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Die Nervensägen

Tim, Tom und Ben heißen die drei Abenteurer, die mit dem Luftschiff "Graf Zeppelin" auf
große Reise gehen. Die "Graf Zeppelin" gehört dem geheimnisvollen Milliardär Dr. Wolff, der
schon seit vielen Jahren mit seinem Luftschiff um die Welt reist und um den sich die
wildesten Gerüchte ranken. lebt der "einsame Wolff", wie man ihn auch nennt, wirklich schon
seit Jahren ganz allein auf dem Luftschiff? Warum tut er das? Hat er keine Freunde? Hat er
etwas zu verbergen? Ist er ein schrulliger Sonderling, der der Welt den Rücken gekehrt hat?
Was macht man eigentlich so ganz allein auf einem Luftschiff? Wird es einem da nicht
langweilig?
Die Erwachsenen werden aus dem sonderbaren Mann nicht schlau. Er ist der reichste Mann
der Welt, er könnte wohnen, wo auch immer er will, in den prachtvollsten Palästen, in den
schönsten Häusern in den größten Städten, und dann lebt er auf einem Luftschiff? Verrückt!
Toms Vater schüttelt den Kopf und legt die Zeitung zur Seite. "Wenn ich so viel Geld hätte,
würde ich nie wieder arbeiten." Er steht vom Frühstückstisch auf und geht mit einer Tasse
Kaffee in sein Arbeitszimmer. Klassenarbeiten korrigieren. Tom weiß, dass er seinen Vater
in den nächsten drei Stunden nicht stören darf. Aber er würde gerne mehr über den reichen
Sonderling und sein Luftschiff erfahren. Seine Mutter räumt den Tisch ab und schüttelt den
Kopf. "Glaub nicht alles, was in der Zeitung steht." Sie bringt das schmutzige Geschirr zur
Spülmaschine und räumt die Teller und Tassen ein. "Spiel doch ein bisschen mit Deiner
Eisenbahn, mein Schatz. Wir gehen nachher spazieren." Tom sieht sich die Zeitung an.
Lesen kann er noch nicht. Das große Foto zeigt einen bärtigen Mann mit strubbeligen
schwarzen Haaren und einer dicken Zigarre im Mund. Sieht so der reichste Mann der Welt
aus? Die Mutter schüttelt den Kopf. “Wenn ich so viel Geld hätte, würde ich nie wieder
arbeiten." Dann stellt sie die Spülmaschine an und geht in ihr Arbeitszimmer. Tom bleibt mit
der Zeitung in der Hand zurück. Der schwarzhaarige Mann auf dem Foto zwinkert ihm zu.
Aber das bildet er sich bestimmt ein. Was mag in dem Artikel stehen? Toms Schwester
Betty sitzt am Küchentisch und starrt auf ihr Handy. "Stör mich jetzt nicht." Raunzt sie Tom
an. "Im nächsten Jahr kommst Du in die Schule. Dann kannst Du das selbst lesen". Sie wirft
einen kurzen Blick auf die Zeitung. "Wenn ich so viel Geld hätte, würde ich bestimmt nie
wieder in die Schule gehen." Sie seufzt und starrt wieder auf ihr Handy. Die Erwachsenen
tun lauter Dinge, zu denen sie keine Lust haben, denkt Tom. Das kann ja heiter werden.
Aber jetzt will er wissen, was da in der Zeitung steht. Er klettert auf den Stuhl und breitet die
Zeitung vor Betty auf dem Tisch aus. Sie seufzt ganz laut und verdreht die Augen, aber dann
legt sie doch ihr Handy zur Seite und liest den Artikel einmal durch. Tom sieht sie gespannt
an. "Also. Hier steht, dass der verrückte Milliardär seit fünf Jahren in seinem Luftschiff
unterwegs ist. Niemand weiß, was er da oben so treibt. Er fliegt um die ganze Welt. Mal
hierhin und mal dorthin. Keiner weiß warum. Hin und wieder macht er irgendwo Halt,
niemand weiß wo, dann lädt er Vorräte in sein Luftschiff, und er kauft sich eine Zeitung und
neue Zigarren. Dann fliegt er weiter, niemand weiß, wohin." Betty legt die Zeitung zur Seite
und widmet sich wieder ihrem Handy. "So. Noch Fragen?" Tom ist jetzt auch nicht viel
klüger. Also niemand weiß etwas über den Mann mit der Zigarre und sein Luftschiff.
