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Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

INHALT

Karl Walker: Das Geld in der Geschichte .......................................................................................................... 1


INHALT .............................................................................................................................................................. 1
VOM MÜNZWESEN DER GRIECHEN ............................................................................................................. 2
ZUR GELDWIRTSCHAFT DER RÖMER.......................................................................................................... 5
DIE BARBAREN UND DAS GELD.................................................................................................................... 9
WIEDERERWACHENDE GELDWIRTSCHAFT.............................................................................................. 12
DIE BRAKTEATEN.......................................................................................................................................... 14
MITTELALTERLICHE WIRTSCHAFTSBLÜTE............................................................................................... 19
UNVERGÄNGLICHE KULTURSCHÖPFUNGEN ........................................................................................... 22
DIE ENTWICKLUNG DER STÄDTE ............................................................................................................... 27
DIE DEUTSCHE HANSE................................................................................................................................. 31
DIE BESIEDLUNG OSTELBIENS................................................................................................................... 37
ARBEIT UND EINKOMMEN............................................................................................................................ 41
ESSEN UND TRINKEN ................................................................................................................................... 46
GESELLIGKEIT UND KLEIDERLUXUS.......................................................................................................... 48
LEBENSFREUDE UND SITTLICHKEIT.......................................................................................................... 50
BEGINNENDER NIEDERGANG ..................................................................................................................... 54
DAS VERLORENE MASS............................................................................................................................... 56
VERSIEGENDE NACHFRAGE - BÖSE FOLGEN.......................................................................................... 60
DIE WEGE DER FALSCHMÜNZEREI ............................................................................................................ 63
DAS GELD IN DER RENAISSANCE .............................................................................................................. 66
GOLD UND SILBER AUS DER NEUEN WELT .............................................................................................. 68
BEFRUCHTUNG DER NATIONALWIRTSCHAFTEN..................................................................................... 70
EROBERUNG ODER HANDEL ...................................................................................................................... 72
HANDELSKRIEGE UND ZOLLPOLITIK ......................................................................................................... 73
JOHN LAW - UND SEIN PAPIERGELD.......................................................................................................... 75
DIE ASSIGNATEN - DAS GELD DER REVOLUTION.................................................................................... 77
GELDZUFLUSS UND BEVÖLKERUNGSVERMEHRUNG............................................................................. 79
VOM KAMPF UMS GOLD ZUM ERSTEN WELTKRIEG UND ZUR INFLATION........................................... 81
ZURÜCK - ZUM ALTEN SPIEL....................................................................................................................... 83
FAZIT ............................................................................................................................................................... 85
LITERATUR-VERZEICHNIS ........................................................................................................................... 87
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

somit doch vernünftig ist, muß es auch eine ver-


nünftige Lösung geben. Diese Lösung fand und
VOM MÜNZWESEN DER entwickelte der Mensch in dem merkwürdigen
GRIECHEN Ding, das er "Geld" nennt. Seit den ältesten
Zeiten haben mancherlei Dinge als Geld gedient,
Es gibt in der Geschichte der Menschheit
von denen wir viele heute nicht mehr als Geld
keine hochentwickelte Kultur, die nicht auf einer
betrachten können; Vieh, Muscheln, Häute, Skla-
ebenso hochentwickelten Arbeitsteilung beruht
ven und Metalle allerArt wurden zeitweise nicht
hätte. Erst die Arbeitsteilung ermöglicht es näm-
wegen ihrer unmittelbaren Verwendbarkeit, son-
lich, über die Bedürfnisse des nächsten Tages
dern wegen der Möglichkeit des Weiter-
hinaus den Geist frei zu machen, um Größeres
Tauschens gegen die wirklich begehrten Dinge
und Bleibendes zu bilden. Arbeitsteilung erfor-
angenommen. Damit wurden sie zu einem
dert indessen den Austausch von Leistungen, im
Zwischenglied im Handel, das den Tausch
fortgeschrittenen Stadium einen entwickelten
vermittelt, zum Gelde. Daß in dieser Entwicklung
Handel.
die Edelmetalle sehr bald den Vorrang
einnahmen, versteht sich von selbst. Schon bei
In ältesten Zeiten mag der Handel aus dem den Assyrern und Ägyptern war das gestückelte
Darbringen von Geschenken und der Entgegen- Hacksilber bekannt, das nichts weiter war als ein
nahme von Gegengeschenken entstanden sein, Stück von dem Gußkuchen des geschmolzenen
wie es unter Naturvölkern und Kindern heute und in Wasser gegossenen Metalls. Von hier aus
noch ist. Der wahre Charakter dieses "Schen- führte ein gerader Weg zur gleichbleibenden
kens" zeigt sich aber schon in dem ungeschriebe- Stückelung; Stangen, Ringe, Barren, gestempelte
nen Gesetz, gleichwertige Gaben zu tauschen. Barren, geprägte Münzen folgten.
Daß Glaukus seinem Gast Diomedes eine gol-
dene Rüstung schenkte und eine eherne dafür
In der Geschichte des Münzwesens gelten die
empfing, wird vom Dichter der Ilias mit dem
Lydier als die Erfinder der Münze. Ihre Münzen
Tadel vermerkt, daß Zeus ihn "ganz und gar
bestanden aus einer Legierung von Gold und Sil-
seiner Sinne beraubt" habe.
ber. Der außerordentlich ergiebige Goldbergbau
der Lydier war ja auch die Grundlage für den
Im übrigen aber schien sich dieser Handel im sagenhaften Reichtum jenes Königs Krösus, der
Altertum in geradezu vorbildlicher Noblesse ab- im 6. Jahrhundert vor Christus lebte, damals
zuwickeln. So schreibt Herodot von den Berich- aber bereits ein hochentwickeltes Geldsystem in
ten der Karthager: ". . . es wäre auch noch liby- seinem Lande hatte.
sches Land und Menschen darin jenseits der Säu-
len des Herakles (= Meerenge von Gibraltar).
Wo immer das Geld erstmalig auftrat, erwach-
Wenn sie dahin kämen, lüden sie ihre Waren
ten wie nach einer zauberhaften Berührung die
aus, dann gingen sie wieder in ihre Schiffe und
schlummernden Kräfte des Neuen, taten sich un-
machten einen großen Rauch. Wenn nun die Ein-
geahnte Quellen der Wohlfahrt und des Reich-
geborenen den Rauch sähen, so kämen sie an
tums auf, Handwerk und Künste entwickelten
das Meer und legten für die Waren Gold hin und
sich, und der Mensch erhob sich über die Bedürf-
dann gingen sie wieder weit weg von den Wa-
nisse des Alltags und machte sich an Werke, die
ren, die Karthager aber gingen an das Land und
Generationen überdauerten. Wo aber das Geld
sähen nach, und wenn des Goldes genug wäre
wieder verschwand, da zerfiel der Bau der Kul-
für die Waren, so nähmen sie es und führen nach
tur, weil das Fundament der Arbeitsteilung sich
Hause; wäre es aber nicht genug, so gingen sie
auflöste.
wieder an Bord und warteten es ruhig ab. Dann
kämen sie wieder und legten noch immer etwas
Gold zu, bis die Karthager zufrieden wären. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr.
Keiner aber betrüge den anderen, denn sie rühr- wurden auf der Insel Mykene die ersten Mün-
ten weder das Gold eher, als bis die Waren da- zen Griechenlands geprägt. Jetzt brauchte das
mit bezahlt wären, noch rührten jene eher die Silber des Händlers nicht mehr geprüft und ge-
Waren an, als bis sie das Gold genommen." (s. wogen zu werden, jetzt konnte man fertig ge-
Rob. Eisler: Das Geld, S. 49.) prägte Stücke zählen und damit rechnen.

Dies mag noch echter Tauschhandel gewesen Vor dieser Zeit war auch in Griechenland das
sein. Wohl ist vom Golde die Rede, aber noch Vieh das gebräuchlichste Tauschmittel "Geld".
nicht vom Geld im späteren Sinn dieses Wortes. In den Gedichten Homers ist die Münze noch
unbekannt, weshalb alle Werte immer am Rind
gemessen werden - die goldene Rüstung des
Mannigfache Erzeugnisse in natura gleichwer-
Glaukos ist 100 Rinder wert; und Laertes be-
tig zu tauschen, ist eine unlösbare Aufgabe. Da
zahlt Eurikleia mit 20 Rindern (s. F. Müller-
die Aufgabe aber einem Bedürfnis entspricht und
Lyer: Phasen der Kultur, München 1929, S. 250

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ff). Töchter waren zu diesen Zeiten wertvoll, Dem Einfluß der Phönizier und Syrier zufol-
weil sie Rinder einbrachten, wenn sie einen Mann ge soll die Mine später auf 100 Drachmen ge-
fanden; Söhne dagegen machten Kosten. setzt worden sein; doch im übrigen blieb es bei
der Einteilung im Zwölfer-System, in dem die
Durch die Erfindung des Geldes wurde der Zahl 60 - die sich in jede Zahl von 1 bis 6 ohne
Handel erleichtert und dieser Erleichterung des Rest teilen läßt - dominierende Bedeutung be-
Handels ist die Entfaltung der gewerblichen hielt. Nach heutigen Begriffen muß die Kauf-
Produktion Griechenlands zuzuschreiben; mit kraft des damaligen Geldes der Griechen außer-
den Impulsen, die sich aus dem aufblühenden ordentlich hoch gewesen sein. In Athen verwan-
Handel ergaben, wurden Handwerk, Künste delte Solon die drakonischen Strafen, die bis zu
und Wissenschaft machtvoll gefördert. seiner Zeit (640 - 559 v. Chr.) in Schafen und
Rindern entrichtet werden mußten, in Geldstra-
fen, wobei er das Schaf mit 1 Drachme, das Rind
Jeder besser gestellte Handwerker in Athen
oder Korinth beschäftigte unfreie Arbeiter, Skla- mit 5 Drachmen ansetzte. Kein Wunder, daß
ven, in seiner Werkstätte; auch war es durchaus sich das neue Geld, in welchem sich Besitz und
Reichtum in beweglichster Form konzentrierten,
nichts Ungewöhnliches, daß ein Vermögender
einem Sklaven einen Gewerbebetrieb oder ein allgemeiner Wertschätzung erfreute.
Handelsgeschäft übergab, worin dieser selbstän-
dig für den Gewinn des Herrn arbeitete und Es ist die Lichtseite des zunehmenden Reich-
Handel trieb. So besaß der Vater des Demosthe- tums, daß sich eine wachsende Zahl von Men-
nes eine Messerschmiede und eine Stuhlfabrik schen der Kunst und Wissenschaft zuwenden
mit zusammen mehr als 50 Arbeitern und an konnte, und so aus der Masse das Volkes viele
diesem Unternehmen verdiente er so viel Geld, hervorragende Begabungen heraustraten.
daß er 40 Talent Silber oder fast 200 000 Gold-
mark hinterlassen konnte. Kleon betrieb eine Aber die Geldwirtschaft hatte auch eine Schat-
Gerberei, Hyperbolos eine Lampenfabrik. Es ist tenseite; mit den Diensten, die das Geld dem
einleuchtend, daß eine derartige Produktion so- Menschen leistete, verstrickte es ihn auch mehr
wohl einen aufnahmefähigen inneren Markt wie und mehr in Abhängigkeit. Je weiter wir uns in
auch ein in die Ferne reichendes Netz von Han- die Spezialisierung der Gewerbetätigkeit hin-
delsverbindungen zur Vorbedingung hatte. Aber einwagen, desto bedingungsloser sind wir auf
die Völker des Altertums saßen ja nach einem die Vermittlung des Leistungsaustausches durch
Wort von Herodot "wie die Frösche um den das Geld angewiesen, und desto tiefer ist denn
Teich" an den Küsten des Mittelmeeres, das die- auch unser Sturz, wenn das Geld einmal seine
sen Handel von Natur aus begünstigte. Und Dienste versagt.
dieser Handel mit anderen Völkern entwickelte
überall noch spezielle Produktionszweige. Milet, Schon war es soweit, daß auch die Kriegs-
Kios und Samos fertigten Wollstoffe, Teppiche führung vom Gelde abhing. Im Krieg gegen
und kostbare Gewänder. Chalkis und Korinth die Phönizier ließ Damarete, die Gemahlin Ge`
exportierten Waffen, Tongeschirr und Geschmei- lons, aus ihrem Silberschmuck Münzen schla-
de. In Theben und Sizilien saßen die besten gen und die reichen Bürgerinnen von Syrakus
Wagenbauer und Agina lieferte Klein- und Ga- folgten ihrem Beispiel. Und auch nach dem er-
lanteriewaren. fochtenen Sieg führte sie den kostbaren Tribut
im Werte von 100 Talenten, den ihr Karthago
In bezug auf die rechnerische Einteilung im für die milde Behandlung der Gefangenen dar-
Münzwesen war den Griechen die geheimnisvol- brachte, der Münzprägung zu. Daraus entstan-
le Zahl 12 - die selbst in der Ordnung des Kos- den die prachtvollen Deka-Drachmen; die im
mos ihre Bedeutung zu haben scheint - richtung- Spiegel des Münzwesens einen klaren Wieder-
weisend, während die semitischen Handelsvöl- schein von der hohen Kultur Griechenlands ge-
ker mit dem Dezimalsystem rechneten. Der grie- ben (s. "Die schönsten Griechenmünzen Sizi-
chische Silber-Stater zählte 12 Obolen; der liens", Insel-Bücherei Nr. 559).
Obolos war die kleinste Münze. Eine Zwischen-
größe stellte die Drachme dar, die wohl die ge- Die Griechen müßten keine Menschen gewe-
bräuchliche Münze für den alltäglichen Markt- sen sein, wenn sie durch ihren Aufstieg nicht
verkehr gewesen sein dürfte; diese Münze hatte übermütig und maßlos geworden wären. Da
den Wert von 6 Obolen. Neben dem Silber-Sta- man für Geld alle Schätze der Welt, die schön-
ter gab es auch Gold-Stater. Den Handelsge- sten Gewänder und die erlesensten Genüsse kau-
schäften der Großkaufleute diente die Mine, die fen konnte, wurde der naive Mensch dieser frü-
den Wert - d. h. das Silbergewicht - von 60 hen Kultur geradezu von einer Gier nach Geld
Drachmen hatte, als gebräuchliche Münze; 60 erfaßt. Die griechischen Bauern verkauften ihre
Minen waren ein Talent. (*) Ernte, entblößten sich aller Vorräte, nur um
Geld zu bekommen; es begann die Verschuldung

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des Bodens. "Die Pfandsteine fesselten zahllos Für den Markt und den Handel, der auf das
der Mutter Erde dunkelfarbig Land" hören wir Rollen des Geldes angewiesen war, bedeutete
Solon klagen. Für Geld-Darlehen mußten 36 das Versiegen der Geldzirkulation eine verhee-
Prozent und mehr Zinsen gezahlt werden. Es rende Drosselung der Geschäfte. Die Auflösung
begann ein sozialer Verfall; wer einmal in Not der Arbeitsteilung war unabwendbar. Längst
geraten war, versank rasch in Schuldknechtschaft waren die Tempelschätze angegriffen; der Schatz
und Sklaverei, während auf der anderen Seite von Delphi wird auf mehr als 50 Millionen
der Reichtum sich steigerte. Goldmark geschätzt - in damaliger Kaufkraft
eine gewaltige Summe.-
Bald drängte sich in den Städten verarmtes
Volk, das auf Kosten der Staatskasse mit Ge- Aber der unaufhörliche Abfluß des Geldes -
treidelieferungen ernährt und mit Theater er- den man damals noch nicht statistisch registrie-
götzt werden mußte. Soziale Wirren und Auf- ren und erst recht nicht in seinen Auswirkungen
stände wurden häufiger. Zweimal in einem ein- abschätzen konnte - brachte Handel und Wan-
zigen Menschenalter wurden in Syrakus die Rei- del zum Erliegen. Die Landwirtschaft war schon
chen niedergemetzelt, der Besitz neu verteilt zerstört; und jetzt kam der Niedergang auch
und die Schuldscheine verbrannt. Doch solche über Handel und Gewerbe. Ist es verwunderlich,
Aktionen änderten nichts an dem in Gang ge- wenn ein Volk, das sich von der Höhe einer ent-
kommenen Prozeß der finanziellen Auszehrung wickelten Arbeitsteilung und Marktwirtschaft
Griechenlands. Die Getreide-Einfuhr für die Ar- wieder in die Niederungen urbäuerlicher Haus-
men und die Luxusbedürfnisse der Reichen be- wirtschaft zurückgestoßen sieht, nichts Großes
wirkten zusammen einen anhaltenden Abfluß mehr zu schaffen vermag?-
des Geldes. Um die Mitte des 5. Jahrhunderts
v. Chr. war die attische Tetra-Drachme die gän- Es mag tragisch sein, aber es ist der Lauf der
gigste Silbermünze der damaligen Welt; ebenso Welt, daß die Einsichten der Weisen so oft unge-
wurden in dieser Zeit in Athen noch Goldmün- hört oder unverstanden verhallen. "Ehret Ly-
zen geprägt. Aber das Brotgetreide kam aus kurg", ruft Pythagoras aus, "denn er ächtete das
Ägypten und kostete Geld, und auch die Kriegs- Gold, die Ursache aller Verbrechen!" - Lykurg
heere kosteten Geld; und der soziale Verfall hatte als einziger Gesetzgeber Griechenlands den
zerstörte den inneren Markt, während der Versuch gemacht, seinen Staat Sparta aus der
Außenhandel passiv wurde und unaufhörlich Abhängigkeit vom Golde herauszuhalten; das
silberne Drachmen und goldene Stater auf Nim- Geld Spartas war aus Eisen, das in Essig gehär-
merwiedersehen verschlang. tet war. Doch über die Verflechtung in den all-
gemeinen Handel war Sparta dennoch in die all-
Nach dem traurigen Ausgang des peloponne- gemeine Abhängigkeit verkettet. Der Verfall
sischen Krieges ließ die neue oligarchische Re- der Geldordnung zerstörte die hohe Blüte der
gierung Athens 1500 seiner reichsten Bürger hin- griechischen Kultur.
richten und deren Vermögen konfiszieren, um
Geld in die Staatskasse zu bekommen. Aber das Nach nur wenigen Generationen standen arm-
Ergebnis war enttäuschend; der Grundbesitz selige Ziegenhirten verständnislos vor den Tem-
dieser Reichen ließ sich nicht veräußern, weil peln ihrer großen Vergangenheit und brachen
niemand mehr da war, der Geld hatte. Und wer Steine heraus, um ihre kümmerlichen Behausun-
würde es auch gewagt haben, zu zeigen, daß er gen damit auszubauen. Sie lebten wieder in Na-
noch Geld hat, wenn er damit rechnen muß, zu turalwirtschaft.
den Reichen gezählt zu werden, die ihres Reich-
tums wegen des Todes würdig sind? - So wirk-
ten zwei Ursachen zusammen, das Geld vom (*) Drachme bedeutet griechisch "das Gefaßte' und betraf ur-
Markt zu fegen: sprünglich eine Gewichts- und dann eine Rechnungseinheit.
Einesteils der tatsächliche Geldabfluß an die Gewichts- und Wertunterschiede wurden in Teilen oder im
Händler aus den fernen Ländern, die das Brot- Mehrfachen der Drachme dargestellt; die doppelte Drachme
war das "Didrachmon", die Vierfachdrachme hieß
getreide für das Volk wie auch die Spezereien "Tetradrachmon, eine selten geprägte Münze war die
und den Luxus für die Vermögenden lieferten; achtfache Drarchme, das 'Oktodrachmon', wohingegen die
und anderenteils die spekulative Erwartung und Dekadrachme als das Zehnfache der Grundeinheit wieder
die ängstliche Sorge, daß das Geld noch knapper häufiger vorkam.
und am allgemeinen Begehren gemessen noch
kostbarer werden würde. Immer schon wurde ein
Ding just in dem Moment, in dem es am dring-
lichsten begehrt wird, in auffälliger Weise knapp
- weil eben Knappheit den Wert noch steigert.

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Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Mit der Einführung des Silbergeldes fiel dann


aber das Übergewicht dem Denarius zu. Der
ZUR GELDWIRTSCHAFT römische Denarius war noch eine verhältnismä-
DER RÖMER ßig gewichtige Silbermünze; aus einem Pfund
Feinsilber wurden 84 Denare geprägt; das rö-
Von den Griechen hatten die Römer das Me-
mische Pfund ist mit 370 g anzusetzen. Der De-
tallgeld kennengelernt. Ursprünglich war das
nar hatte in seiner Unterteilung 4 Sestertii zu je
Rind ihr gangbarstes Tauschmittel. Als sie dann
4 As. Die Unterteilung des As ergab 12 Unciae
um 600 v. Chr. die ersten Bronzemünzen präg-
= Unzen. Wie bei den Griechen sehen wir auch
ten, mußten die Münzen noch das Bildnis des
hier bei den Römern, daß die Zahl 12 mit ihrer
Rindes tragen, um den Geld-Zweck des gepräg-
Unterteilung in Halbe und Viertel wie auch mit
ten Metalles deutlich zu machen. Sogar der Na-
ihrem Mehrfachen = 84 Denare aus 370 g Silber
me des Vieh-Geldes ging auf das neue Tausch-
eine bedeutende Rolle spielte. (*)
mittel über und blieb an ihm haften: Pecus =
pecunia.
Die wichtigste Kleinmünze war aber doch der
Sestertius; mit dieser Münze wurde auf den
Rom war ein gelehriger Schüler in Geldwirt-
Märkten und in den Haushaltungen der Römer
schaft, Arbeitsteilung und Handel; Rom lernte
am meisten gerechnet, während die größeren
von den Griechen, von den Phöniziern und von
Kaufleute mit dem Denar und mit dem Talent
Karthago. Aber das Gemisch der Völkerschaften,
rechneten. Später, als Rom bereits Goldmünzen
das sich an den gewinnbringenden Küstenstri-
prägen konnte, war der Aureus im Werte von
chen der italienischen Halbinsel seßhaft zu ma-
25 Denarii oder 100 Sesterzien ein Vierzigstel
chen trachtete, war unruhig und unberechenbar.
Pfund Gold. Diese Goldmünze, die im Laufe
So wurden die Römer ein Kriegsvolk. Sie unter-
der Zeit minderwertiger ausgeprägt worden
warfen die besiegten Stämme, die etruskischen
war, wurde dann von Konstantin im Jahre 313
Stadtstaaten und schließlich auch die
n. Chr. durch den Solidus ersetzt.
griechischen Küstenstädte Süditaliens. Aber
selbst zu der Zeit, da die römische Herrschaft
über Unteritalien gesichert war und der Da die römischen Kaiser, deren Bildnisse auf
Entscheidungskampf mit Karthago begann, war den Münzen waren, zu Zeiten Christi und auch
Rom noch das in seiner Zivilisation erst in den später noch im Sinne des heidnisch-römischen
Anfängen steckende Bauernvolk mit Kupfer- Weltbildes als Götter galten, war die römische
Währung und naturalwirtschaftlicher Versorgung Münze für die dem Römerreich unterworfenen
des Staates. Noch war nicht zu erkennen, daß jüdischen Provinzen nicht zuletzt auch ein reli-
hier einmal eine weltbeherrschende neue Kultur giöses Ärgernis. Von den Essenern, die nach dem
entstehen würde. heutigen Stand der Religionsforschung eine der
klösterlich streng lebenden Qumran-Gemeinde
nahestehende Ordensgemeinschaft waren,
Wenn die Entwicklung Roms in der Folgezeit
berichtet Bischof Hippolyt von Portus, daß sie kein
einen fast treibhausartigen Fortschritt nahm, so
Geld bei sich tragen durften. Da nun mancherlei
lag das wesentlich daran, daß der Krieg rascher
Gründe die Annahme rechtfertigen, daß Jesus
als der friedliche Handel die Zaubermacht des
von Nazareth vor seinem messianischen Wirken
Geldes ins Land brachte. Schon nach der Er-
bereits durch die Gemeinschaft der Essener hin-
oberung von Tarent konnte Rom im Jahre 269
durchgegangen ist, bzw. in ihr sich vorbereitet
v. Chr. aus erbeuteten Kriegsschätzen Silber-
hat und ihr angehörte, wird uns die biblische
münzen prägen; und 62 Jahre später folgten
Szene vom Zinsgroschen in einem neuen Licht
schon die ersten römischen Goldmünzen. In den
lebendig und klar:
Jahren 202 bis 190 v. Chr. brachten die Frie-
densverträge mit Karthago, Syrien und Make-
donien allein 150 Millionen Goldmark Kriegs- Die Pharisäer hatten beschlossen, dem unbe-
Tribute nach Rom. Da das Geld im Altertum quemen Nazarener einen Fallstrick zu legen; da-
eine viel höhere Kaufkraft hatte, entspricht diese zu sandten sie ihre Kreaturen samt einigen Leu-
Summe etwa dem Realwert von jenen 4 Milli- ten des römischen Statthalters Herodes zu ihm
arden Goldmark, die Frankreich nach dem sieb- und ließen ihn fragen: "Meister, wir wissen, daß
ziger Krieg an Deutschland zu zahlen hatte!- du ohne Falsch bist und den Weg Gottes mit
Dieser für das damalige Rom gewaltige Zustrom Wahrhaftigkeit lehrst und nach niemanden
von Edelmetall erlaubte eine rasche Entfaltung fragst, denn du siehst nicht auf das Gesicht der
der Geldwirtschaft. Menschen. Sage uns nun, was dich dünkt: Ist es
erlaubt, dem Kaiser den Census zu zahlen oder
nicht?" Doch Jesus merkte ihre Bosheit und
Bei den Römern war bis zur Prägung von
sprach: "Was versucht ihr mich, ihr Heuchler?-
Silbergeld der As - aus einer Gewichtseinheit
Zeigt mir die Steuermünze." Und sie brachten
hervorgegangen - die hauptsächlichste Münze.
ihm einen Denar. Und er sagte zu ihnen: "Wes-

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Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

sen ist das Bild und die Aufschrift?" Sie sagten: Da die Römer - im Gegensatz zu der früheren
"Des Kaisers." Da sprach er zu ihnen: "So gebt Kriegsführung der Griechen - die unterworfenen
dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Völker mit einer gewissen klugen Mäßigung be-
Gottes ist." (Matth. 22. 15-22) handelten, vermochten sie es auch, das Eroberte
zu halten. Rom war einstmals nur halb so groß
Die Lebenszeit Christi fiel in die Regierungs- wie Attika und umfaßte etwa 1000 qkm Land;
Epoche des Augustus und seines Nachfolgers zu Beginn des christlichen Zeitalters aber
Tiberius. Der berichtete Vorgang gilt, wie ihn herrschte Rom über 54 Millionen und war mit
die Bibel schildert, in der Religionsgeschichte als 3,3 Millionen qkm Land 6 mal so groß wie das
historisch verbürgt. Er zeigt uns, daß es ganz Deutsche Reich vor dem ersten Weltkrieg!
offensichtlich eine Streitfrage zwischen den
strenggläubigen Juden einerseits und den der Der Hauptstadt dieses gewaltigen Reiches
realen Macht gefügig gewordenen Opportuni- standen alle Güter einer weltweiten Arbeitstei-
sten andererseits geworden war, ob sich der Um- lung zu Diensten. Da gab es den Bernstein des
gang mit dem römischen Geld noch mit dem Nordens, indische Perlen und Edelsteine, arabi-
Glauben der Väter und mit dem Gesetz Gottes schen Purpur und Wohlgerüche, spanische Wolle,
vertrage. Jesus von Nazareth aber hat - in Über- ägyptisches Linnen, griechische Weine, afrikani-
einstimmung mit der Ordensregel der Essener - sches Öl, chinesische Seide, britannische
kein Geld mit dem Bildnis des römischen Götzen Austern, Pelzwerk vom Don usw. Und wenn es
bei sich getragen; er ließ es sich erst vorlegen, auch richtig ist, daß Rom nicht ohne Kriege groß
als ihm die verfängliche Frage gestellt wurde geworden ist, so hat doch andererseits die Kaiser-
(s. auch Rob. Eisler: Das Geld, S.152 ff). zeit dem römischen Weltreich die längste Frie-
denszeit gebracht, die die Welt je gesehen hat.
Von Caligula, der wenige Jahre nach dem In seinem Werk "Kulturen, Völker und Staaten
Kreuzestod Christi römischer Kaiser wurde und vom Urbeginn bis heute" weist Hugo Rachel
im Jahre 41 auf Grund seiner Grausamkeiten auf diese beachtenswerte Tatsache hin und
und seines Cäsarenwahns dem Mord verfiel, be- schreibt:
richtet die Geschichte, daß er ein Standbild sei-
ner Person von der römischen Truppe zur An- "Von 31 v. Chr. bis 235 n. Chr. sind die um
betung durch die unterworfenen Völker habe das Mittelmeer gelagerten Länder von Kriegen
nach Palästina tragen lassen. Die jüdische Be- und Unruhen kaum berührt worden; Kämpfe
völkerung übte indessen passive Resistenz; zu spielten sich nur an den Grenzen ab, allein die
Tausenden sperrten die Juden den Weg und Thronfolgekrise von 68/69 und die Aufstände
verweigerten dem Kaiser die göttliche Ehrung. in Gallien und Judäa, 69/71, unterbrachen diese
Es ist naheliegend, daß auch die Münzen Caligu- glücklichste Zeit der Menschheit. Im Gegensatz
las den Juden ein Ärgernis gewesen sein dürften. zur Verwilderung der späteren republikanischen
- Doch das hatte keinen Einfluß auf die große Zeit bestand trotz aller Mängel ein gerechtes,
wirtschaftliche Bedeutung des römischen Geld- humanes, auf das Wohl des gesamten Reiches
wesens. bedachtes Regiment. Die materielle Kultur blühte
außerordentlich und wuchs an Umfang; ein reger
Der römische Gold-Solidus und der Denarius und gesicherter Verkehr, ein allgemeiner geisti-
als Silbermünze haben sich bis in die Zeit der ger und kommerzieller Austausch umspannte die
Völkerwanderung hinein gehalten, und der ganze römische Welt; Münze, Maß und Gewicht,
Dienst, den das geordnete Geldwesen der Ent- Zeitrechnung (durch Cäsar neu geordnet) und
faltung von Wirtschaft und Kultur zu leisten Recht waren einheitlich geregelt."
vermochte, kann auch in der Geschichte Roms
nicht hoch genug veranschlagt werden. Es ist einleuchtend, daß sich in dieserZeit alles
entfalten konnte, was aus Arbeitsteilung, Lei-
Kundige Hände für mannigfache Gewerbe stungs-Austausch und Weltverkehr damals schon
der arbeitsteiligen Wirtschaft fanden sich auf möglich war. Aber nichts von all dem, was heute
den Sklavenmärkten, die ihren Auftrieb auch noch von der Größe Roms zeugt, konnte ohne
aus dem Niedergang Griechenlands bekamen. die wunderwirkende Kraft des Geldes entstehen.
Jetzt, wo Geld und arbeitsgeübte Hände vor-
handen waren, ließ die organisatorische Bega- Dennoch wäre es eine Täuschung, wenn wir
bung der Römer Städte und Prachtbauten ent- glauben wollten, daß Rom seine Geldwirtschaft
stehen; Straßen und Brücken, wie sie erst das bewußt und mit Klugheit zum Wahl des Staa-
19. Jahrhundert wieder erreichte, Paläste, Thea- tes betrieben und allezeit richtig gehandelt hätte.
ter und Bäder wurden gebaut, Wasserleitungen, Aber in Erinnerung an unsere eigenen Erfah-
die jahrhundertelang bewundert wurden und rungen aus der modernen Zeit wundern wir uns
noch als Ruinen von ihrer einstigen Großartig- nicht darüber, daß schon Rom in der Notlage
keit zeugen. seiner Kriege zu der damals möglichen Form von

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Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Inflationspolitik - nämlich zu Münzverschlech- in Rom die Metze Gerste immerhin nur 100 De-
terungen - seine Zuflucht nahm. Bereits während nare kostete und ein Pfund Fleisch 8-10 Denare,
der punischen Kriege wurde das Gewicht des rö- war die Entwertung des Geldes in den Provin-
mischen Silberdenars herabgesetzt, um mehr De- zen bald beträchtlich weiter fortgeschritten. Prof.
nare prägen zu können. Die Söldnertruppen er- Eisler stellte aus ägyptischen Papyrusfunden eine
forderten Geld für die Löhnung; und die Römer aufschlußreiche Übersicht zusammen:
schritten zu Notprägungen von Goldmünzen aus
dem Tempelschatz des Jupiter. Den Schatz er- "Im Jahre 255 n. Chr. kostete in Ägypten eine
setzten sie durch vergoldetes Blei, denn in die- Metze Weizen von 29,18 Liter 16 Drachmen,
sem Punkt waren sie der Ansicht - die ja wohl 314 n. Chr. kostete sie 10 000 Drachmen. Ein
auch in späterer Zeit und unter anderen Religio- Haus, das im Jahre 267 n. Chr. 2000 Drachmen
nen nicht ganz untergegangen sein soll - bei reli- kostete, konnte 40 Jahre später darauf eine
giösen Dingen genüge die Wahrung des Scheins. Grundpfandschuld von 3 840 000 Drachmen auf-
nehmen. 3 Kilo Fleisch kosteten damals 8000
Um 91 v. Chr. setzte der Volkstribun Livius Drachmen, ein Rehschlegel 50 000, 4 Hühner
Drusus einen Senatsbeschluß durch, demzufolge 30 000, 0,5 Liter Wein 12 000 bis 26 000 Drach-
jeweils eine von 8 Münzen minderwertig "gefüt- men. Entsprechend vollzog sich ein Steigen der
tert" sein sollte, innen Kupfer, außen Silber. In Löhne und Gehälter. Im Jahre 304 n. Chr. er-
jener Zeit war der Geldwert so unsicher, daß - hielten Erdarbeiter und Ziegelverlader 400 bis
wie Cicero schrieb - niemand wissen konnte, was 500 Drachmen täglich. Schreiber erhielten bei
er besaß. Einige Jahre später wollte Marius Gra- freier Kost 3000 Drachmen monatlich, ein Reit-
tidian wieder gesunde Verhältnisse schaffen und knecht 3500, ein Mauleselknecht 6000, ein Leh-
den Versuch der Zahlung mit schlechter Münze rer 6000 Drachmen." (s. R. Eisler: Das Geld, S.
unter Strafe stellen. Dafür wurde er erst ver- 173.)
herrlicht - und dann auf den Befehl von Sulla
hingerichtet. Die Münzverschlechterung wurde Wer den Grund seiner Wohlfahrt in den Ta-
weiter betrieben. gen des Glückes nicht erkennt, der lernt ihn er-
kennen, wenn er verloren ist. Wie einstmals in
Freilich gab es dann auch wieder Zeiten, in Athen Verschwendung, Luxus und Müßiggang
denen die Eroberungen neue Edelmetallbestände den Verfall einleiteten, so auch in Rom. Auch
ins Land brachten und eine Besserung des Münz- hier entwickelte sich die Jagd nach dem Reich-
wesens ermöglichten. So brachte die Eroberung tum in gleicher Art. Der Boden wurde veräußer-
der reichen syrischen Handelsstadt Palmyra, zwi- lich und beleihbar; die Gier nach dem Gelde und
schen Damaskus und dem mittleren Euphrat ge- die Unerfahrenheit im Umgang mit diesem Ding
legen, den Römern gewaltige Schätze ein. Heute führten zur Verschuldung, maßlose Zinsen zu
noch zeugen riesige Ruinen, Baalstempel, raschem Verfall des Bauernstandes, zu Schuld-
Säulen- knechtschaft, Landflucht und Überfüllung der
straßen, Theater von der einstigen Größe dieser Stadt.
von den Eroberern zerstörten Stadt; Palmyra
war ja der Mittelpunkt eines Handelsstaates, der Da die handwerklich-gewerbliche Betätigung
sich in seiner Blütezeit bis weit nach Ägypten von Sklaven und von Freigewordenen ausgeübt
und Kleinasien hinein erstreckte. wurde, verschmähte der Römer die eigentliche
Arbeit. Seine Zivilisation beruhte zwar auf dem
Soweit die eroberten Provinzen, die ihre Edel- Prinzip der Arbeitsteilung, aber er selbst hat sich
metallbestände an das übermütige Rom abgelie- an dieses Prinzip nicht gehalten. So drängte sich
fert hatten, in der Not des Landes selber zu in der Stadt ein Gewimmel von unbeschäftigten,
Münzverschlechterungen ihre Zuflucht nahmen, mittellosen römischen Bürgern, denen genau so
stellten sich auch im Altertum schon Zustände ein, wie in Griechenland erst Brot - und dann Brot
die uns ziemlich vertraut anmuten. Ägypten war und Spiele - geboten werden mußten.
zur Zeit des Soldatenkaisers Diokletian (284 bis
305) römische Provinz. Diokletian hatte sich eine Dieses ständige Verzehren ohne Leistung, das
großartige Neuordnung des gewaltigen Reiches maßlose Pracht- und Luxus-Bedürfnis der ver-
zum Ziel gesetzt. Vieles hat sein unbeugsamer mögenden Schichten bewirkte auch hier einen
Wille auch tatsächlich erreicht. Nur das Geld fortgesetzten Abfluß von Gold und Silber nach
wollte sich nicht fügen; - doch darüber dürften den fernen Ländern, von denen die begehrten
wir nur lächeln, wenn unsere Zeit nicht genau so Erzeugnisse auf Schiffen und Handelsstraßen
töricht gehandelt hätte wie dieser römische Kai- herkamen. Mußte nicht der unerhörte Aufwand
ser, der die durch Geldvermehrung und schlechte der römischen Zirkusspiele auch eine
Kupfermünze zustandegekommene Zerrüttung ökonomische Kehrseite haben? Sulla ließ 100
des Geldwesens mit Höchstpreis-Verordnungen Löwen in die Arena rasen; Pompejus steigerte
und Todesstrafe kurieren wollte. Während aber das Schauspiel auf 500 Löwen und zahllose

7
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

andere Tiere aus allen erreichbaren Zonen. Cäsar


ließ 65 v. Chr. über 600 Gladiatoren in silberner
Rüstung zum Schaukampf antreten und im
folgenden Jahr - zur Vorbereitung seines letzten
Schrittes zur ab- soluten Macht - das römische
Volk an 22 000 Tischen prächtig bewirten und mit
Geld und Getreide beschenken.

Die Logik der Geldrechnung ist unerbittlich,


ob man sie begriffen hat oder nicht. Rom war
wohl imstande, die Edelmetallbestände seiner
Provinzen zu mobilisieren - in den Silberberg-
werken Spaniens waren zeitweise bis 40 000
Menschen beschäftigt und in ähnlichem Umfang
wurde in Siebenbürgen Gold geschürft. - Aber
der Abfluß war dennoch größer.

Als schließlich mit dem Schwinden des Geldes


auch noch die Erschöpfung der spanischen
Silberminen eintrat, war der Niedergang Roms so
gut wie besiegelt. Jetzt halfen auch drakonische
Maßnahmen gegen die Ausfuhr von Edelmetallen
nichts mehr; und selbst die Münzverschlechterung
- bis zu 95 v. H. Beimischung von Kupfer!-
konnte den erforderlichen Geldumlauf nicht ein-
mal mengenmäßig halten. Der Glanz des Rö-
merreiches war auf der Basis einer weit ausge-
dehnten Geldwirtschaft und Arbeitsteilung er-
standen und nun mit dem Verfall dieser Funda-
mente wieder erloschen. -

(*) Was die Kaufkraft des römischen Geldes anbelangt, so er-


hielt man um die Zeit Christi Geburt in einer Herberge für
1 Denar Verpflegung und Nachtlager für 16 Tage; und um 20
n. Chr. kostete der Eintritt in eines der prächtigen römischen
Bäder für Frauen 1 As, für Männer sogar nur 3 Unciae (= 3
Unzen, 0.25 As); s. Menzner-Florken, "Kaufkraft und
Zeitgesche-
hen", Verlag Arbogast, Otterbach 1958.

8
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Gier nach den gleißenden Schätzen von Gold


und Silber lag wie ein uralter Fluch über allem.
DIE BARBAREN UND DAS Die ganze Geschichte der Völkerwanderung
GELD ist ein endloser Bericht über den Kampf um ge-
waltige Schätze, die dereinst einmal Geld waren
An Rhein und Donau waren die Legionen
und eine volkswirtschaftliche Funktion gehabt
des römischen Weltreichs stehen geblieben.
hatten, jetzt aber von der Raubgier und Pracht-
Nordwärts und ostwärts dehnte sich in
liebe der Großen verschluckt wurden. Gustav
unermeßlicher Weite waldreiches Land, bewohnt
Freytag schildert in seinen "Bildern aus der deut-
von halb nomadenhaften Völkerschaften. Anfänge
schen Vergangenheit" die Fürstenschätze aus
von stadtähnlichen festen Siedlungen gab es fast
Armringen, Spangen, Diademen, Bechern, Bek-
nur an der Grenze zum Römerreich.
ken, Schalen und Trinkhörnern samt ganzen
Tischplatten und Pferdeschmuck. Die Tafelauf-
Aus dem Osten über die Wolga hereinbre- sätze, silberne Becken für Speisen und Früchte
chend war der Mongolenstamm der Hunnen über waren zuweilen von so protzigem Ausmaß, daß
Europa gefegt, raubend und sengend und die man sie mit Hilfsgeräten auf die Tische heben
überfallenen Völker mitreißend oder vor sich mußte; eines Mannes Kraft reichte nicht mehr
hertreibend. Die Schutzwälle, die das römische aus.
Reich an seinen Grenzen errichtet hatte, konnten
die Flut nicht aufhalten. Das Weltreich der Rö-
Der fränkische König Chilperich (561-584)
mer ging unter, andere Völker und Reiche füll-
ließ einen Tafelaufsatz aus Gold und Edelstei-
ten den Raum, jahrhundertelang sich in Kämp-
nen machen, 50 Pfund schwer; und der König
fen und Kriegen verändernd.
Gunthram erzählte beim festlichen Mahl: "Fünf-
zehn Schüsseln, so groß, wie die größten dort,
Den Zusammenhang zwischen Geldwirtschaft habe ich schon zerschlagen und habe nur diese
und Geschichtsverlauf hat die eigentliche Ge- behalten und eine andere, 470 Pfund schwer." Zu
schichtsforschung nie sonderlich berücksichtigt. solchen Prunkstücken wurde das gemünzte Gold
Aber die Wirtschaftsgeschichte kennt die soge- und Silber, das aus der Beute und aus den Tri-
nannten "langen Konjunkturwellen" als die Zeit- butleistungen der jeweils Besiegten stammte, ver-
abschnitte steigender Geldvermehrung. "Mir ist arbeitet. Als die Franken unter Clodevech die
keine Periode wirtschaftlicher Blüte bekannt, die Römer besiegt und aus Gallien vertrieben hat-
nicht auf einen außerordentlichen Zufluß von ten, waren ihnen riesige Bestände römischen Gol-
Gold zurückzuführen wäre", sagt Sombart. Die des in die Hände gefallen. Aber bevor etwas
Kehrseite davon ist die wirtschaftliche Stagna- Sinnvolles damit geschehen konnte, waren neue
tion, der Zerfall der sozialen Organismen und Widersacher an die Stelle der Erschlagenen ge-
der Kulturen, sobald das Geld sich vermindert, treten. Ein düsteres Bild von Tücke und Raub-
abfließt oder in anderer Art versickert. gier zeichnet Gustav Freytag nach mit der dra-
matischen Schilderung: "Als der Königssohn
Eine solche Periode war mit der anhaltenden Chloderich seinen Vater auf Anstiften des Chlo-
Passivität der Handelsbilanz des römischen Welt- devech getötet hatte, zeigte er dem Boten des
reiches über die Kultur des Altertums gekommen argen Vetters die große Truhe, in welche der
und hatte der Zeit der Völkerwanderung ihren Ermordete seine Goldstücke zu legen pflegte, da
Stempel aufgedrückt. Jahrhundertelang waren sagte der Gesandte zu ihm: ,Miß die Tiefe mit
die Raubkriege und Beutezüge der mit den Wan- dem Arm aus, damit wir die Größe wissen!`-
derungen der Goten und der Hunnen in Bewe- und als der Frevler sich niederbeugte, zerschmet-
gung gekommenen Völker an der Tagesordnung. terte ihm der Franke den Kopf mit seiner Axt."
Rom hat die Arbeitsteilung nicht weiterentwik- (s. G. Freytag: "Bilder aus deutscher Vergangen-
kelt und ausgedehnt, sondern mit der Verschwen- heit, S. 155.) - Verläßliche geschichtliche Nach-
dung des Geldes zugleich sein wirtschaftliches weise über diesen Vorgang hat die Geschichts-
Blut verloren und seine Kraft vergeudet. Acker- forschung nicht gefunden und so mag es sein,
bau, Gewerbe, Handwerk und Handel verküm- daß die Fama hier - ebenso wie in der Nibelun-
merten. Wer noch Geld hatte, hütete es als einen gensage - Dichtung und Wahrheit vermischte.
Schatz. Selbst die Barbaren wußten schon das Wieviel Wahrheit aber mag ganz im Dunkel der
alte römische Geld von den rot gewordenen Sil- Vorzeit versunken sein? -
bermünzen des späten Rom zu unterscheiden
und Dem Golde gegenüber ist der Mensch uner-
verschatzten das bessere Geld. Die alten Germa- sättlich, und so hortete also die Raubgier und
nen bohrten ein Loch durch den beliebten römi- Besitzleidenschaft der kämpfenden Fürsten und
schen Goldsolidus und trugen die Münzen an Könige die noch aus dem Altertum vorhande-
einer Schnur um den Hals. Was der Sinn des nen Edelmetallbestände mehr und mehr in nutz-
Geldes sein sollte, war fast vergessen. Aber die losen Schätzen. Als die fränkische Königstochter

9
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Rigunthe 584 zu den Westgoten nach Spanien So muß man, wenn man von einem "christ-
gesandt wurde, füllte ihr Schatz 50 Frachtwa- lichen Abendlande" spricht, wohl doch ein wenig
gen. Jedem Fürstenkind wurde schon bei seiner bedenken, daß dieser Begriff kaum vor dem
Geburt ein Schatz angelegt. Zahllos sind auch 8. Jahrhundert seine Gültigkeit haben dürfte.
die Berichte von vergrabenen und versenkten Als Bonifatius bei Geismar die Donar-Eiche
Schätzen. Wir denken an Alerichs, des Goten- fällte, schrieb man bereits das Jahr 724; und als
königs Grab im Busento, an die geheimnisum- der Stamm der Sachsen als letzter großer Ger-
witterte Bestattung Attilas, des Hunnenkönigs manenstamm nach erbittertem Widerstand sich
in goldenem, silbernem und eisernem Sarg, an dem Christentum beugte - Widukind ließ sich
den Nibelungenhort und den ewigen Zwist um alle im Jahre 785 taufen - neigte sich dieses Jahrhun-
Schätze. Bis auf den heutigen Tag ist das Rau- dert bereits seinem Ende zu. -
nen um vergrabene Schätze zu hören. Noch 1895
wurde in Köln eine römische Kriegskasse mit Erstmalig seit dem Untergang des weströmi-
15 Zentnern römischer Münzen gefunden, ein schen Reiches war in diesem 8. Jahrhundert in
Schatz, der wohl vor dem herannahenden Feind dem Frankenkönig Karl, der damit der Große
vergraben und nach verlorenem Kampf nicht werden sollte, ein Mann erstanden, der die Er-
wieder gehoben werden konnte. ben der untergegangenen römischen Weltmacht,
die schon ziemlich festgefügten germanischen
In diesen Jahrhunderten der Völkerwande- Reiche auf dem geschichtlichen Boden der einsti-
rung gibt es denn auch nur wenige, jeweils bald gen römischen Herrschaft und weit darüber hin-
erstorbene Ansätze zur Neuerweckung einer aus zu einem neuen Ganzen zu einen vermochte.
Geldwirtschaft. Kelten und Germanen haben in Erstmalig traten jetzt auch aus dem Schoße der
ihren ersten Versuchen nur Nachprägungen der barbarischen Eroberer andere Gesichtspunkte als
römischen und griechischen Münzen vorgenom- Krieg und Raub politikbestimmend hervor. Dem
men. Das Münzbild solcher Prägungen ist ent- Weitschauenden erschloß sich der Blick in eine
sprechend roh, und die Unerfahrenheit des Stem- neue Weltgestaltung, nicht minder großartig als
pelschneiders zeigt sich mitunter sogar in seiten- die des versunkenen Römerreiches. Überlieferte
verkehrter Wiedergabe des Münzbildes, das als Reste griechisch-römischer Kultur, Kunst, Ge-
Vorlage diente. Von einer Entfaltung der Geld- setzgebung, Geistesbildung usw. auf dem Boden
wirtschaft kann erst wieder gegen Ende des er- des für eine Gemeinschaftsbildung unter den
sten Jahrtausends gesprochen werden; der Menschen unerhört fruchtbaren Christentums
Reichtum des Altertums, der einstmals bereits in neu begründet, fingen an, unter Karl dem Gro-
Münzen geprägt einen volkswirtschaftlichen ßen zu gewaltigen Wandlungen zu führen.
Dienst getan und eine Entfaltung von
Arbeitsteilung und Kulturblüte ermöglicht hatte, Daß die Einführung des Christentums von
war einfach jahrhundertelang umgeformt und Karl d. Gr. nicht immer mit christlicher Duld-
seiner Aufgabe entzogen worden: Objekt der samkeit und Großmut betrieben wurde, ist be-
Hortbildung, der Machtgewinnung, des Prunkes, kannt; aber man wird bei der Würdigung seiner
des ständigen Kampfes und Raubes. Und die Taten bedenken müssen, daß die Einigung der
Kehrseite davon skizziert Hugo Rachel in seinen germanischen Stämme unter der Glaubenslehre
Betrachtungen zum Untergang der Antike, indem des Christentums von ihm als politische Not-
er schreibt: wendigkeit angesehen wurde. So betrachtet war
"Durch das unaufhaltsame Schwinden des baren es weniger der Christ Karl als vielmehr der ger-
Geldes trocknete das Wirtschaftsleben gleichsam manische König und Schöpfer des nachmaligen
aus und glitt in ein längst überwundenes Sta- "heiligen römischen Reiches deutscher Nation",
dium, zur Naturalwirtschaft zurück." (s. Hugo dem es unerträglich gewesen sein mochte, inner-
Rachel: Kulturen, Völker und Staaten, S. 99.) halb dieses Reiches eine klaffende Lücke oder
Kriegsstürme, Raubzüge und Verwüstungen gar einen Herd der Feindschaft zu wissen, der
sind ein unfreundliches Wetter für das Erblühen gleichwohl von Menschen desselben Blutes
einer neuen Kultur; die Lehre des Christentums, bewohnt wird.
die Wesentliches zur Gestaltung einer neuen
Welt bringen konnte, fiel noch auf steinigen Doch wie man auch immer darüber denken
Acker, während sie im Römerreich bereits seit
mag - mit späten Wertungen ändern wir nichts
dem Jahre 313 anerkannte Staatsreligion war. an vollzogenen Werken, die Nachwelt hat auf
Bei manchem aus den germanischen Stämmen
den Tatsachen weiterzubauen - unmerklich voll-
zum Christentum Übergetretenen verband sich zog sich eine Verlagerung der wieder erwachen-
die neue Lehre noch in absonderlicher Weise mit den Lebensströme des völkerbewegenden Ver-
den überlieferten Begriffen der Väter, und noch
kehrs vom Mittelmeerraum zum Rhein. Denn
nach Jahrhunderten war manche Handlung mehr unmerklich begann die innere Ordnung des wer-
vom Blut und Urväterglauben als vom Geiste denden Reiches, die gute Verwaltung, die sorg-
echten Christentums diktiert.
same Rechtspflege, die Förderung des Unter-

10
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

richts, dem sich der Kaiser im hohen Mannesalter mischen Künsten des Rechnungswesens mit
selbst noch unterzog, ihre Früchte zu tragen. Maß-, Gewichts- und Geldeinheiten brachte,
Auch die wirtschaftliche Förderung, hauptsäch- machte sich aber für die Kirche auch bezahlt
lich bestimmt von der Ordnung des Bodenrechts, durch die junge Kraft, deren die Kirche als
der Lehensordnung, des Marktrechts und Münz- Schutz bedurfte. Der Zerfall der alten römi-
wesens wirkte sich aus. schen Weltmacht in einn weströmisches und ost-
römisches Reich - im Jahre 395 waren Rom
Die germanischen Stämme, insbesondere in und Byzanz endgültig geschieden - hatte auch
jenen Gebieten, die noch außerhalb der einstigen für das Christentum, wenn nicht ursächlich, so
Römerherrschaft, also nordöstlich von Rhein und doch als weitere Vertiefung der Kluft den gro-
Donau, lagen, haben freilich bis in das letzte ßen Glaubenskonflikt zwischen arianischer und
Jahrhundert vor der Jahrtausendwende über- römisch-katholischer Christusvorstellung ge-
wiegend in altväterlicher Naturalwirtschaft ge- bracht. Da die Vandalen, Goten, Langobarden
lebt. Soweit sie durch Tausch und Handel fremd- und andere germanische Stämme sich zuerst der
ländisches Gerät, Schmuck, Münzen und derglei- arianischen Lehre, wonach Christus nicht als
chen erwarben und Zinn, Bernstein, Honig, Gottes Sohn gilt, zuneigten, bedeutete der Sieg
Wachs oder Felle dafür gaben, diente das Er- des Frankenkönigs Chlodewech und sein Über-
worbene nur dem persönlichen Bedarf, allenfalls tritt zum katholischen Christentum (496) zu-
auch einer stetigen Schatzbildung. Die durch Be- gleich den Sieg der römischkatholischen Kirche
rührung mit den Römern und durch die Züge über die arianisch-byzantinische. Der Fama zu-
der Völkerwanderung in die Hände der Germa- folge soll Chlodewech vor der Schlacht gelobt
nen gelangten griechisch-römischen Münzen wur- haben, zum römischen Glauben überzutreten,
den also, wie bei allen Naturvölkern, lediglich wenn Christus ihm den Sieg schenckt. Daß man
als Schmuck und Schatzmittel betrachtet. So ver- so etwas mit dem fremden Gott aushandeln
sickerte auch hier ein großer Teil der Münzbe- könne, war dem Vorstellungsvermögen des
stände des römischen Reiches in den unergründ- fränkischen Kämpen durchaus natürlich. - Nun,
lichen Wäldern Germaniens, ohne daß sie hier waren also die Würfel gefallen und so ging die
schon jene Wirtschaftsbelebung herbeiführen Entwicklung auf Jahrhunderte hinaus ihren
konnten, die in entwickelteren Kulturen bei sol- neuen Weg.
cher Art "aktiver Handelsbilanz" zustande zu
kommen pflegt. Währenddessen erfuhr auch das byzantinische
Reich ein wechselvolles Schicksal, bis es 1453
Um diese Zeit wäre es hier für eine ausge- endgültig den Mohammedanern (Mohammed
dehnte Geldwirtschaft auch einfach noch zu II.) erlag. In seiner hohen Blütezeit trugen die
früh gewesen. Erst kam es darauf an, von der byzantinischen Münzen vornehmlich Christus-
Naturalwirtschaft zur Arbeitsteilung zu gelan- und Marienbildnisse. Justinian II (658 - 711)
gen; und auf dieser Linie der Notwendigkeit hatte als erster ein Christusbild auf seinen So-
hatte das römische Kolonisationstalent - ob- lidus gesetzt, wie Robert Eisler meint, sicher
wohl die Barbaren die Herren und die Römer weniger aus Frömmigkeit als vielmehr, um den
die Unterlegenen waren - ein dankbares Betä- Mohammedanern das Nachprägen seiner Mün-
tigungsfeld gefunden. Was jetzt aus Rom kam, zen religiös zu verleiden (s. Rob. Eisler: "Das
kam freilich nicht mehr in klirrenden Waffen, Geld" S. 160). Die Handelsbeziehungen mit
die früher die römische Kultur begleitet hatten, Byzanz waren während der Zeit der Völker-
sondern es kam im Habitus der neuen Religion wanderung noch schwach; erst die Jahrhunder-
des Christentums. Sicher ist die fortschreitende te der Kreuzzzüge brachten den fränkisch-ale-
Verschmelzung der fränkischen Herrschaft mit manischen Völkern den näheren Kontakt mit
der römischen Kirche, die mit der Kaiserkrö- dem Orient - und damit auch byzantinische
nung Karls d. Gr. ihren Höhepunkt erreichen Einflüsse auf ihr Münzwesen. Letztere traten
sollte, einer der bedeutungsvollsten Vorgänge in der Brakteatenprägung der Stauferzeit, wor-
der europäischen Geschichte gewesen. Und auf wir noch kommen werden, besonders deut-
wenn es in diesem Zusammenhang auch nicht lich hervor.
primär wichtig sein mag, so war es doch
andererseits auch nicht von Nachteil, daß das
ganze Erbe der geldwirtschaftlichen Erfahrung der
Römer sich im Zuge dieser Entwicklung auf die
Völker des fränkischen Herrschaftsbereichs
fortpflanzte.

