Sie sind auf Seite 1von 251

Das verborgene Wissen der Welt

1
wird herausgegeben von
Dr. Hans Christian Meiser.

Über den Autor:

Johannes von Buttlar, 1940 in Berlin geboren, studierte Psychologie, Philosophie,


Astronomie, Physik und Mathematik. Er ist laut FOCUS-Magazin einer der
erfolgreichsten und meistgelesenen Sachbuchautoren der Gegenwart. Von mittlerweile 23
veröffentlichten Büchern wurden bisher weltweit mehr als 26 Millionen Exemplare in 30
Sprachen verkauft.

2
Johannes von
Buttlar
Zeitreisen
Das »Granny-Paradox« oder Besucher aus
der Zukunft

3
BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH
Band 50831

1. Auflage: Oktober 2000

Vollständige Taschenbuchausgabe
der im Gustav Lübbe Verlag erschienenen Hardcoverausgabe

Bastei Lübbe Taschenbücher und Gustav Lübbe Verlag


sind Imprints der Verlagsgruppe Lübbe

© 1998/2000 by
Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG,
Bergisch Gladbach
Umschlaggestaltung: Wustmann & Ziegenfeuter,
Dortmund
Satz: Textverarbeitung Garbe, Köln
Druck und Verarbeitung: Ebner Ulm
Printed in Germany
ISBN 3-404-70163-1

Sie finden uns im Internet unter http://www.dr -gonzo.com/


Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

4
JANNIS
in herzlicher Zuneigung gewidmet

5
Inhalt

Auftakt 8

Im Ursprung war die Zeit 11

Der Tag ohne Gestern 29

Jenseits der Zeitbarriere 45

Leben unter Sternen 61

Dimensionen des Unmöglichen 78

Die Schleusen des Hyperraums 94

Zeitmaschinen und String-Antriebe 110

Das Granny-Paradox 125

Psi-Time 143

Besuch aus der Zukunft 167

Begegnung mit dem dritten Jahrtausend 194

Dank 210

6
Glossar 211

Literaturverzeichnis und Quellennachweis 242

7
Auftakt

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden unsere Nachfahren eher eine


bereits existierende Zeitreisemaschine entdecken, mit der sie dann
ohne Schwierigkeiten die Vergangenheit aufsuchen können, als sich
mit dem Bau einer eigenen zu befassen. So manche begeisterten
Verfechter von Zeitreisen gehen davon aus, daß bei uns deshalb noch
keine Zeitreisenden aufgetaucht sind, weil die Erfindung der Zeit-
reisemaschine noch nicht erfolgt ist - so der englische Wis-
senschaftsautor John Gribbin.
In diesem Zusammenhang ließ man allerdings einige mögliche
Erklärungen unberücksichtigt. Einerseits wäre es natürlich möglich,
daß deshalb keine Besuche aus der Zukunft zu verzeichnen sind, weil
sich die Menschheit selbst um ihre Zukunft betrogen hat.
Andererseits ist es aber viel wahrscheinlicher, daß Zeitreisende nicht
nur heute, sondern vor allem in der Vergangenheit immer wieder
aufgetaucht sind, ohne als solche erkannt worden zu sein.
Darüber hinaus wäre es vorstellbar, daß Zeitreisende
möglicherweise einem Gesetz unterliegen, das es ihnen verbietet, in
Auftreten und Erscheinungsbild als Besucher aus der Zukunft
identifiziert zu werden. Schließlich würden Zeitreisen eine Fülle von
Gefahren und Risiken mit sich bringen.
»Die frühen Zeitreisen waren ein riskantes Unterfangen. Vor dem
Jahr 2015, als noch Amateure federführend waren,

8
gab es Probleme von geradezu legendärem Ausmaß. So wurde im
2I.Jahrhundert eine Hausfrau aus Philadelphia als Hexe verbrannt,
weil sie sich ein Zigarillo mit einem Einwegfeuerzeug angezündet
hatte. Und ein Versicherungsangestellter aus Los Angeles glaubte,
er könnte unbemerkt eine aufregende Nacht im Hause des Sultans
Süleiman I. (1494-1566) verbringen. Er kam zwar wieder nach
Hause zurück, aber ohne den von den meisten Männern als unent-
behrlich erachteten >kleinen Unterschied<
Bald war jede Woche jemand in der Oprah Winfrey Show oder
in Geraldos Talk-Show eingeladen, der Horrorgeschichten vom Stapel
ließ«, berichten die englischen Autoren Howard J. Blumenthal,
Dorothy F. Curley und Brad Williams in ihrer köstlichen Satire:
Reiseführer für Zeitreisende. Touristikinformation für Reisen in die 4.
Dimension.

Inzwischen hat sich das Thema Zeitreisen zum ernsthaften


Studienobjekt gemausert - wenn auch vorläufig noch rein
theoretisch. Umwälzende naturwissenschaftliche Erkenntnisse nach
der Ära Einstein lassen Reisen durch Raum und Zeit - zum Gestern
oder Vorgestern, zum Morgen oder Übermorgen - nicht mehr als
Utopie erscheinen. Es sollte also auch nicht als abwegig gelten, daß
einige faszinierende Persönlichkeiten der Geschichte sowie bisher
merkwürdig unerklärliche Erscheinungen, wie beispielsweise einige
authentische Zwischenfälle im Zusammenhang mit dem UFO-
Phänomen, durch Zeitreisen erklärt werden könnten.
Wenn wir Gefangene der Zeit sind, dann nicht, weil uns ein
fundamentales Gesetz abhält, ihre Fesseln zu sprengen. Vielmehr
verfügen wir bis jetzt nicht über die notwendige Technologie, um der
Zeit zu entfliehen; ebenso wenig wie wir vor hundert Jahren der Erde
nicht entweichen konnten.

9
Ich bin fest davon überzeugt, daß der wissenschaftliche Nachweis
über die Möglichkeit von Reisen in der Zeit - in die Vergangenheit
und in die Zukunft - unmittelbar bevorsteht.

10
Im Ursprung war die Zeit

Zeitreisen. In der Zeit zu reisen könnte bedeuten, das Schicksal


zu revidieren, in andere Bahnen zu lenken oder auch mitzuerleben,
wie bedeutende Männer und Frauen Geschichte machen. Es könnte
aber ebenso heißen, die Erbauer der Pyramiden oder jene von
Stonehenge bei der Arbeit zu bewundern; Jesus von Nazareth, Buddha und
Mohammed zu begegnen; im sumerischen Uruk zu wandeln; sich in den
Straßen des antiken Griechenland oder des alten Rom zu ergehen.
Es wäre natürlich auch möglich, in die Zukunft zu reisen und sich
dort zum Beispiel Informationen über Aktienkurse, technologische
Entdeckungen und vieles andere mehr zu beschaffen.
Zeitreisen öffnen Tür und Tor: zur Geschichte unserer Welt, zu
unseren Ahnen und in die Zukunft. Sie bieten uns aber nicht zuletzt
die Aussicht, die Geheimnisse der Zeiten zu erfassen.
Zeitreisen - nur ein Stoff für Science-Fiction-Lieferanten und -
Konsumenten? Weit gefehlt! Denn führende Mathematiker und
Physiker haben die Überzeugung gewonnen, daß Zeitreisen im
Bereich des Möglichen liegen; und damit stellen sie das
althergebrachte Weltbild auf den Kopf.
Zum besseren Verständnis dieses revolutionierenden Konzepts
und seiner Konsequenzen müssen wir das faszinierende »Reich der
Zeit« näher untersuchen. Allerdings darf nicht vergessen werden, daß
der Begriff Zeit vom Men-

11
schen erdacht wurde und in Wahrheit lediglich das Standardmaß
von Positionsveränderungen eines Objekts im Raum darstellt -
vergleichbar dem Uhrzeiger auf dem Zifferblatt. So beruht alles auf
den Bewegungen unseres Planeten relativ zur Sonne und schließlich
der Abstimmung auf atomare Eigenschwingungen.

Oft wird gesagt, ein dreidimensionales Objekt existiere nicht nur,


weil es aus drei Dimensionen besteht, sondern auch, weil sein Platz
im Raum von denselben drei Dimensionen als bestimmter Punkt in
der Zeit beschrieben wird. So startet beispielsweise ein Flugzeug um
zwölf Uhr mittags vom dreidimensionalen Heathrow Airport in
London und landet gegen 13.30 Uhr auf dem dreidimensionalen
Frankfurter Rhein-Main-Flughafen. Das Flugzeug befindet sich also zu
einer bestimmten Zeit an einem Ort und begibt sich dann an einen
anderen, alles verglichen mit dem Standardmaß der
Positionsveränderung eines Uhrzeigers, während er sich auf dem
Zifferblatt fortbewegt. Danach wird der Zeitbegriff als eine
Aneinanderreihung von Ereignissen betrachtet - beziehungsweise mit
einem Bewegungsablauf in Verbindung gebracht. Bliebe die Zeit
theoretisch stehen, gäbe es keine Ereignisse, keine Bewegung mehr.
Beschäftigen wir uns näher mit der Geschichte der Zeit-
vorstellungen, ist es schon erstaunlich, wie unterschiedlich die
Auffassungen auf diesem Gebiet sind.

Von allen uns bekannten Völkern waren die Maya von der Zeit am
meisten besessen. Wurden im europäischen Altertum die Wochentage
als unter dem Einfluß der wichtigsten Himmelskörper stehend
betrachtet - Saturn-Tag, Sonnen-Tag, Mond-Tag und so fort -, war für
die Maya jeder Tag ein

12
von ihren Göttern bestimmter. Jedes Monument und jeder Altar
wurden errichtet, um den Ablauf der Zeit festzuhalten; keiner diente
der Verherrlichung von Oberhäuptern oder Eroberern. In der
Vorstellungswelt der Maya wurden die Zeitabschnitte als die von
einer Hierarchie göttlicher Boten überbrachte Last betrachtet. Sie
personifizierten die jeweiligen Zahlen als Perioden, die als Tage,
Monate, Jahre, Dekaden und Jahrhunderte unterschieden wurden.
Das Zeitkonzept der Maya war magisch und von Vielgötterei
geprägt. Die von den göttlichen Boten benutzte Straße kannte
weder Anfang noch Ende, denn die Ereignisse liefen in einem
Kalenderzeitrad ab: Daraus wurden - vorgegeben durch die Götter -
zyklisch wiederkehrende Pflichten abgeleitet.
Für die Maya hatte die Vergangenheit wesentlich mehr
Bedeutung als die Zukunft. Denn ihrer Geschichte entnahmen sie, daß
alle wichtigen Ereignisse sich in einem ständig wiederkehrenden
Zyklus von zweihundertsechzig Jahren wiederholen.
Schon im antiken Griechenland hatten sich Philosophen mit dem
Phänomen Zeit auseinandergesetzt. Beispielsweise machte Heraklit
von Ephesos (um 550-480 v. Chr.) einmal folgende Feststellung: »Es
ist nicht möglich, zweimal in denselben Fluß zu steigen.« Ereignisse sind
demnach nicht wiederholbar. So kann ein Mensch nicht ein zweites Mal
an derselben Stelle in einem Fluß die gleic hen Umstände erleben, daes
sich am nächsten Tag weder um dasselbe Wasser, denselben Ufersand
noch dasselbe Flußbett handelt. Auch der Mensch hat sich verändert;
er ist um einen Tag älter geworden und hat neue Erfahrungen
gesammelt. Mit diesem Beispiel bezieht sich Heraklit auf den
irreversiblen Ablauf der Zeit, den sogenannten Zeitpfeil.

13
Der Philosoph Anaximander aus Milet (um 610-546 v. Chr.)
hingegen ging von der Überlegung aus, daß, woraus auch immer
etwas hervorgegangen sein mag, es naturgemäß in den Zustand
zurückkehrt, aus dem es entstanden ist. Anfang und Ende sind eins.
»Etwas« ist sich seines Ursprungs bewußt; daher kehrt es in einem
stetig wiederkehrenden Zyklus an seinen Ausgangspunkt zurück. Ein
Zeitkonzept, in dem sich alles im Kreis bewegt, rückgekoppelt und
umkehrbar ist.
Schon zu Beginn der Überlegungen im Zusammenhang mit dem
Problem Zeit stellte sich heraus, mit welchen Schwierigkeiten die
Erstellung eines einheitlichen Zeitkonzepts verbunden ist. So darf es
weiter nicht verwundern, daß sich beide Auffassungen - das Zeitpfeil-
und das Zeitkreiskonzept - so lange gehalten haben.
Mit Beginn der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert
setzten sich bedeutende Denker zunehmend mit dem Problem Zeit
auseinander. Vor allem der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-
1804) spielte dabei eine herausragende Rolle. Denn er ging davon aus,
Zeit stehe mit Intuition im Zusammenhang, sei also eher subjektiver
Natur, und der Gedanke einer wissenschaftlich linear verlaufenden Zeit
sei als Konsequenz der Tatsache anzusehen, daß wir rationale Kreaturen
sind.
»Raum und Zeit sind weder reine Relationsbegriffe noch absolute
Bedingungen der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, sondern
subjektive Formen, unter denen der Mensch die Dinge betrachtet«,
sagte Kant.
Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts wurde nachgewiesen,
daß die Kantsche Theorie über die Zeit, vor allem auch aus
psychologischer Sicht, nicht zufriedenstellend ist. In einem aufsehen-
erregenden Essay über die Entwicklung unseres Zeitkonzepts
argumentierte der Franzose Jean-Ma-

14
rie Guyau (1854-1888), die Zeitvorstellung sei als Konsequenz
unserer Erfahrungen mit der Welt und als Resultat einer langen
Evolution entstanden. Sobald sich der Mensch durch die eigenen
Bewegungen einer räumlichen Vorstellung bewußt werde und
darüber nachdenke, führe dies im Zusammenhang mit Anstrengung
und Erschöpfung möglicherweise zu einem Zeitgefühl. Nach Guyau ist
der Mensch im Besitz einer den Tieren fehlenden »Kraft«, die ihn be-
fähige, den Gedanken Zeit aus dem Wiedererkennen oder
bestimmte Merkmale aus dem Bewußtsein abzuleiten, die für unsere
Erfahrungsdaten charakteristisch sind.
Viel Zeit und Kraft wurden darauf verwendet, die physiologische
und psychologische Basis unseres Zeitbewußtseins zu ergründen.
Traditionsgemäß betrachten wir unseren Körper als mit den drei
physischen Sinnen - dem Sehen, dem Hören und dem Fühlen -
ausgestattet, ergänzt durch die zwei chemischen Sinne Geschmack und
Geruch. Haben wir aber nicht darüber hinaus ein bestimmtes
Empfinden für die Zeit, eine Art Zeitsinn für das Vorher, Jetzt und
Nachher?
So argumentierte zum Beispiel der österreichische Physiker und
Philosoph Ernst Mach (1838-1916), Wegbereiter der Einsteinschen
Relativitätstheorie, daß uns eine spezielle Sinneswahrnehmung direkten
zeitlichen Bewußtseins zu eigen sei, verbunden mit der Fähigkeit,
unsere Aufmerksamkeit von einer Sache auf die andere zu
konzentrieren.
Der französische Psychologe Pierre Janet (1859-1947) wies 1928
die Idee zurück, wir seien mit einem speziellen Zeitsinn ausgestattet.

Es ist müßig, hier alle widersprüchlichen Argumente und Theorien


zum Begriff Zeit aufzuführen. Über ein Problem, das den englischen
Naturforscher Robert Hooke (1635-1703)

15
bereits im 17. Jahrhundert irritierte, machte er sich mit folgenden
Worten Luft: »Ich würde bezweifeln, welchen Sinn es haben sollte,
über Zeit informiert zu werden; denn alle Informationen, die wir über
unsere Sinne erhalten, sind flüchtiger Natur und halten nicht länger als
der vom Objekt übermittelte Eindruck ...«
Da sich Mathematiker, Physiker, Philosophen und Psychologen
mit dem Phänomen Zeit befaßt haben, ist es verständlich, daß sich
aus den verschiedensten Standpunkten auch entsprechend
unterschiedliche Modellvorstellungen entwickelt haben.
Es bringt uns nicht weiter, wenn wir vorgeben, die Zeit habe nur
durch das menschliche Bewußtsein Bedeutung erlangt. Denn selbst
wenn die Menschheit plötzlich unterginge, würde das Universum
mit seinem Raum, seiner Zeit, Materie und Energie sowie seinen
mehrdimensionalen Bewegungsabläufen fortbestehen.
Erst die rasante Fortentwicklung der modernen Astronomie und
Physik brachte neue Perspektiven des Phänomens Zeit in unserem
Universum mit sich. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts (1908) war
das Universum für die Astronomen wesentlich kleiner als heute.
Genauer gesagt, die in ihren Ausmaßen noch nicht völlig erfaßte
Milchstraße wurde als Grenze betrachtet. Zudem gingen die
Wissenschaftler davon aus, der Kosmos sei grundsätzlich beständig,
unveränderlich und in seinen Gesetzmäßigkeiten so verläßlich wie
ein gut funktionierendes Uhrwerk.
Allerdings befand sich die klassische Physik schon längst in einer
Krise. Es brodelte unter der Oberfläche. Verantwortlich dafür war
eine Reihe von genialen Denkern, die hartnäckig den Umsturz,
eine Neuordnung des bisherigen Weltbildes anstrebten.

16
Nach den Erkenntnissen des 19. Jahrhunderts stand fest, daß es
sich bei Magnetismus und Elektrizität um artverwandte Phänomene
handelt. So beschrieb Michael Faraday (1791-1867) als erster präzise
die Zusammenhänge zwischen Magnetismus und Elektrizität. Die
erfolgreiche Einführung des sogenannten Feldbegriffs, den der
Schotte James Clerk Maxwell (1831-1879) mathematisch umgesetzt
hatte, war nicht nur eine hinreichende Erklärung für seine Beobach-
tungen, sondern auch für die Entstehung der Newtonschen
Fernwirkung. Denn Sir Isaac Newton (1643-1727) zufolge wirkt eine
Kraft unmittelbar und ohne Zeitverzögerung.
Bis dahin konnte allerdings nicht erklärt werden, wie diese Kraft die
Zwischenräume von einem Objekt zum anderen überbrückt. Durch die
Existenz überall vorhandener Feldlinien ließen sich jedoch die
Beziehungen verschiedener Körper zueinander erklären, zwischen
denen sich elektrische oder magnetische Reaktionen abspielen.
Maxwell erbrachte den mathematischen Nachweis, daß Elektrizität und
Magnetismus eine einzige Grundkraft verkörpern: die elek-
tromagnetische Kraft.
Eine Konsequenz aus der Maxwellschen Gleichung war die
Tatsache, daß sich elektromagnetische Felder im Vakuum mit rund
dreihunderttausend Kilometern in der Sekunde fortbewegen, also mit
der bereits unabhängig davon festgestellten Geschwindigkeit des
Lichts. Demnach schien Licht mit einer elektromagnetischen Welle
einer bestimmten Frequenz identisch zu sein.
Durch den Faradayschen und den Maxwellschen Feldbegriff
wurde das physikalische Weltbild grundlegend erweitert. Bis dahin
waren nur Materie und auf sie einwirkende Kräfte bekannt. Seit
Maxwell kann physikalische Realität jedoch auf zweierlei Arten in
Erscheinung tre-

17
ten: sowohl in Form von Materie als auch in der von Feldern.
1905 wurde in der Fachzeitschrift Annalen der Physik eine
epochemachende Arbeit veröffentlicht, die von einem damals noch
völlig unbekannten jungen Mann stammte, einem sechsundzwanzig-
jährigen Patentsachbearbeiter aus Bern namens Albert Einstein
(1879-1955). Ihm sollte es gelingen, das damals vorherrschende
Raum-/Zeitverständnis radikal zu verändern.
Um die Entwicklung des Weltbildes vor Einstein verständlicher
zu machen, wollen wir kurz auf einige wesentliche Wendepunkte in
der Astronomie eingehen.
Beginnen wir mit dem um 100 n. Chr. geborenen griechischen
Naturforscher und Astronomen Claudius Ptolemäus, der im zweiten
Drittel des 2. Jahrhunderts in Alexandria lebte. Seine hinterlassenen
wissenschaftlichen Erkenntnisse und Werke zeigten bis ins 17.
Jahrhundert (!) hinein Wirkung. Sein astronomischer Nachlaß, in dem
er Errungenschaften seiner Zeit erfaßt, neu geordnet und in vieler
Beziehung ergänzt hat, ist am nachhaltigsten geblieben. Schließlich
vereinte er die verschiedenen Vorstellungen über den Kosmos in einem
konzentrischen Weltbild mit der absoluten Kugelform als
Ausgangspunkt sowie mit mathematischen Berechnungen.
Das ptolemäische Weltbild zeigte die Erde umgeben von Feuer,
Luft und Wasser. Die Kristallsphäre des Mondes drehte sich mit
ihren Elementen über der Erde und unter halb der Sonnen- und
Planetensphäre. Eine merkwürdige »Zwiebel«, die ihrerseits von der
Sphäre der Fixsterne eingehüllt war. Das Ganze war schließlich von
der »Primummobile«-Sphäre umgeben.
Da Ptolemäus überzeugender argumentieren konnte als seine
Konkurrenten, gelang es ihm, seine Vorstellungen durch-

18
zusetzen. Ergebnis: Das ptolemäische Weltsystem konnte seine
herrschende Rolle tausend Jahre behaupten. Trotzdem kam es bereits
zu Zeiten Leonardo da Vincis (1452-1519) zu verbissenen,
ketzerischen Diskussionen über die Eigenrotation der Erde und ihren
Umlauf um die Sonne - wofür nicht zuletzt Nikolaus Kopernikus
(1473-1543) verantwortlich war.
Der in Thorn an der Weichsel geborene Kopernikus wollte seine
Studien im Süden Europas vervollständigen und schrieb sich
deshalb Ende 1496 in die Studienliste der Universität Bologna ein.
Schon nach kurzer Zeit wurde Kopernikus Assistent des Astronomen
Domenico Maria di Novara (1464-1514), mit dem ihn später eine enge
Freundschaft verband. Offenbar wurde bereits zu dieser Zeit der
Grundstein für die kopernikanischen Ideen vom heliozentrischen
System gelegt. Denn Novara, der lediglich aus finanziellen Gründen
für das ptolemäische Weltbild eintrat, schien seinen intellektuellen
Wissensstand allem Anschein nach von Platon (427-348/347 v. Chr.)
und Aristarchos von Samos (um 310 - um 230 v. Chr.) abzuleiten.
Dieser griechische Astronom hatte sich bereits in der Antike für ein
heliozentrisches Weltbild eingesetzt, in dem die Erde um die Sonne
rotiert. Seine Zeitgenossen hatten gegen diese Anschauung allerdings
Widerspruch erhoben.
1505 kehrte Nikolaus Kopernikus in die Heimat zurück. Von seinem
Italien-Aufenthalt nahm er die feste Überzeugung mit, daß das
heliozentrische System auf Tatsachen beruht. Schon damals ging er
davon aus, daß die Sonne der Mittelpunkt der kreisförmigen
Planetenbahnen ist, daß also die Erde die Sonne umkreist und sich
gleichzeitig täglich einmal um die eigene Achse dreht und
andererseits der Mond seine Bahn um die Erde zieht.

19
Auf Betreiben seines Onkels, des Bischofs Watzenrode, war
Kopernikus schon 1497 in das ermländische Domkapitel zu
Frauenburg aufgenommen worden. Nach dem Able ben des Bischofs
im Jahr 1512 wurde er unter anderem auch mit dem Amt eines
Kanzlers des Frauenburger Domkapitels betraut. Zwischen 1512 und
1530 - den Jahren seiner Tätigkeit für das Bistum Ermland -
konzentrierte sich seine Arbeit darauf, sein Weltbild mit den
Himmelsphänomenen in Einklang zu bringen. Das Manuskript seines
Werkes De revolutionibus orbium ccekstium libri VI übergab er dem
Bischof von Kulm erst auf dessen eindringliche Bitten hin. Die Ver-
öffentlichung erlebte Kopernikus jedoch nicht mehr: Die erste
gedruckte Version seines Lebenswerks konnte man ihm am 24. Mai
1543 nur noch in die erstarrten Hände legen.
Das neue Weltbild verursachte zunächst kein Echo. Da es sich mit
dem Wahrnehmungsvermögen der Sinne nicht vereinbaren ließ, wurde
es nicht verstanden.
Bedauerlicherweise hatte Kopernikus nicht völlig mit der Tradition
gebrochen, sondern an der irrigen Auffassung festgehalten, daß
sich die Planeten in absolut perfekten Kreisbahnen bewegten. Das
beeinträchtigte die Klarheit seines Himmelsschemas ganz erheblich.
In Unkenntnis der Bewegungsgesetze kam es außerdem zu
ernsthaften Diskussionen: Wenn sich die Erde tatsächlich wie ein
Kreisel drehte, müßte doch alles, was nicht fest mit ihrer Oberfläche
verbunden war - also auch die Menschen -, heruntergeschleudert
werden. Schließlich war der Ruhezustand Voraussetzung für die
Stabilität der Erde! Darüber hinaus müßten durch die scheinbare
Bewegungslosigkeit der Sterne derart phantastische Entfernungen im
Spiel sein, daß sich diese mit den vorherrschenden Ansichten nicht in
Einklang bringen ließen.

