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Nr. 2 | 26.

Februar 2017

NZZ am Sonntag
Robert Walser Zwei Wanderer Zukunft Vergangenheit
Seine winzigen Adolf Muschg Was soll aus Verdrängte
Mikrogramme geht Goethe uns Menschen Erinnerungen
unter der Lupe entgegen werden? an die NS-Zeit

Bücher
12 7 16 22

am Sonntag
N Z Z- LI B RO.C H

Die Demokratie auf dem


Prüfstand
NEU

Kaspar Villiger entwirrt die Durcheinanderwelt


Die demokratische Welt gerät aus den Fugen: Autoritäre Regimes wer-
den bejubelt, die EU droht zu scheitern. Alt Bundesrat Kaspar Villiger
diagnostiziert die Überlagerung von vier Krisen und skizziert Lösungs-
ansätze, um die Demokratie in Europa wieder zu stärken.

Kaspar Villiger
Die Durcheinanderwelt
Irrwege und Lösungsansätze
160 S.,
Fr. 29.–* / € 29.–
ISBN 978-3-03810-250-2

NEU

Hans Rentsch durchleuchtet die Wirtschaftspolitik

Wie viel Wettbewerb kommt im Interessengeflecht der schweizerischen


Politik zustande? Rentsch kritisiert u.a. die Überhöhung der direkten
Volksrechte mit ihren kollektiven Beschlüssen zu Bereichen, die nach
ökonomischer Logik in die Markt- bzw. Privatsphäre gehören.

Hans Rentsch,
Wie viel Markt verträgt die Schweiz?
Ökonomische Streifzüge durchs Demokratieparadies
256 S., 4 Tab. u. Graf.,
Fr. 44.–* / € 44.–
ISBN 978-3-03810-238-0

NZZ Libro, Buchverlag Neue Zürcher Zeitung Postfach, CH-8021 Zürich. Telefon +41 44 258 15 05, Fax +41 44 258 13 99, nzz.libro@nzz.ch.
* Unverbindliche Preisempfehlung. Erhältlich auch in jeder Buchhandlung
Inhalt

Umwerfend, Nicht jedes Buch ist eine Wucht. Aber es gibt Bücher, die hauen einen wirk-
lich um. Kürzlich ist uns ein solches Exemplar ins Haus gekommen. Eines

so ein Buch
Freitags stand es da, einen halben Meter hoch und fünf Kilo schwer, un-
möglich ins Postfach zu kriegen. Neugierig wurde das Paket von allen Sei-
ten beäugt, und einmal ausgepackt, zog es nur noch mehr Blicke an: Kaum
jemand, der nicht begeistert gewesen wäre ob der zackigen Käferbeine und
der feinen Fliegenflügel, die es enthielt. Natürlich nur als Bild! Die Insekten
– allesamt aus Surinam – sind 1699 von Maria Sibylla Merian gemalt und die
Zeichnungen jetzt in einer prächtigen Faksimile-Ausgabe gedruckt worden
(S. 25). Behutsam wendet man Seite um Seite, und Blatt um Blatt staunt
man mehr über die Akribie dieser Frau und die Existenz dieses Werks. Und
wenn es, wieder zugeklappt, so neben einem steht, erinnert es dauernd
daran, was für ein grosses Ereignis ein Buch doch sein kann.
Für den Fall, dass Sie Billy-Regale besitzen und Bücher in Normgrösse
Nr. 2 | 26. Februar 2017

NZZ am Sonntag
Robert Walser Zwei Wanderer Zukunft Vergangenheit
Seine winzigen Adolf Muschg Was soll aus Verdrängte
Mikrogramme geht Goethe uns Menschen Erinnerungen
unter der Lupe entgegen werden? an die NS-Zeit

Bücher
12 7 16 22

bevorzugen, haben wir noch 35 andere Vorschläge. Manch Gewichtiges und


am Sonntag
Sperriges ist auch da dabei. Auf S. 23 etwa finden Sie eine Doppelbiografie
über Heidegger und Wittgenstein. Von Ulrich Beck können Sie sich auf S. 20
erklären lassen, weshalb wir die Welt nicht mehr verstehen. Oder vielleicht
Robert Walser mögen Sie sich mit Yuval Noah Harari fragen, ob wir Menschen bald in
(Seite 12).
Illustration von
Datenströmen versinken (S. 16). Solide Bücher, das ist sicher, werden
André Carrilho niemals untergehen. Wir wünschen anregende Lektüre. Claudia Mäder

Belletristik Kurzkritiken Sachbuch


4 Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben 15 Matthias Debureaux: Die Kunst, andere mit
Von Sieglinde Geisel seinen Reiseberichten zu langweilen
6 Alexander Goldstein: Denk an Famagusta Von Simone Karpf
Von Janika Gelinek Jürgen Osterhammel: Die Flughöhe der Adler
7 Adolf Muschg: Der weisse Freitag Von Kathrin Meier-Rust
Von Manfred Koch Martin Luther: Die 95 Thesen
8 Julian Barnes: Der Lärm der Zeit Von Kathrin Meier-Rust
Von Christian Berzins Stephen J. Dubner, Steven D. Levitt: Wann Sie eine
9 Laura Wohnlich: Sweet Rotation Bank überfallen sollten
Von Sandra Leis Von Claudia Mäder
Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik
1945–1965

WALTER STUDER / KEYSTONE


Von Gerhard Mack
Sachbuch
10 Neil Smith: Das Leben nach Boo 16 Yuval Noah Harari: Homo Deus
Von Simone von Büren Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft
11 David Foster Wallace: Der grosse rote Sohn Von Claudia Mäder
Von Martin Zingg 18 Ben Ehrenreich: Der Weg zur Quelle
Von Claudia Kühner Noch einmal neue Texte vom früh verstorbenen Mani
Kurzkritiken Belletristik 19 Mani Matter: Was kann einer allein gegen Zen Matter: Gedichte, Politisches, Dramatik und mehr (S. 19).
Buddhisten
11 Gushi shijiu shou: Neunzehn Gedichte aus Von Kathrin Meier-Rust 25 Ottfried Höffe: Geschichte des politischen
alter Zeit Beatrix Langner: Die 7 grössten Irrtümer über Denkens
Von Manfred Papst Frauen, die denken Von Katja Gentinetta
Svenja Herrmann: Die Ankunft der Bäume Von Ina Boesch Maria Sibylla Merian: Die Verwandlung der
Von Gundula Ludwig 20 Ulrich Beck: Die Metamorphose der Welt surinamischen Insekten
Aleš Šteger: Logbuch der Gegenwart Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft Von Simone Karpf
Von Claudia Mäder Von Walter Hollstein 26 Peter Berthold: Mein Leben für die Vögel
Viktorija Tokarjewa: Auch Miststücke können 21 Klaus von Stosch: Herausforderung Islam P. H. Barthel, P. Dougalis: Was fliegt denn da?
einem leidtun Mehdi Bazargan: Und Jesus ist sein Prophet Von André Behr
Von Manfred Papst Von Katharina Bracher Das amerikanische Buch
22 Florian Huber: Hinter den Türen warten die Robert D. Kaplan: Earning the Rockies. How
Interview Gespenster Geography Shapes America’s Role in the World
Alexandra Senfft: Der lange Schatten der Täter Von Andreas Mink
12 «Walsers Wortschatz toppt sogar Goethe» Von Klara Obermüller
Manfred Papst spricht mit dem Germanisten 23 Manfred Geier: Wittgenstein und Heidegger. Agenda
Wolfram Groddeck über die Editionsarbeit Die letzten Philosophen
an Robert Walsers Texten Von Florian Bissig 27 Alexander Braun: Winsor McCays «Little Nemo»
24 Mohamed Amjahid: Unter Weissen. Was es Von Manfred Papst
Kolumne heisst, privilegiert zu sein Bestseller Februar 2017
Von Holger Heimann Belletristik und Sachbuch
15 Charles Lewinsky Martin Schmitt: Internet im Kalten Krieg Agenda März 2017
Das Zitat von Karl Heinrich Waggerl Von Sarah Genner Veranstaltungshinweise

Chefredaktion Felix E.Müller (fem.) Redaktion Claudia Mäder (cmd., Leitung), Simone Karpf (ska.), Kathrin Meier-Rust (kmr.), Manfred Papst (pap.)
Ständige Mitarbeit Urs Bitterli, Hildegard Elisabeth Keller, Manfred Koch, Gunhild Kübler, Sandra Leis, Charles Lewinsky, Andreas Mink, Klara Obermüller, Angelika Overath,
Urs Rauber, Martin Zingg Produktion Daniela Salm, Björn Vondras (Art Director), Urs Schilliger (Bildredaktion), Manuela Graf (Layout), Barbara Guth (Korrektorat)
Verlag NZZ am Sonntag, «Bücher am Sonntag», Postfach, 8021 Zürich, Telefon 0442581111, Fax 0442617070, E-Mail: redaktion.sonntag@nzz.ch

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Belletristik
Roman Die US-Amerikanerin Hanya Yanagihara hat mit «Ein wenig Leben» einen heftig diskutierten
Grossroman vorgelegt, der zwischen Thriller und psychologischer Analyse oszilliert

In der Sackgasse des


macht eine steile Karriere als Wirt-
Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. schaftsanwalt, auf seine Umgebung übt
Deutsch von Stephan Kleiner. er eine geradezu magische Anziehungs-
Hanser Berlin, Berlin 2017. kraft aus, trotz seinem übermächtigen
960 Seiten, Fr. 39.90, E-Book 21.90. Drang, sich selbst zu verletzen.
An Wundern ist dieser Roman so reich
Von Sieglinde Geisel wie an Katastrophen. Engelsgleich
scheint die Liebe und Freundschaft, die
Es beginnt konventionell: Nacheinander Jude erfährt – etwa von seinem ehemali-
werden uns vier junge Männer vorge- gen Jura-Professor Harold, der den Dreis-
stellt, New York, Künstlermilieu, sie sind sigjährigen adoptiert, und erst recht von
auf der Suche nach ihrem Leben und Willem, der sich rührend um Jude küm-
ihren Gefühlen. Fast tausend Seiten lang mert, inklusive einer entsagungs- und
werden wir ihnen nun beim Leben zu- hingebungsvollen Liebesgeschichte. In
schauen, über dreissig Jahre hinweg. ihrer sexuellen Orientierung sind die vier
Es ist nicht recht auszumachen, zu Männer bemerkenswert flexibel, was
welcher Zeit der Roman der 1975 gebore- dem Roman in den USA mancherorts das
nen US-amerikanischen Autorin Hanya Label «The great gay novel» eingebracht
Yanagihara spielt, denn New York tritt als hat. Aber das Schwulenthema ist nur ein
Schauplatz kaum in Erscheinung – weder Nebenschauplatz.
gibt es den Anschlag von 9/11, noch spü- Das Gravitationszentrum des Romans
ren wir etwas von der Alltagshektik. liegt in Judes Trauma. Darüber jedoch er-
Vieles in diesem Roman ist märchen- fahren wir nur, was Jude selbst erzählt
haft. Schon die Berufskarrieren der vier oder woran er sich in den Rückblenden
Freunde sind zu schön, um wahr zu sein. erinnert. Denn genau das ist das Pro-
Willem, ein Ranchersohn aus dem blem: Jude weigert sich, über seine Ver-
Midwest, will Schauspieler werden, zu- gangenheit zu sprechen. «… damals, als
erst muss er noch kellnern, doch ehe er er im Kloster gelebt hatte», heisst es ohne
sich versieht, ist er ein Filmstar. JB ver- weitere Erklärung. Über ein Gespräch
dient seine Brötchen anfangs an der Re- des 16-jährigen Jude mit der Sozialarbei-
zeption eines Kunstmagazins, doch dann terin Ana erfahren wir am Ende nur, dass
hat er, mir nichts, dir nichts, seine erste Ana jetzt weiss, «dass es eine Hölle gibt
Ausstellung im MoMa. JB entstammt der und diese Männer dorthin gehören».
haitianischen Community, Malcolm hat
einen (reichen) schwarzen Vater und Nicht fürs Glück gemacht
eine weisse Mutter – damit ist auch für Geschickt streut Hanya Yanagihara ihre
Multikulti gesorgt. Malcolm wächst an Köder. Erst nach und nach erfahren wir,
der Upper East Side als unglückliches dass Jude als Findelkind neben einer
Kind auf, doch dann wird er ein erfolg- Mülltonne gefunden wurde, wie ihn die
reicher Architekt. Bleibt der hinkende, Mönche in dem Kloster, das ihn auf-
von Schmerzattacken geplagte Jude. nahm, misshandelten und missbrauch-
Niemand weiss etwas über ihn, denn er ten, dass der einzige Mensch, dem er ver-
spricht nicht über seine Herkunft. Jude traute, ihn aufs Übelste verriet usw. Bis-
weilen wähnt man sich in einem Thriller
von Stephen King, nicht nur wegen des
Lesung: Verlosung Spannungsaufbaus, sondern auch ange-
sichts der grotesken Gewalt und der ab-
grundtiefen Bosheit. Die exzessiven Auf irritierende Weise oszilliert der
Am Dienstag, 14. März, ist die Autorin Selbstverletzungen bekommen wir in Text zwischen Thriller und psychologi-
Hanya Yanagihara im Literaturhaus Nahaufnahmen geliefert: «Er hatte eine schem Roman. Jude erlebt die Abspal-
Zürich zu Gast (Lesung und Gespräch, neue Methode entwickelt, bei der er die tung und Wiederkehr der Vergangenheit,
letzteres findet auf Englisch statt). Als Rasierklinge senkrecht auf seine Haut die Trennung von Körper und Seele
Partnerin der Veranstaltung verlost die stellte und sie dann so weit hinunter (sein Peiniger hatte ihm als Kind beige-
NZZ am Sonntag drei Tickets: Schicken drückte, wie er konnte.» bracht, wie man seinen Körper verlässt),
Sie uns bis zum 3. März eine E-Mail an Es gibt in diesem Roman «Stellen», die unablässig verfolgen ihn die Schuldge-
verlosungen@nzz.ch, Betreff «Lesung». nicht des Sexes wegen obszön sind (der fühle des Erniedrigten. «Er war geboren,
Teilnahmeberechtigt sind volljährige Personen mit spielt kaum eine Rolle), sondern wegen ausgesetzt und gefunden worden und
Wohnsitz in der Schweiz. Die Gewinner werden ausge- des geradezu zelebrierten Schmerzes – dann benutzt worden, wie es seine Be-
lost, Rechtsweg ausgeschlossen, keine Barablöse,
keine Korrespondenz über die Verlosung. wie es das ambivalente Umschlagbild stimmung war, benutzt zu werden»,
schon andeutet. so sieht Jude sich selbst. Dieses Zitat
4 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017
Schmerzes
zusammen. Die guten auch.» Yanagihara
erzählt aus verschiedenen Perspektiven,
gewährt Einblick in Innenwelten, springt
gar unerwartet in eine Ich-Erzählung:
Der arme Harold, der an der Verschlos-
senheit seines erwachsenen Adoptiv-
sohns verzweifelt, gibt in seinen Briefen
Judes Schicksal eine neue Deutung.
«Ich glaube, Glücklichsein ist nichts
für mich», sagt Jude bereits auf den ers-
ten Seiten, und dabei wird es auch blei-
ben. Hanya Yanagihara erzählt uns von
Judes Selbstzerstörung, sie hilft dem Un-
glück sogar nach, indem sie Willem einen
ausgesprochen kitschigen Tod sterben
lässt. Jude bleibt in seinem inneren Ge-
fängnis stecken, auf enervierende Weise
dreht er sich um sich selbst, verstrickt in
sein Leid und den Schmerz, in den er sich
flüchtet. Jude verweigert jede Therapie
(«Hör auf, mich reparieren zu wollen,
Willem»). Als er schliesslich doch nach-
gibt, landet er, wie hätte es anders sein
können, bei einem unfähigen Therapeu-
ten. Eisern hält er an der mechanisti-
schen Begrifflichkeit von Beschädigung
und Reparatur fest. Der Gedanke, dass
ein Trauma eine Verletzung ist (so die Be-
deutung des griechischen Worts) und es
die Möglichkeit einer Heilung gäbe,
bleibt aus dem Roman verbannt.

Verweigerte Rettung
Auch bei Beckett oder Kafka gibt es für
die Figuren keine Rettung, doch für den
Leser ist die Ausweglosigkeit eines Josef
K. oder die Vergeblichkeit des Wartens
auf Godot keine Sackgasse. In der Viel-
deutigkeit besteht die utopische Qualität
von Literatur: Deshalb setzt sie eine
H. & D. ZIELSKE / GALLERY STOCK

Transformation in Gang, auch wenn sie


vom Scheitern handelt. Genau dies je-
doch verweigert uns Hanya Yanagihara.
Der Roman konzentriert sich gegen Ende
hin mehr und mehr auf Jude. Doch wäh-
rend der Roman sonst ständig mit dem
Märchenhaften kokettiert, wird ausge-
zeigt auch die stilistische Unbeholfen- alle (…) suchten Trost, suchten nach New York bildet rechnet dieser heimlichen Hauptfigur
heit, die von der erstaunlich uninspirier- etwas, das nur ihnen gehörte, etwas, das den Schauplatz des ein Wunder vorenthalten. Judes Selbst-
ten Übersetzung noch verstärkt wird. Die ihnen half, die furchterregende Grösse, Romans «Ein wenig mord ist ein «realistisches» Ende, ge-
Leben» von Hanya
Autorin scheut vor Kitsch nicht zurück: die Unmöglichkeit der Welt, die Uner- schenkt. Doch die Konsequenz, mit der
Yanagihara.
Judes Arm etwa wurde «durch die bittlichkeit ihrer Minuten, ihrer Stunden, Trauma und Untergang bis in die hinters-
Narben in eine leidgetränkte Landschaft ihrer Tage auf Abstand zu halten.» ten Seelenwinkel ausgeleuchtet werden,
verwandelt». Manchmal kommen die Einsichten auch hat etwas Gewolltes. Judes Scheitern öff-
«Ein wenig Leben» macht zwar Anlei- aus den Köpfen der Figuren. Jude spielt net keine Räume, es ist ein Monument
hen bei der Trivialliteratur, doch ebenso «das alte Wenn-Spiel», als hätte sein der Sinnlosigkeit, von Leid – aber auch
nutzt Yanagihara die Verfahren der mo- Leben eine andere Wendung genommen, von Liebe. Wenn das wirklich alles ist,
dernen Literatur. Immer wieder geht sie wenn dies und das nicht geschehen dann war der enorme emotionale Auf-
in ihrer Erzählweise auf Distanz, sie zieht wäre. Jude erkennt: «Die schrecklichsten wand, den man auch als Leser zu leisten
Schlüsse, oft in gewichtigen Sätzen: «Sie Wenns hängen mit anderen Menschen hat, umsonst. ●
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Belletristik

Roman Alexander Goldstein (1957–2006) war ein


so phantasievoller Erzähler, dass man sich gerne
in seiner wild wuchernden Prosa verliert

