Sie sind auf Seite 1von 499

S T U D I E N DER

BIBLIOTHEK WARBURG

WILHELM G U N D E L
D EKAN E UND D E K A N ­
STERNBILDER

J.J. AUGUSTIN ^ GLÜCKSTADT


UND HAMBURG 1936
STUDIEN DER BIBLIOTHEK WARBURG
H E R A U S G E G E B E N

V O N

F R I T Z S A X L

X IX .

W IL H E L M G U X D E L

D E K A X E UXD D E K A N S T E R N B IL D E R

J. j . A U G U S T I N / G L Ü C K S T A D T U N D H AM BURG /1936
W I L H E L M G U N D E L

D E K A N E

UND DE KAN ST E R N BILD ER


E IN B E I T R A G
ZUR GESCHICHTE DER STERNBILDER
DER KULTURVÖLKER

MIT EINER UNTERSUCHUNG


ÜBER DIE ÄGYPTISCHEN STERNBILDER UND GOTTHEITEN
DER DEKANE
V O N S. S C H O T T

J. J. A U G U S T I N / G L Ü C K S T A D T U N D H AM BURG /1936
L Z o & / 4 r< )L J

P R IN T E D IN G E R M A N Y

D R U C K V O N B. G. T E U B N E R IN L E IP Z IG
F. BOLL und A. W ARBURG

ZUM G E D Ä C H T N IS

FRITZ SAXL und RUDOLF SCHNEIDER

IN D A N K B A R E R F R E U N D S C H A F T
VORWORT

Die Abhandlungen über mehrere antike Tierkreisbilder, die ich für die
Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft, herausgegeben
von Pauly-Wissowa-Kroll1) geschrieben habe, zwangen mich dazu, mich
immer wieder mit den interessanten Teilgebilden derselben, den Dekanen,
zu befassen, ihre Namen, ihre Gestalten und ihre Wirkung auf Erden-, Völker-
und Menschenschicksal aus den antiken Nachrichten zusammenzustellen.
A. Warburg, der sich speziell mit den mittelalterlichen Darstellungen der
Dekane befaßt hatte, regte mich vor nahezu zehn Jahren dazu an, eine Synopse
aller auffindbaren Namen und Bilder zu machen. Das führte von selbst dazu,
einmal nach der Herkunft dieser Sterngötter zu fragen und dann ihren Schick­
salen nachzugehen, die sie auf ihren über Jahrtausende sich erstreckenden
Wanderungen im Osten und im Westen erlitten haben. Das Problem stellte
Aufgaben von größter Schwierigkeit und führte zu Quellenstudien auf den
verschiedensten Gebieten, denen ich allein nicht gewachsen war. So mußte
ich mich nach verschiedenen Seiten um Hilfe umsehen. Vor allem galt es
einen Bearbeiter des ägyptischen Materiales zu finden. Durch Frau Klebs
gelang es mir, Herrn S. Schott für diese umfangreiche und zeitraubende
Aufgabe zu gewinnen, er hat die erwünschte Unterlage im ersten Teil der
vorliegenden Untersuchung geschaffen. Außerdem durfte ich Herrn A. Pogo
für die Erklärung des Tübinger Sarkophages und Herrn Zyhlarz für die Deu­
tung des runden Tierkreises in Athen zu Rate ziehen.
Das antike Quellenmaterial hatte Bouche-Leclercq in seinem noch heute
unerreicht dastehenden Handbuche der Griechischen Astrologie verarbeitet.
Durch den großen Zustrom, den der Catalogus Codicum Astrologorum
Graecorum2) brachte, sind seine Ergebnisse mehrfach überholt worden;
außerdem brachten eine Anzahl von Dekantexten, die der verdiente Er­
forscher der antiken Astrologie nicht berücksichtigt hatte, wie etwa das
Testamentum Salomonis, ganz wesentliche Erweiterungen. Dazu gesellt sich
das große Material, welches die leider noch so gut wie unerschlossenen latei­
nischen astrologischen Handschriften des Mittelalters enthalten.
Für die Aufhellung der Wandelungen, welche die Dekane auf ihrer Wan­
derung nach Osten gefunden haben, bin ich den Herren G. Scholem, M. Schwab
und W. Printz ob ihrer freundlichen Mitarbeit zu Dank verpflichtet. Bei der
Erfassung der ostasiatischen und der westlichen, besonders der spanischen
Umgestaltungen unterstützten mich besonders die Herren L. Wang und
Ruppert y Ujaravi. Bei der Bearbeitung der bildlichen Gestaltung der Dekane

1) Im B u ch e m it R . E . a b gekü rzt.
2) Im B u ch e a b g e k ü rzt m it: C. C. A .
VIII Vorwort

im Mittelalter fand ich die unermüdliche Hilfe und Mitarbeit von A. War-
burg, F. Saxl und H. Meier. Sie stellten mir in selbstloser Weise ihre reichen
Sammlungen und die Ergebnisse ihrer Forschungen zur unbeschränkten Ver­
fügung und nur ihrer Mithilfe verdanke ich es, daß diese Studien zu Ende
geführt und gedruckt werden konnten.
Zu danken habe ich außerdem der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek
Warburg und der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft. Sie setzten
mich durch mehrere Forschungs- und Reisestipendien in die Lage, daß die
Hessische Regierung mich in großzügiger Weise längere Zeit von meinen
dienstlichen Verpflichtungen beurlaubte. Dadurch war es mir ermöglicht,
in aller Muße die italienischen Fresken und die einschlägiger, astrologischen
Handschriften in Athen, Hamburg, München, Mailand, Neapel, Rom und
Wien zu studieren, deren Verwaltungen mir in dankenswerter Weise jede
Unterstützung und bereitwillige Auskunft zuteil werden ließen.
G i e ß e n , im Februar 1934.
W. G u n d e l
IN H ALTSVER ZEICH N IS
Seite
E R S T E R T E I L : D IE A L T Ä G Y P T IS C H E N D E K A N E i
V o n S. S c h o t t
a) L ite ra tu r i . — b) G esam tbezeich n u n g der D ek an e 3. — c) D ie D e k a n ­
stern bilder 3. — d) D e k an te ilu n g 5. — e) D ek an feld v ersch ieb u n g 6. — f) D ie
D ek an e im H im m elsbild 7. — g) D e k a n g ö tte r 8. — h) A lte S te rn b ild g ö tte r
und D ekan feld er 9. — i) D ie D ekan e als Z e itste rn b ild er 1 1 . — k) D ekan - und
D ek ad en gö tter der S p ä tz e it 13. — 1) D ie D ekan e als lebende Seelen der D e ­
k a d e n g ö tter 14. — m) D ie D ekan e als w irken de M äch te 16. — D ie den D ekan en
in röm isch er Z e it zu geord n eten G o tth e ite n , T ab ellen 18

D E R K A L E N D E R A U F D E M S A R G D E C K E L D E S I D Y IN T Ü B I N G E N 22
Von A. P o g o
a) D ie S arg d eck el au s A ss iu t 22. — b) D ie K a len d er m it 36 bzw . 24 S p alten . —
c) D ie ro ten S p alten ü b ersch riften u nd die D atieru n g der K alen d er. 23 — d) D er
T ü b in g er K alen d er 23. — e) D iagon ale K alen d er, W asseruhren, D ecken b ild er 26

Z W E I T E R T E I L : D I E D E K A N E IM A L T E R T U M , M I T T E L A L T E R
U N D IN D E R N E U Z E IT
E rstes K a p i t e l: D ie B e z e ic h n u n g e n der G e s a m th e it d e r D ekane . . 27
Z w e i t e s K a p i t e l : D i e G e s c h i c h t e d e r e i n z e l n e n D e k a n n a m e n ........................ 37
A . D as ä g y p tisch e E r b e in der a n tik en L ite ra tu r 37. — B . D ie E n ta rtu n g e n der
äg y p tisch en D ekan n am en in der A n tik e 49. — 1. D ie N am en der 36 D ekan e
im T estam en tu m Salom onis 49. — 2. D ie G egen m äch te der D ekan e und ihre
N am en im T esta m en tu m Salom om is 57. — 3. N am en , C h a ra k tere u nd S ym b o le
der D ekan e in den ü brigen a n tik en K a ta lo g e n 62. — C. D ie V erd rän gu n g der
alten N am en d u rch N am en v o n G o tth e ite n und D äm onen 71. — D ie N am en
der D ek an e, T ab elle n 77
D r i t t e s K a p i t e l : D ie B i l d e r d e r D e k a n e i n d e r a b e n d l ä n d i s c h e n u n d
o r i e n t a l i s c h e n L i t e r a t u r ...........................................................................................................82
A . D ie literarisch en B esch reibu ngen und T e x te der D ekan bild er 82. — B . G e­
sam tbeschreibun gen a ller D ekan e 95. — C. D ie speziellen G estaltu n gen der
einzelnen D ek an e 97. — D . D ie Insign ien u nd G egenstände der D e k a n g ö tte r 104
E . D ie N eu bildu n gen in den n ach an tiken D ekan beschreibun gen 112 . —
1. W id d er 115 . — 2. S tie r 119. — 3. Z w illin g e 123. — 4. K re b s 125. —
5. L ö w e 127. — 6. Ju n gfrau 130. — 7. W a a g e 133. — 8. S korp io n 135. —
9. S ch ü tze 139. — 10. S te in b o ck 142. — 11. W asserm an n 147. — 12. F isc h e 150.
— F . D ie D ek an b ild er n ach A th an a siu s K irch e r 155. — D ie D ekan e n ach den
literarisch en D arstellu n gen, B ild e r u n d A ttrib u te , T ab ellen 160. —
V i e r t e s K a p i t e l : D ie b ild lic h e D a r s t e llu n g d e r D e k a n g ö t t e r u n d ih r e
U m g e s t a l t u n g e n i n A l t e r t u m , M i t t e l a l t e r u n d N e u z e i t ............................... 175
A . D ie w issen schaftlich e B eh an d lu n g der Ikon ograp h ie der D e k an gö tte r in
der N e u zeit 175. — B . D er G rund und der Z w eck der D ekan d arstellu n gen 180. —
C. D ie B ild e r der einzelnen D ekan e a u f den M onum enten des A lte rtu m s 184. —
1. D ie D arstellu n gen der einzelnen D ekan e a u f der T a b u la B ia n ch in i 184. —
b
X I nhaltsverzcichms
Sexte
2. D ie D ekan b ild er des F ra gm en ts P eiresc 187. — 3. D er runde T ie rk re is von
A th e n 189. — D . D ie D ek an b ild er in den m ittelalterlich en U m g estaltu n gen 19 4 .—
i . W id d e r 195. — 2. S tier. 197 — 3. Z w illin g e 199. — 4. K re b s 200. — 5. L ö w e 202
— 6. Ju n gfrau 205. — 7. W a a g e 207. — 8. S korpio n 208. — 9. S ch ü tze 209. —
10. S te in b o ck a n . — 1 1 . W asserm an n 213. — 12. F isch e 214. — E . D ie o sta sia ­
tisch e n D e k an g ö tte r 216. — F . D ie B ild e r der D ekan p ro so p a 221. — T a b e lle der
m it den D ekan en in V e rb in d u n g stehenden T iere 223.
F ü n f t e s K a p i t e l : D a s W e s e n , d i e W i r k u n g s s p h ä r e n u n d d ie W i r ­
k u n g s a r t d e r D e k a n e ............................................................................................................. 226
A . D ie D ekan e als G o tth eiten , ih re versch ied en artigen A ssim ilatio n en und
W irk u n gsa rten 229. — B . C h a ra k te ristik der D ek an e als g u te u nd böse W esen 240.
— C. D ie a b stra k te n D eutu n gen der D ek an e als geom etrisch -lin eare K ra ftfe ld e r
u nd D om än en 243. — 1. D ie D ekan e a ls R e gieru n g sb ezirk e der T ie rk re is­
g ö tte r 243. — 2. D ie D ekan e als D om änen der P la n eten ; d ie L eh re v o n den p la n e­
tarisch en P rosop a 248. — 3. D ie leeren u n d die v o lle n D e k a n te ile 256.
S e c h s t e s K a p i t e l : D ie B e d e u t u n g u n d d i e W i r k u n g d e r D e k a n e i n
d e n v e r s c h i e d e n e n o k k u l t e n L e h r e n ........................................................................ 260
A . D ie R o lle der D ekan e in der m edizinisch en A stro lo gie 262. — 1. D ie D ekan e
als K ö rp e rg ö tte r 262. — 2. D ie B ed eu tu n g der entpersönlich ten D ekan e in der
H eilku n d e 282. — D ie W irk u n ge n der D ekan e a u f den M enschenkörper (D ekan-
m elothesie), T ab ellen 286. — B . D ie D ek an e in der astrolo gisch en M agie 288. —
C. D ie D ekan e in der prophezeien d en A stro lo gie 299. — 1. D ie D ekan e als
S ch ick salsgö tte r 299. — 2. D ie T e x te der u n iversalen D e k an o rak e l 305. —
a) M eteorologische D ekan p ro p h etien 305. — b) D ie D ekan e in der astrologisch en
G eographie 309. — 3. D ie D ekan e u nd das S ch ick sal des In d ivid u u m s 313. —
i . Ih re B ed eu tu n g in den A u gen b licksen tsch eid u n gen , den sogenannten A n ­
frag en 313. — 2. D ie D ek an e in der G eb urtsw ah rsagu n g 318.

ANHANG
B e ig a b e I: T ie r k r e is b ild e r u n d D e k a n e . E in B e it r a g zu r G e s c h ic h te
d e r T i e r k r e i s b i l d e r ...................................................................................................................... 327
B e i g a b e I I : T e x t b u c h ...................................................................................................................... 341
I n h a lt .......................................................................................................................................................... 34 1
I. A llge m e in geh alten e A n gab en v o m W esen und W irk e n der D ekan e 342. —
I I . B ild besch reibu n gen 355. — I I I . T e x te aus dem G eb iet der Iatro m a th e m a tik
und der astrolo gisch en M agie 372. — IV . D ie R o lle der D ekan e in astrologischen
W ah rsagem eth oden und O rak eltexten 402.
P erso n en -u n d S a c h v e r z e i c h n i s ...................................................................................... 42^
V e r z e i c h n i s d e r A b b i l d u n g e n ...........................................................................................452
E R S T E R T E IL

D IE A L T Ä G Y P T IS C H E N D E K A N E
Von S i e g f r i e d S c h o tt

a) L i t e r a t u r
Namen altägyptischer Dekane waren für die Abschnitte eines sechsund-
dreißigteiligen Himmelskreises aus griechischen Quellen1) bekannt. C h a m -
p o l l i o n le Jeune, der Entzifferer der Hieroglyphen, stellte die Überein­
stimmung dreier Dekannamen mit Namen von Gottheiten des Rundbildes von
Dendera (Taf. n ) fest.2) L e t r o n n e u n d B i o t hielten diese Übereinstimmung
für zufällig und bezweifelten, daß es sich überhaupt um astronomisch deutbare
Figuren handle.3) Gegen beide Forscher wies L e p s i u s die Übereinstimmung
der ganzen aus griechischen Nachrichten überlieferten Liste mit den Bei­
schriften des äußeren Götterkreises des Rundbildes nach.4) Lepsius ver­
öffentlichte bei dieser Gelegenheit fünf Dekanlisten. H. B r u g s c h machte
in dem ersten astronomische und astrologische Inschriften behandelnden
Band seines Thesaurus5) acht weitere Listen bekannt. Die von Lepsius und
Brugsch veröffentlichten und besprochenen Listen entstammen den Zeiten
des Neuen Reichs (NR), der Spätzeit (SZ) und der griechisch-römischen (GR)
Epoche altägyptischer Geschichte. Erst 1893 brachte ein Sarg von Assiut
aus der Zeit des Mittleren Reichs (MR) eine ältere Liste, die von D a r e s s y 6)
veröffentlicht und besprochen wurde. Seitdem sind durch Funde und neue
Aufnahmen weitere Listen aus Särgen des M R7), Gräbern und Tempeln des
1) Z u sam m en gestellt in R . L e p s i u s , D ie C hron ologie der Ä g y p te r 70, 71. D e k a n ­
n am en a u ch in dem v o n C. W . G o o d w i n in F . C h a b a s , M élanges ég yp to lo g iq u e s 294ff.
(von H . B r u g s c h , T h esa u ru s i6 6 f. verw erte t) v erö ffe n tlich te n P a p y ru s (G reek P a ­
p y ru s in th e B ritis h M useum I I 2 5 ff., T a f. 72 f.) u nd G re ek P a p y ru s . . . I P a p . T30
c o l. 3 i , 68; col. 4 i , 9 1; co l. 7 i , 170. v . a. F . L . G r i f i t h , T h e old c o p tic horoscope in
th e S to b a rt collection , Z e its ch rift fü r Ä g y p tis c h e S prache . . . 38 (1900) 71 ff.
2) J . F . C h a m p o l l i o n l e Jeune, G ram m aire é gyp tien n e (Paris 1836) 96.
3) J- A . L e t r o n n e , A n a ly se critiq u e des rep résen tations zo d iacales de D en d éra et
d ’ Esné (Paris 1845). J. B . B i o t , M ém oire sur le zodiaque circulaire de D en d erah
(A cadém ie des in scriptions e t belles-lettres. M ém oires (Paris 1846) 16, 2) 5 7 ff.
4) R . L e p s i u s , D ie Chronologie der Ä g y p te r (B erlin 1849) 6 7 ff.
5) H . B r u g s c h , T hesaurus In scriptio n u m aeg yp tiacaru m . A stronom isch e und
A strologisch e In sch riften a ltä g y p tisch e r D en km äler (L eip zig 1883) I 3 if f . dazu i f f .
6) E . D a r e s s y , U n e ancienne liste des décans égyp tien s, A n n a le s du S ervice des
A n tiq u ité s de l'Ë g y p te 1 (1900) 79 ff.
7) S ä r g e d e s M R :
P . L a c a u , Sarcop h ages antérieu rs au N o u v e l E m p ire (C atalogue gén éral des a n ti­
q u ité s égyp tien n es du M usée du C aire N os. 28001— 28126, 1904, 1906) I I , i0 4 ff.
E . C h a s s i n a t , Ch. P a l a n q u e , U n e cam pagn e de fou illes dan s la nécropole d ’A s-
siou t (M ém oires . . . de l ’I n s titu t fra n ç a is d ’A rch éologie o rien tale du C aire, 24, 1911)
n 6 f f . , i2 7 f. zu T a f. 24 u. 25 (Taf. 1); I 4 5 ff., I9 3 ff.
B . G u n n , T h e coffin s o f H e n y (A n n ales . . . 26 (1926)) i6 6 ff., 169, 17 1.
D as v o n D a r e s s y A n n a le s I, 82 zitie rte S arg fragm en t au s A ch m îm m it den N am en
d reier D ek an e k on n te 1930 im M useum zu K a iro n ich t a u fgefu n d en w erden.
Studien der Bibliothek Warburg, 19. Heft: G u n d e l -
2 D ie altägyptischen Dekane

N R 1) und auf Thronen von Götterbildern der Spätzeit2) bekannt geworden.


Die meisten dieser Denkmäler zeigen bis in die SZ, häufig mit Zeiteinheiten in
Beziehung gesetzt, nur Namen und Bilder. Inschriftliche Nachrichten, welche
die zugrunde liegende Vorstellungswelt bekannt geben könnten, sind selten
geblieben.3) Und auch in den wenigen hymnenartigen Anrufungen ihres Wesens
und Wirkens aus G R Zeit (S.i3ff.), läßt sich die Vorstellungswelt oft nur erraten,
wobei Hinweise aus den Darstellungen unterstützen müssen. Bei der schon
in früher Zeit feststellbaren innigen und fortschreitenden Verflechtung ver­
schiedener Anschauungen wird freilich auf Grund dieser späten Nachrichten
allein nicht geurteilt werden können, inwieweit solche Merkmale den De­
kanen von altersher zukommen. Astronomische Werke, von denen eine Bücher­
liste des Tempels von Edfu das Buch von der Bewegung der Planeten und
das Buch von der Bewegung der (Dekan-) Sterne nennt, sind noch nicht be­
kannt geworden.4)
Zuletzt hat K . S e t h e das veröffentlichte Material in seinen Unter­
suchungen über die Zeitrechnung ausführlich besprochen.5) Für die vorliegende
Arbeit konnten durch die dankenswerte Förderung von Gelehrten und In­
stituten6) veröffentlichte Denkmäler überprüft und neue herangezogen werden.

1) G r ä b e r d e s N R :
G rab des S en m û t in D êr el B a h ri: M e t r o p o l i t a n M u s e u m of A rt, B u lle tin 1928,
T h e E g y p tia n E x p e d itio n 1925— 1927 H . E . W i n l o c k , T h e M useum ’s E x c a v a tio n s a t
T h e b e s 3 2 ff., 37, F ig . 40, 42— 44.
A . P o g o , T h e A stro n o m ical C eilin g-d ecoratio n in th e T o m b of S en m ut (Isis 14, 2,
B ru g es 1930) 301 ff. (Taf. 3).
G . R o e d e r , E in e neue D arstellu n g des ge stirn te n H im m els in Ä g y p te n (D as W e lta ll
28, i f . , B e r lin 1928).
G ra b S e t h o s l. p h o t. A u fn ah m en in L . S. B ( u l l ) , A n a n cie n t E g y p tia n A stro n o ­
m ical C eilin g-D eco ration , M etro p olitan M useum , B u lle tin 1923, i8 3 ff. (Taf. 5).
T em p el des N R :
D e ck e im „O sire io n “ S eth o s I. in A b y d o s. H . F r a n k f o r t , A . D e B u c k .
B . G u n n , T h e C en o tap h of S e ti I a t A b y d o s (39 t h M em oir o f th e E g y p t E x p lo ra tio n
S o c ie ty , 1933), T a f. 81, S. 7 2 ft.
D e ck e im T e m p e l S ethos I . (R au m P) in A b y d o s G . D a r e s s y , L e s T em p les d 'A b y ­
dos (R ec u eil de T r a v a u x . . . 21 (1899) i f f . 2f.
D e ck e im O sireion M ere n p tah ’s, M . A . M u r r a y , T h e O sireon a t A b y d o s (E g y p tia n
R esearch A c c o u n t . . ., N in th y e a r 1903, L o n d o n 1904) T a f. 12 zu S. 21.
2) G . D a r e s s y , L a Sem ain e des É g y p tie n s (A n n ales du S ervice des A n tiq u ité s
de l ’É g y p te 10 (1910), 21 ff., ibd. i8 o ff. zu A h m ed B e y K a m a l ibd . 9 (1908) 191 f. (Taf. 8)).
und D a r e s s y , S ta tu e s de D iv in ité s (C atalogue gén éral . . . ) 231, T a f. 46 (T af. 7).
A . W . S h o r t e r , T w o S ta tu e tte s of th e G oddes S ek h m et-U b astet (The Jo u rn al of
E g y p tia n A rch aeolo gie 18 (1932) 121 ff., T af. 10. 11).
3) V g l. S. I 3 ff. Im O sireion S ethos I. v o n A b y d o s, (oben A n m .i) is t ein m y th o ­
lo gisch er T e x t gefun den w orden, der auch ü ber die D ek an e h a n d e lt, s. H . G r a p e r , D ie
H im m elsgö ttin N u t a ls M u ttersch w ein (Ä g y p tisch e Z eitsch rift, B d . 71 (1935), S. 45).
4) Im ersten B ü ch e rk a ta lo g v o n E d fu B r u g s c h , Ä g y p tis c h e Z e itsch rift 9 (1871) 44.
D e r V erfasser kon n te in T eile eines G R astronom ischen P a p y ru s, die im F rü h ja h r des
Jahres in K a iro im H a n d el erschienen, E in sich t nehm en. S ie en th ielten au ß er S tü ck en
des astronom ischen H im m elsbild es A n gab e n ü ber A u fg ä n g e u nd S tan d o rte v o n D ekan en .
5) K . S e t h e , D ie Z eitrech n u n g der a lte n Ä g y p te r im V e rh ältn is zu der anderer
V ö lk er, K . G esellsch aft der W issen sch aften zu G öttingen , N achr. P h il. H is t.-K l. (I) 1919»
28 7ff., (II) 1920, 28Ö., (III) 1920, 9 7 ff.
6) D a s gesam m elte M aterial soll in einer besonderen A rb e it v o rg ele gt und be­
sprochen w erden.
Literatur. Gesamtbezeichnung der Dekane. D ie Dekansternbilder 3

b) G e s a m t b e z e i c h n u n g der D e k a n e
Am Ende der Dekantafel des Assiut-Sarges Kairo 20118 aus der Zeit
des MR bezeichnet der Redaktor die Dekane als „Götter des Himmels“
und gibt ihre „Summe“ mit 36 an.1) In Dendera werden sie als die „Dreimal
großen Götter“ 2) angerufen und in Esne die „Göttlichen (Sterne)“ 3) genannt.
Inwieweit dieses Prädikat ausgezeichneter Göttlichkeit den Dekanen als
solchen zukommt, ist zu untersuchen. In anderem Zusammenhang gelten sie
als die „lebenden Seelender Götter“ 4), wovon vielleicht die Bezeichnung „L e­
bende“ 6) eine Abkürzung ist. Innerhalb des G R Dekanglaubens lassen sich,
wie unten gezeigt werden soll, beide Benennungen als Götter und Götter­
seelen auf dieselben Wesen vereinigen. Die Bezeichnung „Schiffsfahrer“ 6)
entspricht Darstellungen, welche die Dekangötter oder ihre Seelen in Schiffen
über das am Himmel befindliche Meer fahrend abbilden. Als Sterne heißen
sie auch Lampen7), im Gefolge der Jahres- und Dekangöttin Sothis „Boten
ihrer Majestät“ .8) Eine nur ihnen zukommende Bezeichnung, im besonderen
das Wort „Dekan“ , findet sich vielleicht in dem Wort bik.tjw (S. 12, Anm. 4).
Oft, meist als Kalender- und Stundengötter, sind sie einfach die „Sterne".

c) D ie D e k a n s t e r n b i l d e r
Nur einige Namen der Dekane bezeichnen wie „Schaf“ und „Fische"
ganze Bilder. Die meisten werden wie „Schwanz des Schafes“ und „Untere
Matte“ nach Teilen von Sternbildern genannt.
Von den Namen dieser Sternbilder sind mehrere unverständlich gewor­
den, weil ihre Wortstämme aus der bekannten Sprache verschwunden sind.
Da die meisten Namen ohne Bilddeterminativ oder mit dem Ersatzstrich
geschrieben werden, scheint es möglich, daß auch die Redaktoren der Listen
ihre Bedeutung nicht sicher gewußt haben. Auch die in den wenigen Fällen
von Determination herrschende Unbeständigkeit kann diesen Anschein be­
stätigen.
Die Sternbildnamen bezeichnen Götter, Lebewesen und Dinge. Die bei­
den großen Götter des Bildkreises sind Orion und Sothis, zu denen in den
NR-Listen der Keltergott und in den G R Listen das göttliche Kind hinzu­
kommt. Sie galten als Osiris und Isis und werden als Götter in Menschen­
gestalt dargestellt. Schon in den Listen des MR nennen die Dekane „Oberer
Arm“ , „Gürtel“ (?) und „Unteres Bein" Teile der Figur des mit vorge­
strecktem erhobenem Arm und nachgezogenem Bein laufenden Orion,
die dann im N R als „O hr", „A rm “ , „Unterarm“ und „Unteres Bein" (GR
„Oberarm“ , „Gürtel“ , „Unterarm" und „Bein“ ) ausdrücklich als Teile

1) L a c a u , Sacrop h ages antérieu rs (s.o .) I I 109, F a c h 40 unten.


2) M a r i e t t e , D end érah I I , T a f. 10 gleich B r u g s c h , T h esau ru s 136.
3) B r u g s c h , T hesaurus 136.
4) S. i 4 f.
5) B r u g s c h , T h es. 135.
6) B r u g s c h , T h es. 176, v g l. h ierzu die „ S c h iffs fa h r e r '' als F ä h rle u te a m H im m el
in religiö sen T e x te n .
7) U rsp rü n g lich a ls N a m e des H im m els v g l. S e t h e , V o n Z a h len und Z ah lw orten
b ei den a lte n Ä g y p te rn (S traß b u rg 1916) 16.
8) B r u g s c h , T h es. 136.
4 D ie altägyptischen Dekane

dieses Sternbildes bezeichnet werden. Der Dekanname „Sothis“ wird im MR


meist ohne Femininendung ideographisch geschrieben (Taf. i), was vermuten
läßt, daß auch diese Götter einmal nicht als Menschenbilder vorgestellt
waren, sondern in Gestalt der Gegenstände, die sie später, wie andere ver­
menschlichte Gottheiten als Hieroglyphen ihrer Namen auf dem Kopf tragen.1)
Der „Keltergott“ der NR-Listen wird nur in zwei voneinander ab­
hängigen Listen als schreitender Gott determiniert.2) In den Gräberlisten
(S. 8) ist der Name mit dem „Keltergerät“ geschrieben, einer Hieroglyphe,
die vielleicht aus seiner MR-Gestalt umgebildet ist. Die MR-Listen schreiben
ihn ideographisch mit einer nur hier belegten Hieroglyphe zweier hockender,
einander beide Hände reichender Männer (Taf. 2), deren Lesung nicht be­
kannt ist, aber vielleicht aus dem jüngeren Lautwert erschlossen werden
kann.3) Merkwürdigerweise wird das Zeichen zweimal gesetzt, so daß genau
genommen „die beiden Männerpaare“ zu lesen ist.
Die Sternbildnamen Knmw. t und Sr. t nennen Tierweibchen mit Wor­
ten, die in dieser Zeit sowohl Vögel, wie Säugetiere bezeichnen können.
Das Sternbild Sr. t wird im N R als „Schaf“ angesehen und gehört zu den
wenigen, die abgebildet werden (Taf. 3, 4). G R ist der Name zweimal mit einer
Gans determiniert, was Dekanbildern dieser Zeit entspricht. Die älteren
MR-Listen zeigen ihn ohne Bildzeichen.
Das Wort Knmw. t ist als Vogelname und als Bezeichnung von Hunds­
kopfaffen belegt.4) Die MR-Listen determinieren es mit dem Ersatzstrich.
Der Vogel knmw ist zunächst von dem mw.t- Geier, mit dem der Dekan­
name bis in die SZ, vielleicht immer nur für die Konsonannten mw. t des
Wortendes, geschrieben wird, unterschieden gewesen.
Alle anderen erkennbaren Tiere stehen als Paare. Die „Seelenvögel“
treten erst in den jüngeren MR-Listen neben den „Geistervögeln“ als Dekan
ein. Die Schildkröten sind als Dekan erst G R belegt. In den Zusatz­
listen (S. 7) erscheinen sie jedoch als „Schildkröten“ (Plural) schon in einer
der jüngeren Liste des MR.5) Seit dem N R stehen sie, nun als Paar, an der
Spitze der Zusatzlisten.
Der Lautbestand des Sternbildnamens „Fische“ ist nur auf dem MR-
Sargfragment von Achmim erhalten. Die Fische selbst sind verschieden ab­
gebildet. Ein gleicher Fischname ist sonst nicht belegt; die NR-Listen be­
stätigen die Lesung, man erklärt jetzt das lautlich unveränderte Wort als
„Rohre".
Paarweise stehen auch die aus anderen Namen umgebildeten „Lotos­
blätter“ und „Schilfrohre“ . Das Sternbild „Rohre“ entsteht im NR, wie
gezeigt wurde, durch Umdeutung des Lautbestandes aus dem Sternbild
„Fische“ . Die „B lätter" gehen auf die gleichlautenden „Lippen“ der jün­

1) V g l. K . S e t h e , U rg esch ich te und ä lte ste R eligio n der Ä g y p te r (1930) § 33.


2) Im R am esseu m (R am ses II.) u nd M ed in et H a b u (R am ses I II .) .
3) D aressy g ib t als L esu n g zu dem A n n . I, 82 b eh an delten S arg fragm en t au s AchmSm
irw j, seine L esu n g des D e te rm in a tiv s sch ein t u n zu treffen d. N a c h dem aus den N R -L is te n
b ek an n ten L a u tb e sta n d k a n n a u ch die L esu n g der K o n son an ten b e zw e ifelt w erden.
M an w ü rde sm i.w j (S. 10, A n m . 2) o. ä. erw arten .
4) So B e rlin P 3 0 5 5 , 19, 7— 8 (diesen H in w eis v erd a n k e ic h dem B erlin e r W ö rte r­
bu ch). A u c h P y r. 14 6 2 a , b, n ach dem D e te rm in a tiv in P 2 u nd in G egen stellu n g zu den
i'n jw , w o h l ein A ffe.
5) U n ve rö ffen tlich t, K a iro .
D ie Dekanstembilder. Dekanteilung 5
geren Listen des MR zurück, diese wieder auf ein anderes Wort, das nur mit
dem doppelt gesetzten Zeichen für Schilfbündel und der Femininendung
geschrieben wird.
Zu diesen Lebewesen kommen als Gegenstände das „Schiff“ und die
„M atte". Das „Schiff", von dem nur die Mitte als Dekan gilt, gehört zu den
wenigen Sternbildern, die dargestellt werden. Die „M atte“ wird nur in den
jüngeren Listen des MR durch das Bild der zusammengerollten Matte, in den
NR-Listen gelegentlich durch ein rechteckiges Feld bezeichnet.
Der Namensbestand dieser Sternbilder zeigt Merkmale eines altertüm­
lichen Sprachgutes. In einigen Namen sind Worte erhalten, die sonst nicht
bekannt sind oder frühzeitig verschwinden. Von anderen kennen wir die
Hieroglyphen, ohne sie recht deuten zu können. Dies trifft vor allem bei den
großen Göttern des Dekankreises zu, bei Orion und Sothis, die altägyptisch
immer mit den Namen der alten Hieroglyphen genannt wurden, ohne daß
man in geschichtlicher Zeit je recht gewußt hat, was sie einst bedeuteten.
Andere Namen sind ganz unverständlich geworden und mögen es schon
zur Zeit der Niederschrift der ältesten heute bekannten Listen gewesen sein.
Zu allen Zeiten der langen Geschichte dieser Namen verfolgen wir Ver­
suche der Namensdeutung. Gerade die Unschlüssigkeit, mit der sie vorgeht,
kann das hohe Alter dieser Namen bestätigen, von denen wohl viele wie in
unseren Wörterbüchern auch in geschichtlicher Zeit nur noch als Sternnamen
mit vager Bedeutung erhalten waren. Die Verwandlungen von „Männerpaar“
in „Keltergott“ , von „S chaf" in „Gans“ , von „Fischen“ in „Rohre“ , von
„ Schilfbündel" in „Lippen“ und weiter in „B lätter" sind dafür ein Zeichen.

d) D e k a n t e i l u n g
Im Tierkreis vertritt je ein Sternbild ein Feld. Im Dekankreis ist dies
nicht oder nicht mehr der Fall. Schon in den ältesten bekannten Listen er­
strecken sich die meisten Sternbilder über mehrere Dekanfelder, einige stehen
gemeinsam in einem Feld, zwischen anderen bleiben Dekanfelder leer. Da die
Dekane nach Sternbildern benannt werden, entstehen Teilbezeichnungen und
Doppelnamen, leere Felder müssen zu Sternbildern benachbarter Felder
in Beziehung gesetzt werden.
Bei Teilbezeichnungen konnte mitunter auf gegebene Sternbildteile ge­
griffen werden. In den Stundentafeln für Sternaufgänge1) werden als Teile
des „Riesen“ Federkrone, Kopf, Hals, Nacken, Schulter, Brust, Arm, Bein,
Sohle, Standbrett und Schemel genannt. In gleicher Weise sind Dekane nach
Arm, Ohr, Gürtel und Bein des Sternbildes „Orion“ oder nach dem Hinter­
teil des „Geiers" und des „Schafes“ benannt.
Dort, wo die Teilbezeichnung in praktischer Weise vorgenommen werden
muß, nennt man die Teile, je nachdem das Sternbild senkrecht oder quer
von der Dekanteilung geschnitten wird, „Vorderes“ und „Hinteres“ oder
„Oberes“ und „Unteres“ des Bildes. Das Sternbild „D ie vorn befindliche“
war im N R so umfangreich, daß auch seine Mitte als Dekan bezeichnet wurde.
Demgegenüber wird von dem Sternbild „Schiff", das sich in Bildern des NR
über mehrere Dekanfelder erstreckt, nur die Mitte als Dekan genannt.
Im Gegensatz zu Benennungen nach Bildteilen werden einige Dekane
x) B r u g s c h , T h esau ru s 18 5Ü .
6 D ie altägyptischen Dekane

nach zwei Sternbildern benannt, so in den älteren MR-Listen der Dekan


Ws-bk. tj, dessen beide Sternbilder in den jüngeren MR-Listen als zwei
Dekane getrennt gehen. Mit den jüngeren MR-Listen fallen die Sternbilder
„Schilfbündel“ und „Fische“ , beide unter Namenwechsel, zusammen. Mit
dem Doppelnamen ,,Smd- Schaf“ , dem noch drei nach dem Sternbild Schaf
genannte Dekane folgen, scheint demgegenüber angegeben zu sein, daß sich
das Sternbild Schaf in dieser Zeit bis in diesen Dekan, aus dem er in den
jüngeren MR-Listen heraustritt, erstreckt hat.1)
Leere Felder werden als „Vorläufer" auf das folgende Sternbild bezogen.
In den älteren MR-Listen steht merkwürdigerweise ein Dekan als „N ach­
folger“ eines Sternbildes vor diesem selbst. Aus den Stundentafeln ist eine
jüngere Bildung gleicher Art in der Sternbezeichnung „der nach Sothis
kommt“ bekannt.

e) D e k a n f e l d v e r s c h i e b u n g
Die Deutung der Sternbilder erfährt Veränderungen durch verschiedene
Auslegung von Worten und Zeichen, die aus der Sprache verschwinden oder
verschwunden sind. Demgegenüber bekundet sich im Wechsel des Dekan­
bestandes ein Wandel der Sternbilder selbst, die sich im Dekankreis ver­
schieben und Umbenennungen erfordern.
Das Sternbild „Geier“ erstreckt sich in den älteren Listen des MR über
drei, in den jüngeren Listen über zwei Felder, dafür entsteht in den jüngeren
MR-Listen vor diesem Sternbild ein leeres Feld, das bis in die SZ als sein
„Vorläufer“ bezeichnet wird; in drei G R Listen treten hierfür die „Schild­
kröten“ ein. Das bis Ende des N R über zwei Dekanfelder als „Obere“ und
„Untere Matte“ reichende Sternbild findet G R als „M atte“ auf einem Feld Platz.
Von dem ganzen Sternbild „Die vorn befindliche“ , das sich seit dem MR über
drei Felder erstreckt, bleibt in den meisten G R Listen nur der Vorläufer,
der in den jüngeren MR-Listen neu eintritt, erhalten. Die vier (GR drei)
aufeinanderfolgenden Felder der „Seelenvögel“ und des „Kruggestells" fehlen
in den älteren Listen des MR. Das sich über drei Felder erstreckende Sternbild
„Schaf“ reicht in den älteren MR-Listen bis in das Dekanfeld des vorangehen­
den Sternbildes Smd, in den jüngeren G R Listen verliert es den letzten
Dekan, dafür tritt vor ihm der „Einzelne Stern“ als Dekan ein. Andere Stern­
bilder benachbarter Dekane fallen in ein Feld zusammen und trennen sich
wieder (s. oben).
Innerhalb der Dekankreisteilung wachsen Sternbilder und schrumpfen
ein oder verschieben sich auch gegen sie, so daß leere Felder entstehen und
wieder verschwinden. Einige, wie die Sternbilder Ip d i und Sb's. in, zwei
undurchsichtige Namensbildungen, fallen als Dekane zeitweilig aus, andere
wie die „Nördlichen Sterne“ der NR-Listen und der „Einzelne Stern“ einiger
GR Listen, gegenüber dem alten Namenbestand als Neubildungen erkennbar,
treten neu ein.
In diesem Zusammenhang ist zu beachten, daß einige der als Dekane ver­
schwindenden Sternbilder mit dem Dekankreis verbunden bleiben. In den NR-
Kalenderbildem (S. 12, Anm. 5) steht der frühere Dekan Sb's. sn aus der Dekan­

1) V ie lle ich t ist der D oppeln am e 'S»«(2-S c h a f’ einfach er zu erklären, w enn in S m d


dessen genaue B ed eu tu n g u n b ekan n t ist, ein W o rt fü r H o rn erh alten ist.
D ie Dekanfeldverschiebung. D ie D ekane im Himmelsbild 7

reihe herausgerückt und das Sternbild „Schildkröten“ an besonderer Stelle.


Dieses Sternbild findet sich schon einmal in einer der jüngeren MR-Listen,
dann regelmäßig mit den ehemaligen Dekanen Ipds und SbS. sn während des
N R in einer an die Planeten anschließenden Zusatzliste, die auf dem Sarg
des MR aus Gebelen1) mit „Fest der fünf Schalttage“ überschrieben wird.
Da in G R Prozessionen von Jahresgottheiten als Dienergottheit in mehreren
Zusatztagen der diesen Sternbildern vorangehende Dekan Bk. tj gilt, ist an­
zunehmen, daß in dieser Zeit die Schalttage nach einem hier liegenden Zwi­
schenfeld des Dekankreises bestimmt wurden, und daß Sternbilder über dies
Zwischenfeld ähnlich wie über Dekanfelder wanderten, ein weiteres Zeichen
dafür, daß sich der Dekankreis gegen die Sternbilder oder die Sternbilder
gegen den Dekankreis ständig verschoben.
Von der Zeit des N R an können Veränderungen im Dekankreis an den
jetzt bei jedem Dekan angegebenen Stemzahlen verfolgt werden. Für
wenige Dekane bleiben diese Angaben stetig, meist schwanken sie nach vor­
übergehender Stetigkeit um ein oder zwei Sterne. Diese Schwankungen
lassen sich gelegentlich erklären. So entsteht die G R eintretende Zunahme
des Dekans „Geier“ um drei auf neun Sterne wohl durch Hinzuzählung der
drei Sterne des Vorläufers, da dieser gleichzeitig als Dekan verschwindet.
Ebenso dürfte das Anwachsen des Dekans V/. t in G R Zeit durch den Über­
tritt eines früher im Nachbarfeld befindlichen „Sternhaufens“ zu erklären
sein. Freilich kann bei den geschilderten Veränderungen durchaus bezweifelt
werden, ob selbst gleichbleibende Zahlangaben noch dieselben Sterne zählen.
Bei dieser Sachlage kann es fraglich erscheinen, ob Identifikationen von
Sternbildern, selbst wenn sie für eine Epoche mit einiger Wahrscheinlichkeit
vorgenommen werden können, für jede andere Epoche noch gelten. Die ange­
führten großen Schwankungen, denen der Dekannamenbestand unterworfen
ist, lassen es möglich erscheinen, daß sich mit der Zeit die Vorstellung der
Bilder selbst gewandelt hat, sei es, daß durch Zuzählen und Weglassen von
Sternen das Bild an Ausdehnung gewann oder verlor, sei es, daß Umdeutungen
von Namen neue Gestalten mit anderen Sternen schuf.

f) D ie D e k a n e i m H i m m e l s b i l d
In den Kalendertafeln der MR-Särge ist ein Bild eingeschoben, dessen
Gattung bis in die GR Zeit vielgestaltig entwickelt wird. Es zeigt Götter des
Himmels, dem Sargdeckel, Grabdecke und Tempeldach angeglichen werden soll.
Diese Himmelsbilder gliedern sich zu gleichen Teilen in Nord- und Süd­
himmel, zu denen die Himmelsgöttin Nut als Gestalt des Ganzen hinzukommen
kann. Sie findet in den MR-Einschubbildern an der freien Stelle neben dem
Stierschenkel im Nordhimmel Platz, wo sie die Hieroglyphe des Himmels,
ihre alte noch nicht vermenschlichte Vorstellungsform trägt. In den NR-
Bildern tritt sie aus den Kalenderbildern (S. 12, Anm. 5), auf denen sie von
dem Luftgott getragen die Erde überspannt, bald als Nord- und Süd­
himmel oder Himmel und Gegenhimmel verdoppelt, in die Himmelsbilder
ein, bis GR nach Gegeneinanderdrehung die beiden Gestalten den ganzen
Himmel umrahmen.

1) U n v e rö ffen tlic h t, T u rin .


8 D ie allägyptischen Dekane

Im Feld des Südhimmels stehen in den MR-Einschubbildern Orion und


Sothis gegenüber dem Stierschenkel, dem Siebengestirn im Feld des Nord­
himmels. In den entwickelten Bildern des N R kommen Sternbilder und Gott­
heiten hinzu, die sich im Südhimmel als die „Unermüdlichen“ von Ost nach
West bewegen, während die Nordsterne und ihre Götter als die „welche
nicht untergehen können“ um das Siebengestirn des Nordhimmels stehen.
Von Sternbildern und Gestirnen des Südhimmels sind außer einigen
„Sternkörpern", nach den Darstellungen eine Art Sternhaufen1), nur das
„Schiff“ , das „Schaf“ , die in Schiffen fahrenden Götter des Orion, der Sothis
und der Planeten, die „Schildkröten“ und als Gottheit des Planeten Venus
ein Reiher, der „Phönix“ , dargestellt. In den thebanischen Tempeln geht
dieser Reihe unter den Dekanen des Sternbildes „Die vorn befindliche“ ein
Gott voran; in einigen Bildern der Königsgräber, zuerst in dem des Gold­
saales fehlt das Bild des Schafes. Nach Verdoppelung des Himmels in den
Ramessidischen Königsgräbern wird in dem einen Bildteil Orion nun hockend
in den Händen Lebenszeichen und Szepter erhebend gezeichnet. Diese Stern­
bilder entsprechen dem Sternbildbestand der Dekannamen.
In gleicher Höhe mit diesen Sternbildern sind in die Dekanfelder der
Himmelsbilder Sterne verschiedener Zahl eingetragen. Über diesen Sternen
stehen an die Dekannamen anschließend Namen von Gottheiten, die im Gold­
saal des Grabes Sethosl. und am Deckel des Berliner saitischen Sarges (Taf. 9)
unter den Dekansternen auch dargestellt sind.2) Sie schreiten in langer Reihe,
allein oder in Genossenschaften auf die Dekanfelder verteilt, von Ost nach
West auf der Bahn, auf welcher Orion, Sothis, die Planeten und die Götter
der Schalttagsgestirne (S. 7) folgen.

g) D e k a n g ö t t e r
Auf Grund von Verschiedenheiten in W ahl und Verteilung der Dekan­
götter lassen sich unter den Himmelsbildern aus Theben zwei Gruppen unter­
scheiden, von denen die eine zunächst im Grab des Senmut (Taf. 3), dann in den
Tempeln der Könige Ramses II. und Ramses III., also vor den Randbergen, die
andere im Grab Sethos I. (Taf. 5) erscheinen, und die hier deshalb alsTempel-
und Gräbergruppe unterschieden werden. Zu der Tempelgruppe gehört auch das
Himmelsbild auf der Wasseruhr AmenophisIII. in Kairo (Taf.4). Inden Gräbern
der Könige Ramses VI., Ramses V II. und Ramses IX . sind die Bilder beider
Gruppen vereint und zwar so, daß der Himmel aus den Tempeln zunächst
in Gegenrichtung dem Himmel der Gräber zugeordnet wird. Im Sethostempel
in Abydos sind Fragmente des Himmels einer weiteren Gruppe erhalten.
Die Zuordnung der Götter folgt Regeln, die aus der Bildung der Jahreszei­
ten-, Gau-, Nil- und Feldgottheiten bekannt sind. Freilich finden sich hier Aus­
nahmen. Hiernach ist zu erwarten, daß Dekannamen der Sprachform ent­
sprechend Götter oder Göttinnen, gegebenenfalls auch Paare und Genossen­
schaften zugeteilt werden. In der Tat wird in der Tempelliste als Gottheit des
Dekans „Geierweibchen“ , in beiden Listen als Gottheiten der Dekane „Schaf“

1) S o ü b e rse tz t B r u g s c h (Thesaurus S. i6 o f.).


2) A u f den K a len d erb ild e rn (S. 12, A n m . 5) feh len die G ö tteran ga b e n . D ie S tern e der
D ek an gru p p en sind h ier u n ter den fü n fza ck ig e n Stern en der D ekan n am en run d (wie
k le in e Sonnen) gezeich n et.
Dekangötter. Alte Sternbildgötter und Dekanfelder 9
und „Sothis“ die Göttin Isis genannt und mit wenigen, besonders zu unter­
suchenden Ausnahmen den männlichen Dekanen, auch wenn sie durch Dekan­
teilbezeichnungen wie „Vorläufer“ von weiblichen Sternbildern wie „Geier­
weibchen“ gebildet sind, Götter zugeordnet. Die Dekane „B lätter“ (Dual)
und „Männerpaar“ werden durch Götterpaare, der Dekan Knmw mit plu-
ralischer Namensform durch eine Göttergesellschaft vertreten.
Meist stehen als Götter einzeln, zu zweit oder zu viert, menschen-, affen-,
schakals- und falkenköpfig dargestellt, die Horuskinder. Sonst erscheinen
Horus, falkenköpfig oder als Vogel, Seth mit dem Kopf des ihm heiligen Tieres,
als Gott des Orion Osiris und als Göttinnen Isis, einmal mit Nephtis als Paar,
und für Teile der Figur des Orion das „Horusauge“ . Besondere Gottheiten
finden sich unter den fünf ersten Gottheiten der Gräberbilder.
Durch diese Zuordnung scheinen die Dekane als Erscheinungsformen,
in denen sich ihre Götter, oder, wie unten (S. 15) gezeigt wird, die Seelen ihrer
Götter verkörpern, erklärt zu werden. Dies gilt vor allem bei den Dekanen,
die noch wie „Geier“ , „Schaf“ , „Orion“ und „Sothis" die Namen der Stern­
bilder tragen. Auch die Beziehungen der Göttinnen Isis und Nephtis auf
die zu „Lippen“ und dann zu „Blättern“ gewordenen „Schilfbündel", des
Götterpaares Horus und Seth auf das zum „K eltergott" gewordenen „Männer­
paar“ und die paarweise Zuordnung der vier Horuskinder zu den beiden
Vogelpaaren der „Geister-“ und „Seelenvögel“ 1) kann so verstanden werden.
Überhaupt ist die Verbindung von Gottheiten zu Dekanen, die alte
Sternbilder oder ihre natürlich gegebenen Teile bezeichnen, innerhalb der
altägyptischen Theologie, die in gleicher Weise Teile von Türen, Schiffen,
Netzen und vergotteten Körpern auf Götter bezog, mühelos zu verstehen.
Schwierigkeiten ergeben sich erst dort, wo auf Dekane, die in zufällig ent­
standenen Stembildteilen oder Anschlußfeldern stehen und sich darum
nicht eigentlich in Figuren verkörpern können, Götter bezogen werden. In
den meisten Fällen sind dies Paare der Horuskinder, so daß es scheint, diese
Götter seien gleichzeitig mit den Teilbezeichnungen und der Benennung von
Anschlußfeldem als Dekangötter eingetreten. Aber auch hier finden sich andere
Lösungen. So ist in den Gräberlisten dem ersten Dekan „Vorläufer des Geiers“
der Erdgott Geb zugeordnet, vielleicht weil dort in der Idealstellung die Dekan­
reihe die Erde berührt.2) In der Tempelliste stehen an seiner Stelle wieder
Horuskinder, was der ausgleichenden Entwicklung altägyptischer Theologie
entspricht.

h) A l t e S t e r n b i l d g ö t t e r u n d D e k a n f e l d e r
Wenn die Dekangottheiten gerade dort, wo Dekanfelder durch Tei­
lung oder Verschiebung von Sternbildern geschaffen worden sind oder ent­
stehen, als sekundär eingesetzt scheinen, liegt es nahe zu vermuten, daß
sie als Götter der Sternbilder schon vor der Einrichtung der Dekanreihe vor­
handen waren. Zwei weitere Eigenheiten der Dekangötterreihe, die Setzung der
1) In den M R -L isten fehlen noch die Seelenvögel. M öglich w ä re auch, daß ein st die
'H o ru sk in d e r’ , die j a au ch als 3 h m (N am e der G eistervögel) gelten , einm al einem
S tern b ild v o n v ie r G eistervögeln zu geord n et waren.
2) O d er so llte die B e is ch rift „ G e b " ein m al zu einem d o rt an sch ließen den B ild der
E rd e od er des E rd g o tte s g e h ö rt h aben und sp ä ter irrtü m lich a u f den G o tt des ersten
D e k a n s bezogen w orden sein.
10 D ie altägyptischen D ekane

gleichen Gottheit unter mehrere Dekane eines Sternbildes und Unstimmig­


keiten in der Beziehung von Dekan und Gottheit können unter dieser Annahme
erklärt werden.
So gelten als Götter der drei Dekane des Sternbildes Hntw drei auf die
Felder verteilte Falken, was vermuten läßt, daß die eine Gottheit des Stern­
bildes für seine zu Dekanen gewordenen Teile mehrfach gesetzt worden ist.
Auch das unter vier Dekanen des Sternbildes Orion stehende Horusauge
dürfte zunächst als Gottheit eines Teils dieses Sternbildes gegolten haben, bis
es bei der Dekanbildung mehrfach gesetzt wurde und auch für sprachlich
männliche Körperteile eintritt. Die nun nebeneinander stehenden Gottheiten
wurden vielleicht, wie dies der Berliner SZ-Sarg (Taf. 9) zeigt, durch Zusätze,
dort „groß“ , „gefürchtet“ , „herrlich“ und „flammend" für das Horusauge,
als verschiedene Formen der alten Sternbildgottheit unterschieden, wie mög­
licherweise auch gleiche Gottheiten verschiedener Sternbilder.1)
Unstimmigkeiten in der Zuordnung von Dekan und Gottheit finden sich
besonders unter den beiden großen Gottheiten „Orion“ und „Schiff". Dies
bekundet sich schon darin, daß bei diesen Sternbildern die Feldzeichnung aus­
setzt und so die Verteilung der Gottheiten auf die Dekane nicht festgelegt
ist. Hierdurch werden gelegentlich die Götter von den zugehörigen Dekanen
arg verschoben, so stehen in einer der Listen des Grabes Ramses VI. Isis und
Nephtis, die Göttinnen des Sternbildes ,,Schilfbündel", unter dem Dekan
Hnt. t-hr. t.
Gerade die Namen der Dekane „Schilfbündel“ , „Fische" und „Männer­
paar", die in den NR-Bildem über der Zeichnung des Sternbildes „Schiff"
stehen, verändern ihre Bedeutung (S. 5), zwei dieser Sternbilder fallen in
einen Dekan zusammen. Hierdurch muß auch die Götterzuordnung gestört
werden. In den Bildern stehen noch Isis, Nephtis, Seth und Horus in oder
über dem Schiff. Seth und Horus sind jetzt den Dekanen „Mitte des Schiffs“
und „Keltergott“ zugeordnet, sie gehörten vermutlich einst zu dem Stern­
bild „Männerpaar“ oder dem Sternbild „Fische“ . In dem Grab des Senmut
steht an ihrer Stelle zweimal der Gott Seth, in dem Berliner SZ-Sarg zweimal
der Gott Horus.2)
G R ist die ganze Götterreihe verloren. An ihre Stelle treten Götter, die
jetzt in Beziehung zu den einzelnen Dekanen stehen. Schon in den jüngeren
NR-Listen wird gerade für die über der Sternbildgruppe Schiff stehenden
Göttemamen meist der Vermerk „leer“ gesetzt, der auf dem Berliner SZ-Sarg
nicht geschrieben wird, so daß einige der noch dargestellten Götter keinen
Namen tragen. Bei anderen Dekanen fehlen hier unter den Namen der Götter

1) So w aren die D ekan gö ttern a m en der G räb erliste „ D ie v o r den S tern en b efin d­
lich e“ (in den L iste n zu „ S e e le v o r ih re n T au se n d “ w o h l verd erbt) u nd „H e rrin des R in d es“
w ohl ein st B ein am en der G ö ttin Isis, die bei der D ek an feld teilu n g als G o tth e ite n der
neuen D ek an feld er selb stän dig w urden. Im G oldsaal sind sie m it besonderen G esta lten
d argestellt. Im G rab R am ses V I . stehen N am en und B ein am en in einem F e ld b ei­
einander.
2) V erm u tlich w aren sow ohl dem S tern b ild „M ä n n erp a ar“ w ie den „F is c h e n "
H orus und S eth zu geord n et, w as den B efun d im S en m u t- und im B erlin er S Z -G ra b er­
klären w ürde. H orus k a n n n atü rlich in der S Z a u ch den g e ä ch teten G o tt S e th ersetzt
haben. D ie gan ze G rupp e sch ein t m ir ein m al als B ild eines Sch iffes, w ie w ir es v o n B ild ern
des N R a u f Särgen und P a p y ri (m it /m s-Z e ich en (S. 4, A n m . 3) und Fischen) kennen,
zu sam m en gehört zu haben.
Alte Sternbildgötter und D ekanfelder. D ie Dekane als Zeitsternbilder II

die Bilder. Der Verlust der alten Götterreihe in G R Zeit ist die letzte Folge
der einst vorgenommenen Gliederung ungleich ausgedehnter Sternbilder zu
astronomischen Einheiten, mit der die Bedeutung und Verehrung der alten
Bilder zugunsten einer neuen Reihe zurücktreten konnte.

i) D ie D e k a n e a l s Z e i t s t e r n b i l d e r
Die ältesten an der Innenseite von Sargdeckeln des MR erhaltenen Dekan­
listen sind als Kalendertafeln angelegt. Sie werden für diese Bestimmung
durch ein Liniennetz in zwölffächrige Felder geteilt, die in den guten Listen
als Überschriften die Bezeichnung der sechsunddreißig Dekaden, der zehn­
tägigen Wochen des Jahres, tragen. In diese Dekadenfelder sind die Dekane
derart eingetragen, daß sie von Dekade zu Dekade um ein Fach aufrücken,
d. h. eine Stunde früher aufgegangen sind, bis sie nach zwölf Dekaden ver­
schwinden. Zur Dekadenbestimmung dient der jeweils bei Sonnenuntergang
aufgehende Dekan, dies zeigt die Stelle der Einschubbilder (S. 7), die in
den guten Listen zwischen den Aufgängen der Dekane Sothis und Geier,
dem ersten und letzten der Dekanreihe dieser Zeit, zu stehen kommt.
In einfacher Form ist dieser Dekankalender für den dreifachen Zweck
geschaffen, an Hand der Dekanbeobachtung den Ablauf des astronomischen
Jahres, der Dekade und der Nachtstunden zu messen. Die Bestimmung für
den praktischen Gebrauch zeigt ferner der Umstand, daß die Dekadenüber­
schriften die Zeiten des gegen das astronomische Jahr verschobenen zivilen
Jahres anzeigen, da wenigstens in den älteren Listen nicht der erste Dekan,
der „Geier“ , sondern das „Männerpaar“ in der ersten Dekade der Jahres­
rubrik zur ersten Nachtstunde aufgeht. Im Gegensatz dazu ist auf den Tempel­
bildern aus der Zeit des N R in Theben die Dekanreihe auf den Anfang des
astronomischen Jahres eingestellt. In ihnen beginnt die über das Bild ge­
setzte Jahresrubrik nicht mit dem ersten Monat des zivilen Jahres, sondern
mit dem dritten Saatmonat, in dessen ersten Dekade auch in den älteren
MR-Kalendem der „G eier“ als Dekan des ersten Feldes nach dem Einschub­
bild des astronomischen Neujahrs aufgeht. In einem dieser Kalender aus
Gebelen schließt an die letzte Dekade des zivilen Jahres das „Fest der fünf
Schalttage“ (S. 7) an, für die auch in anderen MR-Listen besondere Ge­
stirne, vielleicht schon Planeten, eingesetzt sind, die dann seit dem N R mit
anderen Sterngruppen der Dekanreihe folgen. Zu diesen Sterngruppen ge­
hören jetzt auch die Dekane, in deren Feldern im MR die Gestirne der Zusatz­
tage aufgehen.1)
Nimmt man an, daß die sich aus der fünftägigen Schaltung ergebende
Verschiebung mit der Zeit durch besondere Schalttage ausgeglichen wurde,
so beruht doch das zur Bestimmung der Nachtstunden dienende Schema auf
einer Annahme, die astronomisch nur während der kurzen Nächte des Jahres,
in denen zwölf Dekane zu den zwölf Nachtstunden aufgehen, zutrifft.
Dafür, daß die Dekane zur Bestimmung der Nachtstunden dienten,
kann ein weiteres Zeugnis erbracht werden. Auf der Außenseite einer von
dem König Amenophis III. in einen Tempel von Karnak gestifteten Wasser­

1) D ie D ek an e Ipd s u nd Sbs-sn ersch ein en G R w ied er in d en L iste n . D ie D ekan e


W s-tj und B k .t j stehen als D ie n erg o tth eiten b e i den G ö ttern d er S ch a ltta g e in den
D ek ad en listen (vgl. S. 7) ( B r u g s c h , T hesaurus, 22).
12 D ie altägyptischen Dekane

uhr aus Alabaster mit farbigen Einlagen1) ist das von den Deckenbildem der
jüngeren Tempel von Theben bekannte Himmelsbild angebracht. Diese
Wasseruhr wird wie andere ihrer Art mit Wasser gefüllt, das aus einer kleinen
über dem Boden befindlichen Öffnung während zwölf Stunden ausläuft.
An der Innenseite der Wandung sind für jeden Monat zwölf übereinander
stehende Punkte bezeichnet, zu denen der Wasserspiegel in den verschiedenen
Monaten von Stunde zu Stunde sinkt. Da die Nächte in zwölf Stunden geteilt
wurden, die mit der Länge der Nächte zu- oder abnehmen, liegen auch die
Teilpunkte der verschiedenen Monatsreihen dichter oder entfernter überein­
ander. Auf dem Rand sind über den Punktreihen die Namen der Monate an­
gebracht.2)
Unter dem um die Wandung gelegten Himmelsbild sind die Gottheiten
der Monate angebracht. Die Gegenwart dieser Gottheiten, die auf anderen
Wasseruhren auch allein stehen3), scheint aus der Einrichtung der Wasser­
uhr selbst genügend begründet. Die Anbringung des Himmelsbildes könnte
aus dem Bestreben, die Wasseruhr als Zeitmesser dem Himmel und seinen
Gestirnen anzugleichen, erklärt werden. Jedoch zeigt ein auf zwei Bruchstücken
von Wasseruhren erhaltenes Textfragment, daß noch in einer anderen Weise
eine Beziehung zwischen beiden vorlag. Nach dem Text soll die Wasseruhr
„die Stunden der Nacht festlegen, wenn die Dekane nicht gesehen werden
können“ 4), woraus entnommen werden kann, daß bei guter Sicht die Dekane
zur Stundenbestimmung dienten. Borchardt gibt in einem Anhang seines
Buches einen Text bekannt, in welchem ein unter den ersten Königen der
18. Dynastie lebender Astronom von der Konstruktion einer Wasseruhr be­
richtet. Dieser Astronom rechnet mit festen Stunden und bemerkt, daß die
Nächte in verschiedenen Monaten einmal 14, einmal 12 (eine weitere Angabe stand
vielleicht in einer Lücke des Textes) dieser festen Stunden betragen habe, und
richtet die Wasseruhr für die verschiedenen Längen der Nächte ein, so daß
die Zeiten des Jahres bestimmt werden konnten und jede Stunde richtig lag.
Die Art der Stundenbestimmung der Wasseruhren an verschieden ge­
dehnten Punktreihen läßt vermuten, daß auch die Stundenbestimmung
mittels der Dekanstände5) auf die Nachtlängen eingestellt war, so daß sich
die Stundeneinsätze vor und nach Mitternacht gegen die Dekanstände der
Länge der Nacht entsprechend verschoben. Die Stundenrubrik der Kalender­
tafeln gäbe demgegenüber nur ein allgemeines Schema, das die im praktischen

1) L u d w i g B o r c h a r d t , D ie a ltä g y p tisch e Zeitm essung, in E . v . B a s s e r m a n n -


J o r d a n , D ie G esch ich te der Z eitm essu ng u nd der U hren I ö ff., T a f. 1. B . W . S l o l e y ,
P r im itiv e m ethods of m easurin g tim e (The Jo u rn al o f E g y p tia n A rc h a e o lo g y 17 (1931).
i6 6 f f ., T a f. 19, 20) (Taf. 4).
2) D iese M on atsan gaben scheinen v o m R a n d der W asseru hren a u ch in die H im m els­
b ild er der T h eban isch en T em p el, die B o r c h a r d t a u f das H im m elsbild der W asseru h r
zu rü ck fü h rt (op. cit. 7), übernom m en zu sein. D ie D e k an liste der W asseru h r g e h t w ieder
a u f die L iste im G rab des S en m u t (Taf. 3) oder a u f eine gem einsam e V o rla ge zu rü ck ; d o rt
fehlen die M on atsd aten , an S te lle der M o n a tsg ö tter fin d en sich in 24 G rad e (Tag- und
N ach tstu n d en ) g e te ilte K re is e m it B e isch rifte n d er M on atsfeste.
3) B o r c h a r d t , op. cit. 7 ff., T a f. 4.
4) B o r c h a r d t , op. cit. 8, A u slau fu h r 3 (London), 9, A u sla u fu h r 10 (F lo ren z)T af. 4,3.
D ie D ek an e w erd en m it dem G R o ft belegten W o rt Bzk. tjw b ezeich n et (s. S. 3).
5) D ek an stän d e sind in den K a len d erb ild ern v o n A b y d o s (Sethos I.) und
T heben (R am ses IV .) (Taf. 6, n ach B ru g sch , T h esau ru s 167 ff.) u nd einem K a len d er
v o n A b y d o s (M erenptah) erh alten (S. 2, A n m . 1).
D ie Dekane als Zeitsternbilder. D ekan- und Dekadengötter der Spätzeit 13
Gebrauch durch ein besonderes Verfahren zu bestimmende Stundendehnung
im Jahresablauf außer Acht läßt.
Die Verbindung von Dekanen und Nachtstunden wird noch in GR Zeit
erwähnt. Am innigsten ist sie an den Architraven von Kom Ombo durch­
geführt, wo die Dekane mit dem ersten beginnend den zwölf Nachstunden
jeweils als „ihr Stern“ zugeordnet sind.1) In diesem Tempel werden die Dekane
„Ihr Dekane (Bik.tjw ), die nach (dem Untergang) des Sonnengottes auf­
leucht en. die täglich im Kreis laufen, um ihn (in der Nacht) zu vertreten,
indem sie aufstrahlen, wenn er am Abend untergeht.“
angerufen, woran anschließt:
„Die Stunden (ergeben sich) aus ihrem Kreislauf.“
Ebenso sind sie in Esne
„Die Dekane (Bzk. tjw), welche in der Nacht aufgehen,
nach deren Kommen die Stunden bestimmt werden.“

k) D e k a n - u n d D e k a d e n g ö t t e r d e r S p ä t z e i t
Wenn die alte Vorstellung, die in Sternbildern Erscheinungen von Gott­
heiten sah, in die Praxis der Zeitbestimmung mittels astronomischer Ein­
heiten eintrat, mußten Zeitgottheiten entstehen. Wie oben verfolgt wurde,
geschieht dies zunächst mittels Anpassung der alten Reihe durch Einreihen
neuer oder Mehrfachsetzen der alten Gottheiten, wodurch die alte Zuordnung
mehr und mehr gestört wird, bis mit der Spätzeit die alte Götterreihe ver­
schwindet. Zu dieser Zeit erscheinen zwei neue Reihen von Göttern mit Dekan­
namen, von denen die eine gabenbringend zunächst an Thronen von Statuen,
dann an Tempelwänden, den Nilen vergleichbar, friesartig erscheint.2) Die
andere tritt an Stelle der alten Reihe in die Himmelsbilder an den Decken
der Tempel ein.
Die Listen der Friesreihen bewahren in einigen Fällen die Anordnung
des N R und erweisen sich so als älter. Sie schalten nach je drei Dekanen eine
besondere durch ihre Haltung als Vorsteher gekennzeichnete Gestalt mit
Götterbeinamen wie „Der, dessen Kraft groß is t3)“ ein. Durch diese Einschübe
werden die Listen rhythmisiert, was sich auch auf die Gestaltung der Dekan­
bilder auswirkt. Jeder dritte Dekan wird als löwenköpfige thronende Göttin,
der Dekan davor meist als aufrecht stehende Schlange und der erste Dekan der
Gruppen als ein gabenbringendes Wesen dargestellt. Die Gliederung in zwölf
Genossenschaften von je einem Vorsteher und drei Göttern, die Anfügung von
Haupt- und Dienergottheiten der fünf Schalttage zeigen, daß diese Gottheiten
für die Zeiteinheiten des Jahres, seine Monate, Dekaden und Schalttage
stehen, zumal da Sothis die „Herrin des Jahres“ die Götterreihe anführt.4)
Die Götterreihe der Tempeldecken hat die Gegenreihe der Ramessi-
dischen Königsgräber (S. 8) beibehalten, die Dekane sind nun wieder auf

1) D ie folgen den a c h t D ek an e sind den ersten a c h t T agstu n d e n zu geord n et, das


F e ld der le tzte n v ie r T agstu n d e n is t n ich t ausgefü hrt.
2) G. D a r e s s y , L a sem aine des É g y p tie n s, A n n . 10, 2 i f f . , i8 o ff.
3) D ieser N am e ist schon in den H im m elsbild ern des N R als N am e eines G o ttes im
N ord him m el belegt.
4) B r u g s c h , T h esa u ru s S. 14, 110 u. a.
14 D ie altägyptischen Dekane

die einfache Zahl reduziert, so daß in jeder Reihe nur die Hälfte der Dekane
erscheint. Es ist dies das erste Anzeichen der Vorstellung eines Kreislaufs
der Dekane, der dann im Rundbild von Dendera, dem Tierkreis angeglichen,
dargestellt ist. Orion und Sothis sind an den Anfang oder aus dem Kreis
gerückt und gelten nicht mehr als Dekane.1) In dieser Reihe ist jeder Dekan
durch eine besondere jetzt in einer Barke fahrende Gottheit vertreten.2)
In den Architravbildern des Tempels von Kom Ombo werden die Dekane
außer mit den Nacht- und Tagstunden mit Hauptstädten der Gaue Ägyptens
in Verbindung gesetzt. Auf die Beischriften der Stundengöttinnen folgen in
den ersten vier Stunden die Vermerke: „der dazugehörige Stern ist
(Name des Dekans), er besteht aus . . . (Zahl) Sternen, man opfert ihm in . . .
(Hauptstadt eines Gaues)". Für die ersten Dekane sind die Städte Letopolis,
Buto und This angegeben. Die Beziehung des ersten Dekans zu Letopolis
hat H. J u n k e r festgestellt.3) Der in der Barke fahrende Gott ist der Gaugott.
Der in Buto verehrte zweite Dekan ist ein Horus, der in This verehrte dritte
ein Onuris, die auch sonst als Götter dieser Städte und Gaue gelten. Da bei
der Zuteilung der Gaugötter nicht geographisch verfahren ist, lassen sich die
anderen Götter, zu deren Dekane die Stadtangaben nicht gegeben sind, nur
unsicher bestimmen.
In einem späten W eltbild4) sind die Gaue wie eine Windrose um den Rand
der Erde gelegt. Da diese Vorstellung den wirklichen Verhältnissen gar nicht
entspricht, dürfte sie durch Angleichung an ein anderes Prinzip hervorgerufen
sein. Vielleicht ist dies in der Beziehung der Gaugottheiten zu den Dekanen
zu suchen, die in ihrer Bahn ihrerseits aus Zeiteinheiten zu Feldern eines
sechsunddreißigteiligen Kreises6) geworden sind, nachdem lange Zeit über ihre
Rückfahrt zum Osten sicher auch ganz andere Vorstellungen bestanden
haben.6)
Mit den Dekadenprozessionen treten Götter der Zeit in eine Rolle, die
ehedem den Ortsgottheiten Vorbehalten waren. In den Himmelsbildern er­
scheinen Ortsgottheiten in der Zeitreihe. Diese Verflechtung ist eine der
späten Blüten altägyptischer Spekulation, die gegenüber den eindringen­
den Geistesmächten noch einmal einsetzt und das überlieferte Gut syste­
matisiert.

1) D ie D e k a n e a l s l e b e n d e S e e l e n d e r D e k a d e n g ö t t e r
Der Oberteil eines in Paris befindlichen Naos aus Saft el Hena ist an den
Seitenwänden unter einer Inschriftzeile in Reihen von je vier Fächer auf­
geteilt, von denen die erhaltenen je einer Dekade zugeschrieben sind.7) In
1) T e ile des S te rn b ild e s O rion gelten w e ite r als D ekan e.
2) So in D end era (V orhalle) (L ou vre D 38, T a f. 10) u nd E sn e, a u f dem R u n d b ild
von D end era (Taf. 11) ohne B arken .
3) H . J u n k e r , D ie Onurislegende, D en ksch riften , K . A kad em ie der W issen sch aften,
P h il.-H ist. K l., W ien (1917) 59, A b h . 1/2, 42.
4) H . S c h ä f e r , W eltgeb ä u d e der alten Ä g y p te r, 86, n ach T h e B u lle tin of th e M etro­
p o litan M useum of A rt, N ew Y o r k , 9, 117.
5) K . S e t h e , Z e itrech n u n g (III), S. 98.
6) K . S e t h e , A ltä g y p tis ch e V o rstellu n gen v o m L a u f der Sonne, S itzu n gsberich te,
P reu ß isch e A kad em ie d. W issen sch aften, P h il.-H ist. K l. (1928) X X I I . S. A . 6 ff.
7) B r u g s c h , T hesaurus I 7 9 ff. D e s c r i p t i o n de l ’E g y p te V , T a f. 48, T e x t 10,
543t. D em B e r l i n e r W ö r t e r b u c h v erd a n k e ich die B en u tzu n g v o n A b k la tsch en des
D enkm als, das sich im L o u v re (D 37) befind et.
D ie D ekane als lebende Seelen der Dekadengötter 15
dem Fach jeder Dekade sind übereinander drei Gottheiten dargestellt, die
sich nach den Beischriften als drei Erscheinungsformen einer Gottheit heraus-
stellen. Gottheiten und Erscheinungsformen sind in allen Dekadenfeldern
die selben.
Die Hauptform dieser Gottheiten ist ein mit Falkenkopf, Löwenleib und
Menschenarmen gebildetes Mischwesen, das auf einem „Saft el Hena“ genann­
ten Thron steht, ein Doppelfeder- und Sonnendiadem trägt und Pfeil und
Bogen hält. Über ihm steht in einer auf einer Schlange fahrenden Barke
jeweils eine mit Vogelleib und Menschenkopf unter einem Sterndiadem dar­
gestellte Seele hinter dem als Lampe dargestellten Stern, unter ihm ein wei­
teres Mischwesen mit Löwenkopf und Widderleib, durch die weiße Krone
und Widderhörner gekrönt.
Wie diese Erscheinungsformen sind auch die Beischriften bis auf die
Dekadenangaben und den in den Dekadenfächem vor den unteren Feldern
stehende Anrufungen überall gleich. Sie lauten zu der im Schiff fahrenden Seele:
Datum (Dekade).
„E in Opfer wird diesem Gott von dem König dargebracht in Saft el Hena,
um das Land vor Unheil zu schützen.
Man erbittet Wasser, Wind und Felder (guten Saatenstand) von ihm
in seiner Dekade in Saft el Hena.“
Über und neben dem Gott steht jedesmal:
„E r steht in diesem Bild als ,Stern, Herr des Unheils'.1)
E r kommt hervor aus dem Tempel von Saft el Hena in seiner Dekade
für den Botendienst2) in dem Lande.
E r ist es, der den plötzlichen Tod gibt.“
Bei der jeweils unteren:
„Sein lebender .Widder' auf der Erde, der Herr des Landes.
Man erbittet Leben von ihm in seiner Dekade
in Saft el Hena in diesem Bild.“
Da die Zeilen der jeweils vor den beiden unteren Bildern stehenden Texte
nach unten abbrechen, ist anzunehmen, daß ein Bild einer vierten Erschei­
nungsform der Gottheiten angeschlossen hat.
Durch die Beischriften sind die verschiedenen der Dekadenfächer mit
der jeweiligen Dekade und die unteren als Gottheit und ihr heiliges Tier mit­
einander in Beziehung gesetzt. In der ganzen Anordnung dürfte die am Himmel
fahrende Seele die Seele der Gottheit darstellen. Es liegt demnach ein ausge­
zeichnetes Beispiel der bekannten altägyptischen Vorstellung von verschie­
denen Mächten eines Wesens vor, dem hier außer seinem irdischen, dem Lokal­
kult angeglichenen Leib eine Seele am Himmel und ein „Widder“ auf Erden
zugeschrieben wird. Die verlorenen vierten Bilder könnten Leichname in
Mumiengestalt dargestellt haben.
Es ist hier nicht am Platz, der Verbundenheit dieser verschiedenen Formen
zu einem Wesen nachzugehen. Von den erhaltenen Erscheinungsformen der

1) U n h e il w o h l als „ S c h ic k s a l" (fatum ) zu versteh en .


2) B o te n v o n G ö ttern , v o r allem die d er Sechm et, brin gen K ra n k h e ite n , Seuchen
und (plötzlichen ) T od.
i 6 D ie altägyptischen D ekane

Gottheit, die in einer Dekade herrscht und deshalb als Dekadengottheit an­
gesehen werden kann, scheint die Seele mit dem Sterndiadem und der Lampe
den zu der Dekade gehörenden Dekan darzustellen. Auf die Dekadengestirne
beziehen sich auch die Inschriften der oberen Randleisten:
„Himmel, Erde und Unterwelt unterstehen ihren Plänen,
Sie leuchten auf und gehen unter zu ihren Häusern von Saft el Hena.
. . . Sie sind es, welche die Stürme bringen.
Sie sind es, welche die Reinhaltung des Himmels bewirken und Bewölkung
vertreiben.
Sie verbringen Tag und Nacht [indem sie Saft el Hena schützen].“

m) D ie D e k a n e a l s w i r k e n d e M ä c h t e
In den Inschriften und Bildern des Naos beherrschen die Seelen der
Dekadengottheiten als Sterne am Himmel mit Wind und Regen den Saaten­
stand. Ihre in dem Heiligtum thronenden Leiber ziehen zur Zeit ihrer Dekade
in göttlicher Gestalt durch die Lande und bringen den Tod. Demgegenüber
bittet man ihre „Widder“ um Leben und opfert vermutlich ihren Leichnamen
unter der Erde, um selbst im Jenseits an Opfern teilzuhaben. Freilich ist mit
diesem Denkmal das Zeugnis eines bestimmten Dekan- und Dekadenkultes
erhalten. Da die sonst bekannten Dekan- und Dekadenbilder andere Gottheiten
darstellen und die Haupterscheinungsform der Dekadengottheiten des Naos
in Gestalt des Gottes von Saft el Hena Sopdu abgebildet ist, kann angenom­
men werden, daß dieser K ult auf den Ort beschränkt war. Die Macht der
Dekan- und Dekadengottheiten wird jedoch in allen G R Tempeln gepriesen
und in ihrer Wirkung beschrieben. Gerade in diesem Zusammenhang werden
sie „Lebende Seelen der (Dekaden-?) Götter“ genannt.
Besonders ausführlich handelt hierüber eine Architravinschrift des
Tempels von Esne:
„D ie welche verkünden, was geschieht,
Die welche am Leben erhalten und töten nach ihrem Willen,
Die welche am Himmel aufleuchten und in Flammen erscheinen,
Vor deren Gaben alle Welt zittert.
Die (Götter) der ersten Neunheit,
Die, welche auf seinem (des Sonnengottes) Weg täglich kreisen
als lebende Seelen der Götter.
Die welche dem Sonnengott dienen,
als Boten in den Städten und Gauen.“
Der T ext1) schließt mit einer Beschwörung, aus der verstanden werden kann,
wie die Dekane als Zeitbringer von Sterngöttern zu Schicksalsmächten werden
konnten:
wie es die Sterngötter bestimmt haben
an diesem Tag, in diesem Monat, in diesem Jahr
in allen seinen Stunden.“
Gegenüber dem Dekankult von Saft el Hena ist hier die Vorstellung von
Wirkungen der Sterngottheiten noch entwickelt. Man kann in beiden Denk­
i) E in T e il der In sch rift b e i B r u g s c h , T hesaurus, S. 136, die beiden ersten Zeilen
u n veröffen tlich t.
D ie D ekane als wirkende M ächte 17
mälern die Anzeichen eines aufkommenden Glaubens an die Schicksalsmacht
der Dekane erkennen, dessen Keime vielleicht schon in Segenssprüchen, mit
denen in einem Himmelsbild des Sethostempels von Abydos1) Gaben für den
König von den Dekanen gewährt werden, oder noch früher in der Mittelzeile
der MR-Kalendertafeln, in denen der Sonnengott die Dekangötter mit Opfern
für den Toten zufrieden stellen soll2), zu suchen sind. Und doch steht noch
in römischer Zeit gerade neben Tierkreishoroskopen, in denen sich der Glaube
an die Wirkung von Sternen am klarsten offenbart, die Menschenseele in
einer Beziehung zum Dekankreis, die sich gegen die Einwirkung der Konstel­
lation abhebt. In dem Grabe zweier Brüder im oberägyptischen Athribis3)
(Taf. 12) ist für jeden ein Tierkreis mit der Konstellation seiner Geburt an­
gebracht, für beide jedoch nur ein gemeinsamer Dekankreis, der die Horo­
skope umschließt. In ihm weilen die mit Namen genannten Seelenvögel der
Brüder neben der Figur des Orion, der Seele des großen göttlichen Toten,
dessen Schicksal die Menschenseele teilen soll.
Wie hier zwei Horoskope könnten ideell beliebig viele von dem Dekan­
kreis umschlossen sein, da er für die vorgestellte Welt gilt. Die Seelen aller
seligen Toten sollen die Seele des Osiris bei ihrem Flug zu seinem Leichnam
in der Unterwelt begleiten.4) In diesem Grabe scheinen Tier- und Dekankreis
spekulativ gegeneinander für das diesseitige körperlich gebundene und das
jenseitige körpergetrennte Leben der Seele als bestimmend abgehoben zu sein.
Innerhalb des späten Dekanglaubens ergibt diese Gegenüberstellung, daß die
Wirkungen der Dekan- und Dekadengötter auf den einzelnen nur insofern be­
zogen sind, als er an einem Idealschicksal teil hat. Während dem entgegen­
gesetzt der Tierkreisglaube dem Einzelnen eine Konstellation stellt und ihn
damit von allen anderen, nicht zur selben Stunde Geborenen unterscheidet.

1) D a r e s s y , R e c. T ra v . (1899) 21, S. 3.
2) C h a s s i n a t - P a l a n q u e , A ssiou t (S. 1, A n m . 7) S. 197, M ittelzeile.
3) W . M. F l. P e t r i e , A th rib is, T a f. X X X V I f f . zu 12, 23t.
4) V g l. hierzu fü r die Seele des K ö n ig s S c h ä f e r , D ie S p itze der P yram id e K ö n ig s
A m en em hets, Ä g y p t. Z. 41, 84 f.
i8
o f - « G I
H-> СЛ
•—I TJ T3 1-. d а
^ <D
.2 P h JJ
è ’S Й Й 3
oj > CD <D
Й Й cô S ,
*Ï h g g £ § CD Й Я ^
0^ O aj g • Й
'd o а § 3 . rH
&
ÇT3 M
o
3 cos д J g gS •Й ‘ J~î
3 и
ч-t
l-t
CD 3
G ^
.W
> fi СЮ>
СЛ aj
o
■ 1S -m a) ft
5
p
»
TO CD
^ CD •G fa
« ?
Л N
2 s
G Q • СЛ
£ M en +J Q fi ai
„ P
O
G o—, TJiij
-•— - <u
CD
".S ■&. O 1Л
TJ ^
<D гй й CO
P h ^h Й <D

?CD 1(D <D


(Л • Й
Jh
*-• * .SP
-
N (D -h Td
G <D - 3 -§ o 4 ч h
Й
й Æ 43 O h - .
<u o3
ь с --0
co 'S S ^ :0 ^ сл Й
• I—I
w
w -S Ö ^ rû G
X5 N
*5 o h
<u
&
Ъ0 ^
c ..
<D
■ rÜ - Ö Е й 0 'S s™
<D h o m
(D !>

rt g ON r* ^
^ o Л
"w й
cj
co »H § to > « p
p Й
•4-J
o
■a " S
e
. O
rM
CD O rS ë ^
O
3 :
<D CD
СЛ > fin гЙ 2 Д s fi
O o3 d
X
^
«
CD ffi л
ai
!
Й
Й ^ а »4 M vh a)
0) O
<U
й
: CD
be a. T3 «
rO
o -2 o
U d Ä C 2 Ky* O co
r. o
Й 2 ^ Д •H HH
j, rû & S
Qh O
ä <D PM ^
И -Я ТЗ
(D S ’O CD I P
£ - S G G гЙ ^ л
03 _
rG “ a) Л Н „• O Ph o
c
bJD I)
B Й
G
O ья (U Оч
ni „Г 9
Л CÖ Й
Ö g
Д
biD
ce g
S g Й Uh J h ' S
é ^ Й
£
N s
+> JS a a? •SP & 2 o

CD Q
13

1н %ГО S
a)
-2 Я ^ CD 1<U1o o й Й
■*->
•« 01 s8 ТЗ CD
PL, P Й
л
Ph % s
p "O Q
<U . G
cd i l a< co
N g Q i io o
I 3
i t 3 CTj
ЛЗ Q
13 w rG
CD
o3 Й
0
(D CD »-<
<U A
O д
CO O
£
fa Ö Ö
TJ
Vh Й
Д
Ph ®
co 0 а >
o
гн «-•
й . <D <D
'S
O и
(U c
T3 <° d
•rH £ G co Q h а ü
<D tuO p Й O
Й
■й Ю G а W (D
A
:0 G CjO ® CD
S-i .Й ТЗ O . I I n . 'V . Й
T3
Й Й CD
bjO Й .g ’S й
<D
й
o c § CD
CO V-t

0 a
g
aj
G 6 g
o Ä
> и 03 1 S P O
o ’5 '
-*-> cd Cd ai 03 T h Ä M
щ j§
O
H !■ ■ § 03 S — rQ
й *G *-« > «D co ü
<u
o •— > <D P h s P M .OT
o3 •r-H
Й
CD
CiiO aj ^H
CD
£Ю
g
_
^
CD 1 ^p
Ph :«« и
a Vh •SP’S o G ’S -S
0) &j0
^ £ CD CD
i ) r rt
H :OÎ
<L> n, л * 'S * > X) <u
T3
:0 a M (D _ Д
T3 X) G H-J S p T3 -co М о й
O o3 p
c .9 <D ^
c
а
S
ü ^ й
w СЯ rO CD
u Q O m I o O
Vh d
C
QJ T3
<D Ph S -Ö
o aj
G
<D
H-»
*55 13 &ЬО 0co T3CD Й
Й
13 " д
•o3S w o CD
Й ЬО
#

CD Й Й
<D Ph

(U P CD й
«-
00 g
> Й CD cq
M CD 1 ТЗ CD tuO
M <H ни fcC Г-Ч Й
Й
<D M P P
й P <D TJ
ri -M
CD
:0 ЙP CD Й
-Й f : » CD CD 43 W
G O c/5 X)
a3
f« â - 'S Й
4-> гЙ
CD
<D O а
.г з h а P o3
Q CD P a Й
■ S I гЙ
r< . 55
•2 S o
S 03 s Й
Q P ’S
co CD
>

O H 3 '53 0 ffl "ьЬ CD P
ca

*
i8a

1 alt:
19

1 alt: Mmw. 3 in E sn e: kn m (w )-sém .


^ t*.wV»\\Awx\.a лхчаХслч. ax v . кт^тсч - 7.w 14 .
ig a
C/3
<L> J ,
^
O
«
M
ö
CO
<D 0)
ü "d 'd G
Ph O

gab.
Ph 03
u
O G G .o
<D
G
r*4

Q o
Wh CÖ CD CD O
^5"
u
In H N Jh

Namen
G
-M « <v V 'S G « rG
y-i Ü
B rü ^ g5 S CO
<D -G G
G Q h tS bß
• rH
•SP <ü

seinen
V h rG
.2
M-H
O h
•SP
HH
cö r d
<D O
Ph o :0 Q h r O .CO
:0 .S P
c/3
•>— 1 c f
Jh ^ •SP • :0 H-J
r^J CD *5 rG* P <M CO G
G G :0Ph -4-» aj <D :0 r— I 'S rG
u 0)

Dekan
KJ cö O h +->
CD 0 O rrl■ <D
CO *-i
CO :° r 2 <D •+->
r±H
r— 4 u ^G C/3 *’-1
% v-j o) cö G '■Ö O cö
CÖ .55 H G
cö rC rD § N .53 H ÖJ) 0
rO -6 rD
O in co 2

2 Das alte Sternbild, das dem


CD C/3 <D
rQ 0) nd G
nd 4) G
G v
’S T3 r2 o G .ß
•I— t ^ G
:0
rG
O <D
aj <N
0 G CD
-+-> a)
rG
S
ö
co > I
CO
G
G
13
£ I cö 'S P O

CD O rÖ
G
S? J
G 1 Ö 7. <D

3 alt; si.wj sr.t.


G
O
w CD
G (li T) 3 «2 y
<D
G
G
TJ bo
C/5 (D O -g cd g
bJO w & ffi S M :0
G

•SP
HH rt O M
H—I P h ’S ^ $ u +->
G JO CD rH.
•3 o fi
:0
03 S &
rG tuo O
S
r*
'd Ö - G
nd G
fe o 'SOh rd
13
CO A S K
S -2
:0 O J S _ö
rG * ö o
ro H r3
CD ^ CO s

1 a T3 ö r*
cö "K ^ cö 'S 3
Ph 3
•Ä H <! co xi S ffi o S
rO ■s •8 «
W
Nach ähnlichen Darstellungen der Königsgräber und aus dem
CO cm

CD <D G r^
Ü
G
CD Ph M<D
H
& -*-» CD G o Ph
& <D Ü S M :0
Q
O B £
G
<D *H
u 4CO
h G CD
T3
^ts” M oS Gl CU rG
O T3
Ul G
Hh V h M •Ö
+->
G
* s (D 03 •M
SP
H •HSP
^ cö

CD •SP G CD <D ^h a
Begräbnisritual vielleicht eine Grube.

u pH
H
P
03 ^
Sh S -4 :0 G S :0 h
•rH
CD a , tuo
t—! CO
CO r^ :0 > s
U 'S r^
.SP 03

s-i S *aT G
(h co *; g
CO U 6 'S 1— 1
Ph h-J
T3
g § :0 O T3 Oh

r^ :0 O
^ u co rG r*J
:G 13 ^

Ph G
S co
ü

rG
.co .G
^ G

CO pCH
rG
<D
o
CO

^3
s
co •W
»’

co rO
C0 w W l §
00 s* IO
C CO in vo
CM M CM
20

übereinander­
G G ^
s • cd aj o--
o
G .i-H
D
1=1

43 O
c/3 M
CD ^
S
rG :Gi
■ -M
"d
II
H ü
Cn U
o ÖjO ü a CD ^
cd G ^ № o +-» eo
G .a ^
cd T3 <d ^ ^ Jh
O cd -*-» Ö Ö f3 £
Ph
SG o>
^N 0>

2 in 29 die Beine überhängend, in 30 angezogen,


u o <u 2 <u +2 to tuo

3 33 und 34 in Esne aus Raummangel (?)


Cd
Ph « M- h-J A S cd
iS ^ <L> O
<D ^ 03 4->
s -, aj s 6 hJ

G rG okyT ^P h 3 fl s -M aj hß S -h
C/3
•J3 rOc°n y N
G cd T 3 Td •rj G
w
"» £
nd
f l <u Cd
cd t«
c/3 G s g « ö
G ° rG -S 'S °
3 s
O 0)
C/2 C/3
^ ä> ' sK

rG 2 s
o W p<

i-T _S G ^ 1=1 s •-
p < CD 03 U
o <D ö -l-> 2 6.
o> g 3 JÖ
c os
O
<D «1 § 1' S
C/) cn pq M-H
0)
rO G <13
C/3
»a «H-r G S

o 3 I - -4-> Ph ^ S Cö £
G
G 2c/3 G- T.Si *g O ■ti <u rG G<13
S « N S .5 _T ° tuo
G CO G
P4 .SP
i+H
G cd
tn rt 0) cd

stehend,
G G
O a>
:0 - ►j J-l G 03 £ ^ . s Ph
0> 0> G
H-< So ö1 -2

G
<D s i
G
cd G
cd
ß £
^ ^ ^
ä o
J-H • I—(
<D

G
0) <V d) P . j-h
Q -c/3 IrG
G O
cd m
rO
aj
G
•G
r* Vh
cu
03
^
° ’S
ü
d
5
^
H) O
•^
rG
c^
<D
<u
•S W >
o 03

in Ersatz des ausgelassenen Dekans 22 (von dort bis Nr. 27


Nur in D e n d e r a , P r o n a o s als Wiederholung von 26, wohl

scheint die Reihe in D e n d e r a , P r o n a o s um einen Gott


« M

o> T3 -ü T3 0) ' 03
Ph S G Ö c
fi cd in
G
O £ Ö <u
cu
o 3 G Vh ■4-» 2H a,
W rü g - ffi <Ü M CO r^ o
C/3 C/3 ^ <u ^ t3 G
o G «
aj O) S +*' S N
G ^ s •5 ^ iS
G
O rG i_ j aj fcn
l ycd W
^ S g
t* O P C ^<U vG
J-H
-M
AJ T 3 N o - o> •SP &io Ph
cö •S g 6 HH
^H •S
HhP
0) ™ 'Ö s-H <D __T ^ rG
:0 r4 &,
:0 •SP
03 Ä J-H
«+H
"d 'S K -S cd ^o ^S
3 r* O ' 03 Ph
G :0 cj
0» w in D G a b/3 <13 :0
<D ^4 G .
T3 'S« 03 £ o ö !z r^
o c3 s « S s
-
rG H fl
O ~' aj ^ G
nd rG fl “ s S °ö G
r£ CO w 03
XJ ^ Ö ö ^ S 'S I
•rH C/3 G öR >
<U
— < S S § s ^ 13 *
M M Ph

G ^3
verschoben).

cd
r^J S
o> *W»
»o *D
Q p<- 1^1 ’I 5
£
r<> «0
GO O'' ö H oi CO
CO CO co CO
21
a> u C
/5 Ö —
1
rQ <D <D
G •rH g g . Ph ca SX .' Ö§ G
<D T3 d ^ £
tUD
G
aj * V) rG Ph ’S
G O ?P § "Cl. O £ K ai w
H
.9 3 CO O
Ph G a c/3 <u Q ß 9 H
<
cd £ SS CD N u d
G G Pn •P £ , G rC o
.9 *5 8
- <ü o G y
» *-< I£ ?
B
•SP *9 cd O S S 2 :0 »->
O <D <u CO
i—'
a> 0 5 .s S >
<ü £ SP ö o 2 ft bjO bß
rG <D ’S «& °u <u g nrt <D & 1 •H—I 13
bO *H rG tuo rt P-l bp tsj Ph Ph «• §
nd
G S Ph o
:9 « IT ] CO :0 :0 G <U s
o tu r* s
G ^ f t 25 G co
•'S
’S f « <D <D
G M MH rS
=o S G G
<D <D <D 'M
r^ J-H t p T3

N0. 32 nur 35).


g s G ö f t 22 G O I £ ö <D G *_,
O }> o f l cd V-I hh cd o
<D > *
[2 I
s ! ^
t-i
cr i «
(j
s 1 * fe W
£
£

Ph
*G u
O
P h
O S £
. ö P h
« « O
u ]D
<D <D «

von
bp *+H
G G
rG rG J 3 <D
O O G

Auslassung
'S 3 rG
O
C/3 O
•SP
Hh •SP
S-H j) £
Ph
:0 .
P h
:0 • •SP^ •SP
Hh vJ
HH <u
r* r^ r* r>. r -H
.8 * 1:0
g ä g 3 'S <t> f I

durch
<D Ü
^
Ö
o ö S
£ ’S I ’Sco IrG *h S ^o
^3 c o G <->
cj QJ CO S ^ •SS W aj
CO ,o

Esne
s
Ih
0) <D G G
«3 <D <D
U Wh "O
G •rH 36 (in
< G <D
I • <ü O rG
(U
o & G -»->
H->
^ fcjO O CO
u O
Reihe

'5 S O
s I M
=9 S
o 2
öB En >, tuo g
ft
ist in jeder

'S C HH G 8 &
f t .h s. «j P h p <v
: 0 -M .SPOh :0 .s p ö
r^ CO Hh v rG <v "2
G
<D
.
<D =o
f t
g
-
G ^ •SP
'S
^s
:p «
-M
O
° Q
G

*G G
o gc ^ 8 Ph ^
+-> CQ
cj
^ g g :0 O <D ^ G
u « O rG
Gesamtzahl der Dekane

g w | Ö g ia .53 H <D ■s ^
rO *J
t-1 S

‘D
r< -

*D
»<• ^1 HO
$
8 5e
't r
«22
1 Die

rH
^i- in ^0 l> s 00 ON 0’
co oo co CO CO CO
DER KALENDER
AUF DEM SAR G D ECKEL D ES ID Y IN T Ü B IN G E N
Von A l e x a n d e r P o g o .

a) D ie S a r g d e c k e l a us A s si u t .
Eine Erklärung, vom astronomischen Gesichtspunkte, der von Daressy1),
Lacau2) und Chassinat-Palanque3) beschriebenen sowie von Sethe4), Bor-
chardt5) und Zinner6) erwähnten Dekantafeln aus Assiut habe ich in Ca-
lendars on coffin lids from Asyut7) zu geben versucht. Der Sargdeckel des
Id y8) in Tübingen (Taf. 2) gehört zu derselben Gruppe wie die Sargdeckel von
Msahiti, Mait, Chiti, pseudo-Nachiti, Hunnu und Tefabi; er stammt aus
Assiut, aus dem Ende des dritten Jahrtausends. Der Vollständigkeit halber
erwähne ich hier den Sarg des Heny, ebenfalls aus Assiut und aus der Zeit
um 2000, dessen astronomische Inschriften®) einen völlig verschiedenen
Charakter tragen.

b) D ie K a l e n d e r m i t 36 b zw . m it 24 S p a l t e n .
Wie ich an Hand der Sargdeckel des Msahiti und des Tefabi gezeigt habe,
bestanden die ursprünglichen Kalender des dritten Jahrtausends aus 36 Spal­
ten. Das Querbild (Himmelsgöttin, Siebengestirn als Schenkel, Orion, Sirius)
befand sich zwischen der 18. und der 19. Spalte; es diente zur Verknüpfung
der beiden Halbjahre des Kalenders. Das erste Halbjahr begann mit der 19.
und endete mit der 36. Spalte; das zweite Halbjahr begann mit der 1. und
endete mit der 18. Spalte, deren unterstes Rechteck, der zwölften Nachtstunde
entsprechend, den Frühaufgang des Sirius angab. Der untere Teil des Quer­
bildes diente gewissermaßen als Textillustration zum Kalender: die Diago­
nalen der Orion- und Sirius-Dekane verliefen quer über die Darstellungen des
Sah und der Sept. Denkt man sich den diagonalen Kalender als eine Abwick­
lung einer zylindrischen Darstellung, so fällt die merkwürdige Reihenfolge
der beiden Halbjahre nicht mehr auf: Spalte 1 folgt unmittelbar auf Spalte 36,
das Querbild verknüpft die beiden Enden eines bei Spalte 18 unterbrochenen
Kalender gürtels.

1) A n n ales du service des an tiq u ités de l'Ë g y p te , 1 (1900), 79— 90.


2) C atalo gu e gén éral des an tiq u ités égyp tien n es du M usée du Caire, 33 (1906),
r o i — 128.
3) M ém oires de l ’ I n s titu t fran çais d ’arch éologie orientale du C aire (19 11), 24.
4) N a ch rich ten Ges. W iss. G öttin gen , p hil.-hist. K l., 1919, 287-320; 1920, 28— 55.
5) A ltä g y p tis ch e Zeitm essung, B d . 1, L fg . B (B erlin 1920), 55 A n m .
6) G esch ich te d er S tern ku n d e (B erlin 1931), 19.
7) A . P o g o , T h e astron om ical in scription s on th e coffin s of H en y. Isis X V I I , X V I I I
(1932).
8) G efunden in A ssiu t, im N o vem b er 1908.
9) Isis X V I I , 6— 2 i (1932).
D ie Kalender a u f den Sargdeckeln von A ssiut 23
Im vereinfachten — jedoch keineswegs verbesserten — diagonalen K a ­
lender mit 24 Spalten wurde das Querband zwischen die 12. und die 13. Spalte
eingefügt; die Sargdeckel des Chiti und der Hunnu gehören zu diesem Typus.
Die drei Dekaden eines Monats wurden jedoch nicht durch zwei Halbmonats­
spalten ersetzt; man hat sich vielmehr damit begnügt, die Spalten 1 bis 24
der ursprünglichen diagonalen Kalender abzuschreiben. Das Querbild hatte
nichts mehr mit der Verknüpfung der beiden Halbjahre des Kalenders zu
tun; auch befanden sich die Darstellungen des Sah und der Sept rechts von
den Diagonalen der Orion- und der Sirius-Dekane, spielten also nicht mehr
die Rolle von Textillustrationen.

c) D ie r o t e n S p a l t e n ü b e r s c h r i f t e n u n d die D a t i e r u n g der K a ­
l ender.
Die erstarrten Spaltenüberschriften nehmen leider keine Rücksicht auf
die in den einzelnen Spalten angeführten Aufgänge der Dekane von Sonnen­
untergang bis Sonnenaufgang. Man begann einfach mit Spalte I , die als An-
fang (erste Dekade) des 1. Monats der Überschwemmungsjahreszeit bezeichnet
wurde; Spalte 2 war die Mitte (zweite Dekade), Spalte 3 das Ende (dritte
Dekade) desselben Monats; Spalte 4 wurde als der Anfang des 2. Monats der­
selben Jahreszeit bezeichnet usw. Gemäß den roten Überschriften entspricht
also die 12. Spalte stets der End-Dekade des 4. Monats der Überschwem­
mungszeit, während die 18. Spalte immer als die End-Dekade des 2. Monats
der Frühlingszeit (prt) gilt. Gelegentlich fehlen die Spaltenüberschriften
gänzlich — z. B. im Kalender des Chiti.
Zur Datierung der Sargdeckel sind die Spaltenüberschriften nicht ge­
eignet. Zinner1) berücksichtigt die Lage des Querbandes für Msahiti; er würde
für Tefabi genau dasselbe Alter finden; auf die anderen Sargdeckel läßt sich
sein Verfahren nicht übertragen, da die Lage des Querbandes bei Spalte 12
offenbar mit dem Titel der Spalte 18, die gewöhnlich den Aufgang des Sirius
in der 12. Nachtstunde angibt, nicht in Zusammenhang gebracht werden kann.
Borchardt2) berücksichtigt die Lage des Querbandes überhaupt nicht; bei
der Berechnung des Alters des Sargdeckels der Hunnu (Querbüd nach der
12. Spalte) beachtet er die Überschrift der 19. Spalte (Frühaufgang des
Sirius), übersieht jedoch die durch das Auftreten von Bekatha als selbstän­
diger Dekan verursachte Verschiebung— bei erstarrten Spaltenüberschriften—
der ganzen Tafel links von Spalte 4.

d) D er T ü b i n g e r K a l e n d e r .
Der wohlerhaltene diagonale Kalender auf dem Sargdeckel des Idy gehört
zum Chiti-Hunnu-Typus, obgleich sich das Querbild nicht links, sondern
rechts von der 12. Spalte befindet und trotzdem die Gesamtzahl der Spalten
sich bloß auf 18 beläuft. Die Sargdeckel weisen nämlich außer den beiden
Endquerleisten noch eine Querleiste in der Mitte auf; die Querzeichnung be­
findet sich in der Regel links von der mittleren Querleiste. Die Anzahl der
Spalten links vom Querbild ist gewöhnlich um 4 geringer als die Anzahl der
Spalten rechts davon. Der Kalender des Tefabi hat bloß 14 (statt 18) Spalten,
1) a. O. 19.
2) a. O . 55.
24 D er Kalender a u f dem Sargdeckel des Id y in Tübingen

die Kalender des Chiti und der Hunnu bloß 8 bzw. 9 (statt 12) Spalten links
vom Querbild.
Tafel I veranschaulicht die Anordnung der Dekane des Tübinger Kalen­
ders; die Bedeutung der Nummern ist dieselbe wie in I s is X IV und X V II;
die Namen sind auf Abb. 1 und 2 deutlich1) lesbar; besonders beachtenswert
sind die für die Sargdeckel aus Assiut charakteristischen Dekane 14b („Die
Fische“ ) und 16a („Die Hockenden"). Tafel II gibt eine schematische Dar-

T a f e l I. S c h e m a tis c h e D a r s t e llu n g d e s T ü b in g e r K a le n d e r s
(S a rg d e c k e l des Id y ).