20
Selbst der bedeutende Astronom Johannes Kepler (1571-1630)
betrachtete sie als »schwer verdauliche Brocken«. Kopernikus war sich
natürlich darüber im klaren, daß sich mit der Umlaufbahn der Erde
stellare perspektivische Verschiebungen ergeben mußten, auch wenn
er fest damit rechnete, daß zukünftige Entfernungsmessungen seine
Theorie bele gen würden.
Mit der eher zufälligen Entdeckung des Fernrohrs durch den
holländischen Brillenmacher Hans Lipershey im Jahr 1609
erweiterte sich der astronomische Horizont in kaum vorstellbarem
Maß. Galileo Galilei (1564-1642), der 1609 in Padua davon gehört
hatte, machte sich daraufhin unverzüglich an die Arbeit und baute -
ohne Einzelheiten zu kennen -eine mit optischen Gläsern
ausgestattete »Röhre«. Schon 1610 erntete er den Lohn seiner
Arbeit, als es ihm gelang, mit seinem Instrument die Mondgebirge,
die Satelliten des Jupiter und die Milchstraße näher in Augenschein
nehmen zu können. Als er 1611 die Venusphasen, die Sonnenflecken
und letztlich auch die Saturnringe identifizieren konnte, war der
Anfang zur »Entschleierung« des Himmels gemacht.
Damit war zwar eine brillante Illustration des kopernikanischen
Systems gelungen, jedoch keine Demonstration desselben. Aber der von
dem neuen Weltbild absolut überzeugte Galilei konnte es in seinen
berühmten Dialogen literarisch so überzeugend präsentieren, daß es
nun allgemein akzeptiert wurde. Im wesentlichen setzte sich Galilei für
die neuen Ansichten ein - durch Anerkennung der Bewegungsgesetze
sowie einer Kraft als Bewegungsursache. Das nunmehr allen
physikalischen Zaubers beraubte Himmelsproblem wurde dem
Verstand als rein mechanisches Phänomen erklärt. Von nun an waren
die Planeten gewöhnliche Projektile, die klare Überlegungen über die
Natur ihrer Bahnen erlaubten.

21
Seinen Einsatz für die kopernikanische Lehre mußte Galilei
allerdings teuer bezahlen. In endlosen Auseinandersetzungen mit der
katholischen Kirche hatte er bei jedem Papstwechsel immer
wieder um die Anerkennung dieses Weltbildes nachgesucht, ja,
gerungen. Doch vergeblich. Am Ende wurde er wegen Ketzerei vor
das Inquisitionsgericht zitiert.
Doch im Gegensatz zu dem italienischen Dominikanermönch
Giordano Bruno (1548-1600), der wegen Ketzerei sieben Jahre lang
ohne Urteilsspruch eingekerkert war und schließlich in Rom auf dem
Scheiterhaufen verbrannt wurde, gelang es den kirchlichen Schergen,
Galilei so lange »garzukochen«, bis er der vermeintlichen Irrlehre
abschwor.
Zu lebenslänglichem Hausarrest verurteilt, durfte er bis zu seinem
Lebensende sein Landhaus in der Nähe von Florenz nicht mehr
verlassen. Trotzdem legte Galilei in seinen letzten Lebensjahren
noch den Grundstein für die Lehre von der Dynamik.
Erst im Jahr 1980, dreihundertsechsundvierzig Jahre nach
Galileis Verurteilung, bequemten sich die Oberhäupter der
katholischen Kirche, über den eigenen Schatten zu springen und
öffentlich die längst fällige Rehabilitation Galileis vorzunehmen.
Zähneknirschend mußte man sich den wissenschaftlichen
Errungenschaften »unterordnen«. Denn: »Sie bewegt sich doch!«
Knapp hundert Jahre nach Kopernikus erblickte Johannes Kepler
am 27. Dezember 1571 im württembergischen Weil der Stadt das
Licht der Welt. Eigentlich wollte er Theologe werden, sattelte aber um
auf Astronomie. Bis Kepler hatten sich die Astronomen mit der
genauen Beschreibung der Bewegungen von Sternen
zufriedengegeben; ihnen genügte die geometrische Darstellung der
Planeten. Das ko-

22
pernikanische Weltbild erfuhr also erst durch Kepler die entscheidende
Vervollkommnung.
Als kaiserlicher Hofastronom Rudolfs II. und Nachfolger Tycho
Brahes (1546-1601) wertete Kepler dessen astronomsche
Hinterlassenschaften aus und kam nach akribischer Analyse der
Marsortsbestimmungen zu dem Ergebnis, daß die Marsbahn einen
elliptischen Verlauf nimmt. Er »entsorgte« den »ptolemäischen
Plunder« und legte einen harmonischen Plan an, nach dem unser
Sonnensystem geordnet ist. Kepler zufolge unterliegen die
Planetenbahnen bestimmten Gesetzmäßigkeiten und bewegen sich in
elliptischen Bahnen um die Sonne, nicht in Kreisbahnen.
Kepler suchte nach einer mechanischen Erklärung für die
Umlaufbahnen der Planeten um die Sonne. Dabei ging er von der
gegenseitigen Anziehungskraft schwerer Körper aus, das heißt, vom
Einfluß einer zentralen Kraft magnetischen (natürlichen) Ursprungs.
Keplers Bestreben war auf eine rein physikalische Astronomie
ausgerichtet, auch wenn ihm leider die volle Bedeutung der Gesetze,
die er entdeckt hatte, entgangen war.
Erst achtzigjahre später sollte Isaac Newton, der Sohn eines
englischen Landwirts, das Problem lösen, warum Planeten sich in
elliptischen Bahnen um die Sonne bewegen. Unter Anwendung der
Keplerschen Gesetze konnte Newton nachweisen, daß sich die Bahn
eines Planeten um die Sonne auch dann berechnen läßt, wenn sie nur
teilweise zu beobachten ist.
Die grundlegenden Vorarbeiten zu seinem Werk Philosophiae
naturalis principia mathematica (Mathematische Prinzipien der
Naturlehre) begann Newton bereits während der Pestjahre 1665/66 in
seiner Heimat im englischen Lincoln-shire. Mit dieser Arbeit wurde
eine neue Ära wissenschaftlichen Denkens eingeleitet.

23
Schon immer hatten die unerklärlichen Eigenschaften der
Schwerkraft Gelehrte fasziniert, denn sie führten zu der Frage,
warum Gegenstände zu Boden fallen. Was war verantwortlich dafür,
daß die Erde Gegenstände »anzieht«, ohne bildlich gesprochen -
danach zu »greifen«? Offensichtlich war die Luft nicht schuld
daran; schließlich werden Gegenstände auch im Vakuum abwärts
»gezogen«.
Nicht weniger geheimnisvoll verhielt es sich mit der Kraft der
Sonne, die allem Anschein nach die Planeten in einer ständigen
Umlaufbahn gefangen hielt. Nachdem Newton Gegenstände im freien
Fall wie auch die Bewegung der Planeten um die Sonne beobachtet
hatte, leitete er daraus schließlich die seiner Meinung nach den
Tatsachen am meisten entsprechende Formel ab: jedes Objekt im
Universum zieht ein anderes mit der Kraft an, das der Größe
seiner Masse mit dem Quadrat des Abstandes zwischen ihren
Schwerpunkten entspricht. Das führte Newton zu der
Schlußfolgerung, daß der Mond von der Erde und die Planeten von
der Sonne durch eine Kraft der gleichen Art angezogen werden:
durch die Gravitation. Er erkannte als erster, daß sich dieses
physikalische Phänomen durch genaue Berechnungen erfassen läßt.
Gleich zu Beginn seines 1686 veröffentlichten Werkes befaßte
sich Newton mit den zwei grundlegenden Begriffen Zeit und
Raum. Er baute nicht nur sein System darauf auf, sondern legte
auch das Fundament für die wissenschaftlichen Erkenntnisse der
nächsten zweihundert Jahre.
Für Newton waren Zeit und Raum eigenständige Gefüge: absolute
Zeit - die unabhängig von Materie stets regelmäßig . abläuft; und
absoluter Raum - der unabhängig von Materie immer gleich bleibt.

24
Durch Newtons »Prinzipien« wurde in der Wissenschaft ein
Zeichen beispiellosen Fortschritts gesetzt, der vor allem eine
Vereinheitlichung darstellte. Unerwartet lichtete sich das für die
Wissenschaftler bislang undurchdringliche Dunkel und verhieß ihnen
neue Wege.
Der herausragende französische Mathematiker, Physiker und
Astronom Pierre Simon Marquis de Laplace (1749-1827) hat mit
seiner Annahme, daß »Schwarze Sterne« existieren - Sterne, deren
ungeheure Schwerkraft das Entweichen von Licht ausschließt,
sogenannte Schwarze Löcher -, als erster ein physikalisches
Phänomen erkannt, das inzwischen zum festen Bestandteil
moderner Astrophysik und Kosmologie geworden ist.
Die Newtonschen Gravitations- und Bewegungsgesetze sollten
mehr als zweihundert Jahre Bestand haben, da sie zur Bestimmung der
Planetenbewegungen und zur Erklärung des Verhaltens von Gasen
sowie von alltäglichen physikalischen Phänomenen völlig ausreichend
waren. Eine Änderung trat erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein,
als durch Experimente der Nachweis erbracht werden konnte, daß Licht
ein wellenförmiger Vorgang sein kann und kein Partikelstrom ist, der
sich nach mechanischen Gesetzen fortbewegt. Damit wurde das
Newtonsche Modell in Frage gestellt.
Außerdem veranschaulichten Faraday und Maxwell, daß
elektromagnetische Phänomene, also auch Licht, kaum in das
Newtonsche System einzuordnen sind.
Auch wenn die wellenförmige Ausbreitung von Licht durch
Experimente untermauert wurde, kam es doch immer wieder zu
unüberbrückbaren Schwierigkeiten, wenn es die Einwirkung von
Licht auf Materie oder umgekehrt zu deuten galt. Nachdem Physiker
kaum noch Zweifel daran hatten, daß im Weltraum praktisch keine
herkömmliche Mate-

25
rie existiert, stellte sich die berechtigte Frage, wie es dann möglich
war, aus Wellen bestehendes Licht zu übertragen. Man vermutete eine
feine, unsichtbare Substanz, die es dem Licht ermöglichte,
Entfernungen - wie die zwischen Sonne und Erde - zu überbrücken.
Diese hypothetische Substanz erhielt die Bezeichnung Äther.
1887 versuchten die amerikanischen Physiker Albert Abraham
Michelson (1852-1931) und Edward Williams Morley (1838-1923) mit
einer komplizierten, mit Spiegeln versehenen Apparatur die Existenz
von Äther nachzuweisen und dessen Auswirkungen auf die
Geschwindigkeit des Lichts zu bestimmen. Die Versuchsergebnisse
zeigten jedoch, daß es zwischen dem quer durch die hypothetische -
durch die Erdbewegung verursachte - Ätherströmung ausgestrahlten
und dem wieder reflektierten Licht keinen Zeitunterschied gab.
Existierte also überhaupt kein Äther?
War den Naturwissenschaftlern ein Merkmal der physikalischen
Welt entgangen? Ein Problem, mit dem sich vor allem die beiden
Physiker George Francis Fitzgerald (1851-1901) und Hendrik Antoon
Lorentz (1853-1928) auseinander setzten. Fitzgerald, der die
Äthertheorie aufrechterhalten wollte, präsentierte eine neue These,
derzufolge sich alle in Bewegung befindlichen Objekte in Richtung
ihrer Bewegung verkürzen. Eine Annahme, nach der die Kontraktion
gerade noch genügen würde, um die durch den »Ätherstrom«
verursachte Schwankung der Lichtgeschwindigkeit wieder außer
Kraft zu setzen. Dieser These zufolge wäre ein in Bewegung
befindlicher Zollstock beispielsweise kürzer als ein statischer und würde
sich mit fortschreitender Geschwindigkeit immer weiter verkürzen.
Warum?

26
Weil - nach Fitzgerald - eine solche Kontraktion durch den Druck
des entgegenkommenden Ätherstroms ausgelöst wird - vergleichbar
einem Gummiball, der sich beim Aufprall auf eine Wand verkürzt,
weil er flacher wird.
Lorentz, der im Zusammenhang mit der Theorie des Elektrons
Entscheidendes leistete, untermauerte die Fitzgeraldsche Hypothese
noch durch eine mathematische Formel und Erläuterung. Er ging davon
aus, daß ein elektrisch geladener Körper im Verlauf seiner
Fortbewegung durch den »Ätherstrom« elektromagnetische Kräfte
produziert, die für die Kontraktion - auf Grund einer
Umstrukturierung der Materie des Körpers - direkt verantwortlich
sind.
Obwohl der hochangesehene französische Mathematiker und
Physiker Henri Poincare (1854-1912) auf dem im Jahr 1900 in Paris
stattfindenden Internationalen physikalischen Kongreß das Thema
Äther mehr oder weniger durch Allgemeinbetrachtungen, wie zum
Beispiel »Existiert unser Äther wirklich? ...«, abhandelte, hielt
Lorentz weiter an dessen Existenz fest. Dabei berief er sich auf ein
wechselseitiges Verhältnis zwischen den Entfernungen und Zeiten,
wie sie von sich relativ aufeinander zu bewegenden Beobachtern
festgestellt werden. Mit anderen Worten: Die Beziehung zwischen
den Daten der Zeit- und Entfernungsmessung ist durch
mathematische Gleichungen - die sogenannte Lo-rentz-
Transformation - meßbar, sobald verschiedene Beobachter, die sich in
relativ zueinander bewegten Beziehungssystemen befinden, das gleiche
Ereignis beschreiben.

Erst in den vergangenen knapp zweihundert Jahren wurde der


Glaube an den im wesentlichen unveränderlichen Zustand des
Universums - als einem »verläßlichen mechanischen Räderwerk« -
unterminiert. Bis ins 19. Jahrhundert

27
hatte die Evolutionstheorie wenig Einfluß auf die Betrachtungsweise
des Menschen, was die Welt betraf. Daran änderte auch die
Tatsache nichts, daß eine Reihe früherer Hochkulturen bereits von
Vorstellungen über die Geburt des Universums und die Entstehung
unserer Welt ausging, womit dem Kosmos eine
Entwicklungsgeschichte unterstellt wurde. Die rasante
Fortentwicklung von Astronomie und Physik seit dem letzten
Jahrhundert brachte es mit sich, daß immer mehr Wissenschaftler
dem Ursprung und der Entwicklungsgeschichte des Universums, vor
allem aber dem Phänomen Zeit auf den Grund gehen wollten.
Sie fragten sich: Wie alt und wie groß ist unser Universum? Wo
endet das Universum? Gibt es eine Grenze für den Kosmos und die
Zeit? Im Raum können wir hin und her reisen. Trifft das auch auf die
Zeit zu, in der die Vergangenheit anders ist als Gegenwart und
Zukunft?
Für uns ist Vergangenheit das, was gewesen ist. Dennoch ist sie real,
weil sie einmal gegenwärtig war. Alles Jetzige ist im gleichen Moment
schon vergangen, wie zum Beispiel ein ausgesprochener Gedanke, der
nicht mehr der Gegenwart angehört. Danach ist ablaufende Zeit
wirklich, festgelegt und unveränderlich. Die Zukunft hingegen ist nur
eine Möglichkeit, denn sie ist ungewiß, scheinbar offen und damit
beeinflußbar. Die Zeit teilt sich für uns dennoch in zwei Bereiche auf:
in die abgeschlossene wachsende Vergangenheit und die offene
Zukunft. Der von uns als Gegenwart bezeichnete Zeitabschnitt ist in
Wahrheit nichts anderes als Bewegung - eine Reise in die Zukunft.
Sind wir damit dem Zeitstrom total ausgeliefert wie ein Blatt, das
vom dahinströmenden Fluß davongetragen wird?

28
Der Tag ohne Gestern

Amlauschenden
4. November 1915 erläuterte Albert Einstein einem gespannt
Fachpublikum der Preußischen Akademie der
Wissenschaften in Berlin seine allgemeine Relativitätstheorie, die mit
den althergebrachten Vorstellungen von Raum und Zeit grundlegend
brach.
Von Natur aus war Einstein mit einem sechsten Sinn für die
Schwachstellen der herkömmlichen Physik ausgerüstet. Zu seiner Zeit
war es oft üblich, Hilfstheorien heranzuziehen, um neueste
Forschungsergebnisse mit traditionellen, oft widersprüchlichen
Thesen in Übereinstimmung zu bringen oder sie auch kurzweg zu
ignorieren. Ganz anders Einstein. Er setzte seinen ihm, als Schüler,
schnöde abgesprochenen Verstand brillant ein, um die seinerzeit
gängigen und akzeptierten physikalischen Gesetze zu »zerpflücken«. In
genialen Erwägungen gelang es ihm, Raum, Zeit und Materie in einem
Modell zu vereinen, das der Physik völlig neue Ansatzpunkte
bescherte.
Der Sechsundzwanzigjährige, ein Außenseiter der physikalischen
Szene, präsentierte bereits in seinen ersten Arbeiten von 1905 eine
Anzahl revolutionierender Ideen, darunter die Feststellung, daß mit der
Existenz von Atomen gerechnet werden müsse. Die wissenschaftlichen
Koryphäen jener Zeit erhoben natürlich heftig Einspruch gegen diese
Behauptung.
Einstein ließ den Begriff Äther ganz bewußt außer acht. Vielmehr
ging er davon aus, daß sich einerseits durch ein

29
Experiment nur relative Bewegung nachweisen läßt - nämlich die
Bewegung eines Beobachters in bezug auf einen anderen - und daß
sich andererseits Licht ohne seinen Ursprung, seine Quelle, stets mit
konstanter Geschwindigkeit durch den Kosmos fortbewegt.
Eine Aussage, die mit dem gesunden Menschenverstand
unvereinbar war. Denn normalerweise würde das bedeuten, daß sich
das von einem Raumschiff in Flugrichtung ausgestrahlte Licht mit der
eigenen Geschwindigkeit sowie zusätzlich mit der des Raumschiffs
fortbewegt. Ein Vorgang wie bei einer Rolltreppe, die wir
hinauflaufen, um schneller oben zu sein: also Rolltreppe plus
Eigentempo.
Paradoxerweise trifft dieses Prinzip aber nicht auf Licht zu. Denn
ob nun beispielsweise ein Stern auf uns zukommt oder sich von uns
entfernt, die Geschwindigkeit des von ihm ausgestrahlten Lichts bleibt
unverändert. Würde sich, um bei diesem Beispiel zu bleiben, die
Rolltreppe mit Lichtgeschwindigkeit bewegen und liefen wir
zusätzlich noch hinauf, kämen wir trotzdem nicht schneller oben an.
Nach Einstein verkörpert die Lichtgeschwindigkeit nicht nur eine
Naturkonstante mit gleichbleibendem Wert, sondern auch eine mit
oberem Grenzwert - einer Höchstgeschwindigkeit in der mech-
anischen und elektromagnetischen Welt. Da die Lichtgeschwindigkeit
im luftleeren Raum rund dreihunderttausend Kilometer pro Sekunde
beträgt, läßt sich auch erklären, warum die Bewegung der Erde durch
den Äther nicht feststellbar ist.
Gedankenexperimente, die auf einfachen mathematischen Schluß-
folgerungen beruhten, führten Einstein zu Ergebnissen, die am Ne-
wtonschen System ernsthafte Zweifel aufkommen ließen. Newtons
Ansicht von der absoluten, universal unabänderlichen und von der
Vergangenheit in die

30
Zukunft einen stetigen Verlauf einhaltenden Zeit widerlegte Einstein
folgendermaßen:
Ein Mann hat sich während eines Gewitters in der Nähe eines
Bahndamms untergestellt und beobachtet, wie zwei Blitze
gleichzeitig in die Gleise einschlagen. Er folgert daraus, daß beide
Blitze zur gleichen Zeit niedergingen - der eine weit weg von ihm im
Osten, der andere gleich weit entfernt im Westen. Im Moment der
Blitzeinschläge rast ein aus östlicher Richtung kommender Zug an ihm
vorbei gegen Westen.
Ein Reisender hat die Blitze vom Fenster seines Abteils aus
ebenfalls beobachtet, ist jedoch der Ansicht, daß sie nicht gleichzeitig
einschlugen. Denn durch den sich rasch in westlicher Richtung
entfernenden Zug braucht das Licht des im Osten eingeschlagenen
Blitzes länger, um den Reisenden im Zug zu erreichen. Den im
Westen niedergegangenen Blitz sieht er früher, da er selbst in
westlicher Richtung fährt, ihn das Licht also schneller erreicht. Im
Gegensatz zum Beobachter am Bahndamm, dem zwei gleichzeitig
einschlagende Blitze aufgefallen sind, .nimmt der Zugreisende zwei
aufeinanderfolgende wahr: den ersten im Westen, danach den
zweiten im Osten.
Es besteht aber durchaus die Möglichkeit, daß der Zugreisende bei
einer anderen Zeitfolge zwei Blitze gleichzeitig einschlagen sieht.
Welche Wahrnehmung stimmt nun? Nach Einstein beide, da die
Zeitrechnungen von der Wahl des Bezugsrahmens abhängig sind. Im
angeführten Beispiel also entweder vom Beobachter am Bahndamm
oder vom Zugreisenden.
Einstein hat damit den uns bekannten Gleichzeitigkeitsbegriff
relativiert, wonach jedem Bezugskörper und jedem
Koordinatensystem seine eigene Zeit zusteht. Mit anderen Worten:
In unserem Universum gibt es keine absolute Mes-

31
sung, jede ist von der relativen Geschwindigkeit des Beobachters
abhängig und von dem, was er registriert. Nachdem sich im
Universum alles bewegt, ist jede Messung relativ und keine absolut.
Da es nicht in seine Vorstellungswelt paßte, nach der Zeit und
Entfernung beziehungsweise Länge gleichermaßen unbeständig und
von der relativen Bewegung eines Beobachters abhängig sind, verwarf
Einstein das Newtonsche Konzept der »absoluten Länge« endgültig.
Diese Theorien zogen einige ausgefallene Schlußfolgerungen über
die Auswirkungen relativistischer Geschwin digkeiten - also
annähernd Lichtgeschwindigkeit - nach sich. 1905 schockierte
Einstein dann die Fachwelt mit dem exotischen Begriff der
»Zeitdilatation« und stellte den gesunden Menschenverstand damit vor
geradezu extreme Anforderungen; den gesunden Menschenverstand
hielt er ohnehin für ein »Fossil vorgefaßter Meinungen, die sich bis
zum achtzehnten Lebensjahr festgesetzt haben«.
In vier »tollkühnen« Gleichungen widerlegte Einstein die
Newtonsche Behauptung, Zeit laufe überall mit einer konstanten
Geschwindigkeit von sechzig Minuten in der Stunde ab.
Für viele ist das verblüffendste Resultat der Relativitätstheorie
jedoch die Tatsache, daß Zeit durch Bewegung beeinflußt wird. So
verläuft die Zeit für zwei sich relativ zueinander bewegende Beobachter
unterschiedlich, ein Sachverhalt, der faszinierende Konsequenzen
beinhaltet.
Angenommen, irgendwann in der Zukunft wären alle technischen
Probleme im Zusammenhang mit der Kon struktion eines
Raumschiffs, das mit Lichtgeschwindigkeit reisen kann, gelöst,
verginge die Zeit im Raumschiff siebenmal langsamer als die auf der
Erde. Bei neunundneunzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit würden
von den sechzig

32
Minuten auf der Erde für den Raumfahrer im Raumschiff nur sechs
Minuten vergehen. Allerdings würde das vom Raumfahrer nicht
registriert werden, ebensowenig wie die Tatsache, daß sein
Alterungsprozeß siebenmal langsamer verliefe als der seiner
Angehörigen auf der Erde. Diese besondere Eigenheit der Zeit
konnte bereits in Experimenten nachgewiesen werden.
So laufen Uhren, die mit einem in relativer Bewegung befindlichen
Körper verbunden sind, langsamer als Uhren im Ruhezustand. Hier
geht es um eine Eigenart, die bei atomar angetriebenen Uhren ebenso
festgestellt wurde wie bei Uhren mit anderen Laufwerken.
Sobald wir gelten lassen, daß bei Systemen, die in Bewegung sind,
Raum und Zeit anders verlaufen als bei ruhenden Systemen - und
beide durch die Lorentz-Transformation mathematisch unter einen
Hut gebracht werden können -, wird klar, welchen Rang die
Lichtgeschwindigkeit als universale Konstante einnimmt.
Lassen wir die Einschränkungen der Relativitätstheorie einmal
außer acht und gehen davon aus, daß die Beschleunigung eines
Raumschiffs bis auf Lichtgeschwindigkeit möglich wäre, würde die Zeit
der Astronauten stillstehen und ihre Reisezeit im Nu in Nullzeit
vergehen. Könnten sie sogar noch über die Lichtgeschwindigkeit
hinaus beschleunigen, liefe ihre Zeit rückwärts ab; das heißt, sie
wären auf dem Weg in die eigene Vergangenheit.
Den größten Teil seines Lebens bemühte sich Einstein darum, in
einer umfassenden Theorie des Universums den Elektromagnetismus
mit der Gravitation zu vereinen. Diesem Projekt widmete er sich von
1920 bis zu seinem Tod im Jahr 1955. Doch schlugen seine
Bemühungen leider fehl, da er die Kernkräfte nicht berücksichtigte.

