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Die 10-Minuten-sprechstunde

Was tun, wenn Eltern klagen:


„Mein Kind kann nachts
nicht schlafen“
Von Karl Heinz Brisch

Frau K. berichtet, dass ihr Baby nachts aufwacht, von ihr


gestillt wird, dann aber nicht mehr einschlafen kann und

© Photos.com
weint. Daher läuft sie jede Nacht stundenlang bis in die
Morgenstunden mit ihrem Kind auf dem Arm durch die
Wohnung, bis beide erschöpft auf der Couch einschlafen.

– Eine andere Patientin, Frau M., ó Bei einem Kind, das nachts aufwacht, rung, dass es sich bei Angst und Allein-
wünscht sich eine Ernährungsberatung, z. B. durch einen schlechten Traum, sein nicht darauf verlassen kann, dass
weil ihr Kind nachts mehrfach aufwacht und sich im Dunkeln fürchtet, wird das ihm seine Bindungspersonen Schutz
und weint. Sie möchte baldmöglichst Bindungsbedürfnis aktiviert. Es sucht und Sicherheit geben. Diese Erfahrung
abstillen, schafft dies aber nicht, weil seine Bindungspersonen auf, und so- verinnerlicht es, sodass es sich eventu-
sich ihr Kind nachts nur an der Brust bald es sich körperlich anschmusen ell auch später in angstvollen Situa­
beruhigen lässt. Sie möchte wissen, wie kann, wird es wieder einschlafen. tionen keine Hilfe mehr holen wird.
sie die Breimenge abends steigern kann, ó Ist ein Kind noch nicht groß genug,

damit ihr Kind nicht vor Hunger auf- um selbst aus seinem Bett zu steigen, Tipps für die Eltern: wie das Kind an
wacht, sondern durchschläft. steht es weinend in seinem Gitterbett die Trennung gewöhnen?
und will von seiner Bindungsperson ó Um die sichere Bindung zu fördern,
Schlafen und nächtliche Trennung hoch- und mitgenommen werden. sollten Babys nicht in einem eigenen
ó Im ersten Lebensjahr schlafen Babys ó Nach wie vor erhalten Eltern den Rat, Zimmer schlafen.
nachts nicht durch. Wach- und Tief- ihr Baby so lange in seinem Bett brüllen ó Für eine bindungsorientierte Einge-

schlafphasen wechseln sich bis zu sie- zu lassen, bis es vor Erschöpfung ein- wöhnung in die Zeit des Einschlafens
benmal pro Nacht ab. Nicht alle Babys schläft. Man müsse dies nur einige Tage bringt die Mutter (oder der Vater) das
werden aber so wach, dass sie weinen durchstehen, dann habe man Ruhe. Baby mit einem Ritual, z. B. einem
und nach der Bindungsperson rufen. ó Wenn das Baby weint, fühlt es sich Wiegenlied, Gute-Nacht-Gebet und ei-
ó Das Baby sollte in seinem Bettchen hilflos und allein. Kommt niemand, ist ner Spieluhr, ins Bett. Damit wird ein
auf dem Rücken schlafen und dabei der Stress sehr groß. Es macht die Erfah- bekannter Ablauf angekündigt.
nichts bei sich liegen haben. Größere
Schmusetiere, Kopfkissen und Schmu­
– Von der Steinzeit bis heute
se­tücher oder Spuckwindeln könnten
das Gesicht bedecken und die Atmung Schlafgewohnheiten in anderen Kulturen
einschränken. Im schlimmsten Fall Hätte man ein Baby während der Steinzeit allein schlafen lassen, wäre das höchst
könnte das Baby seine Ausatemluft zu- gefährlich gewesen: Es hätte von Raubtieren gefressen werden können. Deshalb hat
rückatmen und daran ersticken. es sich schon sehr früh in der Evolution durchgesetzt, dass Babys, Kleinkinder und
ó Babys wollen grundsätzlich nicht al-
Kinder in der Nähe oder in engem Kontakt mit ihren Müttern schliefen.
lein in einem Zimmer schlafen. Dies Die allermeisten Kulturen haben dies bis heute beibehalten. Nur in westlich orien-
hat die Evolution nicht vorgesehen (s. tierten Kulturen sowie in Ländern, die von der westlichen Zivilisation beeinflusst
sind, hat sich durchgesetzt, dass schon Säuglinge allein schlafen.
Kasten). In Stu­dien hat sich gezeigt,
Für Menschen anderer Kulturen, etwa aus Südamerika oder Asien, ist diese Form der
dass Babys im ersten Lebensjahr sel-
familiären Schlafpraxis nicht nachvollziehbar. Ein Kind allein im eigenen Zimmer
tener an einem plötzlichen Kindstod
und Bett schlafen zu lassen, wird in Indonesien eher als eine Form der Kindesver-
sterben, wenn sie zusammen mit ihren
nachlässigung angesehen.
Eltern in einem Zimmer schlafen.

