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21.08.20 13:23
WO C H E N Z E I T U N G F Ü R P O L I T I K W I RTS C H A F T W I S S E N U N D KU LT U R N o 38 13:24
10. SEPTEMBER 2020 21.08.20
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Corona im Herbst

Heilung oder
Hokuspokus?
Ein Streitgespräch über
die Wirksamkeit
homöopathischer Kügelchen
Seite 10

Wie gut ist Deutschland


auf eine mögliche neue
Virus-Welle vorbereitet?
Antworten auf die wichtigsten
Fragen zu Corona
WISSEN

Gift oder Gas?

Was uns schützen wird


Titelfoto: Emma Fredriksson/Folio Images

Wie der Anschlag auf


den Regimekritiker Alexej
Nawalny und Wladimir
Putins Hilfe für Belarus
das politische Berlin zerreißen
Politik, Seiten 6 und 7

KONJUNKTUR DAS VERHÄLTNIS ZU RUSSLAND

Geht nicht
gibt’s nicht Ende der Illusion
Die Krise zeigt, was Politik Weil mit Putin Wandel durch Annäherung nicht möglich ist, darf
leisten kann  VON MARK SCHIERITZ Deutschland Moskaus Machtpolitik nicht länger subventionieren  VON JÖRG LAU
PROMINENT IGNORIERT

A
In der vergangenen Woche ist eine neue Kon- uch wenn die Frage hartherzig klingt: Mit dem untrüglichen Gespür des passionier- Demokratiebewegung, Maria Kolesnikowa, auf
junkturprognose veröffentlicht worden. Dem- Warum bringt erst der mutmaßliche ten Schwindlers für die Lebenslügen der Gegen- offener Straße in Minsk gekidnappt, mutmaß-
nach wird die deutsche Wirtschaftsleistung in Giftanschlag auf einen russischen Op- seite hat D
­ onald Trump diesen Zusammenhang lich von Kräften des Re­gimes. Angeblich sollte
diesem Jahr um viereinhalb Prozent zurück­ positionspolitiker, verübt mitten in Sibi- erkannt und die Pipe­line mit Sanktionen gegen sie an der Grenze zur Ukraine abgeschoben wer-
gehen – damit hätte Corona weniger Wachs- rien, fünf Zeitzonen von Berlin entfernt, die ge- die beteiligten Firmen attackiert: Die USA stün- den, widersetzte sich und wurde in Haft genom-
tum vernichtet als die Finanzkrise. samte deutsche Russlandpolitik ins Wanken? den als letzter Garant der Nato für Deutschlands men. Bis zum Redaktionsschluss war ihr Verbleib
Nun sind Prognosen genau das: Progno- Es ist ja nicht der erste politische Mordversuch Sicherheit gerade, das sich aber mit Nord Stream ungeklärt. Anfang nächster Woche wird Luka-
sen. Bis Jahresende kann viel passieren, von dieser Art. Und schlimmere Verbrechen – etwa in »totale Abhängigkeit« von Russland begebe. schenko in Moskau erwartet, um sich dort den
einem erneuten Anstieg der Zahl der Corona- die gut dokumentierte Bombardierung syrischer Letzteres ist Unfug, russisches Gas trägt nur etwa Rücken stärken zu lassen.
Toten bis hin zu chaotischen Verhältnissen Krankenhäuser durch russische Jets – wurden in zehn Prozent zum deutschen Energiemix bei. Diese ganze aggressive Machtpolitik subven-
nach den amerikanischen Wahlen, die die­
Exportnation Deutschland treffen könnten.
Berlin re­si­gniert hingenommen. Doch den Fall
Nawalny hat Angela Merkel sich aus freien Stü-
Trump geht es natürlich um den Verkauf ameri-
kanischen Flüssiggases. Und er ist wohl der denk-
tioniert Deutschland mit den Mil­liar­den für rus-
sisches Erdgas.
Kassandra
Doch selbst wenn es am Ende minus fünf­ cken zu eigen gemacht – ein mutiger Akt mit­ bar schlechteste Zeuge gegen Wladimir Putin, der Alexej Nawalny in Berlin aus dem Koma­ Am 10. September heulen die
einhalb Prozent werden – es mehren sich die allerdings unabsehbaren Folgen. Auch Heiko so viel getan hat, um ihn ins Amt zu bringen. erwacht, Maria Kolesnikowa verschwunden – da deutschen Sirenen. Der Probe-
Anzeichen, dass die Wirtschaft sich aus der Maas agiert erstaunlich tough. Indem er Nawalny Dies ist die neue geopolitische Lage, in der die wäre es schon sehr seltsam, die Pipe­line weiterzu- alarm soll uns bewusst machen,
Krise herausarbeitet: Die Arbeitslosigkeit und die Pipe­line Nord Stream 2 mit­ein­an­der ver- Bundesregierung agiert, eingekeilt zwischen kon- bauen, die Putins wichtigsten geopolitischen Zie- »dass es ungemütlicher werden
sinkt, die Zahl der Kurzarbeiter geht zurück, knüpft, bricht er mit dem deutschen Dogma, das kurrierenden Großmächten: Sie verbittet sich len dient: Schwächung des postsowjetischen wird«. Das befürchtet Christoph
die Produktion in der Industrie zieht an. besonders von So­zial­demo­kra­ten gehütet wird: Trumps Erpressergehabe und nimmt im Verhält- Raums bei gleichzeitiger Erhöhung der Abhän- Unger, Chef des Bundesamtes für
Als im Frühjahr das Land heruntergefahren man könne im Umgang mit Russland zwischen nis zu Moskau zugleich Abschied von der Illusion, gigkeit Westeuropas von russischem Gas. Sie­ Bevölkerungsschutz und Katastro-
wurde, kursierten noch ganz andere Szenarios: Wirtschaft und Politik fein säuberlich trennen; mit Wladimir Putin sei Wandel durch Annähe- gehört auf Eis gelegt, wenn die Rede von »strate- phenhilfe. Er fühle sich wie Kas-
Von einer drohenden Staatspleite war in jenen Sanktionen dürfen nach dieser Lehre zwar sein rung möglich. gischer Autonomie« und »europäischer Souverä- sandra, der keiner glaubte. Vor-
Tagen die Rede, von einer möglichen Hyperinfla- – aber nur solange sie nicht wirken. Die doppelte Buchführung in der deutschen nität« irgendeine praktische Relevanz haben soll. sicht, Herr Unger! Kassandras
tion, von einer zweiten Weltwirtschaftskrise wie Das deutsch-russische Verhältnis steuert nun Russlandpolitik – mit einem wirtschaftlichen und Gezielte Sanktionen gegen die Verantwortli- Voraussagen erfüllten sich immer.
in den Dreißigerjahren. Der Unterschied: Seiner- mit jedem Tag rasanter dem tiefsten Punkt seit einem politischen Konto – ist gescheitert. Wirt- chen im Fall Nawalny und bei der Repression in Sie wurde enthauptet. GRN .
zeit hatte sich die Regierung für nicht zuständig dem Ende des Kalten Krieges zu. Die Bundes­ schaftliche und politische Macht laufen in Russ- Belarus müssen jetzt vorbereitet werden. Wirt-
Kl. Bilder (v. o.): Vronivis/Shutterstock; Pavel ­
erklärt, auch weil man glaubte, der Markt werde regierung schließt den Stopp des Pipe­line-­­Pro­jekts land in denselben Händen zusammen, besonders schaftsminister Peter Altmaier behauptet, Sank- Golovkin/­p icture alliance (l.); Mikhail Svetlov/
das schon allein regeln. Heute dagegen nehmen nicht mehr aus und drängt auf europäische Sank- bei Rohstoffexporten. Und diese Macht wird seit tionen hätten noch nie etwas gebracht. Das ist Getty Images (r.); Liszt Collection/akg-images
die Kanzlerin und ihr Finanzminister Mil­liar­den tionen gegen die Verantwortlichen, sollte Moskau einigen Jahren sehr aggressiv eingesetzt. falsch. Beim jahrelangen Ringen mit dem Iran
Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG,
für Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld oder den Fall nicht aufklären. Da sind die militärischen Interventionen in der konnte man im Gegenteil sehen, dass harte Wirt- 20079 Hamburg
den Kinderbonus in die Hand und stemmen sich Eine erstaunliche Zuspitzung: Es könnte eine Ostukraine, auf der Krim, in Syrien und in Libyen; schaftssanktionen der Diplomatie helfen. Ohne Telefon 040 / 32 80 ‑ 0; E-Mail:
damit gegen den Abschwung. der teuersten Entscheidungen bundesdeutscher die Mordanschläge auf Kritiker, Abtrünnige und sie kein Atomdeal. Versteht die Bundesregierung DieZeit@zeit.de, Leserbriefe@zeit.de
Diese Strategie geht offenbar auf, auch wenn Außenpolitik werden, wenn Nord Stream 2 tat- politische Gegner im In- und Ausland, am spekta- ihre eigenen Erfolge nicht? ZEIT ONLINE GmbH: www.zeit.de;
es noch dauern dürfte, bis die Arbeitslosenquote sächlich scheiterte und sich die Betreiberfirmen kulärsten gegen Sergej Skripal in Großbritannien Sanktionen sind eine Form der politischen Kom- ZEIT-Stellenmarkt: www.jobs.zeit.de
wieder auf das Vorkrisenniveau fällt, und die des beinahe fertigen 9,5 Mil­liar­den Euro teuren (mit dem gleichen Gift No­wi­tschok, das bei Alexej munikation. Sie funktionieren ähnlich wie ein­
Lage für einzelne Berufsgruppen wie Kneipen- Projekts zu Schadensersatzklagen entschlössen. Nawalny nachgewiesen wurde). Im Frühjahr 2015 Rating. Sie si­gna­li­sie­ren: Achtung, dieses Land wird ABONNENTENSERVICE:
betreiber, Künstler oder Reiseveranstalter schwie- Da findet ein unerklärter, in dieser Konse- drang eine Gruppe russischer Staatshacker in das von unverantwortlichen Leuten regiert, Investments Tel. 040 / 42 23 70 70,
Fax 040 / 42 23 70 90,
rig bleibt. Sogar der Anstieg der Staatsschulden quenz vielleicht sogar unbeabsichtigter Politik- Computernetzwerk des Deutschen Bundestags ein sind hochriskant, Kredite auch. E-Mail: abo@zeit.de
ist bislang zu verkraften – die Schuldenquote liegt wechsel gegenüber Russland statt. Warum geht und erbeutete mehr als 16 Giga­byte an Daten, auch Sanktionen schließen keineswegs weiteres Reden
immer noch deutlich unter der Schuldenquote die Bundesregierung plötzlich derart ins Risiko? aus dem Abgeordneten-Postfach von Angela Merkel. aus. Sie machen es verbindlicher. Die während der PREISE IM AUSLAND:
vergleichbarer Industrieländer. Das aufrichtige Entsetzen über den versuchten Ein mutmaßlicher russischer Auftragsmörder mit Krim-Krise verhängten Strafmaßnahmen gelten zu DK 60,95/FIN 8,50/E 7,10/
CAN 7,60/F 7,10/NL 6,60/
So zeigt diese Krise auch, wozu Politik in der Mord mit einer Chemiewaffe kann dabei jeden- Verbindung zum Militärgeheimdienst wird beschul- Unrecht als Misserfolg. Es ging ja nicht darum, A 5,90/CH 8.20/I 7,10/GR 7,60/
Lage ist. Wenn die viertgrößte Industrienation falls nicht die ganze Geschichte sein. digt, im Berliner Tiergarten am helllichten Tage Wladimir Putin zur Rückgabe der Halb­insel zu B 6,60/P 7,40/L 6,60/H 2990,00
der Welt wirklich etwas bewegen will, dann be- Die Wahrheit ist: Die deutsche Russlandpolitik einen Mann getötet zu haben, den Moskau als Ter- bringen. Das Ziel war, seiner Destabilisierungs­politik
o
N 38
wegt sich auch was. Vielleicht gelingt es, ein mit ihrer widersprüchlichen Kombination aus Pipe­ roristen suchte. Der Prozess beginnt in wenigen eine Grenze aufzuzeigen.
wenig von diesem Geist zu bewahren. Es ist ja lines und Sanktionen versteht längst niemand mehr. Wochen am Berliner Kammergericht. Das ist heute dringender denn je geboten. Wenn
nicht so, dass außer Corona nichts los wäre. Warum sollte es eine kluge Idee sein, die deutsche Und dann ist da in diesen Tagen der Aufstand die Europäer zusammenfinden, kann es gelingen,
Klimawandel, Digitalisierung, Demografie – die Gasversorgung über eine weitere Ostsee-Röhre an der Belarussen gegen das System von Alexander wie schon in der Ukraine-Krise. Angela Merkel
7 5. J A H RG A N G C 7451 C
Herausforderungen sind gewaltig. Aber das hat Wladimir Putin zu binden? Nord Stream 2 umgeht Lukaschenko. Wladimir Putin steht an der Seite hatte damals einen großen Anteil daran. Aber­
diese Krise gezeigt: die für ihre Bewältigung die Ukraine als Transitland für russisches Gas und des Diktators. Er hat russische »Sicherheitskräfte« eigentlich – welche Ironie – war es Wladimir Putin,
mobilisierbaren Ressourcen ebenfalls. würde damit ebenjenen Staat, den der Westen mit in Aussicht gestellt, sollte es dem Re­gime nicht der Europa gegen sich vereint hat. 38
Sanktionen gegen russische Aggression schützt, von gelingen, aus eigener Kraft die Proteste zu unter-
www.zeit.de/vorgelese überlebenswichtigen Transitgebühren abschneiden. drücken. Am Montag wurde eine Anführerin der  www.zeit.de/vorgelese 4 190745 105705
2 POLITIK 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Echte Freunde?
Juso-Chef Kevin Kühnert und
SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil
müssten eigentlich Widersacher sein.
Doch gemeinsam wollen sie den Kurs ihrer
Partei prägen. Ein Gespräch über Vertrauen,
Intrigen und mittelalte weiße Männer

DIE ZEIT: Über Sie beide heißt es immer, Sie de haben viele darauf gewettet, dass es die SPD Kühnert: Das war dann wohl ein etwas betagterer Gegenteil: Es ist unser ausdrücklicher Wunsch,
würden sich gegenseitig vertrauen. Ist das so? zerreißen wird. Als Generalsekretär habe ich Sozialdemokrat. Wir erleben da heute einen Ge- dass Menschen diese Hilfen in Anspruch neh-
Kevin Kühnert: Wenn man gut Politik machen mich immer neutral verhalten, aber allen war nerationswandel. Es gab Zeiten, in denen Spit- men, um selbst stärker und eigenständiger wer-
will, dann muss man meiner Ansicht nach in der klar, dass ich zuvor mit Olaf Scholz gut zusam- zenpolitiker gern die These verbreiteten, man den zu können.
Lage sein, zumindest einigen wenigen Menschen mengearbeitet hatte. Kevin hatte Esken und dürfe niemandem trauen. Das sollte wohl politi- Klingbeil: In den letzten zwanzig, fünfundzwan-
wirklich zu vertrauen. Und Lars Klingbeil ist für Walter-Borjans unterstützt. Es war meine Auf- sche Potenz verkörpern: Ich bin so ein harter zig Jahren wurde der Staat in diesem Land als
mich einer dieser Menschen. Müsste ich in allen gabe, den Laden zusammenzuhalten und aus Hund, weil ich mich gegen alle durchgebissen Belastung gesehen, es ging immer darum, wo
Leuten um mich herum nur potenzielle Gegner Gewinnern und Verlieren ein Team zu formen, habe. Ich halte das für gestrig. man noch sparen, noch etwas herausquetschen
und Verräter sehen, wäre das selbstzerstörerisch. in dem Sieg und Niederlage keine Rolle mehr Klingbeil: Es sind vor allem die Jüngeren in der kann. Es war verpönt, gut über Beamte zu reden.
Dann würde ich kaputtgehen. spielten. Und da war die enge Verbindung zu Politik – und das längst nicht nur bei uns in der Es wurde privatisiert, was privatisiert werden
Lars Klingbeil: Ich vertraue auf meine Menschen- Kevin schon hilfreich. Unsere Freundschaft hat SPD –, die keinen Bock mehr auf dieses potente konnte. Spätestens durch Corona hat eine ganze
kenntnis. Und ich habe schnell gemerkt, dass dazu beigetragen, dass die SPD ihre Zerrissenheit Getue haben. Auf andere andauernd draufzutre- Generation zum ersten Mal erfahren, welchen
Kevin in einem zentralen Punkt so tickt wie ich:
Wir verstehen Politik nicht als ein Machtspiel,
überwinden konnte.
Kühnert: Lars und ich sind ja nicht immer einer
»Es sind vor ten ist ein völlig antiquiertes Politikmodell, letz-
tes Jahrhundert. Ich bin ja schon oft kritisiert
Wert der Sozialstaat hat, auf den man sich ver-
lassen kann.
das permanent Gewinner und Verlierer produzie-
ren muss. Es geht nicht darum, sein Gegenüber
Meinung und teilen jeden Standpunkt. Bei der
Frage, wer die Partei führen soll, war Lars auf-
allem die worden, dass ich als Generalsekretär zu wenig auf
die anderen einprügele. Das ist weder mein Ver-
ZEIT: Dass die SPD einen neoliberalen Irrweg ge-
gangen ist und der Staat wieder stärker werden
zu besiegen. Dieses breitbeinige Verständnis von
Politik haben wir hinter uns gelassen.
grund seiner Rolle als Generalsekretär neutral,
während ich mich positioniert habe. Bei der Zu- Jüngeren in der ständnis von meiner Rolle, noch entspricht es
meinem Naturell.
soll, hat doch schon Martin Schulz im Wahl-
kampf 2017 gesagt. Mit bescheidenem Erfolg.
ZEIT: Würden Sie sich als Freunde bezeichnen? kunft der großen Koalition waren wir sogar ent- Kühnert: Wir beide lauern nicht. Ich muss Kühnert: Wir hatten bis vor Kurzem nie klar be-
Klingbeil: Freundschaft ist ein Begriff, der in der
Politik oft missbraucht wird. Ich treffe oft Politi-
gegengesetzter Meinung. Aber auch da war im-
mer klar: Am Ende, wenn die Sache entschieden
Politik, die manchmal schmunzeln, wenn ich lese, wer alles
mein Gegner oder gar mein Intimfeind sein soll.
nannt, wovon wir uns eigentlich abkehren. Wir
haben zu viel in alle Richtungen geblinkt und
ker, die ganz viele Freunde haben, da sind ganz
viele die dicksten Kumpels. Und beim ersten Test
ist, können wir weiter zusammenarbeiten. Und
wenn wir beide das können, kann es auch eine
keinen Bock Solche Kategorien sind mir fremd. Führung­
erfolgt doch heute nicht mehr durch Druck,­
keinen klaren Schnitt gemacht. Das ist jetzt an-
ders. Wir haben es hier im Land Berlin beispiels-
zerbricht alles. Daher gehe ich mit dem Begriff
sehr zurückhaltend um. Aber, ja, für mich ist
Blaupause für die Partei sein.
Klingbeil: Im Laufe der Mitgliederabstimmung mehr auf dieses Herumbrüllen und Runtermachen. Moderne
Führung heißt Dialog, bedeutet, andere zu betei-
weise klar als Fehler benannt, dass vor 20 Jahren
Wohnungen, Wasserbetriebe, Stromnetze und
Kevin ein Freund. um den Parteivorsitz wurden immer wieder Ge- ligen, Menschen mitzunehmen, indem ich über- andere Elemente der Daseinsvorsorge privatisiert
ZEIT: Was macht Ihre Freundschaft aus, Herr
Kühnert?
rüchte an mich herangetragen, Kevin wolle nach
einem Sieg von Esken und Walter-Borjans neuer
potente Getue zeuge, indem ich inspiriere. Und das ist auch
nicht auf eine Person begrenzt. In jedem Füh­
wurden. Die Privatisierung hat für die große
Mehrheit der Menschen nichts besser gemacht.
Kühnert: Freundschaft muss nichts ausmachen,
sie ist einfach. Lars ist für mich jetzt ja kein Premi-
Generalsekretär werden. Oder deutlicher gesagt:
Er wolle meinen Job. Das war so eine Situation,
haben« rungs­kräfte­semi­nar wird gelehrt, dass gemischte
Teams an die Spitze gehören ...
Klingbeil: Die Zeit hat sich geändert, die Corona-
Krise ist auch eine Zäsur für mehr Gemeinwohl.
umfreund, den ich mir nur als schmückendes Bei- da hätten andere womöglich angefangen, Intri- Lars Klingbeil
ZEIT: ... sagen zwei mittelalte weiße Männer. Der Profitdruck, der zum Beispiel im Gesund-
werk zum Geburtstag einlade, damit die anderen gen zu spinnen. So war das bei uns nicht. Wir Klingbeil: In der Tat ist das ein Problem. Darü- heits- und Pflegebereich immer weitergewachsen
sagen: Ach, schau mal, der SPD-Generalsekretär haben gesprochen, und nach 25 Sekunden war ber haben wir auch schon öfter geredet. Und ist, ist zum Scheitern verurteilt. Wir brauchen­
ist auch da. Wir haben beide einfach sehr schnell das Ganze ausgeräumt. wir wissen um unsere Verantwortung. Beispiels- einen Renditedeckel. Corona hat doch gezeigt,
gemerkt, dass uns einiges verbindet: Wir interes- ZEIT: Das klingt jetzt aber sehr nach heiler weise indem wir sehr bewusst nicht auf reine dass Gesundheit keine Frage von Gewinnmaxi-
sieren uns beide für Musik und für Fußball, wir SPD-Welt, oder? In keiner anderen Partei toben Männerveranstaltungen oder -podien gehen. mierung sein darf. Das betrifft auch die Bezah-
haben einen ähnlichen, frotzelnden Humor, und heute noch solche Lagerkämpfe. Und an der Dass wir beide uns gut verstehen, entspringt ja lung und Absicherung von Krankenhauspersonal
wir gehören in etwa einer Generation an. Lars ist Basis haben sich viele Parteilinke an der #NOlaf-­ keiner verabredeten Strategie. Wir führen zum und Pflegekräften. Diese Menschen müssen end-
zwar zehn Jahre älter als ich, aber jung genug, um Kampagne gegen die Kanzlerkandidatur von ersten Mal ein Doppelinterview, und wir tragen lich besser bezahlt werden, wir werden Tarifver-
noch zu wissen, wie bei den Jusos gedacht und Olaf Scholz beteiligt. unsere Freundschaft nicht wie eine Monstranz träge mit aller Macht durchsetzen. Und wenn ich
debattiert wird. Er war ja selbst mal einer. Klingbeil: Die von Ihnen angesprochene Kampa- vor uns her. mit jungen Unternehmern spreche, die wegwol-
ZEIT: Ein prominenter Sozialdemokrat, der frü- gne war von Leuten außerhalb der Partei initiiert, ZEIT: Da wir so viel über Vertrauen und Zu- len von einer reinen Gewinnlogik, hin zur Ver-
here Parteichef und Kanzlerkandidat Martin und nur wenige aus der SPD haben sich daran sammenhalt geredet haben: Nur sehr wenige ankerung von gesellschaftlichen, ökologischen,
Schulz, hat mal gesagt, es gebe Situationen, in beteiligt. Es mag sein, dass noch nicht jedes Par- Bürger vertrauen noch der SPD. Wie wollen Sie sozialen Zielen, und sie dafür eine neue Rechts-
denen man sich entscheiden müsse, was einem teimitglied aus seinem ideologischen Loch ge- das ändern? form brauchen, dann rennen sie mit dieser sozial-
wichtiger sei: die Freundschaft – oder das, was klettert ist. Aber seit unserem Parteitag im ver- Kühnert: Im Grundgesetz wird der Anspruch­ demokratischen Idee bei mir offene Türen ein. Es
man erreichen wolle. gangenen Dezember ist echt was passiert. In der erhoben, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu zeigt sich gerade in allen relevanten Bereichen,
Klingbeil: Ich habe als Generalsekretär im ver- erweiterten Partei- und Fraktionsspitze haben alle sorgen. In der Realität sind wir davon aber recht dass die Bürgerinnen und Bürger mehr Miteinan-
gangenen Bundestagswahlkampf und erst recht verstanden, dass es jetzt auf Teamspiel ankommt. weit entfernt. Und das ist, wenn man mit Men- der wollen. Das sind alles Themen, die in der
danach hautnah erlebt, in welche Konflikte Und auf parteiinternen Veranstaltungen und­ schen redet, die sich von der SPD abgewendet DNA der SPD liegen, und ich will, dass wir da
Martin Schulz mit Sigmar Gabriel geriet. Und Video­konferenzen erlebe ich gerade die stets glei- haben, häufig der Ausgangspunkt. Diese Men- sehr klare, unmissverständliche Antworten geben.
glauben Sie mir, auch daraus habe ich gelernt. che Resonanz: Endlich arbeitet ihr da oben mal schen stören sich nicht an Kopftüchern, Zuwan- ZEIT: Für wen macht die SPD eigentlich Politik?
Ich bin davon überzeugt, dass Kevin und ich wieder zusammen. derern oder Feminismus. Sondern die reden über Klingbeil: Wir können ein Bündnis von Fridays
gemeinsam noch vieles erreichen können. Wir Kühnert: Ich bin schon davon überzeugt, dass den Bus, der nicht mehr fährt. Über die Woh- for Future über die Pflegekraft, den In­dus­trie­
wollen die Politik der nächsten 15 Jahre in der unser Umgang miteinander auch Treiber für ei- nung, die sie nicht mehr bezahlen können. Über arbei­ter bis hin zu Unternehmern spannen. Sie
SPD mitbestimmen. nen Kulturwandel ist – das sehe ich ja jeden Tag. die Verödung der Innenstädte. Über die Schwie- alle haben die Nase voll vom Egoismus der letzten
ZEIT: Häufiger entscheide man sich für die eige- Früher war es doch so, dass aus jeder Vorstands- rigkeiten, einen bezahlbaren Kita-Platz für ihre Jahre. Unsere Botschaft für sie lautet: Die Zeit des
nen politischen Ziele und gegen die Freundschaft, sitzung heraus gesimst wurde und Informationen Kinder zu finden. Und das ist der Anspruch, den Ellbogendenkens ist vorbei.
lautete die Erkenntnis von Martin Schulz. an die Presse durchgestochen wurden ... wir mit der SPD formulieren wollen: Was gehört ZEIT: Da wir so viel über Konsens gesprochen
Klingbeil: Da habe ich eine andere Erfahrung ge- Klingbeil: ... es sind teilweise Dokumente abfoto- in einem wohlhabenden Land zum gelingenden haben: Glauben Sie ernsthaft, das größte Thema
macht. Man kann inhaltliche Konflikte lösen, grafiert worden ... Leben dazu, und wie stellen wir es allen bereit? Ihrer Generation, der Kampf gegen den Klima-
ohne dass eine Freundschaft zerbrechen muss. Kühnert: ... und all das erleben wir seit einem ZEIT: Wie lautet die Antwort? wandel, lasse sich konfliktfrei lösen?
Wenn es eine wirkliche Freundschaft ist. halben Jahr nicht mehr. Natürlich wird weiterhin Kühnert: Ein Teil der Antwort muss ein anderes Klingbeil: Konfliktfrei nicht, das haben wir im
ZEIT: Wie häufig wurde Ihr Vertrauensverhältnis kontrovers diskutiert – wir sind ja schließlich die Staatsverständnis sein. Gestaltet aus der Perspek- Koalitionsausschuss mit der ­Union gesehen.
auf die Probe gestellt? SPD. Diese Debatten finden aber nicht mehr als tive derer, die den Staat brauchen, um ihren Weg Kühnert: Aber diejenigen, die eine entschiedenere
Kühnert: Durch die politischen Umstände ei- Stellungskrieg zwischen den Parteiflügeln statt. gehen zu können. Im Augenblick ist es doch so: Klimapolitik wollen, haben einen breiten gesell-
Fotos: Dominik Butzmann für DIE ZEIT

gentlich von Beginn an. Als wir Jusos 2017 dazu Klingbeil: Mich stört auch die Aufgeregtheit. Wir sind höllisch stolz auf die vielen Sozialleis- schaftlichen Sympathieblock hinter sich – jedoch
aufgerufen haben, in die SPD einzutreten, um Wenn ein Halbsatz von Norbert Walter-Borjans tungen, die es gibt, aber wir sind auch sehr gut leider keine Mehrheiten im Parlament. Beim
über die Zukunft der großen Koalition mitent- ein bisschen anders klingt als bei Olaf Scholz, darin, sie im Dickicht von Behörden und Gesetz- Kommunalwahlkampf in Nordrhein-Westfalen
scheiden zu können, haben sich viele Befürwor- dreht die Berliner Blase durch. Als Gerhard büchern zu verstecken – der Sozialstaat als­ habe ich neulich bei einer Veranstaltung in die
ter der Groko fürchterlich aufgeregt. Lars nicht. Schröder noch Kanzler war, hatte das Kabinett Osterhase. Und viele Menschen, die Anspruch Runde gefragt, für wen die Klimapolitik wenigs-
Er hat verstanden, dass die Debatte, die die Jusos eine politische Spannbreite, die von Heidemarie auf Hilfen haben, nutzen diese nicht, weil sie gar tens mitentscheidend bei der Wahl sei – bei etwa
angestoßen haben, 20.000 neue Mitglieder in die Wieczorek-Zeul bis Otto Schily reichte. Heute nicht wissen, dass es sie gibt. Oder noch schlim- 180 von 200 Personen ging der Arm hoch. Mit
SPD gebracht hatte – und viele davon aus einer herrscht der Wahn, alle müssten mehr oder weni- mer: weil sie sich dafür schämen. Das muss auf- diesen Menschen wollen wir nächstes Jahr für­
Altersgruppe, die uns normalerweise nicht die ger gleich sein. hören. Wir müssten als SPD viel offensiver damit andere Mehrheiten sorgen.
Tür einrennt. ZEIT: Es gebe unter Parteifreunden immer »ein In der »Kleinen Wirtin« in Berlin treffen sich umgehen, dass alle Menschen in dieser Gesell-
Klingbeil: Nach der Wahl von Saskia Esken und Lauern«, hat uns ein anderer, hochrangiger So­
­­ zial­ Kühnert und Klingbeil zum Fußballschauen. schaft soziale Rechte haben und dass es nicht un- Die Fragen stellten
Norbert Walter-Borjans als neue Parteivorsitzen- ­demo­krat gesagt. Alles sei »immer taktisch«. Hier fand auch das ZEIT-Gespräch statt anständig ist, sie in Anspruch zu nehmen. Im Marc Brost und Peter Dausend
DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 POLITIK 3

USA Wahlkampf

Volle Fahrt
voraus
Kaum zwei Monate bis zur
Abstimmung am 3. Novem­
ber: Donald Trumps Unter­
stützer drücken ihre Begeiste­
rung für den Präsidenten am
Montag dieser Woche mit
einer Bootsparade (Foto links)
in West Palm Beach aus, un­
mittelbar gegenüber Trumps
Anwesen in Mar-a-Lago. Bei
einer ähnlichen Parade in
Texas waren wenige Tage zu­
vor mehrere Boote gesunken,
was Anhänger seines Heraus­
forderers Joe Biden im Netz
als gutes Omen feierten. Die
New York Times berichtet, dass
der Trump-Kampagne das
Geld auszugehen drohe. Von
den eingesammelten 1,1 Mil­
liarden Dollar an Wahlkampf­
spenden seien bereits 800 Mil­
Fotos: Joe Raedle/Getty Images; Kerstin Kohlenberg (u.)

lionen ausgegeben. 54 Tage


vor der Wahl: Trump ist
klamm, während Biden im
August 350 Millionen eintrei­
ben konnte. Allerdings: Hillary
Clinton hatte vor vier Jahren
ein doppelt so großes Budget
wie der vermeintlich chancen­
lose Außenseiter.

Sie wird es wieder tun


Warum will eine Architektin, die einst den Demokraten anhing, noch mal Donald Trump wählen? Die Geschichte einer Entfremdung  VON KERSTIN KOHLENBERG

A
ufgeregt winkte die schmale sind streitsüchtige Zeiten, da will Sheryl lieber auf lary Clinton. Diese Wähler brauchen den Staat immer dann könne man leichter plaudern. Sie nahm mich plötzlich neben ihr aufgetaucht sei. Für ihre Stief­
blonde Frau D ­ onald Trumps Nummer sicher gehen. weniger, denn ihr Leben findet zunehmend in priva­ mit zu ihrem Tennisclub, ins Yogastudio, und sie tochter sei sie seitdem eine Rassistin, sagt Sheryl. Ein
Wahlkampfmanagerin Kelly­ Sheryl R. wuchs in einem Vorort von New York ten Enklaven statt, vom Krankenhaus über die S­ chule zeigte mir die besten Schnäppchenläden für Weih­ andermal habe sie im Gespräch mit ihrer Tochter und
anne Conway zu. »Kelly­anne, auf Long Island in einer Familie auf, die politisch zu bis zur eigenen Firma. Am Staat schätzen sie das Ge­ nachtsgeschenke. Sheryl ist sehr sparsam, ein Klei­ einer Freundin das Wort »behindert« benutzt, um
Kelly­anne!«, rief sie an diesem den Demokraten hielt. Der Vater war Buchhalter, waltmonopol. Die Art und Weise, wie Trump es nutzt, dungsstück zum Beispiel würde sie nie wegwerfen. eine Situation zu kommentieren. Das sei herabwür­
Morgen kurz nach Trumps Bildung war der Familie wichtig. Zum Studium zog findet Sheryl gut. Sie sagt, sie wisse, wie es sich an­ Sie liebt Pferderennen und die großen Hüte, die man digend, habe ihre Tochter gesagt, auch wenn man
Wahlsieg 2016 durch das Foyer Sheryl ins nahe Philadelphia, zum Arbeiten dann fühle, wenn Kriminalität überhandnehme. dazu trägt. Die Umwelt liegt ihr am Herzen, sie trennt nur eine Situation beschreibe. Kürzlich nun habe ihre
des Trump ­Tower in New York. Mir fiel diese Frau nach New York. Ihr erster Mann war ein wohlhaben­ In unseren Gesprächen dauerte es manchmal ihren Müll und vermeidet Plastikverpackungen. Sie Tochter nicht einmal mehr mit ihr im selben Auto
in ihrem schwarzen Pelzmantel sofort auf, denn der Anwalt. Er wählte demokratisch, genau wie die ein bisschen, bis ich Sheryl genau so verstand, wie isst kein Fleisch, aber kann sich nicht vorstellen, dass fahren wollen, weil sie befürchtet habe, dass ihre
zwischen uns Journalisten war sie der einzige sicht­ New Yorker Bekannten und die Eltern an der teuren, sie verstanden werden wollte. So sah ich in ihrer die Menschen jemals auf das Fliegen verzichten Mutter die gesamte Fahrt über dozieren würde, wa­
bare Trump-Fan. Sie heiße Sheryl, sagte sie, und progressiven Privatschule, auf die ihre Töchter gin­ Verknüpfung von steigender Kriminalität in den werden. Sie ist kein Fan des Frackings und überlegt, rum die Welt, wie sie sie sieht, nicht existiert. Für die
sei gekommen, um sich die Stars des Trump-Wahl­ gen. Ihr Unbehagen über Bill Clintons Lügen- und Siebzigerjahren und ihrer Angst vor Afroamerika­ ihre Aktien des Konzerns Dow Chemical zu ver­ Sprachlosigkeit, die sich zwischen den Kindern und
kampfes anzuschauen. Die schlagfertige Kelly­anne Frauengeschichten behielt Sheryl daher lieber für nern zunächst automatisch eine Bestätigung für kaufen. Und findet dann doch wieder, dass mögliche ihr wie Frost in einer Winternacht ausbreitet, macht
Conway sei ihr Liebling. sich. »Ich war sexuell immer schon etwas prüde«, Trumps Versuch, durch den Fokus auf die Black- Umweltschäden ein »notwendiges Übel« des Wohl­ Sheryl die Demokraten verantwortlich.
Ohne Hemmungen sprach sie Conway an und sagt sie. Ihre Bekannten dagegen hätten über Clin­ Lives-Matter-Ausschreitungen weiße Amerikaner stands seien. Ein Thema aber macht Sheryl und ihrem Dennoch ist Sheryl bis heute nicht als Republika­
sagte ihr, wie sehr sie ihre Stärke bewundere. Sheryl tons Sex mit einer Praktikantin im Oval Office ganz gegen schwarze Amerikaner aufzubringen. Sheryl Mann große Sorgen: Bei jedem Besuch sprachen wir nerin registriert, sondern lediglich als »Independent«.
erzählte mir, dass sie aus New York stamme, die nonchalant hinweggesehen. aber will auf einen ganz anderen Punkt hinaus. über ihre Angst, dass ihre Kinder an Es ist ihre Art, zu zeigen, dass sie die
meiste Zeit aber bei ihrem zweiten Ehemann, einem Dass sie über Trumps Frauengeschichten nun »Ich bin in einem Vorort von New York aufge­ ihren linksliberalen Universitäten ein Demokratische Partei nicht freiwillig
Internisten, in Florida verbringe. Sie habe Architek­ ebenso nonchalant hinwegsieht, weiß Sheryl auch. wachsen. Die Idee, einen Schwarzen als Freund zu Bild von Amerika vermittelt bekämen, verlassen hat, sondern sich aus der
tur studiert und nach der Scheidung von ihrem Sie rechtfertigt es damit, dass Trump wenigstens haben, ist mir nie in den Sinn gekommen. Wenn das mit ihrem eigenen nicht mehr Partei herausgedrängt fühlt. Auch
ersten Mann die beiden Töchter allein großgezogen. nicht so tue, als sei er allen moralisch überlegen. mich ein Schwarzer ansprach, war ich vor Angst wie übereinstimmt. Man könnte sagen: In Obamas Politik im Nahen Osten hat
Wie Kelly­anne Conway war sie in ihren Fünfzigern. Die Welt ist für ihn eine An­ein­an­der­rei­hung von versteinert. Einmal bin ich dann doch mit einem diesem Sommer sind die schlimmsten dazu beigetragen, die sie als antiisrae­
Ich fragte mich damals, warum diese Frau Trump Geschäften. Sheryl erkennt darin etwas Wahres. ausgegangen, denn ich wollte nicht, dass die Leute Befürchtungen eingetreten. lisch und promuslimisch wahrnahm.
gewählt hatte. Sie war das genaue Gegenteil des so­ »Ich hatte auch nicht immer Lust auf Sex mit mei­ denken, ich hätte Vorurteile. Der Gentleman hat den Es fing damit an, dass die Eltern Sheryl und ihr Mann sind jüdisch, und
genannten typischen Trump-Wählers, dem Klischee nem Ex. Ich habe es aber doch gemacht. Das nennt ganzen Abend nichts Falsches getan, aber die Bericht­ ihre Kritik an den Black-Lives-Matter- in der Forderung einiger junger Linker
nach ein weißer Arbeiter, provinziell, arm, ungebil­ man goldene Handschellen.« erstattung in den Medien hat mich ängstlich ge­ Demonstrationen deutlich machten. nach einem Boykott gegenüber Israel
det. Und würde Sheryl bei der nächsten Wahl wieder Als Bill Clinton die Steuern erhöhte, habe sie macht. Die Kriminalität war damals hoch, der Wirt­ Zu oft schienen sie ihnen in Gewalt zu sehen sie die Fortführung von Obamas
für Trump stimmen? Denn aus welchem Grund auch ihren Mann gefragt, wie er das finde. Solange jeder schaft ging es nicht gut, und die Gefahr, dass sich die enden. Daraufhin erklärte eine der Politik.
immer sie ihn gewählt hatte, er konnte diese Frau seinen fairen Anteil zahle, halte er das für richtig, Gewalt aus den ärmeren, schwarzen Innenstädten in Töchter, dass sie in Zukunft erst wieder Mit vielen dieser Kritikpunkte an
doch nur enttäuschen. Oder? habe er gesagt. Es war die Antwort eines Demokra­ die Vororte ausdehnt, war allgegenwärtig. Erst später, mit ihrem Vater sprechen werde, wenn der Demokratischen Partei ist Sheryl
Sheryl R., 59, vor
In den folgenden Jahren besuchte ich Sheryl in ten. Was ihr damaliger Mann unter seinem fairen an der Universität, habe ich begonnen, über die er in den BLM-Fonds gespendet habe, nicht allein. Auch etliche Demokraten
ihrem Haus in Florida.
ihrer Wohnung in New York und in ihrem weit­ Anteil verstand, erfuhr Sheryl erst während der Hautfarbe hinwegzusehen. Ich habe Architektur der versucht, die verhafteten Demons­ ­­teilen sie. Und dennoch sehen sie­
Das linksliberale
läufigen Haus in Florida. Gepflegtes Gras und Scheidung. Jahrelang habe er im großen Stil Steuern studiert, und an der Uni waren Schwarze für mich tranten auf Kaution freizubekommen. einen Präsidenten, der vor laufender
Weltbild macht ihr
Palmen erstrecken sich dort bis zum Bootssteg, hinterzogen, erzählt Sheryl. Für sie brach da die New plötzlich nicht mehr automatisch arm oder eine Be­ Zum Beweis, wie kaputt Amerika sei Kamera vorschlägt, Desinfektions­
Sorgen
unter dem der breite St. Lucie R ­ iver in den Atlan­ Yorker Welt der feinen Demokraten in sich zusam­ drohung. Sie studierten mit mir, sie waren wie ich.« und wie allgegenwärtig Rassismus in mittel gegen Covid-19 zu injizieren,
tik fließt. In diesem Haus sitzt sie nun während men. Sie musste nun alleine sehen, wie sie an der Amerika ist gar nicht so schlecht, das ist der der amerikanischen Gesellschaft, zeig­ nicht als Alternative. Darauf ange­
unserer letzten Begegnung per Videochat, und teuren Upper East ­Side mit ihren Kindern über die Punkt, den Sheryl machen wollte. So wie sie selbst ten die Kinder Sheryl die Face­book-­ sprochen, lacht Sheryl laut auf. »So
jetzt, zwei Monate vor der Wahl, überrascht es Runden kam. Geld wurde zu ihrem wichtigsten die Angst vor Afroamerikanern verloren habe, so Ein­trä­ge ihrer schwarzen ehemaligen Schulkameraden etwas nehme ich doch gar nicht ernst!« Trump sei
mich nicht mehr, dass Sheryl erklärt, D ­ onald Thema. »Jeder ist auf seinen eigenen Vorteil be­ sei es der ganzen Gesellschaft gegangen. Die Bezie­ aus der New Yorker Privatschule. Sie schildern, wie wie die Männer, mit denen sie in den Achtziger­
Trump auch dieses Mal wählen zu wollen. dacht«, sagt Sheryl. »Die Demokraten tun nur so, hungen zwischen Schwarz und Weiß hätten sich oft sie sich dort unwohl oder ausgegrenzt gefühlt jahren im Baudezernat in New York zu tun hatte.
Die Geschichte von Sheryls Entscheidung ist die als sei das etwas Verwerfliches.« 2004 wählte sie den sehr verbessert, Schwarze würden gefördert und hätten. »Wow, das war der größte Schwachsinn, den Laut, unflätig, total distanzlos. »Ich fand das mit dem
Geschichte einer Entfremdung: von der Demokra­ Republikaner ­George W. Bush noch heimlich. Wenn seien erfolgreich. Die Privatschule ihrer Töchter ich je gehört habe«, sagt Sheryl. Sie hätten sich wirk­ Injizieren witzig, nach dem Motto: Bring den Wod­
tischen Partei und einem linksliberalen Weltbild. heute einer mit einer M ­ ake America Great Again-­ zum Beispiel vergibt Stipendien an 20 Prozent der lich bemüht, die schwarzen Kinder willkommen zu ka! Gibt es Leute, die blöd genug sind, das dann auch
Begonnen hatte sie in den 1990ern, den Jahren Bill Kappe in ihrem Tennisclub im Central Park auf­ Schüler, viele davon sind afroamerikanisch. Die heißen. Ein Mädchen hätten sie sogar mit nach Flo­ zu machen? Offensichtlich.«
Clintons, die vergangenen vier Jahre haben sie nun taucht und das übliche Geraune und Gezische be­ Demokraten aber geben Sheryl ständig das Ge­ rida in den Urlaub genommen. »Ist es möglich, dass Seit März verbringen Sheryl und ihr Mann wegen
voll­endet. Versteht man Sheryls Geschichte, versteht ginnt, dann sagt sie: Seid still und spielt Tennis! fühl, dass sie als Weiße noch sehr viel Schuld ab­ es hier und da unschöne Vorgänge gab? Sicher. Aber der Pandemie die meiste Zeit in ihrem großen Haus
man vielleicht auch die Hinwendung von Teilen des Wenn die weißen Arbeiter das eine Ende der Koa­ zuarbeiten habe. Sie sagt, es scheine ihr manchmal, es war bestimmt kein großes Problem.« Das Amerika, in Florida. Dort fühlen sie sich vor dem Virus ge­
Establishments zu Trump. li­tion sind, auf die sich ­Donald Trump in dieser Wahl als würde sich Amerika jedes Jahr tiefer in seiner in dem Sheryl lebt, existiert für ihre Kinder nicht. In schützt. Ihre über 80 Jahre alten Eltern sind wohlauf,
Sheryl hat über diese Entwicklung sehr offen stützen kann, dann gehört Sheryl zum anderen: den Schuld vergraben. An Trump schätzt sie, dass er dem Amerika, in dem ihre Töchter leben, ist Sheryl aus Sheryls Sicht hat Trump auf die Covid-Sache so
geredet. In diesen letzten Wochen vor der Wahl hat wohlhabenden Weißen. Nur ein Drittel der Trump- diese negative Sicht auf Amerika nicht teile. eine Rassistin. gut reagiert, wie es eben ging. Ihr Mann hat seine
der Anwalt ihres Mannes ihr nun aber doch geraten, Wähler hatte 2016 einen Jahresverdienst unter 50.000 »Honey, habe ich bislang irgendetwas gesagt, das Nicht Trump, sondern die linksliberale Welt ihrer Praxis vor einem Jahr verkauft, das Geld ist an der
ihren Nachnamen besser nur abgekürzt in der Zei­ Dollar, dem US-Durchschnittseinkommen. Ein dich verärgert hat?«, ruft Sheryl während unseres Töchter ist für Sheryl aggressiv, ausgrenzend und be­ Börse gewinnbringend angelegt. Ab und zu fahren
tung erscheinen zu lassen. Florida ist einer der wich­ weiteres Drittel verdiente zwischen 50.000 und Videochats in den Nachbarraum, in dem ihr Mann drohlich. Nicht Trump ist für sie eine Gefahr für die sie mit dem Auto durch die Gegend, oder Sheryl geht
tigen Swing-­States in der Präsidentschaftswahl im 100.000 Dollar, das letzte Drittel verdiente über sitzt. Es scheint jedoch keine Beanstandung zu geben. Demokratie, sondern diese Can­cel-­Cul­ture für die mit dem Hund Gassi. Am 3. November werden sie
November. Wer Florida gewinnt, gewinnt mit großer 100.000. Die Analyse-Firma FiveThirtyEight errech­ Sheryl mag es, Menschen um sich zu haben. Bei westliche Zivilisation. An Beispielen mangelt es ihr und ihr Mann ­Donald Trump wählen.
Wahrscheinlichkeit die Wahl. Vor vier Jahren siegte nete, dass Trumps Wähler im Durchschnitt sogar ein meinem Besuch vor drei Jahren bot sie mir an, in nicht. Einmal sei sie im Beisein einer ihrer Stief­
Trump hier mit 1,2 Prozentpunkten Vorsprung. Dies höheres Einkommen hatten als die Wähler von Hil­ einem der sechs leeren Schlafzimmer zu übernachten, töchter über eine Frau mit Burka erschrocken, die  www.zeit.de/vorgelese
4 POLITIK 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Was kommt nach der Raute?


V
ielleicht erlebt die deutsche Merkel mit unbeliebten Realitäten zu konfrontie- wenig ins Spiel zurückkommt. Die politische Lage auch die Ampel aus Grünen, SPD und FDP eine

Illustration: Søren Kunz für DIE ZEIT


Politik schon ihren Horror ren, hat AKK versucht, dem Unbehagen der Partei erscheint so volatil, dass allein schon die unfallfreie Renaissance. Aber nur weil Chris­tian Lindner zu
Vacui, bevor Angela Merkel Raum zu geben – bis das Unbehagen an AKK sie Installation eines Kanzlerkandidaten die dauer­ begreifen beginnt, dass der Raum zwischen U ­ nion
die politische Bühne verlas- selbst zum Aufgeben zwang. kriselnde Partei plötzlich wie eine machtpolitische und AfD seiner Partei keinen aussichtsreichen
sen hat. Jedenfalls ist heute, Jetzt geht das Dilemma der Nachfolge in die Alternative aussehen lässt. Finanzminister Olaf Standort bietet, wird aus der FDP nicht über
ein Jahr vor der Bundes- nächste Runde. Dass Friedrich Merz, Merkels Scholz, der Mann, dem die Genossen den Vorsitz Nacht ein politischer Faktor an der Seite von Rot-
tagswahl, nicht einmal in Konkurrent der frühen Jahre, die Zukunft der verweigerten, ist nun Anwärter auf das Kanzler- Grün. Eher schon, weil Olaf Scholz nach einer
Umrissen zu erkennen, in CDU nach Merkel verkörpern könnte, ist selbst amt. Die Hoffnung der Sozialdemokraten, ihr Formel sucht, mit der er im Wahlkampf den An-
welchem Modus die Repu- schon ein Symptom ihrer Krise. Bei Armin Laschet Niedergang sei vor allem auf das Wirken der spruch auf seine Kanzlerschaft untermauern
blik künftig regiert werden wird. Kanzlerschaft, ist es ein bisschen umgekehrt. Der Ministerpräsi- Kanzlerin zurückzuführen, gipfelt in einem Kan- könnte. Nach der letzten Bundestagswahl verwei-
Koa­li­tion und die kommenden Krisen: alles offen. dent von NRW verspricht eine verwässerte Konti- didaten, der als Merkel-ähnlichster unter allen gerte sich die FDP einer schwarz-gelb-grünen
Könnten die Deutschen entscheiden, würden sie nuität, weshalb nicht recht klar ist, was ihn prädes- Spitzenpolitikern die Politik der SPD nach Merkel Koa­li­tion, weil sie sich als drittes Rad am Wagen
die Ära Merkel einfach verlängern. Es würde die tinieren könnte, die Partei aus ihrer Orien­tie­rungs­ bestimmen soll. Zur Unübersichtlichkeit dieser fühlte. Aber eine Regierungsbeteiligung mit zwei
Fortsetzung der Normalität suggerieren, an die kri­se herauszuführen. Der Dritte im Bunde, Nor- Tage gehört offenbar, dass groteske Fantasien von linken Parteien würde sie eingehen? Es wäre die
sich das Land gewöhnt hat: Die nächste Krise ist bert Röttgen, hätte das Problembewusstsein und realistischen Trends kaum zu unterscheiden sind. Volte vom »lieber nicht regieren« zum »auf jeden
unausweichlich, aber die Kanzlerin garantiert ih- die intellektuelle Prägnanz, die CDU neu auszu- Jedenfalls haben die Genossen ihren immer Fall regieren«, doch Chris­tian Lindner würde sie
ren glimpflichen Verlauf. richten, nur fehlt ihm der Rückhalt in der Partei. währenden Links-rechts-Konflikt gerade dadurch vielleicht hinbekommen.
Doch diese Normalität geht zu Ende. Nicht Eigentlich könnte die ­Union nach 16 Jahren an stillgelegt, dass die Basis ein linkes Führungsduo
noch einmal wird sich Angela Merkel, wie 2017, der Macht ihre Erneuerung in der Opposition be- an die Spitze wählte, dessen markanteste Entschei- Keine Partei ist gut in Form, keine denkbare
von den Umständen zum Weitermachen zwingen treiben. Doch obwohl die Partei des­ orien­tiert dung darin besteht, den prominentesten Regie- Koalition wirkt zwingend
lassen. Vor allem aber sind die Umstände selbst wirkt, ist ihre Stellung am Ende der Ära Merkel rungspragmatiker der Partei zum Kanzlerkandida-
derart unberechenbar geworden, dass nicht einmal eher noch dominanter als zu Beginn. Die Sozial­ ten zu küren. Wie die SPD aus dieser paradoxen Ähnlich wie der Konservatismus der CDU läuft
die bewährte Krisen-Kanzlerin Normalität auf demokraten sind nicht mehr auf gleicher Höhe, Konstellation eine erfolgversprechende Kampagne auch der Liberalismus der FDP Gefahr, der Dyna-
Dauer gewährleisten könnte. Dass Merkel im Ab- die Grünen noch nicht. So hat die U ­ nion gute formen kann, ist ein Jahr vor der Wahl nicht zu mik der ökonomischen, technischen und gesell-
gang so unverzichtbar erscheint, ist ein Kompli- Chancen, auch die kommende Regierung anzu- sehen – aber es ist in diesen Zeiten eben auch nicht schaftlichen Beschleunigung zum Opfer zu fallen.
ment für die scheidende Kanzlerin. Zugleich ist es führen, selbst wenn sie noch nicht weiß, wohin. ausgeschlossen, dass es gelingt. Der eine kann sie nicht mehr bändigen, der andere
ein Indiz für die Überlastung des politischen Sys- Und weil die Bewerber um den CDU-Vorsitz Diese kleine rote Sensation, wenn sie denn kann sie nicht immer weitertreiben. Das machen
tems, das sie hinterlässt. schwächeln, steht längst ein anderer Unions­poli­ti­ käme, ginge zulasten der Grünen. Die konnten die Verhältnisse schon allein.
Das gilt zuerst für Merkels eigene Partei. Die ker als Kanzlerkandidat zur Debatte. Keiner weiß, seit der letzten Bundestagswahl einen beispiellosen Bei aller Unberechenbarkeit, mit der sich das
weiß derzeit kaum mehr, als dass sie weiterregieren ob Markus Söder antreten will. Auf jeden Fall Ansehensgewinn verbuchen. Dass ihr lange schon heraufziehende Wahljahr ankündigt, darf eine be-
will. Noch vor einem halben Jahr ahnte die CDU wären die Hürden für den CSU-Chef höher, als es prägender Einfluss auf die politischen und gesell- deutsame Erfahrung der jüngsten Zeit nicht unter-
wenigstens, dass sie sich in die »schwerste Krise im Lichte seiner aktuellen Popularität den An- schaftlichen Verhältnisse bei der Bundestagswahl schlagen werden. Wenn keine Partei, sei es aus Op-
ihrer Geschichte« manövriert hatte (Jens Spahn). schein hat. in einen Machtzuwachs münden wird, ist wahr- portunismus, fragilem Machtkalkül, partieller Nähe
Das war für die Partei eine schockierende, aber zu- Schon um zu kandidieren, müsste Söder die scheinlich. Doch die Grünen haben die Rolle einer oder Angst vor Stimmungen, dem Rechtspopulismus
mindest realistische Dia­gno­se. Doch seit alle poli- CDU spalten, die ihren eigenen Anspruch auf das »Regierungspartei im Wartestand« so perfektio- entgegenkommt, erodiert seine zerstörerische Kraft.
tischen Debatten in der Corona-Krise auf ein Mi- Kanzleramt nicht einfach aufgeben wird. Noch niert, dass sie damit in Zeiten von Corona leicht Anders als noch 2017 könnte die irre Fokussierung
nimum heruntergedimmt wurden, ist die Partei in dramatischer wären die unions­inter­nen Verwer- unter die Aufmerksamkeitsschwelle fallen. Strate- der politischen Debatte auf die AfD im kommenden
einen Zustand angenehmer Betäubung geraten. fungen, wenn Söder tatsächlich Kanzler würde. gisch sind sie im Vorteil, taktisch aber wehrlos. Jahr ausbleiben und so deren antidemokratisches
Die Alarmsignale vom Jahresbeginn, die Füh- Denn dann hätte erstmals die bayerische CSU die Zwei Botschaften haben den Aufschwung der Potenzial schwinden. Selbst die Corona-Proteste kann
rungslosigkeit, das Storno der Zukunftsdebatte Führungsrolle in der ­Union. Ein CSU-Politiker im Grünen seit der letzten Bundestagswahl flankiert. die Partei offenbar nicht dafür nutzen, ihren gesell-
werden jetzt durch grandiose Umfrage-Ergebnisse Kanzleramt wäre nicht mehr nur Ausdruck der Sie betonen, stärker als je zuvor, ihre Verantwor- schaftlichen Machtverlust zu stoppen. Vielleicht
kaschiert, die alles über Merkels Krisen-Popularität CDU-Krise, sondern deren Eskalation. tung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. markiert das immerhin einen stabilen Trend.
verraten, aber nichts über die Lage der CDU. Ein anderer Vorbehalt betrifft Söder selbst. Seit Aber zugleich erklären sie – vor allem im Hinblick Keine Partei scheint in guter Form, keine denk-
er der CSU einen harten Konfrontationskurs ge- auf die Klimakrise – Radikalität zum Charakteris- bare Koa­li­tion wirkt zwingend oder wenigstens at-
Markus Söder im Kanzleramt würde die gen den Rechtspopulismus verordnet hat, wirkt tikum realistischer Politik. Sieht man allerdings, traktiv – womöglich geht in diesen Monaten mehr
Probleme der CDU verschärfen die AfD wie abgemeldet. Die CSU fungiert nicht wie sehr selbst moderate klimapolitische Maßnah- zu Ende als die Ära Merkel. Über Jahrzehnte galt die
mehr als Brücke, sondern als Barriere zwischen der men polarisieren, ist offen, wie die Grünen künftig Bundesrepublik als Hort politischer Stabilität. Gerade
Dass es Merkel heute so gut, der CDU aber so Mitte und dem rechten Rand. Zuvor allerdings die Spannung zwischen politischem Anspruch deshalb wirkt es beunruhigend, dass das System seine
schlecht geht, hängt zusammen. Merkels Kanzler- war es Söder selbst, der glaubte, mit einem verbal- und gesellschaftlichem Zusammenhalt auflösen traditionelle Verlässlichkeit ausgerechnet dann zu
schaft ist von Entscheidungen durchzogen, die prag- reaktionären Kurs der neuen Konkurrenz das Was- werden. Sie selbst wissen es jedenfalls noch nicht. verlieren droht, wenn die Herausforderungen zu-
matisches Regieren ermöglichten, die Partei aber ser abgraben zu können. Erst als er im Sommer Dieses Problem spiegelt sich auch in der Koali- nehmen. Vielleicht hängt ja beides zusammen, und
immer wieder verstörten. Inhaltlich gipfelte das in 2018, mitten im bayerischen Landtagswahlkampf, tionsfrage. Schwarz-Grün stünde für ein breites die immer schwieriger werdende Lage zeigt sich auch
der Flüchtlingskrise, machtpolitisch in der Eta­blie­ erkannte, dass diese Strategie ihn seine politische Bündnis, in dem es den Grünen allerdings schwer- in der Brüchigkeit des Systems, das mit ihr fertigwer-
rung der AfD. Beides hat an Bedeutung eingebüßt. Zukunft kosten würde, schwenkte er um. Die Fra- fallen dürfte, ihre radikaleren Vorstellungen zu den muss. Jedenfalls sind die gesundheitlichen,
Aber als einschneidende Momente der christdemo- ge an einen Kanzlerkandidaten Söder lautet des- realisieren. Eine Koa­li­tion mit SPD und Linken psychologischen und ökonomischen Konsequenzen
kratischen Identitätskrise wirken sie weiter. Immer halb, ob er, wenn es die Umstände ihm si­gna­li­sie­ wiederum böte mehr Radikalitätspotenzial (in den der Corona-Krise und ihre Auswirkungen auf die
häufiger geraten die Haltungen der Partei in Konflikt rten, auch wieder in die andere Richtung kehrt- Grenzen des Olaf Scholz, versteht sich), würde die Politik 2021 noch immer nicht absehbar. Dazu­
mit der Realität, in der sie sich zurechtfinden muss. machen würde. Dass er Autorität entwickeln kann, Gesellschaft allerdings von Beginn an spalten. kommen die gravierenden Entscheidungen, die eine
Das gilt nicht nur für die neue Unübersichtlichkeit hat er bewiesen. Wofür er sie einsetzt, ist unklar. Auch machtpolitisch wären die beiden Optio- kommende Bundesregierung treffen muss, wenn sie
in Genderfragen oder die kulturelle Diversität, der Armin Laschet kämpft mit dem konträren Vor- Ein Jahr vor der nen recht unterschiedlich. Mit der ­Union wären die Klimakrise noch bekämpfen will. Sie wird sich
mit keiner Leitkultur mehr beizukommen ist. Es gilt behalt. An seiner liberalen Ausrichtung gibt es die Grünen wohl Juniorpartner, mit SPD und auch klarer als bisher dazu verhalten müssen, dass
genauso für den brüchig gewordenen Transatlanti- keine Zweifel. Nur ob er im Ernstfall die Autorität Bundestagswahl Linkspartei hätten Annalena Baer­bock oder Ro- Russland und China das europäische Lebens­modell
zismus. Es hilft ja nicht, sich zu Amerika zu beken- aufbrächte, sie auch durchzusetzen, ist fraglich. bert Habeck die ­Chance aufs Kanzleramt. Nimmt auf allen Ebenen infrage stellen. Wobei nicht einmal
nen, wenn Amerika sich nicht mehr zu Deutschland So überfordert die U
­ nion auf der Suche nach­ rüsten sich die man diese Verlockung und die programmatische sicher ist, ob die USA ihren Weg vom wichtigsten
bekennt. Auch beim Klima attackiert die Wirklich- einem Merkel-Nachfolger scheint, so verunsichert sind
keit den Bewusstseinsstand der ­Union: Die Schöp- auch alle anderen Parteien, die in einem funktionie-
Parteien für die Zeit Nähe einer Links-­Koa­li­tion, bekommt sie plötz-
lich einen realistischen Anstrich. Doch es gehört
Verbündeten zum Gegner Europas be­enden oder
doch weitergehen werden.
fung bewahren und den Status quo, das geht eben renden System den Ausfall der U ­ nion kompensieren nach Angela Merkel. zur Unübersichtlichkeit der Lage, dass solche ver- Eine künftige Bundesregierung wird noch
nicht mehr zusammen. müssten. Helmut Kohl war nach 16 Jahren Kanzler- meintlich plausiblen Optionen schnell wieder an mehr als bisher auf einem ­Areal weltpolitischer,
Die Unklarheit, wer Merkel nachfolgen wird, schaft politisch am Ende, aber mit Rot-Grün stand Noch nie war es so Plausibilität verlieren. Würden die Grünen es sich ökonomischer und ökologischer Dauerkrisen na-
ist nur der personelle Ausdruck dieser Orien­tie­ die Koa­li­tion bereit, die das Land in die nächste Etap- wirklich zutrauen, die Republik mit einer fragilen
rungs­kri­se. Der erste Probelauf für die neue Partei­ pe führte. Merkel ist nach 16 Jahren populärer als zu
offen, wer künftig Konstellation und ohne gesellschaftliche Mehrheit
vigieren. Es wäre beruhigend, wenn sich absehen
ließe, ob sie, wie in der Ära Merkel, einige Voraus-
spitze scheiterte daran, dass Annegret Kramp-­ Beginn, nur die Post-Merkel-Ära bleibt im Nebel. mit wem regiert   in die Umbruchzeit nach Merkel zu führen?
Bei der zunehmend hektischen Suche nach
setzungen dafür mitbringt. In der Unsicherheit, es
Karrenbauer die Autorität fehlt, um eine Erneue- Das sorgt zwangsläufig für Überraschungen, nicht zu wissen, besteht vielleicht die erste Heraus-
rung in Gang zu setzen. Statt die CDU härter als angefangen bei der SPD, die plötzlich wieder ein VON MATTHIAS GEIS Lösungen im politischen Labyrinth erfährt nun forderung der neuen Normalität.
DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 POLITIK 5

