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"Nathan der Weise" ist ein typisches Drama der Aufklärung

"Nathan der Weise" ist das letzte Werk des deutschen Dichters Gotthold Ephraim
Lessing. 1779 wurde es veröffentlicht und am 14. April 1783 in Berlin uraufgeführt.

Damit fällt das Drama ziemlich genau in das Zeitalter der Aufklärung. Es besteht aus fünf
Akten und stellt ein typisches Ideendrama dar. Dies bedeutet, dass das literarische Werk
ein philosophisches Prinzip vermitteln soll. Damit die Idee deutlich im Vordergrund steht,
muss der Autor weitestgehend auf eine detaillierte Ausgestaltung, besonders der einzelnen
Personen, verzichten. Aus diesem Grund wird nahezu ausschließlich mit Idealtypen
gearbeitet. In "Nathan der Weise" steht, wie in den meisten Werken Lessings,
der Toleranzgedanke der Aufklärung im Vordergrund.

"Nathan der Weise" war zu seiner Entstehung eine literarische Antwort Lessings an den
damaligen Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze. Im
sogenannten Fragmentenstreit standen sich die Befürworter der "natürlichen Religion" und
die Anhänger des traditionellen biblischen Glaubens gegenüber. Für Lessing, der zur ersteren
Gruppierung gehörte, war die Vernunft dem Glauben übergeordnet. Zudem kritisierte er,
dass die Bibel den Menschen zu Intoleranz gegenüber anderen Religionen erziehe. Johann
Melchior Goeze war jedoch ein Vertreter des orthodoxen Luthertums und bestand auf die
Unantastbarkeit der Bibel und auf die vorrangige Stellung des Glaubens gegenüber der
Vernunft.

Nathan der Weise Zusammenfassung: Wo? Wann? Wer?


Die Handlung von "Nathan der Weise" spielt während des Dritten Kreuzzuges (1189 –
1192) zu Zeiten eines Waffenstillstandes in Jerusalem. Jerusalem stand zu dieser Zeit unter
der Herrschaft des muslimischen Sultans Saladins. Christliche Kreuzfahrer wollten auf Befehl
des Papstes Jerusalem zurückerobern.

Die wichtigsten Personen in "Nathan der Weise" sind:

 der Sultan Saladin


 Sittah (Saladins Schwester)
 Nathan (ein reicher jüdischer Kaufmann)
 Recha (Nathans Ziehtochter)
 Daja (Rechas christliche Erzieherin)
 der Tempelherr Curd von Stauffen
 ein Derwisch
 der christliche Patriarch von Jerusalem
 ein Klosterbruder
 ein Emir

Tempelritter gehörten einem Tempelorden an, die in Kreuzzügen als geistliche Militäreinheit
fungierten. Patriarchen waren vor der Reformation die höchstrangigen Bischöfe in einem
ihnen zugewiesenen Bezirk.

Nathan möchte den Retter seiner Tochter belohnen


Zu Beginn des ersten Aktes kehrt Nathan von einer Geschäftsreise zurück. Von Daja erfährt
er, dass es in seinem Haus während seiner Abwesenheit zu einem Brand kam. Recha wäre in
diesem Feuer fast gestorben, wäre sie nicht von einem bis dato unbekannten Tempelritter
gerettet worden. Dieser Tempelritter war zuvor knapp der Todesstrafe durch Sultan Saladin
entronnen. Saladin begnadigte ihn, weil er ihn zu sehr an seinen verstorbenen Bruder
Assad erinnerte.

Nathan ist empört, als er hört, dass der Tempelritter noch nicht für seine Heldentat belohnt
wurde. Daja begründet dies damit, dass er jede bisherige Einladung abgelehnt hätte und nun
seit einigen Tagen verschwunden sei. Recha glaubt schon gar nicht mehr daran, dass es sich
bei ihrem Retter um einen Menschen handelt, sondern ist sich sicher, dass es ein Engel, ein
göttliches Wunder gewesen sein muss. Dies redet Nathan ihr allerdings aus.

