Sie sind auf Seite 1von 34

Roland Borgards / Marc Klesse / Alexander Kling (Hg.

Robinsons Tiere
RO M BAC H W I S S E N S C H A F T E N
R E I H E C U LT U R A L A N I M A L ST U D I E S

herausgegeben von Roland Borgards

Band 1
Roland Borgards / Marc Klesse / Alexander Kling (Hg.)

Robinsons Tiere
Auf dem Umschlag: Daniel Defoe: Aventures de Robinson Crusoé.
Traduction Nouvelle. Édition Illustrée par J.-J. Grandville. Paris 1840.
Internationale Jugendbibliothek, München H/4S 63400 TEMP 24105; und
Detail aus einem Stich von Vroni Schwegler.

Gedruckt mit der Unterstützung der


Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Internet über <http:/dnb.d-nb.de> abrufbar.
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

©
© 2016. Rombach Verlag
2016. Rombach Verlag KG,
KG, Freiburg
Freiburgi.Br./Berlin/Wien
i.Br./Berlin/Wien
1.
1. Auflage. Alle Rechte
Auflage. Alle Rechte vorbehalten
vorbehalten
Umschlag: Bärbel Engler,
Umschlag: Bärbel Engler, Rombach
RombachVerlag
VerlagKG,
KG,Freiburg
Freiburgi.Br./Berlin/Wien
i.Br./Wien/Berlin
Satz: Martin Janz, Freiburg i.Br.
Satz: Martin Janz, Freiburg i.Br.
Herstellung: Rombach
E-Book-Produktion: Druck-digitale
rombach und Verlagshaus
manufaktur,GmbH & Co.
Freiburg i.Br.KG,
Freiburg i.Br. (PDF): 978-3-7930-6041-3
E-Book-ISBN
Printed in Germany
ISBN 978-3-7930-9822-5
Besuchen Sie den Verlag im Internet: www.rombach-verlag.de
Inhalt

Robinsonaden

RO L A N D B O RGA R D S   /   M A RC K L E S S E   / 
AL E X A N D E R K L I N G
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

RO L A N D B O RGA R D S
Selkirks Tiere
Insel-Theriotopien bei Woodes Rogers (1712), Edward Cooke (1712)
und Richard Steele (1713) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

F R I E D R I C H BA L K E
Domestikation und Bestialisierung
Zur politischen Zoologie in Daniel Defoes The Life and Strange
Surprising Adventures of Robinson Crusoe (1719) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

I SA B E L K A R R E M A N N
Moderne mit und ohne Tiere
Daniel Defoes Farther Adventures of Robinson Crusoe (1719) . . . . . . . . . . . . . . 89

MA RC K L E S S E
Erziehung zur Anthropozentrik
Mensch und Tier in Joachim Heinrich Campes
Robinson der Jüngere (1779/80) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115

AL E X A N D E R K L I N G
Das Meckern der Ziegen
Zum kollektiven Handeln in Johann Karl Wezels
Robinson Krusoe (1779/1780) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149

F RE DE RI KE M I DDE LHOF F
»[U]nd da ich der Thiersprache nicht kundig bin, so hab’ ich
es ihnen wenigstens durch Zeichen ein Bischen andeuten wollen.«
Tier-Zeichen und Tier-Bezeichnungen in Johann David Wyß’
Der Schweizerische Robinson (1812-1827) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
B E N JA M I N B Ü H L E R
Die Insel als Simulationsraum im Zeitalter des Kapitalismus
Jules Vernes L’École des Robinsons (1882) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215

U LR I K E STA M M
Tiere in Hugo von Hofmannsthals Filmskript Daniel De Foe (1921) . . 233

SAB I N E N E S S E L
Die akusmatische Tierstimme in Luis Buñuels Film
The Adventures of Robinson Crusoe (1954) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251

S E BA ST I AN S C H Ö N B E C K
Zerrüttung, Einpassung, Verlebendigung
Das phantastische Prinzip der Tiere in Michel Tourniers
Vendredi ou les Limbes du Pacifique (1967) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269

J U LI KA G RI E M
Rätselhafte Menagerien auf schwankendem Grund
J.M. Coetzees Visiten auf Robinsons Insel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299

Abbildungsnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329

Illustrationen

Andreas Mieth / Hans-Rudolf Bork


Eine Insel der Ziegen . . . . . . . . . . . . . . . 35

Denise Reimann
Geräusch, Gebrüll . . . . . . . . . . . . . . . . . 53

Burkhardt Wolf
Katzen und Kannibalen . . . . . . . . . . . . 67

Lars Friedrich
Anigramme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81

Marcel Beyer
Wortvogel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93

Stefan Rieger
Abundanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
Marc Klesse
Grenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129

Sebastian Schönbeck
Unfortunate Dogs . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

Martina Wernli
Robinsons Feder . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153

Nicolas Pethes
Erschriebenes Leben . . . . . . . . . . . . . . . 167

Markus Wild
Anthropologische Differenz . . . . . . . . . . 181

Roland Borgards
Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191

Marcel Beyer
Sprachunterricht . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203

Virginia Richter
Souveränität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219

Jessica Ullrich
Cum Panis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229

Katja Kynast
Schlaf I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237

Dietmar Schmidt
Schlaf II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247

Alexander Kling
Animalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265

Gesine Krüger
Der Andere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273

Friedrich Balke
Interieur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285

Heinrich Detering
Tanzstunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303

Armin Schäfer
Letzte Etappe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315
ROLAND BORGARDS / MARC KLESSE / ALEXANDER KLING

Einleitung

»I«1 – mit einem aufgerichteten Strich, einem zum bedeutungstragenden


Wort verdichteten Buchstaben eröffnet Daniel Defoe den Mythos von Ro-
binson Crusoe. Dass diese Eröffnung mit der Deixis des Personalpronomens,
erste Person Singular, erfolgt, verweist auf die für den Robinson-Mythos
zentrale Bedeutung eines Subjekts, das sich in der setzenden Selbstaussage
des »I« als vereinzelt und einzigartig präsentiert. Auch der Titel des Romans
markiert dies: Es geht um das Leben von Robinson Crusoe, »Who lived
Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island […]. Having been
cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself.«2 Der
Schiffbruch und die mit diesem einhergehende Vereinzelung auf einer un-
bewohnten Insel bilden im Sinne von Hans Blumenberg den mythischen
Kern des Robinson-Stoffes.3 In der Forschung wurde dementsprechend der
Vereinzelung eine konstitutive Funktion zugesprochen: Der moderne Ro-
man, so Ian Watt, kann »sein Studium der personalen Beziehungen des
Menschen erst beginnen, nachdem ›Robinson Crusoe‹ eine Einsamkeit
offenbar gemacht hatte, die nach jenen Beziehungen rief.«4 Zurückübertra-
gen auf das »I« des Romanbeginns folgt daraus, dass dieses nicht nur den
Robinson-Mythos eröffnet, sondern es auch den modernen Roman in einem
doppelten Sinn begründet.
Im Graphem »I« schlägt sich die Vereinzelung nieder in Form eines Striches,
der in seiner Singularität von allen sich anlagernden Schlacken befreit zu
sein scheint. Fragt man aber nach der Referenz des deiktischen Zeichens

1
Daniel Defoe: Robinson Crusoe. Edited with an Introduction and Notes by John Richetti.
London 2001, S. 5.
2
Ebd., S. 1. Unsere Hervorhebungen.
3
Nach Hans Blumenberg: Arbeit Am Mythos. Frankfurt am Main 2006, S. 40, sind My-
then »Geschichten von hochgradiger Beständigkeit ihres narrativen Kerns und ebenso
ausgeprägter marginaler Variationsfähigkeit.«
4
Ian Watt: Robinson Crusoe. Individualismus und der moderne Roman. In: Ders.: Der
bürgerliche Roman. Aufstieg einer Gattung. Defoe – Richardson – Fielding. Aus dem
Englischen von Kurt Wölfel. Frankfurt am Main 1974, S. 67-105, hier S. 105.
10 Roland Borgards / Marc Klesse / Alexander Kling

»I«, so ist diese nicht in einem vereinzelten Subjekt zu suchen, sondern in


dessen narrativer Entfaltung. »Wer jemand ist oder war«, so Hannah A­ rendt,
»können wir nur erfahren, wenn wir die Geschichte hören, deren Held
er selbst ist, also seine Biographie.«5 Paradoxerweise geht das eröffnende
und begründende »I« nicht der Erzählung voraus, vielmehr ist es selbst ein
Effekt des Erzählens und des Erzählten. »Sprechen und Handeln« – oder:
Erzählen und Erzähltes – sind nach Hannah Arendt die »Modi« für das
»aktive In-Erscheinung-Treten eines grundsätzlich einzigartigen Wesens«,
wobei »Einzigartigkeit« für Arendt im Unterschied zur Verschiedenheit allein
dem Menschen und keiner anderen Entität – seien es Dinge oder Tiere –
zukommt.6
Auch im Fall von Robinsons »I« sind das Erzählen und das Erzählte durch
die »Initiative«7 oder den Willen gekennzeichnet, das vereinzelte und ein-
zigartige Subjekt zum Vorschein zu bringen. Dieser entschiedene Wille wird
durch nichts deutlicher, als durch die der Vereinzelung und der Einzigartig-
keit entgegenstehenden Bedrohungen: Robinsons Angstphantasma ist das
der Indifferenz von Welt und Subjekt; permanent fürchtet er sich davor,
von seiner Umwelt – vom Meer, von Erdbeben, von wilden Tieren oder
Kannibalen – verschluckt zu werden und so die eigene Einzigartigkeit zu
verlieren.8 Zur Abwehr dieser realen oder imaginierten Bedrohungen be-
ginnt Robinson nach dem Schiffbruch seinerseits damit, sich seine Umwelt
in Form von Dingen, Pflanzen, Tieren und schließlich dem Kannibalen Fri-
day anzueignen und einzuverleiben.9 All diese Entitäten werden damit zum
funktionalen Bestandteil von Robinsons Selbst, noch die Religion dient ihm
dazu, die eigene Lebensgeschichte mit Sinn auszustatten. Für das autobio-
graphische »I« des Romanbeginns gilt damit das Gleiche, was Bruno Latour
allgemein für die Moderne festgestellt hat: Wie die Moderne, die Defoes
Roman mitbegründet, geht auch das »I« aus »der gemeinsamen Schöpfung
aller drei – Menschen, andere Wesen, gesperrter Gott – hervor, sodann aus
der Kaschierung dieser gemeinsamen Geburt und ihrer getrennten Behand-

