Sie sind auf Seite 1von 102

B6

BAU Juni 20
117. J A H R G A N G

Das Architektur-
Magazin

ME ISTER
Das Leichte im
Schweren
AN DER GRENZE ZWISCHEN DRINNEN
UND DRAUSSEN

BUNDSCHUH ARCHITEKTEN / KINZO


+
CARAMEL ARCHITEKTEN
TITELTHEMA
OFFENE
BÜROKONZE PTE

S  2 0 S T A T I O N F I N P A R I S
+

S  3 2  S U H R K A M P - V E R L A G
IN BERLIN
HAASCOOKZEMMRICH STUDIO2025+

S  4 4  T A Z - G E B Ä U D E
IN BERLIN
S  5 0  A L N A T U R A - C A M P U S
IN DAR MSTADT
S  5 8 M Ü S S E N A P P L E U N D
GOOGLE UMDENKEN?
E2A

2038 + PEDEVILLA ARCHITECTS + WILMOTTE & ASSOCIÉ ARCHITECTES


+
Du fragst dich,
wie wir morgen
arbeiten, wohnen
und leben werden?
Wir auch.

NXT A. Open Minds Connected.


90 Tage kostenfrei testen.
Werde jetzt Mitglied!
nxt-a.de
Editorial

L
angsam kehren alle ins Büro zurück. Noch vor Wochen erschien
dieser Ort fast paradiesisch: War es nicht ein wunderbares Gefühl,
dass alle im selben Boot sitzen statt einsam zu Hause im Hamster-
rad zu treten? Andere Menschen mit anderen Themen, Ideen und
Sorgen zu treffen – zusammen arbeiten? Klar, tatsächlich haben
wir uns im Großraum die Ohren zugestöpselt, die Mütze tiefer ins
Gesicht gezogen oder sind auf der Suche nach einem ruhigen Eck
durchs Haus gewandert... In einem übergeordneten Sinn meinte
der Soziologe Armin Nassehi kürzlich in einem Interview in der
„Zeit“, „wir sehnen uns gerade zurück nach den normalen Steue-
AB SEITE rungsproblemen einer modernen Gesellschaft“.
20
Dieses Heft stellt vier Beispiele mit offenen Bürokonzepten vor. Die
Unternehmen hatten klare Vorstellungen zu ihrer Arbeitswelt:
kommunikativ, aber nicht zu laut, kostengünstig und trotzdem nicht
spartanisch, flexibel, aber nicht gesichtslos, teamorientiert und
trotzdem effizient. Zwei davon sind Medienhäuser – etwa der Suhr-
kamp-Verlag, dessen kilometerlange, mäandernde Bücherr­egale „Sweet Quarantine“

für konzentriertes Arbeiten in soviel Ruhe sorgen, dass man sich nennt Francesco
Giordano unser Titel-
dort sogar inzwischen Gedanken über ein künstliches Grundrau- foto. Es gehört zu
schen macht. Oder die Zeitungsredaktionen der taz, wo neutraler der Reihe Aufnahmen
auf einer Online-
Industriebaucharme jegliche Aneignung der weitläufigen Räume
Plattform, auf der
durch die Mitarbeiter gut aushält, selbst Girlanden und Sperr- Fotografen aus aller

müllsofas. Die Beispiele geben Grund genug, im Büro zu bleiben Welt ihre Situation
zu Hause kommen­
und das zu nutzen, was wir schnell wegen Corona gelernt haben: tieren.
weniger reisen und stattdessen über Skype, Zoom, Slack und MS
Teams zu kommunizieren. Von Thomas Auer, Transsolar Energie-
technik, stammt ja der bekannte Satz: „Die energetische Gebäu-
debilanz wird irrelevant, wenn die Mobilität nicht abnimmt.“
Das zweite Heftthema: das ominöse Halböffentliche, das Fenster.
Diese Schnittstelle zwischen privat und öffentlich sehen Fotografen
zu Hause mit neuen Augen, sie halten alltägliche Szenen und www.
Augenblicke fest – manchmal spürbar aus produktiver Lange­ stayat
weile. Momente, wie ihn auch das Titelbild zeigt, die der Isolation home.
COVE RFOTO: FR ANCE SCO GIORDANO

– wenn wir gesund sind – auch eine leichte, spielerische und hei- photo
tere Seite abgewinnen können.
graphy
Sabine Schneider
info@baumeister.de
Twitter @der_baumeister
Instagram @baumeister_architekturmagazin
4

B6 Köpfe Ideen
Zusammen
arbeiten –
vier Beispiele
für kommuni-
kative Büro­
raumkonzepte

Die unterstri-
chenen Bei-
träge rechts
befassen
sich mit dem
Titelthema. 14 20
Südtiroler Ideenfinder: die Brüder Pedevilla Station F: Ausgangspunkt für viele Start-ups

10 20
2038 Station F in Paris
Blick zurück aus der Zukunft: über das Eine meisterliche, alte Spannbetonhalle
Konzept des deutschen Pavillons auf der wird in einen geräumigen CoWorking
diesjährigen Biennale in Venedig Space transformiert.

14 32
Pedevilla Architects Suhrkamp-Verlag
Neues auf dem Fundament von Altbe-
währtem
in Berlin
Stillarbeit für die Mitarbeiter zwischen
tausenden Buchrücken

FOTOS VON LINKS: GUSTAV WILLE IT; PATRICK TOURNE BOE UF; A ME LIE K AHN-ACKE R M ANN; TOBIAS GR AU
44
taz-Gebäude in
BAU Berlin
MEISTER. Kommunikative Offenheit sorgt für
Freiraum im Denken.
DE
50
Alnatura-Campus
in Darmstadt
Warum für Bjarke Ingels Archi-
Ein Allraum baut Brücken für engere
tektur- und Designstudios in der
Zusammenarbeit und besseren Austausch.
Corona-Pandemie der Silber-
streif am Horizont sein könnten
und was der Corona-Knick
am Immobilienmarkt bedeutet –
Themen wie diese finden Sie
mehrmals wöchentlich in unse-
rem Baumeister-Newsletter.
5

Fragen Lösungen

Gast-Arbeiter

Schon viele Jahre beschäftigt


sich die italienische Fotografin
Alessandra Chemollo mit dem
Verhältnis zwischen Architektur
64 88
und Fotografie. Sie spürte für
Stayathome: Bewohner sorgen für Lichtblicke. Flexibles Licht im Homeoffice: die Leuchte „John“
uns eine Szene aus Venedig im
Ausnahmezustand auf (Seite 6),
da die Architekturbiennale ver-

58 72 schoben wurde und wir zur Zeit


nicht hinfahren können.
Müssen Fenster
Apple und Google 80
umdenken? Referenz
Haus K in München mit Fenstern
62 und Türen von Josko

Wie schreibt man


über Architektur? 82 M
E.P
HOTO

Fassade
G
O

RA
TAYAT H

PHY

64 86
.S

Am Fenster – Homeoffice
W

WW Internationale Fotografen treffen

ein Lichtblick? sich auf der Online-Plattform


stayathome.photography
und tauschen Eindrücke vom
Daheimbleiben aus. Wir stellen
Frederike Wetzels, Constantin
RUBRIKEN Mirbach, Katharina Scheidig,
Lorraine Hellwig, Florian Rei-
6 mann, Amelie Kahn-Ackermann
EIN BILD und Ole Witt vor (Seite 64).
30 Auch das Titelbild gehört dazu –
KLEINE WERKE es stammt von Francesco
42 Giordano.
UNTERWEGS
80
REFERENZ
90
IMPRE SSUM + VORSCHAU
91
PORTFOLIO: FASSADE
98
KOLUMNE
Alessandra Chemollo Venedig, Riva Ca‘ di Dio, im Frühling 2020 6
Ein Bild
7
Venedig im Früh-
jahr vor dem Bien-
nale-Ausstellungs-
gelände Arsenale:
In „normalen“
Zeiten hätte das
Bild ganz anders
ausgesehen. Links
würden erhitzte
deutsche Familien
unter Sonnenschir-
men ihr Vanilleeis
schlecken. Rechts
würde eine arabi-
sche Superyacht
den Blick aufs Was-
ser versperren. Und
in der Mitte wären
die Steinplatten
unter den Sanda-
len nordamerikani-
scher Touristen
oder den chinesi-
schen Marken-
handtaschen eines
schwarzafrikani-
schen Straßen-
händlers gar nicht
zu sehen. Von
dieser Quintessenz
unserer globali-
sierten Welt ist
plötzlich keine
Spur mehr. Noch
gehen die Venezi-
aner vorsichtig
aus, kaufen ein,
joggen und erken-
nen endlich, wie
wenige sie eigent-
lich sind. Einige
meinen, dass
nichts je wieder
so wird, wie es war.
Doch keiner hat
eine konkrete
Zukunftsidee für
diese eigenartige
Stadt, die heute
fast ausschließlich
vom Tourismus und
Kunsthandel lebt.
Hoffentlich wird
sich die Architek-
turbiennale, die
Ende Mai eröffnen
sollte, auch mit
dieser Frage befas-
sen. Offen ist noch
FOTO: ALE SSANDR A CHE MOLLO

immer, ob sie zum


neuen Termin,
dem 29. August bis
29. November,
tatsächlich stattfin-
den kann.

Text Leonardo Lella


Ein großes Team kümmert sich dieses Jahr um
die Gestaltung des deutschen Pavillons
bei der Biennale in Venedig. Die „2038“-Akteure
wollen anonym bleiben – ihr Erkennungszei-
chen: diese Affen. Sie stammen von dem
Münchner Maler Gabriel von Max (1840 – 1915).
9

∞ + 2
Köpfe:
SEITE
10

2038
SEITE
14

Pedevilla
Architects
PEDEVILLA
ARMIN UND ALEXANDER
FOTO: 2 0 3 8
10 Köpfe 1 – ∞

Die neue
Gelassenheit
Seit Corona ist bekanntlich vieles anders und Dinge,
die selbstverständlich schienen, sind plötzlich
infrage gestellt. Dazu gehört auch die diesjährige
Architekturbiennale, die bereits auf den August
verschoben wurde – Ende offen. Olaf Grawert gehört
zum Team „2038“, das den diesjährigen deutschen
Pavillon bespielen soll. Wir sprachen mit ihm Mitte
April über die gespenstische Nähe des Konzepts zur
derzeitigen Lage.
Interview:
Alexander Russ

BAUMEISTER: Worum geht es in Ihrem Kon- dene Lösungswege erklären. Dabei geht raum oder an Boden anders organisiert
zept für Venedig? es darum, die Dynamik zwischen einem werden? Dabei geht es aber nicht um Ent-
O L A F G R A W E R T : Darum, wie wir zusam- Lösungsvorschlag und den gesellschaftli- eignung, sondern um Eigentumsmodelle,
menleben und welche Rolle Architektur, chen Umständen und Auswirkungen auf- die Nutzungsrechte und Zugang organi-
Architektinnen und Architekten in Zukunft zuzeigen. Konkret: Welche Vorschläge sieren. Ein Beispiel dafür ist „ExRotaprint“
spielen werden. Wir springen dafür in eine gab es in einer von 2038 aus betrachteten in Berlin, die Nutzung und Eigentum über
nahe Zukunft, in das Jahr 2038. Von dort Vergangenheit, und wie wurden diese ein vertragliches Betriebssystem organi-
blicken wir zurück und erzählen, wie es zu Vorschläge und Entwürfe zu systemischen sieren. Neue Technologien wie Blockchain
dieser Zukunft gekommen ist. Wichtig da- Modellen, die man in einem größeren und Smart Contracts können uns helfen,
bei ist die zeitliche Nähe zur Gegenwart – Maßstab anwenden konnte? Das ist ja solche Organisationsmodelle großmaß-
18 Jahre, das ist ein Erwachsenwerden. Es auch die entscheidende Frage: Was sind stäblicher anzuwenden und ein intuitive-
ist also eine Zukunft, die uns aufgrund ihrer die Modelle, die wir heute schon sehen res Verständnis für deren Komplexität zu
zeitlichen Nähe unmittelbar betrifft. Wir können, die aber nicht als relevant ver- gewinnen.
zeigen die entscheidenden Ereignisse standen werden – Alternativen also, die
und Entscheidungen, die notwendig wa- bislang als Randerscheinung wahrge- B: Wie setzt sich Ihr Team zusammen?
ren, damit es gerade noch mal gutgegan- nommen wurden, die aber unter bestimm- OG: Am Anfang gab es eine Gruppe von
gen ist. Es ist eine positive Zukunft, die be- ten Voraussetzungen wie einer Krise das ungefähr 40 Personen mit unterschiedli-
hauptet: „2038 – es ist noch einmal alles Potenzial hätten, systemisch angewendet chen Rollen im Projekt. Das Kernteam be-
gut gegangen“. zu werden. steht aus Christopher Roth, Sonja Junkers,
Nikolaus Hirsch, Elke Doppelbauer, Arno
B:Wie sieht das konkret aus? B:Was wäre ein Beispiel für so ein Modell? Brandlhuber und mir. Die Inhalte, die 2038
Wir zeigen Filme und erzählen Ge- Ein aktuelles Beispiel ist die Debatte ausmachen, entwickeln wir gemeinsam –
FOTO: 2 0 3 8

OG: OG:
schichten, in denen unterschiedliche Pro- um steigende Mieten und Wohnungsei- dann teilt es sich in die Projektteile auf.
tagonisten zu Wort kommen und verschie- gentum. Wie kann Eigentum an Wohn- Christopher Roth und Sonja Junkers arbei-

WEITER
11

Drei Medien: Das Konzept von 2038 soll vor Ort in Venedig im Film präsentiert werden, als gedrucktes Magazin und auf der Website: www.2038.xyz
12
ten an der Produktion der Filme und Inhal- bilden sie die gesellschaftliche Tragweite B: In Ihrem Konzept verwenden Sie Begrif-
te, Nikolaus Hirsch am konzeptionellen und Auswirkungen von Architektur nicht fe wie „Radikale Demokratie“ und „Radi-
Rahmen und der Kommunikation. Elke ab. Hinzu kommt, dass wir dann beim Me- kale Bürokratie“. Was meinen Sie damit?
Doppelbauer koordiniert die Menschen dium Film mit einer komplett anderen O G : Ein konkretes Beispiel: Audrey Tang ist
hinter den Projektteilen, vom Ministerium Denkweise konfrontiert werden. die Digitalisierungsministerin von Taiwan.
bis zu unseren italienischen Partnern. Arno Ihr Vorschlag ist, digitale Plattformen zu
Brandlhuber ist für die Architektur des Pa- nutzen, um eine andere Form von Teilhabe
villons verantwortlich und ich für das Zu- zu ermöglichen. Wählen bedeutet in die-
sammenführen der Inhalte und die Über- sem Modell nicht mehr, dass ich meine
setzung in die unterschiedlichen Medien. Stimme einer Partei oder einer Person
gebe, sondern dass ich viele Stimmen
habe, die ich unterschiedlich gewichten
kann. Hintergrund ist, dass die Antworten
auf die Fragen unserer Zeit zu komplex
sind, um sie nur mit Ja oder Nein zu beant-
3 worten. Das System hinter den demokrati-
schen Prozessen muss also aktualisiert
B: Inwiefern? werden, um diese Komplexität abzubil-
OG: Ein Regisseur wie Christopher Roth den. Radikale Demokratie bedeutet dem-
denkt in Geschichten. Er stellt die für ihn nach, ein demokratisches Modell einzu-
1 grundlegenden Fragen: Was ist der Kon- führen, in dem ein Spektrum von Meinun-
flikt? Wie sieht die Lösung aus? Wie kön- gen abgebildet werden kann. Wir erleben
B: 40 Leute? Da sind ja ziemlich viele Per- nen wir diese Lösungswege erzählen und das ja gerade in der Coronakrise: Es wer-
sonen involviert. behaupten? den viele unterschiedliche Wege immer
O G : Ein so großes Projekt kann nur ge- wieder aufs Neue diskutiert. Architektur-
meinschaftlich gestemmt werden, wes- vermittlung schafft im Idealfall etwas
halb wir uns als großes Team beworben Ähnliches: Sie bildet ein Spektrum von
haben. Mit Arts of the Working Class, Bu- Lösungswegen ab und konfrontiert Nutzer
reau N, Saygel Schreiber Gioberti und The und Nutzerinnen mit den Konsequenzen.
Laboratory of Manuel Bürger kollaborie-
ren wir für unterschiedliche Teile des Pro-
jekts. Ohne sie wäre das alles nicht mög-
lich – genauso wenig ohne die Unterstüt-
zung und Teilnahme der Protagonisten.
Das Team ist im Laufe des Prozesses stark 4
gewachsen und dezentral organisiert. Die
virtuelle Realität, die wir wegen Corona B: Wie kommt das Konzept in den Pavillon?
gerade erleben, war also schon von An- OG: Wir zeigen die Filme im Pavillon. Aller-
fang an ein Bestandteil von 2038. Wir ver- dings ist es eine grundlegende Idee des
stehen diese Form der komplexen, sich Konzepts, dass das Ganze auch ohne den 5
immer weiter verästelnden Zusammenar- Pavillon funktioniert. Wir wollen die Inhal-
beit aber auch als Versuch einer zukünfti- te deshalb auch über die Ausstellung in B:Und die radikale Bürokratie?
gen Architekturpraxis, die sich dezentral Venedig hinaus zugänglich machen. Es OG: Das ist die Ergänzung dazu: Wie wird
und selbsterhaltend organisiert. kann ja nicht jeder dorthin kommen. Au- diese Vielfältigkeit an möglichen Lösun-
ßerdem haben die Filme ja, wie erwähnt, gen in die Bürokratie übertragen? Und wie
den Anspruch, nicht nur ein Architektur- können Entscheidungsprozesse auf einer
publikum zu erreichen. Deshalb wollen wir bürokratischen Ebene aktualisiert wer-
schon vor der Ausstellungseröffnung da- den? Im Jahr 2038 wird Bürokratie nicht
mit beginnen, Inhalte zu zeigen, zum Bei- mehr als Einschränkung für die Architektur
spiel in Form der Publikation „Arts of the gesehen, sondern bekommt als kreative
Working Class“. Praxis einen neuen Stellenwert.

