Sie sind auf Seite 1von 64

Die Jagd nach dem nächsten

PREIS DEUTSCHLAND 5,70 €


DIEZEIT
WO C H E N Z E I T U N G F Ü R P O L I T I K W I RTS C H A F T W I S S E N U N D KU LT U R 1. OKTOBER 2020 N o 41

Duell am Abgrund
30 Jahre
Wiedervereinigung

Hurra,
wir müssen
uns nicht mehr
einig sein!
Warum es ein Segen ist,
dass sich Ost und West
auf die Nerven gehen.
Und wie sich Menschen
an die Wende erinnern
Politik, S. 6/7, und Wissen, S. 29/30

Trump gegen Biden


Erstmals stehen in den USA nicht
Titelillustration: Golden Cosmos für DIE ZEIT

nur zwei Kandidaten zur Wahl, Verbotene Liebe


sondern die Demokratie selbst. Manuela Schwesig
Wie konnte es so weit kommen? spricht über ihre Rolle
in einem Defa-Film
POLITIK UND WIRTSCHAFT von 1989, der Tabus brach
Feuilleton, S. 48

ÖKOLOGIE STEIGENDE INFEKTIONSZAHLEN BILDUNG

Ausgerechnet
die Chinesen!
Peking will 2060 klimaneutral
Maskenmüde
Die Deutschen stimmen der Corona-Politik der Kanzlerin zu – aber
Und es war
doch schön
Unsere Schulzeit – besser als
sein  VON STEFAN SCHMITT immer weniger machen mit. Merkel muss jetzt reagieren  VON MARC BROST gedacht  VON THOMAS KERSTAN

N
Ein nüchterner Satz genügte für die historische icht das Coronavirus verbietet private handeln und legte damals fast das gesamte Land Vor allem Lehrerinnen und Lehrer dürfen die-
Ankündigung. »Unser Ziel ist es, dass der Aus- Partys oder Hochzeitsfeiern, schließt still. Nun soll die Wirtschaft geschont werden, sen Moment genießen, denn es gibt Grund
stoß von Kohlendioxid vor 2030 den Höchst- Kindergärten und Schulen und sollen Kinder in die Schule gehen und Kinder- zur Freude: Eine repräsentative Umfrage im
stand erreicht und dass wir Klimaneutralität zwingt zum Maskentragen in der gärten offen bleiben. Aber das Reisen wird schwie- Auftrag der Körber-Stiftung und der ZEIT hat
vor 2060 erreichen.« Der Satz stammt vom Bahn. Das machen Politiker. Und nicht das rig bis unmöglich bleiben. Jeder Besuch von Freun- ergeben, dass sich die erwachsenen Deutschen
chinesischen Präsidenten Xi Jinping. China. Coronavirus verbreitet sich im Augenblick den und Verwandten wird riskant sein. Und man in ihrer großen Mehrheit gern an die eigene
Die größte Treibhausgasschleuder der Welt. wieder nahezu ungehemmt – es sind die Bürger, mag sich gar nicht vorstellen, wie das Weihnachts- Schulzeit erinnern.
Der Wirtschaftsgigant, der stets auf die histori- die das Virus verbreiten. Das setzt das Land fest in diesem Jahr ablaufen könnte, getrennt von Zwei Drittel der wahlberechtigten Bür-
sche Schuld der alten Industrieländer verwie- unter Stress. Denn die Bekämpfung des Virus der Familie, mit Maske unterm Tannenbaum. gerinnen und Bürger sind demnach gern PROMINENT IGNORIERT
sen und sich damit Einmischung in die eigene
Wirtschaft verbeten hatte. Der Weltmeister
der Kohlekraftwerke. Dieses China macht jetzt
ist, so schrecklich das klingt, auch ein Kampf
gegen menschliches (Fehl-)Verhalten. Handeln
die Politiker falsch, verlieren sie erst die Unter-
Es ist eine große Belastungsprobe, die auf das
Land zukommt, viel größer als noch im Frühjahr.
Das stete Abwägen und Anpassen der Maßnahmen
oder sehr gern zur Schule gegangen, 28 Pro-
zent weniger gern und nur jeder Zwanzigste
ungern.
Lacht doch!
also diese Ansage, vergangene Woche in der stützung der Bürger und dann den Kampf gegen erfordert viel mehr Verständnis vonseiten der Dieses positive Bild der Schulzeit lässt sich An diesem 2. Oktober findet der
Generaldebatte der Vereinten Nationen. Corona. Handeln die Bürger falsch, gewinnt Bevölkerung – und viel bessere Erklärungen von- kaum als Verklärung der Vergangenheit deu- Tag des Lächelns statt – wohlge-
Sofort fingen Forscher an zu rechnen: Tat- das Virus ebenfalls. Es kommt also darauf an, seiten der Kanzlerin. Im kleinen Kreis, so hört man ten, denn die Werte sind über alle Altersgrup- merkt nicht des Grinsens. Es emp-
sächlich umgesetzt, würde Xis Klimaneutrali- dass die Politiker ihr Verhalten besonders gut auch aus der Runde der Ministerpräsidenten, pen, von den 18- bis 29-Jährigen bis zu den fiehlt sich, den Unterschied vor
tät die Erhitzung bis zum Jahrhundertende erklären, damit die Bürger ihnen noch folgen spricht Angela Merkel sehr emotional über die über 60-Jährigen, erstaunlich konstant. Fragt dem Spiegel zu üben. Der Tag
um 0,2 bis 0,3 Grad Celsius mindern. Kleine – und dann ihr eigenes Verhalten ändern. Das Situation; dann wird deutlich, wie wenig sie jene man heutige Schülerinnen und Schüler, so geht zurück auf den amerikani-
Zahlen? Gegenwärtig steuert die Menschheit ist die Herausforderung des Herbstes. versteht, die die Gefahr herunterspielen. Sie be- erhält man sogar noch bessere Ergebnisse. schen Grafiker Harvey Ball (1921
auf rund drei Grad plus bis 2100 zu. Und ein An diesem Dienstag haben Angela Merkel und schäftigt sich sehr mit den Unzufriedenen, die sie Die empirischen Erhebungen zeigen ein bis 2001), der 1963 das Smiley
einziger Staat könnte ein Zehntel davon ver- die Ministerpräsidenten weitere Verschärfungen für Quengler und Nörgler hält. Es fallen auch Bei- ganz anderes Bild der Schule, als es vielfach in erfand. Für die Grafik, die rasch
hindern. Gewaltiger Effekt! – Wenn ... der Corona-Regeln beschlossen, unter anderem spiele aus der Kleinkinderwelt. Me­dien und öffentlichen Debatten gezeich- populär wurde, erhielt er 45 Dol-
Natürlich drängen sich da Fragen auf. Wie eine abgestufte Obergrenze für Feiern in öf­fent­ An diesem Donnerstag ist es 197 Tage her, net wird. Da wird in Bestsellern der »Verrat lar. Hat er darüber geweint, ge-
soll das gelingen? Drohen da, um die Bilanz zu lichen Räumen. Danach gab es eher nüchterne dass sich Angela Merkel in einer aktuellen Fern- des Bildungssystems an unseren Kindern« grinst oder gelächelt?  GRN .
drücken, fragwürdige Ausgleichsmaßnahmen Erklärungen vor der Presse. Zwar mag die generel- sehansprache an die Deutschen wandte, erstmals beschworen. Oder es wird behauptet, die
– wie Biosprit, Plantagen-Aufforstung und le Zustimmung der Bürger zur Corona-Politik der in ihrer Kanzlerschaft. In den Tagen davor hatte Schulen gefährdeten die Zukunft unserer Kleine Bilder: [M] Alfred Buellesbach/Visum;
Harvey Ball/worcester wares
Co.? Und geht es Xi nur ums Klima oder zumin­ Regierung immer noch hoch sein. Aber selbst bei es nie da gewesene Einschränkungen des öffent- Gesellschaft. Zeitungen beklagen gern den
dest auch darum, angesichts untätiger Amerika- jenen, die Maske tragen, Abstand halten, kaum lichen Lebens gegeben. Merkel hielt eine Rede, »Bildungsnotstand«. In Fernsehsendungen
Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG,
ner sein China als verantwortungsvolle Füh- noch Freunde treffen, keine Partys feiern und sich die ihr nur wenige zugetraut hatten – viel per- ist die Rede von »maroden Schulen und ver- 20079 Hamburg
rungsmacht zu präsentieren? Aber diese Ein- im Restaurant in eine Namensliste eintragen, wach- sönlicher als sonst, viel eindringlicher. Wann, zweifelten Lehrern«, dort wird gefragt: »Ist Telefon 040 / 32 80 ‑ 0; E-Mail:
wände entkräften Xis Ansage nicht. sen die Zweifel. Sie wissen um das immer noch wenn nicht jetzt, müsste sie sich wieder direkt die Schule noch zu retten?«, oder geurteilt: DieZeit@zeit.de, Leserbriefe@zeit.de
Denn zu deren Kontext gehören die drasti- hohe Risiko, sich anzustecken. Aber sie sehen eben ans Volk wenden? »Schule mangelhaft«. ZEIT ONLINE GmbH: www.zeit.de;
schen Klimakrise-Auswirkungen dieses Jahres auch, dass die Todeszahlen in Deutschland niedrig Man muss dazu wissen, dass es ein gewisses Nun geschieht an den mehr als 40.000 ZEIT-Stellenmarkt: www.jobs.zeit.de
genauso wie die Furcht vor künftiger Destabili- sind (Gott sei Dank), Krankenhausbetten leer Grundmisstrauen Merkels gegenüber den Bürgern Schulen zwischen ­Aachen und Görlitz sicher
sierung durch verheerende Naturkatastrophen, stehen (gut so) und das Gesundheitssystem weit gibt, die Corona-Zeit hat das noch einmal ver- viel Kritikwürdiges. Schmerzhaft ist vor allem, ABONNENTENSERVICE:
besonders für ein autoritäres Riesenreich. weg von jenem Kollaps entfernt scheint, den man deutlicht. Merkel glaubt, dass sie ohne Krisen dass rund ein Fünftel der 15-Jährigen nicht Tel. 040 / 42 23 70 70,
Fax 040 / 42 23 70 90,
Zuletzt die Sache mit Brüssel: Auch die EU noch im Frühjahr befürchtete (was die Sorge keine Politik machen könne; dass sie eine Krise richtig lesen und rechnen kann. Hier ist die E-Mail: abo@zeit.de
strebt Klimaneutralität an, bis zur Mitte des dämpft). Man kann die neue Sorglosigkeit sogar brauche, um die Bevölkerung hinter sich zu brin- ganze Kraft der Bildungspolitik gefordert.
Jahrhunderts. Von China haben die Europäer messen: Nur 45 Prozent der Deutschen halten sich gen. Bis auf die ersten beiden Jahre ihrer Kanzler- Die meisten Schulen aber leisten gute­ PREISE IM AUSLAND:
mehr Klimaschutz gefordert, ja selbst CO₂- noch an die Abstandsregeln, so eine repräsentative schaft gab es immer ein Großereignis, auf das sie Arbeit. Die allermeisten Absolventinnen und DK 60,95/FIN 8,50/E 7,10/
CAN 7,60/F 7,10/NL 6,60/
Zölle auf chinesische Exporte ins Spiel ge- Umfrage des Hamburg Center for Health Econo- reagieren musste – danach sah das Land wieder ein Absolventen landen erfolgreich im Beruf, ste- A 5,90/CH 8.20/I 7,10/GR 7,60/
bracht. Denn viele der Güter, deren Herstel- mics. Nur 39 Prozent waschen ihre Hände noch so Stück weit anders aus als davor. Nun jedoch macht hen zu unserer Verfassung und sind politisch B 6,60/P 7,40/L 6,60/H 2990,00
lung dort Emissionen verursacht, stecken bald gründlich, wie sie es tun sollten. Nur noch 58 Pro- Merkel eine neue Erfahrung. In dieser Krise kommt ausgesprochen wach.
o
N 41
darauf in Containern Richtung Antwerpen, zent vermeiden Umarmungen, Küsse und Hände- ihr langsam die Zustimmung abhanden – nicht in Dass sie solch ein erfreuliches Bild ihrer
Hamburg, Rotterdam. Sie sind genauso ein schütteln zur Begrüßung. einem bestimmten Teil der Bevölkerung wie in der Schulzeit mit sich tragen, sollte vor allem jene
gemeinsames Problem wie die Aufgabe, zur Gleichzeitig geht man in der Regierung davon Flüchtlingsfrage. Sondern in allen Teilen. Menschen motivieren, die zum Erfolg der
angestrebten Neutralität die nötige Technolo- aus, dass die Krise noch lange dauern wird, bis weit Die Deutschen sind keine Horde uneinsichtiger Schulen entscheidend beitragen: die Lehr-
7 5. J A H RG A N G C 7451 C
gie reifen zu lassen. ins Jahr 2021 hinein, womöglich wird erst dann Regelverletzer. Aber viele sind müde geworden. Sie kräfte. Journalistinnen und Journalisten sollte
So war Xis historischer Moment auch ein ein Impfstoff verfügbar sein, aber es wird zu wenig fragen nach der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen. es daran erinnern, dass Schulen kein Not-
europäischer. davon geben, und ob er wirklich umfassend wirkt, Es liegt nun an Merkel, sie zu überzeugen. standsgebiet sind. 41
ist fraglich. Alles bleibt anders. Während der ersten
www.zeit.de/vorgelese Welle im Frühjahr wollte die Regierung rasch www.zeit.de/vorgelesen www.zeit.de/vorgelese 4 190745 105705
2 POLITIK 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

Titelthema: Duell am Abgrund

»Es ist schwer,


bei diesem
Clown zu Wort
zu kommen«
Die erste TV-Debatte im US-Wahlkampf könnte
auch die letzte gewesen sein  VON KERSTIN KOHLENBERG

V
or dem TV-Duell zwischen ten, worum es eigentlich gehen sollte: um die
Präsident Donald Trump und Bekämpfung der Pandemie, um Rassismus und
seinem Herausforderer Biden Gewalt in Amerika, um die Klimakrise. Um
am Dienstag in Cleveland Krankenversicherungen, Jobs, Steuern. Um Poli­
standen die unentschiedenen tik. Aber diese wenigen Momente gingen meist
Wähler in den USA vor einem unter im Gebrüll, im Chaos des Durcheinander-
Dilemma. Trump ist ihnen zu schreiens, in der Rüpelei des Präsidenten.
vulgär. Und Biden ist ihnen zu alt. Wer von­ Seit Monaten hatte Trump Biden bereits als
diesen beiden kann Amerika nun also den bes- körperlich schwach und geistig nahezu debil
seren Dienst leisten? Von wem wollen sie lieber dargestellt, um zu zeigen, dass dieser dem Amt
beschützt werden? Von einem erfahrenen, des Präsidenten nicht gewachsen sei. Seine Kam-
schwächelnden Präsidenten? Oder von einem pagne hatte Video-Clips veröffentlicht, in dem
vulgäreren, starken? sie die nicht seltenen Momente, in denen Biden
Die einzige wirklich wichtige Frage am auf der Bühne nach Worten suchte, mit den
Dienstag war daher: Konnte Biden Stärke de- Bildern eines jungen, agile Bidens kontrastierte.
monstrieren? Oder tanzte Trump wie ein domi- Möglicherweise hat Trump sich selbst geschadet,
nanter Hahn mit ausgebreiteten Armen und auf- indem er die Erwartungen an Bidens Auftritt
geplustertem Oberkörper um ihn herum? So wie derart herunterschraubte.
er es mit Hillary Clinton gemacht hat. Man Denn wichtiger noch als für Biden war die
kann nämlich sehr schlecht im Debattieren sein Debatte für Trump selbst. Bislang waren seine
und dennoch fast unschlagbar. Versuche, Biden zu schwächen, erfolglos geblie-
Es war Bidens beste Debatte in diesem ben. In Umfragen schneidet Trump regelmäßig
Wahlkampf. Er war gut vorbereitet, und er hatte nur in einer einzigen Frage besser ab als Biden.
einige sehr gute, schnelle Antworten. Einer sei- Und das ist die Frage, wer der Wirtschaft nach
ner wohl besten Momente kam, als er die der Corona-Krise wieder schneller auf die Beine
schamlosen Angriffe von Trump auf seine­ helfen kann. Trump musste die unentschiede-
Familie mit dem Satz konterte: »Es geht hier nen Wähler in der Debatte davon überzeugen,
nicht um meine Familie oder seine Familie.« dass sie ihm vertrauen können.
Dann blickte Biden direkt in die Kamera. »Es Seit vergangenen Sonntag könnte das noch
geht hier um Ihre Familien, die Familien des ein wenig schwieriger geworden sein. Da be-
amerikanischen Volkes.« richtete die New York Times, dass Trump 2016
In keinem anderen Moment wurden die­ und 2017 lediglich 750 Dollar Steuern gezahlt Politische Dekoration: Der Präsident und seine Frau als Aufsteller
Unterschiede der beiden Kandidaten klarer.­ hat. Auf echte Trump-Fans wird diese Nach-
Immer wieder versuchte Biden, sich von Trump richt keinerlei Wirkung haben. Für sie ist er der
abzuheben, indem er Mitgefühl zeigte und über hart arbeitende Präsident, der von der Presse
die Nöte der Amerikaner sprach. unfair behandelt wird. Auf unentschiedene
Aber Trump war mit Abstand der Dominan- Wähler könnte sie aber durchaus Wirkung ha-
tere in der Debatte. Vor allem in der ersten Hälf- ben. Denn diese Nachricht ist im Unterschied
te unterbrach er Biden immer und immer wie- etwa zu dem komplizierten Amtsenthebungs-
Biden schlägt Trump, und dann ist alles wieder gut? Warum das nicht
der, und Biden ließ es geschehen. Mitunter sah verfahren von jedem auf Anhieb leicht zu ver- stimmt und wie die mächtigste Demokratie der Welt in solche Bedrängnis
er dann wehrlos aus, wie überrollt von der­ stehen. Obama hat Mitt Romney besiegt, weil
Aggressivität Trumps. er ständig wiederholte, dass der Millionär Rom- geraten konnte  VON HOLGER STARK UND BERND ULRICH

A
Der Fox-News-Moderator Chris Wallace ney kaum Steuern zahlt. Jetzt hat Biden es mit
musste Trump wiederholt an die Regeln er­innern, einem Milliardär zu tun, der weniger Steuern
denen er und seine Kampagne vor der Debatte zahlt als jeder Aushilfskoch, jeder Stahlarbeiter,
zugestimmt hatten – den anderen Kandidaten jeder Polizist. uf den ersten Blick kratie selbst steht zur Abstimmung. D ­ onald der Ringe oder bei ­Harry Potter sind in einer­
ausreden zu lassen. Trump hatte die lautere Stim- So richtig gelungen ist es Trump nicht, seine sieht alles aus wie vor Trump hat in seiner, ja, wie soll man sagen, Demokratie nach dem Sieg der Guten die Bösen
me, den dominierenderen Tonfall und mehr Re- wirtschaftlichen Erfolge besser zu verkaufen. vier Jahren. Trump »Amtszeit« kann man es nicht nennen, vielleicht: immer noch da, sie laufen rum, zahlen Steuern
dezeit. Und es gelang Biden nicht, sich als souve- Dabei fügte der Moderator ihm möglicherweise jedenfalls hat sich in seinen Wutjahren fast alles gemacht, was er (vielleicht) und denken darüber nach, was sie
räner, warmherziger Staats- die größte Verletzung zu. nicht geändert, höchs­ angekündigt hat. Insofern muss wohl auch tod- mit den Waffen in ihrem Schrank anstellen
mann von Trump abzuhe- Chris Wallace fragte tens der Blick auf ernst genommen werden, was er über diese Wah- könnten. Die Aussicht jedenfalls, dass die Armee
ben. Von dem »Clown«, wie Trump, wie er erkläre, dass ihn; in die Herablas- len sagt: dass er sie nur anerkennen wird, wenn der Trump-Anhänger klaglos eine Nieder­ lage
er ihn einmal nannte, dem unter der Obama-Regie- sung von damals hat er gewinnt. Nicht »Trump oder ­Biden« lautet akzeptiert, ist gering.
»Lügner«. rung in deren letztem Jahr sich blanke Furcht ge­ seine Alternative, sondern: Sieg oder Fälschung. Stehen die USA also noch am Abgrund, oder
Nun könnte man glau- mehr Jobs entstanden sind mischt, wohlfeile Ver­ Was kommt, wenn Trump verliert, lässt sich sind sie schon einen Schritt weiter? Kann es die
ben, dass dieses TV-Duell als in den drei Jahren seiner achtung wird nun von uneingestandenem Re­ nicht voraussagen, weil absichtsvolles C ­ haos zu Demokratie noch schaffen, oder sehen wir nur
ohnehin nur noch Medien- Regierung. Darauf hatte er spekt durchzogen. Aber sonst: Trump ist Trump, seinen wichtigsten Machtinstrumenten zählt. noch ihre Kulissen?
zirkus ist und für den­ nichts zu sagen. keinen Tag gealtert, so scheint es, ein Politiker ist Bestimmt aber werden im Falle einer knappen Dass sich solche Fragen überhaupt stellen, ist
Ausgang der Wahl kaum Gegen Ende schien er immer noch nicht, er bleibt im Hauptberuf Niederlage Armeen von Anwälten, aufwiegeln- ­eigentlich eine Ungeheuerlichkeit – zumindest
noch Bedeutung besitzt. Trump die Konzentration Unterhalter und Zerstörer. Und, das ist vielleicht den Tweets, dreisten Lügen und rechten Milizen wenn man in dieses American Psycho ein wenig
Trotz zweier Parteitage, zu verlieren. Er verfiel im- am erstaunlichsten: Er ist noch lange nicht ge- aufmarschieren. Die von der Verfassung vorge­ Realität hineinspiegelt.
Durcheinander:
trotz Massenprotesten ge- mer häufiger in seine Rou- schlagen. Um zu begreifen, was für eine Leistung sehene Transition der Macht zwischen dem Nach Berechnungen der Umweltschutzorga-
Donald Trump und Joe Biden
gen Polizeigewalt, steigen- tine, Biden und die radi­ Trumps darin liegt, muss man sich nur eine ein- Wahltag am 3. November und der Amtseinfüh- nisation WWF verbrauchen die Amerikaner
am Dienstagabend in ­
der und sinkender Corona- kale Linke zu attackieren. zige Frage stellen: Hätte ohne Corona heute ir- rung des neuen Präsidenten am 20. Januar 2021 fünfmal so viel Ressourcen, wie es nachhaltig
Cleveland, Ohio
Zahlen und trotz des Todes Nachdem Biden sich wie- gendjemand auch nur die geringste C ­ hance,­ dürfte zu einer Fortsetzung des Wahlkampfes möglich wäre (Deutschland dreimal, China
einer obersten Richterin derholt von der Linken dis- gegen Trump zu gewinnen? mit noch härteren Mitteln werden. zweimal) – und d ­ ennoch stellt ihr einzigartiger
und der Nominierung ei- tanziert hatte, liefen diese Auch auf der anderen Seite passiert nichts wirk- Im Grunde gibt es nur eine einzige Hoff- Konsum sie nicht zufrieden.
ner konservativen Nachfolgerin ist das Rennen Angriffe aber ins Leere. In einem seiner letzten lich Neues: Joe B
­ iden ist der Kandidat des liberalen nung. Wenn nämlich Joe B ­ iden so klar gewinnt, 649 Milliarden Dollar, fast dreimal so viel
zwischen Biden und Trump erstaunlich stabil. Wortbeiträge sprang Trump ungeordnet von Ultra-Establishments, etwas mehr Wärme strahlt dass bei ­Donald Trump die heiße Luft entweicht, wie China, gaben die USA im Jahr 2019 für
Kein Ereignis hat bislang maßgeblich etwas da- Thema zu Thema, wie ein Fischer, der noch ein- er aus als Hillary Clinton seinerzeit, dafür viel dass sein Narzissmus zu tief gekränkt wird, um Rüstung aus – und fühlen sich trotzdem nicht
ran ändern können, dass Biden seit Monaten mal das größtmögliche Netz auswerfen will. weniger Energie. Die Programmatik der Demo- diese Kränkung noch in Aggression zu verwan- sicher.
leicht in ­Führung liegt, auch in den entscheiden- War Trump der Gewinner der ersten Hälfte kraten mag leicht nach links verschoben sein, aber deln, dann könnte es doch noch eine fast nor­ 65.000 Dollar verdienen die Amerikaner pro
den, umkämpften Staaten wie Pennsylvania, der Debatte, gewann Biden die zweite. Gefragt, das ist im Schlachtengetümmel kaum zu merken. male Wahl werden. Hoffen auf Trumps Implo­ Kopf und Jahr, das sind 20.000 Dollar mehr als
Michigan und Wisconsin. Laut Umfragen ha- ob er seine Wähler dazu anhalten würde, auf das Die Demokraten hatten vier Jahre Zeit, sie konnten sion – das ist nun offenbar der seidene Faden, an durchschnittliche EU-Bürger – und doch hilft es
ben sich 84 Prozent der Wähler längst für einen Ergebnis der Wahl friedlich zu warten, antwor- ihren Gegner porentief analysieren, Tweet für dem diese ur­alte Demokratie hängt. nicht dagegen, ein­ an­
der zu verachten, wenn
Kandidaten entschieden. Lediglich 14 Prozent tete Trump, dass er sie auffordern würde, Wahl- Tweet, Lüge für Lüge, und haben dann doch nur Doch was heißt hier hoffen? In einer Demo- nicht zu hassen.
sagen, dass sie noch unentschieden sind. Um die lokale zu beobachten. Vor allem in Pennsylvania. dasselbe Rezept gefunden, das schon einmal nicht kratie dient eine Wahl der Befriedung, man hat Mit anderen Worten: So wenig Glück aus so
ging es in der Debattennacht. Am Dienstag waren neueste Umfragen bekannt funktioniert hat. sich gestritten, man hat sich vielleicht auch mal viel Wohlstand, so viel Hass aus so viel Dollar,
Nach sechs langen Corona-Monaten, die­ geworden, laut denen Biden seinen Vorsprung Alles wie gehabt also. Und doch ganz, ganz gegenseitig beschimpft, aber danach geht’s halt was ist da eigentlich los?
Biden im Gegensatz zum Präsidenten ohne er- in dem Staat, den Trump nicht verlieren darf, anders. Zerstoben ist vor allem die Illusion des weiter, beim nächsten Mal sind dann wieder die »Trump« kann die Antwort allein nicht sein.
hebliche öffentliche Auftritte hinter sich ge- ausbaut. Vorübergehenden. Die Wunschvorstellung, es anderen dran, und bis dahin schützt der Rechts- Ganz sicher hat dieser Präsident die Zerstörungs-
bracht hat, war die TV-Debatte für ihn der größ- Am Ende hat Präsident Trump aus der De- handele sich bei Trumps Sieg von 2016 um­ staat die Minderheit. So soll es sein, so kann es kräfte nicht geschaffen, er geht nur äußerst vir-
te Auftritt, den er in diesem Wahlkampf haben batte gemacht, was er aus der Wahl insgesamt zu einen Betriebsunfall und danach gehe es weiter aber auf ziemlich lange Sicht nicht mehr werden tuos mit ihnen um, sein Instinkt für Verfall und
wird. Über 100 Millionen Zuschauer sollen zu- machen droht: eine Brüllerei, eine Horrorshow, wie gehabt, Supermacht, Superdemokratie,­ in den USA, nicht mal dann, wenn Joe ­Biden Schwäche leitet ihn dabei fast untrüglich. Die
geschaut haben. Es war seine beste Chance, die einen Totalschaden, bei dem niemand unverletzt Superamerika. gewinnt und anschließend sogar Präsident wird. Vereinigten Staaten sind ein Land im systemi-
Lügen, die Trump in den vergangenen Monaten bleibt. Der Moderator nicht, der verzweifelt ver- Heute weiß man, dass die Normalität nicht Denn wie von allen guten Geistern verlassen, schen Stresszustand, eine große Nation, die ihre
über ihn erzählt hat, zu korrigieren. sagte. Joe Biden nicht. Und das vor allem: das zurückkehren wird. Stattdessen passiert bei die- hat auch ­Biden diese Wahl vorab ins Reich des Binnenspannung nicht mehr auszuhalten ver-
Biden verhaspelte sich ab und zu, korrigierte System nicht. ser Wahl etwas völlig Neues, Unerhörtes: Am Mythischen überführt. Er werde »ein Verbünde- mag. Diese tiefe Systemkrise ist eine Addition
Foto: Reuters

Zahlen, stolperte durch manche Sätze, aber im Eigentlich kann man sich nur entsetzt ab- 3. November stehen in der mächtigsten Demo- ter des Lichts sein und nicht der Dunkelheit«, einzelner Krisen. Erst ihre Zusammenschau er-
Ganzen machte er einen guten Eindruck. Er hatte wenden. Noch zwei solcher Debatten wären ein kratie der Welt und der Geschichte nicht einfach versprach er auf dem Nominierungsparteitag gibt eine Ahnung davon, wie es um das Land
seine Momente der Klarheit, die daran erinner- Desaster für die Demokratie in Amerika. zwei Kandidaten zur Wahl, sondern die Demo- der Demokraten. Doch anders als beim Herrn steht:
DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 POLITIK 3

Noch 33 Tage bis zur Wahl


mehr Loch mehr Uncle Sam Hut

Fotos (v. l.): Andrew Lichtenstein/Corbis News/Getty Images; Archie Carpenter/UPI/laif; Jonno Rattman
Wappentier der Partei: Anhängerin der Demokraten im Eselskostüm Glaube ans Vaterland: Patriotisch geschmücktes Kreuz in Pennsylvania

Religiöser Fundamentalismus
Amerikas Horror
der eine kleine Elite von Superreichen überpropor- Schusswaffe, 400 Millionen Waffen befinden sich gibt außerdem ein Anwesenheits-Quorum, was es stoppen Richter politische Projekte der Regierung
Noch immer sind 70 Prozent der Amerikaner tional profitiert hat, bei der aber auch die gehobe- im ­Umlauf, davon überproportional viele in der den Senatoren der republikanischen Minderheit Trump; Staatsanwälte ermitteln gegen den Präsi-
christlichen Glaubens, jeder vierte US-Bürger – ne weiße Mittelschicht zu den Gewinnern zählt; Hand von Weißen. erlaubte, das Gesetz durch Fernbleiben zu unter- denten und seine Handlanger; sogar die Steuer-
rund 80 Millionen – zählt zum Lager der Evan­ge­ die untere Mittelschicht hingegen hat, wie die Ar- Wenn die tödlichen Schüsse von Kenosha (wo laufen. Aber das ist noch nicht alles, denn die Ver- fahndung bohrt und bohrt – und ihre Unterlagen
likalen. Aber in den vergangenen Jahrzehnten men, den Anschluss verloren, sie lebt in perma- ein 17-jähriger Trump-Anhänger zwei linke De- fassung sieht ebenfalls eine Anwesenheitspflicht landen zuverlässig bei den Me­dien. Die großen
sind die USA zugleich bunter geworden, diverser, nenter Abstiegsangst. Vier von zehn Amerikanern monstranten ­erschoss) sowie von Portland (wo der Senatoren vor. Deshalb hat die Gouverneurin Zeitungen machen herausragenden Journalismus,
die christlich-abendländische Hegemonie hat ihre geben an, sie wüssten nicht, wie sie eine unerwar- ein Antifaschist e­inen Trump-Anhänger nieder- von Oregon, ­ Kate Brown, im Gegenzug ­ State die Zivilgesellschaft mobilisiert. Und all die Gegen­
Dominanz verloren. Ein Werbespot von ­Coca-Cola tete Ausgabe von mehr als 400 Dollar bezahlen streckte) Zeichen einer kommenden Eskalation Trooper losgeschickt, um die elf flüchtigen Sena- kräfte gegen Trumps Weltentwurf, von der #Me-
während des ­Super Bowl im Januar 2014 illus- sollten. sind, stehen dem Land blutige Jahre bevor. Aber toren einfangen zu lassen. Aber das ist immer noch Too-Bewegung bis Black ­Lives Matter, stammen
trierte den Wandel perfekt. In dem einminütigen die aktuellen Bilder von schwer bewaffneten rech- nicht alles: Die gewitzten Senatoren flohen darauf- ja auch aus diesem Amerika – und finden Wider-
Film ersetzte die Firma ihren legendären Eisbären, Systemischer Rassismus ten Milizen sowie afroamerikanischen Bürgerweh- hin in den Nachbarstaat Washington, wo wiede- hall in der ganzen Welt.
um in schnellen Schnitten von Männern mit Der Anteil der Afroamerikaner an den 328 Mil- ren verdecken, dass Amerika bereits seit Langem rum die Polizei von Oregon keinen Zugriff hat. Dennoch legt erst die Zusammenschau der
Cowboyhüten über Juden mit Kippas zu Frauen lionen US-Amerikanerinnen und -Amerikanern ein verwundetes, getroffenes Land ist. Jedes Jahr Die Verfassungen der USA und ihrer Bundes- Systemkrisen einen Grundirrtum des amerikani-
mit Hi­dschab zu schwenken und schließlich ein liegt heute bei 13,4 Prozent, der der Hispanics sterben mehr als 30.000 Menschen durch Schuss- staaten sind voll von derlei Grotesken, doch das schen Jahrhunderts frei: Die USA waren nicht
schwules Pärchen samt Tochter zu zeigen; dazu lief bei 18,5 Prozent, Tendenz steigend. Pro­gno­sen waffen (Suizide mitgezählt). Durch Massenschie- ist nicht das eigentliche Problem. Das Problem global so dominant und erfolgreich, weil ihre Ge-
der Song America the Beautiful – in sieben ver- zufolge könnten die Weißen im Jahr 2050 erst- ßereien wie das Schulmassaker von Parkland 2018 ist die gefühlte Heiligkeit der amerikanischen sellschaft so gut funktionierte; es war wohl eher
schiedenen Sprachen. mals eine Minderheit sein. Dieser demografische werden Jahr für Jahr zwischen 300 und 400 Ame- Kon­sti­tu­tion und ihre faktische Unabänderbar- umgekehrt – die globale Dominanz, die Surplus-
Was für den einen Teil der US-Gesellschaft ein Wandel trug 2012 wesentlich zum Wahlsieg­ rikanerinnen und Amerikaner getötet. keit. Wenn die politischen Parteien die Arabes­ Gewinne und der daraus entspringende Hyper-
Zeichen von Weltoffenheit und Moderne war, ge- Barack Obamas bei: Sein Herausforderer Mitt ken und die Fallen der Verfassung nicht mehr reichtum haben eine zunehmend dysfunktionale
riet für viele Evangelikale zum Symbol ihres Ge- Romney kam unter Latinos nur auf ein Viertel Politisierte Justiz durch einen Grundkonsens und durch Fairplay Gesellschaft lange zusammengehalten.
fühls, fremd im eigenen Land zu sein. Trump hat der Stimmen, von den Afroamerikanern votierten Das Recht ist in den USA seit je immer auch po- ausgleichen, treten die konstitutionellen Dys- Das gilt auch für das Ideelle. Zweimal haben
diesen Teil der amerikanischen Gesellschaft mobi- gerade mal sechs Prozent für ihn. Der aktuelle litisch. Staatsanwälte werden wie Spitzenpolitiker funktionalitäten dramatisch hervor, dann säen sie die USA im vergangenen Jahrhundert die Welt vor
lisiert. Bis ins Weiße Haus reicht der religiöse­ Wahlkampf sei der »Endkampf«, warnen viele von von der Bevölkerung gewählt – aber wie sollen Er- Streit, statt Konsens zu stiften. Diktatur und ­Chaos gerettet, sie sind zum Mond
Fundamentalismus, nicht bei Trump persönlich, Trumps Anhängern: Wenn ihr Präsident unter­ mittler, die ihren Wählern gefallen müssen, unbe- geflogen, sie haben militärisch interveniert, nicht
der glaubt nur an seinen Friseur, aber etwa bei liege, dann sei die Vorherrschaft der Weißen auf fangen nach der Wahrheit suchen? Und aus der Man könnte die Problemliste fortsetzen. Da ist das nur wegen des Öls, sondern auch wegen der Werte.
seinem Vize ­Mike ­Pence. Der zweifelt die Evolu­ lange Zeit verloren. einst überparteilichen Ernennung von Richtern ist politisch motivierte Zuschneiden von Wahlbezir- Die Amerikaner haben, alles in allem, versucht,
tionstheorie an, und wenn man das schon tut,­ Afroamerikaner, aber auch Asiaten und Latinos über die Jahrzehnte ein erbitterter Lagerkampf ken, das das Wählen oft schlichtweg überflüssig ein Vorgriff auf eine bessere Menschheit zu sein.
warum dann nicht erst recht den Klimawandel? verlangen heute einen Platz nicht nur am Katzen- geworden, in dem politische Zurechnungsfähig- macht; da ist die systematische Behinderung armer Nun schaffen sie all dies nicht mehr, sie fallen zu-
Demokratie ist darauf angewiesen, dass ent- tisch. Niemand drückt dies besser aus als das Duo keit als entscheidendes Merkmal gilt. Als Ruth und schwarzer Wählerinnen und Wähler; da ist die rück auf sich selbst, und sie fallen dabei nicht
weder alle ungefähr dasselbe glauben, oder dass Joe ­Biden und Kamala Harris: Der Übergangs­ Bader Ginsburg 1993 zur Verfassungsrichterin massive Drogenkrise; da ist die Masseninhaftie- weich, sie ächzen unter der Last der Superlative,
der Glaube selber nicht politisch wird. Wenn kandidat ­ Biden soll (wenn aus demokratischer berufen wurde, bestätigte sie der Senat mit 96 zu rung (rund zwei Millionen Menschen sitzen zur- die sie selbst in die Welt gesetzt haben.
nun aber der Säkularismus der einen den Funda­ Sicht alles wie geplant läuft) den Weg für eine Frau 3 Stimmen – heute undenkbar. zeit in den Gefängnissen), die zu einem eigenen Die Phase zwischen dem 3. November und
mentalismus der anderen befeuert, dann verliert frei machen, deren Mutter aus Indien stammt und Die großen gesellschaftlichen Fragen werden an Geschäftszweig geworden ist und die vor allem dem 20. Januar wird aller Voraussicht nach kein
vor allem ein Glaube: der an die Demokratie und deren Vater jamaikanische Wurzeln hat. Bundesgerichten und am Su­preme Court entschie- Schwarze diskriminiert; nicht zu vergessen das un- Hochamt der amerikanischen Demokratie, eher
den Rechtsstaat. James Baldwin, der afroamerikanische Schrift- den: Abtreibung, Homo-Ehe, Gesundheitsreform, gerechte Bildungssystem, das aus einer Merito­ ein unendlich zerdehnter Saigon-Moment. Am
steller, hat schon in den 1960er-Jahren immer bei allem haben Richter das letzte Wort. Wie aber soll kratie immer mehr eine Diktatur der gebildeten 29. und 30. April 1975 flohen die letzten amerika-
Groteske Ungleichheit wieder darauf hingewiesen, dass rassistische Dis- sich die bei einer demokratischen Wahl un­ter­lege­ne Eliten werden lässt; und natürlich schreitet die nischen Offiziellen per Hubschrauber vom Dach
1989, als die Mauer fiel, besaßen 90 Prozent der kriminierung nicht nur den Diskriminierten scha- Minderheit vom Recht geschützt fühlen, wenn das Naturzerstörung massiv voran, Trump steht ja der US-Botschaft in der süd­viet­na­me­si­schen
Amerikanerinnen und Amerikaner noch ein Drit- det, sondern auch jenen, die diskriminieren und Oberste Gericht zum Werkzeug der Sieger wird? nicht zuletzt für die aggressive Verteidigung der Hauptstadt. Die Weltmacht war geschlagen, ver-
tel des gesamten Vermögens in den Vereinigten ihre Privilegien für selbstverständlich halten. Sie fossilen Lebensweise. Das Land ist schwer er- jagt von kommunistischen Partisanen. Doch die
Staaten. Mittlerweile ist ihr Besitz auf 23 Prozent werden dadurch unreif, unsicher und reizbar, auch Verfassung als Fetisch krankt. Und durch keine Wahl, auch nicht durch USA haben sich davon erholt. Die Krise jetzt ist
zusammengeschmolzen, Stand 2016. Das Vermö- das kann man nun allenthalben besichtigen. Im vergangenen Jahr hat die Demokratische Partei eine gute, schnell zu heilen. größer, diesmal geht es um Amerika und seine
gen der reichsten ein Prozent der US-Gesellschaft in Oregon versucht, ein Klimagesetz zu verab- Selbstverständlich stehen auch noch immer Demokratie selbst. Und niemand hat so sehr An-
schwoll hingegen in der gleichen Zeit von 30 Pro- Bis an die Zähne bewaffnet schieden. Dafür hatte sie auch in beiden Kammern strahlende Leistungen und Chancen gegen diese lass, den Amerikanern in ihrem Ringen mit sich
zent auf 40 Prozent an. Stattgefunden hat eine ge- Für einen Bürgerkrieg ist das Land bestens gerüs- des Bundesstaates eine Mehrheit. Allerdings ge- umfassende Systemkrise. Die Institutionen weh- selbst die Daumen zu drücken, wie die Europäer.
waltige Umverteilung von unten nach oben, bei tet. Drei von zehn Amerikanern besitzen eine nügt das laut Verfassung des Bundesstaats nicht, es ren sich gegen ihre Demontage, immer wieder Zumal die Deutschen.
4 POLITIK 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

Foto: Thomas Pirot für DIE ZEIT

Deutsch, Soldatin, Muslimin: Nariman Hammouti bereitet sich derzeit


auf ihren Auslandseinsatz im Südsudan vor

»Der Islam gehört zu Deutschland«


Vor zehn Jahren sagte der damalige Bundespräsident Christian Wulff diesen Satz.
Für die Bundeswehrsoldatin Nariman Hammouti hat er sich immer noch nicht erfüllt  VON TINA HILDEBRANDT

D
as Christentum gehört zwei- Die Kanzlerin verteidigte Wulffs Satz gegen ih- Ihr erster Auslandseinsatz fiel in den Ramadan. integrierend wirken wollen, aber »durch diese Ver- Hammouti ist ihr dankbar. Trotzdem ist der Satz
felsfrei zu Deutschland. Das ren eigenen Innenminister. Der Vorgesetzte rechnete ihr die Zeiten des Sonnen- biegung der Geschichte viele deutsche Christen vor für sie nicht mehr, was er ein paar Wochen lang war:
Judentum gehört zweifels- Die Zahl der antisemitischen Beleidigungen untergangs aus. Der Smut, der Koch an Bord, woll- den Kopf gestoßen«, sagt Maaßen. Mit seinem Satz die offizielle Position der Bundesrepublik. Er ist
frei zu Deutschland. Und nimmt drastisch zu. te keine Ausnahme für sie machen. Der »kleine habe Wulff zur Spaltung der Gesellschaft beigetra- wieder das Uneigentliche, das, was verteidigt wer-
der Islam gehört inzwischen Hat Wulffs Satz etwas mit alldem zu tun? Hat er Smut«, ein Mannschaftsgrad drunter, stand dann gen, die heute das größte politische Problem sei. den muss. Und sie ist immer noch der Ausnahme-
auch zu Deutschland.« zur Spaltung des Landes beigetragen, wie enttäuschte­ immer zwei Stunden früher auf. Zusammen hätten Christian Wulff hat sich das alles tatsächlich sehr fall, für den sich noch immer eine individuelle Lö-
Als der Satz fiel, der Rechtskonservative behaupten? Oder zur Versöh- sie auf Heck gesessen und gefrühstückt. gut überlegt damals. Das Thema Integration stand sung gefunden hat. Sie will, dass das aufhört. Sie
Deutschland so unter die Haut gehen sollte, saß nung? Es ist nicht ganz einfach, das zu sagen. Fest Inzwischen ist Hammouti selbst Sicherheits­ als Leitmotiv seiner Rede für ihn fest. Den Satz, der will vorgesehen sein, ein Normalfall.
Nariman Hammouti in ihrer Wohnung in Hanno- steht nur: Wulffs Satz hat gewirkt. Er tut es noch. Er beauftragte. Sie geht dahin, wo es wehtut. Und sie dann übrig bleiben sollte, hatte ihm der Filme­macher Ende August, es ist heiß, es ist staubig, aus einem
ver, faltete ein weißes Tuch und dachte: »Ja, cool!« gehört zu den Sätzen, die Politik gemacht haben nervt. Um die Einführung einer islamischen Mili- Walid Nakschbandi übermitteln lassen. Das solle er Marktstand tönt nervend laute Musik. Nariman
Hammouti weiß das auch zehn Jahre später und mit denen Politik gemacht wurde. Gerade des- tärseelsorge zu erreichen, hat sie schon an zwei Ver- sagen, als Kontrapunkt zu Sarrazin. Nakschbandi Hammouti liegt auf dem Boden und krümmt sich.
noch so genau, weil sie damals dabei war, zum zwei- halb ist er für die heutige Politik unbrauchbar ge- teidigungsministerinnen geschrieben, an Bundes- gehört zu denen, die seit Sarrazin immer wieder da- An ihrem Bein klafft eine große Fleischwunde, auf
ten Mal ihre Beerdigung zu planen. Es war Feiertag, worden. Nicht weil er kalt geworden wäre. Im­ präsident Gauck, zuletzt an Frank-Walter Stein­ rüber nachdenken, Deutschland zu verlassen. Wulff Höhe der Hüfte sickert Blut aus ihrer Uniform. Ein
3. Oktober, im Fernsehen lief die Ansprache des Gegenteil: Man kann sich nur die Finger daran ver- meier. 2016 hat sie ihn gewählt, als Mitglied der beriet sich damals mit seinem Stab, aber auch mit Kamerad bindet ihr Bein ab, steckt ihr einen
damaligen Bundespräsidenten Chris­tian Wulff. brennen, egal ob man ihn anfasst oder wegstößt. Bundesversammlung. Nach der Wahl ging sie zu Historikern, ob man das so sagen könne. »Schauen Schlauch in die Nase und beruhigt sie: Sie wird die
Das weiße Tuch, das war ihr Leichentuch. Die meisten Politiker machen heute einen Bogen Steinmeier und fragte ihn, was er für die Soldaten Sie mal, wo Sie sitzen«, entgegnete einer der Geistes- Gasexplosion überleben.
Das wollte Nariman Hammouti, deutsche Sol- um diesen Satz. muslimischen Glaubens tun werde. Als Vorsitzende wissenschaftler, »auf einem Sofa. Das ist ein arabi- Zum Glück, es ist nur eine Übung, in einer alten
datin, Leutnant zur See, Tochter marokkanischer Damals habe sie Hoffnung gehabt, mal wieder, des Vereins Deutscher Soldat e. V. fragte sie im sel- sches Wort.« Es fanden sich dann außer dem Sofa Lagerhalle, die zu einer fremden Landschaft umge-
Gastarbeiter und Muslimin, mitnehmen, falls sie sagt Hammouti. Dass es besser wird. Am Freitag ben Jahr die damalige Verteidigungsministerin Ur- und den arabischen Zahlen noch eine Menge anderer baut wurde.
während ihres nächsten Auslandseinsatzes in Af- nach dem 3. Oktober sei sie zur Moschee ihres Va- sula von der Leyen: »Frau Ministerin, was machen Dinge, die der Islam in Europa hinterlassen hatte. Im Februar wird Hammouti wieder in den Ein-
ghanistan sterben würde. Auf einen USB-Stick ters gegangen. Bei der Predigt durfte sie als Frau Sie, wenn mir etwas im Einsatz passiert? Wenn ich Man kann Wulff also vieles vorwerfen, aber satz gehen, diesmal als UN-Militärbeobachterin in
hatte sie das Totengebet geladen. Das sollte gespro- nicht dabei sein, aber sie habe trotzdem gehört, was umkomme? Dann haben Sie eine gefallene deutsche nicht, dass er den Satz unbedacht gesagt habe. Ihm den Südsudan. Im UN-Ausbildungszentrum Ham-
chen werden, wenn ihr Leichnam oder das, was da- der Imam gesagt habe, zum ersten Mal: »unser­ Soldatin muslimischen Glaubens. Was tun Sie hat der Satz über den erzwungenen Rücktritt hinaus melburg lernt sie in diesen Wochen, wie man im
von übrig wäre, nach islamischem Ritus gewaschen Bundespräsident«. Bewegend sei das gewesen, sagt dann? Stecken Sie mich in eine Uniform in einem eine bleibende Gemeinde beschert. Die Rede, die Ernstfall überlebt, wenn kein Arzt und kein Kran-
würde. In einem Brief an ihren Vorgesetzten hatte Hammouti. Sie, gebürtige Niedersächsin, hatte sich geschlossenen Sarg und schicken mich zu meinen Merkel 2012 während der Totenfeier für die Opfer kenhaus in der Nähe sind.
sie festgehalten, wer ihren Eltern geistlichen Bei- schon immer zu Deutschland zugehörig gefühlt. Eltern nach Hause, eine Woche später?« des NSU hielt, war in weiten Teilen noch seine In Hammelburg hat Hammouti auch einen
stand leisten sollte. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, Deutschland Der Verein Deutscher Soldat war 2010 ausdrück- Rede. Er hatte sie geschrieben, aber nicht mehr hal- Brief an den Bundespräsidenten geschrieben, mal
Denn die Bundeswehr kennt zwar den Tod. In sehe das auch so. lich als Reaktion auf Thilo Sarrazin gegründet wor- ten können. Wulff tingelt seither unermüdlich als wieder. »Nun gehe ich wieder in den Einsatz und es
einem achtseitigen Protokoll ist festgehalten, was zu Aber dann sei Sarrazin gekommen. Aus Ham- den. Er hat 120 Mitglieder, viele mit, aber auch solche eine Art Beauftragter in Sachen Integration durchs hat sich nichts geändert«, schreibt Hammouti.
geschehen hat, wenn ein Soldat stirbt: Die Leiche moutis Sicht hat er Wulffs Satz kaputt gemacht und ohne sogenannten Mi­gra­tions­hin­ter­grund. In der Land. Nach dem Anschlag in Hanau war er, mit »Noch immer wüsste niemand mit meinem Leich-
muss dann in Augenschein genommen und in e­ inen noch viel mehr. Die Islamfeindlichkeit, sagt Ham- Bundeswehr ist er ein Zwerg. Die Armee zählt ausdrücklicher Billigung der Kanzlerin, als einer der nam umzugehen, geschweige denn, dass es eine
Holzsarg gebettet werden. Dieser wiederum wird, mouti, sei heute in Deutschland größer denn je. 185.198 aktive Soldaten, davon 23.049 Frauen. ersten deutschen Repräsentanten am Ort. Für viele seelsorgerische Betreuung für mich gäbe.«
so die Vorschrift, in einen Zinksarg gelegt, der unter Was waren ihre Hoffnungen? Was war nicht gut, Die Antworten der Politiker seien immer arabische, vor allem aber türkische Muslime ist Für den Fall, dass sie wieder eine freundlich-
allen Umständen luftdicht zu verlöten ist. schon damals? freundlich gewesen, sagt Hammouti, es sei ein Wulff bis heute ihr Präsident geblieben. hinhaltende Antwort vom Verbindungsoffizier der
Dass der Soldat eine Soldatin sein könnte und Die Hoffnung: »Dass man mich nicht mehr wichtiges Anliegen! Nur passiert sei nicht viel. Hätte es gereicht, zu sagen: Die Muslime gehören Bundeswehr im Bundespräsidialamt bekommt, will
diese womöglich eine Muslimin, dieser Fall war da- wie so einen Sonderling behandelt.« Nicht gut: Dass eine jüdische Seelsorge inzwischen be- zu Deutschland? Nein, sagt Hammouti. »Warum sie Frank-Walter Steinmeier aus dem Einsatz schrei-
mals nicht vorgesehen. Er ist es bis heute nicht. »Die Standardsachen«, sagt Hammouti, Ausgren- schlossen ist und die muslimische nicht, liegt offi- muss man da so einen Vorbehalt machen? Was soll ben. Privat, von Bürgerin zu Staatsoberhaupt. Bis
Für Nariman Hammouti ist auch das ein Beleg zung halt. Zum Beispiel, sie zeigt auf ihre Nase, ziell daran, dass es bei den muslimischen Verbänden das denn heißen: Du gehörst dazu, aber dein Glaube, sie eine persönliche Antwort hat oder geistlichen
dafür, dass der Satz, der sie damals für eine kurze »hier: so ’n fetter Huckel«. Als sie 15 Jahre alt ge- keinen zentralen Ansprechpartner gibt, den man für deine Kultur nicht?« Gerade das Uneingeschränkte Beistand. Oder beides.
Zeit glücklich gemacht hat, nichts gebracht hat. Je- wesen sei, habe ihr ein Mitschüler in Hannover einen Staatsvertrag bräuchte. Doch das ließe sich des Wulffschen Satzes, das bis heute viele empört, hat Vor zehn Jahren gab es in der Bundeswehr ge-
denfalls nicht das, was sie sich erhofft hatte. »Es ist den Knochen gebrochen, mit den Worten: »Geh rechtlich anders regeln. Es hat unter anderem damit ihn für sie erst wirksam gemacht. schätzt 1500 Muslime, heute sind es zwischen
ja nichts passiert«, sagt sie. dahin, wo du herkommst.« zu tun, dass der Islam nicht nur eine Religion ist, Eigentlich gehört der Satz Wolfgang Schäuble. 3000 und 5000 Soldaten muslimischen Glau-
Nichts passiert? So kann man das nicht sagen. Was Hammouti an der Bundeswehr schätzt, ist sondern auch als aggressive politische Ideologie be- 2006 hatte er ihn gesagt, als Innenminister bei der bens. So genau weiß das keiner, weil die Armee
Kurz vor Wulffs Rede hatte Thilo Sarrazin, damals weniger die Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen, nutzt wird und als solche in den vergangenen zehn ersten Deutschen Islamkonferenz. Damals hat das das nicht abfragt. Heute redet bei der Bundes-
noch Bundesbankvorstand, ein Buch geschrieben. sondern die Kameradschaft, das Füreinander-Ein- Jahren häufiger ein Fall für den Verfassungsschutz viele gefreut und niemanden aufgeregt. Erst dass wehr niemand mehr über P ­ ierre Vogel, sondern
In Deutschland schafft sich ab räsonierte er über die stehen. Alle tragen dieselbe Uniform. Doch auch im war als etwa das Judentum. Das ist nicht die ein deutsches Staatsoberhaupt ihn am Tag der über die Frage, ob es rechtsextreme Strukturen
Probleme der Republik, die er darauf zurückführte, Tarnfleck erlebte Hammouti Ausgrenzung. Mehr als offizielle­Aussage der Bundeswehr, es ist das, was Deutschen Einheit gesagt hat, auf dem ersten­ gibt. Gerade hat die Verteidigungsministerin den
dass die falschen Leute, nämlich die Migranten, zu drei Jahre habe sie zum Beispiel auf ihre Sicherheits- man hört, wenn Mitarbeiter von Bundeswehr und Höhepunkt einer erbitterten Sarrazin-Debatte, hat Chef des Militärischen Abschirmdienstes (MAD)
viele Kinder bekämen, wodurch Deutschland im- stufe warten müssen, sagt Hammouti, eine Art Unbe- Verteidigungsministerium offen reden. den Satz so elektrisch gemacht. entlassen.
mer dümmer werde. Auch von einem Juden-Gen denklichkeitsattest für Soldaten. Deutlich länger sei Es hätte doch gereicht, sagen Kritiker des Satzes, Für die Politiker hat sich Wulffs Satz zu einem Sie sei heute muslimischer, als sie es vor zehn
war die Rede. In den folgenden Jahren wurde das gewesen als üblich. Einmal wurde sie vom Militä- wenn Wulff gesagt hätte: Die Muslime gehören zu Stöckchen entwickelt, das ihnen regelmäßig vorge- Jahren war, sagt Hammouti. Nicht weil sie gläubi-
Deutschland schafft sich ab zum meistverkauften rischen Abschirmdienst (MAD) fünf Stunden zu­ Deutschland. Das wäre historisch und semantisch halten wird. Gehört der Islam zu Deutschland oder ger oder frommer geworden wäre. Durch Sarrazin,
Sachbuch seit Gründung der Republik. Pierre Vogel befragt, einem konvertierten deutschen richtiger gewesen. »Der Islam stammt weder aus nicht? Man kann in diesem Spiel nur verlieren. so sieht sie das, habe sie etwas verteidigen müssen,
Kurz darauf flog der rechtsradikale Mordverein Salafisten. Als Unverschämtheit habe sie diese Be- Deutschland, noch hat er Deutschland in den letz- Fragt man im Belle­vue, ob Frank-Walter Steinmeier was vorher selbstverständlich gewesen sei und weit
NSU auf, es gab neben vielen weiteren islamisti- handlung empfunden – und als Vertrauensbruch. ten tausend Jahren geprägt. Das Gegenteil ist sogar den Satz seines Vorvorgängers heute noch mal sagen weniger wichtig als heute. »Man hat mir einen
schen und rechtsextremen Attentaten den Anschlag Wenn in der Kompanie im Sommer gegrillt richtig: Die abendländische Geschichte ist durch würde, bekommt man die Auskunft, dass Bundes- Muslima-Stempel aufgedrückt«, sagt Hammouti.
vom Berliner Breitscheidplatz und den Skandal um wurde, bezahlte Hammouti ihren Beitrag. Nur die Abgrenzung vom Islam geprägt. Der Islam war präsidenten frühere Amtsinhaber grundsätzlich Am 18. Februar 2021 geht ihr Flug in den Su-
Anis Amri, zuletzt die rechtsradikalen Anschläge in mitessen konnte sie oft nicht. In den Jahren nach immer etwas Fremdes, etwas anderes gewesen«, sagt nicht kommentierten. Kaum Innenminister, wurde dan. Sechs Monate wird sie dort bleiben. Hammouti­
Hanau und Halle und den ersten Mord an einem Sarrazin kam es ihr so vor, als gebe es nur noch etwa Hans-Georg Maaßen, der frühere Verfassungs- der Satz Horst Seehofer vorgehalten. Seehofer nutz- wird ihre Knobelbecher einpacken und ihr Leichen-
politischen Repräsentanten seit der RAF. Schweinefleisch bei der Bundeswehr. Manchmal, schutzchef, der in den letzten Jahren innerhalb der te die Gelegenheit, geradezurücken, was auch aus tuch, zum vierten Mal. Sie wird ihrem Vorgesetzten
Die AfD wurde gegründet. wenn er aufmerksam war, schickte ein Vorgesetzter CDU immer weiter an den Rand gerückt ist. Es seiner Sicht bei Wulff schief geraten war: Die Mus- den USB-Stick mit dem Totengebet geben und
Deutschland nahm mehr als eine Million sie los, in den Supermarkt, damit sie selbst etwas denken aber bis heute auch viele, die mitten in der lime gehörten zu Deutschland, sagte er im März den eingeschweißten Brief mit der Anleitung für
Flüchtlinge auf. für sich besorgen konnte. Partei stehen, in diesem Punkt so wie er. Wulff habe 2018, nicht der Islam. Die Kanzlerin widersprach. ihren Todesfall.
DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 POLITIK 5