33
Mit seiner allgemeinen Relativitätstheorie legte Einstein dann 1915
eine gänzlich neue Deutung der Schwerkraft vor und ersetzte damit die
alte Newtonsche Theorie. Nach Einstein ist Gravitation keine Kraft
nach konventioneller Ansicht, sondern eine geometrische
Eigenschaft des Raums, verursacht durch die darin befindliche
Materie. Das heißt, der Raum wird durch schwere Objekte innerhalb
seines Bereichs verformt beziehungsweise gekrümmt. Einstein sagte
voraus, daß die Lichtstrahlen eines hinter der Sonne passierenden
Sterns durch die Schwerkraft der Sonne gebogen werden. Als sich
diese Voraussage in einem 1919 durchgerührten Experiment während
einer Sonnenfinsternis bewahrheitete, wurde Einstein über Nacht
international bekannt.
Er war von einem inzwischen berühmt gewordenen Ge-
dankenexperiment ausgegangen - und zwar von einem immens
beschleunigten, hypothetischen »Weltraum-Fahr-stuhl«, der sich mit
annähernd Lichtgeschwindigkeit aufwärts bewegt. Ein Lichtstrahl, der
dabei durch einen Spalt in der Aufzugswand dringt, erschiene einem
Beobachter in der Kabine als Bogen, der an einer tieferen Stelle an der
Wand gegenüber wieder verschwindet. Weshalb? Weil der Fahrstuhl
auch im Moment des eindringenden Lichtstrahls unaufhaltsam nach
oben »schießt«. Für den Kabinenbeobachter entsteht jedoch der
Eindruck, der Lichtstrahl würde durch die Schwerkraft gekrümmt.
Denn er glaubt, in der fensterlosen Kabine ganz normal auf dem
Boden zu stehen, während seine Füße in Wahrheit durch die
Beschleunigung auf den Boden gepreßt werden.
In einem anderen Gedankenexperiment ging Einstein von einem
abwärts sausenden Fahrstuhl aus, dessen Seile gerissen sind. Eine
Person in diesem Fahrstuhl würde völlig

34
gewichtslos darin schweben und könnte sich mühelos von Wand zu
Wand oder vom Boden zur Decke abstoßen. So machen es die
Astronauten in ihren Raumkapseln, die sich im freien Fall befinden.
Wird die Schwerkraft durch die Beschleunigung des abstürzenden
Fahrstuhls aufgehoben, bedeutet dies, daß Schwerkraft und
Beschleunigung äquivalent sind.
Einsteins allgemeine Relativitätstheorie war der Grundstein zur
modernen Kosmologie und erweiterte seine vorangegangene, für viele
schwer verdauliche spezielle Relativitätstheorie, die unser
Verständnis für Raum, Zeit und Bewegung für immer veränderte.
Darüber hinaus präsentierte er der Welt mit seiner berühmten Formel
E = mc 2 den Schlüssel zum Nuklearzeitalter. Diese Formel definiert,
wieviel Energie (E) aus Masse (m) entsteht. Das heißt, Masse muß
mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit (c) multipliziert werden.
Offensichtlich führt angesichts dieses enormen Multiplikators bereits
ganz wenig Masse zu einem gewaltigen Energie-Umwandlungsprozeß.
Damit belegt Einstein, daß Masse nichts anderes ist als verfestigte
Energie. Und Photonen beziehungsweise Lichtquanten seien somit
auch nichts anderes als Teilchen, die sich ihrer Masse entledigt hätten
und nun in Form von Energie mit Lichtgeschwindigkeit
fortbewegten. Unterhalb der Lichtgeschwindigkeit verliefe dieser
Prozeß jedoch umgekehrt: Durch die Verlangsamung verdichte sich
Energie wieder zu Masse.

1921 stellte der deutsche Mathematiker Theodor Kaluza die


Behauptung auf, Schwerkraft und Elektromagnetismus ließen sich
vereinen, wenn die Einsteinschen Gleichungen fünf Dimensionen
voraussetzten und nicht vier. Der schwedische Physiker Oscar Klein
fügte in diesem Zusammen-

35
hang 1926 noch hinzu, daß diese zusätzliche Dimension in gewissem
Sinn fest aufgerollt und unsichtbar sei.
Einstein akzeptierte Kaluza und Klein anfänglich, änderte dann aber
seine Meinung. Statt dessen verfolgte er von nun an seinen eigenen
mathematischen Ansatz zum Problem der Vereinheitlichung. Zuerst
war er überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Und
1929 berichteten die Zeitungen, er sei dem Geheimnis des
Universums auf der Spur mit dem Erfolg, daß er sich vor den Medien
in Sicherheit bringen und verstecken mußte.
Aber der Jubel war verfrüht. Einstein mußte zugeben, daß er
sich geirrt hatte. 1931 erzählte er dem österreichischen Physiker
Wolfgang Pauli (1900-1958), der seine Theorie kritisch beurteilt hatte:
»Du hattest also doch recht, du Schurke!«
Trotzdem ließ Einstein bis zu seinem Tod von die sem Problem
nicht ab. Am Tag vor seinem Ableben, dem 18. April 1955, hatte er
gebeten, ihm die letzten Seiten seiner Vereinheitlichungsberech-
nungen zu bringen, so, als wollte er einen letzten Anlauf nehmen.

Zu Beginn von Einsteins Arbeit an den Vereinheitlichungstheorien


waren in der Physik nur drei Kräfte bekannt: Schwerkraft,
elektrische Kraft und Magnetismus. Die beiden letzteren waren bereits
um 1860 von Maxwell zum Elektromagnetismus vereint worden.
In den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts wurden dann zwei
weitere Naturkräfte entdeckt: die für den radioaktiven Beta-Zerfall
verantwortliche schwache Wechselwirkung und die starke Kernkraft,
die Protonen und Neutronen im Atomkern aneinanderbindet. Jede
Theorie, die das ganze Universum beschreibt, muß diese Kräfte mit
einbeziehen.

36
Einstein beschloß jedoch, sie zu ignorieren, da sie durch die von
ihm verabscheute Quantenmechanik beschrieben wurden. Für jeden
anderen hätte das den wissenschaftlichen Selbstmord bedeutet. Nicht
so für Einstein; er machte weiter.
Einsteins Traum hat ihn überdauert. Eine neue Generation von
Physikern hat die Herausforderung einer vereinheitlichenden
Feldtheorie angenommen. Zwanzig Jahre nach Einsteins Tod wurde
ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer großen einheitlichen
Feldtheorie getan. 1977 gelang dem amerikanischen
Elementarphysiker Steven Weinberg und seinen Kollegen Abdus
Salam und Sheldon Lee Glashow, die elektromagnetische Kraft mit
der schwachen Wechselwirkung zu vereinen. Denn die elektromagne-
tische Kraft und die schwache Wechselwirkung sind nur
unterschiedliche Aspekte der elektroschwachen Kraft (Wein-berg-
Salam-Theorie). Die drei Wissenschaftler wurden für diese Arbeit
1979 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet.
Sollte es eines Tages gelingen, die Vorstellung einer allumfas-
senden Universalkraft in einer einheitlichen Formel festzulegen,
dann waren es Maxwell mit der Entdeckung der elektromagnetischen
Kraft und Einstein mit der Relativitätstheorie, die hierzu den
Grundstein setzten. In Fortführung der Maxwellschen Gleichungen
der elektromagnetischen Felder hatte Einstein das Prinzip der
Vereinheitlichung erfaßt und war sich einer vereinigenden
Symmetrie bewußt, die scheinbar so Unterschiedliches wie Raum und
Zeit ebenso miteinander verbindet wie Materie und Energie.
Das klassisch-deterministische Weltbild der Physiker wurde in den
dreißiger bis sechziger Jahren unseres Jahrhunderts durch die
Quantentheorie grundlegend verändert.

37
Der Einsteinschen Relativitätstheorie - mit Gravitation und
elektromagnetischer Kraft - folgte die Theorie von der
Quantenmechanik, die Basis zum Verständnis der Materie. Diese
Theorie behandelt die Welt subatomarer Phänomene und wurde vor
allem von dem genialen Physiker Werner Heisenberg (1901-1976)
ausgearbeitet. Den wesentlichen Teil der Quantenmechanik
formulierte er bereits als Vierundzwanzigjähriger; 1932 wurde er mit
dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet. Vater der Quantentheorie
war jedoch der Nobelpreisträger von 1918, Max Planck (1858-1947).
Die Quantenmechanik macht klar, daß eine allein auf Ursache und
Wirkung ausgerichtete Denkweise zum Verständnis der Natur nicht
mehr ausreichend war. Mit seiner Unschärferelation veranschaulichte
Heisenberg, daß bestimmte komplementäre Eigenschaften eines
Teilchens, wie der Standort und die Geschwindigkeit beziehungsweise
die Lage und der Impuls, nicht gleichzeitig zu bestimmen sind; eines
von beiden muß bekannt sein, um das jeweils komplementäre
ermitteln zu können. Die Erkenntnis, daß Beobachter und zu
beobachtendes Objekt unlösbar miteinander verbunden sind, ist eine
weitere wesentliche Einzelheit der Unschärferelation. Mit anderen
Worten, es hat keinen Sinn, ein Phänomen zu bestimmen, ohne den
Beobachter mit seinem Meßinstrumentarium als entscheidenden
Faktor einzubeziehen.
Im Bereich der subatomaren Welt ist alles so winzig und schnell, so
unscharf, daß materielle Konzepte keine Bedeutung haben. Der
Mikrokosmos verkörpert eine Welt der Wellenfunktionen und
Wahrscheinlichkeiten, da sich beispielsweise das Verhalten eines
Elektrons nicht voraussagen läßt. Im Gegensatz zur
Relativitätstheorie, die sich erfolgreich mit Sternen, Galaxien und der
Raum-Zeit befaßt, er-

38
forscht die Quantenmechanik die Welt der Elementarteilchen, der
Neutronen, der Protonen und der Atome.
So stellten der Harvard-Professor für theoretische Physik Michio
Kaku und die Journalistin Jennifer Trainer in ihrem Euch Jenseits von
Einstein fest:
»Die Relativitätstheorie enthüllt das Geheimnis der Energie, der
Schwerkraft und der Raum-Zeit; die andere dominierende Theorie des
20. Jahrhunderts, die Quantenmechanik, ist dagegen eine Theorie der
Materie. Kurz gesagt, sie beschreibt die Atomphysik, indem sie die
dualen Konzepte von Wellen und Teilchen miteinander verknüpft.
Einstein war aber im Gegensatz zu den Physikern der heutigen Zeit
nicht klar, daß der Schlüssel zu einer einheitlichen Feldtheorie in der
Verbindung von Relativitätstheorie und Quantenmechanik liegt. Er war
Meister im Erkennen des Wesens der Naturkräfte. Seine Schwäche
lag aber in seinem mangelnden Verständnis der Materie,
insbesondere der Atomkerne.«
Es ist kaum vorstellbar, daß dem Genie Albert Einstein ein Fehler
unterlaufen sein könnte. Und dennoch passierte es, als er 1917 seine
berühmte Arbeit Kosmologische Betrachtungen zur allgemeinen
Relativitätstheorie veröffentlichte. Nach seinen Berechnungen war das
Universum durch die Schwerkraft zu einer geschlossenen vier-
dimensionalen Sphäre gekrümmt, mit einem Durchmesser von etwa
hundert Millionen Lichtjahren.
Nach Einstein besteht das Universum aus den drei unbekannten
räumlichen Dimensionen und einer zusätzlichen Zeitdimension, die
in seinen jungen Jahren nicht durch die euklidische Geometrie
beschrieben werden konnte. Auf der Suche nach neuen Maßsystemen,
die es ermöglichten, Raum und Zeit zu beschreiben, setzte sich
Einstein mit seinem

39
alten Freund, dem bekannten Mathematiker Marcel Großmann, in
Verbindung. Er war die »richtige Adresse«, um Einstein mit einer
damals noch »obskuren«, nichteuklidischen Geometrie auszustatten,
die der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann (1826-1866) im 19.
Jahrhundert entwickelt hatte. Sie war auf die neue, vierdimensionale
Welt Einsteins anwendbar.
Die Riemannsche Geometrie kennt keine Parallelen. Die kürzeste
Verbindung zwischen zwei Punkten ist bei ihm nicht eine Gerade,
sondern eine geodätische Linie, also die kürzeste Verbindung zweier
Punkte auf einer gekrümmten Fläche. Selbst Mathematik-Ignoranten
müßte die Riemannsche Erläuterung einleuchten, daß für unter-
schiedliche Vorgänge verschiedenartige Formeln gültig sind. Mit
anderen Worten, die Länge der kürzesten Strecke zwischen zwei
Punkten auf einer gekrümmten Oberfläche unterliegt einer anderen
Formel als die Länge einer Linie zwischen zwei Punkten auf einer
ebenen Fläche.
Einstein benutzte die Riemannsche Geometrie nur, um
Gleichungen aufzustellen, mit denen er die Bewegungen der
Planetenbahnen und die Struktur des Universums schilderte.
Sein mathematisches Modell des Universums zeigte jedoch
störende Eigenschaften. Die darin befindlichen Himmelskörper, wie
zum Beispiel Galaxien, drifteten entweder auseinander oder bewegten
sich aufeinander zu. Da Einstein aber nicht wissen konnte, was der
amerikanische Astronom Edwin Powell Hubble (1889-1953) später
entdecken sollte, stand dies im Widerspruch zu seiner innersten
Überzeugung. Wie die meisten Wissenschaftler seiner Epoche glaubte er
an ein statisches, unveränderliches Universum. Um die Galaxien von
ihrer irritierenden Fortbewegung abzuhalten,

40
ergänzte Einstein seine Gleichung durch einen neuen Begriff - die
Kosmologische Konstante -, die eine abstoßende Kraft darstellt und
im Gegensatz zur normalen Anziehungskraft mit der Entfernung
zwischen den Himmelskörpern zunimmt. Es handelt sich hierbei um
eine hypothetische Kraft, die sich der Gravitation entgegenstemmt.
Das von Einstein zugefügte »Extrastück« war ein mathematischer
Schwindel, ein fiktiver Antischwerkraftmechanismus, der Materie
eher auseinanderriß als zusammenhielt. Obwohl es seinen
Ergebnissen ein konventionelles Ansehen verlieh, war Einstein nie
damit zufrieden. Die formale Arbeit wurde dadurch zerstört. Später gab
er zu, daß die »Kosmologische Konstante die größte Eselei meines
Lebens« war. Wenn er akzeptiert hätte, was seine großartigen Glei-
chungen besagten, hätte Einstein das expandierende Universum
über eine Dekade früher vorausgesagt, als es von Hubble entdeckt
wurde.
Der holländische Astronom Willem de Sitter (1872-1934) legte 1917
eine Lösung zu den Einsteinschen Gleichungen vor. Unter
Beibehaltung der falschen Kosmologischen Konstante kam er zu einem
geradezu absurd erscheinenden Resultat: Danach war das de
Sittersche Universum leer und konnte seinen statischen Zustand nur
aufrechterhalten, solange es keine Materie enthielt! Als andere
Wissenschaftler diesem Modell jedoch zwei Objekte - Sternensysteme
- zufügten, passierte etwas Merkwürdiges: Sie entfernten sich
voneinander.
Der in Sankt Petersburg/Leningrad lebende russische Mathe-
matiker und Meteorologe Alexander Alexandrowitsch Friedmann
(1888-1925) warf zwischen 1922 und 1924 die Kosmologische
Konstante über Bord und entwickelte eigene Lösungen zu den
Einsteinschen Gleichungen, die aber

41
alle von einem expandierenden Universum ausgingen. Friedmann
betonte, daß Einstein mit seinem angeblichen Beweis, das
Universum sei zeitlich stabil und unveränderlich, ein mathematischer
Irrtum unterlaufen war:
»Es ist Studenten der höheren Mathematik wohl bekannt, daß man
beide Seiten einer Gleichung durch eine beliebige Summe teilen darf,
vorausgesetzt, daß dieser Betrag nicht Null ist. Einstein hat jedoch im
Verlauf seiner Beweisführung beide Seiten einer seiner Zwischen-
gleichungen durch einen komplizierten Terminus geteilt, der unter
gewissen Umständen gleich Null werden konnte. Im Fall aber, daß
dieser Terminus gleich Null wird, ist Einsteins Beweis nicht mehr
stichhaltig.«
Und Friedmann erkannte, daß dies eine Anzahl vollständig neuer
Weltbilder ermöglichte: ein expandierendes, ein zusammen-
stürzendes und ein pulsierendes Universum.
Aus diesem Grund war Einsteins ursprüngliche Gravitations-
gleichung richtig, ihre Änderung jedoch falsch.

Im Jahr 1927 präsentierte der belgische Astrophysiker und Mathe-


matiker Abbe Georges Henri Lemaitre (1894-1966) die Theorie
eines expandierenden Universums, das seinen Anfang in der Zeit
hatte - und bezeichnete es als »ein[en] Tag ohne ein Gestern«.
Obwohl er Friedmanns Arbeit offensichtlich nicht kannte, war er von
der Geburt des Universums durch eine Explosion überzeugt. Diese
Überlegung wurde in einer nur wenig gelesenen belgischen
Zeitschrift veröffentlicht und blieb bis zu Hubbles Entdeckung des ex-
pandierenden Universums unbeachtet.
Lemaitre schlug vor, das anfängliche Universum als hochgradig
verdichtete Materie zu betrachten, die er als »UrAtom« bezeichnete
(L'atome primitif), eine Art von riesigem

42
Superschwerem Neutron, das durch etwas wie Radioaktivität zum
Bersten gebracht wurde. Eine Ansicht, die im Gegensatz zur heutigen
steht, nach der sich im Universum zuerst die einfachsten Atomkerne
bilden, bevor komplexere Strukturen entstehen. Obwohl sich die Ideen
Lemaitres in mancher Hinsicht von der modernen Kosmologie
unterscheiden, wird er zu Recht als Vater der Urknall-Theorie, des Big
bang, betrachtet.
Es begann vor etwa fünfzehn bis zwanzig Milliarden Jahren. Und
was war vorher? Es gab kein Vorher. Zeit, Raum und alles, was
dazugehört, entstand als Raum- und zeitloser Punkt. Punkt! Nämlich in
einem bestimmten Moment (dem ersten) in der Zeit des Daseins.
Einschränkend muß hier je doch festgestellt werden, daß dies den
anerkannten Theorien entspricht, die uns bisher über den Ursprung
des Universums bekannt sind.
Im Anfang von Raum und Zeit war alles in einem einzigen
unendlichen, verdichteten Kern enthalten, der dann explosions-
artig expandierte. Nach dem Big bang verteilte sich die in einem
einzigen Punkt konzentrierte ungeheure Energie in Blitzesschnelle in
alle Richtungen. Der Ausdruck »Energie« wird hier absichtlich
benutzt, da Materie bei den zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden
unvorstellbar hohen Temperaturen noch nicht existieren konnte. Das
sich weiter ausdehnende Universum wurde kühler und konnte daher
einen Großteil der Energie in Form von Elektronen, Protonen und
Neutronen nebst einer Reihe exotischer Elementarteilchen verdich-
ten. In diesem Moment war das Universum eine Zehnmillionstel
Sekunde alt. Die Ausdehnung hielt an und damit auch die Abkühlung.
Nachdem einige Minuten vergangen waren, hatte sich die
Temperatur so weit abgekühlt, daß sich Partikel fest mit-

43
einander verbinden konnten. Aus Atomen bestehende Materie, wie
die, aus der alles um uns herum entsteht, begann zu existieren.
Dieser Entstehungsprozeß von Atomen hielt über die nächsten
fünfhunderttausend Jahre an. In diesem Zeitraum sollte die Materie
in der Weiterentwicklung des Universums eine bedeutende Rolle
spielen.
Während sich das Universum ständig weiter ausdehnte, verur-
sachten örtliche Abweichungen Materieverdichtungen, die sich unter
dem Einfluß der Gravitation zu riesigen isolierten, rotierenden Staub-
und Gaswolken, zu sogenannten Proto-Galaxien und Galaxienhaufen,
formierten. Im Inneren dieser Proto-Galaxien setzte sich der
Verdichtungsprozeß fort, und es entstanden stellare Wolken, deren
Zentren wiederum zu Sternen komprimierten. Da in den äußeren
Schichten dieser stellaren Wolken die Masse jedoch nicht ausreichte,
um einen Kernfusionsprozeß auszulösen, der die Sterne mit Energie
versorgte, formten sich in vielen Fällen »nur« Planeten.
So entstanden Galaxien mit ihren Sonnensystemen - gewaltige
Galaxienhaufen, die sich wiederum zu Superhaufen gruppierten.
Spiralförmige, elliptische und kugelförmige Sternensysteme von
unbestimmter Form werden heute vom Hubble-Weltraumteleskop in
beeindruckenden Fotos dokumentiert.
Die Erde ist in einem solchen Sternensystem - der spiralförmigen
Milchstraße - entstanden und ein unvorstellbar kleines Pünktchen in
der Raum-Zeit.

44
Jenseits der Zeitbarriere

DasdenLeben war für Äonen erdgebunden. Doch nun hat es sich durch
Menschen auf den Weg gemacht, um seinen Heimatplaneten
zu verlassen und im All neue Möglichkeiten und andere Welten zu
erkunden. Nie zuvor hat der Mensch mehr als eine Welt zum
Erforschen besessen -zumindest unsere Zivilisation. Inzwischen
haben die im Lauf des Raum-Zeitalters gewonnenen, wenigen
Erfahrungen für die damit verbundenen grundsätzlichen Fragen ihn
bereits aufnahmefähiger gemacht: Wo liegt der Ursprung? Existiert
eine fundamentale kosmische Strategie, die zu einem reflektierenden
Bewußtsein führt, wie bei uns Menschen? Welche Zukunftsaussichten
hat das Leben? Und stellt sich so etwas wie die Sinnfrage?
Die Suche nach Antworten auf derart profunde Fragen führt
notwendigerweise zu anderen Welten, wahrscheinlich zu fremden
Zivilisationen im All. Schon im 17. Jahrhundert spekulierten der
niederländische Mathematiker, Physiker und Astronom Christiaan
Huygens (1629-1695) und sein berühmter Zeitgenosse Sir Isaac
Newton über die Möglichkeit von Leben in anderen Welten. So
schrieb Huygens in seinem Buch Cosmotheoros: »Ein Mensch, der die
Kopernikanische Ansicht teilt, (daß die Sonne und die Erde der Mit-
telpunkt des Sonnensystems sind), kommt sicher manchmal auf den
Gedanken, daß die übrigen Planeten im Sonnensystem auch
lebensfreundlich und bewohnt sein könnten - ge-

45
nau wie die Erde.« Und Newton sinnierte, daß ähnlich wie beim
Mikroskop, durch das alle möglichen Lebensformen entdeckt
worden seien - angefangen beim Wasser bis hin zum Blut -, auch der
Himmel über uns mit Wesen bevölkert sein könnte, die wir jedoch
nicht verstehen.
Es ist noch nicht allzu lange her, daß sich orthodoxe Dogmatiker des
wissenschaftlichen Establishments mehr als zynisch über die Möglich-
keit außerirdischen Lebens geäußert haben und gar intelligente
Zivilisationen kategorisch ablehnten. Neueste wissenschaftliche
Erkenntnisse führten allerdings bei vielen aufgeschlossenen
Astronomen und Exobiologen zum Umdenken. In der gewaltigen
Raum-Zeit-Blase unseres Universums, mit seinen ungezählten
Galaxien und den geschätzten zweihundert bis vierhundert Milliarden
Sternen allein in unserer Milchstraße, können wir praktisch sicher sein,
daß wir nicht allein sind, sondern Gesellschaft haben. In der
»Experimentalküche des Universums« sind die Prozesse, die zur
Entstehung des Lebens und seiner Weiterentwicklung führten, nicht
nur auf den »Winzling Erde« beschränkt.
Es scheint so, als ob Leben in der kosmischen Evolution so
»alltäglich« ist, wie es Gehirn und Augen in der irdischen Evolution
sind.
Bisher haben wir zwar noch keinen »handfesten« Beweis, aber es
gibt Andeutungen, daß viele der Sterne, die wir am Nachthimmel
sehen, von Planeten begleitet werden - genau wie unsere Sonne. Auf
manchen dieser Planeten könnte Leben entstanden sein; auf anderen
hätte sich Leben aber auch schon Milliarden Jahre früher als auf der
Erde entwickeln können.

