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B2

BAU Februar 20
117. J A H R G A N G

Das Architektur-
Magazin

ME ISTER

Vorfertigung
oder die neue Freude
am Seriellen

+ BAROZZI VE IGA + COBE + FAR FROHN & ROJAS + HOL ZE R KOBLE R ARCHITE K TURE N + MARC LESCHELIER
+ URBAN BE TA + WAECHTE R + WAECHTE R
MARTIN WERNER / HKS ARCHITEKTEN, ERFURT

MIT ARCHICAD
KLAPPT DER AUSTAUSCH
MIT FACHPLANERN.

WIRIG-EN-
STE E
UM.D

Büros wie hks architekten wechseln zu ARCHICAD.


Geschäftsführer Marco Schlothauer: „Wir haben mehrere
Anbieter mit einer kniffeligen Testaufgabe konfrontiert, danach fiel die
Entscheidung einstimmig im Team.“ Martin Werner, BIM-Manager:
„ARCHICAD lässt sich einfach bedienen und der IFC-Austausch mit
Fachplanern bietet uns große Vorteile.“

Mehr über den Umstieg unter wir-steigen-um.de


Editorial

D
er Modulbau hat in der Architektur eine lange Tradition. Schon in den
1920er-Jahren gefiel progressiven Baumeistern die Idee, in Koope-
ration mit „der Industrie“, wie das bis heute in einschlägigen Abhand-
lungen heißt, zu kostengünstigen und architektonisch innovativen
Lösungen zu gelangen. Momentan scheinen derlei Ansätze eine
Art zweiten Frühling zu erleben. Dies war Grund für uns, nach span-
nenden Projekten zu suchen, die auf industrielle Vorfertigung setzen. AB SEITE
40
Im dänischen Fredericia hat das Büro Cobe eine Stromtankstelle
fertiggestellt. Die Architekten entwickelten ein Modulsystem, das
sich standortbezogen an unterschiedliche Anforderungen an­passen
AB SEITE
kann – und folglich exportfähig ist. Im Berliner Stadtteil Moabit haben
30
Frohn & Rojas ein Wohnhaus entworfen, das sich sichtbar aus Beton­
fertigteilen zusammen setzt – und damit auch eine Art Ästhetik des
Fertigbaus vorlegt. Falk Jaeger diskutiert Vor- und Nachteile.
In Sachen Ästhetik des Fertigbaus hat Berlin ohnehin einiges zu
bieten – zum Beispiel reichlich Plattenbauten oder auch die historeske
Altstadt im Nikolaiviertel. Wohl eher nicht auf Fertigbauteile setzen
R
ZU
M THE
M dürfte indes der Wiederaufbau der direkt um die Ecke des Nikolai­
A
H

viertels gelegenen Schinkelschen Bauakademie. Deren Konstruktion


LE
E

BAU
M

SE N SIE

MEISTER. hapert momentan aber an anderer Stelle, nämlich der Besetzung des
G.

DE
Chefpostens. Sie haben es vielleicht mitbekommen: Die Unterneh-
O
L

B N
UN

mensberatung Kienbaum und das beauftragte Entscheidergremium


SE REM

hatten ausgerechnet einen Politiker, den bisherigen Staatssekretär


Florian Pronold, als Top-Kandidaten auserkoren. Zahlreiche Bewerber
mit mehr Fachprägung gingen leer aus. Dagegen regte sich Protest,
ausgedrückt durch einen offenen Brief, den das Architekturmuseum
Frankfurt initiierte. Die Entscheidung für Pronold wurde nun erstmal
vom Arbeitsgericht Berlin gekippt. Und das aus meiner Sicht zurecht.
Pronolds Profil wies eben wirklich nicht die Anforderungen auf, die im
Stellenprofil explizit gefordert waren.
Es wird spannend zu sehen, wie das Ganze weiter geht. Unschön ist in
jedem Fall, dass die Bauakademie, die eine Chance für die Architek-
tur in Deutschland darstellt, so einen denkbar schlechten Start erlebt.
Es zeigt sich wieder ein Problem deutscher Öffentlichkeit: dass die
unterschiedlichen Teileliten unter sich bleiben und nicht miteinander
kommunizieren.
COVE RFOTO: JE RE MY GUILLORY

Alexander Gutzmer
Chefredakteur
a.gutzmer@baumeister.de
Twitter @alexgutzmer
Instagram @alexgutzmer
4

B2 Köpfe Ideen
Der Kosten-
druck fördert
den Anteil der
Vorfertigung
beim Bauen.
Und eine
neue Lust am
Seriellen

Die unterstri-
chenen Bei-
träge rechts
befassen 10 62
sich mit dem Dan Stubbergaard, der Gründer des Büros Cobe Monumental und filigran: Museum in Lausanne

Titelthema.
10 20
Cobe Akademie in Bonn
Die Stadt Kopenhagen ist Inspiration und Hölzernes Paradebeispiel für Präzision und
Experimentierfeld des dänischen Archi- Qualität in der Vorfertigung
tekturbüros.

30
14 Mehrfamilienwohn-
Urban Beta haus in Berlin
Das Berliner Kollektiv entwickelt Konzepte
gegen die Obdachlosigkeit. Kostengünstig und schnell bauen mit
Betonfertigteilen

40

FOTOS VON LINKS: R ASMUS HJORTSHØJ/COAST; SIMON ME NGE S; GIULIANO KORE N; WIE NE RBE RGE R
Ladestation in
Fredericia
Grundmodul fürs elektrische Tanken

BAU
50
MEISTER.
Hostel in
DE
Warnemünde
Im hohen Norden kann man in gestapel-
ten Überseecontainern übernachten.

NXT A, das junge Architekten- 62


netzwerk, wird wie der Bau-
meister von Georg Media her-
Museum und Tanz-
ausgegeben. Auf der NXT-A- haus in der Schweiz
Webseite finden Sie unter
Barozzi Veiga stellen zwei sehenswerte
dem Stichwort Podcast Archi-
Bauten in Zürich und Lausanne fertig.
tekturdiskurs für die Ohren.
5

Fragen Lösungen

Gast-Arbeiter

Der Fachjournalist und Buchau-


tor Marc Wilhelm Lennartz hat
in Bonn Wirtschafts- und Physi-
sche Geografie, Städtebau &
80 90
Siedlungswesen, Verkehrspoli-
Foscarini-Chef Carlo Urbinati gibt Auskunft. Fassade aus Klinkerriemchen von Wienerberger
tik und Bodenkunde studiert,
so hat er sich früh für Siedlungs-
systeme, Städtebau und Raum-

80 86 ordnung interessiert. Auf die-


sem Weg kam er auch mit dem
Wie gehen Fassade Holzbau in Berührung, dem er
sich bis heute verstärkt widmet.
Qualitäts- „Narrativ aus Stein – die Fassaden der Nor-
dischen Botschaften in Berlin“
produkte ohne
Produktion? 96
Referenz
Klinkerriemchenfassade von Röben für
das Musée cantonal des Beaux-Arts de
Lausanne

98
Software

Die Berliner Publizistin, Journa-


listin und Kuratorin Christina
Gräwe hat 2003 ihr Architektur-
studium an der TU Berlin abge-
RUBRIKEN schlossen und seither unter
anderem am Deutschen Archi-
6 tekturmuseum DAM in Frank-
EIN BILD furt/Main zahlreiche Ausstellun-
48 gen kuratiert. Derzeit betreut
KLEINE WERKE sie mit Harald Bodenschatz und
58 Benedikt Goebel die Ausstel-
UNTERWEGS lung „Unvollendete Metropole.
96 100 Jahre Städtebau für (Groß-)
REFERENZ Berlin“.
105
IMPRE SSUM + VORSCHAU
106
KOLUMNE
Landwasserbrücke (1888) 6
Ein Bild
7
Sitzt man im Zug,
kann man sie leicht
übersehen: die
Landwasserbrücke
an der Schweizer
Albula- und Berni-
nastrecke. Kurz
nach Thusis öffnet
sich die beeindru-
ckende Schin-
schlucht, und eini-
ge Minuten nach
der Haltestation
in Filisur überquert
die Bahn das welt-
berühmte Land-
wasserviadukt.
Die 136 Meter lan-
ge Steinbogenbrü-
cke ist mittlerweile
zum Wahrzeichen
der Rhätischen
Bahn geworden.
In einem weiten
Bogen überbrückt
sie das tief einge-
schnittene Land-
wassertal. Mit Na-
turstein gemauerte
Pfeiler ragen ele-
gant und majestä-
tisch bis zu 65 Me-
ter in den Himmel.
Der Spatenstich
zur eisenbahn-
technischen Er-
schließung des
Schweizer Kantons
Graubünden über
den Albula- und
den Berninapass
hatte im Jahr 1888
stattgefunden.
Die 122 Kilometer
lange Linie führt
von Thusis über
St. Moritz bis nach
Tirano im Veltlin
und gehört seit
2008 zum Unesco-
Weltkulturerbe.
Richtige Eisen-
bahnfans können
in Bergün einen
Zwischenstopp
FOTO: RHB, ANDREA BADRUT T

einlegen und das


Bahnmuseum
Albula besuchen.

Text Ute Strimmer


8

Dan Stubbergaard,
Gründer des däni-
schen Architektur-
büros Cobe
9

DAN STUBBERGA ARD

Urban Beta
A N K E PA R S O N ,
FLORIAN MICHAELIS,
+ MARVIN BRATKE,
+

ELISA WISSEMANN UND


ANDREAS VETTER
Köpfe:
Cobe
6
SEITE

SEITE
10

14
FOTO: R ASMUS HJORTSHØJ/COAST
10

In
Kopen-
hagens
DNA
Das junge dänische Büro Cobe
gehört in Kopenhagen schon
TITELTHEMA
VORFERTIGUNG heute zu den etablierten Archi-
tekten und Stadtplanern, die nicht
zuletzt mit ihren Quartiersent-
wicklungen und markanten Platz-
gestaltungen die Stadt wesent-
1 Dan Stubbergaard
ist in Kopenhagen lich prägen. Ein Gespräch mit
dem Gründer Dan Stubbergaard
geboren und hat
auch dort studiert.
Inspiriert vom Auf-
stieg seiner Heimat
von einer schmutzi-
gen Industrie- und
Hafenstadt zu einem
lebenswerten Ort
hat er sein Archi­
Text: Foto:
tekturbüro 2006 ge-
gründet. Bernhard Schulz Nikolai Linares
Köpfe 1 11

1
12

1 2

3 4

1 Vom Architektur-
büro Cobe stammt 5
die städtebauliche
Planung für den
Kopenhagener
Nordhafen.
2 Dort befindet sich
auch ihr Büro in
einem umgebauten
Lagerhaus.
3 – 5 In dem großen
Raum sitzen alle
zusammen, in wech-
selnden Teams,
unterbrochen von
gläsernen Bespre-
chungsinseln.
Köpfe 1 13
Architekturbüros beginnen in aller Regel zeichnet von Migration, Arbeitslosigkeit gesellschaftlicher Integration und sozia-
mit kleineren Aufträgen und folgen, so sie und sozialer Verwahrlosung. Gerade hier ler Architektur“. Und er fährt fort: „Wir
erfolgreich sind, einem stetigen Wachs- will Cobe das Leitbild „Kultur als Rahmen glauben fest daran, dass Architektur in
tumspfad hinsichtlich der Größe der Auf- für Begegnung“ in Gestalt der Stadtteilbi- jedermanns Leben den Unterschied ma-
träge wie der Zahl der Mitarbeiter. Das bliothek verwirklichen. chen kann, indem sie Menschen zusam-
dänische Büro „Cobe“ zählt zu den Aus- Mit diesen drei Projekten war Cobe vom menführt und schließlich ein besseres
nahmen, jenen, die mit einem Schlag, mit Stand weg als bedeutendes Planungsbüro Leben schafft.“ Das Ziel der Arbeit von
einem großen Auftrag prominent werden. Kopenhagens etabliert – aus der Stadt und Cobe beschreibt Stubbergaard als diese
Jedenfalls beinahe. Dan Stubbergaard für die Stadt. „Diese Projekte haben Cobes Aufgabe: „Wie können wir Umgebungen
gründete Cobe im Jahr 2005 gemeinsam DNA definiert“, sagt Stubbergaard heute, schaffen, die aktiv zu einem außerge-
mit Vanessa Miriam Carlow; und nach nämlich die „ganzheitliche Arbeit mit Ar- wöhnlichen, täglichen urbanen Leben
den Anfangsbuchstaben der Heimatstäd- chitektur“. Ein prominentes Beispiel dafür beitragen?“
te beider Architekten, Kopenhagen und ist die Revitalisierung des Israel-Platzes „Nachhaltigkeit“ ist das große Stichwort
Berlin, wurde der Büroname gebildet – da am Rande der historischen Altstadt. Früher unserer Zeit, und wenngleich damit im
denkt man unmittelbar an die in Däne- ein Markt, wurde der weiträumige Platz Augenblick vor allem der CO2-Ausstoß als
mark nach wie vor populäre Künstler­ seit den 1950er-Jahren als riesiger Parkflä- Ziel der Weltklimapolitik gemeint wird,
gruppe der Nachkriegszeit, Cobra, deren che missbraucht – würde man heute sa- blickt Cobe auf den gesamten Lebenszy-
Name sich aus den drei Städtenamen in gen. Cobe machte daraus, getreu dem klus der gebauten Umwelt. Cobe will ab
englischer Schreibweise, Copenhagen, Motto „Unser urbaner Wohnraum“, einen 2025 nur noch CO2-neutrale Projekte be-
Brussels und Amsterdam, herleitete. Stub- Platz für Aufenthalt, Spiel und Sport, für arbeiten – dem Jahr, in dem die ganze
bergaard hatte bereits während seiner vielerlei Nutzungen, dem sich seitlich zwei Stadt Kopenhagen nach dem Beschluss
Studienzeit an der Dänischen Kunstaka- Markthallen anschließen. Die Automobile des Stadtparlaments klimaneutral sein
demie bei MVRDV und nach dem Ab- wurden unter die Erde in ein Parkhaus will. Im Stadtquartier Nordhavn ist das
schluss als Architekt zusammen mit Bjarke verbannt; ein Kompromiss, gewiss. bereits zu beobachten. So soll sich das
Ingels im Büro „Plot“ gearbeitet, ehe er Ein Kompromiss anderer Art ist im neuen Areal in absehbarer Zeit vollständig mit
nach vier Jahren sein eigenes Büro grün- Campus der Universität zu besichtigen: elektrischer Energie selbst versorgen, ge-
dete – der Berliner Teil ist seit 2012 eigen- kreisrunde Parkplätze für insgesamt 2.000 wonnen aus Windrädern in der angren-
ständig. Am Anfang stand die Mitarbeit Fahrräder am Karen-Blixen-Platz, die zenden See. Hauswärme wird zentral be-
am dänischen Pavillon bei der Architek- leicht in den Boden eingetieft sind und reitgestellt. Die Anbindung an die Stadt
turbiennale eben des Jahres 2006, der ein von flachen Schalen überwölbt werden, wird durch öffentlichen Nahverkehr ge-
dänisch-chinesisches Gemeinschaftspro- wobei kreisrunde Öffnungen für Sonnen- leistet, eine Metro-Station steht kurz vor
jekt zeigte und mit dem Goldenen Löwen licht ausgespart bleiben. Derart steht die der Eröffnung.
ausgezeichnet wurde, das Büro aber noch für die Fahrradständer abgezweigte Flä- Stubbergaard sieht einen „vollständigen
nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit che als eine urbane Landschaft fast voll- Wandel in unserer Praxis“ im Laufe der
rückte. ständig wieder zur Verfügung. nächsten zehn Jahre voraus und gibt als
Es verstand sich beinahe von selbst, dass Leitsatz vor: „Wir wollen Städte, Gebäude
Drei auf einen Schlag das Büro, das mittlerweile um die 150 Mit- und Landschaften entwerfen, die dazu
arbeiter zählt, seinen Sitz in eben dem geschaffen sind, unsere eigene Generati-
Das geschah zwei Jahre später, als Cobe Nordhavn-Gelände nahm und dort in ei- on zu überdauern.“
gleich mehrere Wettbewerbe in Kopen­ nem ehemaligen Lagerhaus. Das Gebäu-
hagen für sich entscheiden konnte. Der de wurde nur soweit als nötig umgebaut SIEHE AUCH
wichtigste – und die weitere Arbeit be- und steht so für das Grundprinzip der DAS COBE-PROJEK T
stimmende – war der internationale Wett- Nachhaltigkeit, das die gesamte Nord- AUF SEITE 4 0
bewerb für das städtebauliche Projekt havn-Planung kennzeichnet. Von hier aus
Nordhavn. Es ging um nicht weniger als hat Cobe mittlerweile Projekte in aller
die Planung eines Stadtquartiers für 40.000 Welt bearbeitet, von denen rund 20 bereits
Einwohner – nicht nur auf dem bestehen- fertiggestellt sind.
den Gelände des damals noch ganz in In Deutschland sticht das Gebäude „Half-
Betrieb befindlichen, Stück um Stück zu time“ auf dem Gelände des Sportartikel-
verlagernden Nordhafens der dänischen herstellers Adidas im fränkischen Herzo- Ausstellung
Hauptstadt, sondern darüber hinaus auf genaurach hervor. Stubbergaard nennt es
neu zugewinnendem Gelände im offenen „hyperdemokratisch“ und meint dabei
Meer. Im selben Jahr 2008 gewann Cobe die nicht-hierarchische Struktur des ein- „Our Urban
den Wettbewerb für die Neugestaltung geschossigen Gebäudes mit immerhin Living Room – Cobe,
des Bahnhofs Nørreport, der meistfre- 15. 5 0 0 Quad ra t mete rn G rund f läche. Kopenhagen“
quentierten Station im Kopenhagener Stubbergaard bezeichnet das Bauwerk vom 18. Januar bis
Nahverkehrsnetz von U- und S-Bahn. Und als „Dorf, in dem es Versammlungsräume, 29. April 2020
um das Maß voll zu machen, wurde 2008 Konferenzräume und Event-Säle“ gibt,
auch noch der Wettbewerb für die Stadt- „wo Leute essen, Beziehungen pflegen Eröffnung: Freitag,
teilbibliothek im Bezirk Tingbjerg im Nord- und interagieren“. 17. Januar 2020,
westen der Stadt gewonnen. Tingbjerg ist 18.30 Uhr
eine Schöpfung des berühmten Archi­ Kopenhagen als Modellfall Ort: Aedes Architek-
tekten und Stadtplaners Steen Eiler Ras- turforum, Christi-
mussen aus den 1950er-Jahren, als Dezen- Kopenhagen bildet für Cobe so etwas wie nenstraße 18 – 19,
tralisierung nach dem „Finger-Plan“ das ein Modell für die Arbeit des Büros. Die Berlin
Leitbild war. In jüngerer Zeit verkam der Stadt, so Stubbergaard, vermittele „das
Modellbezirk zum Problemfall, gekenn- Konzept von menschlichem Maßstab,
14 Köpfe 2 bis 6

Idealistisch
und

pragmatisch
15
Foto: Text: „Die Wohnungsnot“ – das Schlagwort be-
stimmt nicht nur unzählige Artikelüber-
Katja Belmadani Christina Gräwe schriften in der aktuellen Fach- und Ta-
gespresse, sondern ist auch der Titel eines
ve rschol lenen Fi lmsketchs von E rnst
Lubitsch aus dem Jahr 1920. Vor 100 Jah-
ren waren die Missstände allerdings deut-
lich drastischer. Eine Antwort – jedenfalls
in Berlin – lautete, überhaupt erst mal ei-
nen wirksamen kommunalen Wohnungs-
bau zu installieren. Und eine Form der Zwi-
schennutzung war das „Trockenwohnen“,
wohinter die menschenunwürdige Idee
stand, bei Neubauten die Monate des
Trocknens der Wände durch die Vermie-
tung an besonders Bedürftige auszunut-
zen – gesundheitsschädigend für Letztere,
gewinnbringend für die Eigentümer.