2 3 a 2 1 2 2 1 9 a 1 7 1 6 a 1 5 1 5 1 4 b 1 4 a 1 3 1 2 1 1 lo b 1 0 a 8 a 7 6

2 3 c \ \ \ \ \ I 6 a

2 3 b \ 17
2 8 N . N . N. N . 1 9 a 1 9 a N N. N . N . N . N. N . N . N io a

2 2 N \ \ \ N ^ N . N. "v N. I o ^
3 1 \ ^ N. N ^ N . N 22

2 1 2 2 \ \ \ N . N. N> N . N . 1 1
3 ° a \ y \ / \ \ ' \ \ \ \ 2 1

2 1 2 1 \ N N N . N N N. I 2
3 5 a X \ ' x \ X x\ x \ 2 3 a
2 3 a \ n n n n n n N

3 3 b \ \ \ \ \ 2 3 c

3 o b S\ ^ N s^ N s ^ \ ' \ ^ ^

3 7 a \ \ \ ^ \ \ 28

3 7

2 3 0 13

2 3 7 3 7 a 3 ° b 3 3 t> 3 5 a 3 0 a 3 0 a 3 1 2 8 2 3 b 2 3 c 2 3 a 2 2 2 1 1 9 a 1 7 1 6 a

15 10 5

Stellung der rechten Hälfte der Kalender des Msahiti und Tefabi; sie soll die
Abweichungen des Kalenders des Idy von der üblichen Anordnung der Dia­
gonalen und Spalten veranschaulichen.
Es fällt sofort auf, daß Spalte 12 des Tübinger Kalenders eine Wieder­
holung — aus Versehen — der Spalte 11 ist. Die Verwirrung in den Diagonalen
21 (Sasa-sert) und 22 (Cher-chept-sert) ist ebenfalls auf ein Versehen zurück­
zuführen. Das Fehlen des Dekans 20 (Sert) ist dadurch zu erklären, daß die
traditionelle Spalte 15, deren oberes (Sonnenuntergangs-)Rechteck den
Kopf der Diagonale 20 enthält, durch Spalte 14 wegen der Verdoppelung
der Spalte 11 verdrängt worden ist. Das Fehlen der Diagonale 30 (Art) hat
eine Hebung der Morgenstunden-Diagonalen in der linken unteren Ecke des
Tübinger Kalenders verursacht, so daß das Sonnenaufgangs-Rechteck der
1) D ie sch ön en O rigin alau fn ah m en v erd a n k e ic h der L ieb en sw ü rd igk e it des H e rrn
P ro f. D r. G. R o e d e r (H ildesheim ) u nd des H errn P rof. D r. K . W a t z i n g e r (T ü bin gen ).
D er Tübinger Kalender 25
18. Spalte nicht Sept, sondern bereits Kenmut aufweist. Sämtliche Kalen­
der aus Assiut sind mit mehr oder weniger folgenschweren Schreibfehlern
behaftet.
Die Spaltenüberschriften nehmen, wie üblich, keine Rücksicht auf den
Inhalt der Spalten. Spalte 11 soll, wie gewöhnlich, sich auf die mittlere De­
kade des 4. Monats, Spalte 12 auf die letzte Dekade desselben Monats beziehen;
daß beide Spalten genau dieselben Dekanaufgänge zwischen Sonnenunter-

T a f e l II. S c h e m a tis c h e D a r s t e llu n g d e r r e c h te n H ä lft e der K a le n d e r


d e s M s a h it i u n d d e s X e fa b i.

gang und Sonnenaufgang angeben, war für den astronomisch ungebildeten


Schreiber belanglos. Spalten 12 bis 17 weichen beträchtlich von den ent­
sprechenden Normalspalten ab — wegen der Verdoppelung der Spalte 11,
der Vertauschung der Diagonalen 21 und 22, des Fehlens der Diagonalen 20
und 30 — die Spaltenüberschriften sind jedoch die üblichen; sie beziehen sich
auf die Stellung der Spalten, nicht auf deren Inhalt. Der Frühaufgang des
Sirius ist durch den Wegfall der Diagonale 30 in die 17. Spalte gelangt, deren
Überschrift die mittlere Dekade des 2. Monats der ^ -Ja h reszeit erwähnt.
Es wäre jedoch auf Grund dieser Angaben verfehlt, für Idy auf das X X II. Jahr­
hundert zu schließen. Ob der Frühaufgang des Sirius in der 19. Spalte (Hunnu;
um 2060 nach Borchardt), in der 18. Spalte (Msahiti; um 2100 nach Borchardt;
2047 nach Zinner) oder in der 17. Spalte angegeben ist, hängt von den Versehen
der Schreiber ab; die Spaltenüberschriften, die vielleicht im Laufe des dritten
Jahrtausends über der traditionellen Sonnenuntergangsreihe der Dekane
dahinglitten, waren gegen Ende des Jahrtausends hoffnungslos erstarrt.
26 D er Kalender a u f dem Sargdeckel des Id y in Tübingen

e) D i a g o n a l e K a l e n d e r , W a s s e r u h r e n , D e c k e n b i l d e r .
Die astronomischen Darstellungen auf der Außenseite der prachtvollen
Alabaster-Auslaufuhr in Kairo wurden b e k a n n t l i c h a u f die Decken im Rames-
seum und im Tempel von Medinet Habu übertragen; bei der Abwicklung
nahmen Sirius, Orion und das Siebengestirn, die sich über dem Auslauf-
Affen befanden, die zentrale Stellung auf der Decke ein, die dem Quer bilde
auf den Kalendern zukommt. Auf die Abhängigkeit der Deckenbilder in den
Gräbern des X V III. und X IX . Herrscherhauses von den astronomischen
Darstellungen auf den Särgen des dritten Jahrtausends habe ich in I s i s X V I I
hingewiesen. Hier möchte ich den Zusammenhang der diagonalen Kalender
mit den Wasseruhren kurz erwähnen.
Auf der Alabasteruhr in Kairo, sowie auf den abgerollten Darstellungen
auf den Tempeldecken des Neuen Reiches, sind die Dekane so gruppiert,
daß sich der Zusammenhang zwischen der Sonnenuntergangsreihe der diago­
nalen Kalender und den Spaltennummern oder den Spaltenüberschriften der De­
kanologe nachweisen läßt. Im Dekanolog des Senmut (Taf. 3) fehlen die Spalten­
überschriften, die Gruppierung der Dekane in den verschiedenen Spalten
verrät jedoch den Einfluß der Sonnenuntergangsreihe der diagonalen Kalender
— oder des Dekangürtels einer Wasseruhr. Im Dekankatalog Seti I., der aus
23 Spalten besteht, läßt sich der Einfluß der Sonnenuntergangsreihe eines
diagonalen Kalenders vermuten, dessen 24 Spalten den 24 Halbmonaten —
nicht etwa den ersten 24 Dekaden — des Jahres entsprochen haben müssen;
natürlich konnte dabei auch die Abrollung des Dekangürtels einer Wasser­
uhr als Vorlage für den Dekanolog des Deckenbildes gedient haben.
Ein Liniennetz, das aus waagerechten Stundenlinien (Sonnenuntergang
oben, Sonnenaufgang unten) und aus senkrechten, durch Überschriften da­
tierten Dekaden-, Halbmonats- oder Monatslinien besteht, kann entweder als
Rahmen für einen diagonalen Kalender oder auch als abgerolltes Skalen-
Diagramm für die Innenseite einer Auslaufuhr dienen. Durch diesen Hinweis
soll bloß auf die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen den diagonalen
Kalendern und den Skalen der Auslaufuhren hingewiesen werden; ob dieser
Zusammenhang tatsächlich bestanden hat und ob die Auslaufuhren älter als
die diagonalen Kalender sind, läßt sich vorläufig noch nicht entscheiden.

1) V g l. B o r c h a r d t , a. O. 7.
ZW E IT E R T E IL

D IE DEKAN E IM A L T E R T U M ,
M IT T E L A L T E R U N D IN DER N E U Z E IT

E R S T E S K A P IT E L

D IE B E Z E IC H N U N G E N D E R G E S A M T H E IT D E R D E K A N E

Wie die anderen Sterne so werden auch die Dekane in ihrer Gesamtheit
als Gottheiten aufgefaßt und als X<^ &eoi, d. i. die ,,36 Götter“ oder einzeln
als 0 &eo<;, „der Gott“ bezeichnet. Schon in den Salmeschoiniaka sind sie als
Götter von ihren Untergöttern, den Pentaden, geschieden, wo sie zudem noch
als xpocTouoi y)yepi.6vec, als „die mächtigen Führer“ charakterisiert werden.
So spricht der Text v. 100 von dem Trpu-oi; 9-eöi; twv T/-9-\jcov und v. 198I9
von dem Seüxspoi; bebe, twv 5I/Öüojiv. Ebenso bezeichnet noch der Astrologe
Hephästion von Theben sie direkt als Gottheiten.1)
Mit ihrer kosmischen und irdischen Macht, die sie in der Astrologie und
in der hermetischen Religion besitzen, deckt sich die Charakteristik als die
36 „Weltenherrscher“ und „Weltelemente“ . Wir finden sie im Testamentum
Salomonis und dann in den Namen des höchsten Gottes, der aus 36 Buch­
staben zusammengesetzt ist, die das Wesen der 36 Dekane verkörpern.2)
Ihrer alten Bedeutung als Merkmale der Nachtstunden entspricht der Name
Horoskopoi, die Stundenschauer. In dem griechisch geschriebenen Horoskop
des Londoner Papyrus X C V III werden die 36 „hellen Horoskopoi“ wieder­
holt zitiert und auch in hermetischen Schriften wird diese Bezeichnung an­
gewandt.3)
Als Schicksalsgottheiten sind sie insgesamt aufgefaßt in dem großen
Pariser Zauberpapyrus, in dem Horus in seinem heiligen Namen, der aus
36 Buchstaben besteht, den „Moiren" an Zahlen gleich genannt wird.4) Der
ägyptischen Bezeichnung „Dienersterne“ und „Sendboten der Isis-Hathor“
entspricht die hellenistische Charakterisierung als Erzengel, Engel, Erzdämo­
nen und mächtige Dämonen, äp/ayysXoi., ayyeXoi, äpxi&atfiovsi; und

1) S. 284. H ep hästion n en n t z. B . die v o n den D ek an en veru rsach ten k lim akterisch en


Jahre m eist oj той &eoü xXi[iaxT?jpE<; z. B . 5 1, 29; 54, 29; 56, 1 1. 18. 24 E.
2) T estam . Salom . X V I I I 1 ,5 1 * , 2 M c C o w n : -rarpidcxovra Si; aroi/eia und ebd. 5 1*,
7 sagen die D e k an e: ia[Aev m тркхжл/та аттуеТ а, ot хостцохраторе? той стхотои?
той aUovo? t o 'j t o u ; zu r A u ffassu n g der D ek an e als B u ch stab e n und W eltelem en te S. 69.
3) G reek P a p y ri in th e B rit. M us. ed. K e n y o n (1893) 128 v . 15 u. ö. S. 46, ferner
G alen, de sim pl. m edic, tem per, e t fac. V I p raef. = I X 798 K ü h n : т а ; tüv (Ьроахбтаоч
tepÄ; ßorävai; Ps. A p u l. A sclep . cap . 19: bonum lum in is per orbem nobis solis in fu n -
ditur X X X V I , quorum vocabulum est Horoscopi, id est eodem loco semper defixorum
siderum; Xs' (5pca sind sie im 2. T e u k ro ste x t: B o l l , S p h a era4 5 - 209.
4) P a p y ri G raecae M agicae, ed. P r e i s e n d a n z I (1928) 88 v . 456 8’oövop.a
aöv *Qp’ , 3 v Motpcöv taäpi&p.ov, n un folgen 36 B u ch stab en , ebd. 132 v . 1986 Tf lp \ 8v
Moip&v iaapiSjxov . • . (урафцлата X<;') S. 68.
28 D ie Bezeichnungen der Gesamtheit der Dekane

xpotTociol SaijJ-ovs?.1) Die ägyptische Benennung als „Schutzsterne“ haben


wir in der Lehre des Hermes Trismegistos durch Wächter und Aufseher
qjüXaxei; dtxpißetc, xcd imaxonoi. toü 7tavT0^2) wiedergegeben.
Diese Gesamtbenennungen der Dekane treten aber zurück gegenüber den
beiden Kennworten, mit denen die hellenistische Astrologie das Wesen dieser
Gestirngötter zum Ausdruck bringt, ich meine die Namen „Dekane“ und
„Prosopa“ . Die Bezeichnung Dekan findet sich in den Texten von Griechen
und Römern. Wer zuerst diesen Terminus technicus der antiken Astrologie
geprägt hat, läßt sich nicht sagen. Die späteren Zeugnisse lassen ihn bereits
in den ältesten Handbüchern der hellenistischen Astrologie, in den Salme-
schoiniaka, in hermetischen Traktaten und in dem großen Kompendium des
Nechepso-Petosiris existieren.3) Dagegen sieht Scaliger in dem W ort schwer­
lich mit Recht einen rein römischen Ausdruck, der aus der römischen Militär­
sprache stammen soll. Scaliger setzt decanus gleichbedeutend mit decurio,
dem römischen Anführer von zehn Mann. Aber den antiken Zeugnissen gegen­
über, die ausdrücklich das W ort und den Begriff, wie gesagt, auf die älteren
hellenistischen Traktate zurückführen, wird wohl Salmasius Recht behalten,
der diese Bezeichnung aus dem Griechischen ableitet.4) Neuerdings hat dann
noch S c o t t , Hermetica III (1926) 367,4, die Hypothese aufgestellt, daß es
sich um ein persisches Wort handelt. Dieser Vermutung vermag ich nicht bei­
zutreten, da der Begriff und der Name in griechischen Inschriften des III. vor­
christlichen Jahrhunderts bereits bekannt ist.
Als Kennwort dürfte die Benennung decanus für diese Astralgötter in
Rom im letzten Jahrhundert v. Chr. bekannt gewesen sein. Wenn wir Cas-
siodor Glauben schenken dürfen, waren die Dekane auf den Metae der Renn­
bahn des Augustus dargestellt (s. u. S. 352). Der römische Dichter Manilius,
der unter den letzten Regierungsjahren des Kaisers Augustus sein großes astro­
logisches Lehrgedicht geschrieben hat, hat ebenfalls den Namen und eine
besonders eigenartige Systematik der Dekanlehre gekannt.5) Ein spezieller
Anhänger der Dekanlehre war Chairemon, ein ägyptischer Hierogrammateis
und Hofastrologe des Kaisers Nero. Dann sind Balbillos und besonders
Teukros aus Babylon als Anhänger der Dekanastrologie und Dekaniatro-
mathematik bekannt. Das zeugt dafür, daß in ihrer Zeit dieser Name ein
durchaus geläufiger Fachausdruck der astrologischen Systematik gewesen ist.
Von da an hat diese Bezeichnung ihre volle Berechtigung in den griechischen

1) /ottpouesi<£px<xYYs^ot Sexavtov = A . D i e t e r i c h , A b r a x a s 192, 20, dazu R . R e i t z e n ­


s t e i n , D ie hellen istischen M ysterien rel. 3. A . (1927) 1 7 1 ,2 . B o l l - B e z o l d , E in e neue
b abylon isch-griech ische P a ra lle le in A u fsä tze zu r K u ltu r u nd S prachgeschichte, E . K u h n
zu m 70. G eb u rtstage (1916) 230, 2.
2) S tob aeu s cap . 21, 19 1, 13 W a .! und B r u g s c h , T h esau ru s I 136.
3) Z. B . ke n n t H erm es den N am en bereits n ach dem Z eugnis des A stro logen v o m J.
379: C. C . A . V 1 ,2 0 9 ,8 ; ebenso N echepso n ach F irm icu s I V cap. 22, 2.
4) S c a l i g e r , M anilius (1655) 297. S a l m a s i u s , Com m . in P lin . 559; dazu H o u s -
m a n , M. M anilii A stro n . L ib e r I V (1920) I X f .
5) M anil. I V 298: quam partem decimam (corr. Seal, decanae L SG) dixere decanica
gentes, das tr ifft m it der ü blichen B ezeich n u n g der S ex av tx a <x7t0T£XEa|i,aTa v ö llig den
Sinn der D ekan astrologie, v g l. z. B . C. C. A . I I 19 1, 29 u nd V I I I 4, 196 adn. (Teukros!).
M anilius u m schreib t das W o rt D ek an noch folgen derm aßen : denae sortes (372), terna
signa (302), ter denae partes (301 u nd 314), bis quinae partes (324), prim a pars, altera sors,
pars tertia (313f .). primae, mediae, supremae partes (348), prima, media, extrema pars
(3J7) triplex sors (300), decem partes (356).
D ie Kennworte ,,D ekane“ und Prosopa 29
und römischen Darstellungen astrologischer Systeme gefunden. Mit dem Na­
men bleibt auch der Sinn dem W ort erhalten; man versteht darunter ent­
weder das ganze Drittel eines Tierkreiszeichens, das volle 10 Grad umfaßt,
oder eine besondere Gottheit, welche den 10 Grad als deren Anführer ge­
bietet. Auf der Wanderung nach West und Ost ist auch der Name Dekan
dem Begriff und dem damit verbundenen System erhalten geblieben. Er
erscheint in der indischen, in der arabischen, in der byzantinischen, latei­
nischen und auch in der chinesischen Literatur, soweit die Texte auf den
Texten des Teukros weiterbauen.1) Auch in der modernen Astrologie lebt
der Name und die Lehre weiter, wie die unten S. 35 f. angeführten Stellen
zeigen. Die Wortgeschichte zeigt, daß Sexavo? einen Befehlshaber über
10 berittene Leute und dann über 10 Soldaten auf den Polizeischiffen des
Nils bezeichnete. Das ist etwa seit dem 3. vorchristlichen Jahrhundert in
dem gräzisierten Ägypten nachweisbar.2) Daß nun gerade die Gottheiten,
welche 10 Tagen der ägyptischen Woche und dann den damit in innerer
Beziehung stehenden Bezirken von je 10 Grad der Sonnenbahn vorstanden,
als solche militärische Befehlshaber angesprochen wurden, findet ein Gegen­
stück in den Mysterienreligionen der Antike und auch in den astrologischen
Systemen, welche mit Vorliebe müitärische Ausdrücke bei der Einteilung der
Gestirne in dem himmlischen Heer anwenden. Die Parallele der Vorsteher von
je 10 Soldaten auf den Nilpolizeischiffen trifft sich ganz besonders gut mit
den ägyptischen Darstellungen. So fährt auf dem sogenannten rechteckigen
Zodiakus von Dendera (s. Taf. 10) jeder der Dekane in einem besonderen
Schiff auf dem himmlischen Nil. Dadurch wird ihnen die Obhut und Aufsicht
über alles gegeben, was während ihrer Fahrt in dem von ihnen befahrenen
Raum von 10 Tagen örtlich und zeitlich geschieht.3)
Der Antike fremd sind die späteren lateinischen Bezeichnungen: Decas,
Decades (Beda de natura rer. cap. X V II), Decanatus, Denarius, Decurio und
Decuriae, welche die Astrologen und Astromagier des ausgehenden Mittel­
alters und der beginnenden Neuzeit als Terminus technicus des Dekansystems
anwenden. Marsilius Ficinus, Agrippa von Nettesheim, Pontanus und Junc-
tinus mögen als Belege für diese Worte genügen.4) Dafür wird im Deutschen

1) P l e ß n e r , P ic a tr ix 12 1 (indisch-arabisch = d a rlg ä n ); C h a v a n n e s , L e cyc le tu rc


des douze a n im au x in T ’oung P a o V I I 1 1 5 : S e t h e , Z eitrech n u n g der a lten Ä g y p te r
im V erh ältn is zu der der anderen V ö lk e r in N ach r. d. G ö tt. Ges. d. W iss. (1920) 99, dazu
C. C. A . V I I I 1, 2 1; Johan nes K a m a teros, ed. W e ig l v . 15 1.2 0 0 .3 9 0 .
2) D ie B elege g ib t W . S c o t t , H erm etica I I I (1926) 367, 1 u nd W i l c k e n , O stra-
k a l l 353; v g l. au ch B o l l , D ecanu s, R E Supplem . I 338/339; dazu nun noch O x y rh y n ch .
Pap . X V I I (1927) 241, 15 (SsxccSap/Tjt;) u nd 274, 14. 16. 22 (Sexavta).
3) W ah rsch ein lich h ä n g t der N am e und die T ä tig k e it der 36 chinesischen T sia n g
K iu n ( = H eerführer) oder T 'i e n T sia n g (him m lischer A nführer) der T 'ie n P in g ( = him m ­
lisch e K riegsm ach t) m it dieser kriegerisch en A u ffassu n g der ä gyp tisch en S tern gö tter
zusam m en. D iese him m lischen H eerscharen führen in der taoistisch en R eligio n einen
dauernden K a m p f gegen die bösen G eister, die K w e i, a u ch h ier sind sie w ie in der h elle­
nistischen A stro logie u nd M agie die S ch ü tzer und H e ilg ö tte r der M enschen und sie w e r­
den durch Z auberei zu r H ilfeleistu n g besonders b ei E pidem ien und auch sonst zu r F ö rd e­
ru n g des m enschlichen W oh lseins besch w oren : de G r o o t , U niversism us, die G run dlage
der R eligio n und E th ik , des Staatsw esen s u nd der W issen sch aften C hin as (1918) 130.
4) J u n c t i n u s , Sp eculu m astrolo giae (1573) 312 (denarius) u nd 312 r. (denates);
Xoannis Io v ia n i P o n t a n i , de rebus caelestib us 1. X I I I I (V enedig 1519) fol. 86 v . (de­
curiae) und fol. 114 v . (decuria und decurio) ; M arsil. F icin ., de trip lici v it a I I I cap. 18
( decanatus) .
30 D ie Bezeichnungen der Gesamtheit der Dekane

seit dem X V II. Jahrhundert der Ausdruck Dekan, seltener Dechant oder
Stern-Dechant gegeben, nur Erasmus F r a n c i s c u s wählt dafür gelegentlich
als deutsche Übersetzung „Wachtmeister", „Zehn-Herr“ oder „Inspektor“ .1)
Gemeint werden mit diesen Ausdrücken die ganzen Bezirke der Dekane von
je io Grad, über die sich die Macht des in den Sternen nicht sichtbaren Dekan­
gottes erstreckt.
Der Begriff selbst ist der antiken Astronomie und Astrologie nicht fremd.
Die übliche Bezeichnung dafür lautet 8sxajj.oi.pta. Ptolemäus, der in dem
Vierbuch die Dekane ganz ignoriert, redet in dem Almagest wiederholt von
diesem farblosen Begriff des Raumes der io Grad und operiert mit dem Sy­
stem der Tierzeichendrittelung. E r zählt dabei von der i. bis zur 36. Dekamoiria
durch. Diese Drittelung der Räume von je 30 Grad in Parzellen von je 10 Grad
beschränkt sich aber bei Ptolemäus nicht lediglich auf den Tierkreis, sondern
er überträgt diese Methode auch auf den Äquator.2) Damit dürfte Ptolemäus
wohl der ältesten Aufteilung der Dekane gerecht bleiben; denn sie sind erst
sekundär in die Ekliptik übertragen worden; das Primäre ist die Aufteilung
des Äquators nach den 36 Dekanbezirken. Als identischer Begriff wird Sexa-
[xoipov und Sexajj.otpi.aiov Staaxrijj.a später in der griechischen Astrologie
verwertet.3)
Eine seltenere, aber treffende Bezeichnung spricht die Dekangötter als
SexaSapx«? an. DasWort bedeutet die Anführer der Dekade oder auch die Dekan­
gebieter. Damit werden die Bezirke von 10 Grad treffend von ihren Gebie­
tern getrennt, während sonst die Grenzen zwischen Raum und Persönlich­
keit, die dem Raum gebietet, völlig verwischt sind.4) Die Überlagerung der
alten Dekangottheiten durch andere Astralgötter, in erster Linie durch die
in den Dekanbezirken hindurcheilenden Planetengötter zeitigte die verba­
len Ausdrucksformen Sexa.Toco und Sexavtxrj Stajxopqswci!;.5) Sie bringen
die Herrschaft eines Planeten in ihren verschiedenen Varianten zum Aus­
druck.
Neben dem Namen Dekan hat sich eine zweite Benennung dieser Gott­
heiten durch Jahrtausende hindurch mit großer Zähigkeit behauptet, nämlich
das griechische Fachwort „7tp6cM7tov“ 6), das später in der arabischen und
mittelalterlichen Astrologie des Abendlandes durch ,,fades" übersetzt wurde.
Während der Name Dekan rein mathematisch-geometrischen Ursprungs
ist und im Grunde nur den Raum von 10 Grad, dann den Herren über 10 Grad
bedeutet, führt diese Bezeichnung in religiöse mystische Spekulationen.
Prosopon kann an sich heißen: Gesicht, Maske, Persönlichkeit und Würde.
Man darf sagen, im Laufe ihrer Jahrtausende alten Geschichte haben die
Astrologen alle diese Bedeutungen in diesem Worte herausgelesen. So findet
sich als prägnante Widergabe des Kennwortes Prosopon u. a. persona, vultus,

1) E rasm u s F r a n c i s c u s , D as eröffn ete L u st-H a u s (N ürnberg 1676) 1392, 1395.


2) Ptolem . S y n t. I I cap . 7 u nd 8 13 1, 14. 2 o ff., 133, 13, 134 H eib. m ögen als B e i­
spiele ausreichen ; dazu L y d u s de osten t. 174, 8 W a ., u nd C u m o n t C. C. A . V I I I 1, 266ff.
3 ) Johannes K a m a te ro s v . 202 t 6 8v tcöv txva xptüv Sexajxotpov; H eph. 48, 8 E .: Sexa-
(iotpiaiov 8iä<TTV)fjta.
4) P rocl. in P la to n . T im . 41 A = I I I 197 D ie h l; ü ber die m ilitärisch e B ed eu tu n g
der SexotSiipxat v g l. K r o l l , C. C. A . V 2, 149.
5) P a u lu s A le x ., ed. S ch a to (1586) C 3, C. C. A . I I 19 1, 28 V I I I 1, 2 5 1, 6.
6) T eu kro s-R heto rio s C. C. A . V I I 195, 1 1 , P a u lu s A le x . a. O. m ögen als B eispiele
aus vielen genügen.
Ersatzbezeichnungen — facies 31
numen, dignitas und endlich facies, das sich etwa seit dem X III. Jahrhundert
als Terminus technicus in der Dekanastrologie durchsetzt.
Von Haus aus liegt in dem Wort Prosopon die Bedeutung das „Gesicht“ .
Wenn also die hellenistischen Astrologen von den 36 Gesichtem redeten, so
wird man darunter ebensoviel verstehen, wie wenn es heißen würde: die
36 Götter. Denn das Gesicht bringt in der hellenistischen Religiosität das
Wesen des Gottes zum Ausdruck; auch im Neuen Testament ist damit das
Wesen Gottes zum Ausdruck gebracht, das schon früh durch das lateinische
Wort facies wiedergegeben worden ist. Das führt direkt wieder in die ägyp­
tische Religiosität über, die jedem der Dekangötter ein besonderes Aussehen
gibt und besonders dabei die Bildung von Gesicht oder Kopf beschreibt.
Ganz folgerichtig wird so in den einzelnen Dekanbüchern ein besonderer
Wert auf das Gesicht des Dekangottes gelegt. Und auch hier bewahrt das
Testamentum Salomonis Ältestes mit Treue, wenn es cap. X V III, 1 bei der
Zeichnung der 36 Weltelemente sagt: cv ocutoic, 8e rjcav av-S’pamojxopcpa,
T«up6[jiopcpa, ■9'7)pto'7ip6cra>7ra, SptxxovTOfxopcpa, 09 lyyonpöooi-Ka., 7ttt)vo-
tcp6ctm7ra, d.i. unter ihnen waren Menschengestaltete, Stiergestaltige,
R a u b t i e r g e s i c h t i g e , Schlangengestaltete, S p h i n x g e s i c h t i g e , V o g e l -
g es i c h t i g e . Das ist nun getreulich bewahrt in einigen literarischen Dekan­
zeichnungen, die jedem dieser Gottheiten ein besonderes Antlitz geben und
dieses genau beschreiben. Darin gehen die alten Dekanformen der ägyptischen
Astronomie weiter.
In diese Reihe der 36 verschiedengesichtigen Gottheiten sind aber früh­
zeitig Irrungen und Weiterungen eingedrungen dadurch, daß sie früh durch
die verschiedenen Gestalten des Sonnengottes und der Planeten durchbrochen
und mit diesen vermengt wurden. Schon in den Salmeschoiniaka heißt es von
der Gottheit des I. Dekans der Fische, der zugleich der Gott des Monats ist:
..xaXsi/rat, 8e 6pacri<; toö yjXiou“ , d. i. sie wird (es handelt sich in diesem Fall
um eine Dekangöttin) „Gesicht der Sonne“ gerufen. Es ist also, wie wir das
auch von anderen Sterngöttern hinreichend kennen, zu dem alten Sterngott
ein anderer Gott, in diesem Falle der Sonnengott hinzugetreten.1)
Doch es kommen noch weitere Momente hinzu, welche die merkwürdige
Lehre der Dekanprosopa vor ihrer Erstarrung ausgestalten ließen. Da wäre
vor allem die ägyptische Vorstellung zu nennen, daß ein besonderer Gott,
der die Zehntagewoche (Dekade) regiert und an sich mit dem gestirnten
Himmel und den Sternbildern der Dekane im besonderen nichts zu tim hatte,
die Weltenherrschaft in dem Moment übernimmt, da ein Dekanstern zum
erstenmal wieder im Osten gesichtet wird. Der im Osten heraufkommende
Dekanstern wird eigentlich „K o p f“ genannt und geschrieben.2) Überträgt

1) B o l l in te rp re tie rt das m it „E rseh e n e s“ u n d ste llt es m it dem b a b ylo n isch en „ I h r


N am e is t . . . E rseh en es“ der E re sk ig a l in P a ra lle le (Aufs. f. K u h n (1916) 233), ich kan n
dieser In terp re ta tio n n ich t zustim m en.
2) B r u g s c h , T h esa u ru s I I 4 9 1: „im dem otischen h a t = in itiu m . prin cipium ,
h äu figst V e rtre te r eines ä lteren tp eigen tlich K o p f , dan n ü b erh a u p t die S p itze , der A n ­
fan g. E s is t m erkw ürd ig, daß die arabischen A stro lo gen gerade die v o n B ru g sch z u le tzt
gegebene B e d eu tu n g als B ezeich n u n g der D ek an e erh alten haben , v g l. F . D i e t e r i c i ,
D ie P ro p a ed eu tik der A ra b e r (1865) 53: D ie H erren der A n fä n g e. Jedes der zw ö lf S tern ­
zeichen z e rfä llt in d rei D ritte ile u nd jed es D ritte il in 10 G rad ; sie h eiß en A n fä n g e in
B ezu g a u f einen W an d elstern , d er dan n der H e rr des A n fa n g s h e iß t; es w ird durch
denselben die F o rm des G eborenen und das Ä u ß ere der D in ge angegeben . D ie ersten
32 D ie Bezeichnungen der Gesamtheit der Dekane

man das nun auf den Dekan selbst, dann erhält dieser durch dieses Herein­
drängen des Zeit- oder Lokalgottes ein anderes Gesicht. Der Stembezirk
trägt gewissermaßen eine Maske eines anderen Gottes, steckt aber trotzdem
noch als Sonderwesen unter diesem Visier. Das bringt dann die hellenistische
Lehre der planetarischen Prosopa konsequent zum Ausdruck. Der typische
Ausdruck lautet z.B . beiTeukrosRhetorios1) : o [i.sv a! Sexocvö? cpepst. 7tp6fjG)Tuov
’'Apew?, o §e ß' 'HXiou, o 8e y ' ’A<ppo8lty)<;. Das heißt: der Dekan trägt das
Gesicht oder die Maske des bestimmten Planetengottes. Das kommt natürlich
erst mit dem Erstarken der Planetenastrologie systematisch zur Entwicklung,
geht aber in den Anfängen schon in die zweite Hälfte des dritten vorchrist­
lichen Jahrtausends, wo die Dekanliste auf dem Sarg des Emsath von Siut
bereits die drei Planetengötter Jupiter, Merkur und Saturn unter den Dekan­
göttern registriert. Ob hier die Vorläufer der Aufteilung der Wochentage
und der Wochen an die 7 Planeten liegen, ist bis jetzt noch nicht zu ent­
scheiden.2)
Wir müssen aber noch einen weiteren Faden aus dem bunten Gewebe
der Dekanprosopa herauslösen, den wir aus den Überschriften der Kapitel
über die Dekane in der hellenistischen Astrologie gewinnen. So lautet die
Überschrift bei Porphyrios (nach Rhetorios): izspi t ö v Xq Sexa.vöv xai
t m v n a p a v o c T e X X o v T W v a u T o i ? xai n p o a d i n c o v , d. i . : Über die 36 Dekane und
die mit diesen nebenheraufgehenden Sterne und deren Gesichter.3) Dem­
nach sind die Dekane leere Bezirke, in ihnen und nördlich und südlich von
ihnen gehen die Fixsterne auf, die ein besonderes Gesicht zeigen. Daraus er­
gibt sich von selbst, daß unter die alten Gesichter nun neue Astralmächte
eindrängen und ihnen ihr eigenes Antlitz aufsetzen, nämlich die in diesen
Bezirken oder in deren Nähe gelegenen Fixsterne und Sternbilder. Hier
kommt nun abermals eine Neubildung hinzu durch die Aufteilung der F ix­
sterne und der Sternbilder an die Planeten auf Grund der verschiedenen
farbigen Sterne innerhalb der verschiedenen Gruppen.
Die systematische Aufteilung der Planeten auf die 36 Dekane und die
Bezeichnung des Dekanplaneten als Tzpoacmov hat wohl in erster Linie Teukros
aus Babylon ihren siegreichen Einzug in die Astrologie der Kulturvölker zu
verdanken. Auch von diesem Namen sind spezielle verba agentia abgeleitet
worden, so 7tapeivai ev tSton; npooconou; und i§t,o7rpocr(ü7tetv.4) Sie betonen
die Frage, ob ein Planet in seinem eigenen Gesicht steht; das wird ebenso
bewertet, wie wenn er etwa nach der astrologischen Häuserlehre in seinem
Haus steht. E r hat dann eine besonders starke Wirkung, da ja die Sterne,
die sein Gesicht tragen, also mit ihm der Farbe und der Natur nach identisch
sind, eine erhebliche Verstärkung bekommen, wenn der ihnen wesensgleiche
Planet sich in ihrem Bezirk aufhält. Aber die Prosopaaufteilung hält sich nicht

i o G rad des W id d ers sind A n fa n g des M ars, die zw eiten der Sonne, die le tzte n A n fa n g der
V en us usw ., n ach der F olg e der Sphären.
1) C. C. A . V I I 195, i l .
2) D a r e s s y , L a sem aine des É g y p tie n s, in den A n n ales du service des an tiquités
de l ’É g y p te X (K airo 1910) besp rich t w ich tige D en km äler m it D ekan gestalten und a n ­
deren G o tth e ite n und ersch ließ t daraus bereits für das M ittlere R e ich die E x is te n z einer
T V jtä gigen W o ch e : 21 f f . u nd i8 o ff.
3) C. C. A . I 149 u nd V I I I i , 21 fol. 8.
4) V e ttiu s V a len s 62, 10., 65, 3. 5., 265, 26 K r o ll; d a zu C. C. A . I 157, V I I I 4, 144, 20;
I 45 . 7'< 146, 19., 170, 18.
Bedeutungen und Umschreibungen des Begriffes Prosopon 33
an eine systematische sorgsame Beobachtung der Farben der Planeten,
welche den Farben nach mit einzelnen Fixsternen und Sterngruppen der
Dekanbezirke übereinstimmen, sondern sie läßt rein mechanisch über die alte
Dekanreihe das Band abrollen, das die Planeten nach ihrer Lage im Universum
miteinander verbindet.
Der Römer hat die Umschreibung des Dekanbegriffs durch die Bezeich­
nung „Prosopon“ in verschiedener Weise widergegeben. Manilius kennt die
Lehre und den Namen, gibt sie aber in einer ganz vereinzelt dastehenden
Form wieder. E r teilt nämlich nicht den Planeten das Amt der Dekangesichter
zu, sondern den Tierkreiszeichen. Vielleicht liegt hier eine ganz schematische
Angleichung an die Lehre der Dodekamorien vor, welche jedes der Tierkreis­
bilder in die zwölf Tierkreisbilder zu je 2x/2 Grad auf teilt; nach deren Muster
hat man nun ebenso über die Tierkreisdrittel nochmals die ganze Reihe der
zwölf Zodiakalbilder abrollen lassen. Farbe, Glanz oder andere astronomische
Gesichtspunkte fallen dabei wohl ganz aus, es ist eines der auch anderweitig
bekannten mechanischen Erweiterungssysteme, die man gebildet hat, um in
die Geburtsprognosen eine größere Mannigfaltigkeit zu bringen. Statt der
Planeten sind also hier die Tierkreisbilder die Gesichter der Dekane, also der
i. Dekan des Widders hat das Gesicht des Widders, der 2. das des Stiers,
der 3. das der Zwillinge. Dann rollt die Reihe über die Dekane des Stiers
weiter, der erste Dekan des Stiers hat die Macht des Krebses, der 2. die des
Löwen und der 3. das Gesicht der Jungfrau. Manilius wendet bei diesem
System nur ein einziges Mal den äquivalenten Ausdruck der Prosopa an,
er übersetzt ihn mit imago (IV, v. 306) „B ild “ und betont, daß es überaus
schwierig ist, diese widerstreitenden Kräfte festzustellen, da das einzelne Bild
seine Kräfte zu verbergen weiß und seinen Namen verheimlicht. Das Dunkel,
das über der Lehre der Prosopa lagert, kann, wie der Dichter ausdrücklich
betont, nicht mit den leiblichen Augen, sondern nur durch tiefes Nachdenken
durchdrungen werden. Weitere Anklänge an die Prosopalehre darf man in
den Umschreibungen sehen: astrum — gemeint ist das ganze Tierkreisbild
zu 30 Grad — totque dabit vires, dominos quotcumque recepit (v. 314 t.) Hier
sind also die Prosopa als rezipierte Gebieter der Tierkreisdrittel markiert.
Derselbe Gedanke kommt auch in den verbalen Umschreibungen zum Vor­
schein.1) Einen Nachhall an die gegebenen astronomischen Bedingungen,
daß ein Planet nur dann der Herr eines Dekanes ist und ihm so sein Prosopon
verleiht, wenn er tatsächlich sich in dessen Bezirk auf hält oder auf Grund der
Lehre der Aspekte ihn beherrscht, erkennt man in dem Ausdruck: alterius
partis (sc. cancri) perfundit Aquarius ignes (v. 328), d. i. der Wassermann
durchgießt die Sterne des zweiten Dekans des Krebses (sc. mit seinen Stern­
strahlen). Sonst sind noch deutlich die Prosopa in folgenden Ausdrücken
von dem römischen Dichter umschrieben: dominus (v. 315). dux (v. 331),
praecipuus honos (v. 334), regens (v. 338), munus (v. 351). iura regenda (v. 355)
und usus (v. 359).
Von antiken römischen Astrologen erwähnt nur noch Firmicus die plane­
tarische Prosopalehre.2) Er wendet aber weder diesen griechischen Terminus
1) S. 244, i u nd o. S. 28, 5.
2) Z. В . V 4, 3 = I I 59, 7 K r o ll M ercurius in domo vel in decano S o lis u. ö . ; das
W o rt fa d e s , das er o ft anw en det, b e d e u te t fü r ihn das w irklich e G esich t der Z o d ia k al­
b ild er im G egen satz zu H als, R ü ck e n , L e ib usw.
Studien der Bibliothek W arburg, IQ . Heft: G u n d e l 3
34 D ie Bezeichnungen der Gesamtheit der Dekane

an, noch sucht er ihn durch eine Übersetzung widerzugeben. Das Schlagwort
ist für ihn der griechische Name decanus. E r hat einerseits in seiner Quelle
noch die alten Dekangötter als mächtige Sondergötter mit den naturgemäß
auf der langen Wanderung entstellten Namen der ägyptischen Dekanstern­
bilder vorgefunden, läßt aber andererseits deren Einfluß gebändigt werden
durch die in ihnen lokalisierten Planeten. Das Schlagwort umschreibt Fir-
micus II cap. 4, 2 = I 45 Kroll-Skutsch folgendermaßen: sed et ipsi decani sin-
gulis stellis deputantur, et si in ipso decano stella fuerit, licet sit in alieno domi-
cilio, sic est habenda, quasi in suo sit domicilio constituta; (in) suo enim decano
constituta haec eadem perficit, quae in signo suo constituta decernit. Die Dekane
selbst werden also den einzelnen Planeten zugewiesen, sie sind das Eigentum
desselben, und wenn ein Planet in seinem eigenen Dekan ist, mag er auch
in einem fremden Haus sein, dann ist er doch so in Rechnung zu stellen,
als ob er in seinem eigenen Hause wäre. Denn in seinem Dekan bewirkt er
dasselbe, wie wenn er in seinem eigenen Zeichen stände. Firmicus gibt nun
die Prosopalehre in der traditionellen Abfolge der hellenistischen Astrologie,
daß also Mars der erste Dekan des Widders ist, von ihm zieht sich nun die
Planetenreihe gemäß der Lage im Universum weiter, bis Mars als letzter die
Reihe als dritter Dekan der Fische schließt. Firmicus erwähnt in seinem Hand­
buch wiederholt die Prosopalehre und wendet sie auch besonders in seinen
theoretischen Erörterungen über den Einfluß der Planeten im fünften Buche
an; hier sind die verschiedenen Theorien über die Häuser, Dekane und Be­
zirke gleichberechtigt nebeneinander gestellt.
Sonst kann ich aus dem Altertum keine römischen Sonderbezeichnungen
für die Prosopalehre beibringen. Die spätere in der Astrologie übliche Wieder­
gabe mit facies kann ich erst in dem sogenannten Alchandrinus Philosophus
(IX. Jahrh.) nachweisen. Eine Handschrift der Pariser Nationalbibliothek
(Cod. Lat. X0271 fol. gr— 52 v.) zitiert aus seinem Werke „de nativita-
tibus hominum secundum compositionem duodecim signorum caeli, quae
reformavit quidam philosophus christianus ein Kapitel, das über die Gesichter
der Zodiakalbilder spricht; es beginnt: prima facies arietis in homine sive in
masculo. Alnahit est prima facies arietis et est caput et sunt tres stellae sicut
hic apparet.1) Aus seinem Buche ,,fortunae“ erwähnt Scotus eine Stelle ,,de
tribus faciebus signorum et planetis regnantibus in eisdem.2) Vielleicht ist noch
älter die lateinische Dekanliste des Hermes Trismegistos, die sich im Bri­
tischen Museum befindet, in dem Cod. Harl. 3731; in der Überschrift wird
von den facies gesprochen, welche die Planeten in den Dekanen haben. Hier
finden wir noch die richtige Erklärung: „wie die sieben Planeten die zwölf
Zeichen geteilt haben, so haben sie es auch mit den 36 Dekanen gem acht. . •
Die Gesichter aber befinden sich in den Tierkreiszeichen infolge der Dekan­
umwandlung der sieben Planeten, die Planeten freuen sich in ihren Dekanen,
wie in ihren eigenen Stationen oder Häusern. Man muß mit ihnen rechnen
nach der Reihenfolge der sieben Planeten, nach der man den Herrn der Stunde

1) T h o r n d i k e , A h isto ry o f m a gic and exp e rim en ta l science I (1923) 715 , 4. Ich


habe m ir in P a ris den T e x t absch reiben können und festg e ste llt, d a ß es sich n ur um die
28 M on dstationen han delt.
2) T h o r n d i k e a. O. 710, im Chronicon R o lan d in i ( X I I I . Jahrh.) h e iß t es, daß ein
G efan gen er aus dem B u ch e A lch an d rin u s n ach D e kan orakeln (Losbuch!) prop hezeite:
S t e i n s c h n e i d e r Zeitsch r. d. D . M orgenl. G esellsch. X V I I I 136.
D ie Bezeichnungen der planetarischen Prosopa in Altertum, Mittelalter und Neuzeit 35
feststellt1) ; man beginnt beim Widder, rechnet für jeden Dekan io Grad
bis zu dem gesuchten Planeten. Ich sage dir aber, daß der erste Dekan des
Widders dem Mars, der zweite der Sonne, der dritte der Venus gehört. Der
vierte, d. i. der erste Dekan des Stiers gehört dem Merkur, der zweite des
Stiers dem Mond, der dritte Saturn. Und dementsprechend folgen die anderen,
wie das in der Anordnung der Herren der Stunde der Fall ist“ .
Facies ist für das Mittelalter der übliche Name der Dekane geblieben
und auch die gangbare Definition des Begriffes. Man kann das Wort immer
wieder in ähnlicher Form lesen. Nur eine Abart muß hier nochmals betont
werden, nämlich die Übertragung des Begriffes fades auf die Mondstationen.
Das ist nicht erst eine Umprägung mittelalterlicher Astrologen des lateinischen
Abendlandes, sondern geht auf arabische Quellen zurück. Diese Übertragung
ist deswegen bedeutsam, da man bei der Erklärung der einzelnen Dekan­
namen, -bilder und -gestalten zuweilen auch untersuchen muß, ob nicht se­
kundär sich Bestandteile der Mondstationen eingeschlichen haben. Anderer­
seits sind gelegentlich gerade die Mondstationen in ihrer ganzen Reihe einfach
um 8 Sterngruppen und Bilder vermehrt worden und haben so z. B. in der
arabischen und in der chinesischen Literatur eine ganz neue Gattung von
Dekangöttern ins Leben gerufen. (S.216ff.) Mit facies sind die Mondstationen be­
zeichnet in dem eben erwähnten Traktat des Pariser Codex Lat. B. N. 10271,
der dem Alchandrinus einen Wahrsagetext nach den Mondstationen zuschreibt.
Denn nicht um Dekane handelt sich es hier, sondern wie gleich der Name
der ersten facies Alnahit und seine astrothetische Bestimmung als K opf des
Widders zeigt, um Mondstationen.2) Der Traktat von Zahel ,,Imagines man-
sionum“ (S. 366) versteht dagegen unter mansiones, dem typischen Schlag­
worte der Mondstationen, die 36 Dekane, die in der Abhandlung selbst facies
genannt werden.
Ein kurzer Blick darf noch auf das Fortleben des Namens der Tierkreis­
drittel in den Handbüchern der modernen Astrologiegläubigen geworfen
werden. Ich greife einige Beispiele aus solchen Handbüchern, die in dem Rufe
einer bestimmten Gelehrsamkeit und Wissenschaftlichkeit in den Kreisen
der modernen Anhänger der Astrologie stehen. L i b r a verwendet in dem K a­
pitel „Invloed der Decanaten op Lichnaam en Karakter“ , lediglich das aus
der Antike kommende W ort decanaat; er meint, daß nach der Hindu-
Astrologie die erste Hälfte jedes Dekanates positiv, die zweite Hälfte negativ
sei. Die antike imaginäre Planetenprosopographie wird von ihm ganz im alten
Schema beibehalten. Die Prosopa selbst sind für Libra „heerschers“ . In der
zweiten Auflage seines Buches „Astrologie, haar Technik en Ethik“ (Amers-
foort 1916), die ich zugrunde lege, bemerkt er, daß allerdings die Dekanate,
denen er in der ersten Auflage eine detaillierte Behandlung habe zu Teil
werden lassen, als sichere Richtschnur für den Aszendenten nicht zu gebrauchen
sind. Denn die Kenntnis von ihnen sei noch sehr unvollständig und verlange
weitere Studien. Libra gibt aber S. 51 eine Tabelle der Planetenherrscher
der 36 Dekane, er gibt allen 3 Dekanen eines Zeichens denselben Hauptherr­
scher, es ist der Planet des 1. Dekans; als Nebenherrscher erscheinen die Herren
1) D ie L ite ra tu r zu r B estim m u n g der P la n eten stu n d en habe ich zusam m en gestellt
im A rtik e l H orogen eis der R . E . V I I I 2411 ff. und in der A b h an d lu n g „S tu n d e n g ö tte r“
in Hess. B lä tte r f. V o lk sk . X I I (1913) io o ff.
2) V g l. A g rip p a , de o c c u lta ph ilosop h ia I I cap . 33.
3*
36 D ie Bezeichnungen der Gesamtheit der Dekane

der Trigonalzeichen — das ist natürlich keine neue Entdeckung moderner


Beobachtung, sondern genau die Tabelle, die z. B. Achmet gibt (S. 247).
Nach diesen Haupt- und Nebenherrschern der Dekanate soll der Astrologe
den Einfluß des Aszendenten berechnen.
Saenger1) bespricht S. 85 die Mitherrschaft der Planeten „in den soge­
nannten Dekanen“ , er gibt beide Listen der Planetenherren, einmal nach
der Reihenfolge im Universum, wie sie bereits Teukros von Babylon kannte,
dann nach dem Trigonalschema und dessen Gebietern. An einer anderen Stelle
(S. 105) wird mit Glahn die Bedeutung der Dekane in den Häusern unter­
strichen und einige Proben zeigen die verschiedene Wirkung der drei Dekane
in den Häusern. Auch hier lebt imbekannt uraltes Gut weiter oder bekommt
vielmehr ein neues Leben eingeblasen, denn die antike Astrologie hat auch
diese Frage sorgsam und weit sorgfältiger sondiert, als die moderne Gelehr­
samkeit es fertig bringt (S. 248ff.).
Freiherr v. K l ö c k l e r , der auf statistisch-empirische Weise die antiken
Sternorakel zu neuem Leben wecken will, verhält sich der Sechsunddreißig-
Teilung des Tierkreises gegenüber skeptisch.2) E r bemerkt S. 28: „Diese Lehre
von den Dekanaten ist schwer zu prüfen. Ich halte es für verfrüht mit solchen
Koordinaten zu arbeiten.“
v. Sebottendorf3) verwendet wohl das Schlagwort Dekan und auch
Gesicht. E r operiert mit beiden Worten als festen Begriffen; die planetarischen
Prosopa beschreibt er, ohne es zu wissen, nach den Zeichnungen und der
Reihenfolge des Astrolabium Planum, er mißt ihren Bildern eine tiefere Sym­
bolik bei, aus denen viele Menschen den rechten Nutzen zu ziehen wissen
werden. Als letzter möge noch der Astrologe Grimm genannt sein, der mit
den „Dekanaten“ wie mit bekannten Größen rechnet.4)

1) S a e n g e r , D er g e stirn te H im m el u nd seine G eh eim nisse (B erlin 1926). Im


17. Jah rh u n d ert fin d e t sich gelegen tlich die d eu tsche Ü b ersetzu n g „A n g e s ic h t“ , so
w en d et z . B . v o n G r i m m e l s h a u s e n , D es a ben teu erlichen Sim p liciu s ew igw ähren d er
K alen d er, N ü rn b erg 1668, 43 ff. nur diese B ezeich n u n g an.
2) v . K l ö c k l e r , A stro lo gie als E rfa h ru n gsw issen sch aft, in D r i e s c h - S c h i n g n i t z ,
M eta p h y sik u nd W elta n sch a u u n g (1927).
3) v . S e b o t t e n d o r f , D ie S ym b o le des T ierkreises, in Q u ellen sch riften zu r A s tro ­
lo gie I (1920).
4) A . M. G r i m m , P ro p h etisch e r K a le n d e r fü r das Ja h r 1 9 3 J , 5.
Z W E IT E S K A P IT E L

D IE G E S C H IC H T E D E R E IN Z E L N E N D E K A N N A M E N

A. DAS Ä G Y P T ISC H E E R B E IN D E R A N TIK E N LIT E R A T U R


Wie die ägyptischen Namenslisten eine ungeheure Konstante einerseits
und doch bei allem Konservatismus Neuerungen verschiedener Art zeigen,
so weisen auch die Namenskataloge der griechisch-römischen Astrologie und
der späteren Zeit diesen Doppelcharakter auf. Wir finden einerseits Listen,
welche die Namen, die bereits auf den Särgen von Siut stehen, mit einer
für uns geradezu unfaßbaren Lebenskraft noch in byzantinischer Zeit weiter­
geben, andererseits Kataloge, die nur schwer die Bestandteile der ägyptischen
Urnamen erkennen lassen, und endlich solche Tabellen, die überhaupt das
uralte Erbgut völlig eliminiert haben.
Nicht ein historisches oder philologisches oder auch astronomisches
Interesse veranlaßt die Anhänger der Späteren Astrologie, die Namen der
Dekane aufzuschreiben und so vor der Vergessenheit zu bewahren, sondern
eine rein religiöse magische Vorstellung: Wer den wirklichen heiligen Namen
eines Gottes weiß, der hat zugleich die Kraft, sich dadurch sein ganzes Wesen
dienstbar zu machen, denn Name und Wesen sind identische Begriffe. Wer
den heiligen Namen kennt, ihn ruft, liest, schreibt oder in Speise und Trank
in sich aufnimmt, übt damit einen Zwang auf den Gott aus. Jeder Gott
reagiert auf seinen Namensruf, er kommt, hilft und vereinigt sich mit dem
Rufenden. Daher sucht er seinen wahren Namen möglichst geheim zu halten,
nur Auserwählte erfahren ihn und dürfen ihn erfahren und weitergeben.
Das ist in der hellenistischen Astrologie und Sternreligion in ebensovielen
greifbaren Beispielen immer wieder auf das Eindringlichste betont, wie in
anderen antiken Mysterienreligionen, die nur dem Eingeweihten unter strengen
bindenden Eiden den Namen des Erlösergottes nennen.
Eine orthodoxe Richtung des Glaubens an den heiligen wahren Namen
läßt nur eine einzige Form desselben zu: so heißt der Gott im Himmel und
auf Erden; dieser Glaube gilt ebenso von den wahren Namen der Sterngötter
wie von den Namen aller anderen Götter. Diese Orthodoxie stützt sich auf
die UrOffenbarung; sie hält mit erstaunlicher Zähigkeit an uralten Namen
fest und trägt sie fast unverändert durch nahezu vier Jahrtausende, von den
Namen auf den Särgen von Siut bis hinauf zu Johannes Kamateros (XI. Jahrh.
n. Chr.) und dann noch weiter hinein in die lateinischen und griechischen
Listen späterer Jahrhunderte. Der innere Sinn der altägyptischen Namen
war bereits den hellenistischen Astrologen verborgen, genau so wie auch die
alten Namen der griechischen Sternbilder in dieser Zeit ihren eigentlichen
Inhalt verloren hatten. Mit diesen blut- und lebenslosen Namen hantiert
aber der Astrologe und der astrologiegläubige Magier, wie mit einem heiligen
38 D ie Geschichte der einzelnen Dekannamen

Gut, das nicht angetastet werden darf, daher die merkwürdige Treue der
Überlieferung. Mit dem Namensinhalt war aber auch völlig geschwunden,
was der eigentlich astronomische Faktor war. Für den Ägypter sind es noch
in den Sternen lokalisierte Gottheiten oder Seelen, das bringt er deutlich
dadurch zum Ausdruck, daß er die Namen der Dekane mit Sternen ver­
schiedener Zahl und Gruppierung umgibt oder die Namen überhaupt durch
solche astronomischen Merkzeichen ersetzt.
Auch das ist in der hellenistischen Astrologie völlig erloschen. Man weiß
nicht mehr oder wußte es überhaupt nie, daß die Namen ehedem Sternbilder
waren mit dem anscheinend banalen Inhalt, wie Krugständer, Kelter, Schaf,
Vogel Gans oder Seelenvogel. Man suchte auch niemals sie an dem gestirnten
Himmel zu fixieren, nirgends heißt es, dieser Dekan besteht aus so und soviel
Sternen, die in dieser oder jener Gruppierung sich von den Nachbarsternen
unterscheiden. Eine letzte aber völlig schematische und falsche Anwendung
der früheren Dekanbedeutung kann man in dem Sezieren der Tierkreisbilder
und der zwölf Tiere der Dodekaoros nach der Drittelung Kopf, Mitte und
Schwanz erkennen, aber damit ist weder irgendein alter Dekanname in Be­
ziehung gebracht noch eine genaue Astrothesie jemals verbunden worden.
Die Dekane sind eben in der hellenistischen Astrologie rein geometrisch­
mathematische Begriffe der Tierkreisdrittel zu je io Grad, und die Herren
dieser Bezirke sind die Dekangottheiten, die nur noch ihren heiligen Namen
aber nicht mehr ihre festen Wohnorte in bestimmten Sternen, die man genau
beschreiben und zeigen kann, besitzen.
So erklärt es sich, daß bei aller Beharrung die orthodoxen Listen, welche
die 36 Namen weitergeben, solche Änderungen zeigen, wie wir sie nachher
kurz betrachten müssen. Änderungen nicht nur in der Schreibweise des
einzelnen Namens, sondern in ganzen Serien und außerdem Ersatznamen,
durch welche die alten verdrängt werden.
Neben der Normalreihe, die trotz der verschiedenen Variierungen die
Tendenz zeigt, möglichst getreu das uralte heüige Namensgut weiterzugeben,
zeigen andere Listen ganz neue Namen; sie haben entweder die alten Namen
umgestellt und entstellt oder überhaupt völlig hinausgedrängt und andere
Bezeichnungen an deren Stelle gesetzt. Auch das hat seine Begründung in
religiösen Vorstellungen des antiken und überhaupt allgemein menschlichen
Namensglaubens. Schon sehr früh haben die Menschen ihre Erwägungen dar­
über angestellt, was ist die heilige Sprache, wie reden unsere Götter unter
sich. Das Problem der Wesensverschiedenheit zwischen der Göttersprache
und der Menschensprache hat eine Menge von widersprechenden Thesen und
Antworten gezeitigt. Für das Verständnis der Namen der Dekankataloge
genügt es auf zwei wesentliche Theorien einzugehen, die uns die neuen Namen
der neuen Listen verstehen lassen.
Einmal hat sich der Gedanke durchgesetzt, die Gottheit verändert in be­
stimmten Zwischenräumen wie ihre Gestalt so auch den Namen. Diese Vor­
stellung ist uns besonders bekannt bei den Sonnen- und Mondgöttern, die
nach Stunden, Tagen oder Monaten ihre Namen wechseln und entweder
die Namen und Gestalten anderer Götter auf saugen oder systematisch mit
dem Sterngott und dem Sternbezirk, in dem sie zu stehen scheinen, zu einem
Begriff verschmelzen und dessen Namen übernehmen. Das ist bei den Dekanen
besonders klar in der Gnosis ausgesprochen. In der Pistis Sophia heißt es z. B.,
D ie ägyptischen Dekannamen in der hellenistischen Literatur 39
daß die Dekane nach links gewendet ihre alten Namen haben und auf diese
reagieren, wenn ihre Befrager und Verehrer sie rufen; sind sie aber nach rechts
gewendet, dann haben sie andere Namen, und hören nicht auf ihre Befrager.
Denn sie blicken in anderer Gestalt im Vergleich zu ihrer früheren Stellung,
in welcher sie Jeu festgesetzt hat, da ja ihre Namen andere sind, indem sie
nach links gewendet sind und andere, indem sie nach rechts gewendet sind;
und wenn sie sie anrufen, indem sie nach rechts gewendet sind, so werden sie
ihnen nicht die Wahrheit sagen, sondern in Verwirrung werden sie sie verwirren
und mit Drohung sie bedrohen. Diesem Glauben entspricht es, wenn Jeü in
der Pistis Sophia seinen Jüngern wiederholt verspricht, er werde ihnen die
Namen aller Dekane sagen, welche den Körper bauen und welche die Seele
in den Körpern der Seele in der Welt schaffen.1) So war es den Verkündern
neuer astrologischer Mysterien möglich, nach Belieben neue Namen zu den
erloschenen alten Formen zu stellen.
Andererseits wird man sich hüten müssen, in den neuen Namen und den
ganzen Listen bare Willkür eines einzelnen zu sehen. Der Fabrikant neuer
Tabellen steht vielmehr unter dem Zwang einer weiteren Abart des Glaubens
an den heiligen Namen eines Gottes. Man sieht in der Sprache eines Fremd­
volkes und in dessen Götternamen die wahre heilige Weisheit, zumal wenn
die eigenen Göttervorstellungen und Götternamen ihren urwüchsigen Ein­
fluß langsam verlieren. Das ist besonders stark ausgeprägt in dem hellenisti­
schen Synkretismus, wo neben die einheimischen Götternamen fremde Namen
als wesensgleich und bannkräftig in Hymnen und Gebeten gestellt werden.
Wenn also ganze Dekanlisten hebräische, arabische und sonstige Namen oder
deren Elemente auf zählen, so ist der Verfasser dieser Listen getragen von der
Anschauung, daß er in der Sprache des von der Gottheit auserwählten Volkes
die wahren, mit magischen Kräften gefüllten Namen mitteilt.
Im Vordergrund des Interesses stehen naturgemäß solche Kataloge, die
das ägyptische Namensgut weitergeben. Das älteste Werk der hellenistischen
Astrologie, das dieses alte Erbe berücksichtigt hat, dürften die sogenannten
Salmeschoiniaka gewesen sein (S. 86). Es wird uns ausdrücklich bezeugt von
Eusebius praepar. ev. III 4, 1, daß in diesem W erk sowohl die Namen der
Dekane und der übrigen Sternmächte mitgeteilt waren; aber auch die Heil­
mittel gegen Krankheiten, die astronomischen Daten ihrer Auf- und Unter­
gänge und endlich die verschiedenen Zustände und Schicksale der Mensch­
heit waren hier angegeben, die dem Regime dieser Astralgötter zugeschrieben
wurden.2)
Wahrscheinlich ist in dem griechischen Papyrus, der in Oxyrhynchos
gefunden wurde (S. 342), ein größeres Stück aus diesem ältesten Orakelwerk
der hellenistischen Astrologie erhalten. Es enthält neben den Bildbeschrei­
bungen und Orakeltexten auch die Namen der Dekane und deren Untergötter,
der Pentaden, d. i. der Herren von je 5 Grad und, was damit identisch ist,
von je 5 Tagen. Es ist leider nur ein Bruchstück eines systematischen Kalen­
dariums, das nach den genannten Göttern das ganze Jahr in seinem Verlauf
begutachtet haben muß. Daß das unbedingt eines der älteren astrologischen
Kompendien dar stellt, zeigt der ungegliederte Reichtum des Gebotenen, der
1) S. 304 u nd S . 350.
2) S ch w erlich kön n en d a m it die N am en einer G ö tterliste aus der B ib lio th e k Assur-
banipals irgendw ie zu sam m en gebracht w erden S. 83 ff.
40 D ie Geschichte der einzelnen Dekannamen

sich von der knappen Ausdrucksweise und Zusammenengung der späteren


Orakeltabellen der Sterndeutung ganz erheblich unterscheidet.
Von dem Namen des i. Dekans der Fische ist nur der Anfangsbuchstabe
a . . . erhalten; die dahinter in dem Papyrus folgende Lücke läßt den Raum
frei für sechs Buchstaben. Hinter dem Namen folgt der Zusatz: er wird ge­
nannt: „Gesicht der Sonne“ . Es ist denkbar, daß dahinter nicht ein Dekan­
name, sondern ein Geheimname des Sonnengottes verborgen ist. Es darf
hier gleich vorweg genommen werden, daß im Testamentum Salomonis der
34. Dekan sag t: Ich heiße R hyx Autoth . . . es hält mich fern ein geschriebenes
A und B. Der erste Bestandteil R hyx kehrt in diesem Katalog als typisches
Beiwort öfters wieder. Man darf wohl in Autoth eine besondere, vielleicht
absichtlich verstümmelte Form des Gottes Thot erkennen, der in ägyptischen
Listen als Begleitgott gerade dieses Dekans erscheint. Nun ist Thot u. a. auch
Stellvertreter des Sonnengottes, Sohn des Sonnengottes und auch einer der
typischen Begleiter des Sonnenschiffes1); damit würde die Kennzeichnung
dieses Dekans als a . . . Gesicht der Sonne sich erklären. Auch das A und B
oder nach der anderen Lesart A und O paßt zu diesem Gott und diesem Dekan­
namen, denn Thot ist der Erfinder der Schrift und der Zahlzeichen, aller Zau­
berkünste und Zauberformeln und dann noch der Schreiber der Götter und
des Schicksals. Man darf aber auch noch erwägen, daß Thot als Geheimnamen
die Buchstaben A A, ferner A J und Ab(u) hat in hieratischen und in grie­
chischen Texten.2)
Der zweite Dekan der Fische hat ebenfalls nur einen verstümmelten
Namen T e t . . . ysa. Die Gestalt dieser Gottheit setzt sich aus Teilen einer
Schildkröte, einer Schlange und einem K opf eines Weibes mit Menschenhaaren
zusammen. Man könnte an eine verdunkelte und entstellte Form der Tefenet
oder auch an den Dekan Tpebiou denken.
Die Namen und Bilder der Pentadengötter sind deswegen von besonderem
Interesse, da uns nirgends in der ganzen astrologischen Literatur etwas über
diese Sterngötter berichtet wird. Der Gott der vierte Pentade des Wasser­
manns wird Neby genannt, der mächtige Herr der Kriege und der Rede.
Man muß nicht unbedingt darin den babylonischen Gott Nebo suchen3),
vielmehr wird, was dem ganzen Charakter dieses Ominawerkes und seiner
rein ägyptischen Dekangötter viel eher gemäß ist, ein ägyptisches W ort da­
hinter stecken. Gerade das ägyptische Wort neph und neb, der Herr, wird
in verschiedenen Formen mit den Sterngöttern und auch mit den Dekanen
verbunden. Auch an die Göttin Nephthys wird man denken dürfen, die mit
den Dekanen wiederholt seit alters in enger Berührung steht. Von dem anderen
Pentadengott ist der Name unlesbar, er wird aber griechisch interpretiert
als a'.voXoyot;, d. i. der Furchtbares Redende oder mit Boll der Rätselsprecher.

1) P i e t s c h m a n n , T h o th , im M yth o l. L e x . V 8 2 5 ff . R o e d e r ebd. 842— 848.


2) B r u g s c h , R el. u nd M yth olo gie 441, P i e t s c h m a n n a. a. O. 827f. und ders.,
H erm es T rism egistos 39.
3) So B o l l in der A b h an d lu n g: B e z o l d und B o l l , E in e neue b a b ylo n isch -g rie­
chisch e P a ra lle le in A u fsä tze zu r K u ltu r- u n d S p rach gesch ich te, vorn eh m lich des O rients,
E . K u h n gew id m et (1916) 234, u nd W . K r o l l , P lin iu s und die C haldaeer, in H erm es
L X V (1930) 13. D ie v o n B o l l in den v o n A . L a u d ie n herau sgegeben en G riech . P a p y ri
aus O x y rh . (1912) gegebenen w eiteren S tü tzen , w onach das w iederh olte Xoyoc xotvo-
XoYo\i(jtevoq 1. 13 u nd XoyEiiovxei; 1. 27 a u f M erkur deu ten sollen, sind n ich t zw ingend für
einen babylo n ischen N ebo, denn das p a ß t gen au so g u t a u f T h o th .
Die Dekannamen der Salmeschoiniaka — Nechepso — Firm icus 41
Dieser Name paßt als Attribut zu den Dekangöttern, deren Schicksalsbestim­
mungen öfters ebenso wie die der anderen Sterngottheiten als „Sprechen"
charakterisiert wird (S. 229).
Ob wir in diesem Bruchstück noch die ursprünglichen Namen erhalten
haben, welche die Salmeschoiniaka tatsächlich enthielten, oder ob sie bereits
Entartungen und absichtliche Entstellungen späterer Abschreiber sind,
dürfte kaum zu entscheiden sein, da eben nur zwei von den 36 Namen und diese
nur verstümmelt erhalten sind. Wie uns spätere Berichte melden, haben meh­
rere Verfasser astrologischer Kompendien aus den Salmeschoiniaka ihr Wissen
entnommen. Hinsichtlich der Dekanlehre wird uns das ausdrücklich gesagt
von dem König Nechepso, dem pseudonymen Verfasser eines großen Hand­
buches der hellenistischen Astrologie; dann stützte sich auf dieses W erk der
Verfasser der Hermetica und Chairemon, der Hofastrologe des Kaisers Nero.
Von Nechepso sagt uns der Astrologe Antigonos bei Hephästion, daß er
aus den Salmeschoiniaka seine Dekanlehre entnahm und daraus auch die
Forderung stellte, man habe bei den astrologischen Gutachten diese Stern­
götter zu beachten.1) Nun ist uns durch Firmicus ein größeres Stück dieser
Dekanlehre leider in recht unklarer Form erhalten. Darin sind auch 36 Dekan­
namen mitgeteilt. Diese zeigen derartig starke Abweichungen von den tra­
ditionellen ägyptischen Namen, daß Lepsius und Brugsch diese Liste als
unbrauchbar ablehnten. Lepsius bemerkt zu dieser Liste, daß man ihr gerade
ansehen könne, sie solle dieselbe im Grunde sein, wie die des Hephästion.2)
Die kritische Textausgabe des Firmicus von Skutsch-Kroll zeigt aber,
daß wir diese Liste nicht unbeachtet beiseite legen dürfen. Firmicus muß einen
Gewährsmann haben, der die alten ägyptischen Dekanbezeichnungen gekannt
hat. Die entstellten Schreibweisen fallen wohl der langen Überlieferung teil­
weise zur Last, sie dürften aber weiterhin auch ein wertvolles Dokument
dafür bilden, wie zur Zeit des Firmicus, beziehungsweise seiner Quelle, die
altägyptischen Namen ausgesprochen und transkribiert wurden. Zieht man
das in Betracht, dann erkennt man unschwer, daß viele der hier gegebenen
Namen identisch mit den altägyptischen sind. Firmicus erwähnt in der Ein­
leitung seines Kapitels (IV cap. 21, 2), daß Nechepso alle Leiden und Heil­
methoden gesammelt hat, die gerade durch die Dekane veranlaßt werden.
Wir dürfen also annehmen, daß auch sein Katalog in letzter Linie auf Nechepso
und durch diesen auf die Salmeschoiniaka zurückführen muß. Da er aus­
drücklich erwähnt, Nechepso verdanke sein Wissen den Unterweisungen
eines göttlichen Geistes, dürften die Entartungen der Namen auf bewußte
Umformungen dieses Astrologen zurückführen, der ebenso wie später Jeu in
der Pistis Sophia seinen Lehren durch die Enthüllungen der neuen wahren
Namen einen besonderen Nimbus geben wollte. Die einzelnen Handschriften
bieten für die einzelnen Namen eine große Reihe von Varianten. Ich glaube,
daß man auch an ihnen nicht achtlos vorübergehen darf, denn sie zeigen uns
für die späteren Jahrhunderte wertvolles Material für die Namensgeschichte
der Dekane.
Firmicus ist für die spätere Namensgeschichte der Dekane nicht ohne
Einfluß geblieben. Ich habe in dem späten Vaticanus Latinus 7711 (X V II. Jahr­

1) R u e l l e , C. C. A . V I I I 2, 87, 1— 12, S. 374.


2) S. L e p s i u s , D ie Chron ologie der Ä g y p te r I (1849) 70.
42 D ie Geschichte der einzelnen Dekannamen

hundert) eine Dekanliste gefunden, die auf dieser Liste des Firmicus aufge­
baut ist. Sie gibt außerdem als Wirkungen der einzelnen Namen das weiter,
was uns aus dem Picatrix und aus Abano bekannt is t; bei den letzteren fehlen
aber die Namen der Dekane. Die Frage bleibt vorderhand unentschieden, ob
erst ein später Anonymus auf die Idee verfallen ist, diese Listen in eine
Einheit zu verschmelzen oder ob bereits im Altertum eine solche Orakelnorm
vorhanden war, die auf Grund der Namen dieselben Offenbarungen gab, wie sie
andere Listen an die Bilder der Dekane ohne deren Namen anschloß.
Die Namen der Firmicusliste sind bereits in nahezu derselben Form, wie
sie der eben genannte Vaticanus gibt, von Scaliger in dem Kommentar zu
Manilius verwertet worden — • ich benutze die Ausgabe vom Jahre 1655.
Scaliger beruft sich in der kurzen Einleitung auf die Myriogenesis und auf
das astrologische System der Monomoirien, die beide aus der alten Gelehr­
samkeit der Ägypter stammen. Er will sie so mitteilen, wie die Araber, die
hierin zur Unrechten Zeit Feiertag hielten, von Leuten übernahmen, die eben­
falls zur Unzeit Feiertag hielten, d. i. eben mit unnützen Dingen ihre gute
Zeit verloren. Scaliger entschuldigte die Behandlung dieser Dinge und sagt,
er lege sie deshalb vor, da er vielmehr diese Mataiotechnia dem Gelächter
preisgeben wolle, als daß er glaube, es sei in diesen Dingen irgendetwas lohnens-
wertes. Scaliger war in seiner Jugend astrologiegläubig; später scheint sich
das geändert zu haben, denn er hat in den späteren Ausgaben sein Horoskop,
das den früheren Ausgaben beigegeben war, weggelassen. Während man also
früher ihm den Glauben beimessen durfte, daß hinter diesen Schicksalsprophe­
tien etwas Wahres stecke, lehnt er das hier strikte a b ; er hält aber, wie er im
Schlußsatz bemerkt, alle diese Dinge so würdig für die Muße jener Leute, die
sich damit beschäftigt haben, wie unwürdig der Beschäftigung jener, die von
vornehmeren Sorgen beschäftigt werden. Die Überschrift lautet: „Die Aszen­
denten der Monomoirien in den einzelnen Zeichen mit ihren Vorbedeutungen
und ihren ägyptischen Dekanen“ .1)
Woher Scaliger seine Kenntnis hat, sagt er nicht. Aber wir finden in dem
anonymen Astrolabium Magnum fast wörtlich dieselbe Orakelweisheit; nun
geht nach der Vorrede das Astrolabium Magnum auf Petrus von Abano
zurück. In den beiden mir zugänglichen Ausgaben2) fehlt aber gerade das
wichtigste, das uns hier beschäftigt, die Namen der einzelnen Dekane. Das
Buch gibt die Bilder der Dekane in Holzschnitten wieder und teilt über diesen
Bildern nur die planetarischen Herren der Dekane und deren Wirkungen im
Horoskop mit.
Geht nun die Quelle Scaligers und der Liste im Vaticanus lat. 7711 auf
eine andere bis jetzt unbekannte Handschrift des Astrolabium zurück, die
alle Dekannamen zufügte, oder hat irgendein Benutzer des Astrolabium die
Namen aus Firmicus zugeschrieben? Eine weitere Möglichkeit wäre es, daß
Scaliger selbst aus Firmicus diese Namen zugeschrieben hat. Ich möchte aller -
1) Ü b er die astrologisch e S y s te m a tik d er M onom oirien v g l. B o u c h ^ - L e c l e r c q ,
L ’A stro lo gie grecqu e 2 i6 f . B o l l , S p h a era 434.
2) Z u erst ge d ru ck t v o n R a td o lt, A u g sb u rg 1488, herau sgegeben v o n dem deutschen
G elehrten Joh. E n g e l (Angelus), w eitere A u sgab en erschienen 1494 und 1502 (V enedig
b e i P etru s L iech ten stein an o n ym erschienen u n ter dem T ite l „A s tro la b iu m p lanu m in
ta b u lis ascendens), d a zu B o l l , S p h aera 434 und W a r b u r g „Ita lie n is ch e K u n s t und
in tern ation ale A stro lo gie im P a la zzo S ch ifa n o ja zu F e rra ra in den B erich te n des X . in te r­
n ation alen k u n sth isto r. K ongresses zu R o m 1912 (1922) 66.
Firm icus — Scaliger — D ie hermetischen Dekanbücher 43
dings das nicht annehmen, da Scaliger sich sonst nicht so ablehnend dieser
Mataiotechnia gegenüber verhalten würde. Vielleicht bringen neue Funde
arabischer astrologischer Texte hierüber Klarheit. Die Frage ist deswegen
von einer besonderen Bedeutung, da uns für die Aktionen der Dekane, wie
sie Scaliger und der Vaticanus Lat. 7711 geben, die Quelle bekannt ist; es
ist der von Warburg entdeckte Picatrix.1) Aber die Namen fehlen in der ara­
bischen und lateinischen Literatur. Die Vermutung darf wenigstens ausge­
sprochen werden, daß das Vorbild des Picatrix tatsächlich die Dekannamen
und die Aktionen der Monomoirien enthalten hat. Beim Picatrix ist die Be­
schreibung des Bildes und dessen Aktion die Hauptsache, während in den
bis jetzt behandelten Tabellen der Name des Dekangottes ausreichend
dessen Wesen und Aktion charakterisiert.
Das sind an sich drei heterogene Listen, dem Ursprung nach aber gleich,
denn in dem Archeget der Gattung, in den Salmeschoiniaka war alles bei­
sammen. Name, Bildbeschreibung und die graphische Darstellung des Bildes.
Aus der Urquelle sind wohl schon in der Antike die drei Sonderlisten abgeleitet
und variiert worden: 1. Name des Dekangottes und Aktion, 2. Bildbeschrei­
bung und Aktion, 3. das Bild selbst und die Aktion, dessen letzter Ausläufer
der Bildkalender des Astrolabium ist.
Außer Nechepso haben die Verfasser hermetischer Traktate die Sal­
meschoiniaka ausgenutzt, um Sonderprognosen für die Dekanprophetie zu
bilden. Wie bei Nechepso die astrale Therapeutik im Vordergrund der Dekan­
lehre stand, so beherrscht diese auch den Verfasser der sehr interessanten
griechischen Dekanliste, welche die Überschrift trägt: ,,Das heilige Buch des
Hermes an Asklepios“ (S. 374). Dieses Dekanbuch steht an Inhalt und mit
den Namen sicher den altägyptischen Anschauungen und den Salmeschoiniaka
näher als das, was uns von Nechepso überliefert ist. Die Namen stimmen in
etwa 18 Fällen mit der ägyptischen Tradition, und zwar sind es in der Haupt­
sache die Namen der Dekane der ersten Hälfte; in die zweite Hälfte sind eine
größere Zahl fremder Namen eingedrungen. Das läßt sich leicht aus der S. 79
gegebenen Tabelle der Dekannamen feststellen. Als einen wohl nicht allzu
fernen Ausläufer der Salmeschoiniaka werden wir die ursprüngliche, bis jetzt
nicht ermittelte Urform der lateinischen Dekanliste des Hermes Trismegistos
anzusehen haben (S. 379). Während die Bilder, die Wirkungen der einzelnen
Götter und die ihnen zugewiesenen Domänen im Menschenkörper noch un­
verkennbar die ägyptischen und hellenistischen Ideen weitergeben, sind die
Namen der Dekane des lateinischen Traktates völlig verändert. Hier befinden
wir uns ganz in der Studierstube eines Jatromathematikers, der aus allen
möglichen Sprachen Bestandteile übernimmt und daraus nun für seine An­
hänger neue heilige und zauberkräftige Namen bildet. Man erkennt Isis, Thot
und Hermes neben jüdischen Engelnamen wie Aulathamas, Azuel, Michulais
und Gottesnamen, wie Sabaoth; aber sonst ist ein heilloser Hokuspokus in
diesen Dekannamen aufgespeichert, den man schwerlich je in zufrieden­
stellender Weise aufhellen wird.
Als weiterer Benutzer der Salmeschoiniaka wird, wie schon erwähnt,
Chairemon genannt. Obwohl in dem genannten Zitat ausdrücklich gesagt
1) D u rch das lieben sw ü rd ige E n tgegen kom m en der B ib lio th e k kon n te ic h die deutsche
Ü bersetzun g v o n P leß n er ben utzen , sie w ird dem nächst in den S tu d ien der B ib lio th ek
W arb u rg m it dem a rab isch en T e x t erscheinen.
44 D ie Geschichte der einzelnen Dekannamen

wird, daß er u. a. auch die Namen der Dekane daraus übernommen hat, ist
uns bis jetzt kein Zeugnis bekannt, das unter dem Namen desChairemon eine
Dekanliste aufführt. Nun ist uns aus dem Altertum eine Liste erhalten, die
am nächsten an die altägyptischen Namen heranreicht, sie ist von Hephästion
in die ausführlichen Charakterisierungen der Tierkreisbilder eingearbeitet.
Es ist möglich, daß Hephästion, der als Quelle für dieses große Kapitel „die
Alten“ erwähnt, auf Chairemon hinzielt, aber für diese Vermutung kann kein
positives Beweismaterial beigebracht werden. Die Lesarten der einzelnen
Dekane schwanken in den verschiedenen Handschriften. Zu den von Engel­
brecht in der Ausgabe des Hephästion gegebenen Formen kommen die
Varianten des Parisinus Graecus 2501, die Ruelle C. C. A. V III 2, 38— 48
notiert hat. Sie sind (S. 79) in der Tabelle ebenfalls berücksichtigt.
Die von Hephästion gegebenen Dekannamen hat dann im X II. Jahr­
hundert Johannes Kamateros in seinem astrologischen Lehrgedicht ebenfalls
aufgeführt. Die Namen zeigen aber in der Schreibweise, Silbenzahl und A k­
zentuierung erhebliche Unterschiede von denen des Hephästion, so daß mit
Weigl, der dies im einzelnen genauer untersucht h a t1), angenommen werden
darf, daß Johannes Kamateros eine andere Quelle benutzt hat, nicht den
Hephästion selbst. Diese Quelle schließt noch enger sich an die ägyptische
Tradition an als Hephästion und dessen Gewährsmann.
Johannes Kamateros stimmt in den Geburtsprognosen, die er mit den
einzelnen Dekanen verbindet, zum Teil wörtlich überein mit den Wahr­
sagungen, welche Rhetorios, der Epitomator des Teukros, mit den Dekanen
verbindet. Nun geben aber die uns erhaltenen Exzerpte des Rhetorios gerade
die Dekannamen nicht. Somit ist die Annahme berechtigt, daß Teukros, den
bekanntlich Rhetorios weitgehend ausgebeutet hat, die heiligen Namen der
Dekane gegeben hat und daß sie Rhetorios aus Teukros entnommen hat;
aber weder die uns erhaltenen Exzerpte des Rhetorios noch die übrige von
Teukros abhängige Dekanliteratur (Varahamihira, Apomasar, Picatrix und
Achmet) geben die Namen der Dekane, sondern zählen einfach die plane­
tarischen Prosopa herunter. Somit zweigen von Teukros zwei Reihen von
Exzerptoren ab. Die eine, vielleicht liberalere Tradition verschmäht die Re­
ligiosität der heiligen Namen, die andere Ableitung führt sie mit einer ge­
wissen Orthodoxie weiter. Diese Namen sind nur noch in der letzten Station,
in Kamateros faßbar, der wohl eine direkte Vorlage des Rhetorios ausge­
nutzt hat.
Kamateros erwähnt als Quelle in der Hauptsache die Ägypter.2) Einmal
sagt er bei der Erwähnung der heiligen Namen der Dekane des Skorpion
v. 1062: xaXoüvTao SapaxTjvLCTTi xa l xa-ra 11ToXqjLaiov. Also müßte Ptole-
mäus irgendwo die Namen der Dekane aufgezählt haben. Hier sind zwei
Möglichkeiten zu beachten. Entweder hat Ptolemäus tatsächlich diese Namen
gebucht, oder es handelt sich um eine späte Unterschiebung arabischer Astro­
logen. In der Syntax und in der Tetrabiblos sind die Gottheiten der Dekane
nicht weiter beachtet, nur die rein geometrisch mathematische Teilung der
Tierkreisbilder in Teile zu 10 Grad kommt, wie wir oben S. 30 sahen, in der
1) I.. W e i g l , S tu d ien zu dem u n edierten a stro l. L e h rg e d ich t des Johan nes K a m a
tero s P rogr. G ym n . M ün n erstad t (1902) 3 1— 33.
2) V g l. v . 536 (nap’ A i Y ' - O T ' r f o ' . c ) , 657 ( e c ; AtyuTTTou), 785 Alyunritov), 901 (££ A iyun-
t o u ) ä h n l i c h v . 1350. i486. 1628.
Hephästion — Johannes Kamateros — Celsus 45

Syntax in Betracht. Nun ist es möglich, daß, wie Weigl es erklärt, Ptolemäus
in den Ttpo/sipoi xocvovs?, die bis jetzt nicht vollständig veröffentlicht sind,
die Dekane mit ihren alten Namen aufgezählt hat.1) Oder die Angabe des
Johannes Kamateros geht auf eine byzantinische Fälschung, die ähnlich,
wie das opus imaginum Ptolemaei (S. 394ff.) nach bekannten Vorbildern einem
Machwerk, das die alten Dekannamen gab, den zugkräftigen Namen des Ptole­
mäus, des Königs aller Astrologen, gab.
Aus den vorangehenden Ausführungen ergibt sich folgendes Stemma für
die Geschichte der Dekannamen:
A ltä g y p tis ch e N am en
I
A rc h e ty p u s der S alm esch oin iaka
(3. J a h rh . v . Chr.)

S ch riften des H erm es


/(3. od. 2. Jah rh . v . Chr.)

T estam entum Salom onis N echepso u. P eto -


(A rch etyp us 1. Jahrh. G riech . u. siris(2. Jahrh.
v . Chr.) la t. D e k a n ­ v . Chr.)
liste (A rch e­
ty p u s 1. Jahrh. T eu k ro s (1. Jahrh.
v . Chr.) n. Chr.)
C hairem on G riech ische H o roskope des Celsus
(1. Jah rh . n. Chr.) 1. und 2. Jah rh . n. Chr. (2. Jah rh .
(Pap. X C V I I I u. C X X X des n. Chr.)
B r it. Mus.) H ephästion v o n F irm icu s
T h eb en (4. J a h rh . (4. Tahrh.
n. Chr.) n. Chr.)
O h n e erkenn bare Q u ellen :
A lbohazen A b e n ra ge l D ie N am en des griech .- R h etorios (6. Jahrh. V a tic a n u s L a -
(11. Jahrh.) jüd ischen D ekan b u ch es n. Chr.) tin u s 7 7 11
I I
A. K irch er (17. Jahrh.) P s.-P to iem a eu s Johan nes K a m a te ro s J. S caliger
de im agin ibu s (12. Jah rh . n. Chr.) (16. Jahrh.)

Halten wir noch kurz Umschau nach weiteren Zeugnissen aus dem Alter­
tum, die von den ägyptischen Dekannamen Kenntnis geben. Da ist vor allem
Celsus zu nennen, der die Verehrung dieser Gottheiten, ihre Machtsphäre
und auch ihre sämtlichen Namen gekannt und weitergegeben hat. Es ist so­
zusagen der einzige größere zusammenhängende theologische Bericht, den wir
aus dem Altertum von diesen Gottheiten haben. Origenes, dem wir einen
Einblick in diese Dekantheologie verdanken, teilt uns auch aus dem Dekan­
katalog des Celsus folgende Namen mit: Chnoumen, Chnachoumen, Knat,
Sikat, Biou, Erou, Erebiou, Rhamanor und Rheianoor (contra Celsum V III 58
ur*d 59 , 274t. Koetschau). Diese Dekannamen geben uns ein wertvolles Prü­
fungsmoment für die Schreibweise und zugleich auch für die Sprachgeschichte
der Vulgärtradition. Wichtig ist es, daß ganz nach altägyptischer Zählung
Chnumis, der 3. Dekan des Krebses, also nicht der Widder, die Serie eröffnet.
Chnachoumen ist der 1. Dekan des Löwen, der bei Hephästion Charchnumis
heißt. In dem 4. Dekan Sikat dürfen wir den 3. Dekan des Widders Siket er­

1) S on st w erden n och die A g a ro i e rw ä h n t (v. 207), w a s w ie die S arazenen in dieser


Z eit gleich b ed eu ten d m it „H e id e n “ ist, d a zu W e i g l , S tu d ien 23.
46 D ie Geschichte dev einzelnen Dekannamen

kennen. Biou und Erebiou ist ein Bestandteil des Namens des 3. Dekans des
Wassermanns und des 1. Dekans der Fische, die nach Hephästion Tpebiou
und Biou heißen. In Erou treffen wir den auch in den Zauberpapyri genannten
2. Dekan des Stiers E r o 1), der in der griechischen hermetischen Liste zu Aron
geworden ist. Rhamanor entspricht dem 3. Dekan des Stiers, der bei He­
phästion Rhombromare, bei Firmicus Rhomanae und in der hermetischen
Liste Rhomenos heißt. Rheianoor kann mit Rheouo dem 1. Dekan des Schützen
identifiziert werden. Nur der Name des an dritter Stelle genannten Dekans
scheint einige Schwierigkeit zu bereiten. Denn ein Knat findet sich in keiner
Liste, es wird wohl der 1. Dekan des Steinbocks Smat dahinterstecken. D ie
Namen selbst dürften von Origenes aufs geradewohl hingeworfen sein, es
läßt sich kein bestimmtes Prinzip nach Aspekten oder Aktionen erkennen.
Dasselbe ist auch der Fall bei den in cap. 59 nochmals aus dem Dekankatalog
genannten vier Dekanen Chnumen, Chnachumen, Knat und Sikat.
Daß auch in der Praxis mit den Dekanen und ihren Namen von den
Astrologen gearbeitet wurde, zeigen die beiden bereits erwähnten griechischen
Horoskope, die aus dem I. und II. nachchristlichen Jahrhundert stammen
(s. u. S. 408 f.). In dem ersten Horoskop sind noch im ganzen 15 der mehr
oder weniger bekannten Dekannamen der hellenistischen Astrologie genannt.
Schwierigkeiten bereitet es, daß der Verfasser zwischen ihnen solche trennt,
die er ausdrücklich als 1., 2. oder 3. Dekan bezeichnet, und andere, welche er
zu den 36 hellen Horoskopoi rechnet. Als Dekane werden ausdrücklich hervor-
gehoben: 1. E Bikot, 2. Aroi Aroi, 3. Remenaar A, 4. Arou, 5. K at Kouat
6. Knoumes Raknoum. Als Horoskopoi sind hervorgehoben: i.E tth e , 2.Phout-
the, 3. Aron, 4. CH(ou), 5. Chenta, 6. Remenaach. Dazu kommen drei
weitere Dekannamen Sroi, Stoma und Sisroi, die aber in dem zerstörten Text
nicht in eine der beiden Kategorien ausdrücklich eingewiesen werden. Der
Text rechnet mit dem wahren momentanen Planetenstand und mit dem
ideellen, nur durch ein banales Rechenverfahren zu ermittelnden System
der sogenannten Dodekatemorien.2) Für beide Faktoren, nämlich für den wirk­
lichen Stand der Planeten und der entscheidenden Orte der Häüserlehre
einerseits und der dazu gehörigen imaginären Gegenwirkung der Dodekate­
morien andererseits wird genau jedesmal das Tierkreiszeichen, dessen plane­
tarische Funktionen (Erhöhung, Erniedrigung und Haus der einzelnen Pla­
neten), sowie die Grenzen und die Dekane, bzw. die Horoskopoi, festgestellt.
Man könnte nun annehmen, der Verfasser bezeichne die tatsächlich im be­
obachteten Himmelsbild herrschenden Dekane als Horoskopoi, d. i. als die
wirklichen Stundenschauer und Stundenherrscher, die imaginären Gegenspieler
in den Dodekatemorien als Dekane. Das läßt sich bei einigen seiner Auf­
stellungen auch erkennen; aber diese Methode ist nicht konsequent durchge­
führt. Denn in anderen Fällen ist es gerade umgekehrt, der Horoskopos ist der
imaginäre Herr der Dodekatemorien, der Dekan dagegen der wirkliche Stun­
1) P a p . Gr. m ag., ed. P r e i s e n d a n z 96 v . 673: /alp e rj ’Epou, poji.ßptr^, gem eint
ist d a m it die sieben te S ch ick salsgö ttin des H im m els, v g l. au ch ebd. 134 v . 2026.
2) E s g ib t verschieden e S ystem e, d as D od ekatem o rio n eines P la n eten zu erm itteln.
D ie ein fach ste F o rm m u ltip lizie rt die G rad zah l des P la n eten stan d es m it 12 und zä h lt
nun v o m S tan d o rt ein fach diese Z a h l w e iter ü ber den Zodiakus, w o sie aufh ö rt, is t das
ideelle Z w ö lftel. D ie V u lg a ta , dan n D orotheus, M anilius, F irm icu s M aternus, H ephästion
v on T heben , P a u lu s A le xa n d rin u s geben verschieden e M ethoden, näheres bei B o u c h e -
L e c l e r c q , L ’astrolo gie grecqu e 2 g g ff.
Die beiden griechischen H oroskope und die darin genannten Dekane 47
dengebieter des wahren Himmelsstandes. Zwei Beispiele mögen das kurz
illustrieren. Von dem Aszendenten heißt es Zeile 40, daß er nach der Lehre des
Anaphorikos im Krebs liegt um den 25. Grad; dessen Dodekatemorion fällt
in Stier 25. Grad, von den hellen 36 Stundenschauern (herrscht) hier Rhe-
menach, von ihnen ist Dekan der zweite, Knoumes Raknoum. Ein Blick in
die unten S. 77 ff. gegebene Übersichtstabelle der Namen zeigt, daß Knumis
lediglich für den Krebs als Dekan in Frage kommt, ebenso Remenach nur
für den Stier, und zwar sind beides ägyptische Namen, gerade der letztere
paßt überraschend gut auf den von Brugsch mit Remen-hare transkribierten
Namen des (3.) Stierdekans. Der Astrologe führt also hier in chiastischer Form
die zugehörigen Faktoren Tierkreisbild des faktischen Himmelsstandes, Tier­
kreisbild des ideellen Dodekatemorion, Horoskopos und Dekan vor. Daß
beide Dekane hier als die Herren des zweiten Dekanbezirkes bezeichnet wer­
den, während sie nach der üblichen Zählung den dritten Bezirk beherrschen,
hängt mit der ägyptischen Zählung zusammen, die mit dem zweiten Dekan
des Krebses die ganze Dekanserie beginnt; dadurch kommen die genannten
Dekane mit Recht zu der Domäne des zweiten Dekanbezirkes des Krebses
und des Stieres, während sie nach der hellenistischen Zählung, die vom 1. Dekan
des Krebses oder des Widders die Serie abrollen läßt, die dritte Domäne
innehaben.
Dieses Schema der chiastischen Anordnung paßt für die Position von
Saturn und Merkur. Dagegen ergibt sich eine völlige Verschiebung der Dekan­
ordnung, wenn man dieses Schema auf die für Jupiter gegebenen Elemente
legt. Dann durchbricht der Astrologe diese Anordnung ganz bei Mars und
Merkur; hier wird systematisch genau erst die ganze astrologische Struktur
des wirklichen Standes gegeben, Arou, der hierher gehörige Gott von den hellen
Horoskopen schließt die Domäne der Zwillinge, dann folgen die Faktoren
des Dodekatemorion, das im 20. Grad des Löwen liegt und als Dekangott den
}■(sic!) Dekan Remenaar A hat. Bei Merkur beherrscht den wahren Stand
im Widder 20 Grad von den hellen Horoskopoi Chenta, das Dodekatemorion
des Schützen, 20 Grad beherrscht von ihnen der 2. Dekan Kat-kouat. Eine
logisch strenge Scheidung der an sich ja völlig identischen Begriffe Horoskopoi
und Dekane hat also dieser Astrologe nicht konsequent durchgeführt.1)
Die Namen selbst kehren in den ägyptischen und in den hellenistischen
Listen wieder. Daß Änderungen in der Reihenfolge Vorkommen, hängt mit
der dauernden Unruhe und Beweglichkeit der verschiedenen Dekankataloge
zusammen. Als alte Dekannamen ergeben sich Etthe, hinter dem wohl Hatet,
der ägyptische Name des 2. Dekans des Löwen, steckt, Ebikot, den wir in
Uste-bikot wiedererkennen; Phoutthe ist identisch mit Pehutet. Ebenso sind
Chu, Sro und Sisroi altägyptische Namen; in den Dekanen Arou, Aroi Aroi
steckt wohl der alte Dekangott Horus verborgen.2) Chenta, der Dekangott
des Widders enthält den alten Bestand des Chont, in K at kouat ist der alte

1) W eitere D eutu n gen, die n ich t stich h a ltig sind, v erzeich n et B o u c h ö - L e c l e r c q


a. O. 230 A n m . 3, v g l. a u ch H o u s m a n , M. M an ilii A stro n . lib er I V (1920) p ra ef. I X . —
Kine äh n lich e G egen üb erstellu n g v o n decan atu s und facies b ie te t A g rip p a , de o ccu lta
philosophia I I cap . 36, und zw ar w erden diese B eg riffe in n erh alb eines und desselben
iierk reiszeich en s v o n ih m g e b ra u ch t; es h a n d e lt sich aber um D ekan prosopa, v o n denen
A grip p a d ie zw ei S ystem e u n ter dieser B ezeich n u n g ausein and erhält.
2) W i e d e m a n n b e i A . D i e t e r i c h , A b ra x a s 34, 2.
48 D ie Geschichte dev einzelnen Dekannamen

Name k ’ k ’ verborgen. Als neuen Dekannamen notieren wir Stoma, das den
Sinn von Spitze haben könnte und an den alten Namen „Spitze des Chent“
erinnern dürfte.
Weit weniger Schwierigkeiten bereiten die Dekannamen des zweiten
antiken Horoskopes, das genau auf das Jahr 81 n. Chr. datiert ist (S. 409).
Die Sonne steht nach v. 6 5 ff. im zweiten Dekan des Widders mit Namen
Sentachor. Auch hier wird überraschend bestätigt, daß Firmicus eine alte
gute Tradition befolgt; denn dieser Dekan heißt bei ihm Senacher (Lesarten
außerdem; Sanacher mit den Zusätzen id est sentafora). Auch der 3. Dekan
des Widders ist damit identisch, er führt denselben Namen Sentacher, wie
ihn der Papyrus gibt.
Der Mond stand in diesem Horoskop im zweiten Dekan des Stiers, der
hier den Namen Aroth trägt. Auch hier stehen wir in guter Überlieferung,
denn Aroth birgt ebenso wie Aryo bei Firmicus, Aron der hermetischen und
Ero der Liste des Hephästion in den durchsichtigen Entartungen den ägyp­
tischen Dekan Arat, d. i. den Gott Horus.
Der Aszendent ist im 18. Grad des Skorpion, im Dekan Thoumoth.
Dieser Name findet keine Parallele in den vorliegenden anderen Listen; wir
müssen hier wieder eine Durchsetzung oder Umstellung der herkömmlichen
Dekannamen substituieren. Am nächsten kommt ihm der Name des 16. De­
kans, der bei Firmicus den Namen Thumis trägt.
Außerdem werden einzelne Dekane noch auf Gemmen, in den Zauber­
papyri und auf der Zauberkugel erwähnt, die im Theater zu Athen gefunden
wurde. Es kommt vornehmlich der mächtige Dekan Chnubis in Frage; dann
sind auch die Dekane Sro, Ero, Sesme, Tomon und Uaret (= Uer) erwähnt.1)
Sie zeigen, wie stark doch die Wirkung dieser altägyptischen Namen und der
Glaube an die K raft derselben in der Antike war. Es sei zum Abschluß auf
die Zusammenstellung der wichtigsten Tabellen hingewiesen, die als Abschluß
dieses Kapitels S. 77 ff. gegeben ist.

1) D ie a n tik en D ekan am u le tte m it dem G o tt C hnubis, ihre m ittelalterlich en und


n eu zeitlichen N ach fah ren fin d en eine eingehende W ü rd igu n g v o n D r e x l e r , K n uph is,
im M yth ol. L e x . I I I2 5 8 ff. D ie N am en a u f den beiden T a tz e n und der B ru st des
L ö w en , der a u f der Z a u b erku g el v o n A th en da rg estellt ist, d ü rften bis je tz t n ich t gelöste
isop sep h ische G eh eim nam en der drei D ekan e des L ö w en sein, au ch a u f den beiden neben
dem L ö w e n stehend en B ild ern , der F a c k e l u nd dem b ä rtigen Sch lan gen däm on können
D ek an n am en v e r s te c k t sein, v g l. D e l a t t e , É tu d e su r la m agie grecqu e I. S p hère m agique
du M usée d ’A th èn e s in B u ll. corr. hell. X X X V I I (1913) 251 u nd T a f. I I I . D e r D ekan Sro
fin d e t sich z. B . P ap . G r. m ag. ed. P reisen d an z I (1928) 60 v . 659, 106 v . 1010, 136
v . 2095. C hn u p his u n ter den Z aubernam en (K neph u nd K am ep h) ebd. 134 v . 2020, 136
v . 2095, 140 v . 2200. P te b i als Zau b ern am e des S arap is 180 v . 16, T om on und S iet als
G eh eim nam e des S a tu rn s. P r e i s e n d a n z , T om on , im M yth o l. L e x . V 1067. D e r D ekan
U a ret s te c k t w ohl in dem Oùrjp, der in den griechisch en Z a u b erp a p y ri zu m H erbeirufen
des A d o n ai w ied erh olt zitie rt und u n ter anderem m it den D e k an en ’Apouyjç u nd X voüçt auf
gleich e L in ie g e stellt w ird ; zu den V a ria n te n g ib t P r e i s e n d a n z , U er, in M yth o l. L e x . V I 7.
die B elege. W eiteres M aterial ü ber das V orkom m en verschieden er D ekan n am en (Chnubis,
A ru eris, Sro und So) b e i A . J a c o b y , E in B erlin er C h n u bisam u lett, A rch . f. R el.-W iss.
X X V I I I (1930) 269— 285. J a c o b y d e u te t im G egen satz zu W ied em an n (s. A n m . 1) A rueris
als Chnubis. D er D ek an S it ist a u f eine a n tik e F lasch e aufgeschrieben, w elche W . D e o n n a ,
A n z. f. S chw eiz. A ltertu m sku n d e, N . F . X X I I (1920) I 7 3 ff. erw äh n t. D er D ekan B os
(1. D ek an des S k orp io n n ach der griechischen L iste des H erm es T rism egistos) dü rfte
in den verschieden en V a ria n ten griechischer T a b la i en th alten sein m it E . P e t e r s o n ,
R hein. M us. L X X V (1926) 400, 28 und K . P r e i s e n d a n z , P a p . G r. m ag. I I (1931) 212-
Die beiden griechischen H oroskope — Amulette — Testamentum Salomonis 49

B. D IE E N TA RTU N G EN D E R Ä G Y P TISC H E N DEKANNAM EN


IN D E R A N T IK E
i. D IE N A M E N D E R 36 D E K A N E IM T E S T A M E N T U M SA L O M O N IS

Im Testamentum Salomonis haben die alten Namen und Gottheiten der


Dekane bereits eine doppelte Umgestaltung durchgemacht. Einmal sind die
traditionellen Namen an sich vielfach bewußt entstellt worden, die Gottheiten
von ihrem göttlichen Rang herabgestoßen und zu sekundären bösen Dämonen
degradiert worden. Zweitens sind neben sie ganz neue Namen und Wesen
getreten, die wie gestrenge Sklavenhalter jederzeit die Aufsicht über die alten
Dekane und deren Regiment führen; sie stürzen auf den Anruf ihres heiligen
Namens hin sofort über den von einem Dekan befallenen Menschen her und
jagen den alten Dekan aus dem Körper des Menschen hinaus. E s ist dasselbe
Schicksal, das die Planeten und die Mächte des Tierkreises durchmachen,
denen ebenfalls im ausgehenden Altertum und im Mittelalter Patriarchen,
Erzengel, Engel und endlich die Heiligen der christlichen Kirche als die
triumphierenden Gewalten der siegreichen christlichen Religion das Leben
und das alte Schicksalsweben in Fesseln legen. So leben die alten Stern­
mächte auch mit ihrem Namen wohl im Testamentum Salomonis weiter und
wirken in anscheinend freier Weise, aber doch sind sie gebunden und können
jederzeit aus ihrem Herrschaftsbereich verjagt werden durch die Namen und
Gewalten der neuen Herrn und Gebieter, der Engel und anderer Mächte der
siegreichen hebräischen Religion.
Alle Dekane versichern dem König Salomo trotzig, daß er, der König,
sie, die Weltenherrscher der Finsternis dieser Weltperiode, nicht bändigen
poch sie einschließen kann. Sie erscheinen nur deshalb vor Salomo, da Gott
ihm die Macht gab über alle Geister der Luft, der Erde und der Unterwelt.
Und doch bezwingt er auch sie, sie müssen Wasser tragen, und außerdem
betet Salomon zu Gott, daß er diese 36 Dämonen, welche der Menschheit ihre
Fesseln auferlegen, zwinge, zu seinem Tempel zu kommen, d. i., daß er sie
dort gefangen hält.
Der erste Dekan nennt sich nach der besten Handschrift Rhyax.1) Dieser
Name R hyax stammt wohl aus dem Hebräischen und hat die Bedeutung „der
Herr“ . Daß gerade der führende 1. Dekan diesen Namen bekam, entspricht
der ägyptischen und der astrologischen Vorstellung, daß der erste Dekan der
Herr und König aller anderen ist, wie z. B. Sothis noch in späterer Zeit als
regina decanorum erscheint (S. 239). Ob jedoch dieses Wort als wirklicher
Name des 1. Dekans der ganzen Reihe in dem semitischen Vorbild dieser grie­

1) N b ie te t d a fü r „P h a rm o u th io u “ , m it der R a n d n o te : „v o m 1.— 10.0 des W id d e rs“


(119 M cCow n). E r tr ä g t also den N am en des v o n ihm beh errsch ten M onats A p ril. D as
kann a u f g u te T ra d itio n zu rü ckgeh en , denn b e k a n n tlich sind die M on atsg ötter als V o r­
steher der D ek an e oder auch als D ekan e selb st nachw eisbar. D ie V a ria n ten , die D e ­
b a t t e , A n ecd o ta A th en ien sia, B ib i, de la F a c u lté de Ph ilos, de L iège X X X V I (1927)
S- 236 für den I.— 21. D ek an g ib t, sind n ich t b erü cksich tig t, da diese V a ria n ten aus
einer H an d sch rift des 18. Jahrhu n derts für die u rsprüngliche B ed eu tu n g der D ekan -
Damen n ich ts ergeben. M ehrere D ekan e u nd ih re G egen partn er sind sp äter in der A stro -
Wagie und J a tro m a th e m atik a u f A m u letten , G em m en und in G eb eten augeru fen w orden ,
v gl- P e t e r s o n 394, 4. 395, 7. 10 u. ö.
Studien der Bibliothek Warburg, 19. Heft: G u n d e l .
5o D ie Geschichte der einzelnen Dekannamen

chischen Übersetzung gestanden hat, scheint fraglich. Denn von dem 20. Dekan
ab bekommt jeder denselben Beinamen als Vorschlag zu dem Hauptnamen
in der Form Rhyx, der bisweilen auch Rex oder Rixi lautet, und nach McCown
ebenfalls den Sinn der Herr hat.1) Hier gibt nun die Handschrift P die Lesart:
ich werde Widder (Krios) gerufen und bei mir sind diese zwei. Das paßt zu
dem Namen Sro, den in dem griechischen Horoskop der Widder führt, und
zu dem 1. Dekan der merkwürdigen Dekanreihe des Manilius, der ebenfalls
der Widder ist. Wir hätten also ein wichtiges Zeugnis dafür, daß eine helle­
nistische Dekanreihe dem ersten Dekan diesen Namen gab, der in der alt­
ägyptischen Liste im 2. Dekan des Steinbocks stand.
Auch ein anderer Dekan führt im Testamentum Salomonis den Namen
eines griechischen Zodiakalbildes: der 2. Dekan des Wassermanns heißt
nämlich Ichthyon, d. i. Fischedekan. Sonst findet sich dieses Wort nur noch
in dem Kalender des Dionysios (erste Hälfte des III. Jahrh. v. Chr.), der
sämtliche Monate des Jahres nach den Zeichen des Tierkreises benannt hatte,
indem er einfach wie das auch hier der Fall ist, an den Stamm dieser Namen
die Endsilbe -on fügte, z. B. Aegon, Hydron, Ichthyon, Krion, Tauron usw.2)
Der Name führt ebenfalls in altägyptische Dekanlisten hinaus; schon auf
den Särgen von Emsaht sind zwei Fische das Symbol eines Dekans, auch sie
nehmen wie unser Dekan nicht die dominierende Stelle in dem gleichlautenden
Zodiakalbild der griechischen Sphära ein.
Von weiteren griechischen Elementen erkennt man auch in anderen
Dekannamen Spuren. So muß in Sphendonael (Nr. 6) das griechische Wort
<Tcpev§6v7] stecken. Man kann darin eine Schleuder oder einen geschleuderten
Gegenstand erkennen. Man wird also an den Pfeil des Schützen oder an die
A x t denken dürfen, die der 1. Dekan trägt und die er, wie es ausdrücklich
heißt, schleudern will. Auch in Artosael (Nr. 3) und in den Varianten Aroto und
Aratosael kann ein griechisches W ort gesehen werden, das auf den Sinn von
Brot, Ackern oder Saatland führt; das würde sowohl zu den Dekanbildern
und den Paranatellonta dieser Himmelsgegend passen, als auch zu der engen
Beziehung, welche die Dekane zu den in ihren Zeiten erfolgenden landwirt­
schaftlichen Tätigkeiten haben.
In dem 4. Dekan Horopel, der auch Horopolos und Aropolos geschrieben
wird, kann die Bedeutung Presse, Holzgestell zum Vorschein kommen, wenn
man nicht opo?, sondern opoc, schreibt, was bei der unsicheren Schreibform
des griechischen Spiritus in den griechischen Handschriften erlaubt ist. Diese
Interpretation hat deswegen etwas Bestechendes, weil der folgende ägyptische
Dekan Tom nach Brugsch den Kasten bedeutet; dann findet sich unter den
ägyptischen Dekanen auch direkt die Presse, es ist der 23. Dekan Sesme.
Bindend ist natürlich diese Interpretation nicht; denn ebensogut kann man
an Hörus denken, der als Dekangott öfters erscheint.