Möglicherweise betreiben sie schon seit langer Zeit interstellare


Raumfahrt und beherrschen Zeitreisetechniken?!

46
Viele Wissenschaftler sind der Meinung, die beste Methode, mit
solchen Zivilisationen Kontakt aufzunehmen, bestehe darin, mit
Radioteleskopen nach Lebenszeichen von ihnen zu lauschen. Ebenso
wie unsere Radio- und TV-Signale stark genug sind, um in den
Weltraum hinausgetragen zu werden, wäre es ja immerhin möglich,
daß auch fremde Zivilisationen Bruchstücke ihrer Kultur in den
Kosmos ausstrahlen. Vielleicht möchten sie auch, ebenso wie wir,
gerne wissen, ob sie allein sind im Universum. Angenommen, es
würde sich so verhalten, sollten wir unsere Satellitenschüsseln darauf
einstellen und das Universum systematisch nach Lebenszeichen von
weit entfernten anderen Lebewesen absuchen.
Aber das ist leichter gesagt als getan, denn das Universum ist von
Radiogeräuschen erfüllt. Alles - angefangen bei den Sternen bis hin zu
den Wasserstoffmolekülen - strahlt in Tausenden von Frequenzen
»Botschaften« aus, die wie Windgeräusche klingen. In seltenen Fällen
sind Astronomen auf Signale gestoßen, die sich von den üblichen
Radiogeräuschen störend abhoben; es waren so ausgefallene Signale,
daß die Lauschenden für einen Augenblick auf die Idee kamen, sie
könnten intelligentem Leben auf die Spur gekommen sein. Doch
wenn sie ihre Radioteleskope erneut auf den Ursprung der Signale
ausrichteten, war nichts mehr zu hören. Vielleicht war es nichts
anderes gewesen als eine Abweichung im normalen Geräuschpegel
des Universums.
Der 1923 geborene Princeton-Physiker Dr. Freemanjohn Dyson
nimmt an, daß wir das nach Radiosignalen abzusuchende Gebiet
wesentlich einengen könnten, wenn nach Hitze geforscht würde und
nicht nach Botschaften. Er ist der Ansicht, daß es schwierig sein
würde, den Beweis für eine Zivilisation unseres eigenen
Evolutionsstadiums zu erbrin-

47
gen. Zivilisationen jedoch, die den totalen Energieausstoß ihrer
Sonne nützen, würden einen Großteil dieser Energie wieder in Form
von Wärme beziehungsweise Infrarotstrahlung abgeben, die dann von
unseren Astronomen entdeckt werden könnte. Ein anderer Vorschlag
geht dahin, Sonden auf die Suche nach anderen Zivilisationen zu
schicken. Berücksichtigen wir allerdings die immensen Entfernungen,
das heißt, den Zeitaufwand, erscheinen solche Unternehmen
illusorisch. Die Lichtgeschwindigkeit von dreihunderttausend
Kilometern in der Sekunde stellt hier anscheinend ein unüber-
windliches Hindernis dar. Auch wenn es heute Modellvorstellungen
gibt, auf die wir später noch eingehen werden, um die Gesetze der
Physik zu »überlisten«, sind wir vorläufig gezwungen, uns nach dem
physikalisch und technisch Machbaren zu richten.
Dreihunderttausend Kilometer pro Sekunde scheint eine unfaßbare
Geschwindigkeit zu sein - aber nur solange die damit verbundenen
Entfernungen nicht einbezogen werden. So ist der Mond etwa
dreihundertachtzigtausend Kilometer von der Erde entfernt und kann
mit einer Rakete innerhalb von drei Tagen erreicht werden. Neptun,
der zweitletzte Planet in unserem Sonnensystem, ist zehntausendmal
weiter von der Erde entfernt als der Mond. Der Raumsonde Voyager
gelang es 1989, diesen Planeten nach zehn Jahren unter großen
Schwierigkeiten zu erreichen. Aber derartige Entfernungen sind
unbedeutend im Vergleich zu denen, die zwischen der Erde und
selbst den nächstgelegenen Sternen liegen, wie Alpha Centauri, der
mit 4,3 Lichtjahren zehntausendmal weiter von uns entfernt ist als
Neptun und hundertmillionenmal weiter als der Mond. Pioneer 10, die
bisher schnellste von Menschenhand angefertigte Sonde, hat unser
Sonnensystem längst verlassen und stürzt mit über

48
vierzig Kilometern pro Sekunde durch den interstellaren Raum. Das
ist aber immer noch siebentausendfünfhundertmal langsamer als die
Lichtgeschwindigkeit. Die Sonde würde also beinahe vierzigtausend
Jahre brauchen, um Alpha Centauri zu erreichen, und fünfzehn
Milliarden Jahre bis zur nächstgelegenen Galaxie. Mit unserer gegen-
wärtigen Technologie können wir nicht einmal ein Prozent der
Lichtgeschwindigkeit erreichen.
Angenommen jedoch, es würde uns gelingen, ein Raumschiff zu
entwickeln, das nur ein Drittel der Lichtgeschwin digkeit erzielt,
könnten wir innerhalb von vierzig Jahren siebzehn Sterne erreichen,
also mühelos im Rahmen der menschlichen Lebensspanne. Nach
dem renommierten Raumfahrtingenieur Robert L. Forward von den
amerikanischen Hughes Research Laboratories sind wir nicht mehr
weit entfernt von den dazu notwendigen Technologien. Durch
Wasserstoffbomben angetriebene Kernfusionsraketen wären denkbar,
sogar Raumschiffe mit Antimaterieantrieb wären nicht auszu-
schließen, wenn auch sündhaft teuer.
Der britische Physiker Paul Dirac (1902-1984), eine Schlüssel-
figur in der Quantenrevolution von 1920, wurde für seine Voraus-
sage berühmt, daß die Teilchen der materiellen Welt ihr Gegenstück in
Form spiegelbildlicher Antimaterieteilchen haben. Diese Prognose
erstellte Dirac 1928, als Physikern lediglich zwei Teilchen bekannt
waren, das Elektron und das Proton. Allerdings wurde damals schon
vermutet, daß ein Neutron existieren mußte. 1932 entdeckte dann der
Amerikaner Carl David Anderson (1905-1991), Pionier in der
Hochenergiephysik, die Antielektronen beziehungsweise Positronen
und wurde dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Inzwischen
wurden weitere Antimaterieteilchen identifiziert.

49
Wenn Antimaterie auf die gleiche Menge Materie trifft, also mit
ihr zusammenstößt, werden durch die gegenseitige Zerstrahlung der
Materie und Antimaterie zweihundert Prozent - also alles - in Form
von Energie freigesetzt. Wissenschaftlern ist es bereits gelungen,
Antimaterieteilchen zu produzieren, wenn auch bisher nur in
verschwindend kleinen Mengen - bei jedem Versuch nur ein paar
subatomare Partikel. Es wurden auch Antiprotonen hergestellt, die
im Europäischen Kernforschungszentrum bei Genf gelagert werden.
In der Produktion kompliziert und noch schwierger in der Lagerung ist
Antimaterie, die abgebremst, gekühlt und durch Laser oder
Magnetfelder sozusagen in der Schwebe »gefangengehalten« werden
muß. Darüber hinaus liegen die geschätzten Herstellungskosten im
21. Jahrhundert bei zehn Millionen Dollar für ein Milligramm und bei
9,1 Quadrillionen (l Quadrillion = 1024 ) pro Tonne.
Andererseits wäre keine große Menge Antimaterie nötig, um ein
Raumschiff anzutreiben. Wenn es erst einmal entwickelt ist, könnte
solch ein Transporter Entfernungen von einem Ende des
Sonnensystems bis zum anderen in Tagen oder Wochen, statt in
Jahren bewältigen. Eine Reise zu unserem Nachbarplaneten Mars
würde dann kaum länger dauern, als auf der Erde von einem Kontinent
zu einem anderen zu fliegen. Die Reisezeit von einer Sonde zum
nächsten Sternensystem würde sich dann von tausend Jahren auf ein
Dutzend reduzieren. Nach den Gesetzen der Relativitätstheorie
nimmt die Masse eines Raumschiffs oder einer Sonde bei Annäherung
an die Lichtgeschwindigkeit bis zur Unendlichkeit zu. Relativistische
Geschwindigkeiten benötigen daher enorme Treibstoffmengen, um den
ständigen Massezuwachs anzutreiben. Könnte zum Beispiel ein
Raumschiff mit Antimaterieantrieb gebaut werden, das
neunundneunzig

50
Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreichen kann, würde es
fünfhunderttausend Tonnen Antimaterietreibstoff brauchen. Eine
Lösung dieses Problems könnte der sogenannte Ramjet sein, ein relativ
kleines Raumschiff, das nur wenig Treibstoff mitnehmen muß, da es
unterwegs interstellare Wasserstoffatome als Treibstoff aufnimmt. Es
wird angenommen, daß im interstellaren Raum Wasserstoffatome in
der Menge von wenigstens einem Atom pro zehn Kubikzentimeter
verteilt sind. Mit den viel dichteren, ebenfalls vorhandenen Wasser-
stoffwolken ist ein erheblich höherer Wert zu verzeichnen. Obwohl
damit immer noch ein weit besseres Vakuum repräsentiert ist, als es
auf der Erde erzeugt werden kann, ließen sich bei Annäherung an die
Lichtgeschwindigkeit immer noch ausreichende Mengen dieses
dünnen Gases als Treibstoff einsammeln; denn das Raumschiff wäre
das Zentrum einer elektromagnetischen Feldstörung, die sich, aller
Wahrscheinlichkeit nach, einige hundert oder tausend Kilometer im
Radius ausdehnt. Während sich das Schiff durch den Raum
fortbewegt, wird interstellares Gas ionisiert und durch das Feld zu
einem Reaktionsbereich des Raumschiff-Antriebssystems gelenkt.
Dann könnte zum Beispiel Energie durch Kernfusion freigesetzt
werden. Diese Energie würde dann dazu verwendet, die nicht
umgewandelte Masse zur Erzeugung eines Rückstoßes nach hinten -
gegen die Flugrichtung - zu beschleunigen. Da dieser Rückstoß
konstant wäre, ließe sich die benötigte Geschwindigkeit für interstel-
lare Reisen erreichen.
Falls jemals ein Ramjet in die Tat umgesetzt wird, wäre es eine echte
Zeitreisemaschine. Würde sie nämlich mit einer Besatzung an Bord
von der Erde bis zur Mitte der Milchstraße mit nahezu
Lichtgeschwindigkeit reisen, träfe sie dort laut Bordzeit
einundzwanzigjahre später ein, während nach

51
den Auswirkungen der Relativitätstheorie auf der Erde inzwischen
dreißigtausend Jahre vergangen wären.
Die Rückreise einbezogen, wären auf der Erde sechzigtausend
Jahre ins Land gegangen, wenn die Ramjet-Besatzung ihr Schiff
verläßt, wären die Mitglieder jedoch nur zweiundvierzigjahre älter
geworden.
Hier werden wir mit den Auswirkungen der Zeitdilatation
konfrontiert, das heißt unter anderem, die Zeit in einem sich schnell
fortbewegenden Raumschiff-Fahrzeug verlangsamt sich im Verhältnis
zur Geschwindigkeit. Für Physiker ist das selbstverständlich, wenn es
auch dem normalen Erdenbürger nicht ohne weiteres einleuchtet. Wie
viele Menschen lassen sich wohl ohne weiteres davon überzeugen,
daß jemand, der sich schnell genug fortbewegt, bei seiner Rückkehr
auf die Erde jünger sein soll als seine daheim gebliebenen Kinder?
Oder daß er, wenn er mit annähernd Lichtgeschwindigkeit durch das
All reist, bei seiner Rückkehrjünger ist als seine Urururenkel. Aber
das sind eben die skurrilen Auswirkungen relativistischer
Geschwindigkeiten.
In der nachfolgenden Tabelle (S. 53) wird veranschaulicht, wie
sich die Zeit im Raumschiff im Verhältnis zur wachsenden
Geschwindigkeit verlangsamt beziehungsweise abgebremst wird.
Theoretisch würde die Zeit im Raumschiff bei Lichtgeschwindigkeit
stehenbleiben.
Würde sich ein Raumschiff beispielsweise mit siebzig Prozent der
Lichtgeschwindigkeit fortbewegen, betrüge die auf der Erde
gemessene Reisezeit der Astronauten zum nächsten Stern sechs
Jahre; die im Raumschiff registrierte Zeit wäre jedoch nur
zweieinhalb Jahre.
Denn je schneller sich das Raumschiff fortbewegt, um so langsamer
laufen die Borduhren und um so kürzer ist die Reisezeit.

52
Raumschiff Dauer der Dauer der
geschwindigkeit: Raumschiffstunde irdischen Stunde
Prozent der in Minuten in Minuten
Lichtgeschwindigkeit
0 60.00 60.00
10 59.52 60.00
20 58.70 60.00
30 57.20 60.00
40 55.00 60.00
50 52.10 60.00
60 48.00 60.00
70 42.85 60.00
80 36.00 60.00
90 26.10 60.00
95 18.71 60.00
99 8.53 60.00
99.9 2.78 60.00
99.997 1.17 60.00
100 0 60.00

Hier muß betont werden, daß es bei diesem Effekt nicht um eine
Illusion geht, für die Psychologen zuständig sind, sondern um die
Tatsache, daß die Zeit im Raumschiff langsamer abläuft als auf der
Erde. Und der verlangsamte Alterungsprozeß der Besatzungs-
mitglieder im Raumschiff stimmt mit den Resultaten ihrer
Meßinstrumente überein. Diese verblüffenden Auswirkungen
beschrieb Einstein mit seinem sogenannten Zwillingsparadoxon: Einer
der Zwillinge begibt sich auf eine interstellare Reise, während der
andere auf der Erde zurückbleibt. Wenn sich der »Astronauten-
Zwilling« im Raumschiff aber mit sehr hoher Geschwindigkeit von der
Erde fortbewegt, ist er bei seiner Rückkehr jünger als sein daheim
gebliebener Zwillingsbruder.

53
Stellen wir uns doch einmal vor, daß Astronauten mit beinahe
Lichtgeschwindigkeit zu einem weit entfernten Sonnensystem
unterwegs sind. Hin- und Rückreise würden (nach Raumschiffzeit)
nur wenige Jahre dauern. Aber in den inzwischen auf der Erde
vergangenen Jahrtausenden hätte sich mit Sicherheit alles in
unvorstellbarem Maße verändert. Auch die menschliche Zivilisation,
wenn sie überhaupt noch existieren sollte, wäre kaum
wiederzuerkennen.

Nach der speziellen Relativitätstheorie ist es nicht möglich, ein


materielles Objekt auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, da es
dazu einer unendlichen Energiemenge bedarf. Das trifft auf ein
Raumschiff zu, auf uns selbst oder gar auf etwas Winziges wie ein
Elektron - kurz, auf alles, was Masse hat. Denn wenn ein Objekt durch
Energie beschleunigt wird, nimmt die Masse ständig zu. Aber das gilt
nur, wenn der Antrieb von außen erfolgt - wie beispielsweise das Rück-
stoßprinzip einer Rakete. Wenn aber ein Objekt - ein Raumschiff - in
irgendeiner Weise im Inneren angetrieben werden könnte, gäbe es
kein Problem mit dem Massezuwachs.
Was würde passieren, wenn wir etwa die Hälfte der ursprünglichen
Masse eines Raumschiffs in reine Energie umwandeln könnten und sie
gegen die Flugrichtung ausstoßen würden, und zwar so, daß wir stetig
nur mit IG beschleunigen? Dann würde das Raumfahrzeug durch
Aufrechterhaltung des Antriebsimpulses schließlich mit Lichtge-
schwindigkeit reisen. Theoretisch würde es für die Astronauten ein
knappes Jahr Bordzeit dauern, bis Lichtgeschwindigkeit erreicht
wäre. Aber an jedem anderen Ort im Universum würde für einen
hypothetischen Beobachter eine Ewigkeit vergehen (vorausgesetzt er
würde ewig leben), bis das Raumschiff auf Lichtgeschwindigkeit
beschleunigt hätte.

54
Ist die Lichtgeschwindigkeit erst einmal erreicht, steht dem
Raumschiff (hypothetisch) nichts mehr im Weg, um darüber hinaus
mit Überlichtgeschwindigkeit weiterzubeschleunigen.
Akzeptieren wir hier einmal die theoretische Möglichkeit der
Überlichtgeschwindigkeit und setzen uns mit Raumschiffen
auseinander, die sich schneller als Licht fortbewegen. Eine natürliche
Konsequenz der Schneller-als-Licht-Reisen hieße, rückwärts in der
Zeit, also in die Vergangenheit zu reisen. Es wäre sogar möglich, die
Zeit-Licht-Barriere mit einem begrenzten Aufwand an Zeit und
Energie zu überqueren - auch wenn dieser Vorgang für jeden
hypothetischen Beobachter außerhalb des Raumschiffs ewig dauern
würde. Ist aber erst einmal die andere Seite der Lichtgeschwindig-
keitsgrenze erreicht, könnten wir uns rückwärts in der Zeit fortbe-
wegen, aber auch jederzeit wieder über die Zeit -Licht-Barriere
umkehren. Bei der Wahl der richtigen Raum-Zeit-Koordinaten wäre
es möglich, jeden Moment in der Geschichte anzusteuern. Und wie
wir gesehen haben, könnten wir jeden Ort und Zeitpunkt im
Universum allein schon mit Unterlichtgeschwindigkeit, innerhalb von
knapp zwei Jahren, erreichen. Doch mit Überlichtgeschwindigkeit wäre
es möglich, die Zeit-Licht-Grenze vorwärts und rückwärts zu
überspringen, das heißt, das Tempo auf Unterlichtgeschwindigkeit zu
reduzieren und es dabei so einzurichten, daß wir jederzeit an den
Ausgangspunkt der Reise, die Erde, zurückkämen. Bei genauer Pla-
nung könnte unsere Ankunft sogar zwischen Bord- und Erdzeit
koordiniert werden. Überlichtgeschwindigkeit würde allerdings die
Herrschaft über Raum- und Zeitreisen mit sich bringen.

55
Die Lorentz-Transformation besagt, daß die Zeit für ein Objekt, das sich
mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt, zum Stillstand kommt. An einem
Photon - einem Lichtteilchen saust alles andere mit Lichtgeschwindig-
keit vorbei. Solch bizarre Bedingungen bringen einen weiteren
verblüffenden Effekt mit sich, und zwar die Raumkontraktion; das
heißt, die Entfernungen zwischen Objekten - Sternen, Galaxien etc. -
schrumpfen bei Lichtgeschwindigkeit auf Null als Konsequenz der
Fitzgerald-Lorentz-Kontraktion. Mit anderen Worten: Für
elektromagnetische Wellen ist Zeit nicht existent, sie sind im
Universum überall gleichzeitig. Entfernungen existieren für eine
elektromagnetische Welle also nicht. Sie ist überall im Universum
gegenwärtig, allerdings nicht für einen Beobachter.
Oft ist auch denjenigen, die sich näher mit Einstein befaßt haben,
nicht klar, daß die Relativitätstheorie grundsätzlich Überlichtge-
schwindigkeit nicht ausschließt. Wenn sich ein Partikel langsamer als
das Licht bewegt, benötigt es unendlich viel Energie, um auf
Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Die Einsteinschen Gleich-
ungen sind in der Beschreibung von Bewegung, mit dem Schwerpunkt
Lichtgeschwindigkeit, von Schönheit und Symmetrie. Unter anderem
heißt es darin: Falls ein Elementarteilchen existieren sollte, das
schneller als das Licht ist, wird es sich immer mit Überlichtge-
schwindigkeit fortbewegen. Auf der anderen Seite der Lichtbarriere
würde es aber unendlich viel Energie brauchen, um auf Lichtge-
schwindigkeit abzubremsen. Da die Gleichungen solche Schneller-als-
Licht-Partikel in Erwägung ziehen, erhielten sie sogar einen Namen:
Tachyonen. Er stammt aus dem Griechischen und ist mit schnell
oder flink gleichzusetzen. Im Gegensatz zu den hypothetischen
überlichtschnellen Tachyonen wurden die Langsamer-als-

56
Licht-Partikel Tardyonen benannt. Auf der anderen Seite der
Lichtschranke liegt eine absonderliche Welt, in der alles gegen den
Uhrzeigersinn abläuft. Bewegt man sich dort mit ein wenig
Überlichtgeschwindigkeit, läuft die Zeit langsam rückwärts. Darin ist
eine gewisse Logik, denn wenn die Zeit bei Annäherung an die
Lichtgeschwindigkeit langsamer abläuft und dann bei Lichtge-
schwindigkeit stillsteht, muß sie bei Überlichtgeschwindigkeit
langsamer laufen, als stillzustehen, das heißt also, sie muß rückwärts
laufen. Je schneller man sich in der Tachyonenwelt fortbewegt, um so
schneller läuft die Zeit rückwärts. Und je mehr Bewegungsenergie ein
Teilchen aufweist, um so langsamer bewegt es sich. In anderen Worten:
»Durch die Energiezufuhr wird ein Teilchen immer näher an die
Lichtgeschwindigkeitsbarriere gebracht. Verliert ein Tachyon aber
Energie, bewegt es sich immer schneller und rast in der Zeit zurück«,
stellt der englische Wissenschaftsautor John Gribbin in Jenseits der Zeit
fest.
Nachdem die Existenz überlichtschneller Partikel - zumindest
theoretisch - möglich ist, kann es auch nicht weiter überraschen, daß
einige Elementarphysiker Überlegungen hinsichtlich des Nachweises
solcher Partikel angestellt haben. Eine Möglichkeit ist hier die soge-
nannte Cherenkow-Strahlung.
Die nach ihrem Entdecker Pavel Cherenkow benannte Strahlung
folgt einem Partikel, das sich mit Überlichtgeschwindigkeit durch
Materie bewegt, sozusagen auf dem Fuß. Ein sich schnell
fortbewegendes Objekt erzeugt beim Durchbrechen der Schallmauer
einen Knall. Bei einem sich schnell fortbewegenden geladenen
Teilchen ist es ähnlich, da es einen optischen Knall auslöst. Jedoch
ein im Vakuum befindliches geladenes Teilchen, das sich schneller als
Licht bewegt, müßte die bläulich schimmernde Cherenkow-Strah-

57
lung abgeben, vorausgesetzt, daß es noch über genug Energie zum
Abstrahlen verfügt.
Durch die Cherenkow-Strahlung wäre es wahrscheinlich möglich,
hypothetischen geladenen Tachyonen auf die Spur zu kommen.
Allerdings müßten zuerst die kosmischen Strahlenschauer nach diesen
aus dem Weltraum stammenden Teilchen in der oberen Schicht der
Erdatmosphäre abgesucht werden. Wenn es zu einem »Zusam-
menstoß« zwischen einem energiegeladenen kosmischen Strahlungs-
teilchen und einem gewöhnlichen atomaren Teilchen kommt, wird
ein Schauer weniger energiereicher Teilchen erzeugt, die sich auf der
Erde nachweisen lassen. Handelt es sich bei einigen auf diese Weise
entstandenen Partikeln um Tachyonen, bewegen sich diese rückwärts
in der Zeit. Sie erreichen die auf der Erde installierten Meßgeräte
nicht nur früher als die meisten anderen Teilchen im Schauer, son-
dern sogar noch bevor die ursprüngliche kosmische Strahlung mit der
oberen Atmosphärenschicht in Berührung gekommen ist.
Die mit kosmischer Strahlung befaßten Forscher haben ihre
Ergebnisse akribisch nach Spuren solcher Vorläuferzacken, die von
ihrem Meßinstrumentarium kurz vor Ankunft der üblichen
kosmischen Strahlenschauer angezeigt wurden, durchsucht. Dabei
stießen sie auf einige passende Hinweise, wenn daraus auch
keinesfalls die eindeutige Existenz von Tachyonen abgeleitet werden
kann. Allerdings sorgten die hypothetischen Tachyonen bereits zu
Anfang der siebziger Jahre für einige Aufregung. 1973 stießen die in
Australien arbeitenden Forscher Roger Clay und Philip Crouch auf
Hinweise von Zacken, die anscheinend auf Vorläuferteilchen
zurückzuführen waren, die sich mit Überlichtgeschwindigkeit
fortbewegt hatten. Bis heute ist allerdings

58
umstritten, ob diese Hinweise wirklich auf Tachyonen zu-
rückzuführen sind. Und daher »existieren« diese überlicht-schnellen
Teilchen eben nach wie vor lediglich in Form einer Hypothese.
Als Gerald Feinberg, damals Physikprofessor an der Columbia-
Universität, USA, seine aufsehenerregende Arbeit über Tachyonen
(Physical Review, 1967: »Possibility of faster than light particles«)
veröffentlichte, geriet die internationale Fachwelt in »Aufruhr«, da die
orthodoxe Zeitvorstellung damit auf den Kopf gestellt wurde.
»Was wir im Moment erreicht haben, kann man sich etwa
folgendermaßen vorstellen: Wir fahren einen Traktor vor eine Wand,
auf der anderen Seite kommen ein paar Schrauben an, allerdings in
unendlich hoher Geschwindigkeit«, erklärt der Kölner Physikprofessor
Günter Nimtz salopp sein Schneller-als-Licht-Experiment, das zu
weltweiten Debatten führte. In diesem Experiment bediente sich Nimtz
des sogenannten physikalischen Tunneleffekts: Eine Menge subato-
marer Teilchen, die danach auf eine feste Barriere aufprallt, wird
paradoxerweise nicht aufgehalten, sondern ein gewisser Prozentsatz
dieser Teilchen durchdringt sie angeblich mit Überlichtgeschwindigkeit.
Wenn es sich hier auch um ein bereits seit längerer Zeit bekanntes
Phänomen der Quantentheorie handelt, gelang es Professor Nimtz
doch als erstem, ein - wenn auch umstrittenes - Schneller-als-Licht-
Experiment durchzuführen: Er setzte die Mozart-Sinfonie Nr. 40 in
Mikrowellen um und brachte sie durch ein 11,7 Zentimeter langes
Hindernis, das die Mozart-Wellen »durchtunneln« mußten, auf ihre
über-lichtschnelle Reise. Nach Professor Nimtz sollen sie sich ihren
Weg mit 4,7-facher Lichtgeschwindigkeit durch das Hindernis
gebahnt haben.

