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AMNESTY

Nr. 95
72
Dezember
August 2018
2012

MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE

NEIN ZUR «FREMDE RICHTER»-INITIATIVE

SCHÜTZEN WIR DIE MENSCHENRECHTE

ARGENTINIEN TÜRKEI ANTISEMITISMUS


Diktatur vor Gericht Idil Eser bleibt beharrlich Alte und neue Formen
VOLKSABSTIMMUNG VOM 25. NOVEMBER 2018

VOLKSINITIATIVE «SCHWEIZER RECHT STATT FREMDE RICHTER


(SELBSTBESTIMMUNGSINITIATIVE)»:

NEIN
NEIN
Diese Anti-Menschenrechts-
Initiative ist für unseren
Rechtsstaat und für die
internationale Stellung der
Schweiz brandgefährlich.
Mehr dazu lesen Sie im
Dossier dieses Magazins.

ÄNDERUNG DES BUNDESGESETZES ÜBER DEN ALLGEMEINEN


TEIL DES SOZIALVERSICHERUNGSRECHTS:

NEIN
Die vom Parlament beschlossenen
Änderungen am Sozialversicherungs-
Gesetz ermöglichen unver­hältnis­mässige
Eingriffe in die Grund­rechte der Versi-
cherten, insbesondere in das Recht auf
Schutz der Privatsphäre. Versicherte
könnten willkürlich überwacht werden.
© Shutterstock/Andrey Popov

DIE MENSCHENRECHTE BRAUCHEN


AM 25. NOVEMBER IHRE STIMME!
Titelbild INHALT_AUGUST 2018
Titelbild und sämtliche Zeichnungen im Dossier
© Ambroise Héritier.

AKTUELL THEMA
4 Good News 22 Somalia
6 Aktuell im Bild Drohnen und Drohungen
7 Nachrichten 25 Argentinien
Diktatur vor Gericht
9 Brennpunkt
Keine willkürliche Überwachung 28 Türkei
Die Beharrliche

DOSSIER
Anti-Menschenrechts-Initiative

Idil Eser will trotz drohender


Verurteilung nicht still bleiben.

30 Antisemitismus
Dialog und Aufklärung –
die besten Waffen gegen Antisemitismus
32 Unvergesslich – Unsere Geschichten
Die Welt in Claires Küche
Nach der Flucht das Engagement
10 Ein Angriff auf die Menschenrechte
12 Gefährliche politische Trends
Populistischer Angriff auf den Menschenrechtsschutz.
KULTUR
14 Ein unteilbares Ganzes
Gibt es einen Widerspruch zwischen Volks- und 35 Musik
Menschenrechten? Mein Körper ist keine Waffe
15 Was heisst denn eigentlich… 36 Literatur
Völkerrecht, Landesrecht, Grundrechte... «Wer hasst, kommt nicht zur Ruhe»
Eine Klärung der Begriffe.
38 Buch
16 Ungenau und widersprüchlich Denkanstösse zu Rassismus
Eine juristische Analyse.

18 Sie gaben nicht auf


Drei Geschichten von Menschen,
die dank der EMRK zu ihrem Recht kamen. CARTE BLANCHE
20 «Jetzt ist nicht die Zeit für Angriffe» 39 Anuschka Roshani
Der Amnesty-Experte zum befürchteten Dominoeffekt. Im Stechschritt

Impressum: «AMNESTY», Magazin der Menschenrechte, Nr. 95, August 2018. Redaktion: Carole Scheidegger (cas., verantw.), Manuela Reimann Graf (mre). MitarbeiterInnen dieser Nummer: Daniel Bax,
Ulla Bein, Nadia Boehlen, Camille Grandjean-Jornod, Andreas Gross, Aline Jaccottet, Guillaume Lammers, Bettina Rühl, Patrick Walder, Herbert Winter. Korrektorat: Korrektorat Wilhelm, Oftringen.
Gestaltung: www.muellerluetolf.ch. Druck: Stämpfli AG, Bern. Die Mitgliederzeitschrift «AMNESTY» erscheint viermal jährlich in Deutsch und Französisch. Das Magazin gibt es auch als E-Paper unter
https://issuu.com/magazin-amnesty-schweiz. Redaktionsschluss der nächsten Nummer: 19. Oktober 2018. Distribution: «AMNESTY, Magazin der Menschenrechte» erhalten alle, die die Schweizer
Sek­tion von Amnesty International mit mindestens 30 Franken jährlich unterstützen. Über die Veröffentlichung von Fremdbeiträgen entscheidet die Redaktion. Alle Rechte vorbehalten. © Amnesty Inter­
national, Schweizer Sektion. Spendenkonto: Amnesty International, Schweizer Sektion, 3001 Bern (PC 30-3417-8). Redaktions­adresse: Magazin «AMNESTY», Redak­ tion, Postfach, 3001 Bern.
Tel.: 031 307 22 22, E-Mail: info@amnesty.ch. Auflage: 89 000 (dt.).

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AMNESTY August 2018
A K T U E L L _ EN DA IC THORRI ICAHLT E N

Wenn ich meinen Stimm- oder


Wahlzettel nicht per Brief abge-
schickt habe, pilgere ich sonn-
GOO Noura Hussein wird nicht hingerichtet
SUDAN − Zwangsverheiratet, vergewaltigt und dann zum Tode verurteilt:
In der letzten Ausgabe des Magazins hatten wir von Noura Hussein be-
richtet, die ihren Ehemann in Notwehr tö-

© Privat
tete, als er sie erneut vergewaltigen wollte.
tags zur Urne. Und fühle mich
Für diese Tat war sie vom sudanesischen
dabei oft ganz erhaben staats- Gericht zum Tode verurteilt worden. Nun
bürgerlich. Selbst wenn mich wurde die Todesstrafe aufgehoben. Noura
Hussein muss allerdings eine Gefängnis-
der Ausgang der Volksentschei- strafe von fünf Jahren ab dem Tag ihrer
de nicht immer zufriedenstellt: Ich bin ein Fan der Verhaftung im Mai 2017 verbüssen und
337 500 sudanesische Pfund (ca. 8400
direkten Demokratie. Das heisst aber nicht, dass ich
CHF) für die Dija (das «Blutgeld») zahlen.
mir unbegrenzte Macht für uns Stimmende wünsche.
Denn Demokratie bedeutet immer auch die Begren- Der Fall von Noura Hussein hat
international ein Schlaglicht auf Zwangs-
zung von Macht. Die Menschenrechte sind Teil der und Kinderheirat im Sudan geworfen.
Spielregeln, die wir uns dafür gegeben haben. Der
Endlich mit der Familie vereint
Schutz dieser Rechte ist aber in Gefahr durch die ÄQUATORIALGUINEA – Ramón Esono Ebalé konnte am 28. Mai endlich
«Fremde Richter»-Initiative der SVP – ganz abgese- aus Äquatorialguinea ausreisen, nachdem die Behörden dem Karikatu-
risten und Menschenrechtsverteidiger einen Reisepass ausgestellt hat-
hen davon, dass die Vorlage der Vertrauenswürdigkeit
ten. Nun kann er nach drei Monaten Frau und Tochter wiedersehen.
und wirtschaftlichen Kraft der Schweiz schaden Ramón Esono Ebalé war offensichtlich wegen seiner Karikaturen fest-
könnte. genommen worden, mit denen er Präsident Teodoro Obiang und die
Regierung kritisiert hatte. Man hatte ihm Geldfälscherei vorgeworfen,
Auch wenn die InitiantInnen es nicht so klar sagen: die Anklage musste aber fallengelassen werden, nachdem der Haupt-
Im Visier stehen besonders die Europäische Men- zeuge des Staates seine Aussage zu-
© Privat

rückzog (siehe AMNESTY Nr. 94). Der


schenrechtskonvention (EMRK) und der Europäische
Zeuge gab zu, dass er aufgefordert
Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Dessen worden war, Ramón Esono Ebalé zu
Richterinnen und Richter als «fremd» zu bezeichnen, beschuldigen. Das Verfahren gegen
den Karikaturisten hatte am 27. Fe­
ist irreführend – denn auch die Schweiz stellt eine bruar in Malabo begonnen, nachdem
Richterin in Strassburg. Was wir alle verlieren wür- er bereits mehr als fünf Monate in Un-
tersuchungshaft verbracht hatte.
den, wenn die Schweiz die EMRK kündigen müsste,
erläutern wir in diesem Dossier. Der Karikaturist Ramón Esono Ebalé war
fast drei Monate ohne Anklage inhaftiert.
Warum berichten wir schon jetzt über diese Vorlage?
Ganz einfach: Das nächste Amnesty-Magazin er- Liu Xia ist endlich frei wieder Schikanen der Behörden
scheint erst nach der Abstimmung. Wir möchten CHINA − In der letzten Ausgabe über sich ergehen lassen. Ihre
des Magazins informierten wir psychische Verfassung ver-
Ihnen frühzeitig Informationen und Argumente lie- über den schlechten Zustand von schlechterte sich zunehmend
fern. Vergessen Sie nicht, am 25. November abzu- Liu Xia, der Ehefrau des verstor- und weltweit wurden Appelle lan-
benen Nobelpreisträgers Liu ciert, sie endlich aus China aus-
stimmen – ob per Brief oder an der Urne!
Xiaobo. Seit dem Tod ihres Man- reisen zu lassen. Nun hat die chi-
nes stand die Dichterin unter nesische Regierung Liu Xia
 Carole Scheidegger, verantwortliche Redaktorin Hausarrest und musste immer ziehen lassen.

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AMNESTY August 2018
AKTUELL_GOOD NEWS

D NEWS
Unabhängiger Journalist Türkischer Rapper
IN KÜRZE

© wikicommons
freigelassen freigesprochen
USBEKISTAN – Der Journalist Bo- TÜRKEI – Sercan ÄTHIOPIEN – Der äthiopische
bomurod Abdullayev wurde am İpekcioğlu, besser be- Journalist Eskinder Nega war am
7. Mai 2018 freigelassen, muss kannt unter seinem 25. März 2018 zum x-ten Mal un-
aber einen Zivildienst von einein- Künstler­namen Ezhel, ist ter konstruierten Vorwürfen festge-
halb Jahren ableisten. Drei seiner für seine düsteren Be- nommen worden. Eskinder Nega
Mitangeklagten, der Blogger schreibungen des Stras- hatte sich seit den 1990er-Jahren
Khayotkhan Nasreddinov sowie senlebens in türkischen für das Recht auf freie Meinungs­
die Geschäftsmänner Shavkat Städten bekannt. Am äusserung und Pressefreiheit in
Olloyorov und Ravshan Salayev, 23. Mai wurde Ezhel von Äthiopien eingesetzt, ehe er 2012
wurden freigesprochen. Abdul- der Polizei inhaftiert, weil zu 18 Jahren Haft verurteilt wur-
layev sass im berüchtigtsten Ge- er Werbung für den Dro- de. Nun ist Eskinder Nega frei, die
fängnis von Usbekistan und wur- genkonsum gemacht Der türkische Rapper Ezhel hatte sich Anklage wurde fallengelassen.
de offenbar gefoltert. Er war am habe. Beweismaterial gab mit sozialkritischen Texten bei den Behörden
27. September 2017 von Beam- es für die Anordnung der Feinde gemacht.
ISRAEL – Am 6. Juni wurde der
ten des Staatssicherheitsdienstes Untersuchungshaft aber
palästinensische Aktivist und
(SGB) in Taschkent festgenom- nicht. Am 19. Juni wurde der Rapper von einem Istanbuler Gericht
Menschenrechtsverteidiger Mun-
men worden, weil er angeblich freigesprochen und seine sofortige Freilassung angeordnet.
ther Amira aus dem Hadarim-
versucht hatte, mit kritischen Ar-
Gefängnis in Israel freigelassen,
tikeln die verfassungsmässige Vor dem Hungertod bewahrt
nachdem er zuvor seine Gefäng-
Ordnung der Republik Usbekis- NIGERIA – Etwa 230 binnenvertriebene Frauen und ihre Kinder haben
nisstrafe abgesessen hatte. Er
tan zu stürzen. wieder Zugang zu Nahrung. Sie waren vom Hungertod bedroht, weil
war wegen seiner friedlichen Teil-
die nigerianischen Behörden sie im Lager für Binnenvertriebene, in
nahme an einer Protestveranstal-
Hinrichtung ausgesetzt dem sie seit 2017 lebten, nicht mehr mit Nahrungsmitteln versorgten.
tung festgenommen und von
USA – Es waren nur noch wenige Die Lebensmittelversorgung wird inzwischen von humanitären Hilfsor-
einem Militärgericht zu sechs
Tage bis zur geplanten Hinrich- ganisationen übernommen. Die Frauen gehören zur Knifar-Bewegung,
Monaten Haft verurteilt worden.
tung, als das texanische Beru- die Gerechtigkeit für die rechtswidrige Festnahme und Inhaftierung
Ursprünglich wurde in 13 Punk-
fungsgericht einen Hinrichtungs- ihrer Ehemänner und Söhne fordert. Die Entscheidung der Behörden,
ten Anklage gegen Munther Ami-
aufschub für Clifton Williams die Frauen nicht mehr mit Lebensmitteln zu versorgen, war aller
ra erhoben; schliesslich sprach
anordnete. Geplant war, sein To- Wahrscheinlichkeit nach eine Strategie, um sie zum Schweigen zu
man ihn in vier Fällen der «Stö-
desurteil am 21. Juni zu vollstre- bringen.
rung der öffentlichen Ordnung»
cken. Der Aufschub soll eine wei-
und der Teilnahme an einer «un-
© AI

tere Anhörung ermöglichen: Die


angemeldeten Protestveranstal-
Verteidigung beantragte, Clifton
tung» schuldig.
Williams’ geistige Einschränkung
erneut zu prüfen. Schon zuvor hat-
ten sie argumentiert, dass Williams KASACHSTAN – Die gewaltlose
unter vielen psychischen Erkran- politische Gefangene Akmaral
kungen leide, die ihn nicht schuld- Tobylova wurde aus medizini-
fähig machten. Clifton Williams war schen Gründen aus der Haft ent-
des Mordes an Cecilia Schneider lassen, da die Grafikdesignerin
angeklagt und zum Tode verurteilt schwanger ist. Allerdings bleibt
worden. Er sitzt seit elf Jahren im sie weiterhin angeklagt, eine ex­
Todestrakt. Williams soll im Juli tremistische Organisation zu un-
2005 in ihr Haus eingebrochen terstützen, nur weil sie die Web-
sein und sie erstochen haben. Von site einer Oppositionspartei
Anfang an hatte Williams bestrit- besuchte.
ten, die Frau getötet zu haben. «Wir wollen unsere Männer zurück»: Eine der Anführerinnen der Knifar.

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AMNESTY August 2018
AKTUELL_IM BILD

© REUTERS/Khaled Abdullah
JEMEN – Dieses Mädchen wurde durch die Kämpfe in der Hafenstadt Hodeida am Roten Meer vertrieben. Jetzt steht es gemeinsam mit Frauen
in Sanaa an, um sich registrieren zu lassen. Bei den Angriffen der von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten angeführten
Koalition auf die Stadt Hodeida wurden nach Schätzungen der Uno zwischen Dezember 2017 und Mai 2018 mehr als 100 000 Menschen
vertrieben.

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AMNESTY August 2018
AKTUELL_NACHRICHTEN

Breit abgestützter men und die Haftungsbe­


© REUTERS/Youssef Boudlal

Kompromiss stimmungen sind stark einge-


SCHWEIZ – Der Nationalrat hat schränkt. Allerdings: Mit dem
am 14. Juni den Gegenvorschlag vorliegenden Gegenvorschlag
zur Konzernverantwortungsinitia- würden gesetzliche Massnah-
tive, die von Amnesty Internatio- men schneller in Kraft treten als
nal mitgetragen wird, angenom- mit einer Volksabstimmung. Dies
men. Für die Initiantinnen und ist gerade für die Betroffenen
Initianten enthält dieser Kompro- von Menschenrechtsverletzun-
miss schmerzhafte Abstriche: gen wichtig. Als Nächstes wird
Die verbindlichen Regeln gelten der Ständerat den Gegenvor-
nur für sehr grosse Unterneh- schlag beraten.

Nasser Zefzafi hält eine Rede während einer Demonstration gegen Ungerechtig- LGBTI-Pride trotzt Verbot
keit und Korruption in der nördlichen Stadt al-Hoceima, 18. Mai 2017. TÜRKEI – Trotz Verbot waren rund 1000 Aktivistinnen und Vertreter von
Gruppen für die Rechte von Homosexuellen aufmarschiert: Der dies­
Schwere Strafen für Rif-AktivistInnen jährige Pride-Marsch vom 1. Juli in Istanbul war von den Behörden
MAROKKO – Seit Mai 2017 haben die marokkanischen Sicherheitskräfte zunächst verboten worden, in letzter Minute erhielten die Orga­nisatio­
Hunderte von DemonstrantInnen, darunter Kinder und mehrere Medien- nen dann doch die Erlaubnis sich zu versammeln, allerdings nur
schaffende, verhaftet. Sie hatten ein Ende der Marginalisierung ihrer Ge- in ­einer winzigen Seitenstrasse abseits des Hauptboulevards. Doch
meinden im marokkanischen Rif gefordert. Die immer stärker werdende weder diese Einschränkung, noch die vielen Polizisten, die schwer
Protestbewegung richtete sich vermehrt auch gegen Arbeitslosigkeit, Po- bewaffnet mit Hunden, Tränengas und Gummigeschossen aufmar-
lizeiwillkür und Korruption. Ende Juni wurden nun die Anführer der so- schierten, konnten den bunten Aufzug verhindern. Es wurde getanzt
genannten Hirak al-Shabi-Proteste, Nasser Zefzafi und Nabil Ahamjik, und ge­sungen, eine riesige Regenbogenfahne wurde gehisst. Popstar
zusammen mit zwei weiteren Demonstranten wegen «staatsgefährden- Madonna war auf den Lautsprechern. Die Polizei forderte die Teil­neh­
der Aktivitäten» zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Andere erhielten Ge- menden anschliessend auf, die Veranstaltung aufzulösen und setzte
fängnisstrafen von einem Jahr bis zu 15 Jahren. Nasser Zefzafi befand Gummi­geschosse gegen einige AktivistInnen ein, die versuchten, in
sich vom 23. Mai bis 3. Juni im Hungerstreik, um gegen die ungerechte die Shoppingmeile zu gelangen. Rund elf Demonstrierende wurden
Prozessführung und die schlechten Haftbedingungen zu protestieren. vorübergehend festgenommen.
Aus Solidarität begannen auch 22 weitere Häftlinge einen Hungerstreik,
© Jim Ward /AI

der zwischen vier und 19 Tagen dauerte. Nasser Zefzafi befindet sich
seit über einem Jahr in Einzelhaft.

