert ist,
werden noch häufig eingehend erörtert werden müssen." 100 Die Partei-
en der Weimarer Koalition vermochten aus ihrem Sieg in dieser Aus-
einandersetzung keine Kraft zu schöpfen. Die Reichstagswahl im Juni
1920 endete mit einem dramatischen Rückgang ihrer Stimmen von
76,2% auf 43,6% und einer Rechtswende, so daß es zur ersten „rein
bürgerlichen Regierung" 101 kam, während der Adelsanteil im Offizier-
korps der verkleinerten Reichswehr in den folgenden Jahren wieder

97
Arthur ROSENBERG, Die Geschichte der deutschen Republik, Karlsbad 1935, S.
366.
98
Das Kabinett Bauer (wie Anm. 31), S. 684; Philipp SCHEIDEMANN, Memoiren
eines Sozialdemokraten, Bd. 2, Dresden 1928, S. 400 f., sprach von „preußischen
Reaktionären" bzw. einer „Karnevalsregierung".
99
Die Deutsche Nationalversammlung im Jahre 1920 in ihrer Arbeit für den Aufbau
des neuen deutschen Volksstaates. Hg. v. Eduard HEILFRON, Bd. 9, Berlin 1920,
S. 238 ff. (Zitat: S. 245).
100
Rückblick, in: NPZ, Nr. 135 vom 24.3. 1920; vom 14.3. bis 23.3. 1920 hatte die
Zeitung aufgrund des Streiks nicht erscheinen können; vgl. auch die vorsichtige
Rechtfertigung der Motive fur den Putsch durch den Volksparteiler Heinze in:
Deutsche Nationalversammlung (wie Anm. 99), S. 268 ff..
101
Arnold BRECHT, Aus nächster Nähe. Lebenserinnerungen 1884-1927, Stuttgart
1966, S. 318.
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Der Putsch der „Prätorianer, Junker und Alldeutschen 125

anstieg. 102 Erst nach dem Scheitern des „Hitler-Putsches" in Bayern


im November 1923, das von Militär und nationalistischen sowie weiß-
blauen Organisationen im Schatten des Kapp-Lüttwitz-Unternehmens
planmäßig zur „Ordnungszelle" ausgebaut worden war 103 , ging die
politische Rechte endgültig zum parlamentarischen Weg der Zerstö-
rung der Demokratie über. Und zahlreiche der Putsch-Protagonisten
der ersten Nachkriegsjahre, ob adliger oder bürgerlicher Herkunft,
begegneten sich später als Aktivisten der „nationalen Erhebung" in der
NSDAP, 104 in der Ende der 20er Jahre radikalisierten DNVP oder im
Stahlhelm.

102
Hans-Adolf JACOBSEN, Militär, Staat und Gesellschaft in der Weimarer Republik,
in: Karl D. Bracher u.a. (Hg.), Die Weimarer Republik 1918-1933. Politik, Wirt-
schaft, Gesellschaft, Düsseldorf 1987, S. 343-368 (hier S. 343, 355).
103 VG] HANS FENSKE, Konservatismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1 9 1 8 ,
Bad Homburg v. d. H. 1969, S. 89 ff.
104 Yg] exemplarisch die Positionen des ehemaligen Herrscherhauses, dok. v. Willi-
bald GUTSCHE/Joachim PETZOLD, Das Verhältnis der Hohenzollern zum Faschis-
mus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 29 (1981), S. 917-939; Friedrich
Wilhelm PRINZ V. PREUßEN, Das Haus Hohenzollern 1918-1945, München/Wien
1985, S. 59 ff.

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MARCUS FUNCK

Schock und Chance.


Der preußische Militäradel in der
Weimarer Republik
zwischen Stand und Profession

1. Stand und Defizite der Forschung

Die fortdauernd starke Präsenz des Adels in den preußisch-deutschen


Offizierkorps sowie dessen Präponderanz gegenüber der bürgerlichen
Zivilgesellschaft bis weit in das 20. Jahrhundert hinein zählt bis heute
zu den zentralen Themen der deutschen Militärgeschichte. Allerdings
stehen die Schärfe der Urteile und die Reichweite der Interpretationen
seit jeher in einem ungünstigen Verhältnis zu dem tatsächlichen Fun-
dus an gesichertem Wissen. Dies um so mehr als die Geschichte des
deutschen Adels im 19. und 20. Jahrhundert wie auch die neuere Mili-
tärgeschichte, trotz beeindruckender Forschungsleistungen im einzel-
nen, lange Jahre nicht gerade einen Kembereich der historischen For-
schung ausmachte.1
Wer sich mit der Geschichte des deutschen Militärs in der Zwi-
schenkriegszeit beschäftigt, hat sich vor allem mit zwei umfassenden
Interpretationsangeboten auseinanderzusetzen, die in ihren Stärken und
Schwächen kurz skizziert werden sollen. Unter Betonung der Konti-
nuitäten in der jüngeren deutschen Geschichte dominierte bis in die
1980er Jahre ein Interpretationsmodell die historische Forschung, das

In beiden Bereichen hat es in den letzten zwei Jahrzehnten allerdings eine deutli-
che Intensivierung der Forschung gegeben. Vgl. zusammenfassend: Heinz REIF,
Adel im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999 und für die Potentiale einer er-
weiterten Militärgeschichte: Thomas KÜHNE/Benjamin ZIEMANN (Hg.), Was ist
Militärgeschichte?, Paderborn 2000.
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128 Marcus Funck

die Geschichte der Reichswehr als bloße Fortsetzung der deutschen


Armeen im Kaiserreich und als Vorgeschichte der Wehrmacht im Na-
tionalsozialismus zu erklären suchte. Neben noch immer bedeutenden
Gesamtdarstellungen entstanden zahlreiche militärhistorische Einzel-
studien, vor allem zur Früh- und Endphase der Republik, in denen
soziale Ordnungsmuster des Kaiserreiches in wissenschaftliche Kate-
gorien umgeschrieben und als Analyseraster zur Erforschung der
Nachkriegszeit verwandt wurden.2 Danach gelang es der weiterhin von
adligen Offizieren dominierten Reichswehrfiihrung nach einer kurzen
Phase der Instabilität 1918/19, die Republikanisierung des Offizier-
korps und ein Hineinwachsen der Armee in die Gesellschaft der Repu-
blik zu verhindern.3 Zum Schaden der Weimarer Republik etablierte
sich die Reichswehr als quasi-autonomes Eliteheer mit der Tendenz
zur Bildung eines „Staates im Staate".4 Mit Hinweis auf die homogene
Zusammensetzung des Offizierkorps, die sogar die der Vorkriegsarmee
übertraf, und den weiterhin hohen Anteil adliger Offiziere, wurden die
fatal erfolgreiche Reorganisation des Reichsheeres entlang wilhelmini-
scher Leitlinien und die Persistenz vormoderner, (neo-) feudaler
Strukturen im Militärapparat betont.5 Die Reichswehroffiziere, vor-

Als Auswahl: Gordon A. CRAIG, The Politics of the Prussian Army 1640-1945,
London/Oxford/New York 1955, v.a. S. 342-467; Francis L. CARSTEN, Reichs-
wehr und Republik 1918-1933, Köln/Berlin 1964; Rainer WOHLFEIL, Heer und
Republik (1918-1933), in: Handbuch zur deutschen Militärgeschichte, Bd. II/6,
Frankfurt 1970; pointiert zusammenfassend: Manfred MESSERSCHMIDT, Preußens
Militär in seinem gesellschaftlichen Umfeld, in: Hans Jürgen Puhle/Hans-Ulrich
Wehler (Hg.), Preußen im Rückblick, Göttingen 1980, S. 43-88, v.a. 77-85.
Die verpaßte Chance zum demokratischen Neuanfang 1918/19 dominierte einen
guten Teil der militärhistorischen Revolutionsforschung. Beispielhaft: Wolfram
WETTE, Gustav Noske. Eine politische Biographie, Düsseldorf 1987.
Urvater dieser Sichtweise ist Ekkehart KEHR, Zur Soziologie der Reichswehr, in:
Der Primat der Innenpolitik. Gesammelte Aufsätze zur preußisch-deutschen Sozi-
algeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, hg. v. Hans-Ulrich Wehler, Berlin 1965,
S. 235-243, dessen großartige tagespolitische Polemik von Historikern allzu
leichtfertig als bare wissenschaftliche Münze genommen wurde.
Detlef BALD, Der deutsche Offizier. Sozial- und Bildungsgeschichte des deut-
schen Offizierkorps im 20. Jahrhundert, München 1982, v.a. S. 85-100. Noch im-
mer werden Kontinuität und Restauration des preußisch-deutschen Militarismus
über 1918 hinaus einfach als „bekannt" vorausgesetzt, Adelsprivileg und -mono-
polisierung in Führungsstrukturen als „eindeutiges Faktum" festgelegt und somit
von vornherein der wissenschaftlichen Diskussion entzogen. So Detlef Bald in
seinen „einführenden Bemerkungen" zur Sozial- und Strukturgeschichte der
Wehrmacht, in: Die Wehrmacht. Mythos und Realität, im Auftrag des Militärge-
schichtlichen Forschungsamtes hg. v. Rolf-Dieter Müller/Hans-Erich Volkmann,
München 1999, S. 349-356. Allen Einwänden zum Trotz liefern Balds grandie-

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 129

nehmlich Abkömmlinge und Repräsentanten der „alten Eliten", fanden


demnach niemals zu einer konstruktiven Beziehung zur Republik.
Vielmehr orientierten sie sich an Monarchie und „soldatischem Geist"
und trugen somit maßgeblich zum Kollaps der Weimarer Republik bei.
So ziehen sich die von oben gesteuerte „soziale Militarisierung"6
der preußisch-deutschen Gesellschaft einerseits, die neuständische
Abgeschlossenheit des Offizierkorps andererseits als nahezu unverän-
derliche Konstanten durch die neuere preußisch-deutsche Geschichte,
die durch den „Zwang der großen Zahlen" 7 im späten 19. Jahrhundert
kaum geschwächt, unter den Bedingungen des Ersten Weltkrieges nach
1916 nur kurzzeitig aufgehoben und erst durch die modernisierenden
Strukturveränderungen in der militärischen Gesellschaft des „Dritten
Reiches" gebrochen wurden.8 Bei näherem Hinsehen erweisen sich
diese Glaubenssätze jedoch als unzureichende Instrumente für eine
sozialgeschichtliche Untersuchung des preußischen Militäradels nach
1918. Zwar liefern sie das analytische Rüstzeug zur Erklärung der
Beharrungskraft der traditionellen Herrschaftseliten gegen gesell-
schaftliche Modernisierung und Demokratisierung, der Übernahme
adlig-antibürgerlicher Lebens- und Herrschaftsmodelle durch das Bür-
gertum und der Wirkungsmacht der (alt-) preußischen Militärtradition,
beschreiben jedoch in erster Linie die Statik eines vergangenen Gesell-
schaftszustandes, während die Dynamik der Gesellschaftsbildung nach
1918 ignoriert bzw. unverbunden daneben gestellt wird.
Auch wenn diese Interpretation den Forschungsdiskurs über das
deutsche Militär der Zwischenkriegszeit über Jahre hinweg bestimmte,
blieb sie nie unumstritten. Eine grundlegend neue Perspektive eröff-

gende Studien noch immer die verläßlichsten Daten über die soziale Zusammen-
setzung des Offizierkorps.
Otto BÜSCH, Militärsystem und Sozialleben im alten Preußen 1713-1807. Die
Anfänge der sozialen Militarisierung der preußisch-deutschen Gesellschaft, Ber-
lin 1962.
Manfred MESSERSCHMIDT, Militär, Politik und Gesellschaft. Ein Vergleich, in:
Eliten in Frankreich und Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert. Bd 1 : Struktu-
ren und Beziehungen, hg. v. Rainer Hudemann/Georges-Henri Soutou, München
1994, S. 249-261, hier: S. 255.
Bernhard R. KROENER, Auf dem Weg zu einer „nationalsozialistischen Volksar-
mee". Die soziale Öffnung des Heeresoffizierskorps im Zweiten Weltkrieg, in:
Martin Broszat/Klaus-Dietmar Henke/Hans Woller (Hg.), Von Stalingrad zur
Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland, München
1988, S. 651-682 und ders., Strukturelle Veränderungen in der militärischen Ge-
sellschaft des Dritten Reiches, in: Michael Prinz/Rainer Zitelmann (Hg.), Natio-
nalsozialismus und Modernisierung, Darmstadt 2 1994, S. 267-296.

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neten jene Studien, in denen das Beziehungsgeflecht von militärischer


Profession, Nationalstaat und industrieller Gesellschaft ins Zentrum
der Überlegungen gerückt wurde. 9 Im Übergang des Offizierkorps vom
Gesellschaftsstand zum Berufsstand bildeten sich in einzelnen Sekto-
ren des Militärs über Expertenwissen verfugende funktionale Eliten
aus, die sich in erster Linie der Organisation von militärischer Gewalt
verpflichtet fühlten. Im Ersten Weltkrieg wurde die aristokratisch-
wilhelminische Militärkultur durch einen von der Dritten Obersten Hee-
resleitung zur Maxime erhobenen Leistungskult abgelöst, so daß im
Krieg letztlich zwei Offizierstypen das Feld beherrschten: Zum einen
der Generalstabsoffizier in der Etappe als Manager der militärischen
Gewaltorganisation und zum anderen der Frontoffizier als Heros des
Krieges, von denen der erste Typ das Offizierkorps der Reichswehr in
den Führungs- und Entscheidungspositionen dominierte. Nicht die
reaktionär-konservativen Militärfossilien in der Truppe, sondern die
progressiven Kriegsmanager im Wehrministerium und in den Stäben
trugen demnach entscheidend zur systematischen Demontage der
Weimarer Republik bei. Die neofeudale Außendarstellung des Offi-
zierkorps hingegen wurde als mediale Inszenierung zur Wiedergewin-
nung von militärischer Identität und sozialem Status gedeutet. Erst
durch die erfolgreiche Vermittlung des Leitbildes einer homogenen,
aristokratisch veredelten Militärelite erlangte das sozial desintegrierte
Offizierkorps innermilitärische wie gesamtgesellschaftliche Akzep-
tanz. Mit diesem Interpretationsansatz gelang es überzeugend, das
dynamische Ineinandergreifen von industrieller und militärischer Ge-
sellschaft in den Blickpunkt zu rücken und gleichzeitig den allgegen-
wärtigen Rückgriff auf aristokratische Militärtraditionen zu integrie-
ren. Im Anschluß an dieses flexible Verlaufsmodell, das allerdings den
Widerstand der Offiziere gegen den säkularen Wandel des Militärs und
die tief gegründete Nähe der Offizierskultur zur aristokratischen Kultur

Grundlegend: Michael GEYER, Aufrüstung oder Sicherheit. Die Reichswehr in der


Krise der Machtpolitik 1924-1936, Mainz 1980; v.a. aber ders., Professionals and
Junkers. German Rearmament and Politics in the Weimar Republic, in: Richard
Bessel/E. J. Feuchtwanger (Hg.), Social Change and Political Development in
Weimar Germany, London 1981, S. 77-133 u. in erweiterter Perspektive: ders.,
The Past as Future: The German Officer Corps as Profession, in: Geoffrey
Cocks/Konrad H. Jarausch (Hg.), German Professions 1800-1950, Oxford 1990,
S. 183-212.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 131

zuweilen marginalisiert,10 soll einerseits der preußische Militäradel als


soziale Formation, andererseits „Aristokratie" als zugeschriebene,
scheinbar unveränderliche Qualität im Wandel nach 1918 untersucht
werden.
Aus der Perspektive der Adels- und Elitenforschung ist der älteren
sozialgeschichtlich ausgerichteten Militärgeschichtsschreibung zusätz-
lich zu entgegnen, daß sie in frappierender Gleichförmigkeit des Ar-
guments die jüngere deutsche (Militär-) Geschichte in die Schraub-
zwingen der Modernisierungstheorie preßte. Je nach Standpunkt mün-
dete dies in eine adlige Beharrungs- oder Niedergangsgeschichte, die
den strengen inneren Differenzierungen, den spezifischen Spielregeln,
Lebensweisen und Verhaltensformen dieser sozialen Gruppe kaum
gerecht wurde. Zweifellos ist die Geschichte des deutschen Adels,
zumal des Militäradels, im 19. und 20. Jahrhundert als die Geschichte
eines unvermeidlichen Niederganges zu schreiben. Doch verlief dieser
Abstieg auch nach 1918 keineswegs geradlinig und eindimensional,
sondern wurde durch Anpassungs- oder Beharrungsleistungen immer
wieder gebremst, blockiert oder gar als Chance zur inneren Neuord-
nung bei gleichzeitiger Identitätswahrung genutzt." Unter den Bedin-
gungen des grundlegenden Wandels aller Gesellschafts- und Lebensbe-
reiche nach 1918, eines Wandels der wiederum auch neue Handlungs-
spielräume eröffnete, muß der preußische Militäradel demnach als eine
in die Defensive geratene gesellschaftliche und militärische Elite im
Wechselspiel von Niedergang, Anpassung und Beharrung untersucht
werden. Insofern ist der als Vermittlungsversuch von Klaus-Jürgen
Müller entfaltete Interpretationsrahmen, „einmal die vorindustriell-
junkerliche Tradition des preußisch-deutschen Militärstaates und,
zum anderen, die moderne kapitalistisch organisierte Industriegesell-
schaft,12 für die Zeit nach 1918 fruchtbar zu machen, indem diese
beiden Pole eben nicht als statische Gegensätze nebeneinander gestellt,

10
Bspw. Michael GEYER, Deutsche Rüstungspolitik 1860-1980, Frankfürt a. M.
1984, S. 118: „Die Geschichte machte einen Sprung - ob nun diejenigen, welche
die Geschichte machten, springen wollten oder nicht."
11
So schon Heinz REIF, Der Adel in der modernen Sozialgeschichte, in: Sozialge-
schichte in Deutschland. Entwicklungen und Perspektiven im internationalen Zu-
sammenhang, hg. v. Wolfgang Schieder/Volker Sellin, Bd. IV: Soziale Gruppen
in der Geschichte, Göttingen 1987, S. 34-60, hier: S. 54; vgl. Eckart CONZE, Von
deutschem Adel. Die Grafen Bernstorff im zwanzigsten Jahrhundert, Stutt-
gart/München 2000, S. 10 f.
12
Klaus-Jürgen MÜLLER, Armee und Drittes Reich 1933-1939, Paderborn 1987, S.
13 (Hervorhebungen im Text).

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132 Marcus Funck

sondern als dynamische Entwicklungen miteinander verschränkt wer-


den. Diese Untersuchungsperspektive läßt differenzierte Schlüsse über
soziale Verhaltensweisen und Mentalität der adligen Offiziere zu.
Mehr noch ermöglicht sie die Bestimmung konkreter Umschlagpunkte
und möglicher Alternativen der politischen Orientierung, die über den
allgemeinen Hinweis auf Militarismus und Demokratiefeindlichkeit
hinausgehen. Als Grundpfeiler dieser Untersuchung stelle ich vier
Überlegungen voran:

a) Auffallend ist zunächst, daß den „Junkern" als Sondergruppe in-


nerhalb des deutschen Adels wohl zurecht ein Höchstmaß an histori-
scher Verantwortung zugewiesen wurde, jedoch ohne die in ihrer Be-
deutung kaum zu übersehenden Binnengrenzen des Adels zu konturie-
ren. In erstaunlicher Weise hat die „kritische Sozialgeschichte" am
unscharfen Stereotyp des Junkers festgehalten und in der Nachfolge
von Hans Rosenberg diesen politischen Kampfbegriff als analytische
Kategorie in die Geschichtswissenschaft eingeführt. 13 Dabei bediente
sie sich nicht zuletzt der Selbstdeutungen und -Stilisierungen des preu-
ßischen Adels, die angesichts einer beschleunigt zerfallenden Adels-
welt nach 1918 doch in erster Linie dem inneren Zusammenhalt einer
imagined community dienen sollten.14 Entgegen der immer wieder
erhobenen Forderung nach Differenzierung des Adelsbegriffes, der
einzigartigen Vielfalt des deutschen Adels entsprechend,15 orientierte
sich die sozialgeschichtliche Junkerforschung zu stark an den großen
Rittergutsbesitzern, setzte eine innere Homogenität des preußischen
Adels als gegeben voraus und tendierte letztlich zur kritischen Repro-
duktion der junkerlichen Selbstsicht.
Der Adel im preußischen Offizierkorps wurde geradezu als Agent
agrarischer Interessen konstruiert, der Dynamik der gesellschaftlichen
und militärischen Modernisierung entzogen und ganz im Stile seiner

13
Schulbildend: Hans ROSENBERG, Die Pseudo-Demokratisierung der Rittergutsbe-
sitzerklasse, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Moderne deutsche Sozialgeschichte,
Köln 1968, S. 287-308; kritisch, aber kaum differenzierter: Hanna ScfflSSLER, Die
Junker. Zur Sozialgeschichte und historischen Bedeutung der agrarischen Elite in
Deutschland, in: Hans Jürgen Puhle/Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Preußen im
Rückblick, Göttingen 1980, S. 89-122.
14
Vgl. Marcus FuNCK/Stephan MALINOWSKI, Geschichte von oben. Autobiographi-
en als Quelle einer Sozial- und Kulturgeschichte des deutschen Adels in Kaiser-
reich und Weimarer Republik, in: Historische Anthropologie 7 (1999), S. 236-
270, hier: 244.
15
REIF, Adel im 19. und 20. Jahrhundert (wie Anm. 1), S. 1-9.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 133

Selbstinszenierungen als vormoderner rocher de bronze präsentiert, als


„statische Elite in einem sich rapide wandelnden gesellschaftlichen
Kosmos." 16 In Anlehnung an Otto Büschs Thesen von der räumlichen
Deckungsgleichheit des Gutsbezirks mit dem Kantonbezirk sowie der
sozialen Identität des Gutsbesitzers und des Regimentskommandeurs17
wurden „Altpreußentum", Militäradel und Gutsbesitz in eins gesetzt
und für die Sozialstrukturanalyse der Reichswehr fortgeschrieben,
ohne die dramatischen Auswirkungen des ökonomischen und sozialen
Wandels gerade auf die Offiziersdynastien zu berücksichtigen.
Dagegen wird Militäradel hier als eine eigene Adelsgruppe verstan-
den, die sich aus der Masse der nachgeborenen Söhne der Familien des
landgesessenen Adels und der zahlreichen nichtbegüterten Familien
des kleinen Adels rekrutierte. Mit Vorbehalt sind auch die nobilitierten
bürgerlichen Offiziersfamilien hinzuzuzählen, deren Wertesystem,
Ethos und Sozialverhalten sich zumeist schon in der zweiten Genera-
tionen an aristokratisch-militärischen Normen orientierte. Diese Ent-
wicklung zu einer zunehmend rein militärisch-aristokratisch fundierten
Elite verschärfte sich nach 1918 in der Reichswehr. Zwischen 1921
und 1934 stammten beispielsweise weniger als fünf Prozent der Offi-
ziersanwärter und 1930 kein einziger General aus Gutsbesitzerfamili-
en, während die Selbstrekrutierungsquote innerhalb des Offizierkorps
sprunghaft anstieg.18 Der Jammer über den Verlust von eigenen Gütern
und eigenem Besitz bzw. über die Entfremdung von der „heimatlichen
Scholle"19 steht in gewissem Widerspruch zu der stilisierten Nähe zum

16
MESSERSCHMIDT, Militär, Politik und Gesellschaft (wie Anm. 7), S. 259.
17
BÜSCH, Militärsystem und Sozialleben (wie Anm. 6); kritisch und mit gutem
Argument: Frank GÖSE, Zwischen Garnison und Rittergut. Aspekte der Verknüp-
fung von Adelsforschung und Militärgeschichte am Beispiel Brandenburg-Preu-
ßens, in: Ralf Pröve (Hg.), Clio in Uniform? Probleme und Perspektiven einer
modernen Militärgeschichte der Frühen Neuzeit, Köln/Weimar/Wien 1997, S.
109-142.
18
Vgl. Karl DEMETER, Das deutsche Offizierkorps in Gesellschaft und Staat 1650-
1945, Frankfurt a. M. J 1962, S. 53 u. Nikolaus v. PRERADOVICH, Die soziale Her-
kunft der Reichswehr-Generalität 1930, in: Vierteljahresschrift für Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte 54 (1967), S. 481-486, dessen schrille Kritik an der „so-
wjetzonalen Historiographie" den Wert seiner statistischen Untersuchung kaum
schmälert.
19
Paul V. LETTOW-VORBECK, Meine Lebenserinnerungen, in: Bundesarchiv-Mili-
tärarchiv Freiburg ( B A - M A ) Ν 103/44 (ν. Lettow-Vorbeck), fol. 4f.; vgl. Alex-
ander V. BRANDENSTEIN-ZEPPELIN, Erlebtes und Erstrebtes, in: B A - M A Ν 491/1
(Ν. Brandenstein-Zeppelin), fol. 1 ; Fabian Ν. SCHLABRENDORFF, Begegnungen in

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134 Marcus Funck

Großgrundbesitz und zum Landleben.20 Dieser Widerspruch läßt sich


auflösen, wenn man erstens auf realgeschichtlicher Ebene Familien-
netzwerke und die weitläufigen inneradligen Verwandtschaftsbezie-
hungen rekonstruiert und zweitens „Land" und „Familie" als kulturelle
Orientierungsbegriffe versteht, mit deren Hilfe ein Teil des Militära-
dels historische Tiefe, Identität und sozialen Status zurückzugewinnen
suchte.

b) Der Militäradel ist als eine Teilgruppe des kleinen Adels zu be-
schreiben. Die Verwendung des Begriffes ist lohnenswert, weil er im
Unterschied zur rein adelsrechtlichen Unterscheidung zwischen hohem
und niederem Adel eine Aussage über die ökonomische und soziale
Lage dieser Teilgruppe trifft. Zum kleinen Adel zählen vor allem jene
Familien, die schon vor dem Ersten Weltkrieg vom „Absinken in den
Mittelstand"21 betroffen, zu einem herrschaftlichen Lebensstil aus ei-
gener Kraft nicht mehr fähig waren und gleichwohl die für sich rekla-
mierte besondere Befähigung zum Herrschen nicht kampflos aufgeben
wollten. Ebenso müssen zum Teil die nichterbenden Söhne und nicht-
heiratenden Töchter als Träger der Familienlasten hinzugezählt wer-
den, selbst wenn sie aus eigentlich vermögenden Familien stammten.
Relative Verarmung und Tendenzen zur „Proletarisierung" in Teilen
des kleinen Adels standen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
in der inneradligen Diskussion,22 und die Gründung der Deutschen
Adelsgenossenschaft 1874 kann nur vor diesem Hintergrund verstan-
den werden. Mit enormem propagandistischen Aufwand und beschei-
denen Erfolgen betrieb die DAG die finanzielle Stützung in Not gera-
tener Standesgenossen als Gegenstück zu den Familienstiftungen des
vermögenden Adels durch Einrichtung von Hilfsfonds, Erziehungsbei-

fünf Jahrzehnten, Tübingen 1979, S. 12f.; Erich v. MANSTEIN, AUS einem Solda-
tenleben 1887-1939, Bonn 1958, S. 15.
20
FUNCK/MALINOWKSI, Geschichte von oben (wie Anm. 14), S. 247-253.
21
Hugo v. FREYTAG-LORINGHOVEN, Menschen und Dinge, wie ich sie in meinem
Leben sah, Berlin 1923, S. 336.
22
Bspw. Stephan KEKULÉ V. STRADONITZ, Armut und Reichtum im deutschen Adel,
in: Deutsche Revue 36 (1911), S. 35-42; anonym., Über Berufswahl, in: Deut-
sches Adelsblatt 4 (1886), S. 102f. und GRAF BÜLOW V. DENNEWITZ-GRÜNHOFF,
Soziale Bedeutung und Aufgaben des Adels, in: ebda. 23 (1905), S. 761-765. So
einfach wie Hartwin SPENKUCH, Das Preußische Herrenhaus. Adel und Bürgertum
in der Ersten Kammer des Landtages 1854-1918, Düsseldorf 1998, S. 26 (s. a.
Fußnote 34) kann man das Problem des „verarmten Adels" nicht vom Tisch wi-
schen. Hier trübt die spezifische Forschungsperspektive den Blick fürs Ganze -
denn was man nicht sucht, kann man eben auch nicht finden.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 135

hilfen und Stipendien.23 Durch den sozialen Absturz des kleinen Adels
nach 1918 verschärfte sich die finanzielle Situation von Standesgenos-
sen gerade aus militäradligen Familien zusehends und konnte weder
durch staatliche Pensionszahlungen noch durch inneradlige Stüt-
zungsmaßnahmen und Stellenvermittlungen im Adelsblatt unter Kon-
trolle gebracht werden.24 Auch ist die Zuordnung des Militäradels zum
kleinen Adel insofern sinnvoll, als dadurch die Beschränkung der
Analyse auf die adligen Spitzen innerhalb der militärischen Profession
aufgegeben und die Masse der nach 1918 entlassenen Offiziere in den
Blick genommen wird.

c) Infolge der skizzierten perspektivischen Verengung ergaben sich


auch gravierende methodische Unzulänglichkeiten in militärhistori-
schen (Adels-) Studien. Zum einen fallt die Tendenz ins Auge, die
politische und gesellschaftliche Stellung des Militäradels über Positi-
onsanalysen zu taxieren, ohne den Bedeutungswandel dieser Positio-
nen im institutionellen Gefiige zu berücksichtigen.25 Zu prüfen bleibt,
in welchem Maße sich mit diesem Bedeutungswandel auch ein nicht
quantifizierbarer Verhaltenswandel der Offiziere einstellte bzw. inwie-
fern sich das Rollenverständnis des gesamten Korps oder wenigstens
seiner bedeutendsten Teile änderte. Zum anderen bewertete man das
Maß an Erfolg und Beharrung zu stark nach den Leistungen der adli-
gen Spitzenmilitärs,26 während es kaum jemandem in den Sinn kam,
die Frage nach dem Rest der Familien oder gar nach den „Verlierern" -
auch adlige Offiziere scheiterten an der Majorsecke - zu stellen, was

23
Neben dem Central-Hilfsverein, der zwischen 1888 und 1891 insgesamt 142
Familien mit bescheidenen 40.000 Mark unterstützt haben will, war die „Nobili-
tas. Verein zur Förderung und Unterstützung verarmter Edelleute" die wichtigste
Unterstützungsagentur der DAG vor 1914.
24
In einem „an den Adel auf dem Lande" gerichteten Aufruf reagierte das Deutsche
Adelsblatt 1921 - also kurz nach der Heeresreduzierung - auf die hohe Nachfrage
von Standesgenossen, besonders von älteren und verheirateten Offizieren, die oh-
ne Stellung waren, nach Unterkunft und Tätigkeit auf dem Lande und forderte
Hilfe für diejenigen die „vorn an der Front Ihnen allen vier Jahren hindurch den
Feind von Haus und Hofhielten." In: Deutsches Adelsblatt (39/1921), S. 40.
25
Michael GEYER, Die Geschichte des deutschen Militärs von 1860-1945. Ein Be-
richt über die Forschungslage (1945-1975), in: Die moderne deutsche Geschichte
in der internationalen Forschung 1945-1975, hg. v. Hans-Ulrich Wehler, Göttin-
gen 1978, S. 256-286, hier: 265f. Vgl. auch Heinz REIF, Adel (wie Anm. 11), S.
47f.
26
Bspw. Daniel J. HUGHES, The King's Finest. A Social and Bureaucratic Profile of
Prussia's General Officers 1871-1914, New York 1987.

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136 Marcus Funck

zu verzerrenden Einschätzungen der sozialen Lage des gesamten Adel


führen mußte. Insofern folgten die sozialgeschichtlichen Positions-
analysen unbewußt einer spezifisch adligen Herrschaftsstrategie, nach
der sich der Wert der Gesamtgruppe gerade nach dem Wert ihrer Be-
sten bemißt.27 Als Korrektiv dazu sollte der Fokus gerade für die Jahre
nach 1918 in stärkerem Maße auf den adligen Durchschnitt bis hin zu
den Modernisierungs- und Revolutionsverlierer innerhalb und außer-
halb der militärischen Profession gerichtet werden.28

d) Zurecht ist das preußische Offizierkorps als eine Elite beschrie-


ben worden, die im 19. Jahrhundert einen politisch-sozialen Führungs-
anspruch einforderte, der weit über die Grenzen der Profession hinaus
reichte.29 Seine Legitimation bezog es gleichermaßen aus aristokrati-
schen Herrschaftstraditionen, vermeintlich historisch gewachsenen und
in der Armee konservierten Wertbeständen und aus dem nationalen
Auftrag zur Landesverteidigung. Das Offizierkorps als Ganzes ver-
stand sich vor 1914 als ständisch-genossenschaftlicher Sozialverband
von ebenbürtigen Kriegern und beanspruchte über den funktionalen
Rahmen hinaus einen Platz als gesamtgesellschaftliche Herrschafts-
und Wertelite. Dieser Anspruch auf Formulierung und Repräsentation
allgemeiner Werte in Stellvertretung auch der zivilen Gesellschaft -
schlicht zusammengefaßt in der Selbsteinschätzung als „Erzieher der
Nation" - wurde durch die allgemeine Wehrpflicht und das Institut des
Reserveoffiziers paradoxerweise zugleich gestärkt und erschüttert.
Aufgrund ihres allumfassenden Vertretungsanspruches repräsentierte
und reproduzierte die preußisch-deutsche Armee die Herrschaftsver-
hältnisse und -konflikte der fragmentierten wilhelminischen Gesell-
schaft sehr viel stärker als sie diese Spannungen ausgleichen konnte,
insofern war sie in der Tat eine Friedensarmee par excellence. Nach
1918 hingegen kann man beim Offizierkorps in seiner Gesamtheit

27
Georg SIMMEL, Exkurs über den Adel, in: Soziologie. Untersuchungen über die
Formen der Vergesellschaftung, Gesammelte Werke, Bd. 11, hg. v. Otto Ramm-
stedt, Frankfurt a. M. 1992, S. 824.
28
So schon Georg H. KLEINE, Adelsgenossenschaft und Nationalsozialismus, in:
Vierteljahreshefte ffir Zeitgeschichte 26 (1978), S. 100-143.
29
Eine nützliche Einführung in die ältere soziologische Elitenforschung liefert
Heiger OSTERTAG, Bildung, Ausbildung und Erziehung des Offizierkorps im
deutschen Kaiserreich 1871-1918 - Eliteideal, Anspruch und Wirklichkeit, Frank-
furt a. M. 1990. Vgl. auch Bernhard R. KROENER, Generationserfahrungen und
Elitenwandel. Strukturveränderungen im deutschen Offizierkorps 1933-1945, in:
Soutou/Hudemann, Eliten (wie Anm. 7), S. 219-233.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 137

nicht mehr ernsthaft von einer gesellschaftliche Elite sprechen.30 Die


kleine Zahl der aktiven Offiziere, die hohe Selbstrekrutierungsquote
von ca. fünfzig Prozent und die geringe Ausstrahlungskraft auf weite
Teile der Gesellschaft warfen die Reichswehr ganz auf ihren funktio-
nalen Auftrag zur Landesverteidigung zurück - und nicht einmal die-
sen konnte sie zufriedenstellend erfüllen.31 Weder repräsentierte das
Offizierkorps gesamtgesellschaftliche Werte, noch konnte es diese
formulieren oder gar steuern. Mochte sich die Reichswehr auch als
elitäres Führerheer definieren und über ihren militärischen Auftrag
hinaus einen gesellschaftlichen Führungsanspruch signalisieren, bildete
sie doch eine gesellschaftliche Gruppe neben anderen, deren Auftrag
von der Gesellschaft her formuliert und als Erwartung von außen an sie
heran getragen wurde.

2. Ausgangsbedingungen - Bemerkungen zu den sozialen Veränderun-


gen im preußischen Militäradel nach 1914

Das Offizierkorps des „deutschen Heeres", das nach dem 9. November


1918 von den Fronten zurück in die Heimat marschierte, hatte mit dem
vom 1. August 1914 nur noch sehr wenig gemein. Insgesamt dienten in
den deutschen Armeen zwischen 1914 und 1918 45.923 Offiziere und
226.130 Reserveoffiziere, von denen 11.357 bzw. 35.493 getötet wur-
den. Allein das preußische Kontingent hatte noch 1914 22.112 aktive
Offiziere und 29.230 Reserveoffiziere gezählt, von denen innerhalb der
ersten fünfzehn Kriegsmonate 5.633 (17%) bzw. 7.565 (9%) getötet
worden waren. Bis zum November 1918 produzierte der Krieg hier
35.260 aktive Offiziere und 169.625 Reserveoffiziere. 32 Durch die
außerordentliche Vermehrung der Offizierspatente während des Krie-
ges stieg auch die absolute Zahl der adligen Offiziere. Zählte das preu-
ßische Kontingent 1914 etwas mehr als 6.000 aktive adlige Offiziere,

30
Ähnlich schon Heinz HÜRTEN, Das Offizierkorps des Reichsheeres, in: Hanns
Hubert Hofmann (Hg.), Das deutsche Offizierkorps 1860-1960, Boppard 1980, S.
244f. Vgl. Wilhelm HEYE, Mein Lebenslauf, in: BA-MA Ν 18/4 (Heye), fol. 216,
der die Reichswehroffiziere als „Paria der Gesellschaft" beschreibt.
31
GEYER, Abrüstung oder Sicherheit (wie Anm. 9), 23f.
32
Alle Zahlen nach: Vom Sterben des Deutschen Offizierkorps, hg. v. Constantin
V. ALTROCK, Berlin 1921 u. Otto-Emst VOLKMANN, Soziale Heeresmißstände als
Mitursache des deutschen Zusammenbruchs von 1918, in: Das Werk des Untersu-
chungsausschusses der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung
und des Deutschen Reichstages 1919-1930, Vierte Reihe: Die Ursachen des Deut-
schen Zusammenbruches im Jahre 1918, Zweite Abteilung, Bd. 1/11, Berlin 1928.'