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MMW-Fortschr. Med. Nr. 37 / 2010 (152. Jg.)


die 10-minuten-sprechstunde –

senheit meiner Mutter im Hintergrund nungsprobleme und Ängste haben.


– Tabelle 1
verlassen. Dies gibt dem Kind Sicher- Diese nimmt das Baby sofort wahr.
Ursachen von Ein- und heit, und es verinnerlicht das Gefühl, Dann benötigt die Bindungsperson
Durchschlafstörungen auch in der Nacht nicht allein zu sein. evtl. eine eigene Hilfestellung.
Somatische Ursachen ó Da die Mutter zuverlässig auf das Bin-

_ Schlechtes Raumklima dungssignal „Weinen“ reagiert, muss Therapeutische Möglichkeiten


_ Behinderung der Atmung
das Baby nicht ständig signalisieren, Eine somatische Abklärung zum Aus-
_ Nasenpolypen
dass es die Mutter braucht. schluss von somatischen Ursachen
_ Gastroösophagealer Reflux
durch einen Kinderarzt ist immer not-
_ Infekte
_ Hunger und Durst Körperkontakt: die beste Möglich- wendig, wenn ein Baby wegen Schlaf-
_ Pflegebedürfnisse (zu warm, zu keit, ein Baby zu beruhigen störungen vorgestellt wird. Findet sich
kalt, Windel nass) ó Körperkontakt kann z. B. durch Hand keine somatische Ursache, muss man
auflegen oder eine zärtliche Massage des an psychische Ursachen wie Tren-
Psychische Ursachen Brustbereichs erfolgen, wobei das Hor- nungsängste der Mutter/des Vaters,
_ Trennungsangst des Babys
mon Oxytozin ausgeschüttet wird. Dies Trennungsängste des Babys, Stress und
_ Trennungsangst der Mutter
_ Frühere Fehl- und Totgeburten entspannt das Baby und lässt ein Gefühl Belastungen in der Eltern-Kind-Bezie-
_ Verlustängste der Mutter/ von Ruhe und Vertrautheit zur Bin- hung denken und danach fragen.
des Vaters dungsperson entstehen. Somatische Ursachen werden soma-
_ Hohe Anspannung und Stress ó Das Einschlafritual kann auch vom tisch behandelt. Psychische Ursachen
der Mutter/des Vaters Vater durchgeführt werden. Damit das benötigen eine Beratung der Eltern,
_ Streit in der Elternbeziehung Baby aber nicht irritiert ist, sollten sich insbesondere eine Beruhigung.
die Eltern in der gleichen Nacht nicht Liegen unverarbeitete traumatische
abwechseln. Es ist auch empfehlens- Erfahrungen der Eltern vor, benötigen
ó Die Mutter muss dann die Initiative wert, dass das Ritual erst einmal von diese hierfür in der Regel eine eigene
ergreifen und sich trennen, d. h. sie einem Elternteil eingeübt wird. psychotherapeutische Behandlung.
verlässt das Zimmer und sagt auf Wie- ó Da die Eingewöhnung anstrengend