DerLöwenbändiger
amSchaschlikstand
torisch, oder wer gerade wem etwas er-
Alexander Goldstein: Denk an Famagusta. zählt. Nicht um Chronologie oder Ver-
Deutsch von Regine Kühn. ständnis geht es hier, noch viel weniger
Matthes & Seitz, Berlin 2017. um die empathische Identifikation mit
535 Seiten, Fr. 36.90, E-Book 25.50. einer liebgewordenen Hauptfigur, statt-
dessen führt der Roman zurück zur ur-
Von Janika Gelinek sprünglichen Zumutung von Literatur,
nämlich jener, der von ihr evozierten
Jeder Roman ist zunächst eine Zumu- Welt vollkommen ausgeliefert zu sein.
tung. Mit den ersten Sätzen wird man in «Gelbes Licht in den Schlafzimmer-
eine bis dato fremde Welt geschleudert, fenstern, Gaunerlieder vom Tonband,
die ganz ohne eigenes Zutun in vollem am Laden der Händler aus Buchara trin-
Gang ist, deren Personal man nicht ken die Rumänen einen Tank leer und
kennt, deren Sprache man nicht spricht quatschen mit unrasierten Türken. Auf
und deren Elemente es nun möglichst der Kreuzung halten zwei Russinnen in
rasch zu entschlüsseln gilt – Hauptfigu- kaum das Geschlecht bedeckenden
ren, Zeit, Konflikte, Motive –, bis man Röckchen, in knisternden Strumpfhosen
schliesslich «drin» ist und wissen will, Ausschau nach einem Beduinen in einem Furios führt des Lesers, in denen man sich endlos
wie es weitergeht. nagelneuen Jeep. An diesem Abend Alexander Goldstein verlieren und berauschen kann, befreit
Dass Lesen jedoch mehr ist als nur die würde ich gern ein Gebräu aus Mohn zu die Leser von einem von jedem Anspruch auf Plot und Happy
Ort zum anderen
Auflösung der Frage, ob Hans am Ende mir nehmen.» End: «Um halb drei hüllte die Strassen-
und macht dabei
die Grete kriegt, zeigt Alexander Gold- Orientierungslos gerät man hinein in gelegentlich in Baku laterne die Platane in schmeichelndes
stein in seinem 2004 erstmals erschiene- die versunkene Welt Transkaukasiens, Halt (Postkarte, Licht, Eisschlamm ging den Fluss hinun-
nen Roman so furios und so konsequent, den historischen und kulturellen Hinter- 1980er-Jahre). ter, und überm Eisgemisch tirilierte
dass der Zutritt zunächst unmöglich er- grund des Romans. Zugleich bildet Gold- ein südlicher Vogel, wie der ultra-
scheint. Von Seite zu Seite ziehen neue stein, der 1957 in Tallinn geboren wurde, marinfarbene, langschnäbelige, der in
Panoramen auf, Tiflis und Baku, Rom, aber auch die Realität des israelischen Lod, dem Lydda des Evangeliums, auf
Moskau, Tel Aviv und die israelische Exils ab, in dem er von 1990 bis zu sei- dem Balkon die Samen der roten Blumen
Kleinstadt Lod. Es treten Figuren auf, nem Tod 2006 lebte, so dass gegenwär- pickt und zirpt und zirpt.»
von denen man sich nicht immer sicher tige und historische Fremdartigkeit in Dank der phantastischen, eigentlich
ist, ob man sie schon kennengelernt hat den erstaunlichsten Bildern immer wie- in einer eigenen Rezension ausgiebig
oder sie sich für später merken muss: die der überblendet wird. zu würdigenden Übersetzung Regine
Druckereiangestellte Lana Bykowa zum In den asketischen Initiationsriten Kühns, einer Herkulestat in jeder Hin-
Beispiel, von der viele der eingestreuten eines jugendlichen Glücksspielers, in der sicht, erscheint Goldsteins Sprache so
Geschichten stammen, der Löwenbändi- absterbenden Liebe zweier Obdachloser reich, wild und wunderbar, dass man
ger Galparin oder der von zwei Security- auf der King-George-Strasse in Jerusa- neben der Zumutung, die Literatur eben
Mönchen bewachte Bischof, der eine ei- lem, im «kaugummikalten Atem» einer auch ist, immer wieder an eines ihrer tie-
gentlich verbotene Wanderung zum Ara- jungen Frau im Nachtbus und auf dem fen Geheimnisse erinnert wird: «Ich ass
rat in Auftrag gibt. Parapet von Baku, zwischen Transforma- Brot mit Butter, kostete Honig und Dat-
Ein Moment der Unaufmerksamkeit, torenhäuschen und Schaschlikstand öff- teln zum Tee, das Leben, wenn man es in
und schon weiss man nicht mehr, wo net Alexander Goldstein einen Asso- Prosa aufschreibt, wie es grad kommt,
man sich befindet, geografisch und his- ziationsraum nach dem anderen im Kopf leuchtet trotz allem.» ●

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6 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017


Erzählung In seinem tiefgründigen und doch federleichten neuen Buch verwebt Adolf Muschg
Goethes zweite Schweizer Reise von 1779 mit seiner eigenen Lebensgeschichte

Furka,TodundTeufel
Adolf Muschg: Der weisse Freitag.
Erzählung vom Entgegenkommen.
C.H. Beck, München 2017.
252 Seiten, Fr. 31.90, E-Book 20.50.

Von Manfred Koch

Goethes Schweizer Reisen sind ein Le-


bensthema von Adolf Muschg. 2004 hat
er unter dem Märchentitel «Von einem,
der auszog, leben zu lernen» eine brillan-
te Studie über sie veröffentlicht. Dreimal
– 1775, 1779 und 1797 – war Goethe zu Be-
such im damaligen «Mutterland der
Natur» (Muschg), und Muschgs Essay
zeigt eindrücklich, wie jedesmal ein an-
derer Dichter über die Grenze kam, der
infolgedessen auch jedesmal eine ziem-
lich andere Schweiz erfuhr.
Die erste Reise des 26-jährigen, durch
«Werthers Leiden» gerade zum europäi-
schen Jungstar aufgestiegenen Autors
stand noch ganz im Zeichen des Genie-
kults: Goethe und seine Gefährten er-
freuten sich an provokantem Nacktba-
den und der Zelebrierung hochgespann-
ter Gefühle im Austausch mit Seelen-
freunden wie Lavater. Die Tour von 1797
hingegen mutet schon beinahe an wie

AKG IMAGES
soziologische Feldforschung. Der Wei-
marer Minister notiert nüchtern-sach-
lich, was ihm an ökonomischen und kul-
turgeschichtlichen Besonderheiten der Im Herbst 1779 gelungene Literatur wird, im ästheti- cher Gang durch die Fluren des Nichts,
Eidgenossenschaft auffällt. Wie aber bestiegen Goethe und schen Genuss auch eine kleine Macht des Todes, den Goethe wie ein Reini-
steht es in diesem Entwicklungsgang Herzog Carl August über den Tod. «Ich habe den Krebs; was gungsritual gestaltet, an dessen Ende
u.a. auch das Faulhorn
vom – plakativ gesprochen – subjektiven kann mich kümmern, als dass er mich eine Wiedergeburt steht: der Verdruss
im Berner Oberland
zum objektiven Goethe mit der Reise von (Holzstich, um 1860). nicht habe, nicht mit Haut und Haar?» über seine Weimarer Existenz, die ihn als
1779? Ihr gilt schon in dem Bändchen von Die bewegende Meisterschaft dieses Dichter auszulöschen drohte, ist wie
2004 Muschgs stärkstes Interesse; sie ist Buchs liegt darin, dass das Todesthema weggeblasen. Die höheren Mächte haben
es, auf die sich das titelgebende «leben anfangs nur leise anklingt, dann aber, ihn mit dem Herzog als einem Blutsbru-
lernen» vor allem bezieht. etwa ab der Mitte, zunehmend an Inten- der zusammengeschweisst und damit
sität gewinnt, bis im letzten Drittel zwei- ein Zeichen gegeben, dass sein Weiter-
Ars moriendi mal jener ungeheure Goethe-Satz zitiert wirken als disziplinierter Staatsmann
Folgerichtig widmet Muschg ihr nun ein wird, den die ganze Erzählung letztlich sinnvoll ist.
eigenes Buch, das über die Grenzen des umkreist: «Den Tod statuiere ich nicht!»
literaturwissenschaftlichen Essays hin- Im vorderen Teil sind die autobiografi- Strapaziös für Senioren
ausgeht. «Der weisse Freitag» ist nach schen Abschnitte noch seltener, und sie Muschg beschreibt am Ende humorig,
Auskunft des Titelblatts eine «Erzäh- bringen die Hinfälligkeit des über 80- wie er sich mit seiner Frau auf eine – für
lung». Das heisst konkret, dass Muschg Jährigen eher beiläufig ins Spiel, indem Senioren ziemlich strapaziöse – Furka-
die Schilderung der Reise mit fiktionalen sie zum Beispiel von seiner vermehrten Begehung von der anderen Seite, von
Elementen anreichert, so dass wir stre- Neigung zu fallen berichten. Deutlich do- Realp aus, aufgemacht hat, um Goethe
ckenweise einen kleinen Goethe-Roman miniert hier noch der Goethe-Plot, der «unzeitig entgegenzukommen». Deut-
zu lesen bekommen. «Der weisse Frei- sich allerdings auch bald als Erzählung lich ist indessen, dass sein Buch eine Zu-
tag» ist aber auch ein autobiografischer von einem Aufbruch in die Todeszone sammenführung seiner Biografie mit der
Text, in dem Adolf Muschg Rückschau entpuppt. Goethe liebte es, sich in Ex- seines Lieblingsautors ist. Über dem
hält auf seine eigenen, niemals abge- tremsituationen zu begeben, um deren Treffpunkt der beiden könnte eine der
schlossenen Versuche, leben zu lernen. glückliche Überwindung als «Zeichen» wichtigsten Goethe-Maximen stehen:
Und er ist darin zugleich – im ständigen zu deuten, dass «die Götter» ihm wohl- «memento vivere». Gedenke zu leben!
Blick auf Goethes Lebenskunst – ein Ver- gesinnt waren. So hatte er bereits 1777 Muschg gelingt ein so leichtes, unpa-
such, das Sterben zu lernen. den winterlichen Brocken bestiegen, thetisches, lebenskluges Anschreiben
Adolf Muschg ist mittlerweile 82 Jahre und so schleppte er im beginnenden gegen den Tod, dass man unwillkürlich
alt; vor fünf Jahren wurde bei ihm Krebs Winter 1779 seinen Dienstherrn, Herzog an einen vergleichbar ernst-heiteren
diagnostiziert. Zur Ars moriendi gerade Carl August von Weimar, hinauf auf den Peanuts-Cartoon von Charles M. Schulz
eines Schriftstellers gehört wesentlich tiefverschneiten Furkapass, um über denken muss. Er zeigt Charlie Brown und
das Erzählen, am besten nicht nur von diesen riskanten Übergang zum Gotthard Snoopy von hinten, hinausschauend auf
sich, sondern auch von einem Anderen zu gelangen. das unendliche Blau des Meeres. «Some
(der übrigens genau in Muschgs jetzigem Der «weisse Freitag» ist der 12. Novem- day, we will all die, Snoopy», sagt Charlie
Alter starb) und dessen Umgang mit der ber 1779, an dem die beiden mit Hilfe ein- Brown zu Snoopy. «True», antwortet der
Todesdrohung. Das Erzählen hilft, Di- heimischer Führer die Passage mit heiler gescheite Hund, «but on all the other
stanz zu gewinnen, es verleiht, wenn es Haut bewältigten. Ein Zauberberg-ähnli- days, we will not.» ●
26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 7
Belletristik

Roman Julian Barnes erzählt das Leben des sowjetischen


Komponisten Dmitri Schostakowitsch und fragt sich,
ob Niedertracht und Genie vereinbar sind

WodieMusik
spielt,istdieMacht

UNIVERSAL IMAGES / AKG

Der Komponist bei Ton. Drei Jahrzehnte lang lebte er nun ten … er hat alles. Und sitzt auch noch im
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. der Arbeit: Dmitri mit Orden behangen, aber von tausend Organisationskomitee zu Stalins sieb-
Deutsch von Gertraude Krueger. Schostakowitsch an Zweifeln geplagt. zigstem Geburtstag, muss jenem Dikta-
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. seinem Schreibtisch
1906 wird Schostakowitsch geboren, tor huldigen, der ihn beinahe umge-
256 Seiten, Fr. 28.90, E-Book 18.50. (1938).
auf die frühen ersten Erfolge folgen Tri- bracht hatte. Der sowjetische Apparat
umphe. Dann setzt er bereits ein klingen- versteht es, seine Exponenten zu willen-
Von Christian Berzins des Ausrufezeichen, eines, das die dau- losen Schachfiguren zu machen.
ernd hervordrängenden Zwischenfragen
Weil unser Romanheld nicht wollte, dass erstmals zulässt. Schon mit der zweiten Dur bleibt Dur
die «Macht» ihn mitten in der Nacht im Sinfonie nämlich huldigt Schostako- Seine Musik ebnet ihm den Weg zur in-
Pyjama aus der Wohnung zerrt, legte er witsch der «Macht» und feiert Lenin als neren Freiheit. Aber erzählen Schostako-
sich jeweils in Kleidern auf die Decke, Befreier des russischen Volkes. Doch witschs Sinfonien tatsächlich die «Ge-
der gepackte Koffer stand neben dem eben: Was soll ein Komponist tun, wenn heimgeschichte Russlands», sind also
Bett bereit. Da er aber Frau und Kind den die «Macht» so stark ist, dass sie durch gut getarnter Widerstand, wie der Cellist
Anblick der Verhaftung ersparen wollte, seine «Helden der Arbeit» sogar Kunst er- Mstislaw Rostropowitsch einst sagte? Die
setzte er sich schliesslich auf die Treppe schaffen lassen kann? «Macht» denkt nicht daran, darin Ironie
vor die Wohnungstür. Und wartete. Ein nächster Triumph wird 1934 die oder Sarkasmus zu hören, sie spricht
Eine tolle Episode, die Julian Barnes Oper «Lady Macbeth von Mzensk». Am über die berüchtigte 5. Sinfonie, die auf
da in «Der Lärm der Zeit» erzählt. Doch 16. Januar 1936 will auch Stalin die Oper den berüchtigten Prawda-Artikel folgte,
leider ist es keine Fiktion, sondern kalte sehen – und findet sie grauenhaft. Am von einer «schöpferischen Antwort eines
Realität. Der 1936 im englischen Leices- 28. Januar erscheint in der Prawda der sowjetischen Künstlers auf berechtigte
ter geborene Schriftsteller hat nämlich nicht signierte, demnach die Meinung Kritik». Wer Eselsohren hat, höre die Iro-
keinen russischen Agententhriller, son- der Partei widerspiegelnde Artikel nie nicht, höre nur den Triumph, schreibt
dern einen Roman über den Komponis- «Chaos statt Musik». Schostakowitsch Barnes. Doch ob Esels- oder Eulenohr:
ten Dmitri Schostakowitsch (1906–1975) muss um sein Leben fürchten, soll öf- Das finale D-Dur der Fünften bleibt nun
geschrieben. Dazu brauchte Barnes keine fentlich kundtun, dass er sich künstle- mal in «Dur» – es kann trotz der Chiffren
packende Handlung zu erfinden, nicht risch geirrt und verirrt hat. Die «Macht» durchaus strahlend wirken, das Regime
einmal das aus früheren Biografien Be- befahl ihm, welcher Künstler er sein soll- verherrlichen. Der offizielle Sinfonie-Ti-
kannte auszuschmücken: Ein ganz nor- te, wie seine Musik zu klingen hatte. tel «Optimistische Tragödie» passt auch
males Sowjetleben gibt mehr als genug Sollte er der Sowjetunion dienen, zum Leben Schostakowitschs.
abenteuerlichen Stoff her. Jahrelang Musik fürs Volks schreiben, aufgezwun- Die Stärke von Barnes’ Buch ist es,
fürchtete nämlich einer der grössten gene Reden halten, Briefe gegen regime- dass durch die Romanform der Leser
Komponisten des 20. Jahrhunderts, ein kritische Künstler unterschreiben, um dem Menschen Schostakowitsch sehr
Opfer von Stalins Terror zu werden – seinen Kopf zu retten? Oder sollte er nahekommt. Als gutem Menschen. Der
eines von mindestens drei, wahrschein- gegen die «Macht» ankämpfen, in Ame- Stachel ist aber nicht wegzubringen.
lich gar zwanzig Millionen. rika auf prosowjetischer Propaganda- «Wer alle verrät, verrät auch sich», lässt
reise aus dem Hotelfenster in die Freiheit Barnes Schostakowitsch sagen. Alte
Datscha mit Dienstboten springen, wie es von der Strasse gefor- Freunde geben dem Komponisten die
Barnes erzählt aus der Perspektive dert wird? Schostakowitsch springt Hand nicht mehr. «Genie und Nieder-
Schostakowitschs, dichtet nichts hinzu, nicht, kann der moralischen Korruption tracht sind gänzlich unvereinbar. Ist’s
lässt aber den befreienden und kriti- nicht entgehen: Rettet er sich selbst, ret- nicht so?», so fragt Mozart in Puschkins
schen Gedanken viel Platz. Kaum war tet er auch die Menschen, die er liebt. «Mozart und Salieri» – und Barnes wie-
1953 Stalin tot und die schlimmste Zeit Und so schwimmt er denn weiterhin in derholt diesen Zweifel.
vorbei, begann für Schostakowitsch die Ehrungen «wie eine Garnele in Garnelen- Über die Naivität Mozarts hätten die
zweitschlimmste: Er arrangierte sich bis Cocktailsauce», schreibt Barnes bitter- Machthaber der Sowjetunion nur ge-
zum Tod mit der «Macht» und war bereit, böse. Ein privates Auto, einen Chauffeur, lacht. Schostakowitsch hingegen weinte
das Regime zu unterstützen. In Wort und eine Datscha, ein Leben lang Dienstbo- viele Nächte bitterlich. ●
8 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017
Roman Mit «Sweet Rotation» legt die junge Basler Autorin Laura Wohnlich ein Debüt vor, das aus der
Perspektive eines Escort-Girls geschrieben ist

LiebesromanzeàlaPrettyWoman
zen lernt und wie sie sich heftig in einen blosse Stereotype: Seien dies Annas El-
Laura Wohnlich: Sweet Rotation. jungen Mann verliebt, der sie ebenfalls tern, ihre Tante, die sich nach dem Tod
Piper, München 2017. 333 Seiten, gebucht hat. Nelson ist das Gegenteil des der Mutter meldet, der schwule Freund
Fr. 28.90, E-Book 20.50. durchschnittlichen Kunden: Er ist 26 oder die Freier. Hinzu kommt eine Spra-
Jahre jung, sportlich und hat wunder- che, die um jeden Preis hip und rotzig
Von Sandra Leis schöne Augen, die sie an Waldpfützen sein will, gleichzeitig aber auch Rollen-
erinnern. Einziges, aber gravierendes prosa ist. Das lässt die Ich-Erzählerin
Laura Wohnlich, mit Baseball-Käppi und Problem: Nelson trauert seiner Ex- streckenweise unglaubwürdig wirken:
keckem Blick auf dem Autorinnenfoto, Freundin nach. Hat eine Frau, deren Grundgefühl die
schreibt auf Tempo und Zuspitzung, und Man mag ein wenig an die Hollywood- Vernachlässigung ist, stets einen flotten
zwar vom ersten Satz an: «Der Tag, an Romanze «Pretty Woman» mit Julia Ro- Spruch auf den Lippen?
dem ich Prostituierte wurde, war dersel- berts und Richard Gere erinnert sein – die Einmal stellt Anna kokett fest: «Ficken
be wie der, an dem meine Mutter gestor- Liebesgeschichte zwischen Anna und war eindeutig das kleinere Übel als
ben ist.» Jeder, der das Herz auch nur Nelson ist weniger rührselig, weil hier Trauern.» Schade, dass sie Trauer nicht
halbwegs auf dem rechten Fleck hat, zwei Versehrte aufeinander zugehen und zulässt. Die Kombination aus Eros und
horcht auf und hat Erbarmen mit Anna. füreinander einstehen. Die Liebesge- Thanatos hätte dem Roman vielleicht
Denn Sex gegen Geld, so Anna, sei auch schichte ist das Überzeugendste an die- eine Mehrschichtigkeit verliehen, die
für die aufgeklärtesten Menschen in aller sem Roman, die anderen Charaktere sind ihm so leider völlig abgeht. ●
Regel ein No-Go. Dazu eine tote Mutter,
das ist des Traurigen fast zu viel.
Über die familiären Umstände gibt die
junge Frau häppchenweise Auskunft: Als Nach dem Krieg Gespaltene Welt, vereinte Kunst
sie vier Jahre alt ist, lassen sich ihre El-
tern scheiden. Sie lebt bei der Mutter, bis
diese zu ihrem Freund ziehen will und
für die inzwischen 16-jährige Tochter
eine eigene kleine Bleibe sucht. Die Mut-
ter kommt für Wohnung und Unterhalt
auf, doch als Anna die Matur gemacht
und nicht die leiseste Ahnung hat, was
aus ihr werden könnte, dreht die Mut-
ter den Geldhahn zu. Und vom Vater –
einem menschenscheuen, alkoholkran-
ken Künstler – ist finanziell eh nichts zu
erwarten. Bleibt im Moment nur ein Aus-
weg: Anna heuert bei einem Begleit-
dienst als Escort-Girl an und ist ihre
Geldsorgen schon bald los.
Eigentlich aber hat sich Anna von die-
sem Job noch etwas ganz anderes er-
hofft: «mal irgendeine erkennbare Ge-
fühlsregung» der Mutter statt «latentes
Desinteresse». Zum Beispiel, dass sie
sich Sorgen macht um ihre Tochter. Doch
so weit kommt es nicht, die Mutter stirbt
überraschend an einem Blutgerinnsel
und erfährt nichts vom Escort-Service.
«Das macht mich fast trauriger als ihr
Tod an sich, dass ich nie erfahren werde,
was ihre Reaktion darauf gewesen wäre»,
sagt Anna in einem ungelenken Satz.
Geschrieben hat ihn Laura Wohnlich,
die Informationen zu ihr sind rudimen-
tär: 1992 in Basel geboren, liest und
schreibt sie fast schon ihr Leben lang.
Nachdem sie Texte für das Junge Theater
Basel verfasst hat und auch für die Lite-
raturzeitschrift «Entwürfe», veröffent-
licht sie mit «Sweet Rotation» nun ihren
ersten Roman. Nicht in irgendeinem
Klein- oder Kleinstverlag, sondern im
Münchner Piper-Verlag, der von Hannah
Arendt über Sten Nadolny bis zu Char- Zuerst ärgert man sich, dann hat man Mitleid, schliess- setzt, während es in Europa als Ursache der Weltkriege
lotte Roche ein breites literarisches Spek- lich gewinnt das Unterfangen etwas widerständig Pro- erlebt wird. Yossef Zaritsky feiert 1951 auf seinem Ge-
trum abdeckt. phetisches: Die Kunst aus den beiden Jahrzehnten nach mälde «Yehiam» das Leben im Kibbuz allgemein und die-
In «Sweet Rotation», das lässt bereits dem Zweiten Weltkrieg wird in einen Ziegel von 4,5 Kilo sen Kibbuz im Besonderen, der von Holocaust-Überle-
der Titel erahnen, geht es vor allem um gequetscht und mit universalem Anspruch verhandelt. benden gegründet wurde. In der aktuellen politischen
Sex. Wir erfahren, wie Anna von den Das ist von der schieren Menge her eine Zumutung und Situation wird die wuchtige Verteidigung einer verein-
skurrilen Phantasien ihres ersten im Anspruch naiv. Die Machtblöcke in Ost und West, die ten, offenen Welt bereits nach 1945 zu einem Statement
Kunden überfordert ist und die Reiss- Spannungen zwischen Nord und Süd sollen aus vielen gegen die aufblühenden Nationalismen. Gerhard Mack
leine zieht; wie sie sich allmählich an Perspektiven als Elemente einer globalen Moderne Postwar: Kunst zwischen Pazifik & Atlantik 1945–1965,
die Wünsche ihrer Freier gewöhnt, deutlich werden. So ist das Nationale in Israel mit der hrsg. v. Okwui Enwezor u.a. Prestel, München 2016.
exquisite Speisen und teure Weine schät- Bildung des jungen Staates verbunden und positiv be- 846 Seiten, 650 Abbildungen, Fr. 88.–.
26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 9
Belletristik