Niemand weiß wohin er fliegt, und warum er überhaupt um die Welt fliegt, und wo er überall
schon war. Kein Wunder, dass sein Vater immer so griesgrämig guckt, wen er die Zeitung
liest.
"Interessant." Sagt Betty plötzlich. Sie hält Tom ihr Handy unter die Nase. Da ist noch ein
Foto von Dr. Wolff. Diesmal trägt er eine Kapitänsmütze. Und er hat wieder eine dicke
Zigarre im Mund. "Da steht, dass sein Luftschiff hier ganz in der Nähe landet." Tom sieht
seine Schwester an. "Hier bei uns?" Sie schüttelt den Kopf. "Fast. Auf dem alten Flugplatz in
Hemmor. An jedem dritten Sonntag im Monat. Um Zehn Uhr abends." Tom kennt den alten
Flugplatz. Dort soll der komische Mann mit der Zigarre mit seinem Schiff anlegen? "So steht
es hier. Jetzt geh spielen und lass mich in Ruhe." Betty starrt wieder auf ihr Handy. An Tom
denkt sie schon gar nicht mehr. Sie lächelt wieder so komisch. Wahrscheinlich hat Bettys
Freund ihr wieder eine Nachricht geschickt. Mädchen sind merkwürdig. Aber Tom weiß jetzt
immerhin mehr. Er lässt Betty mit ihrem Handy allein und geht in sein Zimmer. Was Ben und
Tim wohl so treiben?
"Quatsch. Luftschiffe gibt es nicht." Ben verzieht den Mund zu einem schiefen Grinsen. Tom
kann es hassen, wenn sein Freund ihn so ansieht. "Aber in der Zeitung steht ...." Aber Tom
kommt nicht weit. Ben schüttelt den Kopf. "In der Zeitung steht nur Quatsch. Das sagt mein
Vater immer." Ben hebt den Zeigefinger, das hat er sich von Frau Winkelkötter abgeguckt,
ihrer Lehrerin; er schaut seine Freunde ganz lange an. "Schiffe können nicht fliegen. Basta"
Tom verschränkt die Arme vor der Brust. "Luftschiffe schon." Die beiden Freunde stehen
sich jetzt ganz nahe gegenüber. Ihre Nasenspitzen berühren sich beinahe. "Quatsch."
"Doch!" "Kann nicht sein!" Kann wohl sein!" Tim sieht sich das eine Weile an. Er sitzt in dem
alten Reifen, den sein Vater im Garten aufgehängt hat und schaukelt hin und her. Wäre das
nicht toll, wenn Schiffe fliegen könnten? Denkt er bei sich. Und so praktisch. Er hat schon
ganz viele Schiffe gesehen, von seinem Zimmer aus kann bis zur Elbe gucken. Aber keins
von denen ist je an seinem Fenster vorbeigeflogen. Die meisten sehen so aus, als könnten
sie kaum schwimmen.
Tom und Ben stehen sich noch immer gegenüber. Keiner will nachgeben. Dabei ist die
Lösung ganz einfach. Tim springt von der Schaukel und zieht Ben am Ärmel zurück. "Hört
mal. Ist doch ganz einfach." Tom und Ben sehen ihren Freund an. "Was ist einfach?" Tim
zuckt mit den Schultern. "Na, wir sehen es uns einfach selbst an. Morgen Abend in Hemmor.
Wenn da ein Schiff angeflogen kommt, hat Tom Recht. Wenn nicht, hat Ben Recht."
"Aber ....!" "Aber ....!" rufen Tom und Ben ganz aufgeregt. Tim legt ihnen die Hand auf die
Schulter. Ganz ruhig. Einer nach dem anderen. Ben runzelt die Stirn. "Wir können aber nicht
so lange aufbleiben? Unsere Eltern erlauben das doch nicht!?" Tim denkt darüber nach. "Die
müssen das ja nicht wissen, oder? Wir sind ja höchstens eine Stunde weg." Die Jungs
sehen sich zufrieden an. Stimmt. Die Eltern müssen ja nicht alles wissen. Das macht sie nur
nervös. High Five, Problem gelöst! "Aber wie kommen wir über den Zaun?" Gibt Tom zu
Bedenken. Der alte Flugplatz ist von einem hohen Zaun umgeben. Früher wurde er auch
von Soldaten bewacht. Die sind dort schon vor langer Zeit ausgezogen. Aber der Zaun ist
natürlich noch da. Tim denkt kurz nach. Vor ein paar Monaten ist sein Vater mit ihm
losgezogen, um einen Weihnachtsbaum aus dem Wald zu holen. Da war auch ein hoher
Zaun drum. Aber das war für seinen Vater kein Problem. "Kein Wort zu Mutti, das bleibt
unser Geheimnis." Hat er damals zu Tim gesagt. "Kein Problem. Mein Vater hat da was in
seiner Werkzeugkiste." Die Jungs nicken zufrieden. High Five, Problem gelöst. "Und Herr
Gruber? Und Benno?" Der alte Herr Gruber bewacht den Flugplatz seit ein paar Jahren.