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mehr als ein Drittel aller adligen Männer im kriegsfähigen Alter, stieg
deren Zahl bis 1918 noch auf ca. 10.200.33
Schon die bloßen Zahlen weisen auf gewaltige soziale Verschie-
bungen innerhalb des Armee-Offizierkorps während des Ersten Welt-
krieges hin. Aufgrund des enormen Bedarfs an militärischem Füh-
rungspersonal und des Mangels an ausgebildeten aktiven Offizieren,
insbesondere nach dem „Sterben des [alten] Offizierkorps" 1914/15,
gewannen die zumeist bürgerlichen Reserveoffiziere, vor allem in den
unteren, frontnahen Hierarchieebenen erheblich an Bedeutung. Auch
wurden mit der Auflösung der relativen Homogenität des Offizierkorps
die Befehlshierarchien entlang der militärischen Erfordernisse neu
geordnet. Dieser Entwicklung gab der Rückzug des Kaisers als Ober-
ster Kriegsherr und der Machtzuwachs der Obersten Heeresleitung
ebenso Ausdruck wie die Verschiebungen im Herrschaftsgefiige zwi-
schen Kommandierenden Generalen und Generalstabsoffizieren bzw.
Etappen- und Frontoffizieren. Aus der ohnehin prekären Einheitlich-
keit der Vorkriegsarmee entfalteten sich verstärkt seit 1916 offensicht-
lich konkurrierende Offizierskonzeptionen, welche die Wehrdebatten
bis in die 1930er Jahre hinein bestimmen sollten. Nach dem Prinzip der
ungleichen Verteilung adliger Offiziere auf die verschiedenen Rang-
stufen - je höher der Rang desto größer der Adelsanteil34 - konzen-
trierte sich der Militäradel in den frontfernen Entscheidungszentren,
während die Verwendung an der Front auf jüngere Adelsoffiziere bis
zum Major beschränkt blieb. Dies ist in zweierlei Hinsicht von Be-
deutung: einmal lag hier der Nukleus für den tiefen Bruch zwischen
den Adels-Generationen, der die Zugehörigkeit zu einem gemeinsa-

33
Angesichts des Mangels an differenziertem statistischen Material, handelt es sich
bei diesen Zahlenangaben um vorsichtige Schätzungen. Einigermaßen verläßliche
Zahlen existieren für das Jahr 1912, in dem insgesamt 7.096 adlige Offiziere (da-
von 5.944 aktive Offiziere) in den deutschen Armeen dienten. Vgl. Helene
PRINZESSIN V. ISENBURG, Der Berufswandel im deutschen Adel (1912-1932), in:
Deutsches Adelsblatt 54 (1936), S. 43-45 u. 74f. und dies., Berufswandel im deut-
schen Uradel während des letzten Vierteljahrhunderts (1912-1937), in: ebda. 55
(1937), S. 887f. Hans-Ulrich WEHLER, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3:
Von der „Deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges
1849-1914, München 1995, S. 819 liegt mit der Angabe von 6.630 aktiven adligen
Offizieren (inklusive Fähnriche und Offiziere à la suite) wohl etwas zu hoch, wäh-
rend Iris FREIFRAU V. HOYNINGEN-HUENE, Adel in der Weimarer Republik. Die
rechtlich-soziale Situation des reichsdeutschen Adels 1918-1933, Limburg 1992,
S. 284 für 1914 Ist- und Soll-Stärken miteinander verwechselt, somit sagenhafte
8.700 adlige Offiziere ermittelt.
34
Zur „Adelspyramide": BALD, Der deutsche Offizier (wie Anm. 5), S. 93-96.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 139

men Stand überlagern sollte, 35 zum anderen wurde die große Zahl ad-
liger Offiziere vom Stabsoffizier aufwärts in funktionale Stellungen
gedrängt, wo sie entgegen ihrer heroischen Familientraditionen zwar
über die Front verfugen und Tod zuteilen, aber nicht mehr direkt in das
Frontgeschehen eingreifen konnten.36
Aufgrund der erfolgreichen Vemebelungstaktik der gezielten Le-
gendenbildung ist die Größenordnung der adligen Kriegstoten nur un-
gefähr zu ermitteln. Die repräsentative, für eine breite Öffentlichkeit
zusammengestellte Helden-Gedenkmappe des deutschen Adels bei-
spielsweise verzeichnet insgesamt 4.800 adlige Kriegsopfer. Darunter
finden sich allerdings auch Offiziere bzw. Soldaten, die an Krankhei-
ten starben, Attentaten zum Opfer fielen, nach 1918 in den Revoluti-
onskämpfen getötet wurden oder einfach nur „an Überarbeitung im
Dienst für das Vaterland" starben sowie Frauen und Kinder.37 Nach
anderen, nicht weiter begründeten Angaben lag die Opferquote des
deutschen Adels bei etwa 25% der adligen Kriegsteilnehmer, was auf
eine absolute Zahl von ungefähr 4.000 infolge von Kampfhandlungen
getöteten adligen Soldaten und Offiziere schließen läßt.38 Am genaue-
sten lassen sich die Verluste für einzelne Geschlechter nachweisen,
zumal diese für den Familiengebrauch detaillierte Opferverzeichnisse

35
Andeutungen in diese Richtung bei Kroener, Generationserfahrungen und Eliten-
wandel (wie Anm. 29), S. 228-233.
36
Diese Bemerkung schließt nicht aus, daß es gerade den adligen Etappenoffizieren
auch im Krieg möglich war, einen aristokratischen Lebensstil zu pflegen. Vgl. die
von zeitweiligem Artilleriebeschuß unterbrochenen Jagdgeschichten bei Erwin
V. WITZLEBEN, Privates Kriegstagebuch, Bd. 2, 14.2. 1915-24.4. 1916, in: BA-
MA Ν 228/2 (ν. Witzleben), und die gänzlich außergewöhnlichen „Kriegserlebnis-
se" eines Hochadligen bei Andreas DORNHEIM, Kriegsfreiwilliger, aber Anne-
xionsgegner: Alois Fürst zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und seine
„Kriegsbriefe", in: Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätenge-
schichte des Ersten Weltkriegs, hg. v. Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich/Dieter
Langewiesche/Hans-Peter Ulimann, Essen 1997, S. 170-188. Dort (S. 179) auch
die Wiedergabe einer bezeichnenden Beschreibung eines alternativen Kriegsall-
tags vom 14.12. 1914: „In meinem ganzen Leben habe ich nicht so gefaulenzt."
37
Vgl. Alexis V. SCHOENERMARCK, Helden-Gedenkmappe des deutschen Adels,
Stuttgart 1921; noch umfassender (und unglaubwürdiger) ist die Ehrentafel der
Kriegsopfer des reichsdeutschen Adels 1914-1919, Gotha 1921. Daran angelehnt
und falsch sind die phantastischen Zahlen bei HOYNINGEN-HUENE, Adel in der
Weimarer Republik (wie Anm. 33), S. 20.
38
Friedrich Wilhelm v. OERTZEN, Junker. Preußischer Adel im Jahrhundert des
Liberalismus, Berlin o.J., S. 385f.

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140 Marcus Funck

anlegten.39 Von den im Heer am stärksten vertretenen preußischen


Adelsgeschlechtern stellten die v. Biilow insgesamt 124 Kriegsteil-
nehmer, von denen 33 getötet wurden, die v. Arnim verloren 26, die v.
Wedel 24 ihrer Söhne. Den „17 Helden v. Kleist" gedachte Georg v.
Kleist, General der Kavallerie à la suite des 1. Brandenburgischen Ula-
nen-Regiments Nr. 3 „Kaiser Alexander II. von Rußland" - in diesem
Regiment dienten alle seine sechs Söhne, von denen drei im Krieg
getötet wurden - und Fideikommißherr auf Wusseken im Namen des
Familienverbandes: „Alt und jung, alle wehrfähigen Kleiste folgten
dem Ruf ihres Königs. Von 73 Mitgliedern des Geschlechts im Alter
von 17 Jahren und darüber, die in Deutschland wohnten und deren
Aufenthalt bekannt war, haben 58 am Kriege teilgenommen. [...] Auch
dieser Krieg hat unsere Reihen wieder gelichtet. Wir haben den Verlust
von 17 Vettern zu ertragen." 40 Noch schwerer wogen die Kriegsverlu-
ste für die kleineren Adelsfamilien, deren „Stammhalter im Felde ge-
blieben" und die nun - um in der Sprache zu bleiben - „im Mannes-
stamm erloschen" waren. Bei aller Ungenauigkeit vermitteln die Ein-
tragungen in die Helden-Gedenkmappe einen Eindruck von der Grö-
ßenordnung des Familiensterbens. Danach wurden im Ersten Weltkrieg
675 „einzige Söhne", von den insgesamt 497 gefallenen Brüderpaaren
in 105 Fällen die „einzigen Söhne" und von 100 gefallenen Vätern und
Söhnen 23mal der „einzige Sohn" getötet. Insgesamt verloren also
knapp über 800 Familien ihren männlichen Nachwuchs. Diese Auf-
zählungen lassen erahnen, daß der militärisch geprägte preußische
Adel für den Kriegseinsatz alle vorhandenen personellen Ressourcen
mobilisiert hatte. In der Statistik mag dies als Positionsgewinn oder
Selbstbehauptung in einem der Kernbereiche adliger Berufstätigkeit
ausfallen, in der Realität des Krieges bedeutete es aber eine Einord-
nung der Adelsgesellschaft in die Kriegsgesellschaft, eine überpropor-
tional hohe Anzahl im Krieg gefallener Männer und eine entsprechen-
de Zahl an zu versorgenden Witwen und Waisen. Die fatalen demo-
graphischen Konsequenzen, insbesondere für die Geschlechter und
Familien des niederen Adels, sind bislang noch nicht einmal ansatz-

39
Vgl. als Beispiele die Gedenkschrift der Familie v. d. Marwitz mit ihren detail-
lierten Beschreibungen der jeweiligen Todesarten der im Weltkrieg gefallenen
„Vettern", in: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam (BLHA), Rep. 37
(Friedersdorf), Nr. 259, fol. 105-120 und das schlichte „Verzeichnis der dem Mi-
litär angehörenden Mitglieder der Familie v. Arnim", in: ebda., Rep. 37 (Boitzen-
burg), Nr. 3356.
40
Die v. Kleist im Weltkriege, o. O. 1920.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 141

weise untersucht worden. Von ungleich größerer Bedeutung war aller-


dings, daß diese beeindruckenden Opferleistungen im Verhältnis zu
den von der gesamten Gesellschaft erbrachten Opfern nicht mehr viel
zählten.41 Trotz aller Anstrengungen, Umfang und Bedeutung des
Adelsopfers der bürgerlichen Öffentlichkeit plausibel zu machen, ließ
sich daraus ein gesamtgesellschaftlicher Führungsanspruch nicht mehr
ohne weiteres ableiten - zu groß waren die materiellen und immate-
riellen Kriegsverluste insgesamt, zu stark waren die Ressentiments
gegenüber der dafür verantwortlichen Kaste kriegerischer Herren.
Für das Offizierkorps der Reichswehr ist zunächst festzustellen, daß
der Militäradel sämtliche Offiziersstellen spielend alleine hätte beset-
zen können. Die erste Rangliste des neugebildeten Reichsheeres vom
1. Mai 1920 hingegen wies unter den insgesamt knapp 4.000 Offizie-
ren gerade einmal 862 (21,7%) adlige Offiziere aus, d.h. etwa elf
Zwölftel der am Ende des Krieges im Dienst stehenden adligen Offi-
ziere wurden nicht in die Reichswehr übernommen. Die Zahl von ca.
9.300 adligen Offizieren „außer Dienst" nach 1918/20 verdeutlicht die
katastrophalen ökonomischen und sozialen Folgen der Kriegsniederla-
ge bzw. der Demobilisierung für eine bedeutende Teilgruppe des deut-
schen Adels, selbst wenn ein Teil davon in anderen angestammten
Berufsfeldern oder in den Familien unterkam. Damit wird klar, daß
eine Sozialgeschichte des Militäradels nach 1918 ihren Gegenstand
verfehlt, wenn sie sich ausschließlich auf die konstante Größe von
ungefähr 900 adligen Reichswehroffizieren konzentriert.42 Vielmehr
muß das militärisch geprägte „Adelsproletariat", das 1918/20 sein tra-
ditionelles berufliches Tätigkeitsfeld und ökonomisches Standbein
verlor, in die Analyse einbezogen werden. Aus der militärischen Pro-
fession gedrängt und unfähig, den Anschluß an ein ziviles Erwerbsle-
ben zu schaffen, hielten diese Doppelexistenzen ihren militärischen
und politischen Führungsanspruch aufrecht. Durchaus in Konkurrenz

41
Richard BESSEL, Germany After the First World War, Oxford 1993, S. 9-11.
42
Daher kann von einer „sozialen Konsolidierung" des preußischen Adels infolge
der Reduzierung auf 4.000 Offiziersstellen höchstens aus der verengten Perspekti-
ve der militärischen Profession die Rede sein. Vgl. Wolfgang ZOLLITSCH, Adel
und adlige Machteliten in der Endphase der Weimarer Republik. Standespolitik
und agrarische Interessen, in: Heinrich August Winkler (Hg.), Die deutsche
Staatskrise 1930 bis 1933. Handlungsspielräume und Alternativen, München
1992, S. 242 u. Detlef BALD, Vom Kaiserheer zur Bundeswehr. Sozialstruktur des
Militärs: Politik der Rekrutierung von Offizieren und Unteroffizieren, Frankfurt a.
M./Bern 1981, S.21.

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142 Marcus Funck

zur Reichswehr verstanden sie sich als eigentliche Gralshüter der


Wehrhaftigkeit.
Ganz gleich, ob adlig oder bürgerlich, die große Zahl der Offiziere
blieb unmittelbar nach Einstellung der Kampfhandlungen im Dienst -
zumeist werden ja spektakuläre Einzelbeispiele hilf- und ratloser Alt-
herrenmilitärs als Nachweis für „massenhafte Austritte" präsentiert - ,
so lange dies von den Alliierten geduldet wurde. Generalfeldmarschall
Paul v. Hindenburg gab in seiner Weihnachtsbotschaft 1918 die ehren-
volle Rechtfertigung für den Verbleib, indem er für das Offizierkorps
feststellte, daß die Pflicht gegen Volk und Vaterland über persönlichen
Gefühlen und Anschauungen, Wünschen und überkommenen Traditio-
nen stünde.43 Mögen „Ordnungswille", „Staatsglaube" oder „Reich-
sidee" ideologische Klammem für den Verbleib gewesen sein, so ver-
blieben die meisten Offiziere erst einmal im Militär oder schlössen sich
den neu gebildeten militärischen Haufen an, weil sie eine Wahl nicht
hatten und nach über 4V2 langen Jahren Krieg zu einem schnellen
Übergang in eine zivile Existenz nicht in der Lage waren. Die in adli-
gen Selbstzeugnissen, aber auch in der Forschungsliteratur oftmals
geäußerte Behauptung, der Adel hätte sich 1918 zunächst enttäuscht
auf seine Güter zurückgezogen, trifft zumindest für diese Adelsforma-
tion nicht zu, weil sie diese Güter überhaupt nicht besaß. Es blieb bei
Drohgebärden, Entwürfen von Abschiedsgesuchen und „festen Ent-
schlüssen", die schließlich doch nicht ausgeführt wurden. 44
Erst mit der Konstituierung der Vorläufigen Reichswehr, im Grun-
de eine militärische Abwicklungsagentur gemäß den Bestimmungen
des Versailler Vertrages, die noch im Frühjahr 1920 über einen Etat
von 24.000 Offizieren verfügte, der sukzessive auf 4.000 Offiziere
abgebaut werden sollte, begann die Zeit der Abschiede und der Entlas-
sungen. Mit der Reduzierung der Offiziersstellen waren die Zeiten, in
denen „in der Armee 60 Bülows, je 30 bis 50 Arnims, Bredows,
Goltz', Kleists, Puttkamers, Schwerins und Wedels" 45 gleichzeitig

43
Briefentwurf des Chefs des Generalstabes des Feldheeres an Kriegsminister Rein-
hardt vom 17.12. 1918, in: Württembergisches Hauptstaatsarchiv Stuttgart
(WHStA), Kriegsarchiv, MIO Bü 22, fol. 66.
44
Entwurf eines Abschiedsschreibens im Armee-Oberkommando Süd vom Juni
1919 in: BA-MA Ν 97/6 (ν. Bredow) u. Schreiben von Walter Freiherr v. Lütt-
witz' an Friedrich Ebert vom 19.6. 1919 in: ebda. Ν 97/7, fol. 12.
45
Francis L. CARSTEN, Geschichte der preußischen Junker, Frankfurt 1988, S. 149.
Daneben nehmen sich die gezwungen anmutenden Aufzählungen für das Reichs-
heer (ebda. S. 164f. und 176f.) doch sehr bescheiden aus. Vgl. die Aufzählung bei
DEMETER, Offizierkorps (wie Anm. 18), S. 54.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 143

dienten, endgültig vorüber. Für die Familien des preußischen Adels


wog das Wegbrechen der traditionellen Versorgungs- und Ausbil-
dungsanstalten für die nachgeborenen Söhne besonders schwer. Mit
der Schließung der Kadettenkorps war es nicht mehr möglich, die
nachgeborenen Söhne entlang eines staatlich subventionierten „vorge-
zeichneten Weges" 46 Karriere machen zu lassen.
Sicherlich war der Berufswechsel für diejenigen Offiziere einfa-
cher, die aufgrund wirtschaftlicher Not wechseln mußten, über Famili-
ennetzwerke oder berufliche Beziehungen verfügten, bereits zuvor
Kontakt mit potentiellen Arbeitgebern aufgenommen hatten und ein
Mindestmaß an nichtmilitärisch verwertbarer Bildung mitbrachten.47
Tiefgreifend gelungen, im Sinne einer vollständigen Ablösung vom
Offizierleben, ist der Wechsel wohl nur in seltenen Fällen.48 Haupt-
mann Hans-Jürgen v. Arnim, während des Ersten Weltkrieges in ei-
nem Divisionsstab eingesetzt, schildert rückblickend die ungewisse
berufliche und wirtschaftliche Situation: „[...] wer konnte, sah sich
nach etwas anderem um; ging auf das elterliche Gut und wurde Land-
wirt, andere, wie v. Witzleben und v. Pentz, v. Schlick oder v. Keyser-
lingk kamen durch Bekannte in der Industrie unter. Ich machte immer
noch demobil, nahm aber abends Unterricht in Stenographie, um nicht

46
Karl Anton PRINZ ROHAN, Heimat Europa. Erinnerungen und Erfahrungen, Diis-
seldortfKöln 1954, S. 56.
47
Informativ die Berufsaufstellung ehemaliger Marineoffiziere nach Angaben des
Marine-Offizier-Verbandes in: Christian GÄSSLER, Offizier und Offizierkorps der
alten Armee als Voraussetzung einer Untersuchung über die Transformation der
militärischen Hierarchie, Wertheim 1930, S. 85-90. Auch wenn sich die statisti-
schen Angaben über die (zumeist bürgerlichen) 4361 Marineoffiziere nicht auf die
adligen Armeeoffiziere übertragen lassen, geben sie doch einen Eindruck von dem
möglichen Spektrum beruflicher Neuorientierung. Demnach fanden 43,8% dieser
Offiziere ein Unterkommen in Industrie und Handel, zumeist in leitenden Positio-
nen. Typisch allerdings die Tatsache, daß ein Drittel der Befragten keine Berufs-
angabe machte. Für ehemalige Offiziere in der Wirtschaft vgl. a. Dietrich v.
OPPEN (Hg.), Leseskizzen aus der Familie von Oppen vornehmlich im 20. Jahr-
hundert. Ein zeitgeschichtliches Lesebuch, Freiburg/Brsg. 1985, S. 172. Der
Reichsarbeitsnachweis für Offiziere e.V. erstellte Personalprofile für ausgeschie-
dene Offiziere und vermittelte Stellen vorzugsweise in der Industrie.
48
Als Paradebeispiel kann hier der Ausbruch des Kriegsleutnants Henning v. Tre-
sckow aus der militärischen Welt im Oktober 1920 angeführt werden, den er al-
lerdings bereits im Februar 1 9 2 6 rückgängig machte. Vgl. Bodo SCHEURIG, Hen-
ning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler, Frankfurt a. M./Berlin 1987, S. 20-
30. Andere, denen der Eintritt in die Reichswehr verwehrt blieb, sammelten sich
in den unzähligen und keineswegs nur der nostalgischen Erinnerung verpflichteten
Wehr- und Regimentsvereinen.

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ganz ohne was dazustehen, da ich, immer an der Front, keine Gelegen-
heit zu Bekanntschaften in der Industrie pp gehabt hatte."49 Immerhin
gelang es ihm, die Aufnahme eines unstandesgemäßen Berufs zu ver-
meiden, indem er nach seinem Eintritt in das Freiwillige Regiment
Reinhardt Ende Januar 1919 in die Reichswehr übernommen und
schließlich Chef der 5. Kompanie im Infanterie-Regiment 5 in Anger-
münde wurde. Auf sein bescheidenes Gut in der Provinz Brandenburg
zurückkehren konnte sein Vetter, der Major der Reserve Bernd v. Ar-
nim, doch auch hier überwogen Verunsicherung und Orientierungslo-
sigkeit: „Aus meiner großen, arbeitsreichen, verantwortungsvollen
Tätigkeit, die meine ganze Arbeitskraft ausfüllte, bin ich ausgeschie-
den und da ich nun heimgekehrt bin, weiß ich nicht wie und wo anfan-
gen, lohnt es sich wieder mit dem Aufbau dessen zu beginnen, was die
lange Kriegszeit wirtschaftlich bei uns zerstörte?"50
Infolge der Heeresreduzierung nach 1918 kam es zu dramatischen
Verschiebungen der Berufsstruktur auf allen Ebenen der Adelshierar-
chie, wobei zu berücksichtigen ist, daß die hochadligen und die ver-
mögenden Familien des landgesessenen Adels den beschleunigten
Wandel mit sehr viel weniger Einbußen verkrafteten.51 Während 1912
aus jeder der ausgezählten Adelsgruppen - Fürsten, Grafen, Uradel
und Briefadel - fast genau ein Drittel der Männer im aktiven Offiziers-
dienst standen, reduzierte sich bis 1932 der Anteil des Offizierberufs in
den jeweiligen Adelsgruppen auf ein bis vier Prozent. Dagegen stieg
zur mit Abstand größten Berufsgruppe die Kategorie „ohne Beruf an,
mit einem Anteil von knapp 40 Prozent in uradligen bis zu über 50
Prozent in fürstlichen Familien. Ganz gleich welche Berufe und Ein-
kommensquellen sich tatsächlich hinter dieser Tarnbezeichnung ver-
bargen, diese dürften vom hochadligen Rentierdasein bis zum kleinad-
ligen Handelsreisenden reichen, der Offizierberuf, das älteste, bedeu-
tendste Tätigkeitsfeld und elementarer Bestandteil der angestammten
Lebenswelten nicht nur des preußischen Adels, war jedenfalls fast
vollständig weggebrochen.

49
Hans-Jürgen v. ARNIM, Erinnerungen, IV. Teil: Vom Kompaniechef bis zum
Bataillonskommandeur. Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in der Weima-
rer Republik, in: BA-MA Ν 61/8 (ν. Arnim), fol. 2.
50
Brief Bemd v. Arnims an seinen Bruder Dietloff v. Arnim-Boitzenburg vom
23.12. 1918, in: BLHA, Rep. 37, Herrschaft Boitzenburg, Nr. 4457/5: Briefe von
Bernd an Dietloff von Amim-Boitzenburg 1912-1919.
51
Die folgenden Angaben richten sich nach Helene PRINZESSIN V. ISENBURG, Der
Berufswandel im deutschen Adel (wie Anm. 33)

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 145

3. Der Militäradel in Revolution und Konterrevolution 1918-1923

Ohne die traumatischen Erfahrungen der Kriegsniederlage und Kai-


serflucht, der Revolution und des vorübergehenden Kontrollverlustes
über Waffen und Gewaltanwendung ist das Verhalten des Offizier-
korps in den frühen Jahren der Reichswehr nicht zu verstehen. Dies gilt
in besonderem Maße für die adligen Offiziere, die mit der Abdankung
Wilhelm II., in seinen Eigenschaften als Spitze der militärischen Ge-
sellschaft und der Adelsgesellschaft eine doppelte Autorität, einen in
der Krise möglicherweise über das rein Militärische hinaus weisenden
Orientierungspunkt verloren. Zwar hatte sich das Offizierkorps, gerade
in den höheren Rängen, schon lange vor 1914 nicht mehr als alleiniges
Instrument der Dynastien verstanden und zunehmend vom Obersten
Kriegsherrn distanziert,52 doch blieb jenseits fachmilitärischer und
privater Kritik die Loyalität auf der Basis eines persönlichen Treuever-
hältnisses davon weitgehend unberührt. Denn gerade den adligen Offi-
zieren mußte klar sein, daß ihre bevorzugte Stellung in der wilhelmini-
schen Gesellschaft eng mit der Existenz einer intakten Monarchie ver-
knüpft war. Noch im November 1918 beschwor General Ludwig Frei-
herr v. Falkenhausen, Generalgouverneur von Belgien, die gegenseiti-
ge Treueverpflichtung gegenüber dem wankenden Kaiser: „Bleiben
Euere Majestät fest, wir lassen uns alle für Sie totschlagen!"53 Eben
dieses Treueverhältnis wurde durch Flucht, Thronentsagung und Ent-
bindung der Offiziere von ihrem Eid durch den Kaiser gebrochen,54
was neben dem Bleiben Hindenburgs55 den adligen Offizieren den
Verbleib im militärischen Dienst nach dem November 1918 erleichtert
haben mag, aber auch eine kaum mehr zu überbrückende Kluft zwi-

52
Wilhelm DEIST, Zur Geschichte des preußischen Offizierkorps 1888-1918, in:
ders., Militär, Staat und Gesellschaft. Studien zur preußisch-deutschen Militärge-
schichte, München 1991, S. 43-56 u. Isabel V. HULL, The Entourage of Kaiser
Wilhelm II., Cambridge 1982, S.16f.
53
Ludwig FRHR. V. FALKENHAUSEN, Erinnerungen aus dem Weltkrieg 1914/18, in:
BA-MA Ν 21/2 (ν. Falkenhausen), fol. 379.
54
Smilo FRHR. V. LÜTTWITZ, Soldat in 4 Armeen. Lebenserinnerungen des Gene-
ralleutnants a.D., in: BA-MA, Ν 10/9 (ν. Lüttwitz), fol. 52: „Aber die Tatsache
der .Flucht' blieb mir in Gedenken an die Tapferkeit unserer Soldaten und an die
hohen Traditionen der hohenzollernschen Monarchie eine herbe Enttäuschung."
55
Vgl. Wilhelm GROENER, Lebenserinnerungen. Jugend, Generalstab, Weltkrieg,
hrsg. v. Friedrich Frhr. Hiller v. Gaertringen, Göttingen 1957, S. 468

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sehen den weiterhin aktiven Offizieren und Wilhelm II. schuf.56 Zwar
blieb die Monarchie fur den größten Teil der Generalstabs- und Trup-
penoffiziere die einzig denkbare Staatsform,57 doch nahm die private
und dann auch öffentliche Kritik der adligen Offiziere an der Person
des Kaisers wie des Kronprinzen schnell an Ausmaß und Schärfe zu.58
Während nur bei einer ganz unwesentlichen Minderheit der Offiziere
der Ablösungsprozeß vom Monarchen mit einer Hinwendung zur Re-
publik korrespondierte, sahen eher traditional-konservativ eingestellte
Offiziere im absolut gesetzten Staat, in der Nation, die Brücke zwi-
schen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.59 Einen gewissen
Bruch mit der aristokratischen Offiziertradition markierte hingegen die
Orientierung zum Volk als Grundlage militärischer Arbeit, eine Ein-
stellung wie sie besonders außerhalb des institutionalisierten Militärs
häufig war. Diesen Übergang zum Völkischen formulierte in zunächst
gemäßigter Form Admiral Adolf v. Trotha in einer Denkschrift vom
12.3. 1919: „In der Vergangenheit gab sich der Offizier mit seiner
ganzen Person in die Hand des Monarchen als der Verkörperung des
Staates, seines Vaterlandes. [...] Heute haben sich diese Verhältnisse
ganz verschoben. Der ideelle Mittelpunkt liegt jetzt im völkischen

56
Ekkehard P. GUTH, Der Loyalitätskonflikt des deutschen Offizierkorps in der
Revolution 1918-1920, Frankfurt a. M./Bern/New York 1983.
57
Friedrich FREIHERR HILLER V. GAERTRINGEN, Monarchismus in der deutschen
Republik, in: Michael Stürmer, Die Weimarer Republik. Belagerte Civitas, Kö-
nigstein/Ts. 1980, S. 254-271. Vgl. die z.T. absurden Gedankenspiele über eine
monarchische Restauration und die damit verbundene Destruktionspolitik der
weitverzweigten monarchisch-antirepublikanischen Verbände in den Nachlässen
der pensionierten Militärfossilien August v. Cramon (BA-MA Ν 266) und Karl v.
Einem (BA-MA Ν 324).
58
Bspw. ein Brief des Generals Walter v. Hülsen vom 26.11. 1932, in: BA-MA Ν
280/36 (ν. Hülsen): „Man ist in Potsdam und Doorn so weit gegangen die, die im
Dienste des Vaterlandes blieben und es retteten verächtlich zu machen. Göthe
sagte richtig: Warum, wie mit einem Besen, sind die Könige weggefegt? Wärens
Könige gewesen, sie stünden heut noch unbewegt. Wenn sich S.M. über uns alte
Soldaten entrüstet, dass wir ihn noch immer nicht wiedergeholt hätten, so vergißt
er, dass er selbst seinen Platz verlassen hat." (Hervorhebung im Original) Vgl. den
Beitrag KOHLRAUSCH in diesem Band.
59
Vgl. den (von v. Seeckt entworfenen) Aufruf des Oberbefehlshabers des Grenz-
schutzabschnittes Nord, General der Infanterie v. Quast, an das Offizierkorps vom
24.4. 1919, abgedruckt in: Offiziere im Bild von Dokumenten aus drei Jahrhun-
derten, hg. v. Manfred MESSERSCHMIDT, Stuttgart 1964, S. 217-219. Zur Bedeu-
tung der Reichsidee für die Wehrideologie: Michael SALEWSKI, Reichswehr, Staat
und Republik, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 31 (1980), S. 271-
288.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 147

Staat, im Vaterland selbst."60 Im Ansatz wurde bereits hier die Behar-


rung auf ständischer Exklusivität relativiert, Adel als gesellschaftliche
Führungsschicht in den nationalen Volksbegriff eingebunden.
Gleichwohl bedeutete das Ende der Monarchie einen als „Weltun-
tergang"61 wahrgenommenen lebensgeschichtlichen Bruch in den Bio-
graphien der Offiziere, der weit über den Verlust des Monarchen hin-
ausging. Die schockartige Erfahrung des Zusammenbruches eines
Zeitalters und dessen Herrschaftsmechanismen, des Verfalls ehemals
unhinterfragt gültiger Wertmaßstäbe und des Verlustes der ange-
stammten Lebenswelten wird in den zahlreichen nach 1918 publizier-
ten Autobiographien deutlich: „Die Welt, die ich gekannt und geliebt
hatte, gehörte der Vergangenheit an. Alle Werte, die sie erfüllt und fur
die wir gedient, gekämpft und geblutet hatten, waren gegenstandslos
geworden. [...] Aus einer Laufbahn, der ich mit Passion und Hinge-
bung angehangen, hatten die Ereignisse mich herausgeschleudert."62
Von besonderer Bedeutung war die Erfahrung und Verarbeitung des
schicksalhaften Hereinbrechens der Revolution bzw. der anfanglichen
Hilflosigkeit der militärischen Herren, die in sämtlichen autobiographi-
schen Rückschauen ihren metaphorischen Ausdruck in heruntergeris-
senen Achselstücken und tränenreichen Abschiedsparaden erhielt.
Hinzu kam die Differenz zwischen den individuellen Erfahrungen von
Heroismus, Leid und massenhaftem Tod an den Kriegsfronten und der
gänzlich unheroischen und unvermittelten Kriegsniederlage, die für
viele Offiziere vordergründig nur durch die Flucht in den Mythos des
Dolchstoßes plausibel zu erklären war. 63
Bedeutsamer und zukunftsträchtiger war jedoch jene von Verunsi-
cherung und Radikalisierung gleichermaßen zeugende Folgerung, die
in den martialischen Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg und dessen
Ende zu finden ist: Die aggressive Forderung nach einer sich ständig
erneuernden Opfergemeinschaft, in der Krieg und gewaltsames Sterben
als Wert an sich und als eine Sache des geeinten Volkes aufgefaßt

60
Adolf V. TROTHA, Volkstum und Staatsflihrung, Briefe und Aufzeichnungen
1915-1920, Berlin 1928, S. 197.
61
Tilo FRHR V. WILMOWSKI, Rückblickend möchte ich sagen... - an der Schwelle
des 150jährigen Krupp-Jubiläums, Oldenburg/Hamburg 1961, S. 88.
62
Franz v. PAPEN, Der Wahrheit eine Gasse, München 1952, S. 116. Weitere Hin-
weise bei Funck/Malinowski, Geschichte von oben (wie Anm. 14), S. 261 f.
63
Annelise THIMME, Flucht in den Mythos. Die Deutschnationale Volkspartei und
die Niederlage von 1918, Göttingen 1969. Zur „Dolchstoßlegende": Ulrich
HEINEMANN, Die verdrängte Niederlage. Politische Öffentlichkeit und Kriegs-
schuldfrage in der Weimarer Republik, Göttingen 1983.

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148 Marcus Funck

würde: „Nun sind wir schon drei lange Vierteljahre Krieger, haben
vergessen, daß einmal Friede war und Stille, daß es eine Zeit der Rosen
und der Schmetterlinge gab. [...] Aus einem Volk friedlicher Arbeiter
wurde ein Volk der Kämpfer. [....] Aber daß wir jeden Tag Soldat sein
müssen, daß jeden Tag ein Gegner, jeden Tag ein Kampf, jeden Tag
ein Schicksal auf uns wartet, dem wir uns stellen müssen, das hat uns
doch erst dieser Krieg gelehrt. [...] Daß unser Leben nur ein Lehen ist,
daß unsere Zukunft auf dem Blut beruht, das wir als Verpflichtung
empfangen und als Opfer hinzugeben haben, daß wir lodernd nur dann
das Leben genießen, daß wir jubelnd nur dann den Tod begrüßen,
wenn wir wissen, daß kein noch so bescheidenes Stückchen Leben von
Wert ist, wenn wir nicht den Einsatz dafür gewagt haben, das hat uns
doch dieser Krieg gelehrt."64 Damit wurde zwar das aristokratische
Offizierkonzept endgültig in ein von Härte geprägtes preußisches, rein
kriegerisch-soldatisches überführt, in dem der Adel nur noch eine Ne-
benrolle spielen konnte, doch wurde so das Weiterkämpfen ermöglicht
und mit neuem Sinngehalt unterlegt.65
Die adligen Offiziere kämpften nach dem 9. November 1918 inner-
halb und außerhalb des institutionalisierten Militärs weiter, und zwar
mit zunächst sehr konkreten Zielen: Niederschlagung der Revolution,
die in Erinnerung der Ereignisse in Rußland seit 1917 auch als Bedro-
hung des eigenen Lebens empfunden wurde, und im Falle der Gutsbe-
sitzer die Sicherung des Eigentums. Dieser militärische Dienst wurde
allerdings in ganz unterschiedlichen, z.T. rivalisierenden Institutionen
(reguläre Armee, Freikorps, Selbstschutzverbände etc.) geleistet, die
sich in den Wirren des Bürgerkrieges und der Demobilisierung gebil-
det hatten, und in Organisationsgrad und Befehlshierarchie, nicht zu-
letzt auch in ihren politischen Zielsetzungen fundamental voneinander
unterschieden. Es kann gar nicht stark genug betont werden, daß die
Jahre der Revolution und Konterrevolution geprägt waren von dem
Konflikt zwischen der Tendenz zur Privatisierung von Krieg und Ge-
walt in den paramilitärischen Verbänden und den Anstrengungen der
Reichswehrführung das Gewaltmonopol wiederzuerlangen.66 Das ei-

64
Bogislaw v. SELCHOW, Hundert Tage aus meinem Leben, Leipzig 1936, S. 257.
65
Ausführlicher: Marcus FUNCK, The Meaning of Dying. East Elbian Noble Fami-
lies as „War Tribes" in the 19th and 20th Centuries, in: Matt Berg/Greg Eghigian
(Hg.), Sacrifice and National Belonging in Twentieth-Century Germany, Arling-
ton 2001.
66
GEYER, Aufrüstung oder Sicherheit (wie Anm. 9), S.25. Neben den verstreuten
Hinweisen bei Otto-Ernst SCHÜDDEKOPF, Das Heer und die Republik. Quellen zur

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 149

gentliche Ausmaß der Bewaffnung von unten kann erst durch lokal-
und regionalgeschichtlich angelegte Detailstudien aufgezeigt werden.67
Gutshäuser in adligem Besitz bildeten organisatorische Schaltstellen
der konterrevolutionären Bewegungen, des bewaffneten Widerstandes
gegen Revolution und Demokratie auf dem flachen Land. So stellte der
Rittmeister a.D. Wilhelm v. Oppen-Tornow nach 1918 sein Gutshaus
verschiedenen Verbänden als Waffenkammer und Kommandozentrale
zur Verfugung, beherbergte Fememörder und unterstützte die Küstriner
Putschisten, während der Rittergutsbesitzer v. Natzmer als Führer der
Bauern die Revolution in Cottbus zurückgeschlagen haben soll. 68 Sol-
che Aktivitäten basierten vornehmlich auf traditionellen Vorstellungen
von militärischem Herrentum, nur daß sie nach 1918 auf privat finan-
zierte und geführte Einheiten übertragen wurden und auf die „Basis-
Militarisierung"69 der Bevölkerung angewiesen blieb.
Grundlegend anders stellten sich die Beziehungen zwischen Offi-
zieren und Soldaten in den eigenmächtig „von unten" gebildeten Frei-
korps dar - die staatsnahen, „von oben" eingesetzten Freikorps seien
hier außen vor gelassen. 70 Der Zerstörung der staatlich-institutionellen
Kollektivität wurden hier neue, aus der erlebten und stilisierten Front-
kameradschaft geschöpfte Bindungsformen entgegengesetzt, die einen

Politik der Reichswehrfuhrung 1918-1933, Hannover/Frankfurt 1955 u. Heinz


HÜRTEN (Hg.), Zwischen Revolution und Kapp-Putsch: Militär und Innenpolitik
1918-1920, Düsseldorf 1977 s. James M. DIEHL, Paramilitary Politics in Weimar
Germany, Bloomington/London 1977.
67
Jens FLEMMING, Die Bewaffnung des „Landvolks". Ländliche Schutzwehren und
agrarischer Konservatismus in der Anfangsphase der Weimarer Republik, in: Mi-
litärgeschichtliche Mitteilungen 2 8 ( 1 9 7 9 ) , S. 7 - 3 6 . Vgl. auch Rainer POMP, Bran-
denburgischer Landadel und die Weimarer Republik. Konflikte um Oppositions-
strategien und Elitenkonzepte, in: Kurt Adamy/Karin Hübener (Hg.), Adel und
Staatsverwaltung in Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 1996, S. 185-
218.
68
V. OPPEN, Leseskizzen (wie Anm. 47), S. 455 u. Charlotte FRFR. V. HADELN, In
Sonne und Sturm, Rudolstedt 1935, S. 182f. Über die engen Verbindungen des
brandenburgischen Landadels zu Major Bruno Emst Buchrucker informiert die
Sammlung v. Oppen zum Buchrucker-Putsch in: BLHA, Rep. 37, Gut Bollers-
dorf, Nr. 25-30. Für spätere Aktivitäten, bspw. zur Unterstützung von Reichs-
wehreinheiten bei Umgehung der Abrüstungsbestimmungen vgl. die in eine Art
Lausbubengeschichte verpackten Beschreibungen bei Christoph V. L'ESTOCQ,
Soldat in drei Epochen. Eine Hommage an Henning von Tresckow, Berlin 1990,
S. 54-60.
69
Michael Geyer, Deutsche Rüstungspolitik (wie Anm. 10), S. 119.
70
Allgemein dazu noch immer: Hagen SCHULZE, Freikorps und Republik 1918-
1920, Boppard 1969.

