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The Year of Living Langorously

„Das kann doch nicht…!“ Gustav fuhr aus seinem Tagtraum hoch und rückte näher ans Fenster. Die
Frau war schon an ihm vorübergegangen und er sah gerade noch ihr blondes Haar. Der Bus war noch
nicht wieder losgefahren sondern wartete darauf, dass eine junge Mutter ihren riesigen Kinderwagen
durch die hintere Tür zwängte. Ein älterer Fahrgast half ihr so gut er konnte. Ein anderer älterer
Fahrgast mokierte sich über die Größe des Kinderwagens, die Zwillinge schauten dem Treiben
staunend zu.

Gustav sprang auf und drängte zur Tür. Die junge Mutter sah ihn herbei eilen und lächelte
hoffnungsvoll, sie erwartete einen weiteren Helfer. Gustav sprang durch die geöffnete Tür ins Freie
und lief der blonden Frau ein paar Schritte hinterher. Als er sah, dass sie in die lange schnurgerade
Allee eingebogen war, verlangsamte er sein Tempo und folgte ihr zügig aber ohne Eile.

Gustav hatte längst begriffen, dass die junge Frau nicht Kathrin war. Kathrin lebte in seit zwei
Monaten Barcelona. Sie hätte sich bei ihm gemeldet, wenn sie zu Besuch gekommen wäre. Sein Herz
schlug langsam wieder normal. Die Frau war kleiner als Kathrin, ihre Hüften waren ausladender. Aber
ihr Haar war das gleiche. Sogar die Länge stimmte. Die Art wie es beim Gehen nach links und nach
rechts wogte. Wie ein schwerer goldglänzender Vorhang. Die Morgensonne rieselte durch die
Baumkronen auf die Dächer der parkenden Autos. Licht und Schatten wechselten sich ab. Sobald die
junge Frau aus dem Schatten einer Pappel heraustrat, glänzte ihr Haar goldgelb, wie ein Weizenfeld
im Spätsommer, um dann, im Schatten der nächsten Pappel wieder zu erlöschen, so als schiebe sich
eine dunkle Wolke vor die Sonne. Gustav war nur noch wenige Meter von ihr entfernt, aber er hielt
Abstand, um dieses Schauspiel in vollen Zügen genießen zu können.

Sie erreichten die Haltestelle der U-Bahn. Die junge Frau eilte die Treppe zum Bahnsteig herunter.
Gustav blieb oben zurück und blickte ihr noch hinterher, bis sie mit wehenden Haaren am Fuß der
Treppe angelangt war und nach rechts abbog und verschwand.

Er schaute auf das Haltestellenschild und seufzte.

Melancholisch betrachtet Gustav Kathrins leeres Zimmer, nach einem holprigen Start hatten sich die
beiden aneinander gewöhnt und waren sogar so etwas wie Freunde geworden, nun ist Kathrin
ausgezogen und hat außer einem leeren Bücheregal nichts zurückgelassen, ein Jahr Barcelona, wer
kann da schon widerstehen, Gustav demontiert das gerade das Regal, als es an der Tür klingelt,
Miriam, Kathrins Studienfreundin steht vor der Tür. Ihr schiefes leicht spöttisches Grinsen hat ihn
schon immer nervös gemacht. Sie übergibt Gustav an ein Abschiedsgeschenk seiner ehemaligen
Mitbewohnerin, in einer Aldi-Tüte, Miriam hat keine Ahnung was es sein könnte, Gustav wickelt das
in Zeitungspapier eingewickelte Geschenk aus und staunt nicht schlecht, er ist sogar ein wenig erregt,
in seiner Hand hält er einen Zopf aus Kathrins Haar, kurz vor ihrer Abreise, und kurz nach ihrer
Trennung von Phillip, hatte sie sich ihre wunderbaren langen blonden Haare abschneiden lassen,