dersehen (das Baby wird sie nicht aus sein kann, sollte sie am Wochenende Literatur:
1. Brisch, K. H. (2010) SAFE® – Sichere Ausbildung
dem Zimmer schicken!). oder im Urlaub (zu Hause in der ver­trau­
für Eltern: Sichere Bindung zwischen Eltern
ó Wenn sie das Zimmer verlassen hat, ten Umgebung) ausprobiert werden. und Kind. Stuttgart, Klett-Cotta.
sollte sie draußen lauschen, ob das Ba- ó Je nach Temperament des Babys kann

by von selbst einschläft. Solange das es sein, dass es auch nach dem x-ten Anschrift des Verfassers:
Kind nur vor sich hinerzählt und sich Trennungsversuch noch unmittelbar Priv.-Doz. Dr. med. Karl Heinz Brisch, LMU
kein ausgeprägter Stress durch Weinen laut aufweint und in Panik gerät. Dann – Klinikum der Universität München, Dr. von
Hau­ner­sches Kinderspital, Kinderklinik und
ankündigt, muss die Mutter nicht er- ist der Zeitpunkt für ein Allein-Ein-
Poliklinik, Pädiatrische Psychosomatik und
neut ins Kinderzimmer gehen. schlafen noch nicht gekommen. Psychotherapie, Pettenkoferstr. 8a, D-80336
ó Signalisiert das Baby deutlich Stress (es ó Es kann aber auch sein, dass die Mut- München, E-Mail: Karl-Heinz.Brisch@med.
nörgelt immer lauter oder weint), sollte ter oder der Vater selbst größere Tren- uni-muenchen.de
die Mutter wieder ins Zimmer gehen
und das Baby beruhigen, ggf. sogar mit – Fallbeispiele
Körperkontakt. Dann muss sie das Ba- Wie ging es weiter?
by erneut mit dem bekannten, even­ Fall 1: Es ergab sich kein somati­scher Befund. Da die Mutter als dreijähriges Kind
tuell verkürzten Ritual ablegen. mehrfach ohne ihre Mutter stationär behandelt worden war, litt sie unter einer
ó In der ersten Nacht kann es passieren, traumatischen Trennungserfahrung. Deshalb konn­te sie sich nachts nicht von
dass das Baby viele Male nach der Tren­ ihrem Baby trennen.
nung aufheult. Dann sollte die Mutter Nachdem sie ihr Kind neben sich im Babybett schlafen ließ und sie es nachts ohne
zurückgehen und das Baby beruhigen. Aufstehen durch Handauflegen beruhigen konnte, schliefen Mutter und Baby
ó Durch dieses Ritual des Gehens und nach dem Aufwachen wieder ein. Wegen der eigenen traumatischen Trennungs-
Wiederkommens bei Stress erlebt das erfahrung begann die Mutter eine Therapie, um auch in Zukunft, bei fortschrei-
Baby Folgendes: Wenn ich im Dunkeln tender Loslösung ihres Kindes, beruhigter damit umgehen zu können.
Angst bekomme und signalisiere, dass Fall 2: Vor der Geburt des Babys hatte die Mutter eine Totgeburt und zwei Fehl-
ich es nicht mehr aushalte, kommt mei­ geburten erlebt, die noch nicht ausreichend betrauert waren. Sie hatte panische
Angst, ihr jetziges Baby könnte am plötzlichen Kindstod sterben. Das Zufüttern
ne Mutter ganz zuverlässig, tröstet mich,
von Brei war nicht das eigentliche Problem, sondern die Angst der Mutter vor dem
nimmt mich auf den Arm und trennt
Verlust des Babys. Hierfür erhielt die Mutter eine Psychotherapie, um die trauma-
sich dann erneut von mir. Ich kann
tisch erlebten Verluste der früheren Babys gut verarbeiten zu können.
mich absolut auf die schützende Anwe-

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