»Sie ist doch nicht verrückt!«


Eine Menschenrechtsanwältin wird im Iran verhaftet, zu 38 Jahren Gefängnis verurteilt, von ihrer Familie ferngehalten.
Am 11. August trat Nasrin Sotudeh nun in den Hungerstreik. Ihr Ehemann glaubt: Sie wird damit etwas erreichen

Die iranische Opposition besteht meist aus gehalten werden. Wir konnten Nasrin vor Co­ Interessen zu engagieren und sich in soziale
Einzelkämpfern wie Nasrin Sotudeh. Denn das rona einmal pro Woche für eine halbe Stunde oder menschenrechtliche Fragen einzumischen.
iranische Re­gime schlägt bei organisierten Pro­ hinter einer Glasscheibe sehen und über Tele­ Die Anwälte, die das tun, kann man an einer
testen sofort zurück. Sotudeh geriet zuletzt mit fonhörer sprechen, die Kinder und ich, jetzt Hand abzählen. Meist sind sie selbst ins Visier
dem Re­gime in Konflikt, als sie Frauen aus der geht es nur noch zwei Mal im Monat für zehn geraten oder haben das Land verlassen.
Bewegung »Mädchen der Revolutionsstraße« Minuten. Körperkontakt ist seit sieben Mona­ ZEIT: Wird der Hungerstreik Ihrer Frau das
verteidigte. Deren Fotos waren um die Welt ge­ ten verboten. Jedes Gespräch wird mitgehört. Regime beeindrucken?
gangen, als sie sich schweigend auf Strom­ ZEIT: Andere Oppositionelle haben Frau Sotu­ Chandan: Natürlich erreicht man niemals hun­
kästen gestellt und ihr Kopftuch an einem deh aufgefordert, den Streik abzubrechen: Als dert Prozent. Sie werden jetzt nicht alle poli­
Stock befestigt in die Höhe gehalten hatten. Märtyrerin nutze sie ihrem Anliegen weniger tischen Gefangenen freilassen. Aber irgendetwas
Sotudeh wurde in mehreren Verfahren zu ins­ denn als Anwältin. Wie sehen Sie das? kriegt man sicherlich! Nasrin ist ja nicht ver­
gesamt 38 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben Chandan: Wer so einen Hungerstreik anfängt, rückt und begeht eine Art Selbstmord, weil das
verurteilt, im Sommer 2018 wurde sie festgenom­ weiß, dass er sich in Gefahr begibt. Man tut so alles völlig aussichtslos wäre. Es ist ihr ja schon
men und in das berüchtigte Evin-Gefängnis in etwas doch, weil man keinen anderen Weg einmal gelungen, durch Hungerstreik freizu­
Teheran gebracht. Ihr werden unter anderem sieht. Diejenigen, die Nasrin jetzt zum Auf­ kommen. Ihre zweite Forderung neben der
staatsfeindliche Propaganda, Störung der öffent­ geben auffordern, sollten ihre Anstrengungen Freilassung der politischen Gefangenen ist, dass
lichen Ordnung und sündhafte Handlungen vor­ vielleicht lieber an das Regime richten. kranke Gefangene Hafturlaub oder mindestens
geworfen, weil sie bei öffentlichen Auftritten ZEIT: Was sagen Ihre Kinder zum Hunger­ Erleichterungen bekommen. Im Übrigen:
keinen Hi­dschab trug. Seit dem 11. August ist sie streik der Mutter? Auch das Gespräch, das wir hier führen, ist ein
im Hungerstreik, Amnesty International fürchtet Chandan: Nasrin hat sie vorher gefragt: »Seid Ergebnis – es verschafft ihr Öffentlichkeit.
um ihr Leben. Auch ihr Mann, der Grafiker Resa ihr einverstanden?« Sie haben sich nicht dage­ ZEIT: Das iranische Regime hat alle bisherigen
Chandan, saß 2019 für mehrere Monate im Ge­ gengestellt. Es ist natürlich nicht leicht für sie. Proteste überstanden, es hält sich wacker seit
fängnis, sodass ihre beiden Kinder ohne Eltern Neulich hielten zwei Wagen vor unserem Haus, 42 Jahren. Wie erklären Sie sich das?
dastanden. Sotudeh hat Chandan einmal »einen und ich dachte, jetzt holen sie mich ab, weil ich Chandan: Lustig, dass Sie das ansprechen. Ge­
wirklich modernen Mann« genannt. noch eine Restgefängnisstrafe von sechs Jahren rade vorhin waren Freunde zu Besuch, mit de­
habe. Aber sie haben unsere 21-jährige Tochter nen ich über diese Frage gesprochen habe. Die
DIE ZEIT: Herr Chandan, wie geht es Ihrer Meraveh mitgenommen, mit der absurden Be­ Islamische Revolution von 1979 hatte eine

Foto (Ausschnitt): Kaveh Kazemi/Getty Images


Frau? gründung, sie habe einen Gefängniswärter ver­ enorme Unterstützung. Im Laufe der Jahre ist
Resa Chandan: Sie hat zu Beginn 53 Kilo gewo­ letzt. Kurz darauf ließ man sie wieder frei. Für davon immer mehr weggebrochen. Aber die
gen und inzwischen sechs Kilo abgenommen. unseren 13-jährigen Sohn Nima ist das alles Opposition ist unorganisiert, schwach und un­
Sie macht das nicht zum ersten Mal, Nasrin hat nicht einfach. Er war schon als Kleinkind so erfahren. Ein Regime, das bereit ist, so viel Ge­
ja früher schon jahrelang im Gefängnis geses­ viele Jahre von Nasrin getrennt. walt einzusetzen, kann regieren mit der Zu­
sen, aber sie ist eben älter geworden, 57 Jahre ZEIT: Die Unterstützung aus der iranischen stimmung von 10 bis 15 Prozent der Bevölke­
jetzt. Sie ist im Hauptflügel des Evin-Gefäng­ Opposition, auch von den Anwälten, fällt eher rung. Und die hat es.
nisses, in einer großen Abteilung mit 40 ande­ zurückhaltend aus. Wie kommt das?
ren Frauen, darunter Umweltaktivistinnen, Chandan: Die Anwaltskammer im Iran ist sehr Die Fragen stellte Mariam Lau
politische Gefangene, Frauen, die wegen ihrer konservativ. Sie ist nicht sonderlich interessiert
doppelten Staatsbürgerschaften als Spione fest­ daran, sich jenseits ihrer Pflichten und privaten Mitarbeit: Nasrin Bassiri

Nasrin Sotudeh war bereits 2011 zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden –
die Strafe wurde auf sechs Jahre reduziert, nachdem das Europäische
Parlament Sanktionen gegen iranische Amtsträger verhängt hatte

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6 POLITIK 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Der Fall Nawalny und die Folgen

Vergiftet
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind an einem Tiefpunkt angelangt. Kommt es zum Bruch? 

S
elten hat Angela Merkel so klar ge- stützt – und jede Kritik insbesondere aus den mittel-
sprochen und zugleich so viele und osteuropäischen EU-Ländern abprallen lassen:
Rätsel aufgegeben: »Verbrechen«, Nord Stream sei kein politisches, sondern ein wirt-
»ein versuchter Giftmord«, in den schaftliches Projekt. Dass die USA zuletzt mit Sank-
denkbar schärfsten Worten verur- tionen gegen Unternehmen drohten, die am Bau der
teilte sie am Mittwoch vergangener Pipeline beteiligt sind, hat den Trotz in Berlin erhöht.
Woche den Anschlag auf den rus- Warum die Ostdeutsche Merkel, die schon aus
sischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Auch biografischen Gründen Verständnis für die Sorgen
machte die Kanzlerin sehr deutlich, an wen sich von Polen und Balten haben müsste, sich auf Nord
ihre Botschaft richtete: Es stellten sich »sehr Stream eingelassen hat, zählt zu den ungelösten
schwerwiegende Fragen, die nur die russische Re- Rätseln ihrer Kanzlerschaft. Der lettische Außen-
gierung beantworten kann und beantworten minister Edgars Rinkēvičs erinnert sich an endlose
muss«. Die Welt warte auf Antworten. Debatten mit seinen deutschen Kollegen in der EU:
Und nun? Was folgt aus diesen starken Worten? »Lange Zeit ging es ausschließlich ums Geschäft, vor
Seit Toxikologen der Bundeswehr herausgefunden allem ging es darum, möglichst günstig Gas zu bezie-
haben, dass der Putin-Gegner Nawalny mit einem hen.« Er habe stets davor gewarnt, zu glauben, man
chemischen Kampfstoff vergiftet wurde, ringen könne wirtschaftliche und politische Interessen in
Union und SPD um ihre Haltung gegenüber Russ- diesem Fall voneinander trennen: »Das mag aus euro-
land. Und rätseln über Merkels Auftritt: Markieren päischer Sicht so sein, für Russland gilt es nicht.«
ihre Worte eine Zäsur in den deutsch-russischen Dass die Bundesregierung die Fertigstellung
Beziehungen? Oder hat sich die Kanzlerin ganz un- von Nord Stream 2 nun selbst infrage stellt, ist
kanzlerinnenhaft von ihrer Empörung leiten lassen, eine wesentliche Veränderung ihrer bisherigen
ohne die Folgen zu bedenken? Posi­tion: Die Pipeline ist eben doch politisch.
Letzteres ist schwer vorstellbar, zumal die Bundes- Aber will die Kanzlerin das Projekt wirklich stop-
regierung nach Informationen der ZEIT intern keinen pen? Und hätte sie, wenn sie es wollte, dafür über-
Zweifel mehr daran hat, wer hinter dem Anschlag haupt die Unterstützung ihres Koalitionspartners?
steht: ein russischer Geheimdienst, beauftragt vom Die Sozialdemokraten beabsichtigen schon seit
Kreml. Nawalny, das ist das Ergebnis der Analyse der Längerem, das deutsch-russische Verhältnis einer Ge-
Spuren durch das Institut für Pharmakologie und neralinventur zu unterziehen, hatten dabei aber stets
Toxikologie der Bundeswehr, wurde mit einer neu- ein anderes Ziel vor Augen: mehr Annäherung. Mit
artigen Weiterentwicklung der Chemiewaffe Nowit- Blick auf die Bundestagswahl 2021 wollte die SPD
schok vergiftet – einer Variante, die die Welt bis zu sich wieder stärker als »Friedenspartei« profilieren,
diesem Anschlag nicht kannte, die aber bösartiger und als eine politische Kraft, die der wachsenden Ent-
tödlicher sein soll als alle bekannten Ableger der No- fremdung zwischen Deutschland und Russland ent-
witschok-Familie. Entsprechende Rückstände fanden gegenwirkt. Erreichen wollte man das, indem man
die Wissenschaftler an Nawalnys Händen und am an zwei historische Stränge anknüpft – an Willy
Hals einer Wasserflasche, aus der er getrunken hatte. Brandts Ostpolitik der frühen 1970er-Jahre sowie an
Diese neue Nowitschok-Variante soll langsamer das Sonderverhältnis der Ostdeutschen zu Russland.
wirken als die bisher bekannten. Die Deutschen ver- Dass die von Egon Bahr erdachte und von Willy
muten, dass einer der Agenten des russischen Inlands- Brandt initiierte Ostpolitik den Frieden in Europa
geheimdienstes FSB, die Nawalny beschatteten, oder gesichert und letztlich die deutsche Einheit ermög-
ein eigens eingeschleuster Nachrichtendienstler das licht hat, gehört zu den zentralen Punkten des so­zial­
Gift in den Tee träufelte oder die Tassenoberfläche de­mo­kra­ti­schen Glaubensbekenntnisses. Fast ver-
damit präparierte. Demnach hätte Nawalny an Bord gessen scheint dabei, dass die Formel »Wandel durch
des Flugzeuges sterben sollen. Dass er noch lebe, heißt Annäherung« damals auf dem Wort »Wandel« betont
es in Berlin, sei lediglich einer Verkettung glücklicher wurde. Es ging Brandt in letzter Konsequenz darum,
Umstände zu verdanken, etwa der schnellen Reaktion den Moskauer Realsozialisten die Sicherheit zu geben,
des Piloten, der die Maschine notlandete, sowie der dass die Bundesrepublik nicht auf Revanche aus
Ärzte in Omsk, die Nawalny sofort das Gegenmittel war – damit Moskau wiederum Erleichterungen für
Atropin spritzten. die Menschen zustimmen konnte.

Der Streit um Nord Stream entzweit auch Ausgerechnet Olaf Scholz, der Kanzler
die Kandidaten um den CDU-Vorsitz werden will, schweigt

Eine Operation mit einem derart letalen und kom- Vor allem die Parteichefs Saskia Esken und Norbert
plexen Gift könne nur von einem Geheimdienst Walter-Borjans sowie der Fraktionsvorsitzende Rolf
durchgeführt werden, glauben die deutsche Experten. Mützenich wollen diese Traditionslinie wieder auf-
Allein die Existenz der neuartigen Nowitschok-­ greifen. Das Dilemma ist nur: Heute wird nicht mehr
Foto: Sebastian Bolesch; kleine Fotos: Reuters; Getty Images (v. l.)

Variante schließe aus, dass etwa ein russischer Oli- der Wandel betont, sondern die Annäherung.
garch auf eigene Faust zugeschlagen habe. Das Zwei- Zwar sind die aktiven Spitzenpolitiker weit davon
Komponenten-Gift benötige ein Speziallabor und entfernt, in Gerhard Schröders Kumpelei mit Putin
sei von normalen Kriminellen nicht zu beherrschen. ein Rollenbild für das eigene Verhalten zu sehen –
Deutsche Dienste halten es zudem für undenkbar, derzeit muss man sogar lange suchen, bis man einen
dass ein ausländischer Geheimdienst auf russischem Sozialdemokraten findet, der noch von »strategischer
Boden operierte – unter den Augen des FSB, der Partnerschaft« mit Russland spricht. Doch hört man
Nawalny eng überwachte. All dies lässt nur einen sich um, was den Genossen als Maßnahme vor-
plausiblen Schluss zu: Es war der Kreml, der den schwebt – personenbezogene Sanktionen, ein Aus-
Auftrag gab, einen unliebsamen Kritiker aus dem setzen des Stimmrechts im Europarat, die Einschal-
Weg zu schaffen. »Er sollte zum Schweigen gebracht tung der Organisation für das Verbot von Chemie-
werden«, so hatte es Merkel formuliert. waffen –, dann liegt der Schluss nahe: Bei der An­
Damit verschärft sich die Frage, ob Putins Russ- näherung legt man jetzt mal eine Pause ein. Und wenn
land noch ein Partner sein kann. Bei denen in Berlin, sich die Aufregung gelegt hat, macht man weiter.
die schon länger für einen härteren Kurs gegenüber Umso bemerkenswerter ist es, dass ausgerechnet
dem russischen Präsidenten plädieren, hat Merkel mit Heiko Maas am Wochenende als erstes Regierungs-
Alexej Nawalny ist wieder ansprechbar. Die Bundesregierung hat keinen Zweifel mehr,
ihren scharfen Worten Erwartungen geweckt. Andere­ mitglied Nord Stream 2 öffentlich infrage gestellt hat.
wer hinter dem Anschlag auf den Kremlkritiker steckt: Ein russischer Geheimdienst
hingegen fürchten, die Kanzlerin könnte einen der Schon in der Vergangenheit hat er Russland immer
Grundpfeiler der deutschen Außenpolitik nach 1989 wieder deutlich kritisiert. Ein anderer Sozialdemokrat
einreißen – und mit Moskau brechen. Zum Symbol hingegen fällt in diesen Tagen dadurch auf, dass er zu
für diese fundamentale Auseinandersetzung ist Nord er damals von seinem Brandenburger SPD-Kollegen kaum einer Frage sind die politischen Unterschiede kau. Die Deutsche kennt den Russen länger und Nord Stream gar nichts sagt: Olaf Scholz, der Kanz-
Stream 2 geworden, die seit je umstrittene, nun aber Dietmar Woidke. Nun ist es Manuela Schwesig, die zwischen den Bewerbern bislang so deutlich geworden wahrscheinlich besser als jeden anderen amtierenden ler werden will, schweigt.
fast fertiggestellte Gasröhre durch die Ostsee. sozialdemokratische Ministerpräsidentin von Meck- wie bei dieser. Röttgen will Nord Stream 2 stoppen; Staatschef. Und Merkel hat, anders als Gerhard Die EU müsse gemeinsam auf die Vergiftung von
Ausgerechnet die Union, die sich sonst viel auf lenburg-Vorpommern, die wie Kretschmer entschie- Laschet und Söder wollen das Projekt fortführen; und Schröder zu Beginn seiner Amtszeit, die Bedeutung Alexej Nawalny reagieren – das ist der Nenner, auf
ihre exekutive Führungsstärke zugutehält, bietet ein den für eine Fertigstellung von Nord Stream 2 plä- Friedrich Merz hat sich für ein zweijähriges Morato- Russlands in Europa und der Welt nie unterschätzt. den sich Befürworter und Kritiker von Nord Stream
Bild großer Unentschiedenheit. Das Spektrum reicht diert. Die Pipeline, die im mecklenburgischen rium ausgesprochen. Einer von den vieren könnte Modernisierungspartnerschaft, Petersburger Dia- vorerst geeinigt haben. Schon Merkel hatte bei ihrem
von der dezidierten Forderung Norbert Röttgens Lubmin an Land käme, werde für die künftige künftig als Kanzler mit Putin umgehen müssen. log, Regierungskonsultationen – man kann Merkel wuchtigen Auftritt vor zehn Tagen geschlossen, man
nach einem Ausstieg aus Nord Stream 2 (»die einzige Energieversorgung in Deutschland gebraucht, ar- Selbst Merkel schwankte in den vergangenen nicht vorwerfen, dass sie nicht mit Putin gesprochen werde gemeinsam mit den Partnern in der EU und
Sprache, die Putin versteht«) bis zur bedingungslosen gumentiert sie. Und: Es sei besser, im Dialog zu Wochen sichtbar. Noch Ende August, als Nawalny und sich nicht um Russland bemüht hätte. Man re- in der Nato über eine »angemessene Reaktion« ent-
Unterstützung durch Sachsens Ministerpräsidenten bleiben, als Brücken abzubrechen. bereits in der Berliner Charité behandelt wurde, er- dete ununterbrochen, während die Probleme unauf- scheiden. Damit bleiben zwar vorerst alle Optionen
Michael Kretschmer (»Wir sind aufeinander ange- Trotz des entschiedenen Eintretens der ostdeut- klärte sie auf einer Pressekonferenz, sie halte eine hörlich wuchsen. In den Verhandlungen über das offen. Aber dass die EU neue Maßnahmen gegen
wiesen«). Der Minimalkonsens wird von Außenpoli- schen Ministerpräsidenten wäre es falsch, die Aus­ Verquickung von Nord Stream 2 mit Nawalnys Ver- Atomprogramm des Irans suchte die Bundesregie- Russland ergreift und Nord Stream unberührt bleibt,
tikern wie dem Abgeordneten Johann Wadephul einandersetzung auf einen Ost-West-Konflikt zu ver- giftung »nicht für sachgerecht«, beide Debatten rung Russlands Nähe. Und schließlich schob Berlin erscheint unwahrscheinlich. »Ich kann mir nicht vor-
formuliert: »Deutschland neigt dazu, Dinge auf die engen. Auch Armin Laschet und Markus Söder haben müssten »entkoppelt« werden«. Nun schließt auch 2015 gemeinsam mit Moskau Nord Stream 2 an – das stellen, dass dieses Projekt unter den gegebenen Um-
nationale Ebene zu verengen. Nord Stream 2 aber ist wissen lassen, man müsse Nawalny und Nord Stream sie Sanktionen gegen die Pipeline nicht mehr aus. Projekt, um das nun so erbittert gerungen wird. ständen zu Ende gebaut wird«, sagt der lettische
ein europäisches Thema.« getrennt behandeln. Beide, der Nordrhein-Westfale Mit Putin verbindet Merkel ein besonderes Ver- Zwar wurde das Röhrengeschäft wesentlich von Außenminister Edgars Rinkēvičs: »Das fände ich sehr
Kretschmer war erst vor einem Jahr nach St. Pe- wie der Bayer, sehen eine Verschärfung des Kurses hältnis. Als sie 2005 Kanzlerin wurde, war er bereits der SPD betrieben, vor allem von Sigmar Gabriel, seltsam.« Wie ihm geht es vielen in der EU.
tersburg gereist, um dort Putin zu treffen. Später gegenüber Moskau skeptisch. So hat die Nord-Stream- seit fünf Jahren Präsident. Mehr als 40-mal haben der damals Wirtschaftsminister war, und von Gerhard
forderte er ein Ende der Wirtschaftssanktionen, die Debatte auch der Suche nach einem neuen CDU- sich die beiden getroffen, unzählige Male miteinander Schröder, der 2016 an die Spitze des Verwaltungsrats PETER DAUSEND, ASIA HAIDAR , MAT THIAS KRUPA ,
die EU nach der illegalen Annexion der Krim 2014 Vorsitzenden und künftigen Kanzlerkandidaten der telefoniert. 16-mal hat Merkel als Bundeskanzlerin der Nord-Stream-2-Gesellschaft trat. Trotzdem hat MARIAM L AU, YAS SIN MUSHARBASH ,
gegen Russland verhängt hatte. Unterstützung bekam Union zusätzlichen Schwung verliehen. Denn bei Russland besucht, zuletzt war sie im Januar in Mos- Merkel den Bau der Pipeline von Beginn an unter- HOLGER STARK , MICHAEL THUMANN

Er schon wieder. Als Angela Merkel 2005 Kanzlerin wurde, Sie schon wieder. 16 Mal hat Merkel als Regierungschefin Russland
war Wladimir Putin schon seit fünf Jahren Präsident. Mehr als 40 Mal haben besucht, zuletzt war sie im Januar in Moskau.
sich die beiden getroffen, unzählige Male miteinander telefoniert Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie nicht mit Putin gesprochen hätte
DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 POLITIK 7

Der Fall Nawalny und die Folgen

»Wir verlieren
Grenze der FINNL AND
Hoheitsgewässer
NORW EGEN

Deutschland«
Nordsee St. Petersburg
SCHW EDEN Ostsee ESTL AND

RUSSLAND
Russland hat ein falsches Bild von Politikern, sagt Andrej Bornholm
(zu Dänemark) LETTL AND

Kortunow, Direktor des regierungsnahen Thinktanks Riac DÄNEM ARK


k m
Nord Stream 2
1 230
LITAUEN
DIE ZEIT: In der Bundesregierung wird nach ZEIT: Der Kreml war in der Vergangenheit nicht RUSSL A ND
dem Giftanschlag auf Alexej Nawalny über mög- wirklich gut beraten, wenn man die russischen
liche Sanktionen gegen Russland diskutiert. Was Hacker-Angriffe auf den Bundestag oder den Lubmin
könnte die russische Seite jetzt tatsächlich tun, Auftragsmord an einem georgischen Staatsbürger noch fehlende 80 km BEL ARUS
um diese abzuwenden? mitten in Berlin bedenkt.

ZEIT-Grafik/Quelle: NordStream 2 AG, Wintershall, Wingas


Andrej Kortunow: Es gibt in dieser Situation Kortunow: Als die Ukraine-Krise begann, hatten
keine guten Lösungen. Angenommen, der wir eine recht angespannte Experten-Diskussion POLEN
Kreml hat nichts mit dem Vorfall zu tun und über Deutschland. Ich gehörte zu jenen Leuten,
Alexej Nawalny wurde, wie die Deutschen sa- die meinten, wir könnten unsere Sonderbezie- DEUTSCHLAND
gen, mit etwas Ähnlichem wie Nowitschok ver- hung zu Deutschland verlieren. Und zwar nicht
giftet, einem Stoff, den es in Russland offiziell nur wegen der Ukraine, sondern auch weil die
nicht geben darf, dann ist die einzige Schluss- alte Generation deutscher Politiker abtritt. Es UKR AINE
folgerung, dass die russische Regierung die Kon- gibt eine politische Neuausrichtung in Deutsch- TSCHECHIEN Gaspipeline
trolle im eigenen Land verloren hat: Dann kann land, neue Prioritäten. Wir können nicht erwar-
jemand ein Gift beschaffen, gegen einen der ten, dass Deutschland weiterhin der wichtigste SLOWAK EI
populärsten Politiker in Russland vorgehen – Lobbyist für Russland in der EU sein wird. Auf
und kommt damit durch. Es gibt also nur einen eine Art verlieren wir Deutschland. Ich weiß ÖSTER R EICH
Weg, diese Verdächtigungen und Vorwürfe aus- nicht, was Herr Putin denkt oder schlussfolgert. 100 km UNGAR N
zuräumen: den Täter zu finden. Dafür braucht Vielleicht, dass dieses Ereignis keinen Wende- Verlauf von Nord Stream 2 und der bereits existierenden Pipeline durch die Ukraine
es eine Untersuchung. Diese Informationen punkt bedeutet, sondern lediglich neue Proble-
müssen öffentlich zugänglich sein, auch für uns me schafft, die man lösen kann.
russische Staatsbürger. Wir verlangen Klarheit. ZEIT: Begreift Moskau vielleicht nicht, wie

Die Gasrechnung
Wir verlangen eine Erklärung. Denn sonst kann Deutschland tickt?
das, was Alexej Nawalny heute widerfahren Kortunow: Ich stimme zu. Vor Jahren habe ich
kann, morgen mir passieren und übermorgen einen Artikel geschrieben, wie Russland Europa
irgendjemand anders. Und wenn man bedenkt, und Deutschland falsch wahrnimmt. Diese fal-
was für einen machtvollen Sicherheitsapparat sche Wahrnehmung manifestiert sich vor allem
wir haben, sollte der diesen Vorfall wirklich un- in dem, was ich Selbstprojektion nenne. Verein-
tersuchen, besser früh als später. Das ist mein facht gesagt: Alle Politiker sind gleich, doch
Rat an den Kreml. Und: Fangt keinen Informa- Europäer im Allgemeinen und Deutsche im­ Deutschland ist von Nord Stream 2 nicht abhängig. Ein Stopp des Projektes könnte für Staat
tionskrieg mit Merkel an. Vielleicht gewinnt Besonderen sind heuchlerischer als Russen.
Wladimir Putin den Informationskrieg in Russ- Viele in Russland sagen zum Beispiel, dass als und Verbraucher trotzdem teuer werden  VON MICHAEL THUMANN
land. Aber der Rest der Welt wird Merkel mehr Problem wahrgenommen werde, dass Putin seit
vertrauen als dem Kreml. 20 Jahren an der Macht ist – aber Merkel regiere
ZEIT: Ihr Rat ist aber nur dann gut, wenn der auch seit fast zwei Jahrzehnten und niemand Lässt sich die Pipeline stoppen? Zusätzlich kann Flüssiggas (LNG) über mehr als zubekommen. Ein Präzedenzfall ist der vorzeitige
Kreml nichts mit dem Attentat auf Alexej Na- sehe es als eine schlechte Sache! Das verrät ent- Natürlich könnte sich die Bundesregierung noch zwanzig EU-Hafenterminals in das Netz gespeist Atomausstieg von 2011, für den die Bundesregie-
walny zu tun hat. weder die Unfähigkeit, den Unterschied zu be- gegen Nord Stream 2 entscheiden. Die Pipeline werden. LNG-Anbieter sind neben den USA auch rung den beteiligten Konzernen Entschädigungen
Kortunow: Das stimmt. Die einzige Hoffnung, merken, oder den absichtlichen Versuch, den ist nicht fertig gebaut, es fehlen achtzig Kilometer die Golfstaaten und wiederum Russland. Das in Milliardenhöhe bezahlen muss. Zusätzlich könn-
die ich habe, ist, dass eine solche Tat so kontra- Unterschied zu verstecken. Trump, Merkel, Rohrstrecke nicht weit von der deutschen Ostsee- amerikanische Gas wird meist durch umweltschäd- ten die ausländischen Konzerne vor internationalen
produktiv und verwerflich ist, dass eine Beteili- Macron, Xi Jinping – aus dieser Sicht sind das küste. Bevor das Gas fließen könnte, müssten liches Fracking gewonnen, keine wirklich schöne Schiedsgerichten klagen und nicht nur ihre Investi-
gung des Kreml einfach undenkbar ist. Ich sehe Politiker mit ähnlichen Werten, aber die einen deutsche Behörden die Nutzung genehmigen. Alternative zu russischem Gas. Außerdem hält tionen, sondern auch die ausgebliebenen Einnah-
die russische Führung sehr kritisch. Diese Leute sind ehrlich und direkt, die anderen heuchle- Das könnten sie auch verschieben oder ganz las- Deutschland mit 47 Speichern eine der größten men einfordern. Kommen sie damit durch, drohen
sind zynisch und manchmal zu selbstbezogen. risch, indem sie versuchen, ihre nationalen In- sen – was allerdings bei einem ordnungsgemäß Gasreserven der Welt. Es würden also weder Lich- den europäischen oder deutschen Steuerzahlern
Aber sie sind keine Idioten. Sie sollten wissen, teressen zu verstecken. gebauten und zuvor durch viele Genehmigungen ter noch Heizungen ausgehen, wenn Russland als Milliardensummen an Entschädigungen. Auch
dass man mit so was nicht davonkäme. Wenn da ZEIT: Glauben Sie persönlich, dass die Ver­ abgesegneten Projekt schwer zu rechtfertigen Lieferant ausfiele. höhere Preise kämen auf die deutschen Gasver-
bestimmte Gruppen sind, kremlnahe, die für die giftung von Alexej Nawalny einen Wende- wäre. Eine zweite Möglichkeit böte die Verhän- braucher zu. Nord Stream 2 hätte, so eine Studie der
Tat verantwortlich sind, dann muss die Führung punkt einläutet zwischen Russland und gung von EU-Sanktionen gegen Russland, die Wie hoch sind die Kosten eines Ausstiegs? TU Ilmenau und der Stadtwerke München, einen
sich darum kümmern. Was ist das sonst für eine Deutschland? auch gegen die Pipeline gerichtet wären. Selbst Die Rechnung wäre wahrscheinlich für Deutschland dämpfenden Effekt auf die Verbraucherpreise in
Führung? Noch mal: Ich kann mir nicht vor- Kortunow: Es gibt nicht das eine Ereignis, das bei einer Enthaltung von Berlin in Brüssel wäre höher als für Russland. Gazprom als Eigentümer der Deutschland, weil mehr Gas in Europa die Preise
stellen, dass der Präsident einen direkten Befehl man als Wendepunkt ausmachen kann. Wir wer- Nord Stream 2 blockiert. Die dritte Möglichkeit Pipeline müsste die knapp fünf Milliarden Euro, die fallen ließe. Kommt die Pipeline nicht, verringert
gegeben haben könnte. Ich hoffe, dass es eine den zudem im kommenden Jahr einige Verände- wäre, die amerikanischen Sanktionen wirken zu es bisher in das Projekt investiert hat, als Verlust sich das Angebot auf dem Gasmarkt, und die Preise
Initiative war von jemandem, der dem System rungen in Deutschland beobachten. Wenn zum lassen und sich nicht dagegen zu wehren. Denn verbuchen. Weil Russland das internationale In- für den Energieverbrauch zu Hause steigen.
nahesteht, aber nicht aus dem System kommt. Beispiel ein Grüner Kanzler werden sollte, dann die Strafmaßnahmen der USA drohen jetzt schon vestitionsschutzabkommen nicht unterzeichnet hat,
ZEIT: Waren Sie überrascht, als Sie hörten, dass hätte er eine schwierige Haltung gegenüber Mos- die Leitung zu verhindern. Das jedoch wäre die könnte der Staatskonzern das Geld nirgendwo ein- Haben uns Energiewende und
die Bundeskanzlerin wegen der Vergiftung von kau, aus vielen Gründen: politischen, kulturellen, unwahrscheinlichste Lösung, weil die Bundes­ klagen. Das sieht für die europäischen Investoren Kohleausstieg von Gas abhängig gemacht?
Alexej Nawalny das Pipelineprojekt Nord Stream generationellen. Angela Merkel ist immerhin, so regierung damit akzeptieren würde, was sie ganz anders aus. Die deutschen Unternehmen Der Energiebedarf Deutschlands wird immer
2 stoppen könnte? glaube ich, der zweite deutsche Regierungschef grundsätzlich ablehnt: extraterritoriale Sanktionen Wintershall und Uniper, Engie aus Frankreich, noch zum großen Teil mit fossilen Brennstoffen
Kortunow: Das ist definitiv eine starke Geste der nach Bismarck, der Russisch spricht. Das ist keine der USA. OMV aus Österreich und die niederländisch-­ gedeckt. Davon liefern Mineralölstoffe 35 Prozent
Kanzlerin und ein sehr klares Signal an Moskau, Kleinigkeit. Wir in Moskau sollten nicht still sit- britische Shell haben jeweils 950 Millionen Euro des Verbrauchs, Erdgas 25 Prozent, Kohle 18 Pro-
dass hier keine Kleinigkeit vorgefallen ist. Auch zen und abwarten, was sich in Deutschland ver- Sind wir abhängig von russischem Gas? investiert. Wenn die Bundesregierung oder die EU zent, Erneuerbare 15 Prozent, Kernenergie gut
Angela Merkel erwartet eine vollständige Unter- ändern wird. Ich befürchte, wenn die russische Russland trägt derzeit 40 Prozent zum deutschen die Pipeline stoppt, können die Konzerne auf Scha- sechs Prozent. Da Kernenergie ab 2023 und Kohle
suchung. Seite die Bitten um Informationen und Erklärun- Gasverbrauch bei. Das ist zwar der höchste Anteil densersatz klagen, sowohl vor deutschen oder euro- ab Mitte des kommenden Jahrzehnts wegfallen,
ZEIT: Aber versteht Moskau dieses Signal? gen als Affront ansehen wird, dann haben wir ein von allen Importeuren, aber er ließe sich notfalls päischen Gerichten wie auch vor internationalen wächst die Bedeutung der übrigen Energieträger,
Kortunow: Ich hoffe es! Vielleicht gibt es Zwei- ernsthaftes Problem. Ich hoffe natürlich, dass ich auf dem europäischen Gasmarkt ersetzen. Europa Schiedsgerichten. Je schlechter deutsche Behörden auch die von Erdgas. Aber von Erdgas aus allen
fel, wie ernst die Kanzlerin es meint. Aber dieje- damit falsch liege. ist durch sein ausgebautes Netz und die vielen An- begründen können, warum sie nach so vielen Ge- Himmelsrichtungen, nicht nur aus Russland.
nigen, die Herrn Putin zu Deutschland beraten, bieter von Algerien bis demnächst Zypern in der nehmigungen das Projekt stoppen, desto besser sind
sollten dieses Signal sehr ernst nehmen. Die Fragen stellte Alice Bota Lage, zwischen Lieferanten wählen zu können. die Chancen der Firmen, ihr Geld vom Staat zurück- Mitarbeit: Petra Pinzler, Mark Schieritz

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Jetzt Bei »ZEIT für Klima« diskutieren wir darüber, wie wir zukünftig den Klimaschutz und ein nachhaltigeres Wirtschaften in allen Bereichen
kostenfrei unseres Lebens noch weiter in den Fokus rücken können und gehen hierbei auch der Frage nach, welche neuen Lösungsansätze es gerade
anmelden! im Bereich Agrar und Ernährung gibt.

Der Themenschwerpunkt am Dienstag, 22. September: Agrar und Ernährung


09.15 – 09.30 Uhr: Grußwort Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
09.30 – 10.30 Uhr: Green New Deal: Gamechanger Corona?
11.00 – 12.00 Uhr: What Makes a Good Company a Good Company, Mr. Petersson?
14.00 – 15.00 Uhr: Agrarpolitik und das Klima: Welche Wege gibt es?
15.30 – 16.30 Uhr: Klimaschutz zwischen Effektivität und Nachhaltigkeit
Auszug Sprecher*innen

Dr. Robert Habeck Reinhold Jost Therese Kah Julia Klöckner Albert Stegemann Dr. Dirk Voeste
Bundesvorsitzender, Minister für Umwelt Klimaaktivistin, Bundesministerin MdB, AG Ernährung Senior Vice President
BÜNDNIS 90/ und Verbraucherschutz, Fridays for Future für Ernährung und und Landwirtschaft Agricultural Solutions,
DIE GRÜNEN Saarland Landwirtschaft BASF SE

Aktuelle Informationen und Anmeldung unter: Veranstalter: Premium-Partner:


www.zeitfuerklima.de
Dr. Robert Habeck: © Nadine Stegemann | Reinhold Jost: © Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz | Julia Klöckner: © CDU Rheiland-Pfalz | Dr. Dirk Voeste: © BASF-SE/Hans-Juergen Doelger

108940_ANZ_371x132_X4_ONP26 1 08.09.20 12:20


8 POLITIK 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Hauptsache, die Oberlippe bleibt steif


Der bürgerliche Konservativismus verliert seine politische Heimat – kann
ausgerechnet ein Brite ihn retten?  VON JAN ROSS

F
ür welches politische Lager ist die den Freihandel) ebenso verachtet wie hergebrachte europäische Schul­den­union hat Angela Merkel ihre Über Jahrzehnte, seit dem Ende des Zweiten Neunzigerjahre hat er die EU (damals noch die
nationalistische Rechte, von ­Donald Moral- und Staatsvorstellungen (gerade steht er unter Partei weit eher auf einen Mitte-links-Kurs ausgerich­ Weltkriegs, beruhte die politische Ordnung im Europäische Gemeinschaft) nicht als volksfeind­
Trump bis zu Ungarns Viktor­ dem Verdacht, gefallene Soldaten des eigenen Landes tet als auf eine erkennbar christdemokratische Linie. Westen wesentlich auf diesem liberalen Konser­ liche vaterlandslose Verschwörung angegriffen, son­
Orbán, besonders gefährlich? Für als Tröpfe und ­Loser verhöhnt zu haben). Wer da­ Auch hier sind die klassischen Konservativen heimatlos vativismus. Wenn etwa die CDU/CSU vom dern als trägen Integrationskloß, der die histo­
die Fortschrittlichen und Linken, gegen mit diesem skandalös unkonservativen Präsi­ geworden. »christlichen Abendland« sprach, dann war das rische Vielfalt des Kontinents ignoriert und die
wird man natürlich sagen, für Öko­ denten nichts zu tun haben will, der muss, als »Never Aber was heißt das überhaupt: liberaler Konservati­ kein Religionsbekenntnis, sondern es wurde ein demokratische Selbstbestimmung der Völker be­
logen, Feministinnen, Kapitalismus­ Trumper«, mit den Republikanern brechen und sich vismus? Und warum soll sein Niedergang ein so großes breites Weltanschauungsdach aufgespannt, unter hindert. Er predigte nicht patriotische Verhockt­
kritiker oder Multikulturelle. Aber das stimmt Joe ­Biden anschließen. Vor zwanzig oder dreißig Problem sein? Es muss ja nicht gleich jeder Herz­ dem Unternehmer (dank des Gegensatzes zum heit, er proklamierte Buntheit und Wettbewerb.
nicht. Die Progressiven aller Art sind quickleben­ Jahren, als die amerikanischen Demokraten eine schmerz irgendwelcher Halbrechter eine welthisto­ atheistischen Marxismus), Gewerkschafter (wegen Wohl ist die Brexit-Kampagne ein Vierteljahr­
dig, wie der Erfolg grüner Parteien oder der »Black Partei der Mitte waren, wäre das vielleicht kein be­ rische Katastrophe darstellen. der christlichen Soziallehre) und Bildungsbürger hundert später auch mit schmutzigen, xenopho­
­Lives Matter«-Bewegung zeigt. Sie ziehen aus der sonders dramatischer Akt der Selbstentfremdung (als Adressaten des Gymnasialhumanismus) glei­ ben Argumenten geführt worden, und man muss
Konfrontation mit Trump und seinesgleichen eher gewesen. Heute dagegen sind die Demokraten so weit Gauland war ein liberaler Konservativer, chermaßen Platz fanden. Heute ist »Abendland« Johnson vorhalten, dass er sich davon nicht aus­
zusätzliche Kraft. Die eigentlichen Opfer der­ nach links gerückt, in Richtung Studentenradikalis­ heute ist er Rechtsnationalist auf der Rechten eine Kampflosung und ein Code­ drücklich distanziert hat. Aber übernommen hat
neuen Rechten sind die klassischen, gemäßigten, mus und Protestmilieu, dass Mitte-rechts-Wählerin­ wort für Islamophobie, für die Linke dagegen das er diese Rhetorik nicht, und seine eigene Begrün­
liberalen Konservativen. In der ideologischen Land­ nen und -Wähler sich bei ihnen in Wahrheit selbst Üblicherweise hat man die politische Weltsicht, von Relikt einer patriarchalischen und kolonialisti­ dung für den Abschied von der EU klang ganz
schaft, die sich zwischen Na­tio­nal­popu­lis­mus auf gastweise kaum zu Hause fühlen können. der hier die Rede ist, »bürgerlich« genannt – ein alt­ schen Vergangenheit. Der Begriff ist für vernünf­ anders. »Die Wahrheit ist«, so Johnson im Mai
Illustration: Francesco Ciccolella für DIE ZEIT

der einen Seite und kämpferischer Fortschrittlich­ In Europa ist die Situation nicht so extrem, aber modischer und unklarer, aber trotzdem hilfreicher tigen Gebrauch faktisch unbenutzbar geworden. 2016, »dass der Brexit jetzt das große Projekt des
keit auf der anderen herausbildet, gibt es für eine kaum prinzipiell anders. Nehmen wir Deutschland. Begriff. Er verbindet nämlich die beiden Elemente, die So auch »Nation« oder »Familie« – für die einen europäischen Liberalismus ist, und ich fürchte,
traditionelle Mitte-rechts-Position im Grunde Bundeskanzlerin Merkel hat es zwar geschafft, die zusammen das Mitte-rechts-Lager definieren. Einmal sind das inzwischen Verbalknüppel, mit denen sie dass die Europäische U ­ nion – trotz all der hohen
keinen Platz mehr. CDU (und in ihrem Gefolge die CSU) vor der popu­ die Betonung von Freiheit, Autonomie und Eigenver­ auf eine verhasste Moderne einprügeln, für die Ideale, mit denen sie begonnen hat – heute das
Am klarsten lässt sich das in den Vereinigten listischen Versuchung weitgehend zu bewahren. antwortung, die Abwehr von kollektiver Entmündi­ anderen hoffnungslos antiquierte oder als reak­ Ancien Régime [die feudalistische Machtordnung
Staaten und im laufenden amerikanischen Wahl­ Gleichzeitig allerdings ist die ­Union keine politische gung und staatlichen Eingriffen. Zum anderen die tionär verdächtigte geistige Museumsstücke. Es vor der Französischen Revolution] verkörpert.« Es
kampf beobachten. Als Konservativer steht man Kraft mehr, die man in irgendeinem belangvollen Achtung vor dem geschichtlich Gewachsenen, vor ist ein unheimlicher Polarisierungs- und Zerstö­ seien »wir im Lager des EU-Ausstiegs, die in der
dort vor der Wahl, sich entweder auf die Seite von Sinne als »konservativ« bezeichnen könnte. Von der traditionellen Institutionen und Lebensweisen. Glau­ rungsprozess. Tradition der liberalen weltbürgerlichen europä­
Präsident Trump zu schlagen – einem Mann, der NGO-haften Flüchtlingspolitik des Jahres 2015 bis zu bensartikel Nr. 1 ist das liberale Element der Bürger­ Man sieht das auch in den Schicksalen des ischen Aufklärung stehen«. Man mag Johnsons
wesentliche Grundsätze der Marktwirtschaft (wie den gegenwärtigen Einstiegsexperimenten für eine lichkeit, Glaubensartikel Nr. 2 das konservative. politischen Personals. In den Neunzigerjahren, Anspruch absurd finden. Doch auf jeden Fall ver­
als CDU-Mitglied in der Ära Kohl, war Alexander tritt er eine Politik, die konservative ­Ideen wie die
ANZEIGE Gauland ein ziemlich liberaler Konservativer – Nation nicht aufgeben will, ohne sich deshalb der
doch das Ressentiment gegen eine angeblich links­ völkischen Bösartigkeit auszuliefern.
konformistische Gegenwart hat ihn überwältigt, Ähnlich steht es mit Johnson und dem Populis­
radikalisiert und als AfD-Mann zum Rechtsnatio­ mus. Mit seinem Brexit-Kurs und einer Abkehr
nalisten gemacht. Friedrich Merz ist als Großver­ vom dogmatischen Marktglauben der Konservati­
Jetzt Tickets diener und Wertetraditionalist dem alten bürger­
lichen Muster treu geblieben – aber mit seiner
ven hat der Premierminister für die Tories Anhän­
ger aus dem Arbeitermilieu gewonnen, die früher
sichern: konventionellen Konservativität wirkt er mitt­
lerweile wie aus der Zeit gefallen. Jahrelang hat
nie für die Partei gestimmt hätten. Die neuen
Wähler wollen keinen Minimalstaat, sondern
12. und 13. man sich über die Krise der Sozialdemokratie
gegrämt oder amüsiert; was dagegen heute brö­
Schutz und Sicherheit. Johnson ist so zur Schlüssel­
figur eines »Volkskonservativismus« geworden, der
November ckelt und zerfällt, ist die rechte Mitte.
Allerdings gibt es einen prominenten Politi­
kulturell und bei Fragen der inneren Ordnung
nach rechts tendiert, in der Wirtschafts- und So­
2020 ker, mit dem sich für die Zukunft des so ge­
beutelten liberalen Konservativismus leise
zial­po­li­tik dagegen nach links.

Hoffnungen verbinden. Es ist freilich ein über­ Johnson begründet den Brexit nicht
raschender Kandidat. Viele nehmen ihn nicht reaktionär, sondern demokratisch
ernst, andere halten ihn für ein regelrechtes Un­
glück, und gerade in diesen Tagen hat er sich In dieser Mischung steckt unweigerlich ein Schuss
auf dem europäischen Kontinent wieder ein­ Populismus. Doch als Johnson nach einem histori­
mal besonders unbeliebt gemacht (siehe Sei­ schen Vorbild für seine Pläne für mehr öffentliche
te 9). Es handelt sich um den britischen Pre­ Investitionen und stärkeren gesellschaftlichen Aus­
mierminister ­Boris Johnson. gleich suchte, kam er auf Franklin Delano Roose­
Wie bitte? Der ist doch selbst ein Teil des velt, den US-Präsidenten, der in den 1930er-Jahren
Problems, ein Totengräber des seriösen Konser­ mit seinem New Deal den amerikanischen Wohl­
vativismus, ein britischer Zwillingsbruder (oder fahrtsstaat geschaffen hat. Die absolute Gegenfigur
#diversitymatters: Für Vielfalt und Zusammenhalt wenigstens Cousin) des unsäglichen ­ Donald
Trump! Aber so einfach ist es nicht. Mit den
zum Faschismus, der sich damals breitmachte. Im
Grunde ein Sozialdemokrat. Letztlich will John­
Die führende Fachkonferenz für Vielfalt in der Arbeitswelt üblichen Verdächtigen des Nationalpopulismus
hat Johnson in Wahrheit wenig gemein. Er ist
son mit der harten Rechten nichts zu tun haben.
Als »Black ­Lives Matter«-Aktivisten im Vereinig­
geht digital kein Protektionist, sondern ein Freihändler. Er
ist kein Leugner oder Beschöniger des Klima­
ten Königreich die Churchill-Standbilder ins Vi­
sier nahmen, weil der Staatsmann ein Rassist ge­
wandels, sondern ein bekennender und sogar wesen sei, da verteidigte Johnson den Kriegspre­
Mit dabei sind u. a. der Autor und Moderator Jaafar Abdul-Karim, Deutsche-Welle- leidlich praktizierender Umweltschützer. mier und die britische Tradition gegen eine neu­
Vor allem jedoch ist Johnson kein Hasser linke politische Superkorrektheit. Aber die Gele­
Chefredaktionsmitglied Chiponda Chimbelu, EU-Kommissarin für Gleichstellung und Hetzer, kein Aufpeitscher des verunsicher­ genheit zu einem trumpistischen Kulturkampf,
ten weißen Mannes gegen Feminismus, Islam zur Mobilisierung der erzürnten Volks­seele, schlug
Helena Dalli, der SPD-Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby, der Soziologe oder Einwanderung, kein Verleumder oder er aus.
Aladin El-Mafaalani, DIW-Präsident Marcel Fratzscher, Bundesjustizministerin Verfolger von Minderheiten. Noch als er in einer Es wäre leichtsinnig und voreilig, in Boris John­
Zeitungskolumne vollverschleierte muslimische son schon den Retter des liberalen Konservativis­
Christine Lambrecht und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staats- Frauen flegelhaft mit Briefkästen verglich (we­ mus zu sehen. Das Inselkönigreich Brexit-Britan­
gen des Sehschlitzes), wandte er sich zugleich nien ist alles andere als typisch für Europa oder den
ministerin Annette Widmann-Mauz. gegen ein Burka-Verbot – während wahr­ Westen, und sein Premierminister besitzt definitiv
scheinlich die Hälfte der patentierten Johnson- das Potenzial, große Chancen erfolgreich zu ver­
Kritiker auf dem Kontinent einen solchen Ein­ spielen. Aber im Projekt Johnson steckt mehr, als
Diversity als gelebte Realität für Wirtschaft und Gesellschaft – die Jahreskonferenz griff in die Religionsfreiheit begrüßen oder zu­ man meist denkt.
mindest erwägen würden. Das ist auch die
zeigt, wie es geht. Seien Sie dabei! Haltung der Rechtspopulisten. Johnson dage­ www.zeit.de/vorgelese
gen bezog die liberale Position.
Der Brexit soll die nationale Souveränität
Aktuelle Informationen und Tickets: der Vereinigten Königreichs wiederherstellen:
Das kann man als konservatives, sogar als rech­
www.diversity-konferenz.de tes politisches Unterfangen beschreiben. Aber­ Der Essay beruht auf dem Buch
Boris Johnson begründet es nicht demagogisch »Boris Johnson. Porträt eines
und reaktionär, sondern liberal und demokra­ Stören­f rieds« von Jan Roß, das am
tisch. Schon als junger euroskeptischer Korres­ 15. September im Verlag Rowohlt
pondent des Daily Tele­graph im Brüssel der Berlin erscheint (173 S., 18,– €)
DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 POLITIK 9

K Brexit
urz vor der achten Brexit-Verhand-
lungsrunde zwischen Großbritan-
Brüssel sieht die Voraussetzungen dafür nur
gegeben, wenn sich Großbritannien beim Ar- Torten
nien und der EU erhöhte der briti-
sche Premierminister Boris Johnson
beits-, Umwelt-, Sozial-, und Wettbewerbsrecht
den Standards der Union unterwirft. Ansonsten der Wahrheit
den Druck. »Wir müssen uns bis
zum 15. Oktober einigen. Wenn wir bis dahin
kein Freihandelsabkommen finden, müssen das Lässt Boris Johnson die besteht aus EU-Sicht die Gefahr des unfairen
Wettbewerbs. Sprich: Wenn sich britische Unter-
nehmen nicht an die Umwelt- und Arbeits-
VON KATJA BERLIN

Verhandlungen platzen?
beide Seiten akzeptieren«, erklärte Johnson. rechtsauflagen aus Brüssel halten müssen und
Großbritannien hat die EU formell zwar am trotzdem ohne Zölle in die EU exportieren
31. Januar 2020 verlassen, aber es wurde eine könnten, wäre das Dumping, denn die Pro­duk­ Wo man in Deutschland
Übergangsfrist bis zum 31. Dezember 2020 fest- tion in Großbritannien wäre günstiger. wirklich einen SUV bräuchte
gelegt. In dieser Zeit soll ein neues Verhältnis Die britische Regierung beteuert zwar immer
beider Seiten ausgehandelt werden. Doch das ist wieder, dass sie kein Dumping betreiben werde,
bisher nicht gelungen, die Verhandlungen ste- doch auf ein bloßes Versprechen gibt man we-
cken fest. Das liegt vor allem an zwei Themen: nig. Es fehlt an Vertrauen – auf beiden Seiten.
Wettbewerbsbedingungen und Fischerei. »Die EU«, sagt ein britischer Verhandler, »will
Obwohl weniger als ein Prozent der europä­ alles beim Alten belassen. Sie will, dass alles so
ischen als auch britischen Wirtschaftsleistung bleibt, wie es ist. Ganz so, als hätten wir die Eu-
von der Fischerei abhängen, ist sie politisch auf- ropäische Union nicht verlassen. Aber wir haben
geladen. Etwa 90 Prozent der britischen Fischer uns nun mal entschieden auszutreten!«
gaben in einer Umfrage vor dem Referendum an, Hier liegt das Kernproblem. Aus britischer Auf Landstraßen
für den Brexit zu sein. Jahrzehntelang hatten­ Sicht muss sich mit dem Brexit etwas verändern,
Auf Autobahnen
europäische Boote Zugang zu den britischen das Land muss neue Chancen bekommen. Wie
Hoheitsgewässern. Die EU möchte, dass das sonst wäre ein so dramatischer Schritt wie der Auf innerstädtischen Straßen
auch nach dem Brexit so bleibt. Die Regierung EU-Austritt zu rechtfertigen? Doch einen spür- Auf Radwegen
in London hingegen will es ändern. Großbritan- baren Unterschied wird es kaum geben, wenn
nien soll künftig jährlich festlegen können, wer London die Brüsseler Bedingungen akzeptiert.
wann wie viel in seinen Gewässern fischen darf. Johnsons »Ultimatum« könnte daher die
»Warum«, fragt ein britischer Experte, der das Überzeugung spiegeln, dass Großbritannien von
Thema Fischerei in Brüssel verhandelt, »will die den Verhandlungen nicht mehr viel zu erwarten Was wir in Filmen
EU unbedingt die Fischgründe zum wesent­ hat. Ein No-Deal-Austritt, hat der Premier er- unrealistisch finden
lichen Teil eines Freihandelsabkommens ma- klärt, »wäre für uns auch ein gutes Ergebnis«.
chen? Fischgründe gehören zu den natürlichen Möglich ist aber auch, dass Johnson nur ver- Früher Heute
Ressourcen eines Landes.« Völkerrechtlich sind handlungstaktisch pokert. Wer zuckt zuerst?
die Briten in der Tat als unabhängiger Küsten- Nach dieser Maxime verhandelte er schon 2019,
staat nicht verpflichtet, ausländischen Fischer- am Ende machte er Zugeständnisse.
booten Zugang zu ihren Gewässern zu gewähren. Diesmal allerdings geht Johnson weiter als je
Und es ist durchaus ungewöhnlich, dass Handels- zuvor. Er spielt nicht nur mit einem »No Deal«,
abkommen und Fischerei verknüpft werden. Die sondern stellt auch bereits erreichte Abmachun-
Fischerei ist insbesondere für Brexiteers ein­ gen infrage. Das Austrittsabkommen, das er
Symbol von nationaler Bedeutung, deshalb muss selbst unterschrieben hat, nennt er jetzt »wider-
Johnson dafür eintreten. Brüssel aber verweist sprüchlich«. Gleichzeitig bereitet seine Regie-
Sie öffnen die Strände,
auf die »Politische Erklärung« beider Seiten aus Foto (Ausschnitt): Robert Perry/Intertopics/ddp rung ein Gesetz zur Regelung des innerbriti- obwohl der weiße Hai
dem Oktober 2019. Dort hieß es, dass die Par- schen Marktes vor, das nach allem, was bisher immer noch tötet
teien ein neues Fischereiabkommen im »Rahmen bekannt ist, das Nordirlandprotokoll im Aus-
Sie öffnen Jurassic Park
der umfassenden Wirtschaftspartnerschaft« aus- trittsabkommen aushebeln könnte – jene Ver- wieder, obwohl so viele
arbeiten. Da die EU Zugang zu den Fischgrün- einbarung, die garantiert, dass die Grenze zwi- Menschen gestorben sind
den nicht erzwingen kann, will sie nutzen, dass schen Nordirland und Irland offen bleibt.
Sie ignorieren alle
Großbritannien auf die Handelsbeziehungen Wischt Johnson tatsächlich schon vereinbarte Warnungen der
angewiesen ist. Die EU ist am längeren Hebel. Regelungen vom Tisch – dann wird es nicht nur Wissenschaftler
Der zweite Knackpunkt ist die Gleichheit der einen »No Deal« geben, dann entsteht in Nord-
Sie gehören verschiedenen
Wettbewerbsbedingungen – das level playing irland wieder eine »harte« Grenze mit potenziell Haushalten an und
field. Die EU bietet Großbritannien eine soge- schwerwiegenden Folgen. Und der britische Pre- umarmen sich?!
nannte dreifache Null an: keine Zölle, keine mier müsste damit leben, dass er wort- und ver-
Quoten, kein Dumping. Boris Johnson präsentiert einen guten Fang britischer Fischer tragsbrüchig geworden ist.  ULRICH L ADURNER

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Raus aus der


Atomkraft,

nicht aus der


Verantwortung.
2022 wird das letzte Atomkraftwerk in Deutschland abgeschaltet.
Übrig bleiben 1.900 Behälter mit hochradioaktivem Abfall.
Erst wenn wir einen sicheren Endlagerstandort gefunden haben,
können wir 60 Jahre Atomgeschichte beenden.