5
Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München 2002, S. 231.
6
Ebd., S. 214.
7
Ebd.
8
Vgl. zu Robinsons »great phantasm« Jacques Derrida: The Beast & the Sovereign. Volume
II. Chicago, London 2011, S. 77 sowie S. 138f.
9
Vgl. zu diesem wechselseitigen Kampf um Einverleibung Rodolphe Gasché: Of Goats,
Caves, and Cannibals. Defoe’s Robinson Crusoe. In: Annette Keck u.a. (Hg.): Verschlun-
gene Grenzen. Anthropologie in Literatur und Kulturwissenschaften. Tübingen 1999,
S. 33-53.
Einleitung 11

lung. Unter der Oberfläche breiten sich jedoch die Mischwesen immer weiter
aus, und zwar als Folge der getrennten Behandlung.«10 Latour beschreibt
die Moderne anhand von zwei gegenläufigen Prozessen: Auf der Oberflä-
che wird eine »Reinigungsarbeit« durchgeführt, mit der menschliche und
nicht-menschliche Wesen voneinander getrennt und den Polen von Kultur-
Natur, Subjekt-Objekt zugeordnet werden. Unterhalb dieser Oberfläche aber
kommt es zu permanenten Vermischungen dieser getrennten Bereiche – es
bilden sich Hybride, die auch den Menschen selbst betreffen: »Im Mensch-
lichen«, so Latour, »kreuzen sich Technomorphismen, Zoomorphismen,
Physiomorphismen, Ideomorphismen, Theomorphismen, Soziomorphis-
men, Psychomorphismen. Ihre Allianzen und ihr Austausch definieren alle
zusammen den anthropos.«11
Der hybride Morphismus, wie ihn Latour allgemein für den Menschen
beschreibt, gilt für den anthropos Robinson im Besonderen. Auch dieser ist
durch einen hybriden Morphismus geprägt, der aber – in der nach La-
tour für die Moderne typischen Bewegung – als solcher unkenntlich ge-
macht wird: Das auf die Erzählung der eigenen Geschichte verweisende »I«
formiert sich durch das Zusammenspiel verschiedener menschlicher und
nicht-menschlicher Entitäten; insofern das »I« sich aber diese verschiede-
nen Entitäten einverleibt und hierarchisch unterordnet, bringt es sie zum
Verschwinden – die nicht-menschlichen Entitäten werden zum stummen
und passiven Hintergrund, zur Diegese,12 von der sich das vereinzelte und
einzigartige menschliche Subjekt im Sprechen und Handeln abhebt. Für
unseren Sammelband stellt sich damit die Aufgabe, die Spuren der vorge-
nommenen »Reinigungsarbeit« zu verfolgen, um so im insular abgegrenzten
Experimentierfeld des Robinson-Universums anhand der Tiere, die ähnlich
wie der Schiffsbruch und die Insel zum Kern des Robinson-Mythos gehören,
die konstitutive Kraft nicht-menschlicher Wesen für kulturelle und literari-
sche Ordnungen zu erkunden.

10
Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropo-
logie. Aus dem Französischen von Gustav Roßler. Frankfurt am Main 2008, S. 22.
11
Ebd., S. 182.
12
Zur Unterscheidung von Diegese und Handlung vgl. Gérard Genette: Palimpseste. Die
Literatur zweiter Stufe. Aus dem Französischen von Wolfram Bayer und Dieter Hornig.
Frankfurt am Main 1993, S. 404f.
12 Roland Borgards / Marc Klesse / Alexander Kling

II

In einem von Grandville stammenden Frontispiz zu einer französischen


Ausgabe von Defoes Roman aus dem Jahr 1840 (vgl. Abb. 1) wird sowohl
Robinsons hybrider Morphismus als auch die Einverleibung und hierar-
chische Anordnung menschlicher und nicht-menschlicher Wesen in Szene
gesetzt. Das Bild zeigt eine monumentale Statue, die in ihrer phallischen Auf-
richtung an das »I« des Romanbeginns erinnert. Die »Aufrichtung (érection)«
ist, so Derrida, ein »Merkmal der Menschwerdung« und zugleich Ausdruck
einer Macht- und Herrschaftsbeziehung über die Tiere.13 Grandvilles Statue
setzt Robinson an die Spitze; zusammen mit dem im Sitzen ruhig gestellten
Körper, der eine thronende Haltung einnimmt, markiert der in die Ferne ge-
hende Blick eine gespannte Aufmerksamkeit und eine Potenz zum Handeln,
die jederzeit in den Akt übergehen kann – Robinson, so führt die Statue vor,
ist im wörtlichen Sinn eine souveräne Figur, ein herausragender, vereinzelter
und einzigartiger Gründungsheros.
Liest man nun die Statue von oben nach unten, dann kommen nach dem
menschlichen Gesicht Robinsons als erstes seine Hände – die Instrumente
des Homo Faber – in den Blick, in denen er ein technisches und ein mediales
Artefakt hält: ein Gewehr und ein Buch. Das Gewehr (wie auch das weiter
unten zu sehende Beil) steht für ein gewaltsames Handeln und damit für
eine zur Kolonialisierung der Insel notwendige Kulturtechnik; komplemen-
tär dazu erscheint das Buch als Ausdruck des Geistes und der Sprache.
Darüber, welches Buch Robinson in den Händen hält, lässt sich nur speku-
lieren. Denkbar sind – in Verbindung mit dem Roman – sowohl die Bibel
als auch Robinsons Tagebuch. Beiden Büchern ist gemeinsam, dass mit
ihnen ein Sinnzusammenhang angezeigt wird: Vertikal verweist die Bibel
auf die über der Lebensgeschichte waltende Providenz, horizontal verweist
das Tagebuch auf die Kohärenz der lebensgeschichtlichen Ereignisse. Ro-
binson, das veranschaulichen Gewehr und Buch, ist ein »Prothesengott«,14
seine kulturschaffende Handlungskraft ist ohne Technik und Medien weder
herstellbar noch erzählbar.

13
Vgl. Jacques Derrida: Das Tier, das ich also bin. Aus dem Französischen von Markus
Sedlaczek. Wien 2010, S. 97.
14
Der Begriff »Prothesengott« geht zurück auf Sigmund Freud: Das Unbehagen in der
Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften. Einleitung von Alfred Lorenzer und
Bernard Görlich. Frankfurt am Main 1994, S. 57.
Abb. 1
14 Roland Borgards / Marc Klesse / Alexander Kling

Leicht nach außen versetzt kommen nach den kulturellen Artefakten Ge-
wehr und Buch als zweites mit dem Papagei auf der linken und dem Hund
auf der rechten Seite die Tiere zum Vorschein. Die Auswahl und die An-
ordnung der beiden Tiere auf der Statue sind kein Zufall, sondern entspre-
chen einer von Defoe geprägten und in vielen Bearbeitungen wiederholten
Romanpassage, in der Robinson eine hybride Tischgemeinschaft sowie de-
ren hierarchisches Gefüge beschreibt: Robinson selbst ist die Majestät, »the
prince and lord of the whole island«, ausgestattet mit einem »absolute com-
mand« sowie dem Recht, über Leben und Tod seiner tierischen Untertanen
zu verfügen. Als die ihm am nächsten stehenden Untertanen und damit die
engsten Vertrauten werden Papagei und Hund genannt:

Then to see how like a King I din’d too all alone, attended by my servants, Poll,
as if he had been my favourite, was the only person permitted to talk to me. My
dog who was now grown very old and crazy, and had found no species to multiply
his kind upon, sat always at my right hand.15

In aller Deutlichkeit veranschaulicht die Passage der Tischgemeinschaft wie


auch die Statue sowohl die enge Verbundenheit von Robinson mit seinen
animalischen companions als auch das hierarchische Gefälle dieses hybriden
Kollektivs. Auffällig ist weiterhin, dass die Statue auch eine Bezogenheit
zwischen den Tieren als natürlichen Wesen auf der einen, den kulturellen
Artefakten auf der anderen Seite mittels einer chiastischen Anordnung in
Szene setzt: Zum einen verweist der mit Sprache begabte Papagei auf das
Sprach- und Schriftmedium des Buches; zum anderen entspricht der für die
Kultur- und Zivilisationsgeschichte des Menschen eminent wichtige Hund
dem Gewehr, zumal beide auch in einer Kulturtechnik zusammenkommen –
der Jagd.
Die mit der wechselseitigen Bezogenheit des Papageis zum Buch und des
Hundes zum Gewehr inszenierte Nähe von Natur und Kultur ist schließ-
lich noch anhand eines dritten Tieres ablesbar: Robinson trägt Ziegenfell-
kleidung und damit eine Mischung aus tierischer Natur und menschlicher
Kultur. Diese Kleidung wirkt wie ein Vexierbild, das – je nach Perspektive –
entweder eine hierarchische Anordnung oder einen hybriden Morphismus
menschlicher und nicht-menschlicher Wesen zeigt: Entsprechend eines Tech-
nomorphismus hält sich Robinson die zu kulturellen Dingen umgeschaffenen