Roman Ein Dreizehnjähriger kommt um und findet sich unvermittelt in einem sonderbaren Jenseits für
Jugendliche wieder: Im ersten Roman des Kanadiers dominiert das Unkonventionelle

DerHimmellebtvonHippies
Neil Smith: Das Leben nach Boo.
Deutsch von Brigitte Walitzek.
Schöffling, Frankfurt 2017.
416 S., Fr. 35.90, E-Book 22.50.

Von Simone von Büren

Das Periodensystem der Elemente erfüllt


manchen Zweck. Boo, dem dreizehnjäh-
rigen Titelhelden von Neil Smiths neuem
Buch, dient es als psychische Bewälti-
gungsstrategie. Er versucht es auswen-
dig aufzusagen, wenn er grosse Angst
hat. Und das hat der an seiner Highschool
ausserhalb von Chicago gemobbte Aus-
senseiter leider dauernd. Auch am 7. Sep-
tember 1979, als es ihm erstmals gelingt,
bis zu Element Nr. 106, Seaborgium, zu
kommen. Unmittelbar danach findet er
sich im Himmel wieder, in einem schma-
len Bett, bewacht von einem schnar-

SANDY HUFFAKER / CORBIS / GETTY


chenden schwarzen Mädchen. Die Perlen
in ihrem geflochtenem Haar kann Boo
deutlich sehen, obwohl er seine Brille
nicht trägt.
Auch sonst ist im quirligen Himmel,
den der 52-jährige kanadische Autor
und Übersetzer in seinem ersten Roman
entwirft, einiges anders als in Illinois. Der Schulalltag ist für fiert den Himmelshintergrund und zer- chen weniger intelligent als vorher. Seine
Es gibt hier nur amerikanische Jugendli- den Romanhelden die bricht Fensterscheiben oder ritzt sich die kritisch analysierende Distanz weicht
che, die im Alter von dreizehn Jahren Hölle. Besser ergeht Unterarme, um danach zu messen, wie empathischer Involviertheit, was auch
es ihm im Himmel für
gestorben sind. Und Gott ist kein gütiger lange es dauert, bis Glas und Haut wieder seine Haltung gegenüber Belletristik zu
Teenager, den er nach
Vater, sondern ein egozentrischer Hippie seinem mysteriösen zusammengewachsen sind. beeinflussen scheint, wird doch sein
namens Zig, der «ständig irgendetwas Tod erkundet. Schon bald ist er jedoch mit einem un- «Bericht meines Nachlebens» zur «Ge-
vermurkst». gleich heikleren Forschungsgegenstand schichte meines Nachlebens».
Der Ich-Erzähler, der mit seiner blei- konfrontiert: mit den Umständen seines
chen Haut und elektrisch aufgeladenen eigenen Todes. Denn Boos anfängliche Dauerpräsente Popkultur
blonden Haaren aussieht wie ein Geist, Annahme, er sei an dem angeborenen Diese Geschichte hat noch niemand ge-
was den Spitznamen Boo erklärt, be- Loch in seinem Herzen gestorben, wird lesen: «Ich wollte, dass ihr die ersten
schreibt diesen Himmel in einem «Be- erschüttert, als sein ehemaliger Klassen- seid, liebe Eltern.» Boo schreibt, er hoffe,
richt» an seine Eltern als «eine riesige kamerad Johnny mit einer viel ver- eines Tages einen Weg zu finden, sie den
Sozialsiedlung» aus niedrigen Backstein- störenderen Erklärung im Himmel auf- Eltern zukommen zu lassen, damit sie
bauten, die sich selbst reparieren. Es gibt taucht: «Irgendein durchgeknallter Typ «die elementaren Dinge meines Lebens
da «Pickel, Leistenpilze und unangeneh- hat uns erschossen.» und Nachlebens» verstehen. Die Tatsa-
me Körpergerüche», aber kein Geld, «Das Leben nach Boo», das inhaltli- che, dass wir den Text – sozusagen in der
keine Autos, keinen Krebs und keine che Elemente aus Neil Smiths unkon- Rolle dieser Eltern – lesen, impliziert,
Tiere – «ausgenommen ein sehr gele- ventionellem Debüt-Erzählband «Bang dass die Übergabe gelungen ist.
gentliches Exemplar, das irgendwie zu Crunch» (deutsch 2009) aufgreift, folgt Was das Verstehen angeht, ist die
uns durchgerutscht ist». Die gestorbenen Boo und Johnny, der sich in immer mehr Frage, was Boo als «elementar» bezeich-
Jugendlichen arbeiten Teilzeit und orga- Erinnerungen als beinahe romantisch net. Wir erfahren jedenfalls weit weniger
nisieren sich in Selbsthilfegruppen wie verbundener Freund Boos entpuppt, über sein wahrscheinlich komplexes In-
den «JuMos», kurz für «Jugendliche und ihren gelynchten, von Pferden tot- nenleben als über den lustvoll zusam-
Mordopfer», oder den Portalsuchern, die getrampelten oder an Erdnussallergien menphantasierten Teenage-Himmel, in
nach geheimen Tunneln zurück nach erstickten Himmelskumpanen auf den dem es wimmelt von Verweisen auf die
Amerika suchen. Spuren des Mörders. Die Suche führt in Pop- und TV-Kultur der 1970er-Jahre und
Spitäler, Gefängnisse, Schulen, in ein auf Antihelden der angelsächsischen Co-
Tatort Schulflur Museum für kuriose Gegenstände und ming-of-Age-Literatur. Grosse Themen
Zigs Bibliotheken enthalten ausschliess- zurück in den amerikanischen Schulflur, wie Mobbing, Suizid, Glaube, Rache und
lich Belletristik, mit der Boo nichts anzu- in dem Boo und Johnny einst blutend Vergebung werden gestreift, aber nicht
fangen weiss: «Ich verstand das Bedürf- nebeneinander lagen. vertieft. Das ist zwischendurch ein wenig
nis nach fiktiven Geschichten nicht, In kurzen, jeweils nach chemischen unbefriedigend, aber durchaus im Sinne
wenn doch die realen Ereignisse – die Elementen benannten Kapiteln springt Boos, der schliesslich erst und immer
wahren Dramen, die sich auf der die Erzählung zwischen Himmel und er- noch dreizehn ist und sich weniger inter-
Zellebene unserer Körper und auf der innertem Amerika hin und her, wobei essiert für die Umstände seines Todes als
astrophysischen Ebene unseres Univer- klar wird, dass einiges gleich bleibt – für die Frage, «wie Taschenlampen ohne
sums abspielten – so phantastisch und Freundschaften, psychische Labilität – Batterien funktionieren können» und
faszinierend waren.» Mit naturwissen- und anderes sich verändert. Boo, das wie das letzte nachgewiesene Element
schaftlicher Methodik beginnt Boo, sein Mobbing-Opfer aus Illinois, ist nun um- im Periodensystem heisst. Es ist unter-
neues Umfeld zu erforschen: Er kartogra- gänglich und beliebt, wenn auch ein biss- dessen Nr. 118, Oganesson. ●
10 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017
Literarische Reportage David Foster Kurzkritiken Belletristik
Wallace hat 1998 einen fulminanten Bericht
über die Pornobranche geschrieben
Im Herzen der Gushi shijiu shou: Neunzehn Gedichte aus
alter Zeit. Deutsch von Raffael Keller.
Svenja Herrmann: Die Ankunft der Bäume.
Gedichte. Wolfbach, 2017. 80 Seiten,

Vulgarität
Waldgut, 2016. 48 S., Fr. 33.90. Fr. 26.90.

David Foster Wallace: Der grosse rote Sohn.


Deutsch von Ulrich Blumenbach.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017.
104 S., Fr. 11.90, E-Book 9.50.
Dieser schmale bibliophile Band mar- Svenja Herrmann schreibt langsam, aber
Von Martin Zingg kiert eine Epochenschwelle in der chine- beharrlich. Die Autorin, die 1973 in
sischen Lyrik. Die «Neunzehn Gedichte Frankfurt geboren wurde, in Oberägeri
Der Name täuscht: Die «Adult Video aus alter Zeit», die keinen Verfasser- aufwuchs und heute in Zürich lebt, kennt
News Awards» sind zwar Filmpreise, die namen tragen, sind vermutlich im zwei- die Welt der Literatur aus verschiedenen
alljährlich vergeben werden, mit Holly- ten Jahrhundert unserer Zeitrechnung Perspektiven: als Germanistin aus der
wood haben sie aber nichts zu tun. Die entstanden. Der Geist der Frühe, welcher akademischen, als Vermittlerin von der
AVNA sind die Oscars der US-amerikani- das «Buch der Lieder» (Shijing) durch- Förderung des Schreibens bei Kindern
schen Pornobranche, mit 104 Kategorien weht, ist noch spürbar, doch macht sich und Jugendlichen, die sie seit vielen Jah-
(«Beste Analsexszene» etc.). Die Bran- auch ein neuer Subjektivismus bemerk- ren professionell betreibt, aber auch
che, lesen wir, «ist nicht nur vulgär, sie bar. Zur Naturschilderung kommen sub- als Lyrikerin. 2010 hat sie bei Wolfbach
ist berechenbar vulgär». Überraschen tile Seelenbilder und philosophische Re- den Gedichtband «Ausschwärmen» vor-
kann ein solcher Befund wohl kaum, flexionen. Formal gelten die Gedichte als gelegt; nun ruft sie sich mit einem zwei-
überraschen kann hingegen der Bericht früheste Belege für den durchgängigen ten Buch in Erinnerung. Es ist so schmal
über die Branche und ihre Preisrituale, Gebrauch des fünfsilbigen Verses. In der wie gehaltvoll. Freie Rhythmen, reimlos,
den der amerikanische Autor David Fos- zweisprachigen Ausgabe lässt sich auch kleine Beobachtungen, die mitunter an
ter Wallace (1962–2008) geschrieben hat. die kalligrafische Schönheit der Gedichte Haikus erinnern. Ein Vierzeiler ohne
1998 hat Wallace, dem wir unter ande- bestaunen. Der Schweizer Sinologe Raf- Titel lautet so: «Das Taschentuch in falti-
rem den grossartigen Roman «Unendli- fael Keller, der werktags als wissen- gen Händen / der ganze Trost geballt / ein
cher Spass» verdanken, im Auftrag der schaftlicher Bibliothekar die Spezial- Stückchen aussen vor für das, was war /
Zeitschrift «Premium» die Gala der AVNA bestände der Vadiana in St.Gallen be- ein Zipfel für das, was kommen wird».
in Las Vegas besucht. Daraus ist eine sei- treut, hat die Verse in ein schmiegsames Wer sich für das Unauffällige interessiert,
ner legendären Reportagen geworden: Deutsch gebracht und klug annotiert. der liegt bei Svenja Herrmann richtig.
«Der grosse rote Sohn». Manfred Papst Gundula Ludwig
Die Reportage, die nun auch auf
Deutsch vorliegt, hat ein gewisses Alter,
aber sie bleibt unverändert aktuell durch Aleš Šteger: Logbuch der Gegenwart. Viktorija Tokarjewa: Auch Miststücke
die Art, wie Wallace seine Recherchen Taumeln. D. v. Matthias Göritz. Haymon, können einem leidtun. Diogenes, 2016.
betreibt und präsentiert, mit präzisen 2016. 168 S., Fr. 28.90, E-Book 17.50. 300 Seiten, Fr. 31.90, E-Book 24.50.
Zitaten und Fussnoten. Wallace ist ein
genauer, ein geistreicher Beobachter und
Zuhörer. Er dringt schnell hinter die glit-
zernden Fassaden einer Branche, die das
menschliche Bedürfnis nach Vulgärem
so erfolgreich bewirtschaftet. Viele Kon-
sumenten erhoffen sich ja hinter aller
Inszenierung etwas Echtes, Reales, und
naturgemäss bekommen sie gerade
das nicht. Sie sind es, «die sich schämen
oder schüchtern wirken, während die
Darsteller forsch, ausgeglichen und hun- 21.12.2012, 16.6.2013, 26.11.2014, 2.8.2015, Viktorija Tokarjewa kommt vom Film
dertprozentig professionell sind». So Ljubljana, Fukushima, Mexico City, Bel- her. Fünfzehn Drehbücher verfasste die
werden Pornostarlets etwa stets von grad. Vier Daten, vier Schauplätze, eine 1937 in St.Petersburg geborene Autorin,
Männern eskortiert, was an «ein kostba- Regel: 12 Stunden lang schreiben, im öf- bevor sie sich 1964 der Literatur zuwand-
res Vollblut erinnert, das unter einer fentlichen Raum, ohne zu kommunizie- te. Doch man merkt ihren schnörkel-
Seidendecke auf den Rennplatz ge- ren oder Notizen zu benutzen. Das sind losen, dialogreichen Erzählungen und
führt wird». die Eckdaten von Aleš Štegers «Logbuch Romanen bis heute das filmische Denken
Die Unverfrorenheit der Branche der Gegenwart». Seit mehreren Jahren an. Auch ihre neun neuen Erzählungen –
ist, wie Wallace glänzend aufzeigt, verfolgt der slowenische Lyriker dieses die kürzeste 8, die längste 80 Seiten lang
auch ein Spiegel der amerikani- Projekt. Er begibt sich an Orte, die er in – berichten vom russischen Alltag auf
schen Gesellschaft. Man liest den einem Zusammenhang mit Fragen unse- dem Land, in der Grossstadt, ohne hohen
Text anders, seit man weiss, wie rer Zeit sieht – sei es ein serbischer Bus- literarischen Anspruch, aber anschau-
leicht Vulgarität auch politi- bahnhof, an dem Flüchtlinge stranden, lich, farbig, spannend. Als Westeuropäer
sche Macht erobern kann. Und oder eine japanische Bibliothek, die erfährt man viel über die Veränderungen
so gesehen bietet das schma- Schutz vor Strahlung bietet –, und beob- der russischen Gesellschaft in den ver-
le, von Ulrich Blumenbach achtet und beschreibt, was dort und mit gangenen Jahrzehnten. Auf Deutsch er-
glänzend übersetzte Büch- ihm passiert. «Man hält die Feder hin, scheint das Werk von Viktorija Tokarjewa,
lein eine nützliche Handrei- wie eine Nadel in der Erdbebenwarte», die in ihrer Heimat und international
chung für die kommenden schrieb einst Max Frisch; für Šteger ist höchst erfolgreich ist, meist in der Über-
Jahre unter einem Präsiden- die Sprache ein «Geigerzähler» in einer setzung von Angelika Schneider. «Auch
ten, dessen Wiedergängern radioaktiven Welt – das ist manchmal Miststücke können einem leidtun» ist
man hier auf Schritt und poetisch, aber vor allem sehr moralisch. bereits ihr elftes Buch bei Diogenes.
Tritt begegnen kann. ● Claudia Mäder Manfred Papst
26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 11
Interview

CARL SEELIG / ROBERT WALSER STIFTUNG / KEYSTONE

Robert Walser, hier auf einer Aufnahme aus den 1930er-Jahren, schrieb «unheimlich berührende Texte, aber auch manche Albernheiten».

