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Entwicklungspsychologie über

die Lebensspanne

Univ. Prof.in Dr.in Barbara Gasteiger Klicpera


Arbeitsbereich Integrationspädagogik und Heilpädagogische Psychologie
Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft
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Entwicklungspsychologie
Pränatale Entwicklung

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Entwicklungspsychologie
Drei Stadien der pränatalen Entwicklung

Drei Stadien mit 3 verschiedenen Bezeichnungen für den


menschlichen Keim:

Befruchtete Eizelle oder Zygote Embryo Fötus


(1. und 2. SSW) (3. bis ca. 8. (ca. 9. SSW bis
SSW) Geburt)

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Embryonal- und Fötalentwicklung

• Befruchtung der Eizelle durch Samenzelle (je ein


haploider Chromosomensatz)
• Entstehung einer Zygote mit diploidem
Chromosomensatz
• → Furchung und Zellteilung → Zellkugel „Morula“
• → Morula wandert durch Eileiter in die
Gebärmutter → Blastozyste durch weitere
Zellteilung
• Einnistung (Nidation) der Blastozyste in der
Gebärmutterschleimhaut (ca. 1 Woche nach der
Befruchtung)
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Embryonal- und Fötalentwicklung

• Ca. 3. Woche: dreiblättrige Keimscheibe → Ende der Blastenzeit und


Beginn der Embryonalphase
• Äußeres Keimblatt = Ektoderm
• → Haut und Nervenzellen
• Inneres Keimblatt = Entoderm
• → meiste innere Organe
• Mittleres Keimblatt = Mesoderm
• → hauptsächlich Muskel-, Binde- und Stützgewebe; weitere innere Organe
• Ende der 8. Woche nach der Befruchtung
– alle Organanlagen gebildet
– Größe des Embryos: ca. 2cm
– Weitere körperliche Entwicklung: Vergrößerung und Vervollkommnung
• Ab diesem Zeitpunkt: Fötus

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Embryonal- und Fötalentwicklung

• Ende des 1. Trimenons:


– Größe des Fötus: ca. 7 cm
– Arme und Beine beweglich
– alle wichtige Organe und Körperteile sichtbar
ausgebildet

Das Wunderwerk Mensch –


Die Entwicklung des Embryos (Video)
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Embryonal- und Fötalentwicklung

• 2. Trimenon:
– Knochen werden härter
– Herzschlag wird lauter
– Finger- und Zehennägel, Haare, Wimpern und
Augenbrauen wachsen
– Bewegungen des Fötus für die Mutter spürbar
(Unterschiede zwischen den Föten merkbar)
– Erste Hinweise auf die Hörfähigkeit
(zusammenzucken bei lauten Geräuschen)
• Ende des 2. Trimenons:
– ca. 30 cm groß und ca. 750g schwer
– Im Falle einer Frühgeburt: ca. 60% Überlebenschance
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Embryonal- und Fötalentwicklung

• 3. Trimenon:
– Reifung der Organe
– Bei termingerechter Geburt (38. Woche nach der
Befruchtung): Übergang von intrauterinen zum
extrauterinen Leben problemlos möglich

Fötus - Video

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Entwicklung des Nervensystems

• NS: besteht aus Gehirn und Rückenmark


(Zentralnervensystem; ZNS) und Nerven
• Nerven:
– afferente (sensorische) Bahnen: Peripherie→Zentrum
– efferente (motorische) Bahnen: Zentrum→Peripherie
• Nervenzelle (Neuron)
→ Übertragung eines elektrischen Impulses
an andere Nervenzelle via Synapse
(Kontaktstelle zw. benachbarten Nervenzellen)
• Erregungsübertragung meist durch Freisetzung von
Transmittersubstanzen
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Entwicklung des Nervensystems

• Entsteht aus dem Ektoderm


• ca. 1 Monat nach Konzeption: Anlage des Rückenmarks
und des Gehirns
• ca. 9 Monate nach der Befruchtung: ~ 100 Mrd. Neuronen,
d.h. Entwicklung von ca. 250000 Neuronen pro Minute der
pränatalen Entwicklung
• ca. Im 7. Schwangerschaftsmonat: charakteristische
Furchen des Gehirns durch verstärktes Wachstum der
Großhirnrinde (Kortex Cerebri)
• Letztes Trimenon der SS: Großhirnrinde nimmt besonders
stark an Größe und Differenziertheit zu
Das Wunderwerk Mensch –
Gehirnentwicklung -Video

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Entwicklung des Nervensystems

• Bis zur Geburt: wesentliche subkortikale Teile des


NS funktionstüchtig → Atmung, Regulation der
Körpertemperatur und Reflexe
• Feinabstimmung erfolgt nach der Geburt (z.B.
Verschaltung der Großhirnrinde und den
Sinnesorganen)

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Motorische Entwicklung des Fötus

• Gegen Ende des 2. Trimenons: komplexe


Bewegungsmuster erkennbar (räkeln, strecken,
gähnen)
• Aktivität nimmt bis zur Geburt stark zu und
verringert sich in den letzten Wochen vor der
Geburt (Platzmangel und Hemm-, und
Steuerungsmechanismen)

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Einflüsse auf die Pränatale Entwicklung