Was die römische Kirche diesen Völkern zu-


gleich mit dem neuen Weltbild des Christen-
tums an gewerblichen Fertigkeiten und ökono-

11
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

ordnung hat der Sohn Pippins, Karl der Große,


WIEDERERWACHENDE mit zielbewußter Hand auf das ganze nach-
GELDWIRTSCHAFT malige "Heilige römische Reich deutscher Na-
tion" ausgedehnt. Er setzte sein Bildnis und sei-
Wenn mit der Ausdehnung der deutsch-ger-
nen Namen auf die Münze, und auch die Gro-
manischen Herrschaft über das riesige Gebiet des
ßen, denen er das Recht, Münzen zu schlagen,
einstigen Römerreiches wohl auch die Gold- und
verliehen hatte, mußten seinen Namen mit auf
Silberschätze der vergangenen Kulturen in die
die Prägung setzen. Die Zahl der Münzstätten
Hände neuer Herren gekommen waren, so konnte
- bei Antritt seiner Regierung bestanden deren
die eigentliche kulturfördernde Nutzung aber
40 - vermehrte sich auf 80, darunter Köln, Bonn,
doch erst dadurch erfolgen, daß das tote Metall
Mainz, Worms, Speyer, Straßburg, Dursteede,
zu lebendigem, befruchtendem Geldumlauf
Basel, Chur. Auch Karl der Große blieb bei der
wurde. Dieser Entwicklung hat Karl der Große
Silberwährung. Goldmünzen wurden von ihm
entscheidende Impulse gegeben.
offensichtlich nicht für den allgemeinen Handels-
verkehr herausgegeben. Nach Auffassung der
Wohl haben vor dieser Zeit schon die Goten, Forscher sind die in wenigen Funden zutage ge-
Langobarden, Kelten und andere Völker eine förderten Goldmünzen nur als Kriegs-Sold für
Münzprägung betrieben. Ihre Münzbilder stell- die fränkischen Soldaten aus Beutegold geschla-
ten jedoch nur mehr oder weniger gelungene, gen worden.
vielfach aber auch vollkommen entstellte Nach-
bildungen alter griechisch-römischer Prägungen
Dem Münzwesen Karls des Großen lag die
dar. (siehe Abb. auf Seite 40)
Regel zugrunde, aus einem Pfund Feinsilber
240 Silber-Denare zu prägen. Unklarheiten be-
Goldmünzen zu prägen und das eigene Bild stehen jedoch über das Gewicht des Pfundes; die
auf die Münze zu setzen, war einst das Vorrecht Angaben schwanken zwischen 367 und 491 g.
der römischen Kaiser gewesen. Dieses Vorrecht Der Denar stellte in der damaligen Münzverfas-
wurde während der Zeit der Völkerwanderung sung auf deutsch einen "Silber-Pfennig" dar.
nicht angetastet; erst Theoderichs Sohn Theode- 12 Denare oder Pfennige ergaben einen Schilling
bert I. von Austrasien wagte es, einen Goldsoli- (lat. Solidus); 20 Schillinge waren demgemäß
dus mit seinem eigenen Namen zu prägen (534 1 Pfund. Dieses karolingische Münzsystem: 12
bis 548). Der Vorgang wurde von Prokop, dem Pfennige (Pence) = 1 Schilling; 20 Schillinge =
Chronisten der Gotenkriege, als empörende An- 1 Pfund hat sich bei den Angelsachsen bis auf
maßung registriert. Bemerkenswert für die im den heutigen Tag erhalten, wie ja auch die Be-
6. Jahrhundert einsetzende Zunahme der Münz- zeichnung "1 Pfund Sterling" ursprünglich ein
prägung ist, daß die Kirche mehr und mehr - Pfund von den durch die Oesterlinge - die aus
und zwar aus eigener Machtvollkommenheit - dem Osten kommenden Kaufleute - ins Land
als Münzherr auftrat. Insbesondere geschah dies gebrachten Silbermünzen bedeutete. Die Einfüh-
westlich des Rheins im Gebiet des heutigen rung des karolingischen Münzsystems in Eng-
Frankreich, wo die Bistümer Rennes, Orleans, land wird dem Einfluß des angelsächsischen Ge-
Le Mans, Bordeaux, Toulouse, Angers und an- lehrten Alkuin zugeschrieben, den Karl der
dere zu nennen wären. Große an seinen Hof gezogen hatte.

Vom 6. Jahrhundert an traten aber auch Name Eine Prägung von Schillingmünzen war in
und Monogramm des Königs mehr und mehr der Münzordnung Karls des Großen nicht vor-
zurück zu Gunsten der Erwähnung von Münz- gesehen. Der Begriff war nur eine Rechen-Größe.
stätte und Münzmeister. Die Münzmeister, aus Erst bei entwickelteren Verkehrsbedürfnissen im
der Goldschmiedezunft hervorgegangen, von de- 13. und 14. Jahrhundert entstand im "Groschen"
nen man etwa 2000 Namen kennt, übten ihr Ge- eine entsprechende Ausprägung. Der Groschen
werbe für Könige, Bischöfe und Grundherren im stellte einen "großen" und dicken Pfennig dar
Umherziehen aus. Im 8. Jahrhundert wurde nun und hatte den Wert von 12 Denar, womit er
im fränkischen Reich das unter den Merowin- also einem Schilling entsprach. In manchen Ge-
gern mit zunehmender Lässigkeit gehandhabte genden wurden auch Groschen von geringerem
Münzrecht nach dem Sturz des letzten Merowin- Wert als 12 Denar geschlagen.
gers Chilberich von Pippin dem Kleinen mit
Energie in die Hand genommen. Der erste Ka-
Daß es sich bei dieser Ausprägung einer grö-
rolinger, der sich selbst die Königskrone genom-
ßeren Münze überall um die Berücksichtigung
men hatte, vereinfachte das Münzwesen des frän-
der wachsenden Anforderungen des Wirtschafts-
kischen Reiches durch Einführung der Silber-
verkehrs handelte, geht auch daraus hervor, daß
währung. Goldmünzen ließ er nicht mehr aus-
der "große Denar" im 12. Jahrhundert auch in
prägen. Geprägt wurde nur noch der Silber-De-
Florenz als "Grossoni", in Frankreich als "gros
nar, aus dem römischen Pfund 300 Stück, später
Tournois" und in England als "groats" auf-
264 Stück. Diese Anfänge einer neuen Münz-

12
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

tauchte; das Verhältnis zum Denar ist jedoch in der Folgezeit mit der jetzt in Erscheinung tre-
nicht überall und nicht für ständig das gleiche tenden Schwäche der Karolinger mehr und mehr.
gewesen, wie in Deutschland (s. Karl Helferich: Diese Entwicklung ist aber andererseits nicht
"Das Geld", S. 39). ganz unverständlich, denn Kirche und Klöster
hatten in diesen Zeiten beträchtliche Aufgaben
In der allgemeinen Entwicklung der Kultur auf sich genommen, für deren Finanzierung ent-
konnten sich die Auswirkungen der Rückkehr sprechende Einkünfte erforderlich waren. Nach
zur Geldwirtschaft naturgemäß nur sehr lang- der Bekehrung der Sachsen zum Christentum
sam zeigen. Zu groß und zu weiträumig war das wurde z. B. das Kloster Corvey gegründet und
Reich Karls des Großen und nur der südwest- mit reichen Schenkungen - z. B. mit der Einrich-
liche Teil war alter Kulturboden. Handwerk, tung einer Münzstätte und Verleihung der Ein-
Viehzucht und Ackerbau mußten erst gelehrt künfte aus der Münzprägung - bedacht.
und entwickelt werden; dies waren Aufgaben,
deren sich die vom Kaiser geförderten Klöster Ähnlich verhielt es sich in zahlreichen anderen
mit besonderem Eifer annahmen. Fällen und auch in den kommenden Zeiten; die
Abtei von St. Gallen, die Freie Reichsabtei Hers-
In diesen Zeiten wurden neue Münzen in der feld, auch Frauenklöster wie die Abtei Quedlin-
Regel beim Anlaß bedeutender geschichtlicher burg, erhielten das Münzrecht, ebenso der später
Ereignisse oder sonstiger denkwürdiger Tage im in der Kolonisation des Ostens tätig gewordene
Leben der Münzherren geschlagen. So hat Karl Deutschritterorden.
der Große, nachdem er 784 dem Langobarden-
reich ein Ende bereitet hatte, auf dieses Ereignis Unter den fränkischen und sächsischen Kai-
gemeinsam mit dem Papst Hadrian III. einen sern verstärkte sich die Tendenz, die Münzrechte
Pfennig prägen lassen. Ebenso ließ er auf seine an Kirchenfürsten und Abteien zu vergeben,
Kaiserkrönung zum Weihnachtsfest in Rom im noch mehr, denn jetzt waren Geistlichkeit, Bi-
Jahre 800 einen Pfennig schlagen, der auf der schöfe und Äbte die eigentlichen Stützen der
Vorderseite sein Brustbild und auf der Rückseite Herrschaft gegen die Machtansprüche und Be-
ein Bildnis der Kirche zeigte, als deren Beschüt- sitzgelüste des Adels. Mit der eintretenden
zer er sich fühlte. Schwächung der Reichsmacht wurden dann aber
auch die Kirchenfürsten in der Münzprägung mehr
Die straffe Ordnung des Münzwesens, die und mehr selbständig; dazu kam, daß die Münz-
Karl der Große durchgesetzt hatte, ist unter sei- rechte für Abgaben und Vasallendienste auch an
nen Nachfolgern wieder verloren gegangen. In Herzöge und Markgrafen vergeben wurden, wo-
einem Kapitular des Kaisers (805) war einst be- mit aber immerhin eine reichliche Versorgung
fohlen worden, daß Münzen nur an kaiserlichen der in Gang kommenden Wirtschaft mit Geld
Pfalzen geprägt werden durften; und es war vor- gegeben war.
geschrieben, "daß diese neuen Pfennige in jedem
Ort, in jeder Stadt und auf jedem Marktplatz Dieses Letztere dürfte für die allgemeine Ent-
ebenso umlaufen und von allen empfangen wer- wicklung von Wirtschaft und Kultur das We-
den." Nach A. Luschin v. Ebengreuth, Grundriß sentliche gewesen sein, und so war es denn ganz
der Münzkunde, war die Münzhoheit als solche richtig, daß die Becher und Schalen, Becken und
ein wesentliches Recht des römischen Humpen in den Schmelztiegel wanderten - und
Imperators, von dem es auf den Kaiser des danach als blanke Silber-Pfennige auf die Märkte.
"Heiligen römischen Reiches deutscher Nation"
überging. Von Thomas von Aquin wurde dann
aber die Lehre begründet und verbreitet, daß die
Münzhoheit auch dem Papst und der Kirche
zustehe. Diese Auffassungen fanden in den
mittelalterlichen Rechtsbüchern ihren
Niederschlag; so kam es, daß schließlich
jedermann, der eine höchste Gewalt, ein
"supremum imperium" innehatte, auch das
Recht der Münzhoheit besaß, das er nach unten
gegen Abgaben oder auch als Pfründe für Vasal-
len- und andere Dienstleistungen weiterverlei-
hen konnte (s. a. a. O. S. 58).

Unter dem Nachfolger Karls d. Gr., Ludwig


dem Frommen, gelangten nun die Kirchenfür-
sten wieder zu Einfluß und Bedeutung in der
Münzprägung; und dieser Einfluß verstärkte sich

13
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

teaten" - bractea = dünnes Blech - bezeichnete


DIE BRAKTEATEN (s. Schwarzkopf : a. a. O. S. 469).
Wenn eine Linie der Entwicklung des Münz-
wesens vornehmlich in dem durch Donau und Im übrigen ist aber die wirkliche Entwicklung
Rhein begrenzten südwestlichen Raum Europas der Brakteaten-Geldwirtschaft doch eine rein
durch Nachbildung römischer Münzen und all- deutsche Erscheinung; die nordischen Ansätze
mähliche Verselbständigung in der Kunst des dazu sind, ohne eine Bedeutung erlangt zu
Stempelschneidens und Prägens erblickt werden haben, wieder erloschen.
kann, haben wir es im nordostgermanischen
Raum noch mit einer zweiten Entwicklungslinie,
einer anderen Technik der Nachbildung und Neu- In Deutschland sind die ersten derartigen Prä-
prägung von Münzen zu tun. Auch diese nahm gungen in der bischöflichen Münze von Magde-
ihren Ausgang von der Goldschmiedekunst her burg geschlagen worden. Nach neueren
und hatte ihre Wiege in der Schmuckgestaltung. Forschungen von Prof. Dr. Arthur Suhle hat
Erzbischof Hartwig von Magdeburg, der von 1079
bis 1102 regierte, damit begonnen, die um diese
Es handelte sich hierbei um die Technik, orna- Zeit zur Aufnahme eines großen Münzbildes
mentale Linienmuster, Runenzeichen und der- schon ziemlich breit und dünn gewordenen
gleichen auf der Vorderseite erhaben und auf Silberpfennige einseitig schlagen zu lassen.
der Rückseite vertieft in Gold-, Silber- oder Kup- Allerdings erst Erzbischof Wichmann von
ferblech zu treiben. Derartige Arbeiten wurden Seeburg, der anno 1152 von Barbarossa in
erst als Gewandspangen, als Schmuck und An- Magdeburg eingesetzt worden war, hat diese
hänger getragen; es gibt Funde davon, die aus Münzprägung im Erzstift zu ungeahnter Blüte
einer Zeit von 400 bis 1000 Jahren vor der christ- entfaltet.
lichen Zeitrechnung stammen.
Als sich dieses Verfahren der Münzprägung
In der nachrömischen Zeit wurde indessen diese in Deutschland ausbreitete, waren seit der Münz-
Technik des Einprägens eines Bildes in dünnes ordnung Karls d. Gr. bereits 300 Jahre vergan-
Silber- oder Goldblech auch auf die dadurch gen. Im Verlaufe dieser Zeit waren aber durch
vereinfachte Nachahmung von Münzen angewen- die Nachfolger Karls d. Gr. - angefangen von
det. Es gibt Stücke - allerdings auch in dieser Ludwig dem Frommen - die Reichsrechte der
Form noch mit einer Anhänge-Öse versehen, le- Münzprägung an unzählige Könige, Fürsten, Gra-
diglich zum Schmuck bestimmt -, welche aus zwei fen, Bischöfe, Grundherren, Klöster und Städte
Abdrücken, Vorder- und Rückseite einer Münze, verliehen worden. Hieraus hat sich naturgemäß
zusammengesetzt und am Rande zusammenge- ein sehr buntes Bild der Münzverfassung erge-
halten, bestehen. - Einen solchen Schmuck-An- ben, zumal vom 11. Jahrhundert an Bild, Name
hänger, bestehend aus zwei dünnen Goldblechen, und Gepräge der Münze durch die Träger des
über eine römische Münze aus der Zeit von 215 Münzrechtes verändert werden durften.
v. Chr. gehämmert, von einem goldenen Ring
zusammengehalten, die alte Münze noch als Kern
enthaltend, zeigt Schwarzkopf in seiner interes- Schon während dieser Zeit, also noch vor dem
santen Abhandlung über "Germanische Schmuck- Erscheinen der Brakteaten, war die Vergebung
brakteaten" in dem Band "Das Erbe unserer des Münzrechtes von fiskalischen Erwägungen
Ahnen" S. 476. (siehe auch Abb. S.19) bestimmt. Die mit dem Münzregal Beliehenen
hatten dafür Abgaben zu leisten, die sie bei der
Prägung durch Erhebung eines "Schlagschatzes"
Die Herstellung solcher Abdrücke stellte na- und durch "Auswechseln" hereinholten.
türlich gegenüber den Schwierigkeiten des Stem-
pelschneidens ein vereinfachtes Verfahren dar.
Es war nur notwendig, die Prägung auf einer Mit dem Aufkommen der Brakteaten in der
weichen Unterlage, z. B. auf Blei, vorzunehmen. Hohenstaufenzeit war nun einesteils die Tech-
Mit dem im allmählich zunehmenden Wirtschafts- nik der Münzprägung vereinfacht; man hatte
verkehr zutage getretenen größeren Bedarf an zwar vor dieser Zeit schon "Dünnpfennige" ge-
Tauschmitteln kam naturgemäß auch im nordisch- prägt, die aber beidseitig ein Bild trugen, das
germanischen Raum die Entwicklung des Münz- freilich mitunter ziemlich unklar wurde, weil
wesens in Fluß. Es erübrigte sich schließlich, die der Stempel der Rückseite sich durchpreßte und
Prägung mit einer Anhänge-Öse zu versehen, da die Vorderseite störte, wie auch umgekehrt. Nun
die Münzen dauernd von Hand zu Hand liefen kam die Gegenprägung in Wegfall.
und nicht mehr als Schmuck am Halse getragen
wurden. So kamen etwa um die Mitte des zwölf- Die Herstellung der Münzen wurde nach wie
ten Jahrhunderts in Skandinavien unter dem Dä- vor von den Münzmeistern vorgenommen, die
nen Sven Grathe die einseitig geprägten Silber- im Umherziehen an die Höfe der Fürsten und Bi-
blech-Münzen auf, die man später als "Brak- schöfe und der kleineren Münzherren kamen und

14
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

dort ihre Kunstfertigkeit anbrachten. Daneben Änderung der Münzen vorzunehmen, "wenn
gab es indessen auch eine große Anzahl Präge- neue Herren kommen". Anläßlich eines solchen
stätten des Reiches, von denen viele gleichfalls Wechsels der Herrschaft, sei es auf Grund von
die Prägetechnik der Zeit pflegten. So hat z. B. Erbfolge beim Tode eines Fürsten oder Grafen,
Barbarossa seine prachtvollen Brakteaten in den oder auch nach dem Ausgang von Machtkämp-
kaiserlichen Münzstätten in Saalfeld, Altenburg, fen unter den Großen, war es demgemäß nach
Mühlhausen und Nordhausen schlagen lassen. dem Gesetz der "Renovatio Monetarum" Rechts-
brauch, die umlaufenden Münzen aufzurufen
Die nicht-privilegierte Herstellung von Mün- und unter Abzug eines Schlagschatzes gegen
zen wurde, unbeschadet der Großzügigkeit, mit neue Münzen einzuziehen.
der das Münzrecht an unzählige Beliehene ver-
geben war, nach dem Kodex der mittelalterlichen Derartige Aufrufe und Umprägungen erwie-
Rechtspflege sehr streng, mit dem Abhacken der sen sich nun nach Einführung der weniger dau-
Hand, geahndet. erhaften Brakteaten auch ohne den Anlaß von
Regierungswechsel und damit zu häufigeren
Andererseits war es natürlich, daß die in der Zeitpunkten als zweckmäßig. Kulischer berich-
Brakteaten-Technik hergestellten dünnen Sil- tet in seiner "Allgemeinen Wirtschaftsgeschichte
berblechmünzen im Verkehr weniger dauerhaft des Mittelalters und der neuen Zeit", München
sein konnten als die beidseitig geprägten stärke- 1928, daß man in Polen diese "revocationes",
ren Geldstücke. Um die den Wertbegriffen ge- "innovationes" oder "mutationes" viermal im
recht werdende Silbermenge auf die Münze zu Jahre durchführte - daß es Verordnungen gab,
verwenden, wurde die Einzelmünze größer ge- die zu jeder Messe neues Geld vorsahen. Bern-
macht. Es gibt Brakteaten von fast 5 cm Durch- hard von Anhalt, der Sohn von Albrecht dem
messer. Man konnte sie gegebenenfalls durch- Bären, der durch Krieg und Erbschaft das Ha-
brechen oder durchschneiden und auf diese Art velland erworben hatte und sich "Markgraf von
teilen. Brandenburg" nannte, hat in 32 Regierungs-
jahren fast hundert Prägungen herausgebracht.
Aus diesen Umständen und der höheren Ab- In Wien gab es in 150 Jahren fast ebensoviele
nutzung, die solches Geld im Verkehr erlitt, er- verschiedene Wiener Pfennige. Kaiser Friedrich
II., der Enkel Barbarossas, hatte nach dem Tode
gab sich dann wohl die Notwendigkeit einer
laufenden Nachprägung. Die Münzmeister hat- des letzten Babenbergers das Herzogtum Öster-
ten ihre "Arbeitsbeschaffung", wie man heute reich dem staufischen Reich einverleibt und in
Wien in Fortsetzung der Babenberger Pfennig-
sagen würde. Die Nachprägung von Münzen war
aber nicht allein aus den Erträgnissen der neu prägung nunmehr kaiserliche Brakteaten ge-
schlagen.
erschlossenen Silbergruben im Harz, im Elsaß,
in den Tiroler Bergen und in Böhmen zu bewäl-
tigen, sondern sie wurde nun auch als Umprä- Von Erzbischof Wichmann von Magdeburg
gung von aufgerufenen Münzen vorgenommen. sind mehr als 70 verschiedene Prägungen be-
kannt; Erzbischof Wichmann scheint der erste
gewesen zu sein, der die eigenen Münzen selbst
Daß bei der Ausgabe von neuen Münzen das
alte Geld außer Kurs gesetzt, um des Metall- wieder aufrief, während doch nach der Rechts-
wertes willen aber eingezogen und mit entspre- regel des Sachsenspiegels die Münzerneuerung
nur bei Herrschaftswechsel erfolgen sollte. Die
chendem Abschlag gewechselt wurde, ist ein sehr
alter Brauch. In seinem Wörterbuch der Münz- Münzverrufung wurde unter seiner Herrschaft
kunde erwähnt Freih. Friedrich v. Schrötter, daß zweimal im Jahre vorgenommen, am 4. Fasten-
sonntag vor Ostern und an Mariä Himmelfahrt,
derartiges schon im alten Rom gemacht wurde (s.
a. a. O. S. 440), und Prof. A. Suhle führt in sei- am 15. August; wahrscheinlich waren diese Ter-
ner Schrift "Die deutschen Münzen des Mittel- mine auch Markttermine. Für 12 alte Pfennige
wurden jeweils 9 neue Pfennige gegeben. Von
alters" an, daß Karl d. Gr. im Kapitular von
Mantua anno 781 mit seiner grundlegenden den Erträgnissen dieser Münzerneuerung kann
Neuordnung des Münzwesens die Annahme der man sich ungefähr ein Bild machen, wenn man
erfährt, daß Erzbischof Wichmann einige Jahre
alten Pfennige verboten habe (s. a. a. O. S. 22).
verpflichtet war, aus der "moneta Magdebur-
gensi" jährlich 236 Mark Silber - die "Kölnische
Nach der mittelalterlichen Münzverfassung, Mark" zu 233 g oder rund 240 Denarii - an den
die insbesondere im "Sachsenspiegel" niederge- Domschatz abzuführen. Das waren also jeweils
legt war, - dem ältesten und bedeutendsten mehr als 56 000 Silberpfennige! -
deutschen Rechtsbuch, 1220 von Eike von Rep-
kow in lateinischer Sprache, später noch in nie-
Das Verfahren des Erzbischofs Wichmann
dersächsischer Mundart geschrieben und großen-
teils vom "Schwabenspiegel" für Südwest- machte sehr bald Schule; schon prägten auch
Deutschland übernommen - war es rechtens, eine die Bischöfe von Halberstadt und Hildesheim

15
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

solrhe Münzen, die Askanier und die Welfen, kunderts reichten, wurden kleinere Brakteaten
die Landgrafen von Thüringen, - zu jener Zeit, mehr in Niedersachsen, dort aber bis in die
als die Wartburg erbaut wurde - und zahlreiche Hälfte des 16. Jahrhunderts geprägt.
Abteien und Städte. Zu den schönsten Prägun-
gen der damaligen Zeit zählen die Halberstädter Eine Besonderheit stellten die Pfennige aus
Stephans-Pfennige, die sicherlich nicht wenig dem Nürnberger Münzgebiet dar. Sie waren
zur Finanzierung der im 12. Jahrhundert ent- kleiner als die mitteldeutschen Brakteaten und
standenen berühmten Chorschranken in der Hal- zeigten beidseitige Prägung, wobei die Prägung
berstädter Liebfrauenkirche beigetragen haben. der einen Seite allerdings in der Regel ziemlich
Auch die Kaiserlichen Münzstätten Barbarossas starke Zerstörungen aufwies. Es liegt hier auch
prägten solche "Brakteaten", wie man diese dün- der Gedanke nahe, daß es sich bei diesen Mün-
nen, leicht zu brechenden und zu teilenden Mün- zen vielleicht jeweils um Umprägungen der vor-
zen allerdings erst in der Folgezeit nannte. (*) her gängigen Pfennige gehandelt haben könnte,
so daß die vermeintliche Rückseitenprägung
In den Brandenburgischen Landen war es nach eigentlich nur die gelöschte frühere Prägung dar-
Luschin von Ebengreuth (Grundriß der Münz- stellte. Der große Hersbrucker Brakteatenfund,
kunde, S. 62) üblich, den Abschlag auf die Lauf- der sich im Hirtenmuseum in Hersbruck befin-
zeit der Münze zu verteilen, um ihn nicht allzu det, weist ausschließlich solche Münzen auf, ver-
fühlbar werden zu lassen. So wurden im ersten mutlich aus den Prägestätten Nürnberg, Regens-
Vierteljahr 12 Pfennige auf den Schilling ge- burg, Donaueschingen und Ingolstadt. Es sind
rechnet, im zweiten Vierteljahr 13 Pfennige, im vorzüglich herausgearbeitete Münzbilder, aber
dritten Vierteljahr 14 Pfennige, dann 15 Pfen- die Ränder sind offensichtlich von Hand be-
nige und nach dem Ablauf des vierten Viertel- schnitten, was bei dem dickeren Material müh-
jahres erfolgte die Verrufung des alten Pfennigs, seliger war als bei den dünner ausgeprägten
von dem nun 16 Stück auf den Schilling abge- mitteldeutschen Brakteaten.
führt werden mußten. Der neue Pfennig aber
kam wieder zu 12 Stück auf den Schilling in Eine zu den Brakteaten gehörende Münze
Umlauf, also zum alten Wert. stellen auch die "Schüssel-Pfennige" dar, die
wegen der schüsselförmigen Gestalt der Schröt-
Über den materiellen Nutzen, den der Schlag- linge so genannt wurden und die vornehmlich
schatz den Münzherren einbrachte, gehen die im Westen, im Rheinland, Niedersachsen, Braun-
Ansichten der Forscher auseinander. Er mag schweig und Lüneburg zu Hause waren. Das
eben durchaus unterschiedlich gewesen sein, da eigentliche Verbreitungsgebiet der Brakteaten
es auch von der Geschicklichkeit der Münzer ab- reichte in Norddeutschland im Westen bis an die
hing, aus einem gegebenen Metallbestand nach Weser, im Norden bis an die Nord- und Ostsee;
dem Umschmelzen und unter Einhaltung be- den Kern bildete, wie gesagt, die Magdeburger
stimmter Mindestgewichte der Münzen möglichst Gegend, Thüringen, der Harz, die Mark Bran-
viel herauszuholen. Luschin von Ebengreuth er- denburg, die Mark Meißen; daran schlossen sich
wähnt (a. a. O. S. 62) das Kloster Melk, das die Oberlausitz, Schlesien und weiter östlich und
nach seinen Aufzeichnungen durch die Münz- südöstlich noch Polen und Böhmen an.
verrufung in einem Jahr allein soviel eingebüßt
habe, daß der Verlust etwa dem zehnten Teil Ein zweites Verbreitungsgebiet, das sich - wie
des Münznutzens entsprochen habe, den der Prof. Suhle in seinem bereits zitierten Buch über
Herzog aus dem ganzen Lande zog. Das wäre "Die deutschen Münzen des Mittelalters" her-
ein hoher Verlust, beziehungsweise für den vorhebt - im Stil der Prägungen von dem erst-
Münzherrn ein sehr bescheidener Gewinn gewe- genannten Bereich merklich abzeichnete, begann
sen. Erzbischof Wichmann von Magdeburg hat südlich des Mains, umfaßte Schwaben, Würt-
in dieser Hinsicht offenbar mehr Gewinn her- temberg, die Bodenseegegend mit dem Zentrum
ausgeholt, obwohl auch in Magdeburg die Aus- Konstanz und den Schweizer Städten Basel,
prägung "al marco" stattfand, d. h. ein Pfund Bern, St. Gallen u. a. und reichte nach anderen
Pfennige (= 20 Schilling zu je 12 Pfennigen) Quellen bis nach Österreich, wo in Wien eine
mußten das Gewicht einer Mark haben. regelmäßige Münzerneuerung geübt wurde. - So
mag es wohl richtig sein, was Corragioni in sei-
Während technisch gut ausgeführte und durch ner "Münzgeschichte der Schweiz", Genf 1896,
ihre Prägungen auch kunstgeschichtlich wert- schrieb: "Brakteaten waren die einzige Geld-
volle Brakteaten vornehmlich aus den Münz- sorte, die vom 12. bis 15. Jahrhundert bei uns
stätten Magdeburg, Halle, Erfurt, Halberstadt, Geltung hatte."
Goslar wie auch aus den Münzstätten von
Friedrich Barbarossa, Heinrich dem Löwen und In der landläufigen Geschichtsbetrachtung
dem wendischen Fürsten Jaczo von Köpenick scheint es über diese Epoche des Münzwesens
herrührten und bis in die Mitte des 14. Jahr- eine ziemlich feststehende Ansicht zu geben: die

16
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Mannigfaltigkeit und der ständige Wechsel der Im allgemeinen aber wurde die Regel der
Prägungen werden sehr abschätzig beurteilt und "Renovatio monetarum" ziemlich streng einge-
gelten als Zeichen einer völligen Zerrüttung der halten. Nur beim Wechsel der Herren war eine
Geldordnung, eines "heillosen Münzenwirr- Münzerneuerung erlaubt, zwischenzeitlich war
warrs", wie beispielsweise Johannes Scherr sich sie allenfalls vor dem Antritt eines Kreuzzuges
in seinem Werk "Deutsche Kultur- und Sitten- statthaft.
geschichte" ausdrückt. (s. a. a. O. S. 246).
Daraus ist zu ersehen, daß zwischen den Ge-
Dieser Wertung geschichtlicher Tatbestände bräuchen des fortgeschritteneren Westens und
liegt aber offensichtlich eine im Mittelalter unbe- dem eigentlichen Brakteaten-Geldwesen nur ge-
kannte, erst in der neueren Zeit aufgekommene wisse Gradunterschiede bestanden. Tatsächlich
Überbewertung der Uniformität, der Gleichheit, hat die "Renovatio monetarum" bis weit über
Gleichmäßigkeit, Einheitlichkeit, Einigkeit und die Grenzen des eigentlichen Brakteatengebietes
Einheit in allen Dingen zugrunde. Auf den Sinn hinaus ihre Gültigkeit und Wirkung gehabt.
der Sache bezogen stellen indessen diese Äußer- So weiß z. B. auch Fritz Schwarz in seiner Schrift
lichkeiten keinesfalls die entscheidenden Werte "Vorwärts zur festen Kaufkraft des Geldes" zu
dar, und es ist ebenso oberflächlich wie töricht, berichten, daß selbst in England eine derartige
danach urteilen zu wollen. Dem Mittelalter kam Geldsteuer erhoben wurde (s. a. a. O. S. 54).
es darauf an, im übersehbaren Raum Ordnung
zu haben; und dem Fahrenden, der in die Frem- Bei Beurteilung dieser Dinge darf man sich
de kam, war hinreichend damit gedient, wenn also nicht davon beeindrucken lassen, daß es fast
die Ordnung draußen grundsätzlich gleichartig aussichtslos ist, die Fülle der Prägungen und die
war, wenn sie also von den gleichen Prinzipien innerhalb eines großen Wirtschaftsraumes wäh-
getragen wurde und danach ablief. rend einer Zeit von 300 Jahren zustandegekom-
menen Unterschiedlichkeiten fein säuberlich zu
Im übrigen könnte man fast sagen, daß das rubrizieren. Wesentlich ist allein die ungeheuer-
Mittelalter rein intuitiv volkswirtschaftlich klü- liche volkswirtschaftliche Auswirkung, die durch
ger gehandelt hat als unsere Geschichtsforscher die überall gleichartig gehandhabte "perma-
mitunter einzusehen vermögen. Es dürfte näm- nente Geld-Erneuerung" zustandekam. Die un-
lich durchaus sinnvoll gewesen sein, die Einwoh- ter solchen Verhältnissen unmöglich gewordene
ner in den neuen Kolonisationsgebieten des Hortung und Schatzbildung wurde ständig um-
Ostens von der primitiven Schatzbildung abzu- gewandelt in pulsierende Nachfrage nach den
bringen und sie zum richtigen Gebrauch des Gel- Erzeugnissen des Gewerbefleißes.
des als Zirkulationsmittel zu erziehen. Dazu
bedurfte es wohl nachhaltiger, ständig wieder- Niemand im weiten Raum der mittelalterli-
kehrender Impulse, die durch die regelmäßig chen Welt wäre so einfältig gewesen, dieses
erfolgende Geldverrufung auch tatsächlich wirk- Brakteaten-Geld oder auch die sonstigen, der
sam wurden. zeitweiligen Erneuerung unterworfenen Handels-
münzen, die morgen oder in einigen Wochen
In den Gebieten der entwickelteren Kultur vom Bischof oder Landesherrn aufgerufen und
des Westens, wo Handel und Handwerk, Kunst gegen Abzug eines Schlagschatzes gegen neues
und Gelehrsamkeit schon weiter fortgeschritten Geld eingezogen werden konnten, länger als
waren, genügte ganz offensichtlich die einfache verkehrsnotwendig zu behalten oder gar mit
Regelung der "Renovatio monetarum", die eine Bedacht zu horten.
Münzerneuerung nur beim Wechsel der Herren
vorsah. Zu bemerken bleibt allerdings, daß sich In diesem Umstand liegt, soweit von ökono-
auch hier die gekrönten Häupter nicht allezeit mischen Zusammenhängen die Rede sein kann,
an diese Regel hielten. In Frankreich war es die logische Wurzel für jene gewaltige Dynamik,
Philipp der Schöne (1285 -1314), der sich mit aus der die gesamten Leistungen der gotischen
wiederholter Münzverrufung ziemlich einträg- Epoche entstanden sind. Es liegt in dieser Ent-
liche Finanzquellen erschloß. wicklung eine zwingende Folgerichtigkeit. Die
schon mit der Münzordnung Karls d. Gr. be-
Da es sich im Westen um ein entwickelteres gonnene Auflösung der frühmittelalterlichen
Geldwesen, um eine größere Mannigfaltigkeit Schatzbildung, die Einschmelzung der Prunk-
von Silber- und Goldmünzen handelte, wurde stücke, die Edelmetall-Zufuhr aus dem wieder-
die Willkür von Münzverrufung allgemein als aufgenommenen Silbererz-Bergbau haben den
schädlich empfunden. Es war auch allzu offen- Anfang eines kulturfördernden Geldverkehrs
sichtlich, daß es den Münz-Herren nur noch auf ermöglicht; und die nun um die Mitte des 12.
den Gewinn aus der Verschlechterung des Me- Jahrhunderts um sich greifende fortlaufende
tallgehaltes ankam, ein Motiv, das ursprünglich Münz-Erneuerung verhinderte jetzt auf volle
bei den Brakteaten nicht vorlag.

17
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

drei Jahrhunderte hinaus ein erneutes Horten,


Konzentrieren und Erstarren des Geldes! -

Alle kaufmännische Tüchtigkeit, aller Fleiß,


alle handwerkliche Kunstfertigkeit und Erfin-
dungsgabe, durch gegenseitige Befruchtung ge-
fördert, konnte nur in den Erzeugnissen und re-
alen Gestaltungen des Gewerbefleißes selbst
Wohlhabenheit und Reichtum schaffen. So ist es
für diese Zeit richtig, daß die Kapitalbildung,
insofern das Kapital aus Münzgeld bestand, da-
durch unmöglich wurde, daß das Geld einzig
als Tauschmittel und nicht gleichzeitig als Schatz-
mittel verwendbar war (s. L. v. Ebengreuth;
"Allgemeine Münzkunde und Geldgeschichte des
Mittelalters" 1926). Demgegenüber hat sich aber
die Kapitalbildung in anderer Form um so groß-
artiger entwickelt. -

Da indessen ein jedes Ding zwei Seiten hat -


weil nun einmal dem "einen sin Uhl" dem "an-
dern sin Nachtigall" ist -, gibt es begreiflicher-
weise auch Klagen über diese periodisch wieder-
kehrende Münzverrufung. So findet der böhmi-
sche Chronist Cosmas die Wirkung dieser Ein-
richtung "ärger denn Pest, verheerender als
Feindeseinfall, Hungersnot und andere Land-
plagen", denn in seiner Vorstellung war die mo-
netäre Schatzbildung wichtiger als die wertschaf-
fende Zirkulation. -

(*) Soweit man unter Brakteaten numismatisch lediglich die


einseitig geprägten Münzen versteht, sind diese natürlich nicht
die Erfindung des Erzbischofs Wichmann. Wichmann hat
jedoch die halbjährliche Münzerneuerung eingeführt. Dies
bezeugt auch die Magdeburger Schöppenchronik: "He leit ok
erst twie in dem jare penninge slan, des vore nue was: men
sloh to voren pen- ninge to eines Bischops live." Danach geht
die Verrufung in Magdeburg auf Erzbischof Wichmann
persönlich zurück, da sie vorher nicht bestand. (s. A. Suhle:
Das Münzwesen Magdeburgs . . . S. 4)

18
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Dieser sinnvolle Ablauf für die gesamte pro-


duktive Tätigkeit aller Stände lag also in dieser
MITTELALTERLICHE Epoche des Mittelalters in einer zunehmenden
WIRTSCHAFTSBLÜTE Nachfrage nach allen Erzeugnissen des
Gewerbe-fleißes; und diese zunehmende
Obwohl die Wirtschaft des hohen Mittelalters
Nachfrage wurde verkörpert von klingenden
neben Viehzucht und Ackerbau nur die hand-
Münzen, die nirgends zum Rasten kamen, in
werkliche Erzeugung von Gütern kannte, kann
keinem heimlichen Hort verschwanden, sondern
man mit Fug und Recht von einer über Jahr-
heute beim Schuhmacher, morgen beim
hunderte anhaltenden Wirtschaftsblüte sprechen,
Gewandschneider und übermorgen beim
neben der sich die Konjunkturen der Neuzeit -
Pfannenschmied Absatz schafften.
was ihre Dauer und Verläßlichkeit anbelangt -
doch ziemlich kläglich ausnehmen.
Hier, in der werdenden und wachsenden Stadt
offenbarte sich am klarsten und eindrucksvoll-
In diese Zeit fiel die Entstehung der deutschen
sten, daß Arbeitsteilung und Leistungsaustausch
Stadt, des deutschen Bürgertums, der Hand-
einem jeden die Gewähr der Geborgenheit zu
werkszünfte und Kaufmannsgenossenschaften.
geben vermögen. Lebenssicherheit vermittelt
Hatten die Klöster handwerkliche Künste und
Freude am Schaffen und emsiger Fleiß durch-
Fertigkeiten gelehrt, so kam es nun darauf an,
pulst das Leben der Gemeinschaft. Aus hand-
sie nutzbar zu machen; hatte der Kaiser, der
werklichen Fertigkeiten entwickeln sich Künste;
Bischof, der Landesherr Geld ausgegeben, dem
aus schlichten und einfachen Erzeugnissen und
Handel und Wandel zu dienen, so mußte man
Geräten des täglichen Gebrauchs wurden all-
sich regen, zum Markte ziehen, um zu sehen,
mählich gediegene Produkte und Handelswaren,
was man erwerben konnte.
die ihren Weg ins Land hinaus und nach ande-
ren Städten fanden. -
Städte entstanden um die Sitze von geistlichen
und weltlichen Grundherren, wie Burgen im
Die wichtigsten Tage des Güterumsatzes wa-
ebenen Land, mit schützenden Mauern umzogen.
ren die Tage des Marktes. Oft wurde der Markt
Und der Landesherr gab dem Flecken das Markt-
auch im Anschluß an kirchliche Feiern abgehal-
recht. Der Mann, der im Schutze der Stadtmauer
ten, da zu diesem Anlaß ohnehin viel Volk in
lebte, fühlte sich wie ein Bewohner der Burg als
die Stadt strömte. Zur Messe zu gehen, war
"Bürger". Der Markt zog Fremde heran und
gleichbedeutend mit einer Fahrt zum Markte;
Bewohner des Landes, die ihre Produkte zum
so wurden bedeutende Märkte im Laufe der Zeit
Verkauf brachten und städtische Gewerbeer-
zu "Messen", auf denen neben heimischen Er-
zeugnisse einhandelten. So hatte der Bürger, der
zeugnissen auch seltene Waren aus fernen Län-
ein Handwerk ausübte, bald seinen laufenden
dern und Städten feilgeboten wurden. -
Absatz und konnte sich sagen: "Handwerk hat
einen goldenen Boden." - Kein Wunder, daß der
Zustrom vom Lande zur Stadt ständig zunahm Machtvoll regte sich das Leben in Augsburg,
und dort Haus an Haus sich drängte, bis die Nürnberg, Wien, Regensburg, in den Städten an
Mauer gesprengt und die Stadt erweitert wer- den natürlichen Handelsstraßen der Flußläufe
den mußte. und Gebirgstäler; Frankfurt - in der bevorzug-
ten Rhein-Main-Lage - bekam den Ruf eines
"Oberhauptes aller Messen der Welt", denn so-
Die Stadt bot neben wirtschaftlichen Vortei-
viel Sterne der Himmel zähle, so vielerlei Han-
len auch noch die persönliche Freiheit, während
delszweige und Warenarten biete der Frankfur-
der Bewohner des Landes als Unfreier seinem
ter Markt. Aber mögen auch einzelne Städte
Grundherrn außer zu Zehnt-Abgaben auch noch
einen besonders glänzenden Aufstieg genommen
zu Dienstleistungen verpflichtet war. Ein Jahr
haben, so waren dies doch keine Ausnahmen,
in der Stadt zu leben, machte ihn nach dem
sondern nur Höhepunkte einer allgemeinen Ent-
Recht der Stadt zu einem freien Bürger, gleich-
wicklung. Diese Zeit des hohen Mittelalters hat
gültig, woher er kam und was er vorher gewe-
allgemein mit der Entwicklung der Stadt ein
sen war. Aber persönliche Freiheit der schaffen-
geschichtlich bedeutungsvolles Gebilde des
den Menschen gehört ja mit zur Entfaltung
sozialen Lebens hervorgebracht. Die mittel-
wirtschaftlicher Blüte. Lebendige Tatkraft, Schaf-
alterliche Stadt ist die ureigene Schöpfung des
fen und Wagen, Erfinden und Verbessern ist
Bürgers. Sie ist anders als die Städte der
immer nur möglich, wenn sich alle Kräfte regen
Griechen und Römer. Dort Tempel und Paläste
können, durch sinnvolle Auswirkungen geför-
als Schöpfungen der Mächtigen und Reichen
dert und bestätigt. Darin liegt alles, was zur
neben oftmals dürftigen Unterkünften, Hütten und
Wirtschaftsblüte gehört, denn Arbeitswille, Er-
Höhlen für das niedere Volk. Hier aber - wohl
findungsgabe, Tüchtigkeit, Hunger und Liebe
auch um den Herrensitz, um die Pfalz des Kaisers
sind allezeit da.
oder die Residenz des Bischofs herum -

19
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Bürgerhäuser, ursprünglich schlicht und einfach, an denen die reisenden Kaufleute sich trafen? -
doch mit wachsendem Wohlstand geräumiger, Das waren die mittelalterlichen Städte.
wohnlicher und schöner werdend. So mag der
Ruhm Griechenlands und Roms von seinen Als das Ideal einer schönen Stadt wurde sehr
Tempeln und Palästen ausstrahlend in die Welt früh schon Nürnberg angesehen. Italienische
getragen worden sein; Ansehen, Reiz und Schriftsteller der damaligen Zeit glaubten, nie
Geltung der mittelalterlichen deutschen Städte eine schönere Stadt als Köln gesehen zu haben;
hatten ein anderes Fundament. Was den ebenso wurden Mainz, Worms, Speyer, Trier,
Besucher dieser Städte mit Bewunderung und Straßburg, Basel, Aachen und andere Städte ge-
Entzücken erfüllte, war die in absichtslosem rühmt. Montaigne gab noch im 16. Jahrhundert
Wachsen und Werden der dichtgedrängten Augsburg den Vorzug vor Paris.
Ansiedlung zustandegekommene natürliche
Harmonie. Und diese wiederum war ja nur das
Wie großartig die Wirtschaftsblüte dieser Jahr-
sichtbare Ergebnis eines sozialen Zustandes, hunderte gewesen sein muß, kann man vielleicht
einer inneren Ordnung der Stadtgemeinschaft, am besten daran ermessen, daß die Gründung
wie sie sich im Zusammenleben freier Menschen,
von Städten erst mit dem 12. Jahrhundert - mit
in ihren städtischen Gliederungen und ihrer auf dem Beginn der Brakteatengeldwirtschaft, d. h.
gegenseitige Rücksichtnahme ausgerichteten mit dem Beginn der dadurch verursachten Kon-
Selbstverwaltung entwickelte. Auch das letztge-
junkturperiode - richtig eingesetzt hat. Und der
nannte ist nicht unwesentlich - irgendwo bei Oskar riesenhafte Aufwand, den diese Leistung beding-
Spengler findet sich der Hinweis darauf, daß kein te, kam fast spielend aus vorhandener Schaffens-
mittelalterliches Stadtbild die beleidigende Front
kraft und Regsamkeit. Nichts davon, daß unter
einer kahlen Brandmauer zeigt, die unsere Opfern und Verzicht des breiten Landes einige
modernen Städte überall aufweisen. - Noch war wenige Plätze glanzvolle Städte erstehen sehen
die Gemeinschaft echt und lebendig, noch waren
durften; die neuen Städte entstanden überall im
die sozialen Unterschiede nicht gemeinschafts- deutschen Lande, 2000 bis 3000 an der Zahl!
zerstörend, denn sie waren - zumindest unter der
Einwohnerschaft der Stadtbürger - doch
wesentlich durch echte Leistungsunterschiede Von dieser großen Zahl der Städte waren
bedingt und darum naturgemäß von größerer freilich 90 Prozent Kleinstädte mit weniger als
Ausgeglichenheit und weniger einer zersetzen- 1000 Einwohnern; dennoch waren es Städte,
den sozialen Unzufriedenheit ausgesetzt. denn das Wesen der Sache liegt nicht in der Zahl
und der Masse, sondern im Geist, der das Ge-
bilde prägt. Wir können noch heute Orte an-
Dabei war die Brakteaten-Prägung, wie schon treffen, die ehemals freie Reichsstädte waren,
im vorhergehenden Kapitel ausgeführt, im We-
dann aber, abseits der Heerstraßen moderner
sten wenig verbreitet. Daß Kaiser Heinrich VI. Entwicklung im Dornröschen-Schlaf versunken,
in Frankfurt Brakteaten schlagen konnte, war bei 2000 bis 3000 Seelen stehen blieben; und wir
schon fast eine Ausnahme. In Köln hat Erzbi-
werden doch bei jedem Schritt, den wir tun, füh-
schof Philipp dem Kaiser anno 1190 das feier- len, daß wir auf dem Boden einer Stadt stehen -
liche Versprechen abgenommen, die Münz- während vielleicht eine Industrie-Ansiedlung
rechte des Kirchenfürsten zu respektieren und
von zehnfacher Kopfzahl dieses Gefühl nicht
innerhalb der Kölner Diözese nur in Dortmund gibt.
und Duisburg prägen zu lassen. In Köln waren
die bischöflichen Pfennige zweiseitig geprägt,
im Silbergehalt und Gewicht gleich den alten Große Städte mit mehr als 1000 Einwohnern
karolingischen Pfennigen. Daß dessen ungeach- gab es nur etwa fünfzehn an der Zahl. Köln
tet die allgemeine Wirtschaftsblüte des Mittel- hatte etwa 30 000 Einwohner, Lübeck zählte im
alters, die wir uns hier aus der Brakteaten-Geld- 14. Jahrhundert 25 000 Einwohner, Augsburg
wirtschaft zu erklären versuchen, sich auch am und Nürnberg hatten nach Adolf Damaschke
Rhein, in Flandern und Burgund entfalten im 15. Jahrhundert noch nicht mehr als 18 000
konnte, dürfte seinen Grund, wie ebenfalls bis 20 000 Einwohner, Frankfurt a. Main 9000,
schon gesagt, in der Hauptsache darin haben, Mainz 6000; diese Einwohnerzahlen müssen wir
daß die einfache Münzerneuerung beim Herr- auch im Auge behalten, wenn wir die erstaun-
schaftswechsel im Westen ausreichend darauf lichen Bauleistungen der Gotik betrachten, für
hinwirkte, das Geld in der werteschaffenden deren Finanzierung wir uns eigentlich eine brei-
Zirkulation zu halten. - Und wo sollte nun tere Basis vorgestellt hatten. -
diese durch beständige Arbeit zustandegekom-
mene Wertschöpfung in Erscheinung treten, Um aber hier noch eine Schilderung zeitge-
wenn nicht an den bevorzugten Plätzen, an de- nössischer Berichterstatter anzuführen, sei beson-
nen sich das Gewerbe gegenseitig förderte und ders darauf verwiesen, was Kardinal Silvio de
Piccolomini, der spätere Papst Pius II. vom
wirtschaftlichen Wahlstand, vom Leben und

20
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Treiben Wiens erzählte und was Bonifini, der


die Stadt um 1490 besucht hatte, enthusiastisch
bestätigt:

"Wie ein Palast liegt die eigentliche Stadt in-


mitten ihrer Vorstädte, deren mehrere an Schön-
heit und Größe mit ihr wetteifern. Jede Woh-
nung hat ihr Sehenswertes, ihr Denkwürdiges.
Fast jedes Haus hat seinen Hinterhof und seinen
Vorhof, weite Säle, aber auch gute Winterstu-
ben. Die Gastzimmer sind gar schön getäfelt,
herrlich eingerichtet und haben Öfen. In alle
Fenster sind Gläser eingelassen, viele sehr schön
bemalt, durch Eisenstäbe gegen Diebe geschützt.
Unter der Erde sind weite Weinkeller und Ge-
wölbe. Diese sind den Apotheken, Warennieder-
lagen, Kramläden und Mietwohnungen für
Fremde und Einheimische gewidmet. In den
Sälen und Sommerstuben hält man so viele
Vögel, daß der, der durch die Straße geht, wohl
wähnen möchte, er sei inmitten eines grünen,
luftigen Waldes. Auf den Gassen und Markt-
plätzen wogt das lebendigste Treiben. Vor dem
letzten Krieg wurden ohne Kinder und erwach-
sene Jugend 50 000 Seelen und 7000 Studenten
gezählt. Ungeheuer ist der Zusammenfluß der
Kaufleute, und so wird hier massenhaft viel Geld
verdient. . . Wiens ganzes Gebiet ist nur ein
großer herrlicher Garten mit schönen Rebhügeln
und Obstgärten bekrönt, mit den lieblichsten
Landhäusern geschmückt." (s. Joh. Scherr "Deut-
sche Kultur- und Sittengeschichte" S. 231).