JETZT ONLINE

Die Fussball-WM ist längst vorbei, nicht so aber das Leben


im Flüchtlingscamp: Der 17-jährige Rohingya Mohammad
Jahangir Alam – ein grosser Neymar-Fan – erzählt, wie er im
Lager in Bangladesch seinen Traum einer Fussballkarriere
verfolgt.

Schon gesehen? Amnesty International Schweiz ist auch


auf Instagram! Entdecken Sie Fotos von Aktionen unserer
Gruppen und AktivistInnen, Good News, Nachrichten und
vieles Weitere mehr! instagram.com/amnesty_switzerland

Zu finden auf:
www.amnesty.ch/magazin-august18 Weder das massive Polizeiaufgebot noch die Einschüchterungen im Vorfeld
konnten die Pride-Parade in Istanbul verhindern.

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AMNESTY August 2018
AKTUELL_NACHRICHTEN

BRIEF AN DIE REDAKTION

© privat
AMNESTY 94/18 Dossier Klimawandel

Es muss Thema sein!


Nein, ich wundere mich nicht, warum Amnesty jetzt
auf Umwelt macht, ich habe mich im Gegenteil immer
gewundert, warum das Thema so kurz kommt! Umwelt-
und Menschenrechtsthemen sind gar nicht trennbar. Auch
wenn es überall ein Thema sein sollte, bei Amnesty muss
es ein Thema sein!
Sacharow-Preisträgerin Nasrin Sotoudeh Angesichts der Erkenntnisse aus der Wissenschaft, dass
eigentlich schon morgen kein Erdöl mehr verbrannt
Nasrin Sotoudeh wieder im Gefängnis werden dürfte, sollten wir uns Gedanken dazu machen,
IRAN – Die bekannte iranische Menschenrechtsanwältin Nasrin wie wir in Zukunft arbeiten werden. Für die Amnesty-
Sotoudeh wurde Mitte Juni erneut verhaftet und ins berüchtigte Arbeit ist es ja einerseits zentral, dass wir direkt mit Opfern
Evin-Gefängnis in Teheran überführt. Die Gründe dafür sind nicht von Menschenrechtsverletzungen vor Ort sprechen oder
bekannt. Zuletzt leistete Sotoudeh jungen Frauen Rechtsbeistand, diese zu uns kommen. Konferenzen, bei denen sich
die in der Öffentlichkeit demonstrativ ihr Kopftuch abnahmen, um Amnesty-Mitarbeitende aus verschiedenen Ländern
gegen die strikten Bekleidungsregeln zu protestieren. Bereits im persönlich sehen, machen ebenfalls Sinn. Auf der anderen
September 2010 hatte man sie zu sechs Jahren Gefängnis wegen Seite schaden wir mit diesen Flugreisen dem Klima. Ein
«Propaganda gegen das System» sowie «Mitgliedschaft in einer Konflikt, den wir dringend angehen müssen. 
illegalen Organisation» – womit das Zentrum für Menschenrechts-  ANNIKA SALMI
anwälte gemeint war – verurteilt. 2012 wurde Nasrin Sotoudeh der
Sacharow-Preis für ihr menschenrechtliches Engagement verlie-
hen, im September 2013 hatte man sie schliesslich freigelassen.
IN EIGENER SACHE: Die Plastikfolie
Unverantwortlich Liebe Leserinnen und Leser
USA – Die Vereinigten Staaten haben angekündigt, sich aus dem Im Nachgang zum Erscheinen des letzten Amnesty-Magazins haben
Uno-Menschenrechtsrat in Genf zurückzuziehen. Ein folgenschwe- wir einige Briefe erhalten, die die Folierung unseres Heftes kritisiert
rer und unverantwortlicher Schritt: Denn trotz aller Schwächen haben – umso mehr als es sich im Schwerpunkt des Heftes um ein
bleibt der Menschenrechtsrat ein unverzichtbares Mittel für die Umweltthema handelte. Wir hatten uns vor einiger Zeit entschlossen,
Durchsetzung der Menschenrechte weltweit. das Magazin eingeschweisst zu versenden, damit wir die Beilage «In
Action» und den Begleitbrief mit dem Adressfeld beilegen können. Dies
hat den Vorteil, dass damit die Adresse nicht auch noch auf ein teures
Nachruf Couvert gedruckt werden muss – ein zusätzlicher Arbeitsschritt, der
damit entfällt. Als spendenbasierte Organisation sind wir natürlich auf
Wir trauern um Priska Vogt eine kostengünstige Variante bedacht.
Am 18. Juni ist nach schwerer Krankheit unsere langjähri- Vor allem aber hat uns die Tatsache überzeugt, dass die Ökobilanz
ge Korrektorin Priska Vogt im Alter von 62 Jahren gestor- der Plastikfolie besser abschneidet als die eines Couverts, wie die
ben. Wir verlieren mit Priska eine ausgezeichnete Korrek- eidgenössische Materialprüfungsanstalt EMPA evaluiert hatte. Und
torin, die uns durch ihre Herzlichkeit und ihren Humor zwar fällt die Umweltbelastung der Plastikfolie um 20 Prozent geringer
sehr ans Herz gewachsen ist. Priska stöberte jeweils den aus als die eines Couverts.
allerletzten Fehler in den Texten auf. Mit witzigen, manch- Wichtig ist allerdings, dass Sie – die LeserInnen des Magazins – die
mal auch trockenen Kommentaren wies sie auf sprachliche Folie abnehmen und nicht im Altpapier entsorgen. Wir gehen aber
Holprigkeiten hin. Man spürte, mit wie viel Herzblut sie davon aus, dass Sie dies tun!
ihren Auftrag für das Amnesty-Magazin ausführte. Wir teilen jedoch die Abneigung gegen zu viel Plastik-Müll und sind
Nun ist Priska nicht mehr da. Wir sind sehr traurig. gegenwärtig dabei, die ökologischen Alternativen zu evaluieren.
 Die Redaktion  Ihre Redaktion

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AMNESTY August 2018
AKTUELL_BRENNPUNKT

KEINE WILLKÜRLICHE ÜBERWACHUNG


Betroffen von einer solchen brauch gegenüber einem Ge-
© Keystone/Gaëtan Bally

Überwachung können alle sein richt belegen müssen. Jede


– von Arbeitslosen über Kran- Überwachung muss gerichtlich
ken- und Unfallversicherten bis genehmigt werden. Andernfalls
hin zu Menschen mit Behinde- besteht die Gefahr des Macht-
rungen. Mit der Revision wür- missbrauchs, denn die Versi-
den Sozialversicherungen bei cherungen sind ja Partei im
Missbrauchsverdacht Überwa- Verfahren. Die Überwachung
chungskompetenzen erhalten, von verdächtigen Personen
die zum Teil weiter gehen als sollte zudem im Strafrecht und
diejenigen der Behörden im nicht im Sozialversicherungs-
Strafverfahren oder im Nach- recht geregelt werden.
richtendienst.
Wenn die aktuelle Gesetzesver-
Das Gesetz erlaubt es, jeman- sion an der Urne abgelehnt
den auf dem Balkon oder in sei- wird, kann das Parlament einen
ner Wohnung zu fotografieren neuen Anlauf nehmen, damit
Wenn private ErmittlerInnen oder zu filmen, solange dies vom die Bekämpfung von Versiche-
Versicherte beobachten, ist das öffentlichen Grund aus gemacht rungsbetrug unter Wahrung
ein schwerwiegender Eingriff in werden kann. Die Versicherun- der Grundrechte möglich wird.
die Privatsphäre.
gen könnten eine solche Über- Dass gesetzgeberischer Hand-

F ordert Amnesty International


nun ein Menschenrecht auf
Versicherungsbetrug? Natürlich
wachung in der Regel ohne rich-
terliche Anordnung durchführen.
Eine Staatsanwältin, die einen
lungsbedarf besteht, ist unbe-
stritten. Die Revision geht näm-
lich auf einen Entscheid des
nicht. Trotzdem empfiehlt die Mord aufklären muss, oder der Europäischen Gerichtshofs
Organisation ein Nein zum ge- Nachrichtendienst, der gegen für Menschenrechte (EGMR)
änderten Sozialversicherungs­ mutmassliche Terroristen ermit- zurück. Er hält Überwachungs-
gesetz. Die Vorlage mit dem offi­ telt, muss solche Massnahmen massnahmen gegen Sozial­
ziellen Namen «Änderung des hingegen von einem Gericht ge- versicherungsbetrug zwar
Bundesgesetzes über den nehmigen lassen. Bei der Über- durchaus für zulässig, urteilte
Allgemeinen Teil des Sozialver­ wachung von Sozialversicherten aber, dass die bisherigen ge-
sicherungsrechts» kommt am sollen auch technische Instru- setzlichen Grundlagen der
25. November zur Abstimmung. mente zur Standortbestimmung Schweiz dafür nicht ausreich-
Sie soll die gesetzliche Grundla- erlaubt sein, zum Beispiel GPS- ten. Daraufhin verfasste das
ge liefern für die Überwachung Tracker, die an Autos ange- Parlament in kurzer Zeit die
von Versicherten. In den Augen bracht werden. Nur für solche Gesetzesbestimmungen, gegen
von Amnesty International wür- Instrumente braucht es eine die das Referendum ergriffen
de die Gesetzesrevision aber zu richterliche Genehmigung. wurde. Amnesty empfiehlt zu
unverhältnismässigen Eingriffen dieser Vorlage ein Nein, ebenso
in die Grundrechte der Versi- Wenn PrivatdetektivInnen Versi- wie zur «Fremde Richter»-
cherten führen, insbesondere in cherte beobachten, ist das ein Initiative, die just die künftige
das Recht auf Schutz der Privat- schwerwiegender Eingriff in die Beteiligung der Schweiz am
sphäre. Zudem bedroht die Re- Privatsphäre. Amnesty fordert EGMR gefährdet.
vision das Prinzip der Verhält- deshalb, dass die Versicherun-
nismässigkeit. gen ihren Verdacht auf Miss-  Carole Scheidegger

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AMNESTY August 2018
Ein Angriff
auf die Menschenrechte
D ie InitiantInnen nennen sie
«Selbstbestimmungsinitiative»
oder auch «Fremde Richter»-Initiative.
Für uns ist es eine Anti-Menschen-
rechts-Initiative. Sie fordert ja, dass
künftig das Landesrecht über dem
Völkerrecht steht. Das könnte über
kurz oder lang dazu führen, dass
die Schweiz aus der Europäischen
Menschenrechtskonvention austreten
muss. Damit würden wir auch den
Schutz unserer Rechte durch den
Europäischen Gerichtshof für
Menschenrechte verlieren – wollen
wir das?

Sämtliche Illustrationen im Dossier: © Ambroise Héritier


DOSSIER_ ANTI-MENSCHENRECHTS-INITIATIVE

Gefährliche
politische Trends
Die «Fremde Richter»-Initiative ist ein Angriff
auf die Menschenrechte und zugleich Ausdruck
gefährlicher globaler Trends. Die Schweiz hat mit
der Abstimmung nun als erstes Land die Chance,
ein klares Zeichen für den Menschenrechtsschutz
zu setzen. Von Patrick Walder

S chon der Name der Initiative zeugt vom politischen Ins-


tinkt und der klugen Kommunikation ihrer Initiantin, der
Schweizerischen Volkspartei (SVP): «Schweizer Recht statt
fremde Richter (Selbstbestimmungsinitiative)». Der Name
erfasst in wenigen Worten die dominanten politischen
Trends, die in den letzten Jahren weltweit erfolgreich waren
und die uns alle vor grosse Herausforderungen stellen.
Dieser politische Trend richtet sich gegen alles, was als
«fremd» empfunden werden kann, seien es Flüchtlinge oder
Migrantinnen, die Globalisierung oder die Europäische Uni- lingskrise offenbar – an weiteren Beispielen fehlt es nicht.
on; er richtet sich gegen «Eliten», gegen Richterinnen, Büro- Man muss daran erinnern, dass die Menschenrechte nach
kraten, Bundesbern sowie gegen Top-Manager und Reiche; dem Zweiten Weltkrieg ausgerufen wurden als Versprechen,
und er behauptet, für Selbstbestimmung einzustehen. Diese dass sich solcher Krieg, Terror und Völkermord niemals
lehnt selbstverständlich niemand ab, doch hier kommt sie mehr wiederholen darf. Heute, siebzig Jahre später, wird of-
daher als nationalistische Heimatliebe und Abschottung ge- fensichtlich, dass die Lehren, die man damals zog, am Ver-
gen aussen. Dazu wird jeweils mit einem behaupteten blassen sind, und dass der angestrebte Konsens der Men-
Schweizer «Volkswillen» argumentiert. schenrechte zunehmend infrage gestellt wird.
Die Initiantinnen und Initianten surfen nicht nur gekonnt Die Lehre, die man in Europa aus den Gräueln des Zwei-
auf dieser Welle, sie haben diese populistische Politik seit ten Weltkriegs zog, konkretisierte sich im Willen der euro­
den 1990er-Jahren selber geschaffen und sich so zum Vor- päischen Staaten, die Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und
bild für rechtsnationale Parteien in Europa gemacht. In den Menschenrechte zu fördern: Zu diesem Zweck wurde 1949
letzten Jahren hat sich dieser Trend global behauptet und ist der Europarat gegründet, der ein Jahr später die Europäische
mit Brexit, Trump und dem Erfolg populistischer Parteien in Menschenrechtskonvention (EMRK) verabschiedet und 1959
der breiten Öffentlichkeit angekommen. den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR)
in Strassburg gegründet hat.
Verblassende Lehren Amnesty International kon- Die beiden Pfeiler der Nachkriegsordnung – der gemein-
statiert heute, zunehmend alarmiert, eine globale Men- same Markt in der Europäischen Union und die gemeinsa-
schenrechtskrise: Die Diffamierungen des Völkerrechts men Rechte im Europarat – haben in Europa siebzig Jahre
werden schamloser, die Angriffe gegen Menschenrechtsver- lang für weitgehende Stabilität, Frieden und Wohlstand ge-
teidigerInnen häufiger, das Versagen Europas in der Flücht- sorgt. Heute wird offensichtlich, dass diese Pfeiler in eine

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AMNESTY August 2018
DOSSIER_ ANTI-MENSCHENRECHTS-INITIATIVE

Wir alle können nur verlieren in einer Welt,


in der Macht vor Recht steht.