Zwischennutzung heute

Der Begriff Zwischennutzung ist heute


weitaus positiver besetzt. Es geht dabei
um die temporäre Nutzung von städti-
schen Brachflächen, häufig mit sozialem
und/oder kulturellem Hintergrund. Dazu
gehören auch Urban Beta aus Berlin. Die
Gruppe war schon vor ihrem Zusammen-
schluss im März 2019 über gemeinsame
Arbeiten vernetzt und sattelt mit ihren
Ideen auf bestehende Konzepte auf. Zu-
gleich gehen sie aber auch daüber hin-
aus, suchen brachliegende Flächen in der
Stadt und entwickeln Ideen zur Zwischen-
nutzung. Dabei fokussieren sie sich auf
eine bestimmte Zielgruppe – nämlich
Wohnraum, nicht ausschließlich, aber vor
allem für Obdach- und Wohnungslose.
(Schätzungen des Berliner Senats und der
Wohlfahrtsverbände stellen 60.000 Woh-
nungs- und Obdachlosen 37.000 Notun-
terkünfte gegenüber.)
Urban Beta denkt aber nicht in Einzelob-
jekten wie Containern, Zelten oder Tiny
Houses, sondern im Maßstab von Nach-
barschaften. Bereits bestehende sollen
bereichert, andere neu entwickelt wer-
den. Ein Vorbild dafür ist das Wiener
Modell VinziRast-mittendrin, wo ehemals
Obdachlose zusammen mit Studenten in
Wohngemeinschaften mit Werkräumen
und Gastronomie leben, arbeiten und
feiern. Ähnliches schwebt auch Urban
Beta und seinen Projektpartnern mit ihren
„zirkulär entworfenen und suffizient cho-
reografierten grünen Raumsystemen“ vor.
Die fünf Protagonisten – Anke Parson,
Florian Michaelis, Marvin Bratke, Elisa
Wissemann und Andreas Vetter – haben
alle einen planerisch-organisatorischen
Hintergrund. Ein kluger Schachzug war
Wie sehen innovative Wohnformen für Obdach- deshalb, sich mit der Stadtmission Berlin
einen Partner mit einschlägiger Erfahrung
lose aus und welche Rolle können Zwischen­ im sozialen Bereich zu suchen. Anfangs
nutzungen dabei spielen? Urban Beta aus Berlin neugierig, dann mit wachsendem Interes-
se, hat die Stadtmission inzwischen ihre
sucht interdisziplinär nach neuen Lösungen. offizielle Partnerschaft erklärt. Karin Hol-

WEITER
16 Köpfe 2 bis 6
schon da, ihre Bedürftigkeit und Bedürf-
Strategie nisse auch. Aber genau hier muss ausge-
lotet werden: Was möchten die Einzelnen,
und was können sie? Nach Jahren auf der
Straße fällt es vielen Obdachlosen schwer,
sich dauerhaft in geschlossenen Räumen
aufzuhalten oder gar die Verantwortung
für eine eigene Wohnung zu übernehmen,
etwa im Rahmen des dreijährigen Hous­
ing-First-Programms. Hier genügt viel-
Baufeld A Baufeld B leicht ein Waschraum mit Toilette. Andere
finden gerade in einem partizipativen Pro-
zess einen Anker und möchten sich enga-
gieren. Es geht also zunächst um ein eher
Maximum 5 Jahre Umzug Maximum 5 Jahre Umzug Maximum 5 Jahre niederschwelliges Angebot, das in ver-
schiedene Richtungen ausbaufähig ist.

Regelwerk Anordnung Vorfabrizierte Elemente Der richtige Zeitraum

WOHNR AUM Die Initiatoren denken in Zeiträumen von


rund fünf Jahren. „Das ist eine bewegliche
FUNK TIONS-
Größe; es können auch zwei oder drei
R AUM
sein“, sagt die Architektin und Stadtplane-
GRÜNE rin Anke Parson. Durchschnittlich fünf Jah-
ERSCHLIE SSUNG
re dauert ein Genehmigungsverfahren
für „normale“ Bauprojekte, für Urban Beta
eine Spanne, in der die wartende Fläche
mit schnelleren Planungsprozessen sinn-
voll genutzt werden kann. Ein weiterer klu-
ger Gedanke im Gesamtkonzept ist die
Permanenz, auf die die meisten Baupro-
Stapelung Gemeinschaftsfunktionen jekte abzielen, in Mobilität umzudefinie-
ren. „Weg von der temporären Nutzung
hin zur mobilen Wiederverwendung“, fasst
Anke Parson zusammen; „dynamisches
zinger leitet den Bereich Wohnungshilfen; weitern, nicht nur durch den ausschließ- Wohnen“ nennt das ihr Kollege Andreas
sie und ihre Kollegen seien von Anfang an lichen Einsatz ökologischer, aufbereiteter Vetter, der seinen Hintergrund mit „Physik
begeistert von der „Mischung aus Idealis- und nachwachsender Materialien mit und nutzerorientiertes Design“ beschreibt.
mus und Pragmatismus“ von Urban Beta geringem oder positiven CO2-Fußabdruck, Die Vision geht in Richtung eines nomadi-
gewesen: „Sie denken groß, verstehen ihr sondern auch durch das Denken von schen Dorfs, das durch Modulbauweise
Fach und stellen wichtige Fragen, etwa Architektur als Strategie, vom Beginn der wachsen oder schrumpfen kann.
wie sich das Wohnen verändern muss. Sie Materialschöpfung bis hin zur Wiederver- Aktuell sehen Urban Beta und die Stadt-
denken die sozialen Randgruppen mit wendung oder Rückspeisung in die jewei- mission ihre gemeinsamen Bemühungen
und wie ihnen inmitten gemischter Nach- ligen Kreisläufe“, erläutert der Architekt darin, ein Pilotprojekt zu realisieren, das
barschaften Normalität vermittelt werden Marvin Bratke. Die Stadtmission wiederum auf andere Orte übertragbar ist. Da es sich
kann.“ hat den Kontakt zu den Menschen, an die ausdrücklich nicht um eine homogene
sich das Angebot richtet. Obdachlosenunterkunft, sondern um Ge-
Multidisziplinäres Arbeiten Aktuell befindet sich das Projekt in einer meinschaften handeln soll, die eine Ver-
Laborsituation. Am Beispiel eines konkre- mietung an temporäre Nutzer wie Studen-
Architektur, Stadtplanung, IT, Werbung, ten Grundstücks in Berlin-Friedrichshain, ten oder Gewerbe miteinschließt, erhof-
Design – Urban Beta ist vielstimmig be- das der Deutschen Bahn gehört, arbeiten fen sich die Beteiligten eine Querfinanzie-
setzt. Jeder bringt seine Expertise ein: die Akteure an einer Machbarkeitsstudie. rung innerhalb des Projekts. Derzeit laufen
durch „mapping“ etwa, wenn es darum Schon zu diesem Zeitpunkt werden zu- Gespräche auf Senats- und Bezirksebene,
geht, sogenannte vorgehaltene und da- künftige Nutzer eingebunden, die auch um Fördermittel zu akquirieren – und um
mit vorübergehend ungenutzte Flächen später ihre eigenen Räume mitgestalten sich auch politische Unterstützung zu si-
und ihre Potenziale zu identifizieren. Durch sollen. „Stadt ist Gemeingut! Menschen zu chern. Die Signale sind positiv, erzählt
baurechtliches Knowhow, wenn es um die befähigen, an der Entwicklung von Städ- Anke Parson, denn die Notlage sei allen
subtile Unterscheidung von Wohnen und ten teilzuhaben, ist für uns ein Lösungsan- bewusst, der Handlungsdruck entspre-
Unterbringung geht – was jeweils andere satz, um dem gebauten Lebensraum sei- chend groß. Bisher allerdings handele es
Standards und Genehmigungsverfahren nen ursprünglichen Wert und die Identität sich um ein rein ehrenamtliches Engage-
bedeutet. Durch den Nachhaltigkeitsge- sowie Individualität der Gesellschaf t ment, das aber „sehr viel Spaß macht“.
danken, der in diesem Fall nicht nur die zurückzugeben“, lautet die Forderung des
ökonomische, sondern auch die ökologi- Architekten Florian Michaelis an sich WWW.
sche Verträglichkeit trotz des temporären selbst und seine Mitstreiter. Die Keimzelle URBAN-BE TA .
Charakters eines Ensembles gewährleis- ist ein sogenannter Safe Place, eine schon DE
ten will: „Wir versuchen, das grundsätz- bestehende nächtliche Notunterkunft der
liche Verständnis des Bauwesens zu er- Stadtmission. Die Menschen sind also
Beton.
Für große
Ideen.

Konzerthaus, Blaibach – Deutschland


Peter Haimerl

www.beton-fuer-grosse-ideen.de
18

Die neue Freude am Seriellen


zeigt sich etwa beim Akademie­
gebäude für die GIZ bei Bonn
von Waechter + Waechter.
19

6
Ideen:
SEITE
20
Akademie in
Bonn
SEITE
30
Mehrfamilien­
wohnhaus in Berlin
SEITE
40
Ladestation in
Fredericia
SEITE
50
Hostel in
Warnemünde
SEITE
62
Museum in
Lausanne und
Tanzhaus in Zürich
FOTO: THILO ROSS
20 Ideen 1

1
21

Pfahlbau
der Moderne
In Bonn offenbart ein Bauwerk die
ganze Dimension von architek­
TITELTHEMA
VORFERTIGUNG tonischem Ausdruck, ingenieur-
technischer Präzision und werk-
seitigem Vorfertigungsgrad, die
einen modernen Holzbau heute
auszeichnen. Die Deutsche Aka-
1 Hölzerne Waben-
struktur mit 44 demie für Internationale Zusam-
menarbeit (AIZ) wird als Seminar-
Schulungsräumen
im Wald bei Bonn.
Hier werden die
Mitarbeiter auf
ihre oft riskanten
und Trainingszentrum für die Deut-
Ein­s ätze in Schwel-
len- und Entwick-
sche Gesellschaft für internatio-
lungsländern vor­
bereitet.
nale Zusammenarbeit (GIZ) ge-
nutzt. Die Architekten setzten ihre
Vision eines Lernhauses mit Lern-
landschaften um.

Kritik:
Marc Wilhelm
Lennartz

Fotos: Architekten:
Thilo Ross Waechter + Waechter Architekten
22

2
Ideen 1 23
24

3
Ideen 1 25

2 Zweigeschossige
Lernlandschaft
für anstrengende
Auslandseinsätze
im Kottenforst
3 Innen wie außen ist
das Bauwerk mit
Dreischichtholzplat-
ten verkleidet.
4 Im Inneren bleiben
die Holzoberflächen
sichtbar, sie sind
jedoch weiß lasiert
und an der Decke
akustisch wirksam
gelocht.
5 Im Obergeschoss
gelangt reichlich
Tageslicht in die
Räume, auch wenn
die Bäume ringsum
belaubt sind und
Licht wegnehmen.

5
26 Ideen 1

1 2

3 4

FOTOS: ARCHIV ARCHITE K TE N; OBE N LINKS: M ARC WILHE L M LE NNART Z; M IT TE RECHTS: GROSSM ANN
1 Das Skelett besteht
aus BSH-Stützen und 5
-Trägern.
2 Ankunft des pyrami-
denförmigen Dach-
aufsatzes
3 Zugkopplungsble-
che am Deckenkno-
tenpunkt aus Stahl
(Mock-up)
4 Die vorgefertigten
Hohlkastenelemen-
te mit Auflagerwin-
keln aus Stahl für
die Decke wirken
aussteifend.
5 Die Skelettkonstruk-
tion im Bau
27

F
klang fügt sich unaufgeregt in die natur- schen Leitungen für Elektro, Heizung und
nahe Umgebung des angrenzenden Kot- Lüftung verlegt. Unter- beziehungsweise
tenforsts ein. Transparenz, Licht und aus- innenseitig schließen sie mit Fichtenholz-
gedehnte Holzoberflächen charakterisie- Dreischichtplatten ab, sowohl bei den
ren die 44 Schulungs- und Seminarräume. Decken als auch bei den Wänden, in Weiß
Das verglaste Foyer mit Café und Pausen- lasierter Sichtqualität mit definierten Lo-
bereich eröffnet das, was durch zahlrei- chungen. Dadurch ist es gelungen, in ei-
orschung und Entwicklung zum Baustoff che Lichtgauben im Dach vollendet wird. nen Bauteilprozess sowohl die konstrukti-
Holz haben im deutschsprachigen Raum Zudem gewähren großflächige Vergla- ven als auch die raumakustischen und die
die Möglichkeiten in Präzision, Durchsatz sungen der einzelnen Lerneinheiten, die gestalterischen Aspekte zu integrieren –
und Qualität in den letzten drei Dekaden allseitig um zwei Innenhöfe gruppiert ein Paradebeispiel für durchdachte Holz-
kontinuierlich auf eine neue (Vorferti- wurden, vielfältige Ein- und Ausblicke. baueffizienz.

D
gungs-)Ebene gehoben. Dabei wurde der Dabei wechseln sich variabel teilbare und
Bauprozess, geschützt vor Wind und Wet- geschützte Lernräume am Rand mit Frei-
ter, zunehmend in die Werkhallen verlegt räumen im Zentrum ab, die von Bücherre-
und damit exakt kalkulierbar. Im Holzbau- galen zurückhaltend zu Lerninseln zoniert
betrieb wandern die 3D-Daten aus der werden.
CAD/CAM-Planung direkt in die CNC- und
Anlagentechnik; dort überführen auto- Systematisierte Bauweise
matisierte Abbund- und Bearbeitungs-
straßen die Materialeigenschaften des Die wabenar tige Holzbaust ruktur der ie den Bau stilisierende, pyramidenartige
vorelementierten Holzes in jede denk­ Akademie basiert auf lediglich zwei Ras- Dachkonstruktion setzt sich aus je zwei
bare, architektonische Idee, inklusive ge- tern von 5,25 × 5,25 Metern und 3,50 × 5,25 vorproduzierten, asymmetrischen Hohl-
schweifter oder gekrümmter Freiformen. Metern, die von einer Skelettkonstruktion kastenelementen und zwei dreifach-ver-
Auch die Dämmung kommt inzwischen aus Brettschichtholz (BSH) getragen wird. glasten Dachelementen zusammen. Letz-
automatisch dazu. Auf der Baustelle wer- Dabei lagern die BSH-Träger von Dach tere sorgen für den großzügigen Tages-
den dann die millimetergenau vorprodu- und Decke auf geschosshohen BSH-Pen- lichteinfall in jede einzelne Raumeinheit.
zierten und „just in time“ angelieferten delstützen, die einen prägnanten, kreuz- Dabei folgen die dreieckigen Elemente
Stützen und Träger, Wand-, Decken- und förmigen Querschnitt aufweisen. den beiden vorgegebenen Rastern, wor-

I
Dachelemente in Kurzzeit zum Bauwerk aus zwei Dachmodultypen resultieren, bei
gerichtet. denen das rechteckige Rastermaß von
3,5 × 5,25 Metern unterschiedliche Dach-
Struktur ist Form ist Struktur neigungen aufweist.
Die neue Akademie bietet dem prozess-
Eine umfängliche Verbindung dieser Holz- haften Lernen mit ihren offenen Raum-
bauqualitäten hat bei der neuen Akade- strukturen idealtypische Entwicklungs-
mie der Deutschen Gesellschaft für Inter- möglichkeiten. Die Ausführung in Holz
nationale Zusammenarbeit (GIZ) in Bonn- n die demontierbaren Stützen integrierten dokumentiert einmal mehr die vielfälti-
Röttgen eine meisterliche Ausführung die Tragwerksplaner die Verkabelung und gen Qualitäten des zeitlosen Baustoffs,
erfahren. Im Gebäude werden die Mitar- die Dachentwässerung. Über diese sys­ dem als industrialisiertem Handwerk kei-
beiter auf ihre weltweiten Einsätze vorbe- tematisierte Bauweise ist es gelungen, so- ne (architektonischen) Grenzen mehr ge-
reitet; das Darmstädter Büro Waechter wohl den Bauprozess als auch die Ausfüh- setzt sind.
und Waechter hat dazu das Grundprinzip rung zu optimieren und auf definierte Teil-
lebenslangen Lernens in geometrische gewerke zu beschränken, was sich etwa Pläne auf den
Formen übertragen, die zunächst an prä- in wiederholenden Anschlussdetails und folgenden Seiten
historische Pfahlbauten aus der Stein- und Bauelementen widerspiegelt. Die Ausstei-
Bronzezeit erinnern – zugleich aber auch fung des barrierefreien Gebäudes wird
vom Geist der Moderne zeugen. Ein mo­ von zwei Erschließungskernen bewerk-
saikartig aufgebautes Lerncluster bildet stelligt, die brandschutzbedingt aus Stahl-
die Grundstruktur und will als gebauter beton in F90-A gefertigt wurden und zu-
Leitsatz Partizipation und Transparenz er- gleich dessen Vertikallasten abtragen.
möglichen. Das durchgängige Ordnungs- Darin befinden sich die Treppenhäuser,
prinzip des Bauwerks, das rasch erfahr- ein Aufzug, das gebäudetechnische Lei-
und fassbar ist, vermittelt dabei Halt und tungssystem und die Toiletten. Darüber
Stärke. Die Architekten erweisen sich mit hinaus existieren noch zwei weitere Flucht-
dieser Art Strukturalismus als Künstler der treppenhäuser, die das Brandschutzkon-
geometrischen Form, die im Werkstoff zept mit Rauchmeldern vervollständigen
Holz eine konsequente Entsprechung und die Konstruktion mit ihren Stahlbeton-
gefunden hat. wandscheiben aussteifen.

Organischer Dreiklang Industrialisiertes Handwerk

Der Holzbau gliedert sich in drei Teile: ein Die als aussteifende Scheibe ausgeführte
transparentes Erdgeschoss, darüber das Deckenkonstruktion setzt sich aus vorge-
mit außenliegenden Lamellen verschat- fertigten Hohlkastenelementen zusam-
tete Obergeschoss und ein pyramiden- men. In einen Hohlraumboden, oberhalb
ähnlicher Dachabschluss. Dieser Drei- der Deckenelemente, wurden die techni-
28 Ideen 1

Vertikale Lärchen-
M 1:5 0

holzlamellen dienen
als außenliegende
Verschattung des
Obergeschosses.

2 3

M 1:4 . 0 0 0
1 Detailschnitt 4 Anschluss des
Fassade Deckenelements
2 Sprengisometrie an die Unterzüge
der Bauteile 5 Anschluss des
3 Lageplan Deckenelements
an den Stahlbe-
tonkern

4 5
M 1: 2 5
29

BAUHERR: 6
Deutsche Gesellschaft
für Internationale
Zusammenarbeit (GIZ)
GmbH, Bonn

ARCHITEKTEN:
Waechter + Waechter 7
Architekten BDA,
Darmstadt
Felix und Sibylle
Waechter
waechter-architekten.de

BAULEITUNG:
Waechter + Waechter
Architekten BDA,
Darmstadt, mit ap88
Architekten Partnerschaft
mbB, Heidelberg

MITARBE ITE R:
Esther Ferreira Lopes,
Nils Meyer, Ella Beinhofer, 8
Kathrin Schnur 6 Schnitt
7 Obergeschoss
WERKPLANUNG HOLZ- 8 Erdgeschoss
BAU, VORFERTIGUNG
UND MONTAGE:
Grossmann Bau GmbH & Co.
KG, Rosenheim

TR AGWERKSPL ANER:
Merz Kley Partner ZT GmbH,
Dornbirn

BAUPHYSIK + AKUSTIK:
Müller-BBM GmbH,
Planegg/München

TGA:
HL-Technik Engineering
GmbH, München

BRANDSCHUTZ:
BPK Fire Safety

M 1: 8 0 0
Consultants GmbH & Co. KG,
Düsseldorf

FERTIGSTELLUNG:
Dezember 2017

STANDORT:
AIZ Akademie der
Deutschen Gesellschaft
für Internationale
Zusammenarbeit (GIZ)
am Campus Kottenforst,
In der Wehrhecke 1,
Bonn-Röttgen
30 Ideen 2

1
31

Standards
1 Die Giebelseite des
Berliner Wohnhau-
ses von FAR frohn
& rojas mit dem
offenen Treppen-
haus und den Loggi-

fordern
en der einzelnen
Wohneinheiten.
Das Gebäude setzt
sich aus Betonfertig-
teilen zusammen.

Askese

TITELTHEMA
VORFERTIGUNG

Otto Steidle hat es in den 1970er-Jahren vorgemacht:


Wohnungsbau als Systembau. Jetzt haben die Archi­
tekten von FAR frohn & rojas etwas ganz Ähnliches in
Berlin-Moabit versucht und ein Wohnhaus entworfen,
das sich sichtbar aus Betonfertigteilen zusammen-
setzt. Unser Autor hat das Gebäude besucht und
erläutert die Vor- und Nachteile des Konzepts.

Kritik: Architekten: Fotos:


Falk Jaeger FAR frohn & rojas David von Becker
32

2
Ideen 2 33
34

3
Ideen 2 35

2 Das Wohngebäude
wurde in einer
Baulücke in Berlin-
Moabit errichtet.
Aufgrund der Lage
an einer Straßen-
kreuzung hat es drei
freie Seiten.
3 Die Laufgitter dienen
als Absturzsiche-
rung. Es handelt sich
dabei um ein Indus-
trielprodukt aus
hellgrünem, glasfa-
serverstärktem
Kunststoff.
4 Auch im Innern des
Gebäudes herrscht
Betonpurismus vor.
Die Grundrisse der
Wohnungen sind
dank des Tragwerks
flexibel einteilbar.
5 Der Aufzug befindet
sich giebelseitig
im offenen Treppen-
haus.

5
36

K
osten minimieren im überteuerten Woh-
nungsbau? Ideen hatte Marc Frohn ge-
1 2

nug, aber um sie auszuprobieren, brauch-


te er ein passendes Grundstück. Nach
jahrelanger systematischer Suche wurde
der Partner von FAR frohn & rojas in Moabit
fündig, und es gelang ihm sogar, das
Grundstück zu erwerben: ein typisches
Berliner Wohngebiet, entstanden um 1895,
doch mit Fehlstellen, denn die Kreuzung
Waldenser/Emdener Straße war im Krieg
weggebombt worden. Eine der Ecken
blieb seitdem unbebaut. Zwei Straßen
und der Hof, drei freie Seiten also, erwie-
sen sich für Frohns Projekt als ideal, denn
er wollte durch Vor fabrikation Kosten
drücken. Die Logik von Industriehallen
schwebte ihm vor, sechsmal übereinan- 3
dergestapelt.