12 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017


526 Blätter, beschrieben in winzigen Buchstaben, gespickt mit Dialektbegriffen: Robert Walsers
Mikrogramme sind ein herausforderndes Rätsel. Der Germanist Wolfram Groddeck verantwortet ihre
historisch-kritische Edition – ein Gespräch über Freud und Leid seines Tuns. Interview: Manfred Papst

«Walsers
Wortschatztoppt
sogarGoethe»
Bücher am Sonntag: Herr Groddeck, bei Ihrer his- prozess. Dieser Teil ist im Blocksatz und in gut
torisch-kritischen Ausgabe der Werke Robert Wal- «Wir haben sämtliche lesbarer, normal grosser Type gesetzt. Unsere
sers sind Sie bei den Mikrogrammen angelangt. Mikrogramm-Edition unterscheidet sich also
Was macht für Sie den Zauber dieser Texte aus? Handschriften digitalisiert von der alten Ausgabe vor allem in der Darstel-
Wolfram Groddeck: Walsers Mikrogramme und können sie beliebig lungsweise und in der Vollständigkeit der Texte
zählen zu den rätselhaftesten Manuskripten in und all ihrer Varianten.
der deutschsprachigen Literatur des zwanzigs- vergrössern. Aber auch das
ten Jahrhunderts, sie stammen aus den Jahren Gibt es noch weitere Unterschiede?
1924 bis 1933 und widerspiegeln Walsers letzte hilft nicht immer weiter.» Einer besteht darin, dass die Edition von Mor-
Jahre in Bern und in der psychiatrischen Klinik lang/Echte die Texte normalisiert, also dem da-
Waldau. Es sind Notate von wundersamer die 1985 bis 2000 bei Suhrkamp erschien, Ge- maligen Stand der Rechtschreibreform ange-
Schönheit und feinem Humor. schichte geschrieben. Inwiefern unterscheidet sich passt sowie fehlende Satzzeichen und Buchsta-
Ihre Ausgabe von dieser Pioniertat? ben ergänzt hat. Wer die Texte bei uns liest,
Wie umfangreich ist das Konvolut, und was hat es Sie tut das in verschiedener Hinsicht. Zum merkt, dass es sich nicht um abgeschlossene
mit der Geheimschrift auf sich? einen hat die Ausgabe «Aus dem Bleistiftgebiet» Texte, sondern um Entwürfe handelt. Im Fall
Es ist keine «Geheimschrift», sie ist nur sehr nur diejenigen Mikrogramme aufgenommen, der Gedichte ist uns zudem aufgefallen, dass
schwer zu entziffern. Walser schrieb mit Blei- die Walser nicht selbst abgeschrieben hat. Das Walser praktisch keine Satzzeichen setzt. Bei
stift, in winziger altdeutscher Schreibschrift mit betrifft gut die Hälfte aller Texte. Die von Walser den Drucken ist das dann anders.
vielen Verschleifungen. Überliefert sind 526 weiterverwendeten Mikrogramme sind in dieser
Blätter unterschiedlichen Formats. Sie enthal- Edition nicht erfasst. Dadurch ist natürlich auch Morlang und Echte hatten noch nicht die techni-
ten neben Prosastücken, Gedichten und drama- die Konstellation der einzelnen Notate verloren schen Möglichkeiten, die Sie hatten. Haben Sie
tischen Szenen auch umfangreichere Texte wie gegangen. In der «Bleistiftgebiet»-Ausgabe wur- viele Fehllesungen entdeckt?
zum Beispiel den Anti-Roman «Der Räuber», der den die Texte ausserdem thematisch und nach Nur wenige! Ich möchte ausdrücklich festhal-
auf nur 24 Blättern Platz fand. Genres geordnet. ten, dass die Herausgeber der Edition «Aus dem
Bleistiftgebiet» eine ausgezeichnete Arbeit ge-
Werner Morlang und Bernhard Echte haben mit Was ist daran problematisch? leistet haben. Die Frage nach richtig oder falsch
ihrer sechsbändigen Edition der Mikrogramme, Meinen Mitherausgebern der Mikrogramm- wird ja oftmals zu naiv gestellt. Mikrographie ist
Edition, Angela Thut und Christian Walt, und nun einmal nicht immer eindeutig. Es gibt in
Wolfram Groddeck mir ist aufgefallen, dass die Notate auf dem
jeweiligen Blatt einander beeinflussen. Unser
unserem ersten Band vielleicht hundert Neu-
lesungen gegenüber Morlang/Echte. Das ist
Prinzip bei der Neuausgabe ist deshalb, dass die nicht viel. Und trotz der verbesserten techni-
Der 1949 in Giessen geborene Germanist ist einer editorische Grundeinheit das integrale Blatt ist. schen Mittel braucht das Entziffern der Mikro-
der renommiertesten Vertreter moderner Text- Wir bilden die Handschriften vollständig ab und gramme immer noch viel Zeit, geduldige Kon-
philologie. Der Hölderlin- und Nietzsche-Spezia- stellen ihnen eine «kongruente Umschrift» ge- templation und Phantasie. Walser hatte einen
list arbeitete über zwei Jahrzehnte an der genüber. Dadurch wird die Konstellation der enormen Wortschatz. Deshalb stehen oft ganz
Universität Basel. 2006 wurde er nach Zürich be- einzelnen Aufzeichnungen in ihrem ursprüngli- unerwartete Wörter da. Wenn die Ausgabe ein-
rufen, wo er bis zu seiner Emeritierung als Ordi- chen Zusammenhang augenfällig wiedergege- mal fertig ist, könnten wir ein Wörterbuch aller
narius wirkte. Er leitet zusammen mit Barbara ben, wir edieren das ganze Blatt als eine topo- Begriffe erstellen, die Walser verwendet hat. Ich
von Reibnitz das Grossprojekt der Kritischen grafische Einheit. Die kongruenten Umschriften glaube, er toppt sogar Goethes Wortschatz. Viele
Robert-Walser-Ausgabe, die bei Stroemfeld in sind zwangsläufig in sehr kleiner Type gesetzt, Wörter hat er abgewandelt oder aus dem Dialekt
Frankfurt und Schwabe in Basel erscheint. Die eben um den Zusammenhang der Aufzeichnun- übernommen, manche auch einfach erfunden.
Edition ist auf über 40 Bände angelegt und um- gen auf der Seite zu wahren, aber dadurch sind
fasst auch eine elektronische Version, in der sich sie auf die Dauer auch mühsam zu lesen. In Welche neuen technischen Mittel standen Ihnen
Walsers Manuskripte Wort für Wort verfolgen einem zweiten Schritt werden die einzelnen denn zur Verfügung?
und bis zur Kenntlichkeit vergrössern lassen. An Aufzeichnungen daher noch einmal für sich als Die Herausgeber des «Bleistiftgebiets» waren
der Entschlüsselung von Walsers Mikrogrammen «linearisierte Texte» – mit allen Streichungen noch auf Lupen und gebeugte Rücken angewie-
können sich nun auch Laien versuchen. und Überschreibungen – wiedergegeben. Damit sen. Wir haben sämtliche Handschriften von
dokumentieren wir den chronologischen Text- Walser digitalisiert und können sie am Com-

26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 13


Interview

puter beliebig vergrössern. Es handelt sich sie enthält elf Texte, die vorher in Franz Hessels

um TIFF-Dateien, die sehr eng gepixelt sind. Zeitschrift «Vers und Prosa» veröffentlicht
Aber auch das hilft einem nicht immer weiter. wurden. Da hat Walser Druckfahnen bekommen
Auch wir werden Fehler machen. und die Ränder abgeschnitten. Die hat er sich
aufgehoben, aber erst zwei Jahre später be-
Kann man sich nun auch als Laie im Entziffern schriftet.
von Walser-Mikrogrammen versuchen?
Unbedingt. Ich möchte betonen, dass unsere Was fasziniert Sie so an diesem Zusammenhang?
Faksimiles im gedruckten Band hervorragend Die Mikrogramme bildeten für Walser offen-
sind. Und sie sind nun auch elektronisch zu- bar ein Archiv, das er immer mit sich herumge-
gänglich. Als Leser kann man jetzt auch am tragen hat. Er hat sie auch stets gut versteckt.
Computer spielen und in der Handschrift sur- Seine wachsende Mikrogramm-Sammlung hatte
fen; und die Umschrift ist immer dabei. Ich durchaus auch einen praktischen Zweck. Denn
weiss nicht, wie viele Leute das wirklich nutzen jedes Blatt sieht anders aus und war deshalb
wollen, aber die Möglichkeit besteht. Vom Stau- vom Autor selbst aufgrund des Layouts leicht
nen bis zum Erkennen ist es freilich ein weiter wiederzuerkennen. Er bewahrte selbst diejeni-
Schritt. Wer dieses Mikrogramm knackt, kriegt Schönes zu lesen. gen Blätter, die er vollständig abgeschrieben
Die erste Zeile lautet: «Er liebte sie und sagte es ihr nie.» hatte, weiterhin auf.
Editionen wie Ihre Walser-Ausgabe stehen immer
wieder in der Kritik. Der Vorwurf geht dahin, dass Weshalb hat Walser das Schreiben ganz aufgege-
hier sehr viel Geld der öffentlichen und privaten grosse Bibliotheken für Ausgaben wie die unsere ben, nachdem er 1933 in die Heil- und Pflege-
Kulturförderung verbrannt wird für etwas, von heute nicht mehr so offen sind wie früher. Die anstalt Herisau überstellt worden war?
dem nur wenige wirklich einen Nutzen haben. Einzelbände werden aber zum Glück auch von Es gibt dazu eine Bemerkung in den Aufzeich-
Das sehe ich anders. Wissenschaftliche Edi- Privaten gekauft. Sie kosten ja kein Vermögen, nungen seines Vormunds Carl Seelig, den be-
tionen legen die Basis für jede künftige Beschäf- und sie können einen über einen ganzen Winter rühmten «Wanderungen mit Robert Walser».
tigung mit den Texten. Walser ist einer der hinweg glücklich machen. 1933 wurde mit der Machtergreifung der Nazis
grössten Schweizer Dichter des 20. Jahrhun- auch das «Berliner Tageblatt», Walsers Haupt-
derts, und die wissenschaftliche Bemühung um Sie haben sich in den letzten Jahren intensiv mit einnahmequelle, «gleichgeschaltet», und Walser
sein Werk ist Ausdruck der Wertschätzung in Walser beschäftigt. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu sagte, damit sei auch für ihn Schluss gewesen.
einer kulturbewussten Gesellschaft. Ausserdem seinen Texten verändert? Zudem wurde er im Juni 1933 gegen seinen Wil-
haben historisch-kritische Editionen ein ande- Die Faszination ist gestiegen. Manchmal geht len nach Herisau gebracht. Daraufhin fand er, es
res Verhältnis zur Zeit als zum Beispiel naturwis- mir Walser aber auch etwas auf die Nerven. habe keinen Sinn mehr zu schreiben. Während
senschaftliche Forschungen. Sie sichern unser er in der Waldau durchaus noch schrieb, vor
literarisches Erbe und sie sind eine Investition in Und was genau nervt Sie? allem Gedichte. Zu denen gibt es interessanter-
die Zukunft. Sie sollen für die nächsten hundert Vermutlich der Inhaltsentzug, also gerade weise oft keine mikrographischen Entwürfe.
Jahre halten. Doch um Ihre Frage konkret und das, was das Moderne und Avantgardistische in
für heute zu beantworten: Die Auflage unserer Walser Schreiben ist. Das wird bei ihm manch- Ihre auf mindestens 40 Bände angelegte Walser-
Edition liegt je nach Band bei 600 bis 900 Exem- mal zum Selbstzweck. Es gibt unendlich berüh- Edition wird bisweilen als endlose Geschichte
plaren; beim «Gehülfen»-Band musste sogar rende Texte von Walser, aber auch manche verspottet. Was sagen Sie dazu?
eine Nachauflage gedruckt werden! Albernheiten. Diesen Zusammenhang als einen Einspruch! Alles soll in zehn Jahren fertig
notwendigen zu verstehen, beschäftigt mich zur sein. Wir sind sehr gut unterwegs; für unsere
Gibt es Probleme bei der Jugend, weil diese sich Zeit sehr. Verlage Stroemfeld in Frankfurt und Schwabe in
nicht mehr für kritische Editionen interessiert? Basel sind wir sogar fast zu schnell. Ob ich den
Zum Glück gar nicht! Das kriminalistische Wann, wie und warum hat Walser eigentlich be- Abschluss der Ausgabe noch erlebe, weiss ich
Moment des Edierens fasziniert meiner Beob- gonnen, Mikrogramme zu schreiben? freilich nicht. Für mich ist jeder Band ein Ereig-
achtung nach immer wieder die Studierenden. Das ist eine spannende Geschichte. «Die nis. Wenn ich auf das Ganze schaue, werde ich
Es ist die Materialität der Überlieferung, die sie Rose», 1925 veröffentlicht, ist ja Walsers letztes, schon ein bisschen matt. Aber ich habe sehr gute
anzieht: Die Mikrogramme sind Werk und Werk- zu seinen Lebzeiten erschienenes Buch, danach Mitarbeiter in sieben Teilzeitstellen, die ein
statt zugleich. Ich bedauere indes, dass selbst konnte er keins mehr in einem Verlag unterbrin- kompetentes Team bilden.
gen. Es wurde mit grossen Vorschusslorbeeren
vom Rowohlt-Verlag bedacht und in einer exqui- Ist in Sachen Walser noch mit grossen Neuent-
«Historisch-kritische siten Druckerei hergestellt. Walser hat zwar deckungen zu rechnen?
Editionen sichern unser schon früher mikrographisch geschrieben, Die Suche ist noch nicht zu Ende. Die For-
spätestens 1919 gibt es erste Hinweise. Gesam- schung hat da schon viel geleistet. Ich rechne
literarisches Erbe und sind melt hat er seine mikrographischen Entwürfe damit, dass noch weitere Walser-Texte auftau-
aber erst ab Sommer 1924. Das fällt genau mit chen, so auch stark veränderte Zweitdrucke.
eine Investition in die dem Abschluss der Arbeit an der «Rose» zusam- Walser hat übrigens auch im «Nebelspalter» pu-
Zukunft.» men. In der «Rose» findet sich kein einziger bliziert! Sechs Texte insgesamt – die haben wir
Text, zu dem es ein Mikrogramm gäbe. Aber erst kürzlich entdeckt. l

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251 S. Geb. sFr 32,90 (UVP) ISBN 978-3-406-70621-9

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Adolf Muschg legt mit dieser „Gehört zum Besten, was die
© Ekko von Schwichow

Erzählung sein persönlichstes Schweizer Literatur seit Jahren


© Susanne Schleyer

Buch vor. zu bieten hat.“ Lese-


Peter Burri, Basler Zeitung
P proben

„Ein grosses Buch.“


M
Manfred Papst, NZZ am Sonntag

14 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017


Kolumne

Charles LewinskysZitatenlese Kurzkritiken Sachbuch

M. Debureaux: Die Kunst, andere mit seinen Jürgen Osterhammel: Die Flughöhe der
Ein Fremdwort ist wie ein Reiseberichten zu langweilen. Nagel & Adler. C.H. Beck, 2017. 300 Seiten,
unscharfes Foto. Kimche, 2017. 112 S., Fr. 17.90, E-B. 16.50. Fr. 28.90, E-Book 17.50.

Karl Heinrich Waggerl


LUKAS MAEDER

Als ich vor fast fünfzig Jahren, mitten


in den Aufregungen der Achtundsechzi-
Der Autor Charles ger-Jahre, in Berlin studierte, begrüsste
Lewinsky arbeitet in uns ein Professor einmal mit diesem
den verschiedensten schönen Satz: «Die Präparation dieses
Sparten. Sein letzter
Seminars war arbeitsökonomisch nicht
Roman «Andersen»
ist im Verlag Nagel & realisierbar.» Wer kennt die Situation nicht: Man trifft Wie hoch muss sich ein Historiker in die
Kimche erschienen. Er hätte auch einfach sagen können: sich mit Freunden, die gerade aus den Luft erheben, um Überblick zu gewin-
«Ich habe mich nicht vorbereitet» – aber Ferien zurückgekehrt sind, und ist bald nen? Genügt ein Turm, wie es August
das wäre ihm wohl zu unwissenschaft- genervt. Der Grund: Die nicht enden wol- Ludwig Schlözer im 18. Jahrhundert vor-
lich vorgekommen. lende Bilddokumentation des Erlebten, schlug, brauchen wir die Flughöhe der
Diese Methode, Einfaches bewusst das via Smartphone euphorisch präsen- Adler oder gar den Blick aus dem All? Die
kompliziert zu sagen, um damit eine tiert wird, die Betrachter aber meist nach schöne Metapher begleitet diese Samm-
nicht vorhandene Gedankentiefe vorzu- kürzester Zeit langweilt. Der Franzose lung von kürzeren Texten, die der
täuschen, war damals gerade die aktu- Matthias Debureaux befasst sich mit Globalhistoriker Jürgen Osterhammel
elle Sprachmode, aber die Unsitte hatte dem Phänomen von Reiseberichten. vorlegt. Einige davon umkreisen das
eine alte Tradition. Schon der Nicht mehr entdecken, sondern besichti- Phänomen der «Globalisierung», ein
Meisterspötter Karl Kraus machte sich gen stehe bei Reisen in die Ferne im Vor- Schlagwort, das er zum Mindesten im
immer mal wieder einen Spass daraus, dergrund. Die Beweisführung geschehe Plural verstanden haben möchte, also als
besonders gedrechselte und mit Klug- digital, festgehalten werde alles: neben viele verschiedene «Globalisierungen».
scheisser-Formulierungen aufgemotzte nichtssagenden Sandstränden auch jede Denn auch Osterhammel ist ein «Gene-
Sätze in die Alltagssprache zurückzu- Mahlzeit, Flugtickets – die mit der ralisierungsskeptiker», wie er die Histo-
übersetzen. So hatte er in einem Zei- Handykamera fotografiert und umge- riker nennt: Er nimmt es gerne genau,
tungsartikel einmal diese überdrehte hend in Social-Media-Portalen geteilt wenn er Begriffen wie «der Westen»,
Formulierung gefunden: «Im werden. Debureaux ist ein feiner Beob- dem «Aufstieg Asiens», den «Grenzen
Hagestolzenheim, das dem Tarifeden achter. Anhand zahlreicher Beispiele und Brücken» oder dem «Bürgerkrieg»
einer Luxusdirne ähnelt, neben dem und mit viel Ironie beschreibt er, wie wir nachspürt. Um dann mit einer kleinen
breiten Himmelbett das neuste Buch unseren Gegenübern mit Anekdoten, Kolonialgeschichte der Begegnung von
des just in die Mode gelotsten Fakten und Fotos auf die Nerven gehen. Tiger und Mensch fulminant zu enden.
Sexualmystagogen haben». Karl Kraus Simone Karpf Kathrin Meier-Rust
übersetzte das in ein schlichtes: «In sei-
ner eleganten Junggesellenwohnung
sich auch geistig beschäftigen». Und Martin Luther: Die 95 Thesen. Stephen J. Dubner, Steven D. Levitt: Wann
versäumte nicht, den Leser hilfreich Lat./Dt. Reclam Universalbibliothek, Sie eine Bank überfallen sollten. Penguin,
darauf hinzuweisen, dass mit 2016. 112 Seiten, Fr. 9.40, E-Book 1.50. 2017. 384 S., Fr. 14.90, E-Book 10.90.
«Tarifeden» wohl ein «Tarif-Eden» ge-
meint sei.
Diese Art von sprachlicher Hochsta-
pelei ist auch heute keineswegs ausge-
storben. Vor kurzem las ich in einer
Tageszeitung – nicht in einem wissen-
schaftlichen Artikel, wo Fremdworte
und Neologismen gewissermassen der
Geheimcode für Insider sind – in einer
auch sonst mit ähnlichen Formulierun-
gen gespickten Kolumne diesen schö-
nen Satz: «Kreativität wird vom selbst Ob sie im Oktober 1517 tatsächlich an der Wenn Sie nächstens die Steuererklärung
optimierenden Subjekt der digitalen Schlosskirche zu Wittenberg angeschla- in den Briefkasten werfen, brauchen Sie
Spätmoderne als Ressource begriffen, gen wurden, bezweifelt heute die Wis- das Couvert nicht unbedingt zu frankie-
als Mittel zum Zweck.» Ich brauchte senschaft. Doch gedruckt, zuerst latei- ren: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine
einige Zeit, bis ich mich aus der De- nisch und «bald geteutscht», lagen sie Sendung ohne Marke ankommt, ist auf-
ckung herauswagte, in die ich mich vor damals vor, die 95 Thesen, mit denen grund postalischer Grenznutzenberech-
diesem Fremdwortbombardement ge- Martin Luther zu einer Disputation über nungen ziemlich hoch. Zumindest in den
flüchtet hatte, und begriff, dass der den Ablasshandel einladen wollte – und USA, wo Stephen J. Dubner und Steven
Autor hier seine eigene Arbeitsweise damit die Reformation auslöste. Im vor- D. Levitt wohnen. Bekannt als Animato-
beschrieb: Ein krampfhaft kreativer liegenden Bändchen nimmt die deutsche ren der Radiosendung «Freakonomics»,
Umgang mit der Sprache als Mittel zum Version der Thesen knappe 12 Seiten ein beschreiben sie hier in ihren gesammel-
Zweck, die eigene Gedankentiefe zu – eine einzigartige Gelegenheit also, eine ten Blogs allerhand Alltagssituationen
beweisen. So wie der Kunde eines originale historische Quelle in nützlicher aus wirtschaftlicher Warte. Man mag die
teuren Modelabels dessen Firmenzei- Frist zu lesen. Und zu erleben, wie fern Ökonomisierung des Lebens kritisch se-
chen zur Schau trägt, damit niemand uns Zeiten geworden sind, in denen sich hen, in dem Buch ist sie so lustig wie
an seinem exklusiven Geschmack «Hölle, Fegefeuer und Himmel» vonein- lehrreich: Gerne wird man sich merken,
zweifelt. ander unterscheiden wie «Verzweiflung, dass die statistisch gesehen gefährlichste
Nein, Herr Waggerl, ein Fremdwort Fast-Verzweiflung und Gewissheit». Er- Tätigkeit das Zu-Fuss-Gehen im alkoho-
ist nicht immer ein un- gänzt mit weiteren Quellen zum damali- lisierten Zustand ist. Und auch den Job-
scharfes Foto. Manchmal gen Ablassstreit und einem erhellenden wechsel überdenkt nochmals, wer weiss,
ist es das extrem scharfe Nachwort ein höchst empfehlenswerter dass Bankräuber im Schnitt nur 4120
Porträt des Hochstaplers, Einstieg ins Reformationsjubiläum! Dollar erbeuten. Immerhin steuerfrei.
der es verwendet. Kathrin Meier-Rust Claudia Mäder
26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 15
Sachbuch
Geschichte Werden die Menschen bald von Automaten verdrängt oder im Meer der Datenströme
untergehen? Zu solchen Fragen haben auch Historiker etwas zu sagen: Yuval Noah Harari und
Joachim Radkau schreiben über das, was dereinst kommen könnte – und was schon hätte kommen sollen