Krise geraten sind beziehungsweise hef- da bereits heute Widersprüche in der Bundesverfassung zur
tig an ihnen gesägt wird. EMRK bestehen. Beispielsweise steht das Verbot, in der
Schweiz Minarette zu bauen, im Konflikt mit der Religions-
Angriff aus der Schweiz Die freiheit, die in der EMRK garantiert wird.
Schweiz hat jahrzehntelang von der Das Beispiel zeigt, wie gefährlich diese Initiative ist. Wäh-
euro­päischen Nachkriegsordnung pro­ rend sich andere kontroverse Volksinitiativen meist auf ein-
fitiert. Jetzt ist es ausgerechnet dieses zelne, oft symbolische Themen beschränkten (wie z. B. ein
Land, aus dem ein Angriff auf einen Burkaverbot), hat die Anti-Menschenrechts-Initiative das Po-
Pfeiler der Nachkriegsordnung, die tenzial, unsere Rechtsordnung umzukrempeln und den
EMRK und den EGMR, lanciert wird. Menschenrechtsschutz auszuhebeln. Denn die in unserer
Die Schweiz ist erst spät dem Europa- Verfassung garantierten Grundrechte können durch Volksin-
rat – nicht zu verwechseln mit der Euro- itiativen jederzeit geändert oder gar gestrichen werden.
päischen Union (EU) – beigetreten
(1963). Sie ratifizierte die EMRK noch Kurzfristige Politik Seit siebzig Jahren wurden die
später (1974), da dies zuvor wegen des Menschenrechte weitergeschrieben, Konventionen und Insti-
fehlenden Frauenstimmrechts nicht tutionen zu ihrer Durchsetzung entwickelt. Heute müssen
möglich war. Danach hat sie sich schnell wir feststellen, dass diese Texte nicht in Stein gemeisselt
zu einer Musterschülerin gemausert. Sie sind. Bedroht werden sie von einer Politik, die zwar keine
engagiert sich im Europarat, feiert sich Lösungen bietet, aber kurzfristig Erfolg verspricht: Gegen
als Hüterin der Menschenrechte und Fremde Stimmung machen, gegen Eliten polemisieren und
verzeichnet eine rekordtiefe Anzahl von Urteilen des EGMR. gleichzeitig nach unten treten.
Nur 1,6 Prozent der beim Strassburger Gericht eingereichten Der Schweizer Angriff auf den Menschenrechtsschutz ist
Einzelklagen führten bisher zu einem Urteil gegen die in Europa nicht isoliert. Russland unter Putin setzt Urteile
Schweiz. Diese Urteile und die EMRK als Grundrechts-Ori- des EGMR nur noch mit Vorbehalt um; Präsident Erdogan
entierung brachten der Schweiz wichtige Fortschritte im Be- hat in der Türkei mit der Ausrufung des Ausnahmezustands
reich der Menschenrechte. die EMRK teilweise ausgesetzt.
Diese Rechte scheinen der Initiantin der «Fremde Natürlich können die Stimmberechtigten in der Schweiz
Richter»-Initiative ein Dorn im Auge. Die SVP startete ihren die EMRK kündigen, wenn sie dies wirklich wollen. Dieses
Angriff auf den Menschenrechtsschutz, nachdem klargewor- Ziel müsste die Initiantin aber offen deklarieren. Die Abschaf-
den ist, dass die EMRK eine rote Linie setzt bei der Umset- fung des Menschenrechtsschutzes darf nicht durch die Hin-
zung von völkerrechtswidrigen Volksinitiativen, die oft von tertüre mit einer Polemik gegen «fremde Richter» erfolgen.
dieser Partei lanciert wurden. In den vergangenen Jahren Wir alle können nur verlieren in einer Welt, in der Macht
kollidierten mehrere Initiativen (lebenslange Verwahrung, vor Recht steht, und in der es keine wirksamen Regeln zum
Ausschaffung krimineller Ausländer, Minarettverbot usw.) Schutz von Minderheiten und individuellen Freiheiten gibt.
mit Rechten, die in der EMRK garantiert sind. Bisher wurde Angesichts von verbreitetem Chaos und Rechtsbruch in der
die Schweiz (noch) nicht wegen einer kontroversen Initiative Welt: Warum sollten wir da freiwillig auf unsere Rechte und
verurteilt. Aber ohne den Schutz der EMRK würde es in der ihren Schutz verzichten? Es ist wahrscheinlich, dass die
Schweiz einfacher werden, auf Kosten von Minderheiten Po- Stimmberechtigten für gemeinsame Regeln und Stabilität
litik zu machen. stimmen, und dass das Votum über die Anti-Menschenrechts-
Nach einer Annahme der «Fremde Richter»-Initiative Initiative zu einem Statement für die Menschenrechte wird,
könnte die SVP sofort die Kündigung der EMRK verlangen, das weit über die Schweiz hinaus von Bedeutung sein wird.

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AMNESTY August 2018
Ein unteilbares Ganzes
Können die Menschenrechte den Volksrechten im Grundrechtsschutz zu verweigern und abschliessend über
das Schicksal eines Einzelnen zu bestimmen, ohne dessen
Wege stehen? Ein Kommentar zum Gesamtkunstwerk genaue Einzelfallbeurteilung durch ein Gericht zuzulassen.
Demokratie. Von Andreas Gross Dass ein solches Verhalten einer Mehrheit der Stimmenden
unserer ebenfalls von einer Mehrheit von Volk und Ständen
angenommenen Bundesverfassung ebenso widerspräche wie

D ie Volks- und Menschenrechte sind Zwillinge der demokra-


tischen Phase der Französischen Revolution. Beide kamen
gleichzeitig auf die Welt. Die Revolutionäre ersetzten die absolu-
der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK), küm-
mert die SVP weiter nicht. Genauer: Um letzteres Hindernis
aus dem Weg zu räumen, lancierte sie eben die vorliegende
te Souveränität des Königs durch die Souveränität des Volkes. «Selbstbestimmungsinitiative». Dass auch dann freilich an-
Sie entwarfen eine demokratische Verfassung, in der die Volks- dere Bestimmungen unserer Bundesverfassung immer noch
souveränität die einzige Quelle legitimer politischer Macht dar- gelten würden, die diesen Allmachtsanspruch der Mehrheit
stellt. Diese Volkssouveränität setzt sich aus den Grund- oder der Stimmenden als unrechtmässig verunmöglichen wür-
Menschenrechten einerseits und den partizipativen Volksrech- den, hat die SVP geflissentlich übersehen.
ten andererseits zusammen. Unter letzteren verstand das demo- Mit einer Volksinitiative und einer Volksabstimmung eine
kratische Zentrum der Revolutionäre das Wahlrecht der Bürger Einschränkung der Menschenrechte herbeiführen wollen
ebenso wie deren Recht, in Referenden über parlamentarische kann nur, wer sich ein selektives Demokratieverständnis zu
Gesetze abstimmen und über Volksinitiativen die Ausarbeitung eigen macht. Denn die Demokratie ist ein vielgliedriges Ge-
ebensolcher Gesetze verlangen zu können. samtkunstwerk, ein Mosaik aus vielen verschiedenen Teilen,
Die Volkssouveränität setzt sich aus negativen und positi- zu denen die Menschenrechte ebenso gehören wie die Volks-
ven Freiheitsrechten zusammen. Die negativen Freiheits- rechte oder die Mehrheitsregel. Wer dieses Gesamtkunst-
rechte beinhalten den Schutz jedes Menschen vor dem Zu- werk der Demokratie auf ein einziges Element, beispiels­
griff jeglicher politischer Macht. So ist es in einer rechts­staatlich weise die Mehrheitsregel, beschränkt, hat sie damit schon
verankerten Demokratie keiner Mehrheit (unbesehen davon, verloren. In einer vollständigen Demokratie wird die Macht
ob es sich um eine Regierungs-, Parlaments- oder Volks- einer Mehrheit immer durch andere Mächte, beispielsweise
mehrheit handelt) gestattet, die Grundrechte einer Minder- jener der Gerichte oder der Menschenrechte, beschränkt.
heit oder eines einzelnen Menschen zu ignorieren, zu schmä- Wer dies mittels der Volksrechte zu ändern versucht, stärkt
lern oder infrage zu stellen. die Demokratie nicht, sondern verliert sie.
Doch genau dies versucht die SVP mit ihrer sogenannten
«Selbstbestimmungsinitiative». Nicht zum ersten Mal. Schon
Bücher zum Thema:
die SVP-Initiativen für die Ausschaffung von «kriminellen
Ausländern» (2012) oder die «Durchsetzungsinitiative» Freiheit und Menschenrechte; 25.11.2018:
(2014) gingen in eine ähnliche Richtung: Sie suggerierten, Nein zur Anti-EMRK-Initiative.
Hrsg. von Andreas Gross, Fredi Krebs, Martin Stohler und
dass in der Bundesverfassung das Recht einer Mehrheit ver-
Cédric Wermuth.
ankert werden darf, den Rechtsstaat auszuhebeln, den Editions le Doubs, St-Ursanne. 240 Seiten, Fr. 19.80. August 2018.
Frau Huber geht nach Strassburg.
Andreas Gross ist Politikwissenschaftler und Demokratiespezialist. Er war von 1991 Die Schweiz vor dem Gerichtshof für Menschenrechte.
bis 2015 Mitglied des National- und Europarates. Gross lebt in St-Ursanne (JU). Hrsg. von Adrian Ricklin und Kilian Meyer.
www.andigross.ch  WOZ-Verlag, Zürich. September 2018.

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AMNESTY August 2018
DOSSIER_ ANTI-MENSCHENRECHTS-INITIATIVE

Was heisst denn eigentlich…


Hinter der scheinbar einfachen Forderung der «Fremde Richter»-Initiative – Landesrecht vor Völker-
recht! – stecken komplexe völker- und staatsrechtliche Begriffe. Eine Erklärung in aller Kürze.

Was ist denn eigentlich das Völkerrecht?


Das Völkerrecht besteht im Wesentlichen aus Verträgen zwi-
schen den Staaten, man spricht daher auch von «internationa-
lem Recht». Das Völkerrecht regelt die Zusammenarbeit zwi-
schen den Nationen und stellt hierfür verbindliche Prinzipien
und Regeln auf. Sie müssen von allen Staaten eingehalten
werden, die die Verträge unterzeichnet haben. In der Schweiz
müssen wichtige völkerrechtliche Verträge von der Bundes-
versammlung genehmigt werden; die StimmbürgerInnen
können das Referendum ergreifen (fakultatives Referendum).
Ein Vertrag muss aber dem Volk obligatorisch vorgelegt wer-
den, wenn er eine Bedeutung hat, die ihn auf die Stufe der
Bundesverfassung hebt (obligatorisches Referendum).

Und das zwingende Völkerrecht?


Nebst dem oben umschriebenen allgemeinen Völkerrecht
gibt es das zwingende Völkerrecht, das sogenannte Ius co-
gens. Im Unterschied zum oben beschriebenen Völkerrecht,
das keinesfalls «nicht zwingend» ist, muss das zwingende
Völkerrecht aber auch von Staaten eingehalten werden, die
keine entsprechenden Verträge eingegangen sind. Das zwin-
gende Völkerrecht enthält hauptsächlich Menschenrechtsnor- sogenannten «Selbstbestimmungsinitiative» geht es aus-
men wie das Verbot von Folter und Sklaverei oder auch das schliesslich um das komplizierte Verhältnis zwischen der
Genozidverbot. Eine schriftlich von den Staaten formulierte obersten Quelle des Landesrechts – der Bundesverfassung –
Definition oder Aufzählung der garantierten Rechte gibt es und dem Völkerrecht.
aber nicht. Die Schweizer Verfassung bezieht sich auf das
zwingende Völkerrecht und bekennt sich zu dessen Achtung. Was sind denn nun aber Grundrechte?
In der revidierten schweizerischen Bundesverfassung aus
Noch ein Völkerrecht? Das humanitäre Völkerrecht dem Jahre 1999 finden sich unter dem Begriff «Grundrech-
Das humanitäre Völkerrecht bestimmt die Regeln, die in be- te» alle wesentlichen Freiheitsrechte, welche auch im Inter-
waffneten Konflikten gelten, also die Grenzen der erlaubten nationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte und
Kriegsführung und der Schutz der Opfer (Genfer Konventio- in der Europäischen Menschenrechtskonvention EMRK ga-
nen von 1949). rantiert sind (z. B. Glaubens- und Gewissensfreiheit, Mei-
nungsfreiheit, Schutz der Privatsphäre etc.). Das heisst: Die
Vom internationalen Recht zum Landesrecht Rechte der Europäischen Menschenrechtskonvention sind
Mit Landesrecht sind die Schweizer Verfassung sowie die Ge- in unserer Verfassung enthalten. Vor allem aber bietet die
setze gemeint, die in der Schweiz auf allen drei Ebenen EMRK den Schweizer Bürgerinnen und Bürgern einen zu-
(Bund, Kantone und Gemeinden) gelten. Bei Widersprüchen sätzlichen Schutz ihrer Rechte, indem sie eine weitere Ins-
gilt immer das höhere Recht, also Bundesrecht vor kantona- tanz anbietet, an welche von Menschenrechtsverletzungen
lem Recht und dieses wiederum vor Gemeinderecht. In der Betroffene gelangen können. (mre)

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AMNESTY August 2018
DOSSIER_ ANTI-MENSCHENRECHTS-INITIATIVE

Ungenau und
Die «Fremde Richter»-Initiative
würde die Behörden dazu
zwingen, bereits eingegangene
zwischenstaatliche Verpflich­
tungen anzupassen, wenn sie
im Widerspruch zur Bundes­
verfassung stehen. Warum
hauptsächlich die Europäische
Menschenrechtskonvention
im Visier steht, zeigt folgende
Analyse.
Von Guillaume Lammers

J eder Staat muss selbst bestimmen, wie er das Verhältnis


zwischen internationalem Recht und nationalem Recht
ausgestaltet. Die Frage ist komplex und es sind verschiedene
Dieser Vorrang gilt allerdings nicht absolut. In ganz be-
stimmten Fällen lässt sich einem Widerstreit zwischen inter-
nationalem und nationalem Recht damit begegnen, dass der
Aspekte zu berücksichtigen, so zunächst die Hierarchie zwi- nationalen Norm Priorität eingeräumt wird. Dem Prinzip,
schen internationalem und nationalem Recht: Welches Recht wonach das internationale Recht von Ausnahmen abgesehen
hat im Konfliktfall Vorrang? Die Schweizer Bundesverfas- dem nationalen vorgeht, tut dies jedoch keinen Abbruch.
sung sieht vor, dass internationales Recht grundsätzlich über
nationalem Recht steht. Dies bedeutet, dass eine nationale Problematische Vereinbarkeit Die Volksinitia-
Norm gegenüber einer internationalen den Kürzeren zieht, tive «Schweizer Recht statt fremde Richter» zielt darauf ab,
wenn die beiden unvereinbar sind. diese Rangfolge umzudrehen und die Bundesverfassung
Dieses Prinzip geht aus zwei Stellen in der Bundesverfas- über das internationale Recht zu stellen. Die SVP hat diese
sung hervor. Es ist erstens in Artikel 5 Absatz 4 der Bundes- Initiative lanciert, nachdem durch Volksinitiativen bereits
verfassung formuliert: «Bund und Kantone beachten das Völ- verschiedene Artikel in die Bundesverfassung eingebracht
kerrecht.» Weiter sieht Artikel 190 vor, dass das Bundesgericht wurden, deren Vereinbarkeit mit internationalem Recht sich
und die anderen Behörden angehalten sind, das internationa- dann als problematisch herausstellte.
le Recht anzuwenden. Diese beiden Verfassungsregeln be- Die «Fremde Richter»-Initiative zielt darauf ab, dass die
gründen den Vorrang des internationalen Rechts vor dem Bestimmungen der Bundesverfassung nicht mehr in Über-
nationalen Recht. einstimmung mit internationalem Recht angewendet werden
müssen, wenn das internationale Recht und Verfassung ein-
ander widersprechen. Bei Annahme der Initiative würde die
Bundesverfassung somit zur «obersten Rechtsquelle der
Dr. iur. Guillaume Lammers ist Rechtsanwalt und Lehrbeauf- Schweizerischen Eidgenossenschaft» erklärt, stünde also
tragter am Zentrum für Staatsrecht der Universität Lausanne. über internationalem Recht. Ausserdem würde die in Artikel

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DOSSIER_ ANTI-MENSCHENRECHTS-INITIATIVE

widersprüchlich
190 der Bundesverfassung festgehaltene Verpflichtung der der Menschenrechte. In Tat und Wahrheit ist vor allem die
Behörden, internationales Recht anzuwenden, zurückge- Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) im Visier
nommen. Diese Verpflichtung wäre künftig nur noch auf in- der Initiative. Die Konvention spielt beim Schutz der Men-
ternationale Abkommen beschränkt, die dem fakultativen schenrechte in der Schweiz eine zentrale Rolle. Im Gegen-
oder dem obligatorischen Referendum unterstellt waren. satz zu anderen wichtigen Übereinkommen der Schweizer
Schliesslich würde die Bundesverfassung mit einem neu- Rechtsordnung wurde sie dem Refe­rendum nicht unterstellt,
en Artikel 56a ergänzt. Dieser würde es den Behörden nicht als die Schweiz sie 1974 ratifizierte (wohl aber die später ver-
nur untersagen, internationale Verpflichtungen einzugehen, abschiedeten Zusatzprotokolle). Damals mussten die Bun-
die im Widerspruch zur Bundesverfassung stehen (was be- desbehörden das Übereinkommen gar nicht zur Abstim-
reits heute der Fall ist). Er würde die Behörden darüber mung bringen, diese Regel kam erst später.
hinaus dazu zwingen, bestehende internationale Verpflich- Würde die «Fremde Richter»-Initiative angenommen, ge-
tungen anzupassen, wenn sie im Widerspruch zur Bundes- nösse die EMRK also grundsätzlich nicht mehr die «Immu-
verfassung stehen – «nötigenfalls» durch Kündigung der nität», die Artikel 190 der Bundesverfassung internationa-
betroffenen Abkommen. lem Recht allgemein einräumt. Laut Initiativtext hätte bei
einem Konflikt zwischen Bundesverfassung und EMRK die
Schadet dem Image der Schweiz Die «Fremde Bundesverfassung den Vorrang, was auf eine Verurteilung
Richter»-Initiative ist nicht frei von Ungenauigkeiten und der Schweiz durch den Europäischen Gerichtshof für Men-
Widersprüchen. Obschon die Initiantinnen und Initianten schenrechte mit Sitz in Strassburg hinauslaufen könnte. In-
den Vorrang der Bundesverfassung vor internationalem dem die Eidgenossenschaft ihre Verfassung zur «obersten
Recht einführen wollen, rüttelt die Initiative nicht an der in Rechtsquelle» erklärte, wäre es ihr gar nicht mehr möglich,
der Bundesverfassung festgehaltenen Regel «Bund und Kan- anders zu handeln. Das Nichtbeachten internationaler Ver-
tone beachten das Völkerrecht.» Unangetastet lassen sie auch pflichtungen würde die Schweiz als Rechtsstaat in eine un-
die in Artikel 190 festgehaltene Verpflichtung der Behörden, haltbare Position manövrieren. Sie müsste der EMRK allen-
allen voran des Bundesgerichts, internationales Recht anzu- falls den Rücken kehren, um sich aus der ungemütlichen
wenden, auch wenn sich diese Verpflichtung auf Abkommen Lage zu befreien. Dies hätte mit Sicherheit katastrophale
beschränken würde, die dem fakultativen oder dem obligato- Konsequenzen.
rischen Referendum unterstellt waren. Müssten nun diese
Abkommen, die dem Volk vorgelegt worden waren, dennoch
angepasst oder gar gekündigt werden? Das ist nur eine der
Fragen, die die Initiative aufwirft. Solche Unschärfen führen
zu Rechtsunsicherheit.
Auf jeden Fall würde die Annahme der Initiative dem
Image der Schweiz als Rechtsstaat und vertrauenswürdiger Die Annahme der Initiative würde
internationaler Partnerin grossen Schaden zufügen. Immer-
hin könnten aufgrund der Verfassungsänderung zahlreiche dem Image der Schweiz als Rechtsstaat
Abkommen jederzeit gebrochen und aufgekündet werden. und vertrauenswürdiger internationaler
Welcher Staat wäre dann noch bereit, mit der Schweiz eine
Vereinbarung einzugehen, wenn das Risiko bestünde, dass Partnerin grossen Schaden zufügen.
sie später doch wieder davon abweicht?