Früher war er Polizist in Cuxhaven. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als Wachmann. Mit
seinem Schäferhund Benno III dreht er nun seine Runden um den alten Flugplatz. Beim
Gedanken an Benno III wird den Freunden etwas mulmig zumute. Jeder von ihnen wurde
schon mal von Benno III auf einen Baum gejagt. Und der alte Gruber stand immer nur
lachend da und hatte seinen Spaß. Tim denkt lange über das Problem nach. Aber er hat
schon eine Idee. Dann muss er sich aber beeilen. "Lasst Benno III meine Sorge sein." Seine
Freunde sehen ihn zweifelnd an. "Sicher?" Tim nickt entschieden. "Ganz sicher." Er sieht auf
die Uhr. "So. Ich muss zu jetzt Onkel Horst, bevor er sein Geschäft zumacht. Lasst Eure
Handys auf Empfang. Ich melde mich später. Uhrenvergleich!" Die Freunde schauen auf
ihre Uhren. Ben schaut auf sein Handy. "Achtzehnuhrdreizehn!" Tom schaut auf die alte Uhr
seines Vaters, die er immer am Handgelenk trägt. "Viertelnachsechs." Tim stellt seine Uhr
ein. "Um 20:00 Uhr schicke ich Euch eine What's App mit dem Plan. OK?" Die Drei fassen
sich an den Händen. "OK! Die Nervensägen kommen!" Dann schwingen sie sich auf ihre
Fahrräder und fahren los. Tom und Ben fahren nach Hause, Tim fährt an das andere Ende
des Dorfes. Zu Onkel Horst. Dem Metzgermeister. Ben hält kurz an und sieht sich nach
seinen Freunden um. Tom und Tim sind schon außer Sichtweite. Gut. Die Luft ist rein. Er
fährt nicht schnurstracks nach Hause, sondern er biegt in die Dorfstraße ein. Vorbei an dem
alten Feuerwehrhaus und an der kleinen Kirche scharf rechts, hinein in die Blumenstraße.
Am Ende der Blumenstraße steht ein kleines gelbes Haus. Niemand ist zu sehen. Ben ist ein
bisschen enttäuscht, aber er tut so, als sei nichts. Er fährt mit seinem Fahrrad die Straße
hoch und runter. Dabei tritt er richtig feste in die Pedale. Der Fahrtwind pfeift ihm um die
Ohren, dann bremst er ganz scharf ab, bis die Reifen quietschen. Das hat er sich bei seinem
großen Bruder abgeschaut. Der fällt dabei regelmäßig hin. Ben ist das noch nie passiert. Er
ist einfach geschickter als sein Bruder. Ben dreht seine Runden und bemerkt gar nicht, dass
er einen Zuschauer hat. Als er wieder auf das gelbe Haus zurast, steht plötzlich ein
Mädchen vor ihm. Er kann gerade noch abbremsen, aber die Reifen rutschen weg, und das
Fahrrad fliegt hierhin und Ben fliegt dorthin.
"Saubere Landung." Lisa lächelt ihn von oben herab an. "Das musst Du vielleicht noch ein
bisschen üben." Ben steht auf und lächelt tapfer. Sein Hintern tut ihm weh, und die Hose ist
hinüber. Aber er lässt sich nichts anmerken. "Na ja, ich hab halt nicht mit Dir gerechnet."
Lisa hebt das Fahrrad auf und setzt sich auf den Sattel. "Ich wohne aber hier, oder?" Ben
nickt. "Stimmt. Hatte ich ganz vergessen." Lisa fährt mit Bens Fahrrad davon, die Straße
runter, bis zur Kreuzung. Dann dreht sie um und rast zurück, direkt auf Ben zu. Er rührt sich
nicht vom Fleck. Lisa bremst scharf ab und bleibt mit quietschenden Reifen direkt vor Ben
stehen. Das war knapp. Aber gekonnt.