59
Die Experimente von Professor Nimtz könnten unter Umständen
ihre Bestätigung in Versuchen finden, die Professor Raymond Chiao
von der Universität in Berkeley durchführte. Damit vollzog er die
Experimente von Professor Nimtz nach, j edoch nicht mit Mikrowellen,
sondern mit Laserstrahlen. Seine Schlußfolgerung lautete: Theoretisch
können auch Menschen »getunnelt« werden. Wie das allerdings ge-
schehen könnte, dafür blieb Chiao die Erklärung schuldig.
Die Anwendung der Überlichtgeschwindigkeit brächte übrigens
ungeheure Kausalitätsprobleme mit sich. Denn unsere Auffassung von
Ursache und Wirkung träfe dann nicht mehr zu, weil hier die Wirkung
der Ursache vorausginge. Angenommen, wir würden die Erde mit
unendlich hoher Geschwindigkeit, also mit Überlichtgeschwindigkeit,
verlassen, um den rund zwölf Lichtjahre entfernten Planeten Achele
des Doppelgestirns Epsilon Eridani aufzusuchen, wäre es dann rein
theoretisch - ebenso wie die Reise - möglich, mit einem Superteleskop
die »Ereignisse von vor zwölf Jahren« als aktuelles Fernsehen
mitzuerleben.
Die Verletzung des Kausalitätsgesetzes läßt sich hier durch das
Beispiel eines hypothetischen Tachyonentelefons gut demonstrieren:
Da sich Tachyonen schneller als Licht fortbewegen, also in
Blitzeseile in die Vergangenheit sausen würden, könnten sie
Nachrichten aus der Zukunft in die Vergangenheit übermitteln. Mit
anderen Worten: die Nachricht träfe vor ihrer Übertragung ein. Zur
interstellaren Kontaktaufnahme mit außerirdischen Zivilisationen
wäre also eine Tachyonensende- und -empfangsanlage ideal, da die
Verbindungsaufnahme damit ganz ohne Zeitverlust zu bewerk-
stelligen wäre, falls Tachyonen eines Tages tatsächlich nachgewiesen
werden sollten.

60
Leben unter Sternen

Einige Wissenschaftler gehen davon aus, daß jede fortgeschrittene


Zivilisation weise und gütig sein müßte, weil sie sich andernfalls
höchstwahrscheinlich selbst ausgerottet hätte - so, wie wir es allem
Anschein nach zu tun im Begriff sind. Lange anhaltender Fortschritt
könnte dagegen nicht nur bedeuten, daß sie die Gefahr der
Selbstvernichtung überwunden hat, sondern auch - ä la
»Independence Day« - den Drang, Aggressionen und Zerstörungswut
auf andere Welten zu übertragen.
Bei hochentwickelten Zivilisationen dürften Intelligenz und
technologisches Wissen sehr oft Voraussetzung sein. Ist solch ein
Entwicklungsstadium erst einmal erreicht, sind damit allerdings auch
nicht zu unterschätzende Gefahren verbunden wie: Ausbeutung natür-
licher Rohstoffquellen bis hin zum Totalverbrauch, kriegerische
Handlungen mit Kernwaffen oder anderen Selbstvernichtungsmecha-
nismen und auch nicht aufzuhaltende Überbevölkerung als globale
Bedrohung.
Mit welcher Lebenserwartung könnten Hochzivilisationen denn
überhaupt rechnen? Nach Kalkulationen des deutschen Astronomen
Sebastian von Hoerner liegt die kritische Phase für die Lebensdauer
einer Hochkultur bei viertausendfünfhundert Jahren. Gelingt es ihr,
einen solchen Zeitraum zu überdauern, hat sie berechtigte Aussichten,
ein hohes Alter zu erreichen, das unvorstellbare Möglichkeiten der

61
Weiterentwicklung in wissenschaftlich-technologischer und ethischer
Hinsicht in sich birgt. Hochentwickelte Zivilisationen haben sicher
schon längst die Erfahrung hinter sich gelassen, daß Krieg teuer ist.
Außerdem dürfte es kaum durchführbar sein, sich gegenseitig umzu-
bringen und gleichzeitig fortgeschrittene Technologien zu entwickeln,
die Reisen zu anderen Sonnensystemen ermöglichen.
Oberflächlich betrachtet hat es den Anschein, als habe die
Evolution des Lebens Jäger, Räuber und Krieger bevorzugt - Wesen,
die schnell sind, wendig und aggressiv. Dennoch scheint die
fundamentale Tendenz allen Lebens im Selbsterhaltungstrieb, in der
Kooperation und im Aufbau zu liegen. Auf unserer Erde bedeutet
Leben ein riesiges kooperatives Aufbauprojekt, das von unzähligen
Arten ausgeführt wird. Es ist also eine Art Symbiose auf globaler
Ebene. Von dem Standpunkt aus gesehen, wäre die Jagd –
beziehungsweise die Raublust - letztendlich nicht von überragender
Bedeutung, sondern entscheidender wäre hier das Koopera-
tionsverhalten. Denn schließlich würden zügellose und besonders
fähige Räuber-Jäger-Krieger für jeden Planeten nur eine einzige
überlebende Art bedeuten - nichts zu essen, außer sich gegenseitig
aufzufressen.

Vorausgesetzt, außerirdische Intelligenzen wären ebenso kontakt-


freudig wie wir Menschen, dann würden sie wahrscheinlich
versuchen, mit den unterschiedlichsten Kommunikationstechniken
Verbindungen herzustellen. Aber eine Verständigung mit Außerir-
dischen dürfte kaum einfach sein, wie intelligent und bereitwillig sie
auch sein mögen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit uns oder
anderen auszutauschen - zu teilen. Außerdem können wir kaum
erwarten, mit Wesen Verbindung aufzunehmen, deren Weltanschau-

62
ung und Auffassung sich von unserer unter Umständen so
unterscheidet, wie die von Delphinen sich von der von Ameisen
unterscheidet. So wissen wir zwar mittlerweile, daß Delphine und
bestimmte Wale mit großen, komplexen Gehirnen ausgestattet sind,
wir haben jedoch bisher keinen oder, sagen wir, nur einen ganz
beschränkten Weg gefunden, um mit ihnen zu kommunizieren. Wäre
es also möglich, sich mit einer anderen Zivilisation in einem
anderen Teil des Universums zu verständigen?
Der Astronom Dr. Carl Sagan war der Ansicht, daß die Mathe-
matik unsere beste Chance als interstellare Sprache sei. So könne
beispielsweise die Kenntnis von Primzahlen in der Erstellung eines
Kommunikationssystems hilfreich sein.
Der Astronom Frank Drake, Professor an der University of
California in Santa Cruz und Pionier auf dem Gebiet der Suche nach
Radiobotschaften von extraterrestrischer Intelligenz durch Radio-
teleskope, ist der Ansicht, daß selbst der einfachste Gedankenaus-
tausch von unschätzbarem Wert sein könnte. So beispielsweise ein
einfaches Ja oder Nein auf die Frage: »Können wir durch Kernfusion
Energie erzeugen?« Eine Antwort auf diese Frage würde der
Menschheit viele Milliarden Dollar und Jahre mühsamer Forschungsar-
beit ersparen.
In seiner Biographie Signale von anderen Welten stellt Drake unter
anderem fest: »Die Existenz von Außerirdischen ist kein Problem, das
sich auf theoretischer Ebene lösen läßt, gleichgültig, wie zwingend
die Argumente auch erscheinen. SETI (Suche nach extraterrestrischer
Intelligenz) ist per Definition eine experimentelle Wissenschaft. Wir
können sinnvolle Experimente durchführen, um zu entdecken, ob ir-
gendeine andere Zivilisation möglicherweise versucht, mit

63
uns zu kommunizieren. Durch eine entsprechende Entdeckung kön-
nten wir beweisen, daß sie existieren. Aber selbst im ungünstigsten
Fall, das heißt, wenn wir keine derartige Entdeckung machen, ist unser
Scheitern noch kein Beweis dafür, daß Fremdlinge nicht existieren.«
Es gibt eine beliebige Anzahl von Szenarien, in denen Leben
existiert, selbst hochgradig intelligentes Leben, aber es bleibt
unentdeckt. Sollten beispielsweise bestimmte Fremdlinge
Glasfaserstoffe für ihre gesamten Kommunikationsvorgänge in ihrer
Welt benutzen, dann würden keine Radiowellen ausgestrahlt werden,
und die Zivilisation bliebe für uns unsichtbar, daher können wir
niemals die Nichtexistenz von intelligentem oder anderem Leben im
Universum garantieren. Keine noch so große Zahl gescheiterter
SETI-Versuche erbringt den Beweis, daß wir allein sind. Wir können
nur nachweisen, daß es Leben gibt.
»Ich persönlich glaube nicht, daß wir mit leeren Händen aus unserer
Suchaktion gehen werden. Alle auf der Erde beobachteten physika-
lischen Prozesse hatten irgendwo ihre Gegenstücke. Die Chance, daß
ein beliebiger irdischer Prozeß einzigartig im Universum ist, dürfte die
unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten sein. Andere intelligente
Lebensformen werden sich äußerlich sehr von uns unterscheiden -sie
könnten dem Wesen aus E.T. ähneln oder uns durch ihre Schönheit
blenden -, aber, da bin ich sicher, Leben selbst ist ein weitverbreitetes
Phänomen«, so Drake.
Ein Erfahrungsaustausch mit einer außerirdischen Zivilisation
könnte allerdings auch eine Reihe von Problemen mit sich bringen.
Immerhin wäre es möglich, daß unser ethisches, moralisches,
religiöses und kulturelles Wertesystem in seinen Grundfesten
erschüttert würde, wenn wir uns mit völlig divergierenden
Erfahrungen und Ansichten auseinan-

64
dersetzen müßten. Wie wären dann unsere Reaktionen –Sprachlosig-
keit, Schock, Erstaunen, Aggression?! Was geschähe, wenn wir uns
mit wesentlich intelligenteren Wesen, als wir es sind, befassen müßten?
Würde sich unsere Unterlegenheit etwa in Depressionen, gar einem
globalen Minderwertigkeitskomplex äußern oder etwa in Haß
umschlagen?
Wie dem auch sei - gehen wir einmal davon aus, daß eine Kontakt-
aufnahme nicht unter so problematischen Umständen zustande käme
und der Empfang einer Radioteleskop-Botschaft zu bestätigen wäre.
Unmittelbar nach der Entdeckung eines intelligenten Signals folgt
die delikate Aufgabe, eine Antwort an die absendende Zivilisation zu
schicken. »Selbstverständlich habe ich darüber nachgedacht, was ich in
einer solch glücklichen Situation antworten würde. Auf diese
Gelegenheit habe ich immerhin mein Leben lang gewartet, und das
Warten konnte weder mein Vertrauen noch meinen Enthusiasmus
schmälern. Trotzdem kann ich nichts Genaueres sagen, denn wenn man
ernsthaft nachdenkt, lautet die einzige mögliche Antwort auf die Frage
>Was wirst du sagen?< schlicht: >Es kommt ganz darauf an<«, schreibt
Frank Drake.
Es kommt auf die Art des Signals an und darauf, was es uns sagt.
Es kommt auf die weltweite Reaktion an und auf die Entfernung, die
die Nachricht zurückgelegt hat. Denn wir werden keinen echten
Dialog mit Zivilisationen führen, die unendlich weit von uns entfernt
sind, nur ausgiebige Monologe, die sich auf dem interstellaren Postweg
in der Ewigkeit kreuzen werden. Es kommt darauf an, ob wir das Signal
verstehen. Da der Informationsgehalt einer solchen Botschaft
unendlich vielschichtig sein kann, wäre eine von langer Hand
vorbereitete und irgendwo in den Akten schlum-

65
mernde Antwort allenfalls eine von vielen denkbaren Möglichkeiten zu
reagieren. Sicher sollte jede Antwort vor ihrer Absendung weltweiten
gründlichen Überlegungen von erfahrenen Spezialisten unterliegen.
In einem immer wiederkehrenden Traum empfangen wir unser
ersehntes intelligentes Signal von irgendwoher aus der Galaxis. Das
Signal ist eindeutig. Es wiederholt sich immer wieder und gestattet
uns dadurch, seine Quelle zu bestimmen, die etwa zwanzigtausend
Lichtjahre von uns entfernt liegt. Das Signal ist periodisch polarisiert,
und offensichtlich hat es einen dichten Informationsgehalt. Aber es
wird durch so viele Nebengeräusche gestört, daß wir nicht eine einzige
Information entnehmen können. So wissen wir also nur, daß eine
andere Zivilisation existiert. Die Nachricht an sich ist nicht zu
dechiffrieren.
Sollte sich dieser Traum bewahrheiten, dann wird die dokumentierte
Entdeckung fremdartiger Signale natürlich schon die große Neuigkeit
sein. Gleichzeitig wird es ein Aufruf sein, der uns auffordert, das zu
tun, was immer getan werden muß. Beispielsweise ein viel größeres
Radioteleskop-System zu bauen, um Informationen über diese Zivili-
sation zu erhalten, die uns zeigen, welche Geheimnisse die Außerir-
dischen mit uns teilen wollen.
So könnte unsere Antwort auf eine Nachricht von einer
fremdartigen Zivilisation also eher eine Reaktion auf die Situation sein,
als eine tatsächliche Antwort an den Absender. Wir werden die ganze
Welt über das Ereignis informieren und ihr mitteilen, daß wir den
nächsten Schritt unternehmen, indem wir eine bessere Ausrüstung
bauen, mit deren Hilfe wir die empfangene Nachricht auch verstehen
wollen. »Wie gerne würde ich in einer solchen Situation den Gang
zum Kongreß übernehmen, um dort um Unterstützung für

66
das neue Projekt zu bitten. Ich glaube nicht, daß ich auf großen
Widerstand stoßen würde«, sagt Frank Drake.
Noch vor wenigen Jahren hat eine Reihe von Wissenschaftlern
die Möglichkeit außerirdischen Lebens kategorisch abgelehnt.
Inzwischen hat sich diese Einstellung grundlegend zugunsten der
Existenz extraterrestrischen Lebens gewandelt. Nicht zuletzt war dafür
die Entdeckung von Lebensbausteinen in den interstellaren Gas- und
Staubwolken sowie mikroorganismenähnlichen Strukturen in Meteo-
riten mitbestimmend. Das Aufspüren anderer Planetensysteme und
die überzeugende Hypothese, daß Kometen als Lebensbringer das
notwendige biologische Baumaterial zu jungen Planeten
transportieren, untermauern die Gewißheit, daß wir nicht allein sind
im All. Für die meisten Exobiologen und Evolutionsbiologen ist der
Gedanke humanoider Extraterrestrier bis heute unannehmbar; selbst
wenn sie bereit sind, exotisches beziehungsweise fremdartiges Leben
auf anderen geeigneten Planeten fremder Sonnensysteme zu
akzeptieren, ist es für sie unvorstellbar, daß die, wie sie meinen, »von
Zufällen gesteuerte Kausalreihe, die auf der Erde schließlich zum
Menschen geführt habe, woanders wiederholbar sein könne«.
Auch wenn diese Feststellung auf den ersten Blick zu bestechen
scheint, steht sie auf »wackeligen Füßen«. Denn es darf nicht
übersehen werden, daß die Existenz erdähnlicher Planeten in anderen
Sonnensystemen enorm hoch ist, wie aus Computersimulationen
hervorgeht, mit denen die Entstehung von Planetensystemen
nachvollzogen worden ist.
Wahrscheinlich entwickeln sich immer wieder Lebensformen, die
sich mit der Umwelt ihres Heimatplaneten erfolgreich
auseinandersetzen. In vielen Fällen sind dafür Sin-

67
nesorgane zur Wahrnehmung und »Greifwerkzeuge«, wie zum
Beispiel unsere Hände, notwendig.
Zudem war ich immer schon ein überzeugter Verfechter
morphogenetischer Felder und morphischer Resonanz. Auch habe
ich seit Jahren immer wieder darüber berichtet, wie beispielsweise in
meinem Buch Die Wächter von Eden.
Der englische Biologe Professor Rupert Sheldrake, Universität
Cambridge, geht davon aus, daß alle Formen in der Natur, also
Organisationsmuster, durch formbildende Felder bestimmt werden.
Diese morphogenetischen Felder verkörpern eine Art Gedächtnis der
Natur, das die Erfahrung aller Individuen einer Art - gleichgültig, ob
es sich um Pflanzen, Tiere, Menschen oder Außerirdische handelt -
speichert. Jedes Individuum stehe durch sogenannte morphische
Resonanz mit diesen Feldern in Verbindung, durch die sowohl seine
Entwicklung und Form als auch seine charakteristischen Verhaltens-
weisen gesteuert werden, meint Sheldrake.
»Jedes natürliche System einer bestimmten Art besitzt sein
eigenes spezifisches Feld, und so sprechen wir von einem Insulinfeld,
einem Buchenfeld, einem Schwalbenfeld ... Alle Arten von Atomen,
Molekülen, Kristallen, lebenden Organismen werden von solchen
Feldern geformt. Morphische Felder sind, wie die bekannten Felder der
Physik, nichtmaterielle Kraftzonen, die sich im Raum ausbreiten und
in der Zeit andauern. Sie befinden sich innerhalb und in der
Umgebung des Systems, welches sie organisieren.«
Sheldrake nimmt sogar an, daß die gesamte Evolution des
Universums durch morphische Felder bestimmt worden ist bzw. wird.
Die Theorie der morphischen Organisationsfelder deutet hier auf eine
entscheidende Konsequenz hin: Die sogenannte Selbstorganisation
von Lebenssystemen er-

68
hält durch morphische Resonanz Informationen von bereits
existierenden Systemen. Danach müßten Leben und Bewußtsein
unter der Voraussetzung geeigneter ökologischer Bedingungen im
Universum weit verbreitet sein. Nach die sem Prinzip wäre die
Voraussetzung humanoider Lebensformen im All in anderen
Planetensystemen gegeben.
Ein wichtiges Indiz für die Existenz außerirdischen Lebens könnte
der Marsmeteorit »Allen Hills 84001« sein, der sich vor etwa
dreizehntausend Jahren von der Marsoberfläche löste und nach
einem Irrlauf durch das All schließlich vom Gravitationsfeld der Erde
eingefangen wurde und dann in der Antarktis abstürzte. Sorgfältige
Untersuchungen haben ergeben, daß mikroskopisch kleine, wurmartige
und eiförmige Gebilde in diesen Meteoriten eingeschlossen sind, die
versteinerten irdischen Bakterien verblüffend gleichen. Zudem wurden
im Umfeld dieser Marsmikroben zum Beispiel auch noch die von
irdischen Bakterien ausgeschiedenen Magnetite und Eisensulfide
entdeckt. Übrigens besteht seit einigen Jahren kein Zweifel mehr, daß
»ALH 84001« vom Mars stammt. Denn NASA-Wissenschaftler haben
seine chemische Zusammensetzung mit Bodenproben des Viking Landers
verglichen und so eindeutig die verblüffende Übereinstimmung von
beiden festgestellt, auch wenn der Lebensnachweis in diesem
Meteoriten noch nicht stichhaltig erwiesen ist.
Der unter anderem mit revolutionierenden Fusions -Energie-
projekten befaßte amerikanische Plasmaphysiker Dr. John Branden-
burg hat kürzlich eine Entdeckung von weitreichender Bedeutung
gemacht. Es gelang ihm nämlich, in einer überzeugenden Analyse
nachzuweisen, daß einige von den auf der Erde eingeschlagenen Cl-
kohligen Chondriten oder dunklen Steinmeteoriten, mit ihrem
eingeschlossenen organischen Material, ursprünglich vom Planeten
Mars stam-

69
men. Er beweist anhand des am 14. Mai 1864 im Orgueil, bei
Toulouse in Frankreich, niedergegangenen sogenannten Orgueil-
Meteoriten, daß dessen eingeschlossene organische Verbindungen
durch den Einfluß von Wasser nichtirdischen Ursprungs
Veränderungen durchgemacht haben und die geochemische
Zusammensetzung dieses Meteoriten eindeutig auf den Mars hinweist.
Schon vor der Pathfinder-Mission bestanden kaum Zweifel, daß auf
der Marsoberfläche in einer früheren Periode große Wassermengen
vorhanden gewesen sein müssen, das heißt: große, flache Meere
beziehungsweise Seen. Brandenburg ist der Meinung, daß diese Cl-
Chondrite, die sich durch ihren Gehalt an Sauerstoff-Isotopen von
anderen kohligen Chondriten unterscheiden, der Südhemisphäre des
Planeten entstammen.

Die fünf bekannten CI-Meteoriten (kohlige Chondrite) gehören zu


einer Untergruppe exotischer, lehmartiger Meteoriten, die wie Ölschie-
fer aussehen und teerähnliches organisches Material enthalten.
Außerordentlich bemerkenswert ist jedoch, daß sie mit versteinerten
Mikroorganismen »vollgestopft« sind, die den primitiven Bakterien aus
der Frühgeschichte der Erde ähneln.
Der von der NASA im letzten Sommer bekanntgegebene
Marsmeteorit ALH 84001 unterscheidet sich wesentlich von den CI-
Meteoriten. Der NASA-Meteorit gleicht einem Lavabrocken, dessen
Risse mit Kalkstein ausgefüllt sind, und seine organischen Formen
können nur in millionste! Teilen gemessen werden; demgegenüber
enthalten die CI-Meteoriten einen organischen Anteil von ungefähr
zwei Prozent des Gesamtvolumens. Mit anderen Worten, sie
beinhalten über zwanzigtausend Prozent mehr organisches Material
als der NASA-Meteorit.