Industriebau zum Wohnen

Das System ist schnell erklärt: Fertigteil-


stützen und Unterzüge an den Längssei-
ten, vorgespannte π-Platten, die über die
gesamte Tiefe des Hauses 13,5 Meter
spannen, die Brandwand einerseits und
ein monolithisches Treppenhaus mit Auf-
zug andererseits als Festpunkte. Die unge-
teilten Flächen erlaubten für das Büroerd-
geschoss und die zehn Wohnungen darü-
ber individuelle Grundrisse in Trockenbau.
Die giebelseitige Achse blieb kalt. Sie
nimmt die Loggien, den Aufzugsturm und
das offene Treppenhaus auf.

A
ls an den Längsseiten vor die Konstruktion
gestellte Außenhaut dient eine ebenfalls
4
1 Die Fertigteilstützen
aus Beton auf der
Baustelle
2 Ein typischer Kno-
tenpunkt mit Stütze,
Unterzug und vor­
gespannter π-Platte
verfügbare Standard-Vorhangfassade mit 3 Die verwendeten
raumhohen Schiebefenstern. Lediglich Bauteile hatten ein
zwölf Isokörbe waren als Sonderelemente Gewicht von bis zu
bei den Konsolen an den Loggien von­ zehn Tonnen.
nöten, wo die kalten Unterzüge an das 4 Die Montage erfolg-
warme Tragwerk anschließen. Da ein te über einen Mo-
Auskoffern der Vorkriegsfundamente zu bilkran, der die Kon-
teuer gewesen wäre, gibt es kein Keller­ struktion in sechs
FOTOS: FAR FROHN & ROJAS

geschoss. Deshalb steht das Haus auf Wochen aufstellte.


Bohrpfählen.
Will man die ökonomischen Vorzüge des
Betonfertigteilbaus nutzen, stehen in­
zwischen leistungsfähige Firmen bereit,
die aus DDR-Plattenbauwerken hervorge-
gangen sind. Kosten minimieren kann
Ideen 2 37
man insbesondere dann, wenn man sich weise ein Schlafzimmer. Die einachsigen den in einem hellen Blau gestrichenen
auf deren Vorgaben einlässt. In diesem Loggien sind nur knapp drei Quadratme- dünnen Handläufen der Treppe. Ansons-
Fall existierten die Schaltische für das In- ter groß und haben kaum Nutzwert, vor ten herrscht Grau oder Weiß vor. Das gilt
dustriehallensystem mit den vorgespann- allem jene an der Nordostecke. Einen ge- natürlich für die Sichtbetonteile und alle
ten π-Platten bereits. Die Platten waren wissen Ersatz bieten die Schiebefenster, Estrichböden, das gilt aber aber auch für
jedoch für Frohns Anwendungsfall zu breit. die sich achsbreit und raumhoch öffnen die Brüstungstafeln, die Rippenrohrheiz-

D
lassen. All die Rückgriffe auf verfügbare körpern (Industriestandard) und die Ein-
Bausysteme haben zu Nettobaukosten bauküchen.

I
von 1.500 Euro pro Quadratmeter BGF zu-
züglich Planungshonorar geführt. Der pla-
nerische Aufwand, so Frohns Erkenntnis, ist
größer als beim konventionellen Bauen.
Man muss sich mit einer fertigteilgerech-
ten Statik einrichten, was freilich auch im
ie Achsmaße anpassen und die Schalung weiteren Ablauf Vorteile bringt, denn der
umrüsten hätte 40.000 Euro gekostet. So individuelle Wohnungsausbau ist als Flä-
wurden hölzerne Begrenzungen einge- chenlast nachgewiesen und nicht mehr m Endeffekt sind Wohnungen entstanden,
stellt, um die Randbreite zu kürzen. Stoßen einzeln zu rechnen. die sich jeder Anmutung enthalten. Man

W
nun die π-Platten aneinander, entstehen könnte auch sagen, sie sind das exakte
unterschiedliche Abstände zwischen den Gegenteil von gemütlich. Mithin für Men-
Stegen – ein Umstand, der sich im Stützsys- schen, die diesen asketischen Stil mögen,
tem leicht ausgleichen lässt. Da die Bau- die sich eines sündhaft teuren Fahrrads als
teile bis zu zehn Tonnen wiegen, wurde für Wandschmuck erfreuen, nackte Glühbir-
die Montage ein Mobilkran geordert, der nen lieben und ihre Möbel beim Baustel-
die Konstruktion in sechs Wochen aufstell- leneinrichter besorgen. Andere, die nur
te. Zeitbestimmend war vor allem die auf der Zufall des prekären Wohnungsmarkts
die π-Platten aufzubringende, sechs Zen- egen der Verwendung von Standardsys- in diese puristischen Räume verschlagen
timeter starke Betonschicht, die jeweils temen musste das Projekt weitgehend hat, werden reichlich Wandfarbe, Teppi-
übers Wochenende aushärten musste. vorgeplant werden. Das bedeutet, dass che und Vorhänge brauchen, um sich
die Leistungsphase 5 vor der Vergabe der wohlzufühlen. Aber jeder nach seiner Fas-
Bauen mit Standards Rohbauleistungen steht. Mit den Firmen son, das gilt natürlich auch hier in Moabit.
galt es einen Modus jenseits routinierter
Standard ist die Brüstung als Absturzsiche- Abläufe zu finden. Im Fall der Waldenser- Pläne auf den
rung vor den raumhohen Fenstern, eigent- straße sind die Hersteller weit mitgegan- folgenden Seiten
lich ein Industrielaufgitter aus hellgrünem, gen, bevor sie den endgültigen Auftrag
glasfaserverstärktem Kunststoff, und Stan- erhalten konnten. FAR frohn & rojas sind
dard ist auch das Drahtseilnetz anstelle nun dabei, die Erfahrungen für das nächs-
einer äußeren Treppenhauswand. Stan- te Projekt dieser Art zu nutzen, und werden
dard ist das Industriehallendach aus Tra- wieder selbst als Bauherr auftreten, denn
pezblech, Standard ist auch das tonnen- Entwickler und Investoren lassen sich auf
förmige Oberlicht auf dem Dach, das die derlei experimentelle Bauweisen noch
Wohnung im fünften Stock zusätzlich be- nicht ein.
lichtet.
Eine Terrassennutzung des begrünten Da- Betonästhetik
ches war übrigens vonseiten des Bezirks-
amts nicht erlaubt. Die Berliner Bezirke Bleibt ein Wort zur ästhetischen Erschei-
handhaben das unterschiedlich – eine nung zu sagen. Die kompromisslose Hal-
überflüssige Vorschrift, denn Dachgärten tung der Architekten ist eindeutig: Präzise
erhöhen die Wohnqualität und die Nut- und diszipliniert sind die Dinge gefügt.
zung innerstädtischer Flächen und ver- Konstruktion und Material prägen unver-
meiden so manchen Ausflugsverkehr Er- fälscht, ja geradezu trocken-humorlos
holungssuchender. den Ausdruck der Architektur. Es handelt

N
sich mithin nicht um eine delikate High-
Tech-Architektur, denn an keiner Stelle
wird die technische Form oder materielle
Erscheinung ästhetisch oder designmäßig
überhöht. Die Großform und jedes Detail
sind so geworden, wie sich ihre Gestalt
nach technischen und ökonomischen Kri-
terien ergeben hat.
achteile der peripheren Erschließung von Das reicht bis zu den billigen Aufputz-Drei-
zwei Wohnungen je Geschoss vom Ostgie- fachsteckdosen an den nackten Beton-
bel her zeigen sich bei den Grundrissen. In wänden, wie man sie früher in Altbau-Stu-
zwei Etagen ergibt sich je eine reine Nord- dentenbuden hatte – und geht in diesem
wohnung. Im dritten bis fünften Oberge- Fall auch einen Schritt zu weit. „Freundli-
schoss haben die Nordwohnungen noch che“ Farbtupfer findet man nur in Form der
ein Zimmer nach Süden, unglücklicher- hellgrünen Kunststoffgeländer oder bei
38

1 3
M 1: 2 . 0 0 0

M 1: 2 5 0
2

BAUHERR: TR AGWERKSPL ANER:

M 1: 2 5 0
Privat IB Paasche, Leipzig

ARCHITEKTEN: FERTIGSTELLUNG:
FAR frohn & rojas September 2019

MITARBE ITE R: STANDORT:


Marc Frohn, Waldenserstraße 25,
Mario Rojas Toledo, Berlin
Max Koch,
Ulrike van den Berghe,
Lisa Behringer,
Ruth Meigen,
Martin Gjoleka,
Felix Schöllhorn,
Pan Hu,
Julius Grün,
Erik Tsurumaki,
Katharina Wiedwald 1 Lageplan 6 1. OG
  2 Bauteile 7 2. OG
3 Querschnitt 8 3. OG
4 Längsschnitt 9 4. OG
5 EG 10 5. OG
Ideen 2 39

7 10

6 9

M 1: 2 5 0
5 8
40 Ideen 3

1
41

Tanken im
Hain
Als erste von 48 Stromtankstellen
für skandinavische Autobahnen
TITELTHEMA

wurde die Ladestation im däni- VORFERTIGUNG

schen Fredericia fertiggestellt. Die


Architekten des Kopenhagener
Büros Cobe entwickelten dafür
ein Modulsystem, das sich je nach
Standort an unterschiedliche Ge- 1 Die Station in
Fredericia ist die

gebenheiten und Anforderungen


erste gebaute
Version des Sys-
tems und wurde

anpassen kann. Ihr Ziel war es, ein vom Auftraggeber


als eine Art Vor­

angenehmes Umfeld zu schaffen, zeigeprojekt und


„Flagship“ mit

in dem sowohl Autos als auch die vier Ladestraßen


aus­g elegt.

Fahrer ihre Batterien wieder auf-


laden können.

Fotos:
Architekten: Kritik: Rasmus Hjortshøj/
Cobe Sabine Schneider Coast
42

2
Ideen 3 43
44

3
Ideen 3 45

2 Auf den ersten Blick


vermittelt der höl-
zerne Pavillon den
Eindruck eines
überdachten Sitz-
platzes an einer
Raststätte.
3 Das Grundmodul
besteht aus einem
Stahlrohr als Kern
und acht hölzernen
Kragarmen.
4 Die Baumstützen
werden visuell mit
einem umlaufenden
Bretterband zusam-
mengehalten.
5 Bei dieser Ausfüh-
rungsvariante mit
zwölf Stützen stehen
vier Ladesäulen zur
Verfügung.

5
46

A
Dan Stubbergaa rd, der Gründer von
Cobe, „…als sauberer, ruhiger Rahmen Der Systemgedanke
mit Bäumen und mit Beeten“. Und Ulrich
Pohl, der Projektleiter, ergänzt, „bei dem
S
Ausbau des weiteren Ladenetzwerks geht
es uns in erster Linie um die Qualitätssi-
cherung beim Bau jeder neuen Station. In
rchitektur erwartet man hier am allerwe- der Planungsphase sind wir nur am An-
nigsten. Die neue Ladestation für E-Autos fang dabei, dann übernimmt der lokale
von Cobe Architects (siehe auch Seite 10) Planer in dem jeweiligen Land“.
liegt in einem belanglosen Gewerbege-
biet, zwischen Drogeriegroßmarkt und Stütze als Modul
Waschstraße, etwas außerhalb der jütlän-
dischen Hafenstadt Fredericia, an der Au- Die Baumstützen bilden das Grundmodul.
tobahn E20. Der Taxifahrer weiß allerdings Es kann einzeln stehen, sich aber auch zu M
sofort, was ich suche. Ja, er würde ja ei- einem ganzen Hain auswachsen. Die
gentlich auch gern E-Auto fahren, meint zwölf Stützen tragen dreieckige Dachpa-
er. „Manchmal wollen die Fahrgäste aber neele; manche Paneele fehlen, damit der
bis nach Hamburg oder Flensburg, und da Regen auf das Grün in der Mitte fallen
genügt eine Reichweite von 300 bis 400 kann und zudem insgesamt eine leichte,
Kilometern nun mal nicht.“ Soweit er ge- durchlässige Wirkung ähnlich wie bei
hört habe, seien E-Taxiunternehmen des- Baumkronen entsteht. Beim Blick nach
halb nicht sehr erfolgreich in Dänemark. oben spreizen sich die Stützen achtteilig
Er parkt seinen Wagen mit respektvollem und sternförmig auf. Auf dem Boden sind
Abstand zu dem hölzernen Pavillon, der schlichte, helle Betonplatten zwischen
L
nun vor uns steht. Der erste Eindruck beim rostfarbenen Leisten verlegt, die das Drei-
Aussteigen: Es stinkt nicht nach Benzin, ecksmuster der Dachuntersicht spiegeln.
sondern es duftet nach Holz. Zwölf baum- Die Stütze selbst besteht aus einem Stahl-
ar tige Stützen markieren ein luftiges, rohr, in dem das Regenwasser abgeleitet
rechteckiges, teilweise überdachtes Feld und Strom für die Beleuchtung geführt
mit zwei breiten, von Grünstreifen flan- wird; sie wird von acht Kragarmen aus Holz
kierten Korridoren für vier Fahrspuren und dicht umschlossen. Ulrich Pohl meint: „Wir
vier Ladesäulen; dazwischen wurde ein wollten gerne so viel Holz wie möglich ver-
kleiner Garten mit noch jungen Birken an- wenden, aber nur da, wo es angemessen
gepflanzt. Ein paar dreieckige Betonku- und sinnvoll ist.“ Wichtig sei es gewesen,
ben stapeln sich wie Bausteine im Zwi- die Stützen als „universellen Entwurf“ für XL
schenbereich und dienen als Bänke. Auch verschiedene Bedingungen auszulegen,
bei trübem Wetter, nicht nur nachts, wer- also auch für die hohen Wind- und Schnee-
den die Holzstützen durch eine warme Be- lasten im Norden Europas. Das „grüne
leuchtung hervorgehoben, was eine an- Herz“ solle dagegen an die jeweilige Ve-
genehme Atmosphäre erzeugt. Es ist nicht getation des Standorts angepasst wer-
viel los hier, nur ein älteres Ehepaar sitzt den. Solarpaneele können auf dem Dach
entspannt in seinem Tesla und vertreibt zwar nachgerüstet werden, aber im Ver-
sich die Aufladezeit am Laptop. gleich zum Strom, der hier gebraucht wird,
wäre der Ertrag viel zu gering. Dazu steht
Schöner laden etwas abseits im Grünen ein grauer Con-
tainer mit der Trafostation, die Schnittstel- Wichtig war den
Die Schnell-Ladestation – versprochen le zum Versorger. Auftraggebern ein
werden 15 bis 20 Minuten – haben die Ar- Wenn der Taxifahrer also lange genug im System, das sich
chitekten als Pilot- und Vorzeigeprojekt Geschäft bleibt, kann er sich vielleicht an verschiedene
zusammen mit dem Auftraggeber „Powe- doch noch ein E-Auto anschaffen, denn Standorte und
red by E.on Drive & Clever“ entwickelt. das Projekt gehört nicht nur zu einem Anforderungen an-
Grundidee war, die herkömmliche Tank- skandinavischen Netz, sondern ist der passen kann. So
stelle als nachhaltige, zukunkftsorienterte nördlichste Teil einer EU-geförderten Rei- entstand das Grund-
Ladestation neu zu interpretieren. In Zu- he entlang der europäischen Fernstraßen, modul mit einer
kunft werden sie wohl eher kleiner ausfal- die sich von Norwegen bis Rom erstrecken Baumstütze, das
len, da sie hauptsächlich direkt an Rast- soll. Inzwischen steht auch schon eine beliebig erweitert
stätten angehängt werden, um eine gute zweite Station an der E20 bei Knudshoved werden kann.
Infrastruktur zu gewährleisten. – auf halber Strecke nach Kopenhagen.
Hier in Fredericia können vier Autos gleich- So könnten in Zukunft E-Auto und Tankstel-
zeitig entweder nach dem CCS- oder le dazu beitragen, dass Langstreckenfah-
CHAdeMO -Sys tem ge l aden we rden, rer ihre Reise regelmäßiger und lieber un-
denn noch gibt es keinen einheitlichen terbrechen, um eine Pause einzulegen.
Stecker für alle Automarken. „Die Energie
und die Technik sind grün, daher wollten
wir, dass die Architektur, die Materialien
und das Konzept das widerspiegeln“, sagt
Ideen 3 47

1
BAUHERR:
Powered by
E.on Drive & Clever

ARCHITEKTEN:
Cobe, Kopenhagen

MITARBE ITE R:
Alexander Ejsing, 
Dan Stubbergaard,
Dorte B. Westergaard,
Eik Bjerregaard,
2
Jacob Lantow, 
Peter Hønnecke, 
Rasmus Lassen,
Ulrich Pohl

TR AGWERKS- UND
ELEKTROPLANUNG:
Arup, AB Clausen

STANDORT:
Fredericia,
Dänemark

M 1: 2 0 0
3
1 Westansicht
2 Grundriss
3 Die Komponenten
des Modulsystems
werden als eine Art
Ikea-Bauteilekarton
geliefert und kön-
nen von jedem
Schreiner innerhalb
eines Tages aufge-
baut werden. Die
Bauteile bestehen
alle aus recycelba-
rem Material und
sind ebenso leicht
wieder abzubauen
und zu versetzen.
48 kleine Werke

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Viele
graue Zellen

Was bedeutet „bauen“ eigentlich? Der Duden meint: etwas „nach Pläne, ohne Unterbrechung. Daraus entwickelte er die Projekte
einem bestimmten Plan in einer bestimmten Bauweise ausführen „Building/Prototype I und II“. Der zweite dieser Prototypen steht
[lassen], errichten, anlegen“. Die Definition macht deutlich, dass jetzt im Park Château du Feÿ im Burgund. Leschelier errichtete sei-
hinter dem Bauen eine Intention zu stehen hat, wie und auf welche nen Pavillon aus Betonblöcken und Mörtel. Das mitten im Wald ge-
FOTO: JE RE MY GUILLORY

Weise ein Bauwerk entstehen soll. Es geht aber auch anders: Der legene Ergebnis ist wuchtig und archaisch – eine spontane Kon-
französische Architekt und Künstler Marc Leschelier demontiert in struktion, bestehend aus einfachen Überlagerungen. Lescheliers
einer Serie von Projekten das Bauen als rationales Unterfangen. In Absicht war es, die Realität des Konstruktionsprozesses abzubil-
einem dreiteiligen Zyklus mit dem Namen „Worksite I, II und III“ den: Bevor ein Bau zum Objekt wird, ist er nichts anderes als eine
bearbeitete er die Baustelle als Performance – ohne Skizzen, ohne Ansammlung von Materie.

Text Vera Baeriswyl


N E I N FA M
T E I

LI
S
BE

EN
50

H ÄU S E R
E
DI

2 0 2 0

Daluz Gonzalez Architekten | Photo: Valentin Jeck


HÄUSER DES JAHRES gesucht!
Es überzeugt durch höchste architektonische Qualität, ist einzigartig und stimmig in Form, Raumgestaltung
und Materialität, wurde individuell für seine Bewohner entworfen und setzt sich mit seinem städtischen
oder ländlichen Umfeld angemessen auseinander: Gesucht wird das Haus des Jahres 2020 aus den 50 besten
Einsendungen des Wettbewerbs.

Die Bedingungen
Teilnahmeberechtigt sind Architekten aus dem deutschsprachigen Raum, die Urheber der eingereichten Projekte
sein müssen. Die Häuser sollen nach dem 1. Januar 2017 fertig gestellt und noch nicht in einer Buchpublikation
veröffentlicht worden sein. Die Teilnahmegebühr beträgt 190,- Euro pro Projekt. Die eingereichten Arbeiten
werden von einer unabhängigen Jury unter Vorsitz von Peter Cachola Schmal (Direktor DAM) beurteilt.

Die Preise
Der 1. Preis ist mit 10.000 Euro dotiert; weitere Büros bekommen eine Auszeichnung. Die 50 besten Ein-
familienhäuser aus dem Wettbewerb werden im Buch Häuser des Jahres 2020 veröffentlicht und in einer mehr-
wöchigen Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt präsentiert. Die Architekturzeitschrift
BAUMEISTER berichtet ausführlich über die Sieger. eschluss
Einsend
20
07.02.20
Jetzt anmelden:
www.haeuser-des-jahres.com
50 Ideen 4

1
51

Über- TITELTHEMA
VORFERTIGUNG

nachten
im
1 Die Vorzüge des
modularen Bauens
waren hier wegen
der hohen Standort-
authentizität aus-
schlaggebend für

Con-
die Architektur –
auch wenn diese in
Seecontainerbau-
weise keinen maxi-
malen Vorferti-
gungsgrad erlaubt.

tainer
Überseecontainer sind in den Häfen der Ostseeküs-
te kein ungewöhnlicher Anblick – als Baumaterial
sind sie es schon. In Rostock-Warnemünde, direkt
gegenüber der S-Bahn-Haltestelle Warnemünde-
Werft, steht das von Holzer Kobler Architekturen
realisierte Design-Hostel Dock Inn: bestehend aus
76 ausgedienten Containern, die an ihre neue Funk-
tion angepasst und gestapelt auf einem zweige-
schossigen Stahlbetonmassivbau ruhen.