"Kann ich mein Fahrrad zurückhaben?" Lisa steigt ab und hält es ihm hin. "Und was machst
Du hier?" Ben bekommt rote Backen. Immer das gleiche, ärgert er sich. Immer wenn mich
ein Mädchen anspricht. Hoffentlich sieht sie das nicht. "Ich? Hier?" Er sieht sich um. "Och,
ich war auf dem Weg nach Hause." Lisa lächelt nur. "So, so. Du wohnst doch in einer ganz
anderen Richtung." Sie deutet auf die Kirche. "Hinter der Kirche. Am Marktplatz." Ben seufzt.
Was soll er nur sagen? Die Wahrheit? Auf keinen Fall! Zum Glück bohrt Lisa nicht weiter
nach. "Und was heckt ihr wieder aus?" Ben sieht sie unschuldig an. "Wir?" "Du und Deine
Freunde. Ich habe Euch da drüben zusammen gesehen." Ben wehrt ab. "Ach nichts. Wir
haben nur über Fußball gesprochen." Gute Antwort, denkt Ben. Mädchen interessieren sich
nicht für Fußball. Das weiß er ganz genau. "Hey, das trifft sich gut!" Lisa strahlt über das
ganze Gesicht. "Mein Vater will mich für die Mannschaft melden!" Ben starrt sie ungläubig
an. Er hört wohl nicht richtig. "Was? Für unser Team?" "Ja! Beim nächsten Training bin ich
schon dabei!" Vor Schreck lässt Ben beinahe das Fahrrad fallen. Seinen wunden Hintern
spürt er schon gar nicht mehr. "Ist das nicht toll? Wir spielen zusammen in einem Team!"
Lisa ist kaum noch zu halten. Ben weiß gar nicht, was er sagen soll. "Aber ..." Schluck. "Du
bist doch ein ...mmmh... Mädchen?" Gabi zuckt mit den Schultern. "Du bist schlauer als ich
dachte. Ich bin ein Mädchen. Na und?" Ben weiß nicht weiter. "Also...dann...äähh
willkommen im Team." Bringt er schließlich hervor. "Danke!" Lisa sieht ihn durchdringend an.
"Also jetzt aber raus mit der Sprache. Was heckt Ihr aus?" Ben atmet tief ein. "Das ist ein
Geheimnis." Er weiß, dass er mit niemandem darüber sprechen darf. Am wenigsten mit
einem Mädchen. Am allerwenigsten mit einem neugierigen Mädchen, wie Lisa. "Glaubst Du,
dass Schiffe fliegen können?"
“Decken?” “Check!” “Wasserflaschen?” “Check!” “Obst?” “Obst?!” Tom schaut Tim fragend
an. “Warum denn Obst?” Tim deutet auf seinen Zettel. “Obst ist wichtig. Das schützt vor
Skorpionen.” Tom schüttelt den Kopf. Skorpione? Er kramt in dem alten Seesack seines
Vaters herum. “Ich glaube, da ist irgendwo noch ein Apfel.” Tim zuckt mit den Schultern. “Ich
hab noch zwei Bananen. Das reicht dann erst mal.” Er studiert wieder seinen Zettel. Die
Liste hat er im Internet gefunden. Sein Vater hat ihm dabei geholfen. Alles, was man für eine
lange Expedition braucht. “Feldstecher?” Tom legt den Seesack zur Seite. “Was soll das
denn sein? Ein Feldstecher?” Tim kann schon ganz gut lesen, aber das Wort kennt er auch
noch nicht. “Vielleicht ist das was zum Graben?” Tom greift in den Seesack und zieht den
alten Klappspaten hervor. “Dazu haben wir doch das hier.” Toms Vater war bei der Armee.
Manchmal erzählt er stundenlang von seinen Abenteuern. Seine Mutter verdreht dann
immer so komisch die Augen. Seine Uniform hat Toms Vater auf dem Speicher deponiert.
Für den Ernstfall, wie er immer sagt. Toms Mutter lacht dann immer und sagt nichts. Den
Spaten und den Seesack hat sich Tom für die Expedition ausgeliehen. Hoffentlich bricht jetzt
kein Ernstfall aus, denkt Tom. Dann steht sein Vater ohne Spaten da. “Ich hab noch das
Fernglas hier.” Tom zieht das Fernglas aus dem Seesack. Es steckt noch in einem Leder-
Etui und sieht niegel-nagel-neu aus. So viele Ernstfälle gab es wohl noch nicht. “Ui! Ein
Fernglas! Cool!” Tim packt es aus und schaut durch. “Wow, ich kann von hier aus Veronikas
Zimmer sehen!” Tom springt auf. “Gib her!” Er reißt Tim das Fernglas aus den Händen und
hält es auf das Nachbarhaus. Direkt auf Veronikas Fenster. Aber es ist natürlich viel zu
dunkel, um etwas sehen zu können. “HiHiHi” Tim grinst über beide Backen. Tom würde ihm
jetzt gerne eine scheuern, aber er will sich nichts anmerken lassen. Vielleicht später mal.