Zwei Landtagsfraktionen lösen sich auf: Die AfD kommt nicht mehr aus der Krise 
VON PAUL MIDDELHOFF

A
ls Erstes trifft es jene, die mit der ganzen Sache der AfD gibt es Intrigen, streuen Mitglieder Gerüchte über ist die AfD völlig isoliert, alle Flirt-Versuche in Richtung­ stand, dem wurde mit einem Mal klar, dass künftig seine
gar nicht recht zu tun haben. Die Referenten Depressionen, Schulden und Alkoholsucht, um internen Union und FDP laufen ins Leere. Und auch die CSU Handys abgehört und seine Chats mitgelesen werden könn-
und Sekretärinnen der AfD in den Landtagen Gegnern zu schaden. Trotzdem war die Partei erfolgreich, scheint ihre Angst vor der AfD abgestreift zu haben.­ ten. Im Eiltempo organisierte Co-Chef Jörg Meu­then die
von Niedersachsen und Schleswig-Holstein hatte Wahlen gewonnen, vor allem in Ostdeutschland. Im Parteichef Markus Söder denkt heute nicht mehr laut über Mehrheiten für die Auflösung des Flügels und den Raus-
müssen damit rechnen, dass sie sich bald einen Verborgenen hatte die AfD zeitweise den Bau von Grenzzäunen wurf von Andreas Kalbitz. Seitdem inszeniert er sich als
neuen Job suchen müssen. Denn die Fraktionen, in denen sogar mitregiert, ohne je in Aufräumer, dem angeblich lange nicht klar war, dass die
sie bislang angestellt waren, sind dabei, sich aufzulösen. der Regierung gewesen Extremisten in seiner Partei tatsächlich extrem sind – jene,
Gleich mehrere Abgeordnete haben ihren Austritt aus zu sein: Die knall- von denen auch er sich bei Wahlen helfen ließ.
der Fraktion angekündigt, immer mit demselben Argu- hart-kopflose Meuthen war einer der Ersten, die das neue Konfliktsche-

Es
ment: Die anderen stehen zu weit rechts, sind zu radikal, Mi­gra­tions­ ma für ihre Zwecke genutzt haben: Seit Wochen mischt er sich
halten noch immer zum offiziell aufgelösten Flügel, dem in das Parteiausschlussverfahren gegen den besonders radika-
Bündnis der Völkisch-Nationalen in der AfD. Die ohne- len Anwalt Dubravko Mandic in Baden-Württemberg ein,
hin kleinen Fraktionen in Norddeutschland schrumpfen beschuldigt den Landesvorstand, nicht konsequent genug
dadurch so weit, dass sie nicht mehr die erforderliche vorzugehen. Und zielt damit laut Partei­kollegen insgeheim
Mindestgröße erfüllen. Es ist ein neues Kapitel der­ darauf ab, auf diese Weise seiner ­Widersacherin, der Landes-
Chaotisierung der Partei, die man seit einigen Monaten vorsitzenden ­Alice Weidel, die Aussicht auf die Spitzen­
beobachten kann. kandidatur für die Bundestagswahl zu vermiesen.
Längst wird in der AfD nicht mehr nur zwischen den In der Konsequenz büßt die AfD an Wirkmacht ein:

schwelt
Parteichefs gekämpft. Seit dem Rauswurf des Flügel-Chefs Scheitern die letzten Vermittlungsversuche in Niedersach-
Andreas Kalbitz im Mai sickert der Streit durch die­ sen, verliert die AfD im Parlament in Hannover Redezeit
Sedimente der Partei, erfasst Landtagsfraktionen und im Plenum und ihr Stimmrecht in den Ausschüssen.
Landesverbände, lässt vor allem in den Westverbän- Ähnliches droht in Schleswig-Holstein. Schon wäh-
den lange schwelende Konflikte wieder aufflam- rend der Debatte um die Aufnahme der Flüchtlinge
men. In Berlin bezichtigt Landeschef Georg­ von den griechischen Inseln hatten die Forderungen
Pazderski die Flügel-Sympathisanten im Abgeord- der AfD kaum mehr jemanden interessiert – und das
netenhaus, die Aufarbeitung eines Finanzskandals bei ihrem Kernthema. Nun gibt die Partei in gleich
zu sabotieren, in Bremen fordern Mitglieder die­ zwei Bundesländern ihr wichtigstes Werkzeug aus der
Abwahl des Landesvorstands wegen »Kontakten ins Hand: Oppositionsarbeit ohne Parlamentsfraktion
rechtsextreme Milieu« und werden dafür im Gegenzug kann auf Dauer nicht funktionieren. Ob es dazu jedoch
von ihren Chefs abgemahnt. wirklich kommt, stand bis Redaktionsschluss dieser Aus-
Die Schablone für all diese Auseinandersetzungen ist gabe noch nicht fest.
immer dieselbe: Selbst erklärte Moderate wie die kürzlich po­li­tik der CSU, Die Lage der Partei ist katastrophal, doch auf die Um-
abgewählte niedersächsische Landeschefin Dana Guth feu- der Riesenstreit zwi- fragen wirkt sie sich bislang kaum aus. Im Bund steht sie
ern gegen verdächtigte Extremisten und Flügel-Anhänger schen Kanzlerin und Innen- zwischen neun und zwölf Prozent. Das ist nicht viel, aber
wie ihren Nachfolger Jens Kestner. Dass Guth sich selbst minister in der Flüchtlingsfrage eben auch nicht furchtbar. Nach jeder missglückten Äuße-
mehrfach für die radikale Junge Alternative einsetzte, lässt – in allen Runden saß die Angst vor rung Chris­tian Lindners kratzt die FDP derzeit an der
sie aus. Tatsächlich scheint es, als ob viele der Konflikte, die der AfD mit am Tisch. Dieser destruktive Erfolg hielt die um Bayern nach, sondern bietet Aufnahmeplätze für die Fünfprozenthürde. Die AfD jedoch scheint an den zehn
nun aufbrechen, in Wahrheit wenig mit der Scheu vor dem Partei zusammen. Und die realen 14 Prozent in den Umfragen Flüchtlinge aus Moria an. Der AfD fehlt der Hebel, mit Prozent festzukleben. Und so bestätigt sich, was in internen
Flügel zu tun haben – schließlich hat die Zusammenarbeit ja fühlten sich eher wie 25 an. dem die Partei jahrelang Risse im politischen System auf- Strategiepapieren der Bundestagsfraktion längst als erwie-
jahrelang funktioniert. Eher dienen sie Strategen wie Guth Der Absturz manifestierte sich, als die Thüringer AfD- stemmen konnte. sen gilt: Die AfD kann sich auf eine Stammwählerschaft
und Pazderski auch dazu, wahlweise Konkurrenten auszu- Fraktion im Februar den FDP-Mann Thomas Kemmerich Mit der Beobachtung des Flügels durch den Verfassungs- von acht Prozent verlassen. Mag die jüngst aufgetauchte
Abb.: Getty Images

schalten oder die eigene Integrität unter Beweis zu stellen. zum Ministerpräsidenten wählte. Das Land erschrak, weil schutz ließen sich die Lagerkämpfe innerhalb der AfD Äußerung eines ehemaligen Pressesprechers, man könne
Dabei hatte bis zum Winter vergangenen Jahres in der AfD plötzlich allen klar wurde, dass die AfD nicht nur aus der schließlich nicht mehr wegmoderieren: Die Polizisten, Leh- Migranten »alle erschießen« oder »vergasen«, zwar noch die
ein relativer Frieden geherrscht. Hässlich war man in der Par- Opposition heraus die Stimmung vergiften, sondern tat- rer und Professoren in der Partei fürchteten plötzlich um letzten Gelegenheitswähler abschälen: Die AfD hat Leute,
tei zwar immer schon mit­ein­an­der umgegangen, seit Gründung sächlich ins politische Geschehen eingreifen kann. Seitdem ihre Jobs und Pensionsansprüche; wer in der ersten Reihe die zu ihr halten. Egal, was da noch kommt.

ANZEIGE
6 POLITIK 30 Jahre Deutsche Einheit 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

Greifenhagener
Straße, Berlin- Hackesche Kneipe im
Prenzlauer Berg, Höfe, Berliner
1985 und 2019 Berlin-Mitte, Bezirk Pankow,
Fotos: 1986 und 2019 1988 und 2019
Harald Hauswald/
Ostkreuz

Warum ist das DDR-Exemplar dicker?


Auf den Spuren des Vertrags, der Ost und West zusammenführen sollte  VON JANA HENSEL

W
ie viel hat der Einheitsvertrag mit »Wirkung des Beitritts«. Von nun an ist klar, wie der DDR, inzwischen 80 Jahre alt. In seiner Kanzlei De Mai­zière, Krause und die anderen haben ge- ich wissen. »Kein einziges Mal!«, ruft Krause laut und
meinem Leben, mit dem anderer die Machtverhältnisse dieses Vorgangs aussehen. Es am Kurfürstendamm will ich von ihm wissen, was er schafft, zu organisieren, dass das in der DDR ge- ein wenig aufgebracht.
Ostdeutscher zu tun? Hätte ich geht um das »Wirksamwerden des Beitritts der glaube, wie viele Menschen den Einigungsvertrag sprochene Recht größtenteils wirksam blieb. Dass Lothar de Mai­zière hat das anders erzählt. Er
ihn mir längst einmal genauer Deutschen Demokratischen Republik zur Bundes- tatsächlich gelesen haben. Er sagt, listig: »Nicht alle, Hochschulabschlüsse und akademische Grade der sagte mir, dass er einmal selbst vor Gericht gezogen
ansehen sollen? Meine Mutter republik Deutschland«. die ihn gelesen haben, haben ihn auch verstanden.« DDR-Bürger Gültigkeit behielten. Dass außerehe- sei auf Basis des Einheitsvertrages: In der ersten
sagt immer: Kind, lies dir alles genau durch, bevor Wo findet man diesen Einheitsvertrag, also den Der Einigungsvertrag ist der sogenannte zweite lich geborene Kinder erbberechtigt bleiben konn- Amtszeit des brandenburgischen Ministerpräsi-
du etwas unterschreibst. Ich habe mich nie an ihre echten, das Original? Im Auswärtigen Amt am Wer- Staatsvertrag. Im ersten Staatsvertrag, unterzeich- ten (mittlerweile ist das auch gesamtdeutsches denten Manfred Stolpe (SPD) habe er dagegen ge-
Bitte gehalten. derschen Markt in Berlin, erfahre ich. Klar, die DDR net am 18. Mai 1990, wurde bereits die Wirt- Recht). Sie erreichten sogar, dass das westdeutsche klagt, dass die Forste des Landes aus ehemaligem
Aber jetzt war es mein Wunsch, einmal diesen war ja Ausland. Drei Stockwerke unter der Erde, in schafts-, Währungs- und Sozial­union geklärt, im Abtreibungsrecht verändert wurde. Und, darauf ist preußischen Besitz nicht an den Bund, sondern in
Vertrag in Händen zu halten, in dem doch vermut- einem grauen Eisenschrank, liegen sie dann, die zweiten sollten symbolische Fragen und die Lothar de Mai­zière besonders stolz, dass in Artikel den Besitz des Landes Brandenburg übergehen.
lich alles angelegt war, was nach 1990 geschehen beiden Einigungsverträge, in wiederum zwei grauen Rechtsangleichung der beiden Länder verabredet 44 die sogenannte Rechtswahrung festgehalten Und ich denke, vielleicht haben den Einigungsver-
ist – oder nicht? Kisten. Das Exemplar der BRD und das der DDR. werden. Nachdem beim ersten die westdeutsche wurde. Durch sie ging das Recht der nicht länger trag außer Lothar de Mai­zière tatsächlich doch nur
Anruf bei Günther Krause, 1990 parlamentari- In der Nachbarschaft des Élysée-Vertrages. Ein biss- Verhandlungsdelegation den ersten Entwurf vor- existierenden DDR quasi auf die neuen Länder sehr wenige Menschen verstanden.
scher Staatssekretär beim Ministerpräsidenten der chen vergessen sehen sie aus. Aber immerhin: zu gelegt hatte, wurde der zweite dann auf Grundlage über. So konnten sie im Notfall gegen eine Nicht- Je länger ich mich mit dem Vertrag beschäftige,
DDR und auf Ost-Seite jener Mann, der die Ein- zweit, vereint wie wir. Streng bewacht. des Entwurfes der DDR-Seite verhandelt. Darauf einhaltung des Einigungsvertrages klagen. desto mehr habe ich das Gefühl, dass er doch nicht
heitsverhandlungen geführt und den Einigungs­ Der Archivar des Auswärtigen Amtes zieht sich habe man bestanden, das habe man aus den Ver- Auch der Verhandler Günther Krause ist auf so viele neue Erklärungen parat hält, wie ich ge-
vertrag schließlich unterschrieben hat, am 31. Au- weiße Handschuhe an und nimmt die dickere der handlungen über den ersten Staatsvertrag gelernt, diesen Artikel 44 besonders stolz. Wir sitzen jetzt, hofft hatte. Sowohl Lothar de Mai­zière als auch
gust 1990. Noch bis in die Nacht war verhandelt beiden grauen Kisten in die Hand. Warum ist das erklärt mir Lothar de Mai­zière: »Es ist schwerer, eine Weile nach unserem Telefonat, in seinem Büro Günther Krause jedenfalls geben sich große Mühe,
worden. Auf eine Art ist Krause damals also mein DDR-Exemplar dicker? Als er sie behutsam öffnet, etwas wegzuverhandeln, was man schon einmal in einer Villa in Brandenburg, der Füller auf seinem hervorzuheben, wie viel sie für ihre Leute heraus-
gesetzlicher Vormund gewesen. Ich solle mir auch muss ich lachen. Denn in der grauen Kiste liegt noch aufgeschrieben hat.« Schreibtisch, behauptet er, sei derselbe, mit dem er geholt haben. So, als enthalte das Papier eine stum-
den ersten Entwurf der DDR-Regierung zeigen eine rote Kiste, auf der Hammer, Sichel und Ähren- Der Einigungsvertrag ist ein kompliziertes­ auch den Einigungsvertrag unterzeichnet habe. Die- me Anklage, die mit den Jahrzehnten immer lauter
lassen, sagt Krause. »Weil wir neben einer neuen kranz zu sehen sind. Das seien die Standardkisten für juristisches Werk, ich kämpfe mich durch die­ ser Artikel 44 sei auf sein Drängen in den Vertrag wurde und auf die die beiden reagieren zu müssen
Hauptstadt auch noch eine neue Nationalhymne, DDR-Verträge gewesen, erklärt mir der Archivar. Online-Fassungen. Er regelt die Errichtung der ost- aufgenommen worden, sagt Krause. De Mai­zière, so glauben. Als wäre der Osten aus ihrer Sicht sozusa-
einen neuen Namen für das wiedervereinigte Land Eigentlich würde ich den Vertrag nun gerne deutschen Bundesländer, den Beitritt dieser Länder viel kann man sagen, bestätigt das nicht. »Über den gen nachträglich über den Tisch gezogen worden.
und eine neue Verfassung gefordert haben.« All das selbst in die Hand nehmen. Im Original nach­ zum Grundgesetz, die Rechtsangleichung des­ Einigungsvertrag werden Sie leider nur von mir die Günther Krause besteht darauf, dass die Ost-
stehe in diesem ersten Entwurf. »Deutsche Bundes- einem Satz, einer Formulierung, einer Idee suchen, Ostens an den Westen. Ich frage Lothar de Mai­ Wahrheit hören«, sagt Krause etwas großspurig, an deutschen mit diesem Vertrag gut gewappnet in die
republik« hätte das wiedervereinigte Land heißen die mir unser Land 30 Jahre später auf eine gänz- zière, ob man nicht auch eine Fassung hätte schrei- der Stirnseite des Tisches sitzend. Neben ihm liegt Zukunft gegangen seien. De Mai­zière sagt: »Gut
sollen. Eine zugegeben nicht besonders schön klin- lich neue Art noch einmal erklären könnte. Aber ben können, die lesbarer ist, mit mehr Pathos. seine Kopie des Vertrags, mit vielen grünen und gewappnet ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Der
gende Verbindung beider Namen. ich darf nicht. Der Archivar schüttelt energisch »Eine geläuterte Ausgabe für höhere Töchterschu- gelben, mittlerweile verblichenen Klebezetteln. »Das Einigungsvertrag umfasst die Bedingungen, unter
Lädt man sich den Vertrag aus dem Internet den Kopf. Ich war reichlich naiv. Überhaupt sehen len?«, fragt er. »Das war damals die letzte Sorge, die Problem ist, dass nur 60 Prozent davon umgesetzt denen wir beitraten. Das war wichtig. Er ist stärker
herunter, sieht man, dass er mit einer schönen Prä- diese beiden von einem schwarz-rot-goldenen ich mir gemacht habe.« Der Einigungsvertrag, sagt worden sind«, sagt er. Zum Beispiel das Thema­ aus ostdeutscher denn aus westdeutscher Perspektive
ambel beginnt: Bundesrepublik und DDR hätten Bändchen zusammengehaltenen, mehrere Hun- de Mai­zière, sei natürlich ein komplizierter Vertrag. Gesundheitswesen in Artikel 33 Absatz 2. Dort sei formuliert worden.« Die Präambel, den pathetischs-
sich entschlossen, »die Einheit Deutschlands in dert Seiten dicken Stapel so aus, als seien sie noch Aber es geht auch um Völkerrecht. Um eine große geregelt, dass die Ostdeutschen erst einmal weniger ten Teil des Werks, habe übrigens die DDR-Seite
Frieden und Freiheit als gleichberechtigtes Glied nie aus­ein­an­der­ge­fal­tet worden. Aber es ist ein Sache. Auch wenn sich die DDR-Seite weder bei Geld für Medikamente zahlen müssen als West­ formuliert.
der Völkergemeinschaft in freier Selbstbestimmung schöner Moment, sie zu betrachten. Es gibt sie der Nationalhymne noch bei einem neuen Staats- deutsche. »Daran hat sich niemand gehalten«, sagt
zu voll­enden«, und zwar »ausgehend von dem wirklich, wie es die Einheit wirklich gibt. namen, noch beim Wunsch nach einer neuen Ver- Krause. Wie oft denn von dem besagten Artikel 44, Lesen Sie auch im Ressort Wissen, Seite 29:
Wunsch der Menschen in beiden Teilen Deutsch- Ich fahre zu Lothar de Mai­zière, dem ersten und fassung durchgesetzt hat: Mit völlig leeren Händen also dem Recht, gegen die Nichteinhaltung des Ver- 30 Jahre Einheit – ein Gespräch über persönliche
lands«. Kapitel 1 trägt dann aber schon den Titel: letzten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten ist sie nicht nach Hause gegangen. trages zu klagen, Gebrauch gemacht worden sei, will Erinnerungen und kollektives Gedächtnis

ANZEIGE

ADVE NTS R E IS E

Schloss Elmau
www.zeitreisen.zeit.de Lassen Sie sich in den abendlichen
Konzerten verzaubern, erleben Sie in
Mittenwald einen der schönsten
Weihnachtsmärkte Deutschlands, und
entdecken Sie das Handwerk des
Geigenbaus.
Termin: 17. – 20.12.2020
Preis: ab 1.850 €
zeitreisen.zeit.de/advent-elmau

S I LV E S T E R R E I S E

Berlin
Erleben Sie mit Musikexperte Gregor
Lütje einen musikalischen Jahres-
wechsel, mit einem Chorabend in der
Komischen Oper und einem privaten
Silvesterkonzert mit Künstlern der

Festtagsreisen
Hochschule Hanns Eisler.
Termin: 29.12.2020 – 1.1.2021
Preis: ab 1.890 €
zeitreisen.zeit.de/jahreswechsel-berlin

mit der ZEIT S I LV E S T E R R E I S E

Tromsø
Advent und Silvester in Europa In Tromsø, dem norwegischen Tor
zur Arktis, gehören Natur und Kultur
Erleben Sie mit uns einen stimmungsvollen Advent zusammen wie Wind und Meer.
und einen einzigartigen Jahreswechsel. Musika- Genießen Sie ein Neujahrskonzert in
der Eismeerkathedrale, und erleben
lische Höhepunkte und einladend geschmückte Sie eine Rentiersafari.
Straßen machen aus der Vorweihnachtszeit ein Termin: 30.12.2020 – 4.1.2021
Fest. Zum Jahreswechsel genießen Sie besondere Preis: ab 2.295 €
zeitreisen.zeit.de/silvester-tromso
Konzertabende, Opernaufführungen und Gala-Din-
ner in den schönsten Kulturstädten. Sichern Sie sich ADVE NTS R E IS E
einen der begehrten Plätze! Lütjes Lüneburg
040/32 80-455 Lauschen Sie in der Hansestadt
Lüneburg zwei Privatkonzerten,
zeitreisen.zeit.de/adventsreisen besuchen Sie eines der größten und
prachtvollsten Rathäuser Europas,
zeitreisen.zeit.de/silvesterreisen und gehen Sie auf historische
Spurensuche in Bardowick.
Termin: 8. – 11.12.2020
© Zbynek Burival/Unsplash, IGOR STUDIO, Jan Windszus Photography/Chor der Ko- Preis: ab 1.150 €
mischen Oper im Bühnenbild und in den Kostümen der Produktion »Eugen Onegin«, Regie zeitreisen.zeit.de/advent-lueneburg
Barry Kosky, belov3097/Adobe Stock, Lüneburg Marketing/ Mathias Schneider | Anbieter:
Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Buceriusstraße, Hamburg. Veranstaltet durch:
Highländer Reisen GmbH, Burgmauer 10, 50667 Köln.
Information und Buchung unter: 040/32 80-455

In Kooperation mit:

109048_ANZ_371x176_26804739_X4_ONP26 1 25.09.20 11:54


DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 POLITIK 30 Jahre Deutsche Einheit 7

Eselsbrücke,
Alexanderplatz, Alexanderplatz,
Berlin-
Berlin-Mitte, Berlin-Mitte,
Prenzlauer Berg,
1989 und 2019 1983 und 2019
1984 und 2019

Geteilte Freude
Warum es wichtig ist, dass aus der Einheit bis heute keine Einheitlichkeit wurde  VON MARTIN MACHOWECZ

E
s gibt eine hohe statistische Wahrschein- erste ehrliche Einheitsjubiläum werden: Wir feiern Interessant ist das, weil in Woidkes Worten seren Fall aber kaum interessierten. Oder es im Das Gefühl, nicht richtig mitreden zu können,
lichkeit, dass Sie, die Leserin oder der unsere selbstbewusste Verschiedenheit. zwei Gedanken stecken. Der eine: Der Osten wird schlechteren Fall sogar ausnutzten. haben die Ostdeutschen nicht exklusiv, das gibt
Leser dieses Textes, in Westdeutschland Wenn die Deutschen in den vergangenen 30 Jah- anders bleiben. Die zweite: Gerade weil er anders Schwer zu sagen, wann Phase drei begann: die es auch in Dormagen oder Ulm. Im Osten ist das
leben; dass Sie in einem westdeutschen ren den 3. Oktober gefeiert haben, war das oft kramp- bleibt, muss er mehr mitreden. Phase, in der sich eine gewisse Nachwende-­ Gefühl aber besonders verbreitet. Weil hier eine
Bundesland aufgewachsen sind. Und fig. Man habe, sagt der Soziologe Raj Kollmorgen, Und genau das passiert: Die Ostdeutschen fangen Normalität einstellte, in der das große Schweigen ganze Region der Meinung ist, zu wenig gefragt
dass Sie sich ein bisschen wundern, vielleicht auch einen fiktiven Konsens inszeniert, wollte zeigen, wie an, ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Sie ausbrach über die meisten Probleme. Spätestens zu werden.
ärgern über den, nun, Stand der deutschen Einheit. nahe wir uns schon sind. Das Ziel allen Feierns war: begegnen den Westdeutschen nicht mehr unterwür- mit dem Amtsantritt von Angela Merkel im Jahr Und was, bitte, soll daran Mut machen?
Deshalb vier Fragen zum Selbsttest: Kein Ost, kein West mehr, ein Vaterland! Das Land fig oder jammernd, sondern zunehmend forsch. Sie 2005 glaubten die Deutschen, ihre Einheit sei Dass gerade im Osten so heftig protestiert wird,
1. Irritiert es Sie, wie viele Ostdeutsche in den verwechselte Einheit mit Einheitlichkeit. fordern, was sie nie zu fordern gewagt haben. voll­endet. War Merkel nicht der Beweis? das ist zwar hart. Aber es ist auch ein Bruch mit der
vergangenen Jahren angefangen haben, ihre Wut Dass Ost und West sich annähern müssen, dass Es stimmt ja: 1990 trat die DDR der Bundes- Es war beim Einheitsjubiläumsfest von 2015 in Passivität. Das Aufbegehren brachte den Ostdeut-
auf die Straße zu tragen? Erwischen Sie sich vor allem Ost sich an West annähern müsse: Das war republik bei. Diese Republik ist Westdeutschland, der Frankfurter Paulskirche, als diese Illusion nicht schen Einfluss. Seither stehen sie im Mittelpunkt
manchmal bei dem Gedanken: Die können sich ja das zentrale Ziel seit 1990. Die Ossis sollten werden ergänzt um fünf neue Länder. Die großen Unter- mehr zu halten war. Der Osten stellte damals die der Aufmerksamkeit: Im Jahr 2020 ist es endlich
gar nicht mehr beruhigen? wie die Wessis, aber ohne deren Macht. Jetzt drehen nehmen sitzen im Westen, die Fernsehsender, die beiden wichtigsten Repräsentanten dieses Staates, unvorstellbar, dass ein westdeutscher Politiker sich
2. Schütteln Sie den Kopf über die Wahlergeb- die Ossis das um: Sie wollen nicht werden wie die wichtigen Zeitungen. Das Nettovermögen eines den Bundespräsidenten Joachim Gauck und die überhaupt nicht für den Osten interessiert. Wer
nisse in Sachsen oder Brandenburg, wo die AfD Wessis, aber Macht wollen sie schon. westdeutschen Haushalts ist zweieinhalbmal so Bundeskanzlerin. Gauck muss damals schon­ heute etwas werden will in der deutschen Politik,
Ergebnisse um die 25 Prozent erzielt? Man kann das sehr gut an einer kleinen Revolu- groß wie das eines ostdeutschen. Zweieinhalbmal! geahnt haben, dass das mit dem Verschweigen der muss nachts im Halbschlaf den Satz sagen kön-
3. Haben Sie mitunter Angst, dass da vom­ tion beschreiben, zu der es im Frühsommer 2020 Aber die Ostdeutschen merken gerade, dass sie Unterschiede künftig nicht mehr klappen würde. nen: »Wir müssen die Lebensleistungen der Ost-
Osten her etwas übers Land schwappt – eine Welle kam. In Karlsruhe stand die Wahl eines neuen Bun- dennoch etwas bewegen können. »Es gibt jetzt eine Die sogenannte Flüchtlingskrise war auf ihrem deutschen anerkennen.«
von schlechter Laune und Enttäuschung? desverfassungsrichters an, die SPD-Ministerpräsiden- ostdeutsche Erfahrung«, sagt die SPD-Frau Petra Höhepunkt. In Dresden hatte sich eine Bewegung Die ostdeutschen Ministerpräsidenten machen
4. Und insgesamt: Fragen Sie sich manchmal, ten hatten turnusgemäß das Vorschlagsrecht, und Köpping, Sachsens Ministerin für Soziales und­ namens Pegida in Marsch gesetzt. Und Gauck sprach zunehmend ihr eigenes Ding, sie sind jetzt ein kul-
warum die Ostdeutschen weiterhin so unzufrieden einige der brillantesten Juristen der Republik waren Gesellschaftlichen Zusammenhalt. »Man kann uns in seiner Rede mehr von den Flüchtlingen als von turelles und politisches Gegengewicht. In Wahr-
sind, obwohl doch seit 30 Jahren alles getan wird, ihre im Gespräch. Doch dann geschah etwas Unerhörtes: nicht ignorieren, wenn wir es nicht zulassen.« der Einheit. Er brachte sogar beides mit­ein­an­der in heit hilft das dem ganzen Land. Der Demokratie
Städte hübscher, ihre Leben glücklicher zu machen? Die ostdeutschen SPD-Regierungschefs, voran Diet- Es spricht nichts dagegen, bei allen Reibereien Verbindung. »Es gilt, wiederum und neu, die innere geht es besser, Streit wird produktiver, wenn er
Wenn Sie einige oder gar alle Fragen mit Ja beant- mar Woidke aus Brandenburg, widersetzten sich dem zunächst einen Satz dick zu unterstreichen: Die Ein- Einheit zu erringen«, sagte er, und zwar die innere gleichberechtigt geführt wird.
worten können, müssen Sie sich nicht schämen. Es üblichen Verfahren. heit ist ein Glück für Deutschland, das finden die Einheit im Umgang mit den Migranten. Das wird anstrengend genug. Bei der Bundes-
wird die meisten Ostdeutschen nicht wundern, auch Dazu muss man wissen, dass von den 16 Bundes- Menschen in Ost und West in überwältigender Mehr- Man muss heute nicht mehr lange erzählen, tagswahl 2017 stammten gleich drei Spitzenkandi-
nicht den ostdeutschen Autor dieses Textes. »Wir« im verfassungsrichtern kein einziger aus dem Osten heit. Es gibt so gut wie niemanden, der sich ernsthaft was danach geschah: Der Protest gegen die Flücht- daten großer Parteien aus dem Osten. Die Bun-
Osten wissen, dass »Sie« im Westen irritiert sind. Dass stammte, seit 1990 nicht. Weshalb erst Woidke, dann die Teilung zurückwünschen würde. Aber es gab ver- lingspolitik der Bundesregierung schwoll zuerst im destagswahl 2021 wird die westdeutscheste seit
Sie dachten, »wir« alle wären weiter, gleicher. auch Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpom- schiedene Phasen des deutsch-deutschen Verständ- Osten immer weiter an. Die AfD schaffte es in zwei Jahrzehnten sein. Als wäre es ganz selbstver-
Aber jetzt sieht man, dass es anders ist, dass es mern und bald parteiübergreifend alle ostdeutschen nisses, mindestens vier: sämtlichen Ostländern, zweitstärkste Kraft in den ständlich, dass nach der Ost-Kanzlerin ganz lange
immer anders war. All das Zornige und Trotzige Ministerpräsidenten vehement darauf bestanden, 1990, als der Osten selbst mit aller Kraft wie Landtagen zu werden, aber sie hatte auch im Wes- gar nichts mehr kommen muss.
der Ostdeutschen in den vergangenen Jahren war dass nun ein Ossi an der Reihe sei. der Westen werden wollte, gab es eigentlich nur ein ten Erfolge. Der Osten begehrte auf, weil viele Werden die nächsten 30 Jahre also etwa noch mal
Teil einer Eman­zi­pa­tion. Es ist kein Rückschritt, Am Ende wurde Ines Härtel, geboren 1972 in Gefühl: Euphorie. Ostdeutsche das Gefühl hatten: Hier wird eine genauso stressig? Kann schon sein. Mit der neuen
kein Wiederaufreißen alter Wunden. Die Wunden Staßfurt, neue Bundesverfassungsrichterin; eine, mit Doch schon 1991, spätestens 1992/93, begann Politik eta­bliert, die wir nicht wollen. deutschen Souveränität lässt sich das aber leichter
waren nie zu. Es ist, im Gegenteil, ein Ende des der niemand gerechnet hatte. »Ostdeutsche Lebens- die lange Zeit des Missverstehens. Die Ostdeut- Doch verschwand die AfD auch nach der ertragen: Man lässt die andere Hälfte sein, wie sie
Selbstbetrugs eingeläutet: Die Deutschen tun erfahrung muss neben der juristischen Expertise auch schen erlebten, dass die Jobs wegbrachen, dass die Flüchtlingskrise nicht wieder. Sie ist seither immer ist – selbst wenn man’s manchmal irre findet.
nicht mehr so, als wären sie gleich und würden an diesem Gericht in die Beurteilung von Rechts- Einheit enorme Härten hatte – und dass die West- größer geworden. Weil die AfD für mehr steht als
immer gleicher. Der 3. Oktober 2020 könnte das fragen eingehen«, sagte Woidke. deutschen das alles zwar sahen, sich dafür im bes- Migra­tions­kritik, eben für den Zweifel am System:  www.zeit.de/vorgelese

ANZEIGE

Kleine Preise statt


großer Worte.
Wählen Sie aus mehr als 600 modischen Fassungen:

17,50 €
Brille in Ihrer Stärke
Einstärkengläser, 3 Jahre Garantie.

17,50 €
Sonnenbrille in Ihrer Stärke
Einstärkengläser, UV-Schutz, 3 Jahre Garantie.

65,00 €
Hochwertige Gleitsichtbrille
Gleitsichtgläser, 3 Jahre Garantie.

Jetzt online
Termin vereinbaren.
fielmann.de/termin

fielmann.de

Brille: Fielmann. Internationale Brillenmode zum garantiert günstigen Fielmann-Preis. Mehr als 750x in Europa. Fielmann gibt es auch in Ihrer Nähe. fielmann.de
8 POLITIK 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

»Wir wollen
Migration stoppen«
Kann man die Aufnahme von Flüchtlingen ablehnen und trotzdem solidarisch sein? Ungarns Justizministerin
Judit Varga über den Preis von Zäunen und die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit

Judit Varga, 40, ist seit Juli 2019 ungarische Justiz-


ministerin und zugleich verantwortlich für die
Varga: Der Ton aus Brüssel hat sich verändert. Wir
sprechen jetzt über Dinge, die bislang tabu waren:
steigen und sein Leben riskieren. Das wäre ein
echter Durchbruch! Aber solange wir immer noch
ZEIT: Ein anderes Thema, für das Ihr Land immer
wieder kritisiert wird, ist die Rechtsstaatlichkeit. Wie hoch ist der
Beziehungen zur Europäischen Union. Die Juris-
tin war als Erasmus-Studentin in Nürtingen, in
Wie können wir Menschen, die kein Recht haben
hierzubleiben, schneller abschieben? Wie können
über Quoten diskutieren, dürfen wir uns nicht
wundern, wenn Menschen weiterhin versuchen,
Sie selbst haben kürzlich gesagt, Rechtsstaatlich-
keit sei »kein klares, greifbares Konzept«. Preis für die
Ungarn Gerichtsreferendarin, später hat sie neun wir besser mit den Herkunftsländern kooperieren? auch illegal hierherzukommen. Varga: Können Sie denn Rechtsstaatlichkeit de­
Jahre lang in Brüssel gelebt und dort für verschie-
dene ungarische Europaabgeordnete gearbeitet.
ZEIT: Was ist daran neu? Über Abschiebungen
wird seit Jahren diskutiert.
ZEIT: Die Kommission hat ausdrücklich auf ver-
bindliche Quoten für die Aufnahme von Flücht-
finieren?
ZEIT: Zu einem Rechtsstaat gehören etwa die Ge-
Einigkeit der EU?
Varga: Das stimmt, aber nun rücken diese Fragen lingen verzichtet. Nur in extremen Ausnahme­ waltenteilung, eine unabhängige Justiz, der Schutz
DIE ZEIT: Ministerin Varga, was dachten Sie, als in den Mittelpunkt. Dafür haben wir uns immer situationen, so sieht es der Vorschlag vor, könnten vor staatlicher Willkür. Kritiker fürchten, dass
vor einigen Wochen das Flüchtlingslager in Moria eingesetzt. Länder doch verpflichtet werden. Varga: Ja, aber es gibt keine klare Definition. Und das Asylrecht ausgehöhlt wird
brannte? ZEIT: Sie sprechen fast ausschließlich über­ Varga: Eine Quote ist eine Quote, wir sollten sie die Elemente, die einen Rechtsstaat ausmachen,
Judit Varga: Jeder, der diese Bilder sah, hatte Mit- Migranten. Was wird aus den Menschen, die auch nicht durch die Hintertür einführen. finden in unterschiedlichen Ländern unterschied-

I
leid mit den leidenden Menschen. liche Ausprägungen. Die meisten n der vergangenen Woche, kurz bevor
ZEIT: Zahlen die Menschen dort Rechtsstaaten haben zum Beispiel EU-Kommissionspräsidentin Ursula von
und in anderen Lagern den Preis ein Verfassungsgericht, aber nicht der Leyen in Brüssel ihren »Asyl- und
dafür, dass die EU sich nicht auf alle. Diese Vagheit gehört zum Mi­gra­tions­pakt« vorstellte, meldete sich in
eine gemeinsame Asyl- und Mi- Wesen der Rechtsstaatlichkeit. Berlin ein unscheinbarer Ministerialbeamter
grationspolitik verständigen kann? ZEIT: Wollen Sie sagen, es gibt zu Wort: Thomas Zahneisen, der Beauf-
Varga: Unser Standpunkt ist seit gar keine gemeinsamen Standards, tragte für humanitäre Hilfe im Auswärtigen
Langem bekannt. Wir sollten uns und deshalb kann man auch nicht Amt. Er sprach in einer Runde von Exper-
auf die externen Dimensionen der feststellen, ob ein Land gegen die ten über Syrien. Dort drohe demnächst eine
Migrationspolitik konzentrieren Rechtsstaatlichkeit verstößt? Nahrungsmittelkrise. Würden die Hilfs-
und vor allem die Fluchtursachen Varga: Doch, man kann über die- maßnahmen nicht zügig aufgestockt, müss-
bekämpfen. Wir müssen Hilfe se Standards diskutieren, auch in ten die täglichen Essensrationen für die­
dorthin bringen, wo die Probleme der EU. Aber das ist Sache der Bevölkerung im Norden des Landes um
entstehen, statt umgekehrt die Mitgliedsstaaten, nicht der Kom- 1000 Kilokalorien gekürzt werden. Andere
Probleme nach Europa zu brin- mission. Sie müssen das letzte Experten bekräftigten Zahn­ eisens Sorge:
gen. Wenn uns das gelingt, wird es Wort haben. So sieht es das be- Die Corona-Pandemie und die jüngsten
kein weiteres Moria geben. Wenn stehende Rechtsstaatsverfahren ja US-Sanktionen hätten die Notlage ver-
es dort erst einmal brennt, ist es zu auch vor. schärft. Es mangele an sauberem Trink­
spät. ZEIT: Die Kommission ist die wasser. Und vor den Krematorien bildeten
ZEIT: Wer trägt die Verantwor- Hüterin der Verträge. sich Schlangen.
tung dafür, dass es in Moria über- Varga: Aber die Europäischen Ver- Gut sechseinhalb Millionen Syrer sind be-
haupt so weit kommen konnte? träge erlauben der Kommission reits aus ihrem Land geflohen, weltweit sind
Die Zustände dort waren seit Lan- nicht, die Rechtsstaatlichkeit der laut UN-Angaben rund 80 Millionen Men-
gem katastrophal. Mitgliedsländer zu analysieren. schen auf der Flucht – mehr als je zuvor seit
Varga: Migration ist eine Heraus- Gegen den Widerstand von Un- 1950. Die Bereitschaft der EU-Staaten,
forderung für die ganze Europäi- garn und Polen haben sie es trotz- Schutzsuchende aufzunehmen, ist hingegen
sche Union – schon seit Jahrzehn- dem getan ... an einem Tiefpunkt angelangt; Asyl- und Mi­
ten! Wir müssen uns deshalb end- ZEIT: Im Auftrag der anderen 25 gra­tions­po­li­tik sind seit Jahren umstritten. Der
lich darüber klar werden, welches EU-Staaten. neue »Pakt« der Kommission soll die zerstrit-
Ziel wir verfolgen: Wollen wir Varga: Bitte lesen Sie, was die­ tenen Lager nun endlich zusammenbringen.
Einladungskarten in die ganze zuständige Vizepräsidentin der Allerdings zu einem hohen Preis, fürchten
Welt verschicken, oder senden wir Kommission, Vera Jourová, gera- Kirchen, Anwälte und Hilfsorganisationen. Als
die klare Botschaft, dass es keinen de in einem Interview dem Spiegel »radikale Abkehr von europäischen Grund-
Weg nach Europa gibt, von weni- gesagt hat: Viktor Orbán baue werten und Prinzipien des international ver-
gen Ausnahmen abgesehen. »eine kranke Demokratie auf«. ankerten Flüchtlingsschutzes« bezeichnen
ZEIT: Das Ziel der Migrationspo- Wie kann die Vizepräsidentin es Mi­gra­tions­for­scher um den deutschen Öko-
litik soll also sein, Migration zu wagen, so etwas zu sagen, wenn sie nomen Herbert Brücker die Vorschläge der
verhindern? doch als unabhängige Hüterin der EU-Kommission.
Varga: Wir wollen nicht, dass Eu- Verträge spricht? Mit dieser Aus- Einer der zentralen Kritikpunkte betrifft
ropa ein Zuwanderungskontinent sage verstößt sie gegen die Werte die Rechtsstaatlichkeit der Asylverfahren:
wird. Es geht aus unserer Sicht der EU und ihre Pflicht zum Dia- Künftig sollen Asylbewerber mit eher geringen
nicht darum, Migration zu bewäl- log. Das ist vollkommen inakzep- Chancen auf einen Schutzstatus in sogenann-
tigen, wir wollen sie stoppen. An- tabel, sie macht Politik und belei- ten beschleunigten Grenzverfahren abgefertigt
dere Länder mögen das anders se- digt mein Land. Wir erwarten, werden. Anwälte warnen, eine ordentliche
hen, etwa weil sie zusätzliche Ar- dass die Vizepräsidentin zurück- Einzelfallprüfung, die das EU-Recht eigentlich
beitskräfte brauchen. Wir respek- tritt. vorsieht, sei in solchen Schnellverfahren fak-
tieren das, aber wir möchten, dass ZEIT: Im Juli haben die Staats- tisch unmöglich. Zudem würde es künftig
auch unsere Position respektiert und Regierungschefs festgehalten, schwerer, gegen einen negativen Asylbescheid
wird. Das ist der Kern des Kon- dass die Vergabe von EU-Geld zu klagen – obwohl viele Asylentscheidungen
flikts: Jedes Land muss souverän künftig an die Einhaltung der fehlerhaft sind.
entscheiden können. 2015 sollten Rechtsstaatlichkeit geknüpft wer- Tatsächlich haben die Menschen in den
wir gegen unseren Willen dazu ge- den soll. Nun muss der Beschluss Flüchtlingslagern an Europas Außengren-
zwungen werden, Menschen auf- umgesetzt werden, Deutschland zen schon jetzt kaum Zugang zu Anwälten
zunehmen. Dieser Versuch ist ge- hat gerade einen Vorschlag dazu oder Rechtsberatung. Auch mit Blick auf
scheitert und darf nicht wieder- gemacht. Sind Sie damit einver- den künftigen Grenzschutz fürchten Kriti-
holt werden. standen? ker, dass die Rechte der Asylsuchenden wei-
ZEIT: In Mitteleuropa lebten Varga: Die Schlussfolgerungen des ter beschnitten werden könnten. Der
Foto (Ausschnitt): Arpad Kurucz

jahrhundertelang verschiedene Europä­ischen Rats sind eindeutig: Grenzschutz soll nach den Plänen der Kom-
Kulturen, Ethnien, Religionen zu- Sie sehen einen solche Konditio- mission kräftig aufgestockt werden. Doch
sammen. Warum wehren sich nalität nicht vor. Die finanziellen schon heute haben Menschenrechtsorgani-
heute ausgerechnet Ihr Land Un- Interessen der EU sollen geschützt sationen, aber auch die EU-Grenzschutz-
garn, Tschechien und Polen, ge- werden, etwa gegen Korruption. agentur Frontex zahlreiche gewaltsame
gen jede Form von Zuwanderung? Das unterstützen wir. Aber die Übergriffe von nationalen Grenzbeamten
Varga: Weil wir heute eine ganz Schlussfolgerungen stellen keinen auf Flüchtlinge dokumentiert: Tritte, Schläge
andere Situation haben. Das gilt »Sie beleidigt mein Land.« Ungarns Justizministerin Judit Varga Zusammenhang zwischen der oder Attacken mit Pfefferspray. In Einzel-
für das Ausmaß und die Ge- fordert den Rücktritt der EU-Vizepräsidentin Vera Jourová Auszahlung von Haushaltsmitteln fällen wurden Schutzsuchende sogar von
schwindigkeit der Zuwanderung, und den Fragen der Rechtsstaat- Grenzpolizisten erschossen.
auch die kulturellen Unterschiede lichkeit her. Die Europäischen Ob die Vorschläge der Kommission an
sind heute viel größer als in ver- Verträge definieren eindeutig die der humanitären Notlage in Flüchtlings­
gangenen Jahrhunderten. Kein Land in Europa vor Krieg oder Verfolgung fliehen müssen? ZEIT: Also bleiben die Mittelmeerländer mit den bestehenden Rechtsstaatsinstrumente. Die Schaf- lagern wie denen auf den griechischen In-
kann diesem Druck standhalten. Und anders als Varga: Für Flüchtlinge gelten die Genfer Flücht- Flüchtlingen allein. In Ungarn wurden in den ers- fung neuer Instrumente würde eine implizite Ver- seln etwas ändern können, ist ebenfalls
früher, als fremde Invasoren und Völker durch Un- lingskonvention und das europäische Recht. Wer ten sechs Monaten dieses Jahres 65 Asylanträge ge- tragsänderung bedeuten. Pacta sunt servanda – zweifelhaft. Im Großen und Ganzen ähneln
garn zogen, können wir heute selbst darüber ent- einen Anspruch auf Schutz hat, muss diesen stellt; in Zypern waren es 3835. Ist das fair? man muss seine vertraglichen Pflichten einhalten. die Vorschläge den Lager-Modellen der ver-
scheiden, mit wem wir zusammenleben wollen – Schutz bekommen. Varga: Wir werden seit Jahren stigmatisiert, weil Man kann die Rechtsstaatlichkeit nicht schützen, gangenen Jahre, die selten funktionierten
oder ob wir in Parallelgesellschaften enden. In vie- ZEIT: Also werden auch künftig Flüchtlinge nach wir nicht solidarisch seien. Aber es gibt unter- indem man gegen das Grundprinzip der Rechts- und häufig gegen EU-Richtlinien verstie-
len westeuropäischen Ländern ist es für eine solche Europa kommen? schiedliche Formen der Solidarität. Fast 1000 un- staatlichkeit verstößt. ßen. Hinzu kommt die Frage, ob sich die
Entscheidung schon zu spät. Österreich hingegen Varga: Ja, wenn ihr Asylantrag gerechtfertigt ist garische Soldaten nehmen etwa an friedenserhal- ZEIT: Die meisten Mitgliedsstaaten, auch die EU-Mitgliedsstaaten überhaupt noch an
vertritt eine ganz ähnliche Meinung wie wir. und sie nicht aus einem sicheren Drittstaat­ tenden Missionen der EU, der UN oder der Nato Mehrheit der Europaabgeordneten, sehen das an- Regeln halten, sobald der Mi­gra­tions­druck
ZEIT: Die EU-Kommission hat gerade ein neues, kommen, haben sie einen solchen Anspruch. teil. Oder denken Sie an den Grenzzaun, den wir ders. Der Beschluss der Staats- und Regierungs- steigt. Die New York T ­ imes berichtete kürz-
überarbeitetes Asyl- und Migrationskonzept vor- Aber nur dann. gebaut haben. Von diesem Grenzschutz profitieren chefs ist eben nicht eindeutig, und Ihr Minister- lich, die griechische Küstenwache habe al-
gelegt. Wenn niemand mehr herkommen soll, ZEIT: Was bedeutet das für eine Syrerin, die zu- auch die anderen europäischen Länder, trotzdem präsident hat ihn mit unterschrieben. lein seit März 2020 rund tausend Flücht-
wofür braucht die EU dann überhaupt noch eine nächst in den Libanon oder in die Türkei flieht? wurden die Kosten für den Zaun nicht von der EU Varga: Die Staats- und Regierungschefs haben­ linge und Mi­gran­ten einfach in der Ä ­ gäis
gemeinsame Flüchtlings- und Migrationspolitik? Sie hätte nach ihren Vorstellungen keine Chance, übernommen. Solche Zäune gibt es übrigens an einen sensiblen Kompromiss gefunden. Wir sind abgedrängt – gegen geltendes Recht.
Varga: Gute Frage, wir drängen nicht darauf. Aber in Europa Asyl zu bekommen. vielen EU-Außengrenzen; wir sind die Einzigen, nicht diejenigen, die diesen Kompromiss infrage Ihr erklärtes Ziel, die Zahl der Flücht-
als europäisches Land sind wir immer bereit, zu- Varga: Wichtig ist das Prinzip: Flüchtlinge müssen die dafür kritisiert werden. stellen. Das tun jene sparsamen Mitgliedsstaaten, linge und Migranten nach Europa deutlich
sammenzuarbeiten und uns solidarisch zu verhal- ihren Asylantrag in dem ersten sicheren Land stel- ZEIT: Die Kommission hat vorgeschlagen, dass die die wirtschaftliche Erholung Europas nie wirk- zu beschränken, hat die EU auch so bereits
ten. Obwohl Ungarn kein reiches Land ist, geben len, das sie erreichen. Länder, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, lich unterstützt haben. Wer auf einem Rechts- erreicht: Kamen 2015 noch mehr als eine
wir viel Geld für internationale Hilfsprogramme ZEIT: Und wie wollen Sie sicherstellen, dass nur die Verantwortung für die Abschiebung von ab­ staatsvorbehalt besteht, gefährdet den ganzen Million Asylsuchende in die EU, waren es
aus. Außerdem haben wir mehr als eine Milliarde noch Flüchtlinge nach Europa kommen, die be- gelehnten Asylbewerbern übernehmen könnten. Haushaltskompromiss und das Zustandekommen 2018 noch rund 140.000 – und im Jahr
Euro investiert, um die ungarische und damit auch reits einen Anspruch auf Asyl haben? Wäre das für Ungarn akzeptabel? eines historischen Hilfspakets. 2020 bislang 58.000. Aus Syrien haben es
Europas Außengrenze zu schützen. Varga: Alle Asylanträge sollten außerhalb der EU Varga: Es ist zu früh, das zu sagen. Der Teufel von Januar bis August dieses Jahres laut UN-
ZEIT: Sind die Vorschläge der Kommission aus entschieden werden, in Transitzonen oder Hot- steckt im Detail, und wir stehen ganz am Anfang Die Fragen stellte Angaben nur wenige Tausend Flüchtlinge
Ihrer Sicht denn diskutabel? spots. Dann bräuchte niemand mehr in Boote von sehr schwierigen Verhandlungen. Matthias Krupa nach Europa geschafft. CATERINA LOBENSTEIN
DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 POLITIK 9

Hinter den Nachrichten

Libanon:
Premier gesucht
Warum ist das
Land unregierbar?
Alles sollte anders werden: Nach der Explosion in

Foto: ­[M] Defence Ministry of Armenia/Handout/Reuters


Beirut im August und dem Rücktritt der Regie-
rung drängte die einstige Kolonialmacht Frank-
reich auf eine schnelle Regierungsneubildung und
Reformen. Überraschend schnell einigten sich die
Regierungsparteien auf einen Premierminister in
spe: Mustapha Adib, bislang Botschafter in Berlin.
Er sollte ein Kabinett von Technokraten bilden
und die Korruption bekämpfen. Am Wochen-
ende gab er auf. Was in Beirut gerade kollabiert,
ist der Rest der demokratischen Fassade des Liba-
non. Das Land wird nicht mehr regiert, es wird
beherrscht und ausgenommen.
Auf den ersten Blick scheiterte Adib am Streit
Die armenische Armee wird von Russland unterstützt um den Posten des Finanzministers. Zuletzt war
das stets ein schiitischer Muslim von der Amal-
Bewegung, dem wichtigsten Verbündeten der

Gefechte um Bergkarabach
mächtigen Miliz und Partei Hisbollah. Der
französische Reformplan sah vor, dieses Spitzen-
amt künftig auch mit Kandidaten anderer Par-
teien zu besetzen. Das Lager um Hisbollah
wertete das als Angriff – und ließ die Regierungs-

Worum wird im Kaukasus gekämpft? bildung platzen.