Das letzte Kapitel schreiben


wir gemeinsam.
info-endlagersuche.de
10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

10 STREIT
Heilung oder Hokuspokus?
Hilft die Homöopathie, oder ist sie Geldverschwendung? In der Corona-Krise stellt sich die Frage in neuer Schärfe. Ein Streitgespräch zwischen
Michaela Geiger, Ärztin für integrative Medizin, und Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Mann nicht einfach eine Remission erlebt hat, ben der Kassen kann wohl kaum von einem Gassen: Die Homöopathie gibt es jetzt seit
also ein vorübergehendes oder anhaltendes erheblichen Druck gesprochen werden: An mehr als zweihundert Jahren, und seitdem hat
Nachlassen der Symptome, ohne jedoch ge- den Medikamentenausgaben macht die Ho- noch keiner belegen können, dass sie über den
heilt zu sein? Dafür müsste man eine größere möopathie 0,03 Promille aus, bei den Be- Placebo-Effekt hinaus wirkt. Würden Sie ein
Studie von Patienten machen, die sich alle in handlungskosten 0,05 Promille. Im Gegen- operatives Verfahren seit hundert Jahren an-
einem ähnlichen Stadium befinden. satz dazu steht der Nutzen für viele Patientin- wenden und könnten nicht belegen, dass es
Geiger: Es gibt viele Tausend solcher Fälle. nen und Patienten – denken wir etwa an funktioniert, hätten Sie ein Problem.
Wenn Sie die alle als Zufall deklarieren­ Antibiotikaresistenz, eine häufige Nebenwir- Geiger: Es gibt nichts Unwissenschaftlicheres,
wollen ... kung bei konventionellen Therapien, die als zu sagen: Ich kann es mir nicht erklären,
Gassen: Immerhin, Ihr Beispiel zeigt: Die Ho- durch homöopathische Behandlung reduziert deswegen existiert es nicht. Der Apfel fiel ja
möopathie kann einer von vielen Pfeilen im wird. Wir sollten nicht mit zweierlei Maß auch nicht erst vom Baum, als Newton erklä-
Köcher des Arztes sein. Zumal die Homöopa- messen. ren konnte, warum.
then anderen Kollegen ja durchaus etwas vo- Gassen: Die Homöopathie ist für viele ein ZEIT: Frau Geiger, glauben Sie an das Ge-
raushaben – und das ist die Zeit, die sie mit sehr emotionales Thema. Deshalb kann man dächtnis des Wassers?
dem Patienten verbringen. Die wird homöo- auch nicht politisch damit punkten, die Er- Geiger: Das hat mit »glauben« nichts zu tun.
pathisch behandelnden Ärzten viel großzügi- stattung der Homöopathie zu verbieten, Das ist eine wissenschaftliche Frage.
ger vergütet. nicht einmal in Pandemie-Zeiten. Gesund- ZEIT: In der Homöopathie werden Wirkstoffe
ZEIT: Müssten Sie als Vorsitzender der Kas- heitsminister Jens Spahn wird sich da nicht so stark verdünnt, als würde man eine Aspirin
senärztlichen Bundesvereinigung nicht dafür heranwagen. über dem Atlantik zerbröseln. Die Wirkung
sorgen, dass es besser honoriert wird, wenn ZEIT: Warum sind Sie in dieser Sache so hart, soll trotzdem erhalten bleiben, weil das Wasser
Ärzte sich Zeit nehmen? Herr Gassen? Wir geben jährlich 40 Mil­liar­ sie sich merken könne.
Gassen: Das versuchen wir seit Jahren. Mo- den für Medikamente aus, warum nicht Geiger: Es gibt unterschiedliche Theorien
mentan etwa wollen die Kassen ihre Ausgaben 40 Millionen für homöopathische Mittel? dazu. Das überlasse ich den Grundlagen-
nicht erhöhen, trotz steigender Kosten bei den Gassen: Wo ziehen wir denn die Grenze? Sind forschern. Ich bin Ärztin und muss mich da-
Ärzten. Ärzte bekommen einheitlich 57 Euro 40 Millionen Euro noch okay, aber 100 Mil- mit abfinden, dass es sowohl in der konventio-
in der Stunde. Vergleichen Sie das mal mit lionen nicht mehr? Entweder es gibt eine nellen wie in der homöopathischen Medizin
Handwerkern: Für dieses Geld kommt nicht nachgewiesene Wirkung, dann ist es egal, ob Mittel und Behandlungsergebnisse gibt, für
einmal der Geselle. ein Mittel eine Million oder 100 Millionen die man noch keine Erklärung hat.
Geiger: Zeit ist nicht alles. In der Psychothera- kostet, oder es gibt keine nachgewiesene Wir- ZEIT: Herr Gassen, im vergangenen Septem-
pie oder der Psychoanalyse haben die Thera- kung, dann wird es nicht erstattet. ber haben Sie homöopathische Präparate öf-
peuten noch viel mehr Zeit mit dem Patienten Geiger: Zwei Drittel der Patienten in Deutsch- fentlich als Pseudo-Pillen bezeichnet.
als wir. Folgt man Ihrer Logik, müsste man land fragen nach homöopathischen Behand- Gassen: Das sind sie nach meiner Einschätzung
eine Mittelohrentzündung mittels einer Psycho­ lungsoptionen. Das würden sie doch nicht auch. Ich glaube, dass Homöopathie vielleicht
analyse heilen können. tun, wenn sie ihnen nicht helfen würde. ein therapeutischer Kniff sein mag, mit dem
Fotos: Gene Glover für DIE ZEIT

Gassen: Jetzt mal ernsthaft: Sie werden bei­ Gassen: Es fahren auch jedes Jahr Hundert- eine Ärztin wie Frau Geiger in der individuel-
einem Rheumatiker mit schweren Symptomen tausende Menschen nach Lourdes ... len Praxis, parallel zur richtigen Medikation,
nicht jede Medikation absetzen, ihn rein ho- Geiger: Ich dachte, wir diskutieren sachlich. Wirkung erzielen kann. Da würde ich sagen:
möopathisch behandeln und sagen: Das wirkt. Nur weil man nicht erklären kann, wie die Wer heilt, hat in dem Punkt irgendwie recht.
Geiger: Das habe ich nicht gesagt, denn es Homöopathie wirkt, kann man nicht die ganze
wäre unseriös. Als homöopathische Ärzte sind Disziplin infrage stellen. Homöopathie wirkt! Das Gespräch moderierten
wir Mediziner in einem modernen System. Das Warum muss weiter erforscht werden. Charlotte Parnack und Jan Schweitzer
Wir behandeln integrativ, nicht ausschließlich

»Zwei Drittel der Patienten fragen nach homöopathisch. Eben gerade weil wir einer
fundierten medizinischen Anamnese und ei-
ner individuellen Einschätzung jedes Krank-
homöopathischen Behandlungen« heitsbildes und jedes Patienten so viel Bedeu-
tung beimessen, sagen wir: Homöopathie ge-
Michaela Geiger, Hausärztin und Notfallmedizinerin mit Zusatzqualifikation hört in ärztliche Hand ...
Homöopathie, sitzt dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte vor ZEIT: ... Sie meinen: Sie gehört also nicht in
die Hand von Heilpraktikern?
Geiger: Ich meine, sie gehört in ärztliche
DIE ZEIT: Bei den unterschiedlichen De- liche Leistung sein darf, unabhängig davon, Hand, und wenn sie von Ärzten in ein Ge-
monstrationen gegen die Corona-Beschrän- ob die Kasse sie bezahlt. Wir könnten die Fra- samtbehandlungskonzept einbezogen wird,
kungen, so heißt es oft, laufe ein Mix aus ge auch ausdehnen auf andere Gebiete: Soll es hat sie auch ein Anrecht auf Kostenerstattung
Aluhüten, Neonazis, Impfgegnern und Ho- eine ärztliche Leistung sein, Wünschelrute zu durch die Krankenkassen.
möopathen mit. Sie, Frau Geiger, sind Vor- gehen oder zu töpfern? Gassen: Man muss einfach sagen: Es gibt keine
sitzende des Deutschen Zentralvereins ho- Gassen: Bei Wünschelruten wird’s natürlich einzige Studie im internationalen Schrifttum,
möopathischer Ärzte. Sind Sie Ende August völlig absurd. Die Homöopathie wirkt ja we- die den Nutzen homöopathischer Medika-
auf der Großdemonstration in Berlin mitge- nigstens als Placebo. Lassen Sie es mich so­ mente belegt.
laufen? sagen: Homöopathie ist eine von Ärzten er- Geiger: Es stimmt: Wir haben nicht die Masse
Michaela Geiger: Natürlich nicht. Und ich war brachte Leistung. Sie ist nur keine ärztliche an Studien. Da bräuchte man mehr Mittel
auch sonst auf keiner sogenannten Hygiene- Leistung, die von den gesetzlichen Kassen er- und mehr Lehrstühle, die sich diesem Diskurs
Demonstration. Den Homöopathen, der sich stattet werden sollte. öffnen. Dafür werben wir.
dort angeblich so stark tummelt, gibt es im Geiger: Die Wirkung homöopathischer Arz- Gassen: Ich kenne keine einzige seriöse Unter-
Übrigen genauso wenig wie den Journalisten. neimittel ist in zahlreichen wissenschaftlichen suchung.
ZEIT: Woher kommt die vielfache Nennung Stu­dien belegt. Ihren Nutzen sieht man tag- Geiger: Dann sind Sie nicht gut informiert.
von Homöopathen und Impfgegnern in einem täglich in den Praxen Tausender Kolleginnen Gerne stelle ich für Sie eine Liste an weg­
Atemzug? und Kollegen, bei Millionen von Patientinnen weisenden Stu­dien zusammen, einschließlich
Geiger: Wieso manche das in einen Topf wer- und Patienten. Die Wirkung ist also unbe- der, die wir jüngst veröffentlicht haben, zur
fen, weiß ich nicht. Beim Deutschen Zentral- streitbar, auch wenn der Wirkmechanismus ärztlich homöopathischen Begleitbehandlung
verein homöopathischer Ärzte orien­tie­ren wir noch geklärt werden muss. Aber: Den kennen nach Brustkrebsoperationen.
uns an den Empfehlungen der Ständigen wir bis heute auch bei vielen konventionellen Gassen: Ich bin nur erstaunt, dass die keinen
Impfkommission. Als niedergelassene Haus- Arzneimitteln und Behandlungskonzepten Weg ins Schrifttum findet.
ärztin und Notfallmedizinerin ist für mich die nicht, beim Paracetamol zum Beispiel oder bei Geiger: Das wundert uns auch.
medizinisch optimale Grundversorgung mei- der Stoßwellentherapie. ZEIT: Frau Geiger, wie grenzen Sie sich von
ner Patienten entscheidend, wenn möglich Gassen: Da haben Sie einen Punkt. Der Un- homöopathischen Kollegen ab, die öffentlich
und sinnvoll, mit homöopathischen Mitteln; terschied ist aber: Die Homöopathie hat ein- behaupten, sie könnten Patienten mit schwe-
nicht die Frage: Hat die ärztliche Dis­zi­plin fach keinen bewiesenen Nutzen. ren Corona-Symptomen heilen?
Homöopathie ein Image­pro­blem? Komme ich Geiger: Doch, dafür gibt es unzählige Beispie- Geiger: Das sind Einzelfälle. Sie sprechen
gut rüber? Ich bin Ärztin, nicht Beyoncé. le! Ich gebe Ihnen eins: Ein Mann, der seit nicht für den Verband. Wir haben uns un-
ZEIT: Frau Geiger hat gerade gesagt, die Ho- 20 Jahren an Rheuma litt und medikamentös missverständlich positioniert und unsere Kol-
möopathie sei eine ärztliche Disziplin. Wür- austherapiert war, findet einen Arzt, der zu- leginnen und Kollegen dazu aufgerufen, den
den Sie dem zustimmen, Herr Gassen? sätzlich zur schulmedizinischen Behandlung Empfehlungen des Robert Koch-Instituts
Andreas Gassen: Wir haben in Deutschland die Homöopathie anbietet. Die Medikation und der nationalen Gesundheitsbehörden zu­
eine weit ausgelegte Therapiefreiheit: Jeder des Mannes wird reduziert und mit Homöo- folgen.
Therapeut kann seinen Patienten behandeln, pathika neu eingestellt – sein Zustand bessert ZEIT: Durch Corona wird das Geld im Ge-
wie er es für richtig hält – auch homöopa- sich. Möchten Sie dem sagen, er habe sich sein sundheitssystem knapper. Wächst dadurch der »Es fahren auch jedes Jahr
thisch. Ich frage mich aber, ob das dann auch Rheuma vorher eingebildet? Wurde ihm die Druck auf die Kassen, die Homöopathie nicht
die gesetzlichen Krankenkassen erstatten sol- Besserung durch homöopathische Mittel nur mehr zu erstatten?
len. Ich finde: Nein. suggeriert? Geiger: Klar müssen auch Krankenkassen
Hunderttausende nach Lourdes«
ZEIT: Danach haben wir nicht gefragt. Wir Gassen: Das ist ein Einzelfall, Frau Geiger, er kalkulieren. Aber angesichts des geringen An- Andreas Gassen, Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie,
wollten wissen, ob die Homöopathie eine ärzt- beweist nichts. Woher wissen Sie, dass der teils für Homöopathie an den Gesamtausga- ist Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Streitpunkt: Wissenschaftliche Studien


Um die Frage nach dem Nutzen einer Therapie beant- verfassen, wer eine Wirkung bei einzelnen Patienten Wirkung durch Zufall oder einen Placeboeffekt bedingt Gruppen verteilt: eine Therapiegruppe und eine Kon-
worten zu können, braucht es Studien. Der Begriff lässt oder Fällen beobachtet und schriftlich festhält. Hoch- war. Bei randomisierten kontrollierten Studien, dem trollgruppe, die etwa ein Placebo bekommt. Nachher
sich allerdings weit auslegen. Eine »Studie« kann schon wertige Studien hingegen schließen gezielt aus, dass eine Goldstandard, werden Probanden zufällig auf zwei wird geprüft, welche Gruppe besser abschneidet.
»Eine Demokratie, in der
nicht gestritten wird, ist keine.«
DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 HELMUT SCHMIDT 11

Exorzismus
statt
Aufklärung
In der »New York Times« wich die Meinungsfreiheit dem
Gruppendruck, und aus Streit wurde Einschüchterung.
Warum ich die Zeitung vor fünf Jahren verließ  VON EDWARD ROTHSTEIN

in Arbeitsplatz, an dem Schikanen an der Tagesordnung gewissen Grad allesamt Primadonnen, überzeugt davon, wurde völlig alleingelassen. Debatten waren plötzlich liches erlebt). Plötzlich entstand in der Redaktion Nervo-
sind, an dem man von Klickzahlen besessen ist, an dem als Einzige den Durchblick zu haben. weniger wichtig als eine geschlossene Front. sität darüber, dass ich über ein 9/11-Gedenkmuseum
man kriecherisch linke ­Ideen anhimmelt und man ab- Der Wandel geschah abrupt, er fußte aber auf zwei lang- Das war die zweite Transformation. Sie hing mit einem schreiben wollte – ein Unwohlsein, das, wie man mir ver-
weichenden Meinungen mit Herablassung und Intole- fristigen Entwicklungen. Die erste war der Wegfall der ­Ideal zusammen, das aus dem Ruder gelaufen war. Mehr sicherte, nichts mit politischen Ansichten zu tun habe.
ranz begegnet. Unterscheidung zwischen Meinung und Tatsache. Ich als 40 Jahre lang hatten sich Regierungsstellen, Unterneh- Mittlerweile sind alle Masken gefallen. Nach der Schil-
So lautete die Anklage in dem Brief von Bari Weiss an wurde 1981 als Musikkritiker eingestellt. Damals wurde men, Kunsteinrichtungen und Universitäten Diversität auf derung von Bari Weiss werden Exorzismen und Spießruten-
A. G. Sulzberger, den Herausgeber der New York ­Times, streng getrennt zwischen kritischer Meinung und Bericht- die Fahnen geschrieben. Es ging um den Anteil von Schwar- läufe öffentlich zelebriert. Im Vorfeld der Entlassung von­ Edward Rothstein, 67,
mit dem sie im Juli als Kolumnistin und Redakteurin bei erstattung. Meinungen wurden ausschließlich auf den zen, Latinos und Frauen in den Institutionen. In einigen James Bennet als Kommentarchef beklagten Redaktions- schreibt als Kritiker
einem der renommiertesten Horte des Journalismus ge- Kommentarseiten und in den Kritiken geäußert. Aber die – wenn auch aus meiner Sicht nicht in allen – Fällen war mitglieder, die Veröffentlichung des Gastbeitrags des­ für das »Wall Street
kündigt hat. Ihre gegen den Strich gebürsteten Beiträge der Trennung weichte bereits auf. Der »New Journalism« ver- dieses Bemühen wichtig. Unterschiedliche Hintergründe Senators habe ihr Leben gefährdet – eine Behauptung, die, Journal« und ist Autor
vorangegangenen drei Jahre hatten sie zu einer Provoka- wandelte Storys in persönliche Erfahrungsberichte. Diese sorgen in der Redaktion für mehr Quellen für Geschichten, wäre sie auch nur ansatzweise plausibel, absolut eine (»Emblems of Mind:
teurin gemacht, »die die Linken zu hassen lieben«, wie es Entwicklung ging auch an der T ­ imes nicht spurlos vorbei. für neue Perspektiven und erweitern so die Leserschaft. Nachricht wert gewesen wäre. Aus Liberalismus erwuchs The Inner Life of Music
Vanity Fair formulierte. Das scheint man innerhalb des Dennoch setzte die Redaktion damals weiter auf Ab- Allerdings begann Ideologie eine immer größere Rolle zu eine illiberale Can­cel-­Cul­ture, Diversität wurde zu Uni- and Mathematics«).
Blattes wörtlich genommen zu haben – Kollegen ließen wechslung und Gegensätze. Die traditionell liberale ­Times spielen. Fehlende »Repräsentation« wurde als Beleg für formität. Sämtliche Ereignisse auf dieser Welt scheinen Er arbeitet derzeit
Weiss versteckte Drohungen zukommen und beschimpften sei breit genug aufgestellt, um unterschiedliche Lesergrup- absichtliche Diskriminierung gewertet. durch vorgefertigte Rassen- und Gender-Filter betrachtet an einem Buch über
sie als Rassistin und als Nazi. Und der Verleger? Er habe pen zu bedienen, glaubte man, und so fanden unterschied- Diese Auffassung wirkte sich auch auf die Redaktions- werden zu können. Beethovens

E
sich von den progressiven Kräften einschüchtern lassen, liche Sichtweisen ihren Platz. Selbst wir Kritiker trugen politik aus. Manager der ­Times wurden darüber infor- »Neunte Sinfonie«
die das Blatt und seine Berichterstattung dominierten, so Meinungsverschiedenheiten nicht selten im Blatt aus. miert, dass ihre Leistungen unter anderem danach be- s gibt noch einen Faktor, der dazu beitrug:
Weiss. Diese Anklage befeuerte eine ohnehin schon erhitzt Führte in diesen Zeiten, vor Twitter, ein Artikel zu wüten- wertet werden würden, wie divers sie Autoren einstellen 2014 verfasste A. G. Sulzberger einen »In-
geführte Debatte rund um die politische Be­richt­erstat­tung den Leserbriefkampagnen, wäre niemand auf die Idee ge- und befördern. Die Geschlechterfrage wurde irgend- novationsbericht«, in dem er darlegte, wie
der Zeitung. kommen, sich ihnen zu beugen, sofern der Artikel nicht wann so dominant, dass bei der Blattplanung erfasst man die ­Times ins digitale Zeitalter führen
Bereits im Juni waren über Weiss’ Chef ­James Bennet Fehler enthielt. Ich als Musikkritiker erwartete beispiels- wurde, wie viele Autorinnen am nächsten Tag auf Seite solle. Es ging darum, »Traffic auf die Web­
extern wie intern ähnliche Wellen der Empörung herein- weise keine empörten Aufschreie, wenn ich Glenn Gould eins stehen würden. Die ­Times veröffentlichte fortan site zu bringen« und »digitale Leader« zu fördern, die
gebrochen. Nach der Tötung von ­George Floyd hatte er feierte, aber meine Einschätzung, John Coriglianos »Aids- jährlich einen »Diversitäts- und Inklusionsbericht«. In sich ein Unternehmen wünschen, »das ihre Werte an-
einen Gastbeitrag veröffentlicht, in dem ein US-Senator Sinfonie« sei plump und flitterhaft, stand im Widerspruch der Ausgabe von 2019 heißt es, dass People of ­Color erst spricht«. Und es ging darum, mithilfe von Webanalytik
anregte, die Plündereien und die Gewaltausbrüche, die die zur damals weitverbreiteten Meinung, das Thema Aids 16 Prozent der Redaktion stellen, sich unter den Neu- zu entscheiden, was und wie man veröffentlicht. Nun
Demonstrationen begleiteten, vom Militär niederschlagen genieße aufgrund seiner immensen Bedeutung musikalische eingestellten aber bereits »43 Prozent als People of ­Color war digitale Transformation schon zuvor Thema bei der
zu lassen. Innerhalb von Tagen verlor Bennet seinen Posten Immunität. Es hagelte wütende Briefe. Aber musste ich identifizieren«. ­Times, wie überall in der Medienwelt. Aber dieser Be-
als Kommentarchef der ­Times – sauber geköpft vom Times- mich entschuldigen, oder verlangte das überhaupt jemand All dies geschah, während sich gleichzeitig die wirt- richt hatte doch etwas Alarmierendes an sich. Dem
internen Lager der Cancel-Culture-Anhänger, die testeten, von mir? Nein. schaftlichen Aussichten der Zeitungen trübten. Als Re- wichtigsten Trumpf der T ­ imes kam hier bestenfalls mi-

I
wie weit sie gehen konnten. Eine ähnliche Guillotine traf aktion darauf begann die ­Times 2008 mit der ersten von nimale Aufmerksamkeit zu – nämlich dem redaktionel-
den Chefredakteur des Philadelphia Inquirer, der kündigte, n jüngerer Zeit, im Jahrzehnt nach 9/11, habe ich sechs Umstrukturierungsrunden, in deren Verlauf viele len und kritischen Urteil, das doch als Gegengewicht zu
nachdem sich Teile seiner Redaktion empört hatten – über eine Reihe kontroverser Beiträge geschrieben, in erfahrene Kräfte mit Abfindungen zum Gehen bewogen »mehr Traffic« wirken sollte.
die Überschrift »Buildings Matter, Too«. denen ich zum Beispiel die Rechtfertigung von und oftmals durch Berufsanfänger ersetzt wurden. Inner- Es hätte auch klar sein müssen, dass es außerhalb wie
Eigentlich sollte man doch meinen, dass wenigstens der Gewalt gegen den Westen als pervers bezeichnete halb weniger Jahre wurde auf diese Weise das institutio- innerhalb der Zeitung zur Bildung von Mobs führen kann,
Journalismus ein sicherer Ort für Debatten und Meinungs- und die Idee des »Postkolonialismus« kritisierte. nelle Gedächtnis eines halben Jahrhunderts ausgelöscht; wenn man den sozialen Medien dermaßen viel Bedeutung Entgegnung
verschiedenheiten ist. Stattdessen hat dort eine Art religiö- Ich vertrat auch die Ansicht, dass viele Museen bei dem die Redaktionskultur änderte sich grundlegend – nicht einräumt. In den USA sind die sozialen Me­dien viel weiter
ser Eifer Einzug gehalten. Versuch, Geschichte zu korrigieren oder zu überarbei- gerade der beste Weg, um innerhalb einer großen In­sti­tu­ verbreitet und daher machtvoller als in Europa. Redak- Der Herausgeber der
Frau Weiss’ Darstellung entspricht nicht der Zeitung, ten, eine ganze Reihe von neuen Problemen und Ver- tion für Kontinuität zu sorgen. Zunächst waren die Ver- teure bringen ihnen viel mehr Ehrfurcht entgegen, als es »New York Times«,
die ich während meiner fast drei Jahrzehnte in der Redak- zerrungen schufen. Mit zahlreichen Artikeln entsprach änderungen subtil, aber spätestens 2014 hatte sich im ge- früher bei Leserbriefen der Fall war. Twitter sei bei der­ Arthur Greg Sulzberger,
tion der New York T ­ imes kennengelernt habe. Ich habe dort ich nicht der Political Correctness des Main­ streams. samten Blatt das Klima gewandelt. Die wachsende Militanz Times mittlerweile zum »obersten Redakteur« geworden, erklärt auf Anfrage der
als Chef-Musikkritiker und Critic at L ­ arge über Bücher,­ Aber sie regten zu Diskussionen an. der Identitätspolitik tat ein Übriges. kritisiert ­Bari Weiss. Wenn das zutrifft, ist es eine Folge ZEIT zu diesen Vorwürfen:
Ideen, Musik und Museen geschrieben. Und die meiste Zeit Heutzutage würden wenige solche Texte überhaupt er- In meinen Artikeln stellte ich mich oftmals gegen eini- dieser »Innovationen«.
über vertrat ich, wie Frau Weiss, Ansichten, die nicht völlig scheinen. Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen änderte ge Aspekte dieser ­Ideen, deshalb nahmen meine Schwierig- Der Bericht hatte zudem eine einschüchternde Ton­ Die Times fühlt sich
deckungsgleich mit der politischen Ausrichtung des Blatts sich die ­Times. Den ersten Vorgeschmack auf den anste- keiten zu. Ich argumentierte beispielsweise, dass eine neue lage, die in gewisser Weise den Ton der Can­cel-­Cul­ture verpf lichtet, die USA und
waren. Dennoch habe ich unter mindestens zehn Feuille- henden Wandel bekam ich 2008, als ich eine Kolumne über Art von Museum entstand, die für unsere Zeit genauso vorwegzunehmen schien. So wurden Me­dien geprie- die Welt so darzustellen,
tonchefs (mit denen mein Verhältnis von »nicht ganz Studs Terkel schrieb, einen linksgerichteten Gesellschafts- repräsentativ sein würde wie die imperialen Museen im sen, die Abfindungen genutzt hatten, um »Reporter wie sie sind. Deswegen
einfach« bis hin zu gegenseitiger Bewunderung reichte) kritiker. Ich kritisierte, dass er die Geschichte durch seine Euro­pa des 19. Jahrhunderts – die »Identitätsmuseen«. Im und Redakteure loszuwerden, die sich dem Wandel ak- widmen wir dem
rund 2300 Namensartikel verfasst. Das war keine Land- ideologische Brille betrachtete und dabei nicht immer auf- Mittelpunkt steht eine bestimmte Volksgruppe oder Ethnie, tiv entgegenstellten«. Diese Ausfege-Strategie setzte Versuch, unterschiedliche
Illustration: Karsten Petrat für DIE ZEIT; kl. Foto: privat

partie – welche Laufbahn in einem stark von Konkurrenz- richtig vorging. Ranghohe Redakteure liefen Sturm gegen aber in vielen Fällen ähneln sich die Narrative auffallend: sich bis ins Jahr 2017 hinein fort und öffnete die Re- Blickwinkel auf die
denken und hohem Einsatz geprägten Bürokratieapparat meine These, Terkels ­Ideen entsprängen dem Marxismus, Die jeweilige Gruppe litt unter Vorurteilen oder Rassismus, daktion dafür, in immer stärkerem Maße politisch wichtigsten Themen
ist das schon? –, aber ein derart groteskes Verhalten, wie es aber der Chefredakteur schrieb mir einen Brief, in dem er wahrte aber ihre Identität, fand auf diesem Weg zu einem Partei zu ergreifen. unserer Zeit zu verstehen,
Frau Weiss beschreibt, ist mir dabei nicht untergekommen. mir zusicherte, der Artikel sei wertvoll und anregend – den neuen Leben und fordert nun Gerechtigkeit. Ich habe Ende 2014 ein Abfindungsangebot der New mehr Ressourcen als fast
Trotzdem unterscheidet sich Bari Weiss’ Schilderung Aufruhr könne man getrost ignorieren. Der Gegenwind nahm zu. Ein Redakteur kritisierte York ­Times angenommen und bin zum Wall Street Journal jedes andere Medium.
eher in Details als grundsätzlich von dem Klima, das be- Doch irgendwann kam der Punkt, an dem es damit meine Nutzung des Begriffs »Triggerwarnung«, weil es ihm gewechselt. Angesichts all dessen, was wir jetzt hören: Eine vielfältig aufgestellte
gonnen hatte, rapide um sich zu greifen, als ich vor gut fünf vorbei war. Im Jahr 2014 wurde der Text eines Kollegen schien, als würde ich mich darüber lustig machen – was ich Kann das im Ernst die innovative In­sti­tu­tion sein, die sich Redaktion, die nachdenk-
Jahren die Zeitung verließ. Zum Teil war diese Entwicklung scharf attackiert, online und innerhalb der Redaktion, tatsächlich tat. Das gehe nicht, sagte er, weil es Befindlich- Herr Sulzberger gewünscht hat? lich ist gegenüber der
das ungewollte Ergebnis eines notwendigen institutionel- weil er angeblich rassistische Stereotype bedient hatte (in keiten von Menschen ignoriere, die unter Vorurteilen und Welt, die wir abbilden,
len Wandels. Für andere Ursachen muss ich auf eigene Wahrheit hatte der Text genau diese Lesart von sich ge- Vernachlässigung zu leiden hätten. Ein anderer Redakteur Aus dem Englischen von Matthias Schulz ist wesentlich für unsere
Erfahrungen rekurrieren – was nicht ganz ohne Risiko ist, wiesen). Die Art und Weise, wie die Redaktion zurück- erklärte seine grundsätzliche Missachtung für meine Arbeit Mission, das Verständnis
schließlich sind Autoren und Redakteure bis zu einem ruderte, war in meinen Augen beschämend; der Autor (kein anderer mir bekannter altgedienter Kritiker hat Ähn- Englische Originalversion unter www.zeit.de/streitnyt unserer Leser zu verbreitern.
12 INHALT 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Titelthema: Corona im Herbst – was uns schützen wird

POLITIK Cum-Ex-Affäre  Hat Vizekanzler Olaf »Herzfaden«, Thomas Hettches


Scholz, als er noch Hamburger Bürger­ für den Deutschen Buchpreis
SPD  Wie zwei, die sich eigentlich meister war, in Bedrängnis geratenen nominierter Roman über die
fremd sein müssten, künftig gemeinsam Bankiers geholfen?  23 Augsburger Puppenkiste 
die Partei prägen wollen. Ein Gespräch VON CHRISTOPH SCHRÖDER  49
mit Lars Klingbeil und Kevin Kühnert 2 Tierfutter  Der US-Konzern Mars will
nachhaltig werden  Oper  Frank Castorf inszeniert in der
US-Wahl  Eine New Yorker Architektin VON MARCUS ROHWET TER  24 Hamburger Staatsoper 
will jetzt wieder für Donald Trump VON FLORIAN ZINNECKER  50
stimmen. Warum? 
VON KERSTIN KOHLENBERG  3 UNTERHALTUNG Kino  Das Filmfestival in Venedig
ist das erste große Kinoereignis seit
Bundestagswahl 2021  Die politische Social Media  Ein Gespräch mit Erotik- dem ­Lockdown 
Lage ist so unübersichtlich wie noch nie  Star Katja Krasavice über das Geschäfts­ VON K ATJA NICODEMUS  50
VON MAT THIAS GEIS  4 modell YouTube und die Kunst, ein
selbstbestimmtes Leben zu führen
Iran  Die Menschenrechtsanwältin VON J. KR AMER UND C. L AURENCE 26 GLAUBEN & ZWEIFELN
Nasrin Sotudeh ist seit Wochen im
Hungerstreik. Ein Gespräch mit ihrem Katholiken  Der Frankfurter Stadt­
Ehemann Resa Chandan 5 WISSEN dekan fordert seine Kirche auf, sich vom
Absolutismus zu verabschieden: »Hört
Der Fall Nawalny  Kann der Kreml die Titelthema: Wie gut ist Deutschland auf, die Leute für dumm zu verkaufen«
Foto: Vera Tammen für DIE ZEIT

Beziehungen zu Deutschland noch vorbereitet?  Der Herbst kommt. Das VON JOHANNES ZU ELTZ 52
retten?  6 Virus bleibt. Sind wir gewappnet?  27
Das ZEIT-Kultur-Spezial über die
Andrej Kortunow, Direktor des Geschichte  Die wichtigste Handschrift Höhepunkte des Herbstes:
regierungsnahen Thinktanks RIAC, des Mittelalters geht auf Reisen – mit
im Gespräch über das Deutschlandbild Polizeischutz  VON URS WILLMANN  30 Musik Ein Interview mit der großen
der Russen  7 Pianistin Hélène ­Grimaud über ihr
Bildung  Wie gut ist die Integration Leben in Zeiten der Pandemie 53
Was ein Ausstieg aus Nord Stream 2 die geflüchteter Kinder gelungen? 
Deutschen kosten würde  VON ANANT AGARWAL A  31 Vom Tennisplatz in den Konzertsaal:
ZEITNAH Begegnung mit der vielversprechenden
VON MICHAEL THUMANN  7
Technik  Eine Waschmaschine, die fast Dirigentin Marie Jacquot 
Alter Meister Konservative  Die rechte Mitte ist eine
gefährdete politische Spezies. Aber der
ohne Wasser wäscht 
VON BURKHARD STR AS SMANN  32
VON HANNAH SCHMIDT  54

britische Premier Boris Johnson bedeutet Kunst  Christoph Hänsli porträtiert


Berühmt wurde Walter Schels mit Bildern von weise blickenden Neugeborenen. Für für sie eine überraschende Chance  Bildung  Was man über die Zukunft die scheinbar gewöhnlichen Dinge so,
diese ZEIT-Ausgabe hat der 84-Jährige nun Bewohner eines Altenheims fotografiert – VON JAN ROS S  8 wissen muss – der akademische Rat  32 dass sie zu Verbündeten werden.
Ein Atelierbesuch 
in einem provisorischen Studio in der Kapelle des Heims, wo ihm seine Altersgenossen Brexit  Lassen die Briten die Verhand­ Medizin  Ärzte bieten Darmspülungen VON K ATJA NICODEMUS  55
zur Entschlackung an – und das soll
bereitwillig Modell saßen. Vor jeder Aufnahme erstellte Schels ein Horoskop des lungen platzen? 
helfen?  VON JAN SCHWEITZER  33 Theater Eine höchst subjektive
VON ULRICH L ADURNER  9
Porträtierten – um sicherzugehen, sein Wesen richtig zu erfassen  DOSSIER, SEITE 13 Vorschau auf die Abgründe, Stücke,
Sozialwissenschaft  Begegnungen mit Glücksmomente der neuen Saison 
STREIT Maja Göpel, einer der wichtigsten VON PETER KÜMMEL  57
Stimmen in der Nachhaltigkeitsdebatte34
Homöopathie Bringt sie Heilung, Die rastlose Wiener ­Regisseurin
oder ist das alles Hokuspokus? Infografik  Die Waldbrände in Sara Ostertag 
Ein Streitgespräch zwischen einer Kalifornien 42 VON ANDREA HEINZ  57
integrativen Medizinerin und dem Chef
Jazz  Er verdichtet das Gute – die ­
der Kassenärzte  10
LEO – DIE SEITE faszinierend organische Musik des
Medien  Exorzismus statt Aufklärung – FÜR KINDER Schlagzeugers Makaya McCraven 
warum ich die »New York Times« VON ULRICH STOCK  58
verließ  VON EDWARD ROTHSTEIN  11 Auf dem Boot um die Erde Eine
Familie mit fünf Kindern segelt knapp Architektur  Eine Meisterin des Um­
zwei Jahre über die Weltmeere. bauens: Die Architektin Anne Lacaton
DOSSIER Das Logbuch eines großen Abenteuers  fordert das persönliche Recht eines jeden
VON MARIE- CHARLOT TE MA AS  41 auf Zugang zu einem Wintergarten –
Foto: Andrei Liankevich

Erfahrung  Zwölf Bewohner eines ein Interview 58


Foto: Peter Hundert

Hamburger Altenheims blicken auf ihr


Leben zurück  FEUILLETON Serien  Vier Empfehlungen ­
VON NADINE AHR UND AMR AI COEN  13 für den Herbst 
Debatte Warum Schriftsteller einen VON ANTONIA BAUM , MA XIMILIAN KÖNIG,
Auftritt mit ihrer Kollegin Lisa Eckhart ANSELM NEFT UND L ARS WEISBROD  60
GESCHICHTE nicht verweigern sollten
Performance und Musik  Die ­
Das Gesicht der Revolution Spielzeit
VON NAVID KERMANI  43
USA  Amerikas Schicksalswahlen Künstlerin Anne Imhof erkundet,
von 1800 bis heute: Steht das Land ­ Club  Das legendäre Berghain in Berlin was noch ­übrig ist von der Verheißung­­
erneut vor einer historischen Zäsur?  ist jetzt eine Kunsthalle  namens Sex 
Vor wenigen Tagen erzählte uns Maria Kalesnikowa Von der Pianistin Hélène Gri­ VON MANFRED BERG  17 VON TOBIAS TIMM  43 VON JENS BALZER  61
für die Rubrik »Ich habe einen Traum« von ihren maud bis zum Maler der per­ Kino  Das Festival Viennale zerlegt die
Alltag  Die Ordnung des Fernsehens
Hoffnungen für ihr Land Belarus. Nach Redaktions­ fekten Wurst: Ein Spezial zu RECHT & UNRECHT strukturiert nicht mehr den Tag  Filmgeschichte – und setzt sie neu
zusammen 
schluss wurde die Oppositionelle von Unbekannten den kulturellen Höhepunkten Meine Urteile (XIII)  Die Wirrungen
VON ANDREAS BERNARD  43
VON GEORG SEES SLEN  62
verschleppt – ihre Gedanken bleiben frei  ZEITMAGAZIN des Herbstes  AB SEITE 53 um einen Reiterhof führen zur schmerz­ Gesellschaft  In der Corona-Krise
lichen Erkenntnis, dass am Baum der erweist sich die schweigende Mehrheit
richterlichen Wahrheit gelegentlich nur als Schwarmintelligenz  ENTDECKEN
Pferdeäpfel hängen  VON URSUL A MÄR Z  44 Sind wir euch zu viel? Erzieherinnen
IN DEN REGIONALAUSGABEN ZUM HÖREN VON THOMAS MELZER  18
Vorabdruck  Aus dem politischen ­ und Erzieher berichten vom Alltag an
Tagebuch »Der innere Stammtisch«  der Kita-Front  VON NATALY BLEUEL
ZEIT im Osten Archäologen ZEIT Österreich Heinz-Chris­ Die so gekennzeichneten UND CAROLIN PIRICH  63
renovieren in Brandenburg tian Strache macht Wahlkampf Artikel finden Sie als WIRTSCHAFT VON IJOMA MANGOLD  45
Gruften und erforschen das Audiodatei im »Premium­
in Wien und kämpft gegen seine bereich« unter New York  Die Pandemie könnte die Kunst  Die Berlin-Biennale sucht ihr Entdeckt  Kino in Zeiten von Corona 
Verhältnis zum Tod Verbitterung  VON L . K APELLER  16 www.zeit.de/vorgelesen Metropole auf lange Zeit verändern Glück in Esoterik  VON FR ANCESCO GIAMMARCO  65
VON R AOUL LÖBBERT  16 VON HEIKE BUCHTER  19 VON HANNO R AUTERBERG  46
Für den Schulstart wurde viel ANZEIGEN IN Ein Tag im Leben von ... Deutschlands
Ist Berlins Innensenator Andreas Wert auf Hygienemaßnahmen DIESER AUSGABE Autoindustrie  Die Branche kann erstem Hatespeech-Beauftragten
Ausstellung  Aby Warburgs Bilderatlas
Geisel schuld an der Eskalation und Infektionsschutz gelegt. Die nur überleben, wenn sie digital und VON MARCEL L ASKUS  66
wird in zwei Berliner Museen präsentiert 
Foto: Hill & Aubrey

Bildungsangebote
der Corona-Proteste?  Pädagogik kommt aber viel zu klimafreundlich wird 
und Stellenmarkt VON MICHAEL DIERS  46
VON MARTIN NEJEZCHLEBA  18 kurz   VON K . H . GRUBER  17 (ab Seite 35), VON JEAN UWE HEUSER  19 Reise  Auf der Suche nach dem
Agenda Kultur: Sinn & Verstand  Ernährung – Schlauchboot-Rave in Berlin 
ZEIT Schweiz  Im Schweizer Spindoctoren und Einflüsterer Museen, Kunstmarkt, Netflix  Firmenchef Reed Hastings VON ROBERT HOFMANN  67
wovon wir leben und wie Ökologie neu
Mittelland ist das Trinkwasser sind seit Jahrhunderten mächtige Bühnen (Seite 50) spricht über seinen Führungsstil und die gedacht werden kann 
Durch die Serie »Normal mit einem Pestizid belastet. Wie Hintermänner. In einem neuen Strategie für den Streaminganbieter  20 Wie es wirklich ist ... vereinsloser
VON CORINE PELLUCHON  47
People« wurde der irische gefährlich ist das?  VON S . JÄGGI Fußballprofi zu sein 
Buch wird ihre Geschichte er­
Schauspieler Paul Mescal UND BARBAR A ACHERMANN  16 China  Siemens-CEO Joe Kaeser Worüber denken Sie gerade nach? – VON MARIAN SARR  70
zum Symbol einer neuen, zählt, von Metternich bis heute   FRÜHER
18 kritisiert den Umgang mit Hongkong  Über den Versuch, im Chaos zu denken 
behutsamen Maskulinität. Das rot-grün dominierte Bern ist VON MANFRED MATZK A  INFORMIERT! VON CL A AS TATJE  20 VON ADAM TOOZE  47
Was macht ihn so be­ sich selbst genug
Irene Fuhrmann ist Österreichs Die aktuellen Themen RUBRIKEN
sonders? Claire Beermann VON J ÜRG STEINER  18 der ZEIT schon am Inflation  Wird jetzt alles teurer? Die Sachbuch  Johny Pitts »Afropäisch« 
erste Fußballnationaltrainerin. Leserbriefe  16
hat ihn getroffen. Mittwoch im ZEIT-Brief, wichtigsten Antworten VON ANDREAS ECKERT  48
In Luzern kämpft ein Mann um Aber will sie auch Vorkämpferin dem kostenlosen Stimmt’s? 33
VON MARK SCHIERITZ  21
Außerdem: Eine junge eine Modelleisenbahn   für Geschlechtergerechtigkeit sein?  Newsletter Die Position 35
Roman  Christoph Peters »Dorfroman« 
Gartenbauerin erklärt, wie VON MAT THIAS DAUM  18 VON GER ALD GOS SMANN  26 www.zeit.de/brief Politischer Fragebogen  Die Verlegerin VON MARKUS CL AUER  48 Worum geht’s 36
wir Obst und Gemüse Friede Springer über ihren Werdegang – 3 ½ Fragen 37
richtig und damit länger und ihr Verständnis von Macht  Ronya Othmann »Die Sommer«  Impressum  48
lagern können Die ZEIT inklusive aller Regional- und Wechselseiten finden Sie in der ZEIT-App und im E-Paper. VON TINA HILDEBR ANDT  22 VON WIEBKE POROMBK A  49 Was mein Leben reicher macht 70

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10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

DOSSIER 13

Zwölf
Leben
Dieses Dossier erzählt von einem
Altenheim. Aber nicht von Corona
oder dem Pflegenotstand, sondern
von den Bewohnern. 1016 Jahre
voller Leid, Glück, alltäglichem
Abenteuer haben sie hinter sich.
Für die Nachwelt hätten sie ein paar
Ratschläge  VON NADINE AHR UND
AMRAI COEN; FOTOS: WALTER SCHELS

E
Margot-Johanna Neindorf
Sie ist mit ihren 99 Jahren die älteste s ist ein Ort, an dem das Leben sich dem
Bewohnerin des Altenheims St. Markus. Ende neigt und an dem sich doch so viel
In ihrer Brieftasche mehr Leben findet als anderswo. Das Alten-
bewahrt sie ein Foto von sich und heim St. Markus, ein Gebäuderiegel mitten
ihrem Ehemann auf in Hamburg, vor dem Haus eine viel be-
fahrene Straße, hinter dem Haus ein Garten
mit Teich. Im Erdgeschoss gibt es einen
Kiosk, einen Fußpfleger und einen Friseur. In den Stock-
werken darüber: 104 Zimmer, 116 Bewohner. Wer hier ein-
zieht, zieht nicht wieder aus.
Wenn über alte Menschen berichtet wird, geht es meist um
ihre Sorgen und Nöte. In den vergangenen Wochen und Mo-
naten noch mehr als sonst. Wieder und wieder, auch in der
ZEIT, wurde beschrieben, wie die Pandemie die Altenheime
bedroht, wie das Besuchsverbot die Bewohner vereinsamen lässt.
Dieser Text aber soll nicht von Krankheit und Pflegenotstand
erzählen, sondern von Menschen und ihrer Sicht auf die Welt.
Es sind Menschen, die weder besonders arm noch besonders
reich sind, weder berühmt noch unbedeutend. Früher waren sie
mal Fischverkäufer oder Sekretärinnen, Lehrer oder Hausfrauen.
Heute haben sie im St. Markus, das der christlich orien­tier­ten
Martha-Stiftung gehört, ihr letztes Zuhause gefunden.
Zwölf Bewohner sollen hier zu Wort kommen und von
dem erzählen, wovon sie nach so vielen Jahrzehnten mehr
wissen als die meisten anderen Menschen: dem Leben. Ge-
nauer gesagt: ihrem Leben.
Die Gespräche wurden vor der Corona-Krise begonnen
und nach dem Ende des Besuchsverbots fortgeführt.

Die Älteste
Margot-Johanna Neindorf, 99 Jahre alt, Zimmer 313
Frau Neindorf kam Ende vergangenen Jahres ins Heim,
nachdem sie auf dem Herd ein Küchentuch liegen gelassen
hatte, das einen Schwelbrand in ihrer Wohnung auslöste.
Während ihre Wohnung renoviert wurde, war sie in
Kurzzeitpflege. Es gefiel ihr so gut, dass sie blieb.

