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6•2014

Band 63
www.haug-verlag.de

Zeitschrift für

Erfahrungsheilkunde

Sonderdruck

Kann man mit Fischen gegen


Multiple Sklerose anschwimmen?
Omega-3-Fettsäuren bei Multipler Sklerose
Volker Schmiedel
Aus der Praxis // Praxis

Kann man mit Fischen gegen


Multiple Sklerose anschwimmen?
Omega-3-Fettsäuren bei Multipler Sklerose
Volker Schmiedel

Grundlagen – Omega-3-Fettsäu-
ren wirken antiinflammatorisch

Fettsäuren sind Kohlenwasserstoffketten


mit einem CH3-Ende (Methylende) und
einem COOH-Ende. Wenn in der Kohlen-
wasserstoffkette eine Doppelbindung vor-
kommt, so sprechen wir von einer einfach
ungesättigten Fettsäure (z. B. die Ölsäure
aus dem Olivenöl). Gibt es zwei oder mehr
Doppelbindungen, so handelt es sich um
eine mehrfach ungesättigte Fettsäure (z. B.
Linolsäure aus Sonnenblumenöl). Ob wir
nun von Omega-3-, -6- oder -9-Fettsäuren
reden, hängt davon ab, an welcher Stelle
sich die erste Doppelbindung vom Methyl-
ende aus gesehen befindet. Die Alpha-Lin-
olensäure ist also eine Omega-3-, die Ara-
chidonsäure hingegen eine Omega-6-Fett- Fettreiche Seefische wie Lachs, aber auch Thunfisch, Hering, Makrele oder Sardine enthalten die wert-
vollen Omega-3-Fettsäuren. © jupiterimages
säure (Abb. 1).

Fettsäuren und ihre Wirkungen


Fettsäuren Einzelne Klassen von Fettsäuren zeichnen Die Wirkungen von „schlechten“ Prosta-
■ sind Bestandteile der Zellmembran, sich trotz ihrer chemischen Ähnlichkeit glandinen der Klasse PGE 2 aus Ome-
■ dienen der konzentrierten Speiche- durch völlig andere, teilweise entgegenge- ga-6-Fettsäuren brauchen wir jetzt gar
rung von Energie, setzte Eigenschaften aus. Aus Omega-3 nicht alle im Einzelnen aufzuführen. Es
■ regulieren die Körperwärme durch werden die sog. „guten Prostaglandine“ sind einfach die gegenteiligen Eigenschaf-
Isolation, PGE 3 gebildet. Sie werden als gut klassifi- ten von PGE 3. Nicht die „guten“ Prosta-
■ unterstützen die Aufnahme von ziert, weil sie die folgenden Eigenschaften glandine aus Omega-3 sind jedoch gut und
fettlöslichen Vitaminen, haben: die „schlechten“ Prostaglandine aus Ome-
■ verlängern das Sättigungsgefühl, ■ Thrombozytenaggregation ↓ ga-6 schlecht, sondern das heutzutage
■ bilden den Ausgangspunkt für ■ Gefäßerweiterung ↑ herrschende Ungleichgewicht zwischen
Hormone, ■ Entzündung ↓ beiden ist ungünstig. Dieses Ungleichge-
■ ermöglichen die Mineralaufnahme im ■ Schmerzen ↓ wicht ist vermutlich einer der Hauptver-
Darm und ■ Zellteilung ↓ antwortlichen für die meisten sog. Zivili-
■ die effektive Aufnahme von Kalzium ■ Hirnfunktion ↑. sationskrankheiten, den Erkrankungen,
ins Skelett. die in allen industrialisierten Ländern in
den letzten 2 bis 3 Generationen explo-