Zielscheibe EMRK Die sehr allgemein formulierte


«Fremde Richter»-Initiative könnte theoretisch Auswirkun-
gen auf zahlreiche Verpflichtungen der Schweiz haben. Ihre
Annahme hätte jedoch insbesondere Folgen für den Schutz

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AMNESTY August 2018
DOSSIER_ ANTI-MENSCHENRECHTS-INITIATIVE

Sie gaben nicht auf


Wir können uns kaum vorstellen, was es für einzelne Menschen wirklich bedeutet, wenn ihre
Menschenrechte verletzt werden. Drei Geschichten aus der Schweiz zeigen, wie sich die Europäische
Menschenrechtskonvention konkret für Leute ausgewirkt hat, denen Unrecht widerfahren ist.
Von Manuela Reimann Graf, in Zusammenarbeit mit Schutzfaktor M und humanrights.ch

Diskriminiert wegen Diabetes


D er junge Mann freute sich auf die Rekru-
tenschule. Da wurde bei ihm Diabetes dia-
gnostiziert. Hans Glors Sohn wollte trotzdem
von Hans Glors Sohn sei jedoch tiefer als 40
Prozent.
«Als ich beschloss, den Fall an den Europäi-
seinen Militärdienst leisten, er wurde jedoch schen Gerichtshof für Menschenrechte weiter-
für untauglich erklärt. Auch für den Zivildienst zuziehen, sagten alle, ich sei total verrückt»,
wollte man ihn nicht zulassen. Rund 700 Fran- sagt Hans Glor. Er erkundigte sich im Internet,
ken Wehrpflichtersatz pro Jahr sollte er bezah- wie er vorgehen muss. Mit Erfolg: Die Richte-
len. Der Sohn schrieb viele Briefe, sogar an den rinnen und Richter in Strassburg kamen 2009
damaligen Bundesrat Samuel Schmid. Alle er- zum Schluss, dass es möglich sein sollte, leicht
folglos. Dann zogen der Vater und Sohn vor behinderten Personen entweder in der Armee
Gericht. Der Vater erklärt: «Mein Sohn freute eine Funktion anzubieten, die sie trotz ihrem
sich, im Militär einen Beitrag für unsere Gebrechen ausüben können, oder sie aber zum
Schweiz zu leisten. Schliesslich durfte er nicht Zivildienst zuzulassen. Das Gericht bestätigte,
dienen, sollte aber Wehrpflichtersatz bezahlen, was Hans Glor immer gewusst hatte: Die Er-
das empfanden wir als unfair.» satzpflicht war diskriminierend. Dank diesem
Das Bundesgericht lehnte 2004 die Be- Entscheid haben heute leicht behinderte Män-
schwerde seines Sohnes aber ab. Nur Personen ner die Wahl zwischen Ersatzzahlungen oder
mit einem Invaliditätsgrad von mehr als 40 Militärdienst. 
Prozent seien von der Pflicht zur Zahlung des
Wehrpflichtersatzes ausgenommen, begründe-
te das Gericht seinen Entscheid. Der IV-Grad

Bewegende Porträts aus der Schweiz


Die Geschichten von Ursula Biondi und Vater und Sohn Glor sind Teil der Ausstellung «Meine Geschichte, mein Recht» von Schutz-
faktor M. Sie zeigt mit 9 Porträts von Betroffenen in Text und Video, wie wichtig der Schutz der Menschenrechte ist – auch in der
Schweiz. Die Wanderausstellung kann kostenlos für eigene Anlässe verwendet werden und ist online zugänglich. Sie ist Teil der
Kampagne gegen die sogenannte Selbstbestimmungsinitiative. Mit über 115 Organisationen, darunter Amnesty Schweiz, enga-
giert sich Schutzfaktor M als Allianz der Zivilgesellschaft im Abstimmungskampf gegen diesen Angriff auf die Menschenrechte.
Mehr Informationen: www.sbi-nein.ch

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AMNESTY August 2018
Zu Unrecht weggesperrt
M an nahm ihr das Kind weg, sperrte sie mit 17 Jahren ins Frau-
engefängnis Hindelbank: Zu dieser «erzieherischen Mass-
nahme» griff die Vormundschaftsbehörde 1966, weil Ursula Bion-
di sich in einen geschiedenen, sieben Jahre älteren Mann verliebt
hatte und mit 17 schwanger wurde. «Die Zeit in Hindelbank hat
tiefe seelische Wunden und eine jahrzehntelange Stigmatisierung Frau gründete in Genf eine Familie und machte Karriere in einer
hinterlassen. Sie nahmen mir mein Kind und meine Würde weg. Organisation der Uno. Doch all das half nicht, um das Stigma «Hin-
Zehntausende von Menschen wurden so vom Staat gebrochen.» delbank» loszuwerden. Die Ungerechtigkeit quält Ursula Biondi bis
Ein Jahr lang verbrachte Ursula Biondi als sogenannte «admi- heute. Erst viele Jahre später hat sie den Mut gefunden, öffentlich
nistrativ Versorgte» ohne Gerichtsurteil in der Frauenstrafanstalt. über ihre Geschichte zu reden und zusammen mit anderen betrof-
Kaum war ihr Sohn geboren, wurde er ihr weggenommen, um ihn fenen Frauen eine moralische Wiedergutmachung von den Behör-
zur Adoption freizugeben. «Ich durfte ihn nicht in den Arm neh- den zu fordern.
men. Sie sagten mir nicht einmal, ob es ein Junge oder ein Mäd- Tausende von Jugendlichen und Erwachsenen wurden bis 1981
chen ist.» Ursula Biondi wehrte sich und schaffte es, ihren Sohn ohne Gerichtsverhandlung wegen «liederlichen Lebenswandels»,
zehn Tage lang bei sich zu haben. Dann nahm man ihn ihr ein «Vaganterei» oder «Arbeitsscheue» eingesperrt. Erst unter Druck
zweites Mal weg – für immer, wie sie sagten. der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) passte die
Nach drei Monaten erhielt sie ihr Kind nach einem unerbittli- Schweiz 1981 das Zivilgesetzbuch entsprechend an. Die administ-
chen Kampf und mit viel Glück zurück. Daraufhin musste sie fünf rative Verwahrung gibt es seither nicht mehr. Erst nach Jahrzehn-
weitere Monate mit ihrem Sohn im Gefängnis verbringen, bevor sie ten, am 1. August 2014, trat in der Schweiz ein Gesetz in Kraft, das
knapp 18-jährig wegen «guter Führung» entlassen wurde. Die junge administrativ versorgte Menschen bis 1981 rehabilitierte. 

Verhaftet und gefoltert


fängnis, woraufhin die schweizerischen Behörden Frau und Kinder
zurück in die Schweiz holten. Auch ein zweiter weggewiesener Ta-
mile erfuhr nach seiner Ankunft in Colombo dasselbe Schicksal

E r durfte nicht in der Schweiz bleiben, befand das damalige Bun-


desamt für Migration (BFM) 2009. Sein Asylgesuch, wie auch das
seiner Frau, wurde abgelehnt. Erfolglos hatte der aus Sri Lanka stam-
und wurde umgehend verhaftet.
Erst im April 2015 wurde X. aus der Haft in Sri Lanka entlassen
und stellte in der Schweiz einen Antrag auf eine Aufenthaltsbewil-
mende Asylsuchende X.* die politische Verfolgung in seiner Heimat ligung aus humanitären Gründen. Diesmal wurde sein Antrag gut-
geltend gemacht und dass er als ehemaliges Mitglied der Tamil Ti- geheissen und X. kehrte in die Schweiz zurück. Sein erneutes Asyl-
gers im Gefängnis gewesen und miss- gesuch wurde ebenfalls gutgeheissen.
handelt worden sei. X. rekurrierte, doch Der Europäische Gerichtshof für
das Bundesverwaltungsgericht wies sei- Menschenrechte (EGMR) stellte am
ne Beschwerde ab. 26. Januar 2017 einstimmig eine Ver-
Schliesslich wurden X., seine Frau letzung der Europäischen Menschen-
und die beiden kleinen Kinder 2013 rechtskonvention EMRK fest. Laut
nach Sri Lanka ausgeschafft. Bereits bei dem Gerichtshof hätte die Schweiz
ihrer Ankunft am Flughafen von Colom- um das Risiko im Ausschaffungsland
bo wurde die gesamte Familie festgehal- Bescheid wissen müssen. Der EGMR
ten und während 13 Stunden verhört. trat auf die Beschwerde ein, obschon
Die Frau und die Kinder kamen danach die Schweiz mittlerweile das neue
wieder auf freien Fuss, doch X. wurde in Asylgesuch des Beschwerdeführers
ein Gefängnis gebracht, wo man ihn gutgeheissen hatte.
misshandelte. Ein Vertreter der schwei- * Name wird aus Schutzgründen nicht
zerischen Botschaft besuchte X. im Ge- genannt

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AMNESTY August 2018
DOSSIER_ ANTI-MENSCHENRECHTS-INITIATIVE

«Jetzt ist nicht die Zeit für Angriffe»


Was hat die Europäische Menschenrechtskonvention bewirkt und wieso könnte ein Austritt der Schweiz
zu einem Dominoeffekt führen? Sébastien Ramu, stellvertretender Leiter der Amnesty-Abteilung für
Recht und Politik, gibt Antwort. Interview: Carole Scheidegger

E AMNESTY: Staaten wie Russland, Türkei oder Ungarn verlet- DNA-Proben unschuldiger Leute als rechtswidrig anerkannt.
zen die Menschenrechte zum Teil gravierend. Was ist die Euro- In Italien wurden nach einem Grundsatzurteil des Gerichts-
päische Menschenrechtskonvention (EMRK) überhaupt wert, hofs Reformen eingeleitet, um schlechte Haftbedingungen
wenn sie das nicht verhindert? einschliesslich Überbelegung zu verbessern. Dies sind nur
F Sébastien Ramu: Die Europäische Menschenrechtskonven- einige der vielen Beispiele für positive Veränderungen.
tion gilt für mehr als 800 Millionen Menschen in den 47 Mit-
gliederstaaten des Europarats. Sie ist Teil eines kollektiven E Welche Auswirkungen könnte es auf andere Länder haben,
Systems zum Schutz der Menschenrechte. Jeder Mitgliedstaat wenn die Schweiz aus der EMRK austreten würde?
trägt einen Teil der Verantwortung für den Erfolg und Misser- F Wir müssten einen Dominoeffekt befürchten, der ein über
folg dieses Systems. Dass es zu Verstössen in diesem oder je- Jahrzehnte aufgebautes regionales System für den Men-
nem Land kommt, bedeutet in keiner Weise, dass die Konven- schenrechtsschutz schwächen oder gar zerstören könnte. An-
tion und ihre Normen irrelevant werden. Gerade in Staaten dere Länder würden wahrscheinlich die Gelegenheit nutzen,
mit einer besonders problematischen Menschenrechtssitua­ die sich durch den Ausstieg der Schweiz böte – eines Landes,
tion ist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dessen Menschenrechtsbilanz im Allgemeinen als positiv
(EGMR) mit Sitz in Strassburg oft die letzte Hoffnung auf wahrgenommen wird. Diese Staaten könnten versuchen, das
Gerechtigkeit. Ohne die Konvention und den Gerichtshof System weiter von innen heraus zu untergraben. Oder es ein-
würde sich die Lage verschlechtern, nicht verbessern. Viele fach ganz verlassen. Gerade jetzt, da wir in vielen Ländern
Menschenrechtsverletzungen würden zudem nie als solche einen grossen Druck auf die Menschenrechte feststellen, ist
anerkannt. Leider versuchen manche Politiker, den Gerichts- wirklich nicht die Zeit, die EMRK zu schwächen. Auch die
hof und die Konvention anhand einzelner Urteile zu diskredi- Glaubwürdigkeit der Schweiz als Förderin der Menschen-
tieren. So verschleiern sie die vielen positiven Entwicklungen. rechte würde stark leiden. Zudem müsste sie sich zwangsläu-
fig auch aus dem Europarat zurückziehen.
E Zum Beispiel?
F Bei einem Fall aus der Türkei hat der EGMR das Recht ge- E Gibt es in weiteren Ländern Tendenzen, aus der EMRK aus-
stärkt, gleich zu Beginn einer Haft einen Anwalt zu erhalten. zutreten?
Das hatte erhebliche Auswirkungen auf das Strafrecht der F In Grossbritannien finden seit Jahren Angriffe auf den Eu-
EMRK-Mitgliedstaaten – was übrigens ein Beleg für die posi- ropäischen Gerichtshof für Menschenrechte statt. Ein Grund
tiven Aspekte des kollektiven Systems zum Menschenrechts- dafür war ein Urteil, wonach das pauschale Wahlverbot für
schutz ist. In Fällen aus Grossbritannien und aus Frankreich Gefangene rechtswidrig ist. Der Brexit hat dieses Thema nun
wurden Datenbanken der Polizei mit Fingerabdrücken und weitgehend überschattet. Aber das kann sich leicht wieder
ändern. Russland verabschiedete im Jahr 2015 ein Gesetz,
das es dem russischen Verfassungsgericht erlaubt zu ent-
scheiden, ob Urteile des EGMR umgesetzt werden sollen.

In manchen Staaten ist der Europäische E Der EGMR wird von manchen dafür kritisiert, dass er seine
Rechtssprechung weit über die ursprüngliche Absicht ausge-
Gerichtshof für Menschenrechte die letzte
dehnt habe. Was sagen Sie dazu?
Hoffnung auf Gerechtigkeit. F Der Gerichtshof legt die EMRK zeitgemäss aus. Das ist ein

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AMNESTY August 2018
ganz normaler Vorgang. Die Konvention stammt ja aus den währleisten. Auch wenn die Zahl der hängigen Verfahren
1950er-Jahren, die Gesellschaft hat sich seither weiterentwi- inzwischen auf rund 55 000 zurückgegangen ist, was zum
ckelt. Das müssen die Richterinnen und Richter beachten. grossen Teil an veränderten Arbeitsmethoden des Gerichts-
hofs liegt, ist dieser Reformprozess noch nicht abgeschlos-
E Ein weiterer Kritikpunkt: Am EGMR in Strassburg würden sen. Amnesty International hat während der gesamten Dis-
«fremde» und nicht demokratisch legitimierte Richterinnen kussion eine wichtige Rolle gespielt und dazu beigetragen,
und Richter entscheiden und sich in die Belange der einzelnen dass negative Vorstösse abgelehnt wurden, zum Beispiel je-
Länder einmischen. ner, der den Zugang von Opfern zum Gerichtshof erschwe-
F Zuerst einmal: Die Richterinnen und Richter werden von ren wollte. Ein jüngeres Beispiel betrifft die «Kopenhagen-
der parlamentarischen Versammlung des Europarates ge- Erklärung» zur Zukunft des Konventionssystems, die von
wählt, und diese wiederum besteht aus Parlamentariern der allen Mitgliedsstaaten des Europarates unterzeichnet wurde.
Mitgliederländer. Jedes Land, auch die Schweiz, stellt ja eine Der ursprüngliche Entwurf enthielt viele problematische
Richterin oder einen Richter, und diese sind bei allen Fällen Vorschläge. Darunter die Schaffung eines direkten Austau-
involviert, die ihr Land betreffen. Und wenn von der angebli- sches zwischen den Regierungen und den Richtern. Das hät-
chen Einmischung des EGMR in Schweizer Angelegenheiten te die Unabhängigkeit des Gerichts gefährdet, weil die Staa-
die Rede ist, muss man auch sehen, wie selten die Schweiz ten politischen Druck auf den Gerichtshof ausgeübt hätten.
wirklich gerügt wird: 2017 zum Beispiel hat der Gerichtshof Amnesty International hat mit der Unterstützung anderer
zu 273 Fällen aus der Schweiz entschieden. 263 davon wur- NGOs gegen solche Vorschläge gekämpft.
den aus formalen Gründen zurückgewiesen. Bei den restli-
chen 10 hat das Gericht in 4 Fällen eine Rechtsverletzung E Was können Amnesty-Mitglieder tun, um die EMRK und den
durch die Schweiz festgestellt. EGMR zu schützen?
F Durch ihre Mitgliedschaft tun sie bereits viel! Amnesty In-
E Amnesty International wehrt sich gegen manche Reformver- ternational ist eine der wenigen NGOs mit einem Beobach­
suche, denen der Gerichtshof unterzogen werden soll. Warum? terstatus beim Europarat. Auf diese Weise haben wir grossen
F Die Schweiz stiess 2010, als sie den Vorsitz im Ministerko- Einfluss, auch im Hinblick auf die Reformverhandlungen.
mitee des Europarates innehatte, den sogenannten Interla- Die Mitglieder ermöglichen Amnesty, diese Funktion auszu-
ken-Prozess an, um den Gerichtshof zu reformieren. Damals üben. Und natürlich haben sie im Vorfeld der Abstimmung
waren 150 000 Fälle beim Gerichtshof hängig. Es musste also zur «Fremde Richter»-Initiative die Gelegenheit, sich für die-
etwas geschehen, um die Nachhaltigkeit des Systems zu ge- ses System zum Schutz der Menschenrechte einzusetzen. 