»Wenn wir die Treppen in meiner Schule nach oben gingen,


stand an der Wand über dem Geländer ganz groß: ›Deutsche,
Jürgen Wiech sprecht Deutsch! Deutscher, sprich Deutsch!‹ Wir durften kein
Früher war er Fischverkäufer. In seinem Englisch lernen an der Schule. Die wollten uns dumm halten,
Urlaub fuhr er häufig in den italienischen die Nazis, uns Frauen sowieso. Wir sollten nur Kinder kriegen.
Badeort Bordighera – heute erinnert ihn Vielleicht war mir deshalb später die Arbeit so wichtig. Eigent-
ein Gemälde, das in seinem Zimmer lich war sie das Wichtigste und Schönste überhaupt. Ich habe
hängt, an die Gassen der kleinen Stadt bei der Hamburger Morgenpost gearbeitet. Die Zeitung wurde
1949 gegründet, ich war von Anfang an dabei, da war ich Ende
20. Ich habe am Empfang gesessen. Dort hat mich Heinrich
Braune, der Chefredakteur, gesehen, der fand mich toll. Seitdem
arbeitete ich für ihn. Manchmal kam Helmut Schmidt vorbei,
die beiden kannten sich gut.
Der Braune war in russischer Gefangenschaft gewesen,
der war verrückt, schimpfte immer, rannte wie wild hin und
her und diktierte mir in die Maschine. Manchmal durfte ich
ihm einen Knopf annähen.
Die erste Zeit nach dem Krieg haben wir nur zwei oder
drei Tage die Woche gearbeitet, wir hatten nicht genug Pa-
pier zum Drucken. Aber wir bekamen immer Freikarten für
Hagenbecks Tierpark und fürs Kino. Jeden Tag war ich im
Kino. Und jeden Tag mit einem anderen Herrn. Alle Män-
ner haben mich umgarnt, alle!
Meinen ersten Verlobten habe ich während des Krieges im
Schwimmbad kennengelernt. In Nancy, in Frankreich. Das
muss 1942 gewesen sein. Ich war dort als Schreibkraft bei der
Wehrmacht stationiert. Meine Güte, wie wir die ausgenommen
haben, die Franzosen! Wir haben gelebt wie die Made im Speck.
Wir hatten Aufschnitt, Butter, Rotwein, was man sich nur
wünschen konnte – und das mitten im Krieg.
Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Ich war mit einer
Clique im Schwimmbad, und er war auch mit einer Clique da,
wir haben rumgealbert, Fangen gespielt. Ich bin auf den nassen
Fliesen ausgerutscht und auf meinen Po geplumpst, hat höllisch
wehgetan. Und dann kam er, Flieger in der Luftwaffe, und hat
mir geholfen, wieder aufzustehen. Ganz charmant war er. Ein
paar Wochen später haben wir uns verlobt. Ich war viel zu jung.
Anfang 20! Ich hatte keine Ahnung vom Heiraten und von
solchen Dingen. Ich wusste weder, wie die Kinder reinkommen,
noch, wo sie rauskommen. So doof war ich. Über Sex hat ja
niemand gesprochen damals. Ich hab dann doch noch heraus-
gefunden, wie das geht. Und ein Jahr nach der Verlobung fand
Waldtraut Davids ich noch etwas heraus, nämlich dass mein Mann auch zu ande-
Schon als Kind arbeitete sie in der ren Damen charmant war. Er hat sie reihenweise beglückt. Da
Bäckerei ihres Vaters. In ihrem Zimmer war ich schon schwanger – und habe mich getrennt. Ein un-
hängt eine Foto-Collage, darauf ist sie ehelicher Sohn, damit habe ich Schande über meine Familie
am Tag ihrer Einschulung zu sehen und
mit strammen Zöpfen beim BDM Fortsetzung auf S. 14
14 DOSSIER 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Zwölf Leben  Fortsetzung von S. 13 Ich bin in Fallingbostel groß geworden, mit den Eng-
ländern – das war die Besatzungsmacht. Ich habe immer
gebracht. Die ersten Jahre ist er bei meiner Mutter auf- Fuckingbostel statt Fallingbostel gesagt. Ich konnte nicht
gewachsen. Ich hatte ja kaum Zeit für ihn, ich habe im- ertragen, dass es der Besatzungsmacht besser ging als uns.
mer gearbeitet. Heute tut mir das alles leid. Also habe ich mich mit deren Kindern geprügelt. Manch-
Ich habe mich später wieder verlobt – und dann mal wurde ich dann ins Gefängnis gesteckt, in so eine Art
sogar geheiratet. Mein Mann war grundsolide, ein Ausnüchterungszelle, die war im Keller. Aber nie lang.
Handwerker. Und wichtiger noch: Er war treu bis Mein Vater kam dann vorbei und hat mich abgeholt.
zum Gehtnichtmehr. Wir haben leider keine gemein- Nach der Schule bin ich nach Hamburg gegangen. Ich
samen Kinder bekommen, aber er hat meinen Sohn habe in einem Fischladen im Stellinger Weg gearbeitet,
akzeptiert. Unsere Ehe hielt 50 Jahre. Na gut, wollen Schlüter hieß der, den haben zwei Schwestern betrieben,
wir ehrlich sein, eigentlich waren es nur 49. Die 50 Käthe und Julia. Vor allem an Weihnachten und Silvester
hat er nicht mehr geschafft.« war viel los im Laden, alle wollten Karpfen kaufen.«

Die Junge Auf seinem Nachttisch liegt ein Foto – Herr Wiech als
Mieke van Dijk (Name geändert), 66 Jahre alt, junger Mann steht an der Theke des Fischladens, an
Dorothea Michaelis
Zimmer 333 der Wand hinter ihm ein Schild: »Karpfen 8,90 DM«.
Manchmal dachte sie darüber nach,
Das Personal nennt sie heimlich Rudi Carrell, weil
ihrem bürgerlichen Leben
ihr Deutsch so klingt wie seins. Frau van Dijk ist »Ich habe jeden Morgen um fünf oder sechs Uhr angefan-
als Mutter und Hausfrau
vor zweieinhalb Jahren eingezogen. Ihr Sohn gen zu arbeiten. Die Rotbarschkisten standen dann schon
zu entfliehen. Auf den Fotos sieht man
kommt sie jeden Tag besuchen und hat ihr einen bereit. Zwischendurch haben wir auch gern mal einen
ihre drei Kinder
Flachbildfernseher, einen iMac und ein Smart­ Schnaps getrunken. Ich habe überm Geschäft gewohnt,
phone besorgt. in einem Haus mit meiner Chefin Käthe zusammen. Die
war ein paar Jährchen älter als ich. Das war eine Nette.
»Mein Kopf arbeitet noch gut, ich bin zufrieden mit Die war immer gleichmäßig nett zu jedem.
ihm. Aber mein Körper macht nicht mehr so mit. Ich Arbeit war wichtig für mein Leben. Ich habe damit
habe Narkolepsie, eine Schlafkrankheit. Ich schlafe nur gute Erfahrungen gemacht. Das Schönste war,
einfach ein, und manchmal werde ich wach, weil ich dass ich dazugehörte, das war wie eine Familie für
mir gerade einen heißen Kaffee über den Schoß ge- mich. Mit einer eigenen Familie hatte das ja nie ge-
kippt habe. Neulich hatte ich ein blaues Auge, weil ich klappt. Ich wusste nicht, ob ich das schaffe, eine Fami-
beim Einschlafen auf die Tischkante gekippt bin. lie zu ernähren. Ich bin ein Angsthase, ich habe mich
Ich bin in Holland geboren, als siebtes von neun vor der Verantwortung gedrückt. Ich habe auch ab-
Kindern. Wir lebten in einem Dorf mit 12.000 Ein- sichtlich keine Kinder. Kind sein war nicht schön für
wohnern und zwölf Kirchen. Sonntags gingen wir mich, und da habe ich mir gesagt: Das machst du
immer in die Kirche, die Frauen trugen schwarze nicht. Und jetzt sitz ich hier – allein. Aus heutiger
Kleidung und Hütchen, die Männer Hemd und Kra- Sicht hätte ich gerne Kinder gehabt.
watte. Meine Eltern waren sehr streng, sie waren Cal- Mir ist die Liebe meines Lebens nie wirklich be-
vinisten. Die waren gegen Genuss, gegen Fernsehen, gegnet ... na ja, also schon, aber ich habe das nie laut
gegen alles. Die Enge im Dorf war grausam. Als Kind gesagt. An einem ihrer Geburtstage hat meine Chefin
hatte ich Angst vor der Hölle. Ich war so ungezogen Käthe, die ja auch meine Nachbarin war, sich mal be-
und wusste, dass ich da landen würde. Ich hatte eine schwert, dass ich sie so selten zu Hause besuche. Das
Kindheit, die geht auf keine Kuhhaut. Aber meinen hat mir fast das Herz gebrochen. Käthe mochte mich Gerhard Groß
Humor habe ich behalten. gerne. Ich mochte sie auch. Käthe, die war ... das war Er arbeitete früher als Lehrer.
Meine große Leidenschaft war das Trommeln. Ich mein Lebenselixier.« Akribisch dokumentierte er sein Leben in
habe Schlagzeug gespielt und Marschtrommel. Aber Tagebüchern und Fotoalben:
zu Hause als Kind war das Trommeln natürlich ver- An einem Nachmittag sitzen Herr Wiech und Frau Bombenangriffe, Kinobesuche, Bahntickets,
boten. Ich habe trotzdem auf allem getrommelt, auch Diercking im Gemeinschaftsraum bei Kaffee und die Krankheit seiner Tochter Franka
auf einem Eichenschrank. Da habe ich die Schubladen Kirschkuchen.
rausgezogen, mir einen Stuhl daruntergestellt und Frau Diercking: »Der Fußpfleger ist krank, der hat erst
dann mit meinen Stöcken draufgehauen. Jede Delle in sechs Wochen wieder Termin.«
hat man in dem weichen Holz gesehen. Oh, da hat Herr Wiech: »Hat der Urlaub?«
meine Mutter immer geschimpft! Frau Diercking: »Der ist krahank! Yoga mache ich
Mitte der Siebzigerjahre, da war ich 20, habe ich heute. Gibt es hier für Senioren im Sitzen. Sie auch,
Holland verlassen und kam als Au-pair zu einer deut- Herr Wiech?«
schen Familie nach Hamburg. Das war das Elend Herr Wiech: »Nee!«
pur. Ich musste putzen und bis in die Puppen arbei- Frau Diercking: »Warum nicht?«
ten. Das Kind, Armin, das war so ein verzogenes Herr Wiech: »Weil ich keine Lust hab.«
Gör! Er hat immer die Mülleimer umgedreht, wenn Frau Diercking: »Heute Nacht saß ich wieder hier.«
die voll waren. Und nachts hat der Dobermann der Herr Wiech: »Wieso heute Nacht?«
Familie in meinem Bett geschlafen und mir kaum Frau Diercking: »Meine Schlaftablette wirkt nicht. Ich
Platz gelassen und mich angeknurrt. Diesen Dober- brauche ’ne Holzhammer-Narkose.«
mann vergesse ich nie. Nicht eine schöne Stunde Herr Wiech: »Du armes Kind.«
habe ich als Au-pair erlebt. Frau Diercking stützt sich auf ihren Rollator und geht
Eigentlich wollte ich zurück nach Holland gehen, zum Fahrstuhl, weil gleich das Yoga beginnt. Herr
aber dann habe ich Walter kennengelernt, er war 33 Wiech schaut zu ihr rüber. Als sie in den Fahrstuhl
Jahre älter als ich. Er arbeitete als Polsterer und Tape- steigt, sagt er: »Die ist niedlich.«
zierer. Am Anfang dachten meine Geschwister, ich sei Magdalena und Walter Grocholl
sein Sexobjekt. Sie haben gar nicht verstanden, was für Das Original Die beiden lernten sich vor 65 Jahren beim
ein wertvoller Mensch er war. (sie schläft kurz ein, Ingrid Diercking, 81 Jahre alt, Zimmer 222 Tanzen kennen, da war sie 16 Jahre alt und
wacht wieder auf ) Das Personal sagt, sie sei für die anderen Bewohner er 19. Gemeinsam bereisten sie die Welt:
Mein Mann war im Krieg gewesen, und er hatte etwas gewöhnungsbedürftig gewesen, als sie vor ­ Mexiko, Nepal, Norwegen. Diese Figuren
seitdem immer so ein Hungergefühl. Und unser Sohn einem Dreivierteljahr ins Heim kam. Frau Dier­ brachten sie mit aus Arizona, USA
und ich, wir aßen einfach mit, wenn er Hunger hatte. cking ist sehr laut und raucht viele Zigarillos im
Wir saßen zu dritt vor der Glotze, aßen und guckten Garten. Inzwischen mögen sie alle.
Derrick. Ich verstehe nicht, wieso sich Frauen aufregen,
wenn ihr Mann aus­ein­an­der­geht. Denen sage ich: Futtert »Ich war ein Versehen. Meine Mutter wollte eigentlich
doch einfach mit, sonst belastet das nur die Beziehung! nur zwei Kinder haben, und sie gab Papa die Schuld an
Wir haben alle gemeinsam zugenommen, mein Sohn, mir. Ich war nicht willkommen und nicht beliebt bei ihr.
mein Mann und ich – und da gab es gar keine Probleme! Meinen Vater habe ich nur ein einziges Mal getroffen.
Walter war mein Kumpel, mein Freund, mein Mann. Da kam er von der Front, und ich erinnere mich, dass er
Ach, Walterchen. Wir hatten nie viel Geld, aber wir mich auf dem Arm hatte. Da war ich vielleicht drei. Und
hatten uns. Walter hatte Krebs. Unser Sohn und ich weil ich bis dahin ja nur meine Onkels kannte und gar
haben ihn 15 Jahre lang zu Hause gepflegt. Er starb 2003. nicht wusste, was ein Vater ist, habe ich zu ihm gesagt:
Der Arzt hat später gesagt: Wenn Sie ihn nicht so gepflegt ›Onkel!‹ Und er hat gesagt: ›Ich bin doch dein Papa!‹
hätten, hätte er zehn Jahre weniger gehabt. Mein Vater war in Stalingrad, der kam nicht wie-
Heute kümmert sich mein Sohn um mich. Diese der. Er wurde erschossen. Oder durch eine Bombe
Umkehr, dass er plötzlich erwachsen ist und ich wie getötet, ich weiß es nicht. Meine Mutter hat nie über
ein Kind, ist schleichend passiert. Früher habe ich ihn geredet. Alles nur wegen Adolf. Dieses Schwein!
ihm die Windeln gewechselt und ihm seinen Brei ge- Bei uns zu Hause war es nie harmonisch. Meine Ge-
geben. Heute achtet er darauf, dass mein Pulli sauber schwister konnten sich besser durchsetzen als ich. Heute
ist, er schneidet mein Fleisch klein, wenn ich es gerade habe ich zu niemandem mehr Kontakt aus meiner Fami-
nicht kann. lie. Es ist die größte Niederlage meines Lebens, dass ich Ingrid Diercking
Ich wäre gerne gläubig. Ich habe immer in der Bi- nicht mit meiner Familie zurechtkam. Mit ihrer Familie kam sie nie gut zurecht,
bel gelesen, ich habe das irgendwie wissenschaftlich Ich war mal verliebt. Im Urlaub auf Teneriffa habe das sei die größte Niederlage ihres
betrachtet, habe versucht, durch mein Wissen zu glau- ich meinen Malerfreund Willibald kennengelernt, der Lebens gewesen, sagt sie. Im St. Markus hat sie
ben. Eine Zeit lang hat mir das Kraft gegeben. (sie hatte ein Atelier. Ich war seine Geliebte, und er war mein eine Gemeinschaft gefunden. Eine ihrer wenigen
nickt kurz weg, ein paar Sekunden später wacht sie wie­ Geliebter. Er nannte mich nicht Ingrid, sondern Inge. Freundinnen schenkte ihr die Kette aus Togo
der auf ) Aber seit Walters Krankheit kann ich das Aber eine richtig lange Beziehung, was zum Heiraten,
nicht mehr. Die Gläubigen argumentieren bei guten das hatte ich nie.
Dingen immer, es sei Gottes Wille gewesen. War es Ich wollte auch nie Kinder haben, das ganze Ge-
also auch Gottes Wille, dass ein Mensch Krebs kriegt?« schrei ... Ich hab schwache Nerven. Meiner Mutter hat
das nicht gefallen. Sie hat mich angebrüllt, weil ich
In Deutschland liegt die durchschnittliche Le­bens­ keinen Nachwuchs bekam. Ich bin nicht auf ihre Be-
erwar­tung für Männer heute bei 79 Jahren und für erdigung gegangen.
Frauen bei 83. Fast alle Frauen in diesem Text haben Freunde habe ich nicht so viele. Ich hatte früher mal
ihre Lebensgefährten überlebt. Im Altenheim St. Mar- eine Freundin, Anja, aber das war nix. Die war geizig.
kus wohnen zurzeit 92 Frauen. Und nur 24 Männer. Und eine andere Freundin hatte ich auch, aber die aß
immer nur Zwiebelsuppe aus der Dose.
Der Fischverkäufer Ich habe erst im Alter richtig gelernt, was wichtig ist:
Jürgen Wiech, 79 Jahre alt, Zimmer 203 Harmonie. Dass man sich achtet und liebt. Und nicht
Im Heim ist er eine kleine Berühmtheit. Viele ­ wehtut – so wie ich das in meiner Familie erlebt habe.«
Bewohner kennen ihn noch aus dem Fischladen
Schlüter, in dem er jahrelang hinter der Theke Herr Wiech und Frau Diercking sind die einzigen Be-
stand. wohner in diesem Text, die in ihrem Leben keine längere
Partnerschaft eingegangen sind. Beide schmerzt noch
»Die schönste Zeit in meinem Leben? So schöne heute die Einsamkeit ihrer jüngeren Jahre. Und doch sind
Zeiten habe ich gar nicht erlebt. Ich bin im Krieg sie jetzt im Vorteil, sie sind glücklicher als manche andere Günther Koch
geboren, 1940. Mein Vater hat uns mitgenommen im Heim, weil sie endlich etwas gefunden haben, was sie Er teilt sich ein Zimmer mit seiner Ehefrau
und meine Stiefmutter geheiratet. Ich war ein Jahr all die Jahre vermisst haben: eine Gemeinschaft. Hannelore, die sich nicht fotografieren lassen
alt – meine leibliche Mutter habe ich nie wieder ge- wollte. Hochseeangeln war früher das liebste
sehen. Die Stiefmutter sah hübsch aus, hat immer Die Bäckerstochter Hobby von Günther Koch. In einer Vitrine
Sonnenbäder genommen. Aber das war eine faule Waldtraut Davids, 95 Jahre alt, Zimmer 304 bewahrt er seine Pokale auf. Hier: 1. Preis 1981
Frau! Faule Wiev, haben die Nachbarn immer ge- Das Personal sagt, sie sei sehr zurückhaltend; ob­
sagt, faules Weib. wohl sie schon seit einem Jahr hier ist, habe sie sich
DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 DOSSIER 15

noch nicht an ihr neues Leben im St. Markus und wollten uns auch nicht unbedingt welche­ wieder nach Hause zu ihren Angehörigen gebracht Egal, wie alt und manchmal auch vergesslich die so konventionell gelebt und gedacht haben, wie man
gewöhnt. Denen, die wie Frau Davids sehr anschaffen.« wurde, sie war nur für kurze Zeit im Heim. Bewohner des Altenheims inzwischen sind – an es vielleicht vermuten würde bei jenen, die im
selbstständig waren, falle das besonders schwer. Er: »Obwohl ich das heute manchmal bereue.« In Zeiten von Corona war es unausweichlich, keine Phase des Lebens erinnern sie sich so genau Deutschland der Vierziger- und Fünfzigerjahre auf-
Sie: »Ja? Ich nicht. Damals war uns das Reisen dass die Geschichten des St. Markus neue Kapitel und so detailliert wie an ihre Jugend. Die Zeit, in gewachsen sind.
»Mein Vater hatte eine Bäckerei in Hamburg, die immer wichtiger, das war unser Hobby, das Un- erhielten, denn dort, wo Leid auf Liebe trifft, ste- der sie Pioniererfahrungen machten: der erste
auch während des Krieges geöffnet blieb. Bei Flie- terwegssein.« hen manchmal große Entscheidungen an. Kuss, der erste Liebeskummer, der erste Arbeits- Die Gebildete
geralarm ging mein Vater nicht mit uns in den Er: »Stimmt. Wir wollten unabhängig sein.« So wie für Alex Kienscherf, der jeden Tag zweimal tag. Für die allermeisten im St. Markus heißt das Dorothea Michaelis, 87 Jahre alt, Zimmer 216
Bunker, er blieb bei den Broten, die im Ofen wa- Sie: »Mein Mann war Betriebselektriker. Und ich für drei Stunden ins St. Markus ging, um dort seine aber auch: die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das Personal sagt über sie: Sehr belesene, schlaue
ren. Wir haben Schwarzbrot gebacken, Weizen- war Stenokontoristin.« Frau Ursula zu besuchen, die an Parkinson und­ Frau. Trinkt gern mal ein Glas Wein.
brot, Franzbrötchen, Kuchen – je nachdem, an Er: »Wir haben immer Sonderurlaub genommen, Demenz erkrankt ist. Die beiden kennen sich seit Der Dokumentar
was für Zutaten wir kamen. In der Backstube war um zu reisen. Unter sechs Wochen sind wir nie los. Kindertagen, seit 56 Jahren sind sie verheiratet. »Wir Gerhard Groß, 91 Jahre alt, Zimmer 332 »In meiner Jugend habe ich jeden Abend im Bett
es immer schön warm, und es gab immer zu essen. Nach Mexiko, Kanada, Amerika, Nepal, Norwe- sind zusammen gewachsen und zusammenge­ Einiges weiß Gerhard Groß noch ganz genau, gelegen und gebetet: ›Lieber Gott, lass mich aufwa-
Andere mussten damals frieren und hungern. gen, Schweden.« wachsen«, sagt Alex Kienscherf. Und von einem Tag anderes verwechselt er, bringt Ereignisse, Orte chen und ein Junge sein.‹ Ich wollte mich so anziehen
Eigentlich wollte ich auf die höhere Schule ge- Sie: »Wir haben gemacht, was wir wollten.« im März auf den anderen durfte er sie nicht mehr und Daten durch­ein­an­der. Das macht aber wie ein Junge, so spielen wie ein Junge. Mit Steinen
hen. Aber mein Vater hat gesagt: ›Ich brauche Er: »Wir haben uns alles erfüllt.« besuchen – Corona. Der Leiter des St. Markus bot nichts, denn Groß hat alles aufgeschrieben, er werfen und mich raufen. Du bist doch a Mädle, das
meine Tochter im Geschäft.‹ Die Bleche waren Sie: »Da ist eigentlich nichts mehr offen.« ihm an, in das Gästezimmer des Hauses zu ziehen. hat sein Leben festgehalten, in Taschen­ geht doch nicht, haben sie immer gesagt. Ich war so
schwer und heiß. Mit 17 Jahren habe ich meinen In ein Heim ziehen? Ich? Da bin ich eingeschlos- kalendern, Tage­büchern und Foto­alben. unglücklich als Mädchen. Aber ich durfte nicht mal
Führerschein gemacht. Der Mann, der die Brote Das zankende Ehepaar sen! Das seien damals seine Gedanken gewesen, sagt Hosen tragen. Ich habe das gehasst!
für meinen Vater auslieferte, war eingezogen wor- Hannelore und Günther Koch, sie 87 Jahre alt, er. Dann schlief er eine Nacht drüber, und am nächs- Tagebucheintrag vom 17. Januar 1945: Es ist Meine erste Liebe war eine heimliche Liebe.
den. Und dann habe ich mitten im Krieg mit so er 84, Zimmer 322 ten Morgen stand er mit gepackten Koffern vor dem 12.25 Uhr. Ich stürze im Eilschritt nach un­ Lilo. Meine Französischlehrerin in Stuttgart. Ich
einem kleinen Dreirad-Auto morgens die Bröt- Betritt man das Zimmer der Kochs, fällt als St. Markus. Eingeschlossen, sagte er, fühle er sich nur ten. Der Bombenabwurf beginnt. Nun strömen war damals 19, kurz vor dem Abitur, sie war
chen ausgefahren. Viele Frauen haben gearbeitet, Erstes auf, dass die beiden Betten so weit aus­ zu Hause, wo er seine Ursula nicht sehen kann. auch die letzten panikartig in den Keller: 20 Jahre älter als ich. Sie sprach perfekt Franzö-
die Männer waren ja fast alle an der Front. ein­an­der­ste­hen, wie es nur geht, in den gegen­ Wie lange er bleiben würde, wusste er anfangs Fräulein Lages, die Köchin, Hauptmann Klages, sisch, eine zierliche Frau mit einer scharf geschnit-
Ich wollte immer studieren. Also habe ich überliegenden Ecken des Raumes. Herr Koch nicht. Und so genau weiß er das noch immer nicht. der mit seinem künst­lichen Bein nur langsam tenen Nase. Ihr Mann war verschollen. Sie war al-
mich, als ich volljährig war, an der Abendschule spricht einen starken Hamburger Dialekt, er Eigentlich hätte er im Juli ausziehen können, seitdem gehen kann. Heulend saust der zweite lein. Es war eine unmögliche Liebe, und ich habe
angemeldet. Ich hätte gerne Ärztin werden wollen. singt gut und feiert gern. Frau Koch nennt dürfen die Bewohner wieder besucht werden. Aber Bombenteppich auf unsere Stadt. Sofort erlischt sie auf jede mögliche Art geliebt. Jeden Tag nach
Aber dann, sechs Wochen vor meiner Abiturprü- Herrn Koch gerne »du Blöder!«. Herr Koch Alex Kienscherf ist immer noch da. das elektrische Licht. Taschenlampen flackern der Schule bin ich mit zu ihr, ein Jahr lang habe
fung, kamen die Engländer, und der Krieg war zu lacht dann. Sie sitzt im Rollstuhl, er ist noch auf. Alle beten laut. Viele liegen lang auf dem ich bei ihr im Wohnzimmer gesessen. Wir haben
Ende. Die Prüfung durfte ich nicht mehr ablegen, gut zu Fuß und schiebt sie überallhin. Manch­ Der Flüchtling Boden. Ich habe mir eine Wolldecke über den stundenlang geredet, manchmal geschmust. Jede
da war das vorbei mit meiner Bildung. mal sieht man die beiden unten im Kiosk, wie Ingrid Böge, 82 Jahre alt, Zimmer 317 Kopf gezogen. Wieder fallen Bomben. Ich halte Woche habe ich ihr leidenschaftliche Briefe ge-
65 Jahre lang habe ich in meiner Wohnung bei der sie sich ein paar Dosen Astra-Bier kaufen. Jetzt Frau Böge ist immer fein gekleidet. Das Perso­ mir jedesmal die Ohren zu und mache den schrieben. Dann, nach einem Jahr, ist sie nach Pa-
Apostelkirche gelebt. Ich hatte verschiedene Arbeiten: sitzen sie in der Mitte des Raumes, ne­ben­ein­an­der, nal nennt sie »die Seelsorgerin des Hauses«. Sie Mund weit auf. Ich habe mit mir selbst genug ris gegangen, zu René, ihrer Jugendliebe, mit dem
Ich war Sekretärin für die Engländer – meine Chefs und erzählen. kümmert sich um die Außenseiter und ist die zu tun; ich weiß nicht einmal, wer neben mir hatte sie sich verlobt. Zwei Jahre später haben wir
hießen ­Major ­Stuart und Cap­tain Clayton –, ich war uns noch einmal wiedergetroffen, in einem Café in
beim Verkehrsamt, ich habe mich ausbilden lassen zur Paris, ich hatte Sehnsucht. Danach habe ich sie nie
Rotkreuzschwester. Später ging ich zur Kassenärzt­ wiedergesehen. Es tat zu weh. Es war eine völlig
lichen Vereinigung, dort wurde ich Leiterin der Be- hoffnungslose Sache. Ich war für sie ein Ausrut-
schwerdeabteilung. Ich habe gerne und viel gearbeitet. scher, sie meine erste große Liebe.
Ich wollte immer noch mehr machen. Aber bei den Ich hatte keinen Lebenstraum. Dafür habe ich viel
Kollegen war ich nie so beliebt, weil ich immer Fehler zu sehr in der Realität gelebt, mit drei Kindern und
in der Arbeit der anderen entdeckt habe. meinem Mann. Drei Kinder! Meinen Mann hatte ich
1947 habe ich meinen Mann geheiratet, da im Germanistikstudium kennengelernt, wir saßen in
war ich Anfang 20. Der arbeitete für eine Reederei einer Vorlesung ne­ben­ein­an­der. Die Kinder – das war
und ist auf Tankern durch die Welt gefahren, die wahnsinnig anstrengend und gleichzeitig wahnsinnig
haben in Übersee Öl geholt und nach Deutsch- erfüllend. Sie waren das Wichtigste in meinem Leben.
land gebracht. Als ich meinen Mann kennenlernte, Sie sind es noch immer. Ein Kind zu gebären, das ist
war es schön zwischen uns. Wir hatten drei Kin- etwas Unbeschreibliches. Ich habe gedacht, ich sterbe,
der. Ein Sohn ist gestorben. Da war er schon er- bis das Kind raus war. Und plötzlich ist es da. Und
wachsen. Sekundentod. Ein Kind zu verlieren ... dann diese Widersprüchlichkeit. Diese Liebe zum
da kommt man nicht drüber hin. Kind, viel stärker, als wenn man in jemanden verliebt
Mein Mann war immer weg, einmal sogar an- ist. Aber es gab auch die anderen Momente, da war
derthalb Jahre am Stück. Wenn einer nie da ist, Ingrid Böge ich völlig überfordert: das schreiende Kind und die
geht es nicht. Da lebt man sich aus­ein­an­der. Nach Sie lebt seit fünf Jahren im St. Markus vielen durchwachten Nächte. Und mein Rolf, er war
30 Jahren Ehe habe ich mich scheiden lassen. Das und trägt den Spitznamen »die Seelsorgerin des Theaterkritiker bei einer Zeitung, später auch Lite-
war in den Siebzigerjahren, da war eine Scheidung Hauses«. Das handgeschnitzte Reh kaufte raturchef der ZEIT, war den ganzen Tag und die
dann auch nicht mehr ganz so schlimm. sie sich einst von ihrem ersten halbe Nacht weg, traf spannende Menschen. Ich aber
Ich habe mich noch mal verliebt. Wir hatten selbst verdienten Geld war den ganzen Tag zu Hause, und ich war nun wirk-
uns schon vor der Scheidung kennengelernt. Mei- lich keine Hausfrau und eigentlich auch keine ge-
ne Kinder waren krank, und der Hausarzt kam borene Mutter. Woher auch? Ich habe mich während
vorbei. Er blieb noch zum Mittag. Es schmeckte meines Studiums nie groß für Kinder interessiert.
ihm, und er kam von da an öfter zu Besuch. An- Manchmal wäre ich einfach gerne abgehauen.«
fangs waren wir nur befreundet, nach der Tren-
nung von meinem Mann wurde dann mehr draus. Gemeinsam bringen es die zwölf Bewohner, mit
Das war eine schöne Zeit! Ich konnte immer zu denen wir gesprochen haben, auf 1016 Jahre Le-
ihm kommen mit meinen Sorgen. Er: »Ich bin nicht ganz einfach im Umgang, ich Vorsitzende des Wohnbeirats. Die Pfleger und liegt. (...) Das Bombardement dauerte vierzig ben. Darin, könnte man meinen, muss jede Men-
Wenn man jemanden kennt, auf den man war immer sehr kritisch. Ich lass mir nicht alles die anderen Bewohner sitzen gern in ihrem Minuten. ge Weisheit liegen. Was also haben die Alten vom
sich verlassen kann, auch in schweren Zeiten – gefallen. Ich habe 40 Jahre bei Mercedes-Benz ge- Zimmer und hören sich ihre Ratschläge an. Leben gelernt? Und was wollen sie den Jungen mit
das ist Liebe für mich. Der Arzt und ich, wir wa- arbeitet, in der Motorreparatur. Dort habe ich »Nach dem Krieg war ich für ein paar Jahre als Lehrer auf den Weg geben?
ren lange zusammen, wir hatten auch vor, zu auch meine Frau kennengelernt, das muss in den »Mein ganzes Leben war eine Flucht. Ich bin in an der Deutschen Schule in Mailand. Da wäre ich Das zankende Ehepaar Koch:
heiraten. Aber seine Frau hat gesagt: Wenn du Sechzigern gewesen sein.« Greifswald geboren, dann nach Berlin gegangen, gerne mein Leben lang geblieben. Dabei konnte ich Sie: »Das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit.«
mich verlässt, bring ich mich um. Und dann ha- Sie: »Ich habe in der Betriebskantine gearbeitet.« von dort weiter nach Ostpreußen, nach Salzwedel, nicht mal Italienisch, als ich an die Schule kam. Erst Er: »Das Wichtigste im Leben ist ein gutes Ein-
ben wir gesagt: Warum eigentlich heiraten? Muss Er: »Ich habe sie gefragt, ob wir mal Kaffee trin- ins Sudetenland. Das Kriegs­ende erlebte ich in dort habe ich es gelernt. Jeden Tag ein bisschen. kommen.«
ja gar nicht sein. Wir sind zusammengeblieben, ken. Dabei hat uns meine damalige Schwieger- Tschechien. Danach fuhren meine Mutter und ich Meine Schüler haben natürlich ständig über mich Frau Böge: »Was ich festgestellt habe: Man bleibt
bis er gestorben ist.« mutter gesehen, die hat auch in der Kantine ge­ auf Güterzügen nach Ost-Berlin. gelacht, weil ich so schlecht sprach.« so, wie man ist. Wer in jungen Jahren schon ein
arbeitet. Ich war ja schon verheiratet.« Viele Väter kamen nicht aus dem Krieg zurück. Knatterbüdel ist, der bleibt das auch im Alter.«
Fast alle Menschen, die ins St. Markus kommen, Sie: »Die hat geahnt, dass sich da mehr als nur ein Meiner schon, aber er verließ uns trotzdem. Er In seinem Regal steht ein Album mit Fotos Frau Michaelis: »Wenn ich mir als junger Mensch
ziehen alleine hier ein. Es gibt aber nicht nur Einzel- Kaffee angebahnt hat. Und ich war ja auch schon hatte eine andere Frau kennengelernt. Als Kind seiner Tochter. Babyfotos in Schwarz-Weiß, begegnete, würde ich mir sagen: Lass alles auf dich
zimmer, es gibt auch ein paar Doppelzimmer für die, verheiratet.« fühlte sich das an wie eine Niederlage. Ich dachte darunter Groß’ Handschrift: Mucke und ich zukommen. Wehr dich gegen nichts. Sei offen.«
die doch nicht alleine kommen – für Ehepaare. Er: »Dann gab es zwei Scheidungen.« damals: ›Der liebt mich nicht.‹ vor dem Weihnachtsbaum in unserer Wohnung Frau Neindorf: »Ich habe keine Lebensweisheiten,
Sie: »Und dann haben wir geheiratet.« In Ost-Berlin wurden unsere Briefe kontrolliert, in Mailand in der Via Gluck, Weihnachten ich halte auch nichts davon. Eine vielleicht. Seien
Das liebende Ehepaar Er: »Am 8. 8. 88. Da waren wir schon viele Jahre deshalb ließen wir sie immer zu meiner Freundin schi- 1964. Mucke in ihrem Bettchen in der Via Sie immer nett. Auch wenn es eine Überwindung
Magdalena und Walter Grocholl, sie 81 Jahre zusammen.« cken, die in West-Berlin lebte, da kamen wir ja mit Gluck, April 1965. Im neuen Mützchen, Frei­ ist – es zahlt sich aus.«
alt, er 84, Zimmer 122 Sie: »Unsere Beziehung war einfacher, als wir noch der S-Bahn hin. Das war die Zeit nach dem Krieg, tag, 14. Mai 1965, einen Tag vor Beginn der Frau Davids: »Im Leben hat alles einen Sinn. Aber
Das Personal sagt über die beiden: Er ist sehr nicht verheiratet waren.« aber vor dem Mauerbau. In einem Brief von unserer Krankheit. es ist gar nicht so einfach zu sagen, was der Sinn
kommunikativ, sie eher zurückhaltend. Er: »Wieso? Verheiratet ist auch nichts anderes als Familie, die in Hamburg lebte, stand: Versucht doch, des Lebens ist.«
einfach so zusammenleben. Und Koch ist doch ein zu uns zu kommen. Mit dem Zug nach Hamburg »Ich war mit einer Jungengruppe von der Mailänder Herr Wiech: »Das Wichtigste im Leben ist: Ers-
Er: »Wir haben uns beim Tanzen kennengelernt, schöner Name.« fahren, das ging nicht, Polizisten kontrollierten die Schule in Oberhausen, in Nordrhein-Westfalen, als tens, Sport. Zweitens, Arbeit. Drittens, mit dem
im Hofbräuhaus am Dammtor.« Sie: »Ich kann nachts nicht schlafen, weil du so Züge und hätten uns wahrscheinlich ins Gefängnis Mucke, so nannten wir Franka, so krank wurde. Sie Auto durch die Gegend fahren.«
Sie: »Ich war da mit meiner Schulfreundin Erika. laut Fernsehen guckst.« gesteckt. Aber es gab einen anderen Weg. hatte die dritte Schluckimpfung bekommen und
Ich war 16 und das erste Mal aus zum Tanzen.« Er: »Wir können ja Einzelzimmer nehmen.« An einem Tag im Dezember 1960 taten wir so, bekam auf einmal ganz hohes Fieber. Meine Frau rief Sosehr wir auch vermeiden wollten, über das Le-
Er: »Ich war 19. Ich hatte mir schon eine Flasche Sie: »Unsere Liebe sieht nicht mehr so aus wie am als würden wir eine Freundin zu ihrem Geburtstag mich in der Jugendherberge an, in der wir waren, und bensende zu reden, in all den Gesprächen mit den
Wein bestellt, als die beiden reinkamen.« Anfang.« in West-Berlin besuchen. Wir hatten ein Geschenk sagte: Gerhard, du musst sofort kommen, das Kind Bewohnern war dieses Thema natürlich doch im-
Sie: »Er hat mich zum Tanzen aufgefordert. Und Er: »Was von der Liebe noch geblieben ist, das dabei, als Tarnung. Und wir hatten uns mehrere ist so krank. Ich habe noch überlegt, ob ich fliegen mer präsent. Jedes Jahr sterben etwa 40 Menschen
ich sag noch zu Erika nach dem ersten Tanz: Ich weiß ich nicht. Aber so viel kann ich sagen: Es be- Schichten Kleidung über­ein­an­dergezogen, zu einem soll, aber damals gingen ja nicht so viele Flüge. Also im St. Markus. Also haben wir die Bewohner ge-
komm mit ihm gar nicht so zurecht.« steht kein Grund für eine Trennung.« kleinen Geburtstagsausflug hat man ja keinen großen bin ich mit dem Zug gefahren. Ich musste in Frank- fragt, wie sie auf das schauen, was unweigerlich
Er: »Für mich war es von Anfang an klar: Das Koffer dabei. Die Westberliner Freundin hatte uns furt am Main umsteigen, dann mit dem Nachtzug kommt: der Tod.
wird meine Frau. Ich war hin und weg. Drei Jahre Jeden Tag schreiben sich im St. Markus neue Ge- zwei Flugtickets besorgt nach Hamburg, die konnte weiter bis nach Mailand. Und als ich am Morgen am Frau Böge, 82 Jahre alt: »Alles ist erledigt für mei-
später haben wir geheiratet.« schichten. Geschichten von Ehepartnern, die ein­an­ man damals noch ohne festen Namen kaufen. Am Bahnhof ankam, da stand am Bahnsteig ein Kollege. nen Tod. Ich habe mein Grab bereits bezahlt,
Sie: »Ja, 1958.« der lieben und mit­ein­an­der streiten, die ein­an­der 15. 12. 1960 sind wir dann von Tempelhof abge- Mein herzliches Beileid, sagte er zu mir. So habe ich mein Mann ist dort, meine Mutter, meine Groß-
Er: »Wichtig für eine Ehe ist, dass man sich liebt. pflegen, verlieren und manchmal auch vergessen. flogen, mit Pan American. Ein extrem kurzer Flug, von dem Tod meiner Tochter erfahren.« eltern. Mein Name steht schon auf dem Stein.
Das ist ja heute immer noch so. Wir haben uns Geschichten wie die von dem Bewohner, der im der ist gestartet und gleich wieder gelandet. Meine ›Ingrid Böge, 19. 11. 1937 –‹. Das Todesdatum ist
aber auch in allen Sachen gut verstanden. Wir vierten Stock lebte, im Flur der Dementen. Jeden Mutter war nervös. Sie hatte ja alles dagelassen, sie In seinen Taschenkalender hat Gerhard Groß noch offen.«
hatten beide das Bergsteigen im Kopf. Weißt du Mittag besuchte ihn seine Frau. Zum Glück sah sie hatte ihre Wohnung aufgegeben, ihr ganzes Leben. damals notiert: 26. Juni 1965, Ankunft in Frau Neindorf, 99 Jahre alt: »Der Tod steht direkt
noch, das erste Mal Bergsteigen? Da hatte ich nicht, was eine Pflegerin beim Rundgang sah, nur Als ich ins St. Markus gezogen bin, habe ich oft Mailand 12.40 Uhr. Mucke bereits um vor meiner Tür. Ich muss auch wirklich nicht noch
Halbschuhe an und du ein Sommerkleid.« kurz vor dem täglichen Besuch der Frau: Da saß eine an sie gedacht. Auch ich musste alles hinter mir 22.01 Uhr verstorben. älter werden. So wichtig bin ich nicht. Es gibt so
Sie: »Die Hamburger in den Bergen.« Bewohnerin aus dem dritten Stock auf dem demen- lassen. Du schließt die Wohnungstür hinter dir ab viele junge begabte Menschen.«
Er: »Danach haben wir uns erst einmal eine or- ten Herrn. Er hatte schlicht vergessen, dass seine Frau und weißt, dass du nie wieder heimkommst. Gerhard Groß und seine Frau bekamen danach Frau van Dijk, 66 Jahre alt: »Ich wäre bereit, ab-
dentliche Ausrüstung gekauft.« gleich zu Besuch kommen würde. Vielleicht hatte er Wenn ich mir erlauben darf, ein paar Ratschläge noch drei Kinder. zutreten. Ich sehne mich nach meinem Mann,
Sie: »Du hast mich immer am Seil gehabt.« auch vergessen, dass er überhaupt verheiratet war. zu geben: Viele hier im Heim sind altersstarr. Böse nach Walterchen. Die Bewohner hier werden alle
Er: »Ich habe dich gesichert. Jedes Jahr waren wir Aber nicht für alle Paare bedeutet Vergesslich- und griesgrämig sein, das ist doch verschwendete Wenn es eines gibt, was ein Mensch nicht verarbeiten 90, manche sogar 100. Ich will auf keinen Fall
in den Bergen. Bis wir 80 waren. Aber seit fünf keit immer Leid. Manche finden sich in ihrem Zeit. Auch in der Ehe habe ich mich nicht lang mit kann, dann das: ein Kind zu verlieren. Das berichten 100 werden. Als ich in dieses Zimmer kam, dachte
Jahren geht es nicht mehr so.« Vergessen wieder. So wie die Dame im zweiten so was aufgehalten. Wenn mein Mann mal etwas Herr Groß und Frau Davids, aber auch andere Per- ich anfangs: Wie gut, hier gibt es ein Fenster bis
Sie: »Es wurde immer schlechter.« Stock, die vor ein paar Monaten ihre ehemalige Unrechtes sagte, dann fragte er am nächsten Tag: sonen im Heim. Die allermeisten Bewohner mit zum Boden, das nur ein Gitter hat, da kannst du
Er: »Und jetzt sind wir hier.« Lebensgefährtin im St. Markus traf. Die beiden Wollen wir essen gehen? Oder er brachte mir Pra- Kindern erzählen voller Stolz von ihnen – so wie zur Not springen, dritter Stock. Aber jetzt komme
wohnten jahrelang zusammen, sie haben gemein- linen. Die wenige Zeit, die man jetzt noch hat, Eltern eben über ihre geliebten Kinder sprechen, egal, ich nicht mal mehr auf den Stuhl, mit dem ich
Vor neun Monaten sind die Grocholls einge­ sam ein Kind großgezogen. Bis sie sich zerstritten muss man gut verbringen. wie alt sie sind. Aber es gibt auch die Bewohner, die das Gitter überwinden könnte. Na ja, dann werde
zogen. Die beiden Pflegebetten haben sie und trennten. Wahrscheinlich hätten sie sich nie Und man muss seine Freundschaften gut pflegen, gar keinen Kontakt zu ihren Kindern haben. Weil die ich wohl noch weiterleben müssen.«
zusammengeschoben, sodass sie ein Doppelbett wiedergesehen, wenn sie sich nicht zufällig hier im man muss aus jungen Jahren Freunde mitnehmen Beziehung noch nie wirklich gut war. Oder weil die Frau Michaelis, 87 Jahre alt: »Vor dem Tod habe
haben. Bevor sie ins St. Markus kamen, wohnten Flur begegnet wären. Und weil sie beide an einer ins Alter. Heute noch telefoniere ich jeden Abend mit Beziehung brach, als die Kinder beschlossen, ihre ich keine Angst, da bin ich ja tot. Vor was sollte ich
sie nur zehn Minuten Fußweg entfernt. 53 Jahre beginnenden Demenz erkrankt sind, haben sie drei Freundinnen von früher. Im Alter ist es nicht Eltern ins Heim zu stecken. mich dann noch fürchten?«
lang. ein­an­der zwar wiedererkannt und sich auch ihrer mehr leicht, Freundschaften aufzubauen. Ich hatte Überraschend viele, mit denen wir gesprochen
Liebe erinnert, aber haben vergessen, dass sie­ hier eine Freundin im Heim, die war 100. Na ja, in haben, aber hatten gar keine Kinder: Frau Böge, Herr Bisher gab es keinen einzigen Corona-Fall im
Sie: »Unsere Zweizimmerwohnung hat für uns eigentlich zerstritten sind. Wochenlang saßen sie dem Alter muss man wohl damit rechnen, dass die Wiech, Frau Diercking, das liebende Ehepaar Gro- St. Markus. Am 3. August 2020 starb
beide immer gereicht. Wir hatten ja keine Kinder bei­ein­an­der, hielten Händchen. Bis die eine Dame Freunde eines Morgens nicht mehr aufwachen.« choll. Was auch überraschend war: dass viele gar nicht Gerhard Groß im Alter von 91 Jahren
16 LESERBRIEFE 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

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Das Märchen vom


Muttis Schuld, Vatis Kompass
Rechts blind in
grünen Wachstum den Redaktionen?
Uwe Jean Heuser: »Weniger ist Stephan Leberts Interview mit
schwer«  ZEIT NR. 36 Thea Dorn: »Aggressive Mimosen«  ZEIT NR. 36 Birk Meinhardt  ZEIT NR. 36

Was man hat, das gibt man ungern wieder Gott sei Dank gibt es noch Leute, die einen gesun- tief verstrickt: Wenn sie »aggressive Mimosen im Pharmaindustrie kritisieren, um nicht als Rassist zu Ich kenne Birk Meinhardts Buch Wie ich meine
her, das kann jeder bei sich selbst feststellen. den Menschenverstand und ein gutes Urteilsver- rechten Spektrum« verständnisvoll wieder zu – teils gelten! Aggressive Mimosen können so jede auf- Zeitung verlor. Ich finde, es liest sich wie eine
Aber wir als Gesellschaft sind so reich, wir mögen haben! Der Artikel von Frau Dorn hat mir innerlich gefestigten – Konservativen aufwertet, die keimende Diskussion im Keim ersticken. Es kann Abrechnung mit der Süddeutschen Zeitung, viel
können es uns leisten, die eingefahrenen aus dem Herzen gesprochen! Der Brut aus rechts- den Verlust von Hierarchien und klaren Ordnungen, die absurde Situation entstehen, dass nicht weiße mehr aber wie der persönliche Bericht eines tief
Wege zu verlassen und uns ein Mehr zu gön- und linksextremen Elementen, Verschwörungstheo- Traditionen und kulturellem Erbe beklagen. Ihre Kapitalisten von sogenannten Linken in Schutz enttäuschten Menschen. Ich bin nicht im Zei-
nen: Bessere Bezahlung für Kinderbetreuung, retikern und anderen, in selbstdarstellerischer Ma- abschließende Schilderung unreifer und ungehemmt genommen werden! Ich möchte deshalb den pau- tungsgeschäft und kann nicht beurteilen, ob die
Pflege, Schulunterricht, mehr Investitionen nier unsere Demokratie zerstören wollenden Figuren streitender Kinder zeigt zwar ein verqueres Kinder- schalen Begriff »links« zumindest für mich infrage Auswahl von Reportagen für den Abdruck nach
in den öffentlichen Nahverkehr, in die Ent- ist unbedingt Einhalt zu gebieten. Es wird endlich bild, lässt aber immerhin die Option zu, erwachsen stellen und mich lieber als einen nicht ganz emoti- rein journalistischen Aspekten erfolgt. Mein-
wicklung umweltschonender Produktions- Zeit, dass konsequenter gegen diese Elemente vor- werden zu können. Wohl aber unter der Regie eines onsfreien Rationalisten mit Gerechtigkeitsanspruch hardt beklagt eine Asymmetrie in der Bericht-
weisen, in nachhaltige Landwirtschaft. Wenn gegangen wird. Man hat den Eindruck, dass manche strengen, empathischen Vaters mit einem klaren bezeichnen!  DR. RUDOLF LAUCK, PFORZHEIM erstattung, und dass manche Themen »be-
wir dafür auf Neuerungen wie »denkende« aufgrund von zu viel Wohlstand und Freizeit nicht Kompass?  REINHARD KOINE, BAD HONNEF schwiegen« werden, etwa Gewalt durch Mi-
Kühlschränke und immer größere Autos­ mehr wissen, was sie noch alles anstellen sollen. Thea Dorn stellt dar, woran der Diskurs in­ granten. Es ist klar, dass jeder Bericht hierzu von
verzichten müssten – wem würde das ernst- Hoffen wir, dass es unseren Verantwortlichen ge- Der Artikel erscheint mir völlig überflüssig. Was unserem Land krankt. Die künstliche Aufge- der AfD und Rechtsextremen für ihre Zwecke
haft schaden? Gefragt sind Kreativität und lingt, diesen Strömungen bald einen wirksamen will die Schriftstellerin sagen? Mehr Toleranz, regtheit am »linken« und »rechten« Rand ist instrumentalisiert werden wird. Und sicher kann
Mut; daran mangelt es uns als Gesellschaft. Riegel vorzuschieben.  EDUARD KRAUSE, PER EMAIL mehr Geduld – besonders von den Linken.­ Luxus und löst nicht grundlegende Zukunfts- es sein, dass diese Leute auch Meinhardts Buch
Weil wir viel zu satt sind, weil es uns viel zu Diese Erkenntnis lässt sich in drei Sätzen aus- probleme.  FRIEDRICH BORGHANS, PER E-MAIL als »Beweis« dafür nutzen werden. Schlimm
gut geht. SUSANNE SEIDEL, DÜS SELDORF Ähnlich wie bei mir spüre ich in dem Beitrag das drücken und bedarf nicht der gestelzten Formu- genug, aber muss man solche Beweise fürchten,
Entsetzen darüber, wie sich Deutschland unter lierung wie »beleidigte Linke und rechte Heul- Das Problem liegt darin, dass immer mehr in wü- wenn man schlagkräftige Gegenbeweise zur
Eigentlich ist es offensichtlich, dass es bei Angela Merkel entwickelt hat. Ich meine mich zu susen«.  LIESELOTTE MÜLLER, KASSEL tendem und herabsetzendem Ton übereinander und Hand hat? REGINA STOCK , KIEL
weitergehendem wirtschaftlichem Wachs- erinnern, dass auch Frau Dorn anfangs von­ nicht miteinander geredet und gestritten wird.
tum keinen wirksamen Klimaschutz geben Merkel angetan war. In den 15 Jahren hat sich Die zunehmende Komplexität der Welt mit all ihren Leider reden auch unsere sogenannten Eliten in den Den Namensbeitrag eines Autors in Struktur
kann. Trotzdem müssen sich die Wachs- aber deren Verachtung für Debatten und die Aus- Widersprüchen raubt vielen Menschen die Kraft, Talkshows kaum miteinander, sondern meist an­ und Aussage zu bearbeiten geht zu weit. Eine
tumskritiker immer vorwerfen lassen, dass einandersetzung mit politischen Gegnern, das ihrem durchgetakteten Alltag einen Sinn zu geben: einander vorbei in ihren sattsam bekannten Sprech- liberale Zeitung muss die Vielfalt der Sicht-
ihre Auffassung »unrealistisch« ist. Was wir heißt im Grunde auch ihre Ablehnung einer Wo der Lebenssinn verloren geht, verlernen Men- blasen. Grundlage für ein Gespräch, das den Namen weisen nicht teilen, sollte sie aber dem Leser
jetzt brauchen, ist eine Forschung, die he- demokra­tischen Kultur erwiesen. Gesellschafts- schen das Erwachsenwerden. Heute sind es Kinder verdient, muss aber sein, dem Gegenüber die gleiche zugänglich machen.
rausfindet, was die Wachstumstreiber sind, politisch fehlt ihr jegliche Empathie. Frau Dorn (Fridays for Future), die die Erwachsenen mahnen, intellektuelle Redlichkeit zuzubilligen, die man für  EBERHARD BECKER , PER E-MAIL
damit wir sie abstellen können. Wir müssen hat ein ­treffendes Bild gefunden: Mutti will ihrer Verantwortung nachzukommen und erwachsen sich in Anspruch nimmt. Das Internet fördert sicher
jetzt die Suffizienz in den Vordergrund rü- außer Haus glänzen, Heim und Familie verwahr- zu werden.  WALTER MORITZ, PER E-MAIL nicht die Dialogfähigkeit, bleiben doch die Nutzer Immer wieder stößt man in den Mainstream-
cken, damit wir nicht in absehbarer Zeit losen.  GERHARD REINELT, PER E-MAIL meist in ihrer Blase, wo andere Meinungen gar nicht medien auf die »Asymmetrie der Berichterstat-
feststellen müssen, dass »grünes Wachstum« Thea Dorn beschreibt sehr trefflich ein Phänomen, erst auftauchen. Unsere Schulen und Elternhäuser tung«: Übergriffe Rechtsradikaler werden auf-
nur eines ist: ein nettes Märchen, das uns Beinahe wirkt es so, als wenn Thea Dorn über »ag- das nicht nur bei Rechten auftritt, sondern sich auch hätten da einen Auftrag, nämlich Diskussionskultur gebauscht (Chemnitz), Übergriffe von Asyl­
davon abgehalten hat, wirksame Maßnah- gressive Mimosen« nur schreibt, um am Ende auf bei Linken epidemisch auszubreiten scheint. Das und Dialogfähigkeit zu fördern. Aber sie sind ja be- bewerbern (zunächst) relativiert und verharm-
men zu ergreifen. Alle Evidenzen zeigen, dramatische Weise das Fehlen einer großen Per- kann ich durch eigene Erfahrungen bestätigen: Zum reits jetzt überfordert. Trübe Aussichten für unsere lost (Köln) oder verschwiegen (Frankfurt/Oder).
dass wir jetzt konsequent die Wende zum sönlichkeit festzustellen zu können. Sucht ihre Sehn- Beispiel prangerte ich im Freundeskreis Missstände Demokratie! DR. MARTIN KLUPP, AMBERG Über die Mordopfer des NSU und des An-
Weniger einleiten müssen, wenn wir über- sucht nach echter Autorität nur einen vorgelagerten in indischen Pharmaunternehmen an. Ich hatte schlags in Hanau wird regelmäßig berichtet; wer
haupt nur den Hauch einer Chance haben Grund, um sie einfordern zu können? Während sie kaum begonnen, da wurde ich schon ausgebremst Der Artikel hat mir aus der Seele gesprochen. Die aber kennt noch die Namen, die Gesichter der
wollen, das Überleben der Menschheit sicher­ von hoher Warte aus auf die in ihrem Text kreierte und schulmeisterlich getadelt. Obwohl es nicht zum Formel »aggressive Mimosen« werde ich über- Opfer des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt
zustellen. ANDREAS BROCK , ERL ANGEN Kampfzone neutral zu schauen scheint, ist sie doch Thema gehörte, sollte ich gleichzeitig die deutsche nehmen.  DR. HERBERT GRIESHOP, BERLIN in Berlin? DR . ULRICH PIETSCH , NIDDA- ULFA

Als Republikflüchtiger kenne ich die DDR

Wenn Kompromisse zu wenig sind


wie auch die Bundesrepublik Deutschland.

Mit Atommüll leben


Meinhardts Beobachtungen stimme ich zu.
Die Ur-Ursache dieser unguten Ideologi­
sierung speziell seit 2015 sehe ich in dem
Dirk Asendorpf: »Wohin »alternativlosen« Merkel-Mehltau. Die libe-
Greta Thunberg im Gespräch mit Bernd Ulrich: »Natürlich bin ich privilegiert«  ZEIT NR. 36 ralen Eliten hier haben sich darin zuneh-
damit?«  ZEIT NR. 36 mend eingerichtet und möchten nun durch
das allgemein zunehmende öffentliche Mur-
Die einzige sichere Methode zur Atommüll-­ Ich habe mich sehr gefreut, dass Greta Thunberg teilweise unlogisches Interview mit Greta Thun- sellschaft zu übertragen. Aber ich würde dem ren in ihrem Wohlfühlmodus nicht gestört
Lagerung ist in stabilen Kleinbehältern (etwa in in der ZEIT zu Wort kam. Ich muss ihr vor allem berg außerordentlich. Zum Glück hat Greta auf Individuum nicht zu viel grundsätzliche Wan- werden.  DR . GERNOT HENSELER , BERLIN
Glas eingeschmolzen), die in einem stabilen in dem Punkt recht geben, dass die Presse die Ihre merkwürdig formulierten, unangemessenen, delbarkeit zusprechen. Gesellschaften entwi-
Haus oberirdisch stehen und ständig überwacht Klimakrise nicht als existenziell behandelt. Wür- zu persönlichen Fragen gute Antworten gegeben. ckeln sich nicht durch die »Veredelung« des Herr Meinhardt schildert seine emotionale
werden können. Die Lösung ist bewährt und de sie dies tun, müsste täglich beziehungsweise Sonst wäre das Interview ja gar nicht zu lesen und Einzelnen, sondern durch Regeln für alle. Entwicklung als Journalist vom Glück bis hin
viel sicherer als alles andere. bei Ihnen wöchentlich darüber berichtet werden. völlig zusammenhanglos gewesen. Dass Sie so  DR . CHRISTIAN VOLL, PAS SAU zur tiefen Desillusionierung. Das erinnert an
 DR. MATHIAS BIEBERBACH, HANNOVER Es muss nicht radikal sein, aber stetig. Nur so mit einer Jugendlichen umgegangen sind, ist für den Verlauf eines Burn-out, dessen Ursachen
lässt sich der Prozess der zwingend notwendigen mich die Krönung. Heutzutage wird viel vom Gegen schnelle Maßnahmen zur Bewältigung der sowohl individuell als auch systembedingt
Wir alle leben auf einem riesigen Atommüll- Veränderungen anstoßen. Er geht mit Einschrän- Vertrauensverlust gegenüber dem Journalismus Klimakrise wird immer das Argument angeführt, sind: erst Feuer und Flamme, dann ausge-
endlager. Bei der Entstehung unseres Planeten- kungen einher, für die offensichtlich noch nicht gesprochen. Ich weiß nicht, um welche Leser- Kompromisse seien der Kern der Demokratie, so brannt. Bleibt zu hoffen, dass ihm Diskussio-
systems wurden die Überreste einer Sonne, die das nötige Bewusstsein vorhanden ist. Auch schaft Sie sich mit diesem provokanten Stil be- zügig gehe das nicht. Das hält die ZEIT auch nen mit Andersdenkenden auch in Zukunft
vor Urzeiten in unserer Region des Universums wenn die erforderlichen Investitionen nicht so- mühen? Jedenfalls laufen Sie Gefahr, dadurch Greta Thunberg vor. Was aber, wenn die Klima- gelingen und dass er wieder häufiger gute
explodiert ist, in das Innere unserer Erde ein- fort Profit abwerfen und die Einschränkungen treue ZEIT-Fans wie mich zu verlieren. Wie Ihr krise nicht eine »normale« Krise wie zum Beispiel Zeitungen – solche mit einer breiten Mei-
gelagert. Die Strahlung wirkt bis heute so in- für die Einzelnen vielfach nur gefühlt sind, ist ein Artikel wirkt, merken Sie daran, welchen Ton er die Corona-Pandemie ist? Greta Thunberg hat nungsvielfalt – liest. Diese gibt es tatsächlich
tensiv, dass das Innere der Erde glutflüssig ist. konsequenteres Handeln der älteren Generatio- in mir provoziert. Ein Rückgewinnung des­ recht, es handelt sich um eine existenzielle Krise, noch.  KLAUS BOTZENHARDT, PER E-MAIL
Diese Erdwärme wird zu den regenerativen nen ein Muss. Ich würde mir wünschen, dass die Vertrauens in den verantwortungsvollen Jour- die man nicht durch Mundschutz und Abstand-
Energien gerechnet. Sollten wir uns nicht die ZEIT die Klimakrise als existenziell erkennt und nalismus ist für unsere Gesellschaft wichtig. halten managen kann, bis ein Impfstoff zur Ver-
Natur zum Vorbild nehmen und die Restwärme wöchentlich ressortübergreifend darüber be­ Also geben Sie sich Mühe! Ich zähle auf die fügung steht. Am Ende wird man womöglich der
des Atommülls nutzen?  DR. G. ZEYER, BOCHUM richtet.  MARTIN WIDER A , FR ANKFURT AM MAIN ZEIT.  CORNELIA IMBODEN- GL AS S , PER E-MAIL Demokratie vorwerfen, sie habe durch ihre Kom-
promissbereitschaft dazu beigetragen, unsere IHRE POST
Es ist bewundernswert, wie beharrlich Greta Tatsächlich gibt es besondere Menschen, und Ma- Existenz zu zerstören.
Thunberg darauf hinweist, dass die Klimakrise hatma Gandhi war sicher einer von ihnen. Er hat  DR . WALTER RUHL AND, DEIDESHEIM erreicht uns am schnellsten unter der
keine normale, sondern eine existenzielle Krise durch seinen gewaltfreien Widerstand vieles in Gang E-Mail-­Adresse leserbriefe@zeit.de
BEILAGENHINWEIS ist. Für einige Wochen schien die Corona-Pan- gesetzt. Es zeigte sich aber auch, dass gesellschaftliche Dieses Interview ist doch etwas ernüchternd für Leserbriefe werden von uns nach eigenem
demie eine Art »Blaupause« einer solchen Krise Prozesse ihr Eigenleben entwickeln. Die von Gandhi mich. Es passt allerdings zu den Aussagen von Ermessen in der ZEIT und/oder auf ZEIT
Die heutige Ausgabe enthält folgende Publikatio- zu sein. Nach dem Beginn eines nachhaltig angestoßene Entwicklung führte eben nicht nur zur Gretas Vater, der meinte, Hauptsache, seine Toch- ONLINE veröffentlicht. Für den Inhalt der
nen in einer Teilauflage: Baden-Württemberg Stif- wirksamen Klimawandels wird die Rückkehr Unabhängigkeit des vormaligen Britisch-Indiens, ter sei nun glücklich! Wie kann man als denkender Leserbriefe sind die Einsender verantwort-
tung GmbH, 70174 Stuttgart; Höffner Möbelge- auf gewohnte Pfade aber nicht wieder möglich sondern auch zur Polarisierung zwischen Hindus Mensch angesichts der schon in vollem Gange be- lich, die sich im Übrigen mit der Nennung
sellschaft, 12529 Schönefeld; Markt1 Verlagsge- sein.  MANFRED FOLKERS , OLDENBURG und Muslimen und am Ende zur unfriedlichen findlichen Klimaveränderung »sehr glücklich« sein? ihres Namens und ihres Wohnorts
sellschaft mbH, 45127 Essen; Presse- und Infor- Teilung des Territoriums und damit zu Vertreibung, Ich bin froh, dass ich jenseits der 50 bin und das einverstanden erklären.
mationsamt der Bundesregierung, 10117 Berlin; Seit meiner Abiturszeit (1989) ist die ZEIT für Migration, Gewalt und Tod. volle Ausmaß nur noch kürzere Zeit erleben muss. Zusätzlich können Sie die Texte der ZEIT
sowie in der Auflage Christ & Welt: Bischöfliches mich der Inbegriff niveauvollen Journalismus. Bewusst lebende Menschen neigen vielleicht Sie scheint das trotz allem noch nicht begriffen zu auf Twitter (@DIEZEIT) diskutieren und
Hilfswerk Misereor e.V., 52064 Aachen. Darum enttäuscht mich Ihr provokatives und dazu, zu viel ihres eigenen Inneren auf die Ge- haben.  IMKE MAHNKE, PER E-MAIL uns auf Face­book folgen.