Zurück
indieZukunft
ist nicht die Stärke dieses Autors, der mit der breiten suboptimalen Masse um-
Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Ge- grosse Bögen mehr als feine Details liebt gehen? Der humanistische Grundsatz,
schichte von Morgen. C.H. Beck, Mün- –, geschieht laut Harari in nuce Folgen- wonach alle Menschenleben den glei-
chen 2017. 576 S., Fr. 35.90, E-Book 21.50. des: Die aufkommende Wissenschaft chen Wert haben, drohe durch das Auf-
Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft. verdrängt den bis dahin sinnstiftenden brechen einer «biologischen Kluft» ins
Prognosen, Visionen, Irrungen in Gott, schliesst aber sogleich ein Bündnis Wanken zu geraten, meint Harari und
Deutschland von 1945 bis heute. Hanser, mit einer neuen Religion. Jeder überirdi- schreibt, dass die herkömmlichen Men-
München 2017. 544 S., Fr. 39.90, schen Instanz beraubt, beginnt der schen dereinst wie ausrangierte Zugwag-
E-Book 30.50. Mensch zu jener Zeit nämlich, an sich gons abgekoppelt werden könnten.
selbst statt an Gott zu glauben. Das Dies scheint insbesondere dann plau-
Von Claudia Mäder menschliche Ich entwickelt sich durch sibel, wenn man annimmt, dass die «nor-
diese Substituierung zum Quell allen malen» Menschen ihren messbaren Nut-
Historiker sind Propheten für die Vergan- Sinns, und seine Gefühle und Wünsche zen verlieren. Gemäss diesem Szenario
genheit. Befragt man sie zur Zukunft, er- definieren neuerdings das Ziel allen wird die Intelligenz der Maschinen jene
klären sie sich in der Regel für weder zu- Tuns: Der «Humanismus» ist geboren, der Menschen bald bei weitem übertref-
ständig noch kompetent. Nun legen mit und die Wissenschaft mit ihren Erfin- fen und über kurz oder lang vom Last-
Yuval Noah Harari und Joachim Radkau dungen und Entwicklungen steht fortan wagenfahren über das Kriegführen bis
gleich zwei prominente Geschichtswis- ganz im Dienst dieser «Religion». zum Musikkomponieren alles überneh-
senschafter je ein Buch vor, das sich mit men, mit dem sich die Masse der Homo
Künftigem befasst – wenn auch auf ganz Vorsicht vor Übermenschen sapiens bisher für Regierungen und Ge-
unterschiedliche Weise: Während das Man möchte gegen diesen kümmerli- sellschaften wertvoll machte. Wird der
eine in die Zukunft vorausschaut, blickt chen Humanismus-Begriff protestieren neuen Elite noch irgendetwas heilig sein
das andere auf sie zurück. und müsste überdies im Detail rapportie- an den alten Menschen, wenn diese zu
Zuerst nach vorn! Wobei: Die «Ge- ren, dass Harari alle Ideologien der letz- «nutzlosen Faulenzern» werden?
schichte von Morgen», die der 41-jährige ten 200 Jahre und insbesondere den Li- Möglich ist, in einem dritten Szenario,
Harari unbescheiden ankündigt, ist über beralismus darunter subsumiert. Aber freilich auch, dass die Macht in Zukunft
weite Strecken ein Buch von gestern. wenn man sich damit aufhielte, käme nicht bei den «Übermenschen», sondern
Unter dem Titel «Homo Deus» ver- man nie mehr in die verheissene Zu- bei den Algorithmen liegt. Die liberale
spricht der Professor der Jerusalemer kunft. Auf Seite 379 bricht sie endlich an. Ordnung à la Harari stellt darauf ab,
Hebrew University darzulegen, wo sich Dort nähert sich Harari dem 21. Jahrhun- dass der Mensch nach seinen Wün-
die nach «Unsterblichkeit, Glück und dert, indem er feststellt, dass der Pakt schen handelt. Aber wie gut kennt
Göttlichkeit» strebende Menschheit im zwischen Wissenschaft und Humanis- er die überhaupt? Versteht man
21. Jahrhundert hinbewegt. Anstatt in mus auf paradoxe Weise in Auflösung be- den menschlichen Organis-
die Zukunft führt er die Leser dann aber griffen sei: In ihrem immer forcierteren mus, wie momentan Mode, als
erst einmal in die Steinzeit. Denn Harari Streben, dem Menschen und seinen reinen Algorithmus, kann man
ist der Ansicht, dass man das Entstehen Wünschen zu dienen, sei die Wissen- mit Sicherheit davon ausgehen,
der aktuellen Denkstrukturen durch- schaft drauf und dran, der liberal-huma- dass beispielsweise Google über
schauen müsse, ehe man sich von ihnen nistischen Ordnung die Grundlage zu einen stärkeren Algorithmus verfügt –
lösen und unvoreingenommen nach vor- entziehen – und sie letztlich womöglich und die Wunsch- und Willensströme des
ne blicken könne. Das ist ein sehr plausi- zu überwinden. Individuums folglich genauer analysie-
bler Gedanke. Nur dient seine Umset- Wie dies geschehen könnte, skizziert ren kann, als der betreffende Mensch das
zung hier offensichtlich weniger dazu, der Israeli in drei Szenarien. Eines fällt selber vermag. Würde also das Resultat
CHARLES TAYLOR / FOTOLIA

Neues vorstellbar, als vielmehr Altes mit dem seit längerem herumgeistern- eines Urnengangs nicht näher beim
wiederverwertbar zu machen: In der ers- den Konzept des «Transhumanismus» «Volkswillen» liegen, wenn Google an-
ten Hälfte des Buchs resümiert Harari im zusammen und geht davon aus, dass sich stelle der Bürger abstimmen würde? An-
Kern die Thesen seines hochgelobten einige Personen mit technischen Mitteln ders gefragt: Wird die Herrschaft der in-
Bestsellers «Eine kurze Geschichte der künftig derart «optimieren», dass sie dividuellen Wünsche in dem Moment
Menschheit» (deutsch 2013). gleichsam «übermenschliche» Fähigkei- perfekt sein, da der Mensch seine
Über 70000 Jahre hinweg rollt er also ten erlangen. Die interessanteste Frage, Macht an die Maschinen abtritt?
(nochmals) die bedeutendsten mensch- die Harari in diesem Zusammenhang Der Retroroboter Das letzte Viertel des Buchs
ist nur vermeintlich
heitsgeschichtlichen Umbrüche auf, um aufwirft, ist jene nach dem weiteren lässt die Leserin verstörende
niedlich: Schon in den
bei der wissenschaftlichen Revolution Schicksal der Normalsterblichen: Wenn 1950er-Jahren hat Fragen stellen, und insofern er-
der Frühen Neuzeit schliesslich auf den sich, wie zu vermuten ist, nur eine reiche die Automatisierung reicht der Autor sein Ziel – in der
Schlüssel zur Zukunft zu stossen. Hier, Kaste die Erhöhung zum «Übermen- Zukunftsängste Hauptsache will er zum Nachden-
vor 500, 300 oder 200 Jahren – Präzision schen» leisten kann, wie wird diese dann ausgelöst. ken über unsere Wahlmöglichkeiten
16 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017
und die aktuellen Entwicklungen auffor- menkomplexe – neben Wirtschaft oder
dern. Wo die letztlich hinführen, weiss Verkehr kommen etwa auch Bildung und
auch der Historiker nicht: Dass die Zu- Arbeit zur Sprache – durch die Grund-
kunft, zumal in Zeiten rasant voran- stimmungen der Jahrzehnte. Und wäh-
schreitenden Wissens, nicht zu prophe- rend der Autor so den Wechsel vom anti-
zeien ist, betont Harari ausdrücklich. utopischen Tenor der Nachkriegszeit hin
Wer dafür noch Beweise braucht, fin- zur Planungseuphorie der 1960er und
det sie bei Joachim Radkau dutzendfach. deren Umschlagen in die No-Future-Hal-
Der deutsche Historiker geht in seiner tung der 1980er beschreibt, wird der Le-
«Geschichte der Zukunft» in jeder Hin- serin deutlich, wie sehr es die Gegen-
sicht einen ganz anderen Weg als sein wart ist, die die Zukunft macht: In einem
israelischer Fachkollege – und doch fin- Jahrzehnt als Utopie herbeigesehnt,
den sich zwischen den beiden Werken kann ein und dasselbe Thema unter an-
vielsagende Überschneidungen. deren gesellschaftlichen Vorzeichen zur
Zunächst jedoch empfiehlt sich das bedrückenden Dystopie verkommen.
Buch als wohltuende Ergänzung. Rad-
kau, bis 2009 Professor an der Universi- Alter Roboter-Horror
tät Bielefeld und Autor diverser zugäng- Gerade auf die «Automation» trifft das
lich geschriebener Studien zu Themen zu. In der Steinzeit mag es die Furcht vor
des 20. Jahrhunderts, nimmt die Zeit seit dem Überhandnehmen der Maschinen
1945 in den Blick und rekonstruiert die noch nicht gegeben haben. Hätte Yuval
verschiedenen Zukunftserwartungen Noah Harari aber die 1950er-Jahre an-
der einzelnen Jahrzehnte. Dabei betont statt der Prähistorie erforscht, wäre er
er von Beginn weg etwas, das bei Harari auf Horrorszenarien gestossen, die den
kaum Beachtung findet: den «Überra- seinen in nichts nachstehen.
schungseffekt». Zukunft ist demnach «Die Roboter sind unter uns», wurde
nicht nur nicht voraussehbar – weder das 1952 mit Hinweis auf bevorstehende
Internet noch omnipräsente Mikrocom- Massenarbeitslosigkeit und Automaten-
puter oder Email-Programme waren in diktatur gewarnt – mehr Angst als die
den 1970ern auf dem Radar der Futuro- Automaten machten dem Westen da-
logen –, sondern sie bringt nicht selten mals laut Umfragen nur die Russen. In
auch Dinge, die die effektiven Erwartun- den 1960ern dann, zu Zeiten der Vollbe-
gen geradezu unterlaufen. schäftigung, priesen viele die Automa-
Das «Wirtschaftswunder» der Nach- tion als Vision; als Verheissung, die zur
kriegszeit etwa mag aus heutiger Sicht «menschlichen Verwendung menschli-
als relativ logisches Phänomen erschei- cher Wesen» führen würde. Doch die
nen. Für die Zeitgenossen kam es ganz Vorstellung blieb von kurzer Dauer, in
unerwartet: Die Dauer des Wiederauf- den Krisen der 1970er schienen die Ma-
baus wurde in Deutschland anfänglich schinen wieder die Entwertung der Men-
mit 80 Jahren veranschlagt. Ebenso schen zu beschleunigen. Viele weitere
wenig hätte sich irgendein Bauer in den Kurven wären noch nachzuzeichnen:
1950ern träumen lassen, dass Joachim Radkau diagnostiziert in seinem
dereinst Butterberge sein erhellenden Buch eine «Zickzack-Bewe-
ärgstes Problem bilden gung der Automatisierungs-Zukünfte»
würden. Und die und macht darauf aufmerksam, dass sich
Ve r ke h r s p l a n e r die Leitmotive des zugehörigen Diskur-
machten ihre ses bis heute wiederholen.
Rechnung ganz Der Hinweis auf diese historische Kon-
ohne die bald ur- tinuität soll weder den Defätismus beför-
plötzlich aufkommende Umweltbewe- dern noch das Nachdenken über die
gung, als sie in den späten 1960ern eu- Zukunft als überflüssig erscheinen las-
phorisch darangingen, eine Auto- sen. Aber das Wissen um seine lange
bahn in jedes Dorf zu bringen. Dauer kann doch dabei helfen, dem
Akribisch quellennah arbeitet Drama der Menschheit ein wenig gelas-
sich Radkau anhand einzelner The- sener zu begegnen. ●
26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 17
Sachbuch

Nahostkonflikt Ein amerikanischer Journalist berichtet vom Leben in der Westbank

ZwischenDürrenundSprinklern
Israel, benennt er mit klaren Worten. gen wir der offiziellen «Erzählung» Isra-
Ben Ehrenreich: Der Weg zur Quelle. Seine Methode ist einfach: Beobachten, els, rechtfertigt das Verhindern palästi-
Leben und Tod in Palästina. Hanser zuhören, niederschreiben. Dabei behält nensischer Gewaltakte alles. Wie es auf
Berlin, Berlin 2017. 480 Seiten, Fr. 36.90, er auch das grosse Ganze im Blick, die der anderen Seite aussieht, wie sich der
E-Book 28.50. politischen Kräfte und ihre zerstöreri- elende Alltag unter der Besatzung, die-
sche Wirkung auf die palästinensische ses Leben in ständiger Angst gestaltet,
Von Claudia Kühner Gesellschaft, wie man es auch in Nabi geht dabei in der Regel unter (kritische
Saleh erfährt. israelische Medien berichten allerdings
Seit Jahrzehnten ist der israelisch-paläs- sehr wohl darüber).
tinensische Konflikt allgegenwärtig. Zwei Sichtweisen Ein Familienvater wie Bassem Tamimi
Trotzdem bleiben wir «overnewsed» und Im Mittelpunkt von Ehrenreichs ein- sass fünfmal im Gefängnis, weil er die
«underinformed». Wir lesen die Worte drücklichem Bericht stehen das Ehepaar Protestbewegung in Nabi Saleh anführt,
der Mächtigen, über Konferenzen und Bassem und Nariman Tamimi und ihre seine Frau wurde bei Demonstrationen
Vermittlungsmissionen, über Terroran- grosse Familie, stellvertretend für die vielfach verletzt, meist durch Tränengas.
schläge und Vergeltungskriege. Aber fast Millionen ganz gewöhnlicher Palästinen- 40 Prozent aller Männer in der Westbank
nichts erfahren wir über den Alltag unter ser. Die Tamimis und die anderen Dörfler sassen schon einmal in Haft. Kinder, die
einem Besatzungsregime. haben sich dem gewaltlosen Widerstand Steine werfen, werden festgenommen
Für Gründlicheres hat der gehetzte verschrieben, den das Völkerrecht expli- und manchmal erschossen. Die Armee
Journalist nicht die Zeit. Der Amerikaner zit erlaubt: Streiks, Demonstrationen, schiesst mit Gummigeschossen, oft ge-
Ben Ehrenreich, der für verschiedene Boykott israelischer Waren. Der Autor nug auch mit scharfer Munition. Ein is-
US-Zeitungen schreibt, hat sie sich ge- nimmt uns aber auch mit nach Ramallah, raelischer Militärstaatsanwalt verlangt
nommen. Er hat sich von 2011 bis 2014 wo viel Geld zirkuliert dank der «Regie- ohne weiteres fünfzehn Jahre Haft für
immer wieder lange im Westjordanland rung» – der Palästinensischen Autono- solch ein Kind. Die Zahl palästinensi-
aufgehalten, vor allem im kleinen Dorf miebehörde (PA) – und die Korruption scher Opfer übersteigt die der israeli-
Nabi Saleh. Ehrenreichs Ziel ist es, das blüht; wo sich internationale NGOs auf schen um ein Vielfaches.
«Ungleichgewicht der Erzählung» zu kor- die Füsse treten und an den Verhältnis- In Nabi Saleh oder Hebron erfährt der
rigieren und eine Antwort auf die Frage sen doch nichts ändern. Er nimmt uns Leser, was Besatzung sonst noch heisst.
zu finden, warum Menschen weiterma- mit nach Hebron, wo Siedler und Palästi- Proteste in Nabi Nächtliche Hausdurchsuchungen ohne
chen, wenn doch alles verloren ist. Er ar- nenser am selben Ort leben und wo er Saleh (2012). Der Befehl, Deportationen, Zerstörung von
gumentiert dabei nicht moralisch, ver- «die Finsternis vollkommen und über- Autor hat das Dorf Häusern (und Verweigerung von Bau-
in der Westbank seit
steht sich nicht als Aktivist und spricht wältigend» erlebt hat. bewilligung andererseits), monatelange
2011 regelmässig
nicht für die Palästinenser, die das «nicht In der Tat, die israelische Sichtweise besucht und dort Haft ohne richterliche Verfügung, Folter,
nötig» hätten. Defizite und Versagen besitzt ein gänzlich anderes Gewicht als u.a. den Alltag von Checkpoints, die keine normale Bewe-
auch auf palästinensischer Seite, vor die palästinensische, was angesichts der NarimanTamimi gung erlauben und so jede wirtschaftli-
allem die Komplizenschaft der Elite mit Machtverhältnisse naheliegend ist. Fol- (Bildmitte) erlebt. che Entwicklung behindern. Dazu wird
fortwährend Boden requiriert, 60 Pro-
zent der Westbank sind heute schon
im Besitz von Siedlern und Armee.
Ben Ehrenreich macht deutlich, wie so
Abertausenden von Bauern und Bedui-
nen die Lebensgrundlage entzogen wird.
Eines der schlimmsten Probleme ist das
Wasser: In Nabi Saleh wie überall in den
Dörfern fliesst es nur ein paar Stunden in
der Woche. Nur Siedler haben genügend
Wasser, und bei ihnen reicht es auch
noch für Schwimmbassins und Rasen-
sprinkler.

Sich nicht brechen lassen


Klug erklärt Ehrenreich auch das Versa-
gen von «Oslo», 1993 als vermeintlich
grosser Friedensplan begrüsst. Die da-
mals ins Leben gerufene PA und ihre Si-
cherheitskräfte sind längst nur noch
Hilfsorgane der Besatzer. Die Rechnung,
auch für die Gehälter des öffentlichen
Dienstes, begleichen die USA und die EU.
So begreift man mit Ehrenreich, dass die
Bevölkerung zweifach unter Druck ist:
unter jenem des Besatzers und jenem der
inzwischen verhassten PA, die nur als
korrupt erfahren wird und nichts er-
reicht. Dabei hängen unendlich viele Fa-
milien von den Gehältern der PA ab, auch
MMOHAMAD TOROKMAN / REUTERS

in Nabi Saleh, weil es keine anderen Ver-


dienstmöglichkeiten gibt.
Ben Ehrenreichs Antwort auf die ein-
gangs gestellte Frage, wie Menschen das
alles so lange ertragen können, lautet:
Sie wollen sich nicht brechen lassen. Das
ist ihr Kampf. ●
18 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017
Nachlass Noch einmal neue Texte des Berner
Troubadours – diesmal Notizen und Fingerübungen