Schmiedel V. Kann man mit Fischen gegen Multiple Sklerose anschwimmen? EHK 2014; 63: 340–346
340
entstehen antiinflammatorische Leukotri-
ZUSAMMENFASSUNG ABSTR AC T
ene LTB 5, aus Omega-6-Fettsäuren die
In den letzten Jahren konnte in zahlreichen In recent years, several epidemiologic stu-
proinflammatorischen Leukotriene LTB 4
epidemiologischen und Interventionsstudi- dies and intervention studies showed, that (Abb. 2).
en gezeigt werden, dass Omega-3-Fettsäu- omega-3 fatty acids can be helpful in the Hier wird, wenn auch sehr stark verein-
ren bei chronischen Entzündungen und Au- case of chronic inflammations and autoim- facht, die Entzündungskaskade in unse-
toimmunkrankheiten hilfreich sein können. mune diseases. Since multiple sclerosis (MS) rem Körper über die Fettsäuren wiederge-
Da auch die Multiple Sklerose (MS) zu den belongs to the autoimmune diseases too, it
geben. Die Omega-6-Fettsäure Arachidon-
Autoimmunkrankheiten gehört, ist ein posi- can be assumed, that omega-3 has a positive
tiver Effekt von Omega-3 auf die Progression effect on progression. Studies and case his-
säure stellt dabei den zentralen Dreh- und
anzunehmen. Studien und Kasuistiken stüt- tories support this assumption. Together Angelpunkt dar. Wir können Arachidon-
zen diese Annahme. In Verbindung mit ande- with other measures, omega-3 fatty acids säure mit der Nahrung direkt aufnehmen.
ren Maßnahmen können Omega-3-Fettsäu- can not only help to significantly improve Wir können sie aber auch selbst aus Linol-
ren dazu beitragen, die Prognose der the prognosis of the disease but also to säure bilden. Diese Bildung von Arachi-
Erkrankung nicht nur deutlich zu verbessern, achieve an increase in quality of life as well
donsäure aus Linolsäure wird von Korti-
sondern sogar einen Anstieg von Lebensqua- as mental and physical performance.
lität, mentaler und physischer Leistungsfä- son inhibiert – ein Erklärungsmechanis-
higkeit zu erzielen. mus für die entzündungshemmende Wir-
kung von Kortison. Die Arachidonsäure
Schlüsselwörter Keywords
wird dann in entzündungsfördernde Pros-
Multiple Sklerose, MS, antiinflammatorische Multiple sclerosis, MS, anti-inflammatory
Wirkung, Omega-3-Fettsäuren. effect, omega-3 fatty acids.
taglandine und Leukotriene weiterverar-
beitet. Und genau an diesem Punkt setzen
traditionelle Naturheilmittel wie die Wei-
denrinde an. Die Salicylsäure aus der Wei-
de hemmt das umwandelnde Enzym. An
dieser Stelle setzen aber auch chemische
Medikamente wie ASS (z. B. Aspirin®) oder
NSAR (nicht steroidale Antirheumatika
wie Diclofenac oder Ibuprofen) an. Und
über den konkurrierenden Wettbewerb
um die Umwandlung in Prostaglandine
wirkt eben auch Omega-3 hemmend auf
die Prostaglandinsynthese aus Omega-6
(kompetitive Hemmung).

Studienlage – Fischkonsum
hilft bei MS

Fischkonsum und Lebensqualität


Jelinek et al. [4] befragten 2469 MS-Patien-
ten nach ihrem Fischkonsum und Items
zur Lebensqualität. Dabei konnte eine kla-
re Korrelation zwischen Fischkonsum und
höheren Werten zu Lebensqualität, physi-
Abb. 1 Die wichtigsten Omega-3- und -6-Fettsäuren. © San Omega GmbH
scher und emotionaler Gesundheit sowie
emotionalem Wohlbefinden gezeigt wer-
diert sind und für Tod und Siechtum im landine. Die Enzyme, die die Umwandlung den. Die Unterschiede zwischen jeweils
Einzelfall und für den rapiden Anstieg der von Fettsäuren in Prostaglandine und Leu- niedrigem (< 1 Portion pro Woche), mäßi-
Kosten im Gesundheitssystem mitverant- kotriene bewerkstelligen (Cyclooxygena- gem (1–2 Portionen pro Woche) und ho-
wortlich sind! se, Lipoxygenase) sind in ihrer Kapazität hem Konsum (> 2 Portionen pro Woche)
Nebenbei: Omega-3-Fettsäuren wirken sehr beschränkt. Wenn den Enzymen gro- waren jeweils hochsignifikant (Abb. 3).
nicht nur deshalb entzündungshemmend, ße Mengen Omega-3-Fettsäuren als Subs- Kommentar des Autors: Auch wenn die
weil aus diesen Fettsäuren entzündungs- trat bereitgestellt wird, dann kann weni- MS ausgebrochen ist, profitieren Patienten
hemmende Prostaglandine gebildet wer- ger Omega-6 verarbeitet werden als wenn von einem hohen Fischkonsum bezüglich
den. Sie vermindern gleichzeitig auch die wenige Omega-3-Fettsäuren zur Verfü- verschiedener subjektiver Parameter. An-
Bildung entzündungsfördernder Prostag- gung stünden. Aus Omega-3-Fettsäuren zumerken ist hier, dass 3 und mehr Porti-

