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B9

BAU September 20
117. J A H R G A N G

Das Architektur-
Magazin

ME ISTER
Was bringt die Zukunft?

9 Fragen zur Architektur

+ THOMAS AUER
+ BURGER RUDACS
ARCHITEKTEN
+ HEATHERWICK STUDIO
+ HEILER GEIGER ARCHITEKTEN &
STADTPL ANER
+ N I C K L & PA R T N E R
ARCHITEKTEN
+ THEY FEED OFF BUILDINGS
+ CHRISTOPH WAGNE R
ARCHITEKTEN
MIT WENKE SCHLADITZ
+ JUAN LUCAS
YO U N G
Der neue AT Mesh – bewegter, gesünder, nachhaltiger. wilkhahn.com

Netz-Rücken besteht zu 80 % aus recycelten PET-Flaschen


Editorial

D
ie Debatten über die Zukunft des Bauens drehen sich immer
wieder um dieselben Stichworte. Doch zu den Themen wie Klima,
Digitalisierung, Vielfalt, Hochwasser, Gesundheit sind keine ein­
fachen Antworten zu haben, deshalb stellen wir in diesem Heft
zunächst einmal Fragen. Die Texte und die vorgestellten Archi­
tekturbeispiele wollen nicht zwingend die richtige Antwort
geben, aber sie präsentieren eine mögliche Antwort: etwa das AB SEITE
34
Wohnhaus für LGBT-Menschen und Flüchtlinge in Berlin, das die
AB SEITE
Vielfalt erfolgreich feiert, wie die große Nachfrage zeigt; oder der
14
Park auf Stelzen, der mit zukünftigem Hochwasser rechnet; oder AB SEITE
24
die Klinikplanung mit getrennter interner Wegeführung.
Überall werden derzeit Rufe laut, die Chancen eines Neustarts
nach – beziehungsweise mit – Corona zu nutzen, Grundsatzreden
werden gehalten, große Worte gefunden. Der Soziologe Armin
Nassehi beraubt uns allerdings der Illusion, dass es mit „man
sollte, müsste, könnte…“ getan ist. Er hält für seine Studierenden
eine schöne Erklärung bereit, warum vernünftige Einsichten des
Einzelnen noch lange nicht leicht auf die ganze Gesellschaft
übertragen werden können, warum alles scheinbar Vernünftige,
Armin Nassehi plädiert
in seinem Buch Offensichtliche so schwer umzusetzen ist: „Die Studentinnen und
„Die letzte Stunde der
Studenten sind ... politische Akteure, ökonomische Spieler und
Wahrheit“ (Kursbuch-
Edition/Murmann) moralische Subjekte in einem – und aus allen drei Ansprüchen
dafür, erst einmal erwachsen für sie unterschiedliche Zugzwänge und Logiken.“
unsere Denkungsart
auf vernetztes Denken
Das heißt, nicht nur hat jeder Mensch eine eigene politische
umzustellen und eine Meinung, sondern jedes Individuum hat in sich selbst auch noch
neue Beschreibung
widersprüchliche Interessen und handelt deshalb widersprüchlich.
für diese komplexe Welt
zu finden. Eine unübersichtliche Gemengelage.
Umso erfreulicher erscheinen da Projekte auf europäischer Ebene:
Der Architects‘ Council of Europe versucht die Interessen der Bau­ AB SEITE
62
branche samt denen der Architekten beim Thema Digitalisierung
und BIM unter einen Hut zu bringen. Willkommen ist auch die
einfache, konkrete Handlungsbasis, für die sich Thomas Auer im
einleitenden Interview in dieser Ausgabe ausspricht: Er meint, vor
allem Robustheit in der Architektur und Low-Tech statt Hightech
seien zukunftsweisend – bemerkenswert für einen Geschäftsführer
eines Klima-Engineering-Unternehmens.
COVE RFOTO: M A XIM ILIAN M ANN

Sabine Schneider
info@baumeister.de
Twitter @der_baumeister
Instagram @baumeister_architekturmagazin
4

B
9

Fragen: Gast-Arbeiter

Mit der Frage „Wie


steht es um die Rolle
des Architekten?“

Was erwartet die beschäftigt sich


Juan Lucas Young,

Archi­tekten in den
Partner im Büro
Sauerbruch Hutton,

nächsten Jahren?
auf Seite 84.

RUBRIKEN
Welche drängenden
Fragen werden
6
EIN BILD
44
SONDERFÜHRUNG
60
sie beschäftigen?
KLEINE WERKE
92 In dieser Ausgabe
suchen wir nach
LÖSUNGE N: FASSADE
10 0
REFERENZ
102
LÖSUNGEN: MAUERWERK + Antworten zu den Seit der Ausgabe
B9/14 zieren die

häufig diskutierten
WANDBAUSTOFFE Porträtköpfe von
109 Clemens Habicht
IMPRE SSUM + VORSCHAU unsere Inhaltsseiten.
11 0
PORTFOLIO: DIGITALE S BAUE N
Themen – zur Zukunft Auf unserer Website
kann man sich jetzt
11 4
KOLUMNE Bauen. seine Arbeitsweise
ansehen.
5

(1) KLIMA
(4) VIE LFALT
(7) POST-CORONA-CITY

Welchen Der Architekt Wie soll


Anforderun­ als Projekt- die Stadt der
gen muss entwickler – Zukunft ausse­
Architektur nur bauen, hen
in Zukunft was ge- ?S. 68

standhalten braucht wird


? S. 8
? S. 34

(8) NACHHALTIGKE IT

Was ist
(2) WASSE R
(5) RE CYCLI N G
nachhaltige
Wie mit Bestands- Architektur
Hochwasser gebäude und ?S. 72

planen Abriss als


? S . 14
Materiallager (9) POLITIK

der Zukunft Wie steht


? es um
( A ) ( B )
+
S. 46 S. 56

(3) GESUNDHEIT
die Rolle
Wie ist die des Archi-
Klinik der (6) tekten
DIGITALISIE RUNG

Zukunft BIM-Standards ? S. 84

organisiert in der EU:


? S. 24
Wer setzt sich
für die Interes­
sen der Archi­
tekten ein
? S. 62
Maximilian Mann Urmia-See, Iran 6

G. M
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BAU
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MEISTER.

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SE N SIE
Ein Bild
7
Unbemerkt von
der Weltöffentlich­
keit ereignet sich
im Nordwesten
Irans eine Umwelt­
katastrophe: Der
Urmia-See, einst
der größte perma­
nente Salzsee der
Welt, trocknet aus.
Der Fotograf Maxi­
milian Mann hat
in seiner Fotoserie
„Fading Flamingos“
eindrückliche,
nahezu poetische
Bilder des Ver­
schwindens und
der Transformation
einer Landschaft
gefunden. Er schil­
dert die Situation
so: „Dort, wo vor
zehn Jahren die
Wellen gegen die
Mauern der Dörfer
schwappten, blickt
man heute auf
eine schier endlo­
se Salzwüste. Salz­
winde breiten sich
über die Felder
der Bewohner aus
und lassen die Ern­
ten vertrocknen.
Ihrer Lebensgrund­
lagen beraubt,
fliehen die Men­
schen in die umlie­
genden Städte.
Dürreperioden und
steigende Som­
mertemperaturen
beschleunigten
die Verdunstung.
Darüber hinaus
wurden tausende
illegale Brunnen
gebaut und das
Wasser auf Felder
umgeleitet. Die
Folgen: Ein Verlust
der Biodiversität,
etwa an Zugvögeln
wie den Flamingos,
die als Symbol des
Sees galten. Ein
UN-Entwicklungs­
programm soll
in Zukunft die Ein­
heimischen darin
unterstützen, die
Feuchtgebiete
um den See wieder
aufzubauen und
ökologischer zu
bewirtschaften.“

Text + Foto Maximilian Mann


8

Welchen
Anforderungen
muss
Architektur
in Zukunft
standhalten

( Projekt ) ( Interview )
„urbainable – stadthaltig“ Anja Koller
1. Frage Klima 9
Planungsziel Robustheit
Wie bauen wir, wenn es im Zuge des Klimawandels vor
allem im urbanen Raum immer heißer wird? Wir sprechen
mit Thomas Auer über „Klima-Engineering“, den gesunden
Menschenverstand beim Bauen, über Robustheit in der
Architektur und warum Low-Tech das eigentliche High-
Tech ist.

B
AUMEISTER: Herr Auer, was muss man sich TA: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: 2006 ha­
unter „Klima-Engineering“ vorstellen? ben wir zusammen mit den Pariser Archi­
T H O M A S A U E R : Ich muss kurz vorausschi­ tekten von Ateliers Lion für den Neubau
cken – wichtig ist eine ganzheitliche Den­ einer Schule in Damaskus ein auf die loka­
ke. Für ganzheitliche Strategien im Ge­ len Bedingungen abgestimmtes Klima­
bäude-Stadt-Kontext ist es notwendig, konzept erarbeitet. Unser Ziel war es, uns
die verschiedenen Ebenen nicht getrennt auf die traditionelle syrische Bauweise
voneinander zu optimieren, sondern ein rückzubesinnen, sie aber weiterzuentwi­
Umdenken hin zur ganzheitlichen Be­ ckeln und lokale Materialen zu verwen­
trachtung von Zusammenhängen zwi­ den. Wir haben ganz bewusst auf hoch­
schen Architektur und Technik, Gebäude technologische Lösungen verzichtet. Wir
und Stadt voranzutreiben. Wenn man das haben das typische syrische Wüstenklima
versteht, wird auch schnell deutlich, was – heiße Tage und kühle Nächte – genutzt
Climate Engineering eigentlich ist. und die Zuluft des Tages aus den verschat­
teten Mik roklimas der Innenhöfe der
B: Und zwar? Schule über Erdkanäle den Klassenräu­
TA: Es hat das Ziel, ein Klima im Gebäude men als vorkonditionierte Frischluft zuge­
zu erzeugen, mit dem die Menschen sich führt. Angetrieben wird das System über
wohl fühlen. Und das mit möglichst wenig windunterstütz te Solarkamine. In der
maschineller Unterstützung. Technik soll Nacht wird über die kühle Außenluft die in
unterstützend eingesetzt werden. Im Ide­ die Erdkanäle und in der Gebäudemasse
alfall soll das Gebäude, die Architektur gespeicherte Wärme des Tages zeitver­
durch die Wahl des Materials, durch die setzt abgebaut. Somit haben wir komplett
Bauweise, den Standort dieses Wohlfühl­ auf Klimatisierung verzichten können. Das
klima selbst herstellen. Wir sprechen hier ist klimagerechtes Bauen. Wir fragen uns:
von Low-Tech. Je mehr wir uns damit be­ Wie funktioniert das lokale Klima und wie
schäftigt haben, desto deutlicher wurde können wir wieder Architektur bauen, die
allerdings, dass wir nicht wirklich verste­ das Klima optimal nutzt und mit dem Kli­
hen, mit welchem Klima man sich wohl­ ma arbeitet und nicht dagegen.
fühlt – mit dem in High-Tech-Gebäuden,
die mit enormem baulichen und energe­ B: Also kein klimatisiertes Glashaus in
tischen Aufwand im Betrieb konzipiert Dubai?
sind, nachgewiesenermaßen nicht. Wenn T A : Genau (lacht). Bei uns geht es um
wir in solch einem Gebäude dann auch Robustheit, es geht um Low-Tech versus
noch zu allem Überfluss Photovoltaik auf High-Tech. Wir sind einer Philosophie ver­
dem Dach platzieren, um das Klima um­ fallen, die besagt, Technik darf nur unter­
weltbewusst zu optimieren, dann haben stützend da sein. Nicht „because we can“.
wir wirklich alles falsch gemacht. Denn Aber natürlich ist uns auch klar, dass wir
Nachhaltigkeit ist etwas anderes, nämlich uns nicht wieder zurückentwickeln wol­
– um Alejandro Aravena zu zitieren – die len. Wir verteufeln Technologie nicht. Viel­
konsequente Anwendung von gesundem mehr haben wir immer nach einem Begriff
Menschenverstand. Und die meisten bau­ gesucht, wie wir das fassen können, diese
lichen High-Tech-Lösungen sind eben Denke, bei der es nicht darum geht, Tech­
keine des „Common Sense“. Deswegen nik abzulehnen, sondern Technik eben nur
plädiere ich dafür, in unsere Planungen da einzusetzen, wo sie Sinn macht. Das hat
ein wenig mehr Common Sense zu inte- uns zu dem Begriff der Robustheit geführt.
grieren.
B:Wie lässt sich Robustheit am besten be­
B: Wie stellen Sie sich das vor? schreiben und vor allem messen?

WEITER
10 1. Frage Klima
TA: Hier an der TU München hatten wir B: Ich verstehe. Was schlagen Sie statt­
einen Doktoranden, der bei Werner Lang „urbainable – stadthaltig“ dessen vor?
zum Thema „Robuste Optimierung“ pro­ T A : … den gesunden Menschenverstand
movie r t ha t. Im Rahmen seine r Fo r­ einsetzen. Und robuste Systeme schaffen.
schungsarbeit hat er das Verfahren der Wenn ich wieder auf Theodor Fischer zu­
„robusten Optimierung“ auf den Gebäu­ Positionen zur rückkommen darf: Die Schule mit ihrer
desektor adaptiert, quasi eine Methodik, europäischen 80 Zentimeter dicken Ziegelwand wurde in
um Robustheit zu messen. Die Idee dieser Stadt für das den 120 Jahren ihres Bestands nie gene­
Methodik ist, dass man von Unsicherhei­ 21. Jahr­h undert ralsaniert. Das war nicht nötig. Natürlich
ten ausgeht. „Unsichere Randbedingun­ hat Florian Nagler mit seinem Schulbau
gen“, wie man als Ingenieur sagen würde. 5.9. nichts falsch gemacht. Die modernste
Das kann das Klima sein, das sich verän­ bis Technologie hat man nach bestem Wissen
dert. Das kann der Mensch sein oder Tech­ 22.11.2020 und Gewissen eingebaut, um einen effizi­
nik, die nicht so funktioniert, wie sie sollte. enten Betrieb herzustellen. Aber der Haus­
Somit war die Leitfrage: Können wir ein Die Ausstellung meister sitzt jetzt in einem Cockpit. Diese
Konzept so entwickeln, dass das Ergebnis an der Berliner hochkomplizierte Messsteuer-Regeltech­
– also Energie und Komfort – unabhängig Akademie der nik tut ihren Dienst sicherlich nur etwa
von diesen unsicheren Randbedingungen Künste befasst zehn bis fünfzehn Jahre. Und dann? Das
nahezu gleich bleibt. Und damit hatten wir sich mit der These: sind doch keine Sanierungszyklen für öf­
unsere Methodik und können Robustheit Die Stadt selbst fentliche Gebäude!
genau beschreiben. bietet die Systeme,
die die größten B: Herr Auer, kommen wir auf ein weiteres
B: Haben Sie da auch ein Beispiel? Potenziale für wichtiges Thema zu sprechen – das Bauen
T A : Ja, anhand einer Studie lässt sich das eine nachhaltige im Bestand ...
gut verdeutlichen. Zusammen mit dem Entwicklung T A : Ich würde immer das erhalten, was
Lehrstuhl von Florian Nagler haben wir in sich bergen. erhalten werden kann. Unsere Vorfahren
2017 zwölf Schulen aus unterschiedlichen Thomas Auer und haben in den Bau von Gebäuden Energie
Baujahren untersucht. Die erste Schule seine Mitstreiter investiert. Wenn wir Lebenszyklusbetrach­
war eine von Theodor Fischer, 1898 in der nehmen teil tungen anstellen, dann rechnen wir mit
Haimhauser Straße in München erbaut; mit ihrem Beitrag: einer Gebäudelebens- und -laufzeit von
die neueste von 2015 war eben jene von „Caution: HOT!“. 50 Jahren. Das heißt, wir gehen davon aus,
Florian Nagler im bayerischen Diedorf – dass nach 50 Jahren die Energie, die hier
ein komplexer Holzbau, von der Deut­ investiert wurde, abgeschrieben ist. Nicht
schen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geför­ mal mit einem Holzbau bekommen wir
dert, technisch auf dem höchstmöglichen eine bessere Bilanz hin, als wenn wir Be­
Stand [siehe Baumeister 2/2018]. stand sanieren. Meiner Meinung nach
Das Interessante ist, dass die Theodor- müsste die Hürde, um Bestand abzurei­
Fischer-Schule mit Klassenzimmern mit ßen, viel höher sein.
einer Raumhöhe von 3,80 Meter und einer
Fläche von 80 Quadratmetern auf fast terstützt sie weder die Energieeffizienz B: Welchen Abriss bedauern Sie beson­
doppelt soviel Luftvolumen pro Schüler im noch das Wohlbefinden. Dieses System, ders? Welches Gebäude hätte man für die
Klassenraum kommt wie kleinere und das Theodor Fischer damals mit der Schu­ Nachwelt erhalten müssen?
niedrigere Klassenräume, die heute ver­ le geschaffen hat, ist ein robustes System. T A : Den Palast der Republik in Berlin etwa.
mehrt gebaut werden. Unter allen natür­ Heute würden wir das als „Multi-Metric Das war allein schon historisch gesehen
lich belüfteten Schulen hatte – die von Optimization“ bezeichnen. Man hat quasi eine Schande, diesen abzureißen. Archi­
Florian Nagler ist maschinell belüftet – die unterschiedliche Parameter optimiert und tektur ist auch Identität, ist Kulturgut. Ich
Theodor-Fischer-Schule die beste Luftqua­ kam dann zum besten Ergebnis. Das war fühle mich da um ein Stück Geschichte
lität. Beim subjektiven Empfinden, das in damals einfach Common Sense. beraubt. Und so etwas passiert allerorts.
einer Umfrage ermittelt wurde, konnte sie Wir waren gerade mit Schneider + Schu­
sogar ohne Probleme mit der Luftqualität B: Und heute? macher Architekten in einem Wettbe­
der High-Tech-Schulen mithalten. Kom­ TA: Heute bauen wir tatsächlich teilweise werb. Da ging es um Wohnungsbau, 70er-
plett Low-Tech, kein High-Tech, einfach wirklich Schwachsinn und korrigieren es Jahre-Brutalismus-Architektur. Diese Häu­
nur dadurch, dass sie mehr Volumen pro dann wieder mit viel Technik. Dann rech­ ser wiederherzurichten ist ein immenser
Schüler hat. Neben der Luftqualität haben nen wir, wie toll das Ganze ist, und dann Aufwand. Es gab einen zweistufigen Wett­
wir zudem noch die Raumakustik, den bekommt es noch die beste LEED-Aus­ bewerb – niemand kam in die zweite Stufe,
sommerlichen Wärmeschutz und Tages­ zeichnung (Leadership in Energy and der versucht hat, den Bestand zu erhalten.
licht aller Schulen untersucht und vergli­ Environmental Design), die beste Nach­ Die Mühen scheut man. Ich hätte mich der
chen – die Schule aus dem Jahre 1898 war haltigkeitsauszeichnung. Man muss sich Herausforderung gerne gestellt.
tatsächlich überall ganz weit vorn. schon fragen, ob das alles noch zielfüh­
rend ist. In den USA gibt es im Kontext von B: Herr Auer, Sie nehmen mit Ihren Mitar­
B: Brauchen wir also all die Technik gar Donald Trump einen Spruch: „Let’s make beitern Bilge Kobas, Daniele Santucci und
nicht? sense common again“ – diesen Spruch Ata Chokhachian zusammen mit dem ita­
T A : Wir müssen zumindest kritisch hinter­ sollte man auch im Kontext des nachhalti­ lienischen Architekten Stefano Boeri und
fragen, was wir tun. Die Baukosten in gen Bauens anwenden. Es macht keinen mit Alessandro Melis, Professor für Archi­
punkto Technik sind enorm gestiegen. Wir Sinn, dass wir ein Glashochhaus in Dubai tekturinnovation an der University von
integrieren viel Technik in die Gebäude, bauen und dann Solarpanels auf das Portsmouth, an der Ausstellung „urbaina­
oftmals eben auch zu viel, und dabei un­ Dach setzen. ble – stadthaltig“ an der Akademie der

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12 1. Frage Klima
Künste Berlin teil. Die Hypothese der Aus­ Stadtmorphologie ist schon gesetzt. Aber
stellung lautet: Die Stadt selbst bietet die wir lernen daraus, dass wir Dichte zulassen
Systeme, die die größten Potenziale für können, dass Gebäude sich selbst ver­
eine nachhaltige Entwicklung in sich ber­ schatten. Dann wird der Stadtraum ge­
gen. Unterschiedliche Ansätze untersu­ kühlt. Und: In Sevilla haben die Gebäude
chen die Rolle der Stadt und der Architek­ auch oft Innenhöfe, die begrünt sind, die
tur in Zeiten neuer Herausforderungen wie textil verschattet sind. Es gibt überall klei­
Klimawandel, Digitalisierung, demogra­ ne Brunnen, und so gestalten die Einwoh­
phischer Wandel. Was untersuchen und ner quasi ihr eigenes Mikroklima. Auch
präsentieren Sie? die Straßenräume werden teilweise textil
T A : Bei unserem Ausstellungsthema geht verschattet. Und das könnte auch ein
es ganz stark um Klimaveränderung und Ansatz für andere Städte sein. Aber hier
wie wir darauf reagieren müssen. Wir ha­ kommen wir wieder zum Thema Mobilität
ben längere und stärkere Hitzeperioden zurück: Wir können Straßen nur textil ver­
im Sommer. Wir sehen eine gewisse Über­ schatten, wenn wir darunter entweder
sterblichkeit als E rgebnis davon. Der emissionsfreie Autos oder eben keine
Nachweis, dass hier Diskomfort auftritt, ist Autos dort haben.
gegeben. Das Ganze wird vom „Urban
Heat Island“-E f fekt überlager t, heißt: B: Herr Auer, zum Schluss die Frage: Ist die
Stadt­räume sind nochmals wärmer als dichte Stadt die klimagerechte Stadt und
Siedlungsräume außerhalb der Stadt. Hier damit die Stadt der Zukunft?
kommt es vor allem zu Problemen wäh­ T A : Dichte hat natürlich Grenzen, aber
rend der Nacht. Städte speichern Energie ja. Wir wissen, die dichte Stadt hat ökolo­
– in den Straßen, in den Häuserfassaden –, gisch Vorteile. Die Infrastrukturen, die wir
die dann in die Nacht transportiert wird. bauen, die Straßen, die U-Bahnen, Busse
Die Nächte sind in der Stadt somit viel wär­ werden von vielen Menschen genutzt.
mer als im Umland. Deswegen ist die Stadt im Kontext der
Nachhaltigkeit Problem und Lösung zu­
B: Was also tun? gleich. Aber die Stadt muss funktionieren,
TA: Eine „einfache“ Antwort ist natürlich, Dichte muss funktionieren. Und hier sehe
auf mehr Begrünung setzen. Aber es nutzt ich als gutes Beispiel wieder die südeuro­
nichts, in einen bereits bestehenden Park päische Stadt. Wenn die Qualität des
einfach noch ein paar Bäume zu pflanzen. öffentlichen Raums stimmt, wenn Mobili­
Wir müssen vielmehr die Vegetation in die tät funktioniert, dann kann die Stadt dich­
Fläche bringen. Dann kommen wir natür­ ter werden. Die Stadt selbst bietet uns das
lich zu der Frage: Woher kommt der Raum Potenzial für ein nachhaltiges Leben. Und
für die Vegetation? Die Stadt ist ja schon da sind wir wieder bei der Hypothese der
gebaut. Die Antwort kann nur sein: aus Ausstellung ...
dem Verkehrsraum.
Thomas Auer ist Professor für
B: Also müssen wir Mobilität neu denken, Gebäudetechnologie und
um unsere Städte in Zukunft grüner zu ge­ klimagerechtes Bauen an der
stalten? TU München und Geschäftsführer
T A : Genau, und in dem Bereich passiert ja bei Transsolar.
momentan schon sehr viel. Mobilität wird
in den meisten Städten weltweit neu sor­
tiert. Stadt, Architektur, Klima, Mobilität
und Wohlbefinden müssen wir zusammen
denken. Letztendlich ist es ein Flächenthe­
ma. Ein weiterer Punkt ist aber auch: Wenn
wir wissen wollen, wie wir mit Hitze in der
Stadt umgehen, dann müssen wir in die
mediterranen Städte Südeuropas schau­ Transsolar Klima-
en. Denn klimagerechtes Bauen bezieht Engineering war
sich nicht nur auf Gebäude, sondern auf beteilitgt an der
den Städtebau allgemein. Planung der franzö­
sischen Schule
B: Was macht die südeuropäische Stadt so „Lycée Charles de
besonders? Gaulle“ in Damas­
T A : Die alte mittelalterliche Stadtstruktur kus (Architekten
funktioniert klimatisch sehr gut. In Anda­ Ateliers Lion, 2006).
lusien etwa finden wir einen Städtebau, Solarkamine unter­
der stark auf Eigenverschattung setzt. stützen in dem
Städte wie etwa Sevilla sind sehr kompakt trockenen, heißen
und d ich t gebau t, d ie Gassen seh r Klima die Quer­
schmal. Das lässt sich etwa auf Deutsch­ lüftung der Klassen­
land natürlich schwer übertragen. Unsere zimmer.
13
„Lycée Charles de Gaulle“ in Damaskus
Für den Neubau dieser Schule wurde eine Low-Tech-Lösung
aus regionalem Baumaterial gesucht – zur Belüftung der
Klassenzimmer und als Interpretation der lokalen Bauweise.
FOTO: ADRIÀ GOUL A
14

Wie mit
Hochwasser
planen

( Projekt ) ( Kritik )
Little Island Park, New York Wolfram Höfer

( Architekten ) ( Fotos )
Heatherwick Studio Timothy Schenck
2. Frage Wasser 15
Grüne Insel
Seit ihrer Gründung zeichnet sich die Inselstadt New York
durch ihre Hassliebe zum umgebenden Wasser aus. Der
neue „Little Island Park“ in Manhattan am östlichen Ufer des
Hudson stellt einen weiteren Schritt in der Transformation
von ehemaligen Hafengeländen zu Parks für die Bewohner
des nun höchstpreisigen „Meatpacking District“ und „West
Village“ dar. Little Island Park ist ein Beitrag zum laufenden
Diskurs über defensive Lösungen in Zeiten wachsender
Anforderungen an Nachhaltigkeit im Klimawandel – für
Architekten sowie für die Rolle von Privatkapital im öffent­
lichen Raum.

