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Zeitschri des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte

Journal of the Max Planck Institute for European Legal History


Rechts Rg
geschichte

Rechtsgeschichte
Legal History
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http://www.rg-rechtsgeschichte.de/rg23 Rg 23 2015 284 – 286

Kathrin Brunozzi

Dreitausend Jahre Rechtsgeschichte

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Rg 23 2015

Kathrin Brunozzi

Dreitausend Jahre Rechtsgeschichte*


Die Einführung Heusers widmet sich etwa Buch einen Zeitraum von 3000 Jahren ab und
3000 Jahren chinesischer Rechtsgeschichte vom thematisiert so viele Facetten und Aspekte der
10. Jh. v. Chr. bis zur Gegenwart. Sie geht auf chinesischen Rechtsgeschichte, dass eine Bespre-
Einzelstudien zurück, die der Autor über etwa chung nicht auf alle Besonderheiten eingehen
zehn Jahre hinweg veröffentlich hat. Das Buch kann. Die folgende Besprechung beschränkt sich
besteht aus vier Kapiteln. Im ersten Kapitel befasst daher auf vier Anmerkungen zu Heusers Grund-
Heuser sich mit frühzeitlichen Rechtsordnungen riss.
(10.–1. Jh. v. Chr.), dehnt seine Betrachtungen aber Heuser beginnt seinen Grundriss mit einem
meist bis ins 3. Jh. n. Chr. aus. Es geht vor allem systematischen Eingangskapitel. Im Mittelpunkt
um Inhalt und Gestalt des Rechtssystems sowie stehen dabei »Entstehung und Wandel eines eigen-
eine Einführung in die wichtigen Begriffe 法 (fa) ständigen Rechtsbegriffs« (19), der sich ihm zu-
und 禮 (li). Das zweite Kapitel ist im Wesentlichen folge im chinesischen Kontext herausgebildet hat
Gesetzgebungsgeschichte. Ausgangspunkt der Be- und unter den zwei zentrale Normenkomplexe
trachtung ist die Qin-Dynastie, die als erste Dynas- fallen: 法 (fa) und 禮 (li). Diese lassen sich auf-
tie des chinesischen Kaiserreiches die Grundzüge grund ihres »Verbindlichkeits- und Durchsetzungs-
des chinesischen Staatswesens schuf und sich am anspruchs« von anderen Normen abgrenzen und
Legalismus orientierte. Die Herrscher der darauf »benennen« so »die Rechtsordnung« (19). An die-
folgenden Han-Dynastie legten ihrer Regierung ser Stelle drängen sich allerdings zwei Fragen an
konfuzianische Werte zugrunde. Es begann eine den Autor auf: Wieso soll der bloße Verbindlich-
von Heuser als »Konfuzianisierung der Gesetze« keits- und Durchsetzungsanspruch das rechtsdefi-
(79) beschriebene Entwicklung, die in der Tang- nierende Merkmal bilden, das Rechtsnormen von
Dynastie »vollendet« wurde (100). Song-, Yuan-, anderen Normen unterscheidet? Und kann der so
Ming- und Qing-Dynastie hatten jeweils eigene eingeführte, nicht näher qualifizierte »Verbindlich-
Gesetzgebungswerke, die von unterschiedlichen keits- und Durchsetzungsanspruch« überhaupt als
Rechtsquellen ergänzt wurden. Das dritte Kapitel gemeinsamer Nenner für 法 (fa) und 禮 (li) fun-
widmet Heuser dem 20. Jahrhundert, wobei er gieren? Hinsichtlich der ersten Fragen ist anzumer-
unter der Überschri »Rechtsreform« in weiten ken, dass etwa auch Gepflogenheiten der Höflich-
Teilen die Gesetzgebungsgeschichte weitererzählt. keit mit einem ebensolchen Anspruch aureten
Qing-Dynastie, Republik und Sozialismus bilden könnten, ohne dass wir sie unter die Kategorie des
die großen Unterkapitel. Das Buch schließt mit Rechts subsumieren würden. Das von Heuser vor-
einem Überblick über »Hundert Jahre Verfassungs- geschlagene rechtsdefinierende Kriterium vermag
reform« mit kurzen Abschnitten zur späten Qing- demnach nicht zu erklären, wieso 法 (fa) als »Ge-
Dynastie und frühen Republik, zur Guomingdang- setzesnorm« und 禮 (li) als »Rechtsnorm« bezeich-
Zeit und zu den letzten sechzig Jahren. net werden. Zudem macht er nicht klar, woher er
Heuser stellt die Entstehung, die Weiterent- dieses Kriterium gewinnt. Die Antwort auf die
wicklung und die Modernisierung des chinesi- zweite Frage findet sich zum Teil in Heusers Aus-
schen Rechts, vor allem der Gesetze, wohlstruktu- führungen selbst. Diese deuten an, dass trotz des
riert und zugänglich dar. Es gelingt ihm, in die gemeinsamen »Verbindlichkeits- und Durchset-
Gesetzgebungsgeschichte so einzuführen, dass zungsanspruchs« gleichwohl gravierende Unter-
auch der Leser ohne Vorkenntnisse des chinesi- schiede zwischen 法 (fa) und 禮 (li) bestehen. So
schen Rechts gut folgen kann. Dabei deckt das etwa verweisen die 法 (fa) vorrangig auf Strafen