Kritik: Architekten: Fotos:


Nina Greve Holzer Kobler Jan Bitter
52

2
Ideen 4 53
54 Ideen 4

2 Das Hostel steht im


ehemaligen Werft-
gelände, etwa
15 Gehminuten vom
touristischen Orts-
kern entfernt. Die
Gegend wird nun
zunehmend von
Wohn- und Ferien-
häusern dominiert.
3 Als Gegensatz zu
den Container-
Gästezimmern bie-
tet der zweige-
schossige Sockel
viel Platz und Bewe-
gungsfreiheit.
4 Sichtbare Installati-
onen, containerarti-
ge Einbauten und
viel Metall verleihen
dem Inneren den
passenden Indus-
trieschick.

4
55

W
Geschoss wurden zudem fünf Container dann formal quasi erloschen“, so Trag-
so zusammengefasst, dass diese einen werksplaner Andreas Leipold, der für die
Spabereich mit „Hafensauna“ und Jakuzzi Container-Statik im Projekt verantwortlich
bilden. war. „Im Hostel wurden aber fast alle Con-
Brandschutz, Schallschutz und Wärme- tainer mehr oder weniger bearbeitet. Die
schutz waren die zu erfüllenden techni- Stirnseiten wurden alle und teilweise gan-
schen Anforderungen an den Innenaus- ze Längsseiten geöffnet. In diesem Fall
ir haben die Container alle um 30 Grad bau, während gutes Design, Praxistaug- mussten zusätzliche Stahlstützen einge-
gedreht und so ausgerichtet, dass die lichkeit und ein möglichst großzügiges fügt werden, die die Last zu den Boden-
Gäste aus den großen Fenstern an der Raumgefühl zu den Wünschen der Bau- randträgern leiten. Das funktioniert aller-
Straßenseite einen Blick auf die Warnow herren und der Betreiber gehörten. Durch dings nur, wenn darunter Container mit
und die Schiffe haben“, erklärt Philip Nor- eine effektive Innenwanddämmung blei- geschlossenen Längswänden stehen. Zu-
man Peterson vom Büro Holzer Kobler. ben im Inneren 2,20 Meter lichte Breite dem wurden die Container durch eine Art
„Durch die Rotation fächert sich das Ge- und die Container von außen unverklei- Fachwerkträger, kleine Quadratstützen
bäude quasi auf.“ Es entstehen Vor- und det. mit Diagonalen in der Dämmebene, ver-

D
Rücksprünge, die eine lebendige Fassade stärkt, um die Lasten in die Eckknoten zu
ohne Auskragungen erzeugen. Eine Aus- leiten.“
kragung entspricht nämlich nicht dem
Wesen der Überseecontainer, die statisch Brandsimulation im Computer
darauf ausgelegt sind, die Lasten über
ihre Eckpunkte abzutragen.  Und der Brandschutz? Der Bau mit Contai-
Den ersten Eindruck allerdings bildet stra- nern ist bislang ungewöhnlich und auch
ßenseitig eine Laubengangkonstruktion für die prüfenden Behörden und Ingenieu-
aus Stahl und Stahlbetonplatten. Sie steht er Ausbau fand übrigens ausschließlich re mehr oder weniger ein Novum. Im Fall
vor den Containern und dient gleichzeitig vor Ort statt. Die Container waren als des Dock-Inn wurde durch ein so genann-
der Erschließung und den Gästen als Frei- Stahl-Rohbau ohne Fenster auf die Bau- tes Naturbrandereignis, eine komplexe
sitz. Ein Stahlbeton-Basissockel beher- stelle geliefert worden. „Uns ging es nicht Computer-Brandsimulation, der Brand-
bergt die öffentlichen und halböffentli- nur darum, durch modulare Bauweise mit schutz auch für die von außen unverklei-
chen Bereiche wie die Lobby mit diversen hohem Vorfertigungsgrad schnell und deten Containerboxen nachgewiesen.
Sitzgelegenheiten, ein Restaurant, eine günstig zu bauen, sondern auch um die Ein wesentlicher Bestandteil des Brand-
Küche für Selbstkocher und, durch eine Besonderheit der Container-Ästhetik“, er- schutzkonzepts ist die statisch eigenstän-
Tordurchfahrt getrennt, eine große Boul- klärt hierzu Dock-Inn-Geschäftsführer dige Laubengangkonstruktion. Die Stahl-
derhalle. und Projektentwickler Christoph Krause. betonplatten, die auf den Stahlgitter­
Drinnen herrscht eine lässig entspannte Aber lassen sich Container einfach so als rosten liegen, verhindern nicht nur den
Atmosphäre. Sie ist dem Architekturbüro Bauelemente in ein Tragwerk einfügen? Brandüberschlag in die darüberliegen-
Kinzo aus Berlin zu verdanken, denn sie den Geschosse, sondern gewährleisten
haben im überwiegend zweigeschossi- Anpassung an die neue Nutzung vor allen Dingen ein gefahrloses Flüchten
gen Lobbybereich das Containerthema der Gäste über die Laubengänge in die
mit Industrie-Design auch im Inneren er- Das statische Grundprinzip des Projekts ist Treppenhäuser. 

S
lebbar gemacht. Das Dock-Inn gilt daher an sich einfach: Die Seefrachtcontainer
heute als lässige Location für junge Leute wurden übereinandergestapelt, in der
und für alle, die einen Hotelstandort mit Vertikalen miteinander verbunden und
Blick auf S-Bahnlinie, Werftkräne und gro- akustisch entkoppelt. Die üblicherweise
ße Schiffe eher inspirierend als (ver)stö- zur Sicherung von Containern vorgesehe-
rend empfinden. Die Idee der Betreiber nen Locksysteme konnten hier aus kons-
war es auch, einen Ort zu schaffen, den truktiven Gründen nicht verwendet wer-
sowohl Touristen wie Einheimische nutzen den. Stattdessen hat man zur Sicherung
können. So entstand etwa die öffentliche gegen Windlasten Stahlbleche einge- chade ist allerdings, dass die Laubengän-
Boulderhalle als Teil des Hostelkonzepts. setzt. Die Container des zweiten Oberge- ge aus verschiedenen Perspektiven sehr
schosses, also der untersten Lage, wurden stark dominieren und den Blick auf die far-
Im Container auf Stahleinbauplatten, die im Stahlbe- bigen Container verstellen. Auf der Ge-
tondach verankert sind, verschweißt. Die bäuderückseite wiederum, an der die
In den Gästezimmern selbst ahnt man Dachebenen sind durch Windverbände Container fassade unverstellt sichtbar
nicht mehr, dass man in einer Stahlkiste aus Flachstahl ausgekreuzt und die Con- bleibt, ist man auf den Wunsch des Bau-
steht, die bereits um die halbe Welt gefah- tainer in der Horizontalen zur Windlastwei- herrn der dahinterliegenden Wohnbe-
ren ist, da sie ganz ausgekleidet sind. In terleitung punktuell gekoppelt. Zur weite- bauung eingegangen und hat die zur
die genormte Containerfläche von 30 ren Aussteifung gegen die Windlasten, die Straßenseite so erfrischend bunten Con-
Quadratmetern wurden Zwei- und Vier- bei einer Gesamtgebäudehöhe von 17 tainerboxen durchgehend in einem nüch-
bettzimmer eingeplant. Auf der durch Metern relevant wird, erhielten einige der ternen Beigegelb lackiert.
zwei zusammengefasste Container dop- Container zusätzliche Metallkreuze an
pelten Grundfläche entstanden Achtbett- den Stirnseiten. Pläne auf den
zimmer sowie barrierefreie Suiten. Die Bä- Sofern ein Container nicht bearbeitet folgenden Seiten
der sind dabei mittig an eine der Längs- wird, ist seine Statik unproblematisch und
wände geschoben, so dass sie den Raum jeder Container zertifiziert. „Sobald der
in Schlaf- und Wohnbereich gliedern. Über Zustand der Container aber gestört wird,
die vollverglasten Stirnseiten gelangt aus- besteht keine Grundlage mehr für die
reichend Licht in die Räume. Im obersten CSC-zertifizierte Tragfähigkeit. Diese ist
56

1 2

4
3

M 1: 2 . 0 0 0
1 Die Vorzüge des 5
modularen Bauens
waren hier aus-
schlaggebend
für die gewählte
Architektur.
2 Der Stahlbeton-
sockel dient als
„Tisch“, auf dem
M 1:4 0 0

sich die zur Aussicht


gedrehten Con­
tainer stapeln.
3 Die 76 Container
FOTOS: HOL ZE R KOBLE R ARCHITE K TURE N

wurden statisch
stark verändert,
indem alle Stirnsei-
ten und manche
Längsseiten ent­
fielen.
Ideen 4 57

AUF TR AGGE BER: 6


Immobilienverwaltung
Köster & Nissen

BETREIBERIN:
Dock Inn GmbH

ARCHITEKTEN:
Holzer Kobler Architekturen,
Zürich

BAULEITUNG:
PMR Projektmanagement
Rostock GmbH

TR AGWERKSPL ANUNG
UND HAUSTECHNIK:
7
Ingenieurbüro Hippe,
Berlin

TR AGWERKSPL ANUNG
STAHLBAU:
Ingenieurbüro für Statik,

M 1: 8 0 0
Konstruktion und Bauphysik
Leipold, Berlin

ELEKTROPLANUNG:
Ingenieurgesellschaft
Hartmann mbH, Berlin

BRANDSCHUTZ-
PLANUNG:
Rössel Brandschutz,
Berlin 8

BAUPHYSIK:
Müller-BBM GmbH, Berlin

INNENRAUM-
GE STALTUNG UND
FARBKONZE PT:
Kinzo Architekten, Berlin

STANDORT:
Design-Hostel,
Rostock-Warnemünde

4 Lageplan 9
5 Querschnitt
6 6. OG
7 2. OG
8 1. OG
9 EG
58

Oben:
Übernachten auf 2.883 Metern.
Matterhorn und Monte-Rosa-Hütte im frühen
Morgenlicht

Links:
Alle Einbauten sind ebenso wie sämtliche
Stockbetten und Ablagen unterm Dach passgenau
geplant und in einem engen Zeitfenster

FOTO OBE N: IAIN AITCHISON; BE IDE UNTE N: E TH STUDIO MONTE ROSA/ TONATIUH A MBROSE T TI, 2 0 09
eingebaut worden.

Unten:
In der guten Stube bleibt die kräftige
Holzkonstruktion sichtbar.
Unterwegs in der 59

Monte-Rosa-Hütte
Zermatt

Für architekturbegeisterte Bergfreunde steht ein Besuch


der Monte-Rosa-Hütte bei Zermatt ganz oben
auf der Liste. Inzwischen wurde auch ein neuer Zustieg
über den Gletscher angelegt.
Um es gleich vorweg zu sagen: Noch immer ist es wegen der längeren Gletscher-
passage ratsam, Steigeisen und Seil, am allerbesten auch einen Bergführer mitzu-
nehmen. Doch kein Vergleich zum alten Hüttenweg, der trotz Leitern und Ketten
wegen des abschmelzenden Gornergletschers immer schwieriger wurde und zu-
dem ständig repariert werden musste. Dagegen führt der neue „Panoramaweg“
heute mit herrlichem Ausblick viel weiter oben über die Bergflanken. Er ist gut mar-
kiert und da gesichert, wo’s brenzlig wird.
Wie viele Bergunterkünfte hat auch die Monte-Rosa-Hütte eine über hundertjähri-
ADRESSE ge Geschichte. Früher unter dem Namen Bétemps-Hütte bekannt und an tieferer PREISE
Stelle gelegen, war das alte Steinhaus von 1895 mehrfach umgebaut worden. An-
Monte-Rosa-Hütte
Zermatt Betriebs GmbH
lass für einen Neubau gab unter anderem die 150-Jahr-Feier der ETH Zürich, die
dieses Vorhaben als eines von 50 Jubiläumsprojekten auswählte. So ist die neue
78 CHF
Kilian Emmenegger &
Richard Lehner
Hütte heute ein Werk des 21. Jahrhunderts: fünfgeschossig, auf unregelmäßig
achteckigem Sockel errichtet, wurde sie vom ETH-Studio Monte Rosa und Bearth & für
Deplazes Architekten 2009 fertiggestellt. Innerhalb von sechs Jahren haben die
Riedstrasse 80  Leute von ETH und dem Schweizer Alpen-​Club gemeinsam das Konzept aufgestellt. DAV-
Zermatt, Wallis Ziel war es, neue Technologien in Entwurf, Berechnung und Fertigung im Hochge-
Schweiz birge zu testen. Etwa die Energie-​und Gebäudetechnik ist darauf ausgelegt, mög-
lichst autark zu funktionieren: mit Belüftungsanlage und Wärmerückgewinnung,
Mitglieder,
Telefon Hütte:
+41 (0)27 967 21 15
Wassertank und Minikläranlage zur Reinigung der Abwässer sowie Photovoltaik für
den Strom; Wärme liefern Solarkollektoren, dazu gibt es ein mit Rapsöl betriebenes 95 CHF
Miniblockheizkraftwerk für schlechtes Wetter.
info@
monterosahuette.
Jedoch vor allem wegen des architektonischen Entwurfs in Form eines Bergkristalls
ist das Gebäude sehenswert. Um die CO2-Bilanz beim Bauen in Grenzen zu halten,
für
ch entschied man sich hauptsächlich für die leichteren Baumaterialien Holz und Alu-
minium, da alles mit dem Hubschrauber angeliefert werden musste. Die Primär- Nicht-
Mitglieder
www. konstruktion besteht aus vorgefertigten, raumseitig offenen Rahmenbauelemen-
monterosahuette. ten, während die Hülle mit 35 Zentimetern Mineralfaser gedämmt und mit einer
ch hinterlüfteten Aluminiumstehfalzdeckung versehen wurde.
Die Übernachtung ist trotz Stockbetten im Vergleich zu manch anderer Hütte kom-
geöffnet von Mitte März fortabel: Es gibt neue, weiche Matratzen, Warmduschen mit Münzbetrieb und Toi-
bis September letten innerhalb des Hauses sowie eine Dreifachverglasung, so dass man dicht mit
der Nase an der Scheibe den Blick auf Gornergletscher und Matterhorn in der Fer-
120 Betten ne genießen kann, ohne zu frieren. Das markante Fensterband, das sich um die
Fassade wickelt, belichtet die vieleckige Stube und den Treppenaufgang zu den
Schlafplätzen. Gut sichtbar bleibt die Konstruktion vor allem in der Stube: Hier be-
ruhigen die dicken Holzfachwerkträger die Gäste doch sehr, wenn draußen ein
Unwetter aufzieht und der Wind gehörig um die Ecken pfeift. Nicht nur die Konstruk-
tionsteile, auch die hölzernen Tische und Bänke sind genau mit CNC-gefertigten
Bauteilen eingepasst worden, ebenso wie die Stockbetten und Ablagen in den
Schlafräumen. Das sparte Geld, denn die Zeitfenster für gutes Wetter zwischen Mai
und September 2009 mussten optimal ausgenutzt werden.
Die Planung der Hütte auf 2.883 Metern haben 33 Studenten mehrerer Semester
des Departements Architektur an der ETH Zürich über sechs Jahre begleitet – und
sicherlich eine Menge über Konstruktion, Hülle und Versorgung im Extremfall
gelernt.

Text Sabine Schneider


60 Rubrik
Ein Blick in …
123

... das Büro von


Allmann Sattler
Wappner

Die Job-Matching-Plattform Erst umgebaut, dann verliebt kamen dabei ein ausgebau- sung. Rund 140 Mitarbeiter
New Monday – die ebenso und schließlich selbst einge- tes Untergeschoss und der arbeiten auf den vier Etagen
wie der Baumeister von zogen – so lässt sich am bes- Dachaufbau aus Glas dazu. in projektbezogenen Teams.
Georg Media herausgege- ten beschreiben, wie das Das sind vier Etagen mit ganz Und verliebt in das Gebäude
ben wird – bietet Architektur- Münchner Architekturbüro unterschiedlichem Charak- haben sie sich sicherlich
büros die Möglichkeit, sich Allmann Sattler Wappner zu ter: Während das UG vom auch schon – ebenso wie die
interessierten Bewerbern zu seinen Räumlichkeiten in der industriellen Charakter des drei Bürogründer.
präsentieren. An dieser Stelle ehemaligen Kolbenfabrik Gebäudes und seiner Nut-
werfen wir jeden Monat einen kam. Der Bau hatte lange leer zung – vor allem den Model- www.new-monday.de/
Blick in ein Architekturbüro, gestanden, bis seine Eigen­ len der Wettbewerbsabtei- unternehmen/
das sich auch auf New Mon- tümer durch die von Allmann lung – geprägt ist, erweckt allmann-sattler-wappner-
day vorstellt. Denn gut ge- Sattler Wappner entworfene das erhöhte EG mit seinen architekten-gmbh
staltete Arbeitsräume können Herz-Jesu-Kirche auf die Ar- hohen Decken und weißen
FOTO: BRIGIDA GONZ ÁLE Z

dabei helfen, dass sich chitekten aufmerksam wur- Säulen einen loftartigen Mehr Einblicke in Architektur-
Arbeitnehmer mit dem Unter- den. So beauftragten sie Eindruck. Betondecke und büros finden Sie auf
nehmen identifizieren und das Büro mit dem Umbau der Teppichboden im ersten OG
dort bleiben. Welche Räume Fabrik, und 2004 konnten sie setzen sich ab von dem zwei- new-monday.de
also schaffen sich Architek- schließlich einziehen. Zu den ten OG – lichtdurchflutet newmonday@callwey.de
ten, um darin zu arbeiten? zwei bestehenden Etagen durch die komplette Vergla- @newjobnewmonday

von Isa Fahrenholz


61

Job
Die
Matching

Plattform

für Architekten &


Bauingenieure

new-monday.de
62

Zwei
Mal
Spanien
Lau
sanne
in Zü
rich
A B

derAB SEITE
62
AB SEITE
68

Schweiz
Mit dem Musée cantonale des Beaux-Arts in Lausanne und dem Tanzhaus
in Zürich hat das spanische Büro Barozzi Veiga zwei neue Gebäude fertig-
gestellt. Damit kommt das in Barcelona ansässige Büro auf mittlerweile drei
prestigeträchtige Projekte in der Schweiz.
Ideen 5 + 6 63

A
Lausanne

Das Musée cantonale des Beaux-Arts de Lausanne, entworfen von Barozzi Veiga
64
Ideen 5 + 6 65

Das neue Museum ersetzt einen direkt neben dem Hauptbahnhof gelegenen Lokschuppen.
66
Ideen 5 + 6 67

Bild zu klein

Das Mittelschiff des Lokschuppens blieb erhalten und wurde in das neue Gebäude integriert.
68

Der seitliche Treppenaufgang führt zu einem der großen Fenster und kann als temporärer Hörsaal genutzt werden.
Ideen 5 + 6 69

Das Foyer mit der imposanten Treppe, die zum Rundbogenfenster des Bestands führt
70
Kritik: len Kunstzentren gleichziehen. Deshalb
sollen bereits im nächsten Jahr gleich
cher Beleuchtung dazu führt, dass die
massive Fassade geradezu porös wirkt. In
Klaus Englert zwei neue Kultureinrichtungen auf dem Anlehnung an den Vorgängerbau wurden
frei gewordenen Bahnareal der Plate­ ebenfalls Sheddächer auf dem Museums-
forme 10 hinzukommen: das Musée de dach angebracht, während die in leuch-

Architekten: l’Elysée (Museum für Fotografie) und das


MUDAC (Museum für Design und ange-
tende Rechtecke unterteilte Deckenfor-
mation das von Norden einfallende Son-
Barozzi Veiga wandte Kunst), die beide in einem Gebäu- nenlicht in großen Trichtern reflektiert und
de untergebracht werden. Derzeit errich- in den Ausstellungsräumen als diffuse
ten die Portugiesen von Aires Mateus am Lichtquelle verteilt.