Daran wird deutlich, wer das Land wirklich
lenkt. Nicht der Premier und seine Minister,

D
sondern die Patrone der Konfessionsgruppen, die
den Libanon ausmachen. Hisbollah-Chef Hassan
er Streit zwischen Arme- setzten armenische Milizen Bergkarabach und und der Türkei. Die Präsidenten Wladimir Putin in die Türkei. Dank der Türkei ist Aserbaidschan Gas- Nasrallah ist einer von ihnen. Das politische
nien und Aserbaidschan sieben weitere Regionen von Aserbaidschan. und Tayyip Erdoğan inszenieren sich als gute lieferant für Europa, dank Baku wird Ankara zur System des Libanon ist auf sie zugeschnitten. Par-
über Bergkarabach galt bis Bergkarabach erklärte sich für unabhängig. Im Freunde, aber wie bei vielen Konflikten, ob in Sy- Drehscheibe für Rohstoffe. Im August haben die lamentssitze und Staatsämter werden nach kon-
vor Kurzem als »eingefro- Krieg gegen Aserbaidschan Anfang der 1990er- rien oder Libyen, stehen sie auch hier auf unter- Türkei und Aserbaidschan gemeinsame Manöver fessionellen Quoten besetzt; der Präsident muss
rener Konflikt«. Der Krieg Jahre waren die Armenier die Stärkeren. schiedlichen Seiten. Russland unterhält in Arme- abgehalten. In den vergangenen Monaten soll die Christ sein, der Premier Sunnit, der Parlaments-
zwischen beiden Ländern Heute sind die Kräfteverhältnisse vertauscht, nien zwei Militärbasen, auf denen mindestens Türkei Aserbaidschan Kampfdrohnen aus heimischer sprecher ­Schiit. Aus den Staatsgeldern versorgt
südlich des Kaukasus ist und das ist der Hauptgrund für den neuen Krieg. 3500 russische Soldaten stationiert sein sollen, so- Produktion geliefert haben. Die Bayraktar TB-2 jeder seine Klientel – und bereichert sich.
30 Jahre her, danach blieb es mal mehr, mal we- Armenien ist ein wirtschaftlich ausgeblutetes wohl Heeres- als auch Luftstreitkräfte. Die Arme- kommt auch schon in Libyen zum Einsatz. So geschröpft, steht der Staat vor dem Bank-
niger ruhig, obwohl in der Sache nichts gelöst Land, aus dem viele auswandern. Aserbaidschan nier werden mit Wirtschaftshilfe, Krediten und Putin aber hat kein Interesse an einer Eskala­tion rott. In weniger als einem Jahr dürften dem Liba-
war. Doch am vergangenen Wochenende began- wurde dank der Öl- und Gasvorkommen am mit Waffen unterstützt. In diesem Sommer hielten des Konflikts. Er mag an der Seite Armeniens stehen, non die Devisen für lebenswichtige Einfuhren
nen armenische und aserbaidschanische Soldaten Kaspischen Meer zum reichen Petrostaat, die russische und armenische Soldaten Militärmanö- doch er pflegt auch den Kontakt zu Baku, Alijew ausgehen. Der Großteil der Bürger ist diesen
wieder aufeinander zu schießen, mit Gewehren, Hauptstadt Baku hat sich als kaspisches Dubai ver nahe der türkischen Grenze ab. besucht Russland mindestens zweimal im Jahr, er Sommer in die Armut abgerutscht. Nur Geld aus
Panzern, mithilfe von Helikoptern, Drohnen herausgeputzt. Zwischen 2009 und 2018 gab Ganz anders bei Tayyip Erdoğan. Zu Armenien kauft viele russische Waffen. Seit Ausbruch der Feind- dem Ausland kann noch helfen. Doch Geber
und Flugzeugen. Beide Seiten rühmen sich, viel Aserbaidschan laut dem Stockholmer Sipri-­ unterhält die Türkei keine Beziehungen, man streitet seligkeiten mit ebendiesen Waffen ruft die russische knüpfen Hilfe an Reformen – und für die bräuch-
militärisches Gerät des Gegners zerstört zu ha- Institut knapp 24 Milliarden Dollar für Rüstung über den Völkermord an den Armeniern von 1915 Regierung beide Seiten zur Zurückhaltung auf. te es eine neue Regierung, die die Herrschenden
ben. Es gibt Tote und Verletzte. Warum? aus, Armenien kam in derselben Zeit auf gut vier durch Einheiten des Osmanischen Reichs. Die Tür- Das wird aber nicht ausreichen. Am Südkaukasus blockieren. Ihre eigenen Vermögen haben sie
Bergkarabach ist Schauplatz zweier alter Kon- Milliarden. Aserbaidschan will die Kriegsergeb- kei beschuldigt die Armenier scharf und eindeutig, prallten früher schon das Osmanische, das russische längst außer Landes geschafft. Frankreichs Prä-
flikte – um Land und um Einfluss in der Region. nisse von 1991 umkehren. Doch weil Bergkara- den neuerlichen Kriegsausbruch verursacht zu haben. und das persische Reich zusammen. Es war auch stets sident Emmanuel Macron sagte nach dem Schei-
Als die Sowjetunion Ende der 1980er-Jahre von bach und die Nachbarregionen in armenischer Dagegen hält Erdoğan zu seinem Freund Ilcham die Grenze zwischen den Christen im Norden und tern der Regierungsbildung, er »schäme« sich für
innen zerfiel, begannen Aserbaidschan und Ar- Hand sind, will Armenien, dass alles so bleibt, Alijew, dem Präsidenten von Aserbaidschan. Die den Muslimen im Süden und Osten. Entschärfen Libanons Führungsfiguren. Und räumte ihnen
menien offen über Bergkarabach zu streiten. Die wie es ist. beiden können sich ohne Übersetzer unterhalten. lässt sich der Konflikt nur, wenn Russland und die noch einmal sechs Wochen Zeit ein. Vielleicht
Bevölkerung war mehrheitlich armenisch, die Wer sich am Ende durchsetzt, hängt auch Wirtschaftlich hängen sie voneinander ab: Von Baku Türkei gemeinsam auf Deeskalation setzen. Danach regiert dann ein neuer Premier. Mit Sicherheit
Region gehörte aber zu Aserbaidschan. 1991 be- von zwei größeren Mächten ab, von Russland führen wichtige Öl- und Gaspipelines über Georgien sieht es derzeit nicht aus.  MICHAEL THUMANN herrscht der Hunger. LEA FREHSE

ANZEIGE

Tarifkampf bei
Bus und Bahn
Darf man trotz Corona
streiken, Herr Eichelmann?
DIE ZEIT: Herr Eichelmann, Sie arbeiten in man weniger verdient. Aber wenn man Miete und
Berlin als Straßenbahnführer. andere Fixkosten abzieht, wird es schon eng. Mei-
Roger Eichelmann: Straßenbahnfahrer. ne Geschwister arbeiten bei Aldi als Kraftfahrer,
ZEIT: Straßenbahnfahrer. Wie sieht Ihr Arbeits- die haben mehr in der Hand als ich.
tag aus? ZEIT: Macht Ihr Job Spaß?
Eichelmann: Heute hat meine Schicht um 3.47 Eichelmann: Das Fahren macht Spaß. Aber der
Uhr angefangen, mit einem Alkoholtest, das wird Stress hat zugenommen. Als ich vor 20 Jahren
bei uns immer so gemacht. Das heißt: Ich muss angefangen habe, gab es viel weniger Verkehr,
um zwei zu Hause losfahren. Mein Betriebshof ist viel weniger Fahrgäste. Da hatte man an der
in Berlin-Weißensee. Heute war ich auf den Li­ Endstation schon einmal 20 Minuten Pause, be-
nien 50 und M1 eingesetzt. Um 12.21 Uhr hatte vor man wieder zurückgefahren ist. Heute kom-
ich Feier­abend. Ich fahre in der Regel von Montag men wir im Schnitt auf acht bis zehn Minuten –
bis Freitag, alle fünf Wochen kommt ein Samstag und wenn man mit Verspätung unterwegs ist,
dazu. Viele meiner Kollegen arbeiten sechs Tage wird das von der Pausenzeit abgezogen.
und haben dann zwei Tage frei, über Wo­chen­ ZEIT: Ist das anstrengend?
enden und Feiertage hinweg. Eichelmann: Die Leute sagen immer: Mit der
ZEIT: Sie haben sich diese Woche an den Warn- Bahn durch die Stadt fahren, das kann doch nicht
streiks beteiligt. Die Gewerkschaft ver.di will einen so schwer sein. Aber für uns Fahrer ist das eine psy-
bundesweiten Tarifvertrag für den Nahverkehr, im chische Belastung. Stellen Sie sich vor, Sie fahren
öffentlichen Dienst werden 4,8 Prozent mehr mit dem Auto sieben oder acht Stunden in den
Lohn gefordert. Können Sie verstehen, wenn ge- Urlaub. Da sind Sie ziemlich platt. Das machen
sagt wird: In der Krise müssen alle zurückstecken, wir jeden Tag – und zwar nicht auf der Autobahn,
jetzt ist nicht die Zeit dafür? sondern quer durch die Stadt. Das heißt: Fuß-
Eichelmann: Nein. Es müssen auch nicht alle gänger, die plötzlich auf die Gleise laufen, Fahr-
zurückstecken, viele haben trotz Krise gut ver- radfahrer, die sich vorbeischlängeln. Eine Straßen-
dient. Unsere Forderung ist nicht unverschämt, da bahn hat den doppelten Bremsweg eines Autos,
muss niemand morgen den Laden dichtmachen. und Sie können auch nicht einfach mal auswei-
Die Arbeitgeber wollen sich nicht mit uns an den chen. Und es kommt auch vor, dass es zwischen
Tisch setzen. Da muss man reagieren. Fahrgästen Streit gibt – die Spätschicht geht
ZEIT: Die Arbeitgeber im öffentlichen Dienst manchmal bis 4.30 Uhr am Morgen.
sind die Länder und die Kommunen – also der ZEIT: Was tun Sie dann?
Staat. Es bleibt dann womöglich weniger Geld Eichelmann: Man vermeidet es, die Fahrerkabine
für Schwimmbäder oder Schulen. zu verlassen. Wenn aber ein Fahrgast klopft und
Eichelmann: Das Argument ist an den Haaren sagt, ich werde angepöbelt, muss man reagieren.
herbeigezogen. Das Problem ist doch, dass das Mir hat schon mal jemand gedroht, er werde mich
Geld nicht ankommt. Das sehe ich an der Schule abstechen. Ich konnte ihn aber dazu bringen, dass
meiner drei Jungs. Meine Meinung: Es gibt in der er die Bahn verlässt. Er hat dann gesagt, er kommt
Politik zu viel Verschwendung. Wir wollen für zum Betriebshof und sticht mich da ab. Das ist
unsere Arbeit nur ordentlich bezahlt werden. aber zum Glück nicht passiert.
ZEIT: Was verdient ein Straßenbahnfahrer?
Eichelmann: Wenn man als Fahrer neu eingestellt Roger Eichelmann ist 47 Jahre alt und
wird, kommt man auf 2698 brutto. Dazu kom- Straßenbahnfahrer in Berlin
men dann je nach Lage Schichtzulagen oder Feier-
tagsaufschläge. Es gibt sicher auch Jobs, bei denen Die Fragen stellte Mark Schieritz
10 POLITIK 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

Alles
Lebendmasse Die Sprache der Tiernutzung kaschiert
die brutale Industrie dahinter – eine Wortkunde  VON MERLIND THEILE

I
m Laufe der Zeit hat der Tiere essende Tier- oder Umweltschutzes«. In der Regel ist damit Komfort im Stall, der: K. klingt nach »Luxus«, in Tierkörperbeseitigungsanlage, die: Gewerbebe-
Mensch eine Wirklichkeit erschaffen, die die => Nottötung aller Tiere auf einem Hof ge- der Praxis verbergen sich hinter dem Begriff aber trieb, in dem diejenigen Tierkörper verwertet oder
erfolgreich verbirgt, dass er Tiere isst. Das meint, etwa im Fall einer Seuche. Die Fachsprache lediglich Maßnahmen zur Verhinderung von Krank- entsorgt werden, die für die menschliche Ernährung
Fleisch, das in den Theken und schließlich kennt noch weitere Begriffe zur Umschreibung des heiten, zum Beispiel Gummimatten für Kühe. Als nicht geeignet sind, darunter => Schlachtabfälle und
auf dem Teller liegt, erinnert in seinen abs- Tieretötens, zum Beispiel die »letale Entnahme« von Wiederkäuer müssen Kühe viel liegen. Da sie in den durch Krankheiten oder Schadstoffe kontaminierte
trakten Formen nicht an die Lebewesen, zugewanderten Wölfen oder das »Keulen«. meisten Ställen auf harten Betonböden gehalten Tiere, die als ökonomisch unbrauchbar gelten.
von denen es stammt. Für Milch- und Ei- werden, neigen sie zu Gelenkkrankheiten. Der so-
produkte gilt dasselbe. Eine ganze Infrastruktur ist Ferkelschutzkorb, der: Unter den Bedingungen genannte K. dient in erster Linie dazu, Veterinär- Tierwohl, das: In der Fachliteratur wird T. als Über-
darauf angelegt, zu verschleiern, dass man Tiere, um der weithin üblichen Stallhaltung werden Ferkel in kosten zu reduzieren. setzung von »animal welfare« verwendet. Das Bundes-
sie zu nutzen, einsperren und letztlich töten, der => Abferkelbucht mitunter von der Muttersau landwirtschaftsministerium (BMEL) wirbt in jüngster
schlachten, zerteilen muss. Die meisten sogenann- erdrückt. Da tote Ferkel für den Schweinezüchter kupieren: In der Landwirtschaft umschreibt k. Zeit verstärkt mit dem Begriff: Mithilfe verschiedener
ten Nutztiere leben in Ställen abseits der Städte, und unrentabel sind, ist es gängige Praxis, die Sau in der den Vorgang, Schweinen den Ringelschwanz ab- Maßnahmen soll das T. in den Ställen »verbessert«
auch ihr Sterben findet nicht öffentlich statt. Das mehrwöchigen Phase des Säugens in einem soge- zuschneiden beziehungsweise Geflügeltieren den werden. Im mittlerweile gängigen Sprachgebrauch
System beruht auf Distanz. Und dieser Distanz nannten F. zu fixieren, der also eigentlich ein Sauen- Schnabel zu kürzen. Bei Ferkeln, die jünger als wird mit T. das »Wohlergehen« des Tiers assoziiert.
dient auch die Sprache. käfig ist. Er misst rund 200 mal 70 Zentimeter und vier Tage sind, darf der Eingriff ohne Betäubung Tatsächlich hat der Begriff jedoch keine zwingend
Einen Unterschied zwischen Mensch und Tier ist damit kaum größer als die Sau selbst. In solchen erfolgen. Zweck des K.s ist die Eindämmung ge- positive Bedeutung. Die Welttiergesundheitsorgani-
macht die Sprache schon lange. Der Mensch gebärt, Kastenständen werden die meisten in Deutschland genseitiger Verletzungen unter den gegebenen sation (OIE) definiert T. schlicht als den »physischen
das Tier »wirft«. Der Mensch isst, das Tier »frisst«. Der lebenden Sauen auch zur künstlichen Befruchtung Haltungsbedingungen (siehe auch => Beschäfti- und mentalen Zustand eines Tiers in Bezug auf die
Mensch stirbt, das Tier »verendet«. Die Vorgänge und während der Schwangerschaft gehalten. Da gungsmaterial). Bedingungen, unter denen es lebt und stirbt«. Dem-
mögen sich gleichen, doch unsere Wörter trennen die konventionell genutzte Sauen zwei- bis dreimal pro gemäß kann das T. auch unter schlimmsten Haltungs-
Sphären. In Zeiten der industriellen Tierhaltung Jahr »werfen«, verbringen viele mehr als die Hälfte Lebendmasse, die: Gewicht der zum Verzehr taug- bedingungen »erhöht« werden, vereinfacht gesagt von
kommt dem eine besondere Bedeutung zu. Denn mit ihres Lebens in Kastenständen. Die Kastenstand- lichen Körperteile des Tiers sowie der Reste, die in ganz schlimm auf etwas weniger schlimm. Dem ge-
den Mitteln der Sprache lässt sich leichter rechtferti- haltung missachtet den Tierschutz, darf nach einem => Tierkörperbeseitigungsanlagen entsorgt oder an- planten »staatlichen Tierwohlkennzeichen« des BMEL
gen, was in den Ställen und Schlachthöfen mit jenen Bundesratsbeschluss vom Juli allerdings noch acht derweitig industriell genutzt werden, etwa zur Er- zufolge hat etwa ein Schweinehalter bereits dann An-
Lebewesen geschieht, die dem Menschen doch in Jahre eingesetzt werden. Für den F. in der => Abfer- zeugung von Leder oder Dünger. Im Zucht- und spruch auf die erste Stufe des Labels, wenn er dem
vielem ähneln. In der Wissenschaft gilt als erwiesen, kelbucht sollen Übergangsfristen von bis zu 15 Jah- Nutzviehhandel bezeichnet L. die Masse, mit der einzelnen Schwein in seinem Stall nicht bloß 0,75
dass Wirbeltiere – Rinder, Schweine, Hühner – Leid ren gelten. das Tier »futterleer« angetroffen wird. Quadratmeter Platz gibt (gesetzlicher Mindeststan-
empfinden können, dass sie Schmerzen verspüren, dard), sondern 0,9 Quadratmeter.
Angst und Stress. Also schafft die menschliche Sprache Freilandhaltung, die: Sammelbegriff für bestimmte Nottötung, die: Betäuben und töten von Tieren
für diese Tiere einen eigenen Kosmos, mit Worten, Tierhaltungsformen. Die F. suggeriert freie Bewe- mit einer Verletzung oder Krankheit, »wenn es kei- Veredelung, die: Bestandteil der Tiermast in land-
die beschönigen, herabsetzen, verdinglichen. All das gung in ländlicher Umwelt, bedeutet aber oftmals ne andere praktikable Möglichkeit gibt, die daraus wirtschaftlichen Unternehmen. V. bedeutet hier, die
bringt Le­gi­ti­ma­tion, wie etwa der Agrarökonom Philipp wenig Auslauf in karger Umgebung. Hühner etwa resultierenden, erheblichen Schmerzen oder Lei- eigene Getreideernte nicht direkt zu vermarkten,
von Gall in Tiere nutzen – ein kritisches Wörterbuch sind Fluchttiere, ohne schützende Bäume oder den zu lindern«, wie es in einem Leitfaden zur sondern über das Futter in ökonomisch wertvollere
nachgezeichnet hat. Sein Buch und andere sprach- Büsche­im Außengelände haben sie Angst, den Stall Durchführung der N. von Schweinen in landwirt- Tiere »umzuwandeln«. In diesem Zusammenhang
sowie agrarwissenschaftliche Texte waren Grundlage zu verlassen. In der Praxis verbringen daher auch die schaftlichen Betrieben heißt. Bei Schweinen unter von einer V. zu sprechen ist insofern irreführend, als
der folgenden Begriffsauswahl und Definitionen. meisten Hühner aus F. ihr Leben überwiegend im fünf Kilogramm Körpergewicht, sprich: Ferkeln, der rein ökonomische Wert nur unter ganz be-
Stall, wo pro Quadratmeter bis zu neun Tiere zu- erfolgt die Betäubung beispielsweise durch einen stimmten Voraussetzungen einer konventionellen
Abferkelbucht, die: Stallbereich, in dem weibliche lässig sind. festen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf Vermarktung größer wird. Es ist nicht zwingend,
Schweine gehalten werden, die entweder »trächtig« den Kopf. »Der Kopfschlag soll am höchsten Punkt dass ein Landwirt, der seine pflanzlichen Produkte
sind oder bereits Ferkel »geworfen« haben. Aus Futterverwertung, die: agrarökonomische Kenn- zwischen Augen und Ohransatz ausgeführt werden direkt vermarktet, finanziell schlechter dasteht als
Gründen der wirtschaftlichen Effizienz kommt in zahl, die angibt, wie viele Einheiten (Kilogramm) (nicht zu tief im Bereich der Augen schlagen).« Die ein Bauer, der seine Ernte an Schweine verfüttert
der A. oftmals ein => Ferkelschutzkorb zum Einsatz. Futter benötigt werden, um eine Einheit Leistung Tötung erfolgt durch »Blutentzug« nach Durch- und diese dann verkauft. Auch werden die umwelt-
(Fleisch, Milch, Ei) zu erzeugen. Die F. entscheidet trennung der Hauptblutgefäße. schädlichen Begleitumstände der Tiermast (Mono-
absetzen: Trennung von meist noch sehr jungen in der Mast auch über den »idealen« Tötungszeit- kulturen, Grundwasserbelastung et cetera) mit dem
Schweinen oder Rindern von ihren Müttern bezie- punkt (siehe => Schlachtreife). Nutztier, das: Der Begriff N. bezieht sich vorwie- positiv aufgeladenen Begriff V. nicht assoziiert.
hungsweise sozialen Gruppen. In der Milchwirt- gend auf die Nutzung von Tieren für die mensch­
schaft etwa ist es üblich, der Kuh ihr Kalb unmittel- Gewichtskorridor, der: Spannbreite der Kilo- liche Nahrung. Meist sind damit vor allem Rinder, Wurfleistung, die: Anzahl der am 21. Tag nach der
bar nach der Geburt wegzunehmen, um die durch grammzahl, in welcher der höchste Preis für ein Schweine, Hühner, Schafe und Ziegen gemeint. Im Geburt lebenden Ferkel.
das Säugen wachsende Bindung gar nicht erst ent- Schlachttier gezahlt wird. Der übliche G. beim allgemeinen Verständnis dient N. auch als mora­
stehen zu lassen und die Milchmenge für den Ver- Schwein liegt bei etwa 88 bis 102 Kilo. Da die Ver- lische Kategorie: Ein N. »darf« gegessen werden, ein Zweinutzungshuhn, das: Rasse oder Kreuzung des
kauf zu steigern. Die Praxis, neugeborene Kälber fahren zum Töten und Zerlegen in den meisten »Haustier« nicht. Welches Tier zu welcher Gruppe Haushuhns, die sowohl zur Eier- als auch zur
isoliert in Einzelboxen zu halten, ist das gängige Ver- Schlachtbetrieben auf bestimmte G.e geeicht sind, gehört, hängt ausschließlich vom jeweiligen Kultur- Fleischgewinnung verwendet werden kann. Ähnlich
fahren auf konventionell wie ökologisch geführten erzielt ein Schweinemäster mit Tieren, die den G. kreis ab. Das Tierschutzgebot des Grundgesetzes wie beim => Nutztier überlagert auch beim Begriff
Höfen. unter- oder überschreiten, niedrigere Erlöse. In der macht zwischen dem N. und dem »Haustier« keinen Z. der Nutzen für den Menschen den Eigenwert des
Mast geht es also darum, »möglichst viele Schweine Unterschied. Tiers. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Z. aus
Beschäftigungsmaterial, das: In der Regel Stroh, im Optimalbereich zu platzieren« (Jahresbericht des der Mode gekommen. Die gegenwärtige Tierindus-
Holz oder Eisenketten. Die meisten konventionell Erzeugerrings Westfalen, 2017). Schlachtabfälle, die: Jene Körperteile des ge- trie setzt vornehmlich solche Hühner ein, die gewinn-
gehaltenen => Nutztiere verbringen ihr Leben in­ schlachteten Tiers, die nicht für die menschliche Er- bringend nur einem der beiden Zwecke dienen – Eier
einer engen, reizarmen Umgebung. Häufige Folgen humane Schlachtung, die: Als Übersetzung des eng- nährung verwendet, sondern für andere ökono­ legen oder Fleisch geben. In der Folge sind die­
sind Verhaltensstörungen, etwa das gegenseitige Ab- lischen Begriffs »humane slaughter« hat sich die h. auch mische Zwecke genutzt werden, zunehmend etwa in mageren männlichen Nachkommen der zur Eier-
fressen der Ringelschwänze (Schweine) oder Be­ im deutschen Sprachgebrauch etabliert (alternativ: Biogasanlagen. produktion eingesetzten Hühner für die Industrie
picken (Hühnervögel). Um diese kostenintensiven »ordnungsgemäße« Schlachtung). »Human« hat eine nutzlos. In Deutschland werden daher jedes Jahr
Vorkommnisse zu verringern, wird das B., teils Reihe positiver Konnotationen: gütig, sorgsam, um- Schlachtreife, die: Das Wort »Reife« erinnert an die mindestens 40 Millionen männliche Küken am ers-
»Spielzeug« genannt, im Stall bereitgestellt (siehe sichtig. In Deutschland darf man ein Tier gemäß Tier- Pflanzenwelt. Dass ein reifer Apfel vom Baum fällt, ten Lebenstag geschreddert oder mittels CO₂ ver-
auch => kupieren). Die Ausstattung der Buchten schutzgesetz nur in einem »Zustand der Empfindungs- ist ein natürlicher Vorgang. Dass ein »reifes« Schwein gast. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöck-
mit B. ist als »Umweltanreicherung« bekannt. losigkeit« schlachten. Erreicht werden soll dieser übli- geschlachtet wird, nicht. Die S. suggeriert einen ge- ner (CDU) hat kürzlich einen Gesetzentwurf vor-
cherweise durch einen Bolzenschuss in den Kopf, Be- eigneten Todeszeitpunkt als naturgegebene Eigen- gelegt, der die Praxis ab 2022 verbieten soll – deut-
Bestandsräumung, die: Laut EU-Verordnung Nr. täubung durch CO₂ oder elektrischen Strom. Studien schaft bestimmter Tiere, ist aber eine rein wirt- lich später als im aktuellen Koalitionsvertrag vorge-
1099/2009 »die durch die zuständige Behörde be- zufolge kommt es jedoch häufig zu Fehlbetäubungen, schaftliche Kategorie: Sie ist erreicht, wenn ein Tier sehen. Dort heißt es in Zeile 3989 f: »Das Töten von
aufsichtigte Tötung von Tieren zum Schutz der Ge- weshalb die »Empfindungslosigkeit« zum Zeitpunkt kaum noch wächst und es sich daher nicht mehr Eintagsküken werden wir bis zur Mitte der Legisla-
sundheit von Mensch oder Tier, aus Gründen des der Schlachtung bei vielen Tieren nicht garantiert ist. lohnt, es weiter zu füttern. turperiode beenden.« Das wäre 2019 gewesen.
Foto: Nigel Treblin/ddp
DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 POLITIK 11

V Das Virus der


ielleicht sind es Sätze wie dieser, die Mi­
chèle Rubirola in ganz Frankreich Gehör
zehntelang Kranke in den armen nördlichen Stadtteilen
versorgte. Nicht weit vom Green Café von Matthieu Torten
verschaffen. »Wir hatten einige Terrassen­
partys zu viel diesen Sommer, aber jetzt
Catala. Noch am Morgen nach der erzwungenen Schlie­
ßung standen seine Stammkunden vor Catalas Bar, der Wahrheit
sind wir Südländer genauso vorsichtig
wie alle anderen auch.« Rubirola ist genervt, das ist
ihrer Stimme anzuhören. Seit drei Monaten erst ist
die Grüne Bürgermeisterin von Marseille, der zweit­
Rebellion Klempner, Rentnerinnen, Maurer und Busfahrerinnen,
die am Morgen ihren schwarzen, starken Kaffee bei ihm
am Tresen trinken. »Ich musste sie wegschicken«, be­
dauert Catala, und wie viele seiner Kollegen ist er froh
VON KATJA BERLIN

größten Stadt Frankreichs, und schon eskaliert ein über die Bürgermeisterin, die für ihn und seine Kunden Wann man das Wahlrecht
Streit zwischen ihr und der Regierung von Präsident Marseille soll auf Anweisung von kämpft. »Wir haben uns nach dem Lockdown an alle ab 16 für eine
gute Idee halten kann
Emmanuel Macron in Paris.
Dessen Gesundheitsminister Olivier Véran hatte vor
Präsident Macron wieder in den Lockdown. Doch Regeln gehalten – und jetzt werden wir bestraft. Dabei
kommen sich die Leute bei mir an den Tischen doch gar
wenigen Tagen beschlossen, die Bars und Restaurants in die grüne Bürgermeisterin wehrt sich dagegen  nicht nahe«, sagt er.
der Hafenstadt für zwei Wochen komplett zu schließen, Viele Bar- und Restaurantbetreiber rollen schwarze
um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. VON ANNIKA JOERES Banderolen aus, auf denen »Schließung = Infektions­
Schließlich habe die Stadt die höchsten Infektionsraten gefahr« steht. Es ist genau Rubirolas Argumentation:
Frankreichs. Seit Sonntagabend sind Cafés und Restau­ Die Leute steckten sich im Freundeskreis zu Hause
rants in Marseille nun geschlossen. Minister Véran hatte an, wenn sie nicht mehr ins Café gehen dürften. Die
die Maßnahme, ganz in der Tradition des zentralistischen Wirte sprechen von Prohibition, von einer Pariser
Staates, per Fernsehansprache angekündigt, ohne die Missgunst, von lebensfremden Beamten. Aus diesem wenn man 16-Jährigen zuhört
Bürgermeisterin zu informieren. »Natürlich macht das Gefühl, dass Paris die Provinzen missachtet, entstanden wenn man 60-Jährigen zuhört
wütend«, sagt Rubirola. Das sei autoritär und fühle sich schon mächtige Bewegungen in Frankreich, zuletzt
an wie eine Bestrafung, als seien sie Kinder, die sich da­ die der Gelbwesten. Die Vizebürgermeisterin kün­
nebenbenommen hätten. Dabei würden die Zahlen der digte gar an, Bar- und Cafébesitzer nicht mit der ört­
Wo Männer sich mit
Neuinfektionen in Marseille seit dem 8. September lichen Polizei zu belästigen, sollten sie sich nicht an der weiblichen
sinken. Den Anstieg zuvor, so ist man hier überzeugt, das Verbot halten. Sexualität beschäftigen
hätten vor allem Touristen aus Paris verursacht. Dass ausgerechnet eine Politikerin der Grünen, die
Außerdem seien die Schließungen unsinnig, findet in Deutschland bislang fast alle Corona-Regeln der Re­
Rubirola, die selbst Medizinerin ist. Nun träfen sich gierung mittragen, der Bar- und Restaurantschließung
die Marseiller ohne Abstand und Maske zu Hause. widerspricht, hat mehr mit Emmanuel Macrons bishe­
»Bestrafung funktioniert nur einen kurzen Moment. riger Corona-Bilanz zu tun als mit dem neuen Erlass.

Foto: Anthony Micallef/HAYTHAM-REA/laif


Jetzt müssen wir die Leute dabei begleiten, sich und Der Präsident hatte im Frühjahr einen besonders stren­
andere zu schützen.« Etwa mit Gesundheitsmediato­ gen und langen Lockdown verhängt, dennoch hatte
ren, die auf den Straßen der Stadt auf Abstände und Frankreich ähnlich viele Opfer zu beklagen wie das­
Händewaschen hinweisen, schlägt die 64-Jährige lockerere Schweden. Inzwischen gelten mehr als die
vor. Außerdem solle die Regierung eine Milliarde Hälfte der französischen Regionen als »verwundbar« – im Schulunterricht bei der Paartherapie
Euro in die Krankenhäuser von Marseille stecken, das bedeutet, dass in diesen Regionen die Zahlen der im Schlafzimmer in Witzchen
das sei sinnvoll. Todesopfer und der Patienten auf den Intensivstationen über Kolleginnen
Tatsächlich steht Michèle Rubirola für einen neuen voraussichtlich steigen werden. Die beschlossenen Maß­
Konflikt, den Macron mit einigen Provinzen ausfechten nahmen treffen aber nur Marseille.
muss. Seinen Ursprung hat er in Rathäusern der Repu­ Rubirola glaubt, der Gesundheitsminister wolle nur
blik: Seit den Kommunalwahlen im Juni regieren Grüne Wartet nicht auf Befehle aus Paris: Die neue Bürgermeisterin von seine »Stärke demonstrieren«. Die Regierung Macron
die Metropolen Lyon, Bordeaux und Straßburg, meist Marseille, Michèle Rubirola, von Beruf Ärztin bewältigt die Corona-Krise in den Augen der Öffent­
im Bündnis mit der Linken. In Paris konnte die Sozia­
listin Anne Hidalgo mit einer radikalen Umweltpolitik
lichkeit deutlich weniger gut als die Regierungen ande­
rer europäischer Länder, etwa in Deutschland. Fast zwei Berichtigung
für Fußgänger und Radfahrer ihr Amt als Bürgermeis­ von drei Franzosen sind unzufrieden mit Macron – da­
terin verteidigen. In Marseille wiederum hat Rubirola runter besonders viele Frauen. Das könnte insofern
die jahrzehntelang regierenden Konservativen ge­ Paris bedeutsam sein, als der Widerstand aus den Rathäusern In der vergangenen Ausgabe ist uns bei der
schlagen. Dabei sind die französischen Grünen noch ihre Chefinnen bis zur nächsten Präsidentschaftswahl Bebilderung des Artikels »Warum kuscheln
FR ANKREICH
lange nicht so erfolgreich wie etwa die deutschen. Ge­ tragen könnte: Weder die Pariser Sozialistin Anne­ Populisten mit Katzen?« (Nr. 40/20)
rade der Süden Frankreichs, von Marseille über Nizza Hidalgo noch Michèle Rubirola widersprechen, mög­ ein bedauerlicher Fehler unterlaufen.
bis zur italienischen Grenze, ist eine Bastion rechts­ MARSEILLE licherweise im Frühjahr 2022 gegen Macron antreten Das Foto zeigt den verstorbenen früheren
konservativer Patriarchen. zu wollen. Präsidenten Lech Kaczyński, nicht dessen
Aber dieses Mal ließen sich die Marseiller von Mi­ Zwillingsbruder Jarosław, wie es in der
chèle Rubirola überzeugen, vielleicht auch weil sie jahr­ www.zeit.de/vorgelese Bilderunterschrift stand.

ANZEIGE

AB 24. OKTOBER BEI IHREM BMW PARTNER.


T H E
4
1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

12 STREIT
Gesinnung oder Gesundheit?
Am Wochenende wollen wieder Tausende gegen Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen – obwohl bei der
letzten Großdemonstration ­in Berlin Extremisten mitmischten. Das delegitimiere aber nicht ihren Protest, sagen drei Teilnehmer.
Ein Streit mit dem I­ nnensenator der Hauptstadt, der ihnen das Demonstrieren verbieten wollte

klar die Absicht, die Abstandsregeln zu Fischer: Die Kundgebung, auf der Herr Roth: Wir sind durchs Raster gefallen:
ignorieren. Siber redete, hatte nichts mit der der Neo- Entweder wir waren zu groß oder zu klein,
Fischer: Das ist eine Unterstellung. nazis zu tun. zu sehr Gastronomie- oder zu sehr Kultur-
Geisel: Am 29. August ist genau das ein- Geisel: Na ja. Auf der Kundgebung zuvor betrieb. Nur einmal haben wir einen Teil-
getreten: Die Leute standen viel zu dicht war dafür plädiert worden, eine verfas- betrag bekommen – und davon mussten
beisammen. sungsgebende Versammlung einzuberu- wir erst mal den Steuerberater bezahlen,
Fischer: Das hat die Polizei selbst herbeige- fen, weil das Grundgesetz nicht anerkannt der alle Anträge gestellt hatte.
führt, weil sie die Straßen so abgesperrt hat, wurde. Kurz danach auf derselben Bühne Geisel: Durch die Corona-Hilfsprogram-
dass die Leute sich nicht verteilen konnten. zu sprechen ist schon ein Statement. me sind allein in Berlin seit März knapp
Geisel: Nein, es gab genug Platz. Durch- Fischer: Wieso? Optimierungsvorschläge zwei Milliarden Euro an Firmen ausge-
sagen, sich zu verteilen und Abstand zu in Bezug auf das Grundgesetz gibt es doch reicht worden, schnell und unkompliziert.
halten, wurden ignoriert. immer wieder. Denken Sie nur an Mehr Roth: Bei mir kam nichts an. Unser Laden
Siber: Es gibt wissenschaftlich keinen Be- Demokratie e. V., die sich für mehr hat zuletzt jährlich rund eine Million Euro
leg für den Anstieg von Viruserkrankun- Bürger­beteiligung einsetzen. Umsatz gemacht. Wir waren immer kor-
gen nach Versammlungen oder Demons- Geisel: Aber wenn Sie Ihre Optimierungs- rekt, haben unsere Steuern bezahlt. Und
trationen. Ich habe zehn Studien hier, die vorschläge vor einem Publikum mit jetzt: werden wir im Stich gelassen. Alle
zeigen: Der Außenbereich ist eine relativ Reichsbürgern ausbreiten ... Karaoke-Bars haben wieder geöffnet. Nur
sichere Zone. Fischer: ... die Reichsbürger haben doch wir dürfen nicht!
Fischer: Sagt sogar Professor Drosten. nicht auf der Bühne gestanden ... Geisel: Wo da genau das Problem liegt,
Geisel: Anders als Sie bin ich nicht mit Geisel: ... und dann die Rechtsextremisten weiß ich nicht. Ich stelle aber gerne einen
zehn Studien zu dieser Frage bewaffnet. und Antisemiten dort ... Kontakt zur Wirtschaftssenatorin her, um
Ich bin Mitglied des Berliner Senats. Un- Fischer: Wo sollen die gewesen sein? Auf das zu überprüfen.
ser Ziel ist es, die Menschen bestmöglich meinen Aufnahmen ist sogar eine Israel- Roth: Da nehme ich Sie beim Wort. Das
vor einer Pandemie zu schützen, die in flagge zu sehen. ist gut.
anderen Ländern mit voller Härte zuge- Geisel: Herr Ballweg, der Anmelder der Siber: Nein, genau so soll das nicht laufen!
schlagen hat. Bei uns sind die Zahlen nur Demo, hat zum Beispiel kurz danach mit Es muss doch jeder Hilfe bekommen, der
besser, weil wir früh eingegriffen haben ... Martin Lejeune zusammengesessen, kum- sie braucht.
Fischer: Die Statistik spricht eine andere pelhaft, sich duzend. Roth: Ich werde von einem Amt zum
Sprache ... Siber: Das ist mir nicht bekannt. nächsten geschickt. Keiner fühlt sich zu-
Geisel: ... das kann sich aber schnell­ Geisel: Martin Lejeune ist ein politischer ständig. Zuletzt hat mir ein Mitarbeiter
ändern – schauen Sie sich die Entwick- Aktivist und Publizist aus der antisemiti- der Senatsverwaltung geraten, Klage ein-
Fotos: Gene Glover für DIE ZEIT

lung in Madrid an: Dort sind 40 Prozent schen Ecke. zureichen. Von welchem Geld?
der Intensivbetten mit Corona-Patienten Roth: Von dem habe ich noch nie gehört. Geisel: Ich verstehe, dass das alles für Sie
belegt. Ich war auf der Demo nicht als Rechter sehr ärgerlich ist.
Siber: Wie viele Intensivbetten gibt es in oder als Linker – sondern als Mensch. Roth: Das Kackendreisteste überhaupt ist,
Madrid? Das muss man doch in Relation Und in diesem Land wird der Mensch dass ich als Geschäftsführer ab sofort nicht
setzen, sonst kann man daraus keine Er- gerade verarscht. Als die Corona-Hilfen mal mehr Kurzarbeitergeld bekomme.
kenntnis ziehen. angepriesen wurden, dachten Unterneh- Wovon soll ich meine Familie ernähren?
Geisel: Ich weiß nur: Die Zahlen haben mer wie ich: geil! Endlich tut der Staat Wie den Kredit zurückzahlen, für den ich

»Die Leute sind nicht ­


sich in Madrid schnell wieder zum Nega- mal nicht nur etwas für die Großen. Aber sogar privat haften muss? Was würden Sie
tiven bewegt – so etwas wollen wir ver- die Hilfen sind an uns vorbeigegangen. denn an meiner Stelle tun? Alles so hin-
hindern. Geisel: Alle Corona-Soforthilfe-Program- nehmen? Pleite anmelden? Oder vielleicht
ZEIT: Der Punkt ist aber, dass Sie mit me? Vom ersten bis zum achten? doch auch demonstrieren?

radikali­siert. Die sind empört« Blick auf das Verbot der Großdemo nicht
einfach auf das Infektionsgeschehen ver-
wiesen haben, sondern auf die Gesinnung
Viviane Fischer der Demonstranten.
Geisel: Nein, so habe ich nicht das Verbot
begründet – sondern nur meine politische
Haltung. Und die darf ich haben! Ich bin
Am 29. August demonstrierten Zehn- Welt. Seit März ist der Laden zu, wir Politiker, ich bin Sozialdemokrat, ich bin
tausende Menschen in Berlin gegen kämpfen um unsere wirtschaftliche Exis- nicht neutral. Und dass am 29. August
Corona-Maßnahmen. Die Versamm- tenz. Ich korrespondiere ununterbrochen Tausende Rechtsextreme auf der Straße
lungsbehörde hatte dies zuvor verbieten mit Behörden, das bringt nur nichts. waren, dass da Reichsbürger marschierten,
wollen, amtlich begründet mit dem Also fordere ich mein Recht auf der­ dass Leute offen das Grundgesetz ange-
Gesundheitsschutz: Schon bei der Straße ein. griffen haben: Das hat ja alles stattgefun-
vorhergehenden Corona-Großdemo David Claudio Siber: In meinem Fall ist es den. Und das lässt mich nicht kalt.
Anfang August seien Hygieneregeln so, dass ich als sechsfacher Vater die Belas- Roth: Was ich an Rechtsradikalen gesehen
missachtet worden. Mehrere Initiativen, tung für Familien in den vergangenen habe, war bei null. Das Einzige waren weit
darunter »Querdenken 711«, klagten Monaten sehr intensiv erlebt habe. Bis hinter mir zwei Fahnen, die ich nicht zu-
erfolgreich gegen das Verbot. Zuletzt Ende August saß ich für die Grünen in ordnen konnte. Erst als ich die Nachrich-
gab es am 29. August zahlreiche, teils zwei Ausschüssen der Stadt Flensburg – ten geschaut habe, wurde mir klar: Die
parallel angesetzte Veranstaltungen in aber als ich versucht habe, in meiner Partei gehörten zu Reichsbürgern. Da musste ich
Berlin, auch solche von Rechtsextremen einen kritischen Diskurs darüber anzure- erst mal googeln: Die sind ja irre!
und Reichsbürgern. Am Abend eskalierte gen, wie sich die Politik von der Bevöl­ Fischer: Da Sie so leichtfertig mit dem­
die Lage, als Radikale kurz die Treppe kerung und der Wissenschaft entkoppelt Etikett »Corona-Leugner« umgehen, Herr
des Reichstags besetzen konnten. hat, wurde ich mundtot gemacht. Also Geisel, könnte ich Sie mal umgekehrt fra-
habe ich auf der Demonstration in Berlin gen, ob Sie ein Grundrechtsleugner sind.
DIE ZEIT: Frau Fischer, Herr Roth, Herr eine Rede gehalten. Als Ultima Ratio. Geisel: Bin ich nicht. Wir haben in Berlin
Siber, Sie drei waren Ende August auf der ZEIT: Herr Geisel, als Innensenator von auch regelmäßig widerliche Versammlun-
großen Corona-Demonstration hier in Berlin haben Sie das Verbot dieser De- gen wie den rechtsextremistischen Rudolf-
Berlin. Sind Sie Corona-Leugner, Reichs- monstration mit dem Satz bekräftigt: »Ich Heß-Marsch oder die antisemitischen Al-
bürger oder Rechtsextremist? bin nicht bereit, ein zweites Mal hinzuneh- Kuds-Demonstrationen. Das müssen wir
Viviane Fischer: Mit solchen Menschen men, dass Berlin als Bühne für Corona-­ aushalten als Demokraten.
habe ich nichts zu tun. Ich bin Anwältin Leugner, Reichsbürger und Rechts­extre­ ZEIT: Herr Siber wurde nach seiner Rede
und störe mich an der Diskrepanz zwi- mis­ten missbraucht wird.« Nachdem Sie auf der Demonstration von der Flensburger
schen der Gefährdungslage und den Frau Fischer, Herrn Roth und Herrn Siber Ratsfraktion der Grünen ausgeschlossen.
Grundrechtseinschränkungen. Im März gehört haben, fragen wir uns: Haben Sie Können Sie diesen Schritt nachvollziehen?
habe ich deshalb eine Petition gestartet: damit deren Protest delegitimiert? Geisel: Ich kenne die Situation nicht gut
Die Bundesregierung möge in einer re- Andreas Geisel: Ich bin mit mir im Rei- genug. Was ich gehört habe, ist, dass Sie
präsentativen Studie überprüfen, wie die nen. Ich nehme aber nicht für mich in An- bewusst als Ratsmitglied aufgetreten sind
Ausbreitungsdynamik wirklich ist. Inzwi- spruch, im Besitz der objektiven Wahrheit und Ihre Fraktion das Gesagte nicht als
schen bin ich Mitglied im Corona-Aus- zu sein. Insofern bin ich dankbar für ein Ihre Position verstanden hat.
schuss, einem Zusammenschluss von vier solches Gespräch ... Siber: Nein, die ursprüngliche Begrün-
Anwälten, der mithilfe von Experten die Fischer: ... aber unsere Einladung in den dung für meinen Ausschluss war: Ich sei
Situation von allen Seiten beleuchtet: Corona-Ausschuss haben Sie ignoriert. mit Rechtsextremen marschiert. Schon im
Werden von Herrn Drosten abweichende Geisel: Die hat mich persönlich nicht er- Zug auf der Heimreise – lange vor dem
wissenschaftliche Meinungen genug ge- reicht. Jetzt reden wir ja. Also, zur De- Sturm auf den Reichstag – las ich in sozia-
hört? Werden die massiven Kollateralschä- monstration: Die Versammlungsbehörde len Medien, ich würde mit Faschos paktie-
den des Lockdowns genug bedacht? Politi- hatte sorgfältig das Grundrecht auf Ver- ren. Ich wurde dazu nicht mal angehört.
ker haben unsere Einladung bislang aus-
nahmslos ausgeschlagen.
Nils Roth: Ich bin seit 17 Jahren mit einer
sammlungsfreiheit mit dem auf körperli- Sie, Herr Geisel, suchen ja wenigstens den
che Unversehrtheit abgewogen. Ihr Verbot Dialog, also interessiert mich: Würden Sie
hatte sie dann mit der zu erwartenden jemanden aus der SPD werfen wollen, der
»Was Reichsbürger sind,
musste ich erst mal googeln«
Viet­na­me­sin zusammen, gemeinsam ha- Missachtung der Hygieneregeln begrün- auf dieser Demo gesprochen hat?
ben wir eine Tochter. Selbstverständlich det. Denn dieselben Personen, die bereits Geisel: Nicht aus der Partei – aber das
bin ich weder Reichsbürger noch Neo­nazi. bei einer Demonstration am 1. August die Mandat würde ich schon kritisch hinterfra-
Ich führe Berlins größte Karaoke-Bar, mit Auflagen ignoriert hatten, hatten nun wie- gen. Man muss sich schon überlegen, mit
Mitarbeitern und Gästen aus der ganzen der zur Demo aufgerufen, und es bestand wem man Schulter an Schulter marschiert. Nils Roth
»Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.«
HELMUT SCHMIDT
DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 13