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150 Marcus Funck

Wandel im „soldatischen Führertum" markieren. Es ist schon des öfte-


ren daraufhingewiesen worden, daß gerade unter den Freikorpsfiihrern
die Notwendigkeit zum sozialen Handeln - allerdings nur in den eige-
nen Reihen und auf Kosten des imaginierten Feindes - mit dem Recht
auf Intervention verknüpft, und damit die Gehorsamspflicht gegenüber
vorgesetzten Stellen aufgegeben wurde.71 Persönliche Fürsorge war
das Bindeglied zwischen den charismatischen Führern und ihren Ge-
folgschaften, selbst wenn die Mittel dazu geraubt werden mußten,
während Differenzen mit vorgesetzten militärischen und politischen
Behörden öffentlich ausgetragen wurden. Am eindrücklichsten läßt
sich diese radikale Wendung vom aristokratischen Offiziertum zum
soldatischen Führertum in den im Baltikum und den deutsch-polni-
schen Grenzgebieten eingesetzten Einheiten beobachten. Major Joa-
chim v. Stülpnagel unterschied drei Typen der im Baltikum kämpfen-
den Offiziere: Solche, die aus nationalen und ideellen Gründen ihren
Dienst taten, solche die schlicht ihre Pflicht erfüllten und schließlich
sittlich minderwertige Abenteurer und Condottieri. Nüchtern stellte er
fest, daß die Masse der Mannschaften nur Vertrauen in ihre eigenen
Führer hätte und Weisungen aus Berlin nicht befolgen würde.72 Die
tiefe Abneigung v. Seeckts gegen den „Landsknechtscharakter" der
selbstmobiliserten Freikorps und den „bolivianischen Zuständen" im
Osten,73 war ein markantes Beispiel für die große Kluft zwischen den
von Gardekorps und Generalstab gleichermaßen geprägten Offizieren
und den von ihren zusammengewürfelten Gefolgschaften akklamierten
militärischen Führern.
Sowohl in den Bürgerkriegs- als auch in den Grenzkämpfen wurden
historisch weiter zurück reichende Vernichtungsphantasien gegen ei-
nen inneren und äußeren Feind erstmals erprobt. Programmatische
Schriften und persönliche Berichte von den Kämpfen hielten die Erin-
nerungen an jene Klassen- oder Rassenfeinde und an die Kampfme-
thoden wach,74 die in ihrer Brutalität durchaus als Vorstufe zum geno-

71
SCHÜDDEKOPF, Heer und Republik (wie Anm. 66), S.44. Vgl. die Erinnerungen
des „roten Generals" Georg MAERCKER, Vom Kaiserheer zur Reichswehr, Leipzig
1921.
72
Vortrag „Die Truppen im Baltikum", gehalten vor dem preußischen Kriegsmini-
sterium am 1.10. 1919 in: BA-MA Ν 5/18 (ν. Stülpnagel), fol. 29.
73
Hans V. SEECKT, Die Reichswehr, Leipzig 1933, S. 14.
74
Bspw. Rüdiger GRAF V. D. GOLTZ, Meine Sendung in Finnland und im Baltikum,
Leipzig 1920; Bernhard V. HÜLSEN, Der Kampf um Oberschlesien, Berlin 1922;
Manfred V. KJLLINGER, Kampf um Oberschlesien 1921, Leipzig 1934; Walther
FREIHERR v. LÜTTWITZ, Im Kampf gegen die November-Revolution, Berlin 1934.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 151

zidalen Krieg bezeichnet werden können.75 Ein Erfahrungsbericht des


Garde-Kavallerie-Schützenkorps von den Kämpfen in Berlin empfahl,
daß bei künftigen derartigen Auseinandersetzungen zuerst der Belage-
rungszustand verhängt werden sollte, damit mit der Waffe sich Wider-
setzende oder Plünderer sofort erschossen werden könnten. Weiter
hieß es: „Je schärfer die Mittel, um so schneller der Erfolg; keine Ver-
handlungen, sondern restlose Ergebung erzwingen; unsichere Elemente
aus den eigenen Reihen rechtzeitig und rücksichtslos entfernen; gegen
Menschenansammlungen stets rücksichtslos nach 3maliger kurzer Auf-
forderung von der Waffe Gebrauch machen." 76 Die Fanatisierung und
Radikalisierung der Kriegführung, die stark antibürgerlichen - aber
auch „anti-wilhelminischen" - Affekte, wurden von den beteiligten
adligen wie bürgerlichen Offizieren gleichermaßen getragen. Aristo-
kratische Herkunft oder Bindungen an ein militärisches Altpreußentum
hatten keinerlei mäßigende Wirkung auf ihr Handeln.77 Vielmehr wur-
de der aus einer spezifisch preußischen Adelstradition geschöpfte mi-
litärische Wertekanon in den gegenrevolutionären Kämpfen erweitert,
brutalisiert und in die Adelsgesellschaft rückübertragen.78

4. Re-Aristokratisierung und Professionalisierung: Elitenbildung in der


Reichswehr

Aus der Perspektive der Reichswehrführung war die Zeitphase zwi-


schen dem 9. November 1918 und dem 31. Juli 1920 (formale Bildung
des 100.000-Mann-Heeres) geprägt von vier ineinander verschränkten
und widersprüchlichen militärischen Entwicklungen: erstens die orga-
nisatorisch aufwendige Heimführung des Feldheeres und der Einsatz
der „zuverlässigen" Teile der alten Armee unter der Führung der OHL
und der Mehrheitssozialisten gegen die revolutionären Kräfte; zweitens
die unkontrollierte, teilweise revolutionäre Auflösung des alten Heeres
und die eigenmächtige Bildung neuer Militärverbände in Ergänzung
oder Konkurrenz zur regulären Armee; drittens die institutionell ge-

75
Vgl. Ernst v. SALOMON, Die Geächteten, Berlin 1930, S. 167: „Eine Welle des
dumpfen Hasses stieg aus der Masse zu uns herauf, der Haß zweier Rassen, der
blinde Ekel voreinander [...]."
76
Garde-Kavallerie-Schützenkorps: „Erfahrungen aus den Straßenkämpfen in
Berlin" vom 31.3. 1919, in: BA-MA Ν 280/106 (ν. Hülsen).
77
Vgl. die Passagen über Paul v. Lettow-Vorbeck in Klaus THEWELEIT, Männer-
phantasien, Bd. 1: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, Basel/Frankfurt a. M.
1977.
78
Vgl. FUNCK/MALINOWSKI, Geschichte von oben (wie Anm. 14), S. 260-266.

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152 Marcus Funck

lenkte Demobilisierung und Abwicklung des alten Heeres; und viertens


die staatlich organisierte Neuaufstellung eines Heeres gemäß den Auf-
lagen des Versailler Vertrages bei gleichzeitiger Auflösung der neu
entstandenen, konkurrierenden Militärverbände unter der Führung von
unabhängigen „Kriegsherren" bzw. deren Nutzung als Personalreser-
voir in Abhängigkeit von der militärischen Zentralgewalt. In diesem
Zusammenhang kann nur der letztgenannte Entwicklungsstrang unter
der Perspektive der militärischen Elitenbildung isoliert untersucht wer-
den, selbst auf die Gefahr hin, das komplexe Geflecht der Entschei-
dungsbedingungen zu vereinfachen und die Handlungsspielräume der
militärischen Führung zu überschätzen. Schon bei einer flüchtigen
Durchsicht der Akten wird deutlich, daß die Wiedererlangung der ge-
samtgesellschaftlichen Eliterolle in der Heeresleitung, besonders im
Truppenamt und im Heerespersonalamt, oberste Priorität besaß. Insbe-
sondere die Politik der Heeresleitung in der Ära Seeckt, die Konzen-
tration auf die Felder Rekrutierung, Erziehung und Ausbildung des
Offizierkorps, ist ohne den vorhergegangenen Statusverlust der Offi-
ziere im Herrschaftssystem wie in der Gesellschaft nicht zu verstehen.
Hinzu kam, daß zentrale Bestandteile der preußischen Militärtradition
aus der Reichswehr herausgelöst worden waren. Das andauernde Re-
den über „Ehrenhaftigkeit" beispielsweise ist nur vor dem Hintergrund
der Auflösung eines allgemeingültigen Verhaltenskodex für Offiziere
und der Abschaffung der militärischen Ehrengerichte zu verstehen.
Während die Reichswehr diesen doppelten Verlust durch unzulängli-
che Hilfskonstruktionen auszugleichen versuchte, übernahmen die
militärischen Verbände und Vereine die Kontrolle des Ehrbegriffs.
Auch hier ist eine Privatisierung von Kontrollen und Leistungen zu
beobachten, die ehemals ausschließlich der militärischen Profession
zugedacht gewesen waren. Nicht weiter verwunderlich ist, daß beson-
ders adlige Offiziere a.D. als Angehörige des Standes höchster Ehre
die Expertenschaft in Sachen Ehrenhaftigkeit für sich reklamierten und
somit immer wieder in die Geschäfte der militärischen Profession in-
tervenierten.
Schon seit dem Herbst 1918 hatte man sich in Kreisen der Obersten
Heeresleitung und des preußischen Kriegsministeriums mit den Pla-
nungen für den Neuaufbau einer Armee nach dem Kriege befaßt und es
war den Beteiligten klar, daß man die Uhr nicht einfach auf den Vor-
kriegsstand zurückdrehen konnte. Nach dem militärischen Zusammen-
bruch und dem Militärstreik, der Auflösung der Armee und der hastig
improvisierten Neuaufstellung militärischer Verbände gehörte die alte
Armee der Vergangenheit an. Hans v. Seeckt prägte 1919 das Wort,

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 153

man könne einen toten Leichnam, die alte Armee, nicht einfach „gal-
vanisieren".79 Wenn es nun darum ging eine neue Armee aufzubauen,
so wurden die Rahmenbedingungen von den Siegermächten bestimmt,
während die innere Ausgestaltung der Armee, u.a. die Auswahl der
Offiziere ausschließlich Sache der deutschen Militärführung blieb.80
Hier gab es durchaus konträre Vorstellungen, insbesondere zwischen
dem aus Württemberg stammenden preußischen Kriegsminister Gene-
ral Walter Reinhardt einerseits und Seeckt sowie führenden Offizieren
des Generalstabes anderseits,81 von außerhalb der Militärfiihrung for-
mulierten Offizierskonzepten ganz abgesehen.82 Schließlich setzte sich
die „restaurative Linie" des Generalstabes durch, bevorzugt General-
stabsoffiziere in die neue Armee zu übernehmen und in verantwortli-
che, militärpolitisch sensible Stellungen zu hieven, zumal nach Wil-
helm Groeners Argumentation „der Generalstabsoffizier die durch
immer erneute Prüfung und Siebung gewonnene Elite des gesamten
Offizierkorps [war]."83 Groener formulierte auch das Kalkül der mili-
tärischen Zentrale in einem früheren Schreiben an das Personalamt im
preußischen Kriegsministerium. Den Wiederaufbau sah er nur dann
gewährleistet, wenn „die besten Männer4' blieben. Gerade die Neu-
organisation, die Verkleinerung des Heeres gäbe Gelegenheit, „das
Offizierkorps von dem ihn aus dem Kriege und aus der Revolutionszeit
anhaftenden Schlacken zu reinigen, wenn eine feste und zielbewußte
Hand den Bau leitet[e]."84 Übrig blieb also der professionelle Kern des

79
Friedrich v. RABENAU, Seeckt. Aus seinem Leben 1918-1936, Leipzig 1940, S.
126. Diese Haltung brachte ihm die bittere Feindschaft der abgetretenen Schnauz-
bartmilitaristen ein. Vgl. ebda. S. 232.
80
Besonders in diesem Punkt zeigten sich Oberste Heeresleitung (Hindenburg,
Groener) und preußisches Kriegsministerium (Reinhardt) gegenüber den Arbeiter-
und Soldatenräten keinerlei Kompromißbereitschaft. Bezeichnend Groeners tau-
tologisches Argument: „Führer können nicht gewählt werden, weil gewählte Offi-
ziere keine Führer sind." Protokoll einer Besprechung zwischen dem Rat der
Volksbeauftragten, Groener und dem Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte
(27-Ausschuß) vom 30.12. 1918, in: BA-MA Ν 42/11 (ν. Schleicher)
81
BALD, Vom Kaiserheer zur Bundeswehr (wie Anm. 42), S. 22-24 und WETTE,
Noske (wie Anm. 3).
82
Für die republikanische Variante: Franz Carl ENDRES, Reichswehr und Demokra-
tie, München/Leipzig 1919.
83
Schreiben Wilhelm Groeners an Walter Reinhardt vom 24.8. 1919, zitiert nach:
Detlev BALD, Gerhild BALD, Eduard AMBROS (Hg.), Tradition und Reform im
militärischen Bildungswesen. Von der preußischen Allgemeinen Kriegsschule,
Baden-Baden 1985, S. 46, S.153.
84
Schreiben Groeners an Reinhardt vom 26.3. 1919 in: BA-MA PH 3/27, 2.

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154 Marcus Funck

alten Heeres, der sich weniger als „echter Träger der alten Tradition
des deutschen Offizierkorps", 85 als vielmehr durch einen sachlich-
funktionalen Zugriff auf militärfachliche Fragen auszeichnete.
Natürlich war in dieser Gruppe auch eine überproportional hohe Zahl
adliger Offiziere zu finden, der Adelsanteil im Generalstab betrug bei
Beginn des Weltkriegs annähernd 50 Prozent, doch waren sie in erster
Linie nicht aufgrund von Herkunft und Protektion, sondern aufgrund
von Expertenwissen, Leistung und systematischer Auslese in ihre
Stellungen gelangt und dort verblieben. Insofern setzte sich in der
Reichswehr der Aufstieg der „Bürosoldaten" beschleunigt fort.
Die Rekrutierungspraxis war anfänglich ohnehin sehr viel differen-
zierter und das Offizierkorps sehr viel heterogener als in der Literatur
gemeinhin dargestellt wird. Im Januar 1920 beklagte sich Seeckt ge-
genüber Reichswehrminister Noske, daß „das Offizierkorps auch die
Ansätze einer einheitlichen Zusammensetzung von Ansichten und
Wille nicht erkennen läßt. Wir haben eine Menge kleiner Republiken
in der Armee. Das geht weiter nicht an."86 Das Offizierkorps setzte
sich zusammen aus höheren und mittleren Truppenführern vom Regi-
mentskommandeur aufwärts, jüngeren, aktiven Offizieren, die sich in
Generalstabs- und Stabsstellungen befanden, Kriegsleutnants und den
sogenannten „Noske-Offizieren", aus dem Unteroffizierkorps teilweise
auch aus dem Mannschaftsstand beförderte Offiziere, die jedoch sehr
schnell wegen vorgeschobener „Unzuverlässigkeit" ausgesiebt wurden.
Den Wehrkreiskommissionen, die für die Übernahme der Stabsoffizie-
re zuständig waren, und später den Regimentskommandeuren wurde
nahegelegt nicht den traditionellen Auswahlkriterien zu folgen: Weder
soziale Herkunft noch Bildung oder gar die wirtschaftlichen Verhält-
nisse der Bewerber standen an oberster Stelle, sondern Charakter, Ge-
sinnung und militärisches Können.87 Dies ermöglichte die gnadenlose
Aussiebung demokratisch gesonnener Offiziere ebenso wie unliebsa-

85 So DEMETER, Offizierkorps ( w i e Anm. 18), S. 48; vgl. die ähnliche Einschätzung


bei Emilio WILLEMS, Der preußisch-deutsche Militarismus. Ein Kulturkomplex
im sozialen Wandel, Köln 1984, S. 122: „ D i e s e Organisation [des Generalstabes
bzw. Truppenamtes] führte zu einem neuen Offizierskorps, das bis auf den letzten
Mann die traditionellen Wertvorstellungen der kaiserlichen A r m e e repräsentierte."
86 Schreiben des Chefs des Truppenamts an den Reichswehrminister v o m 16.1.
1920, in: B A - M A Ν 247/89, fol. 11.
87 W i e Anm. 81. Das Schreiben enthält auch eine deutliche Spitze gegen den älteren,
„aristokratischen" Offiziertypus: „ I n die obersten Kommandostellen müssen fri-
sche Männer kommen, die fuhren können, und von denen zu erwarten ist, daß sie
nicht nur die repräsentative Seite ihre Stellung ausüben."

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 155

mer Frontsoldaten, doch war es eben kein Rückfall in eine Zeit, in der
das Offizierkorps soziales Prestige über die Ausstrahlungskraft seiner
Herkunft und Exklusivität bezog. Bei der Eingliederung neueinge-
stellter Offiziere scheint es zu erheblichen Schwierigkeiten gekommen
zu sein, da häufig jüngere Offiziere, die mit den Mannschaften eng
verwachsen waren, ihre Stellen für ältere und ranghöhere Offiziere
räumen mußten. Zwar bemühten sich die Wehrkreise, soweit dies die
Bedingungen der Siegermächte zuließen, um einen behutsamen und
sukzessiven Austausch,88 doch waren sie nicht in der Lage das be-
drohliche Protestpotential der von Entlassung bedrohten Offiziere ab-
zubauen.
Die militärische Aufbauarbeit der frühen Jahre war durchaus restau-
rativ in dem Sinne, daß Revolution und Konterrevolution aus dem
Offizierkorps verdrängt wurden. Frontsoldatentum, Revolution und
Bürgerkrieg hatten die ohnehin fragile Homogenität des Offizierkorps
aufgelöst, so daß von den politischen Ambitionen einzelner militäri-
scher Persönlichkeiten abgesehen, die Reichswehrpolitik anfanglich
unter dem Motto „Wir müssen arbeiten!" 89 in erster Linie auf Wieder-
herstellung der militärischen Einheit unter Führung der Offiziere und
auf Verankerung des Wehrgedankens in der Bevölkerung zielte. Das
angestrebte Führerheer als Speerspitze der oberhalb des republikani-
schen und der Verfassung angesiedelten wehrhaften Nation knüpfte an
ein vermeintlich unpolitisches, rein militärische fundiertes Offiziers-
konzept an, wie es vor 1914 am ehesten im Generalstab entwickelt
worden war.
Die z.T. grotesk anmutenden Versuche v. Seeckts, die Wiederer-
richtung des Offizierkorps als militärische Funktionselite und als ge-
sellschaftliche Wertelite bis in die Kompanien hinein zu steuern, rissen
nach seiner Verabschiedung 1926 nicht ab. Doch orientierten sich sei-
ne Nachfolger nüchterner an den gegebenen Realitäten, versuchten die
Basis des Offizierersatzes zu erweitern und zeigten sich in Theorie und
Praxis der militärischen Elitenrekrutierung insgesamt sehr viel experi-
mentierfreudiger. Auch hinsichtlich der Elitenbildung im Offizierkorps

88
Schreiben des preußischen Kriegsministers Reinhardt an alle Kommandobehörden
vom 13. Mai 1919, in: Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden (SHStA), Bestand
Heeresabwicklungsamt, Ρ 7151, fol. 172.
89
Erlaß des Chefs der Heeresleitung, Generalmajor v. Seeckt, an die Generalstabsof-
fiziere vom 7.7. 1919, abgedruckt in: Offiziere im Bild von Dokumenten (wie
Anm. 59), S. 217-219.

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galt es, „aus dem Gebiet der Utopien herauszukommen." 90 Dazu ge-
hörte zunächst einmal die Überlegung, die Armee aus der selbstver-
schuldeten gesellschaftlichen Isolation herauszufuhren, indem sie von
der Reichswehrfiihrung näher an den republikanischen Staat, damit ins
Zentrum der politischen Entscheidungen, herangerückt werden sollte.91
Am deutlichsten formulierte dies der Kommandeur des III. Wehrkrei-
ses General Otto Hasse, der damit bezeichnenderweise der vom sozial-
demokratischen Reichstagspräsidenten Hermann Löbe vorgeschlage-
nen Neuordnung der Offiziersergänzungsbestimmungen und einer
allgemeinen „Hetze gegen die Reichswehr4' entgegentreten wollte:
„Wir haben eine Republik und können es aus sachlichen und perso-
nellen Gründen nicht ändern und wollen es auch nicht ändern." Er
forderte, ein offenes Wort für die Demokratie auszusprechen und den
Mut zum Bekenntnis, der jedoch „durch inneren konventionellen
Zwang, von außen durch gesellschaftlichen Terror der politisch unori-
entierten und dilettantierenden Kreise, die sich meist nicht aus den
klügsten Elementen zusammensetzen, unterdrückt [würde]." Nur über
eine symbolische Annäherung an die Republik könne das Heer wieder
sichtbar werden bzw. in die Mitte des Volkes rücken. 92 In einem von v.
Seeckts Nachfolger, General Wilhelm Heye, unterzeichneten Umlauf-
papier für Offiziere im Reichswehrministerium wurde diese Überle-
gung sogar noch weitergeführt: „Monarchie oder Republik? Dabei ist
diese Frage, so wie sich die Dinge nun mal entwickelt haben, keine
Tatfrage mehr. Es gibt in Deutschland kaum ein Dutzend ernst zu
nehmender Männer, die die Wiederherstellung der Monarchie in ab-
sehbarer Zeit für zweckmäßig, geschweige denn für möglich und
durchführbar halten." Um den „Kommunisten und Pazifisten den Wind
aus den Segeln zu nehmen", solle sich die Reichswehr an der Ausge-
staltung der Republik beteiligen. Des weiteren müßten alle Reichs-

90
Brief Joachim v. Stülpnagels an Friedrich v. Rabenau vom 14.5. 1926, in: B A -
MA Ν 5/21 (ν. Stülpnagel), fol. 7.
91
Überhaupt verlangten führende Offiziere im Ministerium, daß die Rolle des Offi-
zierkorps durch offensive „Öffentlichkeitsarbeit" auch in der Gesellschaft wieder
zu entsprechender Geltung gebracht werden sollte. Diese Linie vertrat schon früh-
zeitig insbesondere Kurt v. Schleicher. Vgl. die Aufzeichnung über eine „Bespre-
chung des Herrn Chefs P.A. mit den Abteilungsleitern des Rw.M. über den gesell-
schaftlichen Verkehr des Offizierkorps der Reichswehr" vom 14.12. 1927, in:
BA-MA Ν 42/42 (ν. Schleicher), fol. 62-64.
92
General Otto Hasse an den Chef der Heereleitung Hans von Seeckt vom 30.11.
1926, die Hetze gegen die Reichswehr betreffend, in: BA-MA Ν 247/89 (ν. Se-
eckt), fol. 65-69.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 157

wehrangehörige, welche die Auffassung, daß die Armee im Volke


wurzele und allen Bevölkerungsschichten gehöre, nicht teilen könnten,
aus dieser Armee entlassen werden. 93
Unter der Prämisse, daß das Friedensheer „überhaupt kein Heer,
sondern ein Torso" war, 94 blieb die perspektivische Ausrichtung der
Rekrutierungspolitik auf ein Führer- bzw. Eliteheer fixiert, das nun
aber sehr konkreten gesamtgesellschaftlichen Ansprüchen gerecht
werden sollte.95 Dies allerdings in schärferer Abgrenzung von den
Prinzipien der alten Armee als es unter v. Seeckt denkbar gewesen
wäre. In einem vom Heerespersonalamt entworfenen Rundschreiben
vom April 1928, das bis auf Bataillonsebene heruntergereicht wurde,
stellte der Chef der Heeresleitung fest, daß der Offizierersatz noch
immer nicht den hohen Anforderungen entspräche. Es ginge nicht an,
den Ersatz nur aus eng begrenzten Kreisen des Volkes zu entnehmen,
vielmehr sollten die „charakterlich, geistig und körperlich Besten", die
Elite der Nation, rekrutiert werden. Ausnahmen könnten bei gleicher
Eignung nur für Söhne von Reichswehrangehörigen, gefallener oder
schwerbeschädigter Kriegsteilnehmer gemacht werden, ohne daß dabei
Inzucht betrieben werden dürfe. Die Reichswehrführung konnte es
auch unter Heye nicht wagen, die Befugnisse der Regimentskomman-
deure zu beschneiden, doch wurde in dem Rundschreiben die erneute
Tendenz zur Ausbildung „besserer Regimenter" scharf kritisiert, die
Vorstellung einer gleichartigen Zusammensetzung aller Offizierkorps
dagegen gesetzt und die Befugnisse der Zentrale bei der Auswahl des
Offiziernachwuches betont.96
Nach dem Ende der „Ära Seeckt" geriet die Reichswehr tatsächlich
zu einem Laboratorium neuer Methoden und Kriterien der Rekrutie-
rung und Beförderung. Wer sich dabei nicht bewährte, wurde rigoros

93
Umlaufpapier zum Jahreswechsel 1926/27, in: BA-MA Ν 42/39 (ν. Schleicher),
fol. 81-90.
94
So ein beißendes Schreiben aus der Heeresorganisationsabteilung an Oberstleut-
nant Werner Frhr. v. Fritsch vom 26.10. 1926, in: BA-MA Ν 42/42 (ν. Schlei-
cher), fol. 15-17, in dem auch daraufhingewiesen wurde, daß die Vorstellung, die
Erinnerung an entzogene Kriegsmittel führe zu Mitteln und Wegen ohne sie den
Kampf zu bestehen in sich widersprüchlich und für die Reichswehr kontrapro-
duktiv sei.
95
Vgl. die Denkschrift Joachim v. STÜLPNAGELS „Der gegenwärtige Zustand und
die Zukunftsaufgaben des Offizierkorps vom 20.11. 1928, in: BA-MA Ν 5/22 (ν.
Stülpnagel), fol. 16-24. „Das Ziel ist die Schaffung eines Offizierkorps, das cha-
rakterlich und geistig eine Elite von Menschen darstellt, die über den Rahmen der
Berufsaufgaben hinaus auf die Masse der Bevölkerung eine Einwirkung ausübt."
96
Ein Entwurf findet sich in BA-MA Ν 5/22 (ν. Stülpnagel), fol. 3-4.

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ausgesiebt, dafür wurde von der Möglichkeit der bevorzugten Beförde-


rung stärker als je zuvor Gebrauch gemacht. Neben eher traditionellen
Einstellungsbedingungen, zu denen letztlich auch das Abiturientenex-
amen zu zählen ist, traten die sogenannte psychotechnische Prüfung
und standardisierte Wehrkreisprüfungen. In zunächst bescheidenem
Umfang und unter strengen Auflagen erwog das Heerespersonalamt
schließlich auch die Öffnung der Offizierslaufbahn für Mannschafts-
und Unteroffiziersdienstgrade aus der Truppe und folgte damit einer
alten Forderung sozialdemokratischer Wehrexperten. Im Heeresperso-
nalamt kam man gleichwohl zu der Einsicht, daß „das Offizierkorps
[...] heute noch nicht eine Elite besonders hervortretender Menschen,
wohl aber ein guter, die Masse des alten Offizierkorps überragender
Durchschnitt ist [...]. Im besonderen fehlt es heute an Geistigkeit, an
Köpfen."91 Die gestiegene Zahl diplomierter und promovierter Offizie-
re sowie der hohe allgemeinen Bildungsstand im Offizierkorps wurden
in dem Memorandum ebenso hervorgehoben wie die vom General
Walther Reinhardt initiierten Hochschulkurse für besonders begabte
Offiziere, die sogenannten Reinhardt-Kurse, und die Idee einer
Kriegsakademie als universitäre Einrichtung.98 Das eigentliche Defizit
wurde, neben der schwierigen wirtschaftlichen Lage und der ungewis-
sen Zukunft der Offiziere, jedoch im Mangel an Charakter und Per-
sönlichkeit gerade unter den Stabsoffizieren in der Truppe gesehen;
Eigenschaften mit denen man das Vertrauen der Jugend gewinnen zu
können glaubte. Der Typ des älteren Offiziers - damit war nichts we-
niger als der „wilhelminische" Offizier gemeint - , der Sklavenseelen
erzöge und nur passive Resistenz bei den Untergebenen bewirke, wur-
de geradezu als Schreckbild gezeichnet. Der neue Offizier hingegen
sollte den Mut zum Bekenntnis aufbringen und sich als bester Staats-
bürger präsentieren, um so, als Voraussetzung zur gesellschaftlichen
Erziehungsarbeit, Glaubwürdigkeit in der Truppe und im Volk wieder-
zugewinnen." In den Antworten von Offizieren des Heerespersonal-
amts auf die Denkschrift wurde die Abkehr von überlieferten Prinzipi-
en noch deutlicher formuliert. Betont wurden die Notwendigkeit einer
sachlich schärferen Auslese unter den Truppenoffizieren und einer
weiteren Rationalisierung der militärischen Arbeit. Nicht auf Achsel-

97
Wie Anm. 92.
98
Vortragsnotizen aus dem Arbeitsgebiet des Personal-Amts vom 19.11. 1928; Β Α -
ΜΑ Ν 5/22 (Ν. Stülpnagel), fol. 14. Vgl. auch Detlev BALD, Tradition und Reform
(wie Anm. 8 1 ) , S. 4 6 .
99
Wie Anm. 92

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 159

stücken und Dienstalter könne Autorität beruhen, sondern ausschließ-


lich auf Leistung.100
Für die professionals in der Reichswehrfiihrung basierte das Offi-
zierkorps nicht mehr auf den Faktoren „Herkunft" und „formale Ab-
grenzung", zumal sie selber diesen allenfalls unvollkommen genüg-
ten.101 In Differenz zum aristokratischen Herrschaftsmodell handelten
sie nach der Einsicht, daß „außergewöhnliche Männer [...] nicht nur
,geboren', sondern auch ,erzogen' [würden]." Die zahlreichen Sachde-
batten zwischen den „Traditionalisten" und „Modernisierern" im Mini-
sterium verliefen entsprechend nur zum geringsten Teil entlang der
herkömmlichen sozialen Trennungslinien zwischen Adel und Bürger-
tum. In Fragen der Rekrutierung, Ausbildung und Erziehung orientier-
ten sich die Berliner Offiziere an der individuellen Bildung, Leistung
und Persönlichkeit der Offiziere, sämtlich Kriterien professioneller
Elitenbildung, allerdings in scharfer Abgrenzung nach unten. 102 Dies
schloß den Adel, der diesen Kriterien zu entsprechen schon immer
vorgegeben hatte,103 beileibe nicht aus, jedoch wurde die adlige An-
nahme, von Geburt aus schon etwas zu sein, nicht mehr zur Richt-
schnur der militärischen Elitenrekrutierung gemacht. 104 Drei durchaus
widersprüchliche Voraussetzungen für diesen tiefgreifenden, aber bei-

100
„Gedanken zur Denkschrift" vom 5.12. 1928 und Antwortschreiben vom 6.12.
1928, ebda. 25-28 bzw. 29-33. Vgl. die 1932 von der Heeresorganisationsabtei-
lung emsthaft angestellten Überlegungen, hierarchische Rangabzeichen durch
Funktionszeichen zu ersetzen, in: GEYER, Aufrüstung oder Sicherheit (wie Anm.
9), S. 16.
101
GEYER, Professionals and Junkers (wie Anm. 9), S. 81 dort auch Beispiele. Im
Reichswehrministerium beschäftigte man sich sogar mit der Frage der Abnutzung
von Uniformen durch zu häufiges Tragen und kam zu der Antwort, daß finanziell
schlechter gestellte Offiziere, die Uniform nicht immer tragen müßten.
102
David N. SPIRES, Image and Reality. T h e Making of the German Officer 1921-
1933, Westport (Conn.) 1984.
103
Marcus FUNCK/Stephan MALINOWSKI, „Charakter ist alles!" Erziehungsideale und
Erziehungspraktiken in deutschen Adelsfamilien im 19. und 20. Jahrhundert, in:
Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 4 (2000), S. 71-91.
104
In einer Auftragsarbeit des Militärschriftstellers (und ehemaligen Reichswehroffi-
ziers) Kurt Hesse für die Heeresausbildungsabteilung heißt es: „Vergessen wir
nicht, daß die Führerrolle, die uns vor Augen steht, die Rolle des Führers des Vol-
kes, nur dann übernommen sein kann, wenn wir auch die geistige Qualität dazu
haben. Es sind viele Ansätze im Offizierkorps zur Persönlichkeit, aber die Zahl
der Persönlichkeiten ist noch immer gering." Zwar konstatierte er einen allgemei-
nen Rückgang an Persönlichkeiten, nannte aber in konventioneller Manier „ge-
sunden [!] Adel, alte Beamtenfamilien, Großgrundbesitz und alt eingesessene
Kaufleute" als Schichten, die eine gewisse Gewähr für Qualität böten. Vgl. B A -
MA Ν 558/43 (Hesse), S. 19.

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leibe nicht vollkommenen Wandel verdienen besondere Beachtung:


Die Professionalisierung des Heeresoffizierkorps wurde vorangetrie-
ben von Offizieren, die aus der Tradition des aristokratisch geprägten
wilhelminischen Offizierkorps stammten, über ihre Tätigkeiten in Ge-
neralstabsstellen aus dieser allerdings herausgewachsen waren. Inso-
fern könnte man die „Re-Aristokratisierung" des Offizierkorps der
Reichswehr geradezu als eine Gründungsbedingung der professionel-
len Armee bezeichnen. Außerdem hatte die Reichswehrführung
schmerzhaft einsehen müssen, daß die Offiziere in der Weimarer Ge-
sellschaft die soziale Leiter hatten hinabsteigen müssen. Das Offizier-
korps war in doppelter Hinsicht ein „degradierter Berufsstand".105
Einerseits hatte der Offizierberuf die Faszination des Heroischen und
seine Ausstrahlungskraft weitgehend verloren, anderseits waren die
Offiziere faktisch nicht in der Lage, ihrem zugewiesenen Auftrag der
Landesverteidigung zu genügen. Derart auf sich selber zurückgewor-
fen, eröffneten sich für die Armee neue Denk- und Handlungsräume,
die ihr aufgrund der gesellschaftlichen Bedeutung und Verantwortung
vor 1914 verwehrt geblieben waren. Schließlich konnte sich die
Reichswehr die strenge Selektivität und in gewissem Sinne auch Vor-
läufigkeit leisten. Mit dem Versailler Vertrag waren ihr militärisch bis
auf weiteres die Hände gebunden, doch gerade die Verkleinerung der
Armee erleichterte das auf eine bessere Zukunft hin ausgerichtete Ex-
perimentieren und Ausprobieren. Spätestens seit 1923 standen den
zugestandenen fünf Prozent vom Gesamtbestand an neu zu besetzen-
den Planstellen eine Vielzahl von Bewerbern gegenüber, 1929 bewar-
ben sich ca. 1.600 Bewerber für 196 freie Stellen, so daß die jeweiligen
Auswahlkriterien für Entlassung und Einstellung ohne Rücksichten
angelegt werden konnten.106 Deutlich wird aber auch, daß die Suche
nach zusätzlichen „weichen" Rekrutierungsfaktoren vor allem in Kon-
zepte wie „Persönlichkeit" und „Charakter" mündete, die den Militära-
del eher stärkten als schwächten und diesen wieder näher an die
Reichswehr heranführten.

5. Bewahrung, Marginalisierung und Degeneration des aristokratischen


Offizierkonzepts

Den ernsthaftesten Widerstand gegen den fundamentalen Wandel


des Offizierberufes leisteten neben den disparaten konservativen

105
Eckart KEHR, Zur Soziologie der Reichswehr (wie Anm. 4), S. 240.
106
Friedrich DOEPNER, Zur Auswahl der Offizieranwärter im 100.000-Mann-Heer,
in: Wehrkunde 22 (1973), S. 200-204 u. 259-263.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 161

Wehrverbänden paradoxerweise die Offiziere selber. An v. Seeckt


hatten sich noch alle Offiziere aufrichten können, so daß sie ihm willig
folgten. Danach hing das Ministerium förmlich in der Luft, die Trup-
penoffiziere bevorzugten andere Modelle militärischer Arbeit. 107 Hier
muß man wohl suchen, wenn man der Bedeutung des Adels für die
militärische Arbeit in der Zwischenkriegszeit auf der Spur ist. In den
Garnisonen und Kasernen, in einzelnen Truppenteilen der mittleren
und unteren Ebene lebten die Offiziere nach einem eigenen, von der
Zentralbehörde abgekoppelten Stil, der je nach regionaler Besonderheit
mehr oder weniger aristokratisch ausfiel.
Dabei war das Verhältnis des Adels zur Reichswehr zunächst sehr
zwiespältig, verhielten sich die „landsässigen Familien recht zurück-
haltend gegen die neue Reichswehr." 108 Grundsätzlich wurde das
„Söldnerheer" der Republik kritisch und ablehnend beurteilt, dagegen
die glorreiche militärische Vergangenheit in erster Linie von Offizieren
a.D. beschworen. Aus dem Zwang zur beruflichen Neuorientierung
heraus und aufgrund der ökonomischen Dauerkrise, die gerade die
militäradligen Familien belastete, ergingen jedoch schon sehr früh
Aufrufe an den Adelsnachwuchs, sich der „militärischen Aufbauarbeit"
nicht zu verweigern.109 Umgekehrt vermittelte die Reichswehrführung
unter v. Seeckt erfolgreich den Anschein der Kontinuität und so man-
cher Erlaß des Chefs der Heeresleitung liest sich geradezu als ein An-
gebot an die Söhne dieser Familien. Dies lag nicht zuletzt daran, daß in
den zahlreichen Denkschriften, Erlassen und Auftragsarbeiten der
Reichswehrführung mit der Forderung nach „Persönlichkeit" und
„Charakter" rhetorisch an Konzepte der Vorkriegszeit angeknüpft
wurde, die den Adel besonders anzogen. In Ermangelung einer zeitge-
mäßen Begrifflichkeit, welche die militärische Gesellschaft wohl auch
gar nicht hätte ertragen können, hüllte die Reichswehr ihre eigentlich

107 Yg] fy r ¿en Bruch zwischen Reichswehrführung und Truppenoffizierkorps


GEYER, Professionals and Junkers (wie Anm. 9), S. 84. Schon 1926 klagte
Hauptmann Eccard v. d. Gablentz, Kompaniechef im Potsdamer Infanterie-Regi-
ment 9, hier durchaus im Sinne des Ministeriums, über die „zu hohen Ansprüche"
und Ziellosigkeit der Ausbildung, was zu Mißstimmung in der Truppe führte, zu-
mal in der Truppenpraxis eben keine Führer und Persönlichkeiten, sondern Unter-
gebene ausgebildet würden. S. Eccard v. D. GABLENTZ, Gedanken über Änderung
unserer Ausbildung vom 2.10. 1926, in: BA-MA Ν 42/42 (ν. Schleicher), fol. 19-
24.
108
v. ARNIM, Erinnerungen ( w i e Anm. 49), fol. 11.
109
„Adelige an die Front!", in: Deutsches Adelsblatt 39 (1921), S. 132f. u. Haupt-
mann V. KORTZFLEISCH, Der Offizierberuf im Reichsheer, ebda., S. 338f.