Fotos: Kopfende des Areals den neuen Muse-


umsbau, dessen breite Fassadenschlitze
Den Zugang zu den Räumen von Wechsel-
und Dauerausstellung haben die Archi-
Simon Menges neben der Lichtzufuhr auch die Besucher- tekten so intelligent gelöst, dass jeder Be-
ströme regeln. sucher dies als absolut selbstverständlich
hinnehmen dürfte. Die Erschließungen
Verweis auf die Vergangenheit zum Sammlungsbestand mit 1.700 Qua-
dratmetern und zu den Wechselausstellun-
Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga wollten gen mit 1.300 Quadratmetern Grundflä-
– im Gegensatz zu Aires Mateus – nicht che in den zwei Obergeschossen wurden
jede E rinnerung an die ursprüngliche räumlich getrennt, da nur die umfangrei-

E
Bestimmung des Ortes löschen. Der nach che Sammlung der Werke eines Félix Val-
Süden orientierte Teil des Mittelschiffs mit lotton, Maurice Denise, Ferdinand Hodler,
Rundbogenfenster konnte gerettet und in Jean Dubuffet, Balthus bis hin zu Rebecca
das Museumsfoyer integriert werden. Für Horn und Thomas Hirschhorn frei zugäng-
den Museumsneubau ist das ein Glücks- lich ist. Auf den beiden oberen Geschos-
fall, denn im Foyer – das im Erdgeschoss sen wird sie allerdings mit den Bereichen
den Zugang zu Buchladen, Restaurant, der Wechselausstellung horizontal zusam-
Auditorium, einem experimentellen „es- mengeführt.
ntlang der Bahnlinie von Lausanne stand pace projet“ und einem sammlungsbe­
vor einigen Jahren ein imposanter Lok- zogenen „espace dossier“ regelt – spürt Öffentlicher Raum
schuppen, mit einem hoch aufragenden man noch am ehesten den industriellen
Mittelschiff, dem zwei Seitenflügeln mit Charme des Vorgängerbaus. Entgegen Neben der vertikalen und horizontalen
Sheddächern angegliedert waren. Luft- den meisten anderen Wettbewerbsent- Zirkulation haben Barozzi Veiga besonde-
aufnahmen zeigten ein majestätisches würfen setzten Barozzi Veiga nicht auf ren Wert auf die öffentlichkeitswirksame
Gebäude, das sich allerdings in keinem eine formale Nähe zum Lokschuppen, Inszenierung der Übergangsbereiche ge-
guten Zustand befand und kaum noch ge- sondern lediglich auf symbolische und legt: Zum Beispiel erlaubt das Foyer einen
nutzt wurde. Aus diesem Grund entschied emotionale Verweise. freien Durchblick durch die ausgesparten
die Stadt Lausanne, den neben dem Im Unterschied zu Aires Mateus entschie- Geschossebenen. Grandios ist die breite,
Hauptbahnhof gelegenen Lokschuppen den sich die Architekten nicht für einen bühnenar tige zum Rundbogenfenster
abzureißen und die Gunst der Stunde für hellen, leichten, geradezu schwebenden hinaufführende Treppe. Schließlich über-
ein ambitioniertes Kulturprojekt zu nutzen. Baukörper, sondern für einen massiven, rascht der seitliche Treppenaufgang, weil
2011 wurde der internationale Wettbe- mit hellem Klinker verkleideten Riegel, er jederzeit als temporärer Hörsaal zu nut-
werb für das Musée cantonale des Beaux- der parallel zum Gleiskörper steht und im zen ist. Die Aufenthaltsqualität in den öf-
Arts de Lausanne (MCBA) ausgelobt, an Süden wie ein Lärmschutzwall die stören- fentlichen Bereichen, die nicht zur Aus-
dem sich die internationale Architekten- den Geräusche des Bahnverkehrs ab- stellung gehören, ist damit zu einer Erwei-
riege um Nieto Sobejano, Kengo Kuma, schirmt. Ungewöhnlich war der Schritt, die terung des Freiraums geworden. Der von
Caruso St John, Bernard Tschumi, Souto 145 Meter lange Fassade mit vertikalen Arkaden gesäumte Platz dürfte nach Fer-
de Moura sowie die Schweizer EM2N und Lisenen zu strukturieren. Sie sollen zwar tigstellung von MUDAC und Musée de
Gigon + Guyer beteiligten. Den Zuschlag die Ausstellungsräume vor direktem Son- l’Elysée im Westen deutlich gewinnen,
bekam das in Barcelona ansässige Team nenlicht schützen, geben dem Museums- weil dann der öffentliche Raum der Plate-
von Barozzi Veiga. Für den Italiener Fabri- riegel aber auch einen Rhythmus, der sei- forme 10 zu einem veritablen Stadtraum
zio Barozzi und den Galizier Alberto Veiga ne Monumentalität deutlich abmildert. anwachsen dürfte.
war das – nach dem Erweiterungsbau des Das erinnert stark an Rafael Moneos Mu- Das haben sich auch die Juroren in der
Bündner Kunstmuseums in Chur und dem seo Nacional de Arte Romano im ehemals Wettbewerbsausschreibung gewünscht,
Zürcher Tanzhaus – bereits der drit te römischen Mérida, der in den 1980er-Jah- als sie schrieben, das neue „Museums-
Schweizer Coup, den sie in kurzer Folge ren wie kein anderer Kulturbau die moder- quartier kann andere Kultureinrichtungen
erzielen konnten. ne spanische Museumslandschaft prägte. anziehen, um aus dem Areal eine wirkli-
Einige weitere Spuren aus der industriellen che Lebensader zu gestalten, einen kultu-
Hoch hinaus Vergangenheit wurden ebenfalls belas- rellen Mehrwert zu erzielen, der über das
sen, wie etwa die Eisenbahngleise auf Angebot der drei Museen hinausreicht“.
Nun möchte man sich in der Olympia- dem nördlich gelegenen Vorplatz, worauf Aus der einstigen, der Stadt abgewandten
Stadt Lausanne aber nicht mit einem das entstehende Museumsquartier Plate- Industriezone haben Barozzi Veiga den
Museum für zeitgenössische Kunst für den forme 10 nachdrücklich verweist. Barozzi Grundstein für ein urbanes Viertel ge-
Kanton Waadt zufriedengeben. Bernard Veiga entwarfen Foyer und Serviceberei- schaffen, mit einem Museumsriegel, der
Fibicher, Direktor des neuen Musée canto- che im Erdgeschoss als Verlängerung des die industrielle Vergangenheit des Ortes
nale, verkündete selbstbewusst, man wol- öffentlichen Raums und installierten groß- nicht leugnet, sondern daraus geschickt
le höher hinaus und mit den internationa- zügige Fensterfronten, was bei nächtli- einen symbolischen Mehrwert schöpft.
Ideen 5 + 6 71
BAUHERR:
Kanton Waadt,
Stadt Lausanne

ARCHITEKTEN:
Barozzi / Veiga Fabrizio Barozzi,
Alberto Veiga

PROJEKTLE ITER:

M 1: 2 0 . 0 0 0
Pieter Janssens

MITARBE ITE R:
Claire Afarian, Alicia Borchardt,
Paola Calcavecchia,
Marta Grządziel, Isabel Labrador,
Miguel Pereira Vinagre,
Cristina Porta, Laura Rodriguez,
Arnau Sastre, Maria Ubach,
Cecilia Vielba, Nelly Vitiello,
Roi Carrera, Shin Hye Kwang,
Eleonora Maccari, Verena Recla,
Lageplan Agnieszka Samsel, Agnieszka
Suchocka

PROJE K TARCHITE K TE N:
Fruehauf Henry & Viladoms

M 1: 8 0 0
PROJE K TM ANAGER:
Querschnitt Querschnitt Pragma Partenaires SA

TR AGWERKSPL ANER:
Ingeni SA

HAUSTECHNIK:
Chammartin & Spicher SA
Scherler SA
BA Consulting SA

2. Obergeschoss FASSADE NPL ANE R:


X-made SLP

LICHTPLANER:
Matí AG
M 1: 8 0 0

FERTIGSTELLUNG:
2019

1. Obergeschoss STANDORT:
Place de la Gare 16,
Lausanne

Erdgeschoss

Untergeschoss
72
Ideen 5 + 6 73

B
Zürich

Mehr Gartenbau als Architektur: das Tanzhaus von Barozzi Veiga in Zürich
74

Die Theke im Foyer, das sich zur untersten Terrasse und zur Limmat öffnet
Ideen 5 + 6 75

Oben: das lange und schmale Foyer mit den konisch zulaufenden Stützen
76
Kritik:
Erik Wegerhoff

Architekten:
Barozzi Veiga

Fotos:
Simon Menges

E
ine sehr eigene Urbanität durch Dichte
zeichnet das Zürcher Limmatufer aus.
Wenige Gehminuten flussabwärts vom
Hauptbahnhof drängeln sich Autobahn-
auffahrt, Badesteg, Bahngleise, Cafés, ein
Wasserkraftwerk, ein hochaufragendes
Getreidesilo und versprenkelte Hinterlas-
senschaften der Architekturgeschichte,
wie Zürichs erste modernistische Wohn-
häuser, am Fluss entlang. Aus der Luft oder
auf dem Stadtplan betrachtet, stellt sich
das Ganze als Chaos dar. Zu Fuß erkundet,
eröffnet sich hier eine der interessantes-
ten Landschaften der sonst so wohlsortier-
ten Schweizer Stadt. Eine erstaunliche
Idylle am Wasser, umströmt von Fluss und
Verkehr und Zügen, geordnet fast allein
durch die Topografie, deren Höhenver-
sprünge scheinbar Unvereinbares trennen
und damit auf wenig Raum eine fantasti-
sche Gleichzeitigkeit des Widersprüchli-
chen ermöglichen.

Architektur als Gartenbau

Diese wundersame Ortsspezifik schreibt


das im September letzten Jahres eröffnete
Tanzhaus von Barozzi Veiga fort. Auch
wenn man mit knapp 10.000 Quadratme-
tern umbautem Raum mindestens von
einem „Haus“ sprechen kann, ist diese
Architektur zunächst Gartenbau: eine
große Terrassenanlage, die den steilen
Hang befestigt und die mit ihren Mauern
aus konisch zulaufenden Stützen aus Be-
ton ein wenig an römische Substruktionen
gewaltiger Tempelanlagen erinnert. Wie
diese machen sie die Topografie zur
Architektur. Über die unterste Terrasse,

Der große Vorführungsraum umfasst zwei Geschosse.


Ideen 5 + 6 77
gerade mal drei Meter breit, führt der Ufer- nen Ende des Raums Kostüme gewechselt mit dem Körper zu tun habe. Doch sei das
weg. Eine mittlere Terrasse liegt in einem werden oder sich mitgebrachte Rucksä- hier schon „der Oberluxus“, das gibt er zu.
Gebäuderücksprung, und die oberste bil- cke irgendwelcher Workshopteilnehmer Als „artist in residence“ darf er die Bühne
det einen Garten. Sie blickt nach vorne in der Ecke stapeln. Dass Sheila, Betreibe- 1, den großen Vorführungsraum an einem
auf den Fluss und die umgebenden Bahn- rin des Cafés und einst selbst Tänzerin, sich Ende, ein paar Tage ganz für sich allein
brücken, von denen eine in einen post­ schon drei Monate nach der Eröffnung beanspruchen. An einem großen Tisch
industriellen Spazierweg verwandelt ist. über Stammkundschaft freuen kann, wird sitzt er am Rand einer vage mit Requisiten
Zum Hang hin wird sie, jenseits eines auch damit zu tun haben, dass man hier übersäten Bühne. Ein schwarzer flacher
Betonbänkchens, zur Wiese, dann zum immer den Eindruck hat, Teil eines größe- Priesterhut liegt auf einer Decke, deren
Beet, dessen aktualisierte leicht barocke ren kreativen Ganzen zu sein. quadratische Felder aussehen wie Mar-
Anklänge nicht unberechtigt sind. Denn Und das ist der Architektur zu verdanken. morplatten; neben dem Hut Samtjacken
dahinter grenzt tatsächlich eine Reihe Man kann das charmant finden, vielleicht und Sockenbündel aus dem Discounter;
spätba rocke r Wohnhäuse r an. Diese sogar demokratisch oder doch zumindest auf einem Streifen aus schwarzem Tep-
Nachbarn verbreiten Ländlichkeit inmit- offen, dass hier Publikumsverkehr und pich ein kleines Schlagzeug. Auf dem
ten der Stadt mit ihren ins 18. Jahrhundert probende Profis nicht getrennt werden. Schreibtisch steht ein Mac, daneben lie-
zurückweisenden, breit lagernden Fens- Die hier dramatisierte Bewegung schließ- gen ein Notizbuch und ein dicker Bild-
tern, grünen Holzklappläden, dem klassi- lich ist Thema des Baus, und das gilt drau- band von Brueghel.
schen D reiecksgiebel und dem zum ßen genauso wie drinnen. Zwei öffentliche Er sei ein Mensch, der in Bildern und Ob-
mächtigen Ziegeldach vermit telnden Treppen flankieren das Gebäude an sei- jekten denkt, sagt Martin. Und auch wenn
Kehlgesims. nen beiden Enden. Sie verbinden die dar- er nicht gerade begeistert ist von der
Auf dem Betonbänkchen der obersten überliegende Straße und die Bauten aus zementenen Kargheit, gibt er zu: „Das gibt
Terrasse sitzt Ben, so um die 30, Locken- dem 18. Jahrhundert mit dem Uferweg schon Ideen, wenn man in einem leeren
haare und ein rot lackierter kleiner Finger- und erschließen dazwischen die ebenfalls Raum ist.“ Ideen für die nächste Inszenie-
nagel, mit einem gekühlten Supermarkt- komplet t öf fentlichen Terrassen. Man rung, die sich wie seine anderen auch um
Cappuccino aus dem Plastikbecher. Er kann es aber auch kompliziert finden, Gerippe und kaputte Gestalten drehen
blinzelt in den sonnigen Wintermorgen. dass von den Garderoben im Oberge- soll, eine Art zeitgenössischer Totentanz.
Das Café im Erdgeschoss ist noch zu, hier schoss kein diskreter und direkter Weg in Nur schade, meint er, dass man die Fens-
aber sei es wie auf einem Schiff, sagt er. die Tanzräume führt, dass die Toiletten nur ter nicht aufreißen kann zum Fluss, dass
Tatsächlich mag man an ein Sonnendeck an einem Ende zu finden sind, und über- nicht mehr Licht hineinkommt – obwohl
denken, dünne Drahtnetze sind zwischen haupt darf man geteilter Meinung über dieser überhohe Bühnenraum ins Oberge-
die Reling gespannt. Ben ist Schauspieler, die Proportionen des wirklich sehr langen schoss hinaufreicht und damit als einziger
gleich geht es los, sagt er, mit den Proben schmalen Vorraums sein. Doch nun, an Tanzraum von der oberen Fensterreihe
für eine Performance unten im Studio 2. diesem eiskalten Wintermorgen, fällt die profitiert. Er hätte lieber mehr Licht, Luft
Proberäume, das seien im Theater eigent- Sonne tief hinein und lässt ihn fast wie und Fluss hier drinnen. Orte, wo man einen
lich immer „die Eingeweide, wo man sich eine Orangerie wirken. Die wundersamen, Kaffee für 5,50 Franken trinken könne, die
keine Mühe gegeben hat“, am hintersten konisch nach oben zulaufenden Fenster­ gebe es schon genug in Zürich.
Ende weitab von den repräsentativen öffnungen werden außen flankiert von Hört man da auch etwas Granteln zum
Räumen fürs Publikum. Hier aber sei das Drähten, entlang derer sich schon wenige Unterstreichen der morbiden Künstlerna-
anders, schwärmt er über den Bau, auf Monate nach Eröffnung ein paar Blätter tur? Eine leise Kritik vielleicht an gewissen
dessen Dach er sitzt. „Man kann hier gar ranken; ihre Schatten werfen Muster in formalen Verliebtheiten im Grundriss wie
nicht proben, ohne dass man alle Leute den ansonsten komplett ornamentlosen in der Ansicht des Baus? Etwas mehr Wi-
sieht, die hier arbeiten.“ Er fände das Bau. Glatter Beton, Ortbeton und vorfabri- dersprüche in der überdeutlichen Struktur
großartig, „mal ein paar andere Gesichter ziert, in nicht immer ganz korrespondie- hätten dem strengen Konzept mehr Nutz-
sehen auf dem Weg zum Klo“. renden Grautönen, aber immer ordent- barkeit beschert – auch wenn das wun-
lichst bis hin zu jeder Schalungsfuge. dersam ägyptisierende Motiv der koni-
Architektur als Performance „Sichtbeton, das find ich super“, so was schen Öffnungen auf der gezeichneten
hört man selten außerhalb von Architek- Ansicht sehr viel stärker wirkt als in Reali-
Dafür sorgt die ziemlich rigide, scheinbar tenkreisen, aber Ben, mittlerweile im Stu- tät. Doch dass Luftlinie keine zehn Meter
einfache Grundrissstruktur der Architek- dio 2, empfindet es als angenehmen Kon- von Martins Pfarrerhut und Schlagzeug,
ten. Parallel an den Uferweg legt sich über trast zum ansonsten verbreiteten Einheits- oben im Garten vor den Barockbauten,
die gesamte Gebäudelänge ein schmaler schwarz der Proberäume, die er kennt. Bis eine taunasse Wäschespinne im Morgen-
Raum. Alles findet hier zusammen: eine auf zwei Drittel der Raumhöhe reicht der licht blitzt, ein Grill mit Deckel drauf seinen
Bar, wo man morgens einen Kaffee und Beton, darüber übernehmen grau einge- Winterschlaf hält, und verblühte Sonnen-
abends einen Apéro bekommt, aber auch schlämmte Sauerkrautplatten. Ein biss- blumen durch die Oberlichter hinabbli-
die Erschließung der vier Probe- und Auf- chen indirekte Sonne kommt ins Studio cken in die Tanzsäle – dieses Nebeneinan-
führungsräume, der Weg zu den Gardero- über ein Oberlicht am Ende des Raums, der inmitten eines öffentlichen Raums ist
ben, und eben der zu den Toiletten. Das doch im Wesentlichen ist man hier aufs nicht allein dem Ort zu verdanken, son-
verursacht in der tatsächlichen Nutzung Innere und aufs Tanzen konzentriert und dern auch den Architekten, die ihre Auf-
lange Wege, doch zugleich lässt die Be- wird, wenn man eine Pause macht, über- gabe als Gestaltung einer urbanen Topo-
wegung durch den Raum die Aufführung wältigt von der plötzlichen Helligkeit der grafie begriffen haben.
schon beginnen, bevor man im eigentli- Halle.
chen Studio ist. Das dürfte für viele einen Pläne auf der
Reiz des auf Foyergröße erweiterten Cafés Architektur als Leere folgenden Seite
ausmachen – das stete Gefühl, Teil einer
Performance zu sein, zwischen Halbver- Weniger wohl im „Betonbunker“ fühlt sich
kleideten und Frischverschwitzten seinen Martin. Er wünscht sich eher ein wärmeres
Campari zu trinken, während am entlege- Material wie Holz, da der Bau doch so viel
78 Ideen 5 + 6
BAUHERR:
Eigentümerin Immobilien
Stadt Zürich,
vertreten durch Stadt Zürich,
Amt für Hochbauten

ARCHITEKTEN:
Barozzi / Veiga
Querschnitt Fabrizio Barozzi, Alberto Veiga
M 1:1 0 . 0 0 0

MITARBE ITE R:
Katrin Baumgarten, Verena Recla;
Patrick Boner, Paola Calcavecchia,
Raquel Corney, Marta Grządziel,

M 1: 8 0 0
Lageplan Adrien Mans, Cristina Porta,
Agnieszka Samsel, Ivanna Sanjuan,
Malte Sunder-Plassmann, Diletta
Querschnitt Trinari, Maria Ubach

LANDSCHAFTS-
ARCHITEKTEN:
Müller Illien Landschafts-
architekten GmbH

PROJE K TM ANAGER:
LeanCONSag | Dominik Schlatter

Längschnitt TR AGWERKSPL ANER:


Pöyry Schweiz AG

HAUSTECHNIK:
hps energieconsulting AG
Walter Salm, Meier & Partner AG
Gerber + Partner Haustechnik AG

FASSADE NPL ANE R:


GKP Fassadenplanung AG

ENERGIEPLANER:
Energiekonzepte AG

BÜHNENBILD:
Tokyoblue GmbH
Acoustic consultant:
Rocket Science GmbH

ORIENTIERUNGSSYSTEM:
Ebene 0 WBG AG | Weiersmüller Bosshard
Grüninger

FERTIGSTELLUNG:
M 1: 8 0 0

2019

STANDORT:
Wasserwerkstrasse 127a,
Zürich

Ebene –1
79

1
Frage:
SEITE
80

Wie gehen
Qualitäts-
produkte
ohne
Produktion
?
80 Fragen 1
von
Alexander
Gutzmer

Wie
gehen
Qualitätsprodukte
ohne
Produktion

Carlo Urbinati hat beim italienischen Leuchten­


hersteller Foscarini als Designer angefangen.

Jetzt
ist er Chef.

Ein Gespräch über


Kulturen, Netzwerke und Italo Calvino

Cheftalk 81

Großzügigkeit
ist uns
wichtig –
als ein
Element von
„ Freiheit.
Ich sehe “
unsere
Produkte
als eigene
Persön-
lichkeiten.


Wir wollen
Sachen
einfach
FOTO: GIULIANO KORE N

machen.