I
m Kinofilm von 1953 „Die Faust im Nacken“ durch Einnahmen aus Gewerbemieten,
(On the Waterfront) mit Marlon Brando Stiftungen und privaten Spenden finan­
wird der Überlebenskampf von Hafenar­ ziert. Aus europäischer Perspektive er­
beitern in Manhattans kilometerlangem scheint es auf den ersten Blick befremd­
Hafengebiet entlang des Hudson geschil­ lich, dass eine Multimillionen-Stadt, das
dert. Bis heute hat sich das Image von finanzielle Zentrum der Welt mit den teu­
Dreck, Prostitution, Bandenkriegen und ersten Immobilien des Landes, finanziell
Korruption nicht ganz aufgelöst. Zwar wur­ nicht in der Lage ist, ausreichend Grünflä­
den bis Ende der 1980er-Jahre sämtliche chen für ihre Bewohner aus Steuermitteln
Hafenaktivitäten in das ein paar Kilometer bereitzustellen und zu unterhalten. Aller­
südlich gelegene Elizabeth in New Jersey dings ist im neuen Goldenen Zeitalter der
verlegt, was jedoch blieb, waren herun­ Multimilliardäre die Neigung, Steuern zu
tergekommene Lagerhallen, verfallene zahlen, äußerst gering, und so verfügen
Piers und rostige Zäune, die Manhattan Kommunen und Länder nicht über ausrei­
vom Hudson trennten. Für die meisten An­ chend Einnahmen; Projekte wie Little Is­
wohner war es damals undenkbar, dass land werden daher fast ausschließlich aus
diese Gegend einmal Kronjuwel im Immo­ privater Hand finanziert, etwa von der Fa­
bilienmarkt von Manhattan werden sollte. milie Diller-von Fürstenberg beziehungs­
Das begrünte Ufer von heute mit seinen weise deren Stiftung, die auch den be­
vielen Joggern, Radfahrern, Sonnenanbe­ kannten „Highline“-Park auf einer ehe­
tern und Touristen gibt beredt Zeugnis, wie maligen Schienentrasse mitfinanziert hat.
schnell sich die Dinge – und die öffentli­ Unter der Bedingung, dass etwas „archi­
che Wahrnehmung – ändern. Kaum je­ tektonisch Herausragendes“ geschaffen
mand weiß heute noch, wie schäbig es vor werde, war man nun auch diesmal bereit
gerade einmal 40 Jahren dort aussah. zu spenden: Das Londoner Büro Heather­
wick Studio hatte bereits mit „Vessel at
Ein Problem: Hudson Yards“, einer beeindruckenden
die Finanzierung Aussichtstreppenskulptur bewiesen, dass
es spektakuläre Objekte für den öffentli­
Die Transformation dieses Teils von New chen Raum in NYC entwerfen kann, und
York begann 1988 mit der Gründung des wurde daher wieder angefragt, ein Projekt
„Hudson River Park Trust“ durch die Stadt für das verfallende Pier 54 zu entwickeln.
und das Bundesland New York. Ziel der Or­
ganisation war es, öffentliche Freiflächen Zum Entwurf
entlang der West Side von Manhattan zu
schaffen und zu unterhalten. Das Grund­ Heatherwick Studio schlug vor, Pier 54 und
kapital wurde zwar von den öffentlichen 55 durch eine quadratische Kunstinsel zu
Trägern beigesteuert, der Betrieb aber ersetzen, deren niedrigster Punkt fünf Me­

WEITER
16 2. Frage Wasser
ter über dem Meeresspiegel liegt – die ne bilden müssen, ist der freizeitorientierte
Uferstützmauer befindet sich nur drei Me­ Pier in der Erlebnisgesellschaft ein ondu­
ter über dem Meeresspiegel. Der geplan­ liertes Vergnügen.
te Flutschutz für Manhattan, „The Big U“,
endet weiter südlich. Wegen dieses Hö­ Künftiger Unterhalt
henunterschieds sitzt die Insel relativ weit
vom Ufer entfernt, damit die Steigung der Für die nächsten 20 Jahre wird die Diller-
beiden Brücken auf die Insel (jeweils 48 von Fürstenberg-Stiftung für die Unter­
und 50 Meter lang) nicht zu stark ausfällt. haltskosten aufkommen. Sollte danach
Wenn also die nächste Sturmflut kommt, keine ausreichende Finanzierung mög­
wird zwar dieser Teil Manhattans unter lich sein, können die Landschaftsarchi­
Wasser stehen, Little Island und sein Park tek ten nach und nach eine weniger
werden aber über den salzigen Fluten pflegeintensive Bepflanzung vorsehen. So
th ronen. 28 0 Betonpfeiler t ragen die müssen in Zukunft auch keine Veranstal­
knapp einen Hektar große künstliche tungen für Einnahmen sorgen. Der Pacht­
quadratische Insel auf Stelzen, die sich in vertrag zwischen dem Grundeigentümer
einem Winkel von 45 Grad zum Ufer hin Hudson River Park Trust und dem Pächter,
neigt und nur über die beiden Brücken er­ der Stiftung, legt darüber hinaus fest, dass
reicht werden kann. Die Betonpfeiler deh­ Little Island immer kostenlos und für jeden
nen sich an ihren oberen Enden trichter­ zugänglich sein muss – was private Events
förmig aus, bieten Raum für Erde und ausschließt und sicherstellt, dass der Park
schaffen ausreichend Stabilität für ein allen voran den Anliegern zur Erholung
Amphitheater. dient.
Um ein derart komplexes Projekt zu stem­ Dieses Konzept dient bereits in der gesam­
men, wurden Experten aller Disziplinen ten Stadt als positives Beispiel für eine er­
ausgewählt: Mueser Rutledge Consulting folgreiche (Re-)Vitalisierung der zahlrei­
Engineers für den Wasserbau, Arup Engi­ chen Uferzonen, die noch nicht abge­
neers Statik, Fisher Marantz Stone für die schlossen ist. Weitere Piers warten auf ihre
Beleuchtung, Standard Architects für die Sanierung oder Umwandlung, denn zur
Genehmigungen des Amphitheaters so­ Zeit kann auch keiner absehen, was mit
wie Matthews Nielsen MNLA als Land­ den Kreuzfahrtschiff-Terminals an Pier 92
schaftsarchitekten. Im ursprünglichen und 94 passieren wird, wenn sich die Bran­
Entwurf von Heatherwick gab nur einen che nicht von der Covid-19-Schockwelle
Hauptweg, ähnlich wie bei der Highline erholt.
oder beim Vessel, doch MNLA nahm sich Das Corona-Virus stellt auch für Land­
des Themas Wegeführung und Besucher­ schaftsarchitekten und Architekten in
steuerung an: Signe Nielsen schlug ein zu­ New York eine Herausforderung dar. Zwar
sätzliches System von Rampen und Trep­ wird an laufenden Projekten zurzeit noch
pen zum Hauptweg mit teilweise steilen weitergebaut, neue Aufgaben lassen
Nebenwegen und Kletterpartien vor, das aber auf sich warten. Die Kommunen sind
Besuchern ein deutlich vielseitigeres Er­ finanziell weiter überlastet, und die Spen­
lebnis bescheren wird. Ebenso lag Pflan­ denbereitschaft der (Super-)Reichen in
zenwahl, Substrat und Bewässerung in ih­ Zeiten öko­n omischer Krisen schwindet.
ren Händen. Vor diesem Hintergrund wird Little Island
Der Weg auf die Insel führt übers Wasser. auch in Zukunft vermutlich nicht nur ge­
Die Trennung vom hektischen Manhattan stalterisch und ingenieurtechnisch her­
bereitet den Besucher darauf vor, dass ihn ausragen, sondern auch was seine Finan­
etwas anderes erwartet. Die Idee der Ar­ zierung angeht. Und sollte der Meeres­
chitekten von einem Blatt, das auf dem spielgel tatsächlich schneller als erwartet
Wasser schwimmt, wird deutlich, wenn weiter ansteigen, fragt sich, wer dann
man die Insel betreten hat und die leicht überhaupt noch auf Little Island seine
wellige Landschaft erlebt. Die westliche mo rgend l ichen Med i ta t ionsübungen
Erhebung bietet Waldvegetation und ei­ macht.
nen Panoramablick auf den Hudson. Im­
mergrüne Pflanzen schützen die nördliche GRUNDRISS
Seite vor Wind. Eine nach Osten ausge­ AUF SEITE 20
richtete Wiese ist ein perfekter Ort für mor­
gendliches Yoga, eine andere nach Sü­
den wartet auf Sonnenfreunde. In den tie­
feren Lagen kann man sich weit weg von
Manhattan fühlen, weil man die Stadt Neuer Anziehungs­
nicht mehr sieht. In technischer Hinsicht punkt im ehemali­
ruht der Park auf einem Mosaik von Pflanz­ gen Hafengelände
trögen auf Stelzen – die Architekten von am Hudson: Ein Park
Heatherwick Studio interpretieren so das auf Stützen soll für
Thema Pier. Während alle Stützen für einen jedermann zugäng­
funktionierenden Hafen eine exakte Ebe­ lich sein.
17
Little Island Park
New Yorks Ufer am Hudson River wird attraktiver. Während
die Zukunft der anderen Landungsbrücken noch ungewiss
ist, ersetzt man Pier 54 und 55 durch einen öffentlichen Park.
ILLUSTR ATION: HEATHE RWICK STUDIO
18

280 Betonpfeiler tra­


gen den zukünftigen
Park; sie enthalten
die Pflanztröge in
ihrem trichterförmi­
gen Kopf.
2. Frage Wasser 19
20
2. Frage
Wasser

ILLUSTR ATIONE N: HEATHE RWICK STUDIO


21

1 3
2 4

1 Offene Bereiche 3 Zwei Brücken mit


und Rück zugsräu­ geringer Steigung
me, ein abwechs­ führen auf die neue
lungsreiches Wege­ Insel: eine unter die
netz und Veranstal­ „Blütenkelche“ und
tungsflächen variie­ eine direkt auf die
ren die kleine, Parkebene.
bewegte Land­
schaft. 4 Im Frühjahr 2021
soll der Park einge­
2 Während der weiht werden. Er
höchste, bewaldete wird dann jederzeit
Punkt im Westen ei­ frei zugänglich blei­
nen guten Blick über ben.
die Stadt bietet, wird
sie in den Senken
ausgeblendet, und
man kann sich weit
weg fühlen.
22 2. Frage Wasser
BAUHERR:
Hudson River Park Trust (HRPT) &
M C A .1:1. 5 0 0

Pier 55 Project Fund (P55P)

ARCHITEKTEN:
Heatherwick Studio, London
Mat Cash, Paul Westwood,
Neil Hubbard, Simona Auteri,
Jordan Bailiff, Einar Blixhavn,
Mark Burrows, Mat Cash,
Darragh Casey, Jorge Xavier
Méndez-Cáceres, John Cruwys,
Antoine van Erp, Alex Flood,
Michal Gryko, Hayley Henry,
Ben Holmes, Ben Jacobs,
Stepan Martinovsky, Simon Ng,
Wojtek Nowak, Hannah Parker,
Giovanni Parodi, Luke Plumbley,
Jeff Powers, Enrique Pujana,
Akari Takebayashi, Ondrej Tichý,
Ahira Sanjeet, Charles Wu,
Meera Yadave

TR AGWERKSPL ANUNG:
Lageplan Arup

WASSE RBAU:
MNLA, Mueser Rutledge
Consulting Engineers

Die Architekten wa­ GENERALUNTERNEHMER:


ren beeindruckt von Hunter Roberts
Inspiration den organischen Construction Group
Formen, die das Eis
auf dem Hudson Ri­ LANDSCHAFTS-
ver im Winter bildet. ARCHITEKTEN:
Hunderte Holzpfähle Matthews Nielsen MNLA
sind vom ursprüngli­
chen Pier noch ste­ PLANUNGSBEGINN:
hen geblieben. Die 2013
verschiedenen Ver­
fallsstadien der FERTIGSTELLUNG:
Pfähle inspirierte Frühjahr 2021
die Architekten zu
den weich geform­ STANDORT:
ten Stützen und der New York
ondulierten Fläche.

Schon früh in der


Entwurfsphase ent­
standen dadurch
ILLUSTR ATION UND FOTOS: HEATHE RWICK STUDIO

Betonpfeiler, die in Entwurfsmodell


unterschiedlichen
Höhen aus dem
Wasser ragen. So
bildet sich eine
weich gewellte
Oberfläche, wo ihre
trichterförmigen
Köpfe zusammen­
treffen.
SOLIDE
ARCHITEKTUR
IST DIE EFFIZIENTE
VERBINDUNG
VON FORM
UND FUNKTION.
Martin Bez | Architekt
Bez + Kock Architekten Generalplaner | Stuttgart

Mein Projekt auf


projekt-weiss.blog

Solide. Massiv. Natürlich. Und weiß.


Grundstein für anspruchsvolle Architektur.
24

Wie ist die


Klinik der
Zukunft
organisiert
?
( Projekt ) ( Interview )
Universitätsklinikum Bonn Mark Kammerbauer

( Architekten ) ( Fotos )
Nickl & Partner Werner Huthmacher
3. Frage Gesundheit 25
Bessere Vernetzung
Mit 200 Mitarbeitern ist das Büro Nickl & Partner Architekten
international in der Planung von Bauten des Gesundheits­
wesens tätig. Wir treffen Christine Nickl-Weller im Home­
office und sprechen mit ihr über aktuelle Herausforderungen
im Krankenhausbau und welche architektonischen Lehren
aus der Corona-Krise gezogen werden können.

B
AUMEISTER: Was ist im Moment die größte eine Gruppe von spezialisierten Ärzten
Herausforderung im Krankenhausbau? letztlich in einem telemedizinischen Zen-
Was ändert sich dort gerade? trum sitzen, räumlich und nicht nur digital.
C H R I S T I N E N I C K L - W E L L E R : Ich hatte den Würden sich die niedergelassenen Fach­
Lehrstuhl für Entwerfen von Bauten für das ärzte wieder zusammentun, würden die
Gesundheitswesen an der TU Berlin inne ebenfalls ein solches Exzellenzzentrum
und bin mittlerweile emeritiert. In der For­ bilden. Das könnte ein ambulantes Zent­
schung und als Lehrende von jungen, her­ rum sein. Und in diesem Sinn sollte ein
anwachsenden Architektinnen und Archi­ Wandel stattfinden. Wir haben nämlich
tekten hat uns interessiert, wie man Kri­ immer noch Zwei- bis Dreibettzimmer in
sensituationen bewältigen kann bezie­ unseren Kliniken – das zu verändern ist
hungsweise einen Beitrag in Ländern leis­ eine echte räumliche Herausforderung.
ten kann, in denen das Gesundheitssystem Tatsächlich ist es so: Es gibt Evaluierungen,
weit hinten hängt. Wie man Systeme Promotionsarbeiten, die sich mit diesen
schafft, die dazu beitragen, dass Hilfe bei Themen befassen. Insbesondere im Zu­
der Bevölkerung ankommt. Und um über­ sammenhang mit der Normalpflege und
haupt zu einer Gesundheitsversorgung der Intensivpflege. Und dort ist man ei­
beizutragen. Da ist es so, dass wir uns seit gentlich klar zum Schluss gekommen,
langem mit der digitalen medizinischen dass insbesondere in der Intensivpflege
Versorgung, also der Umsetzung durch Te­ das Einbettzimmer ein Muss ist. Alles an­
lemedizin mittels Smartphone befassen. dere ist sehr bedenklich – aus hygieni­
Das Smartphone wird in unserer vernetz­ schen Gründen.
ten Welt wie selbstverständlich zum Kom­
munikationsträger. Nehmen Sie China, wo B: Erlebt man nicht ein soziales „Miteinan­
es zum Chat, zum Bezahlen, zum Einkau­ der“ in einem Mehrbettzimmer?
fen, einfach zu allem gebraucht wird. C N W : Da hat eine Hierarchisierung statt­
Auch zur Gesundheitsversorgung. Das gefunden. In einem Krankenhaus sollen
schließt auch den ganzen Überwachungs­ Sie nicht „gesund werden“. Im Kranken­
apparat ein, der über diese Technologie haus sollten Sie wirklich nur während der
funktioniert. Da ist die Gesundheit mitver­ Zeit der Gefahr, des Eingriffs, der Therapie,
netzt. Und diese Vernetzung systemisch zu der Diagnostik sein, um dann möglichst
denken, in baulichen Volumen – das ist, schnell in ein abgestuftes System der Re­
was wir architektonisch machen, und das habilitation überzugehen. Das ist viel ge­
ist auch ein Forschungsschwerpunkt. Ich eigneter. Da kann etwa ein Hotelbetrieb
denke, mit unserer sehr hoch entwickel­ angeschlossen sein, und falls es zu einem
ten Expertise im Gesundheitssystem in Rückfall käme, kann man sofort wieder
Deutschland sind wir wunderbar versorgt. Zugriff auf das Krankenhaus haben.
Nur möglicherweise in der Fläche nicht. Es gibt die medizinische Betreuung, und es
Obwohl wir hier sehr, sehr großen Auf­ gibt die Leichtpflege, die sowieso nicht
wand betreiben. kombiniert werden sollte mit etwas ande­
rem. Das kann das Personal sonst kaum
B: Was ist denn in diesem Zusammenhang bewältigen. Es erzeugt nämlich Stress,
der größte baulich-räumliche Bedarf? wenn mehr und mehr Patienten auf eine
C N W : Es gibt auch in Europa Beispiele da­ Pflegekraft verteilt werden. Als Architektin
für, wie man sich mit der Zentralisierung im weiß ich, dass das so gehen kann. Eigent­
Gesundheitswesen beschäftigt. Dazu ge­ lich sollten wir grundsätzlich Leichtpflege
hören regionale Schwerpunktkranken­ und Schwerstpflege voneinander unter­
häuser oder Universitätskliniken, die das scheiden. Und Co rona bedeutete
exzellente Wissen zentralisieren. Da muss Schwerst ­­p flege.

WEITER
26
B: Wenn diese Änderungen notwendig das Vorbild das Krankenhaus Nürnberg C NW: Dass diese strikten, strengen Raum­
sind, sind denn die bestehenden Gebäu­ Süd von der Architektengruppe Geisel­ programme, die eigentlich immer Min­
de anpassungsfähig? brecht, Ott und Zehentner; Joedicke und destraumprogramme sind, ein Ende ha­
C N W : Die sind vielfach nicht tauglich. Joedicke; Egeressy, Mayer und Haid; Rö­ ben. Das waren lediglich Mindestanforde­
Eine Pandemie ist überhaupt nicht mehr in der und Fukerider. Und es gab in Öster­ rungen, die man dort gestellt hat. Man hat
unseren Köpfen gewesen, das muss man reich ein Vorbild, von Anton Schweighofer, zum Beispiel überlegt, wie viel Platz brau­
ganz klar sagen. Vor 10 bis 15 Jahren ka­ der in Zwettl ein Krankenhaus gebaut hat. che ich um einen Gegenstand herum, da­
Er hat den Besuchern die Möglichkeit ge­ mit fünf Ärzte dort noch stehen können.
geben, von außen bestimmte Bereiche Die Bedingungen haben sich komplett
des Gebäudes zu erreichen, damit sie den geändert! Wir haben die Robotik und
Innenraum gar nicht betreten müssen, um Transportsysteme im Haus, wir haben die
dorthin gelangen müssen. Telemedizin. Es müssen ganz andere

„Ich glaube, Das ist etwas, das wir in unserem Büro ma­
chen. Das entspricht unserer Auffassung.
Strukturen geschaffen werden. Nachdem
ja eigentlich das Gesundheitswesen ein

das Wichtigste Darum sind wir auch zum Schluss gekom­


men, dass das Krankenhaus etwas Urba­
staatliches ist, von öffentlichen Mitteln fi­
nanziert, muss hier ein ganz schnelles, ra­

ist, zwei
nes ist, ein urbanes Gebilde, und dass die dikales Umdenken stattfinden, vor allem
Menschen, die nur zu Besuch kommen, mit unter Ärzten, Architekten und Logistikern.
dem Krankenhaus nichts zu tun haben Wie sind denn die Ströme? Die KI – künstli­
verschiedene dürfen, dessen Betrieb auch nicht stören che Intelligenz – spielt eine Rolle. Das
sollen. Und dass der Patient, der genesen muss alles zusammengebracht werden.
Wege zur will, auch eine entsprechende räumliche
Situation braucht, zumindest ein paar
Dazu muss man sich Gedanken machen,
und zwar schnell. Wie eine Regelstruktur

Verfügung zu Tage lang. Diese Nutzergruppen sollen


tatsächlich irgendwo verknüpfbar sein,
bestimmt werden kann. Da wird immer
noch jedes Eckchen irgendwo angepasst,

haben.“ aber nicht so, dass sich unentwegt die


Wege kreuzen. Die logistischen Prozesse
dass es noch kleiner wird und genau diese
oder jene Maschine reinpasst, die morgen
sind im Zusammenhang mit der Digitali­ schon nicht mehr da ist.
sierung und der räumlichen Organisation
eines Krankenhauses neu zu denken. B: Die Planung von Kliniken ist langwierig,
Auch in jedem ganz normalen Fall. es gibt viele Akteure ...
C N W : Soviel ich weiß, beschäftigt man
men die großen Warnungen; so richtig B: Das klingt nach einer echten entwerfe­ sich ohnehin damit. Es gibt entsprechen­
ernstgenommen hat man das damals rischen Herausforderung? de Expertengruppen. Die Einigung auf zu­
nicht, da es uns ja auch nicht betroffen C N W : Das ist überhaupt die Herausforde­ kunftsoffene Raumprogramme, das heißt,
hat: Es gab Ebola, da waren die Fälle weit rung! Das Personal hat ja auch einen modularer Aufbau bestimmter Qualitäten
weg. SARS hatte man schnell im Griff. Anspruch auf einen vernünftigen, gut wäre das Allerwichtigste. Wir haben je­
Vor 10 bis 15 Jahren hatten wir für China funktionierenden und ansprechenden Ar­ doch ein weiteres Problem, nämlich, dass
Infektionskrankenhäuser entworfen. Da beitsplatz. Dann haben die Patienten be­ in Deutschland das Gesundheitswesen fö­
gab es Wettbewerbe, um zu ermitteln, wie stimmte Bedür fnisse, wie gesagt, die deral aufgebaut ist. Kein Landrat gibt sein
echte Infektionskrankenhäuser aussehen Schwerstpflege so, die Leichtpflege an­ Krankenhäuschen auf, der will doch noch
können – schon etwas anders aus als ein ders – das sollte nicht vermischt werden. ein OPchen dranhaben. Er hat aber das
„normales“ Krankenhaus. Die Unterschie­ Die Besucher wollen ja eigentlich über­ Personal nicht dazu. Es geht nicht nur dar­
de zeigen sich beispielsweise in der Zu­ haupt nichts vom Krankenhausbetrieb um, Volumen irgendwo hinzustellen, son­
gangssituation von außen. mitbekommen. Vielmehr wollen sie wis­ dern es geht auch darum, hochgradig
Ich glaube, das Wichtigste ist, zwei ver­ sen, ob es den Angehörigen gut geht. spezialisiertes, exzellentes Personal nicht
schiedene Wege zur Verfügung zu haben: Da muss es eine entsprechende Atmo­ weiter zu streuen – die Einsicht, dass Exzel­
den inneren Weg und den äußeren Weg. sphäre geben, auch Erholungszonen. Und lenzzentren in Netzwerkquartiersnahen
Wir sehen jetzt gerade bei der Behand­ in der Summe müssen die unterschiedli­ Gesundheitseinrichtungen stehen.
lung von Corona-Patienten, dass der Be­ chen Bereiche voneinander getrennt wer­
sucher nicht mehr zum Patienten darf. Wie den können. Genau das macht es zu ei­ B: Liegt das Problem wirklich am Födera­
bringe ich die Patienten nicht in Gefahr? nem urbanen Gebilde. lismus?
Wie kann ich ebenso Gefahren für das Per­ Es wird oft gefordert, dass das Core, also C N W : Damit hängt folgendes zusammen,
sonal einschränken? Da ist das Einweg- das „eigentliche“ Krankenhaus, ein Ge­ was aus meiner Sicht ein Problem darstellt:
System, das oft aus wirtschaftlichen Grün­ bilde ist, das rein funktional die beste Die Finanzierung der Immobilie ist vom
den gewählt wird – so sparsam, wie es Qualität für das, was dort geschieht, bie­ Betrieb getrennt, und als Folge ist demje­
geht – ungeeignet. ten sollte. Es sollte normiert sein, damit es nigen, der die Immobilie finanziert, egal,
In den letzten Jahren ist meiner Meinung atmen kann, damit es wachsen und welche Betriebskosten anfallen, ob es nun
nach im Bau zu viel gespart worden – jeder schrumpfen kann. Das ist, glaube ich, die gut oder schlecht läuft. Das ist der Knack­
Zentimeter, der nur möglich war. In jedem Herausforderung. Und in Folge die Tren­ punkt. Ich würde heute den Betrieb und
Korridor zehn Zentimeter einsparen, das nung all dieser anderen Dinge: damit eine die E rrichtung zusammenfügen. Dann
geht doch auch, Platz zum Vorbeigehen Verkettung besteht, jedoch Abschnitte würde man sich viel mehr Gedanken dar­
braucht es ja nicht! Das ist einfach nicht abgetrennt werden können und dies den über machen, was denn eigentlich die
richtig. Vor mittlerweile 30 Jahren – das Fluss der internen Abläufe nicht stört. Ziele sind. Und die Ziele müssten immer
war die Zeit, in der wir uns mit dem akade­ eine kleine Region umfassen. Ob zwei
mischen Lehrkrankenhaus der LMU in B:Was möchten Sie mit Ihrem aktuellen Landkreise oder drei Landkreise zusam­
Agatharied beschäftigt haben, da war Vorschlag anregen? men genommen die richtige Konstellation
3. Frage Gesundheit 27
ist, darüber kann man diskutieren. Die Fra­ kommt der Besucher noch rein, auf dem bauen, wobei sich mehrere Module zu­
ge dabei ist, ob in zehn Kilometer Entfer­ gleichen Weg. Eine größere Belastung sammensetzen lassen, wenn sie gleichar­
nung zwei Häuser das gleiche schlecht kann man gar nicht haben. Man kann tig sind. Dann könnte ich auch schnell und
machen oder ob das eine Haus den einen nichts absperren, man kann nie einen Teil unkompliziert ergänzen oder nach einiger
Schwerpunkt erhält und das andere den zumachen, dann ist die ganze Abteilung Zeit auch wieder etwas wegnehmen, falls
anderen. Ob ein Modul dabei ist, das alles gefangen und eingesperrt. Das ist vom etwas nur eine zeitliche Erscheinung ge­
kann. Durch den Schwerpunkt steht die Flow her keine gute Lösung. Das Personal wesen sein sollte. Wichtig sind auch kleine
Expertise drei Landkreisen zur Verfügung. immer ins Dunkle zu setzen, ist auch nicht Einheiten. Wir haben heute riesige Einhei­
Dann können die Patienten im Fall von Co­ in Ordnung. Ich brauche es auch gar nicht ten. Das Problem ist dabei folgendes:
rona, wo noch nicht mal erfasst ist, ob ein so zu machen. Man kann sogenanntes Wenn ich einen Befall oder eine Infektion
Patient gleichzeitig Epileptiker ist, ange­ Lean Management am Patienten ma­ habe, muss ich immer diese riesige Einheit
messen behandelt werden. chen, mit einem kleinen Laptop. Im Kran­ schließen. Man kehrt auch wieder zurück
kenhaus kann der auch alles, der kann zur Idee des Pavillonkrankenhauses, weil
B: Wird es kurz- oder langfristig Konse­ alle Röntgenbilder und Untersuchungen ich von außen überall hinkomme und eine
quenzen für den Klinikbau geben? wiedergeben. Der dazugehörige Arbeits­ gute Vernetzung mit den anderen Struktu­
C N W : Ich denke, dass die Zentralisierung platz kann irgendwo sein. Mit der Hand ren möglich ist. Die Häuser, die Teil der
von Expertenwissen wichtig ist. Schauen wird ohnehin nichts mehr aufgeschrieben. Struktur sind, sind auch erkenntlich und
Sie nach Nordrhein-Westfalen, was Minis­ Das ist so. Und damit ändert sich die ganze sehen ein bisschen unterschiedlich aus.
terpräsident Laschet dort mit den Universi­ Raumst ruktur, weil ich dem Patienten
tätskliniken macht. Atemgeräte nützen mehr Raum geben kann. Den Raum, den B: Wenn es aber um ein innerstädtisches
nichts, wenn es keine entsprechend spezi­ er um sein Bett herum braucht, um noch Krankenhaus geht und man nur begrenzte
alisierten Mediziner gibt, weil die Behand­ ein bisschen mehr Autonomie zu haben. Flächen zur Verfügung hat?
lungsmethode sehr kompliziert ist. Ich Man muss ja auch an die Patienten und C N W : Stapeln! Dann stapelt man den ei­
glaube, dass dieses Denken, wie es in NRW die Pflege denken. Heute sind ja mehr nen Pavillon über dem anderen. Beim Uni­
stattgefunden hat, aus der Not entwickelt, denn je die Angehörigen gefragt, auch versitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ist
in unseren Alltag übergehen sollte. Ein bei Kindern und bei älteren Menschen so­ das so. Das ist eine innerstädtische Pavil­
weiteres gutes Beispiel sind die Nieder­ wieso. Das geht aber nur im Einzelzimmer. lon-Anlage mit einem Zwischengeschoss.
lande, dort kann man zur Bank gehen, sich Wenn sie im Vierbettzimmer die Angehöri­ In diesem sind die ganzen Lounges und
Geld holen und einen Betrieb aufbauen. gen auch noch drin haben ... Cafés und Erholungsflächen ebenso inte­
Wir haben exzellente Universitätsmedizi­ griert wie die Arbeitswelten – eben alles,
ner, exzellente Ärzte, die durchaus zu ei­ B:... dann ist es voll! was nicht krankenhaustypisch ist. Und
ner Steigerung der Qualität beitragen C NW: Der Krankenhausbetrieb hat sich oben drauf kommen die Pavillons, dreige­
können. Man könnte sich überlegen, ein auch so schon stark verändert. Der gebro­ schossig, die wie ein Netz darüberge­
Netz von Ärzten zusammenzuschließen chene Fuß ist im seltensten Fall noch im spannt sind. Letztlich bestehen nach un­
und zu fragen, wie ich die Bevölkerung er­ Krankenhaus. Wir haben heute ja wirklich ten in die introvertierten Diagnostik- und
reichen kann. weitgehend ambulantisiert. Ganz viele Therapiebereiche, wenn man so will, nur
Dinge funktionieren ambulant, danach wenige, offene Durchstoßpunkte.
B: Wenn für Corona-Patienten das Einzel­ geht man wieder nach Hause, selbst bei
zimmer am besten ist, gibt es weitere ar­ Herzerkrankungen. Es gibt jedoch durch­ B: Vielen Dank für das Gespräch!
chitektonische oder gestalterische As­ aus Krankheiten, die jetzt viel schwerer
pekte, die eine Rolle dabei spielen? verlaufen, als es vormals der Fall war. Das PLÄNE
C N W : Das Schlimmste, was man machen muss man dazu sagen. KLINIK BONN
kann, ist der berühmte Dreibund. Man AUF SEITE 33
plant West- und Ostseite mit Zwei- und B: Ich frage mich gerade, was das für den
Dreibettzimmern und in der Mitte, im Raumbedarf bedeutet?
Dunklen, den Schwesternstützpunkt und C N W : Es bedeutet mehr Raum. Ein Einzel­
die zugehörigen Nebenräume. Das heißt, zimmer heißt mehr Raum. Für diese Struk­
ich habe zwei Korridore, in denen sauber tur stellt sich die Frage, ob ich noch so vie­
und schmutzig hin und her gehen. Dann le Betten brauche, wie ich vormals ge­
braucht habe. Möglicherweise kann ich
das auch in Strukturen schaffen, die ähn­
lich der jetzigen sind. In Volumen, die den
jetzigen Volumen ähnlich sind. Es ist aber
auch eine andere Volumetrie möglich.