1) E s is t ü brigens, w ie die L e x ik a erw eisen, a u ch im G riechischen das W o rt piiocS


vorh an den in der B ed eu tu n g v o n „h e rvo rb rech en d er Q uell, S trom , besonders der F e u e r­
strom , L a v a s tro m “ (so e tw a P a p e s. v .). D er V e rg leich des bösen D ekan geistes m it dem
aus seinem S tern b ezirk herausbrechenden F eu erstro m h a t e tw a s ungem ein B estech en d es!
S p ätere d ü rften w o h l m it M c C ow n darin ein sem itisches W o rt gesehen haben , das zeigt
die arab isch-jüd ische Id en tifizieru n g jed es einzelnen der 36 D ekan e m it 36 K önigen
(N im rod usw . S. 75) u nd m it 36 verschieden en R ich tern .
2) P to l. S y n t. I I 264, 18. 265, 9. 19, 267, 3 H eib.
Die Namen der 36 D ekane im Testamentum Salomonis 51

Lauter griechische Bestandteile stecken in dem Gallimathias: Kairo-


xanondalon, dem Namen des 5. Dekans. In dem letzten Teil entpuppt sich
das Wort SocXo?, welches den Sinn: die Fackel, erloschener Feuerbrand oder
einfach Holz haben kann. Den Anfang bildet ebenfalls ein griechisches Wort,
das Verbum xocipoco, das kann heißen: ich befestige die Fäden eines Gewebes
nebeneinander, oder ich passe den richtigen Zeitpunkt ab. In der Mitte kann
das Wort E,odva> stecken, d. i. Wolle krempeln, kämmen oder spinnen. Nun
steht im Tierkreisbild des Stiers, dessen 2. Dekan wir vor uns haben, der Stern
Lampadias, d. i. der Fackelträger; ferner haben wir hier als Paranatellon die
Keule des Orion. Das entspricht der indischen Dekangestalt, die bei Apomasar
als umgestürzte göttliche Gestalt beschrieben wird, die in ihrer rechten
Hand einen Stab hat. Dann darf noch auf die kämmende Frau hingewiesen
werden, die einen Kamm hält und auf die Frau mit der Spindel, beide
erscheinen in Wort und Bild später als Dekane. Endlich kann in diesem
Wort auch eine Aktion stecken; es kann ein Astralwesen bezeichnen, das
sich mit Feuer und Holz, mit Weben, Kämmen, u. ä. m. beschäftigt. Wir
hätten hier also einen Vorläufer der später so ausgiebig in der Zeichnung
der indischen Dekane gegebenen Tätigkeiten: „E r kümmert sich um die
Bestellung des Landes, um das Bauen und das Herausführen des Rindviehs
zum Pflügen und um die Aussaat“ , heißt es etwa im Picatrix von diesem
Dekan. Und Dekangötter, die es speziell mit Feuer und Feuerarbeit zu tun
haben, kennen wir aus Literatur und Kunst im Altertum und in späteren
Zeugnissen.
Auch in anderen Namen des Testamentum Salomonis erkennen wir
griechische Worte, die einen vieldeutigen Inhalt bergen. Sie sind dadurch be­
deutsam, da sie zeigen, wie diese Vieldeutigkeit schon um die Wende unserer
Zeitrechnung Veranlassung geboten haben muß zu den Mißverständnissen,
die dann besonders stark sich fühlbar machen mußten auf der weiteren Wan­
derung der Dekannamen nach Indien, Arabien und in das europäische Mittel­
ster. Es kommen folgende Namen in Betracht: 7. Dekan, Sphandor; die
Lesart Doron und phandoron weist auf eine Bedeutung „der Lichtspender“ ,
hinter dem wohl der Name des hellsten Sternes des Stiers Lampadias (Fackel-
träger) verborgen ist. Doch könnte in doron auch der ursprüngliche Sinn von
Holz oder Schlauch enthalten sein, dann kommt man auf das Gestirn, das
Apomasar unter den Paranatellonta zu diesem Dekan als einen Mann bezeich­
net, der einen Stab in der Hand hält (d. i. der Fuhrmann).
In Kourtael, dem Namen des 9. Dekans, kann die Wurzel y.oüpo? jugend­
lich oder xoupt^w schneiden, rasieren stecken. Man kann an einen Geschorenen,
Rasierten, einen Geschnittenen, d. i. an einen Eunuchen denken oder an einen
Gott, der selbst schneidet. Vielleicht liegt hier bereits der Schlüssel zu dem
Gestirn, das Apomasar im vorhergehenden Dekan als den Mann bezeichnet,
der im Garten steht und Blumen schneidet, und zu dem Flickschneider des
9 - Dekans. Beide Sternbilder werden so in der mittelgriechischen Übersetzung
genannt (C. C. A. V 1, 160, 15 und 23). Auch der nächste Dekan Metathiax
laßt den griechischen Ursprung erkennen, es ist der, der sich im Thiasos be-
Indet; es ist eine Umschreibung für Satyros, der bei Apomasar als Apollon
>nit den Sistren und der goldenen Flöte gezeichnet wird, wohl eine Weiterbil­
dung der Dekangöttin Isis mit dem Sistrum. Auch hier möchte ich eine Nach­
wirkung dieses Namens in der arabischen Aktion sehen; denn nach Apomasar
4*
52 D ie Geschichte der einzelnen Dekannamen

beschäftigt sich der indische Dekan mit der Abfassung und Komposition des
Liedes, mit Musik, Spiel und Scherz in verschiedenen Arten, also tatsächlich
ein Mann im Thiasos, wie er hier im Testamentum Salomonis heißt. Und im
Picatrix ist daraus ein Dekan der Unachtsamkeit, des Vergessens, des Spieles,
des Geschwätzes und des Müßigganges geworden.
Der i i . Dekan Katanikotael gibt leicht seine Grundworte her, die einen
Gott des Sieges erschließen lassen. Man denkt an die Göttin Satis, die Dekan-
göttin des Krebses; sie ist mit Pfeil und Bogen bewaffnet und konnte daher
mit Leichtigkeit die Phantasie zu einer Gottheit des Niederzwingens anregen-
Der 12. Dekan Saphthorael läßt unschwer die zwei Bestandteile cracp«
= deutlich, sicher und -9-opaIo? einen speziellen Beinamen Apollos loslösen,
der die Bedeutung,,der zum Samen gehörige, zum Erzeugen fähige“ aufweist.
Das trifft sich mit der inneren Beziehung, die dieser Dekangott, der das ägyp­
tische Neujahr beginnt, zu der Nilschwelle und damit zu der Fruchtbarkeit
des kommenden Jahres hat.
In Phobothel, dem 13. Dekan ist das griechische W ort zu erkennen, das
auf eine Personifikation des Phobos, d. i. des Schreckens oder der Furcht hin-
zielt. Man kann auf den alten Dekan Knuphis raten, der an dieser Stelle
steht, er wird bereits im Zauberpapyrus Harris zur Abwehr böser Mächte
gerufen.1)
Leroel, der Name des 14. Dekans läßt einen Windbeutel, Possenreißer,
Schwätzer oder auch das Abstraktum Schmuck und Tand erraten. Damit
stimmen die späteren Dekane überein, die nach einer auf Teukros zurück-
gehenden Lehre hier etwa mit Apomasar „einen Götzen sehen, der seine Hände
nach oben hebt und schreit; er hat Zymbeln, wie sie die Tänzer haben, aus
E rz gemacht und verschiedene Gesänge.“
Katrax, der 16. Dekan, läßt die Wahl zwischen einem Pfau oder einer
Katze. Die Variante Jatrax weist dagegen auf einen Arzt, während Atrax, was
als eine weitere Lesart genannt wird, einen Pfeil, eine Spindel oder eine Segel-
stange bedeuten kann. Für sämtliche Namen und ihre flüssigen Deutungen
lassen sich aus der Sphaera graeca und barbarica aus dem Altertum durchaus
plausible Erklärungen bringen, denn alle diese Begriffe lassen sich als Stern­
bilder nachweisen.
Jeropa (Nr. 17), Opfervater, Opferschauer und Opferbereiterin läßt an
Isis, Dike und Musa denken, welche Eratosthenes und später Teukros mit
dem Sternbild der Jungfrau zusammenstellen. Damit deckt sich auch die
W irkung des Dekans im Horoskop, wo er nach Hephästion (56, 16 E) sein
Kind mit dem Kennzeichen: suXaßvji; ~spi t o c fteia ausstattet. Steht Venus
mit ihm günstig, dann ist sein Kind beliebt und erhält Wohltaten S i a ja o u -
GiyJyjt; x a l apfiovCa?.
In Modebel, dem 18. Dekan, hat man die Wahl zwischen der Bedeutung
Wasserlilie und Teppich, Decke. In der Wasserlilie würde vielleicht eine Um-
deutung der Ähre stecken, wenn nicht direkt ägyptische Bilder den Grund
boten, die hier eine Göttin mit dem Papyruszepter bieten. Eine Frau mit einem
Wasserlilienstengel ist unter den späteren Dekangestalten bekannt, sie ist
nach Picatrix die Göttin des 11. Dekans. Bei Apomasar hat die Göttin unseres
(18.) Dekans einen gefärbten gewaschenen Mantel an — damit dürfte die an­

1) D ie L ite ra tu r g ib t D r e x l e r , K n up h is, im M yth o l. L e x . I I 1257.


Die Namen der 36 Dekane im Testamentum Salomonis 53
dere Bedeutung des Dekannamens vielleicht in ursächlichem Zusammenhang
stehen.
Mardero (19. Dekan) erschließt in seinem ersten Teil das seltenere Wort
für Hand, der zweite Teil führt auf schinden, abhäuten, verstümmeln. Ge­
meint ist die Hand der Jungfrau, die in diesem Dekan nach Ptolemäus auf­
geht, also schon vor ihm unter den Begleitsternen erschien. Die verstümmelte
Hand ist nebenbei bemerkt auch ein alter Sternname der Araber.1)
Nathotho (Nr. 20) bietet in der Mitte als wichtigsten Bestand den ägyp­
tischen Mondgott Thoth, der gerade in dieser Gegend in den altägyptischen
Listen als Dekangott dargestellt wird.2) Sonst kann man auch aus den An­
fangslauten einen Tempel, einen Tempelraum (vao?) oder die Bedeutung
..wahrhaftig“ herauslesen; in dem Mittelstück kann außer Thot auch das
seltenere W ort &&)<; = Rind, Schakal, wildes Tier gewonnen werden; das wäre
alles ebenfalls in der Gestirnwelt dieser Zeiten zu belegen. Doch weist die
spätere Zeichnung des Dekans bei Vaharamihira und Apomasar als eines
Mannes, der die Gestalt eines Adlers (Geiers!) und die Farbe eines Aasgeiers
hat, auf einen ägyptischen vogelgestalteten Gott hin, da kommt natürlich
auch Thot in der Erscheinung als ibisköpfiger Gott als Vorbild in Frage.
Der 21. Dekan Alath birgt einen selteneren Beinamen des Mars, auch
die Personifikation des griechischen Kampfrufes führt auf diesen Gott; das
reicht wieder in die ägyptischen Dekangötter hinauf, unter denen etwa Horus
als Kampfgott zu nennen wäre. Andere Spuren würden zu der Wurzel „umher­
irren“ oder auf „Meer“ und „S a lz“ führen. In dem indischen Dekangott,
der an dieser Stelle mit gespanntem Bogen und Pfeil dargestellt wird, wird
man das Fortleben des kriegerischen Dekangottes festzustellen haben, ebenso
im Picatrix, der diesen Dekangott als kriegerischen Mann mit einem Speer
und einem Kopf in der Linken darstellt, die bekannte arabische Gestaltung
des Mars.
Der 22. Dekan Audameoth kann eine absichtlich entstellte Form des
syrischen Sonnengottes Aumos sein, der uns durch griechische Inschriften aus
der Trachonitis bekannt ist.3) Der hebräische Verfasser des Urtextes hat an
Stelle eines ägyptischen Dekansonnengottes einfach eine syrische Sonnen­
gottheit substituiert.
Das Rätsel des 25. Dekanes Anatreth kann durch die Zerlegung in ägyp­
tische Elemente gelöst werden; der Sonnengott re, auch ret, rat, srat, die
ägyptischen Namen des 18., 19. oder 30. Dekans heben sich aus dem Gefüge
ab. Es gibt aber noch eine weitere Deutungsmöglichkeit in dem griechischen
°W(XTp7)T0<;, das auf einen Zusammenhang mit durchbohren führt. Merk­
würdig ist es, daß z. B. im Picatrix der übernächste Dekan einen Mann
Zeigt, der einen anderen tötet, also ein Durchbohrender und ein Durchbohrter
zugleich. Hier haben wir im altägyptischen Himmelsbild vielleicht die E r­

1) E s ist n ach I d e l e r , U n tersu ch u n gen ü ber den U rspru ng u nd die B ed eu tu n g der


s ternnam en (1809) 207, 209, 420 ein N am e fü r K a ssiop eia und fü r die fü n f K o p fstern e
des W alfisches.
2) S e t h e , Z e itr e c h n u n g d e r a lte n Ä g y p t e r , in N a c h r . d . G ö t t. G e s e lls c h . d . W .
(19 2 0 ) 4 7 .

3) C u m o n t , A um os, in d e r R . E . I I 2423. D azu p a ß t auch, daß in der lateinisch en


herm etischen L iste einer der voran gehend en D ekan e (N. 20) das R e gim en t ü ber T ra ch o ­
n itis fü h rt (S. 312).
54 D ie Geschichte der einzelnen Dekannatnen

klärung, das den falkenköpfigen Gott Horus zeigt, der mit seinem Speer
den Seth durchbohrt. Ein Durchbohrter ist seit alters am ägyptischen
Himmel.1)
Der 26. Dekan Enautha mit der Lesart Enenouth verbirgt entweder die
Göttin des Himmels Nut oder das griechische Verbum svociico mit der Bedeu­
tung Feuer anzünden. Beides paßt in die Dekanregion hinein. Beim Feuer-
anzünden drängt sich von selbst die Feuerstelle heran, die in dem Sternbild
des Altars in der griechischen Astrothesie durch besondere Sterne markiert
wird. Dann wäre das Paranatellon gemeint, das allerdings astronomisch etwas
verspätet erscheint. Ein Dekan vorher wird der Altar von Apomasar als eines
der Begleitgestirne erwähnt, die Ptolemäus zum dritten Dekan des Skorpion
aufzählt. Die Zeichnung dieses Bildes: der obere Teil des Rauchfasses, worin
das Feuer ist, deckt sich vorzüglich mit dem W ort Enautha. Übrigens darf
nochmals auch hier auf die zahlreichen Dekane der Spätzeit gewiesen werden,
die es mit dem Feuer zu tun haben oder vom Feuer verbrannte Kleider an­
haben. Bedeutsam ist es ferner, daß Vesta, die Göttin des Feuers und des
Herdes die Obhut über das nächste Tierkreisbild, den Steinbock, hat, und
daß sie nach Manilius IV v. 243 tief drinnen, also etwa in der Mitte dieses
Zodiakalbildes lokalisiert ist.
Axesbyth nennt sich der 27. Dekan. Man wird das Wort in die ge­
gebenen Teile a.c,zxoc „ungeglättet, rauh“ und ßu!>6? „Tiefe, Meerestiefe“
zerlegen können. Also ein Wesen, das es mit der Meerestiefe zu tun hat und
eine ungeglättete, rauhe Oberfläche hat. Damit kommen wir zu den Dekan­
göttern, deren Körper Schuppen haben oder Gewänder, die ungeglättet, also
rauh sind. Der indische Dekan Apomasars trägt so ein Gewand von Baum­
rinde. Dann steigen die Sternbilder Delphin, Drache und eine Schlange mit
diesem Dekan auf, beide schrecklich anzublicken und stark gewunden, heißt
es bei Apomasar. Noch mag auf die Nereis hingewiesen werden; sie gleicht
einem Menschen von denen, die das Meer bewohnen, heißt es bei Apomasar,
sie kommt mit dem nächsten Dekan herauf als Begleitgestirn.
Den 28. Dekan Hapax oder, wie die Variante schreibt, Harpax, würde
man als einen Zahlengeheimnamen mit einer nicht definierbaren Bedeutung
erschließen können ( = ccnaE einmal); der Name käme dann in die Reihe der
Listen, die durch Zahlensymbolik oder Buchstabenreihen die Dekangeister
umschreiben. In der Version Harpax steckt der Sinn von Räuber, Raub oder
eines hackenartigen Gegenstandes. Die Zeichnung dieses Dekangottes bei
Apomasar gibt ihm lange, scharfe Zähne, die an Länge einem Balken und an
Schärfe einem Dorn ähnlich sind, einen Strick . . . und einen Angelhaken,
womit man Fische fängt. All das konnte die Phantasie eines späten Inter­
preten aus diesem Namen des Dekangottes herauslesen und so die wirren A t­
tribute erstehen lassen, die in gehäufter Form die indischen Entartungen auf-
weisen.

1) D er sp erberköp fige H orus g e h t im H im m elsbild im R am asseu m u nd in ein


th eb an isch en K ö n ig sg rab a u f den S tier, bzw . den S tiersch en kel („d e r ü berw unden e große
K ä m p fer = Seth) m it seiner L a n ze los: B r u g s c h , T h esau ru s 1 2 1 I ; B o l l , S p h aera 215;
P r e i s e n d a n z , A k ep h alos, der kopflose G o tt, in B eih efte zu m a lten O rien t V I I I (1926)
25, 2, dazu d arf ich noch an die ä g y p tisch e S p h aera b ei A . K i r c h e r , O edipus A egyp -
tia cu s I I 163 und 207 erinnern, die d en v o n H o rus od er Osiris du rch b oh rten L ö w en oder
das d u rchb oh rte K ro k o d il in den S tern bildern postu lieren.
Die Namen der 36 Dekane im Testamentum Salomonis 55
In dem Namen des 29. Dekans Anoster kann man das Wort v o c t t o ?
= Heimkehr erkennen. Danach würde ihm als einem bösen Dämon die
Macht zugeschrieben, die Heimkehr und damit das Erreichen eines gesteck­
ten Ziels zu verhindern. Das klingt noch in der Aktion dieses Dekans bei
Picatrix nach, wo er ein Dekan des Strebens ist nach dem, was man nicht wissen
und erreichen kann, und bei dem kein Ende abzusehen ist. Die Variante Aster
ruft die ägyptische Benennung der Dekane nach Sternen und Sternsummen
ins Gedächtnis, z. B. sei auf den Namen Chau und Arat gewiesen, beide be­
zeichnen den Tausendstem; auch an Siket darf erinnert werden, das als Acht­
oder Dreizehnstern interpretiert wird. Nach der ägyptischen Zählung, die
mit dem 1. Dekan des Krebses beginnt, sind gerade diese Sternnamen hinter­
einander die Dekane 28— 30.
Der 31. Dekan wird schwerlich je sein Inkognito ablegen, das er in seinem
Namen Aleureth oder in der Variante Alleborith hat. Mehl, Mühle kann auf
eine Verunstaltung des ägyptischen Namens die Kelter führen. Die andere
Version Alleborith würde einen Gott, der bald da, bald dort sich aufhält,
postulieren. Letzteres könnte in der W irkung dieses Dekans bei Picatrix
nachklingen: und ist ein Dekan der Mühsal, Mühe und Ermüdung, der Armut,
des Mangels, der Bedürftigkeit und Niedrigkeit.
Auch der 33. Dekan bietet eine größere Anzahl von Deutungen. Man
kann in Achoneoth eine Verzerrung des ägyptischen Chont sehen, das mehrfach
als ein Bestand von Dekannamen erscheint. Sucht man griechische Worte
darin, dann bekommt man einen Sinn eines Betrübten oder auch Betrübenden,
während die Lesart Anchonion auf einen Henker oder einen Erdrosselnden
führt. Die Wirkung des Dämons, der Schmerzen in der Kehle und den Man­
deln verursacht, also geradezu ein Drosseldämon ist, paßt zu dieser Inter­
pretation. Übrigens ist auffallenderweise die übliche Abfolge der Melothesie
hier völlig durchbrochen; der Dekan besitzt sonst als Körperdämon die Herr­
schaft über die Schenkel, nicht aber wie hier das Regiment über Kopforgane.
Das ist die Domäne der Widderdekane. Nun führen die beiden ersten Widder­
dekane im Ägyptischen den Namen Chont-har und Chont-chre. Die Liste ist
also hier durchbrochen und umgestellt, wie das ja eine uns schon gewohnte
Erscheinung in der Namensgeschichte der Dekane ist. Der Verfasser hat also
Wirkung und Namen des Widderdekans hierher gestellt und aus Namen und
Wirkung nun sekundär die griechische Neubildung geschaffen mit dem Sinn:
Drossel- oder Würgergott.
In Phtheneoth, dem 35. Dekan, ist man versucht, Phtha, den ägyptischen
Gott der Schmiedekunst zu erkennen.1) Teukros muß einen solchen Gott der
Schmiedekunst hier gekannt haben; das beweist der letzte Dekan des Wasser­
manns, der nach der indischen Gestaltung eiserne Gerätschaften bearbeitet,
und der erste Dekan der Fische, der nach derselben Überlieferung ein Mann
mit einer Ofenkrüke ist, mit der man das Feuer schürt. Restlos zwingend ist
aber diese Interpretation doch nicht. Denn es gibt eine Personifikation des
ägyptischen Gottes Phtheneutes, die als Symbole den Sperber des Horus und
den Widder des Ammon oder Chnum führt.2) Dieser Gau wird auch einmal

1) Ü b er die griechisch e N am en sform (<I>r>oc, O öä?) usw. orien tiert H ö f e r , P h th a ,


im M yth ol. L e x . I I I 2470.
2) S t e u d i n g , L o k alp erso n ifikation en , im M yth o l. L e x . I I 2 io 6 f.
56 D ie Geschichte der einzelnen Dekannamen

personifiziert durch den jugendlichen Horus mit dem Füllhorn auf der Lotos­
blüte^ Sämtliche Symbole und Bilder der genannten Gottheiten erscheinen
in den Bildern der ägyptischen Dekangötter; da nun nach alter Lehre die
Dekane über die 36 Gaue gebieten, dürfte hier die Dekanliste überkreuzt sein
durch den Gaugott selbst. Wir bekämen durch diesen merkwürdigen Dekan­
namen also ein höchst wertvolles Dokument für die Dekangeographie, die uns
noch später beschäftigen wird.
Außer den vorwiegend aus griechischen Elementen gebildeten Namen,
die ohne allzu große Deutelei einen berechtigten Inhalt ergeben, heben sich
auch einige ägyptischen Elemente ab. So ist in Horopolos der Dekangott
Horos verborgen (4. Dekan), dreimal erscheint der Dekan Thot, in Nathoto
(Nr. 20), Manthado (Nr. 23) und Autoth (Nr. 34). Einen alten Dekannamen
enthält der 15. Dekan Soubelti, er heißt in der griechischen Transkription
bei Hermes Sou, bei Hephästion Chou und bei Firmicus Suo. Er ist sonst nach
der griechisch-römischen Zählung der 4. Dekangott, was bei dem vielfachen
Verschieben einzelner Namen innerhalb der Listen eine nicht allzu belastende
Erscheinung ist.
In den beiden Varianten Koumeltel und Koumeatel ist ein letzter Nach­
klang des Dekan Knuphis erhalten. Auch Aktonme, der 24. Dekan wird sich
als eine Verkappung des Wortes Chont und seiner Verbindungen entpuppen,
die öfters unter den Dekannamen Vorkommen. In Physikoreth (Nr. 30) sehe ich
den Dekan Siket als Hauptbestand, der sonst den dritten Platz der offiziellen
antiken Zählung einnimmt. Den Phtheneoth (Nr. 3 5 ) haben wir oben bereits
als ägyptischen Gaugott feststellen dürfen. Als letzter Dekan kommt der
36. in Frage, dessen Name nach der maßgebenden Lesart Mianeth geschrieben
wird. In den letzten Silben neth ist die ägyptische Göttin Nit verborgen,
die Göttin des saitischen Gaues, die Mutter des Sonnengottes und auch die
Mutter des Krokodilgottes. Teukros hat, wie wir aus Apomasar erschließen
dürfen, in diesem und in dem vorhergehenden Dekan das Sternbild des Kro­
kodils als Paranatellon gekannt, das in den anderen antiken Listen als letztes
Tier der Dodekaoros erscheint. Wenn also Neith, die mit zwei an ihr saugenden
Krokodilen dargestellt wird, vermummt in diesem letzten Dekannamen auf-
tritt, so stimmt das durchaus zu der ägyptischen Himmelsanschauung dieser
Schlußpartie der Dekanreihe.
Die Betrachtung der einzelnen Dekannamen ergibt im griechischen Text
des Testamentum folgendes Resultat: Der vermutlich jüdische Verfasser des
hebräischen Urtextes hat nicht nach rein persönlicher Phantasie und Willkür
die 36 Dekannamen erfunden, sondern er kennt einmal die ägyptischen Namen;
dann muß er bereits eine ganz starke Entartung der traditionellen Namen
gekannt haben, welche Aktionen, Paranatellonta, Bestandteile der Dodekaoros
und der Tierkreisbilder bereits mit den Dekanen vermengte. Der griechische
Übersetzer, der mit Mc Cown in das dritte nachchristliche Jahrhundert gehört,
hat nun seinerseits wiederum manches mißverstanden, Elemente der hebräi­
schen Umdeutungen beibehalten oder selbständig Neubildungen geschaffen.
Das Testamentum Salomonis ist uns neben Teukros eines der wertvollsten,
bis jetzt nicht genügend beachteten Dokumente für die frühe Entartung der
Dekannamen und der Dekanbilder infolge von mißverstandener Interpre­
tation der Namen und Aktionen der einzelnen Dekane.
Die Gegenmächte der Dekane und ihre Nam en im Testamentum Salomonis 57

2 . D I E G E G E N M Ä C H T E D E R D E K A N E U N D I H R E N A M E N

I M T E S T A M E N T U M S A L O M O N I S

Die Idee, daß ein Gott den anderen besiegt, ist in der Dekanlehre, wie
uns ausdrücklich von Firmicus mitgeteilt wird, systematisch von Nechepso
in seiner Dekantherapie durchgeführt worden. Auch das heilige Buch des
Hermes an Asklepius bringt diesen allgemeinen Völkergedanken speziell auf
die Dekangottheiten klar zum Ausdruck. Insofern rückt das Testamentum
Salomonis mit der konsequenten Angabe der 36 Gegenmächte in die Reihe
der hellenistischen Astromedizin und Astromagie ein. Die geschichtliche Ent­
wicklung beginnt aber schon viel früher, sie führt uns in die altägyptische
Astronomie und Religiosität, die neben und dann über und in die Dekanstern­
bilder an sich ganz wesensfremde irdische Gottheiten stellt und ihnen bald
die Schutzherrschaft, bald die Gegenaktion der alten Dekan Wirkungen zu-
spricht. Nach oben ist diese Form der Dekanreligion weiter gegangen, besonders
ausgeprägt in der Gnosis, dann nie erloschen in der Astromagie, wo sie immer
wieder betont wird, so lange die Dekane ihre gläubigen Anhänger hatten.1)
Die Gegenmächte der Dekangötter, die im Testamentum zu schaden­
stiftenden bösen Wesen herabgedrückt sind, müßten eigentlich durchweg aus
dem Gebiet der siegreichen, hier der jüdischen Religion stammen. Das ist
nicht der Fall. Wir finden uralte ägyptische Symbole, Hieroglyphen und ägyp­
tische Götter unter den Gegenmächten, dann jüdische Geheimnamen des
Gottes Jahwe und endlich Namen von Engeln und Erzengeln.
Unter den altägyptischen Symbolen hebt sich vor allem die feindlich
siegreiche Macht des 35. Dekan ab. Der Dekan nennt überhaupt keinen Namen
der über ihn triumphierenden Gewalt, sondern sagt: Es hält mich fern das
vielen Leiden ausgesetzte Auge, wenn es eingeschnitten ist. Also ein Amulett
mit dem Auge vertreibt den Dämon, der den ganzen Menschen quält. Das
Auge spielt in der ägyptischen Mythologie seine besondere Rolle; einmal als
das Auge des Horus, das Thot geheilt hat, dann ist es mit dem Mond identifi-
Zlert, der in seinen Phasen viele Leiden darstellt und neben der Sonne als
zweites Auge des H'mmelsgottes betrachtet wird. Das Auge hat zudem seit
alters in Ägypten seine besondere Funktion im Zauber und auf Amuletten.
Hier wirkt also aus einer alten ägyptischen Dekantabelle ein Sonnen- oder
Mondgott (wohl Thoth) nach, der mit dieser Bildhieroglyphe als Gott neben
den vier Oriondekanen stand (s. o. S. 10) .2)
Der vorhergehende 34. Dekan Autoth ( = Thot) verliert seine schlimme
Wirkung, wenn man das a und b schreibt, nach den Varianten das Alpha und
Omega. Das gehört in die Buchstabensymbolik, die, wie wir schon erwähnt
naben, die Gestirne mit Buchstaben identifiziert, die also völlig das Wesen
der Astralmacht verkörpern; in jüdischen und christlichen Kreisen ist bekannt­
lich das A und !Q das heilige Symbol für Jahwe und für Christus.3) Der jü­
dische Verfasser dürfte so etwas gemeint haben; er braucht das nun nicht er­

1) F a s t w ö r t lic h fin d e n s ic h d ie G e d a n k e n d e s N e c h e p s o b e i P ic a tr ix 12 0 , 4 ff.

2) Zu dem A u g e des S on n en go ttes und dem Z a u b ersch u tz v g l. B r u g s c h , R eligio n


455 : R o e d e r , T h o t, im M yth ol. L e x . V 857, 860; ders., Sonne ebd. 1204, au ch im grie­
chischen Z a u b er der sp äteren Z e it sp ie lt das S onnenauge seine R o lle, z. B . in einem
L ieb eszau ber in den P a p y ri G raecae M agicae ed. P r e i s e n d a n z I (1928) 184.
3) F . D o r n s e i f f , D as A lp h a b e t in M y stik und M agie (1922) 2. A . i2 2 f.
58 D ie Geschichte der einzelnen Dekannamert

funden zu haben; denn es ist denkbar, daß in seiner Vorlage dieses heilige
Symbol gestanden hat und mit Thot, dem Erfinder der Schrift, der Buch­
staben und ihrer Unterscheidung, in engerem Konnex als Dekanmacht stand.1)
Zu erwägen wäre noch, ob nicht die Abkürzung eines Dekannamen selbst da­
hinter steckt; Hephästion nennt gerade diesen Dekan abiu, die Anfangs­
buchstaben passen zu dem a und b, das den Dekan unschädlich macht.
Ein ägyptischer Gottesname muß auch in dem Widerpart des 36. Dekans
verborgen sein, dessen Geheimname Ardad anaath lautet. In Ardad kann
Ar-ta stecken, ein Beiname des Nun in Memphis mit der Bedeutung Schöpfer
der W elt.2) Man darf aber auch an Art, den ägyptischen Krokodilgott denken-
In dem zweiten Teil von Anaath wird Neith, eine ägyptische Krokodilgott­
heit stecken. Das stimmt zu dem krokodilköpfigen Dekangott der lateini­
schen Liste des Hermes Trismegistos und zu dem Krokodil, das in dem
Bereich dieses Dekangottes als 12. Tier der Dodekaoros mit seinem Kopf auf­
geht. Wir hätten in den drei letzten Dekangegnern der ganzen Serie also als
Gegenmächte ihre eigenen Symbole und identische Gottheiten aus der ägyp­
tischen Mythologie.
Die Namen der acht Väter, welche die siderale Wirkung des 18. Dekan­
geistes vernichten, dürfen wir mit den ägyptischen Gottheiten der Ogdoas zu­
sammenbringen. Sie gelten als die „Väter und Mütter, als Urväter und Ur-
mütter, als die uranfänglichen Acht, die Väter des Ra, die Kinder des Tanon
( = Ptha von Memphis), die Gründer, welche herrichten das, was da ist,
durch ihre Kraft, und die Erde versahen mit den Keimen des fruchtbaren
Bodens, die großen G ötter."3)
Ägyptische Dekannamen stecken in dem Engel Rhaiouoth (22. Dekan­
gegner) und in Arara Arare (Nr. 25). In Rhaiouoth ist nur wenig verändert
der Name des 25. Dekans, der in der griechischen Version bei Hephästion
pYjouu geschrieben wird und die Bedeutung hat: „D er in der Sonnenbarke“ ,
eine bekannte Bezeichnung des Sonnengottes Re. In Arara Arare ist nur ein
leichter Schleier über den Namen des Dekanes Aroi Aroi geworfen, den wir
oben in dem Horoskop des griechischen Papyrus als 25. Dekan kennen lernten-
Unter der Hülle von Rharideris (21. Dekan) kann Reret, der Name der
ägyptischen Göttin Thueris verborgen sein; sie erscheint in dieser Gestalt als
weibliches Nilpferd und auch als Schwein unter den ägyptischen Sternbildern
und unter den Dekangöttern.4) Diese Göttin steht außerdem in besonderem
Zusammenhang mit schwangeren Frauen und Müttern; das würde zu ihrer
Aktion passen, denn sie hebt die Atemnot der Säuglinge auf, die hier der eigent­
liche Dekandämon verursacht. Doch besteht auch die Möglichkeit hier eine
griechische Zusammenstellung zu sehen. Es gibt ein Wort pàpiov mit der Be­
deutung: zu früh geborenes Kind, Säugling und Sépiç, der Hals, die Kehle,
der Schlund, man bekommt dann einen Namen eines Dämons, der die Kehle
des Säuglings beherrscht, was seiner Aktion gut entspricht.
Der Engel Dan (16. Dekan) erinnert an den Hafenplatz Dan am roten

1) R o e d e r , T h o t a. a. O. 849; übrigen s h e iß t H erm es T rism egistos a ä a ä „d er


G roß e G roß e; näheres W . K r o l l , H erm es T rism egistos, R . E . V I I I 793, 30.
2) B r u g s c h , R eligio n m .
3) B r u g s c h , R eligio n 147, u nd R o e d e r , T h o t, im M yth ol. L e x . V 829.
4) R o e d e r , T hu eris, im M yth ol. L e x . V 898f., u nd D a r e s s y , L ’ É g y p te céleste,
in B ull, de l ’ In stit. fran ç. d ’A rchéol. orientale X I I (1916) 176.
■Die Gegenmächte der Dekane und ihre Namen im Testamentum Salomonis 59
Meer, bei ihm mündet der Kanal, der den Nil mit diesem Meer verbindet. Wir
hätten also einen Gaunamen vor uns, der in die Dekanliste eingedrungen ist,
wie in dem Namen des oben besprochenen 35. Dekans Phtheneoth. Vielleicht
bezog man den Korianther, der mit dem Dekangegner Dan in intime Bezie­
hung gebracht ist, aus diesem Hafenplatz.
Ein Gauname kann auch in Marmaraoth liegen, der zweimal als Dekan-
Slcger auftritt (Nr. 24 und 29). Es gibt nach der libyschen Küste zu einen
Volksstamm der Marmariden, es sind die nächsten Anwohner Ägyptens.
Doch ist diese Erklärung nicht zwingend. Man darf an das griechische Ver-
hum [AapfAoupco erinnern, mit der Bedeutung schimmern, glänzen, auch
^ocpjxapeoi; flimmernd, schimmernd kann in Betracht kommen. Der zweite
Bestand ist aoth = Jaoth, eine Bezeichnung für Jahwe1); so würde in dem
Geheimnamen etwa „der schimmernde, glänzende G ott“ stecken. Das leitet
über zu den älteren griechischen Namen der Planeten Phaethon und Phainon,
welche denselben Sinn des Glänzens zum Ausdruck bringen. Und wahrschein­
lich kommen wir mit der Annahme eines Planetengottes wohl der Urbedeutung
°der dem Vorbild dieses Dekangeistes näher; denn Marmaraoth erscheint im
Testamentum auch an einer dritten Stelle, in cap. V III, 7 als die himmlische
Macht, die den dritten Geist der sieben Weltenherrscher und Weltelemente,
mit Namen Klotho lähmt. Diese ist ihrer Aktion nach eine Kraft, die auf Kampf
und Friedlosigkeit hinarbeitet, sie steht also für den Gott des Planeten Mars.2)
Die Gegenüberstellung des ursprünglichen Dekanwesens mit einem Planeten
bietet ein interessantes Beispiel für das schon öfters betonte Hereindrängen
planetarischer Mächte, bevor die ganze Reihe systematisch an die planeta­
rischen Gebieter aufgeteilt wurde.
Kok Phnedismos, der Engel des 28. Dekans begegnet in seinem ersten
Teil als 42. Dekan auf dem Sarge des Nektanebos, der nach Schott K ’ k\
nach Budge Khu Khu (koptisch ~—rr/u) heißt.3) In Phnedismos könnte Te-
fenet, eine löwenköpfige Göttin verborgen sein, die auf ägyptischen Monu­
menten als Dekangöttin erscheint; ihre Tätigkeit, die auf den Schutz der Toten
und der Kranken gerichtet ist, wäre wohl mit der schlafbringenden Wirkung
dieses Dekanengels zu vereinigen. Doch bleibt noch ein Ausweg in griechische
Ursprünge. Man kann eine Bezeichnung des Unterleibes dahinter versteckt
sehen (vy]8<S<;), dessen Domäne in den Machtbereich dieses Dekans und seiner
Nachbarn gehört.
Ein ägyptisches Wort ruht vielleicht auch in Phnunebiel, dem 20. Dekan­
engel. Es gibt eine Gottheit Phtah-Nun, der Vater des Atum. Eine nicht allzu
kühne Kurzform hätte daraus den Dekanengel Phnunebiel gebildet. Das träfe

1) Zu den F orm en v o n dem G ottesn am en Iao v g l. G an schin ietz, Iao, R . E . I X 700ff.


A - J a c o b y a. O. 274. 285.
2) D ieser P lan eten n am e fin d et sich a u ch a u f einer V erw ü n sch u n gstafel b ei A u d o l -
e n t , D efixion . graec. ta b e l. 246, i6 f ., h ier w ird der erste E n g e l des zw eiten P lan eten -
iimm els ( = Jupiter) m it M arm araoth beschw oren. E in E n g e l M arm ar w ird a u ch als der
-ngel des ersten H im m els an geru fen : P ap . G r. M ag. ed. Preisendan z I I (1931) 160
• X X X V , 2, in den V a ria n ten der griechischen Z a u b erp ap y ri: M arm arian (ebd. 26, 573),
1larm arouth (ebd. 27, 608), M arm arel u nd M arm arioth (ebd. 179. 3 und 7) s te c k t w ohl
derselbe A stra lgeist.
3) W eitere U m form un gen dieses D ekan n am en s in griechischen Z aub ernam en b e ­
spricht P r e i s e n d a n z , A k ep h alos, der kop flose G o tt, in B eih efte zu m a lte n O rien t V I I I
(1926) 37, 2.
6o D ie Geschichte der einzelnen Dekannamen

sich mit der Lokalisierung des Ptah-Hephaestos in dem Sternbild der Waage,
dessen zweitem Dekan unser Engel vorsteht.1)
In gnostische Geheimlehren führen die Namen Adonai (13. und 32. Engel),
Adonael (10.), Jaoth (9.), Jaz (14.), Jaoth Uriel (23.) und Sabaoth mit seinen
Kombinationen im 11. und 12. Dekanengel. E s sind die bekannten Formen
des Gottes der Juden, die in der Gnosis und dann in den ägyptischen Zauber­
papyri sich oft genug finden. Wie der Sonnengott die Gestalten der Dekane
der Reihe nach übernimmt, so verkörpern eben auch die mächtigen Gottheiten
der siegreichen Religionen ihre Macht darin, daß sie systematisch oder in
größeren Abständen, die mehr oder weniger rhythmisiert werden, die Do­
mäne der Dekangötter einnehmen. Der 12. Dekan sagt, daß ihn die Söhne
Sabaoths zum Weichen zwingen, wenn man sie schreibt und dabei Jae Jeo
nennt. Das trifft sich wieder mit älteren ägyptischen Dekan Vorstellungen;
denn die vier Söhne des Horus finden sich wiederholt als Dekangottheiten,
darunter auch gerade bei dem folgenden Dekan.2)
Es ist nicht ohne Absicht von dem Verfasser die These aufgestellt, daß
diese gnostisch-jüdischen Gottesnamen hintereinander das Regiment der
Dekane 9— 14 führen. Denn mit dem 9. und 10. Dekan der griechisch-rö­
mischen Tabellen schließt die ägyptische Reihe ab und damit das alte ägyp­
tische Jahr. Das neue Jahr und die neue Dekanreihe beginnt mit den folgen­
den Dekanen. Dazwischen sind die Dekangötter der Zusatztage, der soge­
nannten Epagomene eingeschoben. Wenn nun der hebräische Verfasser des
Testamentum gerade an diese Stelle die Namen des alttestamentlichen Gottes
setzt, so zwingt er die wichtigsten Herren des Jahres und auch die mächtig­
sten Sternbezirke des Orion und des Sirius mit ihrem imponierend reichen
Gefolge der großen Götter des ägyptischen Pantheons unter den mächtigen
Gott seiner Religion. E r tritt so an Stelle des Astralgottes, der als König oder
auch als Königin, je nachdem die Dekanreihe in der Chronokratorie abrollt,
über allen Dekanen und anderen Sternmächten steht.
Es ist nun eine auffallende Erscheinung, daß diese Gottesnamen am
Ende der ersten Hälfte, der griechisch-römischen Reihe stehen, die mit dem
Widder anhebt, und daß vor ihnen die Erzengel und Engel stehen, die an sich
ja auch starke und gewaltige Mächte sind, aber dem gewaltigsten Gott gegen­
über nur untergeordnete Vasallen in den himmlischen Heerscharen darstellen.
Dafür gibt es nur eine Erklärung: der hebräische Verfasser hatte als Vorlage
die alte ägyptische Anordnung, die mit den Dekanen des Krebses begann.
Dort postierte er den mächtigen Gott Jahwe mit seinen heiligen Namen und
ließ ihn auch die Reihe schließen, ganz wie in den ägyptischen Dekanbildern
am Anfang und am Schluß die großen Götter dominieren. Der griechische
1) E in G o tt P h ta h -N u n , der V a te r des A tu m w ird a u f einem S tein im britisch en
M useum aus der 25. D y n a s tie g en an n t als einer der G ö tter, die aus P ta h en tstan den
sin d : R o e d e r , U rku nd en 166, 20; die A n sich t, d a ß H ephaestos ( = V u lk an ) d er G o tt
der W a a g e ist, b ei M anil. I I 443: fabricataque Libra V ulcani, dazu B o l l , S p h aera 4 72 ff.,
u nd G u n d e l , T e x tk r it. B em erkun gen zu M anilius, in P h ilolo gu s L X X X I (1926) 188.
2) Ü b e r die V a ria n ten des G ottesn am en s S ab ao th und Ia o m a g m an A b t , D ie A p o ­
logie des A p u leiu s 180 und G a n s c h i n i e t z , I a o , in R . E . I X 702 n achlesen; ü ber A do n ai
orien tiert F . P r a d e l , G riech ische u nd sü ditalien ische G ebete, B esch w örun gen und R e ­
zep te des M ittela lters in R eligionsgesch ., V ers. u nd V o ra rb . I I I 3 (1907) 299, u nd P r e i -
s e n d a n z , U er, im M yth o l. L e x . V I 9, d er a u f die B esch w öru n g des A d o n ai im G roß.
P a riser Z a u b erp ap yru s v . 1560 ff. verw eist. H ie r ist A d o n ai m it dem D ek an U aret
(Nr. 8 der trad ition ellen L iste), ferner m it C hn uphis (Nr. 12) a u f gleiche S tu fe gestellt.
Die Gegenmächte der D ekane und ihre N am en im Testamentum Salomonis

Übersetzer hat nun auf Grund der seit der Mitte des II. vorchristlichen Jahr­
hunderts üblichen Verrückung des Jahresanfangs auf den i. Dekan des Widders
die alte Reihenfolge nach dem modernen Schema umgerechnet, dabei aber die
Gegenmächte beibehalten, so daß der mächtigste Gott wohl als Siegesdekan
über die größten Astralmächte der älteren Zeit blieb, aber die eigentliche große
und ausschlaggebende Macht über das gesamte neue Jahr verlor und an die
Subalternmächte seines göttlichen Reiches abtrat.
Die Reihenfolge der sechs aufeinanderfolgenden Gottesnamen erregt die
Frage, herrscht hier ein bestimmter Rhythmus und eine bestimmte Absicht
vor ? Die Reihe lautet:
Herr des Dekans
Nr. 9 Jaoth,
•. io Adonael,
•> ix Eae (H), Jeae (L), Jae (P); Joeo (H), Jeo (LP ), Sabaoth,
>. 12 Jae, Jeo (Jao (L)), Söhne des Sabaoth oder: Jaeo, Jeilo, Joelet, Sa­
baoth, Ithoth bae (P und A),
•> 13 Adonai (Adonael P),
14 Jaz.
Mit Jaoth beginnt und schließt die Reihe, ihm folgt Adonai, der dann an
zweitletzter Stelle ihm vorangeht, und in der Mitte steht Sabaoth bzw. seine
Söhne mit ihren und ihres Vaters heiligen Namen. Es liegt deutlich ein ge­
wisser Rhythmus vor. Eine aufsteigende und eine fallende Reihe, die Kul­
mination liegt in dem in der Mitte stehenden Sabaoth, der so der gewaltige
Herr über die in diesen Dekanen dominierenden Götter Seb, Hapi, Asmat
und Ba oder Isis und Chnumis geworden ist.1)
Ein weiteres Element bilden neben den ägyptischen und gnostisch-
jüdischen Gottesnamen unter den Gegenmächten der Dekane die Erzengel
und Engel. Sie eröffnen, wie schon betont, die ganze Serie in der Abfolge:
Michael, Gabriel, Uriel, Raphael, Uruel, Sabael, Arael und Karael. Im Gegen­
satz zu den Gottesnamen kehrt keiner dieser Engel in der ganzen Liste noch­
mals wieder.
Der siebente Engel Arael dürfte an den Namen des von ihm regierten Dekans
angeschlossen sein, der in der griechischen Überlieferung Arou, bzw. Ouare
geschrieben wird. Für die anderen Namen wird sich aus den besiegten Dekan­
gottheiten kaum eine Erklärung geben lassen. Diese Engel sind wohl in den
christianisierten und judaisierten Texten der späteren Astrologie mit Planeten
und Tierkreisbildern gelegentlich noch in Beziehung gestellt worden, aber
nicht mehr mit den Dekanen in der hier gegebenen Reihe. Daß Michael die
Reihe eröffnet, hat seinen Anlaß in der Bedeutung, die er bei den nachexilischen
Juden als der Schutzengel des jüdischen Volkes genießt; er wird als der Ober­
feldherr der himmlischen Mächte bezeichnet, der für sein Volk streitet.2)
Michael gilt außerdem mit den ihm folgenden Engeln Gabriel, Uriel und
Raphael als einer der obersten Boten und Diensttuer Gottes. Diese vier Engel
stehen vor dem Angesicht des Herrn.3)
1) V g l. die ä g y p tisch e T ab elle in d er Ü b e rsich t b e i W . B u d g e , T h e G ods o f th e
E g yp t. I I 304— 308.
2) D an . 12, 1. Jos. 5, 15 ; dazu A . D i e t e r i c h , A b ra x a s 12 2 f. 2 0 2 ,1 ; F . P r a d e l ,
G riechische und sü ditalien ische G eb ete a. a. O. I I I 3 ( i 9 ° 7) 55 -
3) H ö f e r , R a p h a el, im M yth o l. L e x . I V 60, 4 6 ff. P r a d e l a. a. O . 18, 20.
02 D ie Geschichte der einzelnen D ekannam eH -

Man kann vermuten, daß die äußere Erscheinung dieser Engel und der
Typus des einzelnen Sterngottes maßgebend für den Verfasser war, weshalb
er gerade diesen und jenen Engel dem betreffenden Dekan als Regenten ge­
geben hat. Nach einer von Origenes überlieferten Lehre der Ophiten hat der
Erzengel Michael die Gestalt eines Löwen, Souriel ist stiergestaltet, Raphael
schlangenartig, Gabriel hat die Gestalt eines Adlers; Thautabaoth sieht aus
wie ein Bär, Erataoth ist ein Hund, und der letzte, Thartharaoth oder Onoel
hat die äußere Gestalt eines Esels. Hier werden die Erzengel mit den Planeten
gleichgestellt, sie sind außerdem gleichzeitig die Türhüter der einzelnen
Planetenhimmel, deren Fürsten und Oberfeldherren sie zugleich sind. Man
hat, mit Recht hinter diesen tierartigen Planetenengeln die ursprünglichen
orientalischen tierartigen Planetengötter gesehen.1) Nun sind uns ja, abgesehen
von dem Bären, diese tierartigen Gestalten auch bei den Dekanen bekannt;
so sind etwa die löwenköpfigen Dekane und Dekanvorsteher auf den ägyp­
tischen Monumenten zahlreich vertreten. Mithin wäre die Gleichstellung des
löwenköpfigen Michael mit einem entthronten löwenköpfigen Dekan von
selbst gegeben. Die Sache hat nur insofern eine Schwierigkeit, daß ein löwen-
köpfiger Widderdekan in den älteren Dokumenten nicht nachweisbar ist.
Aber die Gleichstellung dieser Engel mit den Planetengöttern könnte
mit einen Grund gebildet haben, daß man die alten planetarischen Gebieter
etwa der Epagomene, wie sie in den Gräbern Seti’s und Ramses IV. auf die
Dekane folgen, oder der Dekane selbst nun den ähnlich gestalteten Erzengeln
übergab. Dann müßte der Verfasser eine Dekanreihe mit einer sehr starken
und wohl auch systematischen Durchsetzung von Planetengöttern gekannt
haben. Das ist durchaus möglich, aber bis jetzt nicht nachweisbar. Jedenfalls
bilden diese acht aufeinanderfolgenden Engel eine wichtige Etappe in der
Geschichte der planetarischen Prosopalehre, sie gehört in die Zeit vor der Er­
starrung zur festen Schablone, die rigoros und geistlos immer wieder die Reihe
der sieben Planeten nach ihrer Lage im Universum als Regenten über die
alten entrechteten Dekangötter stellte.
Außer diesen Engeln, die eine ganze geschlossene Phalanx darstellen, sind
noch folgende Engel als Wächter der Dekane aufgestellt: Rhizoel (Nr. 15 Va­
riante Zoroel), Kalazael (Nr. 26) und die Cherubim und Seraphim (Nr. 30,
wohl an Stelle der vier Horuskinder). Dazu kommt dann noch Jouda Zizabou
(Nr. 17)2) und Lykurgos (Leikurgos), der traubenförmig geschrieben werden
soll, d .i. wie im Codex P ausgeschrieben ist: lykourgos, ykourgos, kourgos,
ourgos, gos, os (Nr. 33). Ich kann ein bestimmtes Prinzip in diesen Ersatz­
mächten nicht erkennen und zweifle daran, ob es gelingen wird, je diese
Arcana aufzuhellen.3)

3. N A M E N , C H A R A K T E R E U N D S Y M B O L E D E R D E K A N E I N D E N

Ü B R I G E N A N T I K E N K A T A L O G E N

Von den Dekankatalogen, die sich weiter von der ursprünglichen Quelle
und deren Ableitungen entfernen, sei zunächst eine kurze Betrachtung den
Namen einer griechischen Tabelle gewidmet, welche Kroll aus einer Wiener
1) O rigenes co n tra Celsum V I 30, 100, 12 K o etsch a u .
2) D er N am e kom m t in gnostischen S ch riften v o r: M c C o w n , T est. Salom . 7.
3) P e t e r s o n erkan n te R h ein . M us. 75 (1926) 406, 66 in dem W o rt L e ik u rgo s eine
a rab ische G o tth e it, g ib t ab er fü r diese F e stste llu n g kein e n achprüfbaren B elege.
amen d. Erzengel im Teslamentum Salom onis — Namen d. anonym, griech. Dekanliste 63
astrologischen Handschrift im Catalogus Codicum Astrologorum Graecorum
V l 73— 78 veröffentlicht hat. Wie Kroll S. 15 zu fol. 357ff. bemerkt, sind gerade
diese Blätter mit dem Dekankatalog erst im X V II. Jahrh. geschrieben und
eingeheftet worden, während der ganze übrige Codex im X V I. Jahrh. geschrie­
ben wurde. Doch muß dieser Traktat bedeutend älter sein; er steht auch in
der Pariser Handschrift 2419, die aus dem XV. Jahrh. stammt. Hier sind die
Namen durch kryptographische Zeichen geschrieben, eine spätere Hand hat
den Sinn der Geheimschrift enträtselt und ihre Bedeutungen darüber ge­
schrieben. Seine Lesungen bieten wieder andere Namen als die des Wiener
Codex; Kroll teilt sie am Ort S. 78 mit. Der Traktat kann aber nicht erst
im XV. Jahrh. entstanden sein, Sprache und Inhalt deuten bestimmt darauf,
daß wir bedeutend tiefer hinabgehen und ihn dem Altertum zuweisen müssen.
Man kann noch Erinnerungen und Anklänge an ägyptische Namen fest­
stellen; allerdings ist dann, wie auch andernorts die Geschichte der Dekan­
namen und Dekanbilder zeigt, der Willkür Tür und Tor offen zu lassen, was
Reihenfolge und Verunstaltungen der einzelnen Namen betrifft. Das Milieu,
aus dem diese Namen stammen, ist eben durchaus magisch; der Verfasser
bat absichtlich umgeformt oder die Umformung seinem göttlichen Inspirator
Verdankt. Diese sonst für die magischen und astrologischen Traktate uner­
läßliche Vorbemerkung, daß der Autor neue heilige Namen geben wird, ist
hier entfallen; auf der langen Wanderung mußte die Liste einen dementsprechen­
den Hinweis verlieren, zumal die christlichen Abschreiber tunlichst alle heid­
nischen Elemente aus den astrologischen Systemen zu streichen suchen. An
agyptische Überreste können wir in folgenden Namen uns gemahnt sehen:

2■Dekan des Widders: Oualach könnte identisch sein mit griechisch Nr. 8
Ouare, ägyptisch Uaret,
2 Dekan des Stiers: Chountha, P. Choonthach = griech. Nr. 1, 2 und 35
Chontachre und dessen Varianten = ägyptisch chonthar,
Dekan des Krebses: Sarchaam Komphes, P. Kopheus = griech. Nr. 27
Komme, ägyptisch Konime,
2- Dekan des Krebses: Tenoum Tanlach, enthält Bestandteile des griechischen
Namens des 13. Dekans Charchnumis, ägyptisch char-knum,
2- Dekan des Löwen: Aphach Mpeith = griech. Nr. 14 Epe, Ipi und Epei
= ägypt. Hatet oder Nr. 18 Aphoso = ägypt. Aposot,
1-Dekan der Jungfrau: Talantis Charcham = griech. Nr. 13 Charchnumis
^ ägypt. char-knum,
3 ' Dekan der Waage; Zach Mem, P. Adachmem = griech. Nr. 22 stochnene
^ ägypt. spt-chne,
I -Dekan des Skorpion: Septetyl, P. Sapetich == griech. Nr. 22 stpchnex
= ägypt. Spt-chne; vgl. auch ägypt. 19 sobchos,
2• Dekan des Skorpion: Selouacham, P. Selouaram = griech. Nr. 8 Ouare
== ägypt. Uaret,
2• Dekan des Schützen: Archimoi Jeloyph, P. Archima Ieloypi = Vokal­
bestandteile von griech. Nr. 25 (vorhergehender Dekan, 1. des Schützen)
Rhäoya und Varianten = ägypt. Hre-ua.
3- Dekan des Schützen: Anasam Terichem, eine Vermengung zweier Namen
** Nr. 28 der hermetischen Liste Tair und griech. Nr. 27 Komme, bei Fir-
uiicus == Chenene und Chenem.
64 D ie Geschichte der einzelnen Dekannawen

2. Dekan des Wassermanns: Chounliachm = griech. Nr. 32 Chy = ägypt. Chul


derselbe Name ist für den nächsten Dekan dieser Liste zu gewinnen Machi'
louch, wenn man ihn von hinten liest ( = Choulicham); hier wäre die ägyp'
tische Tradition noch insofern verhältnismäßig gut gewahrt, daß in der alte»
Liste hintereinander nur eine Rubrik früher Tpa-chu und Chu als Dekane
desselben Stammes auf treten.
2. Dekan der Fische: Poch Melleph, P. Pimenepi, diese Lesart des Parisinus
kann auf Pibiou des Hephästion Nr. 35 und Tepibiu bei Firmicus gebracht
werden = ägypt. Nr. 33 Tpa-biu; man kann das Wort, wenn man das mitt­
lere Füllsel wegläßt, auch mit griech. Nr. 14 Epe, epi zusammenbringen.

Vielleicht wirkt noch in dem Namen des 1. Dekans des Steinbocks Mach'
ram in dem Schlußteil -chram der zweite Bestandteil des griechischen
Chonta-chre (Nr. 2) = ägypt. Chont-chre nach. Der 3. Dekan der Fische !
Syrern Olachm darf mit Syro, wie der Dekan der hermetischen Liste lautet,
und mit diesem zugleich zu dem Sro (Nr. 29) der griechischen Liste gestellt
werden. Wir hätten nun ein weiteres Beispiel für die Verlagerung des Dekan'
widders aus seinem alten Gefüge im Steinbock in die Nähe des Tierkreis'
bildes des Widders, hier ist er dessen vorangehender Dekan.
Im ganzen haben also 15 Dekane hinter der Vermummung ihre wahren
Namen erkennen lassen, beinahe die Hälfte aller Namen. Dazu gesellen sieb
noch die zunächst befremdenden Namen, die Spuren ihrer Wanderung nach
Indien und Griechenland deutlich aufweisen. Voran der 15. Dekan Panchatap-
Es gibt, wie mich H. Hirt gütigst belehrt, ein indisches W ort pancatapa f-
mit der Bedeutung die Kasteiung mit den fünf Feuern, eine besondere Art der
Kasteiung, bei der man sich von vier in den vier Weltgegenden a n g e z ü n d e t e n
Feuern und von der Sonne braten läßt; das Neutrum pancatapas bedeutet
vier Feuer und die von oben brennende Sonne. Letzteres würde auf die alten
Bildformen des Dekans in der Barke führen, die die Sonnenscheibe in der
Barke zeigen, von der verschiedene Feuerkugeln herabfallen (s. B ru g sc h ,
Thesaurus 145). Doch könnte hier auch irgendein indisches Kalenderdatum
eines religiösen Festes mitsprechen.
Als dritten Bestand ergeben sich speziell griechische Worte. Sie enthalten,
wie wir es bereits im Testamentum Salomonis feststellen konnten, entweder
Übersetzungen der ägyptischen Namen und Büder oder der Aktionen der
verschiedenen Dekangötter. In dem Namen Delphaa (3. Dekan) liegt der
Stamm des griechischen Wortes SsXrpaE, — SeAcpaxiov mit der Bedeutung:
Schwein, Ferkel; entweder ist es wieder eine absichtliche Verstümmelung,
daß der Verfasser statt SeXcpoocei; oder SeXcpdbaa die Form SeXcpoca wählt,
oder er kannte wirklich die neutrale Pluralbildung und wollte damit den1
Dekannamen den Sinn von Ferkelchen geben. Beide Interpretationen passen
auf den ägyptischen, bzw. hellenisierten Sternhimmel und decken sich auch
mit Dekannamen und Dekanbildern. Die Ferkelchen (suculae = Hyaden)
nennen Griechen und Römer die bekannte Sterngruppe im Stier. Ob hier nun
eine gute Überlieferung vorliegt, wonach seit alter Zeit der Ägypter eine Stern'
gruppe im Stier als Schwein aufgefaßt und dann als Dekangott in die Reihe
der Dekansternbilder gestellt hat, entscheidet der altägyptische Name dieses
Dekans, der wirklich neben der Bedeutung die Tausende auch die eines Schwei'
nes haben kann; das Wort Choou, das unseren Dekan bezeichnet, läßt laut'
Die Namen der anonym en griechischen Dekanliste 65
lieh beide Deutungen zu.1) Jedenfalls muß diese Interpretation und die grie­
chische Übersetzung in die alte Zeit hinaufreichen, da die indische Tradition
hier eine ganz andere Interpretation weitergibt. Das Bild eines Schweines
findet sich im runden Tierkreis zu Dendera unter dem Stier in voller Gestalt
als Dekangott; wir haben also durchaus gute ägyptische Grundlage in dieser
Übersetzung vor uns.2)
Diese Entdeckung ermuntert dazu, nun auch die übrigen bis jetzt nicht
erklärten und nicht erklärbaren Namen etwas schärfer unter die Lupe zu
nehmen, ob nicht ebenfalls ein alter Kern zum Vorschein kommt. Der nächste
u ekan Zakchal kann eine leichte Umbildung von £axopoc, = Tempel-
Pnester sein. Dann würde etwa das Bild dieses Dekans, der auf dem runden
lerkreis zu Dendera als König ohne Krone in Königstracht erscheint, weiter-
wirken. Eine ähnliche Bedeutung konnten wir oben in dem 17. Dekan Jeoropa
des Testamentum Salomonis erschließen; und vielleicht führt auch der Zusatz
zum 3. Dekan der Jungfrau (Nr. 18) in der indischen Überlieferung darauf:
sie — es handelt sich um eine weibliche Dekangottheit — beschäftigt sich
damit, in die Gotteshäuser zu gehen, um darin zu beten.
Anesium, der 3. Dekan des Stiers, läßt die griechische Wurzel avecru;
Durchblicken; Zügellosigkeit, Abspannung u. ä. würde also das Hauptprädikat
Sem. „E r ist ein Dekan der Erniedrigung und des Dienstes, der Schläge und
der Not und Verachtung", wird dieser Dekan im Picatrix geschildert. An
Stelle des Bildes und des Namens ist also hier wieder einmal die Aktion per­
sonifiziert worden, während die Inder und Picatrix an Stelle des alten Gottes
die Paranatellonta zum Dekan werden ließen.
Parescharti, der 1. Dekan der Zwillinge, enthält die wichtigsten Teile
ües griechischen Substantivums TrapecyaptTr^, das hier einen Gott bezeichnen
wurde, der für den Herd zu sorgen hat. Seine Wirkung geht auf jedes Körper-
gued, das er sofort heilt, das deckt sich gut mit der segensreichen Wirkung
Oes Herdgottes. Wir sind auch hier im Rahmen alter Astralspekulation; ich
fau che nur an Hestia, die Göttin des Herdes zu erinnern, die den Schutz
über den Steinbock hat.3) Außerdem werden Hephästos und Hera, Götter
ues Feuers und des heimischen Herdes gerade zu den Zwillingen unter den
^ottheiten von dem Astrologen Valens genannt, die über die Zwillinge ein
Sonderregiment führen.
Hieraseser, der zweite Dekan der Zwillinge, enthält deutlich als ersten
feil das Wort Eepaü;, der Sperber. Sperberköpfige Planeten- und Dekangötter
*ennt der Ägypter seit ältester Zeit. Und schwerlich ist es ein Zufall, daß hier
'n den Zwillingen ein sperberköpfiger Dekan sich vorstellt. Denn im Rund-

. 1 ) N ach einer gü tigen B eleh ru n g v o n F ra u K lebs, der ich auch für w eitere selbst-
0Se H ilfe zu D a n k v e r p flic h te t bin.
. 2) D as Sch w ein oder der E b e r fin d et sich in den T ieren der ostasiatisch en D ode-
a.oros und D ekan e, fern er a u ch u n ter den 28 T ieren der hellenistischen u nd der ost-
^siatischen M ondstationen (S. 223 ff,). D iese E rk läru n g sch ein t m ir a u f G ru n d des ange-
r*-en T atsach en m aterials n äher zu liegen, als eine H erü bern ah m e eines chaldäischen
ortes. Im m erhin soll der G en au igk e it h alb er erw ä h n t w erden, daß H e sy ch u n ter Ae-
gSt?a~.bem erkt, d a ß so der P la n e t V en u s v o n C haldäern gen an n t w ird : H esych . s. v . I I 172
;i: ®idt, dazu Jastrow , R elig. A ssyrien s und B a b y lo n . I I 450, der den N am en D il-B a t
er Venus erhellt. D as w ü rde allerdings eine gew isse B erech tigu n g durch die plan etarisch e
ros°p alehre bekom m en.
3) B o l l , S p h aera 475.
Studien der Bibliothek Warburg, 19. H eft: G u n d e 1 e
66 D ie Geschichte dev einzelnen D ekannam e$

bild zu Dendera steht unter den Zwillingen ein Sperber auf einem Pfeiler-
Sein Name lautet: Cha-er (Sar). Vielleicht steckt in der Endung des griechi'
sehen Wortes dieser ägyptische Name sar. Auch hier gewinnen wir für unsere
Auffassung eine starke Stütze in der Überlieferung des Picatrix, der von deifl
Gesicht dieses Dekans sagt, daß es dem Phönix (anqa) gleicht. In der latei­
nischen Übersetzung heißt es wohl richtiger: cuius vultus est aquilae. Übrigens
ist auch der folgende Dekangott auf dem Rundbilde zu Dendera ein sperber-
köpfiger Gott (Horus) mit der Krone von Ober- und Unterägypten.
In dem verbarrikadierten Trouchap Jalem (3. Dekan des Krebses) könnte
im zweiten Wort das Substantivum tdtXejxo«;, Klagelied oder das entsprechende
Adjektivum kläglich enthalten sein. Dann wäre wieder ein Attribut des De-
kanes zu seinem Namen ausgestaltet worden. Denn im Picatrix heißt es von
diesem D ekan: Er ist ein Dekan des Neides und der Verstoßung und der Er­
reichung der Dinge durch Kam pf und Streit und Gegensätzlichkeit. Bei
Varahamihira wird von dem nächsten Dekan gesagt, daß er schreit, da er von
seinen Eltern getrennt ist. Von anderen Dekanen hören wir, in den späteren
Katalogen öfters, daß ihr Gesicht einen mutlosen ( = kläglichen) Ausdruck zeigt-
Talantis Charcham (1. Dekan der Jungfrau) deutet im ersten Teil seines :
Namens entweder auf eine Beziehung zu dulden oder zu wägen. Der zweite
Teil ist eine durchsichtige Verstümmelung des ägyptischen Namens Char-
chnumis, der sonst dem 1. Dekan des Löwen gehört. Der trauernde oder dul­
dende würde dann zu letzterem Dekan passen, der um seine Eltern nach Apo-
masar trauert. Die andere Interpretation der Charchnumis mit der Waage J
fände seine Erklärung einmal in dem Tierkreiszeichen der Jungfrau, die oft
im Altertum bereits mit der Waage dargestellt ist, oder in dem ersten Dekan ;
der Waage, der in Wort und Bild als Mann mit Waage erscheint.
Der zweite Dekan der Jungfrau Deropout enthüllt als besondere Momente
das Wort Sepoc, Fell, Haut und Ttou? Fuß, Fußgestell. Also ein Wesen, dessen ■
Fuß aus einem Fell besteht oder der ein Fußgestell mit Fellen hat. Der vorher­
gehende altägyptische Dekan hat den Namen Tom mit der Bedeutung Kasten-
Das kommt der zweiten Erklärung nahe. Nun hat es der Dekan nach der in­
dischen Tradition, also nach Teukros, mit Haaren und Fellen zu tun. Apo'
masar sagt von ihm, daß er ein schwarzer Mann ist, an dessen ganzem Körper
Haare gewachsen sind; er hat drei Kleider an, das eine aus Fellen, das zweite
aus Seide, das dritte ist ein roter Mantel.
Aus dem verballhornierten Menaim Chilla, dem Namen des 3. Dekans
der Jungfrau, gewinnt man mit leichter Umstellung des End- und A n f a n g s la u t e s
die Worte (j.svar/u.(7)) lk\)c, den Kampf bestehend, ausharrend, wobei nach
dem Ausweis der Lexika y_dp = Hand zu ergänzen ist, und Doic Kot, Schmutz-
Also ein Dekan, dessen Hand ausharrt im Kam pf mit Schmutz. ,,An ihren
Händen hat sie Aussatz“ , sagt Apomasar von dieser Dekangöttin!
Als letzten Dekan, der noch einen, allerdings schwerer ersichtlichen»
griechischen Bewurf zeigt, möchte ich den 20. Dekan Marchem nennen. Der
ihm vorangehende 19. Dekan des Testamentum Salomonis hat denselben An­
fangswert Mar(dero). Wir haben oben bei der Behandlung dieses Wortes ü1
Mar ein griechisches Wort = Hand festgestellt. Es muß also hier in den Vor­
lagen ein Dekan gestanden haben, der irgendwie durch eine Hand ausgezeichnet
war. Das erinnert an die Zeichnung der Dekane in Literatur und Kunst, " ,0
die Haltung der Hände betont wird, auch wird betrachtet, ob die Hand etwa5
jf o Namen der anonymen griechischen Dekanliste — Charaktere 67

hält, ob sie herabhängt, ausgestreckt oder zum (Segens-)gruß erhoben ist.


n -chem, dem Schlußwort ist der Konsonantenbestand eines alten Namens
1 m erhalten; man darf an die Dekane Chnum, Kenem = griech. Komme,
er bei Firmicus zu Chenene und Chenem geworden ist, erinnern.
Es bleiben noch eine Anzahl anscheinend ganz sinnloser Namen übrig,
j e zunächst als Spielarten desselben Wortes und reine Spielereien erscheinen.
^-s sind die Namen Parcham (Nr. 1), Zachmem = P. Adachmem (Nr. 21),
"hichram (Nr. 28), Chalchem ichem (Nr. 29) und Kaincham (Nr. 34). In
^•en Bezeichnungen kehrt der Lautbestand Chm, bzw. Chmn, Chrm wieder,
arm steckt doch, wie wir bei der Betrachtung des vorhergehenden Dekans
entstellten, als altes Gut der Name des Gottes Chnum. Nur die Vorschlags-
sube und ihr Begleitkonsonant sind variiert. Die Zahl der mit Chm oder Chn
ln den vorhin besprochenen griechischen Listen gebildeten Dekane beträgt
^ 7. in unserer Liste nur 5.
Geben so die meisten Namen unsrer Liste ihre leichte Hülle von selbst
er und zeigen unverhüllt echte Gestaltung trotz der Färbungen, die sie
naturgemäß auf den Durchgangsstationen erleiden mußten, so bekommt der
^usatz der Pariser Handschrift, daß die Namen nach der Sprache der Chal­
däer so heißen, einen ganz besonderen Sinn: nicht chaldäische Weisheit ist
ahinter verborgen, sondern die altägyptische Lehre, die mit dem, was wir
«eute allgemein unter diesem Volk verstehen, an sich nichts zu tun haben kann.
Die Liste enthält neben ihren interessanten Namen, die eng in den Rah-
^en der Geschichte der Dekangebilde gehören, eine interessante Tabelle, die
Ur jeden einzelnen Dekan in einem Kreis eingeschlossen ein Geheimzeichen
S'bt, das sogenannte siglum oder den Charakter. Diese Kryptogramme sind
'J18 aus der antiken Astromagie und deren Nachfahren bekannt. Agrippa von
Nettesheim, um nur ein Beispiel aus dem Ende des Mittelalters zu nennen,
erklärt De occulta Philosophia II cap. 51 ff. ausführlich die Astralsymbole.1)
\r bezeichnet sie als wahre himmlische Charaktere, die echte Schrift der Engel,
'e bei den Juden Schrift der Malachim heißt, durch die im Himmel alles be-
enrieben und bestimmt ist. Die echten Charaktere kommen durch die be­
stimmten Gestirnstrahlungen zustande, da die Strahlen eines Sternes in einer
estunmten Anzahl abwechselnd aufeinander prallen mit einer speziellen eigen-
umlichen Beschaffenheit; und je nach den verschiedenen Brechungen atmen
s'e verschiedene Wirkungen aus. Die Charaktere sind nun entsprechend den
verschiedenen Strahlenbrechungen eines Planeten gemacht und erlangen
Plötzlich verschiedene Aktionsfähigkeiten. Im folgenden trennt Agrippa davon
'e üblichen Siglen der Planeten und Tierkreisbilder, er bezeichnet sie als
s.chlecht entgliederte Bilder, die allerdings doch eine gewisse Ähnlichkeit mit
( em wahren himmlischen Bild haben oder mit dem, was der Sinn des Exor-
Zlsten begehrt. Auch die 120 Konjunktionen der Planeten sind so durch Cha­
raktere dargestellt. Ebenso, fährt Agrippa cap. 52 weiter, die Charaktere aller
Vorigen Sternbilder, die in einem Dekan oder einem Grad der Zodiakalbilder

de ^ ^ch b en u tze die F o lio au sg ab e v o m Ja h re 15 3 1. D ie heiligen N am en u nd Zeichen


v r 36 E n gel „w e lc h e fürstehen so v ie l D ecu riis, u nd d er 72 E n gel, w elch e fürstehen so
g e Q uinariis des H im m els, den 72 V ö lck e rn und Sprachen der M en sch en " sind au ch im
j ^'.miPhoras erw äh n t, aber n ich t einzeln a u fg e zäh lt, siehe H o r s t , Z a u b erb ib lio th e k I V
li i,Unz l8 2 3) iö g f. A g rip p a b eh an d e lt dan n n ochm als I I I c a p . 29 u nd 31 sehr ausfü hr-
ctl die S tern ch araktere.
5*
68 D ie Geschichte der einzelnen DekannaW

aufsteigen. Sie müssen so eng wie möglich an das wirkliche Bild angeschlosseö
werden, j e nachdem ein guter Affekt erzielt werden soll, und einzeln m ite in a n -
der verbunden werden; ist eine böse Absicht von dem Exorzisten bezweckt»
dann soll er die Charaktere auseinanderziehen und die verschiedenen Charak"
tere, die er zu seiner Operation braucht, möglichst voneinander abgewandt,
sich bekämpfend, ungleich und getrennt zeichnen. Agrippa läßt dann eine Ta'
belle der Charaktere der hellen Fixsterne folgen, die ihnen Hermes beigelegt hat'
Zwischen die wirklichen Bilder und die Charaktere schiebt Agrippa cap- 4^
die geomantischen Figuren. E r sagt, dieselben seien nach der Zahl der Sterne
gemacht; er teilt davon im ganzen 16 Figuren mit, die mit den Sterngebilden, d»c
seit sehr alter Zeit in den ägyptischen Monumenten die Dekane begleiten und
sogar gelegentlich deren Namen verdrängen, eine auffallende Ähnlichkeit zeigen-
Agrippa dürfte der geschichtlichen Entwicklung unserer Dekancharak'
tere ganz nahe gekommen sein. W ir haben sie uns so zu denken: Neben die
alten Namen traten die Bilder oder besser die Bildhieroglyphen, zu ihnen
kamen die astrothetischen Darstellungen, die sogar mitunter die Namen und
Bilder überhaupt verdrängten (S. 114). Auf sie gehen die antiken und ara­
bischen Charaktere in direkter Linie zurück.1) Sie zeigen ebenfalls dieselbe1
Entartungen und Umbildungen auf ihrer langen und räumlich weitausge'
dehnten Wanderung, die wir für die Namen bis jetzt festgestellt haben und
die uns in der Bildgeschichte noch eingehender beschäftigen wird.
Die Charaktere im einzelnen nun schärfer auf ihre Wandlung hin zu son­
dieren, dürfte sich schwerlich verlohnen. Dazu fehlt vor allem das ausreichende
Material. Ich bin allerdings in der glücklichen Lage eine zweite Tabelle der
Charaktere aus dem Codex Palatin. Gr. 312 neben die der Wiener und der
Pariser Handschrift legen zu dürfen. Sie zeigt erhebliche Unterschiede, vor
allem darin, daß die Planetencharaktere innerhalb des Ringes stehen, während
sie die beiden anderen Handschriften davon isolieren und lediglich an den
Rand notieren. Wie die Namen und Aktionen, so kommen auch die Charak­
tere beider Dekankataloge im Grunde von demselben Boden, aber in ihren
Einzelheiten zeigen sie deutlich die Spuren der immer weitergehenden Ent­
wicklung und Wandlung, die die vielgeprüften Wanderer immer wieder durch-
machen mußten. Ein Blick auf die einzelnen Geheimzeichen zeigt sofort die
Ähnlichkeit und die Unterschiede.
In den griechischen Zauberpapyri finden sich unter den Geheimnamen
eines Gottes, der einen Dämon zur Wahrsagung senden soll, häufig genaue An­
gaben, aus wieviel Buchstaben der heilige Name eines Gottes besteht. Außer
anderen Zahlen, die am gestirnten Himmel ihre Begründung in der Zahl der
sieben Planeten, der zwölf Tierkreiszeichen und der 28 Mondstationen finden,
sind auch 36 Buchstaben genannt, welche der Zahl der Dekane gleichkommen-
In dem in vierfacher Überlieferung erhaltenen Hymnus auf den S o n n e n g o tt
lautet eine Anrufung: Ich rufe deinen Namen, der gleich an Zahl ist den
Moiren selbst: a/atepw S-coJkö anq i'ar/ia aiv) aiYj ia o -Skdfr&i cpia^a.2) Es sind
1) Ü b er die S ym bo le und den ih nen in härieren den Z w a n g a u f die G o tth e ite n vgl-
Jam blich , de m yster. aeg. V I I 2— 4, P a p y r. G raec. M ag., ed. P reisend an z 14 v . 267. Nack
der K o re K o sm o u (Stob. I p . 387, 10 W a.) h a t H erm es x ä tspa t <5v xoau.ix£>v arov/cKJ'1
( = D ek an e?) au(j.ßo>.a b e i dem A llerh eilig sten des O siris v o r seinen A u fstie g in deO
H im m el niedergelegt.
2) P a p y r. G raec. M ag., ed. P r e i s e n d a n z I 18 v . 326, 82 v . 456 u nd 132 v . 1986'
fern er G reek P ap . in th e B rit. M us. C X X I I 7, 100.
Charaktere und Buchstabenreihen an Stelle der alten Namen 69
un ganzen 36 Buchstaben, die also das Wesen der 36 Moiren darstellen, d. i.
der 36 Dekane, die mit den Moiren als die Herren alles menschlichen Schicksals
gleichgestellt werden. In den altägyptischen Hymnen sagt der Sonnengott
v°n sich: Ich bin der Vielnamige und Vielgestaltige. Meine Gestalt ist in jedem
Gott. Ebenso ist hier der Sonnengott der Repräsentant aller Dekane, die er
durch ihre 36 Buchstaben verkörpert. Die Reihe selbst stellt ein Palindromon
dar, man kann also den heiligen Namen ebensogut von rückwärts wie von
vorn lesen.1) Es dürfte wohl ein müßiges Unterfangen sein, in den einzelnen
Buchstaben die wirklichen Anfangsbuchstaben der einzelnen Dekane zu
suchen, der Schlüssel dieses allerheiligsten Zwangsnamens des Sonnengottes
Jst eben das Geheimnis des Dichters dieses Hymnus geblieben.2)
Aus 36 Buchstaben besteht auch der allerheiligste Name des Sarapis
Apollon. Er lautet im Leidener Zauberpapyrus: uoiwr] oo<o Eoyjiaco ui aaw
^b)&ou$-7] m &(o aO'rjpou«, ypa[JL[x<xTwv X£\3) Hier heben sich deutlich innerhalb
dieses Gallimathias die Namen des Gottes Thoth und am Ende wohl der
v'ame des Dekans rhoyo ab, den wir oben (S. 58) in dem ersten Dekan des
^chützen kennen lernten, eine Bezeichnung des Sonnengottes in der Barke.
Vor dem Ausspruch dieses heiligen Namens aus den 36 Buchstaben betet der
tauberer, der Gott möge ihn bewahren vor allem üblen Sterneneinfluß, der
ihn persönlich treffen soll, und möge zurückwenden von ihm das unbeug­
same Sternenschicksal, die Heimarmene. Vielmehr solle der Gott ihm Gutes
ln seinem Horoskop zuteilen, ihm das Leben in vielen guten Ereignissen ver­
mehren: „Denn ich bin dein Sklave und dein Bittflehender und ich preise
deinen wahren Namen, du Herr in der Herrlichkeit, Weltenherrscher, oberster
^ehicksalsgott, Größter, Ernährer, Teiler, Sarapis." Das deckt sich mit dem
auben, daß der Sonnengott, wie es z. B. bei Julian heißt (S. 237), durch
seine Bahn den Tierkreis in 36 Teilgötter teilt und damit zugleich die 36 De-
ane hervorbringt. In seinem Namen von 36 Buchstaben enthält er symbolisch
,ese Schicksalsgötter in sich; daß die Dekane den Moiren gleichgestellt wer-
. en>entspricht ihrer Auffassung als oberste Schicksalsgötter, die wir besonders
ln der hermetischen Astrologie ausgesprochen finden.
tj lu demselben Zauberpapyrus heißt es in dem Lobgesang auf den Gott
ermes: der Sonnengott preist dich so in hieroglyphischen Worten: lailam
a raisti, denn sein Name besteht aus den Buchstaben avox, ßia&iap ßap
j eP ß'-pc%iXXaTOUpßou9poi>!ATp«[A, Ypajj.ji.aTa X?'.4) Endlich wird noch für
en Gott Kairos, den sechsten Gott der sieben Weltenherrscher in demselben
ext v. igo sein großer und wunderbarer Name mitgeteilt, der aus den 3ÖBuch-
^ aben besteht: avo^ ßia 9-tapßapߣpßipaxl^a'rouP ßoucppouji.Tpo[i., ypa[j.[iäT«v
-5) Man kann natürlich nun je einen Buchstaben dieser verschiedenen

in ® erzn R o e d e r , Sonne, im M yth ol. L e x . I V 117 8 ; D o r n s e i f f , D as A lp h a b e t


M ystik u n d M agie 2. A . 6 1, 63.
, 2) E s is t n ich t n ö tig in den M oiren m it R e i t z e n s t e i n , P o im and res 260 an die
so - ac*S°tter zu denken, die 36 D ekan e sind w irk lich m äch tige S ch ick salsgö tter und
d en M oiren iden tisch .
3) A . D i e t e r i c h , A b r a x a s 179, 2 f., und P a p . G r. M ag. ed. P reisend an z I I 117 ,6 4 2 .
4) A . D i e t e r i c h , A b ra x a s 182 v . 16. P a p . G r. M ag. ed. P reisend an z I I 94, 150.
. 5) H ier ste h t das Z a u b erw o rt ßep im V ord ergru n d , das sich auch sonst o ft in ver-
i l a let*enen ^ usam m cnsetzu n gen in den a n tik en Z a u b erte xten find et, v g l. P r e i s e n -
'Hid P Axec&aXo;. der kop flose G o tt, in B eih efte zu m alten O rien t H e ft 8 (1926) S. 44
Pap. g r . m ag. I I 96, 190. 112 , .522.
70 D ie Geschichte der einzelnen DekannaW[ff

heiligen Gottesnamen mit einem Dekan als dessen Geheimbuchstaben in Zu'


sammenhang bringen und gewinnt dadurch auf einen Schlag vier verschiedene
Buchstabenreihen, welche das Wesen der 36 Dekane verkörpern.
An die Buchstabenmystik kann hier gleich das Problem der Z a h le n m y s t ik
angeschlossen werden. Die spätantike Religiosität sieht in den Gottesname11
das Wesen der heiligen Zahlen verkörpert. Die einzelnen Buchstaben sind
bekanntlich in der antiken Schrift zugleich auch Zahlzeichen. Addiert man die
einzelnen Buchstaben eines Namens, dann erhält man eine Quersumme»
deren Wert einen tieferen Sinn erhält dadurch, daß diese Summe wieder mit
anderen Götternamen bzw. deren Zahlenwert identisch ist.
Einige primitive astrologische Systeme arbeiten ausgiebig mit diesen
Zahlenwerten der Namen, um daraus Wegweiser für die Zukunft zu gewinnen.
Ein Beispiel haben wir bereits in den antiken Systemen, welche die Endsumme11
verschiedener Namen, die für eine Zukunftforschung nach dem betreffende11
Erfinder in Zahlen umzuwandeln sind, durch 36 teilen. In Tabellen werden die
zukunftsentscheidenden Sternmächte, die Planeten, Tierkreisbilder, Mond'
phasen und Mondtage mit festen Zahlwerten genannt. Von den Dekanen war
bis jetzt eine solche Reihe nicht bekannt, soweit ich die mir zugänglich
Literatur überschaue. Ich kann nun eine bis jetzt nicht bekannte Liste dieser
A rt mitteilen. Sie findet sich in der griechischen astrologischen Handschrift»
die sich in der königlichen Bibliothek zu Neapel befindet, Codex Neapol*'
tanus Gr. II C 33 fol. 312Г. Die Überschrift heißt hier: ф?)фо<; той u<ps^£t/
im t b v ~ kcf, wörtlich übersetzt würde das heißen: „Tabelle des Hyphelei5
betreffend die 36“ . Ein Astrologe dieses Namens ist aber unbekannt; es ist
in йcp£>.£!> mit K roll1) das Verbum ucpetXai zu schreiben, das ergibt also den
Sinn: „Abzählorakel auf Grund der 36“ . Der erste und der letzte Dekan sind
nicht in die Liste aufgenommen. Jeder der übrigen Dekane hat seine besondere
Zahl; so der zweite den Zahlwert 72, der dritte 108, der vierte 144. Die Zahlen'
werte steigen dann durch die verschiedenen Hunderter bis zum 27. Dekan,
von da an gehen die Namenwerte in die Tausender über, siehe das Weitere
über die Art und den Zweck ihrer Anwendung u. S. 313. Dazu kommen ver'
schiedene Grundzahlen und Zehner in verschiedenstelligen Zahlen. Nur der
25. Dekan hat die glatte Zahl 900, die in der oben S. 62 ff. behandelten anO'
nymen Dekanliste in dem Namen des 13. Dekans = Sampach versteckt ent'
halten ist, denn Sampi lautet das griechische Zahlzeichen für 900.
Läßt sich nun in diesen Zahlwerten der ursprüngliche Name herauf'
schälen und ergibt sich aus dieser ohnedies wertvollen neuen Liste etwas für
die Vorlage und Umgestaltung? Der Erfolg ist rein negativ. Das Rätsel löst
sich vielmehr auf andere Weise ganz einfach. Der Verfasser hat für jeden
Dekan die Grundsumme 36 addiert und zwar immer zu der Zahl des vorher'
gehenden. Der erste Dekan, dessen Zahl ausgelassen ist, hat den Grundwert
Der zweite wird so zu der Zahl 72, der dritte zu 108 usw. Ein f a d e n s c h e in ig e 5
armseliges Kunststückchen, um neue Orakelnormen zu gewinnen, geistig eng
verwandt mit so vielen anderen mathematischen und technischen Behelf5'
mitteln, mit denen die niedere Astrologie in alter und neuer Zeit immer w ie d e r
arbeitet.
1) V g l. die A n m . v o n K r o l l , C. C. A . I V 56, x, im cod ex L a u ren tian u s P lu t.
cod. 34 h e iß t es f. 23 v (cf. C. C. A . I 62): grepoc ф5)<ро? той 'T<piXe kr\ t ü v TpiaxovTa 110
'Frjipoc; той ' YtptXai £ j r l ™ » л с ; ' . D er S in n ist also: A b zä h lora kel a u f G rund der 36.
Buchstaben- u. Zahlenwerte verdrängen d. Dekannam en— Griechische Götter als Dekane JX

C. DIE VERD RÄN G U N G D E R ALTEN NAMEN DURCH NAMEN


VON GOTTH EITEN UND DÄMONEN
Bereits in den altägyptischen Listen sind zu den alten Dekannamen ver­
schiedene Götter gestellt worden; es erscheint so frühzeitig die doppelte Be­
nennung der reinen Sterngebilde und der in ihnen als Seelen dominierenden
Gottheiten. Die Entwicklung zeigt folgende Varianten: erst sind die wirk-
'chen Dekannamen beibehalten, die Namen und Bilder der beherrschenden
w>tter des ägyptischen Pantheons werden darunter geschrieben. In den älteren
Listen stehen dieselben Gottheiten mehrfach als Gebieter mehrerer Dekane
an verschiedenen Stellen; ferner können mehrere Götter, die Zahl schwankt
zwischen drei bis vier, über einen und denselben Dekan gebieten. Auf dem
*arg des Nektanebos hat aber jeder einzelne Dekan seinen eigenen besonderen
Gott. Eine dritte Reihe neuer Götter ist bereits in dem Tempel des Ramses
Miamun zugeschrieben, die Monatsgötter. Wenn uns nun in der Spätantike
Leihen von 36 verschiedenen Götternamen als Dekane begegnen, so geht das
natürlich im Grund auf diese ägyptischen Fortbildungen zurück. Diese Reihen
entsprechen der noch im steten Fluß und Unruhe befindlichen Neugestaltung
der Dekannamen und -begriffe; diese sind nie zur ganz festen Gestaltung und
Nomenklatur gekommen, wie wir das bei den Planeten, den Tierkreisbildern
Und den außerzodiakalen Sternbildern des antiken Himmelsbildes in E r­
starrung schon im Hellenismus vorfinden. Das ist zugleich ein bedeutsames
Zeugnis für die Lebenskräftigkeit der Dekanreligion, die bis heute nicht zur
Petrefakten Starre gekommen ist.
Aus dem Altertum kenne ich nur eine einzige Ersatzliste, die an Stelle der
agyptischen Gottheiten 36 Götter aus dem hellenistischen Synkretismus ge­
stellt hat. Sie stammt aus recht später Zeit und wird von Kosmas aus Jeru­
salem (Mitte des V III. Jahrhunderts), dem späteren Bischof von Maiuma,
mitgeteilt. Cumont, der diesen, auch religionsgeschichtlich bedeutsamen
Katalog veröffentlicht hat, vermutet, er stamme letzten Endes von Teukros
von Babylon.1) Kosmas selbst leitet diesen ganzen Abschnitt, der über die
wichtigsten Elemente der Astrologie handelt, von Zarathustra ab, n. b., wie
Jch F. C u m on t folgen darf, die einzig literarisch belegbare Stelle aus dem
Altertum, die den fast richtigen Namen Zarathustras gibt. Von Zarathustra
*aben diese Lehre über den Zodiakus Zames und Damoitas, seine Söhne, er­
halten und darüber Untersuchungen angestellt; dann handelte darüber
Groiesos, der Sohn des Damoitas, und Ostanes, der auf diesen unmittelbar in
der Reihe folgt.
Ob Kosmas schon die indischen Brechungen und Erweiterungen der
hellenisierten Dekangötter kannte, bleibt eine Frage, die nicht gelöst werden
kann. Immerhin ist es denkbar, daß die Übersetzung des Varahamihira ihm
>n einer uns nicht bekannten Gestalt mit den Namen der Dekane Vorgelegen
nat. Unter den Planeten- und Tierkreisgöttern erwähnt Kosmas eine Anzahl
von Mitbewohnern derselben, die sonst in der antiken Literatur nicht nachweis­
bar sind. Das ist auch von den Göttern zu sagen, die nach ihm unter die
i) C. C. A . V I I I 3, 120— 122. W äh ren d sonst die G riechen Z a ra th u stra du rch Zoro-
aster, Zoroados, Zarades, Z a th rau stes w iedergeben, w ird hier Zapa$pou<TT7]<; geschrieben,
Was dem persischen N am en am n ächsten kom m t.
72 D ie Geschichte der einzelnen Dekanname11

36 Windgottheiten, so nennt er die Dekane, gestellt sind. Ihre Namen sind


unter S. 81 und 353 im einzelnen mitgeteilt.
Die Vorlage des Kosmas muß einer bedeutend älteren Liste entstammen,
denn der göttliche Gregorius hat sich bereits gegen diese Lehren gewandt, wie
der Verfasser bemerkt. Ob Gregorius in seiner Invektive auch die Dekan­
götter mit den uns von Kosmas genannten Namen abgetan hat, läßt sich nicht
feststellen. Die Tabelle enthält ägyptische und hellenistische Personifikationen
neben den altgriechischen Gottheiten. Drei Dekane erhalten mehrere Götter,
so finden sich als Dekangötter die Horen, die Litai, die Moiren; das hat weiter
nichts Anstößiges, da ja auch die altägyptischen Dekane mitunter, wie schon
betont wurde, von mehreren Gottheiten gleichzeitig begleitet sind.
Ägyptische Gottheiten sind: Isis, Sarapis und Osiris, also im ganzen nur
drei Gottheiten, von denen Sarapis als eine Schöpfung der synkretistischen
Religion des Hellenismus eigentlich nicht mit vollem Recht zugerechnet wer­
den kann. Mithin scheint die Erklärung der übrigen Namen zunächst nicht
aus einer ägyptischen Tradition hergeholt werden zu können. Von modernen
Gelehrten, die sich mit dieser interessanten Liste befaßten, hat Höfer die
Möglichkeit einer Erklärung der von Kosmas mitgeteilten griechischen Namen
abgelehnt; er läßt es dahingestellt, ob Kosmas oder vielmehr seine Quelle
diese Namen willkürlich gesetzt hat oder ob sie etwa Übertragungen der
„chaldäischen“ Namen sind, die wir oben S. 62 ff. betrachtet haben.1)
Boll hat in einer Anmerkung in dem griechischen Texte die Vermutung
ausgesprochen, daß die ganze Liste mit dem Widder beginnt. So, sagt er,
rechtfertigt sich die Zuteilung des Osiris an den Wassermann, die Zusammen­
stellung des Ozeans mit den Fischen, der Charis mit dem Stier, des Hermes
mit dem Krebs, der Themis und der Hestia mit der Jungfrau, der Erinys,
Nemesis und des Kairos mit der Waage, und ebenso paßt die Leto zum Skor­
pion. Eine Erklärung für die übrigen Namen lehnt Boll ab. Ich bin den von Boll
gewiesenen Richtlinien weiter nachgegangen und habe zunächst einmal mir
eine Zusammenstellung aller Gottheiten gemacht, die mit dem gestirnten
Himmel in engere Beziehung gestellt werden. Die größte Liste der mit den
hellsten Fixsternen in Konnex stehenden Gottheiten gibt der bekannte Ano­
nymus vom Jahre 379; nach ihm ist Ophiuchos mit Asklepios oder Sarapis
in engster Beziehung, die Ähre der Jungfrau mit der Göttermutter, Kore und
Venus. Der Kopf des vorangehenden Zwillings steht mit Hermes, Telephorus
und Apollon in Verbindung, der Kopf des nachfolgenden Zwillings mit Herakles
und den Dioskuren, Sirius mit Hekate, Mars und Anubis, Lyra mit Apollo
und Hermes, die Hörner des Steinbocks und ebenso die Böckchen und die
Ziege mit Pan und Hermes.2) Gewiß finden sich manche ermutigenden Ähn­
lichkeiten, wenn man die genannten Gottheiten, die innerlich in engster Füh­
lung mit den genannten Sternen stehen, zu unserer Dekanliste stellt. Aber
eine volle Erklärung der ganzen Reihe fehlt.
Boll hat mit Recht mythologische Gründe zur Erklärung der einzelnen
Götternamen herangezogen, sie erklären die Zusammenstellung der Themis

1) H ö f e r , P rax id ik e , im M yth ol. L e x . I I I 2929, u n ter den „c h a ld ä isch e n “ N am en


v e rste h t H ö fer die L iste , die K r o l l C. C. A . V I 7 3 H p u b lizie rt h a t. H öfers w eitere A n ­
gaben ü ber die D ek an e sind un h altbar, er fo lg t der w illkü rlichen T ex tv erb esseru n g von
D io d o r I I 30 und le ite t n ach dem V o rb ild v o n H om m el die D ekan e v o n B a b y lo n ab.
2) D er T e x t ist h erau sgegeben v o n B o ll im C. C. A . V I I 210 f.
P ie Dekangötter bei Kosmas 73
und der Hestia mit der Jungfrau, der Erinys, der Nemesis und des Kairos
mit der Waage. Auffallend ist es, daß so viele Unterweltsgötter und Rache­
götter in der Liste auftreten. In ihnen gibt aber diese Dekanreihe altägyp­
tische Vorstellungen weiter, welche gerade unter den Dekangöttern eine vor­
nehme Rolle den Gottheiten zuweist, die es mit dem Toten zu tun haben.
Man kann auch manchmal für die Erklärung einzelner Dekangötter dieser
Liste lautliche Gründe heranziehen; so könnte der alte Dekanname Ero die
Veranlassung gewesen sein, daß Eros als Dekangott erscheint. Ha-tet und
^hutet, die alten Namen des 14. und 15. Dekans könnten die Göttin Thetis
:ils Dekan erklären, auch andere Anklänge ließen sich beibringen. Dann
können natürlich die Angleichungen ägyptischer Götter an hellenistische
Gottheiten weitere Erklärungen geben. Isis, Hathor und Nephthys, die alten
Dekangöttinnen dürften verdrängt sein durch Persephone, Kybele, Praxidike,
^jke, Hekate usw. Osiris, Horus, Tuamutef, Set und Hapi lassen sich ebenso
kicht hinter den griechischen Gottheiten hervorholen.1)
Wenn mehrere Gottheiten, die Litai, die Moirai u. a. als eine Dekaneinheit
auftreten, so ist das ebenfalls in ägyptischen Anschauungen begündet; denn
die alten Bilder zeigen wiederholt zwei, drei und auch vier Götter als Herren
eines einzigen Dekans. Dann finden sich z. B. im Testamentum Salomonis
die acht Urväter als Dekangottheiten, und im Rundbild von Dendera sind
>n einem Kreis acht knieende Gefangene das Symbol des 19. Dekans. Diese
können dem Erfinder dieser Liste direkt den Gedanken eingegeben haben,
die Litai, d. i. die personifizierten Bitten, die Töchter des Zeus, in die Reihe
der Dekangottheiten aufzunehmen.
Dann mögen außerdem noch ältere griechische Umdeutungen mitspielen,
kann man gleich den ersten Dekan Aidoneus etwa mit Adonai zusammen-
Gingen, der im Testamentum Salomonis dreimal als siegreiche Dekanmacht
erscheint.2) Horus haben wir in Horopel dieser Liste erkannt, er mag den An­
stoß für dje Horai gegeben haben, die Kosmas in diesem Katalog als Dekan-
Wesen nennt. Kairos darf mit dem Kairoxanondalon, Phobos mit Phobotel
lm Testamentum Salomonis zusammengestellt werden.
Noch darf auf ein interessantes Kapitel des Astrologen Hephästion
>.über die Anfertigung von Götterbildern“ hingewiesen werden, das neuer­
dings Cumont aus einer griechischen Astrologenhandschrift in Paris publi­
ziert hat. Hier werden im ganzen 25 Gottheiten aufgezählt, deren Bilder man
lri bestimmten Tierkreiszeichen anfertigen soll. Zum Stier stellt Hephästion,
lun einige Beispiele herauszugreifen, Eros und die Chariten, dann Osiris,
Sarapis und die Gottesmutter. Endlich nennt er auch noch Demeter, Kore
Und Pluto zu diesem Gestirn. Asklepios, Hygieia und Sarapis stehen in Ver­
bindung mit dem Schützen, Asklepios, Hygieia und Osiris mit den Fischen.
Sarapis, die Gottesmutter und Herakles sind mit dem Löwen, Demeter, Kore
ünd Pluto, ferner Dionysos und Nike mit der Jungfrau in Einklang zu bringen.
Hephästion muß eine ausführlichere Liste vor Augen gehabt haben, denn

x) F ü r die syn k retistisch en A n gleich u n gen der Isis m it griechischen u nd röm ischen
^öttinnen g ib t eine reiche L iste : S c h w e n n , K y b e le , in R . E . X I 2279, und R o e d e r ,
ls*s ebd. I X 2098, fü r die Id e n tifik a tio n e n m it S et u nd H orus R o e d e r , S et, im M yth o l.
L e x. I V 752.
.. 2) A idon eu s als U n te rw e ltsg o tt zeich n et G r u p p e , G riechische M yth o l. und R e -
’ßionsgesch. I I 1039, 2 u nd 1182.
74 D ie Geschichte der einzelnen Dekannaniß#

er sagt am Schlüsse, daß man auch bei den anderen Göttern bei der An­
fertigung ihrer Bilder für Tempel, Amulette usw. die Sterne beachten müsse.1)
Die von ihm nur eklektisch genannten Götter können leicht mit den Dekan-
göttern, die Kosmas nennt, in Beziehung gebracht werden und sehr wohl aus
einer älteren Dekanersatzliste stammen. Allerdings läßt sich zur Zeit nur die
Vermutung aussprechen, möglich, daß neue Funde hier noch Gewißheit
bringen!
An den Katalog des Kosmas kann gleich die Dekanliste angereiht werden,
welche Athanasius Kircher im Oedipus Aegyptiacus II 2 (Rom 1653) x82ff-
veröffentlicht hat. In der Einführung bemerkt Kircher, die Ägypter seien auf
Grund ihrer Beobachtungen zu der Erkenntnis gekommen, daß sich in den
Tierkreisdritteln bemerkenswerte Unterschiede in dem irdischen Schicksal
bemerkbar machen. Infolgedessen teilten sie den ganzen Zodiakus in die Dekane
systematisch auf. Die Genien, welche jedem einzelnen Dekan oder Gesicht
(vultus) nach der Lehre des Hermes Trismegistos präsidierten, nannten sie
Ephoren oder auch Horoskopgötter. Jedem einzelnen derselben steht anderer­
seits ein Planet als Herr vor. Die Effekte des einzelnen Dekans im Moment der
Empfängnis oder der Geburt brachten sie durch verschiedene Hieroglyphen
zum Ausdruck. Für die nun folgende Synthese nennt er den Araber Aben-
ragel (XI. Jahrh.) als Gewährsmann.2)
Es ist schwerlich anzunehmen, daß Kircher hier aus eigener Phantasie
seine Ephoren, Horoskopen, Dekane und präsidierenden Genien ins Leben
gerufen hat. Sein arabisches Vorbild scheint sich auf hermetische Vorbilder
berufen zu haben, und wirklich enthält die Liste bei schärferer Prüfung un­
verkennbar altes Gut. Ja man findet öfters überraschende Übereinstimmungen
mit Kosmas und den anderen antiken Listen.
Die anfangs stehenden Götter Arueris (= Horus, Osiris und Seth).
Anubis und Horus sind wirklich echte Dekangötter. Sarapis haben wir eben­
falls schon als antiken Dekangott kennen gelernt. In dem Helitomos tritt uns
der Dekanname Tom (6) entgegen, in Tautus steckt entweder He-tet oder
der Dekangott Thoth, in Typhon und Proteus Set, in Nephthe Nephthys, in
Kronus wieder Set, in Tomras wieder Tom, in Soda der griechisch-ägyptische
Sou, der auch dem Sourut zugrunde liegt. Isis, Piosiris und Tolmophta, wohl