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DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 GESCHICHTE 17

E
s ist eine beeindruckende Serie. einem toten Rennen zwischen dem Republikaner
Seit 1788 wählen die Amerika­ Rutherford B. Hayes und dem Demokraten
ner alle vier Jahre ihren Präsi­ Samuel J. Tilden, weil die Ergebnisse in mehreren
denten. Noch nie ist eine der Südstaaten umstritten waren. Nach wochenlangen
bislang 58 Präsidentschafts­ Kungeleien sicherten sich die Republikaner mit
wahlen abgesagt oder verscho­ viel Schmiergeld und der Zusage, die letzten­
ben worden, auch nicht in Besatzungstruppen aus dem Süden abzuziehen,
Kriegszeiten. Oft hielt sich die Spannung in das Weiße Haus.
Grenzen, weil der Ausgang absehbar war oder Damit erhielten die Südstaaten freie Hand,
sich die Kandidaten politisch kaum unterschie­ die »weiße Vorherrschaft« wiederherzustellen.
den. Doch immer wieder stand auch die Zu­ Mit neuen Gesetzen hinderte man die Afro­
kunft des Landes auf dem Spiel. Die bevor­ amerikaner daran, ihr Wahlrecht auszuüben,
stehende Wahl am 3. November ist nach Über­ wodurch sich in der ehemaligen Konföderation
zeugung vieler Amerikaner eine solche Schick­ de facto eine Einparteienherrschaft der Demo­
salswahl: Werden die Wählerinnen und Wähler kraten etablierte. Auf nationaler Ebene dominier­
einen Möchtegerndiktator im Amt bestätigen ten dagegen die Republikaner, die zwischen 1868
oder einer demokratischen Erneuerung den und 1928 zwölf der 16 Präsidentschaftswahlen
Weg ebnen? gewannen. Erst 1932, auf dem Höhepunkt der
US-Präsidentschaftswahlen, wie wir sie ken­ Großen Depression, wurden die Karten neu ge­
nen, haben nur noch wenig mit den Vorstellungen mischt. »Happy days are here again«, lautete der
der Verfassungsväter von 1787 gemein. Die fürch­ campaign song des demokratischen Bewerbers
teten vor allem zu viel Macht für einen Einzelnen. Franklin D. Roosevelt, der dem amerikanischen
Um dem Staatsoberhaupt und Inhaber der Exe­ Volk einen New Deal versprach.
kutivgewalt keine zu eigenständige Legitimations­ Der amtierende Präsident Herbert Hoover, ein
basis zu verschaffen, entschieden sie sich gegen Wirtschaftsfachmann und Technokrat, war vier
eine Direktwahl durch das Volk und für ein äu­ Jahre zuvor mit fast 60 Prozent der Wählerstim­
ßerst kompliziertes, indirektes Prozedere: Die men ins Weiße Haus eingezogen, scheiterte jedoch
Bundesstaaten entsenden so viele Wahlmänner in auf ganzer Linie bei der Bekämpfung der Welt­
ein Wahlkollegium, wie ihnen gemäß ihrer­ wirtschaftskrise, die Millionen Amerikaner in
Bevölkerungszahl Abgeordnete und Senatoren Elend und Verzweiflung stürzte. Der Präsident
im Kongress zustehen. Dieses Kollegium, das­ erschien ratlos und gleichgültig gegenüber den
Electoral College, wählt dann den Präsidenten. Nöten seiner Landsleute. Da war es wenig er­
Erforderlich ist die absolute Mehrheit. staunlich, dass ihn die Wähler aus dem Amt fegten
Da die Verfassung keine Volkswahl der und dem New Yorker Patrizier Roosevelt einen
Wahlmänner vorschreibt, wurden diese bis in klaren Sieg bescherten. Der hatte zwar auch kein
die 1820er-Jahre fast überall von den Parlamen­ Patentrezept, war aber zu mutigen Experimenten
ten der Einzelstaaten bestimmt. Dieses doppelt bereit und verbreitete Zuversicht. »Das Einzige,
indirekte Verfahren entsprach dem vordemo­ was wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst«,
kratischen Prinzip der Bestenauslese. Ehrgeiz Unvereinigte Staaten: 1860 konkurriert der Republikaner Abraham Lincoln (l.) mit den beiden demokratischen rief er den Amerikanern in seiner Antrittsrede zu.
und Machtstreben waren verpönt. Der Präsi­ Kandidaten Stephen Douglas (Nordstaaten) und John Breckinridge (Südstaaten). John Bell Einen Wendepunkt markiert das Wahljahr
dent sollte die Ideale republikanischer Tugend von der Constitutional Union Party versucht vergeblich, die Risse zu kitten. Zeitgenössische Karikatur 1932 deshalb, weil Roosevelts Triumph von
und patriotischer Pflichterfüllung verkörpern. Dauer war. Er läutete den Beginn der New-Deal-
Bei den ersten beiden Wahlen 1788 und 1792 Ära ein, in der die liberalen Demokraten, oft mit
war es daher völlig selbstverständlich, dass das Unterstützung liberaler Republikaner, die Grund­
Electoral College George Washington, den Hel­ lagen des amerikanischen Interventions- und
den des Unabhängigkeitskrieges, einstimmig Sozialstaats legten. Die breite Wählerkoalition,
und ohne Gegenkandidaten kürte. Doch schon deren Rückgrat die Arbeiter- und die Mittel­
als sich die nationale Vaterfigur nach zwei schichten, Einwanderer sowie die schwarze Min­
Amtszeiten zurückzog, wurde das Präsidenten­ derheit bildeten, sicherte den Demokraten bis in
amt zum Objekt persönlicher Ambitionen und die Sechzigerjahre hinein die Vorherrschaft. Sie
politischer Gegensätze. zerbrach erst bei den Wahlen 1968, als der­

Wenn es
1796 erhielt der bisherige Vizepräsident John Vietnamkrieg die Gesellschaft entzweite, die
Adams die Mehrheit, dicht gefolgt von Thomas schwarzen Ghettos brannten und die weißen
Jefferson, dem Verfasser der Unabhängigkeits­ Stammwähler der Demokraten in Scharen zu den
erklärung von 1776. Damit stand fest: Jefferson Law-and-Order-Konservativen überliefen (ZEIT
wird Adams’ Vize, denn die Verfassung sah zu­ Nr. 44/18). Die Republikaner, jahrzehntelang die
nächst nur einen Wahlgang im Electoral College Partei des Nordens, umwarben nun die weiße
vor, wobei die Nummer zwei automatisch zum Wählerschaft des Südens.

ums Ganze geht


Stellvertreter ernannt wurde. Die beiden Männer Donald Trump setzt heute auf ein ähnliches
waren indes nicht nur persönliche Rivalen, son­ Szenario wie damals der Republikaner Richard
dern standen auch für unterschiedliche politische Nixon: Er hofft, dass ihm eine Eskalation der
Ordnungsvorstellungen. Adams und andere Proteste gegen die rassistische Polizeigewalt in die
Föderalisten, wie sie bald genannt wurden, befür­ Karten spielt. Amerikas Liberale dagegen blicken
worteten eine starke Bundesgewalt und wollten sehnsüchtig auf das Jahr 1932. Sie hoffen, dass
den Handel und das Manufakturwesen fördern; die Wähler Trump wegen seines Versagens in der
Republikaner wie Jefferson dagegen hielten die Corona-Krise aus dem Weißen Haus vertreiben
Rechte der Einzelstaaten und das Ideal einer ega­ und ein neuer Präsident, Joe Biden, das Land aus
litären, agrarisch geprägten Republik hoch. dem Schlamassel führt.
Jefferson hatte daher wenig Lust, Adams als Stell­ Immer wieder wurden Präsidentschaftswahlen zu Wendepunkten Angesichts der extremen Polari­sierung der
vertreter zu dienen. Er zog sich auf seinen Land­ Wählerschaft wäre ein Erdrutschsieg Bidens nach
sitz zurück. Vier Jahre später standen sich Prä­ der US-Geschichte. 1860 lösten sie einen Bürgerkrieg aus, 1932 leiteten dem Vorbild Franklin D. Roosevelts eine Über­
sident und Vizepräsident dann offen als Kon­
kurrenten gegenüber.
sie einen demokratischen Aufbruch ein. Steht das Land erneut raschung. Pessimisten verweisen auf ganz andere
historische Präzedenzfälle. Was wird passieren,
Die Wahl von 1800 gilt als die erste Schicksals­ vor einer historischen Zäsur?  VON MANFRED BERG wenn es erneut ein Wahlergebnis wie im Jahr 2000
wahl der US-Geschichte: Würde der amerikani­ gibt? Damals gewann der Demokrat Al Gore zwar
schen Republik ein friedlicher Machtwechsel eine halbe Million Stimmen mehr als der Repu­
gelingen? Oder drohten, wie im revolutionären blikaner George W. Bush, aber die Präsidentschaft
Frankreich, Chaos und Diktatur? hing an wenigen Hundert Wahlzetteln in Florida,
Der Richtungsstreit wurde mit harten Ban­ über deren Zählung am Ende der Oberste Ge­
dagen ausgetragen. Der von den Föderalisten be­ richtshof zugunsten von Bush entschied. Könnte
herrschte Kongress erließ während des Wahl­ es sein, dass Chaos, Manipulationen und das anti­
kampfes Gesetze, die Pressefreiheit und Kritik an quierte Wahlsystem dazu führen, dass kein Kan­
der Regierung einschränkten. Der Republikaner didat die absolute Mehrheit im Electoral College
Jefferson wiederum proklamierte in anonymen erreicht und dann das Repräsentantenhaus – wie
Aufrufen das Recht der Einzelstaaten, schädliche zuletzt 1824 – den Präsidenten wählt? Der würde
Bundesgesetze zu annullieren. Putschgerüchte dann vermutlich wieder Donald Trump heißen,
machten die Runde. Doch am Ende verliefen traten die Kandidaten für beide Ämter als Team und als dächtigte, die Sklaverei abschaffen zu wollen. Für den und einen südlichen Flügel: Der nördliche nominierte weil die Republikaner mehr Bundesstaaten kon­
Wahl und Regierungswechsel in geordneten Anführer rivalisierender politischer Gruppierungen auf. Fall seines Wahlsieges drohte der Süden mit Sezessi­ Stephen A. Douglas, einen alten Rivalen Lincolns aus trollieren. North Dakota mit seinen 762.000 Ein­
Bahnen. Jefferson erhielt im Electoral College acht In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ent­ on. Wenn es je eine Schicksalswahl in den USA gab, Illinois, der die Wähler der Einzelstaaten über die Skla­ wohnern hätte dann genauso viele Stimmen wie
Stimmen mehr als Adams, der seine Anhänger wickel­ten sich die USA zu einer Massendemokratie dann war es die Abstimmung am 6. November 1860. verei entscheiden lassen wollte. Im Süden trat John C. Kalifornien mit fast 40 Millionen, nämlich eine.
aufforderte, die Niederlage zu akzeptieren. mit allgemeinem Wahlrecht für weiße Männer, orga­ Der Streit um die Sklaverei hatte längst das na­ Breckinridge aus Kentucky an, ein kompromissloser Inzwischen bezweifeln viele Kommentato­
Zugleich zeigte sich ein weiterer Defekt des nisierten Parteien und Wahlkämpfen. Fast alle Bun­ tionale Parteiensystem zertrümmert. Die Demo­ Befürworter der Sklaverei. Daneben warb die hastig ren, dass es überhaupt reguläre, faire Wahlen
Wahlsystems: Da die Wahlmänner jeweils zwei desstaaten führten nun auch die Volkswahl der Wahl­ kraten, die seit Andrew Jacksons Präsidentschaft organisierte Constitutional Union Party mit John Bell geben wird. Trump hat sogar den Termin in­
Stimmen hatten, um im selben Zuge Präsident männer ein und legten fest, dass ihre Stimmen nach die politische Klammer zwischen den Landesteilen aus Tennessee um die Wählergunst. Ihr einziger Pro­ frage gestellt. Ein schmutziger Wahlkampf und
und Vizepräsident zu ermitteln, erhielten Jeffer­ dem winner take all-Prinzip vergeben werden: Wer die gebildet hatten, spalteten sich in einen nördlichen grammpunkt war die Bewahrung der nationalen Ein­ Wahlbetrug sind in der US-Geschichte nichts
son und sein designierter Vize Aaron Burr exakt Mehrheit der Stimmen gewinnt, bekommt alle dem heit. Wie diese gerettet werden konnte, wusste aller­ Ungewöhnliches, aber in diesem Jahr könnte
dieselbe Stimmenzahl – ihre Gefolgsleute hatten Staat zustehenden Wahlmänner. ANZEIGE dings auch hier niemand zu sagen. Schlimmeres drohen: eine Neuauflage der
brav nach Parteilinie abgestimmt. Wenn aber kein Wie dies den Mehrheitswillen verzerren kann, zeigte Das Wahlergebnis legte die Spaltung des Landes Schicksalswahl von 1860.

JETZT NEU
Kandidat die absolute Mehrheit hat, entscheidet sich gleich 1824. Vier Kandidaten traten damals an, unmissverständlich bloß: Lincoln erhielt nur knapp Auch dem Bürgerkrieg ging eine jahrzehnte­
laut Verfassung das Repräsentantenhaus darüber, wobei sich das Rennen zwischen Andrew Jackson und 40 Prozent der Wählerstimmen, gewann aber in allen lange Polarisierung voraus, bis sich der Norden

AM KIOSK
wer Präsident wird. Es sei denn, einer der beiden John Quincy Adams, einem Sohn des Ex-Präsidenten Staaten des Nordens, sodass er im Electoral College und der Süden nur noch als unversöhnliche
Kandidaten verzichtet. Der ehrgeizige Burr je­ John Adams, entschied. Der volksnahe Jackson gewann, die absolute Mehrheit erzielte. Im Süden hatte er Gegner betrachteten. Der Historiker David Blight
doch dachte gar nicht daran, sich zugunsten von allerdings mit nur etwas mehr als 40 Prozent der Wäh­ nicht einmal zur Wahl gestanden: Es wäre für poten­ von der Yale University hat das Szenario kürzlich
Jefferson zurückzuziehen. lerstimmen. Auch im Electoral College verfehlte er die zielle Wahlmänner lebensgefährlich gewesen, sich als so skizziert: »Wir wissen aus der Geschichte, dass
In der Stichwahl hat – das gilt bis heute – jeder absolute Mehrheit. Daher musste erneut das Repräsen­ Republikaner zu bekennen. es ein Bürgerkriegsrisiko gibt, wenn das Ergebnis
Bundesstaat eine Stimme. Und wieder ist die ab­ tantenhaus abstimmen – das John Quincy Adams wähl­ Für die Anführer der Südstaaten war mit Lincolns einer Wahl für eine Partei oder eine große Bevöl­
solute Mehrheit notwendig. Im Jahr 1800 führte te! Jackson wütete, ihm sei der Sieg gestohlen worden. Wahlsieg das Band der Union endgültig zerrissen. Da kerungsgruppe völlig inakzeptabel erscheint.
dies zu einer grotesken Situation: Da die Födera­ Vier Jahre später, Jackson hatte inzwischen die Demo­ half es wenig, dass der designierte Präsident beteuerte, 2000 ist es bei der Konfrontation zwischen Bush
listen Jefferson ihre Stimme verweigerten, kratische Partei mitgegründet, revanchierte er sich,­ er wolle die Sklaverei nicht abschaffen, sondern ledig­ und Gore nicht zum Äußersten gekommen, aber
brauchte es 36 Wahlgänge und ebenso viele­ indem er Adams nach einem überaus harten Wahlkampf lich ihre weitere territoriale Ausbreitung verhindern. vielleicht waren wir nahe dran. Es ist nicht un­
Intrigen und Kuhhändel, bis Jefferson endlich eine demütigende Niederlage zufügte. Die herrschende Oligarchie war nicht bereit, den Aus­ denkbar, dass es jetzt passieren könnte.«
die erforderliche Mehrheit erhielt. Um die Ein­ Um die Mitte des Jahrhunderts waren Machtwech­ ODER gang der Wahl zu akzeptieren. Am 20. Dezember Historische Analogien haben ihre Grenzen.
heit der Nation zu betonen, erklärte der Präsident sel nach Wahlniederlagen zur politischen Normalität GRATIS 1860 setzte South Carolina mit seiner Sezessionserklä­ Und man muss auch nicht gleich an einen regel­
LESEN!
danach in seiner Antrittsrede: »Wir sind alle geworden. Doch dann spitzte sich in den 1850er-Jahren rung eine Eskalationsspirale in Gang, die im April rechten Bürgerkrieg denken mit uniformierten
Republikaner, wir sind alle Föderalisten.« Doch der Konflikt zwischen dem sklavenhaltenden Süden und 1861 zum Bürgerkrieg führte. Wahlen und Mehrheits­ Armeen. Doch bei einem knappen, umstrittenen
die Existenz und der Einfluss der Parteien lie­ dem freien Norden zu: Im Süden wurde der Ruf nach prinzip vermochten nicht mehr, eine heillos polarisierte Wahlergebnis ist durchaus damit zu rechnen,
Abb.[M]: Mauritius Images

ßen sich nicht länger leugnen. Noch vor den Loslösung von der Union immer lauter. Im Norden Nation zusammenzuhalten: Der Sezessionskrieg, der dass es zu massiver politischer Gewalt kommt.
nächsten Wahlen verabschiedeten Kongress und sammelten sich die Gegner der Sklaverei in der neu mehr als 700.000 Amerikaner das Leben kostete, war Es wäre eine Katastrophe für Amerika und für
­Einzelstaaten daher eine Verfassungsänderung, gegründeten Republikanischen Partei. eine Niederlage der Demokratie. die ganze demokratische Welt.
das 12. Amendment, das getrennte Wahlgänge Die nominierte vor den Wahlen von 1860 Abraham Hier testen: www.zeit.de/zg-heft Auch nach dem Ende des Krieges 1865 funktionierte
für die Ämter des Präsidenten und des Vizeprä­ Lincoln aus Illinois, den die Pflanzeroligarchie der Süd­ das System der Präsidentschaftswahlen mehr schlecht Manfred Berg ist Professor für Amerikanische ­
sidenten im Electoral College vorschreibt. Fortan staaten verabscheute, weil sie ihn – zu Unrecht – ver­ als recht. 1876 kam es nach massivem Wahlbetrug zu Geschichte an der Universität Heidelberg

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18 RECHT & UNRECHT 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Sollte jemand denken, auf dem Land und bei den Pferden gehe es stets idyllisch zu: Welch ein Irrtum!
Illustration: Jan Steins für DIE ZEIT

Hü und hott
Meine Urteile (XIII): Die Irrungen und Wirrungen um einen Reiterhof führen zur schmerzlichen Erkenntnis,
dass am Baum der richterlichen Wahrheit gelegentlich nur Pferdeäpfel hängen  VON THOMAS MELZER

A
ls unser Jüngster noch klein An einem Nachmittag kurz vor Weihnachten nicht. Die erwachsene Tochter: Der Traktorfahrer Am Ende der Hauptverhandlung, wir sind längst dieses Verfahren zuständig. Davon weiß die ehe­
war, führten die Spaziergänge beseitigt Bauer Hansch im Auftrag von Bauer Uhlig ist zu Frau Kraus gelaufen. Dann hielt er sich im zweiten Sitzungstag, meldet sich die Angeklagte malige Zeugin und jetzige Angeschuldigte noch
häufig über einen Reiterhof. mit einem Pflug den wilden Zufahrtsweg, der quer plötzlich die Hände ins Gesicht und lief zurück. noch einmal zu Wort. Als sie von Hansch angegriffen nichts, als sich für sie unter der Nummer einer US-
Unter den Satteldecken erleb­ über das Feld zum Gutshaus führt. Der Weg wird vor Er lag dann an der Straße, Autos hielten an. Frau worden sei, habe sie nicht mit der Polizei telefoniert amerikanischen Unternehmensberatung mit Sitz
ten wir Stuten, Hengste und allem von den Einstellern des Reiterhofes genutzt. Kraus soll ihn angegriffen haben. Sie habe davon und auch nicht mit Frau Beltz, sondern mit einem in Düsseldorf ein Mann bei einer Gerichtshelferin
Wallache, in den Sätteln allein Da erscheint plötzlich Frau Kraus auf dem Acker und nichts gesehen. Verwandten. Dann habe sie aufgelegt, die 110 ange­ meldet und schimpft, in den ostdeutschen Län­
Frauen und Mädchen. »Wenn gebietet Hansch wild gestikulierend Einhalt: Er Ein Rettungswagen wurde gerufen. Der Sanitäter rufen und gesagt, kommt bitte, ich habe angeblich dern seien noch immer Stasi-Leute aktiv, die sich
er später dabeibleibt, wird er hier ein Paradies­ pflüge sogleich die zum Gutshof führende Gasleitung erinnert sich vor Gericht: Der Patient lag auf dem jemanden zusammengeschlagen. Das Gericht lässt nicht an Recht und Gesetz hielten. Natürlich muss
finden«, zwinkerte uns eine Reitlehrerin zu. Aus um. Hansch verlässt die Traktorkabine und sagt, von Feld. Er war aufgeregt und jammerte, er habe Bauch­ das Protokoll der polizeilichen Notrufzentrale aus­ mich die Angeklagte für befangen halten, nach­
der gerichtlichen Perspektive muss ich das in­ Mietnomaden und Hausbesetzern lasse er sich keine schmerzen. Er sei geschlagen worden. Der Bodycheck drucken. 15.59 Uhr Anruf Kraus: Bauer Hansch dem ich ihre Zeugenaussage im Urteil gegen Kraus
zwischen bezweifeln. Anweisung geben. Die Pflugmesser reißen 50 Zenti­ ergab nichts Schwerwiegendes. Er hatte Schürfwun­ pflüge dort, wo Gasleitungen verlaufen; das Ord­ als Lüge markierte. Ich lehne gemäß Paragraf 30
Im brandenburgischen Speckgürtel um Berlin meter tief; so flach ist keine Gasleitung vergraben. den im Gesicht. Er war aufgebracht. Er könne nicht nungsamt kümmere es nicht. 110 bescheidet, dass Strafprozessordnung meine Zuständigkeit selbst
ist der Reiterhof längst die verbreitetste Form der Und dass hier eine verläuft, ist ohnehin unwahr­ einschätzen, ob der Patient geschauspielert hat. Es die Polizei nicht zuständig sei. 16.12 Uhr Anruf ab und werde von dem Verfahren entbunden.
Tierhaltung – und Stutenbissigkeit eine galoppie­ scheinlich. An dieser Stelle endet vor Gericht die ein­ war aber mehr Aufregung als alles andere. Kraus: Anruferin erneut in der Leitung und teilt mit, Das Schöffengericht verhandelt nun unter dem
rende Kon­flikt­art. In einem berlinfernen Gerichts­ vernehmlich geschilderte Handlung. Es beginnt die Dieses Verfahren ist längst mehr Aufwand als alles dass sie geschubst wurde. Der Bauer soll jetzt aber Vorsitz eines Kollegen. 15 Monate nachdem Frau
ort arbeitete ich einst als Jugendrichter. Nach we­ harte Arbeit der Justiz. andere. Doch die vorgeschlagene Verfahrenseinstel­ wieder in seinem Trecker sitzen. Kraus zuletzt als Angeklagte das Geschehen schil­
nigen Jahren hatte ich im Verhandlungssaal alle Sein Spruch von den Mietnomaden und Haus­ lung unter der Auflage, einen kleinen Betrag an eine Lügengeschichten sind wie Free Jazz. Was nicht derte, tut sie es nun als Zeugin. »Als es zu dem
acht Mietparteien des Wohnblocks Thomas- besetzern habe Frau Kraus zum Entgleisen ge­ gemeinnützige Einrichtung zu zahlen, lehnt Kraus notiert ist, verlangt Improvisation und klingt jedes angeblichen Angriff kam, habe ich mit einem Ver­
Mann-Ring 15 kennengelernt. Das war mein Sozio­ bracht, zeigt Hansch bei der Polizei an: Sie habe ab. So bleibt nur: Freispruch oder Schuldspruch. Mal anders. Natürlich ist es nicht normal, wie wandten telefoniert«, sagte sie damals. »Du, er
top, die im Leben unter die Räder Gekommenen. ihn zweimal ins Gesicht geschlagen und einmal Zuvor aber ist noch eine von der Angeklagten Hansch sich verhalten hat. Aber was ist schon normal liegt jetzt vor mir. Ich soll ihn geschubst haben, ich
Nun, in meinem berlinnahen Gerichtsbezirk, bin mit dem Ellenbogen in den Magen. Dazu habe sie benannte Zeugin zu vernehmen, Frau Beltz. Sie sagt, an dieser Geschichte. Ich verurteile Frau Kraus wegen soll ihn umbringen wollen«, habe sie Frau Beltz
ich dienstlich im Reitermilieu zu Hause. Hätte gestammelt: »Sie mache ich fertig.« sie sei telefonisch von Kraus informiert worden, dass vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe live am Telefon berichtet, erzählt sie jetzt, als wäre
ich je im Fernsehen Vorabendserien geguckt, mein Hansch habe sie geschubst, während sie mit der gerade der Zufahrtsweg umgepflügt werde. Darauf­ von 40 Tagessätzen. Noch während der mündlichen es gestern gewesen. Die – fotografisch dokumen­
Beruf hätte diesen Zeitvertreib überflüssig ge­ Polizei telefonierte, um die Gefährdung der Ver­ hin habe sie aus dem Fenster geschaut und alles Urteilsbegründung eröffnet die Staatsanwältin das tierten – Verletzungen im Gesicht habe sich
macht. Bei mir ist jetzt schon am Vormittag Vor­ sorgungsleitungen anzuzeigen, lässt Kraus ihren Folgende beobachtet. Hansch sei aus dem Traktor Verfahren gegen Beltz wegen Meineides. Hansch im Fahrerhaus des Traktors mutmaßlich
abend, und zwar live. Verteidiger schriftlich vortragen. Er sei dann zu ausgestiegen, Kraus sei vor ihm zurückgewichen, Auch unser Amtsgericht ist ein Dorf. Das Ver­ mit Schmirgelpapier oder einer Bürste selber zu­
Das Dorf, in dem wir an diesem Verhandlungs­ seinem Traktor getaumelt, dort bäuchlings auf den Hansch sei ihr gefolgt und habe sie geschubst. Dann handlungsprotokoll schreiben im Wechsel die gefügt. Auch Hansch sagt erneut als Zeuge aus.
tag die Wahrheit suchen, kannte über DDR-Jahr­ Sitz gefallen, habe wenig später die Kabine wieder habe sich Hansch fallen lassen und sei zum Traktor Sachbearbeiterinnen der verschiedenen Geschäfts­ Das Schubsen weist er wiederum zurück. Erstmals
zehnte nur die Unruhe der nahen Autobahn. verlassen, sich auf den Boden geworfen und Krat­ zurückgerobbt. Kraus habe am Telefon live kom­ stellen – ob Familienabteilung oder Grundbuch­ aber bekundet er, durch Kraus’ Ohrfeigen zu Bo­
Dann kamen Wende und Wiedervereinigung und zer im Gesicht zugefügt. Dann sei er zum Straßen­ mentiert: Jetzt schubst er mich. Jetzt verletzt er sich amt, im Umlauf sind regelmäßig alle Mitarbeite­ den gegangen zu sein. Er habe einen Blackout ge­
mit ihnen die Protagonisten (sämtliche Namen rand gewankt und habe den vorbeifahrenden Au­ selbst. Das Gericht weist Frau Beltz darauf hin, dass rinnen dran. Die Strafsache Kraus protokolliert habt. Ob er zurück zum Traktor gelaufen oder ge­
sind aus Datenschutzgründen geändert) des tos zugerufen, dass er in Gefahr sei. Hansch ihre Augenzeugenaussage so gewichtig sei, dass es sie die Verwalterin der Gerichtskasse. Sie kenne die robbt sei, wisse er nicht mehr. Er habe sich nicht in
Stücks: Frau Beltz, eigentlich in Spanien zu Hause, schreibt, nach dem überraschenden Angriff durch darauf vereidigen wolle. Für den Fall einer vorsätz­ Angeklagte und die Zeugin Beltz, berichtet sie da­ der Lage gefühlt, mit dem Traktor zu flüchten.
erwirbt den Gutshof und gründet dort eine Pfer­ Kraus sei er, unter Schock stehend, zu seinem lichen Falschaussage unter Eid, eines Meineides, sieht nach. Einige Tage zuvor seien beide bei ihr gewe­ Körperlich und psychisch nicht. Filmriss. Das Ge­
dewirtschaft. Landwirt Uhlig aus Neuss erhält die Traktor geflüchtet und von dort zum Straßenrand, das Gesetz eine Mindeststrafe von einem Jahr Frei­ sen und hätten am letzten Tag der Frist eine Si­ richt verhandelt drei Tage lang und gibt sich alle
umliegenden Felder übertragen; kurz nach dem wo er liegen blieb. heitsstrafe vor. Frau Beltz sagt, sie bleibe bei ihrer cherheitsleistung hinterlegt. Damit wurde das Mühe, die vielen Filmschnipsel zusammenzufü­
Krieg waren sie seinen Eltern enteignet worden. Hansch habe sie geschubst, während sie mit Aussage. Und hebt die Hand zum Schwur. Räumungsbegehren von Bauer Hansch vorläufig gen. Vergeblich, es passt nichts. Die verschiedenen
Uhlig verpachtet die Scholle sogleich an Beltz. Frau Beltz telefonierte, lässt sich die Angeklagte in ANZEIGE abgewehrt. Ungewöhnlich und auffällig sei gewe­ Wahrheiten sind individuelle. Das Gericht spricht
Landwirt Hansch, gebürtiger Bremer, nun mit der Hauptverhandlung nun persönlich ein. Nicht sen, dass die 14.000 Euro im Namen einer ameri­ Frau Beltz auf Kosten der Staatskasse frei.
Gemüsewirtschaft und Hotel im Nachbarsprengel mit der Polizei? Nein, mit Beltz. Dann habe er sich kanischen Firma überwiegend in kleinen, ge­ In einer ihrer Meistererzählungen lässt Ingeborg
ansässig, beliefert Beltz mit Hafer. Und schließlich
Frau Kraus, die Angeklagte, 48 Jahre alt und aus
vor ihr fallen lassen wie eine Gummipuppe und
gerufen, sie wolle ihn umbringen. Er sei zum Tre­
DIE FASZINATION brauchten Scheinen eingezahlt wurden. Nicht ge­
rade das, was man sich unter transatlantischem
Bachmann den Vorsitzenden Richter Wildermuth
während eines Mordprozesses unvermittelt auf­
Braunschweig stammend. Als Reittrainerin möch­ cker gewankt, die Beine hätten aus der Kabine ge­ DES BÖSEN Zahlungsverkehr so vorstellt. schreien. Ob er schrie: »Wenn es hier noch einmal
jemand wagt, die Wahrheit zu sagen ...!« oder
te sie auf dem Pferdehof ihr Glück finden. baumelt, schließlich sei er zur Straße gerobbt, auf Am Abend des Tattages, so berichtete es Bauer
Die Autobahn ist längst durch Lärmschutz­ allen vieren. Hansch, habe seine Frau den Traktor vom Feld »Hört auf mit der Wahrheit, hört endlich auf mit
wände beruhigt, da beginnt im Dorf das Getöse. Hansch berichtet, jetzt im Zeugenstand, es geholt. Da habe sie Beltz und Kraus angetroffen, der Wahrheit«, weiß anschließend niemand mehr
Beltz rutscht mit dem Pferdehof in die Pleite. Ihre habe ein »Gerangel« mit Kraus gegeben, in dem sie beim Beseitigen der frischen Erdhaufen, mit de­ genau zu sagen. Tatsache ist, Richter Wildermuth
Gläubiger betreiben die gerichtliche Zwangsver­ ihn geschlagen habe. Unter Schmerzen im Bauch nen er Stunden zuvor die wilde Zufahrt zum ist beim Erforschen der Wahrheit kurz wahnsinnig
steigerung des Gutshauses, Landwirt Hansch er­ habe er sich zum Traktor geschleppt, er sei »fertig« Gutshaus habe unterbinden wollen. Von wegen geworden. »Das Ziel der Wildermuths war es noch
hält den Zuschlag. Bauer Uhlig kündigt nun den gewesen und habe Angst gehabt. Dann sei er zur Gasleitung. immer gewesen, die Wahrheit zu suchen, zur
Pachtvertrag für die umliegenden Felder. Doch Straße gekrochen. Die Angeklagte legt Berufung ein; in der zwei­ Wahrheit zu stehen, die Wahrheit zu wählen. Die
Beltz und Kraus möchten von ihrem Traum und Nebelbänke über der Richterbank, da sind NEU AM ten Instanz geht es vor das Landgericht. Alle Zeu­ Wahrheit – das hörte sich für uns Kinder an, als
dessen Krippe nicht lassen. Zwei Jahre benötigt Zeugen willkommen, die für Klarsicht sorgen KIOSK! gen sind erneut geladen, werden aber nicht ver­ könnte man sich nach ihr aufmachen wie nach
Uhlig, bis er seine Ländereien auf dem Gerichts­ könnten. Auf der benachbarten Wiese trainierten nommen. Diesmal nimmt Frau Kraus sofort den China, und suchen – das klang, als könnte man
weg zurückerlangt. Der Reiterhof ist jetzt eine In­ Vater und Tochter ihren Hund. Der Vater erzählt: Vorschlag des Gerichts an, das Verfahren nach sie, wie man in feuchten Sommern nach Pilzen
sel im feindlichen Meer. Eine Insel unter auslän­ Da stand ein großer Trecker, und es wurde ge­ Zahlung einer Geldbuße von 300 Euro an eine sucht, in den Wäldern suchen und einen ganzen
discher Flagge, wie Hansch im folgenden Gerichts­ brüllt. Worum es ging, hat er nicht verstanden. Naturschutz-Stiftung gemäß Paragraf 153 a Straf­ Korb voll davon heimtragen.«
verfahren erfährt: Eine in Florida ansässige Firma Ein Mann ging zu Frau Kraus. Plötzlich schrie er prozessordnung einzustellen. Die Wahrheitssuche Kann man nicht.
rühmt sich eines gültigen Mietvertrages mit Beltz auf, riss die Hände hoch, ging zurück und lehnte ist damit aber noch nicht zu Ende. Schon zwei
und wehrt sich gegen Hanschs Räumungsverlan­ sich an den Trecker. Ein Gerangel hatte es nicht Monate zuvor hat die Staatsanwaltschaft die Zeu­ Thomas Melzer ist Richter in Brandenburg.
gen. Beltz und Kraus geben sich nun als Angestellte gegeben, der Mann und Frau Kraus standen mit Hier direkt bestellen: gin Beltz, 63, wegen eines Verbrechens gemäß­ In der Reihe »Meine Urteile« schreibt er in loser
der Amerikaner aus und reiten unbeirrt weiter in einem Meter Abstand zu­ein­an­der. Und auf Nach­ www.shop.zeit.de/verbrechen Paragraf 154 Strafgesetzbuch angeklagt. Nach Folge über die Geschichten, die hinter
jeden neuen Tag. frage: Nein, zu Boden gegangen ist der Mann dem Geschäftsverteilungsplan wäre ich auch für seinen Gerichtsentscheidungen stecken

108898_ANZ_71x100_X4_ONP26 1 18.08.20 17:57


10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

WIRTSCHAFT 19

Schluss mit den


Oldtimern
Digital und CO₂-frei: Nur so
überlebt das Autoland

Straßenkreuzung in
V
or rund acht Jahren brachte Tesla seine gro-
ße Limousine heraus, das Model S. Damit
zu fahren war ein Erweckungserlebnis. Und
das weniger, weil der schwere Wagen so
Manhattan im Mai 2020 leicht beschleunigte – das kannte man
Foto: Dina Litovsky schon von Elektroautos. Besonders war der
riesige, intuitiv bedienbare Touch-Bild-
schirm rechts vom Fahrer. Sofort suchte
man etwas bei Google oder hörte Internet-

Die verlassene Stadt


radio. Man war in einer anderen Zeit.
Acht Jahre später hat man dieses unmittel-
bare Erlebnis bei den meisten BMWs, Daim-
lers oder Autos aus dem VW-Konzern immer
noch nicht. Und viele Entscheidungsträger
glauben anscheinend weiterhin, Teslas He-
New York ist wie kaum eine andere Metropole von der Pandemie getroffen. Viele Bewohner rausforderung an die Deutschen bestehe in
coolen Elektrofahrzeugen.
kehren ihr den Rücken – sie könnte sich dauerhaft verändern  VON HEIKE BUCHTER Tatsächlich aber sind die Gefährte aus

E
Kalifornien vor allem I-Autos. Smart­phones
auf Rädern gewissermaßen, übers Internet mit
s sollte Manhattans nächster Su- danach zugenagelt wurden, sind wieder verschwunden. Yorker nicht immer genug zu essen, jetzt ist die Zahl Zukunft in den Norden gekommen waren, zieht es der Welt vernetzt – und mit dem Unterneh-
perlativ werden: 25 Mil­ liar­
den Doch stattdessen hängen nun oft Schilder mit »Zu ver- der Hungrigen auf zwei Millionen angeschwollen. zunehmend in den Süden zurück, nach Atlanta, men Tesla selbst, das immer wieder Soft­ware-­
Dollar flossen in das neue Stadt- mieten« hinter den Scheiben der leeren Geschäfte am Die Obdachlosenheime sind überfüllt, die Stadt Houston oder Charles­ton. Up­dates auf die einzelnen Fahrzeuge spielt,
viertel Hudson Yards, im März Broadway und an der Fifth Avenue. mietet übergangsweise Hotelbetten an – darunter im Schuld sei das billige Geld der Notenbanken, mit sodass sie leichter oder schneller oder sicherer
2019 wurde es mit viel Pomp er- Knapp 3000 Läden haben die im Frühjahr an- Lucerne an der Upper West S­ ide, wo das Zimmer dem diese die Folgen der Finanzkrise 2008 zu be- fahren. Selbst wenn der Börsenkurs von Tesla
öffnet. Cartier und Rolex richte- geordnete Schließung nicht überlebt, meldete Yelp, sonst 200 Dollar pro Nacht kostet. kämpfen suchten, sagt Suketu Mehta, der in New im Vergleich zu deutschen Autobauern un-
ten im Edeleinkaufszentrum des eine Bewertungs-App für Verbraucher. Es sind nicht Nicht weniger beunruhigend ist die Zunahme der York aufwuchs. Der indisch-amerikanische Autor anständig hoch erscheint, erklärt sich der Ab-
Komplexes Filialen ein, Penthouse-Wohnungen nur Boutiquen in Soho, sondern auch Bodegas, wie Kriminalität. In den ersten acht Monaten des Jahres und Journalistik-Dozent an der New York Univer- stand am ehesten durch das »I«, nicht das »E«
wechselten für 14 Millionen Dollar den Besitzer, die lokalen Kramläden genannt werden, genauso wie gab es 1014 Schießereien, doppelt so viele wie im Vor- sity wurde mit seinem Buch über seine einstige Hei- – Stromer können die Deutschen auch bauen.
im Restaurant Tak Room servierten die Kellner Bagel-Bäcker und koreanische Reinigungen. Die jahreszeitraum. Allein im August wurden 53 Men- mat Mumbai international bekannt. Mil­liar­den an So weit, so rückständig. Nun also sollte am
Fettuccine Alfredo für 48 Dollar und Short Ribs kommende Konkurswelle wird bis zu einem Drittel schen ermordet. Das weckt bei Alteingesessenen Investorengeldern aus der ganzen Welt flossen über Dienstag auf dem Autogipfel staatliche Unter-
Wellington für 159 Dollar. der rund 240.000 kleinen Unternehmen wegspülen, düstere Erinnerungen an die Siebzigerjahre, als der Big das vergangene Jahrzehnt in New Yorks Immobilien. stützung für vernetztes und autonomes Fahren
Doch an diesem Freitagnachmittag im Spät- so die düstere Pro­gno­se des Partnership for New York, Apple mehr für reale Tragödien durch Kriminalität, Die Auswirkungen sind bis in Viertel wie East besprochen werden. Ein Schritt in eine bes-
sommer 2020 finden sich auf der Plaza mehr eines lokalen Verbands von Geschäftsleuten. Dabei Drogen und ökonomische Verzweiflung bekannt war New York zu spüren. Hier beträgt das mittlere Haus- sere, digitalere Zukunft. Doch was geschieht?
Wachleute und Reinigungskräfte als Shopper. Das beschäftigen kleine und mittlere Unternehmen mehr als für Broadway-Hits wie das Musical Les Misérables. haltseinkommen 37.000 Dollar jährlich, die Mieten Forscher, Lobbyisten und Politiker sehen die
Nobelkaufhaus Neiman Marcus, das kommerzielle als drei Millionen New Yorker und stellen damit über Vor allem aber fehlt es an Geld. Die regelmäßige stiegen über die letzten Jahre um 30 Prozent. Die klassische Industrie (weder »E« noch »I«,
Fundament der Anlage, hat im Mai Insolvenz an- 90 Prozent der Arbeitsplätze in der Stadt. Beseitigung von Graffiti hat de Blasio schon einstellen durchschnittliche Jahresmiete für eine Zweizimmer- sondern »A« für analog und »D« für Diesel)
gemeldet, im August gab auch der Tak Room auf. Ein Niedergang New Yorks hätte Auswirkungen lassen, doch trotz solcher und anderer Sparmaßnah- wohnung beläuft sich inzwischen auf 19.000 Dollar. samt ihren Zulieferern in Gefahr und ver-
Die letzten Glas-und-Stahl-Türme sind noch nicht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Der Ballungsraum men fehlen bis zu zehn Mil­liar­den Dollar im Budget. Der scharfe Gegensatz zwischen den Besitzenden langen zusätzliche Rettungsmittel. Zudem ist
fertiggestellt, da ist Hudson Yards bereits schwer schafft rund zehn Prozent der jährlichen Wirtschafts- Die öffentlichen Verkehrsbetriebe fordern zwölf Mil­ und den Habenichtsen ist nicht neu, schon Frank die Industrie erschreckt, weil Europa – wie
erschüttert. Es ist nur ein Beispiel unter vielen. leistung der USA. Die Wall Street ist die wichtigste liar­den Dollar Soforthilfe, sonst drohe mindestens Sinatra besang die spitzen Ellenbogen, ohne die man von der EU-Kommission schon vor zwei
Wie kaum eine andere Metropole leidet New York Drehscheibe für das weltweite Kapital. New York ist eine teilweise Einstellung des Bus- und Bahnverkehrs. in New York nicht bestehen kann. Doch nach 2008 Jahren beschlossen – die Umweltstandards für
unter den Verheerungen der Pandemie. Sie könnte Amerikas Medienhauptstadt und gilt nach Paris und Nach den Terroranschlägen vom 11. September sei die soziale Kluft geradezu obszön geworden, sagt Autos ab 2030 weiter verschärfen will. Berlin
den Charakter der Stadt auf lange Zeit verändern – Mailand als Modezentrum. Die Stadt feierte laufend 2001 war es Geld aus Washington, das New York Suketu Mehta, der inzwischen ein Haus in North möge das verhindern.
auch weil sie bestehende Probleme drastisch verschärft. neue Besucherrekorde – vergangenes Jahr allein kamen beim Wiederaufbau half. Die Hilfe vom Bund galt Carolina hat. In Chinatown etwa werden sogenannte­ Mit anderen Worten: Das Neue kann gern
Mehr als 235.000 Menschen infizierten sich bis- 66 Millionen Touristen aus dem In- und Ausland. als patriotische Pflicht. Doch diesmal ist nicht allein Hot Beds angeboten. Betten, die nie kalt werden, kommen, aber erst mal erhalten wir bitte das
lang mit dem Virus – in einer einzigen Stadt mit Alan Valdes gehört zu denjenigen, die aus ihrem New York getroffen. Und das Verhältnis zum Weißen weil Menschen sie in Acht-Stunden-Schichten be- Alte. Solche Subventionen und solche Attitü-
8,5 Millionen Einwohnern fast so viele wie in ganz Corona-Exil nicht mehr zurückkommen. Über 30 Haus ist kompliziert. legen, ein Privileg, für das sie gemäß Mehtas Re- den jedoch verlangsamen den Wandel nur
Deutschland. 23.000 New Yorker starben bisher of- Jahre lang arbeitete er als Börsenhändler auf dem Richard Ravitch ist derzeit ein gefragter Ge- cherche bis zu 400 Dollar im Monat bezahlen. weiter. Und der ist gleich aus zwei Gründen
fiziell im Zusammenhang mit Covid-19. Auf dem Parkett der New York Stock Exchange. Er hat den sprächspartner. Der heute 87-jährige Erbe eines Bau- Die Pandemie könnte nun – trotz der verhee- nötig: technologisch, weil digitale Autos at-
Höhepunkt der Seuche, im März und April, errich- Crash von 1987 miterlebt, die Terroranschläge 2001 unternehmens war in den Siebzigerjahren vom Gou- renden ökonomischen Folgen – auch wie ein Wald- traktiver sind und vieles leichter können als
tete man im Central Park ein Feldlazarett, Stadträte und die Finanzkrise 2008. Nie kam er auf den Ge- verneur des Bundesstaates New York beauftragt brand wirken, der Platz schafft für neue Keimlinge, ihre analogen Vorfahren. Klimatisch, weil die
diskutierten über Massengräber in Grünanlagen. danken, New York zu verlassen. Doch jetzt hat er sich worden, die finanzielle Rettung der Stadt zu organi- glaubt Mehta. New York könnte wieder werden, Auto­ indus­trie schnell wegmuss von der­
Mehr als 400.000 Bürger – rund fünf Prozent in New Paltz häuslich eingerichtet, einer Kleinstadt, sieren. Eine Tätigkeit, die ihn wegen seiner Sparmaß- was es einst war: ein hartes Pflaster, das aber Mi- Benzin- und Dieseldroge, um ihren Teil zur
der Bevölkerung – verließen während dieser Zeit 150 Kilometer nördlich am Hudson ­River. nahmen so unbeliebt machte, dass er während eines granten und jungen Menschen mit Tatendrang Weltrettung beizutragen. Abgesehen davon,
die City, wie die New York T ­ imes anhand von­ Zwar hat die Börse, die im März den Präsenz- Streiks der U-Bahn-Arbeiter eine schusssichere Chancen gibt, die sie sonst nirgendwo bekommen. ist das auf die Dauer ihre einzige Wachstums-
Mobilfunk-Nutzerdaten herausfand. Vor allem die handel schloss, das Parkett für eine kleine Zahl von Weste trug. Damals sei die Stadt in eine Kredit- Menschen wie Yun Yati Naing. Die 22-Jährige, chance – im Westen und mehr noch in China.
Wohlhabenden flüchteten in ihre Sommerresiden- Händlern wieder eröffnet. Aber Valdes erledigt, so klemme geraten, weil sie über Jahre den Haushalt ursprünglich aus Myanmar, hat vor zwei Wochen ein Also: Die Politik hatte Kaufprämien für
zen in den Hamptons oder Floridas Palm Beach. berichtet er, seine Transaktionen inzwischen lieber auf Pump finanziert hatte, sagt Ravitch. Diesmal ist burmesisches Restaurant eröffnet. Der winzige Laden CO₂-Autos zuletzt abgelehnt und eingesehen,
Und die Flucht hält offenbar an: Die Umzugslaster vom Schaukelstuhl auf der Terrasse aus. »Die Broad- die Pandemie schuld, nicht Missmanagement. Doch liegt im Zugang zur U-Bahn-Station in Jackson dass man die Industrie zu ihrem Glück zwin-
in der Stadt sind über Wochen ausgebucht. In way-Theater und die Kinos sind dicht, Abendessen wie 1975 versagt Washington bisher jede Hilfe. Heights, einem Viertel, von dem die Bewohner be- gen muss. Jetzt darf sie sich nicht wieder ver-
Manhattan allein stehen bereits 13.000 Wohnun- mit Freunden findet auf absehbare Zeit nicht mehr Der Präsident nehme es persönlich übel, dass er bei haupten, dort würden 167 Sprachen gesprochen. Fest führen lassen. UWE JEAN HEUSER
gen leer, ein Rekord. Zum ersten Mal seit der gro- statt – warum soll ich zurück?«, fragt er. den Wählern in seiner Heimatstadt auf Abneigung steht, dass 60 Prozent von ihnen Migranten sind. Die
ßen Rezession 2009 fallen hier die Mieten. New Yorks wichtigster Standortvorteil war stets, stößt, glaubt Ravitch. 2016 erhielt Trump gerade ein- Idee für »Yun Café & Asian Mart« habe sie schon
Viele Unternehmen, deren Mitarbeiter jetzt im die talentiertesten Kräfte aus aller Welt anzuziehen, mal 19 Prozent der abgegebenen Stimmen. Vergange- länger gehabt, aber die Mieten seien zu hoch gewesen,
Homeoffice arbeiten, wollen nach der Pandemie sagt die Städteplanerin Larisa Ortiz, die unter anderem nes Jahr verlegte der Präsident seinen privaten Wohn- erzählt Yun zwischen Bestellungen für Nudeln mit
daran festhalten, der Bedarf an Büroimmobilien New Yorks Stadtverwaltung berät. 40 Prozent der Be- sitz vom Trump T ­ ower an der Fifth Avenue in sein Huhn und Teeblattsalat, ihre Spezialität. Nun fallen
dürfte sinken. Die New Yorker U-Bahn wurde zum wohner stammen aus dem Ausland. Doch die Pande- Ressort Mar-a-Lago in Florida. Sollte er keine Bundes- in der ganzen Stadt die Gewerbemieten, mitten in
Geisterzug, selbst die Werbeflächen in den Wagen mie stelle New Yorks Attraktivität infrage, beobachtet mittel bekommen, hat de Blasio angekündigt, 22.000 der Pandemie wurde der Laden frei. Das Geld für die
blieben blank. Statt der täglich 5,5 Millionen Fahr- Ortiz: »Wir haben ein gutes Fundament, aber es wird städtische Angestellte zu entlassen, um Geld zu sparen. Einrichtung stammt aus Ersparnissen ihrer Familien
gäste vor der Pandemie sind es an guten Tagen noch wohl Jahre dauern, bis wir uns neu gefunden haben.« Der abrupte Absturz durch die Pandemie bringt und den 1200 Dollar Corona-Hilfe, die der Kongress
700.000. Viele New Yorker nehmen nun das Fahr- Bürgermeister Bill de Blasio richtete im April eine zum Vorschein, dass New Yorks Anziehungskraft im April an die US-Bürger auszahlte. Sie habe sich
rad, auch die Autozulassungen stiegen allein im Juni Task-Force ein, die Empfehlungen erarbeiten sollte, schon vorher deutlich nachgelassen hatte. Laut einer schon gefragt, ob ein solches Wagnis in der Krise ein
und Juli um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. wie die Stadt nach der Pandemie sozial gerechter Studie der Politikdenkfabrik Manhattan In­sti­tute auf Riesenfehler sei. Aber dann beruhigte sie sich: »New
Die Unruhen nach der Tötung des Afroamerikaners wieder aufgebaut werden soll. Bisher hat das Gre­ Basis öffentlicher Bevölkerungsdaten hat die Stadt in York wird sich wieder erholen, bis dahin nehme ich
­George Floyd durch die Polizei haben die Stadt weiter mium noch keine Vorschläge veröffentlicht. den vergangenen drei Jahren jedes Jahr Einwohner Tag für Tag die Herausforderungen an, so wie sie
verunsichert. Zwar blieben die Demonstrationen weit- Vorerst kämpft der Bürgermeister mit akuten verloren. Im Jahr 2019 waren es demnach 146 täg- kommen.«
gehend friedlich, doch im Juni kam es zu Plünderungen Problemen. Vor der Pandemie hatten nach Angaben lich. Vor allem Afroamerikaner, deren Vorfahren im
in Manhattan. Die Bretter, mit denen die Schaufenster von Tafeln und Suppenküchen rund eine Million New letzten Jahrhundert auf der Suche nach einer besseren www.zeit.de/vorgelese
20 WIRTSCHAFT 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

»Wir führen
DIE ZEIT: Herr Hastings, wie ich sehe, sitzen Sie unterscheidet sich je nach Branche. Im Journalis- häufiger als anderswo: Etwa zwölf Prozent gehen
gerade daheim auf der Couch. Ein guter Ort für mus zum Beispiel will man, dass die Menschen pro Jahr. Wir kündigen häufiger als andere Fir-
eine persönliche Frage: Schauen Sie abends mit kreativ sind, aber man möchte nicht, dass sie Ge- men. Dafür gibt es weniger Mitarbeiter, die uns
Ihrer Familie auch mal Netflix? schichten erfinden. Es gibt also einen Grund da- von sich aus verlassen.
Reed Hastings: Ja, meine Frau und ich gucken der- für, dass Faktenchecks existieren. ZEIT: Ich bin noch nicht überzeugt, dass das funk-