B: Was ist das für eine Publikation? B: Sie sprechen in Ihrem Konzept auch von
OG: Arts of the Working Class ist eine einer „Ära der neuen Gelassenheit“...
2 mehrsprachige Straßenzeitung, die Bei- O G : Dabei geht es konkret um die anfangs
träge von Denkern, Denkerinnen, Künstlern er wähnte positive Zukunft des Jahres
B:Die Darstellungsform, die Sie für die Ver- und Künstlerinnen aus verschiedenen Fel- 2038, in der sich eine neue Gelassenheit
mittlung Ihrer Themen gewählt haben, ist dern und Ländern zusammenbringt. Die eingestellt hat. Als Gefühl bedeutet Ge-
der Film. Warum gerade dieses Medium? Zeitung wird Straßenverkäufern kostenlos lassenheit für jeden etwas anderes. Vor-
O G : Das Medium Film hat klare Vorteile, zur Verfügung gestellt, denen alle Erlöse aussetzung dafür ist jedoch, dass wir ein
was die Vermittlung von Themen angeht. verbleiben. Wir machen gemeinsam eine System finden, das unser Zusammenleben
Wir sind als Architekten und Architektin- Ausgabe, die erste Geschichten erzählt organisiert und ein Gleichgewicht der In-
nen zwar geübt darin, bestimmte Inhalte und Modelle aus und für die Zukunft vor- teressenlagen herstellt.
mittels bestimmter Werkzeuge wie Pläne stellt. Außerdem werden die Inhalte im
oder Modelle zu transportieren. Das sind Vorfeld online geteilt und auch nach der B:Sie haben jetzt schon zweimal die Coro-
aber exklusive Werkzeuge, weil sie der Premiere des Hauptfilms Ende August nakrise erwähnt, und tatsächlich ist das
Laie nicht unbedingt versteht. Außerdem digital verfügbar sein. Frappierende Ihres Konzepts, dass es zu
Köpfe 1 – ∞ 13
einem gewissen Teil von der Realität ein- orientierten Entscheidungsstruktur, wie sie
geholt wurde. Allerdings haben Ihre Kri- die EU in ihrer jetzigen Form anbieten Olaf Grawert
senszenarien ökonomische und ökologi- kann. Das ist im Übrigen genau der Mo-
sche Ursachen. Tatsächlich ist die aktuelle ment, den wir in unserem Projekt beschrei-
Krise, die wir momentan erleben, anderen ben wollen: die Erkenntnis darüber, was in plant, schreibt und
Ursprungs. Wie wirkt sich das auf Ihr Kon- der Vergangenheit schiefgelaufen ist, und spricht über Archi­
zept aus? die daraus resultierenden Antworten auf tektur. In Berlin
die Frage, wie wir es in Zukunft besser ma- und Zürich lehrt er
chen können. Architektur und
Entwurf mittels
1 Audrey Tang Video, als zeitbasier-
2 Caroline Nevejan te Argumente für
3 Cedric Libert einen eigentlichen
4 Francesca Bria Architekturbegriff
5 Iris van der Tuin zwischen Politik,
6 Mark Wigley Wirtschaft und De-
7 Vint Cerf sign.
6

OG: Ich glaube nicht, dass es da ein Ent-


weder-oder gibt. Es kristallisiert sich ja
jetzt schon heraus, dass aus der Pandemie Das Team 2038
eine ökonomische Krise erwächst. Deren
Bewältigungsszenarien haben wiederum
direkte Konsequenzen für unsere Umwelt. ist ein internationales Lenny Flohr, Michaela zov, Motif, Motor
Und damit wären wir wieder bei der Kom- Team von Experten Friedberg, Yona Productions, Salum
plexität und Gleichzeitigkeit unserer Ge- und Expertinnen aus Friedman, Renée Mshamu, Caroline
genwart. Die derzeitige Lage macht je- den Bereichen Archi- Gailhoustet, Jan-Pe- Nevejan, Bahar Noo-
denfalls deutlich, dass ein Handeln auf tektur, Kunst, Litera- ter Gieseking, Goethe rizadeh, Sabine Ober-
einer rein nationalen Ebene nicht mehr tur, Ökologie, Ökono- Institut, Olaf Grawert, huber & Thomas Rau,
funktioniert. Stattdessen zeigt der Virus mie, Politik und Tech- Dorothee Hahn, Nils Jorge Orozco, Verena
ziemlich deutlich auf, wie alles miteinan- nologie. 2038 wurde Havelka, Hecker’s Otto, Poligonal, Joa-
der zusammenhängt. anlässlich des Deut- Hotel Kurfürsten- na Pope, Leif Randt,
schen Pavillons auf damm, Helene Hege- Raue Rechtsanwälte
B: Im Moment stellt sich das ja ganz an- der 17. Architekturbi- mann, Holger Heiß- und Rechtsanwältin-
ders dar: Die Grenzen sind dicht, jedes ennale in Venedig meyer, Laura Henno, nen, Rebiennale,
Land kämpft für sich allein, und es gibt viel 2020 initiiert. Mit Angelika Hinter- Denis Jaromil Roio,
Kritik an der EU, unter anderem wegen der Blaise Agüera y Arcas, brandner, Nikolaus Raquel Rolnik, Meg-
fehlenden wirtschaftlichen Hilfe für Italien Diana Alvarez-Marin, Hirsch, Fabrizio Hoch- han Rolvien, Christo-
und Spanien. Andrés Arauz, Arts schild Drummond, pher Roth, Juliana
of the Working Class, Ludger Hovestadt, Rotich, Saygel,
Mara Balestrini, San- Pan Hu, Jung, Jennifer Schreiber & Gioberti,
dra Bartoli, Diann Bau- Jacquet & Becca Jan Schmidt-Garre,
er, Jan Bauer, BBSR, Franks, Mitchell Joa- Patrik Schumacher,
Tatiana Bilbao, BMI, chim, Sonja Junkers, Max Senges, Deane
Oana Bogdan, Moha- Roberta Jurcic, Clau- Simpson, Sol Marino,
med Bourouissa, Arno dia Kessler, Sénamé Bruce Sterling,
Brandlhuber, Jakob Koffi Agbodjinou, Michael Stöppler,
Brandtberg Knudsen Ulrich Kriese, Lukas Lia Strenge, Audrey
& Lorenz von Seidlein, Kubina, Nikolaus Tang, Terra 0, The
7 Francesca Bria, Otis Kuhnert, Christopher Laboratory of Manuel
Sloan Brittain, Vera Kulendran, Thomas & Bürger, Jeanne Trem-
OG: Das wäre dann unsere Lernkurve in Bühlmann, Bureau N, Annika Kuhlmann, sal, Galaad Van Dae-
den kommenden 18 Jahren. Es gibt derzeit Benjamin Burq, Mary Phyllis Lambert, Law- le, Iris van der Tuin,
eine Sehnsucht nach Staatlichkeit und ein Ellen Carroll, Vint rence Lessig, Ferdi- Marcus Vesterager,
Vertrauen in die Politik, das es so schon Cerf, cfk architetti, nand Ludwig & Daniel Vitra International,
lange nicht mehr gegeben hat. Gleichzei- Elke Doppelbauer, Schoenle, Suhail Julian Wäckerlin,
tig gibt es eine große Ungewissheit, die Keller Easterling, Malik, Charlotte Mal- Eyal Weizman, Julia
gegenwärtige Entscheidungen aus der Tobia de Eccher, terre-Barthes, Hilary Werlen, E. Glen Weyl,
Zukunft infrage stellt. Trotzdem scheint die Eidotech, Kurt Eggen- Mason, V. Mitch Mc­ Why Ventures, Mark
Bevölkerung das aktive Handeln der Poli- schwiler, Ludwig Ewen, James Mead- Wigley, Hannah
tik wertzuschätzen. Die Kritik an der EU be- Engel, Joao Enxuto & way, MicroEnergy Wood, Erez Yoeli,
steht ja darin, dass wir die angemessenen Erica Love, ExRota- International, Omoju Tirdad Zolghadr und
Mittel und die notwendige Geschwindig- print, Cosimo Flohr, Miller, Evgeny Moro- vielen mehr
keit zur Bewältigung der Krise den Natio-
nalstaaten zuschreiben – und nicht der als
langsam empfundenen, weil konsens-
14

Altbewährtes
neu gedacht

Armin (links) und Alexander Pedevilla von Pedevilla Architects aus Bruneck/Südtirol
Köpfe ∞+2 15

Die Brüder Armin und Alexander Pedevilla sind mit


einer markant zeitgenössischen Architektursprache
bekannt geworden, die zugleich eng mit den
baulichen Besonderheiten Südtirols verknüpft ist.
Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Handwerk
und der Baukultur in der Region und setzen
die Tradition mit altbewährten Bauweisen und
Materialien auf innovative Weise fort.
Text: Fotos:
Claudia Fuchs Gustav Willeit

Das Büro von Pedevilla Architects befindet gen und einem klaren Konzept, dabei hat Armin Pedevilla arbeitete in Büros in Graz
sich im historischen Zentrum der Südtiroler ein starker Bezug zu regionalen Bauwei- und Wien, Alexander Pedevilla in Salzburg
Kleinstadt Bruneck – normalerweise. Denn sen ebenso viel Bedeutung wie die Mate- Land. Zu einem Zeitpunkt, als sich in die-
zum Zeitpunkt unseres Telefongesprächs rialqualität und die sorgfältige Detaillie- sen Büros Veränderungen abzeichneten,
arbeiten Armin und Alexander Pedevilla rung. Oftmals entwickeln sie in ihren Bau- nahmen sie 2005 gemeinsam am Wettbe-
und ihre acht Mitarbeiter bedingt durch ten vertraute, traditionelle Techniken oder werb für ein Pflegeheim in Bruneck teil.
die Covid-19-Ausgangsbeschränkungen Motive auf neue Weise weiter und ver- Der erste Preis war dann zugleich der Start
jeweils zu Hause, was mit laufender Ab- knüpfen sie so mit dem Kontext. Viele ihrer für die Bürogründung. „Wir sind im Denken
stimmung auch sehr gut funktioniert. Und Projekte erhielten Auszeichnungen, dar- und Charakter sehr unterschiedlich, doch
doch kann es nur eine zeitlich befristete unter das Ferienhaus La Pedevilla in Enne- wir ergänzen uns und schätzen bei Ent-
Lösung sein, da die Arbeit im Team ein we- berg, das Hotel Bühelwirt im Ahrntal, die scheidungen die Meinung des anderen
sentlicher Grundgedanke der Architekten Umbauten für das Hotel Bad Schörgau, sehr. Wir versuchen, den eigenen Stand-
ist. Ihre derzeitigen Projekte umfassen das Haus am Mühlbach, zwei Feuerwehr- punkt und den des anderen zu analysie-
Bauten und Wettbewerbe unterschiedli- hallen, um nur die wichtigsten zu nennen. ren und zu hinterfragen, bevor wir den
cher Größenordnung in Südtirol, Öster- nächsten Schritt machen. Das erweist sich
reich und Deutschland, darunter Pflege- Gemeinsames Büro als sehr wertvoll, um das gemeinsame Ziel
heime, Hotels, Gewerbebauten, Restau- zu erreichen.“ Am Anfang steht dabei im-
rants, Schulbauten, Kindergärten, Wohn- Dass beide Brüder gemeinsam ein Archi- mer, in den Ort, den Bauherrn, die Traditi-
häuser und vieles mehr. tekturbüro führen, „war eher ein Zufall. on hineinzuhören, das Gehörte zu verste-
Armin und Alexander Pedevilla reizen Aber ich weiß nicht, ob man es wirklich hen und in gemeinsamer Abstimmung in
insbesondere Themen und Aufgaben, die Zufall nennen kann“, erläutert Armin Pe- Architektur umzusetzen. In der Arbeits-
vollkommen neu für sie sind. Sie sind stän- devilla. Nach ihrem Studium an der TU weise gibt es dabei keine Aufgabentren-
dig auf der Suche nach innovativen Lösun- Graz gingen sie zunächst getrennte Wege, nung, beide Brüder machen alles.

WEITER
16 Köpfe ∞+2
Das auf 1.200 Metern Höhe in Enneberg gelegene Hausensemble Pliscia
interpretiert charakteristische Merkmale des regionalen Bauens neu.

Ornamentale Saaldecke: Im Eventstadl des Hotels Bad Schörgau fügen Mitte links und rechts unten: Wohnhaus in St. Vigil aus Vollholz-Elementen
sich gekalkte Fichtenbretter-Elemente zu dreidimensionalen Rosetten. mit Lärchenschindel-Fassade und raumseitigen Oberflächen aus Zirbe
Besondere Aufgaben, wie herausfordernd. Aus dem intensiven
besondere Orte Dialog entstand eine fast archaische SIE HABEN DIE IDEE.
Hausform, mit tiefgezogenem, schützen- W I R D E N S T E I N DA ZU.
Das Auftragsspektrum der Architekten ist dem Dach. Auch die Materialität des Ge-
breit gefächert. Sie haben sich bewusst bäudes nutzt so weit wie möglich das vor Sie sind täglich auf der Suche nach der
nicht spezialisiert und arbeiten für private Ort Vorhandene: Für Keller und Boden- besseren Lösung. Was geht überhaupt? Was
und öffentliche Bauherren, im Wohnungs- platte wurde der Beton an der Baustelle passt? Was zahlt sich aus? Mit BRICK-DESIGN®
bau und Indust riebau ebenso wie im gemischt, mit Dolomitstein aus dem Bach machen wir Ihnen ein vielfältiges Angebot.
Schulsektor und im Tourismus- und Land- als Zuschlag und Thermalwasser aus der Lassen Sie uns gemeinsam den besten Stein zu
wirtschaftsbereich. Wichtig ist ihnen „das eigenen Hausque l le. De r Baukö rpe r Ihrer Idee finden. Nicht aus dem Katalog,
Thema“: „Uns muss eine besondere Auf- wurde vollständig aus dem Holz der von sondern im kreativen Prozess.
gabenstellung reizen, ein interessanter einem Sturm zerstör ten umliegenden
Ort, ein Bauherr, der Handwerk, Regiona- Wälder errichtet: Die Wand- und Dachele-
lität, Kultur und Materialität wertschätzt mente bestehen aus Fichte, mit Lärchen-
und bereit ist, in der Entwicklung des Pro- schindel-Fassaden und raumseitigen
jekts mit uns ein bestimmtes Risiko einzu- Oberflächen aus handgehobelter Zirbe.
gehen“, erläutert Armin Pedevilla. Sein Da auf synthetische Baumaterialien gänz-
Bruder und er suchen in ihren Projekten lich verzichtet werden sollte, wurde das
stets die Herausforderung, im Entwur f Haus in einem leimfreien Vollholz-System
den Charakter des Bauherrn, des Orts und gebaut, und die 36 Zentimeter starken
der Materialien zu vereinen. Altbewährte Massivholzwände kommen ohne zusätzli-
Materialien und traditionelle Handwerks- che Wärmedämmung aus. Bis hin zu den
techniken verwenden sie dabei oft auf Sichtoberflächen aus Zirbe wurden alle
ungewohnte Art, bewirken damit aber Elemente im Werk vorgefertigt. Und um
zugleich eine gewisse Vertrautheit und das hochwertige Holz zur Geltung zu brin-
Akzeptanz. gen, überzeugten die Architekten den
Was auf den ersten Blick ungewöhnlich er- Holzunternehmer, das Bausystem so wei-
scheinen mag, erweist sich bei näherer terzuentwickeln, dass ein fugenloses Er-
Betrachtung als schlüssig entwickelt: „Un- scheinungsbild entstand.
sere Entwürfe sind vielleicht manchmal Das Projekt zeigt beispielhaft, wie sich in
etwas ungewohnt und stoßen auf anfäng- vertrauensvoller Zusammenarbeit eine
liche Zweifel, weil sie neu und anders sind. besondere Lösung entwickeln und wie
Umso überraschter sind wir dann vom sich die lokale Handwerkskultur weiter-
zumeist positiven Feedback“ – das nicht führen lässt. Armin und Alexander Pede-
nur aus der Architektenschaft kommt. So villa beziehen die Bautradition ein: Warum
wurde dem privaten Wohnhaus von Armin sollte Altbewährtes nicht weiterverwen-
Pedevilla in Pliscia in den Gadertaler Do- det und weitergedacht werden, wenn es
lomiten beim Südtiroler Architekturpreis doch noch immer funktional und sinnvoll
2013 sowohl der Preis der Fachjury als ist? So gelingt es ihnen, die in den Materi-
auch der Publikumspreis verliehen. Hier alien innewohnenden Qualitäten aus­
haben sich die Architekten an regionalty- zureizen und Handwerker für neue Wege
pischen Bauweisen orientiert und diese zu begeistern. In Zeiten von Corona-Be-
zeitgemäß adaptiert. In einen Steilhang sch ränkungen seien Prognosen z wa r
eingefügt, nimmt das E nsemble aus schwierig, sagen sie, „aber wir versuchen
Wohngebäude und Ferienhaus den örtli- weiter, unsere Architektur zu machen, mit
chen Paarhoftypus auf. Aus weißem Stahl- Regionalität und lokaler Verbundenheit,
beton gegossen, sind die Gebäude außen um mit unseren Projekten sinnvolle und
mit einer schwarzen Holzverschalung be- spannende Beiträge zu leisten und beson-
kleidet, im Inneren kontrastiert das geho- dere Themen umzusetzen. Das kann in
belte Zirbenholz der Böden, Türen, Fenster Südtirol sein, aber auch im Ausland – wir
und Möbel mit den Sichtbetonflächen der schließen nichts aus.“
Wände und Decken aus Dolomitgestein.

Bewährtes weiterentwickeln,
Handwerkliches neu entdecken

Das Projekt und die Herangehensweise


der Architekten gefiel auch einem Hoteli- Klinker von Röben haben einen festen
er aus dem Nachbarort St. Vigil, der sie um Platz in der Ideenwelt der besten Entwürfe
ein Gesamtkonzept für Hotel, Therme, Re- unserer Zeit. Finden Sie Ihren Stein unter
staurant und Wohnhaus bat und in einem www.brick-design.com
ersten Schritt mit dem Neubau seines Pri-
vathauses beauftragte. Den Wunsch des
Bauherrn, gelebte Nachhaltigkeit und sei-
ne spirituelle Wertschätzung der Natur in
eine respektvolle Architektur umzusetzen,
war für die Architekten ebenso spannend
Co-Working in der Pariser „Station F“:
Unter dem weit spannenden Dach
einer früheren Frachthalle arbeiten,
kommunizieren und vernetzen sich
nun Start-ups.
19

4
Ideen:
SEITE
20
Station F in Paris
SEITE
32
Suhrkamp-Verlag
in Berlin
SEITE
44
taz-Gebäude
in Berlin
SEITE
50
Alnatura-Campus
in Darmstadt
FOTO: PATRICK TOURNE BOE UF
20 Ideen 1

Vor der Sanierung: Das Spannbeton-Meisterwerk von Eugène Freyssinet aus dem Jahr 1929 war trotz langjährigem Leerstand noch relativ gut erhalten.
21
22

TITELTHEMA
OFFENE
BÜROKONZE PTE

Neue Galerien für insgesamt 3.000 Arbeitsplätze wurden als eigenständige Stahlkonstruktionen in das Raumvolumen der Seitenschiffe eingefügt.
Ideen 1 23

Digitales
Treibhaus
Vom Güterbahnhof zur Ideenschmiede:
Wilmotte & Associés haben eine denkmalgeschützte
Pariser Frachthalle mit einem außergewöhnlichen
Betonschalendach aus den 1920er-Jahren
in das Gründerzentrum für Start-ups „Station F“
transformiert – mit lichtdurchfluteten offenen
Bürolandschaften.
Architekten: Kritik: Fotos:
Wilmotte & Associés Anne Walter Patrick Tourneboeuf

Ganz versteckt im 13. Arrondissement hier ein breites Angebot an Räumen und sind. Freyssinet entwarf und errichtete das
liegt nahe der Gare d’Austerlitz und der Infrastruktur nutzen. Das laut eigenen An- Gebäude von 1927 bis 29 als Frachthalle
Bibliothèque National ein neuer Hotspot gaben größte Start-up-Gründerzentrum und Warenumschlagplatz für die nahege-
für Start-ups: die „Station F“. Entlang der der Welt zu schaffen, war die Vision des legene Gare d’Austerlitz. Schlanke Pfeiler
Bahntrasse erstreckt sich die einstige Telekommunikationsmoguls Xavier Niel – tragen die als Tonnengewölbe konzipier-
Frachthalle auf 310 Metern Länge und als komplexes „Ökosystem“, in dem sich ten Betonschalen, die im Mittel­b ereich
wirkt dennoch fast klein im Vergleich zu die Gründer nicht nur untereinander aus- großflächig verglast sind und eine Fülle
den ausladenden Bürokomplexen und tauschen, sondern sich auch mit internati- von Tageslicht ins Innere holen. Die extre-
Hochhäusern ringsum. onalen Unternehmen und Investoren ver- me Schlankheit der Gesamtstruktur wird
Schon die vollständig verglasten Giebel- netzen können. Das lichtdurchflutete durch die abgehängten Vordächer an
seiten geben Einblick in die Büroland- Raumvolumen der früheren Güterbahn- den Längsseiten des Gebäudes ermög-
schaften der jungen Gründerszene: Drin- hofshalle schien als „Treibhaus“ dafür licht, die als Gegengewichte fungieren
nen herrschte in der von einem außerge- bestens geeignet. und ebenfalls als Tonnengewölbe ausge-
wöhnlich leichten Betonschalendach bildet sind.
überspannten Halle zum Zeitpunkt des Meisterwerk der Ingenieurbaukunst Die Finesse der Gewölbe verleihen dem
Besuchs in Vor-Corona-Zeiten eine sehr Industriegebäude große Eleganz. Freyssi-
geschäftige und zugleich angenehm ent- Das Meisterwerk des Ingenieurs Eugène net hatte beim Betonieren damals Rüttel-
spannte Atmosphäre – und so wird es Freyssinet, dem Pionier des Spannbetons, technik eingesetzt und auch auf eine soli-
künftig hoffentlich auch nach der Covid- diente bis 2006 als Lagerhalle, stand aber de Bauausführung geachtet, so dass der
19-bedingten Schließung in diesem Früh- nach der letzten Nutzung als Event-Loca- Zustand der Konstruktion bemerkenswert
jahr auch wieder werden. tion leer und drohte zu verfallen. Mehrere gut war. Allerdings machten Bauschäden
In der lichterfüllten Mittelachse, der „Es- Initiativen konnten den Abriss jedoch ver- durch undichte Stellen im Dach eine
planade“, trifft man sich zu informellen hindern, und das Gebäude wurde 2012 Sanierung dringend erforderlich. Um die
Gesprächen, drei galerieartige Ebenen unter Denkmalschutz gestellt. Die Kons- ursprünglichen Qualitäten des Gebäudes
bieten Open-Space- und Co-Working-Flä- truktion ist einzigartig: Die 310 Meter lan- zu unterstreichen und um das Tragwerk zur
chen, in containerartigen Boxen finden ge und 58 Meter breite, dreischiffige Halle Geltung zu bringen, entwickelten die Pari-
Präsentationen und Besprechungen statt. wird von beeindruckend dünnen, vorge- ser Architekten Wilmotte & Associés eine
Auf insgesamt 34.0 0 0 Quadratmetern spannten Betonschalen überspannt, die zurückhaltende Formensprache und ver-
können bis zu 1.000 Jungunternehmen am Rand bis auf fünf Zentimeter minimiert wendeten eine sehr begrenzte Anzahl von

WEITER
24 Ideen 1
25

Die zentrale Esplanade ist als Multifunktionsbereich konzipiert – für spontane Treffen und informellen Austausch ebenso wie für Präsentationen.
26

Im Community Space: An Gemeinschaftstischen kann sich jeder mit dem Laptop einstöpseln. Containerartige Besprechungsboxen gliedern den Bereich.
Ideen 1 27

Gebäudehohe Glaswände teilen die Halle in drei Abschnitte (oben). Die zurückhaltende Gestaltung betont die Charakteristika des Bestands (unten).
28 Ideen 1

Die abgehängten Vordächer an beiden Hallenlängsseiten sind ebenfalls sehr dünnschalig dimensionierte Tonnengewölbe.