„Es findet
Man muss s ich übe r l egen, wo man
Schweste rndienst plä tze b raucht. Ich
brauche einen Arbeitsplatz innen, der
immer mehr darf aber auch ein bisschen weiter weg
liegen, weil die Arbeit sowieso am Patien­
in diesem ten stattfindet. Das ist auch kein Problem
mehr bei kleineren Untersuchungen, weil

einen andere Patienten im Einzelzimmer nicht


zuschauen können. Es findet immer mehr

Krankenzimmer in diesem einen Krankenzimmer statt.


Auch in der Intensivpflege, wo wir viel zu
wenig Einzelzimmer haben. Die Grund­
statt.“ strukturen müssen auf einem Modul auf­
28 3. Frage Gesundheit
Eltern-Kind-Zentrum
Die Neubauten vermitteln zwischen den bestehenden Cam­
pusbauten und dem umgebenden Naturraum. Sie passen
sich dabei der Hangkante des Venusbergs an.
29
Dem ELKI vorgelagert
ist ein begrünter Platz ELKI, Universitätsklinikum Bonn
mit Sitzgelegenheiten.
Die Wegeverbindun­
gen zwischen Platz und
Klinikpark regen Pati­ Was wie ein Kose- auf jeder Etage als
enten und Besucher name klingt, ist die Treff-und Orientie­
zum Spaziergang an. Abkürzung für das rungspunkt. Die
neue Eltern-Kind- Wege von Besu­
Zentrum des Uni­ chern und Personal
versitätsklinikums werden weitestge­
Bonn: Das ELKI wur­ hend separat ge­
de in diesem Jahr führt, um den Klinik­
fertiggestellt und betrieb von Störun­
bildet den Auftakt gen zu befreien.
und die neue Mitte
für den Campus der Die Flexibilisierung
Universitätsklinik von Arbeitsberei­
am Venusberg. Für chen und die ge­
den Neubau, in dem schossweise Tren­
Kinderheilkunde nung von Funktio­
und Geburtshilfe nen kommt den
vereint sind, setzten Patienten in der
Nickl & Partner Gestalt von verfüg­
Architekten trapez­ barem Raum zugute.
förmige Baukörper Die organisatorisch-
rund um drei Innen­ funktionale Diffe­
höfe zu einer Groß­ renzierung wird
form zusammen. räumlich-gestalte­
Die Pflegebereiche risch unterstützt,
befinden sich dabei etwa durch dunkel
vollständig auf den umrahmte Glastüren
oberen Geschossen. zwischen hellen
Alle Bettenzimmer Korridorbereichen.
verfügen dort über Die klare Raum­
einen freien Aus­ sprache wird durch
blick auf die umge­ farbliche Variatio­
bende Landschaft. nen komplementiert
– ein Motiv, das
Im Eltern-Kind-Zen- sich entlang der
trum wurden Ziele Fassade fortsetzt.
umgesetzt, die aus Die geschosshohen,
der Sicht der Archi­ verschiebbaren
tekten für die Zu­ Paneele aus Streck­
kunft des Klinikbaus metall weisen unter­
wesentlich sind. schiedliche Farb­
Das ELKI ermöglicht gebungen in Oran­
die Zentralisierung ge, Gelb und Grün,
von Expertenwissen kombiniert mit dem
an einem Ort. Grundton Weiß, auf.
Unterstützt wird dies
durch ein Erschlie­
ßungsnetz, das so­
wohl verbindet als
auch trennt: Eine
zentrale Halle dient
30
3. Frage Gesundheit 31

1 3
2 4

1+2 Die Blick­ 3 Geburtsraum


achsen zur Parkan­ „Beethoven“ mit
lage verstärken Kunst am Bau:
den Bezug zwischen Der Sternenhimmel
Innen- und Außen­ an Beethovens
raum. Links oben Geburtstag ziert
der Eingangs­ die Wände.
bereich, darunter:
Hybrid-OP 4 Verbindungs­
gang zur Tages-
klinik Onkologie.
Auch hier gibt
es Kunst am Bau –
von Birte Bosse.
32 3. Frage Gesundheit
BAUHERR:
Universitätsklinikum Bonn,
Geschäftsbereich 7 –
Baumanagement

ARCHITEKTEN:
Nickl & Partner Architekten,
München
Christine Nickl-Weller,
Hans Nickl, Nils Langbein,
Heike Sigel, Anna-Lena
Schnell, Julia Rings,
Thomas Baerwolff, Dimitri
Zhuikov,Bernhard Steinmetz,
Harald Schütze, Ulrich
Reusch, Christina Zejnelovic

TR AGWERKSPL ANER:
Mathes Beratende Ingenieure,
Chemnitz

TGA:
Ingplan GmbH Marburg,
Passau Ingenieure GmbH,
Düsseldorf

MEDIZINPLANUNG:
Curatis GmbH, Eschborn

BETRIEBSORGANISATION:
Planungsgruppe M+M AG,
Dresden

PLANUNG TECHNISCHE
INFRASTRUKTUR:
Björnsen Beratende
Ingenieure GmbH, Koblenz

BAUPHYSIK:
Schwinn Ingenieure
Bauphysik + Akustik, Bonn

BRANDSCHUTZ:
Kempen Krause Ingenieure
GmbH Fachbereich Brandschutz,
Aachen

FRE IANL AGE NPL ANER/


VERKEHRSPLANUNG:
AO Landschaftsarchitekten
Stadtplaner und
Ingenieure Mainz GmbH

PLANUNG:
2013 bis 2019

ERÖFFNUNG:
Mai 2020

Die geschosshohen, STANDORT:


verschiebbaren Venusberg-Campus 1,
Paneele aus Streck­ ehemals:
metall in warmen Sigmund-Freud-Straße 25, Bonn
Farben tragen
wesentlich zur sanf­
ten Lichtstimmung
im Inneren bei.
33

Schnitt AA Schnitt BB

Pädiatrische Intensivstation Pflege Kinderheilkunde 3

M 1:1. 0 0 0
Physio

Entbindung

Dienst

OP
Pflege Neonatologie Pflege Kinderheilkunde 2

Pflege Kinderheilkunde 1

2. Obergeschoss 3. Obergeschoss

Wöchnerinnenpflege

Gynäkologische
Ambulanz

Hörsaal Cafeteria

A A
Aufnahme
Pädiatrische
Ambulanz
B
Info B

Notfall Pflege Neonatologie

Radiologie Pflege Geburtshilfe


Erdgeschoss 1. Obergeschoss
34

Der Architekt
als Projektent-
wickler –
nur bauen,
was wirklich
gebraucht wird
?
( Projekt ) ( Interview )
LOVO in Berlin Alexander Russ

( Architekten )
Christoph Wagner ( Fotos )
Architekten Eric Tschernow,
mit Wenke Schladitz Anja Weber
4. Frage Vielfalt 35
Bunte Mischung
Das LOVO, ein Berliner Wohnhaus für LGBT-Menschen und
Flüchtlinge, wurde von Christoph Wagner Architekten und
dem Künstler Ulrich Vogl initiiert. Wir sprachen mit Christoph
Wagner und der Architektin Wenke Schladitz über die Hinter­
gründe des Projekts und was es bedeutet, als Architekt die
Rolle des Projektentwicklers zu übernehmen.

B
AUMEISTER: Das LOVO ist ein Wohnhaus der Nachbarschaft, wo es egal ist, ob je­
für 30 LGBT-Menschen und Flüchtlinge mit mand schwul, lesbisch oder heterosexuell
Betreuungsbedarf in Berlin. Es wurde von ist. Deshalb gibt es auch eine Ladenein­
Ihnen, Herr Wagner, und dem Künstler Ul­ heit im Erdgeschoss und drei Maisonette-
rich Vogl initiiert. Können Sie uns erzählen, Wohnungen im fünften Obergeschoss zur
wie das Projekt zustande kam? Miete.
C H R I S T O P H W A G N E R : Ulrich Vogl ist seit
18 Jahren mein Partner, sowohl beruflich B: Wer wohnt in den Maisonette-Wohnun­
als auch privat. Wie viele andere Archi­ gen?
tekten in Berlin haben wir Baugruppen­ W E N K E S C H L A D I T Z : Wir dachten bei der
häuser entwickelt. Das heißt, wir haben Nutzung zunächst an Wohngemeinschaf­
Grundstücke aufgetan und die Informati­ ten für LGBT-Menschen, weil wir möglichst
on gestreut, dass es die Möglichkeit einer vielen Leuten helfen wollten. Gerade in
Baugruppe gibt. So fing es auch beim den Aufnahmelagern für Flüchtlinge gab
LOVO zunächst an. Das Projekt hat sich es immer wieder Vorfälle, bei denen Ge­
dann aber ganz anders entwickelt. Wir flüchtete von ihren homophoben Lands­
haben 2014 ein Grundstück direkt am leuten ausgegrenzt wurden. Aber tat­
Bahnhof Ostkreuz zu einem relativ günsti­ sächlich wohnen da jetzt auch Hetero-
gen Preis erworben. Danach ging die Ent­ paare, denn die Wohnungen sind frei auf
wicklung der Grundstückspreise in Berlin dem Markt verfügbar. Und das ist auch gut
rasant nach oben. so, weil das Haus dann nicht stigmatisiert
wird.
B: Wie kam es zur neuen Nutzungsidee für
das Grundstück? B: Das Haus muss vielen Nutzern gerecht
C W : 2015 kam die Flüchtlingskrise. Das werden. Es ist nicht nur für schwule, trans­
führte dazu, dass wir ein Projekt für Flücht­ sexuelle und intersexuelle Menschen ge­
linge machen wollten. Da wir ein schwules dacht, sondern auch für Flüchtlinge, älte­
Paar sind, wollten wir das auch mit einem re Menschen und Menschen mit Behinde­
Angebot für unsere Zielgruppe verbinden. rungen. Hinzu kommen die gerade er­
Für diese Kombination haben wir einen wähnten Mietwohnungen. Wie haben Sie
Partner gesucht. die damit verbundenen Anforderungen
architektonisch umgesetzt?
B: Diesen haben Sie dann mit der Berliner W S : Eine Vorgabe war es, acht Zimmer pro
Schwulenberatung gefunden ... Wohn­g emeinschaft zu realisieren. Das
C W : Ja, allerdings nicht sofort. Wir haben war eine große Einschränkung, da auf­
aber gesehen, dass die Schwulenbera­ grund des begrenzten Grundstücks nur
tung ein weites Aufgabenfeld hat und un­ wenig Fläche zur Ver­fügung stand. Da­
ter anderem auch betreutes Wohnen an­ durch blieb wenig Raum, um öffentliche
bietet. Dadurch hatten wir einen Partner, und halböffentliche Bereiche zu schaffen,
der programmatische Ideen einbringt die das Zusammenleben als Angebot und
und Impulse setzt – zum Beispiel, was man nicht als Verpflichtung ausformulieren.
aus dem doch eher begrenzten Grund­ Deshalb war uns ziemlich schnell klar,
stück machen kann. Der Schwulenbera­ dass wir den wenigen ver­b leibenden Platz
tung war es auch sehr wichtig, dass es ein gut nutzen und zum Stadtraum hin öffnen
durchmischtes Haus ist. Es sollte eben müssen. Beispiele dafür sind der Durch­
nicht das „schwule Haus“ am Ende der gang zum Garten im Erdgeschoss, das of­
Straße sein, sondern ein neuer Baustein in fene Treppenhaus und der Laubengang

WEITER
36 4. Frage Vielfalt
im fünften Geschoss, die alle Erschlie­ heit gewählt, aber beim Betreiber des Ca­ Ort funktionieren. Es ist in Berlin noch
ßungsflächen sind, aber zugleich Begeg­ fés gegenüber, der ansonsten begeistert möglich, Zugriff auf Grundstücke zu erlan­
nungen und eine lebendige Nachbar­ vom Haus ist, haben die Gitternetze Asso­ gen, aber es ist in der Tat in den letzten
schaft fördern. ziationen mit einem Gefängnis hervorge­ Jahren schwieriger geworden. Der Markt
rufen – bisher zum Glück eine Einzelmei­ ist hart umkämpft. Dazu ein konkretes Bei­
B: Gerade der Laubengang ist ein interes­ nung. spiel: Wenn man ein Grundstück für unter
santer Fall, da er ein Verbindungselement einer halben Million kauft und zwei Mona­
z wischen den Heteropaaren und der B: Eine Besonderheit der Entstehungsge­ te später einen Anruf von einem Investor
queeren Community darstellt. Wie wer­ schichte des Hauses ist es, dass Sie, Herr erhält, der einem 1,7 Millionen Euro dafür
den diese öffentlichen und halböffentli­ Wagner, nicht nur der Architekt, sondern bietet, dann weiß man sofort, dass man
chen Bereiche angenommen? auch ein Projektentwickler mit sozialer das Grundstück zwar nicht verkaufen will.
C W : Das kann ich nicht abschließend be­ Agenda waren. Ist das nur ein Ausnahme? Aber es gibt trotzdem Momente, in denen
antworten, sondern nur an Beobachtun­ C W : Das ist genau der zentrale Punkt: man innehält und überlegt, was man mit
gen festmachen. Die Bewohner der mittle­ Wenn man Architektur als etwas Ganz­ dem ganzen Geld alles projek tieren
ren Maisonette-Wohnung haben zum Bei­ heitliches begreifen will, dann kann man könnte. Der Markt hält Versuchungen be­
spiel Hunde, und zwei der Bewohner dar­ dem als Auftragnehmer für beispielsweise reit.
unter haben auch Hunde. Das ist dann einen Investor in der Regel nicht gerecht W S : Und es gibt generell keine innerstäd­
eine Gemeinsamkeit, und der of fene werden. Entwickelt man Projekte dage­ tischen Grundstücke mehr, nur noch Rest­
Charakter des Hauses, gerade in Bezug gen von Anfang an, ist die Einflussnahme flächen die extrem kompliziert zu entwi­
auf die Erschließung, erleichtert den Aus­ auf Konzept und Programm viel weitrei­ ckeln sind. Das macht es auch für Bau­
tausch. Aber gleichzeitig ist es auch so, chender möglich. Wir sind in Deutschland gruppen schwierig. Viele Kollegen versu­
dass sich die WG-Bewohner bisher eher aber in der glücklichen Lage, dass der chen deshalb, Projekte auf dem Land in
selten auf dem Laubengang aufhalten, Grundstücksmarkt es uns immer noch er­ Brandenburg zu entwickeln.
obwohl er breit genug wäre, um als Ge­ möglicht, solche Projekte zu verwirkli­ C W : Ich glaube allerdings, dass der Miet­
meinschafsfläche zu funktionieren. In chen, selbst wenn man nur begrenzte Mit­ druck auch positive urbane Effekte hat,
dem sehr kleinen Hof hingegen entsteht tel hat. Auch wenn die Situation aufgrund dass dadurch weniger populäre Stadtteile
gerade mit viel Eigeninitative ein Garten, der steigenden Grundstückspreise we­ zum Wohnen in Betracht gezogen werden.
in dem sich nicht nur die Bewohner aufhal­ sentlich komplizierter geworden ist. Zur Das können wir Menschen, die in der Mit­
ten, sondern auch Kinder aus dem Nach­ sozialen Agenda des Projekts würde ich te-Berlin-Blase leben, uns vielleicht jetzt
barhaus spielen. Es ist ja gerade das gerne noch sagen, dass uns diese sehr noch nicht vorstellen. Aber vielleicht än­
Spannende zu sehen, wie die Raumange­ wichtig war. Es ist aber gleichzeitig auch dert sich das dadurch ja und vergrößert
bote gedeutet und angenommen wer­ ein Projekt, das mal unsere Rente sichern somit unseren städtischen Möglichkeits­
den. soll. Meiner Meinung nach ist es nicht mo­ raum.
W S : Es war uns sehr wichtig, dass die Er­ ralisch verwerflich, damit in angemesse­
schließungsbereiche eine Qualität ha­ nem Maße auch Geld zu verdienen. Das PLÄNE AUF
ben. Die offene Betontreppe verzahnt sich bedeutet aber gerade nicht, den maximal SE ITE 41
auf sehr schöne Weise mit dem Baumbe­ möglichen Profit aus dem Projekt zu quet­
stand. Die Äste ragen fast schon ins Trep­ schen. Also eine ganz andere Denkweise,
penhaus hinein. Ein anderes Beispiel sind als sie üblicherweise auf dem Real-Esta­
die durchgehenden Balkonbänder zur te-Markt zu finden ist. Wir haben diese
Straßenseite, die die Zimmer untereinan­ Idee nicht erfunden, aber wir haben sie für
der verbinden und von den BewohnerIn­ uns als sehr tauglich entdeckt und werben
nen gut angenommen, individuell genutzt für diese Erweiterung unseres „Berufsver­
und gestaltet werden. Die bieten die Mög­ ständnisses“.
lichkeit, mit dem Stadtraum zu kommuni­ W S : Projektentwicklung ist aber auch
zieren und so ein Teil des Kiez zu werden. nicht jedermanns Sache. Es ist mit Risiken
Das ist das Schöne an dem Projekt, dass es verbunden. Es kann immer zu unvorher­
nicht irgendwo in der Peripherie steht, sehbaren Verzögerungen beim Bau kom­
sondern in einem lebendigen Stadtteil, in men, zum Beispiel durch Altlasten des
dem jeder wohnen möchte. Grundstücks oder durch das Intervenie­
ren der Nachbarn. Das damit verbundene
B: Wie wird das Haus in der Nachbarschaft finanzielle Risiko trägt man dann selbst.
angenommen? Und es gibt ohnehin genügend Vorschrif­
C W : Die Schwulenberatung hat am An­ ten und Verordnungen, die man als Archi­
fang einen Tag der offenen Baustelle ins tekt kennen muss. Dazu kommt dann noch
Leben gerufen. Bei der Eröffnung des Hau­ der finanzielle Aspekt. Das Ganze ist
ses wurde die Nachbarschaft ebenfalls schon eine enorme Anstrengung, hat aber
eingeladen. Bei den Gesprächen, die wir den Vorteil, dass man das Programm
in diesem Rahmen geführt haben, gab es selbst bestimmen kann.
immer positive Rückmeldungen. Viele Eingangsseite an
fanden es gut, dass dort nicht schon wie­ B:Herr Wagner, Sie haben gerade die stei­ der Bahnhofstraße.
der ein Haus mit Eigentumswohnungen genden Grundstückspreise erwähnt. In­ Erstes bis viertes
entsteht. In Bezug auf die architektoni­ wieweit sind Projekte wie das LOVO in Geschoss sind
sche Gestaltung gab es aber auch Kritik. Zukunft überhaupt noch umsetzbar? Wohngemeinschaf­
Zum Beispiel am Stahlnetz als Absturzsi­ C W : Ein Grundstück an diesem zentralen ten mit bis zu acht
cherung für die Balkone. Das hatten wir Ort zu finden war ein Glücksfall, aber das Zimmern vorbe­
aus Gründen der Transparenz und Offen­ LOVO würde auch an einem periphereren halten.
37
Das LOVO
Das Mietshaus steht nicht nur LGBT-Menschen und Flücht­
lingen, sondern auch allen anderen Wohnungssuchenden
offen. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem.
38 4. Frage Vielfalt
39
1 Die Gartenfas­ 2 +3 Drei Maiso­
sade auf der Süd­ nettewohnungen
westseite zum still­ teilen sich die
gelegten Bahn­ oberen beiden
damm bietet eine Geschosse. Unten:
kleine Grünfläche. Schnappschuss
von der Eröffnungs­
party

1 2
3
FOTO RECHTS UNTE N: WE NKE SCHL ADIT Z
40 4. Frage Vielfalt
41

1 3
2 4

1+2 Günstige 3+4 Ein WG-Zim­


Mietpreise – inzwi­ mer, oben bewohnt
schen selten in und unten unbe­
Berlin. Aber nicht wohnt. Der Innen­
nur deshalb ist das ausbau besteht
Mietshaus ein Er­ aus einfachen Ma­
folg: Die Mischung terialien und gut
macht‘s. Oben links: durchdacht.
Gemeinschafts­
küche im 1. OG
42

Queer

Queer
Du bist

2.2020
archithe

Queer
#70Y E A R S Z UM TOB E L

C H F 2 8 . – | E U R 24 . –
ECOOS II Die schriftenreihe wird neu vom Verein pro
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24 Euro,
96 Seiten,
ISBN
978-3-03862-247-5

Unsere Schweizer
Kollegen von der
archithese feiern
Freiheit, Vielfalt
und Queerness
auch in der Archi­
tektur. Das Heft
will Potenziale
aufzeigen, die
der Diskurs rund
um Gender, die
von der hetero-
sexuellen Norm
abweichen, ent­
falten kann.

BAUHERR: TR AGWERKSPL ANER: BRANDSCHUTZ:


Neue Bahnhofstraße 1a GBR, DBV Ingenieure, Peter Stanek
Berlin Berlin Berlin

ARCHITE K T: PROJEKTSTEUERUNG: LICHTPLANUNG:


Christoph Wagner buero eins punkt null Studio De Schutter
Architekten Berlin Berlin
mit Wenke Schladitz
HAUSTECHNIK: FERTIGSTELLUNG:
MITARBE ITE R: Dernbach Ingenieure März 2019
Oben: kleiner Stefan Tietke, Berlin
Luxus – eine der Rainer Krautwurst, STANDORT:
Maisonette­ Nabih Alshaikh, BAUGRUND- Neue Bahnhofstraße 1a,
wohnungen im Eyal Perez, GUTACHTE N: Berlin
5. und 6. OG Henning Hesse Bindszus Berlin
4. Frage Vielfalt 43

6. OG
Maisonettewohnungen (obere Ebene)

Querschnitt 5. OG
Maisonettewohnungen (untere Ebene)

2 2
M 1: 2 5 0

5
3. OG
Regelgeschoss
Wohngemeinschaft (1. bis 4. OG)

1 Café Transfair
6
2 Büro/Gewerbe
3 offener Durchgang
4 offenes Treppenhaus
5 Sitzstufen
EG 6 stillgelegter Bahndamm
44 Sonderführung mit ...
... Franziska Stöhr M THE
ZU M
R

A
H

LE
E
BAU
Gastkuratorin der Ausstellung „Was, wenn ...?

SE N SIE
MEISTER.
Zum Utopischen in Kunst, Architektur und Design“

G.
DE

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B N

im Neuen Museum, Nürnberg


UN
SE REM

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/
bis 20.9.2020 B A U M E I S T E R : Wie kommen
Sie auf das Thema der Uto­
Perspektiven. Mir war es
allerdings auch wichtig, die
thode betrachtet, sozusagen
als eine Methode des Den­
pie? ambivalente Geschichte kens und nicht als Ziel. Damit
FRANZISKA STÖHR: In den der Utopie zu reflektieren. gewinnt die Utopie für die

ILLUSTR ATION: WAI ARCHITEC TURE THINK TANK (CRUZ GARCIA & NATHALIE FR ANKOWSKI)
vergangenen fünf Jahren sind Sie wurde bei Weitem nicht Gegenwart unmittelbar Be­
unsere gesellschaftlichen nur positiv bewertet. Beson­ deutung. Das Denken über
Diskurse oft sehr stark ins ders im 20. Jahrhundert neue Zukünfte und alternati­
Oben: „Cities of the Negative gekippt. Man for­ wurde ihr immer wieder der ve Perspektiven betrifft auf
Avant-Garde“, 2011 muliert nicht mehr, was man Vorwurf gemacht, dass sie diese Weise ein sehr aktuelles
bis 2020, von WAI eigentlich machen möchte, zu Totalitarismen führt. Anliegen, das Potenzial der
Architecture Think sondern was man nicht ma­ Utopien für eine produktive
Tank (Cruz Garcia + chen möchte. Für mich war B:Ist da was Wahres dran? und offene Gesellschaftsdis­
Nathalie Frankowski) das ein Anlass zu schauen, F S:Utopie führt nicht kussion auszuloten. In den
welche Beiträge es in Kunst, zwangsläufig zu Totalitaris­ letzten zehn Jahren wurde
Architektur und Design gibt, mus, auch wenn sie zu die­ zudem und zunehmend dis­
um eine produktive und offe­ sem Zweck instrumentalisiert kutiert, dass durch einen
ne Gesellschaftsdiskussion werden kann. Man muss sich Mangel an Utopien den ge­
anzustoßen. Diese Bereiche daher Gedanken darüber sellschaftlichen Debatten
können kreative Motoren machen, welchen Utopie­ eine treibende Kraft fehlt.
für unsere Gesellschaft sein, begriff man heute eigentlich Nicht nur in Kunst, Architektur
und das Utopische öffnet ent­ nutzt. Für mich ist die sozial­ und Design, sondern auch
sprechende geistige Freiräu­ wissenschaftliche Perspekti­ in der Politikwissenschaft
me für ein Denken über neue ve von Ruth Levitas span­ und anderen Disziplinen wird
Zukünfte und alternative nend, die die Utopie als Me­ die Forderung nach neuen

Das Gespräch führte Mark Kammerbauer


Utopien lauter, und dem chem Verhältnis stehen Indi­
schließt sich auch die Aus­ viduum und Gesellschaft,
stellung an. Ich habe bewusst persönliche und gesellschaft­
darauf verzichtet, Dystopien liche Utopien? Dann gibt es
zu behandeln. Das wäre ein Kapitel zur „Kraft der Ima­
natürlich Teil der üblichen gination“. Hier sind abstrak­
Betrachtungsweise der Uto­ tere Werke zu sehen, die zum
pie mit ihrem Gegenspieler. einen die These verdeutli­
Das Anliegen der Ausstellung chen, dass man einen geisti­
war jedoch, den Fokus auf gen Freiraum braucht, um
Positionen zu lenken, die Utopien zu denken, und zum
mit positiven Formulierungen anderen die Utopie selbst
offene und weiterführende zum Thema beziehungsweise
Prozesse anstoßen, ohne zur Methode des künstleri­
den moralischen Zeigefinger schen Schaffens machen.
zu heben. Das letzte Kapitel widmet sich
„Alternativen Perspektiven“
B: Was erwartet die Besucher? zur Technologie und Natur,
FS: Die Ausstellung hat fünf denn technologischer Fort­
Kapitel mit Beiträgen aus schritt und Natur, Nachhaltig­
Kunst, Architektur und Design. keit, Umwelt sind für uns ganz
Insgesamt blickt die Utopie aktuelle Themen. Was schla­
auf eine Geschichte von gen also Akteure aus Kunst,
über 500 Jahren zurück. Architektur und Design für
Da es aber um das aktuelle diese Themen vor? Welche
Anliegen neuer Utopien für Alternativen gibt es, wie sind
das 21. Jahrhundert geht, die Blicke darauf gestaltet?
habe ich ganz bewusst den
Schwerpunkt auf die Gegen­ B: Die Ausstellung erzählt also
wart gelegt. Es sind dazu eine Art Geschichte ...
gezielte Referenzen auf die F S : Das tut sie auf jeden Fall.
60er- und 70er-Jahre zu fin­ Es gibt eine klare Narration,
den. Warum? Das ist bis heute wenn man aus dem Stadt­
ein wichtiger gedanklicher raum in das Museum eintritt
Referenzraum für die heutige und die Ausstellung besich­
Lebenswelt. Die 60er-Jahre tigt. Im Ausstellungskatalog
sind das erste Jahrzehnt nach ist dieser Rundgang als Text
den zwei Weltkriegen, nach zu lesen. Für mich war jedoch
diesen massiven Erschütte­ wichtig, dass es eine Aus­
rungen, in dem wieder positi­ stellung ist, die man sich
ve Entwürfe geschaffen wur­ ansehen kann, ohne extrem
den und in dem man wieder viel lesen zu müssen und ®
wagte, global zu denken – dabei von der Historie der
ein Thema, das für uns heute Utopie und der Literatur dazu
auch extrem wichtig ist. Die überfordert zu werden.
Ausstellung ist entsprechend
thematisch geordnet. B: Wo liegen Ihrer Meinung
nach die Grenzen der Utopie?
B: Was enthalten die einzel­ F S : Das ist eine gute und
nen Kapitel? schwere Frage. Ich denke,
F S : Es gibt ein Kapitel „Staa­ es gibt mehrere Grenzen.
ten und Staatengemein­ Eine, die nicht überschritten
schaften“, weil der Staat für werden darf, ist die Instru­
die Utopie ganz zentral ist. mentalisierung, wenn es um
Das nächste Thema ist „Stadt totalitäre Systeme geht.
und Stadtstrukturen“, sozusa­
gen die nächst kleinere Ein­ B: Und wie macht sich eine
heit, das ebenfalls stets ein Utopie am besten verständ­
wichtiges inhaltliches Feld lich?
war und bis heute ist. Es folgt F S : Sie muss eine Greifbarkeit
ein Kapitel zu „Individuum haben, sie muss eine Zugäng­
und Gesellschaft“. Jeder, lichkeit haben, denn eine
der an Utopien denkt, denkt Utopie funktioniert am besten
sie erstmal singulär, für sich. dann, wenn man eine Mei­
Und dann stellt sich die Frage, nung dazu haben kann, wenn Made in Germany

BLACK EDITION
wie trägt man das in die Ge­ sie eine Resonanz zur Folge
sellschaft hinein und in wel­ hat.

www.top-light.de
46

Baustoffe
mit Geschichte:
Bestands­
gebäude
als Material­
ressource
?
( Projekt ) ( Kritik )
Kita Karoline Goldhofer Claudia Fuchs
in Memmingen

( Architekten ) ( Fotos )
heilergeiger architekten Nicolas Felder
5. Frage Recycling ( A ) 47
Eine Villa wird zur Kita
Am Stadtrand von Memmingen haben die Kemptener
Architekten Jörg Heiler und Peter Geiger ein Wohnhaus aus
den 1960er-Jahren mit einer Hülle aus Polycarbonat um­
geben, die den Altbau dämmt, passive Solargewinne nutzt
und neue Räume schafft. Entstanden ist ein lichtdurchström­
tes, vielschichtiges Haus für Kinder, das auf dem Vorhan­
denen aufbaut und Ressourcenschonung erlebbar macht.