70
Da Meteoriten dieser Klasse seit langer Zeit bekannt sind, ist ihr
möglicher Ursprung vom Mars um so überraschender. Wie dem
auch sei - Brandenburg hat nachgewiesen, daß sie alle mit Sauerstoff
des auf dem Mars gefundenen spezifischen Gewichts ausgestattet
sind, der etwas schwerer ist als der auf der Erde vorhandene
Sauerstoff.
Die NASA-Entdeckung von Leben in einem Marsmeteoriten wird
stark unterstützt, wenn die von Brandenburg herausgestellte Meteoriten-
Klasse weiterhin als vom Mars stammend anerkannt wird. Mit einer
gültigen Bestätigung dieser Meteoriten als »Marsianer« wird
wahrscheinlich die von der NASA verfolgte entscheidende Frage in
der Marsforschung jetzt nicht mehr lauten: Hat es Leben auf dem
Mars gegeben, sondern: Welche Art von Leben existierte auf dem
Mars, und warum ging es unter?

Zur Fortentwicklung des Lebens ist vor allem eine lange Lebens-
erwartung des Muttergestirns, wie zum Beispiel bei unserer Sonne,
notwendig, damit die Ökosphäre - die Temperaturzone - lange genug
aufrechterhalten bleibt. Verantwortlich für die Geburt eines Sterns
ist die Gravitation, unter deren Einfluß sich interstellare Gas- und
Staubwolken bis zu einem Stadium verdichten, das zur Kernfusion
führt. Blicken wir zum dunklen Nachthimmel auf, erscheinen uns die
Sterne als Symbol der Ewigkeit. Jedoch verglichen mit der enormen
Zeitskala unseres Universums, haben Sterne nur eine relativ geringe
Lebensspanne. Sobald ihr nuklearer Treibstoff aufgebraucht ist, ver-
blassen einige von ihnen sanft, andere dagegen werden in einer
gewaltigen Explosion zu Supernovae und wieder andere verlassen
unser Universum mit einem unvorstellbar dramatischen Abgang.
Sterne sind durch ungeheure Entfernungen voneinander getrennt; so
ist

71
der uns nächstgelegene - abgesehen von unserer Sonne -, der 4,2
Lichtjahre entfernte Stern Proxima Centauri.
Pionier in der Entfernungsbestimmung von Gestirnen war der
Amerikaner Harlow Shapley (1885-1972). Aus seinen Beobach-
tungen vom Mount-Wilson-Observatorium in Kalifornien mit Hilfe von
Teleskop, Spektroskop und Fotometer leitete er eine Reihe bedeutender
Ergebnisse ab, so zum Beispiel: die Entfernung der Sterne voneinander,
die gegenseitige Umlaufgeschwindigkeit von Doppelgestirnen und
nicht zuletzt die Bestimmung ihrer Entfernung von der Erde. Zudem
erkannte er, daß unser Planetensystem keinen bevorzugten Platz in
einem Universum einnimmt, sondern lediglich in einem »Vorort der
Milchstraße« liegt.
Der entscheidende Durchbruch in der Entfernungsermittlung von
Himmelskörpern (auch am Mount Wilson) gelang jedoch Edwin
Powell Hubble (1889-1953). Dies allerdings sehr zum Leidwesen von
Shapley, der Hubble nicht ausstehen konnte. In seinen Augen war
dieser arrogant und anmaßend, vor allem aber brachte ihn dessen -
wie er sich ausdrückte - aufgesetzter Oxford-Akzent in Rage, und
das, obwohl Hubble doch, genau wie er selbst, in Missouri zur Welt
gekommen war! Hubbles Oxford-Studium spielte hier absolut keine
Rolle. Er, Shapley, stand voll und ganz zu seiner Überzeugung, daß
Hubble, wenn man ihn nachts plötzlich aus dem Schlaf risse, im
unverkennbaren Missouri-Jargon antworten würde. Hubble selbst gab
keinen Deut darauf, was die Leute von ihm dachten. Den meisten
kam der große Mann mit dem ausgeprägten Kinn, dem schmalen Mund
und dem durchdringenden Blick recht unzugänglich vor, wenn auch
sein Freundes- und Bekanntenkreis ganz anderer Ansicht war.

72
1929 entdeckte Hubble, daß sich die als eigenständig erkannten,
weit entfernten Galaxien von uns zurückziehen -und zwar um so
schneller, je weiter sie von uns entfernt sind. Nach dieser Erkenntnis
wird klar, daß Galaxien durch die Ausdehnung der Raum-Zeit
voneinander weichen, so wie sich die Flecken auf einem Luftballon
beim Aufblasen voneinander entfernen. Damals hatte Hubble aus den
»Flucht-Geschwindigkeiten der Galaxien die Expansionsrate des
Universums mit fünfhundert Kilometern pro Sekunde - pro
Megaparsec abgeleitet. Ein Megaparsec entspricht 3,26 Millionen
Lichtjahren. Aus dem Wert der sogenannten Hubble -Konstante läßt
sich der Zeitpunkt nachvollziehen (errechnen), an dem das
Universum noch ein hochkomprimierter Punkt war, der dann nach
dem Urknall zum expandierenden Universum wurde. Wie sich aber
herausstellte, war der erste Hubble-Wert viel zu hoch. Denn nach dieser
Konstante wäre das Universum lediglich zwei Milliarden Jahre alt -
also wesentlich jünger als die meisten Sterne.
Der amerikanische Astronom Allan Sandage erarbeitete 1956
einen neuen Wert der Hubble -Konstante, mit hundert-achtzig
Kilometern pro Sekunde, pro Megaparsec, dem ein fünf Milliarden
Jahre altes Universum entsprach. Später schraubte Sandage den
Wert auf fünfzig herunter, einem Alter des Universums von etwa
zwölf Milliarden Jahren entsprechend. Allerdings waren diese
Altersbestimmungen von der höchst unsicheren kosmischen
Massedichte abhängig.
1976 wurde Sandage von dem französischen Astronomen Gerard de
Vaucouleur, Universität Texas, mit einem der Hubble-Konstante
entsprechenden Wert von hundert herausgefordert sowie einem zehn
Milliarden Jahre alten Universum. Darüber entbrannten hitzige
Debatten zwischen

73
den Kontrahenten, von denen jeder eigenwillig darauf bestand, im
Recht zu sein. Es ist möglich, daß die Hubble-Konstante nicht nur einen
feststehenden Wert hat, sondern unterschiedliche, die für die diversen
Entwicklungsstadien des Universums gelten könnten. Nach wie vor
bleibt der genaue Wert der Hubble-Konstante als Indiz für die
Altersbestimmung des Universums äußerst umstritten. Die
Messungen sind kompliziert und stützen sich auf das Prinzip der soge-
nannten Rotverschiebung.
Schon 1923 war dem amerikanischen Astronomen Vesto Slipher
vom Lowell-Observatorium die sonderbare Tatsache aufgefallen, daß
bei sechsunddreißig von einundvierzig untersuchten Galaxien das
Licht zum roten Ende ihres Spektrums verschoben war. Edwin Hubble
deutete die Rotverschiebung anfänglich durch den sogenannten
Doppler-Effekt, benannt nach seinem Entdecker, dem österreich-
ischen Mathematiker und Physiker Christian Doppier (1803-1853).
Der Doppler-Effekt läßt sich an einem einfachen Beispiel erläutern:
So klingt der Pfeifton eines sich nähernden Zuges höher als unter
normalen Umständen, aber tiefer, wenn sich der Zug entfernt. Denn
beim Näherkommen des Zuges werden die Schallschwingungen enger
zusammengedrängt, während sie sich mit der Entfernung ausdehnen.
Dasselbe trifft auch auf Licht und alle anderen Wellenarten zu. Die
Rotverschiebung mit ihren längeren Wellen entspricht also der
Entweichgeschwindigkeit der Galaxien. Nähert sich jedoch ein Stern
oder eine Galaxie, verschiebt sich das Licht zum blauen Ende - es
wird also kurzwelliger.
Nunmehr neuesten Schätzungen nach liegt die Hubble-Konstante
zwischen etwa fünfzig bis achtzig Kilometern pro Sekunde, pro
Megaparsec.

74
Ebenso paradox wie problematisch ist die Ansicht der meisten
Kosmologen, das Universum sei fünfzehn Milliarden Jahre alt.
Astronomen behaupten jedenfalls, daß die ältesten im dichten
Kugelsternhaufen entdeckten Sterne sogar sechzehn bis neunzehn
Milliarden Jahre alt sind. Damit stellt sich die Frage des»Alters-
Paradoxons«. Denn offensichtlich kann das Universum nicht jünger
sein als seine alten Sterne.
Entweder ist die Altersbestimmung des Universums falsch - das
wäre der festgelegte Wert der Hubble-Konstante -, oder die Daten der
Kugelsternhaufen stimmen nicht. Der Astronom Gustav Andreas
Tammann, Professor für Astronomie an der Universität Basel, legt
jedenfalls einen Hubble-Wert von fünfundfünfzig Kilometern pro
Sekunde, pro Megaparsec, zugrunde. »Es deutet vieles daraufhin, daß
die Kugelsternhaufen nicht so alt sind, wie häufig behauptet wird, und
es kann sehr wohl sein, daß sie nur knapp mehr als zwölf Milliarden
Jahre alt sind. Dann scheint alles recht gut stimmig«, sagt Tammann.
Da nahe gelegene Sternsysteme unter dem Einfluß der
gegenseitigen Gravitationsfelder stehen, müssen Astronomen, um
die durch die kosmische Expansion verursachte Rotverschiebung
messen zu können, weit ins All hinausblicken, zum Beispiel zum
rund fünfzig Millionen Lichtjahre entfernten Virgo-Sternhaufen.
Schon in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts hatte der
Physiker Georg Gamow prophezeit, daß sich eines Tages die
Reststrahlung des Universums beziehungsweise des Echos von vor
knapp zwanzig Milliarden Jahren als gültig erweisen würde. Das
geschah dann auch 1965 durch die Physiker Arno Penzias und Robert
Wilson von den Bell-Telephone-Laboratorien in Holmdel, New Jersey.
Das von ihnen als lästige Störung empfundene Geräusch in ihrer Horn-

75
antenne stellte sich als kosmische Hintergrundstrahlung von drei
Kelvin (damals drei Grad Kelvin) heraus. Sie gilt bis heute als
überzeugender Hinweis auf den Urknall und wird als seine gekühlte
Reststrahlung gedeutet.
In der homogen erscheinenden Hintergrundstrahlung registrier-
te der COBE-Satellit kleine Fluktuationen - »Ripples« -, die sozu-
sagen das Echo des Urknalls verkörpern.- Nach Vermutung von Alan
Guth, Massachusetts Institute of Technology, Paul Steinhardt,
University of Pennsylvania, und dem russischen Physiker Andrej
Linde, Moskau, muß dem »Urknall« eine Phase raschen Aufblähens
vorausgegangen sein, eine sogenannte Inflationsphase.
Auch Anfang des 21. Jahrhunderts dürfte der Inflationstheorie in
der kosmologischen Forschung das Hauptinteresse zukommen. Die
mit dem Satelliten COBE erzielten Entdeckungen besiegelten
sozusagen den Bund zwischen Quantenphysik und Kosmologie.
Zudem wurden diese durch weitere Beobachtungen aus dem
Weltraum sowie irdische Experimente noch untermauert.
Mit der Entdeckung kosmischer Schwankungen erhielt vor allem
die entscheidende Frage eine Antwort, wie sich Unregelmäßigkeiten
von der Größe der Galaxien und Galaxienhaufen in dem aus der
gewaltigen Explosion des Urknalls entstehenden Universum überhaupt
entwickeln konnten. Die »Ripples« entsprechen Temperaturschwank-
ungen der Hintergrundstrahlung an verschiedenen Stellen des
Weltraums von nur einem dreißigmillionstel Grad Kelvin. Mit einer
derartigen Messung ist allerdings eine Spitzenleistung erbracht worden.
Die Fluktuationen der Hintergrundstrahlung des Universums sind von
einer Größenordnung, die den Dichteschwankungen entsprachen, als
sich Materie und Strahlung im Frühstadium des Kosmos trennten.

76
Ob sich das Universum nun bis in alle Ewigkeit ausdehnt - sich also
nach dem Zeitpfeil ausrichtet - oder in ferner Zukunft in sich
zusammenstürzt, um durch eine neue Inflationsphase - dem Zeitrad
folgend - wieder zu erstehen, hängt von seiner Materiedichte ab -
und nicht zuletzt auch davon, ob sich unsere Vorstellungen von der
Wirklichkeit mit der Wirklichkeit vereinbaren lassen.

77
Dimensionen des Unmöglichen

Meine Herren! Die Anschauungen von Raum und Zeit, die ich
Ihnen entwickeln möchte, sind auf experimentellphysikalischem
Boden erwachsen. Ihre Tendenz ist eine radikale. Von Stund an
sollen Raum für sich und Zeit für sich völlig zum Schatten
herabsinken, und nur eine Art Union der beiden soll Selbständigkeit
bewahren«, eröffnete Einsteins ehemaliger Lehrer, der Mathematiker
Hermann Minkowski (1864-1909), bei der »Versammlung Deutscher
Naturforscher und Ärzte« in Köln seinen Vortrag.
Als einer von Einsteins Lehrern der Eidgenössischen Technischen
Hochschule in Zürich bezeichnete Minkowski diesen als sicherlich
sehr intelligenten, wenn auch »faulen Hund«, der »von Mathematik
nicht im geringsten belastet« sei. Doch nicht nur mit der Mathematik
hatte Einstein wenig im Sinn, auch in anderen Fächern wiesen seine
Kenntnisse, in Sichtweite der Abschlußprüfungen, erhebliche Lücken
auf. Denn Vorlesungen, die ihn langweilten, hatte er konsequent
geschwänzt. Um bei der Prüfung nicht durchzufallen, mußte Einstein
das Versäumte so gut es ging und mit Hilfe seines Freundes
Großmann sowie dessen akribisch geführten Vorlesungs-
aufzeichnungen nachholen.
Auch wenn Minkowski von Einstein als Schüler wenig beein-
druckt war, hielt er von dessen Relativitätstheorie um so mehr!
Minkowski ist es auch zu verdanken, daß er Ein-

78
Steins algebraische Darstellung der speziellen Relativitätstheorie als
Grundlage für seine geometrische Beschreibung der Raum-Zeit als
vierdimensionales Kontinuum benutzte und durch die Einführung
der Geometrie in die Relativität das Verständnis und die Klarheit der
Einsteinschen Theorie wesentlich verbesserte.
Einstein beschrieb Minkowskis Beitrag mit folgenden Worten:
»Die den Forderungen der speziellen Relativitätstheorie genügenden
Naturgesetze nehmen mathematische Formen an, in denen die
Zeitkoordinate genau dieselbe Rolle spielt wie die drei räumlichen
Koordinaten.« In gewisser Hinsicht war jedoch die von Minkowski
für sein Werk benützte Sprache noch wichtiger. So bezeichnete er
beispielsweise ein im dreidimensionalen Raum zu einem bestimmten
Zeitpunkt stattfindendes Ereignis als einen »Weltpunkt«. Eine Reihe
zusammenhängender Begebenheiten nannte er dagegen »Weltlinie«.
Die Zeit benannte er als »vierte Dimension«. Einstein war sich völlig
im klaren darüber, daß diese Sprache Unbehagen auslösen würde.
»Den Nichtmathematiker ergreift ein mystischer Schauder, wenn er
von >vierdimensional< hört, ein Gefühl, das dem vom
Theatergespenst hervorgerufenen gleicht«, schrieb er. »Und doch gibt
es keine allgemeinere Aussage darüber als die, daß unsere gewohnte
Welt ein vierdimensionales, zeiträumliches Kontinuum ist.«
Albert Einstein nach existieren also alle Objekte in einem
vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum mit eng untereinander
verknüpften Dimensionen.
Der Begriff Dimension war in der altgriechischen Geometrie noch
leicht verständlich. Denn hier war ein einfacher Punkt
nulldimensional. Eine Linie ohne Breite und Höhe wurde
eindimensional genannt und eine sich in Länge und

79
Breite ausdehnende Fläche - wie beispielsweise die Seite einer Zeitung -
galt als zweidimensional. Ein Raum, der lang, hoch und breit ist, war
dreidimensional, und die Zeit, die beispielsweise im Schlaf vergeht,
war die vierte Dimension. Mittlerweile, besser gesagt, seit wenigen
Jahren ist die geometrische Vorstellung der Dimensionen erheblich
komplizierter geworden. So entdeckten Mathematiker im Falle einer
Küstenlinie zum Beispiel, daß die Dimension einer endlosen
komplexen, steigungslosen Linie über eins liegt. Mit anderen
Worten, sie befindet sich zwischen einer Linie und einer Fläche.
Aufgrund der Chaostheorie werden wir heute also mit fraktalen
Dimensionen konfrontiert. Doch das ist nicht alles, denn sogar unsere
erprobten Raum-Zeit-Dimensionen haben sich mittlerweile durch das
Bestreben, das Universum mit Hilfe der Geometrie auf einen Nenner
zu bringen, in der Zahl erhöht.
Ursprünglich wurde das Konzept weiterer Dimensionen, wie
bereits erwähnt, 1919 durch Theodor Kaluza und Oskar Klein im Jahr
1926 vorgelegt.

In der Quantenphysik wird das Verhalten eines Elektrons, Photons


oder eines anderen Teilchens durch Gleichungen mit vier Variablen
beschrieben. Die sogenannte Schrödingersche Gleichung - benannt
nach dem österreichischen Physiker Erwin Schrödinger (1887-1961),
der sie als erster aufgestellt hat - ist eine Standardform dieser
Gleichungen. Kleins Beschreibung der Schrödingerschen Gleichung
enthielt fünf statt der ursprünglichen vier Variablen, und er erbrachte
den Nachweis, daß die Lösungen dieser Gleichungen nunmehr als
Teilchenwellen darstellbar seien, die sich unter dem Einfluß von
Gravitationsfeldern ebenso fortbewegen wie unter dem von
elektromagnetischen Feldern.

80
Heute werden alle Theorien, in denen Felder geometrisch in mehr als
vier Dimensionen dargestellt werden, Kaluza-Klein-Theorien
genannt.

Nachdem die Vereinheitlichung der elektromagnetischen und der


schwachen Kraft gelungen war, suchten Elementarphysiker und
Mathematiker nun nach einem »renormalisierbaren« Muster zur
Vereinigung aller Naturkräfte. Einige Vorschläge zur Vereinigung der
elektroschwachen Kraft und der starken Wechselwirkung kamen in
den siebziger Jahren »auf den Tisch«. Um das Problem der
Unendlichkeit lösen zu können, wurde der starken Kernkraft nun
erstmals die Eigenschaft der Renormalisierbarkeit zuerkannt. Ein
weiteres Problem ließ sich jedoch nicht bewältigen: Das nur zu be-
kannte Hindernis der Gravitation wollte hier nicht passen. Denn der
Quantenfeldtheorie zufolge stehen die Gravitonen - also die Teilchen
der Gravitation - in gegenseitiger Wechselwirkung. Daraus entstünden
endlos komplexe Netze mit der Anomalie unendlich starker Kräfte.
Eine ausweglose Situation, da dieses Modell nicht renormalisierbar ist.
Eine Lösung stünde möglicherweise mit der Superstring-Theorie im
Zusammenhang.
Die erste in den siebziger Jahren veröffentlichte String-Theorie
geht auf den an der Universität Chicago tätigen renommierten
japanischen Physiker Yoic hiro Nambu zurück. Er stellte mit dieser
Theorie ein neues, provozierendes Konzept der Elementarphysik zur
Diskussion: Danach sind Elementarteilchen nicht punktförmig,
sondern vielmehr vibrierende, rotierende »Strings« (Schleifen
beziehungsweise Fäden) von lediglich 10~13 Zentimetern Länge.
Nambu zufolge soll es sich bei Elementarteilchen um ausgedehnte Ob-
jekte im Raum handeln, deren innere Anregungszustände

81
zur Entstehung verschiedener Energieniveaus und Resonanzen führen.
Die Superstring-Theorie ist eine Weiterentwicklung durch John
Schwarz vom California Institute of Technology und Michael Green
vom Queen Mary College in London, die sie optimistisch als TOE
(»theory of everything« = »Theorie für alles«) bezeichnen.
Das Baumaterial der Materie wären danach winzigste, superfeine
schwingende Fäden - Strings. Im Grunde genommen handelt es sich
bei diesen Strings um eindimensionale Unebenheiten im
Raumgefüge, die an beiden Seiten offen oder geschlossen sein
können wie ein Gummiring oder eine geschlossene Schleife. Jeder
String ist in einem bestimmten Schwingungszustand, so wie die
verschiedenen, von einer schwingenden Violinsaite erzeugten
Obertöne, welche in diesem Beispiel den verschiedenen
Elementarteilchen entsprechen.
Nachdem in der neuen Theorie die punktförmigen Teilchen durch
die Strings ersetzt wurden, erübrigten sich die gefürchteten
Unendlichkeiten bei der Quantenbeschreibung der Kräfte.
Wegen der winzigen Größe der Strings, für die unser derzeitiges
Beobachtungsinstrumentarium viel zu groß ist, sehen wir die Strings
möglicherweise nur als punktförmige Elementarteilchen.
Nach wie vor sieht es so aus, als wäre die Superstring-Theorie die
einzige Möglichkeit, um die Relativitätstheorie, wenn auch in
abgewandelter Form, mit der Quantenmechanik in Einklang zu
bringen - allerdings nur durch die Einführung zusätzlicher
Dimensionen.
Zur Zeit setzen einige theoretische Physiker ein Universum aus
dem niedrigsten Energiezustand des Superstring-

82
Modells voraus; das würde ein Universum aus sechs unendlich kleinen,
verdichteten beziehungsweise zusammengerollten und vier intakten
Dimensionen bedeuten. Teilchen würden sich bei diesem Modell als
eindimensionale Strings in einer zehndimensionalen Raum-Zeit
»bewegen«. Nach dieser neuen Vorstellung wäre das Universum aus
einem zehndimensionalen Zustand beziehungsweise aus einer Art
zehndimensionaler Energie entstanden.
Nach dem Urknall »... krümmten sich einige Dimensionen in sich
selbst und führten zu den Strukturen, die wir als Materie bezeichnen,
also zu den >Teilchen<, die in diesen zusammengerollten Dimensionen
schwangen; dabei entstanden auch die Naturkräfte als sichtbare
Äußerungen der Verzerrungen in der zugrundeliegenden Geometrie«,
schreibt John Gribbin in Die erste Genesis.
In seinem kosmischen Modell führte der brillante Roger Penrose,
Mathematikprofessor an der Universität Oxford, acht Dimensionen
ein. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Schüler Stephen William
Hawking (geb. 1942) erhielt er 1988 den Wolf-Preis für die Arbeit:
»Zu unserem Verständnis des Universums«.
In den sogenannten Twistors sieht Penrose den Urstoff des
Universums. Twistors sind abstrakte geometrische Objekte, die in
einem höherdimensionierten, der Raum-Zeit zugehörigen
Raumkomplex operieren. Diese ineinander verschlungenen,
Möbiusschleifen ähnelnden Gebilde sind in einem aus vier Raum-
und vier Zeitdimensionen bestehenden Kosmos bestimmend. Aus den
vier Zeitdimensionen von Penrose ergeben sich rein theoretisch
faszinierende Möglichkeiten, da hier das Kausalitätsprinzip außer Kraft
gesetzt wird. Folglich könnten zum Beispiel sowohl Zeitreisen in die
Zukunft als auch in die Vergangenheit unternommen werden.