Materialien – Stahl und Glas – sowie nur frühere Büroflügel an der Westseite abge- können sich für einen Zeitraum zwischen
Oberflächen in Schwarz und Weiß. So las- rissen – hier befindet sich nun der Haupt- sechs Monaten und zwei Jahren bewer-
sen sich die neuen Elemente als zeitge- eingang. ben, an denen ihnen die Flächen dann zur
nössische Interventionen klar ablesen. Verfügung stehen. Zusätzlich gibt es auch
Bestand und neue Einbauten haben je- Bürolandschaft auf offenen Galerien verschiedene Förderprogramme.
weils ihre eigene Identität und stehen Abgerundet wird die innovative Bürowelt
in dynamischer Interaktion. Der Entwurf Die neuen Ebenen mit insgesamt 3.000 Ar- durch die Ostseite des Gebäudes: ein gro-
erhält den dreischiffigen Innenraum in beitsplätzen sind als eigenständige Stahl- ßes Restaurant mit 1.000 Plätzen und be-
seiner Gesamtheit, und auch die Länge konstruktionen in das Raumvolumen der grünter Terrasse, das als Food Court konzi-
des Gebäudes bleibt durch die vollstän- Seitenschiffe eingefügt. Sie öffnen sich piert ist, mit verschiedenen Ständen und
dig aufgeglasten Trennwände erlebbar, galerieartig zum Hauptschiff, der Mitte zwei Bahnwaggons, die auf die einstige
ebenso wie das Tragwerk sichtbar belas- des Campus. Die Halle ist von West nach Nutzung anspielen. Es ist bis spät am
sen ist: keine Beschichtung, Verkleidung Ost in drei Abschnitte unterteilt: Im Westen Abend für jedermann geöffnet und soll –
oder Haustechnik berührt die Betonge- befinden sich Eingang und Foyer, offenes wie auch die beiden öffentlichen Passa-
wölbe auf ihrer Unterseite. Auditorium, das FabLab als Prototypen- gen, die durch die Halle führen – zur Bele-
Die Neigung der Dachverglasung wurde Entwicklungswerkstatt mit 3D-Druckern bung des Viertels beitragen, das sich der-
leicht verändert, der neue Dachaufbau so sowie das Co-Working-Café und mehr als zeit in kompletter Verwandlung befindet.
konzipiert, dass mit einer relativ dünnen 60 Tagungsräume für die Jungunterneh- Die Gleis-Trasse, zuvor eine unüberwindli-
kompakten Wärmedämmung die maxi- mer und ihre externen Partner. Die mittige che Barriere zum Seine-Ufer, wurde über-
mal zulässige Last der Gewölbe nicht Zone nimmt die Büroflächen auf, die in 24 deckelt, ein neues Viertel ist im Entstehen
überschritten wird. Die hellgraue Abdich- Cluster unterteilt sind. Jede Einheit verfügt und damit auch eine direkte Verbindung
tungsbahn gleicht sich opt isch dem über containerartige Boxen für Bespre- zu Nationalbibliothek und Fluss. So kann
Farbton des Betons an. Auch die zurück- chungen oder Skype-Konferenzen sowie sich schließlich auch die Station F stärker
haltend dimensionierte, neue Gebäude- Teeküche und Sanitärkerne. Das Mittel- mit dem Quartier vernetzen.
membran – schwarze Stahl-Glas-Fassa- schiff ist als Multifunktionsfläche unter-
den anstelle der vormals großteils ge- schiedlich bespielbar, hier befinden sich
schlossenen Wandflächen – betont die auch die Schließfächer. Somit geht das
Klarheit der Tragstruktur. Als einzige grö- Konzept der Station F über klassische Co-
ßere bauliche Veränderung wurde der Working-Angebote hinaus. Die Start-ups
29
3
Vorher – nachher

Lageplan Der querliegende ... hier befindet sich


Bürotrakt auf der heute der Hauptein-
M 1: 2 0 . 0 0 0

1 Station F Westseite wurde ab- gang.


2 Bibliothèque François-Mitterand gebrochen ...
3 Seine

BAUHERR:
Station F; Redman

ARCHITEKTEN:
Wilmotte & Associés Architectes,
Paris; www.wilmotte.com

PROJEKT TEAM:
Jean-Michel Wilmotte
(Projektleiter), Bestand und neue Einbauten (rot)
Jean-François Patte
(Projektmanager),
Florian Giroguy,
Nancy Chidiac,
Carmen Villarta,
Marie Leyh,
Pierre Floch,
Pierre Calame,
Matthieu Laroussinie,
Théo Kirn, Querschnitt
Charlotte Bertrand

ARCHITEKT
RE STAURIE RUNG:
3
2BDM

4
TR AGWERKSPL ANER:
SAS Mizrahi
3

FASSADE NPL ANE R:


Arcora
1. Obergeschoss
E NE RGIE KONZE PT:
M 1: 2 . 5 0 0

Transsolar

HAUSTECHNIK:
3
Barbanel
4
1 2 2
AKUSTIK:
Lasa
3

FERTIGSTELLUNG:
FOTO OBE N LINKS: DR

2017
Erdgeschoss 1 Forum, Auditorium
STANDORT: 2 öffentlicher Durchgang
Station F, 3 Start-ups
5 parvis Alan Turing, Paris 4 Restaurant
30 kleine Werke

M THE
ZU M
R
A
H

LE
E

BAU
M

SE N SIE

MEISTER.
G.

DE
O
L

B N
UN
SE REM

Setz dich!

Die Biene Maja, Borussia Dortmund – oder für unsere Schweizer zielle Feinde und signalisiert Gefahr. Ein Signal sollen auch die
Leserinnen und Leser der BSC Young Boys – und Whiz Kalifa (Ohr- 60 Betonquader vor der Kunstuniversität Linz senden: Achtung, hier
wurm garantiert!): Das sind alles Dinge, die einem durch den Kopf passiert was! Das war die Intention der Wiener Caramel Archi­
FOTO: CAR A ME L ARCHITE K TE N

schießen, wenn man die schwarz-gelben Quader betrachtet, die tekten, die mit den neuen Sitzgelegenheiten die Sichtbarkeit der
den Vorplatz der Linzer Kunstuniversität seit Neuestem verschö- Uni im urbanen Raum stärken wollen und sie zum Hauptplatz hin
nern. Der US-amerikanische Rapper Whiz Kalifa etwa besingt mit öffnen. Für die Stadtmöblierung mit dem Namen „das ufg“ wurde
Black and Yellow sein geliebtes Auto – und damit indirekt seine eine trennende Balustrade auf dem etwas abschüssigen Gelände
Heimatstadt Pittsburg, deren offizielle Farben Schwarz und Gold kurzerhand abgebaut, so dass man über die Stufen nun auch
sind. Die schwarz-gelben Streifen von Insekten haben allerdings leichter zum Haupteingang der Uni findet. Die neue Treppe soll
ganz triftige Gründe: Die Farbgebung ist eine Warnung an poten- vorerst für drei Jahre bestehen bleiben.

Text Vera Baeriswyl


LASS DICH FINDEN.
new-monday.de/architekten
32

TITELTHEMA
OFFENE
BÜROKONZE PTE

Die Hauptrolle im Raumkonzept von Kinzo spielt das Buch. Und selbstverständlich Platz für die konzentrierte Tätigkeit der 135 Mitarbeiter.
Ideen 2 33

Bücher
tragen das
Haus
Im maßgeschneiderten Neubau für den
Suhrkamp-Verlag in Berlin herrschen trotz offener
Türen und teilweise weitläufigen Räumen
Stille und Konzentration. Eine innere Fassade
aus Tausenden Buchrücken sorgt im Haus für
eine ruhige Arbeitsatmosphäre.
Kritik: Architekten: Innenarchitekten: Fotos:
Falk Bundschuh Kinzo Sebastian Dörken,
Jaeger Architekten Architekten Schnepp Renou

Scheunenviertel, das ist ein ziemlich an- die Suhrkamp-Verlagsgruppe, die ihren Wogen zu glätten, indem er das Grund-
gesagtes Quartier in Berlin. Der Name Sitz 2010 nach Berlin verlegt hatte, nach stück nach Süden öffnete und eine Grün-
geht auf den Großen Kurfürsten zurück, einem Interim in der Pappelallee gut posi- fläche, ein Restaurant mit Südterrasse und
der 1672 feuergefährliche Heu- und Stroh- tioniert sieht. Bauträger ist die Industrie- einen Späti (typische Berliner Spätver-
depots aus der Stadt verbannte und deren baugesellschaft am Bülowplatz Ibau AG, kaufsstelle) an einem Durchgang zur Tor-
Bau vor der Mauer nördlich des heutigen die hier bereits seit einem Jahrhundert ak- straße anbot. Der mit dem Projekt direkt
Alexanderplatzes anordnete. Der Name tiv ist und als Sanierungsträger mit Hans beauf t ragte Berliner Architek t Roger
Scheunenviertel des etwa acht Hektar Poelzig als Architekten das Quartier der Bundschuh hatte für die Ibau bereits das
großen Gevierts rings um den heutigen Rosa-Luxemburg-Straße bebaut hatte. In Haus gegenüber gebaut, einen skulptural
Rosa-Luxemburg-Platz wurde von den Na- einem der Häuser hat Poelzigs historisches gegliederten Putzbau von ungewöhnli-
tionalsozialisten auf ein achtmal größeres Programmkino Babylon überdauert. cher, anthrazit-dunkler Farbe. Mit diesem
Quartier westlich ausgedehnt. Jüdische nun bildet der dazu in heller Aluminium-
Wohngebiete sollten damit geschmäht Neue Grünfläche fassade kont rastierende Neubau am
werden, doch heute steht der Begriff für als Zugeständnis nördlichen Ende der Rosa-Luxemburg-
ein pulsierendes Szeneviertel in der Span- Straße eine Torsituation (Seite 38).
dauer Vorstadt. Auch auf dem Grundstück an der Torstra- Bundschuhs Entwurf für das Grundstück,
Exakt in der Nordwestecke des ursprüngli- ße hatte eine Blockrandbebauung von auf dem auch noch ein Wohnhaus mit
chen Scheunenviertels steht seit Kurzem Poelzig gestanden, die dem Bombenkrieg Kunstgalerie Platz fand, geht von den
der Neubau des Suhrkamp-Verlags, zwi- zum Opfer fiel. Als nun Neubaupläne be- städtebaulichen Bezügen aus. Die Bau-
schen Torstraße und Linienstraße und im kannt wurden, gab es Bürgerproteste, die linie an der Torstraße wird in die Flucht ge-
Rücken der Volksbühne. Die Gegend um sich für den dort entstandenen kleinen rückt, nach Süden tritt der Bau ins Blickfeld
den Rosa-Luxemburg-Platz gilt als kultu- Park mit einem Dutzend Bäumen stark der Rosa-Luxemburg-Straße, die Blick-
reller und kreativer Hotspot, in dem sich machten. Der Bauträger versuchte, die achse der Linienstraße findet im Wohnbau

WEITER
34 Ideen 2

Nackte Wände gibt es wenige im Haus. Tausende Bücher bilden das „Tragwerk“ und sind Arbeitsmittel zugleich.
35

Die innere „Fassade“ aus knapp fünf Kilometern Buchregal formt zahlreiche Nischen zum Telefonieren, Besprechen und für den informellen Austausch.
36

Rück zugsorte, Konferenzräume und Teeküchen, teilweise mit beeindruckender Aussicht, konzentrieren sich an der westlichen Gebäudespitze.
Ideen 2 37

Wegen der vielen bunten Buchrücken musste das Farbkonzept gebührend zurückhaltend ausfallen.
38 Ideen 2

FOTO: PAVE L BABIE NKO

Ecke Torstraße/Rosa-Luxemburg-Straße. Unter anderem nach Westen weist eine Reihe großflächiger Panoramafenster.
39
40
ihren Endpunkt, und die kleine Grünfläche Büchern harmonieren. Man glaubt aber zu
bildet mit den Grünzonen des Rosa-Lu- spüren, dass sie nicht an das ansonsten
xemburg-Platzes eine Folge von Freiräu- durchweg gleich hochwertige Designni-
men. Gleichzeitig wirken diese Blickach- veau der gesamten Einrichtung heranrei-
sen auch aus dem Inneren des Neubaus chen. Aber das mag eine individuelle
heraus. Die Nutzer und Bewohner erleben Empfindung sein.
1
intensive räumliche Bezüge, sie leben in Die konzent rier te Arbeitsatmosphä re
der Stadt. Der Effekt wird durch die groß- jedenfalls ist mit Händen zu greifen. Es 2

flächigen, bodentiefen Fenster der Büros herrscht eine alles dominierende Ruhe,
und Wohnungen verstärkt. bedingt durch die stille Arbeitsweise der 3
Schwachpunkt des Entwurfs ist sicherlich Lektoren. Aber auch in den anderen Ab- 4
die Nordfassade zur Torstraße, eine ziem- teilungen machen sich die lärmdämpfen-
lich sprachlose, allzu glatt geratene Alu- den Maßnahmen, die dichten Dreifach-
miniumfassade, die im Verlauf der Torstra- fenster zur verkehrsreichen Torstraße hin
ße keine Bereicherung darstellt. Spannen- und die schallschluckenden Bücherwän- Lageplan
der ist da schon die Stirnseite mit den de auf eine Weise bemerkbar, wie es die

M 1:5 . 0 0 0
großflächigen Panoramafenstern (mit den Architekten nicht erwartet hatten. Schon 1 Torstraße
größten standardmäßig lieferbaren Glas- macht man sich Gedanken über die Ins- 2 Suhrkamp-Verlag
formaten), die den Besprechungs- und tallation eines künstlichen Grundrau- 3 Linienstraße
Pausenräumen Aussicht bieten, sowie die schens, damit nicht jedes Einzelgespräch 4 Rosa-Luxemburg-Straße
Südseite, die wie ein riesiges Schaufenster am anderen Ende des Raums mitzuhören
wi rk t. Besonde rs zu scha t t igen ode r ist. Hermetischer wirken die neun Qua-
abendlichen Zeiten beginnt das Haus von dratmeter großen Einzelbüros, die tat-
innen heraus farbig zu glühen – dann kom- sächlich eine völlig ungestörte Textarbeit
men die bunten Bücher zur Geltung. ermöglichen. Das Bedürfnis nach Kontakt
bleibt aber offenbar vorhanden, denn die
Wände aus Büchern Türen stehen immer offen.
Ein besonderes Architekturerlebnis bieten
Denn im Inneren gibt es so gut wie keine die Treppenläufe am Westgiebel; schräg
sichtbaren Wände, sondern, wie es sich für angeschnitten, nach oben konisch enger
einen Verlag gehört, nur Bücher, Bücher, werdend und gleichfalls von einer Bü-
Bücher, vom Boden bis zur Decke, hun- cherwand begleitet, verbinden sie die
derttausend an der Zahl, fünf Regalkilo- Abteilungen intern auf kurzem Weg, ohne
meter. Statt der Wände und Stützen schei- Türen und Luftschleusen. Da sie Brandab-
nen Bücher das Haus zu tragen, und im schnitte verbinden, können sie im Ernstfall
übertragenen Sinn tun sie das ja auch. durch automatische Brandschutztore ab-
Das Büro Kinzo, das an der Schnittstelle geschlossen werden. BAUHERR:
zwischen Innenarchitektur und Design An der internen Treppe liegen die Pausen- Suhrkamp Verlag AG
arbeitet, hat das innenarchitektonische räume und Teeküchen, aber auch oben Ibau AG, Berlin
Konzept der tragenden Buchwände ent- im Staffelgeschoss der kleine Salon mit
wickelt – nicht ganz aus freien Stücken, vorgeschaltetem Sonnendeck und präch- ARCHITEKTEN:
denn letztlich war es eine Folge des Pro- tiger Aussicht in die umgebenden Straßen Bundschuh Architekten, Berlin
gramms, dass so viele Regalmeter wie und bis zu Fernsehturm und Rotem Rat- www.bundschuh.net
irgend möglich realisiert werden sollten. haus, der für Mitarbeitertreffen, kleine
Daher mäandern also die Bücherwände Empfänge und Lesungen ein stimmiges INNENARCHITEKTEN:
durchs Haus und bilden die Räumlichkei- Ambiente bietet. Auch er stärkt das Ge- Kinzo Architekten GmbH, Berlin
ten: größere, helle Räume für vier bis sechs fühl der Büchermacher, Teil des agilen www.kinzo-berlin.de
Mitarbeiter nach Süden, kleine Einzelbü- intellektuellen Zentrums der Stadt zu sein.
ros nach Norden, kleine Kabinen zum TR AGWERKSPL ANER:
Telefonieren. Deckenlichtbänder beglei- ifb Frohloff Staffa Kühl Ecker,
ten die Wände und ak zentuieren die Berlin 
Raumfolgen. Den eleganten, maßge-
schneiderten Regalen für die Bücher- HAUSTECHNIK:
sammlung ist der hohe Kostendruck nicht Protec Planungsgesellschaft mbH,
anzusehen. Sie sind in der Regel durchge- Magdeburg 
hend weiß gehalten, während Regale für
Handapparate, Akten und Arbeitsmittel, LANDSCHAFTS-
aber auch Einbaumöbel und Tresen aus ARCHITEKTEN:
naturholzsichtigen Sperrholzplatten aus Hahn Hertling von Hantelmann,
Seekiefer geschreinert sind. Ordner wer- Berlin
den in puristische Kisten gestellt, die aus
den ansonsten 21,5 Zentimeter tiefen FERTIGSTELLUNG:
Regalen hervorstehen und 30 Zentimeter April 2020
Tiefe bieten. Mit ihrer honigfarbigen Wär-
me sollen die holzsichtigen Elemente mit STANDORT:
den weiß beschichteten Regalen, dem Suhrkamp-Verlag, Torstraße 44,
Sichtbeton der Decken und den farbigen Berlin
Ideen 2 41
M 1:5 0 0

Querschnitt 6. Obergeschoss

2. Obergeschoss 5. Obergeschoss

1. Obergeschoss 4. Obergeschoss

Erdgeschoss 3. Obergeschoss
42

Oben:
Die Gästezimmer im zehnten Stock,
gestaltet von Arata Isozaki, bilden einen Ruhepunkt
im Hotel an der Schnellstraße zwischen
FOTOS: HOTE L PUE RTA A MÉ RICA

Madrider Stadtmitte und Flughafen. Auch die


Mittagshitze bleibt draußen.

Rechts:
Statt in einen banalen Einbauschrank kann
der Gast seine Kleider in diese rote Lackschatulle
hängen.
Unterwegs im 43

Hotel Puerta América


Madrid

An der Schnellstraße zwischen Flughafen und Stadt­


zentrum steht ein bunt schillerndes Hotelhochhaus,
das sich mit der Innengestaltung vieler prominenter
Architekten schmückt. Unser Autor sucht Zuflucht im
zurückhaltenden Ambiente von Arata Isozaki.