anschließend hatte sie drei Tage heulend in ihrem Zimmer verbracht und Gustav hatte große Mühe,
sie wieder hervor zu locken, von dem Friseurbesuch hatte er nichts mitbekommen, daher erschrak er,
als er Kathrins modischen Pagenkopf sah, ein halber Meter dickes, blondes Haar, jahrelang liebevoll
gepflegt, einfach weg, er schluckte und ließ sich nichts anmerken, aber sie hatte das ungläubige
Entsetzen in seinen Augen gesehen und schlug weinend die Zimmertür wieder zu, er fuhr los und
besorgte Pizza und zwei Flaschen Wein, die beiden aßen gemeinsam ihre Pizzen und tranken die
beiden Flaschen Wein leer, Gustav erinnerte sich noch daran, wie Kathrin den abgeschnittenen Zopf
an seinen Kopf hielt, "passt!", meinte sie, leicht angeschickert, aber durchaus ernst, Gustav grinste
verlegen, aber innerlich brodelte es in ihm, wie gerne hätte er sich jetzt gesehen! Wie Recht sie doch
hatte, aber natürlich hielt er die Klappe und Kathrins kostbares Haar landete im Schrank, gleich
neben den Schlüpfern, jetzt hielt Gustav das Objekt seiner Begierde in Händen, vielleicht schon ein
wenig zu lange, und vielleicht hatte er etwas zu gierig darauf gestarrt, denn als er endlich wieder
aufblickte, sah ihn Miriam mit diesem wissenden Grinsen an, die widerliche Lesbe, widerlich und
sexy, "Wusstest Du...?""natürlich nicht, Kathrin wollte Dir etwas Persönliches schenken und hat
wochenlang darüber nachgedacht, was es sein soll", sie sah mich abschätzend an, "das ist das
perfekte Geschenk", ich lief rot an und hasste mich dafür, warum brachte mich dieses Biest so aus
der Fassung? Wie ein Frosch lag ich auf ihrem Sezierteller, ich hielt den Zopf fest umklammert, "Nicht
doch", sie nahm mir das sachte Haar aus der Hand, "Du machst es kaputt, siehst Du..." sie hielt mir
den Zopf vor die Nase, "er löst sich schon auf“, dann wickelte sie in vorsichtig wieder ein und legte
ihn zurück in die Tüte, "ich weiß schon, was wir machen", sie winkte einmal kurz und dann war sie
auch schon beinahe weg, "ich ruf Dich an" und sie zog die Tür hinter sich zu. ich starrte benommen
auf die geschlossene Wohnungstür. War das wirklich geschehen? Ich seufzte und ging zurück in
Kathrins Zimmer, das Ikea Regal wartete dort auf mich. In der Nacht träumte ich von unserer
gemeinsamen "Duschszene", an einem Samstagmorgen war ich in das kleine Bad geplatzt, als Kathrin
dort noch unter der Dusche stand, sie hatte vergessen, die Tür abzuschließen, jetzt sah sie mich
erschrocken an, hielt ihre Hände schützend vor ihre Brüste, ich war schlagartig wach und
entschuldigte mich eilig, aber ich blieb im Bad stehen und sah sie mit großen Augen an, sie wirkte so
verletzlich, wie ein kleines Mädchen, wir warteten beide gespannt darauf, was nun als nächstes
geschehen würde, wer von uns würde die falsche Bewegung machen? Ich trat einen Schritt zurück,
aus dem Bad heraus und zog die Tür langsam hinter mir zu. Eine halbe Stunde später war das Bad
schließlich frei, der Spiegel war noch beschlagen und der Duft nach Pfirsich und Holunderblüte hing
noch in der Luft, ich stieg unter die verwaiste Dusche und drehte den Hahn auf. Hatte sie erwartet,