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162 Marcus Funck

„modernen" Elitenkonzepte in den Mantel des Vergangenen und trug


somit zur Aufwertung des aristokratischen Offizierskonzeptes bei.
Mit den oben erwähnten zunehmenden Einschränkungen blieb den
Regimentern bzw. Kompanien das Recht auf Auswahl der Offiziere
und des Ersatzes an Unteroffizieren und Mannschaften belassen, so
daß in einzelnen Einheiten alte Regiments- und Familienbeziehungen
erneut Tendenzen zur Konzentration und Abschließung begründe-
ten.110 Durch die Betonung der Traditionspflege wurde gerade den
adligen Offizierfamilien, mit ihren generationentiefen Verbindungen
zu einzelnen Einheiten, der Wiedereinstieg in den Offizierberuf er-
leichtert. Mit dem Ziel die militärische Vergangenheit mit der Gegen-
wart zu versöhnen, wurden den Kompanien sogenannte Traditionsre-
gimenter zugewiesen, aus deren Geschichte die jungen Einheiten Kraft
für die gänzlich unheroische Tagesarbeit beziehen sollten.111 Was lag
für einen adligen Offizieranwärter näher, als sich um die Aufnahme in
solchen Einheiten zu bemühen, deren Geschichte untrennbar mit dem
eigenen Familiennamen verwoben war? Und umgekehrt mußten auch
die Regimenter Interesse an Offizieren haben, die in ihrer Einheit mehr
als nur eine nummerierte Versorgungsanstalt sahen, unter der sie mili-

110
Eine plastische Beschreibung der Bedeutung von Netzwerken und persönlichen
Beziehungen (und deren Grenzen) für die Einstellung als Offizieranwärter liefert
- bezeichnenderweise am Beispiel eines Bürgerlichen - Hans MEIER-WELCKER,
Aus dem Briefwechsel zweier junger Offiziere des Reichsheeres 1930-1938, in:
Militärgeschichtliche Mitteilungen 14 (1973), S. 57-100. S. a. Friedrich DOEPNER,
Die Entscheidung für den Offizierberuf, in: Wehrkunde 23 (1974), S. 421-428.
Hermann TESKE, Analyse eines Reichswehr-Regiments, in Wehrwissenschaftli-
che Rundschau 12 (1962), S. 252-269, hier: S. 256 berichtet von sogenannten
„Traditionssöhnen", die von ihren Vätem, alten Gardisten, dem Regiment zur Er-
ziehung übergeben wurden. Gerade unter Seeckt war es auch innerhalb der
Reichswehrführung möglich, „Adjutantenpolitik" zu betreiben und Einstellungen
von Freunden und Bekannten zu forcieren. Vgl. Friedrich v. RABENAU, Auszug
aus meinen Erinnerungen an meine Adjutantenzeit, in: BA-MA, Ν 62/11 (ν. Ra-
benau), fol. 19-29. Daß diese Praxis den „Modernisierern" ein Dorn im Auge war,
geht nicht zuletzt aus der Diskussion um Stülpnagels Denkschrift vom November
1928 hervor. Vgl. Anm. 92.
111
Generalmajor Friedrich v. Loßberg sah in der Tradition das letzte Ideal, „das dem
Soldaten des Söldnerheeres Standesbewußtsein einimpft und ihn bei der Truppe
hält." Schreiben des Kommandeurs Gruppenkommando 2 „Erhaltung der Überlie-
ferung des alten Heeres" vom 30.9. 1919, in: BA-MA Ν 247/89 (ν. Seeckt), fol.
5f. Vgl. Erlaß des Reichswehrministeriums - Chef der Heeresleitung, General der
Infanterie v. SEECKT „Die Grundlagen der Erziehung des Heeres" vom 1.1. 1921,
abgedruckt in: Offiziere im Bild von Dokumenten (wie Anm. 59), S. 224-226. Der
eigentliche „Traditionserlaß" mit der Zuweisung konkreter Traditionseinheiten
stammt vom 24.8. 1921.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 163

tärische Tagesarbeit leisteten. Einzelne Regimenter, wie das Infante-


rie-Regiment 9 - Tradition v.a. der Potsdamer Garderegimenter - und
das Reiter-Regiment 4 - Tradition u.a. der Garde du Corps - in Pots-
dam sowie das Bamberger Reiter-Regiment 17 - Tradition u.a. des 1.
Ulanen-Regiments - entwickelten sich wieder zu Bastionen des Mili-
täradels. Der Adelsanteil lag mit absteigender Tendenz bei bis zu 60
Prozent.112
Insgesamt blieb der Anteil des Adels im Offizierkorps zwischen
1920 und 1933 relativ konstant bei etwas mehr als 20 Prozent, auch die
Wahl v. Hindenburgs zum Reichspräsidenten beeinflußte die Gesam-
tentwicklung kaum. Bemerkenswerter als diese Zahl sind einzelne
quantitative Befunde, die das Nebeneinander von traditionellem und
neuartigem Verhalten bei der Berufswahl implizieren. So sank der
Anteil der Gutsbesitzersöhne unter den Offizieren auf unter 5 Prozent,
während die Selbstrekrutierungsrate sich bei ca. 50 Prozent einpendel-
te. 113 Offensichtlich war es den männlichen Mitgliedern von Gutsbe-
sitzerfamilien nicht gelungen, in der Reichswehr als Offiziere Fuß zu
fassen. Der Militärberuf hatte für diese Gruppe an Attraktivität verlo-
ren, zumal er mehr als je zuvor spezifische Qualifikationen verlangte,
die sie nur unzureichend erfüllen konnte. Dagegen stieg der Anteil des
Adels bei den Offiziersanwärtern seit 1929 merklich an und erreichte
1932 den Höchststand von 35,9 Prozent. Weniger waren es monarchi-
stische Sehnsüchte und schon gar nicht eine Annäherung an den repu-
blikanischen Staat, die den Adelsnachwuchs verstärkt in die Armee
trieben,114 sondern vielmehr die Möglichkeit, traditionellen Lebensstil
und militärische Arbeit sinnvoll miteinander verknüpfen zu können. So
finden sich adlige Offiziere in den Funktionsstellen der Stäbe (1932:
19,3 Prozent, was 140 Offizieren entspricht) ebenso wie in der Infante-
rie (1932: 17,3 Prozent, was 256 Offizieren entspricht) oder der Ka-
vallerie ( 1932: 47,3 Prozent, was 290 Offizieren entspricht). Eine ein-

112
Für das IR 9 siehe TESKE, Analyse (wie Anm. 105) u. die nostalgisch-tendenziöse
Regimentsgeschichte von Wolfgang PAUL, Das Potsdamer Infanterie-Regiment 9
1918-1945. Preußische Tradition in Krieg und Frieden, Osnabrück 1984. An die-
ser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen, was der eindrucksvolle Adelsanteil
in solchen Offizierkorps tatsächlich bedeutete. Im IR 9 verbargen sich hinter den
62% im Jahre 1920 ganze 47 adlige Offiziere (vs. 29 bürgerliche): 7 Stabsoffizie-
re, 11 Hauptleute und 29 Leutnante; hinter den 47% im Jahre 1933 ganze 33 adli-
ge Offiziere (vs. 37 Bürgerliche): 4 Stabsoffiziere, 7 Hauptleute und 22 Leutnante.
113
Im Fall der adligen Offiziere lag die Selbstrekrutierungsrate sogar leicht darüber,
1932 bspw. bei 56,4 Prozent.
114
HOYNINGEN-HUENE, Adel in der Weimarer Republik (wie Anm. 33), S. 293.

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deutige Entwicklung, Tendenzen der Zunahme oder Abnahme in der


Wahl der Truppengattung, läßt sich aus diesen Zahlen auch aufgrund
des kurzen Untersuchungszeitraums nicht ableiten. Deutlich wird nur
die weiterhin dominante Skepsis gegenüber den technischen Truppen -
aber nicht der Militärtechnik an sich! - und die ungebrochene Attrakti-
vität der Kavallerie für den Adel.
Diese hatte sich dort, wo der Krieg entschieden worden war, näm-
lich an der Westfront, als untaugliches Instrument moderner Kriegfüh-
rung erwiesen, doch dienten 1932 knapp 38 Prozent aller adligen Offi-
ziere in Reiter-Regimentern, ihr Anteil am Offizierkorps der Kavalle-
rie machte durchgängig fast 50 Prozent aus. Sicherlich wirkte das in
der Kavallerie gepflegte Image des Herrenreiters besonders anziehend
auf den Adel. Neoromantische Rittervorstellungen, die Leidenschaft
für Pferde, den Reitsport und die Jagd als Elemente einer genuin adli-
gen Lebenswelt spielten bei der Wahl des Berufes und der Waffengat-
tung eine ebenso große Rolle wie die Übergewichtung traditioneller
Repräsentationsformen von sozialem Status. Doch standen besonders
die Reiter-Regimenter unter besonderem Modernisierungsdruck. Wäh-
rend v. Seeckt noch unbeirrt an der Lanze festgehalten hatte, zweifelte
v. Stülpnagel schon 1924 in seinen „Gedanken über den Krieg der
Zukunft" die Brauchbarkeit der Heereskavallerie grundsätzlich an. Und
schließlich arbeiteten Offiziere wie Hans Guderian, der die monatliche
Beilage „Der Kampfwagen" für das Militär-Wochenblatt redaktionell
leitete, schon sehr früh an Konzepten zur Motorisierung des Heeres,
wonach nicht zuletzt die Kavallerie revolutionär umgestaltet und zu
Panzerverbänden weiterentwickelt werden sollte. Der tatsächliche Re-
gimentsalltag hing jedoch von den Eigenheiten der jeweiligen Trup-
penführer ab. Smilo v. Lüttwitz berichtet, er habe 1927 als Hauptmann
im Reiter-Regiment 6 in Pasewalk die Aufstellung einer Kompanie
„schwere Eskadron" durchgesetzt, in der eben nicht das Pferd, sondern
der Motor im Mittelpunkt der Ausbildung stand. Im Unterschied dazu
betonte Bernd Graf v. d. Schulenburg, der 1931 Regimentskomman-
deur wurde, „die gesellschaftliche Eleganz und Sicherheit" und ließ
„noch einmal den alten feudalen Charakter preußischer Offizierkorps
vergangener Zeiten durchschimmern."115
Gegen die Absichten der Offiziere in der Reichswehrführung gab es
auf Initiative „von unten" also durchaus Möglichkeiten, regimentale

15
Denkschrift v. Lüttwitz' vom 3.12. 1927, in: LÜTTWITZ, Soldat in 4 Armeen (wie
Anm. 54) fol. 71-73 u. ebda. S. 82.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 165

Eigenheiten zu bewahren und Freiräume für spezifisch adlige Vorstel-


lungen von Offiziertum zu schaffen. Dies äußerte sich in kleinen Wi-
derständigkeiten und Beharrungsleistungen, vor allem auf dem gesell-
schaftlichen Parkett. Gerade in den kleinen, verstreuten Garnisonsstäd-
ten auf dem Lande - solche ländlich-kleinstädtischen Standorte blie-
ben sehr zum Leidwesen der Reichswehrführung in der Mehrzahl - , in
denen das Offizierskasino zum Mittelpunkt des geselligen Lebens er-
hoben wurde, konnten die Offiziere einen Lebensstil kultivierten, der
an die „besseren Regimenter" im Kaiserreich anknüpfte. 116 Im Mikro-
kosmos der Regimenter und Kompanien boten sich Nischen zum stan-
desgemäßen Überleben und zur Pflege eines aristokratischen Krieger-
ethos', die der Adel soweit es ihm möglich war konsequent besetzte
und mit eigenem Inhalt und Sinn füllte.
Durch den Krieg und den Versailler Frieden war die preußisch-
deutsche Armee ihrer Institutionalität, Periodizität, Symbolik und Kol-
lektivität beraubt worden. 117 In den Regimentern und Regimentsverei-
nen lieferte der Adel ein Surrogat für diesen Verlust. Kraft der histori-
schen Tiefe seiner Familiennamen und des Glanzes der militärischen
Vergangenheit versorgte er ein geschichtsloses Heer mit einem Hauch
von sozialem Status, Kontinuität, Farben- und Formenpracht und Ge-
schlossenheit. Hier konnte er in verkleinertem Maßstab die Stärken
seiner Repräsentationskultur und seiner Symbolwelt ausspielen. Neben
dem schlichten Feldgrau, der Farbe des Krieges, und dem jovialen,
„zivilistischen" Stil des Ministeriums glänzten die wilhelminisch
prachtvollen Uniformen der alten Regimenter um so mehr. 118 Anläß-
lich des Hochverratsprozesses gegen die Ulmer Reichswehroffiziere,
durch den das Ausmaß der inneren Zerrissenheit der Reichswehr sowie
die Frontstellung ihrer Führung gegen die politische Einflußnahme der
Wehrverbände öffentlich wurde, kommentierte Generalleutnant a.D.

116
Für das Anknüpfen an Familientraditionen und einen „feudalen" Lebensstil vgl.
die Stilisierungen bei Rudolf V. GERSDORFF, Soldat im Untergang, Frankfurt a.
M./Berlin/Wien 1977 u. Dietrich v. CHOLTITZ, Soldat unter Soldaten, Kon-
stanz/Zürich/Wien 1951.
117
Christian Walter GÄSSLER, Offizier und Offizierkorps der alten Armee in
Deutschland als Voraussetzung einer Untersuchung über die Transformation der
militärischen Hierarchie, Wertheim a. M. 1930, S. 78.
118
Jedoch verliefen auch die Beziehungen der Regimenter zu den Regimentsvereinen
keineswegs so harmonisch, wie es nach der Außendarstellung den Anschein hatte.
Vgl. BLHA, Rep. 37, Herrschaft Neuhardenberg, Nr. 1894 Vereins-Akten IV,
Jahresversammlung des Vereins ehemaliger Offiziere des Ulanen Regiments Kai-
ser Alexander II. von Rußland vom 26.2. 1921 und vom 17.2. 1927.

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v. Cramon, daß die Reichswehr ihrer eigentlichen Aufgabe, der Pflege


der Tradition und deren Übertragung auf die Gegenwart nicht gewach-
sen sei. Durch den Wegfall der Monarchie fehlten der Reichswehr die
Voraussetzungen, die unbedingtes Vertrauen und innere Zufriedenheit
gewährleisteten, zumal die Republik nichts Gleichwertiges hätte auf-
bauen können.119 Zwar überschätzte der überzeugte Monarchist alter
Prägung die Anziehungskraft der monarchischen Idee, zumal im Zu-
sammenhang mit dem Leipziger Prozeß, doch lag er mit seiner Beob-
achtung richtig, daß gerade jüngere Truppenoffiziere, fern von der
Berliner Zentrale, auf der Suche nach einer „übergreifenden Idee" sich
an Angeboten jenseits der Reichswehr aufrichteten.120 Die Ausstrah-
lung der aristokratisch orientierten Regimenter und Vereine, deren
Zahl geradezu ins Unermeßliche stieg,121 blieb auf den Ort bzw. die
Region oder auf Teilbereiche der nationalen Militärkultur begrenzt.
Um aber in der fragmentierten militärischen und zivilen Gesellschaft
der Weimarer Republik integrativ zu wirken, fehlte der aristokrati-
schen Interpretation des Offizierberufes letztlich die Legitimation und
eine zukunftsweisende Perspektive.
Innerhalb des engen Rahmens der Reichswehr mit ihren 4.000 Offi-
ziersstellen boten sich einem Teil des Militäradels ganz vorzügliche
Karrierechancen, wenn dieser bereit war, das Korsett der ständischen
Exklusivität abzulegen. Denn im Unterschied zur preußischen Armee
vor 1914 verliefen erfolgreiche Militärkarrieren nur über die Berliner
Zentrale, die sich zur Wahrung ihrer ureigenen militärischen Interessen
vom Adel als Stand scharf distanzierte. Zumindest in den höheren
Kommandostellen verwischten sich die Unterschiede zwischen adligen
und bürgerlichen Einstellungen zum Offiziersdienst - die eigentlichen
innermilitärischen Konfliktlinien verliefen zwischen fachmilitärischen

119
August V. CRAMON, Der Leipziger Hochverratsprozeß im Lichte deutscher Frei-
heit, in: BA-MA Ν 266/80 (ν. Cramon), fol. 15-18.
120
So auch die Rechtfertigung der in Leipzig angeklagten Leutnante. Vgl. den Vor-
trag des Majors Theisen (militärischen Sachverständigen in der Hauptverhandlung
in Leipzig) vor dem Offizierkorps des Reichswehrministeriums, „Der Prozeß ge-
gen die ehemaligen Leutnante Scheringer und Ludin und Oberleutnant a.D. Wendt
vor dem Reichsgericht in Leipzig" vom 14.10. 1930, in: BA-MA Ν 26/6 (ν.
Hammerstein) und den offenen Brief Richard Scheringers an Groener aus der Fe-
stungshaft vom 28. Oktober 1930, abgedruckt in: SCHÜDDEKOPF, Heer und Repu-
blik (wie Anm. 66), S. 302.
121
Eine Übersicht liefert das Handbuch der Vereinigungen deutscher Kriegs- und
Friedens-Truppenteile, Oldenburg/Berlin 1925.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 167

Richtungen und zwischen den Generationen.122 Andererseits nutzten


gerade adlige Offiziere die relative Unabhängigkeit der Regimentsge-
selligkeit, innerhalb derer sie für die zumeist nur kurze Dauer ihrer
Regimentszugehörigkeit und bis zur nächsten Prüfung ihren Familien-
und Standestraditionen folgen konnten.
Die Beziehungen zwischen der professionellen Armee und einzel-
nen von Militärfossilien angeführten Adelsverbänden bzw. -vereinen
gestalteten sich im Grunde schon seit Gründung der Reichswehr pro-
blematisch, was zu tiefen Rissen in der militärischen Gesellschaft und
in der Adelsgesellschaft bis in einzelne Familien hinein führte. Insbe-
sondere aus den Reihen der Reichswehrführung richtete sich wieder-
holt scharfe Kritik gegen DNVP und Kreuz-Zeitung.123 Auch während
des Kapp-Putsches verhielten sich adlige Offiziere nicht nur abwar-
tend, um später ausschließlich die mangelhafte Vorbereitung des Un-
ternehmens zu kritisieren. Oberstleutnant Kurt Freiherr v. Hammer-
stein-Equord löste seinem Schwiegervater und direktem Vorgesetzten
Walter Freiherr v. Lüttwitz im März 1920 den Gehorsam auf und ließ
einen putschenden Onkel von Soldaten festsetzen. Einen ständigen
Konfliktherd bildete die von dem notorischen Querschläger Graf Wal-
dersee, Vorsitzender des Nationalverbandes Deutscher Offiziere, vor-
angetriebene Agitation gegen den „November-Verräter" Wilhelm
Groener. Waldersee strengte nicht nur ein letztlich erfolgloses Ehren-
gerichtsverfahren gegen den „Verstandesmenschen ohne Sinn für
Volksempfinden, Truppengeist und Herkommen" und „tüchtigen Feld-
eisenbahnchef ' als den vermeintlich Schuldigen an der Kaiserflucht
an, 124 sondern attackierte über seinen Verband auch die Reichswehr-

122
Beispielhaft für die tiefgreifenden Konflikte zwischen den Offiziersgenerationen,
die hier leider nicht weiter ausgeführt werden können, war die durch Kurt HESSE,
Von der nahen Ära der „jungen Armee", Berlin 1925 ausgelöste Debatte. S. a. die
durch v. Seeckt inspirierte, schulmeisterliche Gegenschrift des Majors im Reichs-
wehrministerium Friedrich v. RABENAU, Die alte Armee und die junge Generati-
on. Kritische Betrachtungen, Berlin 1925. Die politische Problematik des Genera-
tionskonflikts verdeutlicht Peter BUCHER, Der Reichswehrprozeß. Der Hochverrat
der Ulmer Reichswehroffiziere 1929/30, Boppard 1967. Allgemein: KROENER,
Generationserfahrungen und Elitenwandel (wie Anm. 29).
123
Vgl. einen Brief Joachim v. Stülpnagels an Kuno Graf Westarp vom 8.10. 1919,
in: BA-MA Ν 5/18 (ν. Stülpnagel), in dem er die Kampfweise der Kreuz-Zeitung
als unruhestiftend zurückwies und das (nachträgliche) Urteil von Erich v. d. Bus-
sche-Ippenburg, Die Wehrmachtsführung von 1918 bis 1933, in: BA-MA Ν
386/4 (v. d. Bussche-Ippenburg): „Gegenspieler der Reichswehr war die DNVP."
124
Zitate aus Rüdiger Graf v. d. Goltz, Überhebliche Geschichtsfalschung vom 3.1.
1927, fol. 2, in: BA-MA Ν 714/10 (v. d. Goltz) und Friedrich Graf v. d. Schulen-
burg, „Erlebnisse" des Grafen Friedrich von der Schulenburg, in: BA-MA Ν 58/1

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168 Marcus Funck

fìihrung.125 Das konfliktreiche Nebeneinander, wenn nicht sogar die


Unvereinbarkeit von ehemaligen Offizieren und Reichswehroffizieren
wurde geradezu paradigmatisch durch die ständigen Querelen im
„Verein ehemaliger Generalstabsoffiziere ,Graf Schlieffen'" vorge-
führt.126 Der Verein, dem 1928 1.297 Mitglieder angehörten, darunter
ca. 350 aktive Reichswehroffiziere, war zur Förderung des engen Zu-
sammenhaltes von ehemaligen und aktiven Generalstabsoffizieren
gegründet worden, ein Grundsatz, der nach dem Urteil des Generals
Joachim v. Haack von Beginn an eine Farce war.127 Über die Aufnah-
me Groeners brach ein erbitterter Streit zwischen den Mitgliedern aus,
wobei sich unter der Führung Heyes und v. Hammersteins sämtliche
Reichswehroffiziere loyal hinter den Reichswehrminister stellten und
angesichts des „latenten Kampfes des Vereins gegen die Reichswehl*'
mit kollektivem Austritt drohten. Erst ein durch August v. Mackensen
erwirktes Entlastungsschreiben S.M. für Groener entschärfte die Situa-
tion, jedoch verwirklichten die Frondeure die Drohung des Haupt-
manns a. D. Prinz Lippe: „Wenn dieser Schuft eintritt, dann treten wir
aus!" In dem vermeintlichen Linksrutsch der Reichswehr und der „kla-
ren schwarz-rot-gelben Mehrheit" sahen Ehemalige wie Wilhelm v.
Dommes, Flügeladjutant des letzten Kaisers, eine Schande für ihre
Vorstellung von militärischer Führung. In der letzten Aussprache faßte
Prinz Lippe deren selbstbewußte und selbstgerechte Mission bündig
zusammen: „Wir, die wir noch ein Menschenalter deutsche Geschichte
zu machen haben, dürfen keine Kompromisse mit dem Novembertume
schließen. Wir würden damit das Rückgrat derer zerbrechen, die in der
vaterländischen Wiederaufbauarbeit voranzugehen berufen sind."128
Die Liste der kleinen und großen Auseinandersetzungen zwischen
aktiven und inaktiven adligen Offizieren ließe sich durchaus verlän-

(v. Schulenburg-Tressow), fol. 229. Die herablassende Beschreibung Groeners als


blassen Verwaltungsbeamten identisch u.a. bei August v. Cramon, Die tragische
Schuld Hindenburgs. Erinnerungen August v. Cramons, Dezember 1934, in: B A -
MA Ν 266/83 (ν. Cramon), fol. 5.
125
Siehe bspw. den Bericht Stülpnagels über „Äußerungen des Generalleutnants Graf
Waldersee über Seeckt" vom Mai 1924, in: BA-MA Ν 42/26 (ν. Schleicher).
126
Zur eisigen Atmosphäre zwischen den aktiven und inaktiven Offizieren: Joachim
v. Stülpnagel, 75 Jahre meines Lebens, in: BA-MA Ν 5/27, 3 (ν. Stülpnagel), fol.
249f.
127
Aufzeichnungen einer Sitzung des Schlieffen-Vereins vom 28. Februar 1930, in:
BA-MA Ν 12/82 (ν. Eberhardt).
128
Ebda.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 169

gern. 129 Zum endgültigen Bruch führte der sogenannte „Groener-Er-


laß" über das Verbot der Mitgliedschaft von Offizieren in politischen
Vereinen, zu denen von nun an auch die Deutsche Adelsgenossenschaft
gerechnet wurde, der immerhin 60 Prozent aller adligen Reichswehrof-
fiziere angehörten. Diesen war letzten Endes das Hemd näher als der
Rock und die Zugehörigkeit zur militärischen Profession galt mehr als
die Zugehörigkeit zu ihrer Standesvertretung. Immerhin ist kein Fall
bekannt, daß ein adliger Reichswehroffizier die Armee verlassen hätte,
während die fast 500 aktiven Offiziere in der DAG ihre Mitgliedschaft
aufkündigten.130 Auch wenn dadurch nur die formale Mitgliedschaft
aufgegeben wurde, sehnten sich auch die adligen Reichswehroffiziere
offensichtlich weniger nach einem exklusiven Stand, sondern nach
Verwirklichung der nationalen Einheit.
Die zahlreichen konservativen und antirepublikanischen Wehr- und
Veteranenverbände bildeten allerdings ein bedeutendes symbolisches
Auffangbecken für die große Masse des gestrandeten Militäradels, die
in den regulären Einheiten kein Unterkommen mehr gefunden oder
sich in einzelnen Fällen der Mitarbeit verweigert hatte.131 Die aussor-

129
Bspw. die heftigen Konflikte anläßlich des Uniformverbots u.a. für den Stahl-
helm, in die sich auch der Kronprinz einschaltete. Dieser mußte sich von v. Ham-
merstein-Equord allerdings sagen lassen, daß das Recht auf Uniform nur den
„wirklichen Soldaten", d. h. der Reichswehr gebühre. Anstelle verabschiedeten
Offizieren eine Regimentsuniform zu verleihen, die sie dann bei kindlichen Auf-
märschen und Soldatenspielen zur Schau trügen, hätte man alten Offizieren besser
das Geld zu einem gut sitzenden Frack geben sollen. Siehe den Bericht des Ober-
sten v. Thaer über Äußerungen des Generals v. Hammerstein vom 22.12. 1931, in:
B A - M A Ν 42/21 (ν. Schleicher), fol. 120-122. Selbst der Kronprinzenberater
Friedrich Graf v. d. Schulenburg, Reichstagsabgeordneter für die DNVP, später
NSDAP-Mitglied und SS-General, hielt nur wenig von der „draufgängerischen
Stahlhelmpolitik politisch urteilsloser Generale" und bevorzugte die Herrenklub-
Variante. Vgl. die Briefe v. d. Schulenburgs an v. Schleicher vom 27.6. 1930, in:
B A - M A Ν 42/27 (ν. Schleicher) und vom 15.8. 1931, in: ebda. Ν 42/21 (ν.
Schleicher), fol. 80.
130
Vgl. HOYNINGEN-HUENE, Adel in der Weimarer Republik (wie Anm. 33), S. 319-
321. Die Bedeutung des Unvereinbarkeitserlasses ist wohl darin zu sehen, daß
sich dadurch die DAG und zahlreiche weitere Organisationen v.a. aus dem rechten
Spektrum noch stärker vom Staat und seinen Organen distanzierten und sich als
außerhalb stehende „nationale Opposition" präsentieren konnten.
131
Vgl. das pathetische Bekenntnis von Graf Rüdiger v. d. Goltz, Soldat und Politik
' vom 14.10. 1929, in: BA-MA Ν 714/11: „Wir alten Offiziere haben nach der Re-
volution den geliebten hohen Beruf aufgegeben oder auch aufgeben müssen, als
wir noch voll arbeitsfähig, aber grossenteils nicht mehr jung genug waren, einen
neuen Beruf zu ergreifen. Das Gleiche gilt für den größten Teil der später aus der
Reichswehr ausgeschiedenen Offiziere. Da Arbeit uns anerzogen war, suchten wir
nach neuer Tätigkeit. Es war das Natürliche, dass wir irgend etwas ergriffen, das

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170 Marcus Funck

tierten adligen Ehemaligen betrachteten selbst ihre Standesgenossen in


der Reichswehr mit Skepsis und verdächtigten sie der Kollaboration
mit der Revolution bzw. der Republik. Auch im Stahlhelm und in je-
nen unterschiedlichen Organisationen, die sich in den Vereinigten Va-
terländischen Verbänden ein gemeinsames Sprachrohr schufen, agier-
ten einzelne einflußreiche Vertreter des Militäradels und bei öffent-
lichkeitswirksamen Auftritten wurden vor allem ehemalige hochrangi-
ge adlige Offiziere in den Vordergrund geschoben. Die Bedeutung
dieser Verbände lag weniger in den teilweise grotesken Bemühungen
um eine Restauration der Hohenzollernmonarchie oder in der allge-
meinen Wahrung des monarchischen Gedankens, als vielmehr in der
aggressiven, in Abstufungen reaktionär und zunehmend radikal-völ-
kisch fundierten „Militarisierung der Zivilgesellschaft",132 zumal des
preußischen Kleinadels. Der angeblichen Wehrfeindlichkeit und Zag-
haftigkeit der Reichswehrführung stellten sie die eigene Wehrfreund-
lichkeit und Führungskraft gegenüber; unfreiwillig höhlten sie die
Überreste preußischer militärischer Tradition bis zur Unkenntlichkeit
aus. Rüdiger Graf v. d. Goltz warf der Republik wie der Reichswehr
vor, daß sie „tüchtige Bürokraten züchten, aber keine Führer: Aber der
beste Bürokrat, selbst der beste Generalstäbler ist noch kein Führer von
weitem Blick." Hinter dem Raunen vom Führer, das bei v. d. Goltz
völkisch verbrämt war, verbarg sich ein Modell militärischer und ge-
sellschaftlicher Herrschaft, das sich grundsätzlich von der professio-
nellen Armee unterschied, wo immer auch deren politischen Präferen-
zen lagen.133
Indem die Reichswehrführung die Verbände finanziell, personell
und organisatorisch förderte, weil sie diese als Instrument zur Wehr-
haftmachung der gesamten Gesellschaft zu benötigen glaubte, ohne sie
kontrollieren zu können, drohte ihr zusehends das staatlich legitimierte
Gewaltmonopol zu entgleiten - und nur das Stillhalteabkommen mit
der NSDAP 1933/34 sollte die Reichswehr vor dem Zugriff von außen
retten, freilich begleitet von einer umfassenden Selbstgleichschal-

dem alten Berufe nahe lag und unserer Vorbildung entsprach. Zu diesen Möglich-
keiten gehört das Arbeiten und Werben fur den Wehrgedanken."
132
Hans MOMMSEN, Militär und zivile Militarisierung in Deutschland 1914 bis 1938,
in: Ute Frevert (Hg.), Militär und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert, Stutt-
gart 1997, S. 265-276.
133
Rüdiger Graf v. d. Goltz, Alte und neue Führerschicht vom 23.7. 1929, in B A -
MA Ν 714/11.

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Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik 171

tung. 134 Zur Annäherung an den republikanischen Staat oder gar zur
Integration fehlten der Reichswehr letzten Endes Wille und politische
Kraft.
Jenseits der Sphäre des professionellen Militärinstituts gewann ein
militärisch geprägtes „Adelsproletariat" in den Wehr- und Veteranen-
verbänden ein weites Betätigungsfeld und wirkte in verheerender Wei-
se auf große Teile der Adelsgesellschaft und ihrer Organisationen (vor
allem die DAG) zurück. Ökonomisch und sozial bedroht, teilweise
sogar deklassiert, wurden von hier aus jene Standesgenossen, die sich
der Republik und ihrer Einrichtungen nicht von vornherein verweiger-
ten, systematisch ausgegrenzt, wurde der radikale Antisemitismus sa-
lonfähig gemacht, der gesellschaftliche Führungsanspruch auf völki-
scher Basis reformuliert, gemäßigte konservative Strömungen zurück-
gedrängt und der Adel militärisch mobil gehalten. Gerade die militäri-
schen und paramilitärischen Verbände dienten als bevorzugtes Sam-
melbecken für den militärisch geprägten Teil insbesondere des preußi-
schen Adels, der mit dem Verlust der Monarchie 1918 seine gesell-
schaftliche und politische Orientierung verloren hatte. Insofern folgte
auch diese Adelsgruppe der fur die Weimarer Republik charakteristi-
schen Tendenz zur gesellschaftlichen Selbstorganisation und Mobil-
machung außerhalb staatlicher Institutionen. Auf diese Weise konnten
die vormaligen militärischen Herren zwar einen ungebrochenen An-
spruch auf Führung formulieren, doch gründete dieser nurmehr auf der
kriegerischen Vergangenheit. Folgerichtig wurde das Offizierkorps als
ein eigenständiger Führerstand gedacht, mit dem gemeinsam die Stan-
desgenossen als Führer an die Spitze der „Volksgenossen" treten soll-
ten. 135 Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt zu der Forderung
nach der Bildung eines Neuadels aus „Blut und militärischer Beru-
fung". Da alle Offiziere im Weltkrieg ihre Pflicht erbracht und „ge-
blutet" hätten, so Rüdiger Graf v. d. Goltz, müsse der neue Adel als
„rassischer Schwertadel" definiert werden und die Abkömmlinge
kriegsbewährter Offizierfamilien integrieren.136 Damit aber war das
aristokratische Offizierkonzept faktisch abgeschafft und in ein rassi-
stisch aufgeladenes, vorgeblich rein soldatisches überführt worden.

134
Klaus-Jürgen MÜLLER, Das Heer und Hitler. Armee und nationalsozialistisches
Regime 1933-1940, Stuttgart 1969; Manfred MESSERSCHMIDT, Die Wehrmacht im
NS-Staat. Die Zeit der Indoktrination, Heidelberg 1969.
135
W. v. HAGEN, Adel verpflichtet!, in: Deutsches Adelsblatt 39 (1921), S. 37f.
136
Rüdiger GRAF V. D. GOLTZ, Offizier und Adel, in: Deutsches Adelsblatt 53 ( 1935),
S. 504f.

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STEPHAN MALINOWSKI

„Führertum" und „Neuer Adel"


Die Deutsche Adelsgenossenschaft
und der Deutsche Herrenklub
in der Weimarer Republik

Der Begriff „Adel" fehlt nicht nur in den Sachregistern der Literatur
zur Weimarer Republik, sondern den meisten Darstellungen auch als
analytische Kategorie. Bei genauerem Hinsehen ist über die Ge-
schichte des Adels nach 1918 vieles behauptet und einiges belegt,1 der
Begriff Adel bislang jedoch kaum mit jener analytischen Differenzie-
rung verwendet worden, welche die Sozialgeschichte der letzten Jahre
etwa für den Begriff „Bürgertum" etabliert hat. Von Hans Rosenbergs
einflußreichen Deutungen der „Rittergutsbesitzerklasse"2 bis zu den
genauesten Analysen der Auslieferung des Weimarer Staates ist weni-

Zu den wenigen Arbeiten über den Adel nach 1918 gehören die auf präzise Belege
verzichtende, der Ehrenrettung der „Junker" verpflichtete Arbeit von Walter
GÖRLITZ, Die Junker. Adel und Bauer im deutschen Osten, Limburg 4 1981, S.
326-410, der Überblick von Francis L. CARSTEN, Geschichte der preußischen Jun-
ker, Frankfurt/M. 1988, S. 154-189 und die analytisch enttäuschende Arbeit von
IRIS FREIFRAU V. HOYNINGEN-HUENE, Adel in der Weimarer Republik, Limburg
1992. Zuletzt: Wolfgang ZOLLITSCH, Adel und adlige Machteliten in der Endpha-
se der Weimarer Republik. Standespolitik und agrarische Interessen, in: Heinrich
August Winkler (Hg.), Die deutsche Staatskrise 1930-1933. Handlungsspielräume
und Alternativen, München 1992, S. 239-256. Wichtige Ausgangspunkte dieses
Beitrages bilden die hervorragenden Arbeiten von George KLEINE, Adelsgenos-
senschaft und Nationalsozialismus, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 26
( 1 9 7 8 ) , S. 1 0 0 - 1 4 3 u n d K a r l - O t m a r FREIHERR VON ARETIN, D e r b a y e r i s c h e A d e l .
Von der Monarchie zum Dritten Reich, in: Martin Broszat/Elke Fröhlich u.a.
(Hg.), Bayern in derNS-Zeit, Bd. 3, München 1981, S. 513-567.
Hans ROSENBERG, Die Pseudodemokratisierung der Rittergutsbesitzerklasse, in:
ders., Machteliten und Wirtschaftskonjunkturen, Göttingen 1978, S. 83-101.
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174 Stephan Malinowski

ger vom Adel als von „vorindustriellen Eliten", „Machteliten", dem


„Junkertum" und den „ostelbischen Rittergutsbesitzern" die Rede.3 Die
Entadelung der Begrifflichkeit dürfte kein Zufall sein. Untersuchungen
jener vorindustriellen Machtelite, die bei „der Machtübertragung an
Hitler eine bis heute von vielen verkannte Schlüsselrolle"4 spielte,
betrachten „den" Adel v.a. aus zwei Perspektiven: Erstens in politikge-
schichtlichen Analysen, die den Einfluß einzelner Adliger im inner
circle der Hindenburg-Kamarilla minutiös herausgearbeitet, dabei
jedoch kaum mehr als die immer gleichen zehn bis zwanzig adligen
Namen genannt haben.5 Zweitens durch den Blick auf die ostelbischen
Großgrundbesitzer und ihre wohlorganisierten Interessenverbände,
deren Einfluß als anti-demokratische pressure-group vor und nach
1918 als relativ gut untersucht gelten kann.6 Über die politischen Win-
kelzüge der o.g. zehn bis zwanzig Adligen ist fast alles, über die politi-
sche Ausrichtung der landwirtschaftlichen Interessenverbände man-
ches, über die „verbleibenden" 60.000 bis 100.000 Mitglieder des
Adels7 so gut wie nichts bekannt. Keine der alten Machteliten, so das
Urteil Heinrich August Winklers, habe „so früh, so aktiv und so erfolg-
reich an der Zerstörung der Weimarer Demokratie gearbeitet wie das
ostelbische Junkertum".8 Daß diese Deutung einiges für sich hat, mag
erklären, warum der Blick auf den ostelbischen „Junkern" bzw. „Agra-

Heinrich August WINKLER, Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deut-
schen Demokratie, München 1993, S. 607.
Heinrich August WINKLER, Deutschland vor Hitler. Der historische Ort der Wei-
marer Republik, in: Walter Pehle (Hg.), Der historische Ort des Nationalsozialis-
mus, Frankfurt/M. 1990, S. 28. Aufgenommen und unterstrichen bei Hans-Ulrich
WEHLER, Einleitung, in: ders. (Hg.), Europäischer Adel 1750-1950, Göttingen
1990, S.14.
Vgl. die präzisen Darstellungen von WINKLER, Weimar (wie Anm. 3), S. 477-594
und - in stark personalistischer Zuspitzung: Henry A. TURNER, Hitlers Weg zur
Macht. Der Januar 1933, München 1996.
Zuerst: Hans-Jürgen PUHLE, Agrarische Interessenpolitik und preußischer Kon-
servatismus im Wilhelminischen Reich (1893-1914), Hannover 1966. Zuletzt:
Stephanie MERKENICH, Grüne Front gegen Weimar. Reichs-Landbund und agrari-
scher Lobbyismus 1918-1933, Düsseldorf 1998.
Die genaue Anzahl ist unbekannt. Auch HOYNINGEN-HUENE, Adel (wie Anm. 1 ),
S. 17-20, die für die o.g. Untergrenze plädiert, liefert nicht mehr als begründete
Schätzungen.
Heinrich August WINKLER, Requiem für eine Republik. Zum Problem der Ver-
antwortung für das Scheitern der ersten deutschen Demokratie, in: Peter Stein-
bach/Johannes Tuchel (Hg.), Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bonn
1994, S. 54-67, zit. S. 57.