15
Daniel Defoe: Robinson Crusoe, S. 118.
Einleitung 15

Tiere vom Leib; entsprechend eines Zoomorphismus aber sind die Tiere
unmittelbar mit Robinsons Leben verwoben.16
So monumental wie die tierbegleitete Robinson-Figur selbst ist der Sockel,
auf dem sie ruht. Auch dieser Sockel ist figürlich ausgestaltet: Sein oberer
Sims wird von zwei Ziegenköpfen und einem menschlichen, vielleicht einen
indigenen ›Wilden‹ darstellenden Kopf gestützt; in der Mitte prangt ein
großes Medaillon, auf dem als Halbrelief im Profil Friday zu sehen ist; auf
dem unteren Sims liegen Pfeil und Bogen. Das Verhältnis zwischen Figur
und Sockel ist von einer offensichtlichen Hierarchie bestimmt: Oben thront
Robinson, unter seinen Füßen finden sich die Inselbewohner. Diese Hierar-
chie wiederholt sich in der Zuordnung der Waffen: oben bei Robinson das
Gewehr, unten bei Friday Pfeil und Bogen. Und sie wiederholt sich in den
Tieren: oben Papagei und Hund, in eindeutiger Zuordnung dazu unten die
beiden Ziegenköpfe. Während sich mit Papagei und Hund als Sprechbeglei-
ter und Jagdhelfer ein unausgesprochenes Tötungstabu verbindet, dienen die
Ziegen als ›tötbares‹ Material zur Fleisch- und Fellversorgung. Entsprechend
werden Papagei und Hund wie Robinson selbst als lebendige und unver-
sehrte Lebewesen dargestellt, während die vom Rumpf getrennten Köpfe
der Ziegen wie Jagdtrophäen am Sockel angebracht zu sein scheinen. In der
hierarchisierenden Unterscheidung von Figur und Sockel wird so deutlich,
wie der Kulturheros Robinson eine hierarchisierende Differenzierung in
die Inselfauna einbringt: Unter der Kulturherrschaft Robinsons hat Glück,
wer ein Papagei oder ein Hund ist, und Pech, wer als Ziege geboren wurde.
Bezeichnenderweise teilt Friday mit den Ziegen nicht nur die Platzierung
auf dem Sockel, sondern auch den Verlust seines Körpers. Damit rückt
Fridays Kopf in eine beunruhigende Nähe zu den an Jagdtrophäen erin-
nernden Köpfen der Ziegen: Wie die Ziegen, so ist auch Friday eine Beute
Robinsons; so absolut wie Robinsons Verfügungsgewalt über diese Tiere, so
uneingeschränkt herrscht Robinson auch über Friday. Angezeigt ist damit
die vom Roman vielfach durchgespielte Analogie und wechselseitige Legiti-
mation zweier Herrschaftsverhältnisse: der anthropozentrischen Herrschaft
des Menschen über die Tiere und der eurozentrischen Herrschaft der Ko-
lonisatoren über die Kolonisierten. In diesen Zusammenhang gehört auch
der Kontrast zwischen der grotesk anmutenden Menschenfratze und dem
Porträt Fridays, das als ein künstlerisch gestaltetes Artefakt, als elegantes
Medaillon im Seitenprofil auf den Kultivierungserfolg Robinsons verweist,

16
Vgl. zu Nacktheit und Kleidung im Kontext der anthropologischen Differenz Jacques
Derrida: Das Tier, das ich also bin, S. 17-23.
16 Roland Borgards / Marc Klesse / Alexander Kling

der aus einem ›wilden Kannibalen‹ durch Erziehung und Kultivierung einen
zivilisierten Menschen gemacht hat.
Nun mag die Hierarchie von Figur und Sockel zwar offensichtlich gestaltet
sein und sich in der Unterordnung der Ziegen unter Papagei und Hund
wiederholen. Aber dennoch sind es gerade die Ziegen, die eine Unruhe
in das mächtige Ordnungsgefüge bringen. Denn die Ziegen sind – auf der
Ebene der Bildkomposition der Statue – die einzigen Lebewesen, die auf
beiden Seiten der Unterscheidung zwischen Figur und Sockel zu sehen sind:
am Sockel ihre Köpfe, an der Figur Robinsons ihr Fell. Damit werden die
Ziegen zur eigentümlichen Zwillingsgestalt Robinsons: So wie Robinson
seine Herrschaft über die ganze Insel und alle ihre Bewohner – über Papagei,
Hund, Ziegen und Friday – ausbreitet, verteilen sich auch die Körper der
Ziegen über die Inselbewohner. Sichtbar macht das die Statue mit dem Fell,
das sich um Robinson schmiegt. Mitzudenken ist dabei der ganze Ziegen-
körper: ihr Fleisch, ihre Milch, ihre Därme, ihre Knochen. Das aufgerichtete
»I« Robinsons senkt sich als Herrschaftsgeste in möglichst alle Lebewesen
der Insel; und in einem vergleichbaren Maß verteilen sich die Körper der
Ziegen bis auf die Haut und in die Mägen von Robinson und Friday. Deut-
lich wird damit, dass der Sockel nicht nur etwas darstellt, über das Robin-
son herrscht, sondern auch etwas, auf dem er ruht: Die Ziegen sind nicht
nur Objekt seiner Herrschaft, sie sind auch ihre Möglichkeitsbedingung. In
diesem Sinn ergibt sich für die Statue – und für den Roman sowie mit ihm
für das ganze an den Roman anschließende Robinson-Universum – von
den Tieren her eine alternative Lesart: Das »I« ist nicht voraussetzungsloser
Ursprung menschlich-europäischer Kultur, sondern hat sein empirisches
Apriori in den Tieren, von denen es umgeben ist.
Am Fuße der kolossalen Statue stehen Sonntagsspaziergänger. Ein Famili-
envater weist mit ausgestrecktem Arm auf das Monument; sein hoch erho-
bener Zylinder reicht kaum zum unteren Sims des Sockels, so groß ist das
Vorbild und so winzig seine Nachkommen. Diese Nachkommen haben das
Zivilisierungswerk, das Robinson begonnen hat, weitergeführt; die Männer
tragen Frack, die Frauen Kleider, das Mädchenhaar ist zum Zopf gebunden,
elegante Hüte und ein fein gewobener Schirm schützen vor der Sonne. Es
sind dies Figuren der historisierenden Reflexion, der Rückwendung auf die
eigene Herkunft. In dieser reflexiven Wendung werden zwei Geschichten, die
eigentlich ein sehr unterschiedliches Tempo haben, aufeinander projiziert:
die Menschheitsgeschichte und die Kolonialgeschichte. Beide Geschichten
sind in der Statue präsent; und beide werden sie als die Geschichte der
Durchsetzung von Herrschaftsansprüchen erzählt. Der Mensch beherrscht
Einleitung 17

die Natur; der Europäer beherrscht die Welt. Robinson wird in der Statue
zur Instanz erhoben, die beides miteinander verbindet: Er beherrscht die
Natur und die Welt.
Auffällig ist, dass die Sonntagsspaziergänger in drei Gruppen zerfallen. Die
erste Gruppe steht bewundernd vor dem Monument. Die zweite Gruppe
links daneben blickt zwar noch zum Bildnis Robinsons, hat sich aber bereits
auf dem Boden niedergelassen. Die dritte Gruppe am linken Bildrand sitzt
ebenfalls, allerdings sind diese Figuren offenbar in ein Gespräch vertieft; man
befasst sich mit seinen eigenen Geschäften. Die drei Gruppen lassen sich
als verschiedene Möglichkeiten lesen, sich gegenüber dem monumentalen
Robinson zu positionieren.
Die erste Gruppe scheint sich der enormen Leistung, die Robinsons Zivilisie-
rungswerk darstellt, offenbar durchaus bewusst. Robinson stellt für sie den
(Gründungs-)Vater ihrer eigenen zivilisierten Gegenwart dar und verdient
gerade deshalb Bewunderung. Die unübersehbar didaktisch anmutende Ges-
te des Familienvaters impliziert darüber hinaus die Aufforderung, Robinson
nicht nur zu bewundern, sondern auch nachzuahmen. Ganz entsprechend
ist Defoes Robinson Crusoe rezeptionsgeschichtlich bereits von Jean-Jacques
Rousseau als Lehrstück der Pädagogik gedeutet worden.17
Die zweite Gruppe nimmt das Monument zur Kenntnis, allerdings ohne
Bewunderung oder gar Anbetung. Sie kennt die Geschichte Robinsons,
akzeptiert auch deren Bedeutung für die eigene Gegenwart, betrachtet
die Szenerie aber doch in bequem zurückgelehnter Haltung. Rezeptions-
geschichtlich verweist diese Haltung auf die in Defoes Vorlage gleichfalls
angelegte Möglichkeit, die Robinson-Geschichte auf eine unterhaltsame und
spannende Abenteuergeschichte zu reduzieren.
Auch die dritte Gruppe wirkt zivilisiert und kultiviert, ist aber nicht sonder-
lich von dem Monument eingenommen. Zweifelsohne haben auch sie das
Zivilisierungswerk Robinsons fortgeführt, allerdings beziehen sie sich nicht
mehr offensiv auf ihren Gründungsheros. Für sie ist die von Kultiviertheit
geprägte Existenz so selbstverständlich geworden, dass ihr Ursprung aus
einem robinsonesken Behauptungskampf gegen die wilde Natur ins Verges-
sene abgesunken ist. Man ergeht sich in sonntäglichem Müßiggang, ohne
den eigenen Status (und den Weg dorthin) zu reflektieren oder ihn gar mit
Robinsons Geschichte in Zusammenhang zu bringen – eine Geschichte, die

17
Vgl. Jean-Jacques Rousseau: Emil oder Über die Erziehung (1762). Vollst. Ausg. in neuer
dt. Fassung besorgt v. Ludwig Schmidts. 13. unveränd. Aufl. Paderborn/München/Wien/
Zürich 1998, S. 179ff.
18 Roland Borgards / Marc Klesse / Alexander Kling

auch die eigene Herkunft und Entwicklung einschließt. Rezeptionsgeschicht-


lich steht diese Gruppe für all jene sporadischen und beiläufigen Robinson-
Konsumenten, die nicht wissen, was sie da konsumieren: die Erzählung ihrer
eigenen Herkunft, ihrer eigenen Aufrichtung, ihres eigenen »I«.