dass ich hereinkomme und zu ihr unter die Dusche steige? Hatte ich das gewollt? Ich hatte diese
Szene oft vor Augen gehabt und war dabei seltsam unerregt geblieben, so als hätte ich einen Bus
verpasst und als warte ich nun entspannt auf den Nächsten, ich hatte ja alle Zeit der Welt, war da
kein Begehren? Keine Dringlichkeit? In dieser Nacht träumte ich von diesem Moment, ich öffnete die
Badezimmertür und stand wieder vor meiner duschenden Mitbewohnerin, dachte ich, es war eine
blonde Frau und sie kehrte mir den Rücken zu, ihr langes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz
gebunden, sie hatte mich nicht bemerkt und ich machte einen Schritt auf sie zu, Ich hatte Kathrin
anders in Erinnerung, kleiner, aber das lange blonde Haar war ihres, die Frau räkelte sich lasziv unter
dem heißen Duschstrahl, Ihre Hände glitten über Brust und Schultern hinunter zu den muskulösen
Schenkeln, verweilten einen Moment an ihrem Unterleib und kehrten ohne Eile zu den Brüsten
zurück, plötzlich stand ich direkt hinter ihr und in diesem Moment drehte sie sich zu mir um, ein stark
behaarter Kerl stand vor mir und lächelte mich an, seine Hand strich sanft über seinen enormen
Penis, mit der anderen fuhr er sich durch sein langes blondes Haar, in diesem Moment wachte ich
auf, mit beiden Händen hielt ich meinen harten Penis fest umklammert, einen Moment lag ich noch
einfach so da, leer und enttäuscht (unfulfilled), dann schlich ich verschämt aus dem Bett und huschte
ins Badezimmer.

Die Frau, die mich begrüßte, war mindestens zwei Meter groß und gebaut, wie eine
Hammerwerferin. Zwei smaragdgrüne Augen funkelten mich an, rote Locken und grüne Augen
dachte ich bei mir, schade, dass sie so fett ist, dann griff ich ihre ausgestreckte Hand, groß und
fleischig wie ein rohes Steak, und strahlte zurück, „Gustav, Nadine, wie geht’s?“, Es war Liebe auf den
ersten Blick, aber das sollte ich erst viel später erfahren. Nadine deutete auf einen der beiden
Friseurstühle, „nimm Platz“, dann verschwand sie kurz im Hinterzimmer, Miriam fixierte mich mit
ihrem schiefen Grinsen, „aufgeregt?“, das war ich, und ob, aber niemals hätte ich das zugegeben. Ich
schüttelte den Kopf. Nadine balancierte ein großes Tablett mit drei Gläsern Prosecco und
verschiedenen Snacks zur Tür herein und servierte uns die Drinks. Wir stießen kurz zusammen an, ich
nahm einen großen Schluck, Miriam nippte kurz und Nadine stellte ihr Glas unberührt wieder zurück,
„Jetzt lieber kein Alkohol, ich muss mich konzentrieren“, sie sprang auf und stellte sich hinter mich,
justierte den Stuhl und zog meinen Kopf in das kleine Waschbecken, „was für schöne Haare Du hast“,
sie massierte das Shampoo ein und knetete meine Haar kräftig durch, dann wusch sie mein Haar und
kämmte es einmal gründlich durch, dann griff sie zur Schere, ich erschrak, „schneiden, ich
dachte…!?“, „seit wann müssen hübsche Mädchen denken?“, schnitt sie mir das Wort ab. Das Blut
schoss mir in den Kopf, ich wollte empört aufspringen, aber sie drückte mich mühelos zurück auf
meinen Platz, körperlich hatte ich nichts entgegenzusetzen „erst mal, verschaffen wir Dir eine solide