Daja verursacht Probleme


Erst Nathan kann den Tempelritter überzeugen, seinem Haus einen Besuch abzustatten. Auf
diese Weise erfährt er auch seinen Namen: Curd von Stauffen. Beim Anblick von Recha
verliebt er sich Hals über Kopf in sie. Als er daraufhin bei Nathan um ihre Hand anhält, zögert
dieser. Als Nathan den Namen des Tempelritters hörte, regte sich nämlich eine Erinnerung an
die leibliche Familie Rechas in ihm. Bevor er dieser Heirat zustimmt, möchte Nathan
sicherstellen, dass keine Verwandtschaft zwischen Recha und dem Tempelritter besteht.
Da der Tempelritter all dies nicht weiß, versteht er Nathans Zögern als eine harsche
Abweisung und wird sehr wütend. Daja erzählt ihm zusätzlich, dass Recha ursprünglich aus
einer christlichen Familie stamme. Aus ihrer Sicht habe Nathan großes Unrecht damit getan,
dass er eine Christin unwissend jüdisch erzog.

Der Tempelritter ist sich uneins darüber und wendet sich deswegen ratsuchend an den
christlichen Patriarchen von Jerusalem. Dieser bewertet solch eine Tat als eine besonders
schlimme Sünde. "Der Jude wird verbrannt", urteilt er. Obwohl der Tempelritter all dies als
einen hypothetischen Fall schildert, begreift der Patriarch, dass es sich hierbei um einen
echten Fall handelt. Aus diesem Grund möchte er sich direkt auf die Suche nach diesem Mann
machen. Den Tempelritter überfällt nun das schlechte Gewissen, da ihm bewusst wird, in
welche Schwierigkeiten er Nathan gebracht hat.

Die Figuren aus Nathan der Weise im Überblick:


 

Hauptfiguren
Nathan
Jude
Saladin
Muslim
Tempelherr
Christ
(Curd von Stauffen/
Leu von Filnek)
Recha
(Blanda von Filnek)
Tochter von Assad, dem Bruder Saladins und einer Christin

Pflegetocher von Nathan

Schwester von Curd, dem Tempelritter

Recha ist die Tochter von Christen, sie hat muslimische Verwandte und wurde jüdisch
erzogen.

Muslimische Nebenfiguren
Sittah
Al-Hafi

Christliche Nebenfiguren
Daja
Der Patriacharch
Der Klosterbruder

 
Die drei Weltreligionen sind eine Familie
Währenddessen überlegt der Sultan Saladin, wie er den derzeitigen Frieden in Jerusalem
wahren kann. Länger als erwartet muss er derzeit auf eine Lieferung aus Ägypten warten.
Aus diesem Grund sind die Staatskassen leer, sodass er seinen Feinden zur Friedenserhaltung
nichts bieten könnte. Seine Schwester Sittah rät ihm dazu, sich Geld von Nathan zu leihen,
der nicht nur als weise, sondern auch als besonders reich und großzügig gilt.

Als der Sultan Nathan empfängt, gibt dieser zunächst vor, die Weisheit Nathans testen zu
wollen. Er stellt ihm die Frage, welche der drei Weltreligionen, aus Nathans Sicht die
Richtige sei. Nathan wittert die Falle jedoch sofort. Würde er nicht die Religion des Sultans,
den Islam, nennen, würde er seinen Herrscher beleidigen. Würde er jedoch nicht das
Judentum nennen, würde er sich als töricht erweisen, da er selbst ja Jude ist. Um der Falle zu
entgehen, antwortet Nathan mit der Erzählung der Ringparabel. Diese begeistert den Sultan
sosehr, dass er Nathan sofort die Freundschaft anbietet.

Durch Dokumente des Klosterbruders, der Recha damals vor langer Zeit zu Nathan brachte,
kann Nathan nun die Ahnenlinie Rechas nachverfolgen. Hierbei stellt sich nicht nur
heraus, dass Recha und der Tempelritter Geschwister sind. Recha und der Tempelritter
sind ebenso die Kinder von Assad, dem verstorbenen Bruder des Sultans Saladin. Alle drei
Weltreligionen, die in Krieg und Streit miteinander sind, gehören letztendlich also zu ein
und derselben Familie.  Das Drama endet mit einem Happy End. Alle betroffenen Personen
freuen sich ihre verloren geglaubten Verwandten wiedergefunden zu haben.