III

Grandvilles Komposition lässt keinen Zweifel daran, dass Robinson für


ihn und seine Zeitgenossen im 19. Jahrhundert längst sehr viel mehr ist
als der Titelheld eines bestimmten Romans: Er ist eine populäre Kultfigur
monumentaler Größe, in der die Europäer die Kultivierungsgeschichte des
Abendlandes, die Autonomie des neuzeitlichen Subjekts und die europäische
Eroberung der Welt bewundern – und damit in letzter Instanz sich selbst.
Als Selbstsetzung des abendländisch-neuzeitlichen Subjekts – und als Selbst-
beobachtung dieses Setzungsprozesses – ist Defoes Robinson Crusoe und die
daran anschließende, in der Moderne und Postmoderne immer reflexiver
werdende Literatur- und Mediengeschichte der Robinsonaden schon vielfach
gedeutet worden. Doch geht es den meisten dieser Deutungen genau so
wie den Reflexionsfiguren auf Grandvilles Illustration: Sie haben die Tiere
vergessen. Ganz allein stehen und sitzen die Sonntagsspaziergänger vor der
Statue; nicht einmal ein Hund begleitet sie. An diesem Versäumnis setzt der
hier vorliegende Band an.
Gerade zu Defoes Roman liegt eine kaum zu überblickende Fülle an For-
schungsliteratur vor, die mit Ausnahme einiger neuerer Arbeiten einen von
Susan McHugh beschriebenen, allgemein für die Literaturwissenschaft ty-
pischen Zaubertrick vollführt: »Reading animals as metaphors, always as
figures of and for the human, is a process that likewise ends with the human
alone on the stage. Now you see the animal in the text, now you don’t.«18 Die
literaturwissenschaftliche Forschung vollzieht mit dem »disappearing animal
trick«19 eine ähnliche Bewegung wie Robinson mit seiner Selbstsetzung des
»I« – in einer Parallelbewegung lassen beide, Roman und Literaturwissen-
schaft, einerseits das menschliche Subjekt im Scheinwerferlicht der Bühne

18
Susan McHugh: Animal Farm’s Lessons for Literary (and) Animal Studies. In: Humani-
malia. A journal of human/animal interface studies. Volume 1/1 (2009).
http://www.depauw.edu/humanimalia/issue01/pdfs/Susan%20McHugh.pdf (Zugriff:
02.03.2015).
19
Ebd.
Einleitung 19

erscheinen, andererseits werden die Tiere, die dieses Erscheinen ermöglichen


und figurieren, in den Raum des Offstage vertrieben. Es ist also nicht so, dass
die Tiere in der Forschung keine Berücksichtigung finden, doch bleiben sie
dabei stets marginale Figuren, die nicht für sich selbst, sondern grundsätzlich
für etwas anderes stehen. Ein Blick auf die Hauptströmungen der Forschung
zu Defoes Roman bestätigt dies.
Insbesondere Ian Watt hat Robinson als mythische Figur der anbrechen-
den Moderne ausgewiesen. Robinsons »ökonomische[r] Individualismus«20
sei durch einen Utilitarismus geprägt, der als solcher zu einer realistischen
Erzählweise führe. Damit einher gehe eine »Ausklammerung des Nicht-
Natürlichen«21 und, so Robert Weimann in Anschluss an Watt, eine Erwe-
ckung der »Dinge in ihrer sinnlich-praktischen Materialität.«22 Die Befunde
von Watt und Weimann legen zunächst eine Bereinigung des Erzählten von
einem etwa für den Barockroman typischen Zeichenballast nahe. Die Dinge
der Natur im Allgemeinen und die Tiere im Besonderen sind, so scheint es,
keine allegorischen Figuren mehr, sondern stehen für sich selbst. Allerdings
wird dann von Watt und Weimann umgehend wieder eine Zeichenhaftigkeit
veranschlagt: Zwar verfügen die Tiere nicht über eine vorgegebene allegori-
sche Bedeutung, doch erhalten sie diese durch die an ihnen vollzogenen Kul-
turtechniken – sie werden zum »Ausdruck von Robinsons Persönlichkeit«.23
Zugleich werden sie dem allgemeinen Feld der Natur zugeordnet und so zu
austauschbaren Gegenständen gemacht, an denen das menschliche Subjekt
seine Handlungsmacht veranschaulicht.
Forschungspositionen, die wie Watt und Weimann in Robinson Crusoe den
ersten modernen und realistischen Roman erkennen, sind nicht unwider-
sprochen geblieben. So betont J. Paul Hunter die tiefe Verankerung des
Textes in der Tradition des puritanischen Schrifttums.24 Was bei Watt und
Weimann als Selbsterhaltung, Zivilisierung und Welterschaffung erscheint,
ist, so Hunter, im Kontext des puritanischen Schrifttums nichts anderes als
ein Zeichenensemble für Robinsons Sündenfall der Rebellion gegen den
Vater sowie die sich daran anschließende Bekehrung. Die Entwilderung der
Insel, wie sie sich paradigmatisch an der Zähmung der Ziegen zeigt, versinn-

20
Ian Watt: Robinson Crusoe, S. 69.
21
Ebd., S. 94.
22
Robert Weimann: Defoe. Robinson Crusoe. In: Franz K. Stanzel (Hg.): Der englische
Roman. Vom Mittelalter zur Moderne. Düsseldorf 1969, S. 108-143, hier S. 121.
23
Ebd., S. 123.
24
Vgl. J. Paul Hunter: The Reluctant Pilgrim. Defoe’s Emblematic Method and Quest for
Form in Robinson Crusoe. Baltimore 1966.
20 Roland Borgards / Marc Klesse / Alexander Kling

bildlicht dementsprechend die Entwilderung von Robinsons Herzen.25 Sämt-


liche Tiere – sowohl die der Insel als auch die Löwen und Leoparden der
Afrikaepisode vor und die Wölfe und der Bär der Pyrenäenepisode nach dem
Inselaufenthalt – stehen für einen Kampf zwischen Gut und Böse, Gott und
Teufel: »The beasts subdued by Crusoe are standard biblical symbols of evil,
forces which God’s elect (lambs) must overcome during their pilgrimage.«26
Bei allen Unterschieden ist den beiden zentralen Forschungspositionen zu
Robinson Crusoe gemeinsam, dass sie den Tieren einen Zeichenwert entweder
für die welterschaffende Kraft des Menschen oder aber für seine spirituelle
Schuld und Sühne zuweisen – wenn es um Tiere geht, geht es nicht um Tiere.
Ähnliches ist zu beobachten im Fall einer weiteren Forschungsrichtung, die
sich auf eine politische Lektüre des Textes fokussiert, etwa wenn Manuel
Schonhorn Robinsons Selbstbeschreibung als absoluter Monarch über sei-
nen Tierstaat auf die Kontroversen der englischen Politik in Hinsicht auf
die Machtbefugnisse von König und Parlament zurückführt.27 Ein analoges
Argumentationsmuster ist bei Susanne Schuster zu erkennen, wenn sie zum
einen mit Blick auf Robinsons Selbstbeschreibung als absoluter Monarch
feststellt, dass diese durch die »tierischen Untertanen […] radikal ironisiert
wird«, und sie zum anderen diese ganze Szene als einen »Spiegelort« aus-
weist, der »ein bezeichnendes Licht auf die real existierenden königlichen
Höfe [wirft].«28 Wie die Positionen von Watt, Weimann und Hunter sind
damit auch die Positionen von Schonhorn und Schuster Beispiele für den
von McHugh beschriebenen Zaubertrick der Literaturwissenschaft – »Now
you see the animal in the text, now you don’t.«
Doch der Roman lässt auch eine Lektüre gegen den Strich eines anthropo-
zentrischen und eurozentrischen Sinngefüges zu. Einen maßgeblichen An-
stoß stellen hierbei Arbeiten aus dem Bereich der Postcolonial Studies dar, die
weniger darauf abzielen, Robinson nach dem Muster Grandvilles als einen
Kulturheros an der Spitze eines hierarchischen Ordnungsgefüges auszustel-
len, als darauf, die Techniken und Verfahren aufzudecken, mit denen er zu
einem solchen wird. So thematisieren die Postcolonial Studies etwa die Frage,
wer wen konsumiert: »Crusoe must seperate from the savage-animal world
that can eat him up. If there is to be an eating chain, he must be the one