Grundlage, dann sehen wir weiter“, beruhigt sie mich.“ Nadine lächelte und blickte mich
wohlwollend an, wie ein kleines unartiges Kind, es fehlte nur noch, dass sie einen der bunten Lollis
aus dem Glas neben der Kasse holte und mir in die Hand drückte; ich fügte mich also und lehnte mich
wieder in meinen Stuhl zurück, als plötzlich von draußen ein ohrenbetäubender Lärm ertönte, fünf
Motoradfahrer fuhren mit ihren schweren Maschinen vor und parkten direkt vor dem großen
Schaufenster des Salons, fünf behelmte Köpfe schauten zu uns herein, die zugeklappten schwarzen
Visiere sahen bedrohlich aus, aber Nadine widmete sich unbeeindruckt weiter meiner Frisur und
Miriam sah nicht einmal von ihrer Zeitung auf, die Fünfer-Bande machte keine Anstalten zu
verschwinden, und ich rutschte nervös auf meinem Stuhl hin und her. „Du musst schon still halten,
Liebchen“, ermahnte mich Nadine, „Trink doch noch was, entspann Dich,“ ich trank mein zweites
Glas Prosecco auf Ex und bemühte mich, nicht mehr aus dem Fenster zu sehen, das monotone
Klappern der Schere beruhigte mich ein wenig. Endlich legte Miriam ihr Magazin zur Seite, stand auf
und ging nach draußen, seelenruhig ging sie auf die Biker zu und redete mit ihrem Anführer, sie sah
auf ihre Uhr, sagte noch etwas und kehrte in den Salon zurück, setzte sich wieder hin und vertiefte
sich wieder in ihr Magazin. Die Gang startete ihre Motorräder und brauste mit lautem Getöse davon.
Ich hatte Miriams couragiertem Eingreifen/ auftritt so gebannt zugesehen, dass mir Nadine
unbemerkt ein drittes Glas einschenken konnte, ich nahm es und trank es erleichtert aus.

Ich musste eingeschlafen sein, das Licht hatte sich verändert, die Sonne stand nun tiefer und die
Passanten warfen lange Schatten, es war früher Abend, das Klappern der Schere hatte aufgehört,
stattdessen spürte ich immer wieder ein leichtes Ziehen an meinem Kopf, als wenn jemand immer
wieder an meinen Haaren zupfte, ich erinnerte mich daran, wie meine Mutter stundenlang im
Wohnzimmer gesessen und Teppiche geknüpft hatte, die rhythmische Drehung ihrer Handgelenks,
wenn sie einen neuen Faden festzurrte, ich spürte an meinem Mundwinkel etwas Feuchtes,
wahrscheinlich hatte ich einfach nur ein bisschen genickert und dabei gesabbert, wie ein kleines Kind,
aber ich war zu benommen, um meine Hand zu heben und den Speichel abzuwischen, Miriam saß
nicht mehr an ihrem Platz, der Stapel mit den gelesenen Magazin war aber deutlich angewachsen.
Neben meinem Stuhl, auf einem kleinen Tisch, lagen Haare, lange blonde Haare, Unmengen davon,
sorgfältig nach Größe sortiert, in meinem Zustand konnte ich mir darauf keinen Reim machen, dieses
ständige Zupfen machte mich nervös, ein kurzes heftiges Ziehen, so als versuche jemand mir eine
Haarsträhne herauszureißen, dann wieder für einige Augenblicke nichts, bevor es wieder losging,
„Schätzchen, den Kopf ein bisschen nach vorne…“, meine Kopf wurde sanft nach vorne geschoben
und fixiert, ich lauschte dem Knistern von Nadines frisch gestärktem Kittel, roch den süßlichen
Geruch ihres Körpers, und hörte gerade noch, wie jemand zur Tür hereinkam, dann dämmerte ich
wieder ein.