Netflix am Rande
zeit die Serie über Michael Jordan. ZEIT: Gut, aber das betrifft nicht die Urlaubs- tioniert. Wer sollte es zum Beispiel wagen, dem
ZEIT: Und wie lange brauchen Sie sonst, um zu regeln. Da ist die Sorge der Chefs eher, dass sie Chef zu sagen, dass er in die falsche Richtung
entscheiden, welchen Film oder welche Serie Sie allein im Büro sitzen, und alle anderen liegen am läuft, wenn er befürchten muss, dass er kurz da-
schauen? Strand. nach gefeuert wird?
Hastings: Meist weniger als fünf Minuten. Hastings: Die sollte man fragen: Haben Sie auch Hastings: Man darf sich nicht von Angst leiten
ZEIT: Das ist ungewöhnlich. Netflix hat schließ- Kleidervorschriften? Das haben Sie wahrscheinlich lassen. Bei uns ist es außerdem üblich, dass wir al-

der Anarchie«
lich etwas ganz Neues ins Leben vieler Familien nicht. Trotzdem kommt keiner nackt zur Arbeit. len sehr offene Rückmeldung zu ihrer Leistung
gebracht: die halbe Stunde Diskussion, bevor man Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens, dass man geben, gerade auch den Chefs.
anfängt, etwas zu gucken. angemessene Kleidung zur Arbeit trägt. Solch einen ZEIT: Das hört man oft. Am Ende sind aber die
Hastings: Das hängt von Ihrer Beziehung ab! Konsens gibt es auch beim Urlaub. wenigsten Chefs begeistert, wenn jemand ihnen
ZEIT: Finden Sie? Ich beobachte das überall. Frü- ZEIT: Als Sie im Jahr 2003 beschlossen, dass Ur- ehrlich sagt, was sie falsch machen.
her stritt man über die Fernbedienung, während laub keiner Genehmigung mehr bedarf, hatten Sie Hastings: Sie haben recht. Ich bin supererfolg-
der Fernseher schon lief. Heute debattiert man, aber auch Angst. reich, aber trotzdem bekomme ich ungern Rück-
bevor es losgeht. Hastings: Absolut. Es gab zwei Ängste. Die eine meldung zu meiner Leistung, gerade wenn es be-
Hastings: Netflix macht es einem nicht leicht bei war, dass keiner zur Arbeit kommt. Die andere rechtigte Kritik ist. Ich zucke zusammen, es tut
den vielen Serien und Filmen, das gebe ich zu. Es war, dass es keiner mehr wagt, Urlaub zu nehmen. weh. Aber wer sich verbessern will, braucht ehr­
ist toll, dass wir mittlerweile Inhalte aus der ganzen Aber das Ergebnis ist, dass die Leute das Büro liche Kritik. Es ist wie im Fitnessstudio. Das, was
Welt im Angebot haben. Aber das sorgt natürlich abends tatsächlich um fünf oder sechs Uhr verlas- besonders anstrengend ist, Liegestütze, Klimm­
auch für mehr Auswahl, als es unsere Mitglieder sen, und: Sie nehmen Urlaub. Ich versuche ein züge, Push-ups, macht einen stärker.
bisher gewohnt waren. Vorbild zu sein, indem ich oft in die Ferien fahre. ZEIT: Früher haben Sie selbst wenig Feedback­
ZEIT: Netflix ist in der Corona-Zeit enorm ge- ZEIT: Sie lassen die Mitarbeiter noch mehr selbst gegeben.
wachsen. entscheiden. Produzenten erzählen, dass sie bei Hastings: Ja, ich hatte Angst vor diesen Gesprächen.
Hastings: Ja. Aktuell sind es fast 193 Millionen Ihnen nur ein, zwei Leute überzeugen müssen, um ZEIT: Wieso haben Sie Ihre Einstellung geändert?
bezahlte Abos in 190 Ländern. einen Zuschlag für eine neue Serie zu bekommen. Hastings: Durch meine Eheberatung, verrückter-
ZEIT: Dabei hat Netflix sich immer wieder gewan- Auch wenn es um hohe Budgets geht. Haben Sie weise. Ich hatte eine schlechte Zeit mit meiner
delt, zuletzt vom Fernsehanbieter zum Produzen- keine Sorge, dass Millionen versenkt werden? Frau – und was mir unser Therapeut beigebracht
ten, während andere zurückblieben. Wieso ist das Hastings: Das passiert. Mein heutiger Co-CEO hat, war, wie wichtig Ehrlichkeit ist. Es war toll für
ausgerechnet Ihnen gelungen? Ted Sarandos zum Beispiel hatte immer die Idee, unsere Ehe, wir sind immer noch zusammen. Aber
Hastings: Die Quelle unseres Erfolgs ist die Art, dass wir eigene, exklusive Inhalte bräuchten. Sehr es hat mich auch als Chef verändert. Vorher wollte
wie wir arbeiten. Das ist bei Netflix schon sehr früh, im Jahr 2005, noch zu DVD-Zeiten, hat er ich nett sein und gemocht werden. Heute fühlt es
speziell und hat uns flexibel und innovativ gemacht. Filme gekauft, die es nur bei uns gab. Das hat aber sich für mich nicht mehr schlecht an, wenn ich
Wir haben unser Geld ja noch vor zehn Jahren vor überhaupt nicht funktioniert. 2007 haben wir die jemandem etwas sage, das für ihn schwer zu ver-
allem damit verdient, DVDs zu verschicken. Einheit dichtgemacht und viel Geld verloren, viel- dauen ist. Wichtig ist dabei aber, dass man ihm
ZEIT: Sie tun das immer noch. leicht 20 Millionen Dollar. Ein paar Jahre später Wege aufzeigt, wie er sich verbessern kann.
Hastings: Ja, etwas weniger als zwei Millionen hat Sarandos es wieder versucht, mit der Serie­ ZEIT: Wie sorgt man dafür, dass die Angestellten
amerikanische Haushalte, meist auf dem Land, House of Cards im Jahr 2011. Das hat geklappt. sich ebenso verhalten?
bekommen noch DVDs von uns. Aber wir haben ZEIT: Sie waren damals sein Chef. Haben Sie Hastings: Ich habe zuerst versucht, die Leute dazu
auch sehr früh auf Streaming gesetzt, später eigene nicht versucht, ihn davon abzubringen? zu bringen, mich, den Chef, zu kritisieren. Wenn
Inhalte angeboten und diese schließlich auch selbst Hastings: Ehrlich gesagt hat er mir erst von ­House die Leute sehen, dass das belohnt wird, sind sie eher
produziert. of Cards erzählt, als der Deal schon unterschrieben dazu bereit, das auch mit­ein­an­der zu praktizieren.
ZEIT: Das alles wegen Ihrer Art zu arbeiten? war. ZEIT: Wie haben Sie das genau gemacht?
Könnte es nicht auch Glück gewesen sein? ZEIT: Es ging um 100 Millionen Dollar. Das ist Hastings: Am Anfang war das schematisch organi-
Hastings: Die Kultur war entscheidend. Bis 2015 ziemlich viel Freiheit. Was haben Sie gesagt, als Sie siert: Nenne mir drei Dinge, die ich neu beginnen
haben wir immer gekämpft, mehrfach hätten wir davon erfahren haben? soll, drei Dinge, mit denen ich aufhören soll, und
beinahe aufgegeben. Im Jahr 2001 mussten wir Hastings: Ich habe gesagt: »Das ist eine gewagte drei Dinge, die ich weitermachen soll wie bisher.
Foto: Bryce Duffy/Getty Images; ZEIT-Grafik, Quelle: Netflix

wegen der Dotcom-Krise 30 Prozent der Beleg- Entscheidung.« Und dann: »Wann müssen wir das Diese Struktur hilft den Leuten, wirklich mindes-
schaft entlassen. Danach hatten wir jahrelang bezahlen?« Und wir mussten es erst bezahlen, als tens drei Kritikpunkte zu äußern.
Mühe, profitabel zu arbeiten. Unsere Kultur ist die Serie fertig war. ZEIT: Und wie verhindert man, dass sie dabei
damals entstanden. Sie stellt immer alles infrage. ZEIT: Netflix hat noch eine andere Seite. Ehema- Dinge sagen, die einfach nur gemein sind?
Als wir DVDs gemacht haben, sind wir rasant ge- lige Angestellte sprechen von einer »Kultur der Hastings: Wir belohnen es nicht, wenn jemand
wachsen. Trotzdem fragten viele: Was ist mit der Angst«. Es geht um die Angst, gefeuert zu werden. sagt: »Ich wünschte, du wärst nicht hier.« Ich will
Zukunft? Wir sind dann ins Streaming eingestie- Da sind Sie nicht zimperlich. nicht sagen, dass es nie passiert, aber es geschieht
gen, zur gleichen Zeit wie Hulu und Amazon: im Hastings: Wir sehen uns wie eine professionelle selten.
Jahr 2007. Sportmannschaft: Die Spieler kommen und gehen. ZEIT: Sie haben die Kritik, die Sie anfangs intern
ZEIT: Sie kämpfen auch heute noch. Sie sind sehr Und der Trainer versucht sie so zusammenzustel- bekamen, sogar öffentlich gemacht. Das klingt et-
hoch verschuldet, haben mit Disney Plus kürzlich len, dass sie die Meisterschaft gewinnen. Dazu ge- was masochistisch.
einen überraschend starken Konkurrenten bekom- hört es, dass man gehen muss, wenn man nicht die Hastings: Gar nicht. Wenn man belohnt, dass Kri-
men. Es gibt Amazon ­Prime, Apple Plus. Sie wer- Reed Hastings gründete Netflix 1997 als DVD-Versand erwartete Leistung erbringt. Das ist nichts für je- tik geäußert wird, wenn man Menschen, die kon-
den von allen Seiten angegriffen. den. Aber für sehr gute Leute, die mit sehr guten struktiv kritisieren, befördert oder besser bezahlt,
Hastings: Aber seit 2016 machen wir zuverlässig Leuten arbeiten wollen, ist es berauschend. dann sehen die Mitarbeiter das und trauen sich das
Gewinn. ZEIT: Ihren Managern empfehlen Sie den »keeper auch. Heute passiert es bei uns, dass Sie mitten in
ZEIT: Netflix ist jetzt reich? test«. Was ist das? der Präsentation unterbrochen werden mit einem
Hastings: Trotzdem verändern wir uns weiterhin. Hastings: Sie sollen sich regelmäßig fragen: Wenn Hinweis, was Sie besser machen können.
ZEIT: Was genau ist denn diese Art zu arbeiten, dieser Mitarbeiter kündigen würde, würden wir ZEIT: Ehrlich gesagt: Ich schwanke, ob ich das
die die Veränderung Ihrer Meinung nach garan- versuchen, ihn zum Bleiben zu überreden – oder spannend oder fürchterlich finden soll.
tiert? Mal ganz konkret, bitte! Seine Firma hat verändert, wie die Welt fernsieht. würden wir ihn gehen lassen? Wenn wir hart dafür Hastings: Wir sind sicher nicht perfekt. In 20 Jah-
Hastings: 300 Jahre lang haben Fabriken die Wirt- arbeiten würden, ihn zu halten, ist alles gut. Wenn ren werden bestimmt noch bessere kreative Orga-
schaft dominiert. Ihr Prinzip – ein Boss definiert
Ein Gespräch mit Reed Hastings über den Unsinn von wir ihn aber nicht halten würden, sollten wir ihn nisationen existieren. Aber für uns gilt: Das große
Regeln, und die Arbeiter befolgen sie sorgfältig –
bestimmt bis heute das Wirtschaftsleben. Aber
Regeln, eine Kultur der Angst und das nächste Ding besser jetzt schon gehen lassen. Mit einer großzü-
gigen Abfindung.
Risiko ist es, obsolet zu werden. Es ist besser, viele
kleine Risiken einzugehen, um dieses große Risiko
kreative Arbeit ist anders. Es muss den Leuten er- ZEIT: Sie kündigen ihm? zu verringern, als die kleinen Risiken zu vermei-
laubt sein, Fehler zu machen, Dinge auszuprobie- Hastings: Ja. Bereit zu sein, einen guten Mitarbei- den, nur um am Ende überholt zu werden.
ren oder neu zu erfinden. In der Produktion über- ter zu feuern, um stattdessen einen fantastischen ZEIT: Gelingt Netflix denn wirklich noch eine
wacht man seine Angestellten, in unserer Arbeit einstellen zu können, führt zu Spitzenleistungen. Verwandlung?
gibt man ihnen Freiheit und muss herausfinden, ZEIT: Das klingt nach dem Traum aller Chefs. Hastings: Da bin ich sicher.
wie man als Chef damit umgeht. Denn Freiheit Aber wie führt das zu Innovation? Aus Angst? ZEIT: Was könnte das sein? Was ist das nächste
kann leicht in ­Chaos umschlagen. Wir führen un- Hastings: Nein, wenn Sportler etwa in der Bundes­ Ding?
sere Firma am Rande der Anarchie. Netflix-Geschäftszahlen liga Angst haben, ausgetauscht zu werden, und Hastings: Wir wissen es nicht. Aber es wird um
ZEIT: Bei Netflix gibt es zum Beispiel die Freiheit, sich darauf fokussieren, werden sie nicht gut spie- neue Formen der Unterhaltung gehen jenseits von
in Milliarden US-Dollar Schulden 26,4
selbst zu entscheiden, wann und wie viel Urlaub len. Unsere Mitarbeiter müssen ignorieren, dass es Filmen und Fernsehserien. Irgendwann werden
man macht. Auch für Reisespesen oder den neuen 25 dieses Risiko gibt, und sich freuen, dass sie mit Fernsehserien das sein, was für uns heute die Oper
Laptop braucht es keine Unterschrift von oben. 20,2 tollen Menschen zusammenarbeiten. Dann funk- ist, eine alte Kunstform. Wir wissen nur noch
So steht es in Ihrem neuen Buch Keine Regeln. Ich 20 tioniert es. Die meisten Leute sagen über ihre Kol- nicht, was dieses Neue ist, das das Alte verdrängt.
glaube, ich hätte Schwierigkeiten, das bei meinen legen: Drei sind fantastisch, sieben sind nicht so ZEIT: Sie haben doch schon eine Idee!
Chefs durchzusetzen. Helfen Sie mir! 15 gut und drei richtig schlecht. Bei Netflix arbeiten Hastings: Schauen Sie sich TikTok an. Das ist
Hastings: Ihre Chefs sollten sich fragen: Ist die Umsatz fast nur außergewöhnliche Menschen. noch kein Ersatz für TV-Shows. Aber das ist es,
größte Gefahr für unsere Organisation, dass je- 10 ZEIT: Die »Kultur der Angst« gibt es also nicht? was Teenager machen, wenn sie nicht Netflix
mand zu viel für ein Geschäftsessen ausgibt? Oder Hastings: In solchen Geschichten steckt immer ein schauen.
ist die größte Gefahr, dass die Mitarbeiter versäu- 5 Körnchen Wahrheit. Zum Beispiel habe ich über ZEIT: Wird Netflix also ein soziales Netzwerk?
men, die Zukunft unserer Branche zu erfinden? 1,9 einen unserer Mitarbeiter gehört, dass er aus Sorge Hastings: Wir werden sehen. Aber zunächst kon-
Gewinn
Wenn es gefährlicher ist, nicht einfallsreich genug um seinen Job sechs Jahre lang seine Umzugskisten zentrieren wir uns weiter auf Serien und Filme.
zu sein, dann muss man Kreativität unterstützen – 2009 2011 2013 2015 2017 2019 nicht ausgepackt hat. So etwas ist aber selten. Bei
und das braucht Freiheit. Wie viel Freiheit gut ist, uns wechseln die Mitarbeiter übrigens auch nicht Das Gespräch führte Lisa Nienhaus

Kaeser mahnt China


Der Chef von Siemens kritisiert Pekings Umgang mit Hongkong und den Uiguren  VON CLAAS TATJE

A
ls erster Vorstandschef eines Dax- gegen die Verschiebung der Parlamentswahl. Zugleich Siemens ist seit mehr als 140 Jahren in China heit. »Wir schätzen Hongkong in dieser Hinsicht Bereits in den 1980er-Jahren hatte Peking zu-
Konzerns mischt sich Joe Kaeser von wird Medienberichten zufolge in der chinesischen vertreten. Anfangs lieferte das Unternehmen vor seit vielen Jahrzehnten als verlässlichen Standort – gesichert, dass das kapitalistische Wirtschafts-
Siemens in die neu entflammte De- Provinz Xinjiang die muslimische Minderheit der allem Telegrafen und Telefonapparate. Im Ge- und hoffen, dass dies auch nach Inkrafttreten des system in Hongkong, Macau und Taiwan geduldet
batte um die Zukunft Hongkongs Uiguren systematisch unterdrückt. schäftsjahr 2019 erwirtschaftete der Konzern nach neuen Sicherheitsgesetzes so bleibt. Zu dieser Ver- würde, auch wenn es nur ein China geben solle
und das deutsch-chinesische Verhält- Kaeser ist auch Vorsitzender des Asien-Pazifik-Aus- eigenen Angaben rund 8,4 Milliarden Euro Um- lässlichkeit trägt besonders der Status Hongkongs und der Rest Chinas sozialistisch sei.
nis ein. Auf Anfrage teilt Kaeser der ZEIT mit: schusses der deutschen Wirtschaft. In diesem Gremi- satz und beschäftigt mehr als 35.000 Mitarbeiter als Sonderverwaltungszone bei.« Ob und wie die deutsche Wirtschaft auf das
»Wir beobachten die aktuellen Entwicklungen in um formuliert die deutsche Industrie ihre Interessen in der Region. Dieses Vertrauen sei jedoch erschüttert: »Wir angespannte Verhältnis konkret reagieren wird,
Hongkong, aber auch in der Provinz Xinjiang auf- gegenüber asiatischen Handelspartnern. Kaeser stellt Kaeser pocht darauf, dass sich am Status Hong- haben immer gesagt: Solange sich Peking an die dazu hält sich Kaeser bedeckt. Gegenüber der
merksam und mit Sorge.« klar: »Wir lehnen jede Form von Unterdrückung, kongs nichts ändert. Der Erfolg internationaler Vereinbarung ›Ein Land, zwei Systeme‹ hält, kann ZEIT sagt er nur so viel: »Natürlich diskutieren
Mit dem sogenannten Sicherheitsgesetz unter- Zwangsarbeit und Beteiligung an Menschenrechts- Kooperationen deutscher Unternehmen beruhe die deutsche Wirtschaft damit umgehen. Es ist wir diese und andere, teils kontroverse Aspekte
gräbt China die eigentlich bis mindestens 2047 ga- verletzungen kategorisch ab. All das würden wir überall auf der Welt, nicht nur in China, auf ver- aber in der Tat ungewöhnlich, dass eine klare Be- und deren möglichen Einfluss auf die deutsche
rantierte Autonomie Hongkongs als Sonderverwal- grundsätzlich weder in unseren Betrieben dulden noch lässlichen und transparenten Regeln der Zusam- stätigung dieses Verständnisses durch China schon Wirtschaft auch und vor allem mit unseren Part-
tungszone. Zuletzt demonstrierten Tausende Bürger bei unseren Partnern folgenlos hinnehmen.« menarbeit, Offenheit im Dialog und Rechtssicher- seit einiger Zeit nicht mehr erfolgt ist.« nern in China und nicht über die Öffentlichkeit.«
sie sich fast verzehnfacht

DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 WIRTSCHAFT 21

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10 0 0 I ndexw Die Zentralbanken fluten die Welt mit Geld – 0,0 ZEIT- GRAFIK:
Doreen Borsutzki/
fünf Fragen zu einer möglichen Inflation -1,0 Quellen: EZB,
Universität Würzburg
500 20 VON MARK SCHIERITZ 2015
19 16
18 17
100 17 18
16 19
2015 20

1. Was genau ist das Deshalb haben die meisten Länder einen Ungleichheit nimmt womöglich zu, weil vor allem wann erholen, die Arbeitslosigkeit wird sinken, und gen, wenn sich die Wirtschaft erholt und die Ar-
eigentlich: Inflation? Richtwert für die Inflationsrate festgelegt. In der Gutverdiener Aktien und Immobilien besitzen. die Löhne werden steigen. Dann müssten die Zen- beitslosigkeit sinkt. Dann sei der Abbau der Staats-
Eurozone beträgt dieses Inflationsziel derzeit Deswegen diskutieren Ökonomen darüber, ob die tralbanken die Geldversorgung verknappen, damit verschuldung auch ohne Schützenhilfe durch die
Unter Inflation verstehen Ökonomen einen dauer- knapp zwei Prozent, die Europäische Zentralbank Zentralbanken die Entwicklung der Vermögens- die Preisentwicklung unter Kontrolle bleibt. Notenbank machbar – und die EZB könne ihre
haften Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Der (EZB) überarbeitet aber gerade ihre geldpolitische werte stärker steuern sollten. Aber das hat dann mit Die Pessimisten argumentieren nun, dass eine Krisenmaßnahmen gefahrlos beenden.
Begriff »allgemein« ist in diesem Zusammenhang Strategie. Die amerikanische Federal Reserve hat dem Thema Inflation nichts zu tun. solche Verknappung nicht eingeleitet werde, weil Es gibt in der Wirtschaftgeschichte Beispiele für
entscheidend. Denn in einer Marktwirtschaft ver- das bereits getan. Sie will künftig auch höhere die hoch verschuldeten Staaten Südeuropas zur Fi- beide Szenarien. Die Schulden des Deutschen Reichs
ändern sich einzelne Preise ständig. Ein Beispiel: Inflationsraten tolerieren, wenn die Teuerung nanzierung ihrer Verbindlichkeiten auf das billige aus dem Ersten Weltkrieg wurden in der Hyperinfla-
5. Warum wird dann überhaupt
Wenn es sehr trocken und heiß ist, dann fällt die vorher einige Zeit niedrig war. Die Begründung: Geld angewiesen seien. Die EZB werde deshalb im tion der Zwanzigerjahre entwertet, die Schulden der
vor steigenden Preisen gewarnt?
Ernte schlecht aus, und es muss in der Regel für Obst Dadurch hätten die Währungshüter in Washing- Zweifel lieber eine höhere Inflation a­ kzeptieren, als USA aus dem Zweiten Weltkrieg dagegen allmählich
und Gemüse mehr bezahlt werden. Dafür werden ton mehr Spielraum, um die Wirtschaft mit bil- Weil man von der Gegenwart nicht auf die Zukunft eine Staatspleite zu riskieren. Die ­Optimisten hal- abgetragen. So ist die Frage, ob die Inflation kommt,
aber normalerweise Gas und Öl billiger, weil weniger ligem Geld zu stützen. schließen kann. Die Wirtschaft wird sich irgend- ten dagegen, dass auch die Steuer­einnahmen stei- am Ende immer auch eine politische.
geheizt werden muss. Eine solche lediglich teilweise
Verschiebung der Preise ist noch keine Inflation. Erst ANZEIGE
3. Noch mehr Billiggeld –
wenn sich die Lebenshaltungskosten auf breiter Front
steigen dadurch die Preise?
erhöhen, gilt: Die Menschen können sich für einen
Euro weniger Güter oder Dienstleistungen kaufen Das ist die Schlüsselfrage. Sie lässt sich nicht
als vorher – das Geld verliert an Wert. eindeutig beantworten. Mehr Geld erzeugt
In der Praxis beobachtet das Statistische Bundes- nämlich nicht zwingend mehr Inflation. Das
amt die Entwicklung der Preise von rund 650 Gü- von den Zentralbanken in Umlauf gebrachte
tern. Die Auswahl und Gewichtung der Produkte Geld ist nicht die einzige Geldquelle einer mo-
wird durch Stichproben ermittelt und orientiert sich dernen Volkswirtschaft. Der weitaus größte
am täglichen Bedarf eines Durchschnittsdeutschen. Teil des umlaufenden Geldes existiert heutzu­
Die Preise von Marmelade, Flugreisen oder Handys tage virtuell auf den Konten der privaten Ban-
sind Teil des sogenannten Verbraucherpreisindex, ken. Die gesamte Geldmenge ist bei Weitem
ebenso wie Mieten oder Rundfunkgebühren. Die nicht so stark gestiegen wie die Zentralbank-
Inflationsrate misst die Veränderung dieses Index im geldmenge. Während sich Letztere seit Einfüh-
Vergleich zum Vorjahresmonat. rung des Euro annähernd verzehnfacht hat, hat
Im August dieses Jahres war das Preisniveau ge- sich Erstere lediglich verdreifacht. Die Geld-
nauso hoch wie im Vorjahr – es gab also überhaupt schwemme ist also nicht so groß, wie es auf den
keine Inflation. Wenn Ökonomen wie Hans-Werner ersten Blick erscheint.
Sinn vom Münchner ifo Institut vor einer höheren Hinzu kommt: Damit dieses zusätzliche Geld
Inflation warnen, dann weil sie befürchten, dass sich die Preise steigen lässt, muss es ausgegeben wer-
der Preisanstieg bald beschleunigen wird. den. Nur wenn das geschieht, müssen die Unter-
nehmen irgendwann die Produktion hochfahren
und mehr Leute einstellen, um die steigende
2. Und wie entsteht
Nachfrage bedienen zu können. Dadurch werden
Inflation?
auf dem Arbeitsmarkt die Arbeitskräfte tenden-
Ganz grundsätzlich entsteht Inflation, wenn die ziell knapper – und wer einen Job hat, kann
Unternehmen ihre Preise anheben. Das tun sie vor leichter ein höheres Gehalt durchsetzen. Die­
allem dann, wenn ihre Kosten steigen. Schließlich Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale steigt.
würde bei willkürlichen Preiserhöhungen der Ver- Etwas anders sieht die Sache aus, wenn das
lust von Marktanteilen an die Konkurrenz drohen. zusätzliche Geld lediglich auf den Bankkonten
In den meisten Betrieben ist der wichtigste Kos- herumliegt. Dann entstehen keine neuen­
tenblock der Arbeitslohn. Deshalb lassen sich stei- Arbeitsplätze, und die Löhne steigen nicht –
gende Inflationsraten in den Industrienationen in genauso wenig die Inflation. Man kann es auch
ANZEIGE so sagen: Damit die Preise steigen, muss das
zusätzliche Geld eine Verhaltensänderung aus-
lösen. Sonst kann die Geldmenge steigen, ohne
LESEN SIE IN UNSERER dass die Inflation steigt. Genau das ist gerade zu
beobachten (siehe Grafik).
AKTUELLEN AUSGABE: Experten wie der Würzburger Ökonom Peter
Bofinger glauben auch nicht an einen künftigen
Anstieg der Inflation. Sie gehen davon aus, dass

Verdienen die Menschen in einer Krise, wie das Land sie


derzeit erlebt, ihr Geld eher sparen. Der Grund:
Sie wollen nicht mit leeren Händen dastehen,
Sie genug? wenn ihr Arbeitsplatz gestrichen wird. Deshalb
sei der Anstieg der Geldmenge kein Vorbote einer
höheren Inflationsrate.

AB FREITAG IM HANDEL 4. Aktien und Immobilien


werden aber schon teurer
Der Aktienindex Dax hat sich in den vergange-
nen zehn Jahren fast verdoppelt, die Preise von
Häusern und Eigentumswohnungen sind eben-
falls stark gestiegen. Aber die Preisentwicklung
von Vermögenswerten wie Immobilien und
Aktien fließt nicht in den Verbraucherpreis­
index ein. Dafür gibt es gute Gründe: Der In-
dex misst die Kosten der Lebenshaltung, und
dabei kommt es vor allem auf die Konsumenten­
aller Regel auf steigende Löhne zurückführen. preise an. Wenn das Brot teurer wird, dann
Genauer gesagt: auf Löhne, die schneller steigen macht das alle ärmer, weil weniger Geld für
als die Produktivität der Arbeitnehmer. Milch, Schuhe oder Urlaubsreisen bleibt. Es
Wenn aus Sicht des Unternehmers also die Lohn- muss aber niemand verzichten, wenn die
kosten steigen, die Preise aber unverändert blieben, Aktien­kurse steigen. Im Gegenteil: Die Aktien-
würden die Gewinne des Unternehmens schrumpfen. besitzer werden dadurch sogar reicher.
Dann droht womöglich irgendwann die Insolvenz. Ganz ähnlich ist die Situation bei Immobi-
Deshalb werden die höheren Kosten über Preisanpas- lien. Steigen die Hauspreise, wächst das Ver-
sungen an die Kunden weitergegeben. Wenn diese mögen der Hausbesitzer. Die Mieter hätten nur
ihrerseits nun den Verlust an Kaufkraft mit einer dann einen Nachteil, wenn die Mieten steigen,
erneuten Erhöhung ihres Lohns wettmachen wollen, die wiederum Teil des Preisindex sind. Ein An-
steigen die Preise weiter. Im schlimmsten Fall bildet stieg der Vermögenspreise kann trotzdem ge-
sich eine Spirale aus höheren Löhnen und steigenden fährlich werden. Es kann sich eine Spe­ku­la­
Preisen – die Inflation gerät außer Kontrolle. tions­bla­se entwickeln, auch die wirtschaftliche
22 WIRTSCHAFT 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Politischer Fragebogen

1 Welches Tier ist das politischste? Niemand. Aber es hat mich sehr gefreut,
Die Schlange. Schon in der Bibel steht: dass sich der frühere SPD-Bundes­
Seid klug wie die Schlangen und ohne geschäftsführer Peter Glotz nach dem
Falsch wie die Tauben. Mauer­fall bei mir entschuldigt hat – als
Einziger. Er hat mir die Hand geschüttelt
2 Welcher politische Moment hat und gesagt: »Es tut mir so leid. Ich habe
Sie geprägt – außer dem ihn für einen Träumer gehalten. Ihr
Kniefall von Willy Brandt? Mann hat recht behalten.« Axel Springer
Der Bau der Mauer, am 13. August wurde wegen seines Festhaltens an der
1961. Ich lebte als junges Mädchen auf deutschen Einheit als »Brandenburger
der Insel Föhr und erinnere mich genau Tor« bezeichnet. Er empfand das als Aus-
an die Nachricht im Radio, dass da eine zeichnung. Aber es war oft hart. Manche
Grenze gebaut wird zwischen Ost- und Politiker haben uns nicht mal gegrüßt.
West-Berlin. Ich dachte: »Das ist
schrecklich.« Und ich wusste sofort, dass 17 Welche Politikerin, welcher Politiker
das eine besondere Bedeutung hat. sollte mehr zu sagen haben?
Ich bin der Meinung, dass in Deutschland
3 Wann und warum haben alles richtig aufgeteilt ist. Passt also.
Sie wegen Politik geweint?
Bei der Öffnung der Mauer am 9. No- 18 Welche politische Phrase
vember 1989. Ich saß bei der Verleihung möchten Sie verbieten?
des Goldenen Lenkrads, hier im Haus im Diese langen, luftigen Reden, mit vielen
19. Stock, neben dem damaligen Regie- Worten, ohne klare Aussage.
renden Bürgermeister Walter Momper.
Plötzlich lief unser Sprecher an uns vor- 19 Ist der Staat ein Mann oder eine Frau?
bei, rief, »Ich hab die Nachricht, ich hab Bitte begründen Sie.
die Nachricht!«, trat ans Mikrofon und Weder – noch. Der Staat ist, wie seine
sagte: »Die Mauer wird heute noch ge- Bürger sind.
öffnet.« Walter Momper fiel das Besteck
aus den Händen. »Was mache ich jetzt?!«, 20 Finden Sie es richtig, politische
fragte er. Ich antwortete: »Ab ins Schöne- Entscheidungen zu treffen,
berger Rathaus. Sie haben zu tun.« Mir auch wenn Sie wissen, dass die
gegenüber saß der Astronaut Reinhard Mehrheit der Bürger dagegen ist?
Furrer, er hatte als Student einen Tunnel Ja, unbedingt. Es geht oft gar nicht anders.
gebaut und 26 Menschen aus der ehema-
ligen DDR geholt. Er stand auf der To- 21 Was fehlt unserer Gesellschaft?
desliste. Er wurde leichenblass und sagte: Zusammenhalt, Gemeinsinn, gesell-
»Zum Glück fliege ich morgen nach Sau- schaftliches Engagement. Ich finde unbe-
di-Arabien, da bin ich erst mal weg.« Er dingt, dass Ehrenämter mehr gewürdigt
hatte richtig Angst. Vom 19. Stock unse- werden müssten.
res Verlagshauses haben wir gesehen, wie

Illustration: Oriana Fenwick für DIE ZEIT; Foto: Picture-Alliance (u.)


die Menschen zur Mauer strömten. Herr- 22 Welches grundsätzliche Problem
lich, Geschichte live zu erleben! Der kann Politik nie lösen?
Traum von Axel Springer wurde wahr. Politik kann es nie allen recht machen!
Leider hat er diesen Moment nicht mehr
erlebt. Mein Mann ist vier Jahre vorher 23 Sind Sie Teil eines politischen
gestorben. Problems?
Ich glaube schon.
4 Welche gesellschaftlichen
Konventionen gehen Welches Problems?
Ihnen auf die Nerven? (denkt länger nach) Allein die Tatsache,
Wegen Corona verzichtet man auf den dass ich unser Haus Axel Springer ver-
Handschlag. Stattdessen gibt es dieses ko- trete. Es gibt Neider und auch Feinde.
mische Ellenbogenberühren. Oder – noch Kann man das als Problem bezeichnen?
schlimmer – so ein Fußanstoßen. Ich fin-
de das ganz furchtbar. 24 Nennen Sie ein politisches Buch,
das man gelesen haben muss.
5 Wann hatten Sie zum ersten Mal Berlin–Moskau. Eine Reise zu Fuß, von
das Gefühl, mächtig zu sein? Wolfgang Büscher. Da kommt alles vor.
Eigentlich kenne ich dieses Gefühl nicht. Polen, Belarus, Russland – hoch­aktuell!

»Das ist keine


Mächtig klingt nach einem Diktator.
25 Bitte auf einer Skala von eins bis zehn:
Sie haben Machtzuschreibungen immer Wie verrückt ist die Welt gerade?
zurückgewiesen. Aber Sie sind Chefin eines Und wie verrückt sind Sie?
der größten Medienimperien. Die Welt: sieben. Und ich bin genauso
Wenn Sie ein Mann wären, würde verrückt. Auch sieben.
man Sie einen Mogul nennen.

Macht«
So sehe ich mich nicht. In unserem Ver- 26 Der beste politische Witz?
lagshaus sind die Aufgaben im Vorstand Ich kann mir keine Witze merken, und
und im Aufsichtsrat klar definiert. So ich kann erst recht keine erzählen.
muss es sein. Es geht um Ideenaustausch,
und manchmal bewirkt es etwas. Aber 27 Was sagt Ihnen dieses Bild (links)?
das ist keine Macht. (lacht laut) Das war die erste Vereidigung
von Frau Merkel im Bundestag. Wir hat-
6 Und wann haben Sie sich ten uns mühsam um Karten für die Tri­
besonders ohnmächtig gefühlt?
Am Sterbebett meines Mannes. Axel
Die Verlegerin Friede Springer erklärt, was sie von einem Medienmogul büne bemüht. Inga Griese bekam sofort­
einen Verweis von einem Saaldiener, weil
Springer war in der Nacht vor seinem unterscheidet, wie sie von einer zurückhaltenden Schülerin zur selbstbewussten sie Kekse dabeihatte. Ich schaue da auf die
Tod ins Krankenhaus gekommen. Ich Familie von Frau Merkel, sie saß unter
habe die ganze Zeit neben ihm gesessen Frau wurde und ob sie sich heute als Teil eines politischen Problems sieht uns. Unvergesslich: die Wahl, Jubel. Und
und ihn berührt. Zu spüren, wie das dann sagte Norbert Lammert: Frau Mer-
Leben verschwindet, wie die Luft immer kel, Sie müssen die Wahl auch annehmen.
weniger wird – da sind Sie vollkommen Das hatte sie vor lauter Aufregung verges-
ohnmächtig. sen. Das Bild wurde oft veröffentlicht.

7 Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – Man sieht fast nur Frauen darauf. Und
was wäre bis dahin Ihre Aufgabe? zum ersten Mal wurde eine Frau als Kanz-
Sie dürfen allerdings keinen Apfelbaum 11 Haben Sie mal einen Freund oder eine 14 Nennen Sie eine gute Beleidigung für lerin gewählt. War das für Sie wichtig?
pflanzen. Freundin wegen Politik verloren? einen bestimmten politischen Gegner. Ja. Wir vier waren und sind alle Unter-
Wie schade. Ich würde so gerne einen Und wenn ja – vermissen Sie ihn oder sie? Da gibt es Großsprecher, Traumtänzer, stützerinnen von Frau Merkel. Da wurde
Apfelbaum pflanzen. Mehrere! Bei mir Ich weiß es nicht. Es kann natürlich sein. Angeber ... unser Star vereidigt. Das war ein ganz be-
im Garten. Ich liebe Äpfel, das ist meine Aber vermissen? Nein, ich vermisse nie- sonderer Moment.
Frucht. Ich pflanze wirklich jedes Jahr manden. Ihnen missfällt ...
einen Apfelbaum. ... wenn sich jemand so präsentiert, als ob 28 Wovor haben Sie Angst – außer dem Tod?
12 Waren Sie in Ihrer Schulzeit beliebt er alles ändern kann, mit einem Feder- Ich bin eigentlich angstfrei. Ich habe
Ausnahmsweise. oder unbeliebt, und was strich. auch keine Angst vor dem Tod. Früher
Sie bekommen Ihren Apfelbaum. haben Sie daraus politisch gelernt? war ich anders.
Ich glaube aber trotzdem nicht, dass die Ich war still und zurückhaltend. Das Man könnte an einen gewissen
Welt untergeht. Selbstbewusstsein, das mir in der Schul- Isa von Hardenberg, Inga Griese, US-Präsidenten denken. Wodurch sind Sie angstfrei geworden?
zeit gefehlt hat, habe ich später gelernt. Sabine Christiansen, Friede Zum Beispiel. Alle drei Begriffe passen. Durch mein Leben. Dadurch, dass ich
8 Sind Sie lieber dafür oder dagegen? Springer (v. l.) bei Merkels mich plötzlich alleine durchbeißen muss-
Immer dafür. Es ist viel schöner, Ja zu Wie haben Sie das gelernt? erster Vereidigung (Frage 27) 15 Welche Politikerin, welcher Politiker te. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich
sagen. Man nimmt sein Herz in die Hände und hat Ihnen zuletzt leidgetan? das wirklich angenommen habe. Heute
sagt zu sich selbst: Mach mal. Reden hal- Hans-Peter Bartels. Er war Wehrbeauf- bin ich 78 Jahre alt. Was kann mir noch
9 Welche politischen Überzeugungen ten, Preise annehmen. Alleine auf eine tragter und verlor unsanft seinen Job. Ich passieren?
haben Sie über Bord geworfen? Bühne gehen. Das war ein Lernprozess. finde das traurig.
Man schafft es nicht, alle Menschen zur Ich habe also gelernt, dass man sich über- Jede Woche stellen wir 29 Was macht Ihnen Hoffnung?
Vernunft zu bringen. Auch nicht mit winden muss – und dann geht es auch. Politikern und Prominenten Die »Bild«-Zeitung, die zu Ihrem Dass jeden Tag die Sonne wieder auf-
Überzeugungskraft. Aufhören war keine Option für mich. die stets selben Fragen, Verlag gehört, geht Politiker manchmal geht und etwas Neues beginnt. Ich bin
mehr als unsanft an. Wenn Sie das lesen, ein early bird, ich freue mich auf jeden
10 Könnten Sie jemanden küssen, 13 Welche politische Ansicht Ihrer Eltern um zu erfahren, was sie als tun die Ihnen dann auch leid? Morgen. Jeder Tag ist voller neuer
der aus Ihrer Sicht falsch wählt? war Ihnen als Kind peinlich? politische Menschen Manchmal schon. Chancen und Pläne.
Natürlich! Wenn man neu verliebt ist, Mit meinen Eltern war ich politisch ei-
weiß man doch nicht, wie derjenige ner Meinung. Sie waren konservativ, ausmacht – und wie 16 Welche Politikerin, welcher Politiker Die Fragen stellte
wählt. damit hatte ich kein Problem. sie dazu wurden müsste Sie um Verzeihung bitten? Tina Hildebrandt

Friede Springer, 78, ist stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Axel Springer SE und eine der größten
Anteilseignerinnen des Medienkonzerns
DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 WIRTSCHAFT 23

Fotos: Getty Images; Peter Rigaud/laif


Erste Adresse: Die Warburg-Bank Finanzminister Olaf Scholz ließ
in Hamburg Warburg-Termine unerwähnt

Immer ein offenes Ohr


Hat sich Olaf Scholz als Hamburger Bürgermeister in der Cum-Ex-Affäre für eine verdächtige Bank eingesetzt? 
VON MANUEL DAUBENBERGER, OLIVER HOLLENSTEIN, KARSTEN POLKE-MAJEWSKI, CHRISTIAN SALEWSKI UND OLIVER SCHRÖM

O
laf Scholz führt das Ge- traf sich Scholz mit den Cum-Ex-Bankern, sprach amtin habe mit ihren Vorgesetzten gesprochen; zu- ZEIT nicht. Die Hamburger Finanzbehörde betont, tere Treffen über das damals Bekannte hinaus gegeben
spräch allein. Zum zweiten mit ihnen über ihr Verfahren und rief anschließend dem habe sich die ermittelnde Staatsanwaltschaft es habe nie Versuche der politischen Einflussnahme habe. Scholz beantwortet die Frage nicht. Hat er et-
Mal in zwei Monaten hat noch einmal bei Olearius an. Vor allem an diesem Köln gemeldet. Die Steuern müssten doch zurück- gegeben. Klar ist nur: Wenige Tage nach dem Anruf was verschwiegen? Aus dem Protokoll geht hervor,
der Hamburger Bürger- Anruf entzündet sich nun eine Diskussion. Hat der gefordert werden. »Die Politik müsse entscheiden. von Scholz bei Olearius fällt die Entscheidung. Am dass Scholz eine ganze Reihe von Fragen zu weiteren
meister an diesem 26. Ok- heutige Finanzminister damals Cum-Ex-Banker vor Sie bedaure.« 17. November treffen sich führende Finanzbeamte Themen gestellt werden, bevor er antwortet. Es
tober 2016 Christian Olea- Schaden bewahrt? Und hat er in den vergangenen Die Politik muss entscheiden? mit Vertretern der Steuerverwaltung aus der Finanz- könne schon einmal vorkommen, dass in einer sol-
rius und Max Warburg zu Monaten seine Begegnungen mit den Warburg- Es kommt zu jenem zweiten Treffen zwischen behörde. Sie einigen sich darauf, allen Indizien zum chen Situation eine Frage in Vergessenheit gerate,
Gast, die Mehrheitseigentümer von Deutschlands Bankiers im Parlament bewusst unerwähnt gelassen Scholz und Olearius am 26. Oktober. Scholz erhält Trotz von Warburg keine Steuern zurückzuverlangen wird nun im Finanzministerium argumentiert. Die
größter Privatbank M.M. Warburg. Sie sprechen und damit bei der Aufarbeitung zu wenig gesagt? das vorbereitete Schreiben von dem Bankier. Knapp und die Forderungen damit verjähren zu lassen. Opposition hält das für unglaubwürdig.
darüber, dass die Bank in Cum-Ex-Geschäfte ver- Die Geschichte beginnt mit der Durchsuchung zwei Wochen später, am 9. November, ruft Scholz Man wüsste gern, was die Beamten zu dieser Ent- Am 1. Juli 2020 wird Scholz abermals vor dem
wickelt ist und ihr dadurch Steuerrückzahlungen der Warburg-Bank im Januar 2016. Die Bankiers Olearius an. Olearius schreibt in sein Tagebuch: »H. scheidung führte. Doch die Finanzbehörde antwor- Finanzausschuss befragt. Dort sagt der Finanzminis-
in Millionenhöhe drohen könnten. Olearius und halten sich für unschuldig, doch die Bankenaufsicht Scholz ist pikiert ob des Sieges von Trump und dann: tete aus Gründen des Steuergeheimnisses allgemein: ter, er sei mit dem Warburg-Vorgang nicht beschäftigt
Warburg sind vorbereitet. Ihre Berater haben ein BaFin ist skeptisch und lässt ein Gutachten erstellen. Schicken Sie das Schreiben ohne weitere Bemerkung Das Finanzamt müsse bei solchen Eingriffen von der gewesen. Er sei Christian Olearius im Laufe seines
Papier ausgearbeitet, das sie dem Bürgermeister Nach der Lektüre dieses Gutachtens sind auch die an den Finanzsenator. Ich frage nichts, danke und Rechtmäßigkeit überzeugt sein, die Verwaltung Lebens mehrfach begegnet, zumeist bei größeren Ver-
übergeben wollen. Auf sieben Seiten argumentie- Betriebsprüfer des Hamburger Finanzamts alarmiert. lasse das Schreiben Tschentscher überbringen.« Der müsse die Kosten eines möglichen Rechtsstreits be- anstaltungen, beispielsweise in der Elbphilharmonie.
ren sie darin, warum die Warburg-Bank keinen In einem Treffen mit Verantwortlichen der Bank am damalige Finanzsenator Peter Tschentscher ist heute rücksichtigen. Für den Fall Warburg wird nur betont: Bei einem Jubiläum der Warburg-Bank habe er als
Fehler gemacht habe. Und dass trotzdem die Exis- 12. Mai 2016 erklären sie, die möglicherweise zu Scholz’ Nachfolger als Bürgermeister. Es sei nicht zu politischer Einflussnahme gekommen. Redner fungiert. Er erinnere sich auch, ab und zu mit
tenz der Bank auf dem Spiel stehe. Unrecht ausgezahlten Steuern zurückfordern zu Wie ist dieser Anruf zu bewerten? Florian Toncar, Vertretern von Warburg geredet zu haben, wie auch
Christian Olearius hat den Ablauf des Treffens in wollen. Eile ist geboten, denn zum Jahresende ver- Obmann der FDP im Finanzausschuss, sagt: Wenn Es hätte drei gute Gelegenheiten für Scholz mit Vertretern anderer Banken. Dies sei ein normaler
seinem Tagebuch aufgezeichnet. Die ZEIT und das jähren die Ansprüche der Stadt an Warburg. sich das Telefonat bestätige, habe Scholz »zumindest gegeben, die Gespräche zu erwähnen Vorgang. Es habe aber keine regelmäßigen Treffen
ARD-Magazin Panorama konnten die entscheiden- indirekt in das Verfahren eingegriffen«. Auf seine An- gegeben. Die beiden weiteren persönlichen Treffen,
den Passagen einsehen. Olaf Scholz, so notierte An mehrere Treffen mit dem Bankier hat der weisung hin sei ein Papier mit der Sichtweise der Es existiert kein Beleg dafür, dass Scholz Grenzen über die Olearius in seinem Tagebuch schreibt, er-
Olearius, »fragt, hört zu, äußert keine Meinung, lässt Vizekanzler keine konkreten Erinnerungen Bank weitergegeben worden. Scholz bestätigt, das überschritt. Aber warum hat der Bürgermeister das wähnt Scholz nicht.
nichts durchblicken, was er denkt und ob und wie er Telefonat sei in seinem Kalender notiert, er habe je- Papier angenommen, wenn die Politik keinen Ein- Im vertraulichen Sitzungsprotokoll ist ver-
zu handeln gedenkt«. Auch im Kalender des heutigen Olearius pflegt enge Kontakte zu zwei SPD-Män- doch keine konkrete Erinnerung an dessen Inhalt. Er fluss auf das Finanzamt nehmen darf? Warum hat merkt, dass die Grünen-Abgeordnete Lisa Paus
SPD-Kanzlerkandidaten ist die Begegnung vermerkt. nern: Alfons Pawelczyk, ehemaliger Zweiter Bür- weist aber zurück, mit dem Anruf eingegriffen zu er sich mehrmals mit Vertretern einer Bank getrof- nachfragte, ob es nach dem besagten Termin 2017
Doch er könne sich nicht an Details erinnern, sagt germeister. Und Johannes Kahrs, damals Bundes- haben. Sein Argument: Sollte Olearius’ Aufzeichnung fen, gegen die wegen einer Steuersache ermittelt weitere Treffen gegeben habe. Nach Treffen vor
Scholz nun auf Nachfrage der ZEIT. Seine grund- tagsabgeordneter und Chef des einflussreichen stimmen, spräche sie dafür, dass er Olearius mit wird? Und warum legt er die Treffen nicht gleich 2017 sei ja nicht gefragt worden, argumentieren
sätzliche Linie in Gesprächen, in denen ihm Steuer- Kreisverbands Mitte. Beide werden für Olearius dessen Anliegen nur an die zuständige Behörde ver- offen, als er drei Jahre später danach gefragt wird? Scholz’ Leute im Finanzministerium heute. Des-
sachen vorgetragen werden, bestehe darin, nichts zu eintreten, Pawelczyk wird das Gespräch mit Scholz wiesen habe. Er habe sich auch ausdrücklich nicht Im November 2019 stellt die Linksfraktion in halb habe der Minister nichts verschwiegen. Meh-
seiner Einschätzung des Falls zu sagen und höchstens suchen und für das Anliegen des Bankiers werben. die Auffassung von Olearius zu eigen gemacht oder der Hamburgischen Bürgerschaft dem Senat das rere Abgeordnete erinnern sich allerdings an einen
Nachfragen zu stellen. Eine Intervention in laufende Dabei bleibt es aber nicht. Am 7. September 2016 das Papier selbst an die zuständige Behörde weiter- erste Mal die Frage, ob es Treffen zwischen War- Zwischenruf einer Abgeordneten: wie oft man sich
Verfahren komme nicht infrage. Auch im Fall der um 18.45 Uhr besuchen Christian Olearius und Max geleitet, »da dies allein aufgrund der Tatsache der burg-Verantwortlichen und Olaf Scholz gegeben denn pro Jahr über den Weg laufe? Dieser Zwi-
Warburg-Bank habe er das so gehalten. Warburg für anderthalb Stunden den Bürgermeister Weiterleitung durch den Ersten Bürgermeister Anlass habe. Der Senat verneint. Das stellt sich wenig schenruf, den Scholz nicht beantwortete, ist im
Dennoch wird dieses Gespräch nun zum Problem Scholz, so geht es aus Olearius’ Tagebuch hervor. In zu Interpretationen hätte geben können«. später als falsch heraus. Die ZEIT und Panorama Protokoll nicht festgehalten.
für Scholz. Schon 2016 ermittelte die Staatsanwalt- seinem Kalender sei für den 7. September 2016 ein Tschentscher erklärt, er sei über Treffen des dama- berichten im Februar 2020 von einem Treffen zwi- Die Opposition in Hamburg erwägt nun die
schaft wegen schwerer Steuerhinterziehung gegen solches Treffen vermerkt, bestätigt Scholz. Eine prä- ligen Bürgermeisters nicht in Kenntnis gesetzt wor- schen Scholz und Olearius am 10. November 2017. Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungs-
Olearius und hatte Monate zuvor die Bank durch- zise Erinnerung an den konkreten Gesprächsverlauf den. An ihn gerichtete Schreiben von Steuerpflichti- Auch bei dieser Begegnung ging es um das Steuer- ausschusses.
sucht. Just in den Wochen, als Scholz sich mehrfach habe er aber nicht mehr. gen seien an die Steuerverwaltung weitergegeben verfahren der Bank. Das Treffen wird im März
mit den Bankiers traf, musste die Hamburger Steuer- Offenbar erhofft sich Olearius bei seinem Steuer- worden. Er selbst habe nicht an Gesprächen zu Thema im Finanzausschuss des Bundestags. Scholz Mitarbeit: Mark Schieritz
verwaltung entscheiden, ob sie von Warburg 47 Mil- problem Unterstützung durch die Stadtspitze. Die Steuerverfahren teilgenommen und auch keine Be- sagt dort, so steht es im Protokoll der Sitzung, das
lionen Euro zurückverlangt, die der Staat der Bank zuständige Finanzbeamtin will laut Tagebuch von wertungen vorgenommen. der ZEIT vorliegt, dass »Herr Olearius in dem Ge- www.zeit.de/vorgelese
mit dem Steuerbescheid von 2009 erstattet hat. Das Ende September die Millionen zwar nicht zurück- Hat Scholz zu viel gesagt? Die Warburg-Bank hat spräch von ihm keine Auskünfte über seine Sicht
tat sie am Ende nicht. Am Mittwoch dieser Woche, fordern. Aber: »Da jetzt das Papier den Hierarchieweg der zuständigen Finanzbeamtin das Papier schon vor der Dinge erhalten« habe und dass »da nichts gewe- Reporter der ZEIT und des TV-Magazins
nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, sollte Scholz überstehen müsste, empfiehlt sie, politischen Bei- dem Telefonat, am 27. Oktober, direkt geschickt. sen sei und dass da auch nichts zu finden sei«. Des- »Panorama« haben neun Monate lang den Fall
dazu im Bundestag befragt werden. stand einzuholen. Ich telefoniere mit H. Pawelczyk, Nun kommt es aber offenbar ein zweites Mal auf dem halb gebe es nichts zu berichten. Warburg recherchiert. Auf ZEIT ONLINE
Man kann als Politiker zwei Fehler machen: Man der Scholz unterrichtet.« Bald dreht sich die Ent- Weg durch die Hierarchien zu ihr. Hat das etwas In dieser Sitzung fragt der Linken-Abgeordnete veröffentlichten sie am vergangenen Donnerstag das
sagt zu viel. Oder man sagt zu wenig. Im Jahr 2016 scheidung. Olearius schreibt am 7. Oktober, die Be- ausgemacht? Sie selbst äußert sich auf Anfrage der Fabio De Masi den Finanzminister auch, ob es wei- Ergebnis. Nachzulesen unter: www.zeit.de/warburg

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Dr. Anne Kerber Prof. Dr. Nicolaus Kröger Jan Schweitzer
Vice President, Head Clinical Development EU, Direktor der Klinik für Stammzelltransplantation, Redakteur im Ressort WISSEN,
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Jan Schweitzer: © Edith-Wagner

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24 WIRTSCHAFT 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

E Hamstern für
ine der stärksten Machtverschie- um zwei Drittel senken. Bereits heute bezieht er die vorher massenhaft auf den Hund gekommen. Ende
bungen der Geschichte war die Hälfte seiner Energie aus erneuerbaren Quellen. Bis 2019 lebten hierzulande zehn Millionen Hunde,
zwischen Menschen und ihren Ende dieses Jahres will er kein Palmöl mehr aus Plan- 700.000 mehr als ein Jahr zuvor. Im April zeigten
Haustieren. Früher mussten die tagen verwenden, für die Wälder neu gerodet wurden. Daten von Marktforschern, dass die Deutschen weit-
Tiere arbeiten, damit die Men- Nachhaltigkeitsziele haben sich viele Unterneh- aus mehr Tierfutter gekauft haben als üblich.

den Hund
schen sie am Leben ließen und ih- men gesetzt. Mal aus ökologischer Erkenntnis heraus, Hamstern für den Hund? Oder Zeichen einer
nen zu fressen gaben: Das Pferd mal um keine Kunden zu verlieren. Doch wie erreicht Haustierwelle? Plausibel wäre es: Wer im Homeoffice
zog die Kutsche, der Hund bewachte den Hof und man seine Ziele, wenn die Zielgruppe täglich Fleisch sitzt oder kurzarbeitet, hat mehr Zeit für ein Tier.
die Katze jagte Mäuse auf dem Dachboden. Heute im Napf erwartet? »Wir haben einige unserer Rezepte Gassi gehen stärkt das Immunsystem, eine schnur-
sind die Rollen anders verteilt: Die Menschen ar- verändert, das macht natürlich einen Unterschied. rende Katze auf dem Schoß entspannt. Wissen-
beiten in Büros und Fabriken – um Futter, Hals- Von den Emissionen her betrachtet, ist Geflügel und schaftlich ist klar: Haustiere reduzieren Stress, fördern
bänder und Kratzbäume bezahlen zu können. Schwein besser als Rindfleisch«, sagt Pharoah. Nur die Gesundheit und trösten bei sozialer Isolation.
Auch in der Krise ist das so. Gerade in der Krise, noch genügsame Hamster zu kaufen oder Katzen und Mit Ökostrom, weniger Rodungen und mehr
denn das Haustierbusiness wächst selbst dann noch, Der Tierfutterkonzern Mars will nachhaltiger werden – Hunde zu Vegetariern zu erziehen sei keine Lösung: Hühnchen statt Rind sieht Mars sich auf dem rich-
wenn andere Wirtschaftszweige längst am Boden
liegen. Was nicht nur eine gute Nachricht ist.
aber seine Zielgruppe liebt Fleisch  VON MARCUS ROHWETTER »Absolute Forderungen, wonach man dieses oder
jenes gar nicht mehr tun solle, halte ich für gefährlich.
tigen Weg. Pharoah wirkt geradezu begeistert. »Vor
zwei Jahren haben wir erstmals wirtschaftliches
Mittendrin steckt der Mars-Konzern aus McLean Haustiere sind ein wunderbarer Teil des Lebens.« Wachstum und CO₂-Ausstoß voneinander entkop-
im US-Bundesstaat Virginia. Mars ist zwar für die Dass die Nachhaltigkeitsfrage bei Haustieren pelt. Wir haben mehr Waren produziert und zugleich
gleichnamigen Schokoriegel und Uncle-Ben’s-Reis immer drängender wird, hat gleich mehrere Ursachen. weniger CO₂ ausgestoßen«, sagt er. »Das ist praktisch
bekannt, verdient sein Geld aber vor allem mit­ Eine hat mit der Vermenschlichung der Vierbeiner der Heilige Gral des Umweltschutzes.« Am Mittwoch
Hunde- und Katzenfutter von Pedigree bis Whiskas und ihrer Rolle als Familienmitglied zu tun. In hat Mars die Gründung der Stiftung Economics of
und mit fast 2500 Tierkliniken. »Haustiere stehen Deutschland machen zwei von drei Tierhaltern ihren Mutuality in Genf angekündigt. Sie soll helfen, den
für etwa die Hälfte unseres Geschäfts und sind damit Lieblingen zu Weihnachten Geschenke. In der Wer- Kapitalismus zu einem gerechteren und verantwor-
der bedeutendste Teil«, sagt Andy Pharoah, der im bung serviert Frauchen ihrem Kater sein Sheba auf tungsvolleren Wirtschaftsmodell weiterzuentwickeln.
Vorstand für Nachhaltigkeit zuständig ist. Er meint dem Porzellanteller. Die Industrie spricht inzwischen Der Kampf gegen den Klimawandel sei ein Ge-
ein Geschäft, das viel dazu beigetragen hat, eines der teilweise schon von pet parents statt von pet owners. nerationenprojekt, sagt Pharoah: »Die USA sollten
weltgrößten Privatvermögen anzuhäufen: das der Aus Haustierbesitzern werden Haustiereltern. dem Pariser Klimaabkommen wieder beitreten und
Eigentümerfamilie, die auch Mars heißt. Mit ge- Gerade die Jüngeren übertragen ihre Ernährungs- ANZEIGE
schätzt 78 Milliarden Dollar führt das Magazin Forbes ansprüche oft eins zu eins aufs Tier. In Deutschland
sie auf Platz drei der reichsten Familien der USA. gaben 44 Prozent der Tierhalter bei einer Umfrage
Mitglieder der Familie Mars treten praktisch nie an, beim Futter auf die gleiche Qualität wie bei ihren FÜR MEHR WIRTSCHAFTSWISSEN:
öffentlich in Erscheinung. Ihre Topmanager tun das eigenen Lebensmitteln zu achten. Das Segment der
zumindest selten. Gleich zu Beginn des Gesprächs
mit der ZEIT, das wegen der Corona-Reisebeschrän-
natürlichen und biologischen Tiernahrung wachse
am stärksten, stellte die Welternährungsorganisation
Ihr Gutschein
kungen per Videokonferenz stattfindet, stellt Pharoah FAO vor Jahren erstaunt fest. Für den kalifornischen im Wert von
29,99 €
seine weiß-braune Hündin Peony vor. Der Terrier- Wissenschaftler Okin ein Indiz, dass es zwischen
Chihuahua-Mischling steht für die wichtigste Ziel- Tierfutter und Lebensmitteln zu einer »direkten Kon-
gruppe des Konzerns – und für ein Problem. kurrenz« kommen könne. Anders gesagt: Wenn
Die USA sind die führende Haustiernation der Hunde und Katzen statt mit Schlachtabfällen irgend-
Welt und anderen Ländern in Sachen Tiertrends oft wann mit Filet vom Wagyu-Rind gefüttert werden, Code: W7S-ZT2-X4W
einige Jahre voraus. Mehr als 163 Millionen Hunde wird die weltweite Fleischproduktion steigen müssen.
und Katzen leben zwischen New York und San Fran- Hinzu kommt, dass viele Tiere inzwischen zu viel
cisco. Und sie verursachen »bemerkenswerte Kosten« fressen. In den USA sind bereits ein Drittel aller
für die Umwelt, wie Professor Gregory S. Okin vom Hunde und Katzen übergewichtig. Offenbar bringt
Einlösbar unter
Institute of the Environment and Sustainability der ein Hund sein Herrchen nicht immer dazu, sich vom
wiwo.de/code
Universität von Kalifornien in Los Angeles 2017 er- Sofa zu erheben und Gassi zu gehen. Manchmal ist
mittelt hat. Nicht nur, weil die daheim so sanftmüti- es andersrum. Dann snacken beide gemeinsam vor
gen Stubentiger bei ihren Streifzügen massenhaft der Glotze: der eine Schokoriegel, der andere Frolic.
Singvögel umbringen. Sondern vor allem, weil die Gestoppt hat die Pandemie den Haustierboom
beiden beliebtesten Haustierarten enorme Mengen nicht – möglicherweise ist sogar das Gegenteil pas-
Fleisch fressen – und die Fleischproduktion eine der siert. Bei einer Umfrage der American Pet Products
Hauptursachen des Klimawandels darstellt. Association in der US-Bevölkerung im Juni ant-
Umgerechnet 64 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr worteten immerhin sechs Prozent, sie hätten sich
Foto: Elke Vogelsang

verursacht Okin zufolge allein die Futterproduktion jüngst ein neues Haustier zugelegt. Unter Millennials
für amerikanische Hunde und Katzen. Das wäre und der um die Jahrtausendwende herum geborenen alle notwendigen Maßnahmen umsetzen.« Das von
mehr, als alle auf deutschen Straßen fahrenden Lkw Generation Z war der Anteil sogar doppelt so hoch. dem damaligen Präsidenten Barack Obama 2016
zusammen ausstoßen. Von der Ökobilanz her ent- Pharoah mag nicht von einem Haustierboom spre- unterzeichnete Abkommen war im vergangenen Jahr
spreche ein durchschnittliches Hundeleben der chen, hält ihn aber auch nicht für ausgeschlossen. »Es von Donald Trump gekündigt worden. Sein Heraus-
Produktion einer Mercedes C-Klasse, hat eine ak- wird eine Weile dauern, bis wir genau wissen, was da forderer Joe Biden hat im Fall seiner Wahl einen
tuelle Studie von Umweltforschern der Technischen Von der Ökobilanz her entspricht passiert ist. Ich habe aber gehört, dass in Großbritan- Wiedereintritt in Aussicht gestellt. Ansonsten mische
Universität Berlin ergeben. Dass sich da Fragen auf- dieser Hund hier ziemlich genau einer nien Züchter die Preise erhöht haben. In den USA man sich bei Mars nicht in die Politik ein, sagt der
drängen, weiß auch Pharoah: »Tierfutter wird in der Mercedes C-Klasse gab es Berichte über leere Tierheime, sodass Interes- Manager. »Die Familie Mars besitzt das Unterneh-
Zukunft deutlich nachhaltiger sein müssen als heute.« senten keine Hunde mehr adoptieren konnten.« Der men seit mehr als hundert Jahren. Sie hat seitdem
Vor drei Jahren beschloss der Mars-Konzern, sich Deutsche Tierschutzbund hat in den vergangenen viele gute und schlechte Zeiten gesehen«, sagt er.
binnen einer Generation zu ändern. Unter anderem Monaten keinen breiten Ansturm auf Tierheime Manchmal helfe es, nicht an der Börse notiert zu sein.
will er seinen Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 registriert. Allerdings sind die Deutschen auch schon »Wir denken eher in Generationen als in Quartalen.«