L
eicht, licht, minimalistisch – der erste Ein­ die Qualitäten des Vorhandenen sowie
druck der Karoline-Goldhofer-Kita mit ih­ die Geschichte des Wohnhauses erlebbar
ren in den Garten ausstrahlenden Flügeln machen. Die Kemptener Architekten ge­
und transluzenten Fassaden lässt nicht wannen die von der Alois-Goldhofer-Stif­
vermuten, dass sich das Gebäude aus ei­ tung ausgelobte Mehrfachbeauftragung
ner Villa der 1960er-Jahre entwickelt hat. unter drei Architekturbüros mit ihrem Kon­
Auch das Innere überrascht mit einem zept, den Altbau so weit wie möglich zu
lichtdurchströmten Raumkontinuum, das erhalten, als Kern der Kita zu gestalten und
überspannt wird von verglasten Oberlich­ mittels einer neuen Gebäudehülle zu er­
tern. Dennoch ist an vielen Stellen der Alt­ weitern und energetisch zu sanieren. „Ele­
bau präsent: Die Ziegelfassade hinter der mentar war für uns dabei, dass nicht ge­
neuen Hülle aus Polycarbonatplatten, der gen die Schwächen, sondern mit den Stär­
Türbogen aus Naturstein, der offene Ka­ ken des Bestands gearbeitet wird“, erläu­
min verweisen auf die früheren Eigentü­ tert Jörg Heiler. So wird das alte Wohnhaus
mer, die ihr Wohnhaus in ihre Stiftung ein­ der Stifterfamilie weitergenutzt und des­
brachten, um es Kindern zur Verfügung zu sen Substanz aktiviert. Das Projekt unter­
stellen. Auf Initiative der Stiftung sollte stützt auf diese Weise die Zirkularität beim
eine individuelle Kita entsprechend der Bauen. Zudem wird zusätzliche graue
Reggio-Pädagogik entstehen. Von Loris Energie vermieden.
Malaguzzi in den 1970er-Jahren entwi­
ckelt und erstmals in Reggio Emilia reali­ Den Bestand aktivieren
siert, sieht die Pädagogik Kinder als ei­
genständige, selbstbestimmte Persön­ Die Architekten entwickeln eine überzeu­
lichkeiten, die sich ihren Stärken und gende Symbiose aus Alt und Neu. Die drei
Möglichkeiten entsprechend entfalten ehemals verbundenen Gebäudeteile –
sollen. Forschergeist und Entdeckungs­ Wohnhaus, Garage und Schwimmbad –
freude sind zentrale Aspekte, und so wird wurden freigestellt und in eine vorgesetzte
den Kindern viel Freiheit gelassen, die zweite Haut aus recycelbaren Polycarbo­
Umwelt zu erkunden und ihre Fähigkeiten natstegplatten integriert, die den Altbau
zu entwickeln. Dies sollte von der Archi­ umspielt. 75 Prozent des Bestands konnten
tektur in ein Raumkonzept umgesetzt wer­ auf diese Weise erhalten werden. „Die
den, dessen unterschiedliche Orte zum neue Hülle erlaubt es, die Bestandswände
forschenden Lernen einladen. ungedämmt zu belassen und die energe­
tische Sanierung – im Gegensatz zu Wär­
Umfassendes pädagogisches und medämmverbundsystemen – architekto­
architektonisches Konzept nisch, räumlich zu lösen“, erläutert Peter
Geiger. „Die entstehenden Zwischenräu­
Den bewussten Umgang mit der Umwelt me sind mit Bezug auf den Freiburger Ar­
und natürlichen Ressourcen enthalten die chitekten Günter Pfeifer als kyberneti­
Reggio-Prinzipien ebenso wie das Wie­ sches Zusammenspiel von Raum, Kons-
der ver wenden des Gebrauchten. Der truktion und Gebrauch konzipiert.“ Sie
sorgsame Umgang mit dem Bestand, sind Raumerweiterung und Bestandteil
Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung des nachhaltigen Energiekonzepts zu­
sind auch zentrale Grundgedanken von gleich: Sie dienen als flexible Gemein­
Jörg Heiler und Peter Geiger bei vielen ih­ schaftsbereiche und nutzen den Licht-
rer Projekte, die sich im Kita-Gebäude auf und Wärmeeintrag über die Gebäudehül­
besondere Weise zeigen und den Kindern le als „Sonnenkollektor“. Die passiv ge­

WEITER
48 5. Frage Recycling ( A )
wonnene Wärmeenergie wird an kalten fen Baukörper zu belichten. So entsteht
Tagen zudem zur Vorkonditionierung der eine funktionale wie auch atmosphärisch
Frischluft der kontrollierten Be- und Entlüf­ reizvolle Mischung aus dem intensiven Ze­
tung genutzt. Die Photovoltaikanlage nitlicht und dem weichen Streulicht durch
liefert Strom für Wärmepumpe und Be­ die Polycarbonatfassaden.
leuchtung. Im Sommer unterstützen die Diese Haut ist manchmal transparent,
Speichermasse des Altbaus und eine Re­ transluzent oder auch opak – entspre­
genwasserzisterne die Kühlung des Hau­ chend der thermodynamischen Simulati­
ses – entsprechend hoch ist mit durch­ on, die die optimale Belichtung unter Be­
schnittlich 82 Prozent der Anteil an rege­ rücksichtigung des Wärmeeintrags ermit­
nerativen Energien für das Heizen und telte. Die Bestandsfassaden sind mit ihren
Kühlen – und entsprechend gering der ursprünglichen Fensteröffnungen erhal­
CO2-Verbrauch: knapp unter 5 kg/m²a, ten geblieben, und hier wie im gesamten
der heute schon das Klimaziel 2050 erfüllt. Altbau haben die Architekten die Materi­
alien und Details so belassen, wie sie sie
Raumprogramm mit vorgefunden haben. Das neu Hinzugefüg­
frei bespielbaren Bereichen te – wie die Sichtbetondecken und die er­
gänzten Wandteile aus Kalksandstein –
Die Kita ist für 50 Kinder in zwei Kita-Grup­ wurde roh belassen und bleibt so klar ab­
pen und zwölf Krippenkinder konzipiert. lesbar.
Die Architekten entwickelten das Raum­ In der Auseinandersetzung mit dem Vor­
programm nach den Reggio-Prinzipien in gefundenen der Alltagsarchitektur ent­
enger Zusammenarbeit mit der Stadt steht damit eine authentische und leben­
Memmingen und den Pädagogen der Kin­ dige Kombination, die sowohl die Kons-
dertagesstätte: Da die Aktivitäten nicht truktion und Gestaltung als auch die Zeit­
nur auf den Gruppenraum konzentriert sch i ch t e n a b l es b a r m a ch t u n d d i e
sind, können die Kinder sich im Haus be­ Geschichte des Altbaus einbezieht. Die
wegen und offene, platzartige Bereiche Kita ist in jeder Hinsicht eine besondere
ebenso nutzen wie Werkstätten und Ate- und individuelle Lösung, die aus dem En­
liers oder sich in ruhige Nischen zurück­ gagement aller Beteiligten entstand. Sie
ziehen. verbindet die Weiterverwendung, den
Zwischen Altbau und neuer Gebäude­ sorgsamen Umgang mit dem Bestand und
hülle liegt die zentrale „Piazza“, die wie in ein nachhaltiges Material- und Energie­
einem kleinen Dorf von den Bestandsbau­ konzept zu einem Haus für Kinder, in dem
körpern umgeben ist. Sie ist ebenso zen- nicht nur das pädagogische Konzept und
traler Treffpunkt wie Spiel- und Erschlie­ die Architektur aufeinander abgestimmt
ßungsfläche. Im Eingangsbereich öffnet sind, sondern sich wie selbstverständlich
sie sich zu Speiseraum und zur Küche, die zu einem vielschichtigen Neuen verbin­
die ehemalige Garage nutzt. Die früheren den.
Wohnräume sind zu Gruppen- und Neben­
räumen umgestaltet. Großzügig und visu­ PLÄNE
ell durch Glastrennwände miteinander AB SEITE 53
verbunden, lassen sie sich mittels der von
den Architekten entworfenen Podeste
einfach und individuell umfunktionieren. WEITER
Die Krippe nutzt den damaligen Schwimm­ S.56
bad-Annex, und über ein Spielhaus aus
Holz können die Kinder sogar in den türkis­
farbenen, gefliesten, natürlich nun trocke­
nen Pool hinuntergehen. Auf der Ostseite
der Piazza führen Treppe und Rutsche ins
Gartengeschoss in den neugeschaffenen
großzügigen Multifunktionsbereich, der
als Bewegungsraum ebenso dient wie für
Teambesprechungen und Elternabende.

Alte und neue


Qualitäten verbinden

Trotz der Heterogenität des Bestands ge­


lingt es den Architekten, mit einheitlichem Die Eingangsseite
Bodenbelag und den durchgängig neuen mit Vorplatz.
Decken e i nen ruh i gen, hom ogenen Die Gartenmauern
Raumeindruck zu schaffen. Bestandsdach wurden mit den
und Decke wurden entfernt, um eine grö­ wiederverwendeten
ßere Raumhöhe zu erhalten und mit lang­ Dachziegeln der
gestreckten Dachverglasungen den tie­ Villa gestaltet.
49
Mit einem kostengünstigen Material als neuer Fassaden­
schale wird das Bestandsgebäude, eine Villa aus den 1960er-
Jahren, wieder aktiviert. Die leichte Hülle erweitert die
Innenräume und dient zugleich als Sonnenkollektor.
50

1 3
2 4

1 Wie ein Pavillon 3 + 4 Raumgewinn


mutet die Kita im im Gartengeschoss:
großen parkähnli­ Die neue Fassade
chen Grundstück greift hier weit in
an. Hinter der den Garten aus und
neuen Hülle schim­ schafft einen groß­
mert teilweise der zügigen Bewe­
Altbau durch. gungsraum. Alt und
Neu wirken viel­
2 Große Türen schichtig zusam­
führen direkt auf men: die Klinkerfas­
die Terrasse mit sade mit neuen
Sandkasten und Stahlrahmen in den
Sonnensegel. vorhandenen Fens­
teröffnungen, Sicht­
beton, Putz und Po­
lycarbonatplatten.
5. Frage Recycling ( A ) 51
52 5. Frage Recycling ( A )
53

1 3
2 Vertikalschnitt Fassade

1 In die durch
Glaswände zonier­
ten Gruppenräume Die Bestandsfassa­
strömt Tageslicht den sind erhalten
auch durch die geblieben, die neue
langgestreckten Hülle wurde in un­
Dachverglasungen. terschiedlichen Ab­
ständen davorge­
2 Die Krippenkin­ setzt und schafft so
der spielen und verschieden tiefe
schlafen im west- Räume. Das ur­
lichen Gebäudeflü­ sprüngliche Sattel­
gel, dem früheren dach hat man ent­
Schwimmbad-An­ fernt und somit die
nex. Sie können Räume erhöht. Im
über das Spielhaus neuen Flachdach
auch den ehemali­ sind auch die Ober­
gen Pool erkunden. lichter integriert.
Materialien und De­
3 Die Piazza ist tails sind belassen,
Erschließungszone, wie sie vorgefunden
Spielbereich und wurden, das neu
Treffpunkt zugleich. Hinzugefügte ist klar
Der Außenkamin ist ablesbar.
geblieben, wie er
war, Fehlstellen in
der Wand sind mit
M 1:5 0

Kalksandstein er­
gänzt.
54 5. Frage Recycling ( A )

Umbaukonzept
M 1:1. 5 0 0

Lageplan

Vorher Nachher

BAUHERR: ELEKTROPLANUNG:
Alois-Goldhofer-Stiftung, Kettner & Baur GmbH,
Memmingen Memmingen

ARCHITEKTEN: LICHTPLANUNG:
heilergeiger architekten Generation Licht,
und stadtplaner BDA, Gaienhofen
Kempten
Jörg Heiler und Peter Geiger BRANDSCHUTZ-
www.heilergeiger.de PLANUNG:
Anwander GmbH & Co. KG,
TR AGWERKS- Sulzberg
PLANER:
IHW Beratende Ingenieure, FERTIGSTELLUNG:
Kempten Juni 2019

LANDSCHAFTS- STANDORT:
ARCHITEKTUR: Kita Karoline Goldhofer,
Latz + Partner Berwangweg 10,
Landschaftsarchitektur Memmingen (Allgäu)
Stadtplanung Die Villa aus den
Architektur Partnerschaft 1960er-Jahren mit
mbB, Kranzberg Satteldach (oben).
Ihre drei Gebäude­
HE IZUNG, LÜF TUNG, teile – Wohnhaus,
SANITÄR: Schwimmbad und
Güttinger Ingenieure GbR, Garage – blieben
Kempten erhalten, wurden
freigestellt und mit
3D-THERMO- einer zweiten Hülle
DYNA M I SCH E zu einem neuen
FOTO OBE N: ARCHIV ARCHITE K TE N

SIMUL ATION: Baukörper geformt


Ifes Institut für angewandte (Diagramm rechts
Energiesimulation, und Foto unten).
Köln
55
1 Kindergarten
2 Krippe
3 Essen
4 Küche
5 Piazza

M 1:4 0 0
6 Bewegungsraum
7 Werkstatt Längsschnitt
8 Personal

2
5

Erdgeschoss

M 1:4 0 0

Gartengeschoss
56

Baustoffe
mit Geschichte:
Abriss als
Material­lager
der Zukunft

( Projekt ) ( Interview )
They Feed Off Buildings Alexander Russ
5. Frage Recycling ( B ) 57
Bauschutt wird zur Terrazzo-Kunst
Rasa Weber und Luisa Rubisch von „They Feed Off Buildings“
aus Berlin recyceln alte Baustoffe und entwickeln daraus
neue Produkte. Ihr Ziel: die Geschichte der verwendeten
Materialien erzählen und ihre Spuren freilegen.

BAUMEISTER: Wie arbeitet Ihr bei „They sammengearbeitet und daraus eine Ma­ wickelt, dann wird es irgendwann ent­
Feed Off Buildings“? terialpalette und eine Strategie entwi­ sorgt, egal ob es ökologisch wertvoll ist
R A S A W E B E R : Wir fertigen maßgeschnei­ ckelt. oder nicht. Und es dürfte ja jedem klar
derte Lösungen für die Produktbedürfnisse sein, dass ein Gebäude, das die Jahrhun­
eines Bauprojekts an. Und die entwickeln B: Euer Team scheint vielfältig aufgestellt derte überdauert, nachhaltiger ist als jede
wir aus Materialresten. Dafür schauen wir, zu sein. Aus welchen Disziplinen kommen Wärmedämmung.
was an Recyclingmaterial vorhanden ist, die einzelnen Mitarbeiter?
und überlegen, wie man diese Ressource R W : Da wir projektbezogen arbeiten, ho­ B: Das Thema Recycling und Nachhaltig­
in etwas Neues verwandeln kann – zum len wir uns jeweils Leute mit dazu, die wir keit hat in den letzten Jahren stark an
Beispiel in neue Bodenbeläge oder in Mo­ für die jeweilige Aufgabe benötigen. Um Prominenz gewonnen. Mittlerweile gibt es
biliar. Es gibt eine erste Phase, in der eine ein Beispiel zu nennen: Neben unseren einige Büros und Plattformen, die im Be­
Materialbibliothek beauftragt wird. Da Architekturprojekten machen wir zusätz­ reich Architekturrecycling tätig sind. Seid
kommt dann ein Architekt auf uns zu, zeigt lich auch Kulturprojekte, bei denen es um Ihr mit anderen Protagonisten vernetzt?
uns einen Werkstoff, zum Beispiel alte Flie­ eine Art experimentelle Denkmalpflege R W : In unserem spezifischen Bereich ei­
ßen, und fragt, was man daraus machen geht – wie in Prag, wo gerade ein altes Um­ gentlich nicht. Es gibt für uns aber eine
könnte. Wir entwickeln dann zusammen spannwerk in eine Kunsthalle umgebaut wichtige theoretische Referenz: Das ist die
mit Handwerksbetrieben eine Serie an wird. Die alte Fassade bleibt dort erhalten, Arbeit des Architekten Thomas Rau (1) , der
Materialproben und klären danach die während die Räume im Innern neu gestal­ eine Strategie auf EU-Ebene verfolgt, in
Skalierung und Einbaubarkeit. Es ist ei­ tet werden. Den Bauherren war eine Ver­ der es darum geht, dass man einen Mate­
gentlich nicht anders als bei einem her­ bindung von Alt und Neu wichtig. Die von rialpass für jedes Gebäude entwickelt und
kömmlichen Entwurfsprozess. uns entwickelte Materialität für die Böden die vorhandenen Wertstoffe kartiert. Ziel
und den Empfangstresen ist deshalb ein dieses Passes ist, dass es keinen Abfall
B: Und wie seid Ihr überhaupt auf diese Verbindungselement zwischen den zeitli­ mehr gibt, sondern dass alle Materialien
Idee gekommen? chen Schichten. Dazu haben wir auch ei­ wiederverwertbar sind. Und wir merken
R W : Wir sind beide in der Architektur tätig nen Film gemacht, der den Transformati­ auch, dass die Fördergelder allmählich in
– Luisa ist Stadtplanerin und Produktdesig­ onsprozess dokumentiert und der im Ein­ diese Richtung fließen, weil langsam allen
nerin. Ich bin ebenfalls Produktdesigne­ gangsbereich der Kulturhalle als eigenes klar wird, dass Ressourcen nicht unbe­
rin. Aus diesem Hintergrund hat sich das Ausstellungsexponat zu sehen sein wird. grenzt zur Verfügung stehen.
Projekt „Urban Terrazzo“ entwickelt, weil Dafür haben wir mit dem Fotografen Han­
wir festgestellt haben, dass die Ästhetik nes Wiedemann und dem Filmemacher B: Arbeitet Ihr auch mit Universitäten zu­
beim Recycling von Materialien meistens Sven Gutjahr zusammengearbeitet. sammen?
keine Rolle spielt. Ein Beispiel dafür sind R W : Ich unterrichte momentan an der
die Aufschüttungen im Straßenbau. Da B: Ihr interpretiert den Begriff „Nachhal­ Hochschule Anhalt in Dessau (Bauhaus).
kommen zerkleinerte Gebäudeteile zum tigkeit“ demnach vor allem theoretisch Davor war ich an der UDK in Berlin in der
Einsatz und werden unter den Asphalt ge­ und auch ästhetisch ... Lehre tätig und habe dort in einem Fach­
kippt. Das fanden wir schade, weil es sich R W : Uns geht es darum, mit dem her­ bereich, der sich Digital and Experimental
dabei um architektonische Spuren han­ kömmlichen Bild von Nachhaltigkeit zu Design nennt, unterrichtet. Dort ging es
delt, die im wahrsten Sinne des Wortes ver­ brechen. Die von der Medienlandschaft unter anderem um die Transformations­
schüttet werden. transportierten Bildwelten haben ja im­ kraft von Materialien und darum, den Stu­
Mit Urban Terrazzo wollen wir diese Spuren mer diese Öko-Ästhetik. Oder anders ge­ denten die haptische Qualität von Archi­
freilegen, indem wir Beton, Ziegel und an­ sagt: Solange viel Grün an der Fassade ist, tektur zu vermitteln. Also zum einen um
dere Baustoffe selektieren und nach den ist alles gut. Uns ist es wichtig, sich kritisch Material recherche, gleichzeitig aber
Prinzipien der traditionellen Terrazzo- mit diesen Bildern auseinanderzusetzen auch um die Erzählungen, die den jeweili­
Kunst und mit Hilfe zeitgenössischer Tech­ und eine eigene Erzählweise zu entwi­ gen Materialien innewohnen.
nologie wieder zusammenfügen. Die aus ckeln. Um nochmal auf unser Projekt Ur­
Bauschutt gewonnenen Zuschläge lassen ban Terrazzo zu kommen: Dort könnte
die Erinnerung an das abgerissene Bau­ man natürlich kritisch hinterfragen, ob da
werk im neuen Material fortleben. überhaupt genügend Recyclingmaterial 1
Wir waren dafür am Anfang viel auf Recy­ verbaut wird. Uns geht es dabei aber um Literaturtipp:
clinghöfen unterwegs. Es gibt ja tollerwei­ das Freilegen der Geschichte der Baustof­ „Material Matters“
se eine bestehende Infrastruktur für den fe – und damit um eine Wertschätzung ge­ von Thomas Rau und
Abriss, der dann vor die Städte gebracht genüber dem Alten. Wenn man keine Sabine Oberhuber,
wird. Mit diesen Höfen haben wir eng zu­ sinnliche Beziehung zu einem Objekt ent­ Econ 2018
58 5. Frage Recycling ( B )

FOTOS OBE N UND RECHTS: HANNE S WIE DE M ANN; LINKS UNTE N: M ARTIN DIE POLD
1
2 3

2 Luisa Rubisch 1+3 Zusammen


(oben rechts) mit einem wech­
und Rasa Weber selnd großen Team
(oben links) haben haben sie auch
„They feed off „Urban Terrazzo“
buildings“ gegrün­ geschaffen, das
det, ein Berliner Abrissmaterialien
Design- und Archi­ zu Bodenbelägen
tekturkollektiv, das weiterverarbeitet.
sich der Material-
recherche widmet.
Du fragst dich,
wie wir morgen
arbeiten, wohnen
und leben werden?
Wir auch.

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Brückenspross

Brückenstück, Aussichtsplattform, experimenteller Holzbau, Wie bei vielen ihrer Projekte arbeiten Momoyo Kaijima und
Kunstobjekt: Mit ihrer Installation „Bridge Sprout“ beleben die Yoshiharu Tsukamoto auch hier mit dem Bezug auf Tradition und
Tokioter Architekten Atelier Bow-Wow das Münchner Isarufer an Kontext und schaffen hier eine vielschichtige, narrative Architek­
einer Stelle, an der man sonst eher achtlos vorbeirauscht. An der tur-Miniatur. Material und Konstruktion verweisen auf die einstige
stark befahrenen Widenmayer Straße kragt die schmale Brücken­ Flößerei auf der Isar. Ähnlich wie früher die Holzstämme zu Flößen
konstruktion aus gekreuzten Fichtenstämmen weit über die Ufer­ verbunden wurden, sind auch hier Rundhölzer nicht überblattet
FOTO: CHRISTOPH KNOCH

mauer aus – ein halbfertiger Steg, als „Spross“ im Wachsen begrif­ oder ineinander gesteckt; ausgeklügelte, kaum sichtbare Stahl­
fen, stellt den ideellen Brückenschlag zur kleinen Schwindinsel verbindungen sorgen für Standfestigkeit. Mit „Bridge Sprout“ ma­
her, die verwunschen in der Isar liegt. Das urbane „Folly“ bietet chen die Architekten vertraute Motive auf neue Weise erlebbar –
neue Perspektiven auf den Fluss und ist ein höchst „instagramma­ bis Ende 2021 hat man dazu Gelegenheit. Das Projekt ist Auftakt
ble place“, lädt zugleich aber auch zum Innehalten ein, zu Gedan­ der Reihe „Carte Blanche“, ein neues Format der Kunst im öffent-
ken über Stadtlärm, Stille, den Fluss als Natur- und Freizeitraum … lichen Raum des Kulturreferats der Landeshauptstadt München.

Text Claudia Fuchs


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62

BIM-Standards
in der EU: Wer
setzt sich für die
Interessen der
Architekten ein

( Projekt ) ( Text )
DigiPLACE Veronika Schröpfer
6. Frage Digitalisierung 63
An BIM geht kein Weg vorbei
Die Digitalisierung des Bausektors schreitet voran. Es gibt
zahlreiche von der Europäischen Union geförderte For­
schungsprojekte, die sich mit der „Architektur 4.0“ und BIM
beschäftigen. Der Architects‘ Council of Europe (ACE) als
Interessenvertretung der europäischen Architekten bei der
EU-Kommission ist auch in einige dieser Projekte involviert
und unterstützt Architekten gegenüber den Partnern im
Bausektor. So auch bei der aktuell laufenden Machbarkeits­
studie DigiPLACE zur Entwicklung einer digitalen Plattform
für die europäische Bauindustrie.