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AMNESTY August 2018
THEMA_SOMALIA

© Reuters/Feisal Omar

Drohnen und Drohungen


Die USA führen in Somalia Drohnenangriffe durch und haben Bodentruppen im Einsatz. So wollen
sie die islamistische al-Shabaab-Miliz schwächen. Deren grausame Angriffe fordern immer wieder
zivile Opfer, zudem durchdringt die Miliz die somalische Gesellschaft mittlerweile wie eine Mafia-
Organisation. Doch nach welchen Regeln die Angriffe der USA in Somalia ablaufen, bleibt unklar.
Von Bettina Rühl

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AMNESTY August 2018
THEMA_SOMALIA

Spirale der Gewalt: Somalische Sicherheits­ islamischen Staates. Die Terrorgruppe mengetan. Jedenfalls ergaben somalische
kräfte nach einem Anschlag von al-Shabaab. verübt regelmässig schwere Anschläge Ermittlungen mehrere Hinweise darauf,
auf Zivilpersonen und Einrichtungen der dass der bislang verheerendste Anschlag
Regierung. Daran hat auch die Präsenz in Somalia ein Racheakt war für den US-
einer 22 000-köpfigen afrikanischen Ein- Militäreinsatz und die zivilen Opfer von
greiftruppe namens AMISOM wenig ge- Bariire. Bei der Explosion einer LKW-

D ie Kinder laufen unbefangen zwi-


schen den Wellblechhütten herum,
sie haben sich in dem Flüchtlingslager in
ändert, die seit 2007 im Land ist. Aktiv in
die Kämpfe involviert sind auch die USA.
Das US-Militär führt in Somalia schon
Bombe im Zentrum von Mogadischu
wurden am 14. Oktober 2017 weit über
500 Menschen getötet, hunderte weitere
der somalischen Hauptstadt Mogadischu seit einigen Jahren einen regelrechten verletzt. Nach Erkenntnissen der somali-
halbwegs eingewöhnt. Isha Abdule Isaaq Drohnenkrieg gegen die islamistische schen Sicherheitskräfte stammte der Fah-
dagegen hat sich mit ihrem Leben als Miliz, als Teil ihres internationalen Krie- rer des sprengstoffgeladenen LKW aus
Flüchtling noch nicht abgefunden, ob- ges gegen den Terror. Die somalische Ar- Bariire. Es gibt weitere Zusammenhänge,
wohl sie mit ihrer Familie schon seit vier mee sei am Kampf gegen die Miliz betei- die nahelegen, dass der verheerende An-
Wochen hier ist. «Ich bin von zu Hause ligt und werde vor jeder Aktion des schlag als Vergeltung gedacht war.
geflohen, weil mein Mann getötet wur- US-Militärs informiert, sagt Abdulaziz Die somalische Regierung ist politisch
de», erzählt die 56-Jährige. Danach habe Ali Ibrahim, der Sprecher des somali- und militärisch immer noch schwach, sie
sie nicht gewusst, wie sie ihre Familie schen Innenministeriums. Der Anti-Ter- kann den IslamistInnen wenig entgegen-
ernähren sollte. Ihr Mann starb in ihrem rorkrieg aus der Luft werde am Boden setzen. Im Kampf gegen die al-Shabaab-
Heimatdorf Bariire, etwa 60 Kilometer von somalischen Soldaten unterstützt. Miliz ist sie höchstens der regionale Juni-
von Mogadischu entfernt. «Dort fingen orpartner der US-Administration unter
am frühen Morgen Kämpfe an», erinnert Blutige Vergeltung Das gilt Präsident Donald Trump. Dieser über-
sich Isaaq. Sie hätten Schüsse gehört und auch für eine frühere Militäraktion in Ba- trug der CIA schon im März 2017 deut-
die Soldaten im Dorf gesehen, die gegen riire, die Ende August letzten Jahres statt- lich mehr Befugnisse, Drohnenangriffe
Mitglieder der islamistischen al-Shaba- fand. Damals stürmten somalische Solda- auszuüben, als sie das bisher hatte, wie
ab-Miliz kämpften. «Ein Querschläger ten und eine Handvoll US-amerikanische der Fernsehkanal des «Wall Street Jour-
traf meinen Mann in den Kopf. Er war «Special Operators» ein Gehöft und töte- nal» berichtete. US-amerikanischen Me-
sofort tot.» Die Soldaten hätten Gesichts- ten zehn Menschen. Unter den Opfern dien zufolge lockerte Trump zudem die
masken getragen, aber ihre Hände seien waren drei Jungen im Alter zwischen acht Regeln für den Einsatz von Kampfdroh-
nicht bedeckt gewesen. «So konnte ich und zehn Jahren. Die somalische Regie- nen ausserhalb konventioneller Schlacht-
sehen, dass es weisse und schwarze Sol- rung bestritt zunächst, dass es zivile Opfer felder. Nun dürfen auch mutmassliche
daten waren.» Die Weissen waren ver- gegeben habe, musste sich aber später IslamistInnen mit Drohnen getötet wer-
mutlich US-Amerikaner, denn die USA korrigieren. Angehörige brachten deren den: Es reicht also, schon nur der Mit-
sind derzeit die einzige westliche Nation, Leichen aus Protest nach Mogadischu. gliedschaft in einer Terrorgruppe ver-
die in Somalia Kampftruppen hat. Das Auch die US-Kommandozentrale für Afri- dächtig zu werden. Man muss nicht
US-Militär hat im November die Präsenz ka, die in Stuttgart ansässige Africom, be- mehr als Führungsfigur gelten oder als
von 500 Soldaten bestätigt. Sie arbeiten stätigte später den gemeinsamen Angriff «Person mit speziellen Fähigkeiten».
mit der somalischen Armee zusammen, von US-amerikanischen und somalischen Menschenrechtsgruppen, darunter Am-
die schwarzen Soldaten waren deshalb Soldaten. Die Clanältesten von Bariire nesty International und Human Rights
wahrscheinlich Somalier. Bariire gilt als schworen Vergeltung für die Toten. Inter- Watch, kritisierten im März, dass die
Hochburg der al-Shabaab-Miliz, die zum essant ist in diesem Zusammenhang die Trump-Administration diese neuen Re-
Terrornetzwerk al-Qaida gehört. offensichtliche Nähe zwischen der al-Sha- geln nicht öffentlich macht.
Die Miliz kämpft gegen die somalische baab-Miliz und den Ältesten der Clans.
Regierung und für die Errichtung eines Häufig nutzen die IslamistInnen andere Drastischer Zuwachs Sicher ist:
Konflikte aus, um Menschen für ihre US-amerikanische Drohnen töten in So-
Zwecke zu mobilisieren. Die Clanältesten malia immer häufiger. Nach eigenen An-
haben ihre Drohung vermutlich wahr ge- gaben hat das US-amerikanische Militär
Bettina Rühl ist freie Afrika-Korrespondentin macht und sich für ihren Vergeltungs- allein 2017 über 30 Drohnenangriffe
in Nairobi. schlag mit der al-Shabaab-Miliz zusam- durchgeführt, mehr als doppelt so viele

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AMNESTY August 2018
© Bettina Rühl
© Reuters/Feisal Omar

THEMA_ALBANIEN

Diese Frauen haben genug: Sie demonstrieren nach einem Selbstmord­


anschlag der al-Shabaab in Mogadischu gegen die Terrormiliz.

Zerstörte Familien: Die Somalierin Isha Abdule


Isaaq mit zwei der Kinder ihres verstorbenen
Bruders in einem Vertriebenenlager.

wie 2016. Diese Zahl sei noch deutlich Interviewten schlossen sich bewaffneten men ab. Um deren Wirtschaftskraft
untertrieben, meint die britische Tages- ExtremistInnen an, nachdem sie von der einschätzen zu können, habe die Miliz in
zeitung «The Guardian». Die Redaktion Regierung oder der Armee ihres Landes jedem Unternehmen ihre Informanten.
wertete alle öffentlich zugänglichen Daten eigenen Angaben nach massives Un- «Wer nicht zahlen wollte, wurde be-
aus und zählte 34 Drohnenangriffe allein recht erfahren hatten. Beispielsweise droht.» Die Miliz habe dann einen Selbst-
in der zweiten Hälfte 2017. Ein drasti- weil ein Angehöriger oder ein Freund ge- mordattentäter geschickt oder einen
scher Zuwachs: In nur sechs Monaten gab tötet oder verhaftet worden war. Für So- anderen Anschlag verübt. «Wer sich wei-
es doppelt so viele Angriffe wie im gesam- malia und den dortigen «Anti-Terror- gerte, bekam also die Folgen zu spüren.
ten Vorjahr. Über die Zahl der Opfer gibt krieg» lässt das nichts Gutes hoffen. Weil das jeder wusste, zahlten alle.
es keine bestätigten Angaben. Die Web­ Das sei bis heute so. Glaubt man ihm,
site securitydata.newamerica.net wertet Schutzgeld erpresst Der Be- haben die regelmässigen Anschläge also
aber die öffentlichen Quellen aus. Dem- richt eines Aussteigers macht ausserdem nicht nur ideologische Gründe, sondern
nach gab es im vergangenen Jahr 18 zivile deutlich, wie viel Macht die Terrorgruppe durchaus auch wirtschaftliche: Es sind
Opfer, ausserdem starben 238 al-Shabaab- in der Gesellschaft ausübt. Mit rein mili- Sanktionen gegen diejenigen, die der
Mitglieder. Ob unter den vermeintlichen tärischen Mitteln ist dem nicht zu begeg- Terrorgruppe die Zahlung von Schutz-
TerroristInnen aber nicht doch Zivilperso- nen. Der ehemalige Emir trägt bei dem geld, auch Steuern genannt, verweigern.
nen waren, überprüft vor Ort niemand. Treffen eine gelbe Häkelkappe, ein altes Aus seinen Schilderungen ergibt sich das
Hinzu kommen die Opfer von Militärak­ Hemd und eine alte Hose. Sein rundes Bild einer sehr gut funktionierenden und
tionen mit Bodentruppen, wie in Bariire. Gesicht wirkt offen und freundlich, sein ziemlich effizienten Organisation – ganz
Der US-amerikanische «Anti-Terror- Auftreten ist grossväterlich. So wenig er im Unterschied zum somalischen Staat.
krieg» ist in Somalia umstritten, auch heute noch wie ein radikaler Islamist Und es ist das Bild von einer Gesell-
erklärte GegnerInnen der islamistischen wirkt, so gross war sein Einfluss, als er schaft, in der immer noch die Angst re-
al-Shabaab-Miliz lehnen ihn ab. Nicht noch dabei war: Fast sechs Jahre lang war giert – auch in der Hauptstadt Mogadi-
zuletzt, weil sie die Zahl der zivilen Opfer er Finanzdirektor der al-Shabaab-Miliz in schu, obwohl die doch eigentlich von der
der Drohnenangriffe für zu hoch halten. seiner Heimatregion Lower Shebelle. Regierung kontrolliert wird.
Eine Studie des Entwicklungsprogramms «Die al-Shabaab-Miliz sammelt Steuern Die al-Shabaab-Miliz ist längst eine Art
der Vereinten Nationen UNDP unter- von den Geschäftsleuten», erklärt der Mafia-Organisation, die die somalische Ge-
mauert die Bedenken der Kritikerinnen ehemalige Emir. «Am meisten Geld sellschaft durchdrungen hat und ihre Ge-
und Kritiker. Das UNDP hat 2017 unter- kommt natürlich aus Mogadischu, die setze bestimmt. Ihre wahre Macht fusst
sucht, warum sich Menschen radikalisie- Miliz fordert von allen grossen Unter- auf der Verbindung zwischen Selbstmord-
ren und Mitglied islamistischer Terror- nehmen Geld.» Die Höhe der Forderun- attentäterInnen und einem engmaschigen
gruppen werden. Gut 70 Prozent der gen hänge von der Grösse der Unterneh- Netz von InformantInnen. 

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AMNESTY August 2018
THEMA_ARGENTINIEN

Diktatur vor Gericht


Seit 15 Jahren lüftet sich in Argentinien der Schleier über die Verbrechen, die während der Militär-
diktatur von 1976 bis 1983 verübt wurden. Ein im Frühjahr gefälltes Urteil hat für Amnesty International
eine spezielle Bedeutung. Von Camille Grandjean-Jornod

«W enn Sie hier rauskommen,


dann nur verrückt oder tot.»
Diese Worte richtete Adolfo Kushidonshi,
tionen wie Amnesty für ihre Unterstüt-
zung zu bedanken.»
Diese Klausel stellte dich unter die Verfü-
gungsgewalt des Diktators, der dich so-
lange einbuchten konnte, wie er wollte,
Direktor des Gefängnisses Coronda in Vom Gefängnis ins Flugzeug ohne jedes Verfahren.»
der Provinz Santa Fe, 1978 beiläufig an Sergio Ferrari ist einer der wohl 1153 Re- Ihre Freiheit verdankten die Ferrari-
den Häftling Sergio Ferrari. Er verkünde- gimekritiker, die Ende der 1970er-Jahre Brüder der internationalen Solidarität,
te damit unverblümt seinen Willen zur im Gefängnis Coronda gefangen gehal- den Verbindungen ihres Vaters, eines
Vernichtung der Gefangenen, die ihm die ten wurden; er arbeitet inzwischen als Pfarrers, zu dem in Genf beheimateten
damals in Argentinien herrschende Mili- Journalist, unter anderem bei der West- Ökumenischen Rat der Kirchen sowie
tärjunta unterstellte. 40 Jahre später wer- schweizer Tageszeitung «Le Courrier», einer Eigentümlichkeit der damaligen
den Kushidonshi und sein Komplize und engagiert sich in globalisierungskri- argentinischen Verfassung, dem «Opti-
Juan Ángel Domínguez zu 22 bezie- tischen und gewerkschaftlichen Organi- onsrecht», wonach man anstelle der In-
hungsweise 17 Jahren Gefängnis verur- sationen. Im Alter von 22 Jahren war er haftierung des Landes verwiesen wer-
teilt. Das am 11. Mai 2018 gefällte Urteil in Argentinien mit dem Abschluss sei- den konnte. Sergio Ferrari erinnert sich:
ist ein historischer Meilenstein. Zunächst nes Geschichts- und Anthropologiestu­ «Ein fremdes Land musste dir ein Vi-
für die ehemaligen Gefangenen, für die diums beschäftigt und in der peronisti- sum ausstellen. In den Augen der Mili-
Gerechtigkeit und die Erinnerung, aber schen Jugendorganisation aktiv, als er an tärjunta war man damit weiterhin ein
auch für Amnesty International. vorderster Front gegen die Zugangs­­- Gefangener und man konnte nicht
Die von Amnesty übersetzten und beschränkungen zur Universität auf die mehr legal zurückkehren. Es waren al-
verbreiteten Aussagen eines ehemali- Barrikaden ging. Zehn Tage vor dem lerdings nicht viele, die auf diesem Weg
gen Gefangenen, der Ende 1978 in die Staatsstreich vom 24. März 1976 wurden davonkamen, aus Coronda waren es nur
Schweiz geflohen war, spielten in diesem er und sein Bruder Claudio festgenom- etwa ein Dutzend. In unserem Fall hatte
Prozess eine Schlüsselrolle. «Es war ein men. Danach folgten 33 Monate Haft, der internationale Druck bestimmt gros-
wichtiges Beweisstück, weil ich es da- ohne Anklage und ohne Urteil. «Dies ses Gewicht.»
mals sofort nach meiner Ankunft in der war bei einem Grossteil der 10 000 politi-
Schweiz niedergeschrieben hatte. Dank schen Gefangenen der Fall», erläutert Wendepunkt für Amnesty Als
dem Amnesty-Archiv konnten meine Sergio Ferrari. «Man bezeichnete uns die beiden in die Schweiz kamen, nahm
Aussagen als tatsächlich aus dieser Zeit mit dem Kürzel PEN, das für ‹zur Verfü- sich Amnesty International ihrer an.
stammend beglaubigt werden», erzählt gung der nationalen Exekutive› stand. «Amnesty war auf allen Ebenen zuguns-
Sergio Ferrari. «Als ich dem Gefängnis
entkommen war, wurde die öffentliche
Bekanntmachung der Zustände für mich
nicht nur zur politischen, sondern auch
zur persönlichen Notwendigkeit. Ich Zum ersten Mal sassen nicht mehr nur Hoch­
fühlte mich bevorzugt gegenüber Hun-
derten von Freunden, Brüdern, die ich
dekorierte auf der Anklagebank, sondern auch die
hinter Gittern zurückgelassen hatte. Der Direktoren eines damals legalen Gefängnisses.
Bericht war für mich auch ein Mittel,
mich bei den internationalen Organisa­