Als der spanische Immobilienboom den Investoren noch üppige Renditen


sicherte – lange ist’s her –, kam die Hotelkette Silken auf eine kuriose Idee:
In Madrid wollte man ein Hotel errichten, das es bislang noch nicht gab.
ADRESSE Der Name „Puerta América“, angelehnt an die gleichnamige Schnellstraße im
Osten Madrids, klang noch recht konventionell. Außergewöhnlich dagegen
Hotel war das Konzept eines „Hotels mit 19 Sternen“. Das Ganze hatte weniger mit
Puerta América überzeugender Architektur, aber viel mit einer ausgefallenen Werbeidee
Avenida de América, zu tun. Die Silken-Manager ließen sich damals von dem Ausspruch eines ge­
41,  wissen Donald Trump betören: „Trendige, von renommierten Architekten ent-
Madrid worfene Hotels vermarkten sich besser.“
Spanien So wurde das Hotel mit gehörigem Medienrummel eingeweiht. Der Präsident
der Hotelgruppe pries das Haus wie die amerikanische Freiheitsstatue – als
Mailadresse „Hommage an die Freiheit, an die Verbindung der Völker, Kulturen und Religio-
booking@ nen“. Die Völkerverbindung sah er durch die Namen der internationalen Archi-
puertamericahotel. tekten gewährleistet, die er für das Projekt gewinnen konnte – denn neben dem
com Projektleiter Jean Nouvel wurden eigens Norman Foster, Zaha Hadid, David
Chipperfield und Arata Isozaki eingeflogen. Alle diese internationalen Stern-
chen, zu denen sich natürlich noch etliche weitere hinzugesellten, erhielten die
PREISE
Aufgabe, eine ganze Etage nach eigenem Gusto zu gestalten.
Der große Gästeandrang ließ noch Monate nach Eröffnung allerdings auf sich
warten. Der Autor jedenfalls wurde an der Rezeption gefragt, welches Zimmer Preis
er bevorzuge – das von Foster, Chipperfield, Nouvel, Hadid oder Isozaki. Die
Entscheidung war nicht schwer, denn die Extravaganzen einer Zaha Hadid auf
lagen mir nicht sonderlich, und so wählte ich den meditativen Rückzugsort von Anfrage.
Arata Isozaki. Die Wahl erwies sich als goldrichtig, denn für Ruhebedürftige ist
das Hotelzimmer des Japaners unübertroffen: Beim Betreten des Hotelzimmers Reser­-
im zehnten Stock denkt man eher an eine „Black box“ mit minimalistischem
Touch. Oder an einen schwarzen Schrein, der zum heißen Madrider Sommer vierungen
den passenden Ausgleich liefert.
Marmorfliesen und Oberlicht dominieren das Entree, schwarzer Teppichboden
werden
und graue Wände akzentuieren ein Ambiente, das ohne Farbkontraste aus- seit
kommt und den Gast auf das Zimmer seiner nächtlichen Bleibe einstimmt.
Tatsächlich ist das Hotelzimmer die perfekte Ruhezone in dem kunterbunten 17. Mai
Potpourri, das dem Gast als Auswahl angeboten wird.
Im Isozaki-Zimmer wird der Blick ins Freie durch einen „Shoji“ gerastert, ein
ange­nommen.
feines Gitter vor der gesamten Fensterfläche, das nur gedämpftes Licht herein-
lässt. Am Kopfende des Betts erstrahlen quadergleiche Lichtquellen auf
schwarzer Holzwand. Es versteht sich von selbst, dass ebenso die Bettdecke
und die Stühle mit filigranen, geschwungenen Rückenlehnen in Schwarz gehal-
ten sind. Gleiches gilt für Fußboden und Tisch. Nur der knallrote Kleiderschrank
setzt einen kräftigen Farbkontrast. Sparsame japanische Akzente herrschen
lediglich im Bad vor. Die rechteckige Badewanne aus heller, japanischer Hino-
ki-Zypresse lässt daran denken, dass dieser kleine Raum im lauten Madrid wirk-
lich so etwas wie ein kultisch-meditativer Ort ist. Selbst für Badewannen-Muffel.

Text Klaus Englert


44

TITELTHEMA
OFFENE
BÜROKONZE PTE

Wichtiger Treffpunkt und Kommunikationsraum nicht nur für taz-Redakteure: das Café im Erdgeschoss
Ideen 3 45

Am Puls der Zeit


Im Gegensatz zum Suhrkamp-Verlag ticken im Berliner taz-Gebäude
die Uhren völlig anders: Ein offener, flexibler Raumplan und eine
sparsame Gestaltung schaffen Platz für eigene Ideen, freies Denken
und intensive Kommunikation – und ein lässiges Arbeitsumfeld.

Architekten: Kritik: Fotos:


E2A Falk Jaeger Yasutaka Kojima

Der Kontrast war eindrucksvoll: damals natliche internationale Ausgabe von Le Telefonate führen zu können. Die kleinen
das leere Haus, das wir nach Bauabschluss Monde, die der taz als Supplement bei- und die etwas größeren Sonderräume
besucht hatten (siehe Baumeister 12/ liegt und deren Redaktion mit in die Fried- sind nicht als Büroräume gedacht und
2018), und dann der Betrieb unter Volllast, richstraße gezogen ist. Gut besucht wird werden nicht disponiert, das heißt, sie
nachdem die Redakteure das Haus in Be- auch der taz-Shop im Erdgeschoss, in dem können nicht gebucht werden.
schlag genommen haben. Zurzeit geht es sich Besucher, viele davon Genossen (taz-
zwar coronabedingt wieder sehr ruhig zu, Teilhaber) auf „Inspektionsbesuch“, mit Lieber nicht allzu offen
doch man glaubt, den Nachhall des Re- Büchern, Fanartikeln und allerlei Überflüs-
daktionsbetriebs zu vernehmen, und hat sigem eindecken. Nicht bewährt hat sich das gänzlich offe-
das Gefühl, die Zeitungsmacher sind nur ne dritte Obergeschoss ohne die Abtren-
mal eben zur Mittagspause gegangen. Aneignung erlaubt nung eines Gangs zum Treppenhaus, wo
Nur wenige Schritte weiter war die taz- die Chefredaktion sich ein offenes Zen-
Redaktion im traditionellen Berliner Zei- Angesichts der neuen offenen Redakti- trum des pulsierenden Redaktionslebens
tungsviertel gezogen, vom Standort an onsräume gab es in der Belegschaft an- vorgestellt hatte. Dort wurde, wie schon in
der Rudi-Dutschke-Straße (früher Koch- fangs Vorbehalte. Betondecken, Beton- den anderen Geschossen, eine gläserne
straße) um die Ecke in den Neubau an der wände und Betonestrichböden waren Trennwand eingebaut. Das laut pulsieren-
Friedrichstraße. Groß, hell, offen, so emp- manch einem zu viel graues Ambiente. de Leben hat sich nicht als Arbeitsatmo-
finden die Mitarbeiter das neue Ambiente Auch die schrägen V-Stützen schienen sphäre geeignet.
im Unterschied zu den bisher beengten gewöhnungsbedürftig. Die Mitarbeiter Je nach Wetter können sich die Mitarbei-
Verhältnissen – eine gänzlich neue Ar- haben sich jedoch recht schnell einge- ter mit ihrem Laptop auch auf die Dachter-
beitsumgebung, inspirierend, flexibel, lebt, ihr Arbeitsumfeld mit persönlichen rassen zurückziehen oder dort Bespre-
beweglich. Dingen eingerichtet, Plakate aufgehängt chungen abhalten. Die Dachzonen sind
In der Tat sind sie jetzt mehr unterwegs, und selbst die schrägen Stützen verschie- entsprechend architektonisch wohlge-
vom eigenen Schreibtisch zu den Treff- dentlich vereinnahmt. Wenig überra- staltet, das übliche Gedärm der Lüftungs-
punkten im Haus, in die Einzelkabinen zum schend kamen auch Pflanzen ins Haus und Wärmetauscheranlagen verschwand
ungestörten Telefonieren, hinunter in die und vermehren sich nun auf anthropoge- hinter Blenden und Lamellenwänden.
Cafeteria. Überhaupt hat sich das Mitar- ne Weise. Zeitung machen und Bücher machen ist
beiterrestaurant im E rdgeschoss zum Sehr gern benutzt wird der doppelge- beides Medienarbeit, doch die neuen
wichtigen Ort des Arbeitslebens entwi- schossige gläserne Konferenzraum im ers- Häuser der taz und des Suhrkamp-Verlags
ckelt: Es ist nicht verpachtet, wird von der ten Obergeschoss, der mit feuerrotem (siehe Seite 32) zeigen den Unterschied:
taz selbst geführt und ist eigentlich weder Teppichboden als Kommunikationsort Hier sprichwörtlich „am Puls der Zeit“
Kantine noch Cafeteria mit Tresenausga- ausgewiesen ist. Vor allem in Corona-Zei- Kommunikation pur, die in gefüllte Zei-
be, sondern dort wird bedient – ein Zei- ten dient er vielen Meetings, weil man sich tungsspalten und Online-Inhalte mündet,
chen der Wertschätzung gegenüber den weit auseinandersetzen kann. die der aktuellen, kurzlebigen Informati-
Mitarbeitern. In allen Großräumen gibt es zehn Qua- on dienen. Dort Konzentration pur, stilles
Und es wird auch von Büropersonal aus dratmeter große Rückzugsräume sowie Bearbeiten und Verfertigen von Texten,
de r Umgebung f requent ie r t; nu r am etwas größere Besprechungsräume („der die die Seiten zwischen zwei Buchdeckeln
Abend fehlt das Laufpublikum. Abgese- Besprechungsbedarf ist unendlich“, kons- füllen und zum kontemplativen Rezipieren
hen vom rauen Industriecharme wie das tatiert der Geschäftsführer), die nach dem gedacht sind.
gesamte Haus wird es dominiert vom Willen der Architekten jeweils dem Kons-
me rk wü rdigen, übe rdimensionalen truktionsraster entsprechend eingeplant Grundriss auf
Schriftzug „Le Monde diplomatique“ an wurden, und zwar jeweils an Achsen, an Seite 49
der Decke. Der warb zuvor oben an der denen Lüftungsflügel vorhanden sind.
Attika des Hauses an der Rudi-Dutschke- Diese Räume in Leichtbauweise sind not-
Straße Ecke Charlottenstraße für eine mo- wendig, um vertrauliche Gespräche oder
46 Ideen 3

Girlanden, üppige Zimmerpflanzen und Kinderzeichnungen zeugen vom lässigen Umgang mit dem Haus. Seine robuste Struktur lässt das zu.
47

In den Obergeschossen dominiert der offene Raumplan, jede Ebene wird mit der Möblierung anders unterteilt.
48

Im sechsten Obergeschoss. Wie überall im Gebäude findet die netzartige Glashaut außen im Betontragwerk innen ihre Entsprechung.
Ideen 3 49

BAUHERR:
taz, die tageszeitung.
Verlagsgenossenschaft eG,
Berlin
vertreten durch die
GF Andreas Bull und
Karl-Heinz Ruch

ARCHITEKTEN:
E2A Piet Eckert und Wim Eckert,
Architekten Zürich
www.e2a.ch

MITARBE ITE R:
Wim Eckert, Piet Eckert,
Claudio Aquino, André Passos,
Alexander Struck, Tobias Weise,
Bojana Miskeljin, Philip Milkowski,
Rickey Gates, Jochen Paul,
Mireya Sanchez Gomez,
Felix Yaparsidi, Yusuke Ota,
Corbin Jenkins, Lukasz Wlodarczyk,
Sebatian Pertl, Eric Rudolph

TR AGWERKSPL ANUNG:
Schnetzer Puskas International AG,
Basel

BAU LE I T U N G/
BAUM ANAGE ME NT:
Sedeño Bauplanung GmbH, Westansicht von der Friedrichstraße. Weitere informationen zum Gebäude
Berlin in Baumeister 12/2018, ab Seite 20

FASSADE NPL ANE R:


Emmer Pfenninger Partner AG,
Münchenstein

TGA:
M 1:3 3 3

PHA-Planungsbüro für
haustechnische Anlagen GmbH,
Volkmarsen (Planung und
Ausführung), Ernst Basler und
Partner AG, Berlin und Zürich
(Wettbewerb)

BAUPHYSIK:
jh-Ingenieure GmbH,
Kleinmachnow

FERTIGSTELLUNG:
2018

STANDORT:
Friedrichstraße 21, Berlin

Grundriss 3. OG. Die offene Führungsebene erhielt inzwischen eine Glaswand zum
Treppenhaus, um Verkehrsflächen und Arbeitsplätze voneinander abzuschirmen.
50

TITELTHEMA
OFFENE
BÜROKONZE PTE

Das taghelle Atrium ist Mittelpunkt, Verteiler, Tageslichtquelle, Kommunikationsfläche – überdeckt von einem imposanten Holzdach.
Ideen 4 51

Arbeiten im
Allraum
Mit dem Alnatura-Hauptsitz wagen sich die Bioladen­-
kette und seine Architekten gleich an mehrere
Experimente. So gelingt ein nachhaltig konzipierter
Bau mit einem kommunikativen Einraum im Inneren.
Kritik: Architekten: Fotos:
Heinrich HaasCookZemmrich Roland
Hochthaler Studio2050 Halbe

Mit einer „der höchsten Ehrungen“, die die Extrovertiertes Konzept wegte Parole von den Schwertern, die zu
Kommune zu vergeben hat, mit der silber- Pflugscha ren werden sollen, kl ingel t
nen Verdienstplakette, zeichnete Darm- Um im militärischen Duktus zu bleiben: mächtig im Ohr.
stadt Anfang März dieses Jahres Götz Rehn hat mit seinem nach den Plänen des
Rehn aus. Der Gründer und Geschäftsfüh- Stuttgarter Büros HaasCookZemmrich Stu- Baustoff Lehm
rer der Bioladenkette „Alnatura“ nehme, dio2050 realisierten Bauwerk tatsächlich
würdigte der bündnisgrüne Oberbürger- ei ne Pion ie r funk t ion i nne. Au f dem Pionierfunktion, zum Zweiten: Der Bau ist
meister Jochen Partsch, „eine besondere 47,7 Hektar großen Areal der ehemaligen das größte Bürogebäude mit einer Lehm-
gesellschaftliche Verantwortung wahr“ Kelley-Barracks war es bis Herbst 2019 um fassade europaweit. Martin Rauch, der
und gehe „über den Zweck der reinen Ge- den Alnatura-Campus ziemlich einsam – Vorarlberger Lehmexperte, den man zu
winnerzielung weit hinaus“. Besonders außer ein paar noch von den Nazis fertig- Hilfe bat, hat seit seinem 2012 für Herzog &
lobte das Stadtoberhaupt den Alnatura- gestellten, äußerlich intakt scheinenden de Meuron realisierten Ricola-Haus auch
Campus am südwestlichsten Zipfel der Mannschaftsgebäuden, die sich gänse- hierzulande einen ausgezeichneten Ruf.
selbsternannten Wissenschaftsstadt. Da- marschgleich entlang der Eschollbrücker Doch bisher konnte er seine monolithi-
mit habe der bekennende Anthroposoph Straße aufreihen. schen Stampflehm-Strukturen in Deutsch-
„das wirtschaftliche und gesellschaftliche Dass das grünschwarz regierte Darmstadt land nur im sakralen oder musealen Kon-
Leben“ der Stadt „um einen bedeutenden das Konversionsgelände zu einem „nach- text realisieren. Mit Anna Heringer zum
Standort erweitert“. Etwas taktlos könnte hal t igen Qua r t ie r mi t gewe rbl ichem Beispiel hat er 2018 im Wormser Dom zu
man sagen, dass der nicht unumstrittene Schwerpunkt“ verwandeln will, wirkt wie dessen tausendjährigem Bestehen den
Rehn mit seinem Campus der Kommune ein Leitmotiv für den Biohändler, dessen neuen Hauptaltar fertiggestellt. 2019 hat
aus der Patsche geholfen hat. Denn die Firmenlosung „Sinnvoll für Mensch und Rauch mit HG Merz im Frankfurter Museum
Konversion mehrerer ehemals militärisch Erde“ lautet. Wobei Rehn eben nicht nur Goldkammer archaisch-erdige Raum-
genutzter Areale von insgesamt 314 Hek- ein Verwaltungsgebäude, sondern auch kammern geschaffen – Kontexte, in denen
tar, die nach dem Abzug der US-Armee einen Kindergarten für Sprösslinge von die Ästhetik des Materials eine symboli-
2008 frei wurden, verläuft aus diversesten Mitarbeitern und Bürgern benachbarter sche, eine überhöhende Funktion inne-
Gründen ausgesprochen zäh und holprig. Stadtteile, ein weitläufiges Freigelände hat. Auch in Darmstadt hat der Lehm na-
Selbst die 122 Hektar, die städtebaulich mit Teich, modellierter Landschaft und ei- türlich eine Botschaft – allerdings eine
integriert und relativ citynah sind. Da ist ner kleinen Arena bauen ließ. Sogar Erleb- nachrangige. Martin Haas, der verant-
man dann schon froh, wenn zumindest ein nis- und Partnergärten gibt es, die interes- wortliche Architekt, betont, dass Lehm als
kleines Stück der immer noch wüsten und sierte Bürger und Schulen der Umgebung ganz normaler Baustoff verwendet wurde,
verwaisten Flächen urbar gemacht wird. mieten können, um ökologischen Land- der in Konkurrenz zu anderen Materialien
Auch wenn man dazu einen gesonderten, bau zu betreiben. Bis auf den Kindergar- sich ökonomischen wie ökologischen,
von der Rahmenplanung getrennten und ten freilich alles hinterm Firmenzaun, letztlich den im Baualltag üblichen Kriteri-
vorgezogenen Bebauungsplan verab- wobei die Gärten dieses Jahr schon aus- en stellen musste. Und natürlich ging es
schieden musste. gebucht sind. Die alte, DDR-friedensbe- auch um Komfortbedürfnisse.

WEITER
52 Ideen 4

Oben: Arbeiten kann man überall im Haus. Unten links: vermietbarer Konferenzraum, rechts: Innen dominieren Holz, Lehm und unbehandelter Beton.
53

Einraum ohne Trennwände: Treppen, Brücken und Stege verbinden die drei offenen Büroebenen spielerisch miteinander.
54 Ideen 4

Architektur ohne Showeffekt: Kompaktes Lehmpaket im noch leeren Darmstädter Gewerbegebiet

In einer benachbarten, heute abgerisse- besteht das Bürogebäude aus einem ein- tomatisch eine neue Typologie, und Bau-
nen Halle, in der weiland GIs Panzer ge- zigen Raum: drei Geschosse und bis zum herr und Architekt wagten eine ganze
wartet hatten, stellten Vorarlberger Hand- First 19 Meter hoch, 13.500 Quadratmeter Menge Neues, gingen vielfach noch un-
werker die insgesamt 394 Fassadenele- insgesamt umfassend, wobei durch das beschrittene Wege. Der zweite Vorwurf,
mente her. In Rauchs früheren Projekten geschwungene Atrium Stege, Brücken das im Frühjahr 2019 fertiggestellte Ge-
setzte er regelmäßig den auf den Bau- und Treppen führen. Ein selbstredend äu- bäude sei städtebaulich sehr weit zurück-
grundstück anfallenden Erdaushub für ßerst großzügiger Allraum, durch die glä- gesetzt, wiegt schwerer. Er trifft – noch zu-
das entstehende Gebäude ein. Das war in serne Ost- und Westfassade vorzüglich mit mindest. Denn nun hat sich eine zweite
Darmstadt wegen der vorherrschenden Sonnenlicht versorgt, elegant möbliert Firma auf dem Konversionsareal angesie-
Sandböden nicht möglich. Für Alnatura und ausgelegt für 400 anwesende Mitar- delt: ein Batteriehersteller mit attraktions-
musste neben Lavaschotter aus der Eifel beiter. Diese müssen sich freilich – Alnatu- freiem Verwaltungsbau und zwei hermeti-
auch Tunnelaushub von Stuttgart 21 her- ra hat das territoriale Büro aufgegeben – schen Produktions- und Logistikhallen.
angeholt werden. ihren Arbeitsplatz täglich neu suchen. Und jetzt zeigt sich, dass die von der Stadt
Eine weitere Neuerung: Um die Wände Andererseits können sie teilweise – und gewünschte Nachhaltigkeit von der Reali-
thermisch zu aktivieren, wurde den Ele- das schon vor Corona – im Homeoffice tät einer nicht zu Ende gedachten Bauleit-
menten auf der Innenseite ein Schlauch- arbeiten. Und: Arbeit, auch Büroarbeit planung eingeholt wird. Zwei Firmensitze,
leitungssystem eingestampft. Das dazu macht Lärm. Also wurde jeder Quadrat- mehrere Steinwürfe voneinander entfernt,
verwendete Wasser stammt aus Geother- zentimeter Oberfläche des schönen Ge- hinter Zäunen und Parkplätzen, ohne Be-
miebohrungen. Dank der je nach Umge- bäudes akustisch aktiviert. Ob perforierte zug und Dialog, ein Unort letztlich. „A rose
bungsluft Feuchtigkeit aufnehmenden Spinde, ob Decken mit Blähbetonstreifen, is a rose is a rose“, und ein Gewerbegebiet
oder abgebenden Lehmfassade, ihrer ob die Holzlamellendecke unterm Dach, bleibt ein Gewerbegebiet – gleich wel-
Speichermasse sowie einer natürlichen ob Teppichböden, flauschig-bequeme cher politischen Couleur seine Initiatoren
Belüftung, wozu die Luft aus dem nahen Sitzecken oder siebenlagige Vorhänge, sind. Zu hoffen bleibt, dass die weiteren
Wald angesaugt und über einen Erdkanal die Besprechungsinseln und Teeküchen geplanten Bausteine, etwa ein Natur-
konditioniert wird, herrscht sommers wie abtrennen: Jede Oberfläche hat Schall zu markt vor der Alnatura-Verwaltung direkt
winters ein angenehmes Klima in dem absorbieren. Die kräftigen Farben, die ge- an der Eschollbrücker Straße, noch ein
Gebäude. zielt und präzise gestreut wurden, geben bisschen Leben und Urbanität in das bis
zusammen mit der Vielfalt an Raumsituati- dato noch ziemlich unwirtliche Areal brin-
Im Einraum onen sowie besagten Brücken und Stegen gen. Mit Rehns Campus ist eigentlich ein
diesem offenen Hallenraum einen leicht vielversprechender Anfang gemacht.
Pionierfunktion, zum Dritten: Bis auf das spielerischen, sehr entspannten und un-
auch Darmstädter Bürgern offenstehende aufdringlichen Charakter.
Restaurant und den mit Glaswänden ab- Die Einfachheit der Kubatur, die konventi-
gegrenzten, auch von Fremden anmiet- onelle Form enttäuschten manche Archi-
baren Konferenzräumen im Erdgeschoss tekturkritiker. Doch Lehm kreiert nicht au-
55

Zum Lehmbau

M 1:5 . 0 0 0
Lageplan In einer benach­
barten, inzwischen
abgerissenen mili-
tärischen Wartungs-
halle stellten Vorarl-
berger Handwerker
insgesamt 394 Fas-
sadenelemente her,
von denen jeweils
fünf zu einer selbst-
tragenden Säule
gestapelt und mit
Gewindestäben in
den Decken der
Stahl-Beton-Kons-
truktion verankert
wurden. Die einzel-
nen Elemente sind
3,50 Meter lang,
einen Meter hoch
und – wegen einer
17 Zentimeter di-
cken Dämmschicht
aus Schaumglas-
granulat in der Mitte
– 69 Zentimeter
breit. Die brillante
Energiebilanz des
Gebäudes trübt ein
wenig die Herkunft
Nachhaltige Bauweise des Lehms mit sei-
nem langen Liefer-
weg: Man griff auf
Aushub von Stutt-
gart 21 zurück.