U
nter Fachleuten gibt es noch immer keine Hauptaufgabe ist die politische Arbeit,
einvernehmliche Definition des Begriffs das heißt, die Beobachtung der anste­
BIM. Steht es für 3D-Modelle, ist es ein henden EU-Regelungen und deren Aus­
Werk zeug, ein Prozess, eine Methode wirkung auf die Arbeit der Architekten,
oder ein Geschäftsmodell? Doch bringt um die Regelungen positiv beeinflussen
die rasch fortschreitende Digitalisierung zu können. Zudem ist der ACE auch an EU-
im Bausektor bereits jetzt große Heraus­ finanzierten Projekten beteiligt, die sich
forderungen mit sich. Für Architekten beispiels­weise mit der Erforschung neuer
bedeutet dies insbesondere verstärkte Technologien, Materialien, zi rkulä rer
IT-Prozesse und die Ausweitung ihrer ge­ Bauprozesse ( 1 ) und der Digitalisierung
wohnten visuellen, geometriebasierten befassen. Der ACE stellt den Projektpart­
Form der Kommunikation auf alphanu­ nern Fachwissen zur Verfügung und ver­
merische Daten, die mit BIM-Modellen breitet die Ergebnisse über sein umfang­
und Datenobjekten, das heißt Gebäude­ reiches Netzwerk mit dem Ziel, die Rolle
The following pro­ (1) teilen, verbunden sind. Welche Vorteile der Architekten beim nachhaltigen Bau­
jects have received drive0 circular bringt es Architekten, Projekten, Partnern en und bei der Stadterneuerung zu för­
funding from the Eu­ renovation process und Kunden, in einer sich schnell entwi­ dern sowie auf die Forschung im Hinblick
ropean Union’s Hori­ https://www.drive ckelnden digitalen Umgebung zu arbei­ auf deren Anwendbarkeit durch Archi­
zon 2020 research 0.eu/about-drive ten? Was sind die Hindernisse? Und was tekten Einfluss zu nehmen.
and innovation pro­ -0/why/ kann die Europäische Union tun, um alle
gramme under Beteiligten besser zu qualifizieren? Das DigiPLACE-Projekt
grant agreement (2) Im Bausektor gibt es viele kleine und mit­
BIM-Speed: No. DigiPLACE telständische Unternehmen (KMUs) – ins­ DigiPLACE ist eines dieser von der EU fi­
820553; BIM4EEB No. https://www.digi­ besondere in der Architektur – sowie eine nanzierten Projekte, das von September
820660; DigiPLACE placeproject.eu geringe Kapitalisierung, geringe Investi­ 2019 bis Mai 2021 läuft ( 2 ) . Das Projekt­
No. 856943. tionen in Innovation und lange Lieferket­ konsor tium erarbeitet eine Machbar­
The sole responsibi­ ten. Darüber hinaus stellen auf dem EU- keitsstudie für die Entwicklung einer digi­
lity for the content Markt unterschiedliche Sprachen, Be­ talen Plattform für die europäische Bauin­
of this article lies steuerung und rechtliche Rahmenbedin­ dustrie, mit dem Ziel, sie zu modernisieren
with the author. gungen Hindernisse für Synergien dar. und ihre künftige globale Wettbewerbs­
It does not necessa­ Dies sind Probleme, die in EU-finanzierten fähigkeit zu sichern. Das Projekt wird nicht
rily reflect the opini­ Projekten untersucht werden und die der die eigentliche Plat t form ent wickeln,
on of the European Europäische Architektenrat zu lösen ver­ sondern vielmehr einen Rahmen dafür
Community. sucht, um so viele EU-Architekten wie setzen, um sie in einer zukünftigen EU-
möglich in dieser Zeit des Wandels zu un­ Ausschreibung zu erarbeiten. Verglei­
terstützen. Als europäischer Dachver­ chen könnte man die geplante europäi­
band vertritt der Architects‘ Council of sche digitale Bauplattform mit voll inte-
Europe (ACE) die Interessen aller etwa grierten Tools – im analogen Sinn etwa ein
600.000 europäischen Architekten ge­ Schweizer Taschenmesser –, im digitalen
genübe r den E U-Inst i tut ionen. Sei ne Sinn ein Smar tphone oder Tablet mit

WEITER
64 6. Frage Digitalisierung
Apps, die einfach zu benutzen und er­ laborationsserver unter Verwendung von
schwinglich sind. Und die es ermögli­ IFC-Dateien. Darüber hinaus spricht man
chen, Daten zu bündeln und für die Pla­ von verschiedenen Detaillierungsgra­
nung und Realisierung von Gebäuden den, Informationen, Geometrie und Zu­
einzusetzen. verlässigkeit, die in ein BIM aufgenom­
Das Ziel der Industrialisierung des Bau­ men werden können.
sektors ist, unter Einbeziehung neuer Der Detaillierungsgrad (Level of Detail,
Technologien alle Phasen des Bauprozes­ LOD) beschreibt, wie detailliert Objekte
ses zu optimieren. Der Schwerpunkt liegt in Bezug auf die grafische Darstellung
auf einer besseren Kontrolle von Parame­ und den Dateninhalt sein sollten, um den
tern wie Preis, Qualität, Bauzeit und Dau­ Datenfluss und die Prozessausführung
erhaftigkeit. Auf technischer Ebene sind zwischen Softwareplattformen zu unter­
dies BIM, virtuelle und erweiterte Realität stützen. Dieses Konzept sollte nicht mit
(Vir tual and Augmented Realit y), 3D- dem Leistungsumfang des Architekten
Scannen und 3D-Produktion, Drohnen, verwechselt werden. LOD beschreibt nur
Roboter und kollaborative Roboter (Co­ den Modellinhalt in einem Software-Kon­
bots) und Weiteres. Darüber hinaus gibt text. Der Level of Information (LOI) be­
es auch eher prozessorientierte Tenden­ schreibt, wie viele Informationen BIM-
zen wie BIM-Management, Lean Const­ Objekte enthalten sollten. Beispielsweise
ruction Management, Vorfertigung und kann ein Türtyp mehrere Kombinationen
optimierte Datennutzung. von eindeutigen Parametern haben, je
BIM wird von der EU-Kommission als die nach Standort, Brandabschnitt und Funk­
Zukunf tsplat t form gesehen, die neue tionen wie Zugangskontrolle und vieles
Technologien im Bauwesen verbinden meh r. Die Geomet rieebene (Level of
kann, als eine Art zentrales Kommunikati­ Geometry, LOG) bedeutet, dass digitale
onsmodell. Für Baufirmen zahlen sich die Objekte und Gebäudeteile von Phase zu
Investitionen in BIM-Technologie zumeist Phase immer detaillierter in Bezug auf
aus: Weniger Fehler bedeuten kürzere ihre grafische Darstellung werden.
Bauzeiten und mehr Gewinn mit kosten­
günstigeren Gebäuden. Dies impliziert WEITER
Verschiebungen in den Geschäftsmodel­
len, denn es wird mehr Zeit in der Pla­
nungsphase benötigt, was mehr Arbeit
und Verantwortung für Architekten und
Ingenieurbüros bedeutet. Die Zusam­
menarbeit zwischen den verschiedenen
Beteiligten verändert auch die Art und
Weise der Zusammenarbeit im gesamten
Projekt und ermöglicht einen optimalen
Informationsfluss zwischen allen Partei­
en. Es gehen weniger Informationen wäh­
rend des Bauprozesses verloren, und im
Gebäudebetrieb ergeben sich viele Vor­
teile. All dies bedeutet eine große Anzahl
von Bestimmungen, Regeln und Stan­
dards. Die gemeinsame Nutzung von Da­
ten wirft aber auch Fragen nach dem Ei­
gentum der Daten, der Verantwortlich­
keiten und Vergütungsmodelle auf. Hier
versucht der ACE sich dafür einzusetzen,
dass die Architekten Eigentümer ihrer
Zeichnungen und Daten bleiben sowie für
den Mehraufwand auch vergütet werden.

Vier BIM-Ebenen
BIM-Modell vom
Zu unterscheiden sind vier BIM-Ebenen: Kantonsspital Baden,
Die Ebene 0 bedeutet einfaches CAD; Entwurf: Nickl &
Ebene 1 umfasst 2D- oder 3D-CAD in einer Partner Architekten.
Datenkollaborationsumgebung; Ebene 2 Aus dem Buch
sind Daten, die von verschiedenen Team­ „Architecture for
mitgliedern mit BIM-Werkzeugen entwi­ Health“ von Hans
ckelt wurden, wobei jedes Teammitglied Nickl und Christine
sein eigenes Modell pflegt, sie aber in ei­ Nickl-Weller, das
ner 3D-Umgebung gemeinsam nutzt, und im Herbst 2020
Ebene 3 ist ein integriertes BIM mit offe­ bei Braun Publishing
nem Zugang für alle Partner in einem Kol­ erscheinen wird
65
66
(3) Weiterführende Der Grad der Zuverlässigkeit (Level of Re­ ge, die im Rahmen des BIM4EEB-Projekts
DigiPLACE Links: liability, LOR) legt einen bestimmten Mo­ ent wickelt werden, beschleunigt den
Interessensgemein­ dellinhalt fest, zum Beispiel den vertragli­ Scan-to-BIM-Prozess und verbessert die
schaft/ Community DigiPLACE chen Rahmen für die Zuverlässigkeit von Datenvisualisierung eines Bestandsge­
of stakeholders https://www. Modellen und Objekten. Das DigiPLACE- bäudes mit Hilfe von Augmented Reality
https://docs.google. digiplaceproject.eu Projekt befasst sich mit diesen Fragen, in­ (AR). Architekten werden in der Lage sein,
com/forms/d/e/1FAI dem es eine europäische State-of-the -Art- ein Haus mit Hilfe von Sensorstick und
pQLSdvtdZ _C9N- Analyse erstellt und dabei berücksichtigt, Headset effizient und effektiv zu kartie­
4QrJfF0ahcL0IJ0- DigiPLACE Intro­ in welchem Maße die Bauindustrie bereits ren. Das Headset wi rd die Benutze r­
TKP-6sLe1ucW5qLF duction video digitalisiert ist, was für welche Gruppe schnittstelle sein, wobei das Tool alle ver­
8dR6mA/viewform? https://www.you funktioniert und was nicht, welche Hin­ fügbaren Funktionen bietet. ( 5 ) Die digi­
vc=0&c=0&w=1 1 tube.com/watch? dernisse bestehen und so weiter. Das tale 3D-Darstellung kann sofort zur Ge­
v=Dymw4S3aPfE Team ermittelte auch bestehende digita­ bäudevisualisierung genutz t werden,
le Plattformen innerhalb und außerhalb einschließlich in Wänden verborgener
(4) ACE BIM guide des Bausektors und erstellte eine verglei­ Elemente wie Stützen, Wasser- und Elek-
BIM4EEB Project https://www.ace- chende Analyse. Alle Ergebnisse werden troleitungen.
https://www.bim cae.eu/uploads/tx_ ab Herbst auf der Webseite veröffentlicht. Das Projekt BIM-Speed konzentriert sich
4eeb-project.eu/ jidocumentsview/ Das Projekt wird mit einem Fahrplan für ebenfalls auf die Gebäudesanierung und
toolkit.html ACE _BIM _GUI­ die zukünftige Forschung und öffentliche setzt BIM als Katalysator für eine intelli­
DE _ 2019_ A4 _EN_ Politik abschließen, der zur Schaffung ei­ gentere, effizientere Methode der umfas­
WEB.pdf ner europäischen digitalen Bauplattform senden Sanierung von Wohnbauten ein.
(5) führen wird. DigiPLACE stützt sich auf ein Die Idee besteht darin, allen Interessen­
https://www.bim4 BIM4EEB Project Konsortium aus der Bauindustrie der EU, gruppen die einfache Einführung von BIM
eeb-project.eu/ www.bim4eeb- Vertretern von Fachleuten und akademi­ zu ermöglichen. Die Interoperabilität ei­
news/bim4eeb-fast- project.eu schen Partnern sowie auf die Unterstüt­ ner ganzen Reihe von BIM-Werkzeugen
mapping-toolkit. zung von Ministerien dreier EU-Mitglieds­ im Sanierungssektor wird auf der innova­
html BIM-Speed Project staaten, so dem deutschen Bundesminis­ tiven BIM-Cloud-Plattform KROQI ermög­
www.bim-speed.eu terium für Verkehr und digitale Infrastruk­ licht. Das auf vier Jahre projektierte BIM-
tur. DigiPLACE arbeitet auch mit einer SPEED wird ganzheitliche Lösungsvor­
(6) BIM-Speed Inter­ großen Interessengemeinschaft zusam­ schläge bei mindestens sieben realen
European view mit UN Studio men, die für alle offen ist. ( 3 ) Demonstrationsgebäuden in verschiede­
Committee for https://www.you nen EU-Ländern zeigen. Es handelt sich
Stand­a rdization tube.com/watch?v= Zwei EU-geförderte BIM-Projekte hierbei um zu sanierende Mehr- wie auch
https://standards. acAfew_U4Zg&t=2s im Sanierungssektor: Einfamilienhäuser. Bei jedem Demonstra­
cen.eu/dyn/www/ BIM4EEB und BIM-Speed tionsgebäude können im Rahmen des
f?p=204:7:0:::: Projekts die verschiedenen Softwaretools
FSP_ORG_ID:1991542 Der Europäische Architektenrat ist auch getestet werden. Ein wichtiger Aspekt ist
&cs=16AAC0F2 an anderen Projekten beteiligt, die sich der Standort der Bauten in verschiedenen
C377A541DCA5 mit verschiedenen Aspekten von BIM und Ländern und Klimazonen, um zu garan­
71910561FC17F Digitalisierung befassen. Zum Beispiel tieren, dass die Projektresultate auch in
BIM4EEB, das darauf abzielt, den Sanie­ anderen EU-Ländern anwendbar sind.
rungssektor zu fördern, indem ein attrak­ Mitte 2021 wird das Projektteam einen of­
tives und leistungsstarkes BIM-Manage­ fenen Architekturwettbewerb organisie­
mentsystem mit einem BIM-basier ten ren, bei dem die Teams über sechs Mona­
Toolset entwickelt wird. Dieses unterstützt te die Plattform und die Tools an einem
sowohl Architekten in der Entwurfs- und realen Projekt testen können.
Planungsphase als auch Baufirmen und
Dienstleistungsunternehmen in der Reali­ Wie wird sich die Arbeit am
sierungsphase und bei Gebäudesanie­ Bau verändern?
rungen. ( 4 ) Dadurch zielt BIM4EEB darauf
ab, die Dauer einer Sanierung um min­ Die digitale Transformation ermöglicht
destens 20 Prozent, die Kosten um durch­ es, die Produktivität und Qualität in der
schnittlich 15 Prozent, den Netto-Primär­ Bauindustrie zu steigern. Sie bietet auch
energieverbrauch für eine typische Woh­ neue Wege, beispielsweise hinsichtlich
nung um zehn Prozent und die für eine der Reduzierung von Bauabfall oder neu­
umfassende Energieermittlung erforder­ en konstruktiven Lösungen, um dem Kli­
liche Zeit von 3 auf 1,5 Arbeitstage zu re­ mawandel entgegenzuwirken. Die Digi­
duzieren. talisierung verändert die Zusammenar­
Während der vierjährigen Laufzeit des beit und erzeugt auch neue Geschäfts­
Projek ts werden alle BIM-Werk zeuge modelle wie die Arbeit in Teams, den
auch an drei Demonstrationsgebäuden – Einsatz von BIM-Management und damit
sa n i e r u n g s bedü r f t i g e M eh r fa m i l i en­ zusammenhängender neuer Berufsfel­
wohnhäuser – in Finnland, Polen und Itali­ der, eine Verlagerung hin zur industriel­
en getestet. Die Ergebnisse werden mit len (Vor-)Fertigung, welche Bauarbeiten
einem weiteren Wohngebäude in Italien weitgehend auf die Montage reduziert,
verglichen, das ohne die Verwendung sowie weitere Automatisierung auf der
von BIM saniert wird. Eines der Werkzeu­ Baustelle. Da es in ganz Europa an quali­
6. Frage Digitalisierung 67
fizier ten Bauarbeitern mangelt, kann
durch die Vorfertigung ein großes Bau-
und Sanierungsvolumen mit weniger Ar­
beitskräften vor Ort ermöglicht werden.
Darüber hinaus er fordern energetisch 35 %
hochwe r t ige San ie rungen ei n hohes
Qualitätsniveau, das durch einen stärker
industrialisierten Prozess besser gewähr­ Have you ever used BIM?
leistet ist. Nicht zuletzt wird auch die Auf­
enthaltsdauer auf der Baustelle reduziert,
und die Gebäudenutzer werden weniger 30 %
gestört.
Die Verknüpfung der Daten mit Herstel­
lern von Bauprodukten oder Elementen
ist eine Entwicklung, die gerade erst be­
gonnen hat und die neue Möglichkeiten
der Datennutzung für die Unternehmen 25 %
bietet. Für Architekten ist es somit wichtig,
von Anfang an dabei zu sein und das Ge­
spräch mitzubestimmen, damit ihre Inter­
essen gehört werden und sie die Zukunft
mitgestalten können. Das ist leider nicht
immer in ausreichendem Maß der Fall. 20 %
Dennoch liegt in der digitalen Transfor­
mation für Architekten wie auch für kleine
und mittlere Unternehmen eine Chance.
Die Interessen der Architekten vertritt der
ACE beispielsweise so auch im „European
Committee for Stand­a rdization“, dem 15 %
CEN/TC 442. ( 6 )

Veronika Schröpfer ist Head of


European Research Projects beim
ACE und beschäftigt sich mit
Forschung und Entwicklung am 10 %
Bau.

5%

17 % 10 % 15 % 22 % 33 % 3%

Yes – Yes – I‘ve been No – No – BIM


and this this was asked to do Never Never doesn‘t bring
includes only to view so but I don‘t heard of been asked me any
making my item have any BIM to use advantages
modifications (BIM-viewer) actual expe­ BIM
myself rience with
BIM yet
Verwendung von BIM
im europäischen
Bausektor: Ergebnis
QUE LLE: DIGIPL ACE/ACE

der DigiPLACE-Umfra­
ge. Das vollständige
Resultat wird im
Herbst/Winter 2020
auf der Website veröf­
fentlicht.
68

Wie soll
die Stadt
der Zukunft
aussehen
?
( Projekt ) ( Text )
NXT-A-Post-Corona-City- Ute Strimmer
Ideenwettbewerb Isa Fahrenholz
7. Frage Post-Corona-City 69
Mehr Lebensqualität
Unsere Städte begünstigen Pandemien – das zeigt die
Covid-19-Krise. Zeit, Architektinnen, Künstler und Designer­
innen nach ihren Visionen der Post-Corona-City zu fragen.
Das Architekten-Netzwerk NXT A rief daher vor einigen
Wochen gemeinsam mit dem Bayerischen Staatsministeri­
um für Wohnen, Bau und Verkehr den Post-Corona-City-
Ideenwettbewerb aus. Die Gewinner halten bemerkens­
werte Konzepte bereit.

S
pontan nach einer Redaktionssitzung An­ hungskraft verlieren. Blickt man jedoch in
fang Mai ist er entstanden: der Post- die Geschichte, so stellt man fest: Wieder­
Corona-City-Ideenwettbewerb von NXT holte Ausbrüche von Pest und Cholera ha­
A. Ausgelobt wurde er unter der Schirm­ ben das Wachstum von London oder Paris
herrschaft von Kerstin Schreyer, Staats­ kaum verzögert.
ministerin für Wohnen, Bau und Verkehr. Abstand ist jetzt der neue Anstand. Das Vi­
Gemeinsam luden NXT A und das Staats­ rus hat sichtbar gemacht, wie viel Raum
ministerium Architekten, Künstlerinnen den Autos gehört. Der Platz ist da. Berlin
und Designer dazu ein, ihre Vision der und Madrid haben daher Bewohnern gan­
Post-Corona-City einzusenden. Das Er­ ze Straßenzüge für Radverkehr zurückge­
gebnis ist bemerkenswert: Knapp 100 Ent­ geben. Wie die Zukunft der Metropolen
würfe und ein Film wurden innerhalb eines aussehen könnte, zeigen nun die sechs
recht sportlichen Zeitraums von nur weni­ Gewinner-Projekte aus dem NXT-A-Ide­
gen Wochen eingereicht. enwettbewerb. Die Bandbreite der Einrei­
Die Krise, die Covid-19 ausgelöst hat, zeigt chungen reicht von konkreten Entwürfen
vor allem eins: Die Gesellschaft, die Wirt­ für Stadtmobiliar bis zu Utopien und wis­
schaft, ja letztendlich wir alle müssen uns senschaftlichen Konzepten.
ändern. Die letzten Monate haben die
weltweite Ökonomie in eine Krise gestürzt:
Großunternehmen brechen spürbar ein,
mittelständische und Kleinunternehmen
bangen um ihre Existenz. Gleichzeitig ha­
ben sich die Ausgangsbeschränkungen Die Jury
auf den städtischen öffentlichen Raum
ausgewirkt, der Konsum wurde gedrosselt. Benedikt Boucsein, Ingo Schötz,
Doch die drastischen Veränderungen ber­ TU München, Ministerialrat, Leiter
gen auch Chancen. Der Ökonom Jeremy Urban Design/BHSF des Referats Zukunfts­
Rifkin ruft dazu auf, durch die Corona-Kri­ Architekten fragen des Wohnens
se den Klimawandel endlich ernst zu neh­ und der Mobilität,
men: „Der Klimawandel löst eine Massen­ Isa Fahrenholz, Demografischer
migration aus, übrigens auch von Tieren, Projektmanagerin Wandel im Bayeri­
nicht nur von Menschen. Tiere müssen ihr New Monday, Georg schen Staatsministe­
Terrain verlassen und verschleppen Viren, Media, München rium für Wohnen, Bau
die dann durch die Menschen weiterver­ und Verkehr
breitet werden.“ Gleichzeitig sei das Le­ Christine Hannemann,
ben in urbanen Ballungszentren gefunde­ Universität Stuttgart, Ute Strimmer,
ner Nährboden für die Verbreitung eines Fakultät I, Architektur Chefredakteurin
Virus: „Die Menschen leben heute in riesi­ und Stadtplanung NXT A, Georg Media,
gen Städten und urbanen Zentren. Das München
sind Brennpunkte für Ansteckungen.“ Katja Knaus, Freie
Joel Kotkin, Urbanist an der kalifornischen Architektin BDA,
Chapman University, ist überzeugt, dass Akademie der Bilden­
Corona „das Ende der Megastädte-Ära“ den Künste München,
beschleunige: Städte wie New York wer­ Lehrstuhl für Entwurf
den seiner Meinung nach ihre Anzie­ und Darstellung
70 7. Frage Post-Corona-City

A B C

Balkonien Räume ohne Die 1,5-Meter-


Eigenschaften Gesellschaft
Wie man die Stadt als auf Straßenebene heißt das Projekt von beits- und Lebens­ Das Referat für Stadt­ Straßenraum simulie­
Lebensraum neu defi­ Ersatz für die fehlen­ Schulte Architekten strukturen finden sich verbesserung, ein ren. Mithilfe von ge­
niert, präsentiert de Privatterrasse und aus Köln und Paris. Im ebenfalls Nutzungen Kollektiv aus Archi­ bauten und digitalen
Anna Maria Mayer­ dient als Ausweich­ Sinne eines ausgegli­ ohne Eigenschaften: tektur- und Urbanis­ Interventionen wird
hofers Entwurf „Balko­ option für überfüllte chenen urbanen Mit­ Live’n’work, Cowor­ tikstudierenden der den Besucherinnen
nien“. Er ist eine Visi­ öffentliche Plätze. Die einanders erfordert king, Einzelbüros, Ge­ TU München – Annika und Besuchern eine
on für die Erschlie­ Installation ist vor al­ die Post-Corona-City meinschaftsbüros so­ Hetzel, Magdalena Alternativrealität prä­
ßung zusätzlicher Er­ lem als Ort für Leute ihrer Meinung nach wie eine Erweiterung Schmidkunz, Michelle sentiert. Ziel ist es, die
holungsflächen im ohne eigenen Balkon ein heterogeneres und Flexibilität der Hagenauer, Linus positive Zukunftsvor­
Wohnviertel und soll oder Wochenendhaus Stadtgefüge, um die Wohnungen durch Schulte, Markus Wes­ stellung einer flä­
viel Lebensqualität gedacht. Viertel ausreichend Raum ohne Eigen­ terholt, Maximilian chengerechten Stadt
bieten. So wird etwa mit gemischten Nut­ schaften. Denkbar Steverding – reichte erlebbar zu machen,
die Park zone der zungen zu versorgen sei hierfür folgender die Arbeit „Die mit der Bewohner­
Münchner Bluten­ und die Strenge der Lösungsansatz: Die 1,5-Meter-Gesell­ schaft vor Ort zu dis­
burgstraße mit einer funktionalen Ordnung zusätzliche Fläche schaft“ ein. Diese kutieren und eine
Gerüstarchitektur aufzubrechen: Die wird durch staatliche entstand im Rahmen Veränderung zu initi­
überbaut. Diese Stadt soll eine klein­ Mittel beziehungs­ eines freien Projekts ieren. Das Projekt
schafft im ersten teiligere Mischung weise den Arbeitge­ an den Lehrstühlen wird von Green City
Stock und teilweise aus Büro-, Gewerbe- ber finanziert. Urban Design und Ar­ e.V., einer Münchner
und Wohnflächen um­ chitekturinformatik NGO, und weiteren
fassen, es gibt nut­ der Architekturfakul­ Initiativen unterstützt.
zungsoffenes Grün tät. Vorgestellt wer­ Das Preisgeld soll bei
und erweiterte Fort­ den Konzepte eines der Umsetzung der Si­
bewegungsmöglich­ kurzfristigen, krisensi­ mulation helfen. Denn
keiten für Fußgänger cheren und vor allem das Referat für Stadt­
und Radfahrer. Auch ganzheitlichen Stra­ verbesserung möchte
innerhalb von Wohn­ ßenumbaus. Als ers­ diesen Aktionstag als
gebäuden dienen ter Baustein bereiten Anstoß einer dauer­
Räume ohne Eigen­ diese den Umbau zu haften Transformation
schaften der Haus- einer lebenswerteren des Straßenraums
gemeinschaft mit Stadt vor – am Bei­ durch das Möglich­
Rückbaufähigkeit zu spiel der Schwantha­ keitsfenster der Pan­
Wohnraum: als lerstraße in München: demie nutzen.
Coworking-Space, Um eine neue Wirk­
Werkraum, Party- und lichkeit zu demons-
Hauswirtschaftsraum trieren, soll der Akti­
oder Besucherapart­ onstag „100 Meter
ment. Bei den Ar­ Zukunft“ den neuen
71

D E F

Kollektive Ein Zahn


Insel Interview in Zahn
Die Zeit nach Corona sie, ihr Gemüse und Paulina Knobe und Lockdown nicht ge­ Technisch innovativ – der Architektinnen
– wann wird das sein?, Obst zu tauschen. So­ Alexandra Tishchen­ bannt: die Klimakrise. und inspirierend ist bewegen sich wie
fragten sich Lea Yase­ lidarität statt Konkur­ ko entwarfen eben­ Im Büro planen wir der eingereichte Film Zahnräder. Trotz al­
min Koch und Julia renz. Durch das Ar­ falls ein konkretes ausschließlich mit „Zahn in Zahn“ der lem entsteht so ein
Maria Simon. Nach beiten von Zuhause Konzept für die Post- nachwachsenden Architekturstudentin­ Gemeinschaftsgefühl
über zwei Jahren in haben die Menschen Corona-City. Die bei­ Rohstoffen und versu­ nen Agnes Schultz- in der Isolation.
stetigem Wechsel ihr Viertel und die an­ den schlossen ihrem chen, den Bestand zu Bongert, Mathilda
zwischen Lockdown deren Nachbarn bes­ Lageplan ein Inter­ nutzen anstatt Ortbe­ Louisa Hoffmann und
und Corona-Partys sei ser kennengelernt. Es view mit NXT A an, in ton zu verwenden. Wir Valerie Sophie Mayer.
nun ein Impfstoff ge­ bilden sich neue dem sie auf Fragen setzen uns noch mehr Er vermittelt in drei
funden, das Leben Nachbarschaftszen- des Wettbewerbs Ant­ mit unserer Umge­ Minuten, wie es ist,
könne zur Normalität tren, in denen man worten fanden wie bung auseinander wenn die Welt still­
zurückkehren. Doch sich begegnet und etwa: „Was hat sich und agieren als Multi­ steht. Die Gebäude
die Normalität hat hilft. Durch die kürze­ für Sie persönlich und plikatoren, was die
sich verändert: Statt ren Wege und die ge­ Ihr Umfeld verän­ nachhaltige und resi­
den Weg zurück zur wonnene Zeit können dert?“ Darauf antwor­ liente Entwicklung M THE
ZU M
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Globalisierung verfol­ viele Straßen nach ten Paulina Knobe unseres Lebensraums
A
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E

gen die beiden Archi­ und nach zurückge­ und Alexandra Tish­ anbelangt. Es tut gut BAU
M

SE N SIE
tektinnen mit ihrer baut werden. Sie fun­ chenko: „Dinge wie zu sehen, dass sich MEISTER.
G.

„Kollektiven Insel“ gieren künftig als in­ Homeoffice sind auch die Bauherren DE
O

den Plan zur „Glokali­ terne Quartiersstra­ schon lange kein The­ immer mehr damit
L

B N
UN
SE REM
sierung“. Die wach­ ßen. Um den Verkehr ma mehr. Wir achten beschäftigen, wie sie
sende Sehnsucht stärker zu optimieren, alle darauf, so res­ bauen und leben wol­
nach Heimat und werden Mobility-Hubs sourcenschonend, len. Denn das ist ja
Nachbarschaft wird in den Quartieren ins­ wie es nur geht, zu le­ die eigentliche Frage: Im Rahmen des NXT-A-Post-Coro­
durch neue Vernet­ talliert. Dort können ben. Es fängt bei den Wie wollen wir in na-City-Ideenwettbewerbs wird es
zungen der Bewoh­ künftig Autos, Lasten­ Lebensmitteln an und Zukunft zusammen- im Foyer des Bayerischen Staats­
nerschaft erfüllt. räder und Roller aus­ hört beim Bauen auf. leben?“ ministeriums für Wohnen, Bau und
Menschen haben geliehen werden. Wir leben in einem Verkehr eine Ausstellung geben.
mehr Zeit und eine Tauschen und Teilen Kreislaufsystem. Vor Die Projekte der Gewinner, die
Leidenschaft fürs sind damit die drei Jahren bekam Nominierten der Shortlist und wei­
Gärtnern entwickelt, Schlagworte von mor­ dieses System einen tere Einreichungen des Wettbe­
fingen, an Möhren, gen! Sie sind die zen- enormen Riss, und um werbs werden dort zu sehen sein.
Tomaten und Korian­ tralen Elemente der diesen zu reparieren, Die Ausstellung wird am 5. Oktober
der auf dem Balkon Glokalisierung! mussten wir bei uns um 16 Uhr eröffnet.
zu ziehen. Nach einer selbst anfangen. Die
üppigen Ernte im ers­ eigentliche Bedro­ Erfahren Sie mehr unter
ten Jahr begannen hung war nach dem www.nxt-a.de
72

Was ist
nachhaltige
Architektur
?