Vergessen wir nicht, solche Schilderungen be-


treffen - nochmals gesagt - nicht die Ausnahmen,
sondern nur die Höhepunkte eines allgemeinen
Zustandes. Und wenn es auch eine
enthusiastisch-liebenswürdige Übertreibung
gewesen sein mag, als Silvio Piccolomini ausrief:
"Wo ist ein deutsches Gasthaus, wo man nicht
von Silber äße? - Wo ist eine nichtadlige, sondern
bürgerliche Frau, die nicht von Gold schimmert?" -
so gibt es doch der Zeugnisse eines erstaunlichen
Wohlstandes noch viele.

Wir brauchen uns nur zwischen den Giebeln


unserer Altstädte umzusehen, wo diese Zeugen
der Vergangenheit noch stehen, oder mit offenen
Augen durch Orte wie Nördlingen, Rothenburg
oder Tauber, Hildesheim, Marburg, Milten-
berg und Dinkelsbühl zu wandern, um zu be-
greifen, was der Chronist von Dinkelsbühl zum
Schluß seiner Aufzeichnungen mit ehrlichem
Stolz erklären konnte: "Ich glaube, den Beweis
erbracht zu haben, daß in diesem Gemeinwesen
sowie in den 60 anderen deutschen
Reichsstädten . . . einmal wenigstens ein
Optimum der Menschheit erreicht worden ist." -

21
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

lassen. Nur wenn wir über diese Schuttberge


UNVERGÄNGLICHE hinwegsehen und festzustellen vermögen, was
KULTURSCHÖPFUNGEN an Lauterkeit, Echtheit und gestaltender Kraft
dahinter lag und einstmals wirksam war, wer-
Nach einem guten und verläßlichen Grund-
den wir begreifen, welche überragende Bedeu-
satz beurteilt man den Wert einer Epoche an
tung dem Christentum zukommt, - ganz unab-
ihren Kulturschöpfungen, vornehmlich an ihrer
hängig davon, wie sich Religion im allgemeinen
Architektur. Daran läßt sich ein untrügliches
und Christentum im besonderen vor dem Forum
Urteil bilden; da gibt es keine Täuschung. Von
unseres hochmütigen wissenschaftlich-materiali-
den innersten Dingen der geistigen Haltung
stisch wägenden und messenden Verstandes
über den Leistungsgrad handwerklicher und
rechtfertigen lassen.
künstlerischer Fertigkeiten bis zum wirtschaft-
lichen und volkswirtschaftlichen Aufbringungs-
vermögen ist alles Wissenswerte aus den Bau- Die gewaltige geschichtsbildende Wirkung
denkmälern einer Zeit zu erkennen. ging einfach von der Tatsache aus, daß der
Glaube an eine Gotteskindschaft der Menschen
für die soziale Entwicklung von unabsehbarer
Nun gibt es zwar geschichtsphilosophische Be-
Tragweite war. Die Lehre des Christentums fiel
trachtungen, wonach bedeutende Kulturschöp-
zuerst in die Herzen der Armen, der Entrechte-
fungen nur auf dem Fundament von Sklaverei
ten, der Sklaven und Hörigen und gab ihnen
und Ausbeutung möglich seien, was man gerne
das Gefühl der bis dahin vorenthaltenen Men-
an den Kulturen des Altertums an Tempel- und
schenwürde. Hierauf basieren Menschenrechte
Pyramiden-Bauten beweist. Wir werden indes-
und persönliche Freiheit, Achtung des Nächsten,
sen bald sehen, daß die Kultur des gotischen
Sitte und Ordnung, je mehr sich diese Grundan-
Mittelalters diese Auffassung Lügen straft. Man
schauung in den Menschen festigte. Sobald aber
kann mit der Zusammenballung von Sklaven-
der Mensch sich in Freiheit bewegen, in Sitte und
arbeit unbestritten Überdimensionales schaffen;
Ordnung schaffen und gestalten kann, was in
aber die Zeit der Gotik hat ihre Schöpfungen in
seinen Fähigkeiten liegt, wird ein unabsehbares
Freiheit, ohne Zwang, aus dem Reichtum über-
Feld von Möglichkeiten erschlossen. So hat, von
schäumender Leistungsfähigkeit und unerschöpf-
dieser Seite her gesehen, der Siegeslauf des
lichen Opferwillens der Menschen zustandege-
Christentums seine geschichtliche Bedeutung für
bracht. Und dieser Opferwille war keinesfalls
die Entwicklung der Welt bekommen. In der Denk-
die Kehrseite von Darben und Hungern um
weise und Ausdrucksweise der Politik bedeutete
eines idealen gottgefälligen Werkes willen, son-
das Christentum die größte und erfolgreichste
dern er kam - jahrhundertelang - aus der Quelle
Revolution! - Man denke doch nur: die Lehre,
echten Überflusses. -
die den Armen und Entrechteten gepredigt wor-
den war und die diesen Menschen ewige unver-
So selbstverständlich es sein mag, daß die Ge- äußerliche Rechte zubilligte, hat auch die mäch-
staltungen der Kultur an geistige Vorbedingun- tigen und natürlichen Feinde solcher Ideen und
gen geknüpft sind, so selbstverständlich ist es Vorstellungen, die Reichen und Mächtigen in die
auch, daß die wirtschaftlichen Vorbedingungen Knie gezwungen und sich von Jahrhundert zu
das Fundament darstellen, ohne das die herr- Jahrhundert mehr durchgesetzt. Darin liegt der
lichsten Ideen niemals Form gewinnen, sondern entscheidende und doch unblutige Sieg - als die
nur kläglich im luftleeren Raum verkümmern christliche Kirche schließlich Schwert und Feuer
können. Dennoch werden die Ideen stets das zu Hilfe nahm, um sich weiter durchzusetzen
Wesentliche sein, denn der Stoff wird vom Geist und die eigene Macht zu mehren, war dies ja
geformt. ihre Sünde wider den Geist Christi und der Be-
ginn ihres Zerfalls. -
Für die Kulturschöpfungen der in Rede ste-
henden Jahrhunderte ist wesentlich bestimmend, Immerhin bleibt aber doch, daß die Lehre des
daß sie im Boden des Christentums wurzelten. Christentums die größte soziale Bewegung der
Das ganze Mittelalter war ausgefüllt von der abendländischen Welt auslöste. Es gibt keine
Ausbreitung der christlichen Lehre und es ist andere Revolutionsidee, die dasselbe vermocht
wohl kaum zuviel gesagt, wenn wir heute fest- hätte. Die größte soziale Heilslehre der moder-
stellen, daß die Epoche der Gotik vielleicht die nen Welt, der Marxismus, hat schließlich inner-
höchste Entfaltung und schönste Blüte des Chri- halb eines einzigen halben Menschenalters aus
stentums darstellte, die jemals erreicht worden sich selbst heraus die neuen Unterdrücker ent-
ist, die aber im Bewußtsein der nachfolgenden stehen lassen, nachdem die früheren nicht be-
Zeit unterging, durch das, was ihr unmittelbar kehrt, sondern nur einfach liquidiert worden
folgte. Entartung, Verfall, Erstarrung und waren.
Machtwille, Aufstand von Reformen bis zum
endlichen Ausbruch offener Religionskriege ha-
ben geschichtlich den stärkeren Eindruck hinter-

22
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Derartige Betrachtungen mögen hier vielleicht um war auch die Bezeichnung "gotisch" ur-
nur am Rande von Bedeutung sein. Dennoch sprünglich als Schimpf geprägt; mit dieser Kenn-
sollten sie nicht ganz übersehen werden, weil die zeichnung wollten die Italiener als die Erben
großartige Kulturblüte der Gotik - wenn sie älterer römisch-griechischer Kultur den neuen
auch stofflich-materiell aus dem realen Leistungs- Stil als das Werk der Goten, der Barbaren, ver-
vermögen einer dreihundertjährigen Wirtschafts- ächtlich machen.
blüte hervorging - nur aus dem Christentum
heraus verstanden werden kann. Hier müssen Noch Goethe glaubte auf Grund dieser zu
die Maßstäbe rationalistischen Denkens versa- seiner Zeit noch weit verbreiteten Urteile im
gen; und im übrigen haben schließlich alle Völ- Straßburger Münster ein "mißgeformtes kraus-
ker zu allen Zeiten ihre herrlichsten Bauten dem borstiges Ungeheuer" vorzufinden und war von
Kult gewidmet. der Wirklichkeit des Bauwerkes aufs äußerste
überrascht; sein 1771 geschriebener Aufsatz "Von
Die Entwicklung der Gotik fällt also unzwei- deutscher Baukunst" gibt hiervon Kunde. (s.
felhaft in die Periode der dreihundertjährigen Hans Jantzen: Kunst der Gotik, Rowohlt Ham-
mittelalterlichen Hochkonjunktur, die wir uns burg, S. 157/58)
ohne Brakteaten-Zirkulation und ohne "Reno-
vatio monetarum" gar nicht vorstellen können. Der Sinn des Begriffes "Gotik" hat sich also
In Übereinstimmung damit sind gotische Bauten später gewandelt, doch blieb das eigentliche
im gesamten Bereich dieser erstaunlichen Wirt- Grundgefühl der Gotik, diese wahrhafte In-
schaftsblüte anzutreffen und in Übereinstim- brunst des Aufwärtsstrebens, dem Süden fremd.
mung damit sind auch viele Bauwerke dieser Dem deutschen Empfinden dagegen war dieses
Epoche, die nicht bis zum Ende des 15. Jahr- Grundgefühl etwas geistig Verwandtes, unbe-
hunderts fertig geworden waren, nie mehr im schadet seiner Herkunft aus Frankreich. Im üb-
ursprünglichen Entwurf vollendet worden. Fer- rigen waren um diese Zeiten die Unterschiede
ner ist es in kunstgeschichtlicher Betrachtung auf- im Naturell der Menschen diesseits und jenseits
fallend und bestätigt ebenfalls den genannten des Rheins noch kein Faktor von Bedeutung,-
Zusammenhang, daß es von keiner Stil-Epoche lag doch die Teilung des karolingischen Reiches,
eine so erstaunliche Fülle von Baudenkmälern durch welche "Westfranken" zu Frankreich wur-
gibt wie von dieser Zeit der Gotik. Kein Zwei- de, erst 300 Jahre zurück. Und so war der neue
fel, diese drei Jahrhunderte des ausgehenden Mit- Stil dem Deutschen nichts Artfremdes, ja, er
telalters haben den größten Aufwand für kultu- wurde sehr rasch erfaßt und zu einem durchaus
relle Leistungen erbracht, den die Menschheit je- eigenen Ausdruck seiner besten Seelenkräfte ent-
mals für solche Werke einsetzte; ein schöner Be- wickelt, das Empfinden ergreifend, revolutionie-
weis dafür, daß wirtschaftliches Wohlergehen rend, Mauern brechend, innig und wahrhaft, da-
nicht immer nur zum flachen Lebensgenuß und bei doch überschäumend und kühn, - "barba-
geistiger Verarmung, sondern auch zu echten risch" - "gotisch".
Höhen führen kann. Die Gotik hatte aber auch,
was ihre Auftraggeber und Ideenträger betrifft, Wie die Urchristen einstmals ihre Gottes-
in Bürgertum, Adel und Geistlichkeit die breite- dienste in den Gewölben der Katakomben ab-
ste Basis, die wir uns denken können, während
hielten, so haben auch die Christen der späteren
die nachfolgenden Stilepochen der Renaissance, Zeit, als sie ihre Religion frei ausüben durften,
des Barock und gar des Rokoko auf fortschrei- jahrhundertelang ihre Gotteshäuser als erdver-
tend dünner werdende Oberschichten der Macht
haftete Kultstätten über die Gemeinde gewölbt.
und des zusammengeballten Reichtums angewie- Gott mußte immer noch zur Erde niedersteigen,
sen waren. wo ihm der Mensch im geschlossenen Raum sei-
ner Kirche Ehre darbrachte. Doch außerhalb der
Die ersten Beispiele gotischer Baukunst finden Kirche stand der Mensch im Diesseits, in einer
wir in Nordfrankreich. Notre-Dame, Paris; die Welt, die noch von anderen Kräften und Mäch-
Kathedralen von Reims, von Chartres, von Ami- ten bewegt wurde, so daß keinesfalls der helle
ens, von Rouen, Le Mans, Abbeville und ande- Tag seines ganzen Daseins dem Christentum ge-
ren Orten sind hier zu nennen. Von Frankreich hörte. Diesem Zustand der Zeit entsprach in der
aus verbreitete sich der neue Baustil über ganz Kunst des Kirchenbaues noch bis zum 12. Jahr-
Nord- und Mittel-Europa, auch über England, hundert der romanische Stil. Und wenn wir uns
wo Canterbury, Oxford, Gloucester und andere erinnern, daß der romanische achteckige Kup-
Städte wundervolle Zeugnisse dieser Baukunst pelbau der Palastkapelle in der Kaiser-Residenz
aufweisen. Aachen zu den ersten Bauwerken Karls des Gro-
ßen gehörte, so haben wir gerade hier die be-
Ihre eigentliche Entfaltung und tiefste Wir- deutendste Gestalt unserer deutschen Geschichte
kung - bis in den Profanbau hinein - hat die vor uns, die noch in beiden Welten lebte; ein-
Gotik aber doch in Deutschland gefunden. Dar- mal in der Welt der christlichen Kirche, in der

23
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

mit Duldsamkeit und Nächstenliebe auch Har- mel zugewendet war, daß man für ihn und nur
monie ins Diesseits getragen werden sollte; dann für ihn die Form erstellte" (s.a.a.O. S.103/104).
aber wieder in der Welt des germanischen Für-
sten, der um politischer Ziele willen von grau- In dieser Gläubigkeit wurde auch jede Arbeit
samer Härte gegen Widersacher und Anders- handwerksgerecht ehrlich und gewissenhaft aus-
denkende sein konnte. geführt. Können wir den Abstand von der Den-
kungsart jener Zeit bis zur heutigen nüchternen,
Mit dem vollen geistigen Sieg des Christen- entseelten Arbeitsweise noch ermessen, wenn wir
tums erst kam ein Neues. Jetzt hatte die Lehre mit Verwunderung wahrnehmen, wie der Krab-
des Christentums die Menschen von innen her benschmuck der Wimperge in der Richtung von
ergriffen, ihre Sehnsucht zum Himmel und ihr Osten nach Westen das Erblühen einer Rose von
ganzes Leben in diesen rauschhaften Sog zur der Knospe bis zur vollentfalteten Blüte dar-
Höhe hineingezogen. Gottesdienst, Kirchenbau, stellt? - so zu sehen an der Katharinenkirche zu
Wallfahrten und Ordensdienst fanden hinge- Oppenheim.
bende Bereitschaft. Es ist oft gesagt worden, daß
dies alles nur aus Weltverachtung und Diesseits- Doch das Wesentliche der Gotik bestand ja
feindlichkeit - von den Priestern gepredigt - zu- nicht eigentlich in diesem verschwenderischen
standegekommen sei. In Wirklichkeit ist aber Reichtum von Skulpturen und Filigranwerk; das
niemals Religiosität und Gläubigkeit in so selbst- Wesentliche bestand vielmehr in den konstruk-
verständlich-natürlicher Weise mit kraftstrot- tiven Lösungen des neuen Bauprinzips.
zender Diesseitigkeit und heiterem Lebensgenuß
verbunden gewesen wie in dieser Zeit! - Soweit Der Baukörper bestand nicht mehr aus wuch-
das Christentum Besserung, Erhebung und tenden Mauermassen, die mit ihrer Kraft das
Freude im Diesseits gewähren und dulden konnte,
Gefüge tragen. Die Gotik hat vielmehr den Bau
ist es in diesen Jahrhunderten wirklich gesche- zerlegt, einerseits in seine statisch tätigen, tra-
hen. genden und andererseits raumbildenden oder
abschließenden Elemente. So wurde der Bau wie
Die Menschen der Gotik wollten ihre Gottes- ein organisch gewachsenes Gebilde, das wie ein
häuser nahe bei sich haben. Nur schmale Gassen Blatt zwischen der feingliedrigen Konstruktion
sind es mitunter, die den Dom vom Gedränge seiner festen Rippen Haut und Fleisch trägt.
der Bürgerhäuser trennen; und wenn noch ein Riesige Flächen brauchten nicht mehr tragende
Platz davor blieb, so war es der Marktplatz. Mauern zu sein, sondern bedurften nur noch
Der Bau selbst wird mit heiligem Eifer betrie- eines optischen Abschlusses zur Bildung und
ben. Generationen werden nicht müde, mitzu- Schließung des Raumes. Hier setzten die Bau-
wirken, beizusteuern, Arbeit und Geld zu op- meister der Gotik das Filigranwerk ihrer herr-
fern. Die Städte überbieten sich in der Groß- lichen Fenster ein und das farbige Mosaik der
artigkeit ihres Aufwandes; die Kathedrale ist Verglasung bildete einen durchsichtig leuchten-
der sichtbare Ausdruck für die Größe und den den gläsernen Teppich, der die profane Außen-
Ruhm der Stadt. Reiche Bürger, Patrizier, Kauf- welt, die Atmosphäre der nahen Gassen und des
herren, Gilden und Zünfte leisten Karrendienste geschäftigen Marktes nicht in das Heiligtum ein-
und machen Stiftungen. Kostenfragen sind von dringen ließ.
völlig untergeordneter Bedeutung, ist doch der
ganze Bau nichts anderes als Gottesdienst. Dem
Mit welcher Anteilnahme am Werk die Bür-
modernen, rationalistisch-kaufmännischen Den- gerschaft der mittelalterlichen Stadt bei der
ken mögen die Hunderte von Türmchen, die die Sache war, geht besonders daraus hervor, daß
Wimperge zieren und die Strebepfeiler und die
die Fenster der Dombauten von reichen Bürgern,
kleinen steinernen Blattbüschel die "Krabben", Patriziern, Gilden und Zünften als Ganzes ge-
die überall herausblühen, oder gar die Figuren stiftet wurden, nicht etwa nur hier und dort ein-
von Mensch und Tier, die an Fassaden, auf Dä-
mal, sondern geradezu als Regel im ganzen wei-
chern und Gesimsen zu sehen sind, als tollste ten Raum der Christenheit. Da sehen wir im
Verschwendung erscheinen. Denn in der Tat Freiburger Münster das Fenster der Schneider-
wurden, wie Max Deri in seinem Werk "Die
zunft und weit oben im erst besiedelten Osten
Stilarten" schreibt, "Tausende der Schmuckfor- stiftet die sicher nicht zu den reichsten gehörende
men der gotischen Dome niemals von einem an- Gilde der Sack-, Kohlen- und Kornträger zu
deren Auge als dem des Bildners erblickt - und
Danzig um das Jahr 1450 zum Bau der Marien-
wurden dennoch gebildet." - kirche 200 Mark bar (= 48 000 Silber-Denare)
und außerdem ein gemaltes Kirchenfenster (s.
Zu verstehen ist das nur aus der Innigkeit Adolf Damaschke: "Geschichte der National-
und Intensität des religiösen Gefühls, das, wie ökonomie" S. 51).
der Verfasser sagt, - "so sehr allein dem Him-

24
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Und in Straßburg, wo die Bürger in blutigem So aber zu bauen, daß des Menschen Herz mit
Streit um die Stadtfreiheit sich an den Kaiser naturgesetzlicher Gewißheit von der strahlen-
und das Reich gehalten und den Bischof besiegt den Kraft dieser göttlichen Harmonie erfaßt
hatten, widmeten sie die Reihe der Fenster am wird, das war das Geheimnis der mittelalter-
Münsterbau ungewöhnlicherweise nicht der Dar- lichen Bauhütten und das war auch die große
stellung von Heiligen der Kirche, sondern den Kunst aller wahren Baumeister der Geschichte. -
Bildnissen der 28 deutschen Könige, die man bis
zum Jahre 1275 zählte (s. George Dehio: "Das Das Wissen um diese Geheimnisse ist in der
Straßburger Münster" S.11). Entwicklung des rationalistischen Denkens all-
mählich verschüttet worden - die Gültigkeit von
Neben den Fenstern gehört auch die "Rose" Maßverhältnissen am Empfinden zu prüfen,
zu den eindrucksvollsten Gestaltungen am Kir- scheint mit der Ratio schlechterdings unverein-
chenbau der Gotik. Wie ein steinernes Spitzen- bar zu sein -. So hat man denn in der modernen
gewebe von riesigen Maßen in die Fläche der Zeit häufig nur noch nachgeahmt, was die alten
durchbrochenen Mauern gespannt und verglast, Meister schufen; und wo einer stolz aus eigenem
gewährt sie noch dem scheidenden Licht der sin- Geist experimentierend etwas Neues schaffen
kenden Sonne den Einfall in den Dom. wollte, konnte es dann zu Raumgestaltungen
kommen, in denen man sich unwillkürlich um-
Wenn sich Kultur in der Vergeistigung des sieht, wo denn die Gleisanlagen sein mögen, auf
Stoffes zeigt, in der Kunst, allezeit vorhandene denen der Expreß einfahren wird, - denn das
Materie zu beseelen, Gestaltungen zu bilden, die Ganze wirkt so seelenlos wie eine Bahnhofs-
etwas Tieferes im Menschen anrühren und etwas halle.
in ihm zum Klingen bringen, das ihn über den
Alltag hinaushebt, ihn wieder aufrichtet und Charakteristisch für die Zeit des gotischen
ihm das Gefühl gibt, als Mensch doch mehr zu Mittelalters ist wohl dies - und damit kommen
sein als ein sprachbegabtes Tier, dann ist es wir zu einem schon berührten Punkt zurück -,
echte daß das alltägliche Leben tiefer mit Religiosität
Kultur. Daran war das hohe Mittelalter reicher verwoben oder das Christentum tiefer in die
als wir - auch wenn mitunter noch Borstentiere Bürgerlichkeit eingedrungen war. Die große
über die Straße der mittelalterlichen Stadt lie- Zahl kirchlicher Feiertage mag ebenfalls dazu
fen und Asphaltstraßen, Neonlicht, Staubsauger beigetragen haben, das ganze Leben in eine At-
und Radio unbekannte Begriffe waren. mosphäre von heiterem Lebensgenuß und reli-
giöser Innigkeit zu tauchen. So schreibt auch
Bevor wir aber nun noch einige Einzelheiten Sacheverell Sitwell in seiner "Studie des mittel-
zur Illustration der überquellenden Opferwil- alterlichen Lebens": "Niemals in der Geschichte
ligkeit und zugleich zum Beweis eines nie wie- war vor- oder nachher. . . etwas Derartiges wie
der erreichten wirtschaftlichen Leistungsvermö- jenes Zeitalter. Es zeigte einen echten und leben-
gens betrachten, sei noch ein kleiner Hinweis digen Wetteifer in einem noch nie dagewesenen
auf die offensichtlich verlorengegangene Fähig- Maße. Das Leben war zur Poesie geworden; es
keit, Materielles und Seelisches, Irdisches und hatte sich in ein wirkliches Paradies verwandelt,
Göttliches zusammenzubringen, eingefügt. worin es sich lohnte, sowohl seine Gefahren zu
wagen als auch sich seiner Vergnügen zu erfreu-
en" (s. Dr. H. R. Fack: "Das Geld der Gotik").
Niemand, der einen Dom betritt, kann sich
des Gefühls erwehren, das ihn in diesem Bau
in seine Gewalt zieht, sein Herz emporreißt, Ebenso schreibt Professor Rene Thevenin, ein
die Brust weitet und etwas Unbekanntes in ihm französischer Forscher, von dieser Zeit, sie sei
anrührt. Es ist die Harmonie des Raumes, die "eine der größten Perioden der Kunst und des
ihre Gewalt ausstrahlt. Harmonie ist aber, wo Glaubens in der Geschichte der Menschheit, be-
immer sie in Erscheinung tritt, in Ton und Maß gleitet vom Bau wunderbarer Kathedralen, die
und Zahl und Farbe der große Einklang mit mit den größten Meisterwerken aller Zeiten und
dem Kosmos, mit Gottes Schöpfung - oder wel- Länder rivalisieren." Und auch dieser Autor
che Namen der Mensch dafür noch finden mag. sagt: "Diese herrliche Entwicklung führte die
Des Menschen Herz ist dafür empfänglich und Menschen zu Höhen, wie sie nicht oft in der Ge-
selbst wenn sein Verstand nicht weiß, woher es schichte erreicht wurden!" (s. Dr. H. R. Fack:
kommt, wird sein Empfinden doch von einer "Das Geld der Gotik").
unbekannten Kraft angerührt und erfaßt; er
spürt die Harmonie mit innerer, beglückender Schließlich aber wären das alles vor dem arm-
Bewegung, oder mit anderen Worten: er spürt seligen Denken unserer kleinmütigen Zeit nur
die Nähe Gottes - sei es im Dom, in der Stille Worte - wenn nicht die heute noch in den Him-
des Hochwaldes oder beim Anhören von Musik. mel ragenden steinernen Zeugen einstiger Lei-

25
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

stungskraft und Kulturhöhe die im hellen Tages- auch die Kathedrale von Antwerpen nur mit
licht stehenden Beweise darstellen würden. einem Turm ins Land.

Jede dieser Kathedralen ist in ihrer Art etwas Köln hat seinen Dom einstmals als das größte
Einmaliges. Da ist der gewaltige Münsterbau Bauobjekt der Gotik geplant und begonnen. Der
von Ulm, nach dem Kölner Dom die größte go- Wetteifer war so groß, daß fast jeder Bau bei
tische Kirche Deutschlands, die mit ihrem Turm seinem Beginn als der größte, höchste und
von 161 Meter Höhe das höchste Steinbauwerk schönste Dom geplant war. Aber auch Köln
des christlichen Abendlandes wurde; da ist das wurde nicht vollendet und konnte, ebenso wie
Filigranwerk des Turmhelmes vom Freiburger Ulm, erst im 19. Jahrhundert nach den alten
Münster, dessen Konturen von der Ferne gese- Plänen fertiggestellt werden. Auch der Wiener
hen wie ein feines Spitzenmuster im Dunst des Stephansdom wurde erst später vollendet.
seidigen Himmels verschwimmen; da ist - ganz
andersartig wieder - der Straßburger Münster- Welche Kraft und Leistungsfähigkeit müssen
turm, der von einem siebenfachen Kranz kleiner sich die Menschen der Gotik zugetraut haben,
Türmchen um den Kern der Spitze herum gebil- um sich an solche Projekte zu wagen! - Wie müs-
det wird, jedes mit einer Wendeltreppe im Inne- sen wir uns die Kathedrale von Reims vorstel-
ren, so angeordnet, daß der Besucher in der herr- len, wenn sie vollendet wäre? - Aber die Zeit
lichen Höhe über dem Giebelmeer der Stadt von war abgelaufen, die Kraft versiegte, als die Wirt-
einem zum anderen Türmchen übertreten und in schaftsblüte aus damals unbegreiflichen Gründen
einer Spirale zur Spitze emporsteigen kann; das ihr Ende fand. Die Menschen wurden von Not
Meisterwerk der Straßburger Bauhütte, durch und Sorgen gepackt, die einen wurden kleinlich
das sie 1459 zum Oberhaupt der deutschen Bau- und geizig, die anderen arm und hilflos. Da flos-
hütten erkoren wurde. sen keine Stiftungen mehr für die Gotteshäuser,
das Wachstum hörte auf, wie vom Frost getötet.
In Frankfurt ragt der Dom wie eine mächtige
steinerne Eruption in den Himmel, nach oben An vielen gotischen Kathedralen blieben die
immer stärker aufgelöst und schließlich über Türme unvollendet. Manche erhielten nur ein
einer achteckigen Kuppel eine spitze Laterne Notdach, wurden später in anderer Weise wei-
tragend. Seit der Wahl Barbarossas (1152) war tergebaut oder jedenfalls abgeschlossen. So er-
es Gewohnheitsrecht, daß die deutschen Königs- hielten auch die beiden Türme der spätgotischen
wahlen in diesem Dom stattfanden. Frauenkirche in München die "welschen Hau-
ben" der kupfergedeckten Kuppeln, die nun zu
Da ist der Stephansdom in Wien mit seiner einem fernhin erkennbaren Wahrzeichen Mün-
unwahrscheinlich schlanken Turmspitze, wie aus chens geworden sind, erst im Anfang des 16.
einer gewaltigen Strahlkraft in die Höhe getrie- Jahrhunderts. Da war die Wirtschaftsblüte der Go-
ben; der wuchtige Dom von Regensburg, zu sei- tik vorbei. Öde und leer waren die Werkplätze
ner Zeit die größte Kirche Deutschlands; der der Steinmetze, der Bildhauer und Maurer, der
Dom von Naumburg a. d. Saale, von Magde- Glaser und Holzschnitzer und vieler anderer
burg, von Meißen; da sind die Münsterbauten Handwerker und Künstler; nicht nur die Bau-
von Bern, Zürich, Basel, Konstanz, Überlingen kunst, auch die Plastik, Malerei, die Goldschmie-
und ganz oben in Westfalen, in Norddeutsch- dekunst und viele andere Gewerbezweige waren
land, die Werke der Backsteingotik, Soest, Mün- mit dem Versiegen der Geldzirkulation - mit
ster, Lübeck, Stralsund, Wismar, Rostock, Stet- dessen neuerlicher Ursache wir uns noch befas-
tin, Greifswald, Danzig, Königsberg. sen müssen - in den Dornröschenschlaf der Krise
versunken.
Da sind in Belgien und in den Niederlanden
die Kathedralen von Antwerpen, von Lüttich,
Brüssel, Löwen, Ypern, Leyden und anderen
Orten. Wir müßten einen Katalog anhängen,
wenn wir alle auch nur aufzählen wollten.

Wie beiläufig schon erwähnt, blieb manches


großartig kühne Werk unvollendet. In Straß-
burg hatte man sich zum Ausgang des 14. Jahr-
hunderts zwar bereits darauf konzentriert, nur
einen Turm zu bauen, wer aber will sagen, ob
nicht der Entschluß zum zweiten Turm bereits
von finanziellen Erwägungen zurückgedrängt
wurde? - Wie das Straßburger Münster grüßt

26
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

triebsamkeit von Gewerbe, Handwerk und Han-


DIE ENTWICKLUNG DER del heranzuziehen, denn der Markt brachte Ge-
STÄDTE winn, und wer sich am Ort des Marktes seßhaft
machte, zahlte dem Grundherrn den "Wort-
Das Bild vom Leben und der Kultur jener
Zins" (s. Adolf Damaschke: "Gesch. d. National-
Zeit wäre kein vollständiges, wenn wir nicht auch
ökonomie" S. 52 ff); und so stieg die Grund-
die Bürgerhäuser und Patrizierpaläste, die Rat-
rente des Stadtbodens mit jedem Zuzug.
häuser, die Brunnen, Straßen und Marktplätze
in unsere Betrachtungen einbeziehen würden.
Gewiß konnten nur auf diesem kraftstrotzenden Im Laufe der Zeit war indessen die Bürger-
Boden eines in der neuen Lebensform der Stadt- schaft erstarkt, Kaufherren und Zunftmeister
gemeinschaft gedeihenden Reichtums so stolze waren sich ihrer Bedeutung für das Gedeihen des
Werke aufblühen. Was aber damals in diesem Gemeinwesens bewußt geworden, und so war es
Sinne geschah, unterscheidet sich sehr häufig unvermeidlich, daß die Interessen der
wesentlich von dem, was nach unserem heutigen Bürgerschaft mit denen der kirchlichen oder adli-
Denken das Grunderfordernis für die Aufbringung gen Grundherren in Widerstreit gerieten. Oft
hervorragender Gemeinschaftsleistungen stellten sich dann die Bürger unter den Schutz
darstellt. Man hat sich die notwendigen Mittel des Kaisers und des Reiches, was den Macht-
damals nicht mühsam und widerwillig abgespart, kämpfen des Kaisertums mit Kirche und Adel
man hatte es auch keinesfalls nötig, unerhörte den Ausschlag zugunsten des Kaisers gab. Dann
Steuerlasten auf die Schultern der Bürger zu unterstanden die "freien Reichsstädte" keinem
legen, und man hat noch nicht mit den Landesherrn mehr, sondern nur noch der Ober-
finanzpolitischen Tricks der "Kreditschöpfung" hoheit des Kaisers.
Vorfinanzierungen vorgenommen, die zum Schluß
doch irgend jemand bezahlen mußte. Das alles Was die Nutznießung des Stadtgrundes an-
war nicht notwendig, weil der allgemeine belangt, war damit freilich nichts Wesentliches
Reichtum aus dem jahrhundertelang nicht geändert. Es war aber schon bedeutungsvoll ge-
abbrechenden Strom der Geldzirkulation, aus der nug, was der Bürger an politischer Geltung ge-
Befruchtung jeder Gewerbetätigkeit durch den wonnen hatte. Die Führungsschicht des Bürger-
immerwährenden Absatz, den sich die Menschen tums war vornehmlich aus dem Kreise der er-
mit dem nicht hortbaren Brakteaten-Geld selber folgreichen Kaufherren hervorgegangen wie
vermittelten, so selbstverständlich zunahm, daß auch aus den Geschlechtern, die Grundbesitz im
die Aufwendungen für den Stolz der Stadt leicht Bereich der Stadt besaßen oder erworben hatten.
aufgebracht werden konnten. Nicht selten sind reichgewordene Handelsherren
nicht nur durch Kauf, sondern auch durch Fami-
Hier müssen nun aber zu diesen Aufwendun- lienverbindungen mit den Geschlechtern der
gen für die Kulturschöpfungen des gotischen Kir- Grundbesitzer selbst zu Grundbesitz gekommen.
chenbaues, die natürlich genau so wie heute von Diese Schicht, durch das eigene Schicksal am
den Ausgaben fur die Lebenshaltung erübrigt stärksten mit der Stadt verbunden, bildete das
und abgezweigt werden mußten, auch die Auf- Patriziat der ratsfähigen Geschlechter.
wendungen für das Gemeinwesen der Stadt hin-
zugerechnet werden. Dabei sehen wir aber, daß Gegen den Stand der Handwerkerschaft, ge-
sich die Rathäuser, die Stadtmauern, Brücken, gen die Zünfte, bestand eine genaue Abgrenzung,
Straßen, Plätze und Brunnen mit fortschreiten- was allerdings nicht verhindern konnte, daß
der Entwicklung der Stadt durchaus neben ihren auch die Zünfte im Laufe der Entwicklung in
Gotteshäusern zeigen konnten. Und die wirt- den Rat drangen und die Geschicke des Gemein-
schaftlich starke und gesunde Bürgerschaft hat wesens mitbestimmten. Das Leben der Stadt er-
beide Lasten, die Ausgaben für Christenheit und forderte den Aufstieg neuer Kräfte und das Ab-
Stadtgemeinschaft, spielend getragen. - stoßen der Versagenden. So konnte wirtschaft-
licher Mißerfolg eines Ratsherrn schon Grund
Mit dem Rathaus hat der erwachende Bür- genug sein, auch seine Entfernung aus dem Rat
gerstolz nicht nur das Zentrum seiner Gemein- zu bewirken.
schafts-Angelegenheiten, sondern zugleich auch
die Stätte seiner Repräsentation entwickelt. Hier Um die Bedeutung und Vielfalt der Aufga-
hat der neue Stand des Bürgers seine Kraft kon- ben, die dem Rat einer mittelalterlichen Stadt,
zentriert, um sich der alten Mächte des Adels etwa einer freien Reichsstadt, gestellt wurden,
und der auf weltliche Macht bedachten Kirchen- richtig würdigen zu können, muß man neben der
fürsten zu erwehren. Neue Geschlechter waren Berücksichtigung der Tatsache, daß diese neue
den alten Mächten über den Kopf gewachsen. Form eines Gemeinwesens für die Träger ihrer
Einst hatten Bischöfe und Grundherren, die Aufgaben überhaupt noch ohne Vorbild war,
Pfalzgrafen des Kaisers und die Herren der Bur- auch die allgemeinen Verhältnisse in Rechnung
gen ihre Mauern geöffnet, um die kleine Be- stellen, insbesondere in bezug auf Sicherheit und

27
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Krieg und Frieden. Diese Welt des Mittelalters Wir müssen bedenken, daß noch im 13. Jahr-
war keineswegs als Ganzes von azurblauem Frie- hundert ein frisch-fröhlicher Überfall auf den
den überstrahlt, und was geleistet werden mußte, Nachbarn oder den reisenden Kaufmann oder
um das zu vollbringen, was wir nach Jahrhun- die nahe Stadt für eine ehrbare Tätigkeit ange-
derten noch bewundern, das mußte unter weit- sehen wurde. Rauben und Plündern während
aus schwierigeren Bedingungen geleistet werden, der Fehde und unter dem Gesetz des Faustrechts
als wir sie uns heute vorstellen können. hinterließ keinen moralischen Makel auf dem
Schild des Angreifers. Die Anwendung von Waf-
Es fing an mit den Problemen der Rechts- fengewalt im Kampf ums Dasein und die Ge-
sicherheit. Hatte sich der Bürger zunächst in den fahr für die Arbeitsamen, bei einem solchen
Schutz der Stadtmauern, in den Schutz der er- Strauß mit Rittern und Reisigen Gut und Leben
weiterten Burg eines Grundherrn begeben, so zu verlieren, gehörte einfach zu den Gegeben-
hatte er damit noch keine Gewähr dafür, daß heiten der mittelalterlichen Welt und zu den all-
nicht ein Stärkerer mit seinen Reisigen den eige- täglichen Fährnissen. Auch hieran dürfte wieder
nen Grundherrn überfallen und die Stadt brand- zu ermessen sein, um wieviel schwieriger es un-
schatzen konnte. Die Stadt mußte zur eigenen ter solchen Umständen gewesen sein muß, etwas
Verteidigung gewappnet sein; und diese Not- Großes und Bleibendes zu schaffen.
wendigkeit wurde begreiflicherweise doppelt
wichtig, wenn sich die Stadt zur Unabhängig- Aber schließlich erforderte die Entwicklung
keit von ihrem einstmaligen Grundherrn ent- von Handel und Gewerbe eine friedliche Ord-
wickelt hatte. So mußte der Rat auf Befestigung nung, und wenn schon die Kirche sich nicht
und Wehrdienst bedacht sein. Für uns ist es heute durchsetzen konnte - die bereits in einem Konzil
ein idyllischer Anblick, wenn wir die efeube- die Wochentage und später auch den Raum
wachsenen Stadtmauern sehen und die Tortürme, festgesetzt hatte, innerhalb dessen keine
aus mächtigen Brocken von Natursteinen viele Gewalttat begangen werden durfte -, so half die
Meter dick aufgebaut, und die überdachten erste Reichssatzung über den Landfrieden, die
Wehrgänge für den Rundgang der Wehrman- Kaiser Friedrich im Jahre 1152 erließ, doch
nen; aber als das alles gebaut wurde, kostete es schon, bessere Zustände zu schaffen. Doch das
Mühe und Schweiß und mußte aufgebracht wer- wesentliche Verdienst an der Überwindung des
den aus dem Leistungsvermögen auf sich selbst mittelalterlichen Faustrechts und an dem Sieg
gestellter Gemeinschaften, die doch zahlenmäßig einer verläßlichen Gemeinschaftsordnung gebührt
oft noch sehr klein waren. Im 15. Jahrhundert dem Bürgertum der Städte und den
zählte - um in diesem Zusammenhang nochmals Städtebünden. Manche Adelsgeschlechter haben
daran zu erinnern -, die Stadt Mainz mit Frauen jahrzehntelang mit den Städten in Fehde
und Kindern 6000, Frankfurt 9000 Einwohner. gestanden, zuerst nur mit einzelnen, denen sie
Und Augsburg und Nürnberg hatten nicht mehr sich gewachsen fühlten -, bis ihnen das Aufgebot
als 18 000 und 20 000 Einwohner. der verbündeten Städte entgegentrat.

In manchen Städten wurden die festen Kosten Zur Sicherung der Gemeinschaftsordnung be-
der Stadtverteidigung auf den Grundbesitz um- durfte es außer der Wehrhaftigkeit auch der
gelegt. So verfügte Worms im Jahre 1459, daß städtischen Selbstverwaltung, ja sogar einer ei-
jeder Bodeneigentümer "Wachtgeld" zu entrich- genen Gerichtsbarkeit. Die mittelalterliche Stadt
ten hatte. Mainz ließ sich seine Stadtmauern war somit fast so etwas wie eine kleine Welt, die
gegen Zusicherung der Zollfreiheit von den sich um sich selber drehte. Recht und Sitte, Ge-
umliegenden Ortschaften bauen, und zwar so, bräuche und Lebensformen waren zum Teil ein-
daß jede Gemeinde für ein bestimmtes Stück der fach nur von der höheren, verbindenden religiö-
Stadtmauer aufzukommen hatte, auf dem ihr sen Idee, teils freilich auch von Rechtsnormen
Name mit der Anzahl der Mauerzinnen vermerkt geprägt, die als Reichsrecht schließlich doch
war. Aber den Unterhalt und die Bewaffnung der schon eine fast allgemeine Gültigkeit erlangt
Wehrleute hatte jede Stadtgemeinschaft als nicht hatten. Im übrigen bildete sich das Recht aus
abwälzbaren Aufwand dauernd zu tragen. der Entwicklung des alt-germanischen Gewohn-
heitsrechtes, dem Karl der Große schon bei sei-
Das Erblühen von Handwerk, Handel und ner Gesetzgebung selbst genügend Spielraum
Gewerbe bedurfte des Friedens. Zusammenarbeit eingeräumt hatte, indem er den Alemannen das
und gegenseitige Förderung ist nur auf dieser alemannische, den Franken das fränkische, den
Grundlage möglich. Das fängt mit dem "Haus- Sachsen das sächsische und jedem Stamm sein
friede" an, das ist der Sinn des "Burgfriedens", stammeseigentümliches Recht weitgehend belas-
und so genossen die Bürger des Mittelalters we- sen hatte. Aus dieser geschichtlichen Situation
nigstens in den Mauern ihrer Stadt den "Stadt- heraus wurden Rechtsnormen noch im hohen
frieden". - Um den "Landfrieden" freilich war Mittelalter gewissermaßen in einer Konkurrenz
es noch übel bestellt. - des Geistes und der salomonischen Weisheit ent-

28
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

wickelt. Die Rechtsbücher "Sachsenspiegel" und gotischen Stil aufsteigenden vergoldeten


"Schwabenspiegel" waren nur Sammlungen von Steinpyramide, von einem hohen geschmiedeten
Rechtsnormen und Verfahrensgrundsätzen. Man Gitter umgeben, in welches ein sagenumwobener
nahm sich für das eigene Stadtrecht heraus, was Ring eingearbeitet war, den reichen Kunstsinn der
man für gut erachtete. Und eine Stadt mit vor- Stadt. Die Bürger- und Patrizierhäuser waren
trefflichem Recht erfreute sich großen Ansehens. meistens in der Höhe des Erdgeschosses in Stein
So war Lübecker Recht schon früh im ganzen gebaut, worüber dann noch zwei oder drei reizvoll
Ostseeraum angenommen und gültig. gestaltete Fachwerkgeschosse mit schönen
Erkern - den Nürnberger "Chörlein" - lagen.
Diese kleinen Hinweise auf die Umstände
und Besonderheiten der Zeitverhältnisse mögen Es versteht sich von selbst, daß die Rathäuser
ein wenig verdeutlichen, daß es im Mittelalter in allen diesen Gemeinwesen der mittelalter-
etwas anderes war, dem Rat einer Stadt anzuge- lichen Stadt am eindringlichsten von der Kraft
hören, als es heute ist. Von diesem Gesichtspunkt und dem Aufstieg des Bürgertums zeugten, wie-
her stellt sich die Leistung der in unser Blick- derum im ganzen Bereich des in Rede stehenden
feld gezogenen Zeit nur noch imposanter dar. Kulturzustandes. In bevorzugter Lage, häufig
Bei aller Anerkennung persönlicher Größe, gei- am Marktplatz gegenüber dem Dom, erhebt sich
stiger und seelischer Auftriebskräfte von einzel- der repräsentative, würdige Bau, der dem Ge-
nen Menschen bleibt schließlich doch, daß das meinwesen dient. Da laufen alle Fäden von Ver-
Ganze neben dem überquellenden Aufwand für waltung, Wehrbereitschaft, Rechtswesen und der
die Werke der Kultur eine unglaubliche Produk- gesamten öffentlichen Ordnung zusammen. Ge-
tivität der Arbeit des Stadtbürgers darstellt, um räumige und kunstvoll ausgestattete Säle geben
so verwunderlicher, als die modernen Hilfsmit- den würdigen Raum für wichtige Rechtshand-
tel - die Verkehrsmittel, Dampfmaschinen und lungen wie auch für den Empfang vornehmer
Motoren - noch vollkommen unbekannte Dinge Gäste.
waren.
Da war in Frankfurt der Römer, das alte
Wie anders wollte man sich aber das Ergebnis Rathaus auf dem Römerberg mit seinem Kaiser-
erklären, als eben nur so, daß diese Zeit, ohne saal, in welchem nach den Krönungen das Mahl
bewußt rationalistisch zu denken, ihre Produk- eingenommen wurde; da war der Hansa-Saal
tivität voll und ganz ohne den Leerlauf über- des Kölner Rathauses, der um 1367 historischer
flüssiger sozialer Organisation und ohne die Be- Schauplatz der ersten großen deutschen Tagung
lastung mit zehrender Arbeitslosigkeit anzuset- der Hanse war; in Münster in Westfalen war
zen vermochte? - Die Wirtschaftsblüte dieser das gotische Rathaus drei Jahrhunderte nach
Jahrhunderte, die das ganze Gestrüpp moderner der Erbauung in weiter Runde noch immer die
Probleme noch nicht kannte, war so selbstver- einzig geeignete Stätte, an welcher der Abschluß
ständlich wie ein Naturvorgang. des westfälischen Friedens vollzogen werden
konnte. In Lübeck zeugen neben einem Kranz
Wiederum können wir auch auf zeitgeschicht- gotischer Kirchen auch Rathaus, Holstentor und
liche Zeugnisse für diese mittelalterliche Wirt- das schon im 13. Jahrhundert vollendete Heilig-
schaftsblüte zurückgreifen. Am treffendsten und Geist-Hospital - alles Werke norddeutscher
schönsten hat vielleicht der schon an anderer Backsteingotik - von der Leistungskraft des Ge-
Stelle zitierte gelehrte Kardinal Silvio de Picco- meinwesens. Lübecks Bedeutung ging freilich
lomini anno 1457 sein Lob der Stadt Nürnberg weit über die Grenzen der Stadt hinaus, und so
in die Worte gefaßt: "Wenn man aus Nieder- hatte Kaiser Karl IV. anno 1375, als er in der
franken kommt und diese herrliche Stadt aus der Stadt weilte und die Mitglieder des Rates mit
Ferne erblickt, zeigt sie sich in wahrhaft maje- dem nach damaligem Brauch nur dem Adel ein-
stätischem Glanze, der sich beim Eintritt in ihre geräumten Titel "Herren" angeredet hatte - was
Tore durch die Schönheit ihrer Straßen und die diese mit stolzer Bescheidenheit zurückwiesen -
Sauberkeit ihrer Häuser bewahrheitet. Die Kir- mit fester Selbstverständlichkeit darauf beharrt,
chen zu St. Sebald und St. Lorenz sind ehrwür- denn Lübeck sei eine von den 5 Städten - Rom,
dig und prachtvoll, die kaiserliche Burg blickt Venedig, Pisa, Florenz, Lübeck-, denen das
fest und stolz herab und die Bürgerhäuser er- Recht erteilt sei, im Rat zu sitzen als Herren. -
scheinen wie für Fürsten erbaut."
Oft finden wir an den repräsentativen Bauten
Gewiß gehört Nürnberg zu den hervorragend- dieser Zeit auch die Außenfront mit herrlichen
sten Städten, es hatte als eine der ersten Fresken bemalt. Die Fresco-Malerei war eine
deutschen Städte schon gepflasterte Straßen. anspruchsvolle künstlerische Technik, die im
Sein Rathaus war anno 1332 in gotischem Stil 14. Jahrhundert in Italien aufkam und nicht
begonnen; von seinen Brunnen zeigt der nur in Kirchenbauten, sondern auch an Rat-
berühmte "Schöne Brunnen" mit seiner im häusern, Patrizierpalästen, Klöstern, Spitälern,

29
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Kaufhallen und anderen öffentlichen Bauwer- Zeitgeschmarks. Das Wohlbefinden des


ken zur Anwendung kam; ein Ausdruck gedie- Menschen hängt nämlich nicht vom Brote allein
genen Wohlstandes und hohen Kunstsinnes der ab, es ist überdies eine Sache, die nicht mit dem
Stadtbürger. Intellekt, sondern mit dem Gefühl gewertet wird.
Und auf die Dauer behält das Gefühl immer noch
Wundervoll, von Reichtum und Gemeinsinn recht.
zeugend, ist auch das Rathaus von Lüneburg, das
mit seiner Gerichtslaube einen Saal von vollen- Das Bürgerhaus des Mittelalters ist in Mate-
deter Harmonie besitzt. Dieser Saal hat manches rial und Gestaltung einem unkomplizierten na-
feierliche Ereignis in der reichen Stadt und auch türlichen Bedürfnis gerecht geworden, einem Be-
manche ernste Entscheidung der städtischen Ge- dürfnis, das sich auch im modernen Menschen
richtsbarkeit mit angesehen; und mehr als vier noch meldet. Darin liegt der Grund dafür, daß
Jahrhunderte lang wurden in diesem Saal die wir die alten Häuser im Fränkischen und in
Schätze und Prunkstürke des Rates, 36 Meister- Schwaben, am Rhein und im Elsaß, in Bayern
werke der Goldschmiedekunst, aufbewahrt, von und in Norddeutschland auch heute noch mit
denen die letzten erst im Jahre 1886 an den einer leisen Wehmut im Herzen betrachten, nicht
Preußischen Staat verkauft werden mußten. - aus reinem Romantizismus, sondern eben aus
dem Gefühl heraus, daß Haus und Wohnung
Wir können nun auch noch nach Braunschweig damals würdige und wesensechte Bestandteile
schauen, oder nach Wesel, nach Bremen, wo der im reichen Teppich des allgemeinen Kulturzu-
steinerne Roland als Wächter des Marktes vor standes darstellten und ein volles und gesundes
dem gotischen Rathaus steht, oder nach den Leben darin wirkte.
Niederlanden und Belgien, in jenen Jahrhun-
derten noch zusammengehörend, wo wir in Lö-
wen, in Brügge, Gent, Ypern, in Brüssel und
vielen anderen Orten die gleichen Spuren blü-
henden Gemeinschaftslebens finden; in Nord-
frankreich allerdings sind öffentliche Bauten die-
ser Art, obwohl die Gotik dort ihren Anfang
nahm und im Kirchenbau Unvergleichliches ge-
schaffen hat, selten anzutreffen. Doch in Eng-
land, wo in London die Westminsterabtei, das
Rathaus, die Crosby-Hall, der Tempel und zahl-
reiche Zunfthäuser in dieser Zeit entstanden
sind, finden wir ähnliches wie in Deutschland
an vielen Orten; in Salisbury stammt das Capi-
telhaus aus dem 13. Jahrhundert, in Cambridge
Kings College aus dem 15. Jahrhundert und so
wäre noch vieles zu nennen.

In einer Welt, in der aus echter Begeisterung


und mit stolzer Freude so Hervorragendes für
den Gottesdienst und für das Wohl des Gemein-
wesens geleistet wurde, kann es nicht anders
sein, als daß die gleiche Luft auch durch die
Bürgerhäuser weht. Kultur fängt ja nicht irgend-
wo ganz oben an. Nach einem Wort von Peter
Rosegger ist das Haus "recht eigentlich die
Brunnstube aller Kultur". Und so sagt man mit
Recht, daß sich der Kulturzustand einer Zeit
oder eines Volkes deutlich darin zeigt, wie diese
Zeit und dieses Volk haust und wohnt.