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 175

riern" haften blieb, tendenziell erstarrte und nicht etwa „den" Adel,
sondern mit den ostelbischen Großgrundbesitzern einen Typus unter
die Lupe nahm, der zweifellos zu den einflußreichsten Teilgruppen des
Adels gehörte. In beiden Fällen ist es das „verhängnisvolle" Fortbeste-
hen überproportionaler Macht, gespeist aus Großgrundbesitz, perso-
nellen Netzwerken und Lobbyismus, die das Interesse an diesen
Adelsgruppen zu begründen scheint. Die nicht zu bestreitende Tatsa-
che, daß der politische Einfluß einzelner Adelsiraktionen nach 1918
immens blieb, scheint jedoch den Blick auf die ebensowenig bestreit-
bare Tatsache verstellt zu haben, daß der Zusammenbruch von 1918
für den Adel einen Sturz markiert, der tiefer als für jede andere Gruppe
des Kaiserreichs war. Die Tiefe dieses Sturzes wird freilich erst dann
deutlich, wenn der schmale Fokus auf die vergleichsweise kleinen
weiterhin erfolgreichen Adelsgruppen (reiche Gutsbesitzer, höhere
Reichswehroffiziere, hohe Beamte, Diplomaten, etc.) um jene Abstei-
ger und Verlierer erweitert wird, die in keinem der traditionellen pro-
fessionellen Felder des Adels mehr Platz fanden und nicht genug so-
ziales und kulturelles Kapital besaßen, um in einer bürgerlichen Kar-
riere zu reüssieren. Die immensen Gräben zwischen äußerlich voll-
kommen ungebrochenem adligen Reichtum und Einfluß, Abstieg und
Misere verliefen zwischen verschiedenen Adelsgruppen, verstärkt je-
doch auch quer durch einzelne Familien. Zum adligen Gutsbesitzer
gehörten meist die jüngeren, nichterbenden Brüder, die unvorbereitet
„in ein Leben [geworfen wurden], das wesentlich anders ausschaut[e],
als die Erwartungen der Kinderstube verheißen hatten."9 Zur Gruppe
der ca. 900 Adligen, die sich im Offizierkorps der Reichswehr etablie-
ren konnten, gehören die ca. 10.000 adligen Kriegsoffiziere des alten
Heeres,10 deren „vorgezeichneter Weg durchs Leben" 11 1918 vielfach
ein abruptes Ende fand. Schließlich gehört zum männlichen Anteil
jener Adelsfraktionen, die den Umbruch von 1918 zumindest materiell
gut überstanden hatten, ein erheblicher Teil der adligen Frauen, die,
auf ein selbständiges Leben in wirtschaftlicher Knappheit durch nichts
vorbereitet, als Schwestern, Töchter, Tanten und Witwen bescheidene
bis klägliche Existenzen in Damenstiften, immer häufiger jedoch in
beengten Stadtwohnungen oder im „Tantenflügel" eines Gutshauses

Erwein FRHR. V. ARETIN, Rundbrief an den jungen Adel Bayerns (1923), in:
Archiv der Fürsten Öttingen-Wallerstein (AFÖW), VIII, 19.1c, Nr. 117.
Für genauere Angaben vgl. den Beitrag von Marcus FUNCK in diesem Band.
Karl Anton PRINZ ROHAN, Heimat Europa. Erinnerungen und Erfahrungen, Düs-
seldorCKöln 1954, S. 56

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176 Stephan Malinowski

verbrachten. Selbst in den Familien des Hochadels, die in den Händen


ihrer Familienchefs größtenteils noch erheblichen Reichtum konzen-
trierten, wuchs die Anzahl der nachgeborenen Söhne, deren sozialer
Abstieg in einzelnen Fällen bis in „Karrieren" als Kfz-Lehrling und
SA-Mann führen konnte, erheblich an. 12 Einteilungen entlang profes-
sioneller, adelsrechtlicher und regionaler Kategorien, die bereits für
das späte Kaiserreich nicht mehr fein genug sind,13 bieten fur eine
Sozialgeschichte des Adels nach 1918 nur noch sehr wenig Halt. Die
durch Geburt erworbene Zugehörigkeit zum Landadel ist längst nicht
mehr zwingend mit Landleben, geschweige denn mit Gutsbesitz iden-
tisch. Der Begriff Militäradel ist nicht länger gleichbedeutend mit Gar-
nisonsstadt, Kaserne und Kasino, sondern müßte auch die Heerscharen
entlassener Offiziere auf Arbeitssuche beachten. Uradel verweist eben-
sowenig auf eine vornehme Lebensweise wie Hochadel durchgängig
auf einen Platz im gesellschaftlichen „Oben".
Der Adel läßt sich entlang von fünf Trennungslinien in zahlreiche,
heterogene Einzelgruppen aufgliedern: Erstens regional, zweitens kon-
fessionell, drittens entlang der adelsrechtlichen Unterscheidungen, v.a.
zwischen hohem und niederem Adel, viertens nach Anciennität (und
Reputation) der einzelnen Familien und fünftens nach der sozialen
(u.a. professionellen, pekuniären) Realitäten einzelner Familien bzw.
Personen. Nach 1918 ist es eindeutig die letztgenannte Linie, deren
Bedeutung ansteigt, während es in allen Adelsgruppen eine wachsende
Bereitschaft gibt, die anderen vier zu übersehen und auf diese Weise
ideologisch zusammenzurücken.
Im Blick auf den 1918 schlagartig beschleunigten Wandel der so-
zialen Realitäten ließen sich - als erste, sehr grobe Annäherung - drei
Gruppen unterscheiden, die z.T. quer zu traditionellen Einteilungen
standen: Erstens eine stetig schrumpfende Gruppe von Adligen, die vor
und nach 1918 in den traditionellen Feldern des Adels etabliert war.
Wenn überhaupt, so dürfte es äußerst wenige Familien des alten Adels

12
Bundesarchiv Berlin (BAB), Ref. 2 R Pers., Christoph Prinz v. Hessen,
(*14.5.1901). Der Prinz trat 1930 der NSDAP bei, nachdem er u.a. eine Schlos-
serausbildung begonnen und bei einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet hatte.
Er stieg nach 1933 zum Ministerialdirektor im Reichsluftfahrtministerium auf.
Karrieren wie diese sind im Hochadel nach 1918 zwar nicht typisch, aber - wie
sich u.a. anhand der NSDAP-Akten belegen läßt, auch keine skandalösen Einzel-
fälle mehr.
13
So z.B. das Viererschema (Dynastien, Hochadel/Standesherren, Niederadel, Neu-
nobilitierte) bei Hans-Ulrich WEHLER, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1849-
1 9 1 4 , ( B d . 3 ) , M ü n c h e n 1 9 9 5 , S. 8 0 5 - 8 2 5 .

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 177

gegeben haben, deren Mitglieder vollständig zu dieser Gruppe zu zäh-


len wären. Zweitens eine klein bleibende Gruppe von Adligen, die
erfolgreich aus den traditionellen in neue professionelle Felder wech-
selten, etwa als Generalstabsoffiziere a.D., denen ein Wechsel auf die
mittlere Leitungsebene der Finanz- und Industriewelt gelang. Drittens
die ständig wachsende Gruppe, die in den zeitgenössischen Debatten
zutreffend als „Adelsproletariat" bezeichnet wird.
Erst wenn das betrachtete Spektrum auf diese Weise erweitert ist,
wird es gelingen, die Komplexität des Adels, wenn nicht in den Griff,
so doch in den Blick zu bekommen. Die Frage, ob die materielle
Grundlage der ideologischen und politischen Radikalisierung großer
und einflußreicher Adelsgruppen tatsächlich im fatalen Erfolg oder
eher in fataler Erfolglosigkeit gesucht werden muß, ließe sich aus die-
ser Perspektive neu stellen.
Mit den schweren Erschütterungen, welche die adligen Lebenswel-
ten 1918 trafen, stellten sich einige ältere Fragen in einer bis dahin
unbekannten Schärfe neu: Die Frage nach Natur, Zusammensetzung,
Funktion und Aufgaben des Adels. Die Frage nach Abschottung oder
Öffnung, die Diskussion, mit welchen gesellschaftlichen Gruppen Ko-
alitionen denk- und machbar waren. Die Frage schließlich, ob der tra-
ditionelle Adelsbegriff aufzugeben und durch eine neu zu schaffende
„Führerschicht" zu ersetzen war, in der einzelne Teilgruppen des alten
Adels eine neu auszuhandelnde Rolle spielen würden. Unter drama-
tisch verschlechterten Bedingungen liefen zwei ältere, bislang ge-
trennte, Debatten nunmehr zusammen. Einmal die von bürgerlichen
und adligen Theoretikern entworfenen Adelsreform-Konzepte, die den
Adel im 19. Jahrhundert immer wieder beschäftigt hatten.14 Zum ande-
ren die von bürgerlichen Denkern ausgearbeitete Moderne- und Demo-
kratiekritik, die bereits im Kaiserreich erheblichen Druck entfaltet und
sich nach 1918 in jener Publikationsflut Bahn gebrochen hatte, die seit
Armin Möhler unter dem irreführenden Namen „Konservative Revo-
lution" zusammengefaßt und in diesem Beitrag als Neue Rechte be-

14 A l s zeitgenössische Darstellung aus adliger Perspektive: Carl August GRAF V.


DRECHSEL, Uber Entwürfe zur Reorganisation des deutschen Adels im 19. Jh., In-
golstadt 1912. V g l . Heinz REIF, Adelserneuerung und Adelsreform in Deutschland
1815-1874, in: Elisabeth Fehrenbach ( H g . ) , A d e l und Bürgertum in Deutschland
1770-1848, München 1994, S. 203-230. Zur praktischen Umsetzung vgl. Hartwin
SPENKUCH, Das Preußische Herrenhaus. A d e l und Bürgertum in der Ersten Kam-
mer des Landtages 1854-1918, Düsseldorf 1998.

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178 Stephan Malinowski

zeichnet wird. 15 Von Paul de Lagarde bis Edgar Julius Jung hatte die
Forderung nach einem „Neuen Adel" in dieser Denktradition eine zen-
trale Rolle gespielt.16 Für den Adel waren diese Konzepte nach 1918
Bedrohung und Angebot zugleich.
Soll die Rekonstruktion dieser Konzepte mehr als eine Fußnote zur
Ideengeschichte der politischen Rechten im 20. Jahrhundert sein, müs-
sen die Orte ihrer Produktion und Umsetzung besucht werden: Ein
Blick auf die Adelsverbände ist ein Blick in ein gesellschaftliches und
diskursives Zentrum des Adels, in dem über die Befestigung des alten
und die Komposition eines „Neuen Adels" intensiver als an jedem
anderen Ort debattiert wurde.
In diesem Beitrag werden mit der Deutschen Adelsgenossenschaft
und dem Deutschen Herrenklub zwei der wichtigsten Laboratorien
vorgestellt, in denen Adlige nach 1918 versuchten, den Begriff Adel
neu zu definieren, den traditionellen Anspruch auf politische Führung
theoretisch zu erneuern und praktisch durchzusetzen. Trotz diverser
Berührungspunkte handelt es sich um zwei unterschiedliche, in wichti-
gen Fragen konträre Konzepte, die den beiden grundsätzlichen Optio-
nen entsprachen, die fur den Adel nach 1918 gang- bzw. denkbar wa-
ren: Homogenisierung, Abschließung und innere Festigung des „deut-
schen Adels" war der Weg, der von der Deutschen Adelsgenossen-
schaft propagiert und befördert wurde. Die Alternative bestand in der
systematischen Öffnung zum Bürgertum, genauer: einer Koalition mit
jenen vom Bürgertum dominierten Berufsgruppen, welche die strategi-
schen Herrschaftsbereiche im modernen Industriestaat Deutschland
kontrollierten - der Weg, den Adlige im Deutschen Herrenklub zu
gehen versuchten.
Der Beitrag geht von der Vorstellung aus, daß Adel auch nach 1918
eine analytisch sinnvolle Kategorie bleibt, mit der sich eine ver-
gleichsweise leicht eingrenzbare Gruppe mit spezifischen Lebenswel-

15
Armin MÖHLER, Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein
Handbuch, Darmstadt 4 1 9 9 4 (erstmals 1949). Jenseits marxistischer Dekonstruk-
tionen die überzeugendste Kritik an Möhlers einflußreicher Deutung: Panajotis
KONDYLIS, Konservativismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang, Stuttgart
1986, S. 469-493 sowie Stefan BREUER, Anatomie der Konservativen Revolution,
Darmstadt 1993. Mit dem Begriff Neue Rechte lassen sich die deutliche Distanz
zum Konservativismus und die fließenden Übergänge zum Nationalsozialismus
beschreiben.
16
Paul DE LAGARDE, Die Reorganisation des Adels, (erstmals 1853) in: ders., Deut-
sche Schriften, Göttingen 1881, s. v.a. S. 64-66. Edgar Julius JUNG, Adel oder Eli-
t e ? , in: E u r o p ä i s c h e R e v u e 9 / 1 9 3 3 , S . 5 3 3 - 5 3 5 .

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 179

ten, Traditionen, Wertesystemen und einem spezifischen Habitus be-


schreiben läßt. Anders als Begriffe wie „Professionalisierung" und
„Verschmelzung" nahelegen, blieb die Zugehörigkeit zum alten Adel
auch nach 1918 handlungsrelevant.
Eine genauere Untersuchung der im folgenden nur skizzierten Orte
adliger Vergesellschaftung und Selbstdefinition würde ein lohnendes
Untersuchungsfeld für eine Sozialgeschichte des Adels darstellen. Sehr
plastisch lassen sich hier zwei nur auf den ersten Blick widersprüchli-
che Tendenzen beschreiben, die für die Geschichte des deutschen
Adels nach 1918 zentral waren. Die dramatische Vergrößerung der
realen sozialen Gräben zwischen einzelnen Teilgruppen des Adels und
eine überall greifbare Tendenz des ideologischen, z.T. auch des prakti-
schen „Zusammenrückens". Deutlicher als bei der Analyse professio-
neller Felder treten hier die unterschiedlichen Adelsgruppen hervor.
Auch für Prozesse der Annäherung und Distanzierung einzelner adliger
und bürgerlicher Teilgruppen bieten diese Verbände ein bislang kaum
betretenes Untersuchungsfeld. Nicht zuletzt werden hier genauere Aus-
sagen darüber möglich, welche Teilgruppen des Adels sich wann und
mit welchen Begründungen vom traditionellen Adels-Konservativis-
mus ab- und der Neuen Rechten, schließlich der NS-Bewegung zu-
wandten.

Die Deutsche Adelsgenossenschaft (DAG)

Zeitlich parallel zu anderen, regional und konfessionell gebundenen


Adelsverbänden17 entstand im Februar 1874 die DAG als Gründung
einer kleinen Gruppe von Gutsbesitzern aus dem alten ostelbischen
Adel. Der Verein, der jahrelang als „Fähnlein von etwa 60 angesehe-
nen Edelleuten voll höchsten Plichtgefühls", als Gruppe von „Offizie-
ren ohne Soldaten, Führern ohne Gefolgschaft" existierte,18 wuchs
bereits vor dem ersten Weltkrieg zum einzigen überkonfessionellen
und überregionalen Adelsverband mit ca. 2.500 Mitgliedern, einer

Von Bedeutung blieben v.a. der vom westfälischen Adel dominierte Verein ka-
tholischer Edelleute Deutschlands (VKE, 1869) und die Genossenschaft katholi-
scher Edelleute in Bayern (GKEB, 1875). Dazu: Heinrich v. WEDEL, Über Ent-
würfe zur Reorganisation des deutschen Adels im 19. Jahrhundert, in: Deutsches
Adelsblatt (DAB) 20-32/1912 (Fortsetzungsserie, S. 295-467).
Die Deutsche Adelsgenossenschaft. Was sie erstrebt und ob man ihr beitreten soll,
in: DAB 1884, S. 556.

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180 Stephan Malinowslci

eigenen, dezidiert politischen Zeitschrift und einem landesweiten Or-


ganisationsnetz heran.
Entgegen späteren Polemiken, welche die DAG als „Vereinigung
neuesten Briefadels" verhöhnten, „der gar kein oder nur sehr wenig
blaues Blut hat, aber mit desto hellerer Begeisterung Altpreußens Adel
markiert",19 ist festzuhalten, daß sich der Kern der DAG von Anfang
an aus Mitgliedern renommierter Familien des alten, niederen Adels
v.a. Ostelbiens zusammensetzte, die zunächst ausschließlich in den
traditionellen professionellen Feldern des Adels verankert waren.20
Wichtig für die Einschätzung der Organisation nach 1918 ist der Hin-
weis, daß Gründung und Leitung der DAG nicht in den Händen neu-
nobilitierter homines novi oder altadliger Außenseiter, sondern beim
sozialen Kern des alten, landbesitzenden preußischen Adels lag.
Die Satzungen und frühen Publikationen der Vereinigung machen
jedoch deutlich, daß sich in der DAG bereits in den ersten Jahren nicht
die soziale und wirtschaftliche crème des alten Adels, sondern v.a. jene
Standesgenossen zusammenfanden, welche die sozialen Umwälzungen
der Moderne bereits aus der Perspektive der Verlierer wahrnahmen.
Auch die frühe Zurücknahme des Grundbesitzes als Voraussetzung der
DAG-Mitgliedschaft ist nur so zu verstehen. Der Grundbesitz sollte
zwar weiterhin das „Knochengerüst" der Genossenschaft bilden; nicht
jedoch um diese relativ gefestigte „Elite", die durch ihren Besitz genug
„Rückgrat" hatte, wollte sich die DAG primär bemühen, sondern um
die „Masse" des Adels: „Die besitzlose große Masse des Adels, sie
gerade ist es, aus der sich das adlige Proletariat und alle Auswüchse
des Standes rekrutiren; hier ist die Wurzel des Uebels, bei der dasselbe
angefaßt werden muß." Gerade jene Familien, die „der Krone seit
Jahrhunderten selbstlosen Schwertdienst [geleistet und] den Grundbe-
sitz verloren haben", sollten den Schutz der DAG genießen. Explizit
wurde das „große Heer der jüngeren Söhne und Brüder, der Agnaten
und Cognaten" gegen alle Modelle ihrer Zurücksetzung protegiert.21
Alle inneradligen Projekte, die vor und nach 1918 auf den Ausschluß
jener Standesgenossen zielten, die keine „ihrem Stand und Namen
entsprechende Lebensführung aufrecht" erhalten konnten und zum

19
Kurt FRHR. v. REIBNITZ, Der Gotha, in: Querschnitt, 2/1928, S. 73.
20
1884 verzeichnete die Mitgliederliste 206 (männliche) Adlige, darunter 21 Grafen,
36 Barone und 149 Untitulierte. Abgesehen vom Schriftleiter der Kreuz-Zeitung
(v. Hammerstein) handelte es sich ausschließlich um Gutsbesitzer, Offiziere und
Beamte: DAB 1884, S. 157-161.
21
Die DAG, Was sie erstrebt und ob man ihr beitreten soll. In: DAB 1884, S.604.

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 181

„Spott- und Zerrbild ihres Standes" geworden waren, 22 fanden in der


DAG die organisierte Gegenposition.
Die Satzungen der DAG enthielten neben allgemeinen Erklärungen
über die Förderung von Anstand, Sitte, Ehrbarkeit, christlichem Glau-
ben und die „Hingabe für das gemeine Wohl" einige Formulierungen,
die sich als weitere Anhaltspunkte für die soziale Lage und die ideolo-
gische Ausrichtung der DAG lesen lassen. Gefordert wurde der „ehrli-
che Kampf gegen den Materialismus und Egoismus unserer Zeit", die
„Mäßigkeit in materiellen Genüssen", „Trost und Hülfe [...] für Stan-
desgenossen in Fällen unverschuldeten Unglücks", die „Wahrung und
Pflege des ererbten Grund und Bodens" und das „Widerstreben gegen
eine Veräußerung desselben ohne zwingende Notwendigkeit". 23 Die-
se zur Gründerzeit entstandenen Formulierungen, die spätere Satzun-
gen im Kern unverändert beibehielten,24 verweisen auf vier Linien,
welche die Politik der D AG-Führung vor und nach 1918 charakterisie-
ren und durch eine fünfte zusammengehalten wurden. Erstens eine
aggressive Frontstellung gegen die ökonomische Moderne und ihren
professionellen Kern: Handel, Finanz und Industrie. Zweitens die Fest-
schreibung und Stilisierung der traditionellen Lebenswelten und Beru-
fe des Adels, der Bindung „an die Scholle" und die Ablehnung „bür-
gerlicher4' Berufe. Drittens die praktische Unterstützung und ideologi-
sche Aufwertung des verarmenden Adels, Abwehr aller Modelle, die
vorsahen, die Zugehörigkeit zum Adel an bestimmte materielle Min-
deststandards zu binden.25 Pflege einer Kultur der Kargheit, die sich
mit ihrem unerschöpflichen Vorrat an Metaphern jahrzehntelang be-
mühte, die materielle Not eines ständig wachsenden Kreises als ethi-
sche Tugend und politische Qualität darzustellen. Viertens die prakti-
sche Zusammenführung und ideologische Homogenisierung aller
Adelsgruppen als „deutscher Adel". Als wichtigste Klammer dieser
vier Linien diente ein fünftes Element, das bereits vor 1918 viele der

22
So die Ausführungen des bayerischen Grafen Karl Anton v. Drechsel, Aberken-
nung und Niederlegung des Adels, Rede auf dem Adelstag in Berlin, 18.2.1911,
Protokoll in: Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (BHSAM), Abtl. V, Be-
stand: Genossenschaft katholischer Edelleute in Bayern (GK.EB), Bd. 3.
Formulierungen im ersten Programm der DAG, zit. n. DAB 1884, S. 556.
24
DAG-Satzung von 1892 in: Westfälisches Adelsarchiv Münster (WAAM), Nach-
laß Kerckerinck-Borg, Nr. 508.
25
Als frühe Auseinandersetzung der DAG mit dem (exklusiveren) Johanniter-Orden
über diese vier Aspekte, hier in Form einer Auseinandersetzung über das engli-
sche Adels-Modell, vgl.: Wochenblatt des Johanniter-Ordens Balley Brandenburg,
29.4.1885 und die Erwiderung im DAB 1885, S. 267.

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DAG-Debatten beeinflußte oder dominierte: Ein äußerst aggressiver,


zunächst kulturell-wirtschaftlich, dann biologisch-rassisch definierter
Antisemitismus.
Im Adelsblatt verschmolzen Urbanisierung, Industrialisierung,
Handel, Banken, Börsen, Großstadt-Kultur, „Mammonismus" und
„Dekadenz" zu einem bedrohlichen Konglomerat, das vom Judentum
verkörpert, befördert und gesteuert wurde. Auf der Grundlage dieses
Weltbildes richteten sich die „Warnungen", Angriffe und Drohungen
jedoch nicht primär gegen Juden, sondern gegen jene Gruppen, die
potentiell für eine adlig-bürgerliche Elitensynthese aus Tradition,
Reichtum, Bildung, Fachwissen und kultureller Deutungsmacht in
Frage kamen: Die Bourgeoisie, ein Teil der akademischen Intelligenz
und numerisch kleine, jedoch einflußreiche und durch die Hofführung
Wilhelms II. überaus sichtbare Teilgruppen aus dem Hochadel und
einzelnen reichen, landbesitzenden und/oder akademisch gebildeten
Familien des niederen Adels.
Ohne Zweifel waren es v.a. die Ansätze einer solchen Koalition, die
am Berliner Hof, dem Preußischen Herrenhaus, der kaiserlichen Nobi-
litierungspolitik,26 diversen Salons in der „Parvenu-Polis" Berlin27
und nicht zuletzt den spektakulären Finanzskandalen der Gründerzeit28
sichtbar wurden, die der Adels-Antisemitismus des späten Kaiserreich
zu torpedieren versuchte.
Indem ganze professionelle Felder, im Grunde die gesamte wirt-
schaftliche und kulturelle Moderne, als „jüdisch" und ihre Repräsen-
tanten als maßlos-dekadente Opfer der „Verjüdelung" eingeordnet
wurden, ließen sich die Angriffe auf das nicht-jüdische Bürgertum,
den Hochadel, „unseren Standesgenossen, den Fürst-Reichskanzler" 29

26
Zur moderaten aber erkennbaren Zunahme der Nobilitierungen von Mitgliedern
der reichen Bourgeoisie unter Wilhelm II.: Lamar CECIL, The Creation of Nobles
in Prussia 1871-1918, in: American Historical Review 3/1970, S. 757-795.
27
Über Foren und Ausmaß adlig-bürgerlicher Annäherungen in Berlin vgl. Heinz
REIF, Hauptstadtentwicklung und Elitenbildung: „Tout Berlin" 1871 bis 1918, in:
Michael Grüttner/Rüdiger Hachtmann/Heinz-Gerhard Haupt (Hg.), Geschichte
und Emanzipation, FS Reinhard Riirup, Frankfùrt/M.-New York 1999, S. 679-
699.
28
V.a. die 200-Millionen-Mark-Havarie im Strousberg-Skandal, aus der Bismarck
nach 1870/71 mehrere seiner reichen Standesgenossen durch seinen jüdischen
Bankier Bleichröder retten ließ, schien geeignet, um die Weltdeutungen der DAG-
Leitung zu bestätigen. Vgl. dazu Fritz STERN, Gold und Eisen, Bismarck und sein
Bankier Bleichröder, Frankfurt/M.-Berlin 1978, S. 439-455.
29
DAB, 1884, S. 581.

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 183

und selbst gegen den jungen Kaiser und seine Hoffiihrung offen vor-
tragen: „Strenger als das Jüdischhandeln der Juden verurtheile man das
Jüdischhandeln der christlichen Deutschen und zumal vor allem jener
Standesglieder, welche sich nicht entblöden, ihrer edlen Vorfahren
Erbe in Saus und Braus zu verprassen um dann neue Mittel für ihre
Vergeudung in allerlei gründerhaften Spekulationen zu erstreben".30
Der Ruf nach einem „Stöcker der Aristokratie" und die Selbsternen-
nung zur „politischen Leibwache des sozialen Königthums" 31 ist vor
dem Hintergrund eines Kaisers zu sehen, der sich an Bord modernster
Stahlschiffe, umgeben von jüdischen und nicht-jüdischen Financiers,
bürgerlichen Industriellen und Fachgelehrten sowie „Rennkamelen",
auf „Nordlandfahrt" oder archäologische Erkundungen begeben 32 und
sich von der sprichwörtlichen „Scholle" immer weiter entfernt hatte:
Den weitreichenden Aufbrüchen des „Herrn der Mitte" 33 in die Mo-
derne wollte und konnte ein großer Teil des alten Adels nicht folgen.
Was die DAG solchen adlig-bürgerlichen Annäherungen entgegenzu-
setzen hatte, war wenig: Eine Wappenmalschule, ein Damenunterstüt-
zungsfond, Stipendienprogramme, Ballabende, einen mit bescheidenen
Mitteln landesweit operierenden Hilfsverein und ein Übermaß an
Rhetorik zur Stilisierung der kargen Kartoffel- und Roggenäcker ihrer
Mitglieder: „Der Hofkavalier möge nie vergessen, daß der erdige Ge-
ruch des von den Vätern ererbten Grund und Bodens stets das beste
Edelmanns-Parfüm [...] bleiben wird." 34 Die Kennzeichnung von Ju-
den „durch weithin leuchtende Zeichen", die Errichtung neuer Ghettos,
„eventuell mit Kasernements für die Juden-Schutztruppe", wurden im
Adelsblatt bereits vor 1900 gefordert. Der Adel sollte die vornehmen
Ressentiments gegen das Milieu der Biertische aufgeben, sich an die
Spitze der antisemitischen Bewegung stellen und in ihr „die Führer-
fahne ergreifen".35 Immer wieder wurden Adlige, die sich in Berufe

30
Oldwig V. UECHTRITZ, Semitismus und Adel (Artikelserie), in: DAB 1885, S.
1 6 9 - 2 3 5 , zit. S. 2 3 3 .
31
DAB 1884, S. 580
32
Emst GRAF ZU REVENTLOW, Von Potsdam nach Doom, Berlin 5 1940, S. 379. Vgl.
Carl FÜRSTENBERG, Lebensgeschichte eines deutschen Bankiers 1870-1914, hg. v.
Hans Fürstenberg, Berlin 1931, S. 443f. und Hugo FRHR. VON FREYTAG-
LORINGHOVEN, Menschen und Dinge wie ich sie in meinem Leben sah, Berlin
1923, S. 172f. („Rennkamele").
33
Nicolaus SOMBART, Wilhelm II. Sündenbock und Herr der Mitte, Berlin 1996, S.
117-130.
34
DAB 1884 S. 605.
35
DAB 1892, S. 646f.

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oder Kreise begeben hatten, die als jüdisch galten, zur Umkehr und
zum Rückzug aus „Judas Hexen-Gebräu"36 aufgefordert: „Wir können
[...] den für die Judenschutztruppe geworbenen adeligen Chefs nur
dringend rathen, sich rechtzeitig aus dem Geschäft zu ziehen."37 Die
frühe Radikalisierung des hier gepflegten Adels-Antisemitismus ist für
unseren Zusammenhang unter zwei Aspekten bedeutsam: Als Blocka-
de jeder modernefahigen Annäherung des Adels an das höhere Bür-
gertum und als ideologische Grundlage politischer Affinitäten nach
1918.
Das Selbstbewußtsein, mit dem die DAG-Führung nach Kriegsen-
de auftrat, hatte mehrere Wurzeln: Der auf unter 2000 männliche Adli-
ge gesunkene Mitgliederbestand lag numerisch über allem, was die
katholischen Verbände später erreichen sollten. Die DAG verfügte
über ein landesweites Organisationsnetz von Holstein bis Bayern, über
ausbaufähige Verbindungen zum Hochadel und über eine eigene Zeit-
schrift, die seit 35 Jahren ein ideologisches Feld abgesteckt hatte. An-
deren Adelsorganisationen auf diese Weise voraus, trat die DAG 1919
mit der Parole „Los vom jüdischen Geist und seiner Kultur4' mit dem
Programm an, „den deutschen Adel" zu einen: „Der ganze Adel muß
es sein, der noch Tradition im Leibe und seinen Wappenschild rein
erhalten hat. Ob hoher oder niederer, ob Ur- oder Briefadel, ob Groß-
oder Kleingrundbesitzer, ob ohne Aar und Halm, ob arm oder reich,
alle müssen ihr angehören."38 In der nun überall einsetzenden Kon-
junktur der Zusammenfuhrung und ideologischen Homogenisierung
des Adels39 hatte die DAG vor allen anderen Adelsverbänden einen
deutlichen Organisationsvorsprung.

Die DAG seit 1918

Die organisatorischen Erfolge der DAG stiegen nach 1918 schlagartig


an und erreichten 1925 mit ca. 17.000 (männlichen und weiblichen)

36
Hofprediger Stöcker und die konservative Partei, in: DAB 1885, zit. S. 304.
37
Der Antisemitismus und die Geburtsaristokratie (Serie) DAB 1892, zit. S. 627.
38
Werberuf der DAG-Leitung in: DAB, 30.12.1919, S. 413f.
39
Vorsichtiger, aber tendenziell ähnlich: Alois Fürst zu Löwensteins (Vorsitzender
der bayerischen GKEB) rief zu „möglichst weitgehender Einmütigkeit im [...]
deutschen Adel" auf: Mitteilungen der GKEB, 10.4.1918; Erwein Frhr. v. Aretin,
Rundbrief (wie Anm. 9). Und aus standesherrlicher Perspektive: Christian Emst
Fürst zu Stolberg-Wernigerode, vorbereitendes Schreiben zur ersten Wemigeroder
Adelstagung, September 1924, in: Landeshauptarchiv Magdeburg, Außenstelle
Wernigerode (LHAM-AW), Rep. H Stolberg-Wernigerode, O, L, Nr. 9, Bd. 1.

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Mitgliedern einen Höchststand, der bis Ende 1930 auf ca. 14.000 Mit-
glieder absank.40 Spätere Sammlungserfolge wurden v.a. dadurch er-
reicht, daß die Kinder der Mitglieder seit 1936 „als in die DAG hinein-
geboren betrachtet" wurden41 und zum Zeitpunkt ihrer Volljährigkeit
automatisch einen Mitgliedsausweis ausgestellt bekamen.
Die Vielfalt der verschiedenen landschaftlich-regionalen Traditio-
nen und Identitäten des deutschen Adels spiegelte sich in 21 Landes-
abteilungen wider, die sich wiederum in Bezirks- und Ortsgruppen
aufgliederten. Im Jahre 1926 waren die vier mitgliederstärksten Lan-
desabteilungen Brandenburg, Hannover-Oldenburg-Braunschweig,
Schlesien und Bayern.42 Die Leitung der Landes- und Bezirksabteilun-
gen lag meist in den Händen von Mitgliedern des alten Adels, die zu
den renommierten Familien der jeweiligen Region gehörten. In einzel-
nen Fällen hatten auch Mitglieder aus standesherrlichen bzw. hochad-
ligen Häusern Vorstandsämter übernommen. 43 Hochadliges Engage-
ment gab es jedoch v.a. in den diversen Hilfsorganisationen der DAG.
Trotz dieser eindrucksvollen Sammlungserfolge wäre es ein schwe-
rer methodischer Fehler, den politischen Kurs der DAG-Leitung als
repräsentativ für die politische Haltung „des Adels" zu werten. Inner-
halb der DAG sind zwei Ebenen auseinanderzuhalten. Zum einen der
erstaunlich große und heterogene Mitgliederkreis, der vom bayerischen
Fürsten über den pommerschen Leutnant a.D. bis zum nobilitierten
Universitätsprofessor reichte, und zum anderen kleinere, hochaktive
Gruppen, u.a. in der Berliner Hauptgeschäftsstelle, welche die Koope-
ration der Landesabteilungen, die großen Adelstagungen sowie die

40
Interne DAG-Berichte v. 12.12.1929, August 1930 und 5./6.12.1930: Deutsches
Adelsarchiv Marburg, DAG, Landesabteilung Bayern (DAAM, LAB), Bd. 2, Hft.
„Protokolle" und „Rd.schreiben" 26/34.
41
Wege und Ziele der DAG (DAG-Rundschreiben, Mai 1938), in: Landeshauptar-
chiv Schwerin (LHAS), Großherzogliches Kabinett III (GHK III), Nr. 2647. V g l
die Schreiben von Schleinitz (22.1.1941) in: DAAM, LAB, Bd. 1, Hft. „39/44"
und Fürst Bentheim (29.4.1937), in: ebd., Bd. 9, Hft. „Guttenberg". Das Adels-
blatt hatte 1937 eine Auflage von 25.000.
Listen mit den jeweiligen Vorständen der Landesabteilungen (auf dem Adelska-
pitel) für 1930 und 1931: DAAM, LAB, Bd. 2, Hft. „Protokolle" und ebd., Bd. 1,
Hft. „25/29".
43
So z.B. Waldemar Prinz v. Preußen in Schleswig-Holstein, Prinz Ratibor-
Corvey/Fürst Bentheim in Westfalen, Max Egon Fürst zu Fürstenberg in Baden
und nacheinander drei Standesherren in Bayern (Sitzung des DAG-
Adelsausschusses in München, April 1925, in: DAAM, LAB, Bd. 2, Hft. „Proto-
kolle" 24/34 und Archiv der Fürsten zu Fürstenberg, Donaueschingen, (AFFD),
XXVIII/i, Vereine, DAG).

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Redaktion des Deutschen Adelsblattes koordinierte und somit das Er-


scheinungsbild der DAG in der Öffentlichkeit prägte.