( Projekt ) ( Kritik )
John-Cranko-Schule Christian Holl
in Stuttgart

( Architekten ) ( Fotos )
Burger Rudacs Architekten Brigida González
9. Frage Nachhaltigkeit 73
Schulmäßig
Jeder Neubau müsse seine unabdingbare Notwendigkeit
unter Beweis stellen, hatte der BDA 2018 gefordert. Einfach
ist es sicher nicht, das Unabdingbare plausibel machen zu
wollen. Viel ist aber schon gewonnen, wenn man in einem
Neubau Qualitäten findet, von denen man sich vorstellen
kann, dass sie in Jahrzehnten seinen Abriss verhindern.
Thomas Auer fordert im das Heft einleitenden Interview
Robustheit. Nachhaltigkeit bedeutet demnach vor allem
eine dauerhafte, widerstandsfähige, standfeste Architektur.

S
tuttgart ist bekannt für sein Ballett, das te Skulptur vorschlugen und aus der Hang­
auch auf einer 1971 gegründete Ausbil­ lage eine terrassierte, durch Einschnitte
dungsstätte aufbauen kann. Die Räume klug segmentierte Struktur ableiteten. Zur
der von John Cranko, dem Begründer des das G rundstück oben flank ie renden
Stuttgarter Ballettruhms, ins Leben gerufe­ Werastraße wurde als viergeschossiger
nen Ballettschule waren freilich im inter­ Riegel das Internat ausgerichtet, so dass
nationalen Kontext schon lange nicht sich von hier aus die städtebauliche Struk­
mehr wettbewerbsfähig. Und so entschie­ tur der großen Stadtvillen fortsetzt; nach
den sich die beiden Träger, Stadt und unten, zur Urbanstraße hin, prägt eine
Land, für einen Neubau – in direkter Nach­ mächtige Sichtbetonwand markant die
barschaft zur bestehenden Schule, aber Straße.
mit einem deut lich umfangreicheren Im Innern wird die Topografie quasi ge­
Raumprogramm, mit einem Internat für spiegelt: Eine lange Treppenanlage ver­
bis zu 80 Schülerinnen und Schüler, mit bindet die obere Eingangsebene mit den
vier kleinen und drei großen Proberäumen darunterliegenden Geschossen; zur ei-
und einer Bühne, die der des Stuttgarter nen Seite befinden sich jeweils ein großer
Opernhauses so genau gleicht, dass der und ein kleiner Probesaal, Musik- und
Wechsel zum Aufführungsort, der gerade Unterrichtszimmer sowie ein Fitnessstudio.
mal hundert Meter entfernt ist, reibungslos Ein eingeschnittener Hof zum freien Ge­
funktioniert. lände hin und ein Gang, der von oben
Den Wettbewerb für diese Schule gewann durch eine raumhohe Verglasung den
vor neun Jahren das Münchner Büro Bur­ Blick in den jeweils darunter liegenden
ger Rudacs Architekten. Ihr Entwurf re­ großen Probensaal freigibt, unterteilen
agiert auf die besondere Lage, die dem die einzelnen Volumen, die sich bergab
Haus mehrere Ansichten beschert. Das jeweils um ein Geschoss versetzt abtrep­
Grundstück über einem historischen Was­ pen. Zur anderen Seite der Treppe befin­
serspeicher, an einem Hang direkt hinter den sich Räume für die Lehrer, Verwal­
der Staatsgalerie mit Blick auf den Haupt­ tung, ein Leseraum und dort, wo die Trep­
bahnhof gelegen, war lange frei geblie­ pe auf dem Geschoss endet, je eine klei­
ben. Oben und unten von Straßen flan­ ne Loggia. Geradeaus, zum Tal hin, sind in
kiert, galt es, die Straßenansichten eben­ Verlängerung der Flure Terrassen zugäng­
so wie die Ansicht vom Bahnhofsturm oder lich, von denen der Blick über die Innen­
der gegenüberliegenden Hangseite ein­ stadt schweifen kann.
zubinden, von der Straße aus zu denken Zwei Ausnahmen gibt es von dieser strin­
sowie die Hanglage im Konzept zu be­ genten Ordnung, mit deren Hilfe klug ver­
rücksichtigen. mieden wird, bessere und schlechtere
Probenräume zu schaffen. Von vorneher­
Regeln und Ausnahmen ein geplant war es, dass der obere große
Probenraum unter den Hof der Mensa
Erstaunlicherweise waren unter den mit geschoben wird, damit dieser ebenerdig
einem Preis ausgezeichneten Büros Burger erreicht werden kann. Er ist deswegen der
Rudacs die einzigen, die eine abgetrepp­ einzige Saal, der nur mit Kunstlicht belich­

WEITER
74 9. Frage Nachhaltigkeit
tet wird. Dass die Treppenanlage nicht tion, zweischalig an den Außenwänden Öffentlicher Zugang
von oben bis unten durch das gesamte und einschalig im Innenbereich, nimmt zum großen Auf­
Gebäude führt, war nicht von Anfang an die Technik auf, die so nicht als ein Zusatz führungssaal samt
geplant. Sie endet, bevor sie den unteren erscheint oder verkleidet werden musste: Stadtbalkon am
Saal erreicht, den großen Probesaal, der Elektroinstallation, Sprinkleranlagen, Be­ Urbansplatz
mit 200 Zuschauerplätzen auch für Auffüh­ tontemperierung und Entwässerung. Die
rungen genutzt werden kann – auf Wunsch Materialien sind so wenig wie möglich
der Leitung des Hauses, damit keine Ver­ ve r f remdet ode r gest r ichen. Das ist
bindung zwischen Aufführungssaal und gleichzeitig Aussage wie Prinzip: Archi­
Schule besteht. Dieser untere Saal ist mit tektur erhält ihre Qualität aus den Bedin­
einem kleinen Foyer ausgestattet, hat au­ gungen heraus, aus denen sie produziert
ßen einen Balkon zur Stadt auf der ersten ist und nicht durch eine ergänzte und ver­
Geschossebene. Leider entspricht diese ändernde Schicht, die ersetzt werden
spätere innere Änderung auch einer äu­ könnte.
ße ren: Im Wet t bewe rb wa r au f dem
Grundstück noch parallel zur Schule ein Es ist, was es ist
öffentlicher Weg vorgesehen – ihn gibt es
zwar, doch er wird nicht öffentlich sein Diese Idee ist mit bewunderswerter Stren­
dürfen. Zu groß war die Angst der Schule, ge gedacht und durchgehalten. Der
die großen Fenster könnten Voyeure anlo­ Sichtbeton wird durch Elemente ergänzt,
cken. die durch ihre Eigenqualität wirken: la­
ckiertes Holz innen und eloxiertes Alumi­
Ordnung und Ausdruck nium außen für die Glasrahmen, teilweise
mikroperforierte Holzverkleidungen, PUR-
Doch der möglicherweise entscheidende beschichtete Fußböden. Verglasungen
Punkt, warum man dieses Gebäude noch und Durchgänge sind geschosshoch,
lange als herausragend bewerten wird, ist Rahmen werden flächenbündig einge­
die Präzision der Umsetzung und die Klar­ setzt. Die präzise Planung findet ihre Ent­
heit des Konzepts. Dieses baut auf einem sprechung in einer präzisen Ausführung,
Verständnis von Architektur auf, das auf die ein Nacharbeiten, Verkleiden oder
zwei immer wieder neu interpretierten Verdecken so wenig wie möglich nötig
und transformierten, aber im Kern alten macht, ohne in eine Fetischisierung der
Grundgedanken aufbaut. Der erste ist der Oberflächen etwa in Form eines makello­
des Rasters, der Ordnung, die auf Geome­ sen Sichtbetons zu verfallen. Dass dabei
trie aufbaut, in der ein platonisch-philoso­ Ausdruck und konstruktive Notwendigkeit
phisches Prinzip aufscheint, das durch sich ergänzen, das eine aber nicht in dem
den mittelalterlich-scholastischen „ordo“- anderen aufgehen kann, wissen die Ar­
Begriff in der abendländischen Baukultur­ chitekten sehr genau: Von außen sugge­
tradition bis in die Moderne hinein veran­ rieren die um die Ecke geführten Beton­
kert wurde. Ursprünglich getragen von der elemente Wanddicken, die der Wirklich­
Vorstellung, dass die göttliche Weltord­ keit nicht entsprechen, aber der Wirkung
nung durch Proportionen und geometri­ des Volumens als Körper dienlich sind.
sche Ordnungen als weltlicher Abglanz Lediglich an einer Stelle war eine solche
sichtbar gemacht werden könne, unter­ Ecklösung nicht möglich – eine kleine In­
liegen bis heute Raster- und Strukturbe­ konsequenz, die aber immerhin den Un­
griffe einer über Pragmatismus hinauswei­ terschied zwischen beiden Möglichkeiten
senden Überzeugung: „Die Architektur sichtbar macht.
darf nicht nur einer Ökonomisierung ge­ Dass in dieses Konzept auch raumklimati­
horchen, einer ausschließlichen Funkti­ sche Aspekte einbezogen werden kön­
onsoptimierung oder gar einem individu­ nen, spricht für sich. Ein 1.000 Kubikmeter
ellen Gestaltungsanspruch, sie benötigt fassender Eisspeicher wird genutzt, um die
darüber hinaus einen universellen Wert, Betonteile thermisch zu aktivieren. So ist
ein prinzipielles Ordnungsprinzip.“* Das die John-Cranko-Schule in mehrfacher
Haus in Stuttgart baut auf diesem strengen Hinsicht ein Beispiel dafür, wie man die
Ordnungsgedanken auf: Das Raster be­ Zukunft des Bauens verstehen kann: Ro­
trägt hier drei Meter, es findet sich in der bust in der Integration neuer Technik und
Gesamtgröße des Bauwerks von 90 x 36 großzügigen Raumzuschnitten und an­
Metern ebenso wieder wie in den Saal- spruchsvoll in Konzeption und Ausführung.
Dimensionen, die 12 x 12 oder 9 x 9 Meter
messen. *
Der zweite wesentliche Grundgedanke ist Uli Pantle: Ein universelles
der der direkten Entsprechung von Kons- Prinzip. Zum Tod von Peter C. von
truktion und Gestalt, von Material und Seidlein, 7.10.2014. Veröffentlicht
Atomsphäre, die nicht zwischen Nützli­ online: http://www.frei04-
chem und Gefälligem, zwischen Struktur publizistik.de/data/webserver/
und Ausbau unterscheidet. Die sorgfältig download/1441_frei04_PCvSeidlein.
geplante und ausgeführte Betonkonstruk­ pdf. Zugriff 21.6.20
75
John-Cranko-Schule
Die Qualitäten des neuen Stuttgarter Terrassenhauses könn­
ten noch sehr lange nachvollziehbar sein – weil sie auf einer
langen Tradition aufbauen: strenge Ordnung und Ausdruck.
76
9. Frage Nachhaltigkeit 77

Stufenweise staffelt
sich das Schulge­
bäude den Stuttgar­
ter Kessel hinab.
Links im Bild die
Südostfassade des
Ballettinternats
an der Werastraße
78 9. Frage Nachhaltigkeit

Licht und luftig, den­


noch ohne Ablen­
kung für die Tänzer:
einer der drei gro­
ßen Probenräume
79
80 9. Frage Nachhaltigkeit
81

1 3
2 4

1 Durchlässig: 3+4 Die kleinen


Im Inneren führen Ballettsäle haben
einläufige Treppen alle einen Bezug
den Hang hinauf. nach draußen.
Am Ende des Korri­ Rechts: eines der
dors bietet sich Internatszimmer
jeweils ein Blick auf
die Stadt.

2 Vor dem Speise­


saal liegt diese gro­
ße interne Terrasse,
geschützt und kreis­
rund eingefasst.
82 9. Frage Nachhaltigkeit

Zum Wandaufbau

M 1:1 0 . 0 0 0
Das kräftige Bau-
volumen wird :KV

unterstützt durch
eine monolithische
Anmutung der
Außenwände. Tat­
sächlich wird
die Vorsatzschale
geschickt um
die Ecke geführt.
Um die Betonteile
thermisch zu akti­
vieren, wird ein Lageplan
1.000 Kubikmeter
fassender Eisspei­
cher genutzt –
eine neue Technik,
die sich freiwer­
dende beziehungs­
weise der Umwelt
entzogene Energie
beim Phasen­
wechsel zwischen
ge­f roren und flüssig
zunutze macht.
M 1:5 0

Als einziger Wett­ Anblick wird sich


bewerbsteilnehmer in etwa auch den
hatten Burger Reisenden am
Rudacs ein abge­ zukünftigen Haupt­
trepptes Gebäude bahnhof S 21 bie­
für die Stuttgarter ten, wenn er fertig-
Hanglage vorge­ gestellt sein wird.
schlagen und damit
gewonnen. Dieser

BAUHERR: OBJE K TÜBE RWACHUNG: H L SK- U N D REALISIERUNGS-


Land Baden-Württemberg, Wenzel + Wenzel GmbH, ELEKTROPLANUNG: WETTBEWERB:
vertreten durch den Landes­ Stuttgart Duschl Ingenieure GmbH & Co. 2011, 1. Preis
betrieb Vermögen und KG, Rosenheim
Bau Baden-Württemberg, PROJEKTSTEUERUNG: BAUZE IT:
Amt Stuttgart Drees & Sommer GmbH, AKUSTIK UND BAUPHYSIK: 2016 bis 2020
Stuttgart Brüssau Bauphysik GmbH,
ARCHITEKTEN: Fellbach FERTIGSTELLUNG:
Burger Rudacs Architekten, TR AGWERKSPL ANUNG: 2020
München Mayr | Ludescher | Partner, BÜHNENTECHNIK:
Stefan Burger, Birgit Rudacs Beratende Ingenieure, E3 Ingenieurgesellschaft mbH, STANDORT:
Projektteam: Martin Baur, Stuttgart Altenbeken John-Cranko-Schule,
Nikolai Wasser, Louis Saint Werastraße 27, Stuttgart
Germain, Matthias Goetz, BRANDSCHUTZ:
André Frühoff, Matthias Hajek Ingenieurbüro für Brandschutz
Hoffmann, Pirmasens
83

Längsschnitt durch kleine Ballettsäle Längsschnitt durch große Ballettsäle

Ebene 7 (Eingang Werastraße) Ebene 8

Ebene 5 Ebene 6

M C A .1:1. 0 0 0

Ebene 1 (Eingang Urbansplatz) Ebene 4


84

Wie steht
es um die
Rolle des
Architekten

?
( Projekt ) ( Text )
Fairtrag e.V. Juan Lucas Young
9. Frage Politik 85
Zwischen den Stühlen
Droht dem Architekten bald die Gefahr, zum reinen Planungs­
dienstleister von Immobilienentwicklern und Baukonzernen
zu werden? Raubt ihm eine marktliberale Rechtsprechung
in Zukunft die finanzielle Planungssicherheit und werden ihm
knebelnde Vertragsklauseln unkalkulierbare Risiken aufbür­
den? Juan Lucas Young, Partner im Büro Sauerbruch Hutton,
glaubt, dass die Architekten ihr Schicksal selbst in den
Händen halten.

G
elegentlich gerate ich in Diskussionen mit Investoren, die auf der Suche nach maxi­
Freunden und Kollegen über die zukünfti­ maler Rendite die Architektur verhungern
ge Rolle des Architekten. Angesichts der lassen.
Vielzahl an Herausforderungen und ra­
santen Veränderungen, denen unsere Der Architekt als Übernahmekandidat?
Welt und letztendlich unser Beruf ausge­
setzt ist, kann ich die wachsende Sorge Viele Bauherren und Baukonzerne träu­
und Verunsicherung, die uns erfasst, gut men vom digitalen Bauen in derselben Art
verstehen. Neben den großen Themen – wie die Autoindustrie Autos produziert:
Digitalisierung, Klimawandel, Globalisie­ geplant in 3D, automatisch logistisch or­
rung, Ressourcenverknappung – gibt es ganisiert und von Robotern gebaut. Der
eine Reihe von fachspezifischen Verände­ Mensch kommt (noch) ganz am Schluss
rungen, die viele Architekten beschäfti­ in der Kette für die Endmontage vor. Die
gen und die zu ihrer Verunsicherung bei­ Zukunft des Bauens, so die Vision, liegt im
tragen. Viele dieser Veränderungen voll­ 3D Drucker oder ähnlichen, robotisierten
ziehen sich kaum merklich. Aber sie Produktions- und Montagevorgängen. Um
schlagen kleine Wellen, die, wie ein in den das System zu perfektionieren wird das
See geworfener Stein, irgendwann in den Planungstool BIM nach Fertigstellung für
Alltag verschwinden und sich dann unbe­ das Gebäudemanagement genutzt. Mit
merkt in die gebauten Räume, die wir pla­ dem Ziel, zukünftig ihren Kunden solche
nen, einschleichen. vollintegrierten Angebote, von der Pla­
So geht die Furcht in der Architektenschaft nung über die Ausführung bis hin zum Ge­
um, dass wir zusehends zu Dienstleistern bäudeunterhalt, unterbreiten zu können,
degradiert werden, dass uns immer mehr übernehmen sogar Bau- und auch Energie­
die Gefahr droht, als Subunternehmer von konzerne vormals selbstständige Planungs­
Generalunternehmern unterzugehen. büros. Viele Architekten befürchten, dass
Auch klagen hierzulande viele Architek­ im Zuge des Digitalisierungsprozesses vie­
ten über die vor kurzem beschlossene Ab­ le Arbeitsplätze wegfallen und künstliche
schaffung der HOAI, weil uns damit die Intelligenz mehr und mehr an die Stelle
zuverlässige Grundlage für unsere Hono­ des Menschen tritt. Der Blick zurück sollte
rarermittlung genommen wurde. Wieder da ein wenig beruhigen. Als ich vor über
andere sind besorgt über die inzwischen dreißig Jahren meine Berufslaufbahnbe­
hochgradig komplexen und unübersicht­ gonnen habe, zeichnete man mit den
lichen „All you can eat-Verträge“, die ein­ guten alten Rotring-Stiften und musste
zugehen sie gezwungen sind – samt be­ falsche Linien ganz vorsichtig mit einer
nachtei l igende r Bescha f fenhei t sve r­ Rasierklinge wegkratzen, um kein Loch im
pflichtungen, kostenlos zu erbringenden dicken, transparenten Papier zu verursa­
Zusatzleistungen und monströser Haf­ chen. (Entstandene Löcher optisch ver­
tungsrisiken. Nicht zuletzt treibt viele in schwinden zu lassen war eine hohe Kunst!)
unserem Berufsstand die Angst vor der Als die Revolution des Personal Computer
Gleichgültigkeit um: der Gleichgültigkeit kam und Architekturbüros binnen weniger
einer Gesellschaft, die eine verantwor­ Jahre die Zeichenbretter einschließlich
tungsvoll, kenntnisreich und feinfühlig ge­ Mayline, Radiergummi, Dreiecken und
stalteten Umwelt nicht mehr zu schätzen Rapidographen durch Computer, Pro­
weiß. Und vor der Gleichgültigkeit vieler gramme, Drucker und Plotter ersetzen,

WEITER
86 9. Frage Politik
herrschte ebenfalls Sorge um den Verlust
Juan Lucas Young von Arbeitsplätzen. Stattdessen hat sich
die Zahl der Architekten in Deutschland
seit 1990 fast verdoppelt.
Meines Erachtens lauert die Gefahr, die
von der oben beschriebenen Entwicklung
ausgeht, an ganz anderer Stelle: nämlich
dass als Ergebnis eines solchen vollinteg­
rierten und -digitalisierten Planungs- und
Bauprozesses anonyme und gesichtslose
Bauten entstehen, Zweckbauten ohne
Geist, weil der unabhängige Architekt
fehlt, um dem entgegenzusteuern. Archi­
tektur lebt von mutigen Architekten, die
ihrer Kreativität freien Lauf lassen und ihr
gesellschaftliches Mandat zeitgemäß in­
terpretieren und erfüllen. Architekturbü­
ros, die von Konzernen übernommen wer­
den, können geistig nur dann überleben,
wenn eine gesunde Mischung aus Effizi­
enz und kreativer Freiheit sichergestellt
wird. Aber ist dies möglich? Denn das Stre­
ben nach Architektur ist das Streben nach
Schönheit, Proportion, Ordnung, Räum­
lichkeit, Materialität, Kontextualität und
Sinnlichkeit von Gebäuden. Um diese
Qualitäten zu erreichen, muss eine über­
durchschnittliche Menge an Arbeit und
Denken investiert werden, die sich oft
schwer zügeln oder quantifizieren lässt,
denn der kreative Prozess ist nicht unbe­
dingt geradlinig, sondern eher iterativ. Je­
der Arbeitgeber, der Architektur schaffen
möchte, ob privat, öffentlich oder als Bau­
konzern, wird seinem Architekten dieses
Stück Freiheit ermöglichen müssen, sonst
stirbt die Architektur. Um die Architektur
langfristig am Leben zu erhalten muss die
Breite der Gesellschaft dafür kämpfen,
den Stellenwert der Architektur aufrecht­
ist seit 1999 Partner zuerhalten.
und Geschäftsführer Dennoch wird allzu oft innovative Archi­
im Büro Sauerbruch tektur mit dem Verweis auf mangelnde

„Architekturbüros,
Hutton und zeichnet Wirtschaftlichkeit abgeblockt. Aber was
verantwortlich für ist wirklich „wirtschaftlich“? Welches Ge­
wicht spielen Nachhaltigkeit, Erschei­
die von Konzernen
die Gesamtleitung
des Büros und aller nung, Zufriedenheit der Bewohner oder
Projekte. Er ist Vor­ Gesundheit bei der Bemessung der Wirt­
standsmitglied von
Fairtrag e.V.
übernommen schaftlichkeit? Architektur entsteht heute
oftmals in einem Spannungsfeld gesamt­

werden, können gesellschaftlicher und partikularer Inter­


essen, das der Architekt allein nicht auflö­

geistig nur dann sen kann. Nehmen wir etwa die Energie­
einspaarverordnung (EnEV), die Jahr für

überleben, wenn
Jahr verschärft wird, um die Energiever­
luste am Gebäude zu minimieren. Die
Mehrkosten, die beim Bau für eine immer
eine gesunde bessere und energieeffizientere Gebäu­
dehülle entstehen, führen in der Folge zu
Mischung aus höheren Mieten. Dringend benötigter
preiswer ter Wohn raum kann deshalb

Effizienz und kreati­ kaum noch kostendeckend errichtet wer­


den. Viele Wohnungsbaugesellschaften
FOTO: URBAN ZINTE L

ver Freiheit sicher­ etwa sehen sich nicht mehr in der Lage,
Neubauten im unteren Preissegment des
Wohnungsmarktes zu realisieren, ohne
gestellt wird.“ defizitär zu haushalten. Die konträren ge­
87
„Nicht zuletzt sellschaftlichen Erwartungen im Woh­
nungsbau aufzulösen, vermögen weder
Wie entkommen wir
der Haftungsfalle?

treibt viele in un­


Architekt noch Bauherr alleine. Hier be­
darf es einer gemeinsamen Kraftanstren­ In den letzten Jahren haben große Auf­
gung vieler Akteure und der Bereitschaft, traggeber, ob öffentlich oder privat, eine
serem Berufsstand eine neue Definition von Wirtschaftlich­
keit zu etablieren.
Reihe von Rechtsberatern zu Dienste ge­
zogen mit der Absicht, die Unwägbarkei­
die Angst vor der Feilschen wir bald um unser Honorar?
ten des Bauens zu minimieren. Ihr Ziel da­
bei ist es, Gebäude in Auftrag zu geben,

Gleichgültigkeit In Deutschland genießt der Architekt ein


die nicht nur alle gewünschten Parameter
erfüllen, sondern dass am Ende auch der

um: der Gleich­ hohes Ansehen. Dies liegt nicht nur an sei­
ner technischen Kompetenz, sondern
festgelegte Kosten- und Zeitrahmen ein­
gehalten wird. Dies wird möglich, so die
auch an der Tatsache, dass er hierzulande Logik, in dem die Planer in die Verantwor­
gültigkeit einer große Verantwortung trägt, weil er mit al­ tung gezogen werden, in der Regel der
len Phasen des Bauprozesses betraut ist. In Architekt. Zu diesem Zweck wurde die In­
Gesellschaft, die anderen europäischen Ländern ist dies
nicht der Fall. Dort werden oftmals Kosten­
terpretation des Begriffs „Beschaffenheit“
perfektioniert. Der Architekt (zumindest in

eine verantwor­ planung, Ausschreibung und Objektüber­


wachung, in vielen Fällen sogar die Aus­
Deutschland) ist in der Regel kein Dienst­
leister, er rechnet nicht Leistungen nach

tungsvoll, kennt­ führungsplanung, fremd vergeben. Der


Architekt wird nicht selten nur mit der Ent­
Stunden ab, sondern schuldet ein Werk.
Dafür erhält er ein Honorar und haftet ent­

nisreich und
wurfs- und Genehmigungsplanung sowie sprechend. Dieses Werk wird durch seine
der künstlerischen Oberleitung beauf­ Beschaffenheit(en) definiert. Aber was ist
tragt. Alle übrigen Leistungen werden von eine Beschaffenheit? Eine Beschaffenheit
feinfühlig gestal­ Fachplanern oder Baukonzernen über­ kann alles oder nichts sein. Um vertraglich
nommen. bindend zu werden, muss sie allerdings
teten Umwelt Aber nicht nur der Umfang der übertrage­
nen Verantwortung gibt dem Architekten
genau definiert werden. Die Nicht-Erfül­
lung einer vertraglich definierten Be­

nicht mehr zu mehr oder weniger Entscheidungsbefug­


nis, auch die Praxis der Auftragsvergabe
schaf fenheit ist ein Sachmangel, der
Werkvertrag droht nicht erfüllt zu werden

schätzen weiß. kann dazu führen, dass der Architekt seine


Funktion nur noch eingeschränkt wahr­
und somit entfällt teilweise der Anspruch
auf das Honorar. Die bekannteste (und

Und vor der


nehmen kann. In Finnland und Schweden gefürchtetste) Beschaffenheit ist die Ein­
etwa wird das Baugeschehen von Gene­ haltung des Kostenrahmens. Viele Kolle­
ralunternehmern beherrscht – Paketver­ gen fürchten diese Beschaffenheit zu
Gleichgültigkeit gaben existieren dort deshalb bei Mittel- Recht. Gegen diese Sorge gibt es nur ein
und Großprojekten so gut wie gar nicht. probates Mittel: unsere Kostenplanung
vieler Investoren, Die Generalunternehmer, die oftmals zu­
gleich als Entwickler fungieren, begreifen
detailliert und transparent zu erstellen,
unser Gegenüber gut zu beraten und das

die auf der Suche Planung häufig allein als zuarbeitende


Dienstleistung. Sich unter diesen Rahmen­
Risiko dort zu platzieren, wo es hingehört:
beim Bauherrn, denn der Architekt ist kein

nach maximaler bedingungen als Architekt zu behaupten,


erfordert sehr viel Kraft und Energie.
Bauunternehmer.
Vor rund vier Jahren haben sich eine Reihe
Auch wenn ich das Außerkraftsetzen der von namhaften Architektur- und Ingeni­
Rendite die Archi­ HOAI bedauere, so denke ich doch, dass eurbüros in Berlin zusammengeschlossen
wir uns als Architekten deshalb nicht sor­ und einen bundesweiten Verein gegrün­
tektur verhungern gen müssen. Die HOAI regelte bisher nicht
nur die Honorare der Planer, sondern es
det, den Fairtrag e.V. Das Ziel: eine Klage
gegen die Musterverträge des Bundes,

lassen.“ definierte auch die zu erbringenden Leis­


tungen. Sofern sich die Auftraggeber in
die eine sogenannte Kostenbeschaffen­
heitsklausel enthalten. Der Verein hat die
Deutschland an den Leistungsbildern der Klage in dritter Instanz in Karlsruhe verlo­
HOAI orientieren, werden die Planer dies ren. Die Gerichte haben eine solche Klau­
auch tun. Entfällt die Verbindlichkeit von sel in den allgemeinen Geschäftsbedin­
Honorartabellen, wird die Höhe der ver­ gungen (AGB) als rechtlich zulässig be­
handelten Honorare womöglich nur mar­ wertet. Jedoch setzte sich keine der Ins­
ginal beeinflusst, aber dies eröffnet die tanzen mit dem inhaltlichen Aspekt der
Möglichkeit, das Leistungsbild neu zu ver­ Klage auseinander. Wir Planer wollen un­
handeln. In anderen europäischen Län­ sere Verantwortung in Zusammenhang
dern orientiert man sich an etablierten mit der Kostenplanung nicht abtreten. Die
Bezugsgrößen – in der Regel an einen Frage, die uns aber beschäftigt, ist: Wel­
marktüblichen prozentualen Anteil der chen Teil der Kosten müssen und können
Baukosten, ähnlich wie im Fall der HOAI. wir überhaupt verantworten? Denn die
Allerdings werden zukünftig bei den Ho­ Baukosten schließen verschiedene Kos­
norarverhandlungen die konjunkturellen tengruppen ein und erstrecken sich über
Schwankungen des Marktes mehr Ge­ verschiedene Leistungsphasen. Kosten­
wicht bekommen. gruppen und Leistungsphasen stimmen

WEITER
88 9. Frage Politik
„Die größte Ge­ aber oft nicht mit der zu verantwortenden
und beauftragten Leistung der verschie­
schöne, funktionale und innovative Bau­
werke übersetzen. Und keine andere der

fahr droht unse­


denen Planer überein. am Bau beteiligten Berufsgruppen ist so
Die Ablehnung der Gerichte, sich inhalt­ universell ausgebildet, so vielseitig inter­
lich mit dem Thema zu befassen, war zu­ essiert. Die größte Gefahr droht unserem
rem Berufsstand gegebenermaßen ein unerfreuliches Er­
lebnis. Aber sich zu wehren, hat sich den­
Berufsstand dann, wenn die Gesellschaft
das Interesse an einer qualitätvoll gestal­
dann, wenn die noch gelohnt. Das zuständige Bundesmi­
nisterium hat in unserem Sinne während
teten Umwelt verliert. Ab dem Tag, an dem
sie sich mit anonymen und gesichtslosen

Gesellschaft der Prozesse die Musterverträge modifi­


ziert, die nun für Architekten Möglichkei­
Zweckbauten zufriedengibt, ist das heuti­
ge Selbstverständnis des Architekten zum

das Interesse ten eröffnen, aus der Haftung zu kommen.