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Zwei Diätformen
Omega-6-Fettsäuren
In einer Interventionsstudie von Wein-
Kortison stock-Guttmann et al. [5] wurden 31
Archidonsäure MS-Patienten randomisiert 2 Diätformen
Weidenrinde
NSAR, ASS zugeordnet. Die Fischölgruppe erhielt eine
fettarme Diät (15 % Fettgehalt) mit zusätz-
Omega-3-F.
lichen maritimen Omega-3-Fettsäuren.
Leukotriene Prostaglandine Die Olivenölgruppe erhielt eine fettarme
Hemmung Diät nach den Kriterien der AHA Stufe I
(amerikanische Herzgesellschaft) mit we-
Abb. 2 Vereinfachte Darstellung des Prostaglandin- und Leukotrienstoffwechsels. nig tierischen Fetten ergänzt um Olivenöl.
In beiden Gruppen konnte unter diesen
**** **** fettarmen Diäten (besonders tierische Fet-
****
**** te mit der Omega-6-Fettsäure Arachidon-
80
**** ****
** * säure wurden vermindert) innerhalb eines
71,3 **** 71,8

70 **** 68,2 Jahres eine deutliche Schubminderung


66,2 65,7 65,6 65,9
63,1 62,4 erzielen (– 0,69 Schübe, p = 0,044 in der
60 Olivenölgruppe, – 0,79 Schübe, p = 0,021 in
53,5
der Fischölgruppe). Die Fischölgruppe war
50
bei der Schubreduktion der Olivenölgrup-
pe also nur tendenziell überlegen, bezüg-
40
lich der Lebensqualität (Fragebögen SF-36
30 und MHI) schnitten die Teilnehmer der
Fischölgruppe aber signifikant (p 0,05)
20 besser ab.
Kommentar des Autors: Damit ist be-
10
wiesen, dass sich MS-Schübe sehr wohl
mit diätetischen Maßnahmen beeinflus-
0
Lebensqualität insgesamt Physische Gesundheit Mentale Gesundheit Emotionales Wohlbefinden sen lassen. Die Minderung von 0,69 bzw.
<1/Woche 1-2/Woche 3+/Woche 0,79 Schüben innerhalb nur eines Jahres
Abb. 3 Zusammenhang zwischen Fischkonsum und subjektivem Befinden bei MS-Patienten. ist dabei erstaunlich. Die Fischölgruppe
war dabei nur tendenziell der Olivenöl-
gruppe überlegen, wobei bedacht werden
25
muss, dass in beiden Gruppen eine deutli-
che Reduktion der proinflammatorischen
20 Arachidonsäure aus tierischen Fetten an-
% Änderung des Parameters
gestrebt wurde. Die Fischölgruppe erwies
vs. Studienbeginn sich aber bezüglich Fragen der Lebensqua-
15
Lebensqualität lität der Olivenölgruppe signifikant über-
mentale Gesundheit legen, was umso bemerkenswerter ist, als
10 körperl. Gesundheit
die Versuchsdauer mit einem Jahr recht
kurz und die Teilnehmerzahl mit insge-
5 samt 31 auch nicht gerade hoch war.

Ganzheitliche Lebensstilmodifikation
0
nach 1 Jahr nach 5 Jahren Hadgkiss et al. [2] führten eine ganzheitli-
che Lebensstilmodifikation an MS-Patien-
Abb. 4 Änderung wichtiger subjektiver Parameter bei MS-Patienten unter der Lebensstilmodifikation nach ten durch, die u. a. auch die Zufuhr von
Jelinek. Omega-3-Fettsäuren und Vitamin D bein-
haltete. Die Studie basiert auf den Erfah-
onen Fisch (es wurde noch nicht einmal wendigen 2 g Omega-3-Fettsäuren wer- rungen von Prof. George Jelinek, der als
nach fettem oder magerem Fisch differen- den auch in der Gruppe mit „hohem selbst von MS betroffener Arzt nach ent-
ziert) keineswegs eine hohe Omega-3-Zu- Konsum“ wohl nur von den wenigsten täuschenden Erfahrungen mit den kon-
fuhr bedeutet. Die für eine gute antiin- erreicht worden sein. ventionellen MS-Medikamenten mit sei-
flammatorische Wirkung vermutlich not- nem eigenen Therapiekonzept 14 Jahre

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Tab. 1 Laborwerte bei stationärer Aufnahme 2014.