25
Vgl. ebd., S. 171-175.
26
Ebd., S. 198.
27
Manuel Schonhorn: Defoe’s Politics. Parliament, Power, Kingship and Robinson Crusoe.
Cambridge 1991, S. 147f.
28
Susanne Schuster: Narrative Politik. Untersuchungen zur politischen Lektüre von Daniel
Defoes Robinson Crusoe Trilogie. Würzburg 2000, S. 170f.
Einleitung 21

ordering it. For not to order it is to become consumed.«29 Die Stabilisierung


der anthropologischen Differenz erscheint aus dieser Perspektive als eine
Ordnungstechnik, die zum einen das europäisch-humane Subjekt vor dem
Rückfall in eine Animalität schützt und die es zum anderen erlaubt, die eu-
ropäische Humanität in die nicht-europäische, nicht-zivilisierte und – aus der
Perspektive des Romans – somit auch nicht-humane Umwelt einzuprägen.
Gerade in Hinsicht auf die Erziehung Fridays ist auffällig, dass sich sein
Umgang mit Tieren in Folge seiner Kolonialisierung grundlegend verändert,
wie beispielsweise seine Ernährungspraxis oder sein finaler Kampf mit dem
Bären zeigen. Friday ist, so Gayatri Chakravorty Spivak, auf dem Weg »out
of the margin«30 – und dieser Weg von der Peripherie zum Zentrum verläuft
über die Tiere.
Damit ergibt sich über die Figur Fridays ein Konnex zwischen Postcolonial
Studies und Animal Studies. Insbesondere das Forschungsinteresse an den Tie-
ren hat in den letzten Jahren zugenommen: Alex Mackintosh geht der Frage
nach der Verbindung von Kannibalismus und Tierschlachtung nach;31 in
Anschluss an Derrida, der im Kontext seiner zoopolitisch ausgerichteten
Seminare bereits Defoes Roman anhand einer Parallellektüre mit Martin
Heideggers Tierphilosophie von den Tieren her in den Blick genommen
hat,32 thematisiert R. John Williams die Tierpassagen des Romans in Zu-
sammenhang mit einer von Robinson verkörperten Souveränität;33 Philip
Armstrong schließlich weist anhand des Romans nach, wie überhaupt die
Kolonialisierung der Neuen Welt auf entscheidende Weise auf den Import
und die Ansiedlung von Tieren angewiesen war.34

29
Carol Houlihan Flynn: The Body in Swift and Defoe. Cambridge u.a. 1990, S. 154.
30
Gayatri Chakravorty Spivak: A Critique of Postcolonial Reason. Toward a History of the
Vanishing Present. Cambridge 1999, S. 187.
31
Vgl. Alex Mackintosh: Crusoe’s abattoir. Cannibalism and animal slaughter in Robinson
Crusoe. In: Critical Quarterly 53/3 (2011), S. 24-42.
32
Vgl. Jacques Derrida: The Beast & the Sovereign. Volume II.
33
R. John Williams: Naked Creatures. Robinson Crusoe, The Beast, and The Sovereign.
In: Comparative Critical Studies 2/3 (2005), S. 337-348.
34
Philip Armstrong: What Animals Mean in the Fiction of Modernity. London/New York
2007, S. 5-48.
22 Roland Borgards / Marc Klesse / Alexander Kling

IV

Folgt man diesen Forschungen, dann sind wie Friday auch die Tiere immer-
hin schon auf dem Weg »out of the margin«. Der hier vorliegende Band geht
diesen Weg weiter. Er wendet sich also keinem unbekannten Material zu, an
dem er eine etablierte These erprobt, sondern zielt umgekehrt darauf, eine
kanonisierte Textgruppe in das Licht einer neuen Forschungsperspektive
zu rücken. Die Auswahl der analysierten Texte ist deshalb weder völlig
überraschend noch absolut zwingend. Sie beginnt mit dem ersten Bericht
über den auf einer einsamen Insel ausgesetzten Alexander Selkirk in Woo-
des Rogers A Cruising Voyage Round the World (1712), den »Man cloth’d in
Goat-Skins«,35 der das tierumhüllte historische Urbild aller Robinsonfiguren
abgibt, präsentiert die beiden genrebegründenden Texte von Daniel Defoe,
The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe (1719) und The
Farther Adventures of Robinson Crusoe (1719), widmet sich dann den spätauf-
klärerischen, mal von misogynem Skeptizismus, mal von pädagogischem
Optimismus geprägten Fassungen in Johann Carl Wezels Robinson Krusoe
(1779/1780), Joachim Heinrich Campes Robinson der Jüngere (1779/1780) und
Johann David Wyß’ Der Schweizerische Robinson (1812), streift die französische
Rezeption in Jules Vernes L’École des Robinsons (1882), berührt das Medium
des Films mit Hugo von Hofmannsthals Defoe. Entwurf zu einem Film (1922)
und Luis Buñuels The Adventures of Robinson Crusoe (1954) und schließt in der
Postmoderne mit Michel Tourniers Vendredi ou les Limbes du Pacifique (1967)
und J.M. Coetzees Foe (1986).
Grundsätzlich ließe sich wohl jede nur denkbare Robinsonade einer tier-
theoretisch orientierten Lektüre unterziehen – bis hin zu Lutz Seilers Kruso
(2014), in dem eine Katze, ein ›Bärenpferd‹, ein lurchartiges ›Zopftier‹ und
ein toter und/oder imaginierter Fuchs als zentrale Figuren auftreten.36 Vor-
stellbar (und wünschenswert) wäre unter dem Titel Robinsons Tiere insofern
nicht nur ein einzelner Band, sondern eine mindestens zehnbändige Reihe, in
die all das aufgenommen werden könnte, was hier – aus mehr oder weniger
kontingenten Gründen – ausgenommen bleibt: neben all der mittlerweile
schon fast unüberschaubaren Menge literarischer Robinsonaden auch die
Fülle an Adaptionen für Theater und Film, inklusive der Fernsehserien von

35
Woodes Rogers: A Cruising Voyage Round the World: First to the South-Seas, thence to
the East-Indies, and homewards by the Cape of Good Hope. Begun in 1708, and finish’d
in 1711. Containing […] An Account of Alexander Selkirk’s living alone four Years and four
Months in an Island […]. London 1712. Reprint Amsterdam/New York 1969, S. 124f.
36
Vgl. Lutz Seiler: Kruso. Berlin 2014.
Einleitung 23

1964 und 2008 sowie der postapokalyptischen Robinsonaden im Science-


Fiction-Genre, und nicht zuletzt die unzähligen Brett-, Karten- und Compu-
terspiele, die sich die Robinson-Situation zu eigen machen. Wir würden die
Wette wagen, dass es in dieser Unzahl an Robinson-Versionen kaum einen
Fall gibt, der sich nicht von den Tieren her interpretieren ließe.
Ein wichtiges Element in der Rezeption des Stoffes ist die früh einsetzende
und sich rasch intensivierende Geschichte der Robinson-Illustrationen.37
Grandville ist in dieser Geschichte von herausragender Bedeutung; er steht
aber zugleich exemplarisch für eine mittlerweile nicht mehr zu überschau-
ende Flut an bildlichen Fassungen einzelner Szenen aus Robinsons (Insel-)
Leben. Auf einer Vielzahl dieser Illustrationen finden sich Tiere. Aus der
Perspektive unseres Bandes ist das nicht überraschend, sondern nur kon-
sequent: Wenn das Robinson-Universum immer auch ein Tier-Raum ist,
dann müssen die Illustrationen, die dieses Universum in Szene setzen, diese
Tiere auch zeigen.
Dass nun auf diesen Illustrationen Tiere zu sehen sind, heißt aber zunächst
einmal noch nicht so viel. Entscheidend ist vielmehr, ob sich über diese ab-
gebildeten Tiere neue Zugänge zum Robinson-Universum eröffnen lassen.
Der hier vorgelegte Band geht dieser Frage nach, indem er 22 Illustrationen
zusammen mit kurzen, tiertheoretisch orientierten Essays und Gedichten auf
jeweils einer Doppelseite präsentiert. Die Illustrationen entstammen einer
Reihe von Robinson-Ausgaben, die zwischen 1831 und 1869 erschienen,38
darüber hinaus wurden Alexander Frasers Stich Robinson Crusoe reading the
Bible to his Man Friday (1835) und historisches Kartenmaterial der Insel Juan
Fernandez von William Hack (1685) bzw. Edward Cooke (1712) für die

37
Vgl. z.B. David Blewett: The Illustrations of Robinson Crusoe (1719-1920). Gerrards
Cross 1995.
38
Daniel Defoe: The Life and Surprising Adventures of Robinson Crusoe, of York, Mariner.
With introductory verses by Bernard Barton, and illustrated with a numerous engravings
from drawings by George Cruikshank expressly designed for this edition. Volume I.
London 1831 (z.T. auch aus der zweiten, leicht veränderten Auflage aus dem Jahr 1839);
Daniel Defoe: Aventures de Robinson Crusoé. Traduction Nouvelle. Édition Illustrée par
J.-J. Grandville. Paris 1840; Daniel Defoe: The Life and Strange Surprising Adventures
of Robinson Crusoe, of York, Mariner. As related by Himself. With upwards of One
Hundred Illustrations [by Thomas Robert Macquoid]. London/Paris/New York 1863;
Daniel Defoe: The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe of York,
Mariner. Now first correctly repr. from the original edition of 1719. With an Introduction
by William Lee. Nearly 100 original Illustrations by Ernest Griset. London 1869.
24 Roland Borgards / Marc Klesse / Alexander Kling

Essays ausgewählt. Quer zu den größeren Beiträgen über den ganzen Band
verstreut, folgen die Illustrationen vage der von Defoe vorgegeben narrati-
ven Reihenfolge der Ereignisse.