Parallel zum explosionsartigen Wachstum der Mitgliedschaft erreichte


der von der DAG seit über 40 Jahren intensiv gepflegte Antisemitis-
mus im Jahre 1920 eine neue Qualität. Im Anschluß an verschiedene
Initiativen, den alten Adel durch eine neue Matrikel gegen die Grün-
dung „unechter Stämme" zu schützen, die „Heiratsschwindler, Hoch-
stapler und Dirnen" nach Auflösung der Adelsschutzbehörden unge-
hindert betreiben konnten,44 trumpfte eine Initiative von über 120
pommerschen Adligen mit dem Projekt einer „Reinigung des Adels
vom jüdischen Blute" auf. Da „der Adel, darunter viele hochangesehe-
ne, historisch berühmte Geschlechter, bereits stark veijudet" sei, müsse
die einzurichtende Adelsmatrikel „auf strenge Rassenreinheit" achten
und nur Mitglieder aufnehmen, die nicht mehr als „1/8 jüdisches Blut"
in sich trügen.45 Da selbst die geringe „Blutsmischung mit den niede-
ren Instinkten fremder minderwertiger Rassen" als schädlich für die
Stellung des Adels als „geborener Führer der Masse seines Volkes"
angesehen wurde, legte man betroffenen Standesgenossen nahe „Cöli-
batäre [zu] werden und den belasteten Stamm zum Absterben zu brin-
gen." Nach intensiver Debatte, deren Protokoll an hunderte von Adli-
gen verschickt wurde,46 setzte eine von „über 300 Edelleuten aus allen
Teilen Deutschlands" besuchte Gründungsversammlung in Berlin am
1. Dezember 1920 die völkische Variante der Adelsmatrikel mit einer
Mehrheit von 130 gegen 68 Stimmen durch. Mit dem Werk, für das
„die schöne Bezeichnung ,Eisernes Buch deutschen Adels deutscher
Art', in zeitgemäßer Abkürzung ,Edda' gefunden" wurde,47 hatte die

44
Aufruf (November 1919) zur Gründung einer Adelsmatrikel, gezeichnet von ca.
30 Mitgliedern renommierter Familien, in: Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Potsdam (BLHA), Rep. 37 Friedersdorf, Bd. 478, Fol. 3f.
45
Aufruf (Januar 1920) von 127 pommerschen Adligen, darunter Fürst Putbus, 15
Grafen, 10 Freiherren, v.a. Gutsbesitzer und Offiziere a.D., in: LHAM-AW, Rep.
H Karow, Nr. 220, Fol. 201.
46
Protokolle der Pro-Contra Positionen (Frhr. v. Houwald gegen einen Grafen Spee)
in: BLHA, Rep. 37 Friedersdorf, Nr. 240, Fol. 16f. (Zitat aus Houwalds Erklä-
rung, Oktober 1920).
47
Paragraph 8 der Edda-Satzung, setzte „einen Semiten oder Farbigen" in der 32er-
Ahnenprobe als Höchstwert fest. Vgl. DAB, 15.4.1921, S.98. Zur Debatte und zur
Gründungsversammlung, auf der neben DAG-Mitgliedern u.a. auch Vertreter des
Johanniter- und Malteserordens vertreten waren, s. folgende Nummern des DAB:
39/1921, S. 82; 15.8.1920, S. 259f.; 39/1921, S. 82, 97-99, 115-117. Resümierend

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größte deutsche Adelsorganisation den berüchtigten „ Semi-Gotha"


von 191248 gewissermaßen vom Kopf auf die Füße und unter adlige
Kontrolle gestellt. Bis zum Erscheinen des dritten Edda-Bandes im
Jahre 1936 lagen 725 gedruckte Ahnentafeln bei über 6.000 Anmel-
dungen vor 49 - multipliziert man jede Anmeldung mit der Summe der
(„erbgleichen") Geschwister und Kinder, ergibt sich eine beachtliche
Beteiligung an dem kostspieligen Projekt, die allerdings weit hinter
dem zurückblieb, was die Initiatoren gehofft und gefordert hatten.
Parallel zur Einführung des Edda nahm der 34. Adelstag der DAG,
der im Sommer 1920 in Berlin stattfand, eine von völkisch orientierten
Adligen eingebrachte Statutenänderung nach konträrer Debatte an. Sie
lautete: „Wer unter seinen Vorfahren im Mannesstamm einen nach
dem Jahre 1800 geborenen Nichtarier hat oder zu mehr als ein Viertel
anderer als arischer Rasse entstammt, oder mit jemand verheiratet ist,
bei dem dies zutrifft, kann nicht Mitglied der DAG werden."50 Die
Satzung, in der die Ziele der DAG formuliert wurden, schloß als drit-
ten Punkt nunmehr den „Kampf gegen Standesdünkel, Materialismus,
Eigennutz und fremdrassigen Einfluß auf das deutsche Volkstum"
ein.51 Mit diesen beiden Schritten hatte die völkische Aushöhlung bzw.
Selbstzerstörung des traditionellen Adelsbegriffes begonnen, deren
Konsequenzen deutlich wurden, als adelsfeindliche Fraktionen in der
NS-Bewegung ca. zehn Jahre später mit dem Projekt eines „Neuadels
aus Blut und Boden" Aufsehen erregten und die Führerqualifikation
des „nordrassischen Bauernjungen" über die des historischen Adels

in der Broschüre „Überblick über die Entwicklung der Adelsschutzeinrichtung,


Potsdam 1921" in: WAAM, Nl. Lüninck, Nr. 815.
48
Weimarer historisch-genealoges [sie] Taschenbuch des gesamten Adels jüdischen
Ursprungs („Semi-Gotha"), Weimar 1912. Der Semi-Gotha, von einem völki-
schen Offizier a.D. anonym herausgegeben, wurde im Adelsblatt intensiv debat-
tiert. Kritisiert wurden die Bände wegen der zahlreichen handwerklich-
genealogischen Fehler. Vgl. u.a. DAB 1912, S. 371-373, S. 394flf., S. 407-410, S.
423, S. 439-441, S. 483, S. 530, S. 658.
49
Edda, Bd. 3, Gotha 1936, S. III-IV (in. DAAM). 1938 schätzte Bogen ca. 3% des
Adels als „veijudet" ein: Bericht Bogens auf einer DAG-Vorstandsitzung in
Nürnberg am 6.3.1938, DAAM, Bd. 3, Hft.: „Jugendfrage 1937/39".
50
Darstellung der Debatte auf dem Adelstag in DAB, 31.7.1920, S.241-243. Die
hier zitierte Regelung wurde von dem Regierungsassessor v. Ehrenkrook und dem
westfälischen Frhr. v. Landsberg eingebracht. Vgl. §3, Abs.8 der DAG-Satzung
in: Jahrbuch der DAG 1927, S.17.
51
§1, Abs.3. der DAG-Satzung von Dezember 1920 (WAAM, Nl. Lüninck, Nr.
815).

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188 Stephan Malinowski

einordneten.52 Die alte Vorstellung, nach der Adel mit „blauem", d.h.
„hochwertigem" Blut zu tun hatte, mutierte unter massiver Mithilfe der
DAG-Führung zur Vorstellung, daß „reines Blut" die Grundvorausset-
zung von Adel bzw. Fiihrertum war. Nahm man diese Logik ernst,
mußte der Anteil des Adels an einer künftigen „Führerschicht" auf jene
0,1-0,2% schrumpfen, die seinem Anteil in der Bevölkerung entspra-
chen - „reines Blut" hatten auch andere.

Im Adelsblatt, bei Diskussionsveranstaltungen, Schulungsseminaren,


auf unzähligen Adelstagungen und ähnlichen Foren der DAG spielten
Debatten um ein zeitgemäßes „Führertum" und die Schaffung eines
„neuen Adels" eine kaum zu überschätzende Rolle.53 Einen Höhepunkt
der inneradligen Diskussion löste Anfang 1930 ein mit „Adelsdämme-
rung - Adelserneuerung" überschriebener Aufsatz im Adelsblatt aus,
dessen Autor offen die Frage stellte, „ob das, was wir Adel nennen,
wirklich noch Adel ist." Der hier geforderte „neue Adel" sollte sich aus
Teilen alter Familien und der Zuführung „neuen Blutes" aus angesehe-
nen, leistungsfähigen Bürgerfamilien zusammensetzen. Was der Autor
hier formulierte, zielte nicht zuletzt auf die Klientel der DAG: „Wer
dem neuen Adel angehören soll, muß ein Führer sein, und sei es auch
nur im kleinen Kreise, auf seinem Gute, in seinem Unternehmen. Das
schließt allerdings alle diejenigen vom Adel aus, die in dienenden
Stellungen ihr Leben zubringen müssen." 54
Ähnlich wie bei diversen Elitentheoretikern der Kaiserzeit, die sich
den „neuen Adel" als eine Koalition von Teilen des alten mit der „Ari-
stokratie des Geistes" dachten,55 und analog zu den Elitevorstellungen
der bildungsbürgerlichen Neuen Rechten,56 deren Adelskritik auch von

52
R.W. DARRE, Neuadel aus Blut und Boden, München 1930, S.163. Vgl. Hans F.
K. GÜNTHER, Adel und Rasse, München 1926.
53
Diese „Führerdebatten" lassen sich nur im Adelsblatt, sondern auf allen Tagungen
des „Jungadels" nachzeichnen, was cum grano salis auch für die Veranstaltungen
einiger katholischer Verbände gilt. Protokolle entsprechender Veranstaltungen in
Heidelberg (1931) und an der überkonfessionellen Jungadelsschule „Ellena" in
Thüringen (1926-1932), in: WAAM, Nachlaß Lüninck, Nr. 815 und DAAM,
LAB, Bd. 3, Hft. „Ellena".
54
Walter V. ZEDDELMANN, Adelsdämmerung - Adelserneuerung, in: DAB 1930, S.
34-36.
55
Ferdinand TÖNNIES, Deutscher Adel im neunzehnten Jahrhundert, in: Die Neue
Rundschau, August 1912, S.1062f.
56
Edgar Julius JUNG, Die Herrschaft der Minderwertigen. Ihr Zerfall und ihre Ablö-
sung durch ein Neues Reich, Berlin 3 1930, v.a. S. 101-105; 168-173; 324-332.
Vgl. zu Oswald Spenglers Rede auf dem DAG-Adelstag ("Aufgaben des Adels"):

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 189

einzelnen adligen Autoren Zuspruch erhielt,57 wurden auch hier neben


dem „englischen Modell" unterschiedliche Grundvoraussetzungen für
die Zugehörigkeit zu einem „neuen Adel" debattiert: v.a. Grundbesitz,
Bildung, finanzielle und persönliche Unabhängigkeit, politische Erfah-
rung. In beachtlicher Offenheit wurden konträre Positionen im Adels-
blatt präsentiert, in letzter Konsequenz jedoch alles verworfen, was den
finanziell und sozial ruinierten Teil des Adels ausgeschlossen und
praktische Ansätze zu einer Elitensynthese mit dem reichen und gebil-
deten Bürgertum geboten hätte.58 Worauf das überall beschworene
„Führertum" des Adels (wieder-) errichtet werden sollte, wurde zu-
mindest in den wirren Erklärungen der DAG-Leitung immer undeutli-
cher. In seiner abschließenden Bemerkung kam der Schriftleiter des
Adelsblattes zum plumpen Rassismus und die Diskussion damit zu
jenem intellektuellen Tiefpunkt zurück, den der im Adel überaus po-
puläre Schriftsteller Börnes Frhr. v. Münchhausen 1924 mit einem
Beitrag im Adelsblatt erreicht hatte. Anhand von drastischen Verglei-
chen zur Zucht von Vollblutpferden, Möpsen und Dackeln hatte der
Baron „Sinn und Wert" des Adels hier als „Menschenzüchtung" defi-
niert59 und damit eine Auffassung vertreten, die im Adel weit über die
DAG hinaus Konjunktur hatte.60 In dieser Logik, welche die „rassi-
schen Bedingungen" vor alles andere stellte, hieß es dann auch ab-
schließend: „Schaffung eines neuen Adels? Nein!" 61

DAB 42/1924, S. 209. Außerdem: Ludwig PESL, Adel und neue Zeit, in: Gelbe
Hefte 6/1930, S. 601-625 und ders., Zur politischen Einstellung des Jungadels, in:
ebd., S. 665-680. Emst MAYER, Vom Adel und der Oberschicht, Langensalza,
1922, v.a. S. 13f. und S. 23f. Präziser Überblick bei Walter STRUVE, Elites
Against Democracy. Leadership Ideals in Bourgeois Political Thought in Ger-
many 1890-1933. Princeton 1973.
57
Otto FRHR. V. TAUBE, Vom deutschen Adel, in: Erwein Frhr. v. Aretin, Rundbrief,
(wie Anm. 9), S. 8-12. Vgl. die scharfe Kritik des Herausgebers der philofaschisti-
schen Zeitschrift „Italien" an seinen bildungsunwilligen Standesgenossen:
WERNER V. D. SCHULENBURG, Deutscher Adel und deutsche Kultur, in: Süddeut-
sche Monatshefte, Februar 1926, S. 365-369. Im Ton moderater, inhaltlich ähnlich
bei: (Dr.) v. STEGMANN, Wir müssen aus dem Turm heraus, in: Jahrbuch (Kalen-
der) der DAG 1927, S. 6-12.
58
Vgl. v.a. die Beiträge von M. v. Binzer, Carl Gustav v. Platen und Heribert Frhr.
v. Lüttwitz, in: DAB, 1930, S. 66f„ S. 82f. und S. 166f.
5 9
B ö r n e s FRHR. V. MÜNCHHAUSEN, A d e l u n d R a s s e , in: D A B 4 2 / 1 9 2 4 , S. 6 3 - 6 5 .
60
Vgl. den Briefwechsel zwischen Friedrich Wilhelm Prinz zur Lippe und Gottfried
v. Bismarck-Kniephof (März-Juni 1926) am Rande des hochadlig dominierten
"Wernigeroder Kreises".
61
Walter v. BOGEN (Schlußbemerkung) in: DAB 1930, S. 168f.

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Die Suche nach den Wurzeln der ideologisch aufgeladenen Ablehnung


aller Neuadelskonzepte müßte mit der Frage nach dem sozialen Boden
beginnen, auf dem diese Ablehnung propagiert wurde. Die Biographi-
en der beiden Hauptakteure in der Berliner DAG-Leitung, dem Adels-
blatt und dem Edda-Projekt stehen idealtypisch für den Weg der akti-
ven Minderheit, die den bis hier skizzierten Kurs der DAG bestimmte:
Walter v. Bogen 62 und Albrecht Frhr. v. Houwald, 63 beide aus briefad-
ligen Familien, gehörten als Oberstleutnant a.D. bzw. ehemaliger Be-
amter des aufgelösten Heroldsamtes zur großen Gruppe der adligen
Verlierer von 1918, die innerhalb der Republik kein „standesgemäßes"
Leben mehr führen konnten, gewissermaßen als „Arbeitslose" zur
DAG kamen und noch vor 1933 den Weg in die NSDAP fanden. Noch
dramatischer als solche Notlandungen verliefen unzählige soziale
Flugbahnen, die mit Abstürzen ins Adelsproletariat endeten. Alle An-
zeichen sprechen dafür, daß sich ein großer Teil dieser Gruppe, zu der
vermutlich Tausende von Adligen zu zählen sind, der DAG ange-
schlossen hatte, wo auch jene Mitglieder akzeptiert und mit billigem
Mittagstisch versorgt wurden, 64 die den DAG-Jahresbeitrag von 6
Mark nicht mehr entrichten konnten.65 Die Akten der DAG-Hilfsorga-
nisationen vermitteln einen Eindruck von Ausmaß und Folgen adliger
Armut. Die Unterstützung verarmter Standesgenossen gehörte zu den
wichtigsten Aufgaben der DAG und aller anderen Adelsverbände.
Vergeblich hatten die Leitungen der süddeutschen Landesabteilungen
mehrfach versucht, die DAG in einen „unpolitischen" Verband umzu-
gestalten, der sich allein der inneradligen Armenpflege widmen soll-
te. 66 Der immense Organisationsaufwand der landesweit operierenden

62
BAB, NSDAP-Akte Walter v. Bogen u. Schönstedt, *24.4.1880 (Parteibeitritt
nach langer und intensiver Werbung für die NS-Bewegung am 1.5.1933).
63
Dr. iur., Oberjustizrat a.D., vgl. seine Selbstdarstellung in einem Schreiben vom
7.7.1938 in: BAB, NSDAP-Akte Albrecht Frhr. v. Houwald, »10.6.1866 (Partei-
beitritt 1931).
64
Kurt FRHR. V. REIBNITZ, Gestalten rings um Hindenburg. Führende Köpfe der
Republik und die Berliner Gesellschaft von heute, Dresden 2 1929, S. 135.
65
Beitrags-Debatten der bayerischen Landesabteilung (1925/26) und Bericht des
Vorstandes an alle Landesabteilungen vom 7.3.1931 in: Archiv der Freiherren v.
Lerchenfeld, Heinersreuth (AFLH). Vgl. bereits die DAG-Satzung von 1891 in:
LHAM-AW, Rep. H, St. Ulrich, Nr. 458, Fol. 1-5.
66
Entsprechende Initiativen aus Frankfurt/Oder, Bayern und Württemberg und ihre
Zurückweisung durch Walter v. Bogen (1927) in: BLHA, Rep. 37 Friedersdorf,
Nr. 478, Fol. 132-138 und in: AFLH (Berichte und Schriftwechsel vom 30.6.1929
und 23.11.1929).

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Hilfsinstitutionen steht in einem krassen Mißverhältnis zu den beschei-


denen bis kläglichen Summen, die es zu verteilen galt. Wenige Zahlen
sollen hier genügen, um die Dimensionen zu verdeutlichen: 1933
konnte die DAG bei einem Schuldenstand von 45.000 Mark für die
gesamte D AG-Zentralhilfe eine Summe von 17.500 Mark bereitstel-
len.67 Was die Unterstützung von 450 „in Not geratenen" Standesge-
nossen bedeutete, für welche die bayerische Landesabteilung 1926
„Geldmittel in Höhe von 850 Mark" aufwenden konnte,68 wird durch
eine einfache Division vorstellbar. 1930 konnte die vergleichsweise
wohlhabende Landesabteilung Bayern „341 in Not geratene Standes-
genossen, vor allem alte Damen", aufgrund der „traurigen Kassenla-
gen" überhaupt nicht finanziell, sondern nur durch Kleider- und Wä-
schespenden unterstützen. Für Bayern lagen die jährlichen Zahlungen
nach 1928 deutlich unter 10.000 Mark. 69 Die Kassenlage der katholi-
schen Verbänden Süddeutschlands war im übrigen nicht wesentlich
besser. Ein Geschäftsbericht des Vereins katholischer Edelleute Süd-
westdeutschlands listete 1929/30 akribisch die Verteilung von Kartof-
feln, Obst, Damwild, „10 Paar Schuhen" auf und schließt mit dem
Satz: „Wir können mit einem Rest von 36,- RM das neue Geschäftsjahr
beginnen."70 Auch der Spendenfluß der weit exklusiveren Genossen-
schaft katholischer Edelleute in Bayern hatte sich bereits vor 1914 zu
einem Rinnsal ausgedünnt.71
Es bedarf nur bescheidener ideologiekritischer Fertigkeiten, um die
feste Verbindung dieser Realität mit dem in großen Teilen des alten
Adels verbreiteten „anti-materialistischen" Habitus zu erkennen. Die
hier wie von einer gebrochenen Schallplatte fortlaufend wiederholten
Invektiven gegen Luxus und Opulenz, verbunden mit einer Überhö-
hung von Härte, Kargheit, Dienst und Entsagung, fügten sich nicht nur
nahtlos in neu-rechte Stilisierungen des „preußischen Stils",72 sondern

67
DAG-Vermögensnachweis, 31.12.1932, in: DAAM, LAB, Bd. 2, Hft. „Rund-
schreiben" 26/34.
68
Geschäftsbericht der DAG Landesabteilung Bayern (1926) in: AFLH.
69
Jahresberichte der Landesabteilung Bayern für 1925, 1930 und 1931, in: DAAM,
L A B , Bd. 2 Hft. „ 1 9 2 8 - 1 9 4 2 " und ebd. Hft. „21/29". Geschäftsberichte mit weite-
ren Belegen in: AFLH.
70
Bericht der GKEB-Wirtschaftsstelle für 1929/30 in: Mitteilungen der GKEB,
3 1 . 5 . 1 9 3 1 , S. 2 .
71
Carl August GRAF V. DRECHSEL, Chronik der G K E B 1876-1908, Ingolstadt 1908,
in: B H S A M , G K E B , Nr. 1.
72
Arthur MOELLER VAN DEN BRUCK, Der preussische Stil, Neuausgabe, Breslau
1931 (zuerst 1916). Vgl. Oswald SPENGLERS einflußreiche Vision eines neuen

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192 Stephan Malinowski

waren auch einem Großteil des alten Land- und Militäradels problem-
los zu vermitteln: Ein Blick auf Lebenswelten, Habitus, Denk- und
Sprachgewohnheiten des Landadels73 zeigt, daß die anti-
materialistischen Tiraden der in Berlin gestrandeten Standesgenossen
hier nicht auf taube Ohren stießen. Die „Einfachheit [der] Lebensfüh-
rung" zu bewahren,74 um dem „weichlichen, parfümierten, üppigen
Luxus" der „Juden" zu widerstehen, war eine in allen Teilgruppen des
alten niederen Adels verbreitete gedankliche Figur, auf die man jen-
seits der ostelbischen Elogen „eiserner Zucht und Ordnung"75 auch im
katholischen Adel überall stößt.76

Die bescheidenen sozialen Verhältnisse des von der DAG protegierten


Kleinadels schufen hohe, ihre zunehmend aggressive ideologische
Verklärung noch höhere Barrieren zwischen dem hier organisierten
Adel und den vom Wirtschafts- und Bildungsbürgertum dominierten
Bereichen. Bestätigt wird diese Beobachtung auch in den ausgiebigen
Debatten um die zur Erneuerung einer vom Adel mitgestalteten „Füh-
rerschicht" angemessenen Berufe. Hielten die tradierten Vorstellungen
von den „nicht standesgemäßen" Berufen des Bürgertums der gewan-
delten Realität stand?
Zunächst überwogen nach 1918 die Stimmen, welche bei der Su-
che nach Perspektiven für die Adelssöhne Handel und Finanz aggres-
siv oder höhnisch ausschlössen. Es sei kaum anzunehmen, hieß es in
einem charakteristischen Beitrag, „daß der Edelmann an sich die ge-
eignete Persönlichkeit ist, [um] Hirsch und Itzig auf kommerziellem

„Führertums" als Vereinigung industrieller Dynamik und adliger Tradition: Preu-


ßentum und Sozialismus, München 1920.
73
Marcus FuNCK/Stephan MALINOWSKI, Geschichte von oben. Autobiographien als
Quelle einer Sozial- und Kulturgeschichte des deutschen Adels in Kaiserreich und
Weimarer Republik, in: Historische Anthropologie 2/1999, S. 236-270, v.a. S.
247-253. An den reichen, kulturell prägenden Gruppen des (europäischen) Land-
adels orientiert: Dominic LLEVEN, Abschied von Macht und Würden. Der europäi-
sche Adel 1815-1914, Frankfurt/M. 1995, v.a. S. 203-213.
74
Aufruf an den deutschen Adel!, in: DAB 1921, S. 353 (von ca. 30 prominenten
Adligen unterzeichnet).
75
Ewald V. KLEIST, Adel und Preußentum sowie R. v. THADDEN, Der Adel in Nord-
deutschland, beide in: Süddeutsche Monatshefte 5/1926 (Zitat: Kleist, S. 380f.).
76
„Parfümierter Luxus": Franz GRAF v. GALEN, Ritterlichkeit in alter und neuer
Zeit, Vortrag auf Tagung des VKE in Münster, 1.9.1921, in: WAAM, Nachlaß
Galen, Nr. 51. Trotz mäßigender Worte im Kern ähnlich bei Erwein FRHR. V.
ARETIN, R u n d b r i e f ( w i e A n m . 9 ) .

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 193

Gebiete aus dem Felde zu schlagen." 77 Je breiter der Graben zwischen


der Stilisierung der alten „Lebensweise" und den sozialen Realitäten
großer Teile der DAG-Mitglieder wurde, desto mehr wurde diese Li-
nie innerhalb der DAG aufgegeben. Das deutlichste Anzeichen dieses
Wandels ist die im Jahre 1928 eingerichtete „Wirtschaftsabteilung",
die in aufwendiger Kleinarbeit Listen von „gewerbetreibenden Stan-
desgenossen" erstellte und sich mit Aufrufen hervortat, bei Juden nicht
zu kaufen und keine „fremdstämmigen" Mitarbeiter zu beschäftigen.
Von Arnim bis Zitzewitz annoncierten unter dem Werberuf „Standes-
genossen, das Geld muß in der Familie bleiben!" 78 Angehörige der
ältesten und bekanntesten Familien, die sich als Händler von Fetten,
Weinen, Eiern, Vitaminextrakten, Damenbekleidung, Versicherungen,
Düngemitteln und Seifen empfahlen. 79 Gleichzeitig wurde die Er-
werbstätigkeit adliger Frauen offen debattiert und durch pragmatische
Ratschläge unterstützt. Nachdem die Realität „mit vielen Jungmäd-
chen-Träumen von Eheglück recht unbarmherzig aufgeräumt]" hat-
te, 80 wurden adlige Töchter mit Ratschlägen für diverse Berufswege,
u.a. zur Haushaltspflegerin, Ärztin, Bienenzüchterin und „Leiterin im
Großwäschereibetriebe" versorgt. 81 „Erwerbstätige Damen" mit klin-
genden Namen boten in separaten Listen neben Klavier- und
Sprachunterricht auch Dienstleistungen in den Bereichen „Gymnastik,
Massage", „Handarbeiten" und „Wäschenähen, Ausbessern" an. 82
Abgesegnet wurde diese Richtungsänderung durch den D A G -
„Adelsmarschall" Friedrich v. Berg, der Karrieren in Handel und Indu-
strie nunmehr explizit zu den für junge Adelige geeigneten Wegen zur

77
Dr. V. TROTTA-TREYDEN, Die Teilnahme des Adels an den akademischen Berufen,
in: D A B 1921, S. 19f.
78
Vorschläge eines Herrn v. Reichmeister (Major a.D.) zur Organisation des kauf-
männisch berufstätigen Adels (Dezember 1928) in: D A A M , LAB, Bd. 2, Hfl.
„Protokolle"; und: „Standesgenossen heraus!", undatierter Aufruf der Wirtschafts-
stelle in: ebd., Bd. 11, Hft. „Korrespondenz".
79
Verzeichnis von „kaufmännisch tätigen Mitgliedern" in: D A A M , LAB, Bd. 14,
Hft. „29/32", vgl. D A B 1929, S. 1-8 u. S. 321.
80
Bericht der DAG-Zentral-Hilfe fur 1930, in: DAAM, LAB, Bd. 14, Hft. „Zentral-
hilfe".
81
Die Ausbildung unserer Töchter (Broschüre der DAG-Zentralhilfe), in: D A A M ,
LAB, Bd. 14, Hft. „Zentralhilfe". Schirmherrin der Zentralhilfe war die preußi-
sche Kronprinzessin.
82
Liste: "Erwerbstätige Damen", in: Bericht der DAG-Zentral-Hilfe über das Jahr
1930, in: DAAM, LAB, Bd. 14, Hft. „Zentralhilfe 30/43".

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„Führerschaft" rechnete. 83 Die uralte, im deutschen Adel besonders


fest verankerte und von der DAG jahrzehntelang zementierte Vorstel-
lung, daß „es eben Berufe gibt, die adligen Wesens Kern zerstören", 84
ließ sich allerdings nicht auf Zuruf abschaffen. Die „kastenmäßige
Abneigung des deutschen Adels gegen das Eintreten in ehrenhafte
bürgerliche Erwerbsstände" wurde zwar von einzelnen Adligen hell-
sichtig kritisiert, 85 in großen Teilen des deutschen Adels jedoch bis
1945 nicht überwunden. Die DAG entwickelte sich jedoch immer deut-
licher zu einem Forum, auf dem Adlige, deren soziale Realitäten mit
den traditionellen Vorstellungen von Adel partout nicht mehr zu verei-
nen waren, lautstark am Anspruch festhielten, auch künftig zum Kreis
der „Führer" zu gehören: „Wir müssen hinein in alle Berufe, klein
anfangen, und uns zu Führern emporarbeiten." 86 Nach den Wertmaß-
stäben des Adels ins Kleinbürgertum „hinabgesunken", vertrat gerade
diese Gruppe lautstark den Anspruch, weiter als Waffenbrüder ihrer
Vettern in Landwirtschaft, Staatsdienst und Armee zu gelten. Die Re-
gistrierkassen altadliger Sekthändler wurden zur modernen Variante
des Ritterschwertes verklärt: „Einst haben wir verbunden auf Leben
und Tod mit dem Ritterschwert in der Ritterfaust Schulter an Schulter
gekämpft, auch heute müssen wir kämpfen Schulter an Schulter, wenn
auch mit anderen Waffen." 87 „Führungs'-Ebenen in Handel und Indu-
strie erreichten nur äußerst wenige Adlige. Dazu fehlte es an Tradition,
Neigung und Ausbildung. Der Weg des ruinierten Kleinadels führte
nicht in die Berufe des reichen Bürgertums, sondern in bescheidene
Mittelstandsexistenzen. Nicht das lautlose Verschwinden in bürgerli-
chen Lebenswelten, sondern das lautstarke Bestehen auf einem durch
nichts mehr legitimierten Führungsanspruch kennzeichnet die hier
skizzierte „adlige Schattengesellschaft". 88 Auch bzw. insbesondere
diese Gruppe des Adels erwies sich als nicht demokratisierbar.

83
Berg an alle Landesabteilungen, 28.6.1931, in: D A A M , LAB, Bd. 14, Hft. „Kor-
respondenz 29/32".
84
Warum ist der Zusammenschluß des reinblütigen deutschen Adels notwendig?
(DAG-Rundschreiben vom 20.5.1938), in: LHAS, GHK III, Nr. 2647.
85
Stephan KEKULE V. STRADONITZ, Armut und Reichtum im deutschen Adel, in:
Deutsche Revue 1/1911, S. 35-42, zit. S. 42.
86
Frhr. v. Seydlitz, Leiter der DAG-Wirtschaftsabteilung, Rundschreiben v.
28.3.1931, in: DAAM, LAB, Bd. 14, Hft. „Wirtschaftsabteilung".
"Standesgenossen heraus!", undatierter Aufruf der Wirtschaftsstelle in: D A A M ,
LAB, Bd. 11, Hft. „Korrespondenz".
88
Der Begriff wird von Michael G. MÜLLER fìir die deklassierten Teile des polni-
schen Adels verwendet, die interessante Parallelen zum deutschen Beispiel zei-

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Zählt man die Zerstörung des Adelsbegriffes durch den Rasse-Begriff,


die deutlich antibürgerliche Stoßrichtung des Adels-Antisemitismus,
das von der DAG vertretene Adelsproletariat und die groteske Stilisie-
rung adliger Krämerexistenzen zu Führergestalten im Wartestand zu-
sammen, wird schnell deutlich, auf welche politischen Koalitionen die
DAG-Leitung spätestens seit 1930 zusteuern mußte. Programmatisch
verkündete das Adelsblatt 1930, J e d e r Gedanke einer Adelserneue-
rung" müsse „seine Spitze notwendig gegen die bürgerliche Lebens-
form" richten. „Den Kampf gegen die Herrschaft der Advokaten und
Bankiers" anzuführen, sei „die erhabenste Zielsetzung, die dem deut-
schen Adel gestellt werden kann." 8 9 V.a. junge männliche Adlige op-
ponierten immer offener „gegen die mittelalterliche Anschauung" ihrer
Väter, die am adligen Namen als Kriterium zur Bewertung des Wertes
eines Menschen festhielten. In der Jugend-Beilage des Adelsblattes
verabschiedeten sich der mecklenburgische Gutsbesitzer Wilhelm v.
Oertzen und Botho Graf zu Eulenburg, „Führer des ostpreußischen
Jungadels", 1930 vom traditionellen Adelsbegriff. Oertzens Satz „Der
Mann ist soviel wert, wie er leistet, abzüglich seiner Eitelkeit", wurde
durch den Appell des jungen Grafen zur Solidarität mit den S A -
Kameraden noch überboten. Scharf kritisierte Eulenburg, Sohn des
letzten Kommandeurs des Potsdamer Ersten Garderegiments zu Fuß,
j e n e Standesgenossen, „die zwar auf dem Parkett stets zu sehen sind,
nicht aber, wenn es gilt, mit Arbeiterkameraden auf der Straße Farbe
zu bekennen und Zivilcourage zu beweisen". 9 0
Es liegt auf der Hand, welche politischen Koalitionen für den größ-
ten deutschen Adelsverband übrigblieben, dessen Kurs seit Jahrzehnten
von einem sozial deklassierten, ideologisch radikalisierten und in sei-
nen Ansprüchen maßlosen Kleinadel dominiert und auch in den unge-
brochen (einfluß)reichen Adelsfraktionen erduldet, protegiert und mit-
gestaltet wurde: Tatsächlich ließ sich der Verband von seiner Führung
seit etwa 1929 zunehmend an bzw. in die NS-Bewegung steuern. Eine
Fronde stürzte im Juni 1932 den DAG-Vorsitzenden Friedrich v. Berg,

gen: Der polnische Adel 1 7 5 0 bis 1 8 6 3 , in: Wehler (Hg.), Europäischer Adel, S.
2 1 7 - 2 4 2 , zit. S. 2 3 9 .
Werner HENNEKE, Adel und die Krisis des europäischen Bürgertums (Serie), in:
D A B 1 9 3 0 , zit. S. 591 f.
9 0 Wilhelm v. OERTZEN, Nuradel, in: Adlige Jugend ( D A B - B e i l a g e ) , 1 . 1 . 1 9 3 0 , S. 4
und die Zustimmung des Grafen zu Eulenburg („Gesinnungsadel oder N a m e n s -
a d e l " ) in: ebd., 1 . 2 . 1 9 3 0 , S. 6.

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196 Stephan Malinowski

einen engen Vertrauten Wilhelms II. von 66 Jahren, und brachte einen
reichen westfälischen Standesherren rechtsradikaler Orientierung, den
20 Jahre jüngeren westfälischen Standesherren Adolf Fürst zu Bent-
heim an die Spitze der Organisation. 91 Der unter Bentheim 1933 voll-
zogene Kotau war ebenso formvollendet wie nutzlos, die Proteste der
süddeutschen Landesverbände und der katholischen Adelsorganisatio-
nen waren intern scharf, blieben aber konsequenz- und kraftlos. 92 Zwar
entging die DAG der Auflösung der monarchistischen Verbände, das
Ziel der DAG-Führung, sich innerhalb des Dritten Reiches als „politi-
scher Führerstand" zu etablieren, war jedoch auf allen Ebenen geschei-
tert. In einer Kampfschrift, mit der eine Gruppe „alter Kämpfer" aus
dem Adel die „Maiveilchen" unter ihren Standesgenossen angriff,
brachte ein Mitglied des Hochadels 1934 freimütig auf den Punkt, wie
das Dritte Reich die von der DAG jahrelang betriebene Aushöhlung
des Adelsbegriffes konsequent fortzufuhren gedachte: „Was wir [Na-
tionalsozialisten] mit ,AdeP bezeichnen - das habt Ihr von nun an
darunter zu verstehen. Selbst dann, wenn ihr Euch danach selbst nicht
mehr dazuzählen könnt." 93
Offensichtlich wurde die hier skizzierte Entwicklung der DAG von
einem großen Teil der Mitglieder befürwortet und vom Rest geduldet.
Wichtig ist an dieser Stelle jedoch der Hinweis auf erhebliche Wider-
stände in der DAG, die v.a. von den süddeutschen Landesverbänden
hartnäckig formuliert wurden. Eine nähere Betrachtung der bayeri-
schen Landesabteilung ist in mehrfacher Hinsicht aufschlußreich.
Nacheinander von drei Standesherren gefuhrt war die Abteilung Mitte
der 1920er Jahre mit 1048 Mitgliedern, darunter 344 Frauen, die viert-
größte der DAG. 94 Inhalt und Tonfall katholischer Adelstagungen und

91
Vgl. KLEINE, Adelsgenossenschaft (wie Anm. 1), S. 114ff.
92
Zur kraftlosen Kapitulation der katholischen Verbände: Bekanntgabe des Fürsten
Alois v. Löwenstein-Wertheim-Rosenberg vom 20.11.1933 in: Mitteilungen der
GKEB, 3.12.1933, S. 1. Roderich Graf Thun, Rede auf der Generalversammlung
des V K E am 24.1.1934, in: WAAM, Nl. Lüninck, Nr. 809. Eugen Graf v. Quadt-
Isny, Der Adel im 3. Reich, Vortrag v. 12.4.1934 in München, in: D A A M , LAB,
Bd. 6, Hfl.: „Adel und NS". Zustimmende Bemerkungen des Fürsten (Dettingen,
der sich 1933 aus dem Vorstand der bayerischen DAG-Abteilung zurückzog, in:
ebd., Bd. 2, Hft. „33/34".
93
Friedrich Christian PRINZ ZU SCHAUMBURG-LIPPE, WO war der Adel?, Berlin
1934, S. 50.
94
Der bayerische Thronprätendent Kronprinz Rupprecht hatte im Jahre 1926 die
„Schutzherrschaft" übernommen. 29 Mitglieder gehörten dem hohen Adel an, der
Fürsten/Prinzen-Titel war 18, der Grafen-Titel 108, der Freiherren-Titel 460 Mal
vertreten. Jahrbuch (Kalender) der DAG, 1927, S. 77-112.

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 197

die internen Schriftwechsel verschiedener katholischer Verbände zeu-


gen durchgängig von einem stark christlich gefärbten Adels-
Konservativismus, der in Inhalt und Tonfall um Welten vom völki-
schen Kampfkurs der Berliner DAG-Leitung entfernt blieb und zu
scharfen Konflikten innerhalb der DAG führte. 95 Bayerische Adlige
verwahrten sich immer wieder gegen den Versuch der „wilden Tiere" 96
in der Berliner DAG-Leitung, den Adel so gedankenlos zu „unitarisie-
ren wie andere Leute Nase bohren."97 Dennoch wurde der.immer wie-
der erwogene Bruch mit der DAG-Leitung nie realisiert, um die „nütz-
lichen Seiten der DAG" nicht zu gefährden.98 Selbst der bayerische
Adel, mit Abstand der eindrucksvollste Protagonist eines christlich-
konservativen, von der DAG-Leitung deutlich unterscheidbaren Kur-
ses,99 besaß im adligen Gesamtverhältnis nicht genug Gewicht und
Konsequenz, um sich gegen die „wilden Tiere" in der Berliner DAG-
Leitung durchzusetzen.
Sucht man jenseits der konfessionell und regional begrenzten Posi-
tionen, die im süddeutschen Adel verbreitet waren, nach überregional
relevanten adligen Gegenpositionen zum Kurs der DAG, stößt man auf
den Deutschen Herrenklub. In mancher Hinsicht läßt sich dieser Klub
als Fortführung einer im Kaiserreich begonnenen adlig-bürgerlichen
Elitenfusion und somit als inneradlige Antithese der DAG interpretie-
ren.

Der Deutsche Herrenklub (DHK)

Der Deutsche Herrenklub und sein in der Ring-Bewegung organisier-


tes Netzwerk sind mehrfach untersucht und überaus kontrovers gedeu-

95
Dieses Urteil stützt sich auf eine Auswertung umfangreicher Vorstands-
Korrespondenzen und Sitzungsprotokolle der katholischen Adelsverbände, die
hier nicht ausgebreitet werden kann. Ausgewertet wurden diverse Archivbestände
der Genossenschaft katholischer Edelleute und der bayerischen DAG-Abteilung
und des Vereins katholischer Edelleute in Augsburg, Marburg, München und
Münster.
96
Karl Frhr. v. Aretin an Karl A. Graf v. Drechsel, 7. und 8. 11.1933, in: B H S A M ,
GKEB, Nr. 6.
97
Briefe Aretins vom 6.7. und vom 31.8.1931 in: D A A M , LAB, Bd. 1, Hft. „30/31".
98
Graf v. Drechsel an Fürst Oeningen, 16. u. 17.12.1931, in: D A A M , LAB, Bd. 3,
Hft. „Ellena".
99
Die entsprechende Deutung bei ARETIN, Der bayerische Adel (wie Anm. 1), läßt
sich anhand der fur diese Arbeit ausgewerteten Archive vielfach bestätigen.