MitManiMatter
nimmtesnieeinEnde

ANDRÉ MUELHAUPT / KEYSTONE


delheften» und dem «Rumpelbuch», die
Mani Matter: Was kann einer allein gegen in den 1970er-Jahren erschienen): 2011
Zen Buddhisten. Philosophisches, das Cambridge Notizheft (von 1968),
Gedichte, Politisches, Erzähltes und 2012 Matters juristische Habilitations-
Dramatik. Zytglogge, Bern 2016. schrift zur «Pluralistischen Staatstheo-
191 Seiten, Fr. 31.90, E-Book 22.90. rie». Und auch die Mani-Matter-App ist
längst vorhanden. Nicht nur ein oder Schriftsprache, in berndeutschen
Von Kathrin Meier-Rust Und nun also mit «Was kann einer al- hochbegabter Limericks, unvollendeten Chansons
lein gegen Zen Buddhisten» die Nachlese Värslischmied, oder dem avantgardistischen Bühnen-
sondern auch ein
«Ob eine glück het oder nid, wowohl, das der Nachlese. Es handelt sich um eine stück «Der Unfall». Unheimlich übrigens,
politischer Kopf: Mani
macht en unterschied, und äbe ds glück Auswahl aus rund 1000, von Ehefrau Joy Matter (Anfang der nach so vielen Jahren, wie oft Matter das
(zum glück) fragt niemer, öb die wos hei‚ Matter transkribierten Seiten, die in die- 1970er-Jahre). Wort Unfall verwendet.
’s verdiene.» Es macht noch immer sem Jahr endgültig ins Schweizerische Viele dieser kurzen Texte bleiben al-
glücklich, einen bisher unbekannten Literaturarchiv übergehen: von Hand auf lerdings fragmentarisch, sind offensicht-
Text von Mani Matter zu lesen, und es lose Blätter und Zettel geworfene Notate, liche Fingerübungen eines angehenden
macht immer noch traurig. Denn der Tod Gedanken, Gedichte und Versuche, Dichters. Brauchen wir also diese No-
des grössten schweizerdeutschen Trou- meist undatiert, jedoch zwischen 1950 tate? Nicht wirklich. Dass dem Land da-
badours (mit 36 Jahren, im November und Ende der 1960er-Jahre verfasst, also mals nebst dem hochbegabten Värsli-
1972, durch einen Autounfall) hat in der vom 16- bis knapp 30-jährigen Matter. schmied auch ein kluger, interessierter
Deutschschweizer Seele eine Wunde Die Texte wurden nach Gattung sortiert Bürger verloren ging, der sicherlich eine
hinterlassen, die bis heute schmerzt. – Philosophisches, Gedichte, Prosa usw. wichtige Stimme geworden wäre in den
Wie sonst könnte es sein, dass es ein- – und entsprechenden Fachleuten vorge- politischen Diskussionen des Landes,
fach kein Ende nimmt mit Mani Matter: legt. Das schöne Vorwort von Guy Krneta wissen wir längst. Trotzdem ist die Pu-
Landauf und landab lernen Primarschü- beschreibt die Sorgfalt, mit der rund ein blikation willkommen. Nicht nur weil sie
ler die traurigen Lieder vom Ferdinand, Dutzend Kollegen – darunter Pedro Lenz, die Matter-Wunde ins Bewusstsein zu-
vom Eskimo und von den «Hemmige», Lukas Bärfuss, Franz Hohler – die nun rückruft: zu gerne hätte man gewusst,
die uns Schweizer plagen. Jahr für Jahr vorliegende Auswahl vornahmen, für die was denn nun «einer allein gegen Zen
wird gefeiert – nach der grossen Ausstel- Ehefrau Joy und Tochter Meret verant- Buddhisten» kann – der Buchtitel eine
lung zum 75. Geburtstag (2011) kam die wortlich zeichnen. einzelne Zeile aus dem Nachlass. Son-
schöne Biografie von Wilfried Meichtry Das Buch führt einmal mehr die dern weil auch diese Texte zeigen, was
(2013) und zum 80. letztes Jahr ein Mani- «Denkweite» (Krneta) des jungen Matter uns Mani Matter von jeher bewies: dass
Matter-Platz in Bern. In Mani Matters vor – Philosophie, Musikgeschichte, Reli- schweizerdeutsch sprechen weder intel-
Hausverlag Zytglogge erscheinen zuver- gion, Politik. Seine politische Reife, lektuelles Hinterfragen noch geistige
lässig neue Coverversionen von jungen wenn er auf dem «Konsens zur Uneinig- Neugierde ausschliesst. Wie zum Bei-
Musikern, diverse Mani-Matter-Lieder- keit» als Vorbedingung für Demokratie spiel beim «fehlentscheid: stumm / hei si
und Bilderbücher und vor allem die letz- beharrt und im damaligen Kalten Krieg gstimmt / aber was sie gstimmt hei / het
ten nachgelassenen Schriften (nach den seine Skepsis gegen beide Seiten richtet. nid gstumme / tumm / hei si gstimmt».
noch von Matter selbst angedachten «Su- Sein dichterisches Talent, ob in Dialekt Nein, Mani Matter verleidet uns nie. ●

Kulturgeschichte Beatrix Langner seziert männliche Vorurteile gegenüber gescheiten Autorinnen


Frauen, die Gedanken gebären
Für ihr neues Buch hat sie das Lager habe mit dem «Buch von der Stadt der
Beatrix Langner: Die 7 grössten Irrtümer gewechselt und die denkende Frau zum Frauen», einer Galerie berühmter Frau-
über Frauen, die denken. Forschungsobjekt erklärt. In einem gros- engestalten aus Geschichte und Mythos,
Matthes & Seitz, Berlin 2017. sen Essay unternimmt sie eine Entde- einen geheimen «Bestseller des Frühhu-
236 Seiten, Fr. 28.90. ckungsreise durch 2500 Jahre Geistesge- manismus» geschrieben, urteilt Langner,
schichte, um die «Aussperrung weibli- so wie Beauvoirs «Das andere Ge-
Von Ina Boesch cher Geisteskraft» zu erforschen. Ihre schlecht» das Frauenbuch des 20. Jahr-
Tour d’Horizon gliedert sie in sieben Ka- hunderts gewesen sei. Selbstverständ-
Als Bücher vernaschendes Mädchen er- pitel – gemäss der sieben Aussperrmecha- lich dürfen auf der Pirsch nach Vorurtei-
fuhr sie früh, was ihr dereinst als den- nismen, auf die sie gestossen ist: nämlich len gegenüber denkenden Frauen die
kende Frau blühen würde. Erwischte ihr denkende Frauen als männlich, göttlich, meinungsbildenden Männer nicht feh-
Vater sie beim Lesen, wurde sie zum gefährlich, unsexy, egoistisch zu erklä- len. Dazu gehört etwa Paul Möbius, der
Staubwischen abkommandiert. Obwohl ren und ihnen vorzuwerfen, sie dächten behauptete, Frauen fehle die schöpferi-
derart in die Geschlechterschranken ver- anders oder wollten die Welt retten. Die sche Geisteskraft; oder Tolstoi, der mein-
wiesen, gab Beatrix Langner nicht nach. klare Ordnung hilft, die Fülle an Werken te: «Die Frau leistet etwas Grosses: sie
Lesen wurde zu ihrem Beruf. Sie wurde und Biografien zu bewältigen. gebiert Kinder, aber sie gebiert keine Ge-
zu einer bekannten Literaturkritikerin – Der Essay ist eine wahre Fundgrube: danken, das tut der Mann.» Der einzige
und widmete sich als Buchautorin fortan Neben der Gedankenwelt einer Ger- Makel der scharfsinnigen Kulturge-
lesenden und denkenden Männern. So maine de Staël oder einer Olympe de schichte denkender Frauen ist der mora-
publizierte sie etwa tiefgründige Darstel- Gouges beschäftigt sich Langner etwa lische Schluss, wo Langner zur Lösung
lungen von Jean Paul oder Adelbert von mit dem Denken der italienisch-französi- grosser (Welt-)Probleme aufruft – ge-
Chamisso. schen Philosophin Christine de Pizan. Sie meinsam, von Frauen und Männern. ●
26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 19
Sachbuch

Soziologie Ulrich Beck versucht zu erklären, warum wir die Welt nicht mehr verstehen

DasUndenkbarewirdzurNorm
Ulrich Beck, hier auf
Ulrich Beck: Die Metamorphose der Welt. einer Aufnahme von
Suhrkamp, Berlin 2016. 267 Seiten, 2011, ist Anfang 2015
Fr. 36.90, E-Book 27.50. verstorben. Sein
Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. letztes Manuskript
Suhrkamp, Berlin 2016. 200 Seiten, liegt jetzt in Buchform
vor.
Fr. 26.90, E-Book 22.–.

Von Walter Hollstein

«Die Welt ist aus den Fugen… Ihre äus-


sere Ordnung ist zerbrochen, ihr innerer
Zusammenhalt verloren gegangen.» So
beginnt Ulrich Beck sein letztes Buch
über die «Metamorphose der Welt». Die
Folge sei unser generelles Unverständnis
gegenüber der radikal verwandelten
Wirklichkeit. «In diesem Buch versuche
ich zu verstehen und zu erklären, warum
wir die Welt nicht mehr verstehen.» Mit
den traditionellen Begriffen der Sozial-
wissenschaften sei das, was sich derzeit
vollzöge, nicht mehr zu fassen: statt
Wandel also Metamorphose.
Die Entstehungsgeschichte des Bu-
ches ist tragisch. In ihrem Vorwort
schreibt Becks Frau, Elisabeth Beck-
Gernsheim, selber eine renommierte So-
ziologin: «Der 1. Januar 2015 war ein Win-
tertag wie aus dem Bilderbuch: blauer
Himmel, strahlende Sonne, glitzernder
Schnee.» Die Becks entschliessen sich zu

BASSO CANNARSA / LUZ PHOTO


einem Spaziergang in Münchens Engli-
schem Garten und diskutieren dabei die
Thesen des neuen Buches. «Und dann,
plötzlich, das Ende. Herzinfarkt. Ulrich
kam nicht mehr nach Hause. Er starb
noch im Englischen Garten.» Das unfer-
tige Manuskript wird nun von seiner stehenden Konzepte des Wandels «den ches in diesem Buch, auf der Ebene blos-
Frau und etlichen Kollegen «vollendet». allgegenwärtigen Aufregungszustand ser Behauptung. Sicher enthält dieses
der Welt auf den Begriff zu bringen», der nachgelassene Manuskript viele wich-
Wandel war gestern versuche – so Beck in Anspielung auf tige Gedankenanstösse; aber es bleibt en
Beck gehörte zu den produktivsten deut- Niklas Luhmann –, «Pellkartoffeln zu somme eben unfertig.
schen Soziologen. Über den Fachkreis pflanzen und zu ernten». Immer wieder Was Beck in seiner Gesellschaftsana-
hinaus bekannt wurde er 1986 mit sei- dekretiert Beck, dass «die grossen Gesell- lyse nur streift, analysiert der Frankfur-
nem Bestseller «Risikogesellschaft» – in schaftstheorien eines Foucault, eines ter Soziologe Oliver Nachtwey in seinem
nahezu 40 Sprachen übersetzt. Später Bourdieu, eines Luhmann» unbrauchbar Buch «Die Abstiegsgesellschaft» auf
folgte «Weltrisikogesellschaft». In beiden geworden seien, weil sie «den Fokus auf überzeugende Weise. Seine Grundthese
Büchern explizierte Beck, dass unsere die Reproduktion und eben nicht auf die ist, dass aus unserer Gesellschaft des
Industriegesellschaft zunehmend unge- Transformation oder gar Metamorphose Aufstieges und der sozialen Integration
plante Gefahren produziere, die unsere der sozialen und politischen Ordnung» eine Gesellschaft des sozialen Abstieges
Lebensweise in Frage stellten; das aktu- legten. Begründet wird das nicht. geworden sei. Unter der Oberfläche einer
elle Beispiel war Tschernobyl. Beck ar- scheinbar stabilen Gesellschaft erodier-
beitete damals als Professor an der Uni- Niemand vor Abstieg gefeit ten seit langem die Pfeiler der sozialen
versität München, später an der London Die Metamorphose dokumentiert sich Integration, mehrten sich Abstürze und
School of Economics und in Paris. Er war konkret im fortschreitenden Klimawan- Abstiege. Prekarität und Polarisierung
so auch international der renommiertes- del; zum zweiten in der Auflösung des seien heute Kennzeichen des sozialen
te deutsche Soziologe. Nationalstaates und der Globalisierung, Systems. Nachtwey belegt das mit vielen
In der «Metamorphose der Welt» zum dritten in der «medizintechnischen Daten. Historisch macht er die «grosse
nimmt Beck die wesentlichen Themen Formbarkeit des Fortpflanzungsaktes» Transformation des Sozialstaates» an der
aus der «Risikogesellschaft» wieder auf – und schliesslich in der Auflösung der Agenda 2010 des damaligen Kanzlers
ein Stück weit wohl auch zu viel. Jede sozialen Klassen, etwa durch globale Schröder fest. Im Zuge der regressiven
moderne Gesellschaft ist sozialem Wan- Finanzmarktrisiken. Veränderungspo- Modernisierung vollziehe sich die «Insti-
del unterworfen, konstatiert Beck; aber tential sieht Beck in dem, was er «eman- tutionalisierung von Prekarität». Jeder
dieser Wandel vollziehe sich auf einem zipatorischen Katastrophismus» nennt: müsse den Abstieg fürchten. Die Men-
gesellschaftlichen Boden von Gewisshei- «Das Momentum der Metamorphose be- schen reagierten mit einem «arbeitswüti-
ten und Traditionen. Das sei vorbei. In steht verblüffenderweise gerade darin, gen Selbstproduktivismus». Nachtweys
unserer Gegenwart ändere sich das dass der feste Glaube an die Gefährdung Analyse dürfte zum Wichtigsten der letz-
menschliche In-der-Welt-Sein grund- der gesamten Natur und der Menschheit ten Jahre gehören; sie dokumentiert
sätzlich, denn nun werde stetig zur Wirk- durch den Klimawandel eine kosmopoli- auch, dass Soziologie durchaus mit dem
lichkeit, was eben noch als undenkbar tische Wende unserer gegenwärtigen Le- auskommen kann, was derzeit an Be-
galt. Das macht für Beck «Metamorpho- bensweise herbeiführen und die Welt grifflichkeit zur Verfügung steht. ●
se» aus. Wer versuche, mithilfe der in zum Besseren ändern kann.» Das ist – mit Walter Hollstein ist emeritierter Pro-
den Sozialwissenschaften zur Verfügung Verlaub – naiv und bewegt sich, wie etli- fessor für Politische Soziologie.
20 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017
Islam Ein katholischer Theologe
und ein islamischer Denker plädieren
für eine liberale Lesart des Korans

Dusollstnicht
alleswörtlich
nehmen

FAZRY ISMAIL / KEYSTONE


Ein «wahrer Islam» ist sche Interpretation von umstrittenen Meinung über ihre Religion zu bilden
Klaus von Stosch: Herausforderung Islam. dem Koran laut den Koranstellen aussieht. Versuche man, und sich nicht auf den Klerus zu stützen.
Christliche Annäherungen. Ferdinand beiden Autoren nicht die betreffenden Passagen mit einer äs- Mehdi Bazargan empfiehlt, die Mehr-
von Schöningh, Paderborn 2017. 208 zu entnehmen.
thetischen Hermeneutik zu lesen, so deutigkeit des Korans auszuhalten und
Seiten, Fr. 34.90, E-Book 31.90. komme man zum Schluss, dass das Tra- die jeweiligen Aussagen im Kontext ihrer
Mehdi Bazargan: Und Jesus ist sein Prophet. gen des Kopftuchs vor allem darauf hin- Entstehung zu begreifen. Er zeigt auf,
Der Koran und die Christen. Mit einer ausliefe, dass Musliminnen als solche wie etwa das im Koran postulierte
Einleitung von Navid Kermani. erkannt würden. Während fundamenta- Freundschaftsverbot gegenüber Chris-
C.H. Beck, München 2017. 108 S., listische Männer die betreffenden Suren ten und Juden an anderen Stellen stark
Fr. 26.90, E-Book 15.50. so auslegten, dass Frauen sich verhüllen relativiert wird. Wie dieses Verbot im
müssen, versteht von Stosch dieselbe Kontext der zunehmenden Spannungen
Von Katharina Bracher Stelle anders: Personen, egal welchen zwischen den Religionsgruppen im alten
Geschlechts, dürfen nicht auf ein Objekt Medina zu verstehen ist. Mehdi Bazargan
Hören, nicht lesen. Das ist der Modus des der Begierde reduziert und durch Blicke und Klaus von Stosch, das ist ihnen ge-
Islams. Mohammed war der Überliefe- gedemütigt werden. meinsam, interpretieren jeglichen mar-
rung nach Analphabet. Der Koran wurde Wiederum eine andere Methode hat tialischen Gehalt des Korans als einen
erst nach seinem Tod niedergeschrieben, zuvor der liberale islamische Denker Aufruf zur Selbstverteidigung.
aber in dieser Form nie öffentlich ver- Mehdi Bazargan gewählt. Für seine Was bringt die Lektüre dieser beiden
breitet. Erst ab 1925 wurde er gedruckt. «christlichen Brüder» hat er das Traktat Bücher? Laien lernen die umstrittenen
Die mündliche Überlieferung stand also «Und Jesus ist sein Prophet» verfasst, in Koranstellen in einer liberalen Lesart
stets über der schriftlichen. Umso be- dem er aufzeigt, wie seine Religion zum kennen, die keine absolute Deutungsho-
merkenswerter, dass sich Fundamenta- Christentum steht. Bazargan versucht, heit für sich beansprucht. Eine Antwort
listen wie Reformisten auf den schriftli- Widersprüche aufzulösen, indem er die auf die Frage, was man dem politisch ori-
chen Wortlaut des Korans stützen, wenn Beweggründe der Koranautoren aufzeigt entierten, gewaltbereiten Islamismus
sie den «wahren Islam» propagieren. und die ethischen Prinzipien herausar- entgegensetzen soll, erhalten sie damit
Klaus von Stosch verfolgt in seinem beitet, anhand derer sich umstrittene aber nicht.
Buch «Herausforderung Islam» einen Koranstellen in unsere Zeit übersetzen Aus dem Blickwinkel der beiden Auto-
ganz anderen Ansatz. Religiöses Erken- lassen. Bazargan war kurz nach der Kul- ren erscheint der Koran als eine Art
nen, so der katholische Theologe, werde turrevolution von 1979 der erste Pre- Steinbruch. Von eckigen, grauen Kiesel-
im Islam ästhetisch vermittelt. Für die mierminister Irans. Nach ein paar Mo- steinen bis zu runden, farbigen Edelstei-
arabischsprachigen Muslime sei der Ko- naten realisierte er, dass Ajatollah Cho- nen hält er alles bereit. Daraus kann sich
ran vor allem eine Schönheitserfahrung. meini eine klerikale Diktatur aufbaute, grundsätzlich nehmen, wer will. Ob
Von Stosch deutet darum die universale und trat zurück. 1995 verstarb er mit 88 seine Vorgehensweise einer Rationalität
Botschaft hinter umstrittenen Koranstel- Jahren in Zürich. folgt oder nicht, ist für die Rezeption un-
len nicht nur historisch, sondern vor Bazargan war zwar ein streng gläubi- wesentlich. Das Mosaik, das er aus den
allem ästhetisch. ger, konservativer Muslim, aber eben Steinchen baut, wird immer anders aus-
Anhand der «Kopftuchfrage» lässt sich auch ein Liberaler. Er forderte seine sehen. Und es wird sich immer jemand
aufzeigen, wie diese ästhetisch-histori- Glaubensbrüder auf, sich ihre eigene finden, der darin Schönheit erkennt. ●

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26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 21
Sachbuch

Geschichte Um neu anzufangen, strichen viele deutsche Nachkriegsfamilien die NS-Zeit aus ihren
Erinnerungen. Zwei Bücher erzählen vom Verdrängen – und seinen Folgen