Nathan der Weise: Die Ringparabel


In der sogenannten Ringparabel geht es um einen Ring, der die Kraft besitzt, seinen Besitzer
sowohl vor Gott als auch vor seinen Mitmenschen als sehr angenehm erscheinen zu lassen.
Die einzige Bedingung ist, dass sein Besitzer an die Kraft des Ringes glaubt. Der jeweilige
Besitzer soll den Ring immer an seinen liebsten Sohn weitervererben. So kommt es, dass ein
Vater den Ring und drei Söhne hat, die er alle gleich stark liebt. Da er keinen seiner Söhne
kränken will, erzählt er jedem von ihnen, dass er den Ring erben wird. Kurz vor seinem Tod
lässt er zwei identische Kopien des Ringes anfertigen. Als der Vater stirbt und alle Söhne
einen Ring bekommen, weiß niemand mehr, welcher dieser Ringe nun der richtige ist.

Die Brüder geraten in Streit und suchen einen Richter auf, der bestimmen soll, welcher der
originale Ring ist. Aufgrund der Wunderkraft des Ringes, schlussfolgert der Richter, dass es
ja einen unter den Brüdern geben müsse, der von den anderen beiden am Liebsten gemocht
wird. Da dies allerdings nicht der Fall ist, ist die notwendige Konsequenz, dass der wahre
Ring verloren gegangen sein muss. Aus diesem Grund rät der Richter den Brüdern, dass jeder
an die Kraft seines Ringes glauben und ein rechtschaffenes, vorurteilsfreies Leben
führen solle. Auf diese Weise würden sie die Wunderkraft des Ringes selbst realisieren.
Welcher der Ringe dann letztendlich der richtige sei und ob es diesen überhaupt gäbe, werde
sich in der Zukunft zeigen.

Alle Religionen sollten wie Säulen gleichberechtigt nebeneinander stehen. | Foto: Madeline
Pere/Unsplash

Die Ringparabel ist auch heute noch aktuell


Die drei Ringe stehen in der Ringparabel für die drei Weltreligionen: Islam, Judentum
und Christentum. Der Vater steht für Gott und seine Söhne, für die jeweiligen Anhänger der
verschiedenen Weltreligionen. Ihre Anhänger sind in ständigem Streit und sogar in Kriege
verwickelt, da jeder von ihnen seine Religion als die einzig wahre betrachtet und verteidigt.
Dies sei aus Sicht Nathans (oder aus Sicht Lessings) deswegen unsinnig, da alle drei
Religionen, genauso wie alle Menschen, Werke Gottes seien. Somit ist vor Gott auch jeder
Mensch ungeachtet seiner Religionszugehörigkeit gleich und wird gleich geliebt.

Da die Echtheit des Ringes dadurch bewiesen werden kann, wie beliebt man vor Gott und
anderen Menschen wirkt, gründet sich auch die Echtheit jeder Religion in ihrer Fähigkeit
Liebe zwischen den Menschen zu stiften. Die Frage nach der einzig wahren Religion
bewirke jedoch das genaue Gegenteil und müsse deswegen zurückgestellt werden. Diese
Thematik ist uns auch heute noch bekannt. Obwohl Lessings Drama bereits vor 240 Jahren
geschrieben wurde, ist es immer noch von höchster Aktualität.

Die Ringparabel spiegelt den Toleranzgedanken der Aufklärung wider, welcher dafür


stand verschiedene Überzeugungen einfach nebeneinander gelten zu lassen, ohne zu
ergründen, welche nun die Richtige sei. Die vernünftige und andere Menschen zum Denken
anregende Sichtweise Nathans sowie seine humanistische Handlungsweise machen Nathan zu
einem Prototyp des aufgeklärten Menschen.

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