83
»Meiner Ansicht nach machen wir einen großen Fehler, wenn wir
die normalen physikalischen Regeln auf die Zeit anwenden, um uns
mit dem Bewußtsein auseinanderzusetzen: Tatsächlich wird die Zeit
von uns in einer recht merkwürdigen Art und Weise wahrgenommen.
Jedenfalls glaube ich, daß eine unterschiedliche Auffassung für den
Versuch notwendig ist, bewußte Wahrnehmung in einem konventio-
nellen geordneten Zeitrahmen zu plazieren. Bewußtsein ist schließlich
das einzige uns bekannte Phänomen, demzufolge Zeit überhaupt
fließen muß! Die Art, in der die moderne Physik die Zeit handhabt,
unterscheidet sich grundsätzlich nicht von derjenigen, mit der Raum
behandelt wird, und die beschriebene physikalische >Zeit< fließt
eigentlich überhaupt nicht; wir haben eben eine statisch erscheinende
fixierte >Raum-Zeit<, in der sich die Ereignisse in unserem Universum
abspielen! Unserer Wahrnehmung nach fließt die Zeit dennoch. Ich
vermute, daß hier eine Art Illusion im Spiel ist und die von uns
wahrgenommene Zeit in Wirklichkeit nicht in einer linearen
Vorwärtsbewegung dahinfließt, wie wir es empfinden. Ich bin der
Ansicht, daß wir hier unseren Wahrnehmungen etwas unterstellen,
damit sie im Zusammenhang mit der einheitlich fortschreitenden Zeit
einer äußeren physikalischen Realität vernünftig erscheinen«, stellt
Roger Penrose in The Emperor's New Mind fest.
Im Lauf meiner Recherchen zu meinem Buch Die Wächter von Eden
und dem ZDF-Film Auf den Spuren der Weltformel war es mir vergönnt,
mit Roger Penrose in der Universität Oxford ein unvergeßliches
Gespräch zu führen. Als wir uns verabschiedeten, erwähnte er noch,
daß ihn die »Nahtstelle« zwischen Materie und Geist besonders
fasziniere. Künstliche Intelligenz oder »Computerdenken« seien mit
dem menschlichen Bewußtsein nicht gleichzustellen, zumal die
Bewußt-

84
seinsabläufe unseres Gehirns weit über das Computerkonzept
hinausgingen und sich durch die derzeitige Wissenschaft nicht
zufriedenstellend erklären ließen.
Der internationale Ruf von Penrose und Hawking steht allerdings
im Zusammenhang mit den sogenannten Schwarzen Löchern
beziehungsweise Singularitäten. Nach Penroses Vorstellungen ist die
Einbeziehung der Gravitation in die Quantenphysik - also die
Quantisierung der Gravitation -von ausschlaggebender Bedeutung.
Zudem stellen Penrose und Hawking im Rahmen der allgemeinen
Relativitätstheorie unter Beweis, daß sich das Konzept der Singularität
nicht umgehen läßt (Singularität = mathematischer Punkt unendlicher
Dichte). Außerdem konnten die beiden Wissenschaftler nachweisen,
daß der Beginn des Universums niemals verstanden werden würde,
wenn sich nicht ein Weg fände, die Gravitation mit allen anderen
Kräften in einer einzigen folgerichtigen »Theorie« für alles zu
vereinen.
Eine Singularität ist ein »Ort«, an dem die uns bekannten Gesetze
der Physik ihre Gültigkeit verlieren. Wörtlich genommen bedeutet
die Gleichung: Es ist ein Punkt von null Volumen und unendlicher
Dichte - ein geradezu absurder Gedanke! Doch in den sechziger Jahren
zeigten Stephen Hawking und Roger Penrose, daß man nicht um eine
Singularität am Anfang der Zeit herumkommt, falls die allgemeine
Relativitätstheorie eine genaue Beschreibung der Funktionsweise des
Universums ist. Die Art der kosmischen Expansion, wie wir sie heute
in Verbindung mit Einsteins Gleichungen beobachten, ist der Beweis
für eine Singularität am Anfang.
Die Vorstellung der Singularität beziehungsweise der Schwarzen
Löcher geht auf den 1873 geborenen deutschen Astronomen Karl
Schwarzschild zurück, der bis zu seinem

85
Tod am 11. Mai 1916 Direktor des Astrophysikalischen Observa-
toriums in Potsdam war. Er hatte schon vor Einstein erkannt, daß
sich das Universum nicht nach Euklidischer Geometrie erfassen läßt.
Kurz nachdem Einstein seine allgemeine Relativitätstheorie
veröffentlicht hatte, untersuchte Schwarzschild die Geometrie der
Raum-Zeit in unmittelbarer Nähe massereicher Sterne. Aus seinen
Berechnungen ergab sich, daß grundsätzlich jeder Stern von mehr als
dreifacher Sonnengröße einen kritischen Radius haben mußte, dem
ein geradezu unheimlich anmutender Vorgang zugrunde lag. Sobald
ein Stern bis auf ein Maß unterhalb des sogenannten Schwarzschild-
Radius zusammenstürzt, kolla biert er unaufhörlich weiter bis zu
unvorstellbarer Dichte - bis zu einem Punkt, wo er sich aus
unserer Raum-Zeit »verabschiedet«. Dieser kritische Radius wurde
zu einem wichtigen Bestandteil der theoretischen Astrophysik.

Ein Stern wie unsere Sonne bezieht seine Energie aus einem riesigen
Wasserstoffvorrat, der natürlich irgendwann einmal erschöpft sein
wird. Wann der Zeitpunkt eintritt, ist von der Masse der Sonne
abhängig und von ihrem Energieverbrauch, ihrer Leuchtkraft. In
der Regel sind die großen schweren Sterne auch die
leuchtkräftigsten. Das führt allerdings auch zu einem schnelleren
Verbrauch ihres Brennstoffvorrats. Also Sterne, die sozusagen auf
großem Fuß le ben, haben eine kürzere Lebensdauer.
Besonders leichte Sterne von weniger als einer halben
Sonnenmasse können mit ihrem Wasserstoffhaushalt unter
Umständen bis zu tausend Milliarden Jahre überdauern. Immerhin
reicht der Vorrat unserer Sonne für rund elf Milliarden Jahre. Sterne
der fünffachen Sonnenmasse brauchen ihren Brennstoff dagegen
schon in hundert Millionen Jahren

86
auf, und noch massereichere Sterne von der zwanzig - oder gar
dreißigfachen Größe sind bereits nach einigen Millionen Jahren
»ausgebrannt«, das heißt: die Wasserstoff-Fusion ist zu Ende.
Unsere Sonne mit ihren bisher knapp fünf Milliarden Jahren hat
etwa die Hälfte ihres Kernbrennstoffs verbraucht. In weiteren fünf
Milliarden Jahren ist der Wasserstoff im Zentrum aufgebraucht.
Dann arbeitet sich der Fusionsprozeß langsam schalenförmig nach
außen vor, und damit vollzieht sich eine deutliche Veränderung des
Stern-Erscheinungsbildes. Während er sich aufbläht, wird seine
Oberfläche kühler. Auf diese Weise entwickelt sich ein normalerStern
zum sogenannten Roten Riesen. Im Kern des Roten Riesen
verdichtet sich das beim Verschmelzungsprozeß des Wasserstoffs
entstandene Helium. Daraus folgt eine weitere Kernreaktion sowie die
Fusion von Helium zu Kohlenstoff und Sauerstoff. Durch diese
Reaktion wird allerdings weniger Energie erzeugt als vorher beim
Verschmelzen von Wasserstoff, außerdem dauert sie nicht so lange.
Das Leben des Sterns neigt sich dem Ende zu. Auf welche Weise, ist von
der Masse abhängig. Sterne bis zur l,4fachen Masse der Sonne
sterben, indem sie ihre Plasmahülle explosionsartig abstoßen. Ihr
Überbleibsel ist in diesem Fall ein klein er, heller Stern - ein
sogenannter Weißer Zwerg, der langsam abkühlt, eine geringere
Leuchtkraft hat und schließlich zum Schwarzen Zwerg wird. Auf diese
Weise hauchen die meisten Sterne ihr Leben aus.
Größere Sterne werfen ihre Hülle in einer gewaltigen Explosion -
einer Supernova - ab. Was übrig bleibt, ist ein sehr kleiner, ungeheuer
dichter Neutronenstern. Noch größere Sterne, deren Masse die der
Sonne um ein Vielfaches übertrifft, beulen die Raum-Zeit im Verlauf
ihres Verdichtungs-

87
prozesses in derartigem Maß aus, daß schließlich ein rotierender
Gravitationstrichter entsteht, in dem der zur Singularität
geschrumpfte Stern untergeht. Nur das rotierende Schwarze Loch
erinnert an seine ehemalige Existenz. Schwarz, weil die Schwerkraft
innerhalb des sogenannten Ereignishorizonts so immens stark ist, daß
daraus nicht einmal mehr die Lichtteilchen - die Photonen -
entkommen können. Die Raum-Zeit-Struktur um ein Schwarzes Loch
ist derart gekrümmt, daß eine Art Horizont entsteht, der nach außen
und nach innen wirkt. Wenn sich (theoretisch) jemand außerhalb des
Ereignishorizonts befindet, sieht er in Richtung Schwarzes Loch nur
schwarz. Und ein anderer, der sich (ebenfalls rein theoretisch)
innerhalb des Horizonts aufhält, würde außer schwarz auch nichts
sehen.
Durch seine unendlich starke Gravitation ist ein Schwarzes Loch
überaus »gefräßig« - es ist eine Art kosmischer Staubsauger, der
alles, was ihm vor den »Schlund« kommt, gierig verschluckt. Vom
Weltraumteleskop Hubble wurde im Zentrum der Galaxie NGC
4261 im Virgo-Haufen ein schwarzes Riesenloch von über
dreihundert Lichtjahren Durchmesser, aufgrund des von ihm
angesaugten leuchtenden Gas-und Staubrings, nachgewiesen.

Nach seiner Flucht vor den Nazis im Jahr 1933 in die Vereinigten
Staaten hatte sich Einstein in Princeton, New Jersey, niedergelassen.
Aber damit befand er sich auch abseits der europäischen Physiker-
und Philosophenszene. Doch es dauerte nicht allzu lang, bis er deren
Tradition nach Princeton übertrug und im Institute for Advanced
Study einen neuen Kreis um sich scharte, dessen Arbeit bald Früchte
tragen sollte. Unter anderem im Zusammenhang mit dem Raum-
Zeit-Konzept des 1911 geborenen John Archibald

88
Wheeler, der nicht nur zum großen Experten und Verteidiger der
Relativitätstheorie wurde, sondern auch zu einem der bedeutendsten
Kosmologen unserer Zeit.
So gab Wheeler zu bedenken: »Auf die Dauer hat sich keiner der
angeblichen Widersprüche zu den Voraussagen der allgemeinen
Relativitätstheorie bewahrheitet. Keine logische Inkonsequenz wurde
je in ihren Grundlagen entdeckt. Und keine anerkannte Alternative
von vergleichbarer Klarheit und Tragweite konnte je vorgebracht
werden.«
Im September 1939 veröffentlichte er in Zusammenarbeit mit
seinem Lehrer, dem berühmten dänischen Physiker und
Nobelpreisträger Niels Bohr (1885-1962), Pionier der Quanten-
mechanik, eine theoretische Abhandlung über den Kernspaltungs-
prozeß, genauer gesagt, über ein Tropfenmodell des Atomkerns. Es war
nicht nur die erste, sondern auch die letzte in der Physical Review frei
veröffentlichte, umfassende Studie auf diesem Gebiet, das danach
strengster Geheimhaltung unterworfen wurde.
1940 war Wheeler der Leiter einer Forschungsgruppe, die sich
mit der Quantenmechanik befaßte, welcher auch Richard Feynman
(1918-1988), Physiker am California Institute of Technology und
Nobelpreisträger, angehörte. Feynmans Theorie der sogenannten
Quantenelektrodynamik, kurz QED genannt, leistete einen wichtigen
Beitrag auf dem Weg zur Verschmelzung von spezieller
Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Aber bekannt wurde
Feynman vor allem durch seine Diagramme und die sogenannte S-
Matrix (S = Streuung), die sich mit der Kollision und Streuung von
Elementarteilchen befassen. Durch die Feynman-Diagramme lassen
sich viele Eigenschaften der Materie voraussagen.

89
Der Princeton-Physiker Wheeler hatte das Establishment nicht allein
durch eine in der Physical Review 1962 erschienene
Gemeinschaftsarbeit mit Robert W. Füller unter dem Titel »Causality
and Multiply-connected-Space-Time« (Kausalität und vielfach-
verbundene Raum-Zeit) herausgefordert. Darüber hinaus hatte
Wheeler längst nach Hinweisen gesucht, um die Kluft zwischen der
allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenphysik zu
überbrücken. Nach der allgemeinen Relativitätstheorie war er von
der Existenz »Schwarzer Löcher« - wie er sie getauft hatte - absolut
überzeugt. Er betrachtete sie als eine Art Treffpunkt zwischen der
allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenphysik. Aber gerade
daraus ergab sich für ihn, daß sich das Wesen der Raum-Zeit-Struktur
nur vom Standpunkt beider Theorien beurteilen läßt.
Der scheinbare Gegensatz zwischen der Relativitätstheorie und der
Quantenphysik war dafür »verantwortlich«, daß die moderne
Kosmologie das Universum als relativistische Szene hinstellt, in der
Energie und Materie von der Quantenphysik bestimmt werden und
nicht durch die Relativitätstheorie. Mit seiner Quantisierung des
Raums hat Wheeler nun versucht, die Raum-Zeit mit Hilfe beider
Theorien einzuordnen. Seiner Meinung nach kennt die Physik kein
Prinzip mit der gleichen universalen Macht wie die Quantenphysik.
»Je mehr wir ihr nachgehen, um so klarer wird, daß sie das wichtigste
Prinzip zu sein scheint, von dem sich alles andere irgendwie ableitet«,
sagt Wheeler.
Theoretisch hat Wheeler die Unschärferelation insgesamt auf
Raum, Zeit, Materie und Energie ausgedehnt. Hier wird die
kosmologische Raumgeometrie nur als eine Wahrscheinlichkeitstheorie
angenommen - sozusagen als die Summe der Unscharfen aller
Raumquanten im Universum.

90
Für Wheeler setzt sic h der Raum aus sogenannten Geonen, also
Raumquanten zusammen. Die daraus von ihm entwickelte neue
Wissenschaft wurde unter der Bezeichnung Geometrodynamik
bekannt. Sie behandelt die Geometrie als gekrümmten Raum, das
heißt, die Dynamik der Geometrie selbst. Da Raum und Zeit
gekrümmt sind, müssen sie notwendigerweise über Masse verfügen.
Wheeler betrachtet die Krümmung der Raum-Zeit-Struktur durch die
Masse als Beweis für die Existenz seiner hypothetischen Geonen oder
Raumteilchen.
Einstein zeigte, daß es in Wahrheit nur gekrümmte Linien gibt und
keine geraden. Man müsse sie nur lange genug verfolgen, um diese
Tatsache zu erkennen. So beschreibe ein Lichtstrahl, der das gesamte
Universum durchquere, einen vollständigen Kreis, bevor er zu seinem
Ausgangspunkt zurückkehre. Mit diesem Beispiel erklärte Einstein auch
seinen berühmt gewordenen Scherz, daß jemand mit Luchsaugen, der
lange genug in den Himmel starre, schließlich seinen eigenen
Hinterkopf vor Augen hätte. Allerdings seien einige Ewigkeiten an
Geduld gefragt, bevor das »Hinterkopf-Licht-Bild« die Reise um das
Universum geschafft hätte.
Wheeler setzte also voraus, daß alles im Universum gewissermaßen
gekrümmt ist, ob es nun die Raum-Zeit-Struktur ist, Sterne oder
Planeten. Aber jede massive Fläche - aus welchem Material sie auch
immer beschaffen ist - weist bei starker Vergrößerung winzige
Löcher auf. Wheeler vermutete ähnliches in der Raum-Zeit-Struktur.
Er nimmt an, daß die gekrümmte Geonenwand winzige Löcher
aufweist, »Wurmlöcher«, wie er sie taufte, und veranschaulicht alles
durch einen Vergleich mit dem Ozean: Von einem Flugzeug aus zehn
Kilometern Höhe betrachtet, sieht er glatt und unbeweglich aus. Von
einem Boot im Wasser aus wirkt er un-

91
ruhig. Gischt schäumt, und Wellen brechen sich tosend an einer
Küstensteilwand. So scheint der Raum vom Standpunkt des
Normalbürgers aus glatt und unbewegt zu sein - auf atomarer und
nuklearer Ebene homogen. Könnten wir jedoch in Bereiche unterhalb
der Größe nuklearer Struktur vorstoßen, hätte die Raumstruktur das
Aussehen eines Schwamms. Die Raum-Zeit der Quanten-
Geometrodynamik kann auch mit einem Schaumteppich verglichen
werden, der durch Quantenfluktuationen immer wieder winzige
Löcher von 10~33 Zentimetern virtuell (die auftauchen, um sofort
wieder zu verschwinden) entstehen läßt.
Wheeler nimmt an, daß die gesamte Raum-Zeit-Struktur von
Wurmlöchern durchzogen ist und den Gesetzen der Quanten-
Geometrodynamik zufolge aus einer schaumartigen Struktur besteht.
Der auf der anderen Seite dieser Wurmlöcher liegende Wheelersche
Superraum beziehungsweise Hyperraum ist durch sie mit unserem
Universum verbunden. Im Superraum selbst gibt es weder Raum
noch Zeit; in dieser »unwirklichen« Welt würden sich alle Ge-
schehnisse sofort zeitlos abspielen. Jede Bewegung hätte sich
bereits mit ihrem Beginn vollzogen. Die Frage, ob die se Welt groß oder
klein ist, warm oder kalt, Ecken oder Rundungen hat, wäre ohne
Bedeutung, da es die uns bekannten Begriffe und Dimensionen dort
nicht gibt. Vergangenheit und Zukunft wären im Superraum
sinnlos. So verblüffte Wheeler seine interessiert lauschende
Zuhörerschaft vor der American Association for the Advancement of
Science mit einer faszinierenden Darstellung seines Superraums:
»Im Superraum wäre die Frage, was geschieht danach, nichtssagend.
Die Worte vorher, nachher und beinahe hätten hier keine Bedeutung
mehr, und der Begriff Zeit im üblichen Sinne wäre überhaupt nicht mehr
anwendbar.«

92
Wheeler vergleicht unser Universum in der Form mit einem Kranz.
Auf seiner festen, aus unzähligen Geonen bestehenden, gekrümmten
Oberfläche sind alle Sternensysteme situiert, während sich der
Superraum im Kranzloch befindet. Wheeler und Füller fragten sich, ob
ein mit Lichtgeschwindigkeit »reisendes« Signal von einem anderen
überholt werden kann, das eine viel kürzere Strecke durch ein
Wurmloch und den Superraum »vorzieht«, und ob die Gesetze der
allgemeinen Relativitätstheorie durch solche zeitlosen Reisen
verletzt würden? Sie kamen zum Schluß, daß Wurmlöcher nicht nur
aufgrund der Einsteinschen Theorie möglich sind, sondern auch als
Reiserouten durch sie hindurch.
Wie wir gesehen haben, sind diese Wurmlöcher jedoch so winzig,
daß sie als »Eingangstür« für größere Objekte, wie beispielsweise
Raumschiffe, offensichtlich ungeeignet wären. Allerdings sehen einige
Wissenschaftler, so zum Beispiel der Physikprofessor Matt Visser von
der Washington-Universität St. Louis, Missouri, in der Raum-
quantenfluktuation die Möglichkeit der Entstehung großformatiger
Wurmlöcher, die sich zur Durchführung von Zeitreisen eignen
könnten.

93
Die Schleusen des Hyperraums

KipInstitute
S. Thorne, Professor für theoretische Physik am California
of Technology, befaßte sich bereits Mitte der achtziger
Jahre mit der theoretischen Untersuchung von sogenannten Wurm-
beziehungsweise Schwarzen Löchern sowie möglichen Hyperraum-
Verbindungen durch die normale Raum-Zeit. Er beauftragte zwei
Doktoranden, Michael Morris und Ulvi Yurtsever, die Strukturen und
das physikalische Verhalten von Wurmlöchern theoretisch zu er-
forschen. Den damaligen Verfechtern der Relativitätstheorie war längst
klar, daß die Gleichungen der Relativitätstheorie solcherart
Verbindungen durch den Hyperraum zulassen.
Denn bereits 1935 war in der Physical Review eine Ge-
meinschaftsarbeit von Albert Einstein und Nathan Rosen unter dem
Titel »Das Partikel-Problem in der allgemeinen Relativitätstheorie«
in Princeton veröffentlicht worden. Als festen Bestandteil der
Schwarzschildschen Lösung stellten Einstein und Rosen mit ihren
Gleichungen unter Beweis, daß Schwarze Löcher in Wirklichkeit
Tore zu zeitlosen Brücken - sogenannte Einstein-Rosen-Brücken -
zwischen verschiedenen Regionen der normalen, der ebenen Raum-
Zeit verkörpern.
Morris und Yurtsever kamen in ihren Untersuchungen zum
Ergebnis, daß die Raum-Zeit-Geometrie der Wurm- oder Schwarzen
Löcher Zeitreisen theoretisch zuläßt. Mit anderen Worten: Nach den
uns bekannten physikalischen

94
Gesetzen sind solche Reisen möglich; und die Einstein-Rosen-Brücken
bieten uns Verbindungswege durch den Hyperraum, um weitentlegene
Bereiche des Universums praktisch im Nu zu erreichen.
Nach den ersten von Schwarzschild durchgeführten Berechnungen
Schwarzer Löcher wurde jedoch angenommen, daß Materie, die in ein
Schwarzes Loch gerät, zur Singularität zermalmt wird. Hypothetisch
würde demnach ein Raumschiff, das zufällig oder absichtlich in ein
Schwarzes Loch stürzt, untergehen; das heißt, die ungeheure
Schwerkraft und die mörderischen Röntgenstrahlen würden es
vernichten. Eine Vermutung, die durch den an der Universität Texas
in Austin arbeitenden neuseeländischen Physiker Roy P. Kerr widerlegt
werden sollte. In seiner Arbeit wies dieser nämlich eindeutig nach,
daß Schwarze Löcher rotieren. Und eine rotierende Masse wie ein
Schwarzes Loch würde dabei Raum und Zeit mitschleppen. Nach
Kerr sind die Eigenschaften eines rotierenden Schwarzen Lochs
außerhalb des Ereignishorizonts denen von Schwarzschild ähnlich.
Aber das Innere des Schwarzen Lochs ist hier völlig anders. Denn nach
Schwarzschild geht beispielsweise ein Objekt, das in ein Schwarzes
Loch stürzt, in der Singularität unter. Doch Kerr zufolge kann ein
solches Objekt die Singularität vermeiden, wenn es das rotierende
Schwarze Loch - diesen Zeittunnel - durchquert, um in einem
anderen Teil des Universums oder gar in einem fremden Universum
mit anderen Naturgesetzen durch ein »Weißes Loch« wieder zum
Vorschein zu kommen. Nach der Kerrschen Lösung wären rotierende
Schwarze Löcher eine Art Transitschleusen zu anderen Welten und
anderen Zeiten. Vereinfacht: Ein Schwarzes Loch ist einem
Wasserstrudel mit riesiger Öffnung vergleichbar, die theoretisch
durchquert werden

95
kann, oder auch dem Auge eines Hurrikans, in dem Ruhe herrscht,
während außerhalb die Naturgewalten toben. Kerr konnte darüber
hinaus in seinen Gleichungen nachweisen, daß sowohl rotierende
Schwarze Löcher als auch rotierende Weiße Löcher über je zwei
Ereignishorizonte verfügen: einen äußeren und einen inneren. Dabei
ist der innere Ereignishorizont sozusagen das Gegenteil des äußeren,
in dessen Bereich Raum und Zeit entartet sind.
Die Struktur eines rotierenden Schwarzen Lochs ist somit recht
komplex: die Singularität im Zentrum ist kein mathematischer Punkt,
sondern ein Ring, durch den, wenn das Schwarze Loch massiv und
groß genug ist, theoretisch ein Raumschiff auf seiner Zeitreise -
vorwärts im Raum und rückwärts in der Zeit - hindurchtauchen
könnte. Die Ring-Singularität ist vom inneren Ereignishorizont
umgeben, den wiederum der äußere Ereignishorizont umschließt.
Das Ganze ist umhüllt von der mitgeschleppten Raum-Zeit-Schale, der
sogenannten Ergosphäre. Eine weitere Möglichkeit, Schwarze Löcher
als Transitschleusen zu anderen Raum-Zeit-Epochen beziehungs-
weise anderen Welten zu benützen, wäre eine Passage zwischen den
Horizonten.
Taucht ein Raumschiff mit seiner Besatzung theoretisch in ein
Schwarzes Loch ein und durchquert die Ring-Singularität, steht die
Welt nach neuesten Berechnungen sozusagen auf dem Kopf. Denn die
Besatzung stieße hier in eine »negative Raum-Zeit« vor, in der sich
die Schwerkraft zur abstoßenden Kraft umkehrt. Mit anderen Worten:
Das Raumschiff würde nicht mehr gezogen, sondern geschoben.
Schon das ist schwer genug zu verstehen; die dieses An ti-
Schwerkraft-Universum beschreibenden Gleichungen weisen jedoch
noch eine weitere, noch schwerwiegendere Folgeerscheinung auf.
Würde ein Astronaut durch den Ring

96
tauchen, jedoch in seiner Nähe bleiben und in einer entsprechenden
Bahn um den Mittelpunkt des Schwarzen Lochs kreisen, wäre er
damit auf einer Reise in die Vergangenheit. In gewisser Weise kann
man den Ankunftsort erreichen, bevor man abgereist ist. Aber es wäre
kaum möglich, sich mit dem Ausgangsort in Verbindung zu setzen, um
sich selbst eine Nachricht zukommen zu lassen, bevor man die Reise
angetreten hätte.
Noch exotischer als ein normales rotierendes Schwarzes Loch ist
eine sogenannte nackte Singularität. Denn sobald die Rotation eines
Schwarzen Lochs schnell genug ist, könnte es gegebenenfalls seine
Ereignishorizonte abstoßen und wäre damit ein nacktes Schwarzes
Loch. Die Konsequenz wäre hier, daß ein Raumschiff durch den
Ring in die Region der negativen Raum-Zeit vorstoßen würde und
wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren könnte, da die Einbahn-
straßenhorizonte nun kein Hindernis mehr wären. Denn
normalerweise sind Schwarze Löcher ja »Einbahnstraßen«, aus denen
es kein Zurück gibt.
»Wenn es irgendwo im Universum eine solche nackte Kerr-
Singularität gibt, wäre es im Prinzip möglich, von jedem derzeitigen
Aufenthaltsort aus an jeden Ort im Universum und in jede Zeit -
Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft -, in die man wollte, zu
reisen, wenn man den richtigen Weg findet«, stellt Gribbin fest.
Dazu wäre es nicht einmal nötig, die Lichtgeschwindigkeit zu
überschreiten. Außerdem lassen die Gleichungen der allgemeinen
Relativitätstheorie die Möglichkeit von Zeitreisen ausdrücklich zu.
Fraglos existieren rotierende Schwarze Löcher, da sie das Resultat
übergroßer Sterne sind, die sich um die eigene Achse drehen. In Die
Einstein-Rosen-Brücke habe ich diesen Pro-

97
zeß beim Zusammensturz eines solchen Sterns ausführlich
beschrieben. Um den Vorgang noch einmal kurz zusammenzufassen:
Wenn also ein solcher Stern am Ende seiner Lebensspanne
kollabiert, verringert sich der Abstand der Masse von der Achse, und
damit erhöht sich die Rotationsgeschwindigkeit - ähnlich wie bei einem
Eiskunstläufer, der beim Drehen einer Pirouette die Arme immer
näher an den Körper - zur Achse - bringt.
Je weiter der Verdichtungsvorgang eines Sterns fortschreitet, um so
mehr erhöht sich seine Rotationsgeschwindigkeit. So kann sich
beispielsweise ein Pulsar bis zu viermal oder noch öfter pro Sekunde
um die eigene Achse drehen. Da jedoch Schwarze Löcher bedeutend
massereicher sind als Pulsare, muß ihre Umdrehungsgeschwindigkeit
auch verhältnismäßig höher sein. Demzufolge verfügt jedes
Schwarze Loch über Masse und Drehimpuls. So dreht sich,
Berechnungen zufolge, ein Schwarzes Loch von zehn Sonnenmassen
etwa tausendmal pro Sekunde um die eigene Achse. Sein
Durchmesser wäre dabei etwa sechzig Kilometer, und die durch die
Zentrifugalkraft geschaffene Öffnung hätte einen Durchmesser von
rund sechshundert Metern. Dieses circa sechshundert Meter weite
»Loch« wäre sozusagen die »Pforte« zur Einstein-Rosen-Brücke
oder der Eingang zur augenblicklichen, zeitlosen Passage in einen an-
deren Bereich unseres Universums, wenn nicht gar zu Paral-
leluniversen.
Daher ist es zumindest vorstellbar, daß Schwarze Löcher mit ihrem
inneren Ereignishorizont theoretisch einer hochentwickelten
Raumfahrtzivilisation eine einzigartige Möglichkeit bieten könnten,
über die Einstein-Rosen-Brücke oder den Hyperraum ohne
Zeitverlust interstellare oder auch intergalaktische Reisen zu
verwirklichen.