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AMNESTY August 2018
THEMA_ARGENTINIEN

sich Amnesty noch wirkungs-


voller für die inhaftierten Ar-
gentinier einsetzen konnte.
Wir haben zur Einreise von
etwa fünfzig von ihnen, deren
Leben bedroht war, in die
Schweiz beitragen können.»
Ein alles andere als selbstver-
ständliches Ergebnis. Die enga-
gierte Frau verhandelte dafür
persönlich direkt mit dem da-
mals für das Justiz- und Polizei-
departement zuständigen Bun-
desrat. Aber die Auswirkungen
waren nachhaltig: Aus die-­
sem Engagement entstand
der «Hilfsfonds», der später
zum «Human Rights Relief»
wurde, dem Amnesty-Einsatz­
pro­gramm für Notfälle. «Für
Amnesty und die NGOs über-

© Jose Cettour
haupt war die Idee Neuland,
Leute aus einem Land zu ho-
Sergio Ferrari wurde kurz vor
len, in dem sie gefährdet sind»,
dem Staatsstreich 1976 verhaftet unterstreicht Marta Fotsch.
und sass 33 Monate in Coronda,
wo ein besonders brutales Schweigen gebrochen Rich-
Haftregime herrschte.
tungsweisend ist auch die Verurteilung
der beiden Gefängniskommandanten
von Coronda. Dabei sind Verfahren ge-
gen die Verantwortlichen der Diktatur
© zvg

seit den 2000er-Jahren in Argentinien


keine Seltenheit mehr. Damals wurden
die «Gehorsamkeitspflicht- und Schluss-
ten der ‹PEN-Inhaftierten› aktiv», erin- argentinischen Flüchtlinge überhaupt. strichgesetze» abgeschafft: Diese Geset-
nert sich Marta Fotsch, die damals Vize- Sie hat uns ihr Haus geöffnet und uns ze hatte man in den 1980er-Jahren erlas-
präsidentin der Schweizer Sektion und über alle institutionellen Beziehungen sen, um einen Mantel des Schweigens
Koordinatorin für die Länder Südameri- hinaus begleitet.» über die Verbrechen zu legen, die unter
kas war. Und Sergio Ferrari doppelt Auch für Marta Fotsch war die Begeg- der Diktatur begangen worden waren.
nach: «Amnesty hat enorm viel für uns nung mit den Ferrari-Brüdern ein Mei- Zum ersten Mal sitzen nicht mehr nur
getan. Marta Fotsch ist eine Schlüsselfi- lenstein: «Ihre Ankunft in der Schweiz Hochdekorierte oder für Geheimgefäng-
gur, nicht nur für mich, sondern für die hat neue Türen geöffnet, dank denen nisse Zuständige auf der Anklagebank,
sondern auch Direktoren eines legalen
Gefängnisses.
«Es gab auch andere Formen der Bru-
«Angesichts der Schreckensherrschaft hatte sich talität unter der Diktatur, wie im Gefäng-
in Coronda etwas Wunderbares ereignet: eine kollektive, nis La Plata. Dort teilte man den Gefan-
genen mit, sie würden entlassen, nur um
geeinte Reaktion in Form von Widerstand im Alltag.» sie beim Verlassen des Gefängnisses zu

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AMNESTY August 2018
THEMA_ARGENTINIEN

Gerechtigkeit
nach 40 Jahren
E AMNESTY: Das am 11. Mai 2018 gefällte Gerichts-
urteil betrifft Taten aus den Jahren 1976 bis
1979. Weshalb kam es erst jetzt zum Prozess?
F Sergio Ferrari: Ich gehe davon aus, dass die
Justiz von oben nach unten funktionierte:
Erst kamen die Ranghohen an die Reihe, die
Generäle, die «Coronel», die Verantwortli-
chen der geheimen Haftanstalten usw. Und
jetzt kommt man zu den unteren Chargen.
Das Recht bekommt immer mehr Raum –
dass sich dies in Argentinien abspielt, ist
ausserordentlich. Auch wenn die gegenwär-
tige Regierung nicht mehr den ausdrückli-
chen Willen zum Weiterverfolgen des Pro-
zesses hat – die Dynamik ist angestossen
und in der Gesellschaft verankert.

E Was bringt Ihnen als ehemaligem politi-


© Jose Cettour

schem Gefangenen dieses Gerichtsverfahren?


F Es geht ums Festhalten der Sachverhalte

Der diesjährige Prozess löste eine grosse Anteilnahme aus. und die Anerkennung dessen, was wir in Co-
ronda erlebt haben. Aber auch um einen Bei-
meucheln. Oder in den Geheimgefäng- sich in einem Verein organisiert und sich trag dazu, dass sich eine solche Situation
nissen, in denen über 30 000 Kamera- als Zivilkläger am Gerichtsverfahren be- nicht wiederholt, ums Anstimmen des «Nie
den verschwunden sind», erklärt Sergio teiligt. «Angesichts der Schreckensherr- wieder!». Wir wünschen nicht einmal unse-
Ferrari. «Bezogen auf Coronda brachte schaft hatte sich in Coronda etwas Wun- ren Folterknechten ein Haftregime, wie wir
der Staatsanwalt das alltägliche Haftre- derbares ereignet: eine kollektive, geeinte es erlebt haben.
gime zur Anklage, das die Vernichtung Reaktion in Form von Widerstand im
der als Kriegsfeinde betrachteten politi- Alltag», lächelt Sergio Ferrari. «Alles war E Schlagen Sie nun ein neues Kapitel auf?
schen Gefangenen beabsichtigte. Dieses verboten, deshalb hatten wir ‹el perisco- F Erst dachte ich, ja. Solche Erfahrungen
stellte eine Form von Folter dar.» Ein pio› erfunden, ein Instrument aus ver- hinterlassen allerdings so tiefe Spuren, dass
Schritt mehr auf dem Weg zur juristi- kohlter Brotkrume, das uns als eine Art es einem geistigen Handstand gleichkommt
schen Aufarbeitung und im Erinne- kleiner Spiegel diente. Damit erspähten zu behaupten, man könne ein Kapitel ein-
rungsprozess, umso mehr als Coronda wir unter der Zellentür hindurch den fach schliessen, das Herz und Seele der-
das einzige von der Gendarmería Nacio- Moment, in dem sich die Wächter ent- massen geprägt hat. Trotz fortbestehendem
nal geführte Gefängnis war. «Diese Ver- fernten. Und sofort ging ein ganzes Hass empfinde ich aber durchaus eine ge-
urteilung anerkennt auch die Mitverant- Kommunikationssystem los, wir verstän- wisse existenzielle Beruhigung. Wir sind in
wortung dieses Korps für die Repression», digten uns durch das Fenster, das abge- Argentinien insofern privilegiert, als dass
unterstreicht Sergio Ferrari. schraubte Waschbecken oder die geleer- wir die Brutalität der Geschichte einem or-
ten Toilettenschüsseln – wir sprachen dentlichen Gerichtsverfahren unterziehen
Widerstand trotz allem Spezi- untereinander nur vom ‹Telefon›. Wir können. Coronda steht aber auch für ext-
ell an diesem Prozess ist auch eine der debattierten über Soziologie, Geschichte, rem starke Verbundenheitsgefühle zu den
involvierten Parteien, die «Corondaes» – Philosophie, erzählten uns ganze Filme ehemaligen Mitgefangenen, und dieses Ka-
die ehemaligen Insassen haben diesen …» Eine Solidaritätserfahrung, die nach- pitel wird sich nicht einfach so schliessen
Übernamen angenommen. Sie haben haltige Spuren hinterlassen hat. lassen. (cgj)

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AMNESTY August 2018
THEMA_TÜRKEI

Die Beharrliche
Vier Monate lang musste Idil Eser, die Direktorin der türkischen Amnesty-Sektion, im Gefängnis
ausharren. Jetzt ist sie zwar auf freiem Fuss, aber immer noch angeklagt. Dennoch wagt sie eine
grundlegende Kritik an den Angriffen auf die Zivilgesellschaft. Von Camille Grandjean-Jornod

M it ihren grauen Haaren, dem brei-


ten Lächeln und den spitzbübi-
schen Bemerkungen ist Idil Eser eine
der Gesellschaft gegenüber, euch für die
weniger Privilegierten einzusetzen.›»
Ihr Doktorat in russischer Geschichte,
ge Präsident der türkischen Amnesty-
Sektion, Taner Kılıç, festgenommen.
Idils Festnahme führte zu vier Monaten
Person, die Vertrauenswürdigkeit und an dem sie in den USA schrieb, musste Untersuchungshaft, die sie teilweise in
Wohlwollen ausstrahlt. Es ist schwer vor- Idil Eser abbrechen, als sie wegen der er- einem Hochsicherheitsgefängnis ver-
stellbar, dass die 54-Jährige in ihrem krankten Mutter in die Türkei zurück- bringen musste. «Es war keine angeneh-
Land wegen «Terrorismus» vor Gericht ging. Nach ihrer Rückkehr wurde sie zum me Erfahrung», spielt sie bescheiden die
gestellt werden soll. Es sind absurde Vor- ersten Mal mit Menschenrechtsverletzun- Haftbedingungen herunter. «Ich hatte
würfe, wie auch Amnesty International gen konfrontiert: Die Organisation Ärzte vor allem das Gefühl, dass mir ein Teil
mit Verweis auf das zunehmend repres- gegen Folter stellte sie in den 1990er-Jah- meiner Identität genommen wurde.» Mit
sive Klima in der Türkei festhält. ren als Dolmetscherin an, Idil musste die ihrer Verhaftung fand sich diese Frau,
Aussagen von Folteropfern übersetzen. die sich als eher introvertiert beschreibt,
Eine internationale Aktivistin Ein erstes Engagement, das sie prägte. plötzlich im Rampenlicht der Öffentlich-
Idil Eser kennt die türkische Zivilgesell- Mit inzwischen breiter NGO-Erfah- keit wieder: Sie wurde Zielscheibe hefti-
schaft sehr gut. Die Allrounderin in Sa- rung wurde Idil Eser 2016 Direktorin der ger negativer Propaganda durch Staats-
chen Menschenrechte arbeitete vor Am-
nesty International für verschiedene
Organisationen wie die Umweltorganisa-
tion TEMA, die Helsinki Citizen’s As- «Es ist wahr, es gibt derzeit einen globalen Trend zur
sembly und Ärzte ohne Grenzen. Sie ist Verschlechterung der Menschenrechte. Aber ich denke, es ist
überzeugt davon, dass «alle Rechte glei-
chermassen notwendig sind und unbe- nur eine Phase: Nichts ist endgültig in der Geschichte.»
dingt verteidigt werden müssen – von
den Umweltrechten über die Meinungs­
äusserungsfreiheit und die Frauenrechte türkischen Sektion von Amnesty Interna- medien und Regierungsmitglieder.
bis hin zu sozialen und wirtschaftlichen tional. «Es war keine zwei Monate später, Sie hielt die Isolation und Langeweile
Rechten». als der gescheiterte Putschversuch meine hinter Gittern nur schwer aus. Die Opti-
Schon früh spielten für die in Istanbul Reorganisationspläne hinwegfegte», sagt mistin betont aber, wie viel Glück sie im
geborene Tochter eines Architekten und sie. Seitdem herrscht in der Türkei Re- Vergleich zu anderen Häftlingen gehabt
einer Geschichtslehrerin Gerechtigkeit pression – mit tiefgreifendem Einfluss habe: «Als Einzelkind und im Internat
und Mitgefühl eine grosse Rolle. «Ich hat- auf Idils eigenes Leben: Am 5. Juli 2017 hatte ich einen starken Sinn für schwar-
te eine eher liberale und privilegierte Er- wurde sie zusammen mit neun weiteren zen Humor und grosse Vorstellungskraft
ziehung», erzählt Idil. «Ab meinem elften MenschenrechtsverteidigerInnen – diese entwickelt. Diese erwiesen sich als grosse
Lebensjahr wurde ich ausserdem in einer werden seither die «Istanbul 10» genannt Pluspunkte während der Haft!»
amerikanischen Privatschule unterrich- – während eines Workshops verhaftet. Am 25. Oktober 2017 wurden Idil Eser
tet. Deren Botschaft hiess: ‹Ihr habt die und die anderen aus der «Istanbul
Gelegenheit einer guten Ausbildung, ihr Im Gefängnis Einen Monat vor 10»-Gruppe nach mehr als 100 Tagen
seid privilegiert – also habt ihr die Pflicht ihrer Verhaftung wurde auch der damali- Haft bedingt entlassen. Was tat sie als

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AMNESTY August 2018
© Amnesty International
Idil Eser an einer Fotoaktion von Amnesty International in Bern im Mai 2018.

Eine unter 100 000


Ohne jegliche Beweise wird Idil Eser be-
schuldigt, gleichzeitig Mitglied von drei
Erstes, als sie das Gefängnis verlassen setzen. «Wir arbeiten weiter, solange wir terroristischen Gruppen zu sein. Sollte ein
durfte? «In dieser Reihenfolge: Meine nicht gezwungen sind, aufzuhören», sagt Gericht sie dessen für schuldig befinden,
Freunde und Freundinnen umarmen sie mit Nachdruck. könnte dies zu einer mehrjährigen Haft-
und ihnen für die Unterstützung dan- Wie aber können in diesem repressi- strafe führen. Diese Anklage gegen Idil ist
ken. Dann mit der Katze kuscheln. Und ven Klima in der Türkei die Menschen- nur einer von Tausenden ähnlicher Prozes-
dann die Serie ‹Game of Thrones› an- rechte noch verteidigt werden? Idil Eser se, die derzeit in der Türkei laufen.
schauen», antwortet Idil lachend. «Ich plädiert für Beharrlichkeit: «Menschen- Darunter sind die neun Menschenrechts-
bin ein grosser Fan dieser Serie, und es rechtsverteidiger müssen unnachgiebig verteidigerInnen, die gleichzeitig mit Idil
ärgerte mich sehr, dass ich die neue Staf- bleiben: Manchmal braucht es Zeit, Eser verhaftet wurden. Und Taner Kılıç, der
fel wegen meiner Gefangenschaft ver- manchmal dauert es lange...». Die Lö- damalige Präsident und jetzige Ehrenprä-
passte». Dann wird sie jedoch wieder sung müsse aus dem Inneren der Türkei sident der türkischen Sektion von Am-
ernst und erinnert daran, dass «niemand kommen. «Aber die internationale Soli- nesty International, der immer noch in
aus einer solchen Erfahrung unverändert darität kann uns mehr Raum und Zeit Untersuchungshaft ist – dies obwohl
herauskommt», auch wenn es in ihrem geben, den Menschen zu erklären, wie selbst die Untersuchungen der Polizei ihn
Fall noch zu früh sei, um zu sagen, wel- wichtig die Menschenrechte sind.» Aus- vollumfänglich entlasten. Die nächste ge-
che Auswirkungen ihre Inhaftierung auf serdem zähle die Mobilisierung: «Sagen richtliche Anhörung wurde auf den 7. No-
sie haben werde. Sie den Leuten, wie wichtig es ist zu wis- vember 2018 angesetzt.
sen, dass wir nicht vergessen werden», Aber es sind weit mehr Betroffene: Seit
«Nichts ist endgültig» Sie bekräftigt sie. Idil Eser ist überzeugt, dem Putschversuch im Juli 2016 wurden
wirkt müde und geprüft, aber Idil strahlt dass sie die bedingte Freilassung zu ei- mehr als 100 000 Menschen gerichtlich
dennoch Optimismus aus. Die Historike- nem grossen Teil der internationalen angeklagt, wie Amnesty International in
rin ist nämlich überzeugt: «Es ist wahr, es Mobilisierung zu verdanken hat. «Das einem Bericht festhält. Mehr als 50 000
gibt derzeit einen globalen Trend zur Ver- Engagement machte wirklich einen ech- Menschen wurden daraufhin inhaftiert
schlechterung der Menschenrechte. Aber ten Unterschied», wiederholt sie und er- und warten auf ihren Prozess. Auch die
ich denke, es ist nur eine Phase: Nichts ist zählt als Beispiel die Geschichte eines Pressefreiheit liege in Trümmern und das
endgültig in der Geschichte.» Diese Ge- Mitangeklagten, der dank der Freilas- Rechtssystem funktioniere nicht mehr, so
wissheit stärkt ihre Entschlossenheit, sich sung die Geburt seines ersten Kindes Amnesty.  (cgj)
weiterhin für die Menschenrechte einzu- miterleben konnte.