82 Fragen 1
Der Firmensitz des Lampen- immer ein Unikat. Oder neh- CU: Oft ja, aber nicht immer. habe. Aber es gibt einen kla-
herstellers Foscarini liegt in men Sie Herzog & de Meuron. Je bekannter die Designer ren Unterschied zwischen
Mestre, quasi auf der Schat- Die erfinden Architektur auch sind, desto eher möchten sie Designern mit und ohne Ar-
tenseite des glamourösen immer wieder neu. ihre eigenen Ideen umsetzen. chitekturhintergrund. Ein
Venedig. Vor dem Eingang Wobei wir die meist nicht 1:1 Background in Architektur
lädt der Elektro-Jaguar des B: Das heißt, die Zeit des Sig- realisieren. Die initiale Idee führt dazu, dass man mit Vo-
Chefs. Drinnen: viel Glas, nature Style in der Architektur ist eher der erste Schritt in lumen arbeitet. Ich denke im-
offene Räume – und ein ent- ist für Sie vorbei? einem langen Designprozess. mer in Volumen, in Räumen.
spannter Chef. C U : Na ja, ein Gebäude
von Zaha Hadid Architects B: Und das lassen sich De- B: Verkompliziert das Archi-
CARLO URBINATI: Kommt erkennt man schon immer signstars gefallen? tekturwissen damit den De-
doch rein. noch. Aber es gibt eben auch C U : Das müssen sie. Mit signprozess?
Baumeister: Danke. Schönes die anderen Architekten Eugeni Quitlet, dem lang­ C U : Im Gegenteil – es macht
Gebäude. und Gestalter – und in deren jährigen Partner von Philippe Dinge einfach und klar. Dar-
C U : Und es wird noch schö- Ecke sehe ich uns auch. Starck hatte ich auf der um geht es uns ohnehin im-
ner. Wir bauen gerade um. Messe Euroluce jüngst ein mer – wir wollen Sachen ein-
Es soll hier noch großzügiger B: Das heißt, Sie haben ver- langes Gespräch. Er sagte: fach machen. Technologie
werden. mutlich kein Inhouse-Design- Mit euch zu arbeiten ist zum Beispiel verstecken wir
team? anstrengend, aber die Resul- in unseren Produkten eher.
B: Steckt da auch ein Stück C U : Natürlich arbeiten hier tate überzeugen mich. Insgesamt geht es uns immer
Firmenphilosophie dahinter? Designer, aber wir kooperie- um Atmosphäre. Soll ein Pro-
C U : Natürlich. Großzügigkeit ren tatsächlich vor allem B: Sie sind selber Architekt. dukt zum Beispiel eher kleine,
ist uns wichtig – als ein Ele- mit externen Gestaltern. Hilft das? intime Räume betonen oder
ment von Freiheit. Der Begriff C U : Ich habe nie als prakti- große, ausladende?
der Freiheit war für uns seit B:Kommt immer Foscarini zierender Architekt gearbei-
unserer Gründung immer mit konkreten Ideen auf die tet – außer hier in der Firmen- B: Und das alles ohne eigene
zentral. Designer zu? zentrale, die ich entworfen Produktion. Ist das nicht sehr
schwierig? Schließlich müs-
B: Was bedeutet er für die sen Sie in Ihrem gesamten
Strategie? Netzwerk für gleichbleibende
C U : Zunächst einmal, dass Qualität sorgen.
wir keine eigene Produktion C U : Hier hilft uns die Region
haben. Wir können schnell um Venedig. Es gibt hier ein-
und flexibel etwas Neues fach viele kleine Handwerks-
schaffen, indem wir die richti- ALEXANDER und Designbetriebe mit hoher
gen Partner an Bord holen. GUTZMER Qualität. Das Problem ist
Dies sind meist kleine Hand- eher, dass die Partner recht
werksbetriebe hier aus der konservativ sind. Wir hören
Region. Mit denen können oft, dass dieses oder jenes
wir dann auch mal kleinere nicht geht. Das ist für uns ein
Serien herstellen – eben weil Ansporn: Alles ist unmöglich,
wir keine großen Produktions- bis einer kommt, der nicht
linien auslasten müssen. weiß, dass es unmöglich ist.

B: Foscarini-Produkte schei- CARLO B: Sie erstellen physische


nen immer Unikate zu sein. URBINATI Produkte in digitalen Zeiten.
Eine eindeutige Handschrift, Ist das ein Anachronismus?
die sich durch die ganze C U : Die Menschen suchen
Produktpalette hindurchzieht, nach so etwas wie Heimat –
ist für mich nicht erkennbar. zu Hause, aber auch im Büro.
C U : Ich sehe unsere Produkte Hier haben unsere Leuchten
als eigene Persönlichkeiten. Cheftalk (1). In der Foscarini-Lampen ihre Aufgabe. Italo Calvino
So entsteht eine Produktfami- Reihe „Cheftalk“ werden heute in 88 hat mal gesagt: Wir sind, was
lie aus starken Individuen. interviewen wir in Ländern vertrieben. wir nicht wegwerfen. Das
unregelmäßigen Das Netzwerk um- heißt: Objekte sind wichtig.
B: Ein hehrer Anspruch... Abständen die CEOs fasst 2.800 Multi- Im Übrigen mag ich die Digi-
C U : ...der uns auch viel ab- großer Firmen mit brand-Läden und talisierung. Sie bringt uns
verlangt. Oft ist die Entwick- engem Bezug zur Flagship Stores. 1988 Menschen näher zueinander,
lung eines neuen Produktes Architektur. übernahm Carlo weil Information heute freier
ein langer und zäher Prozess. Urbinati gemeinsam verfügbar ist. Es gibt keine
mit Alessandro Vec- fundamentalen Grenzen
B: Auch ein architektoni- chiato die Firma. mehr zwischen den Wissen-
FOTO: GIULIANO KORE N

scher? den und den Unwissenden.


C U : In gewisser Hinsicht
schon. Wenn, sagen wir, ein B: Sie selber sind auch medi-
Bjarke Ingels ein Gebäude al aktiv, durch Ihr hochwerti-
erstellt, dann ist das ja auch ges Magazin „Inventario“.

Das Gespräch führte Alexander Gutzmer


83
CU: Das geht in eine ähnliche CU: Wir investieren gerade
Richtung. Wir wollen an- in China in ein eigenes klei-
spruchsvolle Inhalte für den- BRICK-DESIGN® ist kein fertiges Produkt, nes Büro mit drei Leuten.
kende Leser anbieten. sondern ein vielfältiges Angebot. Eine In Tokio sind wir schon. Wenn
Einladung zum kreativen Prozess abseits du vor Ort verkaufen willst,
B: Inventario arbeitet meist von Katalogseiten. Steine von Röben musst du auch da sitzen, um
mit italienischen Autoren und finden ihren Platz in der Ideenwelt der die Kultur zu erspüren.
Fotografen. Ein Zeichen dafür, besten Entwürfe unserer Zeit.
wie wichtig Ihnen Italien noch B: Und das geht überall?
ist? Wie sieht es etwa mit Russ-
C U : Ich glaube schon. Die land aus?
Hälfte unserer Designer C U : Gut herausgepickt –
kommt nicht aus Italien, aber genau da funktioniert unsere
von unserer Geschichte und Designsprache überhaupt
Philosophie her sind wir wei- nicht. Probleme bereitet uns
ter italienisch – und eben von international auch der zu­
unserem Netzwerk mit den nehmende Protektionismus.
kleinen Handwerksbetrieben Grenzen werden heute eher
her. Die wissen alles über geschlossen.
Materialien, etwa Beton. Aber
sie wissen nicht unbedingt, B: Ja, man scheint zuneh-
was man alles damit tun kann mend Angst vor dem Frem-
– zum Beispiel eine Lampe den zu haben.
wie unsere Aplomb herstel- C U : Teilweise verstehe ich
len. Oder nehmen Sie unsere das auch, die Welt von heute
schlanke Leuchte Mite. Es ist eben kompliziert. Aber
gibt nur zwei Frauen in einem es geht auch viel verloren
kleinen Betrieb hier in der durch das Denken in Gren-
Nähe, die das Wissen haben, zen. Nehmen wir als Beispiel
um die Materialien für den die USA. Die waren früher
Lampenschirm herzustellen. ein Melting Pot. Das war
vielleicht nicht immer schön
B: Sie haben eine klare Philo- oder einfach, aber dyna-
sophie, eine eingeführte misch. Die US-Kultur war ein
Marke. In Zeiten, wo Kapital- neues Produkt aus den Kultu-
märkte nach Anlagechancen ren anderer Nationen: Italien,
suchen – melden sich Inves- Irland, auch Deutschland.
toren bei Ihnen? Jetzt funktionieren die Verei-
C U : Wöchentlich. Man merkt, nigten Staaten eher wie eine
wie viel Kapital heute ange- Obstschale: Die einzelnen
legt werden will. Die Anfra- Früchte bleiben unter sich.
gen werden dabei immer Natürlich bewahren die Ein-
unprofessioneller. Ich ant- wanderer so etwas von ihrer
worte schon gar nicht mehr Kultur. Aber es entsteht eben
allen. Wir wollen nicht ver- auch nichts Neues.
kaufen. Damit würde unsere
Seele verloren gehen. Man- B: Sie argumentieren poli-
che unserer Konkurrenten tisch. Ist, wie es etwa der
wurden gerade an Investoren Theoretiker Friedrich von
verkauft. Das ist nicht gut für Borries proklamiert, auch
sie – und für uns auch nicht. Design politisch?
Es gibt eine Reihe italieni- C U : Das sagt man gerne.
scher Designfirmen, die sich Aber ich bin skeptisch.
gut ergänzen. Italienisches Politisch sind wir natürlich
Design ist eine Marke. in dem Sinne, dass die Pro-
duktionsbedingungen bei
B: Tauschen Sie sich mit Ihren uns eine große Rolle spielen,
Konkurrenten darüber aus? Finden Sie mit uns gemeinsam den Stein, Stichwort lokale Partner.
C U : Natürlich, regelmäßig. der Ihre Idee von Architektur verwirklicht. Aber das Design selber
Mit denen, die noch da sind. www.brick-design.com erfüllt aus meiner Sicht keine
politische Funktion. Das
B: Ein Weg, die Firma krisen- überlassen wir dann doch
fest zu machen, ist sicher den Architekten.
die Internationalisierung.
Wie steht es da bei Ihnen?
Verkauft sich Foscarini über-
all gleich gut?
84

Aus dem „Terca“-Riemchensortiment


von Wienerberger
85

9
Lösungen:
Fassade
FACHBE ITR AG:
„NARRATIV AUS STE IN –
DIE FASSADE N DE R
NORDISCHEN BOTSCHAFTEN
IN BERLIN“

SEITE

+
86

REFERENZ:
KLINKE RRIE MCHE NFASSADE
VON RÖBE N FÜR DAS

9
„MUSÉE CANTONAL DES
BE AUX-AR T S D E L AU SAN N E “

SEITE
96

Lösungen:
Software SEITE
98
FOTO: WIE NE RBE RGE R
86 Lösungen

Narrativ aus
Stein –
die Fassaden der
Nordischen
Botschaften in
Berlin

Text: Norwegern und entstanden. Dieses So unterschiedlich


Inge Pett Finnen gleicherma- einzigartige Ensem- die fünf Gebäude
ßen nachgesagt. ble gibt der engen auch sind, bilden
Dass so viel menta- Verbundenheit sie doch eine Ein-
le Nähe ein starkes der fünf Länder eine heit: Dieser Maxime
Individualismus, Band sein kann, architektonische folgte das finnisch-
Klarheit, Gemein- lässt sich an den Gestalt. Hier ist der österreichische
sinn – diese Eigen- Nordischen Bot- Bau die Botschaft, Büro Berger and
schaften werden schaften in Berlin und jede Fassade Parkkinen beim Ge-
den Dänen, Islän- besichtigen, die vor erzählt eine Ge- samtkonzept für
dern, Schweden, genau 20 Jahren schichte. die Nordischen Bot-
Fassade 87
schaften. Die Archi- reichende Foyer Ein ganz besonderer
Stein wurde für
tekten umfassten queren, verbinden die Verkleidung der
den 1999 einge- die Gebäudeflügel. Isländischen Bot-
schaft verwendet:
weihten Komplex Bei den Finnen Das rötliche Vulkan-
mit einem 226 m dominiert unbe- gestein Rhyolith

langen, gut 15 m handeltes Lärchen- darf nur selten aus-


geführt werden.
hohen, türkis pati- holz die Fassade.
nierten Kupferband. Das Gebäude in
Die einzelnen Bot- Form einer Kantele
schaftsgebäude – – eines traditionel-
jedes Land schrieb len Saiteninstru-
einen eigenen ments – ist voller
Wettbewerb aus – Anspielungen auf
sind auf dem Areal das finnische Natio- Fassade, die Ein- auf: Er ist mit 10.000
innerhalb des Kup- nalepos Kalevala. sprengsel oxidie- Jahre altem isländi-
ferbands ihrer geo- renden Eisens auf- schen Vulkange-
grafischen Lage Lavagestein aus weist, zudem ein stein vom Strand
entsprechend an- Island: Nachts kom- besonderes Far- der Halbinsel Reyk-
geordnet. Teil des men die Füchse benspiel. Rhyolith janes bedeckt. Von
Gesamtkonzepts ist ein Gestein, der Unterseite be-
war es, für die ein- Bei den Botschaften das in Island nicht leuchtet, weckt das
zelnen Botschaften Norwegens, Islands ohne Weiteres ab- Gestein bei Dunkel-
jeweils landestypi- und Schwedens gebaut werden heit die Assoziation
sche Baustoffe und bestimmen Steine darf. Aufgrund der eines aktiven Vul-
Materialien zu ver- das Narrativ. Für strengen Ausfuhr- kans. Nicht nur die
wenden. die Fassade der genehmigungen Menschen fühlen
Die Dänen ent- Isländischen Bot- stellte die Fassade sich von der glü-
schieden sich für schaft wählte der zum Zeitpunkt des henden Installation
eine Fassade, die Architekt Pálmar Botschaftsbaus angezogen: Nachts
ein „cooles“ und Kristmundsson roten die einzige Rhyo- kriechen Füchse
nüchternes Image Rhyolith. Dessen lithfront weltweit aus dem benach-
vermittelt: So ist die nahezu weich an- dar und ist auch barten Tiergarten
Hauptfassade kan- mutende Oberflä- heute noch einzig- durch die Lamellen
tig gestaltet und che verleitet viele artig in Europa. und legen sich auf
mit gelochten Edel- Besucher, die Fas- Der hintere Trakt das noch warme
stahlplatten ver- sade zu berühren. der Botschaft ist Vulkanit.
kleidet, während Dieses Vulkange- mit wellenförmigen,
der rückwärtige stein stammt aus sandgestrahlten Norwegische Bot-
Gebäudeflügel or- der Gruppe der Betonplatten verse- schaft: „Operation
ganische Formen Liparite. Nicht von hen, die formal Hinkelstein“
aufgreift und sich ungefähr setzt sich an Wellblech den-
an das Kupferband der Begriff aus den ken lassen – ein Was den Isländern
des Ensembles griechischen Wör- für Island typisches die Vulkane, sind
anlehnt. Mehrere tern „fließen“ und Baumaterial. den Norwegern ihre
FOTO: K AI ABRE SCH

Brücken, die das „Stein“ zusammen. Auch der Boden Fjorde und Fjälle:
schmale, helle und Bei Sonneneinstrah- des Atriums weist Folglich kam das
über alle Etagen lung offenbart die eine Besonderheit Osloer Architektur-
WEITER
88 Lösungen
büro Snøhetta gesägt wurde – ein 1.000-Tonnen- das den Farbton
auf die Idee, die nahm an die 1.000 Spezialkran den von Gletschern
schmale, zur Plaza Stunden in An- Stein in die Höhe aufnimmt.
hin orientierte spruch. Immens war und positionierte Auf der Plaza korre-
Frontseite der Nor- auch die logistische ihn präzise auf den spondiert der Mo-
wegischen Bot- Herausforderung vorbereiteten Stahl- nolith mit einem
schaft mit Granit für das Berliner In- führungsdornen. Bodenbelag aus
aus einem Fjord zu genieurbüro Obst, Zwei Hydraulikpres- einer Kombination
gestalten. Die Wahl das für die „Opera- sen senkten den skandinavischen
fiel auf einen 120 tion Hinkelstein“ Koloss schließlich Gesteins. Streifen
Tonnen schweren, verantwortlich war: auf seine endgülti- aus hellem schwe-
900 Millionen Jah- Da sich die Straße ge Position ab. dischem Marmor
ren alten Block in Halden als zu ver- „Unseren Berech- durchqueren die
nungen zufolge Felder aus unregel-
trotzt der Stein auch mäßig versetzten
Das norwegische
Büro Snøhetta einem Orkan“, er- ocker-rötlichen
ließ als Abschluss klärte Ingenieur Schieferplatten aus
des Gebäudes
für die Norwegische
Georg Obst. Deut- Odda in der norwe-
Botschaft einen schen Bauvorschrif- gischen Provinz
tonnenschweren
ten ist damit aller- Hordaland. Der nie-
Monolithen aus
Granit aufstellen, dings noch lange derösterreichische
der auch einem
nicht genüge ge- Steinmetz-Betrieb
Orkan trotzen
würde. tan. Naturmaterial Bamberger-Pietre
in dieser Größe ist verlegte naturbe-
nicht als tragendes lassene Platten von
Element zugelas- bis zu 1,20 m Länge
sen. Also wurden und bis zu 60 cm
links und rechts des Breite auf einem
aus einem Felsmas- winkelt erwies, massiven Monoli- 4 cm starken Ze-
siv bei Halden. Es musste eine neue then Betonsäulen mentmörtelbett.
ist eine Granitplatte gebaut und dazu installiert. Zu den Fassaden
von beträchtlichen eigens ein Yachtha- Einem Ausrufungs- wurde etwa 10 mm
Dimensionen: fen verlegt werden. zeichen gleich Abstand gehalten.
14,6 m hoch, 5,2 m Per Lastenschiff nimmt der Stein nun Neben dem Boden-
breit, während die gelangte der Koloss die Front der Bot- belag führte Bam-
Dicke im oberen schließlich nach schaft ein. Außen berger-Pietre auch
Teil 40 cm, in der Hamburg, wo er naturbelassen und die Fassadenver­
Mitte 65 cm und am sich als zu schwer rau, weist der Stein ankerungen bei
Fuß 55 cm beträgt. für die dortigen zum Innenraum der Norwegischen,
Allein das Brechen, Brücken erwies. hin eine geglättete Isländischen und
Schleifen und Polie- Deshalb wurde er Oberfläche auf. Schwedischen Bot-
ren des Steins – des auf einem Kahn Die übrigen großen schaft durch. Beim
zweiten Monolithen elbaufwärts nach Fassadenflächen schwedischen Bau
dieses Ausmaßes, Berlin verschifft. werden von Glas sollte sich dies al-
FOTOS: K AI ABRE SCH

der je in einem Da die Lamellen- und einem leicht lerdings als Heraus-
Stück mit einer Dia- wand schon einge- grünstichigen forderung erweisen:
mantsäge heraus- baut war, hievte Milchglas bestimmt, „Um hier eine norm-
Fassade 89
gemäße Veranke- Kalkstein findet sich Als Kontrast zum
weißen Kalkstein,
rung zu gewähr­ bis in den Innenbe- der das Gebäude
leisten, war für die reich hinein wieder. der Schwedischen
Botschaft dominiert,
Befestigung der Sogar die Tür des wurde die Westseite
Fassade eine be- Konferenzraums ist mit schwarzen

sondere Schienen- damit verkleidet. Diabas-Platten ver-


kleidet.
konstruktion von- „Bescheidene Ma-
nöten“, erklärt die terialien“ sind nach
Ingenieurin Petra Wingårdh typisch
Bamberger. für die schwedische
Architektur: „Eine
„Yang und Yin“ gewisse Armut und
an der Westfassade Ehrlichkeit des Aus-
der Schwedischen drucks, die oft im Architekt diesen sanft.“ An der zum
Botschaft Widerspruch steht Schwarz-Weiß-Kon- gemeinsamen
zu den modernen trast. Anders als Eingangsbereich
Wie bereits die Is- Konstruktionstech- an der Südfassade gerichteten Ecke
länder und die Nor- niken.“ liegt der Stein hier treffen die Süd-
weger hatte auch Die den Norwegern vor der Glasfläche. und Westfassade
der Architekt, Gert zugewandte West- Eine Glasfront wie- aufeinander. Der
Wingårdh, für die seite der Schwedi- derum bildet die schwarze Emma­
Fassade der vier- schen Botschaft östliche, zum Tier- boda-Granit der
stöckigen Schwedi- ist mit streifenförmig garten hin gelege- Westfassade setzt
schen Botschaft angeordneten, ne Fassade. Die sich auch an der
landestypischen blank polierten, Lamellen des Kup- leise plätschernden
Stein gewählt. Für schwarzen Diabas- ferbandes stehen Wasserwand im
die Südseite ver- Platten aus Skåne in einer horizontal Inneren der Bot-
wendete er großflä- (Brännhulstdiabas) offenen Position, schaft fort. „Wenn
chig 5 cm dicken verkleidet, die so dass das Licht du die kalten Struk-
weißen Kalkstein schindelartig wie ungehindert ein- turen der Fassade
(Norrvangekalsten) Schiefer mit rostfrei- strömen kann und mit dem Kaffeetisch
aus Gotland. Die en Haken ange- ein Blick in die im Zen-trum der
zur Plaza gerichtete bracht sind. Die Schwedische Bot- Eingangshalle ver-
Fassade der Bot- Steine überlappen schaft hinein mög- gleichst, scheint es
schaft ist – analog einander dabei lich ist – Transpa- so, als würde man
zur Struktur des mit sichtbar rauen renz und Licht als eine Analogie zum
Kupferbands – von Schnittkanten. Grundhaltung. schwedischen Cha-
Fensterreihen ge- Sowohl die nicht Laut Rafael Moneo, rakter herstellen“,
prägt. Davor sorgen prägnierten Kalk- Jury-Mitglied im konstatiert der
horizontale Son- als auch die Dia- schwedischen Architekt – das trifft
nenschutz-Schei- bas-Steine sind mit Wettbewerb, war es wohl ebenso auf
ben auch bei hoch- Metallankern an vor allem diese das Naturell der
stehender Mittags- einer Unterkonst- Offenheit, die den nordischen Nach-
sonne für helle ruktion befestigt. Beitrag auszeichne- barn zu: „Äußerlich
Arbeitsräume mit Als „Yang zum Yin te. „Äußerlich kühl kühl und ruhig,
angenehmer Tem- der Südfassade“ und ruhig, aber aber innerlich warm
peratur. Weißer bezeichnet der innerlich warm und und sanft.“
1
90 Lösungen
Fassade Schiefer modern
interpretiert
sind als Erkerfenster
ausgebildet und
ragen in den Straßen-
Das schmale Haus raum hinein. Die
Die Aufgaben „Am Markt 10“ in klassische Schiefer-

und Anforderun- Frankfurts neuem


DomRömer-Quartier
deckung ermöglicht
diese Plastizität pro-

gen an Fassa- fällt durch seine blemlos. Erwähnens-


moderne Schieferfas- wert ist auch die
den wachsen sade sofort ins Auge. Eindeckung der Gie-

stetig: Sie sollen Die gestaffelte Fassa-


de mit bewusst über-
belfront des Dach­
geschosses: Sie ver-

nicht nur vor höhtem Giebel hat läuft vom zentralen


das Berliner Architek- Fenster nach links
Wärme, Kälte turbüro von Ey ent- und rechts und ge-

und Feuchte worfen. Mit nur weni-


gen technischen
staltet so die Giebel-
front spiegelbildlich.

