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Nicolas Bedoya

214 ehemalige Farc-Kämpfer wurden seit September 2016 ermordet – auch der Sohn von Elmer Arrieta, einem ehemaligen Kommandeur der Guerilla

Revolutionäre unter Beschuss


Seit die kolumbianische Regierung und die Farc 2016 ein Friedens­ statt, wo bewaffnete Gruppen um die Polizei und Armee. Der Vorsitzende der samer Feind sind die in den Drogen­
abkom­men geschlossen haben, wurden zahlreiche ehemalige Kämpfer territoriale Kontrolle kämpfen. Neben Farc-Partei, Rodrigo Londoño, wird im handel verwickelten Gruppen.« Weder
ermordet. Die aus der Guerilla hervorgegangene Partei macht die den Dissidentengruppen sind das die Gespräch mit der Jungle World deutli­ ermutige noch toleriere die Regierung
Regierenden dafür mitverantwortlich. Guerilla ELN, die paramilitärischen Au­ cher: »Ein Teil des Militärgeheimdiens­ Gewalt gegen frühere Kombattanten.
todefensas Gaitanistas und lokale Dro­ tes fördert die Bildung bewaffneter Die meisten Ermordungen seien nicht
Von David Graaff, Medellín genbanden. Selbst mexikanische Kar­ Gruppen, die die líderes sociales (wört­ verübt worden, weil es sich bei den
telle mischen mit. lich »soziale Anführer«; gemeint sind Opfern um ehemalige Farc-Guerilleros
»Sie haben ihn vom Motorrad geschos­ wurden. In der ersten Hälfte dieses Jah­ Beobachter haben mehrere Vermu­ Menschen, die sich etwa gegen illegalen handelte, sagt Archila unter Verweis
sen«, erzählt Elmer Arrieta mit gebro­ res waren es 31. Von einer »tiefen Tra­ tungen, warum die ehemaligen Kämp­ Bergbau und Landraub einsetzen, auf Ermittlungsergebnisse der Staats­
chener Stimme. Sein Sohn Manuel war gödie« spricht der Jesuit Francisco de fer ermordet werden. So nehmen diese Anm. d. Red.) und Ex-Guerilleros töten. anwaltschaft.
auf dem Weg in das Dorf Ituango im Roux, der Vorsitzende der mit dem an staatlichen Substitutionsprogram­ Und diese Gruppen stellen sie dann »Mit dieser Argumentation zieht sich
Nordwesten Kolumbiens, als Unbekann­ ­Abkommen geschaffenen Wahrheits­ men teil, die den illegalen Kokaanbau als Dissidentengruppen der Farc dar.« der Staat aus seiner Verantwortung«,
te den jungen Familienvater töteten. kommission. Die UN-Mission in Ko­ ersetzen helfen sollen, was den Inter­ Auch Arrieta kann es nur schwer widerspricht Fagua. Dem Friedensver­
Der 24jährige wohnte mit seiner Lebens­ lumbien mahnt in ihrem jüngsten Be­ essen der bewaffneten Gruppen zuwi­ mit der Darstellung der Regierung in trag zufolge müsse dieser in besonde­
gefährtin und einem wenige Monate richt an die UN-Vollversammlung derläuft. Möglicherweise fallen sie Einklang bringen, dass in der Region rem Maße für den Schutz jedes einzel­
­erneut an, die Regierung Selbstjustiz oder persönlichen Rache­ Ituango bereits zwölf ehemalige Kämp­ nen Ex-Guerilleros sorgen. Fagua ist
müsse der Angelegenheit akten zum Opfer. Es könnte auch sein, fer sowie mehrere ihrer Familienan­ besorgt, denn mit jedem weiteren To­
»Der Tod meines Sohnes hat mich höchste Priorität einräu­ dass sie ermordet werden, weil sie in il­ gehörigen ermordet wurden. »Es ist un­ ten wachsen Angst und Misstrauen an
nur darin bestätigt, weiter für den men. Verzweifelt versucht legale Geschäfte verstrickt waren oder erklärlich, wie so etwas passieren der Parteibasis. »Wir können nicht zulas­
die Führung der Farc-Par­ sich der Rekrutierung durch neue be­ kann, obwohl nur wenige Kilometer ent­ sen, dass unsere Leute wieder in den
Frieden zu kämpfen.«  Elmer Arrieta, tei immer wieder, die Auf­ waffnete Gruppen verweigerten. Doch fernt ein Militärbataillon stationiert Busch gehen und sich bewaffnen, weil
ehemaliger Farc-Kommandeur merksamkeit auf das bewiesen ist bislang nichts davon. ist, das für die Sicherheit der Demobili­ sie ihre Sicherheit nicht garantiert se­
­Thema zu lenken. Sie spricht Für die Farc ist entscheidend, dass die sierungszone verantwortlich ist«, sagt hen«, sagt er. Für die Dissidentengrup­
bei den Vereinten Natio­ Regierung eine Mitschuld an der Situ­ er. Er glaubt, bewaffnete Gruppen und pen und die ELN ist es mit Verweis auf
­alten Baby in einer der landesweit 26 De­ nen sowie dem EU-Sondergesandten für ation trage. Sie werfen der rechten Re­ Sicherheitskräfte wollten die ehemali­ die Gewalttaten ein Leichtes, junge Leu­
mobilisierungszonen. In diesen gaben den Friedensprozess in Kolumbien gierung von Präsident Iván Duque und gen Farc-Kämpfer aus ihrer Siedlung te in den Konfliktregionen von der