70 Zentimeter dicke
Lehmwände in monoli-
M 1: 2 5

thischer Bauweise,
mehr Raumhöhe und
höhere, kleinere Fens-
ter: Bei diesem Projekt
wurde sehr viel richtig
gemacht.
56 Ideen 4

ARCHITEKTEN UND
INNENARCHITEKTEN:
HaasCookZemmrich Studio2050,
Freie Architekten PartG mbB,
Stuttgart

PROJEKTLE ITUNG:
Sinan Tiryaki, Elena Krämer,
Philip Furtwängler Querschnitt

PLANUNGSTEAM:
Lena Götze, Yohhei Kawasaki,
Eduardo Martín Rodríguez,
Eva Engele, Ioannis Siopidis

AUSSCHREIBUNG UND
OBJE K TÜBE RWACHUNG:
BGG Grünzig Ingenieurgesellschaft
mbH, Bad Homburg

LANDSCHAFTS-
ARCHITEKTEN:
Ramboll Studio Dreiseitl GmbH,
Überlingen

TR AGWERKSPL ANER:
Knippers Helbig GmbH,
Stuttgart 2. Obergeschoss

ENERGIEBERATER:
Transsolar Energietechnik GmbH,
Stuttgart

ELEKTROPLANER:
Ingenieurbüro Werner Schwarz
GmbH, Stuttgart

HLS-PLANER:
Henne & Walter GbR,
Reutlingen

BAUPHYSIK:
KNP.Bauphysik
Ingenieurgesellschaft mbH,
Köln

BR ANDSCHUT ZGUTACHTE R: 1. Obergeschoss


TSB Ingenieurgesellschaft mbH,
Darmstadt

PL ANUNGSZE IT:
2014 bis 2017

ERÖFFNUNG:
Januar 2019
M 1: 8 0 0

STANDORT:,
Alnatura-Produktions-
und Handels GmbH,
Mahatma-Gandhi-Straße 7,
Darmstadt

Erdgeschoss
57

3
Fragen:
SEITE
58
Müssen Apple und
Google umdenken?
SEITE
62
Wie schreibt man
über Architektur?
SEITE
64
Am Fenster – ein
Lichtblick?
58 Fragen 1

TITELTHEMA
OFFENE
BÜROKONZE PTE

Müssen

Apple + Google

umdenken

Der Medientheoretiker Scott Rodgers erforscht


die Beziehung zwischen Medienunternehmen
und Stadtentwicklung. In diesem Interview be-
richtet er, was Medienhäuser ausmacht, wie
sich die Entwicklung neuer Plattformunterneh-
men architektonisch ausdrückt – und warum
manche digitale Giganten in Sachen Stadtpla-
nung umdenken sollten.
59
Interview: BAUMEISTER: Scott, als Me-
dientheoretiker beschäftigst
gewöhnliche Büroräume aus-
sehen. Es scheint eine Nor-
beschreibt. Martin betrachte-
te Nachkriegsbüros, Compu-
Alexander Du Dich mit Medienhäusern. malisierung des Mediensek- terzentren, Produktionsanla-
Warum ist das ein interessan- tors stattzufinden, so dass gen und Ausbildungseinrich-
Gutzmer tes Thema für einen Kulturfor- Medienfirmen „nur noch“ tungen als „Kanäle“ für die
scher? ganz gewöhnliche Unterneh- Praktiken und Kommunikati-
S C O T T R O D G E R S : Der Blick men sind. onsabläufe, die ein „Gesamt-
auf Medienhäuser eröffnet S R : Stimmt. Scheinbar gehen system“ ergeben.
eine bestimmte Sichtweise manche organisatorischen
auf Medien und auf das Um- und technologischen Eigen- B: Und das Toronto Star
feld der Medienproduktion. schaften, die früher den Cha- Building ist ein gutes Beispiel
Dazu gehört eben auch rakter der Medienhäuser ge- für Martins Theorie?
ihre materielle Umgebung, kennzeichnet haben, in eini- S R : Ja, denn es wurde ge-
die symbolisch für die Rolle gen Bereichen verloren. Der baut, um neue logistische
von Medienorganisationen Wechsel von Druck zu Digital Möglichkeiten durch moder-
in der Gesellschaft stehen. hatte für Zeitungsredaktionen nes Bürodesign, computeri-
erhebliche Auswirkungen. siertes Informationsmana­
B: Wie Rem Koolhaas‘ CCTV gement und fortschrittliche
Center in Peking? B: Wie? Druckerpressen für die Zei-
S R : Genau. Koolhaas‘ Arbeit SR: Etwa bei Newsrooms. tung zu erschaffen. Auch
mit Mediengebäuden wie Newsrooms wurden üblicher- beim „Vaughan Press Centre“
dem CCTV Center oder dem weise für die tägliche Produk- der Zeitung, das 1992 mit gro-
Berliner Axel-Springer-Cam- tion eines Druckerzeugnisses ßem Aufsehen eröffnet wur-
pus, der gerade im Bau ist, entworfen. Nun werden sie de, waren logistische Ambiti-
loten die Beziehung zwischen zunehmend verwendet, um onen die treibende Kraft.
der internen Organisation Nachrichten digital zu ver- Obwohl diese Einrichtung
von Medienfirmen und ihrer breiten, wo man viel stärker einen Satelliten-Newsroom
externen Präsentation sowie auf dritte Plattformen wie so- hatte, der die immer verstreu-
ihre Interaktion mit der städti- ziale Medien angewiesen ist. teren Vororte von Greater
schen Öffentlichkeit aus. Toronto abdeckte, wurde sie
Für urbane Geografen wie B: Vor knapp 15 Jahren hast ursprünglich als fortschrittli-
mich bieten sie eine interes- Du angefangen, die kanadi- che Druckeinrichtung mit
sante Möglichkeit, die weit- sche Tageszeitung „Toronto Automatisierung und Robo-
reichenden Beziehungen Star“ zu studieren. Was inter- tern angelegt und strategisch
zwischen Medien, Ort und essiert Dich speziell an der an der Gabelung von zwei
Scott Rodgers urbanem Leben zu studieren. dazugehörigen Architektur? Schnellstraßen platziert, die
S R : Der Firmensitz der Toronto in die Stadtregion abzweig-
B: Was ist an ihnen besonders Star, einer der wichtigsten ten.
lehrt Medientheorie im Vergleich zu anderen Bü- Zeitungen Kanadas, wurde
am Lehrstuhl „Film, rogebäuden? 1971 eröffnet; es ist ein 25- B: Raus aus dem Zentrum –
Media and Cultural S R : Ich denke, Medienhäuser stöckiges, klotziges Gebäu- die Geschichte vieler Tages-
Studies“ an der können für mindestens zwei de, das allgemein als mittel- zeitungen seit den 1990er-
Universität London. unterschiedliche Dinge ste- mäßiges, vielen sogar als Jahren...
hen: Erstens vermitteln sie hässliches Beispiel für die S R : Mich interessiert, was die-
die speziellen organisatori- Spätmoderne gilt. Es wurde se Logistik-Geschichten über
schen Merkmale bestimmter von Webb Zerafa Menkes die banaleren Medienhäuser
medienbezogener Berufs­ Housden Partnership entwor- der Spätmoderne aussagen,
felder wie Journalismus, fen (heute bekannt als WZMH besonders jene, die von
Fernsehproduktion oder Soft- Architects). Und obwohl mei- Zeitungen im 20. Jahrhundert
waredesign. Und zweitens ne Forschung an der Zeitung errichtet wurden. Aber ge-
bringen sie die technologi- anfangs ethnografischer nauso interessiert mich, was
schen Anforderungen von Natur war, entwickelte ich ein aus ihnen geworden ist: Im
Medienformen oder Infra- Interesse an der Geschichte Jahr 2000 wurde etwa das
strukturen zum Ausdruck. des Gebäudes. Ich wollte Toronto Star Building und das
Zum Beispiel befanden sich wissen, wie Leute beim Toron- umliegende Land in der 1
in Zeitungsgebäuden traditi- to Star arbeiteten. Yonge Street von der Mutter-
onell oft Produktionsmaschi- Als eines der ersten Gebäude gesellschaft Torstar für 40 Mil-
nen wie Druckerpressen. in einer leeren, postindustriel- lionen CAD verkauft, dann
Heute sitzen Rundfunkveran- len Landschaft war die Ästhe- wurde es 2012 für 250 Millio-
stalter üblicherweise am tik weniger bedeutend als nen CAD an ein Bauunter­
selben Ort wie Studios, Auf- die reine Funktion des Ge- nehmen für den Bau von Ei-
nahme- und Schnittplätze. bäudes innerhalb eines „or- gentumswohnungen weiter-
ganisatorischen Komplexes“, verkauft. Das Gebäude wird
B:Aber natürlich gibt es auch wie der Architekturhistoriker zwar noch von der Zeitung
Medienhäuser, die keine Reinhold Martin die amerika- gepachtet, und auf der Fas-
charakteristische Architektur nische Corporate Architec- sade steht immer noch „To-
besitzen, sondern wie ganz ture in der Nachkriegszeit ronto Star“, doch es wird bald

WEITER
60

1
1 Das Toronto-Star-
Zeitungshaus am
Lake Ottawa (untere
Bildmitte) in einer
Aufnahme von 1974

2
In der Nähe von Lon-
dons Bahnhof King‘s
Cross, dem zukünfti-
gen Medienhub,
soll dieser Google-
„Landscraper“ von
BIG und Thomas
Heatherwick entste-
hen.

FOTOS: SCOT T RODGE RS; OBE N LINKS: CIT Y OF TORONTO ARCHIVE S; ILLUSTR ATION OBE N RECHTS: BIG/ THOM AS HEATHE RWICK
3

3
Noch residiert
Google in London
eher unauffällig am
Pancras Square.

4
YouTube wird eben-
falls bald von der
Londoner Pancras
Road ins King‘s-
Cross-Areal ziehen.
4
Fragen 1 61
zu Wohnungen umgebaut. Cross, an dem Du gerade Restaurants, in die gusseiser- mögliche Korrespondenz,
Das Vaughan Press Centre forschst. Was ist dort beson- nen Gasbehälter wurden aber auch Spannung zwi-
wurde kürzlich für 54 Millio- ders? neue Wohnungen eingebaut, schen der internen und exter-
nen CAD verkauft; durch sei- S R : Ein Merkmal von King’s und das Gelände eines ehe- nen Seite von Medienhäu-
nen Standort eignet es sich Cross ist, dass es sich neben maligen Kornspeichers wurde sern.
ideal, um einen Nachfahren einem Kultur- und Bildungs- zum Bauplatz für die Design- Traditionell haben Medien-
der Medienlogistik zu beher- viertel zu einem Ort für digita- schule Central Saint Martins. häuser in erster Linie Autorität
bergen: ein Datenzentrum. le Plattformen und Technolo- und Prestige vermittelt. Hier
gieunternehmen wandeln B: Welche Rolle spielt die fällt mir beispielsweise die
B: Angesichts der gegenwär- soll. Google baut einen 300 Location in der Stadt? Parade der Zeitungshochhäu-
tigen Krise vieler Medien- Meter langen „Landscraper“ S R : Das Gelände liegt strate- ser ein, die früher Park Row
unternehmen – wird das für eine Milliarde Pfund, ent- gisch gut in Londons Stadtge- gegenüber der New York City
Konzept des Medienhauses worfen von BIG und Thomas füge. Es grenzt an einen der Hall säumte. Heute scheinen
irrelevant werden? Heatherwick. Das könnte wichtigsten Knotenpunkte die Hauptsitze von Plattform-
S R : Generell nicht, aber viel- dazu beitragen, fast 7.000 im Londoner U-Bahn-Netz unternehmen mehr Wert auf
leicht in manchen Medien­ „Googler“ dort unterzubrin- und an zwei große Bahnhöfe. verinnerlichte Innovationen
feldern. Man findet hierfür gen. Facebook hat in einem Zudem bietet das 27 Hektar zu legen.
definitiv Anhaltspunkte in der bedeutendsten Londoner große Gebiet die Nähe zu an-
den großen Nachrichten­ Immobiliendeals des letzten deren wichtigen Geschäfts- B: Hast Du dafür ein Beispiel?
häusern. Als ich 2005 den Jahrzehnts 56.800 Quadrat- zentren wie Shoreditch oder SR: Der festungsartige Apple-
Toronto Star besuchte, waren meter Bürofläche erworben, der City of London und zu den Hauptsitz in Cupertino, Kali-
im Großraum-Newsroom genug für mindestens 6.000 Universitäten von Blooms- fornien, oder die großen
etwa 500 Mitarbeiter unter- Arbeitsplätze. Thomas Hea- bury. Büros von Google sind gute
gebracht. Ständig waren die therwicks „Brand Showcase“ Beispiele. Solche Unterneh-
Leute in Bewegung und die für Samsung hat 1.900 Qua- B: Generell dreht sich heutzu- men spielen eine zentrale
Schreibtische voller Papiere dratmeter und verspricht, die tage alles um „Kommunikati- Rolle in unserem heutigen
und Computer. Die Mitarbei- „neuesten Technologien mit on“. Sind Medienhäuser wirk- sozialen und politischen Le-
ter waren je nach Rolle im besonderen Events ins Leben lich „kommunikativer“ – oder ben. Ich würde deshalb den
Produktionsprozess an genau zu rufen“. Währenddessen ist umgekehrt unsere Idee, Vorschlag machen, dass
festgelegten Stationen ein- hat YouTube sich in Form vom dass Kommunikations-Firmen sie nachdenken sollten,
geteilt. Dieser Newsroom ist „YouTube Space London“, in kommunikativeren archi- wie ihre Gebäude, die sich
heute durch Trennwände ver- einem Veranstaltungs-, Aus- tektonischen Umgebungen in unseren Städten heute so
kleinert, da nur noch 170 Leu- bildungs- und Produktionsort, arbeiten müssen, vielleicht schnell breitmachen, mit
te in der Redaktionsabteilung lokal etabliert. Unter den ak- auch etwas naiv? den öffentlichen und halböf-
arbeiten. Es ist um einiges tuellen und zukünftigen Mie- S R : Architektur war wohl fentlichen Räumen korres-
ruhiger, sauberer und anony- tern in King‘s Cross sind au- schon immer kommunikativ pondieren und interagieren
mer geworden. Die Aktivitä- ßerdem Nike, Universal Music oder hat als Medium fungiert. können.
ten sind gleichmäßiger über Group, Sony Music UK, Havas Doch es stimmt, das Gebiet
den Tag verteilt, und die und DeepMind Technologies. der Architektur scheint sich Aus dem Englischen
räumliche Organisation des heute tatsächlich besonders von Nina Gründing
Newsrooms ist nicht mehr B: Klingt tatsächlich nach nach kommunikativen Archi-
so streng definiert, denn es einem Medienhub der ganz tekturformen auszurichten.
gibt scheinbar kaum mehr neuen Sorte. Ich vermute, dass kommuni-
Gründe für ein festes Büro – S R : Mich interessiert die Neu- kative Architektur nicht nur
ob finanziell, praktisch oder entwicklung von King’s Cross durch eine Reihe neuer Ideen
auch symbolisch. insgesamt, aber eben auch aufblüht, sondern durch die
die Frage, warum sie gerade erweiterte Verfügbarkeit neu-
B: Wie sieht es in anderen diese Firmen angezogen hat. er Baumaterialien und Tools
Medienbereichen aus? Gibt Ein Grund ist sicherlich die wie BIM, die es ermöglichen,
es eine gegenteilige Entwick- Ästhetik: King’s Cross ist ein- ambitionierte kommunikative
lung? zigartig, denn das Areal wur- Designideen und -ideale zu
S R : Ja, die gibt es. Insbeson- de und wird nicht nur nach verwirklichen.
dere digitale Plattformunter- einem sehr sorgfältig ausge-
nehmen bauen außerge- arbeiteten Masterplan be- B: Gibt es architektonische
wöhnliche Bürokomplexe. baut, es gehört auch einem Regeln für „kommunikative“
Diese Firmen haben offenbar einzelnen Grundbesitzer. Gebäude?
ein starkes finanzielles, prak- Das ermöglicht ein aufwen- S R : Ich bin mir nicht sicher,
tisches und auch symboli- dig gestaltetes und kohären- ob es Regeln für kommunika-
sches Interesse daran, sich tes Bauprojekt – was sich ins- tive Architektur gibt, doch
ambitionierte maßgeschnei- besondere darin zeigt, wie das Interessante an Medien-
derte Gebäude zu bauen – die industrielle Tradition des häusern ist, dass sie wohl
oder gleich einen ganzen Standorts zur Schau gestellt höheren kommunikativen
Campus. wird und wie man dabei Neu Erwartungen unterliegen.
und Alt mischt: Auf einem Wenn diese Firmen nun kom-
B:Ein Beispiel hierfür wäre ehemaligen Kohlelagerplatz munikative Produkte herstel-
das neugestaltete Areal entstand eine Shoppingmall len, wie sollen ihre Gebäude
an Londons Bahnhof King‘s mit vielen kleinen Läden und reagieren? Ich sehe hier eine
62 Fragen 2

Literatur

„Das Buch als Entwurf.