Betont sorgfältig packt er das Fernglas wieder ins Etui und reicht es Tim. “Ein Fernglas
Check.” Tim steckt es in den großen Rucksack zu den anderen Sachen. Er studiert seine
Liste und nickt zufrieden. “Wir haben alles.” Er faltet die Liste zusammen und nimmt aus
seiner Tasche noch ein großes, weißes Paket. “Iiiihh! Ist das Blut?” Tom inspiziert das Paket
ganz genau. “Ist ja ekelhaft. Was ist das?” Tim faltet das Päckchen auseinander. Ein
glitschiger, roter Klumpen kommt zum Vorschein. “Bääääh!” Tom tippt das rote Etwas ganz
vorsichtig mit dem Finger an. “Was hast Du denn damit vor?” Tim faltet das Päckchen
wieder zusammen. “Hühnerleber. Lecker, lecker, lecker! Willst Du mal probieren?” “Du hast
sie ja nicht alle!” Tom weicht einen Schritt zurück. Tim verfolgt ihn mit dem blutigen Paket.
“Beiß doch mal ab.” Tom ergreift die Flucht. “Nimm das weg!”
“Was macht Ihr denn da?” Ben klettert durch die Luke ins Versteck. Hinter sich zieht er einen
prall gefüllten Rucksack her. “Oh Mann ist das schwer.” Stöhnt er. “Brauchen wir den
ganzen Kram wirklich?” er wuchtet den Rucksack auf den Boden. “Was ist das?” Ben
verzieht das Gesicht. “Hühnerleber. Schön blutig.” Erklärt Tim. “Er will das Zeug essen.”
Tom ist noch ganz aufgeregt. “Quatsch.” Tim wickelt das Paket in einer Plastiktüte ein und
legt es in den Rucksack. “Und was soll das dann?” Tom ist gereizt. “Lass Dich überraschen.”
Tim lächelt seine Freunde breit an. Tom kann das hassen, wenn er so wichtigtut. Aber er
sagt nichts. Ben schaut seine Freunde ernst an. “Hört mal ….” Aber weiter kommt er nicht.
Irgendwas ist mit ihm. Das sieht man ihm an der Nasenspitze an. “Was ist los?” Will Tom
wissen. “Stimmt was nicht?” Ben schweigt und sieht zu Boden. “Ach. Nichts.” Tim gibt keine
Ruhe. “Willst Du etwa kneifen?” Ben schüttelt ganz empört den Kopf. “Denkst Du, ich lass
Euch im Stich? Auf keinen Fall.” Tim und Tom sind beruhigt. “Aber irgendwas ist doch?”
Wollen sie wissen. “Nichts ist.” Ben wirft sich den Rucksack über die Schulter. “Kann’s jetzt
losgehen?” Dann klettert er durch die Luke nach draußen. Tim sieht ihm verwundert
hinterher. “Was hat er bloß?” Tom schüttelt den Kopf. “Keine Ahnung.” Er wirft sich den
Seesack über die Schulter und geht zur Luke. “Auf geht’s” Tim greift nach seinem Rucksack
und folgt ihm. “Auf geht’s.” Die Jungs schlüpfen durch die Luke nach draußen.
“Lass das Licht aus!” Zischt Tim. “Es ist aber stockdunkel.” Zischt Tom zurück. “Wenigstens
bis wir außer Sichtweite sind!” Die Straße ist zappenduster. Nichts regt sich. Nicht mal eine
Katze. Toms Elternhaus ist von einer Straßenlaterne beleuchtet. Im Wohnzimmer brennt
noch Licht. Die sitzen jetzt alle vorm Fernseher, denkt Tom. Und Betty hockt in ihrem
Zimmer und textet mit ihrem Freund. Vorsichtig lenken die Drei ihre schwer beladenen
Fahrräder über die dunkle Straße. Die Nacht ist sternenklar. Der Mond versteckt sich gerade
hinter dem Kirchturm. Man sieht kaum die Hand vor Augen. “Stopp!” Tim hält plötzlich an.