die Farc-Guerilleros ihre Waffen ab und vor und sucht Unterstützung bei der In­ dessen Partei Centro Democratico vor, vertreiben. »Weil wir Kommunisten Aussichtslosigkeit des Friedensprozes­
sollten sich ins zivile Leben integrie­ teramerikanischen Menschenrechts­ mit gegen die Farc und den Friedens­ sind«, behauptet er. Die Siedlung liegt ses zu überzeugen. Das Kroc Institute
ren, nachdem sie im September 2016 kommission – bislang ohne Erfolg. Das prozess gerichteten Äußerungen eine strategisch günstig am Kopf einer for Peace Studies an der US-amerikani­
ein Friedensabkommen mit der ko­ Morden geht weiter. Stimmung zu schaffen, die die anhal­ Schlucht und ist deshalb für die Kont­ schen University of Notre Dame mahnt
lumbianischen Regierung geschlossen Die Ermittlungsbehörden wollen tende Gewalt gegen die ehemaligen rolle der hier verlaufenden Drogen­ in seinem aktuellen Jahresbericht zur
hatten (Jungle World 35/2016). »Wir weder ein Muster noch einen Plan hin­ Guerilleros begünstige, ja sogar recht­ route von zentraler Bedeutung. Die we­ Umsetzung des Friedensabkommens,
hatten ihm ein Motorrad gekauft, so ter den Morden erkennen. Der zustän­ fertige. Zudem habe die Regierung nigen noch verbliebenen Familien, die prekäre Sicherheitslage der ehe­
dass er sich als Taxifahrer oder Bote et­ digen Staatsanwaltschaft zufolge sind bislang nur einen Bruchteil der im Frie­ die noch nicht geflüchtet sind, suchen maligen Kämpfer könne verheerende
was dazuverdienen konnte«, erzählt für drei Viertel der Taten illegale densabkommen vereinbarten Maß­ mittlerweile händeringend nach ei­ Auswirkungen auf die Verwirklichung
der Vater, der ein hochrangiger Farc- Gruppen verantwortlich, für mehr als nahmen und Reformen zum Schutz der nem neuen Grundstück, und sei es Hun­ des Abkommens haben.
Kommandeur war. Wer seinen Sohn tö­ die Hälfte davon eine der rund 32 be­ Kämpfer verwirklicht, so Camilo Fagua, derte Kilometer entfernt. Londoño sagt, ihn sorge vor allem die
tete, ist bislang unklar. »Wir tapsen, waffneten Dissidentengruppen, die sich Menschenrechtsanwalt der Farc-Partei. Die ermordeten ehemaligen Gueril­ Verzweiflung wegen der nicht enden
was die Motive betrifft, immer noch im von der Farc losgesagt haben und Er sagt: »Der Staat hat zugelassen, dass leros sind zu einer heiklen Angelegen­ wollenden Gewalt. »Das entmutigt die
Dunkeln. Von der Staatsanwaltschaft nach Angaben des Militärgeheimdiensts sich diese Gruppen in den von den Farc heit für die Regierung geworden. Von Menschen, sich weiter für den Frieden
habe ich bislang nichts gehört«, sagt mittlerweile rund 4 600 Mitglieder zurückgelassenen Gebieten organisie­ Frieden im Land kann schwerlich die einzusetzen«, meint er. Auf Arrieta trifft
Arrieta im Gespräch mit der Jungle zählen. Rechtskräftige Urteile gibt es bis­ ren konnten. Und das, obwohl es in die­ Rede sein, zumal in Anbetracht von das nicht zu, obwohl er seinen Sohn
World. Ein halbes Jahr ist seit dem Tod lang jedoch in nur rund fünf Prozent sen Gebieten eine starke Militärprä­ mehr als 500 ermordeten líderes socia- verloren hat. »Zu keinem Zeitpunkt ist
von Manuel González vergangen. Er der Fälle. senz gab.« les seit Abschluss des Friedensabkom­ mir durch den Kopf gegangen, alles
sollte nicht das letzte Opfer bleiben. Die Sicher ist, dass die ehemaligen Rebel­ Während die Behörden Erfolge für mens. Fast täglich gibt es Meldungen hinzuwerfen,« sagt er. Schließlich habe
aus der Farc hervorgegangene Partei len besonders in jenen ländlichen sich reklamieren und auf Festnahmen über Tote, Vertreibungen und Kämpfe. er als revolutionärer Kommunist ge­
Fuerza Alternativa Revolucionaria del ­Regionen gefährdet sind, in denen der und sogenannte Neutralisierungen Emilio Archila, der vom Präsidenten lernt, kohärent zu handeln. »Der Tod
Común (Alternative Revolutionäre Staat nur wenig präsent ist und illegale im Kampf gegen die bewaffneten Grup­ eingesetzte Kommissar für Stabilisie­ meines Sohnes hat mich nur darin
Kraft des Volkes) zählt 214 ehemalige Geschäfte, allen voran der Drogen­ pen verweisen, berichten Bewohner rung und Konsolidierung, sagte der ­bestätigt, weiter für den Frieden zu
Guerilleros, die nach der Unterzeich­ handel, eine wichtige Rolle spielen. Die der betroffenen Regionen von der Zu­ Jungle World, es sei wichtig, »das Thema kämpfen.«
nung des Friedensabkommens getötet große Mehrzahl der Morde findet dort sammenarbeit der Bewaffneten mit nicht zu politisieren. Unser gemein­

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