Wesentlicher Aspekt dabei: die Hinweis­
Untergang verurteilt. An jenem Tag wer­
den wir zu technischen Dienstleistern,
pflicht. Um für eine Kostenüberschreitung bestenfalls noch zu Beratern für Gestal­
an einer quali­ nicht potenziell haftbar gemacht zu wer­ tung. Wir haben es in der Hand, durch Kre­
den, ist es wichtig, dem Auftraggeber zu ativität, Dialog, Vermittlungskunst, Inno­
tätvoll gestalteten vermitteln, dass jeder Planer jeweils nur
für die Bereiche verbindliche Aussagen
vation, Lern- und Anpassungsfähigkeit
unsere Mitbürger, Bauherren, Planungs­

Umwelt verliert. treffen kann, für die er auch die Planungs­


kompetenz besitzt. Weder vergeben wir
partner sowie die Industrie mit den besten
Ideen von unserer Unverzichtbarkeit zu

Ab dem Tag, selbst die Aufträge, noch legen wir die


Baupreise fest; weder stellen wir die Bau­
überzeugen. Wir Architekten sind nach
wie vor neutrale Sachwalter des Allge­

an dem sie sich


stoffe selbst her, noch produzieren wir Ein­ meininteresses. Wir haben die Verantwor­
zelkomponenten. Die Beteiligten müssen tung, mit unserer Kreativität und unseren
verstehen, dass es eine Abhängigkeit gibt vielfältigen Fähigkeiten die Lebenswelt
mit anonymen zwischen Leistungsumfang und Planungs­ unserer Mitmenschen human zu gestal­
stand einerseits und der Verbindlichkeit ten. Das sollte sich nicht ändern.
und gesichtslosen der Kostenermittlungen andererseits. Be­
schaffenheitsziele vor Beginn der Planung

Zweckbauten zu definieren, birgt im wahrsten Sinne un­


berechenbare Komplikationen. Vielmehr

zufriedengibt, sollten sich Auftraggeber und Planer dar­


über einig sein, dass in der Vor- und Ent­

ist das heutige


wurfsplanung der Kostenrahmen immer
entsprechend der erreichten Planungsrei­
fe anzupassen ist. Kann dies nicht mit dem
Selbstverständnis Auftraggeber vereinbart werden, muss
der Planer in der Konsequenz den nötigen
des Architekten Kostenpuffer einkalkulieren und den Auf­
traggeber darüber aufklären. Ein kluger

zum Untergang Bauherr reagiert entsprechend. Zu den


Hinweispflichten des Architekten im Rah­

verurteilt.“ men der Kostenplanung gehört es auch,


die aktuellen Marktentwicklungen einzu­
schätzen – und gegebenenfalls auf die
Gefahr von Kostensteigerungen in be­
stimmten Bereichen hinzuweisen. Das be­
fähigt den Bauherrn, rechtzeitig zu ent­
scheiden, mit welchem Risiko er in die
Ausführungs- und Vergabephase in Ab­
hängigkeit von der Planungsreife einstei­
gen möchte. Unsere Aufgabe als Archi­
tekten kann dabei nur darin bestehen,
den Auftraggeber bei der Abwägung von
Kostenrisiko und erwünschter Qualität zu
beraten – eine Kostengarantie können wir
jedoch nicht geben.

Sachwalter der Allgemeininteresses

Solange Gebäude gebaut und Städte ent­


wickelt werden, wird es Bedarf an Archi­
tekten geben. Niemand anderes kann
Gebäude in ihrer Vielfalt und Komplexität
so durchdringen, gestalten und planen
wie wir. Das gibt uns Kraft und Zuversicht.
Nur der Architekt kann Raumbedarf in
Architekturkultur
(Euroboden | Baumeister Edition)
280 Seiten, gebunden
€ 39,95
Gold 2020

shop.georg-media.de
90 Rubrik
Ein Blick in …
123

... das Büro
von Terra.Nova
Landschafts-
architektur

Noch bis ins 19. Jahrhundert allerdings nicht auf dem Sie gewinnen jedoch nicht ein familiäres Büro in idylli­
mahlte die Mühle Faser- Land, sondern nicht weit von nur landschaftsarchitektoni­ scher Lage – besonders im
stoffe zur Papierherstellung, der Münchner Innenstadt sche Wettbewerbe, sondern Sommer, wenn sich die Mit­
als Getreidemühle war sie entfernt. Gerade einmal vor auch der vierbeinige Mit­ arbeiter und Mitarbeiterinnen
danach bis 2007 in Betrieb. einem Jahr ist das Land­ arbeiter ist preisgekrönt: im Mühlbach erfrischen.
Jetzt beheimatet sie als schaftsarchitekturbüro Terra. Dackel Karlchen gewann
„Kraemer’sche Kunstmühle“ Nova mit seinen zwölf Mitar­ 2020 den Bürohund-Wettbe­ Mehr Einblicke in Architektur­
Kreative wie Terra.Nova beiterinnen und Mitarbeitern werb von New Monday. büros finden Sie auf New-
Landschaftsarchitektur. in die Kraemer’sche Kunst­ Das Landschaftsarchitektur­ Monday.de – die Job-Platt­
New Monday besuchte das mühle eingezogen. Peter büro arbeitet an Projekten form für Architekten, Bauin­
idyllisch gelegene Büro im Wich hatte das Büro 2000 ge­ unterschiedlichen Maßstabs genieure und Freiraumplaner.
Gebäude am Münchner meinsam mit seinem Bruder, in Deutschland und Öster­
Auer Mühlbach. dem Architekten Martin Wich, reich. Derzeit beschäftigt sich www.new-monday.de/
Der Bach rauscht, Schafe gegründet. Seitdem ist Terra. das Team etwa mit der Land­ unternehmen/terranova-
FOTO: QUIRIN LE PPE R

grasen auf einer Weide, zwar Nova und das Architekten­ schaftsgestaltung der Prinz- landschaftsarchitektur
drehen sich die Mühlblätter duo Wich fester Bestandteil Eugen-Kaserne in München –
nicht mehr, dafür riecht der Münchner „Architektur- in Zusammenarbeit mit dem new-monday.de
es nach frisch gemahlenem Landschaft“ sowie des deut­ Kölner Büro Club L94. Besucht newmonday@callwey.de
Kaffee. Wir befinden uns schen Wettbewerbswesens. man Terra.Nova trifft man auf @newjobnewmonday

von Isa Fahrenholz


ZEIG,
LASS WAS
DICH DU KANNST.
FINDEN.
new-monday.de/ZukunftArchitekt
new-monday.de/architekten
Energiezentrale in Frankreich von den Architekten Fricout-Cassignol,
verkleidet mit „concrete skin“- Paneelen von Rieder
93

21
Lösungen:
Fassade SEITE
94

Mauerwerk SEITE
102

und Wand­
baustoffe
+
( REFERENZ )
ERGÄNZUNG E INER
HISTORISCHEN
SPE ICHE RSTADTFASSADE
MIT ZIEGELN DER
PR I VAT Z I E G E L E I H E B R O K
FOTO: RIE DE R GROUP/DIT Z FEJE R

SEITE
10 0
1
94 Lösungen
Fassade drei Seiten. Die Mitte
des neuen Baukör­
pers sollte etwas Star­
kes sein, deshalb ent­
Die Anforderun­ stand ein Zentrum aus

gen an Fassaden Stein. Das Satteldach


des optisch wie eine

sind hoch. Zum Scheune wirkenden


Gebäudes ist mit
einen ist der Schiefer in Rechteck-

ästhetische As­ Doppeldeckung (40 x


25 cm) gedeckt. Die

pekt zu berück­ Kastenrinne liegt an


der Traufe versteckt,
sichtigen. Soll so dass die Geomet­

die Fassade als rie des Baukörpers


absolut glatt und

Landmarke her­ schlicht wirkt: keine


Rinne, kein Fallrohr.
ausstechen oder
WWW.RATHSCHECK.DE

Zudem sind alle vier

sich dezent in Fassaden mit Schiefer


bekleidet; allerdings

die Umgebung wurde hier die soge­


nannte Dynamische
einfügen? Zum Schiefer Deckart gewählt:

anderen muss
als Ak zent Durch die verschie­
denen Längen und

die Gebäudehül­ Unweit von Opole/


Polen entstand eine
Höhen der Steine wir­
ken die Wände, wie
le viele techni­ ungewöhnliche wenn sie aus Steinen
Wohnanlage. Das von geschichtet wären.
sche Funktionen Maciej Rempalski Rathscheck Schiefer

erfüllen. Sie entworfene Einfamili­


enhaus umschließt
lieferte die Schiefer­
platten für Wand und
soll schützen, einen Innenhof von Dach.

dämmen, Schall
minimieren.

2
Und das alles ist
mit dem Budget
des Bauherrn
zu realisieren.
Wie gut, dass Fassadenanker mit chem U-Wert der Au­

das Angebot an minimalen Wärme­


verlusten
ßenwand etwa 50 %
der Wärmedämm­

Baustoffen ent­ schicht einsparen.


Mit dem Fassadenan­ Der Fassadenanker
sprechend viel­ ker „Isolink Typ TA-S“ ist als Passivhaus-
FOTO: R ATHSCHECK SCHIE FE R; RE MPAL SKI; SCHÖCK BAUTE ILE GMBH

fältig ist. Eine bietet Schöck eine Komponente zertifi­


WWW.SCHOECK.DE

Alternative zu her­ ziert und für schwer­

Auswahl finden kömmlichen Fassa­ entflammbare Fassa­


denbefestigungen den zugelassen. Dar­
Sie auf den aus Aluminium oder über hinaus kommt

nächsten Seiten.
Edelstahl. Der Isolink er mit einer Bohrloch-
besteht aus dem und Verankerungstie­
Glasfaserverbund­ fe von nur 40 mm in
werkstoff „Schöck Beton aus. Da darü­
von Combar“, dessen ber hinaus nur der

Gabriele
Wärmeleitfähigkeit stabförmige Isolink
um das 300-fache die Dämmung durch­

Oldenburg niedriger ist als die


von Aluminium. Damit
dringt, liegt diese
immer vollflächig an
lassen sich bei glei­ der Wand.
3
Fassade 95
Aluminium und Holz
im Kontrast

Das Haus des Archi­


tektenehepaars Ag­
nieszka und Grzegorz
Ziebik in Gliwice bei
Kattowitz fällt auf.
Das große, archetypi­
sche Dach, die simp­
len Formen sowie die
Aluminium-Bandble­
che von Prefa, die
in unterschiedlichen

W W W.PRE FA .DE
Breiten wie Streifen
das Dach und die
Fassade dominieren,
prägen den Charak­
ter dieses Hauses.
Der Eingangsbereich
ist aus Holz, das lang­
sam seine Farbe ver­
ändern wird. Deutlich
im Kontrast dazu ste­
hen die „Prefalz“-
Bahnen mit der Ober­
fläche „P.10 Prefa­
weiß“, die sich op­
tisch kaum verändern
werden. Den Archi­
tekten ist die Langle­
bigkeit ihrer Entwürfe
wichtig, die Häuser
sollen möglichst zeit­
los sein. Insofern ver­
stehen sie den Ent­
wurf für ihr Haus auch
als Konzept für DAS
Wohnhaus an und für
sich.

4
men „AHF 95“ und Axxent“ mit Nullbarri­
„AHF 115“ lassen sich ere-Schwelle. Bei der
bis zu 6 m hohe trans­ Variante „115 Sky
parente Fassaden Plus“ können die
gestalten. Die Bau­ Schiebeflügel kom­
elemente werden plett in der Fassade
mit einer Aluminium- laufen.
Außenschale nach
Kundenwünschen
individuell gefertigt
Transparenz auf und als Bausatz ge­
ganzer Linie liefert. Die Hebe-
FOTO: PRE FA/CROCE & WIR; KNE E R-SÜDFE NSTE R

WWW.KNEER-SUEDFENSTER.DE

Schiebe-Türen aus
Passend zu großflä­ Aluminium/Holz wer­
chigen Fenstern und den in verschiedenen
Terrassentüren fertigt Varianten angeboten:
Kneer-Südfenster „ART“ mit kantiger
auch Pfosten-Riegel- Optik, „Sky Plus“
Fassaden in durch­ (auch in Holz-Varian­
gängigen Systemen te) mit nahtloser Ver­
in der Materialkombi­ glasung bis in die
nation Aluminium/ Schwelle und schma­
Holz. Mit den Syste­ len Profilen und „Sky
5 6
96 Lösungen

Modulares Fassaden­ stark frequentierte


system erweitert Eingangsbereiche
bietet. Für zusätzliche
Zur funktionalen Er­ Transparenz sorgen
weiterung der „heroal die „schwimmenden“
C 50“-Fassadensyste­ Fenstersysteme
me hat Heroal Ein­ „heroal W 72 i“ und
satzelemente und „heroal W 77 i“, die
Möglichkeiten zur ohne sichtbare Flügel
Integration weiterer und Glasleisten aus­ Schallschutz dank Architekt und Bauherr
Systeme entwickelt. kommen. Ein ange­ verglaster Vorbauten entschieden sich
Dazu gehört das Ob­ nehmes Raumklima für die Glasbrüstung
jekttürsystem „heroal lässt sich mit der Henstedt-Ulzburg „SL Modular“ mit
D 72“, das eine opti­ schmalen, geschoss­ liegt im Speckgürtel beweglicher Balkon­
WWW.HEROAL .DE

mal in die Fassade hohen Lüftungsklap­ von Hamburg und verglasung „SL 25“
integrierbare und pe „heroal W 72 VF“ ist bekannt für seine von Solarlux. Die auf
dauerhaft funktions­ und dem außen gute Verkehrsanbin­ die Brüstung gesetz­
sichere Lösung für liegenden, voll inte- dung. Doch dieser ten, rahmenlosen
grierbaren Sonnen­ Vorteil hat auch sei­ Schiebe-Dreh-Ele­
schutzsystem „heroal nen Preis: Grundstü­ mente lassen sich
VS Z“ kreieren, dessen cke, die nah an der einfach öffnen und
WWW.SOLARLUX.COM

textiler Zip-Screen Trasse der regionalen als Paket an der Seite


für einen effektiven Bahn liegen, weisen parken.
Blend-, Sicht- und einen hohen Lärmpe­
Hitzeschutz sorgt. gel auf. Dies gilt
auch für das neue
Wohnquartier Lüh­
mannpark (Hans­
mann & Heitgerken
Architekten). Zusätz­
lich zur schalldäm­
menden Fassade und
FOTO: HE ROAL; SOL ARLUX GMBH

den Fenstern fungie­


ren deshalb gläserne
Vorbauten an der
Ostseite als Lärm­
schutz. Sie ermögli­
chen eine Lärmmin­
derung von 15 dB.
Fassade

7
97
mente, die teilweise
unterschiedliche
Blicke nach außen
ermöglichen und die
Räume hell und offen
wirken lassen. Die
geschlossenen Au­
ßenwandflächen
wurden mit hinterlüf­
teten „Max Compact

WWW.FUNDERMA X. AT
Hinterlüftete Exterior“-Platten von
Fassadenplatten FunderMax gestaltet.
Die klassischen
Die Fassade des Elan Probleme einer mit
Gründerzentrums in Vollwärmeschutz ge­
Baden-Baden (AID dämmten Putzfassa­
Architekten) ist als de entfallen damit.
kostengünstige Loch­ Die Platten sind duro­
fassade ausgebildet, mere Hochdrucklami­
aber neu interpre­ nate mit Witterungs­
tiert. Sie wurde im schutz aus Acryl-
spannenden Wechsel Polyurethan-Harzen.
zwischen geschlos­ Es werden Formate
senen und geöffneten bis 4100 x 1854 mm
Flächen realisiert. und zahlreiche Ober­
Jeder Raum erhält flächen und Dekore
raumhohe Fensterele­ angeboten.

Suurstoffi Baufeld 1, Rotkreuz, Schweiz

HIER STECKT GANZ VIEL LINDNER DRIN


Mehr.Ideen. Mehr.Wirkung. Mehr.Sicherheit. Wir nennen es den Lindner Mehr.Wert!

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8
98 Lösungen
Ressourcen-
schonender
Glasfaserbeton

Auf einem Gebiet von


fast 2 Mio. m² entsteht
südlich von Paris ein
Wissenschafts- und
Technologiezentrum,
das zugleich als öko­
logisches Vorzeige­
projekt konzipiert ist.
An den beiden Ener­
giezentralen in den
Distrikten Moulon
(siehe Bild) und Poly­
technique wurden
WWW.RIEDER.CC

Fassadenplatten und
Formteile aus Glasfa­
serbeton von Rieder
verwendet. Die „con­
crete skin“-Paneele
überzeugten die
Architekten Fricout-
Cassignol aufgrund
ihrer Langlebigkeit
und ökologischen
Kennzahlen. Die Pro­
dukte sind frei von
kristallinem Silicium­
dioxid, der Verschnitt
wird reduziert und
alle Reststoffe werden
wiederverwendet.
Dies gilt auch für die
scharfkantigen Form­
teile „formparts.fab“.

9 FOTO: RIE DE R GROUP/DIT Z FEJE R; OBS/BUND DE UTSCHE R BAUMSCHULE N (BDB) E . V./ WOLFGANG MÜCKE
ter und kühlen sich Aufgrund der großen
und ihre Umgebung Sortenvielfalt findet
damit um mehrere sich für jeden Stand­
Grad. Zudem stellen ort ein geeigneter
sie in der Regel sehr Fassadenkletterer.
geringe Ansprüche Bei der richtigen Aus­
an den Boden. Man­ wahl helfen die örtli­
che Sorten mögen chen Baumschulen.
es gerne schattig,
andere bevorzugen
Kühlendes Grün die pralle Sonne.
WWW.GRUEN-IST-LEBEN.DE

für Fassaden Einige Sorten sind


selbstklimmend, an­
Wer auf Klimaanla­ dere sind auf Rank­
gen verzichten möch­ hilfen angewiesen.
te, kann auch an oder Es gibt immergrüne
vor den Fassaden Sorten und solche,
seines Hauses Kletter­ die im Herbst ihr Laub
pflanzen anbringen. abwerfen. Viele tra­
Sie regulieren ihre gen zahlreiche und
Temperatur durch prächtige Blüten und
die Verdunstung von sind ausgesprochen
Wasser über die Blät­ bienenfreundlich.
1
Fassade

0 BauderKARAT Air+ reinigt


die Luft von schädlichen
In einem photokatalytischen
Prozess werden die
Beim nächsten Regen
werden die umgewandelten
Stickoxiden Schadstoffe neutralisiert Verbindungen vom
Dach gespült

www.bauder.de

Sicher heißt: 
Transparente bäude umgestaltet.
saubere Luft.
W W W . L I N D N E R - G R O U P. C O M

Innenfassade Für nahezu den ge­


samten Innenausbau
Seit der Sprachreise­ war die Lindner Group BauderKARAT Air+ für bessere Luftqualität in der Stadt.
anbieter EF Education verantwortlich. Die Zahl an Fahrzeugen, Flugzeugen, der Schiffsverkehr
First die „Neue Börse Neu ist das zweige­
sowie die Anzahl an Produktionsanlagen der Industrie
Zürich“ übernommen schos­s ige, rund 80 m
hat, sind nicht nur lange Atrium, das nimmt kontinuierlich zu. Insbesondere in Ballungsräumen
viele verschiedene als offener Kunden­ und großen Städten erhöhen sich dadurch die Schadstoffe
Sprachen und Natio­ bereich mit Kaffeebar in der Luft, die zulässigen Grenzwerte werden häufig
nen unter einem Dach und unterschiedli­
überschritten.
zu finden, auch die chen Sitz- und Be­
Innenarchitektur des sprechungsmöglich­
Gebäudes spricht keiten fungiert. Eine Die neu entwickelte Hochwert-Bitumenoberlagsbahn
nun eine andere eigens konstruierte BauderKARAT Air+ neutralisiert mit ihrer speziellen
Sprache und wurde Glas­f assade sorgt
Wirkstoffoberfläche Schadstoffe in der Luft. 100 m² dieser
in ein offenes, moder­ für die Abgrenzung
nes Verwaltungsge­ zu den Büroflächen.
Bitumenbahn bauen die jährliche Verschmutzung eines
PKWs (Euro 5 bei 12.000 km jährlich) ab.
FOTO: W W W.LINDNE R-GROUP.COM

Die Innenfassade
besteht aus dem
brandschutzgeprüf­
ten (EI 30) Glastrenn­
wandsystem „Lindner
Life 137“. Die einzel­
nen Elemente sind
1,5 x 3,7 m groß.
100 Lösungen

Zum Klinker
PR I VAT Z I E G E L E I - H E B R O K . D E

Für die Fassade wur­


den Backsteinklinker
der Privatziegelei He­
brok, Natrup-Hagen,
ausgewählt, die Klin­
ker im sogenannten
Wasserstrich-Verfah­
ren herstellt. Bei dieser
Technik erhält jeder
einzelne Stein eine in­
dividuelle Optik, weil
der Ton unter fließen­
dem Wasser in Formen
eingestrichen und
ausgestempelt wird.
Der verwendete Klin­
ker „aestas“ ist beson­
ders für seine warmen
Rottöne bekannt.
Ziegler Jörn Hebrok
hat dafür eine speziel­
le Aquarelltechnik
entwickelt – die Farb­
nuancen hier wirken
wie mit einem Pinsel
aufgetragen. Der ke­
ramische Brand bringt
zudem die seit Jahr­
hunderten geschätz­

Zeitgemäß
ten Eigenschaften der
Klinker mit sich: Sie
sind frostfest, belast­
bar, rutschsicher und
farbecht.

weiterbauen
Ergänzung einer historischen
Speicherstadtfassade mit Ziegeln der
Privatziegelei Hebrok
FOTOS: JOCHE N STÜBE R
Referenz 101

Klassischer Backstein prägt die Fassade des „Zollgebäudes 2“ in der Hamburger


Speicherstadt. Das lokale Architekturbüro BiwerMau hat es saniert.

H a m b u rg s S p e i ch e r s t a d t, s e i t 2 015 im Hamburger Hafen nicht mehr konkur­ sollten zudem ablesbar bleiben. Für die
Unesco-Weltkulturerbe, gilt als Architek­ renzfähig war. Die Lagerböden wurden zu Fassade wurden Backsteinklinker der Pri­
turikone zwischen Historismus und Klin­ Büroflächen umgenutzt. vatziegelei Hebrok aus Natrup-Hagen bei
kerexpressionismus. Vom 17. bis zum Ende Nach dem Fall der Freihafengrenzen im Osnabrück ausgewählt, den verwendeten
des 19. Jahrhundert war das Gebiet zwi­ Jahr 2003 und dem Rückzug der Zollbe­ Klinker „aestas“ hat man vor allem wegen
schen Zollkanal und Sandtorhafen ein hörden aus der Hamburger Speicherstadt seiner handwerklichen Optik und seiner
Wohnviertel für Hafenarbeiter und Hand­ wurden die Gebäude der Behörden an die warmen Rottöne gewählt.
werker. Sie wurden zwangsumgesiedelt, Stadt Hamburg zurückgegeben und um­ Nach den Sanierungs- und Umbauarbei­
als dort 1885 der Bau eines neuen Lager­ genutzt. BiwerMau Architekten aus Ham­ ten kann das ehemalige Hauptzollamt Al­
hauskomplexes begann. Daraufhin wuchs burg waren für den Umbau des 1899 er­ ter Wandrahm 17/18 nun als zeitgemäßes
es im Laufe mehrerer Jahrzehnte auf fast richteten „Zollgebäudes 2“ – heute die Bürogebäude genutzt werden. Nicht nur
50 0.0 0 0 Quadratmeter Speicher- und Unternehmenszentrale der maxingvest für ihren zeitgemäßen Eingriff an der Fas­
Kontorfläche an und ist bis heute der größ­ AG (ehemals Tchibo Holding) der Familie sade wurden BiwerMau Architekten mehr­
te zusammenhängende Speicherkom­ Herz – verantwortlich. Das denkmalge­ fach auszeichnet, unter anderem als Bau­
plex der Welt. schützte Gebäude war im Zweiten Welt­ werk des Jahres – Sonderpreis Denkmal­
Die Bauten sind von wilhelminischer Back­ krieg sehr stark beschädigt worden. Ziel pflege. Zudem erhielt das Objekt den
steingotik der Gründerzeit geprägt, und der Sanierung war daher die Wiederher­ BDA-Hamburg-Architekturpreis. In der
von den ursprünglich 17 Gebäudekom­ stellung der ursprünglichen Gebäude­ Begründung der Jury heißt es: „BiwerMau
plexen mit Büro- und Lagerflächen sind struktur in seinen Konturen. Das beinhalte­ fassten die Räume des ehemaligen Behör­
noch 15 erhalten. Erbaut wurden sie auf te neben der Aufstockung des Dachge­ denhauses mit einem sensiblen Gespür für
Eichenpfählen auf einer sich über ein Kilo­ schosses die Schließung der im Jahr 1967 die Wirkung von Material und Raum, so
meter erstreckenden Reihe schmaler Elb­ mittig angeordneten Durchfahrt. Die Ma­ dass die einstmals geschundene Archi­
inseln. In den 1980er-Jahren zeichnete xime war, sich dem historischen Bild anzu­ tektur heute die distinguierte Atmosphäre
sich deutlich ab, dass die Speicherstadt nähern, ohne tatsächlich die Eingriffe der anspruchsvoller Hamburger Kontorbau­
gegenüber anderen Lagereinrichtungen Nachkriegszeit zu tilgen. Neue Zutaten ten durchströmt.“

von Ute Strimmer


1
102 Lösungen
Mauerwerk und Betonfertigteile mit
Charme

Wandbaustoffe
In der gesichtslosen
Peripherie des Stutt­

Die Klassiker sind garter Ostens entlang


der B 14 sticht der

bekannt: Ziegel, Neubau der Online-


Weinhandlung „club
Porenbeton, traube“ durch Ruhe

Kalksandstein, und Klarheit heraus.