IV

Vorliegender Band versammelt die Vorträge einer Tagung, die am 14. und
15. März 2013 im IFK Wien stattgefunden hat. Wir bedanken uns beim
Direktor des IFK, Herrn Prof. Dr. Helmut Lethen und den beteiligten Mitar-
beitern für die freundliche Unterstützung, ihr Engagement bei der Vorberei-
tung und die angenehme Atmosphäre während unseres Aufenthalts in Wien.
Anders als der schiffbrüchige Robinson Crusoe, für den die gängigen Zah-
lungsmittel der Zivilisation bedeutungslos geworden sind, waren wir auf
finanzielle Unterstützung angewiesen, um die Drucklegung dieses Buches
realisieren zu können. Wir danken daher der Julius-Maximilians-Universi-
tät Würzburg für die Übernahme des Druckkostenzuschusses, der es uns
ermöglicht hat, unser Konzept ohne Abstriche und in vorliegender Form
umzusetzen.
ROLAND BORGARDS

Selkirks Tiere
Insel-Theriotopien bei Woodes Rogers (1712), Edward Cooke (1712)
und Richard Steele (1713)

Am 2. Februar 1709 ankern die Duke und die Dutchess of Bristol, zwei britische
Kaperschiffe, vor der unbewohnten Island of Juan Fernandez, um frisches Was-
ser und Proviant aufzunehmen. Eine Pinasse wird an Land geschickt und
kehrt, so erzählt es Woodes Rogers in seinem 1712 publizierten Reisebericht
A Cruising Voyage Round the World, alsbald mit einem bemerkenswerten Fang
zurück:

Immediately our Pinnace return’d from the shore, and brought abundance of
Craw-fish, with a Man cloth’d in Goat-Skins, who look’d wilder than the first
Owners of them.1

Gleich dreifach bringt Rogers erste Beschreibung der Figur, die in den fol-
genden Jahrhunderten als Robinson Crusoe für ein ganzes Erzähl-, Bild- und
Filmuniversum einstehen wird,2 die Tiere ins Spiel. Zunächst ist der Mann,

1
Woodes Rogers: A Cruising Voyage Round the World: First to the South-Seas, thence to
the East-Indies, and homewards by the Cape of Good Hope. Begun in 1708, and finish’d
in 1711. Containing […] An Account of Alexander Selkirk’s living alone four Years and four
Months in an Island […]. London 1712. Reprint Amsterdam/New York 1969, S. 124f.
2
Vgl. zu einer Analyse des Textes von Rogers mit Blick auf Defoe und die Tiere sowie
zum Stand der diesbezüglichen literaturhistorischen Forschung Alexander Kling: Die
Zivilisation der Wölfe. Figurationen des Zoopolitischen vom Dreißigjährigen Krieg bis zur
Französischen Revolution (Arbeitstitel), Kap. »Zivilisatorische Phantasmatik. Alexander
Selkirk und Robinson Crusoe«; Philip Armstrong: What Animals Mean in the Fiction of
Modernity. New York 2008, S. 4-48. Zu Selkirk und den im Folgenden analysierten Tex-
ten von Rogers, Cooke und Steele als Gründungsmaterialien des Robinson-Universums
vgl. vor allem Arthur Wellesley Secord: Studies in the Narrative Method of Defoe. New
York 1963, hier zu Rogers insbesondere S. 30-32 u. 53-63; vgl. des Weiteren Neil Rennie:
Far-Fetched Facts. The Literature of Travel and the Idea of the South Seas. New York
1995, S. 73f.; David Fausett: The Strange Surprizing Sources of Robinson Crusoe. Atlanta
1994, insb. S. 2ff. u. 86-95; Pat Rogers: Robinson Crusoe. Boston 1979, S. 16-24; James
Paul Hunter: The Reluctant Pilgrim. Defoe‘s Emblematic Method and Quest for Form in
»Robinson Crusoe«. Baltimore 1966, S. 2-16; Ralph Lee Woodward: Robinson Crusoe’s
26 Roland Borgards 

von dem hier die Rede ist, Teil eines Beutezugs, einer Jagd, die vor allem
»abundance of Craw-fish«, also eine große Fülle von Langusten eingebracht
hat. Die Zuordnung des Mannes zur Jagdbeute wird sprachlich betont. Die
Pinasse hat nicht etwa in erster Linie einen Mann und dann auch noch
Langusten aufgenommen; sie liefert auch nicht Jagdbeute und einen Mann;
sie präsentiert vielmehr die Beute und mit ihr den Mann: »abundance of
Craw-fish, with a Man«. Der Mann, den die Pinasse am Ufer aufgelesen hat,
ist ein typischer Fall von Beifang.
Sodann ist das erste Attribut, das diesem Mann zugesprochen wird, seine
Kleidung aus Tierfellen: »cloth’d in Goat-Skins«. Dieser Mensch trägt eine
Tier-Haut. Hervorgehoben wird mit dieser Erst-Charakterisierung durch
die »Goat-Skins« eine spezifische und aus der Perspektive des Beobachters
Rogers bemerkenswerte Nähe von Mensch und Tier. Vor ihm steht ein
Mensch, der fast aussieht wie ein Tier, sich tierlich kleidet. Damit ist das für
die kulturwissenschaftliche Tiertheorie zentrale Thema der Nacktheit und
der Kleidung aufgerufen.3 Der Mensch erscheint als das Wesen, das nackt
sein kann und deshalb angezogen sein will. Doch dort, wo der Mensch sich
in Tierfelle kleidet, vollzieht er eine ambivalente Geste der Distanzierung
und gleichzeitigen Annäherung. Im »Man cloth’d in Goat-Skins« verbinden
sich Differentialismus (der Mensch ist kein Tier) und Assimilationismus4
(die Menschen sind Tiere, wenn auch ganz eigenartige) zu einem unruhigen
Vexierbild.
Schließlich hat die Ziegenkleidung einen bemerkenswerten Effekt für das
Aussehen des Mannes, »who look’d wilder than the first Owners of them.«
Folgt man diesem Satz, dann macht das Tier den Menschen wild. Und nicht
nur das: Wie in einer Rochade nähert sich der Mensch dem Tier nicht nur
an, sondern überspringt es gewissermaßen; er wird tierlicher als das Tier
selbst. Auch dies ist eine zentrale Argumentationsfigur in der Tradition des
Nachdenkens über die Tiere. Einerseits soll der Mensch das Wesen sein,
das sich strikt vom Tier unterscheidet; doch genau deshalb ist er auch das
Wesen, das, wenn es diese Unterscheidung aufgibt (aus welchen Gründen
auch immer), tierlicher ist als jedes Tier, und das meint zumeist: schlimmer,
gewaltsamer, triebhafter, gefährlicher, räuberischer, usw. Rogers führt dies

Island. Chapel Hill 1969, S. 37f.; R. L. Megroz: The Real Robinson Crusoe. London
1939, S. 83-123.
3
Vgl. Jacques Derrida: Das Tier, das ich also bin. Wien 2010, S. 20ff. u. passim.
4
Vgl. zu Differentialismus und Assimilationismus im Anschluss an Robert Brandom Mar-
kus Wild: Die anthropologische Differenz. Der Geist der Tiere in der frühen Neuzeit bei
Montaigne, Descartes und Hume. Berlin/New York 2006, S. 1-11.
Selkirks Tiere 27

angesichts des Ziegenfell-Mannes paradigmatisch vor: Wenn ein Mensch


verwildert, dann wird er wilder als das Wild.
Der Mann, den die Duke aufgreift, wird also schon im ersten Satz, den der
Retter Rogers über den Geretteten schreibt, dreifach mit Tieren assoziiert:
Er ist Beifang; er ist tierbekleidet; er ist wilder als die Tiere selbst. Von dieser
Verwilderung berichtet dieser Satz nicht einfach; vielmehr macht er das, was
passiert ist, überhaupt erst als Verwilderung kenntlich. Zugespitzt formuliert:
Die Verwilderung ist Effekt der Beschreibung durch Rogers, nicht Effekt der
Handlung von Selkirk. Gegen diese rhetorisch verwirklichte Verwilderung
führen nun die nächsten zwei Sätze in Rogers Bericht eine Zivilisierung oder
Re-Zivilisierung des Beifang-Ziegenfell-Wildlings durch:

He had been on the Island four Years and four Months, being left there by Capt.
Stradling in the Cinque-Ports; his Name was Alexander Selkirk a Scotch Man, who had
been Master of the Cinque-Ports, a Ship that came here last with Capt. Dampier,
who told me that this was the best Man in her; so I immediately agreed with him
to be a Mate on board our Ship.5

Die rhetorische Rezivilisierung geschieht in drei Schritten. Erstens werden


die Ereignisse in eine Geschichte überführt, die in einem retrospektiven
Modus erzählt wird. Diese Geschichte hat – wie sich das für eine Novelle ge-
hört – einen Anfang (»being left there by Capt. Stradling in the Cinque-Ports«),
eine Mitte (»He had been on the Island four Years and four Months«) und
ein Ende (das erzählte Ereignis, die Rettung). Das erste Mittel der Rezivili-
sierung besteht also in der Literarisierung, in der Übertragung von Daten
in eine narrative, literarische Form.
Zweitens transformieren diese beiden Sätze den anonymen Schiffbrüchigen,
der im ersten Satz lediglich als »a Man« bezeichnet wird, in einen identifizier-
baren Bürger. Die Identifizierung besteht aus mehreren Elementen: einem
Namen (»his Name was Alexander Selkirk«), einer Staatszugehörigkeit (»a Scotch
Man«), einem Beruf (»Master of the Cinque-Ports«) und einer Vergangenheit,
einer Geschichte als soziales Wesen, hier der individuellen Vorgeschichte
Selkirks auf der »Cinque-Ports, a Ship that came here last with Capt. Dampier,
who told me that this was the best Man in her«. Damit ist der Beifang-
Ziegenfell-Wildling adressierbar geworden.
Drittens schließlich kann der Segelmeister Selkirk als adressierbares Wesen
nun auch in die soziale Welt der Seefahrerei reintegriert werden: »so I imme-
diately agreed with him to be a Mate on board our Ship.« Aus dem »Man