Wir stehen vielleicht etwas in Gefahr, der


Träumerei verdächtigt zu werden, wenn wir an-
gesichts des bekannten Wohnkomforts der Neu-
zeit - mit dem wir es bis zur Aufenthaltsmöglich-
keit im Beton-Bunker gebracht haben - doch
manchmal der schlichten Behaglichkeit eines
alten Fachwerkhauses den Vorzug geben würden.
Es ist das aber nicht einfach nur eine Frage des

30
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

birgspässe hinweg, die Flußtäler entlang, wie


DIE DEUTSCHE HANSE ein von starkem Leben durchpulstes Aderwerk,
Es versteht sich von selbst, daß sowohl der das von der vitalen Kraft des ganzen Raumes
Reichtum der Städte als auch der Glanz solcher der mitteleuropäischen Wirtschaftsverfassung
Kulturwerke, wie sie in diesen drei Jahrhunder- Kunde gab und bis an die Peripherie der damals
ten aus der Erde wuchsen, nicht allein aus dem bekannten Kulturwelt reichte.
engen Raum nachbarlicher Zusammenarbeit in-
nerhalb der Stadt oder auch aus gegenseitiger Da war über die Alpenpässe hinweg die Han-
Förderung zwischen Stadt und Land entstehen delsstraße von Norditalien, Genua, Venedig,
konnten. Es gehört noch mehr dazu. Wohl kann Florenz zum Rheintal diesseits der Alpen, den
Arbeitsteilung und Leistungs-Austausch im ver- Rhein entlang bis zu seiner Mündung und da-
hältnismäßig kleinen Raum beginnen; aber um mit zum Anschluß an die Seefahrtswege nach
den vollen Segen der größten Ergiebigkeit der England. Über diese Handelsstraße brachten die
Arbeit und der reichen Mannigfaltigkeit der Er- Kaufleute viel Gewürz und Spezereien, Duft-
zeugung auszuschütten, bedurfte es auch einer in stoffe, Heilmittel aus dem Orient auf die Märkte
die Ferne reichenden Handelsverzweigung. von Frankfurt, Köln, Brügge, Antwerpen, eben-
so auch Rohstoffe, Baumwolle, Alaun, das lange
Und jetzt ist wieder etwas Besonderes bemer- Zeit nur von den Türken zu bekommen war und
kenswert, das gleichfalls in den Bereich unserer zur Gerberei und Färberei gebraucht wurde,
Betrachtungen und in den Zeitabschnitt dieser Seide und kunstvolle Brokatstoffe aus Alexan-
reichen Jahrhunderte fällt: die Entwicklung der drien und Byzanz. Den entgegengesetzten Weg
deutschen Hanse. machten die Weberei-Erzeugnisse aus Flandern,
das Pelzwerk aus dem hohen Norden. Pelze gal-
Der Fernhandel ist auch von anderen Völ- ten schon frühzeitig als vornehmste Bekleidung,
kern früherer Kulturen schon gepflegt worden. als Zeichen von Würde, Pracht und Reichtum
Die Landeserzeugnisse fernab gelegener Gebiete und wurden stets mit hohem Gewinn abgesetzt.
gehörten bereits in den großen Städten des klas- Doch die Kaufleute, die sich mit der Beschaffung
sischen Altertums zu jenen Dingen, die ein ver- dieser begehrten Artikel befaßten, hatten auch
feinerter Lebensstil für unentbehrlich hielt. viel Mühen zu tragen.
Trotzdem gibt es in der Wirtschaftsgeschichte
wenig Vergleiche, die der Blütezeit des mittel- Wie am Rhein, so bildete sich auch an der
alterlichen Welthandels, dem machtvollen Wir- Donau, an Elbe, Oder und Weichsel und an der
ken der deutschen Hanse, gegenübergestellt wer- Küste des Nordmeeres und der Ostsee das Ge-
den könnten. äder der Handelswege. Und die Schnittpunkte,
an denen sich solche Handelsstraßen überquer-
Eine Reihe glücklicher Umstände haben zu- ten, entwickelten ein Leben, wie wir es uns kaum
sammengewirkt. Handel, Handwerk und Gewer- mehr vorstellen können. Nicht von ungefähr
be, überall in rühriger Geschäftigkeit, bilden die wurde Wien die blühende Handelsstadt im Süd-
Grundlage wachsenden Wohlstandes. Ohne Un- osten, an der großen Völkerstraße der Donau
terbrechung räumt die Nachfrage, die in Ge- gelegen, die durch Ungarn bis zum Schwarzen
stalt der rastlos zirkulierenden geprägten Sil- Meer reichte und die Handelsbeziehungen über
berplättchen auftritt, den Markt. Es gibt keine die Grenzen des christlichen Abendlandes hinaus
Stockung des Absatzes wie zuweilen in unserer führte. In nord-südlicher Richtung aber ging die
modernen Wirtschaft; es gibt auch keine Hem- Handelsstraße gleichfalls über Wien hinweg und
mung der weiteren Produktion und Zufuhr. Die verband die Städte an der Oder und an der
Erzeugnisse werden kunstvoller und gediegener, Weichsel mit den Pässen über die Alpen bis zur
die Käufer anspruchsvoller. Man begehrt das Adria.
Besondere, das Seltene, das Produkt fremder
Landstriche und verfeinerter Herstellung. So In gleicher Weise war Frankfurt der große
ziehen denn die Kaufleute mit Roß und Wa- Markt der mittelalterlichen Weltwirtschaft im
gen und bewaffneten Knechten in die Welt hin- Westen; hier trafen sich die Kaufleute mit ihren
aus, nehmen heimische Erzeugnisse mit und je Handelszügen aus Italien, aus Frankreich, aus
weiter sie vordringen, desto kostbarer wird ihre Flandern, aus dem Norden und aus dem Osten.
Ware am Ort des Absatzes; und was sie dort Für Nürnberg kam der Reichtum jahrhunderte-
einhandeln und nach langer und beschwerlicher lang durch seine nach allen Richtungen offenen
Reise zurückbringen, das hat in der Heimat- Stadttore. Durchs Frauentor kamen von Regens-
stadt jenen höheren Marktwert, der sich in klin- burg her die Kaufmannszüge mit den Erzeugnis-
genden Gewinn umsetzen läßt. sen der fernen Türkei, der Donauländer in die
Stadt; durchs Laufer Tor von Breslau her, aus
So bildeten sich im Laufe der Jahrhunderte Prag und Krakau; nach der Alpenstraße und
die Straßen des erstarkenden Handels, über Ge- nach Italien öffnete sich das Spitteler Tor, das

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Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

auch von Augsburg her die Kaufmannsware aus und lieferte für das gleiche Geld die Erzeug-
dem Westen, von Frankreich und Spanien, her- nisse, die seine Wagenzüge aus der Fremde
ein ließ; den Weg nach Mitteldeutschland, nach brach- ten. Nach denselben Grundsätzen ließ sich
Erfurt, Magdeburg und weiter nach dem Nor- die heimische Ware auf dem fremden Markt
den bis nach Dänemark und Schweden schlugen absetzen, wodurch das Geld erworben wurde, die
die Wagenzüge ein, die an der Burg vorbei Erzeugnisse zu bezahlen, die die Rückfracht nach
durchs Tiergärtner Tor Nürnberg verließen. der Heimat darstellten. Die Probleme der "De-
visenbewirtschaftung" und -beschaffung für die
An solchen Schnittpunkten der Handelsstra- Bezahlung der Exporte lösten sich lächerlich ein-
ßen zu liegen, war Geldes wert. Dennoch wäre fach und die merkantilistischen Überlegungen
es falsch, völlig außer acht zu lassen, welcher von der "Schädlichkeit" des Importes und von
Fleiß und Aufwand, welche Klugheit und kraft- der "Notwendigkeit" des Exportes, die den reg-
volle Rührigkeit erforderlich gewesen sein dürfte, lementierenden Staat auf den Plan riefen, schlum-
einen Platz mit so viel Leben und Anziehungs- merten um diese Zeit noch im Schoße der Zu-
kraft zu erfüllen, daß er zu einem großen Sam- kunft. Vielleicht wäre es besser gewesen, die tö-
melpunkt, zu einem weltoffenen, über die lokale richten und widerspruchsvollen Theorien wären
Bedeutung hinausreichenden Markt und Um- nie zur Wirkung und Anwendung gekommen.
schlagplatz werden konnte. Diejenigen Städte,
die das zustande brachten, verdanken in der Tat Die Wirtschaft dieser Jahrhunderte des späten
ihren Glanz und ihre Größe nicht dem manch- Mittelalters war ein großes Ganzes, und wenn
mal überschätzten Umstand, Wohnsitz des Bi- auch die Entfernungen für damalige Verkehrs-
schofs oder des Fürsten zu sein, sondern sie ver- verhältnisse weitaus größer waren, als sie es
danken dies der kühnen Regsamkeit ihrer Kauf- heute sind, so wußte sich dieses Geschlecht
herren und dem Fleiße ihrer Handwerker und wagemutiger Kaufleute, das die Welt nach allen
Künstler. Neben den vielen materiellen Gütern, Himmelsrichtungen durchzog, doch besser zu
die auf hochbepackten Lastwagen und von star- helfen als wir es heute mit allen Errungenschaften
ken Gespannen gezogen aus der Ferne anrollten, des modernen Verkehrs und Nachrichtenwesens
haben die fahrenden Kaufleute auch ideelle vermögen.
Werte, Erfahrungen, Beobachtungen aus ande-
ren Ländern mit nach Hause gebracht und die Wo organisierte Zusammenarbeit notwendig
selbstbewußte Entschlossenheit zu war, kam sie nicht durch obrigkeitliche Gesetz-
gemeinsamem zielbewußten Handeln. geberei zustande, sondern durch die Initiative
der in eigener Sache mit freier Selbständigkeit
Um aber noch ein wenig bei den wirtschaft- handelnden Kaufleute. Da war als Dringlichstes
lichen Verhältnissen zu verweilen und jene Zeit die Notwendigkeit des Schutzes auf der Land-
aus der Perspektive des 20. Jahrhunderts zu be- straße, auf den Flüssen und auf der See. Noch
trachten: Wenn Handwerk und Gewerbe solcher war es nicht ungefährlich, kostbare Waren über
Art für einen Absatz arbeiten konnten, den die weite Wege zu den Städten zu bringen. An den
Kaufherren nach fremden Märkten verfrachte- befahrensten Handelsstraßen und Flüssen hat
ten, dann war dies doch nach heutigen Begriffen mancher reisende Kaufmann seine Fracht mit
eine Erzeugung für den "Export", während die Wagen und Rossen an den Ritter verloren, der
Zufuhr fremder Waren nach dem heimischen von seiner Raubburg herab den Weg überwachte.
Markt den "Import" darstellte. Diese Begriffe Mit allmählich um sich greifender Gesittung
mit ihrer heute nur zu oft auftretenden Proble- wurde dann späterhin ein Zolltribut daraus und
matik kannte die mittelalterliche Weltwirtschaft schließlich ein durch Reichsrecht sanktionierter
indessen noch nicht. Auch die Mannigfaltigkeit Wege- und Brückenzoll, der für die Instandhal-
in der Münzprägung war dem Handel jener Zeit tung der Verkehrswege und als Entgelt für die
keinesfalls in besonderem Maße hinderlich, ob- Verkehrssicherheit bezahlt werden mußte. Aber
wohl der Geltungsbereich einer Münze oft sehr bis dahin dauerte es noch eine ganze Weile; und
begrenzt war. Vielleicht liegt die Natürlichkeit die Kaufmannschaft war auf ihre eigene Stärke
und Selbstverständlichkeit der mittelalterlichen auf gegenseitigen Beistand in Rat und Tat und
Weltwirtschaft zu einem wesentlichen Teil ge- auch auf die Unterstützung der Bürgerschaft der
rade darin begründet, daß noch keine reglemen- Städte angewiesen. Von diesen Zuständen aus
tierende Politik in die Handelsbeziehungen der entwickelte sich die "Schar in der Fremde", die
Kaufleute eingriff. Gewiß lag hierzu auch keine Gilde der Kaufleute, zur "Deutschen Hanse",
Veranlassung vor, solange die Geldwirtschaft in zu jener achtunggebietenden Organisation, von
dem Sinne in Ordnung war, mit ihrem unge- deren Ruhm und Größe ihre alten Städte heute
störten Kreislauf die Erzeugung vom Markte zu noch träumen.
nehmen. So nahm auch der Kaufmann, der den
Fernhandel pflegte, die heimischen Produkte vom Da Einkauf und Verkauf gänzlich verschie-
Markt, bezahlte sie mit dem hier gültigen Geld dene Aufgaben darstellten und die weiten, zeit-

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Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

raubenden Reisen die sorgfältige Wahrnehmung Da kamen die Koggen der Hanse mit Lübek-
beider Aufgaben kaum erlaubten, haben die ker Salz, das in riesigen Mengen gebraucht
Kaufleute der Hanse früh schon begonnen, Nie- wurde; aus den Städten Pommerns wurden Hun-
derlassungen in der Ferne zu gründen, ihre Han- derttausende hölzerner Tonnen geliefert, alle von
delskontore und Faktoreien; in London den Stal- gleichem Maß nach der mustergültigen Rostocker
hof an der Themse, in Flandern das Kontor in Tonne. Zugleich wurden freilich auch andere
Brügge, in Norwegen befand sich das nördlichste Waren, Tuch aus Flandern, niederdeutsche Lei-
Hansekontor in Bergen, und im Osten war die newand, fertige Kleider, Pelzwerk, Seidenstoffe,
letzte Niederlassung der Hanse bis nach Now- Gewürze und orientalische Spezereien, Lebens-
gorod vorgeschoben, nahe dem Ilmensee, durch mittel und Getränke, insbesondere Wein und
den Handel mit Rußland lohnend genug. Bier, und mancherlei sonstige Kostbarkeiten,
Brokate, Gold- und Silberwaren, Schmuck und
Zwischen all diesen Orten, den speziellen Pro- Hausrat nach dem Markt geliefert, auf dem sich
duktionsstätten oder Stapelplätzen, und den gro- während der Heringsfangzeit die ganze Ostsee-
ßen Märkten der fernen Städte waren ständig küste ein jährliches Stelldichein gab. Man arbei-
die Wagenzüge und zur See die Schiffe der han- tete wohl, um zu leben; aber man vergaß auch
sischen Kauffahrer unterwegs; und von allen nicht, sich des Lebens zu freuen.
Gewerbezweigen war der Handel als metho-
disch und weiträumig organisierter Güteraus- Die Bearbeitung, das Sortieren, Salzen und
tausch entscheidend für alle Gewerbetätigkeit, Einlegen der Heringe war sorgfältig organisiert.
der vornehmste und anspruchsvollste, der Kühn- Nur die von "Wraker" geprüfte, verschlossene
heit, Wagemut und Klugheit zugleich erforderte. und gesiegelte Tonne konnte als "gut schonen-
Nicht umsonst berief die Heimatstadt ihre Kauf- sche" den Weg in die weite Welt antreten. So
herren in der Regel auch in den Rat des Gemein- gingen die vollbeladenen Schiffe zurück in die
wesens. Der Handel brachte nicht nur Reichtum Heimatstädte, der Hering schwamm flußauf-
für den Kaufmann, sondern er brachte auch die wärts und rollte per Achse bis weit in den Sü-
Aufträge für das heimische Gewerbe. Kaufleute den, über die Alpen nach Frankreich, nach Ita-
waren es auch, die als Woll-Importeure die We- lien, nach Polen und nach Rußland; auch nach
berei in den Städten ihrer Heimat begründeten England, der meerumspülten Insel, lieferten die
und zum Blühen brachten und mancherlei an- Kaufherren der Hanse den schonenschen Hering.
dere Förderung des Handwerks vermittelten.
Noch größere Bedeutung als Schonen bekam
Welch großartige Befruchtung der Wirtschaft weiter oben im Nordosten des baltischen Mee-
ging doch allein von der Entwicklung des Fisch- res das von der Hanse gegründete Wisby auf
handels aus, den die Hanse unter der Führung Gotland, von dem auch die Fäden des Seehan-
Lübecks im 13. Jahrhundert in die Hand nahm; dels zu den weiteren hansischen Gründungen
Saxo Grammaticus, der Vater der dänischen Ge- Reval und Riga, Königsberg, Elbing und Dan-
schichte, erzählte von der Ostsee-Meerenge zwi- zig reichten, von Riga die Düna aufwärts über
schen Seeland und Schonen, daß dort alljährlich Livland, Litauen nach Rußland führend, von
reiche Fischzüge zu beobachten seien: "Der Danzig an der Mündung der Weichsel zu den
ganze Meeresraum füllt sich gewöhnlich so mit Hansestädten Thorn, Warschau und Krakau tief
Fischen, daß manchmal die Schiffe feststehen im Herzen Polens. -
und kaum mit angestrengten Rudern
herauszubringen sind und die Beute nicht mehr Hoch oben an der Küste Norwegens war das
mit der künstlichen Vorrichtung gefangen, bereits erwähnte Bergen die nördlichste Nieder-
sondern ohne weiteres mit der Hand gegriffen lassung. Von dort kam der schon im Mittelalter
wird" (s. E. Hering: Die deutsche Hanse, S. 61). gern gegessene Kabeljau als "Stockfisch" auf die
Märkte. Dieser Fisch wurde vornehmlich in der
Der Reichtum dieser Fischgründe war aber Lofotengegend gefangen; er wurde geköpft, aus-
bis zum Auftreten der hansischen Kaufleute, die genommen und einfach am Schwanzende mit
jetzt erst einen Markt, und zwar einen riesenhaf- einem anderen zusammengebunden, über Gerü-
ten Markt für Jahrhunderte eröffneten, in den sten hängend im steifen Wind des nordischen
Händen der Dänen wertlos. Jetzt jedoch ent- Frühjahres getrocknet. Danach ging er, in Ballen
standen - nach einem ersten Vertrag der Dänen verpackt, auf die Reise. Auch der Heilbutt, von
mit Lübeck im Jahre 1225 - die Niederlassun- kundigen Händen zugerichtet, getrocknet, ge-
gen der hansischen Fischhändler auf Schonen räuchert, war eine sehr begehrte Ware. Aus dem
und eine von kluger und straffer Organisation Hinterland Bergens kamen aber auch alle denk-
zeugende Entwicklung ließ bald ein anderes Bild bar möglichen Felle, Bären-, Wolf-, Fuchs-, Mar-
entstehen. der-, Biber- und Otterfelle, nach dem Handels-
hof der Hanse und fanden mit den Produkten
der See und ihrer Küste, mit Walspeck, Robben-

33
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

tran, mit Seehundsfellen, Federn und Daunen Der Hansische Handel legt Regeln fest für
der Singvögel ihren Absatz durch die hansi- den Umschlag bestimmter Waren; und die Städte,
schen Kaufleute. die die anerkannten Stapelplätze hansischen
Kaufmannsgutes wurden, lebten Generationen
Während so die Erzeugnisse des Nordens durch lang von den Besonderheiten ihres Marktes. Hier
die kaufmännische Organisation der Hanse in wurde Korn und Getreide aus dem Hinterland
die fernsten Städte geleitet wurden, brachten gestapelt und verschifft, dort Fische, Pelzwerk,
die in den bergischen Hafen einlaufenden Schiffe Bernstein und Zinn.
Korn und Mehl, Malz, Lübecker Bier, Lünebur-
ger Salz und, wie Ernst Hering in seinem er- Ein althansischer Spruch zählt knapp und
wähnten Werk berichtet, "eine erstaunliche Man- bündig auf: Lübeck ein Kaufhaus, Köln ein Wein-
nigfaltigkeit allein schon in Tuchen, graue La- haus, Braunschweig ein Honighaus, Danzig ein
ken aus Lüneburger Heidewolle, braune Laken Kornhaus, Magdeburg ein Backhaus, Rostock ein
aus guter weißer und schwarzer Stralsunder Malzhaus, Lüneburg ein Salzhaus, Stettin ein
Wolle, weiße Laken aus guter weißer Wolle Fischhaus, Halberstadt ein Frauenhaus - was
wurden aus Braunschweig und Magdeburg be- natürlich nicht besagen will, daß die Frauen hier
zogen. Dazu kam gebleichte und ungebleichte als Stapelware gehandelt worden seien - Reval
Leinewand aus der Lüneburger Heide, aus Ül- ein Flachs- und Wachshaus, Krakau ein Kupfer-
zen und Lüchow, Lübecker Schuhe waren als haus, Wisby ein Pech- und Teerhaus.
Ausfuhrgut sehr begehrt. Taue aus Bast und
Hanf, kupferne Kessel, Kannen, Schwerter und Es lag klar zutage, wie sehr die allgemeine
Anker, Angelschnüre, Teer für den Bau und die Wohlfahrt in Stadt und Land durch den Fern-
Instandhaltung von Holzhäusern gehörten eben- handel der Kaufmannschaft gefördert wurde,
falls zur Fracht nach Bergen" (s. a. a. O., S. 75). und so wußten die Städte auch die Verpflichtun-
gen zu würdigen, die aus der Teilnahme am Se-
Bei solchen Güterumsätzen versteht es sich gen des Handels hervorgingen, wie sie in der er-
wohl, daß die hansische Niederlassung, das Kon- wähnten Kölner Konföderation beschlossen wor-
tor von Bergen, eine gewaltige Anlage mit gro- den waren: "Um mancherlei Unrecht und Scha-
ßer Verwaltung darstellte: 60 große Speicher- den, den die Könige dem gemeinen Kaufmann
gebäude nahmen die Waren auf, die im mittel- tun und angetan haben, heißt es da, "wollen
alterlichen Welthandel auf ihrem Weg zu den die Städte ihre Feinde werden und eine der an-
Märkten über den Stapelplatz und Versand- dern treulich helfen. . " "Welche Stadt von der
hafen Bergen liefen. wendischen Seite von Preußen, von Livland und
von der deutschen Hanse im allgemeinen, von
Werfen wir noch einen Blick nach dem We- der Südersee, von Holland und von Seeland
sten und nach dem Süden, nach Flandern und nicht dazu tun will, deren Bürger und Kaufleute
nach England. Es wäre verwunderlich, wenn wir sollen keine Gemeinschaft mehr haben mit allen
nicht überall das gleiche Bild von emsiger Ge- Städten in diesem Bunde. Man soll ihnen nichts
schäftigkeit, von beträchtlichen Güterumschlägen abkaufen noch verkaufen. In keinen Hafen sol-
und machtvoll wachsendem Reichtum erblicken len sie ein- oder ausfahren, laden oder löschen
würden. Seit die Kaufleute der Hanse 1367 in zehn Jahre lang." -
Köln mit der denkwürdigen "Kölner Konföde-
ration" ein Städtebündnis gegen die gekrönten Das war gewiß ein anderer Einsatz kraftvol-
Herren von Dänemark und Norwegen geschlos- ler Selbsthilfe als in den Anfängen, da es galt,
sen hatten, war das Bürgertum, das in seinen ab und zu gegen Raubritter und Wegelagerer
vornehmsten und aktivsten Vertretern, seinen zusammenzustehen. Aus der kleinen "Schar in
welterfahrenen und weitschauenden Kaufleuten der Fremde" war ohne jede politische Zielset-
vor die Rampe der mittelalterlichen Weltpolitik zung eine Großorganisation von gleichwohl po-
getreten war, als geschichtsbildende Kraft nicht litischer Bedeutung geworden. Jetzt war die
mehr hinwegzudenken. Hanse stark genug, mit dem Bund ihrer Städte
den Dänenkönig Waldemar und den Norweger
Rund 170 Städte schlossen sich dem Bund der Haakon zu besiegen. Eine jede der Hansestädte
Hanse an. In ihnen war der Geist der neuen, hatte Geld und Waffen und Kriegsleute gestellt;
gestaltenden Kräfte, des gewerbetreibenden Bür- und die Seestädte hatten ihre Handelskoggen
gers, des fleißigen Handwerkers und welterfah- für den Kriegsdienst ausgerüstet.
renen Kaufherrn maßgebend und führend. Der
Feudalismus, Adel und Grundherren, haben Mit solchen Kämpfen und Siegen waren in-
kaum noch einen bescheidenen Bruchteil von dessen noch nicht alle Fährnisse des Handels aus
dem aufzuweisen, was der Bürger für den allge- dem Wege geräumt. Die merkwürdige Unbe-
meinen Wohlstand zustande bringt. denklichkeit, mit welcher der Adel des Mittel-
alters Faustrecht, Raub und Plünderung als ein

34
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

ehrbares Geschäft betrachtete, herrschte auch an leben. Der kühne Seeräuber hat überdies vor sei-
der Küste. Da gab es manchen Fürsten und Burg- ner Hinrichtung anno 1402 noch eine Stiftung
herren und hohe Adlige, die das einträgliche für die Armen errichtet. Nach dieser Stiftung
Geschäft der Seeräuberei betrieben oder minde- werden heute nach alljährlich im Monat März
stens mit den Piraten Hand in Hand arbeiteten, im Hof des Rathauses zu Verden an der Aller
ihnen Unterschlupf und Waffenhilfe gewährten 800 Salzheringe und nach einem jahrhunderte-
und den Raub mit ihnen teilten. So stark waren alten Rezept gebackene Roggenschrotbrote ver-
die Seeräuber schon, daß sie ganze Flottenver- teilt.
bände von heimkehrenden, vollbeladenen Kauf-
mannsschiffen kaperten! - Eine derartige Ge- Wenn wir heute solche Bilder eines machtvoll
fährdung des Handels war aber auf der zu dieser pulsierenden Lebens, eines ständigen Kampfes
Zeit erreichten Entwicklungsstufe mehr als nur gegen Widerstände und Bedrohungen jeglicher
ein geschäftliches Mißgeschick für die vom Ver- Art, wie ihn dieses Bürgertum des gotischen Mit-
lust betroffenen Kaufleute; es war eine unmit- telalters zu bestehen hatte, an unserem geistigen
telbare Gefährdung des allgemeinen volkswirt- Auge vorüberziehen lassen, gewinnen wir viel-
schaftlichen Güteraustausches und in diesem leicht erst den rechten Standort, die Leistungen
Sinne eine Gefahr für die soziale Ordnung, die jener Zeit richtig zu beurteilen. Die äußeren
sich in der Endwirkung bis weit im Hinterland Umstände sind dem Erblühen eines wirtschaft-
bemerkbar machen mußte. lichen Wohlstandes und einer hohen Kultur in
jenen Jahrhunderten weitaus ungünstiger gewe-
Auch in diesen Angelegenheiten war es die sen, als sie es in unsere Zeit sind. Hinzu kommt,
Hanse, die junge Macht aus dem Schoße des daß sowohl die Methoden als auch die Möglich-
Bürgertums, die die Ordnung von Recht und Sitte keiten des Verkehrs gegenüber den Möglichkei-
herstellte, von der alle Kultur und Weiterent- ten der modernen Welt eine viel geringere Ent-
wicklung abhängig war. Die alten Ordnungs- faltung der Leistung erlaubten. Ungeachtet des-
mächte des Adels hatten vor dieser Aufgabe ver- sen läßt sich aber nicht leugnen, daß das Leben
sagt. reicher war, daß Fleiß und unverdrossene Reg-
samkeit, Arbeit und Wagemut im Handel einen
Wie sehr die Lebensauffassungen der Piraten Wohlstand hervorbrachten, der merkwürdiger-
den Denkgewohnheiten des Raubrittertums ent- weise heutzutage für viele unerreichbar zu sein
sprachen, zeigte sich in den Tagen, als die Ham- scheint.
burger den kühnsten und gefährlichsten Seeräu-
ber, Klaus Störtebecker, den Tochtermann des Es liegt offensichtlich in den Unzulänglichkei-
mächtigen Kenno ten Broke, mit 150 Kumpanen ten menschlichen Denkvermögens, daß es
gefangen hatten und ihm den Prozeß machten. schwer ist, jene Zusammenhänge noch zu
Da protestierte der Seeräuber noch dagegen, daß erkennen, die außerhalb des Blickfeldes
man ihn in Ketten gefesselt schimpflich auf der unmittelbarer Beobachtungsmöglichkeit liegen.
Kuhhaut zum Richtplatz schleppen wollte. Er Wir haben einen zu "engen Horizont", um die
habe doch nur als "tapferer Kämpfer" das Faust- Fäden verfolgen zu können, die sich in der Ferne
recht zur See ausgeübt, wie es sich die Ritter verlieren und an denen doch unser Schicksal
und Junker zu Lande "auch zur Ehre anrech- hängt. Auch geschichtliche Tatsachen, die
nen"; er habe den Kauffahrern kühn und in sonnenklar zutage liegen, sind selten bis in die
ehrlichem Kampfe wieder abgenommen, was sie eigentlich entscheidenden Zusammenhänge
"mit Krämergeist errafft" hätten. Und schließ- hinein begriffen worden. - Man hätte sonst aus der
lich bat er, daß er mit den Seinigen den letzten Geschichte schon viel mehr lernen können. -
Gang zur Richtstätte im besten Gewand gehen
dürfe. - Die Richter des Rates von Hamburg So dürfte es im Grunde nicht einmal verwun-
gewährten die Bitte, und so war es, wie die derlich sein, daß ein ursächlicher Zusammenhang
Chronik berichtet, ein wahrhaft unerhörtes des machtvollen Aufblühens der mittelalterlidien
Schauspiel, als die 150 todgeweihten Seeräuber Weltwirtschaft mit den hier wiederholt hervor-
"sauber und prächtig angezogen in seidenen gehobenen Eigentümlichkeiten der mittelalter-
Wämsern, Schuhen und Hüten" von Trommlern lichen Geldverfassung in unseren Geschichtsbe-
und Pfeifern geführt, zum Richtplatz marschier- trachtungen in der Regel übersehen wird. Die
ten, wo sie vor den Augen einer großen Men- eigentliche Verwirrung entsteht aber erst, wenn
schenmenge mit dem zweischneidigen Schwert der Historiker auf dem Gebiet, von dem er
des Meisters Rosenfeldt enthauptet wurden. einige markante Besonderheiten berichten muß,
keine gründlichen Kenntnisse hat und darum
In den Vorstellungen des Volkes gehörte seinen Wertungen und seinem Urteil die übliche
Klaus Störtebecker freilich nach seinem blutigen Allerweltsmeinung zugrunde legt. So redet man
Ende erst recht zu jenen wunderlichen Gestalten, denn von einem "mittelalterlichen Münzwirr-
die als "edle Räuber" in der Erinnerung fort- warr" und nimmt andererseits das Phänomen

35
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

der jahrhundertelang blühenden Wirtschaft und ständige Impuls zur Weiterarbeit, zur erneuten
Kultur als eine Selbstverständlichkeit hin, als Belieferung des Marktes. Alle Arme rühren sich,
ob es daran nichts zu erklären gäbe. - und der Segen dieses Fleißes zeigt sich in immer
besseren, vortrefflicheren Leistungen, in reicher
Wer aber erst anfängt, die herrschenden Mei- Mannigfaltigkeit der Güter, die auf den Markt
nungen der heutigen Zeit zu diesen Betrachtun- strömen; und das Kaufen und Verkaufen stei-
gen in Beziehung zu setzen, der wird erst recht gert allseitig den Wohlstand, weil der Absatz
verwirrt. Es ist nach diesen herrschenden Ansich- die restlose Weiterarbeit ermöglicht.
ten schlechthin unvorstellbar, daß man mit
einem Geld, das überall anders ist und immer Diesen Zustand ununterbrochener Geschäftig-
nur einen beschränkten Gültigkeitsbereich hat keit hat also jenes merkwürdige Geld, das kei-
und obendrein auch noch periodisch verändert ner in die Schatztruhe legen mochte, weil es viel-
ist, Waren kaufen kann, die ganz wo anders leicht in Kürze aufgerufen werden konnte, ur-
produziert werden. - sächlich ausgelöst. So war an allen Orten und
auf allen Märkten, wo Brakteaten zirkulierten,
Wie hat es also die Hanse gemacht? Wie kam Tag für Tag, Jahr für Jahr ohne Unterbrechung
es, daß diese Schöpfung deutscher bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts eine rege
Organisationskunst ohne politische Macht, ohne Nachfrage vorhanden. Diese Nachfrage zu be-
Kaiser und Fürstengewalt, ohne die Herrschaft friedigen, größeren und verfeinerten Anforde-
über das Gewissen der Menschen, nur aus der rungen gerecht zu werden, Güter aus der fernen
Leistung des Bürgertums heraus groß wurde? - Welt heranzubringen und die heimischen Er-
zeugnisse draußen abzusetzen, das war die ein-
Die Hanse war die Gestalterin des mittel- fache und selbstverständliche Aufgabe der Kauf-
leute. Diese Aufgabe war groß genug und sie ist
alterlichen Welthandels; sie war an dieser Auf-
gabe selbst groß geworden. Aber so wichtig die vom hansischen Kaufmann wahrhaft ehrenvoll
Tätigkeit des Kaufmanns auch sein mag - ganz gelöst worden. Aber wir würden nur zu halben
Einsichten kommen, wenn wir nicht die Vorbe-
voraussetzungslos ist sie dennoch nicht. Eine
jede Ware kann nur verkauft werden, wenn die dingungen dieser Blüte des Welthandels ins
Nachfrage auf den Markt kommt, die "Nachfrage" Auge fassen würden.
in Gestalt jener Münzen, die man für die Ware
zu bezahlen gedenkt. Um den "Bedarf" braucht Sicher würde auch die moderne Welt zu einer
sich der Kaufmann keine Sorgen zu machen. Be- dauernden Blütezeit des Handels und der Wirt-
darf ist immer da, denn der Bedarf wird von schaft kommen, wenn die Märkte der Welt bis in
Hunger und Liebe erzeugt und ist so uferlos wie das breite Land hinaus jede Zufuhr so rasch und
das Begehren nach allem Schönen und Guten. bereitwillig aufnehmen würden, wie es zur Zeit
Auf die "Nachfrage" also kommt es an, und die der Gotik geschah. -
Nachfrage ist identisch mit dem Geld-Angebot.
Das Geld muß also erst einmal da sein; man
muß es haben, um es ausgeben zu können. An
dieser elementaren Vorbedingung kann alle
Tüchtigkeit des Kaufmanns, der verkaufen
möchte, nicht das Geringste ändern.

Mit dem "Da-sein" des Geldes ist es aber nun


auch noch nicht ganz getan. Was auf dem kleinen
Markt der mittelalterlichen Stadt der eine aus-
gibt, das nimmt der andere ein - das Geld ist so
immer wieder da, gleichgültig, in wessen Hän-
den es sich befindet, und es wäre auch immer
noch da, wenn es in der Truhe läge. Seine volks-
wirtschaftliche Bedeutung entfaltet es aber nur
- wenn es nicht in der Truhe liegt, sonst hätten
die Schätze Attilas, des Hunnenkönigs, auch
schon kulturfördernd wirken können. - Es
kommt also darauf an, daß das Geld immer wie-
der als Nachfrage auftritt, heute nach dieser und
morgen nach jener Ware. So kommt mit der
Zirkulation des Geldes ein geschlossener Strom-
kreis von immerwährender Nachfrage zustande,
der fortgesetzt die Erzeugnisse des Gewerbeflei-
ßes vom Markt nimmt. Daraus ergibt sich der

36
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Zukünftigen verwoben werden mußte, waren die


DIE BESIEDLUNG neu entstehenden Städte jetzt in kühner Groß-
OSTELBIENS zügigkeit oft schon von vornherein so angelegt,
wie es die Voraussicht der Entwicklung erfor-
Wenn die moderne Zeit glaubt, daß die Be-
derte. Hier ging schließlich das Wachstum be-
siedlung von Neuland - zumal wenn es sich um
reits so schnell, daß eine Generation das Wer-
Räume handelt, die sich über 1000 km erstrek-
den der Stadt sichtlich miterleben konnte.
ken - nur durch die Initiative staatlicher Obrig-
keit zustandekommen könne, so hat die größte
geschichtliche Siedlungsbewegung in Europa, die Lübeck, an der Stätte einer von den Slawen
mehr als 400 Städte östlich der Elbe entstehen zerstörten Ansiedlung unter Führung von Her-
ließ, den beachtenswerten Beweis erbracht, daß zog Heinrich dem Löwen anno 1158 von einem
die anhaltende Leistungskraft einer blühenden Konsortium wagemutiger Unternehmer aus alt-
und gesunden Volkswirtschaft aus sich heraus die deutschen Städten gegründet, war so rasch und
Initiative entwickelt und gar keiner zentralen machtvoll gewachsen, daß es zum Ausgang des
staatlichen Planung bedarf. folgenden Jahrhunderts das Haupt der Hanse-
städte darstellte. "In jenen entscheidungsreichen
Jahren", so schreibt Fritz Rörig in seinem Werk
Gewiß hat bereits im 14. Jahrhundert vor-
"Vom Wesen und Werden der Hanse", "sind fast
nehmlich Karl IV. dem Städtebau seine beson-
alle jene Städte erwachsen, die noch heute Han-
dere Liebe und Sorgfalt zukommen lassen. Sein
del und Wandel des Ostseeraumes bestimmen:
schönstes Werk, das "goldene Prag", wesentlich
Lübeck und Rostock im Westen, Stralsund, Dan-
von dem aus Schwäbisch-Gmünd stammenden
zig und Elbing im Süden, Riga und Reval im
Baumeister-Geschlecht der Parler mitgestaltet,
Osten, Wisby und Stockholm im Norden mögen
stammt aus dieser Zeit. Ebenso haben Könige
beispielhaft genannt werden. Als Ganzes ge-
und Fürsten sich des Städtebaues angenommen.
nommen handelte es sich hier um einen Vorgang
So ist Berlin eine Gründung des Fürstenge-
von einer Großartigkeit, die sich mit der Grün-
schlechtes der Askanier aus dem Anfang des 13.
dung griechischer Kolonialstädte an weit ent-
Jahrhunderts. Und mit dem Ziel der weiteren Aus-
fernten Meeresküsten in Vergleich setzen läßt;
breitung des Christentums hat der Deutschritter-
jedenfalls um eine Erscheinung von Wucht und
orden sein Kolonisationswerk im Osten betrie-
Größe und vor allem von grundsätzlicher Be-
ben, seine Burgen und Niederlassungen in Preu-
deutung für spätere Jahrhunderte" (s. a. a. O.,
ßen, Livland und Kurland, östlich der Weichsel
S.12/13).
angelegt.

Jene Jahrzehnte waren es aber auch, in denen


Man muß sich indessen darüber klar sein, daß
die Brakteatenprägung Heinrichs des Löwen in
bei allen diesen Vorgängen die bleibende Lei-
seiner neuen Residenz Braunschweig ihre
stung nicht aus dem Machtspruch der Großen
höchste Blütezeit hatte. Ein Pfennig aus dem
oder gar aus den Entscheidungen des Schwertes
Jahre 1166 war auf den Hochzeitstag des
hervorging, sondern daß das Bleibende von den
Herzogs mit Mathilde von England geprägt und
Kräften gestaltet wurde, die in Arbeit und Fleiß
zeigt das Herzogspaar über den Zinnen seiner
und scheinbar unversiegbarer wirtschaftlicher
Burg. Ein anderer Pfennig wurde 1168 auf die
Leistungsfähigkeit auftraten. Die Initiative der
Errichtung des Welfendenkmals im Hof der neuen
Großen konnte nur wenig mehr als eine Ge-
Burg Dankwarderode geschlagen; und wieder ein
burtshilfe darstellen, wenn wir die Vorgänge im
anderer Brakteat zeigt den Herzog mit Lilienzep-
ganzen Zusammenhang richtig betrachten.
ter und Schwert zwischen zwei Burgtürmen sit-
zend, zwei Löwen als Wappentiere zu seinen
In der Tat war die Wirtschaftskraft dieser Füßen. Wie an anderer Stelle bereits erklärt,
Zeit so expansiv, daß z. B. die Deutsche Hanse haben aber in diesem mitteldeutschen Raum auch
aus dem Überschuß ihres Leistungsvermögens Bischöfe, Abteien und andere weltliche Adlige
selber das Werk der Städtegründung in die Hand eine besonders intensive Münzprägung betrie-
nahm. Zweifellos hat damit das Bürgertum einen ben - und damit waren die monetären Vorbe-
Höhepunkt seiner Kraft und seiner Bedeutung dingungen für die Expansion nach dem Osten,
erreicht, für den es in der Geschichte kaum ein für die Neugründung von Ansiedlungen und
Vorbild gab und zu dem es auch später nie mehr Städten, zur rechten Zeit geschaffen.
gelangte.
Die Entwicklung dieser Städte war naturge-
Während im Süden und im Westen die alten mäß mitbestimmt von den Erfahrungen, die man
Städte organisch gewachsen waren, wie ein im Städtebau am Rhein und an der Donau, in
Baum Ring um Ring ansetzt, und während hier Flandern und in England gemacht hatte.
bei jeder Erweiterung das bereits Vorhandene mit
liebevoller Sorgfalt mit dem Gesamtbild des

37
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Doch nun zeichnet sich auch hier hinter dem daran herumlaboriert, das eine zu nehmen und
gewaltigen Eindruck, den die geschichtlichen das andere zu vermeiden! -
Tatsachen hinterlassen, die Frage nach den Kraft-
quellen ab, aus denen die realen Leistungen doch Bei wachsender Entfaltung des Fernhandels
hervorgehen mußten; und so läuft alles wieder war freilich, wie wir später noch sehen werden,
auf die Frage zu: Wie anders wäre es möglich mit der Pfennigprägung nicht mehr auszukom-
gewesen, den natürlichen Reichtum des Ostsee- men. Sowohl im Westen, wie auch im Osten
raumes, der viele Jahrhunderte lang brach lag, wurden nun neben dem Pfennig auch beträcht-
zu wecken, zu heben und umzuformen in einen liche Mengen schwerere Münzen geschlagen; von
Kranz blühender Städte bis tief ins Land hin- diesen schweren Münzen sollte der "Groschen"
ein, wenn nicht so, wie es der hansische Kauf- die meistverbreitete Prägung werden. Im Zu-
mann und Unternehmer zustande brachte - sammenhang mit denn Aufblühen des Ostens,
durch den weltweiten Vertrieb jener silberblin- das durch das Einströmen der Deutschen mäch-
kenden Fracht, die die Fischerkähne aus der See tig gefördert wurde, ist auch die Münzprägung
schöpften? der böhmischen Könige ein wichtiger Stein im
Mosaik des Ganzen. Bereits um das Jahr 1300
Es haben auch vorher schon Ansiedlungen an führte Wenzel II. den sog. "Prager Groschen"
der Küste bestanden, es bestand Fischerei und ein. Die böhmischen Silbererzgruben waren so
Seefahrt; aber die großartigsten Möglichkeiten reich und ergiebig, daß man den König den
sind wertlos, solange sie nicht umgemünzt wer- böhmischen Krösus nannte.
den können in die mannigfaltigen Leistungen
anderer. Hier lag das Verdienst der Hanse, daß In der Mark Meißen, wo sein Vorgänger
sie die herrlichen großen Möglichkeiten des Otto der Reiche noch vor kurzem seine präch-
Fernhandels ausschöpfte. Es gibt überall Reich- tigen Brakteaten geschlagen hatte, ließ nun
tum, der am Ort seines Vorkommens wertlos ist, Friedrich der Ernsthafte (1324 - 1349) nach
während er in der Ferne mit klingender Münze böhmischem Muster Groschen prägen. Bis da-
aufgewogen wird. Diese Wahrheit gilt nach je- hin war indes der Groschen, noch keine Ablö-
der Richtung. Der Hering, der Stockfisch, der sung des Pfennigs, sondern eine zusätzliche
geräucherte Fisch, hatte in diesen Jahrhunderten Münze, die der wachsende Verkehr erforderte.
für die Ernährung im Schwäbischen, in Franken, Wenn der eine Münzherr keine Brakteaten
im Burgundischen oder im Donautal überall mehr prägte, prägten andere doch immer noch
schon die gleiche Bedeutung. Ebenso aber war weiter. Und doch bahnte sich mit der Zunahme
das Korn aus Mitteldeutschland oder dem öst- des Fernhandels und der Geldgeschäfte allmäh-
lichen Hinterland, der rheinische oder burgun- lich eine bedeutsame Veränderung an.
dische Wein, Leinwand und Wolle aus Nieder-
sachsen und aus dem Lüneburger Heideland an In konjunkturpolitischen Betrachtungen der
der Küste begehrt. Gegenwart wird häufig auch von der unver-
gleichlichen Belebung gesprochen, die von einer
Der hansische Kaufmann, der das Netz seines aufblühenden Bauwirtschaft ausgehe. Wir dürfen
Handels so weit zu spannen trachtete als er dessen gewiß sein, daß diese Belebung, soweit
nur vermochte, konnte für sich und seine Hei- wir sie in unserer Zeit ab und zu für eine kleine
matstadt überall nur gewinnen. Ernst Hering Spanne von Jahren kennen lernten, nur einen
weist in diesem Zusammenhang bei seinen Aus- schwachen Schimmer von dem darstellen dürfte,
führungen über die Macht und Größe der Hanse was sich damals bei der Neugründung von Hun-
darauf hin: "Wir werden die Beobachtung ma- derten von Städten, bei der Ansiedlung der
chen, daß die Führung im Handel in Brügge je- Kaufleute und Unternehmer, der Handwerke
weils der Städtegruppe zufällt, die über russi- und Gesellen, beim Transport der Materialien,
sches Pelzwerk und Wachs, über schwedisches der Versorgungsgüter, Lebensmittel, Kleidung,
Eisen, den schonenschen Hering und über die Schuhwerk und dergleichen mehr an wirtschaft-
forst- und landwirtschaftlichen Erzeugnisse der licher Betriebsamkeit und lohnender Geschäftig-
Länder östlich der Elbe verfügen." keit ergab.

Die Erschließung dieses östlichen Raumes hat Dabei brauchen wir uns diese Städte nur an-
aber naturgemäß dem Handel und dem gesam- zusehen, um zu erkennen, daß das alles wahr-
ten Wirtschaftsleben des hohen Mittelalters nicht haftig nicht mit Kümmernis und Sorge "groß-
nur neue Quellen der Lieferung von realen Gü- gehungert" wurde; vom "Großhungern" sollte
tern, sondern zugleich auch einen neuen Markt erst Jahrhunderte später einmal die Rede sein.
für den Absatz der eigenen Landeserzeugnisse Da stehen in Danzig, in 1000 km Entfernung
geschaffen. Das eine bedingte das andere - wäh- vom westlichen Zentrum dieser Wirtschaftsblüte
rend man heutzutage bekanntlich immer wieder die großen Speicher an der "toten Weichsel", das
gewaltige Krantor als markantes Wahrzeichen

38
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

der einstmals reichen Seehandelsstadt. Der Ar- Wirken im östlichen Raum den Menschen ein-
tushof, das Trink- und Tanzhaus der reichen fach nicht denkbar gewesen wäre.
Bürger, im 18. Jahrhundert zur Getreidebörse
umgewandelt, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Aber mit Schwert und Streitaxt baut man den-
Da sehen wir in Königsberg noch die charakte- noch keine Burgen und Städte; der Orden muß
ristische Fachwerkfront der alten Speicher, die folglich über Geld und Güter verfügt haben, um
von einem Güterumschlag zeugen, der ein weites die Marienburg, die Burg Allenstein, die Burgen
Hinterland versorgte; das Schloß im Herzen der in Riga, Reval, Marienwerder, Graudenz, Thorn
Stadt mit seinem 82 m hohen gotischen Turm und an anderen Orten gründen zu können. Auch
war einstmals als Deutschordensburg gegründet. mit den Arbeitsleistungen von Hörigen konnte
Riga, von sieben alten Kirchen und der dortigen allein kein solches Werk zustandegebracht wer-
Ordensburg überragt, an der Mündung der den. Woher also kam der Reichtum, von dem
Düna in den Rigaischen Meerbusen gebettet, wird die Bauwerke der Ordensburgen zeugen? -
seinen Ursprung aus hansischem
Unternehmungsgeist sicher nie ganz verleugnen Der Deutschritterorden widmete sich seit dem
können. Lübeck - Wisby - Riga - Nowgorod: das
Anfang des 13. Jahrhunderts der Unterwerfung
war einer der großen und wichtigen Handelswege und Christianisierung der heidnischen Preußen
der Hanse. Fritz Rörig erinnert in diesem im Weichsel- und Wartheland. Das auf diese
Zusammenhang an jenen berühmten Vertrag, den
Art gewonnene Land erhielt der Orden vom
1229 der Fürst von Smolensk mit den deutschen Kaiser zu Lehen. Was sich damit vollzog, war
Kaufleuten auf Gotland geschlossen hat und führt eine permanente Erweiterung des Reiches, frei-
an, daß von den Bürgern der Ostseestädte solche
lich in einer Richtung, aus der Jahrhunderte zu-
aus Wisby, Lübeck und Riga, aber auch Kaufleute vor die germanischen Stämme westwärts gezo-
aus dem fernen Westen, aus Soest, Münster, gen waren und nur eine geringe Bevölkerungs-
Groningen, Dortmund und Bremen beim
dichte verblieben war. Doch über Polen hinaus
Vertragsabschluß auftraten. konnten die Deutschherren nicht weiter ostwärts
vordringen. Hier fanden sie 1410 bei Tannen-
Wir können indessen auch die Städte des Hin- berg und 1466 im Thorner Frieden ihre Nieder-
terlandes aufsuchen - die Städte an der Weichsel, lage.
Graudenz, Thorn, Bromberg, Warschau, Krakau -
ebenso in den Flußtälern von Oder und Warthe Aus dem von ihm verwalteten Lehen bezog
aufwärts wandern, wir werden überall die Spu- der Deutschritterorden die reichsüblichen Ein-
ren derselben Wirtschafts- und Kulturblüte fin-
künfte des Zehnten und auf dem Boden seiner
den, von der diese Jahrhunderte in verschwen- Neusiedlungen steigerte sich die Grundrente in
derischer Fülle überwuchert wurden.
derselben Art wie überall, wo aus Ödland Städte
wachsen. Gleichwie am Rhein und im Fränki-
Daß die Burgen des Deutschritterordens in schen die Städte um die Herrensitze, Königs-
Anlage und Großartigkeit der Ausführung von pfalzen und bischöflichen Residenzen entstanden
der gleichen wirtschaftlichen und finanziellen waren, so bildeten hier im Osten die Burgen
Kraft zeugten, die in allen Werken dieser Zeit der Ordensritter das Kristallisationszentrum,
in Erscheinung trat, ist nicht weiter erstaunlich. um welches das Gewimmel von Gewerbetreiben-
Wohl pflegte der Deutschritterorden, der ur- den und Kaufleuten sich niederließ.
sprünglich in Palästina aus einer Brüderschaft
zur Pflege der Kranken und Verwundeten wäh- Die dritte und letzte, aber keinesfalls unbe-
rend der Kreuzzüge entstanden war, sich dann deutende Quelle der Wirtschaftsstärke des Or-
im 13. Jahrhundert mehr dem Kampf für die
dens lag in der Verbindung mit dem hansischen
Ausbreitung des Christentums widmete und sich Handel; die Herren, die mit Kreuz und Schwert
mit dem Schwertritterorden vereinigte, weniger umzugehen wußten, waren auch in kommer-
weltliche Geschäfte als vielmehr den Waffen-
ziellen Dingen keinesfalls unbeholfen. In Kra-
dienst im Sinne seines Ordenszieles. Daß sich kau, tief im polnischen Hinterland, genossen
dabei auch Konflikte zwischen der Absicht und die Wagenzüge der Deutschherren Zollfreiheit.
der Handlung ergaben, daß das Schwert und die
Auch waren die Ordensritter in der Erschließung
Streitaxt in den Händen religiös fanatisierter des Hinterlandes für die Lieferung land- und
Mitglieder des Ordens auch Unheil anrichten forstwirtschaftlicher Erzeugnisse rührig und ge-
konnte, haben die Kaufleute oft genug zu spü-
schickt; Holz, Pelze, Wachs und Getreide kamen
ren bekommen. Bei geschichtlicher Beurteilung vornehmlich aus dem Bereich des Ordenslandes
dieser Tatsachen muß indessen auch beachtet
und aus dahinter liegenden Gebieten, die dem
werden, daß damals selbst im kultivierteren We- hansischen Kaufmann kaum noch erreichbar ge-
sten noch häufig genug von Waffengewalt Ge- wesen wären.
brauch gemacht wurde, so daß ein gewaltloses

39
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Daß der Deutschritterorden auch das Münz-


recht ausübte, wurde bereits erwähnt. Der Or-
den hat das Münzrecht mit dem kaiserlichen
Privileg Friedrichs II. anno 1226 erhalten. Da
der Orden in Verbindung mit der Hanse vor-
nehmlich dem großen Handel diente, verlegte
er sich unter dem Ordensmeister Winrich von
Kniprode (1351-1382) auf die Ausprägung von
Groschen- und Schilling-Münzen. Diese Münzen
waren aber keine Brakteaten mehr; es waren
doppelseitig geprägte Münzen, auf der Rück-
seite zeigten sie den Hochmeisterschild. Die Gro-
schenmünze wurde "Halbschoter" genannt. Un-
ter der Führung des Winrich von Kniprode er-
lebte der Deutsdsritterorden seine höchste Blüte-
zeit; in dieser Zeit erhielt auch die Marienburg
ihre letzte Vollendung. Auch hier hat das Geld
seinen redlichen Teil zum Erfolg beigetragen.