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198 Stephan Malinowski

tet worden, 100 ohne daß man sich ernstlich für die Frage interessiert
hätte, welche Gruppen des Adels sich in dieser wohl wichtigsten Orga-
nisation der Ring-Bewegung engagiert haben. Der beeindruckende
Adelsanteil von 30-60% in den einzelnen Klubs der Ring-Bewegung
ist in seiner Größe, nicht jedoch in seiner Komposition bekannt. Diese
genauer zu kennen, wäre für eine Untersuchung adliger Neuorientie-
rungen nach 1918 von einiger Bedeutung - so wenig die DAG der
Interessenverband des Adels war, so wenig war es der Adel, der im
Herrenklub ein neuartiges soziales und politisches Forum fand.
Zwei zentrale Unterschiede zwischen dem größten deutschen
Adelsverband und dem Herrenklub bedürfen keiner längeren Erläute-
rung: Während die Wurzeln der DAG bis in das frühe Kaiserreich
reichten, lagen die ferneren organisatorischen Ursprünge des DHK in
der Zeit des Ersten Weltkrieges, präziser: in einer der für die Neue
Rechte der Nachkriegszeit wichtigsten Neugründungen: Der Deutsche
Herrenklub ging Ende 1924 aus dem Zerfall des 1919 gegründeten
Juni-Klubs hervor,101 dessen spiritus rector Arthur Moeller van den
Bruck bereits vor Erscheinen seines Hauptwerks „Das dritte Reich" 102
zu den wichtigsten Ideengebern der Neuen Rechten gehörte, die mit
Inhalten und Formen des Vorkriegs-Konservativismus explizit gebro-
chen hatten. Anders als die DAG war der Herrenklub weder ein exklu-
siv adliger Kreis, noch ein frei zugänglicher Verband der adligen
„Massen". In Anspruch und Praxis konstituierte sich der DHK als kon-
trollierte Zusammenfuhrung ausgesuchter Teilgruppen aus Adel und
Bürgertum. Der DHK glich einer Konzentration ökonomischen, sozia-
len,. und kulturellen Kapitals, einem per Kooptationsverfahren behut-

100
Manfred SCHOEPS, Der deutsche Herrenklub. Ein Beitrag zur Geschichte des
Jungkonservatismus in der Weimarer Republik, Phil. Diss., Erlangen-Nürnberg
1974. Joachim PETZOLD, Wegbereiter des deutschen Faschismus. Die Jungkon-
servativen in der Weimarer Republik, Köln 1978. Yuji ISHIDA, Jungkonservative
in der Weimarer Republik. Der Ring-Kreis 1928-1933. Frankfurt/M./Bern/New
York/ u.a. 1988. Zuletzt in der bislang präzisesten Untersuchung von Berthold
PETZINNA, Erziehung zum deutschen Lebensstil. Ursprung und Entwicklung des
jungkonservativen Ring-Kreises 1918-1933 (erscheint demnächst im Akademie-
Verlag).
101
Vgl. Ishida, Jungkonservative, S. 29-43; Petzold, Wegbereiter, S. 89-110 und
Petzinna, Erziehung, S. 118-230 (alle wie Anm. 100).
102
Arthur MOELLER VAN DEN BRUCK, Das dritte Reich, Hamburg "1931 (zuerst
1923). Zu Moeller, seinem Umfeld und dem Juni-Klub vgl. Hans-Joachim
SCHWIERSKOTT, Arthur Moeller van den Bruck und der revolutionäre Nationalis-
mus in der Weimarer Republik, Göttingen u.a. 1962 und PETZINNA, Erziehung
( w i e A n m . 1 0 0 ) , S. 1 1 - 6 4 .

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 199

sam erweiterten Kreis handverlesener „Herren" aus Adel und Bürger-


tum, die politische Macht in fast allen strategischen Bereichen der
Gesellschaft repräsentierten.
Vom Führertypus des von der DAG erträumten „reinblütigen"
Adels, der, mit Volk und Boden gleichermaßen verbunden, in den
Massen (-Organisationen) „die Führerfahne ergreifen" sollte, ist das im
Ringkreis propagierte Führerbild bereits konzeptionell deutlich zu
unterscheiden. Explizites Ziel dieser Sammlungsbewegung war und
blieb eine aus adligen und bürgerlichen Teilgruppen neu komponierte
Führerschicht einander bekannter Herren: Unabhängig vom Parlament,
über partikularen Interessen, Gewerkschaften, Verbänden und Parteien,
v.a. aber: über den Massen stehend. 103 Satzung, Programmschriften
und interne Debatten definierten als raison d'être des Klubs gleich-
bleibend eine Vereinigung „zwischen fuhrenden Persönlichkeiten der
verschiedenen Berufsstände" 104 oder, wie ein Klubmitglied 1926 Os-
wald Spengler darlegte, die „Führersammlung".105
Zur Dimension des Klubs sollen hier wenige Zahlen genügen: Ko-
ordiniert von der Berliner „Mittelstelle des Ringes," vereinte die Ring-
Bewegung 1932 auf dem Höhepunkt ihres Einflusses etwa 18 selbstän-
dig arbeitende „Herrengesellschaften". Addiert man die Mitglieder der
nach Mittel-, Nord- und Westdeutschland guten, in Süddeutschland
schwachen Verbindungen, kommt man auf 5.000 Mitglieder als maxi-
male Ausdehnung des landesweiten Netzwerkes im Jahre 193 2. 106 Der
innere Kreis war jedoch erheblich kleiner. Für den DHK in Berlin, dem
1928 bei einem Adelsanteil von über 50% 326 Mitglieder angehör-
ten, 107 hatte bereits die Satzung 500 Mitglieder als Obergrenze festge-
legt.

103
Heinrich v. Gleichen, Adel, eine politische Forderung, in: Preußische Jahrbücher
197 (1924), S. 131-145.
104
Richtlinien und Satzung des DHK, undatiert (1924/25), in: LHAM-AW, Rep. H
Ostrau, II, 158, Fol. 2-5. Protokoll der DHK-Mitgliederversammlung, 17.11.1927.
DHK-Jahresbericht 1926/27, beide in: WAAM, Nl. Lüninck, Nr. 820. Vgl. die
Programmschrift "Ring, Gemeinschaft der Führenden" (Dezember 1929), im An-
h a n g b e i SCHOEPS, H e r r e n k l u b , S . 2 3 7 - 2 4 1 . V g l . d i e D a r s t e l l u n g e n v o n ISHIDA,
Jungkonservative, S. 5 1 - 5 5 . PETZOLD, W e g b e r e i t e r , S. 175-182 und PETZINNA,
Erziehung, S. 220-230, (alle wie Anm. 100).
105
Wilhelm v. Oertzen-Roggow an Oswald Spengler, Juni 1926, in: LHAS, Bestand
Herrengesellschaft Mecklenburg (HGM), Bd. 1, Fol. 124-126.
106
ISHIDA, Jungkonservative, S. 62.
107
Mitgliederverzeichnisse von 1926 (ca. 250 Mitglieder) und 1928 in: WAAM, N L
Lüninck, Nr. 820. Vgl. die Liste von 1932 im Anhang bei SCHOEPS, Herrenklub,
S. 244-257.

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Ungeachtet der taktischen Zusammenarbeit von DAG und DHK in


diversen Bereichen und ungeachtet der Mitgliedschaft prominenter
DAG-Mitglieder im Herrenklub verweist bereits der hohe Jahresbei-
trag von zeitweise über 100 Mark, das 15-fache des DAG-Beitrags,
auf die sozialen Standards bzw. Eingangsvoraussetzungen der hier
versammelten „Herrenschicht", die außerhalb der Reichweite der mei-
sten DAG-Mitglieder lagen. Auch die Biographien der beiden Adli-
gen, die zu den wichtigsten Protagonisten des DHK gehörten, verwei-
sen auf einen sozialen und intellektuellen Horizont, dessen Weite nicht
nur den der sprichwörtlichen DAG-Majore a.D., sondern auch die
sozial und gedanklich enge Welt des ostelbischen Landadels deutlich
übertraf. DHK-Präsident Hans Bodo Graf v. Alvensleben 108 und Hein-
rich Frhr. v. Gleichen-Rußwurm, 109 beide im Jahre 1882 geboren,
brachten als Mitglieder uradliger Familien, Gutsbesitzer mit landwirt-
schaftlicher Ausbildung, durch Jura-Studium, Korps-Mitgliedschaft,
längere Auslandsaufenthalte in England, bzw. Kanada, kaufmännisch-
betriebswirtschaftliche Kenntnisse, Offiziersausbildung, Kriegsdienst
als Frontkommandeur bzw. in der Propaganda-Abteilung der Obersten
Heeresleitung, nicht zuletzt durch gute Kontakte zum katholischen
Adel, selbst eine ganze Reihe der „Führerqualitäten" mit, die der Klub
zu einen versuchte.

Der in dieser Form wohl einzigartig erfolgreiche Versuch einer Zu-


sammenführung adliger und bürgerlicher Mitglieder unterschiedlicher
Funktionseliten lohnt eine genauere Beschreibung: Anders als die bil-
dungsbürgerlich dominierten „vaterländischen" Verbände der Kaiser-
zeit, in denen der geringe Adelsanteil überproportional von Neunobili-
tierten gestellt wurde, bezeugen die Mitglieder-Listen 110 die massive
Präsenz von Angehörigen alter, angesehener Adelsfamilien mit einer

108
(1882-1961), Angaben nach: NSDAP-Personalakte in: BAB, Ref. 2 R Pers.. Al-
venslebens Vater Werner Ludwig hatte sich erfolgreich als Agrar-Industrieller be-
tätigt und war eine bekannte Gestalt am Berliner Hof, die Wilhelm II. durch den
Grafentitel und mit Jagdbesuchen auf seinem Gut geehrt hatte.
109
(1882-1959), Angaben nach: NSDAP-Personalakte in: BAB, Ref. 2 R Pers.. Vgl.
seine Selbstdarstellung von 1947 in: Bundesarchiv Koblenz, Kl. Erw. 402, Fol. 4f.
und die Angaben bei SCHWIERSKOTT, Moeller (wie Anm. 102), S. 43-46.
DHK-Mitgliederverzeichnis, abgeschlossen am 31.1.1928: WAAM, Nl. Lüninck,
Nr. 820. Vgl. ebd.: Mitgliederverzeichnis vom 30.6.1926 (mit ca. 250 Mitglie-
dern). Die „Herrengesellschaften" im Reich hatten zu dieser Zeit insgesamt ca.
6 0 0 Mitglieder. Vgl. die Mitgliederliste von 1932 im Anhang bei SCHOEPS, Der
Deutsche Herrenklub (wie Anm. 100), S. 244-257.

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 201

auffälligen Häufung titulierter Adliger, insbesondere aus dem Grafen-


stand." 1 Unter den insgesamt 187 adligen Klubmitgliedern befanden
sich drei Fürsten, zwei Prinzen, ein Erbgroßherzog," 2 36 Grafen, 29
Freiherren und 116 Untitulierte. Zu den 36 Personen, die 1932 das
Direktorium des DHK bildeten, gehörten 23 Adlige, darunter der Fürst
zu Stolberg-Roßla und Albrecht Prinz v. Hohenzollern-Namedy." 3
Dieses Konzentrat aus Mitgliedern angesehener Adelsfamilien mischte
sich im Klub mit einflußreichen bürgerlichen Vertretern staatlicher und
nicht-staatlicher Funktionseliten. Neben zahlreichen hohen Offizieren,
Beamten und Diplomaten aus dem Bürgertum verzeichnet die Liste
v.a. mittelständische Unternehmer, Fabrikanten und einzelne promi-
nente Vertreter der Industrie- und Finanzwelt sowie diverser Verbin-
dungsorganisationen zwischen Staat und Wirtschaft. 114 Mit 26 Mit-
gliedern, darunter nur drei Adlige, die als Fabrikbesitzer, Direktoren,
Bankiers, Bergassessoren, Kommerzienräte oder Syndizi verzeichnet
sind, war diese Gruppe numerisch relativ schwach vertreten. Vertreter
der Großindustrie und der entsprechenden Verbände werden in den
Listen nur vereinzelt verzeichnet, stützten den Klub jedoch finanziell
und saßen zum Teil in den Leitungsgremien. Die Gruppe prominenter
„Agrarier", z.T. noch aus den Reihen der alten Konservativen, v.a. aber
aus den landwirtschaftlichen Interessenverbänden, war zumindest nu-
merisch stärker: Neben 58 Mitgliedern, darunter 49 Adlige, die auf der
Liste als „Rittergutsbesitzer", „Fideikommiß"- oder „Majoratsherr"
verzeichnet sind, 115 versammelte der Herrenklub eine Reihe prominen-

111
Allein durch die Träger des Grafentitels waren hier folgende Familien, -z.T. mehr-
fach·, vertreten: Arnim, Ballestrem, Bassewitz, Behr, Bismarck, Cartlow, Dohna,
Dönhoff, Douglas, Dürckheim, Eulenburg, Finck v. Finckenstein, Garnier, Hagen,
Hardenberg, Helldorff, Kalckreuth, Keyserlingk, Landsberg, Loë, Magnis, Piick-
ler, Schlieffen, Schmettow, Schulenburg, Solms, Strachwitz und Wuthenau.
1
Albrecht Prinz v. Hohenzollern-Namedy, Nikolaus Erbgroßherzog v. Oldenburg,
Fürst zu Salm-Salm, Christoph Martin Fürst zu Stolberg-Roßla, Christian Ernst
Fürst zu Stolberg-Wernigerode, Heinrich Prinz X X X I V . v. Reuß j.L..
1
Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg, Nl. Schleicher, Nr. 7, Fol. 6.
114
U.a.: Edmund Stinnes; Tilo Frhr. v. Wilmowsky; Karl Euling, Generaldirektor der
Borsigwerk AG; Friedrich Schwartz, Präsident der Preußischen Central-
Bodencrededit A.G.; Reichsminister a.D. v. Schlieben, Präsident des Landesfi-
nanzamtes; die Lufthansadirektoren Otto Merkel und E. Milch; Ministerialrat
Brandenburg, Dirigent der Abteilung Luft- und Kraftfahrwesen im Reichsver-
kehrsministerium.
115
Zu den 49 (zumeist alt-) adligen Gutsbesitzern sind eine Reihe von (z.T. hoch-)
adligen Grundbesitzern hinzuzuzählen, die ohne Berufsangabe verzeichnet sind,
so etwa Heinrich Burggraf zu Dohna-Mallmitz, Albrecht Prinz zu Hohenzollern,

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202 Stephan Malinowski

ter Vertreter der landwirtschaftlichen Interessenverbände und diesen


nahestehender Organisationen. 116 Der Anspruch des Klubs, „Führer-
sammlung" und politische Sacharbeit zu verbinden, spiegelte sich im
hohen Anteil der Staatsbeamten und Diplomaten wider - 63 Assesso-
ren, Landräte, Regierungsräte, Ministerialdirektoren, Staatssekretäre,
Gesandte und Botschafter, davon ca. die Hälfte in a.D.-Stellungen,
verzeichnet die Liste: 4 6 Adlige und 17 Bürgerliche, darunter der Es-
sener Oberbürgermeister Franz Bracht und Reichsminister v. Keudell.
Mit insgesamt 51 Mitgliedern war das Offizierskorps relativ schwach
vertreten: 34 adlige und 17 bürgerliche Offiziere, ausschließlich in
a.D.-Stellungen und nur 13 Mal über dem Majorsrang.
Für die Herstellung intellektueller Verbindungen zwischen den
Denkwelten des Landadels und der neuen Rechten dürften die promi-
nenten Hochschulprofessoren, die Schriftleiter rechtsstehender Zeit-
schriften, Publizisten und sonstige Vordenker der Neuen Rechten, die
dem Klub angehörten, von erheblicher Bedeutung gewesen sein. 1 1 7 Mit
dem Ring, der klubeigenen, durch Heinrich v. Gleichen auf hohem
Niveau redigierten Zeitschrift sowie dem Netzwerk an politischen
Schulungsinstitutionen, führte der DHK Traditionen des Juniklubs fort,
welcher der Neuen Rechten mit dem Gewissen ein Diskussionsforum

Nikolaus Erbgroßherzog v. Oldenburg, Heinrich X X X I V . Prinz v. Reuß j.L.; Syl-


vius Graf v. Piickler; Fürst v. Solms-Solms, Georg-Friedrich Graf zu Solms-
Laubach, die Fürsten Christoph Martin zu Stolberg-Roßla und Christian Ernst zu
Stolberg-Wernigerode, Nikolaus Graf v. Ballestrem-Plawniowitz, Hans Ulrich
Graf Schaffgotsch, Nikolaus Leopold Fürst zu Salm-Salm und Hans-Hasso v.
Veltheim-Ostrau.
116 Darunter u.a. folgende Personen: Adolf v. Batocki, Oberpräsident a.D.; Friedrich
v. Berg-Markienen, Vorsitzender der DAG; Erich Burchhard, Hauptgeschäftsfuh-
rer des Landbundes i.d. Provinz Sachsen; Klaus v. Eickstedt, Direktor im Pom-
merschen Landbund; vier Mitglieder der Familie Heydebrand und der Lasa; Hans
v. Knoblauch, Leiter der RLB-Parlamentsabteilung; die RLB-Direktoren Arno
Kriegsheim und Heinrich v. Sybel; der westfälische Landbundfuhrer Ferdinand
Frhr. v. Lüninck, Joachim v. Oppen, Präsident der Landwirtschaftskammer Bran-
denburg.
117 U.a.: Walther Schotte (seit 1920 Hg. Der Preußischen Jahrbücher), Heinz Brau-
weiler (Hauptschriftleiter des Stahlhelm), Georg Foertsch (Chefredakteur der
Kreuzzeitung), Max Hildebert Boehm (Die Grenzboten), Karl C. v. Loesch (Theo-
retiker des „Auslandsdeutschtums"), Walter-Eberhard Frhr. v. Medem (Chefre-
dakteur des „TAG" und DAB-Leitartikler), Hellmuth Rauschenbusch (Direktor
der Deutschen Tageszeitung), Harald v. Rautenfeld (Generalsekretär der Balti-
schen Arbeitsgemeinschaft), Edgar v. Schmidt-Pauli (Politik und Gesellschaft),
Gustav Steinbömer und der mondäne Indologe und Gutsbesitzer Hans-Hasso v.
Veltheim-Ostrau.

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 203

von Rang und in Form des bis 1924 von Martin Spahn geleiteten Poli-
tischen Kollegs in Berlin-Spandau ein Schulungszentrum aufgebaut
hatte, das durch Aufbau und Niveau einer leistungsfähigen Privat-
Hochschule glich, an der die Ideen der Neuen Rechten an den „Führer-
nachwuchs" der verschiedenen Berufs-„stände" vermittelt wurden. 118
Die stets im Dezember organisierten „Jahresessen" des DHK, ver-
sammelten z.T. weit über 500 Gäste von inner- und außerhalb des
Klubs. Die eindrucksvollen Teilnehmerlisten, die sich wie ein Who is
Who der wichtigen Funktionseliten lesen, verweisen noch deutlicher
als der Mitgliederkreis auf die Weite der hier angestrebten Elitenfusi-
on. Die ausgefeilten Tisch- und Sitzordnungen, der vorgeschriebene
Frack und die Preise auf den Speisekarten 119 verweisen auf finanzielle
und soziale Standards, die außerhalb der Reichweite vieler D A G -
Mitglieder lagen. DAG-Hauptgeschäftsfuhrer v. Bogen brachte diese
soziale und politische Differenz Ende 1931 in seiner Absage an den
westfälischen Gutsbesitzer Baron Lüninck auf eine einfache Formel:
„Zum [Jahresessen] des Herrenklubs komme ich nicht, es ist mir, offen
gesagt, zu teuer und außerdem sind sicher sehr viele hochgestellte Per-
sönlichkeiten da, mit denen ich nicht besonders gern zusammen
bin.« 120

Die Institution der Jahresessen symbolisiert die spezifische Leistung


des Klubs, die in der Zusammenfuhrung adlig-bürgerlicher Vertreter
unterschiedlicher professioneller Bereiche lag, zwischen denen es ge-
wöhnlich nur wenig Berührungspunkte gab. Wichtig für diese Funkti-
on des Klubs waren eine Reihe von Personen, die sich keinem der hier
genannten professionellen (und damit sozio-kulturellen) Felder
eindeutig zuordnen lassen, sondern mehrere dieser Bereiche von innen

118 Dokumentation der Professoren, Dozenten und Kurse des Politischen Kollegs in:
Geheimes Staatsarchiv Berlin, Rep. 3 0 3 , Nr. 1 7 3 - 1 7 5 ; Bundesarchiv Koblenz, R
118, Nr. 53 u. 54. Vgl. dazu SCHWIERSKOTT, Moeller (wie Anm. 102), S. 6 1 - 6 6
und S. 179f. sowie PETZINNA, Erziehung (wie Anm. 100), S. 1 4 3 - 1 6 8 , 2 1 5 - 2 2 0 .
119 L H A S , Großherzogliches Kabinett III, Nr. 2 6 5 3 : Teilnehmerlisten und Tischord-
nungen für die Jahresessen von 1930 und 1 9 3 2 (im großen Festsaal von Kroll ge-
genüber dem Reichstag). Die Plazierung der Tische im Raum und die Sitzordnung
der „Herren" an den einzelnen Tischen dokumentieren das feinsinnige Gespür für
soziale Hierarchien und den Versuch, unterschiedliche Machtfelder „am weißen
Tisch" miteinander in Verbindung zu bringen. 1932 gab es 6 7 5 Teilnehmer, die an
7 2 Tischen à 8 - 2 4 Personen plaziert wurden. Serviert wurde ein viergängiges Me-
nü und deutscher Schaumwein zum Flaschenpreis von 16 Mark.
120 Bogen an Lüninck, 1 . 1 2 . 1 9 3 1 , in: W A A M , Nl. Lüninck, Nr. 8 1 5 .

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204 Stephan Malinowski

kannten, „führend" vertraten und innerhalb der Ring-Bewegung zu-


sammenbrachten. Neben Alvensleben und Gleichen gehörten eine Rei-
he der aktiven Klubmitglieder zu diesen eher seltenen Amphibien, die
sich zwischen städtischem Großbürgertum, den „besten Familien" des
Adels sowie dem Milieu der rechten Intelligenz souverän bewegen,
diese miteinander verbinden und somit den Aufbau eines neukompo-
nierten, modernetauglichen Elitenreservoirs aktiv befördern konnten.
Drei Beispiele sollen hier genügen, um diesen im DHK häufig vertre-
tenen Typus des flexiblen „Mehrzweckfuhrers" zu skizzieren. Das
prominenteste Beispiel liefert das Klubmitglied Franz v. Papen, der als
Sohn eines preußischen Rittmeisters, Mitglied einer alten westfälischen
Adelsfamilie, Pagenschüler, Ehemann einer saarländischen Industriel-
lentochter, Diplomat, Generalstabsoffizier, Gutspächter, Kandidat des
vom westfälischen Adel dominierten rechten Flügels im Zentrum, ak-
tives Mitglied katholischer Adelsverbände, Hauptaktionär einer bedeu-
tenden Zeitung, Mitglied des preußischen Landtages, Herrenreiter,
Katholik mit guten Kontakten zur Kurie und Treuhänder des „Lan-
gnamvereins" mit exzellenten Kontakten zur Schwerindustrie diesen
Typus bereits idealtypisch repräsentierte, bevor er als Wunschkanzler
Hindenburgs dessen Ohr gewann und behielt.121
Analog zu Papen verkörperte Tilo Freiherr v. Wilmowsky122 auf
mehreren Ebenen Verbindung von (adligem) Landbesitz und (bürgerli-
cher) Großindustrie. Wilmowsky, Gutsbesitzer aus einer Familie des
schlesischen Uradels, Jurist und Landrat, hatte die Schwester Bertha
Krupps geheiratet und wurde später Aufsichtsratsmitglied bei Krupp.
Als Gutsbesitzer hatte er sich nach 1918 bei der Aufstellung eines
Stoßtrupps der Organisation Escherich hervorgetan. Später wurde er
Vorsitzender des sächsischen Landbundes, Vizevorsitzender der
Landwirtschaftskammer und Vorsitzender der DNVP-Fraktion im
Provinziallandtag. Auch im Reichsausschuß für Technik in der Land-
wirtschaft, im Luther-Bund sowie als Präsident des Wirtschaftsver-
bandes Mitteldeutschland war Wilmowsky in fuhrenden Positionen.

121 Franz v. PAPEN, Der Wahrheit eine Gasse, München 1 9 5 2 . Vgl. Joachim PET-
ZOLD, F r a n z von Papen. Ein deutsches Verhängnis, M ü n c h e n / B e r l i n 1 9 9 5 , S. 15-
4 7 . Papens feste und dauerhafte Bindungen an die Denkwelten des Adels werden
hier j e d o c h kaum thematisiert. Die spöttischen Urteile über Papens angeblich „be-
schränkten" Horizont, in denen Zeitgenossen und Forschung übereinstimmen,
sind zwar erheiternd, j e d o c h kaum geeignet, die Mehrfachkarriere des Herrenrei-
ters in verschiedenen Lebenswelten angemessen zu deuten.
122 Angaben nach seiner Autobiographie: Tilo FRHR. V. WILMOWSKY, Rückblickend
m ö c h t e ich sagen, Oldenburg/Hamburg, 1 9 6 1 .

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 205

Der Baron war zudem Mitglied des sogenannten „Smoking-Clubs",


einem fest institutionalisierten, vierteljährlichen Treffen von sechs
hochkarätigen Industrievertretern mit sechs adligen Vertretern der
Landwirtschaft im Berliner Hotel Esplanade. Von dieser Plattform aus
war 1929 die Vermittlung eines zinslosen Industriedarlehens an den
Reichslandbund gelungen. 123 Im gleichen Jahr spielte Wilmowsky für
den Herrenklub die Rolle des Geldbeschaffers mit Zugang zu üppigen
Quellen. Mit der Feststellung, der Herrenklub habe „sich in letzter Zeit
in anerkennenswerter Weise auf die von der Industrie vertretenen In-
teressen eingestellt", 124 gelang es Wilmowsky, seinen finanzkräftigen
Schwager in Essen für ein finanzielle Unterstützung des Klubs zu ge-
winnen.
Ein Kölner Bankier aus einer neuadligen Familie, Kurt Frhr. v.
Schröder, war einer der wichtigsten Verbindungsmänner des DHK zur
Finanzwelt. Als einer der aktiven Organisatoren des Klubs warb der
Baron, in dessen Kölner Haus im Januar 1933 die berüchtigte Unterre-
dung zwischen Hitler und Papen stattfinden sollte, am Rhein um „Füh-
rer", die der Politik noch fernstanden. Als ehemals Aktiver im exklu-
sivsten Korps des deutschen Adels, der es bis zum Vorstandsmitglied
und Rechnungsführer im Verein alter Herren der Borussia zu Bonn
gebracht hatte,125 vereinte auch Schröder die o.g. amphibischen Fähig-
keiten. Schröder war im November 1932 eines der aktivsten Mitglieder
des NS-freundlichen Keppler-Kreises, als es galt, der für Hitler wer-
benden Petition an Hindenburg durch die Namen prominenter Mitglie-
der der „Ruhrlade" größeres Gewicht zu verleihen. Die guten Kontakte
zum preußischen Adel dürfte der mit der Tochter eines Kommerzienra-
tes verheiratete Finanzmann aus Köln weniger seinem Freiherren-
Titel, als seiner Position verdanken, die er als alter Herr der Borussen
bekleidete.

Meist in expliziter Anlehnung an das Berliner Modell konstituierten


sich in Nord-, Mittel- und Westdeutschland lokale Ableger des Klubs.
So gingen etwa die Gründungen der Herrengesellschaften in Schlesien

123
Protokoll der DHK-Tagung vom 9.4.1927 in: LHAM-AW, Rep. Stolberg, O, E,
Nr. 32.
124
Wilmowsky an Krupp v. Bohlen, 28.2.1929, zit. n.ZTPNIEA
PETZINNA, Erziehung (wie
Anm. 100), S. 229.
125
Akten des Corps Borussia, darin u.a. Mitgliederlisten der „alten Herren" sowie
diverse Schreiben Schröders, in: AFFD, Fürstl.Hs., Erziehung, Corps Borussia
1901 ff.

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206 Stephan Malinowski

und Mecklenburg maßgeblich auf die Initiative zweier Mitglieder urad-


liger Familien zurück, die über persönliche Kontakte der Berliner
Klubleitung verbunden waren und die lokalen Herrengesellschaften
nach dem Berliner Vorbild, jedoch in eigener Regie aufbauten. Ähn-
lich wie der Gutsbesitzer Wilhelm v. Oertzen-Roggow in Mecklen-
burg 126 bemühte sich der ehemalige Kadettenschüler und Gutsbesitzer
Fritz Günther v. Tschirschky in Schlesien erfolgreich darum, „eine
Gruppe junger Menschen zu sammeln, die aus den verschiedensten
Berufen [und] Gesellschaftsschichten [stammen], in erster Linie Aka-
demiker, junge Offiziere, Studenten, Söhne der Kaufmannschaft und
des Adels". 127 Oertzen, der zwischen 1926 und 1942 über 11.600 Teil-
nehmer in den Schulungskursen der Herrengesellschaft versammeln
konnte, skizzierte die Arbeitsweise seines Kreises wie folgt: „Wir sind
eine durchaus aristokratische Bewegung insofern, als wir Führerper-
sönlichkeiten aus allen Kreisen heranziehen und durch unsere Veran-
staltungen schulen und informieren und vor allem dann auch von ihnen
erwarten, daß sie das Gelernte auch anwenden auf sich und auf den
Kreis, auf den sie Einfluß haben. Das ist eben Führertum!" Der „große
Führer" werde zwar nicht erzogen, sondern geboren, die Schulung von
Denken und Fühlen der „kleinen Führer" zu einer neuartigen Ober-
schicht jedoch unabdingbar, „damit eine Atmosphäre vorhanden ist, in
der der Führer überhaupt leben, in der er sich durchsetzen kann." 128

Bestimmt man die Adligen im Herrenklub als sozialen Gegenpol zur


Klientel der DAG, wäre zu fragen, ob sich der Klub, der zu einem der
wichtigsten Kontakt-, Repräsentations- und Handlungsorte der o.g.
Adelsgruppen geworden war, bezüglich des politischen Kurses ebenso

126
Auf der Grundlage z.T. unzugänglicher Quellenbestände, mit unangemessenen
mildem Urteil, in dem der ehemals scharfe (marxistische) analytische Blick des
Autors einer merkwürdigen Gutsherren-Verehrung gewichen ist: Lothar ELSNER,
Die Herrengesellschaft. Leben und Wandlungen des Wilhelm von Oertzen, o.O.
1998, v.a. S. 31-59.
127
Fritz-Günther v. TSCHIRSCHKY, Erinnerungen eines Hochverräters, Stuttgart 1972,
S. 57. Tschirschky gehörte später zum Mitarbeiterstab Papens im Vizekanzleramt.
Daß die schlesische Vereinigung v.a. „den Abwehrkampf gegen die N S D A P
vorbereiten]" sollte, ist bereits angesichts des Gründungsdatums (1927/28) als
barer Unsinn erkennbar.
128
Schreiben Oertzens v. 8.11.1930, zit. nach Elsner, Herrengesellschaft, S. 35f.
(Zitat) und S. 48 (Teilnehmerzahl). Zum Ablauf der Vortrags-Veranstaltungen
vgl. TSCHIRSCHKY, Erinnerungen, S. 58f. und PAPEN, Wahrheit (wie Anm. 121),
S. 138f..

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 207

deutlich von der DAG unterscheiden läßt. Das Verhältnis der Ring-
Bewegung zum Nationalsozialismus wird in der Literatur kontrovers
beurteilt.129 Zweifellos jedoch hielt die Leitung des DHK zur N S -
Bewegung eine weit größere Distanz als die DAG. Antisemitische
Züge innerhalb der Ring-Bewegung aufzuzeigen, ist zwar wie überall
innerhalb der Weimarer Rechten eine leichte Übung, niemals jedoch
wurde der Antisemitismus innerhalb des Klubs, der auch einige jüdi-
sche Mitglieder hatte, zum konstitutiven Bestandteil des hier gepfleg-
ten Ideals des „freien Herrentums". Jenseits der gemeinsamen anti-
demokratischen Ausrichtung unterschied sich der Herrenklub nach
sozialer Zusammensetzung und politischer Zielsetzung deutlich von
der NS-Bewegung. Diese Differenzen spiegelten sich v.a. zur Zeit des
Papen-Kabinetts in massiven Angriffen der NS-Publizistik auf den
Herrenklub wider. Bei aller Anerkennung der „Leistungen" und Poten-
tiale des Nationalsozialismus mußten Ziel und Praxis des Herrenklubs,
unabhängig über den Massen zu stehen, konsequenter Weise heißen,
die eigene Position nicht in sondern über der NS-Bewegung zu su-
chen. In einem „offenen Brief an Adolf Hitler" hatte Heinrich von
Gleichen diesen Herren-Standpunkt im dazu passenden Tonfall bereits
1931 dargelegt: „Ich stelle jedenfalls fest, daß Männer, die sich zur
fuhrenden Schicht Deutschlands nicht erst von der gegenwärtigen Ge-
neration her rechnen, Ihr Ruf darum nicht erreicht und auch nicht er-
reichen wird, weil Sie auf diese Männer [...] keinen Wert legen. Denn
Sie fordern und wünschen: bedingungslose Gefolgschaft! Dazu werden
Sie aber Männer, die ihr Handeln aus eigener Verantwortung bestim-
men, nicht bekommen."130 Auf dem Höhepunkt der Konfrontation
zwischen NS-Bewegung und dem Kabinett der Barone verkündete
Goebbels den „rücksichtslosen Kampf gegen jene „Sorte von Adel",
die - zurückgelehnt in „Herrenklubsesseln"- das Volk als „stinkende
Masse" bewertete. In den großen NS-Zeitungen trat er eine Kampagne
los, für die auch die prominenten Partei-Adligen, u.a. Prinz August
Wilhelm v. Preußen, Prinz Schaumburg-Lippe und Graf Reventlow
von der Kette gelassen wurden.131

129
Vgl. PETZOLD, Wegbereiter, S. 320-336; 350-364; ISHIDA, Jungkonservative, S.
238-263 und PETZINNA, Erziehung, S. 274-286 (alle wie Anm. 100).
130
Heinrich v. GLEICHEN, Offener Brief an Hitler, in: Der Ring, 6.11.1931, S. 835.
131
Zitat: Angriff, 23.9.1932. Vgl. Völkischer Beobachter 15.10.1932; Preußische
Zeitung 24./25.9.1932: „Die Pflicht des wahren Adels. Mit Hitler ñlr das deutsche
Volk. Ein Aufruf der nationalsozialistischen Adligen." und ein Pamphlet von Go-
ebbels späterem Adjutanten: F. C. PRINZ ZU SCHAUMBURG-LIPPE, Der Berliner

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208 Stephan Malinowski

Die Position einer parteiübergreifenden Koalition von adlig-


bürgerlichen Funktionseliten wurde jedoch nicht erst 1933 überrannt,
sondern zuvor innerhalb der Ring-Bewegung aufgelöst. Diese Dyna-
mik ging weniger vom Berliner Klub, als von einigen der ländlichen
Herrengesellschaften aus, in denen sich hochaktive Gruppen der N S -
Bewegung angeschlossen und gegen den unabhängigen Kurs der Klub-
leitung revoltiert hatten. Die Protokolle eines Treffens im Juni 1932,
bei dem Klubpräsident Alvensleben mit 31 Vertretern der regionalen
Herrengesellschaften und der zum „System Hugenberg" gehörenden
Nationalklubs zusammentraf, machen deutlich, daß spätestens zu die-
sem Zeitpunkt der den DHK umgebene „Ring" konzentrischen Druck
auf die Berliner Klubleitung und ihre NS-kritische Position ausübte. In
deutlicher Absetzung von der Berliner Klublinie wurde ein Bekenntnis
zur Harzburger Front, der Ausschluß von Mitgliedern demokratischer
Parteien, die Absetzung Heinrich v. Gleichens und explizit die „An-
bahnung eines freundschaftlichen Verhältnisses zu den Nationalsozia-
listen" gefordert. Die Vertreter dieses rechtsradikalen Flügels hatten
den DHK-Präsidenten Alvensleben eindeutig in die Defensive ge-
drängt.132
Dieser Entwicklung entsprach die Verwandlung der herrischen Di-
stanz von der NS-Bewegung in einen kraftlosen Rückzug auf opportu-
nistische Positionen und die Selbstgleichschaltung des Klubs, 133 die
lange vor dem Parteibeitritt Gleichens und Alvenslebens im Jahre 1937
abgeschlossen war. Insgesamt erinnert die Niedergangsgeschichte des
Klubs, dessen weiterer Kreis zurecht als eine der wichtigsten Macht-
ressourcen des Papen-Kabinetts gilt, an jene Überschätzung der eige-
nen Steuerungsfahigkeiten, der Papens berühmtes Wort, man habe sich
Hitler engagiert, ein Denkmal gesetzt hat. Aus der Perspektive des
Adels boten die von der Ring-Bewegung organisierten Machtchancen

Herrenklub und das deutsche Volk, Köln 1 9 3 2 . Vgl. I S H I D A , Jungkonservative


(wie Anm. 100), S. 251 mit der Auflistung weiterer Beispiele.
132
Das Treffen der 3 2 Herren fand am 2 2 . 6 . 1 9 3 2 auf dem H A P A G - D a m p f e r „Albert
Ballin" statt. Neben 13 Adligen, darunter sechs Vertreter alter Familien, verzeich-
net die Teilnehmerliste Direktoren, Industrielle, Bankiers, Diplomaten, Offiziere
und einen sächsischen Landbund-Funktionär. Vgl. LHAS, H G M , Bd. 10, Fol. 82-
9 1 und BAB, R 1 8 , Nr. 5 3 3 0 , Fol. 1 2 4 - 1 3 1 (Tagungsbericht aus Hamburg), das

Berliner Protokoll und das Schreiben an die Hamburger Klubleitung ( 1 2 . 7 . 1 9 3 2 ) ,


in: BAB, R 1 8 , Fol. 1 5 1 - 1 6 1 . Teilnehmerliste: ebd., Fol. 1 2 .
133
Zur Selbstgleichschaltung des Klubs s. den Bericht des DHK-Geschäftsfiihrers
Rosenberger über die Beratungen am 2 3 . 4 . 1 9 3 3 (vom 5 . 5 . 1 9 3 3 ) , in: L H A S , H G M ,
Bd. 1 2 .

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 209

deutlich bessere Zugänge zu einer erneuerten „Führungsschicht" als


die DAG jemals herstellen konnte. Den Willen, v.a. aber die Voraus-
setzungen zum Eintritt in den Ring dieses „Herrentums" brachte im
Adel jedoch nur eine Minderheit mit.