“Was ist denn jetzt schon wieder.” Tom wäre ihm beinahe hintendrauf gefahren. Ein Auto
schiebt sich langsam durch die Querstraße. Als es abbiegt, streift der Lichtkegel der
Scheinwerfer über die drei Freunde. Sie ducken sich ganz tief und halten die Luft an. “Der
hat uns bestimmt gesehen.” “Na und?” Ben ist ganz still. Er trödelt schweigend hinter seinen
Freunden her. Als sie die Kreuzung erreichen, dreht Tim sich um. “Wir können jetzt die
Lampen einschalten.” “Wurde auch Zeit.” Murmelt Tom. Sie strampeln los. Die Hauptstraße
ist hell erleuchtet. Links und rechts stehen Straßenlaternen. Sie kommen trotz der schweren
Rucksäcke gut voran. “Da ist die Straße nach Hemmor.” Vor ihnen liegt die Bundesstraße.
Schnurgerade zieht sie sich durch die Wiesen und Felder. Der Mond ist jetzt
hervorgekommen, wie eine riesige, goldene Kugel schwebt er über den Jungen, so als wolle
er ihnen den Weg weisen. Ben dreht sich immer wieder um. Die Straße liegt verlassen hinter
ihm. Er atmet erleichtert aus. Dann tritt er in die Pedale und schließt zu seinen Freunden
auf. “So spät war ich noch nie auf.” Tom sieht auf seine Uhr. Im Mondlicht kann er das
Ziffernblatt gut erkennen. Fast Neun! Wenn das mal gut geht, denkt er. Tim fährt neben ihm.
“Alles klar bei Dir?” Tom nickt. “Alles klar!” Die beiden drehen sich zu Ben um. “Alles klar?”
Ben winkt ihnen zu. “Alles klar!” Eine leichte Brise kommt auf und streicht über das Kornfeld.
Die Ähren schimmern silbern im Mondlicht und wiegen sich im Wind. Am Himmel ist kein
Wölkchen zu sehen. Bevor er sich aus dem Haus geschlichen hat, hat sich Tim noch den
Wetterbericht im Fernsehen ansehen dürfen. Kein Regen und etwa 12 Grad hieß es da. 12
Grad klingt irgendwie kühl, aber sie haben ja Decken dabei. “Da drüben!” Tom deutet in
Richtung einer Baumgruppe. Man kann dahinter gerade noch den alten Kontrollturm
erkennen. Da ist der Flugplatz. “Wir sind gleich da.” Das ging fix, denkt Tom und tritt in die
Pedale. Sie biegen in eine schmale Nebenstraße ein und direkt vor ihnen schlängelt sich der
Zaun. “Ganz schön hoch.” Die Straße folgt dem Zaun ein paar hundert Meter und biegt dann
in ein kleines Wäldchen ab. “Wir lassen die Fahrräder hier.” Die Drei steigen ab und
schieben ihre Fahrräder ins dichte Unterholz. “Hier findet sie keiner.” Hoffentlich finden wir
sie später wieder, denkt Tom. Die Drei schleichen mit ihren Rucksäcken durchs dichte
Gebüsch. “Aua.” “Was denn?” “Brennnesseln!” “Autsch!” “Psssst! Der alte Gruber kann uns
meilenweit hören.” Der alte Gruber ist stocktaub.” “Aber Benno nicht.” “Aua!” Endlich
erreichen sie die Wiese. Tim deutet auf eine kleine Anhöhe. “Da versuchen wir’s.” Sie
schleppen ihre Rucksäcke keuchend den kleinen Hügel hinauf. “Uff.” Ganz schön schwer.
“Na, Ihr Drei! Auch schon da?” Die Jungs fahren erschrocken zusammen. Ben seufzt. Auf
der Anhöhe steht jemand und schaut zu ihnen herunter. Eine dunkle Gestalt. Die Hände in
die Hüften gestemmt. Im Mondlicht erkennt man nur ihre Umrisse. Der alte Gruber ist es
nicht. Nein. Viel schlimmer. Es ist ein Mädchen!
„Das war es, was ich Euch sagen wollte.“ Ben schaut bedröppelt zu Boden. Tim und Tom
starren ungläubig auf das fremde Mädchen. Was macht die hier? Wer hat sie eingeladen?
„Was ist los? Hat’s Euch die Sprache verschlagen?“ Das Mädchen kommt auf sie zu. „Ich
bin Lisa.“ Sie streckt Ihnen die Hand entgegen. Tom ergreift sie. „Tom.“ „Und Du?“ Sie sieht
Tim an. „Was interessiert Dich das?“ Tim ist sauer. Aber so richtig. Er dreht sich zu Ben um.