* R H, Grundriss der Ge-


schichte und Modernisierung des
chinesischen Rechts (Studien zu
Recht und Rechtskultur Chinas 2),
Baden-Baden: Nomos 2013, 286 S.,
ISBN 978-3-8487-0781-2

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Kritik critique

und gehören dem Bereich des Menschengemach- gegen treten die Gesetze zuweilen in den Hinter-
ten an (21). Die 禮 (li) hingegen werden auch als grund und werden Urteile vorrangig auf morali-
sakrale Regeln charakterisiert (23) und mit den sche Prämissen gegründet. Liangs Ausführungen
leider nicht weiter spezifizierten Begriffen »Tradi- machen damit deutlich, dass eine Geschichte des
tionsnormen« oder »Gewohnheitsrecht« (24) ver- chinesischen Rechts nicht ohne eine Betrachtung
suchsweise auf den Punkt gebracht. Diese Unter- der Rechtspraxis auskommen kann. Sie ist einzu-
schiede werden dem Leser allerdings eher andeu- beziehen, wenn es um die Frage geht, wie Recht in
tend als auf systematische Klärung bedacht unter- China verstanden wurde und wie sich das Konzept
breitet. Dabei gestatten chinesische theoretische historisch entwickelt hat. Bei Heuser, dessen
Überlegungen zu den beiden Normenkomplexen, »Grundriss der Geschichte […] des Rechts« weit-
wie wir sie etwa in Texten wie dem Lunyu, dem gehend Gesetzgebungsgeschichte darstellt, ge-
Mengzi oder dem Xunzi finden, eine wesentlich schieht dies dagegen nur vereinzelt und nur inso-
differenzierte Abgrenzung der beiden Normenord- fern, als Auswirkungen von Rechtsprechung oder
nungen etwa hinsichtlich ihrer Entstehung, ihren (fehlender) richterlicher Unabhängigkeit themati-
Existenzbedingungen, ihrer normativen Quellen siert werden (etwa 157 ff., 209).
oder ihren Durchsetzungsmodalitäten. Heusers Dass eine Geschichte des chinesischen Rechts
rechtsdefinierendes Kriterium vermag damit 法 mehr als nur stichprobenartig über die Gesetzge-
(fa) und 禮 (li) nur oberflächlich und prima facie bungsgeschichte hinausgehen sollte, wird auch an
auf einen Nenner zu bringen. Bei näherem Hin- Heusers Darstellung der letzten zwanzig Jahre
sehen wird deutlich, dass mit beiden Normkom- hundertjähriger Rechtsreformen deutlich. So ent-
plexen sehr unterschiedliche »Verbindlichkeits- geht dem Leser von Heusers Buch, um nur dieses
und Durchsetzungsansprüche« verbunden sind. Beispiel zu nennen, die Debatte um eine Regie-
Was zunächst als unter dem gleichen Kriterium rung basierend auf »rule of man«, »rule by law«
vereint scheint, steht sich wohl fremder als ver- und »rule of law«, die vor allem seit den Achtziger-
mutet gegenüber. jahren die Modernisierung des chinesischen