So sehen wir, daß der Pulsschlag eines kraft-


strotzenden Wirtschaftslebens bis an die Peri-
pherie der christlich-abendländischen Kultur-
welt zu spüren war. Der stetige Güterabsatz,
der unaufhörliche Antrieb zu weiteren und grö-
ßeren Leistungen war tausend Kilometer östlich
des Rheines genau so stark wie in Köln oder in
Flandern. Und der Reichtum, den der nimmer-
müde Fleiß dieser Jahrhunderte schuf, der Reich-
tum, den die entfesselte Produktivkraft unge-
hinderter Arbeit spielend zu fördern vermochte,
dieser Reichtum ließ also nicht nur Kathedralen
und stolze Rathäuser, Patrizierpaläste und Gil-
dehallen entstehen, sondern er trat über die
Ufer und schlug sich östlich der Elbe in Burgen
und Hunderten von Städten nieder.

Niemals vorher und niemals nachher ist etwas


Derartiges innerhalb eines verhältnismäßig kur-
zen Zeitraumes noch einmal geschehen. Es ist
aber auch niemals vorher und niemals nachher
noch einmal eine Wirtschaftsblüte von gleicher
Beständigkeit aufgetreten.

40
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

fast bis zur Erschöpfung gearbeitet haben müs-


ARBEIT UND EINKOMMEN sen - zumal ihnen die höhere Produktivität der
Unter dem Eindruck der großartigen Leistun- modernen Technik noch nicht zur Verfügung
gen, die das Zeitalter der Gotik aus seiner uner- stand - oder daß das Einkommen aus irgend-
schöpflichen Tatkraft für kommende Jahrhun- welchen Gründen nach unseren heutigen Begrif-
derte geschaffen hat, drängt sich nun aber doch fen ungewöhnlich hoch gewesen sein muß. - Die-
die Frage auf, wie das alles möglich gewesen sen Fragen werden wir im einzelnen nachgehen
sein kann, welches Maß von Arbeit der Mensch müssen.
auf sich genommen haben muß und in welchem
Umfang er wohl seine eigenen Lebensbedürfnis- Was die Arbeitszeit anbelangt, ist zunächst
se zugunsten solcher in die Zukunft reichender daran zu erinnern, daß das christliche Mittelal-
Werke zurückgedrängt haben mag. ter neben den Sonntagen sehr viele kirchliche
Feiertage hatte; Adolf Damaschke schreibt in sei-
Volkswirtschaftliche Grundgesetze sind über- nem Werk "Geschichte der Nationalökonomie",
all und zu allen Zeiten dieselben. Jede Erstel- daß von den Handwerksgesellen vielfach noch
lung von Anlagen, seien es Häuser oder Burgen, die Freigabe des blauen Montags verlangt und
Brücken oder Kathedralen, Gildehallen oder erreicht wurde. "In Amberg setzten die Zünfte
Rathäuser, Stadtmauern oder Straßen, die der den ,allgemeinen guten Montag’ auf alle 14 Tage
Zukunft dienen, kann immer nur durch eine Ab- fest." (s. a. a. O. S. 48/49)
zweigung aus den Produktionsleistungen der
Gesamtheit zustandekommen. Es muß sich also "Wer an Sonnabenden oder an Vorabenden
auch damals um denselben Vorgang gehandelt hoher Feste nach dem Vesper-Läuten noch arbei-
haben, der uns heute unter den Begriffen "Spa- tete oder arbeiten ließ, wurde in Strafe genom-
ren" und "Investieren" geläufig ist. Keine men. Da die Zahl der streng eingehaltenen Fei-
Volkswirtschaft kann etwas in Investitionen ertage mindestens 90 betrug, so brauchten die
umwandeln, in Häuser, Brücken, Verkehrs- und Handwerksgesellen, wenn sie auch noch die Frei-
Produktionsanlagen oder auch in öffentliche und heit des Montags erkämpft hatten, in der Woche
Kulturbauten, ohne daß sie in gleichem Umfang durchschnittlich nur v i e r volle Tage zu arbei-
den Verbrauch, den Lebensstandard der jewei- ten, und auch an diesen Tagen war für geregelte
ligen Gegenwart einschränkt. Das sind reale Er- Arbeit gesorgt." (s. a. a. O. S. 49)
fordernisse, die auch mit den modernen Pfiffig-
keiten von "Kreditschöpfung" nicht aus der
Welt zu schaffen sind. Diese Kreditschöpfungen Als bemerkenswert - und als Zeichen dafür,
- heute zum Beispiel mit Vorliebe für jeweilige daß der blaue Montag nicht nur in vereinzelten
Kriegsfinanzierungen eingesetzt - stellen stets nur Fällen durchgesetzt wurde - verdient hervorge-
einen nicht sonderlich frommen Betrug dar. Aber hoben zu werden, daß die Handwerksgesellen
von Kreditschöpfung hatte ja der Mensch der in den mittelalterlichen Städten diesen Tag viel-
Gotik überhaupt noch keine Ahnung, so daß die fach forderten, um am Badeleben teilnehmen zu
Überlegung, es könnte vielleicht solcherart zu- können. "In Meißen mußten jedem Maurerge-
standegekommen sein, selbst dann gegenstands- sellen wöchentlich 5 Groschen Badegeld gegeben
los wäre, wenn jemand den Widersinn einer sol- werden, in einer Zeit, in der ein ganzer Scheffel
chen Annahme nicht durchschauen und die Mög- Korn nur 6 Groschen und 5 Pfennige kostete."
lichkeit allen Ernstes bejahen würde. Der sächsische Scheffel faßte 103,8 Liter! -

In der Tat ist also alles, was diese drei Jahr- Noch am Ausgang dieses Zeitalters, um 1450,
hunderte von der Mitte des 12. bis zur Mitte des konnte Erzbischof Antonin von Florenz in sei-
15. Jahrhunderts vollbrachten und der Nach- ner Summa sacrae Theologiae es als selbstver-
welt hinterließen, aus einer Produktivkraft her- ständlich bezeichnen, daß für die Gewinnung
aus geschaffen worden, die sich nicht in der Her- des notwendigen Lebensunterhaltes eine kurze
stellung aller derjenigen Güter zu erschöpfen Arbeitszeit genüge und daß nur derjenige lange
brauchte, welche für den Lebensunterhalt und und viel arbeiten müsse, der nach Reichtum und
Lebensgenuß jener Menschen auf alle Fälle be- Überfluß strebe. (s. a. a. O. S. 50)
nötigt wurden. Es muß also ein Überschuß von
Leistungskraft dagewesen sein, der, volkswirt- Und 1465, als sich die große Zeit ihrem Ende
schaftlich betrachtet, eine "Spar-Quote" darstell- zu neigte, wollten die Herzöge von Sachsen die
te und sich in die "Investitionen" der betrachte- Schicht ihrer Bergwerksknappen in Freiburg
ten Art verwandelte. Hieraus ergibt sich im i. S. von 6 Stunden - was bis dahin die gültige
Hinblick auf das achtunggebietende Resultat Arbeitszeit war! - auf 8 Stunden erhöhen. Die
jener Investitionstätigkeit, daß sich diese Zeit Bergknappen widersetzten sich jedoch und for-
entweder eine außerordentliche Sparsamkeit derten eine Lohnerhöhung; die Einigung dar-
auferlegt haben muß oder daß die Menschen über erfolgte indessen erst nach 14 Jahren, anno
1479 und betraf eine Neufestsetzung der Ar-

41
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

beitszeit auf 7 Stunden bei gleichzeitiger Lohn- Landstriche gab, in denen die Bauern goldene
erhöhung. (s. a. a. O. S. 49) Knöpfe am festlichen Wams trugen und silberne
Schnallen an den Schuhen, nach denen unglaub-
Wir werden an zahlreichen sonstigen Berich- liche Gelage anläßlich von Hochzeiten und Kir-
ten und Schilderungen vom Leben und Treiben mesfeiern von erstaunlichem Wohlstand zeug-
dieser Zeit noch feststellen können, daß von ten, nicht für den ganzen Bereich der damaligen
einer Menschenplagerei im Handwerk und städ- Welt gelten.
tischen Gewerbe, von einer drückenden Inan-
spruchnahme der Arbeitskraft, durch welche sich Wo immer wir aber der Geschichte nachgehen,
spätere Zeiten bis auf die Gegenwart auszeich- finden wir, daß der Mensch dieser Zeitläufte
neten und noch auszeichnen, damals nirgends nicht lebte, um zu arbeiten - wie in späteren
die Rede sein konnte. Besonderen Anforderun- Zeiten Millionen von sich sagen mußten, ohne
gen in diesem Sinne waren allenfalls die Land- daß sie jemals über die Sicherung einer dürf-
bewohner ausgesetzt, die den Grundherren ne- tigen Existenz zu einem wahrhaften und sorg-
ben der Abgabe des Zehnten auch Frondienste losen Genuß des Daseins kommen konnten! -
zu leisten hatten; die außer dem Land, das sie sondern daß er arbeitete, um zu leben und sich
selbst bestellten, auch die Felder des Burgherrn des Lebens bei aller Religiosität und Jenseits-
bestellen mußten, seine Wege bauen und sein gläubigkeit doch noch herzhaft zu freuen.
Holz fällen und dergleichen mehr. Aber auch
diese Möglichkeiten der Überspannung von An- Haben wir nun gesehen, daß der Aufwand
forderungen an die Arbeitskraft der Landbe- an Leistung und Arbeit gegenüber der moder-
wohner hatten jahrhundertelang ein Ventil in nen Zeit, die doch so stolz ist auf ihre techni-
der Ausweichmöglichkeit nach der Stadt. Der schen Fortschritte, mit denen eine viel höhere
Landbewohner, der das Land verließ und in die Ergiebigkeit allen produktiven Schaffens gewähr-
Stadt zog, um sich einem Gewerbe zu widmen, leistet wäre, damals geringer war als heute -
war fortan ein freier Mann, der über den Ertrag und haben wir weiter berücksichtigt, daß es
seiner Arbeit ohne Einschränkungen verfügen überdies eine viel geringere Menschenzahl war,
konnte. Dieser Umstand allein bewirkte, daß die diese großartigen Leistungen aus der Voll-
die Willkür und Maßlosigkeit des Landadels ge- kraft ihrer Zusammenarbeit schufen - so däm-
zügelt wurde; und die Geschichte zeigt schließ- mert uns vielleicht schon eine Ahnung davon
lich auch, daß die Bauernschinderei erst im 16. auf, was es heißt, jahrhundertelang ohne die so-
Jahrhundert, ein Jahrhundert nach dem Versin- ziale Belastung erzwungener Arbeitslosigkeit
ken der gotischen Wirtschaftsblüte, jene Formen und ohne die Übersetzungen eines unproduk-
annahm, die zu den Bauernkriegen führten. Die tiven, rein reglementierenden Verwaltungsappa-
Logik dieser Entwicklung ist völlig klar, denn rates des Gemeinwesens, wie ihn unsere Zeit
mit dem Ende der Wirtschaftsblüte verschärfte entwickelt hat, arbeiten und schaffen zu können.
sich der Daseinskampf in den Städten; die Stag-
nation des Absatzes, das Versiegen der Nach-
Die soziale Fürsorge für Gebrechliche, für Alte
frage, auf dessen Ursache wir noch zurückkom- und Kranke äußerte sich im Geiste des Christen-
men werden, brachte die Zünfte in starre Ab- tums in freiwilligen Stiftungen von Spitälern,
wehr gegen zuziehenden Wettbewerb. Dadurch
wie auch in direkter Liebestätigkeit. In den rei-
war den Landbewohnern der Ausweg nach der chen Städten war es Brauch, daß die Vermögen-
Stadt gesperrt, so daß sie der übermütig wer- den und mit Glücksgütern Gesegneten in ihren
denden Gewalt ihrer Fronherren bedingungslos
Häusern in Erdgeschoß-Wohnungen sogenannte
ausgeliefert waren. "Haus-Arme" aufnahmen, für deren Lebens-
unterhalt, Kleidung und täglich Brot der Haus-
Dies alles gehört, wie gesagt, in das 16. Jahr- herr sorgte. Daß so etwas möglich war, zeugt
hundert, in die Zeit des Niedergangs, die ihren freilich nicht nur vom Geiste echter Caritas, son-
grauenhaften Tiefstand im 30jährigen Krieg dern es zeugt auch davon, daß die Anforderun-
erreichen sollte. Zur Zeit der Gotik indessen gen an solche Opferwilligkeit im Rahmen des
hatte auch der Bauer noch seinen Anteil an der Erträglichen geblieben sein müssen. Die heutige
Wohlfahrt des Ganzen, ohne daß seine Arbeits- Zeit würde für solche direkte Fürsorge keinen
kraft in dieser rigorosen Brutalität ausgebeutet Raum mehr haben. Sie ist mit sozialen Anfor-
worden wäre. derungen überlastet, die nicht von naturbeding-
ter menschlicher Not, sondern vom krankhaften
Unter Berücksichtigung dessen, daß der Land- Zustand unserer Gesellschaft verschuldet sind.
bau aus Gründen der Naturgegebenheiten, Lage,
Klima, Bodenbeschaffenheit und anderen Um- Um aber im einzelnen noch genauer feststel-
ständen nicht überall gleich ergiebig sein konnte, len zu können, was der Handwerker, der Ge-
ist es auch nicht verwunderlich, wenn die vorlie- werbetreibende, der Kaufmann von seiner Ar-
genden Berichte aus jener Zeit, nach denen es beit hatte, ist es notwendig, Arbeitslöhne und

42
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Einkünfte einerseits wie auch Preise und Lebens- ". . . auf einen Freitag und einen anderen Tag,
bedingungen andererseits unter die Lupe zu da man nicht Fleisch isset, eine Suppe, ein Essen
nehmen. grüne und dörre Fische," oder, sofern man nicht
fasten müsse: "fünf Essen, eine Suppe, zweierlei
Wiederum darf hier vornehmlich auf die ver- Fisch und zwei Zugemüse." Da es damals noch
dienstvollen Zusammenstellungen von Adolf keine Kartoffeln gab, bestanden also die Haupt-
Damaschke in dem bereits mehrfach erwähnten mahlzeiten wesentlich aus Fleisch, Fisch und Ge-
Werk "Geschichte der Nationalökonomie" ver- müsen; die Suppen mögen Getreidesuppen,
wiesen werden. Wenn im Gebiet von Aachen Graupen, Hirse und ähnliches gewesen sein,
um 1300 ein Tagelöhner beinahe den Preis von außerdem mag auch Brot als Zukost auf den
2 Gänsen verdiente, und wenn um 1480 am Nie- Tisch gekommen sein. Dazu sollten die gelernten
derrhein sich ein Tagelöhner bei freier Kost für Werkleute 18 Groschen wöchentlich Lohn, die
den Lohn eines Arbeitstages 2,5 Liter Roggen, gemeinen Werkleute 14 Groschen, erhalten.
2 Pfund Kalbfleisch, eine große Kanne Milch ". . . so aber dieselben Werkleute bei eigener
kaufen und außerdem noch soviel Geld übrig Kost arbeiten, so solle man dem "Pollierer" über
behalten konnte, daß er in der Lage war, in 4 27 Groschen und dem gemeinen Maurer über 23
bis 5 Wochen ein Paar Schuhe und 6 Ellen Lei- Groschen nicht geben," (s. a. a. O. S. 47/48).
newand nebst einer gewöhnlichen Arbeitsjacke Hieraus ersehen wir, daß die aufgeführte Kost
anzuschaffen (s. a. a. O., S. 41/42), so er- mit einem Gegenwert von 7 bis 9 Groschen wö-
sehen wir daraus, daß der Reallohn doch wohl chentlich bewertet wurde.
außerordentlich hoch gewesen sein muß. Da-
maschke führt an derselben Stelle noch weiter Über die Preise wichtiger Lebensmittel und
an, daß um die gleiche Zeit in Sachsen ein ge- anderer Gebrauchsgüter gibt es zahlreiche Fest-
wöhnlicher Tagelöhner 6-8 Groschen in der stellungen, die wir heute noch nachprüfen kön-
Woche verdiente - der "Groschen" war der nen. An der Katharinenkirche in Oppenheim
große Silberpfennig, der in diesem Falle einen ist an einem der südlichen Strebepfeiler einge-
Wert von 12 einfachen Silberpfennigen oder meißelt: "Do daz brod vir haller galt, do
24 Hellern hatte; - da in dieser Zeit ein Schaf wart diese cappelle ane gehoben. Ano Dni
4 Groschen, ein Paar Schuhe 2 Groschen MCCCXVII". Das war also der Brotpreis um
kostete, kann man sich den Reallohn leicht auf die das Jahr 1317: 4 Heller = 2 Pfennige.
heutigen Verhältnisse umrechnen.
Interessante Einzelheiten bringt auch Johan-
In Augsburg verdiente ein Tagelöhner täglich nes Scherr in seinem bekannten Werk "Deutsche
soviel, wie 5 bis 6 Pfund des besten Fleisches ko- Kultur- und Sittengeschichte". Scherr ist jedoch
steten. In der Schweiz war der Tagelohn eines in der Münzkunde nicht zuverlässig und nennt
Handlangers um das Jahr 1400 neben freier auch mitunter Preise, die vollkommen aus dem
Kost - die ja in der patriarchalischen Ordnung natürlichen Verhältnis zu den übrigen Preisen
jener Zeit fast überall vom Meister gewährt der gleichen Zeit herausfallen. Immerhin dürfte
wurde - 4 bis 5 Franken nach dem heutigen Geld. es aber glaubwürdig sein und stimmt auch mit
(s. a. a. O., S. 42). Berichten aus anderen Quellen überein, wenn er
angibt: "Der Tagelohn eines Handwerkers be-
Das waren nun aber nur die Einkünfte der trug hier außer der Verköstigung sechs Pfennige,
niedrigsten Volksschichten, der ungelernten Tage- anderwärts 10 bis 15 Pfennige. Ein Erfurter
löhner, also der Menschen, die vielleicht gerade Student bezahlte 1483 dem Schneider für Hose,
erst vom Land in die Stadt gezogen waren. Für Wams und Mantel 18 Groschen Macherlohn und
die Lohnbedingungen der zünftigen Handwerks- gab dem Schneiderknecht 3 Pfennige Trinkgeld;
gesellen ist für den Ausgang jener glücklichen für ein Paar Schuhe zahlte er 8 Groschen."
Zeit auch noch so etwas wie eine "Tariford-
nung" überliefert. So bestimmten die Herzöge Zu Basel waren 1355 mehrere Häuser zu je
Ernst und Albert von Sachsen im Jahre 1482 in 3 Pfund verkauft worden - das Pfund müssen
ihrer Landesordnung als Höchstlohn für einen wir nach der karolingischen Münzordnung immer
Handarbeiter mit Kost wöchentlich 9 neue Gro- noch mit 240 Silberpfennigen in unsere Rech-
schen - um diese Zeit muß also die Renovatio nung einsetzen. - Wenn von Pfennigen die Rede
monetarum in dieser Gegend noch bestanden ist, ist immer der alte "Denar", die kleinste und
haben, da die Zahlung ausdrücklich in neuen gängigste Silber-Münze gemeint. 3 Pfund für
Groschen ausbedungen war, eine Bestimmung, ein Haus stellten also einen Preis von 720 Sil-
die sich nach der Aufhebung der Münzerneue- berpfennigen dar. Zwischen 1400 und 1430 gab
rung später erübrigte -; den Werkleuten sollte es in Basel aber bereits Häuser, die 60 Pfund
außerdem "zu ihrem Mittag- und Abendmahle kosteten.
nur 4 Essen, an einem Fleischtag eine Suppe,
zwei Fleisch und ein Gemüse" gegeben werden;

43
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Zu Konstanz galten während des Konzils von Nun ist in diesen Preisen, Arbeits- und Lohn-
1414-1418, das Hus zum Tode verurteilt und verhältnissen zwar die Grundlage der gesamt-
dem Scheiterhaufen überantwortet hatte, im wirtschaftlichen Situation einigermaßen aufge-
übrigen aber die Spaltung in Papsttum und zeigt; was aber aus den gegebenen Verhältnissen
Kirche beheben und notwendige kirchliche Re- für den wagemutigen Kaufmann und Unterneh-
formen einleiten sollte, folgende Preise: 1 Pfund mer herausgeholt werden konnte, übersteigt
Rindfleisch 3 Pfg., 1 Pfund Lammfleisch 7 Pfg., denn doch unsere Begriffe von erfolgreichem
1 Ei kostete 1 Heller, ein Hering 1 Pfennig (s. Wirtschaften sehr beträchtlich. Andererseits aller-
a. a. O., S. 242 ff). dings lernen wir den Aufwand und die Groß-
zügigkeit dieser Patrizier begreifen, wenn wir
Für das Jahr 1450 gibt Scherr Preise aus sehen, über welche Mittel sie verfügen konnten.
Bayreuth an: das Maß Korn 20 Pfennige,
Gerste 18, Hafer 13 Pfennige; 1 Pfund Rind- Ein Konsortium von 13 westdeutschen Kauf-
fleisch 3 bis 5 Pfennige, Schweinefleisch 5 Pfg., leuten war anno 1340 in der Lage, dem eng-
Kalbfleisch 2 Pfg., 1 Pfund Schmalz 6 Pfg., das lischen König Eduard III. eine Anleihe von
Lot (17 Gramm) Safran 32 Pfg.; 4 Schweine 18100 Pfund zur Verfügung zu stellen und von
kaufte man um 6 Pfund und 20 Pfennige, einen Brüssel aus sofort weitere 6300 Pfund zu ge-
Ochsen um 12 Pfund. währen. Dafür erhielten die hansischen Kauf-
leute Ausfuhrlizenzen für 3386 Sack Wolle und
Zu Schweinfurt galt eine Gans um 1488 noch das Recht auf Erhebung eines Wollzolles in
8 Pfennige, 3 Pfund Pfeffer 1 Gulden - der Gul- 15 Häfen bis zum 27. Mai 1341. Kurze Zeit
den hatte 18 Groschen -; 1 Butte Äpfel kostete darauf borgten sie ihm weitere 6500 Pfund und
1 Pfund und 4 Pfennige, 1 Maß Branntwein lösten ihm die an den Erzbischof von Trier ver-
5 Pfennige (s. a. a. O., S. 247). pfändete Königskrone mit mehr als 8000 Pfund
und zwei kleinere Kronen von Kölner Geld-
Um den realen Wert des Geldes, seine Kauf- gebern mit etwa 800 Pfund ein (siehe Hering:
Deutsche Hanse, S. 89).
kraft zu veranschaulichen, berichtet Ernst He-
ring in seinem Werk "Die Deutsche Hanse", wie
2 Rheinschiffer, Dietrich von Andernach und Tidemann von Limburg gewährte dem König
Hanckin von Breisich, mit 18 Schiffsleuten und jahrelang Kredite und erhielt dann anno 1347
40 Gesellen den König von England mit seinem einen Vertrag, der ihm die Ausbeutung der Zinn-
vornehmen Gefolge, dazu vier rheinische Ritter bergwerke des ganzen Herzogtums Cornwall
und eine 66 Mann starke Leibwache, also minde- für die Dauer von dreieinviertel Jahren ver-
stens 100 Personen, für 20 englische Pfund von pfändete. Und beim gleichen Verfasser lesen wir
Bonn bis Koblenz rheinaufwärts beförderten noch: "Wir begreifen die finanzielle Stärke der
(s. a. a. O., S. 90). Da es sich beim englischen deutschen Kaufherren vom Stalhof in London
Pfd. sehr wahrscheinlich um das Troypfund von erst recht, wenn wir hören, daß die hohen Sold-
12 Unzen = 372 g gehandelt haben wird, ent- summen, die Eduard III. an die deutschen Für-
sprach dieses Pfund etwa einem Betrag von 510 sten zahlte, durchweg auf hansische Wechsel ge-
Hellern, den Heller als kleinste Silbermünze mit zogen waren. Das Rechnungsbuch vom Jahre
0,7 g gerechnet. Größere Zahlungen wurden übri- 1341 enthält eine stattliche Liste über ausge-
gens in der Regel gewogen und das Troypfund zahlte Gelder: an den Kaiser 8227 Pfund, an
war das Pfund für Edelmetalle und Medika- den Markgrafen von Jülich 8962 Pfund, an den
mente. Die im vorstehenden Fall genannten 20 Grafen Reinald von Geldern 4612 Pfund, an
Pfund würden demgemäß mehr als 10 000 Hel- Herrn Dietrich von Falkenberg 3864 Pfund, an
ler dargestellt haben, wofür die Schiffer also den Grafen von Hennegau 3150 Pfund, an den
10 000 Eier hätten kaufen können, wenn wir Herzog von Brabant 600, an den Erzbischof
den sogar zu späterer Zeit noch gültigen Eier- von Trier 506 Pfund und an andere noch viele,
preis zugrunde legen wollten. Man kann leicht aber meist geringere Summen" (s. a.a.O., S. 89/
ausrechnen, daß das für heutige Begriffe ein an- 90).
sehnlicher Verdienst gewesen sein muß. Dennoch
lag aber dieser Verdienst für die damaligen Ver- Erinnern wir uns noch einmal daran, daß diese
hältnisse noch unter dem Durchschnitt. Summen mit 20 multipliziert werden müßten,
wenn es darum ginge, unter heutigen Verhält-
Auch Hering stimmt mit den Feststellungen nissen gleichwertige Beträge aufzubringen.
anderer Geschichtsforscher darin überein, daß
man, um ein rechtes Verständnis für die Größe Fritz Rörig schreibt in seinem Werk "Vom
der in solchen Aufzeichnungen genannten Be- Wesen und Werden der Hanse" über die Ent-
träge zu bekommen, die Summen mit 20 mul- wicklung des Reichtums in Lübeck zu diesem
tiplizieren müsse (s. a. a. O., S. 90). gleichen Thema: "Die Nachfahren jener Män-
ner, die sich erfolgreich am Gründungsvorgang

44
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

der Stadt beteiligt hatten, erfuhren sehr bald,


daß das Vermögen, womit sie ein Rentnerleben
führen zu können glaubten, eine Bagatelle war
gegenüber dem, was die Männer des neuen kauf-
männischen Stils an Reichtümern ansammelten;
ihnen allen voran Bertram Mornewech . . . mit
seinem 1286 erfolgten Tode flossen große Be-
träge aus seinem Geschäfsbetrieb zurück und
fanden Anlage auf dem sich eben damals in grö-
ßerem Umfang bildenden Lübecker Renten-
markt." Nach den weiteren Feststellungen Rö-
rigs beeinflußten diese Kapitalien den Renten-
markt so stark, daß der Zinsfuß von 10 auf 6,5
Prozent herunter ging. Die Witwe Mornewech
habe von 1286 bis 1301 rund 14 500 Lübecker
Mark, auf deutsche Vorkriegswerte umgerech-
net 1500 000.- Goldmark, angelegt. - Und
dies in einer Stadt, die erst 150 Jahre zuvor ge-
gründet worden war (s. a. a. O. S.102/3).

So sehen wir also, daß die erstaunlichen Lei-


stungen, die dieses Zeitalter vollbracht hat, viel
weniger aus den Quellen unverdrossener Spar-
samkeit und Genügsamkeit - wie man heutzu-
tage anzunehmen geneigt wäre - als vielmehr
aus der Beständigkeit einer unerhörten Wirt-
schaftsblüte hervorgegangen waren.

45
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

die Landweine vom Maintal, von Mosel und


ESSEN UND TRINKEN Neckar, sowie rheinische und Elsässer Weine. In
Dem allgemeinen Wohlstand und dem Reich- der vornehmen Gesellschaft trank man aller-
tum der Gewerbetreibenden und Kaufleute ent- dings auch gerne französische und italienische
sprach eine Lebenshaltung, die nach unseren Weine; griechische Weine, Malvasier, Muskatel-
heutigen Begriffen unglaubwürdig wäre, wenn ler, Romanije gehörten zum Besten . . . Man
nicht auch dafür ausreichende Zeugnisse aus trank diese Weine jedoch nicht rein, sondern in
allen Gegenden vorliegen würden. der Regel mit allerlei Kräutern und Gewürzen
gemischt. Fremder Würzwein, kunstvoll aus fran-
Johannes Butzbach berichtet in seinem "Wan- zösischen Rotwein verfertigt, wurde als "Clarett"
derbüchlein aus Böhmen": "Das gewöhnliche und "Hyppokrates" eingeführt; über Maulbee-
Volk hat selten bei der Mittags- oder Abend- ren abgezogener Wein hieß "Moraß"; außerdem
mahlzeit weniger als 4 Gerichte, zur Sommers- wurden viele andere Arten aromatischer Ge-
zeit überdies noch morgens als Frühstück Klöße tränke verfertigt, auch mit gekochtem Wein,
mit in Butter gebackenen Eiern und Käse; oben- zum Teil nach Rezepten, die aus dem römischen
drein nehmen sie außer dem Mittagsmahl noch Altertum stammten. Sie waren besonders von
des Nachmittags als Vesperbrot sowie zum Frauen begehrt, mehr als heute die Liköre (s. a.
Nachtessen Käse, Brot und Milch" (s. Adolf Da- a. O., S. 534).
maschke: Geschichte d. Nationalökonomie, S.
47). Im Westen und Norden wurde besonders
gerne Met getrunken. Im Jahre 1385 hat die
Johannes Scherr schildert die Lebenshaltung Stadt Aachen allein 29 Ohm (1 Ohm = 134,4
der höfisch-ritterlichen Gesellschaft, die ja im Liter) als Präsent, das sie jährlich leistete, an
wesentlichen die Schicht der Lehensträger und Kurfürsten, Bischöfe und einige andere Vor-
Territorialherren darstellte und die in ihrer Le- nehme gegeben (s. G. Freytag a.a.O., S. 533/34).
benshaltung etwa dem Standard des reichen Bür-
gers gemäß verfuhr. "An gewöhnlichen Tagen", Was das Bier anbetrifft, so gehörte das Brauen
so schreibt Scherr (s. S.115) "waren die Speisen ursprünglich zu den Haushaltsaufgaben; jeder
sehr einfach zubereitet und bestanden zumeist Haushalt bereitete sich sein Bier selber. Im
aus gesalzenem und geräuchertem Fleisch, Hül- 13. Jahrhundert war aber das Bierbrauen schon
senfrüchten und Kohl; bei festlichen Anlässen ein selbständiges Gewerbe. Bremen, Lübeck,
dagegen . . . bogen sich die Tafeln unter stark Hamburg befaßten sich zum Ende des 13. und
gewürzten Leckerbissen und vielartig gemengten Anfang des 14. Jahrhunderts mit einem beacht-
Brühen, unter künstlich geformtem Backwerk lichen Bier-Export. König Haakon V. war im
und allerhand Eingemachtem. Der Tisch war Jahre 1316 bereits sehr ungehalten darüber, daß
während der Mahlzeit mit einem weit über die die Schiffe der Deutschen Bier und entbehrliche
Ränder herabhängenden Tuch bedeckt; mitten Kramwaren nach Norwegen brachten, während
auf der Tafel lagen um das Salzfaß herum Brote er mehr Mehl und Malz oder anderes "schweres
in verschiedenen Laibformen. Bevor man sich Gut" für sein Land haben wollte.
zum Essen niedersetzte und wiederholt während
des Essens wurde Handwasser samt Handtü- Vom heiteren Leben herzhafter Geselligkeit
chern herumgereicht." nach vollbrachter Arbeit finden wir auch bei
Ernst Hering in seiner Schilderung der Schonen-
Bei Gustav Freytag lesen wir, daß die Koch- fahrt ein lebendiges Bild:
kunst jener Zeit am besten in den Städten gedie-
hen sei. Die hansischen Kauffahrer hatten zu Einen festlichen Abschluß der mühseligen Ar-
den heimischen Gerichten noch mancherlei beit während der Fangzeit bildete als größere
fremdartige eingeführt: "Reis in griechischer Veranstaltung die "Herbstschänke", für die in
Weise, französischer Blancmanger, orientalisches großen Mengen Hamburger oder Einbecker Bier
Konfekt in Rosenöl parfümiert. Aber . . . die besorgt wurde. Der Trinkfreudigkeit entspra-
Vorliebe für starkes Gewürz war übergroß, au- chen auch die Magenstärkungen, Brot, Hering,
ßer den heimischen Küchenkräutern und dem Schinken, Pökelfleisch, Würste und geräucherte
milden Safran wurden die indischen Baumge- Zunge. Die "Fastel-Abende", die später sogar
würze in unglaublichen Mengen verbraucht" (s. stolz "Gastmahl" genannt wurden, waren gleich-
a. a. O., S. 533). falls eine alljährlich wiederkehrende Festlich-
keit. Da ermahnten die Ältesten die Musiker,
"Die geistigen Getränke, die man genoß, den Bäcker, den Koch und die Heringspacker.
waren Wein, Bier, Met, Apfel- und Birnenmost Die Musiker sollten sich lustig zeigen, die Bäk-
sowie Branntwein", berichtet wiederum Johan- ker gutes Brot, der Koch gute Speisen bereiten.
nes Scherr. "Der Weinbau erstreckte sich über Die Heringspacker - als besondere Vertrauens-
weitere Landstrecken als heute. Beliebt waren personen - aber hatten sorgfältig aufzupassen,

46
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

daß kein Silbergeschirr gestohlen oder sonstwas


verwahrlost wurde.

Daß solche Üppigkeit des Lebens nicht etwa


nur vereinzelt irgendwo festzustellen war, an
einem Platz, der zufällig guten Erwerb bot,
kann leicht nachgeprüft werden, wenn wir uns
in anderen Gegenden umsehen. In Zürich wurde
z. B. beim Frühlingsfest zum Sechseläuten auf
den Trinkstuben der Zünfte für jeden Mann
nicht weniger als 16 Maß Wein angesetzt.
(S. Scherr: "Deutsche Kultur- und Sittenge-
schichte", S. 231.)

Die "Landshuter Fürstenhochzeit" - eine


heute noch in der ehemaligen Residenz der
bayerischen Herzöge zur Erinnerung stattfin-
dende Festlichkeit - geht auf die Hochzeit
Georgs des Reichen mit der polnischen Königs-
tochter Jadwiga zurück, die im Jahre 1475 mit
unvorstellbarem Aufwand an Tafelfreuden be-
gangen wurde. Da wurden 10 000 Gäste frei-
gehalten und die Chronik berichtet von 333
Ochsen, 300 Schweinen, 1 100 Hammeln, 3 000
Kälbern und Lämmern und 75 000 Hühnern
und Gänsen, die da gebraten und gesotten wur-
den. Dazu wurden 194 000 Eier und 220 Zent-
ner Schmalz verbraucht; an Gewürzen waren
3 Zentner und 75 Pfund Pfeffer und 9 Zentner
andere Gewürze nötig. Demgegenüber war der
Zuckerverbrauch von 5 Zentner sehr mäßig,
wohingegen allerdings 140 Zentner Rosinen
einen Ausgleich an Süßigkeiten darstellten. Ge-
trunken wurden 6 Fuder Süßwein - 1 Fuder
faßt 960 Liter - und 60 Fuder sonstige deut-
sche Weine. Fische wurden für 4100 Gulden
aufgetafelt; der florentiner Gulden hatte ei-
nen Wert von 208 Pfennigen, in Kaufkraft
ausgedrückt bekam man für 1 Gulden damals
6 Schafe. Konfekt wurde für 500 Gulden ver-
nascht, was im vorgenannten Gegenwert eine
stattliche Hammelherde repräsentierte.

Im übrigen waren die Preise um die Mitte


des 15. Jahrhunderts nicht viel anders als 300
Jahre zuvor. Anno 1150 bekam man für 20
Schilling (= 240 Pfennge) 6 Schafe; um 1400
kosteten 6 Schafe 1 Gulden. Das ist kein gro-
ßer Unterschied. Ein Eimer Frankenwein ko-
stete anno 1250 55 bis 75 Pfennige; ein Eimer
hatte 64 Liter Inhalt. Um 1463 war der Wein
so billig, daß man, um einen Heller zu ver-
trinken, zweimal ins Wirtshaus gehen mußte!
(s. Menzner Flocken "Kaufkraft und Zeitge-
schehen"). Man könnte nicht sagen, daß das ein
kümmerliches Leben gewesen sein muß. -

47
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Anläßlich des Konzils von Konstanz, das, wie


GESELLIGKEIT UND schon angeführt, 4 Jahre dauerte und eine Art
KLEIDERLUXUS Europäischen Kongresses zur Ordnung kirch-
licher und weltlicher Dinge darstellte, wurden
Begreiflich ist, daß Hochzeiten von jeher mit
von dem mit der Aufzeichnung der Gäste be-
einem besonderen Aufwand gefeiert wurden.
trauten Bürger Ulrich Richtental 5 Patriarchen,
Das wird ja auch heute noch so gehalten, wo
33 Kardinäle, 47 Erzbischöfe, 145 Bischöfe, 93
immer es möglich ist. Dennoch übersteigt der
Weihbischöfe, über 500 geistliche Fürsten, 39
Aufwand, den sich die damalige Zeit bei solchen
Herzöge, 32 gefürstete Herren, 141 Grafen, 71
Anlässen leistete, unsere Fassungskraft und wir
Freiherren, 1500 Ritter, 20 000 Edelknappen
würden die Berichte stark bezweifeln, wenn sich
und 2000 Gelehrte von 37 Universitäten ge-
nicht aus den verschiedensten Gegenden das
zählt. Es sollen zeitweise über 70 000 Fremde
gleiche Bild ergeben würde. Bauernhochzeiten,
in Konstanz gewesen sein. Daß bei solchen Ge-
die eine Woche dauerten, an denen das ganze
legenheiten riesenhafte Umsätze in Brot und
Dorf teilnahm, bei denen es nicht selten so hoch
Wein, Fleisch und Fisch und allem, was die
herging, daß das Völkchen sich in die Haare ge-
Welt bieten konnte, zustande kamen, versteht
riet, wonach es noch blutige Köpfe gab, sind gar
sich von selbst.
nicht selten. In feinerer Art wurde in den
Städten mit festlichen Gelagen gefeiert, zu denen
in Anbetracht der großen Zahl der Gäste oft- Die patrizischen Kreise der Bürgerschaft ver-
mals das Tafelsilber von den Rats- und Zunft- anstalteten auch häufig Turniere, zu denen der
genossen zusammengeliehen wurde. Von Augs- umwohnende Adel sich einfand und die ge-
burg ist vom Ausgang dieser lebensfrohen Zeit wöhnlich mit einem prunkhaften Ball, dem Ge-
überliefert, wie der Bäckermeister Veit Gundlin- schlechtertanz, endigten. An solchen Veranstal-
ger anno 1493 die Hochzeit seiner Tochter aus- tungen, zu denen Zinken und Schalmeien
richtete. Da wurde an nicht weniger als sechzig Querpfeifen und Trommeln, Dudelsäcke und
Tischen gespeist; an jedem Tisch saßen zwölf Posaunen aufspielten, haben auch Kaiser und
Gäste, Männer, Junggesellen, Frauen und Jung- Könige teilgenommen. Ein besonders lebens-
frauen, zusammen 720 Hochzeitsgäste. Die Feier froher Herr scheint Kaiser Sigismund gewesen
dauerte 8 Tage. Es wurde so gegessen, getrun- zu sein; bei seinem Besuch in Straßburg tanzte
ken, getanzt, geneckt und gebuhlt, daß am sie- er im Reigen der Frauen noch nachts durch die
benten Tag viele wie tot hinfielen (s. Scherr Straßen.
a. a. O., S. 293).
Bei den Turnieren waren oft wertvolle Preise
Auch in anderer Hinsicht zeigte sich, daß man ausgesetzt; aber das Spiel mit den Waffen stei-
im Wohlleben, im Essen und Trinken, wie über- gerte sich mitunter zu erbitterter Heftigkeit.
haupt in jeglichem Genuß des Daseins vor lau- So wird von einem Turnier zu Neuß bei Köln
ter Übermut das rechte Maß allmählich zu ver- berichtet, das im Jahre 1241 vor einer großen
lieren begann. Nicht genug, daß der Feierabend, Menschenmenge stattfand und bei dem 60 Rit-
der Sonntag und die vielen Feiertage zur Erho- ter tot auf dem Platz blieben - Symptome wil-
lung, Entspannung und zum Genuß des Daseins der Maßlosigkeit des überschäumenden Lebens.
da waren, veranstaltete man auch besonders gern
Schützenfeste, Jahrmärkte mit allerlei Unterhal- Einen freundlicheren Ausgang nahm ein Tur-
tungen und dergleichen. Natürlich wurden kirch- nier, welches die Patrizier von Magdeburg anno
liche Veranstaltungen immer auch zugleich An- 1229 veranstalteten; der "Turnierdank" war
laß, mancherlei Volksbelustigungen, Pferderen- nämlich ein schönes Mädchen, das einem Kauf-
nen, Turniere und ähnliches auszurichten, da bei herrn aus Goslar zugefallen war und von ihm,
solchen Gelegenheiten viel Fremde zusammen- der sich nobel zeigte, zu einer ehrbaren Hoch-
kamen. zeit ausgestattet wurde.

Die Kirche selbst war es, die dem Bedürfnis In einer Zeit, in der man im Essen und Trin-
nach Schau-Veranstaltungen entgegenkam und ken, in Lustbarkeit und Unterhaltung trotz
die sogenannten "Mysterien-Spiele" pflegte, aus aller Frömmigkeit kaum eine Hemmung kannte
denen sich auch die weltliche Schauspielkunst - zumal der allgemeine Wohlstand alles er-
entwickelte. Die berühmten Gmünder Passions- laubte - war natürlich auch die Kleidung diesen
spiele, im Freien an der Nordseite der gotischen Verhältnissen angepaßt. Männer und Frauen
Kathedrale jeweils in der Karwoche aufgeführt, waren gleicherweise bestrebt, in farbenpräch-
haben sich bis in den Beginn des 19. Jahrhun- tigen und kostbaren Stoffen, daran es eine reiche
derts erhalten und bildeten noch ein Jugend- Auswahl gab, zu erscheinen. Der hansische Han-
erlebnis von Friedrich Schiller. del hatte namentlich im 12. und 13. Jahrhun-
dert viel Fremdartiges aus Italien, aus Byzanz,
dem Orient und aus Spanien nach der Heimat

48
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

gebracht. Die Kleidungsstoffe waren Leinewand, immer wieder genug hatte, um auch noch andere
deren feinste, sehr hochgeschätzte Sorte Saben Dinge zu finanzieren - zeugten auch die bizar-
aus byzantinischen Webstätten kam; ferner ren Formen der Schnabelschuhe, die Besetzung
Wollenzeuge, Barragan, Buckeram, Brunat, Di- von Schuhen und Wams mit Glöckchen, die Kap-
asper, Fritschal, Kamelott, Serge, Scharlach, Sei, pen der Männer, von denen verschiedenartige
sowie Seidenstoffe von mancherlei Art und Zipfel über den Rücken herab bis zur Erde flos-
Farbe, die oft mit Gold- und Silberfäden durch- sen, an den Spitzen noch mit einem Glöckchen
woben waren, und endlich Pelze verschiedener besetzt. Ganze Zünfte, Kappenmacher, Schellen-
Gattungen, Hermelin, Marder, Biber, Zobel macher und dergleichen waren für die tollen
usw. Hinzu kamen noch Metallstoffe und köst- Modelaunen der Zeit beschäftigt - und doch gab
liches Steinwerk, zu Geschmeide wie zu Waffen- es keinen Mangel an nützlichen und notwendi-
zierat verarbeitet (S. J. Scherr: D. Kult.- u. Sitt.- gen Dingen, keinen Hunger, keine unabwend-
Gesch., S.117 ff). bare wirtschaftliche Not und kein kleinliches
Einsparen an jenen Aufwendungen, die zum
Beide Geschlechter liebten das Farbenspiel, Wohle des Gemeinwesens wie auch zum Bau
an einem und demselben Kleidungsstück den der Kathedrale erforderlich waren. Braucht es
einen Ärmel grün, den anderen blau, ein Bein mehr, um zu begreifen, daß die Leistungen die-
gelb, das andere rot; alles das jedoch nicht nach ser Zeit aus einem echten Überfluß gekommen
Willkür, sondern mit symbolischer Bedeutung sein müssen? -
abgestimmt.

Die Mode war allezeit ein bevorzugtes Mittel,


durch welches der Mensch sein Geltungsbedürf-
nis gegenüber der Mitwelt offenbarte. So haben
auch die Frauen beispielsweise um das Jahr
1220 zum Kirchgang eine lange Schleppe hinter
sich hergezogen und der vorgenannte Verfasser
schreibt hierzu:

". . . sie machten sich wenig daraus, daß die


Priester gegen diesen Pfauenschweif eiferten und
behaupteten, dies sei der Tanzplatz der Teufel-
chen, und Gott würde, falls die Frauen solcher
Schweife bedurft hätten, sie wohl mit etwas
Derartigem versehen haben", - womit der Mut-
terwitz der Kleriker durchaus einleuchtend ar-
gumentiert haben dürfte; aber was nutzen schon
solche Argumente gegen die Eitelkeit der Frauen
und gegen den Spaß, den der Aufwand machte?

Die Obrigkeit hat sich in diesen Zeiten öfters


bemüht, "Kleiderordnungen" festzulegen, um
den unerhörten Luxus, den sich die Menschen
doch offensichtlich leisten konnten, einigermaßen
einzudämmen. Dabei ging es, was immerhin für
die wirtschaftliche Lage der niedrigen Volks-
schichten bezeichnend sein dürfte, darum, gerade
diesen Volksschichten das Tragen besonders
kostbarer Stoffe, wie Samt, Seide und Brokate
oder kostbares Pelzwerk zu untersagen. Man
hätte sonst die Stände nicht mehr voneinander
unterscheiden können! - Bezeichnend für die all-
gemeine Farbenfreudigkeit und für den Luxus
jener Zeit dürfte auch die Tatsache sein, daß Bi-
schof Johann von Straßburg anno 1317 sogar
dem Klerus seines Bistums bei Strafe des Kir-
chenbannes untersagen mußte, grüne, gelbe und
rote Schuhe zu tragen! -

Von der Ausgelassenheit der Modetorheiten,


an die man sein Geld verschwendete - und doch

49
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Stadt gehörten die Badestuben zu den selbstver-


LEBENSFREUDE UND ständlichsten öffentlichen Einrichtungen. Die
SITTLICHKEIT Bader waren eine Zunft; da sie auch das Rasie-
ren besorgten, ist die Bezeichnung "Bader" für
Das Bild wäre unvollständig, wenn wir nicht
den Barbier bis auf den heutigen Tag haften ge-
noch danach fragen wollten, wie der Mensch
blieben. Die Erlaubnis zur Errichtung einer Ba-
eines Zeitalters, in welchem doch das Christen-
destube wurde vom Rat einer mittelalterlichen
tum seine höchste Blüte erreicht hat, sein Ver-
Stadt nach ähnlichen Gesichtspunkten wie die
hältnis zum Leib und zur Leibespflege und sein
Erlaubnis zur Errichtung einer Schenke erteilt.
Verhältnis dem anderen Geschlecht gegenüber
Im 14. Jahrhundert hatte Basel 15 öffentliche
regelte. Auch dieser Rückblick in das vermeint-
Badestuben, Nürnberg hatte deren 12, Ulm nur
lich "finstere Mittelalter" ist außerordentlich
10, Stuttgart 7, Würzburg 7 und Wien hatte gar
aufschlußreich.
29! - Selbst Dörfer hatten schon ihre eigenen
Badestuben. In den Städten richteten sich die
In seiner "Sozialgeschichte der mittelalter- Patrizier und vermögenden Bürger natürlich in
lichen Kunst" stellt Arnold Hauser fest, daß es den eigenen Wohnhäusern ihre Badestuben ein
kaum noch eine Epoche der abendländischen Ge- - ebenso die Adligen auf ihren Schlössern und
schichte geben dürfte, in deren Literatur so viel Burgen. Die Reinlichkeit und Gesundheit des
von körperlicher Schönheit und Nacktheit, von Leibes war dem Menschen des gotischen Zeit-
An- und Ausziehen, von Baden und Waschen alters wichtig. Das ist später bekanntlich wieder
der Helden durch junge Mädchen und Frauen ein wenig anders geworden. In der Geschichts-
die Rede wäre, wie in der ritterlichen Dichtung Epoche des Rokoko sollen die Vornehmen nach
des sittenstrengen Mittelalters. Aber nicht nur in zeitgenössischen Berichten in des Wortes wahr-
der höfischen Dichtung, in den Liedern der Min- ster Bedeutung nicht im besten Geruch gestan-
nesänger, wird dem Leib und den Sinnen in un- den haben; Haut und Haare kamen damals
mißverständlichem Widerspruch zu jeglichem weniger mit Wasser als vielmehr mit Pomaden,
asketisch-klösterlichen Denken ein erstaunlich Puder und Schminken in Berührung, - Schicht
hoher Tribut gezollt; auch in der Wirklichkeit auf Schicht, was in Verbindung mit den von
des Lebens herrscht eine weitaus unbefangenere solchen Auflagen absorbierten Ausdünstungen
Einstellung des Menschen zum Leib und seinen des Körpers keine sonderlich angenehmen Ge-
Sinnen und Bedürfnissen vor als in späteren rüche ergeben haben dürfte. - Aber das war vier
Zeiten, die mit Kriegen und Krisen, mit Seu- Jahnhunderte später als unser Badeleben im
chen und materieller Not die Lebensfreude dros- Mittelalter; und dieser unhygienische Brauch
selten. war schließlich auch nur der letzte Ausdruck des
bis zur Dekadenz verfeinerten Lebensstils des
Die Epoche des hohen Mittelalters war eine französischen Adels vor der großen Revolution.
Zeit gesteigerten Lebensgefühls; und das hatte
seinen Grund nicht zuletzt darin, daß die Le- Aber immerhin: noch ein weiteres Jahrhun-
benshaltung des Menschen bei aller Berücksich- dert später war selbst im kaiserlichen Palais Un-
tigung der ständischen Gliederung doch in Ein- ter den Linden in Berlin, in der Residenz Wil-
klang stand mit der Höhe der Kultur. Das helms I., noch keine Badestube eingerichtet, so
mußte auch das Verhältnis des Menschen zum daß der Kaiser allwöchentlich einen Holzzuber
Leib und seinen Bedürfnissen berühren. Daß in aus dem auf der anderen Straßenseite gelegenen
einer Zeit der Lebensfülle, wie sie diese Jahr- "Hotel de Roma" leihweise holen ließ. -
hunderte boten, auch Amor und Eros zu ihrem
Recht kommen mußten, ist nur natürlich. Die
In der mittelalterlichen Stadt dagegen gab es
christliche Kirche hat sich wohl der Ehe ange-
selbst für die Armen, d. h. für die Handwerks-
nommen, aber den allgemeinen Auffassungen
burschen, die fahrenden Gesellen und ähnliches
von Sitte und Moral waren doch vielerlei Dinge
Volk noch "Freibäder", sogenannte "Seelenbä-
nicht so völlig unvereinbar mit dem Christen-
der", die aus Stiftungen für die Armen und zur
tum wie es spätere Zeiten annahmen. Jedenfalls
allgemeinen Wohlfahrt errichtet waren, von den
war es nicht der Inhalt der Sittlichkeit, jegliche
Stiftern im Sinne der mittelalterlichen Denk-
Regung von Lebenslust und die unbefangene
weise als gottgefälliges Werk für ihr Seelenheil
Freude an der Schönheit des Leibes zu unter-
finanziert (s. A. Damaschke "Geschichte der Na-
drücken - wenn auch tatsächliche sittliche Ver-
tionalökonomie", S. 50/51).
gehen außerordentlich hart geahndet wurden;
auf Notzucht stand der Tod durch Pfählen. -
In den öffentlichen Badestuben konnten beide
Geschlechter in ungezwungener Gesellschaft ge-
Adolf Damaschke hatte sicher nicht unrecht,
meinsam baden. Aus zahlreichen in Wort und
als er schrieb: "Bezeichnend für die Höhe der
Bild überlieferten Berichten wissen wir, daß die-
Lebenshaltung aller Schichten war die Ausdeh-
ses Baden einen sehr breiten Raum im Lebens-
nung des Badewesens." In der mittelalterlichen