„Warum hast Du uns verpfiffen?“ „Hab ich gar nicht!“ „Was macht sie dann hier?“ Tim
schubst Ben, der taumelt nach hinten. Dann macht er einen Schritt auf Tim zu und schubst
zurück. Im nächsten Moment haben sich die Jungen ineinander verkeilt, jeder versucht den
anderen in den Schwitzkasten zu nehmen. „Verräter!“ „Selber!“ Tom ist noch zu benommen,
um einzugreifen. Er starrt immer noch Lisa an. „Machen die das öfter?“ Ben und Tim wälzen
sich jetzt am Boden. Tom schüttelt den Kopf. „Nie.“ Lisa schnalzt mit der Zunge. „Ich wollte
keinen Ärger machen.“ Von den beiden Streithähnen ist nur ein heftiges Grunzen und
Keuchen zu hören. Sie wälzen sich durch das hohe Gras und kullern schließlich den kleinen
Hügel hinunter. Aber sie hören nicht auf. „Still!“ Tom hat etwas gehört. „Was ist denn?“ Lisa
spitzt die Ohren. „Sei still!“ In der Ferne hört man ein aufgeregtes Kläffen. Lisa zuckt mit den
Schultern. „Das ist irgendein Hund.“ Aber das ist nicht irgendein Hund. Und das Bellen
kommt näher. Tom springt den Hügel herunter und packt Tim am Arm. „Benno!“ Tim und
Ben hören sofort auf und sehen ihn an. „Benno hat uns gehört!“ Jetzt hören sie das Kläffen
auch. Und es ist schon viel näher. Die drei schauen sich nach dem nächsten Baum um.
„Wartet! Wo ist mein Rucksack?“ Tim sieht sich im Gras um. Aber es ist viel zu dunkel. „Die
Rucksäcke sind hier oben!“ ruft Lisa. Tim rappelt sich auf und stürzt den Hügel hoch. Bloß
keine Zeit verlieren. Benno ist gleich da. „Welcher ist denn meiner!“ Tim findet endlich
seinen Rucksack und reißt den Verschluss auf. Wuff Wuff WUFF! Benno III kann es kaum
erwarten, ihnen in die Waden zu beißen. Seine Spezialität. Da kommt er auch schon! Tim
durchkramt den Rucksack nach der Hühnerleber, aber er findet in der Eile nur die Banane.
Mögen Hunde Bananen? Er drückt die Augen zu und streckt den Arm mit der Banane der
Plastiktüte und faltet es auseinander, beinahe wäre es ihm hingefallen.ganz weit aus. Jetzt
ist eh alles egal. GRRRRRR! Benno III muss direkt vor ihm stehen. Gleich ist es vorbei,
denkt Tim, schade um die schöne Leber. Aber nichts passiert. Benno ist plötzlich ganz still.
Vorsichtig öffnet Tim die Augen.
Lisa beugt sich über Benno und krault ihm das Fell „Ja, das hast Du gern. Mein Guter!“
Benno III ist ganz friedlich. Er wedelt aufgeregt mit dem Schwanz und hält Lisa seinen Kopf
hin. „Brav.“ Sie schaut die drei Freunde an. „Was ist los mit Euch? Habt Ihr etwa Angst vor
Benno?“
„Uff!“ Tim drückt so fest er kann. Pling! Wieder schnappt die Zange zu und ein Stück Draht
fliegt zur Seite. Bei seinem Vater sah das einfacher aus. „Nur noch ein bisschen. Das Loch
ist gleich groß genug.“ Ben biegt den Draht weiter zur Seite. Tim setzt die schwere Zange
noch einmal an. Dann drückt er fest zu. Pling! Wieder ein Stückchen weiter. Lisa sieht den
Jungs interessiert zu. „Was habt Ihr eigentlich vor?“ „Hat Ben Dir das nicht erzählt?“ Tim ist
immer noch sauer. Tom löst ihn am Zaun ab. „Ben hat was von einem fliegenden Schiff
erzählt.“ Jetzt ist Ben sauer. „Hab ich nicht. Schiffe können nicht fliegen!“ Tom drückt mit
aller Macht auf die Zange. „Können … sie …doch!“ Pling! Tim zieht den Draht weiter zur
Seite. „Einer noch. Dann können wir durch.“ Lisa wird ein bisschen ungeduldig. „Was wollt
Ihr denn da drin?“ Tom setzt die Zange wieder an. „Heute landet hier ein Milliardär mit
seinem Luftschiff. Das wollen wir uns ansehen.“ Pling! „Das war’s. Wir sind durch!“ Tim zieht
den Draht weiter zur Seite. Das Loch im Zaun ist jetzt groß genug, um durchzuschlüpfen.