5
Woodes Rogers: A Cruising Voyage, S. 125.
28 Roland Borgards 

cloth’d in Goat-Skins« ist – dank der performativen Kraft zweier Sätze – der
schottische Schiffsmaat Alexander Selkirk geworden.
Damit ist ein Thema eingeführt, das in Anschluss an Rogers auch die Figur
des Robinson Crusoe bestimmen wird: die Spannung zwischen dem Wilden
und dem Zivilen, oder, wenn man das Prozessuale daran hervorheben will,
zwischen Verwilderung und Zivilisierung. Diese beiden Begriffe sind auf-
einander bezogen: Es gibt keine Verwilderung ohne die Vorannahme eines
zivilen Zustandes; und es gibt keine Zivilisierung ohne die Vorannahme
eines wilden Zustandes. Der wechselseitige Bezug führt in eine konstitutive
Ambivalenz. Denn einerseits zielt der Prozess der Zivilisierung darauf, gegen
eine vorgeblich chaotische Wildheit geordnete Verhältnisse herzustellen, d.h.
immer wieder aufs Neue die instabile Grenze zwischen dem Wilden und dem
Zivilen zu ziehen. Andererseits aber ist die Zivilisierung alles andere als eine
nur friedliche, freundliche und sanfte Angelegenheit. Nichts im Universum
Robinsons, das Rogers hier in seiner Beschreibung des Alexander Selkirk
eröffnet, ist rein, ungetrübt, ordentlich und geordnet: Die Beute ist halb
Fisch, halb Mann; der Mann ist halb Mensch, halb Ziege; und zugleich, auf
der anderen Seite der fragwürdigen Mensch-Tier-Unterscheidung, sind die
Ziegen zwar wild, aber weniger wild als der Mensch, und sie sind zwar Ob-
jekte für den menschlichen Gebrauch, aber zugleich Subjekte eines Rechts-
verhältnisses, sie sind »Owners«, Besitzer.
Das intrikate Verhältnis von Zivilisierung und Verwilderung ist der Grund-
konflikt, aus dem der Robinson-Kosmos hervorgeht. Dieser Grundkonflikt
wird schon von Rogers ersten Selkirk-Sätzen in Szene gesetzt; und er wird
sofort mit der Frage nach den Tieren in Verbindung gebracht. Schon von
diesen Sätzen an, noch bevor Defoe überhaupt die Feder ergreift, gilt: Ro-
binson ist in seiner Einsamkeit nie allein. Tiere sind immer schon bei ihm.6
Rogers erste Selkirk-Beschreibung eröffnet damit die Möglichkeit einer al-
ternativen Lesart der Robinson-Figuration. Demnach ist Robinson nicht
der paradigmatische Helden-Name des neuzeitlichen Subjektes, das als au-
tonomer Self-Made-Man die äußere wie die innere Natur zu beherrschen
vermag, sondern der Name einer fundamental politischen Relation, die ohne
die Tiere nicht zu denken und auch nicht darzustellen ist, einer Relation, die
den Raum der politischen Theorie und des politischen Handelns überhaupt

6
Zum Widerstreit zwischen »I am alone« und »The beasts are not alone« in Defoes Robinson
Crusoe vgl. Jacques Derrida: The Beast & the Sovereign. Volume II. Edited by Michel Lisse,
Marie-Louise Mallet, and Ginette Michaud. Translated by Geoffrey Bennington. Chicago/
London 2011, S. 2ff.
Selkirks Tiere 29

erst eröffnet. In dieser Relation ist das Subjekt nicht autonom, sondern
situiert; und diese Situierung ist kenntlich, ereignet sich, vollzieht sich dank
der und durch die Tiere.
So wird schon in Rogers ersten Selkirk-Sätzen klar, dass die Insel kein lee-
rer, sondern ein von Tieren bevölkerter Raum ist. Sich in diesem Raum
einzurichten, bedeutet deshalb immer auch, sich zu Tieren ins Verhältnis
zu setzen, eine Denk- und Raumordnung seiner Tierumwelt zu schaffen.
Was auf diese Weise entsteht, ist nicht einfach eine Insel-Utopie. Es ist eine
Insel-Theriotopie: kein Nicht-Ort, sondern ein Tier-Ort.7

II

Nicht nur in den ersten Selkirk-Sätzen, sondern auch auf den weiteren 17
Seiten, die Rogers der Beschreibung der Island of Juan Fernandez widmet, er-
scheint die Insel als Tier-Ort, als Theriotopie. Neben den komplementären
Spielzügen des Animal-Fashioning und des Self-Fashioning8 werden hier von
Rogers mit Feindschaft und Gesellschaft zwei gegensätzliche Modelle des
Mensch-Tier-Verhältnisses diskutiert und zwei unterschiedliche Verfahren
der Tierdarstellung in Vorschlag gebracht: science und fiction.
Die zentralen Kulturtechniken des Animal-Fashioning sind, folgt man dem
Bericht von Rogers, die Jagd und die Zucht. Die Jagd dient dabei nicht allein
der Nahrungsbeschaffung, sondern verweist zugleich auf die überlegene
Position des Jägers über die Gejagten.9 Doch erst eine spezifische Beschrei-
bung der Jagd versieht diese Überlegenheit mit einer semiotischen Drift und
inszeniert sie als Zeichen einer gültigen Ordnung der Dinge. Damit wird die

7
»Theriotopie« in Analogie zu »theriomorph« (tiergestaltig) und »theriophor« (Tiernamen
tragend) sowie in Anlehnung an das Konzept der Heterotopie bei Michel Foucault: Des
espaces autres. In: Ders.: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Frankfurt am Main
2001-2005, Bd. 4, S. 931-942; vgl. hierzu auch Roland Borgards: Hund, Affe, Mensch.
Theriotopien bei David Lynch, Paulus Potter und Johann Gottfried Schnabel. In: Maxi-
milian Bergengruen/Roland Borgards (Hg.): Bann der Gewalt. Studien zur Literatur- und
Wissensgeschichte. Göttingen 2009, S. 105-142.
8
Vgl. zu diesem Begriff Stephen Greenblatt: Renaissance Self-Fashioning. From More to
Shakespeare. Chicago 1980.
9
Vgl. José Ortega y Gasset: Meditationen über die Jagd. Mit Radierungen von Johann Elias
Ridinger. Stuttgart 1993, S. 31: »Die Jagd ist unabänderlich eine Tätigkeit von oben nach
unten. So offenbart sich uns […] in dem universalen Faktum der Jagd die Ungleichheit
des Niveaus zwischen den Arten: die zoologische Hierarchie.«
30 Roland Borgards 

Jagd zu einem Akt der Anthropopolitik, in der sich der Mensch durch die
Tötung des Tieres selbst Kontur verleiht. Deshalb ist die Jagd, die Selkirk
betreibt, immer Animal-Fashioninig und Self-Fashioning zugleich. Dramatisch
ausgeführt wird dies in einer Erzählung von einem fast tödlichen Jagdunfall,
bei dem Selkirk eine Ziege verfolgt, sie am Rand einer Schlucht zu fassen
bekommt, dann aber mit der Ziege zusammen in die Tiefe stürzt. Was ihn
rettet, ist der Körper des Tieres: »when he came to his Senses, found the
Goat dead under him.«10 Das Tier liegt unten, der Mensch oben; das Tier
ist tot, der Mensch lebt.
Nun berichtet Rogers nicht nur ausführlich vom Fischfang (»Fish«, »Craw
Fish«, »Lobsters«11) und der Ziegenjagd (»to catch Goats«12), sondern erzählt
auch von einer Verfolgung durch Spanier, bei der Selkirk selbst gejagt wird
wie ein Tier und bei der er sich wie ein Tier auf einem Baum versteckt,
unter dem dann die Spanier eine Tiertötung vollziehen, und zwar an den
Tieren, mit denen der Gejagte gekleidet ist. So wie Rogers es erzählt, klingt
es fast nach einer Ersatzhandlung: Statt eines »Man cloth’d in Goat-Skins«
töten die Spanier »several Goats«.13 Nun sind die angreifenden Spanier zwar
Feinde, die rettenden Briten hingegen Freunde; beide aber verhalten sich
in ihrem Erstzugriff auf Selkirk gleich: als Jäger. So sind in dieser Szene
zwei Verfahren am Werk, mit denen Animal-Fashioninig und Self-Fashioning
im von Selkirk eröffneten Robinson-Universum immer wieder miteinander
verknüpft werden: zum einen ein metonymisches Verfahren, in dem Mensch
und Tier durch Berührung oder Teilhabe aufeinander bezogen sind (Selirk
ist in Ziegenfell gekleidet); zum anderen ein metaphorisches Verfahren, in
dem Mensch und Tier durch Analogie miteinander verbunden sind (Selkirk
wird gejagt wie eine Ziege). Ein Effekt dieser metonymisch-metaphorischen
Konstellation ist es, dass das Verhältnis der Menschen gegenüber den Tieren
immer wieder zum Modell, zum Testfall und zur Probebühne für das Ver-
hältnis der Menschen gegenüber anderen Menschen werden kann. Deshalb
sagen die Herrschaftsverhältnisse, die Selkirk und später Robinson gegen-
über den Tieren etabliert, immer auch etwas über Herrschaftsverhältnisse
im politischen Raum der Menschen.
Mit Tieren wird also Politik gemacht. Dies kann auf unterschiedliche Weise
geschehen. Denn nicht jede Ziege, die Selkirk fängt, wird sofort getötet;