Flucht (a short lived rebellion)

Als ich wieder zu mir kam, war es draußen dunkel, ich saß nicht mehr auf dem Stuhl, jemand hatte
mich hingelegt, als ich versuchte aufzustehen, explodierte mein Schädel beinahe, stöhnend sank ich
zurück, mit jedem Atemzug seufzte ich leise, das verschaffte mir etwas Erleichterung. Meine Augen
gewöhnten sich an die Dunkelheit, durch die große Fensterscheibe fiel das Licht der Straßenlaternen
herein, gelegentlich fuhr ein Auto vorbei, ich erkannte die massiven Stühle, die Trockenhauben und
die Registrierkasse, ich war also noch immer in Nadines Salon, wahrscheinlich lag ich auf der roten
Chaiselongue, jemand hatte eine Decke über mir ausgebreitet, ich lauschte angestrengt, aber im
Salon war es vollkommen still, wahrscheinlich schliefen die Beiden (Drei!) schon, miteinander,
zusammengerollt in einem Bett, die verschwitzten Leiber aneinander gepresst, die Laken feucht, die
Luft voll von dem Gestank ihrer Mösen, mir war schlecht und ich wollte nur nach Hause, weg von den
Lesben, dem rothaarigen Ungetüm, weg von der Bodybuilderin (Susanne) und ihren Maurerhänden,
weg von Miriams schiefem Grinsen, mein Ekel stieß mir die Kehle empor, ich sprang auf, taumelte zu
einem der Stühle und übergab mich in das Haarwaschbecken, langsam ging es mir besser, ich tastete
mich vorsichtig zum Ausgang, bloß niemanden aufwecken, auf dem Weg kickte ich eine leere
Proseccoflasche zur Seite, mit lautem Getöse rollte sie unter Tresen, ich lauschte erschrocken, aber
alles blieb ruhig, niemand hatte mich gehört, die Tür war verschlossen, aber der Schlüssel steckte, ich
trat hinaus auf die Straße und sog die frische Nachtluft in mich auf, meine Uhr hatte ich noch, drei
Uhr morgens, um diese Zeit fuhr keine Straßenbahn, aber ich wusste ungefähr, wo ich war, es war
etwas frisch und meine Jacke hing noch im Salon, aber die Wohnungsschlüssel waren in meiner
Tasche und in diese Muschihöhle würden mich keine zehn Pferde mehr zurückbringen. Beschwingt
torkelte ich in Richtung meiner Wohnung, glücklich, noch einmal entkommen zu sein.

Im Morgengrauen erreiche ich zusammen mit der ersten Straßenbahn mein Haus. Aus der
erleuchteten Straßenbahn schauen mich die müden fahlen Gesichter der wenigen Fahrgäste an, es
geht Stadtauswärts, in die Büros, an die Fließbänder oder, nach einer langen durchtanzten Nacht, ins
Bett, um 4:12 an einem Montagmorgen sind sie alle gleich: müde und lustlos, ich schließe die Haustür
auf, die Trinkhalle ist noch geschlossen, Gudrun öffnet erst um Fünf, und schleppe mich die drei
Stockwerke zu meiner Wohnung hoch, ich fühle mich wie gerädert, aber ich bin auch froh, wieder zu
Hause zu sein. Die Wohnungstür schließe ich hinter mir ab, fest verriegelt, mein Heim ist auch meine
Burg, dann gehe ich ins Schlafzimmer und lasse mich aufs Bett fallen, nur ganz kurz, denn ich will ja
raus aus den verschwitzten Klamotten, die ich gefühlt schon eine ganze Woche am Leib trage, ich
streife die Schuhe ab, neben meinem Bett steht noch eine halbvolle Flasche Wasser, die trinke ich in
einem Zug aus, dann lege ich meinen immer noch schmerzenden Schädel vorsichtig auf dem
Kopfkissen ab, aber nur ganz kurz, versteht sich, denn ich will ja noch….und sofort schlafe ich ein.