1) C u m o n t , C. C. A . V I I I 1, 15 1.
2) G em ein t d a m it ist Ib n A b i 'L -R id jä l, m it vollem N am en A b u ’ L-H asan 'A l1
B . A b i ’L -R id jä l, er w ird v ie l gen an n t v o n den A stro logen des ausgehenden M itte la lte fs
und der beginnenden N e u zeit u n ter den V a ria n ten H a ly , A lbo h azen , A lb o acen u nd Abeö"
ra ge l; er v e rb ra ch te einen T e il seines L eb en s am H o fe v o n T u n is und sch ein t um 1040
gestorben zu sein. E r schrieb zw ei astrologisch e W e rk e ; v o n diesen w u rde das arabisch
geschriebene B u c h „ D a s ausgezeichn ete B u c h über die U rteile aus den G estirn en “ von
Jeh ud a ben Mose 1256 a u f B efeh l A lfo n s I. v o n K a stilien ins Span ische und k u rz da­
n ach aus dieser S p rache ins L a tein isch e ü b ersetzt d u rch A egid iu s de T eb ard is u nd Petru®
de R egio. G ed ru ck t w ü rde es zu erst V e n ed ig 1485 v o n E rh a rd R a td o lt u n ter dem Tit®
,,L ib er com p letu s in iudiciis stellarum , quae com p osu it A lb o h a zen H a li filiu s abenragel 1
dan n 1503 und 1551 in B asel. E r h a n d elt im 3. K a p ite l des ersten B u ch es ü ber die W # '
ku ngen der D ekan e, n en n t aber w eder ih re N am en noch ih re B ild er, v g l. au ch B o U ’
Sphaera 422, 1, C u m o n t , C. C. A . V 1. 231, 3, S u t e r , Ib n A b i ’L -R id jä l in E n z y k l. deS
Islam I I 378f., S t e g e m a n n , A stro logie u nd U n iversalgesch . a. O. 238 N r. 12 u nd S a r t o f
In tro d u ctio n to th e H is to ry of Science I (1927) 715. O b er in seinem zw eiten astro­
logischen W erk , das 1373 kom m en tiert w u rde und nur in arab isch en H a n d sch rift^ 1
erh alten is t (s. S u t e r a. a. O .), m ehr ü ber die D ekan e sagt, und o b K irch e r etv**
darau s gesch öp ft h a t, is t m ir u n b ekan n t, d a m ir dieses W e r k u n zu gän g lich ist.
Athanasius K ir cher — Aristobulos — Punktierbücher 75
mit leichter Umstellung statt Ophthalmos (Auge des Sonnen- oder Mondgottes)
sind ebenfalls alte Bekannte. In Peroeus steckt der Dekanname Reouo, in
Merkophta, Omphta, Riruphtha und Monuphtha der Dekangott Phtha. In
fttän, Apollo, Teraph und Rephan sind die Namen des Sonnengottes Re oder
Ka. mit einer leichten Hülle versehen. Das etwas merkwürdige Wort Cyklops
kann durch das ägyptische Sonnenauge, das öfters unter den Dekanen erscheint,
enträtselt werden. Der Phallophorus, der die Liste schließt, kann Min Horus,
der ithyphallische Seth oder auch Osiris sein.1) Nur drei Namen fallen aus der
lste, die durchaus auf guter Tradition beruhen kann, heraus: Ophionius,
Und Arimanius (Nr. 21 und 22). Das erste dürfte eine Neubildung für Ophiuchos
(Serpentarius) sein, der auch anderwärts in die Dekanbilder aufgenommen
"[Orden ist (S. 136). In Ariman erkennt man den persischen Gott; auch hier
die Frage, geht da ein letzter Überrest der Wandlung weiter, die die Dekane
bei ihrer Wanderung nach Persien durchmachten, oder ist das bare Willkür
Ruchers. Ich möchte aber das erstere annehmen, da ja auch die übrigen
Namen gut fundiert sind.
Schwache Überreste der alten Dekannamen enthält das Dekanlosbuch
des Aristobulos, das ich im Anhang aus dem Codex Palat. latin. 1367 fol. 149
ls 152 in Übersetzung wiedergebe. Man kann wohl in Sisan, Tourtour, Ca-
rexon, Pieret, Dana, Erakto, Seros und Hrinos die Namen der griechisch-
a§yptischen Kataloge heraushören. Aber die anderen Namen wie z. B. Ben-
d°nc, Gallat, Farsan, Parquia, Angaf, Effraa und Nacy zur Genüge erweisen,
SInd reine Erfindungen eines einzelnen und bare Willkür, die ein tieferes Ein­
bringen kaum verlohnen dürften.
Ganz von der antiken Basis abgedrängt sind endlich die Dekannamen,
e sich in arabischen, jüdischen, lateinischen und deutschen Punktierbüchern
und Losorakeln finden. Hier treten 36 Richter und 36 Könige des alten Testa­
mentes, ferner 36 Planeten- und Gestirnnamen und gelegentlich auch die
2§ Mondstationen mit anderen Sternmächten in die Rechte der alten Orakel-
S°tter ein. So finden wir als Namen der Dekanrichter Adam, Abel, Noah
n°s, Lokman Elia, Aron und Uri. Es sind keine verstümmelten und ent­
falteten Namen eines alten Werkes, sondern jedesmal neue Namen, die der
Willkür des Verfassers ihre Entstehung verdanken.2) Alexander Rennemann

„ 1) Ü ber den ith y p h a llisch en M in-H orus siehe K e e s , Seth, in R .E . 2. R eihe I I A 1915.
, werlich d ü rfte dieser G o tt in dem b izarren B ild des 36. D ek an s stecken, der n ach
Pomasar eine L a n ze im B a u ch h a t oder n a ch den latein isch en T e x te n a ls praegnans
b ezeich n et w ird ( s .u . 153 und 216).
, 2). D ie N am en und das ü brige v erd an k e ich den U n tersu chu ngen v o n S t e i n s c h n e i -
Me r - U ber d ie M on dstationen (N axatra) u n d das B u c h A rcan d am , in Zeitsch r. d. d.
l0l'genländ. G esellsch. X V I I I 136; dazu ders., D ie hebräischen Ü b ersetzu n gen des
'tte la lle rs (1893) 868. W eitere w e rtv o lle u nd reiche L ite ra tu r ü ber die R o lle der 36 D e-
f r k f *n ^en L osb üchern des M ittela lters g ib t B o l t e , G eorg W ick ram s W erk e IV , in
'W. des litera r. V erein s in S tu ttg a rt C C X X X (1903) 2 9 o ff., 299, 314^ , 344 . 34&; und
ers-, Zu r G esch ich te der P u n k tie r- u nd L o sb üch er, in Jahrb. f. histor. V o lk sk u n d e I
y f,25) 196, 200. — D ie B ezeich n u n g der D ekan e als R ic h te r g e h t a u f a n tik e orientalisch e
o r M l d e r zu rü ck . So haben n ach den Schol. A pollon . R h od . (ed. K eil) I V 262 die Ä g y p te r

je zw ölf T ierk reisb ild er als ■fteoi. ßouXoäoi bezeich n et, D iodor. I I 30, 6 u nd 3 1, 4 erw ähn t
^ „c h a ld ä isch e" B ezeich n u n g der 30 S te rn g ö tte r a ls &eol ßouXatoi und der 24 S tun d en ­
d e als SixadTixt t & v SXcüv. Im T alm u d (So ukka, 45 b. d ü rften die 36 F rom m en, w elche
° t t jeden T a g schauen m üssen, d a m it die W e lt bestehen kann, ebenfalls a u f die D ekan -
religion zu rü ckgeh en , näheres L . B l a u , R e v u e des étu des ju iv e s X L (1900) 104t. und
76 D ie Geschichte der einzelnen Dekannatne,‘

hat in seinem Glücksrädlin (gedruckt 1633) die Beantwortung von 36 Fragen


an 36 globi (feuer, lufft, wasser usw.) und an 36 Propheten (Vulcanus, Luna,
Sol usw.) verteilt.1) Auch der Mathematiker Welper, der zur Kurzweil in seinem
Glücksrad, wie er betont, nicht ohne Mühe und mit besonderem Fleiß seine
astrologische Weisheit verordnet hat, gehört hierher.2) Er nennt unter den
36 Richtern zuerst die sieben Planeten; die Reihe eröffnet Saturn, ihm folge»
die anderen Planeten nach ihrer üblichen Rangierung im Universum, nicht,
wie man erwarten sollte, nach dem naheliegenden Gesetz der Prosopalehre-
Sternbilder, antike Gottheiten und Fixsterne füllen die Reihe der übrigen
Dekanrichter aus. So finden wir Arktus (der große Bär), Orion, Kepheus,
Arktophylax, Perseus, Antinoos, Kynosura, Sagittarius, Ophiuchos u n d
Aquarius mit den Fixsternen Regulus, Sirius, Procyon, Aldebaran, Antares
und Rigel in die Reihe aufgenommen.3) Zu ihnen gesellen sich Orpheus,
Neptunus, Pluto, Atlas, Vulcanus, Pan, Aeolus, Bacchus und Agymech. Wer
die dauernde Überlagerung der alten Namen und Götter der Dekane durch
neue Namen und Bilder kennt, wird überrascht sein, wie viel altes Gut sich
hier noch scheinbar findet — ob Welper hier auf älteren guten Traditionen
weitergebaut hat, läßt sich aber nicht erkennen; möglich wäre es, aber es
fehlt bei ihm jeder Hinweis, so daß eine weitere Untersuchung kaum möglich
sein dürfte.
Eine weitere Sonderstellung nimmt in der Geschichte der Dekannamen
ebenso wie in ihrer Bild- und Aktionsgeschichte der Liber de imaginibus des
Ptolemäus ein (S. 394 ff.). E r gibt nur für einige Dekane deren Namen, die
in den anderen Dekankatalogen kein Gegenstück haben. So heißt hier der
erste Dekan des Widders Almael (R. Alhaniel), der zweite Hamael (R. noch­
mals Alhaniel), der dritte Halamel. Der erste Dekan des Stiers lautet Altaba.
(R. Altabit), dann erfahren wir noch den Namen des ersten Dekans der Waage
Farem Fason und den des zweiten Dekans des Wassermanns Alamel. Ich
kann nicht sagen, ob hier reine Willkür vorliegt oder ob die anscheinend ganz
planlos übernommenen Namen aus einem vollständigen, bis jetzt unbekannten
K atalog stammen.4)

S t e i n s c h n e i d e r , Zeitsch r. d. d. M orgenland. G esellsch. L V I I (1903) 4 8 9 I, der auch


ebd. 481 die 36 K ron en a u f dem Sarge Josefs m it den D ekan en sicher m it R e ch t in B e '
zieh u n g bringt.
1) D ieselbe A n o rd n u n g z e ig t das anonym e „G lü c k s R ä d lin " , g e d ru ck t F ra n k fu rt a. M-
1649, als Q uelle w erden die T ü rk e n gen an n t, die es v o n den Ä g y p te rn u nd selbige von
den alten heid nisch en P h ilosoph en erh alten haben sollten . D ie N am en heißen h ier: V u l­
canus, L u n a, Sol, N ep tu n , H ym en eu s, P a rcae , Ju p iter, A eolu s, C asto r, A p ollo , Saturn,
G ratia, P o liv a , P lu to , V en u s, T yresias, H ercules, S erp en tin a oder Proserpina, Ceres,
Jason, F o rtu n a , B acch u s, M edea, T ity ru s, D ian a, N y m p h a e, O rpheus, M ercur, M ars,
F lora, P an , Solon, A rion, Cupido, T eu k lio n , S a ty ri. D iese D ek an liste ist n ach B o l t e ,
G eorg W ick ram s W erk e I V a. O. 331, J ein fach ein A b d ru ck der L iste v o n Rennem ann-
2) W e l p e r le b te zu A n fa n g des X V I I . Jah rh u n d erts, ic h kon n te einen D ru ck dieses
W erkes b en u tzen , der sich in der G ießener U n iv e rsitä tsb ib lio th ek b e fin d et (o. J-). Sein
G lü ck srad is t ö fters ge d ru ck t w orden, n äheres B o l t e , G eorg W ick ra m s W erk e I V a. a. O-
333, ü b e r R en nem an n h a n d e lt B o l t e ebd. 331.
3) V ie lle ich t h ä n g t d am it irgen dw ie die E rk lä ru n g des B ar-H e b rä u s z u s a m m e n ,
der die D ekan e als F ix ste rn e u nd S tern b ild er in te rp re tie rt: B ar-H ebraeus, L e liv re de
l ’a rcan ien de l ’E sp rit ed. e t trad . F . N a u (P aris 1900) I I 86— 88.
4) A u ch der oben S. 34 erw ähn te D e k a n k a ta lo g des A lch an d rin us e n th ä lt keine
D ekan e, sondern M ondstationen, s. S. 114.
Die Namen der Dekane 77
D IE NAMEN D E R D E K A N E 1)
•o Ä g y p tis c h H ep h a estio n ed.
«» •g g n ach R u elle C a ta l. cod. P a p y r. B r. Mus.
H eph aestio n
■SI Nr. B ru g sch a str. gr. V I I I 2. X C V I I I und
14) aj v ed. E n g e lb re ch t
p " T h esa u ru s I, S. 38 ff. Verbess. C X X X (= f)
£ v . D a re s sy rech ts
i 37 f f - :
u
<u I Xont-har S. 48,9 xovxapÉ — X evtoc ( Y )
r 2 xon t-xre xoviraxps — t E evtocxop
?
3 S i-k et CTIXST --- OEXET
4 Xau S. 49,24 x<*>ou — Xtüou (H )
(/) Ö 5 A ra t epto — èpci t AptoS-
6 R em en-hare £ofxßp6[i<xpE PsjxEvaap (0 )
& 7 0 o s a lk S. 5 1, 9 9-oa6Xx &oa6\ß
1 tf 8 U a ret oöape oùapé A po’j (tf)
N 9 P h u -h o r ÇOUOpl çaeopî cpoo<op 1
V) 10 Sop d et S. 52,25 a&iîHç —
-Q
V Ö9
№ 11 S eta cj£t aÎTOiv
12 Knum Xvoujxjç Ps;iEvax
13 X ar-K num s - 54 . *5 X'XPX'10^^'-? X“ P Xa PXv0U^ Ç KvOUjjtEÇ-paXVOU[i( ft )
Ï
:0 . H a -te t ^ 70) Xvoüç rJTrjT E t & e (np)
>1 i l r4
15 P h u -te t çoùîrr) fJLÛÇ ÇOUTTJT <DoUE$S (np)
3 16 T om S. 56, 3 T(i[X TfOV
£? OÙïdTEpXtîlT
00 n y U ste-b ik o t OÜüXJTEUXWTl 7) BtXCOT (np)
q 17 oùécTE-pxart
3
18 A p o so t àcpôao â<poa6
? 19 S°b_Xos S. 57,24 aroux&>£ oir/coê
ü 20 T p a -x o n t Tmr)x°àT TZrr/G)r TTT'/jXOVT SxwjJta (Æ)
1
21 Xont-har Xovxapt — 1
G arrzyyqE,
0 22 S p t-xn e S. 59,13 axoy/yi)v'.
T(joxve-<p6vT
■&
n 23 Sesm e aea\xè — — t 0OO[A«O&

</3 Si-sesm e
24 a '.< y ’. S [ j .é — — 1
O
iS 25 H re-u a S. 61,17 pyjouto pïjoua Aptoi-ap&H (**)
•e: 26 Sesm e o s a }ié a e ia u é 1
C/) 27 K o n im e xo[i(i.é — xovLjié K ax-xo uaT ( / )
À 28 S m at S. 63,13 c n à x a^ây —
’S 29 S ra t epef) apü> S p o il ( T )
w S i-srat lape!) S ia p w i (ST)
30
T p a -x u S. 64,27 7TTtav TCTtaü TTOjX’j Apou (*»)
8 31
32 aeu — xû —

1
Cj
33
Xu
T p a-biu 7TO]ßU0lS 7m ß io O x 7rr]ßiou
ß'.oO ß'.ou


■a 34 B iu S. 66,14 aßioo
« X 35 X ont-har Xovraps X0VTaxpET7tiß i 0Ü —
£
36 T p i-biu imßtOÖ ßtoO aßiou —
i) Einzelne Tabellen sind zusamraengestellt von B o u c h é - L e c l e r c q L ’astrologie grecque S.232f., D a r e s s y stellt
Annales du service des antiquités de l’É g y p te l S. 79— 90 die ägyptischen Listen desEm saht, S e til., RamsesIV.
JJQd von Edfu mit der des Hephästion in Vergleich. W e i g l , Studien zu . . . Johannes Kamateros Progr. Gymn.
Münnerstadt 1902 gibt S. 32 den Überblick über die Dekannamen des Kamateros, Hephästion und der Ägypter.
78 D ie Geschichte der einzelnen Dekannamen

u V a tican . L a t. 77 11
2
•o 1 fol. 103 r. ff. D e sign is Zo-
0) F irm icu s d ia ci iu x t a A ra b u m pla-
.3 a Nr. S ca liger
I V cap . 22 und V a ria n ten c ita in sphaera b a rb arica
1c
•B V a ria n te n
H H e b d .fo l.i3 8 ff.

u. I Sen ator A slccan A ssican — A siccan


o
T3 Sen ach er A sen ter e t
T3 T 2
sentaphora
S en ach er — Sen ach er
£ S en tach er A sen ta cer A cen ta ce r A cen ta ce r
3 —

t» 4 Suo A sic a t A sic a th — A sica th


ö 5 A ry o Ason (Asou) V iroaso feh lt V iro a so
in
6 R om anae A rfa A m a rp h A h arp h A h a rp h
V T hesogar T en sogar id est
ho 7 T h eso gar — T h eso gar
Ö b y y (Tesossar)
n
8 V er A su ae (Asra) V erasu a V erasica V era su a
s
N
9 T ep is A tosoae T epofu soa T ep isato fea d T ep isato so a

Ja 10 S o th is S ociu s S oth is — S oth is


IO
)
h <19 11 S ith - S y th S y tb S y th
12 T hiu m is T hu m us T h u im is — T h u im is
<u 13 C raum onis A fru icois ( Afunus) A p h ru im is — A p h ru im is
£ feh lt S ith a ce r
:Q Jl 14 S ic — S ith a c a
15 F u tile F u til (Eisie) P h uon isie — Ph uon isie
3 T hu m is T h in n is (T h ynn is
cd
Ih
16 T h u m is — Thum i
i. e. A phone)
nv
G 17 T op h icu s T ro p icu s T h o p itu s T h eop icu s T h o p itu s
18 A fu t A su th A phut feh lt Aphut

O 19 S eu ich ut S en ich u t y o y e S eruo uth Serueuth S erucuth


Cti Sepisent A teb en u s
(Ö 20 A terech in is feh lt A terech in is
(Aterem us)
21 S en ta A te p ite n A rp een — A rp ien
d 22 S en tacer A sen te S en ta ger — S en ta cer
o
Cl< 23 Tepsisen A se n ta tir T ep iseu th — T ep iseu th
o «1 Aterceni(-cem )
S entineu
C/2 24 (Atelem )
S en ciner — S en cin er

8 25 E regbu o E rgb u o E reg b u o — E reg b u o


:3 t 26 Sagon S agen — S agen
Ä
(/) 27 Chenene C henem (Chenen) K en en — Chenen
28 Xhem eso — T hem esor — T hem eso
"<D 29 Epiem u E p im en (Epiem ii) E p im a — E p im a
cn 30 O m ot H o m eth — H o m oth
a 31 1 O ro A soer O roater — O roasoer
§s ~ 32 j C ratero A stiro A stiro — 1 A stiro
£ 33 1 T ep is A m asiero (Am apero) T ep isa tra s — 1 T ep isatra s

o 34 1 A ch a A th a (A tap iac) A rc h a ta p ia s — A rch a ta p ia s


o T ep ib u i T ep a b iu id est A a te a c
C/3
X 35 (idest Aaceas) 1 T h eop ib u i — T h o p ib u i
E
3t> j U iu A a te x b u i (Atem bui) 1 A te m b u i — 1 A tem b u i
Die Nam en dev D ekane
1Tierkreis­ 79
53 bi H erm es T rism egistos T estam en tum Salom onis
zeichen
K a m a te ro s ed. M c Cow n
•8 si N r. ed. R u elle а . а . O.
,<
UX ed. W eig l
fi T ext 1 V a ria n te n 1 K ngelnam en
Ul
o v . 207 /OVTGCp^ XEvXax<op£| ^svSaxwpi ‘ P u a?V ar.x p io ? Mixa^X
•"2 T 2 v . 208 /_0'JTX/pS XovrapsT X auxE ivu.xaö Варсгафа^Х Paßptr)X
3 v . 208 c ix e t 6v <u x £t aix^T ’Артоста T]X OüpiYjX

4 v . 396 х °°и CTtbou aoiT) 'Opon&T. 'Рафат]Х


S tiei

feh lt äpüv (XEpO) Koap<ü?avov-


ü 5 OipouYjX
SäXov
6 feh lt pcojjiEvcoi; po(xßp6(*apu<; БфЕУЙоча^Х Saßa-yjX
<P
bo 7 feh lt ?oXdc — 2ф ач8 йр ’ApavjX
p
н 8 feh lt oüapt — BeXßeX KaparjX
£ feh lt TTETTiacöft _ Коиртат)Х ’ I okoö-
N 9
IO v . 536 ctüjS si; ötD&Elp — М етаЗКа? ’A8<ova rjX
СЛ
л , la s" ie<5‘ cra-
II v . 537 OlTCOV oufp'.aiT oüSptair KaxavtxoTarjX
© ß ati&
Xvoücpo? xvoutpoß Eas" Esti" ütoi
12 v - 537 Xs l°üf*4 S 2аф0ора^Х
SaßatoS-

13 v - 657 x a p / v o u ^ c Xvoufio? XVOuh Etyj? ®oßoe-r)X ’AScovat


2
£
:o <a 4 v . 658 I tteC EnE — AspcoifjX
b-J ф атт — SoußsXTi ' Pt?CÖY)X
15 V. 658 фОиТГСО
3 l6 V. 784 Tt[XÖv ä& ouji К атра? A av
£ 17 V. 786 OVECTTSdC ßpuaoü? ßpuaoüoi; *Isp 07T(X EoüSa ^t^aßoü
nv
G D ie N a m e n d e r
Я l8 v . 784 (itpöSü) а:[Лфат<х[х — MoSeß'^X
1—> a c h t V ä te r

19 v . 902 a<m-/ßc, CTCOOUKOÜ (JEIOÜ Map8£pto Map§£po>


03
20 V. 902 7tT 7)x 6v VEipTt^r)^ vEipö-t^r)? 'P u ? Naöo')‘>bi ®V0UV7)ßl^)X
,ra
£ 21 v - 9°3 XOVTapE 90Ü фойуч; ' P u ' ’AXä& 'PapiS^pti;
q | 'P u ? A üS a-
o 22 v . 1063 CTTtJixvie ßcb? 'PaioucbS'
1 (JEtkS'
& "1 _ ' Pu? MavftaScü ' Iaoj& Oüpir/л
o 23 v . 1063 ст£а[ЛЕ oixiTixo?
C/) 24 V. Ю64 (JtSTO йот/iic, — 'P ü ? ’AxTOVJie Map[xapatb&
■u
N 25 v . 1184 pl.6 aeßoq — 'P\i? ’AvaxpEÖ dpapa äpap^
:p 26 v . 1184 a s lu e TEÖXIJio? ' Pu 5 6 ’ Evau$h£j KaXa^aVjX
Д £ СТЕфХ^О?
C
СЛ 27 V. H 8 5 У.О£Л[ЛЛ) y_'!>iaap 5(a x ^ la “ P 'P ü ? ’A s^ a ß u ^ ASTjaßüö-

28 v . 1351 sfxä таТр XEiTaE'.p • P i 5 *АтгА5 KÖX 9 V7)SlCT(x6?


o TETCEtT^X unc* ' Pu5 ’A voot Vjp Map|i.apaco 9-
л 29 V. 1351 crpoö hm xsK
cs <ттаир<5
0)
'P u 5 Фиспхо- Xspoußt[i,
55 3° v . 1352 siaptd iTrtxvaüi; — p^S 2^ЕрафЕ(л

31 v . 1487 7rTiaü EaiS S-pöj u. Естрй 'P0)$ ’AXsup^'ö' —


p;


C/3 32 v . 1487 vaeo aoCTOfjtvü - 'P i g 4 x»uov ’A Sojvat
33 v. 1488 -roußiou X0V0i>[A0Üi;| xvou[xoü? 'P li? ’A x «V€« t> Лгь/.оируб?
£
<u 34 v. 1629 xov-räpe TETt[jt(b TE<JTl[J.äv ' Pu ? AÜTtb& a ' und ß'
o
03 X 35 V. 1629 T7Uߣoi> 1П О Т Г О 1 1 аО[ЛфЕ1У ' P ’J ? ®Ö7)VEO)^ das A u g e
fci 36 v . 1630 ßtouTiou аирЖ — 'P u ? Miav^O- ’A p S ä S ävaaS-
80 D ie Geschichte der einzelnen Dekannattjf]
( H erm es T ris- A n on ym u s s. u. S. 385 V a ria n ten des C od. Palat-

Tierkreis­
Tierkreis-

zeichen
bilder m egistos L a tin . V a ria n ten des Cod. gr. 312. L esarte n n ach def
Nr.
B rit. M u s.H arl. P a ris, gr. ed. K ro ll In terp re ta tio n v . Scholen1
3731 (s. U .S.379) C. C. A . V I S. 78 s. u. S. 385, i
N A u la th a m a s ü a p x ix n M ab ch am — _
<0 I
T3 T 2 S ab ao th O ùaX àx U ala x
£ 3 D iso rn afais AeXtpaâ D elp a(i?)sa — _

Jh 4 Jau s Z a xx â X D abxa — __ .
» 5 S arn a ta s X o uvdà X û ivxax XwvtotX
6 E rch m u b ris ’AvsaiO'jjj. — A tesiu m a (Agesium a)
<u
tuO 7 M anuchos Ila p e a x â p T i üpEç XapÇ --- 7TpEVX^Pj
tf 8 Sam urois ' IspaascŸjp ’A pyiE pasayip a y iip oEiaY^P,
£ A zu el ’A vaaàji. T et ^x A v a a a ji T e r ru x ävanäa tetu X
N 9
SapxaàjJi K o a ç é ç
c/j IO S en eptois < ra p x « X 0 9 0 U ?
S ap x aa jj. K o çe u ç
£ s « Som ath alm ais Tevoùjx T avX âx T a la x telu m — __
12 Charm ine TpouxàTc ’ I<xXs[X Ialm to x a x as —

£ 13 Z aloias S a [ i 7tà x S am p ex
£
:0 14 Z a th o r ’A o à x M tceCS- A p a x M peiiti
t-3
15 1F rich Ila y / a T a rc IIaY X aTa7t P a n ch a ta p 7ravx°<T“ J.
3 T a X a v rlç XapxâjJ. T a la n tis K a d k a m
a 16 Zam endres
T aX av riç Xapx<x[A TaXäv-riq x a PXa £
Ü> "V
d 17 M agois Aspo7totir B eio m u t —
18 M ich ulais M sv a lji XiXXà M enaniam K ila — __
M pm eip o k a x
<D 19 P sin eus MrtEi ®oXâx M7te(jisi7ti OXax
fcJD (X7tS(i.etTci 0X0JC
JL;
> 20 Chusthisis M apxéfx MapXEfx M ark(a)m (j.aye!^
21 P san n atois Z à x MÉ[j. A S a x ^ e fi j A d a k m e m i àSaxH^f*

d 22 N ebenos S etttetuX SaTOT^x S a p e tix aaitefffjt


'Si 23 C hu rm an tis SEXouâxœji ZsXouapafi S elu axam asXoutjcp&l*
o «1
M ’AfXTrâvav TÇévyY'-X I a m p a n a x ©Egix
C/3 24 Pserm es
lauLTtavax üeyY^X £a|i,mxvax TtÉyY‘X.
25 C lin oth ois Aàtp M eîx A aw ijxeix | L a p e m e ix Xa7U(j.EiX
N
-*-» ’Apx.ùiot ’ IsX oéç ach im a ih eku p i
:3 26 T h u rsois
rC Apxiu-a I eXouttl àp/_ijj.a tsXoujH
C/2 ’A v a a à ji Teptx^i* A n asam T erich em
27 R en eth is
Avacroqji T s p ix 2^ àvaadctJ. TEpiX^Ü

o 28 R em psois MaxpàtJt M axpai* M axn am u.v.'/pap


o icham x^lkem
rO
d /5 29 M anethois XaXxvjiJ- ’ I xéjj. KaXxaf/.ixa !x yaXxdcu ly&P-
C/3 3° M arxo is — —
-
a 31 U laris B aÇ eîy x V a n ed x x
« ss 32 L u x o is XouvXtâxix XouvXior/u X u n liax m x ouv^laX t
«J
£ 33 C rauxes M axtXotix M axiXoux M ax ilu x jxaxtXouX

ü 34 F am b rais K a lv X à jx K a i^ x*!* K a im x a m xaï[xxa Ü


Ü
cn )( 35 F lugm ois IIô x MsXXéç I3t[JiEvs7ti Pim en h ep m jxsvEff1
36 P ia th ris Supèix 'OXdtxM- — O laxm
Nqmen far Dekane 8l
1
I! Tierkreisbilder

flT ierkreiszeichea

Plan eten
T ierk re is­ T eukros, V arah a-
K irch er
Nr. K o sm as W elp er zeichen n ach die ä g y p ­ m ihira.d.
s. u. S. 370 indische
M anilius tisch e
Reihe Reihe

I A idoneus A ru eris S atu rn u s W id d er M ars M ars


I Widder

r 2 Persep hone A n u b is J u p ite r S tier Sonne Sonne

3 E ros H o rus M ars Z w illinge V en u s Ju piter

4 C haris S erap is Sol K reb s M erkur V enus


Stier

xs 5 die H oren H elitom enos V en us Löw e M ond M erkur


6 L ita i A p o p is M ercurius Ju n gfrau S atu rn S atu rn
Zwillinge

7 T h e ty s T a u tu s Luna W aa ge J u p ite r M erkur


w 8 K y b e le C y clo p s A p o llo Skorp ion M ars V en us
9 P r a x id ik e T ita n H ercules S ch ü tze Sonne S atu rn

10 N ik e A p ollu n C asto r S te in b o ck V en us M ond


Krebs

s XI H era kles H ecate P o llu x W asserm ann M erkur M ars


12 H ek ate M ercophta A rc tu s F isch e M ond J u p ite r
/

13 H ep h aistos Typhon O rion W id d er S atu rn Sonne


Löwe

S l 14 Isis P eroeus Cepheus S tier J u p ite r J u p ite r

15 S ara p is N ep h th e A rc to p h ila x Z w illin ge M ars M ars


I
/Jungfrau

16 T h em is Isis Perseus K re b s Sonne M erkur


nv I 7 M oiren P iosiris O rpheus Löw e V en us S atu rn
18 H estia C ronus N ep tu n u s Ju n gfrau M erkur 1 V en u s
19 E rin y s Z eud a P lu to W aa ge j M ond j V en us
I Waage

dSs 20 K a iro s O m p h ta A gym ech | S korpio n S atu rn S atu rn


21 Nem esis O ph ion ius A tla s | S ch ü tze | J u p ite r M erkur
ISkorpion

22 N ym p h en A rim an iu s C yn osu ra | S te in b o ck M ars j M ars


"1 23 L e to M erota V u lca n u s | W asserm an n | Sonne J u piter

24 K a iro s P a n o tra g u s Pan j F ische V en us Mond


T o lm o p h ta R egu lu s W id d er M erkur Ju piter
/W a sserm .lS tein b o ckf Schütze

25 Loim os
t 26 K o re T om ras S irius | S tier Mond 1 M ars

27 A n an k e T erap h 1 P ro c y o n | Z w illinge ] S atu rn Sonne


28 A sk lep io s S oda A ld eb a ra n K reb s Ju p iter S atu rn

29 H y g ie ia R iru p h ta 1 A eolu s | Löw e M ars V en us


30 T olm a M on u p hta 1 O p h iucbos | Ju n gfrau | Sonne ! M erkur

31 D ike B ron deu s B a c ch u s | W aage | V en u s Satu rn


32 P h ob os V u cu la j A n ta res | Skorp ion M erkur 1 M erkur

33 O siris P roteu s R ig el | S ch ü tze 1 M ond 1 V en us


34 O kean os R ephan 1 A n tin o u s | W id d er [ Saturn Ju p iter
Fische

X 35 D olos S ou ru t 1 S a g itta riu s | S tie r 1 J u p ite r 1 M ond


36 E lp is P hallophorus 1 A q u ariu s | F ische M ars ! M ars
Studien der Bibliothek W arburg, 19. Heft: G u n d e l 6
D R IT T E S K A P IT E L

D I E B I L D E R D E R D E K A N E IN D E R A B E N D L Ä N D IS C H E N
U N D O R IE N T A L IS C H E N L I T E R A T U R

A. D IE LITE R A R ISC H E N BESCH REIBU N G EN


UND T E X T E D E R D E K A N B IL D E R
Dem vielseitigen und verwirrenden Mischcharakter der in der ägyP
tischen Dekanreligion sekundär zu den alten Sternbildern und Namen hinzu
tretenden Gottheiten und ihrer Bilder entspricht die vielfache Metamorpho^'
welche diese Phantasiegestalten in der hellenistischen und in der von ihr
hängigen indischen, arabischen und dann in der lateinischen Astrologie dcS
Abendlandes durchgemacht haben. Der Grund, daß die Dekanbilder eine
so reiche Umgestaltung auf ihren ruhelosen Wanderungen gefunden habe0’
ist in einem rein magisch-religiösen Interesse, nicht in astronomisch-astr0'
logischer Durchforschung und Umgestaltung der Typen des gestirnten Hi°l'
mels zu suchen. Die Bilder und Wesenheiten der in den Dekanbezirken res*
dierenden Gottheiten werden nicht mehr am gestirnten Himmel weder l!l
neuen Sternumrissen, noch in den früheren Sterngruppen aufgesucht.
sind wie in der späteren ägyptischen Sternreligion die unsichtbaren, rei*1
imaginären Lebenselemente der alten Sternbezirke geblieben.
Das wird in den von Teukros abhängigen Texten des Apomasar und P1
catrix ausdrücklich betont; als rein imaginäre Faktoren erleiden sie auch nick
die Wandlungen der Tierkreisbilder und ihrer Zeichen, denen diese infolge
der Präzession ausgesetzt sind, sondern sie bleiben ewig als gleicher und url
veränderlicher Bestand mit dem Segment des Tierkreises inhärierend ver
bunden, mit dem sie die ägyptischen und dann die hellenistischen Astrologel1
verbunden hatten.1)
Wie der Name eines Gottes, so ist auch sein Bild und dessen genau1’
Kenntnis für die antike Religiosität von immenser Bedeutung. Der Bildglaufre
teilt mit dem Namensglauben dieselben Vorstellungen. Wer das Bild eineä
Gottes kennt, es sich auf ein bestimmtes Amulett schreibt und trägt, oder eS
auf ein bestimmtes Material mit bestimmten Extrakten unter vorgeschn1
benen Gestirnungen schreibt und das nun ißt oder trinkt, gewinnt die Kräf^
des Gottes, vereinigt sich so in einer Communio mystica mit ihm; ja er wiJ
selbst zu der Gottheit und kann nun mit deren Kräften alles vollbringe11,
wie der Gott selbst in eigner Person. Das W ort: „Ich trage dein Bild in meine11’
Herzen“ hat dieselbe magische Kraft wie das Wort: „Ich trage dich oa€
deinen Namen in meinem Herzen.“ 2)
1) S . 227.
2) D azu A . D i e t e r i c h , A b ra x a s 196, P a p y ri G raecae M agicae, ed. P r e i s e n d a »
I 52 v , 471 u nd F . C u m o n t , A fte r L ife in R o m a n P aga n ism e (1922) I2 2 f.
Metamorphosen der Dekanbilder — D ie babylonische Götterliste 83
Wie die Namen, so zeigen auch die Bilder der einzelnen Dekane einer-
^ lts trotz aller Entartungen eine starke Beharrung, andererseits eine gewollte
erdrängung des traditionellen Gutes. Eine besondere Form des Namens-
| aubens spricht davon, daß ein Gott seinen heiligen Namen nur eine bestimmte
•'itlang trägt, dann ihn aber ändert und seinen Auserwählten seinen neuen
.. arnen m itteilt; dementsprechend ändert er auch seine Gestalt und seine
u“ eren Attribute. Durch Offenbarung ist der Mensch zur Kenntnis dieser
neuen Gestalt gekommen.
Die in der älteren astrologischen Literatur übliche Mantelerzählung, in
J '1 genau mitgeteilt wird, wieso der Mensch Kenntnis von dem Wesen und
lrken der betreffenden Sterngötter bekam, enthält nur das griechische De-
11buch des Hermes Trismegistos an Asklepios. Offenbarungsweisheit ist
_ das, was die Dekane und Halbdekane des griechischen Fragments der
g. meschoiniaka enthüllen. Die anderen Kataloge berufen sich entweder auf
ßnen älteren Autor oder lassen überhaupt die Quelle weg und geben ihre
eschreibung als absolute Weisheit. Als ältester Text von Beschreibungen
er Dekangötter müßte zunächst eine babylonische Götterliste beachtet werden,
eiche sich in der Bibliothek Assurbanipals gefunden hat. Man hatte die
4 Fragmente dieser Götter liste früher als „Vorschriften für assyrische Bild-
^aUer“ oder als Vorlagen betrachtet, die bei Beschwörungen verwendet wer-
l^'n sollten.1) Dann hat Bezold die Vermutung aufgestellt, daß hinter diesen
eschriebenen Bildern Sterngötter stecken müssen und daß in diesen Stern-
. erbeschreibungen eine Vorlage der späteren Salmeschoiniaka gefunden
oder daß zum mindesten ein enger Zusammenhang zwischen dieser Liste
u den hermetischen Salmeschoiniaka bestehen müßte. Boll hat diesen Ge-
nken Bezolds weiter verfolgt und in einer fein durchgeführten Unter-
c Hing nun cy e inneren Zusammenhänge der babylonischen Götterliste mit
hellenistischen Dekanbeschreibungen aufzudecken gesucht. Er ist dabei
ent Ergebnis gekommen, daß die hellenistischen Listen, die in Ägypten
r fa n d en sind, das babylonische Vorbild auf ägyptische Verhältnisse zu-
2 . gemacht, bzw. dementsprechend umgestaltet haben. Als Mittelglied
Set en die hellenistischen und die babylonischen Sternbeschreibungen
hat 2 c^e Beschreibungen der Mischgeschöpfe, welche Berossos gegeben
t^ Ich wage nicht, dem Wege der beiden verehrten Forscher zu folgen aus
Senden Gründen:
j Einmal sind die Dekane altägyptische Götter. Sie als babylonischen
u P°rt darzustellen, ist auf Grund des vorliegenden Tatsachenmaterials ganz
jj Möglich. Auch antike Zeugnisse, wie die vielverbesserte Stelle Diodors
;ij_<aP- 30 § 6, wonach 30 Sterne das Richteramt auf der Erde und am Himmel
^wechselnd inne haben, ergeben selbst mit allen Hypothesen und Text-
rrekturen nichts. Man wird zudem auf den Bericht dieses vielfach bean-
^andeten Schriftstellers über chaldäische Sternreligion keinen zu starken
[^ 'druck legen dürfen; denn in der Zeit Diodors sind Chaldäer das übliche
CnnWort für orientalische Sterndeuter schlechthin und haben speziell mit

b e z o l d , N in iv e u nd B a b y lo n , 3. A . 122 und J e n s e n , T e x te zu r assyrisch-


io n is c h e n R e lig io n (1915) 2 f. N . 1.
grier)f) B o l l - B e z o l d in der schon gen an n ten U n tersu ch u n g : E in e n eue babylo n isch -
'sch e P a ra lle le a. O . 226-— 235.
84 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Litera

Babylon kaum etwas zu tun.1) Wollte man gerade hier, wie das immer wied?r
geschieht, Diodor als ernste Quelle nehmen, dann müßte man zum mindesten
auch das gerade so stark heranziehen, was er im ersten Buch über die ägyP'
tische Astrologie und Astronomie sagt; hier gibt er in allen Fragen diese*
beiden Gebiete den Ägyptern den Vorrang, ja er behauptet sogar I cap. 81,
die Chaldäer in Babylon seien ehedem ägyptische Auswanderer gew esen »
ihre Lehre über die Astrologie hätten sie bei den ägyptischen Priestern ge'
lernt. Was sonst noch von modernen Forschern aus Keilinschriften zun1
Beweise babylonischer Herkunft der Dekane gesagt worden ist, hält kaum einef
eingehenden Prüfung stand2). Vor allem widerspricht einer babylonischen
Urstufe der Dekanlehre und Dekanbilder der klare Befund und das, was un-'
bereits die Sargtexte von Siut aus dem Ende des dritten Jahrtausends über
die Dekane sagen. Etwas ähnliches kann bis jetzt nicht von babylonischen
Dokumenten aus einer annähernd gleichen Zeit beigebracht werden.
Zweitens halte ich es für undenkbar, daß die späteren Ägypter sich zU
der Gestaltung ihrer alten Dekangötter fremder Texte bedient haben so llten -
Es ist eine ganz unabweisbare Forderung, daß die Bilder und die A ttribut
der Dekane schon in altägyptischen Texten literarisch festumrissen waren,
die den Malern der astronomischen Bilder in den Tempeln, Gräbern und
Särgen als Vorlagen dienten. W ir haben bis jetzt keine solchen Texte atis
Ägypten, aber in ihnen müssen wir die eigentlichen Vorlagen der Salmescho1'
niaka und der hermetischen Listen suchen. Daß die überwiegend ägyptische*1
Namen und Prophetien der hellenistischen Astrologie, die in Ägypten und f***
Ägypter geschrieben sind, nun, wie Boll und Bezold es meinten, ledigHctl
Anpassungen und Umgestaltungen sein sollen, weil in dem Fragment №
Salmeschoiniaka in dem Wort veßu der babylonische Gott Nebo unbewuß
stehen geblieben sein soll, kann mich nicht überzeugen, zumal man in diesen1
Wort wie bereits oben S. 40 betont wurde, ein altägyptisches Wort und aud1
einen ägyptischen Dekannamen erschließen kann.
Natürlich i s t es kaum zu bestreiten, daß später in Ägypten B e s t a n d t e i l
der babylonischen Sterndeutung um sich gegriffen haben. Aber gerade die
babylonische Götterliste dürfte schwerlich, so wie wir sie vor uns haben«
umbildend und neugestaltend auf die Bilder und Namen der Dekane irgend'
welchen Einfluß gehabt haben. Dagegen spricht das hohe Alter der so ver'
schiedenartigen und immer wieder durch andere Gestalten verdrängteP
Dekangötter Ägyptens, die uns wirklich Mischformen in ganz grotesken
Bildern zeigen, die nicht erst ganz sekundär aus einigen babylonischen Frag'
menten erkannt werden dürfen.
Übrigens stehen die Prämissen, aus denen Bezold seine Folgerung zieh*-'
daß in den genannten babylonischen Götterbeschreibungen Sternbilder g^
sehen werden müssen, nicht auf allzustarkem Fundamente. Bezold sag1
(S. 228), daß er sich beim Lesen der griechischen Texte der Salmeschoiniak3,
wovon Boll in der Offenbarung Johannis S. 51 ff. Proben gibt, überzeug

1) D azu B o u c h é - L e c l e r c q , L 'a stro lo g ie grecqu e 41 ff. B a u m s t a r k , C h a l d a i 0 1,


in R . E . I I 205gf. j
2) K u g l e r , S tern kun de u nd S tern d ien st in B a b e l E rgä n z. B d . I (1913) 6 ff-.
(1914) 172, I9 3 ff. W e i d n e r , H and b. d er b a b y l. A str. I 62, dagegen S e t h e , D ie Z®1
rechn un g der a lten Ä g y p te r a. O. (1919) 98 ,,au s babylo n ischen Q uellen bis je tz t nicht-’ ’
das die 36 D ek an e bezeu gt, b e k a n n t".
vermeintliche babylonische Dekanbeschreibung 85

habe, daß sie auf das engste mit den assyrischen Beschreibungen verwandt
sein müßten.
Außer dem Inhalt ist dann besonders die griechische Wendung xaAelTai 8e,
le dem assyrischen sumsu entspricht, „ausschlaggebend" gewesen; dazu fügt
ezold noch als weitere Stütze „Jensens Vermutung", daß in Zeile 41 der
1 ylonischen Liste „etwas Ersehenes der Ereskigal“ zu lesen wäre. Demnach
so, schließt Bezold, haben wir Beschreibungen von Sterngottheiten vor
Uns- Keiner dieser Gründe ist aber stichhaltig, um eine so weitgehende Fol­
gerung zu erlauben (s. S. 40,3 und S. 31,1).
Von dem astrologischen Einschlag, den Bezold in den babylonischen
Otterbeschreibungen erkennt, kann nur beachtet werden, daß die Z. 15 be-
.. riebene Gestalt einen Körper hat, der ein ,,suhur-Visch.“ voller Sterne ist,
le übrigens noch, wie der Text weiter fortfährt, als Füße Krallen ohne Fersen
,at' Das entspricht nach Bezold offenbar dem Capricornus! Gewiß darf ich
„as zugeben, aber wie reimt sich damit nun die Tatsache, daß eben dieser
,aPricornus außer den nirgends nachweisbaren Vogelfüßen auch den Kopf
<lrier Schlange und etwas an sich hat, wie eine Seeschlange ? Weitere Merk-
ale dieses angeblichen Sterngottes sind: in Nase Talg, am Ohr herabhängen-
es Wasser und ein Haarbüschel an der Backe. Eine solche groteske Gestalt
es Capricornus dürfte nirgends nachweisbar sein, denn er ist nun einmal
rsprünglich der Bock, der Dekan sro gewesen, aus dem der griechische
, 3 'ipan und folgerichtig der Steinbock geworden ist. Erst später ist dann die
‘^ g e s ta lt des Ziegenfisches in die hellenistische Uranographie eingedrungen.
^. übrigen astrologischen Einschläge, die Bezold neben diesem Kronzeugen
k . lrt, sind noch weit schwächere Beweismomente, hier sind nur Möglich­
sten einer Gleichstellung mit Gegebenheiten des gestirnten Himmels ge-
°en, aber keine durchschlagenden positiven Beweise.
Boll hat dann (S. 231— 233) die Methode der Beschreibung besonders
^gehend herangezogen und durch ein reiches Vergleichsmaterial festgestellt,
g, zwischen den griechischen Dekanbeschreibungen und der babylonischen
erngötterliste einleuchtende Übereinstimmungen bestehen. Boll hebt am
ntang dieser Untersuchungen hervor: „D ie Beschreibung gibt jedesmal
(j ,eres über Kopf, Gestalt und Extremitäten, ihre Aktion, Attribute, Klei-
Name“ (nicht in III, d. i. in der indischen Dekanliste nach Bolls Zäh-
n§)- Sämtliche Teile hat nun Boll 231 einer ausführlichen Betrachtung
: erz°gen, die auf den ersten Blick etwas ungemein Bestechendes hat und
, '-rtl die Überzeugung geben kann, daß hier gewisse Zusammenhänge be-
li ' Aber bei schärferem Zusehen findet man, daß vor allem das wesent-
le, die Aktion, in den babylonischen Texten ganz fehlt, und daß gerade die
g ü tig s te n Kennzeichen der ägyptischen Dekangötter, das Diadem, das
SeZ.eP^er und das Lebenskreuz ebenfalls fehlen. Außerdem vermißt man einen
Q..r wichtigen Bestandteil der späteren Dekankataloge in der babylonischen
. otterbeschreibung, nämlich jeden Hinweis auf Gegenmittel, auf Angaben
a rer astronomischen Sichtbarkeit und Wirksamkeit; endlich wird ihr Einfluß
, menschliche Schicksale und Unternehmungen, die in jeder Dekanprophetie
le notwendigen Zusätze bilden, mit keinem Wort erwähnt.
Diese Gründe zwingen dazu, daß in der babylonischen Götterliste weder
,'e Vorlage der Salmeschoiniaka noch anderer späterer Dekankataloge ge-
ucht werden kann. Sie wird daher in der nachfolgenden Untersuchung über
86 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Litera№

die Umbildungen und Neugestaltungen der alten Dekangötter nicht be'


achtet werden; auch in dem Überblick (S. iöoff.) konnten diese G ö t t e r b i ld ^
nicht aufgenommen werden, da ihre Einordnung unter die T i e r k r e i s b i ld er
durch nichts gerechtfertigt wird.
Noch ein Wort zu dem Namen der Salmeschoiniaka. Boll-Bezold haben U1
der genannten Abhandlung die babylonische Herkunft des Wortes als gesichert
hingestellt und das Wort als „Buch der Bilder" erklärt. Das ist aber d u r c h a u s
nicht unbedingt sicher. Neuerdings hat Pieper diese alte Quelle der helle'
nistischen Astrologie als ein altägyptisches Werk bezeichnet und die vof>
Dyroff in Bolls Sphaera 378 gegebene ägyptische Ableitung des Wortes mit
der Bedeutung etwa als „Buch der Geburtsstätten“ oder „Buch vom Große11
Bären“ als die wahrscheinlichste Lösung des Wortes Salmeschoiniaka be'
zeichnet.1)
Für die Herkunft der Dekane aus Babylon könnte man noch die Tat'
sache heranziehen, daß der Astrologe Teukros von Babylon als einer der wich'
tigsten Vertreter des Dekansystems erscheint, der auch gerade die Bildbe'
Schreibung dieser Götter zu apotropäisch-magischen Zwecken gegeben hat-
Aber man wird auf die Bezeichnung „der Babylonier“ nicht einen zu große11
Akzent legen dürfen; in letzter Zeit hat Eisler den sehr wahrscheinlichen E lf'
wand erhoben, daß nicht das chaldäische Babylon, sondern die ägyptische
Stadt Babylon gemeint ist, die oberhalb von Heliopolis gegenüber der große'1
Pyramide gelegen hat.2) Das wird auch durch die Tatsache unterstützt, da»
Teukros ja gerade die ägyptischen Dekangötter besonders hervorgehoben hat.
da er sie eben aus der Anschauung aus nächster Nähe kannte.
Außer den Salmeschoiniaka und dem griechischen Hermesbuch muß eS
im Altertum noch mehrere Dckanbeschreibungen gegeben haben. So wisse*1
wir aus Psellus und auch aus späteren Berichten — Agrippa, de occulta phil°'
sophia II cap. 37 mag als Beispiel genügen — daß Teukros von Babylon die
einzelnen Dekane zu magischen Zwecken beschrieben hat. In den T e u k r o s '
exzerpten, die Boll uns erschlossen hat, wird aber nur ein einziger Dekan be'
schrieben, der Dekan mit den Lampen. E r wird im zweiten Teukrostext zl1
der Jungfrau als Begleitgestirn erwähnt.3) Auch Celsus und sein Gegner 0 fl'
genes dürften solche Dekanbeschreibungen gekannt haben. Doch ist aus deP1
Altertum sonst keine Liste erhalten. Altes Gut hat mit Treue bewahrt die votl
mir im Anhang S. 379ff- zum erstenmal veröffentlichte lateinische Liste de-
Hermes Trismegistos. Auch Nechepso dürfte die Bilder der Dekane beschriebe11
und zu Heilzwecken verordnet haben, wie aus Galen (S. 269) hervorgeht, aber
auch diese Liste ist verloren.
Die verlorene Darstellung der Dekane, welche Teukros gegeben hat, i*
eine wesentliche Grundlage der indischen, arabischen und der daraus re s u l
tierenden abendländischen Dekanschilderungen geworden. Die erste M eta
morphose haben die Dekane des Teukros vielleicht durch den unbekannte11

1) P i e p e r , O rien tal. L ite ra tu rz. (1927) Sp. 1048. D ie verschiedenen w idersprucl1^


vollen N am ensform en verzeich n et K r o l l , R . E . Suppl. V 843ff., der die F orm Salm c
sch in iaka als die w ahrschein lichste bezeich n et u nd sich fü r die A u ffassu n g von
B ezo ld en tscheidet, d a ß in den Salm esch oin iaka babylo n isch e V o rb ild er zu erkennen sin •
2) S e t h e , B a b y lo n , in R . E . I I 2699; E i s l e r , N o ch m als zu m 19. P salm , in Jour” '
A m . Or. Soc. (1927) 43 A n m . 93.
3) N äheres B o l l , S p h aera 216.
^ }e Salmeschoiniaka — D ie hermet. u. sonstige antik. Dekankataloge— Varahamihira 87

Verfasser des indischen Paulisa Siddhänta erfahren. Dieses verschollene Werk


at wohl Varahamihira (VI. Jahrhundert) als Unterlage benutzt. Varahami-
ra gibt von jedem einzelnen Dekan zwei Schilderungen, eine ausführliche und
fwie knappe. Die letztere berücksichtigt die planetarischen Prosopa und gibt
lri einem Schlagwort an, ob es ein männlicher, ein weiblicher, ein Vierfüßler,
e‘n Vogel oder Schlangendekan ist. Diese stimmen aber mit der Zeichnung
ner ersten Bilder nicht durchweg überein, sondern müssen aus einem anderen
u ekankatalog entnommen sein. Oft findet sich dabei unausgeglichen ein
Sanz menschenartiger Gott und ein Tier zusammengestellt. Wir haben hier
also eine wichtige Unterlage für die ostasiatische Darstellung der Dekane,
Reiche 36 menschenartige Götter mit frappanter Beibehaltung einzelner
uge der antiken Dekanlisten und 36 Tiere darstellt (s. S. 216).
Varahamihira, ein Kompilator großen Stiles, aber kein originaler Schrift-
geller, hat zwei große Werke über die formale Astrologie geschrieben, Brihat
ainhitä und Brihat Jätaka; sie sind beide die Grundlage der indischen
Astrologie geworden.1) Er kompiliert in ihnen mehrere griechische Werke
Und verschiedene Dekanlehren. In dem Dekankapitel zitiert er als Quelle:
Y avan a (-Griechen), die griechischen Gelehrten, die alten Yavana und die
Y'eisen (S. 355 ff.). Die Alten und die Weisen sind Epitheta, die in der grie­
chischen Astrologie besonders den Archegeten, dem König Nechepso und
seuiem Priester Petosiris zukommen. Varahamihiras Kommentator Utpala
Wer Kommentar ist auf 966 n. Chr. datiert) bemerkt ausdrücklich zu diesen
^ a te n , daß darunter Griechen der hellenistischen Epoche zu verstehen sind.
Varahamihira dieses Dekanbuch, das sich also wohl auf Nechepso-Peto-
®lris berief, noch vor Augen hatte oder seinen indischen Gewährsmännern,
erri Satya (IV. Jahrhundert n.Chr.?) und Aphroditosemaios (I— III. Jahr-
undert n. Chr.) verdankt, denen er andere Spezialitäten der Dekanlehre
^ach Utpala entnommen hat (S. 255f.), ist ungewiß. Auch ist es ganz unklar,
as in dem schon genannten Paulisa Siddhänta über die Dekane gesagt
ar und ob dieses oder ein anderes der Siddhänta-Bücher ihm die hellenistische
.Urologie vermittelte; angeblich soll das W erk Paulisa Siddhänta eine Art
°mmentar zu Paulus Alexandrinus gewesen sein, der aber in seiner Dekan-
e lre der Teukrosorthodoxie folgt (S. 88, 1).
Varahamihira bildet die Brücke zwischen griechischer, indischer und
unarnmedanischer Astrologie. Die Araber nennen mehrere Inder, welche
le indische Dekanlehre nach Bagdad brachten. Der wichtigste Übermittler
zweifellos K anaka oder Kankah, auch Beneka genannt; nach Albiruni

v l ) F ü r die L e b en szeit V ara h a m ih ira s g ib t B o ll C. C. A . V 1, 156 die w ich tigsten


(iS Ve*se' Ich habe die englische Ü bersetzu n g v o n C o l e b r o o k e , A sia tic R esearches I X
de 32 3 ff- u nd des C h id am baram A i y a r , T h e B rih a t J a ta k a , 3. A . M adras 1926 dan k
l(^s '-ntgegenkom m ens der B ib lio th e k W arb u rg, w elche ein E x e m p la r b e sitzt, ben utzen
A ußerd em habe ich die deu tsche Ü bersetzu n g v o n W . W u l f f , D as große B u c h
v; ‘H ivitätsleh re (B rih at Jätaka) des V arah a-M ih ira n ach der englischen Ü bersetzu n g
1 1 l yer (H am b urg 1925) 168— 173 herangezogen. D an n h a t W . P rin tz in dankens-
(jvF er W eise die einsch lägigen S tellen des D ek an k atalo ges ü bersetzt, ic h d u rfte seine
a(1jersetzu n g S. 355 ff. aufnehm en — Zu den S ch riften V arah am ih iras verw eise ich noch
JtVTT*" K a ye> H in du A stro n o m y , M em oirs of th e A rch aeolo gical S u rv e y of In d ia
4 >8 f 39 - 99 ff- und S a r t o n , In tro d u ctio n to th e H isto ry o f S cien ce I (1927)
ci ' ’ ^Ie griechischen Q uellen seiner D ekan lehren e r h e llt: V . V . R am an a-S ästrin , T h e
ass- R e v . B d . X X X V I (1922) 20f.
88 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L ite r a t.

kam er im Jahre 767 n. Chr. an den Hof des Kalifen Al-Mansür und brachte
dorthin auch das große indische astronomische Werk Siddhänta — nicht wenige
als fünf verschiedene Werke führen diesen Namen — und wohl auch die Bücher
Varahamihiras. E r verfaßte selbst drei große astrologische Werke, in den6”
er wohl auch die Dekane behandelt hat.1)
Auf dieser indischen Umgestaltung Varahamihiras fußt die arabisch1-’
Schilderung der Dekane bei Apomasar (angeblich hundert Jahre alt gestorben
im Jahre 886). Boll hat in der Sphära uns belehrt, daß in den „indische11
Begleitsternen" welche Apomasar im 1. Kapitel des 6. Buches seiner ,, Große11
Einleitung" in der Synopsis der drei verschiedenen Fixsternsysteme als zweite11
Sonderbestand ausführlich beschreibt, die umgestalteten Dekane des T e u k ro *
gegeben sind. Ich habe unten einmal die Übersetzung benutzt, welche Dyr°*
im Anhang von Bolls Sphära aus dem arabischen Urtext Apomasars gegebe11
hat. Dann habe ich die mittelgriechische Übersetzung herangezogen und in
Übersetzung im Anhang beigefügt. Drittens sind von mir die verschiedene11
lateinischen Übersetzungen eingesehen worden.2) Von diesen ist die Über'
Setzung des Georgius Zothorus Zaparus Fendulus bis jetzt kaum beachtet
worden. Sie ist weniger durch den Text als durch die Illustrationen für die
Ikonographie der Dekane von ungeheurem Interesse. Ich konnte die drßl
Pariser, die Londoner und die Dijoner Handschrift dieses wertvollen Werke5
benützen.3)
Aus Apomasar hat dann im X V . Jahrhundert der Spanier Ludovicus
Angulo ein neues Dekanbuch gemacht und seinem Konglomerat,,Liber de figur3
seu imagine mundi“ einverleibt. Er hat zum Teil die Apomasarbeschreibung
beibehalten, zum Teil aber ganz sinnlos verschiedene Paranatellonta zu de*1
a lt e n Bildern gestellt oder die Dekangötter überhaupt durch P a r a n a t e llo n t a
verdrängt. Der Text ist in zwei lateinischen Handschriften mir bekannt un‘
in einer französischen Übersetzung, die Jean de Beauvais, Bischof von An'

1) Ü ber K a n a k a in fo rm iert K a y e a. O. io 2 f., v g l. S a r t o n a. O. 521 und S u t e f ’


D ie M ath em atiker und A stronom en der A ra b er 4. B o ll C. C. A . V 1. 156 m eint,
K a n a k a u nd V a ra h a m ih ira denselben S id d h än ta b e n u tzt haben . B ew eisen lä ß t sich dieSe
V e rm u tu n g aber n icht. D er bis je tz t in englischer Ü b ersetzu n g zu gän glich e T e x t deS
S u ry a -S id d h ä n ta (ed. E . B u r g e r s , Jo u rn al o f th e A m . or. Soc. V I 1860) erw äh n t d>e
D ekan e ü b erh a u p t n ich t. Zu den S id d h än ta v g l. n och S a r t o n a. O. 3 8 6 H u nd S u k u '
m a r R a n j a n D a s ' , Isis X I V 388ff., der aber eine indische Ü bersetzu n g des P a u luP
A lexa n d rin u s in F ra g e stellt.
2) D ie m ittelgriechisch e Ü bersetzu n g p u b lizierte B o l l , C. C. A . V 1, 157—
A u ß e r den T e x te n der illu strierten lateinisch en H an d sch riften A pom asars habe ich n °c
die gedruckten Ü bersetzun gen A ban os und die lateinisch e Ü b ersetzu n g benutz ■
die S caliger v o n der hebräischen Ü b ersetzu n g Ib n E s ra ’s ( = A ven arius) im K o m m en 1*^
seiner M aniliusausgabe v . J . 1655, 336— 347 g ib t; zu r L ite ra tu r v g l. B o l l a. O . u1> _
Sphaera 419. D ie K e n n tn is der anderen v o n B o ll n ich t gen an n ten illu strierten A p o m a s a *
te x te verd an k e ich W arb urg, der m ir die P h otograp h ien der S loanehan dsch rift in seiß®
gew ohn ten selbstlosen W eise ü berließ. A u f die illu strie rte latein isch e A p o m a sa rh a fl1
sch rift aus dem B esitz Johannes, des H erzogs v o n B e r ry (1401— 1416) m a ch te m ich Sa>
aufm erksam ; sie ist besprochen v o n L . D e l i s l e , N o tic e su r un L iv r e d ’A stro logie
Jean D u c de B e rry (Paris 1896), sie g eh ö rt zu der oben gen an n ten illu strierten latel
nischen Ü bersetzun g, die G eorgiu s Z oth oru s Z a p aru s F en d u lu s ge m a ch t h at.
3) E s h an d elt sich um die Parisin ., la tin . B . N . 7330 (s. X I I I ) , dessen p rach tvol f
B ild e r (s. T a f. 19 .2 0 .2 1) n ach S a x l w o h l a u f eine V o rla ge des X I I . Jah rh u n d erts zurück
gehen müssen, ferner P aris. 7331 und 7344; die L o n do n er H a n d sch rift m it dem T e*
und der Illu stra tio n des Zoth oru s Z aparus is t: Sloane M s. 3983. Ü ber die D ijo n er Hano"
sch rift orien tiert D e l i s l e (s. die vorig e A n m erkung).
j pomasar und die von ihm abhängigen Dekanbücher — P icatrix 89
giers im Jahre 1479 gemacht hat.1) Diese drei Handschriften zeigen ihrer­
seits in der Zeichnung der Bilder selbst starke Differenzen, die Bilder sind
willkürlich nach dem Geschmack des Zeichners geformt; ferner gibt z .B .
die Pariser lateinische Handschrift immer nur einen einzigen Gott, während
die beiden anderen Handschriften zu dem Dekan die von Ludovicus de Angulo
genannten anderen Gestalten aus dem Kreis der Paranatellonta zufügt. Da
der Text von der üblichen Apomasartradition nur durch den Zusatz der Par-
anatellonta abweicht, sind diese Varianten in der unten gegebenen Betrach­
tung nicht besonders aufgeführt. Der Leser bekommt einen Begriff von dieser
völlig willkürlichen Entartung der Teukrosbilder durch die auf S. 164 ff.
aus Ludovicus de Angulo in Spalte 9 gegebene Synopse.
Nicht weit entfernt sich von Apomasar die Liste des persischen Astro-
°gen Achmet (X. Jahrhundert), welche Boll aus einer Pariser- und einer
.venezianischen griechischen Astrologenhandschrift veröffentlicht hat. Beide
*exte dürften nach dem näheren Nachweis von Boll auf denselben Arche-
ypus zurückgehen, da beide u. a. den 2. Dekan des Löwen nicht haben.2)
glückte mir, in dem Codex Palatinus graecus 3i2fol. 8 9 V . ff. eine weitere
Jlandschrift seines Handbuches aufzufinden. Sie enthält den 2. Dekan des
^öwen und gibt auch sonst einiges neue Material (S. 362 ff.). Achmet wird ent­
weder einen korrumpierten Text der Dekanliste Apomasars vor sich gehabt
naben oder, was wahrscheinlicher ist, einen Text Varahamihiras. Denn er
nennt dieselben planetarischen Prosopa wie Varahamihira, welche Apomasar
'n seinem Dekankatalog nicht nennt (S. 255).
Wieder andere Entartungen bietet die Dekanbeschreibung des von War-
( UrS entdeckten großen Zauberbuches des Picatrix. Der arabische, der la­
unische Text und eine deutsche Übersetzung sind auf die Anregung War-
,Urgs nunmehr unmittelbar vor der druckfertigen kritischen Ausgabe mit
f'nem ausführlichen Apparat. Ich durfte die Übersetzung Pleßners im Um-
rUch für meine Untersuchungen verwerten. Außerdem hatte ich den latei-
lschen Text der Hamburger, die Bilder der Krakauer Handschrift (Taf. 25)
s°wie die Pariser Codices einsehen können. Die Krakauer Handschrift wurde
'"lr durch die Photographien zugänglich, die sich im Besitz der Bibliothek
arburg befinden.3)
, . Unter dem Picatrix versteht man die lateinische Übersetzung des ara-
1S('hen Zauberbuches Ghäyat-al-ha-Kim ( = Z ie l des Weisen), das man wohl
Unrecht dem berühmten Astronomen und Astromagier Abu ’1-Quäsim
‘ aslarria ibn Ahmad al-Majritl (f 1007 in Spanien), zugeschrieben hat.4)
/•j, 0 D en la tein isch en T e x t m it den B ild ern e n th ä lt d er Cod. S angallens. V a d . 427
fl f ^ unc* C ° c*' P a r' s- la t. 6561 (T af. 31), die fran zösisch e Ü b ersetzu n g is t in der
L ^ 8ezeich n eten P a riser H a n d sch rift fr. 612 d er N a tio n a lb ib lio th ek en th alten . Ü b er
/ U ovicus de A n g u lo in fo rm iert R . L e v y , T h e a strolo gical w o rks of A b ra h a m Ib n E zra ,
CJ27) 5 3 I und S a r t o n In tro d u ctio n I I , (1931) 996.
2) ü b e r die L e b en szeit u nd die P ersö n lich k eit A ch m e ts s. B o l l , C. C. A . I I 152!.
^.er V erm u tu n g v o n S a r t o n , In tro d u ctio n I 558, daß A p om asar und der P erser A ch m e t
« e ib e n P ersön lichkeiten sind, m a g ich n ich t beipflich ten, denn die E isa go g e des A ch m et
hält zu große U n tersch ied e v o n A pom asars W erk,
u 3) Ich m eine den P ic a trix la tin . der K ra k a u e r B ib lio th . Cod. 793 D . D . I I I 36 fol. 385 ff.
der H am bu rger S ta d tb ib lio th e k Ms. M ag. N . 188 fol. i6 g ff.
g 4) A . W a r b u r g , H eidn isch -an tike W eissagu n g in W o rt u nd B ild zu L u th e rs Zeiten ,
pj Ber. A k ad . H eidelb., P h il.-h ist. K l. Jah rg. 1919, 26. A b h . (1920) 6 o f., H . R i t t e r ,
catrix, V o rtr. d. B ib i. W a rb u rg 1921— 22 (1923) 94— 124 und S a r t o n , In tro d u ctio n
90 Die Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L ite r a ^

Die Übersetzung wurde 1256 auf Befehl Alfonso X . hergestellt. Hinter de#1
Pseudonym Picatrix dürfte mit Warburg der verballhornte Name des Hipp0'
krates (arabisch Buqrätis) stecken. In dem vollständigen Dekankatalog er"
wähnt Picatrix (S. 113— 120 PL) keine Quellen, aber die Einleitung und der
Epilog deckt sich ganz auffallend mit Abenragel und mit der Einkleidung-
die Firmicus IV cap. 22 der Dekanlehre des Nechepso voranschickt. Es läßt
sich also wie auch in vielem anderen deutlich die hellenistische Grundlage
erkennen. Die Dekanbilder weichen von dem 2. Dekan der Jungfrau an von
den Bildern ab, die bei Apomasar die Dekane der Inder haben. Der Verfasset
muß also eine uns bislang unbekannte Vorlage benutzt haben, die auch Abefl'
ragel für seine Dekanaktionen zugrunde legte. In dem Kapitel über die Stern'
bilder, das die drei Dekane des Widders beleuchtet, nennt Picatrix (S. 51
und 53 PI.) von Zosimos das große Buch der Bilder und von Abu Bakr
W ahslja das Buch Tabquänä, das eine ähnliche Methode der Erklärung der
symbolischen Bilder der Dekane behandeln soll.1)
Die Dekane, die im altspanischen Steinbuch des Königs Alfonso de-
Zehnten von Kastilien in farbigen Bildern erscheinen und in einem beigP'
fügten Text kurz beschrieben werden, zeigen weitere Degenerationsmerkmale­
lch habe ein Exemplar der seltenen 50 Abzüge, die im Auftrag der Madrider
Akademie 1879 in farbigem Faksimile herausgegeben wurden, von der Mün'
chener Staatsbibliothek benutzen können. Die Abhandlung über die ,,Gesichter
der Tierkreiszeichen (sobre les fazes de los signos fol. 94X— ioov) widmet jeden'
einzelnen Dekan ein besonderes Kapitel; vor dem Text ist das Bild des Dekan­
in reicher Farbenpracht gegeben. Diese Bilder unterscheiden sich von den
sonstigen Darstellungen einmal dadurch, daß jeder Gott in einen Kreis ein'
geschlossen ist, und dann durch den über der Gestalt stehenden Stern. D°r
Verfasser dieses Dekanbuches ist unbekannt und wird auch in der Vorrede
nicht genannt. Der Text kennzeichnet zunächst für jeden einzelnen der 36 De­
kane den zu ihm gehörigen Edelstein; dann wird die Kraft des Dekanamulette5
geschildert. Um die Wunderwirkung zu erzielen, müssen die geheimen astrO'
logischen Strahlungen befolgt werden, die dann an dritter Stelle für jeden
Dekan genau genannt werden. An letzter Stelle wird immer in kurzen Sätze'1
die äußere Gestalt des Dekangottes geschildert. Die Dekane haben die größte
Ähnlichkeit mit denen des Picatrix, der auch als Quelle des Steinbuche5
genannt wird ( W a r b u r g a. O. 114), auch sie entfernen sich vom z w e i t e n
Dekan der Jungfrau an von den indischen Bildern.
Eine bis jetzt nicht bekannte Dekanliste, die von den g e n a n n te n
Dekanbeschreibungen wesentlich abweicht, enthält der Codex Vaticanu5
latinus 4085, der nach einer gütigen Belehrung von Mgr. Pelzer aus de1*1
X V . Jahrhundert stammt. Der Text trägt die Überschrift: Imagines mansi°'
num secundum Zaelern. Gemeint ist mit diesem Zael der berühmte arabiscn

668. D agegen n im m t R i t t e r , D er Isla m X I V (1924) 150 und Plessner, D er Islam X V I I


(1929) 180 an, d a ß der A u to r ein bisher n ich t erm itte lte r spanischer A ra b e r ist, der da*
W erk um 1050 sch rieb; v g l. noch E . v o n L i p p m a n n , E n tste h u n g u nd Ausbreitung
der A lchem ie I I (1931) 164.
1) Zosim us ist der berü hm te A rch e g e t der A lchem ie (um 300), der au ch als V e r f a s s e 1
astrologisch er W erk e b ekan n t is t; ein D ekan b u ch w ird aber n ich t erw äh n t, näheres übef
ih n bei S a r t o n , In trod u ctio n I 339 und v o n L i p p m a n n a. O. 229; zu Ibn W a h siy a vg>-
B o l l , S p haera 4 1 6 I 426— 430, S a r t o n a. O. 634t.
Steinbuch — Zahel — Leopold von Österreich — Giovanni Fontana 91
schreibende Rabbi Sahl ibn Bishr ibn Habib, der im IX . Jahrhundert
ebte. Seine Einführung in die Astrologie zitiert Albertus Magnus (1205 bis
l2§on.Chr.) als Liber Introductorius; das Werk wurde mit dem Vierbuch
Ces Ptolemäus gedruckt, Venedig 1493 und 1519.1) Damit eng verwandt ist
(. er etwas ausführlichere Text einer anonymen Dekanliste im Codex Vindo-
, °nensis la.t. 2378fol. 32r.2) Ebenfalls nur wenig verschieden davon ist die
ckanbeschreibung, die der Astrologe Leopold von Österreich (Leopoldus
( Ucatus Austriae filius) in seinem astrologischen Traktat „Compilatio de astro-
rurn scientia“ gibt.3)
,. Große Ähnlichkeit mit der Dekanbeschreibung Zahels und Leopolds von
sterreich zeigen die Dekane der Griechen im „Liber de omnibus rebus natu-
■ ■ilibus", der im Jahre 1544 in Venedig gedruckt wurde unter dem Namen des
ornpüius Azalus Placentinus. Nach den Feststellungen von Thomdike und
lrkenmajer steckt hinter diesem Pseudonym der berühmte Venetianer Arzt
tovanni Fontana, der das Werk vor 1455 verfaßt haben dürfte.4) Der Ver-
asser gibt cap. 29 fol. 32 r—33 V des Druckes (de faciebus signorum et eorum
ltria-ginibus) in dreifacher Anordnung Beschreibungen der Dekanbilder, wie
i^e die Griechen, die Perser und die Inder verstehen. Unter den griechischen
ekanbildern erkennt man leicht Bestandteile der persischen Sphaera und
er indischen Dekane Apomasars; die Dekane der Perser sind lediglich Par-
^natellonta aus seiner persischen Sphaera, während die indischen Dekane
°ntana’s der traditionellen von Apomasar gegebenen Dekanliste der Inder
entsprechen und zwar in z. T. wörtlicher Anlehnung an die Übersetzung
v°n Hermannus Dalmata. Ob Giovanni Fontana die einzelnen Listen selbst

1) Ü b er die L eb en szeit und das W e rk Z ahels (auch Z ehei und Z a el geschrieben)


ц 1<ntie rt: S t e i n s c h n e i d e r , Z tschr. d. d. M orgenl. G esellsch. X V I I I 12 1, 176, 193,
' : H ebräische Ü bersetzun gen des M ittelalters 601, A lb e rtu s M agnus zitie rt ihn Specul.
r°n . cap. V I und V I I , ed. C u m o n t , C. C. A . V 1, 9 2 ff., v g l. au ch die A n m . v o n C u -
Z 9 2>2 unct 2■G riech isch e E x z e rp te au s dem zw eiten u nd d ritte n B uche
, Oels^publizierte H e e g ebd. V 3, 98 ff. u. io 3 ff. (той стосротатои ’IouSatou той Sa/X , той
te°UT°ö П е т о ) , v g l. noch ebd. I I 137, 8 (Ss^X), I 36 fol. 303 (ZeXeyJ und Johan nes K am a-
ros v i M i l l e r ; dazu S u t e r , D ie M ath em a tiker u nd A stro n . der A ra b e r (1900)
I n f11 2^’ S t e g e m a n n , A stro logie und U n iversalgesch ich te 238 zu 14 und S a r t o n ,
■/. ' 0(luction I 569. D iese D ek an liste selb st fin d et sich n ich t in dem L ib e r introdu ctorius
vi 11 • s*c stam m t w ohl au s einem anderen seiner zahlreichen astrologisch en W erke,
leicht aus seinen F a tid ic a , w elche H erm ann v o n D alm atien 1138 ins L atein ische
^yBrt ragen h a t (s. S a r t o n a. O .). A b e r eine n ur w en ig erw eiterte D ekan liste ist in Zahels
dp 5 c^e *nterrogatio n ibu s (ged ru ckt V en ed ig 1493 und 1519) e n th alten (s. S. 366). In
oi K a p ite l über den K r ie g rech n et Z ah el m it den D ekan en und ste llt sie neben den
reOzen als g le ich b erech tig te S ch ick salsfa k to ren e in : C. C. A . X I 227, 15.
2) V gl. S a x l , V erzeichn is astrol. und m yth o l. H and schr. I I 102.
fol ^ H rsg. A u g sb u rg 1489; außerdem b en utze ich den T e x t des Cod. V a t. la t. 4603
®4 r - ff.; gem ein t is t ein deu tsch er A stro lo g u nd A stro n o m des 13. Jahrhun derts. E r
g r<* teils als der Sohn eines H erzogs v o n Ö sterreich ( filiu s ducis A ustriae), teils als
«1(:|Т°*1ПеГ c^cs H erzogtu m s Ö sterreich (filiu s ducatus A ustriae) bezeichnet. E s h an delt
e u.m ein P seu d o n ym ; denn im V o rw o rt (fol. а з v.) h e iß t es a u sd rü cklich : nomen
fid r ‘ S non Quaeratur’ non enim unus auctor sed plurim i exstiterunl auctores. Ego enim
G ‘ Могюп f u i observator et diligens compilator. D a m it erledigt sich die V e rm u tu n g von
des ь ^ I n a n n * B eitr. z. G esch. d. M eteorol. I I (1917) I 7 6 ff., daß ta tsä c h lic h ein Sproß
herzoglichen H auses v o n Ö sterreich der V erfasser ist.
(jj 4) Ich verd an k e die K en n tn is dieses D ekan bu ch es H errn H ans M eier, der m ir auch
Um tera tu r ü ber G iovan n i F o n ta n a zu gän glich m ach te, es h a n d elt sich vorn ehm lich
die A bh an d lu n g von L y n n T h o r n d i k e , Isis X V (19З1) 3 1— 46 u nd A . B i r k e n -
a ) e r ebd. X V I I (1932) 4 2 ff. 51 ff.
' über die Wanderweee der D ekanbücher 93
94 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L iteraW

aus einem Apomasartext kombiniert hat oder eine ältere Kompilation üb er-
nimmt, läßt sich nicht entscheiden.1) Es erübrigt sich, auf Einzelheiten dieses
Kataloges einzugehen, da er in die K ritik der späten mittelalterlichen Ap0'
masartradition gehört. Zur Orientierung sind einige Partien u. S. 367 f. 1111
Dekanbuch aufgenommen.
Eine Sonderstellung nimmt in den Dekanbeschreibungen Athanasius
Kircher ein. Im Oedipus Aegyptiacus gibt er Bd. II 2, 182 (Rom. 1653) >n
dem Überblick über die Dekane, aus dem wir oben seine Namen entnommen
haben, in einer besonderen Rubrik eine Beschreibung der Bilder mit der
Überschrift: ,,imagines hieroglyphicae singulorutn“ . E r will also rein ägyp'
tische Gottheiten beschreiben; doch werden wir sehen, daß neben manchen1
alten Gut sich spätere Elemente der Dekanbilder in dieser merkwürdige11
Bildserie finden. Inwieweit sein von ihm dafür genannter Gewährsmann, der
Araber Abenragel (XI. Jahrhundert) wirklich, wie Kircher behauptet, das
von ihm auf der Tabelle zusammengedrängte Gut ,,magnis discursibtts pr0'
sequitur“ , läßt sich von mir nicht entscheiden, da ein solches Dekanwerk Aben-
ragels bis jetzt nicht bekannt zu sein scheint.2)
Ebenso isoliert steht das im Anhang in Übersetzung aus dem Code*
Vaticanus 4085 veröffentlichte Dekanbuch, als dessen Verfasser P t o l e m ä u s
g en a n n t w ird . Daß man ihm ein solch es M a ch w erk k a u m Zutrauen darf,
ergibt sich schon daraus, daß Ptolemäus im Vierbuch die Dekane gar nicht als
Schicksalsfaktoren in Rechnung stellt. Das Werk dürfte auf einen arabischen
Autor zurückgehen, der Dekane, Paranatellonta und Mondstationen ineinander
wirrt. Trotzdem glaubte ich, das Zauber buch nicht ganz unterdrücken zu dürfen»
es gibt auch gelegentlich einiges Material für die Dekanbilder her. Jedenfalls
muß es bereits vor dem X III. Jahrhundert entstanden sein, denn Albertus
Magnus zitiert bereits einen „liber de imaginibus" des Ptolemäus (S. 394»I)'
Daß man schon früher ein Dekanwerk dem Ptolemäus zugeschrieben hat,
das auch die Dekannamen der guten Tradition enthielt, sahen wir oben S. 44
aus den Zitaten des Johannes Kamateros.
Die arabischen Losbücher und die davon abhängigen abendländischen
Orakeltexte ersetzen, wie wir oben S. 34ff. gesehen haben, die alten Dekangötter
durch andere Astralmächte, wie die 28 Mondstationen und außerdem noch
durch in ihrer Nähe stehenden Fixsterne oder durch Teile der Tierkreisbilder»
die systematisch in Kopf, Bauch (Nabel) und Ende zerlegt wurden. Sie geben
naturgemäß aber keine Beschreibung der äußeren Beschaffenheit, so wenig
wie die Texte, welche 36 Könige, Richter, Engel, Tiere oder Vögel an Stelle
der alten Dekane treten lassen. Somit erübrigt sich ein weiteres Eindringe°
in diese Texte an dieser Stelle.3)

1) E r nennt zum 2. persischen D ek an der Ju n gfrau als Q uellen u . a. den A s t a b u 5


und A lfrag an u s — v ielle ic h t ste c k t d ah in ter der A sca liu s (Asclepius ?) und H erm ès
die H erm annus D a l m a t a hier als A u to ren an fü h rt. D o c h w äre es n ich t a u s g e s c h l o s s e n '
d a ß A lfrag an u s ta tsä c h lic h in seinen W erken eine d erartige D ekan liste h a tte , aber fest"
stellen kann ich sie in seinen m ir zu gän glich en W erken n ich t.
2) D as a ltäg y p tisch e G u t su ch t aus den Sternbildern, die K i r c h e r S. 206/207 daf"
stellt, neuerdings D a r e s s y w iederzu geben in seiner schon öfters genannnten U n t e r s u c h u n g
L 'É g y p t e céleste, in B u ll, de l ’ In s titu t fran ç. d ’A rchéol. orient. X I I (1916) 3off.
3) S .o . S. 75 und u. S. 114 und S. 247.
Athanasius K ircher — Ps. Ptolemäus — Testamentum Salomonis 95

B. G ESAM TBESCH REIBU N GEN A L L E R D E K A N E


Generell werden die Bilder der Dekane in kurzen Durchblicken selten
gekennzeichnet. Origenes spricht wohl davon, daß man ihre Bilder neben
den Namen und Symbolen bei Celsus lernen muß, geht aber auf keine Kenn­
zeichen ein. Auch in der apokryphen Schrift vom Leben Josephs werden nur
allgemein die Bilder der Feuer und Schwefel hauchenden Dekane, der Ge­
ehrten des Todes erwähnt, ohne daß einzelne Merkmale dieser Gottheiten
genannt werden. Am wertvollsten ist die Charakteristik aller Dekane im
testamentum Salomonis. Es erscheinen die 36 Weltelemente; ihre Köpfe —
°der ihre Höchsten, d. i. ihre Vorsteher, xopuqm, waren mißgestaltet wie
Wunde. Unter ihnen waren menschengestaltige, stiergestaltige, schlangen-
gestaltige, solche mit Gesichtern von wilden Tieren, Sphinxen und Vögeln.
0n den Varianten kann noch aus der Handschrift L der Vermerk <xvco[Aop<p<x
Hoa xaTcofi.opepa, d. i. solche, die oben gestaltet waren und unten gestaltet
gleich herangezogen werden. Die Handschrift P fügt noch Esels- und Kuh-
g^sichter hinzu, N hat Sphinxleiber, feuerartige Körpertypen und Wesen mit
Gesichtern von Ausländern (ö&soTTpoCTWTra).
Bei den xopurpxi kann man, wie gesagt, wählen zwischen den Köpfen
Ul'd dem Begriff Vorsteher oder Höchster. Letztere Auffassung würde auf die
ägyptische Unterordnung der 36 Dekane unter die zwölf Vorsteher führen.
agegen spricht aber die auffallende Bemerkung, daß die Vorsteher alle miß­
gestaltet wie Hunde sein sollen; denn diese Gottheiten sind in den ägyp­
tischen Denkmälern meist aufrecht stehende Gottheiten mit Löwenköpfen
oder reine Schlangengötter. Weiter wird diese Erklärung gestört dadurch, daß
der nachfolgende Text nur die 36 Dekangeister, nicht aber außerdem noch
Te zwölf Vorsteher zu Worte kommen läßt. Man muß also den Text so ver­
gehen, daß den hundsköpfigen Dekanen von dem Verfasser aus einem be­
stimmten Grunde eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Hinter ihnen
®*eht unverkennbar der ägyptische Dekangott Anubis. Die menschengestal-
eten Dekane erinnern vor allem an die Dekangöttinnen Isis und Nephthis.
n'i überhaupt an die ägyptischen menschenartigen Dekangötter wäre dabei
denken. Darauf spielt auch die Bezeichnung der Handschrift N an, wenn
Gesichter von ,,Ausländern" hervorhebt. Hinter den stiergestalteten
Göttern steckt die Göttin Hathor, die Dekangesichter mit den Raubtier-
Sesichtern geben ebenfalls gute ägyptische Tradition weiter, denn löwen-,
j*chakal- und krokodilköpfige Dekangottheiten erscheinen unter den vor-
lellenistischen Dekangöttern der Ägypter. Die sphinxköpfigen und vogel-
opfigen Dekangeister deuten auf den sphinxgestalteten und sperberköpfigen
°tt Horus, Ammon und Thot hin, und hinter dem eselsköpfigen Dekan
Lrkennt man unschwer den Dekangott Seth.
j. Der Verfasser des Testamentum Salomonis muß also eine ägyptische
ekanliste gekannt haben; welche er meint, ist natürlich schwer zu sagen,
Ja viele Reihen im Ägyptischen nachweisbar sind. Anscheinend hat er einen
ext im Auge, der nicht jeden einzelnen Dekangott in verschiedener Gestalt
arstellt, sondern denselben Gott mehrmals seine Funktion als Dekangott
aUsüben läßt. Leider kommt der Text nicht mehr auf das Äußere der Dekan-
Seister zu sprechen. Nach der allgemeinen Charakteristik wird nur von dem
tretenden Geist der Name, seine Aktion auf den Menschenleib und auf
96 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L itera t^

das Menschenschicksal, ferner der Name und die Gegenwirkung des ihn bt1'
herrschenden Engels genannt.
Wie verhalten sich nun die literarischen Schilderungen zu dieser Charak­
teristik der Dekangötter im Testamentum Salomonis ? Diese Frage muß auf'
geworfen und beantwortet werden, denn durch sie gewinnen wir eine sichere
Handhabe, um in den vorhandenen Beschreibungen den alten Untergrund
erkennen und den Grad der Degeneration feststellen zu können.
Wenig ergiebig für diese Frage ist das, was die paar Schilderungen der
Dekangötter in den Salmeschoiniaka bieten. Denn einmal sind es nur im ganzen
drei Dekane, die in dem Fragment des griechischen Papyrus behandelt sin d ,
und diese selbst sind nur stark verstümmelt erhalten. Immerhin genügt das
Erhaltene, um wenigstens einen Begriff zu bekommen, wie die Gestaltung der
Dekane in der älteren hellenistischen Literatur gewesen sein muß. Auf den
3. Dekan des Wassermanns gehen wohl die Worte v.6off. (s. u. S. 413): Sein Typ
ist eine aufrecht stehende Bildsäule eines Mannes mit dem Gesicht . . . nach
hinten hat er das Gesicht eines jungen Schweines m it . . . vorn auf dem Gesicht,
er hat vier Messer in den Händen und das . . . die Zunge aber und das Antljt7'
ist Feuer.“ 1) Ein Dekan mit einem Schwein oder einem Schweinskopf i®
unter den ägyptischen Gottheiten der Tierkreise zu Dendera vertreten; die
vier Messer sind wohlbekannte Attribute ägyptischer Gottheiten; mit dem
Attribute feuerartige Zunge und Antlitz ist die Forderung der Lesart des
Codex N vom Testamentum Salomonis erfüllt, die ausdrücklich die feuer'
artigen Formen hervorhebt. Von Bedeutung ist auch die Bezeichnung ,,au»'
recht stehende Bildsäule“ ; sie gemahnt an die steife Darstellung der 74 Sonnen'
gestalten und dann an die Dekangötter der ägyptischen Monumente, die genau
diesem Ausdruck gerecht werden und mitunter eine unten völlig geschlossen
Form ohne Füße aufweisen. Nach oben gewinnt diese Zeichnung eines Dekan'
gottes dadurch an Bedeutung, daß z. B. in dem zähe sich haltenden AuS'
druck der späteren Dekankataloge „fest umwickelt bis zu den Knöcheln
diese Typik weiterlebt. Auch darf an die Lesart von L des Testamentum
Salomonis avwfi.op(pot und xaTco[i.op9a, d. i. oben oder unten gestaltet erinner
werden; denn diese Charakteristik zwingt die Bilder derjenigen Dekangötter
vor Augen, die auf einem Sockel ruhen, von denen also nur der obere Tel
ausgebildet ist. Auch darf an die mumienartigen oder mit Mumienbinden um'
wickelten Bilder gedacht werden, die nur das Gesicht und die Arme mit den
zugehörigen Attributen sehen lassen.
Der 1. Dekan der Fische erscheint in den Salmeschoiniaka als Weib,
das auf einem Throne sitzt, Augen hat sie eines von . . . und eines von Typh°n’
das Gesicht ist von Gold, die Hände nach der Brust zu, sie ist eng bekleide
und trägt eine Königskrone auf dem Kopfe. Auch dieses Bild ist uns aus den
ägyptischen Monumenten vertraut und wird ebenfalls den Forderungen de1
Epitheta im Testamentum Salomonis gerecht. Der 2. Dekan der Fisch®
(200ff.) hat das Bild einer Schlange; weiter wird erwähnt die goldene Farbe»
eine frauengesichtige Schildkröte mit Haaren eines Menschen. Schildkröten
( = Dekan Sit) und Schlangen finden wir unter den ältesten ägyptischen
Dekanen; die Mischgestalt Skorpion und Frauenkopf gehört ebenfalls in dic
1) D as F eu era tm en und das feu rige G esich t sind ty p is ch e A ttrib u te der hellen istisch6’1
G estirn gö tter. A b e r a u ch ä g y p tisch e n G o tth e ite n w ird das zu geschrieben v g l. R o e d e r »
S ech m et, im M y th o l. L e x . I V 585.
^'Samtbeschreibungen der Dekane 97
Phantasieschöpfungen ägyptischer Typologie, fehlt allerdings in der ägyp­
tischen Dekanformierung.
Man darf noch die in den Salmeschoiniaka erwähnten Bilder der Pentaden
beachten; auch sie weisen typische Züge ägyptischer Sonnen- und Dekan­
götter auf. Der 3. Pentadengott des Wassermanns (v. 15 ff.) ist gekennzeichnet
als ein aufrecht stehendes Standbild mit dem Gesicht eines Geiers und einer
Königskrone auf dem Kopf, er hat zwei Flügel, Füße eines Löwen, der vier
Resser hält; die Gesichter sind von Gold. Wieder sind Forderungen des
Testament um Salomonis und zwar der Lesart L erfüllt, die von sphinxge-
sichtigen Dekanen spricht. Ein geflügelter Löwenleib und der Sperberkopf
sind die Attribute des Gottes Horus, der unter den alten Dekangöttern eine
v°rnehme Rolle spielt. Ebenso wird der Sonnengott Re als liegende Sphinx
^ it Löwenleib, Sperberkopf, Schlange und Sonnenscheibe auf dem Kopf
^ g e s te llt.1) Auch der löwengesichtige, zweite Pentadengott der Fische
(v- 160ff.), mit dem ein Krokodil verbunden ist •— man ersieht aus dem ruinier­
e n Text nicht genau, zu welchem Körperteil des Gottes dieses Tier gehört,
tuhrt in das ägyptische Milieu der in diesem Tierkreiszeichen lokalisierten
gönnen- und Sterngötter; das Krokodil ist unter anderem auch das zwölfte
fier der Dodekaoros, das mit den Fischen zusammengestellt ist.2)
Die Übereinstimmungen zwischen den Zeichnungen der Dekangestalten
J®1 Fragment der Salmeschoiniaka mit ihren prägnanten Merkmalen im
Testament um Salomonis ergibt mit zwingender Notwendigkeit den Schluß,
^aß der Verfasser des hebräischen Textes, der, wie Mc Cown wohl mit Recht
^errnutet, um Christi Geburt sein W erk geschrieben hat, eine literarische
^ekanbeschreibung gekannt hat, welche diese Götter in der Gestaltung der
r^hneschoiniaka enthalten haben muß. Vergleicht man die Forderungen des
testamentum Salomonis mit den weiteren Dekanbilderserien, dann bekommt
?*an die überraschende Bestätigung, daß die beiden hermetischen Kataloge die
Forderungen getreu erfüllen. Je weiter wir uns von dem Boden der gräco-
agyptischen Astrologie nach Zeit und Raum entfernen, um so mehr verlieren
le Dekanbilder diese ursprünglichen Formen durch Umbildungen, Anpas-
Sllngen an die neue Umgebung und Kulturen und durch das Heranholen
anderer Elemente des gestirnten Himmels, bis in der Reihe bei Kircher die
alten Formen eine merkwürdige Auferstehung zu feiern scheinen.

C- D IE SP E Z IE L L E N G ESTALTU N G EN D E R E IN ZE LN E N D E K A N E
^ Die griechische Tabelle im Buch des Hermes an Asklepios enthält fünf
u ekane, die einen Hundekopf enthalten. Davon sind drei die ersten Dekane
eines Tierkreisbildes (Krebs 1. Dekan, Jungfrau 1. Dekan, Wassermann
*■Dekan), die beiden anderen Hundsköpfigen stehen in der Reihe als 2. W id­
erdekan und als 3. Stierdekan. Auch die lateinische hermetische Liste hat
leselben hundeköpfigen Dekane an erster Stelle im Krebs und Wassermann;
att des 1. Dekans der Jungfrau, der als eine zusammengesetzte Schlange
dem Gesicht des Mondgottes (Thoth, der übrigens auch hundeköpfig

1) R o e d e r , S p h in x , im M yth ol. L e x . I V 1300 u nd S c h o t t o. S. 15.


