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KULTUR

100 Jahre BMW: Die Schatten der NS-Vergangenheit

Die 100-jährige Firmenchronik der Bayerischen Motorenwerke hat auch dunkle


Seiten: BMW setzte während der NS-Zeit massiv Zwangsarbeiter ein. Ein
Rückblick auf eine typisch deutsche Unternehmensgeschichte.

BMW. Drei Buchstaben, die inzwischen weltweit bekannt sind. Die Bayerischen
Motorenwerke, offiziell heute "BMW Group", zählen zu den erfolgreichsten Autokonzernen
weltweit. In 14 Ländern ist BMW mit Produktions- und Montagestätten vertreten. Keine
Frage, was am 7. März 1916 mit der Gründung eines Werkes für Flugzeugteile beginnt, ist
eine Erfolgsgeschichte. Man könnte auch sagen: eine typisch deutsche Erfolgsgeschichte.

Und so findet sich in der Firmenchronik neben den Daten zum ersten Erfolgsmodell, dem
Motorrad BMW R 32, auch die Tatsache, dass an etlichen Produktionsstandorten "ab
Dezember 1939 Kriegsgefangene, Strafgefangene, Zwangsarbeiter und Häftlinge von
Konzentrationslagern in der Fertigung von Flugzeugmotoren eingesetzt" wurden.

BMW verschweigt heute nicht mehr, dass im Unternehmen zur Zeit des
Nationalsozialismus Zwangsarbeiter arbeiten mussten. "Bei jeder Führung durch unser
Museum und im Werk in München Allach wird darauf hingewiesen", sagt BWM-Sprecher
Stefan Behr. Um dann zu präzisieren, Fremd- und Zwangsarbeit sei in dieser Zeit nicht das
Phänomen eines Unternehmens gewesen, sondern "ein gesellschaftliches Phänomen, das
tatsächlich im ganzen Land gegriffen hat".

"Arbeit macht frei" - so lautete der perfide Spruch am Tor von Dachau. Arbeiten mussten
etliche der Häftlinge in den Werken von BMW

Ein werkseigenes Konzentrationslager

Richtig ist: Etliche deutsche Unternehmen setzten während des "Dritten Reichs"
Zwangsarbeiter ein, darunter auch alle anderen deutschen Automobilkonzerne. Bei BMW-
Konkurrent Daimler waren es rund 40.000 Zwangsarbeiter, bei Volkswagen – jener
Konzern, dessen Gründung in Wolfsburg auf Adolf Hitler höchstpersönlich zurückging –
um die 12.000. Bei BMW waren zwei Drittel der 56.000 Beschäftigten Zwangsarbeiter und
KZ-Häftlinge, die im Verlauf der Kriegsjahre "zunehmend diskriminiert und systematisch
ausgebeutet wurden", wie eine Doktorarbeit 2008 durch Firmenakten belegte.

Bei Krupp machten Zwangsarbeiter rund ein Drittel der Gesamtbelegschaft aus. Auch bei
Bosch, Siemens und nicht zuletzt der I.G. Farben (heutiger Nachfolger sind BASF, Bayer,
Hoechst) mussten Zwangsarbeiter schuften. In Auschwitz-Monowitz betrieb jenes
Unternehmen, dessen Tochterfirma Degussa Zyklon B herstellte, mit dem Millionen Juden
in Vernichtungslagern wie Auschwitz, Belzec oder Treblinka ermordet wurden, gar ein
eigenes Konzentrationslager.

Geschäfte mit den Nazis: Zwang oder willkommene Chance?

Facharbeiter mussten an die Front, Produktionsziele wurden vorgegeben, so lautet noch


heute das Argument vieler Unternehmen, warum sie Zwangsarbeiter beschäftigten. Auch
BMW-Sprecher Behr gibt zu Bedenken, das Unternehmen habe in großer Stückzahl
Flugmotoren liefern müssen. "Und gleichzeitig wird einem angedient, ihr könnt doch auf
diese Arbeiter zurückgreifen." Das sei keine Rechtfertigung, aber "wie groß in einer solchen
Situation die unternehmerische Freiheit ist, ist aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen."
Aber ja, gibt er zu, natürlich habe BMW in dieser Zeit auch Geld verdient.

100 JAHRE BMW

Symbolik
Das weiß-blaue Logo auf jedem BMW erinnert noch heute an die Anfänge. Vor 100
Jahren, am 7. März 1916, werden die Bayerischen Flugzeugwerke gegründet. Später
benennt man sie in Bayerische Motorenwerke um - mit dem Propeller als
Firmensymbol.