50
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

stil dieser Zeit einnahm, vielleicht schon mehr so Besonders hoch scheint es in den Kur- und
etwas wie eine gesellschaftliche Veranstaltung Heilbädern hergegangen zu sein, so daß man
war. Männlein und Weiblein badeten gemein- wohl mit Recht sagen kann, daß das Badeleben
sam und völlig nackt im gleichen Zuber, wobei mit zu den Lebensgenüssen gehörte, die sich des
die weibliche Eitelkeit allerdings noch um die größten Zuspruchs erfreuten. Auch hiervon gibt
gute Frisur und um die richtige Geltung des oft es mancherlei zeitgenössische Schilderungen. Ein
genug noch extra angelegten Schmuckes besorgt Bericht des Italieners Poggio aus dem Jahre
war. In der Regel nahm man während des Ba- 1417, der den Ort Baden im Aargau (Schweiz)
dens auch noch Speisen und Getränke zu sich. betrifft, meldet folgendes: "In der Morgenfrühe
Auch in den Dampfbädern trafen sich die Ge- waren die Bäder am belebtesten. Wer nicht
schlechter in völliger Nacktheit, und bis in das selbst badete, stattete seinen Bekannten Besuche
14. Jahrhundert hinein fand man daran nichts ab. Von den Galerien herab konnte man mit
auszusetzen. Wo eine Trennung der Geschlech- ihnen sprechen und sie an schwimmenden
ter in den Bädern vorgesehen war, bestand sie Tischen essen und speisen sehen. Schöne
meistens nur aus einer niederen Barriere, die das Mädchen baten um ,Almosen’, und warf man
Badebecken in zwei Hälften teilte. ihnen Münzen hinab, so breiteten sie die
Gewänder aus, die Münzen aufzufangen und
Wie bereits erwähnt, hatten die Patrizier und dabei ihre Reize zu enthüllen. Blumen
begüterten Bürger ihre eigenen Badestuben im schmückten die Oberfläche des Wassers und oft
Haus. Ein berühmtes Beispiel ist der luxuriös hallten die Gewölbe wider vom Saitenspiel und
ausgestattete Badesaal im Fuggerpalast zu Augs- Gesang. Mittags an der Tafel ging nach gestilltem
burg - die Fugger gehörten allerdings zu den Hunger der Becher solange um, wie der Magen
Geschlechtern, die erst mit der Zeitenwende zur den Wein vertrug, oder bis die Pauken und
Renaissance zu ihrem beispiellosen Reichtum ka- Pfeifen zum Tanze riefen."
men. Im frühen Mittelalter haben selbst Fürsten
noch die öffentlichen Badestuben aufgesucht. Vielfach wurde auch der Ausklang von Hoch-
Erst mit dem zunehmenden Reichtum einer zeitsfeiern mit einem gemeinsamen Hochzeits-
kaufmännisch tätigen Oberschicht kamen vom bad beschlossen. Die Hochzeitsgäste begleiteten
15. zum 16. Jahrhundert mehr Hausbadestuben das Hochzeitspaar ins Badehaus, wobei aller-
in den Städten auf. In Ulm sollen um 1489 dings dem Vernehmen nach immerhin schon
neben den öffentlichen Bädern bereits 168 Haus- obrigkeitliche Beschränkungen der Teilnehmer-
badestuben bestanden haben (Eduard Fuchs: zahl respektiert werden mußten. Nach dem
Illustrierte Sittengeschichte, S. 456). Stadtrecht von München waren dem glücklichen
Paar je 6 Frauen beigeordnet - also auch der
Auch die Hausbadestube diente keineswegs Bräutigam wurde mit Frauengesellschaft zum
nur der Familie; ebenso wie in den öffentlichen Bade begleitet -: "Zu der Fest und zu Pette und
Bädern konnte man hier sozusagen menschliche zu Bade soll man haben jedweder Teil nur sechs
Begegnungen arrangieren; man empfing Gäste, Frauen, das sind 12 Frauen". In Regensburg da-
Freunde des Hauses, die man zum Bade einläd gegen hieß es: "daß er und die Braut soll selb
und dabei mit Essen und Trinken, Spiel und acht Frauen dargehen und mit keiner mehr!"-
Scherz unterhielt. Die Sitte, Gäste im Bade zu
empfangen, und ihnen ein Bad zu bereiten und Die Menschen des gotischen Mittelalters waren
sie zu bedienen, ist übrigens in anderen Kulturen sicherlich keine Heiligen. In den Städten gab
und Völkern - heute z. B. noch in Japan - auch es auch bereits öffentliche Frauenhäuser, die man
anzutreffen und es besteht gerade in diesem Fall zum Schutze der Ehe für notwendig ansah.
nicht die geringste Veranlassung, solche Sitten Mancherorts war dafür sogar eine Zunftord-
als "unmoralisch" zu deklarieren. nung eingeführt. Im übrigen aber galt es nicht
von vornherein für schimpflich, daß sich Frauen
Im Mittelalter war der Mensch in einem durch- einem solchen Leben widmeten. Die Verachtung
aus gesunden Sinne noch natürlich und unbefan- der Frauenhäuser und der "gelüstigen Fräulein"
gen; und aus dieser Unbefangenheit heraus kam erst auf, nachdem sich im 16. Jahrhundert
machte er auch kein Hehl aus seiner Freude am eingeschleppte Geschlechtskrankheiten verbreitet
Dasein - zu der zu allen Zeiten die erotische hatten, die der Lebensfreude einen argen Schock
Spannung hinzugehört. Sittlichkeit bestand nicht gegeben haben.
aus einer asketischen Unterdrückung dieses Le-
benselements, sondern sie bestand offensichtlich Gewissermaßen als Ergänzungsstück zu dem
mehr aus einem gesunden Maßhalten - eben aus freien Lebenswandel der genannten Frauen gab
der Einhaltung jenes Maßes, das die später auf- es aber im Mittelalter auch eigene Orden. Der
tretenden zerrüttenden Ausschweifungen, wie in Paris zum Anfang des 14. Jahrhunderts ge-
wir sie aus der Renaissance kennen, noch zu gründete Orden der Büßerinnen nahm sogar nur
vermeiden wußte. Frauen auf, die tatsächlich ein sündiges Leben

51
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

geführt haben mußten! - und damit die Anwär- sen war. Von einem solchen Aufzug berichtet
terinnen die Besserung nicht allzulange hinaus- Albrecht Dürer seinem Freund Melanchthon,
schieben konnten, wurde die Altersgrenze für nachdem er 1520 in Antwerpen den Einzug
die Aufnahme auf 30 Jahre festgesetzt (s. a. Karls V., des mächtigen römisch-deutschen Kai-
Fuchs: Illustr. Sittengeschichte. S. 430 ff). Auch sers, miterlebt hatte, bei welchem Ereignis er
darin zeigt sich - wenn man nicht sittenstreng sich, "weil er ein Maler sey", recht nahe an die
moralisieren, sondern die Menschlichkeit in den schönen Mädchen herangedrängt habe. Es wäre
Dingen zur Kenntnis nehmen will - daß man sicher auch hier einigermaßen abwegig, in sol-
bei aller Unterscheidung zwischen ehrbarem und chen Vorgängen einfach ein Zeichen von Sitten-
liederlichem Lebenswandel doch keine Seele zu losigkeit zu erblicken, denn niemals hätte man
einem verlorenen Glied der großen Gemein- es wagen dürfen, dem römischen Kaiser, der der
schaft der christlichen Welt werden lassen wollte. treueste Diener seiner Kirche war - und zu-
gleich der Herr über ein Weltreich, in dem die
Im großen Ganzen scheinen Moral und Sitt- Sonne nicht unterging - einen Anblick zu bie-
lichkeit dieses Zeitalters gewiß bedeutend weni- ten, der sein sittliches Empfinden verletzt haben
ger vom Firnis der Prüderie überkrustet gewe- würde.
sen zu sein, als beispielswcise das 19. Jahrhun-
dert. Das zeigte sich überall, in Kunst und Dich- Dennoch vollzog sich mit dem Umbruch
tung, in Mysterienspielen und Gesängen. Für der Zeiten, mit dem Niedergang des gotischen
die Ausdrucksweise unserer Zeit mag ein sittlich Lebensgefühls und dem Heraufkommen der
so hochstehendes Werk wie Wolfram von Renaissance eine Wandlung des Denkens, die
Eschenbachs "Parzival" Stellen enthalten, mit auch den Lebensstil der Menschen umformte.
denen sich der Autor den Unmut der Renaissance war stärkere Diesseitigkeit, Lösung
Staatsanwälte zuziehen könnte, wenn er heute so von Glaubensbindungen und von sittlichen Nor-
dichten würde. Das dürfte aber kaum einen men. Eine Lebensgier, wie sie vielleicht seit den
Maßstab für die Beurteilung der mittelalterlichen Tagen Roms nie mehr aufgetreten war, ließ die
Sittlichkeit abgeben. Jedes Zeitalter muß aus der Menschen bald jedes Maß vergessen. Auch das
Gesamtheit seiner Erscheinungen heraus muß man ins Blickfeld fassen, wenn man den
verstanden werden. Eifer der Moralprediger und Sittenrichter gegen
Auch der höfisch ritterliche Minnedienst - wie er die Ausschweifungen ihrer Zeit verstehen will.
sich in den Liedern der Minnesänger darstellt - Aber die verheerendsten Wirkungen auf die all-
war der Ausdruck einer Verfeinerung der Sitten gemeine Sittlichkeit gingen gerade davon aus,
im Umgang mit den Frauen. Aus dem Inhalt daß die zum vorbildlichen Leben Berufenen,
dieser Lieder auf eine Sittenverderbnis zu schlie- die Kleriker und Kirchenfürsten, selber der Sit-
ßen, wäre ein Mißverständnis. Gewiß ist es der tenlosigkeit verfallen waren; und zwar einer
immer wiederkehrende Inhalt der Minnelieder, Sittenlosigkeit, die sich in ganz anderen Dingen
die Vasallentreue und Ergebenheit der erkore- äußerte als nur etwa in galanten Reverenzen vor
nen Frau gegenüber zu beteuern; in der Regel der Schönheit im Leben und in der Kunst. Da
war diese Frau - zumindest im Lied - die Gat- der Geist indessen willig ist, das Fleisch aber
tin eines anderen, des Burgherrn, der vielleicht schwach; wußte man die sittliche Entrüstung, der
gerade gegen die Sarazenen kämpfte. Aber die man Raum geben mußte, weil sie nun berech-
Vorstellung, daß diese Lieder wirkliche Sitten tigt war, immer wieder auf Nebensächliches ab-
und Gebräuche wiedergeben, dürfte dennoch zulenken und das Wesentliche des moralischen
irrig sein; in verständigeren Urteilen ist das Verfalls zu übersehen. Den herrlichen Schöpfun-
Minnelied der höfisch-ritterlichen Zeit eine lite- gen Michelangelos, die er in der "Sixtinischen Ka-
rarische Form, in der man den Frauen huldigte pelle" mit den Figuren des "Jüngsten Gerichts"
(s. Arnold Hauser: Sozialgeschichte des Mittel- geschaffen hatte, mußten Gewänder überpinselt
alters, S. 90 ff). werden; aber das Ärgernis, das die Herde ge-
nommen hatte, das hatte sie nicht an den gran-
Wie aber ehedem bei festlichen Anlässen auf diosen Schöpfungen der Kunst, sondern am
den Burgen und Schlössern des Adels, bei Tur- wirklichen Leben ihrer Hirten genommen. Und
nieren, bei Fürstenbesuch und ähnlichen Gele- nicht zuletzt war die Gier nach Geld und Macht,
genheiten die Frau ihre Rolle zu spielen hatte, oft genug innig verfilzt mit der Zügellosigkeit
so auch in den Städten - mitunter sogar in er- ausschweifenden Lebensgenusses, von gleichem
staunlich kühnen öffentlichen Auftritten. Noch Gewicht wie die sittliche Zügellosigkeit an sich.
zu Zeiten Albrecht Dürers (1471-1528) kam es Das Volk sah das eine und es sah das andere. -
in prunkhaften Aufzügen wie zu den Empfän-
gen von Fürsten, bei denen große Volksmassen Für die geschichtliche Bilanz indessen dürfen
auf den Beinen waren, zum Auftritt völlig wir feststellen:
nackter Frauen, deren unverhüllte Schönheit
als Huldigung vor dem hohen Besuch aufzufas-

52
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Der Mensch der Gotik hat die bedeutendsten


und zahlreichsten Kulturdenkmäler der abend-
ländischen Welt erstellt; er hat innerhalb von
drei Jahrhunderten unzählige Städte gebaut; er
hat das Netz seines Handels bis an die Grenzen
seiner Welt gespannt; er hat die für jede Weiter-
entwicklung unabdingbaren Gesetze einer sitt-
lichen Lebensordnung gegen die Daseinsprinzi-
pien des Raubmenschen, des ewigen Beutema-
chers, Wegelagerers und Seeräubers
durchgesetzt.
Und bei all dem hat er nicht einmal etwas geop-
fert und entbehrt, weil er stets aus dem Vollen
schöpfen konnte. Seine Wirtschaft war gesund,
seine Gesellschaft war gesund, wie ein Organis-
mus gesund ist, in welchem die Zirkulation der
Kräfte und Säfte den Lebensbedingungen des
Ganzen entspricht.

53
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Roheiten des Kriegshandwerks demoralisierter


BEGINNENDER Adel, der mit seinen verwilderten Söldnern Bür-
NIEDERGANG ger und Bauern überfiel, Lösegelder erpreßte,
das Vieh raubte, Kornfelder und Weinberge zer-
Die Welt des 15. Jahrhunderts war noch
störte und die Entvölkerung der Dörfer ver-
groß und weit, und der Wellenschlag der Ver-
schuldete. Lähmende Angst lastete auf dem
änderungen pflanzte sich in gemächlichem Zeit-
Lande. Landbau und gewerbliche Tätigkeit
maß fort. Doch im großen Abstand gesehen
stockten; in den Kirchen betete man um Befrei-
können wir uns des Eindrucks nicht erwehren,
ung von der Landplage, und Karl V. aus dem
daß es ein Abblühen von Kultur und Wirtschaft
Hause Valois wußte sich keinen anderen Rat,
in der Richtung vom Westen zum Osten war,
als 1365 den wildesten Haufen von 40 000 Rei-
was in dieser Zeit vor sich ging. In der Tat ist
tern über die Grenze nach dem Oberrhein zu
nicht nur der Baustil der Gotik, sondern auch
entsenden, wobei es also erstmalig zum Einfall
die Wirtschaftsblüte dieser Epoche im Westen
in die Rheinlande kam. Später schickte der Kö-
früher abgestorben. Beides hat sich nach dem
nig diese Truppen, um sie endgültig loszuwer-
Nordosten zu um ein volles Jahrhundert länger
den, über die Pyrenäen nach Spanien. Eine
behauptet.
gleiche Geißel des Landes waren aber auch die
Armagnaken, die verwilderten Söldner des Gra-
Westlich des Rheins war aber auch die in fen Armagnac. Die ältesten Menschen konnten
Norddeutschland, in der Mark, in Polen und sich keiner Friedenszeit mehr erinnern. Das
Böhmen, in Österreich, in der Schweiz und im Land war entvölkert und nach dem Tagebuch
Schwäbischen wie in Bayern geübte Brakteaten- von Paris berichtete Jakob Burckhardt, daß die
prägung nie zur Geltung gekommen. Man hielt Wölfe bis in die Städte vordrangen und im Sep-
sich hier streng an die Regel der "Renovatio tember 1438 zwischen Montmartre und der
monetarum", daß die Erneuerung der Münzen Porte S. Antoine in Paris vierzehn Menschen
nur beim Herrschaftswechsel und beim Antritt von ihnen zerrissen wurden. Eines dieser Tiere
eines Kreuzzuges gestattet war: Damit entfiel im war auf Grund einer Verstümmelung geradezu
Westen zweifellos jener besondere Impuls, den bekannt und wurde auch am meisten gefürchtet;
die kurzfristige und regelmäßige Gelderneue- als es endlich von seinem Schicksal ereilt wurde,
rung in den Umlaufsgebieten der Brakteaten für lief halb Paris herbei, um die erschlagene Bestie
die wirtschaftliche Betätigung bedeutet haben zu sehen. Doch schrecklicher als die wilden Tiere
muß. In Frankreich mag aber der letzte Druck, waren die Menschen. In diese Zeit fallen auch
den die Geld-Erneuerung während der Zeit der die entsetzlichen Handlungen des Gille de Retz,
Kreuzzüge noch hinter die wirtschaftliche Reg- eines bretonischen Adligen, der in finsterer,
samkeit setzte, lange Zeit ausreichend gewesen abergläubischer Verworrenheit, um von den Dä-
sei. Andererseits haben die Kreuzzüge nicht nur monen "Gold, Weisheit und Macht" zu erlan-
Blutopfer, sondern auch bares Geld gekostet, das gen, das Blut von 140 unschuldigen Kindern
in anhaltendem Strom nach Italien rollte. Und opferte. Aberglaube, Grausamkeit, verzweifeltes
wenn es nun gewiß nicht immer so ist, daß das Machtstreben, Durst nach Gold, Verwilderung
Geld in der Geschichte deutlich im Vordergrund aller Sitten sind nun einmal die Begleiterschei-
steht, so wird man doch nicht übersehen dürfen, nungen der allgemeinen Existenzgefährdung.
daß es auch an zweiter oder dritter Stelle in der
Reihe der mitbestimmenden Dinge noch eine
Die Entblößung des Landes von seinen Geld-
Rolle spielt.
mitteln und die in engstem Zusammenhang da-
mit stehende Zerstörung der gewerblichen Tä-
Frankreich war zur Zeit seines hundertjäh- tigkeit war unvorstellbar. Von Karl VII. ist be-
rigen Krieges, mit dem es den Anspruch Eng- kannt, daß er zeitweise nicht satt zu essen hatte
lands auf den französischen Königsthron ab- und daß die königliche Kasse einmal nur noch
wehrte und den schließlich die Jungfrau von Or- 4 Taler enthielt. Seine Gemahlin Maria von
leans entschied, schon ein vollkommen verarm- Anjou mußte, um eine kleine Summe geliehen
tes Land. Als die Engländer mit dem Sieg von zu bekommen, ihre Bibel verpfänden. Nach dem
Maupertuis den König vön Frankreich, Jo- wunderbaren Sieg der Jeanne d'Arc ließ dann
hann II, gefangen hatten, forderten sie ein dieses seltsame Mädchen Karl VII. in Reims
Lösegeld von drei Millionen Goldtaler; das war zum König krönen; aber die Geschichte berichtet,
ein Betrag, den Frankreich erst im Laufe von daß der Hof lange Zeit ärmlich und sparsam
vier Jahren aufbringen konnte. Da das Geld in wirtschaften mußte und unsägliche Mühe nötig
Frankreich ungewöhnlich knapp geworden war, war, die Zerstörungen und Verwilderungen wie-
lag auch das Gewerbe darnieder, und in der Zer- der zu beheben. Es ist außerordentlich auf-
rüttung der allgemeinen Existenzbedingungen schlußreich, daß eine königliche Ordonnanz aus
waren aus den Resten aufgelöster Söldnerheere dem Jahre 1439 den eigenen Truppen vorschrei-
raubende und plündernde Banden geworden. ben mußte: "Es soll nicht gestattet sein, zu plün-
Auf Burgen und Schlössern saß ein durch die

54
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

dern und zu bestehlen Geistliche, Adlige, Kauf-


leute, Bauern noch sonst irgendjemanden, weder
in ihren Wohnungen noch auf der Landstraße.
Auch soll niemand mehr mutwilliger Weise ge-
fangen und zur Auslösung gezwungen werden.
Man soll den Bauern ihre Rinder, Pferde und
andere Haustiere nicht mehr wegtreiben, Korn-
felder und Weinberge nicht mehr verheeren,
kein Korn mehr ins Wasser schütten, kein jun-
ges Getreide zum Pferdefutter abmähen usw.
Auch soll man nicht mehr den Bauern ihre Häu-
ser, Scheunen, Heuschober und Weinkeltern an-
zünden, noch Hütten niederreißen, um sich an
dem Holz zu wärmen." (s. Jakob Burckhardt:
Kulturgeschichtl. Vorträge. S. 8) Armes Land,
das solche Verordnungen brauchte! -

Und doch blühte um dieselbe Zeit, da diese


tiefsten Schatten über Frankreich lagen, in dem
von dorther mit der gleichen Kultur befruchte-
ten Deutschland noch ein machtvolles Leben.
Hier war die Organisation der Kaufmannschaft,
die deutsche Hanse, ohne die Hilfe von Kaiser
und Reich stark genug, der gleichartigen Plage
des Seeräuber-Unwesens und der Bedrohung
durch den Dänenkönig Waldemar aus eigener
- nicht zuletzt finanziell fundierter - Kraft Herr
zu werden; hier war aber auch den Bedürfnissen
des Daseins mit den Möglichkeiten von Arbeit
und Leistungs-Austausch noch in vollem Um-
fang entsprochen, so daß die allgemeine Ent-
wicklung um diese Zeit noch in anderen Bahnen
verlaufen konnte als in Frankreich. -

55
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

ergaben, läßt sich nicht leugnen. In summa sum-


DAS VERLORENE MASS marum haben sich aber die Vorgänge und Er-
Es scheint einem unseligen Hang des Men- scheinungen aus dem zu Ende gehenden Mittel-
schen zu entsprechen, die Vollkommenheit in der alter und der mit der Turbulenz der Religions-
Steigerung zu suchen. Wenn es ihm gut geht, wirren beginnenden Neuzeit in der landläufigen
will er es noch besser haben; wenn er reich ist, Betrachtungsweise - sehr zu Unrecht - als
will er noch reicher werden; wenn er satt ist, schlechthin das Mittelalter charakterisierend ein-
will er im Überfluß schwelgen; wenn er helfen- geprägt. So spricht man immer nur abschätzig
de Brüder hat, will er Diener und wenn er Die- vom "finsteren Mittelalter", weil sein auf der
ner hat, verlangt er Sklaven. Immer treibt ihn Grenzscheide des Übergangs zur Neuzeit lie-
der Wahn, daß der Weg, der bis zur Höhe des gender Untergang sich in einer Finsternis religi-
Erreichten geführt hat, gradlinig weiterführe zu öser und sozialer Wirren vollzog, hinter welcher
noch größeren Höhen und noch herrlicheren Zu- der schnellfertige Gegenwartsmensch kaum noch
ständen. etwas Lichtes und Helles sucht.

In Wirklichkeit liegt aber das Bestmögliche, Wir haben uns zu Beginn mit der Ordnung
das, was der Natur des Menschen gemäß ist, nie des Münzwesens befaßt; wir haben den Zeitab-
an diesem oder jenem denkbaren Pol der Mög- schnitt der gotischen Kultur und ihrer Wirt-
lichkeiten, sondern es liegt in der goldenen Mit- schaftsblüte von 1150 bis 1450 als die Epoche
te, in wohlabgewogenem Abstand von den in einer von den Geschichtsforschern bis heute noch
beiden Richtungen zu denkenden Gegensätzen. nicht sonderlich beachteten Geldwirtschaft iden-
So wie Kälte und Wärme zwei polare Katego- tifiziert. Es ist nach allen Quellen der Geschichte
rien sind, von denen unserer menschlichen Na- keine Übertreibung zu sagen, daß die Blütezeit
tur immer nur diejenige als Ideal erscheint, von der Gotik mit den Brakteaten kam und mit dem
der wir im gegebenen Augenblick weiter ent- Verschwinden der Brakteaten unterging. Zu die-
fernt sind, die wir also entbehren und der wir sem Verschwinden aber kam es, weil die "Reno-
uns nähern wollen, so sind in unserem ganzen vatio monetarum", die, mit kluger Mäßigung
Leben und auch in der sozialen Ordnung alle gehandhabt, eine Wohltat war, in den Händen
Dinge nur solange oder bis zu der Grenze ideal der Maßlosen zur Plage wurde.
und erstrebenswert, solange wir noch nicht das
rechte Maß davon erreicht haben. Harmonie, Immer häufiger wurden Münzverrufungen
betreffe sie nun ein Werk oder ein Wesen, be- vorgenommen, immer schlechter wurden die Prä-
treffe sie die Gesundheit und das Wohlbefinden gungen und minderwertiger der Feingehalt des
des Leibes oder die Gesundheit und Ordnung Silbers. Dies alles hatte schließlich, wie Prof.
von Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, ist nie- Polenske in seiner Schrift "Die Geldreform"
mals eine Angelegenheit der Gipfelhöhe, son- darlegt, den Erfolg, daß diejenigen Fürsten und
dern sie ist stets eine Angelegenheit des rechten Münzherren, die die "Renovatio monetarum"
Maßes. mit Mäßigung handhabten, einen stärkeren Zu-
fluß von Geld aus den Nachbargebieten erhiel-
Der Mensch, der in seinem Streben und Han- ten. Das Geld ergriff die Flucht vor allzu großer
deln das rechte Maß verloren hat, wird haltlos Beschneidung. In den verlassenen Gebieten muß-
und gleitet ab; es ist gleichgültig, nach welcher te nun aber durch den Ausfall der Geldzirkula-
Richtung. Ein Abgleiten ist es genau so gut, tion eine Verarmung, eine Stockung des Absat-
wenn er zum vollendeten Roboter wird, wie es zes und eine Bedrängnis der Gewerbetätigkeit
ein Abgleiten ist, dem Gegenpol des vollkomme- auftreten, wohingegen im Gebiet des Geldzu-
nen Müßigangs zuzutreiben. Jedes Ausschreiten flusses Handel und Wandel gedeihen konnten.
von einem als unvollkommen empfundenen Zu- Aus diesen Zuständen mußte der Anschein ent-
stand in Richtung zu seinem Gegenpol ist nur stehen, als ob der hohe und häufige Schlag-
solange gut und förderlich, bis wir im rechten schatz, den die Münzherren erhoben, die direkte
Abstand zwischen den abstrakten Idealen ste- Ursache der Verarmung sei, während die seltene
hen. Darüber hinaus schlägt jedes Plus wieder Verrufung der Münzen in anderen Gebieten
in ein Minus um und das Ideal steht plötzlich in eine segenbringende Schonung von Handel und
unserem Rücken. Es ist übrigens eine uralte Gewerbe darstelle. Auf dieser Linie von Über-
Weisheit, daß "Zuviel des Guten von Übel" ist. legungen und Folgerungen wurde dann schließ-
lich die Forderung nach dem "ewigen Pfennig"
Daß die Welt des Mittelalters in der Hoch- erhoben. Aus naheliegenden Gründen haben
blüte ihrer Kultur das Maßhalten verloren hat, auch die großen Kaufherren die Forderung nach
daß die Auswüchse in den Sitten, im Essen, Trin- "schweren Münzen", nach dauerhaftem Geld
ken, Kleiden, selbst in der Religion und in kirch- kräftig unterstützt. Das Augsburg der Fugger
lichen Gebräuchen, in den Angelegenheiten von gehörte mit zu den ersten Plätzen, an denen die
Macht und Recht im Laufe der Zeit Dissonanzen

56
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Münzverrufung auf vier Jahre hinausgeschoben war ja dem allgemeinen Handel und Wandel
wurde. noch hinreichend gedient, solange ein
ausreichender Kreislauf von Geld im ständigen
Für unsere heutigen Begriffe bleibt dabei aber Umlauf den Markt der Verbrauchsgüter räumte.
doch noch erstaunlich, daß die scheinbar so ein- Die Umsätze der großen Kaufherren, die schließ-
leuchtende Forderung nach dem "ewigen Pfen- lich mit großem und schwerem Geld bezahlt
nig" keinesfalls allgemeine Zustimmung fand. werden mußten, kamen ja nicht zum Stocken,
Ebengreuth berichtet in seinem schon zitierten solange der letzte kleine Markt die Güter noch
Werk "Allgemeine Münzkunde und Geldge- abnehmen konnte.
schichte des Mittelalters", daß sich alle Städte
Österreichs gegen die Ausgabe von schweren Die eigentliche und unwiderrufliche Stagna-
Münzen erklärt hätten und sie als eine Maß- tion setzte erst mit dem völligen Verschwinden
nahme beklagten, die für Land und Leute "kein der Brakteaten ein, genauer gesagt, mit dem En-
gemayner nuoz nicht mug gesein, sunder ein ur- de der "Renovatio monetarum"; denn die Reno-
sach verderblicher schäden mennichglich." Diese vatio monetarum hatte in der gewissen Ab-
erstaunliche Einsicht ist in der Folgezeit freilich schwächung, daß die Münzverrufung beim
nicht ganz bis in unsere Gegenwart herüberge- Wechsel des Landesherrn oder bei Antritt eines
rettet worden. Kreuzzuges erfolgen durfte, auch bei beidseitig
geprägten Münzen, wie sie im Westen üblich
Der "Ewige Pfennig" war im Gegensatz zu waren, lange Zeit ihre Gültigkeit. Bei der Eigen-
den periodisch aufgerufenen Brakteaten eine art der mittelalterlichen Welt stellt der Wechsel
dickere und beidseitig geprägte Münze. Die Än- vom alten Brauch auf die Neuerung, wie schon
derung im Münzwesen spielte sich indessen nicht angedeutet, natürlich nicht ein Ereignis dar, wel-
so ab, daß zu einer bestimmten Zeit keine Brak- ches auf ein bestimmtes geschichtliches Datum
teaten mehr und nur noch Dickpfennige geprägt fixiert werden könnte; der Wechsel vollzog sich
worden wären, sondern sie bahnte sich im Ne- vielmehr in einer allmählichen Entwicklung.
beneinander der beiden Münzarten an. Der erste Aus diesem Umstand erklärt es sich auch, daß
"ewige Pfennig" soll schon anno 1295 in Kon- wir in manchen Gegenden noch in der zweiten
stanz geschlagen wörden sein. Manche Münzher- Hälfte des 15. Jahrhunderts Merkmale der ge-
ren haben sowohl Brakteaten wie auch Dick- schilderten Wirtschaftsblüte finden, also in einer
pfennige zu gleicher Zeit schon geprägt. So hat Zeit, zu der in weiten Kreisen der abendländi-
die Landgräfin Sophie von Hessen in Marburg schen Kulturwelt bereits dunkle Schatten über
Brakteaten schlagen lassen und in den Münz- dem Leben lagerten.
stätten Grünberg und Frankenberg an der Eder
zweiseitige Pfennige. Auch von Friedrich Bar- In Österreich wurde die Einführung des "ewi-
barossa weiß man, daß er in den thüringischen gen Pfennigs" - der ja nun dem Münzherrn kei-
Münzstätten, in Altenburg, Saalfeld, Mühlhau- nen regelmäßigen Schlagschatz mehr aus dem
sen u. a., Brakteaten prägen ließ, während an Münzregal einbrachte - dadurch verzuckert, daß
den kaiserlichen Münzstätten des Westens, wie für den Verzicht auf die Verrufung des Pfennigs
z. B. an der glänzendsten kaiserlichen Pfalz ein sog. "Ungeld" gewährt wurde. Dieses Un-
Hagenau im Unterelsaß, an der sich Barbarossa geld stellte Einkünfte aus einer Art Getränke-
oft und gerne aufhielt; zweiseitig geprägte Dick- steuer dar; es war der Zehnte aus allen in öster-
pfennige geschlagen wurden. reichischen Landen zum Ausschank gebrachten
Getränken. Die Neuregelung vermochte jedoch
In diesem Zusammenhang ist das Nebenein- nicht zu verhindern, daß die nunmehr ewigen
anderbestehen schwerer doppelseitig geprägter Pfennige mehr und mehr und in unkontrollier-
Münzen einerseits, die nicht mehr zur Aufru- baren Mengen minderwertig ausgeprägt wurden.
fung gelangen sollten, und leichter, einseitig ge- Man begründete dies mit dem veränderlichen
prägter und der periodischen Verrufung ausge- Silberpreis; die Pfennige wurden schwarz und
setzter Brakteaten andererseits sicherlich schon andere Ausgaben blechfarben grau - und der
ein kleines volkswirtschaftliches Problem gewe- Schaden, den das Volk am Ende zu tragen hatte,
sen - denn nach einem sehr viel später erst ent- war viel größer als der Schlagschatz bei den
deckten Gesetz, das die Nationalökonomen als Brakteaten jemals gewesen war.
"Gresham-Gesetz" kennen, wird das "bessere"
Geld stets vom "schlechteren" Geld verdrängt. Diese Art Münzverschlechterung, die es seit
Wie beim Aschenputtelmärchen die guten Erb- dem Niedergang Roms nicht mehr gegeben hatte
sen ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpf- und an der der Kaiser selbst sein gerütteltes Maß
chen gehen, so gehen in der Volkswirtschaft die Schuld trug, blieb jedoch auf den Süden, auf
guten Pfennige auf die hohe Kante und die Österreich, Bayern, Tirol, auf die Steiermark
schlechten - in den Verkehr. In diesem Fall hat und auf Ungarn beschränkt. Hier hatte Kaiser
das aber ausnahmsweise sein Gutes, denn jetzt Friedrich III. die Rechte der Münzprägung zur

57
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

rigorosen finanziellen Ausnutzung an zahlreiche erreichen, daß ein Silbervorrat im Lande blieb,
Münzherren gegen erhebliche Beteiligungen ver- auf den er in Notzeiten zurückgreifen konnte. Aus
pachtet. In anderen Fällen hatte er, um der ähnlichen Überlegungen wurden auch Goldab-
Schuldenrückzahlung zu entgehen, seinen Gläu- schläge von Silberstempeln hergestellt und als
bigern einfach das Recht eingeräumt, selber Pfen- Schatzmünzen ausgegeben. Ebenso waren Ge-
nige und Kreuzer zu prägen. Das Volk nannte denkmünzen, Erinnerungsmünzen an einen Frie-
diese Münzen, mit denen es um 1458 bis 1460 densschluß, "Hochzeitstaler", "Taufgroschen",
überschwemmt wurde, "Schinderlinge". "Kommuniontaler" u. a. in der Regel Münzprä-
gungen, die weniger dem Umlauf als vielmehr
Es liegt auf der Hand, daß die kleinen Ge- der Schatzbildung dienten und in diesem Sinne
werbetreibenden, Bauern und Handwerker der den volkswirtschaftlichen Leistungsaustausch
Entwicklung in ohnmächtiger Verzweiflung ge- nicht gerade förderten.
genüberstanden. In der Augsburger Chronik
schreibt Burkhard Zink: "Aber auf das letst, das Die Schatzbildung nahm aber in diesem Jahr-
war auf das 1460 jar, da ward die müntz über- hundert überall zu. Da waren die - nicht nur
all in allen landen verschludert und verspilt und von den braunschweigischen Herzögen, sondern
verspotten und ward so unwert, daß sie niemand auch noch von vielen anderen Münzherren ge-
mer wolt nemen und gab man 10 pfennig für ain prägten - "Lösertaler" gerade das gesuchte Geld.
guldin. Allmechtiger Gott, wie gar gütig bist,
daß du sovil ungerechtigkait und poshait und Gustav Freytag zitiert in Band II seines Wer-
schalkhait übersiehst, daß je ainer den andern kes "Bilder aus Deutscher Vergangenheit" aus
leicht (= betrügt) und verderbt und umb das der Biographie des Hans von Schweinichen, der
seine pringt, als hie mit der pösen müntz ge- als Haushofmeister des Herzogs Heinrich von
schehen ist." (s. C. Hegel, Die Chronik der deut- Liegnitz anno 1575 bei Herrn Marcus Fugger in
schen Städte, Bd. V. pag.112) Augsburg zu Gaste war:

Von dieser räumlich und zeitlich begrenzten "Der Herr Fugger führte seine Fürstlichen
Abweichung aus solcher allgemeinen Entwick- Gnaden im Hause spazieren, einem gewaltig
lung des Geldwesens abgesehen, ging die Ten- großen Hause, so daß der römische Kaiser auf
denz des Münzwesens in dieser Epoche nun aber dem Reichstage mit seinem ganzen Hofe darin
doch überwiegend auf die Ausprägung gewichti- Raum gehabt hat. Herr Fugger hat in einem
ger Silber- und Goldmünzen hin. Türmelein Seiner Fürstlichen Gnaden einen
Schatz von Ketten, Kleinodien und Edelsteinen
Wenn wir uns erinnern, daß der Anfang der gewiesen, auch von seltsamer Münze und Stük-
Wirtschaftsblüte 300 Jahre zuvor mit der Ver- ken Goldes, die köpfegroß waren, so daß er sel-
wandlung von Edelmetallschätzen in immer- ber sagte, er wäre über eine Million Gold wert.
während zirkulierendes Geld in Erscheinung Danach schloß er einen Kasten auf, der lag bis
trat, so zeigt sich jetzt der umgekehrte Vorgang zum Rande voll von lauter Dukaten und Kronen.
in dem Erstarren der Geldvorräte des Landes in Die gab er auf zweimal-hunderttausend Gulden
der neuen Schatzbildung. Diese war jetzt ermög- an, welche er dem König von Spanien durch
licht und geradezu herausgefordert dadurch, Wechsel übermacht habe. Darauf führte er Seine
daß keine Geldverrufung mehr eintrat. Auch Fürstlichen Gnaden auf dasselbe Türmelein, wel-
zu diesen Vorgängen gibt es aufschlußreiche ge- ches von der Spitze an bis zur Hälfte hinunter
schichtliche Berichte. mit lauter guten Talern gedeckt war. Er sagte;
es wären ohngefähr siebzehntausend Taler. Da-
Als ob man überhaupt noch keinen Begriff durch erwies er Seiner Fürstlichen Gnaden große
von der volkswirtschaftlichen Notwendigkeit Ehre und daneben auch seine Macht und sein
der Geldzirkulation gehabt hätte, schuf man im Vermögen. Man sagte, daß der Herr Fugger so
16. Jahrhundert erstaunlicherweise auch noch viel hätte, ein Kaisertum zu bezahlen. . . Gerade
Münzen, die eigens zum Verschatzen bestimmt damals versagte der Fugger einem Grafen seine
waren. Luschin von Ebengreuth nennt hier die Tochter, und man erzählte, daß er ihr außer
sogenannten "Lösertaler", die von den braun- dem Schmuck zweimal-hunderttausend Taler
schweigischen Herzögen Heinrich und Julius in mitgäbe" (s. a. a. O., S. 30/31).
den Jahren 1574-1588 und 1609 in verschiede-
nen Größen, und zwar bis zu 16 Talern schwer, Es wird verständlich sein, daß die Fugger im
geprägt wurden. Diese Münzen mußten von den Volksbewußtsein um diese Zeit längst schon als
herzoglichen Untertanen, die nach ihrem Ver- Geldwucherer galten. "Fuggerei" zu betreiben,
mögen eingeschätzt wurden, vom Landesherren war die Bezeichnung für das Wuchergesrhäft des
käuflich erworben werden, durften aber nicht in Geldverleihens. Dem schwelenden Zorn des Vol-
den Umlauf kommen, sondern waren als Schatz kes gegenüber mußte freilich auch einmal eine
aufzubewahren. Der Landesherr wollte damit freundliche Tat ein gewisses Gegengewicht schaf-

58
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

fen; diesem Umstand ist es zu danken, daß sellschaften kläglich Schiffbruch erlitten (s. G.
Augsburg heute noch seine Fuggerstiftung - die Ruhland a. a. O., S. 770/71).
"Fuggerei" - aufweisen kann, eine Wohnsied-
lung, die Jakob Fugger "der Reiche" für die So wie in Augsburg hatten sich also auch in
Armen seiner Vaterstadt gebaut hatte und in der anderen Städten und Gegenden aus den reich-
die Wohnung damals wie heute einen einzigen sten der Kaufleute beim Niedergang von Han-
rheinischen Gulden Jahresmiete kostet. Heute del und Gewerbe Bankiers entwickelt. Die über-
beträgt die Jahresmiete, umgerechnet auf unsere all nur in wenigen Händen zusammenströmen-
jetzige Währung, 1,72 DM. - So ist doch auch den Kapitalien drängten nicht mehr im alten
etwas Gutes übrig geblieben. Stil nach Warenumsatz. Jetzt traten andere Ge-
winnmöglichkeiten in Erscheinung; ,es kam nur
Böses Blut hat es aber damals gemacht, daß darauf an, warten zu können und dann die Be-
ein Beauftragter aus dem Hause Fugger den dingungen zu diktieren. Kaiser und Könige,
Ablaßkasten des Tetzel begleitet hatte, um die Adel und Kirche bemühten sich um die Gunst
Eingänge aus dem Ablaßhandel zu überwachen. der Geldfürsten; und so nahm das Geld - wäh-
Das Haus Fugger hatte der Kurie nämlich Vor- rend das Strombett der Wirtschaft mitsamt der
schüsse auf das ärgerniserregende Geschäft ge- geschäftigen Emsigkeit der kleinen Bürger mehr
währt. Beiläufig bemerkt, sehen wir auch im und mehr versandete und ausdörrte - seinen
Ablaßhandel der Kurie den steilen Verfall zur Weg in die Politik. Die Finanzkraft der Fugger
Maßlosigkeit; der einstmals fromme Brauch, mit hat eine Kaiserwahl entschieden; und wenn auch
einer freiwilligen Gabe für einen guten Zweck, der Kaufmann Jakob Fugger den Schuldschein
für den Bau eines Gotteshauses oder eines Spi- über 1 Million Goldtaler, den ihm Karl V. un-
tals dem Herrgott ein Opfer zu bringen, damit terschrieben hatte, seinem Kaiser mit einer groß-
er die Verfehlungen und Sünden des Opferwil- zügigen Geste zu Weihnachten 1522 auf den
ligen vergeben möge, wird in den Händen hem- Gabentisch legte, so ist er doch bei diesem Ge-
mungsloser Geldschinder zu einem einträglichen schäft nicht zu kurz gekommen. Gegenüber der
Handel mit der Gnade Gottes. Und die Geld- historischen Zuverlässigkeit des großmütigen
wucherer verdienen noch ihre Prozente daran. Geschenks an den Kaiser bestehen einige Zwei-
Doch wie gesagt, diese Vorgänge fallen nicht fel; doch wie dem nun gewesen sein mag, bleibt
mehr in die hohe Blütezeit des gotischen Mittel- doch beachtenswert genug, daß das Verhältnis
alters, sondern in den Anfang der Neuzeit. zwischen dem Kaufmann Jakob Fugger und dem
Kaiser sich in dieser wirklichen oder erdichteten
Selbstverständlich waren die Fugger nicht Szene so trefflich wiederspiegelt. Der Bankier
die einzigen Geldmänner dieser Zeit. Da sind des Kaisers hatte inzwischen auch Niederlassun-
auch die Welser und Höchstätter in Augsburg; gen seines Hauses in Spanien eingerichtet, eben
Jörg Thurzo, der sich vom Geschäft zurückgezo- zu der Zeit, da nach der Entdeckungsfahrt des
gen und seinen Handelsgenossen Fugger aufge- Kolumbus das Gold und Silber aus den über-
fordert hatte, auch vom weiteren Gelderwerb seeischen Besitzungen Spaniens nach Europa
abzulassen, schien eine Ausnahme zu sein. kam.
Jakob Fugger antwortete ihm, er hätte viel einen
anderen Sinn, wollte gewinnen, dieweil er könnte! Aber auch anderen Geldfürsten war der Kai-
(s. G. Ruhland "System d. pol. Ökonomie", S. ser verpflichtet. Die Welser waren kraft ihres
769/70). In Nürnberg waren die Imhof, Ebner Geldes unter Karl V. die regierenden Herren
und Volkmar, in Ulm das Geschlecht der Ru- des der Krone unterstehenden Staates Vene-
land und in anderen Städten noch viele andere. zuela geworden, eines Gebiets, fast doppelt so
groß wie das Deutsche Reich vor dem ersten
Mit welchen Gewinnspannen in diesen Krei- Weltkrieg. Das Verleihen von Geld an Kaiser
sen gearbeitet wurde, ging aus einem Prozeß und Könige, an den Hochadel und an die Kir-
hervor, den ein Mitbeteiligter gegen Ambrosius chenfürsten mag oft genug einträglicher gewesen
Höchstätter angestrengt hatte. Durch diesen sein als der Handel, da es Ländereien, Pfründe
Prozeß war in Augsburg bekannt geworden, und Privilegien brachte, die mühelos noch grö-
daß eine Geldeinlage von 900 Gulden inner- ßere Gewinne lieferten.
halb von 6 Jahren 30 000 Gulden brachte. Der
Kläger hatte 33 000 Gulden verlangt; das Ge-
richt hat ihm aber "nur" 30 000 Gulden zuge-
standen. Die Zustände waren anno 1521 bereits
so empörend, daß der Wormser Reichstag einen
Untersuchungs-Ausschuß einsetzte, dessen Vor-
schläge dann aber, wie es vorzukommen pflegt,
an den Bestechungsgeldern der bedrohten Ge-

59
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

den Vorläufer der Spinn- und Webemaschinen,


VERSIEGENDE NACHFRAGE die nachher die industrielle Revolution des
- BÖSE FOLGEN 18. Jahrhunderts mitbestimmten (s. Karl Marx:
Das Kapital Bd. I, S. 450/51).
In den tieferen Zusammenhängen gesehen,
war das alles aber doch ein Abfluß des Geldes
aus der Wirtschaft heraus zur Finanzierung der In Lübeck mußte bereits anno 1475 Hinrich
zerstörenden Händel und Kriegszüge der Gro- Hengelke sein neues Unternehmen einer Kup-
ßen. Handel und Gewerbe indessen kamen zum ferhütte wieder abbrechen, weil die Schmiede-
Erliegen; im Volke nahm die Not und die wirt- zunft als Grund oder Vorwand angab, es sei zu
schaftliche Bedrängnis zu. Der Mensch, der seit befürchten, daß durch den Betrieb der Hütte
Generationen gewohnt war, mit fleißiger Arbeit die Kohlen teurer würden. So verfügte der Rat
sein Brot zu verdienen, fand plötzlich, daß die dieser vordem so unternehmungsfreudigen Stadt,
anderen seine Arbeit nicht mehr abnehmen woll- "dat gemene beste betrachtend", die Ausmer-
ten; es war keine ausreichende Nachfrage mehr zung des Wettbewerbers (s. Fr. Rörig: "Vom
da. - Wesen der Hanse", S.110).

Alle Berichte über die Erstarrung des Zunft- Es ließen sich der Beispiele noch viele anfüh-
wesens, die aus dem sorgenvollen Kampf um ren und sie würden sich alle zu dem uns bekann-
den Platz an der Tafel des Lebens hervorging, ten Gesamtbild runden, daß das Zunftwesen in
datieren aus der Zeit nach der Aufhebung der einer Weise starr und lebensfeindlich wurde, die
"Renovatio monetarum". Noch einmal können ihm für alle spätere Zeiten den Stempel auf-
wir auch bei Adolf Damaschke eindringliche Be- prägte. Dieser Eindruck von der mittelalter-
stätigungen hierzu finden: "In der altberühm- lichen Gewerbeordnung ist also haften geblie-
ten Goldschmiedezunft von Augsburg war jeder ben.
willkommen gewesen, der sein Meisterwerk lei-
stete, 1549 aber wurde bestimmt, daß jährlich Der Druck, der das bewirkte, ist aber im übri-
nur 12 Bewerber, 1582, daß nur noch 6 Bewer- gen nicht nur in solchen kleinen Einzelvorgän-
ber zugelassen werden sollten. Dadurch wurde gen zu erkennen. In England, wo die Geldsteuer
für die Handwerksgesellen die Aussicht, jemals gleichfalls aufgehoben und durch die Herdsteuer
selbständig zu werden, zerstört und es begann ersetzt worden war, machte sich mit dem Aus-
sich in scharfer Trennung von den Meistern ein gang des 15. Jahrhunderts eine zunehmende
neuer Stand der Lohnarbeiter in den Städten Feindseligkeit gegen die hansischen Kaufleute
zu bilden." bemerkbar. Hansische Schiffe wurden im Ärmel-
kanal, auch direkt im Hafen von Boston, über-
In Nürnberg wurde 1572 einem Meister des fallen und ausgeplündert. Kämpfe zur See, Ka-
Fingerhuthandwerks, der ein "sonderes neues perkriege, langwierige Auseinandersetzungen
Drehrad, ihm und seiner Arbeit zum Vorteil, mit politischen Intrigen hemmten den Handel.
aber anderen Meistern zu Schaden erfunden und Was wir schon in kleinen Beispielen sahen, sollte
gebraucht hatte", auf Antrag seiner Zunftgenos- sich hier auch im Großen abspielen: der Platz
sen jeder weitere Gebrauch unter "starker Stra- an der Tafel des Welthandels war ebenfalls en-
fe" untersagt. ger geworden; der Engländer wollte den Wett-
bewerb des deutschen Kaufmannes ausmerzen.
Um 1493 kam es zu einem organisierten Sturm
Ein Nadlermeister, der ein Reibzeug erfun-
auf den Stalhof in London - die berühmte han-
den hatte, erhielt 1585 unter Androhung von
sische Niederlassung. Die deutschen Kaufleute
50 Gulden Strafe den Befehl, "dasselbe alsbald
durften sich nicht mehr auf der Straße zeigen.
wegzutun, nicht mehr zu gebrauchen, viel weni-
Ein gleicher Aufstand brach 1517 wieder aus.
ger hier oder auswärts in dem Gebrauch dessel-
Jetzt wurden die Hansen widerrechtlich gefan-
ben zu unterweisen" (s. a. a. O., S. 86/87).
gengesetzt. 1557 wurden die Zollvorrechte der
Stalhofskaufleute aufgehoben; 1597 setzten die
Der italienische Abbé Lancellotti erzählte in Hansen ihrerseits durch, daß die Engländer vom
einer 1636 erschienenen Schrift, daß vor fünfzig deutschen Reichsboden verwiesen wurden; und
Jahren, also anno 1586, ein Mann in Danzig 1598 wurde dafür der Stalhof in London auf
eine "sehr künstliche Maschine" erfunden habe, Befehl der Königin Elisabeth geschlossen, die
die 4 bis 6 Gewebe auf einmal verfertigte. Der Hansen vertrieben oder als Geiseln zurückbehal-
Rat habe aber die Erfindung unterdrückt und ten. -
den Erfinder heimlich ersticken oder ersäufen
lassen. Dieselbe Maschine sei später in Leyden
So ist auch der Niedergang der Hanse eine
und in Köln wieder aufgetaucht und abermals
unmittelbare Folge der Krisenentwicklung in
verboten worden; in Hamburg habe man sie
der mittelalterlichen Weltwirtschaft. Eine innere
öffentlich verbrannt. Es handelte sich dabei um
Kraft, wie sie einstmals im Zusammenschluß der

60
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Hansestädte bestanden hatte, war nicht mehr da kapitalistisch gewordenen Fürsten. Die Über-
- nachdem die Wirtschaftskraft zerfallen war. nahme und Vermittlung von Staatsanleihen ge-
Deutschland war inzwischen in die Wirren der hörte bald bei den Großkapitalisten zu den be-
Religionszwistigkeiten, Bauernkriege, Hexen- liebtesten Geschäften. Und so trieb der rasch an-
verbrennungen und dergleichen hineingeraten. gesammelte Reichtum in wenigen Händen, die
Die Bauernkriege waren das Ergebnis der Be- zunehmende Unzufriedenheit in den Volksmas-
drückung, die vom Adel und von den Stadtvog- sen, die Anstauung eines Proletariats in Stadt
teien auf die Schultern der Bauern geladen wor- und Land, die wachsende Leichtigkeit in der Be-
den war. Die Rechtsauffassungen jener Zeit - schaffung großer Söldnerheere wie in der Auf-
fußend auf dem römischen Recht - haben dazu nahme neuer Staatsschulden die Fürsten in fast
geführt, daß die landesherrlichen Rechte über endlose Kriege hinein, die von 1557 bis 1620
die Menschen mit dem Verkauf von Reichsgrund fast allgemein zu Staatsbankrotten führten,
an private Käufer, an Adlige und Geldleute, welche auch die Millionen der oberdeutschen
an die Kirche und an Städte auf die Käufer Handelshäuser auf Nimmerwiedersehen ver-
überging. Mit dem Kauf des Bodens, mitunter schlungen haben" (s. a. a. O., S. 772/73).
ganzer Dörfer, wurde zugleich das Recht ge-
kauft, die Abgaben der Landbewohner zu kas- Die mörderisch-grausame Rache aber, die die
sieren und ihre Frondienste in Anspruch zu neh- Bauern in ihren Aufständen unter Florian Geyer,
men. So wurden diese Abgaben und Dienste, die Thomas Münzer, Götz v. Berlichingen und an-
der Bauer zu leisten hatte, mit der Kommer- deren Anführern an den in ihre Gewalt gerate-
zialisierung des Bodens ständig drückender. nen Bedrückern übten - bis sie endlich doch der
Gemeindebesitz an Wald und Weide wurde den Obermacht der waffenkundigen Adligen erlagen
Bauern genommen und nur gegen entsprechende und zu Zehntausenden erschlagen wurden - ge-
Abgaben zur Nutzung überlassen. Die Maßlosig- hört mit auf das Konto der wirtschaftlichen Zer-
keit, mit der der Bauer gepeinigt wurde, kannte rüttung, für deren Ursprung niemand eine Er-
keine Grenzen. So wird berichtet, daß sie nachts klärung wußte. -
die Teiche und Tümpel peitschen mußten, damit
die Frösche schweigen sollten und nicht mit
Die heiße Empörung gegen das Unrecht der
ihrem Konzert den Schlaf der Herren störten; Zeit hatte damals auch Tilman Riemenschneider
und beim Morgengrauen begann dann beim - neben dem in Nürnberg und Krakau tätigen
Bauern wieder die Fronarbeit des Tages. - Bei
Veit Stoß wohl der bedeutendste Meister der
den dem Bauern auferlegten Geld-Abgaben deutschen spätgotischen Kunst - in den Bauern-
mußte er im Falle von Säumigkeit Zinsen zah-
kriegen auf die Seite der aufständischen Bauern
len, und zwar nach dem sogenannten "Rutscher- gebracht. Heute noch zeugen seine herrlichen
zins" für jeden Tag des Verzuges den verdop- Werke, der Creglinger Altar, der Abendmahl-
pelten Zinssatz, so daß er mit mathematischer
Altar in Rothenburg, seine Grabplatten in
Gewißheit nicht mehr aus der Schuld heraus- Würzburg, das Kaisergrab im Bamberger Dom
kam (s. G. Ruhland: "System d. Pol. Ökono- u. a. m. von einer unerhörten Gestaltungskraft
mie", S. 774).
- doch nach der Niederwerfung des Bauernauf-
standes haben ihm die bischöflichen Schergen in
Eine Flucht vom Lande in die Stadt gab es der Folter die Hände gebrochen. -
nicht mehr, denn die Gewerbetreibenden der
Stadt konnten keinen Zulauf mehr brauchen. Was die Verirrung in die Wahnvorstellungen
Sie sperrten die Zünfte gegen fremden Zuzug
von religiösem Fanatismus, von Hexenglauben
und überwachten auch eifersüchtig, daß auf den und dergleichen anbelangt, so wird man berück-
Märkten und in den umliegenden Orten keine sichtigen müssen, daß der Mensch dieser Zeiten
nicht aus den zünftigen Werkstätten stam-
für die über ihn hereingebrochene allgemeine
mende Ware verkauft würde. Den Wettbewerb Not keine verstandesmäßige Erklärung finden
der Nichtzünftigen, der "Bönhasen", zu verhin- konnte. Es war nicht anders denkbar, als daß er
dern, wurden eigene Späher von den Hand-
in allem, was sich zeigte, das Walten böser, dä-
werkszünften ausgesandt. Neid und Mißgunst monischer Mächte oder die Geißel Gottes glaubte
waren in der Atmosphäre der Not geil empor- sehen zu müssen. Solange es Arbeit gab und die
geschossen. Was blieb den Bauern anderes
gewerbliche Regsamkeit den Wohlstand för-
übrig, als sich zum Landsknecht herzugeben oder derte, stand es um Religion und Mystik noch
sich gegen die Bedrücker zu erheben! - Gustav
anders.
Ruhland schreibt hierzu: "Dem Proletariat in den
Städten folgte das Proletariat auf dem Lande.
Aus beiden Reservearmeen rekrutierte sich Um das Jahr 1230 wollte der fanatische Prä-
hauptsächlich das Angebot auf dem deutschen monstratenser Konrad von Marburg die Inquisi-
Söldnermarkt, der in den Städten sichtbar gewor- tion in Deutschland einführen; doch das lebens-
dene Reichtum reizte die Eroberungssucht der frohe Volk wollte von diesen finsteren Bräuchen
nichts wissen - der Eiferer wurde nach kurzer Tä-

61
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

tigkeit auf offener Landstraße erschlagen. Um So waren die Lehren der Wiedertäufer, die sich
das Jahr 1484 aber, als mit der Not und Existenz- insbesondere um 1532 bis 1535 in Münster zu
bedrohung auch die geistige Finsternis sich über einem grausigen Taumel von religiös verbräm-
das Land legte, begannen in Deutschland die ter Zügellosigkeit, von Raub, Mord, Plünde-
Hexenprozesse, die sich danach über zweiein- rung und Ausschweifung auswuchsen, ein typi-
halb Jahrhunderte hinzogen. 1489 haben die sches Zeichen der Zeit. Daß der Schneider Bockl-
beiden Professoren der Theologie Institor und son den verwegensten Wahnsinn predigen, aus
Sprenger ihren "Hexenhammer" geschrieben, Münster sein "Königreich Sion" machen, seine
das Gesetzbuch der Hexenverfolgung. Etwas "Gerechten" zum Mord durch die Straßen sen-
Unsinnigeres, Sadistischeres, Grausameres und den, die Vielehe einführen und seine eigenen
Schamloseres über das Vorhandensein eines Frauen, deren er eine erkleckliche Anzahl hielt,
Teufels und seinen geschlechtlichen Verkehr mit eigenhändig hinrichten konnte, das ist gewiß
den Hexen, über deren Treiben und über die etwas aus den finstersten Tagen der deutschen
Mittel und Methoden, sie zu "Geständnissen" zu Geschichte; aber es ist erst möglich geworden,
bringen, konnte menschliche Phantasie wohl nachdem die Ordnung verloren war, in welcher
kaum ersinnen. sich das Leben, Handel und Wandel des Volkes
jahrhundertelang geborgen fühlen durfte.
Von 1595 bis 1666 lebte Benedikt Carpzow,
der sich selbst der Hinrichtung von 3000 Hexen
rühmte, wobei außerdem noch 17 000 ge-
wöhnliche Verbrecher kraft seiner Autorität in
der Rechtspflege zum Tode verurteilt wurden.
Überall lohten die Scheiterhaufen und der Wahn-
sinn feierte seine fürchterlichsten Orgien.

