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The Candydate

Aus meinen Aufzeichnungen (Mai 2015): Im April 2018 geriet der ehemalige Präsident des
Automobil-Weltverbands Max Mosley in die Schlagzeilen: Es waren Fotos aufgetaucht, ich glaube
sogar ein Film, auf welchem der mächtige Funktionär bei einem BDSM Rollenspiel zu sehen war, in
der Rolle der unterwürfigen Zofe. Das Besondere: Mosley hatte sich nicht schüchtern aus dem Licht
der Öffentlichkeit zurückgezogen, und er hatte die Geschichte auch nicht dementiert oder zu
vertuschen versucht. Stattdessen war er in die Offensive gegangen und hatte sich zu seiner sexuellen
Vorliebe bekannt. Anschließend hatte kein Hahn mehr danach gekräht. Respekt. Dazu gehört Mut.
Oder eben gute Berater. Wie zum Beispiel Susanne.

1. Variante (Mai 2015)

Einer von Susannes Stammkunden ist ein angesehener, beliebter und aussichtsreicher Politiker (Wer?
Auf keinen Fall ihr Klient. Besser: Der Kandidat der anderen Partei, ein sehr gefährlicher Konkurrent –
natürlich weiß Susanne das zunächst nicht – sie weiß natürlich, wer er ist, aber zu Beginn ihres
Engagements ist er einfach nur ein einflussreicher Elder Statesman, der im Hintergrund die Fäden
zieht, dann wird er überraschend zum neuen Vorsitzenden gewählt, und damit natürlich auch
automatisch zum Spitzenkandidaten gekürt. Er kennt Susannes Rolle natürlich nicht; sie hält sich
immer nur im Hintergrund auf, aber natürlich begegnen sich die beiden irgendwann auf einer
Wahlkampf-Veranstaltung. Die Überraschung ist groß, aber die beiden sind Profis und lassen sich
nichts anmerken. Der Kandidat erscheint pünktlich, wie immer, zum vereinbarten Termin, so als wäre
nie etwas vorgefallen und die beiden verlieren kein Wort über die peinliche Begegnung. Es versteht
sich von selbst, dass das Geheimnis des politischen Widersachers bei Susanne gut aufgehoben ist.
Natürlich wird das vertrauensvolle Verhältnis der beiden Widersacher auf eine harte Probe gestellt,
als die verfänglichen Fotos auftauchen. Wer hat sie geschossen? Wer erpresst den Kandidaten
damit? Wer ist dieser Politiker, falls er überhaupt Politiker ist?! Würde sich Susanne gegenüber dem
Vorsitzenden einer völkisch-nationalen Partei ebenso professionell verhalten? Was sagt Ihr
Ehrenkodex dazu? Schließlich geht es bei BDSM ja in erster Linie um Vertrauen? Und was sagt ihr
Chef dazu? Kann man so eine Gelegenheit ungenutzt lassen? Wäre das nicht sträfliche Dummheit?
Würde das nicht der Demokratie schaden und den Extremisten nützen? Oder ist er ein junger,
aufstrebender Kommunalpolitiker – wie ihn sich Susanne immer gewünscht hat – dann aber ohne
eigenen Chauffeur, vielleicht mit Fahrdienst?! Ein Hoffnungsträger? Ein idealistischer Kämpfer vom
linken Flügel? Kein bigottes Arschloch? Er steht nicht auf irgendeiner Gehaltsliste des Großkapitals.
Einfach ein guter, ehrlicher Typ mit einer etwas schrägen Neigung, die seine Wahlkampfstrategen vor
eine große Herausforderung stellt – weil ihnen einfach die Fantasie fehlt, würde Susanne sagen,
wenn es ihr Team wäre.) mit großem Ehrgeiz und mit großen Zielen (für sich und für das Land).
Allerdings hat er auch eine etwas ausgefallene sexuelle Vorliebe für S/M Rollenspiele, die er, sofern
es sein Familienleben und sein vollgepackter Terminkalender zulassen, in Susannes Studio auslebt. Er
weiß, dass er sich dabei auf ihre Diskretion verlassen kann.
Auf die Diskretion seines Fahrers (Name?) kann er sich ebenfalls verlassen. Zu den Terminen fährt er
immer allein, ohne das übliche Gefolge, und sein Chauffeur, ein Profi, hat noch jeden neugierigen
Journalisten abgeschüttelt.
Während sein Chef bei Susanne seine feminine Seite auslebt, setzt sich sein Fahrer für zwei Stunden
in die kleine etwas in die Jahre gekommene, aber exzellente Konditorei, immer an den gleichen
Fensterplatz, und wartet geduldig auf das verabredete Zeichen. Sobald die Vorhänge in der Wohnung
im dritten Stock aufgezogen werden, bezahlt er sein Stück Schwarzwälder Kirsch und begibt sich
zurück zu seinem Auto (das er wie immer diskret auf dem Besucherparkplatz der Konditorei
abgestellt hat). Dort wartet er auf die Rückkehr seines Chefs, der sich nach dieser kurzen Auszeit
wieder seinem vollgestopften Terminkalender hingibt.