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"Wir haben immer die Vorstellung, das Werk der I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz ist so
etwas wie der unerreichte Tiefpunkt der deutschen Industrie während des Zweiten
Weltkriegs", sagt der Historiker Lutz Budrass. Doch: "BMW, Heinkel oder andere
Unternehmen stehen dem kaum nach. Mit dem kleinen Unterschied, dass ihre Werke nicht
im besetzten Polen sind, sondern in Deutschland." BMW ist - neben dem Flugzeugbauer
Ernst Heinkel - eines der ersten beiden Unternehmen, das ab Februar 1943 von KZ-
Außenlagern profitierte. Bei BMW mussten Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau-
Allach arbeiten.

Der Historiker Lutz Budrass beschäftigt sich seit Langem mit der Rolle der
Luftfahrtindustrie zu Zeiten des NS-Regimes. Am 14. März wird seine Studie über die
Lufthansa im Blessing Verlag erscheinen ("Adler und Kranich. Die Lufthansa und ihre
Geschichte. 1926 - 1955"). Er kann viel erzählen über die lange Zeit, die deutsche
Unternehmen gebraucht haben bis sie bereit waren, ihre Geschichte aufzuarbeiten - und
davon, wie viele dies bis heute nicht tun.
Ist das Kriegsende die Stunde Null für BMW?

Die Alliierten fangen zwar gleich nach Kriegsende 1945 an, nach der Schuld der deutschen
Industrie zu fragen. "Aber diejenigen, die heute als führende deutsche Unternehmen
wahrgenommen werden, sind auf den Nürnberger Prozessen nicht präsent", sagt Budrass.
Großindustrielle mit langer Tradition wie Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Friedrich
Flick und die Manager der I.G. Farben sitzen auf der Anklagebank. Nicht aber die
Verantwortlichen jüngerer deutscher Unternehmen wie Daimler, VW, der Lufthansa oder
BMW.

"Nach dem Zweiten Weltkrieg durften wir nicht mehr produzieren, wurden teilweise
demontiert. Im Rahmen von Reparationsleistungen wurden Maschinen abtransportiert. Wir
hatten in dem Sinne keinerlei Geschäftstätigkeit mehr", sagt BMW-Sprecher Behr. "Ich
würde sagen, trotz dieser Zeit gibt es BMW heute noch. Nicht wegen dieser Zeit." Deutsche
Unternehmen werden nach 1945 unter Aufsicht gestellt, die Liegenschaften
zwangsverwaltet. Finanziell findet nach 1945 ein Bruch statt.

Sinnbild der Verknüpfung deutscher Industrie mit Nazi-Verbrechen. Das KZ Auschwitz III -
Monowitz, ein Werk der I.G. Farben

"Aber wovon Unternehmen wie BMW ganz massiv profitiert haben", so Budrass, "ist so
etwas wie eine Anhäufung technischen Wissens. Fließbandfertigung lernt die deutsche
Automobilindustrie durch die Massenfertigung in der Kriegszeit seit 1939. Und da kann
man fragen: Inwieweit ist die Entwicklung der 50er Jahre abhängig von der Zeit des
Nationalsozialismus?" Als die Amerikaner ein Werk brauchen, das ihren riesigen Fuhrpark
in Bayern wartet, hat das Know-how für so eine Aufgabe damals nur einer: BMW.

1959, als das Unternehmen vor der Übernahme durch Daimler steht, rettet Herbert Quandt
BMW. Er ist der Sohn des Industriellen Günther Quandt, der privat und geschäftlich aufs
Engste mit dem NS-Regime verbunden war: Günthers Ex-Frau Magda heiratete einen der
engsten Vertrauten Adolf Hitlers, Propagandaminister Joseph Goebbels. Günther Quandt
wird für den privaten Verlust anderweitig entlohnt. Er profitiert vom Regime als Ausrüster
der Wehrmacht, bei der Waffenproduktion, als Batteriehersteller und bereichert sich durch
sogenannte "Arisierungen" aus jüdischem Besitz.

Auch wenn Quandt und BMW während der NS-Zeit zwei völlig unterschiedliche
Unternehmen waren, Herbert Quandt rettet BMW mit Mitteln, die sein Vater erst Dank des
NS-Regimes erwirtschaften konnte.

Späte Aufarbeitung

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach wurde bei den Nürnberger Prozessen wegen
"Plünderung und Sklavenarbeit" zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Später wurde das
Urteil revidiert, er übernahm wieder die Leitung des Betriebs

Heute können Forscher und Journalisten bei BMW Einsicht ins Firmenarchiv nehmen.
Zwei Dissertationen (2005 und 2008) haben die Zeit zwischen 1933 bis 1945 inzwischen
aufgearbeitet. Eine erste Studie Anfang der 80er Jahre hatte BMW allerdings noch statt bei
Historikern bei dem Schriftsteller Horst Mönnich beauftragt.