Die Religionszwistigkeiten - hervorgegangen


aus der Entartung des Christentums, von Refor-
mern bekämpft, die ihrerseits in neue Verwor-
renheiten und Entartungen verfielen - nahmen
den breitesten Raum in den allgemeinen Aus-
einandersetzungen ein. Daß die Lehre Luthers
erst die Bauern-Aufstände begünstigte und daß
Luther danach eine Schwenkung vornahm und
mit flammenden Worten forderte: ". . . es soll
zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich
oder öffentlich, wer da kann, und gedenken, daß
nichts Giftigeres, Teuflischeres sein kann, denn
ein aufrührerischer Mensch. . .", war beides
symptomatisch für den Verlust von Maß und
Mitte. -

Daß ferner auch die Reformatoren das Blut


der Andersdenkenden fordern konnten und den
Scheiterhaufen als ultima ratio nicht verschmäh-
ten, zeigte sich in dem unglücklichen Ende von
Michael Servet, der auf Betreiben von Calvin
dem Glaubensgericht ausgeliefert und auch mit
Billigung von Melanchthon anno 1553 in Genf
verbrannt wurde.

Die wild aufgepeitschte Zeit vermochte nur


noch in Extremen zu denken. Die geistige Ver-
wirrung des aus seiner Bahn von Arbeit, Gläubig-
keit und Lebensfreude herausgeworfenen Men-
schen setzte sich immer mehr in Zerstörung und
Auflösung um. Schließlich waren die Meinungs-
verschiedenheiten in Glaubenssachen in der Brei-
tenwirkung nur noch ideologische Verbrämun-
gen für den Kampf um Macht, Besitz, Freiheit,
Brot und verlorenes Lebensglück.

62
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

verkauft. Betrug und Fälschungen nahmen über-


DIE WEGE DER hand. Stempel und Jahreszahl guter Reichsthaler
FALSCHMÜNZEREI wurden nachgeahmt und neugeprägte Münzen
mit Säuren behandelt, daß sie alt und echt aus-
Auch in aufgewühlten Zeiten geht das Leben
sehen sollten. In der Chronik von Sangershau-
noch irgendwie weiter. Der Mensch muß essen,
sen wird berichtet, daß die Kupfermünzen "ge-
muß sich kleiden und muß ein Dach über dem
sotten und weiß gemacht" worden seien, das
Kopfe haben. So veränderte sich zwar vom 16.
habe etwa acht Tage vorgehalten, Zeit genug,
zum 17. Jahrhundert nichts Grundsätzliches an
um das Geld an den Mann zu bringen. So wurde
der eingespielten Ordnung von gewerblicher
das neue Geld immer wertloser. Schließlich war
Tätigkeit und Marktwirtschaft; es schien nur,
sogar das Kupfer schon so kostbar, daß z. B.
daß sie nicht mehr alle ernähren konnte, so daß
Leipzig eckige Blechmünzen prägte. (*) Wer
Landstreicher und entwurzeltes Kriegsvolk das
Schulden hatte - im Anfang des 17. Jahrhunderts
Land unsicher machten. Doppelt sorgfältig ver-
war die Aufnahme von Geld-Darlehen schon
barg der Stadtbürger seinen Geldschatz, und
verbreitet - zahlte sie rasch mit dem aus einem
auch der Bauer hielt es für geraten, seine Thaler
kupfernen Kessel herrührenden "Thalern" zurück.
gut zu vergraben.

Es war die Zeit der "Kipper und Wipper",


Des weiteren kam zu dieser Entwicklung
die erste neuzeitliche Währungszerrüttung durch
hinzu, daß die Luxusbedürfnisse der Herren
inflationistische Geld-Vermehrung. Wohl hat
jetzt immer mehr Münzmetall aus der Volks-
diese Geldvermehrung die Stockungen im mit-
wirtschaft herauszogen. In der aufschlußreichen
telalterlichen Gewerbeleben gemildert, die durch
Schrift von Menzner-Flocken "Kaufkraft und
die vorausgegangene Verschatzung von Geld be-
Zeitgeschehen" finden wir interessantes Mate-
wirkt worden waren; aber das Ende davon war
rial hierzu. So ist in der Pfalz von dem reichen
doch eine vollkommene Verarmung der betroge-
Geschlecht Meinhard von Schönberg überlie-
nen Bürger und Bauern. Auch damals gab es be-
fert, daß der Vater um 1590 noch mit einem
reits zahlreiche Prozesse um die Rückzahlung
Silbergeschirr von 1 Kanne, 8 Becherlein und
"guten Geldes". Die Obrigkeit war der Lage
2 Salzfäßchen auskam, während der Sohn um
nicht mehr gewachsen; ja, auch das Reichsgeld
das Jahr 1616 bereits Teller und Schüsseln,
sank trotz seines Zwangskurses im Werte. Um
Leuchter und Schreibzeug ja selbst Gießkannen
der allgemeinen Teuerung zu begegnen, setzte
aus Silber beanspruchte! - Wie einst in der
die Obrigkeit Höchstpreise fest. Aber nun ver-
Zeit der Völkerwanderung verwandelte sich
kauften die Bauern kein Korn und kein Vieh
das blinkende Metall nun wieder in nutzlose
mehr - und die Not wurde noch größer.
Schätze - und das Geld wurde knapp.

Wenn etwas im Staate oder in der Gesellschaft


Längst war die regelmäßige Münzerneuerung
nicht in Ordnung ist, braucht die öffentliche Mei-
aufgehoben, und die Münzherren brauchten, da
nung einen Sündenbock. Diesen Sündenbock
der Geldbedarf noch dringender zu werden
stellten damals die Leute dar, die das gute Geld
schien, mehr neues Münzmetall als die Silber-
vom schlechten noch zu unterscheiden vermoch-
gruben liefern konnten. Händler durchzogen das
ten und das schwerere Geld "wippend" oder wä-
Land, machten Wechselgeschäfte, verstanden
gend "ausseigerten", d. h. aussortierten. Auf
leichte und schwere Münze geschickt auseinan-
diese Leute richtete sich der Zorn des Volkes. In
derzuhalten, die schweren zu beschneiden und
Wirklichkeit waren allerdings die Münzherren
wieder an den Mann zu bringen; kauften auch
selber die eigentlichen Schädlinge, wie der unbe-
manche silberne Schüssel, manchen Becher und
kannte zeitgenössische Kritiker, der sich hinter
zwischendurch auch wohl einmal einen kupfer-
dem Namen "Knipphardius Wipperius" ver-
nen Kessel. Dieses Metall wurde in die Münze
barg, anno 1622 in seiner Flugschrift schrieb:
geliefert; und so entstanden doch immer wieder
neue Thaler. Der ehrbare Zunftmeister und der
biedere Bauer, die sich das auf dem Markt einge- "Ich habe noch keinen einzigen Pfennig, ge-
nommene Geld nach einiger Zeit besahen, muß- schweige denn gröbere Münze gesehen, worauf
ten dann freilich feststellen, daß es merkwürdig der Kipper und Wipper oder eines Juden Name,
rot geworden war. Und nun stellte sich auch her- Wappen oder Gepräge stände - sondern man
aus, daß die auswärtigen Erzeugnisse allmählich sieht darauf wohl ein sonst bekanntes fürstliches
teurer wurden, wenn man sie mit solcher roten Gepräge oder Bild und wird der Kipper und
Münze kaufen wollte. - Wipper nicht mit dem geringsten Buchstaben
gedacht." Gewiß sei manche gute alte Kupfer-
pfanne, worin soviel gutes Bier und so mancher
Das Geschäft des Münzenprägens blühte.
schöne Trunk Breihahn gekocht wurde, ver-
Münzherren und Städte mußten Geld schaffen
schmolzen und vermünzt worden - "doch dies
für Kriegszwecke. Mitunter wurden die Münz-
ist nicht von den gemeinen Kippern, sondern
rechte an beliebige Unternehmer verpachtet oder

63
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

von den Erzkippern geschehen. Denn jene haben Münzherren kümmerten sich nicht darum, aner-
keine Berechtigung zu münzen, und ob sie gleich kannten die neuen Bestimmungen nicht und
wie die Spür- und Jagdhunde das Silber aufge- prägten unentwegt 12 bis 15 Reichsthaler aus
trieben, so hätten sie es doch nur auf Befehl an- einer Mark Silber. Die Münzverschlechterung
deren abgejagt." Sie seien also " . . . auch nicht in ging immer noch weiter.
so schwerer Verdammnis als diejenigen (sie mö-
gen heißen, wie sie wollen), so die Münzrechte Danach kam es im Jahre 1690 in Leipzig zu
vom Reich haben und dieselben zu merklichem einer neuen Zusammenkunft der Landesfürsten.
Schaden deutschen Landes mißbrauchen" (s. Und nach dem hier beschlossenen "Leipziger
Rob. Eisler: Das Geld, S.184). Münzfuß" wurde nun festgesetzt, daß die Mark
Feinsilber 12 Thaler oder 18 Floren ergeben
Letzteres bestätigt auch L. v. Ebengreuth: müsse. Aber auch das war noch lange keine end-
"Hans de Witte, einer der Vorstände der Pra- gültige Überwindung der Geldunsicherheit. Auf
ger Kaufmannschaft, übernahm für eine Gesell- dem Reichstag zu Regensburg kam es 1736 zu
schaft von 15 Personen mit Vertrag vom 18. Ja- einem "General-Münz-Probationstag"; aber erst
nuar 1622 das ganze Münzwesen in Böhmen, einige Jahre später wurde der "Leipziger Münz-
Österreich ob und unter der Enns und Mähren fuß" nun doch durch ein Reichsgutachten für all-
bis zum 16. Februar 1623 gegen einen Pacht- gemeinverbindlich erklärt.
schilling von 6 Millionen Kippergulden. Diese
Herren nützten ihre Zeit so gut aus, daß der Zu- Die Münzverschlechterung war im übrigen
sammenbruch nach Jahresfrist schon unvermeid- nicht überall gleichmäßig, doch gehörten die
lich war." brandenburgischen Thaler wohl zu den schlech-
testen; sie bestanden fast nur noch aus Kupfer.
Natürlich lag die Ursache für diese Entwick- Demgemäß war hier auch die Teuerung am
lung in erster Linie in den Mängeln der Münz- schlimmsten.
ordnung. Dazu kamen aber noch, wie Richard
Gaettens in seinem Buch "Inflationen" sicherlich Daß hemmungsloses Geldmachen einerseits
mit einigem Recht erklärt, die politischen Trieb- und Teuerung andererseits immer Hand in Hand
kräfte. Gaettens meint: "Die Erkenntnis, daß gehen, zeigte sich schon zum Anfang dieser lang-
die politische Gesamtlage einen großen Krieg anhaltenden Währungszerrüttung. Bereits 1521
erwarten ließ, war schon seit 1615 allgemein. hatte sich der Kanzler des ungarischen Königs
Daher begannen alle Fürsten und Stände sich Ludwig II. von seinem Schatzmeister Alexius
auf diesen Krieg vorzubereiten, d. h. zu rüsten. Thurzo und einem zweiten skrupellosen Bera-
Um diese Rüstungen zu finanzieren, suchten die ter, Emmerich Szerenzich, dazu verleiten lassen,
Münzherren aus dem Münzschlag durch ständige der königlichen Münze 75 Prozent Kupfer bei-
Verringerung des Feingehalts und des Gewich- zumischen. Die Thurzo-Fugger geboten um diese
tes soviel Gewinn als möglich herauszuholen." Zeit bereits über die gesamte Erzeugung der un-
Anno 1618 kam es denn auch mit dem Prager garischen und Tiroler Kupferminen. Vier Jahre
Fenstersturz zu diesem erwarteten großen Krieg. danach kam es denn auch - just unter den Hüt-
Wir sehen also, die Verschlechterung des Geldes tenleuten der Thurzo-Fugger-Gruben - zu einem
und der Krieg gehörten auch damals schon zu- Aufstand. Die Knappen traten auf freiem Feld
sammen. bewaffnet zusammen und eröffneten dem Faktor
der Fugger, sie verlangten jetzt entweder gute
Die Münzunordnung hat dann freilich bis weit alte Münze zum Lohn oder für jeden Gulden
über den dreißigjährigen Krieg hinaus - ja sogar nicht einhundert, sondern zweihundert Pfennige
bis in das nachfolgende Jahrhundert hinein - an- von der derzeitigen Prägung. Der Faktor ver-
gehalten. Daß der endlose Krieg das Horten und legte sich aufs Verhandeln und bot einhundert-
Verschatzen von gutem Geld geradezu zum vor- fünfzig Pfennige; die Leute blieben aber unnach-
dringlichsten Anliegen aller Stände gemacht ha- giebig bei ihrer Forderung und so mußte der
ben muß, liegt auf der Hand. So war auch nach Faktor nach langer Beratung mit den Richtern
dem Krieg das Silber noch rar, und die Falsch- nachgeben und die Bewilligung der Forderung
münzerei ging weiter. Um den unhaltbaren Zu- verkünden - wie die Chronik berichtet, "mit
ständen abzuhelfen, kamen die Kurfürsten von feierlichem Protest ob der angetanen Gewalt".
Brandenburg und Sachsen anno 1667 im Kloster Darauf schossen die Hüttenleute ihre 500 Don-
Zinna in der Mark Brandenburg mit dem Her- nerbüchsen ab und machten mit Pauken und
zog von Braunschweig zusammen, um einen neu- Fahnen die Runde um das Fuggerhaus. Am an-
en Münzfuß festzulegen. Nach dem "Zinna`schen deren Tag erhielten sie den Lohn, wie es ihnen
Münzfuß" sollte die Mark Feinsilber - die versprochen worden war, für jeden Pfennig
"Mark" ist hier als eine Gewichtsmenge zu be- überlieferter Währung deren zweie in neuem
greifen - 10 Reichsthaler und 12 Groschen oder Geld.
15 Floren und 45 Kreuzer ergeben. Doch die

64
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Doch nicht überall waren die Geschädigten


findig und stark genug, sich in Quantität zurück-
zuholen, was ihnen in der Qualität vorenthalten
wurde. Die Zerrüttung des Geldwesens ließ
überall die Trümmer einer aufgelösten Ordnung
zurück. Ehrliche Gewerbetätigkeit, Treue und
Glauben, Recht und Sitte lagen zerstört und ent-
wertet am Wege dieser Entwicklung, die immer
mehr in das Chaos von Betrug, Raub und Plün-
derung, Brandschatzung und Krieg hineinsteuerte.
Und der ratlose Mensch, der nicht wissen konnte,
wie es zu all dem gekommen war, wähnte,
Hexen und böse Geister am Werke zu sehen.
Alle Kräfte des Untergangs steigerten ihre Wir-
kung mit dem zunehmenden Verfall bäuerlicher
und gewerblicher Existenzmöglichkeiten; und
der Dreißigjährige Krieg verwüstete das Land
und pflügte von 17 Millionen Deutschen 10 Mil-
lionen unter die Erde.

(*) Eckige, mit der Blech-Schere geschnittene Münzen, sog.


"Klippen", sind in der Regel Notgeld; sie sind jedoch im Me-
tallgehalt nicht immer minderwertig ausgeprägt worden. So
ließ der Kommandant einer belagerten Stadt, Marquis de
Guebriant, anno 1710 aus seinem eigenen Tafelsilber
"Klippen" schlagen; und anno 1578 - 132 Jahre früher -
schlugen auch die burgundischen Verteidiger der belagerten
Stadt Amsterdam einseitige Notklippen aus Kirchensilber.

65
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

und für die Städte, die den Güterumschlag be-


wältigten, allmählich einen beträchtlichen Reich-
DAS GELD IN DER tum. Der Reichtum aber stärkte das Selbstbe-
RENAISSANCE wußtsein der Menschen, der Umgang mit frem-
den Völkern und Kulturen weitete den Hori-
Während Blütezeit, Reife und Niedergang
zont. Und so entwickelte sich eine ganz neue
der gotischen Kultur sich über das Kernland Eu-
Lebenshaltung. Man wurde diesseitsfreudig,
ropas ausbreiteten, um nach dem Nordosten zu
lebensbejahend, tatendurstig, prachtliebend; die
verebben, lag der Süden lange Zeit noch im
Fesseln frommer Beschaulichkeit und
Dornröschenschlaf der versunkenen Antike. Ar-
bedingungsloser Kirchengläubigkeit wurden
beitsteilung und Geldwirtschaft waren zwar nie
gesprengt. Neben der im Norden noch voll
völlig vergessen, aber der Kreislauf der Leistun-
blühenden Gotik entfaltete sich hier im Süden die
gen war träge und kümmerlich. Fehlte es an
ganz andersartige Blüte der Renaissance. Und
Menschen, am Geiste, an Geld? - Vielleicht be-
auch diese Blüte entwickelte sich erst, nachdem
durfte es nur eines Anstoßes, um das Schlum-
der Boden mit Geld gedüngt war.
mernde erwachen und neu ins Dasein treten zu
lassen.
Genau wie im Norden wurden indessen auch
hier im Süden aus Großkaufleuten schließlich
Italien war der Sitz des Papstes, des Ober-
Bankiers. Das Haus der Medici hatte sich im
hauptes der Christenheit. Über Italien und seine
Auftrag des Papstes sogar mit der Einziehung,
Häfen gingen zwei Jahrhunderte lang die
Verwaltung und produktiven Anlage der aus
Kreuzzüge nach dem Heiligen Land. Und mit
der gesamten Christenheit an die römische Ku-
diesen Kreuzzügen kam aus Frankreich, aus
rie fließenden Abgaben zu befassen. Die Medici
England, aus dem Norden ein Strom von Geld,
waren um 1300 Kaufleute, um 1400 Bankiers
das für die mannigfachen Bedürfnisse der Heere
und um 1500 Fürsten und Päpste. Unter den
verausgabt wurde und an der Straße der Kreuz-
Notwendigkeiten dieser großen und weitge-
fahrer sich niederschlug. So wurde die gewerb-
spannten Aufgaben entwickelte sich jetzt ein
liche Regsamkeit wieder langsam lebendig.
durchgebildetes Rechnungswesen, ein erster An-
fang betriebswirtschaftlicher Erfolgsrechnung
In umgekehrter Richtung aber öffneten die und ein reiner Geldverkehr, der vom Süden her
Kreuzzüge die Handelswege nach dem Orient das ganze übrige Europa in seine Netze einzu-
und brachten das christliche Abendland mit den spinnen verstand.
Erzeugnissen fremder hoher Kulturen in Berüh-
rung. Bald folgten dem ekstatischen Ritter, der
Die im Anfang des 16. Jahrhunderts in
das Heilige Land erobern wollte, tatkräftige Er-
Deutschland zum Durchbruch gekommene leiden-
denmenschen, kluge Rechner und gewandte
schaftliche Abwehr des Ablaßwesens war sehr
Händler. Aus der Eroberung des Heiligen Lan-
stark davon bestimmt, daß solcherart der Geld-
des wurde nichts; aber der Händler fand auf
strom nach dem Süden gezogen wurde. In Rom
den Märkten des Morgenlandes seltsame Ge-
war um diese Zeit ein Medici Papst geworden;
würze, Pfeffer, Kümmel, Muskat, Safran, Ing-
und dieser Leo X., ein Mann seiner prachtlieben-
wer, Zimt und mancherlei anderes, was den
den Zeit, brauchte Millionen für den großarti-
Handel lohnte. So ergab sich zwischen den bei-
gen Ausbau von St. Peter. Und wenn dies nun
den Welten, zwischen der Welt des christlichen
auch nicht der erste und der einzige Ablaß war,
Abendlandes und der Welt der Ungläubigen, all-
der für diesen Dombau das Geld nach Rom
mählich ein reger Handelsverkehr. Eines der
brachte, so war hier doch das erste große Ärger-
meistbegehrten Gewürze war der Pfeffer, den
nis gegeben. Ohne Frage sind die Auswirkungen
die kapitalstarken Kaufherren, die Medici und
des Geldabflusses im allgemeinen Bewußtsein
Peruzzi in Italien, die Fugger und Welser in
nur langsam zur Kenntnis genommen worden.
Deutschland, in ganzen Schiffsladungen einführ-
In Wirklichkeit war Rom schon lange ein Ma-
ten. Gold und Silber war aus dem Orient wenig
gnet für das Geld. Bereits aus dem 14. Jahrhun-
zu holen, aber Indigo und Brasilholz zum Fär-
dert wird berichtet, daß zur Verkündung des
ben der Stoffe, und Alaun, um den Farben
Jubelablasses endlose Pilgerzüge nach Rom ge-
Glanz und Haltbarkeit zu geben, waren zur
kommen seien und daß zwei Priester Tag und
weiteren Entfaltung der heimischen Erzeugung
Nacht mit Rechen in den Händen das Geld ein-
nicht minder wichtig. Alaun wurde im 15. Jahr-
gestrichen hätten, das die Gläubigen vor dem
hundert aus Ägypten und Kleinasien nur von
Altar des heiligen Petrus niederlegten. Sicher
den Türken geliefert, jährlich für 100 000 Gold-
steckte in mancher von diesen Münzen dasselbe
gulden.
Silber, das einstmals beim Niedergang des römi-
schen Weltreichs abgeflossen und abenteuerliche
Die Abwicklung solcher Geschäfte brachte Wandlungen in Fürsten- und Kirchenschätzen,
für die Handelshäuser, die sich damit befaßten, in verborgenen Verließen und nordischen Bau-

66
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

ernstuben durchgemacht haben mag, das in der


Brakteatenzeit mancherlei Prägungen getragen
und auf vielen Märkten in den Städten des Nor-
dens von Hand zu Hand gegangen sein mochte -
jetzt war es also wieder in Rom, aber in einem
anderen Rom als dem einstigen.

67
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Für das Begriffsvermögen der alten Welt


GOLD UND SILBER AUS mochte es höchst erstaunlich sein, daß diese
DER NEUEN WELT fremdartigen Kulturen, die in den Schätzen von
Gold und Silber schwelgen konnten, sich eines
Es mag noch viele Dinge geben, die in der
primitiv anmutenden Naturalgeldes bedienten.
geschichtlichen Entwicklung zu den Notwendig-
Bei den Azteken im alten Mexiko galt zu den
keiten gehören, ohne die der wirkliche Verlauf
Zeiten, da Fernando Cortez das Land eroberte,
der Vorgänge nicht denkbar wäre. Wo aber der
die Kakaobohne als Geld. Cortez schrieb in sei-
Geldstrom einsetzt, da bringt er das Zusammen-
nen Berichten: "Man hält sie so hoch, daß sie im
spiel dieser Faktoren und den Fluß der Ereig-
ganzen Land als Münze gelten und man alle
nisse zustande. Die Renaissance, soweit sie vom
Notdurft dafür kaufen kann auf Märkten und
Gelde erweckt war, hat im Beginn nur von der
anderswo" (s. Koppe, 3 Berichte des Don Fernan-
Substanz des in Europa vorhandenen Geldes ge-
do Cortez, Clavigero, History of Mexico, vol.
lebt. Aber der Erfolg der erwachten Regsam-
3. p. 86; Ridgeway a. a. O. S. 171). Unserem
keit weckte den Wagemut, der in die Ferne
heutigen Begriffsvermögen ist die Sache aber
strebte nach den sagenhaften Schätzen Indiens.
nicht mehr gar so unverständlich. Wer Gold und
Und der Geist dieser Zeit läßt auch den Einsatz
Silber in Hülle und Fülle hat, für den ist es nicht
vertretbar erscheinen, der für die weltgeschicht-
mehr viel wert; was diese Metalle geeignet
liche Reise des Christoph Kolumbus nötig war.
machte, in unserem Kulturkreis als Geld zu die-
Viele Jahre hatte er sich - erst in Portugal und
nen, das war ja nur ihre Knappheit. In Mexiko
dann am spanischen Hof - um diese Reise be-
war dagegen die Kakaobohne das verhältnis-
müht, bevor die Königin Isabella ihn mit seinen
mäßig knappe Gut. Auch Kolumbus fand das
drei Schiffen auf den Weg schickte.
Kakaobohnengeld bei den Maya-Händlern auf
Guanaya (Honduras). Wahrscheinlich waren die-
Die Gier nach Gold begleitete ihn - und nun se alten Kulturen durch die Besonderheit ihres
geschah nicht nur das für die damalige Zeit ge- Geldwesens nicht in dem Grade konjunkturemp-
radezu Unfaßbare, daß er wirklich auf Land findlich, den die Edelmetallwährung bedingt -
stieß, sondern auch noch das andere, daß es ein wenn Gold und Silber entmünzt und für Prunk
Land war, welches einen märchenhaften Reich- und Kult und Schatzbildung verwendet werden.
tum an Gold barg! - Nichts als Gold wollen Aber nun fielen sie den fremden Eindringlingen
jetzt die Eindringlinge. Die Indios müssen ab- zum Opfer.
liefern, was sie haben und finden. Selbst vier-
zehnjährige Knaben werden zu Goldlieferungen
Nicht weniger tragisch war das Unglück, das
gezwungen. Schon kommt es zu Grausamkeiten
mit der Goldgier Francisco Pizarros über das
und Aufständen. Aber das alles ist erst ein An-
Reich der Inkas hereinbrach. 1533 war Pizarro
fang. -
mit einem kleinen Trupp seiner beutehungrigen
Abenteurer-Soldaten bis vor den Sonnenkönig
Kolumbus kehrt mit reicher Beute nach Spa- des Inka-Reiches vorgedrungen. Der König hat-
nien zurück, wird im Triumph empfangen, mit te ihn, auf einem goldenen Throne sitzend, emp-
Ehren überschüttet - später wird es ihm noch fangen, umgeben von seinen Getreuen und sei-
anders ergehen! - Aber jetzt folgen erst seine nen Kriegern. Fast hält man die weißen Männer,
weiteren Reisen und hinter ihm drängt sich die die über das große Wasser gekommen sind, für
Flut der Eroberer und Abenteurer; es kommt ein Götter - bis sie die arglosen Indianer überra-
Ferdinand Cortez, es kommt ein Francisco Pi- schend mit ihren Feuerwaffen niedermachen,
zarro. Cortez findet den Weg nach Mexiko, den König gefangen nehmen, um Gold zu er-
stößt auf ein Reich voll goldener Wunder. Ein pressen. - Der Inka-König Atahualpa verspricht
Kaiser wird inmitten einer märchenhaften Pracht als Gefangener, Gold herbeischaffen zu lassen,
von seinen Kriegern wie ein Gott verehrt. Man soviel, um den Boden des großen Raumes, in
gibt sich vertrauensselig arglos diesen seltsamen dem er jetzt als Gefangener steht, bedecken zu
Weißen gegenüber und bietet den Eindringlin- lassen; er übersieht die sprachlose Verwunde-
gen Geschenke, darunter eine Prunkschale im rung der Fremden und hebt die Hand, - so hoch
Werte von einer Million. Aber diese Geschenke werde er den Boden mit Gold bedecken. Aber
stacheln die Begierde der Fremden noch mehr während das Gold aus den Tempeln und Schatz-
auf. Sie überfallen den Kaiser und legen ihn in kammern des Landes von eilenden Boten geholt
Ketten. Da kommt es zu einem Blutbad in der wird, vergehen Wochen. Es entsteht Streit unter
goldstrotzenden Stadt Tenochtitlan, dem nur den Eroberern um die Beute. Eine Partei will
wenige der Eindringlinge entrinnen. Doch Cor- die Karawane der Inkas abfangen, die den
tez kommt davon und kehrt wieder mit überle- Hauptteil des Goldschatzes bringen soll. Der
gener Macht; die Azteken werden geschlagen, König wird gefoltert, damit er den Weg verrate,
ihre Tempel und Paläste geplündert, und ihre und schließlich erdrosselt. - Ein Reich fremdar-
reichen Erzgruben, die Gold und Silber bergen, tiger Kultur war dem Untergang verfallen. Und
sind fortan spanischer Besitz. -

68
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

wie immer, wenn die Gier den Menschen über- diese Welt in Leistungen hineinsteigerte, wie sie
mannt und zum Verbrechen treibt, steht das vorher nicht gekannt wurden. Neue Entwick-
Ergebnis in keinem Verhältnis zu der voraus- lungen, neue Produktionen, neue Entdeckungen
gegangenen Tat. Der große sagenhafte Schatz und Einsichten, aber auch neue Machtkämpfe
der Inkas gelangt nie in die Hände der Eroberer zogen herauf. Immer aber, wenn wir dem Strom
- er ist bis heute noch nicht gefunden. - Die Kun- der Geschichte auf den Grund schauen, sehen
de von dem Verbrechen am König war den Bo- wir das Schimmern und Blinken der Metalle, die
ten entgegengeeilt. So haben sie den Schatz auf den Inbegriff des irdischen Besitzes repräsentie-
unwegsamen Pfaden in Sicherheit gebracht - ren, solange sie Geld sein werden. -
vielleicht auch haben sie ihn den Bergen zurück-
gegeben.

Dennoch hat die Entdeckung Amerikas durch


Kolumbus wie auch die Entdeckung des Seewe-
ges nach Indien durch die Portugiesen die ge-
schichtliche Entwicklung in neue Bahnen gelenkt.
Den Auffassungen der Zeit entsprechend war
der Papst in Rom als Stellvertreter Gottes die
höchste Instanz, die über die Verteilung der neu
entdeckten Welt zu befinden hatte. Demgemäß
wurde Brasilien, Afrika und Indien mit einem
päpstlichen Dekret anno 1494 den Portugiesen
zugeteilt, während der von Kolumbus neu ent-
deckte Kontinent den Spaniern verliehen wurde.
Da aber das spanische Königshaus 1519 mit der
Wahl Karls V. zum Deutschen Kaiser die Herr-
schaft über das ganze Heilige Römische Reich
Deutscher Nation erlangte, waren die Geldfür-
sten, die Fugger und Welser, denen der Kaiser
verpflichtet war, schon an der Quelle des über-
seeischen Reichtums. -

Nach den in späteren Zeiten erst aufgestellten


Übersichten über die Gold- und Silber-Zufuhren
aus der Neuen Welt blieben die mit Blut und
Verbrechen errungenen ersten Gewinne kläglich
gering gegenüber dem, was die Ausbeute der
Bergwerke nachdem erbrachte. Über den Ge-
samtumfang der Zuflüsse liegen keine zuverläs-
sigen Zahlen vor. Ruhland beziffert den Zufluß
von 1493 bis 1600 auf 4027 Millionen Gold-
mark, ohne das Silber; Oesterheld schätzt, daß
nur etwa 2106 Millionen Goldmark in dieser
Zeit nach Europa kamen. Helfferich bietet mit
der Soetbeer`schen Statistik, die auch später
noch die außerordentlichen Zuflüsse aus Brasilien
registrierte, vielleicht die besten Unterlagen. Doch
selbst wenn das, was Oesterheld angibt, nur an-
nähernd richtig ist, bedeutet es immerhin, daß
der Edelmetall- und Geld-Bestand des mittel-
alterlichen Europa von rund 500 Millionen
Goldmark in kurzer Zeit auf das Vierfache ge-
steigert wurde. Von dieser gewaltigen Zufuhr
kommen beim Golde fast 60 v. H. und beim
Silber sogar 89 v. H. aus den spanischen über-
seeischen Besitzungen! -

Und wiederum zeigt sich, daß das Geld, das


vielgeschmähte und vielbegehrte Ding, wie be-
lebendes Blut durch die Adern der Welt zu pul-
sieren begann, neue Regsamkeit auslöste und

69
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

besitzen, eine reichliche Versorgung mit Gold


BEFRUCHTUNG DER und Silber ermöglichen."
NATIONALWIRTSCHAFTEN
Wie der Mensch in der Frühzeit seiner bäuer- Der Strom des Goldes geht indessen zunächst
lichen Entwicklung in den Tälern des Nil und seinen natürlichen Weg. Die Ausbeute an Gold
des Euphrat die Beobachtung gemacht haben und Silber kommt auf Schiffen über den Atlan-
mag, daß die regelmäßig wiederkehrenden Über- tik und wird angezogen von den Hafenstädten
schwemmungen dem Boden gut tun und die der alten Welt. Lissabon, Sevilla sind die ersten
Fruchtbarkeit des Ackerlandes steigern, so lernte Städte, in denen sich der Reichtum niederschlägt;
der Mensch einer späteren Epoche auch ganz all- London und Amsterdam folgen. Wieder begin-
mählich begreifen, daß die Überschwemmungen nen sich Handelszentren und Handelsstraßen
mit Geld den Acker der gewerblichen Wirtschaft zu verschieben. Und während es im Kernland
düngen und daß diese Wirtschaft immer dann, Europas wirtschaftlich stiller wird - Religions-
wenn solche Flutwellen über das Land gegangen kriege, Dreißigjähriger Krieg und Pest haben
sind, reichere Erzeugnisse aller Art aus dem Ge- hier Volksarmut und Verödung hinterlassen -
werbefleiß der Bürger herauswachsen läßt. Und breitet sich das neue Leben zum Vorstoß in eine
genau so, wie man aus der Beobachtung und Er- andere Zeit in den Küstengebieten am Atlantik
fahrung im Ackerbau zu wohlüberlegter Aus- und Kanal aus.
nützung der Vorgänge, zu einer bedachtsamen
Nachhilfe durch die Anlage von Bewässerungs- Die zunehmende Deutlichkeit, mit welcher die
Kanälen und Eindämmungen gelangte, genau so Auswirkungen der Goldzuflüsse begriffen wur-
begann man sich vom 16. zum 17. Jahrhundert den, brachte natürlich auch die in den angeführ-
mit Überlegungen zu beschäftigen, wie man die ten Schriften und Überlegungen empfohlenen
offensichtlich segenbringende Flut des Geldes am Maßnahmen in Fluß. Ebenso trug aber auch auf
besten heranlenken und zum bleibenden Nutzen der anderen Seite die Ahnungslosigkeit, mit der
auch halten könnte. man den neuen Reichtum empfing und durch die
Finger rinnen ließ, nicht wenig zu einer raschen
Mit diesen Überlegungen begann so etwas wie Umschichtung bei. Das kleine Portugal war mit
bewußtes und methodisches volkswirtschaftliches dem Besitz von Brasilien, Afrika und Indien
Denken, wohingegen der Mensch des frühen "Königin dreier Erdteile" geworden. Es soll in
Mittelalters und auch der griechisch-römischen seinen besten Zeiten allein aus Indien jährlich
Kultur - mit Ausnahmen - noch keinen deutli- 800 Millionen Goldmark eingenommen haben.
chen Begriff von den Auswirkungen allgemein Dieser Reichtum führte zu üppigem Luxus, der
auftretender Abläufe dieser Art haben konnte, vom Königshaus ausging und tief ins Volk hin-
obwohl Vermehrung und Verminderung des ein demoralisierend wirkte. Der Rausch des
Geldes mit allen dazugehörigen Folgen auch in Abenteuers ließ die Bauern die Landbestellung
diesen Zeiten schon deutlich genug auftraten. aufgeben und nach den Goldländern auswan-
Nur wenige sahen die eigentlichen Zusammen- dern. Das Heimatland verödete und wurde
hänge. Jetzt aber, nachdem der Strom von Gold Schafweide. Ohne Sorge um die Zukunft kaufte
und Silber nach der Entdeckung Amerikas die das reiche Portugal sein Korn von den Fremden.
Regsamkeit und Tatkraft der alten Welt neu Aber in der Verwaltung des riesenhaften Kolo-
befruchtete, wurde dieser Vorgang mit seinen nialreiches kam es bald zu bedenklicher Korrup-
Vorbedingungen in Zusammenhang gebracht. tion; dazu brachte die zunehmende Bedrückung
Der Übergang vom gläubigen oder naiv-unbe- der kolonialen Bevölkerung auch Aufstände mit
kümmerten Hinnehmen der Ereignisse zur ver- sich, und schließlich ist es der Fluch des Goldes,
standesmäßigen Betrachtung der Zusammenhän- daß es die Habgier der Umwelt weckt. In diesen
ge breitete sich in diesem Zeitalter auf allen Ge- Zeiten der frühen Kolonialpolitik galt nur die
bieten aus. Um 1577 ist Jean Bodin einer der nackte Rücksichtslosigkeit. Holländer, Englän-
ersten, der die Abhängigkeit des Volkswohlstan- der und Franzosen fielen in die portugiesischen
des vom Geldzufluß erkennt und erklärt: "Das Kolonien ein, und die Kolonialbevölkerung
Geld ist das Blut der Volkswirtschaft." Durch stellte sich - von den Portugiesen schlecht be-
die Erfindung Gutenbergs wird die Verbreitung handelt - auf die Seite der Eindringlinge.
neuer Ansichten und Einsichten mächtig geför-
dert. Andere erhalten Anregungen zum Weiter- Eine fast gleichartige Entwicklung nahm das
denken und Beobachten, und so findet sich ein reiche Spanien, das Land, "in dem die Sonne nie
Mosaiksteinchen zum anderen für das große Bild unterging". Auch dort bedenkenlose Verschwen-
der Wirklichkeit, das der kleine Mensch nicht dung, nicht zuletzt durch die Kriege der spani-
auf einmal übersehen kann. Antonio Serra aus schen Krone, ebenso wie vordem in Portugal,
Neapel gibt 1613 bereits eine Schrift heraus mit das 1580 der spanischen Eroberung anheimge-
dem Titel: "Kurzer Traktat von den Ursachen, fallen war. Auswanderung der Bauern, Ver-
welche den Ländern, die eigene Bergwerke nicht ödung des Landes, Latifundienbildung, Verar-

70
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

mung des Volkes und Zerrüttung von unten bis


oben - das Geld bleibt nicht, wo Müßigang und
Verschwendung regieren. - Spanien hatte selbst
in seinen reichsten Zeiten keine Förderung der
einheimischen Gewerbestände zustandegebracht;
der Goldstrom ging ganz andere Wege, die
kümmerlichen Umsätze des niederen Volkes
wurden mit Kupfermünzen bewältigt. So war
der reiche Gewinn nicht der einheimischen Volks-
wirtschaft zugute gekommen, sondern er war
vertan. Ein Jahrhundert nach der Entdeckung
Amerikas hatten die Niederlande, die sich 1581
auch von der spanischen Krone losgelöst hatten,
ebenso Frankreich und England bereits mehr
Gold und Silber als Spanien, das Land, von dem
der Reichtum herkam! -

In diesen letzten Jahrzehnten des 16. Jahr-


hunderts bis weit in das 17. Jahrhundert hinein
wurde der Kampf um die Schätze aus den über-
seeischen Gebieten in der Art staatlich privile-
gierter Seeräuberei geführt. Aus keinem anderen
Grunde als um der Silberschätze willen haben
die Engländer 1595-96 den spanischen Haupt-
hafen Gadix überfallen, haben die dort ver-
ankerte Silberflotte geraubt und sind danach
in die spanische Kolonie eingedrungen. Und um
nichts anderes hat die Niederländisch-Westin-
dische Handelsgesellschaft in den Jahren von
1621 bis 1636 nicht weniger als 547 spanische
und portugiesische Schiffe gekapert, darunter
einmal eine Flotte, die allein für 14 Millionen
Gulden Silber an Bord hatte. Immer wieder sind
Raub, Verbrechen und Kampf die nächstliegen-
den Handlungen, zu denen der Mensch in der
Nähe der blinkenden Metalle seine Zuflucht
nimmt. -

71
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Armenpflege mußten an Stelle von Geld, Speise


EROBERUNG ODER und Trank auf obrigkeitliche Anordnung Wolle
HANDEL und Arbeitsmittel gegeben werden, damit die
allgemeine produktive Tätigkeit zunehme. Der
Aber in diesem 16. Jahrhundert begann nun
Bedarf an tätigen Menschen war so groß, daß
schließlich die Bildung größerer absolutistischer
der persönlich sehr sittenstrenge Colbert Einfälle
Nationalstaaten: Spanien, Portugal, Frankreich,
in die barbarischen Länder anordnete, um Ar-
England - bis herunter zu den Territorial-Für-
beitssklaven für die Ruderbänke der französi-
stentümern in Deutschland, die immerhin um
schen Schiffe zu bekommen. Nicht zuletzt war
1500 die beachtliche Zahl von 1786 politischen
allerdings der Menschenbedarf auch durch die
Gemeinwesen darstellten. Jetzt bahnen die Be-
vielen Kriege Ludwigs XIV. gesteigert worden.
dürfnisse der Krone oder des Staates - zwei ver-
schiedene Dinge, die jedoch auf lange Zeit hin-
aus fast miteinander identisch waren - dem geld- Das System Colberts und das Gelingen seines
wirtschaftlichen Denken in der nationalstaatli- Werkes ist der erste große Beweis der Neuzeit
chen Politik den Weg. Man fängt an, Methoden dafür, daß der Mensch mit der Macht des Wis-
zu studieren, wie man das Geld ins Land brin- sens das Geld lenken kann. Aber Colbert war
gen, den Wohlstand und damit die Steuerkraft ja nur der Minister; und da sein Souverän kein
der Untertanen heben könne. Nicht alle Völker Verständnis für das sachlich Notwendige und
sind so hervorragende Seefahrer wie die Hol- für die Beschränkung seiner Ansprüche an die
länder und die Angelsachsen; aber auch die an- Steuerkraft des Volkes aufbrachte, vermochte
deren wollen Gold und Silber haben, weil diese sein System doch nicht die königlichen Anforde-
Metalle Geld sind, und so bahnt sich allmählich rungen zu decken. Und auch mancherlei Neben-
der Weg an, den John Locke später mit der wirkungen der absolutistischen königlichen Po-
Feststellung absteckte: "In einem Lande ohne litik haben an den Erfolgen Colberts gezehrt,
Bergwerke gibt es zum Reichtum nur zwei Wege: ohne daß er dies deutlich machen konnte. In
Eroberung oder Handel." einer Zeit, in der es dem fähigsten Staatsmann
darauf ankam, die Wohlfahrt des Landes zu he-
ben, verlor Frankreich durch die Verfolgung der
Im sogenannten "Merkantilismus" beginnt
Hugenotten über eine Million der intelligente-
sich jetzt ein wohlbedachtes System geldwirt-
sten und wohlhabendsten Menschen.
schaftlicher Politik durchzusetzen. In Frankreich
hat Ludwig XIV. das Glück, in Jean Baptiste
Colbert den hervorragendsten Kopf zum Gene- Ähnlich verfahren war die Politik des Abso-
ralkontrolleur der Finanzen zu gewinnen. Col- lutismus gegenüber der Landwirtschaft. Die
bert löst die liederliche Finanzwirtschaft Fou- Grund- und Personalsteuer ruhte fast ganz auf
quets ab, beginnt mit planvoller Gewerbeförde- den Schultern der Bauern. Diese Steuer und die
rung. Die verfeinerte Methode des auswärtigen Salzsteuer brachten zusammen 80 Prozent der
Handels soll jetzt das Geld ins Land bringen, Einnahmen des französischen Staates ein. Das
das man vordem nur mit Raub und Beutezügen war vor der Zeit Colberts; viele Bauern hatten
erlangen konnte. Die Ausfuhr von Gold hinge- das Land verlassen. Große Landstriche waren
gen wurde von Colbert mit drakonischen Mit- verödet. Da die Grund- und Personalsteuer
teln verhindert; Gold außer Landes zu bringen, (Taille) vornehmlich die Kosten der Kriegsfüh-
kostete in diesen Zeiten den Kopf. Das ganze rung decken mußte, vermochte Colbert für die
Bemühen Colberts lief darauf hinaus, "das Geld Bauern nur die gröbsten Überforderungen ab-
im Königreich zu halten, dasjenige, welches hin- zustellen. Doch seine Klugheit ließ ihn dafür
ausgeht, wieder hereinzubringen und die frem- andere Steuerquellen finden. Die gesamte Be-
den Staaten immer in dem Geldmangel zu er- lebung der gewerblichen Tätigkeit, die er mit
halten, darinnen sie sind." - seiner Geld-, Steuer- und Handelspolitik zu-
standebrachte, trug schließlich ein Vielfaches
von dem ein, was vorher aus einem von Steuer-
Mit den Methoden dieser Politik und mit den
pächtern ausgequetschten Landvolk herausge-
Erleichterungen und der Förderung jeglicher Ge-
holt werden konnte. Colbert hat die schon ver-
werbetätigkeit im Königreich brachte Colbert
schleuderten königlichen Domänen dem Staat
eine außerordentliche Wirtschaftsblüte zustande.
zurückerworben, Colbert hat die französische
Unternehmer und Arbeiter wurden aus aller
Handelsflotte mächtig gefördert. Die franzö-
Herren Länder nach Frankreich gezogen: Me-
sischen Kolonialerwerbungen nahmen rasch zu.
tallarbeiter aus Nürnberg, Strumpfwirker aus
Beim Tode Ludwigs XIV. war der Kolonial-
England, Spiegelarbeiter aus Venedig. Und da
besitz Frankreichs zweieinhalbmal größer als
alle Hände beschäftigt waren, durften Arbeiter
Frankreich - und das wollte etwas heißen in
und Gewerbetreibende aus Frankreich nicht aus-
einem Zeitalter, in dem es darauf ankam, "das
wandern. Nach glaubwürdigen Berichten sollen
Gold im Königreich zu halten" - und die
Spitäler und Siechenhäuser nach arbeitsfähigen
Menschen abgesucht worden sein, und in der

72
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Kraft der eigenen Volkswirtschaft dennoch Krieg; aber England blieb in diesem Krieg von
über Länder und Meere hinweg auszudehnen. 1652 -1654 Sieger. -

Geschichte ist nicht wiederholbar; und so sagt In Deutschland erklärte der Große Kurfürst
es sich leicht hin, daß es müßig sei, sich einen seiner Verwaltung, daß der "auswärtige Handel
anderen Ablauf zu denken. Wer aber kann sich zu den führnehmsten Säulen des Staates gehöre,
vorstellen, wie anders die Geschichte verlaufen weil dadurch die Manufakturen im Lande ihre
wäre, wenn das Geld - und wenn der Kopf, der Nahrung und ihren Unterhalt erlangen." So
das Geld zu lenken verstand - dem Sonnenkö- wurden also auch in Brandenburg-Preußen und
nig nicht zur Verfügung gestanden hätte? - Die- anderen deutschen Landen Ein- und Ausfuhr
ser Ludwig XIV. hatte doch die Vorstellung reglementiert. Edelmetalle, aber auch Leder,
"Alles, was sich im Umfang unserer Staaten be- Häute und Felle durften schon unter dem Gro-
findet, gehört UNS!" - Was hätte ihm aber ge- ßen Kurfürsten nicht mehr ausgeführt werden;
hört, wenn die 64 000 Arbeiter, die allein in der ebenso wurde die Einfuhr von Kupfer und Mes-
Wollweberei tätig waren, als plündernde Ban- singwaren von ihm verboten, um das Gewerbe
den wie einstmals die Armagnaken durch das der einheimischen Kupferschmiede zu fördern.
Land gezogen wären? Und was hätte ihm gehört, Mit dem Versuch, durch den Erwerb von Kolo-
wenn die 50 000 Webstühle, die durch Colberts nien zu Gold und Gewinn zu kommen, hatte
kluge Maßnahmen in Tätigkeit gesetzt waren, der Große Kurfürst indessen noch kein Glück.
nicht für Frankreich gearbeitet hätten? - War nicht Nach seiner eigenen Rechnung kam jeder aus
die Jahresproduktion der französischen Seiden- der brandenburg-guinesischen Kolonie an der
fabriken unter Colberts Förderung auf 50 Mil- Westküste Afrikas stammende Gold-Dukaten
lionen Livres gestiegen? Und die Herstellung auf zwei Dukaten Unkosten.
von Spitzen beschäftigte auch bereits 17 000
Menschen. Frankreich war der bedeutendste Ex- Während aber der Große Kurfürst seine mer-
portstaat der neuen Zeit geworden und dieser kantilistische Politik noch mit dem Blick auf die
Vorgang gründete sich doch wohl nicht auf den Wohlfahrt des Staates betrieb, hat sein Sohn
Glanz, den die Üppigkeit und Verschwendung Friedrich III., der mit Zustimmung des Kaisers
des Sonnenkönigs an seinem Hof entfaltete, son- nach der Königskrone greifen durfte, schon mehr
dern auf die Klugheit und auf die Geschicklich- dem Prunk von Versailles nachgeeifert. Seine
keit des großen Zauberers, der die Ströme des winterliche Reise im Dezember 1700 von Ber-
Geldes zu lenken verstand. lin nach Königsberg, wo die Krönungsfeierlich-
keiten stattfinden sollten, erforderte für den ge-
samten Hofstaat 30 000 Pferde. Die Krönungs-
HANDELSKRIEGE UND kosten wurden durch eine Kronsteuer von einer
ZOLLPOLITIK halben Million Thalern aus den einzelnen Land-
schaften aufgebracht. Die Krönungs-Insignien
Mit den Erfolgen Colberts breiten sich jetzt
waren aus reinem Golde hergestellt und mit
die merkantilistischen Anschauungen aus, die
Edelsteinen besetzt. Vom purpurnen Krönungs-
fast alle politischen Energien auf den nationalen
mantel wird berichtet, daß er Diamantenknöpfe
Geldgewinn richten. Gold und Silber gelten als
gehabt habe, von denen jeder 3 000 Thaler ge-
die ersten und bedeutendsten Werte einer Natio-
kostet haben soll, und auf der Brust eine Dia-
nalwirtschaft; und so ist man bemüht, diese
manten-Agraffe im Wert von 100 000 Thalern.
Edelmetalle durch den Handel an sich zu reißen.
Vielleicht sind solche märchenhaften Wertanga-
Die Handelspolitik fängt an, die Ausfuhr von
ben etwas übertrieben; aber der außerordent-
Waren zu fördern und die Einfuhr zu hemmen
liche Aufwand, dem der Absolutismus dieser
und zu hindern, in umgekehrter Darstellung
Zeit huldigte, ist an genügend anderen Zeugnis-
also: Geld hereinzuziehen und nicht mehr hin-
sen immerhin soweit erwiesen, daß auch dies
auszulassen. Diese Bestrebungen mußten aber
glaubwürdig ist. -
notwendigerweise gegeneinander auflaufen und
neue Konflikte erzeugen. Die berühmte Naviga-
tionsakte Cromwells, die 1651 bestimmte, daß Der Merkantilismus hat sich in Deutschland
der Verkehr zwischen England und den Koloni- zuerst bei der sogenannten "Kameralwissen-
en nur auf englischen Schiffen erfolgen dürfe, schaft" eingenistet. Diese Wissenschaft befaßte
lag auf der Linie dieser Handelspolitik; sie ver- sich mit der Kunst, die Steuerkraft von Land
besserte die englische Außenhandels-Bilanz und und Leuten zum Wohle der Landesherren zu
ruinierte Holland. Holland hatte nämlich um heben und auszuschöpfen. In Preußen richtete
diese Zeit von 20 000 europäischen Schiffen sel- Friedrich Wilhelm, der Nachfolger des ver-
ber 16 000 auf den Meeren; es war der Fracht- schwenderischen Friedrich I., dieser Wissen-
fahrer Europas. Der handelspolitische Schach- schaft, obwohl er nicht viel von Gelehrten hielt
zug Englands führte denn auch sofort zum und mitunter seine Professoren mehr als Hof-
narren behandelte, gleich zwei Lehrstühle ein;

73
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

hierbei verfehlte er auch nicht, den Professoren


gleich einzuschärfen, worauf es ihm ankäme.
Friedrich Wilhelm erkannte sehr wohl, daß eine
Hofhaltung, wie sein Vater sie geübt hatte, den
Staat ruinieren mußte. So lebte er bescheidener,
kümmerte sich selbst um untergeordnete Dinge,
setzte eigenhändig fest, wieviel Geld ein
Reisender nach dem Ausland mitnehmen durfte
und erreichte schließlich, daß der Merkantilismus,
den er betrieb, doch immerhin seinem Lande
zugute kam. Um die heimische Weberei zu
fördern, wurde die Wollausfuhr mit dem Galgen
bedroht; und ausländische Tuche zu tragen,
brachte ebenfalls die Todesstrafe ein. Lohn-
Erhöhungen wurden mit empfindlichen Geldbußen
bestraft, da sie dem Außenhandel abträglich
waren.