Nährstoff Laborwert Optimalbereich


Omega-6/3 14,32 < 2,5
ALA 0,17 0,36
EPA 0,77 3,78
LA 20,32 16,72
AA 11,03 8,94
Selen 116 µg/l 140–160 µg/l
Q10 0,70 mg/l > 0,67 mg/l
Lipidperoxide 211 µmol/l < 180 µmol/l
Freies Carnitin 1,89 mg/l 2,3–5,7 mg/l
Vitamin D 24 ng/ml 40–60 ng/ml

Tab. 2 Fettsäurescores: Bei Entzündungen ist das Omega-6/3-Verhältnis bedeutsam.

Ergebnis Empfehlung Beurteilung*


Omega-3-Index 4,60 % >8% Orange
Omega-6/3-Verhältnis 14,32 1 : 1 bis 2,5 : 1 Rot
Industrieller Trans- 0,28 % < 0,5 % Grün
fettanteil
Flexibilität der Zell- 1,10 ca. 1 : 1 Grün
membranen
*Grün: Weist auf eine gute Ernährung und Fettsäurestruktur hin, bezogen auf den jeweiligen Wert.
*Orange/Rot: Weist auf ein Verbesserungspotenzial bei der Ernährung und Fettsäurenstruktur hin, bezogen auf
den jeweiligen Wert.
*Rot: Weist auf wesentliches Verbesserungspotenzial bei der Ernährung und Fettsäurenstruktur hin, bezogen auf
den jeweiligen Wert.

Schubfreiheit erzielte. Neben Bewegungs- terung des physischen und psychischen


therapie wurden als schädlich angesehene Zustands aufzuhalten, sondern signifikan-
Nahrungsbestandteile eliminiert und te Verbesserungen zu erzielen, so kann
schützende Nährstoffe wie Vitamin D und dieser Therapieerfolg nicht hoch genug
Omega-3-Fettsäuren ergänzt. In einer gro- eingeschätzt werden.
ßen Studie wurden seine eigenen Erfah-
rungen überprüft. Dabei kam es zu deutli-
chen Verbesserungen bei Lebensqualität, Ein Fall aus der Praxis
mentaler und körperlicher Gesundheit. In
einem Ratgeber hat Jelinek [4] seine Tipps Stillstand der MS durch individuali-
für Patienten zusammengefasst (Abb. 4). siert optimierte Nährstofftherapie
Kommentar des Autors: MS ist eine Anamnese
Krankheit, bei der eine langsam progre- Frau Annika Schneider (Name geändert)
diente oder eine stufenweise Verschlech- kam im Jahr 2004 erstmals mit der Diag-
terung der körperlichen Funktionen und nose MS zur stationären Rehabilitation in
damit einhergehend auch des psychischen die Innere Abteilung der Habichtswaldkli-
Wohlbefindens und der Lebensqualität nik Kassel. Die Krankheit bestand erst seit
eher die Regel denn die Ausnahme darstel- einigen Jahren. Sie gab seitdem etwa 1
len. Wenn es nicht nur im vielleicht zufäl- Schub pro Jahr an. Es waren aber noch kei-
ligen Einzelfall, sondern sogar bei einer ne wesentlichen körperlichen Behinde-
großen Anzahl von betroffenen Patienten rungen durch Paresen eingetreten. Frau
nicht nur in einem kurzen Zeitraum (mög- Schneider fühlte sich allerdings durch die
liche Placebo-Effekte), sondern innerhalb mit der Erkrankung verbundene Fatigue
des beachtlichen Zeitraums von 5 Jahren subjektiv massiv beeinträchtigt und sah
gelingt, nicht nur die übliche Verschlech- sich kaum in der Lage, ihrer anspruchsvol-