2) Z w e i K ö p fe , den eines L ö w en und den eines K ro k o d ils h a t die G ö ttin S echm et,
ti !eres B o e d e r , S ech m et, im M yth o l. L e x . I V 594, zu anderen v ielg esich tige n ä gyp -
Schen G ö ttern d a rf a u f R o e d e r , U rku n d en 292— 294 v erw iese n w erden.
Studien der Bibliothek Warburg, 19. Heft: G u n d e l n
98 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literat

dargestellt wird) geschildert wird, ist der i. Dekan des Wassermanns als
hundeköpfig gezeichnet. Bedenkt man nun, daß die alte Dekanordnung mit
dem I. Dekan des Krebses beginnt, dann versteht man ohne Schwierigkeit)
wieso der Verfasser des Testamentum Salomonis bei seiner Charakteristik
des Äußeren der erscheinenden Dekangötter hervorheben kann, daß ihfe
Koryphäen mißgestaltet wie Hunde sind. Man darf weiter noch an den Dekan
Chnubis erinnern, der gelegentlich statt des flammenstrahlenden Löwen'
kopfes einen von Sonnenstrahlen umgebenen Hundskopf auf dem spiralförmig
emporgereckten Schlangenkörper trägt. Der Verfasser hat also eine Dekan'
serie gekannt, die wie unsere beiden Listen den hundeköpfigen Dekangott'
heiten eine vornehme Stelle einräumte. Damit ergab sich für den Archeget
dieser beiden hermetischen Listen, daß der Urtext der Zeit nach vor den®
Traktat des Testamentum Salomonis verfaßt sein muß, also mindestens in
hellenistische Zeit hinaufreichen muß.
Erkennen wir so deutlich den alten Untergrund beider Listen in der Ge'
stalt und Einrangierung der hundeköpfigen Dekane, so geben auch die anderen
Dekanbilder beider Serien die alte Tradition klar wieder. Nach den hunde'
köpfigen Astralgöttern stehen im Testamentum an zweiter Stelle die menschen'
gestalteten. Sie haben seit alters den Hauptanteil unter den Dekanmächten-
Die griechische Liste des Hermes gibt 17 menschenartige Götter; unter
ihnen befindet sich ein Frauengesicht und die Gestalt des Knäbleins in der
Lotusblume, eine ägyptische Sonnengottheit (Harpokration), die auch der
runde Tierkreis zu Dendera im Bilde als Dekangott einrangiert. Wenn an
dritter Stelle im Testamentum die Stiergestalten genannt sind, so entspricht
dieser Angabe in der griechischen Liste des Hermes nur der stierköpfig
D e k a n g o t t im Skorpion ( 1 . D e k a n ). W ill m a n den Ausdruck im T estam en tu m
generell fassen, dann bekommt er seine etwas gedehnte Berechtigung durcn
die Dekane mit dem K opf eines Widders (Stier 1. Dekan), Bockes (Skorpion
3. Dekan) und der Ziege (Zwillinge 2. Dekan, Jungfrau 2. Dekan). Zu den
Raubtier köpfigen gehören der 1. Dekan des Löwen (Löwenkopf in Strahlen'
kranz) und der 3. Dekan desselben, der in der griechischen Liste des Hermes
direkt als Dekan mit einem „Raubtierkopf“ beschrieben wird. Auch den Dekan»
der den Kopf eines Ichneumons hat (Schützei. Dekan), darf man dazu rechnen’
Von den im Testamentum an fünfter Stelle genannten Schlangengestai'
teten sind die Schlangenköpfe des 3. Dekans der Waage und des 3. Dekans
der Fische zu erwähnen. Dazu gehören die zusammengesetzten S c h la n g e n '
körper (Skorpion 1. und Waage 3. Dekan), die vier Schlangenköpfe
3. Dekan des Krebses und die spiralförmig gedrehten, aufgerichteten S c h la n '
genkörper (Krebs 1., Löwe 1., Jungfrau 1. und Fische 3. Dekan).
Die sphinxgesichtigen Dekane sind nicht ganz leicht auf den e rs te n
B lick durchschaubar; denn ein spezielles Sphinxgesicht existiert in dem
Dekanbuch des Hermes nicht. Man hat aber unter diesen Fabelwesen Götter
oder Personifikationen des Königs zu verstehen, die aus einem Verschmelze11
verschiedener wesentlicher Teile von Tierkörpern mit Menschengliedern oder
Köpfen bestehen. Hauptsächlich sind es weibliche Löwenkörper mit Flügen1
und dem Kopf eines Sperbers, Widders, Menschen oder einer Schlange. ” i
gehen kaum fehl, wenn wir das W ort sphinxgesichtig weiter spannen und dar
unter die sphinxgestalteten Dekane verstehen. Dazu sind zu rechnen: das
Weib mit dem Vogelleib (Krebs 2. Dekan), die Frauengestalt, geflügelt von
Die Schilderungen der hermetischen Kataloge 99
^er Mitte bis zu den Füßen (Zwillinge 3. Dekan), die Gestalt eines Menschen
^ t dem Gesicht eines Stiers und mit vier Flügeln (Skorpion 1. Dekan).
Auffallenderweise enthält die griechische Liste des Hermes kein einziges
°gelgesicht, obwohl gerade die sperberköpfigen Horusdekane ein alter Be­
stand der Dekangottheiten sind und daher auch mit Recht von dem Testa-
mentum als besonderer Typ an letzter Stelle gebracht werden; die vorhin
Von uns betrachteten geflügelten Dekane können die Vogelgesichter verdrängt
naben, wenn nicht sonst eine nicht ermittelbare Begründung mitspricht.
Die lateinische hermetische Liste bietet dagegen zwei sperberköpfige
AC;kane (Widder 1. Dekan und Zwillinge 2. Dekan). Sie erfüllt auch die übrigen
Anforderungen des Testamentum Salomonis, die wir gewissermaßen als
Richtschnur zur Erkennung des alten Untergrundes benutzen dürfen. Hier
naben wir drei hundeköpfige Dekane an erster Stelle dreier Tierkreisbilder,
erner zwei Dekane mit einem Schweinskopf, zwei mit dem K opf eines Stiers,
v,ler mit Schlangenköpfen, zwei mit einem Bockskopf, je einen mit dem Kopf
emes Esels, eines Krebses und eines Wiesels, einen ohne Kopf und 16 men­
schenartige Dekane; darunter befinden sich zwei Gottheiten, die ausdrücklich
Göttin Isis bezeichnet werden, ferner zwei Mumien (Stier 3. Dekan: se-
rUltura Osireos und Jungfrau 3. Dekan: sepultura)1), und ein krokodilartiger
Dekangott (Löwe 3. Dekan).
Die Ähnlichkeit dieser lateinischen Dekanserie des Hermes mit dem
ypenschatz der ägyptischen Dekanikonographie ist ganz unverkennbar.
Ja man kann sagen, der Verfasser hat direkt ein ägyptisches Vorbild vor Augen
§ehabt und beschrieben. Wenn geringfügige Änderungen und Verschiebungen
^ kom m en — ich denke dabei besonders an die Verpflanzung des krokodil-
opfigen Dekans aus seinem Heimatgefilde der Fische in den Löwen — so
edeutet das bei der elastischen und stetigen Änderungen unterworfenen Urano-
§raphie und bei den dauernden Verschiebungen der einzelnen Dekangötter
^nerhalb der ganzen Reihe der Ägypter nichts, was besonders irritieren kann.
. Je Typologie dieser lateinischen Dekanliste zwingt dazu, sie, bzw. ihre Quelle
|n nächste Nähe zu dem Vorbild der Liste zu rücken, die der hebräische Ver-
asser des Testamentum Salomonis vor Augen hatte. Ich möchte ihr Vorbild
s eines jjei. ältesten literarischen Dokumente bezeichnen, die in hellenistischer
, eit sich mit dem Bild, dem Wesen und der Machtsphäre der Dekane befaßt
naben.
j. W endet man die im Testamentum Salomonis gegebenen typischen
0rmen als Maß für die Prüfung der übrigen Listen an, dann findet man,
aß die Liste des indischen Astronomen Varahamihira den beiden herme-
schen Listen am nächsten steht und die Forderungen des Testamentum
Och gut erfüllt. Von den im Testamentum dominierenden hundeköpfigen
ekanen ist nur einer geblieben, der 1. Dekan des Löwen, der in den herme-
schen Listen allerdings sich besser an die hellenistische Tradition hält und
en hier residierenden Gott Chnubis als Schlange mit Löwenkopf zeichnet.
e«n bei Varahamihira ist er ein Hund geworden. Aus dem hundeköpfigen
• Dekan des Widders der hermetischen griechischen Liste ist eine pferde-

j) *) V ie lle ic h t fin d e t sich n och im Cod. V a t. R egin en sis 1283 n eben dem zw eiten
0 an des L ö w e n ein le tzte r A u slä u fer dieser V o rste llu n g in d er B eze ich n u n g fig u ra de
0 en form e cd mortata, v g l. T a f. 23.
7*
100 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L i t e r a t

köpfige Göttin geworden. Der hundeköpfige Gott des I . Dekans des Krebse5
ist zu einem Gott mit dem Gesicht eines Ebers entartet.
In der Liste des Varahamihira stehen die pferdeköpfigen Dekane 1111
Vordergrund, sie rücken mit drei Dekanen (Widder 2., Waage 3. und Steiß'
bock 3. Dekan) an die erste Stelle der tierköpfigen Astralwesen. Die her'
metischen Listen kennen gerade diese Tiergottheit nicht als S t e r n g o t t h e i t «
hier liegt eine spätere Anpassung an die dem Inder vertrautere Tierwelt vor-
Das zeigt sich auch in den grotesken Mischformen, so in dem Dekan mit deiß
Gesicht eines Bären (Löwe 3. Dekan) oder mit dem Leib eines E le f a n t e ß «
mit weißen Zähnen, mit Füßen eines Sarabha (achtfüßiges Fabeltier oder
Kamel, Stier 3. Dekan), mit einem Garuda-Vogelgesicht (das Reittier VisnuS'
Reitvogel (Zwillinge 2. Dekan). Der Geier (nach der Übersetzung von Iyef
ist es der Lämmergeier), ist an die Stelle des Sperber- oder falkenköpfigeI1
H o r u s getreten (2. Dekan der Waage und 1. Dekan des Wassermanns).
Geblieben sind eine Anzahl Schlangendekane; von ihnen werden in deß1
Zusatz im ganzen fünf direkt als Schlangendekane bezeichnet. In der Schi
derung sind es entweder schlangenumwundene Männer oder Frauen.
lassen sich leicht aus den griechischen Paranatellonta erklären. Nur im 2. Dekal1
des Krebses, der Frau, die mit Lotus geschmückt ist und mit einer Schlangt
ist man an den schlangenartigen Dekangott Chnubis und an die altägyptische11
Schlangendekane erinnert. Wenn die Dekane des Skorpions mit der Schildkröt®
in Verbindung gebracht sind — der 2. hat den Leib einer Schildkröte, de
3. ein breites, stumpfes schildkrötenähnliches Maul — so ist man versuch >
an den alten Dekan die beiden Schildkröten oder an die Schildkröte zu denkeß'
Das paßt auch zu den Paranatellonta. Denn die Schildkröte, bekanntlich de
ältere griechische Name für Lyra, geht mit diesen Dekanen nach Arat-Eu
doxos auf, was auch die Zustimmung Hipparchs findet. Aber es ist schwerhcl‘
nötig, an die Weiterwirkung dieser Dekangestalt zu denken. Die enge Verbindung
der Schildkröte mit den menschenartigen Gebilden dieser beiden Gottheite11
rufen den Sterngott Ophiuchos ins Gedächtnis, der mit dem unter ihm stehendeß
Skorpion als ein zusammenhängendes Ganze aufgefaßt wird. Die S c h i l d k r ö t e
ist von dem Inder einfach an die Stelle des Skorpions gesetzt worden.
Der bocksköpfige Dekan der antiken Listen scheint in dem 2. Dekan de*
Stiers weiterzuleben. Doch hat er noch die Schulter eines Stieres. Das zeig
uns, daß schwerlich eine alte Dekanfigur nachwirkt, sondern daß hier de
Fuhrmann, der als Begleitgestirn dazu gehört, mit der Ziege und den Böe*
chen, die er trägt, seine Merkmale diesem Mischwesen gegeben hat. Daß e
die Schulter eines Stiers hat, findet seine ungezwungene Erklärung in de_
antiken Astrothesie, welche bekanntlich einen gemeinsamen Stern zugleic
einen Körperteil des Fuhrmanns und des Stiers markieren läßt.
Zeigen die tierartigen Dekane der Antike bei Varahamihira schon starj'
Varianten, s o weisen die rein menschenartigen Gottheiten eine w e s e n t l i c h
Vermehrung auf. Es sind im ganzen 21 menschenartige Götter gewordeß’
darunter zehn männliche, ebensoviele weibliche Wesen und außer den Fraße
wird zum erstenmal ein Mädchen hervorgeholt. Neu ist ferner der Zusatz
daß ein Dekan sich in einem Boot befindet, sogar ein Segelboot kommt vo ’
oder es wird auch gesagt, daß ein Dekan zu einem Schiff gehen will. Aßc
hier ist man zunächst versucht, an die ägyptische Zeichnung der in de
Booten fahrenden Sterngötter, vor allem an die Dekane zu denken, die 1
Schilderungen bei Varahamihira 101

dem rechteckigen Tierkreis von Dendera alle in Booten fahren. Aber näher
*egt es doch, auch hier wieder an die Paranatellonten, vor allem an Argo zu
ßnkcn, wie z. B. beim 3. Dekan des Krebses, wo der in einem Schiff fahrende
. ann sich mühelos aus der Argo und Kanopus ergibt. Bei den anderen Schiffen
fK an das Fahrzeug gedacht, das sich nach der antiken Ikonographie und Astro-
nesie unter den Vorderhufen des Schützen-Kentauren befindet.
Neu bei Varahamihira ist auch der Zusatz, der ausdrücklich feststellt,
t>es sich um einen weiblichen, einen männlichen, einen Vierfüßler- oder einen
cnlangendekan handelt. Dabei kommen merkwürdige Diskrepanzen vor.
0 lesen wir vom 2. Dekan des Widders, der eine Frau mit einem Pferde-
Sesicht ist: „D as ist ein Vierfüßler-Dekan, ein weiblicher Dekan und von der
®nne abhängig. Wie er von den Gelehrten als ein Vierfüßler-Dekan erklärt
f.lrd, so (heißt) der Dekan auch Vogel-gesichtig.“ Ebensolche Widersprüche
Jj^den sich bei dem 3- Dekan der Waage, der als mit Juwelen geschmückter
.; ann von Affengestalt gezeichnet wird, aber doch heißt es: „D ies ist ein
lerfüßler-Dekan“ . Auch fällt es auf, daß die mit einer Schlange kombi-
werten Gottheiten als weiblicher Dekan und als Schlangendekan charak-
erisiert werden. Diese Kennzeichnung ist begleitet von einer Mitteilung,
^°n welchen Planeten jeder einzelne Dekan beherrscht wird. Die Reihenfolge
~er Planeten weicht von der üblichen Prosopaliste des Teukros erheblich ab
■81). Man könnte nun in den neuen Bildern zum Teil Planetenbilder
^kennen. Aber das stimmt nur gelegentlich. Für viele Dekane müßte ein und
~Jeselbe Gestalt herhalten. So würde Mars, Jupiter, Merkur, Saturn und
^erkur mit dem Bild eines Bewaffneten kombiniert werden müssen. Der
°nnengott müßte außerdem als Frau, als Vierfüßler und als Vogel (z. B.
?; Dekan des Widders) bezeichnet werden. Venus wäre als Mann und als
rau in den aufeinanderfolgenden Dekanen (Jungfrau 3. und Waage 1. Dekan)
erklären, ebenso Merkur als Bewaffneter und als Frau. Diese Gegensätze
assen sich nicht aus der Planetenikonographie erklären, sie stammen aus
e>nem bis jetzt unbekannten Dekanbuch der graeco-ägyptischen Astrologie.
wir durch seinen Kommentator Utpala (S. 87) erfahren, hat Vara-
harnihira mehrere griechische Dekansysteme der Hellenistenzeit benutzt,
arahamihira nennt zu beiden Dekanbeschreibungen, die er hier ausnutzt,
eim Widder die alten Griechen als Vorlage, und Utpala bemerkt dazu, daß
arunter Griechen der hellenistischen Epoche gemeint sind. Nun zeigt ein
nck in die Tabellen S. 160ff., daß zwischen den beiden hermetischen Listen
11,1d den Dekanbildern Varahamihiras kaum mehr irgendwelche direkten Be-
ruhrungspunkte sich feststellen lassen. Er muß also einen Dekankatalog be­
nutzt haben, der uns unbekannt ist; man kann an die Schilderung der Dekane
!n den Salmeschoiniaka, an das verlorene Buch des Nechepso-Petosiris denken,
an die Vorlage der Dekanschilderung im Testamentum Salomonis oder auch
^n Teukros, der den ersten Dekan des Widders wie Varahamihira mit dem
eil ausstattet. Aber die zweite Serie kann schwerlich mit Teukros Z u sam m en ­
hängen, da hier die Trigonalplaneten als Regenten eingesetzt sind, während
eukros die Planeten nach ihrer Abfolge im Universum als Dekangebieter
^nrangierte. Hier bleibt die Frage, ob Teukros für die indischen Dekane
arahamihiras und Apomasars der Übermittler war, oder ob das ältere Kom­
pendium Nechepsos und Petosiris direkt oder sekundär durch die indischen
ewährsmänner zu Varahamihira kam, unentschieden.
102 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literat№

Die Charakteristik als männlicher, bzw. weiblicher Dekan, als Vogel'


dekan, Vierfüßler- und als Schlangendekan hat auf die spätere BildforinU'
lierung vielleicht einen besonderen Einfluß bekommen, da später nun mehrere
Gestalten in ein und demselben Dekanbild auftreten oder die betreffenden
Tiere dem alten Dekangott in die Hand gegeben werden.1)
Die Bilder bei Apomasar entfernen sich infolgedessen noch weiter von
den antiken Listen und den im Testamentum Salomonis gegebenen Merk'
malen der Dekangötter. Es wird nur noch ein hundeköpfiger Gott genannt
(Löwe i. Dekan), dazu kommt einer mit einem Löwenkopf (Löwe 3. Dekan),
zwei pferdeköpfige (Krebs 1., Waage 3. Dekan) und ein stierköpfiger (Stier
2. Dekan), dem noch als Begleiter ein widderköpfiger Gott beigesellt ist. Dazu
kommt noch der Dekan von der Farbe eines Aasgeiers, der im griechischen
Text als Wunderzeichen (Tspac;) bezeichnet is t; er enthält eine letzte s c h w a c h e
Reminiszenz an die sperberköpfigen Horusdekane. Die menschenartigen
Dekane sind auf 28 angewachsen, davon sind zwölf ausdrücklich als Frauen
gezeichnet, zu diesen gesellt sich als 13. Göttin das vielgestaltige Weib des
1. Dekans des Stiers. Hier liegt natürlich keine neue Dekanliste oder einc
neben der Tradition stehende andere antike Vorlage zugrunde, sondern eS
ist eine bewußte Umgestaltung der alten Tier- und Mischgottheiten in mensch'
liehe Formationen.
Wieder neue Entartungen enthält die Ikonographie, welche der P e r s e r
Achmet gibt. Seine Dekanbeschreibung bietet nur zwei Pferdeköpfe (Löv^e
3. und Wassermann 2. Dekan), welche die hundeköpfigen altägyptischen
Dekangötter durchblicken lassen; allerdings ist der alte Platz in der ganzen
Reihe nicht mehr eingehalten. Als schwaches Residuum der tiergestalteten
Dekanvorstellungen erscheint die Nase der beiden Löwendekane, die wie ein
Affe gebildet ist. Das breitgesichtige Weib (Stier 1. Dekan) erinnert an den
hier in der lateinischen Liste des Hermes erscheinenden stierköpfigen Dekan'
gott; daß der 2. Dekan des Stiers wie ein Herdenvieh ißt, darf an den widder'
köpfigen Dekan dieser Liste gemahnen. Daß dieser Dekan große Zähne hat-
die über die Lippen herausragen, erinnert an den schweinsköpfigen Dekan
des hermetischen Dekanbuches. Sonst sind es lauter (33) menschenartig®
Götter, davon sind 23 männliche und 10 weibliche Wesen. Nur die Gestal
des Körpers, der Extremitäten und die Einzelheiten der Körperhaltung 1111
der Gegenstände, welche die Dekane des Achmet in der Hand tragen, lassen
gelegentlich stärkere Vererbungspartien erkennen. Die Unterschiede fanden
sich wohl schon in der Vorlage Achmets, der entweder einen stark verderbten
Apomasartext vor sich hatte oder eine andere und bereits stark geänderte
arabische Übersetzung Varahamihiras ausnutzte.
Die stärksten Degenerationserscheinungen weist die Liste der D ek a n '
S tationen des a ra b isch sch reib en d en Juden Zahel, ferner d ie mit ihm irgend
wie zusammenhängenden Listen des Astrologen Leopold von Österreich 2) u0
Agrippas von Nettesheim auf. Zahel hat überhaupt keinen tierköpfigen G°
und nur noch ein Tier in dem 1. Dekan des Löwen, der bei ihm die G e s t a l
eines Löwen und eines Mannes hat, über dem Kleider aufgerichtet sind.
den tierartigen Formen sind vielleicht noch zwei Spuren erkennbar, in dem ,,hat*
1) D as is t fü r alle 36 D ekan e kon seq uen t d u rch gefü h rt in der c h in esisch -jap a01
sehen D ek an liste, die im m er einen G o tt u nd ein T ie r z e ig t (s. u. S. 2 1 6 ff.).
2) Ü ber L eo p old v o n Ö sterreich v g l. die L ite ra tu r o. S. 91.
^ pomasar — Achm et — Zahel — Leopold von Österreich — Agrippa 103

liehen“ Gesicht des 3. Dekans des Löwen und in der „schmutzigen“ Gestalt
des 1. Dekans des Schützen. Von den anderen 33 menschenartigen Gottheiten
sind 13 Frauengestalten; unter den männlichen Wesen stehen die „weißen“
gestalten im Vordergrund, ich zähle deren im ganzen 13. Dann folgen eine
Zlemlich große Zahl von Negern und Zornigen, unter ihnen wird einer mit
goldgelber Farbe hervorgehoben. Die Doppelformen zeigen gleichartige Ge­
schlechter, so bestehen fünf Dekane aus zwei Männern und zwei aus zwei
Weibern, dann finden sich viermal in einem Dekan je ein Weib und ein Mann,
-^azu kommt noch der Löwe und der Mann in dem eben erwähnten 1. Dekan
^es Löwen; die Erklärung dieser Verschiebungen kommt größtenteils aus den
f^ranatellonta der Sphaera barbarica, die Zahel und noch stärker sein Nach-
a*ir Leopold von Österreich in ihre Dekanlisten eingestellt haben (S. 164 ff.).
Die lateinische Liste des Vindob. lat. 2378 fol. 32r.f., die wohl auf Zahel
zurückgeht, bietet eine geringe Veränderung dadurch, daß mehrmals dieser
Uekankatalog an Stelle der Frau ein Mädchen einstellt. So hat er ein Mädchen
und einen Mann im 1. und 3. Dekan des Krebses, zwei Mädchen in dem
2- Dekan desselben Tierkreisbildes.
Leopold von Österreich hat die Doppelformen auf 14 im ganzen erweitert,
ünd Agrippa überbietet das in seiner Dekanbeschreibung, die er auf Teukros
pnd die Araber zurückführt, durch 19 Doppelformen. Dabei ist die Zahl der
jn einem einzigen Dekan befindlichen Gestalten mehrfach auf drei und ge­
legentlich sogar auf fünf Gestalten erhöht; unter diesen zahlreichen Gestalten
lnnerhalb eines einzigen Bezirks kommen drei Männer, zwei Frauen und ein
"*ann oder eine Frau und zwei Männer mehrfach vor. Agrippa gibt wie Vara-
J'aniihira für einen und denselben Dekan nebeneinander verschiedene Formen
aus verschiedenen Listen, und zwar hat er die Bildbeschreibung der Dekane,
d*e im Bilderbuch des „Astrolabium Planum in tabulis ascendens“ als plane­
r is c h e Prosopa stehen, als neue Modifikation gegeben. Woher er diesen Text
genommen hat, bedarf noch der Aufklärung. Denn das Astrolabium hat wohl
die Bilder, aber keinen Text.
Es ist eine doppelte Erklärung gangbar, entweder hat Agrippa das
Astrolabium Planum vor sich gehabt und die Bilder selbst beschrieben. Das
lst möglich, denn das Astrolabium ist von Ratdolt 1488 in Augsburg, ferner
*494 und 1502 bei Petrus Liechtenstein in Venedig gedruckt worden.1) Agrippa
(i486— 1535) konnte also ein Exemplar vor Augen haben und von sich aus
dessen Bilder seiner Dekanbeschreibung zufügen. Aber eine große Wahr-
Scheinlichkeit hat diese Erklärung nicht. Denn Agrippa schreibt so, daß man
den Eindruck gewinnt, er bringt nicht die Früchte eigener Forschung, sondern
llbernimmt irgendeine, uns zunächst unbekannte Vorlage und vermengt sie
^ it der Liste Leopolds von Österreich. Saxl erkannte und bewies, daß in
^ehreren Bildern des 1., 11. und 21. Grades des Astrolabium Planum die
£Orderungen der Picatrixbeschreibung genau erfüllt sind. Und ein gutes
^tück der von Agrippa gegebenen Varianten eines Dekans sind weiter nichts
als die Dekane des Picatrix. Daß Agrippa nun von diesem Werk selbständig
diese zweite Bildserie zugefügt hat, ist unwahrscheinlich. Agrippa wird viel­
mehr eine literarische arabische Tradition ausgeschöpft haben, welche diese
0 *) V g l. W a r b u r g , Italien isch e K u n s t u nd in tern atio n ale A stro lo gie im P alazzo
. chifan oja zu F erra ra , in B e r. des X . in te rn at. ku nsth istor. K ongresses zu R o m 1912
'ged ru ck t 1922) 6.
104 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L i t e r a t

wertvollen und reichen Bilderformen gehabt hat ; diese hat wohl auch bereits
dem Zeichner mehrerer Gradbilder im Astrolabium Planum Vorgelegen. Wenn
nun dessen Verfasser im Eingang betont, die Bilder der personifizierten Dekane
und Grade seien von dem ganz ausgezeichneten erfahrenen Doktor der me-
dizinischen Fakultät, Petrus von Abano ausgearbeitet worden, so muß d*e
Vorlage des Agrippa bereits Petrus von Abano gekannt haben. Zu den alten
Bildern und ihren Entstellungen kommen vielleicht noch Bestandteile der Bilde1
der arabischen Mondstationen hinzu. Diese Einschiebsel erweitern das Dekan­
problem wiederum beträchtlich; diese Auffrischung der alten Götter mit den
ganz anders gearteten Formen der Mondstationen war dadurch erleichtert»
daß der Begriff Dekan z. B. bei Alchandrinus als Mondstation verwertet wir
und andrerseits in der Liste des Zahel direkt durch mansio, den typischen
Ausdruck für Mondstation widergegeben ist.
Aller Vererbungslehre und deren Degenerationserscheinungen spottet
die Bilderreihe, welche Athanasius Kircher gibt ( s. u . S. 370ff.). Schälen 'v)f
die späten Zutaten ab wie : er reitet auf . . ., er hat am Busen . . ., er tritt
auf . . ., so gewinnen wir als Elemente seiner Reihe folgende tierköpfige11
oder tiergestalteten Elemente: Hundekopf (Widder 2., Steinbock 3., Krebs
3. Dekan), Nilpferd (Skorpion 3. Dekan), Ameise (Jungfrau 2. Dekan), Stier
(Stier i. Dekan), Pferd (Stier 2. Dekan), Widder (Krebs 2. Dekan), Bock
(Fische 3. Dekan), Affe (Fische 1. Dekan), Krokodil (Löwe 1. Dekan),
Schildkröte (Jungfrau 3. Dekan) und Schwein (Waage 3. Dekan). Wir be­
finden uns also durchaus wieder auf ägyptischem Boden. Kircher oder seine
von ihm genannte Quelle Abenragel hat also ein Vorbild benutzt, das nocn
nicht die starken Degenerationsmerkmale h a t , welche die von V a r a h a m i h i r a
abhängigen Texte aufweisen. Aber mit den Typen stimmt die Einregistrierung»
wie ein Blick auf die Vergleichstabelle S. 165 ff. zeigt, nirgends. Als pure Phan­
tasie Kirchers können wir schwerlich diese Bilderserie beiseite legen, aber bis
jetzt ist es nicht möglich, das wirkliche Vorbild von Kircher f e s t z u s t e l l e n . )
Wie die Dekane ihre äußere Erscheinung in der Kopf- und Gesichts-
bildung allmählich immer mehr verlieren, so büßen sie auch in ihrer Körper'
gestalt, ihrer Hand- und Fußhaltung, ihren charakteristischen B e g l e i t a t t r i '
buten, Krone, Szepter, Stab, und dem Lebenskreuz für ihr überlanges L e b e n s ­
alter. Ebenso ändert sich ihre Kleidung, ihre Wirkung und persönlich®
Handlungsfreiheit derart, daß man am Ende der Entwicklung kaum mehr die
alten Formen sehen kann. Und doch wirkt auch hier durch alle Listen das
alte Vorbild im Kern weiter.

D. D IE IN SIG N IEN UND GEG EN STÄN D E D E R D EK A N G Ö TTE R


Die ägyptischen Dekangötter sind teils mit Kronen, teils ohne diese dar­
gestellt; diese Kronen zeigen bekanntlich seit alters ganz verschiedene Kom­
positionen, unter denen die Sonnen- und Mondscheibe, Federn, Blumen»
Widderhörner und Schlangen besonders ins Auge fallen. Die griechische Be'
Schreibung des Hermes zeichnet acht Dekane mit einer Königskrone aus»
eine nähere Beschreibung dieser Krone wird nicht gegeben. In dem Pili011’
1) D a r e s s y , L ’Ê g y p t e c é le s te , B u lle tin d e l ’I n s t it u t fr a n ç a is d ’A r c h é o l. o r ie n ta i®

X I I (1 9 1 5 ) s u c h t 3 o f. d ie G o tth e ite n d e s n ö r d lic h e n T ie r k r e is e s b e i K ir c h e r z u identifr'


z ie r e n .
'[grippa — Athanasius K ircher — D ie Insignien und Gegenstände der Dekangötter 105
das der 3. Dekan des Krebses und der 3. Gott der Jungfrau auf dem Kopfe
j^ägt, und das die Bedeutung von kleiner Hut, Ball, Kugel haben kann, er­
nennen wir die Krone der Isis; es ist das stuhlförmige Hieroglyphenzeichen
dieser Göttin, das sie in den ägyptischen Bildern auf dem Kopfe trägt. Auch
*n dem Korb, den der 2. Dekan des Krebses auf dem Kopfe hat •—• der grie-
jische Ausdruck erlaubt auch die Interpretation: Netzwerk, Flechte, dürfen
''"lr das Deutzeichen für Isis oder auch für die Göttin Nephthys erkennen.
aß der 1. Dekan des Schützen den Kopf rundum umwickelt hat, ist ebenfalls
® lne Umschreibung der Doppelkrone von Ober- und Unterägypten, welche auch
Tierkreisbild des Schützen auf den gräco-ägyptischen Monumenten trägt.
/Venn bei dem ziegengesichtigen 2. Dekangott der Jungfrau ausdrücklich
crvorgehoben wird, daß er auf dem Kopfe Hörner hat, so weist dieses Attribut
Denfalls auf die Kronen der ägyptischen Dekangötter, die als besondere
Unterlage noch Hörner oder Schlangen aufweisen.
Die lateinische hermetische Liste hat etwas weniger gekrönte Dekan-
'Vesen, ich zähle im ganzen sieben. Auch hier sind wir noch in guter Tradition,
Wer№ etwa eine geflügelte Königskrone den 2. Dekan des Krebses oder eine
^erhüllte Königskrone den 3. Dekan des Widders auszeichnet. Das Schall-
ecken, das die Göttin des 3. Dekans des Widders über dem Kopf trägt, ist
^ne durchsichtige Weiterbildung des Sonnendiskus, der vielfach auf den
Y^pfen der ägyptischen Dekane steht. In den zwei Rüsseln von Elephanten,
unter der Königskrone des 1. Stierdekans stehen, sind die eben erwähnten
4 örner- oder Schlangenunterlagen der ägyptischen Dekankronen in in-
lscher Umgestaltung erhalten. Von den weiteren Kopfzieraten erinnert die
jftnz feine Schlange, die sich über dem Hundekopf des 1. Dekans des Krebses
'-findet, an das wichtige Attribut der züngelnden Uräusschlange im ägyp-
lschen Königsdiadem und an die Uräusschlange, die vielfach als Kopfschmuck
!e Dekane auf dem Sockel der Göttin Maut auszeichnet.1) Der Drache mit den
ler Köpfen in der Mitte des doppelköpfigen 3. Dekans des Krebses führt
einen ähnlichen Kopfschmuck ägyptischer Dekane. Auch der auf dem
7"°Pf des 2. Widderdekans befindliche, geöffnete Königslotus, der von gol-
etlen Sternen umgeben ist, darf an den ägyptischen Dekangott Chontacher
^mahnen, der z. B. im runden Tierkreis zu Dendera auf der Lotusblüte als
rus, das Kind der Isis, dargestellt ist.
. Varahamihira hat das Königsdiadem erheblich eingeschränkt, nur noch
V,er Dekane lassen dieses wichtige Merkzeichen ägyptischer Dekangottheiten
"^kennen. Ein einziger davon, der 3. Dekan des Wassermanns, hat noch das
ne Wahrzeichen mitgenommen, er ist mit der Königskrone geschmückt,
Sa§t der Text. Dagegen ist der 2. Dekan der Jungfrau schon auf der Schwund-
ufe der alten Diademe angelangt, er hat nur ein Tuch um den Kopf. Der
2; Dekan des Krebses und der Dekan des Löwen hat ebenfalls die Neigung,
ganz der alten Herrlichkeit zu entziehen; der eine (Krebs 2. Dekan)
at noch Lotusblumen im Haar, der andere den K opf geschmückt mit einem
'Veißen Kranz.
Beide Dekane haben bei Apomasar dasselbe Überbleibsel der alten Krone,
le zu dem Kranz aus wohlriechenden weißen Blumen und aus Basilikon zu-

. i) A b g eb ild e t bei D a r e s s y , S tatu e s de D ivin ité s, M usée du C aire I (1007) 211


Un<3 u. T af. 7. v » // . o
106 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L i t e r a №

sammengeschrumpft ist. Auch der 3. Dekan des Wassermanns zeigt mit


seinem Kranz aus Blättern und Früchten, den er auf dem Haupte trägt,
kaum mehr das alte Königsattribut, sondern die typischen Attribute des
Eridanus (S. 149). Zur orientalischen Phantasiewucherung gehört das Mon­
strum, zu dem die Krone des 2. Zwillingsdekans geworden ist; der Gott trägt
einen bleiernen Kranz auf dem Haupt und einen Helm von Eisen, auf de®
ein Kranz von Zweigen liegt.
Bei Achmet ist die Krone nur noch viermal erkennbar, nur zwei Dekane
tragen den Kranz als letztes Überbleibsel des alten Diadems (2. Dekan des
Krebses und 1. Dekan des Löwen), zwei weitere Dekane haben das Attribut
nicht mehr auf dem Kopf, sondern neben sich. So hat der 3. Dekan des Wasser­
manns einen Kranz von Blättern, Feigen und Früchten, der 1. Dekan der
Jungfrau einen geflochtenen Korb mit Wohlgeruch hinter sich.
Bei Picatrix hat nur noch ein Dekan eine Krone, die goldene Tiara trägt
der 3. Dekan des Schützen auf dem Haupt. Der 2. Dekan des Krebses und des
Löwen hat auf dem Haupte den Kranz beibehalten, nur ist es bei ersterem
jetzt ein Kranz von grünem, bei letzterem ein Kranz von weißem Basilikum-
Der 2. Dekan der Zwillinge hat seine Krone, die bereits bei Apomasar aben­
teuerliche Formen angenommen hat, nun zu einem Turban weitergebildet
mit einem eisernen Helm, auf dem sich eine Krone aus Brokat erhebt.
Zahel und die von ihm abhängigen Listen geben nur noch zwei D e k a n e n
das alte Königszeichen. Bei Kircher ist es noch ein einziger, der das ehrwür­
dige Merkmal herübergerettet hat, während in der Mischliste des Agrippa vo11
Nettesheim die Zahl der gekrönten Dekane sich auf vier erhöht.
Mit dem Diadem haben auch die weiteren Insignien der alten D e k a n g ö t t e r
das S z e p te r , der K r u m m s ta b , die G e iß e l1) und das L e b e n s k r e u z das
gleiche Los der immer weiter fortschreitenden Entartung geteilt. Währen0
in der griechischen Liste des Hermes noch 11 Gottheiten das Szepter tragen»
ist es in der lateinischen Liste nur noch einem Dekan erhalten geblieben»
dem 2. Dekan des Widders. Dieses Szepter ist zudem noch mit dem Sperber
geschmückt, was an den Sperber auf dem Papyrusstab erinnern darf, der
unter den Sterngöttern auf dem runden Zodiakus von Dendera erscheint.
In der griechischen Liste des Hermes sind die Szepter verschieden gr°
gezeichnet, so reicht das Szepter des 1. Stierdekans bis an dessen Schulter■
Manche Dekane halten es in beiden Händen, tragen es über dem K opf (Stier 2-,
Jungfrau 3., Widder 1. Dekan). Gelegentlich ist ein Stab oder ein Stock daraus
geworden (Zwillinge und Löwe 2. Dekan). Schlüssel (Stier 2. Dekan), Blitz
(Zwillinge 3. Dekan), Pfeilspitze (Schütze 1. Dekan), Pfeil (Steinbock 3. Dekan)»
und Schwert (Steinbock 2. Dekan) können Weiterbildungen des Szepters sein»
wenn nicht wie bei der Pfeilspitze des Schützen Elemente von Sternbilder11
hineingeraten sind. Jedenfalls bieten diese Varianten der Folgezeit dem Astr°'
logen und dem Amulettfabrikanten die Möglichkeit, die Bilder reicher Zl1
variieren. Von den Geißeln oder der Geißel, die in den ägyptischen Monu
menten unter den Attributen von Dekangöttern erscheint, ist in der grie
chischen Liste des Hermes nur die Peitsche des 2. Dekans des Löwen erhalte11
geblieben. Das Steuerruder, das der 3. Dekan des Skorpion in beiden Hände11
1) D azu S p i e g e l b e r g , D e r S ta b k u ltu s b e i den Ä g y p te rn , in : R e cu e il de travau-
re la tiv e s ä la p hilol. e t ä l ’A rchöol. e g y p t. e t assyr. X X V (1903) i8 4 ff., u n d D a r e s “ )
ebd . X X V I (1904) 13 1.
Insignien und Gegenstände der Dekangötter IO 7

hält, darf auch als eine schwache Reminiszenz dieses alten Königsattributes
^gesprochen werden.
Die lateinische Liste des Hermes legt auf die Beschreibung der Attri­
bute, die das Szepter verdrängt haben, keinen besonderen Wert. Varahami-
uira hat nur noch einen Dekan mit dem Szepter, allerdings zum aufrechten
Stab degeneriert, den der 3. Dekan des Widders trägt. Vielleicht sind die
Keule und der lange Bogen, den einige Dekane hier tragen, teilweise aus dem
alten Herrschaftszeichen entstanden. Ganz geschwunden ist es aus der Bilder-
serie der arabischen Version. Weder Apomasar, noch Picatrix haben es, auch
Nehmet und Zahel und die davon inspirierten Listen des Leopold von öster­
l i c h und Agrippas von Nettesheim kennen das Attribut nicht. Bei Kircher
finden sich wieder zwei Dekane mit dem alten Szepter (Widder 2. Dekan,
Steinbock 3. Dekan). Stab, Speer, Baumzweig, Rute und Pfeil treten dafür,
allerdings nur sporadisch, als Ersatz ein. Der Stengel einer Wasserlilie, den bei
Picatrix der 2. Dekan des Krebses trägt, dürfte ebenfalls als ein Niederschlag
des ägyptischen Szepters aus Papyrus seine Erklärung finden.
Mehr Umgestaltungen hat auf seiner Wanderung das L e b e n s k r e u z
Pfunden, das die meisten ägyptischen Dekangötter in der Hand tragen.
■ In den literarischen Beschreibungen ist es in seiner alten Form überhaupt
nicht mehr vorhanden. Nur noch die ägyptische Bezeichnung ,,anch“ ist einmal
ln der griechischen Liste des Hermes erhalten, wo es vom 2. Dekan des Wasser­
manns heißt, daß er in beiden Händen eine Anchia trägt.1) Hier ist es in der
Überwiegenden Mehrzahl zum kleinen Krug geworden; es sind 13 Dekane
damit ausgestattet.2) Davon tragen den kleinen Krug acht Dekane in der
rechten Hand, vier in der linken, nur der genannte Dekan des Wassermanns
hält die Anchia in beiden Händen.
Die lateinische hermetische Liste, die so viel altes Gut enthält, hat
beim 2. Dekan des Widders die überraschend richtige Erklärung für diesen
kleinen Wasserkrug in dem Zusatz: „der das Leben bezeichnet“ . Bei der Zeich­
nung des 3. Dekans des Skorpions, der in beiden Händen Eier hält, die von
e®em Seil herabhängen, hat diese Liste ebenfalls ägyptische Götterattribute
erhalten. Vielleicht steckt hinter diesem merkwürdigen Attribut das alte Bild,
daß eine Gottheit einen Strom von Lebenskreuzen aus kleinen Vasen aus-
greßt. Diese Vorstellung vom Ausgießen des Lebenswassers wirkt vielleicht
auch in der Zeichnung des 1. Dekans der Waage nach, der aus dem Wasser-
krug aus feinen Röhren Wasser ausströmen läßt.
Bei Varahamihira ist ebenso wie in der arabischen Umbildung bei Apo-
^asar, Achmet und Picatrix das Lebenskreuz ganz verschwunden. Ein Topf
Und ein Löffel, ein Topf, der niederzufallen droht, ein Gefäß für heilige Steine,
für Opferöl und anderes Material, ein hölzerner oder goldener Armring, der
J® der Hand gehalten wird, ein Diskus, eine Gießkanne, ein Getreidemaß,
ferner ein Webekämmchen, Tintenfaß, Sack mit Edelsteinen, gefüllte Kapseln
a. könnten wohl die Ersatzmittel sein, durch welche die späteren indischen
^ud arabischen Umgestalter das ihnen unverständliche Lebenskreuz der
ägyptischen Dekane verdrängt haben.
1) M an k ö n n te aber a u ch an die S tirn sch lan ge, die G ö ttin A n ch et, den ken , w elch e
e a u f seinem K o p fe tr ä g t: R o e d e r , S onne, im M yth o l. L e x . I V 1205.
. 2) D ie v ersch ieden en F orm en des L e b en sk reu ze s kon n ten le ich t zu dieser U m deu-
Ung führen, v g l. J é q u i e r . B u ll. d e l ’In s titu t fran çais d ’A rchéol. orientale X I (1914) 121 ff.
io8 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatu?

Noch verdient die B e k le id u n g eine kurze Musterung. Unter den ägyp'


tischen Dekanen sind solche, die einen Lendenschurz, ein Kleid bis auf die
Knöchel haben oder überhaupt unterhalb des Kopfes gänzlich wie eine Mumie
eingewickelt sind, ja wir haben einige Dekane direkt als Mumien dargestellt-
Die antiken Dekanbeschreibungen legen auf die Einzelheiten der Kleidung
einen weit größeren Nachdruck als die späteren Listen. Ganz umwickelt mit
Binden von den Brustwarzen bis zu den geschlossenen Füßen sind drei Dekane
(Stier 2., Jungfrau 3. und Waage 2. Dekan) in der griechischen Dekanbeschrei'
bung des Hermes. Von dem ersten dieser genannten Dekane wird noch her'
vorgehoben, daß er ganz nach der Weise des Osiris in Binden gewickelt ist!
hier ist gute Bildtradition klar ersichtlich, denn die Mumie des Osiris (d. i-
Orion) erscheint in den ägyptischen Listen hier als Dekangott. Auch beim
1. Dekan des Stiers, der nach der Beschreibung dieser Liste rund herum be­
kleidet ist in ein „syrisches" Kleid, wirkt zweifellos die Mumie des Osiris
weiter; in dem syrischen Kleid steckt im Kern dasselbe, was die Beschreibung
des 2. Dekans in der Kleidung nach „osirischer“ A rt zum Ausdruck bringt-
Sonst wird noch betont, daß ein Dekan voll bekleidet ist, bis auf die Knöchel
oder bis auf die Füße umhüllt ist — man wird darin die Tracht der ägyptischen
Göttinnen Isis, Nephthys und Hathor wiederfinden. Einige sind bis auf die
Knie bekleidet; dann wird noch hervorgehoben, daß ein Dekan ringsum ge'
gürtet ist, d. i. einen Gürtel trägt. Eine Stola trägt der 2. Dekan des Skorpion;
nackt sind in dieser Liste bereits zwei Dekane, der 2. Dekan des Löwen und
der 2. Dekan der Fische. Von dem letztgenannten heißt es allerdings, daß er
einen Überwurf trägt. Ein dunkelblaues Gewand hat der 1. Dekan der Fische,
der auch noch die Haut eines jungen Schweines trägt. Die Haut eines Skara-
bäus haben die beiden ersten Dekane des Steinbocks. Daß solche Einzel­
heiten, die auf guter Überlieferung basieren, den orientalischen Umgestaltern
ein reiches Feld zu weiteren Wucherungen boten, leuchtet ein, und die Spä­
teren haben auch die gegebenen Möglichkeiten in redlichem Maße auszU'
nützen gewußt.
Die lateinische Liste des Hermes steht auch in der Beschreibung der
Kleidung der guten Tradition noch recht nahe. Auch sie hat noch die Anspie'
lung auf die mumienartigen Dekane. So ist der Körper des 1. Stierdekans um­
wickelt mit Binden und Schnüren des Osiris, auch die Schnürriemen mit
goldenen Farben und Rosen und Linnen, die diesen und den vorhergehenden
Dekan auszeichnen, gehören zu der Mumie des Osiris. Wenn der 3. Dekan der
Jungfrau als Grab bezeichnet wird, so liegt dann wiederum eine Reminiszenz
an den Dekan, der als Mumie des Osiris bezeichnet ist, vor. Kleider bis aut
die Füße, die Knöchel oder bis zu den Knien kennt auch diese Liste noch-
Schwarze Kleider weißer und feuerartiger Körper, Linnenkleider, Rüstungen
aus rosenroten Farben, ein Kleid aus dem Fell eines Skarabäus und ein Netz-
kleid, das bis zum Schenkel reicht, stehen einerseits in engem Zusammenhang
mit ägyptischen Darstellungen, andererseits geben sie wieder zu Neuerungen
eine reiche Gestaltungsmöglichkeit.
So bietet denn auch bereits Varahamihira in der Schilderung der Farben
und des Materials der Bekleidung eine bedeutende Erweiterung. E r kennt ein
rotes, weißes, schmutziges, goldfarbenes und verbranntes Gewand. Seide-
Flanell, Hirschfell und Panzer sind weiter Kennzeichen seiner Kleidertracht-
Dazu kommt der völlig behaarte 2. Dekan der Jungfrau, dem diese Eigenart
Bekleidung, Haltung und Bewegung der D e k a n g ö t t e r __________________ IOQ

dann weiter geblieben ist. Nackt, dann ein Tuch um die Lenden und voll be­
kleidet sind weitere Merkmale seiner Dekane; dazu gesellt sich noch der
nackte Dekan, der von einer Schlange umringelt ist (Krebs 3. und Fische
3 - Dekan), ein letzter Nachhall der ägyptischen Schlangendekane in ihren
reichen Formenbildungen. Inwieweit in der erwähnten Farbenangabe Vara-
hamihira von Teukros und damit von ägyptischer Tradition abhängig ist und
®ut ihnen übereinstimmt, läßt sich deswegen nicht ausmachen, da die mir
Zugängliche ägyptische Literatur nicht beachtet, welche Farben die einzelnen
Dekane in den Monumenten haben. Es ist möglich, daß hier nicht bare Willkür
des Inders vorliegt, sondern daß er auch hier mutatis mutandis gute Tra­
dition befolgt.
Ein weißes, rotes, schwarzes und ein altes Kleid zeichnet auch noch
Apornasar bei seinen Dekanen, öfters findet sich der Soldatenmantel und auch
der kleine Soldatenmantel; ersterer ist zum Teil an Stelle der antiken Stola
ür>d des Pallium getreten. Eine alte Rüstung und Eisen, Teppiche, drei und
n°ch mehr Kleider, auch die Rinden der Bäume — wohl der letzte Ausklang
der Papyrusbinden der Mumiendekane — bilden weitere Varianten in seiner
Schilderung des Äußeren dieser Götter. Auch die von einer Schlange umringel-
ten Dekane, solche, die auf dem Leib eine Schlange haben, oder am ganzen
Körper behaart sind, sind in der arabischen Übertragung erhalten geblieben.
Dieselben Merkmale lassen sich auch für die Kleidung bei Achmet fest­
stellen. Goldfarbene, rote, weiße Kleider und die Linnenkleider haben wir auch
bei ihm ; dazu kommt noch ein Gewand aus Leopardenfell, ferner das Leinen
v°n Fischen, Fellkleidung, Blätter und Früchte der Bäume auf dem Kleid,
aUch die nackten, die behaarten und die in das Pallium eingewickelten Astral-
"'esen leben bei ihm weiter. Picatrix erweitert die Liste noch durch grüne,
durch feurige Kleider, die wie glühende Kohlen aussehen und durch Gewänder
aus Baumblättern. Weniger ausführlich in der Schilderung der Kleidung ist
^ahel, Leopold von Österreich und die lateinische Liste des Vindobonensis.
Sie bieten auch in dieser Hinsicht kein neues Material, sondern geben in ver­
kürzter Form die Merkmale ihrer Vorbilder weiter. Auch Agrippa bringt
keine besonderen oder neuen Züge in der Kleidung. Wie die Übersichts-
Tabelle S. 165ff. zeigt, behalten einzelne Dekane ihre typischen Merkmale, so
l - B. der 2. Dekan der Jungfrau sein Kleid aus Baumrinde, der 1. Widder­
dekan sein weißes, der 2. das weiße Unter- und das rote Obergewand usw.
Auch die H a ltu n g und B e w e g u n g der F ü ß e u n d H än d e wird in
den einzelnen Dekanbeschreibungen beachtet. Hier liegt ebenfalls zum Teil
gute Beobachtung und gute Tradition zugrunde. Denn die ägyptischen Monu­
mente haben schreitende, stehende und sitzende Dekane neben solchen, die
111 einem Schiff in dieser Haltung dargestellt sind; die Hände zeigen ebenfalls
Verschiedene Bewegungen und Gesten, teils hängt die Hand herab mit dem
^ebenskreuz, teils ist sie halb erhoben und ausgestreckt oder auch in die Höhe
Sehoben.
Am besten trifft hier noch die griechische hermetische Liste die Anforde­
rungen, welche die ägyptischen Vorschriften in dieser Hinsicht an die Maler
^nd Amulettkünstler stellten. Die linke Hand ruht am Hinterbacken, ist
, abgesenkt, liegt schlaff am linken Schenkel, hängt schlaff herab, das
'vird wiederholt hervorgehoben (Widder 3., Stier 1. und 2., Waage 1. und
ische 1. Dekan). Dann heißt es von einem anderen Dekan, daß er die linke
110 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Litera

Hand ausgebreitet oder auch wie zum Gruße die rechte Hand erhoben ha
(Schütze I. und Löwe 3. Dekan). Auch daß er die eine (linke) Hand hoch hält»
als ob er etwas empfangen wollte, ferner daß er die Hand geschlossen anj
Schenkel liegen hat, daß beide Hände etwas tragen und erhoben sind, Wir
beachtet (Waage 1., Steinbock 1. und Stier 2. Dekan). Richtig ist auch das
Bild des kleinen Sonnenkindes Harpokration getroffen, dessen typische Geste
„den linken Zeigefinger am Mund“ die Gestalt des 2. Dekans der Fische
auf weist.
Die Haltung der Füße ist meist durch die Charakteristik der Kleidung
gegeben. Wenn der Körper bis zu den Füßen oder Knöcheln umgürtet,
Binden eng umwickelt ist, so haben wir die starr und bewegungslos aufrecht
stehenden Bilder der Sonnengottheiten und vieler Dekanbilder deutlich ge'
troffen. Eine Kleidung, die nur bis zum Knie reicht, läßt den in Bewegung
befindlichen schreitenden Gott erkennen. Das wird zuweilen auch betont»
er steht aufrecht im engen Gewand, er steht mit geschlossenen Füßen, laute
ein Merkmal für den 3. Dekan der Waage und für den 2. Dekan des Skorpi°D
der griechischen Liste des Hermes. Merkwürdig ist die Schilderung des I- &e'
kans des Widders, der als Knäblein bezeichnet wird, das von den Füßen bis
zu den Knien bekleidet ist. Es ist der in der Lotusblüte sitzende kleine S o n n e n '
gott, dessen Füße von den Knien an durch die Blätter der Blüte dem ß e'
schauer verdeckt sind und diese merkwürdige Beschreibung veranlaßt haben-
Wenn der Fuß von Schlangen umringelt ist, so ist das als ein Überrest der
ägyptischen Dekanbilder zu betrachten, deren Füße in Schlangen endigeIX
oder direkt Schlangen sind. Wenn es von dem 2. Dekan der Waage heißt»
daß er auf einer Quelle steht mit zwei Quellöffnungen, so wirkt hier möglicher'
weise die ursprüngliche schlangenfüßige Dekangestalt weiter. Eine andere
Deutung kann auf das Bild des ägyptischen Waagegottes zurückführen, der
in einem Kreis über der Waage sitzt oder auch steht, von der rechts und links
die Waagebalken an langen Schnüren herabhängen.
Gelegentlich läßt eine Bemerkung über die Fußhaltung deutlich erkennen»
daß an Stelle eines alten Dekangottes ein Sternbild eingedrungen ist. ^
verrät der 2. Dekan des Skorpions der beiden hermetischen Listen, der über
der Mitte eines Skorpions steht, das alte Bild des Ophiuchos. Dieser ist über
dem Skorpion stehend in der griechischen Uranographie schon vor Arat be
kannt und bildet mit dem Skorpion verwachsen ein riesiges S t e r n b i l d der
griechischen Sphära. Daß er in der lateinischen Liste auch noch mit beide0
Füßen eine große Schlange von beiden Seiten seiner Brust weghält, ist eine
nicht gerade schöne Umgestaltung dieses Sternbildes, das nach der übliche11
Astrothesie nicht mit den Füßen, sondern mit beiden Händen die ihn ul11
ringelnde Schlange von sich fernhält.
Auch das Bild des 2. Dekans des Schützen, der nach der griechischer1
Version an einem steilen Uferrand, nach der lateinischen an einem a b s c h «5
sigen, schlüpfrigen Ort steht, lehnt sich an ein Sternbild an, nämlich an di
hellenistische Komposition des Schützen mit dem unter ihm und zwar v°
den Vorderfüßen liegenden Sternbild des südlichen Kranzes, das als N a c h e n »
als Meer und auch als kleines Zelt aufgefaßt wird; in der bildlichen Darste
lung kommt es ebenfalls als Nachen unter den Vorderhufen des Kentaur
Schützen vor. Daraus ist nun in durchsichtiger Verschleierung der abschüssig6
Ort und das steile Ufer geworden.
^altung der Hände und die F ü ße der Dekangötter III

In dem 2. Dekan der Zwillinge, der in der lateinischen hermetischen


*-iste als hinüberschreitender Mann gezeichnet wird, der auf Hasen tritt,
«iuß ebenfalls ein Sternbild verborgen sein. Es ist Orion, der nach alter Astro-
thesie den Hasen zwischen seinen weitausgreifenden Beinen hat, und ihn ge­
radezu tritt. E r paßt astronomisch übrigens gut zu diesem Dekan als mit-
^eraufkommendes Gestirn, zumal er seit alters und auch später noch in der
arabischen Literatur als Dekangott genannt w ird.1)
Tierartige Füße erwähnen die beiden hermetischen Listen abgesehen von
n Schlangenattributen nicht. In der lateinischen Liste steckt in der Be­
itre ib u n g des i. Dekans des Widders, er schreitet hinüber, indem er mit den
üßen auf Krallen (Klauen ? Zehen ?) steht, die Möglichkeit, daß dem Ver-
asser eine vogelartige Fußbildung vorgeschwebt hat. Vogelartige Dekane
leten uns ja die ägyptischen Dekanlisten in hinreichender Zahl, die beiden
e'her, die Seelenvögel, der Vogel Bennu gestatten an eine Reminiszenz hier
Zü denken.
7 Varahamihira hat von den tierartigen Füßen der Dekane eine größere
r.ahl als die beiden hermetischen Listen. Zwei Dekane haben Füße wie ein
r^aniel, eine Umbildung alter widder- oder stierartiger Dekangötter. Einer
Pfoten wie ein Affe, einer nur einen Pferdefuß (2. Dekan des Widders),
en er nach vorn streckt, und einer ist von einer Schlange umringelt. Die alte
chrittstellung wird zur vollen Bewegung nach einem bestimmten Ziel er­
weitert. Dabei sind zuweilen auch alte Funktionen der Dekane zu Bildformen
SeWorden. So geht das Weib, das im 1. Dekan der Jungfrau erscheint, in
as Haus des Lehrers, der 1. Dekan des Skorpions verläßt seinen Wohnort
landet nach einer langen Seereise; neben der bildgewordenen Aktion des
erngottes haben wir noch einen Nachhall der Dekangottheiten, die in
chiffen fahren, öfters wird auch gesagt, daß ein Dekan Sachen von einem
Art zum anderen trägt oder sie holen will, auch das ist eine phantasiereiche
^ usbildung der alten schreitenden Dekane und zugleich ihrer Funktion. Die
ejden ersten Dekane der Fische, die entweder in die See stechen oder im
chiffe segeln, sind einerseits hilfreiche Gottheiten für Seefahrt, anderer­
e s stecken in ihnen Erinnerungen an die alten Dekane in der Barke. Die
eh e*nem Throne sitzende Frau, die im 2. und 3. Dekan erscheint, dürfte
s ^nso wie die Frau im Wagen, die als dritte Gottheit des Wassermanns er-
heint j eine Neubildung sein. Seine Existenz verdankt dieses Bild Begleit-
^ ernbildern. In der erstgenannten ist Kassiopeia gemeint, in der letzten
ann wohl eine orientalische Weitergestaltung des Fuhrmanns gesehen werden.
u Stärkere Umbildungen zeigen die Dekane bei Apomasar in der Bewegung
öd der Bildung der unteren Körperteile. Von altem Material ist der Fuß des
jj ^ekans des Krebses, der einer Schildkröte ähnelt, ein Echo, das den alten
j^kannamen Sit, die beiden Schildkröten in starker Umformung wiedergibt,
a ®aumstamm, in dessen Zweigen ein Hund mit den anderen Tieren sich
st k vißheicht eine Umbildung des hier in der ägyptischen Tradition
k eilden Chnubis, der als aufwärts geringelte Schlange mit einem Hunde-
au^ ^ g e s t e llt ist und auf einem Sockel steht. Daß der 2. Dekan des Stiers
s einem widderähnlichen Mann und einem stierähnlichen Weib besteht, ist

Te *) F. D i e t e r i c i , D ie P ro p ä d e u tik der A ra b e r (1865) 53 erw ä h n t einen arabischen


> der die drei D ek an e der Z w illin g e d ire k t die drei D ek an e des O rion nennt.
112 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literat'w

eine Neuerung des Arabers, die einmal in den beiden Tierkreisbildern des
Widders und des Stiers und besonders in dem Sternbild des Fuhrmanns, def
eine Ziege und die Böcklein trägt und in der mittelalterlichen Ikonographje
ein Viergespann aus zwei Pferden und zwei Kühen hat, seine astronomisch6
Unterlage hat. Das letztere ist deutlich aus dem Text Varahamihiras er
sichtlich. Noch stärkere Farben trägt die Phantasie in die Mischformen def
alten sphinxgestalteten Dekane hinein, die ägyptischen Doppelformen wirket
geradezu harmlos, wenn man sich die elephanten- und löwenartigen Komp0'
siten des Arabers vorstellt oder die Formen, die seine Kreuzung von PferO
und Elephant mit weißen Füßen auf weisen.
Die Analyse der weiteren Degenerationsmerkmale der späteren Listei1
des Achmet, Picatrix, bei Leopold und Agrippa von Nettesheim zeigt ein®
stetige Zunahme von Bewegungen, Gliedern und Personen im Rahmen eineS
einzigen Dekans. Sitzende, gehende, von einem Ort zum ändern tragend
Gestalten mit ihren Mischpartien aus tierischen und menschlichen Gliederl1
weisen den Drang auf, aus diesen pittoresken Mischbildungen herauszü'
kommen. Das führt nun zu neuen Formen; das Einzelwesen wird in seine
märchenhaften Bestandteile aufgelöst und diese werden nun zu selbständige1]
Gestalten. Statt des Eselgesichtes, der Eselsfüße, statt des Löwenkopfes un0
der Löwenfüße, um nur einige Beispiele herauszugreifen, erscheint jetzt elf
menschenartiges Wesen. Es reitet auf diesen tierartigen, zur individuelle11
Selbständigkeit erweckten Körperpartien, die zum Esel, zum Löwen, Pferd«
Hund usw. werden, führt das betreffende Tier am Zügel oder hat mit ihm
Sonderwesen in demselben Bezirk die Herrschaft über Zeit, Raum u0°
Menschenschicksal zu teilen. Hier ist den Umformungen und den herein'
drängenden Neubildungen eine große Expansionsmöglichkeit gelassen, die
auch von den stoßgebenden Verfassern neuer Motive und Bilder und deö
Illustratoren voll ausgenutzt wurde.

E. D IE N EU BILD U N G EN
IN D EN N ACH AN TIK EN D E K A N B E SC H R E IB U N G E N
Die ägyptischen Dekanlisten zeigen in ihren Namen und Bildern, 'vJC
wir oben erfahren, eine s t e t e Unruhe und das Hereindrängen neuer E le m e n te -
Von den Namen kehren mehrere wiederholt wieder in mehr oder g r ö ß e r e n
Zwischenräumen. Ebenso sind auch die Bilder auf mehrere Dekane a u s g e d e h n
worden, um 36 Sonderbilder aus der weit kleineren Zahl der zur Verfügung
stehenden Sternbilder herauszubekommen. So sind aus dem Sternbild des
Schafes 3— 4 Dekanbilder geformt worden, der Krugständer und die Geiste^
finden sich ebenfalls in mehreren Dekanbezirken. Die spätere Tendenz de5
Ägypters, Namen und Bilder durch Sternzahlen in verschiedener Gruppierung
zu ersetzen, kann eine Unterlage bilden, die Dekane astronomisch und a strO '
thetisch zu fixieren.
Diese Neubildung scheint in der hellenistischen Astronomie und Astr°'
logie keinen Anklang gefunden zu haben. Denn nirgends in der uns erhaltene11
einschlägigen Literatur wird die astronomische und astrothetische Lokal1
sation der einzelnen Dekane in außerzodiakalen Sternbildern erwähnt. Un
doch muß es etwas derartiges gegeben haben, das zeigen die späteren Deka°
Degenerationsmerkmale und Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen 113
festen, die allerdings in dieser Hinsicht nur ungern und nach langem Zwang
'hr Geheimnis hergeben. Die indischen und arabischen Autoren, welche für die
puttelalterlichen Dekanbücher des Abendlandes verantwortlich sind, vor allem
/arahamihira, Apomasar, Zahel, Abenragel und Picatrix übernehmen die
hellenistischen Umbildungen, ohne die Frage nach den astronomischen Be­
standteilen aufzuhellen. Sie glauben eben an die Wahrheit der überlieferten
formen. Apomasar gibt nur einmal eine schwache Erklärung nicht für das
"üd, sondern die Aktion eines Dekanes: der 3. Dekan will das Gute, da er
Dekan des Jupiter ist, kann es aber nicht, da er das Haus des Mars ist.
Lediglich der Verfasser des Picatrix sucht eine Erklärung der Bilder zu geben,
aber er verliert sich bei seiner Erläuterung der drei Dekanbilder des Widders
vS. 254) in haltlose astrologische Details und sucht den Körper, das Aus­
sehen, die Haltung und die Kleidung aus den planetarischen Aufteilungen
der Tierkreisbilder und aus den dominierenden Planeten zu erklären. Für
diesen Autor sind es völlig symbolische Bilder, die alle nach dieser Methode
ZU enträtseln sind, die, wie er sagt, von den Meistern, d. h. den Indern, und
auch von Abu Bakr Ibn W ahsija angewandt wird.
Es ist das große Verdienst von Boll, bei der Interpretation des arabischen
Apomasartextes gelegentlich mit scharfem Griff den vermummten Sterngott
entlarvt zu haben. So identifiziert er den 3. Dekan der Zwillinge mit Apollo,
der ja eine bekannte Erscheinungsform der griechischen Gottheiten ist, die
^an in den Zwillingen sich vorstellte. Daß dieser Dekan es mit Abfassung
^nd Komposition des Liedes, mit Musik, Spiel und Scherz zu tun hat, paßt
et»enso wie der Bogen und Pfeil und Köcher zu Apollo. In der fremden Frau
schönem Angesicht, die im 2. Dekan des Skorpions aufsteigt und deren
^Uß von einer Schlange umwunden ist, erkennt Boll mit Recht eine Erweite-
rung der Hygieia, die als eine Nebenform des Sternbildes Ophiuchos aus
astrologischen Texten bekannt ist. Die vielen Tiere, die an Stelle einer ein­
ig e n Figur im 3. Dekan des Skorpion erscheinen -— Hund, Schakal, W ild­
schwein, Panther, dessen Haare weiß geworden sind, und verschiedene Arten
^pn W ild — ergeben sich als Varianten des Tieres, das der Kentaur in der
^and h ä lt; es ist als Begleitgestirn zu diesem Dekan in den antiken Listen
aufgezählt und zeigt in ihnen auch die von Apomasar erwähnten Tiervarianten,
"'ie Boll darlegt.
Der 1. Dekan des Schützen wird als ein nackter Mann geschildert, der
Kopf bis zur Mitte des Rückens menschliche Gestalt und dessen hinterer
/■eil die Gestalt eines Pferdes hat. Dieser Dekan ergibt sich deutlich als das
gekannte Tierkreisbild des Schützen. Auch die ihm gegebenen Attribute: er
hat Bogen und Pfeile in der Hand und spannt den Bogen, gehören als selbst­
verständliche Zutaten zu dem antiken Typus des Schützen. Daß er schreit,
darf ais belanglose Zutat dem Umformer auf das Konto gesetzt werden. Ich
darf auch noch dem weiteren Zusatz das Rätselhafte nehmen: E r will zu dem
,rt der Menschenmenge gehen, um ihre Sachen zu nehmen, damit er sie für
Slch einheimse. Wir haben keine besondere Charaktereigenschaft oder eine
Verkappte Aktion dieses Sterngottes hierin zu sehen, sondern eine ganz durch­
sichtige Herübernahme des bei dem Schützen stehenden Altars. Die antiken
^ythen sprechen davon, daß der Schütze ein Opfertier trägt, das er auf dem
tar niederlegen will, um es den Göttern zu opfern; das wird auch in den
ddlichen Darstellungen zum Ausdruck gebracht und daraus ist nun die Ent-
Studien der Bibliothek Warburg, 19. Heft: G u n d e l 8
ii 4 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L iterat^

Stellung in der indischen Liste z u Stande gekommen, daß er an den „O rt der


Menschenmenge“ geht, d. i. an den Altar, um die Sachen für sich e i n z u h e i m s e n -
In den drei Fischen, die nach Apomasar der I. Dekan der Fische hält»
erkennt Boll die drei Fische, d. i. die beiden Fische des Tierkreises und den
südlichen Fisch. Die Frau mit schönem Angesicht, die als 2 . D e k a n g ö t t i n
der Fische erscheint, einen weißen Körper hat und sich in einem Schiffe be­
findet im Meer, wird von Boll mit Andromeda identifiziert; dazu paßt a u c h
noch das andere, was der Inder von dieser Gottheit sagt: ihre Brust ist an
das Hinterteil des Schiffes festgebunden, bei ihr sind ihre Verwandten und
Bekannten — nämlich Kassiopeia, Kepheus und Perseus — und sie will an
das Land gehen. Also auch hier sind die Begleitgestirne oder besser die Nach­
barsternbilder zur Ausschmückung einer einzigen Dekangestalt h e r a n g e z o g e n -
Boll konnte so sechs Dekanen bei Apomasar ihr Rätsel nehmen. Als
Resultat ergibt sich: es sind Teile des Tierkreises und außerzodiakale Stern-
bilder als Neubildungen in die ältere Dekanliste eingedrungen; dazu sind noch
gelegentlich Elemente anderer Sternbilder und ihre Funktionen zur Aus­
schmückung, zu Bewegungen und Tätigkeiten eines Dekangottes verwertet
worden.
In der folgenden systematischen Zusammenstellung der Bilder der 36 De-
kane soll nur die Umgestaltung sondiert werden, welche die Dekane des T e u k r o s
in den späteren Texten erfahren haben. Nicht besonders besprochen w erden
die völligen Neubildungen, die e tw a die Mondstationen, die Könige und R ichter
des alten Testamentes u. a. als E rsa tz m ä ch te bieten. Auch die Bilder des lib&
de imaginibus des Ps.-Ptolemäus (S. 394ff.) können beiseite bleiben. Sie
geben in der größten Mehrzahl Bilder von mitheraufgehenden Gestirnen und
nur ganz vereinzelt au ch einige Dekane als Bilder der facies, gehören also in
die R e ih e der sy stem a tisch en Kataloge n ich t hinein. E s dürfte genügen, bei
der deutschen Wiedergabe des Textes dieses Buches in den A n m erku n gen
kurz die w a h re Gestalt dieser verzerrten Dekangötter zu bestimmen.
Auch die scnon genannte Dekanliste des Philosophen Alchandrinus
(S. 34) kann hier weggelassen werden, da sie trotz der Bezeichnung facies
statt der zu erwartenden Dekanbilder tatsächlich nur die 28 M o n d s t a t i o n e n
gibt. Sie ist für die Geschichte der Mondstationen und der Dekane nur da­
durch von Interesse, daß infolge der Verwechslung der beiden Begriffe Weite­
rungen und Neubildungen innerhalb der Dekanlisten der Weg geebnet war-
Die Brücke zwischen Mondstation und Dekan ist dadurch hergestellt, daß ein
Sternbild zugleich zwei aufeinanderfolgende Dekanate als Zehntherrscher ver­
waltet, z. B. ist der dritte Gott zugleich der Herr über den 3. Zehnerbezirk
des Widders und den 1. des Stiers, der 5. Dekan herrscht über den 3. D e k a n
des Stiers und den 1 . der Zwillinge usw. Besonderen Wert hat dieses D e k a n -
buch noch dadurch, daß jeder facies genau das astrothetische Bild der zuge­
hörigen Sterngruppe in Sternkugeln und die Zahl der Einzelsterne beige­
schrieben ist.1) W ir haben darin eine Vorstufe der späteren (hebräischen)

1) D e r T e x t la u te t n ach cod. P a ris, la t. 10 2 71 B . N . fü r den ersten D e k a n des W iddefS


fol. gv: Prim a fa cies arietis in homine sive in masculo. A ln a h it est prim a fa cies arietis
et est caput et sunt tres stellae sicut hie apparet: 0°0 . E s fo lg t eine längere C harakteristik
der körp erlich en und geistigen E ig en sch aften der u n ter jedem einzelnen D e k a n geborene0
K n a b e n u nd M ädchen , w o vo n je d e s fü r sich ge ze ich n et w ird (bis fol. 5 2 V . ) . Im ganzen
w erd en n ur 2 8 D ek an e gen an n t, also a u ch d arin schon k la r als M on dstationen e r w i e s e n ,
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Widderdekane 115
Öekankataloge, welche genaue Sternpositionen den Dekanen beischrieben,
d'e also, wie schon betont, nun die umgekehrte Anwendung aus den Mond-
Kationen auf die Dekane infolge der Bezeichnung facies durchmachten.
Gelegentlich sind von späteren Astrologen einige Dekanbilder genannt
Worden, so von dem gefeierten Astrologen Johannes Jovianus Pontanus
(S. 29,4) und dann von Thomas Radinus in seinem „Sideralis Abyssus“
(*514) fol. X X V I f f.; auch Pico della Mirandola beschreibt mehrere Dekane
(adv. astrol. V 14, V III 6), ohne etwas Neues zu bringen.
1. W ID D E R
Als charakteristisches Merkmal zeichnet nach einer großen Anzahl der
uJis erhaltenen Beschreibungen und auch Denkmäler den 1. W id d e r d e k a n
die Doppelaxt aus. Psellus belehrt uns, daß Teukros die Gestalten der Dekane
beschrieben hat und erwähnt dabei, daß von diesen mannigfach gestalteten
Gottheiten der eine Gott ein Beil trägt, während ein anderer wieder anders
geformt sei. Es ist anzunehmen, daß Psellus mit diesem Beilträger unseren
ßekan heraushebt, der nach der üblichen Abfolge der Dekane und der Tier-
*reisbilder mit dem Widder die ganze Reihe eröffnet und somit zur Charakte-
ristik der übrigen, verschiedenartig gebildeten Dekane als Beispiel leicht
dienen konnte. W ir finden den Beilträger in der lateinischen hermetischen
^iste, bei Varahamihira, Picatrix (S. ii4 ff. PI.), Achmet und Kircher, bei dem
diese Waffe allerdings zu einer Lanze und einem Pfeil entartet ist. Dabei
le'ßt es meist, daß der Dekan diese A x t trägt, Achmet betont, daß er sie
Schleudern will.
Dagegen hebt die griechische Dekanbeschreibung des Hermes als be­
sonderes Kennzeichen ein Szepter hervor, das der Gott trägt — es ist der
kleine Harpokrates, der nach dem Text die Gestalt eines kleinen Kindes
^at und die Hände hocherhoben trä g t; dabei pakt er ein Szepter, als ob er es
v°m Kopfe wegschleudern wolle. Das käme also der Bewegung gleich, die
nach Achmet auch der Beilträger hat, der seine A x t gleichsam wegschleu­
dern will.
. Apomasar läßt das Attribut weg, er kennzeichnet den Gott als zornigen
Äthiopier oder Neger mit blutunterlaufenen Augen; der Dekan trägt ein
Weißes Kleid, das durch einen Strick in der Mitte zusammengebunden ist.
dieses Bild treffen wir dann auch in der ersten Dekanliste des Picatrix (S. 52 PI.),
n«r ist das weiße Kleid zu einem großen weißen Mantel geworden, der an
^ n en Hüften mit einem Strick befestigt ist. E r ist zornig und steht auf einem
11ß und hält Wache und paßt auf. Das Steinbuch des Königs Alfonso X.
?*e N am en sin d : 2. A lb o ra im 2 S tern e, 3. A ld o ta la oder A lb o to n , 4. A ld a b ra oder A ld e -
° r-m, g. A lm iseri od er A lm isen , 6. A lc a y e , 7. A lb e d raim oder A ldem on , 8. A lu rich o
**ler A lm aries, 9. A lc a lfa oder A n a c h a , io . A lg a b a ta oder A lg a cce r, u . A lgo ra n ce oder
^ c o ra te z , 12. A lg a y fa oder A sca ch a, 13. A la n a oder A la x a , 14. A lte m e ch oder A lte -
?ieileg, 15. A lg o b o ta oder A lgo fo ra , 16. A lico n oder A lcen ech , 17. A la ch il oder A lch id ch ,
v A h a la n oder A lc h a lia , 19. A le b ra , 20. A lu a m oder A n a th a , 21. A lb e d a oder A l-
®lhda, 22. A lsta b ed e oder A lza ld a b , 23. A sta d e b e l oder A sta ld a b o la , 24. A lcasod oder
, 'ta lco l, 25. A u s ta b ia oder A lsa l ca b ih a , 26. A lg a fa la n d oder A lgasu arh u l, 27. A lg a ffa -
oder A lg a ffa lifa r, 28. A lb ra th o n oder A b n a th eu . In dem Cod. Paris, la t. 17868
• 5 (10. Jahrhundert) sind sie n ich t als D ekan e, sondern m it R e c h t als M on dstationen
e5eichn et, v g l. C u m o n t , A stro logica , R e v u e Archiäol. I (1916) 20. W ie die D ekan e, so
j f ’ßeri auch die M on dstationen eine außerordentlich e V a ria tio n in ihren N am en, w ie ein
ck a u f die T ab elle bei S t e i n s c h n e i d e r a. O . S. 203 erw eist.
8*
1 X6 D ie Bilder der Dekane in der a b e n d l ä n d i s c h e n u n d o r i e n t a l i s c h e n L i t e r a t V?

von Kastilien beschreibt ihn als einen Neger, seine Augen quellen vor Wut
heraus, er trägt einen Strick und in der Hand ein Beil. Ein weißgekleideter
Neger ohne Attribute ist er nach der Beschreibung bei Zahel, Leopold von
Österreich und Agrippa.
Scaliger übersetzt den hebräischen Apomasartext folgendermaßen:
Cande, ein Philosoph der Inder sagt, es steige auf ein Äthiopier mit schwarzen
Augen und ausgedehnten Augenbrauen. Es ist einer von den Giganten, er
ist stürmisch, mit einem großen weißen Pallium eingehüllt und steht auf
seinen Füßen. Statt des Cande, d. i. Kankah oder Kanaka, nennt Petrus
von Abano in seiner lateinischen Übersetzung des Apomasartextes Ibn Ezra s
den indischen Weisen Beneka. Gemeint ist damit ein und derselbe Mann, der
Inder Kanaka, der Astrologe des Kalifen Al-Mansür (s. o. S. 87f.). Auf ih»
dürfte also die Charakteristik des Dekans mit dem Strick um die Lenden
zurückgehen, der in Wort und Bild sich zäh behauptet hat. Ob Apomasar
auch die übrigen Dekanbilder aus Kanaka genommen hat, ob er eine über'
Setzung des Varahamihira oder älterer indischer Dekanbücher direkt benutzt
hat, läßt sich nicht entscheiden.
D e r 2. D e k a n des W id d e r s ist nach Varahamihira eine Frau, be"
kleidet mit einem roten Gewand; den Sinn hat sie auf Schmuck und Speise
gerichtet, sie hat einen Pferdekopf und einen Bauch wie ein Topf, ist von
Durst gequält und steht auf einem einzigen Fuß. Nach Iyers Übersetzung
ist sie eine Frau, die Zierrat und Zuckerwerk liebt; sie hat das Gesicht eines
Pferdes, den Leib einer Flasche, ist einbeinig, dickbäuchig und gierig. ApO'
masar gibt nach dem arabischen Text ungefähr dasselbe, läßt aber die Beschrei­
bung des Leibes weg. Die griechische Übersetzung vergißt die Kopfgestaltung»
den Text von Ibn Ezra übersetzt Scaliger zweideutig: unipede figura eq u in # >
was sowohl einbeinig und pferdegestaltig als auch mit einem einzigen Fuß von
Pferdegestalt, d. i. mit einem Pferdefuß interpretiert werden kann. Hermann
Dalmata schildert diesen Dekan als eine Frau in roten Gewändern mit einem
Pferdefuß und mit Pferdegestalt. Auch in der Wenzelhandschrift und in der
Übersetzung von Petrus von Abano hat sie Pferdegestalt, dazu noch einen
Schlüssel in der Hand. Achmet sagt, sie hat in bezug auf den einen Fuß
Unsichtbarkeit, ihre Gestalt ist die eines Pferdes; ihr Sinn ist auf Salben,
Kleidung und Gold gerichtet. Picatrix hat nach dem arabischen Text in seiner
ersten Liste (S. 52 PL) den Mantel, die roten Kleider, nur einen Fuß und die
Gestalt eines Pferdes. Die Göttin sinnt darauf, fortzugehen und Kleider und
Schmuck und Kinder zu suchen. In der anderen Liste (S. 114 PL) ist sie nur
als Frau mit grünem Gewand geschildert, die nur ein Bein hat. Das Stein'
buch schildert sie kurz und bündig als eine Frau, die nicht mehr als einen Fuß
hat. Zahel, Leopold von Österreich, Agrippa und Thomas Radinus haben
übereinstimmend hier nur noch das Weib mit den roten Gewändern. P°n'
tanus (S. 29 Anm. 4) gibt ihr zwei Kleider, davon ist das innere weiß, das
äußere rot, das eine der beiden Beine scheint sie nach vorn zu strecken. P°n'
tanus dürfte hier einen Text vor sich gehabt haben, welcher der Abbildung
in der lateinischen Handschrift des Picatrix in Krakau gerecht wird (Abb-
Taf. X X ).
Aus der Frau mit dem Pferdekopf bei Varahamihira mit dem B a u c h
einer Flasche und dem einen Fuß hat also die Entartung zu dem pferdege'
staltigen Frauenbild mit einem Fuß geführt, und daraus ist sekundär w ie d e r
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Widderdekane 117

die Frauengestalt mit dem Pferdefuß geworden. Schmuckstücke und Gewand


(rot bzw. grün und weiß) sind geblieben. Gibt es nun in der griechischen
Uranographie eine Frauengestalt mit dem Kopf eines Pferdes? Die Frage
muß in dieser Form verneint werden, da der Typenschatz der Antike von
■Mischformen nur den Steinbock, den Schützen, den Kentaur und das Ketos
kennt; wohl sind darunter die Mischformen von Pferd und Mensch (Kentaur
und Schütze), aber keine pferdeartigen oder pferdeköpfigen Frauengestalten.
Von der Austronochus des Michael Scotus, die als Kentaurenweibchen ab­
gebildet wird, wird man absehen müssen, da sie eine späte Bildung sein dürfte.
Astronomisch kann sie an dieser Stelle als 2. Dekan des Widders nicht in
■betracht kommen, denn nach Scotus liegt dieses Sternbild, das aus 20 Sternen
besteht, zwischen Krone und Herakles, also gerade 150 Grad vom Widder
entfernt; sie ist in der Dysis, wenn der 2. Widderdekan heraufkommt.
Damit sind aber noch nicht alle Möglichkeiten erschöpft. Hält man
Unter den mit dem Dekangott heraufkommenden Sternen Umschau, dann
stößt man in der Liste des Teukros bei Apomasar an erster Stelle auf Andro­
meda. Und sie ist der pferdeköpfige Dekangott des Inders. Die Erklärung
gibt die antike Astrothesie. Denn Andromeda muß den Stern, der ihren
Kopf bildet, mit dem Nabel des Pferdes teilen. Dieser dem Pegasus und dem
Kopf der Andromeda nach Ptolemäus gemeinsame Stern1) hat das abenteuer­
liche Phantom der pferdeköpfigen Sterngottheit veranlaßt. Durch diese Ent­
deckung ergeben sich nun auch die übrigen Attribute dieses Dekangottes
als Sonderteile der Andromeda. Zunächst der merkwürdige Leib, der aus-
Sehen soll wie ein Topf oder eine Flasche. Es ist der Fisch darunter gemeint,
der in der antiken und in der mittelalterlichen Astrothesie (z. B. Arat. v. 246
Und Germanicus v. 247) und Ikonographie als Bestandteil der Andromeda
erscheint.2) Auch die Schmuckstücke, das Gold und die Salben, die teils als
Affekte, teils als Sonderteile des Bildes erscheinen, finden in dem Bild der
Andromeda ihre völlige Aufklärung. Denn die Brautgeschenke bilden einen
integrierenden Bestand der Andromedabilder.8) Nun noch der eine Fuß, der
entweder vorgestreckt oder unsichtbar sein soll. Auch hierfür gibt die Astro­
thesie eine Erklärung. Denn Ptolemäus notiert nur einen Stern über dem
Linken Fuß, so daß der Fuß selbst tatsächlich unsichtbar ist, d. h. durch
keine Sterne markiert ist. Merkwürdigerweise ist auf dem Globus des Atlas
f'arnese nur ein Fuß und zwar ganz auffallend lang mit breit gezeichneter
Sohle sichtbar, der vorn schwebende Fuß ist durch das lange Gewand völlig
verdeckt.4) Auch die Hervorhebung des Mantels und des Gewandes entspricht
der traditionellen Gestaltung der Andromeda. Ptolemäus, um nur ein Bei­
spiel zu nennen, zeichnet die Schleppe der Andromeda durch mehrere Sterne
aUs, und im Codex Vossianus ist z. B. der Mantel in rosa Farbe mit braunen
Schatten und grauem Saum gemalt.5)
1) P tolem . S y n t. I I 76, i g H e i b . : 0 e t c I t o ü ö [ X ( p ( x X o ü x o i . v ö i ; T 7 j ? x s c p a X v j? t t ) ? ’AvSpofiiSa«;,
2) Zu diesen B ild ern v g l. H a u b e r , P la n eten k in d erb ild er und S tern bild er in S tu d ien
ZUr deu tschen K u n stg esch ich te 194. H e ft (1916) i7 o ff . F . S a x l , V erzeichn is astrol. und
^ y th o lo g . illu strie rte r H and schr. I I T a f. V I I I .
3) D ie B rau tg esch en k e sind z. B . schön sich tb a r im V a t. la t. 643 B l. 88v, a b geb ild et
v °n F . S a x l im ersten B a n d seines W erk es (S itz.-B er. A k a d . H eid elberg [1915] 6. u nd
7- A b h . T a f. V I I ) .
4) A b g e b ild e t v o n T h i e l e , A n tik e H im m elsbilder, T a f. IV .
5) T hiele a. O . 106.
Il8 ________ D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen LitW*^

Vielleicht liegt in der Variante der Zeichnung des Varahamihira, daß


diese pferdeartige Dekangöttin einen dicken Leib hat, eine gute Tradition/
sie erinnert sofort an die schwangere Nilpferdgöttin Thueris aus dem ägyP'
tischen Himmelsbild. Es ist eine ungelöste und bislang auch noch nicht erhobene
Frage, ob nicht das große Sternbild der Andromeda und des Pegasus, die durc
den gemeinsamen Stern, der den Nabel des Pferdes und den K opf der sonS
völlig ohne Kopfsterne verstirnten Andromeda markiert, ursprünglich ein gan2
homogenes Gebilde war. Vielleicht ist später von griechischen Astronomen aus
dem ägyptischen Sternbild der Thueris das widerspruchsvolle Gebilde des
halben Pferdes und des damit organisch eng verbundenen FrauenkörpefS
gemacht worden, von dem die Variante bei Varahamihira nur noch die
äußeren Zeichen der Schwangerschaft erhalten hat. Es muß außerdem noch
hervorgehoben werden, daß in dem Pferd, d. i. in Pegasus, nach griechischer
Astralmythologie die schwangere Hippe, Cheirons Tochter, die Mutter der
Melanippe, verstirnt ist. Sie war in ein Pferd verwandelt worden, darni
ihrem Vater die Schande verborgen bleibe, daß sie schwanger war. A r t e m is
verstirnte sie dann wegen ihrer Frömmigkeit und auch wegen der Gottesfurch
ihres Vaters Cheiron.1) Daß hier lediglich eine ganz willkürliche Erfindung
eines griechischen Sternsagendichters vorliegt, ist nicht anzunehmen. Inwiew’Ci
sich astrothetisch das Sternbild des Pegasus und der Andromeda mit dem
ägyptischen Sternbild der Thueris decken, bleibt der Untersuchung Vorbehalten-
Die Andromeda paßt auch in astronomischer Hinsicht als DekangestirI1
in das Segment des 2. Widderdekans. Denn die Sterne des Körpers der Andr°'
meda gehören ihren Längen nach in diese Partien des Widders. Wenn sie nU
auch schon zwei Dekane vorher als Dekangestirn erscheint, so hat das nichts
besonders Anstößiges, denn die ägyptischen Listen geben ja auch ein und dem
selben Dekan verschiedene, oft durch mehrere Dekane getrennte Domänen-
Der 3 .D e k a n d e s W id d e r s läßt deutlich Merkmale hervortreten, die au
das Sternbild des Fuhrmanns hindeuten. Nach Varahamihira trägt er eine0
Stock erhoben in der Hand und ein rotes Gewand; man erkennt die Peitsche
und das Gewand des Fuhrmanns, dessen Farbe sich aus der Zugehörigkel
des Sternbildes zu dem Planeten Mars ergibt.2) Er ist ärgerlich, von bösartige*
Natur, ist in Künsten gelehrt, liebt die Arbeit, doch kann er sie nicht zu Ende
führen. Das sind Attribute, die man begreift, wenn man die mit dem Fuhrmann
verbundenen Sternmythen heranholt, auch die Zeichnung der Kinder dieses
Gestirns, unter die z. B. Manilius auch Leute wie den König Salmoneus rechne-»
trifft mit diesen Eigenschaften zusammen. Apomasar hat das Bild noch weiter
ausgemalt; er gibt dem Dekangott einen Armring von Holz, das kann eme
Entartung der Zügel sein, die der Fuhrmann hält, doch kann vielleicht, wiß
oben bemerkt wurde, auch noch das Lebenskreuz der ägyptischen Dekan
götter in dieser Entartung nachwirken. Die Eigenschaften sind ganz aus dem
planetarischen Charakter des Dekanes und zwar wohl erst sekundär deduzier >
dazu gehört auch die Erweiterung, daß der Dekan geschickt in der Eis°j|
arbeit ist, denn damit ist eine wichtige Schicksalsgabe des Mars und ein wie
TT-nt*
1) E rato sth en es C ataste r, rell. 120 R o b e rt. S p ätere lassen sie erst n ach der
bin d u n g an den H im m el kom m en, so H y g in . astr. I I 18, 59, 6 B u n te ; dazu R ehm , EQ11
R E . V I 325. . . bb.
2) P to l. T etra b . I cap. 9 dazu B o l l , A n tik e B eo b a ch tu n g en fa rb ig e r S tern e, in
A k a d . M ünchen X X X 1. A b h . (1918) 8 ff., 52, 81.
N Unbildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Widderdekane— Stierdekane 119
tiger Beruf der Marskinder getroffen; und Mars hat nach Apomasar sein Haus
Jn diesem Dekan.
Diese Zutaten, die sich leicht aus dem Gestirn selbst ergeben, verdienen
besonders hervorgehoben zu werden, denn zu den Paranatellonta und den
Längenangaben gesellen sich nun noch rein planetarische Doktrinen, aus
denen die Dekane neue Züge und Eigenschaften bekommen. Der griechische
Apomasartext läßt übrigens noch eine Eigenschaft des Heniochos unverhüllt
durchblicken, wenn er diesem Dekan die Kunst im Kosmos zu laufen (yivcocrxcov
xoC T [x oS p o[X iX 7 )V T S '/ v / j v 1 5 8 , 1 5 ) zuschreibt. Man darf an Helden erinnern,
Wie Bellerophon, Triptolemos und auch Phaethon, die in diesem Gestirn von
der antiken Sternsage lokalisiert wurden und die Fähigkeit hatten, sich über
der Erde in der Luft zu bewegen. Auch eine Gabe der Sternkinder spricht
hier weiter, denen Manilius (V 75ff.) die Kunst beimißt: fledere equorum
pi'aevalidas vires ac torto stringere gyro; die Kreisbewegung und die Lenkung
der Gespanne im Kreis ist natürlich eine der wichtigsten Eigenschaften der
Sterngötter und der Planeten bei ihrem Lauf im Kosmos. Auch die Eigenschaf­
ten der desultores und das wahnwitzige Beginnen des Salmoneus, der mit
Seinen Gespannen auf ehernen Brücken durch die Luft fuhr, um den Donner
des Zeus und den Zeus selbst darzustellen (Man. V 92), erklärt die an sich
etwas merkwürdige ,,Kunst im Kosmos zu laufen“ .
Achmet zeigt dieses Bild des Fuhrmanns in noch weiterer Verzerrung;
er ruht sich auf seinem Stab aus, hat die Hände beschwert und bearbeitet
das Eisen. Bei Picatrix erhält er (S. 52 PI.) in der ersten Liste zu dem Stab
Hoch ein hölzernes Schwert. Die Eigenschaft, daß er geschickt in der Eisen­
arbeit ist, bleibt ihm bei Picatrix erhalten. Im Lapidario del rey d’Alfonso ist
er lediglich ein wilder Mann, der in der rechten Hand einen Stab trägt. Zahel,
Leopold von Österreich und Agrippa heben besonders die roten Haare und
das bleiche Gesicht hervor als kennzeichnende Merkmale dieses Dekans, nur
Agrippa erwähnt das goldene Armband und den Stock. Die roten Haare sind
fioch die letzten Reste in der Übermalung, die der Dekan von seiner martiali­
schen Natur sekundär erhalten hat.

2. S T I E R

D er x. D e k a n des S tie r s ist bei Varahamihira eine Frau mit lockigem,


geschnittenem H aar; dickbäuchig (ein Leib wie ein Topf) und ein verbranntes
Gewand sind ihre äußeren Merkmale. Ihre Charaktereigenschaften sind Hab­
gier, Sucht nach Speise und Zierrat. Man denkt an die Pleias, die in der Pro­
tome des Stiers steht. Sie wird in der Astronomie und im Mythus zuweilen als
eine einzelne Frau, die Pleione oder die Pleias betrachtet, die mit ihren Kin­
dern in die bekannte Sterngruppe der Pleiaden verstirnt wurde. Das verbrannte
Kleid, das dieser Göttin in allen späteren Texten treugeblieben ist, kann
eine doppelte Deutung finden. Entweder ist es eine Umformung eines der
typischen Attribute, die den nebelartigen, schwachen Glanz des Gestirns be­
zeichnen, oder es ist eine Weiterbildung, die aus der Position des Bildes
sich ergibt, das an der Schnittstelle des Stiers liegt, der bekanntlich nur mit
der Vorderhälfte auf den traditionellen Himmelsbildern gezeichnet wird,
■öaher, nämlich aus der griechischen Bezeichnung dieser Partie als Protome
"wird auch das geschnittene Haar stammen, das diese Astralgottheit kenn-
120 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L it e r

zeichnet. Die Längen der einzelnen Sterne lassen die Pleias astronomisch
als i . Dekan des Stiers rechtfertigen, aber auch als Paranatellonta k o m m e n
die Sterne zurecht, da die Protome unter den Begleitgestirnen in der Liste
des Ptolemäus bei Apomasar genannt wird.
Bei Apomasar ist diese Frauengestalt nur wenig äußerlich verändert;
sie hat aber kein geschnittenes Haar mehr, sondern im Gegenteil reiches Haar
auf dem Haupt und sieht einer Edelgeborenen ähnlich. Sie hat aber nunmehr
ein Kind bei sich, für das sie Schmuck sucht. Das kann an Pleione erinnern,
die statt ihrer sieben Töchter nur im Kollektiv ein Kind behalten hat. Oder es
spricht eine rein astronomische Erwägung mit; denn in der Stirn des Stiers
ist z. B. nach Manilius IV 151 und II 440 Eros lokalisiert und Venus ist die
Schutzgöttin des Stiers. Nach der Prosopalehre bei Varahamihira ist sie auch
die Göttin des 1. Dekans. Es ist also möglich, daß Apomasar zu der Erweite'
rung des Bildes durch die planetarischen Prosopa bestimmt wurde. Der griechische
Übersetzer dürfte das Bild der Pleias mit ihren Töchtern vor Augen haben»
denn er spricht ausdrücklich davon, daß die Frau ihre Kinder bei sich hat und
für diese Kinder den Schmuck sucht. Außerdem ist die Kleidung dadurch ver­
ändert, daß er sie viele Kleider tragen läßt, wovon ein Teil durch Feuer v e r
brannt ist. Der lateinische Text der illustrierten Sloanehandschrift macht aus
dem Kind einen Sohn, ebenso Hermann Dalmata und Petrus von Abano-
Im Picatrix ist aus dem verbrannten Kleid, bzw. den Kleidern die Wandlung
in feurige Kleider zu notieren. Auch das Kind hat Kleider, als ob es glühende
Kohlen wären. Das bestätigt unsere Vermutung, daß die Schilderung Ap0'
masars der verbrannten Kleider auf ein mißverstandenes Epitheton zurück'
gehen dürfte, das den schwachen Glanz der Pleias zum Ausdruck brachte-
Lichtkleider der Sterngötter sind sowieso eine stehende Vorstellung, die zeit'
lieh und räumlich völlig voneinander getrennten Völkern als Völkergedanke
gemeinsam ist. Das vereinigt sich auch mit den Planetenfarben dieser Sterne,
die nach Ptolemäus die Färbung des Mondes und des Mars haben. Achmet
läßt die zweite Figur ebenso wie Varahamihira weg und spricht nur davon,
daß diese Frau Schmuckstücke von Kindern hat und dazu noch andere Stücke
legen will; das erinnert an die arabische Auffassung der Pleiade, die als ein
Solitär mit Perlen, als Perlenkette u. ä. gedacht wird.1) Im Steinbuch ist sie
als Frau mit lockigen Haaren geschildert, die einen kleinen Sohn vor s ic h
hält, der Text schließt sich also an die lateinische Apomasarübersetzung an'
Zahel und die anderen Texte des ausgehenden Mittelalters haben e№e
ganz andere Dekangottheit. Sie sprechen entweder nur von einem spicul^°r
oder von zwei Gestalten, einem vir spiculaior und einem vir nudus. Den etwas
rätselhaften spiculaior definiert Agrippa als arator. Das ist aus den P a r a n a -
tellonta oder gleichlautenden Längen anscheinend nicht erklärbar. S o n d e r n
hier drängt sich als ein wichtiges neues Moment in die Neubildungen diß
Verbildlichung der Aktionen herein. Nach Picatrix ist nämlich dieser D e k a n -
ein Dekan des Pflügens, Säens, Bauens, der Kultur usw. Nun zeigen uns aber
die griechischen Sternsagen einen Mann, der mit seinem Pflug verstirnt wurd ,
es ist Bootes. Er kann aber hier als Dekan nicht in Betracht kommen, dein­
er steht gerade im Westen, wenn dieser Dekan heraufkommt. Hier w e r d e n dl

1) L . I d e l e r , U n tersu chu ngen ü ber den U rspru ng u nd die B ed eu tu n g der Stern


nam en 147.
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Stierdekane 1 21

bildlichen Darstellungen des Mittelalters zu dieser Neubildung den Anstoß


gegeben haben, die den Fuhrmann als Treiber eines Stiers zeigen; das hat
astronomisch seine Berechtigung. Denn der Fuhrmann ist durch den gemein­
samen Stern ß, der bei Ptolemäus die Spitze des nördlichen Horns und zu­
gleich den rechten Fuß des Fuhrmanns markiert, zu einer geschlossenen Ein­
heit mit dem Stier in der griechischen Astrothesie geworden. Die Ausleger
stimmen also mit den astronomischen Faktoren überein; die beiden Gestalten
ergeben sich als Varianten des Fuhrmanns und des Stiers.
Auch die grotesken Mißbildungen des 2. D e k a n s des S tie r s lassen
deutlich noch die Merkmale des antiken Fuhrmanns erkennen. Varahami-
hira zeichnet den Dekan als Mann mit der Schulter eines Stiers, das Gesicht
lst das eines Bocks. Das ist eine Verzerrung, die ihre Elem ente: Stier, Ziege
gemäß der späteren Auffassung ist es ein Bock bzw. Böckchen, die der
Fuhrmann trägt (auf Hand oder Schulter) — und Fuhrmann selbst ohne
Weiteres erkennen läßt. Auch die Tätigkeiten, die auf Arbeiten in der Landwirt­
schaft, Korn, Haus, Kühe, Pflügen und Fahren mit dem Wagen konzentriert
Slnd, entsprechen den mythischen Gegebenheiten der Sternsagen des Fuhr­
manns. In dem arabischen Apomasartext erscheinen drei Gestalten: ein Mann,
dessen Gesicht und Körper einem Kamele gleicht, ein Weib, das Stiergestalt hat
Und eine umgestürzte göttliche Gestalt, die in ihrer rechten Hand einen Stab
hat und ihre linke Hand emporhebt. Die Finger des Mannes, die den Klauen der
liegen gleichen, verraten wieder das Sternbild des Fuhrmanns, der die Böck­
chen und die Ziege trägt. Daß sein Gesicht und sein Körper einem Kamele
gleichen, ist aus seinem arabischen Namen agaso seu praecentor camelorum,
d- h. Kameltreiber (Id e le r a. O. 96) zu erklären. Aus dem Treiber der Kamele
lst in der Phantasie des Arabers der kamelartige Dekangott geworden. Es
^ag noch zugefügt werden, daß der helle Stern im Auge des Stiers, Eldebaran,
nach Kazwini auch den Namen das große Kamel führt, und daß die Hyaden
als die kleinen Kamele bezeichnet werden (Id eler a. O. 137). Auch das Weib
ln Stiergestalt ist eine Mischform, die sich aus Heniochos — nach mittelalter­
licher Auffassung wird der Fuhrmann auch als Weib mit Peitsche gezeichnet1)
und dem Stier ergibt, der ja mit dem Fuhrmann zu einer Einheit nach
antiker Astrothesie verschmolzen ist. Die dritte Gestalt dieses Dekans ist
eine Kontamination aus den persischen Paranatellonta dieses Dekans. Wir
erkennen nämlich darin den Kynokephalos, der in der rechten Hand einen
Stock, ein nacktes Götterbild und ein Tuch hält und in seiner linken Hand
einen Schlüssel trägt.
Die griechische Übersetzung Apomasars hat noch die einfacheren Formen,
^er Mann gleicht einem Widder, seine Finger den Klauen einer Ziege, das
^ e ib ist stiergestaltet, außerdem ist sie auch noch mit ihm gebückt oder sie
arbeitet mit ihm gemeinsam; in ihrer Hand hat sie einen Zweig und hebt die
linke Hand hoch. Wir haben also in dieser Version noch die einfachere Form,
die nur zwei Varianten des Fuhrmanns als Dekangottheiten nebeneinander
stellt. Der Komplex mit den Sternbildern der Kamele fehlt. Auch die latei­
nischen Übersetzungen geben dieselben einfacheren Formen; nur Hermann
Halmata hat die drei Gestalten, läßt aber bei der ersten Gestalt ebenfalls
die Merkmale des Kameles weg und gibt der dritten Gestalt nur eine Rute

1) Z. B . A stro lab iu m P lan um , S tie r 4. G rad , dazu B o l l , S p h aera 436.


122 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L i t e r a t

in die rechte Hand, während die linke nach oben erhoben ist. Die illustrierte!1
Apomasarhandschriften und Abano verbinden die Tätigkeit des Pflügens zu
einem geschlossenen Bild mit dem Mann bzw. mit dem stierartigen Unter'
körper des Weibes.
Achmet bietet nur eine Dekangestalt; die Analyse läßt die einzelne11
Komponenten deutlich erkennen, die sich ebenfalls aus Heniochos und Stier
ergeben: Ein Mensch in der Gestalt eines Kameles und mit dem Hals eines
Stiers. Die Tätigkeit des Heniochos ist nicht in das Bild aufgenommen, sondern
besteht als solche zu Recht. Auch Picatrix verlangt diese einfache Form«
er gibt ihm aber auch den Kopf eines Kamels und nun die Finger eines Rindes»
statt einer Ziege. Im Steinbuch heißt es, daß er die Gestalt eines Menschen
hat, der einem Kamel ähnelt und in den Fingern Klauen hat, die denen der
Kuh ähneln. Zahel und die übrigen späteren Texte streichen die orientalische11
Phantasieauswüchse, die das Sternbild des Fuhrmanns veranlaßt hat, 1111
stellen dafür als Dekangott ein Begleitgestirn aus der persischen Sphära-
d. h. aus der alten Sphära barbarica ein: den nackten Mann, der in der Han
einen Schlüssel trägt.
D er 3. D e k a n des S tie r s hat nach Varahamihira große weiße Zähne>
Füße wie ein Kamel und einen elephantenähnlichen Körper. Das geht 111
direkter Linie zurück auf eine Verschmelzung der antiken Gruppe der H y a d e 11’
die in den Hörnern des Stiers und in dessen Stirne liegen, mit der schon er
wähnten arabischen Deutung dieser Gruppe als kleine Kamele. Die Hyade^
haben die Römer schon in alter Zeit als Schweinchen (suculae) bezeichne >
aus der Mehrzahl der Hyaden hat sich im Griechischen frühzeitig die K°
lektivform Hyas gebildet, ebenso aus den suculae, den Schweinchen dJ
sucula, die Muttersau. Im runden Tierkreis zu Dendera erscheint in folge
richtigem Bild hier als Dekan eine Sau. Der Inder hat davon nun als Übef'
bleibsel die großen Zähne, und der Körper hat das Riesenmaß eines Elephante11
bekommen. Aus der arabischen Bezeichnung als kleine Kamele ist die käme
förmige Bildung der Füße und die bräunliche Hautfarbe bei dieser Kreuzung
der verschiedenen Gestirndämonen zustande gekommen.
Apomasar verschönt nicht besonders dieses Bild dadurch, daß er die
Zähne aus den Lippen herausragen läßt und dem Gott weiße lange Zähne un
Füße gibt. Der Körper bringt noch die Rassenmerkmale des Löwen zu dene”
des Elephanten; die Kamelfüße sind geschwunden, und die Farbe hat sic
in Rot gewandelt; das deckt sich etwa mit der astrologischen Zusammenstellung
der beiden Hörnersterne mit dem Planeten Mars. Dazu kommt als neue Zuta •
ein Teppich, eine große Decke und ein schwarzer Zobelpelz. Diese Erweiterung
ergibt sich aus dem Sternbild des Orion, der aus seinem Gewand, dem Löwen
feil, das als Paranatellon dieses Dekans genannt wird, sich diese Dinge zurecn
machen lassen und dem Dekangott abtreten mußte. Dazu kommen aber noc ^
als weitere Füllsterne ein nördliches Pferd, ein Hund und ein Kalb hinzu, ^
stalten, die sich aus Sondernamen der Begleitsterne leicht enträtseln. B ie
ist die Aktion zum Füllbild geworden; denn nach Varahamihira ist sein Sin11
erfüllt von Begier nach Schafen und Wild.
Der griechische Text des Apomasar deckt sich in allem mit diesen ara
bischen Darstellungen; nur beschränkt er sich in der Farbe lediglich auf da
Gesicht; damit wird er der eben erwähnten planetarischen Charakterisierung
der Hörnersterne und des Aldebaran als Sterne des Mars besser gerecht; denn
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Stierdekane — Zwillinge 123
die übrigen Sterne der Hyaden werden zu Saturn und Merkur gezählt, ver­
langen also eine andere Farbe. Die lateinischen Übersetzungen lassen die
drei Begleittiere weg, nur Hermann Dalmata läßt das nördliche Pferd dabei­
stehen. Sie geben dem Gesicht und den Haaren die rote Farbe. Achmet hat
dieselbe Mischbildung, jedoch sind Haut und Haare nun gelb geworden,
seine Füße sind wie Salzkörner. Die Teppiche beschäftigen nur sein Sinnen
und sind als Begleitstücke aus dem grotesken Bild verschwunden. Dagegen
schließt sich Picatrix wieder ganz eng an Apomasar an, er schildert den Dekan
als Mann mit blendend weißen Zähnen, seine Farbe ist rot, der Leib gleicht
dem eines Elephanten, und er hat lange Beine. Geschwunden ist also die Gleich­
setzung des Leibes mit dem des Löwen und auch die Kamelfüße. Auch die
drei mitheraufkommenden Tiere sind bei Picatrix lebendig geblieben. Im
Steinbuch sind nur zwei Tiere genannt, vor dem Ungetüm ist ein Kalb, hinter
ihm ein Hund, in dem Dekan selbst sind die Mischformen noch durch den
Zusatz vermehrt, daß er einem Neger gleicht. Das Bild bringt folgerichtig
einen Elephanten mit einem Negerkopf.
Zahel und die anderen lateinischen Texte des ausgehenden Mittelalters
Setzen als Dekangottheit hier einen nackten Mann ein, der in seiner Hand
eine Schlange und einen Pfeil trägt. Boll bemerkt zu dem Begleitgestirn, das
!n der persischen Liste zu diesem Dekan genannt wird und das als stehender
Mann, der eine Schlange hält, geschildert wird: „sicher Ophiuchos in der
ßysis“ . Wir hätten also hier die bis jetzt ganz isoliert dastehende Erschei­
nung, daß als Dekangott ein Gestirn auftritt, das im Westpunkt steht, wenn
der Dekan selbst aufgeht. Ich vermag diese scharfsinnige und auf den ersten
&lick bestechende Interpretation nicht zu teilen. Einmal stoße ich mich an
astronomischen Gegebenheiten und dann an der Tatsache, daß Ophiuchos
niemals mit einer Schlange u n d einem Pfeil dargestellt wird. Wir werden
vielmehr auch in diesem Bild nichts anderes als den Fuhrmann vor uns haben,
dessen Zügel zur Schlange und dessen Peitsche oder Stab zum Pfeil mit einer
Schlange entartet sind, wie anderwärts ein Schlüssel oder ein Speer daraus
geworden ist. Daß er nackt ist, trifft den Typus des Desultor und die anderen
nur mit einem Lendenschurz bekleideten Gestalten, welche die Sternsagen
des Fuhrmanns verlangen.