Thesen und Perspektiven

Was ein genauerer Blick auf die adligen Binnenverhältnisse nach 1918
zu Tage fördert, hat nur wenig Ähnlichkeit mit einer Machtelite. In den
Blick gerät vielmehr eine Verlierergruppe und ihre mehrfach gebro-
chenen Versuche, adelsspezifische Lebenswelten, Wertsysteme und
Führungsansprüche neu zu definieren.
Für die Untersuchung dieser Gruppe scheint ein differenzierter
Adelsbegriff, der zwischen sozial und kulturell verschiedenen Teil-
gruppen unterscheiden und die Homogenisierungsversuche im Blick
behalten kann, besser geeignet als der überall verwendete Begriff der
konservativen Eliten, der hochaktive Teilgruppen innerhalb des Klein-
adels nicht erfaßt. Zumindest der aktivste Teil jener Adelsgruppen,
welche die Planierung des unebenen Weges vom traditionellen Selbst-
verständnis des Adels zum „Führertum" innerhalb der NS-Bewegung
forciert und die Selbstzerstörung des traditionellen Adelsbegriffs be-
trieben hat, läßt sich weder sinnvoll einer Elite zuordnen, noch als
konservativ bezeichnen.
Gerade für eine „kritische" Sozialgeschichte des Adels nach 1918
dürfte es gewinnbringend sein, den tradierten Rahmen der demokra-
tisch-liberalen Junkerschelte zu verlassen. Zwar steht dessen histori-
sche Berechtigung nicht zur Disposition, die darin möglichen historio-
graphischen Leistungen werden jedoch beschränkt bleiben, wenn man
sich künftig mit der empirischen Unterfutterung bereits bekannter Tat-
sachen begnügt: Daß die Agrarier keine Demokraten und der Einfluß
kleiner Adelskreise mit Immediatzugang zum greisen Reichspräsiden-
ten verhängnisvoll waren, ist bekannt und unbestritten.
Bezüglich des historiographischen Brennpunkts 1933 würden die
Ergebnisse einer Adelsgeschichte, die sich verstärkt den hier skizzier-
ten Teilgruppen zuwendet, die eingangs zitierten Urteile über das Ver-
hältnis von Adel und Nationalsozialismus eher verschärfen als abmil-
dern. Deutlicher als in der Betrachtung der (einfluß-) reichsten Groß-
grundbesitzer ist die Vorstellung, im Adel hätten nur vereinzelte

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210 Stephan Malinowski

„Querköpfe", „ausgesprochene Außenseiter" und „verzweifelte Ideali-


sten" zur NS-Bewegung gefunden eindeutig widerlegbar. 134
Anders als ältere Arbeiten der Sozialgeschichte nahelegen, dürfte
der Schlüssel zur Erklärung dieses Phänomens nicht in der vermeintli-
chen „Feudalisierung" des Bürgertums, sondern im Gegenteil in der
erheblichen Distanz der dominierenden Adelsgruppen zu Kultur und
Lebenswelten des Großbürgertums liegen, die vor und nach 1918 nur
von einer adligen Minderheit überwunden wurde. Die im Adel hand-
lungsrelevanten völkischen und elitären Modelle einer erneuerten Füh-
rungsschicht tragen konsequenter Weise deutliche Züge einer Antibür-
gerlichkeit, die sich vielfach in die Stromkreise der Weimarer Rechten
einspeisen ließ. Für große Teile v.a. des norddeutsch-protestantischen
Adels führte die hier skizzierte Radikalisierung nahe an oder direkt in
die NS-Bewegung. Betont sei erneut der erhebliche Widerstand gegen
diesen Kurs, der sich v.a. in Teilen des katholischen Adels in Süd-
deutschland formierte.
Auch wenn sich die Geschichte der Neuen Rechten ideengeschicht-
lich ohne weiteres in die großen Denkbewegungen der europäischen
Zwischenkriegszeit einordnen läßt, dürfte es in Deutschland spezifi-
sche soziale, kulturelle und politische Bedingungen gegeben haben, die
diese Strömung im Nachkriegsdeutschland zu einer besonders wir-
kungsvollen, adlig-bürgerlichen Version autoritärer Gesellschaftsmo-
delle werden ließen. Unter den Bedingungen der deutschen Kriegsnie-
derlage und ihrer Folgen entwickelten adlig-bürgerliche Verbindungen
eine Dynamik, der, anders als etwa in England und Frankreich, keine
demokratisierbare Alternative mehr gegenüberstand, die von einer
neuformierten Elite gestützt worden wäre. Hier dürften sich durchaus
Elemente eines deutschen „Sonderweges" aufzeigen lassen. Nicht etwa
im Sinne der zurecht verworfenen Feudalisierungsthese, sondern in der
Radikalisierung einer neuartigen Koalition, in der ein desintegriertes
Bürgertum und ein weiterhin einflußreicher, die politische Führung
fordernder Adel nach einer gemeinsamen Geschäftsgrundlage zur
„Überwindung" der Demokratie suchen.
Dieser Beitrag hat nicht versucht, die Frage nach dem Stellenwert des
Adels in dieser Koalition zu beantworten, sondern sie aus einer verän-

134
Walter GÖRLITZ, Die Junker (wie Anm. 1) S. 373f. Tendenziell ähnlich die diffuse
Beurteilung bei HOYNRNGEN-HUENE, (wie Anm. 1), S. 62-74, 92-111. Die o.g.
Gegeneinschätzung als Teilergebnis meines laufenden Dissertationsprojektes, ne-
ben einer Untersuchung der Adels-Verbände u.a. auf eine umfassende Auswer-
tung der NSDAP-Mitgliederkarteien gestützt.

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Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub 211

derten Perspektive neu zu stellen. Die paradigmatische Vorstellung


vom „Bündnis der Eliten" 135 eignet sich zwar zur Erklärung der effek-
tiven Blockierung wichtiger Demokratisierungstendenzen, kann jedoch
die Möglichkeiten und schließlich gewählten Wege der größten adligen
Teilgruppen nach 1918 nicht mehr angemessen beschreiben. Das
Bündnis, das ein großer Teil des Kleinadels nach 1918 eingeht, erin-
nert eher an die von Hannah Arendt als „Mob" bezeichnete Allianz der
„Deklassierten aller Klassen". Arendts anhand der Dreyfus-Affare
erarbeitete Analyse jener neuartigen, aggressiven Konstellation und
des von ihr gepflegten Stils, die „nach dem Weltkrieg zur Regel wur-
de[n]", läßt sich auf die in diesem Beitrag behandelte Entwicklung
durchaus übertragen. Gerade in den dynamischsten Teilgruppen des
Adels findet sich „die Heldenverehrung der Gangster von Seiten der
Elite, die Bewunderung jeglicher Grausamkeit, das Bündnis schließlich
aller Deklassierten auf der Grundlage des Ressentiments oder der Ver-
zweiflung." 136

Allerdings geht die Annäherung großer Teile des Adels an die N S -


Bewegung insgesamt auch in diesem Modell nicht auf. Das eigentliche
Explanandum bleibt die Tatsache, daß auch sozial weiterhin etablierte
Adelsgruppen den völkischen Amoklauf des Kleinadels unterstützten
bzw. stirnrunzelnd in Kauf nahmen, wie insbesondere die Geschichte
der DAG zeigt. Alle Erklärungen dieses Phänomens werden sich auf
die kulturellen Besonderheiten des Adels, seine Traditionen und seinen
Familienbegriff einlassen müssen. In einer engen Welt, in der jeder
jeden kannte, war die in Jahrhunderten geschmiedete Solidarität der
adligen „Gesamtfamilie" und die damit verbundenen Tendenz ideolo-
gischer Homogenisierung von größter Bedeutung.

135
Fritz FISCHER, Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der Machtstrukturen in
Deutschland 1871-1945, Düsseldorf 1979.
136
Hannah ARENDT, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1986,
S. 1 9 5 .

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WOLFGANG ZOLLITSCH

Orientierungskrise und Zerfall


des autoritären Konsenses:
Adel und Bürgertum zwischen
autoritärem Parlamentarismus,
konservativer Revolution und
nationalsozialistischem Führeradel
1928-1933

Eine der Voraussetzungen der Machtübertragung an Hitler war nicht


die Stärke, sondern die Schwäche und Fragmentierung der traditionel-
len Eliten.1 Trotz der weitreichenden Skepsis gegenüber dem Parla-
mentarismus in fast allen politischen Lagern waren diese Eliten nicht
imstande, eine ihren Wünschen und Interessen entsprechende autoritä-
re Lösung der Staats- und Wirtschaftskrise der Weimarer Republik
durchzusetzen. Die tieferen sozialgeschichtlichen Ursachen dieser
Schwäche der Eliten verweisen auf die Entwicklung des Konservati-
vismus und seiner Trägerschichten in Adel und Bürgertum. Die Zu-
spitzung der politischen und ökonomischen Krisen in der Endphase der
Weimarer Republik konfrontierte die machtgewohnten Eliten mit Her-
ausforderungen, die die überlieferten Mittel, mit denen sie ihre Füh-
rungsstellung legitimierten, zu untergraben drohten. Die Suche nach
neuen Lösungsansätzen und politischen Optionen soll im folgenden
vom Adel aus betrachtet werden.2 Der Adel war zwar nur eine zahlen-

Dazu ausführlicher Ian KERSHAW, Hitler 1889-1936, Stuttgart 1998, S. 473.


Im Rahmen dieser kurzen Skizze kann auf die regionale und strukturelle Differen-
zierung innerhalb des deutschen Adels nicht eingegangen werden. Der preußische
Adel Ostelbiens steht deshalb schon aus Gründen der Quantität im Vordergrund.
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214 Wolfgang Zollitsch

mäßig kleine Gruppe innerhalb des sozial breiteren Spektrums des


Konservativismus, er verkörperte jedoch beispielhaft das konservative
Dilemma zwischen Identitätswahrung und Anpassung an eine sich
verändernde Gesellschaft. Er stellte zudem in seiner Orientierung am
idealisierten preußischen Werthorizont ein wichtiges Element konser-
vativer Traditions- und Identitätsstiftung dar. Insoweit personifizierte
sich im Adel jene Preußenmythologie, auf die sich Konservative unter-
schiedlicher Provenienz auch in Weimar gerne bezogen.3

Das Verhältnis von Adel und Bürgertum in der Weimarer Republik


war nicht mehr durch die Konflikte geprägt, die im gesellschaftlichen
Formationsprozeß des 19. Jahrhunderts aufgetreten waren. Mit der
Weimarer Republik war eine grundsätzlich andere gesellschaftliche
und politische Konstellation gegeben. Die Erforschung des Adels im
20. Jahrhundert muß deshalb auf andere Perspektiven und Fragestel-
lungen zielen.4 Inwieweit wirkten sich die überkommenen kulturellen
Deutungsmuster des Adels auch in der modernen Gesellschaft aus?
Auf welche Weise beeinflussten adelige Prioritäten, Prägungen und
Interessen das politische Verhalten des Adels und seine Stellung inner-
halb des konservativen Spektrums am Ende der Weimarer Republik?
Die Relevanz der adeligen Positionen erschließt sich nicht durch den
nostalgisch verbrämten Blick auf ihre elitäre Randexistenz, sie stehen
in Wechselwirkung zur bürgerlichen Gesellschaft, und aus diesem
Beziehungsgeflecht heraus erhalten sie ihre Bedeutung. Welche Strate-
gien verfolgten Adel und konservativ-bürgerliche Funktionseliten, um
ihre herausgehobene Position unbeschadet des politischen und sozialen
Wandels halten zu können? Bedienten sie sich dabei gemeinsamer
schichtenübergreifender politischer und gesellschaftlicher Deutungs-
muster, oder lag das Dilemma der adeligen und bürgerlichen Eliten
gerade im Fehlen solcher konsensstiftenden Identifikationsfelder, die

Zur Binnendifferenzierung des Adels am Ende von Weimar: Wolfgang ZOL-


LITSCH, Adel und adelige Machteliten in der Endphase der Weimarer Republik.
Standespolitik und agrarische Interessen, in: Heinrich A. WINKLER (Hg.), Die
deutsche Staatskrise 1930-1933, München 1992, S. 239-256 (inkl. der anschlie-
ßenden Diskussion).
Karl-Dietrich BRACHER, Dualismus oder Gleichschaltung: Der Faktor Preußen in
der Weimarer Republik, in: ders. u.a. (Hg.), Die Weimarer Republik 1918-1933,
Bonn 1987, S. 535-551,548.
Dazu neuerdings Eckart CoNZE, Adeliges Familienbewußtsein und Grundbesitz.
Die Auflösung des Gräflich Bemstorffschen Fideikommisses Gartow nach 1919,
in: Geschichte und Gesellschaft 25 (1999), S. 455-479,455.

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Orientierungskrise und Zerfall des autoritären Konsenses 215

eine angemessene Antwort auf die Probleme der bürgerlichen Gesell-


schaft von Weimar dargestellt hätten? Welche Rückschlüsse ergeben
sich fiir die Stellung und Rolle des Adels, wenn die Krise von Weimar
auch als Krise der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland gesehen
wird?5 Der Adel war im Hinblick auf diese Gesellschaft auf der einen
Seite ein Außenseiter, auf der anderen Seite war er auf sie angewiesen,
da er im Kontrast zu ihr seine spezifische Eigenart betonen konnte.

Auf welche Weise sich adelige Selbstlegitimierung und politische Ori-


entierung in der Krise der bürgerlichen Gesellschaft von Weimar aus-
wirkten und veränderten, kann am Beispiel der Optionen dargestellt
werden, auf die sich der Adel in der Endphase von Weimar einließ:
Anpassung des traditionellen preußischen Konservativismus an rassi-
stisch-völkische und nationalsozialistische Vorstellungen, Rückzug
auf die Rolle als regionale Agrareliten und Interessenausgleich mit den
industriell-bürgerlichen Eliten. Die Grenzen zwischen diesen einzel-
nen Optionen waren gewiß fließend, doch zeigten diese unterschiedli-
chen Optionen auch, daß sich der Adel des Gegensatzes zwischen an-
geborenem Führungsanspruch und tatsächlichen Einflußchancen be-
wußt war und deshalb nach erfolgversprechenden Orientierungen
suchte. Diese Konstellation traf nicht nur auf den Adel zu, sondern war
ein generelles Problem der konservativen Eliten in der Krise der bür-
gerlichen Gesellschaft von Weimar. Wenn der Adel unter den ver-
schärften Bedingungen der Staats- und Wirtschaftskrise auf die Kluft
zwischen Traditionsbindung und politisch-gesellschaftlichem Wandel
reagieren mußte, so galt dies in abgeschwächter Form auch für das
konservative Bürgertum.

I. Umformung des traditionellen Konservativismus

Der adelige Konservativismus, der im Kaiserreich die Deutschkonser-


vative Partei dominiert hatte, fand sich in der neugegründeten Deut-
schnationalen Volkspartei nur bedingt wieder. Die DNVP war sozial
viel heterogener zusammengesetzt als die konservative Partei des Kai-
serreiches. Das bürgerlich-mittelständische und industrielle Element
hatte ein stärkeres Gewicht bekommen zu Lasten des adeligen und

Zu diesem Erklärungsansatz Lutz NIETHAMMER u.a., Bürgerliche Gesellschaft in


Deutschland, Frankfurt a. M. 1990, bes. S. 437.

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216 Wolfgang Zollitsch

agrarisch-ostelbischen.6 Die Vorbehalte der alten adeligen Agrareliten


gegenüber der DNVP zeigten sich am Bestreben, den Hauptverein der
Deutschkonservativen des Kaiserreiches, der im monarchistischen
Milieu des ostelbischen Preußen verwurzelt war, weiterhin am Leben
zu erhalten.7 In diesem exklusiven Zirkel blieb der ostelbische Adel
weitgehend unter sich und konnte das Wunschbild, zur elitären Füh-
rung berufen zu sein, weiter pflegen, dem innerhalb der DNVP nicht in
dem vom Adel gewünschten Maße entsprochen wurde. In seinem
Selbstgefühl erschien dieser Adel noch ungebrochen. Die traditionellen
Lebensgrundlagen und Wertvorstellungen des ländlichen Adels waren
trotz Revolution und Weimarer Demokratie keinem grundsätzlichen
Wandel unterzogen worden. Diese Entwicklungen hatten die Distanz
zur bürgerlich modernen Welt eher noch verstärkt.
Der politische Einfluß des Hauptvereins der Deutschkonservativen
blieb jedoch auf sein elitär-agrarisches Milieu beschränkt. Dessen
ideologische Vorstellungswelt spiegelte er in hohem Maße wieder.
Dazu gehörte auch die reservierte Haltung gegenüber der sozial hete-
rogenen DNVP und deren Kurs, der sie als Koalitionspartei zur zeit-
weiligen Annäherung an die verhaßte Weimarer Republik führte. Der
Hauptverein lehnte diese „prinzipienlose Opportunitätspolitik" der
DNVP ab und er versuchte, die Partei im alten monarchisch-deutsch-
konservativen Sinne wieder umzuformen. Da die Bestrebungen des
Hauptvereins jedoch bis 1928 wenig Resonanz fanden, radikalisierte
sich eine Gruppe innerhalb des konservativen Traditionsverbandes um
den Grafen Arnim-Boitzenburg und trat offen für eine „nationale
Diktatur" ein. Der elitäre Dünkel der adeligen Großgrundbesitzer
richtete sich dabei nicht nur gegen die „Parteipolitik", als deren Teil-
haber man die DNVP ansah, sondern auch gegen die Interessenorgani-
sationen der Landwirtschaft, deren klein- und mittelbäuerlicher Basis
man egoistische Motive und darüber hinaus „Junkerhetze" vorwarf.8
Aristokratisches Sendungsbewußtsein gepaart mit fehlender politischer
Resonanz bestärkte diese landbesitzenden Adeligen in ihrer Außensei-
terposition, sowohl gesellschaftlich wie politisch. Erst mit der Über-

6
Anneliese THIMME, Flucht in den Mythos. Die Deutschnationale Volkspartei und
die Niederlage von 1918, Göttingen 1969, S. 27f.
7
Jens FLEMMING, Konservatismus als „nationalrevolutionäre Bewegung". Konser-
vative Kritik an der Deutschnationalen Volkspartei 1918-1933, in: Dirk
STEGMANN u.a. (Hg.), Deutscher Konservatismus im 19. und 20. Jahrhundert,
Bonn 1983, S. 295-331,301.
8
Ebd. S. 316.

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Orientierungskrise und Zerfall des autoritären Konsenses 217

nähme des DNVP-Vorsitzes durch Alfred Hilgenberg, die einen tief-


greifenden Kurswechsel markierte, konnte sich der landbesitzende
Adel stärker Gehör verschaffen. Nunmehr bestimmte endgültig die
republikfeindliche Fundamentalopposition die Linie der DNVP. Miti-
nitiator dieses Kurswechsels war, neben dem überwiegend bürgerlich
geprägten Alldeutsche Verband, gerade der Hauptverein der Deutsch-
konservativen gewesen, der im Adelsmilieu Ostelbiens seine Stütze
hatte. Im Gegensatz zum Kaiserreich waren es jetzt traditionsbewußte
Kräfte des Adels, die aktiv daran mitwirkten, den Konservativismus in
die völkisch-nationalistische Ecke zu drängen, um ihn als nationalre-
volutionäre Bewegung zu „modernisieren". Damit löste sich der alt-
preußische Konservativismus von seinen Wurzeln, um in einer umfas-
senderen Formation der sich radikalisierenden Rechten aufzugehen.9
Daß man bereit war, Traditionsballast abzuwerfen, zeigte sich schon an
der Umbenennung in „Hauptverein der Konservativen". Dieser sollte
nunmehr im Gleichschritt mit dem bürgerlich-alldeutschen Lager zum
Kristallisationskern eines neuen, massenwirksameren Konservativis-
mus werden.10 In dieser Konstellation setzte jedoch der aristokratische
Konservativismus seine traditionellen Überzeugungen und Bindungen
aufs Spiel, die er durch diesen Schritt eigentlich zu bewahren trachtete.
Denn anders als im Kaiserreich war der Adel nicht mehr in ein stabili-
sierendes Gefüge aus monarchischer Loyalität und status-quo-Wah-
rung eingebunden, sondern verstand sich als gegenrevolutionäre Kraft,
die mit der Destabilisierung von Weimar Energien freisetzte, die nicht
mehr zu kontrollieren waren und schließlich die eigene Identität ge-
fährdeten.
Das Zusammenspiel des elitären adeligen Konservativismus mit der
alldeutsch-bürgerlichen Rechten entsprang dem gemeinsamen Haß auf
die Weimarer Republik und war keineswegs als eine soziale Öffnung
des traditionellen Adels auf Teile des Bürgertums hin angelegt. Diese
Option richtete sich nicht an den Problemen der bürgerlichen Gesell-
schaft von Weimar aus, sondern sie nahm nur Entwicklungen auf, die
sich bereits im Kaiserreich herauskristallisiert hatten. Im Anschluß an

9
Geoff ELEY, Konservative und radikale Nationalisten in Deutschland: Die Schaf-
fung faschistischer Potentiale 1912-1928, in: ders., Wilhelminismus, Nationalis-
mus, Faschismus. Zur historischen Kontinuität in Deutschland, Münster 1991,
S. 209-247, 235; Heidrun HOLZBACH, Das „System Hugenberg". Die Organisation
bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP, Stuttgart 1981,
S. 228f.
10
FLEMMING, Konservatismus (wie Anm. 7), S. 323.

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218 Wolfgang Zollitsch

die mit der Person Hugenbergs verbundene bürgerliche Rechte konnte


der Adel seine eigenen alldeutschen, rassistisch-antisemitischen und
entschieden antirepublikanischen Ressentiments nunmehr offen nach
außen tragen.11 Insoweit wirkte sich diese Begegnung mit dem Bür-
gertum politisch radikalisierend aus. Der Anspruch des Adels auf eine
gesellschaftliche Führungsrolle wurde so zwar lautstärker, aber doch
nicht mit neuen Argumenten vertreten. Der Stellenwert der adeligen
Geburtselite im Vergleich zur bürgerlichen Leistungselite und das
Verhältnis des Adels zur bürgerlichen Gesellschaft insgesamt standen
nicht zur Debatte.
Die Erosion des traditionellen Konservativismus ermöglichte es
dem Adel, auf der Bühne der extremen Rechten mitzumischen, die
eigene elitäre Selbstisolierung aufzubrechen, aber die vom Adel so
hochgehaltene Wertorientierung und historische Selbststilisierung
wurde dadurch zusehends unglaubwürdig. Genau dies empfanden prin-
zipienfeste preußische Adelige, die dem Wertewandel innerhalb ihres
Standes mit Skepsis und wachsender Ratlosigkeit gegenüberstanden.
Einer von ihnen, der brandenburgische Landadelige Bodo von der
Marwitz zum Beispiel, hielt an den durch Familientradition überlie-
ferten Werten und Denkmustern fest, verließ deshalb die DNVP Hu-
genbergs, verweigerte sich dem völkisch-antisemitischen und natio-
nalsozialistischen Zeitgeist, stand aber auch der modernen bürgerlichen
Gesellschaft fern. Dafür fand er am Ende der Weimarer Republik keine
politische Orientierung mehr und zog es deshalb vor, sich im März
1933 nicht mehr an der Reichstagswahl zu beteiligen. Als Maßstab
blieben ihm allein die Ideale der preußisch-monarchischen Vergan-
genheit und die daraus erwachsene historische Verantwortung des
Adels, eine Haltung, die mit der politischen Realität nicht in Einklang
zu bringen war. 12
Adelige, die ihre politische Sozialisation während des Ersten Welt-
krieges oder in der antirevolutionären Stimmung unmittelbar nach
1918 erfahren hatten, sahen in der politischen Gedankenwelt des Kai-

11
Zum Antisemitismus im Adel Georg H. KLEINE, Adelsgenossenschaft und Natio-
nalsozialismus, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 26 (1978), S. 100-143, 110
und den Beitrag von Stephan MALINOWSKI in diesem Band.
12
Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, Rep. 37, Friedersdorf, Nr. 640:
Bodo von der Marwitz, Fragebogen zur Entnazifizierung, sowie Wolfgang
ZOLLITSCH, Die Erosion des traditionellen Konservativismus. Ländlicher Adel in
Preußen zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik, in: Dieter DOWE u.a.
(Hg.), Parteien im Wandel vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Rekrutierung
- Qualifizierung - Karrieren, München 1999, S. 169-190, 190.

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Orientierungskrise und Zerfall des autoritären Konsenses 219

serreiches oft keine Orientierung mehr. Die Ablehnung des überliefer-


ten Konservativismus und die Hinwendung zu völkischen und nationa-
listischen Gruppierungen oder schließlich auch die frühe Parteinahme
für die Nationalsozialisten ging einher mit der Kritik an der vorgeblich
lethargischen und „unpolitischen" Haltung der eigenen Standesgenos-
sen. Diese Sichtweise war vor allem unter jüngeren Adeligen anzutref-
fen, die befürchteten, daß der traditionelle Habitus des Adels unter den
veränderten gesellschaftlichen Bedingungen ab 1918 zum reinen
Selbstzweck zu werden drohte und die deshalb den Begriff des Adels
mit neuem Inhalt zu füllen versuchten. Beispiele hierfür finden sich in
zahlreichen Artikeln des Organs der Deutschen Adelsgenossenschaft,
dem „Deutschen Adelsblatt", wo dem Adel die Rolle einer Führungs-
und Galionsfigur der völkisch-nationalistischen Bewegung und des
Trägers neuer sittlicher und politischer Begriffe jenseits der liberalen
Demokratie zugedacht wurde.13 Ahnlich argumentierte auch der späte-
re Widerstandskämpfer Fritz-Dietloff von der Schulenburg, der den
Einsatz für den Nationalsozialismus als eigentliche Führungsaufgabe
des Adels ansah, da über die NSDAP preußische Traditionen und mo-
derne Massengesellschaft in Einklang gebracht werden könnten.14
Verlockend erschien es vielen Adeligen, daß der Nationalsozialismus
mit dem Schlagwort vom „Neuadel aus Blut und Boden" an die Kate-
gorien anknüpfte, mit denen sich der Adel von der bürgerlichen Ge-
sellschaft absetzte. Die Chance für eine Renaissance des alten Adels
und für eine neue Führungslegitimation im Zusammenwirken mit der
NSDAP sahen nicht nur Angehörige der jüngeren Generation, auch
ältere Adelige, selbst aus dem Hochadel, wollten diese Option als viel-
versprechende Zukunftsperspektive nutzen. Es waren also nicht nur
Angehörige des verarmten „Adelsproletariats", ohne nennenswerten
Landbesitz und ohne Zugang zu den etablierten Berufsfeldern des
Adels, die ihre Hoffnungen auf den Nationalsozialismus setzten.15
Dem landbesitzenden Adel Ostelbiens kam darüber hinaus entgegen,
daß sich die NS-Agrarbewegung zunehmend als Interessenvertretung
der Landwirtschaft etablierte und die Forderungen nach umfassendem
agrarischem Bestandsschutz, eine traditionelle Domäne des ostelbi-
schen Adels, lautstark vertrat.

13
KLEINE, Adelsgenossenschaft (wie Anm. 11), S. 113 f.
14
Ulrich HEINEMANN, Ein konservativer Rebell. Fritz-Dietlof Graf von der Schu-
lenburg und der 20. Juli, Berlin 1990, S. 27 ff.
15
Dazu auch ZOLLITSCH, Adel (wie Anm. 2), S. 246.

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220 Wolfgang Zollitsch

Der Versuch von Teilen des Adels, durch eine Annäherung an den
Nationalsozialismus aus der ständisch geprägten gesellschaftlichen
Isolation auszubrechen und die NS-Massenbewegung als Vehikel für
den eigenen Führungsanspruch nutzbar zu machen, übersah die offen-
sichtlichen Widersprüche im Verhältnis von Adel und Nationalsozia-
lismus und erwies sich schließlich als reines Wunschdenken. Das Ein-
schwenken auf die nationalsozialistische Neuadels-Mythologie be-
stärkte den Adel in seiner Sonderrolle und vertiefte eher den Graben zu
bürgerlichen Schichten. Aber die antifeudalen Ressentiments im Na-
tionalsozialismus, die vor allem auf Seiten der bäuerlichen Basis der
NS-Agrarbewegung zum Ausdruck kamen, deuteten an, daß den Füh-
rungsambitionen des Adels innerhalb des Nationalsozialismus enge
Grenzen gesetzt waren.16 So bedienten sich die Nationalsozialisten nur
zeitweise adeliger Galionsfiguren, um im agrarischen Verbandswesen
Fuß zu fassen, langfristig waren sie aber nicht bereit, den adeligen
Agrareliten das Feld zu überlassen.

II. Statusverlust als regionale Agrarelite

Als Grundlage adeligen Selbstverständnisses und adeliger Lebensge-


staltung galt gemeinhin der Landbesitz.17 Deshalb konzentrierte sich
der landbesitzende Adel Ostelbiens nach dem politischen Bedeutungs-
verlust ab 1918 vorrangig darauf, seine ökonomische und soziale Stel-
lung auf dem Lande zu konsolidieren. Die bereits beschriebene politi-
sche Umorientierung im Adel hatte ihre tieferen Ursachen in langfri-
stigen Entwicklungen, die vor allem den ökonomischen und sozialen
Status des landbesitzenden Adels in Ostelbien gefährdeten. Die Politi-
sierung breiterer Schichten in den rückständigen Landgebieten, die mit
der nationalsozialistischen Agrarbewegung einherging, kam nicht von

16
Zu antifeudalen Ressentiments im Nationalsozialismus Wolfram PYTA, Dorfge-
meinschaft und Politik 1918-1933. Die Verschränkung von Milieu und Parteien in
den protestantischen Landgebieten Deutschlands in der Weimarer Republik, Düs-
seldorf 1996, S. 337 ff.
17
Die geradezu klassische Definition lieferte 1925 Ewald v. KLEIST-SCHMENZIN:
„Auf einem Gebiet muß der Adel seine Stellung ganz besonders sorgfältig wah-
ren, nämlich auf dem Lande. In einem großen Landbesitz liegen die Wurzeln sei-
ner Kraft und werden sie immer liegen. Die Führung auf dem Lande darf nie ver-
loren werden." Zit. nach Hans ROSENBERG, Die Pseudodemokratisierung der Rit-
tergutsbesitzerklasse, in: DERS., Machteliten und Wirtschaftskonjunkturen. Studi-
en zur neueren deutschen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Göttingen 1978, S.
83-101,100.

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Orientierungskrise und Zerfall des autoritären Konsenses 221

ungefähr. Auf längere Sicht war die Bindungskraft patriarchalischer


Abhängigkeitsstrukturen im Schwinden. Die Auflösung der Gutsbezir-
ke durch die preußische Regierung im Jahre 1927 war mehr als ein
Indiz. Auch wenn die großen adeligen Güter nicht im Zentrum der
Gutsbezirksreform standen, waren sie von dieser Maßnahme doch
betroffen, wie den daraus resultierenden heftigen Auseinandersetzun-
gen zu entnehmen war. Die Kommunalisierung obrigkeitlicher Ver-
waltungsstrukturen auf dem Land beendete die privilegierte gutsherrli-
che Sonderentwicklung und schuf Raum für eine Neuorientierung der
politischen Loyalitäten in den vormaligen Gutsdörfern. An die Auflö-
sung der Gutsbezirke schloß sich vielfach ein langjähriger Streit um
Gemeindesteuern und um die Aufteilung ehemals gutsherrlicher
Rechte und Pflichten zwischen Landgemeinde und Gutsbesitzer an, ein
Konflikt, der zwar nicht der Auslöser, aber doch ein Indiz fur das ver-
änderte soziale Beziehungsgeflecht zwischen Gutsadel und ländlicher
Bevölkerung war. 18 Bürgerliche Gutsbesitzer sahen diesen Konflikt im
übrigen oft viel pragmatischer, da sie froh waren, ungeliebte soziale
und infrastrukturelle Lasten auf die Gemeinde abwälzen zu können.
Die im selben Jahr einsetzende Agrarkrise schmälerte den Einfluß des
landbesitzenden Adels in doppelter Hinsicht. Der adelige Landbesitz
nahm infolge dieser Krise in erheblichem Maße ab, dagegen vergrö-
ßerte sich nicht zuletzt wegen der Siedlungspolitik der Anteil der klein-
und mittelbäuerlichen Betriebe.19 Dabei war zu beobachten, daß die
adeligen Grundeigentümer bestrebt waren, zumindest den Familienbe-
sitz zu erhalten und Mehrfachbesitz, der oft zur Versorgung der Fami-
lienmitglieder gedacht war, abzustoßen. Der verbleibende adelige
Landbesitz war darüber hinaus ökonomisch entscheidend geschwächt
und zu sozialen Abbaumaßnahmen gezwungen, womit ein weiteres
Spannungselement in das Verhältnis von Adel und Landbevölkerung
einzog.

Dokumentiert ist dieser Konflikt z.B. im Fall des bereits erwähnten Bodo von der
Marwitz: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, Rep. 37, Friedersdorf,
Nr. 140. Mit ähnlicher Einschätzung Thomas NABERT, Der Großgrundbesitz in
der preußischen Provinz Sachsen 1913-1933, Köln u.a. 1992, S. 97f.
Berechnungen auf Grund der Landwirtschaftlichen Adreßbücher der Provinz Pom-
mern (7. Aufl. Leipzig 1922, 8. Aufl. 1928, 9. Aufl. 1939). Als ein durchaus reprä-
sentatives Beispiel der Kreis Demmin, Adelsgüter über 100 ha: 1922 62 Güter/40.581
ha Gesamtfläche, 1928 59/39.920, 1939 38/28.624. Als genereller Überblick (ohne
Adelsanteil) Landwirtschaftliche Betriebszählung. Die land- und forstwirtschaftlichen
Betriebe nach Betriebsgröße, Besitzverhältnissen und Viehhaltung, hg. V. Statisti-
schen Reichsamt, Berlin 1937 (Statistik des Deutschen Reichs Bd. 459), S. 1/54.

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222 Wolfgang Zollitsch

Bauernprotest und soziale Unzufriedenheit auf dem Land, nicht


selten mit antiaristokratischer Stoßrichtung versehen, erschütterten die
überlieferte Hierarchie vollends. Die nationalsozialistische Landbewe-
gung verlieh dieser Grundstimmung Ausdruck und nutzte sie für ihre
strategischen Ziele. Auf breiter Front bröckelten die Bastionen adeli-
gen Einflusses im lokalen und regionalen Gefüge, in den Selbstver-
waltungsgremien, in Landbünden und Landwirtschaftskammern. 20 Das
informelle Netz besonderer Klientel- und Sozialbeziehungen, dessen
sich auch der Adel bedient hatte, der sich parteipolitisch nicht exponie-
ren wollte, verlor zusehends an Festigkeit. Damit gerieten auch die
politischen Bindungen und Orientierungen des Adels in Fluß. Der für
das adelige Selbstverständnis so wichtige Dreiklang von Tradition,
Landbesitz und Elitenposition erwies sich als gestört. Wenn fest ge-
prägte Wertorientierungen und Lebensperspektiven so ins Rutschen
gerieten, Tradition und adelige Identität erschüttert wurden, die ge-
wohnten Verhaltensmuster den neuartigen Herausforderungen nicht
mehr entsprachen, konnten irrationale Übersteigerung und ideologi-
sche Fehldeutungen an ihre Stelle treten. Die von eigenen Standesge-
nossen zum Beispiel im „Deutschen Adelsblatt" vielfach geäußerte
Kritik am Adel oder die Übernahme von nationalsozialistischen
„Neuadels"-Ideen waren in diesem Sinne keine längst überfälligen
Anpassungen des adeligen Selbstverständnisses an die Erfordernisse
der modernen Gesellschaft, sondern eher Panikreaktionen einer zutiefst
verunsicherten gesellschaftlichen Schicht, auf deren Basis kaum ein
Brückenschlag zum Bürgertum möglich war. Angesichts der Gefahr-
dung seines ökonomischen und sozialen Status gelang es dem landbe-
sitzenden Adel nicht mehr, seine Position als regionale Agrarelite aus
eigener Kraft zu halten. Die nationalsozialistische Agrarbewegung
agierte als überlegener Konkurrent, und dem Adel gelang es nur unter
Preisgabe traditioneller Orientierungen, an die neue Bewegung im
agrarischen Milieu Anschluß zu halten. Auf Unterstützung aus dem
bürgerlich-industriellen Sektor konnte der landbesitzende Adel bei
seinem im Kern antimodernen agrarprotektionistischen Kurs der Sta-
tussicherung nicht hoffen. Denn eine Rückkehr zum Agrarstaat war
allzu offensichtlich kein geeignetes Mittel, um die wirtschaftlichen
Probleme eines fortgeschrittenen Industriestaates zu lösen.

20
Siehe die ausführliche Darstellung bei Stephanie MERKENICH, Grüne Front gegen
Weimar. Reichslandbund und agrarischer Lobbyismus 1918-1933, Düsseldorf
1998, S. 319 ff. und PYTA, Dorfgemeinschaft (wie Anm. 16), S. 360 ff.

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Orientierungskrise und Zerfall des autoritären Konsenses 223

III. Das Konzept des Elitenkonsenses

Innerhalb des Adels gab es jedoch auch kompromißbereite Kräfte, die


versuchten, dem Adel in der modernen bürgerlichen Gesellschaft Re-
sonanz zu verschaffen. Nur im Konsens mit den konservativ-bürgerli-
chen Eliten in Regierung, Ministerialbürokratie und Industrie sahen
diese Adeligen die Gewähr, ihre eigenen Führungsansprüche verwirk-
lichen zu können und den Funktionsverlust des alten Adels aufzuhal-
ten. Eine Fundamentalopposition à la Hugenberg erschien dagegen
eher als kontraproduktiv, und die Durchsetzung der vor allem agrarpo-
litischen Interessen des landbesitzenden Adels setzte, so die Erkennt-
nis, die Bereitschaft zur begrenzten Mitarbeit am parlamentarischen
System voraus. Diese Kreise waren bis 1930/31 vor allem noch in den
Führungsgremien von Reichslandbund und regionalen Landbünden zu
finden.21 Aus der DNVP waren sie 1930 als gemäßigt konservative
Gegner Hugenbergs gedrängt worden, obwohl sie selbst keine erklär-
ten Freunde der Weimarer Republik waren. Diese gemäßigten, „gou-
vernementalen" Konservativen vertraten, dem eigenen Anspruch nach,
das Ziel einer nicht parteilichen, „sachorientierten" Politik und ver-
suchten die unterschiedlichen Interessen der konservativen Funktion-
seliten in Wirtschaft und Staat auszugleichen, um damit dem Konser-
vativismus einen neuen Rahmen zu geben, in dem sich sowohl indu-
striegesellschaftliche Modernisierung wie politische Reaktion unter-
bringen ließen. Als Keimzelle dieser neokonservativen Bestrebungen
verstanden sich exklusive Organisationen wie der „Deutsche Herren-
club" oder der „Bund zur Erneuerung des Reiches", in denen Angehö-
rige der alten gesellschaftlichen Elite und der neuen wirtschaftlichen
und administrativen Funktionselite den autoritären Umbau der Weima-
rer Republik planten und neue Elitenkonzepte entwarfen, die auf die
Bedingungen der Massenge