Schmiedel V. Kann man mit Fischen gegen Multiple Sklerose anschwimmen? EHK 2014; 63: 340–346 343
Tab. 3 Komplette Fettsäureanalyse.
findens und ihrer subjektiven Leistungs-
Omega-3-Fettsäuren Messwerte Referenzwerte* bereitschaft erzielen. Diese Verbesserun-
Alpha-Linolensäure (ALA, 18 : 3 ω3) 0,17 0,36 gen der Beschwerden können allerdings
Eicosapentaensäure (EPA, 20 : 5 ω3) 0,77 3,78 auch den allgemeinen Umständen einer
Docosapentaensäure (DPA, 22 : 5 ω3) 1,50 2,03 stationären Rehabilitationsmaßnahme ge-
schuldet sein. Die Herausnahme aus dem
Docosahexaensäure (DHA, 22 : 6 ω3) 3,08 6,00
möglicherweise belastenden beruflichen
Total Omega-3 5,52 12,17
und privaten Alltag, Entlastung von Ein-
Omega-6-Fettsäuren Messwerte Referenzwerte* kaufen, Kochen, Saubermachen, angeneh-
Linolsäure (LA, 18 : 2 ω6) 20,32 16,72 me Therapiemaßnahmen (z. B. Massagen,
Gamma-Linolensäure (GLA, 18 : 3 ω6) 0,13 0,14 Wasseranwendungen, Entspannungsthe-
Eicosadiensäure (C20 : 2 ω6) 0,19 0,20 rapien, angenehme Gespräche mit ärztli-
chem und nichtärztlichem Personal) kön-
Dihomo-γ-Linolensäure (DGLA, 20 : 3 ω6) 1,26 1,29
nen als unspezifische Faktoren zu einer
Arachidonsäure (AA, 20 : 4 ω6) 11,03 8,94 deutlichen subjektiven Besserung beitra-
Docosatetraensäure (DTA, 22 : 4 ω6) 1,35 0,76 gen. Die erheblichen Mangelzustände wa-
C22 : 5 ω6 0,34 0,25 ren nach 3 Wochen sicher noch nicht aus-
Total Omega-6 34,62 28,30 geglichen. Hierzu bedarf es meist einer
monatelangen Therapie.
Omega-7-Fettsäuren Messwerte Referenzwerte*
Palmitolein (16 : 1 ω7) 1,12 0,70
Verlauf
Transfettsäuren Messwerte Referenzwerte* Ein Jahr später erhielt Frau Schneider die
Trans-Palmitolein (16 : 1 ω7t) 0,27 0,13 Genehmigung ihrer Kostenträger für einen
Trans-Ölsäure (18 : 1t) 0,25 0,20 erneuten stationären Aufenthalt. Auf die
Trans-Linolsäure (18 : 2 ω6tt/tc/ct) 0,15 0,17 Frage, wie das letzte Jahr verlaufen sei, gab
sie an, dass sie erstmals seit Jahren keinen
Total Transfettsäuren 0,67 0,50
Schub erlitten habe. Bezüglich der Fatigue
Omega-9-Fettsäuren Messwerte Referenzwerte* schilderte sie, dass ihr subjektives Wohl-
Ölsäure (18 : 1 ω9) 20,95 18,74 befinden nun an 6 Tagen in der Woche gut
Gadoleinsäure (20 : 1 ω9) 0,05 0,21 sei und sie nur noch an 1 Tag pro Woche