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AMNESTY August 2018
THEMA_ANTISEMITISMUS

Dialog und Aufklärung –


die besten Waffen gegen Antisemitismus
Antisemitische Vorfälle haben in der letzten Zeit wieder zugenommen – auch in der Schweiz und
besonders in den sozialen Medien. Antisemitismus zeigt sich vielfältig und hat sehr unterschiedliche
Ursachen. Ein Gastkommentar von Herbert Winter

D ie Häufigkeit und Stärke von Rassis-


mus und «Hate Speech» im All­
gemeinen und Antisemitismus im
wurde durch Schulbücher und Regie-
rungspropaganda gespiesen und von
klein auf weitergegeben – stets aufs Neue
mitismus kommt aber des Öfteren vor.
Der Schweizerische Israelitische Ge-
meindebund SIG unterhält eine Melde-
Speziellen ist einer Wellenbewegung befeuert durch den Israel-Palästina-Kon- stelle für antisemitische Vorfälle und
unterworfen und hängt auch oftmals von flikt. Etwas anders präsentiert sich die betreibt auch ein Internet- und Social-
verschiedenen Faktoren ab. In Europa Situation in Ungarn: Dort wurde in Media-Monitoring. So können wir uns
befinden wir uns zurzeit gerade wieder Wahl- und Abstimmungskämpfen von einen Überblick über Antisemitismus in
in einem Hoch, wobei einzelne Länder VertreterInnen der Regierung vermehrt der Schweiz verschaffen, Tendenzen er-
besonders stark betroffen sind. Auch in der ungarisch-jüdische Unternehmer kennen und erhalten Informationen
der Schweiz können wir in den letzten und Philanthrop George Soros als Urhe- über die Motive. Auf der Strasse richtet
Jahren eine leicht steigende Tendenz ber der Flüchtlingsströme dargestellt, sich Antisemitismus sehr oft gegen or-
feststellen. Es ist jedoch stets zu beach- der so Europa schwächen wolle. Bedient thodoxe Juden, die durch ihre Kleidung
ten, dass die Ursachen für diesen Anstieg wird also einerseits das Klischee des alles erkennbar sind. Wie sich dies ausdrückt,
in den verschiedenen Ländern sehr un- kontrollierenden Juden, andererseits zeigen Beispiele, welche der SIG-Melde-
terschiedlich sein können und somit Eu- müssen hier jüdische Menschen einmal stelle gemeldet wurden: Auf die Frage
ropa nicht als Ganzes in den gleichen mehr als Sündenböcke herhalten. In Ös- nach dem freien Sitzplatz im Zug wird
Topf geworfen werden kann. terreich wiederum ist zum zweiten Mal einem jüdischen Reisenden geantwortet:
die FPÖ in der Regierung. In dieser Par- «Neben Ihnen sitze ich nicht». Am Flug-
Bediente Klischees Da wären tei und ihrem Umfeld ist der klassische hafen Basel weigert sich ein Taxichauf-
zum Beispiel Deutschland und Frank- Antisemitismus des frühen 20. Jahrhun- feur einen Juden mitzunehmen und
reich, die sich damit konfrontiert sehen, derts immer noch stark verbreitet. fährt los, bevor dieser einsteigen kann.
dass bei vielen Angehörigen der musli- Und wie sieht es in der Schweiz aus? Ein Mann läuft zwei Juden hinterher und
mischen Minderheit ein verinnerlichter Physische Übergriffe auf Schweizer Jü- sagt unter anderem: «Euch schneide ich
Antisemitismus herrscht. Dieser hat sei- dinnen und Juden sind glücklicherweise die Kehle auf.»
nen Ursprung oftmals im Elternhaus, sehr selten. Sogenannter verbaler Antise-
Online ohne Hemmungen Zu
einem wahren Tummelplatz für Antise-
mitismus entwickelten sich in den letzten
Jahren das Internet sowie Twitter und
Verbaler Antisemitismus kommt Facebook. Dort finden wir auch das ge-
in der Schweiz des Öfteren vor. samte Spektrum des Antisemitismus vor:
Klassischer Antisemitismus aus rechtsext-
remen Reihen, linker Antisemitismus,
der unter anderem aus einer Pro-Palästina
und Anti-Israel-Haltung entstehen kann,

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AMNESTY August 2018
THEMA_ANTISEMITISMUS

muslimischer Antisemitismus, die absur- gar keinen Kontakt mit jüdischen Men-

© zvg
desten Verschwörungstheorien, die aber schen, schon gar nicht mit orthodoxen.
fast immer die «jüdische Weltverschwö- Dementsprechend kennen sie auch nicht
rung» als Kern haben, und nicht zu ver- die vielfältigen jüdischen Bräuche, Sitten
gessen auch antisemitische Vorurteile aus und Traditionen. Und was einem fremd
der gutbürgerlichen Mitte heraus («Der ist und man so nicht recht versteht, kann
kann sicher gut Geschäfte machen»). abschreckend wirken.
Ein Grossteil der antisemitischen Darum gibt es beim SIG die Projekte
Äusserungen im Internet kommt nicht Likrat und Likrat Public. Likrat ist hebrä-
aus dem Nichts heraus, sondern wird isch und heisst «aufeinander zugehen».
durch einen «Trigger» ausgelöst. Meist Genau das wollen wir tun. Junge Jüdin-
ist dies ein bestimmtes Ereignis und die nen und Juden gehen dabei in Schulklas-
daraus folgende Berichterstattung. Da sen Gleichaltriger und beantworten alle
die Kommentarspalten der Online-Medi- Fragen – ohne Hemmungen oder Tabus.
en gefiltert werden, wird dort selten offe- So wird dem Judentum ein Gesicht gege-
ner Antisemitismus publiziert. Wie die ben und die Schülerinnen und Schüler
nicht veröffentlichten Kommentare aus- können sich viel besser mit dieser für sie
sehen dürften, sieht man auf den Face- meist unbekannten Kultur und Religion
book-Seiten vieler dieser Zeitungen: Dort auseinandersetzen. Likrat gibt es bereits
können zu den geposteten Artikeln frei seit 2002 und erreichte bis heute 20 000 Herbert Winter ist Präsident des Schweizerischen
Kommentare aller Art verfasst werden. Schülerinnen und Schüler. Likrat Public Israelitischen Gemeindebundes.
Und dies wird auch getan. Dabei scheint wiederum wendet sich an Erwachsene,

«Im Internet findet sich das gesamte Spektrum: Antisemitismus bei MuslimInnen dazu
nutzen, um gegen diese hetzen zu kön-
Rechter, linker, muslimischer Antisemitismus nen. Es geht überhaupt nicht an, dass
sowie die absurdesten Verschwörungstheorien.» eine Minderheit gegen eine andere ausge-
spielt wird. Wir sprechen mit der musli-
mischen Gemeinschaft, wir gehen auf sie
zu und versuchen zusammen gegenseiti-
ge Vorurteile abzubauen. Dass dies sehr
es den Schreibenden egal zu sein, dass die in ihrem Arbeitsumfeld mit jüdi- gut funktionieren kann, zeigt die Zusam-
ihr voller Name und ihr Profilbild für alle schen Menschen in Kontakt kommen, menarbeit des Imams Muris Begovic
sichtbar sind. So ist auch erkennbar, dass zum Beispiel in der Tourismusbranche. und des Rabbiners Noam Hertig, die für
sie jung und alt, männlich und weiblich, Gleichzeitig sollen aber auch jüdische ihre hervorragenden Projekte in diesem
rechts und links, mit und ohne Migrati- Touristinnen und Touristen auf die Ge- Bereich mit dem Dialogpreis der Schwei-
onshintergrund sind, also einen Durch- pflogenheiten in der Schweiz aufmerk- zer Juden ausgezeichnet wurden.
schnitt der Gesellschaft abbilden. sam gemacht werden. Trotz vieler Probleme blicken wir
Der Dialog mit der muslimischen Ge- nicht angstvoll in die Zukunft. Wir ver-
Aufeinander zugehen Was meinschaft in der Schweiz ist uns beson- schliessen uns auch nicht vor anderen
kann man nun gegen diesen erstarken- ders wichtig, gerade weil Antisemitismus Gemeinschaften, sondern gehen mit of-
den Antisemitismus tun? Was können unter manchen Musliminnen und Musli- fenen Armen auf sie zu. Dialog und Auf-
wir Juden und Jüdinnen tun? Die Schlüs- men ein Fakt ist, den wir weder ver- klärung führen zu gegenseitigem Res-
selbegriffe im Kampf gegen Antisemitis- schweigen noch aufbauschen wollen. pekt. Und gegenseitiger Respekt führt zu
mus sind für mich Aufklärung, Informa- Und ganz sicherlich wollen wir nicht, einem friedlichen Zusammenleben aller
tion und Dialog. Viele haben wenig oder dass rechtsradikale Gruppierungen den Menschen.

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AMNESTY August 2018
UNVERGESSLICH_UNSERE GESCHICHTEN Was macht eine offene und solidarische Schweiz aus? Wir stellen an dieser Stelle Menschen  
Weitere Geschichten finden Sie unter stories.amnesty.ch.

Die Welt in Claires Küche


«Mama international», so wird Claire Musard von
den Flüchtlingen genannt. Die 70-Jährige engagiert
sich schon seit Langem für Verfolgte.
Von Aline Jaccottet

J eden Morgen kümmert sich Ahmed um den Kaffee. Claire


bringt ihm einen frisch gepressten Fruchtsaft und liest ihm an-
schliessend die Zeitung vor. Dieses vertraute Ritual, das wohl so
manches Paar pflegt, ist bei Claire und Ahmed fast jeden Tag zu
beobachten. Doch sie verdanken ihre Begegnung nicht Amors
Pfeil, sondern dem Krieg in Syrien. Die Waadtländerin Claire ist
70 und lebt in Gland, einer friedlichen Ortschaft am Ufer des
Genfersees. Der syrische Kurde Ahmed ist 23 und musste auf der
Flucht aus seiner Heimat Tausende von Kilometern zurücklegen.

Sanfte Rebellion So vieles trennt sie und doch schlos-


© Petar Mitrovic

sen Claire und Ahmed Freundschaft innert kürzester Zeit.


«Zehn Minuten nachdem wir uns kennengelernt hatten, waren
wir bereits auf dem Weg zur Sozialarbeiterin, um seine Aufnah-
me zu regeln», erzählt Claire amüsiert. Unter der Woche teilt
sie nun ihre Wohnung mit Ahmed, der inzwischen Jura stu-
diert. Die Wohnung ist mit einem fröhlichen Sammelsurium
an Gegenständen gefüllt. Unzählige Gemälde, Fotos und Ob-
jekte, um welche die Nachbarskatze herumschleicht. Heute stammen ihre Freunde und Freundinnen aus Syrien,
Claire Musard war Bibliothekarin, Fotografin, Weberin. Eritrea oder dem Jemen. Claire Musard hat sich nicht verän-
Heute steht «Süsswasserforscherin» auf ihrer Visitenkarte. Seit dert: Sie empfängt alle mit offenen Armen. Oder, besser gesagt,
ihrer Pensionierung beansprucht sie diese Originalität mit sie drückt ihnen einen Kugelschreiber in die Hand, denn seit
Freude für sich. «Ich tue, worauf ich Lust habe, und schulde acht Jahren unterrichtet sie Französisch für Asylsuchende. Ihre
niemandem etwas. Eine Freundin sagte mir: Wenn du 70 bist, Grosszügigkeit zeigt sich aber nicht nur in der Zeit, die sie den
liegt der ganze gesellschaftliche Druck hinter dir. Sie hatte Menschen schenkt, sondern auch finanziell, denn sie zögert
Recht!», erklärt sie. nicht, Bedürftige auch materiell zu unterstützen.
Claire stammt aus einer Familie mit fünf Töchtern und hatte
Eltern, die unterschiedlichster gesellschaftlicher Herkunft ent- «Es ist ganz einfach» Helfen ist für Claire eine Selbst-
stammten. Ihre Grossmutter stand ihr besonders nahe – «für verständlichkeit: «In der Schweiz verkomplizieren sich die Leu-
sie war das Interesse am Mitmenschen Pflicht». Mit 20 ent- te das Leben immer. Dabei ist es ganz einfach, jemanden bei
deckte Claire in der «erniedrigenden Zeit», in der den Frauen sich aufzunehmen», meint sie. Was auch immer sie gibt, die
das Stimmrecht noch verwehrt war, Mahatma Gandhi und die 70-Jährige betont, sie erhalte stets das Hundertfache zurück.
Gewaltlosigkeit: «Ich war begeistert». Es waren die schwierigen «Ich habe mein Bewusstsein dafür geöffnet, was andernorts ge-
Jahre der Diktaturen von Francisco Franco und António de schieht, und dabei Dinge gelernt, die man sich gar nicht vorstel-
Oliveira Salazar. Die politischen Flüchtlinge aus Spanien und len kann. Ich habe die ganze Welt in meine Küche eingeladen»,
Portugal, denen Claire half, wurden zu Freunden. schliesst Claire Musard mit sanfter Stimme.

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AMNESTY August 2018
vor, die Flüchtlinge in der Schweiz willkommen heissen. Und wir porträtieren Geflüchtete, die in der Schweiz positive Erfahrungen gemacht haben.

Nach der Flucht


das Engagement
Petar Mitrovic, ehemaliger Flüchtling aus Zagreb,
hat für das Amnesty-Projekt «Unvergesslich –
unsere Geschichten» fotografiert.
Von Camille Grandjean-Jornod

A ls Kind wird Petar Mitrovic als «Jugo» beschimpft und von


seinen Klassenkameraden in eine Abfalltonne gesperrt. Dort
trifft er seinen ersten Freund in der Schweiz, einen Jungen aus
Togo. Rassismus hat Petar, heute in seinen Dreissigern, am ei-
genen Leib erlebt. Als Erwachsener will er etwas dagegen unter-
nehmen. Er ist ein begeisterter Fotograf und beschliesst, «aussa-
gekräftige Visagen mit aussagekräftigen Worten zu verbinden».
Er hält möglichst unterschiedliche Gesichter – bisher sind es
400 – im Bild fest, begleitet von einem treffenden Wort. Etwa
ein «Bruder», das auf der Stirn eines Rabbiners, eines Imams
© Petar Mitrovic

und eines Priesters geschrieben steht, denen er in Israel und


den besetzten palästinensischen Gebieten begegnet ist. Oder die
Gefangenennummer einer Widerstandskämpferin, die ein Kon-
zentrationslager überlebte und ihre Nummer 70 Jahre später
noch immer auswendig auf Deutsch aufsagen konnte.

Ode an die Unterschiede Mit seinem Projekt «One 2004 erhält er den Pass mit dem Schweizer Kreuz und damit
Word» möchte der Hobbyfotograf einen Beitrag zu einem bes- auch die Reisefreiheit. «Mit meinem jugoslawischen Pass konn-
seren Einvernehmen unter den Menschen leisten. «Unterschie- te ich die Schweiz nicht verlassen. Aber ein Land zu wählen –
de stehen allzu oft am Anfang von Kriegen – du und ich, wir Kroatien, Serbien oder Bosnien – hätte bedeutet, die Teilung des
sind nicht gleich, also bekämpfen wir uns.» Landes, den Krieg und die Massaker anzunehmen», erklärt er.
Petar Mitrovic hat genau das erlebt. 1991 ist er 11 Jahre alt.
Von einem Tag zum andern gerät sein Leben aus den Fugen. Ein Gesicht geben Die Bilder der Flüchtlinge, die 2015
Die Angehörigen seiner Familie sind zwar in Zagreb geboren, den Balkan durchqueren, erinnern ihn an seine eigene Ge-
gelten aber als bosnische Serben und müssen fliehen. «Mehre- schichte. Er beschliesst, sich das Ganze selbst anzusehen. Mit
re Menschen aus meinem Quartier wurden umgebracht, unter vier Lastwagen voll gespendeter Güter, 30 000 Franken, einem
anderem durch meinen Lehrer.» Dass jemand, der «Respekt Fotoapparat und einem kleinen Team von Freiwilligen fährt Pe-
und Autorität einflösste», sich so grundlegend wandeln konnte, tar zum ersten Mal wieder in seine Heimat.
löst in dem Jungen ein dauerhaftes Misstrauen aus. Eine kurze, aber prägende Erfahrung. Er will den Menschen
In der Schweiz beginnt eine schwierige Zeit für ihn. Nach auf der Flucht wieder ein Gesicht und eine Geschichte geben. So
eineinhalb Jahren in Zürich wird die Familie in die West- kommt es zu seiner fotografischen Zusammenarbeit mit Am-
schweiz geschickt. «Wir mussten wieder ganz von vorne anfan- nesty International. Den SchweizerInnen und den Flüchtlingen
gen, noch einmal eine andere Sprache lernen, und das alles in von heute möchte der frühere Flüchtling sagen, sie sollten «we-
einer Asylunterkunft, die sich abgelegen in einem Wald be- niger Angst voreinander haben, aufeinander zugehen, um sich
fand», erinnert er sich. kennenzulernen, ohne den anderen ändern zu wollen».

