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Schulalter: Gedächtnisentwicklung

Grundlagen der Entwicklungspsychologie VII

Univ. Prof.in Dr.in Barbara Gasteiger Klicpera


Arbeitsbereich Integrationspädagogik und Heilpädagogische Psychologie
Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft
Wiederholung der letzten Einheit

Woran erinnern Sie sich?

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Wiederholung der letzten Einheit

• Schulalter
• Was ist Schulalter? (6.-12.LJ, Schulkindzeit, Mittlere Kindheit, Schulanfang:
industrielle vs. Nicht industrielle Gesellschaft, Kinderarbeit)
• Körperliche Entwicklung (Merkmale: Zahnlücke, Schulkindform; Schulreife,
Geschlechtsunterschiede)
• Kognitive Entwicklung:
• Erklärung der konkreten Operationen (7-10Jahre; komplexe, logische
Denkabläufe; induktives Schlussfolgern, Infralogische Operationen (logisch,
arithmetisch, räumlich, zeitlich), Reihenbildung, Reversibilität, Invarianz,
Klassifikation, Entwicklung des Zahlenkonzepts, Zahlbegriff, Entwicklung des
Raumkonzepts (topologische, projektive und euklidische Beziehungen), Zeitbegriff)
• Ausgewählte Aspekte der konkreten Operationen (Animismus,
Anthropomorphismus)
• Erklärung des Implikationszusammenhangs der einzelnen
Operationen
• Kritikpunkte zur Theorie Piagets
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Überblick: heutige Einheit

• Schulalter: Gedächtnisentwicklung zwischen 5 und 15


Jahren
• Gedächtniskapazität
• Gedächtnisstrategien
• Wissen und Gedächtnis
• Metagedächtnis

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Gedächtniskapazität

• Im Verlauf ihrer Entwicklung steht den Kindern


immer mehr strukturelle Gedächtniskapazität zur
Verfügung
• Versuche zur Gedächtnisspanne
– Den ProbandInnen wird eine Reihe von Stimuli etwa im
Ein-Sekunden-Takt gezeigt
– Unmittelbar danach sollen sie diese Stimuli in gleicher
Reihenfolge reproduzieren
 Gedächtnisspanne = Anzahl von Items, die gerade
noch beherrscht werden kann

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Einfluss nicht strategischer Merkmale

• Case et al.:
– Annähernd lineare Beziehung zwischen
Reaktionsgeschwindigkeit und Gedächtnisspanne

• Chi:
– Gedächtnisspanne verdoppelt sich beinahe, wenn die
korrekte Reihenfolge der Items nicht berücksichtigt
werden muss
Werden die Befunde zur Gedächtnisspanne
zusammengefasst, so gibt es keinen Zweifel daran, dass
sich die unmittelbare Spanne von der frühen Kindheit
bis zur Adoleszenz stetig verbessert.
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Modellansätze

• Theorie von Case:


– Die gesamte Verarbeitungskapazität ist aufteilbar in zwei
Grundfunktionen: Arbeitsspeicher und Kurzzeitspeicher

• Theorie von Baddeley:


– Neben der zentralen
Exekutive werden zwei
Dienstleistungssysteme
angenommen. Eines für die
bildhaft-symbolischen und
das andere für die verbalen
Informationen.
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Gedächtnisstrategien

• Definition Strategie:
– Potentiell bewusste, intentionale kognitive Aktivitäten,
die dabei helfen sollen, eine Gedächtnisaufgabe besser
zu bewältigen.

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Strategiedefizite bei jungen Kindern

• Kindergartenkinder:
– Mediationsdefizit: strategische Aktivitäten können nicht
spontan eingesetzt werden, selbst bei gezielter
Unterweisung kein positiver Effekt auf die
Gedächtnisleistung

• Vorschulkinder:
– Produktionsdefizit: produzieren nur selten spontan
Strategien, allerdings fruchten bei ihnen gezielte
Hinweise oder Unterweisungen in dem Sinne, dass nun
bei Strategiegebrauch auch eine deutlich bessere
Gedächtnisleistung resultiert.
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Wiederholungsstrategien

• Studie von Flavell et al. (1966)

• ProbandInnen:
– Kindergartenkinder, Zweit- und FünftklässlerInnen

• Versuchsaufbau:
– Reihe von Bildern wurde vorgelegt, Objekte sollten
möglichst gut memoriert werden. Anschließend 15 Sek.
Gelegenheit zur Konzentration auf die freie
Reproduktion der Objekte

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• Versuchsbeobachtung:
– 85% der FünftklässlerInnen
– 10% der Kindergartenkinder bewegten spontan die
Lippen

• Ergebnis:
– Kinder mit Wiederholungsaktivitäten konnten sich an
mehr Objekte erinnern.