Viviane Fischer Nils Roth David Claudio Siber Andreas Geisel


ist Anwältin in Berlin, Volkswirtin und Initiatorin ist Geschäftsführer von Deutschlands größter Karaoke-­ studiert Politikwissenschaften und Europäische ist seit 2016 Berliner Innensenator. Der SPD-
der Petition »Endlich saubere Corona-Daten«. Auf der Bar, dem »Green Mango« in Berlin-Schöneberg, das Ethnologie. Der 32-Jährige hat sechs Kinder. Politiker, 1966 in Ost-Berlin geboren, machte
Website Kollateral.news sammelt sie Berichte über gut 300 Gäste fasst. Bis zur coronabedingten Nachdem er bei der Kundgebung gegen die Corona- Schlagzeilen, als er ein Verbot der Corona-Demo
Folgeschäden des Lockdowns. Der von ihr mitge­ Schließung im März machte die Bar jährlich eine Maßnahmen in Berlin eine etwa 20-minütige Rede ge­ Ende August in Berlin persönlich mit den Worten
gründete Corona-Ausschuss will eine sachliche Analyse Million Euro Umsatz. Auch Roths zweite Einnahme- halten hatte, wurde er als bürgerschaftliches Mitglied kommentierte, er wolle »Corona-Leugnern, Reichs-
des Virusgeschehens und der Maßnahmen erarbeiten quelle, die Eventfirma Karaoke-Kiste, liegt brach der Grünen im Flensburger Stadtrat ausgeschlossen bürgern und Rechtsextremisten« keine Bühne bieten

Teilnehmer der Demonstration am Vor- unterdrücken, schauen Sie mal nach­ ich mein Versammlungsrecht verwirkt?
mittag haben Regeln bewusst missachtet Belarus. Was machen wir denn, wenn etwa die
und damit ... Siber: Herr Geisel, kennen Sie das Zitat Mafia systematisch in Demos einsickert?
Siber: (ruft) Können Sie das beweisen? »Wenn ich als Demokrat gefordert bin, War’s das dann mit der Demonstrations-
Das stimmt doch nicht. gehe ich auf die Straße. Und ich lasse mich freiheit?
Geisel: Doch. Und damit ... nicht davon hindern, dass auch Extremis- Geisel: Man kann sich von den falschen
Fischer: Wäre die epidemische Lage wirk- ten die Möglichkeit nutzen, dort ihre Mei- Leuten aber deutlich distanzieren. Das ist
lich so schlimm, wie Sie tun, müssten wir nung zu sagen.« nicht geschehen. Sehen Sie es doch mal so:
gar nicht diskutieren, ob es Masken Geisel: Ja. Dass die Verwaltungsgerichte gegen das
braucht oder Quarantänen, denn dann Siber: Es kommt ja auch von Ihnen. Erst Verbot entschieden haben, zeigt, dass der
würden alle von sich aus zu Hause bleiben. vor zwei Jahren haben Sie das gesagt! Rechtsstaat funktioniert.
Aus Angst. Geisel: Das war nach der »Unteilbar«-De- ZEIT: Die nächste Corona-Großdemo ist
Geisel: ... und damit wurde die Gesund- mo, bei der im Oktober 2018 fast 240.000 für den 3. Oktober in Konstanz geplant.
heit anderer Menschen gefährdet. Diese Menschen gegen Rechtspopulismus auf Werden Sie hinfahren?
Kritik müssen Sie sich anhören! die Straße gegangen sind. Hinterher wur- Roth: Wenn ich die Möglichkeit habe:
Fischer: Tun Sie doch bitte nicht so, als de ich gefragt, warum ich mitgelaufen sei, eindeutig ja. Denn das Vertrauen in die
gäbe es nur Alternativen wie: Entweder obwohl dort auch eine extremistische kur- deutsche Politik und Justiz habe ich kom-
wir öffnen eine Karaoke-Bar, oder wir dische Partei eine Bühne hatte. Meine plett verloren. Ich habe mich deshalb auch
retten der Oma das Leben. Wer bewerten Antwort war: Die hindern mich nicht. einer Sammelklage auf Scha­dens­ersatz in
will, wie gefährlich das Virus ist, muss sich Roth: Aber uns wollen Sie verurteilen! den USA angeschlossen – die Forderung
Übertragungswege, Sterberaten oder freie Geisel: Sehen Sie es mir bitte nach, aber geht unter anderem an Herrn Drosten.
Intensivbetten genau anschauen. Viele das Demonstrationsgeschehen am 29. Au- Fischer: Ich werde leider aus zeitlichen
Faktoren! Und wir müssen noch viel mehr gust war schon ein anderes. Gründen in Konstanz nicht dabei sein
prüfen, welche neuen Risiken die Corona- Fischer: Jetzt wird’s aber spannend. Sie sa- können.
Maßnahmen geschaffen haben. gen, auf Ihrer Demo gab es doch bloß eine Siber: Ich werde dort wieder sprechen.
Geisel: So weit stimme ich Ihnen sogar zu. Bühne mit den falschen Leuten. Auf unse- Denn ich habe wenig Vertrauen, dass die
Glauben Sie mir: Keine dieser Einschrän- rer Demo dagegen waren noch nicht ein- Politik uns sicher durch den Herbst bringt.
kungen beschließen wir leichtfertig. Wir mal die falschen Leute – sondern die hat- Allein in meinen Gesprächen mit Grünen
alle kämpfen mit Zweifeln. Wir wägen ab, ten eine andere Veranstaltung, die einfach auf Landes- und Bundesebene musste ich
jeden Tag. Wir bewerten am Ende nur das nur am selben Tag lief. einen erschreckend oberflächlichen Wis-
Risiko anders als Sie. Geisel: Noch mal: Laut Verfassungsschutz sensstand feststellen. So lange, wie Sie
Siber: Und dabei verlieren Sie die Folge- hatten sich unter sämtliche Kundgebun- heute mit uns sprechen, Herr Geisel, hat
schäden der Maßnahmen völlig aus dem gen an diesem Tag Rechtsextremisten und sich in meiner Partei noch keiner Zeit für
Blick. In England gibt es längst Studien: Reichsbürger gemischt. die Auseinandersetzung mit mir genom-
Über 20.000 Menschen sind aufgrund der ZEIT: Hätte es so gesehen für die drei men. Insofern muss ich sagen: Dass Sie
Maßnahmen im Lockdown gestorben. Menschen, die mit Ihnen hier am Tisch sich mit uns hier an einen Tisch setzen, ist
Wegen aufgeschobener Operationen, aus- sitzen, am 29. August überhaupt eine ein Gewinn für die Demokratie.
gesetzter Krebstherapien, weil Leute sich Möglichkeit gegeben, ordentlich für ihr
nicht zum Arzt trauen oder weil die Ver- Anliegen in Berlin zu demonstrieren? Das Gespräch moderierten

»Sie sind verantwortlich


zweiflung sie in den Suizid getrieben hat. Geisel: An dieser Stelle war das in der Tat Charlotte ­Parnack und Stefan Schirmer
Das haben wir in Deutschland auch alles. schwierig.
Wir untersuchen es bloß nicht konsequent. Fischer: Soll das heißen, wenn sich die (Siehe auch Wissen, S. 46: Wie werden ­
Fischer: Ich wünsche mir, dass Sie Ihre in- falschen Leute in den Zug mischen, habe Demonstranten gezählt?)

für beschämende Bilder!« ternen Abwägungen nach außen tragen:


Wieso haben wir die größten Grund-
rechtseingriffe in der Geschichte der Bun-
David Claudio Siber desrepublik, wenn die Viruslage offen-
sichtlich nicht so dramatisch ist?
Geisel: Wollen Sie lieber warten, bis die
Zahl der Erkrankten exponentiell wächst
ZEIT: Nach der Corona-Demonstration Fischer: Auch die Polizisten wirkten übri- und die Intensivstationen voll sind, ehe
hat Bundespräsident Frank-Walter Stein- gens sehr entspannt – und nicht so, als Sie finden: Jetzt kann ich Maßnahmen
meier gesagt: »Wer sich über die Corona- hätten sie Sorge vor einer toxischen­ rechtfertigen?
Maßnahmen ärgert oder ihre Notwendig- Masse von Extremisten. Die Lage war Siber: Sie schränken also Grundrechte
keit anzweifelt, kann und darf dagegen nicht aggressiv. präventiv ein?
demonstrieren.« Womöglich meinte er da- ZEIT: Wie erklären Sie sich dann 33 ver- Geisel: Den Artikel 8 Grundgesetz, die
mit genau Menschen wie Sie, Herr Roth. letzte Polizisten? Versammlungsfreiheit, haben wir Anfang
Steinmeier sagte weiter: »Mein Verständnis Fischer: Dazu kann ich nichts sagen, weil Mai wieder vollständig in Kraft gesetzt.
endet aber dort, wo sich Demonstranten ich nicht dabei war, als es zu Ausschreitun- Das war eine zeitlich begrenzte Einschrän-
vor den Karren von Demokratiefeinden gen gekommen sein soll. kung. Genauso sind zum Beispiel Gottes-
und politischen Hetzern spannen lassen.« ZEIT: Herr Siber, Sie haben bei Ihrem dienste in Berlin längst wieder erlaubt.
Fühlen Sie sich angesprochen? Demo-Auftritt gesagt, dass Sie alle verfüg- Fischer: Die Frage darf doch nicht lauten,
Roth: Ich habe diesen Sturm auf den baren Studien bis in die Feinheiten beach- welche Grundrechte wieder in Kraft gesetzt
Reichstag im Fernsehen gesehen und fand tet hätten – wieso aber nicht genauso in- wurden, sondern umgekehrt: Sie, Herr
das entsetzlich. Aber wenn es dann heißt, tensiv, wer sich bei dieser Demo tummelt? Geisel, sind als regierender Politiker in der
alle Demonstranten seien Rechtsradikale Siber: Moment! Auch da kenne ich die Beweispflicht, warum andere Grundrechte
gewesen: Das ist falsch. Um mich herum Feinheiten. Die Demo »Berlin invites Eu- immer noch nicht wieder in Kraft gesetzt
waren nur normale Leute. rope«, auf der ich gesprochen habe, hat sind und inwiefern das wirklich geeignet,
ZEIT: Laut Verfassungsschutz waren da bis nichts zu tun mit den Szenen beim erforderlich und verhältnismäßig ist. Den
zu 3000 Rechtsextreme. »Sturm« auf den Reichstag, von denen ich Beweis erbringen Sie nicht.
Geisel: 3000 ist eine vorläufige Schätzung. mich klar distanziere. Das Fehlverhalten Geisel: Doch. Wir haben mehrmals vor
Insgesamt waren auf der Demo 38.000 ging doch von Herrn Geisel aus: Sie haben Gerichten gewonnen, weil man dort unse-
Menschen. zweimal versucht, die Demo für Grund- rer Argumentation gefolgt ist, dass das
Roth: Quatsch, das waren viel mehr! Ich rechte verbieten zu lassen, und sind er- Grundrecht auf Versammlungsfreiheit
hatte vor ein paar Jahren eine Bühne beim wartbar gescheitert. Gleichzeitig haben Sie und das auf körperliche Unversehrtheit
Event »Planet Pro« auf der Straße des 17. nicht verhindert, dass NPD-Leute und sehr wohl gegeneinander abgewogen wer-
Juni. Da waren 30.000 Leute. Ich gehe Reichsbürger illegal im »befriedeten Be- den können. Das zeigt mir, dass die Ver-
auch zum Fußball, ich kenne solche Di- reich« vor dem Reichstag aufmarschieren. sammlungsbehörde gute Gründe hatte,
mensionen. Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Roth: Wenn Sie damit gerechnet haben, die Demo am 29. August verbieten zu
Zahlen haben. dass so viele Extremisten zusammenkom- wollen.
Geisel: Die Polizei macht dafür Über- men, Herr Geisel, warum standen nur drei ZEIT: Wurden dadurch nicht erst recht
sichtsaufnahmen. Mit deren Hilfe lässt Polizisten vor dem Reichstag? viele Teilnehmer mobilisiert?
sich schätzen, auf wie viel Platz die De- Geisel: Das waren nicht nur drei. 280 Be- Geisel: Das halte ich für eine Legende. Sie
monstration stattfindet. Dann kann man amte sind sofort zu Hilfe gekommen. drei und alle anderen, die dort waren, sind
hochrechnen, wie viele Menschen da Siber: Sie sind verantwortlich für beschä- doch nicht von mir radikalisiert worden.
waren. mende Bilder – mit denen dann wiederum Fischer: Die Menschen sind nicht radikali-
Fischer: Ich bin die ganze Strecke abge- Vorurteile gegen Menschen wie uns ge- siert. Die sind einfach empört über grund-
laufen. Alles war knallvoll. Ich schätze, das schürt wurden. rechtseinschränkende Maßnahmen.
war eine halbe Million Menschen. Geisel: Ja, die Bilder sind beschämend. ZEIT: Sie, Herr Geisel, sind in der DDR
Geisel: Ich nehme das ernst, egal ob dort Der Bundestag war aber nie in Gefahr, aufgewachsen, wo die Demonstrations-
38.000 Teilnehmer waren oder eine halbe überrannt zu werden. Darüber hinaus: freiheit 1989 erkämpft werden musste.
Million. Wäre es nach mir gegangen, hätte es über- Müssten Sie nicht gerade deshalb beson-
Fischer: Jedenfalls war es keine Nazi-­ haupt keine Versammlung gegeben, we- ders sensibel gegenüber Einschränkungen
»Glauben Sie mir: Wir alle
kämpfen mit Zweifeln«
Demo, es ging allein um die Corona-Maß- gen der Verstöße gegen die Hygienebe- dieses Grundrechts sein?
nahmen. stimmungen. Ich akzeptiere, dass Sie für Geisel: Das bin ich. Aber anders als in
Siber: Laut Verfassungsschutz sind null sich in Anspruch nehmen, diese Bestim- der DDR leben wir heute in einer freien
Personen von der Querdenken-Demo zur mungen zu kritisieren. Aber unsere De- ­ Gesellschaft. Wenn Sie sehen wollen,
Reichstagsgruppe abgewandert. mokratie hat Regeln, die für alle gelten. wo Regime tatsächlich Demonstrationen­ Andreas Geisel
14 INHALT 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

Titelthema: Duell am Abgrund

POLITIK Titelthema: Duell am Abgrund  Serie  Die Netflix-Dokumentation


Warum beide Präsidentschafts­ »Rohwedder« erzählt im True-Crime-
Titelthema: Duell am Abgrund  kandidaten von der Wirtschaft Format von der Nachwendezeit
Nach der ersten Redeschlacht zwischen abhängig sind  VON MARTIN EIMERMACHER  47
Donald Trump und Joe Biden: Am VON HEIKE BUCHTER  22
3. November stehen in den Vereinig­ten Interview  Manuela Schwesig spricht
Donald Trump zahlt trotz seines über ihre Rolle in einem Defa-Film von
Staaten nicht nur zwei Kandidaten
Milliardenvermögens fast keine Steuern. 1989, der mit Tabus brach   48
zur Wahl, sondern es geht um die
Wie ist das möglich? 
Demokratie selbst   2 VON MARK SCHIERITZ  22 Kunst  Die große Barock-Malerin
Artemisia Gentileschi ist in einer
Integration  »Der Islam gehört zu Medien  Der »stern« hat eine Ausgabe Londoner Ausstellung zu sehen 
Deutschland.« Dieser Satz ist zehn Jahre gemeinsam mit den Aktivisten von VON HANNO R AUTERBERG  49
alt. Gilt er noch?  Fridays for Future gestaltet. Im Inter­
VON TINA HILDEBR ANDT  4 view erklärt die Chefredaktion, warum Social Media  Zehn Jahre Instagram:
das noch Journalismus ist  23 Eine Plattform revolutioniert die Welt 
AfD  Die Partei verliert ihre Wirkmacht. VON WOLFGANG ULLRICH  50
Ihre Mitglieder fallen übereinander her  Corona-App  Funktioniert sie? Eine
VON PAUL MIDDELHOFF  5 erste Bilanz  Theater  Kleists »Erdbeben in Chili« am
VON JENS TÖNNESMANN  24 Münchner Residenztheater 
Deutsche Einheit  Wie der Einigungs­ VON PETER KÜMMEL 50
Foto: Jewgeni Roppel für DIE ZEIT

vertrag entstand und was er heute Luftreinigung  Im Herbst könnte das


aussagt  VON JANA HENSEL  6 Geschäft mit Filtern boomen  Sachbuch  Hans Peter Duerr
VON MAT THIAS BRENDEL  24 »Diesseits von Eden«
Ost- und Westdeutsche sind nicht gleich. VON THOMAS HAUSCHILD  51
Über das Ende des Selbstbetrugs  Studenten  Viele verloren in der
Krise ihre Nebenjobs und sind in Malte Oppermann »Der Augenblick« 
VON MARTIN MACHOWECZ  7
finanziellen Schwierigkeiten  VON IJOMA MANGOLD  51
Migration  Die ungarische Justiz­ VON MALTE BORN UND MAREN JENSEN 25
Kino  Eliza Hittmans »Niemals Selten
ministerin Judit Varga erklärt, warum Manchmal Immer«
ihr Land grundsätzlich keine Zuwanderer Deutsche Bahn  Ein Gespräch mit
VON SABINE HORST  52
ZEITNAH aufnehmen möchte  8 Infrastruktur-Vorstand Ronald Pofalla
über neue Milliardenpläne  26 Kolumne  Mein Leben als Frau 
Zweikampf an der Ladesäule Menschenrechtsorganisationen fürchten,
dass die Flüchtlingspolitik der EU noch
Insolvenzen: Droht eine Pleitewelle?
VON KOLJA RUDZIO  27
VON ANTONIA BAUM 

Klassik  Die Uraufführung von


52

restriktiver wird 
Eigentlich sollte es nur ein Autotest werden. ZEIT-Redakteur Claas Tatje, privat in VON CATERINA LOBENSTEIN  8 Wolfgang Rihms »Stabat Mater« 
VON VOLKER HAGEDORN  53
einem alten Diesel unterwegs, wollte Teslas Model 3 mit VWs neuem Elektroauto Bergkarabach  Droht im Kaukasus ein
UNTERHALTUNG
Kino  Oskar Roehlers »Enfant Terrible« 
ID.3 (rechts) vergleichen: Sind die Deutschen endlich konkurrenzfähig? Doch die neuer Krieg?  Campino  Der Sänger der Toten Hosen
VON K ATJA NICODEMUS  53
VON MICHAEL THUMANN  9 über sein widersprüchliches Leben als
Erlebnisse an Deutschlands Ladesäulen warfen eine ganz andere Frage auf: Rockstar und Fußballfan  28
Ist dieses Land überhaupt bereit für die Abkehr vom Verbrenner?  WIRTSCHAFT, SEITE 21 Öffentlicher Dienst  Darf in der Krise KINDER- & JUGENDBUCH
gestreikt werden? Interview mit einem
LUCHS-Preis des Monats  für Andreas
Straßenbahnfahrer aus Berlin  9 WISSEN Steinhöfels »Rico, Oskar und das Mist­
Libanon  Warum ist das Land unregier­ Wiedervereinigung  Menschen erinnern verständnis«, den fünften und letzten
bar?  VON LEA FREHSE  9 sich ganz unterschiedlich – auch an DDR Band seiner erfolgreichen Reihe 
und Wendezeit. Was heißt das für das VON K ATRIN HÖRNLEIN  55
Abb.: Museum of Fine Arts Budapest (»Jael and Sisera«, 1620)

Tierwohl  Von A wie »Abferkelbucht« Gemeinschaftsgefühl von Ost und West?


Die LUCHS-Jury empfiehlt  ein
bis Z wie »Zweinutzungshuhn« – Ein Gespräch zwischen der Hirn­
Bilderbuch über Geschwisterwünsche,
ein Glossar verdeutlicht unseren forscherin Hannah Monyer und dem
ein Opa-Enkel-Buch über ein Abenteuer
Umgang mit Nutztieren  Autor Thomas Oberender 29
und ein Jugendbuch über eine Klassen­
VON MERLIND THEILE  10 fahrt, die im Eklat endet 55
Bildung  Die coronabedingten Schul­
Frankreich  Warum widersetzt sich die schließungen verstärken weltweit
Foto: Tereza Mundilová für DIE ZEIT

die soziale Ungleichheit. Eindrücke aus


grüne Bürgermeisterin von Marseille den
Indien, Spanien und den USA
GLAUBEN & ZWEIFELN
strengeren Corona-Regeln? 
VON ANNIK A JOERES  11 VON CHRISTOPH DRÖS SER , Vatikan  Am Sonntag stellt der Papst
JULIA MACHER UND JULIA WADHAWAN 31 seine neue Enzyklika »Fratelli tutti« vor.
Was meint er mit Brüderlichkeit?
STREIT Technik  Die Schiene der Zukunft VON WALTER K ARDINAL K ASPER  56
quietscht nicht mehr 
Corona-Protest  Am Wochenende VON BURKHARD STR AS SMANN  33 Wie Franziskus mit dem Wort Brüder
wollen wieder Tausende gegen Corona- Politik macht 
Medizin  Ärzte bieten Infusionen mit VON EVELYN FINGER  56
Maßnahmen auf die Straße gehen –
Vitaminen an. Und das soll helfen?
Sie mordet am schönsten Egal, was alle sagen obwohl bei der letzten Großdemo Extre­
misten mitmischten. Das delegitimiere
VON JAN SCHWEITZER  33
ENTDECKEN
nicht ihren Protest, sagen drei Teilnehmer. Paläontologie  Ein neuer Forscherstreit
Die aufreizende Kunst und das zielstrebige Leben Vom Punk zur moralischen Ein Streitgespräch mit dem über den aufrechten Gang  War sie eine Superspreaderin? Eine
der Artemisia Gentileschi: Wie es die Barock-Malerin Instanz: Campino, der Sänger Berliner Innensenator, der ihnen das VON URS WILLMANN  33 Amerikanerin soll in Garmisch-Parten­
Demonstrieren verbieten wollte  12 kirchen viele Menschen mit Corona
schaffte, mit virtuosen und manchmal widerlichen der Toten Hosen, über die Polarforschung  Teilnehmer der infiziert haben. Eine Rekonstruktion 
größten Arktis-Expedition aller Zeiten
Bildern zur Ruhmreichen unter ihren berühmten Widersprüche seines Lebens  DOSSIER erzählen von ihren Erlebnissen 
VON MAT THIAS KIRSCH UND
MARCEL L ASKUS  57
Kollegen zu werden  FEUILLETON, SEITE 49 UNTERHALTUNG, SEITE 28 VON VIOL A KIEL  34
Wirecard  Die skandalösen Machen­ Entdeckt  Der Nagel im Herzen
schaften des insolventen Dax-Konzerns Corona  Wie der Intensivmediziner VON AL ARD VON KIT TLITZ  59
reichten weiter als bisher angenommen  Helge Braun als Kanzleramtschef die
VON INGO MALCHER , MARK SCHIERITZ Pandemie zu bewältigen versucht  Elternhaus  Eine Spritztour mit dem
IN DEN REGIONALAUSGABEN ZUM HÖREN VON MARIAM L AU  36
UND STEFAN WILLEKE  15 Schauspieler Oliver Masucci durch seine
Heimatstadt Bonn 
ZEIT im Osten Wie geht es den dem Gewissen zu haben? Die so gekennzeichneten Infografik  Mit welchen Methoden
Artikel finden Sie als VON FR ANCESCO GIAMMARCO  61
Millionen Ostdeutschen, die im VON BARBAR A ACHERMANN  18 findet man heraus, wie viele Menschen
Westen leben? Und wie den Audiodatei im »Premium­ GESCHICHTE auf einer Demo waren?  46 Reise  Fünf Autoren über Orte, die sie
Wessis im Osten? Eine neue Studie Der FC Schaffhausen sollte im bereich« unter
www.zeit.de/vorgelesen Porträt  Sie baute der deutschen ­ im Herzen tragen, obwohl sie gerade
gibt Antworten  neuen Stadion durchstarten. Nun
Nachkriegsjugend eine Bücherbrücke schwer erreichbar sind 
Illustrationen: George Wylesol

VON MARTIN MACHOWECZ UND


könnte das verfluchte Traum­
ANZEIGEN IN in die Freiheit: Das rastlose Leben der ­
LEO – DIE SEITE VON MICHAEL ALLMAIER , LENA GORELIK ,
schloss ihn die Zukunft kosten  FÜR KINDER
JANA HENSEL  65
VON MARLON RUSCH  20 DIESER AUSGABE jüdischen Remigrantin Jella Lepman, SANDR A HOFFMANN , ELKE MICHEL
die vor 50 Jahren in Zürich starb  UND JOHANNES STREMPEL  62
So lernte ein junger Westberliner, Bildungsangebote und Der Drachen-Millionär  Der Kinder­
ZEIT Österreich  Jubel und Stellenmarkt VON K ATRIN HÖRNLEIN  19 buchautor Ingo Siegner hat Figuren wie Wie es wirklich ist ...  Leuten auf You­
wie wenig er über die deutsche Skepsis: Die Deutsche Einheit (ab Seite 37)
Einheit weiß  den kleinen Drachen Kokos­­nuss oder die Tube das Krawattebinden zu zeigen  64
wurde in Österreich mit ge­ Agenda Kultur:
Ratten Eliot und Isabella erfunden. Ein
VON AUGUST MODERSOHN  66 Museen, Kunstmarkt, RECHT & UNRECHT
mischten Gefühlen aufgenommen Besuch in Hannover, wo seine Geschich­
Bühnen (Seite 53),
Brauchen wir das Büro
Der frühere Bürgerrechtler Arnold
VON PHILIPP THER  18
Terror  Endlich wird der Opfer des ten entstehen  VON CL A AS TATJE  45 RUBRIKEN
noch? Sind Freiluft­
Vaatz soll eine Rede zum Viktor Rogy war Wirtshaus­ Oktoberfest-Attentats von 1980
meetings die Zukunft? LEO-Bestsellerliste  Die Top Ten der Leserbriefe  18
Was wird aus den Innen­ 3. Okto­ber halten. Doch seine krakeeler, Post-Dadaist und Poet. FRÜHER angemessen gedacht. Überlebende
Gegner finden, er sei zu rechts  INFORMIERT! meistverkauften Romane und
städten, wenn alle zu Hause Eine Biografie entdeckt wie Robert Höckmayr sind bis heute Sachbücher für Leser zwischen fünf und Durchschaut33
bleiben? Ein Design-Heft VON ANNE HÄHNIG  70 den Kärntner Künstler neu  Die aktuellen Themen gezeichnet  13 Jahren 45 Die Position37
über das Wohnen und VON THOMAS MIES SGANG  20 der ZEIT schon am VON NICL AS SE YDACK  20
ZEIT Schweiz  Jeden zweiten Mittwoch im ZEIT-Brief,
Arbeiten von morgen
Tag stirbt in der Schweiz jemand Melisa Erkurt möchte migranti­ Worum geht’s?38
bei einem Verkehrsunfall. Was schen Schülern eine Stimme ver­
dem kostenlosen FEUILLETON
Newsletter WIRTSCHAFT 3½ Fragen an39
bedeutet es, einen Menschen auf leihen  VON C. PAUSACKL  28 www.zeit.de/brief Gesellschaft Warum glauben
Verkehrswende  Ist das Land bereit für vernünftige Bürger an Verschwörungen? Impressum 52
Elektroautos? Ein Alltagstest Die Antwort ist 70 Jahre alt
Die ZEIT inklusive aller Regional- und Wechselseiten finden Sie in der ZEIT-App und im E-Paper. VON CL A AS TATJE  21 VON THOMAS AS SHEUER  47 Was mein Leben reicher macht 64

ANZEIGE

Die besten Bücher


des Herbstes Nächste
Woche in
Ihrer ZEIT
Die Tennisspielerin Andrea Petković wird zur Autorin, Ayad Akhtar schreibt über
Amerika. Hedwig Richter und Detlef Pollack streiten über die Demokratie, und
Susan Sontag bleibt glamourös. Dazu die wichtigsten Neuerscheinungen der Saison.
Ab dem 8. 10. im neuen Literaturmagazin, kostenlos in der ZEIT. www.zeit.de

109046_ANZ_371x70_X4_ONP26 1 28.09.20 14:58


1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

DOSSIER 15

Was hat dieser Mann


mit Wirecard zu tun?

Foto: Maroon Master/Wikimedia Commons


Ferron Williams, Regierungschef von Accompong

Kurzsichtige Wirtschaftsprüfer, das Gold von Gaddafi und ein seltsamer Miniaturstaat in der Karibik:
Drei Monate nach der Insolvenz von Wirecard zeigt sich, wie weit die Machenschaften des ehemaligen Dax-Konzerns reichten 
VON INGO MALCHER, MARK SCHIERITZ UND STEFAN WILLEKE

I
n der Karibik existiert ein Land, das selbst in sche Konzern nicht untergegangen wäre. Hätten sich die Wer im Internet auf eines der Angebote klickte, landete die Begrüßung. In den Anfangsjahren war er noch
der Karibik so gut wie unbekannt ist. Es hat Wire­card-Chefs aber nicht in Fantasiereiche wie Accom- bei einem Computer, der Kunden auf eine 0190er-Tele- zurückhaltend, manchmal verklemmt. Öffentlich
nur 800 Einwohner und heißt Accompong. pong verliebt, dann wäre aus Wire­card nicht unbedingt fonnummer weiterleitete – zu hohen Gebühren. So pri- zeigte er sich ungern. Hielt er eine Rede vor seinen
Dort gibt es eine Währung, die wertlos ist, ein Überflieger der deutschen Wirtschaft geworden, mitiv ging es los. Angestellten, stolperte er über viele »Ähs«. Nach weni-
einen farbenfroh gekleideten Regierungschef, sondern vielleicht so etwas Ödes wie eine Raiff­eisen­bank. Ein neues Geschäftsmodell wurde daraus, als zwei gen Minuten war die Rede meist zu Ende.
der machtlos ist, und eine menschenleere Die maßlose Übertreibung hat mit dem maßlosen Erfolg Menschen etwas Entscheidendes beisteuerten: ein Markus Braun war keine Lichtgestalt, umständlich
Bank, die sinnlos ist. Das alles wäre kaum der zu tun, und die maßlose Überschätzung mit der maß- Zahlungssystem im Internet. Diese beiden sollten in in seinen Bewegungen und umständlich in seiner Aus-
Rede wert, wenn dieses sonderbare Reich nicht auf losen Verzerrung der öffentlichen Wahrnehmung. den folgenden Jahren zu Schlüsselfiguren der Wire­ drucksweise, ein blasser, spröder Junge, der sich vor
verschlungenen Wegen verbunden wäre mit einem Der Fall Wire­card ist nicht nur die Geschichte ge- card-­Affä­re werden: Markus Braun, der Chef, damals Flugreisen fürchtete und im flackernden Licht von
sonderbaren Konzern in Deutschland, dem Skandal- platzter Aktionärsträume, ein beispielloser Fall in der 30 Jahre alt, und sein wichtigster Mitspieler, der Bildschirmen älter wurde. Aber es gibt diese eine Sa-
Unternehmen Wire­card. In gewisser Weise ist Accom- bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte, sondern auch 20-jährige Jan Marsalek. che, die Markus Braun ausmachte: Er war ein Magier

W
pong ein Sinnbild für all die Mysterien, die in Wire­ eine Parabel auf die Blindheit von Politikern, Auf- der Bilanzen. Was in den Büchern unscheinbar aussah,
card stecken – einem großen, verknäuelten Rätselreich. sichtsbeamten und Börsenexperten – Menschen, die ire­card wickelte jede Form von Be- bekam bei ihm eine glänzende Fassade. Und nichts
Es begann damit, dass sich Jan Marsalek sehr für­ nichts sehen, weil sie sich blenden lassen. zahlung ab, ob per Kreditkarte, war für Wire­card wichtiger als die Fassade.
Accompong interessierte, als er noch ein Spitzenmanager Dieses Phänomen wurde von einem Amerikaner zu- Handy oder Bankeinzug. Wire­card Das Unternehmen wuchs und wuchs. Bald wickelte
bei Wire­card war. Inzwischen ist Marsalek auf der Flucht erst im Jahr 1907 beobachtet. Es bekam den Namen war eine Drehscheibe für rotierendes Wire­card online nicht nur Schmuddelgeschäfte ab, son-
und Wire­card ein Fall für den Insolvenzverwalter. Davon Halo-Effekt. Halo, der Heiligenschein. Fällt eine einzige Geld. Die Kunden hießen damals dern alle möglichen Zahlungen, eine gewaltige Geld-
war das Unternehmen noch weit entfernt, als Marsalek Eigenschaft eines Menschen oder einer Firma extrem Asiasex.com, Sex-luder.de und später youporn.com, maschine sprang an. Wer ein T-Shirt im Internet be-
im Jahr 2016 auf Jamaika landete und sich mit dem­ positiv aus, dann ist man geneigt, diesen einen außer­ die kleinen und großen Namen im digitalen­ stellte oder eine Reise buchte und dafür seine Kreditkarte
Regierungschef von Accompong traf, einer autonomen ordent­lichen Eindruck auf alles andere zu übertragen und Pornogeschäft. nutzte, landete bei Firmen wie Wire­card. Das Unter-
Enklave auf der Insel. Der Regierungschef, ein Mann sich der Kritikfähigkeit zu berauben. Der Heiligenschein Die Kreditkartenfirmen, auf die Wire­card angewiesen nehmen gewann Tausende Internetshops als Kunden.
namens Ferron Williams, der sich als Colonel-in-Chief ist ein tückisches Phänomen, das zur spontanen Erblin- war, scheuten die Risiken dieser Geschäfte, die in man- Von 2007 bis 2018 kletterte der Umsatz von Wire­card
anreden lässt, jedoch über keinen einzigen Soldaten ver- dung der Beobachter führen kann. So wird der Heiligen- chen Ländern illegal waren. Deshalb soll Wire­card ge- auf mehr als das Fünfzehnfache. Die Aktie stieg von etwas
fügt, steht an der Spitze eines nicht anerkannten Miniatur- schein zum Schutzschirm der Scheinheiligen. Der Ame- holfen haben, die Zahlungen zu verschleiern. Der in- mehr als fünf auf zwischenzeitlich fast 199 Euro. Der
staates – eines Absurdistans an einem palmenbewachsenen rikaner, der diese Wirkung erkannte, war Psychopatho- ternationale Kre­dit­kar­ten-­Code für das Wett-, Kasino- Heiligenschein begann zu leuchten. Mit einem Mal war
Hang. Um das Selbstverständnis von Accompong zu er- loge, er beschäftigte sich mit krankhaftem Verhalten. und Glücksspielgeschäft lautet 7995, für Pornografie wird Braun Mil­liar­där, zumindest auf dem Papier.
messen, braucht man viel Fantasie. Man muss sich vor- Auch das passt gut zum Fall Wire­card. 5967 verwendet. Ändert man den ­Code, etwa in den für Als Wire­card im Jahr 2006 in den TecDax aufstieg,
stellen, eine Ecke der Insel Helgoland werde von Deut- Schon bald wird sich ein Untersuchungsausschuss des Floristen, laufen die Zahlungen viel leichter durchs Sys- den Aktienindex für Technologiefirmen, gab Braun sofort
schen, die sich von Deutschland lossagen, zu ihrem Haupt- Bundestages auf die Affäre Wire­card stürzen. Und schnell tem. Und so tauchten auf den Abrechnungen oft keine die Parole aus, er wolle in den Dax aufsteigen, die oberste
quartier ernannt und die Bundesregierung schaue weg. wird die Frage nach der Schuld gestellt werden. Erst zwielichtigen Adressen auf, sondern zum Beispiel der Liga. Das Wachstum der Firma sei »unbegrenzt«, ver-
Jan Marsalek, der Chief Operating Officer von Wire­ heute, drei Monate nach der Insolvenz des Konzerns, da Name eines Blumenhändlers. kündete Braun auf Betriebsversammlungen.
card, stieß auf Accompong, weil er sich sein ganzes Leben sich die verstreuten Teile des Wire­card-­Kom­ple­xes zu- Es ist nicht überraschend, dass sich in den Darkrooms Die Staatsanwaltschaft, die heute im Fall Wire­card
lang für Geld interessiert hatte – dafür, wie man es be- sammensetzen lassen, erkennt man die skandalösen Aus- der Börse dubiose Gestalten tummeln. Wer interessierte ermittelt, spricht von einem »streng hierarchischen Sys-
schafft und wie man es vermehrt. Accompong ist seit wüchse dieses gigantischen Falles. sich schon für Markus Braun? Heute sitzt er im Knast, tem, geprägt von Corps-Geist und Treueschwüren« ge-
1739 unabhängig, nachdem sich entlaufene Sklaven Die Anfänge des Konzerns sahen unspektakulär aus, aber damals war er eine unbeachtete Nebenfigur. Der genüber dem Vorstandsvorsitzenden Markus Braun. Das
gegen die britischen Kolonialherrscher durchgesetzt und waren es aber nicht. »InfoGenie« nannte sich ein Berliner Österreicher Braun hatte Wirtschaftsinformatik studiert, sei der Eindruck, der durch Verhöre von Zeugen ent-
ihr eigenes Reich geschaffen hatten. Inzwischen ist es ein Start-up-Unternehmen, das Te­le­fon-­Hot­lines betrieb und wie viele andere junge Leute. Mitte der Neunzigerjahre standen sei.
ausgefallener Ort für Menschen, die Geld verstecken dem im Jahr 2002 das Geld ausging. Eine wertlose Firma, promovierte er nebenher. Danach heuerte er bei den Auf Anfrage weist Brauns Anwältin sämtliche ge-
wollen. In Accompong gibt es nämlich durchaus An- die einen einzigen Vorzug hatte: Sie war an der Börse Wirtschaftsprüfern des Unternehmens KPMG an und gen ihn erhobenen Vorwürfe entschieden zurück.
sätze einer kapitalistischen Infrastruktur, zum Beispiel notiert. Eine bloße Hülle, die man nutzen konnte, wenn arbeitete als Krisenmanager. Bei einem seiner Einsätze Die Wirklichkeit ist komplizierter. Wer mit Men-
einen Mann, der heute am Rande von Augsburg lebt, sich man etwas Undurchsichtiges damit verpacken wollte. traf er Jan Marsalek, auch er ein Österreicher. schen aus dem Unternehmen spricht, der erfährt, dass
mit dem Titel »Seine Exzellenz« schmückt und sich Fi- Markus Braun, der spätere Vorstandschef von Gemeinsam bauten sie Wire­card auf, mit Bilanzen, viele Angestellte ihrem Boss bedingungslos vertrauten.
nanzminister von Accompong nennt. Besucht man ihn, Wire­card, kaufte gemeinsam mit seinem Geschäfts- die von Anfang an undurchsichtig waren. So hat Braun Inmitten der Corona-Krise, als Braun noch behauptete,
will er einen sofort rauswerfen. Und meldet sich ein paar partner Paul Bauer-Schlichtegroll diese Hülle, um da- im Geschäftsjahr 2007 angeblich den Umsatz und es gebe keinen Grund zur Panik, zweifelten daran nur
Tage später doch noch. rin andere Firmen zu verstecken. Später bekam dieser auch den Gewinn mehr als verdoppelt, die Schutz- wenige seiner Mitarbeiter. Einer von ihnen sagt: »Ich
Zur Freude des Wire­ card-Mana­ gers Marsalek Unterschlupf einen neuen Namen: Wire­card. gemeinschaft der Kapitalanleger veröffentlichte kurze habe Braun mehr geglaubt als mir selbst.« Dieser Satz
gründete der sogenannte Finanzminister auf der Insel Bevor ein Unternehmen an die Börse darf, muss es Zeit später einen kritischen Bericht dazu. Einem sagt auch etwas über die Macht des Heiligenschein-
die Central Solar Re­serve Bank, deren Geschäfte auf normalerweise viele Unterlagen einreichen, die Banken Mann, der im Internet abschätzige Kommentare zu Effekts.
Solarstrom beruhen sollten. Es gibt in Accompong durchleuchten die Bilanzen. Da die Vorgängerfirma Wire­card abgab, schickte das Unternehmen einen ehe- Im Jahr 2011 zog Wire­card von Grasbrunn nach Asch-
zwar keine Sonnenkollektoren, aber die Bank entstand von Wire­card jedoch schon an der Börse war, passierte maligen Profiboxer nach Hause. heim, einem anderen Münchner Vorort. Im Ein­stein­
trotzdem. Jan Marsalek hatte vor, 100.000 Aktien der etwas ganz und gar Ungewöhnliches: Das Unterneh- Zu jener Zeit hatte Braun schon viel zu verlieren. Vom ring 35 saß der Vorstand im vierten Stock. Nur wer eine
Bank zu kaufen, zehn Prozent aller Anteile. Vertraute men konnte neue Aktien ausgeben, ohne umfassenden Jahr 2005 an kaufte er Zug um Zug immer weitere schwarze Zugangskarte hatte, durfte die Chefetage der
des Finanzministers berichten von einer Kryptowäh- Einblick in seine Bücher gewähren zu müssen. Später Aktien des eigenen Unternehmens. Unklar ist, woher das Firma betreten. Braun ließ sich von einem Fahrer in einer
rung, die der Wire­card-­Mana­ger in Accompong habe verlegten die Geschäftsleute den Firmensitz an einen Geld dafür stammte. Brauns Vor­stands­gehalt – zuletzt Maybach-Limousine zur Arbeit bringen. Der Chauffeur
einführen wollen, einer Briefkastenfirma und 1,4 Mil- unscheinbaren Münchner Vorort. rund 3,5 Millionen Euro – reichte für diese Geschäfte war auch sein Leibwächter.
lionen Euro, die angeblich fließen sollten. Zu den Inhalten, die es in der Unternehmenshülle zu nicht aus. Mit sieben Prozent der Anteile wurde Braun Braun lebte in einer Jugendstilvilla im vornehmen
Es war eine abenteuerliche Konstruktion, die in verstecken galt, gehörte eine Gesellschaft, die Brauns der größte Einzelaktionär und Wire­card sein Familien- Münchner Stadtteil Bogenhausen. An den Wochen-
den Anfängen stecken blieb und für die es ein einfaches Partner Bauer-Schlichtegroll betrieb. Der gab das ame- betrieb. Er benahm sich auch so. enden fuhr er gern nach Wien, wo er eine Villa besitzt.
Wort gibt: Geldwäsche. rikanische Sexmagazin Hustler heraus, anschließend hat In den ersten Jahren begrüßte Braun neue Mitar- In Kitzbühel hat er ein weiteres Haus. Sein Immobi-
Aus Accompong wäre womöglich ein Paradies der man sich auf das Pornogeschäft im Internet verlegt. beiter persönlich. »Ich bin der Markus«, sagte er. War lienvermögen wird auf mehr als 30 Millionen Euro
Geldwäscher geworden, ein Wire-­Staat, wenn der deut- Schon damals wurden Menschen um Geld betrogen. »der Markus« nicht da, übernahm auch mal seine Frau geschätzt.
16 DOSSIER 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

Vor etwa zwei Jahren, als die geschäftliche Lage nichts zu tun gehabt haben. Er bestreitet aber nicht so schnell auf die Schliche. Das war die Spezia-
für Braun ungemütlicher wurde, ließ er in der nicht, dass die Poker-Millionen fast vollständig lität von Jan Marsalek.
Tiefgarage einen Metall-Rollladen vor seinen Park- von einem Wire­card-­Konto zu ihm geflossen sind. Der clevere Stratege im Wire­ card-­Vor­stand
platz bauen, sodass dort niemand mehr sehen Das wird durch Gerichtsakten bestätigt. Seine prahlte mit guten Kontakten zu verschiedenen Ge-
konnte, ob der Chef da war. Diese Frage stellt sich Anwaltskosten in Höhe von mehr als 365.000 heimdiensten und war ein weit gereister Verhand-
heute niemand mehr. Der Chef ist immer da, er Dollar wurden bezahlt. Er wisse auch nicht, von lungsführer. Er war es, der viele Geschäfte ab­
ist in der Justizvollzugsanstalt Gablingen unter­ wem. Heute lebt er in Thailand und gründet im wickelte, auch das mit der indischen Klitsche. Anders
gebracht – ganz in der Nähe von Augsburg, wo der Kundenauftrag Firmen. als der Firmenchef Braun bewegte sich Marsalek in
so­genannte Finanzminister des karibischen Fantasie­ Die amerikanischen Behörden schlossen ein Flugzeugen um die Welt. Seine Münchner Freun-
landes Accompong zu Hause ist. Jahr später, im Jahr 2011, die Internetseiten der din, die bei einem Beauty-Konzern arbeitete, sah
In die Karibik führt noch eine zweite Spur. Auf Poker-Firmen; statt der Spielkarten-Logos er- Marsalek oft wochenlang nicht.
den Bahamas verbrachte ein Mann gern seine Wo- schien auf den Bildschirmen das Wappen des Er hatte sich Techniken angeeignet, um Men-
chenenden, der für Wire­card wichtig war. Er heißt US-Justizministeriums. Die Betreiber der Seiten schen für sich zu begeistern. In solchen Momenten
Michael Schütt. Montags musste er zurück in wurden zur Fahndung ausgeschrieben, ihr­ klappte er seinen Laptop zu, schaute sein Gegen-

Wieso macht
Florida sein, denn während der Woche unterschrieb Vermögen wurde eingezogen. In der Anklage- über hochinteressiert an und gab ihm das Gefühl,
er Schecks, über Millionen von Dollar. Die Schecks schrift taucht auch ein Konto der Wire­card-­ der wichtigste Mensch der Welt zu sein. Marsalek
brachte er zur Post und verschickte sie an Amerika- Bank auf. Das Geschäftsmodell wird dort sehr trat wie einer dieser Staubsaugervertreter auf, die
ner, die im Online-Pokerspiel gewonnen hatten. treffend beschrieben: Zahlungen seien über früher an der Haustür klingelten und sich mit­
Von 2007 bis 2010 zahlte der Geldbote erfolgrei-
chen Poker-Spielern aus den USA, die in Online-
Kasinos Geld gesetzt hatten, die Gewinne aus. Wirecard Fake-­ Online-Händler geleitet und dadurch
verschleiert worden.
Eigentlich hätte das alles auch für jemanden
Charme und Witz in die Herzen der Kunden
schmeichelten. Aber Marsalek hatte nie einen
Staubsauger anzubieten, immer ging es um etwas

Geschäfte mit
Dummerweise wurden Glücksspiele in den meisten schwerwiegende Folgen haben müssen, der mit Unsichtbares – Zahlungen im Internet.
Staaten der USA bereits im Jahr 2006 verboten. einem Heiligenschein durch die Gegend lief: für World domination, »Weltherrschaft«, war eines
Dass die Spieler trotzdem Geld setzen konnten, ver- Markus Braun. Offenbar brach dem Konzern seiner liebsten Wörter. »Er wollte eine Berühmt-
dankten sie Wire­card, dem Spezialisten für das Auf- damals ein wichtiger Teil des Umsatzes weg. Bei heit sein«, sagt einer seiner früheren Weggefährten.