3. Z W I L L I N G E

Daß d ie e r s te G o t t h e it d er Z w illin g e bei dem Inder durchweg,


auch in verschiedenen Wiedergaben des Apomasartextes, bei Achmet und
Picatrix als eine Göttin erscheint, könnte auf eine Vertauschung mit dem
3 - Dekan der hermetischen Dekankataloge zurückgeführt werden.1) Warum
sie im Nähen geschickt ist und die Arme erhoben hat, kann durch die Haltung
der Isis und ihr Sistrum erklärt werden. Vielleicht kommt die merkwürdige Be­
hauptung, daß sie in der Luft steht, die sich im arabischen Text findet, von
der astrologischen Terminologie, welche die Tierkreisbilder an die vier Ele­
mente aufteilt und dabei auch die Zwillinge mit dem Widder und Stier sum-

1) D ie D ekan b ü ch er des H erm es stellen den 1. u nd 2. D ek an als M ann, den


3- als F ra u dar, die oben gen an n ten K a ta lo g e h ab en gerade die u m gekeh rte R eih en ­
folge. In dem lateinisch en K a ta lo g des H erm es w ird Isis als H errin des 3. D ekan s
genannt.
124 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatuf

marisch als luftartige Gebilde bezeichnet.1) Warum Scaliger hinter dieser


Göttin den Namen Sarcinatrix in Klammern gefügt hat (S. 338 der M a n iliu s -
ausgabe vom Jahre 1651), erklärt sich aus der Charakteristik, daß sie im Nähen
geschickt ist.
Mit der Göttin läßt Apomasar noch den Spiegel der Spiegelpolierer auf-
gehen. Das ist eine Neuerung, die kaum auf ein Sternbild zurückgehen kann,
denn die Krone, welche gelegentlich als Spiegel erscheint, ist gerade unter-
gegangen, wenn der erste Dekan der Zwillinge aufgeht. Vielleicht hat einer
der Orionsterne diesen Namen bei den Arabern gehabt. Als Mondstation
käme der helle Stern in der Schulter in Betracht, der bei den Indern den
Namen Edelstein, Knospe oder auch Auge trägt. Picatrix stellt Tiere zu dieser
Göttin, er gibt ihr zwei Kälber und zwei Pferde, das Steinbuch zeichnet den
Dekan nur noch als zwei junge Stiere. Sie dürften aus den P a r a n a t e l l o n t a
des Ptolemäus zu erklären sein, welche Sterne des Stiers und des Fuhrmanns
zu diesem Dekan nennen. Die übrigen späteren Dekanlisten durchbreche11
nochmals die Tradition und setzen seit Zahel an Stelle der Frau einen Mann,
der eine Rute in der Hand trägt und einem anderen dient. Das ist eine Er­
weiterung des Mannes, der einen Stab in der Hand hat (= Heniochos) unö
in der Sphaera barbarica unter den Begleitgestirnen dieses Dekans erscheint-
Der andere Mann, der in den von Zahel abhängigen Texten, als dessen cl^n'
tulus erscheint, kann entweder durch eine falsche Interpretation seines T e x t e s
entstanden sein oder es ist Engonasin, der mit dem nächsten Dekan aufgen
und in der Sphaera barbarica als Hercules, der auf seinen Knien hockt, be­
zeichnet wird.
Der 2. D e k a n läßt eine Gestalt der beiden Zwillinge in der indischen
Ausschmückung erkennen. Aber auch Überreste der ägyptischen vogej'
köpfigen Dekane und ihrer Krone gehen in mannigfachen Versionen d u r c n
die spätere Literatur. So gleicht nach Picatrix sein Gesicht dem PhöW*>
während er bei Varahamihira ein Saruda (Visnu’s Reitvogel)-Gesicht ha ■
Der Bogen und die Pfeile, die er trägt, erinnern ebenso wie bei dem dritten
Dekan an die Gestalt Apollos, der in der griechischen Mythologie als einei
der beiden Zwillinge identifiziert wird. Varahamihira läßt ihn in einem G a r t e n
stehen, Apomasar macht daraus den Blumengarten, der mit ihm aufsteig •
Die griechische Übersetzung gestaltet das wieder zu einem Affekt aus,
liebt es, sich in die Gärten und dorthin zu setzen, wo Wohlgerüche sin •
Die lateinische Übersetzung der Sloanehandschrift läßt ihn ein w o h l r i e c h e n d e
Holz aus dem Paradies tragen und einen Gärtner neben ihm aufsteigen-
Nach Hermann Dalmata stiehlt er Äpfel aus einem Garten, der mit ihm zU
gleich mit wohlriechenden Hölzern aufsteigt. Nach Abano tritt er in einen
Garten, wo Pfropfungen und Bäume sind. Abano macht also eine Art vo
Pflanzgarten daraus. Das astrale Vorbild ist Herakles und der Baum, c ll
unter den Paranatellonta der Sphaera barbarica bei diesem Dekan ge
nannt sind. t
Zahel und die spätere Entwicklung streicht das ganze Gebilde und se
dafür das männliche Wesen mit der Flöte und den krummen Mann, der na^- ^
Agrippa und dessen Vorlage die Erde gräbt. Beide stammen aus den P a r a n a

1) V g l. C. C. A . V I I 104 adn ., dazu C u m o n t , Z o d iacu s b e i D a r e m b e r g - S aglio io6z>


u nd B o l l - B e z o l d - G u n d e l , S te rn gla u b e und S tern d eu tu n g, 4. A . 54, 134.
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Zwillinge — Krebs I2 5

tellonta der Sphaera barbarica dieses Dekans, es ist der Mann, der eine goldene
Flöte hat, worauf er spielt, und Hercules, der auf seinen Knien hockt (Engo-
nasin).
D er 3. D e k a n d er Z w illin g e hat, wie Boll erkannt hat, in der indischen
und der arabischen Version die Züge des Apollo, des einen der beiden Zwill­
inge nach griechischen Sternsagen, getreulich beibehalten. Seine Bewaff-
nung, sein Bogen und sein Pfeil wird etwas umgeändert, er bekommt ein
Panzerhemd, eine Armbrust und Köcher (Varahamihira, der ihm noch so
viel Edelsteine, als das Meer enthält, gibt, Apomasar, Picatrix und Stein­
buch). Apomasar läßt zu dem Besitz an Waffen noch den Affekt treten, daß
dieser Dekan Waffen sucht — die alte Dekanaktion, daß der Dekan den Krieger
und alle Waffentätigkeit schützt, ist wieder in eine psychische Eigenschaft
des Gottes selbst umgewandelt. Achmet läßt ihn Menschen suchen und um
'hn Zaba sein. Was unter letzterem gemeint ist, kann ich nicht erklären —
n»an kann an 7] = Meer denken, oder es steckt ein arabisches Wort da­
hinter, das vielleicht die Laute1) oder die Edelsteine bedeutet, von denen
Jn den anderen Texten die Rede ist. Nur Agrippa setzt zu diesem Dekangott,
der wie gesagt deutlich die wesentlichen Züge Apollos beibehalten hat, eine
zweite Gestalt, einen Toren, der in der rechten Hand einen Vogel und in der
Linken eine Flöte hält. Diese Zusatzfigur repräsentiert im Astrolabium Planum
allein den Dekan. Sie ist auf ihre Herkunft leicht zu bestimmen, es ist einfach
die alte Aktion des Gottes, die auf Musik und Scherz gerichtet ist, zu einer
Person gestaltet worden.

4. K R E B S

Eine vielfache Mischung von Lebewesen weist d er 1. D e k a n d es K r e b ­


ses auf. Varahamihira gibt ihm einen elephantenähnlichen Körper, breite
Füße, wie die eines Kamels, das Gesicht eines Ebers und den Hals eines Pfer­
des. Dazu trägt diese Ausgeburt einer zügellosen Phantasie Blätter, Wurzeln
Und Früchte. Apomasar nennt ihn einen schöngestalteten jungen Mann, sein
Körper gleicht dem des Pferdes und des Elephanten, seine Füße sind weiß,
nnd an seinen Fingern und seinem Gesicht ist etwas Krummes. Der Pflanzen­
schmuck ist derselbe, dazu kommt noch seine Wohnung in einem Gebüsch,
ln dem Sandelholz wächst. Der griechische Text hebt an ihm seine schöne
Stola und einen ganz krummen Schmuck in den Fingern hervor. Die latei­
nischen Übersetzungen geben dieselben Mischpartien, aber sie bieten wohl
auch den Schlüssel, der dieses Rätselwesen erschließt. Denn in der Wenzel­
handschrift und von Abano wird er als Bacellarius bezeichnet; man darf das
^Vort mit dem griechischen ßobajXo? zusammenstellen und gewinnt also den
Sinn von Spaßmacher, Faselhans oder Diener der Kybele, Gallus u. ä. Sieht
nian nun darauf die Liste der Paranatellonta durch, dann bleibt der Satyros
als antiker Gegenspieler. Diese derbe antike Mischform mit dem pferde­
artigen Unterkörper und dem Kranz aus Epheu oder Weinblättern mit Trau­
ben ist der Keim, aus dem diese Dekanfigur aufgeschossen ist. Das Krumme,
das er in den Händen hält, geht auf das Tympanon oder auf den Schlauch
zurück, den man mit Vorliebe dem Satyr in die Hände gab; doch kann man

1) V g l. die L eier, d. h. ein S an g m it S aiten , die A p o llo n ach A p om asar tr ä g t, der unter
de" P a ra n ate llo n ta dieses D ekan s g en an n t w ird : B o l l , S p h aera 507.
126 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L ite r a t

auch an das Pedum, an die Syrinx oder die Traube denken, die als beliebte
Gegenstände den Satyrn begleiten. Daß er in den lateinischen Versionen
Apomasars als Gaukler bezeichnet wird, hat ebenfalls einen antiken Unter'
grund, denn in alten Gemälden werden die Satyrn auch als Seiltänzer in ver­
schiedenen Positionen gezeigt. Picatrix folgt noch einigermaßen der arabischen
Entartung, er nennt den Dekan einen Mann, der einem Pferde ähnelt, läß*
also die elefantenartigen Kennzeichen weg, sonst folgt er Apomasar. I10
Steinbuch ist er aber völlig als Mann charakterisiert, nur hat er einen ver-
drehten Kopf, krumme Finger und Feigenblätter über sich hängen. Zahej
hat diese Mischgestalt entfernt und dafür ein jungfräuliches Mädchen und
einen Mann eingesetzt, über dem Kleider und Schmuck sind. Das Mädchen
ist die erste der drei Jungfrauen, die mit diesem Dekan aufsteigt, der
Mann der indische Dekan Apomasars ohne die Tierattribute. Leopold von
Österreich und Agrippa behalten nur das Mädchen als Herrin dieses Dekanates-
Nach Agrippa hat es schöne Kleider und einen Kranz in den Haaren; daöm
ist die Paranatellontafigur als Venus charakterisiert, die zugleich die Herrin
dieser facies ist.
D er 2. D e k a n des K r e b s e s wird durchweg als weibliches Wesen ge'
zeichnet. Eine Schlange auf dem Haupt, Lotosblume, ein Wald und Aste
des Palasabaumes sind ihre Kennzeichen bei Varahamihira. Eine Königs'
kröne und einen Stab von Holz hat sie bei Apomasar, nur einen Kranz von
feurigen Farben und Düften und einen Baumzweig gibt ihr Achmet. Nach
Picatrix hat sie einen Wasserlilienstengel in der Hand und einen Kranz von
grünem Basilikum auf dem Haupt. Im Steinbuch trägt sie eine Krone aus
Myrtenblättern auf dem K opf und in der Hand einen Strauß von Sonnen*
blumen; dazu hält sie noch den Mund auf, als ob sie singen will. Es sind lauter
ganz leichte Umänderungen, die den alten Dekan der Göttin des Sirius, sel
es nun Isis, Sothis oder auch Satis, enthalten.
Dagegen büßt die alte Dekangöttin völlig ihre alten Insignien ein in
den späteren Listen. Zahel setzt zwei Mädchen hier ein, wovon die eine einen
Kranz hat, das ist die alte Dekangöttin. Das andere Mädchen bezeichnet er
einfach als puella alia virgo, es ist die zweite der Jungfrauen der Parana-
tellonta. Leopold von Österreich setzt hier den vorhergehenden Dekan Zahels
ein, er bezeichnet ihn als einen Mann mit schönen Kleidern. Agrippa bietet
an erster Stelle ebenfalls einen schön gekleideten Mann, an zweiter Stelle
nennt er einen Mann und ein Weib, die an einem Tisch sitzen und spielen»
eine bildhafte Gestaltung der Aktion des hier herrschenden Planeten Merkur»
wie sie Abano in dem Astrolabium gestaltet hat.
D er 3. D e k a n des K r e b s e s ist bei Varahamihira ein Mann, der von
einer Schlange umringelt ist und in einem Segelboot fährt. Das könnte nach
der Länge und auch nach der Liste der Paranatellonta das Schiff Argo sein-
Doch darf man auch erwägen, ob nicht hier der Dekan, der im Pronaosbil
von Dendera als Schlange im Schiff steht und als letzter Dekan den drei
Gottheiten im Schiff, Isis, Hathor und Horsamta folgt, eine einfache Weiter'
bildung erfahren hat und aus der Schlange zu dem menschenköpfigen Schlan'
gengott geworden ist. Sein Schiff wäre dann mit leichtem Weiterbau zum
Segelschiff geworden. Apomasar läßt das Schiff nur noch in den G e d a n k e n
des Dekans als Aktion, der Dekan hat als Sondermerkzeichen Füße, die denen
der Schildkröte gleichen. Hier ist der schon erwähnte alte Dekan Sit, der als
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Krebs — Löwe 127

Schildkröte bzw. als zwei Schildkröten dargestellt wird und nach der offi­
ziellen Zählung den vorhergehenden Dekan bildet, als wegbestimmend anzu-
Sehen. Daß der Sterngott einen Mantel und goldenen Schmuck trägt, mag
als Zutat dem Araber auf Rechnung kommen. Der griechische Text gibt statt
des Mantels eine Schlange, die der Dekan auf seinem Körper trä g t; er kommt
^so dem schlangenartigen ägyptischen Dekangott darin näher, den Vara-
hamihira schildert.
Picatrix lehnt sich an diese griechische Version des Apomasartextes an:
ist ein Mann mit einer Schlange in der Hand, dessen Fuß dem der Schild­
kröte gleicht, und mit einem goldenen Geschmeide. Ebenso ist er im Stein-
buch geschildert, nur hat er statt des Goldgeschmeides Sartales vor sich,
"'as eine besondere Art von Schlangen oder Fischen, aber auch Ketten be­
deuten kann. Verschwunden ist nunmehr das Schiff völlig auch aus der Aktion.
Nehmet hat die Schildkrötenfüße gestrichen, dafür findet sich die farblose
Kennzeichnung: der Fuß ist hinten von ihm. Die Schlange aber ringelt sich
mcht mehr um seinen Körper, sondern er hält sie in der Hand von sich weg.
Zahel und der Vindobonensis gibt einem Mädchen und einem Mann
die Herrschaft über dieses Dekanat. In dem Mann erkennt man den alten
mdischen Dekan ohne Attribute, das Mädchen ist die dritte der drei Jung­
hauen, die hier aufsteigt. Leopold von Österreich stellt hierher das Mädchen
mit der Krone, die Göttin des zweiten Dekanates. Agrippa schildert den Dekan
?-is Jäger mit Lanze und Horn, der seine Hunde herausführt zur Jagd. Man
lst versucht, darin Orion mit seinen beiden Hunden, dem Sirius und Prokyon,
erkennen. Die Beschreibung deckt sich mit der Darstellung dieses Dekans
lm Astrolabium Planum. Den Anlaß dürfte Sirius gegeben haben, der bei
mehreren Texten als Begleitgestirn des Krebses genannt wird. Doch wird es
Slch im Astrolabium lediglich um eine Illustration der Mondkinder handeln,
da Luna hier ihr Prosopon hat.

5. LÖW E

D e r 1. D e k a n des L ö w e n ist nach Varahamihira aus einer Mischform


gebildet, in der die Teile eines Mannes, eines Lämmergeiers und eines Schakals,
eines Hundes vermengt sind. Das ganze sitzt auf einem Salmalibaum.
*ier sind zwei alte Dekanformen, der falkenköpfige Gott in dem Rundbild
v°n Dendera und die hellenistische Darstellung des Dekans Chnubis als auf­
gerichtete Schlange mit einem Hunde- bzw. Löwenkopf ineinander gemengt.
^Us dem Schlangenkörper und dem Sockel, auf dem der Gott Chnubis zu
stehen pflegt, ist der Salmalibaum geworden. Aus dem Hundekopf ist nun
em ganzes Tier gebildet, das einem Schakal oder einem Hunde ähnlich sieht,
ebenso steht an Stelle des falkenköpfigen Dekans ein besonderes Tier, der
Lämmergeier neben dem anderen Wesen. Der Vergleich dieser Mischform
mit dem Hund fällt bei Apomasar weg, daraus wird ein weiteres gleichartiges
^esen, es sitzt also ein Hund, ein Schakal, ein Geier und ein Mann auf dem
l^aum. Dazu ist als Begleitgestim aus der Paranatellontenliste das nördliche
■^ferd, dessen Gestalt einem Bären gleichen soll, d. h. eine Entartung des
großen Bären, gekommen, ferner eine Pfeilspitze, ein Pfeil, der Kopf eines
Bundes und etwas, was einem Hunde gleicht. Diese Spukgestalten sind nichts
Weiteres als der bogenschießende hundsköpfige Sterngott, den Teukros er­
12 8 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literat^

wähnt, und der wohl eine ägyptische Sonderbezeichnung des griechischen


Sirius ist. Die Bestandteile ergeben sich aus der Mischung des hundeköpfigen
Anubis und der pfeilschießenden Satis, die beide in diesem Gestirn verkörpert
sind. Es darf auch noch erwähnt werden, daß auf dem Rundbild von Dendera
unter dem Löwen unmittelbar hinter der Sothiskuh eine pfeilschießende Götti«
dargestellt ist, die ebenfalls in der Vielheit von Dekangestalten bei A p o m a s a r
nachwirkt. Der griechische Text stellt aus den verschiedenen Elementen,
deren Untergrund wir herauszuschälen gesucht haben, einen Hund, Wolfs'
panther und einen um seine Eltern trauernden Mann auf den Baum. Als
Begleitgestirn nennt er einen Reiter, der nach Norden schaut, seine Gestalt
sieht einem Wolf ähnlich, er hat den Kopf eines Hundes und trägt einen Pfeil’
Achmet hat alles auf eine einzige Gestalt reduziert, aber was in den1
Text von dem i. Dekan ausgesagt wird, ist identisch mit der Schilderung-
die Apomasar von dem 2. Dekan des Löwen gibt. In dem Text des Palatinos
Graecus 312 wird nur als Besonderheit dieses Dekans erwähnt, daß er ein
Mensch ist, böse von Natur, ein Machthaber und getreidefarben. Auch in1
Picatrix ist die bunte Schar des Inders auf einen einzigen Mann zusammenge'
schrumpft, der schmutzige Kleider anhat. Mit ihm steigt der Herr des P f e r d e s
auf, das nach links, d. i. nach Norden blickt, die Gestalt hat die Mischf°rrI1
des Wolfes und Hundes, aber nicht mehr den Bogen und Pfeil. Nur eine einzige
Figur verlangt das Steinbuch: es ist ein Mann, der auf dem Haupt eine Königs'
kröne trägt, und in der Hand einen Bogen, als wenn er mit ihm zielen wolle
die letzte Wiederherstellung des alten xuv07rp6c7W7T05 To^eutov.
Zahel hat als Neuerung die Gestalt eines Löwen, führt also nunmehr das
Tierkreisbild des Löwen als Dekan ein; dazu stellt er noch einen Mann, über
dem ausgespannte Kleider sind. In dem letzteren erkennt man den Mann«
der kostbare, aber beschmutzte Kleider anhat und unter den vielen Ge'
stalten erscheint, die nach Apomasar dieses Drittel beherrschen. Aus den von
Zahel und den anderen lateinischen Sonderlisten gegebenen Elementen ist
nun als letzte Metamorphose unter Heranziehung des nördlichen Pferdes,
bzw. des Reiters die Figur geworden, die Agrippa beschreibt: ein Mann, der
auf einem Löwen reitet.
D er 2. D e k a n des L ö w e n ist bei Varahamihira pferdegestaltig, hat
einen weißen Kranz auf dem Kopfe; eine gebogene Nasenspitze und der Bogen
sind weitere Merkmale. Man darf dieses Bild als eine Erweiterung des hunds-
köpfigen Schützen bei Teukros bezeichnen, der bei Apomasar unter die Be'
gleitgestalten des 1. Dekans gekommen ist. Daß er ein Wams von schwarzen1
Fell trägt und unerreichbar wie ein Löwe ist, kommt auf Kosten der P h a n t a s i e
des Inders. Apomasar scheint dieselbe Gestalt zu zeichnen. Nur kommt das
Pferd ganz in Wegfall; die Nase des Dekans wird in verschiedenen V e r s i o n e n
als bedeutsam hervorgehoben. Sie wird bald schmal, bald klein und dünn
und dann als pavianartig bezeichnet. Der Kranz, der Bogen und der zornige
Ausdruck sind geblieben; neu ist nun in einer leichten Angleichung an das ZU'
gehörige Tierkreisbild, daß er in ein Gewand von der Farbe eines Löwen ein'
gehüllt ist. Der griechische Text läßt jede nähere Bezeichnung der Nase weg,
der Gott ist hier ganz als Mensch aufgefaßt. Er wird als zarter Mensch hervor-
gehoben, der zornig ist, und wenn er zornig ist, gleicht er einem Löwen. Hier
ist also die frühere Tierform ganz als Affekt ausgebaut. Achmet schildert ihn
ebenfalls als Mensch, läßt aber die Nase einem Affen ähnlich sehen.
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Löwe 129
Das Steinbuch gibt die tierartigen Attribute als Sonderwesen; vor dem
menschenartigen Dekan, der bekleidet ist, steht ein Bär, hinter ihm ein Hund.
Per Bär ist natürlich aus den Paranatellonta übernommen, in dem Hund
lst der letzte Überrest des hundsköpfigen Schützen des Teukros (Sirius) zu
sehen.
Im Picatrix sind alle Tierattribute geschwunden; ein Kranz von weißem
Basilikum und der Bogen sind die letzten Kennzeichen geblieben. Zahel
bildet den Dekan als Doppelwesen, es ist ein Bild, das die Hände erhoben hat,
Und ein Mann mit einer Krone auf dem Haupt. Die erste Figur ist aus den
Paranatellonta übernommen, die z. B. bei Apomasar an erster Stelle einen
Götzen bringen, der seine Hände nach oben erhebt und laut schreit. In der
^Veiten Gestalt haben wir das letzte schwache Echo der alten Dekangottheit.
Agrippa zeigt eine abermalige Neubildung, denn er fügt zu den von
Zahel, Leopold von Österreich und dem Vindobonensis genannten beiden
Gestalten noch eine dritte Figur hinzu, es ist ein zorniger, drohender Mann,
der in der Rechten ein aus der Scheide gezogenes Schwert und in der Linken
einen Schild hat. Man kann das als den letzten Ausläufer des bogenschießenden
nundeartigen Sterngottes ansehen, der natürlich in dieser letzten Entwick­
lung kaum mehr den früheren Ursprung erkennen läßt.
D er 3. D e k a n bei Varahamihira hat das Gesicht eines Bären; sein affen­
artiges Benehmen, krauses Haar, ein langer Bart sind weitere Kennzeichen
dieses sonst menschenartigen Dekans. Als Beigaben werden noch ein Stab,
flü ch te und Fleisch hervorgehoben. Die wichtigsten Attribute, Gesicht eines
~ären und Pfoten eines Affen, hat der Inder aus der Liste der Paranatellonta
übernommen; denn nach Ptolemäus steigen mit dem 2. Dekan des Löwen
die Schultern und der rechte vordere Hinterfuß des Großen Bären, im 3. Dekan
uie Brust desselben auf. Daraus ist nun die Menschengestalt mit dem Bären-
k°pf und den krausen Haaren und mit weiterer Entartung die Pfoten eines
■^ffen geworden. Die Keule und die Nahrungsmittel verdanken ihre Existenz
ebenfalls einem der mitaufgehenden Gestirne, nämlich dem Becher, in dem
f;in ist, und der Peitsche (Mastix), welche Teukros dem hier aufgehenden
f e it e n Wagenlenker in die Hand gibt. Apomasar läßt in der Zeichnung
Uie Tierform weg, nur der Neger und das häßliche, abscheuliche Äußere ge­
mahnen daran. Die Eßwaren, die Varahamihira dem Dekan in die Hand
?lbt, rücken eine Etappe höher, der Dekan hat nunmehr Obst und Fleisch
seinem Mund, wodurch das Bild nicht gerade an Schönheit gewinnt. Aus
ueni Sternbild des Bechers ist eine Gießkanne geworden, die der Neger in
seiner Hand trägt. Der griechische Text spricht von einem Wasserbecken
^Ud läßt den Dekan Früchte und Fleisch essen. Ibn Esra scheint sich dem
fiteren Bild bei Varahamihira zu nähern, nach Scaligers Übersetzung hat der
Äthiopier Leckerbissen im Mund und Fleisch in seiner Hand.
Achmet hat wieder eine andere Gestalt, der Dekan ist ein Mensch, der
eUiem Affen ähnlich sieht. Hier scheint plötzlich der alte pavianartige Dekan­
a t Hapi wieder aufzutauchen; inwieweit die Affenpfoten, die Varahamihira
ervorhebt mit diesem Gott Zusammenhängen, ob sie sekundär erst das Ge-
ude bei Achmet veranlaßt haben, kann nicht gesagt werden. Der Stab, den
in der Hand hält, deutet wieder auf das Szepter der ägyptischen Dekan-
j^-ter. Ganz neu ist die Beigabe, daß rund um ihn Krätze und Jucken ist.
er Palatinus sagt wohl richtiger, daß er am Körper Krätze und Jucken,
Studien der Bibliothek Warburg, 19. Heft: G u n d e l q
130 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatu*

also einen schlimmen Aussatz hat. Der Untergrund dieses Zusatzes ist natür­
lich nicht in einem Bild oder verballhornierten Sternnamen zu suchen, sondern
liegt in den Lehren der Dekan-Jathromathematik. Danach muß der Dekan ml
dieser Krankheit in einem ursächlichen Zusammenhang gestanden haben,
dasselbe begegnet uns noch einmal an einer anderen Stelle des Dekanbuches,
nämlich in dem 3. Dekan der Jungfrau; nach Apomasar hat diese Gotthel
Aussatz an den Händen, d. h. sie teilt ihn mit ihren Händen aus oder heil
diese schlimme Krankheit (S. 132).
Die Schilderung des Picatrix greift zu der Formung des A p o m a s a r
zurück, er setzt den häßlichen Neger in die Rechte des Dekangottes ein und
gibt ihm Früchte und Fleisch in den Mund und eine Kanne in die H and -
Er erweitert die Häßlichkeit des Astralgottes noch durch den Zusatz, daß er
ein häßlicher Alter ist. Dasselbe Bild verlangt das Steinbuch; es ist ein altt’r
Mann mit einem häßlichen Gesicht, er hat Fleisch im Mund, das er zu essen
scheint, und in der Hand eine Waschschüssel — die letzte Entartung der
Göttin Anukis, die im runden Tierkreis zu Dendera die Wasser des Nils ausgieß ■
Zahel beleuchtet zwei Gottheiten, einen Jüngling, der eine Statue m
seiner Hand trägt, und einen Mann mit heftiger Trauer und häßlichem Gesich •
In dem letzteren lebt der seither besprochene Neger weiter; die andere Gesta
ist aus den Paranatellonta übernommen, es dürfte eine leichte Verschiebung
des kleinen Kindes sein, das nach Teukros den Becher hält. Agrippa glD
auch zwei Gestalten, die zweite deckt sich mit dem häßlichen traurigen Mann
Zahels, die erste ist ein Jüngling, der eine Peitsche hält, also ebenfalls eine
alte Paranatellontafigur, denn der junge Mann mit der Peitsche ist nac
Teukros der zweite Fuhrmann.

6. J U N G F R A U

Für den 1. D e k a n d er J u n g fr a u hat das gleichnamige Sternbild de5


Tierkreises die Farben gegeben. Varahamihira zeichnet die Gottheit als ein
jungfräuliches Mädchen, das ein mit Blumen gefülltes Gefäß trägt; in l e t z t e r e m
ist eine Weiterbildung des alten Attributes der Ähre versteckt, die nach antiker
Ikonographie die Jungfrau in der Hand trägt. Warum sie nun aber s c h m u t z i g
gekleidet ist, läßt sich nicht ganz eindeutig sagen. Vielleicht wirkt hier fl
alte ägyptische vorhergehende Dekangottheit weiter, die in Esne als Mumi^
des Osiris bezeichnet ist. Daß sie Kleider, Vermögen, Ehe und W oh lstan ^
liebt und in das Haus des Lehrers geht, erklärt sich aus der Wirkung der Ju^ -
frau in der Genethlialogie.1) Der Ähre dürfte die weitere Ausschmückung ^
Apomasar ihre Entstehung verdanken, der dieser Jungfrau ein Körbchen u
ein kleines Gefäß in die Hand gibt und sie inmitten von schönem Basiliku
stehen läßt. Apomasar läßt auch sie zu den Wohnungen ihrer Geliebten u
Freunde gehen; die griechische Übersetzung läßt sie die väterlichen Geze _
aufsuchen, während nach der lateinischen Wiedergabe in der S l o a n e h a n
schrift sie die väterlichen Wohnungen aufsucht, wobei der Palast des Va e
noch besonders hervorgehoben wird. Hier dürfte entweder die in diese

1) Sie geh ö rt dem M erkur, dem G o tt der W eish e it und der W issen sch aft, un
ze u g t daher L e u te , w elche d adu rch au sgezeich n et sind, als B eisp iel aus vielen g etl
V e ttiu s V a len s I cap. 2, 10, 15 K ro ll.
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Löwe — Jungfrau 131
Tierkreis versternte Erigone, die ihren Vater sucht, das Vorbild sein, oder
das Atrium, das zu den Paranatellonta gehört.
Achmet behält den Typus Apomasars bei, nur gibt er der Göttin gebrauchte
Weiße Kleider, eine Umschreibung der schmutzigen Kleider der anderen
Listen. Die Zelte, bzw. den Palast des Vaters eliminiert er und läßt nur die
Sorge übrig, den Vater, die Mutter und die Lehrer aufzusuchen. Das Körb­
chen mit den duftenden Blumen ist bei Picatrix zu einem Granatapfel ge­
worden, ein der Ähre entsprechendes Symbol der Fruchtbarkeit. Das Stein­
buch verlangt den Tausendkern in ihrer Hand, das ist eine durchsichtige Wei­
terbildung des Ährenbündels der Jungfrau, der Maler hat das nach seinem
Sinn interpretiert und ihr ebenfalls nun den Granatapfel in die Hand ge­
geben. Zahel und die anderen lateinischen Texte lassen alle Attribute weg
und bezeichnen den ersten Dekan nur als ein gütiges (schönes) Mädchen.
Agrippa fügt dazu noch eine zweite Gestalt, einen Mann, der Samen auswirft.
Eine Verbildlichung der Wirkung, die man diesem Dekan auf landwirtschaft­
liche Tätigkeiten zuschreibt. — Nur Ludovicus de Angulo und Fontana
stellen aus der Liste der Paranatellonta Isis und Horus bezw. Maria und
Jesus in die Rechte dieses Dekanes ein (s. u. S. 170 und 367 t.).
D er 2. D e k a n der J u n g fr a u zeigt eine systematisch weiterschreitende
Erweiterung. Varahamihira verlangt einen völlig behaarten Mann mit einem
Tuch um den Kopf, er hält einen großen Bogen und trägt eine Feder in der
Hand und prüft Einnahmen und Ausgaben. Letzteres ist nun bei Apomasar
zu dem konkreten Deutezeichen eines Tintenfasses geworden. Jedenfalls ist
bereits Varahamihira mit der Beigabe der Feder zweideutig geblieben und
hat wohl das vorliegende Wort für Pfeil oder Rohr, das als Gegenstück zu
dem Bogen gehört, falsch oder doppelsinnig interpretiert. Die Behaarung des
ganzen Körpers hat auch Apomasar beibehalten, aber den Bogen gestrichen,
dafür ihm aber drei Kleider, das eine aus Fellen, das zweite aus Seide, das
dritte als roten Mantel gegeben. Als Urbild dürfte Bootes dahinter stecken,
der als Arkturos dem Epitheton der völligen Behaarung entspricht, da er nach
der Sternsage ein Sohn der Bärin ist und ihr mit den Waffen als Jäger nach­
setzt. Für dieses Sternbild paßt aber auch das Tintenfaß und die Prüfung
der Rechnungen und Ausgaben. Denn nach Manilius V 360 haben es die
Unter dem Bootes Geborenen mit dem Zensus zu tun. Sie haben ihr Augen­
merk zu schenken den Schätzen eines Königs und den heiligen Staatskassen.
Wie die Wirkung des Arktophylax, so gehört auch die astronomische Forde-
rung hierher, denn Bootes gehört zu den Begleitsternen dieses Dekans. Der
Mantel entspricht ebenso wie der Bogen mittelalterlichen Darstellungen.
Daß der Mantel rot ist, erklärt sich aus der roten Farbe des hellsten Sternes
dieses Bildes, der zu den Marssternen gehört.1)
Aus dem Tintenfaß hat der Byzantiner eine kleine Flechte auf der Stirn
gemacht infolge einer falschen Interpretation des arabischen Wortes, wie
Dyroff bemerkt. Achmet behält den Typus des behaarten Menschen bei, gibt
ihm aber nur ein Kleid aus Fellen, d. h. seine natürliche Tierhaut, dazu noch
Rinden von Bäumen und TcpavSia, deren Erklärung unklar ist. Der Palatinus
läßt neben dem Fellgewand nur Rinden von Bäumen um den Sterngott sein.
Die Farbe wird honigfarben genannt, was der Zusammenstellung des ganzen

i) B o l l , A n tik e B eo b a ch tu n g en farb ig e r S tern e a. O . 1 1 , 10. 40.


9*
132 D ie Bilder der D ekane in der abendländischen und orientalischen L itera l^

Sternbildes mit dem Planeten Merkur und Mars gerecht wird. Der Dekan hat
bei Achmet einen Rohrbehälter für Rohrfedern in der Hand. Im Picatn*
ist der Dekan von seiner Häßlichkeit befreit. E r ist ein Mann von schöner
Farbe und hat nur noch zwei Gewänder, eines aus Fellen und das andere aus
Eisen. Im Steinbuch ist er nur noch ein Mann im Panzer. Zahel hat die wich'
tigsten körperlichen Attribute beibehalten, aber auf zwei Gestalten verteilt •
ein Neger, der mit einem Kleid und mit Fellen bekleidet ist, und ein Mann
mit Haaren. Von den anderen lateinischen Texten gibt wieder nur AgripP3
insofern eine Erweiterung, daß er der behaarten zweiten Gestalt noch l o c u l o s
in die Hand gibt, d. i. Kästchen mit Münzen.
Hinter dem 3. D e k a n d er J u n g fr a u ist das Tierkreisbild mit geringe1"
Variierung zu erkennen. Varahamihira nennt sie eine Frau mit weißgelbeflj
Teint, gekleidet in gut gewaschenen feinen Bast, sie trägt einen Topf und
Löffel in der Hand und nähert sich einem Tempel. Man sieht die in dein
Tierkreisbild versternte Göttin Isis mit der Isisklapper, dem Sistrum u1
leichter orientalischer Umformung. Den Tempel hat man aus dem Atriuin
des Teukros zu erklären, das im ersten Dekan der Jungfrau herauf kommt un<J
das Boll (Sphaera 211) als den hypäthralen Tempel der Isis identifizieren
konnte. Apomasar läßt die Farbe weg und bezeichnet die Frau dafür als taub,
vermutlich eine falsche Übersetzung der Farbenangabe der persischen Zeich'
nung. Sie bekommt statt der weißen Seide einen gefärbten und gewaschenen
Mantel, der nicht trocken geworden ist. Diese bei einer Göttin nicht gerade
imponierenden Begleiterscheinungen sind aus der arabischen Astrothesie zu
erklären, die den Mantel bzw. die Schleppe der Jungfrau in den schwach'
leuchtenden Fußsternen sucht. Nach Kazwini heißen sie die Decke und haben
ein so schwaches Licht, als wenn sie bedeckt wären (Id e le r a. O. 169)'
Daß sie an den Händen Aussatz hat, erklärt sich wie bei dem 1. Dekan aus
iathromathematischen Sonderlehren oder aus einer falschen I n t e r p r e t a t i o n
des indischen Wortes für die Geräte, welche die Frau trägt.
Achmet setzt an die Stelle dieses weiblichen Dekans einen edlen, weiße^
Mann. Um ihn sind gefaltete Kleider, auf denen er sich ausruht; er d e n k
an die Gründung von Kirchen und Tempeln. Picatrix vereinigt diesen n e u e n
männlichen Dekan mit dem alten Bild der Isis, bzw. der Jungfrau und bilde
nun folgende Metamorphose: ein Mann von großem Körperbau, weiß, ein'
gehüllt in ein weißes Gewand — das ist wohl wie auch bei Achmet kein an-
derer als Bootes — und eine Frau mit schwarzem ö l in der Hand, das die
Magier beim Opfern darbringen. Auch das Steinbuch verlangt einen Riesen,
der ein Kopftuch hat, und ein Weib, das vor ihm steht und einen Ölkrug
trägt. In dem Weib steckt unverkennbar die alte Dekangöttin.
Zahel und die anderen spätmittelalterlichen Texte gehen den von Ap°'
masar gewiesenen Weg, es bleibt die taube weiße Frau in ihren Rechten dieses
Dekanates. Nur Agrippa bietet dazu noch die schon bei Achmet auftauchendc
männliche Gestalt, zeichnet sie aber als einen Greis, der sich auf seinen Sta
stützt. Das ist natürlich kein anderer als wiederum Bootes ebenso wie bei
Achmet. Er erscheint unter den Paranatellonta dieses Dekans und als Greis
ist er in der antiken Literatur öfters gekennzeichnet.1)

1) B elege b ei G u n d e l , De stellarum ap p ellatio n e e t religion e R o m an a ^


I I I 2, 148, 1.
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Jungfrau — Waage 133

7. W A A G E

Auch im 1. D e k a n d er W a a g e ist das zugehörige Sternbild des Tier­


kreises, die Waage, für das Bild dieses Gottes maßgebend geblieben. Die Zeich­
nung bei Varahamihira als Mann mit einer Waage in der Hand gibt den an­
tiken Typus dieses Tierkreisbildes als Waagemann. Daß der Gott noch Gegen­
stände in der Hand hält, deren Preis er durch Messen und Wiegen feststellt,
ist eine Übertragung der Wirkung, die das Tierkreisbild im Horoskop auf die
Neugeborenen ausübt, auf die äußere Bildung des Gottes selbst. Apomasar
erweitert dieses Bild, er läßt nämlich den Gott in einer Bude auf dem Markt
sitzen. Man kann an eine Nachwirkung des antiken Typus denken, der be­
sonders in den Darstellungen der hellenistisch-ägyptischen Monumente den
Gott der Waage in einem Kreis einschließt. Die byzantinische und die latei­
nischen Schilderungen zeigen nur Varianten dieser Bude. Der Byzantiner
macht daraus eine W erkstatt, die lateinischen Texte ein Zelt. Achmet bezieht
diesen Teil des Bildes auf die Aktion, der Dekan treibt sein Wesen in Werk­
stätten und Märkten, in Gewichten und Maßen.
Eine völlige Umgestaltung des Bildes zeigt Picatrix und das Steinbuch
Alfonsos X . Es ist ein Mann mit einem Speer in der rechten und einem umge­
kehrten Vogel in der linken Hand. Der Mann, in der Rechten einen Stab, ist
natürlich Bootes, der allerdings um einen Dekan zu spät unter die Parana-
tellonta geraten sein muß.1) Der umgekehrte Vogel in der linken Hand wird
'Wohl der Rabe sein, dessen Schwanz unter den Paranatellonta nach Ptole-
niäus mit dem Dekan aufsteigt. Das scheint mir näher zu liegen als auf eine
Kombination des Bootes mit dem Raben zu schließen, der auch noch als
ßegleitgestirn zu diesem Dekan gehört.
Zahel hat auch dieses Bild verdrängt und bietet dafür einen zornigen
Mann, der in seiner Hand eine Flöte trägt. Dieses Bild, das auch die anderen
späteren Listen wiederholen, geht auf die Texte der Sphaera barbarica zurück,
die unter den Paranatellonta einen Mann erwähnen, der einem Zornigen
ähnlich ist. Er bekommt außer der Waage, die er in der linken Hand trägt,
bei Apomasar einen Strick, was wohl die mehrdeutige fistula Zahels hervor­
gerufen hat. E r geht auf das Sternbild zurück, das von Teukros als Hades
bezeichnet wird.2) Agrippa erweitert auch hier diesen Dekan, den er nach
Zahel beschreibt, durch eine zweite Gestalt, nämlich durch einen Mann, der
in seinem Buch liest. Man kann die 15. Mondstation, die Agrippa II 46 als
einen sitzenden Mann beschreibt, der einen Brief liest, zur Erklärung heran­
ziehen. Aber auch hier liegt es näher, an die Paranatellonta der Sphaera bar­
barica zu denken, wo in diesem Dekan „geschriebene Bücher“ aufsteigen.
Sie werden z. B. in der lateinischen Apomasarübersetzung Abanos zum liber,
das der zornige Mann ( = Hades) in seiner Hand trägt.
D er 2. D e k a n der W a a g e hat nach Varahamihira den Kopf eines Geiers,
es ist ein Mann, der in der Hand einen Topf hält, und wünscht niederzufallen
°der niederzufliegen. Man darf ihn ohne weiteres als einen Typus der zahl­
reichen falkenköpfigen Dekangötter der Ägypter ansprechen, der Topf ist
1) D e r S ta b d ü rfte au s d er K e u le des B o o tes e n tstan d en sein, die er n ach P to l.
^ yn t. I I 48, 18 H eib . tr ä g t. Z u den D arstellu n gen des B o o tes m it lan gem S ta b in der
^ e ch te n is t S a x l , V erzeich n is astrolog. u. m yth o l. H andschr. a. O. I I 189 einzusehen.
2) B oll, S p h aera 418.
134 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur

eine verfehlte Wiedergabe des von dem Inder nicht verstandenen Lebens­
kreuzes. Daß er Hunger und Durst leidet, Frau und Söhne im Sinn hat, wird
ein persönlicher Zusatz des Inders sein, der vielleicht im Blick auf den müh­
seligen Mann, den Engonasin entstanden ist, dessen Sterne zum Teil nach
ihrer Länge in diesen Dekan gehören. Auch sein Gedenken an Weib und Kinder
dürfte aus diesem Bilde hergeleitet sein. Die Gestalt des vogelartigen Stern­
gottes behält Apomasar bei, er gibt ihr nur noch den Zusatz, daß er nackt ist,
durstig und schwach an Armen und zum Himmel fliegen will. Das dürften
entweder Erfindungen oder Mißverständnisse Apomasars sein, die mit Stern­
bildern schwerlich etwas zu tun haben.1) Die Übersetzungen des Mittelalters
behalten diese generellen Züge bei. Achmet hebt den Hunger und Durst
dieses adlerartigen Gottes hervor. Dagegen bringt auch hier Picatrix ein ganz
neues Bild, er schildert den Dekan als schwarzen Mann, der Hochzeit und
Vergnügen vorhat. Die Schlußcharakteristik ist eine Erweiterung der älteren
Aktion des Dekanes, der sich um Weiber und Kinder kümmert (Apomasar)
oder ebenfalls an Ehe und Kinder denkt (Achmet). Im Steinbuch ist er nur
als Neger gekennzeichnet. Der schwarze Mann könnte dem eben behandelten
Hades sein Dasein verdanken.
Zahel und seine Gefolgschaft streichen diese Astralwesen und ersetzen
sie durch zwei wütende und zornige Männer. Ideler erwähnt eine Interpre­
tation der arabischen Bezeichnung des linken Arms des Bootes, welche den
Namen dieser Sterne als filii altercationis deutet (a. O. 49). Diese Söhne des
Streites können, wenn die Erklärung richtig ist, den Grund dieser neuen
Dekanbilder gegeben haben. Näher liegt es aber, an Hades zu denken, der im
1. Dekan aufsteigt und im arabischen Text Apomasars einem Zornigen ähn­
lich genannt wird, und an Bootes, der im Arabischen der Schreiende heißt
und nach Ptolemaeus unter den Begleitgestirnen des 2. Dekans aufsteigt-
Agrippa fügt zu diesen beiden Gestalten noch einen Mann, der im Ornat
auf einem Katheder sitzt. Das kann der Wagenlenker sein, der mit diesem
Dekan aufsteigt und als sitzender Mann bezeichnet wird oder die 16. Mond­
station, die nach Agrippa a. O. II cap. 46 als ein Mann dargestellt wird, der
auf einem Katheder sitzt und eine Waage in der Hand hält.
In dem 3. D e k a n d er W a a g e hat Varahamihira ein Komposit von einer
alten Dekangestalt und einem Begleitgestirn. E r zeichnet ihn als Kimnara,
einen Halbgott, als Mann mit einem Pferdekopf und nach der Variante da­
neben auch als eine affenähnliche Gestalt. Der zuletzt genannte Zusatz ist
schwerlich ein reines Phantasieprodukt des Inders, denn der 3. Dekan der
Waage ist im Rundbild zu Dendera ein im Schiff hockender Pavian. Auch
darf noch einmal an die wichtige Rolle erinnert werden, die dem pavianköpfigen
Gott Hapi als Dekan zukommt. Ob sekundär hier das Bild der 17. Mondstation»
die als Affe aufgefaßt wird, eingewirkt hat, läßt sich natürlich nicht entschei­
den. Der Pferdekopf und die weiteren Attribute: Juwelen, goldener Köcher,
Bogen, Fleisch und Früchte, die er trägt, und das goldene Panzerhemd sind
dem Sternbild des Kentauren entnommen, das zu den Paranatellonta dieses
Dekans gehört. Daß er außerdem noch Tiere im Walde jagt, ergibt sich mühe­
los aus den Sagen, die mit dem Kentaur in Verbindung gebracht werden,

1) A n L y ra , die v o n den A ra b e rn als „fa llen d e r A d le r“ b e ze ich n et w ird, kann ®a°


sch w erlich denken, da sie beim A u fg a n g dieses D ek an s n och u n ter dem H o r i z o n t is
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Waage — Skorpion ^35
Und aus den bildlichen Darstellungen, die diesen Sterngott eine Jagdbeute
tragen lassen. Der dem griechischen Kentauren fremde Pferdekopf darf viel­
leicht als eine Umformung des ägyptischen widderköpfigen Dekans angesehen
Werden, den z. B. der runde Tierkreis zu Dendera zeigt. Apomasar behält
die Hauptzüge bei, läßt aber die affenartigen Bestandteile fallen. Neue Zu­
taten sind der Sack, den der Gott über sich hat, ferner die Charakterisierung,
daß er in einem Sumpfe ist, in dem er jagen will, daß er allein sitzt und nach­
denkt. Der Sack ist eine Neubildung, die aus dem nachfliegenden Mantel des
Kentaur entstanden ist. Der Sumpf wird ein Nachhall des Acherusischen
Sees sein, den die Araber den Goldsee nach Apomasar nennen und der als
Begleitgestirn zur Waage gehört. Ungefähr denselben Text geben die Über­
setzungen; nur macht Hermann Dalmata aus dem Sumpf ein Gehölz. Auch
Achmet behält diesen Typus, hier bleiben aber die Schlußworte weg; dafür
ist nun sein Sinnen auf Dickichte und Hölzer gerichtet, d. h. der Gott spendet
den Neugeborenen Eigenschaften, die damit zu tun haben und läßt seinen
Schutz den Tätigkeiten in diesen Örtlichkeiten angedeihen.
Picatrix zerreißt das Bild in drei Sonderbilder: Der tierartige Pferde­
oberkörper wird zum ganzen Tier, zu einem Esel, der menschliche Unter­
körper wird zum Mann, der auf dem Esel reitet. Die von ihm gejagten Tiere
schrumpfen in ein Tier zusammen, das vor ihm ist. Das Steinbuch hat ebenfalls
den Reiter auf dem Esel, vor dem ein Bär ist, als Bild dieses Dekans. Die spät-
mittelalterlichen Listen zeigen wieder eine Neubildung, das Tier ist nun ganz
geschwunden. Zahel zeichnet einen nackten Mann, der einen Bogen in der
Hand trägt. Wir erkennen darin den nackten Mann, der auch Ariadne heißt,
der unter den persischen Paranatellonta dieses Dekans erscheint. Zahel hat
diesem den Bogen, ein Attribut des indischen Dekans, zugewiesen. Leopold
von Österreich und der Vindobonensis teilen das wieder in zwei Bilder, in
einen nackten Mann, der aus den Begleitgestirnen der Sphaera barbarica
stammt, wie wir eben sahen, und in einen heftigen Mann, in dessen Hand ein-
Bogen ist; in dieser zweiten Gestalt erkennen wir den nun ganz anthropo-
morph gegebenen indischen Dekan, d. h. das griechische Sternbild des Ken­
tauren nur schwer wieder. Agrippa fügt noch eine dritte Gestalt hinzu, einen
Mann, der in der einen Hand ein Brot, in der anderen einen Becher mit Wein
hält. Will man einen astronomischen Inhalt in dieser Figur sehen, dann wird
man den Knaben mit dem Becher heranziehen, der in den Teukrostexten
als Paranatellon des 2. Dekans der Waage genannt wird (B o ll, Sphaera 224).
Wahrscheinlich handelt es sich aber um eine Illustration der Dekaneigen­
schaften.
8. S K O R P I O N
D er x. D e k a n des S k o r p io n ist nach Varahamihira eine schöne nackte
Frau ohne Schmuck, um ihre Beine winden sich Meerschlangen. Sie ist von
ihrer Stätte verdrängt und kehrt heim aus dem Meer. Letzteres könnte
man als einen Nachklang der im Schiff fahrenden ägyptischen Dekane
betrachten; die Schlangen , die sich um ihre Beine winden, rufen die Bilder der
schlangenbeinigen und schlangenkörperigen Dekane vor das Auge. Auch die
schlangenköpfige Dekangottheit Sptchne im Pronaos zu Dendera (N. 13
Schott) könnte einen Schlüssel geben. Doch wird man diese Erklärungen als
nicht vollauf befriedigend ablehnen müssen. Teukros und Antiochos erwähnen
136 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L it e r a t u r

nämlich unter den Paranatellonta dieses Dekans die Hygieia (Boll, Sphaera 19
und 113), die von einer Schlange umwunden ist, und außerdem noch den
Gott Asklepios und Ophiuchos. Es ist von Boll erkannt worden, daß Hygieia
und Asklepios nur Varianten eines und desselben Sternbildes, des Ophiuchos,
sind. Dieser steht in astromedizinischen Texten auch mit den beiden Göttern
Asklepios und Sarapis in sympathischem Zusammenhang, ebenso wie auch
das Sternbild des Skorpion selbst, der ja seit alters mit dem Ophiuchos ein
großes Sternbild darstellte.1) Apomasar behält den Typus der hübschen Frau
bei, läßt aber die Schlange ( = serpens) und das Schiff ( = Skorpion) weg und
betont den hübschen Wuchs und den roten Körper. Die rote Farbe lehnt
sich an die Zuteilung der Sterne der Schlange des Ophiuchos an Saturn
und Mars an. Daß sie an das Verzehren der Speisen, an den geringen Vor­
rat von Brot, an den Erwerb von Besitz und an das Streiten um Land denkt,
hat mit dieser Heilgöttin keine inneren Beziehungen, es sind Weiterungen,
die sich aus dem Bild, den Mythen und der astrologischen Bedeutung des
Ophiuchos ergeben.2)
Die Übersetzungen betonen besonders die Leidenschaft dieser Gottheit,
Speisen zu verzehren und Reichtum zu erwerben. Aus diesem Affekt, der
wohl der von Hygieia gefütterten Schlange, nicht aber der Hygieia selbst
gerecht wird, bildet Zothorus Zaparus eine neue Gestalt, die er als cibos gestans
viro ipsius magro charakterisiert; er gibt auch beide Gestalten die essentragende
Frau und den mageren Mann als ein ganz neues Dekanbild wieder, was na­
türlich mit dem gestirnten Himmel der Antike ebensowenig zu tun hat wie
mit den alten Dekanvorstellungen. Aus dem arabischen Text, der diese Frau
an das Verzehren von Speisen denken läßt, ist in dem Text der Wenzelhand-
schrift eine imago mulieris pulchrae corpore rubeae et ipsa est comedens, also die
essende Frau geworden. Wahrscheinlich bestehen zwischen dem 3. Dekan der
Waage, den Agrippa als Mann mit einem Brot in der einen und einem Becher
mit Wein in der anderen Hand zeichnet, genetische Zusammenhänge, die auf
solche Schiebungen und Mißverständnisse zwischen Affekt und Bild zurück-
gehen.
Achmet hat diese Neubildung nicht gekannt. Für ihn bleibt das Weib-
Neu ist bei ihm, daß sie die Gestalt der Myrte haben soll; wahrscheinlich
bietet der Palatinus hier mit [lu p a v e ip e i;, d. i. muränenartig die richtige Lesart
als Residuum der ägyptischen Schlangendekane. Das Verzehren der Speisen
ist ganz aus dem Bild und aus der Aktion geschwunden, diese Göttin denkt
nur an Geburten, Wohnungen, Besitz und Erziehung (Nahrung?). Achmet
teilt auch auffallenderweise ihren Namen mit: sie heißt „die Edelgeborene •
Vielleicht ist es ein Mißverständnis, denn einen derartigen Dekannamen gih*
es nicht, er drückt damit ungeschickt den schönen Wuchs dieser Göttin aus,
den Varahamihira und Apomasar betonen.
Picatrix verläßt auch hier völlig die Tradition und charakterisiert diesen

1) C. C . A . V 1, 210 u n d V I I I 4, 18 1, 19.
2) E in ig e, d. i. w ohl H erm ippos, haben n ach H y gin . de astron. I I cap. 14 p. 50, 20
B u n te in O p h iuchos den T h essalerkö n ig T riop a s gesehen, der v o n C eres m it H unger
b e s tra ft w urde, da er ih ren T em p el zu m B a u seines P a la ste s ab trage n lie ß : pro quo f aC‘ °
a Cerere fam e obiecta numquam. postea frugibus u llis saturari potuisse existim atur. ü a s
S tre ite n um L a n d e rg ib t sich aus der im folgen den v o n H y g in geschilderten Sage
des P h orbas.
A' eubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Skorpion I37
Dekan als Mann mit einem Speer in der rechten und einem Kopf in der linken
Hand. Wir erkennen wiederum wie oben im i. Dekan der Waage den Bootes.
An Stelle des umgekehrten Vogels finden wir nun den K opf in der linken Hand,
genau so wie diesen Dekan das Steinbuch des Königs Alfonso beschreibt und
auch darstellt. Der K opf scheint aus den Paranatellonta des Ptolemaeus zu
stammen, wo der K opf und der rechte Arm des Bootes gesondert genannt
sind. An Perseus, den Träger des Kopfes der Gul, wird man schwerlich denken
können, da er zu den Paranatellonta des Widders gehört. Allerdings haben
spätere Apomasarillustratoren den Kopf als das Medusenhaupt bezeichnet
(S. 208).
Zahel und die anderen späten Listen bringen die alte Gestalt wieder zum
Vorschein; es ist nunmehr eine Frau von gütigem (schönem) Gesicht und Kör­
per. Agrippa fügt als weitere Neubildung zwei sich durchstechende Männer
hinzu, er trifft auch hier die bildliche Wiedergabe dieses Dekanes im Astro­
labium Planum, welche zwei Marskinder in dieser Form darstellt, denn Mars
regiert dieses Drittel.1)
Die älteren Listen haben auch für den 2. D e k a n des S k o r p io n das
Bild der Hygieia beibehalten. Varahamihira gibt ihr die Version, daß sie
den Körper ähnlich einer Schildkröte (oder) einem Topf hat, also dickbäuchig
ist — das ist nun schon der dritte weibliche Dekan, der als schwangere Frau
dargestellt wird. Sie liebt die Bequemlichkeit und hat sich dem Gatten zulieb
mit einer Schlange geschmückt. Nach Apomasar ist sie eine fremde, schöne Frau,
ohne Kleider und Schmuck, ohne Besitz und ohne alles, ihr Fuß ist mit einer
Schlange umwunden. Sie ist im Meer und will ans Land kommen. Der Byzan­
tiner behält in seiner Übersetzung in der Hauptsache das Bild bei, nur sind
beide Füße von der Schlange umwickelt; die Sloanehandschrift läßt die Frau
im Meer schwimmen und nach dem Ufer gewissermaßen haschen. Nach der
Wenzelhandschrift verläßt sie ihr Haus (Heimat ?) und steigt ins Meer. Achmet
interpretiert die Schlange als einen Faden, den sich die Frau um das Bein
bindet. Ihre Wohnung ist das Meer und sie will ans Trockene. Auch er hebt
das schöne Gesicht der Frau hervor.
Picatrix durchbricht völlig die Tradition und bildet den Dekan als einen
Mann, der auf einem Kamel sitzt und einen Skorpion in der Hand hat. Also
ein Mischprodukt aus drei heterogenen Bestandteilen: Mann, Kamel und
Skorpion; im Steinbuch des Königs Alfonso finden wir dieselbe Dreiteilung,
nur ist das arabische Reittier im Text und im Bild durch ein Pferd ersetzt.
Der Mann auf dem Kamel, bzw. auf dem Pferd ergibt sich als eine arabische
Umgestaltung des Kentauren, dessen Mitte als Begleitgestirn zu diesem Dekan
gehört. Das wird bildlich durch den Skorpion, den der Mann in der Hand hält,
zum Ausdruck gebracht.
Zahel, Leopold von Österreich und der Vindobonensis entfernen dieses
Gebilde und ersetzen es durch eine nackte Frau, in der Hygieia, und durch
einen nackten Mann, in dem Asklepios der Sphaera barbarica steckt. Agrippa

1) I d e l e r a. O. 55 sagt, d a ß der h ellste S tern des B o o tes arab isch als portans hastam
oder confossit hasta ged e u te t w ird u nd d a ß er m it S p ica, dem hellsten S tern der Ju n g ­
frau , a ls die beiden S im ak h bezeich n et w ird ; v o n diesen ist der eine m it einer L a n ze be­
w a ffn et, der andere ist u n b ew affn et. M an kön n te verm uten , d a ß d ad u rch das obige B ild
irgen dw ie in sp iriert sein kann.
D ie B ilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L ite r a tu r

behält das bei, fügt aber noch als weitere Gestalt einen Mann hinzu, der
auf der Erde sitzt; vor ihm sind zwei sich beißende Hunde. Er entspricht
der bildlichen Darstellung im Astrolabium Planum, nur sitzt dort der Mann
nicht auf der Erde, sondern auf einer langen Bank. Die beiden sich beißen­
den Hunde könnten auf das Sternbild des Bootes führen, das nach Scaliger
von einigen Arabern als Hastile canes habens bezeichnet wird (S. 430 der
Maniliusausgabe vom Jahre 1651, dazu Id e le r a. O. 55), so heißt übrigens
der Bootes auch in den alphonsischen Tafeln. Hinter dem sitzenden Mann
mit den Hunden steckt noch der 3. Dekan des Skorpions, den Achmet cha­
rakterisiert.
D er 3. D e k a n des S k o r p io n zeigt mehrere Gestalten, es dominiert
der Löwe mit dem breiten, flachen Kopf, einer Schildkröte ähnlich, er ver­
scheucht oder verwundet Hunde, Hirsche, Schakale und Wildschweine. Wir
haben in diesen Figuren nur Varianten ein und desselben Sternbildes, des
wilden Tieres (-fhqpLov), das gewöhnlich dem Kentaur in die Hand gegeben
wird und unter den Paranatellonta dieses Dekans genannt wird. Apomasar
stellt die Varianten gleichberechtigt nebeneinander: ein Hund, ein Scha­
kal, ein Wildschwein, ein Panther, dessen Haare weiß geworden sind und
verschiedene Arten von Wild steigen in diesem Dekan als dominierende
Astralwesen auf. Sie hausen in einem Gebüsch von Sandelholz und schrecken
sich gegenseitig. Die Übersetzungen haben das abenteuerliche Gebilde
beibehalten.
Achmet bringt etwas Ruhe in das Getümmel und zeichnet den Dekan
als einen Mann mit Hunden. Er bringt also bereits das Bild, das wir eben bei
Agrippa und im Astrolabium Planum kennen lernten und mit Bootes oder
dem Kentaur identifizieren konnten. Der weitere Zusatz, daß der Mann noch
einen Löwen bei sich hat, dem der K opf abgeschlagen ist, kann eine falsche
Interpretation des Textes von Varahamihira sein, der dem Löwen ein breites
stumpfes schildkrötenähnliches Maul gibt.
Picatrix läßt in diesem Dekanbezirk das Bild eines Pferdes und einer
Schlange aufsteigen. Außerdem lernen wir nur das Pferd, das einem Laufen­
den gleichen soll, als Bild dieses Dekans in dem Steinbuch des Königs Al"
fonso kennen. Neu ist die Schlange, welche Picatrix verlangt, sie wird als
Teil des Sternbildes des Ophiuchos den astronomischen Anforderungen einiger­
maßen gerecht, denn nach Ptolemäus liegt ein Teil ihrer Sterne auf den Längen­
graden dieses Dekans. Das Pferd ist natürlich der tierische Unterkörper des
Kentauren, der als Paranatellon zu allen drei Dekanaten des Skorpion von
Teukros erwähnt wird.
Damit ist aber noch nicht die Möglichkeit der Neubildung geschlossen-
Denn Zahel greift wieder ein anderes Bild, er schildert den Dekan als einen
Mann, der auf seine Knie gekrümmt ist. Das ist Engonasin, von dem unter
den Paranatellonta nach Ptolemaeus der gebogene Fuß, die Schulter und
sein rechter Arm mit unserem Dekan aufsteigt. Dasselbe Bild wiederholt
Leopold von Österreich und der Vindobonensis. Agrippa gesellt ihm noch eine
Frau zu, die ihn mit dem Stock schlägt oder durchbohrt. Hinter der Frau,
die den Knienden durchbohrt, erkennen wir den Bootes (Arkturus) in der
arabischen Bedeutung confossit hasta (Id e le r a. O. 55).
-Veubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Skorpion — - Schütze 139

9 . S C H Ü T Z E

D er 1. D e k a n des S c h ü tz e n hat bei Varahamihira noch klar erkennbar


den Typus des als Kentaur gedachten Tierkreisbildes des Schützen. Es ist
ein Mann mit einem Pferdekörper und einem langen Bogen. Daß er in einer
Einsiedelei lebt, ist in der Sternsage begründet, die ihn, den weisen Kentaur
Chiron in der Einsamkeit leben läßt. Die verschiedenen Gegenstände, welche
für heilige Riten und für Asketen notwendig sind und von ihm bewacht werden,
sind eine Wucherung, die sich aus dem Sternbild des Altars ergeben, auf den
der Schütze zusprengt. Der Altar fällt mit seinen Sternen in den Bezirk des
3 - Dekans des Skorpion und des 1. Dekans des Schützen, er erfüllt also die
astronomischen Anforderungen. Apomasar biegt das zuletzt genannte Beiwerk
etwas anders, er läßt den Dekan zu dem Ort der Menschenmenge gehen, um
deren Sachen für sich einzuheimsen. Das ist nur eine andere Umschreibung,
die sich aus dem Sternbild des Schützen und des Altars ergibt (s. o. S. 113).1) Der
Byzantiner läßt den Schützenkentaur nur Reichtum suchen, den er einheimsen
will. Die Übersetzung der Sloanehandschrift hebt noch hervor, daß er bereits
einen Pfeil auf den Bogen aufgesetzt hat. Ein Zusatz betont noch wie der ara­
bische Text, daß der Dekan schreit, ein Epitheton, das der astrologischen
Spezialisierung der sprechenden, halbstummen und ganz stummen Astral­
wesen entstammt; der Schütze gehört zu den sprechenden Tierkreisbildern,
das hat Apomasar durch das Schreien des Dekans ausgemünzt.
Achmet kürzt den menschlichen Oberkörper und läßt nur den Hals und
den Kopf menschenartig sein, dazu gibt er ihm zwei Linnenkleider, während
die ältere Darstellung das Gewand nicht erwähnt. Es sind die letzten Aus­
läufer der zwei mächtigen Flügel und des lang nachflatternden Obergewandes,
das der Schütze auf antiken Darstellungen trägt.
Picatrix verläßt auch in diesem Dekan den traditionellen Typus und be­
schreibt den Sterngott als drei Leiber, der eine ist gelb, der andere weiß,
der dritte rot. Das Astrolabium hat dieselbe abenteuerliche Astralgestalt als
Bild des ersten Grades des Schützen und bildet den Dekan als drei aufrecht­
stehende kopflose Männer. Das Steinbuch beschreibt in dem Bild drei Per­
sonen, wovon eine hinter der anderen steht, die Zeichnung gibt sie demge­
mäß mit ihren Köpfen. Astronomisch ließe sich das Bild durch drei verschie­
denfarbige in einer Linie stehende Sterne stützen. Da bleibt eine reiche Aus­
wahl, denn das Himmelsbild zeigt eine Reihe solcher Sterne. Drei in gleicher
Linie stehende Sterne sind z. B. die drei ersten Sterne im Schwanzgelenk
des Skorpion und können als stehende Wesen betrachtet werden. Die ver­
schiedenen Farben können aus der Zuteilung der Sterne des Schwanzes des
Skorpion an die Planeten Mars, Aphrodite und Saturn kommen. Id e le r
a. O. 182 erwähnt die Bezeichnung der Wirbel des Skorpion und gibt eine
Interpretation mit vertebrarum forma facta monilia, vielleicht ist aus einer
anderen Deutung des arabischen Namens das Monstrum dieses Dekangottes
zustande gekommen. Nun wird aber die 17. Mondstation El-iklil nach Ka-
zwini durch drei helle und in gerader Linie stehende Sterne gebildet, sie stehen
aber an der Stirne des Skorpion (Id e le r a. O. 180), passen also nicht recht

1) H erm annus D a lm a ta u nd G io v an n i F o n ta n a bezeichnen den D e k a n n och ric h tig


a ls „C e n ta u ru s".
14 0 D ie B ilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur

als Dekanbezeichnung des Schützen. Wir werden so kaum die Lösung finden-
Sondern hier liegt das Gestirn der drei Jünglinge zugrunde, das Teukros er­
wähnt.1) Daraus ist nun in den späteren Wandlungen in Vermengung mit
der Gestalt des kopflosen Sterngottes das Gebilde der drei kopflosen Stern­
wesen geworden.
Wieder durchbricht Zahel die ganze Linie und gibt als neuen Dekangott
einen Mann „von schmutziger Schöpfung“ , der von Leopold und in dem
Vindobonensis als einfacher schmutziger Mann bezeichnet wird. Dahinter
wirkt das Bild der Mischgestalt des alten Tierkreisgottes weiter, der ja mit
Recht als eine Mißgeburt in den Augen der späteren Araber, denen die Genesis
dieses Gottes unbekannt war, erscheinen mußte. Agrippa, der sonst oft genug
die spätmittelalterliche Ikonographie wiederholt, geht hier seine Sonderwege
und stellt den Dekan als einen Mann hin, der mit einem Panzer bekleidet ist
und ein entblößtes Schwert in seiner Hand trägt. Er fußt hier auf dem Bild
dieses Dekans im Astrolabium, das einen geharnischten vollbewaffneten
Mann zeigt, der in der Rechten eine Hellebarde trägt.
Eine hübsche Frau von mittlerer Gestalt, die auf einem Thron sitzt
und Edelsteine des Meeres verstreut, zeigt uns Varahamihira als 2. D e k a n -
g ö ttin . In den antiken Listen und bildlichen Darstellungen sind es männ­
liche Gestalten. Die indischen und arabischen Mondstationen bieten keinen
Anhaltspunkt, der zur Aufklärung führen könnte. Man müßte gerade auf die
19. Mondstation, also zwei Dekane zurückgreifen, wo nach Agrippa ein Weib
dargestellt wird, das die Hände vor das Gesicht hält (a. O. II cap. 46). Auch
Apomasar hat die sitzende Frau; reiches Haar, mittlere Schönheit, Kleider
und Ohrringe, dazu ein vor ihr stehender offener Schmuckkasten sind die
charakteristischen Merkmale. Es bleibt die Wahl zwischen Kassiopeia und
Ariadne. Ariadne, die mit ihrem leuchtenden Brautgeschmeide in späteren
Sternsagen verstirnt wurde, kommt jedoch weniger in Betracht, da sie von
Teukros unter den Paranatellonta der Waage aufgeführt wird, also am nörd­
lichen Himmel in der Gegend der nördlichen Krone gesucht werden muß-
Auch paßt das Bild nicht recht, da die Texte von der schlafenden Ariadne
reden, die die linke Hand unter den Kopf gelegt hat.2) Man könnte an die süd­
liche Krone denken und eine spätere Zutat der Ariadne postulieren, das würde
wohl astronomisch in diesen Dekan passen, aber wir wissen noch nichts vo»
einem Bild der Ariadne in dieser Himmelsgegend. Es bleibt also nur K a s s io ­
peia übrig, deren Putzsucht und Eitelkeit die antiken Sternsagen hervorheben
und deren typisches Attribut der Sessel ist. Mit den astronomischen Ge­
gebenheiten paßt außerdem diese Identifizierung einigermaßen, da K a s s io ­
peia nach Hipparch bereits mit dem 3. Dekan des Schützen aufzugehen be­
ginnt. Die Übersetzer Apomasars müssen den arabischen Text Apomasars
wieder falsch aufgefaßt haben, denn sie lassen die Frau auf einem Kamel
sitzen und geben ihr das geöffnete Schmuckkästchen in die Hand. Id e le r
bemerkt a. O. 84, daß die Perser die Sterne in der Milchstraße hinter dem
Schwan unter dem Bild eines Kamels sich gedacht und auch so benannt haben-

1) B o ll, S p haera 433. 2 5 1; in dem arabischen A p o m a sa rte x t sind sie als P aran a­
te llo n ta zum i . D ekan der W aa ge gen an n t, sie erscheinen also bei P ic a trix an einer astro­
nom isch falschen Stelle.
2) Ü ber das S tern bild der A riad n e orien tiert B o l l , S p haera 2 7 5 ff. u nd G u n d e l.
Step hanos R . E . I I I A 2356.
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Schütze 141

Wenn nun die Übersetzer die Frau auf dem Kamel sitzen lassen, so könnte
das einen astronomischen Untergrund bekommen durch die Sterne dieses
Kamels und die Sterne der Kassiopeia. Die Ausleger Apomasars küm­
mern sich aber so wenig um die tatsächlichen Gegebenheiten des gestirnten
Himmels, daß eine solche Annahme wenig wahrscheinlich ist. Achmet kennt
weder das Kamel noch den Thron und läßt die Frau auf ihren Knien hocken.
Das Schatzkästlein hat sie noch und schaut auch noch unverwandten
Blickes hinein.
Picatrix sprengt diese feste Tradition und stellt einen Mann in die Rechte
des Dekans, der Rinder treibt, vor ihm ist ein Affe und ein Wolf. Auch dieses
befremdende Bild bekommt durch arabische Sonderbezeichnungen von Sternen
innerhalb des Tierkreisbildes des Schützen seine Aufklärung. Die Sterne in
der linken Schulter und dem Einschnitt des Pfeils unseres Zodiakalbildes
werden, wie Ideler a. O. 186 darlegt, als pecora redeuntia und pecora adeuntia
bezeichnet; der Stern X am Bogen heißt der Hirte dieser Tiere. Dazu kommt
nun noch das wilde Tier des Kentaurn, das hier zum Affen und zum Wolf ge­
worden ist. Auch das Steinbuch hat diese verschiedenen Gestalten, nur treibt
der Mann zwei Kälber, einen Affen und einen Bären vor sich her. Zahel nimmt
die alte Göttin wieder auf, sie hat bei ihm, ebenso bei Leopold von Österreich
und im Vindobonensis nun alle Merkmale verloren, es ist einfach eine be­
kleidete Frau oder eine Frau, auf der Kleider sind. Agrippa fügt noch neu
hinzu, daß sie weint, was wiederum an die um Andromeda klagende Kassio­
peia erinnert.
D en 3. D e k a n des S c h ü tz e n nennt Varahamihira einen Mann mit
langem Bart, gekleidet in weiße Seide und in ein Fell, er sitzt auf einem Thron
und hat einen Stab in der Hand. E r hat die Farbe des Goldes und der Cam-
pakablume.
Das bleibt auch das Bild bei Apomasar, der ihm noch zwei Armringe
aus Holz in die Hand gibt und seine Ohrringe hervorhebt. Das Gewand ist
nun aus Baumrinde gebildet. Die Übersetzer behalten den Typ bei, nur wird
der Thron gelegentlich als Ruhebett bezeichnet. Auch Achmet bringt nichts
Wesentlich Neues. Das Steinbuch folgt dieser Tradition, es verlangt einen
sitzenden Mann, der auf seinem K opf einen spitzen Hut trägt. Picatrix läßt
den Thron weg, gibt ihm aber noch eine Tiara auf das Haupt, er tötet einen
anderen Mann. Die Einzelheiten drängen dazu, in diesem Dekan eine orien­
talische Mischbildung anzunehmen, zu der die beiden Sternbilder Kepheus
und Kassiopeia ihre markanten Merkmale abgeben mußten. Von Kassiopeia
ist der Thron, von Kepheus der lange Bart und die Tiara genommen. Teukros
und die anderen antiken Verzeichnisse der Paranatellonta bringen wohl beide
Bilder reichlich dreißig Grad später, aber Apomasar läßt Kepheus mit dem 2.
und 3. Dekan des Schützen aufsteigen.
Zahel behält das Bild des indischen Dekans bei und gibt aus Apomasar
einfach das Bild eines Mannes an Farbe dem Golde ähnlich, womit der Äthio­
pierkönig Kepheus gekennzeichnet wird. Agrippa fügt noch das Bild eines
müßigen Mannes zu, der mit einem Stock spielt, wohl eine Gestalt, die das Tier­
kreisbild des Schützen kennzeichnet, aus dem Pfeil dürfte der Stock ge­
worden sein.
142 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatu*

io. STEINBOCK
D e r i. D e k a n des S te in b o c k s ist nach Varahamihira ein behaarter
Mann, sein Gesicht ist schrecklich, der Körper ähnelt einem Eber, er trägt
Strick, Netz und Fesseln. Den Typus behält Apomasar bei, er erweitert ihn
dadurch, daß er den Mann schwarzfarben und zornig nennt. Weiter gibt er
ihm Zähne, die an Länge einem Balken und einem Dorn ähnlich sind. Ein
Strick für Zugtiere und ein Angelhaken, mit dem man die Fische fängt, er­
setzen die Attribute der indischen Zeichnung. Die byzantinische und die
lateinischen Übersetzungen behalten dieses Schreckgespenst bei. Auch Ach'
met folgt hier getreu dem indischen Zerrbild.
Am griechischen Himmel wird man eine solche Mißbildung zunächst ver­
geblich suchen. Doch stellt sich bei einiger Prüfung als nächster Ausgangs'
punkt das Gebilde des Steinbocks. Er ist in der älteren Astrothesie durch
den Gott Aegipan verpersönlicht, der eine Mischgestalt aus einem menschen'
artigen Oberkörper und einem ziegenartigen Unterkörper bildet;1) er wird
später ein Seeungeheuer, dessen Vorderteil aus einem bockartigen Oberkörper
mit Vorderklauen und Unterkörper aus dem verschlungenen Fischkörper ge'
bildet wird. Diesem Seeungeheuer passen sich der Strick und der Angelhaken
an, sie bringen symbolisch die Herrschaft dieses astralen Meergottes zum
Ausdruck. Eine andere Erklärung wäre durch das Sternbild des Delphins
zu erhalten. Es geht nach Teukros (vgl. B o l l , Sphaera 20) mit dem 3. Dekan
des Schützen auf; der Delphin heißt in der Antike auch das Meerschwein-
In seiner Nähe muß der mit unserem Dekan heraufkommende Nereus und die
Nereide gestanden haben (vgl. B o ll, Sphaera 277). Eine Kompilation der
Attribute und Merkmale dieser drei Sternbilder könnte das bizarre Bild
Varahamihiras veranlaßt haben. Doch scheint es mir wahrscheinlicher, daß
infolge von Verschreibungen und falscher Interpretation dieses groteske
Bild aus dem Hippokrator entstanden ist, der im Persischen zum Fischer
wurde und bei Apomasar ein Wildschwein h ä lt; er geht allerdings erst mit dem
nächsten Tierkreisbild auf.1)
Picatrix und mit ihm der Verfasser des Steinbuchs geht wieder seine eige'
nen Wege und gibt einen Mann mit einem Rohr in der Rechten und mit einem
Wiedehopf in der Linken als neues Rätsel auf. Es ist nun zum drittenmal,
daß uns ein Mann bei ihm als Dekan begegnet, der in der Rechten einen Speer
bzw. hier ein Rohr und in der Linken einen Vogel oder einen Kopf trägt. W*r
konnten die obigen Gestalten auf Bootes mit einigem Recht beziehen. Hier
wird diese Identifikation schwieriger, da astronomisch dafür kein Recht
besteht. Man kann darauf hinweisen, daß in den ägyptischen und hellenistischen
Listen ein und derselbe Name mehrfach wiederkehrt und auch dasselbe Bild,
daß also auch die antiken Listen keine innere logische Geschlossenheit zeigen,
sondern immer neue Bilder geformt haben. Doch kann auch dieses Bild m
dem gestirnten Himmel eine für diese Stelle einleuchtende astronomische
Deutung finden: es ist der Mann mit dem Speer, Kepheus. Eine einfache,

1) E in S tern b ild des F isch ers kom m t bereits b ei T eu kro s und zw a r w ohl durch ein
M iß verständ nis ( B o l l , S phaera 262f.) v o r, es geh ö rt aber zum W idder, n ich t zum W asser­
m ann. B o ll v erm u tet, d a ß A p om asar das seltene W o rt In-KoxpAruip falsch als Fischer
in terp retiert habe (Sph aera 533, 2). D as M iß verständ nis schein t aber ä lte r zu sein, da.
in unserem D ek an bei V ara h a m ih ira der F isch er bereits erscheint.
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Steinbock 143
allerdings in der offiziellen Uranographie sonst nicht übliche Darstellung
hat ihm statt des Schwertes einen Speer gegeben. Der Wiedehopf ist dann
natürlich der Schwan, den Kepheus mit der Hand berührt; das wird schon
in der antiken Astrothesie immer wieder stark unterstrichen und zum Auf­
finden beider Sternbilder bedeutsam hervorgehoben. Der Mann mit den
beiden ausgestreckten Armen ist übrigens ein bekannter T yp des Kepheus
auch in den mittelalterlichen Zeichnungen. Als Herrn des Dekans kann man
ihn auch astronomisch rechtfertigen, er bewegt sich noch am Osthimmel,
wenn der Steinbock mit dem letzten Drittel herauf kommt. Kepheus wird
von Apomasar zum 2. und 3. Dekan des Schützen, der Schwan zum Steinbock
als Paranatellon erwähnt, er paßt also mit dem Schwan astronomisch hierher,
zumal die Längen des Schwans sich nach Ptolemäus von dem 4. Grad des
Steinbocks bis zum 14. Grad des Wassermanns bewegen. Wir sind übrigens
in der Bezeichnung des Kepheus als „Mann“ in guter antiker Tradition,
denn der zweite Teukrostext bezeichnet ihn schlechthin als „Mensch“ (B o ll,
Sphaera 97). In demselben Text wird Kepheus direkt auch der Mann ge­
nannt, der den Vogel ausstreckt, der sich unter ihm befindet (o reivtov t o
Öpvsov t o U7toxaTM auToij B o ll, Sphaera 49, 22 und 97). Daß der Schwan
zum Wiedehopf wurde, hat nichts sonderlich Erstaunliches. Denn die antike
Terminologie spricht dieses Sternbild nur mit dem völlig unbestimmt ge­
lassenen Namen „der Vogel“ an, das ist durch das ganze Altertum hindurch
der offizielle Name in der reinen Astronomie geblieben. Nur in der Sternsage
wird er als Schwan angesprochen.1) Den Vogel haben die Araber durch ihre
Henne oder auch den Hahn schärfer zu fassen gesucht, es ist also ganz belang­
los, wenn Picatrix oder seine Quelle sich nun gerade auf den Wiedehopf
kaprizierte. Jedenfalls aber ein interessantes Beispiel für die späteren Auf­
fassungen der antiken Sternbilder und ihrer Namen. Das von Picatrix gegebene
Bild dieses Dekans wird im Astrolabium in mehreren Modifikationen ange­
wandt. Zunächst dürfen wir das Bild des 2. Dekans, wo ein Mann einem auf­
fliegenden Vogel nachschaut, als Variante des Kepheus mit dem Vogel buchen;
dann ist der Mann mit dem Speer, der den 2. Grad verbildlicht, ein Teil des
Dekans Kepheus. Die Hand mit dem Vogel (8. Grad) und die Hand mit dem
Speer (14. Grad), der Mann mit zwei Vögeln und der mit einem Vogel (10. und
25. Grad) zeigen wiederum unsern Dekan in leichter Umbildung.
Zahel entfernt auch dieses Bild und stellt eine Frau und einen Neger
dafür ein, ihm folgt Leopold von Österreich, während der Vindobonensis ein
Weib und einen Riesen bringt. Agrippa schließt sich Zahel an, gibt aber dem
Neger gefüllte Beutel (Kästchen). In dem Neger wird man Kepheus und in
dem Weib seine Gattin Kassiopeia erkennen dürfen.
D er 2. D e k a n wird nach Varahamihira repräsentiert durch eine schwarze
Frau, ihre Augen sind länglich wie Lotusblätter, sie ist erfahren in den (64)
Künsten; als Sonderschmuck werden eiserne Ohrgehänge hervorgehoben.
Man würde zunächst auf Kassiopeia raten, die nach Hipparch mit dem
2. Dekan des Steinbocks völlig sichtbar wird; Hipparch rechnet den Aufgang
vom 24. Grad des Schützen bis zum 12. Grad des Steinbocks. Was haben aber
die eisernen Ohrgehänge mit Kassiopeia zu tun ? Die antiken Sternsagen be­
tonen die Eitelkeit dieser Äthiopierfürstin und ihre Prunksucht, aber das Eisen

1) D ie L ite ra tu r g ib t G u n d e l , K y k n o s R . E . X I 2442.
144 D ie B ild er der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatitf

stellt wenigstens in den späteren Kulturepochen kaum ein Schmuckmetall


dar. Aus den übrigen Angaben des Inders ist nichts weiteres zu gewinnen,
denn daß ihre Augen der Blüte des Lotus gleichen, kann nicht auf eine Stern-
sage oder ein bestimmtes Sternbild als typisches Motiv in Anwendung kommen-
Apomasar rückt die Gestalt etwas schärfer ins Licht. Diese Frau hat schwarze
Kleider, einen Mantel und Decken an, die vom Feuer verbrannt sind, sie
fertigt Eisengerät. Außerdem kommt mit ihr ein Wiesel und eine Eidechse
herauf. Das sind Sonderbilder, die aus der Liste der Paranatellonta einge-
drungen sind und mit der Dekangöttin an sich nichts zu tun haben. Die grie­
chische Übersetzung wahrt die einzelnen Züge des arabischen Textes. Die
Sloanehandschrift und Hermann Dalmata gibt ihr noch durch Feuer heraus-
gekochtes Eisengeld, die Wenzelhandschrift und Abano bezeichnen sie als
schwarzes Weib, das in ein leinenes Tuch und in einen Wollmantel gehüllt
ist und reitet. Scaliger nennt nur das sie umschließende schwarze G e w a n d
und sagt auch, daß sie reitet. Achmet geht seine eigenen Wege, er setzt an
Stelle des Weibes einen Mann, bei ihm sind Kleider aus Leopardenfell, er
ist in einen Mantel gehüllt und hat schöne Kleider.
Die Schilderung von Achmet gibt keinen Wink, die ältere Gestalt irgend­
wie erklären zu können. Die Paranatellonta nennen ebenfalls eine Frau, ihr
Name lautet die „G öttin“ und „Eileithyia“ ; sie sitzt auf einem Sessel. Daraus
wird man schwerlich unsere Göttin ableiten können. Sondern wir müssen
eine Gottheit erschließen, die es mit Feuer und dem Anfertigen von Eisen-
Werkzeugen zu tun hat. Die Lösung kommt von einer Seite, von der man sie
zunächst nicht erwartet. Wir haben kein Sternbild vor uns, sondern eine Gott­
heit, die in diesem Sternbild und in dem von dem Steinbock beherrschten
Monat nach der hellenistischen Astrologie ihre Herrschaft ausübt, nämlich
die Göttin Vesta, die Göttin des Feuers und aller Arbeiten, die es mit dem
Feuer zu tun haben. Manilius sagt II v. 445: angusta fovet Capricorni sidera
Vesta, d. h. Vesta wärmt die engen Sterngebilde des Capricorn. Unter den
engen oder schmalen Sterngruppen des Steinbocks hat man die Sterne des
Bildes zu verstehen, welche den schmalen fischartigen Unterkörper dieses
Tierkreisbildes bilden, sie liegen durchweg im 2. Dekan. Und IV v. 243 sagt
der römische Dichter: Vesta tuos, Capricorne, fovet penetralibus ignes, d. i-
Vesta wärmt, Capricorn, tief im Innern deine Sterne. Auch hier wird durch die
Angabe „tief im Innern“ schlagend dargetan, daß Vesta als Schutzgöttin
in der Mitte des Steinbocks, also in unserem Dekan residierend gedacht wird-
Und dementsprechend haben es die Kinder dieses Tierkreisbildes mit allem
zu tun, was an Beruf und Kunst mit dem Feuer irgendwie zusammenhängt
und die Flammen nötig hat, es sind Metallgießer, Erzschmelzer, Silber- und
Goldschmiede, Hochofenarbeiter, die das Eisen und die Bronze flüssig machen
und endlich solche, die das Geschenk der Ceres im Ofen verarbeiten, womit
die Bäcker gemeint sind. Es ist das erstemal, daß wir in der Geschichte der
Dekanbilder das Eindringen einer Zodiakalschutzgottheit feststellen können,
die sich im Bilde treu bis auf die letzten Ausläufer Apomasars gehalten hat.
Wie Achmet, so durchbricht auch Picatrix die alte Linie, er setzt aber­
mals ein neues Gebilde in die Rechte des Dekans ein: ein Mann, vor dem ein
halber Affe steht. Dasselbe Bild verlangt das Steinbuch, nur ist hier ein ganzer
Affe vor dem Mann, mit ihm scheint sich der Mann, wie der Text sagt, zu
zanken. Der Mann ist uns als Name des Kepheus bereits beim letzten Dekan
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Steinbock T45
begegnet, der halbe Affe erhält seine eindeutige Erklärung aus den Parana-
tellonta. Denn unter ihnen wird in den griechischen Texten als letztes mit-
heraufkommendes Astralgebilde die Mitte des Tieres mit dem abscheulichen
Namen genannt. Es ist das io . Tier der Dodekaoros, der Affe. Picatrix oder
seine Quelle hat also dieses Bild geschaffen aus Kepheus und dem halben
Affen, d. h. wörtlich genau aus der Mitte des Tieres der alten Dodekaoros.
Den halben Affen dieses Dekans treffen wir im Astrolabium Planum als Per­
sonifikation des 20. Grads des Steinbocks, also noch in seinem von Picatrix
und Teukros genannten Herrschaftsbereich. Auch der 17. Grad gibt das alte
Tier der Dodekaoros in seiner Domäne, nur in etwas anderer Gestalt als Mensch
mit Hundskopf, hinter dem wir leicht den Kynokephalos, d. i. den Hunds­
kopfaffen der Dodekaoros erkennen.
Zwei Weiber nehmen beiZahel die Rechte dieses Drittels ein, ihm stimmen
die beiden anderen Listen des ausgehenden Mittelalters bei. Agrippa vermehrt
dieses Bild durch den Mann, der, wie das Astrolabium im Bilde des 2. Dekans
zeigt, dem Vogel nachschaut. Daß das Kepheus und der vor ihm fliegende Vogel
(Schwan) ist, haben wir bereits beim 1. Dekan festgestellt. Die beiden Weiber
können Kassiopeia und Andromeda sein, die, wie der Globus zeigt, tatsächlich
als dominierende Sternmächte betrachtet werden dürfen, wenn der 2. Dekan
des Steinbocks heraufkommt. Doch wird man statt der Andromeda aus den
Paranatollenta der Sphaera barbarica auch auf Eileithyia raten können.
D en 3. D e k a n stellt bei Varahamihira die Gestalt eines Kimnara (ein
Halbgott, ein pferdeköpfiger Mann s. S. 358) dar, bedeckt mit wollenem Ge­
wand, es trägt einen Panzer, Köcher und Bogen und auf seiner Schulter ein
Gefäß mit Edelsteinen. Bei dem pferdeköpfigen Wesen ist man geneigt,
wieder an das Tierkreisbild des Schützen zu denken. Die Paranatellonta er­
wähnen noch Teile des Schützen, die mit diesem Dekan heraufkommen,
darunter den Pfeil und den Rand seines Stirnhaares, der „Halsgeschmeide“
(eigentlich Lanze, dann Fahne) genannt wird. Es liegt also nahe, hier im ersten
Teil des Bildes an eine Wiederholung des Typus des Schützen zu denken.
Der zweite Bestandteil, das Gefäß mit den kostbaren Steinen könnte eine
indische Umdeutung oder eine falsche Übersetzung der Urne des Wasser­
manns genannt werden, der nach Hipparch vom 6. Grad des Steinbocks bis
zum 20-Vz Grad des Wassermanns aufgeht.
Apomasar setzt auch in diesem Dekan die alte Göttin Vesta als dominierende
Gestalt ein. Ihr Bild ist noch undeutlicher geworden, sie ist schwarz, von
feiner Hand und schafft viele Werke; sie ist bedacht, Arten der Schmuck­
sachen von Eisen für sich zu gewinnen. Das zeigt aber doch noch zur Genüge
die Göttin des vorhergehenden Dekans. Von den Übersetzern fügen Abano
und Scaliger, also Ibn Ezra noch hinzu, daß ihre Hände zu jeder Arbeit und
besonders zu serischer Arbeit, d. i. zum Bearbeiten der Seidenstoffe geeignet
sind. Die Eisenarbeit ist also zuletzt geschwunden, nur das Attribut, daß die
Göttin schwarz ist, deutet auf die alte Göttin des Feuers hin. Achmet bezeich­
net die Göttin als honigfarben, geeignet zu Arbeiten; ihr Trachten geht darauf
aus, Werke zu schaffen und sie zu erwerben. Damit ist fast alles Persönliche
aus der alten Gestalt der Vesta weggenommen.
Picatrix hat ein ganz anderes Bild. Ein Mann mit einem Buch, das er
auf- und zumacht, und ein Schwanz eines vor ihm befindlichen Fisches bilden
das Merkzeichen seines Dekans. Davon ist der letzte Teil, der Schwanz des
Studien der Bibliothek Warburg, 19. Heft: G u n d e l IO
146 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur

vor ihm befindlichen Fisches leicht definierbar, es ist der Schwanz des süd­
lichen Fisches, der als Paranatellon in der Liste des Ptolemäus und des Teukros
zu diesem Dekan erscheint. Etwas schwieriger ist die Identifizierung des Man­
nes, der sein Buch auf- und zumacht. Dasselbe Bild erscheint im Astrolabium
Planum als Personifikation des 21. Grades, er wird magister tenens librutn
apertum genannt. Ein Schreibgerät findet sich bereits unter den altägyp­
tischen Dekanbildern. Aber es ist ausgeschlossen, daß daraus sich organisch
das Buch oder der Mann mit dem Buch gebildet hat. Auch wäre die Verschie­
bung dieses Dekans, der in der hellenistischen Anordnung der 1. Dekan der
Zwillinge ist, in unser Drittel zu ungeheuerlich. Wir haben zunächst zu er­
wägen, ob nicht arabische Sternnamen in Frage kommen können. Die Sterne
des Vorderbuges des Pegasus kämen zuerst in Erwägung. Wie Id e le r a.O. I l 5
bemerkt, wird der arabische Name matn, womit die Sterne a. und y des Pe­
gasus bezeichnet werden, häufig für den Text eines Buches gebraucht, in1
Gegensatz zu den Glossen, von denen der Text selbst umgeben ist. Daß nun
dieses Buch einem Mann in die Hand gegeben wird, könnte als eine Zutat
der späteren Himmelsbetrachter erklärlich sein, die schließlich jeden hellen
Stern zu einem Sonderlebewesen ausgestalten. Astronomisch paßt diese Stern-
gruppe in unser Drittel, denn nach Hipparch geht der Pegasus auf zugleich
mit dem Abschnitt des Zodiakus, der vom 1. Grad des Steinbocks sich bis
zum 21. Grad des Wassermanns erstreckt. Der Lehrer, der im Buch liest,
kommt im Astrolabium noch mehrfach vor, z. B. im 14. Grad des Schützen,
im 29. Grad des Skorpion, wo er nicht steht, sondern sitzt, außerdem ist der
sitzende Lehrer mit dem Buch bei ihm das Bild des 1. Dekans der W aage;
ein Mann mit dem Rechenschaftsbuch in der Hand ist im 3. Grad der Jung­
frau. Ein sitzender Knabe mit einem geöffneten Buch und einer Schreibfeder
ist auch die Personifikation des 13. Grades des Krebses. Ein schreitender
Mann mit einem offenen Buch ist der 25. Grad der Zwillinge. Es ist außerdem
ein festes Bild des arabischen Himmels, denn die 15. Mondstation, die in die
Gegend Ende der Jungfrau und Anfang der Waage fällt, wird als sitzender
Mann bezeichnet, der in einem Buche liest. Bei Picatrix wird es aber das Bild
des Planetengottes Merkur sein, der nach der zweiten Dekanliste bei P i c a t r i x
(S. 123, 16 PI.) als Herr unseres Dekans erscheint. Das wird schlagend er­
wiesen durch das Steinbuch. Denn die Wirkung erstreckt sich hier auf die
Schreiber, die alten Schutzkinder des Merkur. Außerdem wird sein Stein
mit dem des 16. Grades des Stiers auf gleiche Stufe gestellt. Und dort regiert
der Stern am nördlichen Hornansatz, er ist nach Ptolemäus mit den übrigen
Kopfsternen des Stiers zu Saturn und Merkur zu rechnen.1)
Zahel und die anderen lateinischen Dekankataloge greifen wieder den alten
Typ der Vesta auf. Ein schwarzes Weib, verständig in Arbeit ist sie bei Zahel,
ein Weib verständig an Körper und Werk nennt sie Leopold von Österreich,
ein ungeheuer Weiser ist sie in dem Vindobonensis geworden. Agrippa zeichnet
sie als ein Weib, keusch am Leib und weise im W erk, gibt ihr aber wieder
als Partner eine weitere G estalt: bei ihr ist ein Geldwechsler, der Geldstücke
auf einen Tisch zählt. Es ist wiederum das Bild des Dekans, das das Astro­
labium Planum hat und das einen mittelalterlichen Typ der Kinder des Sol
wiedergibt, der in diesem Dekan nach der traditionellen Prosopalehre seine
Sonderdomäne hat.
1) B o l l , A n t ik e B e o b a c h tu n g e n fa r b ig e r S te r n e a . O . 3 2 .
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Steinbock — Wassermann 147

i i . W A S S E R M A N N

Der Mann mit dem Gesicht eines Geiers, den Varahamihira als x. D ek a n
präsentiert, zeigt noch die Merkmale des ägyptischen Dekangottes Horus,
der allerdings an dieser Stelle gerade sonst nicht vorkommt. Daß er in Wolle,
Seide und Antilopenfell gekleidet ist, daß seine Gedanken auf den Gewinn von
öl, Likören, Wasser und Nahrungsmitteln gerichtet sind, kann einer alten
Aktion dieses Dekangottes entsprechen, die sonst nicht mehr nachweisbar
ist. Apomasar behält den Typ bei, er erweitert aber die Aktion, denn der Gott
beschäftigt sich mit der Wiederherstellung eines Gefäßes aus Kupfer und
Holz, um Gold, Wein und Wasser hineinzugießen. Außerdem schmückt der
Araber ihn noch mit einer Bettdecke und einem Teppich. Der Byzantiner
streicht die vogelartige Gestalt und läßt noch einen negerartigen Gott übrig;
dieser fertigt ein ehernes Gefäß an, um Gold, Wein und Wasser hineinzu­
gießen. Die lateinischen Versionen fügen keinen neuen Zug hinzu. Achmet
gibt ihm die Gestalt von zwei Adlern, in der Hand hat er ein Kniepolster
(yovaxiov, was auch Schemel heißen kann), einen Teppich und einen Mantel.
Das äußere Attribut ist nun zum Affekt geworden, sein Sinnen richtet sich
auf Arbeiten, welche Wein, ö l und Wasser herstellen.
Unverkennbar ergeben sich Züge, die dem sperberköpfigen Dekangott
Horus anhaften, und die Urne des Wassermanns, die nun bald dem Inhalt
nach, den sie birgt, bald der Energie des Gottes gemäß etwas weiter ausge­
führt wird.
Picatrix geht wieder eigene Wege und gibt einen kopflosen Astralgott,
der einen Pfau in der Hand trägt. Der Pfau darf an den Vogel, d. h. den
Schwan, erinnern, welcher mit dem letzten Dekan des Steinbocks unter den
Paranatellonta des Ptolemäus genannt wird. Der Mann mit dem abgehauenen
Kopf geht ebenfalls auf gute alte Tradition zurück. Denn Teukros hat den
kopflosen Dämon beim I . Dekan des Steinbocks, es ist weiter ein Gott ohne
Kopf im Rundbild und in der Pronaos zu Dendera der mächtige Dekan des
Schützen, Komme; an Stelle des Kopfes hat er eine Sonnenscheibe. Genau
an unserer Stelle stellt wie Picatrix das Steinbuch des Königs Alfonso einen
kopflosen Dekangott dar. Es dürfte kaum möglich sein, diesen kopflosen
Astralgott astrothetisch zu fixieren. Nimmt man den W ortlaut des Picatrix
genau, dann kann man auch einen Sterngott darin sehen, der einen abgehauenen
Kopf trägt, das wäre Satan, der nach Apomasar unter den Paranatellonta
der Sphaera barbarica des 3. Dekans des Steinbocks aufsteigt; er hat. wie
der arabische Text sagt, keinen Kopf, sondern trägt den Kopf in seiner Hand
Ebenso verlangt das Steinbuch hier den Mann mit dem geschnittenen Kopf,
der in seiner Hand etwas hält, das einem Tuche ähnlich sieht. Das Astrolabium
hat den folgenden Dekan als bewaffneten Mann ohne Kopf beschrieben und ab­
gebildet. Auch die Personifikation des 10. Grades drückt denselben Gedanken
aus, während der 2., 3. und 19. Grad auf den Perseus mit dem Kopf der
Medusa deuten. Es wirkt in diesem T yp des kopflosen Dekangottes die uralte
Vorstellung eines Sonnengottes weiter, der an Stelle des Kopfes die Sonnen­
scheibe trägt, wie ihn die ägyptischen Denkmäler beim vorhergehenden Zodia-
kalbild darstellen.1)
1) Z u d e m „ K o p flo s e n “ v g l. m a n B o l l , S p h a e r a 2 2 1 , 4 3 3 , u n d K . P r e i s e n d a n z ,

A k e p h a lo s d e r k o p flo s e G o t t, in B e ih e fte z u m A lte n O r ie n t, H e ft 8 (19 2 6 ) 7 2 .

10 »
148 D ie Bilder der Dekane in der a b e n d lä n d is c h e n und o r ie n t a lis c h e n L ite r a tu r

Zahel bringt wieder eine ruhigere Form, er bezeichnet den Gott ebenso
wie die von ihm abhängigen Texte einfach als Mann. Unter dieser Bezeichnung
kann man natürlich alles mögliche verstehen, und es hat keinen Sinn, sich in
weitere Spekulationen darüber verlieren zu wollen. Agrippa gibt ihm noch
das Prädikat der Klugheit und läßt noch eine Frau, die spinnt, kämmt oder
flicht — der lateinische Ausdruck erlaubt diese Interpretationen — aufsteigen.
Agrippa oder sein Vorbild hat hier ein Bild aus den arabischen Mondstationen
übernommen, das eine Frau darstellt, die sich wäscht und kämmt. Es ist die
26. Mondstation, die allerdings astronomisch sich noch nicht zu diesem Dekan
als Astralgottheit stellen lassen dürfte.
D er 2. D e k a n zeigt eine Frau, die Varahamihira in einem verbrannten
Wagen aus Salmali(-Holz) sitzen läßt; sie sammelt Eisen in einem Wald, ist
schmutzig gekleidet und trägt Töpfe auf dem Schädel — wohl ein Überrest
der Isiskrone? Das Bild erweckt natürlich die Vermutung, daß hier eine
orientalische Ausmalung des Sternbildes des Fuhrmanns dahinter stecken
könnte. Das ist aber ausgeschlossen, da der Fuhrmann noch etwa zwanzig bis
dreißig Grad unter dem Horizont ist, wenn dieser Dekan aufsteigt, er kann
also normalerweise nicht als einflußgebietender Herr dieses Drittels genannt
werden. Vielleicht ist es eine Kombination des auch sonst als Frau aufge'
faßten Eridanus1) mit dem Wagen des Phaethon, der nach den griechischen
Sternsagen in den Fluß brennend herabstürzte. Eridanus selbst geht mit
dem 1. Dekan des Wassermanns auf, paßt also auch astronomisch hierher als
Dekangott.
Bei Apomasar ist diese Frau in dem halbverbrannten Wagen verschwun­
den. Ein Mann mit langem Bart, der wie ein Neger aussieht und einem Ritter
ähnlich ist, tritt an ihre Stelle. Bogen und Pfeile und ein Sack, in dem kost­
bare Edelsteine sind, die näher beschrieben werden, sind seine äußeren Kenn­
zeichen. Das Bild läßt in seinen Anfangsstücken den Äthiopierkönig Kepheus
hervortreten, der zu den Paranatellonta gehört, der Sack mit den Edelsteinen
ruft die Urne des Wassermanns oder des Eridanus ins Gedächtnis, der Bogen
und die Pfeile könnten an Stelle des Schwertes oder des Szepters getreten
sein, das sonst Kepheus trägt. Die Edelsteine dürften eine Versinnbildlichung
des Reichtums des Königs sein. Ein wirkliches Sternbild läßt sich aber aus
diesen verschiedenartigen Bestandteilen nicht erschließen. Der byzantinische
Übersetzer bringt weitere Unruhe in das Bild. Der Dekan hat lange Kinnbacken
er ist ein Mann, der einem Neger gleicht, ist ein Reiter, hat Bogen und PfeU
in der Hand, und hat eine Tasche, die mit Edelsteinen gefüllt ist und auch
noch Gold enthält. Die Konfusion wird nun durch Hereinbeziehung des
Reiters erhöht, hinter dem wir wohl den Hippokrator, d. i. den Rossebändiger
des Teukros zu sehen haben, der als Begleitgestirn zu den Dekanen des Wasser­
manns genannt wird. Ihm gehört auch der Pfeil und Bogen, den Apomasar
nach dem arabischen Text bereits dem Dekan als besondere Attribute in die
Hand gibt. Aus dem Pferdebändiger ist nunmehr kurzerhand der Reiter ge'
worden. Die Sloanehandschrift behält das Pferd und die übrigen Attribute
bei, während die anderen Übersetzungen den Reiter schwinden lassen.
Achmet bietet statt des Reiters einen langbärtigen Mann, der ein pferde-
artiges Gesicht hat. Bogen und Pfeil bleiben, der Sack mit den Edelsteinen

1) H a u b e r , P la n e te n k in d e r b ild e r a . O . i8 7 f.
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Wassermann 149

wird zu einer Urne, die er auf der Schulter trägt. Der Palatinus gebraucht
für die Urne direkt den terminus X der für die Urne des Wassermanns
x o c t o

geläufig ist. In dem langbärtigen Mann mit dem pferdeartigen Gesicht er­
kennen wir wieder den Hippokrator des Teukros.
Mit Picatrix erlischt das proteusartige Gebilde und sinkt einfach zu
einem Mann zusammen, der stolz ist, als ob er ein mächtiger König wäre.
Das läßt sich durch die Zeichnung des Steinbuchs, das einen hingestreckt
daliegenden und nach Herzenslust faulenzenden Gott verlangt, auf eine ein­
fache Form bringen, es ist Eridanus auch hier voll in die Rechte dieses Dekans
eingesetzt.
Zahel und der Vindobonensis zeichnen den Dekan einfach als den anderen
der beiden Männer mit einem langen B art; als der erste Mann wird der vor­
hergehende Dekan gemeint. Leopold von Österreich macht daraus zwei
Männer mit langem Bart. Agrippa beruhigt sich bei dem Mann mit einem lan­
gen Bart, in dem man kaum noch den alten Dekangott der Inder bei Apo-
masar erkennt.
D er 3. D e k a n des Wassermanns ist nach Varahamihira ein schwarzer
Mann mit behaarten Ohren; er hat eine Krone und trägt Eisentöpfe, gefüllt
mit Fellen, Blättern, Harz und Früchten und bringt sie von einem Ort zum
anderen. Wieder sind die Attribute zweier Gestirngötter miteinander ver­
mengt, der schwarze gekrönte König ist natürlich der Flußgott Eridanus,
die Baumrinde wie die Blätter sind wie die Haare in den Ohren aus dem
Schilf zu erkennen, das den K opf des Flußgottes ziert.1) Die Töpfe, die er
trägt, sind eine Umdeutung der Urne des Wassermanns oder des Eridanus.
Apomasar gestaltet ihn zum garstigen schwarzfarbigen zornigen Mann w eiter;
statt der Töpfe bekommt er eiserne Gerätschaften, er bearbeitet sie und trägt
sie von einem Ort zum anderen. Aus der Krone ist ein Kranz aus Baum­
blättern, Obst und Baumharz geworden, was wiederum den alten Flußgott
Eridanus hinter dieser Maskerade verbirgt. Kennzeichen sind weiter, auch
bei Apomasar, die Haare am Ohr. Der griechische Text bildet daraus zwei
Gestalten, er trennt als Sonderwesen den Mann, der Eisen bearbeitet, von
dem, welcher es von Ort zu Ort trägt. Der erste behält die obigen Attribute,
nur wird genauer gesagt, daß er die Haare im Ohr hat. Die lateinischen Über­
setzungen bleiben dem arabischen Original getreu und sprechen nur von
einem einzigen Wesen in derselben Zeichnung wie ihre Vorlage. Achmet
hat nur geringfügige Änderungen, er nennt den Dekangott honigfarben, sehr
Verständig und schwach. Er hat die eisernen Geräte nur vor sich stehen undgeht.
Picatrix zaubert wieder seinen 1. Dekan herauf; es ist ein Mann mit
einem abgehauenen Kopf, er wird nun durch eine Begleiterin erweitert, vor
ihm ist eine alte Frau. Mit der letzteren kann Kassiopeia gemeint sein. Der
Mann selbst wäre dann Perseus, wenn man den Text so interpretiert, daß er
den abgehauenen Kopf trägt. Das Steinbuch verlangt zwei Frauen, eine schöne
junge Frau und eine alte, die vor der jungen Frau steht und sie zurückhalten
will, womit wohl Kassiopeia und Andromeda gemeint sind. Doch bleibt auch
hier die Frage offen, ob nicht die Hyaden gemeint sein sollen, da der Stein
dieses Dekans auf gleiche Stufe mit dem Talisman des 11. Grades des Stiers

1) V g l. S a x l , V e r z e ic h n is a s tr o lo g . u n d m y th o l. H a n d s c h r . I a . O . T a f. I, A b b . 2

u n d 3 , fe r n e r H a u b e r , P la n e te n k in d e r b ild e r a . O . 1 8 5 ff.
i 5o D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen LiteratW

gestellt ist, wo eine der Hyaden dem Edelstein den sideralen Schutz im­
prägniert.
Zahel, Leopold von Österreich und Agrippa haben einen zornigen Neger,
worin man kaum mehr den Äthiopierkönig erkennt; der Vindobonensis ge­
staltet den alten indischen Dekangott einfach zum zornigen Riesen.