Ich öffne die Augen und bin sofort hellwach. Der Traum, der mich hat hochfahren lassen, ist schon
wieder vergessen, die Sonne strahlt zum Fenster herein, also ist es schon wieder Abend, immerhin
weiß ich sofort, wo ich bin: Zu Hause, in meinem Schlafzimmer, und was zu tun ist, schnell aufs Klo,
ich springe aus dem Bett, die Kopfschmerzen sind verflogen und renne ins Bad, dreißig Sekunden
stehe ich vor der Kloschüssel und lasse es laufen, großartig, ich atme tief ein, wie gut das tut, solange
ich mit Kathrin zusammen gewohnt hatte, habe ich mich immer brav hingesetzt, und so mache ich es
auch jetzt immer noch, aber einfach mal wieder im Stehen Pinkeln fühlt sich an, wie ein Akt der
Befreiung, der erste Schritt zur Wiedereingliederung in mein angestammtes Geschlecht, die Gerüche
aus Nadines Salon habe ich noch immer in der Nase, ich trage ja auch noch immer die gleichen
Klamotten, schnell weg damit. Nackt fühle ich mich wie neugeboren, davon gekommen, nie wieder
„Schätzchen“, oder „Liebchen“, ich male mir schon einmal das Programm des Abends aus, mal sehen,
wer von meinen Kumpels Zeit hat, ein paar Bierchen im Oblomow?! Geht immer. Dann schaue ich
zum ersten Mal in den Spiegel. Und erstarre.
Dort, wo früher meine Augenbrauen waren, ziehen sich zwei dünne geschwungene Linien nach links
und nach rechts, die Spuren des restlichen Make-Ups sind verwischt, aber noch deutlich zu erahnen,
Cajal, Eyeliner, Lippenstift, das ganze Programm, ich sehe aus wie ein androgyner Leadsänger
irgendeiner beliebigen britischen Band in einem verwaschenen Video aus den Achtzigern, ich drehe
das kalte Wasser an und halte mein Gesicht in den Strahl, ich schrubbe eine Minute lang mein
entstelltes Gesicht, wasche mich dreimal mit Seife und rubbele mich mit dem Handtuch tüchtig ab,
alles weg, leider auch meine Augenbrauen, nur eine mikroskopisch feine Haarlinie ist mehr zu
erahnen, als zu sehen, der Rest ist spurlos verschwunden, herausgerupft wie Unkraut, ich sehe
grotesk aus, schwer zu sagen, wo in meinem Gesicht jetzt oben und wo unten ist, dann erst fallen mir
die feinen langen Haarsträhnen auf, die mir ins Gesicht hängen, ich befühle meinen Kopf, drehe mich
um und entdecke den langen Zopf in meinem Nacken, der sich langsam auflöst, dick wie mein
Handgelenk und Honigblond, Kathrins Farbe, ihr Haar, ich löse den Zopf mit zitternden Händen auf,
mein Schwanz versteift sich unwillkürlich, ich merke, dass ich weniger erschrocken bin, als mir lieb
ist, ich bin ungeduldig, endlich halte ich den hartnäckige Haargummi in der Hand, ich schüttele
meinen Kopf hin und her, die befreite Mähne von goldblondem Haar fällt mir über Gesicht und
Schultern, ich spüre das Haar auf meinem Rücken, ein feines Rieseln, als wenn es seidene Fäden
regnete, ich weiß nicht, wie ich über meine Haarpracht denken soll, aber mein Schwanz gibt eine
ehrlich Antwort, einfach nur geil!

Ich sitze unschlüssig auf meinem Bett und starre auf mein Handy. Wen soll ich anrufen? Was tun?
