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Kommentar

Steht die Dekadenz der deutschen Sprache schon bevor?

Immer wieder beschuldigen linguistische Wutbürger die Digitalisierung der Medien und den
Multikulturalismus für den Verfall der deutschen Sprache. Ja, es scheint gerade so, als ob nur mehr
noch mit Wortfetzen, Anglizismen und in Migranten-Jargon geredet wird. Fehlanzeige. Wozu die
ganzen Klagen?

In einem Artikel der Wochenzeitung „Die Zeit“ beschreibt Wolf Schneider vier Entwicklungen des
Deutschen, die für Sprachliebhaber besorgniserregend sein könnten. Diese sind vor allem die
Verfälschung der Bedeutung einiger Wörter und die sprachliche Magerkeit journalistischer und
werbender Texte. Weiters zählen auch der Einfluss der Globalisierung und der Migration auf die
verbale Kommunikation als Bedrohung. Laut Schneider hat die deutsche Sprache die Fähigkeit
verloren, unsere Kultur zu bereichern, die Gesellschaft zu inspirieren und zu motivieren.

Schneider hat unrecht, wenn er meint, dass man sich an das alte sprachliche Gut festklammern soll,
um die Leistung der verbalen Kommunikation zu sichern. In diesem Zusammenhang appelliert er:
„Halten wir die Sprache lebendig!“ Das ist nicht notwendig! Die Sprache reguliert sich von selbst. Sie
war schon immer ein Spiegel, der beispielsweise die Fortschritte, Ereignisse und Ideologien der Welt
reflektiert. Sie ist von selbst ein dynamischen und lebendiges System. Doch Schneiders Appell strebt
eher eine Konservierung der deutschen Sprache an. Das ist alles andere als sprachliche Lebendigkeit!

Außerdem sollte man nicht das Aussterben der Kreativität und Vielfältigkeit der deutschen Literatur
befürchten. Schneider sucht an den falschen Orten nach den anspruchsvollen Werken. Die Belletristik
und weitere literarische Genres findet man zahlreich im Buchhandel, aber nicht in einem Blog. Der
Vorwurf, dass keiner mehr liest, ist absurd. Noch nie gab es so wenige Analphabeten wie in der
Gegenwart und der Buchmarkt boomt. Nur weil die verbale Kommunikation in der Werbung gezielt
andere linguistische Methoden benutzt, bedeutet das nicht das Ende der sprachlichen Qualität.

In Zukunft wird Deutsch auf jeden Fall nicht durch eine buntgemischte Kultur und den Einsatz
digitaler Medien verarmen. Neue Wörter werden in das Sprachspektrum aufgenommen und die
älteren Wörter werden nicht gelöscht. Die moderne Medien erfinden bloß neue Strategien, um sich
effizient ausdrücken zu können. Ältere Literatur wird in Schulen, Universitäten und Bibliotheken
aufbewahrt und gepflegt. In der Realität geht nichts von der deutschen Sprache verloren. Der
Sprachwandel muss akzeptiert werden, denn dieser ist eine Konstante.