Unter Susannes strenger, aber wohlwollender Führung verwandelt sich der gestandene Mann für
zwei Stunden Monika, sein weibliches Alter Ego, und in jeder Woche erlebt Monika ein neues
Abenteuer, manchmal hat sich Susanne etwas ausgedacht, manchmal folgt sich einem Skript ihres
Klienten; manchmal geht es verspielt romantisch zu, manchmal auch etwas härter.
Nach jeder Sitzung sitzen die beiden noch bei einer Tasse Tee zusammen und unterhalten sich über
Gott und die Welt (vor und auch nach ihrer Begegnung auf der Wahlkampveranstaltung – und
natürlich auch nach der Enthüllung.) Zwischen ihnen spielt sich nichts erotisches oder Sexuelles ab,
sie sind sich einfach sympathisch (väterlicher Freund? Älterer Bruder?).
Der Kandidat hat eine Frau, mit der er seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet ist und die er
über alles liebt (und mit der er auch immer noch Sex hat – um genau zu sein, immer Dienstags und
Freitags – nach seinen Besuchen bei Susanne- die Rollenspiele versetzen ihn in eine angenehme
Grundstimmung).
Dann platzt die Bombe. Bald kursieren Aufnahmen im Netz, auf denen der Kandidat („für ein stabiles,
familienorientiertes und freies Land“) auf halsbrecherisch hohen Stilettos über Susannes
Parkettboden stolziert, elegant und selbstbewusst, so als habe er nie etwas anderes getragen. Der
kurze Film wird sofort zum viralen Hit, millionenfach geklickt und gelikt, aber die Parteiführung und
die großen Geldgeber sind entsetzt. Viel schlimmer noch: Seine Familie ist tief gespalten über seine
Eskapaden, seine Töchter werden in der Schule aufgezogen und seine Frau erwägt die Scheidung –
der erste Schock sitzt tief und es sieht nicht gut aus.
(Vielleicht doch eine Erpressung? „Überdenken Sie Ihrer Kandidatur. Denken Sie an Ihre Liebsten“ –
wahrscheinlich effektiver?)
Die Gegenseite schreckt vor keiner krummen Tour zurück und bald befindet sich auch Susanne in
einem unauflösbaren Konflikt: Ihr Kandidat hat jetzt eindeutig Oberwasser. Sein Gegner ist erledigt.
Man stößt (hinter Susannes Rücken) bereits auf den Sieg an.
Aber wer hat die Aufnahmen gemacht und weitergeleitet? Susanne ja wohl eher nicht (oder doch?).
Die ersten Zweifel an ihrer Integrität sind schnell ausgeräumt. (Bleibt nur noch Shady Mike, der es
aber nicht aus politischen Gründen getan hat).
Natürlich muss sich der geoutete Politiker nun der hungrigen Medienmeute stellen – die interessierte
Öffentlichkeit giert nach den schmutzigen Details (oder er stellt sich den Parteigenossen?) – seine
Rücktrittserklärung hält er in der Hand (dann wirft er einen Blick auf sein junges Team – alle haben
Tränen in den Augen und sind am Boden zerstört – plötzlich sieht er seine Frau unter den Wartenden
– eigentlich hatte sie sich schon eine Auszeit genommen und sich zu ihrer Mutter abgesetzt, die „es ja
schon immer gewusst haben will“. Ihr Blick ist schwer zu deuten, aber allein schon ihre Anwesenheit
ist schwer zu deuten. In der Menge der wartenden entdeckt er dann auch seine älteste Tochter,
zusammen mit ihren Klassenkameraden, was tut sie hier? Er ringt mit sich, hält den Zettel mit der
Rücktrittserklärung in die Höhe, und zerreißt ihn, nach einem kurzen Moment erschrockenen
Schweigens brandet zaghafter Applaus auf, ist das der Anflug eines Lächelns auf dem Gesicht seiner
Frau? Jetzt ist er nicht mehr zu bremsen, mit einer leidenschaftlichen Rede bekennt sich der Kandidat
zu seiner Neigung, zu seiner Frau, zu seiner Familie und zu seiner politischen Überzeugung (insert
passionate speech here) – die Menge tobt, die geschockten Journalisten trauen ihren Augen und
Ohren nicht (Alternativ kann er natürlich auch in Stilettos aus seiner Garderobe kommen und ans
Rednerpult treten – dann fehlt uns aber der Spannungsbogen), das Publikum ist außer sich, nur die
Parteispitze hält sich auffällig zurück (kam der Tipp aus den eigenen Reihen?). Die sozialen Medien
laufen heiß (twitter Hash-tag?), das ganze Land hält den Atem an. Die ersten Umfragewerte schießen
durch die Decke – vor allem weiblicher Wähler unter 45 sind nicht mehr zu bändigen. Noch auf der
Bühne ist der Kandidat bald von seiner Familie umgeben, sie liegen sich in den Armen und weinen
vor Glück. Damit ist der Rest des Wahlkampfs nur noch reine Formsache.
Susanne lächelt zufrieden. Ihre Rechnung ist aufgegangen.
[Nachtrag: In den ursprünglichen Aufzeichnungen findet sich noch dieser Satz: „Der Triumph ist
vollkommen. Dann meldet sich ein Mitglied der männlichen Wählerschaft bis 38 zu Wort und unsere
Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung.“ Leider steht da nicht, wer sich zu Wort meldet und
welche Wendung die Geschichte anschließend nimmt. Wahrscheinlich hatte ich das auch nur so
dahin geschrieben.]