Wie Textgattungen
in der Geschichte der

schreibt
Architekturtheorie.
Ein Handbuch“
Hg. Dietrich Erben

man Band 4, Schriften­r eihe


für Architektur

über und Kulturtheorie,


Wilhelm Fink Verlag

Architektur 2019

Wer sich für Architektur interessiert, liest auch


gerne darüber. Diejenigen innerhalb der Dis-
ziplin, die sich darüber hinaus diskursiv mit
dem Bauen befassen, sind in der Architek­
turtheorie zu Hause. Sie finden nicht zuletzt in
unterschiedlichen Textgattungen und dazu­
gehörigen Darstellungsweisen ihren Unter­
suchungsgegenstand. Wie können solche
Text­gattungen zu Fortschritten in der Architek-
turtheorie beitragen
?
Mit dieser Frage befasst sich ein von
Dietrich Erben herausgegebenes Handbuch.
63
Text: lung theoretischer Beiträge
zum Bauen ermöglichen.
einen Vergleich zwischen
Architektur und Medizin zu-
bekanntlich ein elektrisch
zum Leben erwecktes Wesen
Mark Doch dabei bleibt es nicht. lassen. Die Innovation dieser dar, aus Elementen verschie-
Die Einordnung nach Textgat- Textgattung besteht darin, dener toter Körper kombi-
Kammerbauer tungen erlaubt es, diese als den Text um die Dimension niert. Ähnlich erscheinen
„Institutionen“ zu begreifen. bildlicher Darstellungen zu so manche Diskussionen im
Was nach einem semanti- erweitern. In der Anatomie Internet, die gefährlich oft
schen Trick klingt, ist wesent- fanden nicht nur Handwerk Figurationen rechtspolitischer
lich mehr: Diese Einordnung und Wissenschaft zusammen, Denkmuster offenbaren. Teil
lässt über eine kunstge- Darstellungen von Venen davon scheint eine Lust am
schichtliche Befassung mit und Arterien, Knochen und provokativen Exzess oder
herausragenden Texten der Nerven dienten, ergänzend der exzessiven Provokation
Geschichte der Architektur- zum Text, zur Vermittlung von zu sein, die unter dem Vorsatz
theorie hinaus auch eine Wissen, die historische Paral- der Vereinfachung auf fatale
Einbettung in die jeweiligen lelen zwischen der anatomi- Weise mit den Zombieschat-
kulturellen, soziologischen schen Lehre auf der einen ten des Totalitären liebäugelt.
Seien es Traktat oder Dialog, und politischen Umstände Hälfte des Obduktionstisches Das Medium Internet defor-
Kommentar oder Essay, Aus- ihrer Entstehung zu. Dadurch und der Entwicklung von miert auf diese Weise das dis-
stellungskatalog oder Mo- wird der diskursive Blick ge- Architekturtraktaten auf der kursive Potenzial der Polemik,
natszeitschrift – es gab und weitet, es ist eine interdiszipli- anderen aufzeigen. Im Kon- und Trüby entlarvt diesen
gibt viele Textgattungen, näre Befassung mit den Um- text eines historischen Span- Umstand mit pointierter Stim-
die sich auf unterschiedliche ständen der Produktion der nungsfelds zwischen Theorie me: Stell Dir vor, es ist Hash-
Weise mit theoretischen Fra- jeweiligen Texte möglich. und Praxis erinnert dies an tag, und es marschieren auf
gestellungen der Architektur Diese strukturelle Perspektive durchaus tagesaktuelle einmal alle.
befassen. Da oft genug die ist an den Literaturwissen- Schlagzeilen: Wer wird als
Autoren auch Architekten schaften orientiert, die das Praktiker, wer als Theoretiker Die architektur­-
waren oder sind, scheint es Thema „Gattung als Instituti- eingestuft – und warum? theoretische Forensik
ein Leichtes zu sein, der Aus- on“ lebhaft diskutieren. In Wie werden disziplinär rele-
wahl einer Textgattung „Das Buch als Entwurf“ wird vante Inhalte kommuniziert, Man schreibt demnach über
Entwurfscharakter zu unter- dieses Thema erstmals auf und sind sie auch für Laien architekturtheoretische
stellen. Tatsächlich ist diese die architekturtheoretische gedacht? Themen so, wie ein Anatom
Sichtweise – die Wahl der Fachliteratur übertragen, eine Obduktion durchführt.
Textgattung als Entwurfsent- um sich mit deren medialen Vivisektionen Es lohnt sich also, das wissen-
scheidung zu begreifen – Bedingungen zu befassen; schaftliche Messer zu wetzen.
ein wesentlicher Schritt archi- das heißt, deren Entstehung, Während man sich früher Und es gilt, den architektur-
tekturtheoretischer Einord- Herstellung und Rezeption – nur anhand der Toten ein theoretischen Korpus zu
nung, um dem Schreiben also den gesamten Zyklus genaues forensisches Bild sezieren, bevor die diskursive
über Architektur eine zentrale vom ersten, vom Autor formu- des menschlichen Körpers Adipocire einsetzt – wenn das
statt lediglich eine periphere lierten Gedanken zum letz- machen konnte und diese Körperfett post mortem zu ei-
Rolle innerhalb des Selbst- ten, vom Leser verschlunge- Methode ihre Analogie ner seifigen Substanz
bilds der bauenden Diszipli- nen Satz. Die zentrale These in der architekturhistorischen dekompostiert. Dicke Bücher
nen zuzugestehen. des Bands ist, dass Gattungen Befassung mit der Antike bezeichnet man ja oftmals
Mit Textgattungen befasst Modernisierungsprozesse erhielt, so ist dies heute am auch als „Schinken“. Das
sich auch der Band „Das Buch innerhalb der Theoriebildung lebenden Menschen mög- analytische Skalpell, in der
als Entwurf“, herausgegeben vorantreiben und Innovatio- lich, und damit wird auch sicheren Hand des Heraus­
von Dietrich Erben. Neben nen vor Textgattungen nicht dessen Innerstes nach außen gebers über die unterschied-
seinem einleitenden Beitrag haltmachen. gekehrt – ein Eindruck, den lichen Textgattungen geführt,
(in dem er uns nicht nur daran Auseinandersetzungen in den legt deren Modernität und
erinnert, was der Unterschied Handwerker sozialen Medien zu bestäti- Innovationskraft frei. Eine
zwischen Planen und Ent­ und Chirurgen gen scheinen. Stephan strukturelle Perspektive er-
werfen ist) umfasst der Band Trübys Beitrag unter dem Titel laubt dabei nicht nur Rück-
achtzehn Beiträge über Wenn Anatomen Skalpelle „Architektur(-Theorie) und schlüsse auf die gesellschaft-
Publikationen, die beispiel- gleich analytischen Werk- Polemik“ befasst sich mit lich-politisch-wirtschaftli-
haft für eine bestimmte Text- zeugen ihrer Zunft führen, der Vivisektion architektur- chen Umstände der Zeiten
gattung untersucht werden. dann lässt sich so manche theoretischer Diskurse im und Orte der Entstehung der
architekturtheoretische Zeitalter sozialer Medien, Texte. Man findet ihren Wider-
Die Textgattung Befassung wie eine Autopsie mit der „Causa Schumacher“ hall in der reflexiven Strahl-
als Institution verstehen. Diese klinische als Fallbeispiel. Dessen pa- kraft gegenwärtiger Debat-
Analogie ist noch nicht ein- thomoderne Reanimation ten.
Dabei können Textgattungen mal leichtfertig gewählt: des Stilbegriffs anhand des
mehr aufzeigen als lediglich In seinem Beitrag „Das Buch „Parametrizismus“ sowie
Traditionsbindungen oder über die Säulenordnungen. die bekannten marginalisie-
Innovationsschübe architek- Sebastiano Serlio“ stellt Hu- rungsgeilen Auslassungen
turtheoretischer Provenienz. bertus Günther dar, wie diese zum Thema Stadtleben kann
Sie stellen, so Erben, „Agen- Säulenordnungen als bei- man durchaus als franken-
ten der Wissensproduktion“ spielhafter Gegenstand der steinisch betrachten: Fran-
dar, die eine Weiterentwick- Entwicklung von Lehrbüchern kensteins Kreatur stellt
64 Fragen 3

Am ein

Fenster Lichtblick

HOTO
E.P
M
G
O

RA
TAYAT H

PHY

Yana Wernicke und Jonas Feige hatten die


.S
W

WW

Idee, für ihre Fotografen-Kollegen eine Online-


Plattform in diesen schwierigen, auftragslosen
Zeiten zu schaffen: Sie können auf „stayathome.
photography“ mit einem Partner oder einer
Partnerin aus aller Welt einen fotografischen
Dialog führen. Sie sind eingeladen, die eige-
nen vier Wände einmal anders zu sehen und
den Blick mit allen zu teilen.
65

Frederike Wetzels, Köln 19. April 2020


66

Constantin Mirbach, München 1. März 2020


Fragen 3 67

Katharina Scheidig, Regensburg 29. März 2020


68 Fragen 3

Lorraine Hellwig, Paris 16. April 2020


69

Florian Reimann, Berlin 7. April 2020


70

Amelie Kahn-Ackermann, Berlin 1. April 2020


Fragen 3 71

Ole Witt, Berlin 15. April 2020


72 Lösungen
Die Schreibtischleuchte „John“
von Tobias Grau – minimal in der Form,
maximal in der Flexibilität
73

7
Lösungen:
Fenster FACHBE ITR AG:
NE UINTE RPRE TATION DE S
H A F E N C I T Y- F E N S T E R S

+
SEITE
74

+
REFERENZ:
HAUS K IN MÜNCHEN
MIT FE NSTERN UND TÜRE N VON

13
JOSKO

SEITE
80

Lösungen:
Fassade SEITE
82

Homeoffice SEITE
86
FOTO: TOBIAS GR AU
74 Lösungen

Neu­
interpretation
des
HafenCity-
Fensters

Text: in Sachen Schallschutz. Blau- eine flexible Konfigurierung wirken als kristalline Körper,
raum Architekten entwickel- der Wohneinheiten, sodass deren Reflexionen und Schat-
Jan Busemeyer, ten aus diesen Vorgaben hier ein nachfragegerechter tenspiel die klar gerasterte
Blauraum für ihren in Nachbarschaft Wohnungsmix realisiert wer- Fassade beleben.
Architekten der Speicherstadt liegenden den konnte, darunter die
Gebäudekomplex „KPTN“ nach Westen orientierten Ein- Innovative Schallschutzfenster
eine innovative Lösung, die zimmerwohnungen mit 45 m 2
funktional und gestalterisch Fläche. Sie verfügen über In der großflächigen Vergla-
überzeugt. raumhohe Schiebefenster und sung der Apartments sind
Um in lärmbelasteten Innen- Als hybrider Stadtbaustein einen kleinen „französischen Schiebetür und HafenCity-
stadtlagen in Schlafräumen nimmt das Mixed-Use-Projekt Balkon“. Er erweitert das bo- Fenster zu einem Gesamtele-
auch bei teilgeöffnetem im nördlichen Baukörper dentiefe Fenster um einen ment kombiniert, das auf dem
Fenster einen gesundheitlich Hotel, Kino, Theaterbühne Austritt, ohne signifikant in den „Hamburger Leitfaden Lärm
unbedenklichen Lärmpegel und Restaurants, im südlichen Straßenraum auszukragen. in der Bauleitplanung“ basiert.
einzuhalten, geht Hamburg Baufeld Wohnungen und Die gegeneinander versetzten Dieses Schallschutzkonzept
mit dem sogenannten Hafen- Läden auf. Die Stahlbetonske- dreieckigen Balkonplatten ist darauf ausgerichtet,
City-Fenster einen Sonderweg lettbauweise bietet dabei und die verglasten Brüstungen dass auch an lärmbelasteten
Fachbeitrag 75
Cullacius min non
rem fugia veliquis Zum Schallschutzmodul
unt facerita vernatis
voluptat quas 4 2

quatque volumquis
aut voluptatum do-
lor res unto que nul- 3 5
parum necuptat
prae dem culparum, 1
iur? Imodit volupta
dol.

1 2
5

8 7

Blauraum entwickelten dieses Schallschutzfenster für die Wohnungen ihres

M 1:3 3
Hamburger KPTN-Gebäudes.

Standorten während der gerecht zu werden, wurde das heit ist, dass zwischen den
Nacht ein Innenraumpegel gesamte Fenster-Fassaden- beiden Öffnungsflügeln an- 1 Hebe-Schiebe-
von 30 dB(A) in Schlafräumen Element in enger Zusammen- stelle eines horizontalen Element mit Drei-
bei gekipptem Fenster nicht arbeit mit der ausführenden Kämpfers hier ein horizontal fach-Verglasung
überschritten werden darf. mittelständischen Fensterbau- eingesetztes Stulp-Profil als 2 Dreh-Kipp-
Für die Westfassade des KPTN- firma entwickelt und am Prüf- Anschlag fungiert. Dies er- Fenster mit Drei-
Wohnkomplexes, die einer stand des IFT in Rosenheim möglicht, dass die Prallschei- fach-Verglasung
Gewerbe- und Verkehrslärm- getestet, um die Schallpegel- be von innen zum Reinigen 3 Prallscheibe, zur
belastung bis 65 dB(A) ausge- minderung nachzuweisen. gedreht werden kann. Außen Reinigung nach
setzt ist, wurde deshalb eine Basierend auf dem Prinzip der ist der schmale Lüftungsflügel innen öffenbar
individuelle Lösung entwi- klassischen Kastenfensterkon- hinter dem als Sonnenschutz 4 feststehender
ckelt: Das in Eichenholz aus- struktion, gibt es zwei Glas­ dienenden perforierten Sonnenschutz
geführte Fenstermodul besteht ebenen: die inneren Öffnungs- Metallpaneel verborgen; aus perforiertem
aus der 3,54 m breiten Hebe- elemente und eine außenlie- vom Innenraum aus bleibt die Metallblech
schiebetür und dem gleich- gende Prallscheibe. Laibun- geforderte Transparenz durch 5 schallabsorbieren-
falls bodentiefen, 49 cm brei- gen, Sturz und Schwelle des den großen Lochanteil ge- des Material
ten Öffnungselement, beide Zwischenraums sind mit mikro- wahrt. Die Metalltafeln sind 6 Balkonkonstruktion
mit Dreifachverglasung perforierten Aluminium- zugleich als fassadenprägen- Stahl
(Schallschutzverglasung). paneelen und dahinterliegen- de Elemente inszeniert: Seit- 7 Brüstungselement
Das schmale Dreh-Kipp-Fens- dem schallabsorbierendem lich integrierte LED-Leisten opak: Stahlplatte
ter ist so konzipiert, dass bei Dämmmaterial bekleidet. illuminieren die mit goldfarbe- 8 Brüstungselement
Kippstellung des oberen Teils Am Fußpunkt der Prallscheibe nem Streckmetall hinterlegten transparent:
in der Nacht maximal 30 dB(A) strömt die Luft labyrinthartig Paneele und erzeugen einen VSG eingespannt
FOTO: M ARCUS BRE DT

„am Ohr des Schläfers“, das in den Zwischenraum ein und Laternen-Effekt, der sowohl
heißt, im Innenraum des Apart- tritt am oberen Kippelement die Balkone atmosphärisch
ments, erreicht werden. Um wieder aus, sodass ein Groß- beleuchtet als auch adress-
den hohen funktionalen und teil des Schalls geschluckt bildend für die Wohnanlage
technischen Anforderungen wird. Eine weitere Besonder- wirkt.
1
76 Lösungen
Fenster

Aufgrund der
Covid-19-Pan-
demie konnte
die Fensterbau
Frontale weder
zum ursprüngli-
chen Termin
im März noch
am Ersatztermin
im Juni statt­
finden. Erst im
Frühjahr 2022
wird die Welt-
leitmesse
wieder nach
Nürnberg ein-
laden. Einige
ausgewählte
Neuheiten
können Sie
aber auf den Schlichte Steckgriffe als abschließbare
W W W.WINKHAUS.DE

für Alufenster Variante für einbruch-

nächsten Seiten hemmende Fenster


Winkhaus bietet für und mit Sperrung
entdecken. Aluminiumfenster in der Drehfunktion bei
unterschiedlichen Kipp-vor-Dreh-Fens-
Größen und Ausfüh- tern. Eine hör- und

von rungen das Beschlag- fühlbare Rastfeststel-


system „aluPilot“ an, lung in der Ver-
Gabriele das nun um eine neue schluss-, Öffnungs-

Oldenburg Griffserie erweitert


wurde. Die Steckgriffe
und Kippposition be-
stätigt die einzelnen
zeichnen sich durch Bedienschritte.
ihre puristische Form
und angenehme Hap-
tik aus. Vier Oberflä-
chen stehen im Stan-
dardprogramm zur
Auswahl: Aluminium-
Natur eloxiert, Edel-
stahloptik sowie je
ein Weiß- und ein
Silberfarbton, die in
Pulverbeschichtung
aufgebracht werden.
Die Griffserie ist in
FOTOS: WINKHAUS

drei Varianten erhält-


lich: in der Standard-
version für Dreh- und
Dreh-Kipp-Fenster,
2 3
Fenster 77

Energieeffiziente trolled Air Regulation,


Lüftung also für eine kontrol-
lierte Lüftung bei ge-
Das Lüftungspro- schlossenem Fenster
gramm „Gealan- – unabhängig vom
Caire“ bietet unter- Nutzerverhalten. Die
schiedliche Funktionen Variante „flex“ eignet
und Leistungs­s tufen sich zur passiven
für eine dezentrale Basislüftung: Der
WWW.GEALAN.DE

und energieeffiziente nahezu unsichtbare Standardversion kon- und Terrassentü-


Wohnraumlüftung. Fensterfalzlüfter bietet Extras ren – Letztere wahl-
Caire steht für Con- bringt schon bei ge- weise als Hebe- oder
ringen Luftdruckun- Die Fensterreihe Parallelschiebetüren.
terschieden Frischluft „Castello-plus“ von Dadurch ist es mög-
direkt in die Wohn- Weru bietet in der lich, die Hausansicht
räume. Gelean-Caire Standardversion optisch einheitlich
smart ist ein leis- bereits zahlreiche zu gestalten und
tungsstärkeres akti- Ausstattungsmerk- einen harmonischen
ves Zwei-Wege-Lüf- male, die in der Bran- Gesamteindruck zu
tungsgerät. Es wird im che üblicherweise erzeugen.
Fenstersystem inte- Extras sind und ent-
griert und kann über- sprechend Zusatz­
W W W.WERU.DE

dämmt und überputzt kosten verursachen:


werden. Es zeichnet Dazu zählen Dreifach-
sich durch seine hohe verglasung, Rundum-
Energieeffizienz aus. Stahlarmierung,
Die aktiven Zwei- Condense-Stop und
Wege-Lüftungsgeräte Pilzkopfzapfenverrie-
„MIKrovent“ werden gelungen. Dank einer
per Fernbedienung Bautiefe von 76 mm
gesteuert und sicht- eignet sich das Fens-
bar an Außenwand- tersystem sowohl für
flächen montiert. Neubauten als auch
für die Sanierung.
FOTO RECHTS: E PR/ WE RU

Die Fenster werden


in zahlreichen Farbtö-
nen angeboten.
Zur neuen Fensterse-
rie gehören auch Bal-
4 5
78 Lösungen

Verschließbare an Wohnraum- und


Variante für Ganz- Objekttüren – bei-
glastüren spielsweise in Büro-
und Praxisräumen,
Simonswerk bietet für aber auch im WC-
WWW.SIMONSWERK.DE

sein flächenbündiges Bereich – ausgerichtet


Beschlagsystem und bietet eine intui-
„Tectus Glas“ jetzt tiv bedienbare Alter-
eine verschließbare native zu klassischen
Lösung: „KC Lock“. Türschlössern. Das
Das System ist opti- Verschließen kann
Freie Sicht fast 3 m hohe Licht­ mal für den Einsatz von einer Türseite aus
im XXL-Format öffnung wurde mit erfolgen – und zwar
dem Schiebesystem ohne Schlossriegel,
Die Villa NafplioBlu „ASS 50“ von Schüco Falle, Drücker oder
liegt oberhalb des realisiert. Die vier andere sichtbare
griechischen Ortes schlank profilierten Beschlagteile. Ein in
Tolo und bietet einen Schiebeelemente der Griffinnenseite
spektakulären Blick laufen in bodenver- integriertes Rädchen
auf den Argolischen senkten Schienen löst den Verschluss-
Golf. Die Athener und können ohne mechanismus aus.
Architektin Katerina Versatz außerhalb KC Lock besteht aus
Valsamaki legte bei des Sichtfeldes einem Schließmag- FOTOS LINKS: SCHÜCO INTE RNATIONAL KG / KONSTANTINOS THOMOPOULOS
ihrem architektoni- des Wohnbereichs neten, einer Magnet-
schen Gestaltungs- geparkt werden. platte und einem
konzept Wert auf eine Griff und funktioniert
behutsame Integrati- stromlos. Der Schließ-
WWW.SCHUECO.DE

on des Gebäudes in zustand ist beidseitig


die Natur und einen erkennbar und bietet
„offenen Dialog“ die Möglichkeit einer
mit dem Küstenpano- Notentriegelung.
rama. Der rechtecki-
ge Baukörper ist
deshalb quer zum
Hang ausgerichtet
und mündet zur Meer-
seite in eine lang-
gestreckte Glasfassa-
de. Die 9 m breite und
6 7
Fenster 79

Kunststofffenster dämmwerte ermögli-


ohne Stahlarmierung chen. Auch die ther-
mische Veränderung
Die Profiltechnologie des PVC-Werkstoffs
„ThermoFibra“ von wird laut Hersteller
Deceuninck verstärkt eingeschränkt.
Fensterflügel mit ein- Außerdem kann auf
gebetteten, endlosen eine Stahlarmierung
Glasfasersträngen, in Kunststofffenstern
die das Fenster stabi- verzichtet werden. Verdeckt liegender direkt am Fenster und
lisieren und zugleich Deshalb lassen sich Fenstersensor einem lauten Alarm-
bessere Wärme- mit ThermoFibra Ma- signal. Auf Wunsch
ximalgrößen bei Der Funk-Fenstersen- kann bei einem Ein-
deutlich geringerem sor „senso secure“ bruchversuch auch
Gewicht realisieren. von Siegenia infor- eine Nachricht an
WWW.DECEUNINCK.COM