"Viele Unternehmen haben begriffen, dass das Verstehen der eigenen Vergangenheit
positive Effekte hat. Es zeigt eine Ehrlichkeit des Unternehmens und das darf man als
Marketingeffekt nicht unterschätzen", so Budrass. Für die Lufthansa gilt dies nicht. Budrass
veröffentlicht seine aktuelle Studie gegen den Willen des Unternehmens, das ihm aber
immerhin die Archive öffnete. Und Bayer (immerhin Teilnachfolger der I.G. Farben) sparte
bei seinem 150-jährigen Firmenjubiläum die Jahre 1933 bis 1945 einfach aus.

BMW tut dies in seinen Publikationen zum 100-jährigen Firmenjubiläum nicht. Das
Unternehmen weist darauf hin, dass die BMW AG 1999 zu den Gründungsmitgliedern der
Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" gehört. Die Stiftung kümmert sich um die
Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter. Die Firmenchronik notiert für den 30.
September 1939: Die BMW AG übernimmt die gesamten Geschäftsanteile der
Brandenburgischen Motorenwerke GmbH in Berlin-Spandau. Noch heute steht dort das
Motorradwerk von BMW. Was nicht in der Chronik steht: Damals wurde es zum größten
Fremd- und Zwangsarbeiterlager im Großraum Berlin-Brandenburg.

Glossar
Bestehen (n., nur Singular) – hier: der Zeitraum, seit dem es etwas schon gibt
NS – Abkürzung für: der Nationalsozialismus oder nationalsozialistisch; die Diktatur
Hitlers (1933 – 1945) betreffend
Zwangsarbeiter, - (m) – ein Arbeiter, der unter Androhung von Gewalt ohne Geld
arbeiten muss
Werk – hier: die Fabrik; der Produktionsort
Automobilkonzern, -e (m.) – eine sehr große Firma, die Autos baut
Regime, - (n.) – eine Regierung, die nicht demokratisch ist; die → Diktatur
Häftling, -e (m.) – die Person, die in einem Gefängnis oder Lager festgehalten wird
Konzentrationslager, - (n.) – ein Lager, in dem sehr viele Menschen gefangen gehalten
und ermordetet wurden (Abkürzung: KZ)
Front, -en (f.) – der Ort, an dem in einem Krieg gekämpft wird
etwas zu|geben – hier: sagen, dass man etwas tut oder getan hat, was nicht gut ist
Alliierten (f. nur Plural) – hier: die Staaten, die im Zweiten Weltkrieg gemeinsam gegen
Nazi-Deutschland kämpften, vor allem USA, Großbritannien, Frankreich, Sowjetunion
Nürnberger Prozesse (f., nur Plural) – die Gerichtsverhandlungen, in denen nach Ende
des Zweiten Weltkriegs die Verbrechen der NS-Zeit untersucht wurden
präsent sein – da sein; anwesend sein; zu sehen sein; geben (es gibt)
Historiker, - /Historikerin, -innen – der/die Geschichtswissenschaftler/in
Publikation, -en – (f.) hier: Texte, die veröffentlicht wurden
Jubiläum, Jubiläen (n.) – der Jahrestag; der Tag, an dem ein Ereignis nach einer
bestimmten Anzahl von Jahren gefeiert wird
Gründungsmitglied, -er (n.) – jemand, der einen Verein oder eine Organisation
zusammen mit anderen gründet
Stiftung, -en (f.) – eine Organisation, die etwas mit ihrem Geld finanziert und unterstützt
Entschädigung, -en (f.) – eine Leistung oder Geld, die/das einen Schaden
wiedergutmachen soll

Fragen zum Text


1. Wofür steht die Abkürzung „BMW“?
a) Bayerisches Mechanikwunder
b) Berliner Motorwagen
c) Bayerische Motorenwerke
2. Was stimmt nicht? In den Nürnberger Prozessen …
a) wurde BMW für seine Beschäftigung von Zwangsarbeitern in der NS-Zeit verurteilt.
b) wurden manche deutschen Unternehmen überhaupt nicht bestraft.
c) sollten die Verantwortlichen der NS-Verbrechen bestraft werden.
3. Welche Aussage ist richtig?
a) BMW hat ganz alleine die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ gegründet
b) BMW spricht heute über seine NS-Vergangenheit.
c) Bei BMW waren während der NS-Zeit 75 Prozent der Beschäftigten Zwangsarbeiter und
KZ-Häftlinge.

4. Welche Form ist richtig? Der Automobilkonzern BMW verdankt einen Teil …
der NS-Zeit.
a) seinem Erfolg
b) seinen Erfolg
c) seines Erfolgs

5. Welche Form stimmt? Zwangsarbeit war ein Teil des Erfolgs …


a) vieler führender deutscher Unternehmen.
b) viele führende deutsche Unternehmen.
c) vieler führenden deutschen Unternehmen.

Arbeitsauftrag
Welche weiteren deutschen Automobilmarken kennt ihr? Wählt eine davon aus und
recherchiert über sie. Wo, wann und von wem wurde sie gegründet? Wie hat sie sich im
Lauf der Geschichte weiterentwickelt?