Nach dem Duschen habe ich meine Haare unter einem riesigen Badetuch verstaut, es fühlt sich an,
als säße ein Bernhardiner auf meinem Kopf, mit jeder Bewegung rutscht er unruhig hin und her, also
verhalte ich mich still, nippe an meinem Kaffee und gehe meine Optionen durch, die Kumpels
anrufen? Negativ. Die Wohnung verlassen? So, auf keinen Fall. Nicht bevor die Augenbrauen
nachgewachsen sind. Die Haare kann ich ja abschneiden. Will ich das? Nicht jetzt. Seit dem Duschen
trage ich eine Dauererektion vor mir her, mindestens eine halbe Stunde lang habe ich meine Haare
gewaschen, hektoliterweise habe ich Wasser darauf geschüttet, bis sie mal wirklich komplett
durchgefeuchtet waren, wie eine widerspenstige Boa Konstriktor habe ich das Haar von links nach
rechts balanciert, eine halbe Flasche Shampoo hat es gebraucht, bis es komplett eingeschäumt war,
die nasse, glitschige Masse habe ich durchgewalkt wie einen riesigen Pizzateig, wieder endloses
Ausspülen, bis auch die letzten Schaumreste im Abfluss verschwunden waren, eine mühselige
Operation, und ich habe jede Sekunde davon genossen, jetzt aber hat mich die Realität wieder
eingeholt und ich sitze hier, und weiß nicht, was ich tun soll, dann schellt es an der Tür, ich springe
auf und renne zur Tür, so als habe ich auf dieses Klingeln seit Stunden gewartet, als warte hinter der
Tür die Lösung meines Problems. Dabei weiß Gustav ganz genau, wer hinter der Tür wartet. Er dreht
den Schlüssel zweimal um und öffnet dem Besucher. Miriams spöttisches Grinsen, begrüßt ihn,
wieder hat sie eine Plastiktüte dabei, „Wir haben uns schon Sorgen gemacht,“ begrüßt sie ihn, er
lässt sie wortlos herein, die Augen niedergeschlagen, den Kopf so weit gesenkt, wie es der mächtige
Haarturm eben zulässt. Sie inspiziert mich belustigt, erst jetzt merke ich, dass ich noch immer
splitterfasernackt bin, und mein Ständer hüpft wie ein aufgeregtes Hündchen vor dem Gast auf und
ab, Miriams Zeigefinger berührt lässig die rotglühende Schwanzspitze, ganz beiläufig, als schlage sie
im Vorübergehen eine Taste auf einem Klavier an, das hohe C, „ist das für mich?“, wieder dieses
schiefe Lächeln. Gustav kocht vor Wut, vor Scham, vor Erregung, schwer zu sagen, welches Gefühl
hier gerade die Oberhand behält, Miriam hält ihm die Tüte hin, seine Jacke, immerhin etwas,
darunter jede Menge bunter Plastikflaschen, er nimmt eine heraus und sieht sie genauer an, eine
Haarspülung, extra Feuchtigkeit für langes Haar, die Frau auf dem Etikett lächelt verführerisch, mit
einer Hand fasst sie beherzt in ihre blondglänzende Mähne, Photoshop, trotzdem, Gustav sieht
Miriam an, „Die richtige Pflege ist wichtig, besonders in der Übergangsphase,“ sie beugt sich über die
Tüte und deutet auf die anderen Behälter, „Shampoo, Spülung, Kur, nur vom Besten,“ Gustav nimmt
den runden Behälter mit der Haarkur in die Hand und studiert das Etikett, „was meinst Du mit –
Übergangsphase?“, Miriam seufzt, was für eine Frage, „na, bis Dein eigenes Haar nachgewachsen ist.