Auch die Reduzierung miert zuverlässig über ein Smartphone ver-


der Ansichtsbreite den Öffnungszustand sendet werden. Der
der Profile von 112 von Dreh- und Dreh- Sensor wird kabellos
auf 109 mm sowie ein Kipp-Fenstern. Die und verdeckt liegend
erhöhter Einbruchs- integrierte Beschlag- in das Fensterprofil
schutz sind auf den überwachung meldet integriert. Die Instal-
Einsatz der Glasfaser- zudem Fehlstellungen lation ist unabhängig
technologie zurück- von Griffen, wenn vom Beschlagtyp
zuführen. Die Profile etwa ein Element ver- möglich.
mit ThermoFibra sind sehentlich offen steht
vollständig recycling- oder lediglich an­
fähig. gelehnt wurde. Einen
Überblick über den
FOTOS: DECE UNINCK GE R M ANY GMBH; SIEGE NIA

Öffnungszustand
WWW.SIEGENIA .COM

sämtlicher mit dem


Funksensor ausge-
statteten Elemente
gibt die „Siegenia
Comfort App“. Darü-
ber hinaus reagiert
der integrierte Vibra-
tionssensor auf Mani-
pulationsversuche
mit einem Warnton
80 Lösungen

Durchgehende Gestaltung
W W W. JOSKO.DE

Das Holz/Alu-Fenster-
System „Platin“ wurde
hier in folgender Kom-
bination verwendet:
innen Fichte, lackiert
im Farbton RAL 9005
Schwarz matt, außen
Farbton RAL 9005
Schwarz. Das System
mit der Stärke 82 mm
verfügt über eine
Wärmedämmung
von UW 0,73 W/m2K
(Dreifachverglasung).
Es ist innen und außen
rahmenbündig und
hat nur 3 mm Versatz
zwischen Glas und
Rahmen. Das System
wird ergänzt durch
die Hebeschiebetüren
„FixFrame Platin“ und
das Ganzglas-System
„FixFrame“ mit
Nurglas-Stößen in
derselben Holz-Farb-
Kombination. Weitere
Josko-Produkte
sind die Griffe „Cube“

Durchlässig
in RAL 9005 Schwarz
matt, die Innentüren
„MET 40“ (mauerein-
schlagend ohne sicht-
bare Zarge) weiß
lackiert, die Haustür
Haus K in München
FOTOS: JOSKO FE NSTE R UND TÜRE N GMBH

„Nevos Color“ in

mit Fenstern und Türen RAL 9005 Schwarz


matt mit rahmenlosem

von Josko Seitenteil sowie der


Raffstore-Sonnen-
schutz in RAL 9005
Schwarz matt.
Referenz 81

Der Bauherr wünschte sich einen fließenden Wohnraum im Erdgeschoss,


der sich nach draußen fortsetzt. Ausgeführt mit Hilfe einer rahmenlosen Verglasung

„Das Innen und Außen im Fluss halten“ – Ebenso das Motto der Durchlässigkeit: Der ßen verbunden, was die Grenzen zwi-
nach dieser Bauherrenvorgabe plante großzügige Wohnbereich im Erdgeschoss schen Wohnraum und umgebender Natur
das Architekturbüro Gassner & Zarecky bleibt ohne Türen. Die einzelnen Funktio- visuell auflöst und das Gefühl vermittelt,
ein Einfamilienhaus am Ortsrand von Gra- nen wie Kochen und Essen sind durch die im Freien zu sitzen. Die umlaufende Holz-
fing bei München. Das Grundstück bietet Einrichtung, Nischen, Wandscheiben, Vor- terrasse ist über raumhohe Hebeschiebe-
nach Osten einen weiten Blick über die und Rücksprünge gegliedert. Der durch- türen zugänglich, die – seien sie geöffnet
umliegenden Felder, der maßgeblich den gängige Fußboden aus Sichtbetonplatten oder geschlossen – ebenfalls kaum wahr-
Entwurf bestimmte. Das Konzept nimmt fasst alles zu einer Einheit zusammen – nehmbar sind.
aber auch die anderen Richtungen des ebenso die einheitlich weiß verputzten Wenn dennoch einmal Abgrenzung nach
Grundstücks auf: im Osten die Felder, im Wände. Akzente setzen einige Holzein- draußen gewünscht ist – etwa zur Beschat-
Süden den Garten und schließlich die Zu- bauten sowie der hölzerne Treppenbelag. tung im Sommer oder als Sichtschutz am
fahrt, die sich nicht im geraden Winkel zur Die wenigen Türen sind mauerbündig aus- Abend –, dann kommen die unsichtbar
Straße ausrichtet, sondern sich samt Ga- geführt, als einschlagende und raumhohe verbauten Raffstores ins Spiel. Durch die
rage schräg nach Nordwesten erstreckt MET-Innentüren. Durch ihre weiße Lackie- beweglichen Lamellen lassen sie genau
und dem Grundstück damit mehr Privat- rung bleiben sie unauffällig und scheinen so viel Licht ins Innere, wie die Bewohner
heit verschafft. In stumpfem Winkel zur mit den Wänden zu verschmelzen. wünschen. Insgesamt dominieren außen
Garage schließt das lang gestreckte Wohn- Der freie Blick als Motiv findet sich in vie- wie innen klare Linien und die zeitgemäße
gebäude an, das sich transparent und len Details im Haus wieder. So ersetzt zum dunkle Farbe der Fenster- und Türenele-
offen auf die Felder ausrichtet. Die poly- Beispiel ein von der Decke abgehängter mente. Die schwarzen puristischen Griffe
gonale Kubatur des Hauses überrascht mit Handlauf das Treppengelände r. Den nehmen sowohl die Farbgebung als auch
sorgfältig ausgearbeiteten Details, die größten Anteil daran hat aber die großzü- Linienführung der Fensterelemente auf,
geprägt sind vom Mut des Weglassens. gige, raumhohe Glasfassade nach Süden wodurch sie zusammen mit den schmalen
Die schlichte Fassadengestaltung aus und Osten: Die rahmenlosen Glaselemen- Rahmen wie aus einem Guss wirken.
Putz und Glas setzt sich im Inneren fort. te sind mit fast unsichtbaren Nurglas-Stö-

von Ulrike Sengmüller


1
82 Lösungen
Fassade

Die Fassade ist


die Visitenkarte
des Gebäudes,
heißt es so
schön. Jedes
Material bietet
für den Archi-
tekten dabei
spezifische Vor-
züge, um die
von ihm ange-
dachte Ge­
staltungsidee
umzusetzen.
Doch zuneh-
mend werden
auch weiche
Faktoren wichti-
ger: die Um­
weltbilanz des Geschwungene nen die Kinder nut-

Materials etwa Fassade für Kinder- zen. Hinter der Holz-


WWW.FUNDERMA X. AT

krippe dekorfassade ver-

oder der Archi- steckt sich zudem


Das Gebäude der ein hängender Gar-
tektenservice Kinderkrippe am ten. Die Photovoltaik-

des jeweiligen Quai de l’Oise in Paris


ist eine Metapher
module erzeugen
so viel Energie wie

Unternehmens. eines am nahen das Gebäude ver-


Canal de l’Ourcq fest- braucht. Hinter den
gemachten Bootes. perforierten Funder-

von Das Architekturbüro


Agence Ville Espace
max-Platten verbirgt
sich ein intelligentes

Gabriele aus Ivry-sur-Seine Kühlsystem, das das


südöstlich von Paris Gebäude im Sommer
Oldenburg setzte auf eine ge- kühlt.
schwungene Gebäu-
deform, um das enge
Eckgrundstück kom-
plett zu bebauen.
Die Fassade besteht
aus „Max-Compact-
Exterior“-Paneelen
von Fundermax
mit Holzdekor. Die
geschwungene Form
FOTOS: SE RGIO GR A ZIA

wiederholt sich im
Innenraum. Auf jeder
Ebene gibt es viel
Platz zum Spielen,
auch das Dach kön-
2 3
Fassade 83

Klimaneutrale Ziegel Herstellungsprozess


mit TÜV-Siegel umgestellt und redu-
ziert so den jährlichen
Wienerberger produ- Energiebedarf um
ziert seit Kurzem seine 13 Mio. kWh – das
mit Perlit verfüllten entspricht 1,8 Mio. kg
Poroton-Ziegel klima- CO2. Zudem werden
neutral. Die Klima- für die Produktion
schutzstrategie des der Ziegel über 1 Mio.
Unternehmens be- kWh Strom aus erneu- Keramikfassade an der Oberfläche
steht aus drei Säulen: erbaren Energien ge- mit wellenartigem gestalterisch aufneh-
Zum einen hat es den nutzt. Und schließlich Relief men. Allen Glasuren
reduziert Wienerber- gemein ist die glän-
ger die restlichen Mit Eröffnung der Ci- zende beziehungs-
CO2-Mengen, die im tyringen-Linie in Ko- weise seidenmatte
Produktionsprozess penhagen werden Oberfläche, die
W W W.WIE NERBERGER.DE

anfallen, auf null, die Innenstadtviertel durch eine spezielle


indem das Unterneh- mit Frederiksberg und Auftragetechnik ent-
men Klimaschutzpro- dem Hauptbahnhof steht. Dadurch bildet
jekte auf der ganzen verbunden und 17 sich während des Ein-
Welt unterstützt. Der Stationen in Betrieb brennverfahrens ein
TÜV Nord überprüft genommen. Das In- wellenartiges
diese Kompensati- genieurbüro Arup Relief in der Glasur,
onsmaßnahmen und gestaltete jeden der der sogenannte
WWW. MOEDING.DE

zeichnet die CO2- Zugänge individuell. Orange-Peel-Effekt.


neutral hergestellten Für die Fassaden von
Produkte mit seinem sieben U-Bahnhöfen
Siegel „Klimaneutra- wählten sie „Logo-
ler Ziegel“ aus. ton“-Keramikplatten
FOTOS: WIE NE RBE RGE R; ANKE MÜLLE RKLE IN

in den Farben Rot,


Grün, Weiß und Grau
von Möding. Der an
die dänischen Eisen-
bahnen angelehnte
Rotton kennzeichnet
dabei immer einen
Umsteigebahnhof,
während die anderen
Stationen das Umfeld
4 5
84 Lösungen

Rustikale einer Aluminiumun-


Schieferfassade für terkonstruktion mit
ein Musikstudio rückseitig eingelas-
senen Hinterschnitt-
Das neue Verwal- ankern montiert.
tungs- und Studioge- Das Architekturbüro
bäude von Tyrolis Baupuls aus Inzing
Musik aus Zirl in Tirol entwarf die Fassade
lehnt sich mit seiner mit unterschiedlichen
Transparenz durch des Schwerts mit Plat- rustikalen symmetri- Steinlängen und
Glaspfosten ten in individuellen schen Schiefer- Steinhöhen im soge-
Dekors und die Pul- deckung an das ge- nannten wilden Ver-
Die Neuinterpretation verbeschichtung birgige Umfeld an. band. Gemeinsam
schmaler Ansichts- „Heroal hwr“ der Alu- Erd- und Dachge- mit Rathscheck
WWW.HEROAL .DE

breiten verspricht miniumbauteile in schoss sind zurückge- Schiefer optimierten


Heroal mit seinem allen RAL-Farbtönen, setzt und betonen so sie die Flächen und
Fassadensystem den Farben von „Les den massiven Gebäu- erstellten die Verle-
„C 50 GD“. Das Kon- Couleurs Le Corbu- dekubus. Die Schie- gepläne. Rathscheck
zept macht sich die sier“ und die Ober­ ferplatten wurden auf lieferte die Fassaden-
Idee der Reflexion flächenveredelung schiefer auf exaktes
zweifach zunutze: „Heroal SD“. Maß zugeschnitten,
Innen wird die An- inklusive Kantenbe­
WWW.RATHSCHECK.DE

sichtsbreite optisch arbeitungen und mit


reduziert, von außen den Hinterschnittboh-
die Bautiefe des Pfos- rungen für die Veran-
tens. Möglich wird kerungen versehen.
dieser Effekt durch
den Einsatz eines
Glasschwerts, wel-
ches den klassischen
Aluminiumpfosten
statisch ersetzt. Zahl-
reiche Gestaltungs-
FOTOS: HE ROAL; SCHÖCK

möglichkeiten für
Gläser bis zu 5 m
Höhe bieten die opti-
onale Beleuchtung
des Glasschwerts mit
LEDs, die Gestaltung
6 7
Fassade 85

Schritt für Regeln der Technik


Schritt zur Attika und zu den entspre-
chenden Normen.
Mit dem Planungs- Darüber hinaus liefert

WWW.SCHOECK.DE
handbuch „Attika das Buch Hinweise
und Dachaufbauten“ zur Konstruktion und
hat Schöck ein Nach- zur Verarbeitung
schlagewerk für Ar- und unterstützt so die
chitekten und Fach- Architekten bei der
planer herausge- gestalterischen sowie
bracht. Es ist als Kom- technischen Planung
pendium konzipiert und Realisierung
Stülpschalung lung mit „Concrete- und gliedert sich in unterschiedlicher
mit Paneelen aus Skin“-Paneelen von die drei Kapitel „An- Varianten von ther-
Glasfaserbeton Rieder in den Farben forderungen kennen“, misch entkoppelten
Sandstone, Sahara „Details planen“ und Attiken und Dachauf-
WWW.RIEDER.CC

Die Architektin Anna und Liquid Black „Details umsetzen“. bauten.


Curtius und die Künst- schmückt ein großes Der Architekt erhält
lerin Maria Friberg Kunstwerk die Schul- alle relevanten Infor-
geben der Fassade fassade. Die sandi- mationen zur Bauphy-
des neuen Gebäudes gen Nuancen der sik, den anerkannten
der Johan-Skyttesko- Fassade wurden an
lan-Grundschule im die Optik von Natur-
Stockholmer Ortsteil steinen angelehnt.
Älvsjö eine besonde- Mit der Fassade aus
re Ausdruckskraft. 13 mm dünnen Ele-
Neben der Stülpscha- menten aus Glasfa-
serbeton entspricht ®
die Gebäudehülle
den Anforderungen
an Brandschutz,
Beständigkeit und
WELTWEIT:
Rundum-Services
FOTOS: RIE DE R GROUP / DIT Z FEJE R; SCHÖCK

niedrigem Wartungs-
vom Einzelgerät
aufwand für Schulen. bis zur Großprojekt-
Komplettlösung

Extreme Verglasungsprojekte weltweit


Mega Scheiben bis 24 m Länge
Wir beraten Sie gerne: Tel +49 9070 96 8 96 90 - 0

2019-04-Anzeige-100x65mm-RZ.indd 1 17.04.19 14:45


1
86 Lösungen
Homeoffice

Auf einmal ging


es ganz schnell:
Auch dort, wo
zuvor Home-
office nicht auf
der Tagesord-
nung stand,
durften Mitarbei-
ter ihre Arbeit
auf einmal von
zu Hause aus
er­ledigen. Dieser
Ausnahmezu-
stand wird stel-
lenweise zur
neuen Normalität
werden – ein
guter Zeitpunkt,
um über die
Gestaltung und
Möblierung
von Heimarbeits-
plätzen nach­
zudenken.

von
Gabriele
Oldenburg
Zeitlos schlicht von Eduard Euwens von 700 x 700 mm
designte System mit bis zu 1600 x 800 mm.
Das Tischsystem 20 mm starken Tisch- Außerdem gibt es
„Timeless“ von Brune platten in diversen runde Platten in drei
besticht durch klare Größen, Formen und verschiedenen Grö-
Formen, hochwertige Materialien. Die Plat- ßen.
Materialien und eine tenoberseite ist wahl-
WWW.BRUNE .DE

anspruchsvolle Ver- weise aus Kunststoff


arbeitung. Basis der (Resopal) oder Echt-
stabilen Konstruktion holzfurnier. Letzteres
sind Füße und Zargen ist serienmäßig natur-
aus verchromten lackiert, wahlweise
Präzisionsstahlrohren, gebeizt. Die Platten-
die von außen un- unterseite ist aus HPL
sichtbar miteinander weiß beziehungswei-
verschraubt werden. se. Buchen-Furnier.
Komplettiert wird das Die Formate reichen
2 3
Homeoffice 87

Klein und funktional dachtes Stahlrohrge-


stell, dessen Neigung
Der Sekretär „S 1200“ das Aufstehen selbst
wurde von Thonet in engen Fluren
speziell für den Ar- und Nischen einfach
beitsbereich in den macht. Für eine ent-
eigenen vier Wänden spannte Sitzhaltung
entwickelt. Der ent- sorgt eine Fußablage.
scheidende Vorteil Das Gestell wird in
des S 1200 liegt in der klassisch ver- Sitzend in Stuhl mithilfe einer
seinen kompakten chromten Variante Bewegung bleiben patentierten Mecha-
Abmessungen (110 x und in unterschiedli-
W W W.WILKHAHN.DE

nik, nicht nur zu


66,5 cm), durch die chen Stahlrohrfarben Wilkhahn bietet sei- Vorwärts-, Rückwärts-
er sich in den kleins- angeboten. Die Tisch- nen dreidimensional und Seitwärtsbewe-
ten Wohnraum integ- platte ist in mehreren beweglichen Büro- gungen, sondern
rieren lässt. Basis des Vollholzvarianten so- drehstuhl „ON“ inzwi- auch zur Rotation
S 1200 ist ein durch- wie in dem Oberflä- schen auch in einer des Beckens. Diese
chenmaterial Thonet- wohnlichen Variante ist für die Stabilisie-
Dur, einem weichen mit konturierender rung der Wirbelsäule
WWW.THONET.DE

Schichtstoff, erhält- Steppung und einem besonders wichtig.


lich. Zusätzliche Ac- Bezug aus wollfilzarti- Herzstück der Dreh-
cessoires helfen, Ord- gem Stoff an. Darüber stuhl-Mechanik sind
nung in und auf dem hinaus animiert der die unabhängig von-
Sekretär zu halten. einander bewegli-
chen Schwenkarme,
die auch kleinste
Gewichtsverlagerun-
gen in Bewegungen
übersetzen. Die Posi-
tion und die Funktion
der Drehpunkte am
Stuhl entsprechen da-
bei präzise den Knie-
FOTO RECHTS: WILKHAHN

und Hüftgelenken,
wodurch der Körper-
schwerpunkt in jeder
Sitzhaltung und Be-
wegung entspannt im
Gleichgewicht bleibt.
4
88 Lösungen
Flexible Schreib-
tischleuchte

Die Tischleuchte
„John“ von Tobias
Grau ist aufgrund ih-
rer zwei leichtgängi-
gen Federgelenke
und ihres drehbaren
Leuchtenkopfs be-
sonders beweglich.
Dadurch lässt sie sich
flexibel ausrichten
und bringt Licht in
jeden Arbeitsbereich.
Durch ein Update
kann nun die Lichtfar-
be in vier Stufen –
von warmweißem bis
neutralweißem Licht –
eingestellt werden,
so dass die Leuchte
noch vielseitiger
einsetzbar wird. Die
im Design minimalis-
tische LED-Leuchte
sorgt mit ihrer ent-
blendeten optischen
Linse für optimale
Lichtverhältnisse zum
Lesen, Arbeiten und
das Wohlbefinden
am Arbeitsplatz. Die
beidseitigen Dimm-
schalter am Lampen-
kopf ermöglichen
sowohl Links- als
auch Rechtshändern
eine einfache Bedie-
nung.
WWW.TOBIASGRAU.COM
5 6
Homeoffice 89