VerstricktindenSchweigepakt
zu lassen und jenen Kraftakt stemmen schaftlich erarbeiteten Erinnerungsfor-
Florian Huber: Hinter den Türen warten die zu können, der als Wirtschaftswunder in men herrschen in der biografischen Auf-
Gespenster. Das deutsche Familiendrama die Geschichte eingehen sollte. arbeitung weiter Verdrängen und Ver-
der Nachkriegszeit. Berlin Verlag, Berlin Dass unter diesem Pakt diejenigen schweigen und verhindern die Auseinan-
2017. 352 Seiten, Fr. 31.90. ganz besonders litten, die in Opfer- dersetzung auf der persönlichen, der
Alexandra Senfft: Der lange Schatten der respektive Täterfamilien hineingeboren menschlichen Ebene.»
Täter. Nachkommen stellen sich ihrer worden waren, ist bekannt und gut do-
NS-Familiengeschichte. Piper, München kumentiert. Bei Florian Huber kommen Heilung seelischer Wunden
2016. 351 Seiten, Fr. 31.90, E-Book 20.50. jüdische Überlebende und deren Kinder Nebeneinander gelesen, weisen die Bü-
allerdings aus schwer verständlichen cher von Huber und Senfft zahlreiche
Von Klara Obermüller Gründen überhaupt nicht vor. Sein Inter- Parallelen, aber auch erhebliche Unter-
esse gilt, neben der deutschen Durch- schiede auf. Gemeinsam ist ihnen das
Damals, 1958, war es der Film der Stun- schnittsfamilie, den Nachkommen von Interesse an der individuellen Lebens-
de: «Wir Wunderkinder», Kurt Hoff- Nazi-Grössen, die bis heute mehr als alle geschichte, an den Vorgängen innerhalb
manns leichtfüssig-witzige Satire über andern vom Schweigebann der Eltern- der Familie und deren Einfluss auf die
Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. generation gezeichnet sind. Hier braucht Psyche des Einzelnen. Unterschiedliche
In Deutschland herrschten Optimismus sich der Autor nicht auf anonyme Quel- Wege gehen sie in der Art ihrer Darstel-
und die Sehnsucht nach Normalität. Die len zu stützen. Hier liegen Bücher vor, lung. Wo Huber erzählt und beschreibt,
letzten Kriegsgefangenen waren heimge- die von Betroffenen selbst geschrieben wo er Einzelschicksal an Einzelschicksal
kehrt, die Ruinen in den Städten beiseite- wurden: allen voran Ute Scheubs 2007 reiht und daraus nach und nach ein viel-
geräumt. Was Diktatur und Krieg in den erschienene Auseinandersetzung mit gestaltiges Panorama der deutschen
Seelen der Menschen angerichtet hatten, ihrem Nazi-Vater, «Das falsche Leben», Nachkriegsgeschichte entstehen lässt,
interessierte nicht. sowie Alexandra Senffts im gleichen Jahr geht Alexandra Senfft einen Schritt wei-
Als Aussenstehende konnte man sich publizierter Bericht «Schweigen tut ter. Sie analysiert die seelischen Mecha-
bei der Begegnung mit Hoffmanns Film- weh», in dem die Autorin ihre Geschichte nismen, die zu dem massiven Verdrän-
figuren nur schwer vorstellen, dass dies als Enkelin des 1945 in der Slowakei gen von Scham und Schuld geführt
die gleichen Deutschen sein sollten, die hingerichteten Hitler-Gesandten Hanns haben, sie bringt Nachfahren aus Täter-
wenige Jahre zuvor Tod und Vernichtung Ludin aufrollt und ihrer an diesem Erbe wie aus Opferfamilien miteinander ins
über die Welt gebracht und dafür millio- zerbrochenen Mutter ein erschütterndes Gespräch, und sie fragt nach den Auswir-
nenfach gebüsst hatten. Der Historiker Denkmal setzt. kungen, die das Verhalten der Elternge-
Florian Huber hat sich diesem irritieren- Der Zufall will es, dass fast zeitgleich neration weit über den engen Kreis der
den Befund noch einmal gestellt und ist mit Hubers Publikation auch von Alexan- Familie hinaus auf das politische Klima
den Dramen nachgegangen, die sich dra Senfft ein neues Buch herausgekom- im Deutschland bis in unsere Tage hat.
nach Kriegsende in deutschen Familien men ist, das sich unter dem Titel «Der Was Alexandra Senfft und Florian Huber
abgespielt haben. Sein Buch «Hinter den lange Schatten der Täter» wiederum mit miteinander verbindet, ist die Hoffnung,
Türen warten die Gespenster» sei ein den Biografien von Kindern aus Nazi-Fa- dass der Bruch des Schweigepakts zu
Wechselspiel von «historischer Repor- milien befasst. Warum sie eine erneute einer Heilung seelischer Wunden führen
tage und Mentalitätsgeschichte», heisst Publikation zu diesem Thema für nötig und die Vergangenheit mit der Zeit ihre
es in der Verlagsankündigung. In der Tat erachtet, begründet die Autorin im Vor- toxische Wirkung auf die Gegenwart ver-
hat der Autor neben historischer Fach- wort so: «Trotz der staatlich und gesell- lieren möge. ●
literatur und Erinnerungsbüchern be-
kannter Zeitzeugen vor allem Aufzeich-
nungen, Tagebücher und Briefe Unbe-
kannter verwendet, um aufzuzeigen,
wie die deutsche Nachkriegsgesellschaft
mit den Gespenstern der Vergangenheit
umgegangen ist. Die Geschichten all die-
serWehrmachtssoldaten,Kriegerwitwen,
Spätheimkehrer und Nachkriegskinder
machen sein Buch zu einem Leseerlebnis
der besonderen Art.

Das Wunder als Kraftakt


Sehr anschaulich, bisweilen aber auch
etwas gar blumig schildert Huber die Zu-
stände in Deutschland nach dem Zusam-
menbruch: die Überlebenskämpfe der
Frauen, die Ängste der aus Krieg und Ge-
fangenschaft heimkehrenden Männer,
ihr Verlangen nach Familie und Normali-
tät, ihr Bemühen, zu vergessen und noch
einmal neu anzufangen, ihre Enttäu-
schung, wenn dies nicht gelang – und
mittendrin die Nöte der Kinder, die hin-
ter der Fassade scheinbarer Normalität
die Schuld- und Schamgefühle der Er-
wachsenen ahnten, ohne sie benennen Hinter der Fassade
scheinbarer
zu können. Florian Huber spricht in
Normalität
seinem Buch von einem eigentlichen schlummerten in
«Schweigepakt», den die deutsche Nach- den 1950er-Jahren
AKG IMAGES

kriegsgesellschaft einging, um die ver- vielfach Schuld- und


brecherische Vergangenheit hinter sich Schamgefühle.
22 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017
Philosophie In einer Doppelbiografie stehen sich Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger gegenüber

FasteinKampf
derGiganten
Manfred Geier: Wittgenstein und Heidegger.
Die letzten Philosophen. Rowohlt, Rein-
bek 2017. 448 S., Fr. 38.90, E-Book 24.50.

Von Florian Bissig

Martin Heidegger und Ludwig Wittgen-


stein sind, wenn nicht gerade die letzten,
wohl die letzten grossen, charismati-
schen und wirkungsmächtigen Philo-
sophen. Nicht nur dies vereint sie, son-
dern eine ganze Reihe biografischer und
intellektueller Parallelen – im Lichte
derer sich ihre gegensätzlichen Philoso-
phien und Charaktere um so schärfer
abheben. Nachdem mit der Veröffent-

DEUTSCHES LITERATURARCHIV MARBACH


lichung von Teilen von Heideggers
«Schwarzen Heften» im Jahr 2014 neue
Hinweise auf eine unheilbare Verknüp-

RUE DES ARCHIVES / KEYSTONE


fung von Philosophie und antisemiti-
scher Weltanschauung vorliegen, könnte
man eine polarisierte Doppelbiografie
erwarten. Doch Manfred Geier, bekannt
als Biograf von Geistesgrössen wie Kant
oder den Brüdern Humboldt, enthält
sich verurteilender Kommentare und Zwei ganz seinem Denken zusammenhängt. Doch zu schweigen empfohlen hatte, beschäf-
breitet sorgfältig die philosophiehistori- unterschiedliche Wittgensteins schamhafte Beschäfti- tigte ihn immer dringlicher. Mit seinen
schen Fakten aus. Stile und gung mit seinem Sexualtrieb erhellt moralischen und religiösen Intuitionen
Charaktere: Ludwig
Heidegger und Wittgenstein wurden durchaus seinen Umgang mit Fragen der rannte er gegen die Grenzen der Sprache
Wittgenstein
beide im Jahr 1889 geboren. Sie zogen (1920er-Jahre) und Ethik und der Grenzen der Philosophie. und des Sinns an. Er las die Bibel, Augus-
beide im Alter von 14 Jahren von zu Martin Heidegger Ebenso gehört Heideggers Verquickung tinus, Kierkegaard – und Heidegger.
Hause aus. Beide schlugen zunächst (Marbach, 1938). von Metaphysik und Antisemitismus in
einen anderen Bildungsweg ein, bevor den Kontext seines Rektorats an der Uni- Einer raunt, der andre ringt
sie, im Jahr 1911, von der Philosophie er- versität Freiburg 1933/34 und seiner In seinem zweiten Hauptwerk, den «Phi-
griffen wurden. Sie schrieben beide rela- NSDAP-Mitgliedschaft. losophischen Untersuchungen», das er
tiv früh ihr philosophisches Hauptwerk Erhellend ist Geiers ausführliche Dar- nach seinem Krebstod 1951 unvollendet
und vollzogen später eine fundamentale stellung von Heideggers «Sein und Zeit» hinterliess, hatte sich Wittgenstein der
Wende in ihrem Denken. Diese sich ent- (1927) und Wittgensteins «Tractatus lo- Sprache zugewendet, wie sie tatsächlich
sprechenden Stationen erzählt Geier in gico-philosophicus» (1921) und ihren im menschlichen Miteinander gebraucht
abwechselnden Blöcken. So wird der Entstehungsprozessen. Heidegger hat wird. Damit entwickelte er sich weg vom
Leser hin- und hergerissen zwischen seine Daseinsanalytik, die das «In-der- «Autor des ‹Tractatus›», wie er sich gerne
dem konservativen Kleinstadtmilieu im Welt-sein» des Menschen phänomenolo- spitzfingrig auf sein früheres Selbst
schwäbischen Messkirch und der privile- gisch beschreibt und dessen Sein als bezog, und in gewisser Weise in Richtung
gierten Existenz einer der reichsten Wie- Sorge charakterisiert, in ruhiger Abge- von Heideggers früher Phänomenologie.
ner Familien; zwischen einer zielstrebi- schiedenheit in seiner Todtnauberger Derweil zog es aber Heidegger, mit den
gen Professorenkarriere und einer rast- Skihütte verfasst. Wittgenstein dagegen «Beiträgen zur Philosophie», weg vom
losen Existenz an verschiedenen Ecken schrieb den «Tractatus» während des Seienden, das bloss ist, und hin zum
Europas; und zwischen zwei eigenwilli- Ersten Weltkriegs buchstäblich im Gra- «Seyn», das «west», und damit weg von
gen philosophischen Temperamenten, nathagel an der Front. Das Werk exer- der Lebenswelt und hin zu einem noch
hinter denen ebenso disparate Charak- ziert Probleme einer Bildtheorie der esoterischeren Philosophiestil.
tere standen. Sprache und der logischen Form durch Der unterschiedliche Stil ist es denn
und zieht dem, was sinnvoll gesagt wer- am Ende, der die beiden Gestalten in auf-
Sexualität ausgeklammert den kann, eine enge Grenze. fälligster Weise trennt, als Philosophen
Die Kindheit mit ihren Prägungen kommt So war Wittgensteins Buch geeignet, wie als Menschen. Der eine raunt zu
dabei leider gar kurz. Dass sich drei Brü- Heideggers expressionistische Äusse- einem elitären Kreis wissender Hörer
der Wittgensteins das Leben nahmen, rungen über Angst, Sorge, Sein und und lästert über die degradierten Mas-
oder dass sich der devote Messner-Sohn Nichts als nicht-verifizierbare und damit sen, während der andere seine Millionen
Heidegger plötzlich vom elterlichen Wil- unsinnige Rede zu überführen. Doch ein verschenkt, Bauernkinder unterrichtet
len emanzipierte: das bleiben trockene direkter Kampf der Giganten fand nicht und seine Professur aufgibt, um im Spital
Fakten. Unverständlich ist auch, wieso statt. Wittgensteins schneidiges Sagbar- Freiwilligenarbeit zu leisten. Der eine
Geier zentrale Themenkomplexe wie die keitskriterium – der Schlusssatz des ringt ständig um die richtige Haltung,
Sexualität und das Judentum in den An- «Tractatus» lautet: «Wovon man nicht während der andere hartnäckig alle Fra-
hang verbannt, statt sie dort einzubrin- sprechen kann, darüber muss man gen danach überhört. Der Doppelbiograf
gen, wo sie die Karriere, den Lebenswan- schweigen.» – gegen den Metaphysiker Geier hat dennoch recht, die zwei Cha-
del und den Denkweg erhellen würden. Heidegger in Anschlag zu bringen, das raktere nicht gegeneinander auszuspie-
Mag sein, dass Heideggers Promiskuität, übernahmen Exponenten des Wiener len und so den Blick auf zwei philosophi-
mit der er seine Elfriede fünf Jahrzehnte Kreises. Wittgenstein selber war längst sche Werke frei zu halten, welche die
lang quälte, nicht im engeren Sinn mit weiter als seine Jünger. Das, worüber er Philosophie nachhaltig geprägt haben. ●
26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 23
Sachbuch

Gesellschaft Mohamed Amjahid, ein junger «Zeit»-Journalist, schreibt über alltäglichen Rassismus
und schreckt in seinem Bericht nicht vor Stereotypen zurück

Vorurteilegibt’shübenwiedrüben
seine Eltern in Deutschland nie recht hei- rium für Situationen entwickelt, in de-
Mohamed Amjahid: Unter Weissen. Was es misch wurden, kehrten sie zurück nach nen er offenen oder verdeckten Alltags-
heisst, privilegiert zu sein. Hanser Berlin, Marokko: «Sie haben andauernd auf uns rassismus am Werke sieht. Dabei drängt
Berlin 2017. 192 S., Fr. 23.90, E-Book 18.50. herabgeschaut. Wir waren Ausländer, sich ihm die Frage auf, wie es zu gesell-
egal, was wir gemacht haben», klagt die schaftlicher Ausgrenzung kommt und
Von Holger Heimann Mutter gegenüber ihrem Sohn. Der geht wie sich Muster der Ablehnung etabliert
nach dem Abitur trotzdem zurück nach haben. Seine Antwort dazu ist nicht neu:
In seinen Flüchtlingsgesprächen schrieb Deutschland, wird Redakteur beim re- Ein Denken in Stereotypen und simplen
der Dichter Bertolt Brecht Anfang der nommierten «Zeit»-Magazin. Verallgemeinerungen hilft, Vorurteile
1940er-Jahre: «Der Pass ist der edelste Der Aufstieg hat den Journalisten aber und damit eine einmal gefasste Weltsicht
Teil von einem Menschen. Er kommt nicht davor bewahrt, immer wieder als zu bestätigen. Alle Nordafrikaner wer-
auch nicht auf so einfache Weise zustand anders wahrgenommen zu werden. Sein den so zu Gewalttätern und potenziellen
wie ein Mensch. Ein Mensch kann über- südländisches Aussehen führt dazu, dass Vergewaltigern abgestempelt. Amjahid
all zustandkommen, auf die leichtsin- eine Frau in der Berliner U-Bahn ihre plädiert demgegenüber – ähnlich wie un-
nigste Art und ohne gescheiten Grund, Handtasche fest umklammert. Bei Rou- längst die Publizistin Carolin Emcke – für
aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch tinekontrollen der Polizei wird er regel- Differenzierung. Er fordert, den Einzel-
anerkannt, wenn er gut ist, während ein mässig aus der Menge gepickt. Am nen in den Blick zu nehmen und nicht
Mensch noch so gut sein kann und doch Als Kind Münchner Hauptbahnhof drängt dem eine vage, konstruierte Allgemeinheit.
nicht anerkannt wird.» Auch 75 Jahre marokkanischer perplexen Reporter eine Flüchtlingshel- Emcke ist sogar noch weiter gegangen
Gastarbeiter erlebt
später ist die Farbe des Passes entschei- ferin mit den Worten «Soap is good» ein und hat von der Lust gesprochen, die
Mohamed Amjahid
dend dafür, wie frei sich ein Mensch be- regelmässig, Stück Seife auf. Vielfalt auszuhalten.
wegen darf. Wer das Glück hat, einen was es bedeutet, Das Buch ist voll von solchen Erlebnis- Wie weit rassistisch grundierte Vorur-
deutschen Pass zu besitzen, kann in fast «anders» auszusehen berichten – eigenen und fremden. Amja- teile verbreitet sind, das erlebt Amjahid
100 Länder problemlos, das heisst ohne (15.3.2016). hid hat ein beinah übergenaues Senso- jedoch auch in der eigenen Familie.
Visumspflicht, einreisen. Afghanen hin- Seine Mutter wünscht sich von ihm
gegen können derart leicht lediglich zwei nichts sehnlicher als ein Enkelkind mit
Staatsgrenzen passieren. Die türöffnende blauen Augen. «Deine Freundin muss
Potenz spiegelt ziemlich genau die wirt- weiss und rein sein», sagt sie. Der Sohn
schaftliche Macht und geopolitische sieht darin ein Erbe des Kolonialismus.
Stellung eines Landes wider. Wer am Die einstigen Diener haben sich die Sicht
richtigen Ort geboren wurde, für den ver- ihrer früheren Herren zu eigen gemacht,
schwinden Grenzen. Wer weniger be- glaubt er. Wie schwer es offenbar ist,
günstigt ist, dem stehen sie als Barrieren weitestgehend vorurteilsfrei durch die
umso deutlicher im Weg. Welt zu gehen, belegt Amjahid allerdings
Der junge Journalist Mohamed auch unbeabsichtigt selbst. Frankreich
Amjahid (*1988) hat jetzt ein Buch dar- ist für ihn das rassistischste Land Euro-
über geschrieben, was es heisst, den fal- pas. «Man gehört in Frankreich erst dazu,
schen Pass zu haben, mithin nicht zu den wenn man gern Wein schlürft», schreibt
Begünstigten zu gehören – und das kei- er. Das mag bewusst überspitzt formu-
OGÖTZ SCHLESER

neswegs nur mit Blick auf das Reisen. liert sein, für ein Buch, das zum genauen
Amjahid kam als Kind marokkanischer Hinsehen auffordert, ist es mindestens
Gastarbeiter in Frankfurt zur Welt. Weil eine erstaunliche Einschätzung. ●

Geschichte Der Medienhistoriker Martin Schmitt geht den Anfängen des Internets nach
Das Netz, das aus der Kälte kam
Die zentrale Frage des Buchs fokus- begannen auch wissenschaftliche Insti-
Martin Schmitt: Internet im Kalten Krieg. siert auf die Motivation der Akteure zum tute das Netz zu nutzen.
Eine Vorgeschichte des globalen Kom- Bau eines weltweiten Computernetz- Während der digitalen Aufbruchszeit
munikationsnetzes. Transcript, Bielefeld werks inmitten des Kalten Kriegs. Die Ur- der 1990er-Jahre weckten die Anfänge
2016. 250 S., Fr. 39.90, E-Book 32.90. sprünge waren in erster Linie militärisch der Internettechnologie erstmals grosses
motiviert. In den USA fand die zentrale historisches Interesse, sie wurden aber
Von Sarah Genner ideelle Entwicklung statt. Allerdings einseitig optimistisch beschrieben: Die
waren in der Frühphase auch Grossbri- Autoren fokussierten auf die ökonomi-
Die meisten blicken lieber in die digitale tannien, Frankreich und interessanter- schen, sozialen und befreienden Poten-
Zukunft. Dabei erklärt sich vieles besser weise die Akustikforschung beteiligt. ziale, dystopische Überwachungsaspekte
mit einem Blick zurück. Der Medienhis- Das US-Department of Defence arbeitete kamen in wissenschaftlichen Arbeiten
toriker Martin Schmitt entkräftet in sei- seit 1969 an einem Computernetz, um kaum vor. Schmitt rückt diese Teilver-
nem Buch gängige Narrative über das dank einer netzartigen Kommunika- klärung der Internetvorgeschichte zu-
dominante Medium des 21. Jahrhun- tionsstruktur nach einem Angriff eine recht. Er zeigt, dass die Grundlagen des
derts. Insbesondere zerlegt er den Grün- ununterbrochene Verbindung zu ermög- Internets seit den 1970ern genauso eine
dungsmythos einer emanzipatorischen lichen. Dieses ARPANET bestand anfangs Technologie der Freiheit und Vergemein-
Erzählung der Internetgeschichte. Oft aus vier vernetzten Computern. Durch schaftung waren wie der Überwachung
wird fälschlicherweise das 1990 am die Standardisierungsmacht des Militärs und Kontrolle. Er widerlegt die Vorstel-
CERN erfundene WWW mit dem Inter- setzte sich der bis heute zentrale tech- lung, das Netz habe erst in jüngster Zeit
net gleichgesetzt. Schmitt zeichnet nach, nische Bestandteil TCP/IP durch. Viele Überwachungszwecken gedient.
was viele vergessen: Die Grundlagen für ARPANET-Ingenieure waren geprägt Mit seiner versierten Analyse mischt
das Internet, wie wir es heute kennen, vom anti-hierarchischen Denken der sich Martin Schmitt unter die führenden
waren bereits 1975 gelegt. Gegenkultur Ende der 60er-Jahre. Bald Internethistoriker. ●
24 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017
Philosophie Von Platon bis John Rawls: Ottfried Höffe legt eine Geschichte des politischen Denkens vor