Nervonsäure (24 : 1 ω9) 0,43 0,38 stark erschöpft sei. Damit könne sie gut
leben. Sie war froh, wieder mit Freude ih-
Total Omega-9 21,43 19,33
rer pädagogischen Tätigkeit nachgehen zu
Gesättigte Fettsäuren Messwerte Referenzwerte*
können. Die Nährstoffsituation wurde er-
Myristinsäure (14 : 0) 0,72 0,72 neut untersucht und die Therapie ange-
Palmitinsäure (16 : 0) 22,53 24,0 passt.
Stearinsäure (18 : 0) 12,48 13,15 Nach der Entlassung hörte ich 8 Jahre
C20 : 0 0,09 0,16 nichts mehr von Frau Schneider. Im Früh-
jahr 2014 kam sie jedoch erneut zur stati-
C22 : 0 0,22 0,19
onären Rehabilitation. In der Zwischen-
Lignocerinsäure (24 : 0) 0,59 0,37 anamnese gab sie an, dass sie sich nach der
Total gesättigte Fettsäuren 36,63 38,59 Entlassung vor 8 Jahren subjektiv sehr
[*Der Refernzwert ist ein Durchschnittswert einer definierten Gruppe mit „gesunden“ Fettsäurewerten. Die Da- wohl gefühlt habe. Es seien keine Schübe
tengrundlage baut auf 2000 Blutproben auf. Die Referenzwerte sollen bei der Analyse und Erklärung der indivi- mehr aufgetreten. Sie habe eine Weltreise
duellen Blutproben helfen. Sie sollen nicht als objektiv richtige Werte betrachtet werden.] unternommen sowie den kompletten Ja-
kobsweg abgewandert. Wäre die Krank-
len Tätigkeit als Sonderschullehrerin Diagnostik und Therapie heit mit unveränderter Aktivität von
nachzugehen. Sie gab an, dass sie sich an Eine eingehende Nährstoffanalyse ergab 1 Schub pro Jahr weiter progredient gewe-
6 Tagen in der Woche massiv erschöpft sehr schlechte Werte bei Vitamin D, Selen, sen, hätte sie sich statt mit dem Jakobsweg
fühle und zu jeder Arbeit zwingen müsse. Carnitin und dem Omega-6/3-Quotienten. wohl eher mit dem Kauf eines Rollstuhls
Ein Tag sei hingegen von der eigenen Mit entsprechenden Substitutionen wur- beschäftigen müssen.
Energie her subjektiv zufriedenstellend de diesen Mangelzuständen begegnet. In- Seit November 2013 fühle sie sich je-
bis gut. nerhalb des 3-wöchigen stationären Auf- doch wieder stark erschöpft. Im Januar
enthalts konnte sie bereits eine deutliche 2014 traten zusätzlich Parästhesien an den
Stabilisierung ihres psychischen Wohlbe- Extremitäten auf. Eine MRT-Untersuchung