• Spontanrate (3%): Angeborene Missbildungen


ohne spezifische Ursachen
• Fehlbildungshäufigkeit in Risikogruppen höher
(nach Strahlenbelastung, Suchtgiftabhängigen,…)
• Exogene Einflüsse: Teratogene
• 3 Klassen von schädigenden Einflüssen:
– Physikalische Noxen
– Chemische Noxen
– Infektionskrankheiten während der Schwangerschaft
• „Kritische Phasen“

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Physikalische Noxen

– Strahlenexposition während Embryonal- und früher


Fötalzeit → massivste Auswirkungen
– Mikrozephalie und geistige Behinderung

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Chemische Noxen

– Antikörper (z.B. Rhesusfaktor)


• Frau rhesus neg./ Mann rhesus pos. → Kind – oder +; wenn +,
kann es passieren, dass die Mutter Antikörper entwickelt. Die
Folge wäre der Tod des Fötus
– Medikamente
• Zeitpunkt entscheidend; bei Einnahme während früher
Schwangerschaft, häufiger Fehlbildungen
• Z.B. Zytostatika (Chemotherapie)
– Drogen:
• regelmäßiger Alkoholgenuss der Mutter: Alkoholembryopathie
bzw. Fetales Alkoholsyndrom: Wachstumsretardierung,
Mikrozephalie, Deformation des Gesichts und des Schädels,
später Verhaltensprobleme, Defizite in Intelligenz und
Aufmerksamkeit
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• Fetales Alkoholsyndrom

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Chemische Noxen

– Drogen
• Nikotin: vermindertes Geburtsgewicht und erhöhtes Risiko für
Fehl- oder Frühgeburt
• Marihuana: vergleichbare physiologische Auswirkungen wie
beim Rauchen von Tabak
• Opiate (Morphin, Codein, Heroin und Methadon): erhöhte
Sterblichkeit der Kinder vor, während und nach der Geburt;
Entzugssyndrom innerhalb der ersten 4 Lebenstage
• Kokain (und Crack): durchschnittlich geringeres Geburtsgewicht
und mehr Verhaltensauffälligkeiten im Vorschul- und Schulalter
als Kontrollkinder (Bada et al., 2007)

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Chemische Noxen

– Umweltgifte
• Quecksilber: Quecksilbervergiftung → zerebrale Lähmungen,
Mikrozephalie, Degeneration des ZNS
• PCB (polychlorierte Biphenyle = Weichmacher für Lacke und
Harze, Zusätze für Imprägnier- und Schmiermittel): bei
Vergiftung der Mutter → starke Hautveränderungen der Kinder
(sog. „schwarze Babys“)
• Dioxinbelastung (im Rahmen von Kriegshandlungen eingesetzt)
• Blei: Intelligenzbeeinträchtigungen und Lernstörungen
(unabhängig davon, ob Exposition vor oder nach der Geburt
erfolgte)

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Infektionskrankheiten während der
Schwangerschaft
• Krankheitserreger können Plazentaschranke überwinden
– z.B. Röteln während der SS: im 1. Trimenon: Missbildungsrate bei
etwa 50% → Mikrozephalie, Anomalien von Augen, Ohren, Herz und
ZNS (→ Epilepsie, Retardierung der motorischen und geistigen
Entwicklung)
– Ebenso: Masern, Syphilis, Toxoplasmose
– HIV pos. oder AIDS: Ansteckungsrisiko enorm; Übertragungsrisiko
bei ca. 30% → durch gezielte Maßnahmen Verringerung auf 2%
möglich; z.B. nicht Stillen, Behandlung mit antiretroviralen
Medikamenten der Mutter während der SS und des Kindes nach
der Geburt, Entbindung mittels Kaiserschnitt vor dem Einsetzen der
Wehen

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Psychische und soziale Situation der Mutter

• Emotionaler Stress der Mutter


– Zusammenhang mit dem Auftreten von Fehlgeburten
– Zusammenhang mit niedrigem Geburtsgewicht der Kinder
• Soziale Schichtzugehörigkeit
– Vermehrt Früh- und Fehlgeburten
– Kinder oft kleiner als der Durchschnitt und untergewichtig
• Familienstand - Unverheiratete Mütter
– häufiger Tot- oder Frühgeburten
– Säuglingssterblichkeit in vielen Regionen höher
– Konfundierte Faktoren ausschlaggebend (körperliche Belastung,
ungesunder Lebensstil, ungünstige Wohnverhältnisse,…)

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Zusammenfassung

• Embryonal und Fötalentwicklung (Chromosomen; Zellteilung;


Nidation; Ektoderm-Entoderm-Mesoderm; 1., 2. und 3. Trimenon – Größe, Gewicht,
Organe)

• Entwicklung des Nervensystems (Gehirn + Rückenmark (ZNS)


und Nerven; afferente und efferente Bahnen; Erregungsübertragung; Wachstum des
Gehirns; Atmung, Körpertemperatur, Reflexe; Verschaltung Großhirnrinde-Sinnesorgane)

• Motorische Entwicklung des Fötus (komplexe


Bewegungsmuster: Ende 2. Trimenon; Aktivitätszunahme und –abnahme vor Geburt;
Hemm- und Steuerungsmechanismen)

• Einflüsse auf die pränatale Entwicklung (Missbildungen;


Risikogruppen; physikalische und chemische Noxen; Infektionskrankheiten in der SS;
Kritische Phasen; Psychische und soziale Situation der Mutter)

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Danke für Ihre Aufmerksamkeit

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