12. F IS C H E

D e r x. D e k a n ist bei Varahamihira ein Mann mit Schmuck, er trägt in


den Händen Opfer-Schöpflöffel und Gefäße für heilige Gebräuche mit Perlen,
Edelsteinen und Muschelschalen, er ist geschmückt und fährt mit einem Boot
ins Meer, um Schmuck für seine Frau zu holen. Die erstgenannten Attribute
erschließen wiederum das Bild des Wassermanns mit seinen Urnen oder auch
des Eridanus. Der Typus des schwimmenden Gottes ist durch das Segelschiff
ersetzt, das übrigens auch ein letzter Überrest der alten Darstellung der De­
kane in einem Schiff sein kann.
Apomasar beschreibt dagegen einen ganz anderen Typ. Nach ihm ist es
ein Mann in schönen Gewändern, er hat eine eiserne Ofenkrücke, womit man
Feuer schürt, drei Fische und Schmuck. E r geht nach seiner Wohnung. Boll
hat, wie bereits hervorgehoben wurde, in den drei Fischen einen Hinweis auf
die drei Sternbilder der Fische des griechischen Himmels gesehen. Aber die
Gestalt selbst bleibt noch dunkel. Der Byzantiner bringt hier zwei Gestalten,
einen Mann, der mit einer schönen Stola und mit Eisen bekleidet ist, er ar­
beitet durch Feuer, hat in der Hand drei Fische, die vor ihm liegen, bei ihm
ist auch ein Knäblein (Sklave?), der in seinem Haus auf und abgeht. Die la­
teinischen Übersetzer bleiben dem Original treu und zeichnen den Dekan
als Mann, der auf sein Haus zugeht, schön angezogen ist und ein eisernes
Gefäß in der Hand hat. Auch die drei Fische werden erwähnt. Achmet gibt
ebenfalls nur eine Gestalt, der Dekan ist ein Mann und hat in seiner Hand
gehärtetes zugespitztes Eisen und zwei Fische. Auf ihm sind Leinengewänder.
Die Fahrzeuge sind seine Sorge und die Heimkehr in das eigene Heim; auch
sorgt er sich um sein Weib (Palatinus).
A lles in allem bleibt eine Meeresgottheit, die mit einer eisernen Ofen­
krücke oder einem spitzen Eisen versehen ist und drei bzw. zwei Fische bei
sich hat; sie richtet ihre Sorge auf die Seeschiffe und gute Heimkehr, das
letztere geben die Texte zum Teil durch das Bild wieder, daß der Gott in einem
Segelschiff sitzt oder auf sein Haus zugeht. Hinter all diesen Verschnörke-
lungen steht deutlich der Gott Poseidon. Wieder kommt hier die Lehre der
Monats- und Tierkreisgötter zum Durchbruch, die wir schon einmal aus
Manilius anführen mußten. Der römische Dichter gibt nämlich II 447 diesem
Gott das Regiment über die Fische mit den Worten: agnoscitque suos Nep'
tunus in aequore pisces. Das ist fast wörtlich in unseren Bildern zum Ausdruck
gebracht, wo der Gott die Fische vor sich liegen hat. Das typische Attribut
des Meeresgottes, der Dreizack ist in den Texten ganz entstellt zur eisernen
Ofenkrücke oder zum spitzen Eisen degradiert worden.
Picatrix trennt sich wieder von der Tradition und bezeichnet den D ekan
als einen Mann, der zwei Leiber hat und mit seinen Fingern deutet. Dasselbe
Bild bringt im Steinbuch die Energie des Dekangottes zur Erscheinung. Die
zwei zu einem Leib vereinigten Leiber ergeben sich von selbst aus dem offi'
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Fische __________________ I 5 1

ziellen Bild der Fische, die durch das Band miteinander zu einem Lebewesen
verbunden sind. Das typische Attribut dieses Tierkreisbildes „zweikörperig“ ,
das die Fische in den astrologischen Wahrsagetexten seit der Hellenistenzeit
haben, hat dem Reformator das Bild des Mannes mit den zwei Leibern ein­
gegeben; daß er noch mit den Fingern deutet, ist eine freie individuelle Schöp­
fung des Erfinders dieses neuen Dekantypus.
Zahel bringt wieder Ruhe in das aufgeregte Getriebe, ein schöngeklei­
deter Mann schließt als definitive Gestaltung das brodelnde Leben ab. Ihm
folgen Leopold von Österreich, der Vindobonensis und Agrippa, der noch
einen kleinen Zusatz macht und den schön gekleideten Mann Lasten tra­
gen läßt.
D er 2. D e k a n ist nach Varahamihira eine Frau, sie besteigt ein Boot
mit sehr hohem Mast und einer Flagge. Sie ist von ihren Freundinnen begleitet,
ihr Gesicht glänzt an Farbe wie eine Cambakablume. Der sehr hohe Mast
und das Banner, das das Boot auszeichnet, sind in der lebendigen Phantasie
des Inders aus den beiden Pfählen geformt worden, an denen Andromeda,
die mit diesem Dekan herauf kommt, nach der antiken Ikonographie ange­
kettet ist. Ihre Freunde, von denen sie begleitet ist, sind Perseus, Kassiopeia
und Kepheus, sie sind alle am Himmel sichtbar, wenn dieses Dekanat die
Herrschaft im Horoskop übernimmt. Daß sie in dem Boot zur Meeresküste
gelangt, ist eine freie Weiterdichtung, die ihre Motivierung einmal aus der
Sage nimmt, daß Andromeda an der Meeresküste zum Opfer für das unter
ihr in ewiger Wiederholung des Mythus sichtbare Ketos angeschmiedet ist,
andererseits kann die schon oft genug erwähnte ägyptische Darstellung sämt­
licher Dekane in Schiffen mit ihr Scherflein zu dieser Neugestaltung des Andro­
medabildes und unseres Dekanes beigetragen haben.
Apomasar behält diesen Typus ziemlich gut bei, nur läßt er die Frau mit
ihrer Brust an das Hinterteil des Schiffes festgebunden sein, weiter betont
er ihren weißen Körper. Das erst genannte Motiv läßt noch viel eklatanter
die an die Pfähle gefesselte Andromeda erkennen. Die Betonung der weißen
Hautfarbe deckt sich mit den astronomischen Beobachtungen der Farben der
hellen Sterne des Bildes, das z. B. von Ptolemäus nur mit dem Planeten
Venus zusammengestellt wird. Die Fesselung im Schiff läßt die mittelgrie­
chische Übersetzung ganz weg, dafür betont sie um so stärker, daß sie „völlig
weiß in Bezug auf das Fleisch“ ist. Das ist besonders bemerkenswert, denn
der griechische Mythus betont, daß die Andromeda, obwohl sie die Tochter
der beiden Äthiopier, des Kepheus und der Kassiopeia ist, eine weiße Farbe
hatte.1) Die lateinischen Übersetzungen bringen keine beachtenswerten neuen
Momente.
Achmet gibt nur den ersten Teil des alten Bildes, der Dekan ist auch
für ihn eine Frau im Schiff, sie ist schöngestaltet, im Meer und weiß. Aber
nun folgt die auffallende Neuerung, daß sie ihre Scham zeigt und eine Sphaera

i) Im R o m an des H eliod or b rin g t die K ö n ig in der Ä th iop ier, P ersin a (IV cap. 8),
deren A h n en die G ö tte r H elios und D ion ysos, die H eroen Perseus und A n dro m eda und
M em non sind, ein w eiß es K in d zu r W e lt, das in einer fü r die Ä th io p ie r frem den F arb e
sch im m e rt; sie h a tte b ei der E m p fä n gn is ih re A u g en a u f das B ild der A n drom eda gerich tet,
so w a r das em pfangene K in d unseligerw eise je n e r H eroin äh n lich geworden. N ach X cap . 14
ist ihre T och ter, die sie desw egen au ssetzte, sp äter d irek t ohne jeglich en U n tersch ied das
E b en b ild der A n drom eda gew orden.
152 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur

hat — man kann eine Himmelskugel oder einen Ball in dem griechischen
Wort sehen. Nachbarn und Freunde sind bei ihr, sie ist darauf aus, ans Trockne
zu kommen. Der Palatinus behält alles bei, nur steht bei ihm an Stelle der
Frau ein Mann. Das Astrolabium hat beide Bilder verwertet als eine Personi'
fikation der Grade. Der 27. Grad der Fische ist gestaltet als nackter Mann,
der seinen Urin ergießt. Das ist natürlich nicht gerade glückliche Weiterführung
des sein Wasser ausgießenden Eridanus. Im 11. Grad des Löwen, der nach
der Gewohnheit des Verfassers ein Dekanbild enthält, steht in naturalistischer
Darstellung ganz genau das Bild der Dekangöttin, die Achmet beschreibt; sie
wird als mulier stans denudans ventrem bezeichnet. Es ist hier die mittelalter­
liche Darstellung der mann weiblichen Andromeda in den Text eingedrungen-
Daß Achmet oder der Schreiber dieses Bild gekannt hat, beweist uns, daß
sie nach dem einen Text als Mann, nach dem anderen als Weib erscheint
und ihren Leib entblößt. Die mittelalterliche Zeichnung in der Scotushand-
schrift gibt in geradezu widerlich naturalistischer Darstellung die Insignien
dieser von den Arabern als mannweiblich gedachten Göttin und zwar so, wie
es der Text verlangt. Das den astrothetischen Angaben gemäß getreulich
gebildete lange Gewand mit der Schleppe ist beiseite geschlagen, um die
Schamglieder zu zeigen, oder diese sind auf das durchsichtige Gewand aufge-
tragen.1) Achmet ist in der Geschichte des Bildes der mannweiblichen Andro­
meda und der Sternbilderdarstellungen also dadurch noch von besonderem
Wert, da er einer der ältesten Zeugen ist, der eine solche Darstellung der
mannweiblichen Andromeda gekannt haben muß.
Picatrix gibt als neues Rätsel einen umgekehrten Mann mit Häuten in
der Hand. Teukros erwähnt zu dem Schützen S-eo? t i ? xaTax£<pocXa xet'
(asvo? (Boll, Sphaera 278), also einen Gott, der auf dem Kopfe steht als Be­
gleitgestirn. Das ist hier natürlich Engonasin, der in dieser verkehrten Lage
mit dem K opf nach Süden und den Beinen nach Norden seit alters so in
dem Himmelsbild der Griechen erscheint. Die Häute, die er trägt, sind eine
durchsichtige Vervielfachung der Löwenhaut, die der in dem Engonasin ver-
stirnte Herakles als typisches Attribut auf den antiken und mittelalterlichen
Darstellungen dieses Sternbildes hat. Die Einsetzung als Dekangott dürfte
sich auf der Tatsache gründen, daß der Engonasin in den Teukrostexten als
Begleitgestirn zu dem 2. und 3. Dekan der Fische genannt wird.2) Beidesmal
ist allerdings seine Erwähnung als Begleitgestirn astronomisch unrichtig,
denn ein Blick auf den Globus zeigt, daß dieses Sternbild schon über die
Kulmination hinaus ist, wenn der entsprechende Dekan herauf kommt. Es
kann also derjenige, der den Knienden an dieser Stelle als neues Dekan­
gebilde eingereiht hat, nicht mit dem Blick auf den gestirnten Himmel ar­
beiten; er nimmt einfach aus der Liste der Paranatellonta ein markantes
Sternbild heraus und verleiht ihm die Rechte eines Herrn des aufgehenden
Drittels, ohne zu beachten, daß seine Vorlage zuweilen von den astronomischen
Gegebenheiten stark abweicht. Das ist eine wichtige Feststellung, die uns
berechtigt, auch bei den anderen Neubildungen des Picatrix mit aller Skepsis
vorzugehen, er bringt keine astronomisch einwandfreien Größen als Ersatz­
götter herbei, sondern greift ad libitum eines der Paranatellonta, die wie
1) H a u b e r , P la n eten k in d erb ild er 17 1, S a x l , V erzeich n is astrolog. und m ythol-
illu str. H and schr. a. O. I I 16, dazu T a f. V I A b b . 11.
2) B o l l , Sphaera io o ff.
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Fische 153
in unserem Falle weder astronomisch noch astrologisch das Regiment als
Zeitgott infolge ihrer Stellung am Himmel ausführen können. Ganz für sich
steht hier das Steinbuch, es gibt die virtus dieses Dekans durch einen Mann
wieder, der eine Blume hält — man darf darin wohl eine orientalische Weiter­
gestaltung der Andromeda erblicken.
Zahel und die Nachtreter desselben behalten den Andromedatyp bei, aber
wie üblich sind alle charakteristischen Merkmale, deren die älteren Listen
so viele zu nennen wissen, weggefallen. Daraus ist nun das kleine Stichwort:
ein Weib mit schönem Gesicht geworden. Agrippa weiß nur noch das matte
inhaltlose Attribut „schöngekleidet“ zuzufügen.
D en 3. D e k a n d er F is c h e charakterisiert Varahamihira als einen
Mann, um dessen Körper sich Schlangen winden. E r ist nackt, steht im Walde
und heult, da er von Räubern und Feuer im Herzen geplagt ist. Apomasar
behält die Grundzüge bei, nur ist aus der Schlange, die sich um seinen Körper
windet, eine Lanze geworden, die er in seinem Bauch befestigt hat. Aus der
Höhle im Wald ist nun die Wüste geworden. Ein besonderes Merkmal ist der
Fuß, den er ausgestreckt hat. Der Byzantiner behält das groteske Bild bei,
gibt ihm aber einen kleinen Spieß in den Leib. Vielleicht steht der phallo-
phoros Kirchers als Dekan unseres Drittels irgendwie damit in Zusammen­
hang ? Die lateinischen Übersetzungen machen aus der Lanze, die er im Bauch
haben soll, und aus dem vorgestreckten Fuß eine Einheit: er stellt seinen Fuß
auf seinen eigenen Leib und hat eine Lanze in der Hand. Die Nacktheit und
das Schreien aus Angst vor den Räubern bleibt. Die Sloanehandschrift und
Hermann Dalmata haben eine neue wunderliche Mißgestalt daraus geformt.
Für sie ist der Dekan ein Mann mit vorgestreckten Füßen, mit ihm steigt
ein schwangerer Mann auf, der in seinem Bauch einen Äthiopier hat. Man
kann auch anders konstruieren, dann käme der nicht gerade erfreulichere
Sinn heraus ein durch seinen Leib schwangerer Mann (phallophorus ?), er
hat einen Äthiopier, der auf einem Felsen steht, und schreit aus Angst vor
Räubern und Feuer.
Allen Bildern bleibt bei ihren grotesken Verzerrungen gemeinsam, daß
der Dekan Angst hat vor Räubern und schreit, weiter, daß er an einsamer
Stelle — vor einer Höhle im Wald oder in der Wüste sitzt. Ein Kennzeichen
ist die Sache an dem Bauch des Dekans, eine Schlange, eine Lanze, ein kleiner
Spieß, der eigene Fuß; dazu kommt noch der geschwollene Bauch, der direkt
das bizarre Bild des schwangeren Mannes ins Leben gerufen hat. Die Merk­
male genügen, um hinter dem Rätselgott ein bekanntes Sternbild auftauchen
zu lassen, die Andromeda; sie zeigt hier so viele Entwicklungsphasen, wie sie
bis jetzt in der Geschichte des Sternbildes nicht bekannt waren. Die erste
Metamorphose zeigt sie als Mann; daß aus der mannweiblichen Andromeda
ein Mann werden kann, ist aus der falschen Auffassung des ersten Bestand­
teiles des Namens zu erklären, in dem orientalische Grammatiker das W ort
,,Mann“ ( = Andro aus «V7)p ävSpo?) erkannten. W ir haben dieselbe Auffas­
sung vorhin bereits in dem Palatinustext des Achmet feststellen können.
Die Entstellungen des Leibes datieren aus der alten Verschmelzung des Stern­
bildes des nördlichen Fisches mit dem Leib der Andromeda. Nach Kazwini
heißt der Stern ß über dem Gürtel der Andromeda „Bauch des Fisches“ .
Das wird in orientalischen und mittelalterlichen Illustrationen wörtlich be­
folgt, die den Bauch des Fisches „unter den rechten hocherhobenen Arm,
I54 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur

mit dem K opf gegen ihren Unterleib setzen“ .1) Daß sie Angst vor Räubern
hat und schreit, entspricht dem Mythus, natürlich steckt hinter den Räubern
und Dieben das Sternbild des Ketos, das unter der Andromeda in ewiger Wie­
derholung des Mythos auf sie einzudringen und sie zu verschlingen droht.
Die Höhle im Wald oder die Wüste ist an Stelle des einsamen Meeresgestades
getreten, an dem Andromeda mit den Brautgeschenken als Opfer für das
Meerungeheuer ausgesetzt ist. Die Schlange, die sich nach Varahamihira um
ihren Fuß windet, kann natürlich letzten Endes auf einen schlangenkörperigen
ägyptischen Dekan zurückgehen. Doch wird man diese Erklärung nicht
pressen dürfen, da der Inder kaum mehr Reminiszenzen an diese alten Dekan­
gottheiten aufweist. Vielmehr wird auch hier eine orientalische Darstellung
mitsprechen, die das Ketos in schlangenartigen Windungen sich unter den
Füßen der Andromeda auf bäumen läßt, wie das etwa die Darstellung im
Regin.lat. 123 und im Vatic. lat. 643 zeigt. Doch können auch die orientalischen
Bilder, die nur an den Unterschenkeln die Fesseln anbringen, das Bild der
umringelnden Schlange wachgerufen haben.2)
Achmet läßt noch weiter das ursprüngliche Bild der Andromeda zurück­
treten. Er schafft durch falsche Interpretation seines Apomasartextes einen
Mann, der an seinem Fuß eine Schlange ausbreitet, bis er nackt erscheint.
Er hat kein Kleid. Er schafft Räuber. Es ist also aus dem alten A ffekt der
Angst vor dem Räuber, d. i. dem Ketos, wie so oft in der astrologischen
Orakelliteratur, die Wirkung des Sterngottes auf das Menschenschicksal
zurechtgeformt worden. Der Palatinus gibt den ersten geschraubten Teil
einfacher, er sagt: unter seinen Füßen breitet er eine Schlange aus, er hat
keine Kleider. Dieser Text trifft besser das Bild, daß unter den Füßen der
Andromeda das hier schlangenförmig erschaute Bild des Ketos ist.2) Zahel
und die anderen Texte geben als Dekanbild nur noch einen nackten
Mann ohne jeden weiteren Zusatz. Nur Agrippa bringt noch einmal etwas
Leben in das erstarrende Bild. E r gestaltet es als nackten Mann oder als
Jüngling und neben ihm ist ein schönes Mädchen, dessen Haupt mit Blumen
geschmückt ist. Wir erkennen in dem doppelten Bild vielleicht Perseus und
wiederum Andromeda, die als Braut dem Meeresscheusal zum Opfer dar­
gebracht ist.
Picatrix und das Steinbuch haben auch hier ganz anderen Gestalten die
Herrschaft über das Dekanat eingeräumt. Der erstere verlangt drei Wesen:
einen Mann voll Bosheit und List, eine Frau mit einem Vogel in der Hand
und einen Esel, der auf die Frau steigt. Das Steinbuch fordert das Bild eines
Mannes, der in seiner Hand einen Vogel hat; seine Stellung ist derart, wie
wenn er einen Hirsch fangen will, der vor ihm auf den Füßen steht. Beiden
gemeinsam ist der Mann und der Vogel. Beide Bilder müssen in der Vorlage
wohl zusammen gehört haben, durch eine falsche Textinterpretation ist der
Vogel bei Picatrix der Frau in die Hand gegeben. Es ist zweifellos wieder
Kepheus und der Vogel (Schwan); daß er boshaft und listig genannt wird,
resultiert aus den antiken Sternsagen, nach denen er das dem Perseus ge-

1) H a u b e r , P la n eten kin d erb ild er a. O. 1 7 1 : S a x l , V erzeichn is astrolog. und


m y th o l. illu str. H and schr. I I 20, 1 u nd T a f. V I I I A b b . 15, das g e h t a u f m ißverstän dliche
In terp re ta tio n der latein . A ra tü b ersetzu n gen zu rü ck, v g l. G erm anicus A ra t. v . 2 4 6
u nd A vie n . A ra t. v . 557.
2) A b g e b ild e t v o n S a x l , I a. a. O. T a f. V I I A b b . 14 und 15.
Neubildungen in den nachantiken Dekanbeschreibungen — Fische 155
gebene Versprechen nicht halten will.1) Die Frau, auf die ein Esel steigt,
ist wohl Andromeda. Der Esel dürfte eine Verzerrung des Pegasus sein, der
mit Andromeda durch den gemeinsamen hellen Stern zu einem einheitlichen
Gebilde verkettet ist (S. 117). Ich darf noch darauf hinweisen, daß nach
Id e le r a. O. 12 7 I der lateinische Übersetzer des Almagest das griechische
Wort cjpfxa, das die Schleppe der Andromeda und der Jungfrau bei Ptole-
mäus bezeichnet, falsch übersetzt und mit „Esel“ wiedergegeben hat. Es
wäre also möglich, daß im Picatrix, bzw. in seiner Vorlage bereits die falsche
Interpretation der Schleppe der Andromeda dieses groteske Dekanbild ver­
anlaßt hat. Wahrscheinlicher scheint mir aber die zuerst gegebene Erklärung;
denn nach Ptolemäus steigt mit dem vorhergehenden Dekan der Kopf der
Andromeda auf, der dem hinteren Teil des Pferdes (Pegasus) benachbart ist.
In dem Hirsch, den das Steinbuch bei dem Mann erwähnt, steckt das Stern­
bild des Stier-Hirsches, das Teukros unter den Paranatellonta unseres Dekanes
an erster Stelle aufsteigen läßt.
Die Analyse der Bestandteile der 36 Dekane der Inder zeigt, daß es sich
tatsächlich nicht um indische Sternbilder noch um Neuschöpfungen eines
indischen oder arabischen Astrologen handelt. Sondern Varahamihira und die
von ihm abhängige Beschreibung, welche Apomasar und die von ihm direkt
oder indirekt abhängigen Dekankataloge des Abendlandes geben, fußen auf
einem Autor, der einen Text der hellenistischen Astrologie benutzt hat, welcher
Dekane und Paranatellonta der Sphaera barbarica enthielt. Seine Absicht
war, den flüchtigen Gebilden einen festen Halt am gestirnten Himmel zu
geben dadurch, daß er an die Stelle der grotesken Bilder der alten ägyptischen
und der hermetischen Listen der graeco-ägyptischen Astrologie und Astro-
magie Parzellen des Tierkreises, bildmäßig erfaßte Sterngruppen der Parana­
tellonta und gelegentlich auch die abstrakten tutelae der Tierkreisbilder zu
Dekanen machte. Wahrscheinlich ist der schon genannte Aphroditosemaios
oder auch Satya dieser Kompilator gewesen und zugleich der Mittler zwischen
Teukros und der hellenistischen Dekanlehre zu Varahamihira. Wir können
jeden der 36 indischen Dekane durch die Bestandteile der Paranatellonta usw.
erklären, in denen nach dem griechischen Apomasartext „die Gesichter der
heraufkommenden Begleitgestirne" verstanden werden müssen. Auch der
davon abweichende zweite Teil des Dekankataloges, den Picatrix und der
Verfasser des Steinbuches benutzt, enthält Paranatellonta — auf welchen Autor
diese Liste zurückgeht, wird sich erst durch genaueres Eindringen in die arabi­
schen Dekankataloge und kosmologischen Traktate feststellen lassen. Daß aber
die Verknüpfung der Dekane mit Paranatellonta aus dem Altertum stammt,
haben uns bereits die Dekannamen des Testamentum Salomonis bewiesen.

F. D IE D E K A N B IL D E R NACH A TH AN ASIU S K IR C H E R
Außerhalb der beiden großen traditionellen Reihen von Dekanbildern,
die auf Varahamihira-Apomasar und auf Zahel zurückgehen, steht die Bilder­
reihe, welche Kircher beschreibt. Wie die Namen (S. 74f-), so führt er auch
die Bilder auf den Araber Abenragel zurück; es ist anzunehmen, daß Kircher
1) V g l. M anil. V 23: Andromedamque negans genitor . . . Cepheus u nd H y g in . fab. 64:
Quam (sc. Andromedam) cum abducere vellet, Cepheus pater cum Agenore, cuius sponsa
fu it , Perseum clam interficere voluerunt.
D ie Bilder der D ekane in der abendländischen und orientalischen Literatur

nicht aus eigener Phantasie diese Bilder ins Leben gerufen hat, sondern daß
er tatsächlich einen älteren bis jetzt nicht auffindbaren Dekankatalog dieses
Arabers gekannt und mit mehr oder weniger neuen eigenen Zutaten versehen
hat. Darum glaube ich, nicht einfach an seinen Darlegungen vorübergehen
zu können, denn sie gehören nun einmal so gut wie seine Namen und Aktionen
in die Darstellung der Geschichte der Dekane hinein. Nachfolger scheint Kir-
cher nicht gehabt zu haben. Das erklärt sich leicht aus der Tatsache, daß
kurz nach ihm ja das Interesse an der Astrologie im ganzen und an den De­
kanen im besonderen im Abendland rasch abnimmt, um endlich ganz unter­
zugehen.1)
Wie bei den Namen, so ergibt sich bei den Bildern Kirchers unschwer
altes Gut. Der Mann mit der Lanze und dem Pfeil, der den ersten Widder­
dekan bildet, dürfte Perseus oder Mars sein. Der hundsköpfige Dekan des
zweiten Drittels des Widders mit dem Szepter auf dem Thron muß ebenso
wie der 3. Widderdekan, der als Bild eines umgestürzten Mannes (vultus!)
mit einer Lyra beschrieben wird, eine Komposition aus den Paranatellonta
sein. Denn beim 2. und 3. Dekan steigen nach Apomasar (Boll, Sphaera 497)
Teile des „jungen Mannes auf, der Kassiopeia heißt und auf einem Throne
sitzt“ . Zum 1. Dekan und zu den Stierdekanen ist als Begleitgestirn ein
hundsköpfiger Sterngott genannt. Aus diesen beiden heterogenen Elementen
ist nun der hundsköpfige thronende Dekangott gebildet. Auch der 3. Dekan
ist leicht als Begleitgestirn zu enthüllen, es ist Perseus der mit dem Kopf
nach unten mit dem 3. Widderdekan heraufkommt, wie bereits Teukros
gelehrt hat.2) Scaliger übersetzt den Apomasartext Ibn Ezras m it: homo demisso
deorsum capite, vociferans ad deum?) Daraus hat nun das Vorbild Kirchers
den umgestürzten Dekan gemacht; aus dem zu Gott schreienden ist wohl
durch eine falsche Interpretation des arabischen Apomasartextes der Mann
geworden, der die Lyra trägt.
Der i. und der 2. Dekan des Stiers ergeben sich leicht als Varianten des
Sternbildes des Fuhrmanns; der 1. Dekan ist ein Mann, der einen Stier stachelt
und in der Hand ein Gnomon trägt, der 2. Dekan wird als Reiter dargestellt,
der eine Fahne in der Hand hat. Auch der 3. Dekan, der als ein Bild beschrieben
wird, das mit Fesseln gefesselt ist, kann als eine Abart des alten Dekanbildes
der Osirismumie gedacht werden. Der Fuhrmann kommt in den antiken
Texten als Begleitgestirn zu allen drei Dekanen des Stiers vor, bei Apomasar
ist er nur im 3. Dekan ausdrücklich genannt; die von Kircher gewählten
Typen lassen sich auch anderwärts nach weisen.4)
Von den Dekanen der Zwillinge lassen sich der zweite, der als Mann mit
einer ungeheuren Last gezeichnet wird, und der 3., der mit zusammengefal­
teten Händen auf der Erde sitzt, leicht als Entartungen des Sternbildes des
Herakles-Engonasin enträtseln, der in den antiken Texten und bei Apomasar
unter den Begleitgestirnen des 2. Dekans erscheint. Astronomisch läßt sich
1) D azu neuerdings G. B r a u n s p e r g e r , B e iträ g e zu r G esch ich te der A stro logie
der B lü te ze it v o m X V . bis zu m X V I I . Jah rh u n d ert (Diss. M ünchen 1928) 61 f.
2) T eu kros n en n t n ach dem ersten T e u k ro ste x t ( B o l l , Sphaera 17): I l e p a s ' j c , xa-ra-
xitpaXa als P a ra n ate llo n des d ritten W idderd ekan s.
3) S c a l i g e r in seiner M an iliu sausgabe v o m Ja h re 1655, 337.
4) Zu den a n tik en Zeugnissen ü ber den A u fg a n g des F u h rm an n s m it den D ekan en
des S tiers siehe B o l l , S p h aera io 8 ff., die verschieden en T y p e n desselben ebd. 436 und
S a x l , V e rze ich n is astrol. und m y th o l. illu str. H andschr. a. O. I I (1927) 188.
D ie Dekanbilder nach Athanasius K ir eher 157
das allerdings nicht halten, denn dieses Sternbild neigt sich zum Untergang,
wenn der 2. Dekan der Zwillinge heraufkommt. Man kann aber auch an
einen Typus des einen der beiden Zwillinge denken, der als Herakles bereits
im Altertum gezeichnet wird; die ungeheure Last, welche der 2. Dekan nach
Kircher trägt, ist vielleicht die gewaltige Keule des Herakles, deren Größe
und Schwere die antiken Sternsagen hervorheben. Auch der auf der Erde
sitzende 3. Dekan findet in dem Typus der Zwillinge seine Erklärung.1) Etwas
dichter ist die Vermummung des 1. Dekans. Es ist ein Mann, der auf einem
Throne sitzt und mit der einen Hand ein Buch hält, mit der anderen Hand
den Gestus eines Befehlenden ausführt. Einen Dekan, der in einem Buche
liest, finden wir in Wort und Bild mehrfach unter den mittelalterlichen Dekan­
bildern, auch unter den arabischen Mondstationen ist diese Gestalt vertreten
(S. 133). Man kann erwägen, ob hier eine Entartung des Fuhrmanns oder eines
der beiden Zwillinge vorliegt. Näher scheint mir aber die Deutung auf einen
Planetentyp zu liegen. Kircher nennt als Herrn des Dekans den Jupiter, er
ist, wie Kircher zufügt, ein Dekan der Weisheit in der Erteilung und Über­
prüfung von Antworten. Seine W irkung als Geburtsherr ist auch dement­
sprechend, denn er bringt Ratgeber und Weise hervor. Die mittelalterlichen
Bilder des Planeten Jupiter und seiner Kinder rufen uns den von Kircher
als Dekantyp gezeichneten Gott Jupiter ins Gedächtnis.2)
Damit sind auch für die Erklärung der anderen Dekane Kirchers zwei
der wichtigsten Richtlinien gefunden: er oder sein arabischer Gewährsmann
Abenragel hat die alten traditionellen Typen der Dekane einerseits ersetzt
durch Sternbilder, welche als Begleitgestirne zu den alten Dekandritteln ge­
nannt werden, und dann durch Planetenbilder, welche den von ihm genannten
Prosopa und deren Wirkungen im Bild gerecht werden. Dazu kommen noch
Bestandteile der üblichen Darstellungen der Sternbilder des Tierkreises und
Reste alter Dekanbilder.
Der 1. Dekan des Krebses heißt nach Kircher Apollun und ist ein Mann,
der eine Kithara in der Hand hält und die Haltung eines Tänzers hat. Das ist
eine Verbindung des Sternbildes Satyros, das mit diesem Dekan aufgeht und
in der indischen Liste seine Merkmale an diesen grotesken Dekan abgegeben
hat, und des letzten indischen Dekans der Zwillinge, der noch deutlich den
Typus des Apollo erhalten hat. In dem Kriomorphos, der als 2. Dekan des
Krebses in der Gestalt eines Widders Blumen streut, tritt uns, allerdings ein
Drittel zu früh, das Bild des alten Dekangottes Chnumis entgegen. Der 3. Dekan­
gott wird als eine Gestalt bezeichnet, welche einen wütenden Hund an einem
Riemen füh rt; das Bild ergibt als wichtigsten Bestandteil, den Sirius, er wird
in den antiken Texten seit alters als ein wütender Hund gezeichnet, der vor
allem die Hundswut veranlaßt, und als Begleitgestirn des Krebses genannt.
Bei der Figur, die ihn führt, kann man an Isis oder Anubis denken, beide
Gottheiten stehen mit diesem Gestirn in näherer Beziehung.3) In der Gestalt,
1) Ü b er die falsch e R u b rizieru n g des H erakles-E n gon asin als P a ra n atello n der
Z w illin g e h an d elt B o l l , S phaera 101, die verschieden en Z w illin g styp en bei S a x l a. 0 .1 7 g f.
2) H a u b e r , P la n eten k in d erb ild er u nd S tern b ild er a. O. 96, dazu T a f. X I I , X V I I
und X I X .
3) Im A stro lab iu m P lan u m is t dasselbe M o tiv noch erh alten , aber b ereits gan z in
sp ä tm ittela lterlich em G esch m ack zu einem v ollb ekleid eten M ann en tartet, der m it seinem
H u nd zu r J agd z ie h t; er b lä st in sein Jagd h o rn und tr ä g t einen lan gen J agdspieß. E s ist
der hu n dsköpfige B ogen sch ü tze h in ter dieser M askerade ka u m m ehr erkenn bar.
158 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen L iteratur

die auf einem Krokodil reitet, welche als Bild des 1. Dekans des Löwen von
Kircher genannt wird, ist man versucht, wieder an das altägyptische Him­
melsbild zu denken, das ein Krokodil in verschiedener Formulierung auf-
weist. Besonders bekannt ist die Verbindung des Sternbildes der Thueris mit
dem Krokodil; es sitzt entweder das Krokodil auf dem Rücken dieser Göttin,
liegt vor derselben oder wird von ihr gehalten. Auch Horus wird mit dem
Krokodil in ägyptischen SternbilderdarStellungen in Verbindung gestellt.1)
Dann ist uns das Krokodil als das zwölfte Tier des Dodekaoros und als Dekan­
gott der Fische bekannt. Wie nun aber der auf dem Krokodil reitende Stern­
gott gerade zu einem Dekan des Löwen werden konnte, kann von mir
nicht erklärt werden. Vielleicht steckt eine falsche Erklärung der Hydra
dahinter, die als schwarze Wasserschlange bei Apomasar und bei Scaliger
als bestia nigra erscheint. Das würde dann zu der Gottheit führen, die
im Rundbild von Dendera mit dem Sternbild des Löwen auf der großen
Schlange steht.
Von den Tierkreisbildern hat die Jungfrau wichtige Bestandteile zur
Zeichnung ihres 1. Dekans hergegeben. Nach Kircher ist es eine Gestalt,
welche ein Bündel Ähren in der Hand hält und mit der anderen ein Kalb
führt.2) Ihre arabische Umgestaltung zu Maria, die den kleinen Jesus stillt,
klingt in der Gestalt des 2. Dekans der Waage nach. Kircher beschreibt ihn
als einen Mann, der an dem Busen der Jungfrau schläft — die letzte
Umwandlung der ägyptischen Darstellung der Jungfrau als Isis, die den
Horus stillt. Das Bild des Waagemanns ist kopiert in dem 1. Dekan
der Waage, der als Mann mit einer Waage und einem Meßzirkel erscheint. Der
1. Dekan des Steinbocks trägt noch die alte Gestalt dieses Tierkreisbildes,
den Aigipan, wenn er als Pan gezeichnet wird, der einer sitzenden Frau ein
Syrinx bringt.
Die Literatur der Dekanbilder ist mit Kircher nicht abgeschlossen. Vor
einem Jahrzehnt hat R. v. Sebottendorf ein Büchlein „D ie Symbole des
Tierkreises“ herausgegeben.3) Es ist, wie der erste Blick zeigt, eine Beschrei­
bung der Dekane und der Gradbilder des Astrolabium Planum. Sebottendorf
gibt eine eingehende Schilderung der den 30 Gradbildern jedes Zodiakal-
zeichens vorausgehenden planetarischen Prosopa, deren Attribute sich zu­
weilen etwas von den Bildern des Astrolabium unterscheiden. Auch die Be­
kleidung und die Haltung der Hände zeigt verschiedentlich Unterschiede von
den Bildern des Astrolabiums. Als Quelle gibt v. Sebottendorf: Vinzenz
Chartarius, Neu errichteter Götzentempel an. Ich habe dieses Werk nach
der Ausgabe vom Jahre 1711 (Frankfurt, in Verlegung Ludwig Bourgeat)
eingesehen, aber von irgendwelchen Sternbilderbeschreibungen,geschweige
denn von Dekan- oder Gradbildern nichts darin gefunden. Lediglich die von
Sebottendorf beigegebenen 8 Kupferstiche sind daraus entnommen, sie haben
mit den Dekanbildern oder den Personifikationen der 360 Grad natürlich

1) R o e d e r , Thueris, im M yth ol. L e x . V 899 f.


2) In dem K a lb k an n m an an die R in d er des p flügen den stierköp figen B o o tes denken,
doch kann v ielle ic h t ein a rab ischer Sondernam e v o n Stern en der Ju n gfrau dahin ter
stecken ; ein R in d erschein t im A stro lab iu m P lan um auch als P erson ifikation des 14- G ra ­
des der Ju n gfrau , und B ootes m it R in dern pflügen d ist ebend a das B ild des 4. G rad es
dieses Z odiakalb ildes.
3) Q uellen schriften zu r A stro lo gie I (Theosophisches V erlagshaus, L e ip zig 1920).
D ie Dekanbilder nach Athanasius K ircher — D ie Sternbilder des malaiischen Archipels 159
nichts zu tun. Die beste Ausbeute „außer anderen astrologischen Schrift­
stellern des Mittelalters" (sic!) lieferte für v. Sebottendorf nach dem Vor­
wort der anonyme „Lapis philosophorum“ aus dem Jahre 1752. Ich konnte
bis jetzt dieses W erk nicht in die Hand bekommen, möglich also, daß dort
die sehr seltene Dekanbeschreibung enthalten ist. Kulturgeschichtlich und
geistesgeschichtlich bedeutsam ist der Grund, warum der astrologiegläubige
Verfasser diese Bilder aus ihrer Todesstarre erweckt: „jedenfalls erschien es
notwendig, diese Symbolik der Vergessenheit zu entziehen, für viele Menschen
sind schon jetzt Symbole nicht mehr Hieroglyphen, diese werden den rechten
Nutzen aus der Sammlung zu ziehen wissen“ . Die Bilder und die Deutungen
des Symbols, von deren Herkunft der Verfasser, wie aus dem Vorwort zur
Genüge hervorgeht, recht wenig Ahnung hat, soll jeder selbst erproben, um
neue Zusammenhänge zu finden.
Die Geschichte der Dekane ist mit der Kennzeichnung des Wander­
weges, den sie von Ägypten und dem hellenisierten Ägypten nach Persien
und Indien und von da nach dem Abendland über Arabien machten, nicht
abgeschlossen. Denn von Indien aus müssen sie, jedenfalls schon bevor sie
den Reiseweg nach dem Westen antraten, nach Ostasien gekommen sein.
Das zeigen besonders schön die Bilder der 36 Dekane in der japanischen und
chinesischen Astrologie (S. 2i6ff.). Es scheint mir als ganz selbstverständlich,
daß zu diesen Bildern auch Begleittexte vorhanden sind, die aber bis jetzt
noch, soweit ich die moderne Literatur der chinesischen Astrologie überschaue,
unzugänglich sind. Ich glaube noch einen weiteren Reiseweg und zwar von
Indien nach dem malaiischen Archipel nennen zu dürfen. In einem altjava­
nischen Werke, Wariga, befindet sich ein astrologischer Kalender, der nach
35 Sternen und Sternbildern das Schicksal der Tage bestimmt. Man glaubt,
daß diese Astralwesen in den Körper der Menschen übergehen, die an diesem
Tage geboren werden und knüpft auch Fragen aus der Katarchenhoroskopie
an sie. Unter den Bildern treffen wir zweifellos alte Dekanbilder, ich nenne:
Mensch steht auf K opf (N. 1), Dolch (3), Kopfloser (5), Verstoßene Frau (8),
weißer Stier (9), leere Karre (10), Krabbe (12), wilder Hund (13), überladenes
Boot (14), Schwein (15), Weinen und Trauern (16), Wegtragen von Leichen
(20), Totenbahre (23, hinter diesen drei Dekanen steckt wohl der Dekan, der
die Mumie im ägyptischen bildet), Schlange (25), brütende Gans (25), zer­
brochenes Boot (28), Sonne (33), Kampfwachteln (34, wohl die Seelenvögel
der altägyptischen Reihe). Dazu kommen noch vier Tierkreisbilder. Da er­
wiesenermaßen die Hindu im X III.— X IV . Jahrhundert in den Archipel ein­
gewandert sind und auch andere astronomische Kenntnisse dorthin gebracht
haben, ist es mir zweifellos, daß auch ein Dekanbuch dorthin gebracht wurde,
das allerdings nach den bis jetzt zugänglichen Texten die stärkste Umwand­
lung aller Dekankataloge aufweist. Vielleicht wird die künftige Übersetzung
dieses alt javanischen Werkes, das bis heute noch nicht vollständig veröffent­
licht ist, darüber noch weitere Klarheit bringen.1)

1) B is je tz t sind nur zerstreu te B ru ch stü ck e ü b ersetzt und eingehend beh an d elt v o n


A . M a a ß , S tern kun de und Stern deuterei im m alaiischen A rchipel, T ijd sch r. v o o r In ­
dische T aal-, L a n d - en V o lken ku n d e L X I V (1924), ic h verw eise zu dem oben G esagten
besonders a u f seine T ab elle S. 169 und a u f die A usführun gen S. 1 5 4 f r 16 4 ff., sow ie a u f
seine A b h an d lu n g: A ltja v a n isc h e T ierkreisbecher, Zeitschr. f. E th n o lo gie L X I V (1932)
108ff. U l f .
l6o D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur

D IE D E K A N E NACH DEN LITE R A R ISC H E N D A R STE LLU N G EN


B IL D E R U N D A T T R IB U T E

T ier­
H erm es T rism egistos ed. R u elle H erm es T rism egistos la t.
kreis­
(s. u. S. 374Ü.) B rit. M us. H a rl. 3731
bilder

i K n ä b le in , H än d e hoch, S zep ter M ensch, bew a ffn et, K la u en , D o p p e la xt

l-l 2 G esich t eines H undes, S zep ter und Sp erberköpfiger, K ö n ig skron e, Lo th u s


<L> D iskos u nd S tern e, W asserkru g, S zep ter m it

'd Sperber
>
>>
3 W eib , a u f K o p f S ch allb ecken , S zep ­ F ra u in L in n en und Schnürriem en,
te r u n d W asserkru g R osen, K ö n ig skron e, N ä b el v o n S m a­
ragd, v ierk ö p fig e S ch lan ge a u f S tab

4 W id d e rk ö p fig (0) syrisches K le id , Osirism um ie, K o p f eines S tiers, zw ei


S zep ter R ü ssel eines E lep h a n te n , in M itte
der H örn er G ö ttin
S tier

5 W eib , S zep ter, in O sirisbin den g e ­ M ann, H a are a u f K o p f u nd K in n


w ic k elt

6 H u nd sgesich t, a u f K o p f H aarlocke S te h t da w ie Satu rn , rosenrote R ü ­


(P erücke ?), S zep ter stun g, K o p f eines Sch w eins

7 E selsgesich t, in rech ter H a n d k le i­ E selsgesich t, bew affn et, rech te H and


n en Schlüssel S ch w e rt
<V

8 Z iegen gesich t, S to c k S perber- oder d o p p elk ö p fig ? bew aff­


%
N
net, B o g e n und P fe ile, tr itt H asen

9 F ra u , B litz und k lein er K ru g, F lü g el G esich t der Isis, k ä m m t H aare ?

10 H u n d sgesich t, K ö rp e r spiralförm ig H undsgesich t, K ö rp e r Sch lan ge, im


w ie eine S ch lan ge, s itz t a u f S ockel S ch w an z H erz, S ch lan gen

11 W eib , L e ib eines V ogels, a u f K o p f Isiskop f, G eierkörper, geflü gelte K ö ­


K reb s

K o rb (Isiskrone ?) ausgebreitete nigskrone, F lü g el an den B ein en


F lü g el

12 Z w ei W eib sgesich ter, d ie eine m it Z w ei ru n de G esich ter, der Ceres und


H u t (Isiskron e?), die andere m it der Ju n o, dazw isch en v ierk ö p fig6
K ö n ig skron e, Schlan gen , a u f S ockel Sch lan ge

1 3 L ö w en gesich t m it Sonnenstrahlen, S ch lan ge m it L ö w en gesich t, Sonnen­


L e ib einer Sch lan ge, spiralförm ig strahlen im U m kreis
n ach oben ge rich tet
Löw e

14 N a c k te r M ensch, S ta b und Peitsch e, feh lt


a u f K o p f den M ond

15 M ensch m it R a u b tiergesich t, rechte K ro k o d ilk ö p fig e r M ensch


H and erhoben zu m G ru ß , in lin ker
H a n d k lein er K r u g
Bilder und Attribute der Dekane i — 15 nach den literarischen Darstellungen
T ie r­ A p o m asar
V a ra h a m ih ira n a ch der Ü b e r­
k reis­
se tzu n g v o n W . P r in tz s.u . S. 3 5 5 f. (s. u. S. 358 ff.)
bilder
i N eger, r o tä u g ig ; w eiß es T u c h um N eger, M an tel, b zw . K le id , S tric k um
die L en d e, h ä lt B e il a u fre ch t H ü fte n , ste h t a u f einem F u ß
2 A . W eib , P fe rd e g e sich t, L e ib w ie W eib , ro te K le id e r, ein F u ß , P fe rd ­
W id d er

ein T o p f, m it ein em e in zigen F u ß g e sta lt


B . V ie rfü ß le r, V o g e lg e sic h t
3 M ann, b rau n rot, grau sam , ro te G e ­ M an n , ro t, zorn ig, A rm rin g und S tab
w än d er, t r ä g t a u fre ch te n S ta b in (Zw eig), ro te K le id e r
d er H and
4 F ra u , lo ckiges, ab er k u rz g e sch n it­ V ie lg e sta ltig e s W eib , lo ck ig, K in d ,
te n es H a ar, L e ib w ie ein T o p f, v e r­ K le id e r v o m F e u e r v e rb ra n n t
sen gtes K le id
5 A . M ann, S ch u lte r eines Stieres, W id d e rk ö p fig er M an n u n d stieräh n ­
B o ck sge sich t lich es W eib , M ann, K la u e n einer
Stier

B . V ierfü ß ler Ziege, W e ib m it Z w eig, h ä lt lin ke


H a n d h o ch
6 A . M ann. L e ib eines E lefan ten , W eiß e r M an n , la n g e Z ähn e u nd F ü ß e,
w eiße Zähne, F ü ß e eines S arabh a, L e ib ä h n e lt E le fa n t oder L ö w en , sitz t
b rau n rot, d e n k t an S ch afe u nd W ild a u f T ep p ich , d a zu nördliches P ferd ,
B . V ie rfü ß le r ein H u nd , ein K a lb
7 W eib , lie b t N a d e la rb e it, kin derlos, W eib , K u n s t des N ähen s. [Sp iegel der
erhobene A rm e Spiegelpolierer]
Zw illinge

8 A . M ann, g e p a n ze rt, B o g e n und L u fta r tig e r M ann, F a rb e eines G reifs,


K ö ch er, V o g e lg e sic h t eiserner H e lm u n d K r a n z , B o g e n u nd
B . V o g e ld e k a n P fe ile
9 M an n , E d elstein e, K ö ch er, P a n zer, M ann, W a ffe n , B ogen , P feile, K ö ch er,
B o gen S ch m u ck
10 A . M ann, K ö rp e r eines E lefa n te n , M ann, Ä h n lic h k e it m it P fe rd und
im W ald , eberähn liches G esich t E lefa n te n , etw a s K ru m m es an G e­
u n d P ferd eh a ls, F ü ß e eines S a ra b h a sich t u n d F in ge rn
B . V ie rfü ß le r
K reb s

11 A . W eib , L o tu s a u f H a u p t, m it W eib , kön iglich en B lü te n k ra n z auf


einer S ch lan ge, a u f Ä ste g e stü tzt K o p f, Z w e ig in H a n d
B . S ch lan gen d ek an
12 M ann, sch lan gen um w un den , fä h rt M ann, F u ß einer S ch ild k rö te, a u f
in s M eer a u f S ch iff, golden er L e ib S ch lan ge, golden er S ch m uck,
S ch m u ck, p la tte s G esich t sin n t a u f Seereise
13 A . B a u m m it G eier u nd S ch a k a l; B a u m m it H u n d , Leoparden, M ann
ein H u n d u n d ein M ensch, der in fein en K le id e rn , R e ite r, w o lfs­
sch reit, in sch m u tzigen G ew än dern äh n lich , K o p f eines H undes, P fe il
B . V ie rfü ß le r- u n d V o ge ld e k an
14 M ann, P fe rd e g e stalt, K ra n z a u f Z a rte r (!) M ann, K ra n z a u f H a u p t,
K o p f, W am s v o n sch w arzem F ell, B ogen , einem L ö w e n ä hn lich oder
Löw e

w ie ein L ö w e u n n a h b a r; B o g e n ; G ew an d eines L ö w en
gebogen e N asen sp itze. V a r ia n t e :
fliegen d
13 A . M ann m it B ären gesich t, tr ä g t N eger, F rü ch te u nd F le isch im M aul,
S tab , F rü c h te u nd F leisch , la n g ­ W asse rg e rä t (G ie ß k a n n e !)
b ä r tig u nd L o c k e n h a a r; B en ehm en
a ffe n a rtig
B . V ie rfü ß le rd e k a n
Studien der Bibliothek Warburg, 19. Heft: G u n d e l II
IÖ 2 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur
T ie r­
P ic a tr ix x. L iste P ic a tr ix 2. L iste
k reis­
S. 52 P leß n er S. 114 P leß n er
bilder
i M ann, ro te A u g en , großer K örper, N eger, zorn ig, ro te A u g en , B eil, w eißes
w e iß er M an tel, S tric k , ste h t a u f G ew an d u m die H ü fte n , gegü rtet
einem F u ß
W idder

2 F ra u , M an tel u n d ro te K leid er, F ra u , grün es G ew an d, n u r ein B ein


p ferd e ge sta ltig , m it nur einem F u ß

3 M ann, b lo n d farb ig, ro te H aare, M ann, b lo n d farb ig, ro te H aare, h ö l­


ro te K leid er, hölzern es Schwrert zerner S ta b u nd S ch w e rt in H and ,
u nd S ta b in H and , E isen a rb eit ro te K le id e r, E ise n a rb eit

4 F ra u , krauses H a ar, K in d m it K le i­
dern w ie glühen de K o h le n , sie selbst
feu rige K le id e r

5 M ann, G esich t und G e s ta lt eines K a ­


S tier

meles, F in ger-R in d erh u fe, G ew an d


a b ge trage n

6 M ann, ro te F a rb e , w e iß e Zähne, E le ­
fan ten leib , la n g e B ein e ; P ferd , H und,
ru hen des K a lb

7 F ra u , im N äh en g esch ick t, schön und


an m u tig, zw e i K ä lb e r und zw ei P ferde

8 M ann, G esich t des P h ö n ix (anqä),


Zw illinge

T u rb an , B leip a n zer, bew a ffn et, eiser­


ner H elm a u f H a u p t, d a ra u f B ro k a t­
kron e, B o g e n u nd P fe ile

9 M ann, P an zer, B o g e n (im ?) K ö ch er


u nd P fe ile

10 M ann, kru m m es G esich t, krum m e


F in ger, ä h n elt einem P ferd e, w eiße
F ü ß e , a u f L e ib B a u m b lä tte r

11 F ra u , schönes A n tlitz , K r a n z von


K reb s

grün em B a silik u m a u f H a u p t, W asser­


lilien sten gel in der H an d

12 M ann, S ch lan ge in der H an d , F u ß


g le ich t dem F u ß der S ch ild krö te,
m it golden em G eschm eide

13 M ann, h a t sch m u tzige K le id e r an, m it


ihm B ild des H errn des P ferd es, das
n ach N b lic k t, g le ic h t der G esta lt
eines W o lfes u nd H u nd es
Löw e

M ann, K ra n z v o n w eißem B asiliku m


14
a u f H a u p t, B o gen in der H and

15 N eger, ein h äß lich er A lte r, im Mund


F rü ch te und F leisch , in der H and
K anne
Bilder und Attribute der Dekane i — 25 nach den literarischen Darstellungen 163
T ie r ­
A ch m e t L a p id a rio del R e y d ’A lfon so
k reis­
(s. u . S. 362 u nd 0. S. 89) (s. u. S. 391 ff. u nd 0. S. 90)
bild er

i M ann, ho n igfarb en , A x t, ru n du m N eger, herausquellende A u g en , w ü ­


ge gü rte t, w ü ten d , b lu tu n terla u fen e ten d, S tric k um Len den , B e il in der
A u gen , barfu ß H and
W idde

2 W eib , ro te K le id e r, P fe rd e ge stalt, W e ib m it nur einem F u ß


ein F u ß u n sich tb ar

3 M ann, gelb, zo rn ig, S ta b , ro te M ann, w ild , S ta b


K le id e r

4 W eib , versch n itte n e s H a a r v e r­ F ra u , krauses H a ar, Sohn v o r ih r


bran n te K le id e r, S ch m u cksach en
fü r K in d e r
S tier

5 M ensch, K a m e lg e sta lt, S tierhals, M ann, kam eläh n lich , die F in ger
w eiße K le id e r sind K u h k la u e n

6 M ensch, gelb , w eiß e groß e Zähne, N eger, w ü tend , herausstehende Zähne,


G e sta lt eines L ö w e n u n d E lefan te n , K ö rp e r eines E lefan te n , K a lb , H u nd
b e i ih m ein N eger

7 W eib , schönes G esich t, N a d el Z w ei ju n g e S tiere


Zw illinge

8 M ensch, G e s ta lt ( = G esich t ?) eines M ann, s te h t a u f einem F u ß , P an zer,


G reifen, S tab , K o p ftu c h , B ogen , H elm , A rm b ru st, P fe il
P fe ile

9 M ensch, Zaba, B o gen u nd G e­ G ep a n zerter M ann, A rm b ru st, K ö ch er,


schosse P fe ile

10 M ensch, schiefes v erd reh tes G esich t, M ann, verd re h ter K o p f, krum m e
G e sta lt eines E lefa n te n u nd P ferdes, F in ge r, F e ig e n b lä tte r a u f dem K ö rp e r
K le id aus B lä tte r n u n d B a u m ­
frü ch ten , p igm en tfarben e F ü ß e
K rebs

i x W eib , K r a n z aus H ä u te n und F ra u , sch ön , K ro n e v o n M y rte n ­


B lu m en , B au m zw e ig, sie sch reit b lä ttern , S tra u ß v o n Sonnenblum en
in der H and

12 M ensch, S ch lan ge in H an d , F u ß M ann, S ch lan ge in H and, F ü ß e


h in ter ih m , S ch m u ckstü cke einer S ch ild krö te, v o r ihm Schlan gen
(F isch e? S ch m u ckstü cke?)

13 M ensch, getreid efarben , H errscher M ann, K ron e, B ogen

14 M ensch, B lu m en k ra n z, B ogen , N ase M ann, bekleidet, B ä r u nd H u nd


Löw e

w ie A ffe , H in te rteile eines L ö w en

15 M ensch, a ffen äh n lich , S ta b , K rä tz e , M ann, häß lich es G esich t, im M und


J u ck en F leisch, W asch sch ü ssel in H and

11*
D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur
T ie r­ L u d o v ic u s de A n gu lo Z ah el
k reis­ n ach San gallen s. S tiftsb ib i, (in K la m m e rn die Z u sä tze seiner
bilder cod. la t. 427 u n d Parisin . la t. 612 B . N. 2. D ekan liste, s. u. S. 366)

x N eger, w eiß e K le id e r usw . w ie b ei N eger, w e iß es K le id


P ic a tr ix 2


2 F ra u , ro te G ew än der, k ä m m t den W eib , ro te K le id e r (über w elcher
K o p f m it E isen kam m ro te K le id e r sind)

£ 3 M ann, gelb er K ö rp e r oder bleich,


ro tes H aar, ro te K leid er, h ä lt eine
M ann, bleich , ro te H aare

h ölzern e R u te , geeign et zu r E isen ­


a rb e it
4 Z w ei M änner, einer m it sch arfem M ann m it L a n ze (und n a c k te r Mann)
G esich t, der andere sch lech t an ­
gezogen oder n a c k t, oder eine F ra u ,
sch reckliches G esich t, lo ckig, K in d ,
a n gesen gtes K le id
4-> 5 M ann, sch lech t angezogen , sitz t M an n m it Sch lüssel (n ackter M ann,
C/3
im S ch iff, Sch lüssel in der H a n d in dessen H an d ein Sch lüssel ist)
6 Z w e i M ä n n er, einer au frech t, M ann, in dessen H a n d eine Sch lan ge
S ch lan ge in der H an d , der andere und ein P fe il ist
aufgew orfen e Lipp en , K ö rp e r L ö w e
u nd E le fa n t, ist v e r rü c k t
7 M a n n m itR u te (u.beiih m ein D ien er) M ann m it R u te in der H and
o d . g ü tig e s,a u fre ch tste b e n d e sW e ib
8 M ann o d e r Ä th io p ie r o d e r grau ­ J u n gfrau m it R o h r u n d ein M ann,
Z w illinge

farb ig e r M ann, H elm , K ro n e, P a n ­ kru m m (M ann m it R o h r u n d . . . )


zer, B o g e n u nd P feile, G arten ;
der erste b lä st a u f einer goldenen
Schalm ei
9 M ann, b ew a ffn et, P feile, L e ie r; M an n su ch t W affen
P aris. V a r .: zw ei M änner, der zw eite
b lä s t und trom m elt
10 M ann, e tw a s kru m m e F in g e r und M äd ch en u nd M an n m it K le id e rn und
G esich t, L e ib eines P fe rd e s u nd S ch m u ck stü ck e n (fehlt)
E lefan te n , w eiß e F ü ß e , a u f L e ib
B lä tte r , w o h n t in S an d elh o lz;
CO P a ris. V a r . : 2. F ra u m it K ra n z u nd
<D
F rü ch te n , im G arten
ä 11 Paris.: M ädchen der d rei,äh n lich den M ädchen m it K ro n e u n d ein anderes
and eren u n d W e ib m it K ro n e, S ta b ju n gfrä u lich es M äd ch en (fehlt)
1 2 P a r is . : Ju n gfrau , eine der drei M äd ch en u nd M an n (fehlt)
Ju n gfrau en m it S ze p te r u n d M ann
m it S ch lan ge
13 P a r is . : M ann grau siges G esich t u n d L ö w e u n d M ann, ü ber w elchem v o r­
M ann, k u rz g ek leid et, w e in t ü ber n ehm e K le id e r sind
seine E lte rn
14 P a ris .: G ö tze, der n a c k t is t, H ä n ­ B ild m it hochgehoben en H ä n d en und
Löw e

de hoch, sch reit u n d M ann, K ro n e M ann m it K ro n e


v o n B lu m en , H a n d v e r h ü llt v o n
T u c h od er F e ll
15 Ä th iop ier, F le isch im M und, A p fe l Ju n ger M an n m it S ta tu e (Peitsche) in
in der H an d , in d er and eren T o p f H a n d u nd M an n m it scheußlichem
G esich t
Bilder und Attribute der Dekane i — 15 nach den literarischen Darstellungen ____________1 6 5
T ie r­ K irch er
A g rip p a
k reis­ (s. u. S. 3 7 ° ff.)
(s. u. S. 368 ff.)
bild er

I N eger, a u fre ch t, w eiß es K le id , M ann, L a n ze , P fe il


g e g ü rte t, ro te A u g en
W idder

2 W eib , ro te s u n d d a ru n te r w eiß es H u n d skö p fig er M ann a u f T hron , S zep ­


K le id , ein F u ß n a ch v o rn te r

3 M ann, w eiß u n d bleich, ro tes H a a r H erab flieg en d er G eier m it L y r a


u n d ro tes K le id , A rm b a n d aus G old,
S to c k

4 N a c k te r M ann u n d M an n m it L a n ­ G e sta lt sta c h e lt einen O chsen, tr ä g t


ze od er P flü g e r ein G nom on
S tier

5 N a c k te r M an n m it Sch lüssel R e ite r, F ah n e

6 M ann, S ch lan ge u nd P fe il G efesselte G e s ta lt

7 M ann m it R u te , sieh t aus w ie ein M ann a u f T h ro n , B u c h in H and ,


D ien en d er G este des B efeh len d en
Z w illinge

8 M an n m it R o h r u nd ein gekrü m m ­ M an n tr ä g t L a s t
te r M ann, der die E rd e g r ä b t

9 M ann, W a ffe n u n d tö ric h te r M ann, M an n s itz t a u f E r d e , H ä n d e v e r­


V o g e l, F lö te sc h rä n k t

10 M ädchen, keusch , sch ön e K leid er, M ann, K ith a ra in d er H and , H a ltu n g


K ran z eines T än ze rs

11 M ann, zie rlich b e k le id e t oder W e ib M ann in W id d e rg esta lt, stre u t B lum en


K reb s

u nd M an n , die am T isc h sitzen


u nd spielen

12 J ä ge r m it L a n ze und H orn, G e s ta lt fü h rt w ü ten d en H u nd


H unde

13 M ann re ite t a u f einem L ö w en M ensch re ite t a u f K ro k o d il

14 B ild m it erhobenen H ä n d en und G e s ta lt d roh t m it S ch w ert


Löw e

M ann m it K r a n z a u f K o p f u n d
M an n m it S ch w e rt u n d Sch ild

15 M ann m it P e itsch e und M ann m it W eib b e tra c h te t sich im Spiegel


sch än dlichem G esich t
l6 6 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur
T ie r­
H erm es T rism egistos ed. R uelle H erm es T rism eg istos la t.
k reis­
(s. u . S. 3 7 6 ff.) B r it. M us. H arl. 3731
bilder

16 H u nd sgesich t, a u f K o p f K ö n ig s­ M ondgesicht, u m gekeh rte S ch lan ge


kron e, feu erartig, a u f S ockel

3
17 Ziegen gesichtig, träg tH örn er, S zep ­ V ie r K ö p fe m it E isen sch n ab el der
£ te r, kle in e r K r u g
hO Iris, v ie r F lü g el, so n st M ensch
Ö
H—j
18 M ensch, m it B in d en u m w ickelt, M um ie
a u f K o p f P ilio n (H ut, K ro n e der
Isis ?), steh t a u frech t

19 M ann, lin k e H a n d hoch, rech te Z w e i B ild e r, a u fre ch t, u n ter den


H an d K r u g F ü ß e n Skorp ion en , W asserkrü ge, K ö ­
n igskron en
W aage

20 M ensch, ste h t a u f Q uelle, in B a r t S te h t ü ber Sum p f, K o p f rasiert, a u f


L o ck e, in re ch te r H a n d kleiner ein er S e ite H a are
K rug

21 A n tlitz einer Sch lan ge, K ö rp er S ch lan ge


eines M enschen, K ö n ig skron e

22 G esich t eines S tiers, M ensch m it v ier K reb sg e sta lt, F lü g el


F lü g eln , kleinem K r u g u nd S zep ter
Skorpior

23 M ensch, b ek leid et m it S tola, ste h t M ensch über S k o rp io n , große


ü ber Skorp ion S ch lan ge u n ter B ru s t u nd F ü ß e n

24 K o p f eines B ocks, M enschenkörper, K o p f eines B o c k s, M enschenkörper,


S teu erru d er E ie r a n S eil

25 M ensch, lin k e H a n d a usgebreitet, H u n d sko pf, h ä lt G eschoß, stre ck t


tr ä g t P fe ilsp itze in d er rechten , lin k e H a n d au s n ach u n ten
K o p f u m w ick elt
Sch ütze

26 G esich t eines Ichneum ons, K ö rp e r G esich t eines Ich neum on s, K ö rp e r


eines M enschen, re ch te H and K ru g, eines M enschen, ste h t an abschüssigem
1. S zep ter, ste h t an sch lüpfrigem O rt
A b h an g

27 M ann, K ö n ig skron e, K r u g u nd M en sch en artig


S zep ter, sch reitet um her

28 K o p flo ser M ensch, H a u t eines K o p flo ser, in rech ter H a n d den eige­
K a n th a ro s a u f B ru st, K ru g nen K o p f, in lin k er S ch w ert
Steinbock

29 G esich t eines Schw eins, K r u g und Stierkop f, M enschenkörper, H a u t ei­


Sch w ert, K ö rp er gle ich t dem ersten nes S k ara b ä u s
(sc. 28)

30 M aske v o r dem G esich t, K r u g u nd M en sch en artig


P fe il
Bilder und Attribute der Dekane 16— 30 nach den literarischen Darstellungen __________ I 6 7
T ie r­ A p o m asar
V a ra h a m ih ira n ach der Ü ber­
k reis­ (s. u . S. 360 ff.)
setzu n g v o n W . P r in tz s. u . S. 3 5 7 f.
bilder
16 M ädchen , T o p f v o ll B lu m e n trag en d , Ju n gfräu liches W eib , a lte K le i­
be sch m u tzte K le id e r, g e h t zu m H a u s der, H a n d w egge stre ck t, G ar­
des L eh rers ten , Z elte, K leid er, S ch m u ck­
gegen stän de
Jungfrau

17 M ann, sch w arz, T u c h a u f K o p f, K ö rp e r N eger, H aare am gan zen K ö r­


m it H a aren b e d e c k t, h ä lt F ed er, be­ per, drei K leid er, W ebekäm m -
re ch n et A u sg a b e u nd E in n ah m e, tr ä g t chen (Tintenfaß)
groß en B ogen
18 F ra u , w e iß ge lb , g e k le id e t in g u tg e w a ­ T au b e s W eib , Soldaten m antel,
schenem fein em B a s t, T o p f u n d L ö ffe l in A u ssa tz an den H änden , geh t
der H a n d u n d w eißen B a s t, g e h t in den in den T em p el
T em p el
19 M ann a u f S tra ß en m a rk t, G ew ich te in d er M ann, G etreidem aß und W aage,
H an d , v e r tr a u t m it W a a g e , G ew ich t und v e r k a u ft und k a u ft, s itz t in
H o h lm aß W e r k s ta tt (Markt)
20 A . M ann, geierk ö p fig, w ü n sch t h erab zu ­ M ann, adlerähn lich , n a c k t und
fallen (oder: h erabzu fliegen ), hu n gern d dü rstend , su ch t zu fliegen
W aage

u n d d ü rsten d
B . ein m än nlicher D e k an , ein V o g e ld e k a n
21 A . M ann im W a ld , sch eu ch t W ild , gol­ P ferd sgesich t, R an zen (Sack),
denen K ö ch e r u nd P a n ze r trag en d , ferner B o gen u n d P feil, S u m p f
F rü ch te u nd F le isch , A ffe n g e s ta lt
B . 1. V ie rfü ß le r, 2. P fe rd e k ö p fige r M ann
22 A . F ra u , n ack t, B ein e sind sch lan gen um ­ W e ib in Ju gen dblüte, iß t viel
w unden, k e h r t aus dem M eer heim
B . S ch lan gen d ek an
23 A . F ra u , den L e ib schlangenum w unden, W eib, n a c k t, F ü ß e und Schlange
Skorpion

K ö rp e r ä h n elt einer S ch ild k rö te oder


einem T o p f
B . S ch lan gen d ekan
24 A . L ö w e m it S ch ild krö ten m au l, H unde, H u nd , W olfsp an th er, W ild ­
W ild , E b er, S ch akale, sandelreiche G egend schw ein, w eiß haariger P an th er
B . S ch ild krö ten m äu liger L ö w en d ekan , ein u nd w ild e T iere in Sum pf
V ierfü ß ler-D ek a n
25 A . M en sch en gesich t, P ferdeleib, in E in ­ M ann, n ack t, U n terkörper
siedelei, O p fergeräte, h ä lt lan g en B o gen P ferd, B o gen und Pfeile
B . M ann m it p ferdeäh nlichem K ö rp er, ein
0)
N V ie rfü ß le r-D e k a n
=3
A 26 W eib , F a rb e d er C a m p a k a -B lü te und W eib , vielh aarig, K örbchen
0 des G oldes, a u f T h ro n , v e rstre u t M eeres­ (K a ste n oder Schm elzöfchen),
in
edelsteine Sch m ucksachen
27 M ann, go ldfarben , a u f T h ro n , h ä lt S tab , M ann, go ldartig, O hrringe und
sitzt, tr ä g t seidene G ew än der u nd ein F e ll A rm rin ge. R u h e b e tt (Thron)
28 A . M ann, b eh aart, F an g zäh n e w ie ein M ann, schw arz, L e ib W ild ­
Seeungeheuer, L e ib eines E b ers, kru m m es schw ein, scharfe Zähne, Fesseln
A n tlitz , h ä lt S trick , N e tz u nd F esseln v o n R in dern , F isch ern etz
M B . K e in V ierfü ß ler, nur ein eberähnlicher
8 K ö rp e r! K e in E b er
a 29 B . F ra u , A u g en w ie L o tu sb lä tte r, sch w arz, W eib ,sch w a rze K le id e r(F eu e r ! ) ,
'5 eisernen S ch m u ck in den O hren, S ch m u ck W iesel, Eidechse
30 W esen ( ! ) , L e ib eines K im n a ra (P ferd e­ W eib , E isen
k o p f!), w ollenes G ew an d, K ö ch er, B ogen
und P an zer, a u f S ch u lter T o p f m it E d e l­
stein en b e s e tzt
168 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur
T ie r­
P ic a tr ix x. L iste P ic a tr ix 2. L iste
k reis­
S. 52 P le ß n er S. 1 1 7 P leß n er
bild er

16 Ju n gfrau , h a t a lte s K le id an, in der


H a n d G ra n a ta p fe l
ungfrau

17 M ann, schöne F a rb e , ein G ew an d aus


F e llen u nd ein anderes aus E isen

18 M ann v o n großem K ö rp erb a u , w eiß,


ein geh ü llt in ein G ew an d u n d F ra u
m it sch w arzem ö l in H a n d

19 M ann, S peer in der rech ten , u m ge­


k e h rten V o g e l in der lin k en H and
W aage

20 N eger, der H o ch zeit und V ergnü gen


v o rh a t

21 M ann, re ite t a u f E sel, v o r ih m ein


w ild es T ie r

22 M ann, S p eer in der rech ten u n d einen


K o p f in d er lin k en H a n d
Skorpioi

23 M an n re ite t a u f K a m el, S korpio n in


d er H a n d

24 P fe rd u n d S ch lan ge

25 D re i L e ib er, der eine gelb, der andere


w eiß , der d r itte ro t
Sch ütze

26 M ann, der R in d e r tr e ib t, v o r ih m ein


A ffe u n d ein W o lf

27 M ann, golden e T ia ra a u f dem H a u p t,


tö te t einen and eren M ann

28 M ann, R o h r in der rech ten u nd W ied e­


h o p f in der lin k en H a n d

8 29 M ann, vor ih m ste h t ein h alb er


d A ffe
'■S
in
20 M ann m it B u ch , das er a u f- und
zu m a ch t; v o r ih m S ch w an z eines
F isch es
Bilder und Attribute der Dekane 16— 30 nach den literarischen Darstellungen __________ l 6 g
T ie r ­
A chm et L a p id a rio del R e y d ’A lfonso
k re is­
(s. u. S. 364 ff.) (s. u. S. 392 ff.)
bilder

16 Ju n gfrau , K o rb m it B lu m e n (eig. Ju n ges W eib , K o p ftu c h , T au sen dkern


W ohlgerüchen), ge b rau ch te K le id e r (G ra n atap fel)
Jungfrau

17 M ensch, N eger, b e h a a rt am gan zen M an n m it P a n ze r


K ö rp e r, K le id e r aus F e llen , R o h r­
b e h älter (T in te n fa ß PM )

18 M ensch, edel, w eiß, K le id e r (K ir­ G roß er M ann, K o p ftu c h u nd vor


chen, T em p el liegen ih m im Sinn) ih m W e ib m it K r u g fü r Ö l

19 M ensch, M aß und W aa ge , in M ann, L a n ze u n d u m gek eh rter V o ­


W e r k s tä tte n gel in den H änd en
W aage

20 M ensch, G e s ta lt eines hu n gern den N eger


u n d dü rsten d en A d lers

21 M ensch, P ferd ek o p f, K leid er, B ogen M an n re ite t a u f E sel, v o r ih m ein


u n d P fe ile B är

22 W eib , M yrte n k ra n z, h e iß t die M ann, L a n ze u n d M en sch en kopf in


,, S ch ö n geb o ren e'' den H än d en
Skorpior

23 W eib , b in d et F a d e n an F u ß , n a c k t M ann, a u f K a m e l reiten d , in der


rech ten H a n d ein Skorp ion

24 M ensch, H u nd e, kopfloser L ö w e, P ferd , das lä u ft


gro ß er K o p f

25 M ensch, K ö rp e r P ferd , B o gen und D rei Person en hinterein and er stehend


P fe ile
Schütze

26 W eib , sch ön in der M itte , g ra u ­ M ann, A ffe u nd B ä r


pen h aa rig , s itz t a u f K n ie n , be­
tr a c h te t geöffn etes K ä stch e n

27 M ensch, go ld farb en , a u f F reu d en ­ M ann, s itz t, sp itzer H u t a u f K o p f


b e tt, K o p ftu c h , B au m rin d en , S ta b

28 M ensch, a m K ö rp e r v ielh aa rig , M ann, R ohr, V o gel


G e s ta lt eines W ildsch w ein es, d rei­
sp itzige Z ähn e, F u ß k la u e n
6
ä
a 29 M ensch, L eo p ard en kleid er, P a lliu m M ann, A ffe
'S und schöne K le id e r
(/)

30 W eib , schön, h o n igfarb en , schön­ M ann, B u c h in der H an d , ö ffn et


äu gig u nd sch ließ t es, F isch sch w an z
I7 0 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur
T ie r ­
L u d o v ic u s d e A n g u lo n a c h S a n g a lle n s . Z a h e l
k r e is ­
S tifts b ib i. c o d . la t. 4 2 7 u n d P a r is in . la t. 6 1 2 B . N . (s. u . S . 3 6 6 )
b ild e r

1 6 P a r is .: I s is , H o r u s ( = J e s u s k n a b e ) u n d M a n n , S c h ö n e s M ä d c h e n
s it z t a u f S c h e m e l u n d b lic k t a u f d e n S te r n

1 7 N e g e r , h a a r ig , d r e ifa c h e s K le id a u s R in d e n , N e g e r , K le id a u s F e lle n u n d

f>
fl
S e id e u n d r o te s L in n e n , h ä lt in H a n d T in te , M a n n , d e r H a a r e h a t (ü b e r

fl R e c h n u n g d e m K le id e r . . . m it K ro n e )

18 W e ib , k e u s c h , s tu m m , w e iß , M a n te l, d e r n o c h F r a u , w e iß u n d ta u b
n ic h t tr o c k e n is t, w ill in T e m p e l, u m z u b e te n

1 9 M a n n , z o r n ig , in lin k e r H a n d W a a g e , r e c h te M a n n , z o r n ig , h a t e in R o h r
H a n d L a m m , b e s c h r ie b e n e B ü c h e r u n d in d e r H a n d
M a n n , s it z t a u f P fe r d , m u s iz ie r t, b lä s t a u f

R o h r u n d s c h lä g t T y m p a n u m

2 0 M a n n , F u h r m a n n ( h e r n io d ia is P a r is . V a r .: Z w e i w ü te n d e z o r n ig e M ä n ­
h e r n io d iu s ) , P e its c h e in H a n d o d e r M a n n n e r ( d ie n e n d e u n d . . .)
V a a g e

a u f B e t t , G e fä h r te n , o d e r M a n n , g e ie r -

g e s ta ltig , d u r s tig , w ill flie g e n

2 1 M a n n , lin k e H a n d ü b e r K o p f, k ä m p ft m it M a n n , n a c k t, B o g e n in d e r

d e r r e c h te n H a n d , n a c k t, K r o n e , z w e i K ö p fe H a n d h a lte n d (M a n n , in
v o n M ä n n e rn , d ie d u r c h g e m e in s a m e H ö r n e r d e s s e n H a n d e in B o g e n is t,

v e r b u n d e n s in d u n d P fe r d e k ö p fig e r m it u n d e in n a c k te r M a n n )

P fe il u n d B o g e n , G e s tr ü p p ; a d d . P a r is .:

H ir s c h

2 2 M a n n , s c h le c h t g e k le id e t, L a n z e , in H a n d u n d W e ib v o n s c h ö n e m G e s ic h t

W e ib , v o n s ta r k e r G e s ta lt, h u n g r ig , S p e is e n u n d K ö r p e r

fl
O
2 3 M a n n , n a c k t u n d M ä d c h e n , n a c k t, S c h la n g e N a c k te r M a n n u n d n a c k te

F r a u

O
fr
M 2 4 M a n n , z w e i S c h la n g e n in H a n d , g e h t a u f M a n n a u f K n ie g e k r ü m m t
cn d e n K n ie n u n d s te h t n ic h t g u t a u f ih n e n

( P a r is . V a r .: k n ie t) u n d w ü te n d e r H u n d , v e r ­

fo lg t W ild , a b w e c h s e ln d e in e n J ü n g lin g

2 5 M a n n , s c h ä n d lic h m iß g e s ta lte t o d e r M a n n , M a n n v o n s c h m u tz ig e r B e ­

n a c k t, g e s c h m ü c k t, K e n t a u r m it B o g e n s c h a ffe n h e it
u n d P fe il

P a r is . V a r .: 1 . M iß g e s ta lte te r 2 . K o p flo s e r
3 . K e n t a u r

2 6 W e ib , s c h ö n a n g e z o g e n o d e r W e ib s c h ö n W e ib , b e k le id e t (ü b e r w e l­
S c h ü tz e

a n g e z o g e n a u f K a m e l, K le id e r , K ä s t c h e n c h e r K le id e r s in d )

P a r is . V a r .: n u r W e ib a u f K a m e l, t r ä g t

e in e n B a u m

2 7 M a n n , g o ld e n e F a r b e , G e w a n d v o n F e ll u n d M a n n , g o ld fa r b e n

B a u m r in d e , z w e i h ö lz e r n e A r m r in g e in d e r

H a n d , s it z t o d e r t r it t a u f p u n is c h e s B e t t.

P a r is . V a r .: t r ä g t b r e n n e n d e F a c k e ln u n d

w ill s ic h a u fs B e t t s c h la fe n le g e n

2 8 N e g e r , b r a u n r o te F a r b e u n d W e ib g e s a m m e l­ W e ib u n d s c h w a r z e r M a n n

te s ( s ic !) A lte r , N e g e r h a a r ig a m K ö r p e r ,

b a lk e n la n g e Z ä h n e , s c h a r f w ie e in D o r n ,

z u m W a ld e g e h ö r ig , J o c h , F is c h n e tz

8 2 9 Z w e i W e ib e r , d ie R ö m e r n e n n e n s ie mulier Z w e i W e ib e r
,0
q lectica residens ( P a r is . V a r .: Italien lettica
= F ile it h y ia ) m it ih r R e b e , u n d W e ib ,

K le id e r u n d M a n te l a u f ih r , G e ld a u s E is e n

3 0 W e ib , fr ie d lic h e s G e s ic h t, s c h w a r z e A u g e n , S c h w a r z e s W e ib , k u n s t­

fe r t ig t S c h m u c k s a c h e n a u s E is e n v e r s tä n d ig

P a r is . V a r .: s p in n t ih r e n R o c k e n
Bilder und Attribute der D ekane 16— 30 nach den literarischen Darstellungen _______
T ie r ­
A g r ip p a K ir c h e r
k r e is ­
(s. u . S . 3 6 9 f.) (s. u . S . 3 7 1 f.)
b ild e r

16 G u te s M ä d c h e n u n d M a n n , d e r G e s t a lt m it Ä h r e n , K a lb fü h r e n d

S a m e n w ir ft
J u n g fr a u

1 7 N e g e r , b e k le id e t m it B a u m r in d e M a n n b e tr a c h te t d ie A r b e ite n e in e r
u n d e in M a n n , d e r H a a r e h a t u n d A m e is e
W ü r fe l h ä lt

18 F r a u , w e iß u n d t a u b o d e r G r e is , G e k r ü m m te r M a n n , S c h ild k r ö te in

d e r s ic h a u f S t a b s t ü t z t d e r H a n d , s tü t z t s ic h a u f S t a b

1 9 M a n n , z o r n ig , R o h r u n d M a n n , d e r M a n n , W a a g e u n d M a ß

in B u c h lie s t
W a a g e

2 0 Z w e i w ü te n d z o r n ig e M ä n n e r u n d M a n n s c h lä ft a m B u s e n e in e r J u n g ­

e in M a n n im P r u n k k le id a u f K a ­ fr a u

th e d e r

2 1 M a n n , z o r n ig , B o g e n u n d e in n a c k ­ M a n n , S c h w e in , S k a r a b ä u s

t e r M a n n , B r o t , W e in

2 2 F r a u , g u te s G e s ic h t u n d H a lt u n g M a n n r e it e t a u f P fe r d , a u f K o p f E u le
u n d z w e i M ä n n e r, d ie s ic h d u r c h ­ o d e r F le d e r m a u s
b o h r e n
S k o r p io n

2 3 N a c k te r M a n n u n d n a c k te F r a u W e ib , in H a n d e in e n R a b e n
u n d M a n n a u f E r d e u n d z w e i

s ic h b e iß e n d e H u n d e

2 4 M a n n a u f K n ie g e k r ü m m t u n d N ilp fe r d

W e ib , d a s ih n m it S t o c k d u r c h ­

b o h r t

2 5 M a n n m it P a n z e r , e n tb lö ß te s M a n n , S c h w e r t u n d S c h ild
S c h w e r t

<u
+N* 2 6 W e ib , w e in t, m it T ü c h e r n b e d e c k t G e s t a lt u n te r d e r G e s t a lt e in e s s itz e n ­
:3
ja d e n M e n s c h e n , H a s e n a m B u s e n
0
cn

2 7 M a n n , g o ld fa r b e n o d e r M a n n , d e r F r a u , H a u p t v o n S c h la n g e n u m ­

m it S t o c k s p ie lt w u n d e n

2 8 W e ib u n d N e g e r , d e r v o lle B e u te l S itz e n d e s W e ib , P a n s tr e c k t ih r e in e

t r ä g t S y r in x e n tg e g e n

J a
2 9 Z w e i W e ib e r u n d e in M a n n , V o g e l W e ib

G e fä ß
g ie ß t W a s s e r in d u r c h b o h r te s

3 0 W e ib , k e u s c h u n d G e ld w e c h s le r , M a n n m it H u n d , S z e p te r u n d K r o n e

G e ld e r a u f T is c h
I7 2 D ie Bilder der D ekane in der abendländischen und orientalischen Literatur
T ie r ­
H e r m e s T r is m e g is to s e d . R u e lle H e r m e s T r is m e g is to s la t .
k r e is ­
(s. u . S . 3 7 8 f.) B r it . M u s . H a r l. 3 7 3 1
b ild e r

3 1 H u n d s g e s ic h t H u n d s g e s ic h t

d
c
ce
3 2 M e n s c h , in H ä n d e n A n c h ia , K ö n ig s ­ M e n s c h e n ä h n lic h
£
w k r o n e
0
V )

£ 3 3 M e n s c h , K ö n ig s k r o n e , K r u g , S z e p ­ M e n s c h e n ä h n lic h
t e r

3 4 M e n s c h , H a u t e in e s ju n g e n S c h w e i­ G e s ic h t e in e s S c h w e in s , s o n s t s c h w a r z ­

n e s , K r u g , d u n k e lb la u e s K le id g e k le id e te r M a n n
F is c h e

3 5 M e n s c h , lin k e r Z e ig e fin g e r a m B e w a ffn e t e r

M u n d , r e c h te H a n d K r u g , K ö n ig s ­

k r o n e

3 6 U n s ic h tb a r , h e iß t d ie s p ir a lfö r m ig e d ie B e s c h r e ib u n g fe h lt

b ä r t ig e S c h la n g e , K ö n ig s k r o n e

T ie r ­
V a r a h a m ih ir a n a c h d e r Ü b e r ­ A p o m a s a r
k r e is ­
s e tz u n g v o n W . P r in t z s . u . S . 3 5 $ (s. u . S . 3 6 1 f.)
b ild e r

3 1 M a n n , G e ie r -A n g e s ic h t, w o lle n e s M a n n , N e g e r , M a n te l, T e p p ic h , e h e r ­

G e w a n d , s e id e n e s K le id u n d A n t i­ n e s u n d h ö lz e r n e s G e fä ß , w ill G o ld ,

lo p e n fe ll, d e n k t a n Ö l, B r a n n tw e in , W e in u n d W a s s e r h in e in fü lle n

"W a sse r u n d S p e is e
d
W a s s e r m a n

3 2 F r a u in v e r s e n g te m W a g e n a u s M a n n , g r o ß e r B a r t ( K in n b a c k e ) , N e g e r
H o lz , s c h m u tz ig e s G e w a n d , T ö p fe u n d R e ite r , P fe il, B o g e n , k le in e r S a c k
a u f S c h ä d e l, s a m m e lt E is e n m it E d e ls te in e n

3 3 M a n n , s c h w a r z , b e h a a r te s O h r , M a n n , N e g e r , H a a r e im O h r , K r a n z

K r o n e , E is e n tö p fe m it F e lle n , u n d M a n n , d e r E is e n v o n O r t z u
B lä tt e r n , H a r z u n d F r ü c h te n g e ­ O r t t r ä g t

fü llt

3 4 M a n n , fä h r t in B o o t, in d e n H ä n d e n M a n n in R ü s tu n g , d r e i F is c h e , K n a b e ,

O p fe r - S c h ö p flö ffe l u n d G e fä ß e m it d e r h in - u n d h e r g e h t

O p fe r g a b e n , P e r le n , E d e ls te in e n

u n d M u s c h e ln

0
3 5 F r a u b e s te ig t e in B o o t m it s e h r W e ib , S c h iff, V e r w a n d t e u n d F r e u n d e
"o
h o h e m M a s t u n d F la g g e , M e e re s ­
.2
&< k ü s t e , F r e u n d in n e n
.

3 6 M a n n im W a ld , H ö h le , L e ib v o n M a n n , n a c k t, L a n z e im L e ib , s c h r e it

S c h la n g e n u m w u n d e n , h e u lt, im a u s A n g s t v o r R ä u b e r n u n d F e u e r
H e r z e n g e p la g t v o n R ä u b e r n u n d
F e u e r
Bilder und Attribute der Dekane 31— 36 nach den literarischen Darstellungen __________ 1 7 3

T ie r ­
P ic a t r ix i . L is t e P ic a tr ix 2 . L is te
k r e is ­
S . 5 2 P le ß n e r S . 1 1 9 P le ß n e r
b ild e r

M a n n m it a b g e h a u e n e m K o p f u n d
3 1
m it e in e m P fa u in d e r H a n d
W a s s e r m a n n

3 2 M a n n , s to lz , a ls o b e r e in m ä c h tig e r

K ö n ig w ä r e

3 3 M a n n m it a b g e h a u e n e m K o p f u n d

v o r ih m e in e a lt e F r a u

3 4 M a n n , d e r z w e i L e ib e r h a t u n d m it

s e in e n F in g e r n d e u te t

U m g e k e h r te r M a n n m it H ä u te n in d e r
F is c h e

35
H a n d

3 6 M a n n v o ll B o s h e it u n d L is t u n d v o r

ih m F r a u m it e in e m V o g e l in d e r

H a n d , a u f s ie s te ig t e in E s e l

T ie r ­
A c h m e t L a p id a r io d e l R e y d ’A lfo n s o
k r e is ­
(s. u . S . 3 6 5 f.) (s . u . S . 3 9 3 f )
b ild e r

3 1 M e n s c h , A d le r g e s ta lt, P flu g te ile , M a n n m it g e s c h n itte n e m K o p f, in

T e p p ic h u n d P a lliu m H a n d e tw a s , d a s e in e m T u c h ä h n e lt
W a s s e r m a n n

3 2 P fe r d e g e s ic h t, la n g b ä r tig , in H a n d M a n n , lie g t h in g e s tr e c k t d a u n d

B o g e n u n d P fe ile , U r n e m it E d e l­ fa u le n z t

s te in e n a u f d e r S c h u lte r

3 3 M e n s c h , h o n ig fa r b e n , v ie le H a a r e F r a u , s c h ö n , ju n g u n d v o r ih r a lte

in O h r e n , K r a n z , E is e n w e r k z e u g e F r a u , d ie s ie fe s th ä lt

3 4 M e n s c h , E is e n , z w e i F is c h e M a n n m it z w e i K ö r p e r n , m a c h t m it

F in g e r n Z e ic h e n

M a n n , h ä lt e in e B lu m e in d e r H a n d
F is c h e

3 5 W e ib in F a h r z e u g a u f M e e r, s c h ö n ,

z e ig t ih r e S c h a m , S p h ä r a , V e r ­

w a n d te u n d F r e u n d e

3 6 M e n s c h , a n F u ß S c h la n g e , n a c k t M a n n , h ä lt e in e n V o g e l in d e r H a n d ,

(fü r c h te t s ic h v o r R ä u b e r n P M ) v o r ih m e in H ir s c h
174 D ie Bilder der Dekane in der abendländischen und orientalischen Literatur
T ie r ­ L u d o v ic u s d e A n g u lo
Z a h e l
k r e is ­ n a c h S a n g a lie n s . S t ift s b ib i,
(s. u . S . 3 6 6 )
b ild e r c o d . la t . 4 2 7 u n d P a r is in . la t. 6 1 2 B . N .

3 1 Ä th io p ie r , M a n te l, T e p p ic h , h ö l­ M a n n
z e r n e u n d e h e r n e V a s e n fü r G o ld ,

W e in u n d W a s s e r

ö
Q 3 2 Ä th io p ie r , e in e m P fe r d ä h n lic h , d e r z w e ite M a n n , la n g b ä r t ig

B o g e n , P fe ile , G e fä ß e m it P e r le n
B
u u n d a n d e r e n K o s t b a r k e ite n
8
ci
£ 3 3 N e g e r , w ild , h e im tü c k is c h , h a a ­ M a n n , s c h w a r z , z o r n ig

r ig e s O h r , a u f K o p f K r a n z a u s

B a u m b lä tte r n , b e a r b e ite t E is e n ­

g e r ä te , w ill a n a n d e r e O r te

P a r is . V a r . : P fe r d e k o p f

3 4 M a n n , s c h ö n g e k le id e t, g e h t a u f M a n n , s c h ö n a n g e z o g e n (ü b e r w e lc h e m

fe u r ig e s H a u s z u ( = N e i lo s , d e r s c h ö n e K le id e r s in d )

n a c h A p o m a s a r d e r b r e n n e n d e W e g

is t !) , o r d n e t a u f d e r E r d e E is e n ­

g e r ä te , d r e i F is c h e v o r s ic h le g e n d

3 5 W e ib , s c h ö n , w e iß e r K ö r p e r , s e g e lt W e ib , s c h ö n
F is c h e

a u f M e e r, m it B r u s t a n A c h t e r ­

d e c k g e b u n d e n , m it ih r e in e V e r ­

w a n d te u n d B e k a n n te , s tr e b t n a c h

e in e m H a fe n

3 6 M a n n m it v o r g e s tr e c k te n F ü ß e n N a c k te r M a n n

u n d s c h w a n g e r e r M a n n , im B a u c h

e in Ä th io p ie r , d e r a u f F e ls e n s te h t

( s ic !) , d e r a u s A n g s t v o r R ä u b e r n

u n d F e u e r (! N e ilo s s. 0 . 3 4 ) s c h r e it

T ie r ­
A g r ip p a K ir c h e r
k r e is ­
(s. u . S . 3 70 ) (s. u . S . 3 7 2 )
b ild e r

3 1 M a n n , k lu g u n d W e ib , d a s w e b t M a n n , n a c k t, lä u ft m it a u s g e b r e ite te n
a
g (o d e r s p in n t) A r m e n
cd
1
M
CO 3 2 M a n n , la n g b ä r t ig S itz e n d e r A p o llo m it K it h a r a
n

$ 3 3 M a n n , s c h w a r z , z o r n ig M a n n , b e iß t s e in e F in g e r

3 4 M a n n , g u t g e k le id e t, L a s t e n a u f M a n n m it e in e m A ffe n a m B u s e n

R ü c k e n

<D
.c
o 3 5 W e ib , s c h ö n M a n n , s c h r e ite t ü b e r W o lk e n

£
3 6 N a c k te r M a n n u n d ju n g e r M a n n M a n n , fü h r t e in e n B o c k

u n d s c h ö n e s M ä d c h e n m it B lu m e n

u m d e n K o p f
V IE R T ES K APITEL

D IE B IL D L IC H E D A R S T E L L U N G D E R D E K A N G Ö T T E R U N D
IH R E U M G E S T A L T U N G E N IN A L T E R T U M , M IT T E L A L T E R
U N D N E U Z E IT

A. D IE W ISSEN SC H AFTLIC H E B EH A N D LU N G D E R IK O N O G R A PH IE
D E R D E K A N G Ö TTE R IN D E R N E U ZE IT
Vor allem hat Boll in der Neuzeit zuerst in seiner Sphaera (S. 433) stark
unterstrichen, daß die Geschichte der bildhaften Gestaltung der Dekangötter
nicht als bloßes Kuriosum zu betrachten ist, sondern daß sie als ein wesent­
licher Bestandteil in die wirkliche Geschichte des gestirnten Himmels gehört.
E r betont das umfassende Material, das ägyptische, griechische, indische,
arabische Quellen hergeben und hat von den antiken Monumenten sein be­
sonderes Augenmerk der Tabula Bianchini (Taf. 16) geschenkt und von den
illustrierten Handschriften die Bilder im Steinbuch des Königs Alfonso von
Kastilien (Taf. 23) beachtet.
Boll hat erkannt, daß die Bilder des Steinbuches zum Teil mit den
indischen Dekanen bei Apomasar übereinstimmen, zum Teil starke Abwei­
chungen aufweisen. Unter diesen hebt Boll vor allem die Übereinstimmungen
hervor, welche diese Bilder mit den von Teukros genannten Sternbildern der
barbarischen Sphäre zeigen: „Sonst bemerke ich nur, daß als 1. Dekan des
Löwen ein gekrönter Schütze, als 1. Dekan des Schützen drei Knaben, als
1. Dekan des Wassermanns ein Mann ohne Kopf mit einem Tuch in der
Hand, als letzter Dekan der Fische ein Mann mit einem Vogel auf der rechten
Hand und daneben ein Hirsch erscheint, alles abweichend von den Indern
des Apomasar: dieses Zusammentreffen mit dem Xuxo7rp6<TM7ro? -to^euwv,
den Tpta [xsipaxia, dem 8oufi.cov dbcecpaXo endlich mit dem sXacpo? des Teukros
bei den Zeichen Löwe, Waage, Steinbock, Fische ist natürlich so wenig ein
Zufall, wie die Darstellung des 1. Dekans als Beilträger bei Teukros auf dem
Marmor des Bianchini, bei dem Perser Achmet und bei Alfons X ."
Weiter hat Boll den Illustrationen im Münchner Ibn Esra-Codex seine
besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Es handelt sich um die lateinische Über­
setzung des Apomasartextes; Ibn Esra (Avenarius um 1093— 1167, s. o. S. 93)
hatte den arabischen Text ins Hebräische übertragen. Seine stilisierte Über­
setzung bildete die Grundlage für eine französische Übertragung, welche Hagin
1272 für H. Bäte verfertigte. Der französische Text gab die Unterlage für
Petrus von Abano, der die für das ausgehende Mittelalter leicht zugängliche
und maßgebende lateinische Übersetzung gestaltete, während Scaliger später
nochmals eine direkte Übertragung der hebräischen Überarbeitung Ibn Esras
in seinem Maniliuskommentar gegeben hat. Der lateinische Text von Abano
I7 6 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u.ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. Neuzeit

findet sich mit Illustrationen in der Münchner Prachthandschrift Clm. 826.


Diese stammt aus der Bibliothek des deutschen Königs Wenzel. Im ganzen
sind zu dem uns interessierenden zweiten Kapitel, das die Paranatellonta der
drei Sphären der Perser (d. h. des Teukros), der Inder und des Ptolemäus
enthält, 36 kleine bunte Bilder auf grünem, blauem, goldenem oder rosa
Grund gemalt (Taf. 18). Sie geben in einer satura lanx sämtliche Bilder,
die als Begleitgestirne zu einem Dekan in Betracht kommen als Gesamtbild
mit oft ganz abenteuerlicher Zusammenstellung. Darunter finden sich auch
die Bilder der 36 Dekane, die in den Einzelheiten den in dem lateinischen
Text gegebenen Verkörperungen gerecht werden. Boll hat die Frage auf­
geworfen, ob hinter diesen Bildern orientalisches Gut verborgen sein kann,
und ist zu dem Resultat gekommen, daß so gut wie nichts auf arabischen
oder sonstigen orientalischen Ursprung zurückgeht. Es besteht die begründete
Vermutung nämlich, daß der Text des Teukros in der persischen und wohl
auch in der arabischen Übersetzung illustriert war, und daß sich wohl Spuren
dieser orientalischen Vorlage erhalten haben könnten; das ist aber in den
Bildchen dieser Münchner Prachthandschrift nicht der Fall. Boll kommt zu
dem Ergebnis, daß der Maler die Bilder vielmehr auf Grund des Textes nach
eigener Phantasie gestaltet haben muß.
Dann hat Boll auf die Bilder des Astrolabium Planum (Taf. 26) sein Augen­
merk gerichtet, das auf Petrus von Abano zurückgeführt wird, und den Zu­
sammenhang der seltsamen Gestalten mit der Sphaera des Teukros in großen
Zügen erwiesen. DenBildern der Dekane ist er jedoch nicht im einzelnen nachge­
gangen, ebensowenig wie den Darstellungen dieser Gottheiten in der Münchner
Ibn-Esra-Handschrift. Er hat, wie er in den Noten zu der Abhandlung „D er
ostasiatische Tierzyklus im Hellenismus“ bemerkt, die feste Absicht gehabt,
das ganze Problem der Mondstationen und Dekane nochmals in allem Detail
eingehend zu erörtern.1) Auch für den Sternbilderartikel im Mythologischen
Lexikon hatte Boll ein Sonderkapitel über die Dekane vorgesehen, doch ist
er nicht zu einer Verwirklichung dieses Planes gekommen.
Nach Boll hat Warburg das Problem der Dekanbilder energisch in An­
griff genommen in seiner bereits erwähnten Abhandlung: „Italienische Kunst
und internationale Astrologie im Palazzo Schifanoja zu Ferrara“ . Warburg
erkannte in den Bildern, die auf dem mittleren Streifen im Schifanoja (Taf. 28/29)
dargestellt sind, die indischen Dekangötter Apomasars und konnte sie in ihre
ursprüngliche Vorstellungswelt der graeco-ägyptischen Astrologie zurück­
stellen. Fräulein Dr. Jaff6 hat im einzelnen diese Dekane auf ihre Herkunft
sondiert und das Resultat gewonnen, daß der uns unbekannte, gelehrte
Inspirator der Büder teils reine Dekangestalten der Inder, wie sie Apomasar
zeichnet, übernommen hat, teils Bestandteile der persischen Paranatellonta
heranzieht.2) Am nächsten dürften die Dekangötter im Schifanoja der Dar­
stellung in dem Dekankatalog Leopolds von Österreich stehen, der seiner­
seits wieder auf Zahel zurückgeht; Zahels Dekane zeigen, wie wir oben sahen,
die Mischung aus den indischen Dekanen und der Liste der Paranatellonta.

1) B o l l , T 'o u n g - P a o X I I I (19 12 ) 70 9 , A n m . 3 .

2) F r ä u le in D r . J a f f e h a t ih r e E r g e b n is s e im e in z e ln e n in d e m N a c h la s s e W a r ­

b u r g s v e r ö ffe n tlic h t, A . W a r b u r g , G e s a m m e lte S c h r ifte n I I (19 3 2 ) 6 3 1 ff. I c h d u r fte ih r e

S tu d ie n v o r D r u c k le g u n g m e in e r D a r le g u n g e n im M a n u s k r ip t e in s e h e n u n d fr e u e m ic h ,

d a ß ic h m e in e A u s fü h r u n g e n d a n k ih r e r fr e u n d lic h e n H ilfe m e h r fa c h b e r ic h tig e n k o n n te .