schützen, son- Details haben sie die Dadurch wirkt der


klassische Schiefer- hohe Giebel ästhe-
dern auch Ener- fassade wie ein Pail- tisch und elegant.

gie erzeugen lettenkleid über die


Fassadenfront ge-

WWW.RATHSCHECK.DE
und diese spei- spannt. Die zentralen
dreigeteilten Fenster
chern. Gefragt
sind zudem
wartungsfreie
und nachhaltige
Materialien.
Und die einge-
setzten Systeme
und Techno­
logien müssen
sich auch in

2
die digitalisier-
ten Bau-, Pla- Wärmebrückenfrei Wandteile als Sand-

nungs- und verbunden wichelemente mit


innerer und äußerer
Montagepro­ Die neue Lagerhalle Sichtbetonschale

zesse inte­ des burgenländi-


schen Weinguts
und 10 cm starkem
Dämmkern gefertigt.

grieren lassen.
WWW.SCHOECK.DE

Scheiblhofer ist 20 m Für die Verbundwir-


breit und 200 m lang kung der dreischali- FOTOS: R ATHSCHECK SCHIE FE R; SCHÖCK BAUTE ILE GMBH, SCHÖCK/GEOPHO
Wie vielfältig (Entwurf von Halbrit- gen Konstruktion

die Lösungen ter & Hillerbrand,


Neusiedl am See).
sorgt ein vergleichs-
weise unauffälliges

sein können, Der Einsatz von Fer- Bauelement: der


tigteilen sorgte für „Schöck-Isolink Typ
zeigen die eine kurze Bauzeit: TA-H“. Er besteht aus

folgenden Bei-
Die 3.500 m² fertig Glasfaserverbund-
gelieferten Wandele- werkstoff und verbin-

spiele. mente wurden in nur


vier Wochen zusam-
det dadurch äußere
und innere Schale
mengebaut. Um eine wärmebrückenfrei.

von
ausreichende Wär- Es werden weniger
medämmung für die Anker und keine Ab-

Sabine Lagerung und Reifung


der Weine sicherzu-
standshalter benötigt.

Schneider stellen, wurden die


3 Gehen Sie
Fassade

beim Dach
immer auf
Nummer
sicher.

Riemchen in dem glatte und rusti-


größerer Vielfalt kale Sorten unterein-
ander kombiniert
Wienerberger hat werden. Darüber hin-
sein Sortiment an aus sind objektbezo-
„Terca- Riemchen“ gene Sonderanferti-
auf insgesamt 23 Sor- gungen möglich.
tierungen erweitert: Die Designvariatio-
Während die 10 Sor- nen sind damit sehr
tierungen der Pro- vielfältig. Terca-
duktfamilie „Terca Riemchen sind farb-
Noblesse“ eine glatte echt, wartungsfrei
Oberfläche aufwei- und witterungsbe-
W W W.WIE NERBERGER.DE

sen, besitzen die 13 ständig.


Farben von „Terca
Charakter“ eine rusti-
kale Struktur. Das
Farbenspiel reicht
von zeitlosem Hell-
grau über warmes
Beige und klassisches Visionäre Entwürfe überlassen wir Ihnen
Rotbunt bis hin zu ganz allein – das Thema Dachsicherheit
modernen Braun-
nicht. Als führender Hersteller von System-
und Anthrazittönen.
Der gestalterische
lösungen fürs Flachdach und Steildach
Spielraum lässt sich liefern wir alles rund ums Dichten, Däm-
noch erweitern, in- men, Begrünen und Energiegewinnen.
Plus ein Mehr an Planungs- und Ausfüh-
rungssicherheit mit Ihrem persönlichen
Bauder Fachberater. Nehmen Sie doch
einfach direkt Kontakt mit ihm auf unter:
www.bauder.de/fachberatersuche
FOTO: WIE NE RBE RGE R
4
92 Lösungen

Wartungsfreie
Holzfassade

In einem ländlichen
Vorort von Stockholm
steht mitten im Kie-
fernwald das Wohn-
haus des Architekten
Matthew Eastwood.
Besonderen Wert leg-
te er bei dem Neubau
auf die Nachhaltig-
keit der Materialien.
Dazu zählte auch,
dass das Haus eine
natürliche Holzver-
kleidung erhalten
sollte. Diese sollte ei-
nen ähnlichen Cha-
W W W. K E B O N Y.C O M

rakter haben wie das


Holz der das Haus
umstehenden Kiefern
und bei jedem Wetter
beständig sein. Der

5
letztgenannte Punkt
WWW.LAUSTERSTE INBAU.DE

war Eastwood wich-


tig, damit keine Far-
ben oder Holzschutz-
mittel eingesetzt
werden müssen. Die
Wahl fiel auf „Kebony
Character“, das Äste
und unbehandeltes
Kernholz enthält.
Es wird aus FSC-zerti-
fizierter Waldkiefer
Anspruchsvolle des Gebäudes sowie hergestellt, die mit
Natursteinfassade der schwierige Ver- einer biologischen
ankerungsgrund. Flüssigkeit behandelt
Im ehemaligen Ger- Dank einer flexiblen wird. Dadurch erhält
ling-Quartier in Köln Schienenunterkonst- das Kiefernholz die
hat Lauster Steinbau ruktion für die Veran- Eigenschaften von
die Fassade des kerung der Fassade tropischem Hartholz.
Hotels „25hours The war es möglich, die
Circle“ realisiert. Das extremen Rohbauto-
FOTO: GUSTAV SVANBE RG; WOLF-DIE TE R GE RICKE, WAIBLINGE N

unter Denkmalschutz leranzen des Be-


stehende Gebäude standsgebäudes
wurde auf den Roh- auszugleichen und
bau zurückgebaut dadurch eine effizi-
und anschließend ente Montage durch-
neu eingekleidet. zuführen. Die sich
Der Entwurf von Ort- über die gesamte
ner & Ortner Baukunst Gebäudehöhe erstre-
sah dabei vor, das ckenden Lisenen
ursprüngliche Er- wurden steingerecht
scheinungsbild zu im Original nachge-
erhalten. Technisch baut.
herausfordernd wa-
ren die runde Form
Fassade 93
Aerodynamisch
geformte Röhre

Dort, wo die Themse


zwischen London City
Airport und Down-
town London durch
drei ausgeprägte
Bögen eine rundliche
Halbinsel ausformt,
liegen die Docklands,
das ehemalige Ha-
fengebiet. Um das
aufstrebende Viertel
an die Verkehrsinfra-
struktur anzubinden,
schufen Foster + Part-
ners mit dem Crossrail
Place eine repräsen-
tative Verbindung
zwischen dem HSBC-
Tower und dem Wohn-
viertel Poplar. Die
angeschlossene Fuß-
gängerbrücke wurde
mit weich gekanteten
Alucobond-Fassa-
denplatten verklei-

6
det, die der Röhre
eine sehr dynami-
WWW. ALUCOBOND.COM

sche, quasi aerody-


namische Anmutung
verleihen. Da auch
die Untersichten
vollständig in die Ge-
FOTO: RICHARD GOODING

staltung einbezogen
wurden, wirkt der auf
V-Stützen ruhende
Tunnel selbst wie ein
Fahrzeug.

ALHO Modulbau
KREATIVER
MODULARES BAUEN IST
INDIVIDUALITÄT IN SERIE! BAUEN
Modulbau – die Vielfalt der Gestal- Mit der ALHO
tungsmöglichkeiten spricht dafür! MODULBAUWEISE
Denn dank der Modulbauweise planen
Sie sehr effizient den Bau von Büro-
gebäuden, Bildungsimmobilien, Gesund-
heitsimmobilien und Wohngebäuden
und schaffen sich so Freiraum für
Ihre Kreativität:

▪ Effiziente Planung mit flexiblen Rastern


▪ Bedarfsgerechte Grundrissgestaltung
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Fixe Kosten. Fixe Termine. Fix fertig.


www.alho.com
8
94 Lösungen
Schlanke
Aluminiumpaneele

ProContain ließ seine


neue Zentrale in
Coswig in der Modul-
bauweise des Mutter-
konzerns Alho errich-
ten. Architekt Frank
Holschbach konzi-
pierte den Neubau
als schlanken Zwei-
spänner. Die von Alho
vorgefertigten 31
Raummodule wurden

7
auf ein betoniertes
Untergeschoss aufge-
setzt, innerhalb von
WWW. ALHO.COM

zwei Wochen vor Ort


montiert und in den
folgenden drei Mona-
ten ausgebaut und
mit einer Fassade
verkleidet. Diese
besteht aus schlan-
ken hochformatigen
Aluminiumpaneelen, Titandioxidfreie
die sich mit gleich Farbe für Denkmal
großen, raumhohen
Fensterelementen Das 1558 erbaute
und – im Bereich in- Handwerkerhaus in
nenliegender Balko- Augsburg wurde von
ne – lichtdurchlässi- 2016 bis 2018 grund-
gen gelochten Ele- legend und zugleich
menten abwechseln. behutsam saniert,
Die Geschossdecken um einerseits den
sowie der Dachrand Vorgaben des Denk-
sind mit dunkler malschutzes zu ent-
gefärbten Metallkas- sprechen und ande-
setten optisch wie rerseits hochwertigen
plastisch als Bänder Wohnraum zu schaf-
hervorgehoben und fen. Für die Fassade
betonen damit die des Hauses wählten
Länge des Bauwerks. die Besitzer einen
Anstrich mit „Keim-
Soldalit-Arte“ – einer
W W W.KE IMFARBE N.DE

titandioxidfreien
Fassadenfarbe auf
Sol-Silikatbasis für
Anstriche mit beson-
derer Farbtiefe und FOTO: ALHO HOLDING GMBH; CHRISTIAN SCHNE IDE R UND LISA STE BE R
Farbbrillanz. Abge-
® tönt nur mit lichtech-
ten mineralischen
Farbpigmenten, un-

WELTWEIT: terstreicht Soldalit-


Arte die Original-
Rundum-Services
ANZEIGE vom Einzelgerät
bis zur Großprojekt-
struktur sowie die
Materialität des Un-

1/8 breit
Komplettlösung tergrunds. Die Sanie-
rung erfolgte aus-
schließlich mit ökolo-

Extreme Verglasungsprojekte weltweit


gischen Baustoffen
unter der Leitung
Mega Scheiben bis 24 m Länge und Koordination der

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Fassade

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UNIVERSITÄTSGEBÄUDE.

Loggien deshalb Ver- KINDERTAGESSTÄTTEN.


glasungen. LRW Ar-
VERWALTUNGSGEBÄUDE.
chitekten und Stadt-
planer entschieden
sich in Absprache
mit den Bauherren für
eine Balkonvergla-
sung von Solarlux,
mit der 27 Loggien
verkleidet wurden.
Das Schiebe-Dreh-
System „SL 25“ besitzt
eine transparente
INNOVATIVE
Optik und ist einfach
DETAILLÖSUNGEN,
handzuhaben. Die
rahmenlosen Glas- ZUKUNFTSORIENTIERTE

elemente lassen sich KONZEPTE UND EINE


flexibel öffnen und ZIELSICHERE PLANUNG

IN MODULBAUWEISE.
schließen. So bleibt
Glas schlägt der Freiluftcharakter
Schall der Loggien erhalten,
sie können aber bei
Das Hamburger Bedarf – etwa bei
Wohnquartier Oth- schlechtem Wetter
marscher Höfe liegt oder besonders viel
direkt an der Bahn- Lärm – auch ge-
strecke der S-Bahn schlossen genutzt
von Wedel nach werden.
Altona und an einem
Gewerbegebiet, so-
FOTOS: SOL ARLUX GMBH

dass bauliche Schall-


schutzmaßnahmen
notwendig waren.
An der Jürgen-Töpfer- www.saebu.de
Straße erhielten die modulbau@saebu.de
96 Lösungen

Zu den Klinkerriemchen
WWW.ROEBEN.COM

Der „Röben-Planungs-
service“ hat die je-
weils nur 24 Zentime-
ter dicken und erdbe-
bensicher geplanten
Fertigteilpilaster bis
ins Detail ausgearbei-
tet. Sie wurden mit
rund 5.700 Quadrat-
metern Keramik-Klin-
kerriemchen gefertigt.
Insgesamt hat man
so 338 Fertigteil-
Elemente in einer Brei-
te von 1,50 bis 4,50
Meter und einer Höhe
von 2,0 bis 6,7 Metern
produziert. Zusätzlich
wurden 145 Fertig­
teilstürze und Fenster-
bänke sowie 237 Atti-
kaabdeckungen auf
die Baustelle geliefert.
Die rund 5.800 Quad-
ratmeter der übrigen
drei Fassaden des
Baukörpers wurden
konventionell aufge-
mauert.

Pilaster-
Schraffur SIEHE AUCH
SEITE
Klinkerriemchenfassade des 62

„Musée cantonal des Beaux-Arts de


Lausanne“ von Röben
FOTOS: CORNE LIA SUHAN
Referenz 97

Vor allem die Herstellung der Pilaster erforderte genaueste Planung und Logistik.

Der hell verklinkerte, fast 150 Meter lange insgesamt 338 Fertigteilelemente mit Brei- bung sicherzustellen. Da der Ziegel als
Baukörper (siehe auch Seite 62) öffnet sich ten zwischen 1,49 und 4,50 Metern und Hö- Naturprodukt Maßtoleranzen mit sich
nach Norden durch eine symmetrische hen zwischen 2,00 und 6,70 Metern. Hinzu bringt, variieren diese leicht im Millime-
Lamellenfassade und beeindruckt mit ih- kamen 385 Stürze, Fensterbänke und Atti- terbereich. Für die 24 Zentimeter breite
ren 22 Meter hohen lamellenartigen Pilas- kaabdeckungen. Während Letztere sich Ansicht der Pilaster wurden die Klinker
tern. Die jeweils 1,50 Meter vorstehenden dem klassischen Sortiment der Ziegel-Fer- u-förmig ausgeschnitten und ebenfalls in
und im Abstand von ebenfalls 1,50 Meter tigteile zuordnen lassen, handelt es sich die Form gestellt.
ausgebildeten Bauteile gliedern die lang- bei den Pilasterelementen um Sonderpla- So bezieht sich das Wort Planung nicht nur
gestreckte Klinkerfassade und verhindern nungen in einer Vielzahl unterschiedlicher auf die Konstruktion der Fassadenfertig-
das Eindringen von direktem Sonnenlicht. Varianten. Jedes Teil ist abhängig von den teile, sondern auch auf Freigaben, Werks-
Das helle Grau der Klinker reflektiert den- dahinter- oder darunterliegenden Fassa- kontrollen und Prüfungen, richtige Lage-
noch ausreichend indirektes Licht in die denöffnungen und deren ebenfalls variie- rung, die Reihenfolge der Lieferung, die
Innenräume. renden Einbautiefen. Die weitere Detail- Zölle und allem, was dazugehört. Etwa 100
Um die Vorstellung der Architekten ihres lierung betrifft den Einbau von Leerrohren Lastwagen brachten die Fertigteilele-
individuellen Klinkers „in Richtung Grau“ zur Elektroinstallation. mente für die Baustelle vorsortiert und gut
genauer zu definieren, wurden immer   geschützt nach Lausanne. Dort lag die
wieder neue Versuchsbrände hergestellt. U-förmige Klinkerriemchen Kunst der ausführenden Firmen im exak-
Dabei hat man Oberflächenstruktur und ten Einbau der Fertigteile. Die Elemente
Farbe der Klinker immer weiter verfeinert Seit etwa vierzig Jahren stellt Röben inzwi- wurden in die stehende Rüstung von
– ein Prozess intensiver Zusammenarbeit schen Ziegelfertigteile her, doch auch 22 Metern Höhe eingefädelt und bis nach
aller an der Gebäudehülle Beteiligten, bis wenn die Technik heutzutage einiges unten an den ihnen zugedachten Platz be-
ein originalgetreues Mock-up gebaut leichter macht, steckt weiterhin viel Hand- wegt. Virtuos zeigte man sich auch bei der
werden konnte. arbeit in deren Produktion. Neun Monate Überwindung sprachlicher Barrieren: Die
Aus Gründen des Handlings und der Logis- dauerte die Herstellung der Elemente für Kommunikation auf Englisch, Französisch,
tik entschied man sich für eine Vierteilung Lausanne. Die gesamten Klinker für das Spanisch und Deutsch – das Musée canto-
der 84 Pilaster. Geplant, produziert und Projekt wurden vorab in einem Durchgang nal des Beaux-Arts ist im wahrsten Sinne
über 1.400 Kilometer ausgeliefert wurden produziert, um eine einheitliche Farbge- ein Gemeinschaftsprojekt.
98 Lösungen
Software Vernetzte Plattform
für Rekordprojekt in
New York

Vom 11. bis Im Herzen Manhat-

13. Februar 2020 tans entsteht derzeit


das AC Hotel New

findet in Köln York NoMad, das


höchste Hotel der
erstmals die Welt in modularer

Fachmesse Bauweise. Realisiert


wird das Projekt von

digitalBAU statt dem Bauunterneh-


men Skystone, das
– eine Dialog- von Anfang bis Ende

plattform für des Projekts auf die


Software von Auto-

Planer, Architek- desk setzt: von „Auto-


CAD“ und „Revit“
ten, Ingenieure, für den Designprozess

Handwerker und über „Assemble“


während der Vorkon-

die gesamte struktion bis hin zu


„BIM 360“ für das Bau-
Industrie. Neben management. Mithil-

Softwarelösun-
fe der vollständig
vernetzten Plattform

gen der Bau-IT BIM 360 werden sämt-


liche Daten verwaltet,
wird die Veran- sodass die einzelnen
Teams über die ge-
staltung die samte Projektphase

gesamte Wert- hinweg nahtlos zu-


sammenarbeiten
schöpfungskette können. Das komplet-
te Projekt wird also
rund um das mit nur einer Plattform

digitale Planen, realisiert. Modulares


Bauen wird damit

Bauen und noch effizienter – und

1
zukunftsfähiger.
Betreiben von
Gebäuden ab-
bilden. Das
umfangreiche
Rahmenpro-
gramm besteht
aus einem drei-
tägigen Kon-
gress, drei Foren
WWW. AUTODESK.DE

und vielen wei-


teren Veranstal-
tungen.
FOTO: VSKYSTONE; AUTODE SK

von
Theresa
Ramisch
Software 99

2
Diese dynamische
Datenvisualisierung
ermöglicht die Quali-
tätskontrolle und
Validierung in allen
Planungsphasen.
Weitere Verbesserun-
gen: Eine neue Me-
thode der IFC-Refe-
Datenvisualisierung renzierung minimiert
live den Zeitaufwand für
die Nutzung von IFC-
W W W .V E C T O R W O R K S 2 0 2 0 . E U

Die deutsche Version Informationen. Daten


2020 der BIM- und von geografischen
CAD-Software „Vec- Informationssyste-
torworks Architektur“ men lassen sich
bietet eine Reihe mühelos in ein BIM-
neuer Funktionen, die Modell integrieren.
datenbasierte Work- Und neue Animati-
flows und Benutzer- onsfunktionen er-
freundlichkeit in den möglichen beeindru-
Vordergrund stellen. ckende Kamerafahr-
Viele Informationen ten durch ein Projekt
können jetzt auch auf und erzeugen inter-
Konstruktionsebene, aktive Online-Videos.
also live während des
Planungsprozesses,
visualisiert werden.
100 Lösungen