Für die Pause Designerinnen


zwischendurch Objectflor gewinnen.
Der Entwurf fand
Auch im Homeoffice schon Anerkennung
ist es wichtig, Pausen beim Deutschen
zu machen. Wie wäre Recycling Design-
es da mit einem preis 2019 und wurde
Nickerchen auf einer im Marta Herford
Hängematte, die Museum für Kunst,
nicht nur gut aussieht Architektur, Design Tapeten und Farben und Holz. Damit kann
und robust ist, son- ausgestellt. Nun geht geben Struktur zum Beispiel der
WWW.OBJECTFLOR.DE

dern auch dazu bei- es darum, einen Schreibtisch passend


trägt, Ressourcen geeigneten Ver- Wenn der Arbeitstag zur Wand gestrichen
zu sparen? Dann ist triebsweg zu finden. und der normale All- werden. Und was
die von Barbara Eit- tag in den eigenen an Platz in der Fläche
WWW.LIT TLEGREENE .DE

ner und Birte Riepen- vier Wänden stattfin- fehlt, kann über die
hausen vom Innen- den, braucht es eine Wände ausgeglichen
architektur-Büro null- gute Organisation, werden. Regale bie-
2elf entworfene Hän- um Arbeit von Privat- ten viel zusätzlichen
gematte aus Resten leben unterscheiden Stauraum. Sind sie
von Vinylboden- zu können. Dabei hilft in der Farbe der Wand
Bahnen sowie Besen- es, wenn auch eine gestrichen, treten
stielen, Segelseilen räumliche Struktur sie dezent in den Hin-
und Nieten genau das Berufliches von Priva- tergrund.
Richtige. Als Partner tem trennt. Der
für dieses Upcycling- Schreibtisch und wei-
Projekt konnten die tere Arbeitsmöbel
lassen sich beispiels-
weise mit Farbe deut-
lich vom Rest des
Raumes absetzen,
etwa mit den Tapeten
von Little Greene,
die eine besondere
(Mini-)Raumatmo-
sphäre schaffen.
Zudem gibt es jetzt
die Farben der Tape-
ten auch für Wände
90 Impressum
Baumeister — Das Architektur-Magazin — 117. Jahrgang
Eine Marke von

B
REDAKTION
Anschrift wie Verlag
Tel +49 (0) 89 / 43 60 05 – 0, Fax +49 (0) 89 / 43 60 05 – 14 7
info@baumeister.de, www.baumeister.de

CHEFREDAKTION
Dominik Baur-Callwey Tel – 159
(verantwortlich für den redaktionellen Inhalt)
REDAKTION
Sabine Schneider Tel – 146

ART DIREKTION
Vorschau

Stephanie Ising, Tom Ising, Daniel Ober


für Herburg Weiland, München

 7
ALLE ILLUSTRATIONEN
Clemens Habicht, Paris

ABONNEMENTSERVICE
Leserservice Baumeister, D-65341 Eltville
Tel +49 (0) 6123 / 92 38-225, Fax +49 (0) 6123 / 92 38-244
leserservice@baumeister.de

KONTO FÜR ABONNE ME NT ZAHLUNGE N


Deutsche Bank Offenburg,
IBAN DE04 6647 0035 0044 8670 00, BIC DEUTDE6F664

V E R T R I E B E I N Z E LV E R K AU F
IPS Distribution GmbH
Tel – +49 (0)2225-8801-0, eMail: info@ips-d.de

ERSCHEINUNGSWEISE
monatlich
Unverbindlich empfohlene Bezugspreise (alle Preise in Euro):
Die Inlandspreise enthalten 7% MwSt.
Vollabo: 187,00
Studentenabo: 9 4,00
im Ausland zzgl. Versandkosten
Einzelpreis: 16,50

Ende Juni erscheint der Bestellung: Abonnements können direkt beim Verlag oder bei jeder Buchhandlung
bestellt werden. Abonnementgebühren sind im Voraus zu begleichen. Das Abonne-

nächste gastkuratierte
men t g i l t zunächs t fü r e i n Jah r und ka n n da nach jede r ze i t gekünd ig t we rden .
Die Belieferung erfolgt auf Gefahr des Bestellers. Ersatz­l ieferungen sind nur möglich,
wenn sofort nach Erscheinen reklamiert wird.

Baumeister, der für Ge- Widerrufsrecht: Sie können die Bestellung binnen 14 Tagen ohne Angabe von Gründen
formlos widerrufen. Die Frist beginnt an dem Tag, an dem Sie die erste bestellte Ausga-

sprächsstoff sorgen wird.


be erhalten, nicht jedoch vor Erhalt einer Widerrufsbelehrung gemäß den Anforderun-
gen von Art. 246a § 1 Abs. 2 Nr. 1 EGBGB. Zur Wahrung der Frist genügt bereits das
rechtzeitige Absenden Ihres eindeutig erklärten Entschlusses, die Bestellung zu wider-

Denn mit MVRDV und sei- rufen. Sie können hierzu das Widerrufs-Muster aus Anlage 2 zu Art. 246 a EGBGB nutzen.
Der Widerruf ist zu richten an: Leserser vice Baumeister, D-65341 E lt ville, Tel +49 (0)

nem Mitbegründer Winy


6123 / 92 38-225, Fax +49 (0) 6123 / 92 38-244, leserservice@baumeister.de

VERL AG

Maas verantwortet ein Georg GmbH & Co. KG


Streitfeldstraße 35, D-81673 München, Postfach 80 04 09, D-81604 München

Büro das Heft, das wie


Tel +49 (0) 89 / 43 60 05 – 0, Fax +49 (0) 89 / 43 60 05 – 113
www.georg-media.de
PERSÖNLICH HAFTENDE GESELLSCHAFTERIN

kaum ein zweites Experi- Georg Verwaltungs-GmbH


ALLEINIGER GESELLSCHAFTER

mentiergeist, visionäres
Dominik Baur-Callwey, Verleger in München
KOM M ANDITIST
Dominik Baur-Callwey, Verleger in München;

Denken und nicht selten Dominik Baur-Callwey, Geschäftsführer in München


GESCHÄFTSFÜHRER

Ironie mit einem Sinn für


Dominik Baur-Callwey Tel – 159
ADVERTISING DIRECTOR
Andreas Schneider Tel – 197

Bauen in den unterschied- (verantwortlich für den Anzeigenteil)


AD M ANAGE ME NT

lichsten Maß­stäben ver-


Evelyn Stranegger Tel – 123
Anke Weithäuser-Wenzel Tel – 122, Fax 4 36 11 61
DIRECTOR BUSINESS DEVELOPMENT

eint. Und sich ebenso mit Christian Keck


VERTRIEB
Tel –178

provokanten Thesen – Marion Bucher Tel – 125, Fax – 113


HERSTELLUNGSLEITER
Michael Gschrei Tel – 167

auch zum deutschen Bau- (alle Adressen wie Verlag)

geschehen – nicht zurück- DRUCK, BINDUNG


OPTIMAL : MEDIA, Glienholzweg 7, D – 17207 Röbel / Müritz

hält. Sonderdrucke einzelner Beiträge dieser Ausgabe können beim Verlag angefragt wer-
den. Diese Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Ab­b ildungen
sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des
Urheberrechtsgesetzes bedarf der Zustimmung des Verlages. Mit der Einsendung von
Manus­k ripten und Bildmaterial erklärt sich der/die Autor/in einverstanden, dass diese
vollständig oder teilweise in der Zeitschrift Baumeister publiziert werden. Ebenso stimmt
er/sie der Verwertung im Wege der digitalen Vervielfältigung und Verbreitung über Off-
line- oder Online-Produktionen zu (z.B. CD-ROM oder Datenfernübertragung). Falls eine
Vergütung vereinbart wird, deckt diese die genannten Verwertungsformen ab.
Erfüllungsort und Gerichtsstand München

Ab 1.12.2019 ist die Anzeigenpreisliste Nr. 59 gültig.


Auszeichnungen Anzeigenschluss ist jeweils am 25. des Vormonats.
Mitglied der agla a + b, Arbeitsgemeinschaft Leseranalyse
Architekten und Bauingenieure.
ISSN 0005-674X B1547
Rubrik 123 91

B 6

Portfolio
2020

Fassade

Die Fassade ist mehr als nur ein Teil der Gebäudehülle: Sie ist das Gesicht
eines Unternehmens nach außen und sagt viel über dessen Kultur und Iden-
tität aus. Um ein schlüssiges Bild des Unternehmens nach außen zu vermit-
teln, sollte man deshalb die Corporate Identity bei der Fassadengestaltung
berücksichtigen. Das gilt übrigens auch für die Fassade von Wohngebäu-
den, wenngleich es dort mehr um ein Wir-Gefühl der Bewohner geht.
Anzeige

1
Anzeige

Zum Hagemeister-Klinker

PRODUK T:
Klinker Lübeck GT,
Kopenhagen BA,
Luca GT+FU, Weimar HS,
Liverpool GT+FU,
Woerden Alt GT,
alle im Format
290 x 90 x 65 mm

AUSZEICHNUNG:
Der Entwurf von
de Architekten Cie.
wurde mit dem Urban
Design Award 2018
prämiert.

Eine vertikale Der Moskauer Apartmentkomplex „Van-


der Park“ ist als städtebauliches Ensem-
Sortierungen zum Einsatz, die sich in Tex-
tur und Farbe unterscheiden: Lübeck GT,
ble konzipiert, das sich aus acht unter- Kopenhagen BA, Luca GT+FU, Weimar HS,
Stadt in Moskau schiedlich ausgebildeten Wohntürmen
zusammensetzt. Alle Türme stehen auf
Liverpool GT+FU und Woerden Alt GT. Mit
diesen Sortierungen wurden fünf Fassa-
einer gemeinsamen 6 m hohen Basis. denentwürfe mit je einer anderen Mauer-
Die Zusammenstellung der Türme ist in er- werksumsetzung entwickelt. Die Archi-
www.hagemeister.de kennbare segmentierte Volumina unter- tekten wählten für die etwa 28.000 m²
teilt, die in Bezug auf die Ziegelfarbe und großen Fassadenflächen besonders lan-
Art der Fensteröffnungen variieren. Da- ge, schmale Klinker, bei denen die Ver-
durch entsteht der Eindruck einer in die bindungen zwischen den Ziegeln in den
Höhe gebauten Stadt. Hintergrund treten. Auch alle anderen
1+2 Die Türme sind für eine Maximierung der Fassadenmaterialien wurden so gewählt,
Jeder der acht Türme Tageslichtbeleuchtung gegeneinander dass sie den Ziegel als dominantes Fassa-
des Moskauer Großpro- gedreht, in kleinere Baukörper geteilt denmaterial unterstützen und nicht mit
FOTOS: ALEXEY NARODIZKIY

jekts „Vander Park“ ist und mit verschiedenfarbigen Klinkern ihm konkurrieren. Aufgrund der Härte des
in mehrere Segmente verkleidet. So entstand nach Entwurf des Klinkers behält dieser über Jahrhunderte
unterteilt, die sich Büros de Architekten Cie. aus Amsterdam seine Farbe, Textur und Qualität, so dass
durch ihre Ziegelfarbe ein Komplex, der multiple Ansichten in die Fassaden des Gebäudeensembles
und Art der Fensteröff- sich vereint. Für die Fassadengestaltung auch in Zukunft so vielfältig in Erschei-
nungen unterscheiden. kamen sechs verschiedene Hagemeister- nung treten werden wie zu ihrer Bauzeit.
Anzeige

1
Anzeige

Zum Klinker

ARCHITEKTEN:
ATT Artur Asam Archi-
tekten, Nürnberg

OBJE K T:
Schöller-Park (zehn
Stadtvillen mit 80 Wohn-
einheiten), Nürnberg

PRODUKTE:
Ziegel
240 x 115 x 71 mm,
490 x 115 x 71 mm,
240 –115 x 90 x 71 mm,
Elmo FKSG

Klinkerfassaden Unweit der ehemaligen Schöller-Eisfabrik


in Nürnberg liegt das Grundstück des
mit den Architekten entschieden sich
die Bauherren für einen Klinker von Gima,
neuen Schöller-Parks. Auf einer Gesamt- und zwar in der Farbe Elmo FKSG. Verbaut
für Nürnberger fläche von 10.000 m² entstehen hier auf
dem ehemaligen Privatgrundstück des
wurden vier verschiedene Formate des
gelochten und ungelochten Klinkers in

Stadtvillen Unternehmerehepaares Theo und Friedl


Schöller zehn Stadtvillen. Entworfen ha-
zweischaliger Bauweise. Seine bräunlich-
graue Farbigkeit entsteht durch eine
ben sie die Architekten ATT im Auftrag der spezielle Brenntechnik und den extremen
Schöller-Familienstiftung. In den zehn ku- Kohlebrand über dem Schmelzpunkt.
www.gima.de bischen Wohnhäusern mit zwei, drei und
vier Stockwerken sind 80 Wohnungen mit
Die Zugabe des natürlichen Mineralstoffs
Salz beim Brand lässt auf dem Ziegel ge-
60 bis 140 m² Wohnfläche untergebracht. wisse Glanzpunkte entstehen. Zudem
Die Baukörper definieren aufgrund ihrer schafft das Wasserstrich-Strangpressver-
versetzten Positionen auf dem Grund- fahren eine besonders widerstandsfähige
FOTOS: ALEX ANDE R BE RNHARD

stück dabei großzügige Außenräume, die Oberfläche, die in ihrer Struktur rustikal
1+2 sie dem Ensemble mit das Wohnen durch den gewachsenen und edel zugleich wirkt. Der Klinker weist
Je nach Ton und zwei-, drei- und vier- Baumbestand besonders attraktiv ma- sehr gute physikalische Eigenschaften
Brandbedingungen stöckigen Wohnge- chen. Die gemeinsame Materialität einer auf, ist robust, natürlich und ökologisch.
variieren die Gima- bäuden im Schöller- Klinkerfassade lässt die Stadtvillen und Das Material unterstreicht damit das auf
Klinker in ihrer Farbe. Park ein lebendiges das dazugehörige Parkhaus dabei ewig angelegte Bestreben der gemein-
Dadurch verleihen Fassadenbild. zu einer Einheit verschmelzen. Zusammen nützigen Stiftungsarbeit.
Anzeige

1
Anzeige

Zur Fassadenplatte

OBJE K T:
Gesamtfassade des
Betriebsgebäudes der
Kastner-Gruppe, Zwettl/
Österreich

HERSTELLER:
FunderMax

PRODUKTE:
Max Compact Exterior |
F-Qualität (Dekore:
0070 Carbon Grey,
ID Exterior Individual-
dekor)

Apfelnamen Der Apfel ist seit vielen Jahren ein Symbol


der Kastner-Gruppe, ein Lebensmittel-
Kastner-Gruppe verwendet. Der Hinter-
grundtext besteht aus 98 Einzelbegriffen
großhändler mit Sitz im österreichischen mit einer Buchstabenhöhe von ungefähr
schmücken Zwettl. Er ist nicht nur ein Synonym für das
Thema Lebensmittel, sondern aufgrund
1 bis 5 cm.
Die einzelnen Buchstaben des Hinter-

Unternehmens- seiner zahlreichen Sorten und Namen


auch für die Produktvielfalt des Unter­
grundtexts sind so gestaltet, dass sich
eine Textur wie bei einem Waldviertler

fassade
nehmens. Deshalb wurden die Namen Granit ergibt. Der Bezug zu dem fein­
der Apfelsorten auch zum gestalteri- körnigen Gestein aus der Region soll
schen Element der 2500 m² großen Hal- auf die Bodenständigkeit und den regio-
lenfassade in Zwettl auserkoren. nalen Bezug der Kastner-Gruppe ver­
Der Entwurf des Wiener Künstlers Martin weisen. So wie der Granit das Fundament
www.fundermax.at Kitzler basiert auf Wörtern, die in unter- des Waldviertels bildet, soll der Hinter-
schiedlichen Größen und in zwei Schich- grundtext das Fundament der Firma
ten über die gesamte Fassade verteilt sein. Umgesetzt wurde das Projekt mit
1+2 sind. Der Vordergrundtext besteht aus den Hochdrucklaminaten „Max Com-
FOTOS: M ARTIN KIT ZLE R

Auf der 170 m langen sorten sowie einige 81 verschiedenen Namen von Äpfeln, pact Exterior | F-Qualität“ von Funder-
Fassade des Betriebs- Begriffe aus dem wobei die Buchstabengröße zwischen Max. Die lichtechten und besonders
gebäudes der Kast- Leitbild des Lebens- etwa 20 cm und 8 m Höhe variiert. Im Hin- witterungsbeständigen Platten wurden
ner-Gruppe sind die mittelgroßhändlers tergrundtext werden Begriffe aus dem auf eine Aluminiumunterkonstruktion
Namen von 81 Apfel- zu lesen. Leitbild und den zentralen Werten der genietet.
98 Kolumne

Aus
der Echtwelt
9
Anne-Julchen Bernhardt

Die Echtwelt ist gerade geschlossen und zu Hause.


Und trotzdem noch da. Nicht ich habe mich mal
wieder zurückgezogen, sondern einfach die ganze
Menschheit. Das macht die Echtwelt zu einer Ausnah-
mewelt, zur Pandemiewelt. Damit ist dies offensicht-
lich und unausweichlich eine Pandemiekolumne.
Pandemiekolumne Nummer 43.567, nun in einer
Architekturzeitschrift von einer Architektin.
Das Schlimmste zu Beginn: Die Pandemie offenbart,
dass ich mehr Ästhetin, denn Ingenieurin bin. Wäh-
rend einige schnell lösungsorientiert sind: Matthias
Horx wusste dank seiner Re-Gnose-Technik bereits
nach zwei Wochen, dass alles danach besser ist; schönster Frühling. Wir werden sie, wenn alles vorbei
Niklas Maak weiß jetzt (und wusste eigentlich schon ist, anders berühren, einnehmen, benutzen; das aller-
vorher), dass wir größere, gemeinschaftlichere Woh- erste Mal ganz sicher, aber die folgenden auch, wäh-
nungen bauen werden, Christian Drosten beantwortet rend manche Dinge verschwinden, werden wir diese
sich alle Fragen einfach alle zwei Tage selbst, und Handlungen bewusster ausführen.
von

Carlo Ratti hat sofort angefangen, eine medizinische Auf die Gefahr hin, den Stockhausen zu machen1, die
Isolationseinheit zu entwerfen und zu bauen. Städte der Pandemie sind sehr schön. Obwohl häusli-
Ich hingegen lebe in den Tag hinein und kontem­ che Gewalt um 20 Prozent zugenommen hat, erlebe
pliere. Mein Rechner erinnert mich täglich daran, wie ich meine Stadt als sanft. Es gibt kaum Sirenen (wahr-
lang ich mit ihm nicht mehr richtig im Büro war, heute scheinlich ist niemand im Weg), Vögel zwitschern,
sind wir bei Tag 46 ohne Back-up. Die Pandemie er- Raubvögel kreisen, und Mäuse und Igel laufen über
zeugt eine große Verschiebung im Raum, alle Men- die Straße. In den Wohnungen sitzen Menschen in Py-
schen sind noch da, nur radikal sortiert, alle in kleinen jamas und Pantoffeln, kochen, waschen, lesen und
Raumbehältern, während die großen leer sind. Es gibt reden am Telefon oder online miteinander und ver­
eine Schönheit des ungefüllten großen Raums, es ist öffentlichen das. Mir scheint, die Intimität ist zurück-
eine erinnerte Schönheit und eine imaginierte. gekehrt, es ist nicht mehr exhibitionistisch wie zuvor,
Der tanzende Staub im Sonnenlicht im Museum, die es wirkt absichtslos und besitzt ganz sicher technisch
leeren Stühle des Orchesters, immer noch der kalte eine andere Form als im 19. Jahrhundert. Es ist eine
Biergeruch im Club, die weggeparkten Flugzeuge am kollektive Intimität, die unser aller Zerbrechlichkeit
Rand des Flughafens, die durch Deutschland gleiten- zeigt. 500 unbekannte Menschen auf der ganzen Welt,
den Geisterzüge, die gebohnerten, abgeschlossenen die mit laufender Kamera in ihrem Wohnzimmer
Universitätskorridore in Aachen, Heidelberg und Mar- einem Live-Vortrag zuhören, nur einen Klick vom
burg. Ich sehe sie allenfalls von außen, die Räume und Eingreifen – Mikrophon an – entfernt.
Dinge sind alle noch da; die Menschen hingegen, die Auch wenn der Zustand vorübergeht, werden wir uns
sie benutzen und die Räume dadurch zu öffentlichen an die offenbarte Vertrautheit erinnern und anders
machen, sind es nicht. Sie sind der wartende Abguss handeln.
von Handlungen, die wir gerade nicht ausführen. Die
Dinge bekommen in ihrer Überflüssigkeit einen Cha- 1 Karlheinz Stockhausen am 16. September 2001 in
rakter, ein Eigenleben, sie geraten in die Welt von Hamburg über den 11. September 2001: „Das ist das größte
Hans Christian Andersen; da war es immer die Nacht, Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos.
wenn die Teekannen sich verliebten, nun ist es aller- [...] Dagegen sind wir gar nichts.“
Foto:
Foto:Lampen
LampenHenrich
Henrich- daslichthaus.com
- daslichthaus.com

Made
MadeininGermany
Germany

LIGHT
LIGHT && LIVING
LIVING
www.top-light.de
www.top-light.de

® ®
BAU
MEISTER
CURATED

Ab dem
2 6 .0 6 . 2 0 2 0
e r h ä lt li ch

www.baumeister.de/curated
2038 + PEDEVILLA ARCHITECTS + WILMOTTE & ASSOCIÉ ARCHITECTES