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frei bewegen zu können – alles reichend Platz, um sich frei be- auf 22,1 Prozent an. deutlich, mit denen
jedes Fertighaus
Punkte, die in den vergangenen wegen zu können, und in puncto Etwa jeder dritte Bauherr ent- nach eigenen
Monaten für viele von uns noch Wohnkomfort keine Kompromis- scheidet sich dabei, so der BDF, Vorstellungen
individualisiert
mehr an Bedeutung gewonnen se machen musste. Ein Zuhause, für ein besonders sparsames Effi-
werden kann.
haben und die in einem Wort das nicht nur ein sicheres Dach zienzhaus 40 oder 40 Plus. Diese
zusammenfinden: Es geht um über den Kopf bietet, sondern zeichnen sich zum einen durch
ein »Zuhause«. Um den Ort, an ebenso buchstäblich den Raum, einen niedrigen Energieverbrauch
dem wir uns auch in einer Krise
sicher aufgehoben fühlen.
um sich als Single, Paar oder
Familie wohlzufühlen und dies
und eine eigene Energieerzeu-
gung oder sogar -speicherung aus. zienz-Standard des Gebäudes ge- gebaut wird wie geplant.« Auch Das Gefühl von Zuhause
Ein eigenes Haus, ausgerichtet auch langfristig. Fertighäuser So zählen Wärmepumpen und messen wird. Je kleiner dabei die die Einhaltung streng defi nier- EIN BEITRAG VON SO INDIVIDUELL
auf die persönlichen Vorstel- tun dies. Und: Sie tun noch mehr. Lüftungsanlagen mit Wärme- Zahl, desto höher ist die Energie- ter Vorgaben in den Bereichen FINGERHUT HAUS
WIE IHR FINGERABDRUCK
lungen, ist dafür die wahrlich »Alle Prozesse Hergestellt in der modernen und effi zienz des Gebäudes und desto Brand-, Wärme- und Schall- Häuser von der Stange? Nicht
beste Basis. Zudem ist es eine sind optimal nachhaltigen Holz-Tafelbauweise höher fällt die Förderung aus. Für
Kurze Bauzeit, hohe ein KfW-Effizienzhaus 40 sind es
schutz sowie Luftdichtheit werde Was macht aus einem Haus ein bei Fingerhut. So unterschied-
gute Altersvorsorge, haben leisten sie einen wertvollen nicht nur versprochen, sondern lich die Bewohner, so indivi-
aufeinander Planungssicherheit
Zuhause? Die Bewohner. Damit
duell geplant sind Fingerhut-
sich Immobilien in der Corona- Beitrag zum Klimaschutz und bis zu 24.000 Euro und bei einem auch nachweislich sichergestellt. sich Fingerhut-Kunden in ihren
Pandemie doch als wertsta- abgestimmt, damit schonen aufgrund ihrer hohen KfW-Effi zienzhaus 40 Plus gar bis Nach nicht einmal zwei Werk-
Häuser. Die ganz persönlichen
eigenen vier Wänden zuhause Wünsche der Kunden stehen
bilste Anlageform erwiesen. der Bauherr Energieeffi zienz den Geldbeu- rückgewinnung sowie Fotovol- zu 30.000 Euro. tagen ist der Rohbau wetterfest fühlen, setzt Fingerhut auf ein hier an erster Stelle.
sein Fertighaus tel. Daher verwundert es kaum, taikanlagen und dezentrale Bat- Geld, das in einem Fertighaus und abschließbar, ehe er in den Höchstmaß an Sorgfalt, Kön- KONTAKT
Corona hat uns Grenzen aufge- dass sich immer mehr Bauwilli- teriespeicher zur häufig verbauten gut und sicher investiert ist. So er- folgenden Wochen alle individu- Fingerhut Haus GmbH & Co. KG
zeigt, aber Corona kann und soll-
termingerecht und ge für ein Fertighaus entschei- innovativen Haustechnik. Zum klärt BDF-Geschäftsführer Georg ellen Bau- und Ausstattungsde-
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Gegenteil: Wer schon immer von Festpreis erhält.« des Bundesverbandes Deutscher KfW, die Kreditanstalt für Wieder- wachen regelmäßig die werks- Georg Lange: »Alle Prozesse sind novativer Technologie – das info@fingerhuthaus.de
eigenen vier Wänden träumte Fertigbau (BDF) zeigen. So lag aufbau, finanziell unterstützt. Die eigenen Kontrollen, damit sich optimal aufeinander abgestimmt, Ergebnis: Zukunftsfähige Häu- www.fingerhuthaus.de
und auf den richtigen Zeitpunkt bereits 2019 der Marktanteil von konkrete Fördersumme richtet Bauherren der versprochenen damit der Bauherr sein Fertig- ser, die ihren Bewohnern ein
wartete, diesen Wunsch Wirk- Fertighäusern bei neu geneh- sich nach dem sogenannten »Öko- Qualität sicher sein können und haus termingerecht und zum ver- echtes Zuhause bieten. Geplant und verwendet ausschließlich
lichkeit werden zu lassen, sollte migten Ein- und Zweifamilien- faktor«, wofür der Energieeffi- ihr individuelles Haus genauso einbarten Festpreis erhält.«  und gebaut von Meistern ihres Dämmstoffe ohne chemische
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IMPRESSUM Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt: ZEIT Verlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Helmut Schmidt Haus, Speersort 1, 20095 Hamburg Geschäftsführung: Dr. Rainer Esser Art Direction: Kay Lübke, Dietke Steck
Realisierung: TEMPUS CORPORATE GmbH – Ein Unternehmen des ZEIT Verlags; Projektmanagement: Charlotte Montanus; Grafik: Sonja Feldkamp; Texte: Nicole Maibaum, Lektorat: Egbert Scheunemann; Bilder: BDF/Emiliyan Frenchev, lich mit geprüften, heimi- Hausbau mit ökologischer Ver-
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baut moderne, von RENSCH-HAUS: »Die nach- EIN BEITRAG VON und die meist neue Lebens- sind. Dabei werden sowohl pri- haus im Bungalowstil reali-
energieeffiziente haltige, umweltschützende Bau- HUF HAUS
Ein- und Zwei- situation optimal einzuschät- vatere Rückzugsmöglichkeiten siert werden.
familienhäuser, weise nahm vor über 140 Jahren zen wissen. Spannend wird es als auch kommunikative Treff- Während eines Rundgangs
serienmäßig als ihren Anfang. Unsere Philoso- Der Bungalow gehört längst gerade dann, wenn das barrie- punkte sowie der benötigte durch die Produktion erfahren
Effizienzhaus 40.
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streicht den Umgang mit den in Sachen Wohnen. und einem großzügigen Wohn- fältig geplant und realisiert. telligent bereits die Vorferti-
natürlichen Ressourcen genau- konzept geplant wurde: Bei Herausragendes Merkmal gung der Häuser ist. Hand-
so wie die partnerschaftliche Praktisch, flexibel und architek- HUF HAUS entstehen architek- aller barrierefreien HUF Häu- werkliche Präzision und Liebe
Zusammenarbeit mit unseren tonisch anspruchsvoll über- tonisch anspruchsvolle Grund- ser ist die bodentiefe Ver- zum Detail machen deutlich,
Kunden, Mitarbeiterinnen und zeugt der Bungalow Bauherren rissplanungen, damit alle ge- glasung, die jedem Raum ein wie architektonischer An-
Mitarbeitern sowie unseren jeden Alters, aber besonders wünschten Räume intelligent besonderes Wohngefühl ver- spruch in höchster Qualität ge-
Lieferanten«. Weiter führt Dirk Best Ager, die ihre Bedürfnisse auf einer Ebene untergebracht leiht. Die umliegende Natur schaffen wird. 
EIN BEITRAG VON Die familiengeführte Haus- Wolschke aus, die Corona-Pan- JETZT BERATUNGSTERMIN
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zeichnet eine verstärkte Nach- dass das eigene Haus besonders RENSCH-HAUS, den bundes- Damit der Planungs- und Bau-
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10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

26

UNTERHALTUNG
»Ich bin gerne
Die gebürtige Tschechin Katja Krasavice bittet in ihr Eine Beziehung, in der jemand sich nicht um mich
neues Berliner Apartment. Man darf nicht sagen, kümmert, werde ich nie führen können. Es sei
wo es genau liegt, sie ist ein ­Internet-Star mit Millio- denn, ich nehme professionelle Hilfe in Anspruch,
nen Fans. Wir werden gebeten, die Schuhe auszuzie- aber so weit bin ich noch nicht. Das wäre für mich
hen. Sie entschuldigt sich dafür, dass die Wohnung eine zu große Tortur.
noch nicht fertig eingerichtet ist. Das Mobiliar: viel ZEIT: Sie hatten angeblich Minderwertigkeits-

aufreizend«
Gold, viele rote Polster, ein großer Spiegel, noch komplexe wegen Ihrer Nase und wegen vermeint-
mehr Spiegel, ein Ankleidezimmer, ein Raum nur lich zu flacher Brüste. Wäre es nicht günstiger ge-
mit Schuhen, vielen Schuhen. Krasavice hat an wesen, an den Komplexen zu arbeiten?
diesem Morgen ihr zweites Hip-Hop-Album ange- Krasavice: Ich bereue die OPs ja nicht. Ich bin sehr
kündigt, das erste flog gleich auf Platz eins der glücklich.
deutschen Charts. Vor sechs Jahren fing sie an, ZEIT: Sind Sie ein gutes Vorbild für all die jungen
Videos im Netz zu produzieren, sie zeigt sich frei- Mädchen, die zu Ihrer Fangemeinde gehören?
zügig auf ihrem YouTube-Kanal, nie ganz nackt, Krasavice: Ach, wenn ich sehe, was im Internet
und ­redet zumeist über Sex. Ihre Videos wurden Ihre erste Schönheitsoperation habe ihr einst ihre Mama spendiert, alles abgeht. Extrem viele Pornoseiten sind einfach
etwa 900 Millionen Mal aufgerufen. Inzwischen so zugänglich. Das ist unsere Generation, das ist
hat sie eine Art Autobiografie geschrieben. Das erzählt Katja Krasavice, 24, Social-Media-Star die Welt, wie sie ist. Wenn ich jetzt anfange, da­
Buch wurde ein Bestseller. rüber nachzudenken, bin ich nicht mehr ich. Mei-
und Sängerin. Ein Gespräch über Selbstbestimmung nen Fans sage ich nur: Seid, wie ihr seid. Das ist
DIE ZEIT: Frau Krasavice, Sie sind ein Social-­ meine Message, das wissen die auch. Die Fans
Media-Star und als sogenanntes Erotik-Sternchen würden sagen: Katja vermittelt uns, dass wir uns
eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie haben 1,5­ nicht operieren lassen müssen, wenn wir nicht
Millionen Abonnenten auf YouTube, auf Ihrem Ka- wollen. Aber dass wir es können, wenn wir Bock
nal zeigen Sie freizügige Videos. Sex als Content – drauf haben. Also beeinflusse ich sie nicht.
war das Ihre eigene Idee? ZEIT: Sind Sie da sicher?
Katja Krasavice: Als ich vor sechs Jahren anfing, Krasavice: Wenn sie sich von mir leiten lassen,
hatte ich einfach Lust, bekannt zu werden. Also müssen sich ihre Eltern darum kümmern. Sie dür-
habe ich mich ausprobiert, erst mit Musik, ich fen ihr Kind nicht einfach so machen lassen. Das ist
habe Hip-Hop-Songs gecovert, was aber aus­ immer noch der Job der Eltern. Was soll ich da tun?
Gema-Gründen nicht geklappt hat – wegen Ver- ZEIT: Sie empfinden keine Verantwortung?
letzung der Musikrechte. Ich war schon ein biss- Krasavice: Operationen ist ein schwieriges Thema.
chen bekannt in meiner sächsischen Heimat. Man sollte es nur tun, wenn man es sich gut über-
Weil ich einfach auffällig bin und es mag, mich so legt hat, wenn man alt genug ist. Und wenn man
zu kleiden. einen guten Arzt hat. Deswegen habe ich auch in
ZEIT: Gewagt? meinem Buch geschrieben, dass man extreme
Krasavice: Ja, ich mag es, die Leute zu schocken. Schmerzen hat. Und dass es auch schiefgehen
Dabei wäre es für das Geschäft sogar besser, wenn kann. Aber es ist schön, wenn man es unbedingt
ich mich nicht halb nackt zeige. Ich würde viel machen möchte und es erreicht. Für viele ist das
mehr Geld verdienen. Es war aber auch gar nicht ein Life-Goal. Ich finde es bloß scheiße, wenn man
mein Ziel, ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Es es nur für den Freund macht, weil der das will.
ist dann eines geworden. Einmal hat sich dieser ZEIT: Dieses Seid-wie-ihr-seid, ist das Ihre Defini-
Bernd Schumacher gemeldet, ein Entdecker von tion von Selbstliebe?
Daniela Katzenberger, der hat mir ein paar Tipps Krasavice: Mit zwölf, dreizehn Jahren findet man
gegeben. Sonst habe ich alles alleine gemacht. sich. Dazu gehört der eigene Style. Ob man Go-
ZEIT: Sie nennen sich Bitch. Bedeutet das Wort thic ist oder Punker, egal, man sollte das ausleben
für Sie »Schlampe«? dürfen. Aber an den Schulen wird man einfach
Krasavice: Nein. Bitch ist für mich eine starke ausgegrenzt, wenn man komisch gestylt ist.
Frau. ZEIT: In Ihrem Song Dicke Lippen rappen Sie:
ZEIT: Sie haben mit 23 Jahren bereits Ihre Auto- »Heute kostet mein Körper so viel, wie du in drei
biografie geschrieben, das Buch Bitch Bibel. Sie Jahren verdienst.«
erläutern darin, dass Sie »bewusst und voller Über- Krasavice: Das ist bloß ein Rap-Flex, ein Stilmittel
zeugung mit den Klischees des Sexobjekts« spielen. des Rap. Dick auftragen.
Aber Sie wollen keines sein? ZEIT: Schreiben Sie Ihre Texte selbst?
Krasavice: Als Sexobjekt ist man ja unselbst­ Krasavice: Ich habe Songwriter. Aber ich schreibe
bestimmt. Ich möchte zwar ein Objekt sein, aber auch viel selbst. Ich schreibe in unseren Sessions
nur, weil ich das mag. Verstehen Sie, ich möchte alles auf, was ich sagen will. Ich kann es nur noch
das sein. Nicht, weil Männer das wollen. Wenn nicht so in das Reimschema bringen. Aber wenn
man Männer auf der Straße fragen würde, ob sie es ich lange sitze und überlege, schreibe ich Bomben-
schön finden, wie ich aussehe, würden doch fast texte. Mit den Songwritern ist es so: Ich rede mit
alle Nein sagen – ich bin ja nicht dumm. Männer ihnen, und wenn sie mit mir auf einer Wellenlän-
wollen natürlichere Frauen. ge sind, finde ich, dass es gute Songwriter sind.
ZEIT: Sie dagegen sagen, Ihr Schönheitsideal sei: Wenn ich mit ihnen nicht reden kann, sind es
»große Möpse, dicke Lippen, kleines Näschen«. keine guten. Weil sie mich nicht verstehen.
Krasavice: Ich sehe ja die Männer, mit denen ich ZEIT: Ihre Rap-Songs heißen Sugar Daddy oder
mal was hatte. Mit wem die am Ende zusammen Mach’s mir doggy. Was ist Ihr Zielpublikum?
sind. Ich entspreche also nicht ihrem Bild. Ich Krasavice: Anfangs habe ich gar nicht darüber
weiß genau, wie ich mich anziehen würde, wenn nachgedacht, welche Zielgruppe ich ansprechen
ich den Männern gefallen wollte. Sie hätten gern, möchte. Dann habe ich gemerkt: Zu mir kommen
dass wir sexy sind, aber nicht zu sexy. Dass wir ge- nur junge Leute, Leute mit Grips. Etwa bei Konzer-
schminkt sind, aber nicht zu geschminkt. Aber ich ten oder bei Clubauftritten. Oder auch auf der
will zu geschminkt sein. Das ist für mich selbst­ Erotik­messe Venus, da war ich mal wegen einer Ko-
bestimmt. Ich finde es geil. operation, was ich nie wieder machen würde. Ich
ZEIT: Ist das dann emanzipiert? hatte befürchtet, zu meinem Stand würden so unge-
Krasavice: Viele haben das Bild einer emanzipier- pflegte alte Männer kommen. Aber nein. Es kamen
ten Frau, das das komplette Gegenteil von mir ist. Frauen, die offenbar zu mir aufschauen. Die Men-
Aber ich kann doch auch anders aussehen und schen, die ich anspreche, sind meistens Mädchen, die
trotzdem emanzipiert sein. Viele denken, Frauen, jünger sind als ich. Und es sind viele Schwule.
die sich so anziehen wie ich, seien die, die sich den ZEIT: Warum Schwule?
Männern anbiedern. Aber das stimmt nicht. Krasavice: Weil sie sich fühlen wie ich. Sie werden
ZEIT: Aber Sie genießen es, wenn die Männer Sie ausgegrenzt, dürfen nicht aussehen, wie sie wollen.
anstarren. ZEIT: Sie bekommen auch Hasskommentare – vor-
Krasavice: Ich genieße die Aufmerksamkeit von wiegend von jungen Mädchen. Was steht da drin?
Männern. Ich möchte in erster Linie mir gefallen, Katharina Poblotzki fotografierte die YouTuberin Krasavice: Ich lese es nicht durch. Die denken, ich
aber wenn Männer auf mich stehen, finde ich das Katja Krasavice im Treppenhaus zu ihrer Berliner Wohnung sei voll eingebildet, deswegen regen sie sich auf.
natürlich schön. Klar, es gibt auch aufdringliche Keine konstruktive Kritik. Ich denke, es ist nur
Männer, da raste ich aus. Da werde ich aggressiv. Unsicherheit von ihnen.
ZEIT: Welches Frauenbild, glauben Sie, vermitteln ZEIT: Sie bekennen, dass Sie von morgens bis
Sie wohl 13-jährigen Jungen in der Pubertät, wenn Krasavice: Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, da keine Werbung mehr vorgeschaltet werden. ZEIT: Sie mussten vermutlich erst einmal ordent- abends in den Spiegel schauen, hier neben uns
Sie diese Sexobjekt-Klischees bedienen? dass das mega ist. Die Pornodarstellerinnen haben Womit genau verdienen Sie Ihr Geld? lich Einnahmen generieren für die Operationen. steht auch einer. Wovor haben Sie Angst?
Krasavice: Das kann ich nicht sagen. Ich finde, dann in ihrem Hass versucht, mich nachzuma- Krasavice: Ich bin eine Person des öffentlichen Krasavice: Die erste OP hat meine Mama bezahlt, Krasavice: Ich will immer, dass alles perfekt ist.
dass die Jugend allgemein sehr sexualisiert ist. chen. Sie wollten in diese Nische rein, was aber Lebens, inzwischen auch Musikerin. Bei soge- sie ist putzen gegangen und hat sich etwas gelie- Das sind vielleicht meine Komplexe. Aber ich bin
Mehr als zu meiner Schulzeit. Ich habe keinen Ein- nicht möglich ist. Weil ich da schon bin. nannten »Meets & Greets« werde ich in Clubs ge- hen. Jetzt bezahle ich auch für meine Mama, wenn perfektionistisch ohne Ende. Wenn irgendwas
fluss darauf, wie Männer über Frauen reden. Ob ZEIT: Die Nische ist Ihr Business. bucht für Fantreffen mit Jugendlichen. Und dann sie etwas braucht. Meistens sagt sie, sie brauche nicht sitzt, raste ich voll aus. Das ist aber gut für
ich mich halb nackt zeige oder nicht. Krasavice: Aber das bin immer noch ich. Gut, nun habe ich noch eigenes Merchandising. nichts. Also, ich wollte, als ich 18 war, unbedingt meine Arbeit. Die Leute schätzen das. Ich arbeite
ZEIT: Viele Frauen kämpfen lange dafür, dass ihre bin ich zum Geschäftsmädchen geworden, ich ZEIT: Sie verkaufen sogenannte Bitch-Tangas. meine Nase machen lassen. Die erste Nasen-OP so lange, bis das Projekt perfekt ist.
Geschlechtsgenossinnen nicht mehr als Objekt be- musste aber durch harte Zeiten gehen. Krasavice: Nein, das war ein Inhalt von Fanboxen, war dann in Tschechien. Die erste Brust-OP auch, ZEIT: Sie schreiben von Ihrer frühen Sucht nach
trachtet werden. Sie dagegen wollen absichtlich ZEIT: Was meinen Sie damit? die es mit meinem Album zu erwerben gab. Mein aber das möchte ich niemandem empfehlen. Es ist Anerkennung. Ist es jetzt eine Sucht nach Erfolg?
eines sein. Machen Sie damit wieder alles kaputt? Krasavice: Ich bin gemobbt und verspottet worden, Merch ist kein Tanga. Das sind eher T-Shirts. Ich zwar mein Geburtsland, aber das mit den Implan- Krasavice: Ich liebe Erfolg. Ich möchte mich stei-
Krasavice: Ich finde nicht. Eine Frau kann sich als ich zum Beispiel schon als Zehnjährige im Mini- hatte Pullover, die waren online nach zehn Minu- taten machen sie nicht gut. gern, nicht stillstehen. Wenn ich 2,5 Millionen
doch selbstbestimmt bewegen. Wenn ich zum Bei- rock durch unser Dorf in der sächsischen Provinz ten ausverkauft. Mein Geschäftsmodell ist das Ich- ZEIT: Sie sind im tschechischen Teplice geboren. Follower habe, will ich 2,6 Millionen.
spiel rausgehe, wird mich kein einziger Typ klar- gelaufen bin. Mein Aussehen galt als billig. Ich fand sein. So ist das eben bei Social Media: Man ist dort In Ihrem Buch, das Sie einen »Seelenstriptease« ZEIT: In einem Video berichteten Sie, wann Sie
machen; denn ich suche mir den Typen aus. Das das cool, ich wollte mich nice finden. Aber ich wur- kein Star, sondern eine Person, die greifbar ist. nennen, erzählen Sie Ihre familiäre Verlust­ Ihre erste Million Umsatz gemacht haben. Mit 21
hat der Mann nicht zu entscheiden. de ausgelacht, ausgegrenzt, sogar geschlagen, weil ZEIT: Wie authentisch sind Sie denn? Sie haben für geschichte: Zwei Brüder sind gestorben, einer da- Jahren. Jetzt sind Sie 24. Es läuft, oder?
ZEIT: Wie Sie sich im Internet darstellen, bewegen ich angeblich eine Nutte bin. Ich war ein Opfer, ein Ihren Kanal den Namen geändert, in Ihrem Ausweis von durch Suizid, Ihr Vater kam wegen sexueller Krasavice: Es läuft sehr gut, ich bin auch sehr
Sie sich an der Grenze zur Pornografie – machen Loser. Doch ich habe es einfach durchgezogen. steht Katrin Vogel. Sie tragen Echthaarperücken, Übergriffe gegen Minderjährige – nicht gegen Sie dankbar. Ich habe gemacht, was ich liebe. Eigent-
Sie das bewusst? ZEIT: Und dann? und weil Ihnen Ihre Nase und Ihre Brüste nicht ge- – ins Gefängnis. Das habe zu Ihrem besonderen lich wollte ich nur fame sein. Dann kam das Geld,
Krasavice: Ich habe mir das nicht vorgenommen. Ich Krasavice: Ich habe akzeptiert, wer ich bin. Und fielen, haben Sie mit Operationen nachgeholfen. Verhältnis zu Sexualität und Liebesbeziehungen das war ein megageiler Bonus. Jetzt bin ich natür-
bin gerne aufreizend. Das ist dann eben halb porno- dass es die Leute nicht unbedingt cool finden. Ich Krasavice: Das bin schon alles ich. Manager wollten geführt. Wie meinen Sie das? lich happy. Wenn jemand in der Familie Schulden
grafisch, ich bin aber keine Pornodarstellerin. war der festen Überzeugung, dass es gut ist, frei­ eher, dass ich mich anpasse. Doch ich entscheide. Krasavice: Ich hatte das alles lange verdrängt. hat, kann ich das zahlen. Ich protze auch sehr ger-
ZEIT: Sie schreiben: »Alle Pornoweiber hassen zügig zu sein. Heute reiße ich mich doch sogar zu- Die Operationen hat mir niemand aufgeschwatzt. Wenn es um Männer geht, brauche ich eine­ ne. Aber ich weiß, dass es Wichtigeres im Leben
mich, weil sie sehen, wie ich mit meinem pornö- sammen für die Etikette von Instagram. Und auf Man kann auch sagen, ich bin ich, wenn man ope- Vaterfigur, die auf mich aufpasst. So einen Vater gibt. Denn ich habe Menschen verloren.
sen Bitch-Image Cash generiere, obwohl ich vor TikTok darf ich fast gar nichts. riert ist. Bloß weil man neue Körperteile hat, heißt hatte ich nämlich nicht. Und wenn jemand das
der Kamera weder komplett blankziehe noch die ZEIT: Bei Ihren Videos wird schon mal vor unan- das nicht, dass man eine andere Seele hat. Meine nicht macht, ist er kein guter Freund. Das ist­ Das Gespräch führten Jörg Kramer
Schenkel spreize.« War das eine Marktlücke? gemessenen Inhalten gewarnt. Auf YouTube darf Seele fühlt sich gut, wenn sie Silikonbrüste hat. eigentlich toxisch und hat viel kaputt gemacht. und Carly Laurence
10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

WISSEN Titelthema: Was uns schützen wird


27

Wie gut
sind wir
vorbereitet?
Foto: Anna Rammelkamp

Die kalte Jahreszeit kommt. Das Virus bleibt. Und während Deutschland auf die Entwicklung der Infektionszahlen starrt,
stellt sich die Frage danach, wie gut Krankenhäuser, Gesundheitsämter und Schulen gerüstet sind

M
an kann ihn schon riechen, Das Gesundheitssystem stand nie vor einem Kollaps. Schnitt schwerer als Frauen. Das Risiko, an C­ ovid-19 Bisher – darin sind sich Epidemiologen einig – IT-Kenntnissen ihrer Lehrer. Vom viel beschworenen
den Herbst. Und man Die Zahl der Intensivbetten und Beatmungsgeräte zu sterben, steigt ab einem Alter von 50 Jahren lang- haben uns auch Frühling und Sommer geschützt. Digitalisierungsschub ist bisher wenig zu sehen, so
ahnt: Er wird manchen reicht zur Versorgung der Schwerkranken aus. Der sam, ab 70 Jahren erheblich schneller an. Im Freien gibt es so gut wie keine nachgewiesenen wenig wie von klugen Konzepten für den Fernunter-
Radfahrer zurück in die Ausbruch der Pandemie wurde früh entdeckt und Die Krankheit ist ungerecht. Angestellte mögen Infektionsketten. Dass etwa die Demonstrationen richt. Defizite offenbart auch das öffentliche Gesund-
U-Bahn treiben und Res- eingedämmt. Es gibt inzwischen einen Therapiestan- im Homeoffice bleiben, diese Distanz können sich in Berlin bisher nicht zu erkennbaren Mehrinfek- heitswesen, in dem wichtige Daten zum Infektions-
taurantbesucher von der dard für schwere Verläufe. Mit dem Wissen von Erntehelfer so wenig leisten wie die Bewohner der tionen führten, hat viele Gründe: Der Sonnen- geschehen noch heute per Fax versendet werden.
Terrasse in den Gastraum. heute war manche vorsorgliche Schutzmaßnahme zu Slums von Brasilien oder Indien. Ökonomische und schein, das niedrige Durchschnittsalter der Teil- Covid-19 hat offengelegt, dass Deutschland
In Klassenzimmern und Büros wird es beim Lüften streng. Wahr ist auch: Die Vorsorge hat Menschen soziokulturelle Unterschiede machen sich aber auch nehmer, die relativ geringe Gesamtzahl der Fälle in und Europa in solch großen Krisen nicht autark
frostig. Wird Sars-CoV-2 dann richtig gefährlich? die berufliche Existenz gekostet und manchen nicht in Europa bemerkbar. Wer trotz Arbeit noch zu Deutschland gehören dazu. Dass Ausbrüche aber sind. Dass wichtige Medikamente, dass einfache
Der Grund dafür, dass es uns vergleichsweise gut behandelten Infarkt- oder Krebspatienten das Leben. Hause wohnt, geht ein höheres Risiko ein, die eige- auch im Freien befördert werden können, zeigen Schutzmasken oder Handschuhe fehlen, weil glo-
geht, ist kein kategorischer Irrtum über die Gefähr- Die gute Nachricht ist: Wir haben schnell ge- nen Eltern oder Großeltern zu infizieren. Und wo das Champions-League-Achtelfinale im Februar bale Lieferketten zusammenbrechen.
lichkeit des Erregers selbst – die ist von der Wissen- lernt. Die schlechte: Je mehr wir lernen, desto ver- sich schwere Verläufe häufen, sind schlecht ausgestat- in Bergamo und die Ansteckungen beim Interna- Ein Lernprozess hat begonnen, der noch lange
schaft inzwischen recht zuverlässig beschrieben wirrender erscheint die Lage. tete Gesundheitssysteme schnell überlastet. tionalen Frauentag im März in Madrid. nicht abgeschlossen ist. Die Zwischenbilanz fällt
worden. Die relativ entspannte Lage ist das Ergebnis Aus Sicht des Einzelnen entzieht sich die Krank- Das Infektionsrisiko ist im Einzelfall unkalkulier- Auch in Deutschland hat die Pandemie Schwä- überraschend gut aus. Aus vielen Bereichen melden
harter Arbeit, solidarischer Disziplin und milliarden- heit einer klaren Kategorisierung. Viele Infizierte bar. Für eine Ansteckung reicht die Bitte um einen chen offenbart. Wie gut Kinder die Schließung ihrer Ärzte, Unternehmer, Behörden: Wir sind gerüstet.
schwerer Investitionen. werden nicht spürbar krank. Bei 15 Prozent der nach- Salzstreuer in der Kantine. In Haushalten mit Infek- Schulen verkraftet haben, hing nicht nur von Intel- Das größte Risiko für Herbst und Winter
Wer den Verlauf der Pandemie in Deutschland gewiesenen Infektionen verläuft die Krankheit tionsfällen oder an der Supermarktkasse mit regem ligenz und Leistungsbereitschaft ab, sondern auch steckt – Stand heute – in der Knappheit einer an-
analysiert, stößt auf gute und schlechte Nachrichten. schwer, bei 5 Prozent kritisch. Männer erkranken im Kundenverkehr ist es dagegen oft erstaunlich gering. vom Besitz eines Tab­lets oder Laptops – und den deren Ressource: Geduld. ANDREAS SENTKER

Wie es ums Schützen, Impfen, Testen und sechs weitere zentrale Aspekte steht,
lesen Sie auf der folgenden Doppelseite (Seite 28 und 29)

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28 WISSEN 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Titelthema

1. Schützen 3. Impfen 4. Testen


Atemmasken gibt es reichlich, doch es fehlt an anderen Schutzprodukten – Wie Grippeschutz helfen könnte – Neue Schnelltests versprechen Ergebnisse binnen Minuten.
wo in Herbst und Winter der nächste Engpass droht  VON INGO MALCHER und wem  VON EDDA GRABAR Aber wie zuverlässig sind sie?  VON LINDA FISCHER UND VIOLA KIEL
Als Anfang des Jahres die Ware knapp wurde, fass- Eine Milliarde Handschuhe importiert Theiler je- Ein Corona-Impfstoff lässt noch auf sich warten. Im Kampf gegen das Coronavirus sind ten eines PCR-Tests. Doch auch Antigen-
te Michael Koch, Produktmanager bei dem Medi- des Jahr. Das hat bisher immer gereicht. »Aber seit Bei allem Tempo: Es wird noch einige Zeit ver- Tests unverzichtbar. Doch einige Labore Schnelltests haben Nachteile: Erstens sind
zintechnikhändler Medika aus Hof, einen Ent- der Pandemie ist die Nachfrage exorbitant gestie- gehen, bis der erste zugelassen wird. Selbst wenn melden bereits Engpässe. Reichen die Test- sie im Handel kaum erhältlich, weil viele
schluss. Sollten die Schutzmasken in Deutschland gen«, sagt er. Dabei ist die Ware schon heute es schon im November so weit wäre, »wird es noch kapazitäten auf Dauer aus? Eine Hoffnung Hersteller die Entwicklung noch nicht ab-
knapp werden, müsse man sie hierzulande her- knapp. Krankenhäuser etwa klagen darüber, dass weitere Wochen bis Monate dauern, bis er die sind schnellere Verfahren, an denen im geschlossen haben. Und zweitens sind sie
stellen. Seit Mai produziert Koch mit Partnern in sie von ihren bisherigen Lieferanten nicht genug Hausarztpraxen erreicht«, glaubt der deutsche Augenblick geforscht wird. Noch werden weniger genau als PCR-Tests. Was nützen
Reichenbach in Sachsen Masken. Die sind ein paar Nachschub erhalten. Virologe und Impfexperte Klaus Stöhr. Er leitete Corona-Verdachtsfälle mit sogenannten sie dann?
Cent teurer als die aus China importierte Ware. Doch das Problem ist kaum zu lösen. Die bis zum Jahr 2007 das globale Influenzaprogramm PCR-Tests untersucht. Dabei werden Ra- »Die Zeit ist das Entscheidende. Es ist
»Aber damit sind wir nicht mehr abhängig«, sagt Händler haben reichlich bestellt, aber mehr, als sie der Weltgesundheitsorganisation. Verantwortlich chenabstriche im Labor auf genetisches sehr sinnvoll, die Testzeit zu verkürzen«,
Koch. So wie er dachten einige andere Unterneh- in Auftrag gegeben haben, bekommen sie nicht. Je dafür seien vor allem die begrenzten Kapazitäten Virusmaterial geprüft. sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit
mer in Deutschland, die Produktion wurde hoch- mehr getestet wird, desto stärker steigt die Nach- der Maschinen, die den Impfstoff in Gefäße füllen PCR-Tests gelten als sehr präzise. Sie vom Bernhard-Nocht-Institut in Ham-
gefahren. Auch in China entspannte sich die Situa- frage. Hatten die Handschuhhersteller bislang eine müssen. Außerdem muss jede neue Charge von liefern sogar die Information darüber, ob burg. Deshalb, findet er, sei der Kompro-
tion, sodass die Versorgung mit Atemmasken Lieferfrist von etwa zwei Monaten, so sind die den Zulassungsbehörden überprüft werden. ein positiv Getesteter überhaupt infektiös miss – mehr Schnelligkeit gegen weniger
heute gesichert ist. »Da sollten wir keine Probleme Produktionsstraßen momentan bis Ende 2021 Wer also soll die rare Ware zuerst bekommen? ist. Denn bei jedem Test wird auch die so- Präzision – zu verkraften. Ungenau sind
mehr kriegen«, meint Koch. ausgelastet, beschreibt Theiler die Lage. Dass die Menschen, die in Gesundheitsberufen genannte Viruslast mitbestimmt, die Men- die Schnelltests vor allem dann, wenn sie
Mit einem Engpass kämpft Achim Theiler, Ge- Die Händler haben die Abgabe von Handschu- arbeiten, an erster Stelle stehen, darüber sind sich ge an Virusmaterial. Eine niedrige Viruslast kleine Virusmengen feststellen sollen. Eine
schäftsführer von Franz Mensch aus Buchloe bei hen bereits begrenzt. »Ich will alle Kunden versor- die meisten Verantwortlichen einig. Aber wer da- bedeutet, dass ein Patient wohl nicht mehr große Anzahl von Viruspartikeln hingegen
München, einer Firma, die mit Schutzkleidung gen und nicht diejenigen belohnen, die bunkern. nach? Erst systemrelevante Berufe, Ältere, chro- ansteckend ist. Der Virologe Chris­ tian fällt recht zuverlässig auf. Da Erkrankte
handelt. Theiler beliefert Krankenhäuser und Al- Ohnehin werden medizinische Kunden bevor- nisch Kranke? Wie soll eine Impfstrategie aus­ Drosten von der Berliner Charité hat in mit einer hohen Viruslast meist besonders
tenheime. Und bei denen wird ein Einwegprodukt zugt«, sagt Theiler. Kunden aus anderen Branchen sehen? Eine vorveröffentlichte Studie macht sie seinem Gastbeitrag (ZEIT Nr. 33/20, »Ein ansteckend sind, könnte man sie mithilfe
knapp: der Untersuchungshandschuh. Gefertigt empfiehlt er inzwischen, auf andere Handschuhe von der Güte des Impfstoffs abhängig: Wirkt er Plan für den Herbst«) deswegen schon vor der Schnelltests identifizieren – und zügig
wird er meist in Malaysia, Indonesien und China. auszuweichen, etwa auf solche, die elastisch sind. gut, sollten junge Erwachsene immunisiert wer- fünf Wochen gefordert, auf Infektiösität isolieren.
den, damit sie andere nicht infizieren. Schützt er statt nur auf Infektion zu testen. Die Ge- Christian Drosten sieht Einsatzmög-
nur mäßig, sei es besser, zunächst die Älteren zu sundheitsämter müssten nur auf die Infor- lichkeiten »vor allem dort, wo Tests beson-
impfen, um Todesfälle zu vermeiden. Modelle der mation über die Viruslast zugreifen und ders notwendig sind: zum Beispiel in

2. Lüften und Filtern


US-Impfkommission für Altenheime zeigen je- sich trauen, positiv getestete Menschen mit Pflege­heimen«. Das medizinisch geschulte
doch, dass es nicht immer Sinn hat, die Bedürf- Werten unter einer gewissen Schwelle aus Personal könnte Besucher am Eingang tes-
tigsten zuerst zu impfen. Die Bewohner der einer Isolierung zu entlassen. ten, Besuchssperren könnten aufgehoben
Heime, die eigentliche Risikogruppe, schütze man Die PCR-Tests haben allerdings einen werden. Wären Schnelltests nicht auch als
Es beginnt die Jahreszeit der geschlossenen Räume – mit welchen besser, indem man die Pflegekräfte impfe. Denn entscheidenden Nachteil: Sie brauchen Zugangskontrolle bei Großveranstaltungen
sie übertragen das Virus. Zeit. Zwei Tage können vergehen, bis das denkbar? Das, sagt Drosten, halte er noch
Techniken die Luft dort sauber wird  VON MARCUS ROHWETTER Und der Rest? Kinderärzte schlugen vor, vor Ergebnis mitgeteilt wird. Wenn aber Infek- »für sehr unwahrscheinlich, aber vielleicht
allem Kinder gegen Grippe zu impfen. Eine grö- tionsketten schnell unterbrochen und An- mancherorts auch denkbar«. Und auch die
Tröpfchen und Aerosole zählen zu den häufigsten Signify-Manager Chris­tian Goebel. Um ein Klassen- ßere Grippewelle, zeitgleich mit der Pandemie, steckungsrisiken zügig gesenkt werden Idee, Schüler und Lehrkräfte regelmäßig zu
Ansteckungswegen, vor allem in geschlossenen zimmer auf diese Weise zu bestrahlen, bräuchte man könne das Gesundheitssystem nur schwer ver- müssen, sind zwei Tage eine lange Zeit. testen, nennt er »illusorisch«: Das zu er-
Räumen. Es gibt zwei bewährte Methoden, die zwei dieser Geräte. Dann sorge die normale Luft- kraften, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Diskutiert wird deswegen über Schnell- wartende Testkontingent sei zu klein, die
Raumluft zu reinigen: Fenster öffnen und filtern. zirkulation dafür, dass die gesamte Luft früher oder Spahn. Tatsächlich entwickelten Forscher am tests. Meist geht es dabei um Verfahren, die Zahl der Schüler zu groß. Auf einen Test
Lüften ist einfach und billig – bei kaltem Herbst- später ins Strahlungsfeld gerate. Etwa 1000 Euro Robert Koch-Institut ein Modell, nach dem die in Rachenabstrichen oder in Speichel für zu Hause macht er keine Hoffnung.
wetter aber nicht besonders attraktiv. Hocheffi- dürfte einer dieser Apparate kosten. zusätzliche Impfung von Kindern die eigentliche Virus­proteine, sogenannte Anti­gene, fest- Drosten sagt: »Einen Heimtest wird es die-
zienzfilter fischen Aerosole mit dem Coronavirus Das Bundesamt für Strahlenschutz erkennt die Risikogruppe, also alte Menschen und solche mit stellen können. Und dies innerhalb weni- ses Jahr bestimmt noch nicht geben.« Die
zuverlässig aus der Luft. Weil sie aber meist Teil Wirkung von UV-C-Licht gegen Viren prinzipiell Vorerkrankungen, effektiver schützen kann, als ger Minuten, für einen Bruchteil der Kos- Hersteller seien nicht so weit.
aufwendiger Lüftungsanlagen sind, setzt man sie an, rät jedoch zur Vorsicht. Weil UV-C-Licht »der wenn diese allein die Spritze bekommen würde.
vorwiegend in sensiblen Umgebungen wie Opera- energiereichste Teil der optischen Strahlung« sei, Der Haken: Zwar hat sein Ministerium 26 Mil-
tionssälen und Flugzeugen ein. trete ein gesundheitliches Risiko auf, wenn die lionen Dosen Impfstoff geordert – mehr als sonst.
Künftig könnte auch UV-C-Licht das Virus in Geräte nicht fachgerecht eingesetzt würden. So Doch auch die könnten schnell verbraucht sein,
Schach halten, eine bestimmte Art von ultravioletter
Strahlung. Sie kann schädlich sein für den Menschen,
wirkt aber wohl gegen Coronaviren. Unternehmen
wie Signify oder Osram machen sich das zunutze.
sollte man nicht die Wohnzimmerdecke streichen,
wenn unter ihr eine UV-C-Leuchte eingeschaltet
ist. Allein schon deswegen ist diese Form der Luft-
reinigung wohl etwas, das sich vor allem für pro-
wenn man neben den rund 22 Millionen Men-
schen, die 65 Jahre und älter sind, auch Kinder
immunisiert.
Und seit Spahn im März dazu riet, sich gegen
5. Lernen
Signify etwa will die Raumluft mit Geräten desinfi- fessionell gemanagte Umgebungen wie Büros, Pneumokokken impfen zu lassen, sind die Impf- Welche Kompetenzen Lehrer und Schüler jetzt brauchen – Fragen
zieren, die aus­sehen wie Zimmerlampen und genau- Schulen und Krankenhäuser eignet. In privaten stoffe fast ausverkauft. Fragt man einen der Haupt-
so montiert werden müssen. »Sie projizieren einen Wohnungen bleibt die älteste und einfachste Lö- lieferanten, den Pharmahersteller MSD, wie lange an den Digitalexperten Jacob Chammon   VON JEANNETTE OTTO
unsichtbaren, mehrere Zentimeter dicken Licht- sung wahrscheinlich noch für lange Zeit die beste: es dauere, den Impfstoff nachzubestellen, fällt die
schleier unter die Decke«, sagt der verantwortliche Fenster auf und Durchzug. Antwort ernüchternd aus: bis zu 36 Monate. DIE ZEIT: Herr Chammon, wenn die Fragen beschäftigt und haben den Kopf
Schulen wieder schließen müssten – wüss- nicht mehr frei für ihr Kerngeschäft, die
ANZEIGE ten die Lehrer jetzt, was zu tun wäre? pädagogische Arbeit.
Jacob Chammon: Es gibt viele motivierte ZEIT: Warum sind die Lernplattformen so
Lehrkräfte, die Einsatz zeigen und kreative wichtig?
RATGEBER: Smartes Zuhause Ideen haben, aber bis zum Herbst oder Chammon: Weil sie die Kommunikation
Winter werden wir leider weder eine zu- innerhalb des Kollegiums, aber auch zu den

Ihr Zuhause intelligent vernetzt


friedenstellende technische Ausstattung an Schülern und den Eltern regeln. Es hat sich
einem Großteil der Schulen haben, noch in der Krise ja gezeigt, wie schwierig es für
bleibt genügend Zeit, um die digitalen die Schulen war, Kontakt zu ihren Schülern
Kompetenzen aller Lehrer auf den neues- zu halten und die Eltern ausreichend zu in-
ten Stand zu bringen. formieren. Lernplattformen sorgen aber
Ein leistungsstarkes und stabiles WLAN bietet viele Vorteile, ZEIT: Kinder aus einkommensschwachen auch für modernes kollaboratives Lernen,
zum Beispiel auch für Magenta SmartHome. Damit wird Familien sollen nun aber Geräte bekom- weil sich Schüler vernetzen und gemeinsam
men und auch alle Lehrer an Deutschlands an Aufgaben arbeiten können, und zwar im
Ihr Zuhause sicherer, komfortabler Schulen ein Tablet erhalten. Klassenzimmer genauso wie zu Hause.
und energieeffizienter. Chammon: Allein in Geräte zu investieren ZEIT: Sollten sich Lehrer und Schüler
reicht nicht. Was unseren Schulen fehlt, schon jetzt auf Schulschließungen vorbe-
sind die Rahmenbedingungen, um Kon- reiten, während sie gemeinsam im Klassen-
zepte für den Unterricht mit digitalen Me- raum sitzen?
dien umsetzen zu können. Für alle Szena- Chammon: Es wäre absolut sinnvoll, das zu
rien des Schulbetriebs, auf die wir in den tun. Schüler brauchen jetzt Techniken, wie
nächsten Wochen vorbereitet sein müssen, sie sich selbst organisieren. Wenn man als
aber auch grundsätzlich für einen moder- Schüler nur gewohnt ist, 45-Minuten-Ein-
nen Unterricht gilt: Pädagogik vor Technik heiten von Unterricht zu absolvieren, kann
und ein guter Mix aus analog und digital. es herausfordernd sein, sich den Tag selbst
ZEIT: Auf welche Szenarien müssen wir zu strukturieren und Verantwortung für
uns einstellen? das eigene Lernen zu übernehmen.
Chammon: Den regulären Präsenzunter- ZEIT: Was müsste konkret passieren, falls
richt, der in den meisten Bundesländern es wieder zu Schulschließungen und Fern-
Speed Home WiFi
schon läuft. Das Hybrid-Modell, wenn unterricht kommen sollte?
mit Mesh-Technologie
Klassen oder Jahrgänge halbiert werden und Chammon: Man sollte dann etwa einen
eine Schülergruppe zu Hause lernt, während Lehrer bestimmen, der mindestens einmal
Dank perfekter Heimvernetzung bestehen – praktisch, vor allem bei größeren ergänzen, wie beispielsweise Kamera, Be- die andere in der Schule ist. Und die voll- am Tag Kontakt zum Schüler aufnimmt –
überall dabei Wohnungen oder mehrstöckigen Häusern. wegungsmelder, Regulierung der Heizkörper ständige Schließung einer Schule mit Fern- dann muss sich nicht jeder einzelne Fach-
Ob Fußballschauen auf der Terrasse, Ga- und vieles mehr. unterricht für alle. lehrer dafür zuständig fühlen. Ich würde
ming auf dem Dachboden oder Homeoffice
Beste Voraussetzungen ZEIT: Gerade hat eine internationale Stu- überhaupt dafür werben, weniger in ein-
im Keller – die Mesh-Technologie macht für ein smartes Zuhause die gezeigt, wie problematisch die Umstel- zelnen Fächern zu denken, Mathe, Seite
es möglich. Denn die Mesh-Lösungen der Eine optimale WLAN-Abdeckung bildet die Alle Infos zu den Themen Heimvernetzung und lung auf den Online-Unterricht in 10 bis 20, Aufgaben A bis D, dasselbe in
Telekom vernetzen intelligent den Router und ideale Grundlage, damit Ihr Zuhause zu ei- Magenta SmartHome finden Sie unter: Deutschland verlief. Im Vergleich mit Aus- Chemie und Physik. Das ist für Schüler
sorgen so für schnelles, stabiles WLAN in je- nem Smart Home wird. Entdecken Sie eine telekom.de/zuhause/heimvernetzung tralien, Großbritannien, Italien, Kanada, ermüdend und wenig motivierend. Statt-
dem Winkel Ihres Zuhauses. Dabei stellen Vielzahl praktischer Alltagshelfer, die Ihr oder smarthome.de Mexiko und Singapur landete Deutschland dessen sollte man mehr auf fächerüber-
mehrere Zugangspunkte ein gleichmäßiges Zuhause noch komfortabler und sicherer auf dem letzten Platz. Die Hälfte der be- greifende Projektarbeit setzen, die Schüler
Signal im ganzen Haus her – auch über meh- machen. Sagen Sie zum Beispiel einfach, Wichtiger Hinweis: Bleiben Sie gesund und machen Sie mit! fragten Eltern in Deutschland gab an, die etwas erforschen lassen, gemeinsam mit
rere Etagen hinweg. was Sie möchten – der Smart Speaker Schulen seien »gar nicht« vorbereitet gewe- anderen in Gruppen, damit sich keiner
erledigt es sofort. So steuern Sie über den sen. Was fehlt unseren Schulen, um in allen isoliert fühlt. Der sinnvolle Einsatz digi-
Bis zu sechs Sendestationen Sprachassistenten viele Telekom Dienste drei Szenarien erfolgreicher zu arbeiten als taler Medien sowie geeigneter Lernplatt-
Als Sendestation dient der Speed Home und Funktionen bequem mit Ihrer Stimme. bisher? formen bietet hier gute Möglichkeiten.
WiFi der Telekom. Er ist kein gewöhnlicher Chammon: Zunächst die technische Grund- Für ein paar Wochen kann man auf die
Repeater, sondern ein Verstärker mit Mesh- Smart Home erleichtert den Alltag ausstattung. Funktionierendes WLAN und reguläre Fächertafel verzichten, ein ganzes
Technologie. Die im Haus aufgestellten Mithilfe des Smart Speakers dimmen Sie ein Breitbandanschluss an jeder Schule ist Jahr lang geht das natürlich nicht. Aber
Speed Home Wifi erzeugen im Verbund auf Zuruf das Licht, wählen TV-Sender aus das Mindeste, aber oft immer noch kein über solche Zeiträume müssen wir hof-
mit dem Router ein konstantes WLAN- oder spielen Ihren Lieblingssong ab – ganz Standard. Es braucht darüber hinaus zen- fentlich nie reden.
Signal in Ihrem Zuhause. Das intelligente wie Sie wünschen. Für mehr Sicherheit und trale und verbindliche Lösungen für jedes
Netzwerk kann dabei aus bis zu sechs Speed Energieeffizienz im Haus können Sie die Bundesland zu Lernplattformen und Da- Jacob Chammon war Lehrer im
Home WiFi Komponenten inklusive Basis Smart-Home-Welt um viele weitere Geräte
tenschutz. Politik und Verwaltung können Digital-Vorreiterland Dänemark und
die Schulen hier in ihrer Arbeit entlasten Leiter der Deutsch-Skandinavischen
und unterstützen. Aktuell sind Schullei- Gemeinschaftsschule in Berlin. Heute ist er
tungen und Lehrer viel zu sehr mit solchen Vorstand des Forums Bildung Digitalisierung
DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 WISSEN 29

Was uns schützen wird

Sauerstoff für die Beatmung Schwerkranker (links) und die Produktion von Impfstoffen für den Schutz
Gesunder (rechts) – beides wird im kommenden Herbst und Winter eine wichtige Rolle spielen
Fotos (v. l.): Henning Ross; Robert Rieger/Connected Archives; Jonas Wresch (Ausschnitt)

6. Behandeln 7. Beatmen 9. Regieren


Was Kliniken anders machen als Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis erklärt, wie man Corona bremsen, Protest begegnen.
im Frühjahr  VON CHRISTIAN HEINRICH schwer kranken Patienten am besten hilft  VON KATHARINA MENNE Wie soll das gehen?  VON MARIAM LAU
In Deutschlands Kliniken ist die Situation heu- DIE ZEIT: Herr Karagiannidis, würden Sie sich Karagiannidis: Wir machen das davon abhängig, Sterblichkeit so sehr vom Alter ab. Was auch oft Für die Lage, in der die Politik der Pandemie-
te erheblich besser als noch im März und April, mit einer Covid-19-Erkrankung beatmen lassen? wie viel Sauerstoff die Patienten brauchen. Wenn unterschätzt wird: Wir haben keine gleichbleiben- Bekämpfung derzeit steckt, verbreitet sich gera-
als die Corona-Krise begann. Damals war noch Christian Karagiannidis: Auf jeden Fall. Ich bin die Atemfrequenz stark zunimmt und die Patien- de Betreuungsqualität über 24 Stunden die ganze de ein ausgefallenes Wort: Perkolation. Es
nicht abzusehen, wie sich die Situation entwi- der festen Überzeugung, dass wir Ärzte gute Arbeit ten zu kollabieren drohen, dann versetzen wir sie Woche über. Unser Betreuungsschlüssel in stammt aus der Physik und bezeichnet den Zu-
ckeln würde, deshalb waren die Krankenhäuser leisten. Ich habe einige schwerstkranke Patienten in Narkose und versorgen sie über einen Schlauch Deutschland ist schlechter als etwa in Österreich. stand, in dem das Virus durch die Gesellschaft
verunsichert und verhielten sich vorsichtig. Fast gesehen, die jetzt wieder im Berufsleben stehen. in der Luftröhre mit dem nötigen Sauerstoff. Erst ZEIT: Können Sie mit dem heutigen Wissens- sickert, langsam und lange Zeit unbemerkt – bis
alle Eingriffe, die aus medizinischer Sicht nicht ZEIT: Hat die Ärzteschaft von Beginn an gut auf wenn auch das nicht hilft, greifen wir auf das so- stand zukünftig mehr Patienten retten? zu einem Wendepunkt, an dem es plötzlich über-
dringend notwendig waren, wurden abgesagt. die Pandemie reagiert? genannte extrakorporale Lungenersatzverfahren, Karagiannidis: Ich denke, wir können die Sterb- all auftaucht. Ist es im Herbst so weit? Bundes-
Denn es wurde versucht, so viele Kapazitäten Karagiannidis: Ich denke, ja. Wir haben aber auch ECMO genannt, zurück. Dabei wird das Blut lichkeit um einige Prozentpunkte senken. Wir gesundheitsminister Jens Spahn befürchtet, dass
wie möglich frei zu halten. »Das war eine neue, gesehen, dass viele Patienten am Anfang – teils aus außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angerei- wissen mehr über den richtigen Beatmungszeit- die gesellschaftliche Stimmung eine vergleich-
so nie da gewesene Situation. Wir konnten nur Angst, teils aus noch fehlendem Verständnis von chert und zurückgeführt. punkt, über Medikamente wie Remdesivir gegen bare Entwicklung durchläuft: Aus vereinzelten,
schwer abschätzen, was auf uns zukommt. Auf der Krankheit – bereits sehr frühzeitig beatmet ZEIT: Sie haben für eine Studie Daten von mehr die Virenlast in der Frühphase der Erkrankung randständig wirkenden Protesten gegen die
so etwas kann man sich nur bedingt vorberei- worden sind. Vielleicht auch manchmal zu früh. als 10.000 Corona-Patienten in Deutschland aus- und Dexamethason als Entzündungshemmer bei Corona-Maßnahmen könnte eine große Bewe-
ten«, sagt Gerald Gaß, Präsident der Deutschen ZEIT: Was heißt das? gewertet. Von den beatmeten Erkrankten haben beatmungspflichtigen Patienten. Wir haben ge- gung werden.
Krankenhausgesellschaft. Heute aber sagt er: Karagiannidis: Eine invasive Beatmung birgt im- nur knapp 50 Prozent überlebt – im internationa- lernt, dass viele Patienten Thrombosen und Lun- So hat er sich entschieden, den wütenden
»Wir sind vorbereitet.« mer das Risiko von bakteriellen Superinfektionen. len Vergleich wenig. Wie erklären Sie sich das? genembolien entwickeln und wir frühzeitig das Protestgruppen drei Botschaften zu senden. Wir
Das hat vor allem drei Gründe. Zum Ers- Oder auch, dass im Verlauf Organe versagen. Das Karagiannidis: Anders als etwa in Italien konnten Blut prophylaktisch oder therapeutisch verdünnen sind gut durchgekommen, wir sind immer rou-
ten haben die Kliniken inzwischen einen bes- verschlechtert die Heilungschancen. Aber nicht zu wir in Deutschland alle Erkrankten beatmen – müssen. Das alles trifft aber vor allem auf den Um- tinierter geworden, und wir schaffen den Herbst.
seren Überblick. Sie haben während der ers- beatmen, ist oft noch schlimmer. auch Menschen jenseits von 80 Jahren. Entspre- gang mit jüngeren Patienten zu. Gegen das Alter Aber Spahn hängt noch einen Satz an: »Mit dem
ten Corona-Welle ein Register für Intensiv- ZEIT: Wie entscheiden Ärzte denn, ob ein Pa- chend ist das Durchschnittsalter der Patienten sehr als verstärkenden Faktor oder Vorerkrankungen Wissen von heute« hätte man sich bestimmte
betten eingerichtet. Heute ist jederzeit abruf- tient beatmet werden muss? hoch. Und bei kaum einer Erkrankung hängt die werden wir nicht immer ankommen. Maßnahmen sparen können, etwa die Schlie-
bar, wie viele Intensivbetten an welchen Orten ßung des Einzelhandels oder der Friseurgeschäf-
zur Verfügung stehen. te. Das werde es nicht noch einmal geben.
Zum Zweiten wissen die Kliniken, was sie Bund und Länder bemühen sich um so viel

8. Nachverfolgen
bewältigen können und was nicht. Anhand Einheit wie möglich und um so viel Flexibili-
der Zahl der Neuinfizierten lässt sich recht tät wie nötig. Überall werden Bußgelder für
gut abschätzen, wie viele Covid-19-Patienten Maskenverweigerer verhängt, nur die Höhe
in den nächsten Tagen auf Intensivstationen der Strafgelder schwankt. Es gibt überall ge-
versorgt werden müssen. Behandlungen, die Software für die bessere Erfassung von Corona-Fällen gibt es. zielte Testangebote, aber wie umfangreich sie
sich notfalls verschieben lassen, »vorsorglich sind, richtet sich nach den örtlichen Kapazitä-
abzusagen, obwohl eigentlich noch genügend Aber die wenigsten Gesundheitsämter nutzen sie  VON JENS TÖNNESMANN ten. Schulschließungen sollen vermieden wer-
Kapazitäten vorhanden sind, das wird nicht den, Hygienekonzepte werden lokal konzi-
mehr notwendig sein«, sagt Christoph Her- Peter Schäfer leitet das Gesundheitsamt Mannheim, hatten. Damit können positiv getestete Menschen Labor­ ergebnissen verknüpfen, Kontaktpersonen piert, aber nach vergleichbaren Maßstäben.
born, Medizinischer Vorstand der Asklepios- und wenn er an den März denkt, dann fallen ihm dem Amt per Smartphone oder Computer mittei- nachverfolgen. Sormas biete den Ämtern eine­ Beim heiklen Thema der Reiserückkehrer,
Klinikgruppe. »Damit die Kapazitäten knapp die vielen Telefonate wieder ein, die sein Team mit len, wen sie in den Tagen zuvor getroffen haben und »Riesen-Arbeitsersparnis«, sagt Gérard Krause, der die trotz offizieller Warnung in Risikogebiete
werden, müsste die zweite Welle schon deut- Erkrankten führte; die Listen mit Kontaktpersonen, welche Symptome sie im Verlauf der Quarantäne am HZI die Abteilung Epidemiologie leitet. Trotz- gefahren sind, haben sich Bund und Länder für
lich größer werden. Und selbst dann müssten die Betroffene per Mail schickten oder per Telefon spüren. Das spart Zeit und ist weniger fehleranfällig. dem nutzten es bisher nur 40 Gesundheitsämter. sanften Druck entschieden: Wer einen Erkrank-
wir nicht pauschal alles absagen, wir könnten durchgaben. »Wir haben schnell gemerkt: Mehr Ferdinand Biere, einen der Entwickler von Qua- »Es werden jede Woche mehr«, sagt Krause. ten getroffen hat, muss in Quarantäne. Wer sich
zeitnah und gezielt reagieren.« Personal allein löst das Problem nicht, wir brauchen rano, freut die Zusammenarbeit – die Lage aber frus- Selbst Climedo, ein digitales Symptomtagebuch, selbst infiziert hat, muss in die Isolation. Wie
Zum Dritten haben Kliniken technisch eine intelligente digitale Lösung«, sagt Schäfer. triert ihn. Bisher setzt keine andere Behörde Quara- wird bisher erst von acht Ämtern eingesetzt – ob- lange beides dauern soll – darüber ist unter Vi-
aufgerüstet. Die Beatmungsplätze wurden Viele der etwa 400 Gesundheitsämter haben no ein. Erst in jüngster Zeit hätten einige von ihnen wohl es mit 100.000 Euro vom Bundesministerium rologen und Politikern jetzt eine Diskussion
von rund 20.000 vor der Pandemie auf heute ähnliche Erfahrungen gemacht. Geändert hat sich Interesse gezeigt. »Einige Ämter haben geglaubt, dass für Gesundheit (BMG) gefördert wurde. entbrannt.
30.000 erhöht. Besonders wichtig ist, dass das wenig, wenige Behörden nutzen spezielle Compu- die Lage so ruhig bleibt wie im Frühsommer«, sagt Es gibt also Nachholbedarf. Helfen könnte es, All das klingt nach Maß und Mitte. Trotz-
Wissen von Ärzten und Pflegern gewachsen terprogramme, um Symptome von Betroffenen Biere, »sie kümmern sich erst um eine Lösung, wenn wenn das BMG die Ämter stärker animieren würde, dem fürchtet die Bundesregierung, die Wut
ist. »Unser Klinikpersonal ist im Umgang mit abzufragen oder Kontaktpersonen nachzuverfolgen. sie schon wieder alle Hände voll zu tun haben.« die Lösungen zu nutzen. Jetzt teilte das BMG im- von Bürgern heraufzubeschwören, wenn sie
Covid-19 erfahren«, sagt der Arzt Christian Obwohl es entsprechende Lösungen gibt. Eine weitere ausgefeilte Software heißt Sormas, merhin mit, dass Bund und Länder bis 2022 min- für diese Maßnahmen öffentlich werben wür-
Utler, Geschäftsführer Medizin bei der Para- Zum Beispiel in Mannheim. Schäfers Amt ar- entwickelt vom Braunschweiger Helmholtz-Zen- destens 5000 neue Stellen im öffentlichen Gesund- de. Diese Sorge erkennt man daran, dass die
celsus-Klinikgruppe. »Viele wurden in den beitete schon früh mit Programmierern zusammen, trum für Infektionsforschung (HZI). Die Behörden heitsdienst schaffen und stärker in die Digitalisie- Bundeskanzlerin seit Monaten nicht mehr
letzten Monaten weiter geschult.« die ehrenamtlich die Software Quarano entwickelt können damit alle Fälle im Blick behalten, sie mit rung der Behörden investieren wollen. wagt, eine Fernsehansprache zu halten.