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ergab 2 neue zerebrale Läsionen. Die Neu-
0 1,35 2,7 4,05 g EPA pro Tag
rologen wollten aber noch nicht von ei- 0

Verminderung der PGE2 – Synthese


nem Schub sprechen. Auf meine Frage
nach den eingenommenen Nährstoffen
-10
gab Frau Schneider an, dass sie wegen ih-
res sehr guten subjektiven Wohlbefindens
-20
vor etwa 3 Jahren die von mir empfohle-

in %
nen Nährstoffe weggelassen habe. In der
-30
erneut durchgeführten subtilen Nähr-
stoffanalyse (Tab. 1) ergaben sich prak-
tisch dieselben Mangelzustände wie bei -45

der allerersten Untersuchung. Ich empfahl


ihr wieder die Einnahme der Nährstoffe, -50

die ich bei Autoimmunkrankheiten wie


MS für notwendig halte, um die Entzün- Abb. 5 Einfluss der Einnahme unterschiedlicher Dosen von EPA auf endotoxinstimulierte Monozyten.
dungsprozesse herunter zu regulieren,
und die bei Frau Schneider deutlich im
Mangel lagen. Nebenbei: Omega-3- sowie Vitamin-D- ■ Dekristol 20 000 2 ×/Woche (bei sehr
Der Omega-6/3-Quotient lag in einem Mangel können auch zu Erschöpfung bei- niedrigen Spiegeln bedarf es dieser
„deutschen Normalbereich“. Werte zwi- tragen. Kein Wunder also, warum die Er- Menge, um einen optimalen Level zu
schen 10 und 15 messe ich fast immer, schöpfung und die Entzündung bei Frau erhalten, der bei 100–150 mmol/l
wenn Menschen 1-mal in der Woche Fisch Schneider im Laufe der letzten Jahre wie- bzw. 40–60 ng/ml liegt)
verzehren. Bei chronischen Entzündungen der zugenommen haben. ■ Basic immun othoexpert (enthält
ist unbedingt ein Wert unter 2,5 anzu- Vitamin C, E, Selen, Zink und Lycopin)
streben (Tab. 2). Wenn ich mit 1 oder 2 Kommentar ■ L-Carnitin 3 × 1 EL (zum Ausgleich des
Fischölkapseln einen Quotienten von 13 Es war für mich sehr beeindruckend, dass nachgewiesenen Mangels bei
auf 10 verbessere, kann ich damit keine innerhalb kurzer Zeit mithilfe von Ome- Erschöpfung)
mess- und spürbare Wirkung erzielen. Das ga-3-Fettsäuren und anderen Nährstof- ■ Rhodiolan 2-0-0 (Extrakt aus
ist der Grund, warum eine Therapie mit fen keine Schübe mehr aufgetreten wa- arktischer Rosenwurz, die bei
Omega-3 bei Asthma, Rheuma und ande- ren. Das subjektive Befinden konnte in Erschöpfung oft gut hilft)
ren Autoimmunkrankheiten so häufig für die Patientin dramatischer Weise ver- ■ Melatonin 5 mg bei Bedarf (die
scheitert – es wird nicht vorher und nach- bessert werden. Es ist spekulativ, jedoch Patientin hat einen grenzwertig
her gemessen und die Therapie ist fast für mich absolut plausibel, dass bei kon- niedrigen Melatoninwert im Nacht-
immer hoffnungslos unterdosiert. Bei den sequenter Fortführung der Therapie ver- speichel und manchmal Schlafstörun-
einzelnen Fettsäuren sehen wir bei den mutlich keine erneute Verschlechterung gen, sie nimmt es nur gelegentlich)
Omega-3-Fettsäuren zu wenig Alpha-Lin- eingetreten wäre. Immerhin hat die Auf-
olen- (ALA) und zu wenig Eicosapentaen- füllung der Nährstoffspeicher wohl be-
säure (EPA). Dagegen sind die Ome- dingt, dass es Jahre brauchte, bevor er- Epilog: Was ist die optimale
ga-6-Fettsäuren Linolsäure (LA) und Ara- neut Symptome auftraten – und immer- Dosis von Omega-3?
chidonsäure (AA) deutlich erhöht, woraus hin noch nicht einmal ein richtiger Schub.
sich der ungünstige Quotient ergibt, ob- Die Patientin ist nunmehr gewillt, die Seit ich den AA/EPA-Quotienten im Blut
wohl die Patientin sich gar nicht als ausge- Nährstoffe in der empfohlenen Menge bestimme, strebe ich bei Patienten mit Au-
sprochene Fleischesserin bezeichnet. zeitlebens fortzuführen, um weiter toimmunkrankheiten wie Asthma, Rheu-
Selen befindet sich zwar auch im „deut- Schubfreiheit und ein gutes subjektives ma oder auch MS einen optimalen Quoti-
schen Normbereich“, aber eben nicht im Wohlbefinden ohne neurologische Aus- enten von unter 2,5 an. Um ein solches für
für Entzündungen wichtigen Optimalbe- fälle zu ermöglichen. Entzündungen wohl günstiges Verhältnis
reich. Erhöhte Lipidperoxide als Ausdruck zwischen der proinf lammatorischen
vermehrter Oxidationsprodukte finde ich Entlassungsmedikation Juli 2014 Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure tieri-
häufig bei Rauchern oder eben bei chroni- ■ Boswellia 240 3 × 2 (Weihrauch weist schen Ursprungs und der antiinflammat-
schen Entzündungen. Dann sollte auch mit auch eine antiinflammatorische orischen Omega-3-Fettsäure Eicosapen-
Antioxidanzien gearbeitet werden. Der Wirkung über Hemmung der taensäure maritimen Ursprungs zu erzie-
grenzwertig niedrige Q 10- und der deut- Lipoxygenase und damit weniger len, sind meist mindestens 2 g, oft auch 4 g
lich erniedrigte Carnitin-Wert passen Leukotrienen auf) EPA/DHA bei gleichzeitig weitgehender
auch zur Erschöpfung und sollten daher ■ San Omega 1 EL (enthält 2 g Ome- vegetarischer Ernährung erforderlich. Die-
substituiert werden. ga-3-Fettsäuren) se Menge befindet sich in 6 g (12 g) natür-