Blumen?
spüren von Schlupflöchern. der Präsentation der Quartalszahlen von 2011 Bei Betriebsfeiern war Marsalek einer der Letzten,
Von Anfang an wickelte Wire­card Zahlungen aber vermeldete Wire­card wieder Wachstum, um die sich verabschiedeten, trank dort aber nie Alko-
für Glücksspiel-Anbieter ab. Es war eine Nische, 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein Wun- hol. Die Beherrschung der Welt fing bei der Selbst-
von der viele Firmen die Finger lassen: kriminelle der – wie war das möglich? Müsste man heute ein beherrschung an.
Milieus, Geldwäsche. Außerdem ist Glücksspiel Datum benennen, an dem der organisierte Betrug »Jan ist ein Betrüger, aber auch ein harter Ar-
ein hochriskantes Geschäft. Deshalb mögen es bei Wire­card begann, dann wäre es der 15. April beiter«, sagt einer seiner ehemaligen Geschäfts-
Banken nicht besonders. 2011, jener Tag, an dem die US-Behörden die partner. Jan Marsalek habe kein Geld für teure
Für die Auszahlungen brauchte man den Geld- Online-Kasinos wichtiger Wire­card-­Kun­den Uhren ausgegeben, keine Kunst gesammelt, sei
boten Schütt. »Das Geschäft war denkbar ein- stilllegten – und Wire­card mit Umsatzzahlen zu nicht mit zum Fußball gegangen, habe nichts mit
fach«, sagt er. In der britischen Grafschaft Durham jonglieren begann. Frauen im Büro angefangen und immer ähnlich

Z
wurde in einem Einfamilienhaus eine Firma mit aussehende aschgraue Anzüge getragen. Gelegent-
dem Namen Blue­tool angemeldet. In Großbritan- u den absurden Verwicklungen des lich habe er sich eine gute Flasche Wein gegönnt
nien lassen sich anonyme Firmen einfacher grün- Falles Wire­card zählt, dass ein halbes und sei zur Bärenjagd nach Tsche­tsche­nien geflo-
den als in Deutschland. Die Adresse war rein sym- Jahr nach der Polizeiaktion in Ame- gen, aber eines sei immer gleich geblieben: Jan
bolisch, die Eigentümerin stellte bloß ihre An- rika der Bundestag über die Verhin- Marsalek arbeitete Tag und Nacht. Er telefonierte
Foto: Jessica Peterson/Plainpicture
schrift zur Verfügung. Ihr Konto – und das war derung von Geldwäsche beriet und sehr selten, und wenn doch, dann sprach er über
entscheidend – führte diese Gesellschaft bei der dort einen besonderen Sachverständigen auftre- die verschlüsselte Telegram-App. »Er liebte riskante
Wire­card-­Bank in Deutschland. Auf dieses Konto ten ließ. Während der 65. Sitzung des Finanz- Geschäfte«, sagt der frühere Kompagnon.
wurden von den Kasinos die Gewinne überwiesen, ausschusses im Oktober 2011 referierte ein Marsalek sei vor ein paar Jahren während des
die dann beim Geldboten in Florida landeten. Er Mann, der bei Wire­card beschäftigt war: Oliver Bürgerkrieges nach Libyen geflogen und habe sich
verwandelte das Geld in Schecks. Bellenhaus. Er versicherte den Abgeordneten: dort an einer Zementfabrik beteiligt, die heute sehr
Für ein Treffen mit der ZEIT schlägt Michael »Uns liegt es auch am Herzen, Geldwäsche zu viel wert sei. Vor vielen Jahren, so habe es Marsalek
Schütt ein Hotel an der Friedrichstraße in Berlin vor. bekämpfen. Ich denke, wir haben das auch über einmal erzählt, habe man ihm angeboten, Gold des
Es ist ein heißer Tag im Juli dieses Jahres, Schütt er- In den Abrechnungen dienten sie zur Tarnung die letzten fünf Jahre erfolgreich gezeigt und­ früheren Herrschers Gaddafi außer Landes zu schaf-
scheint in der Lobby in kurzen Hosen. Er sagt: »Ich erfolgreich betrieben.« Mittlerweile sitzt dieser fen. Auf den Philippinen habe Marsalek es in Geld
habe immer darauf geachtet, dass die Bücher stim- Mann in Untersuchungshaft. Er wird ver­ wechseln, über das islamische Hawala-Netzwerk nach
men. Es hat nie etwas gefehlt.« In Florida hat er auch dächtigt, einer der Drahtzieher des Mil­liar­den­ Deutschland schaffen und damit Prepaid-Kredit-
mal versucht, seine Unterschrift auf die Schecks be­truges bei Wire­card gewesen zu sein. Einst karten bei Tankstellen aufladen wollen – und damit
drucken zu lassen. Aber dann riefen die Banken wurde er wegen seines vermeintlichen Sachver- wären diese Erlöse im Wire­card-­Sys­tem gelandet.
immer an, um zu fragen, ob die Unterschrift echt sei. stands ins Parlament geladen. Heute ist er Welche Aktionen Marsalek als Privatmann ausgeführt
Dass dieser Mann schon einiges erlebt hat, merkt wahrscheinlich an einem der größten deut- hat und welche als Wire­card-­Mana­ger, das lässt sich
man daran, dass er sagt: »Ich saß im Lee County Jail schen Finanzskandale beteiligt. schwer trennen. Marsalek, so beschreiben ihn Weg-
in Fort Myers, das war die Hölle, da war mir klar, ich 2011 war ein wichtiges Jahr für das Unterneh- gefährten, war immer beides zugleich.
gehe nicht noch mal in den Knast.« men. Denn da verkündete eine Aktien-Expertin Jan Marsalek heuerte Rudel von Helfern an,
Der Geldbote flog im Februar 2010 auf, der Secret der Commerzbank, Wire­card habe hervorragende denen er zur Belohnung ausschweifende Abende
Service verhaftete ihn. In der Anklageschrift werden Wachstumsaussichten. Diese Analystin machte mit viel Champagner versprach. Einer dieser Deal-
ihm illegale Geldtransfers vorgeworfen, in Höhe von später erneut auf sich aufmerksam, als sie kritische maker berichtet, wie er verfuhr: Ob er mit der
70 Millionen Dollar. Seine Konten wurden blockiert, Berichte über Wire­card als »Fake-­News« denun- Hotelkette Accor sprach, dem Mineralölkonzern
sein Auto und seine Uhren wurden beschlagnahmt. zierte. Sie glaubte lange an den Heiligenschein – Total, der Mobilfunkfirma O ­ range – stets ging es
Nur sein Boot nicht, weil es den Behörden im Unter- so wie viele andere Analysten. Schon im März um eine blumige Erzählung vom deutschen Börsen-
halt zu teuer ist. Mit Wire­card will der Geldbote 2008 hatte die Deutsche Bank geschrieben, sie star Wire­card, der Drehscheibe für schnelle Ge-
sehe bei Wire­card »starke Wachstumsmöglich- schäfte, die von Jan Marsalek mit den kuriosesten­
ANZEIGE keiten«. Überhaupt wurde Wire­card schnell zu Ideen vorangetrieben wurden. So vereinbarte einer
einem Börsenliebling. Die Firma brachte vieles seiner Vertrauten einen Termin mit einem Diplo-
mit, was Analysten lieben: eine bayerische Teller- maten aus dem Iran, um über eine Banklizenz in
wäscher-Geschichte, die bei null begonnen hatte, der Islamischen Republik zu verhandeln. Auch für
eine abenteuerlustige Firma, ganz auf digitale eine Bank auf den Komoren im Indischen ­Ozean
Geschäfte ausgerichtet, sehr junge Führungs- hat er sich interessiert.
Nancy Pelosi zerreißt nach der Rede von Donald Trump im Februar 2020 dessen Redemanuskript. kräfte, international verdrahtet. Einmal lud Marsalek Geschäftsfreunde zum
Noch zu Beginn dieses Jahres hielt die War- Formel-1-Grand-Prix in Monaco ein. Es war eines
burg-Bank Wire­card für eine der besten An­lage­ dieser Treffen, die im Verborgenen stattfinden
ideen für 2020. Heute ist die Aktie ein Schrott- sollten. Die Manager verabredeten sich zunächst
papier, fast wertlos. Und die Analysten der Banken in einem pri­vate room der Buddha-Bar, dann ging
zeigen sich geschockt. Sie sollten die Bilanzen von es auf eine gecharterte Jacht, 24 Meter lang, mit
Unternehmen gründlich durchgekämmt haben, Klimaanlage und – natürlich – mit Internet­zugang.
bevor sie ihren Kunden Tipps geben. In Wahrheit Gäste, die per Helikopter anreisten, wurden im
geht es den Analysten häufig bloß darum, sich mit Hafen aufgelesen. Auf der Jacht verfolgten sie das
den Konzernen gut zu stellen, um für ihre Arbeit- Auto­rennen und feierten ihre Erfolge.
geber große Deals an Land zu ziehen, an denen Den Deal in Indien hatte Jan Marsalek sorgsam
die Banken viel verdienen. So sind die Experten eingefädelt. Einer seiner Dealmaker schrieb schon
oft bloß sogenannte Experten. ein Jahr vor dem Geschäftsabschluss an einen der
Wer sich mit Wire­card beschäftigt, stößt indischen Firmeneigentümer: »Jan kann dich um
immer wieder auf diesen Ausdruck: sogenannt. 9.30 Uhr im Hotel Sacher in Wien treffen.« Was
Ein sogenannter Aktien-Experte, ein sogenann- danach geschah, lässt sich nur bruchstückhaft re-

Amerika zuerst
ter Finanzminister, ein sogenannter Geschäfts- konstruieren. Eine dubiose Gesellschaft auf Mau-
erfolg. Kein anderer Begriff begleitet den Hei- ritius wurde gegründet, um die sogenannte Unter-
ligenschein-Effekt derart zuverlässig. nehmensgruppe Hermes zu kaufen und später an
Im Jahr 2015 gelang Wire­card einer der Wire­card weiterzureichen. Viel spricht dafür, dass

oder Trump am Ende? größten Deals überhaupt: die Übernahme einer es hier um Bilanztricks ging, die dazu dienten, das
Unternehmensgruppe in Indien. Ein Riesen- Unternehmen Wire­ card größer und stärker er-
erfolg, nein, ein sogenannter Riesenerfolg. scheinen zu lassen, als es tatsächlich war. Denn es

Mut entscheidet.
Und außerdem eine sogenannte Unterneh- sieht so aus, als seien die Millionen von Bayern
mensgruppe. Zwei Geschäftsleute in Indien nach Mauritius und auf Umwegen zurück nach
hatten ihre Anteile an der Firma Hermes/GI Bayern geflossen. Sollte Wire­card absichtlich zu
Retail verkauft und dafür umgerechnet rund viel Geld für die indische Klitsche gezahlt haben,
zwei Millionen Euro erhalten. Danach beka- dann könnte das daran liegen, dass sich Wire­card
men sie mit, dass ihr ehemaliges Unterneh- das Renommee eines rasant wachsenden Unter-
men für 37 Millionen Euro an eine Gesell- nehmens zulegen wollte. Als der Madras High
schaft auf Mauritius weiterverkauft wurde. Court in Indien die Hintergründe klären wollte,
Und nur wenige Wochen später lasen sie in schrieb Jan Marsalek in einer E-Mail: »Es sei Ihnen
der Zeitung, die Firma gehöre jetzt Deut- deutlich gesagt, dass die geschäftlichen Details (...)
schen: den Leuten von Wire­card. 326 Millio- vertraulicher Natur sind und daher vertraulich
nen Euro, hieß es, hätten die Deutschen be- bleiben müssen.« Erstaunlich ist, dass Marsalek
zahlt. Wie konnte ein Unternehmen in so mit dieser schnöden Antwort durchkam.
kurzer Zeit derart an Wert gewinnen? Die Wirtschaftsprüfer des Unternehmens Ernst
Markus Braun, der Wire­card-­Chef, verkün- & Young konnten in dem Deal nichts Merkwür-
dete damals, er habe »einen der führenden Zah- diges entdecken, sie beurteilten die Bilanzen von
lungsabwickler der Region« an Land gezogen. In Wire­card fast bis zum Schluss als unbedenklich.
Wahrheit verkaufte diese Firma Bahntickets an Sie sind eigentlich hoch qualifizierte Leute, die
indischen Kiosken: Die sogenannte Unterneh- Bilanzen von Firmen auf Fehler hin durchforsten
mensgruppe war bloß eine Klitsche. Nun aber sollen. Bei Wire­card haben sie auf ganzer Linie
glaubten die beiden Inder, die ihre Anteile ver- versagt. Oft blicken Wirtschaftsprüfer auf Unter-
Mehr Perspektiven zur kauft hatten, mit einem viel zu geringen Preis nehmen mit einem sanften Blick, denn diese Fir-
US-Wahl finden Sie unter abgefunden worden zu sein. Sie klagten vor Ge- men sollen auch morgen wieder ihre Kunden sein.
richt, auch gegen Wire­card. Vertieft man sich in Mit denen will man es sich nicht verderben: Kon-
sz.de/mut die Unterlagen der indischen Justizbehörden, trolle ist gut, Vertrauen ist besser.
erkennt man, warum der Heiligenschein-Effekt Im November 2018 besuchte Dorothee Bär die
so lange hielt. Wer seine Spuren verwischt, indem Zentrale von Wire­card im bayerischen Aschheim.
er sie weltweit mäandern lässt, dem kommt man Bär ist Staatsministerin im Kanzleramt und Beauf-
DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 DOSSIER 17

tragte der Bundesregierung für Digitalisierung. In nungen und Verträge würden gefälscht – eine einsetzt. Reist Merkel zu Staatsbesuchen nach Peking,
einem Interview sagte Bär mal, Digitalisierung­ Märchenwelt der Finanzen. Nachdem die bri­ Washington oder sonst wohin, nimmt sie oft Ver­
könne bedeuten, sich in einem »Flugtaxi« durch die tische Zeitung Financial ­Times darüber berichtet treter deutscher Konzerne mit. Der Besuch in Peking
Gegend zu bewegen. Das Gelächter war groß, weil ja hatte, durchsuchte eine Sondereinheit der Polizei war der Versuch, die angespannten deutsch-­
nicht einmal das Internet überall richtig läuft. die Büros von Wire­card in Singapur. Dreimal chinesischen Wirtschaftsbeziehungen zu verbessern.
An der Betriebsbesichtigung nahm auch Braun mussten die Beamten anrücken, bis sie fanden, Während chinesische Firmen meist problemlos in
teil, außerdem der Finanzvorstand des Konzerns. So wonach sie suchten: Belege für Korruption, Be­ Deutschland investieren können, scheitern deutsche
steht es in einem Bericht der Regierung. Eine Woche trug und Geld­wäsche. Unternehmen in China oft an bürokratischen
später wandte sich Markus Brauns Büro an das Zum ersten Mal in der Geschichte von Hürden. Die Bundesregierung bemüht sich darum,
Sekretariat von Dorothee Bär und bat darum, einen Wire­card sahen sich Behörden die Deals sorg­ dass die Chinesen es deutschen Firmen leichter
Termin mit der Kanzlerin einzufädeln. Aber Merkel fältig an. Der Kurs der Wire­card-­Aktie fiel ra­ machen. Da kam die Übernahme eines chinesischen
sagte ab. Der Höhenflug von Wire­card reichte aus, pide. In einer eilig einberufenen Telefonkonfe­ Unternehmens durch Wire­card gerade recht. Wire­
um eine Staatsministerin anzulocken, aber es war renz mit Analysten erklärte der Firmenchef card war ein Börsenstar, hatte soeben die Commerz­
noch zu früh, um die Kanzlerin für sich zu gewinnen. Markus Braun, an den Vorwürfen sei nichts bank im Deutschen Aktienindex verdrängt. Wire­

Wieso ist dieses ­


Das wäre kaum bemerkenswert, wenn es nicht dran. Wire­card sei das Opfer von Spekulanten, card sei doch »ein Dax-30-Unternehmen«, erklärte
schon zwei Jahre zuvor einen Bericht gegeben hätte, die sich verschworen hätten – die übliche Leier. Merkel später. Das klang ein wenig so, als habe sie

I
der auch Politiker hätte aufhorchen lassen können – den Heiligenschein-Effekt umschreiben wollen:
den Zatarra-Bericht. Zatarra, hinter diesem Namen m Februar 2019 erreichten die Berichte Wer groß und stark ist, der kann sich auf die­
verbargen sich Geschäftsleute, die aus betrügerischen
Machenschaften einer Firma Profit schlugen.
Einer von ihnen ist Matthew Earl. In der Szene
der englischen Reporter auch die deutsche
Finanzaufsicht in Frankfurt. Die Beamten
erstatteten Strafanzeige, aber nicht etwa Unternehmen Bundesregierung verlassen.
Der Tag, an dem der Heiligenschein erlischt, ist
der 18. Juni dieses Jahres. Wire­card soll die Ergeb­

326 Millionen
nennt man ihn den »dunklen Zerstörer«. Er bittet in gegen Manager von Wire­ card, sondern nisse des abgelaufenen Geschäftsjahres präsentieren.
das Büro seiner Investmentfirma in London und gegen die Journalisten der Financial ­Times. Doch dann teilen die Banken auf den Philippinen mit,
fragt, ob man ein Crois­sant möchte, vielleicht einen Besser konnte es für Wire­card nicht laufen. der deutsche Konzern habe gar kein Konto bei ihnen.
Kaffee? Was in dem Großraumbüro in diesem alten Jan Marsalek setzte nun alles daran, vorzu­ Damit fehlen Wire­card 1,9 Mil­liar­den Euro – eine

Euro wert?
Lagerhaus sofort auffällt, ist die Stille. An einem gaukeln, dass Journalisten und Spekulanten ge­ unvorstellbare Summe. 1,9 Mil­liar­den Euro, davon
langen Tisch sitzen Experten vor Bildschirmen und meinsame Sache machten. Wieder heuerte er hätte man in Hamburg zwei Elbphilharmonien
lauern dubiosen Unternehmen auf, ihrer möglichen Privatagenten an. Diesmal beauftragte er die bauen können.
Beute. Matthew Earl, der Chef, leitet einen Hedge­ Sicherheitsfirma Arcanum Global in London, die Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young, die bei
fonds. Er ist spezialisiert auf Leerverkäufe von Ak­tien. in der Branche als aggressiv gilt. Die Rechnung für Wire­card über Jahre nichts Verdächtiges entdeckt
Das sind Geschäfte, bei denen Anleger verdienen, die ersten drei Monate war im Voraus fällig, haben, verweigern das Testat, und Markus Braun tritt
wenn die Aktie fällt. Entdecken die Leute des Zer­ 600.000 Euro. ein letztes Mal als Chef auf. In einer Videobotschaft
störers bei einer Firma betrügerische Absichten, Die englischen Reporter veröffentlichten sagt er: »Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden,
steigen sie ein. Anschließend kümmern sie sich da­ weitere Recherchen, von Machenschaften bei dass die Wire­card AG in einem Betrugsfall erheb­
rum, dass der Betrug öffentlich wird. So vernichten Wire­card war nun oft die Rede, aber die Auf­ lichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist.«
sie das Unternehmen – und verdienen viel Geld. Den sichtsbehörde in Deutschland kümmerte sich Ein hoffnungsloser Versuch, seine Ehre zu retten.
Titel Zerstörer halten sie für eine Auszeichnung. darum nicht. Dabei wäre es so einfach gewesen, Braun wird wenig später verhaftet.
Im Jahr 2016 plante Earl zusammen mit seinem die Fahnder in Singapur anzurufen. Ein neuer Wire­card-­Chef tritt an und verkündet,
Mitstreiter die erste große Attacke gegen Wire­card. Im Civic District von Singapur steht ein dass die fehlenden 1,9 Mil­liar­den Euro »mit hoher
Die beiden veröffentlichten unter dem Namen Za­ Hochhaus aus den Siebzigerjahren, das man Wahrscheinlichkeit nicht existieren«. Die Wire­card
tarra einen 100-seitigen Bericht. Sie wollten anonym »Little Burma« nennt. Lebensmittelhändler, AG wird zum ersten Dax-Konzern, der Insolvenz an­
bleiben und benannten sich nach dem Rächer aus Geldwechsler, Restaurants und Blumenläden, melden muss. Aktionäre verlieren viel Geld, Banken
dem Abenteuerroman Der Graf von Monte Cristo. Sie viele Menschen wuseln durch­ein­an­der. Im ach­ schreiben Kredite ab. Die Geschichte vom Heiligen­
hatten auf fallende Kurse bei Wire­card gesetzt. Am ten Stock, in Büro Nummer 16, liegt hinter schein ist Geschichte. Es ist zu Ende, aus.
24. Fe­bru­ar 2016 um 10.03 Uhr griffen sie an. Meh­ einer verspiegelten Tür das Büro von Rajart­ Bleibt die Frage, was Markus Braun derzeit

Foto: privat
rere Monate lang hatte Earl kaum etwas anderes ge­ nam Shanmugaratnam, dem langjährigen wohl macht. Er sitzt noch immer im Gefängnis
tan, als die dunkle Seite von Wire­card zu recherchie­ Treuhänder der Firma Wire­card. Der Treuhän­ und bestreitet alle Vorwürfe, seine Haftbeschwerde
ren. »Das ist wie Detektivarbeit«, sagt er. Die dubio­ der war für die Deutschen sehr wichtig, er ent­ wurde gerade abgelehnt.
sen Poker-Geschäfte, der rätselhafte Firmenkauf in wickelte sich zu einem geübten Falschspieler. Kunden stehen vor einem Kiosk von Hermes/GI Retail in Indien Jan Marsalek, der König der Dealmaker, ver­
Indien – alles tauchte in dem Bericht auf. »Kursziel: Als die ZEIT an seiner Bürotür klingelt, öffnet steckt sich vor der Polizei. Vielleicht in Russland,
0 Euro«, schrieb Earl. Die Aktie fiel dramatisch. Die niemand. Ruft man bei ihm an, meldet sich oder auf den Philippinen, oder in Indonesien. Wer
Schlacht hatte begonnen. eine Frau, die behauptet, man habe die falsche weiß das schon.
Von seinem Büro aus reagierte Wire­card-­Chef Nummer gewählt. Zu den Aufgaben des Michael Schütt, der Geldbote aus Florida, sagt,
Braun. »Wir sind allen Vorwürfen nachgegangen. Falschspielers zählte es, Briefe zu unterschrei­ er sei jetzt Chef eines Unternehmens und wolle »auf
Jeder einzelne Punkt ist falsch. Das sind haltlose ben, in denen er bestätigte, auf Wire­ card-­ die Forbes-­Liste der 1000 reichsten Menschen«.
Unterstellungen«, sagte er in einem Interview. Kon­ten lagerten Millionenbeträge – was nicht Deutschlands Finanzminister Olaf Scholz fällt
Nun schlug die große Stunde von Jan Marsa­ stimmte. zu Wire­card nichts Nennenswertes mehr ein. Er
lek, der von Agenten seit je fasziniert war und Inzwischen steht der sogenannte Treuhänder muss sich im Bundestag bald vor dem Wire­card-­
Kontakte zu ihnen pflegte. In ganz Europa heuerte in Singapur wegen Betruges vor Gericht. Die An­ Unter­su­chungs­aus­schuss verantworten.
er Privatagenten an. Gut 50 Millionen Euro wur­ klageschrift muss ständig verlängert werden. In Der Finanzminister von Accompong hat es besser.
den dafür ausgegeben, schätzt einer der Beteiligten. einem Schriftsatz vom 8. Juli dieses Jahres heißt Er verhandelt mit der Regierung von Jamaika darü­
Marsaleks Helfer versuchten, die Maulwürfe hin­ es, der Mann habe in einem Brief versichert, er ber, ob die eigene Währung, der Lumi, eine große
ter dem Namen Zatarra zu finden – und sie aus­ verwalte gut 66 Millionen Euro. Dann wieder war Zukunft hat. Dann könnte die Geschichte des Wire-­
zuschalten. Frühere Kritiker, Journalisten und von 177 Millionen Euro die Rede, von 47 Millio­ Staa­tes in der Karibik ganz neu beginnen.
Finanzexperten wurden beschattet. Selbst enge nen oder 30 Millionen Euro. Wire­card war es
Vertraute ließ Marsalek verfolgen, bis in ihre Ur­ gelungen, überall Inseln paradiesischer Illusionen Mitarbeit: Timothy Misir
laubshotels in Skigebieten. In einigen von Marsa­ zu schaffen. In Dubai und anderen Metropolen
leks Ermittlungsakten standen sogar die Zimmer­ der Welt waren Leute stationiert, die sich für ANZEIGE
nummern sogenannter Zielpersonen. Matthew Wire­card offenbar Scheingeschäfte ausgedacht
Earl, der Zerstörer, hatte die Jagd auf Wire­card hatten. Es sieht so aus, als hätten die drei wich­
eröffnet, nun wurde er selbst gejagt. tigsten Partnerfirmen von Wire­card, die mehr als
Der Zatarra-Bericht erreichte auch die deutsche die Hälfte zum Konzernumsatz beitrugen, ihre

Schrecken und Neuanfang


Finanzaufsicht BaFin, aber sie interessierte sich kaum Zahlen frei erfunden.
dafür. Es ging den Beamten vor allem darum, einen Als Angela Merkel am 5. September 2019
Angriff auf ein deutsches Vorzeigeunternehmen ab­ auf dem militärischen Teil des Berliner Flug­
zuwehren. In einem 45-seitigen Schreiben an die hafens in die Regierungsmaschine stieg, war
Staatsanwaltschaft München I betonten sie, dass der Wire­card-­Chef Braun auf dem Höhepunkt
Markus Braun im Fe­bru­ar 2016 selbst 18,5 Millionen seiner Karriere angekommen. Die Kanzlerin
Euro in Wire­card investiert hatte. Er müsse – so war auf dem Weg nach Peking. Sie hatte vor,
folgerten sie – vom Erfolg des Unternehmens über­ sich bei der chinesischen Führung für die Inte­
zeugt gewesen sein. Wie konnte er dann ein Betrüger ressen deutscher Konzerne starkzumachen,
sein? Diese Frage war so naheliegend wie naiv. auch für die Interessen von Wire­ card. Man
Die entscheidenden Fragen ignorierten die Be­ könnte es auch so zusammenfassen: An jenem

NEU
amten. Wie seriös arbeitete Wire­card? Wie waren Tag im September verschmolzen die Geschäfte
die Verbindungen zum illegalen Glücksspiel zu des Markus Braun mit der Regierungspolitik
erklären? Der Deal in Indien? Die Aufsichts­ der Bundesrepublik Deutschland.
behörde sah im Zatarra-Bericht »ein verzerrtes Braun hatte zwar vergeblich versucht, einen
Bild«. Sollte man Leuten vertrauen, die darauf aus Termin bei der Kanzlerin zu bekommen, aber er
waren, Firmen zu vernichten? Bei den Aufsehern gab nicht auf. Er wandte sich an Klaus-Dieter AM KIOSK ODER
setzte so etwas wie der umgekehrte Heiligen­ Fritsche, einen ehemaligen Beauftragten für die GRATIS TESTEN
schein-Effekt ein: Zerstörern glaubt man nicht. Nachrichtendienste des Bundes im Kanzleramt.
Das war ein folgenreicher Trugschluss, denn nun Fritsche war auch mal Berater des früheren rechts­
konnte sich Wire­card mit amtlicher Hilfe aus der populistischen Innenministers von Österreich.
Schusslinie ziehen. Hätte die BaFin Alarm geschla­ Am 13. August 2019 bat Fritsche um einen Ge­
gen, wären auch Politiker hellhörig geworden. sprächstermin bei Merkels Wirtschaftsberater
Die Staatsanwaltschaft München I eröffnete Lars-Hendrik Röller. Kurze Zeit später setzte sich Die Angst vor der Katastrophe
auf eine Strafanzeige der BaFin hin ein Ermitt­ Röller mit Wire­card-­Mana­gern zusammen.
lungsverfahren, aber nicht gegen Wire­card, son­ In jenen Tagen sprach auch Karl-Theodor ist so alt wie die Menschheit:
dern gegen dessen Angreifer – den Zerstörer und zu Guttenberg, der früher mal Verteidigungs­ Sie gewinnt schnell die Oberhand,
seinen Partner. Argumente lieferte die Anwalts­ minister war und sich heute als Lobbyist betä­
kanzlei Bub Gauweiler & Partner in München, die tigt, mit Angela Merkel. Danach informierte wenn die Erde bebt, Sturmfluten
für Wire­card arbeitete. In einem Schriftsatz vom Guttenberg Merkels Wirtschaftsberater über ganze Inseln verschlingen oder
23. Juni 2017, den die Rechtsanwälte persönlich die Pläne von Wire­card, in China groß einzu­ Seuchen Millionen Menschen
bei der Staatsanwaltschaft vorbeibrachten, schrei­ steigen. Wire­ card hatte vor, einen Finanz­
ben sie: »Am 24. Februar 2016 wurde im Internet dienstleister in Peking zu übernehmen, benö­ sterben lassen. ZEIT GESCHICHTE
ein Bericht (...) über unsere Mandantin veröffent­ tigte dafür aber die Zustimmung der chinesi­ erzählt von spektakulären Katastro-
licht, in dem wahrheitswidrig behauptet wird, schen Zentralbank. Sollte das hinhauen, schrieb
die Wire­card AG sei in großem Umfang in Kor­ Guttenberg in einer E-Mail an Röller, dann
phen – und fragt, was die Menschen
ruption und Betrug involviert und deshalb seien wäre Wire­card das erste Unternehmen auf der aus ihnen gelernt haben. Denn in
ihre Aktien wertlos.« ganzen Welt, das einen chinesischen Finanz­ jeder Krise, das zeigt dieses Heft,
Matthew Earl, der Zerstörer, wehrte sich. konzern geschluckt hätte.
Nachdem das Verfahren gegen ihn eingestellt war, Tatsächlich sprach Merkel das Thema Wire­ steckt ein Neuanfang.
setzte er sich ins Flugzeug nach München. Vorher card gegenüber der chinesischen Führung an.
ließ er sich versichern, dass er in Bayern nicht fest­ Auch der deutsche Botschafter in Peking und
genommen werde. In Bayern erzählte er den Er­ der chinesische Botschafter in Berlin wurden
mittlern vier Stunden lang alles, was er über Wire­ über die Expansionspläne informiert. Darauf­
card wusste. Das war im Juni 2019, aber es dauerte hin erhielt Guttenberg – wieder per E-Mail –
viele Monate, bis die Ermittler genügend Beweise aus dem Kanzleramt die Nachricht, das Thema
zusammengetragen hatten. Wire­card sei lanciert worden. Wenige Wochen
Der deutschen Finanzaufsicht kamen erst Zweifel, später informierte Wire­ card seine Aktionäre
als es unmöglich war, das Desaster noch zu übersehen. über den Einstieg in China. Doch welches In­
Hier testen:  www.zeit.de/zg-gratis 040/42 23 70 70*
In Singapur erzählte ein Whistleblower, der Bobby teresse hatte Merkel an Wire­card?
*Bitte die Bestellnummer 1966326 angeben. Anbieter: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Buceriusstraße, Hamburg.
genannt wurde, Rechtsanwälten viel über Schein­ Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass sich
geschäfte bei Wire­card. Bobby berichtete, Rech­ die Bundesregierung für deutsche Unternehmen

108997_ANZ_220x220_X4_ONP26 1 15.09.20 10:16


18 LESERBRIEFE 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

Zur Ausgabe ZEIT Nr. 39 Weitere Leserbriefe finden Sie unter


blog.zeit.de/leserbriefe

Geschacher um die
Flüchtlinge
Ulrich Ladurner: »Der Hafen
Zähmt den Verkehr! Menschenrecht
auf Wohnraum
Sebastian Kempkens: »Und raus
Europa«  ZEIT NR. 39 Petra Pinzler: »Laufen und laufen lassen«  ZEIT NR. 39 bist du«  ZEIT NR. 39

Wer sagt: »Es darf keinen deutschen Allein- Vollständig autofreie Großstädte wird es voraus- auch die Zahl der Fußgänger, die durch Radfah- unterirdisch, überirdisch oder beides zusammen –, Ich bin geschockt über die Ungerechtigkeit,
gang geben, es muss eine europäische Lösung sichtlich nie geben. Realistisch sind Städte mit rer in Unfälle verwickelt werden. würde man sich als eingefleischter Autofahrer ver- die eine Mieterin in diesem Land erleben
gefunden werden!«, der sollte lieber Klartext wesentlich weniger Autoverkehr. Wir sollten die- Aber Radfahrer können sich dann einfach uner- mutlich leichtertun, den Rest der Strecke mit öf- muss. Anständige Menschen mit kleinen
reden, denn diese Aussage bedeutet doch se Perspektive nicht »autoarm« nennen, denn der kannt aus dem Staub machen. fentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen. Dabei Kindern verlieren einfach ihre Wohnung,
faktisch: »Ich will nicht, dass Flüchtlinge Begriff »arm« ist negativ besetzt. Stadtviertel und  EVA GRUBER , MÜNCHEN wäre es auch vorstellbar, Parkplätze an Auto­ weil ein anderer Mensch den Hals nicht voll
aufgenommen werden; falls es doch un­ Straßen mit wenigen Autos dagegen sind reich: besitzer selbst zu verkaufen, die dann deren In- genug bekommt. Die Eigentümerin möge an
umgänglich ist, dann so wenige und so spät reich an Leben und Urbanität. Zweifelsfrei ist es Was mich an der Diskussion zur Reduktion von habern garantiert zur Verfügung stehen. Wie in ihrem Reichtum ersticken!
wie möglich!« Man muss sich wundern, dass dringlich, den Autoverkehr stadtverträglicher zu Autoverkehr in den Städten besonders stört, ist einem Mehrfamilienhaus müsste ein nicht zu  K ATHRIN OSCHEK A , PER E-MAIL
es den Flüchtlingsgegnern nicht peinlich ist, gestalten, zu domestizieren. Ein erster wichtiger die vehemente Art, mit der »die Autofans« auf- hoher fünfstelliger Betrag für einen solchen Gara-
zu so durchsichtigen Scheinargumenten zu Schritt dazu ist die Senkung der Innerorts- treten und für sich ein Vorrecht in Anspruch genplatz ausreichen. Der Tenor ist klar: die böse Vermieterin, die
grei­fen. DR . GÜNTER ZEYER , BOCHUM Höchstgeschwindigkeit. Ein von einem Auto mit nehmen, als sei dies ein Naturgesetz. Jedes Jota  PROF. DR . MANFRED L ANGE, MÜNCHEN sich erdreistet, ihre Wohnung aufzuhübschen
50 Stundenkilometern angefahrener Fußgänger für eine Verbesserung der Fahrradinfrastruktur und zu einem marktüblichen Preis zu ver-
Für Ulrich Ladurner mag es noch Zeit ge- wird mit etwa 90 Prozent Wahrscheinlichkeit muss bitter erstritten werden. Dies zeigt sich be- Autofreie Innenstädte sind umsetzbar. Jedoch mieten. Man kann der betroffenen Mieterin
ben, eine »europäische Lösung« herbeizu- getötet. Erfolgt der Unfall dagegen mit 30 Stun- sonders an der die Verkehrsberuhigung in der müssen wir die Verkehrswende konsequenter nur den dringenden Rat geben, in eine andere
führen. Für die verzweifelten Flüchtlinge denkilometern, stirbt der Fußgänger mit einer Berliner Friedrichstraße begleitenden Diskussion. denken, und dazu muss es eine bequeme Alterna- Gegend zu ziehen, wo das Wohnen preis­
und die Länder, die sich an den Außeng­ Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent. Diese nur Sie erwähnen in Ihrem Bericht auch die Sicht- tive zum Auto geben. Aus meiner Sicht ist es das werter ist. Es gibt kein Menschenrecht auf
renzen Europas befinden und seit fünf Jah- sehr moderate Einschränkung der Mobilität er- weise von Menschen, die außerhalb der Berliner automatisierte Fahren im ÖPNV: zu jeder Tages- das Leben in einer teuren Großstadt wie
ren vergeblich auf ein Zeichen europäischer scheint mir dringend geboten, um dem Recht Innenstadt leben und meinen, auf das Auto in und Nachtzeit mit einem E-Shuttle von A nach München!  BIRGIT TA VOM LEHN , LILIENTHAL
Solidarität warten, gilt das nicht. jedes Einzelnen auf Leben und körperliche Un- der Innenstadt angewiesen zu sein. Warum for- B. Zuverlässig, bezahlbar und bequem, da man
 SVEN HERFURTH , BARGTEHEIDE versehrtheit (Art. 2 Abs. 2 GG) zu entsprechen. dert man nicht besseren, sicheren ÖPNV auch in keinen Parkplatz suchen muss etc. Die Technik Es hatte schon einen Grund, warum Männer
Zugleich sollten die Bußgelder bei Fehlverhalten den Außenbezirken, auch in der Nacht, dann ist schon ziemlich weit. Spannend wird die Frage wie Bundeskanzler Konrad Adenauer oder
Die EU präsentiert sich als zahnloser Papier­ von Autofahrern auf das deutlich höhere Niveau wären die Armen in Berlin-Marzahn nicht auf sein, ob das Verkehrsrecht damit Schritt hält. der Münchner Oberbürgermeister Hans-­
tiger. Nur mit monetären Sanktionen ist den der Staaten um uns herum angehoben werden ein eigenes Auto angewiesen.  JÖRG BUNTENBACH , POTSDAM Jochen Vogel bezahlbaren Wohnraum ganz
Regierungen in Ungarn, Polen und Tsche- und damit in höherem Maße als bisher gewähr- Die selbstherrliche Haltung, mit der »Autofans« oben auf die politische Agenda setzten. Ein
chien beizukommen. Das Geld, das dabei leisten, dass die Regeln wirklich eingehalten wer- voller Empörung jegliche Veränderung blockie- Petra Pinzler fragt, wem die Stadt gehöre. Etwa Beitrag zum sozialen Frieden, der uns im
eingespart wird, müsste dann auf die stark den.  DR . RUDOLF MENKE, HANNOVER ren, ärgert mich maßlos. Wie oft habe ich schon denen, die darin wohnen? Nachkriegsdeutschland steigenden Wohl-
von Migration betroffenen Länder wie Grie- gelesen, dass die Radfahrer aber rücksichtslos sei- Ja, wem denn sonst! stand garantierte.
chenland, Italien und Spanien verteilt wer- Eine Stadt ohne Autos – geht das? NEIN! en, wenn sie als Kampfradler über den Gehweg Wenn sich nun also die Stadtbewohner gegen Es macht mich wütend, von sogenannten
den. Wer sich nicht solidarisch verhält, muss  HANS-EMIL SCHUSTER , HAMBURG oder die rote Ampel jagen. Ja, das ist kritikwür- Abgas- und Lärmemissionen durch Berufspend- »Unternehmern« zu lesen, die anscheinend
zahlen. FELIX BICKER , ES SEN dig, legitimiert aber in keiner Weise die Aufrecht- ler aus den Vororten und ineffizient genutzten nicht verstehen, welch hohes Gut sie mit ihrer
Autofreie Großstädte – eine gute Idee. Allerdings erhaltung der Dominanz des Autos. Stadtraum wehren, ist das verständlich. Es gibt egoistischen und meiner Meinung nach ver-
müsste auch der Radverkehr unbedingt geregelt  ERIK A S . BECKER , FR ANKFURT AM MAIN nun mal kein Recht darauf, dass jeder mit dem werflichen Vorgehensweise aufs Spiel setzen.
werden. In München ist die Situation für Fuß- eigenen Pkw zur Arbeitsstätte oder zum Einkau- Armes reiches Deutschland!
gänger mittlerweile unerträglich. Viele Radler Die Zeit mit weniger Autos in der Stadt rückt fen vorfahren darf. Gleichwohl ist die Aufgabe  HELENA SCHMID, REGENSTAUF

Der will doch nur fahren absolut rücksichtslos (bei Rot über die
Ampel, viel zu schnell, nachts ohne Licht, auf
näher, aber wohin mit den Autos, die dann nicht
mehr fahren oder parken dürfen?
der Regierenden, entsprechende Alternativen
durch öffentlichen Nahverkehr und gut ausge- Das Dossier zeigt die Kardinalfehler bundes-
aufpassen! dem Bürgersteig usw.). Nicht nur die Zahl der Rad-
fahrer, die durch Autos verletzt werden, steigt –
Dazu eine Idee: Wenn man an (End-)Haltestellen
öffentlicher Verkehrsbetriebe Parkhäuser baut – ob
baute Rad- und Fußwege bereitzustellen.
 PETER WARSOW, PER E-MAIL
deutscher Wohnungspolitik der letzten 70
Jahre: die Tatsache, dass die Mietbindungs-
Ilka Piepgras: »Das Tier«  frist von Sozialwohnungen mit der Rückzah-
lung der öffentlichen Wohnungsbaudarlehen
ZEIT MAGAZIN NR. 39

Der grüne Apostel gegen die Kanzlerin


endet, die Abschaffung der Wohnungs­
gemeinnützigkeit, der Verkauf großer öffent-
Als Stadtbewohnerin und Ersthundebesitze- licher Wohnungsbestände (Bahn, Post, Kom-
rin hätte man nicht unbedingt einen Berner munen) an Konzerne und Investoren sowie
Sennenhund von weit her holen sollen, son- das Fehlen einer Bodenordnung, die die
dern sich einen wohnungsgerechteren Hund, Bernd Ulrich: »Wir gegen uns«  ZEIT NR. 39 Grundstücksspekulation unterbindet.
besser noch eine Hündin anschaffen können Mietendeckel oder -bremsen werden nicht
– vielleicht auch aus einem Tierheim. Ein ausreichen, um die Fehlentwicklungen zu
Sennenhund ist dazu bestimmt, in Dauerbe- Leitartikler Bernd Ulrich fragt angesichts von und Bäume sind verbrannt. Fast tränenblind lese verlangsamen, sondern beschleunigen sie sehen- korrigieren.
wegung Herden zu betreuen und nicht, sein Gletscherschmelze, Waldbränden und anderen ich dann Ihren Leitartikel und werde noch zorni- den Auges. Um eines kurzzeitigen und sehr per- Der Staat hat den Wohnungsmarkt weitge-
Leben in einer Wohnung als Kuschelbär und Klimakatastrophen: »Warum, um Himmels wil- ger als Sie. sönlichen »Erfolgs« willen nehmen sie dabei die hend dem Markt überlassen – und der frisst
Selbstfindungsobjekt zu verbringen. len, macht die Kanzlerin mit diesen wirklich Viele haben es noch nicht verinnerlicht: Es gibt gesamte restliche Menschheit in Geiselhaft. nun seine Kinder. STEFAN K AISERS , GIES SEN
 PROF. MICHAEL A BÖHMIG krassen Krisen keine Politik?« KEIN wichtigeres Anliegen, als den Schutz des  K ARL H . KIRCH , VALLENDAR
Nun, sie ist keine Diktatorin, sondern eine Demo- Klimas!  KL AUS PRINZ, REMSECK Ich selbst drohe an meiner steigenden ­Miete
Schade, dass die Autorin dieses für Wachaufga- kratin. Als solche weiß sie, dass Politik zu schwierig Wie wäre es, mal von den Initiativen zu berich- zu ersticken, die Lage in den deutschen
ben in Haus und Hof gezüchtete Nutztier nicht ist, um sich ohne Rücksicht auf das Machbare in Heute stehen auf knapp 32 Prozent der Fläche in ten, die bereits daran arbeiten, den Klimawandel Städten bedrückt mich. Begeistert hat
artgerecht halten kann. Aber dieses Schicksal spektakulärer Eindimensionalität zu erschöpfen. Es Deutschland Bäume – gegenüber 26 Prozent vor aufzuhalten? mich, dass Sie neben den aktuellen Proble-
teilen ja fast alle Jagd-, Herden- und Hüte­hunde. ist einfach, unerbittlich zu denken, wenn man vieles hundert Jahren oder im Mittelalter. Zugegeben, In Kalifornien etwa hat sich eine Gruppe von men auch die Rolle der Neuen Heimat
Entfernte Verwandte von mir »halten« einen unerbittlich nicht denkt. es sind oft die falschen Bäume. Aber die wurden Farmern an die natives gewandt mit der Bitte, beim Niedergang des sozialen Wohnungs-
Hovawart in der Wohnung – und sind weitge- Wie soll, was durch die Industrialisierung in drei zum Teil auch angepflanzt, als die »Klimakrise« in ihnen eine nachhaltige Bewirtschaftung des Lan- baus dargestellt haben. Ich möchte dem
hend ohne Besuch. Der Hund passt halt mäch- Jahrhunderten »kaputt« gemacht wurde, in zwei weiter Ferne lag. In vielen anderen Ländern da- des nahezubringen. Teil des Projekts ist es, durch Autor meine Anerkennung ausdrücken!
tig auf ... WOLFGANG SIEDLER , PER E-MAIL oder drei Jahrzehnten »repariert« werden können? gegen wurde gar nicht aufgeforstet. kontrollierte Feuer geschaffene Brandschneisen Weiter so!
Vor allem aber: Menschen sind, wie sie sind. Der Die fast messianischen Heilserwartungen von künftig Großbrände zu verhindern.  DR . BERNHARD MEININGER , AUGSBURG
In jedem zweiten deutschen Haushalt soll es real existierende Wachstums- und Wohlstands- Bernd Ulrich an die Kanzlerin sind bemerkens- Es gibt auch Vereine, die Baumpflanzungen ge-
einen Hund oder eine Katze geben. Eine Art wahn, diese modernen »Götter« des Kapitalis- wert. Und ihre Entscheidung zur Abschaltung gen den Klimawandel vorantreiben.
Massentierhaltung in deutschen Privathaushal- mus, überwölben mit ihrer rastlosen ökono­ der Atomkraftwerke 2011 angesichts der CO₂- Funktioniert das eigentlich? Wie genau wird da
ten! Es sollte eine kritische Auseinandersetzung mischen Effizienz alle ökologischen Gefahren. Problematik immer noch als großen Wurf zu vorgegangen. Ist das durchdacht?
darüber geben, welche Auswirkungen die Haus-  DR . EUGEN SCHMID, TÜBINGEN betrachten wirkt fast absurd. Wir hätten alle Und was ist mit Terra Preta, einem Verfahren, bei IHRE POST
tierhaltung hat. SEBASTIAN DORN , HAMBURG gern den großen Befreiungsschlag, aber viel- dem durch Pflanzenkohle das überschüssige CO₂
Die wiederholten Angriffe von Herrn Ulrich auf leicht kann man mal mit angemessener Wald- aus der Atmosphäre dem Boden zurückgegeben erreicht uns am schnellsten unter der
Angela Merkel in Sachen Klimapolitik sind uner- pflege in Kalifornien anfangen. wird, wo Kohlenstoff fehlt? E-Mail-­Adresse leserbriefe@zeit.de
träglich. Wenn dieser naive grüne Apostel glaubt,  DIETRICH HEUER , PER E-MAIL Vielleicht würden mehr Informationen darüber Leserbriefe werden von uns nach eigenem
eine deutsche Bundeskanzlerin oder ein Bundes- dazu führen, dass die Freitagsdemonstrationen Ermessen in der ZEIT und/oder auf ZEIT
BEILAGENHINWEIS kanzler könne mit nationalen Maßnahmen in ab- Wenn man mangelnde politische Aktivität be- nicht mehr im Stillstand verharren, sondern ONLINE veröffentlicht. Für den Inhalt der
sehbarer Zeit das Weltklima retten, dann sollte man züglich der Klimakrise rügen will, sollte man Schülerinnen und Schüler an Aktionen vor Ort Leserbriefe sind die Einsender verantwort-
Die heutige Ausgabe enthält folgende ihn selbst schleunigst in dieses Amt wählen und ihm nicht bei Angela Merkel beginnen, sondern eher teilnehmen lassen, die auch tatsächlich etwas lich, die sich im Übrigen mit der Nennung
Publikationen in einer Teilauflage: Gemein- Greta Thunberg als »kompetente« Umweltministe- bei Donald Trump, der den Austritt der USA aus bewirken. ihres Namens und ihres Wohnorts
schaftswerk der Evang. Publizistik (GEP) gGmbH, rin zur Seite stellen. DIETER KEMPF, APPENWEIER dem Weltklimarat beschloss, oder bei Jair Bolso- Und den reißerischen Betroffenheitsjournalismus einverstanden erklären.
60439 Frankfurt am Main; sowie in der Auflage naro, der die Zerstörung des brasilianischen Re- wie im Leitartikel »Wir gegen uns« könnten Sie Zusätzlich können Sie die Texte der ZEIT
Christ & Welt: Internationale Christliche Rund- Ich verstehe Sie, Herr Ulrich! Gerade habe ich die genwaldes duldet. Diese Politiker machen nicht dann getrost der Bild überlassen. auf Twitter (@DIEZEIT) diskutieren und
funkgemeinschaft e. V., 87538 Balderschwang. Bilder aus dem Pantanal/Brasilien gesehen: Tiere einmal den Versuch, die Klimakatastrophe zu  KIRSTEN SCHMIT T, PER E-MAIL uns auf Face­book folgen.

ANZEIGE

Der ZEIT-Autor Klaus Brinkbäumer und der Fernsehjournalist Stephan


Lamby sprechen wenige Wochen vor der US-Präsident schaftswahl mit
Ileana Grabitz, Politikchefin von ZEIT ONLINE, über ihr aktuelles Buch

»IM WAHN – »Im Wahn – die amerikanische Katastrophe«.


Live aus den USA wird Anthony Scaramucci

DIE AMERIKANISCHE zuge schaltet. Der Hedgefonds-Manager war


2017 ganz nah dran an US-Präsident Donald

KATASTROPHE«
Trump – allerdings nur für elf Tage. Dann wurde
er als Kommunikationsdirektor des Weißen
Klaus Brinkbäumer Ileana Grabitz Stephan Lamby Anthony Scaramucci Hauses schon wieder abgesetzt.

Klaus Brinkbäumer, Stephan Lamby und Beginn: 18.30 Uhr | Livestream auf den Facebookseiten von ZEIT und ZEIT ONLINE
Anthony Scaramucci im Gespräch mit Ileana Grabitz Informationen unter:
Folgen Sie uns:
www.zeit.de/veranstaltungen | Eine Veranstaltung in deutscher und englischer Sprache
@ZEITvst | @zeit_veranstaltungen

7. OKTOBER 2020 · LIVESTREAM AUS BERLIN Eine Veranstaltung von: In Kooperation mit:

Fotos v. l. n. r.: Unsplash, Luke Michael; Tobias Everke; Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE; ECO Media. Anbieter: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Buceriusstraße, Hamburg

109002_ANZ_371x80_X4_ONP26 1 28.09.20 14:12


DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 GESCHICHTE 19

W
hat a ­hole« – »Was für ein der Kunst in München eröffnet, gerahmt von Kinder-
Loch«, murmelt der junge zeichnungen aus aller Welt. Es ist die erste internationale
US-Soldat, als er im Herbst Veran­stal­tung auf deutschem Boden nach dem Krieg,
1945 zum ersten Mal von von der Presse begeistert besprochen. Anschließend tourt
einem der umliegenden Hü- die Schau durch mehrere Städte – und wird zur Basis für
gel auf Stuttgart hinab- Lepmans großen Traum: eine Jugendbibliothek.
schaut. Die Ruinen der Dass es keine Mittel dafür gibt, kann eine Jella Lep-
Stadt ragen fahl in den Abendhimmel. Für den GI, man nicht entmutigen. Sie ist das, was man heute eine
einen »Hinterwäldler« aus dem Mittleren Westen der Netzwerkerin nennt, hat ein Talent, andere für sich und
USA, könnte eine Mars-Expedition nicht befremd­ ihre ­Ideen zu vereinnahmen – oder so lange zu nerven,
licher sein. So schildert es später die 54-jährige Frau, bis man sie gewähren lässt. Gern handelt sie auf eigene
die er in einem Armee-Jeep durch die amerikanische Faust: Sie beauftragt schon mal die Handwerker (die
Besatzungszone chauffiert, die jüdisch-deutsche Jour- Militärregierung wird schon zahlen!), und als sie von
nalistin Jella Lepman. Gekleidet in die Uniform eines der Rockefeller-Stiftung in die USA eingeladen wird,
Majors der U. S. Army, kehrt sie an diesem Abend in hat sie bereits das Briefpapier der erst noch zu gründen-
ihre Geburtsstadt zurück, aus der sie neun Jahre zuvor den Einrichtung im Gepäck.
ge­flohen ist. Am Abend wird sie eine »tüchtige Dosis In der Heute-Redaktion ist man wenig angetan von
Schlafmittel« nehmen. diesem zeitraubenden En­gage­ment. Im Sommer 1948
Jella Lepman ist in Deutschland heute weithin­ veranlasst die Militärregierung ihre Entlassung. Lepman
vergessen, es gibt nicht einmal eine Biografie. Erstaun- und ihre Sekretärin Eva-Maria Ledig, die später die Ge-
lich, wo sie doch stets die große Bühne suchte: Sie war schäfte der Bibliothek führt, werden zwar noch eine
die Cousine Max Horkheimers und mit Theodor Heuss Weile von den Amerikanern unterstützt, doch am 1. De-
befreundet, sie traf Eleanor Roose­velt zum Dinner und zember stehen die beiden Frauen auf der Straße, während
diskutierte mit Astrid Lindgren. Als eine »unverbes- eine Zusage der Rockefellers auf sich warten lässt.
serliche Individualistin« beschrieb sie sich selbst. Ihre In ihrer Geschichte der Jugend­biblio­thek Eine Idee
Begeisterungsfähigkeit war so groß wie ihr Ego. für die Kinder schildert Eva-Maria Ledig, wie sie ihre
Fünfzig Jahre nach ihrem Tod ist das Interesse an Chefin angefleht hat, die deutschen Behörden um Hilfe
Lepman nun neu erwacht. In Europa wie den USA wird zu bitten. Doch Lepman, die auch in München »Mrs.
zu ihr geforscht, dieser unerschrockenen Demokratin und Lepman« genannt werden will und seit 1947 einen bri-
Frauenrechtlerin der ersten Stunde. Politische Artikel tischen Pass hat, keinen deutschen, misstraut ihren
schrieb sie, Jugendbücher und Kindertheaterstücke; sie Landsleuten. Ihr internationales Projekt dürfe nicht von
sammelte Gute-Nacht-Geschichten (wie einst die Brüder den Deutschen übernommen werden, beharrt sie. Im
Grimm Märchen zusammengetragen hatten) und schenk- Münchner Verlagshaus, in dem kurz zuvor noch der
te ihrem Freund Erich Kästner die Idee zur Konferenz der Völkische Beobachter gedruckt wurde, fragt sie sich: »War
Tiere. Vor allem aber ist ihre Geschichte die einer jü­ der braune Gleichschritt wirklich verhallt oder hörte man
dischen Remigrantin, die den Glauben an ihr Land ver- ihn nicht, wenn man die Ohren spitzte auf Treppen und
loren hatte – und doch an eines glaubte: die Jugend. Gängen?« Den »Geist der Zeit« empfindet Lepman als
Brücken bauen wollte Jella Lepman, von Deutsch- »Gespenst«: »Die mit einem zweifelhaften Fleckenmittel
land in die Welt und zurück, Brücken aus Büchern, gereinigten Juristen, Ärzte, Beamten, Hochschulprofes-
Brücken für den Frieden. Ihr Erbe kann noch immer soren, Bibliothekare, Lehrer tauchten an ihren früheren
besichtigen, wer die Internationale Jugendbibliothek Plätzen wieder auf.« Später lehnt sie sogar die Auszeich-
auf Schloss Blutenburg in München besucht. Die heu- nung mit dem Bundesverdienstkreuz ab.
tige Stiftung besitzt die größte Sammlung internatio- Kurz vor Weihnachten 1948 wendet sie sich schließ-
naler Kinder- und Jugendliteratur weltweit, mehr als lich doch an den bayerischen Kultusminister – mit Er-
650.000 Me­dien aus sechs Jahrhunderten. Die ersten folg. Anstellen aber lässt sie sich von den Deutschen nie.
Exemplare trug Lepman kurz nach Kriegs­ende eigen- Sie wird als Beraterin von der American Library Asso-
händig zusammen – nicht weit von Stuttgart entfernt, ciation bezahlt, die das Geld der Rockefellers verwaltet.
wo sie am 15. Mai 1891 geboren wurde. Ein Konstrukt, das auf Drängen Lepmans gezimmert
Der Vater Josef, ein Textilunternehmer, und ihre wurde. Sie sei zu hartnäckig, es sei schwierig, mit ihr zu
Mutter Flora erziehen sie und ihre Schwestern Berta und arbeiten, diesen Vermerk über Jella Lepman fand ihr
Klara im liberalen Geist und legen Wert auf eine gute Biograf Jacobson im Archiv der Rockefeller-Stiftung.
Bildung. Den Berufswunsch Konzertpianistin reden sie Zugleich erkennt man dort, dass just dieser Wesenszug
Jella aus: Für eine Tochter aus ihren Verhältnissen zieme ihren Erfolg begründet. Am 14. September 1949 kann
es sich nicht, andere zu unterhalten. So erzählt es heute die Internationale Jugendbibliothek in einer Villa mit
Foto: Süddeutsche Zeitung Photo

Claudia Lepman-Logan, eine ihrer Enkelinnen. verwildertem Garten in der Kaulbachstraße 11 a in
1913 heiratet Jella den deutschamerikanischen Unter- Schwabing ihre Türen öffnen. »Ihr seid Hausbesitzer
nehmer Gustav H ­ orace Lepman, mit dem sie zwei geworden!«, schreibt Erich Kästner an die Kinder.
Kinder bekommt, Anne-Marie und Günther. Doch viel Ein Haus für Freigeister soll es sein. Lepman lässt die
Zeit ist der Familie nicht vergönnt. Zu Beginn des Ersten Jugend diskutieren, Theater spielen, Musik hören und
Weltkriegs wird Gustav eingezogen. Körperlich und see- Filme ansehen. Sie richtet ein Malstudio für die Kinder
lisch versehrt kehrt er zurück. 1922 bricht er auf offener ein und gewährt ihnen Zugang zu den Büchern – damals
Straße zusammen. Herztod. Jella Lepman bleibt mit den Immer unterwegs, nirgends mehr zu Hause: Die Remigrantin Jella Lepman 1948 am Münchner Flughafen eine Provokation: In einer Bibliothek ging man an den
Kindern zurück, das jüngere gerade ein halbes Jahr alt. Tresen und wurde bedient. Dass unqualifizierte Hände,
Die Lebensversicherung ihres Mannes, 100.000 Reichs- noch dazu die von Kindern, in die Regale griffen, war
mark, wird von der Inflation gefressen. Sie konnte nicht für viele Bibliothekare eine grauenhafte Vorstellung.