D ie wissenschaftliche Behandlung der Ikonographie der Dekangötter in der Neuzeit l'J'J

Weiter hat Warburg den Dekanen des Astrolabium Planum (Taf. 26) sein
Augenmerk geschenkt und hinter den Personifikationen der Tierkreisdrittel, die
den Bildern der Zodiakalzeichen und ihrer 30 Gradbilder vorangestellt sind,
Sternbilder und indische Dekane Apomasars erkennen wollen, hinter denen
im Grunde die Zeichnungen des Teukros stecken. So wollte er in dem ersten
Dekangott des Widders das orientalisch umstilisierte Bild des Perseus und
in dem 3. Dekan desselben Bildes Kassiopeia erkennen. Auch in dem Bild
des x. Grades des Widders, das einen Mann mit Sichel und Armbrust dar­
stellt, sah Warburg den Perseus, der in die Paranatellonta dieses Dekans
gehört. Allerdings lassen die Bilder selbst schwerlich diesen Kern erkennen,
da es sich um die in dieser Zeit üblichen Typen des Mars und der Venus
handelt; diese sind die Planetenherren dieser Dekanbezirke und bringen
zugleich die Wirkungen dieser an sich rein geometrisch-mathematischen
Kraftfelder sinnfällig zum Ausdruck. Aber in anderen Dekanbildern werden
wir, wie Warburg richtig erkannt hat, die Einflüsse Apomasars, bzw. des
Teukros feststellen können.
Warburg hat zum erstenmal die Nachwirkungen der Sphaera desTeukros in
den Bildern, die die Wände des Salone von Padua (Taf. 27) zieren, herangezogen
und darauf hingewiesen, daß in ihnen gemäß der Inspiration des Petrus von
Abano sich wie im Astrolabium die Einwirkung Apomasars erkennen läßt.
Dann verdanken wir seiner unermüdlichen Pionierarbeit auf dem Gebiet der Ge­
schichte des gestirnten Himmels die Kenntnis der zwei hochinteressanten Illu­
strationen zu dem Text Apomasars, einmal die kreisförmige Anordnung der Par­
anatellonta in der spanischen Vatikanhandschrift codex Reginensis 1283; hier
sind die Dekane in dem äußeren Streifen genau nach dem Text gezeichnet
(Taf. 23.24). Leider sind nur zwei Tierkreisbilder, der Löwe und die Jung­
frau in dieser Weise ikonographisch in dieser Handschrift verkörpert. Es ist
anzunehmen, daß auch den übrigen Zodiakalbildern in gleicher Weise eine
bildhafte Veranschaulichung zu Teil geworden ist, und daß die ganze Serie
sich in einer der europäischen Bibliotheken auffinden wird. Die Bilder verraten
deutlich noch Spuren ältesten Gutes; darunter ist ganz besonders eklatant
unter den Begleitgestirnen die Darstellung der Jungfrau als Göttin mit einem
Kuhkopf, in der wir die alte Göttin Hathor in getreuer Tradition erkennen
können. Sie hält den Horusknaben im Arm und wird somit dem Text und der
älteren Darstellung des Tierkreisbildes der Jungfrau als Isis mit dem Horus-
kind gerecht, aus dem arabische und mittelalterliche Reformer Maria mit dem
Jesuskind gemacht haben.
Die zweite illustrierte Handschrift der lateinischen Apomasarübersetzung
findet sich im Sloane Ms. 3983 des Britischen Museums. Hier sind die Pa­
ranatellonta in Streifen auf die Ebene aufgerollt. Die Dekanbilder stehen
im mittleren Streifen. Sie zeigen eine vielfache Variierung sowohl in den
Gestalten, als auch in den Attributen (Taf. 22). Endlich konnte Warburg
noch die Illustrationen der lateinischen Übersetzung des Picatrix heran­
ziehen, die sich in Krakau befinden (Ms. X I, 1, 793)- Die Bilder (Taf. 25)
schließen sich eng an die Texte an und zeigen wie die Bilder des Steinbuches
bald wortgetreue Übereinstimmung mit den Auffassungen der Dekangötter
in den illustrierten Apomasarhandschriften, bald starke Abweichungen, die
sich teilweise wieder direkt mit den antiken Schilderungen der Dekangötter
decken, also ebenfalls eine starke Nachwirkung des Teukros erkennen lassen.
Studien der Bibliothek Warburg, 19. Heft: G u n d e l X2
Iy8 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u. ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. N euzeit

Für die Geschichte der Ikonographie der planetarischen Verkörperung


der Dekanbilder hat Warburg weitere wichtige Dokumente zu unserer Betrach­
tung beigesteuert. Vor allem ist hier der Codex Bodleianus Or. 133 zu erwähnen,
der die Planetenprosopa der Tabula Bianchini in orientalischer Umprägung gibt.
Nur stehen nunmehr nicht die Dekane wie etwa in der Tabula Bianchini
über den Tierkreisbildern, sondern das Tierkreisbild steht auch rein äußer­
lich sichtbar als Herr über d. h. oberhalb der unter ihm stehenden drei
Dekane (Taf. 32). Als weiteres Dokument der abendländischen Umgestaltung
dieser Typen ist ihre Darstellung in der Wolfenbüttler Handschrift 29. 14. Aug.
4° zu nennen. Die Bilder zeigen als das dominierende Wesen das zugehörige
Tierkreisbild, wie es durch eine große mit einem dreiteiligen Dach überdeckte
Halle hindurchwandelt. In dem dreigeteilten Dach schauen aus einem Fenster
die betreffenden Planetengesichter heraus; sie bringen sinnlich greifbar plastisch
den üblichen mittelalterlichen Terminus technicus der Dekane als facies,
d. h. als Gesicht zum Ausdruck. Oben auf dem Dachfirst zeigt eine Fahne,
die mit einem Stern statt der Spitze versehen ist, das Symbol des betreffenden
planetarischen Gebieters (Taf. 32).
Auf den von Boll und Warburg gezeigten Bahnen ist F. Saxl rüstig vor­
wärts geschritten. Saxl hat vor allem die Bilder des Salones von Padua (Taf.27)
weiter aufhellen können und auch unsere Erkenntnis der Bilder im Astro­
labium Planum weiter gefördert. Eines seiner für unsere Behandlung ein­
schneidenden Resultate ist die Erkenntnis, daß in dem 1., 11. und 21. Grad
des Astrolabiums zuweilen die Dekanbilder des Steinbuches wiederholt sind,
die sich ihrerseits wieder mit den Beschreibungen des Picatrix decken.
Besonders schlagend konnte das Saxl an den drei Dekanen des Skorpion
nachweisen.1) Außerdem hat er auch die übrigen Bilder des Skorpion einer
sehr instruktiven Analyse unterzogen und im einzelnen festgestellt, wie sie
sich in die große Linie Teukros-Apomasar einpassen. Als wichtiges Mittel­
glied zwischen der Teukrostradition und den Bildern des Astrolabium hat
Saxl die Bilder des von Warburg entdeckten Bilderkalenders im Reginensis 1283
einreihen können. Sie sind ebenfalls eine Verkörperung der Paranatellonta-
Liste der Sphaera barbarica. Die Dekane selbst sind wie im Astrolabium
innerhalb der dreißig Gradbüder eingereiht, stehen also nicht außerhalb oder
über den dreißig Grad als neue Sondermächte.
Das im Salone zu Padua herrschende kosmologische System ist nach
Saxls einleuchtender Darlegung nach einem verwandten Schema geordnet, wie
es in der Einrangierung der Dekane im Palazzo Schifanoja zu Ferrara ange­
wandt ist. Die Tierkreisbilder und die Monatsbilder sind in den beiden untersten
Streifen untergebracht, an Stelle der Olympier übernehmen die Planeten
und die Apostel die Herrschaft über die Tierkreisbilder. Im obersten Streifen
finden sich die zu den Tierkreisbildern gehörigen mitheraufkommenden Ge­
stirne, zum Teil mit deutlicher Nachwirkung ihrer orientalischen Umfor­
mungen. Weiter hat Saxl auf die schon oben S. 88 erwähnten neuen Codices
in Paris aufmerksam gemacht. Alle Texte geben — wie auch der von Warburg
herangezogene Cod. Sloane 3983 im Anfang als Verfasser den Philosophen und
Priester Georgius Zothorus Zaparus Fendulus, der in der Vorrede sagt, er
1) S a x l in s e in e r s c h o n m e h r fa c h e r w ä h n te n fü r d ie G e s c h ic h te d e r T y p o lo g ie d e r

S te r n b ild e r b a h n b r e c h e n d e n U n te r s u c h u n g : V e r z e ic h n is a s tr o lo g . u n d m y th o lo g . illu s tr .

H a n d s c h r . d e s la te in . M itt e la lte r s a . O . I I 4 9 — 6 8 .
D ie wissenschaftliche Behandlung der Ikonographie der Dekangötter in der Neuzeit 179

habe das Werk Apomasars aus dem Persischen übersetzt. Der Übersetzer be­
hauptet, er habe auf göttlichen W ink hin in Carobolym das dort verfaßte Buch
des Maymon, des Königs und Kalifen von Babylon aus dem Persischen ins
Lateinische übertragen. Dann habe er in Damaskus viele in dieser Kunst
erfahrene Leute getroffen und dort die Tafeln Maymons aus dem Chaldäischen
ins Lateinische übersetzt, das Buch der Grade emendiert „und besonders
den Albumasar, den er in einem stark korrupten Zustand seither hatte, kennen
gelernt und die 1029 Sterne in ihren Orten gelernt und sie später abgemalt,
wie man das dank der Vorsehung Gottes in dem vorliegenden Bande sehen
werde“ . Es sollen also die Bilder der illuminierten Apomasarhandschriften
in letzter Linie auf diesen sonst nicht näher bekannten Zothorus Zaparus
und auf seine persischen Vorbilder zurückgehen. Saxl glaubt mit Be­
stimmtheit die Vorlage unseres ältesten Codex, des Paris, lat. 7330 in das
zwölfte Jahrhundert hinauf datieren zu dürfen aus rein kunstgeschichtlichen
Erwägungen, die im einzelnen die Bilder dieser prächtigen und überaus
kostbaren farbigen Handschrift bieten. Die Unterschiede, welche die ver­
schiedenen Handschriften naturgemäß in der Darstellung der 36 Bilder der
Dekane aufweisen, können und brauchen im folgenden nicht besonders auf­
gezeigt zu werden, da im Grunde ja der Typ an sich gewahrt bleibt. Ich
habe mich im folgenden an die Darstellungsform des Londoner Codex ge­
halten. Der Text verdient keine besondere Beachtung, denn es ist die bekannte
lateinische Übersetzung des Hermannus Dalmata; warum dieses Pseudepi-
graphon des Zothorus Zaparus gewählt wurde, bleibt ebenso unerfindlich,
wie der Hinweis auf die sehr unwahrscheinlichen persischen Illustrationen.
Endlich kommt das merkwürdige Dekanbuch in Betracht, das Ludovicus
de Angulo aus Apomasar gemacht hat. Es ist uns, wie oben S. 88 gezeigt wurde,
in drei illustrierten Handschriften des X V . Jahrhunderts erhalten. Die Bilder
jedes einzelnen Dekans aufzurollen, ist deswegen hier überflüssig, da ja einfach
die Bilder der Dekane und einzelner Paranatellonta beschrieben und darge­
stellt werden, welche Zothorus Zaparus gegeben hatte. Im großen geschicht­
lichen Zusammenhang gehören sie alle so eng zueinander, daß ein isoliertes
Auseinanderlegen zu weit abführen würde; das gehört in das Sondergebiet der
Illustrationskunst der mittelalterlichen astrologischen Handschriften.
Das von den genannten Gelehrten gebotene und bereits auf große Strecken
gesichtete Material zu sammeln und im einzelnen systematisch zu sichten,
ist die Aufgabe dieses Kapitels. Die Entwicklung zeigt drei Etappen: an erster
Stelle steht als Epoche für sich die antike bildhafte Erfassung der Dekan­
götter. Wir verdanken diese den Fragmenten der Tabula Bianchini, ferner
dem nur handschriftlich erhaltenen Überrest der von Boll, Sphaera 303, ver­
öffentlichten Zeichnung des Peiresc und endlich dem von Stegemann ent­
deckten Tierkreis mit den Dekanbildern, den ich kurzerhand den runden
Tierkreis von Athen nennen will. Diese antiken Dokumente stellen ein Stadium
für sich dar, sie entsprechen in ihren gräco-ägyptischen Typen den literari­
schen Darstellungen der beiden hermetischen Listen. Sie bleiben so, wie sie
sind, und stellen ein stagnierendes Gebilde dar, das erst in Gärung versetzt
wird bei dem Transport in den Osten. Nach der Rückflutung in den Westen
sind die Bilder so völlig durcheinander gewirbelt und mit fremden Zutaten
durchsetzt, daß die ursprüngliche oder die spätere gräco-ägyptische Formen­
bildung nur schwer oder überhaupt nicht mehr kenntlich ist.
12*
l8o Bildl. Darstellung d. Dekangötter u. ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. Neuzeit

Die zweite Etappe der bildlichen Gestaltung stellen die Illustrationen der
Apomasarhandschriften dar. Hier bleibt für alle Dekane ein bestimmter
Kerntypus stehen, mit dem die Zeichner der verschiedenen Handschriften
nach persönlicher Liebhaberei im Anschluß an den Text mehr oder weniger
frei schalten, indem sie entweder Neues zufügen oder alte Zutaten abstreichen.
Ihnen schließen sich am stärksten die Fresken im Schifanoja an.
Das dritte Stadium bieten uns die Bilder, die in dem Steinbuch, im Pica-
trix, dem schon genannten Codex Reginensis und in der Doppelformung bei
Abano im Astrolabium sich finden. Mit ihnen stehen auch die Bilder im Salone
zu Padua im genetischen Zusammenhang. Natürlich finden immer wieder zwi­
schen den einzelnen Übereinstimmungen gelegentlich statt. Aber die starken
Rückverkettungen der Dekane an die Sternbilder des Tierkreises und an andere
astronomischen Begleiterscheinungen in der Zeit ihres Dominiums treten in
dem letzten Stadium so stark hervor, daß hier einschneidend die letzte Ent­
wicklungsphase ihrer Verkörperlichung erschaut werden kann. Allerdings
ist diese Neuorientierung der flüchtigen und imaginären Astralwesen im ge­
stirnten Himmel schwerlich eine bewußte und absichtliche Schöpfung der
Künstler oder ihrer Inspiratoren, sondern hier sind die Texte der direkten
und der indirekten Apomasartradition die anonymen Mystagogen auf Jahr­
hunderte hinaus geblieben.

B. D E R GRUND UND D E R ZW ECK D E R D E K A N D A R STE L LU N G E N


Die ägyptischen Darstellungen der Dekangötter tragen, wie Schott oben
dargetan hat, einen fast ausschließlich funerären Charakter. Sie sollen dem
Toten jederzeit zeigen, wo seine Seele ist, sie sollen ihn als Stern unter sich
selbst aufnehmen, ihn und seinen Körper im Diesseits in seinem Grabe und
im Jenseits bei seiner Wanderung am Himmel beschützen. Dieser funeräre
Zweck und diese Veranlassung fehlt den antiken und mittelalterlichen Monu­
menten völlig. Denn nur in der Gnosis wird dem Einfluß dieser Gestirnmächte
auf den Toten und das Leben nach dem Tode noch ein gewisser Spielraum
gelassen. Ob das aber zu bildlichen Darstellungen geführt hat, erscheint
fraglich; dafür tritt ja als vollgültiger Ersatz die Kenntnis des in den gno-
stischen Texten mitgeteilten heiligen Namens und der typischen Symbole ein.
In den anderen Religionen und im volkstümlichen religiösen Denken des
ausgehenden Altertums haben sie für das Leben nach dem Tode überhaupt
keine Bedeutung mehr, so daß eine funeräre Bildausgestaltung aus eschato-
logischen Motiven von vornherein ausgeschlossen ist.
Die Gründe ihrer Veranschaulichung in Wort und Bild sind vielmehr
im Altertum und im Mittelalter iatromathematischer, magischer und weiter
astromantischer Natur. Der griechische hermetische Traktat weist direkt
darauf hin, daß unter jedem Absatz, der einem einzelnen Dekan gewidmet
war, sein Bild gefolgt sein muß. Das sagt auch der Text ausdrücklich in
der Einleitung und bei der Schilderung jedes einzelnen Dekans.1) Es muß
die Vorlage unter jedem Absatz das Bild des Dekans gehabt haben. Das ist
uns ja aus den rein astronomischen Schriften bekannt, daß die Texte im

i) D ie ty p is c h e F o r m e l la u t e t v o r d e r S c h ild e r u n g d e r e in z e ln e n M e r k m a le : oöto ?
ovojia 'i'/v. . . . [loptprj'j Sk rf,v Ü7roxei(iivK)v, Ötptv •••
D er Grund und der Zweck der Dekandarstellungen 181

Altertum bereits mit bildlichen Darstellungen der einzelnen Sternbilder ge­


schmückt waren. Besonders wichtig ist in dieser Hinsicht die Epitome aus
dem Katasterismenbuch des Eratosthenes von Kyrene, die in griechischen
und später in lateinischen Handschriften unter dem betreffenden Textabschnitt
das Bild oder wahrscheinlich auch mehrere Typen eines Gestirns anreihte.
Der Grund war in diesen illustrierten Sternbüchern mehr ein belehrender,
weniger ein erbauender oder mystischer. Die Hauptsache war das Bild selbst
und dann die Verteilung der wichtigsten Merksterne im Bild. In dem her­
metischen Dekanbilderbuch fällt dieser Grund ganz weg. Wie nach einer
Doktrin der Gestirnreligion die Kenntnis des reinen wahren Namens zum
Schutz und zur Macht über den Gott hilft, so genügt nach dem Bildglauben
das wirkliche Bild, um eine Macht über den Gott zu gewinnen.
Wie wir unten in Kapitel V I darlegen werden, muß in den antiken Dekan­
büchern das Bild eines Dekans zu ganz verschiedenartigen Zwecken helfen.
Darum sind die antiken Bilderserien der Dekane hergestellt und weitergegeben
worden. Sie mögen natürlich in letzter Linie auf Texten der uralten ägyptischen
Tempelvorlagen basieren, die dem Maler der Tempel- und Sargbilder zur
Wiedergabe der wirklichen Bilder der Dekangottheiten dienten. Sie haben
sicher dann ebenfalls ihre Wanderung und Wandlung von dem hellenisierten
Ägypten nach Osten, nach Arabien und Persien durchgemacht; davon ist uns
aber abgesehen von der ostasiatischen Umprägung nichts im einzelnen be­
kannt.1) Den Niederschlag dieser Wanderungen können wir erst im Steinbuch
des Königs Alfonso X . und im Picatrix feststellen. Sie sind die direkten Ab­
kömmlinge der hermetischen iatromathematischen und astromagischen Trak­
tate, welche die Aufgabe haben, den einzelnen Dekangott in Wort und Bild
schärfer zu fassen, um dem Besitzer des Buches die wunderwirkende Kraft
derselben zu überliefern. Die Dekanbilder gehören als Fermente zu einem
der wichtigsten Zweige der mittelalterlichen Astrologie, die direkt eine Wissen­
schaft der Bilder ausgearbeitet hat und sie nach einem Ausspruch Thebit’s
als die äxjAT) der Astrologie bezeichnet und den Beweis dafür aus Aristoteles
und Ptolemäus bringt.2)
Ein dritter Grund, die genauen Bilder der Dekane zu besitzen, ist ein
rein astromantischer. Wer die Bilder dieser Gottheiten hat, kann an Hand
derselben durch eine mehr oder weniger komplizierte Methode schon aus dem
Äußeren des herrschenden Dekangottes erkennen, wie das Schicksal der
unter seinem Strahlenwurf gleichzeitig zur Welt kommenden Menschen sich
gestaltet oder wie eine Handlung ausfallen wird. Das erkennt z. B. im Alexan­
derroman Nektanebos, der letzte ägyptische König, aus seinem Würfelbrett,
auf dem unter anderen Gottheiten auch die 36 Dekane dargestellt sind. Alle
Geheimnisse der Gegenwart und Zukunft, auch die Rätsel der Vergangenheit,
sagen ihm diese Bilder. Die Tabula Bianchini mag in der Praxis sowohl
zur Beantwortung von Anfragen aus dem großen Gebiet der Augenblicks­
entscheidung als auch zur Feststellung eines Geburtsschicksals als ein solches

1) W ie v iele griechische und latein isch e astronom ische u nd astrologisch e H a n d ­


sch riften einen R a u m freilassen, der die B ild e r der beschriebenen S tern bilder aufnehm en
sollte, so fin d en sich n atü rlich au ch in der D e k a n lite ra tu r solche V a cu a , als m arkan tes
B eispiel dieser V ersp rech en und nie erfü llten D esiderate d a rf ich den Cod. P a l. la t. 1363
fol. 66 r. ff. nennen.
2) T h o r n d i k e , A H is to ry o f M agic and E x p e rim e n ta l Scien ce I 666.
182 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u.ihre Umgestaltung in A Itertum, Mittelälter u. Neuzeit

astromantisches Würfelbrett gedient haben. Das schaltet natürlich jede streng


wissenschaftliche Beobachtung des tatsächlichen Gestirnstandes aus; diese
Würfelorakel, welche aus den Bildern der Dekane und anderer Astralgötter
die Zukunft enthüllen, sind nicht besser und nicht schlechter als die modernen
technischen Wahrsagemittel der niederen Astrologie. Weitergegangen sind
diese zusammengedrängten Darstellungen aller 36 Dekane auf einem einzigen
Bilde nicht, wenigstens ist mir bis jetzt kein derartiges Dokument aus dem
Mittelalter bekannt geworden.
Die Gesamtdarstellung aller Dekane auf einem Bilde verfolgt auch noch
die bildhafte Erfassung aller im entscheidenden Momente mitwirkenden
Schicksalsfaktoren. Das berühmteste Horoskop dieser A rt ist wohl der runde
Tierkreis von Dendera. Wohl ist aus der römischen Kaiserzeit bekannt, daß
z. B. Septimius Severus seine Horoskopsterne an der Decke eines seiner Palast­
räume bildlich darstellen ließ. Vermutlich war dieses Bild des kaiserlichen Schick­
sals in der Art der Horoskope von Dendera und Athribis auch mit den Bildern
der Dekane versehen; aber über die Vermutung hinaus, die sich nur auf den
Hinweis der in den genannten Horoskopen gegebenen Dekandarstellungen
stützen kann, fehlt jeder positive Beweis. Von dem ältesten Denkmal, das
in Rom die Bilder der Dekane trug, fehlt uns außer dem Bericht des Cassio-
dorus jede weitere Angabe. Hier ist die Rennbahn von Augustus bereits
nach dem Muster der im Kosmos wirkenden Astralgötter angelegt, darunter
finden sich auf den sieben Zielsäulen entsprechend den Zodiakaldekanen drei
Zonen. Wie in dieser auffallenden Darstellung der Dekane bildhaft das Wesen
derselben veranschaulicht war, läßt sich nicht aus dem Bericht entnehmen.1)
Daß auch in der Spätantike die Dekane als kosmische Schicksalsmächte
gelegentlich in öffentlichen oder königlichen Monumenten ihre bildliche Dar­
stellung gefunden haben müssen, ist bei der doch recht intensiven Umge­
staltung, die sie besonders im Orient gefunden haben, eine naheliegende For­
derung. Doch fehlt es an positiven Beweisen. Nur eine einzige literarische
Nachricht scheint von den Dekanen in dieser Hinsicht zu sprechen. Cedrenus
berichtet nämlich von dem Thron des Khosros II. folgendes:
Als er (Herakleios) dort hineinkam, fand er das abscheuliche Bild des
Khosros und seine Abbildung in seinem kugelförmigen Dach seines Palastes,
er fand ihn als einen, der im Himmel sitzt. Und um dieses Bild herum waren
die Sonne, der Mond und die Sternbilder, denen der Dämonenfürchtige wie
Göttern seine Verehrung darbrachte; u n d er h a t t e B o te n , d ie ih m die
S z e p te r t r u g e n , ru n d h eru m a u f g e s t e llt . Dort hatte der Gottesfeind
durch Maschinen es fertig gebracht, Tropfen wie Regen herabträufeln zu
lassen und wiederhallende Geräusche ertönen zu lassen wie Donnergrollen.
Die szeptertragenden Boten erinnern unwillkürlich an die hellenistische
Bezeichnung der Dekane in der hermetischen Religion als äyyeXoi, d. i. als
Boten (S. 27 u. 15, Anm.), die Charakterisierung als szeptertragende Gewalten
trifft sich mit den ägyptischen Dekanfiguren, die ebenso wie andere ägyptische

1) D er V e rg leich des Z o d iaku s m it einer R en n b ah n , in der die W en d ep u n k te als


G renzsäulen bezeich n et w erden, ge h t in hellen istische A n schauu n gen zu rü ck. C icero de
republ. I 14 ke n n t die meta in der M ondbahn, sp ä te r v erw en d et besonders h ä u fig dieses
G leich n is N onnos, der d a fü r die B ezeich n u n g v'jaacc der Ziel- oder P rellstein h a t, B e i­
spiele bei S t e g e m a n n , A stro logie und U n iversalgesch ich te 30, A n m . 1 ; zu C assiodor
s. u. S. 352; ü ber das H oroskop des Septim ius S everus berich tet Cass. D io L X X V I 1 1.
D er Grund und der Zweck der Dekandarstellungen

Sterngötter mit dem langen Szepter ausgestattet sind. Ob wir allerdings


trotz dieser sprachlichen und ikonographischen Übereinstimmung an Dekan­
götter denken dürfen, ist dadurch in Frage gestellt, daß die anderen Berichte
von dem kosmischen Königsthron des Khosros II. diese Gottheiten nicht er­
wähnen.1)
Als kosmische Mächte erscheinen die Dekane in mittelalterlichen Darstel­
lungen besonders in den monumentalen Denkmälern des Salones von Padua
und in dem Palazzo Schifanoja zu Ferrara. Hier sind sie nicht im Rundbild
in gedrängter Versammlung dargestellt, sondern in die Ebene auseinander­
gestellt, wobei jeder einzelne als Einzelwesen mit bestimmter Funktion in
Erscheinung tritt. Es wird die Macht dieser Götter nicht konzentriert auf ein
individuelles Schicksal, sondern bleibt universal und allgemein gehalten, wie
die Kapitel eines astrologischen Orakelbuches, die erst durch die praktische
Übertragung des Astrologen ihre Ausdeutung und Anwendung finden. Das
prägt sich auch äußerlich dadurch aus, daß ihnen jedes äußere Attribut,
z. B. Sterne oder Sternsymbole fehlt, nur das unter ihnen groß gemalte
Tierkreisbild läßt erkennen, daß es sich bei ihnen um Astralmächte handelt;
eine Erkenntnis, die erst Warburg uns wiedergegeben hat.
Die rein astronomische Darstellung der Dekane zu didaktischen Zwecken
etwa in der A rt der Illustrationen der Sternbilder bei Eratosthenes suchen wir
vergeblich in der Antike und im Mittelalter. Das kommt daher, daß die Dekane
eigentlich nie vollberechtigtes Bürgerrecht in der offiziellen Uranographie
gefunden haben. Dadurch, daß sie Ptolemäus, Hipparch und Eudoxus in
ihrem Himmelsbild übergangen und wohl als fremde Himmelswesen einer den
Griechen fremden Himmelswelt mit Recht aus dem griechischen Himmels­
bild ausgeschaltet haben, ist ihnen für alle Zeiten ein mehr schattenhaftes
Dasein in dem Reiche der Astromagie, Astromedizin und Astromantie ver­
hängt worden.
Nur einmal scheinen sie zu wirklichen astronomischen Gegebenheiten
erweitert zu werden: in der Kreisdarstellung der dreißig Grad im Codex Re-
ginensis finden wir die Dekane an der von ihnen beherrschten Stelle am
I., i i . , 2i. Grad (Taf. 23. 24). Aber das ist nicht mehr der alte Dekangott,
dessen Machtbereich von zehn Grad auf einen einzigen zusammengeschrumpft
ist, sondern hier ist seine Gestalt größtenteils verdrängt und ersetzt durch
das Bild eines Sterns oder einer kleinen Sterngruppe, welche die betreffenden
Grade mit ihrer Natur und mit ihrer besonderen Strahlenwirkung imprägniert.
So bedeuten auch diese Bilder nicht eine tatsächliche Reform, die den Dekanen
wieder einen festen Halt am Himmel geben kann und mit allen Kräften
systematisch wieder dort oben festwurzeln lassen will. Der Grund und der
Zweck dieser Bilder ist nicht rein wissenschaftlich astronomisch, sondern
astrologisch zukunftwollend. Das zeigt das Astrolabium, das die Bilder in der
üblichen Aufmachung der Nativitätsfigur einrahmt und zu jedem sein defi­
nitives Schicksalsorakel stellt. Wer ein solches Buch hat, das Bild und seine
Schicksalshieroglyphe kennt, braucht keine umständliche mathematische
Berechnung und Beobachtung, er schlägt nur den Tagesregenten auf und
1) Cedrenus H ist. Com p. 412 A ad. ann. H eracl. 13 in Corp. Scr. hist. B y z . 7 2 if .;
ich schließe m ich hier der W id ergab e an, die S a x l , Frü hes Christen tu m und spätes H eiden ­
tu m in ihren kü nstlerisch en A usdrucksform en, im Jahrb. f. K u n stg esch ich te I I (X V I)
1923, 104 g ib t; S a x l g ib t hier au ch die ü brigen Schilderungen vom T hron des K hosros.
18 4 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u. ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. Neuzeit

kann den ursächlichen astralen Schicksalsgott seinem Klienten mitteilen und


dessen mutmaßliche Gaben kurz skizzieren. Daß die Dekane hier sowohl unter
die dreißig Grad aufgeteilt sind und dann noch als Sondermächte von je
zehn Grad vor den gesamten 30 Grad marschieren, weist darauf, daß das Vor­
bild aus einer Zeit stammt, die den Dekanen als Zeitregenten noch einen grö­
ßeren Einfluß neben oder über den astralen Gradgöttern beimaß.
Die Illustrationen der Apomasartexte wollen wohl auch eine bildliche
Vorstellung der in der Sternenwelt wohnenden Wesen geben. Aber diese astro­
nomische Bedeutung schrumpft sofort stark zusammen, wenn man die Bilder
mit ihren Auswüchsen und Verzerrungen anschaut; das sind keine astrono­
misch greifbaren und am Himmel auffindbaren Konture und Bilder, sondern
Weiterbildungen einer aufgeregten orientalischen Phantasie, die weder einen
H alt am gestirnten Himmel hat, noch gibt. Sondern der wirkliche Grund
der Apomasarillustrationen ist rein astrologisch. Das zeigt ja auch der hinter
den Dekanen folgende Text, welcher genau informiert, wie das Kind des
Dekans aussehen wird, was für innere und äußere Eigenschaften es haben
wird und wie sein Leben in groben Zügen verlaufen wird. Die Bilder wollen
diesen astralen Schicksalsgenossen festhalten und die ursächliche Form dem
Astrologiegläubigen vor Augen führen. Daß sie auch zu Amuletten und anderen
magischen Handlungen dienen sollen, sagt der Text nicht, aber die astro­
logische Praxis des Apomasar und der astrologieergebenen Araber zwingt
zu der Annahme, daß ihre Bilder ebenso wie die im Steinbuch und beim
Picatrix auch aus diesem Anlaß und zu diesem Zweck dem Text beigegeben sind.

C. D IE B IL D E R D E R EIN ZELN EN D E K A N E A U F DEN MONUMENTEN


D ES ALTERTU M S
1. D I E D A R S T E L L U N G E N D E R E I N Z E L N E N D E K A N E A U F
D E R T A B U L A B IA N C H IN I

DieTabulaBianchini (Taf. 16.17) gibt nur die Bilder von acht Dekanen, näm­
lich die drei Dekane des Widders, den 1. Dekan des Stiers, den 3. der Jungfrau und
die drei Dekane der Waage. Von dem neunten, der als 2. Dekangott zum Stier
gehört, ist nur der linke Vorderfuß und eine anscheinend gedrehte Säule er­
halten, die für ein Szepter etwas zu dick geraten scheint. Die ikonologische
Analyse zeigt sieben Gestalten in schreitender Bewegung; einer, der 2. des
Widders, scheint einfach dazustehen. Alle sind vollaufrechte Gestalten;
also liegende, sitzende oder kniende Gottheiten fehlen hier. Das kann ein
reiner Zufall sein, denn im Rundbild zu Dendera und auf dem runden Tier­
kreis von Athen haben wir die verschiedensten Stellungen. Vielleicht steckt
aber auch in der auffallend häufigen Schrittstellung die Absicht dahinter,
das volle Leben und die Handlungsfreiheit dieser Götter in Zeit und Raum
plastisch zu veranschaulichen. Alle sind in Seitenansicht mit voller Brust-
und Körperansicht, mit den beiden Händen und den beiden Füßen gezeichnet,
also in der bekannten Bilderfassung der ägyptischen Kunst.
Die Haltung und die Bewegung der erhaltenen Dekane des Widders
trennt sie von den Typen, die uns die gräco-ägyptischen Monumente zeigen.
Denn auf der Tabula Bianchini sind lauter aufrecht schreitende bzw. auf beiden
auseinandergestellten Füßen stehende Gottheiten dargestellt, dagegen gibt
D ie Darstellungen der einzelnen Dekane a u f der Tabula Bianchini 185
das Rundbild von Dendera den ersten Widderdekan als sitzenden kopflosen Gott ;
der Kopf ist durch zwei nach verschiedenen Richtungen züngelnde Schlangen
ersetzt; der zweite Gott ist der in der Lotosblüte hockende kleine Gott Harpo-
krates, er hat die rechte Hand zum Mund erhoben; der 3. Widderdekan ist
im Rundbild von Dendera durch vier aufgerichtete Schlangen mit Menschen­
köpfen dargestellt, die alle vier auf einem großen Sockel sitzen. Auch mit
den Göttern der Pronaos von Dendera haben die Dekane der Tabula Bian­
chini keinerlei Verwandschaft; hier haben wir zweimal den im Schiff auf der
Lotosblüte hockenden Knaben Harpokrates, der dritte Gott ist ein aufrecht
stehender Gott mit Szepter und Doppelkrone. Ebenso haben die übrigen Dekan­
götter der Tabula Bianchini keine in die Augen springende Identität mit den
Göttern der ägyptischen Monumente. Der Fluch der ewigen Wandlung und
Verwandlung begleitet sie also getreulich aus ihrer ersten Wanderung in helle­
nistische Lande weiter, er ruht auf ihnen und wirkt unaufhaltsam weiter in allen
übrigen Monumenten und läßt die Typen nie zu einer Erstarrung kommen.
Ebensowenig Verwandschaft zeigen die Widderdekane mit den beiden
hermetischen Texten in der äußeren Gestalt. Die griechische Liste zeichnet
ein Knäblein, das die Hände in die Höhe hält und einen Stab trägt, einen
hundeköpfigen Gott und ein Weib mit der Sonnenscheibe. Die lateinische
Beschreibung verlangt einen bewaffneten aufrecht stehenden Mann mit
Klauen, einen sperberköpfigen Gott mit Wasserkrug und mit einem von
einem Sperber besetzten Szepter, endlich eine mit der Königskrone gezierte
aufrecht stehende Frau, die mit Leinen und Schnürriemen aus Gold (Mumien­
binden?) umwickelt ist. Diese Abweichungen ergeben die Schlußfolgerung,
daß der Verfertiger dieser Tafel einen Dekankatalog vor Augen gehabt hat,
der als Orakelbuch zu dem Tempelschatz eines hellenistischen oder römischen
Heiligtums gehört haben dürfte. Der Text ist bis jetzt nicht aufgefunden,
wir können ihn aber streckenweise aus den Bildern rekonstruieren.
Der 1. Dekan des Widders ist auf der Tabula Bianchini ein aufrecht stehen­
der menschenartiger, bartloser Gott. E r ist bekleidet mit langem faltigen
Gewand, das etwa Handbreit oberhalb der Knöchel endet und anscheinend
durch einen Gürtel oberhalb der Hüften eingeengt ist. Er schreitet und tritt
mit dem zurückgestellten rechten Fuß auf den Fuß des ihm nachfolgenden
Dekans. Sein charakteristisches Merkmal ist die auf die linke Schulter gelegte
Doppelaxt, die er anscheinend zum Wegschleudern so geschultert trägt. Das
sind zwei Kennzeichen, die der lateinische Text des Hermes Trismegistos mit:
transiens pedibus stans super unguibus tenens utrisque manibus super caput
securem bipennem widergibt, während Achmet die Aktion mit den Worten
trifft: er trägt eine A xt, die er wegschleudern will. Boll hat die Doppelaxt
außerdem als ein besonderes Kennzeichen der von Teukros gegebenen Dekan­
liste hervorgehoben und sicher mit Recht daraus gefolgert, daß zwischen der
Tabula Bianchini und der verlorenen Dekanbeschreibung des Teukros ein
innerer Zusammenhang besteht, daß mit anderen Worten der Text des Teukros
die Vorlage der Tabula Bianchini gewesen ist.
Das Doppelbeil, das den ägyptischen Dekangöttern fremd ist, hat Boll
weiter zu dem Schluß geführt, daß dieses Monument in den Bereich der Prie­
sterschaft des Jupiter Dolichenus gehört, die diesem Dekan, der die ganze
Reihe eröffnet, das typische Attribut ihres Gottes gegeben hat. Diese Ver­
mutung erhält dadurch eine besondere Stütze, daß auch die ägyptischen
l8 6 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u.ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. Neuzeit

Priester bereits in die Reihe der Dekane verschiedene Lokalgötter eingestellt


und ihnen eine dominierende Stelle eingeräumt haben innerhalb der Reihe.
Das ist auch hier der Fall, denn der Widderdekan steht in der Himmelsmitte,
wo nach mehreren astrologischen Systemen die Sterngötter ihre volle Macht­
entfaltung haben.
Der 2. Dekan wird dargestellt als ein sperberköpfiger Gott; er ist ge­
kleidet in ein bis in die Gegend der Waden reichendes Gewand, das mehrfach
durch Schnüre unterbrochen ist, die rechte Hand hängt herab bis in die Gegend
der Hüfte und trägt einen kleinen nicht genau erkennbaren, anscheinend
runden Gegenstand. Man kann an das Lebenskreuz denken, doch erlauben
die hermetischen Texte auch einen kleinen Krug oder eine Opferschale darin
zu sehen. Der linke Arm ist halb erhoben, die Hand scheint wie im Redegestus
ausgestreckt zu sein; die Texte könnten auch die Auffassung zulassen, daß
er die Hand ausstreckt, als ob er etwas erhalten oder geben wollte.
Der 3. Dekan zeigt eine langbekleidete Gestalt. Das Gewand reicht bis
auf die Knöchel herunter und legt sich mantelartig über den linken Oberarm
bis zum Ellenbogen, auch der rechte Oberarm ist durch das Gewand verdeckt.
Beide Arme hängen herab und sind leicht gebeugt. Die beiden Hände sind
zur Faust geschlossen und tragen je einen halbkreisförmigen Gegenstand, man
kann wieder an das Lebenskreuz, an Schalen oder an die Armringe denken, die die
spätere Ikonographie gerade diesem Dekangott zuspricht. Der Hinterkopf ist
wie von einer gestreiften Kapuze verdeckt, das Gesicht im Profil frei sichtbar.
Den 1. Dekan des Stiers bildet eine hundsköpfige mit langem, sehr falten­
reichem Gewand bekleidete aufrecht stehende Gottheit. Über die Schultern
ist ein faltenreicher Überwurf geworfen, der den linken Arm völlig verdeckt.
Der rechte Arm scheint herabzuhängen; die linke Hand dürfte einen nach
oben oval ausbiegenden Gegenstand — vielleicht eine Keule halten. Das Ge­
wand reicht in langen Falten herab bis zu den Knöcheln. Die Füße scheinen
mit Schuhen bekleidet zu sein.
Von dem 2. Dekan des Stiers ist, wie schon bemerkt, nur der vorgestellte
Fuß und ein langer stockartiger, ziemlich dicker gedrehter Gegenstand sichtbar.
Der 3. Dekan der Jungfrau kann ein menschengesichtiger Gott sein.
Allerdings ist das Gesicht so breit und der Hals kaum sichtbar, daß man ge­
radesogut annehmen kann, daß ein tierköpfiges Wesen dargestellt ist, man
könnte an einen Löwenkopf glauben. Den Hinterkopf scheint eine Kapuze
zu bedecken, vermutlich eine Weitergestaltung der ägyptischen Königskrone.
Die Gestalt trägt ein langes Gewand, das bis über die Knöchel reicht; es ist
nicht ersichtlich, ob dasselbe den Oberkörper bedeckt, man kann auch unter
der Lupe sich vorstellen, daß der Nabel sichtbar ist. Ein breiter Gürtel, der
in breitem Band vorn mitten über das Gewand weiterläuft, ist deutlich sicht­
bar. Der linke Arm ist ausgestreckt und trägt ein langes Szepter; der rechte
Arm hängt herab, die geschlossene rechte Hand trägt einen ringförmigen Gegen­
stand, in dem wir wohl eine Entartung des Lebenskreuzes sehen dürfen. Die
ganze Gestalt ist etwas nach vorn geneigt, das Schwergewicht scheint auf
dem linken vorgestellten Fuß zu liegen.
Der x. Dekan und der 2. Dekan der Waage gleichen einander in Bewegung,
Haltung und Gesten. Beide sind in Schrittstellung, der zweite hat das Körper­
gewicht mehr auf den zurückstehenden rechten Fuß verlegt. Beide sind an­
scheinend bartlose Menschenköpfe. Ein Geschlechtsunterschied, ob Mann
D ie Darstellungen der einzelnen Dekane a u f der Tabula Bianchini 187

oder Frau ist nicht zu erkennen. Beide halten die rechte Hand ausgestreckt
nach vorn, was dem Gestus der hermetischen Texte entspricht, daß dieser
Dekan die Hand ausstreckt, als ob er etwas in Empfang nehmen wollte. Die
Gewänder reichen bis auf die Knöchel und sind in den Hüften anscheinend
durch einen Gürtel etwas eingeschnürt.
Der 3. Dekan der Waage ist ein ochsenköpfiges, menschengestaltiges
Wesen. Die linke Hand des nach vorn halbhoch ausgestreckten Armes trägt
einen langen Stab, der oben mit einem Querholz versehen ist. Der linke Arm
hängt in halber Beuge herab. Die linke Hand ist nicht sichtbar. Der Ober­
körper scheint unbekleidet. Deutlich sichtbar ist der breite Gürtel und das
breite Unterkleid, das bis auf die Knöchel reicht; es ist durch einen Längs­
streifen in der Mitte geteilt, auf ihm laufen breite Striche vom Rand des
Gewandes zu. Es ist schwerlich ein Zufall, daß in der griechischen Dekanliste
des Hermes der folgende Dekan den Namen Beo? trägt; dahinter steckt be­
stimmt das verballhornte Wort des griechischen Boi?. Da das zum Skorpion
gehörige Tier der Dodekaoros ein Stier ist, läßt sich hier besonders schön
die Überlagerung der Dekangötter durch andere astrale Wesen erkennen.
Zu den Dekangestalten kommen dann noch die Bilder der planetarischen
Prosopa. Über jedem Dekan steht gewissermaßen als dominierende Potenz
die Büste des zugehörigen Planeten. Gezeichnet ist jedesmal der obere Teil
der Brust, der Hals und der Kopf. Der K opf und Hals ist mit einem Teil der
sichtbaren Brustteile in einen Kreis eingeschlossen. Außerdem sind die cha­
rakteristischen Insignien der Planetengötter mitgezeichnet. Die Verteilung
der Planeten entspricht dem in der Astrologie klassisch gewordenen Schema,
das auf Teukros zurückgeführt wird. Es beherrscht also Mars den 1., der
Sonnengott den 2. und Venus den 3. Dekan des Widders, dann läuft die Pla­
netenreihe in der üblichen Folge nach der scheinbaren Lage, welche die Pla­
neten im Universum einnehmen, ab. Mars ist kenntlich durch einen Helm,
den er auf dem Haupt trägt und eine Lanze, die links neben ihm in die Höhe
ragt. Den Sonnengott kennzeichnet die Strahlenkrone; Venus hat links neben
sich den oberen Teil eines ovalen Gegenstandes, wohl einen Spiegel. Merkur
verrät der obere Teil des Schlangenstabes, die Mondgöttin trägt die Mond­
sichel auf dem Haupt. Saturn ist ein vollbärtiger Kopf, vollbekleidet, ein
Kopftuch umschließt das Haupt, das nach oben zwickelförmig erhöht ist.
Zeus hat einen Vollbart, der Oberkörper ist nackt, über der linken Schulter
scheint der obere Teil eines zusammengefalteten Überwurfs zu liegen. Links
von ihm ist das obere Ende eines Szepters sichtbar. Im Prinzip haben wir
hier bereits dasselbe Schema, das im Astrolabium auch eine zweifache Reihe
von Dekangestalten zeigt; nur sind dort, wie wir unten anzuführen haben,
die planetarischen Prosopa durch andere Gestalten zum Teil ersetzt.

2. D I E D E K A N B I L D E R D E S F R A G M E N T E S P E I R E S C

Eine Ergänzung der fehlenden Dekangottheiten könnte in dem Bruch­


stück gewonnen werden, das Montfaucon aus einer Handschrift abgebildet
hat, die Peiresc gehörte und nach seinen Angaben sich in der Bibliothek von
Saint-Victor befand.1) Abgebildet ist ein Streifen(Taf. 17), der nach der Richtung
1) Ich d a rf m ich hier in den literarisch en F ragen der F ü h ru n g v o n B o l l , Sphaera
302, 5 an v ertra u en , w o das E rfo rd erlich e gegeben ist.
l8 8 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u.ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. N euzeit

des Windgottes entweder in die rechte obere Ecke oder in die linke Unter­
ecke der vollständigen Tafel gehört hat. Nimmt man die Normalstellung der
Tabula Bianchini an, nämlich das Grundhoroskop aller Horoskope, das den
Moment der Erschaffung der Welt darstellt und die Stellung des Krebses
und seiner Dekane im Aszendenten, also in der Mitte der linken Seite des
Monumentes erfordert, so kommen entweder die Dekangötter des Löwen und
der Jungfrau in der linken unteren Ecke in Frage oder der letzte Dekan im
Wassermann und die drei Dekane der Fische oben in der rechten Ecke, vor
den Widderdekanen der Tabula Bianchini.1)
Nach der Prosopalehre, die auf Teukros zurückgeht, kommen für den
Löwen Saturn, Jupiter und Mars, für die Jungfrau Sonne, Venus und Merkur
in Betracht. Das läßt sich jedoch mit den abgebildeten Prosopa nicht in Ein­
klang bringen. Dagegen paßt das Schema vollständig auf die Dekane des
Wassermanns. Diese werden ganz in der auf dem Bilde gegebenen Reihen­
folge von rechts nach links beherrscht von Venus, Merkur und der Mondgöttin.
Saturn ist der Herrscher des i. Dekans des daran anschließenden Wasser­
mann. Damit sind auch die unter den Planeten stehenden Dekangestalten
als die drei bzw., da nur zwei sichtbar sind, als der 2. und 3. Dekan des Wasser­
manns, der unter Saturn stehende Gott als 1. Dekan der Fische restlos be­
stimmt. Die Planetengötter sind in derselben Bildform wie in der Tabula
Bianchini gegeben; nur ist bei Saturn der Zwickel oben in dem Kopftuch
hier deutlich als zungenförmig nach oben lohende Flamme sichtbar, Merkur
trägt auf dem Kopfe zwei breit ausladende Flügel und Venus ist mit einem
breiten Diadem und einer Perlenkette geschmückt.
Der unter Merkur stehende Dekan, den wir als 2. Dekan des Wassermanns
feststellen konnten, ist tierköpfig. Man wird infolge der kurzen Hörner eher
an einen widder- oder bocksköpfigen Gott denken müssen, als mit Boll, dessen
Führung ich nur ungern verlasse, an einen Stier. Denn in der Tabula Bian­
chini ist z. B. der ochsenköpfige Dekangott mit deutlich erkennbaren starken
Hörnern gezeichnet, die von den Ecken der Stirn breit herausragen, während
hier die Hörner klein sind und mehr von der Mitte der Stirn ausgehen. Die
hermetischen Listen haben wohl die drei genannten Tier köpfe unter den De­
kanen, aber gerade der hier in Frage stehende Dekan ist menschenköpfig in
beiden genannt, während der vorhergehende, hier nicht sichtbare Dekan hunde­
köpfig ist. Achmet gibt ihm einen Pferdekopf. Wir gewinnen also hier dasselbe
Resultat wie in der Tabula Bianchini: die planetarische Prosopalehre ist auch
hier getreu befolgt, aber die Gestalten der Dekane stimmen mit den bekannten
Katalogen nicht überein, es muß also eine andere uns nicht bekannte Liste
dem Verfertiger der Tafel Vorgelegen haben. Der 3. Dekan des Wassermanns
ist hier als menschenartiges Wesen gezeichnet mit einer Art von Perücke über
dem sichtbaren Vorderhaar des Kopfes. Sie erweckt den Anschein einer ab­
gezogenen Löwenhaut, Pranken scheinen nach vorn über den Hals und die
Brust zu fallen. Die linke Hand ist erhoben, als ob sie etwas empfangen wollte.
Der nackte Oberkörper sieht aus, als ob eine Frau dargestellt werden sollte.
Aus den antiken Beschreibungen bekommen wir keine Stütze, um die Gestalt
identifizieren zu können.
1) D as H oroskop der E rsch a ffu n g der W e lt besp rich t F irm icu s I I I cap. 1, if f- , über
die L ite ra tu r und die E in zelh eiten des T h e m a m u n di: B o l l - B e z o l d - G u n d e l , S te rn ­
glau b e und S tern deutun g 4. A . 1 4 7 f .
D ie Dekanbilder des Fragmentes Peiresc — D er runde Tierkreis von Athen

Der i. Dekan der Fische ist menschenköpfig, er trägt langes Haupt­


haar, von dem lange Strähnen wie Schlangen nach der Brust zu herabhängen.
Er hat den linken Arm in leichter Beuge halbhoch gehoben und die Hand mit
dem Daumen nach oben ausgestreckt, als ob er etwas in Empfang nehmen
wollte oder in lebhafter Rede begriffen sei. Auch für ihn ergeben die antiken
Listen kein entsprechendes Gegenbild in der Zeichnung des mit ihm korre­
spondierenden Dekans.

3. D E R R U N D E T I E R K R E I S V O N A T H E N

Von Frau Klebs und Herrn Stegemann wurde ich auf den runden Tier­
kreis aufmerksam gemacht, der sich im Nationalmuseum in Athen befindet
(Taf. 13). Über die Herkunft ist nur soviel bekannt, daß ein griechischer
Großkaufmann das Dokument in Alexandria gekauft und es mit anderen
Gegenständen seiner Sammlung dem Athener Nationalmuseum geschenkt hatte
nach mündlicher und schriftlicher Mitteilung von H eim Karo). Es befindet
sich dort in der ägyptischen Abteilung, Inventarium Nr. 129.
Das Material ist Marmor; der Durchmesser beträgt 27 cm. Die Stern­
bilder und Dekane sind in Relief herausgearbeitet, überall macht sich eine
primitive Technik unangenehm bemerkbar. Frau Klebs datierte das Doku­
ment in die alexandrinische Zeit. Freiherr v. Büssing, der die Güte hatte,
mit mir in Athen das Denkmal zu besprechen, setzte es in das 3.— 4. nach­
christliche Jahrhundert. Herr Zyhlarz hält es für eine barbarische Kopie
eines echten Himmelsbildes, in nachägyptischer Zeit (vielleicht gnostischer
Epoche) roh und ohne Verständnis hergestellt. Das Original setzt er auf Grund
des Ductus gewisser erkennbarer Zeichen der Umschrift in spät-ptolemäische
Zeit. E r glaubt, daß das Original auf einer Tempeldecke angebracht war,
wie der sog. runde Zodiakus von Dendera. Die wahrscheinlich schlechten
Beleuchtungsverhältnisse ließen den Kopisten das festhalten, was er sah;
was er nicht genau sehen konnte, gab er nur zinkenhaft wieder.
Das Denkmal enthält einen inneren Kreis mit den Zirkumpolarsternen,
dem Tierkreis und den Dekanen. Um diesen laufen zwei äußere Kreise mit
einem Text in Hieroglyphen. Zyhlarz bemerkt dazu: Die Umschrift leidet
unter dem Mangel der gerade für ptolemäische Zeit unerläßlichen Akribie
der Reproduktion und ist im Zusammenhang nicht mehr exakt zu fassen.
Die Zeile beginnt unter Orion mit den Worten: hb.t pr m. hnw — „Die Spitze
des Hauses) im u m . . . 1. Im folgenden erkennt man zur Not ntr. tj — „das
göttliche Schwesternpaar“ und etwas weiter: dwo j.t h.t nt-r.w7 „Aufgang
des Hauses der zwei Götter“ . — Damit hat das Lesen sein Ende. Der Wert
des Ganzen liegt lediglich in der Erhaltung einer Erinnerung, daß ein Ori­
ginal einst dazu da war.“
Im Himmelsbild scheinen bei der flüchtigen Betrachtung ebenfalls
Hieroglyphen angebracht zu sein. Herr Zyhlarz belehrt mich aber, daß die
Zeichen, die wie Hieroglyphen aussehen, Striche von kleineren Stembild-
figuren sind, die von dem Kopisten in dem Original nicht erkannt werden
konnten. Jede symbolische Auslegung solcher Zinken ist nach ihm vergeb­
liche Liebesmühe. Solche Zeichen stehen vor dem Widder, zwischen den Zir­
kumpolarsternen im inneren Ring, hinter der Jungfrau und anderen Zodiakal-
bildern.
I9 0 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u. ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. Neuzeit

Die Tierkreisbilder verdienen eine besondere Beachtung. Der Widder


ist in langgestrecktem Laufe dargestellt, während er im runden Tierkreis
von Dendera ruhig daliegt. Nach der üblichen antiken Ikonographie wendet
er den Kopf zurück, den Schwanz trägt er hocherhoben. Der Stier folgt
nicht, wie es die antike Astrothesie erfordert, hinter dem Widder, sondern
steht direkt über ihm. Und zwar ist in Vorderansicht das Stiergesicht ohne
Körper gezeichnet, die einzige mir bekannte Darstellung des Stiers als Bukra-
non.1) Auf gleicher Höhe folgt, wie auch auf dem runden Tierkreis von Den­
dera, der Krebs, der in der üblichen Form als sechsfüßiger Krebs erscheint.
Die Zwillinge fehlen. Doch scheinen die in dem Abschnitt zwischen Widder,
Stier und Krebs liegenden Hieroglyphen, bzw. Zinken dafür einzuspringen.
Der Löwe folgt auf gleicher Höhe unmittelbar dem Widder. Er ist in
einer merkwürdigen Doppeldeutigkeit halb schreitend, halb kauernd darge­
stellt, die Vorderbeine sind straff gespannt, die Hinterbeine halb gebeugt,
der Rücken nach hinten zu etwa halb gesenkt. Auf dem übermäßig langen,
nach oben in großem Halbbogen gekrümmten Schweif steht eine aufgerich­
tete Gestalt — auf der Photographie sieht sie aus, wie ein Pavian, auf dem
Abklatsch wie eine menschenfüßige aufgerichtete Schlange, mit den Armen
hält sie sich am Rücken des Löwen. (Auf dem Rundbild von Dendera ist es
eine Frau.) Hinter dem Schweif ein kleines Viereck (in Dendera ein Rabe!)
und ein großer dicker Fisch mit auffallend breiter Rückenflosse (statt Anukis ?).
Auf dem Rücken des Löwen steht anscheinend eine Hieroglyphe, die einem
W ähnelt; über der Gestalt auf seinem Schwänze befindet sich eine weitere
Zinke. Im runden Tierkreis von Dendera ist nach Boll, Sphaera 237 über dem
Löwen ein sitzender Mann mit Krone und Geißel ( = kleiner Löwe) dargestellt,
darüber der menschenköpfige Planet Merkur); es wäre möglich, daß diese
Zeichen dafür eintreten sollen.
Das Bild der Jungfrau fehlt. Dafür oder besser in dem Raum, den sie
ausfüllen müßte, finden sich drei Bilder; ein Kasten, in dem eine Art L yra
oder die in dieser Krümmung einer Lyra ähnliche Schlange sichtbar ist; aus
dem oberen Teil des Kastens ringelt sich eine Schlange mit Vogelkopf nach
dem Löwen zu.2) Eine scharfe Linie verbindet diese Bilder mit einem Kreis
(Schlange, die sich in den Schwanz beißt), darin eine Schlange und mensch­
licher Unter fuß?
Auf dem runden Tierkreis von Dendera füllen diesen Raum der ochsen­
köpfige Pflüger, die Jungfrau mit der Ähre und der ochsenköpfige Planet
Saturn. Vielleicht stecken hinter diesen Bildhieroglyphen diese Stern wesen ?
Die Waage ist wie in Dendera als Instrument mit lang herabhängenden
Schalen gebildet, über ihr, ebenso wie in Dendera, die Scheibe mit der sitzen­
den Gestalt. Unter der Waage ist ein dicker runder Wulst; vielleicht soll
dadurch die Sonne angedeutet werden. Unter der Waage folgt der (See)-
1) D as n atü rlich e S tern b ild d rän gt dem n aiven B eo b a ch ter v o n selb st nur den fa st
dreieckig geform ten S tie rk o p f auf, zu dem dann sp äter die P h an ta sie gelehrter A stro ­
nom en den gan zen oder den h alben S tier ergän zte. D en N am en xö ßoüxpavov w en det
fü r das Z o d iak alb ild z. B . M ethodius p. 102, 10 B on w etsch an, v g l. au ch Schol. zu A ra t.
v . 167 p . 369, 3 M a a ß : ot f a p äcrrÄpsi; a Ü T O Ö ßouxpavov dcXriö-cöi; Siafpatpouai x a l Sta
t o Ot ö eEai yvcoptfxoi., ouSsvög t c o v y s i t v k o v t o i v T.phc, x a T a v 6 n ] a i v Seö^evot, <0? 6 K p io ;
ifiuSpo? fijv \j—’ SXXtx>v s'jptoxsT ai.
2) D er D ek an B iu u n ter den F ischen h ä lt einen K ä fig , aus dem ein V o g e l flieg t,
a u f dem runden T ierkreis v o n D endera.
D ie Dekanbilder des Fragmentes P eiresc — D er runde Tierkreis von Athen

löwe, aber er ist nicht kauernd wie in Dendera dargestellt, sondern steht auf­
recht wie im Sprung und wendet den Kopf ebenfalls zurück; er steht auf der
großen Schlange, auf der sonst das Tierkreiszeichen des Löwen zu stehen
pflegt. Vor seinem Kopf befindet sich ein schlangenartiges Zeichen (Hiero­
glyphe für Wasser?).
Der Skorpion ist sechsfüßig — , nach der üblichen Darstellung hat er
acht Füße — er hat breite Zangen und sehr gekürzten Schwanz. Über der
nördlichen Scheere steht eine Zinke, die einem großen Szepter ähnelt, das
in ein Lebenskreuz zu enden scheint. In Dendera erscheint an dieser Stelle
der sitzende sperberköpfige Gott in der Barke und eine sitzende Gestalt mit
einer Geißel.
Der Schütze erscheint in der üblichen griechischen Gestaltung in
gestrecktem Galopp, mit Pfeil und Bogen, als Kentaur. Aber er ist ohne
Flügel, ohne Königskrone und ohne die Barke unter den Vorderbeinen dar­
gestellt, der Schwanz ist abgestumpft; es sieht fast so aus, als ob der Schwanz
in einen Tierkopf (Hund oder Löwe) ausgehen soll. Deutlich erkennbar ist
der langgestreckte menschliche Oberkörper, der gespannte Bogen und der
aufgelegte Pfeil, dagegen läßt sich bei dem rundlich abgeplatteten Kopf
nicht feststellen, ob es ein Doppelgesicht, ein Tier oder ein Menschenkopf
gewesen ist.
Hinter dem Schützen folgt ein Zinken, der wie ein Menschenfuß oder eine
Schlange aussieht. Sollte es der mißverstandene Skorpionschwanz des Schützen
sein? Über ihm befindet sich ein beilförmiges Deutzeichen.
Unter dem Schützen sind mehrere Zeichen (Schlangen?) statt der süd­
lichen Krone, die im Rundbild von Dendera als Barke erscheint. Der Stein­
bock hat die traditionelle Mischgestalt mit dem bockartigen Vorderkörper,
den starken Vorderfüßen und dem straff auslaufenden Fischkörper. Der
Oberkörper ist durch einen starken Einschnitt von dem Unterkörper ge­
trennt; der Kopf ist gesenkt (in Dendera nach vorn erhoben), die Hörner
sind stark ausgebildet.
Unter dem Steinbock erkennt man zwei (oder drei?) Schlangen. Es
könnten Dekangötter sein, denn in Dendera hat unter dem Steinbock der
mittlere Dekan einen Schlangenkopf.
Der Wassermann ist hier in der ägyptischen Bildhieroglyphe durch zwei
miteinander verbundene Schöpfgefäße dargestellt. Diese Darstellung ist mir
sonst nicht aus antiken Bildern in dieser Form bekannt, sie kommt aber als
typische Ausdrucksform in den javanischen Tierkreisbildern vor, welche ihrer­
seits wieder von der indisch-ägyptischen Tradition abhängig sind (S. 159, 1).
Der Wassermann wird in einem demotischen astronomischen Schultext als
der „Topf mit Wasser" bezeichnet.1)
Die Fische sind in der bekannten Gestaltung mit dem Rücken zueinander
gestellt, die Köpfe sind dem Wassermann, die Schwänze dem Widder zuge­
wandt. Sie füllen einen übermäßig breiten Raum des Tierkreises aus. Zwischen
ihnen sind zwei parallel laufende Stäbe, die fast so groß wie die Bilder der
Fische sind. Der nördliche ist an beiden Enden mit viereckigen Abschlüssen
versehen, der südliche Stab hat nur an dem östlichen Teil diese Erweiterung.

1) M ax M ü l l e r , O rient. L ite ra tu rzeitu n g V (1902) 135» Spiegelberg d eu tet ebd.


das Zeichen als „ D e r . . . des W assers“ .
192 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u. ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. Neuzeit

Man könnte ein Determinativ für Wasser oder auch ein Mißverständnis für
die Bänder oder das Band annehmen, das als integrierender Bestand zu den
Fischen gehört. Die den Fischen folgenden drei Krummstäbe sind nach
Zyhlarz mißverstandene drei Wasserlinien des Bassins, das im runden und im
rechteckigen Zierkreis von Dendera zwischen den Fischen angebracht ist.
Die Dekane fallen aus allen bekannten Darstellungen und Beschrei­
bungen dadurch heraus, daß mit der Ausnahme der beiden Zwillinge keine
menschenartigen oder menschenköpfigen Gestalten erscheinen, sondern in
der Hauptsache sind sie hier Tiere, unter denen wie in Athribis die Schlangen
den vornehmsten Platz einnehmen.1) Die Zahl läßt sich nicht annähernd fest­
stellen, da sich nicht bestimmen läßt, was als Zinken und was als wirkliche
Dekane aufzufassen ist.
Klar erkennbar sind m. E. folgende Dekane: 1. Sothis; hier als springende
Kuh mit mächtigen Hörnern gebildet — in Dendera liegt die Sothiskuh in
einem Schiff und steht in dem Raum über den Dekanen, während sie hier in
dem Kreis der Dekane erscheint. Über ihr ist ein Fisch sichtbar, ob das ein
Dekan sein soll oder das Sternbild der Hydra oder des Ketos, kann ich nicht
entscheiden. — 2. Orion, wahrscheinlich durch die fünf Sterne ausgedrückt,
also ohne persönlich bildhafte Erfassung. — 3. Chnuphis als mächtige Schlange
mit fünf großen Windungen dargestellt; sie liegt auf einem Sockel, hat den
großen (Vogel-?)Kopf hoch emporgerichtet und trägt die Königskrone; diese
ruht auf zwei übermäßig großen Schlangen, welche nach beiden Seiten her­
ausragen. Über den letzten Windungen befindet sich ein hufeisenförmiger
Gegenstand — vielleicht der Ersatz für den Vogel, der sonst hier erscheint.
Diese drei Dekane sind auf dem Rundbild von Dendera gerade umgekehrt
geordnet: unter den Hinterfüßen des Stiers kommt Osiris-Orion, hinter ihm
ein Tier, jedenfalls ein Vogel, sagt Boll. Unter ihm erscheint in der Dekan­
reihe die Schlange mit dem Vogelkopf und der Osiriskrone mit den beiden
Uräusschlangen; sie liegt auf einem hohen Postament, das so lang ist wie die
Schlange mit ihren sämtlichen Windungen. Dann folgt aber, wie gesagt, über
der Dekanreihe die liegende Sothiskuh. — 4. Ein hockender Tiergott mit
großem Tierkopf, der sich nicht identifizieren läßt (Froschkopf? Schweins­
kopf? Hundskopf?). Den 9. Dekan in Dendera deutet Frau Klebs als Souchoe,
Froschgott. — 5. Es folgen mehrere Zinken, eine Wasserlinie, ein Auge, eine
Schlange und zwei mit dem Rücken einander zugekehrte Fische. — 6. Isis
mit dem Horusknaben sitzt auf einem breiten Hocker ( = 1. Dekan der Jung­
frau). In Dendera steht dieses Bild über der Dekanreihe, aber ungefähr an
derselben Stelle. — 7. Hinter diesen Bildern erkennt man eine achterförmige
Figur, deren Bedeutung unklar ist. — 7a. Unter dem Seelöwen drei ebenfalls
unerklärliche Bilder. — 8. Diesen folgt eine aufrecht sich in mehrfachen Win­
dungen emporreckende Schlange, die mit starken Hörnern versehen ist. —
Die drei nächsten Dekane sind durch einen Vogel, einen Kasten und einen
hockenden Pavian verbildlicht. — 12. Über den drei letzten Dekanen, die viel­
leicht als Ganzes aufzufassen sind, erkennt man ein laufendes Schwein. Frau
Klebs deutet den Dekangott auf dem runden Tierkreis zu Dendera, der unter
dem Skorpion nur als K opf mit Sonnenscheibe dargestellt ist und auf dem
1) A u ch m it den T ieren der D odekaoros oder m it den B ild ern der 28 M ondstationen
lä ß t sich, w ie ein B lic k a u f die Zusam m enstellung S. 223 zeigt, keine V erw an d sch aft
herauskonstruieren.
D ie Dekanbilder des Fragmentes Peiresc — D er runde Tierkreis von Athen *93
hohen Postament steht, als Schweinskopf. Ein Schwein ist n. b. der 31. Dekan­
gott ebd. Chaou (unter dem Stier). — 13. Der Dekan erscheint als eine auf­
wärts sich ringelnde Schlange. — 14. Die tierköpfigen, aufrecht stehenden
Zwillinge stehen an ganz falscher Stelle, zwischen ihnen ist eine kleine Schlange
sichtbar; nach Manilius sind die Zwillinge der letzte Dekan des Schützen,
also genau an der Stelle, wo sie hier gezeichnet sind. — 15- Als 1. Dekan des
Steinbocks ist ein hochbeiniger Vogel dargestellt; es ist wohl die Gans, die
in Dendera unter dem Wassermann als Dekan steht. — 16. Ebenfalls unter
dem Steinbock befindet sich ein langschnauziger Tierkopf auf einem Posta­
ment, er trägt einen Sonnendiskus und Widderhörner. Im runden Tierkreis
gemahnt der Dekangott unter dem Skorpion mit dem Schweinskopf, mit der
Widderkrone und dem Diskus an diesen Gott. — 17. Hinter ihm zwei nicht
definierbare Zinken. — 18. Das undeutliche Bild könnte einen Pavian erkennen
lassen. Der Pavian im Schiff = Sesme, steht in Dendera unter dem Skorpion. —
19. Diesen Dekan repräsentiert ein stehendes Tier (Schaf ? Hund ?); in Dendera
steht hinter Smat, der als falkenköpfige Göttin erscheint, ein Schaf mit
Sonnendiskus. — 20. Über diesem Bild befindet sich eine Schlange in ellipsen­
artiger Figur (Barke?). — 21. Eine aufrechte Schlange dürfte diesen Dekan­
gott kennzeichnen. — 22. Eine kopflose Gestalt ohne nähere Kennzeichen; in
Dendera ist unter den Fischen die sitzende köpf- und armlose Gestalt dar­
gestellt. — 23. Über dem Kopflosen ist ein mir unerklärlicher Gegenstand,
ich würde an einen Käfig oder Stall denken; in Dendera hält der Dekan Biu
unter den Fischen einen Käfig, aus dem ein Vogel fliegt. — 24. In ovalem
Ring sind Schlangen eingeschlossen. Oder sollten das Lotusblumen sein?
Das Bild wird irgendwie mit dem Horus auf der Lotosblüte oder mit den vier
Schlangengöttern auf dem Postament, die als Dekangötter des Widders im
Rundbild von Dendera erscheinen, Zusammenhängen. — 25. Ein nicht näher
definierbares Deutzeichen. — 26. Wohl ein Vogel (Horus ?). — 27. Über diesem
Vogeldekan liegt eine große Schlange in starken Windungen, anscheinend
mit noch einem K opf am Schwanz, wohl identisch mit der Schlange auf dem
Postament, die sich im Rundbild von Dendera unter Orion befindet.
28. Hinter dem Vogel scheinen nochmals eine oder mehrere Schlangen zu
folgen. — 29. Ein fischähnliches Tier ist über der Sothiskuh zu erkennen.
Was dieses Bild zu bedeuten hat, bleibt mir rätselhaft. —
Die von mir wohl rein willkürlich gewählte Zählung von 29 Dekanen
hängt in ihrem wirklichen Bestand natürlich ganz davon ab, wie die erkenn­
baren Bilder und die Zinken zusammengehören, und von der Frage, welche
Bilder man in dem Zwischenraum zwischen Tierkreisbildern und Dekanen
den letzteren zuzuweisen hat. Daß es nicht immer und überall unbedingt
36 Dekane sein müssen, zeigt besonders klar die Darstellung der Dekane auf
den astrologischen Bildern von Athribis. Warum nur die hier gegebenen
Bilder der Dekane von dem Kopisten dargestellt sind, bleibt zunächst das
Geheimnis des Dokumentes selbst. Die Entwicklung zeigt deutlich, daß aus
den 36 Dekanen eine Auswahl getroffen wurde, aus der sich zunächst die
Reihe der 24 Stundensterne bildete, aus denen dann in einem späteren Stadium
die zwölf Sternbilder der Dodekaoros ausgesondert wurden.
Zum Schlüsse muß wenigstens noch die Frage aufgeworfen werden, wo­
zu dieses Himmelsbild gedient hat. Ein Horoskop scheint nicht ausgeschlossen,
da die Umschrift die Angabe eines bestimmten Himmelsstandes enthalten
Studien der Bibliothek Warburg, 19. Heft: G u n d e l jo
I9 4 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u. ihre Umgestaltung in A Itertum, Mittelalter u. N euzeit

dürfte.1) Allerdings ist eine charakteristische Stellung der Planeten offenbar


nicht gekennzeichnet. Denn mit der Deutung des Wulstes unter der Waage
als Sonne läßt sich nicht allzuviel anfangen, da außer der Sonne doch wenig­
stens noch einige Planeten und der Mond irgendwie auftreten müßten. Als
Himmelsbrett für den praktischen Gebrauch eines zünftigen Astrologen etwa
als Würfelorakel kann dieses Machwerk schwerlich geschaffen worden sein.
Vielleicht hat ein reicher Privatmann, der das Original selbst kannte oder
irgendwie astronomisch und astrologisch interessiert war, dieses Himmelsbild
etwa als Schmuckstück für seine Bibliothek anfertigen lassen. Ebensowenig
ersichtlich wie der Sinn dieses immerhin für die Astrothesie und die Urano-
graphie gleich interessanten Himmelsbildes ist die Herkunft. Mit dem runden
Tierkreis von Dendera hat es stellenweise bestimmte Ähnlichkeit; aber doch
sind die Unterschiede ebenso groß, wie auch die Diskrepanzen von den mir
bekannten antiken und mittelalterlichen Dekanbeschreibungen und Himmels­
bildern.

D. D IE D E K A N B IL D E R
IN D EN M ITTELA LTER LICH EN UM GESTALTUNGEN
Die komplizierte Zusammensetzung der verschiedenen Elemente, welche
die mittelalterlichen Dekanbilder aus ganz heterogenen Kulturkreisen ge­
schaffen haben, verlangt es, daß wir etwas näher auf die Interpretation der
einzelnen Dekane eingehen. Eine Möglichkeit der Erklärung wäre es, die ganze
Reihe hintereinander durchzuprüfen in der Ordnung, daß wir an erster Stelle
die Illustrationen der Apomasarhandschriften, dann die weiteren Entartungen
in dem Steinbuch des Königs Alfonso, im Picatrix, im Codex Reginensis 1283
mit den Gradverkörperungen bei Abano im Astrolabium beleuchten, auf ihre
Bestandteile durchsprechen und den gemeinsamen Grundstock feststellen.
An dritter Stelle wäre dann die Darstellung der Prosopa, die das Astrolabium
vor die aufgeregte Gesellschaft der dreißig Grad eines Zeichens als tonangebende
Schicksalsmächte stellt, der Sondierung zu unterziehen. Da aber bei vielen
dieser 72 Bilder ein gemeinsamer Faktor erkennbar ist, kann auch eine andere
Methode in der Besprechung der Bildelemente befolgt werden, der ich hier,
um unnütze Wiederholungen und Weitschweifigkeiten zu meiden, den Vorzug
gebe. Ich möchte wie vorhin bei der Aufhellung der Gestaltungen in den
literarischen Beschreibungen auch in diesem Kapitel jeden einzelnen Dekan
auf die einzelnen Metamorphosen hin sondieren, die er auf diesem neuen drei­
geteilten Wege, in den illustrierten Apomasartexten, bei den magischen und
den rein astrologischen Handbüchern als Vorlage für Maler, Magier, Amulett­
fabrikanten und Astrologen durchgemacht hat. Dabei ist an erster Stelle zu
untersuchen, was hinter all dem Flitter sich als alter griechischer oder ägyp­
tischer Kern herausschälen läßt, eine zweite Unterabteilung soll das feststellen,
was als eine bewußte Neubildung vorliegt, und deren Aufklärung nachgehen.
1) D ie ä g y p tisch en A strologen haben eine andere H äuserlehre, als sie die helle­
nistische A stro lo gie b ie te t; ein H aus der zw ei G ötter, das in der U m sch rift genannt
ist, kom m t in der Lehre der D od ekatropos n ich t vor. Ü ber die verschieden en N am en
der ägyp tisch en H äuser orien tiert der dem otische P a p y ru s N r. 8345 zu B e r lin ; er en t­
h ä lt einen astrologisch en L e h rte x t aus der röm ischen K a ise rze it, herausgegeben und
übersetzt v o n S p i e g e l b e r g , A u sgabe der P a p y ri der K ö n ig l. M useen B erlin , D em o­
tisch e P a p y ri (Berlin 1905) S. 28 und T a fe l 97.
D ie Dekanbilder in den mittelalterlichen Umgestaltungen — Widder 195
Als Gradmesser für die Umbildung antiker Dekanbilder können die Typen
der in den vorhergehenden Paragraphen beleuchteten Monumente dienen;
außerdem sind die antiken Dekankataloge und dann die von Teukros gegebenen
Sternbilder der drei Sphären heranzuziehen. Wir werden dabei an erster Stelle
als gegebene Grundlage die Apomasarillustrationen voranstellen. Als Ab­
kürzungen dienen A I für die Bilder der Wenzelhandschrift, A I I für den
Codex Sloane 3983, und A III für die kreisförmig rangierten Dekane der
Paranatellontazeichnungen im Codex Reginensis N 12831); von den magi­
schen Bildvorlagen soll St die Abkürzung für das Steinbuch des Königs
Alfonso X . von Kastilien sein; Pi bedeutet den illustrierten Krakauer
Codex des Picatrix, F soll die Bilder im Palazzo Schifanoja zu Ferrara
kennzeichnen; Sa ist die Abkürzung für die Dekangottheiten, die sich im
Salone von Padua feststellen lassen. In der Numerierung folge ich der Zählung
welche B a r z o n , I cieli e la loro influenza negli affreschi del Salone in Padova
(Padova 1924) den Fresken gibt, die er 131 ff. sämtlich im Bilde wiedergibt.
Ab I soll die Dekane bezeichnen, die im Astrolabium Planum Abanos sich
im 1., 11., 21. Grad jeweils finden. Ab II beleuchtet die vor den dreißig Grad­
bildern als Herrscher des vollen Dekanats vorangestellten Dekanmächte
Abanos. R dient zur Bezeichnung der kreisförmigen Darstellung der dreißig
Gradherrscher, die sich ebenfalls in Codex Reginensis 1283 findet.

1. W I D D E R
D er 1. D e k a n des W id d e r s erscheint in A I als Neger, er steht auf­
recht, hat ein weißes Gewand, ist gegürtet, die Füße sind nackt, der Mantel
ist über den Kopf gezogen, die rechte Hand ist auf die Brust mit Armbeuge
aufgelegt. Auch in F ist er ähnlich gebildet, nur ist viel mehr künstlerische
Ausdrucksform im ganzen Bild; das Gewand ist zerrissen, der Gürtel ist
durch einen langen Strick wiedergegeben, der auf dem Leib geknotet ist.
Das Ende des Stricks trägt der Gott in der linken Hand, die halbhoch erhoben
ist. An Stelle des langen Gewandes ist Hose und Jacke, die Kleidungsform
des europäischen Nordens, getreten. Vermutlich ist der Gott im Salone 6 C
zu erkennen, ein Bild, das Barzon als „Selbstmörder“ kennzeichnet. Dort ist
ein Neger dargestellt, der ein weißes Lendentuch trägt und anscheinend in
lebhafter Bewegung sich nach hinten zurückbeugt.
Während dieser Klasse das typische Attribut des antiken Dekans, das
Beil, bzw. die Doppelaxt fehlt, ist es in den übrigen Darstellungen vorhanden.
St gibt dem knabenhaft gezeichneten Neger nur einLendentuch, das in breitem,
langem Bausch vorn herabfällt, er trägt einen Hammer in dem etwas ge­
beugten rechten Arm. Der Gott steht im Gegensatz zu den rüstig ausschrei­
tenden antiken Bildern ruhig d a ; die Waffe ist nicht zum Schleudern geschul­
tert, sondern wird einfach von ihm gehalten. Ab I hat einen Weißen aus dem
Neger gemacht, die Waffe ist entsprechend dem Kampfmittel dieses Kultur­
kreises nun eine Armbrust geworden. Außerdem trägt der Gott in der

1) D er n ach S a x l’s U rteil (s. S. 179) zw eifellos ä lteste illu strierte A p o m a sa rte x t
des Parisin us I.a tin u s 7330 kon n te im folgenden n ich t herangezogen w erden ; die C h a­
ra k te ristik der D e k an gö tte r ist an sich dieselbe w ie in den v o n m ir berü cksich tigten
A p om asarillustratio n en ; die U n terschiede im einzelnen typ o logisch und ku n stgesch ich t­
lich aufzuh ellen lie g t auß erhalb des Ziels, das ich m ir hier gestellt habe.
13*
I9 6 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u.ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. Neuzeit

ändern Hand zur Verbildlichung der Aktion eine Sichel. Ab II hat daraus
einen Türken mit Säbel gemacht, der in Parade gerade zum Hieb nach vorn
ausholen will. Beide Figuren sind vollbekleidet, bei Ab I trägt er die Tracht
eines Burschen, lange Beinkleider, schwarze lange Schuhe, und Jacke; hier
ist er bartlos. Ab II gibt ihm lange Schaftenstiefel, Hosen und einen langen
Lederrock, ein Turban ziert das vollbärtige ältere Gesicht. Beidemal dürfte
erwogen werden, ob nicht eine Personifikation der durch das Prosopon des Mars
bedingten Aktion vorliegen kann; der Dekan bewirkt oder hilft zu Kühnheit
und Tapferkeit und gehört zu Mars, das alles ist vortrefflich durch die Aus­
lagestellung des bewaffneten Mannes widergegeben. Die Vorlage könnte in
einer Picatrixhandschrift gesucht werden, denn Pi gibt einen vollbärtigen
Mann, der in der Rechten eine Sichel trägt.1)
D er 2. D e k a n des W id d e r s hat in allen mittelalterlichen Darstellungen
seine tierköpfige Bildung der Antike aufgegeben. Er ist durchweg als ein
weibliches Wesen aufgefaßt, nur Ab II steht auch hier abseits, denn er zeigt
einen vollbekleideten nach rechts stehenden Mann, der beide Arme in halber
Höhe gebeugt erhoben hat und mit beiden Händen in lebhafter Rede auf
etwas zu deuten scheint. Eine Darstellung des Sol; durch sie soll wohl
die Aktion des hier residierenden Sonnengottes, die Nobilitas, zum äußeren
sinnenfälligen Ausdruck kommen. A I sucht der merkwürdigen Bemerkung
des Textes, daß die Frau ein Pferdebein oder sonst ein Merkmal hat, das
einem Pferde ähnlich sieht, dadurch gerecht zu werden, daß unter die Frau
ein springendes Pferd gemalt ist. A II läßt diese bildliche Ausgestaltung
überhaupt weg, er gibt der Frau einen Ring und bringt die Eigenschaften
des Dekans äußerlich zum Ausdruck, dadurch daß das Bild einen Kamm
in der linken Hand trägt. St und Pi zeigen eine stehende Frau, die das eine
Bein, wie es Apomasar verlangt, vorstreckt, Pi läßt sie noch das Kleid heben
und das nackte linke Bein vorstrecken, sie hebt den unteren Saum des Kleides
mit beiden Händen in die Höhe — zweifellos eine Verzerrung des mittelalter­
lichen Typus der Andromeda. St. zeigt eine stehende vollbekleidete Frau, sie hält
unter dem Saum des über die Füße herabreichenden Gewandes den linken
Fuß v o r ; die Arme sind im rechten Winkel vom Körper weg nach den Seiten
waagrecht gebeugt und erinnern in ihrer Haltung, wie Warburg gesehen hat,
an den antiken Typ der Kassiopeia, den etwa der Germanicus-Codex Vos-
sianus 79 fol. 28V. darbietet.2) F und Sa: (vgl. 12 A Costellazione di Cassiopeia)
stellen dann in folgerichtiger Weiterentwicklung ein sitzendes Weib dar, das
nach Warburg die Kassiopeia in die Rechte des alten Dekans einstellt und
ihm völlig deren äußere Gestalt gibt. Ab I greift wieder den Typ der stehenden
Frau auf, versieht sie aber mit einem Rocken.
D er 3. D e k a n wird, abgesehen von Ab I und II durchweg als aufrecht
stehender Mann gezeichnet, A I gibt ihm eine Keule in die rechte Hand. Den
Worten des Textes, daß der Dekan sich mit Eisenarbeit beschäftigt, wird
das Bild dadurch gerecht, daß es zwei schmiedende Putten neben den Dekan
stellt. Pi läßt die Bearbeitung des Eisens aus dem Bilde weg, der Dekan packt
mit beiden Händen einen hufeisenförmigen Gegenstand, der wie ein Pferde­

1) D iese E rk läru n g sch ein t m ir m it S a x l bedin gt zu sein durch den e ch t orientalischen


M arstyp u s b e i A b I I ; W arb u rgs V erm utun g, daß ein T y p u s des Perseus v o rlie g t (s.o. S. 177),
ist schw erlich haltb ar.
2) D ie A b b ild u n g g ib t T h i e l e , A n tik e H im m elsbild er 104, F ig . 30.
D ie Dekanbilder in den mittelalterlichen Umgestaltungen — Widder — Stier 197

joch aussieht. F gestaltet den Dekan als vornehmen lockigen Jüngling mit
reichem hermelinbesetztem Oberkleid und einem Mantel, der hinten in zwei
breiten Streifen herabhängt. In der linken Hand trägt er einen Reif, in der
rechten einen Pfeil, beide Arme sind in Beuge halbhoch erhoben. Das Bild
erfüllt die Anforderungen des Apomasar wortgetreu. Bei Ab I ist im 21. Grad
ein Hund und ein Löwe, ein Bild, das schwerlich als Dekan gedacht werden
kann. Auch Ab II stört völlig die übliche Gestaltung, denn er zeigt eine sitzende
Frau mit einer Laute. Das soll nach Warburg Kassiopeia sein, doch trifft
diese Vermutung kaum zu. Wir haben den im Orient ganz gebräuchlichen
Typus der Venus, die hier das Prosopon is t; das Venusbild bringt die Aktion
des Dekans, die sich auf Spiele und Freuden erstreckt, gleichzeitig trefflich
zum Ausdruck.

2. S T IE R
D e r e r s t e D e k a n wird durchweg als eine stehende Frau dargestellt, zu
der ein Kind aufschaut (Taf. 18). A I I bildet neben der Frau und dem Kind noch
Kleider ab, in F trägt die stehende Frau reiches offenes Haar und ein loses
Kleid, vor ihr steht das Kind. Pi läßt das Kind auf den Händen der Frau
stehen und nach ihrem Hals greifen.1) In Sa könnte in den vielen stehenden
Frauengestalten (z. B. 14 C, 25 C, 27 C), wohl unser Dekan verborgen sein,
doch fehlt die markante Begleiterscheinung, ihr Kind. Ab I durchbricht die
übliche Tradition und stellt einen Mann mit einem Ochsen als Dekan dar,
das kann den Fuhrmann zum Ausdruck bringen wollen oder eine lebendigere
Ausgestaltung des Tierkreisbildes sein. Der Pflüger mit der Rechentafel,
welche in Ab II rechts über diesem Dekanbild hängt, gibt plastisch die Tätig­
keit des Dekans wieder, die im Pflügen und Säen besteht und außerdem sich
auf Dokumente, Weisheit und Geometrie erstreckt.
In der Gestaltung d es 2. D e k a n s werden die Apomasarillustrationen
dem Wortlaut des Textes nicht völlig getreu gerecht. A I zeichnet die erste
der hier erforderten zwei Gestalten als bartlosen Männerkopf mit Widder­
körper, die Arme fehlen, die zweite Figur hat weiblichen Oberkörper und den
Unterkörper eines Stiers mit vier Beinen (Taf. 18). Dazu kommt noch der Säe­
mann mit seinem Ochsengespann und dem Pflug. A l l behält die erste Mischform
bei, stattet sie aber noch mit Armen aus, die linke Hand trägt einen Zweig.
Der dritte Mann ist verschwunden, dafür ist die Frau nun in das Amt des
Pflügers eingesetzt. St gibt, wie es der arabische Apomasartext erfordert, ein
kamelgestaltetes Wesen, das aber menschenartige Arme und Füße hat mit großen
breiten Händen und Füßen. Diese Mischgestalt reduziert Pi auf ein menschen­
köpfiges Mischwesen, dessen langgestreckter Körper durch eine große Decke
verdeckt ist. Die Vorderfüße enden in Kuhklauen, die Hinterfüße sind die eines
Menschen. Ganz befreit ist der Dekan von seiner abnormen Häßlichkeit
in F, wo eine schöner bartloser Mann einen freundlicheren Gott zeigt. E r ist

1) In der B esp rech u n g der V en usbild er sa g t A grip p a, D e o ccu lta philosophia II


cap . 42: faciebant aliam Veneris imaginem ad amorem mulierum . . . hora Veneris ipsa
ascendente in tauro: cuius figura erat puella nuda diffusis capillis speculum Habens in
manu . . . et iuxta earn adolescens pulcher sinistra manu tenens eam . . . D as h ä n g t m it
a n tik en astrologischen Ideen zusam m en, w elche E ros und die C hariten ( = Plejaden!)
m it dem S tier in in tim en Zusam m en han g bringen, vgl. C um ont C. C. A . V I I I 1 (1929)
15 1, 10 und bereits M anil. I V v . 151 habitatque puer sub fronte (sc. tauri) Cupido.
I9 8 Bildl. Darstellung d. Dekangölter u. ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. Neuzeit

nackt, trägt einen Turban mit langer Schleife, einen Lendenschurz und Schuhe.
In der Rechten hält er einen großen Schlüssel. Der Maler oder vielmehr dessen
astrologiekundiger Ratgeber hat einfach eines der Paranatellonta des Teukros
an die Stelle der Dekanentartungen gestellt; hinter dem Gott ist der schlüssel­
tragende Kynokephalos verborgen, der unter den Begleitgestirnen zum
1. Dekan des Widders und 2. des Stiers von Apomasar aufgezählt wird. Ihn
erkennen wir auch in Ab II, wo er als stehender Mann mit dem Schlüssel in
der Rechten abgebildet ist. Nur ist er dort vollbekleidet und trägt einen Hut
and hat einen Vollbart. Sa scheint die Vorlage des Steinbuches weiterzugeben.
Der Mann auf dem Kamel (13 B) ist wohl die durchsichtige Weiterbildung
des kamelförmigen Dekangottes und hat mit Barzons Deutung als ,,Uomo
forte“ schwerlich etwas zu tun. Ab I geht seine Sonderwege und bringt als
neue Prägung des Gottes einen großen nach rechts gerichteten, ruhig dastehen­
den Vogel, in dem wir wahrscheinlich eine Verbildlichung der Gluckhenne,
d. i. der Plejaden sehen dürfen, die astronomisch sich gut in die Rolle dieses
Dekans teilen können.1)
D en 3. D e k a n finden wir in A I als Mann mit einem abnorm langen
Kinn, der Körper ist mit einem Fell bekleidet, die Vorderfüße sind nackt, sein
Hinterteil ist ein dichtbehaarter Tier körper über dem ein Tuch liegt (Taf. 18). A l l
stellt getreuer nach dem Text eine menschenköpfige Gestalt mit einem Voll­
bart dar, die Arme sind in lebhafter Bewegung, die linke Hand deutet nach
unten, die rechte nach oben. Der tierartige Körper hat die Vorderfüße eines
Löwen. Die Hinterfüße sind dick und mit Hufeisen versehen — eine deutliche
Verwertung der durch die mitaufsteigenden Sterne gegebenen Vorstellungen.
Statt der Hauer, die als fossiler Überrest an die Gestalt des alten schweine­
förmigen Sterngottes gemahnen, hat hier der Dekan den Mund weit offen
und zeigt die Zähne.
Das Steinbuch bringt die wichtigsten Attribute Varahamihiras getreu­
lich im Bild zum Ausdruck. Und zwar stellt der Maler hier gesondert die ver­
schiedenen Merkzeichen als einzelne Tiere dar. Als Hauptgestalt steht in der
Mitte ein Elephant mit Menschenkopf, der Maler hat den letzteren als Neger
mit rasiertem Schädel und einer Halskrause gestaltet, vor ihm steht ein
kleiner Ochse und hinter ihm ein Hund. Sämtliche Tiere bewegen sich auf
grünem Feld. Der Zeichner von Pi bringt nur einen vollbärtigen nackten
Menschenkörper in Tierstellung; an die Tierformen erinnern die kreuzweise
übereinanderstehenden langen Zähne und die anormal gebildeten Gliedmaßen.
F kehrt wieder zu der idealen Auffassung der Göttergestalten des Stern­
himmels zurück und zeigt einen stehenden Mann. Dieser trägt einen Lenden­
schurz, in der linken Hand hat er, wie es z. B. Zahel erfordert, einen Pfeil
und in der Rechten einen kleinen geflügelten Drachen; ein flatterndes Tuch
bildet seinen Kopfschmuck. Das mitheraufkommende Pferd und der Hund,
welche Apomasar dem Dekangott beigibt, sind mit ihm zu einem Ganzen
vereinigt. Ab I übergeht alle Forderungen der Überlieferung und übergibt
einem Bären, der nach einem hinter ihm stehenden Stern zurückblickt,
die Rolle des Dekangottes. Auch Ab II bringt eine völlige Neuerung, er gibt
einem alten stelzbeinigen Mann dieses Dekanat; es ist eine der bekannten
mittelalterlichen Typen des Saturn, der mit Fug und Recht auch hierher

1) Sch on v o n A n tioch os sind die P le ja d e n als D ekan e bezeich n et w orden, s. S. 227. 1.


D ie Dekanbilder in den mittelalterlichen Umgestaltungen — Stier — Zwillinge r99
gehört. Denn Saturn ist der Herr unseres Dekans, dessen schlimme Gaben
auch äußerlich dem Bild entsprechen, er verursacht Knechtschaft, Elend,
Wildheit, Not und Wertlosigkeit. Hier können wir, wie oben beim Widder,
mit unzweifelhafter Sicherheit feststellen, daß unter den Dekangestalten von
Ab II bestimmt Planetentypen eingereiht sind. Dies entspricht auch, wie
schon hervorgehoben wurde, durchaus der ganzen Art der doppelten Gestal­
tung der Dekane im Astrolabium, wo die vorangestellten Dekangötter die
Rolle der planetarischen Prosopa der Tabula Bianchini übernommen, aber
nicht in logischer Folge auch konsequent durchgeführt haben.

3 . Z W I L L I N G E

Entsprechend den Schilderungen des Apomasartextes gibt A I als 1. D e ­


k a n g o t t h e it eine schwebende Frau in langem Gewand, das die Füße völlig
verdeckt, in der rechten Hand trägt sie einen harfenartigen Gegenstand,
in der linken anscheinend eine Teufelsfratze; rechts unter ihr erscheint ein Mann
mit einem Spiegelkasten. Pi hat die Näharbeit durch eine Schere, die diese
Frau in der Rechten hält, getreu im Bilde dargestellt, wie sie die indische
Version ausgebildet hat. Rechts hinter ihr springen zwei Tiere, vermutlich
zwei Kälber auf sie zu. Wahrscheinlich haben wir darin das Dekanbild in St
erhalten, das dort einfach durch zwei ruhig dastehende Ochsen auf hügeligem
mit Gras bedeckten Feld dargestellt wird. Dieselben Tiere bilden übrigens
bei Ab I die Gestalt des 28. Grads der Zwillinge. Wir können die Stiere wieder
bestimmt am gestirnten Himmel feststellen, sie gehören nach der mittel­
alterlichen Ikonographie zum Sternbild des Fuhrmanns; dieser erscheint bei den
Begleitgestirnen unseres Dekans und wird mit einem Viergespann, nämlich
mit zwei Pferden und zwei Ochsen dargestellt.1) Den Dekantyp Leopolds von
Österreich verwertet F für die Gestaltung unseres Dekans. Hier sind zwei
Männer eingesetzt, der eine steht in einer Art Pagengewand und hält in der
Rechten einen Stab, die Linke ist erhoben; vor ihm liegt ein zweiter auf den
Knien. Ab I gibt nackte hockende Knaben, die sich mit den Händen fassen.
Zwei redende Männer zeigt R, während Ab II einen vornehmen Mann, ein
Jupiterkind zeigt. Im Salone kann man die schwebende Frau oder die ar­
beitende Frau (17 C, 18 C, vgl. auch 25 C und 27 C) als eine Nachwirkung der
Apomasarillustrationen unseres Dekans ansehen.
D er 2. D e k a n entspricht bei A I den Anforderungen des Textes; es
ist ein Mann mit häßlichem Gesicht und breiter Nase, er trägt eine spitze
Sturmhaube, Bogen und Pfeil. Unter ihm steigt der oben S. 124 besprochene
Blumengarten (ein Blütenbaum) auf. Mehrere Figuren zeichnet A II. Die erste
gibt den eben geschilderten Mann wieder, nur trägt er einen Vollbart, hat langes
Haar und einen Schuppenpanzer, statt des Pfeils hat er ein Tympanum, der Bo­
gen ist geblieben. Links von ihm steigen als Darstellung des Gartens zwei hohe
Bäume auf, zwischen denen eine Wunderblume gezeichnet ist. Links davon
ist ein bartloser Mann sichtbar, er hält in der linken Hand eine Lanze, in der
rechten eine Hacke, mit der er den Boden bearbeitet. St bringt einen ganz
in einen Schuppenpanzer gehüllten Mann, auch die Beine und Füße sind so

1) F ü r diese T y p e n p rä g u n g des F u h rm an n s g ib t S a x l , V erzeich n is astrolog. und


m y th o lo g. illu str. H and schr. a. O. I I 188 einen Ü berb lick.
200 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u.ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. N euzeit

geschützt; der Helm ist geschlossen und verdeckt das Gesicht. In der Linken
hat er eine Armbrust, in der Rechten einen Pfeil, eine dem ritterlichen Zeit­
alter angepaßte Umgestaltung Apollos. Pi hat noch einen Nachklang an den
alten vogelköpfigen Dekan und gibt dieser Gottheit dementsprechend einen
Vogelkopf mit breit geöffnetem Schnabel. Über dem Kopf ist ungeschickt
ein großer Helm mit Visiervorrichtung gezeichnet. Der menschenartige Körper
ist bis auf die Füße herunter, die in gerillten Eisenschuhen stecken, gepanzert,
in beiden Händen hält er eine schußfertige Armbrust etwa halbhoch nach oben.
F verwendet wie Zahel Bilder der persischen Paranatellonta und stellt einen
hockenden und einen knienden Mann dar; letzterer ist nackt und nur mit einem
Lendenschurz versehen, die Hände hat er über der Brust gefaltet. Der hockende
Mann ist ebenfalls nur mit einem Lendenschurz bekleidet und hält eine Flöte
in beiden Händen. Im Salone dürften die zahlreichen Bilder, die einen stehenden
Heiland und einen vor ihm knienden Mann zeigen, z. B. 25 B, 27 B und auch
29 B durch ein ähnliches Bild der Zwillinge bzw. dieses Dekans beeinflußt
sein. Ab II gibt in dem Mann, der gebeugt mit einer Hacke arbeitet, den
zweiten Mann der beiden Gestalten, welche A I I enthält, genau wieder.1) Ab I
enthält in dem Adler mit den drei Jungen, der diesen Dekan im 11. Grad
repräsentieren soll, wohl den vogelköpfigen Dekan. Das Vorbild gibt für ihn R,
der diesen Grad durch einen Reiher verkörpert.
In der Gestalt des 3. D e k a n s stimmen die Apomasarillustrationen,
ferner St, Pi und F miteinander überein, abgesehen von den geringfügigen
Varianten, daß der Gott bald bartlos, bald mit Vollbart gezeichnet wird.
Auch der Bogen und Pfeil, der die unbedeutende Spielart einer Armbrust und
mehrerer Pfeile oder von einem Köcher an der Koppel auf weist, begleitet diese
Figur. Nur R und Ab I bringen dafür einen Reiter. An eine besondere Ge­
staltung des einen der beiden Zwillinge wird man wohl nicht denken dürfen,
wenn auch in der antiken Mythologie gelegentlich Kastor mit seinem Roß
Kyllaros in den Sternen der Zwillinge gesehen wurde. Die astronomischen
Gegebenheiten erlauben noch zur Not, an eine Entartung des Sternbildes des
Fuhrmanns zu denken. Eine definitive Entscheidung kann ich aber nicht
geben.
Ab II zeigt eine Art Eulenspiegel, er trägt in der linken Hand einen Vogel,
in der rechten einen Gegenstand, der wie eine lange nach unten sich stark
verbreitende Flöte aussieht. Die Wirkung konzentriert sich u. a. auf Spaß­
machen, Scherze erzählen und unnütze Worte anhören. Das scheint die Ge­
stalt plastisch zum Ausdruck zu bringen. Tatsächlich steckt hinter dieser Ver­
mummung, wie oben (S. 125) bereits betont wurde, Apollo als der 3. Dekangott.

4. K R E B S

Den bizarren Formen der Texte wird A I dadurch gerecht, daß ein bart­
loses menschenköpfiges Wesen auf einem Körper als 1. D e k a n dargestellt
wird, der den Vorderleib und die Beine eines Pferdes, den Hinterkörper und
die Hinterfüße eines Elefanten hat. A II gibt diesem Untier noch in die Höhe

1) D er M ann m it der H acke, der den B od en bearb eitet, ist bei A I I w ohl eine rein
w illkü rlich e E rw eiteru n g des B ild es der beiden P a ra n atello n ta und des H erakles, bei
A b I I ist er, da die W affe feh lt, lediglich zu r Illu stra tio n der F ä h ig k e it dieser D ek an ­
bild er herabgesunken.
D ie Dekanbilder in den mittelalterlichen Umgestaltungen — Zwillinge — Krebs 201

gehobene Arme mit Menschenhänden, die Hinterfüße tragen sehr starke Huf­
eisen. Pi gibt der menschenartigen Bildung bereits das Übergewicht, läßt aber
den Astralgott auf allen Vieren gehen und bedeckt den ganzen Rücken mit
Feigenblättern. In St ist der Gott völlig menschenartig; ein Jüngling steht
aufrecht da und hat den K opf nach dem über ihm stehenden Stern empor­
gerichtet. E r trägt ein Gewand, das die Arme bis zu den Handwurzeln be­
deckt, in den Hüften aufgeschürzt ist und bis zu den Waden reicht. Die Arme
sind seithalbtief vom Körper leicht weggehoben. Ebenfalls völlig als Mensch
ist er in F gemalt, er ist hier nackt, nur ein einfacher Schurz aus Blättern
deckt die Lendengegend.1) Die Mischgestalt dieses Dekans dürfte im Salone
in 37 A zu erkennen sein, wo ein Wesen auf einem zweibeinigen pferdeartigen
Unterkörper dargestellt wird, das Barzon schwerlich richtig kurzweg als
Kentaur charakterisiert. Auch den Reiter, der 40 B dargestellt ist und von
Barzon als „Giovane a Cavallo“ bezeichnet wird, darf man mit diesem Dekan
und auch mit den Figuren von R und Ab I des letzten Dekans der Zwillinge
in Zusammenhang bringen. Einen Mann und eine Frau stellen R und Ab I
als Repräsentanten unseres Dekans dar, eine bekannte Gestaltung der Zwil­
linge. Sie ist hier deswegen berechtigt, da z. B. nach Apomasar mit dem
1. Dekan des Krebses der Kopf des vorderen und hinteren Zwillings und außer­
dem noch das Hinterteil und die Hand des vorderen Zwillings herauf kommt.
Für sich steht als Dekanpersonifikation die langbekleidete Frau mit einer
Blume bei Ab II. Wir haben sie oben bereits als Variante in den lateini­
schen Dekanlisten des ausgehenden Mittelalters kennen gelernt und in ihr
eine Darstellung der Göttin Venus erschließen können, die in diesem Dekan
ihr Prosopon hat. Damit deckt sich auch die Aktion dieses Dekans, die
sich auf Gaiardengefühle, gesellige Zusammenkünfte und Liebe in erster
Linie richtet.
Den Texten gemäß bringen als 2. D e k a n des Krebses die Apomasar­
illustrationen, denen hier St und Pi folgen, eine langbekleidete Frau mit einer
Zackenkrone. Ein Stab oder ein Blüten- bzw. Blätterzweig ist das äußere
Kennzeichen, den sie bald in der linken, bald in der rechten Hand trägt.
Zwei Gestalten bietet nur F, eine Frau sitzt als dominierende Göttin auf einem
Kissen, ihr Gewand flattert in weichen Linien um sie herum, in der linken
Hand hält sie ein Szepter; vor ihr steht im Profil dargestellt eine langbekleidete
Frau, sie hat ihre Hände über dem Gürtel in demutsvoller Haltung überein­
ander gelegt. Die sitzende Frau scheint ein Diadem zu tragen. Wir können
zur Erklärung auf Zahel zurückgreifen, der hier eine gekrönte und eine andere
Jungfrau als Dekangötter nennt.
Ein Schiff in voller Fahrt mit geblähtem Segel repräsentiert nach A b I
unseren Dekan, ebenso bei R. Es ist wieder ein Ersatzbild aus dem Kreise
der Begleitgestirne herangezogen.2) Im Salone von Padua dürfte damit identisch
sein das Schiff, das 37 C dargestellt ist und von Barzon irrtümlich als ,,Navi-

1) D ie u n b ek an n te V o rla g e h a t aus dem satyräh n lich en D ek an der In d er n ur das


m ännliche W esen herau sgeh olt, w ie auch Zahel daraus den zw eiten B estand seiner zwei
G estalten übernom m en h a t, den M ann, ü ber dem K leid er und Sch m u ckstü cke sind.
D as sind die Ü berreste der B lä tte r, W u rzeln und F rü ch te, die der indische D ekan trä g t.
In F . is t der S ch urz aus B lä tte rn daraus entstanden.
2) E s ist die A rg o, nach P tolem äu s ste ig t h ier „d a s H e ck des S ch iffes" a u f; P tole-
m äus selb st n en n t das S tern bild die A rg o (synt. V I I cap. 1 p. 146, 14 H eib.).
202 Bildl. Darstellung d. Dekangötter u.ihre Umgestaltung in Altertum, Mittelalter u. Neuzeit

gazione“ bezeichnet wird. Ab II bringt eine Frau und einen jungen Mann,
die an einem mit Geldstücken und einem Becher besetzten Tische sitzen als
Veranschaulichung dieses Dekans. Wir haben es wieder mit einer Versinn-
lichung der Aktion zu tun, die auf Amüsements mit Frauen, auf Reichtum
und Fruchtbarkeit gerichtet ist.
Die Apomasarillustrationen heben als Besonderheiten des 3. D e k a n s
die Schlange, das Schiff und den Menschen hervor, der mit dieser Schlange
beschäftigt ist.1) St läßt das Schiff weg und zeigt nur dem Text gemäß einen
bartlosen, blonden Jüngling, der in der Rechten eine Schlange hält. Statt des
Schiffes sind rechts von ihm drei Kränze, die schon genannten Sartales,
gemalt. Auch Pi hat den Jüngling mit der Schlange, statt der Kränze liegt
neben ihm ein großer hufeisenförmiger Gegenstand, der das Goldgeschmeide
des Textes darstellt. Aber F bringt den älteren Typ in wenig veränderter
Form. Ein Jüngling steht aufrecht da, vor ihm ist ein geflügelter Drache, nach
dem er mit der Rechten greift. Auffallend sind die krallenartigen Füße des j ugend-
lichen Gottes, welche die schildkrötenartigen Füße der Kataloge wiedergeben
dürften. Der linke Fuß senkt sich von halber Höhe nach einem darunter stehen­
den kleinen Schiff, das mit runden Gegenständen beladen is t; diese mögen wohl
die Edelsteine und anderen Kleinode versinnlichen, mit denen das Schiff ge­
mäß der Texte gefüllt ist. R und Ab I ersetzen dieses Gebilde durch einen leeren
Wagen, der vielleicht als eine arabische Umschreibung der Argo angesprochen
werden darf (vgl. Id e le r a. O. 258). Ein besonderes Interesse darf noch die
Ersatzfigur bei Ab II beanspruchen, die durch einen Jäger mit Lanze, Horn
und Hunden die anderen Verkörperungen dieses Dekans verdrängt hat.
Auch hier handelt es sich nicht um einen wirklichen Dekan oder einen Stern­
gott, sondern es ist eine Verbildlichung der Wirkung des Dekanprosopon;
die Verbindung der hier residierenden Mondgöttin mit der Jagd ist uralt.

5 . L Ö W E

Die Apomasarbilder des 1. D e k a n s richten sich genau nach den Vor­


schriften des Textes. So zeigt das Rundbild in A I I I einen langschwänzigen
großen Hund, einen großen Baum, ein löwenähnliches Tier, einen Vogel und einen
trauernden Mann; ihm folgt ein Bär, dann kommen vier aufrecht stehende
Pfeile. Ein Tierkopf und ein unbestimmtes Tier schließt die ganze Reihe ab.
A II zeigt einen großen Baum mit vier Ästen voller Blüten, auf ihn springt
von links her ein Hund zu. Über dem Hund steht ein Bett mit einer Mumie,
auf dieses folgen zwei trauernde Männer in langen Gewändern; dazwischen
stehen drei Pfeile, unter dem letzten Mann ist ein Hundskopf gezeichnet.
A I hat ebenfalls den blühenden Baum, am Stamm sieht man den Kopf und
die Tatze eines Bären. Daneben steht ein Mann in langem Gewand, aus dem
er eine Hand herausstreckt, er hat einen Vollbart. Auf dem Baum sitzt ein
Schakal.
Wie die Texte, so geben auch die Bilder von St und Pi eine wohltuend
einfache Gestalt nach dem eben genannten aufgeregten Gebilde. St hat einen

1) D ie Sch lan ge ist der D ekan C hnubis. A ls in teressan te P ara llele kan n m an
zu unserem D ek an den 12. japan ischen D ekan stellen, der den D rach en ko p f über seinem
K o p f getreu n ach der an tik en und arabischen T ra d itio n tr ä g t, v g l. C h a v a n n e s , Le cycle
tu rc des douze an im au x in T 'o u n g -P a o Ser. I I vol. V I I (1906) 116 u nd T a f. X I V .
D ie Dekanbilder in den mittelalterlichen Umgestaltung