Unsere Quellen:
Die Autoren haben nicht auf die Infektionsstatistik geschaut, sondern Menschen befragt, deren Alltag es ist, die Pandemie zu bewältigen:
Unternehmer und Lieferanten, Intensivmediziner und Amtsärzte, Lehrer und Software-Entwickler, Politiker und Epidemiologen
Links zu den Quellen der Themen dieser WISSEN-Ausgabe finden Sie unter zeit.de/wq/2020-38
30 WISSEN 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Geschichte

Blaulicht für die


Minnesänger
Die wichtigste Handschrift
des Mittelalters geht noch einmal auf Reisen.
Dafür braucht es Polizeischutz.
Unterwegs mit dem Codex Manesse 
VON URS WILLMANN

Walther von der


Vogelweide ist ­e iner
der 140 Dichter,
deren Lieder sich
in der berühmten
Handschrift
wiederfinden

uf der Plöck gibt es kein Durchkommen: Drei daher darf der Codex nur bis Ende Oktober ausge­ Heinrich VI. (kleines Bild unten), der Tannhäuser unter Geheimhaltung. Emanuel Letz, eine gewaltige, wendete französische Handschriften. Außerdem
Einsatzwagen der Polizei blockieren die Straße. stellt sein; zu viel Licht würde ihn beschädigen. Ins­ und natürlich Walther von der Vogelweide (großes austrainierte Erscheinung von Mensch, leitet den legten Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto
Die Beamten stehen breitbeinig da, Maschinen­ gesamt sechs Doppelseiten bekommen die Besucher Bild oben) – »Ich saz ûf eime steine / und dahte bein
Einsatz, schusssicher gekleidet. Er gehört zur »Beweis­ von Bismarck noch 400.000 Goldmark drauf –
pistolen vor dem Körper. Staatsbesuch in Heidel­ zu sehen: immer montags wird umgeblättert. mit beine«. 140 Dichter, eine Epoche in einem Band.sicherungs- und Festnahmeeinheit« des Landeskrimi­ umgerechnet sieben Millionen Euro.
berg? Passanten, die sich erkundigen, bekommen Die Germanistin und Mediävistin Zimmer­ Die ständische Abfolge bestimmte damals die Reihen­nalamts Mainz und erklärt, dass es grundsätzlich zwei Sprachwissenschaftler fasziniert »C« nicht nur
keine Antwort – niemand soll wissen, was hier mann hat sich weiße Baumwollhandschuhe über­ folge. Kaiser und König machen den Anfang, da­ mögliche Taktiken gibt, wenn Wertvolles dieses wegen seiner inhaltlichen Fülle, sondern auch­
gleich passieren wird. Aber ein alter Mann, etwa gestreift. Gleich wird sie den Codex aus dem T ­ resor hinter folgen Herzöge, Grafen, Markgrafen. Es gibt Kalibers in der Republik verschoben wird: dezent – wegen seiner vielen Unbekannten. Obwohl sie seit
Mitte siebzig, scheint eine Ahnung zu haben, was nehmen. Aber erst müssen die Männer von Ha­ adlige und nicht adlige Minnesänger, bürgerliche oder maximal auffällig. Da schon der Lkw Dis­kre­tion Jahrzehnten daran forschen, haben sie nicht he­
die Ursache für den Ausnahmezustand sein könnte. senkamp die Transportkiste aufschrauben. Die Meister, Spielleute von einfachem Stand. unmöglich mache, setze man auf die Variante »deut­ rausbekommen, welche Schreiber zu Beginn des
Er brüllt seine Vermutung hinaus, sodass jeder sie steht seit drei Tagen im Keller bereit, hat sich in Dank Johannes Hadlaub, dem mittelalterli­ liche Präsenz«: Straßensperrung, zwölf Mann, sicht­ 14. Jahrhunderts die 5240 Liedstrophen in goti­
hören kann: »Ist es die Manesse?« der Zeit akklimatisiert. In ihrem Inneren muss chen Zürcher Liebesdichter, wissen wir, wer bar getragene Schusswaffen. scher Buchschrift auf das Pergament gebracht ha­
Es ist sie. Viele Heidelberger wissen, dass neben dieselbe Temperatur herrschen wie im Keller. höchstwahrscheinlich diese riesige Anthologie in Was, Herr Letz, könnte denn passieren? Der ben. Welche Illuminatoren die Eingangsinitialen
der bekannten Altstadtstraße, eben der Plöck, im Die Firma Hasenkamp ist in der Kunstlogistik Auftrag gab: In Lobpreis der Manessen besang er Polizeihauptkommissar mag nicht konkret wer­ gestalteten. Welche Künstler die Autorenbilder
Keller ihrer Universitätsbibliothek eines der be­ Marktführer. Weltweit kümmert sie sich um den Anfang des 14. Jahrhunderts die Patrizierfamilie den. Es handle sich um eine »abstrakte Gefahren­ malten. Rund zwanzig Menschen vermuten die
rühmtesten Schriftstücke deutscher Sprache auf­ Transport von Kulturschätzen. Einen halben Ku­ Manesse, die eine möglichst umfassende Lieder­ situation«. Er rechne aber nicht mit Zwischenfäl­ Forscher hinter dem Werk.
bewahrt wird: die Große Heidelberger Lieder­ bikmeter groß und 99 Kilogramm schwer ist der sammlung habe anfertigen lassen. len, Kunsträuber machten sich in der Regel »nicht Der Konvoi setzt sich in Bewegung. Einge­
handschrift, der Codex Manesse – von germanis­ für den Codex-Transfer maßgefertigte Sicherheits­ öffentlich« an ihr Werk. Auch die Männer von rahmt zwischen den drei Einsatzwagen der Polizei:
tischem Fachpersonal nur »C« genannt. Was wir schrein. Auf die Frage, was er in seinen 26 Dienst­ Hasenkamp pflegen aus Sicherheitsgründen neu­ der Lkw mit dem Codex, ein ziviles Auto mit der
heute an mittelalterlichem Minnesang kennen, jahren so alles herumkutschiert habe, antwortet gierigen Schaulustigen möglichst wenig preis­zu­ Hüterin Zimmermann. Mit heulenden Sirenen
Abb. (v. o.): Universitätsbibliothek Heidelberg/»Herr Walther von der Vogelweide«/124r [M]; Universitätsbibliothek Heidelberg/»Kaiser Heinrich«/6r

stammt meist aus dieser Sammlung. Uwe Offermann, Kunstpacker und Transporteur: geben: »Wir reden nie über Kunst«, sagt Wenzl. rauscht der Tross aus der Heidelberger Innenstadt,
Wenn ein Großaufgebot der Polizei die Zufahrt »Richter, van Gogh, Picasso.« Sein Kollege, der Stattdessen hat er sich eine wirkungsvolle­ ausgestattet mit Sonderrechten, die ihn von den
zu diesem Ort verriegelt, liegt ein Grund dafür nahe: Fahrer Alfred Wenzl, 17 Dienstjahre, ergänzt: »Die Standardantwort zurechtgelegt: »Antike Möbel«, einschränkenden Vorschriften der Straßenver­
Die sieben Jahrhunderte alte Manesse geht auf ­ werden alle gleich behandelt.« sagt er, »und schon hat keiner mehr Interesse.« kehrsordnung befreien. Es gilt kein Rotlicht, der
Reisen. Ein seltenes Ereignis. Trotz ständiger An­ Nicht immer begleitet sie auf ihren Fahrten ein Würde der Transport des Codex öffentlich und Konvoi darf auf die Gegenfahrbahn wechseln,
fragen aus der ganzen Welt verlässt die Handschrift ganzer Konvoi mit Sicherheitskräften; das hängt mit Terminangabe angekündigt, so hieße das: Fans Einbahnstraßen in falscher Richtung befahren,
fast nie ihren sicheren Keller. Hinter einer Panzertür von der Versicherungssumme ab. Beim Codex ist entlang der Straßen. Als er in Magdeburg gezeigt Tempolimits überschreiten. Schließlich geht’s mit
verbringt sie dort bei rund 18 Grad Celsius und in sie besonders hoch: 80 Millionen Euro. Während wurde, reisten Menschen aus Japan an, um ihn Blaulicht auf der A 6 in Richtung Rhein.
einer Luftfeuchtigkeit von 55 Prozent ihre alten Tage. die Polizei rund um den Lkw für Sicherheit sorgt, einmal im Leben gesehen zu haben. Diese Wert­ Um 14 Uhr biegt der Konvoi in die Straße vor
Im Jahr 1991 wurde »C« nach Zürich, 2006 nach sind die Hasenkamp-Männer dafür da, die wert­ schätzung ist nicht neu; seit es die Schrift gibt, dem Mainzer Landesmuseum ein. Noch einmal
Magdeburg ausgeliehen. Seither nicht mehr. vollen Güter vor Feuchtigkeit, ungünstigen Tem­ mühen sich die Mächtigen, sie in ihren Besitz zu heulen die Sirenen, Fernsehteams filmen das Spek­
Für das Buch von der Größe eines Bohrmaschi­ peraturen und Gerüttel zu bewahren. Die Q+Kiste bringen, sich mit ihrem Pres­tige zu schmücken. takel, der SWR wird abends berichten. Dann heißt
nenkoffers steht ein erstaunliches Transportvolu­ liefert dafür eine solide Basis, sie ist der Rolls-­ In den Jahrhunderten seiner Existenz ist »C« viel es warten. Es ist nicht ohne Ironie, dass am Ende
men bereit. Ein Lkw soll die kostbare Fracht nach Royce unter den Transportbehältnissen: Die Be­ Die Hierarchie gibt die Reihenfolge vor: herumgekommen. Über manche Destination gibt dieser gigantischen Überführungsaktion mit LKA,
Rheinland-Pfalz fahren, wo sie – immerhin sechs zeichnung Q+ steht für den höchsten Schutzstan­ Das erste Bild zeigt Kaiser Heinrich VI. es nur Vermutungen. So weiß niemand, wo er in den erhöhter Sicherheitsstufe und Straßensperren ein
Wochen lang – das Highlight einer Ausstellung dard. Mit der Akkubohrmaschine löst Wenzl die ersten 240 Jahren aufbewahrt wurde. Er blieb wohl Detail die Beteiligten Stunden kostet. Das Buch­
sein wird. 92 Kilometer sind es bis zum Landes­ Schrauben und hebt den Holzdeckel. Klimakiste erst einmal im Familienbesitz der Manesses in­ wiege genannte Gestell, auf das der Codex gelegt
museum Mainz. Vom 9. September an zeigt man und Innenkiste sind doppelwandig, ihre Kon­ Vorsichtig legt Karin Zimmermann den ver­ Zürich. Aber Karin Zimmermann wundert sich bis werden soll, passt nicht. Es muss ad hoc in Hand­
dort Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. struk­tion nach dem Prinzip einer Thermoskanne packten Codex in die feuerfeste Innenkiste. Diese heute darüber, dass damals ein Werk »mit so viel arbeit neu gefertigt werden. Denn der Winkel, in dem
Im Keller der Uni-Bibliothek riecht es nach alten bietet maximale Isolation. In einer 700 Grad­ wird verschraubt und von den Hasenkamp-­ Energie« begonnen wurde, und danach sei da »nur das Buch aufgeklappt daliegt, muss exakt stimmen.
Schriften. Ein wenig aufgeregt steht Karin Zimmer­ heißen Feuersbrunst infolge einer Havarie würde Männern im äußeren Quader der Q+Kiste ver­ Funkstille« gewesen. Um 1580 dürfte der Codex »Wegen der Bindung«, erklärt Karin Zimmermann.
mann zwischen den Regalen mit den wertvollen In­ es fast eine Stunde dauern, bis die Innentemperatur senkt. Mit Schaumstoff gepuffert und auf Schwin­ einem flämischen Sammler gehört haben, dann dem Gut eine Stunde leisten ihr die Polizisten und die
halten. Als Leiterin der Abteilung Historische Samm­ der Q+Kiste 50 Grad erreicht. Alltäglichere gungsdämpfern platziert, ist die Schrift »entkop­ Schweizer Freiherrn Johann Philipp von Hohensax. Kunstspediteure noch Gesellschaft. Danach liegt der
lungen ist sie die Hüterin des Codex Manesse. Sie Schwankungen gleichen zwei eingebaute Aggregate pelt gelagert«, wie es im Transporteursjargon 15 Jahre war die Handschrift Bestandteil der Bi­ Codex einfach da, fast schutzlos, während Mitarbei­
wird die Schrift nach Mainz begleiten und dort sanft aus: eine Heizung, eine Klimaanlage. heißt. Damit ist sie perfekt geschützt, als Offer­ bliotheca Palatina, der weltberühmten Bücher­ ter umherwuseln und die Ausstellung aufbauen. Zim­
in eine Vitrine legen. Nur sie fasst normalerweise »Cod. Pal. germ. 48« steht als Signatur auf der mann und Wenzl den Hightech-Behälter auf ­ sammlung am kurfürstlichen Heidelberger Hof. Als mermann aber lässt »ihren« Codex keine Minute aus
diese Preziose an, sie weiß am besten, wie der dicke Kartonschachtel, die Karin Zimmermann aus einem einem Wägelchen ins Freie schieben und ihn, es­ im Dreißigjährigen Krieg die Palatina als Kriegs­ den Augen. Hätte es in dieser Phase, in der das Sicher­
Ledereinband aufzuschlagen ist, wie die Per­ga­ment­ Metallschrank hebt. Sechs Kilogramm wiegt der kortiert von den Maschinenpistolenmännern, beute nach Rom verfrachtet wurde, fehlte die Hand­ heitskonzept ein wenig Lücken zeigt, ein Räuber auf
sei­ten umzublättern sind, sodass der Codex möglichst Wälzer darin, sie nimmt ihn heraus, legt ihn auf ein über das grobe Kopfsteinpflaster des Innenhofs schrift im Bestand. Friedrich V. hatte sie mit ins Exil »C« abgesehen – sie würde ihn mit Zähnen und
wenig Schaden nimmt – was er aber unweigerlich tut: Tischchen. Ein dicker Einband schützt die kostbaren ruckeln, hinaus auf die Plöck und rauf auf die nach Den Haag genommen. Seine Witwe, finanziell Klauen verteidigen. Erst als das Buch endlich in der
Tausendstelmillimeter große Farbpartikel blättern ab, 426 Originalblätter. Sie sind die einzige Quelle vieler Ladefläche des Lastwagens. angeschlagen, verkaufte sie. Ein französischer Ge­ Vitrine eingeschlossen ist, lässt sie es allein zurück in
immer wenn das Original des »C« aufgeschlagen wird. Meisterwerke, deren Schöpfer in ebenso berühmt Auch wenn sich in der Zwischenzeit herumge­ lehrter erstand sie und vermachte sie dem König von der Fremde. Dieses eine Mal noch.
Jede Ausleihe strapaziert das vergängliche Unikat. gewordenen ganzseitigen Miniaturen verewigt sind: sprochen haben mag, dass die Aufmerksamkeit »der Frankreich. Erst 1888 kehrte die Handschrift nach
Daher ist dies womöglich seine letzte Reise, und Wolfram von Eschenbach, der »singende Kaiser« Manesse« gilt, so steht die Operation nach wie vor Heidelberg zurück – im Tausch gegen einst ent­  www.zeit.de/vorgelese

Mehr Wissen:
Mehrere Hundert Jahre dominierten die Kaiser die Geschichte des mittelalterlichen Europas, von Karl dem Großen
(9. Jahrhundert) bis zu Friedrich Barbarossa (12. Jahrhundert). Ihnen widmet Rheinland-Pfalz seine neue Landesausstellung.
»Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht« ist vom 9. September bis zum 18. April in Mainz zu sehen
DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 WISSEN 31

Bildung

Das
Experiment
geht weiter

Foto: Muhammed Muheisen/AP/dpa


Vor fünf Jahren kamen Hunderttausende
geflüchtete Kinder in deutsche Klassenzimmer.
Wie haben Lehrer und Bildungspolitiker
diese Aufgabe bewältigt?  VON ANANT AGARWALA
Syrische Kinder bekommen provisorischen Unterricht in einem
jordanischen Flüchtlingslager, eine Aufnahme von 2015

W
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ie bringt man jemandem die Schüler werden in der Regel dorthin verteilt, wo Abitur ist (noch) die Ausnahme
Grammatikregeln bei, gerade Platz ist. Zu Beginn saßen deshalb in vie- Gern wüsste man, wie repräsentativ die geflüchteten
mit dem man sich kaum len Vorbereitungsklassen 15-jährige Analphabeten Abiturienten waren, mit denen einzelne Bildungs-
verständigen kann? Wie neben 12-jährigen Ex-Gymnasiastinnen. Das Ziel, ministerien sich diesen Sommer schmückten. Doch
erklärt man fremdspra- innerhalb von zwei Schuljahren so gut Deutsch zu auf welche Schulen es Flüchtlinge schaffen und
chigen Kindern Trigo- beherrschen, um Fachunterricht folgen zu können, welche Abschlüsse sie erreichen, wird fast nirgends
nometrie oder das Kal- wurde so fast unerreichbar. erhoben; bundesweit einheitliche Statistiken gibt es
kül des Hitler-Stalin-Pakts? Fragen wie diese Die Integration ins Klassenzimmer – und so- nicht. Einzelne Auswertungen über Schüler, die Vor-
schwirrten vor fünf Jahren durch die Lehrerzim- mit in die Gesellschaft – übernehmen in Deutsch- bereitungsklassen besucht haben zeigen: Abiturien-
mer, als Deutschland mit dem Wort Flüchtlings- land heute vor allem jene Schulen, die schon vor ten sind naturgemäß noch die Ausnahme unter den
krise rang, als fast 400.000 Kinder und Jugend­ der Ankunft der Flüchtlinge mehr Vielfalt ver­ Absolventen. In Hessen etwa wurden zwischen 2015
liche aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak einen mussten, als vielen ihrer Lehrer recht war. und 2019 weniger als 50 Abiturzeugnisse an Schü-
plötzlich unterrichtet werden mussten. Damals Also Schulen, deren Schüler besonders viel An- ler aus Vorbereitungsklassen ausgehändigt, dafür
hing Angela Merkels »Wir schaffen das« nicht zu- leitung brauchen, deren Rektoren und Rektorin- rund 5000 Hauptschul- und 1800 Realschulab-
letzt an der Frage: Schaffen es Deutschlands nen es gerade in Zeiten des Lehrermangels schwe- schlüsse. Etwa 800 Schüler gingen in dieser Zeit
Schulen, diese Schüler zu integrieren? rer haben, gute Pädagogen zu finden. ohne Abschluss ab. Über die Gesamtaussichten der
Zunächst herrschte allgemeine Ratlosigkeit. Flüchtlinge an deutschen Schulen, vor allem der
Es gab keine verfügbaren Lehrkräfte, die wussten, Viele haben bildungsferne Elternhäuser jüngeren, sagen diese Zahlen freilich wenig aus.
wie man Ausländern Deutsch beibringt; weder in Im Jahr 2015 herrschte in Deutschland weitgehende Denn die Jugendlichen mussten ihre Abschlüsse
Lehrerzimmern noch Behörden lagen erprobte Ahnungslosigkeit über die Menschen, die da aus unter besonders schwierigen Bedingungen errei-
Konzepte bereit, wie man so viele »sprachlose« anderen Ländern kamen. Weil Fakten fehlten, wu- chen: Sie waren schon relativ alt bei der Einreise,
Schüler möglichst schnell in bestehende Klassen cherten Projektionen. Die einen prophezeiten ein und ihnen blieben nur wenige Jahre bis zur Prüfung.
integrieren könnte. Auf viele Fragen gab es Heer aus Analphabeten, das erst die Schulen und
schlicht keine Antwort: Auf welche Schulen ge- später die Sozialkassen kollabieren ließe. Die ande- Noch immer zu wenig Sprachförderung
hören die Geflüchteten? Wie lernen sie am besten ren beschworen bildungshungrige Nachwuchs- Bis heute fehlen an vielen Schulen Lehrer für
Deutsch? Und wie lange brauchen sie dafür? kräfte, die das darbende Handwerk und die medizi- Deutsch als Zweitsprache. Die bewilligten Sprach-
Weil in Bildungsfragen der Bund nichts zu nische Versorgung in der Provinz wiederbelebten. förderstunden reichen nicht, um die Rückstände
sagen hat, suchten die 16 Länder jeweils ihren­ Heute weiß man: Zwar hat von den geflüchteten wettzumachen. In den Grundschulen bekommt nur
eigenen Weg. Man experimentierte vor sich hin, Erwachsenen ein gutes Drittel in der alten Heimat jedes zweite geflüchtete Kind Sprachförderung, wie
an jeder Schule ein bisschen anders. Das Engage- den höchsten Schulabschluss erreicht, etwa jeder eine Auswertung des Deutschen Instituts für Wirt-
ment war groß, schnell aber gesellte sich Frust zehnte einen Uni-Abschluss. Doch gut die Hälfte schaftsforschung zeigt. Teams aus Pädagogen, die
dazu – bei den Lehrerinnen und Lehrern und bei der geflüchteten Schüler kommt aus Elternhäusern im Regelunterricht schwachen und starken Schülern
denen, die in den Klassen saßen und zunächst mit nur geringer oder gar keiner Bildung. In gleichermaßen gerecht werden, sind in den meisten
kaum etwas verstanden. Was heißt Akkusativ? Deutschland, in dem Schulleistungen stärker von Schulen die Ausnahme. Und davon, dass Deutsch-
Was, bitte, ist Bruchrechnung? der sozialen Herkunft eines Kindes abhängen als in förderung nicht mit der Vorbereitungsklasse endet,
Fünf Jahre später ist das Chaos der ersten Mo- den meisten anderen Industrienationen, sind das sondern auch vom Mathelehrer als eine seiner Auf-
nate mancherorts Routine, andernorts Resignation keine guten Voraussetzungen. Für den Schulerfolg gaben verstanden wird, ist man weit entfernt.
gewichen. Was auch bedeutet: Schulen haben ist hier immer noch entscheidend, ob Mama Ärztin
sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Auf oder Kassiererin ist, ob Papa am Band steht oder Und nun?
die Frage »Haben sie die Integration geschafft?« Akademiker ist. Auch eine Auswertung des Bundes- Also alles vergeigt? Das wäre stark übertrieben. Eher
gibt es keine pauschale Antwort. Überhaupt gibt amts für Migration und Flüchtlinge zeigt: Kinder kann man sagen: Angesichts der schlechten Vorberei-
es auf viele Fragen von damals keine gesicherten und Jugendliche aus gebildeten Familien gehen tung funktioniert das Experimentieren oft recht gut.
Antworten, was unter anderem auch an der häufiger auf eine Realschule oder ein Gymnasium. Tausende Flüchtlinge haben bereits unter widrigen
Nachlässigkeit der verantwortlichen Ministerien Bedingungen Abschlüsse erreicht, wenn auch meist
liegt. Weder verfolgen sie nach, wie viele Flücht- Wie der Wechsel in Regelklassen gelingt den niedrigsten. Dass es vielerorts zumindest eini-
linge nach der Grundschule auf die Hauptschule Den Wechsel zu schaffen – vom Flüchtling zum germaßen läuft, hat zweifellos auch mit einer gewis-
oder das Gymnasium wechseln oder welche Ab- Regelschüler – ist das Ziel, das 2015 alle Schulen sen Autonomie zu tun, die man Schulen gewährt
schlüsse sie erreichen, noch haben sie Verfahren verband. Aber wie und wann es erreicht wird, da- hat, um ein für sie passendes Konzept zu entwickeln.
entwickelt, mit denen sich überprüfen lässt, ob rüber entscheiden bis heute meist keine Lehrpläne Zwar lässt sich ein Königsweg angesichts der

Schulsystemoffen.
und wie die Integrationsmaßnahmen wirken. oder Prüfungen, das Bauchgefühl der Pädagogen unterschiedlichen Gegebenheiten im Schulalltag
Spricht man mit Rektorinnen, Lehrern und zählt. Welcher Wechsel zu früh oder zu spät nicht identifizieren. Den Schulen in einer Einwan-
Bildungsforschern, wertet Statistiken und Studien kommt, wie man ihn gestalten soll, diese Fragen derungsgesellschaft einen Rahmen vorzugeben
aus, lässt sich aber doch eine Zwischenbilanz des kann auch die Wissenschaft nicht beantworten. scheint dennoch unerlässlich. Bildungsforscher wie
Integrationsexperiments ziehen. Und ein Blick auf Oft läuft es so: In Vorbereitungsklassen versu- Hans Anand Pant fordern schon lange, Qualitäts-
die Schule von morgen richten. chen Lehrer (die längst nicht alle die entsprechenden
Qualifikationen mitbringen), Flüchtlinge und an-
standards für Integration festzulegen. Um sie zu
entwickeln, müsste man das Wissen über die schu-
Mit Samsung Neues Lernen zur Digitalisierung
Wenige Schulen tragen die größte Last
Lange schon weiß man aus der Bildungsforschung,
dere Migranten auf ein ansatzweise akzeptables
Deutschniveau zu bringen, um sie dann, je nach
lische Integration endlich systematisch sammeln.
Etwa durch eine Expertenkommission der Kultus-
an unseren Schulen.
dass der Lernfortschritt in einer Klasse sinkt, wenn Fortschritt, innerhalb von ein, zwei Jahren in den ministerkonferenz. Sie müsste empirische Gewiss-
viele Kinder aus bildungsfernen oder ökonomisch Regelunterricht zu integrieren. Das geschieht oft heiten darüber schaffen, was funktioniert und was Samsung Neues Lernen ist eine modulare Lösung mit einem offenem
abgehängten Familien stammen (die zudem häufig erst etappenweise in einzelnen Fächern. Die größten nicht, wenn Nichtmuttersprachler in die Schulen
schlecht Deutsch sprechen). Das macht die Arbeit sprachlichen Hürden müssen überwunden sein, kommen. Sie könnten festlegen, mit welchen Tests und erweiterbaren technischem Ökosystem. Wie in der Leitidee des
an »Brennpunktschulen« umso herausfordernder. bevor sich geflüchtete Jugendliche in die Regel- der Sprachstand erhoben, welcher Wortschatz in DigitalPakt Schule vorgesehen, verfügt es über eine hohe Interopera-
Gerade deshalb erschien eine dezentrale Verteilung klasse eingliedern können – das ist zumindest die den Vorbereitungsklassen vermittelt wird, wie man
der Geflüchteten wichtig, zumal im Wissen um ihre vorherrschende Meinung in der Schulpraxis. Aber den Übergang in die Regelklasse gestaltet. Ein zwei- bilität, mit der sich gemeinsame Standards auf allen Ebenen definieren
riesigen Sprachnachteile. mit jedem Tag in der Vorbereitungsklasse, der ihnen ter, überfälliger Schritt wäre es, die Finanzierung an und in bestehende Infrastrukturen an Schulen implementieren lassen.
Passiert ist das Gegenteil. Die Studie »Bil- beim Deutschlernen hilft, verpassen die Flüchtlinge den Bedürfnissen der Schulen auszurichten, sprich
dungstrends 2018« des Instituts zur Qualitätsent- wichtigen Fachunterricht in Bio oder Englisch; Brennpunktschulen zu stärken. Grundlage dafür ist das offene Betriebssystem, das für die geforderte
wicklung im Bildungswesen zeigt etwa, dass in zudem lernen sie getrennt von ihren deutschen Mit- Die Herausforderungen des Flüchtlingssommers Flexibilität und Erweiterungsfähigkeit bei Soft- und Hardware sorgt.
drei Viertel der neunten Klassen gar keine Flücht- schülern, was den informellen Spracherwerb eben- sind noch lange nicht bewältigt. Von den 2015 ein-
linge sitzen, während sie sich im verbliebenen so erschwert wie die soziale Integration. gewanderten Kindern war die größte Gruppe noch Damit haben Schulen und Schulträger die Möglichkeit, jederzeit auf die
Viertel der Schulen konzentrieren, und zwar an Wie also macht man es richtig? Der Schul­ kein Jahr alt. Zehntausende von ihnen kommen wachsenden Anforderungen der Digitalisierung zu reagieren und sich
einigen wenigen besonders, nämlich überpropor- forscher Hans Anand Pant von der Humboldt- nächstes Jahr in die Schule.
tional häufig an Haupt- und Gesamtschulen. Universität zu Berlin nennt vier Faktoren, die Das Integrationsexperiment geht weiter. den neuen Bedürfnissen entsprechend anzupassen. Mit Samsung Neues
Als Auffangbecken dienten vor allem Schulen dazu beitragen, geflüchtete Schüler erfolgreich in Lernen wird ein Lösungspaket mit einem offenen System geboten, das
am Rande der Großstädte, in ebenjenen ökono- den Schulalltag zu integrieren: »Erstens, eine­
mischen Brachen, in die Containerdörfer hinein- rasche Teilnahme in Regelstunden. Zweitens, Dieser Text basiert auf investitions- und zukunftsssicher ist.
gepflanzt oder marode Leerstände in Wohnheime durchgehende sprachliche Bildung, und zwar in Anant Agarwalas Buch
umfunktioniert werden konnten. allen Fächern. Drittens, multiprofessionelle Teams Das Integrationsexperiment
Bis heute haben Bildungspolitiker kein nachvoll- im Unterricht, etwa aus Fachlehrern und Pädago- Flüchtlinge an der Schule –
ziehbares Verfahren entwickelt, das die Vorkennt- gen für Deutsch als Zweitsprache. Und viertens eine Bilanz nach fünf Jahren.
Mehr erfahren auf samsung.de/neueslernen
nisse und Begabungen der Flüchtlinge bei der Ent- eine Kultur, die Vielfalt nicht als Problem sieht, Es erscheint am 14. September
scheidung über die richtige Schule berücksichtigte; sondern wertschätzt.« im Dudenverlag
32 WISSEN 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Biologie Technik

Eine Waschmaschine,
die ganz ohne Wasser wäscht.
Der Fortschrittsbericht

Was bedeutet es, wenn junge Frauen im Fern- sche so lange, bis sie den Schmutz hergibt.
sehen auf die Frage »Warum kaufen Sie Billig­ Und natürlich ist die Waschmaschine von
klamotten?« antworten: »Einmal anziehen,
­ heute kommunikativ. Über ein WLAN infor-
dann wegschmeißen!«? Spontan mag man das miert sie ihre Besitzerin im Büro, wenn die
Foto: Martin Oeggerli/Micronaut (2019), unterstützt durch Pathologie, Universitätsspital Basel, Bio-EM Lab, Biozentrum, Universität Basel

für eine ökonomisch und erst recht öko­ abendliche Ausgehgarderobe verfügbar ist.

Foto: ddp
logisch bedenkliche Position halten. Der Während die Integration der Wasch­
zweite besorgte Gedanke gilt dann der Zu- maschine ins Internet der Dinge nicht jedem
kunft der Waschmaschine. einleuchtet, hat ein Megatrend mit Blick auf
Bis zum heutigen Tag ist sie unter den die eingangs zitierten Jungkonsumentinnen
»Bürokratie technischen Produkten der Inbegriff einer Sinn: die Reduzierung der Waschzeit. Den
ist inhärent irrwitzigen Evolution. Die Ältesten unter den Status quo beschreiben Maschinen wie die
Lesern haben noch die Zeit erlebt, als Wäsche Samsung QuickDrive, etwa für ungeduldige
kafkaesk.« schiere Knochenarbeit war: Man musste rub- Teenager, die dringend ihren Lieblingspulli
beln, reiben, stauchen, schlagen und bürsten. sauber haben wollen: 39 Minuten dauert ein
Elon Musk Das änderte sich erst (wenn auch nur in den Waschvorgang. In diesem Fall drehen sich
Silicon-Valley-Unternehmer komfortablen Zonen »entwickelter« Trommel und Rückwand gegenläufig;
mit gespanntem Länder), als nach dem Krieg die Spezialdüsen schießen zusätzliches
Verhältnis zu staatlicher Waschmaschine in die Welt Wasser in die Trommel.
Regulierung (2020) kam. In Deutschland hieß die Bedenkt man, dass konven-
Rettung »Constructa«. Mit tionelle Maschinen gern mal
diesen Waschvollautomaten drei Stunden am Stück arbei-
kamen bald auch all die ande- ten, ist das eine Ansage. Doch
ren an, die Mieles, Boschs und wohl nicht das Ende der Fah-
Bauknechts, die wussten, was nenstange. Für Electrolux hat der
Frauen wünschten. Designer Jung Hyun Cho vor zwölf
Seit jener Zeit rüsten Heerscharen Jahren ein Konzept »für Häuser von
von Ingenieuren weltweit die Waschmaschine 2020« entwickelt, in dem eine Waschmaschi-
auf. Die seinerzeit nach Haus und Auto dritt- ne vorkommt, die mittels Elektrolyse, hohen
teuerste Anschaffung im Bürgerhaushalt ent- Drücken und UV-Licht die Wäsche in einer
wickelte sich bis heute zum Beinahe-­Roboter: Minute erledigt.
Eine moderne Waschmaschine weiß, wie Woran ebenfalls überall gearbeitet wird:
viel Wäsche sie geladen hat und wie schmut- das wasserlose Waschen. Eine Idee davon ver-
zig diese ist; sie analysiert die Waschbrühe mittelt Sonic Soak. Mittels Ultraschall er-
und dosiert eigenmächtig Wasser wie Wasch- zeugt »der Welt tragbarste Waschmaschine«
mittel. Bricht ein Schlauch, klemmt sie den Dampfbläschen, die mit einem winzigen
Zulauf ab. Rumms jeden Dreck zerstören, das Prinzip
Öko ist ein Muss, eine A+++-Maschine be- heißt Kavitation. Diese »Waschmaschine«
nötigt kaum mehr als 40 Liter, das ist eine ist allerdings eher ein Reinigungs­gerät für
Kühlbox voller Wasser. Dabei geht es nicht ums Schmuck, Obst, Spielzeug und Brillen.
Durchschaut: Die Pfefferminze Wassersparen. Der Energie­effizienz-Trick: Je
winzigere Mengen Flüssigkeit erhitzt werden
Fast ohne Wasser funktioniert auch schon
Sensofresh von Bosch/Siemens: Müffelt Gar-
müssen, desto weniger Strom ist nötig. derobe, kommt, wie schon in manchen Luft-
Auf dem Minzblatt sitzen Drüsen, prall gefüllt mit Öl. Es enthält das beliebte Die Waschmaschine von heute ist fein­ reinigungsgeräten, das starke Oxidations­
fühlig. Speziell geformte Trommeln rubbeln, mittel Ozon zum Einsatz, das unangenehm
Aroma. Das Menthol im Öl vertreibt Insekten und erfreut Köche. Der Fotograf stauchen, schlagen oder bürsten das edle Riechendes, statt es lange auszuwaschen, ein-
Martin Oeggerli hat das Blatt mikroskopisch aufgenommen und nachkoloriert Textil­gut nicht mehr – sie streicheln die Wä- fach zersetzt.  BURKHARD STR AS SMANN

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wir für Ernstfälle mehr Personal; stattdessen viert ist: Sie bietet gleichwohl den aller-
haben wir es in den letzten Jahrzehnten der meisten die Perspektive auf die Zukunft.
relativen Planbarkeit durchoptimiert. Für Wir – als gedachte Gemeinschaft einer
die zu erwartenden Dürren, Brände und lese­kundigen Menschheit – denken linear,
Stürme im Rahmen der Klimakatastrophe einige sogar unreflektiert fortschrittsopti-
benötigen wir Energie als flexibel einsetz- mistisch, wir entwerfen die Zukunft in
baren Grundstoff – zum Beispiel zur Meer- Gegensatzpaaren, oft mit der Frage nach
wasserentsalzung, für Klimaanlagen oder dem, was richtig und was falsch ist. Glau-
für Hochleistungs-Wasserpumpen. Arbeits- ben wir nicht zumeist daran, die Zukunft
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3
CH3 CH3 CH3
DIE ZEIT N o 38 10. September 2020 WISSEN 33

Medizin Chemie
Polyvinylchlorid
Therapeuten spülen den
Darm mit warmem Wasser aus.
Gummistiefel

H Cl
Und das soll helfen?

Der Patient hat es sich auf einer Liege be- Wir wollen hier nicht zu sehr auf die De-
quem gemacht, Melissenöl verdampft zu­ tails des Einlaufs eingehen. Gesagt sei so
einem wohligen Geruch, gedämpftes Licht viel, das eingeführte Wasser ist warm und

C C
fällt auf ihn, sanfte Musik klingt aus Laut- wird – nicht unwichtig! – auch wieder abge-

Foto: Keystone
sprechern. Dann kommt das Röhrchen. Und leitet. Unterschiedliche Therapeuten bieten
die Einführhilfe. Und die Flüssigkeit. Die Be- unterschiedliche Abwandlungen und Goo-
handlung beginnt, die sogenannte Colon- dies an. Der eine bewirbt einen »Kaffee-Ein-
Hydro-Therapie, eine spezielle Darmspü- lauf«, der andere leitet im Anschluss an die
lung. Zwischen 20 und 30 Euro kostet das Spülung Sauerstoff ein.
Verfahren meist. Viele Therapeuten bieten Nur bringt all das dem Patienten nichts »Richtiges
an, gleichzeitig den Darm zu massieren. Das Nachweisbares. Der eine oder andere mag Auffassen einer
Prinzip der Colon-Hydro-Therapie: Die sich direkt nach der Therapie zwar erleichtert
Flüssigkeit soll alles Üble aus dem Darm spü- fühlen, doch es gibt keine wissenschaftlichen Sache und
len, ihn einmal komplett reinigen, manche Studien, die den Nutzen der Colon-Hydro- Mißverstehn der

H H n
sagen auch: sanieren. Man muss sich das nur Therapie belegen würden. Das hat den Ge- gleichen Sache
mal vorstellen, was sich da im Darm meinsamen Bundesausschuss wohl
so alles sammelt im Laufe der Zeit. auch dazu bewogen, den gesetz­ schließen
Obwohl, vielleicht lieber doch lichen Krankenkassen eine Kos- einander nicht
nicht ... tenübernahme zu verbieten –
Muss nicht auch ein Kamin dieses Gremium entscheidet vollständig aus.«
ab und an mal gereinigt, ein darüber, was die Kassen be-
Rohr freigespült werden – wa- zahlen und was nicht. Franz Kaf ka
rum sollte das beim Darm an- Mehr noch, die Colon-­ Schriftsteller und
ders sein? Ohnehin spielt der Hydro-Therapie kann sogar Namensgeber des Adjektivs
Darm für Heilpraktiker eine große schaden. Berichtet wird »von Blu- »kaf kaesk« (1925)
Rolle im Leben eines Menschen. So tungen im Darm und Durchstoßun-
schreiben etwa die Paracelsus-Heilpraktiker- gen der Darmwand über Infektionen durch
Schulen, dass »die Mehrzahl der Menschen unsaubere Geräte bis hin zu einer Störung
an einer gestörten Zusammensetzung der des Salzhaushalts, die im Extremfall zum Tod
Darmbakterien, der Dysbiose« leide. Bei wei-
terem Fortschreiten komme es zur »Selbstver-
führen kann«. So steht es im IGeL-Monitor
des Medizinischen Dienstes des Spitzenver- Gesprächsstoff: PVC
giftung des Körpers, zur Autotoxikation«. Sie bandes Bund der Krankenkassen. Darin wer-
zitieren dann noch ein altes Sprichwort: »Der den sogenannte Individuelle Gesundheits- Dunkel, grau, die Welt besteht aus lauter Pfützen: Der Herbst ist die
Tod sitzt im Darm.« leistungen (IGeL) auf ihren Nutzen bewertet.
Es scheint, als könne Wasser ihn von dort Es geht dabei zwar nur um Einzelberichte, Jahreszeit der Gummistiefel – die häufig aus Polyvinylchlorid

Geosmin
vertreiben. Also auf zum Colon-Hydro-The- und auf die sollte man in der Medizin nicht bestehen. Der französische Chemiker Henri Victor Regnault schuf im Jahr
rapeuten! Der befreit einen von Giften und viel geben, jedenfalls nicht im Vergleich zu 1835 aus Chlor, Kohlen- und Wasserstoff Vinylchlorid, ein kleines Molekül.
Schlacken, er hilft einem, sich wieder besser großen, gut gemachten Studien. Aber plausi-
zu fühlen. Laut Paracelsus-Heilpraktiker- bel ist es schon, dass ein eingeführtes Rohr Anfang des 20. Jahrhunderts wurden dann größere Moleküle aus Vinylchlorid

erdiger Regengeruch
Schulen hilft die Anwendung sogar bei Rheu- den Darm verletzen kann, genauso wie Was- hergestellt (das P in PVC steht für »Poly«, Griechisch für »viel«). Und als in
ma, Allergien, Depressionen, Asthma bron- ser, wenn es mit viel Druck eingeleitet wird.
chiale oder zur Leberentgiftung. Aber nicht Es spricht zwar nichts dagegen, Flüssig- Bitterfeld 100 Jahre nach Regnault die Herstellung von Weich-PVC
nur Heilpraktiker bieten das Verfahren an, keit in den Körper einzuleiten. Das sollte glückte, begann dessen Siegeszug: Das vielseitige Material ist noch heute das
auch Ärzte tun es. Wohl nicht immer mit aber doch besser auf dem gewohnten Wege drittwichtigste Polymer für Kunststoffe.
Melissenduft, aber eine Darmmassage kann geschehen – gerade wenn es sich um Kaffee
man sicher rausverhandeln fürs Geld. handelt.  JAN SCHWEITZER K ATHARINA MENNE

Physik
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Der beste Platz
in der Achterbahn ist hinten.
Deine Zukunft
Stimmt’s? im Consulting
Der Nervenkitzel einer Achterbahnfahrt wird lang der Schiene misst. Aber sie sind nicht iden-
Karriere-Brunch Consulting
von mehreren Faktoren beeinflusst. Da ist zu- tisch relativ zum Erdboden.
nächst das, was man sieht: Die Fahrgäste auf Ein Beispiel: Wenn die Achterbahn auf eine Beim leckeren Brunch knüpfen
den vorderen Plätzen blicken sozusagen dem Kuppe zufährt, dann ist die Beschleunigung
Horror ständig ins Auge, sehen den Abgrund für die Gäste vorne negativ, der Zug wird im- Berufserfahrene mit Interesse
:
Unser Rat
oder den Looping auf sich zurasen und können mer langsamer. Sobald sie über den Berg sind, am Consulting hier exklusive Kontakte
sich schon vorab vor dem fürchten, was als zieht ihr Wagen sozusagen die anderen über
zu renommierten Beratungen.
ter!
Werd Bera
Nächstes passiert. Die Menschen weiter hinten den Berg, der Zug wird wieder schneller. Die
sehen – je nach Bauweise – hauptsächlich Gäste ganz hinten fahren mit großer Be-
den Vordermann oder die Vorderfrau schleunigung über die Kuppe, es gibt

OH
und werden von jeder Richtungs- einen »Peitscheneffekt«, und sie Die nächsten Termine:
änderung überrascht. Auch das würden aus ihrem Sitz geworfen, München, 10. Oktober 2020
kann ­seinen Reiz haben. Es gibt wären sie nicht angeschnallt. Frankfurt, 24. Oktober 2020
Achterbahnen in geschlossenen Die vorderen Wagen wiederum
Gebäuden wie den Space Moun- erfahren von allen die höchste Online, 14. November 2020

CH3
tain im kalifornischen Disney- Beschleunigung in den Tälern
land, die diesen Überraschungs- der Strecke, dort werden ihre In-
effekt ausnutzen. Die Fahrgäste sassen am heftigsten in die Sitze
rasen im Dunkeln dahin, ohne zu gedrückt. Die Fahrgäste in der Mitte Infos und Bewerbung:
wissen, in welche Richtung es sie als Nächs-
tes reißen wird. Voraussehen oder überrascht
haben das ruhigste Fahrerlebnis. Das kann
auch seinen Reiz haben: Sie hängen zum­
www.e-fellows.net
werden – das ist Geschmackssache. Beispiel an der Spitze eines Loopings am längs-
Illustrationen: Anne Gerdes/ZEIT-Grafik

Aber den hauptsächlichen Reiz der Achter- ten über Kopf, weil das Tempo kurz nachlässt,
bahnfahrt stellen die Kräfte dar, die auf die bevor es wieder anzieht.
Körper wirken und den Gästen den Magen Die Achterbahn bietet also für jedes Gemüt
umdrehen. Da stellen sich zwei Fragen: Haben etwas. Wer an dem Gefühl von Schwerelosigkeit
nicht alle Wagen zu jedem Zeitpunkt dieselbe am höchsten Punkt der Bahn interessiert ist
Geschwindigkeit und die gleiche Beschleuni- (englisch: airtime), der sollte tatsächlich den
gung? Wie kann es da Unterschiede geben? Die letzten Wagen wählen. CHRISTOPH DRÖS SER
Antwort: Diese beiden physikalischen Größen
sind tatsächlich identisch, solange man sie ent- www.zeit.de/vorgelesen

Diese Woche fragte Petra Pirkner aus Berlin.


Und worauf suchen Sie eine Antwort? Schreiben Sie an: DIE ZEIT, Wissen-Ressort,
20079 Hamburg, oder stimmts@zeit.de. Das Archiv: www.zeit.de/stimmts
34 WISSEN 10. September 2020 DIE ZEIT N o 38

Sozialwissenschaft

Denkerin auf
der Baustelle
Die Ökonomin Maja Göpel ist eine der wichtigsten Stimmen
in der Debatte um Nachhaltigkeit. Nun soll sie in Hamburg
ein neues Forschungsinstitut mit aufbauen  VON FRITZ HABEKUSS

D
ort, wo die Ökonomin dauert eine Runde um die Außenalster, wenn
Maja Göpel die Zukunft man sich unterwegs noch ein Eis holt. Die kom-
neu denken will, reißen plette Zeit spricht Göpel sehr schnell und kon-
Bauarbeiter gerade Wände zentriert, sodass ihr irgendwann das Eis über die
ein, entfernen alte Leitun- Finger läuft. Über ökonomische Theorien, den
gen und bauen neue Trep- Sinn von Krediten, neue Arbeitsmodelle und
pen ein. Mitten in Ham- welche Chancen sich durch die Corona-Krise
burg entsteht ein neues Institut, und THE NEW auftun, über ihre beiden Töchter und die Sorge,
INSTITUTE soll es heißen, sie schreiben das zu viel am Handy zu sein.
wirklich in Großbuchstaben. Neun klassizisti- Will man die Wissenschaftlerin auf die Palme
sche Häuser in zweiter Reihe zur Alster sollen es bringen, muss man sie als Aktivistin bezeichnen.
beherbergen, eine bessere Lage ist in Hamburg Noch immer ärgert sie sich über diese Bezeich-
schwer zu finden. Nur wenig leichter dürfte es nung in der Frankfurter Allgemeinen Sonntags­
gewesen sein, die Frau zu gewinnen, die mit neu- zeitung. Der hatte sie vor zwei Wochen ein Inter-
gierigem Blick durch die Baustelle streift und view gegeben, sehr nett sei das Gespräch gelau-
darüber spricht, was hier entstehen soll. fen, erzählt sie. Doch dann, im Blatt, las sie in
Maja Göpel ist eine der einflussreichsten Stim- der Unterzeile die Bezeichnung »Umweltaktivis-
men in der Debatte um Deutschlands ökologische tin«, die Überschrift lautete: »Wollen Sie eine
Zukunft. Die Politökonomin und Medienwirtin Ökodiktatur, Frau Göpel?«. Dass ihr in den Fra-
fragt, nach welchen Werten und mit welchen Re- gen unterstellt wurde, den Segen des technischen
geln Gesellschaften ihre Wirtschaft organisieren, und medizinischen Fortschritt zu ignorieren und
welchen Einfluss Entscheidungen auf Klima und »zurück zur Natur« zu wollen, tat ein Übriges.
Umwelt haben – und ob das nicht auch anders »Was soll das?«, fragte sie auf Twitter, »nur weil
geht. Kaum ein Sozialwissenschaftler wird derzeit Wissen unangenehm ist und wir trotzdem nicht
häufiger gefragt, wie die Pandemie unsere Welt aufhören, es zu verbreiten?«
verändert und wo Reformen nottun. Göpel hat in Politökonomie promoviert, vor
Nun soll sie in Hamburg die Beantwortung allem aber beschäftigt sie sich mit den Mustern
solcher Fragen mit anderen klugen Köpfen der Kommunikation in der Debatte um eine öko-
voran­treiben. Das neue Institut, abgekürzt: TNI, logische Transformation. Regelmäßig wird sie in
hat sich Großthemen verschrieben. Vereinbar- Talkshows eingeladen. »Und da bin ich manch-
keit von Ökonomie und Ökologie, Zukunft der mal doch erstaunt darüber, wie wenig sich die­
Demokratie, so etwas. Zusammen mit dem Wis- jenigen erklären müssen, die breitbeinig business
senschaftsmanager Wilhelm Krull, der lange die as usual vertreten, als hätten wir nicht genau da-
Volkswagen-Stiftung leitete und Gründungs­ durch ein wachsendes Problem«, sagt sie. Mit ih-
direktor wird, soll Göpel als wissenschaftliche Di- rer Mischung aus Unangepasstheit, Glaubwürdig­
rektorin die inhaltliche Führung übernehmen – keit und öffentlichem Erfolg verstößt sie gleich
der Job scheint ihr wie auf den Leib geschneidert. mehrfach gegen die Regeln ihrer Zunft: Sie wird
Just im März, als Deutschland von Corona zwar als Forscherin wahrgenommen, ist Honorar- Maja Göpel in

Foto: Henning Kretschmer für DIE ZEIT


erfasst wurde, erschien Göpels Buch Unsere Welt professorin an der Leuphana Universität in Lüne- den Räumen
neu denken, im Untertitel: Eine Einladung. Seit burg. Doch es geht ihr weniger um akademisches der Baustelle,
mehr als einem halben Jahr steht es auf der Best- Renommee als um ihre Themen. Dass sie öfter die einmal
sellerliste. So ein Erfolg für ein Buch, das in Zei- im Fernsehen zu sehen ist und öffentlich auch zu das neue Institut
ten wie diesen schlechte Laune macht?, fragten Fragen Stellung bezieht, die nicht unmittelbar in in Hamburg
sich manche Kommentatoren. Maja Göpel sieht ihrem Forschungsbereich liegen, macht sie bei beherbergen sollen
es genau umgekehrt. »Was steht hinter dieser Kollegen anfällig für Kritik.
Aussage für ein Menschenbild? Die Leute mer- Das wirft die Frage auf: Wie politisch darf
ken, dass es so nicht weitergehen kann, und sie man sein, wenn man forscht? Im Fall von Maja
haben ein ehrliches Interesse daran, sich mit Al- Göpel muss man diese Frage um den Nachsatz
ternativen auseinanderzusetzen.« ergänzen: ... wenn man eine Frau ist, eine verhält-
Dazu berät die 44-Jährige auch die Bundes- nismäßig junge dazu? Noch immer gelten in der
regierung, als Generalsekretärin des Wissen- öffentlichen Debatte für Frauen andere Regeln Das stellt Göpel so fundamental infrage, Planeten zu zerstören?«, sagt Göpel, also: der Alster gekauft und finanziert die Arbeit TRANSPARENZ-
schaftlichen Beirats Globale Umweltveränderun- als für Männer. Letzteren gesteht man die Rolle dass es fast logisch erscheint, sie unter eine gesunde Umwelt, eine solidarische des Instituts für die kommenden Jahre. HINWEIS
gen. Der breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde des öffentlichen Intellektuellen problemlos zu, Ideologieverdacht zu stellen. Denn für den Gesellschaft, Zeit für Bildung, Familie, Nun müssen Mitarbeiter gewonnen
sie im vergangenen Jahr, als sie bei einer Presse- Frauen müssen sich dafür rechtfertigen. Gerne ökonomischen Status quo ist ihr Denken Gemeinschaft oder Gesundheit. »Um sol- werden, Forschungsfragen formuliert, Part- Unser Autor
konferenz von »Scientists for Future« auftrat, je- wird Göpel auch vorgeworfen, dass sie ideolo- tatsächlich gefährlich. che Dinge geht es doch am Ende.« nerschaften geschlossen werden. Bisher ist traf Maja Göpel
ner Bewegung von Forschern für mehr Klima- gisch sei. Zu links, zu radikal, zu grün, sie wolle Göpel selbst nennt sich bei Twitter In Hamburg will sie genau an solchen das TNI nicht mehr als ein schöner, aber mehrmals für dieses
schutz, die Göpel mitgegründet hatte. Sie stellte Bodenspekulanten enteignen, Konzerngewinne »@beyon