WoraufgründetMacht?
die seit Aristoteles zur Kategorie der Sprach- und Kulturkenntnis fehlt. Eine
Ottfried Höffe: Geschichte des politischen «praktischen Philosophie» gehört, wird solche (Selbst-)Beschränkung ist nach-
Denkens. C.H. Beck, München 2016. auch deshalb lebendig, weil die verschie- vollziehbar und richtig.
416 Seiten, Fr. 35.90, E-Book 25.50. denen Theorien in die jeweilige histori- Dass hingegen die einzige und wich-
sche Situation eingebettet und mit den tige Denkerin der politischen Philo-
Von Katja Gentinetta persönlichen Erfahrungen der Denker sophie, Hannah Arendt, fehlt, ist bedau-
verknüpft werden. Der Philosophie zu- erlich. Nicht aus «genderpolitischen»
Die Welt ist nicht mehr, wie sie war. Vor- ordnen muss man das Sachbuch trotz- Gründen, sondern wegen ihrer hohen
bei das Grundvertrauen in die Demokra- dem, weil es sich einer klaren Begrifflich- Aktualität, was die gedankliche Durch-
tie, dahin die Zuversicht, so etwas wie keit und präzisen Auseinandersetzung dringung des Totalitarismus betrifft. Ihr
Krieg könne es nicht mehr geben oder mit den verschiedenen Positionen ver- Werk «Elemente und Ursprünge totaler
uns betreffen, vorüber die Vorstellung pflichtet. Jedes Kapitel schliesst mit wei- Herrschaft» sei deshalb als weitere wert-
einer stabilen Welt, in der man sich dar- teren Lektüreempfehlungen. volle Lektüre empfohlen. ●
auf verlassen kann, dass andere für die Der Autor klammert nichtokzidentale Katja Gentinetta ist politische
eigene Sicherheit sorgen. Die Machtpoli- Kulturen aus – nicht etwa, weil es dort Philosophin und Unternehmerin; sie
tik ist omnipräsent, ob in Russland, den kein systematisches politisches Denken doziert an verschiedenen Universitäten
USA oder dem «Islamischen Staat». – Was gäbe, sondern weil ihm die notwendige der Schweiz.
hat das zu bedeuten?
Antworten auf diese Frage gibt die po-
litische Philosophie seit der Antike. Dass
es in der Politik zwar um Macht, aber ge- Faksimile Faszinierendes Insektenleben
nauso um Vorstellungen eines besseren
Lebens, ja einer besseren Welt geht, und
dass diese Spannung nur durch Legiti-
mation von Macht, stabile Institutionen
und die kluge Sorge um das Gemeinwe-
sen lösbar ist, haben zahlreiche Denker
reflektiert. Ottfried Höffes «Geschichte
des politischen Denkens» legt dies einge-
hend und gut lesbar dar.
Erwartungsgemäss und begründet
setzt die Darstellung mit Platon und Aris-
toteles, den beiden Urvätern der politi-
schen Philosophie, ein. Sie unterschei-
den sich nicht in allen, aber in wenigen
wichtigen Punkten. Ob ein intellektuell
versierter und integrer Philosophenkö-
nig regieren muss oder die Gesetze herr-
schen sollen, weil auf die Menschen kein
Verlass sei, eröffnet gleich zu Beginn die
wichtigste Frage, die sich bis heute und
gerade dieser Tage wieder greifbar stellt:
Worauf gründet politische Macht? Und
wie kann sie eingegrenzt werden, um
Willkür zu verhindern?
Zwischen den antiken Auseinander-
setzungen mit guten und schlechten Re-
gierungsformen und den neuzeitlichen
Postulaten von Frieden, Freiheit und
Gleichheit – etwa mit Hobbes, Locke,
Rousseau und Kant – stehen zum einen
die verschiedenen gottesstaatlichen Pro-
gramme des Mittelalters, deren Begrün-
dungen genauso beunruhigen wie ver-
gleichbare Vorhaben der Gegenwart. Ma-
chiavelli nimmt als erfahrener und nüch-
terner Ratgeber des Machterwerbs und
-erhalts ebenfalls eine eigne Position ein.
Er führt seinen Lesern illusionslos vor
Augen, dass Machtpolitik auch im Inter-
esse des Gemeinwesens sein kann. Auch
Marx und Nietzsche erhalten ihr Kapitel,
bevor zum Schluss John Rawls mit seiner
späten, aber nachhaltigen «Theorie der
Gerechtigkeit» und seiner dem Pluralis- Eine Puppe, eine Raupe und ein Falter auf einer Bana- schwer und kehrte bald in die Niederlande zurück. Im
mus verpflichteten liberalen Demokratie nenpflanze – drei Stadien einer Metamorphose, sicht- Gepäck: Zahlreiche Aquarelle und Zeichnungen von
diskutiert wird. Das Buch schliesst mit bar gemacht auf einem Bild. Zu verdanken haben wir es Insekten – Material, das sie ausarbeitete und zu diesem
einem Ausblick auf eine «Weltrechts- Maria Sibylla Merian (1647–1717). Ihr Werk «Metamor- magischen Werk fügte. Zu Merians faszinierendem
ordnung» als notwendige Fortsetzung phosis insectorum Surinamensium» wurde 1705 veröf- Leben ist kürzlich auch eine Biografie erschienen (Bar-
der politischen Philosophie mit Blick auf fentlicht und liegt hier als Faksimile vor. Merian, in bara Beuys: Maria Sibylla Merian. Künstlerin, Forsche-
die Globalisierung. Deutschland geboren und als Künstlerin ausgebildet, rin, Geschäftsfrau. Insel, 2016). Simone Karpf
Das Kompendium liest sich auch wie beobachtete erst in Europa das Insektenleben und Maria Sibylla Merian: Die Verwandlung der surinami-
eine 2000-jährige Geschichte europäi- reiste 1699 nach Surinam, um die dortigen Insekten zu schen Insekten. Lambert Schneider, Darmstadt 2016.
scher Politik. Die politische Philosophie, erforschen. Durch die Strapazen der Reise erkrankte sie 200 S., 111 farb. Illustr., Masse: 560/370 mm., Fr. 142.–.
26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 25
Sachbuch

Tiere Ein passionierter Ornithologe erzählt aus seinem Leben für die Vögel
Bitte füttern – aber richtig!
ist genauso unangepasst geschrieben, Geschichte der Ornithologie sowie die
Peter Berthold: Mein Leben für die Vögel. wie sein Leben verlief. Problematik im Umweltschutz. Trotz
Franckh-Kosmos, Stuttgart 2016. 1939 in Zittau an der Ostgrenze von vermehrter Forschung gibt es immer
214 Seiten, Fr. 28.90, E-Book 19.50. Sachsen geboren, fand Peter Berthold weniger Vögel. Wenn man sie verstehen
Peter H. Barthel, Paschalis Dougalis: Was nach Umsiedelung und Vertreibung und und schützen will, so weiss Berthold,
fliegt denn da? Franckh-Kosmos, Stuttgart letztendlich Flucht aus der DDR erst in muss man ihre Habitate genauso begrei-
2016. 199 Seiten, Fr. 13.90, E-Book 10.50. Baden-Württemberg eine erste Heimat. fen wie die Landwirtschaft als ihren
Bereits in früher Kindheit hatte er seine Hauptkonkurrenten oder die Dynamik
Von André Behr Liebe zu den Vögeln entdeckt, nach dem grassierenden Halbwissens in Wissen-
Gymnasium in Nagold nahe dem schaft, Medien und Politik.
Manche Leser dürften sich an die Zeiten Schwarzwald und einigen ornithologi- Weltweit gibt es über 10 000 Vogelar-
erinnern, als Natur- und Umweltschüt- schen Reisen in weiten Teile Europas ten. Nur wenige davon sind in Europa
zer dazu aufriefen, die Vögel im Winter entschied er sich für ein Studium der regelmässig zu sehen. Der neu überarbei-
nicht zu füttern. Einer, der sich vehe- Biologie. Als langjähriger Forscher und tete Kosmos-Führer «Was fliegt denn
ment gegen diesen unreflektierten Über- Direktor an der Vogelwarte in Radolfzell da?» beschreibt 540 Arten, die man bei
eifer stemmte, war der deutsche Orni- am Bodensee wird er heute weltweit uns als Brutvögel, Durchzügler oder sel-
thologe Peter Berthold. Mit dem Buch insbesondere als Experte der Genetik tene Gäste beobachten kann. Das hand-
«Vögel füttern – aber richtig» stellte er sowie der Evolutionsbiologie des Vogel- liche Bestimmungsbuch liefert dazu
2006 klar, was erfolgreicher Vogelschutz zugs geschätzt. nicht nur die notwendigen Abbildungen
ist und wäre. Es wurde über 200 000 Mal Wohltuend an Bertholds Lebenserin- und Informationen. Über eine App
verkauft. Nun hat der mittlerweile eme- nerungen ist, dass er sich an keiner bekommt man auch Zugriff auf 188
ritierte Professor der Universität Kon- Stelle scheut, seine Meinung zu ver- Vogelstimmen. Ein atemberaubendes
stanz seine Autobiografie vorgelegt. Sie treten. So erfährt man einiges über die Konzert. ●

Das amerikanische Buch Auch der Raum macht Amerika gross


Landschaft ist Schicksal. Dies ist kein in die eigene Vergangenheit. Heute 64,
neuer Gedanke und fand nach 1900 hat er die gleichen Landschaften als
eine theoretische Ausformung in der Teenager und Mann Mitte dreissig
«Geopolitik», welche die physische bereist. Der Ausspruch «Earning the
Beschaffenheit der Erdoberfläche als Rockies» stammt aber von Kaplans
Grundlage historischer Entwicklungen Vater. Der beschrieb damit die Erfah-
und strategischer Pläne betrachtet. rung jener Pioniere, die vom Mississip-
Dabei gelten in der angelsächsischen pi-Tal her die «amerikanische Wüste»
Welt die Werke von Sir Halford westlich des 100. Längengrades durch-
Mackinder (1861–1947) und Nicholas querten und dafür mit dem majestäti-
Spykman (1893–1943) als bahnbre- schen Anblick der Rocky Mountains
chend. Wie kein anderer populärer belohnt worden sind.
Sachbuchautor in den USA gewinnt
Robert D. Kaplan den Studien des Bri- In New York geboren, war der Vater
ten und des niederländischen Amerika- 1942 als Rekrut zur Ausbildung in das
ners immer wieder neue Einsichten ab. «Herzland» im Mittleren Westen ge-
Nach Ausflügen an das südchinesische kommen. Dort hatte er miterlebt, wie
und das Schwarze Meer kehrt Kaplan in endlose Truppentransporte an Eisen-
seinem sechzehnten Buch Earning the bahn-Knotenpunkten zusammenge-
Rockies. How Geography Shapes Ame- führt wurden. Kaplan zitiert diesen
ROBIN LOZNAK / AP

rica’s Role in the World (Random Anblick als Beleg für das immense
House, 201 Seiten) in die USA zurück Machtpotential, welches aus der konti-
und schreibt über eine Reise quer nentalen Tiefe des amerikanischen
durch seine Heimat von Stockbridge, Raumes heraus Freiheit und Stabilität
Massachusetts, an den gigantischen Majestätische Rocky nicht aus der Welt zurückziehen – zu in die übrige Welt tragen sollte. Kaplan
Hafen der Kriegsmarine im kaliforni- Mountains: Sinnbild sehr sind Amerika und die anderen macht in Iowa eine ähnliche Erfahrung,
schen San Diego. für die mächtigen Kontinente miteinander verflochten. als er einen Güterbahnhof für Mais be-
USA? Robert D. Kaplan Die USA sind aber in Kaplans Augen sucht. In den enormen Getreidemen-
geht der Frage nach,
Von Eminenzen wie Henry Kissinger was Geografie und
auch schlicht zu stark, um sich nun gen erkennt er eine Ressource, welche
als «brillant» gelobt, bietet der Band Strategie verbindet. aus der Welt herauszuziehen. Es sind der «imperialen Klasse in Washington»
schwere Kost in zugänglicher Form und die Quellen dieser Kraft, die Kaplan auf die Weiterführung der im Zweiten
erscheint als Mischung aus Reisebe- seiner Reise erkundet. Weltkrieg übernommenen Ordnungs-
richt, strategischer Analyse und Medi- rolle Amerikas in der Welt ermögliche.
tation über das Wesen und die Bestim- Dabei hat er neben Mackinder und Dafür sollte heute mehr denn je die
mung der USA in Zeiten innerer und Spykman auch Klassiker des Historikers Pioniererfahrung in den Steppen des
globaler Verwerfungen. Kaplan hat das Bernard De Voto (1897–1955) im Gepäck. Westens als Orientierung dienen: ein
Buch vor dem Wahlsieg Donald Trumps Dieser hat die Erschliessung des Wes- frugaler Einsatz verfügbarer Mittel im
abgeschlossen. Aber angefangen bei tens im 19. Jahrhundert als prägend für Dienste pragmatischer Ziele.
der Spaltung der Nation in kosmopoli- die nationale Identität beschrieben. Die
tische Städter und übergewichtige, iso- dafür notwendige, immense Anstren- Anscheinend stösst diese Botschaft Ka-
lationistische Provinzler jenseits der gung habe den Amerikanern den Drang plans auch in der Trump-Regierung auf
Küsten, ist er brandaktuell. Die zentra- verliehen, nach der Zivilisierung der offene Ohren. Der neue Verteidigungs-
le Frage für Amerika unter Trump be- menschenfeindlichen Weiten auch in minister General James Mattis lobt das
antwortet Kaplan ohne Namensnen- den pazifischen Raum und dann in die Buch auf dem Umschlag als «Juwel»
nung des neuen Präsidenten ganz ein- ganze Welt hinaus zu greifen. Die mehr- und «wegweisend». ●
deutig: Die Nation darf und kann sich wöchige Fahrt führt Kaplan auch zurück Von Andreas Mink

26 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Februar 2017


Agenda

Comic-Klassiker Little Nemo träumt Agenda März 17


Basel
Mittwoch, 15. März, 19 Uhr
Peter von Matt: Sieben

FABIAN STAMM / NZZ


Küsse. Lesung und Ge-
spräch. Moderation: Katrin
Eckert, Fr. 18.–. Literatur-
haus, Barfüssergasse 3. Info
und Tickets: www.literaturhaus-basel.ch.

Donnerstag, 16. März, 19 Uhr


Urs Faes: Halt auf Verlangen. Lesung und
Gespräch. Moderation: Alexander
Honold, Fr. 18.–. Literaturhaus (s. oben).

Bern
Dienstag, 7. März, 20 Uhr
Ariane von Graffenried, Rolf Hermann:
Babylon Park & Das Leben ist ein
Steilhang. Lesung, Fr. 15.–. Stauffacher
Buchhandlungen, Neuengasse 25/37.
Reservation: 031 313 63 63.

Mittwoch, 22. März, 20 Uhr


Peter Beck: Korrosion. Lesung, Fr. 15.–.
Orell Füssli, im Loeb, Spitalgasse 47/51.
Reservation: 031 320 20 40.

Wer kennt ihn nicht, den kleinen Niemand im Schlum- er nicht geeignet, denn er misst 35 mal 45 cm und wiegt
merland, der Nacht für Nacht die wildesten Abenteuer 4, 2 kg. Ergänzt wird er durch eine 150-seitige, reich il-
Zürich
zu bestehen hat? Winsor McCay (1871–1943), ein Pionier lustrierte Studie zum kulturellen Kontext der Serie, die Mittwoch, 1. März, 19.30 Uhr
des Comic, hat die Figur erfunden und gezeichnet. Die der deutsche bildende Künstler und Kunsthistoriker Juan Gabriel Vásquez: Die Reputation.
Geschichten erschienen 1905 bis 1911 wöchentlich in der Alexander Braun verfasst hat. Er ist ein Kenner und Lesung und Gespräch. Moderation:
Tageszeitung «New York Herald» sowie 1911 bis 1913 im Sammler: 2011 hat er die German Academy of Comic Art Hildegard Keller, Fr. 20.–. Literaturhaus,
«New York American». Sie bezaubern bis heute – weni- gegründet, 2012/13 eine umfassende Retrospektive Limmatquai 62. Reservation:
ger wegen der Plots als wegen der wunderbaren, an den zum Werk von Winsor McCay kuratiert. Manfred Papst 044 254 50 00.
Jugendstil erinnernden Zeichnungen. Die 220 «Little Alexander Braun: Winsor McCays «Little Nemo». Ge-
Nemo»- Folgen, die 1905 bis 1909 erschienen, liegen nun samtausgabe 1905–1909. Taschen, Köln 2017. Freitag, 3. März, 20 Uhr
in einem prächtigen Nachdruck vor. Als Bettlektüre ist 368 Seiten, durchgehend farbig illustriert, Fr. 74.90. Simon Chen, Rhea Seleger u.a.: Poetry
Slam «Menschenwürde». Kollekte.
Maxim Theater, Ausstellungsstrasse 100.
Infos: www.maximtheater.ch.
Bestseller Februar 2017
Montag, 6. März, 20 Uhr
Simone Meier: Fleisch. Lesung und
Belletristik Sachbuch Gespräch. Moderation: Corina Caduff,
Fr. 25.–. Kaufleuten, Pelikanplatz. Infos:

1 Martin Suter: Elefant.


Diogenes. 352 Seiten, Fr. 26.90. 1 Philipp Gurt: Schattenkind.
Literaricum. 422 Seiten, Fr. 31.90.
www.kaufleuten.ch.

Donnerstag, 9. März, 20 Uhr

2 Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen


Namens. Suhrkamp. 624 Seiten, Fr. 29.90. 2 Peter von Matt: Sieben Küsse.
Hanser. 288 Seiten, Fr. 31.90.
Mitra Devi: Henkersmahl. Buchvernis-
sage. Buchhandlung Hirslanden,
Freiestrasse 221. Infos:

3 Elena Ferrante: Meine geniale Freundin.


Suhrkamp. 540 Seiten, Fr. 31.90. 3 Giulia Enders: Darm mit Charme.
Ullstein. 288 Seiten, Fr. 23.90.
www.buchhandlung-hirslanden.ch.

Dienstag, 14. März, 20 Uhr

4 Milena Moser: Hinter diesen blauen Bergen.


Nagel & Kimche. 256 Seiten, Fr. 23.90. 4 Shlomo Graber: Der Junge, der nicht hassen
wollte. Riverfield. 224 Seiten, Fr. 26.90.
Zsuzsa Bánk: Schlafen werden wir später.
Lesung und Gespräch, Moderation: Gui-
do Kalberer, Fr. 25.–. Kaufleuten (s.o.).

5 Jonas Lüscher: Kraft.


C.H. Beck. 237 Seiten, Fr. 28.90. 5 Eckart von Hirschhausen: Wunder wirken
Wunder. Rowohlt. 496 Seiten, Fr. 28.90. Dienstag, 14. März, 19.30 Uhr
Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben.

6 Alex Capus: Das Leben ist gut.


Hanser. 240 Seiten, Fr. 28.90. 6 Guinness World Records 2017.
Hoffmann und Campe. 256 Seiten, Fr. 29.90.
Lesung u. Gespräch, Moderation: Rafael
Newman, Fr. 20.–. Literaturhaus (s.o.).
DOMINIC STEINMANN / KEYSTONE

7 Sebastian Fitzek: Das Paket.


Droemer/Knaur. 368 Seiten, Fr. 23.90. 7 Daniele Ganser: Illegale Kriege.
Orell Füssli. 320 Seiten, Fr. 28.50.
Freitag, 17. März, 20 Uhr
Lukas Bärfuss: Hagard. Buch-
vernissage. Moderation:

8 Paulo Coelho: Die Spionin.


Diogenes. 192 Seiten, Fr. 23.90. 8 Wilhelm Schmid: Gelassenheit.
Insel. 118 Seiten, Fr. 12.90.
Jennifer Khakshouri, Fr. 25.–.
Kaufleuten (siehe oben).

9 Tana French: Gefrorener Schrei.


Fischer. 656 Seiten, Fr. 23.90. 9 Ajahn Brahm: Der Elefant, der das Glück vergass.
Lotos. 240 Seiten, Fr. 24.90.
Bücher am Sonntag Nr. 3
erscheint am 26.03.2017
10 Lucinda Riley: Die Schattenschwester.
Goldmann. 608 Seiten, Fr. 22.90. 10 René Hildbrand: Schweizer Politik zum Lachen.
Weltbild. 176 Seiten, Fr. 21.90.
Weitere Exemplare der Literaturbeilage «Bücher am
Sonntag» können bestellt werden per Fax 044 258 13 60
oder E-Mail sonderbeilagen@nzz.ch. Oder sind
– solange Vorrat – beim Kundendienst der NZZ,
Erhebung GfK Entertainment AG im Auftrag des SBVV; 14.02.2017. Preise laut Angaben von www.buch.ch. Falkenstrasse 11, 8001 Zürich, erhältlich.

26. Februar 2017 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 27


Foto © Gaby Gerster
ZSUZSA
BÁ NK Die Autorin des
Bestsellers
Die hellen Tage
mit ihrem
neuen Roman

DIENSTAG 14.03.2017
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Ticketpreise: 25.–/15.– (mit einer Karte der Zürcher Kantonalbank, AHV/IV oder mit Legi)
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