Die fünf Leben


einmal einen Rosenstock fürs Grab bezahlen, schreibt Kritiker nennen das Haus schon bald einen »Zirkus«.
sie später: »Doch zumindest war ich jung. Ich konnte Auch intern gibt es Konflikte. »Jella war wie eine
arbeiten und mir ein neues Leben aufbauen.« Naturgewalt«, erzählt ihre Enkelin: »Wenn alle erschöpft
Schon als Jugendliche hat Jella Lepman sich im aufgaben, rannte meine Großmutter weiter.« Ihre Mit-
Schreiben versucht. Nun wird die junge Witwe die arbeiter fühlen sich überlastet und klagen über die im-
erste Redakteurin des Stuttgarter Neuen Tagblatts. Auch pulsive Art ihrer Chefin. Während die wichtige Gäste

der Jella Lepman


politisch ist sie aktiv. Für die Deutsche Demokratische empfängt oder sich zu einem Mittagessen nach Salzburg
Partei kandidiert sie 1928 neben Theodor Heuss für chauffieren lässt, kümmern sie sich um die Kinder und
den Reichstag – wenngleich ohne Erfolg. Beim Tagblatt die Katalogisierung der stetig eintreffenden Bücher – in
gründet sie die Beilage Die Frau in Haus, Beruf und Lepmans Augen ein kleingeistiger Verwaltungsakt. Nicht
Gesellschaft und macht sich als Autorin einen Namen. zuletzt gerät die Bibliotheksgründerin mit den Jugend-
Dann kommt Hitler an die Macht, »die nie zu be- lichen an­ein­an­der, erwartet mehr Dankbarkeit. Wie es
greifende Katastrophe«, die Lepmans »zweites Leben«, scheint, hat sie nicht den besten Draht zu der jungen
wie sie es nennt, jäh be­endet. 1936/37 flieht sie mit den Generation, in die sie ihre Hoffnungen setzt.
Kindern über Florenz nach London, enttäuscht und Die jüdisch-deutsche ­Journalistin schenkte der ­Nachkriegsjugend Es war vermutlich das Beste, dass die Chefin die
erschüttert von dem, was sich in ihrer Heimat abspielt. Hälfte der Zeit auf Reisen war. Von den jährlich 22.000
Bei ihrer Rückkehr 1945 ist ausgerechnet der alte
eine e­ igene Bibliothek, eine Bücherbrücke in die Freiheit. US-Dollar aus dem Rockefeller-Topf waren nur 4000
Tagblatt-Turm eines der wenigen unversehrten Gebäude
Stuttgarts. Und ausgerechnet hier hat sich die Militär-
Sie selbst hat den Bruch von 1933 nie verwunden. für Bücher und Einrichtung vorgesehen, der Rest ging
an Lepman: 4000 Dollar für Wagen und Chauffeur, 8000
verwaltung eingerichtet. Lepman, die aus dem Jeep Ein Porträt zu ihrem 50. Todestag  VON KATRIN HÖRNLEIN für Repräsentation und Reisen, 6000 Dollar Gehalt, gut
klettert, denkt: »Der Kreis schließt sich.« Heimisch aber 24.000 D-Mark, eine damals stolze Summe. Und viel-
wird sie in Deutschland nie wieder. Zu vieles macht leicht auch eine Kompensation für die quälende Rast­
selbst sie, diese wortgewandte und schlagfertige Frau, losigkeit, mit der Jella Lepman von einem Projekt zum
sprachlos. Etwa der alte Pförtner, der sie wie eine ver- nächsten eilt. Auf ihre Initiative werden unter anderen
lorene Tochter begrüßt: »Sie sind wieder da, grüß Sie das Internationale Jugendbuch-Kuratorium (IBBY) und
Gott! Nun wird alles gut!« Eine »bemerkenswerte Vor- der Hans Christian Andersen Preis ins Leben gerufen,
stellung«, kommentiert Lepman die Szene kühl, erinnert am Ende die »Biographie einer Idee«, wie Jella spätere FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher Konzentra­tionslagern. An einen Achtstundentag der bis heute als kleiner Nobelpreis gehandelt wird.
sie sich doch gut, wie der Mann einst inbrünstig »Heil Lepman ihr Buch Die Kinderbuchbrücke bezeich- arbeiten. »Viele Male hörten wir die Mitternachts- habe niemand gedacht. 1957 übergibt Lepman die Münchner Bibliothek an
Hitler« aus seinem Kabuff rief. nete, das in diesem Jahr in einer Neuauflage er- stunde schlagen«, schrieb Lepman später. Mit be- Im Frühjahr 1948 allerdings muss die Redak- den ersten deutschen Direktor, Walter Scherf, den sie
Acht Jahre lang hat Jella Lepman in London als schienen ist. Sie schildert darin lediglich ein gutes benden Händen sichtet man Fotos aus den tion wochenlang auf ihre stellvertretende Leiterin persönlich einarbeitet. Im Jahr darauf zieht sie nach
staaten­lose Einwanderin gelebt – ihr »drittes Leben«. Die Jahrzehnt ihres Lebens: die Zeit nach ihrer Rück- verzichten. Die reist, von der Rockefeller-Stiftung Zürich, wo enge Freunde leben. Hier richtet sie sich
Kinder kann sie in Internaten unterbringen, während kehr ins besetzte Deutschland. ANZEIGE eingeladen, durch die USA, um für die Belange häuslich ein – etwas, das sie in ihrem »vierten Leben«
sie selbst sich von einer Aushilfstätigkeit zur nächsten Als die Amerikaner Lepman 1945 fragen, ob derer zu werben, für die sie überhaupt nur aus im Nachkriegsdeutschland nie getan hat.

JETZT NEU
hangelt, »den Stadtplan von London auf den Stiefel­ sie als »Beraterin für die kulturellen und erziehe- dem Exil zurückgekehrt ist: die Kinder. Wenn »Wie viele deutsche Juden hatte sie ihre deutsche
sohlen«. Es muss frustrierend gewesen sein, sagt der US- rischen Belange der Frauen und Kinder« nach man in Deutschland etwas zum Guten verändern Identität im Exil verloren und sehnte sich nach einer

AM KIOSK
Journalist ­ David Jacobson, der für seine Lepman-­ Deutschland gehen würde, bittet sie um Bedenk- wolle, müsse man bei ihnen beginnen, glaubt sie. neuen«, schreibt die Übersetzerin und Literaturagentin
Biografie derzeit in europäischen und ­amerikanischen zeit. Tu es nicht, raten die einen, der Nazi-Geist Bei den Kindern, denen der Krieg die Kindheit Anna Becchi in ihrem Nachwort zur neu aufgelegten
Archiven forscht: Die Veröffentlichung eines Kinder- ist nicht tot. Geh unbedingt, raten die anderen: gestohlen hat; die sich in den Trümmern allein Kinderbuchbrücke. Ihre Enkelin Claudia Lepman-­
buches platzt, sie zieht mehrmals um, wohnt bei Freun- Wenn jemand etwas bewirken kann, dann du. mit ihren Geschwistern durchschlagen; die den Logan sagt, ihre Großmutter sei bis an ihr Lebensende
den, verdingt sich als Haushälterin. Eine Zeit lang ar- Nach zwei Wochen sagt Lepman zu, besteigt ein eigenen Geburtstag vergessen oder im Dorf­ heimatlos geblieben und im Innersten einsam. Auch
beitet sie als Sekretärin für Anita Warburg, die sich für Militärflugzeug und landet um vier Uhr am Nach- gefängnis landen, weil sie ein Brot geklaut haben. Lepmans Sohn Günther fragte sich in einem Erin­
die Aufnahme jüdischer Kinder in Großbritannien ein- mittag des 29. Oktober in Frankfurt am Main. Natürlich brauchen diese Kinder Essen, nerungstext, ob seine Mutter, die so sehr an Leistung
setzt. Den Kontakt hat ihr Theodor W. Adorno vermit- Ein Jahr lang ist sie im Hauptquartier in Bad Kleidung, Medizin und ein Dach über dem und Erfolg glaubte, je glücklich gewesen sei.
telt, der in London auf die Überfahrt in die USA wartet. Homburg stationiert – hinter Stacheldraht. Die- Kopf. Jella Lepman aber sieht auch den Bedarf Wie es ihr ging, behielt sie meist für sich; ihre ­Familie
Erst in den Vierzigerjahren fasst Jella Lepman wieder se Frau, die alles Militärische zutiefst verachtet an Nahrung für die Seele. Bereits 1946 hat sie wusste nicht einmal, dass sie an Krebs erkrankt war. Am
Fuß. Sie beginnt für den Deutschen Dienst der BBC und noch im hohen Alter ein Faible für elegante die Amerikaner gebeten, eine Kinderbuchaus- 4. Oktober 1970 stirbt sie, für ihre Angehörigen völlig
Beiträge zu schreiben, später wechselt sie zur American Kleider und extravagante Hüte hat, muss die Uni- stellung organisieren zu dürfen, um nach den überraschend, kurz vor ihrem 80. Geburtstag und den
Broadcasting Station in E ­ urope. Aus ihren Rundfunk- form wie einen Panzer getragen haben. Sie gehört ODER Jahren der Gleichschaltung den internationalen geplanten Feierlichkeiten. Jella Lepman aber hat sich
Recherchen geht 1943 wohl auch das Buch W ­ omen in zur Information Control Division, kümmert sich GRATIS Kinder­literaturschatz ins Land zurückzuholen. mit ihrem Lebenswerk längst selbst ein Denkmal gesetzt.
­Nazi Germany hervor, das sie unter dem Pseudonym um den Wiederaufbau des Rundfunks und die LESEN! Nachts im US-Hauptquartier schreibt sie Bitt- Beerdigt wird sie in Zürich, auf dem Grabstein ein Satz,
Kathe­rine Thomas veröffentlicht. Der schmale Band Lizenzierung von Verlagen. Ende 1946 wechselt briefe an R
­ egierungen, Verlage und Freunde in den der französische Essayist Paul Hazard einst im
– bis heute nicht ins Deutsche übersetzt – erzählt an- sie nach München, wo sie, jetzt in Zivil, stellver- 20 Ländern: »Die Kinder tragen keine Schuld Namen der Kinder aller Länder und Zeiten formu­lierte:
schaulich vom Frauenalltag seit dem Ersten Weltkrieg tretende Chefredakteurin der von den Amerika- an diesem Krieg, deshalb sollen Ihre Bücher die »Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel!«
und analysiert zugleich die politische Entwicklung. nern herausgegebenen Illustrierten Heute wird. ersten Boten des Friedens sein!«
Zwischen den Zeilen zeigt sich Lepman verletzlicher Im Münchner Verlagshaus trifft sie auch die Hier testen: www.zeit.de/zg-heft Die Post ist oft wochenlang unterwegs, doch Die reich bebilderte Neuauf lage von Jella Lepmans
als in ihren meisten anderen Texten. Selbst die Autobio- hochkarätig besetzte Redaktion der Neuen Zei- bald trudeln Pakete voller Buchspenden ein. Am Buch »Die Kinderbuchbrücke« ist kürzlich im
grafie, um die man sie in den Sechzigerjahren bittet, wird tung, für die unter anderen Erich Kästner und die 3. Juli 1946 wird Lepmans Ausstellung im Haus Antje Kunstmann Verlag erschienen (303 S., 25,– €)

108995_ANZ_71x100_X4_ONP26 1 15.09.20 15:21


20 RECHT & UNRECHT 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

Robert Höckmayr war am Das Oktoberfest ist ein


26. September 1980, Heiligtum und findet jedes
als die Bombe hochging, Jahr auf der Münchner
12 Jahre alt. Zwei seiner Theresienwiese statt – nur
Geschwister starben, er die Corona-Pandemie
selbst wurde wegen konnte die Vergnügungs-
seiner Verletzungen orgie diesmal stoppen
bis heute 42-mal operiert

Fotos: Frank Bauer für DIE ZEIT


Höckmayrs Zorn
Endlich wird der Opfer des Oktoberfest-Attentats angemessen gedacht. Denn die Überlebenden sind bis heute Gezeichnete  VON NICLAS SEYDACK

D
a steht er, breiter Stand, Was war am 26. September 1980 genau passiert? »Ich wurde und werde als Kostenfaktor betrachtet«, beiten kann, kann es nicht so schlimm sein mit das mittlerweile Zentrum Bayern Familie und So-
durchgedrückter Rücken, Das Werk eines Verrückten, wie es der Staat und sagt Höckmayr. seinen Verletzungen. Er möchte sich bei der­ ziales heißt – und endlich wird der Antrag bewil-
nicht weit weg vom Bun- seine Ermittlungsbehörden damals beschlossen? Oder Er erzählt von einem Schlüsselmoment, in dem Bundeswehr längerfristig verpflichten, doch da- ligt: 280 Euro im Monat. Höckmayr hält das für
despräsidenten, an diesem die Tat eines Rechtsextremen, wie die Überlebenden er beschließt, es zu schaffen, durchzuhalten, komme, raus wird nichts. »Nicht belastbar«, steht auf dem zu wenig: »Soll man als Überlebender unter einer
verregneten Samstag auf ei- und Hinterbliebenen es schon immer sagten? Warum was wolle. Ein Jahr nach dem Anschlag wird ihm der Dokument. Dabei hatte sich Höckmayr verpflich- Brücke an der Isar schlafen? Selbst dort wäre es in
ner Bühne auf der Münch- hat es so unselig lange gedauert, fast vierzig Jahre, bis Streckgips von beiden Beinen genommen. Seine ten wollen, sagt er, für zwölf Jahre. Panzerfahrer München wahrscheinlich noch zu teuer.«
ner Theresienwiese: Robert auch von offizieller Seite anerkannt wurde, dass es Muskulatur ist verkümmert. Der Vater setzt ihn in wollte er werden: »Ein Panzer ist ein massives Teil, Im Jahr 2014 wählen die Münchner den SPD-
Höckmayr, 52 Jahre alt, hält ausgerechnet an dem ein rechtsterroristischer Akt war? die Badewanne und vergisst ihn dort. Das Wasser man kommt über alles hinweg.« Höckmayr macht Politiker Dieter Reiter zu ihrem neuen Ober­
Ort eine Rede, an dem es ihm normalerweise »den Der deutsche Staat verspricht seinen Bürgern, wird kalt, Höckmayr will raus. Er ruft, der Vater hört eine Pause, als er das sagt. Er grinst. Er weiß, wie bürgermeister. Reiter lädt die Überlebenden ins
Magen umdreht«, wenn er sich nur nähert. sie zu beschützen. Deshalb gibt es die Ermittlungs- ihn nicht. Mehrfach versucht er, sich aus der Wanne das klingt: der Versehrte, der sich in Tonnen von Rathaus ein, es kommen auch die Wirte der gro-
Hier auf der Theresienwiese beim Münchner behörden, die Polizei, deshalb gibt es das SEK, die zu ziehen, plumpst zurück ins Wasser. Irgendwann Stahl zurückzieht, wo ihn im Inneren nichts auf- ßen Oktoberfestzelte. Es ist das erste Mal, dass sich
Oktoberfest war Robert Höckmayr mittendrin, als GSG 9, kurzum: das staatliche Gewaltmonopol. sitzt er auf dem Wannenrand und zieht sich mit den hält, was draußen vor ihm liegt. die Stadt ernsthaft an das Attentat erinnert. Über
vor vierzig Jahren der schwerste Anschlag in der Wenn der Staat es nicht schafft, seine Bürger zu Händen hoch. Er kann stehen! Es ist ein kleines Und tatsächlich, erzählt er, igelt er sich ein in drei Jahrzehnte nach der Tat. Oberbürgermeister
Geschichte der Bundesrepublik passierte. »Für uns beschützen, wenn sie Opfer von terroristischen Glücksgefühl: Wenn er stehen kann, wird er auch diesen Jahren. Spricht nicht mehr über seine Wun- Reiter richtet eine städtische Betreuungsstelle für­
Überlebende«, sagt Höckmayr in seiner Rede, »ist Anschlägen werden, erhoffen sich die Bürger we- wieder laufen. den, die Schmerzen in Körper und Kopf. Im Jahr Opfer und Überlebende von Diskriminierung,
jeder Tag ein 26. September. Wir können vielleicht nigstens eine Entschädigung. Manchmal benennt In München werden nach dem Attentat Spen- 1994 scheidet seine Schwester freiwillig aus dem Hass und Terror ein. Dazu kommt ein städtischer
einiges verdrängen. Vergessen können wir nicht.« der Staat eine Straße oder eine Halle nach einem den gesammelt. Die Stadt gibt, der Freistaat gibt, Leben. Höckmayr sagt: »Je härter es wurde, desto Opferfonds für die Überlebenden des Oktober-
Frank-Walter Steinmeier hört ihm zu, auch der Toten. Manchmal entschädigt er Überlebende Unternehmen und private Spender geben. Vom mehr habe ich mich dagegen gewehrt, daran zu fest-Attentats, zweimal werden 50.000 Euro be-
bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Ge- und Hinterbliebene mit Geld. Manchmal entschä- Bund kommt keine der insgesamt 2,4 Millionen zerbrechen.« Er hält durch. Er zerbricht nicht. Er reitgestellt. Vom Land Bayern und vom Bund
meinsam weihen sie das neue Mahnmal ein, das an digt er sie gar nicht. Mark. Durchschnittlich 11.000 Mark für jeden lernt seine Frau kennen, seinen »Rückhalt«, ge- kommt weiterhin: nichts.
den 26. September 1980 erinnern soll. Kein Staat gibt gern zu, dass er seine Bürger Überlebenden. Höckmayr hat es für sich aus­ meinsam ziehen sie drei Kinder groß. Sie weiß von Ein Jahr später, Anfang Juli 2020, stellt der Ge-
Seit vierzig Jahren gehen sie pünktlich Mitte nicht schützen kann, dass er versagt hat. Also ist gerechnet: 23 D-Mark pro Monat, 11,50 Euro, dem Attentat, natürlich, aber sie hat keine Ahnung neralbundesanwalt die Ermittlungen ein zweites
September wieder los, Höckmayrs Nächte ohne er geradezu süchtig geworden nach der These 40 Jahre lang. Der Staat sieht damit seine Pflicht davon, wie er immer noch darunter leidet. Er will Mal ein. Der Fall war seit 2014 erneut aufgerollt
Schlaf. Voller Albträume, Schweiß, Panik. Wenn vom Einzeltäter. Der NSU bestand angeblich le- erfüllt. niemandem eine Last sein, vor allem seiner Familie worden. Doch dieses Mal kommen die Ermittler
das Oktoberfest beginnt, verweigert sich Robert diglich aus drei sogenannten einsamen Wölfen. Der Generalbundesanwalt stellt im November nicht. Höckmayr entwickelt einen Stolz darauf, nach umfangreichsten Recherchen zu einem ande-
Höckmayr normalerweise jedem Festtrubel. Ein- Der Mörder des CDU-Politikers Walter Lübcke 1982 die Ermittlungen ein. Das Ergebnis: Der dass er so normal lebt, wie es geht: arbeiten, Steuern ren Ergebnis: Das Oktoberfest-Attentat war ein-
mal ist er sogar nach Ägypten geflogen, um der hatte sich angeblich allein radikalisiert. Ebenso 21-jährige Geografie-Student Gundolf Köhler hat zahlen, ein guter Vater sein. deutig »rechter Terror«. Der Täter Gundolf Köhler
Wiesn zu entkommen. der rechte Terrorist, der 2016 am Münchner die Tat allein geplant und durchgeführt, Motiv Wegen des starken Anstiegs rechtsextremisti- hat nicht getötet, weil er Liebeskummer hatte. Er
An jenem Abend um 22.19 Uhr explodierte nahe Olympiazentrum mordete. Überall wirre Einzel- wahrscheinlich Liebeskummer. Dass über Köhlers scher Straftaten schafft der Bundestag im Jahr wollte die Bundestagswahl 1980 sabotieren, zu der
dem Haupteingang der Wiesn eine Bombe in einem täter, die einschlagen wie ein Blitz, eine höhere Bett ein Bild von Adolf Hitler hing, er Verbindun- 2001 erstmals die Möglichkeit, Härteleistungen der von ihm verhasste Helmut Schmidt mit dem
Metallmülleimer. Die Bombe, stellten Ermittler Gewalt, gegen die ein Staat nichts, aber auch gar gen zur NPD und zur neonazistischen Wehrsport- statt nur auf Landes- auch auf Bundesebene zu be- Slogan »Sicherheit für Deutschland« antrat. Köh-
später fest, bestand aus 1,39 Kilogramm TNT, einer nichts tun kann – außer: weitermachen. So war es gruppe Hoffmann hatte – all das spielt in der Be- antragen. Seit 2002 werden auch Mittel für Opfer ler glaubte, er könne mit dem Attentat dem He-
CO₂-Treibgasflasche und einer englischen Mörser- auch nach dem Oktoberfest-Attentat. wertung des Generalbundesanwalts keine Rolle. terroristischer Gewalttaten oder ihre Hinterbliebe- rausforderer Franz Josef Strauß helfen.
granate. Rettungskräfte fanden 213 Menschen, ver- Noch in derselben Nacht entscheidet Mün- Wichtig scheint nur eines: Der Staat kann nichts nen bereitgestellt. Robert Höckmayr hat davon: Robert Höckmayr freut sich: Endlich die An-
letzt durch die Hitze der Explosion und die Splitter chens damaliger Oberbürgermeister Erich Kiesl: dafür, er hat nicht versagt, er ist vom verrückten nichts. Denn erstens beschließt der Bundestag, erkennung als Rechtsterror. Endlich ein Motiv, das
von Bombe und Mülleimer. Darunter waren der Die Wiesn bleibt geöffnet, man werde sich nicht Köhler überrumpelt worden. dass Zahlungen rückwirkend nur bis zum 3. Ok- das Handeln vom »Herrn Köhler« erklärt, der in
12-jährige Robert Höckmayr, zwei seiner Geschwis- von einem »Verbrecher« erpressen lassen. Arbeiter Robert Höckmayr hat nach dem Attentat kei- tober 1990 beantragt werden können, dem Datum Höckmayrs Welt keinen Vornamen hat, weil er
ter, sein Vater und seine Mutter. 13 Menschen star- versiegeln den Bombenkrater mit Teer, waschen nen Schulabschluss gemacht und anschließend der Wiedervereinigung. Und zweitens: Gundolf ihm sowas Menschliches nicht zugestehen will.
ben. Darunter Robert Höckmayrs kleiner Bruder das Blut weg, das im Asphalt trocknet, und ver­ keine Lehrstelle gefunden. Niemand will einen Köhler, der Bombenbauer vom Oktoberfest, gilt Kurz nach der Neubewertung durch den General-
Ignaz und seine kleine Schwester Ilona. An sie beide legen neue Bodenplatten, wo die alten durch die ohne Abschluss, dessen Beine und Füße kaputt noch immer als Einzeltäter. Eine unpolitische bundesanwalt verkündet Bundesjustizministerin
erinnert er an dem Festakt: »Vierzig Jahre Gedenken Explosion gesprungen sind. Am darauffolgenden sind. Er wird Hilfsarbeiter, macht Knochenjobs. Natur­gewalt, die aus privatem Motiv handelte und Christine Lambrecht: »Wir sind der Auffassung,
ist für mich vor allem ein Denken an ihre vierzig Vormittag fließt schon wieder die erste Maß Bier, Beim Versorgungsamt sagen sie ihm: Wenn er ar- so die Überlebenden von Leistungen für Opfer dass das Leid der Betroffenen des Ok­to­ber­fest-­
Jahre ungelebtes Leben.« am Wochenende drauf werden eine Million Be- ANZEIGE rechter oder rassistischer Gewalt ausschließt. Ob- Atten­tats weitere Anerkennung durch den Staat
Höckmayr ist ein freundlicher, sanfter Mann sucher gezählt. wohl es mittlerweile zahlreiche Journalisten, Über- erfahren sollte.« Und tatsächlich: Kurz vor der Er-
mit schönen braunen Augen. Unter dem linken Robert Höckmayr war damals 12 Jahre alt. Er lebende, Anwälte gibt, die die These vom Einzel- öffnung des neuen Mahnmals kündigen Bund,
hat er einen kleinen dunkelgrauen Fleck: einer von
gut 20 Bombensplittern, die noch immer in sei-
erinnert sich gut, wie der damalige Ministerpräsi-
dent und Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß ge-
DIE FASZINATION täter Köhler anzweifeln.
Im Jahr 2008, die Eltern sind in der Zwischenzeit
Bayern und die Stadt München einen gemeinsa-
men Opferfonds in Höhe von 1,2 Millionen Euro
nem Körper stecken. Einer ist noch im Schlüssel- meinsam mit seiner Frau die Verletzten in der DES BÖSEN verstorben, wirft sich Höckmayrs Bruder vor eine an, der den Überlebenden so schnell wie möglich
bein, einer im Arm, mehrere in der Hand, in den Klinik besuchte, auch ihn. Marianne Strauß weinte, U-Bahn, an seinem Geburtstag. Robert ist nun der zugänglich gemacht werden soll.
Beinen und »die großen« im Brustkorb. 42-mal sagt Höckmayr. Ihr Mann habe bloß gesagt, im letzte, der den Familienausflug am 26. September Wird jetzt alles gut? Findet Robert Höckmayr
wurde er bislang operiert, immer unter Vollnar- Krieg habe er Schlimmeres gesehen. 1980 verfluchen kann, für den alle gespart hatten und jetzt seinen Frieden?
kose. Die restlichen Splitter, die noch in seinem Für das Treffen mit der ZEIT hat Robert Höck- bei dem sie extra lange geblieben waren, weil die Er schüttelt den Kopf. Geld kann nicht gut­
Körper stecken, wird man erst entfernen, wenn sie mayr einige besondere Dokumente zusammenge- Kinder die Lichter der Fahrgeschäfte im Dunkeln machen, was er erlitten hat. Es kann ein kleines
auf die Organe zuwandern. stellt. Da ist ein Schreiben, in dem Ärzte des Ver- sehen wollten. Polster für die Rente sein, sagt er. Aber: »Geld
Das alte Mahnmal konnte Höckmayr nicht sorgungsamtes schon ein Jahr nach dem Anschlag Es kommt der Tag, da möchte er, dass seine kann mir mein Leben und meine Geschwister
ausstehen: eine kleine Stele, verborgen in einem feststellen, es sei »keine psychische Beeinträchtigung Frau endlich erfährt, was mit ihm los ist. Er schafft nicht zurückgeben.«
metallenen Halbrund, in dem sich während des meßbar«. Da ist ein weiteres Schreiben vom Versor- NEU AM es nicht, es ihr selbst zu sagen. Gemeinsam fahren Dass zum diesjährigen Gedenktag so viel Pro-
Oktoberfests immer wieder Betrunkene verstecken, gungsamt, das seine Glaubwürdigkeit als Kind gene- KIOSK! sie zu Höckmayrs Arzt, den er von der Schweige- minenz kam, findet er gut. Und auch dass die
um zu pinkeln, zu kotzen oder irgendwelchen rell in Zweifel zieht. Begründung: »Milieubedingte pflicht entbindet und reden lässt. Nach zwanzig Feier dort stattfand, wo das Mahnmal steht und
Müll loszuwerden. »Grabschändung« nennt es Einflüsse«. Die Höckmayrs wohnen zu dieser Zeit Minuten ist seine Frau »bleich wie eine Wand«, wo der Anschlag geschah. Das war gar nicht vor-
Höckmayr. An der Planung des neuen Mahnmals im Hasenbergl, einer Plattenbausiedlung im Münch- sagt Höckmayr. Sie will wissen, warum er nie ge­ gesehen, denn eigentlich hätte auf der Theresien-
war er beteiligt, es gefällt ihm: 234 metallene­ ner Norden. Ein sozialer Brennpunkt, der viele Vor- redet hat. »Ich wollte nicht den Kranken spielen. wiese das diesjährige Oktoberfest getobt. Vor­ge­
Silhouetten, eine für jedes Opfer, aufgestellt auf urteile projiziert. Wohnen hier die Lügner und Ich wollte beweisen, dass ich trotzdem meine Leis- sehen war deshalb eine Feier auf dem Marienplatz.
einem tennisplatzgroßen Stück der Münchner Schmarotzer? Jedenfalls vermitteln die Behörden tung bringe.« Das Gedenken hätte womöglich das Geschäft mit
Theresienwiese. Eine Silhouette steht für den Tä- Höckmayr rasch das Gefühl, ein »Bittsteller« zu sein. Höckmayr erstreitet sich im selben Jahr Akten- Maß und Hendl gestört. Schließlich durften die
ter, Höckmayr hätte es gern ge­sehen, wenn diese Einer, der beweisen muss, dass er leidet. Der bis Hier mit Rabatt bestellen: einsicht über seinen Fall. Darüber hinaus sammelt Überlebenden doch auf die Theresienwiese. Das
Stele farblich markiert gewesen wäre. Doch damit heute betteln muss, damit ihm orthopädische­ www.zeit.de/abo-verbrechen er Dokumente, Dia­ gno­sen und Gutachten. Er Oktoberfest wurde ja wegen der Covid-19-Pande-
konnte er sich nicht durchsetzen. Schuhe oder wenigstens Einlagen gezahlt werden. stellt einen neuen Antrag beim Versorgungsamt, mie abgesagt.

109000_ANZ_71x100_X4_ONP26 1 14.09.20 10:37


1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

WIRTSCHAFT 21

Lange Leitung
Mit dem ID.3 hat VW endlich ein konkurrenzfähiges Elektroauto gebaut. Und doch bleibt die
Fahrt damit eine Zumutung. Eine Tour durch ein Land im Umbruch  VON CLAAS TATJE

E
Also setzt der Konzern nun konsequent auf das Elektro­ steige ich also am zweiten Tag mit dem ID.3 in ein halb ge­ fährt sich besser (der Wende­
auto – vorneweg auf den ID.3, den Golf fürs Stromzeitalter. ladenes Auto, wohl wissend, dass direkt neben meinem Ziel, kreis des Tesla ist gefühlt der
Bewährt er sich im Alltag? dem Zeitverlag in Hamburg, eine Ladestation steht. eines Lkw, Radfahrer sind beim
Als ich den VW in Hannover übernehme, hat das Auto Die Fahrt zur Arbeit zeigt mir, dass E-Autos die Zukunft Abbiegen nur mithilfe der Sen­
genug Energie, um mich am nächsten Tag zur Arbeit nach sind. Erst bringe ich die Kinder ohne schlechtes Gewissen soren zu erkennen), und das Cock­
Hamburg zu fahren. Voll geladen soll der Akku sogar für zum Kindergarten (Ökostrom!). Sie begeistert der schnelle pit ist leichter zu erfassen. Der Touch­
Hin- und Rückfahrt (knapp 300 Kilometer) reichen. Doch Antrieb ebenso wie die LED-Beleuchtung im Fahrzeuginnern. screen, auf den Tesla irre stolz ist, ist für
fürs Erste drehe ich eine Runde in der Stadt. Das Auto fährt Und das Highlight können sie nicht einmal sehen: Geschwin­ Gelegenheitsfahrer so gefährlich wie ein­
nicht über die Straße, es segelt wie ein Boot mit Rückenwind, digkeit und Navigation werden auf die Windschutzscheibe iPhone auf dem Schoß. Entsprechend ur­
s sollte eigentlich nur ein Auto­ leise, zügig, elegant. Und die 204 PS sorgen für eine Beschleu­ projiziert. Den Weg nach Hamburg säumen zwei Baustellen teilte das Oberlandesgericht Karlsruhe im
vergleich werden. Tesla oder VW nigung, wie man sie sonst nur von Sportwagen kennt. Wenn und lange Tempo-120-Zonen, meine Geschwindigkeit pen­ März gegen einen Tesla-Fahrer, der mit Bäu­
– wer ist besser? Volkswagen nur das Display nicht wäre. Es reagiert entweder überemp­ delt sich zwischen 100 und 110 km/h ein. Ein Tempo, bei men kollidierte, nachdem er bei starkem Regen
stellte mir sein neues Elektro­ findlich oder untersensibel. Aber als es endlich gelingt, den dem man wunderbar telefonieren kann und auch verstanden das Scheibenwischerintervall umstellen wollte.
auto vor die Tür in Hannover, Begriff Ladestation einzutippen, sehe ich fast so viele Treffer wird (»Wie? Du bist im Auto? Das ist so leise um dich rum!«). Das Urteil könnte noch für Aufregung sorgen,
wo ich wohne. Ein netter Herr wie bei der Suche nach einer Tankstelle. Ich stöpsele in Hamburg das Auto an der Ladesäule ein denn: »Der fest im Fahrzeug der Marke Tesla ein­
erklärte in wenigen Minuten die und freue mich einige Stunden später auf neue Ladung. Doch gebaute Berührungsbildschirm (Touch­screen) ist
Bedienung. »Wie fährt er sich Bei der örtlichen BMW-Niederlassung kein Strom ist geflossen. Angeblich wurde der Kontakt zu ein elektronisches Gerät.«
denn?«, will ich am Ende noch wis­ ist die Ladesäule ein Totalausfall früh eingesteckt. Bei der nächsten Fahrt verbreitet sich Reich­ Nichts anderes als ein Smart­phone. Diese Ab­
sen. »Es ist ein Abenteuer«, sagt er. weiten-Angstschweiß auf meinem Hemdrücken. Mit einem lenkung ist auch dann enorm, wenn ich als Fahrer
Jaja, denke ich, verbrennerversauter Die Wahl fällt auf die Station vor der BMW-Niederlassung Kollegen hole ich den Rivalen des ID.3 ab, das M ­ odel 3 von bei der ersten Fahrt auf der Autobahn lange suchen
Fahrer, Mann aus dem 20. Jahrhundert. Doch Hannover. Draußen parken SUVs und andere Dinos, direkt Tesla, das ich in der Woche darauf übernehmen werde. muss, wo die Lüftung ist, weil die Scheiben be­
wenig später weiß ich: Der Mann hat recht. Das liegt weniger neben dem Haupteingang ist ein freier Parkplatz. Und die Die nächste Ladung soll es am Flughafen geben. Dort schlagen. Im VW ist hinten mehr Platz, der Fahrer
an dem Auto selbst als an dem Problem, es aufzuladen. Ladesäule. Ich muss die App be.energised community runter­ befinden sich einige Säulen der Stadt Hamburg, und mit sitzt höher. Klingt spießig, macht das Auto aber etwas
Ich habe stundenlang auf einem nahezu menschenleeren laden, massenweise persönliche Daten preisgeben und dann: 50 Kilometer Restreichweite erreiche ich eine. Ich verstöp­ sicherer. Tesla-Fans sei versichert, dass das Model 3
Flughafen ausgeharrt. Ich habe verzweifelt auf einen Tele­ nichts. Das Display der Säule bleibt dunkel, die Kabelbuchsen sele alles und soll die Karte ans Gerät halten. Aber welche? mindestens 232 km/h schnell ist und die Karaokefunktion
kom-Mitarbeiter eingeredet, ich bin mit 80 km/h über die sind verschlossen. Frage bei einer netten Empfangsdame, was »Gibt’s bei Shell«, sagt ein Taxifahrer, »musste aber frei­ gute Laune macht. Nicht nur dem Beifahrer. Tesla ist den
Autobahn gefahren und wollte doch eigentlich nur ich falsch mache. Nichts, sagt sie: »Die Station geht nicht.« schalten lassen.« Am Frei­tag­abend? Dann die Lösung: per deutschen Autobauern voraus, aber abgehängt ist die deutsche
schnellstmöglich nach Hause (die Kinder hat an dem Später lese ich im Netz, dass die Säule schon vor zwei Jahren SMS zahlen. Aber es funktioniert nicht. Mein Telefon ist Industrie noch nicht. Fahrzeuge wie der ID.3 könnten VW
Abend meine Frau ins Bett gebracht). Und doch ist nicht nicht funktionierte. Das geht ja gut los: Vor den Schaufenstern nicht für mobile Dienste von Drittanbietern freigeschaltet. und Co. in eine öl- und hoffentlich straffreie Zu­
alles verloren für VW, Daimler und BMW. Spätestens mit der deutschen Premiumhersteller versagen die Ladesäulen. Ich rufe bei der Telekom an, berichte einem Kunden­ kunft führen. Doch Kunden, die dieser Tage
dem VW ID.3 hat eine Aufholjagd begonnen, deren Ende Auf zur nächsten Hochleistungssäule. Laut Navi steht sie betreuer davon, dass mich das 21. Jahrhundert gerade an ein E-Auto in Empfang nehmen, werden
nicht entschieden ist. Tesla ist an der Börse mittlerweile ein bei der Wirtschaftsförderung der Stadt Hannover. So wie die meine Grenzen bringt. Er lacht. »Wie ist denn Ihre Kunden­ sich wundern, was sie alles erleben. Die
Vielfaches wert. Auf der Straße braucht man viel Fantasie Station auf der digitalen Landkarte verortet ist, liegt sie mit­ nummer?« Kundennummer? Ich habe keine. Diensttelefon. Folge ist fatal: Guten Gewissens
und das Tesla-Karaokeprogramm (gibt es wirklich!), um ten im Amt. Ich sehe kein Hinweisschild und keine Werbung. »Da kann man nix machen.« Dann geschieht das Wunder kann heute niemand das E-Au­
diesen Wertunterschied nachzuvollziehen. Eine Suche wie nach einer Bar zu Zeiten der Prohibition. Ich von Fuhlsbüttel: Meine letzte Hoffnung, die Störungsstelle to für Alltagszwecke emp­
In Deutschland vollzieht sich im Herbst 2020 ein Um­ gebe auf und fahre nach Hause. des Stromanbieters, ist am Apparat. Ein freundlicher fehlen. Das Land ist
bruch. Die EU-Kommission hat Mitte September ein Was ich unterschätze: Neben dem Auto muss auch mein Mann berichtet mir davon, dass die App neu sei und der noch nicht so
Klimaschutzprogramm mit noch strengeren Regeln für Smart­phone ständig aufgeladen sein. Es gibt praktisch keine Strom daher kostenlos geladen werden könne. Und tat­ weit.
den Verkehr vorgelegt. Der bayerische Ministerpräsident Ladesäule, in der ich per Kredit- oder ec-Karte zahlen und sächlich, nach einem Klick ganz unten auf der App be­
Markus Söder (CSU) forderte am Wochenende ein lostanken kann. Das bringt unerwartete Hürden mit sich: ginnt der Strom zu fließen. Aber an dieser Säule dauert es
Ende der Verbrenner ab 2035. Der VW-Chef stellt Eine zuverlässige Elektro-Tankstelle (betrieben von Shell!) nicht wenige Minuten, sondern ein paar Stunden, ehe
die staatlichen Dieselsubventionen infrage, und in finde ich in einer Tiefgarage. Dort angekommen, soll ich über ich genug Strom für 170 Kilometer geladen
den deutschen Innenstädten demonstrieren erstmals einen QR-­Code eine Web­site öffnen. Aber ich bin in der habe. Zerknirscht rufe ich zu Hause an.  www.zeit.de/vorgelese
seit Monaten wieder Schüler für den Klimaschutz. Tiefgarage! Ich habe kein Netz und gehe 50 Meter Richtung »Wir gucken gerade Madagascar 3«, sagt
Die Frage für den Autofahrer ist einfach. Sind un­ Ausgang. Die Web­site öffnet sich, ich marschiere zum Auto, meine Frau und schickt ein Bild von den
sere Straßen bereit für das, was da politisch verkündet um die passende Ladesäule zu identifizieren, dann wieder Kindern. »Ich bin an Ladesäule zwei«,
und moralisch gefordert wird: die Wende zum – mit zurück Richtung Ausgang, damit die Informationen auf der antworte ich und schicke ein Bild von
grünem Strom betriebenen – Elektroauto? Damit einher Web­site verarbeitet werden können. So muss sich Bertha Benz McDonald’s. Irgendwann ist selbst der
geht die Frage, die sich hiesige Ingenieure stellen müssen: gefühlt haben, als sie 1888 zu ihrer ersten Überlandfahrt auf­ Schnellimbiss im Flughafen geschlossen. Ge­
Werden Deutschlands Autobauer abgehängt von brach und unterwegs Waschbenzin in Apotheken tankte. gen 22.30 Uhr trete ich den Heimweg an. Angeb­
Tesla? Die Antwort habe ich nach zwei Wochen im Ein flächendeckendes Tankstellennetz aufzubauen dauerte liche Reichweite: 180 Kilometer. Schon nach weni­
September gefunden, in denen ich zwei Autos einst Jahrzehnte. Die aber bleiben uns nicht, wenn ab 2035 gen Kilometern ist klar, dass es in normalem Tem­
testete, Volkswagens ID.3, der seit wenigen Wo­ Schluss sein soll mit dem Verbrenner. Und ohne vernünftiges po nicht zu schaffen ist. Mit 85 km/h rolle ich
chen verkauft wird, und Teslas älteres Model 3. Ladenetz sind Elektroautos nur Blechbüchsen. 160 Kilometer in den Süden.
VW, so viel sei vorweggenommen, wandelt sich. Die einfachste Ladelösung wäre in meinem Fall der Privat­
Das liegt weniger an der Läuterung des Konzerns anschluss gewesen. Ich wohne in einem Haus mit Garage. Mit Ich bin ein Anfänger, aber das habe ich wohl mit
durch den Dieselskandal als vielmehr an den einem Starkstromanschluss namens Wallbox ließe sich dort 40 Millionen Autofahrern gemeinsam
schon jetzt verabschiedeten Gesetzen aus Brüs­ ein Auto über Nacht laden. Bei mir, dem schmutzigen Diesel­
sel. Die CO₂-Regeln sind so streng, dass fahrer, gab es dafür bisher keinen Anlass. Vielerorts kostet der Was hat VW nicht alles versprochen. Zum Beispiel der
Autobauern ohne adäquates E-Auto- Einbau allerdings auch mehr als tausend Euro, VW kämpft Chef Herbert Diess, der mit dem ID.3 vor wenigen Wo­
Angebot Mil­liar­den­stra­ deshalb für staatliche Zuschüsse. Ein Gesetz, das den Einbau chen von seiner Heimat München aus an den Gardasee
fen drohen. auch in Mietshäusern ermöglicht, soll noch vor dem Jahres­ fuhr. Auf der Fahrt in den Urlaub laden? »Entspannt einen
wechsel im Bundesrat verabschiedet werden. Künftig reicht Kaffee trinken, und weiter geht’s. Da sehe ich überhaupt
dann eine Mehrheitsentscheidung der Eigentümergemein­ kein Problem, sehr angenehm!«, schrieb er nach der Fahrt
schaft, damit einzelne Wohnungsbesitzer – auf eigene Kosten – auf dem Karriereportal Linked­ In. Nach einer Woche
Wallboxen einbauen können. Das ist dringend nötig. In einer E-Auto in der VW-Heimat bin ich hingegen urlaubsreif.
Umfrage des ADAC unter 310 Hausverwaltungen in elf Groß­ Ich mag ein Anfänger sein, aber das habe ich mit ver­
städten kam im vergangenen Jahr heraus: Von über 4800 mutlich über 40 Millionen Autofahrern gemeinsam, die noch
Häusern mit mehr als zehn Stellplätzen verfügten nur vier kein Elektroauto gefahren sind. Das E-Auto muss kein rol­
Prozent über irgendeine Art von Stromanschluss. lendes i­ Phone sein, wie es auch Diess gern sagt, es muss aber
Auf der Straße herrscht E-Chaos. Mal funktioniert die wie ein ­iPhone funktionieren: intuitiv. Ran an die Säule und
Ladesäule nicht, mal versagt sie ihren Dienst, ehe ich das Kabel lostanken. Anders gesagt: wie ein Tesla.
eingesteckt habe. Dabei hat die Regierung längst einheitliche Der große Vorteil des Model 3 ist zunächst mal die Batte­
Regeln für die Ladesäulenförderung verabschiedet. Trotzdem rie. Es gibt sie mittlerweile in einer extragroßen Ausführung,
kann nicht jeder Nutzer an jeder Ladestation auch Strom laden und damit sind im Sommer bis zu 600 Kilometer am Stück
– mal braucht es eine Kundenkarte, mal einen anderen Vertrag. möglich. Teslas exklusives Ladenetz ist (noch) deutlich eng­
Die Lage ist so verworren, dass die Autohersteller ihr eigenes maschiger als das der Rivalen. Ich tanke – ohne einen Kaffee
Netz aufbauen, es heißt ­Ionity. Dahinter stecken VW, Audi, zu trinken – in Bispingen am Supercharger auf. Über 200
Porsche, Mercedes, BMW und Ford. Aber die Premiumher­ Kilometer Reichweite in einer halben Stunde.
steller verlangen auch Premiumpreise: Als ich später einmal Aber – und das ist die große Hoffnung für die deutschen
bei Ionity tanke, zahle ich für 300 Kilometer Reichweite 24 Autobauer – der ID.3 ist in Deutschland alltagstauglicher als
Euro, das heißt acht Euro auf 100 Kilometer – die Teslas Model 3. Für den Preisunterschied – mein VW kostet
meisten Diesel tanken gerade günstiger. in Deutschland mindestens 35.000, das Model 3 mit großer
Bis Hannover hat sich Ionity Batterie 45.000 Euro – gibt es nicht das spürbar
noch nicht vorgewagt. So bessere Auto. Im Gegenteil, der VW