Das mag alles eine sehr holprige Wirtschafts-


politik gewesen sein; aber als dieser preußische
König starb, blickte er - anders als Ludwig XIV.
- auf eine schuldenfreie Finanzverwaltung, auf
einen Staatsschatz von 24 Millionen und auf
jährliche Staatseinkünfte von 21 Millionen Tha-
lern zurück. Das System des Merkantilismus
schien richtig zu sein. Die Folge davon war, daß
es Schule machte. Jetzt aber ergab sich in
Deutschland, wo die Bildung eines großräu-
migen Nationalstaates nicht gelungen war, eine
Abkapselung zahlreicher Kleinstaaten durch
Aus- und Einfuhr-Verbote und Landeszölle.
Kursachsen hatte schon sehr früh sogar die Aus-
fuhr des "sehr seltsam gewordenen Eisens" ver-
boten. Auch die Verbote von Kaffee, Tee und
Tabak stellten einen Ausdruck des handelspoli-
tischen Kampfes um Gold und Silber dar. So
hat Ludwig, Landgraf von Hessen, bei seinem
Verbot des Kaffeetrinkens seinen Untertanen
auch gleich erklärt, daß "dadurch große Sum-
men Geldes aus Unseren Fürstlichen Landen und
dem Reiche unnützlicherweise verschleppt und
der Kreislauf des Geldes in Unseren Fürstlichen
Landen gemindert und gehemmt" werde. -

74
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Staatsbank war nicht mehr aufzuhalten. Der


JOHN LAW - UND SEIN Herzog von Orleans soll mehr Geld haben druk-
PAPIERGELD ken lassen als John Law überhaupt wußte.
Schließlich waren es 3,7 Milliarden Livres. Und
Als der Sonnenkönig Ludwig XIV. 1715
so, wie das Geld vermehrt wurde, stiegen die
starb, waren in Frankreich allein die jährlichen
Preise - sie stiegen so rasch, daß die Produktion
Zinsen für die Staatsschuld schon größer als die
bei aller Emsigkeit nicht mehr nachkommen
laufenden Staats-Einnahmen. Der Regent Her-
konnte. Die Mississippi-Aktien stiegen mit und
zog Philipp von Orleans, der den unmündigen
waren in wenigen Jahren von 500 auf 18 000
Knaben Ludwig XV. vertrat, fand keinen Rat
Livres geklettert! - Dann aber kam es beim
mehr. In dieser Zeit hatte John Law einigen
Rückfluß der Noten zur Ernüchterung. Die Bank
europäischen Höfen phantastisch anmutende Fi-
konnte die Zettel nicht einlösen, die gewaltige
nanzierungsprojekte unterbreitet, war zuerst
Papiergeld-Masse aber auch nicht im Umlauf
abgewiesen, dann aber in Frankreich doch her-
lassen. Jetzt war guter Rat teuer. John Law
angezogen worden. John Law, ein Mann von
wurde vom Regenten mit größerer Vollmacht
schottischer Herkunft, im Bankwesen bewandert
ausgestattet, zum Generalkontrolleur der Finan-
und weit gereist, bekam die Erlaubnis zur Errich-
zen ernannt und versuchte nun von dieser Basis
tung einer privaten Kreditbank, die bald schon
aus, sein System mit Willkürmaßnahmen zu ret-
zu einer Staatsbank umgewandelt wurde. Diese
ten. Der Wert von Gold und Silber wird plötz-
Bank gab Zettel aus, von denen Law zunächst
lich nach dem Bedürfnis der Bank verändert;
nicht mit Unrecht sagte, daß sie genau so gut
man befiehlt die Ablieferung von Edelmetallen,
wie Metallgeld für Zahlungszwecke benutzt
der Besitz von Kleinodien wird unter Strafe ge-
werden könnten. Nach seiner Theorie sollten
stellt, die Herstellung von Tafelsilber wird un-
diese Zettel durch den Grund und Boden ge-
tersagt, ja, sogar der Besitz von Bargeld, soweit
deckt sein, womit der eigentliche und bleibende
er über 500 Livres hinausginge, sollte nicht mehr
Wert des Landes beweglich gemacht und in Um-
erlaubt sein. Da das aber alles nichts half, wagte
lauf gebracht würde. Das Papiergeld sei sogar
Law schließlich die einzig vernünftige Maß-
wertbeständiger als das Silber, "denn die Län-
nahme, den Wert seiner Bank-Zettel auf die
der bringen herfür, aber das Silber ist schon her-
Hälfte herabzusetzen. Der Erfolg war jedoch -
vorgebracht", und die Landgüter können keine
in der damaligen Zeit war man so etwas noch
von ihren Nutzungen verlieren, aber das Geld
nicht gewohnt -, daß ganz Frankreich in schäu-
kann sein Gepräge verlieren". In der prakti-
menden Aufruhr geriet; das Gesetz mußte sofort
schen Handhabung richtete man sich jedoch nicht
zurückgenommen werden. John Law konnte sich
nach diesen Grundsätzen. John Law beugte sich
durch heimliche Flucht retten.
sofort dem Finanzbedürfnis des Staates und
räumte ihm ein, daß er auf Grund seines eigenen
Kredites - also ohne Grund- und Boden-Dek- Wie Gaettens in seinem interessanten Buch
kung - solches Papiergeld ausgeben könne. Be- "Inflationen. . ." schreibt, kann man John Law
reits im Jahre 1718 wurden seine Zettel Staats- nicht, wie zeitgenössische Flugblätter und Spott-
papiergeld. Da in Frankreich um diese Zeit dank medaillen ihn hinstellten, als einen Gaukler
der Verschwendung des Hofes Geldmangel und Narren betrachten. Law habe im Grunde
herrschte, brachte das Papiergeld wirklich eine genommen für absolut gesunde soziale Ideen
Erleichterung. Handel und Gewerbe blühten gekämpft. In der Tat ist das, was er anstrebte,
wieder auf und der Zinsfuß sank. mit Hilfe des Papiergeldes einen geschmeidigen
Geldumlauf zu schaffen, den Kredit zu verbil-
ligen, Handel, Gewerbe und Manufakturen zu
Inzwischen hatte John Law außerdem eine
fördern, eine großartige volkswirtschaftliche
weitere Gründung vollzogen, die "Mississippi-
Konzeption gewesen. Zu seiner Zeit hatte man
Compagnie", eine Handelsgesellschaft auf Ak-
indessen noch gar keine Erfahrung und insbe-
tien, die die Kolonisierung Kanadas und der
sondere noch keine Vorstellung davon, daß et-
Länder am Mississippi bezweckte. Diese beiden
waige Fehler mit der Folgerichtigkeit natur-
Operationen zusammen brachten einen unge-
gesetzlicher Vorgänge sich auswirken werden.
heuren spekulativen Aufschwung. Die Staats-
Aber wem sagen wir das? - Haben wir nicht
bank gab Geld aus, Gewerbe und Manufak-
im zwanzigsten Jahrhundert noch ähnlich ope-
turen blühten auf, zahlloses Volk aus aller Welt
riert? Immer wenn sich die Auswirkungen von
strömte nach Frankreich und nach den franzö-
Fehlern zeigen, werden auch gleich Sünden-
sischen Kolonien. Bis zum Mai 1720 wurden
böcke gesucht. Als sich in Frankreich auf Grund
nach einem eigenen Bericht von John Law "500
der allzu reichlichen Notenausgabe der Kurs
ganz große Schiffe erbaut oder gekauft, nicht
der Noten verschlechterte, wußte man nichts
zu sprechen von den Brigantinen und Fregatten,
Klügeres, als den ominösen Erlaß des Regenten,
um den Strom von Auswanderern nach dem an
der die Konfiskation von Gold und Silber an-
Metallen, Seide und Spezereien reichen Loui-
ordnete. Als Begründung dafür hieß es in die-
siana zu bringen." - Aber die Notenpresse der

75
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

sem Edikt: "Trotz der von Sr. Majestät gehab-


ten Fürsorge, einen leichteren Geldumlauf her-
zustellen, gehen Übelwollende darauf aus, das
Vertrauen zu untergraben. Wir halten es des-
halb zugunsten des Handels und Geldumlaufs
für nötig, über diejenigen Strafen zu verhän-
gen, die das Bargeld aufspeichern. . ." - (s. a.
a. O. S. 125).

Es hat nichts genutzt, das Edikt, denn es wa-


ren nicht Übelwollende, die das System er-
schütterten, sondern es war die Eigengesetzlich-
keit des Geldwesens, die die Maßlosigkeit der
Notenvermehrung unter die Strafe der Ent-
wertung nahm.

76
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

nung und es bestehe nicht der geringste Anlaß


DIE ASSIGNATEN - DAS zur Sorge; - und währenddessen arbeiteten die
GELD DER REVOLUTION Druckmaschinen, und die papierenen Reichtümer
stiegen in die Milliarden.
Trotz des kläglichen Ausgangs, den die Theo-
rie John Laws bei ihrer ersten praktischen Ver-
wirklichung erfahren hat, sollte diese Theorie Da diese außerordentliche Geldvermehrung
nach einem guten Menschenalter wieder Aufer- die Preise steigerte, stiegen auch die Preise der
stehung feiern. In der französischen Revolution Landgüter mit, so daß hinsichtlich der Deckung
wurde 1790 von der Nationalversammlung be- auch nach dieser Seite hin für die weitere Geld-
schlossen, 400 Millionen Livres Assignaten aus- vermehrung immer Spielraum genug blieb! -
zugeben, Papiergeld, das durch den Landbesitz Aber 6 Jahre nach der Einführung der Assigna-
der vertriebenen Adligen und des Königs "ge- ten bekam man für 100 Livres nur noch so-
deckt" sein sollte. Der Landgüter waren es aber viel Brot und Fleisch und gewerbliche Produkte
in Frankreich sehr viele - und so wurden denn wie vorher für ein Hundertstel dieser Summe.
auch die Assignaten ganz unbedenklich "bei vol- Das war die zweite Inflation mit Papiergeld.
ler Deckung" entsprechend vermehrt. Im No- Die Revolution jedoch beeilte sich, noch eine
vember 1794 waren es längst nicht mehr nur 400 dritte zu machen. Die Assignaten wurden 1796
Millionen, sondern es waren um 6 Milliarden eingezogen und im Verhältnis 30:1 gegen neue
mehr, also bereits 6,4 Milliarden Livres! Und Zettel, die "Mandaten", umgetauscht; doch auch
danach stieg die Vermehrung noch rascher; im diese wurden sofort so beträchtlich vermehrt,
Juli 1795 waren es nicht weniger als 12 Milliar- daß sie schon nach einem Vierteljahr nur
den Livres. - 3 v. H. ihrer anfänglichen Kaufkraft hatten.
Es war noch immer nicht begriffen worden, daß
die Vermehrung es ist, die eine jede Sache,
Für diese Assignaten hatte sich aber Mirabeau
handle es sich um Korn oder Papiergeld oder um
- wie man später sagte: wider besseres Wissen -
Gold, mit elementarer Selbstverständlichkeit zu
sehr nachdrücklich eingesetzt:
dem Grad der Entwertung führt, der eben der
vorausgegangenen Vermehrung entspricht.
"Es ist verfehlt (!), Assignaten, gesichert auf
der besten Grundlage solcher Staatsgüter, mit
Vielleicht ist es zuviel gesagt, wenn wir hier
gewöhnlichem, zwangsgültigem Papiergeld zu
so allgemein erklären, man habe die Zusammen-
vergleichen (!). Sie stellen wirkliches Grund-
hänge nicht begriffen; genau besehen hat es zu
eigentum, den sichersten Besitz von allem dar,
allen Zeiten kluge und aufrechte Männer gege-
den Boden, auf dem wir alle stehen (!). Warum
ben - auf die man aber nicht hörte. Schon zu
ist denn eine Metallwährung wertbeständig?
Zeiten der finanziellen Mißwirtschaft des Cara-
Weil sie auf Güter von wirklichem, dauerhaftem
calla (211-217) hatte der römische Rechts-
Wert gegründet ist, gerade wie der Boden, der
gelehrte Julius Paulus festgestellt, daß der Wert
mittelbar oder unmittelbar die Quelle aller
des Geldes mit zunehmender Menge abnimmt
Werte ist. Man sagt uns, das Papiergeld wird in
(Irving Fisher, Kaufkraft des Geldes, S.12). In
Überzahl umlaufen und das Metall aus dem
Frankreich schrieb Jacques Necker, der letzte
Umlauf vertreiben? - Von welchem Papiergeld
Finanzminister, der die Dinge noch in Ordnung
spricht man da? Wenn von Papier ohne Dek-
zu bringen hoffte, dann aber 1789 von dem ver-
kung, gewiß, wenn von einem Geld, aufgebaut
blendeten König entlassen wurde, in seiner "Re-
auf dem sicheren Grunde des Landbesitzes, kei-
volution Francaise" zur Assignatenwirtschaft
neswegs!. . . Es gibt keinen größeren Irrtum
folgendes:
als die Furcht vor einer Überflutung mit Assig-
naten (!). Nur so werdet Ihr Eure Schulden be-
gleichen, Eure Truppen bezahlen, die Revolu- "Der Kurs des Geldes, werdet Ihr sagen, ist
tion vorwärts treiben! - Immer wieder aufge- vom Zufall abhängig, keine Regierung kann für
saugt durch den fortschreitenden Verkauf der den Kurs ihres Geldes Garantie leisten, den Spe-
Nationalgüter, kann dieses Papiergeld nicht kulanten (banquiers) und Schiebern (agioteurs)
mehr überzählig werden, als die Feuchtigkeit müßt Ihr es zuschreiben, wenn der Kurs immer
der Luft übergroß werden kann, aus der der Re- ungünstiger wird. Ihr Unwissende oder beson-
gen herabfällt in Rinnen, Flüsse und Ströme, um ders Schlaue: Solche Sprüche könnt Ihr bei den
sich zuletzt im ungeheuren Ozean zu verlieren." Parisern anbringen, die ahnungslos genug sind,
(s. Macleod: Theory and Practice of Banking, sie für bare Münze zu nehmen, die, von Euch
London 1858, vol. II p. 343, zitiert aus Eisler: dazu aufgewiegelt, die Schieber verfluchen und
Das Geld, S. 250). die Händler, welche die Ware verteuern. Nein,
sage ich, der große Betrüger, der Erzbetrüger,
der Betrüger ohnegleichen ist die französische
Wie man sieht, kam es also auch damals schon
Regierung selbst - sie vermehrt ins Ungewisse
vor, daß dem Volk hartnäckig versichert wurde,
den Druck ihrer Assignaten, sie findet, daß
die Vermehrung des Geldes sei völlig in Ord-

77
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

deren Deckung immer noch genügend sei. Dabei


weiß sie sehr wohl, daß der nominelle Wert der
Deckung immer steigt mit dem Sinken des Kur-
ses" (s. R. Eisler, Das Geld, S. 255).

Necker war aber nicht maßgebend; er hatte


auch nicht die nötigen Ellenbogen. Was er er-
klärte, war in den Wind gesprochen; jetzt hat-
ten andere Männer das Heft in der Hand, Män-
ner, die von Haus aus keinen Sachverstand mit-
gebracht hatten - und im Rausch ihrer Revolu-
tionsmacht gar nicht sahen, daß ihre Absichten
und ihre Handlungen sich entgegenstanden. -

Daß die erschreckende Unbeholfenheit im


Umgang mit dem Gelde über ihre Folgen hin-
weg den Terror und Blutrausch der Revolution
gesteigert haben muß, liegt in der Natur der
Dinge. Die von den Machthabern verschuldete
Preissteigerung auf allen Gebieten wurde den
Bauern und Gewerbetreibenden, den Händlern
und Produzenten zur Last gelegt. So taten denn
die Gewalthaber, was ihrem beschränkten, recht-
haberischen Sinn entsprach, sie befahlen, verord-
neten, machten Höchstpreise, Ablieferungs-
zwang, steigerten die Strafen von Geldbußen
zu Gefängnis, Pranger und Todesstrafe. - "Ich
glaube, man muß die kaufmännische Aristokra-
tie umbringen, wie man die des Adels und der
Geistlichkeit umgebracht hat!" schreibt Buissart
an Robespierre. Die Verblendeten erkennen
nicht, daß das Geld seine eigene unerbittliche
Logik hat und daß die Folgen der falschen
Handlung sich mit stärkerer Macht durchsetzen
als das Gesetz, das nur die Folgen, nicht aber die
Ursachen verhindern will.

78
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

waren die Menschen, die den Reichtum schaffen


GELDZUFLUSS UND und doch auch verbrauchen könnten, plötzlich
BEVÖLKERUNGSVERMEHR überflüssig. Malthus entwickelte seine Theorie
von der drohenden Übervölkerung. Die Natur
UNG habe nicht für alle ein Gedeck an der Tafel des
Nach einer Untersuchung von Werner Som- Lebens aufgelegt. - Mit der Zunahme der über-
bart zählte Europa vom 6. Jahrhundert bis zum seeischen Goldfunde besserte sich aber die Wirt-
Beginn des 19. Jahrhunderts - volle 1200 Jahre schaftslage wieder und die Angst vor der Über-
lang - nie mehr als 180 Millionen Menschen. völkerung wurde wieder gegenstandslos, der
Vom Beginn des 19. Jahrhunderts an nahm je- Alpdruck schwand. -
doch die Bevölkerung dieses Erdteils trotz der
Kriege und einer beträchtlichen Auswanderung Inzwischen hatten sich die nordamerikani-
bis zum Jahre 1914 um 280 Millionen Menschen schen Kolonien, während die europäischen Groß-
zu, so daß es jetzt 460 Millionen Einwohner mächte sich noch gegenseitig Kriege lieferten,
waren. - selbständig gemacht.

Als Mirabeau d. Ältere einige Jahrzehnte vor Frankreich war nach dem Zusammenbruch
der französischen Revolution mit Francois Ques- der Assignatenwirtschaft finanziell in erklärli-
nay über den Weg zum Reichtum debattierte cher Bedrängnis. Es kehrte dann aber wieder
und dabei die Bevölkerungsvermehrung an den zum Metallgeld zurück, was nach Macleod durch
Anfang aller Politik stellen wollte, weil der das Wiedererscheinen versteckten Bargeldes un-
Reichtum nämlich von der Arbeit komme und terstützt wurde. Die große Erholung allerdings
die Arbeit vieler Hände bedürfe, forderte ihn kam ähnlich zustande wie einst bei den Römern:
sein geistvoller Gesprächspartner auf, doch zu- die napoleonischen Kriege brachten viel Geld
nächst einmal den Menschen die gleiche Ehre an- als Beute ein.
zutun wie den Schafen: um diese zu vermehren,
beginne man nämlich mit der Schaffung der In seinem Werk "Das Zeitalter der Revolu-
Weideplätze. Genau so müsse auch für den Men- tion, des Kaiserreichs und der Befreiungskriege"
schen erst die Versorgung mit den notwendigen zitiert Oncken aus den Briefen Napoleons:
Lebensgütern da sein oder geschaffen werden. -
"Zwei Millionen in Gold sind mit der Post
Hierin liegt wohl in der Tat das Geheimnis unterwegs nach Paris; gebt Befehl, sie von Lyon
der außerordentlichen Bevölkerungsvermehrung aus geleiten zu lassen. Der Finanzminister kann
in Europa. Der seit der Entdeckung Amerikas für 4 oder 5 Millionen Wechsel ziehen, die
anhaltende Geldzufluß hat die nachhaltige Ent- pünktlich bezahlt werden sollen. . ." (s. a. a. O.
faltung der Arbeitsteilung bis zur industriellen S. 793 ff)
Produktion der Neuzeit bewirkt. Diese Förde-
rung von Handel und Gewerbe aber hat die Er-
giebigkeit der Arbeit gesteigert und damit den ". . . in Tortona lasse ich alles Silberzeug und
Lebensraum der Versorgungsmöglichkeiten auf die Juwelen sammeln, die ich Euch über Cham-
der unveränderten Bodenfläche Europas erwei- bery nach Paris senden werde; ich hoffe, daß
tert. Der Mensch lebt ja nicht vom Brot allein diese Sendung allein 5-6 Millionen Livres ab-
und die Erzeugungsmöglichkeiten von Brot und werfen wird. Ich werde im gleichen Betrag ge-
Nahrung sind in Europa heute noch nicht ein- münztes Geld hinzufügen und unmittelbar alles
mal ausgeschöpft, geschweige denn, daß sie es folgen lassen, was man zusammenbringen kann.
je einmal waren. Außer dem Hanf, der schon abgegangen ist,
wird solcher weiterhin im Wert einer Million
folgen, den ich auf die zwei Millionen von Bo-
Was die Arbeitsteilung und die Geldwirt- logna und auf die drei Millionen von Ferrara
schaft anbelangt, ist der Ablauf der Dinge in der eingefordert habe. Von den 5 500 000.- Livres,
Gesetzlichkeit von Ursache und Wirkung frei- die uns der Papst geben soll, lasse ich vier Milli-
lich auch jetzt noch so wie zu den Zeiten der onen dem Minister der Marine. Die Kunstkom-
Römer. Die antike Welt blühte auf an ihren missare, die Ihr mir geschickt habt, führen sich
Edelmetallzufuhren und sie geriet in die Krise gut auf und sind fleißig im Geschäft. Sie haben
ihrer Existenz beim Abfluß des Geldes. An die- weggeführt: 15 Gemälde in Parma, 20 in Mo-
sem Punkt blieb denn auch die Welt der Neuzeit dena, 25 in Mailand, 40 in Bologna, 10 in Fer-
gefährdet. Zunächst freilich war der Goldzufluß rara, zusammen 110 Gemälde. Diese Gelehrten
aus Amerika noch keineswegs erschöpft. Aber haben außerdem in Pavia eine überreiche Ernte
er kam unregelmäßig; und in den Zeiten des gemacht." (s. a. a. O. S. 710)
Rückganges oder der Stagnation entstanden
Krisen. Die Schrumpfung des Absatzes zwang
dazu, die Erzeugung einzuschränken und nun

79
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Hier sehen wir, daß in der neueren Zeit zwar immer erst aus der Ferne eines sehr weiten Ab-
auch schon Rohstoffe und Kunstschätze zur standes wahr.
Kriegsbeute gehörten, die Edelmetalle Gold und
Silber als Währungsmetall aber immer noch das
Wichtigste waren, was der Eroberer außer dem
Landgewinn und dem Machtzuwachs begehrte. -

Nach den napoleonischen Kriegen und den


Befreiungskriegen verlegt sich die Welt etwas
mehr von der Eroberungspolitik auf die Han-
delspolitik. Aber Kampf um das Gold ist auch
diese Handelspolitik, dieser Handelskrieg im-
mer noch. Die überlegenen Handelsvölker he-
ben freilich die Idee des Freihandels auf den
Schild; die anderen aber, die dabei zu kurz
kommen, entwickeln demgegenüber die Idee
und die Praxis des Schutzzolles, vornehmlich in
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Immer
scheint das Gesetz des Handelns vom Gelde her
diktiert zu sein. In Amerika, der "reichsten
Schatzkammer der Welt", wie Lincoln die Uni-
on nannte, stiegen nach dem Rückgang der Gold-
funde, die im Durchschnitt der Jahre 1810/20
nur noch auf 11 500 kg gekommen waren, die
Funde im fünften Jahrzehnt auf fast 55 000 kg -
und im sechsten Jahrzehnt auf 200 000 kg! -

Neue Goldfelder in Kalifornien stellten alles


bisher Dagewesene in den Schatten und die gold-
hungrige Welt bekam wieder ihren Auftrieb.
Von 1850 bis 1860 förderte Amerika fast soviel
Gold wie die vorausgegangenen 250 Jahre von
1600 bis 1850 zusammen erbracht hatten. Doch
von 1870 bis 1890 trat wieder eine Erschöpfung
mit der dazugehörigen Krise ein; und wenn
Moltke damals sagte, es sei nicht mehr der Ehr-
geiz der Fürsten, sondern "das Unbehagen über
einen Zustand", das in der neueren Zeit den
Frieden gefährde, so kann dieses Wort nur so
verstanden werden, daß die Krisen der Wirt-
schaft von innen her die Daseinsbedingungen
der Völker zerrütten und damit den Kampf ums
Dasein, der sich normalerweise im friedlichen
Wettbewerb abspielt, in die Härten blutiger
Auseinandersetzungen hineinzwingen. - Noch
einmal bessert sich die Lage zu Anfang des 20.
Jahrhunderts: Transvaal gelangt an die Spitze
der Goldproduzenten. Seine Erträge lagen im
Jahre 1916 um 70 v. H. höher als die vormali-
gen Förderungen von Kalifornien.

Es mag sein und liegt in der Natur der Sache,


daß die Wirkungen, die vom Gelde ausgehen,
seien sie nun Fluch oder Segen, nicht von jeder-
mann wahrgenommen werden - jedenfalls nicht
als Auswirkungen des Geldwesens. Zu riesenhaft
ist der Bogen, der über unsere Häupter hinweg
die kausalen Zusammenhänge herstellt. Und ob-
wohl auch unsere Welt noch immer mitten drin
steht in der Alternative "Eroberung oder Han-
del", nehmen wir die Dinge, so wie sie sind,

80
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

wird nichts von dem bemerken, was sich - für


VOM KAMPF UMS GOLD die Zukunft wesentlicher und wichtiger - im
ZUM ERSTEN WELTKRIEG Hintergrunde abspielte.
UND ZUR INFLATION Vier Jahre lang haben die ringenden Mächte
Nach 1870/71 hat Deutschland, das von kriegswichtige Güter und Materialien erst gegen
Frankreich 4 Milliarden Goldmark Kriegsent- Zahlung in Gold und dann auf Kredit aus Über-
schädigung erhalten und damit im neuen Kaiser- see bezogen. Und nach der Beendigung des Krie-
reich die Goldwährung eingeführt hatte, die ges wurden die aufgelaufenen Schuldverpflich-
Methode des Handels gewählt, um sich mit dem tungen ausdrücklich als in Gold rückzahlbar fi-
Fleiß und der gewerblichen Tüchtigkeit seiner xiert. "Kein größerer Akt der Torheit ist jemals
Bevölkerung in der Welt durchzusetzen. Aber verübt worden", erklärt Arthur Kitson 1929 in
dieser Handel, soweit er um eine "aktive Han- London, "als der durch die Koalitions-Regie-
delsbilanz", um Gold und nicht um gleichwerti- rung des Mr. Lloyd George, welche die Vor-
gen Güteraustausch geht, ist ebenfalls Kampf. schläge der Cunliffe-Geld-Kommission annahm,
So ist es zu verstehen, was "The Saturday Re- die diese von den Wall-Street-Bankiers mitge-
view" 1897 schrieb: bracht hatte. Da das Gold den Handel der Welt
beherrscht, so folgt daraus, daß das Volk, das
". . . England mit seiner langen Geschichte die Weltgoldvorräte beherrscht, die höchste
erfolgreicher Aggression, mit seiner Überzeu- Macht über den Handel und die Industrien der
gung, daß es in Verfolgung seiner eigenen Inter- Welt ausübt. Die Totalsumme an Gold, die für
essen Licht an die im Dunkeln lebenden Natio- Münzzwecke verfügbar ist, wird auf 2 Milliar-
nen spendet, und Deutschland, Bein von seinem den Pfund Sterling (= 40 Milliarden Gold-
Bein, Blut von seinem Blut, mit einer geringeren mark) geschätzt, die Goldschulden der Welt
Willenskraft, aber vielleicht mit einer schärferen werden aber auf mehr als 40 Milliarden Pfund
Intelligenz, konkurrieren in jeder Ecke der Welt. Sterling (= 800 Milliarden Goldmark) geschätzt
In Transvaal, am Kap, in Zentral-Afrika, in In- das ist zwanzigmal mehr als der ganze Welt-
dien und im Osten, auf den Inseln der Südsee vorrat! Die totale Zinssumme, die jährlich auf
und im fernen Nordwesten - überall - und wo diese verschiedenen Schulden zu bezahlen ist,
nicht? - Die Flagge ist der Bibel gefolgt, und würde, in Gold bezahlt, den ganzen Goldvorrat
der Handel folgt der Flagge; hier kämpft der erfordern. Das Resultat ist die vollständige Ver-
deutsche Bannerträger mit dem englischen Händ- sklavung der Produktivkräfte der Welt an die
ler. Ist irgendwo eine Miene auszubeuten, eine Geldmacht. . ."
Eisenbahn zu bauen, ein Eingeborener von Brot-
frucht zum Büchsenfleisch zu bekehren, von Ent- Die Macht des Goldes erfordert nicht, daß es
haltsamkeit zum Schnaps, der Deutsche und der im Besitze einer Nation verbleibt; die Macht be-
Engländer kämpfen, der erste zu sein. Eine Mil- ruht vielmehr gerade darauf, daß andere daran
lion kleine Auseinandersetzungen bauen den teilhaben, daß sie der Lockung erliegen, daß ein
größten Grund zum Kriege auf, den die Welt je Bedürfnis geweckt wird, das sich steigern läßt
gesehen hat. Wenn Deutschland morgen ausge- und nie befriedigt wird. - Wenige Jahre nach
löscht würde, würde übermorgen auf der ganzen dem großen Krieg war dieser Zustand wieder
Welt kein Engländer sein, der nicht reicher wäre. hergestellt. Allein in Europa hatten 27 Natio-
Nationen haben jahrelang wegen einer Stadt ge- nen sich wieder dem Golde gebeugt. Mit dem
kämpft oder wegen eines Erbrechts; müssen sie Papiergeld hatte schließlich die Neuzeit noch
nicht kämpfen um zweihundertfünfzig Millio- hemmungsloser gewirtschaftet als John Law, der
nen Pfund jährlichen Handels-Umsatzes?" - klassische Inflationist, und auch hemmungsloser
als die Französische Revolution. Als die Zettel
Nach knapp zwei Jahrzehnten war der Welt- der Französischen Revolution eingezogen wur-
krieg im Gange - und um nichts anderes als um den, hatten sie immerhin noch rund ein Vier-
die Konkurrenz auf dem Weltmarkt drehte sich tausenstel ihres ursprünglichen Wertes, wäh-
dieses Ringen. Aber als dieser Krieg seinem rend die Mark der deutschen Inflation anno
Ende zuging, war die alte Ordnung unserer 1923 auf ein Billionstel zusammengeschrumpft
Welt selbst Geschichte geworden. Gesiegt hatte war. Diese groteske Entwertung war sogar tech-
überdies nicht England, gesiegt hatte das Gold, nisch weniger durch den Gebrauch von Papier
das mit dem Schwerpunkt seiner Macht wäh- als durch den Gebrauch von Nullen ermöglicht.
rend dieses Krieges in die Neue Welt zurückge-
kehrt war, von der es einstmals herkam. Wer Im Sommer 1923 erforderte die Geldschein-
die Geschichte dieses ersten Weltkrieges und die produktion der Reichsbank 50 Großdrucke-
Memoiren der Diplomaten liest, wird freilich reien im Reich, die in Tag- und Nachtschichten
seinen Blick auf vordergründige Dinge, Gestal- Noten druckten. Mehrfach waren der Scheine,
ten und Ereignisse hingelenkt finden und er zu dem Zeitpunkt, da sie an den Schaltern aus-

81
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

gegeben werden sollten, schon nichts mehr


wert. Die letzte Note hatte schließlich einen
"Nennwert" von 100 Billionen Mark. Außer-
dem waren noch mehr als 100 Druckereien mit
der Herstellung von Notgeld der Industrie, der
Banken und der Gemeinden beschäftigt. Man-
cherorts klammerte man sich an irgendeinen
bescheidenen Sachwert; da gab es Bielefelder
Seidenscheine, Leinenscheine mit Spitzenborte,
fein säuberlich als Geld bedruckt, Aluminium-
scheine, Sohlengeld, Osterwiecker Glaceleder-
scheine, Allgäuer Milchgeld, Geldscheine aus
Sperrholz, Münzen aus Pappe und aus Ton.

Wenn man die Billion Papiermark, die im


November 1923 eine einzige Rentenmark auf-
wogen, in der Inflation auf Einzelscheine ge-
druckt hätte, würde das Papier hierzu rund
4000 Eisenbahn-Waggons gefüllt haben! - Kein
Wunder, daß die Rückkehr zum Golde nach
diesem Taumel von Papier und Nullen den Men-
schen wie eine Erlösung erscheinen mußte. -

82
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

zurückgezahlt werden. Allein vom Januar bis


ZURÜCK - ZUM ALTEN SPIEL April 1929 muß die Reichsbank für 1 Milliarde
Doch mit der Rückkehr zum Golde konnte Reichsmark Gold abgeben; das sind gewichts-
nun nach dem Abschluß des Waffenkrieges der mäßig 360 Tonnen reinen Goldes! Nach dem in
Handelskrieg wieder beginnen. Alle diese Völ- den internationalen Verträgen, vor allem im
ker waren jetzt erneut auf eine aktive Handels- Young-Plan, verankerten Goldwährungsgesetz
bilanz angewiesen. Sie hatten die nationale Zir- mußte aber der deutsche Zahlungsmittel-Um-
kulation von Gütern und Leistungen vom Vor- lauf mit 40 v. H. in Gold und Devisen gedeckt
handensein eines Goldschatzes abhängig sein. Der Verlust des Goldes löste also die Dek-
gemacht und zugleich Bedingungen akzeptiert, kung von 2,5 Milliarden Reichsmark auf und
die die Möglichkeit zum Inhalt hatten, daß ihnen zwang die Notenbank zu sogenannten "Kredit-
diese Währungsgrundlage jederzeit innerhalb restriktionen" - eine Vokabel, die zwar nicht im
kürzester Frist weggenommen werden konnte. So Wortschatz der Geschichtsschreiber vorkommt,
wie es einstmals die Politik Colberts war, "das die aber Absatzstockungen, Produktionsdrosse-
Geld im Lande zu halten, dasjenige, welches lung, Konkurse und Zusammenbrüche - und sie-
hinausgeht, wieder hereinzubringen und die ben Millionen Arbeitslose bedeutete! -
fremden Staaten immer in dem Geldmangel zu
erhalten, darinnen sie sind," so war es jetzt auch Nachdem im Jahre 1930 gerade erst der
im zwanzigsten Jahrhundert die allseitig betrie- Young-Plan - mit der definitiven Verpflichtung
bene Politik des unblutigen Handelskrieges, so Deutschlands auf die Goldwährung und der
zu verfahren. Daß sich alle diese Bemühungen verbindlichen Festlegung der jährlichen Repara-
gegenseitig blockieren mußten, dürfte sehr leicht tionszahlungen - in Kraft getreten war, war es
einzusehen sein; aber in Angelegenheiten, in schon im Sommer 1931 zur großen deutschen
denen man glaubt, es komme nur darauf an, für Geldkrise gekommen. Zu Tausenden standen die
sich selbst den Sieg einzubringen, wird derarti- Menschen vor den geschlossenen Bankschaltern.
ges kaum bedacht. So war der Kampf um das Ohne Geld gerät eben das ganze komplizierte
Gold in der modernen Welt genau noch derselbe Räderwerk der arbeitsteiligen Wirtschaft ins
wie vor Jahrhunderten; Sieg in diesem Handels- Stocken. Aber wiederum war es nicht viel an-
krieg hieß einfach "Prosperity" und die Nieder- ders als zu Zeiten der Französischen Revolution,
lage bestand in Arbeitslosigkeit, Krise, Hunger nur die Umstände waren andere. Was sich gleich-
und Not. - geblieben war, war dies: daß die verständigen
Sachkenner, die die Gefahr kommen sahen, nicht
Deutschland - anno 1924 wieder zur Gold- zu Wort kamen - weil die anderen das Heft in
währung zurückgekehrt - war in diesen Jahren der Hand hatten.
bekanntlich mit den politischen Verbindlichkei-
ten der Reparationen belastet, die jährlich an- Sicherlich ist das moderne Geldwesen kom-
steigend 1500 bis 2500 Millionen Goldmark er- plizierter als das Prägen von Silber-Denaren
forderten. Darüber hinaus hatte dieses Deutsch- und Brakteaten. Wenn man große Schulden, wie
land, um seine innere Wirtschaft mit goldgedeck- etwa die Reparationszahlungen von 1500 bis
tem Gelde in Funktion bringen zu können, mehr etwas über 2500 Millionen Reichsmark in der
und mehr private Auslandsschulden aufgenom- Geldrechnung ausdrückt, dann können Verän-
men und war so zu einem der größten Schuld- derungen des Geldwertes gewichtiger werden als
ner der Vereinigten Staaten geworden. Der Zin- Veränderungen des Nominalbetrages. In der
sendienst für die unpolitischen Schulden erfor- "Handelszeitung" des "Berliner Tageblatts"
derte 5 Jahre nach der Rückkehr zum Golde schrieb Dr. Felix Pinner am 6. Dez. 1930, daß
bereits annähernd dieselben Beträge zusätzlich, die Annuitäten des Young-Planes nun ganz von
die auf die Reparationszahlungen entfielen! - selber um 30 Prozent schwerer geworden seien.
Gewiß muten die Zahlen von damals, an den
Deutschland war aber der größte Industrie- heutigen Ziffern gemessen, fast wie Bagatellen
staat Europas, der am dringendsten der Voll- an. Es ging aber im Grunde genommen auch gar
beschäftigung seiner Menschen bedurfte. Dieses nicht um die Zahlen - wenn das Geld in der
wiederum setzt - im zwanzigsten Jahrhundert Geschichte eine Rolle spielt, passieren die wich-
genau so wie im Mittelalter oder im klassischen tigeren Dinge hinter den Kulissen. So war es
Altertum - eine ausreichende Geldversorgung auch in den Pariser Youngplan-Verhandlungen
und eine funktionierende Zirkulation voraus, (was damals sicher nur wenige weitsichtige Be-
beides Faktoren, über die keine deutsche Regie- obachter bemerkten) lediglich eine Art Spiegel-
rung irgendwelche Macht hatte. - fechterei, um die Höhe der jährlichen Annuitä-
ten und Besatzungskosten zu feilschen. Wich-
Durch die Kettung an das Gold wird Deutsch- tiger war die grundsätzliche und endgültige
land in die Weltwirtschaftskrise 1929/32 hinein- Festlegung auf das Gold, denn mit der vor der
gerissen. Empfangene Kredite müssen in Gold Tür stehenden Weltkrise, die sich in den Verei-

83
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

nigten Staaten schon 1928/29 angezeigt hatte, oberung von Land, von Brot und Rohstoffen.
stand die Wertsteigerung des Goldes in Aus- Und dieser Mann findet Gehör und formiert
sicht. Nachdem der Knoten geschürzt war - auf seine Armeen - und macht Geschichte. Es ist eine
deutscher Seite von Dr. Hjalmar Schacht als dem düstere Geschichte. Die Historiker werden hin-
federführenden Mitglied der deutschen Delega- terher der Auffassung sein, dieser Mensch Adolf
tion - gingen freilich den Sachverständigen der Hitler habe das alles verschuldet, was mit sei-
zweiten und dritten Garnitur auch die Augen nem Erscheinen über die Welt hereingebrochen
auf. Jetzt war es aber zu spät. Doch jetzt konnte ist. Und doch hat auch bei diesem Kapitel Ge-
man in dem gleichen "Berliner Tageblatt" auch schichte das Geld seine Rolle gespielt. Und es
lesen, daß Deutschland unter dem zunehmenden spielt sie weiter. Und wir merken es nicht.
Druck der Reparationen mit der Krise rechnen
müsse. Das sei kein Zufall mehr, das sei kau-
saler Zusammenhang.

"Weshalb ist letzten Endes die Restriktion


der Wirtschafts-Kredite notwendig geworden?
Der letzte auslösende Anlaß war, daß die Wäh-
rung infolge der Abziehung großer Teile der
Deckungsmittel des Notenumlaufes aus der
Reichsbank einen Schutz verlangte (!). Die
Reichsbank konnte unter dem Zwang des
Bankgesetzes, dem sie gehorchen mußte (und
das mit dem Young-Plan auf diesen Sinn hin
geändert worden war! d.V.) gar nichts anderes
tun, als ihren Notenumlauf durch starke
Kontraktion ihrer Kredite den verringerten
Deckungsmitteln anzupassen. . . Im äußersten
Notfall würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als
die Währungskrise auf die Wirtschaft abzuleiten,
selbst auf die Gefahr hin, daß eine schwere
Wirtschaftskrise entstünde."

Es ist ganz selbstverständlich, daß niemand


voraussehen konnte, wie fürchterlich die Folgen
sein würden, die sich aus der falschen Geldpolitik
nachher ergeben haben. Da hörte alle Phantasie
auf. Und doch, wer auch nur eine Spur wirt-
schaftsgeschichtlicher Kenntnisse besessen hat,
der mußte doch wenigstens die große Linie der
gefährlichen Entwicklung sehen, wenn der Welt-
handel zerstört und mit der Drosselung der in-
dustriellen Produktion die Existenz eines 70-
Millionen-Volkes bedroht wurde; denn wer diese
Dinge sah und die geschichtlichen Lehren nicht
als tote Vergangenheit nahm, der konnte sich
darauf verlassen:

Es ist immer noch richtig, was John Locke


einstmals erklärte: "Es gibt nur zwei Wege. . .
Eroberung oder Handel." Jetzt aber, wo der
Handel versagt hat, wo alle Bemühungen um
die Steigerung der Ausfuhr in dem zusammen-
gebrochenen weltwirtschaftlichen Leistungsaus-
tausch umsonst sind, jetzt kommt ein Mann, der
nicht mehr vom Handel spricht, wohl aber von
"Eroberung". - Es geht ihm zwar nicht um die
Eroberung von Gold - um diese für nötig zu
halten, muß man der Meinung sein, es bedürfe
des Goldes, um Brot und Rohstoffe zu erlangen
und die Produkte der nationalen Volkswirt-
schaft umzusetzen -, es geht ihm nur um die Er-

84
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

12 Jahrhunderte früher als unsere mittelalter-


FAZIT liche Konjunktur war die Zahl der Menschen
Oswald Spengler wirft irgendwo in seinem im ganzen noch weit geringer und die Technik
Werk "Der Untergang des Abendlandes" die noch weniger entwickelt; und dennoch hatte das
Frage auf: "Darf man irgendeine Gruppe von alte Rom unter Cäsar und dem Kaiser Augustus
Tatsachen sozialer, religiöser, physiologischer, 320 000 Proletarier zu speisen und mit öffent-
ethischer Natur als Ursache einer anderen set- lichen Spielen zu ergötzen, damit kein Aufruhr
zen?" - Wir glauben, daß man das darf - denn die ausbreche. -
Verneinung führt einfach zum Nihilismus. Au-
ßerdem wird derartiges auch stets mit dem Vor- Wenn die Beschäftigung mit der Geschichte
behalt der Bestätigung durch weitere Erfahrung einen Sinn hat, so ist es zweifellos der: aus der
geschehen müssen. Wenn auch weiterhin auf Geschichte zu lernen, aus den Erfahrungen der
gleichartige Ursachen die erwarteten Vorgänge Vergangenheit im Positiven wie im Negativen
folgen, liegen keine Gründe vor, an dem kau- die Folgerungen für unser eigenes Handeln zu
salen Zusammenhang zu zweifeln. ziehen. Aus dem Abstand von Jahrhunderten
gesehen wird gewiß manches wesenlos, was in
In unseren vorliegenden Betrachtungen haben Wirklichkeit von Gewicht war; und anderes er-
wir unser Augenmerk zunächst auf die Zusam- scheint in einer Verklärung oder Finsternis, die
menhänge zwischen Geldwesen und Kulturent- der Sache vielleicht nicht zukäme. Verkennen
wicklung gerichtet. Wir wollen die Entwicklung wir also nicht: die Erde war noch nie ein Para-
des Geldwesens zwar nicht allzu eng als aus- dies, die Menschen haben zu allen Zeiten in
schließliche "Ursache" für Blüte oder Nieder- Unzulänglichkeiten und Leidenschaften, in
gang der Kulturen ansehen, wohl aber als im- Wahn und Fanatismus wider den Sinn ihres
merhin mitentscheidende Vorbedingung. In der Daseins gesündigt - und sie haben zu allen Zei-
innigen Verwobenheit des Ganzen hat auch die ten in Größe und Begeisterungsfähigkeit, in
Entfaltung der Geldwirtschaft ihre Vorbedin- Glaubensstärke und Edelmut Beispielhaftes voll-
gungen, wiederum nicht eine einzelne und ein- bracht! -
zige Ursache, sondern vielleicht ein ganzes Bün-
del davon. Wir können also im Buch der Geschichte diese
oder jene Seite aufschlagen; wir können Posi-
Vor einiger Zeit hat die soziologische Abtei- tives oder Negatives zusammentragen und kön-
lung der Harvard-Universität eine eingehende nen aus dem einen wie aus dem anderen Resul-
geschichtliche Untersuchung darüber angestellt, tat unsere Schlüsse ziehen. Besser ist es
welches die harmonischste und glücklichste indessen, die Dinge mit Licht- und Schattenseiten
Epoche der Menschheit gewesen sein mag. Die zu betrachten, denn dies erst ergibt ja doch die
Untersuchung erbrachte das Ergebnis: das frühe wahre Wirklichkeit. Die Wirklichkeit so zu sehen,
Mittelalter, das 13. Jahrhundert, das Zeitalter der wie sie ist, oder wie sie war, das ergibt schließlich
Gotik! - Und diese Untersuchung stellt nicht nur auch die Grundlagen verläßlicher Einsichten.
Tatsachen fest, sondern sie geht mit wissen-
schaftlicher Strenge den kausalen Zusammen- Nehmen wir an, unsere hier gewonnenen Ein-
hängen nach und kommt auch in dieser Frage zu sichten seien auch nur in groben Umrissen rich-
dem Ergebnis, daß die Wirtschaftsblüte des tig, nehmen wir an, die Funktionen des Geldes
Mittelalters durch die eigenartige Münzordnung seien in der Tat eine wesentliche Vorbedingung
dieser Jahrhunderte, durch die "Renovatio für die Entwicklung der Kulturen, so wesent-
monetarum" zustandegekommen sei. lich, daß Blüte und Verfall davon bestimmt
werden, dann sind damit sehr bedeutungsvolle
Nun mag es freilich bei flüchtigem Rückblick und nicht nur für die Geschichtsbetrachtung
auf die Geschichte und auf die Wirtschafts- wichtige Zusammenhänge offenkundig gewor-
geschichte naheliegen, die Frage aufzuwerfen, ob den. Daß wir von diesen Erkenntnissen aus -
es denn überhaupt etwas besonders Staunens- auf der Ebene praktischer Folgerungen weiter-
wertes und Anerkennungswürdiges zu bedeuten gedacht - zu einer modernen "Renovatio mone-
hat, wenn es im Mittelalter eine Periode der tarum" kommen müßten, braucht hier nicht wei-
Wirtschaftsblüte gab. Erstens, so könnte man ter verfolgt zu werden; das ist eine Sache der
argumentieren, gab es damals noch nicht so viele Volkswirtschaftler und im übrigen eine Kon-
Menschen, und zweitens gab es keine industrielle zeption, die selber bereits ihre Geschichte hat. -
Produktion mit Maschinenkraft und Motoren.
Eine weitere Lehre, die wir aus dem Rück-
Eine solche Betrachtung trifft aber nicht den blick auf die Geschichte ziehen könnten, betrifft
Kern der Sache. Wirtschaftsblüte und Volkswohl- das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft.
stand sind keineswegs von geringerer Menschen- Während sich die moderne Zeit außerordentlich
zahl und unentwickelter Technik abhängig. tief in den Wahn hineingebohrt hat, jegliche

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Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

Wandlung, Neuerung und Besserung in den ge- selbst, wenn der einende Geist das Werdende
genseitigen Beziehungen der Menschen unter- von Anfang an bestimmt und führt.
einander bedürfe vorausgehender politischer
Willensentscheidungen - die indessen an der
Vielfalt der Meinungen, Bestrebungen und In-
teressen in der Regel zu scheitern pflegen oder
nur verstümmelt über diese Hürde kommen -
hat der Mensch in früheren Zeiten im Rahmen
der gegebenen Zustände seine Angelegenheiten
mit natürlicher Selbstverständlichkeit in die ei-
gene Hand genommen. Der freie Zusammen-
schluß der fahrenden Kaufleute und ihre eigene
Organisationskunst - nicht der Appell an die
Obrigkeit, solche Regelungen anzuordnen! - hat
die Hanse zu Größe und Weltgeltung geführt.
Sicherlich wäre es auch heute noch leichter, aus
mancher Verfahrenheit unserer sozialen Pro-
bleme herauszukommen, wenn der Mensch, an-
statt sich in fruchtlosen Forderungen an die All-
gemeinheit zu ergehen, die eigene Sache mit
etwas Selbstvertrauen zur eigenen Kraft selber
oder in freiwilliger Gemeinschaft in die eigene
Hand nähme. Es wäre vermutlich nicht einmal
so schwierig, wie es im 13. Jahrhundert gewe-
sein sein mag. -

Zuletzt freilich wollen wir uns auch dessen


bewußt bleiben, daß eine echte Kultur eine gei-
stige Wurzel hat. Die soziale Gesundung wird
zur Kultur der Zukunft gehören, ohne sie gibt
es keine Kultur. Dennoch dürften die äußer-
lichen Dinge nicht allesbeherrschend im Vorder-
grund stehen. Die Angelegenheiten von Ernäh-
rung, Kleidung, Wohnung, Wirtschaft, Geld,
Technik, Kunst usw. sind gewiß wichtig, aber
sie sind nicht einzig, und wir dürfen sie nicht
überschätzen und keines ohne den Blick auf das
Ganze in seinen Zusammenhang einordnen. Die
richtige Haltung dem Ganzen gegenüber führt
mit fast natürlicher Folgerichtigkeit auch zu den
richtigen Entscheidungen im besonderen, in den
Teilfragen. Der Mensch der Gotik, der völlig in
der Ordnung des Ganzen lebte, hat buchstäblich
erfahren, daß ihm "alles andere hinzugegeben
wurde".

Doch wo geistige Klärungen und vielleicht


Wandlungen notwendig sind, da bedarf es der
Zeit des Besinnens und Reifens, da gibt es keine
schlagartigen Wendungen, die die Zustände
spontan verändern. Was echt und zukunftsträch-
tig ist, kann nur nach dem Gesetz organischen
Werdens wachsen und sich ausbreiten; in dieser
Hinsicht ist unsere Welt vermutlich nicht an-
ders als die Welt unserer Ahnen. Und wenn es
den heute Lebenden und Wirkenden nur noch
gelingen sollte, in der Verworrenheit unseres
Daseins Inseln der Ordnung zu schaffen, so wäre
damit schon genug getan. Das Zusammenwach-
sen zu einem großen Ganzen ergibt sich von

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Karl Walker: Das Geld in der Geschichte

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