Die Extensions halten nicht ewig,“ Gustav glaubt, er hört nicht richtig, „wie lange, denkst Du, mache
ich dieses Spielchen mit?“ Miriam sieht ihn ernst an, fast besorgt, „so lange Du willst, mein Liebling,“
säuselt sie, „niemand zwingt Dich,“ sie deutet noch einmal auf die Tüte, „Die Anleitung und die
Pflegehinweise findest Du in dem Umschlag mit den Fotos, Nadine hat alles genau aufgeschrieben,“
Fotos?! Was für Fotos? Gustav kramt in der Tüte, zieht einen braunen DIN A4 Umschlag heraus und
reißt ihn auf, ein großer handbeschriebener Zettel mit Nadines Pflegehinweisen, mit kindlicher
Mädchenhandschrift hat sie in ihrem Pamphlet sorgfältig jeden Schritt beschrieben, überschrieben ist
das Ganze mit „Traumhaar, richtig gepflegt“, Gustav hat dafür jetzt keine Zeit, er zieht einen dicken
Packen mit Fotos aus dem Umschlag hervor, zusammengehalten mit einer rosa Schleife, mit
zitternden Fingern öffnet Gustav die rosa Schleife und sieht sich die Bescherung an, natürlich weiß er
was ihn hier erwartet, aber er muss es selbst sehen, es hat wenig Sinn, den Empörten zu spielen, sein
steifer Penis verrät ihn, mit jedem Foto wächst seine Erregung, diskret hängt Miriam Gustavs Jacke
darüber, er bemerkt es nicht einmal, Foto für Foto sieht er sich wortlos an, als er den ganzen Stapel
durch hat, beginnt er von vorne, immer tiefer ziehen ihn die Bilder in ihren Bann, entwickeln einen
unwiderstehlichen Sog, jede Station seiner Transformation ist dokumentiert, bis hin zu der
atemberaubenden Blondine, in der er sich selbst kaum noch wiedererkennt, was auch immer sie ihm
in den Sekt gemischt haben, er war kein willenloses Opfer, fröhlich, vielleicht ein bisschen
belämmert, prostet er in die Kamera, Kathrins blonde Mähne bedeckt da schon eine ganze Seite
seines Kopfes, auf dem letzten Foto präsentiert Nadine stolz das Ergebnis ihrer Arbeit, Gustav
umhüllt von einer blonden Mähne, ein seliges Grinsen, mit der Linken fährt er sich durch sein neues
Haar, im nächsten Bild ist er schon geschminkt, dezent, aber sehr wirkungsvoll, Miriam schaut ihm
über die Schulter „diese Wangenknochen, einfach perfekt“, er ignoriert sie und sieht sich das letzte
Foto der Serie an, eine Fremde ist darauf zu sehen, eine schöne Frau, mit wundervollem blonden
Haar, eine dicke Strähne hat sie spielerisch um ihre Hand gewickelt, eine Fremde, von Gustav keine
Spur mehr, er erkennt das Foto wieder, nestelt in der Tüte nach einem der Behälter und sieht sich die
Shampoo-Flasche noch einmal genau an, „Ist das nicht großartig?“ flötet ihm Miriam ins Ohr, „Deine
eigene Pflegeserie,“ warte ab, bis das Video fertig ist, Gustav fährt herum, Blitze schießen aus seinen
Augen, „Untersteht Euch, „ zischt er Miriam wütend an, sie weicht zurück, lässt sich aber nicht
einschüchtern, „Du hast ja Recht,“ beschwichtigt sie Gustav, „eins nach dem anderen.“ Gustav holt
tief Luft und bläst zum Gegenangriff, „Seht zu, dass das runter kommt,“ er deutet auf seine Haare,
Miriam bleibt gelassen, „warte doch erst mal ab, was Kathrin sagt, sie hat die Fotos ja noch nicht
gesehen,“ das nimmt Gustav sofort den Wind aus den Segeln „Hat Kathrin damit…“, Miriam hebt
beide Hände, „Nein, nein, keine Sorge, aber sie würde Deine Entwicklung bestimmt gerne sehen,
oder?“ Gustav sinkt in sich zusammen, seine Jacke fällt zu Boden, er ist geschlagen, Youtube,
Facebook, schön und gut, noch ein Freak fällt da gar nicht auf, aber Kathrin?! „Egal, was ihr macht,“
seufzt er, „Kathrin darf davon nichts erfahren“, Miriam sieht ihm direkt in die Augen, das Lächeln ist
verschwunden, „Ehrenwort, das wird sie nicht“, Gustav nickt, „Jetzt aber an die Arbeit, wir haben
noch Termine,“ Gustav läuft es kalt den Rücken herunter, „welche Termine?!“, Miriam zuckt mit den
Schultern, „Na, die anderen Mädels wollen Dich endlich kennenlernen. Wir haben schon so viel von
Dir erzählt.“ Dann zieht sie das Badetuch von Gustavs Kopf und wie ein Vorhang senken sich die
langen Haare über den ersten Akt seines Dramas.