10
Woodes Rogers: A Cruising Voyage, S. 127.
11
Ebd., S. 126; vgl. auch S. 131, 134, 139.
12
Ebd., S. 127; vgl. auch S. 131 u. 132.
13
Ebd., S. 125.
Selkirks Tiere 31

einige werden zunächst eingesperrt, andere wiederum mit einem Zeichen


versehen: »he kept an Account of 500 that he kill’d while there, and caught
as many more, wich he mark’d on the Ear and let go.«14 Beschrieben werden
hier zwei Weisen der Verfügung über Tiere. Zum einen ist es möglich, Tiere
lokal zu fixieren, um so stets unmittelbar auf sie zugreifen zu können. Zum
anderen ist es möglich, Tiere semiotisch bzw. medial zu markieren, um sie
damit als Eigentum kenntlich zu machen. Konsequenterweise erheben Tier-
tötung und Tierhaltung Selkirk in eine politische Position: »The Governour
(tho we might as well have nam’d him the Absolute Monarch of the Island)
for so we call’d Mr. Selkirk, caught us two Goats«.15 Der Ziegenfänger ist ein
»Governour«, ein absoluter Monarch: »The Governour never fail’d of getting
us two or three Goats«.16 Die Herrschaft des »Governour […] of the Island«17
bleibt dem Tierbestand der Insel zudem noch auf einige Zeit eingeschrieben.
Denn wenn, so imaginiert Rogers eine zukünftige Szene, dereinst ein Schiff
zur Insel kommen und mit Hunden eine große Ziegenjagd veranstalten
würde, dann wären einige dieser Ziegen immer noch als Besitz erkennbar:
»no doubt but amongst those Goats they may find some hundreds with Mr.
Selkirk’s Ear-mark.«18 Was Selkirk auf der Insel hinterlässt, sind also Zeichen;
die Träger dieser Zeichen sind wiederum Tiere; und das, was im Zeichen
angezeigt wird, ist ein Herrschafts- und Besitzverhältnis. Das Zeichen an
den Ziegenohren bezeichnet auf diese Weise zugleich den Bezeichner; es
gibt dessen Position innerhalb des Insel-Theriotops an. Auch hier geht das
Animal-Fashioning also unmittelbar in ein Self-Fashioning über.
Die Ambivalenzen des tiergestützten Self-Fashioning werden vor allem an-
lässlich der Tierkleidung Selkirks vorgeführt. Rogers beschreibt die Zie-
genfelle als Ersatz für die normale – man könnte auch sagen: kultivierte
– Bekleidung: »When his Clothes wore out, he made himself a Coat and
Cap of Goat-Skins«.19 Als Gegensatz zur Tierkleidung erscheint bei Rogers
die Pflanzenkleidung: »Having some Linen Cloth by him, he sow’d himself
Shirts with a nail […]. He had his last Shirt on when we found him in the
Island.«20 Die Unterscheidung dieser beiden Bekleidungsformen entwirft
zugleich ein kleines historisches Narrativ, das zwei verschiedene Kulturstufen

14
Ebd., S. 126f.
15
Ebd., S. 131.
16
Ebd., S. 131f.
17
Ebd., S. 133.
18
Ebd.
19
Ebd., S. 128.
20
Ebd.
32 Roland Borgards 

des Menschen in ihrem Verhältnis zu den Tieren voneinander trennt. Auf


einer ersten Kulturstufe leiht sich der Mensch, der anders als alle anderen
Tiere auf Bekleidung angewiesen ist, das Fell der Tiere. Mit der Tierkleidung
versetzt sich der Mensch in ein metonymisches Verhältnis zum Tier: Seine
Kleidung schützt ihn wie ein Tierfell und ist zugleich ein Tierfell. Die Distanz
zum Tier ist einerseits gegeben (der Mensch ist nackt, das Tier kennt keine
Nacktheit), andererseits wird sie aber auch reduziert (der Mensch ist in Tier
gehüllt). In einer zweiten Kulturstufe leiht sich der Mensch vom Tier nur
noch das Prinzip des Fells, verwirklicht es aber mit einem nicht-tierlichen
Material, mit Pflanzen. Mit der Pflanzenkleidung versetzt sich der Mensch
in ein metaphorisches Verhältnis zum Tier: Seine Kleidung schützt ihn wie
ein Tierfell, ohne zugleich ein Tierfell zu sein. Rogers erinnert mit seinem
Bericht von der Kleidung Selkirks daran, dass die Prozesse der Zivilisierung
und Kultivierung stets reversibel bleiben. Mit Blick auf Selkirks Rückschritt
von der Kulturstufe der Pflanzenkleidung zur Kulturstufe der Tierkleidung
handelt es sich offenbar um eine Rettung in letzter Sekunde: »He had his
last Shirt on when we found him in the Island«.
Zivilisierung und Kultivierung sind also reversible Prozesse. Entsprechend
ist Selkirk nach den vier Jahren seines Inselaufenthalts in eine prekäre Lage
geraten. Neben dem »last Shirt« zeigt sich dies auch an den erst verschlis-
senen und dann fehlenden Schuhen, die seine weichen Füße zu robusten
Tatzen werden lassen: »He soon wore out all his Shoes and Clothes by
running thro the Woods; and at last being forc’d to shift without them,
his Feet became so hard, that he run every where without Annoyance«.21
Und wie seine Füße, so verformt sich auch seine Sprache: »At his first co-
ming on board us, he had so much forgot his Language for want of Use,
that we could scarce understand him, for he seem’d to speak his words by
halves«.22 Die menschliche Sprache gilt als ein traditionelles Kriterium der
anthropologischen Differenz. Der Zerfall der Sprache bedroht das Konzept
des Menschen also in seinem Kern.
Neben dem Rückschritt von der Pflanzen- zur Tierkleidung und von der ar-
tikulierten zur zerfallenden Sprache zeigt sich diese Animalisierungstendenz
auch im Rückschritt von der Jagd mit Gewehr zur Jagd ohne Gewehr. Auch
dies beschreibt Rogers als ein Zurück zum Tier – und über das Tier hinaus:

21
Ebd.
22
Ebd., S. 129. Zu Selkirks Füßen und seiner Sprache vgl. Philip Armstrong: What Animals
Mean in the Fiction of Modernity, S. 16f.
Selkirks Tiere 33

When his Powder fail’d, he took them by speed of foot; for his way of living and
continual Exercise of walking and running, clear’d him of all gross Humours,
so that he ran with wonderful Swiftness thro the Woods and up the Rocks and
Hills, as we perceiv’d when we employ’d him to catch Goats for us. We had a
Bull-Dog, which we sent with several of our nimblest Runners, to help him in
catching Goats; but he distanc’d and tir’d both the Dog and the Men, catch’d the
Goats, and brought’em to us on his back.23

Der Verlust des Schießpulvers ermöglicht eine Rückgewinnung des Körpers,


eine neue »Agility in pursuing a Goat«.24 Diese »Agility« führt den Men-
schen hier allerdings nicht einfach zum Tier zurück, sondern bringt ihn in
die Sonderstellung einer doppelten Distanz: »he distanc’d both […] the Dog
and the Men«. In dieser doppelten Distanz, dieser doppelten Verlassenheit,
von der bei Rogers die Rede ist, liegt der Quellpunkt der »Melancholy«25
und »Solitude«26 desjenigen, der doch nie allein, sondern immer schon von
Tieren umgeben ist. So ist Selkirk in seiner tierlichen Agilität nicht nur
derjenige, der sowohl bei den Tieren als auch bei den Menschen zu Hause
ist, sondern auch derjenige, der sich weder den Tieren noch den Menschen
ohne weiteres zurechnen lässt. Er ist allein und nicht allein zugleich.
Dies liegt unter anderem daran, dass es auf der Insel viele verschiedene Tiere
gibt, die Tiere mithin in einem entschiedenen Plural präsentiert werden.27
Es ist nicht ›das Tier‹, zu dem Selkirk in eine Relation tritt, sondern immer
ein bestimmtes Tier; und so bestimmt wie das Tier, so spezifisch ist auch die
jeweilige Relation. Neben den Ziegen, den vielen Fischsorten, den Robben
und Seelöwen sind dies vor allem Katzen und Ratten. Denn Selkirk landet
zwar auf einer von Menschen unbewohnten, aber nicht von menschlicher
Kultur unberührten Insel: »He was at first much pester’d with Cats and Rats,
that had bred in great numbers from some of each Species which had got
ashore from Ships that put in there to wood and water.«28 Die Katzen und
die Ratten werden als Schädlinge bezeichnet: »pester’d with Cats and Rats«.
Doch in der nun folgenden Erzählung wird zwischen Katzen und Ratten zu-
nächst ein Unterschied eingeführt, der Unterschied zwischen Zähmung und
Vernichtung, und dieser Unterschied dann in einen Gegensatz überführt,

23
Woodes Rogers: A Cruising Voyage, S. 127.
24
Ebd.
25
Ebd., S. 128.
26
Ebd.
27
Vgl. zur Kritik am Kollektivsingular »Tier« Jacques Derrida: Das Tier, das ich also bin,
S. 70.
28
Woodes Rogers: A Cruising Voyage, S. 128.