3 4
ten Gesamtübersicht
für Arbeitnehmer wie
Arbeitgeber darzu-
stellen. Mit dem Ur-
laubsplaner kann der
Architekt und Ingeni-
eur neben den regu-
lären Urlaubszeiten
auch Sonderurlaube Automatisiert Dies macht das
berücksichtigen. Im drucken und Anwählen verschie-
Mitarbeiter-Cockpit ablegen dener Drucker über-
werden alle wichti- flüssig, denn der
gen Informationen Der „Druckdirektor“ Planer verteilt seine
W W W.GW-SOF T WARE .DE

aus dem Bereich des der G&W Software AG Ausdrucke nach vor-
neuen Stundenkontos definiert automati- ab definierten Regeln
zusammengefasst. sche Druckprozesse. an unterschiedliche
Um die spezifischen Der Anwender steuert Drucker respektive
Urlaubs- und Anforderungen der mit dem Programm Verarbeitungsprozes-
Überstundenabbau Planungsbüros an sowohl physische se. So kann er zum
steuern das Berichtswesen Drucker als auch eine Beispiel ein Leistungs-
abzudecken, bietet Ablage als PDF/XPS- verzeichnis ausge-
Die neue Version des das Programm über Datei im Filesystem. ben, das als Druck-

FOTO: KOBOLD M ANAGE ME NT SYSTE ME GMBH, WUPPE RTAL; G&W SOF T WARE AG
Büro- und Projektma- 150 Standardauswer- fassung auf Normal-
nagementsystems tungen. papier über den
„Kobold Control“ zentralen Kopierer in
steuert mit dem den Versand geht,
(Über-)Stundenkonto als Papierfassung auf
den Abbau entstan- Recyclingpapier auf
dener Überstunden einem zweiten Dru-
gezielt per Antrags- cker im Archiv ausge-
verfahren. Zudem ist geben und als PDF-
es nun möglich, Über- Dokument im hausei-
stunden alternativ genen IT-Netzwerk
auszuzahlen und dies in einem bestimmten
in einer transparen- Ordner abgelegt
WWW.KBLD.DE

werden soll. Mit dem


Druckdirektor redu-
zieren sich die Ar-
beitsgänge somit von
drei auf einen.
Software 101

5
W W W. N E VA R I S .CO M

Die XRechnung „Nevaris Bau“ für


kommt Windows ist XRech-
nung bereits optional
Ab dem 27. November in dem Anfang No-
2020 müssen laut EU- vember veröffentlich-
Richtlinie 2014/55/EU ten Update enthalten.
alle Rechnungen 2020 wird die Funkti-

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von Unternehmen an on XRechnung durch
öffentliche Auftrag- die unterjährigen

1/4 breit
geber elektronisch im Software-Releases
XRechnungs-Format auch in „Nevaris
gestellt werden. Bau- Finance“ eingespielt.
unternehmen, die für
eine Bundesbehörde
arbeiten, sollten sich
also zeitnah mit dem
Thema XRechnung
auseinanderzusetzen.
Die XRechnung kann
kostenlos genutzt
werden und lässt sich
in bestehende Firmen-
software integrieren.
Sie sorgt dafür, dass
der gesamte Rech-
nungsprozess digital
und damit auch
schneller ablaufen
kann. In der Software
102 Lösungen
Mängel beseitigen
statt dokumentieren

WWW.PROJEKTPRO.COM
Mit „Pro topic“ stellt
Projekt Pro ein Tool
für das digitale Pro-
jekt- und Baustellen-
management vor,
das dabei helfen soll,
Projekte schneller
erfolgreich abzu-
schließen. Der Name
Pro Topic reflektiert
die Denkweise, die
dahintersteckt: Zen-
trales Element ist ein
agiler Pool von The-
men, sogenannte
Topics. Diese werden
nicht zeitlich linear,
sondern gemäß ihrem
inhaltlichen Fort-
schritt an einem zen-
tralen Ort abgelegt.
Aufgaben, Auffällig-
keiten und Vermerke
gehen als Topics
ebenso ein wie Män-
gel und werden unab-
hängig voneinander
in Besprechungen
und Begehungen

7 6
weitergeschrieben.
Auf der mandanten-
fähigen Plattform
W W W.ORCA-SOF T WARE .COM

können mehrere In-


putgeber zusammen-
arbeiten, auch Baufir-
men. Pro topic ist
sowohl als App als
auch für die Browser-
nutzung konzipiert.

BIM lädt CAD und AVA verschiedene Auffäl-


zur Kooperation ein ligkeiten auf, etwa
im Hinblick auf Vor-
Im Zusammenspiel gaben der IFC-Spezi-
zwischen CAD-Soft- fikation. Fehler und
ware und der Soft- Warnungen werden
ware für Ausschrei- direkt in der Tabelle
bung, Vergabe und markiert. Für die
Abrechnung (AVA) Mengenermittlung
sieht die Orca GmbH von Wänden, Decken
ein großes Potenzial oder deren Beklei-
zur Zeitersparnis und dungen bietet sich
Wirtschaftlichkeit. die Sicht Gebäude-
Die aktuelle Version geometrie an. Um
„Orca AVA 23“ bein- das LV für Stahlbeton
haltet deswegen das zu erstellen, zieht
IFC-Diagnosetool. man die Mengen zum
FOTO: © PROJE K T PRO GMBH

Dieses analysiert Beispiel für alle tra-


auf Grundlage des genden Elemente aus
IFC-4.0-Standards der IFC-Datei.
und gesammelter
Erfahrungswerte die
IFC-Datei und listet
8
Software 103

möglicht den Einsatz Daten. Neues auch


auf verschiedenen im Bereich Rechnun-
Geräten, auch auf gen: zum Beispiel die
dem Smartphone. Rechnungsabwick-
Eine vereinfachte lung nach EB inter-
Menüstruktur erlaubt face 5.0, arbeitspa-
ein intuitives Hand- ketbezogene Neben-
ling; die Oberfläche kosten und Rabatte,
kann zudem mit di- Haftrücklass-/Sicher-
Projekte und Zahlen versen Butlern (Wid- heitseinbehalte sowie
im Blick gets) individuell an- die weitere Flexibili-
gepasst werden. sierung von HOAI-
Die aktuelle Version Auch die Darstellung Rechnungen.
WWW.UNTERMSTRICH.COM

der Controlling-Ma- aller Resultate erfolgt


nagement-Software jetzt mit solchen
für Architekten und Butlern. Neue, inter-
Ingenieure „unterm- aktive Grafiken ver-
Strich X3“ besitzt eine bessern die Über-
überarbeitete Benut- sichtlichkeit aller ge-
zeroberfläche und er- schäftsrelevanten

9 Schlitz- und Durch-


bruchsplanung am
3D-Modell
Stützen jetzt auch in-
tuitiv modellieren –
sogar als komplexe
oder frei designte
Zu den Weiterent- Formteile. Möglich
wicklungen von machen das die kom-
„Archicad 23“ zählt plett überarbeiteten
ein neues Öffnungs- Träger- und Stützen-
WWW.GRAPHISOFT.DE

werk zeug. Es ermög- werk zeuge. Und das


FOTO: UNTE R MSTRICH SOF T WARE GMBH ; CPU PRIDE, GR APHISOF T

licht eine Schlitz- und „Aktionscenter“ zeigt


Durchbruchsplanung auf einen Blick, wel-
direkt am 3D-Modell che Konflikte inner-
und spart damit viel halb des Projekts
Zeit. Auch lässt sich noch zu beheben
damit die komplette sind.
Durchbruchplanung
des TGA-Fachplaners
direkt übernehmen –
über die neue, von
buildingSmart zertifi-
zierte IFC4-Schnitt-
stelle. Zudem können
Architekten mit Ar-
chicad 23 Träger und
104 Live

Architektur ist immer Teamarbeit:


Das NXT-A-Kamingespräch bei Hild und K
Im Münchner Büro von Hild und K hat NXT A zu einem ent-
spannten Kamingespräch eingeladen. Nach einer Büro-
führung sprachen wir über Arbeitswelten von Architekten
und die Münchner Baukultur.

Allein schon der Besuch der siert, resümieren Andreas Hild


Büroräume von Hild und K www.nxt-a.de und Dionys Ottl im Gespräch.
in München-Ludwigsvorstadt @NXT.A.DasjungeArchitektenNetzwerk In der Münchner Innenstadt,
hat sich gelohnt. Denn die @nxt_a_network am Marienplatz, kann man
Architekten arbeiten im Lind- einige Häuser von Hild und K
wurmhof – einem Gebäude- innerhalb einer Stunde zu
komplex aus der Prinzregen- Fuß ablaufen. „Wir haben
tenzeit, der eine stilistisch-ar- eine Architekturstudentin Kommunikation“, führt Dionys eine gewisse Spezialisierung
chitektonische Synthese aus und ihr Kommilitone sind für Ottl weiter aus. „Die Runden auf Umbau, Bauen im Bestand
traditionellen Dekorelemen- den Termin sogar aus Re- werden immer größer. Wir oder Baulücken“, erklärt An-
ten und damals modernster gensburg gekommen – hinter skypen viel mit London und dreas Hild. „Die Verlinkung
Bauweise gefunden hat. Das die Kulissen schauen. Als Berlin. Alle Projekte laufen zum Denkmal war schon im-
einstige Kontor- und Lager- Erstes bekommen wir eine auf dem Bildschirm. Was wir mer unser Steckenpferd“,
haus nach Hamburger Vor- Büroführung. Die Räume sind besprechen, wird immer do- fügt Dionys Ottl hinzu. „Ob
bild direkt am Bahndamm hell, hoch und luftig und bie- kumentiert, das ist sehr hilf- diese DNS allerdings schon
der ehemaligen Königlich ten viel Platz zum Denken, reich.“ Der Konferenzraum ist immer da war, wir sie erarbei-
Bayerischen Südbahn ist zum Ausprobieren und Entwi- häufig in Benutzung. tet oder wir sie gesucht und
heute denkmalpflegerisch ckeln. Die Aufteilung ist nach Bei Hild und K wird sich aber gefunden haben – das lässt
vorbildlich saniert und hat Gruppen sortiert: Die Archi- nicht nur um gute Kommuni- sich nicht so genau nicht
sich zu einem Kreativquartier tekten, die meistens zusam- kation gesorgt, sondern auch sagen.“
entwickelt. Geht man durch menarbeiten, sitzen auch zu- um arbeitnehmerfreundliche Jeder von Hild und K entwor-
den ersten Innenhof, findet sammen, erklärt Dionys Ottl. Arbeitszeiten: Bei unserem fene Bau sieht anders aus,
man gleich im zweiten Auf- „Bei uns ist es nicht so, dass Treffpunkt im Büro ist es 19:00 weil er ganz speziell für den
gang oben die großzügigen sich morgens jeder Mitarbei- Uhr, und Dionys Ottl freut sich: jeweiligen Kontext und des-
Räume mit Loftcharakter von ter erstmal seinen Arbeits- „Ich bin ganz stolz, dass hier sen individuelle Charakteris-
Hild und K. platz erobern muss.“ Weil das jetzt kaum jemand mehr sitzt tika entwickelt wird. Die
Das Büro entwirft Gebäude, Verschneiden der Informatio- und arbeitet.“ Andreas Hild Bauherren kommen nicht
die durch eigenen Charakter nen gar nicht so einfach ist, betont, dass die relativ niedri- immer mit konkreten Vorstel-
bestechen, anstatt sich der arbeitet man bei Hild und K ge Überstundenquote Teil lungen. „Viel von dem, was
zeitgenössischen Architektur in Großraumbüros – trotz der einer politischen Haltung ist: wir tun, ist Beratung“, erläu-
anzupassen. Sanierung und Akustik. „Die Architektur muss aus tert Andreas Hild. „Wie gehe
Bauen im Bestand sind ein Die Arbeitsplätze sind auf den Produktionsbedingungen ich mit dem Denkmal um?
Spezialgebiet der Architek- einer Ebene in zwei große entstehen, die die Gesell- Wie kann ich die Zielerwar-
ten – ihr Credo lautet: „Archi- offene Bereiche zusammen- schaft der Architektur bietet – tungen genehmigungsfähig
tektur kommt bei uns nicht gefasst, räumliche Hierarchi- und dazu gehört eine 40- bekommen? Nachdem wir
von der Stange.“ en gibt es bis auf das Chef­ Stunden-Woche.“ ein Büro sind, das den Dialog
Gegründet wurde das Büro büro nicht. Arbeiten im Team Und wie produktiv das Büro sucht, nähern wir uns unseren
1992 von Andreas Hild und wird großgeschrieben: „Eines dennoch ist, hören wir bei Projekten mit Ideen an.“
Tillmann Kaltwasser. Andreas der wichtigsten Dinge ist der dem anschließenden Kamin-
Hild, der seit 2013 auch eine Informationsfluss“, betont gespräch in der Bibliothek. Mehr über unseren Besuch
Professur für Architektur an Dionys Ottl. Den Talk moderiert die bei Hild und K erfahren Sie in
der TU München innehat, führt Im Münchner Büro sitzt auch Münchner Architektin und unserem Video auf
es heute gemeinsam mit sei- die Arbeitsgruppe, die die Architekturjournalistin Eva
nen beiden Partnern Dionys Neue Pinakothek in einem Herrmann, die sich bereits www.nxt-a.de
Ottl und Matthias Haber. Eine Großprojekt gemeinsam mit in mehreren Essays mit den
Dependance gibt es seit dem Kollegen von Caruso St John Arbeiten von Hild und K aus-
Umbau des Bikini-Areals in Architects aus London sa- einandergesetzt hat. Über 50
Berlin. In München dürfen wir niert. „Hier haben wir wieder Projekte hat das Büro in den
mit unseren 15 Teilnehmern – eine Schnittstelle mehr in der letzten dreißig Jahren reali-

Text Ute Strimmer


Impressum 105
Baumeister — Das Architektur-Magazin — 117. Jahrgang
Eine Marke von

REDAKTION
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B3
Tel +49 (0) 89 / 43 60 05 – 0, Fax +49 (0) 89 / 43 60 05 – 14 7
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CHEFREDAKTION
Prof. Dr. Alexander Gutzmer Tel – 11 8
(verantwortlich für den redaktionellen Inhalt)
REDAKTION
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Alexander Russ Tel – 172

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für Herburg Weiland, München

ALLE ILLUSTRATIONEN
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men t g i l t zunächs t fü r e i n Jah r und ka n n da nach jede r ze i t gekünd ig t we rden .
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wenn sofort nach Erscheinen reklamiert wird.
Widerrufsrecht: Sie können die Bestellung binnen 14 Tagen ohne Angabe von Gründen
formlos widerrufen. Die Frist beginnt an dem Tag, an dem Sie die erste bestellte Ausga-
be erhalten, nicht jedoch vor Erhalt einer Widerrufsbelehrung gemäß den Anforderun-
gen von Art. 246a § 1 Abs. 2 Nr. 1 EGBGB. Zur Wahrung der Frist genügt bereits das
rechtzeitige Absenden Ihres eindeutig erklärten Entschlusses, die Bestellung zu wider-
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Der Widerruf ist zu richten an: Leserser vice Baumeister, D-65341 E lt ville, Tel +49 (0)
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Sonderdrucke einzelner Beiträge dieser Ausgabe können beim Verlag angefragt wer-
den. Diese Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Ab­b ildungen
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line- oder Online-Produktionen zu (z.B. CD-ROM oder Datenfernübertragung). Falls eine
Vergütung vereinbart wird, deckt diese die genannten Verwertungsformen ab.
Erfüllungsort und Gerichtsstand München

Ab 1.12.2019 ist die Anzeigenpreisliste Nr. 59 gültig. Auszeichnungen


Anzeigenschluss ist jeweils am 25. des Vormonats.
Mitglied der agla a + b, Arbeitsgemeinschaft Leseranalyse
Architekten und Bauingenieure.
ISSN 0005-674X B1547
106 Kolumne

Aus
der Echtwelt
8
Auf meiner Liste stand Schönheit für Echtwelt Nummer
8, Quartal eins der neuen Zeitrechnung. Lange ge-
drückt, und dann kam gerade jetzt das Leben dazwi-
schen. Ich wollte im Zug schreiben, aber die Welt am
Tag Eins nach Fahrplanwechsel (Störungen im Be-
triebsablauf) und zweifacher Notarzteinsatz im Gleis-
körper bedeutet Streckensperrung und warten. Die
Zeit verging also mit Zeit vergehen, frierend, schlei-
chend und ungefüllt. So dass der heroische Ansatz
Anne-Julchen Bernhardt

endlich mal die Schönheit in der Architektur zu klären,


verpufft, die Autorin ist leer von Nichts. Es gibt Men-
schen, die eine besondere Umgebung zur Konzentra-
tion brauchen (Bibiane Beglau – die volle Bar; Peter
Altenberg – das Caféhaus), der besondere Raum des
stehenden Zuges ist es in meinem Fall nicht. Dabei tionsjacke verborgenen linken Hand. Die Haare sind
wäre es mein Wunsch, die Schönheit vom Leben aus zu zu einem Zopf geflochten, den Blick nach schräg oben
erklären und nicht aus dem Rückzug der Studierkam- aus dem Zugtürfenster auf den Himmel gerichtet, das
mer oder des Untergrundes. als Dreiviertel-Profil sichtbare Gesicht wird frontal vom
Also zum Plan, im Fünfjahresplan das Schwerste zu Be- Licht angestrahlt, das durch das Fenster in den Raum
ginn, dann belastet das nicht mehr, und es können an- fällt. Man sieht den betrachteten Ausblick nicht. Es ist
dere Themen kommen, Konzept, Gebrauch, Muster, ein sehr schönes Bild.
Typen, System, Struktur, Maßstab, die Stadt und der- Das Foto des sechszehnjährigen Mädchens in diesem
gleichen. Hiermit verabschiede ich mich schon mal fahrenden Raum ist gleichzeitig erhaben und alltäg-
von diesem Plan, kein Manifest, auch keine bedeuten- lich. Es geht um Widersprüchliches. Das Bild verbindet
de Veröffentlichung zur Schönheit, die endlich den Twitter mit Jan Vermeer. Es ist eine Momentaufnahme,
Vitruv, Schiller oder Burke ergänzt, dann zigfach zi- die in ihrer Zeitlosigkeit eine Allgemeingültigkeit be-
von

tiert, Punkte gesammelt, alles nix. Aber ich muss doch sitzt. Es geht um eine Ähnlichkeit des Erlebens des Be-
noch mal auf die Bahn zu sprechen kommen: das Bild trachters und gleichzeitig um die Unterscheidung da-
von Greta Thunberg im Eingangsbereich eines ICEs von. Es geht um das Gefühl des Reisens in diesem
auf dem Boden sitzend. Der durch das kommentierte überfüllten Zug und das Gefühl des Reisens allgemein.
Bild ausgelöste Mediendiskurs ist hierbei nicht wich- Es geht um eine Person, die den Diskurs der Welt über
tig. Es geht nur um das Bild, ein Foto, es wurde wahr- ein ökologisch verantwortliches Handeln im letzten
scheinlich knieend von jemandem aufgenommen, Jahr radikal verändert hat. Es geht um ein Bild, das ei-
mit tiefen Blickwinkel aus der Übergangszone zwi- nen gegenwärtigen Anlass hat und gleichzeitig das
schen zwei Wagons. klassische Bildmotiv Frau am Fenster darstellt. Es geht
Im Zentrum des Bildes stehen vor der WC-Wand mit um öffentliche Intimität. Es geht um den Blick eines
Bahnwerbeplakaten zum Gastronomieangebot des Menschen auf die Welt, der sich damit in eine stille Be-
Speisewagens und zum Komfort-Check-In zwei große ziehung zur Welt setzt. Es geht um das doppelte Be-
Stoffkoffer. Einer ist mit einem Stoffbeutel und Ruck- trachten – das Betrachten einer Betrachtenden und
sack bedeckt, davor ein kleiner Rucksack mit roten damit um ein doppeltes Verhältnis zur Welt.
Trinkflaschen, eine leere gelbe Essenverpackung und Das Bild besitzt große Kraft und stimmt hoffnungsfroh.
zwei Servietten auf dem zweiten Koffer. Am linken Es kann also auch in einem ICE schön sein. Die Echt-
Bildrand sieht man hinter drei Fenstern eine ver- welt soll aber kein Manifest zur Schönheit sein, son-
schwommene bläuliche Landschaft mit Bäumen. Am dern eine skizzenhafte Ode an den Moment, die Reise,
rechten Bildrand sitzt Greta Thunberg angelehnt an die Kraft der Veränderung und gleichzeitig die Kraft
einen großen Aluminiumkoffer, zum Teil verdeckt der Geschichte – also grundsätzlich um die Konstruk-
durch den Wagonkopplungsbalg, die Beine schräg tion von Widersprüchlichem, das eine neue Erkennt-
aufgestellt; das Kinn aufgestützt auf der in einer Funk- nisstufe erreichen kann.

An dieser Stelle schreiben die Architektin Anne-Julchen Bernhardt im Wechsel mit


dem Professor für Architekturtheorie Georg Vrachliotis und
Baumeister-Chefredakteur Alexander Gutzmer.
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