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AMNESTY August 2018
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AMNESTY August 2018
KULTUR_MUSIK

Mein Körper ist keine Waffe


In der Demokratischen Republik Kongo haben Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen im Bürgerkrieg
wurden, zwei Alben mit Songs aufgenommen. Die Musik ist Teil ihrer Therapie. Von Daniel Bax

E ine fröhliche Keyboard-Melodie, die heit und Gewalt handeln,

© Naama Haviv / Panzi Hospital


zum Mitsummen einlädt, und dazu transportieren sie einen un-
eine trotzig-freche Frauenstimme, die erschütterlichen Optimis-
singt: «Wenn du mich ansiehst, wirst du mus. Der kanadische Pro-
eine Frau sehen, die lächelt. Eine Seele duzent Darcy Ataman hat es
voll Freude. Und wenn du mich auf der sich zur Aufgabe gemacht,
Strasse triffst, wirst du niemals wissen, den Opfern des Bürgerkrie-
dass mein Herz gebrochen ist und mei- ges im Kongo eine Stimme
ne Träume zerbrochen sind.» Trotz die- zu geben. «Eines der letzten
ser Abgründe transportiert der Refrain Dinge, die man jemandem
eine Botschaft der Unbeugsamkeit: «In nehmen kann, ist seine Fä-
mir steckt ein kleiner Präsident, der alle higkeit zu singen», sagt er.
Ungerechtigkeiten beseitigen würde. In Im Osten des Kongo
mir steckt ein kleiner Anwalt, der alle herrscht seit Jahrzehnten
Unterdrückten verteidigt, eine Ärztin, Krieg. Diverse Milizen rin-
eine Seele voll Freude.» Dazu tuckert ein gen um die Macht in der Re-
poppiger Beat, der schwedische Rapper gion, die reich an Boden-
Timbuktu steuert einen kraftvollen Rap- schätzen wie Coltan ist, Rhythmusübungen während der Musiktherapie: 40 – 60 Prozent der Frauen,
Part bei. welches für Mobiltelefone die im Panzi-Krankenhaus behandelt werden, können nach der medizinischen
Behandlung nicht mehr nach Hause zurückkehren, wegen des Ausmasses ihrer
Es ist der Titelsong des Albums «Mon und Laptops verwendet
Verletzungen, der anhaltenden Gewalt oder auch wegen der Stigmatisierung,
corps n’est pas une arme» («Mein Körper wird. Alle Kriegsparteien die mit sexueller Gewalt verbunden ist. Diese Frauen versuchen mit der Musik­
ist keine Waffe»), die Sängerin heisst setzen sexualisierte Gewalt therapie, ihre inneren und äusseren Verletzungen zu lindern.
Sandra. Das Album erscheint zusammen ein. Das Panzi-Kranken-
mit einem weiteren mit dem Titel «Kesho haus ist zu einer Zufluchts-
ni siku mupya» («Morgen ist ein neuer stätte für Frauen geworden, die Opfer der Ruf fürchteten – denn Vergewaltiger
Tag»). Insgesamt sind es zwölf Songs, Gewalt wurden. Geleitet wird es von dem sind immer die anderen. Ataman amü-
aufgenommen auf Swahili, Französisch kongolesischen Arzt Denis Mukwege, siert diese Reaktion. «Es ist doch erstaun-
und Englisch. Sie wurden allesamt im der inzwischen zahlreiche Menschen- lich, dass sich jemand mit Waffen vor
Panzi-Krankenhaus im Osten der Demo- rechtspreise erhalten hat. Die Aufnah- Liedern fürchtet.» 
kratischen Republik Kongo von Frauen men sind Teil eines künstlerischen The-
eingesungen, die im Bürgerkrieg zu rapieprogramms. Den beteiligten Frauen
Opfern sexualisierter Gewalt geworden standen PsychologInnen zur Seite, um
sind. Auch Sandra wurde vergewaltigt, ihnen zu helfen, mit ihren traumatischen
verlor ihr Kind, wurde mit HIV ange- Erfahrungen umzugehen.
steckt und verbrachte viel Zeit im Kran- Es sind keine geschulten Sängerin-
kenhaus. Dort komponierte sie ihren nen, die diese Lieder vortragen. Aber die
Song und sang ihn ein. Botschaft berührt. Einige der Songs wur-
Die Lieder sind ein Dokument der den auch von lokalen Radiostationen im «Mon corps n’est pas une arme» und
Selbstbehauptung und des Lebenswil- Osten des Kongo gespielt. Das führte zu «Kesho ni siku mupya»
lens. Obwohl viele von Hunger, Krank- Beschwerden von Militärs, die um ihren (Soundcloud)

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AMNESTY August 2018
KULTUR_ LITERATUR

«Wer hasst, kommt nicht zur Ruhe»


Die saudische Dichterin Hissa Hilal wurde durch ihre mutige Kritik am patriarchalen System ihres
Landes bekannt. Seither bewegt sie sich aus Sicherheitsgründen nur noch verschleiert in der Öffent-
lichkeit. Ein Gespräch über die Macht der Sprache. Interview: Jürgen Kiontke

E AMNESTY: Obwohl Sie international bekannt sind, müssen Sie ver- gion gedruckt wurde. Ich war glücklich und habe begriffen, was
schleiert sein und Details über Ihr Privatleben geheim halten. Sprache leisten kann. Bis heute bin ich davon überzeugt, dass
F Hissa Hilal: Mein Gesicht zu verhüllen, hat mich nicht daran Sprache die grösste Stütze ist, die man haben kann. Worte kön-
gehindert, eine berühmte Frau in meiner Gesellschaft zu wer- nen nicht besiegt werden.
den. Vielleicht ist es auch Teil meiner Persönlichkeit, nicht so
viel Wert darauf zu legen, mein Gesicht zu zeigen. Viele promi- E Inwiefern hat der Auftritt im Fernsehen Ihr Leben verändert?
nente Frauen sind abhängig von ihrem Erscheinungsbild. Ich F Die Show gab mir einen Platz in der Geschichte der Dichtung.
vertraue auf meine Gedanken und Gefühle, auf meine Sprache Prominent zu sein, bedeutet nicht, erfolgreich zu sein. Aber
und persönliche Geschichte – und auf meine eigene Philoso- wenn es Menschen gibt, die deine Gedichte in sich tragen, sie
phie, wie ich die Welt sehe und verstehe. Zuhause trage ich üb- rezitieren und lieben, dann hast du ihre Herzen tief berührt.
rigens keinen Schleier.
E Sie waren auch mit Todesdrohungen konfrontiert.
E 2010 schafften Sie es ins Finale der beliebten Fernsehshow F Ich habe schon früh erkannt, dass manche Menschen bereit
«Poet der Millionen» in Abu Dhabi. Welche Bedeutung hat dieser sind, Gewalt auszuüben. Sie sind bereit zu hassen, und sie war-
Dichterwettbewerb mit seinen 75 Millionen Zuschauern? ten nur darauf, dass sie ihren Hass auf jemanden projizieren
F In der arabischen Kultur ist Dichtung den Menschen heilig, können. Gewalt ist in den meisten Nationen verankert: Es ist
heiliger als der Islam, und sie ist auch älter. Nur gute Poeten
durften ihre auf Leder geschriebenen Gedichte an die Kaaba in
Mekka hängen. Wenn die Menschen sich einmal im Jahr auf
dem Markt oder auf der Pilgerfahrt trafen, spielte Dichtung
eine grosse Rolle. Tausende berühmte Dichter kamen aus der
ganzen arabischen Welt, um hier vorzutragen. Dichtung ist in
der arabischen Sprache eng verbunden mit Musik, Rhythmus
und Phantasie, sie erzeugt Bilder, ist magisch.

E Wie kam es zu Ihrer Teilnahme an dem Wettbewerb?


FIch war bereits als Dichterin bekannt. Aber durch die Show
konnte ich Millionen Araber in der ganzen Welt erreichen. Mit
meinem Auftritt konnte ich zeigen, dass arabische Frauen ge-
nauso talentiert sind wie Männer. Ausserdem wollte ich die
Möglichkeit nutzen, Dinge zu sagen, über die andere niemals
zu sprechen wagen.

E Wann haben Sie begonnen, in Ihren Gedichten Kritik zu üben?


F Vor langer Zeit, als ich noch ein Kind war, verbrannten meine
© obs/ZDF/Tobias Tempel

Verwandten ein Notizheft mit Gedichten, das sie gefunden hat-


ten. Ich war traurig und schockiert. Damals schrieb ich ein Ge-
dicht mit der Zeile: «Der Stamm verurteilt die Dichterin». Ein
sehr starkes Gedicht, das in den grossen Magazinen der Golfre-

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AMNESTY August 2018
KULTUR_ LITERATUR

eine Art Kultur. Jene, die hassen, kommen niemals zur Fremde
Ruhe. Ich glaube, in jeder Gesellschaft gibt es Gewalt.
Nur die Weise, sie auszudrücken, ist unterschiedlich.
Hab keine Angst vor Fremden, sie könnten verirrte Engel sein
Manche behaupten, mit Gewalt ihre Religion verteidi-
gen zu müssen, manche meinen, kämpfen zu müssen, Fülle ihre Taschen mit süssen Geschichten
weil andere nicht zivilisiert sind oder falsche Ansichten Und strahlendem Lächeln
haben oder die heilige Geschichte oder Kultur oder was Leg ihnen auf die Schultern die Wärme deiner mitfühlenden Hände
auch immer nicht respektieren. Aber die Menschen
Eine Träne der Liebe in ihre Augen
wollen nur den ganzen Hass zurückgeben, den sie in
sich tragen. Ausserdem stellen sie ihre Handlungen als Das Leuchten der Mutterschaft
logisch oder vernünftig dar. Diejenigen, die mich ange- Gewähre ihnen eine Kerze der Hoffnung und einen Stern des
griffen haben, sind Teil dieser Hasskultur. Sie behaup- Vergessens.
ten, dass sie die Religion verteidigen, aber das ist nur die
Oberfläche.
***
E Welche Spuren hinterlassen diese Drohungen bei
Ihnen? All diese schönen Wälder
F Wenn ich meine Meinung nicht äussern würde, könn-
Diese Flüsse
te ich vielleicht ausgesprochen respektiert und geschätzt
leben. Aber wenn du anders bist, werden diese Leute dir Diese Freiheit
alles nehmen und dich ausschliessen. Umgekehrt be- Dieser Frieden
deutet dies: Wer sich innerlich frei fühlt, wie wir es von Weil diese Stadt
Natur aus sind, zieht es vor, allein zu sein. Du wirst nie
Niemals die Fremden steinigt mit Verdächtigungen und mit Ängsten.
das Gefühl haben, dass du diese Leute brauchst.

E Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hat


Reformen eingeleitet. Sind Sie optimistisch, dass er es
ernst meint?
F Wie alle Frauen hoffe ich, dass er uns Veränderung
Rote Leichentücher über dem Schweigen
bringen kann. Wir alle beobachten, wie es weitergeht.

E Wie würde Saudi-Arabien aussehen, wenn Frauen Die rot dampfende Stimme des Opfers
gleichberechtigt wären? Auf den Leichentüchern unseres Schweigens
F Nicht
nur Saudi-Arabien, sondern die ganze arabische
Wir sind der Friedhof der Opfer
Welt würde sich zum Besseren verändern, der ganze
Nahe Osten, vielleicht die ganze Welt. Wir sind die Bösen, die beten und fasten
Ihre furchtbaren Schreie…
Ein brennendes Schwert getaucht in die Kälte unseres Blutes
Wir sind die Verdorbenheit des Glaubens
Hissa Hilal ist auch unter dem Künstlernamen
Remia bekannt. Die 50-Jährige schreibt seit ihrer Die Gerechtigkeit bewahrend
Kindheit Gedichte. 2010 erreichte sie das Finale
der Lyrik-TV-Show «Million’s Poet» in Abu Dhabi. 
Vor 75 Millionen FernsehzuschauerInnen übte sie
 Gedichte von Hissa Hilal
harsche Kritik an der patriarchalen Gesellschaft
ihres Landes und prangerte den islamischen Ex­
tremismus an. Vergangenes Jahr lief am Film­
festival von Locarno der Film «The Poetess» über
ihre Geschichte.

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AMNESTY August 2018
KULTUR_BUCH

Denkanstösse zu Rassismus
Toni Morrisons Romane befassen sich mit verschiedenen Erscheinungsformen des Rassismus: dem
alltäglichen, dem romantisch-verbrämten oder dem historischen Rassismus. Auch ihr neuer Essayband
widmet sich dem immer wieder aktuellen Thema. Von Ulla Bein

sionen unserer selbst, von denen wir


viele nicht realisiert haben.»
Denn: «So etwas wie Rasse gibt es
gar nicht. Unsere Rasse kann wissen-
schaftlich, anthropologisch nur als
Mensch definiert werden. Rassismus ist
ein soziales Konstrukt und hat Vorteile.
Man kann Geld damit machen, Leute,
die sich nicht mögen, können sich da-
durch besser fühlen, bestimmte Verhal-
tensmuster können erklärt werden –
Rassismus hat eine soziale Funktion.»
Das Vorwort des Journalisten und
© wikicommons Autors Ta-Nehisi Coates verortet die
Texte, die in der Regierungszeit Oba-
mas entstanden sind, in der Gegen-
Toni Morrison ist die erste afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin. wart. Er nennt die Bewegung Black
Lives Matter, entstanden als Reaktion

I n unaufgeregtem Tonfall thematisiert


Toni Morrison die Brutalität der Sklave-
rei und welche Folgen diese Praxis im kul-
dieser Literatur bei weissen LeserInnen.
In einem anderen Text beleuchtet die
Literatur-Nobelpreisträgerin von 1993
auf die schrecklichen Vorkommnisse
zum Beispiel in Ferguson, Baltimore
oder New York. Er sieht die Vereinig-
turellen Gedächtnis ihres Landes hinter- auch ihr eigenes Werk. Sie beschreibt, wie ten Staaten einmal mehr an einem An-
lassen hat. Im Essayband «Die Herkunft sie versucht habe, dem «Hautfarbenfeti- fang stehen. Auch wenn Toni Morri-
der Anderen», der auf einer 2016 an der schismus» etwas entgegenzusetzen, in- son keine Anleitung geben könne, wo
Harvard-Universität gehaltenen Vortrags- dem sie in ihren Romanen darauf verzich- der Ausweg aus dem Klammergriff der
tete, die Hautfarbe der Geschichte zu suchen sei, gebe sie
«Das Andere, die Anderen sind Personen zu nennen. «doch eine willkommene Hilfe zum
Nicht immer wurde sie Verständnis, wie wir in unsere heutige
verschiedene Versionen unserer selbst.» von ihren Verlagen in die- Situation geraten konnten.»
ser Haltung unterstützt.
reihe basiert, spürt die berühmte Autorin Toni Morrison gibt Denkanregungen.
den offenkundigen oder manchmal auch Sie will nicht den Anschein erwecken, als
nur sublimen Rassismus in Werken der gäbe es gegen das Phänomen des Rassis-
US-amerikanischen Literatur auf. mus eine einfache Lösung. In der Über-
Sie schildert ihre Erfahrung als Lekto- zeugung, dass Rassismus erlernt sei, plä-
rin in einem Literaturverlag (1967 bis diert sie für eine Gesellschaft, die in Toni Morrison:
Die Herkunft der Anderen
1983): ihre erfolgreichen Versuche, mög- einem andauernden Prozess lernt, Un-
Über Rasse, Rassismus
lichst viele exzellente afroamerikanische terschiede auszuhalten, die Vielfalt als und Literatur
AutorInnen in das Programm zu bringen, Chance wahrzunehmen. Das Andere, die Rowohlt Verlag, Reinbek, 2018
aber auch das ausbleibende Interesse an Anderen sind für sie «verschiedene Ver- 112 Seiten

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AMNESTY August 2018
CARTE BLANCHE

IM STECHSCHRITT
Anuschka Roshani ist
Redaktorin bei «Das Magazin»
und Autorin. Vor Kurzem
Seitdem ich eine Tochter habe, habe ich mich ab
und zu wie eine Flipperkugel gefühlt, hin- und
hergeschleudert, bis ich am Ende in einem Loch
erschien ihr Debüt «Komplizen» versank. Erstmals fand ich mich derart seltsam
im Kein & Aber Verlag. taumelnd, als ich aus dem Mutterschaftsurlaub
zurückkehrte: Da fragte mich einer unumwun-
den, was ich nun sei: Mutter oder Redaktorin? Ich
verstand nicht, was er meinte. War denn nicht ein-
fach etwas dazugekommen? Ein Teil von mir, der
mit meiner beruflichen Identität bloss insoweit zu
tun hatte, dass ich mein Arbeitspensum deswegen
reduzierte, auf 60 Prozent – aber damit doch ganz
© André Gottschalk bestimmt nicht meinen Elan.
Verblüfft erwiderte ich, dass ich mit mehr Freude denn je ins Büro käme, froh, für
Stunden von der Verpflichtung befreit zu sein, jede Minute über mein so verletzli-
ches Baby mit Adleraugen und -schwingen zu wachen.
Im Nachhinein war das der Auftakt zu einem grösseren Unterfangen: Fortan ging
es nicht nur darum, nachzuweisen, dass ich meinen Job noch immer beherrschte,
sondern auch darum, mein Muttersein im Job möglichst gut zu kaschieren. Zum
Beispiel mich und die Kollegen glauben zu machen, dass ich alle Zeit der Welt
hatte, bevor ich in ein so veraltetes Gedankenkonstrukt wie den Feierabend ging.
Das schloss ein, dass ich einerseits willens sein musste, meinen Alltag mindestens
in den vier ersten Lebensjahren meiner Tochter wie den Marshallplan zu organi-
sieren, andererseits diesen jederzeit umzustossen, sobald etwas meine Pläne
durchkreuzte. Dies konnte durch das Hochschnellen des Fieberthermometers un-
ter der kindlichen Achsel passieren oder nur dadurch, dass die Krippe, für die ich
nahezu ein Drittel meines Salärs hinblätterte, zumachte.
Der Stechschritt wurde zu meinem Alltagstempo. Dass ich zugleich lichtschnell in
jene Zone unterwegs war, die mit geschlechtsbedingten Stolpersteinen gepflastert
war, wurde mir erst bewusst, als ich Jahre später anfing, wieder Atem zu schöpfen.
Eine britische Studie ergab, dass das Lohngefälle zwischen Mann und Frau in den
beruflichen Biografien von Frauen an zwei Zeitpunkten besonders aufklafft: ein-
mal wenn sie Mütter werden, zum zweiten Mal wenn sie wieder Töchter sind –
sich um ihre alten Eltern kümmern.
Doch es bringt nichts, darüber still zu klagen. Es
bringt allerdings genauso wenig, die permanente
Anstrengung, die es in der Schweiz nach wie vor
bedeutet, eine berufstätige Mutter zu sein, als Pri-
«DA FRAGTE MICH EINER vatsache abzutun. Weil es keinesfalls von der ein-
zelnen Mutter abhängig ist, von ihrem persönli-
UNUMWUNDEN, WAS ICH NUN SEI: chen Geschick und/oder ihrer Ambition, ob es
MUTTER ODER REDAKTORIN?» gelingt oder nicht, sondern einzig davon, dass man
es endlich, endlich zur Gemeinschaftsanstrengung
erklären muss: Erst dann nämlich wird es möglich
werden, dass man beides schaukeln kann.

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AMNESTY August 2018
© Rahel Krabichler

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