Im Zusammenhang mit 法 (fa) und 禮 (li) ver- Rechtssystem begleitet. Berücksichtigt man die
tritt Heuser zudem die These, dass das Gesetzes- Debatte als ganze, so wird deutlich, dass die Ent-
system in China schon sehr früh konfuzianisiert wicklung hin zu einer Form der »rule of law« sich
und ethisiert wurde. Dabei scheinen »das sich nicht in bloßer Weiterentwicklung »marxistischer
›konfuzianisierende‹ oder ›ethisierende‹ Gesetzes- Rechtstheorie« erschöp (207, insbesondere Fn.
system« und die »›Vergesetzlichung‹ des Konfu- 264). Vielmehr waren es vielfältige Prozesse und
zianismus« zwei Seiten derselben Medaille zu sein. Akteure, u. a. Bemühungen von Rechtswissen-
Ohne Heusers These im Grundtenor anzuzwei- schalern, die dazu führten, dass gegen Ende der
feln, lässt sie sich gleichwohl erweitern und präzi- Neunzigerjahre das Konzept einer »rule by law«
sieren. Liang Zhiping etwa versucht in seinem schließlich – jedenfalls auf der Ebene des Verfas-
寻求自然秩序中的和谐 (Peking 1997, 326 ff.) zwi- sungstextes – durch eine »rule of law« ersetzt
schen den beiden Phänomenen der »Vergesetzli- wurde (China’s Journey toward the Rule of Law.
chung der Ethik« und der »Ethisierung des Ge- Legal Reform 1978–2008, hg. v. Cai Dingjian /
setzes« stärker zu differenzieren. Mit der »Verge- Wang Chengguan, Leiden 2010). Dies wird als
setzlichung der Ethik« meint er wie Heuser die ein Meilenstein der Reform gewürdigt und ist
Imprägnierung der Gesetze durch die herrschende sowohl die Folge als auch der Ausgangspunkt einer
Moral. Mit der »Ethisierung der Gesetze« bezieht vielschichtigen, kontinuierlichen Auseinanderset-
Liang sich allerdings differenzierter auf die Tat- zung damit, was eine Rechtsordnung ist, was von
sache, dass bei der Anwendung der Gesetze weni- ihr zu erwarten ist und welchen Herausforderun-
ger auf den Gesetzestext geachtet wurde, als viel- gen sie sich gegenüber sieht. Daran wird deutlich,
mehr der Wille zur Umsetzung der Moral leitend dass die jüngste Rechtsgeschichte in Ländern wie
war. Liang macht damit darauf aufmerksam, dass China eben immer auch von breiteren intellektuel-
sich der Bezug zwischen Moral und Recht auf der len Diskursen beeinflusst wird. Heusers Grundriss
Rechtsetzungs- und auf der Rechtsprechungsebene hätte diese Akteure einbeziehen können.
unterschiedlich darstellt: In der Rechtsetzung wer- Abschließend bleibt zu betonen, dass Heuser
den moralische Vorstellungen in rechtlichen Nor- seinen Lesern bei aller möglichen Kritik ohne
men materialisiert. In der »Rechtsprechung« hin- Zweifel einen ersten Überblick über Rechtsquellen