ZEIT-Grafik: Nora Coenenberg


22 WIRTSCHAFT 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

Titelthema: Duell am Abgrund

Make America Pay Again


Ein solches Spektakel hat es
im Weißen Haus noch nicht
hatte, wurde es in den Neunzigerjahren schwierig für
ihn, Kreditgeber zu finden. Geld verdiente er später
Trump sowieso, aber zulegen. Es gehört zur Wahrheit, dass dieser Sumpf
existiert und Vertretern aller Parteien ein Lebensraum
rend seiner Jahre im Senat war MBNA laut Center for
Responsive Politics dann auch B­ idens größter Spender.
gegeben. Der hell erleuchtete vor allem mit der TV-Show The Apprentice, in der er auch Biden: ist, in dem sie sich gut eingerichtet haben. Einer, dem Für Unternehmen wie MBNA sind Privatinsol-
Amtssitz der US-Präsidenten jahrelang den knallharten New Yorker Immobilien- sich auch Joe ­Biden nicht entzogen hat. venzen ärgerlich. Schuldner können sich damit ihren
schien förmlich über dem Impresario gab. Die Tantiemen, Werbe- und Lizenz- Wie US-Politiker Wer ein politisches Mandat in Washington an- Forderungen entziehen. Für ­Biden, der sich im Wahl-
Rasen zu schweben, davor ein einnahmen daraus beliefen sich von 2004 bis 2018 auf strebt, muss viel Geld für eine Kampagne auftreiben. kampf heute als Kandidat des kleinen Mannes prä-
Wald von Sternenbannern. über 427 Millionen Dollar. Diese Zahl wurde Anfang abhängig von In der vergangenen Wahlperiode etwa gaben die sentiert, waren die Interessen seiner Spender im Jahr
Hunderte jubelten, als Ivanka
Trump, das blonde Haar zur glänzenden Mähne ge-
der Woche bekannt, als die New York T ­ imes über die
bislang unter Verschluss gehaltenen Steuererklärungen
der Wirtschaft werden  Gewinner der Senatssitze im Schnitt knapp 20 Mil-
lionen Dollar aus, so das Center for Responsive­
2005 offenbar wichtiger als die Interessen überschul-
deter Amerikaner. Er sorgte mit für eine Reform des
stylt, ihren Vater, den US-Präsidenten, ankündigte. Trumps berichtete. Dazu kommen Gebühren, die VON HEIKE BUCHTER Politics. Seit der oberste Gerichtshof 2010 unbe- Konkursrechts, die privaten Schuldnern die Insolvenz
Die Abschlussveranstaltung des Parteitags der Repu- Hoteliers und Bauunternehmer im In- und Ausland grenzt Spenden von Firmen zuließ, fließt noch mehr erschwerte. Die Finanzindustrie hatte darauf gedrängt.
blikaner im August, bei der ­Donald Trump offiziell dafür zahlen, dass Trump ihren Objekten mit seinen Geld. Im Amt können Volksvertreter ihren Förderern Bidens Einsatz für die Belange der Kreditkarten-
seine Nominierung zum Kandidaten für die anste- güldenen Lettern den Glanz des Erfolgreichen verleiht. dann dienlich sein, indem sie Regulierungen ändern branche brachte ihm in Washington den Spitznamen
hende Präsidentschaftswahl annahm, endete mit Die New York Times zieht aus den Steuerunterlagen und Subventionen sichern. Zwar hat sich Joe Biden »Senator von MBNA« ein. 1999 stimmte er im
einer Opern­arie und einem Feuerwerk, während der den Schluss, dass Trump die Einnahmen aus seinem dafür eingesetzt, Wahlkämpfe stattdessen aus öffent- Sinne der deregulierungsfreudigen Clinton-Regie-
virtuelle Parteitag der Demokraten im Vergleich dazu TV-Ruhm nutzte, um die Verluste der von ihm be- lichen Mitteln zu bestreiten. Es ist eines seiner Wahl- rung auch dafür, die Trennung von Investment-
wie das Heimvideo von Lokalpolitikern wirkte. triebenen Hotels, Golf-Resorts, Wohn- und Büro- versprechen. Das hat ihn jedoch nicht daran gehin- banken und Geschäftsbanken zu beenden. In der
Der Auftritt machte eines endgültig sichtbar: türme auszugleichen. Dabei beklagt der Präsident dert, private Spenden anzunehmen. Folge entstanden Kolosse wie die Citigroup. Wenige
Trump hat die US-Präsidentschaft zum Teil seines Jahre später zeigten sich in der großen Finanzkrise
Familienunternehmens gemacht. Das Weiße Haus die Risiken der neuen Mega-Banken. Es sei das ein-
ist das neue Hauptquartier der Trump-Organisation. zige Mal in seiner Zeit als Senator, dass er bereue,
Dass die Trennung des Geschäftsmannes Trump zugestimmt zu haben, sagte ­Biden im Jahr 2014.
vom Präsidenten Trump problematisch werden Und doch: Bevor Biden durch Honorare für Vor-
würde, war bereits klar, noch bevor er im Januar 2017 träge und Bücher zum Multimillionär wurde, ge-
den Amtseid schwor. Seine Vorgänger der letzten hörte er zu den Kongressmitgliedern mit dem ge-
Jahrzehnte hatten vor ihrer Amtsübernahme Ver- ringsten Vermögen. Laut dem Center for Responsive
mögenswerte entweder unabhängigen Treuhändern Politics waren es im Jahr 2008 lediglich 30.000
zur Verwaltung übergeben oder sie verkauft. So gab Dollar. Dagegen waren 44 Prozent der Kongressmit-
etwa Jimmy Carter während seiner Amtszeit seine glieder damals Millionäre. Bei ­Biden standen die
Erdnussfarm vorübergehend in fremde Hände. Geschäfte nie im Zentrum. Es war stets die Politik.
Trump weigerte sich schlicht, dieser ungeschrie- Anders ist es mit seiner Familie.
benen Norm zu folgen. Er blieb bis heute Eigentümer Bidens Sohn Hunter bekam 1996 eine gut dotierte­
und Chef seines Unternehmens. »Das war die Ur- Stelle bei MBNA. Gleichzeitig war er stellvertretender
sünde seiner Präsidentschaft«, sagt Jordan Libowitz Wahlkampfmanager seines Vaters. Bis 2005 bezahlte
von der Washingtoner Organisation Citizens for ihn das Kreditkartenunternehmen als Berater. 2012
Responsibility and Ethics (Crew), die sich für saubere startete Hunter zusammen mit weiteren Gründern,
Staatsführung einsetzt. darunter einer der Heinz-Ketchup-Erben und ein
Es ist nicht neu, dass Politiker von der Karriere- Stiefsohn von US-Außenminister John Kerry, eine
krönung im Weißen Haus ökonomisch profitieren. Investmentfirma. Ein Immobilienprojekt mit einem
Das Vermögen der Obamas belief sich vor Amts­ anderen Partner sowie einer chinesischen Beteili-
antritt auf geschätzte ein bis drei Millionen Dollar. gungsfirma führte zu einem Joint Venture namens
Heute verfügen sie dank Buchverträgen und Vor- Bohai Harvest RST. Bei einem Staatsbesuch des Vize-
trägen über 40 Millionen Dollar, so ein Bericht des präsidenten Joe ­Biden in Peking stellte Hunter dem
Online-Portals Business Insider. Auch die Clintons Papa seine chinesischen Geschäftsfreunde vor. Bohai
sind wohlhabende Besitzer mehrerer Immobilien. Harvest investierte unter anderem in Gesichtserken-
Doch bei ­Donald Trump gibt es einen Unterschied: nungssoftware, mit der auch die uigurische Min-
Er kassiert, während er im Oval Office sitzt. derheit von der Zentralregierung ausgespäht wird.
Da ist etwa das Trump International Hotel in Ins globale Rampenlicht gerieten Hunters Tätig-
Washington. Die Luxusherberge im ehemaligen keiten durch seine Berufung in den Aufsichtsrat des
Hauptquartier der US-Bundespost mietet die Trump- ukrainischen Energieunternehmens Burisma. Kurz
Organisation vom staatlichen Liegenschaftsamt. Seit zuvor war er als Reservist wegen eines positiven Ko-
Trump Präsident ist, erfreut sich das Hotel großer kain-Tests aus der U. S. Navy entlassen worden. Bei
Beliebtheit bei Volksvertretern vor allem der Repu- Burisma sollte er nun für die Einhaltung von Corpo-
blikaner, Beamten verschiedener Behörden sowie rate-Governance-Regeln sorgen. Zeitweise erhielt er
ausländischen Diplomaten und Managern, deren monatliche Zahlungen in Höhe von 50.000 Dollar.
Firmen etwas von der Regierung wollen. Der Präsi- Zur selben Zeit drängte Vizepräsident Joe Biden die
dent lud auch mehrfach Staatsgäste auf sein Anwesen ukrainische Regierung, Korruption und Bestechlich-
Mar-a-Lago in Florida ein. Das ist nicht nur der keit in dem Land schärfer zu bekämpfen.
private Wohnsitz von ­Donald und Melania Trump, Trump versuchte, diese Umstände zu nutzen,
sondern auch ein exklusiver Club. Die Aufnahme- indem er Druck auf die ukrainische Regierung aus-
gebühr hat Trump zu Beginn seiner Präsidentschaft übte, Belege für Verstrickungen der Bidens in Kor-
verdoppelt. Zwischen 2015 bis 2018 verdiente er laut ruption zu liefern. Dass er als Präsident damit seinen
neuesten Presseberichten rund 26 Millionen Dollar politischen Privatinteressen folgte, führte schließlich
mit Mar-a-Lago. Dort empfing er auch den chine­ zum Amtsenthebungsverfahren, das aber scheiterte.
sischen Präsidenten und den japanischen Premier. bisweilen, dass die Bürde seines Amtes ihn »Mil­liar­den« US-Politiker lassen den Tatsächlich ist Joe Biden ein Meister dieses Spiels Richard Painter, Rechtsprofessor an der Univer-
Crew hat eine eindrucksvolle Bilanz gezogen: koste. Nun lassen die neuen Berichte zwei Schlüsse Hut rumgehen aus Geben und Nehmen. Ausgerechnet Trump ver- sity of Minnesota und ehemaliger Ethik-Berater von
Während seiner Präsidentschaft hielten politische zu: Entweder waren die Geschäfte schon vorher defi- passte seinem demokratischen Herausforderer des- Präsident George W. Bush, sagt, man könne dem
Gruppen bislang 88 Veranstaltungen in Trump-­ zitär – oder der Präsident hat seine Steuerlast auf frag­ halb den Spitznamen »Quid pro Joe«. Vater Biden die Aktivitäten seines Sohnes nicht vor-
Objekten ab, 141 verschiedene Abgeordnete und würdige Weise kleingerechnet (siehe unten). Von 1972 bis 2009 vertrat Biden im Senat die werfen. Wichtig sei nur, dass der Mandatsträger sei-
Senatoren sowie 145 Vertreter ausländischer Regie- Sicher ist, dass die Trump-Organisation als Ge- Interessen des Bundesstaates Delaware und be­währte nen Verwandten keine Vorteile verschaffe, was die
rungen besuchten zum Teil mehrfach Anlagen und flecht von Hunderten Gesellschaften eines eint: Pro- sich als Interessenvertreter von Banken, Wirtschafts- Frage aufwirft, ob der Sohn derlei Jobs ohne den
Foto: Dan Cretu; Illustration: Anne Gerdes für DIE ZEIT

Hotels der Trump-Organisation. Vergangenes Jahr fiteure sind ­Donald Trump und seine Kinder. Um prüfern, Steuerberatern und Anwälten. Man muss Vater bekommen hätte. Das sei ein häufiges Problem
schlug Trump sogar vor, den für Juni geplanten G7- diese Organisation am Leben zu halten, muss Trump dazu wissen: Delaware ist eine Steuer­oase innerhalb in Washington, so der Jurist. Selbst wenn Trump im
Gipfel in seinem Doral Golf Resort bei Miami ab- der New York T ­ imes zufolge in den kommenden Jahren der USA, in der Finanzen so sehr im Geheimen November verliere, sei das Problem der Verschmel-
zuhalten statt im staatseigenen Camp David. Erst Hunderte Millionen Dollar an Krediten bedienen. bleiben, dass sich selbst Offizielle der Cayman Islands zung von Geld und Macht in Washington nicht ge-
nach Protesten kam er davon ab. Ob dann ohne Wiederwahl finanzielle Probleme auf einmal über die unfaire Konkurrenz beschwerten. löst. Ohne Reformen, fürch-
Bei Trump ist die Trennung zwischen Mann und ihn zukommen, hängt davon ab, ob er neue Kredit- In den 1980ern zog die Finanzpolitik des Staates tet Painter, finde sich die
Marke nicht einfach. Denn er und sein Name sind geber findet oder, bei einem Verkauf von Objekten, einen Banker namens ­Charles Crawley mit einer Idee amerikanische Demokratie
praktisch das Geschäft. Anders als von ihm selbst oft wie hoch die Erlöse daraus sind. Einem Präsidenten nach Dela­ware. Seine Firma MBNA bot Unis oder bald als Kleptokratie nach
propagiert, ist ­Donald Trump schon seit Jahrzehnten gegenüber könnten sich Gläubiger auf jeden Fall ge- Sportclubs die Möglichkeit, unter ihrem eigenen dem Vorbild Russlands oder
kein Baulöwe mehr. Nach der Pleite seines von ihm duldiger erweisen als gegenüber einem Ex-Präsidenten. Namen Kreditkarten für ihre Studenten und Mit- Chinas wieder.
zum »Weltwunder« erklärten Kasinos Taj Mahal in Als Trump 2016 kandidierte, trat er mit dem Ver- glieder herauszugeben. Die Idee machte die Firma zum
Atlantic City, das rund eine Mil­liar­de Dollar gekostet sprechen an, den »Washingtoner Sumpf« trocken- führenden unabhängigen Kreditkartenanbieter. Wäh-  www.zeit.de/vorgelese

Steuertipps vom Präsidenten


Gerade mal 750 Dollar Einkommensteuer hat Donald Trump zuletzt gezahlt. Wie bitte geht das?  VON MARK SCHIERITZ

D
as vorab: Wie reich Donald Trump Grundsätzlich gilt: Für die Höhe der Steuerrech- macht. Statt eines Arbeitszimmers hat er ein ganzes 2008 und 2009 Verluste in Höhe von 1,4 Milliarden unter anderem dadurch zustande, dass Trump sich
ist, darüber geben die von der New nung ist in den USA wie in fast allen Industrienatio- Anwesen im Bundesstaat New York als geschäft­ Dollar geltend gemacht und damit die Steuerlast der aus dem Geschäft mit Spielcasinos zurückgezogen
York Times veröffentlichten Details nen nicht das Vermögen entscheidend, weil es keine lichen Besitz angegeben, obwohl das Ensemble nach folgenden Jahre gedrückt. hat. Die Voraussetzung für die steuerliche Anerken-
aus seinen Steuerunterlagen keine Vermögensteuer gibt. Die wichtigste Basis der Be- Angaben seines Sohnes der Familie als Wohnsitz Und nicht nur das: Ein noch von seinem Vor- nung ist, dass die Casinos ohne eine finanzielle Ge-
Auskunft. Aus den Berichten der steuerung ist vielmehr das Einkommen. Was Trump diente. Auch hat er mehr als 70.000 Dollar an­ gänger Barack Obama auf den Weg gebrachtes genleistung aufgegeben werden. Eine solche Gegen-
Zeitung geht zwar hervor, dass Trump mit einer dem Fiskus schuldet, hängt also vor allem davon ab, Friseurkosten abgesetzt sowie einen sechsstelligen Gesetz erlaubt es Unternehmen, Verluste auch mit leistung gab es aber offenbar: Laut New York Times
Reihe seiner Unternehmungen Verluste macht, vor was er mit seinen Vermögen verdient, zum Beispiel an seine Tochter Ivanka gezahlten Betrag als »Bera- den bereits in der Vergangenheit bezahlten Steuern erhielt Trump vom neuen Besitzer der Anlagen fünf
allem seine Golfresorts sind demnach defizitär. durch Mieteinnahmen oder Verkaufserlöse. tungshonorar« geltend gemacht. Das ist laut Steuer- verrechnen zu lassen. Es ist also nicht nur ein Ver- Prozent der Aktien des neu gegründeten Unter­
Aber das bedeutet nicht, dass der amerikanische Genauer gesagt, ist die entscheidende Größe das experten zumindest ungewöhnlich, wenn nicht lustvortrag, sondern auch ein Verlustrücktrag mög- nehmens. Damit könnte der Steuerbonus hinfällig
Präsident pleite ist. Er besitzt Immobilien in Top- zu versteuernde Einkommen. Das ist der Betrag, der sogar illegal. lich. Obama wollte mit dieser Regelung damals sein – Trump müsste inklusive aufgelaufener Zinsen
lage, Flugzeuge und Hubschrauber, deren Werte vom Einkommen übrig bleibt, wenn bestimmte Aus- Noch größere Summen hat Trump mit einem kleinen Firmen helfen, die von der Finanzkrise ge- rund 100 Millionen Euro an den Staat zurückzahlen.
vom Finanzamt nicht erfasst werden. Wenn man gaben abgezogen werden. Die Idee: Man muss anderen Steuertrick herausgeholt: dem sogenannten beutelt wurden. Trump nutzte die Gelegenheit und Ist Trump also doch kein so guter Geschäftsmann?
davon die aufgelaufenen Schulden abzieht, bleibt manchmal erst Geld ausgeben, um Geld zu erwirt- Verlustvortrag. Diese international durchaus gängige ließ sich 72 Millionen Dollar auszahlen. Die Steuer- Oder nur ein besonders gewiefter Steuervermeider?
nach Schätzungen von Forbes – dem Fachmagazin schaften – und das sollte vom Finanzamt berück- Regelung ermöglicht es Steuerzahlern, in einem Jahr verwaltung wurde allerdings misstrauisch. Die Diese Fragen lassen sich auf Basis der veröffentlichten
für Superreiche – immer noch ein Nettovermögen sichtigt werden. Das klassische Beispiel ist das häus- angehäufte Verluste mit den Gewinnen späterer Jahre Zahlung wird nach Angaben der New York Times Angaben nicht abschließend beantworten. Es könnte
von 2,5 Milliarden Dollar übrig. liche ­Arbeitszimmer, das auch in Deutschland von zu verrechnen, um Steuern zu sparen. In den USA derzeit geprüft. auch sein, dass beides zutrifft: dass Trumps Geschäfte
Wie kann es da sein, dass Trump in den letzten der Steuer abgesetzt werden kann. Trump hat von sind die entsprechenden Vorschriften besonders groß- Für Trump könnte die Angelegenheit ein Nach- schlechter verlaufen als angenommen – und dass er
Jahren so gut wie keine Steuern bezahlt hat? dieser Möglichkeit sehr umfassend Gebrauch ge- zügig. Laut New York Times hat Trump in den Jahren spiel haben. Die Verluste aus dem Jahr 2009 kamen bei der Steuer trickst.
DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 WIRTSCHAFT 23

Medien

Anna-Beeke Gretemeier, 34,


seit 2017 Chefredakteurin
des Digitalangebots,
verantwortet seit 2019
auch das Heft mit

Florian Gless, 52, ist seit


2019 Co-Chefredakteur
der Marke stern

Foto: Henning Kretschmer für DIE ZEIT


»Wir sind doch nicht die Aktivisten«
Das Magazin »stern« will in der Klimafrage »nicht länger neutral« sein – und hat zusammen mit der
Fridays-for-Future-Bewegung eine Ausgabe gemacht. Ist das noch Journalismus?
ANZEIGE
DIE ZEIT: Frau Gretemeier, Herr Gless, Glück- nicht, wenn Leute »Lügenpresse« rufen. Weil ich wir die Aktivisten reinlassen, wo bleiben die Tü-
wunsch, eines haben Sie gewiss geschafft: Der stern weiß, dass wir sauberen Journalismus machen. ren zu? Wir haben erwogen, dass wir ein gemein-
ist diese Woche im Gespräch. ZEIT: Sie sagen, Sie wollen mit dem Heft ein sames Editorial machen, aber das fühlte sich
Anna-Beeke Gretemeier: Darüber sind wir glück- möglichst großes Publikum für das Klimathema nicht gut an.
lich, denn das war unser Ziel. erreichen. Was ist mit Lesern, die Fridays for Gless: Die Debatte darum war heftig. Und nicht
ZEIT: Ihr Magazin ist für die vergangene Ausgabe Future distanziert sehen oder ablehnen? Errei- leicht zu führen, durch die Arbeitsbedingungen
eine Kooperation mit Fridays for Future eingegan- chen Sie die? in Corona-Zeiten. Bei Online-Meetings mit bis
gen. Junge Klimaaktivisten waren an der Themen- Gless: Mit diesem Thema können wir es nicht zu 130 Leuten bekommt man nur schwer ein
auswahl und der Recherche des Hefts beteiligt. allen recht machen. Es erzeugt Gefühle wie Er- Gefühl für die Stimmung im Team. Man hört
Nun wird Ihnen ein »Tabubruch« vorgeworfen: tapptsein, Angst und auch Wut, auf vielen­ dann vor allem die Kritiker.
Sie hätten sich vom professionellen Journalismus Ebenen. Aber das müssen wir der Gesellschaft ZEIT: In der Debatte um dieses Heft sollen Sie
verabschiedet. zumuten. Ihrer Redaktion gesagt haben, man könne mit
Florian Gless: Wir haben uns nicht vom Journalis- ZEIT: Sie glauben wirklich, mit normalem Jour- Journalismus, wie er bisher war, künftig kein
mus verabschiedet. Unsere Redaktion hat die Texte nalismus ließen sich Leser nicht aufrütteln? Geld mehr verdienen. Wie ist das gemeint?
im aktuellen Heft recherchiert und aufgeschrie- Gless: Den machen wir doch auch. Wir starten Gless: Wir haben gesagt: Allein der gute Journalis-
ben. Wir haben der Bewegung nicht die Chef­ zum Beispiel ein neues Ressort: »Klima und mus, den wir machen, sichert uns noch nicht die
redaktion übergeben, sondern mit ihnen zusam- Nachhaltigkeit«. Aber wer sich mit der Bewe- Zukunft. Wir müssen uns auch verstärkt Gedan-
men ein Heft gestaltet. Weil wir neugierig auf ihre gung nicht beschäftigen will, wer nur seine Vor- ken machen, wie wir die Menschen erreichen.
Perspektiven waren. urteile bestätigt sehen will, den erreichen wir eh Gretemeier: Allein mit guten Geschichten wer-
ZEIT: Warum hat es nicht gereicht, diese Bewe- nicht. Wir haben die Bewegung im Heft deshalb den wir es nicht reißen.
gung etwa zu einer Blattkritik einzuladen, also auch zum Gegenstand einer kritischen Recher- Gless: Und eine Debatte, die gar nicht geführt
über ein fertiges Heft zu diskutieren? che gemacht. wird, ist die über die Angst im Journalismus: Ein
Gretemeier: Wir hatten einen ganzheitlicheren ZEIT: Eher in Spurenelementen kritisch. ganzer Berufsstand hat Angst vor der Zukunft.

AU F D I E
Ansatz. Wir wollten uns mit den Anmerkungen Gless: Wir finden die Bewegung ja auch gut. Die darf uns nicht lähmen.
der Bewegung aus­ein­an­der­set­zen, während wir am ZEIT: Wie wollen Sie dann künftig noch kritisch ZEIT: Glauben Sie, die Zukunft des Journalis-
Heft arbeiten. Die Aktivisten haben, neben allen über die Klimabewegung berichten? mus liegt darin, dass man sich als Sprachrohr­
thematischen Anregungen, viele, moderne Anfor- Gless: Nur weil ich etwas gut finde, heißt das einer Gruppe versteht und positioniert?

D E TA I LS
derungen in unsere Diskussionen eingebracht: keineswegs, dass ich nicht kritisch darüber be- Gless: Es geht doch darum: Wer ist bereit, mal
Welche Sprache benutzen wir, um den Klimawan- richten kann. Ich denke, jeder Journalist hat zu etwas auszuprobieren? Natürlich ist das riskant.
del zu beschreiben? Bilden wir People of Color ab? jedem Sachverhalt eine Haltung. So zu tun, als Wir hätten mit diesem Heft scheitern können.
Wird gegendert? wäre das nicht so, ist eine Form von Selbst­ Und natürlich gibt es die Beharrer da draußen,
ZEIT: Es ist das erste Mal in 72 Jahren stern, dass verleugnung.
Außenstehende erklärtermaßen Einfluss auf die ZEIT: Wenn künftig ein stern-Reporter für eine
Entstehung des Hefts nehmen konnten. Die Be- Braunkohle-Recherche in die Lausitz fährt,
die sagen: O Gott, jetzt werden wir alle noch
schneller sterben.
ZEIT: Wie geht es dem stern? KO M M T
ES AN.
wegung, über die Sie darin auch berichten, hat könnte er dort als parteiisch wahrgenommen Gless: Wie allen Verlagen hat auch uns Corona
mitgearbeitet: Die Aktivisten erzählen, sie hätten werden. das Geschäft etwas verhagelt, vor allem beim
bei der Auswahl von Themen und Gesprächspart- Gless: Diese Form von Gemeinmachung hat ja Print-Magazin. Wir haben die Kioskauflage fast
nern geholfen, sie hätten teilweise die Texte vor nicht stattgefunden. Wir haben mit Fridays for stabilisiert. Und digital wachsen wir stark. Dem
Andruck noch einmal lesen können. Ist das unab- Future weder jahrelang zusammengearbeitet stern geht es gut.
hängiger Journalismus? noch eine gemeinsame Organisation gegründet. ZEIT: Der gedruckte stern hat in zehn Jahren die
Gretemeier: Wieso denn nicht? Wir hatten selbst- ZEIT: Sie haben einen offenen Brief von zehn
verständlich das letzte Wort. Ich sehe darin nichts Umweltverbänden gedruckt und schreiben im
Hälfte seiner Leser verloren. Im zweiten Quartal
2020 kamen Sie in der verkauften Auflage auf
DELL XPS 13.
Unjournalistisches. Unsere Unabhängigkeit ist Editorial, dass diese Ihre Aktion unterstützen.
voll intakt. Stehen die Verbände also auch an Ihrer Seite?
377.900 Exemplare, 18 Prozent weniger als im
Vorjahr. Überall für außergewöhnliche
ZEIT: Warum reicht es aus Ihrer Sicht nicht mehr, Gretemeier: Der offene Brief ist durch den Dia- Gless: Ja, ach Gott! Das liegt vor allem daran,
dass der stern ohne solchen Einfluss berichtet? log im Hintergrund entstanden, den der stern dass in Corona-Zeiten der Lesezirkel kollabiert Ergebnisse verifiziert.
Gless: In diesem Fall waren wir der Meinung, dass initiiert hat. Sie haben vielleicht gesehen, dass die ist und wir viel weniger Bordauflage haben. Im
die Klimakrise dringend mehr Aufmerksamkeit Umweltverbände viele Anzeigen im Heft ge- Handel haben wir während des Lockdowns
verdient, als sie es als Schwerpunkt einer stern-­ schaltet haben. Ich verstehe das als finanzielle viele Hefte über Vorjahr verkauft, im Abonne-
Ausgabe bekommen hätte. Wir merken, dass wir Unterstützung unserer Aktion. ment ebenso.
mit dem Standard-Journalismus viele Menschen ZEIT: Hat das nicht ein Geschmäckle? Wie auch ZEIT: Wollen Sie mit Ihrer Aktion an die Ziel-
erreichen. Aber so haben wir noch bedeutend Anzeigen, die jedem Leser, der Kunde einer­ gruppe der jungen Aktivisten herankommen?
mehr erreicht. Firma wird, eine Spende an Fridays for Future Gless: Glauben Sie, dass wir uns anbiedern woll-
ZEIT: Ist das die Zukunft des stern-Journalismus? versprechen. ten? Ach was.
Gless: Der stern hat sich immer eingemischt. Wir Gretemeier: Wenn Anzeigenkunden Deals mit Gretemeier: Wir glauben nicht, dass sich eine Expert Service 24/7 & Onsite für 1 Jahr inklusive**
haben zu vielen Themen klare Haltung gezeigt. Fridays for Future eingehen, ist das deren Sa- junge Generation aufgrund eines Hefts berufen
ZEIT: Haltung kann man ja haben, ohne zugleich che. Auch wir haben diskutiert, inwieweit wir fühlt, zukünftig regelmäßig Geld für Print aus-
Aktivismus zu betreiben. über ein publizistisches En­ gage­
ment hi­naus­ zugeben. Unser Ziel war es nicht, eine neue Ziel- Weitere Informationen erhalten Sie
Gretemeier: Wir sind doch nicht die Aktivisten. gehen und selbst etwas unternehmen können, gruppe zu erschließen. kostenlos unter 0800-000 42 30* oder auf Dell.de.
Wir haben Aktivisten mit reingeholt, aber das einen stern-Wald pflanzen zum Beispiel. Wir Gless: Damit haben wir uns gar nicht beschäf-
Heft haben wir Journalisten gemacht. Das ist en- haben unseren Anzeigenkunden gesagt, dass wir tigt – inwieweit sich unsere Kernzielgruppe mit Erfahren Sie mehr über Intel Evo unter Dell.de/EVO
gagierter, kämpferischer Journalismus, für den der es toll fänden, wenn ihre Anzeigen ein nach- Fridays for Future überschneidet.
stern schon immer stand. Und darin sehen wir haltiges En­gage­ment oder Commitment aus- ZEIT: Wie bitte?
auch weiter die Rolle des stern. Dass wir mit einer drücken würden. Gless: Wir haben gedacht, das Heft wird flop-
Organisation journalistische Produkte machen, ZEIT: Sie hatten 2007 eine Klimaausgabe, in pen, weil unsere Klima-Hefte bisher alle gefloppt
bleibt sicher die Ausnahme. der eine Kooperation mit RWE vorgestellt sind.
ZEIT: Warum ausgerechnet diese Ausnahme? wurde. Würden Sie eine solche heute noch mal ZEIT: Die Message des Hefts ist: »Kein Grad
Gless: Die Klimakrise ist die womöglich größte eingehen? weiter«, keine Kompromisse mehr. Dabei haben
Herausforderung der Menschheit, deshalb. Und: Gless: Aus heutiger Sicht: schwierig. Sie beide kürzlich in einem Text gefragt: »Wo ist
Der stern soll wieder lauter und kämpferischer ZEIT: Nehmen Sie gar nichts an von der Kritik die Kunst des Kompromisses geblieben?«
werden. Ich bin mir bei den vielen Krisen dieser der vergangenen Tage? Den Warnungen, dass Sie Gless: Es gibt Themen, bei denen wir nicht
Welt nicht sicher, ob es ausreicht, dass wir als Jour- journalistische Tugenden über Bord werfen? mehr über Kompromisse sprechen können. Einführung der neuen
nalisten immer nur vom Spielfeldrand aus repor- Gretemeier: Soweit Kritik von Lesern kommt, Über die Klimakrise schreiben sich seit 30 Jah- Intel® Evo™ Plattform
tieren. Ob Corona, Klima, Mi­ gra­
tion – wir­ nehmen wir sie ernst. Doch Einwände habe ich ren Journalisten die Finger wund – und was hat
müssen darüber sprechen, ob wir auch aufs­ vor allem von empörten Empör-Journalisten es gebracht?
Spielfeld gehen. wahrgenommen. Damit können wir sehr gut Gretemeier: Ich finde nicht, dass Journalisten
© 2020 Dell Inc. oder Tochtergesellschaften. Alle Rechte vorbehalten. Dell GmbH, Main Airport Center, Unterschweinstiege 10, 60549 Frankfurt
ZEIT: Es gibt eine Vertrauenskrise der Medien, leben. sich in letzter Zeit wirklich die Finger wund ge- am Main. Geschäftsführer: Stéphane Paté, Anne Haschke, Robert Potts. Vorsitzender des Aufsichtsrates: Jörg Twellmeyer. Eingetragen beim AG
auch weil ihnen ein Teil der Bevölkerung vorwirft, ZEIT: Das eingangs zitierte Wort »Tabubruch« schrieben haben. Da sind wir beide uneins. Frankfurt am Main unter HRB 75453, USt.-ID: DE 113541 138, WEEE-Reg.- Nr.: DE 49515708. Dell Technologies, Dell, Dell EMC, EMC und andere
Marken sind Marken von Dell Inc. oder Tochtergesellschaften. Es gelten die allgemeinen Geschäftsbedingungen der Dell GmbH. Änderungen von
parteiisch und voreingenommen zu sein. Spricht stammt aus Ihrer eigenen Redaktion. Nicht aber, wenn es um unseren zukünftigen Preisen, technischen Daten, Verfügbarkeit und Angebotskonditionen sind ohne Vorankündigung vorbehalten. Druckfehler und Irrtümer vorbehalten.
das nicht dagegen? Gretemeier: Ja, es gab dort auch Gegenwind. Wir Umgang mit dem Thema geht. *Mo-Fr.: 8:30-17:30 Uhr (zum Nulltarif aus dem dt. Fest- und Mobilfunknetz). **Diese Serviceleistung bezieht sich nur auf XPS Laptops.

Gless: Das sind häufig Reflexe, etwa aus der AfD- haben leidenschaftlich und konstruktiv über Un-
oder Pegida-Ecke. Es nervt mich, wenn Journalis- abhängigkeit und Distanz gestritten und die Aus­ Das Gespräch führten
ten davor kuschen. Mich berührt es ehrlich gesagt ein­an­der­set­zung veröffentlicht. Wie weit können Hannah Knuth und Stefan Schirmer
24 WIRTSCHAFT 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

App-fähige
Handys

Woran die Corona-App krankt Anzahl


Downloads

Die Warn-App startete mit großen Hoffnungen – und hat viele Menschen doch noch nicht überzeugt. Kann sie helfen,
die Pandemie zu bekämpfen? Acht Fragen zu Technik und Tücken  VON JENS TÖNNESMANN

1. 3. 5. 8.
Mit welchem Ziel ist die App Teilen die Menschen das Ergebnis ihrer Tests Wie lässt sich die Wirkung
Sind es genug Nutzer, damit die
gestartet? mit anderen, um sie zu warnen? verbessern?
App Wirkung zeigt?
Mitte September sprang die Corona-Warn- Wenn Nutzer nach einem positiven Coro-
App auf dem Smartphone von Peter Weiß* Die Verbreitung der deutschen Corona- Die Warn-Funktion ist die eigentliche na-Test mit der Hotline der App telefonie-
von grün auf rot. »Endlich«, wie Weiß sagt. Warn-App ist größer als die Reichweite der Stärke der App, allerdings ist auch ihre ren, dann sind fast alle von ihnen bereit,
»Erhöhtes Risiko« stand dort, und: »eine Apps aller anderen europäischen Staaten Nutzung freiwillig. Bisher haben nach ihre Kontakte zu warnen; laut Gesund-
Risiko-Begegnung«. Sechs Tage zuvor habe zusammen, rechnete Helge Braun ver- App-fähigeAngaben der Bundesregierung 5000 heitsminister Spahn liegt der Anteil der
er jemanden getroffen, der sich mit dem gangene Woche vor. Die deutsche App sei Handys Menschen nach einem positiven Corona- Warner dann bei 90 Prozent. Der IT-Ex-
nicht
Coronavirus angesteckt hatte, verriet ihm eine »große Erfolgsgeschichte«. geteilt geteilt Test andere Nutzer gewarnt. Das ist nur perte Boos findet es daher wichtig, den
die App; wer es war und wo die Begegnung Der Erfolg verblasst allerdings etwas, die Hälfte derjenigen, die ein positives Zweck einer solchen Warnung besser zu
stattgefunden hatte, das erfuhr er nicht. wenn man das Potenzial der App betrachtet: 57 % 43 % Anzahl Test-Ergebnis per App erhalten haben. erklären. Laut den Machern sollen in
Weiß hatte schon darauf gewartet. Telekom-Chef Tim Höttges zufolge könn- DownloadsSeit Anfang September lag der Anteil bei nächster Zeit die Texte der App überarbei-
Zum einen ist er Chefarzt an einer Berli- te sie auf 50 Millionen Smartphones in 57 Prozent. Etwa die Hälfte der Nutzer tet werden, um die Menschen stärker zu
ner Klinik, die auch Covid-19-Patienten Deutschland laufen, installiert ist sie aber schreckten also bisher davor zurück, die motivieren, ihre Ergebnisse zu teilen. Und
behandelt. Zum anderen hatte eine bisher nur auf etwa jedem dritten davon. Kontakte zu warnen – und riskieren so, Spahn versuchte vergangene Woche Beden-
Nachbarin schon einige Tage zuvor einen Insgesamt gibt es 70 Millionen Erwachsene dass sich das Virus weiter ausbreitet. ken dagegen auszuräumen, dass man ein
Corona-Test machen lassen, mit positi- in Deutschland; daran gemessen vertraut positives Testergebnis eingibt: »Ihre Kon-
vem Ergebnis. »Weil meine App immer bisher sogar nur etwa jeder vierte der App. takte erfahren nicht, wer sie informiert.«
auf Grün stand und keine Risiko-Begeg- Laut einer Studie von Forschern der In Zukunft soll die App auch präziser
nungen angezeigt hat, dachte ich schon: Oxford University und Google ist sie damit werden. Laut ihren Machern sollen Nutzer
Sie funktioniert nicht«, sagt Weiß. »Jetzt dennoch eine Hilfe. Ihren Simulationen bald ihre Symptome in der App dokumen-
frage ich mich: Wie gut funktioniert sie?« zufolge kann ein solches Programm die tieren und lokal auf dem Smartphone spei-
Die App der Bundesregierung dient
einem ambitionierten Ziel: Sie soll hel-
Zahl der Infektionen und Todesfälle spür-
bar reduzieren, wenn es von 15 Prozent der
6. 9,7 %
chern können; so könne die Software noch
besser berechnen, wie kritisch eine Risiko-
fen, Infektionsketten zu unterbrechen Menschen genutzt wird. Nutzten 75 Pro- 8,6 Begegnung gewesen sei.
Kann die App den Behörden helfen, lokale Ausbrüche
8,0 einzudämmen?
und die Pandemie einzudämmen. Ihr zent die App, sinke die Zahl der Infektio- 7,4 Lucie Abeler-Dörner vom Big Data
Start Mitte Juni war mit großen Hoff- nen und Todesfälle um bis zu 78 Prozent. Institute der Oxford University betont

*bis 27.9.2020, Werte geschätzt


nungen verbunden: Sie zu nutzen sei Die Studie ist veröffentlicht, wird aber noch An der App gibt es viel Kritik. Ein Vorwurf der 6,2 Ersten ein Konzept, um sie mit digita- außerdem, dass die Technik nicht nur
»ein kleiner Schritt für jeden von uns, von anderen Forschern begutachtet. lautet, dass sich bisher nur sehr wenige 5,1 len Werkzeugen zu bekämpfen. »Die App dabei helfe, andere zu schützen, wenn
4,7
ein großer Schritt in der Pandemiebe- Menschen nach4,3einem Warnhinweis
4,0 4,3 4,2 4,4 der generiert leider zu wenige Daten, um Aus- man positiv getestet worden sei. Sie
kämpfung«, twitterte Kanzleramtschef App haben testen lassen. Ein anderer Kri- brüche schnell zu lokalisieren oder gar vor- schütze einen Nutzer auch dann selbst,
Helge Braun (CDU). Etwas mehr als 2,9dass die App2,9Daten nicht herzusehen«, sagt Boos. Allerdings müsse
tikpunkt ist, wenn er einen Warnhinweis erhalten
drei Monate später ist klar: Der ganz automatisch an die Gesundheitsämter man mit diesen Schwächen wohl leben, habe, aber ein Test negativ ausfalle.
große Schritt steht noch aus – auch weil weiterleitet. Nutzer könnten nicht einmal wenn man wolle, dass möglichst viele die »Wenn man sich dann vorsichtshalber
viele Menschen noch nicht bereit sind, nicht an die Technik nutzten. Deshalb hat Boos sie
einer freiwilligen Daten-Weitergabe isoliert hat, war das nicht vergeblich,
kleine Schritte zu machen. 4. Behörden zustimmen.
Kalenderwoche* 28 Die
26 27geteilt
29 30App 31helfe
geteilt 33 34 auch
32 des- 35 36 selbst
37 installiert
38 39 und empfiehlt das
wegen nicht bei der Pandemiebekämpfung. anderen: »Die Stärke der App ist, dass sie
sondern auch deswegen sinnvoll, weil
das Virus vielleicht in der direkten Um-
Chris Boos ist57 %
Experte 43künstliche
für % eine solch große Reichweite hat, und dass gebung zirkuliert ist und man sich leicht
Welche Funktionen hat Intelligenz und entwickelte schon kurz sie Menschen schützen kann, wenn die sich hätte anstecken können.«
die App genau? nach dem Ausbruch der Pandemie als einer gegenseitig warnen.« Aufgrund solcher Netzwerkeffekte
wachse der Schutz in Gruppen, in denen
Sie sorgt zum einen dafür, dass Informatio- ein besonders hoher Anteil der Menschen
2. nen schneller fließen. Wer sich auf Corona
testen lässt, kann sich das Ergebnis in die
die App nutze, sagt die Forscherin. Arbeit-
geber seien daher gut beraten, ihren Mit-
App übermitteln lassen und sich im Fall arbeitern die Installation zu empfehlen,
Wie viele Menschen nutzen eines positiven Tests früher isolieren. Zwar auch wenn sie im Rest des Landes nur von
sie inzwischen? machen bisher nur 136 von 168 Laboren
mit, aber deren Kapazität reicht aus, um 90
7. einer Minderheit genutzt werde.
Die Forscherin plädiert auch dafür,
Prozent der Testergebnisse per App mit- noch genauer zu untersuchen, wie die App
zuteilen. Das kleine Programm übermittel- Welche Bedeutung hat die App für das wirkt, und dafür Infizierte und deren Kon-
9,7 %
ZEIT-Grafik: Nora Coenenberg; Quelle: Michael Böhme, RKI, Telekom, SAP

App-fähige te laut Bundesgesundheitsminister Jens Infektionsgeschehen insgesamt? taktpersonen wissenschaftlich zu befragen.


Handys Spahn (CDU) schon in 1,2 Millionen 8,6 So lasse sich genauer einschätzen, ob und
8,0
Fällen die Ergebnisse. 7,4 wann die Software gewarnt hat und wie
Zum anderen soll die App bewirken, viele Kontakte deswegen vor einer Anste-
*bis 27.9.2020, Werte geschätzt

Anzahl dass Nutzer andere warnen, wenn ihr Test 6,2 ckung bewahrt werden konnten.
Downloads positiv ist – und gewarnt werden, wenn sie Solche Befragungen würden auch hel-
4,7 5,1
in den vergangenen 14 Tagen einem Men- 4,3 4,0 4,3 4,2 4,4 fen, die Simulationen der Forschergruppe
schen begegnet sind, der positiv getestet zu verifizieren. Die zeigen eine positivere
wurde. Wer eine entsprechende Warnung 2,9 2,9 Wirkung als in der Anfangszeit der Pande-
erhält, dem gibt die App Ratschläge, was mie angenommen. Eine erste Studie hatte
zu tun ist. Peter Weiß etwa riet die App nahegelegt, dass mindestens 60 Prozent der
nach seiner Risiko-Begegnung, zu Hause Menschen eine App nutzen müssten, damit
zu bleiben und sich beim Hausarzt, dem Kalenderwoche* 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 sie wirke. »Das stimmt so nicht«, sagt Abe-
Gesundheitsamt oder der Hotline des ler-Dörner. »Wir sehen, dass jeder einzelne
Das lässt sich nicht exakt sagen. Was Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes zu Die Grafik zeigt den Anteil der Personen, die ihre Infektion via App publik machen zusätzliche Nutzer den Effekt vergrößert.«
man weiß: Sie wurde bereits mehr als 18 melden. Er isolierte sich, ließ sich sofort und andere warnen, gemessen an der Gesamtzahl der Neuinfektionen. Auffällig ist:
Millionen Mal heruntergeladen. testen, der Test sei negativ gewesen. Der Anteil ist vergleichsweise klein – aber er steigt kontinuierlich. * Name geändert

Einmal virenfrei, bitte


nicht Luftreiniger für Restaurants stehen vor einem Boom. Drei verschiedene Technologien konkurrieren miteinander  VON MATTHIAS BRENDEL
geteilt geteilt
57 %
Unter einem Servicetisch 43 Gastraum
im % des Res- Christian Baus managt in Schwalbach am Taunus teilt nur mit, »dass es für den Einsatz der UV-­ Für Hocheffizienzfilter, kurz Hepa-Filter ge- Mälzer in Hamburg getan, dort arbeiten bereits seit
taurants Villa Mittermeier in Rothenburg ob der die Arztpraxis seiner Frau. Im Wartezimmer hat er Technik bei Luftreinigern im privaten Bereich bis- nannt, gibt es solche Tests. Das Robert Koch-­ Mai vier solcher Luftfilteranlagen.
Tauber hängt seit wenigen Wochen ein länglicher das gleiche UVC-Gerät wie der Restaurantbesitzer lang kaum Tests zur Wirksamkeit gegenüber Viren Institut verweist auf eine Stellungnahme der Innen- Die Plasmatechnologie ist im medizinischen Be-
Kasten. Er gibt ein leises Summen von sich, ist Mittermeier installieren lassen, zwei andere im Be- und zur sicheren Verwendung gibt«. raumlufthygiene-Kommission des Umweltbundes- reich bereits etabliert. Entsprechende Luftreiniger
ansonsten aber kaum zu bemerken. Der Apparat reich der Rezeption. Sie stammen vom Hersteller Dr. Sorgen vor UVC-Licht sind keineswegs unbe- amts. Darin heißt es, der Einsatz bestimmter Hepa- gibt es beispielsweise von Aernovir, einer Marke des
saugt Luft an und lässt diese an UVC-Strahlern in Hönle aus Gräfelfing bei München, nach eigenen rechtigt. Dieser Teil des von der Sonne ausgestrahl- Filter biete »eine erhöhte Sicherheit«. An der­ hessischen Medizingeräteherstellers Schwa-Medico.
seinem Innern vorbeiströmen. UVC steht für­ Angaben einer der »weltweit führenden Anbieter in- ten Lichts erreicht die Erde nur deshalb nicht, weil es Universität der Bundeswehr in München wurde im Im Kampf gegen das Coronavirus hat Martin Geld-
ultraviolettes Licht im sogenannten C-Bereich. Es dustrieller UV-Technologien«. Hönle hat vor Kurzem von der Ozonschicht aufgehalten wird. Wer damit August ein leistungsstarkes Gerät der Firma Trotec hauser zehn seiner Reisebusse damit ausgestattet.
tötet Keime und Viren ab. Christian Mittermeier, den österreichischen Konkurrenten Sterilsystems hantiert, muss also vorsichtig sein, denn es kann zu überprüft, das pro Stunde 1000 Kubikmeter Luft »Wir haben ungefähr 2150 Euro je Gerät ausgege-
der Besitzer des Restaurants, kämpft mit diesem übernommen, um auch Luftreiniger für nicht indus- Verbrennungen, Krebs und Blindheit führen. Direk- reinigen kann. »Die Ergebnisse zeigen, dass die­ ben«, sagt der Busunternehmer aus dem bayerischen
Gerät gegen das Coronavirus. trielle Nutzer anbieten zu können. Man rechnet ter Kontakt des Lichts mit der Haut ist unbedingt zu Aerosolkonzentration in einem Raum mit einer Hofolding. Zum Vergleich: Die Anschaffungskos-
Die kalte Jahreszeit naht, Terrassen werden un- künftig mit Aufträgen für mehr als 1000 Geräte pro vermeiden. »Wenn wir mit UV-Licht arbeiten,­ Größe von 80 Quadratmetern innerhalb kurzer ten eines Reisebusses betragen seinen Angaben zu-
gemütlich, die Luft in Innenräumen gefühlt sticki- Monat. Ein Exemplar mit einer Leistung von 115 tragen wir immer eine Schutzbrille«, sagt Sandra Zeit überall auf ein geringes Maß reduziert werden folge um die 300.000 Euro, die Investition ist also
9,7 %
ger. Also machen sich Restaurantbesitzer und andere Kubikmetern Luft pro Stunde (so viel enthält ein etwa Westhaus, Biologin am Uni-Klinikum Frankfurt am kann«, berichtet das Forscherteam um Christian überschaubar. Seine Kunden seien sehr zufrieden,
Dienstleister Gedanken um die Sicherheit ihrer 42 Quadratmeter 8,6 großer Raum) kostet etwa 1200 Main. Für den Hersteller Hönle hat sie die Wirkung Kähler. Allerdings sollte der Filter täglich für eine sagt Geldhauser. Die Geräte arbeiteten so leise, dass
8,0 halbe Stunde auf etwa 100 Grad Celsius erhitzt man sie bei der Fahrt gar nicht bemerke.
Kunden. Womöglich reicht es nicht aus, Räume Euro, 7,4 bald soll es auch eine stärkere Version geben. eines UVC-Strahlers getestet: »Bei den von uns fest-
mit Publikumsverkehr einmal nach Feierabend zu Das Umweltbundesamt warnt vor einer Eupho- gesetzten Testparametern war innerhalb von vier­ werden, damit die abgefangenen Viren zerstört wer- Der Nachteil der Plasmatechnologie besteht aller-
*bis 27.9.2020, Werte geschätzt

desinfizieren. Geräte, die die Luft permanent reini- 6,2rie in Bezug auf die UVC-Technologie. Die Exper- Sekunden eine vollständige Inaktivierung von Sars- den und Bakterien und Pilze keine Chance haben. dings darin, dass sie beim Umweltbundesamt unbe-
gen, könnten deshalb einen Boom erleben. ten berufen sich auf eine Studie aus dem Jahr 2015. CoV-2 zu beobachten.« Getestet wurde aber nur die In der Trotec-Zentrale im nordrhein-westfälischen kannt zu sein scheint. Obwohl die Behörde über eine
4,7 5,1
Verschiedene Hersteller
4,3 4,0werben
4,3 bereits
4,2 4,4für ihre Beim UVC-Licht seien es »vor allem Sicher­heits­ Wirkung auf Viren, die auf einer Oberfläche haften. Heinsberg versichert man, dass das untersuchte auf Innenraumlufthygiene spezialisierte Kommission
technischen Konzepte. Neben UVC-Geräten und aspek­te, weshalb der Einsatz im nicht gewerblichen Bei Viren, die im Aerosolnebel der Atemluft durch Gerät über eine solche Erhitzungsfunktion verfüge. verfügt. Auf Anfrage schreibt der zuständige Referats-
2,9
Anlagen mit sogenannten 2,9
Hocheffizienzfiltern gibt Bereich unterbleiben sollte«. Eine zitierfähige Quelle den Raum schweben, sei das wesentlich schwieriger, Der Preis liegt bei etwa 4500 Euro. Man kann die leiter nur, dass der Kommission »keine eigenen Hin-
es auch noch eine dritte Variante, bei der Keime für diese Einschätzung aus jüngerer Zeit nennt das so Westhaus. »Die Kon­ s­
truk­
tion eines solchen­ Geräte auch leasen. So hat es beispielsweise das­ weise bezüglich der Wirksamkeit oder Nicht-Wirk-
und Viren durch ein Plasmafeld zerstört werden. Amt auf Nachfrage allerdings nicht. Die Behörde Versuchsaufbaus ist nicht trivial.« Restaurant Die gute Botschaft des TV-Kochs Tim samkeit dieser Technik vorliegen«.