Schmiedel V. Kann man mit Fischen gegen Multiple Sklerose anschwimmen? EHK 2014; 63: 340–346 345
lichem Fischöl, z. B. 1 EL (2 EL) San Omega. Interessenkonflikte: Der Autor hat Vorträge zu ÜBER DEN AUTOR
Alternativ kommen 12 (24) herkömmliche Omega-3 für die Firmen Hepart und San Omega
Fischölkapseln mit 500 mg Fischöl infrage. gehalten.
Die Erfahrung zeigt allerdings, dass diese
Anzahl von Kapseln von Patienten nicht Online zu finden unter:
toleriert wird. Ein oder sogar 2 EL eines http://dx.doi.org//10.1055/s-0034-1395800
natürlichen Fischöls können jedoch leicht
als Ersatz für andere Öle und Fette in die Literatur
normale Ernährung eingebaut werden, [1] Calder PC. Marine omega-3-fatty acids and
wozu besonders die geschmackliche Qua- inflammatory diseases: Effects, mechanisms
lität (kein Fischgeruch oder -geschmack an clinical relevance. Biochimica et
bei einem hochwertigen Öl) beiträgt. biophisica acta. In press

Meine therapeutische Erfahrung mit re- [2] Hadgkiss EJ, Jelinek GA, Weiland TJ et al.
Health-related quality of life outcomes at Volker Schmiedel ist seit 1996 Chefarzt der In-
lativ hohen Dosen wird durch eine neue,
1 and 5 years after a residential retreat neren Abteilung der Habichtswaldklinik, Fort-
noch unveröffentlichte Studie unterstützt. bildungsleiter für „Naturheilverfahren“ der
promoting lifestyle modification for people
Calder [1] maß dabei den Einfluss verschie- with multiple sclerosis. Neurol Sci 2012; EHK, Mitherausgeber der Zeitschrift „Erfah-
dener Dosen von EPA auf die Verminderung DOI: 10.1007/s10072-012-09824 rungsheilkunde“, regelmäßiger Autor der Zeit-
der Synthese des proinflammatorischen schrift „Naturarzt“, Mitherausgeber des „Leitfa-
[3] Jelinek G. Overcoming multiple sclerosis.
PGE 2 in menschlichen Leukozyten. Wäh- den Naturheilkunde“, Autor zahlreicher
An evidence-based guide to recovery.
weiterer Bücher für Therapeuten und Laien.
rend es unter Placebo zu einer Minderung Sidney: Allen & Unwin; 2010
um ca. 10 % kam, erwies sich die Gabe von [4] Jelinek GA, Hadgkiss EJ, Weiland TJ et al. KORRESPONDENZADRESSE
1,35 g EPA (entspricht ca. 10 herkömmli- Association of fish consumption and Ω 3 Dr. Volker Schmiedel, M. A.
cher Fischölkapseln) sogar als schlechter supplementation with quality of life, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative
disability and disease activity in an internati- Medizin,
(statistisch allerdings nicht signifikant,
onal cohort of people with multiple Naturheilverfahren, Homöopathie
1,35 g EPA waren aber auf keinen Fall dem Habichtswaldklinik
sclerosis. Int J Neurosci. 2013; 123:
Placebo überlegen). Erst bei 2,7 g und noch 792–800. Doi: 34131 Kassel
deutlicher bei 4,05 g EPA sehen wir eine 10.3109/00207454.2013.803104 E-Mail: schmiedel@habichtswaldklinik.de
signifikante Reduktion von über 30 bzw. [5] Weinstock-Guttman B, Baier M, Park Y et
fast 50 %. Um eine deutliche Reduktion von al. Low fat dietary intervention with
PGE 2 und damit auch von Entzündung zu omega-3fatty acid supplementation in
erreichen, benötigen wir daher Dosen von multiple sclerosis patients. Prostaglandins.
Leukot Essent Fatty Acids 2005; 73:
mindestens 2 g EPA (Abb. 5)!
397–404

Impressum

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Karl F. Haug Verlag in
MVS Medizinverlage GmbH & Co. KG
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Markus Stehle (v.i.S.d.P.)
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© MVS Medizinverlage Stuttgart


GmbH & Co. KG, 2014

Titelfoto
Tatyana Gladskih/Fotolia; nachgestellte Situation

346 Schmiedel V. Kann man mit Fischen gegen Multiple Sklerose anschwimmen? EHK 2014; 63: 340–346

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