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Rg 23 2015

und Rechtsgeschichte verschafft. Dabei ist es voll- aus der Menge der Informationen sinnvolle Kate-
kommen klar, dass eine dreitausendjährige Ent- gorien zu bilden, Kontinuitäten aufzuzeigen und
wicklung auf 228 Seiten, die sich zudem nicht Linien zu beschreiben. Gleichzeitig ist anzumer-
nur an Fachstudierende richten, an vielen Stellen ken: Ergänzende eigene Recherche zur Geschichte
nur oberflächlich dargestellt werden kann. Umso des chinesischen Rechts erspart Heusers Grundriss
mehr kommt es darauf an, dem Leser nicht bloß nicht. Den Einstieg in eine solche Recherche er-
aneinander gereihte historische Fakten zu präsen- leichtert Heuser in erster Linie hinsichtlich der
tieren, sondern seinen Blick für Erkenntnisquellen Gesetzestexte und der darauf bezogenen zeitge-
und Entstehungsprozesse, aber auch für For- nössischen Quellen, insbesondere des beginnen-
schungsdefizite und offene Fragen zu schärfen. den 20. Jahrhunderts. An anderer Stelle müsste er
Dies gelingt Heuser an vielen Stellen sehr gut. dem Leser – dem Zweck einer Einführung ent-
Die Ausführungen zum Qin-Kodex (72) geben sprechend – mehr an die Hand geben. Eine stärke-
z. B. einen lebendigen Überblick über Erkenntnis- re Einbeziehung amerikanischer und asiatischer
möglichkeiten und den Wandel, der sich in dem Forschungsergebnisse des 21. Jahrhunderts würde
Blick auf eine Epoche ergeben kann, wenn neues den Zugang zu Problemkreisen ermöglichen, die
Material gefunden wird. Die Darstellung zur chi- durch Heusers Quellenauswahl in seinem Grund-
nesischen Fachbegriffsbildung, als es darum ging, riss untergehen. Das Fazit muss also lauten, dass
ein Zivilgesetzbuch zu schaffen, führt dem Leser Heusers Werk einen guten Überblick gibt. Es lohnt
vor Augen, wie vieler »Zwischenschritte« eine sich aber auf eigene Faust über seine Ausführungen
Modernisierung des chinesischen Rechts bedure. hinauszuschauen.
Heuser haucht dem abstrakt anmutenden Begriff
der Rechtsreform dadurch in willkommenem Ma-
ße Leben ein. Es gelingt ihm zudem immer wieder, n

Michael Stolleis

Juristen und »Juristen«*


Die Lektüre des Buchs beginnt mit dem Titel. Nicht behandelt werden die »Juristen« der gan-
Er ist offenbar bewusst vage gehalten. »Die Juris- zen Welt, unter welchem Namen sie auch immer
ten«, als Gattung oder Stand, als Denktypus, als als Spezialisten für die Lösung von zwischen-
wissenschaliche Formation? Geht es um Juristen menschlichen Konflikten aureten mögen. »Ju-
aller Herren und Länder? Und was bedeutet »kri- rists« sind (im Gegensatz zu den »lawyers«, »barris-
tische Geschichte« – ist eine unkritische denkbar? ters« oder »solicitors«) die universitären Vertreter
Handelt es sich um eine soziologische historische der iurisprudentia. Nicht gehandelt wird also von
Studie zur Ausbreitung der Juristen und eine richtenden Dorfältesten oder Ratsherren, von ju-
Analyse ihres Einflusses? »The Jurists« ist also ein ristisch ausgebildeten Syndici, Anwälten und No-
anspruchsvolles Portal, hinter dem sich jedenfalls taren, Hof- und Staatsräten und anderen. Es geht
kein Juristenlexikon verbirgt. Treten wir also ein auch nicht um eine vergleichende Sozialgeschichte
und sehen wir zunächst, welchen Ballast Gordley des akademischen Juristenpersonals, die zeigen
abwerfen musste, um sein Schiff flott zu bekom- könnte, wie sich Verhaltenskodices der Rechtsleh-
men. rer ausbilden, wie sie eine Vorrangstellung vor den

* J G, The Jurists. A Critical


History, Oxford: Oxford University
Press 2013, XI, 320 S.,
ISBN 978-0-19-968939-2

286 Juristen und »Juristen«