Kalenderwoche* 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39
DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 WIRTSCHAFT 25

Fotos: Sebastian Wolf für DIE ZEIT


Ohne Geld
ins nächste
Semester
Viele Studierende verloren in
der Corona-Krise ihren Job – und haben
noch keinen Ersatz. Trotzdem
will die Bundesregierung die finanzielle
Alexandros Fountoukidis verlor
Unterstützung für sie aussetzen  seinen Job am Flughafen
VON MALTE BORN UND MAREN JENSEN

Tabea Poos jobbt als Kellnerin, vorübergehend


arbeitete sie im Supermarkt

A
lexandros Fountoukidis dachte,
er hätte einen krisensicheren
Katharina Spieß, Professorin für Bildung und
Familie am Deutschen Institut für Wirtschafts-
dass die Nothilfe ihren Zweck erfüllt hat. Ende Sep-
tember lief sie aus. »Der Arbeitsmarkt erholt sich«,
Tabea Poos hatte Glück: Erst organisierte ihr
Chef allen bei ihm angestellten Studierenden einen Berichtigung
Job: Kellner in einem Restau- forschung in Berlin, sagt, die Corona-Krise drohe begründete Wolf-Dieter Lukas, Staatssekretär im Nebenjob in einem Supermarkt. Für 300 Euro ar-
rant am Düsseldorfer Flug­ damit die bestehenden Bildungsungleichheiten Bildungsministerium, vergangene Woche die Ent- beitete Poos zwei Monate lang an der Kasse. Auch
hafen. Was sollte da schon pas- zu verschärfen. Kinder von Nichtakademikern scheidung. Die Zahl der Anträge gehe zurück, au- das hätte ohne Bafög nicht gereicht, sagt sie, im
sieren? Zwei bis drei Schichten seien doppelt betroffen, da sie häufiger einen ßerdem gerieten immer weniger Studierende wegen Café versuche sie jeden Monat auf 450 Euro zu Im Beitrag »Das Ende der
übernahm er in der Woche. Nebenjob haben und seltener auf das Geld der der Pandemie in eine Notlage. Sollte sich die Situa- kommen. Große Anschaffungen seien schon damit Stinkkästen« (ZEIT Nr. 40/20)
800 Euro im Monat kamen so zusammen. Damit Eltern zurückgreifen können. tion jedoch erneut verschärfen, könnten die Not- nicht möglich: »Aber andere Kollegen, die nicht wie ist uns ein Fehler unterlaufen.
konnte der 23-Jährige sein Leben als Management- Im April startete die Bundesregierung eine hilfen unmittelbar wieder eingesetzt werden. ich Bafög bekamen, hatten noch größere Probleme. Die Spaltung von Wasser in
Student der Uni Bochum finanzieren. Dann kam Reihe von Hilfsmaßnahmen: Studierende Dabei ist ungewiss, wie viele Studierende in die Für sie kamen die Nothilfen viel zu spät.« Wasserstoff und Sauerstoff in einer
die Corona-Krise; die Flieger blieben unten, das konnten einen zinslosen Studienkredit bean- alten Jobs zurückkehren können. Sandra Warden, Inzwischen ist Poos zurück im Kölner Café – und mit Strom betriebenen Anlage
Restaurant am Flughafen war geschlossen, Foun- tragen, und Bafög-Berechtigte haben ein Se- Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gast- hofft auf gutes Wetter: wegen der Abstandsregeln. nennt sich Elektrolyse und nicht
toukidis stand ohne Einkommen da. Zwar hat das mester länger Anspruch auf die Förderung, da stättenverbandes, sagt: »Zwei Drittel der Betriebe »Werden die Plätze draußen nicht besetzt, wird weni- wie irrtümlich geschrieben
Restaurant im Flughafen inzwischen wieder ge- viele durch verschobene Prüfungen länger stu- im Gastgewerbe bangen um ihre Existenz. Daher ger Personal gebraucht«, sagt Poos. »Ich mache mir Hydrolyse. Wir bitten, den
öffnet, allerdings will sein Chef den Studenten erst dieren. Von Juni an konnten Studierende au- wird es für Studierende demnächst zu Semester­­ Sorgen, wie sich das in der Zukunft weiterentwickelt.« Fehler zu entschuldigen. DZ
wieder in den Schichtplan eintragen, wenn die ßerdem Nothilfen beantragen: Je nach Konto- beginn vielerorts sicher schwieriger werden als Für sie, Fountoukidis und viele andere wird es wohl
Vollzeitkräfte ausgelastet sind. Seit März hat er stand flossen bis zu 500 Euro pro Monat, die sonst, einen Job in der Gastronomie zu finden.« ein angespannter Start ins neue Wintersemester.
kein Geld verdient. nicht zurückgezahlt werden mussten.
Bei Tabea Poos, Studentin der Gesundheits­ Doch die Hilfe stieß nicht nur auf Begeiste- ANZEIGE
ökonomie aus Köln, lief es ähnlich. Die 22-Jährige rung. Neben der langen Wartezeit wurde bei
verlor im März gleich zwei Jobs in der Gastrono- vielen Studierenden auch andere Kritik an den
mie. »Plötzlich hatte ich von einem auf den ande- Hilfsgeldern laut: Anspruch hatte nur, wer we-
ren Tag kein Einkommen mehr«, erzählt sie. Das niger als 500 Euro auf dem Konto hatte. Wer
Bafög allein reichte nicht, um dauerhaft Miete 400 Euro für ein WG-Zimmer zahlen muss,
und Einkäufe zu zahlen. Von ihren Eltern wollte geriet also auch dann schnell in finanzielle
sie finanziell unabhängig bleiben. Not, wenn er am Anfang des Monats mehr als
500 Euro auf dem Konto hatte. Und wer erst
ANZEIGE
seine ganzen Ersparnisse aufbraucht, könnte
später Probleme bekommen.
Immerhin 135.000 Nothilfe-Anträge wur-
LESEN SIE IN UNSERER den zwischen Juni und September bewilligt.
AKTUELLEN AUSGABE: Darunter auch der von Alexandros Fountoukidis.­

Der weltweite
Die Antragsstellung sei kompliziert gewesen,
sagt der Student: Drei Stunden habe er be­
nötigt, um einen Antrag stellen zu können,
richtungs-
weisend.
weil die Website des Bildungsministeriums­
völlig überlastet war. Mit dem ausgefüllten For-
Kampf um den mular sowie vier Fotos – darunter einem Selfie,
auf dem er in der Hand einen Verifizierungs-
Super-Chip code hielt, konnte er den Antrag schließlich ab-
schicken. Und dann zweimal verlängern. Im Das am zweithäufigsten zitierte Medium Deutschlands.*
September ging das dann plötzlich nicht mehr. Gedruckt und digital zum einmaligen Vorzugspreis.
Der Grund: Für einen gemeinsamen Urlaub
AB FREITAG IM HANDEL hatte seine Mutter ihm Geld überwiesen. Mit
dem zusätzlichen Geld auf dem Konto sah das
zuständige Studentenwerk bei ihm nicht länger
eine akute Notlage. »Diese Entscheidung ist für
mich völlig unverständlich und ein Desaster«,
sagt Fountoukidis. Übergangsweise muss er sich
deshalb Geld von seinen Freunden leihen. »Das
finde ich sehr unangenehm«, sagt er.
Wie schlecht es einigen Studenten noch
immer geht, zeigt eine nicht repräsentative
Umfrage an der Uni Hamburg. Zwölf Prozent
Wie Fountoukidis und Poos gerieten in der Krise der insgesamt 4500 befragten Studierenden
viele der rund 2,9 Millionen Studierenden in mussten aufgrund der Pandemie umziehen –
Deutschland in eine finanzielle Notlage. Nach der zurück zu den Eltern oder in eine günstigere
Unterstützung von den Eltern sind Nebenjobs die Wohnung. »Das sind Zahlen, die uns Sorgen
zweitwichtigste Einnahmequelle deutscher Studie- bereiten«, heißt es vom Asta Hamburg.
render. 68 Prozent hatten der jüngsten Sozialerhe- Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekre- Jetzt überzeugen:
bung des Deutschen Studentenwerks zufolge vor der tär des Deutschen Studentenwerks, räumt ein, handelsblatt.com/zitate
Corona-Krise einen Job, 40 Prozent sind unmittelbar dass viele Anträge auf Nothilfe trotz Proble-
* Media Tenor Zitate-Ranking, Januar bis Juni 2020
auf diese Einnahmen angewiesen. men abgelehnt wurden: »Viele Studierende
Vor allem in der Gastronomie fielen Nebenjobs konnten zwar eine finanzielle Notlage nach-
weg, aber auch in anderen Branchen wie in der Indus- weisen, diese bestand aber schon vor der Kri-
trie. Etwa beim Autokonzern Daimler: Dort verlor se«, sagt er. Die Nothilfe bekam nur, wer auf-
der 23-jährige Noel Velten zwei Tage vor dem ge- grund der Corona-Pandemie in finanzielle
planten ersten Arbeitstag seinen Semesterferien-Job. Schwierigkeiten geriet. So wurde im Juni nur
»Dabei war das Geld eigentlich schon fest eingeplant knapp über die Hälfte der Anträge bewilligt,
für meinen Umzug nach Wien«, sagt der Student, bis September stieg die Erfolgsquote auf 75
der dort zum Wintersemester mit seinem Master- Prozent. Gleichzeitig sank die Anzahl der An-
studium anfängt. Eine repräsentative Umfrage des träge von über 60.000 im Juni auf etwa 20.000
Jobvermittlers Zenjob ergab, dass 40 Prozent der im September.
arbeitenden Studierenden während der Krise den Das Bildungsministerium sieht die sinken-
Job verloren. den Antragszahlen als ein klares Indiz dafür,
26 WIRTSCHAFT 1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

»Wir rollen nicht Ronald Pofalla, 61,


verteidigt den neuen Takt,
in dem die Bahn durch
Deutschland fahren soll.

stoisch weiter«
Er ist seit fünf Jahren
Bahn-Vorstand. Zuvor war
er Generalsekretär
der CDU und zwischen 2009
und 2013 Chef des
Bundeskanzleramts unter
Kanzlerin Angela
Merkel. Dem Deutschen
Ronald Pofalla, Bahn-Vorstand für Infrastruktur, Bundestag gehörte er
insgesamt 24 Jahre an –
über die Bedeutung der Bahn für Pendler und Lieferketten, ehe er 2014 überraschend

Foto: Jewgeni Roppel für DIE ZEIT


seinen Wechsel
Milliardeninvestitionen in Rekordhöhe und zur Bahn verkündete.

eine Banane, die im Fernverkehr ständig Ärger macht

DIE ZEIT: Herr Pofalla, der Bahn wurden 70 Mil­ Mobilität und Logistik für Deutschland und Eu­ ten bis zum nächsten Zug warten. Und Umsteige­ den später bei einem Zug dazu führen können, dass neu zu bauen. Die Züge werden in dichterem Takt
liarden Euro Investitionen für den Ausbau des ropa aufrechterhalten. Wie wären Kranken­ situationen werden so berechnet, dass Sie nicht der plötzlich eine halbe Stunde verliert. fahren können. Und: Sie werden pünktlicher, weil
Schienennetzes bis 2040 versprochen. Kommt das schwestern, Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, Feuer­ länger als 15 Minuten warten müssen. Das wird ZEIT: Brauchen Sie Hilfe von ganz oben, damit wir die komplette Signaltechnik umrüsten. Heute
Geld trotz Pandemie und Wirtschaftskrise? wehrleute und Kassiererinnen und Kassierer ohne für die Fahrgäste ein unglaublicher Fortschritt. die Bahn pünktlich durch den Herbst rollt? haben wir rund 100.000 Signale, jedes davon ist
Ronald Pofalla: Sie rechnen noch viel zu klein. Wir uns an ihren Arbeitsplatz gekommen? Die Re­ ZEIT: Und für die Bahn? Pofalla: Wir sind für unser Handeln schon noch eine potenzielle Fehlerquelle. Die wird es in Zu­
werden bis 2030 rund 170 Milliarden Euro in die gierung hat viele Maßnahmen mit uns bespro­ Pofalla: Auch für unsere Planung ist der Deutsch­ selbst verantwortlich. Die Pünktlichkeit ist in kunft nicht mehr geben. Wir werden stabiler.
Infrastruktur investieren. Diese Mittel sind recht­ chen, bis hin zu Lieferketten für Masken, die wir landtakt eine gewaltige Veränderung. Früher ha­ diesem Jahr auch im Fernverkehr so gut wie seit ZEIT: Digitalisierung klingt nach Komplexität.
lich verbindlich abgesichert. Und für den Struktur­ aus China mit DB Cargo nach Deutschland ge­ ben wir Strecken gebaut, und dann wurde ent­ über zehn Jahren nicht. Mehr als 82 Prozent der Mancher Fahrgast wird denken: Die kriegen nicht
wandel in den vier vom Kohleausstieg betroffenen bracht haben. Wir haben ganze Züge voller Nu­ schieden, welche Verkehre darauf gefahren werden Fernverkehrszüge sind seit dem 1. Januar dieses einmal die richtige Wagenreihung hin. Ist das
Bundesländern kommen noch weitere Mittel hin­ deln aus Italien gefahren. Die Bilder sind schon können. Heute steht der Fahrplan am Anfang, Jahres pünktlich. nicht ein Widerspruch?
zu. Das ist mit Abstand das größte Investitions­ fast vergessen, aber die Lkw stauten sich auf den und daraus folgt, wo wir bauen müssen. ZEIT: Sie wollen den Baumbestand mit Satelliten­ Pofalla: Nein. Im Gegenteil: Die Digitalisierung
programm für die Bahn, das es jemals gegeben hat. Autobahnen, weil sie nicht über die Grenze durf­ ZEIT: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welche technik überwachen. Was soll das bringen? wird uns Möglichkeiten geben, diese Fehlerquel­
In diesem Jahr stecken wir allein 12,2 Milliarden ten. Das hat es bei uns nicht gegeben. Strecke würden Sie zuerst bauen? Pofalla: Den Zustand der Bäume sehen wir von len zusätzlich zu beheben.
Euro in das Schienennetz. Als ich den Infrastruktur-­ ZEIT: Wie sind die Züge jetzt ausgelastet? Pofalla: Ganz eindeutig die Verbindung zwischen oben besser und schneller als unten an der Strecke
Vorstand vor dreieinhalb Jahren übernommen Pofalla: Im Regionalverkehr sind wir bei etwa zwei Nordrhein-Westfalen und Berlin. Nicht weil ich mit bloßem Auge. So können wir entscheiden, Das Gespräch führte Claas Tatje
habe, lagen wir bei gut sieben Milliarden Euro­ Drittel der üblichen Auslastung und im Fernver­ da wohne ... welche Bäume vermutlich dem nächsten Sturm
Investitionen pro Jahr. kehr bei gut 40 Prozent, Tendenz steigend. ZEIT: ... es klingt zumindest sehr egoistisch ... nicht mehr standhalten und daher beschnitten
ZEIT: Autobauer und die Lufthansa sparen nach ZEIT: Die Lufthansa rechnet mittlerweile mit Pofalla: ... was es nicht ist, sonst würde ich ja nicht oder gefällt werden müssen.
Kräften.
Pofalla: Ja, aber Sie können wegen der Corona-
dauerhaft weniger Passagieren. Halten Sie die Ver­
doppelung der Fahrgastzahlen bis zum Ende des
selbst darauf hinweisen. Also: nicht weil ich die
Strecke seit 25 Jahren selbst ständig benutze, son­
ZEIT: Zählen diese Investitionen schon zur digita­
len Schiene? Oder was verstehen Sie unter diesem Ausgezeichnet
Krise keine Investitionen zurückstellen. Als die Jahrzehnts noch für realistisch? dern weil wir dort die größten Engpässe haben. neuen Schlagwort der Bahn?
Pandemie im März so richtig losging in Deutsch­ Pofalla: Ich kann vieles, aber Glaskugellesen ge­ Die engste Stelle im ganzen Netz ist die berühmte Pofalla: Die Digitalisierung führt uns in ein neues
land, haben wir mit der Bau- und der Bahnindus­ hört nicht dazu. Dennoch: Zum gegenwärtigen Banane. Das ist die Strecke von Köln nach Dort­ Eisenbahnzeitalter. Ein Beispiel: Wir lösen die Lisa Nienhaus ist Preisträgerin des
trie zusammengesessen und überlegt, wie wir da­ Zeitpunkt gibt es für mich keinen Grund, das Er­ mund. Wir haben vor, den Ausbau so zu betreiben, herkömmlichen Stellwerke – viele noch aus Kai­ Deutschen Journalistenpreises 2020.
rauf reagieren. Das einvernehmliche Ergebnis: reichen unseres Ziels bis zum Ende des Jahrzehnts dass Sie in vier Stunden von Bonn nach Berlin serzeiten und in 100 verschiedenen Bauweisen – Ausgezeichnet wurde sie in der
Wir ziehen das Investitionsprogramm zu 100 anzuzweifeln. fahren. Der Effekt wird derselbe sein wie nach ab und ersetzen sie durch digitale Stellwerke. Kategorie »Bildung und Arbeit« für
Prozent durch. Unsere 12,2 Milliarden Euro­ ZEIT: Die Milliarden für die Bahn sind einem dem Ausbau zwischen München und Berlin: Statt Diese arbeiten auf Basis von leistungsfähigen den Artikel »Das Zeitalter der
waren und sind eine Art eigenes Konjunktur­ großen Ziel untergeordnet: Die Züge in Deutsch­ ins Flugzeug setzen sich die Menschen in den Zug. Glasfasernetzen. Kilometerlange Kabelbündel, Pionierinnen« (ZEIT Nr. 5/20). Der
programm. land sollen im Takt fahren. Was bedeutet das? ZEIT: Wie viele Züge rollen durch die Banane? über die Informationen an Weichen und Signale Beitrag war der Auftakt zur Serie
ZEIT: Bei der Lufthansa werden womöglich Tau­ Pofalla: Der Deutschlandtakt ist eine systemische Pofalla: Rund 570 Züge täglich. Grundsätzlich ist laufen und die oft Ursache von Störungen sind, »Die Erste«: ZEIT-Autorinnen und
sende Mitarbeiter entlassen, und Sie sagen bei halb Veränderung. Die Fahrgäste müssen dann gar es so: Sie bekommen Probleme in Streckenab­ brauchen wir nicht mehr. -Autoren porträtierten in den
ausgelasteten Zügen, wir rollen stoisch weiter. nicht mehr in den Fahrplan schauen. In die gro­ schnitten, die zu 100 Prozent ausgelastet sind. Der ZEIT: Was haben die Fahrgäste davon? Folgewochen Frauen, die Positionen
Pofalla: Wir rollen nicht stoisch weiter, wir sind ßen Städte in Deutschland fahren die Züge dann Streckenabschnitt zwischen Köln und Dortmund Pofalla: Die Digitalisierung der Schiene bringt vor erreicht haben, die zuvor nur
gefahren und unserer Verantwortung gerecht ge­ in einem Halbstundentakt. Sie gehen einfach zum ist bis zu 140 Prozent ausgelastet. Wenn da eine allem: mehr Kapazität und mehr Stabilität. Wir Männer innehatten. Den Auftakttext
worden! Corona hat ganz klar gezeigt, wie wich­ Bahnhof in Dresden, Hannover, Essen oder Mün­ Tür klemmt und der Zug 30 Sekunden später ab­ werden deutlich mehr Züge in unserem Netz fah­ und die weiteren Teile finden Sie
tig die Schiene für Deutschland ist. Wir haben chen, weil Sie wissen, dass Sie höchstens 29 Minu­ fährt, hat das eine Reihe von Folgen, die zwei Stun­ ren lassen können, ohne dafür einen Kilometer unter www.zeit.de/serie/die-erste

ANZEIGE

DIE BESONDERE IMMOBILIE IMMOBILIEN  


SYLT EXPERTENBEITRAG

Oliver Soini
CEO Soini Asset
Immobilien & Investor
Morsum / Sylt mit Wattblick Bades Huk
Reetdach-Einzelhaus, historische Rarität am
Waldrand mit Pferdekoppel, ca. 291 m² Wohn-/
Nutzfl. nach Umbau in 2 Wohneinheiten (Bau- Ferienimmobilien Investments mit Standortentwicklung
genehmigung liegt vor), ca. 16.081 m² Gesamt- Investments in Ferienimmobilien und in Ferienhotelerie haben sich zu einer berechtigten
grundstück, Bedarfsausweis, 136 kWh(m²*a), Asset Klasse etabliert. Lage, Lage, Lage – die alte Immobilienweisheit hat auch heute
Öl, KP € 3.950.000,- zzgl. 6,09 % MC noch ihre Berechtigung. Für Kapitalanleger unter den Feriendomizilbesitzern lohnt sich
SCHIEL Immobilien SYLT  04651 44 99 00 jedoch der Blick außerhalb der Mainstream Orte. Ein Haus am Strand in Warnemünde
bietet eine Eins-A-Lage. Ob die Rendite stimmt, ist damit jedoch nicht gesagt. An der
mecklenburgischen Ostseeküste gibt es aber auch noch attraktive Lagen fernab der
THÜRINGEN Massen in unberührter Natur. Wichtig bei der Wahl der Immobilie sind eine ganzjährige
Nachfrage, eine klare Positionierung sowie ein ganzheitliches Konzept. Urlauber sind
bereit für Mehrwerte wie gehobene Ausstattung und Ambiente zu zahlen. Werden die
Verkaufe in Schwallungen/ Thüringen ein Wohn- und Ferienimmobilien nicht nur einzeln, sondern wie bei Immobilien-Resorts als eine Einheit
Gasthaus,mit 903 m² Grundstück in der Dorfmitte. mit einem rundum-sorglos Konzept betrachtet, ergeben sich noch weitere Vorteile für
Mit einem Saal mit 373 m².Gewerbefläche/Gasträume: Gäste und Eigentümer.
275 m² Nutzfläche und 95 m² Wohnfläche mit
5 Zimmern,Küche,Bad,Gas-Zentralheizung. Kontaktdaten:
Mit kleinem Gewölbekeller. Bades Huk
Telefon:0151/56127578 Oliver Soini
E-Mail:sauerbreydoris@gmail.com Zum Anleger 51
Verkaufspreis 95.000,00 € 23968 Hohen Wieschendorf
Telefon: 040 350 177 113
www.badeshuk.de

Das neue
Immobilien- Georg Huf
Portal der Geschäftsführender Gesellschafter
ZEIT HUF HAUS

immobilien.zeit.de
Trend 2020: Smart Wohnen
Smart Wohnen ist längst keine Zukunftsmusik mehr – bereits heute entscheiden
sich 8 von 10 unserer Baufamilien für eine intelligente Gebäudesteuerung,
die das Eigenheim auf Basis der weltweit anerkannten KNX-Technologie in
ein Netzwerk miteinander kommunizierender Geräte einbettet. Auch für 2020
prognostizieren wir einen starken Zuwachs an smarter Gebäudetechnik, die
DANUBEFLATS – THE ONE AND ONLY sich in rasantem Tempo entwickelt und immer intelligenter wird: Das wird nicht
nur durch die Nachfrage der Kunden deutlich sondern vor allem durch die
Industrie, die fast täglich neue Produkte auf den Markt bringt. Als Haushersteller
EIN BEITRAG DER einen ganzjährig beheizten Pool mit ex- Lage:
gilt es den Überblick zu behalten und die Technik für den Kunden zu finden,
S+B GRUPPE AG klusiver Poolbar sowie einem Spa- und Gym- Wagramer Straße 2 die einen Mehrwert im Alltag bietet. Am besten ist es, wenn die Technik nicht
bereich. Besonders ist aber auch die Lage 1220 Wien wahrgenommen wird und nur dadurch auffällt, dass sie Komfort bietet.
Das direkt am Wasser gelegene DANUBE mitten in der Stadt: Obwohl Sie beste Ver- Exklusiver Vertrieb:
HUF HAUS GmbH u. Co. KG
IVV
FLATS steht kurz vor dem Verkaufsstart. kehrsanbindung vorfinden (U-Bahn, Auto- Franz-Huf-Straße
Neu!
Tel. +43 1 8900 800
Im höchsten Wohnturm Österreichs (180 m) bahn, Flughafen, Bahnhof, Radweg) und in office@danubeflats.at
56244 Hartenfels
erwartet Sie nicht nur ein spektakulärer kürzester Zeit in Wiens Zentrum gelangen,
Ausblick auf die Wiener Skyline, sondern liegt das Gebäude direkt an Naher- Treten Sie in Kontakt mit uns und
auch exklusiver Service. Jede hochwertig holungsgebieten und Naturschutzgebieten. sichern Sie sich dieses einzigartige Kontakt für Anzeigenkunden Ihr Ansprechpartner für
Wohnerlebnis in der lebenswertes- Beratung und Verkauf von
ausgestattete Eigentumswohnung (von
35 – 230 m²) verfügt über eine begrünte
Bootsfahrten am Kaiserwasser, die Lauf-
strecken auf der Donauinsel, Sandbeach
ten Stadt der Welt. In Kürze ist
auch ein Schauraum verfügbar.
  040 / 32 80 454 Immobilien.
Terrasse mit großzügigen Raumhöhen und und vieles mehr finden Sie vor der Haus-
smart Living Technology. tür. Ihr Concierge gibt Ihnen gerne weitere Malte.Geers@zeit.de   
Zusätzlich gibt es einen hauseigenen Tipps. Entwickelt wird dieses Wahrzeichen
Membersclub mit einer Lounge für unge- von der S+B Gruppe AG in Partnerschaft mit
störte Meetings, eine exklusive Eventlounge, der SORAVIA.
DIE ZEIT N o 41 1. Oktober 2020 WIRTSCHAFT 27

Droht eine große

Pleitewelle?
Von nun an gelten wichtige Insolvenzregeln wieder – die wahre Lage wird sichtbar  VON KOLJA RUDZIO Zahl der Unternehmensinsolvenzen
in Deutschland
2000 26.476
39.320 Ende des New-Economy-Booms
2005
2010 32.687 Finanzkrise

2015 *ab Oktober 2020: Prognose


ZEIT- GRAFIK/Quelle:
2020 19.736* Statistisches Bundesamt / Commerzbank

V
apiano pleite, Tom Tailor Holding­ Auf Deutschland rollt eine Pleitewelle zu, das binnen drei Wochen beim Insolvenzrichter mel­ So lag der Index für Reisebüros und Reiseveranstalter Mit einem geringen Anstieg rechnen auch eini­
pleite, Galeria Karstadt Kaufhof fast scheint fast sicher. Unklar ist nur, wie hoch sie sein den. Sonst machen sie sich der Insolvenzverschlep­ im September bei –94 Punkten. Das Hotelgewerbe ge Bankexperten. So erwartet die Commerzbank
pleite – in einer Krise geht vielen Un­ und wann genau sie brechen wird. Hat sie solche pung schuldig. Nur für einen zweiten möglichen kam auf –32, die Gastronomie auf –29. Auch wenn im kommenden Jahr nicht mehr als 19.700 Unter­
ternehmen das Geld aus. Das ist nor­ Ausmaße, dass sie selbst die Krise noch einmal ver­ Insolvenzgrund, die Überschuldung, gilt noch bis die allgemeine Lage sich normalisiert und die Ge­ nehmenspleiten. »Das ist eine sehr moderate Welle
mal. Doch in dieser Krise ist nichts schärft? Eine Insolvenz bedeutet ja oft: Ein Betrieb Ende Dezember eine Ausnahmeregelung. In den samtwirtschaft immerhin auf +3,2 Punkte kommt, und kein Insolvenz-Tsunami«, sagt Marco Wagner,
normal. Denn trotz einiger prominenter Beispiels­ schließt, Jobs gehen verloren, Einkommen sinken, allermeisten Fällen – die Commerzbank spricht zeigt das: Einige Branchen stecken noch immer in Senior Economist bei der Commerzbank. Ein
fälle häufen sich keineswegs die Pleiten. Im Gegen­ Kredite platzen, Existenzen werden zerstört. von über 90 Prozent – löst aber eine Zahlungs­ einer Krise historischen Ausmaßes. Grund sei, dass die Unternehmen in den vergange­
teil: Es melden sich sogar weniger Firmen als üblich Kommt so etwas nicht nur vereinzelt vor, sondern unfähigkeit die Insolvenz aus. Das heißt: Für den »Unternehmen im Bereich Tourismus, Gastro­ nen Jahren Reserven gebildet hätten. Die Eigen­
bei den Insolvenzgerichten. Im August dürften nach in großer Zahl, kann das auch Menschen verun­ Großteil der Pleitekandidaten wird es jetzt ernst. nomie und Messen haben massive Probleme, ihre kapitalquote – also die eigenen Finanzreserven im
einer Hochrechnung des Statistischen Bundesamts sichern, die gar nicht direkt betroffen sind. Auch Die Frage ist: Wie schlecht geht es den Unterneh­ Rechnungen pünktlich zu bezahlen«, sagt Patrik- Verhältnis zur Bilanzsumme – sei von 22 Prozent
fast 40 Prozent weniger Insolvenzverfahren eröffnet sie geben dann weniger Geld aus und investieren men wirklich? Auf den ersten Blick erscheint die Ludwig Hantzsch von der Wirtschaftsauskunftei zu Beginn des Jahrtausends auf zuletzt 31 Prozent
worden sein als ein Jahr zuvor. So wenige Unter­ weniger. Die Wirtschaft verliert damit noch mehr wirtschaftliche Lage viel besser als noch vor wenigen Creditreform. So habe etwa in der Gastronomie die gestiegen. Dadurch könnten die Unternehmen die
nehmen in Not wie im vergangenen Vierteljahr gab an Schwung. Das ist das Horrorszenario. Wochen erwartet. Zeit stark zugenommen, um die eine gesetzte Zah­ heutige Krise besser abfedern als damals nach dem
es seit Jahrzehnten nicht – glaubt man der Statistik. So muss es nicht kommen, und die meisten Ex­ Viele Konjunkturindikatoren zeigen einen mehr lungsfrist überschritten werde. »Der durchschnitt­ Ende des New-Economy-Booms. Mit dem Hin­
Die verrät allerdings nicht viel über die wahre perten sind zuversichtlich, dass die erwartete Pleite­ oder weniger V-förmigen Verlauf – nach einem tiefen liche Zahlungsverzug hat sich um 18 Tage erhöht, weis auf die Eigenkapitalausstattung und mit einer
Lage der Unternehmen. Denn im März lockerte welle kleiner ausfallen wird. Womöglich wird die Zahl Absturz geht es steil wieder nach oben. Doch viele das hatten wir noch nie.« Der Experte erwartet, dass Umfrage bei den eigenen Kundenberatern begrün­
der Bundestag wegen der Corona-Pandemie ver­ der Pleiten in den nächsten Wochen auch nur ganz dieser Zahlen sagen nur etwas über die Gesamtlage die Insolvenzen ab Oktober zunehmen, aber die det auch die Spitzenorganisation der Sparkassen
schiedene Vorschriften. Unter anderem befreite er allmählich ansteigen. Das vermutet Christoph Nie­ der Wirtschaft aus, es handelt sich um eine Durch­ große Masse im ersten Halbjahr 2021 kommen wird. eine optimistische Sicht: Derzeit rechne man
zahlungsunfähige und überschuldete Firmen vorü­ ring, der Vorsitzende des Verbands der Insolvenzver­ schnittsbetrachtung. In einzelnen Branchen ist die Creditreform schätze, dass die Zahl der Unterneh­ »nicht mit einer großen Welle an Unternehmens­
bergehend von der Pflicht, Insolvenz anzumelden. walter Deutschlands. »Die Bundesregierung hat ja Lage viel schlimmer, wie eine regelmäßige Umfrage mensinsolvenzen und Gewerbeabmeldungen im insolvenzen«.
Vor allem deshalb dürfte es momentan so rekord­ den Eindruck vermittelt, die Insolvenzantragspflich­ des Ifo-Instituts zeigt. Die befragten Unternehmen kommenden Jahr zwischen 20.000 und 28.000 Offenbar ist ein Anstieg der – aktuell ultranied­
verdächtig wenige Pleiten geben. Mitte dieser­ ten seien noch bis zum Jahresende ausgesetzt«, sagt geben dabei an, wie sie ihre Geschäftslage beurteilen: liegen werde. Zum Vergleich: 2019 zählte das Sta­ rigen – Insolvenzzahlen unvermeidbar. Aber die
ZEIT-Grafik: Matthias Holz

Woche jedoch, am 1. Oktober, treten die wichtigs­ er. »Das hat eine starke psychologische Wirkung, weil gut, mittel oder schlecht. Wenn alle Unternehmen tistische Bundesamt 18.700 Pleitefälle. Das Amt aufgestauten Pleiten türmen sich nicht zu einer
ten Insolvenzregeln wieder in Kraft. Die Bundes­ die Menschen sich an jeden Strohhalm klammern »schlecht« angeben, liegt der daraus errechnete Index erfasst aber nicht Gewerbeabmeldungen ohne In­ gigantischen Welle auf. Die Bundesregierung
regierung hat lediglich einige nachrangige Aus­ und gerne glauben wollen, dass sie noch Zeit haben.« bei –100 Punkten. »Aber das ist ein theoretischer solvenz. Insofern lassen sich die Zahlen nur einge­ könnte zudem weitere Hilfsprogramme auflegen,
nahmeklauseln bis zum Jahresende verlängert. Ex­ Dabei ist die Rechtslage klar: Unternehmer, die Wert«, sagt Klaus Wohlrabe, der beim Ifo-Institut für schränkt vergleichen. Klar ist: Wenn es beim unteren falls sich die Lage über den Herbst und Winter
perten erwarten deshalb, dass bald das wahre zahlungsunfähig sind, also ihre Rechnungen nicht diese Umfrage zuständig ist. Von diesem Katastro­ Rand der Creditreform-Prognose bliebe, wäre die noch einmal verschlechtern sollte. Schließlich ist
Drama zum Vorschein kommt. begleichen können, müssen sich ab jetzt wieder phenwert sind einige Branchen nicht weit entfernt. Insolvenzwelle ziemlich klein. 2021 ein Wahljahr.

ANZEIGE
1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

28
UNTERHALTUNG
»Klar ist das Selbstbeschiss«
DIE ZEIT: Sie haben über 500 Songs für Ihre Menschen haben Macken, auch Campino hat keine Lust mehr, perfekt zu sein. ZEIT: Müssen Sie sich heute auch Ihre Kräfte ein-
Band Die Toten Hosen geschrieben. Und jetzt ein teilen? Hat Ihr Körper unter der Belastung bei den
Buch. Ist das Schreiben ein Genuss oder eine Qual Der Sänger der Toten Hosen über das widersprüchliche Leben als Rockstar Konzerten gelitten?
für Sie? Campino: Man würde sich bei jemandem aus dem
Campino: Beim Liederschreiben geht’s darum, in
und Fußballfan – und den Zorn seines Vaters Bergbau auch nicht wundern, wenn er Staub in
15 Zeilen etwas reinzupacken, das die Menschen der Lunge hat nach 40 Jahren Arbeit. Klar sind
berührt. Wenn man diese Nuss geknackt hat, geht meine Ohren im Eimer. Und dem Körper ist egal,
es recht schnell. Ein Buch ist wie ein Wollknäuel: was das Gehirn denkt. Der drückt auf die Stopp-
Die ersten Zentimeter sind völlig klar, aber dann taste. Auf dem Fußballplatz sehe ich inzwischen
musst du aufpassen, dass du dich nicht verhed- erbärmlich aus. Dafür bin ich aber ein besserer­
derst. Dennoch ist es deutlich mehr Stress, an den Gesprächspartner geworden.
Texten für ein Album zu arbeiten, weil ich weiß, ZEIT: Das hat auch was.
dass ich daran gemessen werde. Davon sind andere Campino: Danke. Nett von Ihnen. Was nutzt es
abhängig, meine Band, die ganzen Leute drum mir denn, mich den ganzen Tag über die Schmer-
herum. zen meines Körpers auszuheulen?
ZEIT: Das Klischee besagt: Gute Texte entstehen ZEIT: Schmerzt er?
nicht ohne die richtigen Drogen, schon gar nicht Campino: Der hat schon wehgetan, als ich 20 war.
bei Rockstars. Da hab ich auch russisches Roulette gespielt, mich
Campino: Quatsch. Ich hab da alles probiert. Aber aus 20 Meter Höhe an einem Fuß abgeseilt. Das
sobald ich nur ein Glas Wein drin habe, mach ich hatte was Naives, eine gewisse Romantik, heute
sowieso nur noch, was ich will; auf jeden Fall stehe würde das nur noch peinlich aussehen: Da ver-
ich vom Schreibtisch auf. Rausch ist kein guter sucht ein fast 60-Jähriger zu zeigen, dass er es im-
Arbeitspartner. Bei mir funktioniert es am besten, mer noch kann. Man muss sein Alter mitnehmen
wenn ich einen Termin mit mir ausmache, zu auf die Bühne.
Hause das Zimmer aufräume – und wenn dann ZEIT: Ihre neue Bühne ist die Fußballtribüne. Sie
wirklich nichts mehr zu tun ist, stelle ich mich der reisen zu jedem Spiel des FC Liverpool. Was reizt
Sache. Alle erzählen immer von dem Flow, der ir- Sie eigentlich so am Fußball?
gendwann kommt, wenn du erst mal gestartet bist. Campino: Die Emotion, die nicht berechnet wer-
Und ich dachte jeden Tag: Wo ist er denn jetzt, der den kann. Kommst du als Sieger oder als Verlierer
Flow? Letztendlich wurde ich von der ganzen­ nach Hause? Das hat man ja nicht in der Hand. In
Sache ziemlich überfahren. einem wahnsinnigen Spiel den Moment der Erlö-
ZEIT: Was war denn der Plan? sung kollektiv mit anderen zu erleben, das ist ein
Campino: Ich wollte ein Fanbuch schreiben, eine Rausch, den würde ich mit allen anderen Höhe-
Saison mit meinem Club. Aber dann musste ich punkten in meinem Leben fast gleichsetzen. Klar
erst mal erklären, warum ich ausgerechnet Liver- kann man sagen: Was sind das für armselige Leute,
pool-Fan bin, und da stand ich schon mit einem die so ein Ersatzventil brauchen. Ich glaube aber:
Bein in meiner Familiengeschichte. So ist das meis- Wir sind die Glücklichen! Weil wir in der Lage
tens bei mir: Die Dinge kommen auf mich zu, und sind, uns so reinzusteigern, eine solche Emotion
ich weiß nicht, ob es am Ende funktioniert. greifen zu können. Ich war immer schon jemand,
ZEIT: Sie haben offenbar keine Angst vor dem der den Kontrollverlust geliebt hat. Ich kann sehr
Scheitern. lange sehr gut funktionieren. Aber dann muss es
Campino: Nehmen wir mal den Film Palermo auch mal »Bamm!« machen.
Shooting, den ich mit Wim Wenders gedreht habe. ZEIT: Und was ist mit Ihren Konzerten? Da sind
Da habe ich mich als Schauspieler nicht mit Ruhm Sie doch auch in Stadien, und Ihnen jubeln
bekleckert. Aber die Zeit des Drehs auf Sizilien 100.000 Leute zu. Ist das nicht der größere Kick?
war für mich ein riesiger Gewinn. Campino: Nee. Das ist so, als wollte man zwei
ZEIT: Dann haben Sie bei dem Buch jetzt schon Obstsorten miteinander vergleichen. Ist beides toll,
Ihren Gewinn gehabt, es ist ja eine Art wahrer Fa- ich möchte beides nicht missen, aber ich finde es
milienroman. Haben Sie beim Schreiben etwas unheimlich schön, anonym in der Menge mitzulau-
über Ihre Familie gelernt, das Sie vorher noch fen und einer von vielen zu sein. Alle grölen in der
nicht wussten? U-Bahn oder rennen die Straße runter, das fand ich
Campino: Ja, reichlich. Zum Beispiel Details über schon früher in London gut, dieses Gejagtwerden,
die Prozesse, die mein Großvater zwischen 1938 wird man erwischt oder nicht? Das sind alles Grenz-
und 1943 als Richter geführt hat. Dass er Urteile fälle, aber ich mag dieses Spielen mit der Illegalität.
zugunsten von Sinti und Roma gefällt hat, was ZEIT: Aber wie viel echtes Gefühl ist im Umfeld
ihm ein Berufsverbot einbrachte. Ähnlich war es einer milliardenschweren Kommerzmaschine, wie
mit dem Suizid meines englischen Großvaters – auch der FC Liverpool eine ist, überhaupt noch
darüber wurde in der Familie geschwiegen. Meine möglich?
Großmutter war froh, aus der Arbeiterklasse auf- Campino: Du kannst heutzutage von so einem gro-
gestiegen zu sein; das war ihr ganzer Stolz. Und ßen Fußballverein nicht mehr überzeugter Fan sein,
deshalb hat sie keine Geschichten aus der schwe- wenn du nicht in der Lage bist, auch beide Augen
ren Zeit erzählt. Aber sie blieb bis zum letzten Tag zwischendurch zuzudrücken. Du darfst, um dir
eine knallharte Sozialistin. So wie es auch mein deine Romantik zu erhalten, nicht zu tief tauchen.
Großvater war. Da war schon programmiert, dass Natürlich sind die Spieler Multimillionäre und
sich das Verhältnis zwischen meinem konservati- kommen in fliegenden Untertassen zum Training.
ven Vater und der Schwiegermutter suboptimal Ein Streitgespräch darüber werde ich nicht durch-
gestalten würde. Das ist heute schwer nachzuvoll- stehen. Das will ich auch gar nicht, weil jeder ver-
ziehen, was das bedeutet hat, kurz nach dem Krieg, nünftige Mensch weiß, das ist totaler Schwachsinn.
dass eine Engländerin einen Deutschen heiratet. ZEIT: Aber mussten Sie wirklich zur Club-WM
ZEIT: Hatten auch Sie zu wenig Verständnis für nach Katar fliegen? Die Passage im Buch hat uns
Ihre Eltern? schon sehr an Franz Beckenbauers Statement er-
Tereza Mundilova hat Campino (bürgerlich: Andreas Frege) in dem Berliner Tonstudio fotografiert,
Campino: Für uns alle ist schwierig anzuerkennen, innert: Sklaven habe ich aber keine gesehen ...
wo er sein neues Buch »Hope Street – Wie ich einmal englischer Meister wurde« (Piper) eingelesen hat
dass die Eltern auch nur normale Menschen sind Campino: Um Katar wurde gestritten. Meine Frau
mit Schwächen. Vielleicht sollten wir uns im Rück- hat gesagt, du kannst da nicht hinfahren, das ist
blick an den Stärken erfreuen, die wir manchmal das Allerletzte. Irgendwann habe ich die Diskus­
nicht sehen wollen. Mein Vater war ein sehr solida- sion abgebrochen. Weil ich der Meinung bin, ich
rischer Mensch; wer sein Freund war, den hat er ge- muss das gesehen haben. Ich wollte gerüstet sein
stützt. Andererseits hatte er auch etwas unheimlich ZEIT: Diese Musik hat Sie gerettet? Campino: Ich hoffe, dass ich mich gewandelt habe, bin ich nach wie vor dabei. Und so denken die an- für die Diskussion über die WM dort. Dass sie in
Schwaches, Zorniges, Bitteres. Aber einem solchen Campino: Seit ich mit 16 Jahren angefangen hatte, und es wäre fatal, wenn ich den Wunsch hätte, noch deren Bandmitglieder auch. Aber wir müssen das Katar stattfindet, hat ja Franz Beckenbauer uns
Menschen, der sechs Jahre im Krieg war, der das mit der Band ZK zu spielen, war ich in der Schule mal zurückzugehen auf das Level von 1982. Auf nicht immer laut machen. Wir ruhen mehr in uns. eingebrockt, im Gegenzug bekam Deutschland
ganze Abschlachten erlebt hat, dem vorzuwerfen, nie mehr versetzungsgefährdet. Ich hatte mein eine irrwitzige Art und Weise haben wir eine ähn­ ZEIT: Amen. die WM 2006 zugesprochen.
dass er manchmal überreagiert, ist schwer. Ich wür- Forum, in dem ich mich austoben konnte. liche Entwicklung zurückgelegt wie die Grünen. Campino: Ist echt so. ZEIT: Das ist noch nicht bewiesen.
de gerne mit meinem Vater noch mal einen Nach- ZEIT: Kamen Ihre Eltern zu Ihren Konzerten? ZEIT: Die haben sich ja zur selben Zeit gegründet ZEIT: Ihr Leben als Star führt Sie allerdings auch Campino: Natürlich bin ich nicht investigativ un-
mittag lang über gewisse Dinge reden. Campino: Lange Zeit nicht. Sie waren sehr be- und galten ebenfalls als rebellisch ... in Widersprüche: Sie fliegen ständig zu Ihren­ terwegs gewesen und könnte jetzt nicht nachwei-
ZEIT: Wurden Sie Punk auch im Widerstand ge- sorgt, dass ich abrutsche, Drogen, Gewalt, was Campino: ... und sind jetzt die große Stimme der Konzerten oder zu den Spielen des FC Liverpool sen, wer wo wie Scheiße gebaut hat. Aber ich habe
gen Ihren Vater? weiß ich. Aber als sie zum ersten Mal bei einem Vernunft in der Gesellschaft. Auch wir sind nicht – ­allein die CO₂-Bilanz dessen, wovon Sie in dem eine völlige Ambivalenz erfahren. Weil es auch da
Campino: Nein. Das hab ich nie so empfunden. Auftritt waren – meine Mutter viel später als mein mehr diese Vollfundamentalisten, die mit nieman- Buch erzählen, ist verheerend. Leute gibt, die sich wahnsinnig freuen auf die WM.
ZEIT: War es auch kein Aufstand gegen die Spie- Vater –, waren sie wie ausgewechselt. Mein Vater dem sprechen wollen, der nicht aus der Szene ist. Campino: Ich erzähle aber auch, dass ich die dop- Die haben auch ihren Stolz. Da mal eben vorbei-
ßigkeit der Düsseldorfer Vorstadtidylle? war in der wilden Nacht in der Mensa der Uni Das Leben zeigt einem ständig, dass diese Schwarz- pelte Kompensationszahlung leiste! zufahren und das Land in den Schmutz zu hauen,
Campino: Nee. Spießig war unsere Familie nicht. Düsseldorf anwesend, bei der alles kaputtging, bis Weiß-Denke nichts bringt, dieses simple Einteilen ZEIT: Dann ist alles wieder gut? das konnte ich nicht. Ich hab die Möglichkeit der
Wir hatten viel Ärger mit Nachbarn. Als ich ins zu den Toiletten. Das stand nachher in allen­ in Gut und Böse. Das hat zwar was sehr Kraft­ Campino: Nee, natürlich nicht, ich sage mir: Ich moralischen Instanz da nicht wahrgenommen.
Teenageralter kam, hatte mein Vater schon aufgege- Zeitungen. Aber er fand den Abend großartig. Er volles, und wenn man jung ist, erleichtert es ei- fliege mal wieder los, um die Welt zu retten. Klar ZEIT: Sind Sie das heute – eine moralische Instanz?
ben, uns zu disziplinieren. Ich habe vier sehr eigen- war so begeistert, dass er fortan immer alte Freun- nem, sich zu orientieren in der Welt. Aber dann ist das ein Selbstbeschiss. Aber wir alle leben in Campino: Ich werde jedenfalls dauernd zu solchen
sinnige ältere Geschwister, die ihn viel Kraft gekos- de mitbringen wollte. Als man ihm Ohrstöpsel wirst du mal auf schöne, mal auf unangenehme Widersprüchen, das Leben ohne Widerspruch Themen gefragt, klar. Aber im Grunde gilt noch
tet haben. Wir hatten einen klaren Deal: Solange anbot, hat er empört abgelehnt: »Junge, ich war Weise zurechtgestutzt. funktioniert überhaupt nicht. Nehmen Sie doch immer, was sich die Toten Hosen 1982 zum Start
ich in der Schule liefere, lässt er mich in Ruhe. bei der Artillerie!« Als er gestorben war, hab ich in ZEIT: Du begegnest plötzlich netten Polizisten, Ihre eigene Zeitung: Wie kann es sich die ZEIT gesagt haben: Wenn wir lustig sind, wollen wir­
ZEIT: Es war keine Form des politischen Wider- seinem Schreibtisch einen Schuhkarton gefunden, ohne die du nicht weiterkommen würdest. erlauben, Reklame für Kreuzfahrten und Fern­ albern sein, wenn wir ernst sind, wollen wir ernst
stands, Punk zu sein? mit lauter Tote-Hosen-Artikeln, fein säuberlich Campino: Und du wirst von deinem besten Freund reisen zu machen, die doch so umweltschädlich sein. Wir lassen uns da nicht in eine Schublade­
Campino: Für mich war die Musik ein einziges ausgeschnitten. oder dem coolen Veranstalter übers Ohr gehauen, sind? Mir ist völlig klar, dass Sie die Anzeigenerlöse stecken. Und so haben wir auch gelebt: zwischen
Dafür, ein einziges Ja. Es war irgendwie Wahnsinn: ZEIT: Sind sie auch noch mal wiedergekommen von dem du das nie gedacht hättest. Das Leben brauchen. Ich stelle die Frage ja nur rhetorisch. alle Stühle geklemmt. Mal wirklich dumpf mit ir-
Was etwa die Sex Pistols sangen, das passte voll in nach dem ersten Konzert? bringt dir was bei, du wirst vorsichtiger, abwarten- Jeder legt sich das so zurecht, wie er es noch ver- gendwelchen Saufgeschichtchen, mal mit Protest-
mein Herz! Wir sehen alle scheiße aus, wir können Campino: Meinen Vater konnte ich nicht mehr­ der. Vergiss es – wir können nicht mehr das treten kann. Ich hab nie versucht, in allem eine aktionen wie in Wackersdorf. Mal konnten sich
nichts, wir haben noch nicht mal Geld, und wir loswerden. Ich hab oft gesagt, da gibt’s keine ­Park­ Sprachrohr der Jugend sein, das ist auch seit langer weiße Weste zu behalten, darum geht’s gar nicht. die Leute auf uns einigen, mal waren wir das Aller-
sind stolz drauf. Ich hatte ja auch nichts. Mädels plätze, das ist eine echt enge Location, bitte lass es Zeit gar nicht mehr unser Anspruch. Ich finde es gut, wenn man für sich selber eine letzte. Am besten ist es, sich nicht dauernd daran
waren nicht an mir interessiert, das Taschengeld war sein. Und dann komm ich auf die Bühne, und er ZEIT: Wofür stehen die Toten Hosen denn heute? Liste macht mit Prioritäten, was wichtig ist im zu orientieren, wie die anderen einen finden.
minimal, und ich hab die Klamotten meiner älteren sitzt doch wieder da, grinsend auf einem Klappstuhl. Campino: Keine Ahnung. Ich sehe mich als Teil der Leben. Kämpf dafür, und lass den Rest weg! Seine
Geschwister getragen. Aber dann kam Punk, und ZEIT: Sie sind als Rebell berühmt geworden. Sind Gesellschaft, und wenn irgendwas brennt und ich Kräfte einzuteilen, das ist eine Sache, die man auch Das Gespräch führten
da war jedes Loch in der Hose plötzlich gut. Sie nun, mit 58, auch ein Gefangener dieser Rolle? einen Eimer Wasser werfen kann, um zu löschen, erst nach und nach lernt. Cathrin Gilbert und Christof Siemes
1. Oktober 2020 DIE ZEIT N o 41

30 Jahre Deutsche Einheit ․ Schule ․ Technik ․ Medizin ․ Polarforschung ․ Corona


Montage: DZ (verw. Fotos: Stutterheim/Bundesregierung; Sven Simon/imago); kl. Fotos: Tobias Kruse/Ostkreuz für DIE ZEIT (u.)
WISSEN 29

Trügerische
Erinnerung?
Einheitsfeier 1990
am Reichstag – war
es wirklich so?

hinter Helmut Kohl


stand damals nicht
Angela Merkel

Was stimmt hier nicht?


Menschen erinnern sich ganz unterschiedlich – selbst an so große Ereignisse wie die Wiedervereinigung. Was bedeutet das für das Gemeinschaftsgefühl
von Ost und West? Ein Gespräch zwischen der Hirnforscherin Hannah Monyer und dem Autor Thomas Oberender

DIE ZEIT: Frau Monyer, Herr Oberender, wenn Sie dass ich zurückgegangen bin. Wir streiten bis heute beitsbeschaffungsmaßnahmen, Umschulungen und das ähnlich. In der Hirnforschung spricht man von
nur eine einzige Erinnerung behalten dürften – wel- darüber, und wir können das nicht lösen, weil kein Ein-Euro-Jobs. Im öffentlichen Bild der Wiederver- windows of opportunity. In diesen Zeiten ist das Ge-
che würden Sie auswählen? Dritter dabei war. Ich weiß genau, was passiert ist. einigung kommt das kaum vor. Ich fühlte mich im hirn besonders formbar. Zum Beispiel kann man
Hannah Monyer: Für mich wäre es ein Ereignis, das Und er weiß es auch. Laufe der Jahre immer mehr angestachelt, dieser etwa bis zum neunten Lebensjahr eine neue Sprache
mit Liebe zu tun hat. Und eine wirklich wichtige Ent- ZEIT: Wie kann das sein? übergestülpten Erinnerungskultur andere Erfahrun- ohne Akzent lernen, später nicht mehr. Sie und ich
deckung, die ich als Wissenschaftlerin gemacht habe. Monyer: Das fängt bereits mit der Wahrnehmung an, gen entgegenzustellen. sind in einer Zeit in den Westen gekommen, als
ZEIT: Welche war das? die ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wir ZEIT: Was hat Sie angestachelt? unsere Gehirne noch sehr plastisch waren.
Monyer: Wir erforschten einen Rezeptor im Gehirn, nehmen ein und dasselbe Ereignis verschieden wahr, Oberender: Zum Beispiel dieses Sprachbild vom ZEIT: Trotzdem wundern wir uns, dass sich Herr
der für das Gedächtnis essenziell ist. Dazu wollten wir weil jeder von uns eine andere Vergangenheit hat. »Mauerfall«. Mir schien es irgendwann nicht mehr Oberender so spät mit dem Osten beschäftigt hat.
das Gen für diesen Rezeptor identifizieren. Weltweit ZEIT: Mit bestimmten Erinnerungen bleibt man selbstverständlich, so davon zu sprechen, weil dahin- Diese Auseinandersetzung mit der Kraft der Revoluti-
arbeiteten drei Labors daran, es war ein Wettlauf. also allein. Kennen Sie beide dieses Gefühl? ter eben auch die Sicht vieler Westdeutscher steht, für on von 1989, der Blick auf die anarchische Zwischen-
Und ich stand in der Dunkelkammer und entwickelte­ Monyer: Ja, ich bin ja mit 17 Jahren allein, ohne Hannah Monyer, die die Mauer tatsächlich irgendwann einfach um- zeit vor der Wiedervereinigung, auf die Bevormun-
Röntgenfilme, in der Hoffnung, mit einer radioaktiv Familie, aus Rumänien geflohen, nach Heidelberg. geboren 1957 fiel – huch! Die Ostdeutschen haben aber ein System dung des Ostens durch den Westen – all das hätten
markierten Probe das Gen zu finden. Eines Morgens Da hatte ich natürlich völlig andere Erfahrungen in Rumänie