„Auf geht’s. Lass die Zange hier.“ Tim kriecht durch das Loch und dreht sich zu seinen
Freunden um. „Gebt mir die Rucksäcke.“ Tom und Ben reichen ihrem Freund die
Rucksäcke. Dann kriechen sie hinterher. Lisa sieht ihnen zu. Sie bleibt aber auf ihrer Seite
des Zauns stehen. Ben sieht sich nach ihr um. „Kommst Du?“ Lisa sieht Tim fragend an. „Na
los, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.“ Sie schlüpft durch das Loch zu den Jungs
hinüber. „Und Benno?“ Benno liegt im Gras und leckt das Papier sauber. Die Hühnerleber
hat er schon aufgefressen. „Der bleibt hier. Gruber sucht ihn bestimmt schon. Dann
schleichen die vier durch das hohe Gras in Richtung der Landebahn.
„Ich dachte, der Flugplatz ist verlassen?“ Die vier Freunde liegen flach auf ihren Bäuchen
und beobachten den Flugplatz. In einer Reihe stehen vier riesige Schuppen aus Wellblech
Dort waren früher die Flugzeuge untergebracht. Jetzt stehen sie schon seit Jahren leer. Aber
heute Abend ist dort drüben Einiges los. Das Rollfeld ist hell erleuchtet und mindestens
zwanzig Männer laufen aufgeregt hin und her. „Was machen die da?“ Ben versteht die
ganze Aufregung nicht. „Haben die was verloren?“ Aus einem der Schuppen kommt mit
lautem Getöse ein mächtiger Lastwagen herausgefahren. Auf dem Lastwagen ist ein riesiger
Kran montiert. So einen großen Kran hat noch keiner von ihnen gesehen. Selbst als das
neue Kreuz auf der Kirchturmspitze montiert wurde, war der Kran nur halb so groß. Und
trotzdem war die Dorfstraße den ganzen Tag über gesperrt. Meter für Meter fährt der
Lastwagen über das Rollfeld. Einer der Männer läuft vor ihm her und weist den Fahrer an.
Schließlich bleibt der Laster stehen und an allen vier Ecken fahren wuchtige Stützen heraus,
fast wie die Stützen an seinem alten Fahrrad, denkt Ben. Jetzt wird der Kran ausgefahren.
Als er seine volle Höhe erreicht hat, ist er größer als der Kirchturm. Mindestens. „Was haben
die da bloß vor?“ Hier ist doch weit und breit nichts? Wozu brauchen die einen Kran? Noch
dazu einen so großen. Schließlich ist alles vorbereitet. Der Lastwagen steht an seinem
Platz, der Kran ist ausgefahren und die Männer stehen plötzlich ganz still. Alle blicken
angestrengt in den klaren Nachthimmel. Aus Richtung der Nordsee zieht eine einzige Wolke
langsam heran. Sonst ist nichts zu sehen. Die vier Freunde suchen den Himmel ab. Da ist
aber nichts zu sehen. Die Wolke kommt langsam näher. „Pssst. Hört Ihr das?“ Ben horcht
angestrengt in die Nacht hinaus. Ein tiefes Brummen ist zu hören, so wie von der alten
Kühltruhe in Papas Hobbykeller, nur irgendwie lauter und viel weiter weg. „Das kommt
näher.“ Tim hat es jetzt auch gehört. Er sieht sich um. Nichts zu sehen. Aber das Brummen
wird lauter. „Findet Ihr nicht, dass die Wolke komisch aussieht.“ Lisa kneift die Augen
zusammen. Alle Augenpaare richten sich jetzt auf die Wolke. Sie glitzert im hellen Mondlicht.
Und sie sieht plötzlich gar nicht mehr aus, wie eine Wolke. Sie sieht aus, wie eine dieser
Zigarren, die Dr. Wolff auf den Fotos im Mund hatte, denkt Tom Eine riesige, silbern
schimmernde Zigarre. Und langsam, ganz langsam kommt sie näher, und sie ist größer als
jedes Schiff, das Tim jemals auf der Elbe gesehen hat. „Das Luftschiff!“ rufen alle
gleichzeitig. „Wow. Und Schiffe können doch fliegen!“ murmelt Tom ganz leise.