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Organisationsstrategien

• Versuchsaufbau:
– ProbandInnen wird eine Liste von Wörtern und Bildern in
Zufallsreihenfolge vorgegeben, die möglichst gut
behalten und in beliebiger Folge reproduziert werden
soll. Die Items lassen sich dabei vertrauten Kategorien
zuordnen (z.B. Fahrzeuge, Werkzeuge, Tiere,…)

• Beobachtung:
– Besonders gute Reproduktionsleistungen sind zu
erwarten, wenn die Items bei der Enkodierung nach
Oberbegriffen sortiert und beim späteren Abruf wieder
nach Oberbegriffen geordnet erinnert werden.

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Elaboration

• Besonders häufige Anwendung beim Paar-


Assoziationslernen (Vokabeln)
• Bildhafte und sprachliche Assoziationen zwischen
unzusammenhängenden Items werden normalerweise erst
im späten Kindesalter bzw. der frühen Adoleszenz spontan
verwendet
• Viele Jugendliche und selbst Erwachsene
überwinden niemals völlig ihr
„Produktionsdefizit“ für komplexere
Enkodierungsstrategien

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Wissen und Gedächtnis

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Inhaltswissen und Gedächtnis

• Menschliches Wissen ist in Netzwerken organisiert, in


denen ähnliche Inhalte miteinander verknüpft sind
• Inhaltwissen von Kindern wird als eine Art mentales
Wörterbuch zu Objekten und Konzepten angesehen, das
hierarchisch strukturiert ist
• Das Wissen von Kindern über Tiere wird im Laufe ihrer
Erfahrungen mit unterschiedlichen Exemplaren dieser
Gattung reichhaltiger. Dies bedeutet, dass sich nicht nur die
Anzahl der Knoten, sondern auch die der zugehörigen
Verbindungen mit dem Alter vergrößert.

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Einfluss von Vorwissen

• Studie von Chi (1978)


– ProbandInnen
• ExpertInnen, Schachspiel: 10-jährige Kinder
• NovizInnen: Erwachsene unterschiedlichen Alters

– Ergebnis:
• Die Gedächtnisleistung hängt nicht vom Alter, sondern vom
Vorwissen ab!
• Das Ausmaß des Vorwissenseffekts hängt sicherlich auch vom
Typus der Aufgabe und ihren Anforderungen ab.

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Metagedächtnis

• Definitionen:
– Metagedächtnis:
• Wissen über die Gedächtnisvorgänge

– Deklaratives Metagedächtnis:
• Das faktisch verfügbare und verbalisierbare Wissen um
Gedächtnisvorgänge

– Prozedurales Metagedächtnis:
• Die Fähigkeit zur Regulation und Kontrolle gedächtnisbezogener
Aktivitäten

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Entwicklung des deklarativen
Metagedächtnisses
• Studie von Kreutzer et al. (1975)

– Ergebnis:
• Während Kindergartenkinder nur über vorläufiges, rudimentäres
Gedächtniswissen verfügen, verbessert sich das
Metagedächtnis zu Person-, Aufgaben- und Strategiemerkmalen
im Verlauf der Grundschulzeit beständig.

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Entwicklung des prozeduralen
Metagedächtnisses
• Die Entwicklung des prozeduralen
Metagedächtnisses wird aufgeteilt in
– Überwachungsprozesse (Überwachung der eigenen
Leistung) und
– Prozesse der Selbstregulation (eigene Lernvorgänge)
kontrollieren und gestalten

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Ergebnis der Arbeit von Dufresne und
Kobasigawa (1989)

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• Ergebnis:
– Diese Befunde legen den Schluss nahe, dass
Entwicklungsveränderungen im prozeduralen
Metagedächtnis im Wesentlichen zurückzuführen sind
auf das mit zunehmendem Alter immer bessere
Zusammenspiel zwischen Überwachungs- und
Selbstregulationsvorgängen

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Zusammenhang Metagedächtnis - Gedächtnis

• Zu Beginn der Forschungsarbeiten zum Metagedächtnis


ging man davon aus, dass das mit dem Alter zunehmende
Wissen über die Gedächtnismerkmale und –funktionen
effektivere Denk- und Gedächtnisprozesse begünstigen
würde.
• Daher wurde erwartet, dass mit zunehmendem Alter eine
immer engere Beziehungen zwischen Metagedächtnis und
Gedächtnis resultieren.
• Diese Zusammenhänge konnte Flavell bestätigen.

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Zusammenfassung: heutige Einheit

• Schulalter: Gedächtnisentwicklung zwischen 5 und 15


Jahren
• Gedächtniskapazität (Gedächtnisspanne, Einfluss nicht strategischer
Merkmale, Modellansätze: Case, Baddely)

• Gedächtnisstrategien (Definition Strategie; Strategiedefizite: Mediations-


und Produktionsdefizite; Wiederholungsstrategien, Organisationsstrategien,
Elaboration)

• Wissen und Gedächtnis (Netzwerke, Inhaltswissen, Einfluss von


Vorwissen)
• Metagedächtnis (deklaratives und prozedurales Metagedächtnis;
Zusammenhang zwischen Gedächtnis und Metagedächtnis)

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Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

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