In dem massiven

Stahlbeton und Baukörper mit 7,50 m

WWW.BETON.ORG
Höhe und einer Nutz­
Holz. Die Auswahl fläche von rund

ist überschaubar. 1200 m² sind Lager,


Logistik, Verpackung

Aber mithilfe und Büros unterge­


bracht. Aus wirt­
von Material­ schaftlichen Gründen

kombinationen entschieden sich die


Stuttgarter Architek­

und raffinierten ten um Marco Hipp­


mann für eine Lösung
Details entstehen aus Beton-Fertigteilen

aus diesen
und Ortbeton, die
vom Fertigteilherstel­

Wandbaustoffen ler Franz Traub gelie­


fert wurden. Die gro­
sehr individuelle ßen Anteile von Beton
und auch die ent­
Lösungen. In sprechenden Materi­

den Fokus rückt alstärken (Außen­


wände: 20 cm Innen­
dabei immer schale, 12 cm Däm­

2
mung und 8 cm
mehr die Ober­ Außenschale) bieten

flächenbeschaf­ zudem eine ideale


Speichermasse,

fenheit, die oft so dass auch das


Weinlager ohne tech­
auch in Kontrast nische Kühlung aus­

zu anderen kommt.

Baumaterialien
gesetzt wird. Wasserstrichziegel im sind frostbeständig

Beliebt scheinen Langformat und in vielen Farben


und Abtönungen

vor allem von Die „Ultima“-Ziegel erhältlich. Sie können


von Randers Tegl in verschiedenen
Hand ausgeführte haben die Länge von Ausrichtungen ange­
WWW.RANDERSTEGL .COM

– oder so wirken­ zwei gewöhnlichen


Ziegeln, sind aber
wendet werden. Ein
Beispiel dafür: An der

de – Texturen. nur 38 mm hoch. Die­ Fassade einer Villa


se ungewöhnlichen im belgischen Peer
Maße verhelfen (UAU Collectiv ar­
FOTOS: BRIGIDA GONZ ALE S; DANNY WILLE MS

von
dem typischerweise chitects) wurden die
schweren Material Langformatsteine so­

Gabriele zu einem zarteren,


modernen Aussehen,
wohl vertikal als auch
horizontal verlegt.
Oldenburg während die von
einer Ziegelfassade
erwartete Textur und
Farbigkeit beibehal­
ten wird. Die linearen
Wasserstrichziegel
4
Mauerwerk und Wandbaustoffe 103

das Haus Postplatz –


ein Solitärbau, ent-
worfen vom Architek-
turbüro Tchoban Voss,
der mit seiner Kubatur
und Gliederung auf
die umliegenden
Gebäude verweist.

WWW.GIMA-ZIEGEL .DE
Die klassisch gemau-
erten, abgerundeten

3
Gebäudeecken am
Postplatz und Mitte
Marienstraße lassen
den Baukörper weich
in die Straßenzüge
einmünden. An der
Blockrandbebauung Fassade sorgt der
mit Solitärcharakter Hagemeister-Klinker
in der Objektsortie-
Der Dresdner Post- rung „Postplatz HS“
platz, direkt gegen- mit handstrichartiger
über dem histori- Oberfläche für Le-
schen Zwinger gele- bendigkeit. Das Farb-
gen, ist einer der spektrum reicht von
beliebtesten Plätze Gräulichweiß bis Ziegel verweist auf Der Hotelneubau im abzubauen und Zie-
im Zentrum der Stadt. Beige und weist Nu- Tradition vor Ort Werk 17 wurde vor gel zu produzieren.
Im Zuge der Umge- ancen durch speziel- Kurzem fertiggestellt. Die Klinker-Formstei-
staltung der Südseite le Kohlebrand-Auf- Auf dem ehemaligen Das Gebäude, ent- ne mit Schwalben-
des Platzes entstand schmauchungen auf. Pfanni-Areal im worfen von Hild und schwanzverzahnung
Münchner Stadtteil K Architekten, ordnet der Firma Gima
W W W.HAGE ME ISTER.DE

Berg am Laim entsteht sich vor allem durch wurden als Teil einer
FOTOS: FLORIAN SE LIG; ALEX ANDE R BE RNHARD

seit 2016 ein neues seine Fassadenge- mehrschichtigen


Stadtquartier – das staltung behutsam in Fassade in rot einge-
Werksviertel. Zu dem das bauliche Gefüge färbte Fertig-Beton-
breit angelegten ein. Die Kombination elemente einge-
Mix aus Wohnen, aus einer Beton- und gossen.
Arbeiten und Freizeit Ziegelfassade ver-
gehören auch Kunst- weist zudem auf die
und Konzerträume Tradition in diesem
sowie zwei Hotels. Stadtbezirk, Lehm

Hervorragende Ökobilanz für SO WIRD GEBAUT

gefüllte KLB-Mauersteine
Nachhaltig bauen mit Leichtbeton-Mauerwerk dank
rein mineralischer Bestandteile und hoher Spei-
chermasse: Durch die gute Dämmwirkung lassen
sich auch staatlich geförderte KfW-Effizienzhäuser
in einschaliger Bauweise errichten.
natürlich MASSIV

KLB KLIMALEICHTBLOCK GMBH Tel. 02632 2577-0 • info@klb.de • www.klb-klimaleichtblock.de


5 6
104 Lösungen
Noch mehr
Energie sparen

Schlagmann Poroton
erweitert sein Sorti­
ment um den „Poro­
ton-T6,5“. Der plan­
geschliffene Hoch­
lochziegel mit integ­
rierter Perlitdämmung
und einer Wärme­
leitzahl von 0,065 ist

in den Wandstärken
36,5 und 42,5 cm lie­
ferbar. Laut Hersteller

W W W.SCHL AGM ANN.DE


löst der T6,5 damit
den Poroton T7 als
„wärmsten Ziegel
der Welt“ ab. Er eig­
net sich damit beson­
ders gut für den Bau
von KfW-40-Häusern.
Zudem wird er kli­
maneutral produziert.
Passgenau für den im Außenbereich ele­ Die Poroton-Ziegel
Holzbau gant lösen. Die neue verbinden eine effek­
Plattengeneration tive Wärmedämmung
Mit den 3-schichtigen wird als Verlegeplatte mit einem geringen
Massivholzplatten längsseitig und Verle­ Volumen, sodass
mit Nut und Feder der geplatte 4-seitig, nach den Anforde­
Pfeifer Group lassen beide mit Keilnut und rungen der aktuellen
sich anspruchsvolle Keilfeder, angeboten. EnEV auch in monoli­
architektonische Her­ Als Decklage kommt thischer Bauweise
ausforderungen im europäische Fichte ein überzeugender
Innenausbau sowie (Qualität B/K) bzw. U-Wert der Außen­
Lärche (Qualität wand erreicht wird.
AB/C) zum Einsatz, Aufgrund der hohen
als Mittellage Nadel­ Speichermasse
holz; die Oberflächen bieten die Ziegel
werden geschliffen. auch einen Hitze­
Die Verklebung er­ schutz sowie einen
W W W . P F E I F E R G R O U P. C O M

folgt wasserfest nach hohen Schallschutz.


EN 13353. Eine gerin­
ge Holzfeuchte und
die fachgerechte
FOTO: PFE IFE R GROUP – WE ST WE RBEAGE NTUR

Verarbeitung garan­
tieren Formstabilität
und Rissarmut. Durch
eine systematische
Qualitätssicherung
vom Rundholz bis zur
fertigen Platte garan­
tiert Pfeifer gleich­
bleibend hohe Quali­
täten.
7
Mauerwerk und Wandbaustoffe
Wasserstrichziegel schieden sich die
mit organischem Planer für Ziegel, da
Charakter er sich organisch in
den Stadtteil einfügt.
Das polnische Archi­ Die Wahl fiel auf
tektur- und Design­ den Wienerberger
studio ASW Architekci Wasserstrichziegel
stand bei dem Ent­ „Caven“, den eine
wurf des Puro-Hotels unregelmäßige
in Krakau vor der Oberflächenstruktur
Aufgabe, den wuchti­ charakterisiert. Die
gen Baukörper har­ sandfarbenen Ziegel
monisch in das histo­ wurden in Mustern
rische Stadtviertel und dreidimensiona­
Kazimierz einzubin­ len Strukturen verlegt.
den. Das Ergebnis: Diese entfalten
eine Kombination bei Tageslicht eine
von modernen Stahl-, eigene ästhetische
Glas- und Lichtele­ Wirkung.
menten mit einer
außergewöhnlichen
Backsteinfassade.
Die Fassade wurde
in zwei dezent gestal­
tete mehrstöckige
Strukturen unterteilt.
Beim Material ent­
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8 9
106 Lösungen

Die Kunst der Fuge dunklen Klinkern


schafft einen direkten
In zentraler Lage von Bezug zur hetero­
Antwerpen wurde genen Bebauung
das soziale Woh­ der Umgebung. Zum
nungsbauprojekt Einsatz kamen der
„Luno“ (Büro Collec­ dunkle Handstrich­
tief Noord) fertigge­ verblender „Wies­
stellt. Der Komplex moor kohle-bunt“
setzt sich zusammen und der Keramik-Klin­ Schaumglasdäm­ chen ist ein Ort für eine besondere
aus drei U-förmig ker „Oslo perlweiß“, mung für markanten Gebet, Gottesdienst Raumwirkung und
angeordneten Bau­ beide von Röben. Kirchenbau und Gemeinschaft. Lichtstimmung. Der
körpern, die 73 Sozi­ Eine Besonderheit Der von Meck Archi­ obere Bereich der
alwohnungen zur des durchgehend im Das neue Kirchenzen­ tekten geplante und Wand- sowie die
Verfügung stellen. Läuferverband mit trum Seliger Pater mit dem Architektur­ Dachfläche sind mit
Die kontrastreiche hellen Fugen verar­ Rupert Mayer in der preis „Große Nike“ Keramikfliesen über­
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Gestaltung der Fassa­ beiteten Mauerwerks bayerischen Gemein­ ausgezeichnete zogen. In der Fassade
den mit hellen und ist die Vorkerbung de Poing bei Mün­ Sakralbau zeichnet sowie im Dach kamen

FOTO: RÖBE N – ANDRÉ NULLE NS, RÖBE N; FLORIAN HOL ZHE RR, DE UTSCHE FOA MGL AS GMBH
der weißen Modul­ sich besonders durch als Dämmstoff die
steine durch eine seine skulpturale Produkte „Foamglas
Scheinfuge; dadurch Form aus. Die vielsei­ Ready Board T4+“
wird der Fugenanteil tige Dachlandschaft und „Foamglas Tape­
optisch erhöht und sorgt im Inneren für red T4+“ (mit Gefälle)
der geometrisch- zum Einsatz. Die
abstrakte Charakter Schaumglasplatten
des hellen Mauer­ sind wasser- und
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werks verstärkt. dampfdiffusionsdicht


und nehmen keine
Feuchtigkeit auf.
Foamglas T4+ bietet
zudem eine hohe
Druckfestigkeit und
einen guten Wärme­
schutz.
1
Mauerwerk und Wandbaustoffe 107
Große Formate für Oberfläche lässt sich
optische Weite leicht reinigen. Zeitlos
und puristisch wirkt
Für optisch weiträu­ „Zena“ im Rastermaß
mige Terrassenanla­ 80 x 80 cm (links im
gen bietet Kann zwei Bild). Ihre geschliffe­
neue Großformat­ ne und gestrahlte,

0
platten an. Aufgrund leicht raue Oberflä­
ihrer Größe eignen che in Granitgrau
sich diese für nahezu ähnelt optisch einer
durchgängige Flä­ Granitplatte.
chengestaltungen
mit nur sehr geringem
Fugenanteil. Die neue

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„Betonplus“-Platte
„Mysteo“ misst 120 x
120 cm und besteht
aus 2 cm Granitkera­
mik, die kontakt­
schlüssig mit einem
3 cm dicken Beton­
kern verbunden ist.
Ihre feine Struktur
FOTO: K ANN, BE NDORF

im Farbton Steingrau
erinnert an Natur­
stein. Die kratzfeste
und pflegeleichte
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108 Lösungen

1
Weiß als verbinden­
des Element

Für die Polizeiinspek­


tion Aschaffenburg-
Hösbach entwarfen
Bez + Kock Architek­
ten aus Stuttgart
einen zweigeschossi­
gen, 64 m langen
Riegel. Das Innere
des Gebäudes prä­
gen Klarheit und
Struktur: Helles Weiß
dominiert die Ober­
flächen. Die 60 m lan­
gen, innen liegenden
Flure werden durch
Sichtmauerwerk aus
bruchrauem Kalk­
sandstein bestimmt,
der im Kontrast zu den
anderen Materialien
wie Beton oder dem
lackierten Metall
der Treppenelemente
steht. Das Beleuch­
tungskonzept hebt
seine warme, leben­
dige Textur hervor.
Feine, helle Fugen
unterstützen die Wir­
kung der bruchrauen
Oberflächen und
beweisen, dass der
Verzicht auf Putz
keine Einschränkung
der gestalterischen
Möglichkeiten be­
deutet. Zum Einsatz
kamen kleinformati­
ge Kalksandsteine
von KS-Original,
die projektspezifisch
angefertigt wurden.
FOTONACHWE IS: BILD_ R AUM , BAUM ANN / KS-ORIGINAL
WWW.KS-ORIGINAL .DE
Impressum 109
Baumeister — Das Architektur-Magazin — 117. Jahrgang
Eine Marke von

REDAKTION
Anschrift wie Verlag
Tel +49 (0) 89 / 43 60 05 – 0, Fax +49 (0) 89 / 43 60 05 – 14 7

B10
info@baumeister.de, www.baumeister.de

CHEFREDAKTION
DOMINIK BAUR-CALLWEY TE L – 159
(VERANT WORTLICH FÜR DEN REDAKTIONELLEN INHALT)
REDAKTION
SABINE SCHNEIDER TE L – 14 6

Vorschau I / III
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Stephanie Ising, Tom Ising, Daniel Ober (Artdirection)
SoYeon Kim für Herburg Weiland, München

ALLE ILLUSTRATIONEN
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bestellt werden. Abonnementgebühren sind im Voraus zu begleichen. Das Abonne­
men t g i l t zunächs t fü r e i n Jah r und ka n n da nach jede r ze i t gekünd ig t we rden .
Die Belieferung erfolgt auf Gefahr des Bestellers. Ersatz­l ieferungen sind nur möglich,
wenn sofort nach Erscheinen reklamiert wird. Die kommenden drei
Hefte sind dem Thema
Widerrufsrecht: Sie können die Bestellung binnen 14 Tagen ohne Angabe von Gründen
formlos widerrufen. Die Frist beginnt an dem Tag, an dem Sie die erste bestellte Ausga­
be erhalten, nicht jedoch vor Erhalt einer Widerrufsbelehrung gemäß den Anforderun­
gen von Art. 246a § 1 Abs. 2 Nr. 1 EGBGB. Zur Wahrung der Frist genügt bereits das
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widmet. Der nachwach­
rufen. Sie können hierzu das Widerrufs-Muster aus Anlage 2 zu Art. 246 a EGBGB nutzen.
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Sonderdrucke einzelner Beiträge dieser Ausgabe können beim Verlag angefragt wer­
den. Diese Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Ab­b ildungen
sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des
Urheberrechtsgesetzes bedarf der Zustimmung des Verlages. Mit der Einsendung von
Manus­k ripten und Bildmaterial erklärt sich der/die Autor/in einverstanden, dass diese
vollständig oder teilweise in der Zeitschrift Baumeister publiziert werden. Ebenso stimmt
er/sie der Verwertung im Wege der digitalen Vervielfältigung und Verbreitung über Off­
line- oder Online-Produktionen zu (z.B. CD-ROM oder Datenfernübertragung). Falls eine
Vergütung vereinbart wird, deckt diese die genannten Verwertungsformen ab.
Erfüllungsort und Gerichtsstand München

Ab 1.12.2019 ist die Anzeigenpreisliste Nr. 59 gültig.


Anzeigenschluss ist jeweils am 25. des Vormonats. Auszeichnungen
Mitglied der agla a + b, Arbeitsgemeinschaft Leseranalyse
Architekten und Bauingenieure.
ISSN 0005-674X B1547
B 9

Portfolio
2020

Digitales
Bauen

Die Digitalisierung verändert die Baubranche nicht nur durch neue Anwen­
dungsmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz sowie Augmented und
Virtual Reality. Alle Arbeitsbereiche eines Büros lassen sich immer besser
vernetzen – vom Angebot bis zur Abrechnung, vom Projektmanagement
bis zur Personalplanung. Insofern ist davon auszugehen, dass in Zukunft
vermehrt branchenspezifische Lösungen angeboten werden.
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Zur Fassadenplatte

PRODUK T:
Betonplatten „concrete
skin“, Farbe sahara

HERSTELLER:
Rieder Gruppe,
Maishofen, Österreich

EIGENSCHAFTEN:
nur 13 mm dünn
nicht brennbar
nachhaltig
formbar
langlebig
robust

Nachhaltig, Dem Architekturbüro Franz & Sue aus


Wien gelang es, mit einem durchdachten
tungsaufwand und absoluter Brandbe­
ständigkeit hat Rieder viele weitere Argu­
Konzept und einigen einschneidenden mente in puncto Ökologie auf seiner
modern, offen Veränderungen dem Justizgebäude
in Salzburg den autoritären Charakter
Seite: Schadstofffreie Produkte und die
Minimierung der Primärenergie bei der

– Justizgebäude zu nehmen und zu einem offenen Ort der


Begegnung umzugestalten. Daneben
Produktion verstehen sich für Rieder von
selbst. Außerdem werden im Sinne einer

in Salzburg
spielte das Thema Nachhaltigkeit bei der Zero-Waste-Philosophie alle Reststoffe,
Sanierung des Landesgerichts eine be­ die bei der Produktion anfallen, für an­
sondere Rolle. Zentrale Vorgabe für die dere Bereiche wiederverwendet, und in­
Umgestaltung war es, nur qualitativ hoch­ novative Technologien helfen, den Ver­
wertige und ökologisch unbedenkliche schnitt zu reduzieren.
www.rieder.cc Produkte zu verwenden. Diese Maxime In Salzburg kommen die „concrete skin“-
galt natürlich auch für das Fassadenma­ Platten am Kernstück des Gebäudes zum
FOTO: RIE DE R GROUP/DIT Z FEJE R

terial. Die Architekten entschieden sich Einsatz – am Y-förmigen Neubau mit der
1 für die Fassadenpaneele des Salzburger imposanten Eingangshalle. Sie ziehen
Ökologische und beim Neubau des Betonspezialisten Rieder. Diese konnten sich als Bänder über den gesamten voll­
optische Merkmale Salzburger Justiz­ sowohl ästhetisch gegenüber dem denk­ verglasten Komplex und schaffen eine
der „concrete skin“- gebäudes, das mit malgeschützten Bestand als auch mit ästhetische Verbindung zum historischen
Fassadenpaneele von klimaaktiv Silber aus­ ihren ökologischen Werten überzeugen. Altbestand.
Rieder überzeugen gezeichnet wurde. Neben Langlebigkeit, geringem War­
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Zur AVA-Software

PRODUK T:
Orca AVA 23

HERSTELLER:
Orca Software GmbH,
Neubeuern

EIGENSCHAFTEN:
DIN 276-2018
Effektives Kosten-
management
IFC-Diagnosetool
IFC 2x3; IFC 4
GAEB 3.2

Bereit für Um die komplexe BIM-Thematik best­


möglich zu fördern, hat sich der Soft­
der übergeben. Damit das nicht zu Be­
rechnungsfehlern führt, schlägt Orca AVA
wareanbieter Orca bewusst für den Ein­ die Kennzeichnung des Fensterbands als
openBIM satz des offenen IFC-Standards entschie­
den. Bei der Weiterentwicklung seiner
eine Öffnung vor. Für die Mengenermitt­
lung von Wänden, Decken oder deren
Softwarelösung für Ausschreibung, Ver­ Bekleidungen bietet sich die neue An­
gabe und Abrechnung, „Orca AVA“, sicht „Gebäudegeo­m etrie“ an. Um das LV
orca-software.com steht das Zusammenspiel mit CAD-Soft­ für Stahlbeton zu erstellen, zieht man zum
ware im Fokus. In der Version Orca AVA 23 Beispiel die Mengen für alle tragenden
analysiert das neue IFC-Diagnosetool auf Elemente aus der IFC-Datei. Mit der Funk­
Grundlage des IFC-4.0- Standards und tion „Gleichartige Maße wählen“ kann
gesammelter Erfahrungswerte die IFC- man das Volumen eines Wandelements
Datei und listet verschiedene Auffällig­ auswählen und übernehmen. In mehr­
1 keiten auf, etwa im Hinblick auf Vorga­ schichtigen Wandelementen können die
Das IFC-Diagnosetool ben der IFC-Spezifikation. Fehler und einzelnen Komponenten separiert für die
lässt Auffälligkeiten Warnungen markiert das Diagnose-Tool Mengen- und Massenermittlung heran­
sichtbar werden. Selbst direkt in der Tabelle. Detailinformationen gezogen werden. Das Aktivieren von Ein­
mehrschichtige Bautei­ zu den Einträgen helfen bei der Weiter­ zelmaß und Rechenansatz liefert pro
le können dargestellt verarbeitung der Meldungen. Als Bei­ Bauteil eine eigene Mengenzeile mit ver­
und übernommen wer­ spiel: Ein Fensterband wird aus CAD als folgbarem Rechenweg. Der Eintrag bleibt
den. mehrere eigene Öffnungen nebeneinan­ mit den IFC-Daten verknüpft.
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Zur Software

HERSTELLER:
Schöck Bauteile GmbH

PRODUKTE:
Die Augmented-Reali­
ty-App „S-Construct“
erleichtert die Bauaus­
führung.
Cloudbasierte Weban­
wendung „Attika Tool“
für tragende Wärme­
dämmelemente mit
Anbindung an Autodesk
Revit

Digitale Um das Potenzial der Digitalisierung für


die Baubranche zu erschließen, erweitert
kumentation des Einbaus mit der Überla­
gerung des zulässigen Toleranzbereichs
Schöck sein Portfolio um zwei digitale Lö­ hält die tatsächliche „as-built“-Situation
Lösungen von sungen. Mit der Augmented-Reality-App
„S-Construct“ kann der Einbau von
fest und sichert die Qualität des Einbaus.
Für eine schnelle Integration der Produk­

Schöck Schöck-Produkten visualisiert und unter­


stützt werden. Mithilfe eines Tablets oder
te von Schöck in das Gebäudemodell
sorgt ein neues Plug-in in Kombination mit
Mobiltelefons werden das Produkt und dem „Attika Tool“ von Schöck, das damit
die geplante Positionierung auf der Bau­ in Autodesk Revit angebunden ist. Der
www.schoeck.de stelle visualisiert. Der Verarbeiter kann
die geplanten Bauteile an der vorherge­
Vorteil: Tragwerksplaner können damit
ihre Bemessungsergebnisse als Verle­
sehenen Stelle und in der geplanten Ein­ gung des Schöck-„Isokorb T/XT Typ A/F“
baurichtung platzieren. Sollte ein Platzie­ direkt nach Revit übertragen, und Kons-
ren der Produkte nicht möglich sein, zeigt trukteure können die Objekte einfach in
S-Construct auch den statisch zulässigen das BIM-Gebäudemodell einbinden. Auf
1 Toleranzbereich für den Einbau an. der Baustelle lassen sich die Produkte
Mit der Augmented- Anpassungen an der geplanten Verlege- schnell und fehlerfrei platzieren und ein­
Reality-App und BIM- position lassen sich einfach und sicher bauen, unterstützt durch S-Construct. Da
Anwendung lässt sich ausführen. Ob weitere Maßnahmen, etwa das Attika Tool eine Cloud-basierte Web­
effizient planen und eine Neuberechnung, notwendig sind, anwendung ist, sind die Ergebnisse au­
die Qualität steigern. lässt sich schnell erkennen. Eine Fotodo­ ßerdem überall verfügbar.
114 Kolumne

Aus
der Echtwelt
10
Anne-Julchen Bernhardt

Die Zeitverschiebung der Kolumne macht mir zu


schaffen. Ein Kommentar zur Zeit, die beim Erscheinen
schon acht Wochen her ist, ist so eine Sache. Es ist
nicht die Zeitung von gestern, in die Gemüse verpackt
wird; nicht die von vor genau einem Jahr, an die man
sich zurückerinnert, sondern irgendwas dazwischen.
Und dann noch ein Kommentar zur Pandemiezeit, in
der tagesgenaue Grafiken die letzten Monate zeigen,
es aber total ungewiss ist, was in acht Wochen ist. Ein
Paradoxon von exakt aufgezeichneter Vergangenheit wegliche Ausstattung ist gleichbleibend seit vielen
und vager Zukunft, in die ich hinein schreibe. Diese Tagen: einige irisierend blaue Vögel, sehr viele weiße
Echtwelt handelt von nichts. Draußen ist ohnehin mit längen Hälsen (kleine und sehr große), schnelle
wenig los, außer Corona. Seit Wochen schon Calls, und scheue schwarze, die in großen Schwärmen vor­
Interviews und Hefte über die Post-Corona-Welt/ kommen. Und große Herden von schönen beigen Rin­
Stadt/Architektur, dabei sind wir noch mittendrin, wo dern. Monumental langweilig also, und dann beim
von

genau im Graph ist unwichtig, nur die Gegenwart von Bäcker tragen plötzlich alle Maske, das verweist auf
Belang. Vor acht Wochen also Sommerferien, das das gegenwärtige Paradoxon. Es ist die ideale Dis­
heißt, raus, aber bloß kein Risikogebiet, sondern die tanzwelt, auf dem Fluss ist niemand, wir haben in einer
Loire im Burgund mit dem Kanu: Die heutige Echtwelt Woche 20 Menschen gesehen, davon waren schon
ist eine Intracoronaechtwelt ausm Urlaub. Dank Tele­ vier in der einen Bäckerei. Der Fluss ist schockierend
fon mit Word und Powerbank kann man auch beim sauber, kein Plastik, es gab einen Autoreifen im Was­
Wildcampen Kolumnen schreiben (mehr nicht, wie ich ser, aber sehr viele 400 Jahre alte tote Eichen.
mehrfach geschrieben habe). Unser Raum ist 1.000 km lang und nicht sehr breit, der
Nun sind wir also bei der Frauenzeitschriftskolumne Blick wird vom Prallhang mit Schwalbenkolonien und
gelandet, denn es hat rein gar nichts mit Architektur zu Sandbänken mit Weiden begrenzt, das Wasser hinge­
tun. Die ist ja gerade auch in einem Zwischenzustand, gen ist vom Kanu aus ein Körper, keine Fläche. Die
ich weiß weder, was in acht Wochen ist, noch ob ich Welt ist dieser Fluss, an ihm wird seit 5.000 Jahren ge­
die Hälfte meiner Gebäudelehre-Vorlesungen neu siedelt; trotzdem sind wir allein in der Mitte von Euro­
machen muss, oder ob es doch wieder so weiter geht pa, er ist weder Vorder- noch Rückseite, sondern eine
wie zuvor. So richtig viel bewusster gehen die Men­ eigene Welt. Dieser Welt aus wenigen Teilen gelingt
schen, seit es nicht nur der eine Haushalt ist, der sich ein unglaublicher Reichtum, obwohl die zählbar vie­
trifft, nicht miteinander um. Hier ist alles wie immer, len Bestandteile gleich bleiben, sind sie immer wieder
seit zweihundert Jahren, seit dem Bau des schiffbaren anders angeordnet, so war doch jeder Ort, an dem wir
Kanals nebenan. Langsam fließendes braunes Was­ gerastet oder campiert haben, eigen. Und alle waren
ser, braune Kiesel, beiger Sand und ziemlich viel Grün: wunderschön. Also hat es doch etwas mit Architektur
kleine Weiden, sehr viele alte Eichen. Selten hellbrau­ zu tun, einmal Intracoronaechtwelt ausm Urlaub, und
ne Häuser mit dunkelbraunen Dächern. Auch die be­ ich werde zur Minimalistin.

An dieser Stelle schreiben die Architektin Anne-Julchen Bernhardt im Wechsel mit


dem Professor für Architekturtheorie Georg Vrachliotis und
dem Architekturjournalisten Florian Heilmeyer.
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IHREM PLAN.
DIE FASSADE IST DAS GESICHT IHRES BAUWERKS: NUTZEN SIE UNSER
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BRENNEN FÜR IHRE IDEEN – UND ENTWICKELN GEMEINSAM MIT IHNEN
GENAU DEN STEIN, DER IHREN ENTWURF UNVERWECHSELBAR MACHT.

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