98
Voraussetzung dazu wäre allerdings, daß ein in der Kreisbahn
um den Schwarzschild-Radius befindliches Raumschiff seine
Geschwindigkeit auf das Rotationstempo des Schwarzen Lochs
ausrichtet, um unbeschädigt in seine Öffnung eintauchen zu können.
Um sich der Randgeschwindigkeit des Schwarzen Lochs
anzugleichen, müßte das Raumschiff bei einem rotierenden
Schwarzen Loch von zehn Sonnenmassen auf wenig mehr als sechzig
Prozent der Lichtgeschwindigkeit beziehungsweise auf rund
hundertsie benundachtzigtausend Kilometer pro Sekunde beschleuni-
gen! Es würde über die Einstein-Rosen-Brücke oder durch den
Wheelerschen Hyperraum - sozusagen vorwärts im Raum und
rückwärts in der Zeit - durch einen Raum-Zeit-Sprung an einer
anderen Stelle im Universum aus einem Weißen Loch im normalen
Raum-Zeit-Kontinuum wieder zum Vorschein kommen. Allerdings
ist bisher nicht geklärt, ob diese rotierenden Zeitreisetunnel zu
Paralle luniversen führen oder ob sie in einer U-förmigen, durch die
enorme Schwerkraft verursachten Biegung tatsächlich wieder zu an-
deren Regionen unseres Universums leiten.
Lösungen für das Navigationsproblem der »Transitwege« durch
Schwarze und Weiße Löcher gibt es allerdings vorläufig nur in Form
von Modellvorstellungen. Einen ersten Anlauf in dieser Richtung
unternahm bereits in den sechziger Jahren Martin Kruskal, Spezialist
für Plasmaphysik und ein Kollege von Wheeler in Princeton. In einer
Reihe von Gleichungen arbeitete Kruskal ein Koordinatensystem aus,
mit dem er die Struktur eines Schwarzen Lochs beschreiben konnte.
Zumindest schuf er damit eine theoretische Basis zur Nutzung der
Schwarz-Weiß-Loch-Transitwege. Die Kruskalsche Metrik
beziehungsweise seine Diagramme bieten den Schlüssel zum
Verständnis Schwarzer Löcher. Später verbes-

99
serte Roger Penrose die Kruskalschen Raum-Zeit-Diagramme durch
graphische Darstellungen, die inzwischen unter der Bezeichnung
Penrose-Diagramme bekannt geworden sind.
Professor Reinhard Genzel und Dr. Andreas Echart vom Max-
Planck-Institut für extraterrestrische Physik in München
beobachteten das Zentrum unseres Sternensystems jahrelang mit
hochempfindlichen Infrarotkameras. Sie fotografierten es von der
Europäischen Südsternwarte in Chile aus und stellten dann beim
Vergleich ihrer Aufnahmen fest, daß sich die Sterne dort mit der
»sagenhaften« Geschwindigkeit von 5,4 Millionen Stundenkilometern
zum Zentrum bewegen. Dabei entdeckten die Wissenschaftler im
Zentrum der Milchstraße ein Schwarzes Loch, das nach ihren Be-
rechnungen zweieinhalbmillionenmal so schwer ist wie unsere Sonne.
Theoretisch könnte dieses gigantische Schwarze Loch als
Zeitmaschine dienen, allerdings nur in Richtung Zukunft. Dazu
hätten es die Astronauten nicht einmal nötig, ihr Raumschiff
wagemutig in den rotierenden schwarzen Gravitationsschlund
hineinzusteuern, sondern müßten sich nur in der Nähe des
Ereignishorizonts aufhalten. Je näher sie sich an diesen heranwagen
würden, um so stärker wären die Auswirkungen des
Zeitsprungeffekts. Bei einem geeigneten Orbit, am Rand des
Ereignishorizonts entlang, könnte die Reisedauer, den Uhren des
Raumschiffs entsprechend, nur einige Stunden dauern, während
draußen, im Universum der ebenen Raum-Zeit, Hunderte oder
Tausende von Jahren vergangen sind. Für die Raumfahrer käme das
einem gigantischen Zeitsprung in die Zukunft in nur wenigen
Stunden gleich.

100
Wir wollen uns einmal auf eine imaginäre Reise in ein Schwarzes
Loch begeben und davon ausgehen, daß sich außerhalb des
Ereignishorizonts ein Beobachtungsposten befindet. Von seinem
Standpunkt aus muß das von unserem Raumschiff ausgestrahlte Licht
an den Seiten des rotieren den Gravitationstunnels mit
Lichtgeschwindigkeit aufwärts »kriechen«, dabei jedoch die ständig
zunehmende Entfernung bewältigen. Auf dem Weg nach oben wird
das Licht zunehmend gedehnt; das heißt, es wird mehr und mehr zum
roten Ende verschoben, je tiefer unser Raumschiff in den
Höllenschlund eintaucht. Mit der stets größer werdenden
Entfernung und Beschleunigung des Raumschiffs verbindet der
Beobachtungsposten die immer stärkere Rotverschiebung und die im
gleichen Maß schwächer werdende Lichtquelle unseres Raumschiffs-
wenn diese auch (theoretisch) nie ganz aus seinem Blickfeld
verschwindet. In der Praxis würde die Rotverschiebung allerdings so
rapide zunehmen, daß das Licht wie auch jede andere
elektromagnetische Strahlung zu schwach wäre, um noch entdeckt
werden zu können.
Angenommen, wir würden auf unserem Weg ins Schwarze Loch von
unserem Raumschiff aus jede Sekunde, die wir uns weiter vom
Beobachtungsposten entfernen, ein Signal an ihn senden, dann muß
jedes der aufeinanderfolgenden Signale weiterhin die Wände des
endlosen Tunnels »aufwärtsklettern« und braucht daher immer länger,
um den Beobachter zu erreichen. Er hätte den Eindruck, als würde sich
das Raumschiff ständig langsamer fortbewegen, je mehr es sich dem
Ereignishorizont nähert. Soweit es den Beobachter betrifft, würde es
ewig dauern, dorthin zu gelangen. Wenn das Raumschiff den
Ereignishorizont nach endloser Zeit er reicht, wäre es für den
Beobachter allem Anschein nach in

101
der Zeit gefroren. Denn für ihn steht die Zeit um das Raumschiff still.
Nach dem Eintauchen in das Schwarze Loch wird für uns im
Raumschiff die Raum-Zeit-Struktur äußerst interessant. Es beginnt
damit, daß die Zeit raumähnlich wird und umgekehrt der Raum
zeitähnlich. In diesem Fall bedeutet die Raumähnlichkeit der Zeit,
daß alle normalerweise mit dem Raum in Verbindung gebrachten
Eigenschaften, zum Beispiel sich rückwärts und vorwärts bewegen zu
können, auf die Zeit zutreffen. Die Zeitähnlichkeit des Raums bedeu-
tet wiederum, daß die normalerweise mit der Zeit in Zusammenhang
gebrachten Eigenschaften nun auf den Raum im Schwarzen Loch
zutreffen; das heißt, wir können uns nur in eine Richtung bewegen -
vorwärts, es gibt kein Zurück. Wird jedoch die Zeit zum Raum,
können wir uns auch rückwärts - zurück in der Zeit bewegen. Beim
Passieren des Ereignishorizonts haben wir mit unserem Raumschiff
die Lichtgeschwindigkeitsgrenze überschritten und bewegen uns aus
diesem Grund nunmehr rückwärts in der Zeit - aber vorwärts im
Raum, Richtung Zukunft. Die Passage durch die Einstein-Rosen-
Brücke vergeht daher in Nullzeit (!), theoretisch könnten also durch
diese Abkürzungen gigantische Entfernungen ohne Zeitverlust
überbrückt werden.
Falls wir unsere Reise durch das Schwarze Loch und die Ring-
Singularität heil überstehen, werden wir von einem rotierenden Weißen
Loch sozusagen wieder »ausgespuckt«. Schwarze und Weiße Löcher
verbinden somit zwei Raum-Zeit-Kontinuen.
Schon 1969 hatte der brillante Oxford-Mathematiker Roger
Penrose im Zusammenhang mit Schwarzen Löchern eine großartige
Entdeckung gemacht. Ausgehend von den

102
Kerrschen Gleichungen sowie der Feldgleichung von Einstein fand er
heraus, daß Schwarze Löcher mit ihrem Drehimpuls die
Rotationsenergie des Raum-Zeit-Strudels speichern. Und da sich
dieser Vorgang außerhalb des Ereignishorizonts vollzieht, könnte dieses
enorme Energiepotential angezapft und genutzt werden. Bei einem
äußerst schnell rotierenden Schwarzen Loch wäre der Energieausstoß
achtundvierzigmal höher als der gesamte Nuklear-Energieausstoß der
Sonne. Wir werden noch erfahren, daß die Rotationsenergie eines
Schwarzen Lochs ein ideales Kraftwerk für eine Zeitmaschine
darstellen würde.
Der 1942 in Oxford geborene Cambridge-Theoretiker und -
Kosmologe Stephen William Hawking - der breiten Öffentlichkeit
bekannt geworden durch sein populäres Buch Eine kurze Geschichte der
Zeit - verblüffte die Welt der Astrophysiker mit der orakelhaften
Aussage, daß explodierende Schwarze Löcher nicht mehr schwarz
sind. Die Erleuchtung war ihm an einem trüben Novemberabend,
kurz vor dem Zubettgehen, gekommen - bei ihm ja kein einfacher
Prozeß, da er sich durch eine neuromuskuläre Erkrankung schon sehr
früh mit dem Rollstuhl abfinden mußte.
Nachdem er zur Überzeugung gekommen war, daß bestimmte
Schwarze Löcher Partikel abstrahlen und schließlich sogar
explodieren können - also nicht absolut schwarz sind -, arbeitete er die
Schwarze-Loch-Theorie noch einmal akribisch unter allen
Gesichtspunkten durch. Seitdem spielen seine theoretischen Studien in
der kosmologischen Forschung eine bedeutende Rolle.
In seiner Arbeit verband Hawking drei bis dahin getrennt
behandelte Begriffe - Gravitation, Quantenmechanik und Thermo-
dynamik. Damit verdeutlichte er, daß bestimmte Schwarze Löcher unter
besonderen Umständen einen Strom

103
von Partikeln abgeben. Dazu sagte Hawking später: »Es hatte den
Anschein, als seien die Schwarzen Löcher weiß geworden.« Mit
ausströmenden Partikeln, über die er förmlich gestolpert sei, hätte er
allerdings zuletzt gerechnet. Unerfreulicherweise hätten sie sein
Modell ruiniert, und er hätte nichts unversucht gelassen, um sie
wieder »loszuwerden«. Schließlich sei bis zu diesem Zeitpunkt immer
vorausgesetzt worden, daß Schwarze Löcher Materie zwar
»verschlukken«, aber nicht »ausspucken«.
Hawking ging von der Überlegung aus, daß sich Schwarze Löcher
unter Umständen auch schon während des gewaltigen
Entstehungsprozesses des Universums gebildet haben könnten. Selbst
wenn Sterne mit unter drei Sonnenmassen nicht durch ihren
Massedruck zu Schwarzen Löchern kollabiert waren, war ihm
bewußt, daß sich Kompressionsvorgänge dieser Art während der
Geburt des Universums durchaus abgespielt haben könnten. Doch
auch andere Einflüsse hätten dafür verantwortlich gewesen sein
können, da auch Himmelskörper mit unter drei Sonnenmassen durch
quantenmechanische Prozesse zum Schwarzen Loch werden können.
So hätte beispielsweise der Schwarzschild-Radius für unsere Sonne
einen Durchmesser von etwa drei Kilometern. Würde sie sich auf
dieses Volumen verdichten, wäre sie als Schwarzes Loch nicht mehr
»auffindbar«.
Weil durch den Entstehungsprozeß unseres Universums Schwarze
Urlöcher vorausgesetzt werden müssen, ist wahrscheinlich auch unsere
Milchstraße von unzähligen Schwarzen Minilöchern durchsetzt. Die
einem Schwarzen Urloch entsprechende Masse käme dabei ungefähr
einer Milliarde Tonnen gleich, wenn es auch nicht größer als ein Proton
wäre und im Raum-Zeit-Kontinuum nicht einmal einem »Wes-

104
penstich« entspräche. Der Schwarzschild-Radius muß, nach Hawking,
nur die Größe eines Elementarteilchens haben, um durch die
allgemeine Relativitätstheorie sowie die Quantenmechanik definiert
werden zu können. Damit wäre ein Schwarzes Miniloch quasi ein
Bindeglied zwischen den Gesetzmäßigkeiten, die Makro- und
Mikrokosmos bestimmen. Das bedeutet, daß Gravitation auch den
Gesetzen der Quantenmechanik unterliegt. Auch die Quanten-
gravitation ließe sich demzufolge als Wechselwirkung von Partikeln
einordnen.
Der Raum spielt für Hawking bei Entstehungsprozessen eine
Schlüsselrolle. Elementarteilchen wie Elektronen und ihre »Spiegel-
bilder«, die Positronen, bilden sich ständig als Komplementärpaare
aus »geborgter« Energie, die höchstwahrscheinlich von starken
Gravitationsfeldern stammt. Die »geschuldete« Energie fände dann ihren
Ausgleich in der gegenseitigen Zerstrahlung.
Sollte einer der beiden kurzlebigen Partikel im Umkreis eines
Schwarzen Lochs dort hineingeraten, könnte sich sein »hinter-
bliebener« Partner ungehindert vom Schwarzen Loch »absetzen«.
Einem in weiter Entfernung zuschauenden Beobachter würde aller-
dings der Eindruck vermittelt werden, als würde der Zurückgelassene
geradewegs das Schwarze Loch verlassen. Die zur Existenz dieses
Partikels benötigte Energie - das heißt, die geborgte, aber nicht
zurückerstattete Masse - hätte ihren Ursprung in der Masse-Energie
des Schwarzen Lochs. Nach Hawkings Berechnungen müßten zu
kleine Schwarze Minilöcher, die deswegen nicht geeignet wären, dem
Raum Materiemengen zu entziehen, außen am Rand ständig
Strahlungsenergie abgeben. Ein Prozeß, durch den sich die Masse des
Schwarzen Lochs natürlich laufend reduzieren würde.

105
Nach der Darstellung von Hawking würde das Schwarze Loch
durch den aufgrund der Strahlung eintretenden Energieverlust mit der
Zeit evaporieren. Wegen seiner Materiestruktur käme es dann
irgendwann zu einer Explosion von der Stärke einer Hundert-
Millionen-Megatonnen-Bombe, von einer Flut von Gammastrahlen
und hochenergetischen Partikeln begleitet. Bei normalen, also großen
Schwarzen Löchern aus stellarer Materie hätte dieser sogenannte
Hawkingsche Strahlungsprozeß praktisch keine Auswirkungen.
Je kleiner Schwarze Löcher sind, um so heißer werden sie, jedoch
nimmt ihre Lebensdauer auch entsprechend ab. Für Hawking wöge
ein urzeitliches Schwarzes Loch eine Milliarde Tonnen, hätte eine
Temperatur von hundertzwanzig Millionen Grad, wäre heißer als
weißglühend und würde harte Gammastrahlen aussenden. Inzwischen
wäre es für die mit unserem Universum gleichzeitig entstandenen
Schwarzen Minilöcher an der Zeit, in einer gewaltigen Explosion zu
verdampfen.
Ein durch Sternimplosion entstandenes, jüngeres Schwarzes Loch von
beispielsweise etwas über zwei Sonnenmassen hat eine sehr niedrige
Temperatur. Aus diesem Grand verläuft der Evaporationsprozeß
anfangs auch sehr langsam, und zwar so langsam, daß mehr als 1067
Jahre vergehen, bevor es merkbar schrumpft, jedoch später, beim
zunehmenden Schrumpfprozeß, erhitzt es sich nicht nur dementspre-
chend, sondern gibt auch mehr Strahlung ab, und der Evaporations-
prozeß beschleunigt sich. Wenn sich die Masse des Schwarzen Lochs
von tausend bis zu hundert Millionen Tonnen reduziert hat und sein
Ereignishorizont nur noch den Bruchteil der Größe eines Atomkerns
beträgt, erhitzt sich die Temperatur des Schwarzen Lochs von einer
Trillion

106
bis auf hunderttausend Trillionen Grad, um sich dann in einem
Sekundenbruchteil in einer ungeheuren Explosion aufzulösen.
»Wenn das, was wir für wirklich halten, von unserer jeweiligen
Theorie abhängt, wie können wir dann die Wirklichkeit zur
Grundlage unserer Philosophie machen? Ich würde sagen, ich bin
tatsächlich insofern ein Realist, als ich glaube, daß uns ein Universum
umgibt, das darauf wartet, untersucht und verstanden zu werden ...
Aber ohne eine Theorie können wir nicht erkennen, was am
Universum real ist. Deshalb vertrete ich die Auffassung, die man als
schlicht oder naiv bezeichnet hat, daß eine physikalische Theorie nur
ein mathematisches Modell ist, mit dessen Hilfe wir die Ergebnisse
unserer Beobachtungen beschreiben. Eine Theorie ist eine gute
Theorie, wenn sie ein elegantes Modell ist, wenn sie eine umfassende
Klasse von Beobachtungen beschreibt und wenn sie die Ergebnisse
neuer Beobachtungen vorhersagt. Darüber hinaus hat es keinen Sinn zu
fragen, ob sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt, weil wir nicht
wissen, welche Wirklichkeit gemeint ist«, reflektiert Stephen
Hawking in »Einsteins Traum«.
Einige Autoren haben die Wurmlöcher enthusiastisch als
Zeitreisepassagen propagiert. Dabei wurde aber oft übersehen, daß die
sogenannten Wurmlöcher instabil sind - im Gegensatz zu den großen
Schwarzen Löchern. Wurmlöcher öffnen sich nur einen winzigen
Moment, um sich sofort wieder zu schließen. Der Vorgang vollzieht sich
in Blitzeseile, so daß nicht einmal ein Partikel genügend Zeit zum
Durchschlüpfen fände.
Daher ist es auch nicht weiter erstaunlich, daß einige Physiker
den Versuch gemacht haben, den Eingang eines Wurmlochs
theoretisch mit bestimmten Techniken offenzu-

107
halten. Um Wurmlöcher von ihrer natürlichen Tendenz des Sich-
Verschließens abzuhalten, hat sich zum Beispiel Kip S. Thorne mit der
(abstoßenden) Antigravitation befaßt, dem »Spiegelbild« der
(anziehenden) Gravitation.
Ließe sich Antigravitation künstlich produzieren? Manchmal entsteht
sie, weil sich die Energie des Quantenfeldes hin und wieder negativ
verhalten kann. Da Energie Masse voraussetzt, ist negative Energie
also gleichbedeutend mit negativer Masse beziehungsweise, rein
theoretisch, Antigravitation.
Es wäre auch eine weitere Möglichkeit für die Quanten-
Antigravitation denkbar. Nach der allgemeinen Relativitätstheorie hat
die Gravitation ihren Ursprung sowohl im Druck als auch in der Masse.
Exotische Quantenprozesse könnten einen derartigen Druck ausüben,
daß ihre Gravitationskraft mit jener der Masse wetteifert. Unter
bestimmten Bedingungen kann dieser Druck nicht nur
außerordentlich groß sein, sondern sich auch negativ in Form von
Antigravitation auswirken. Unter Einbeziehung dieser Möglichkeiten
analysierten Thorne und seine Mitarbeiter eine Anzahl von
Wurmloch-Lösungen, wo es gelungen war, den Tunnel durch die
Quanten-Antigravitation offenzuhalten, ohne die bekannten
physikalischen Gesetze zu verletzen. Durch die Materie zusammen-
ziehende und damit auch Singularitäten erzeugende Schwerkraft wird
der Eingang des Wurmlochs verschlossen. Soll er offen bleiben, muß
ein negatives, Druck ausübendes Feld - gleichbedeutend mit
Antigravitation -vorhanden sein. Die mit dem Unterdruck verbundene
Antigravitation hebt die Wirkung der Schwerkraft innerhalb des
Wurmlochs auf und hält damit seinen Eingang offen.
Der 1909 im Haag geborene Physiker Hendrik Casimir entdeckte
bereits 1948 einen Weg zur Erzeugung von Quan-

108
ten-Antigravitation: den sogenannten Casimir-Effekt. Das heißt,
zwischen zwei parallel aufgestellten Metallplatten, die nur ein winziger
Zwischenraum trennt, kommt es durch eine Fülle vergänglicher
elektromagnetischer Wellen aller Längen zu Störungen im
sogenannten Quantenvakuum, das zu einer minimalen
Anziehungskraft führt.
Nachdem nur bestimmte Strahlungswellenlängen zwischen beiden
Platten Platz finden, sausen weniger virtuelle Photonen zwischen den
Platten umher als außerhalb. Daher wirkt eine äußere Kraft auf die
Platten ein und drückt sie zusammen. Mit anderen Worten, ein
Antigravitationseffekt entsteht.
Es besteht also die Überlegung, den Casimir-Effekt in den Ein-
und Ausgängen künstlich erzeugter Wurmlöcher zu installieren, um sie
somit zu Zeitreisemaschinen umzufunktionieren.
Eine weitere intellektuelle Spielerei geht von dem Gedanken aus,
mit Hilfe der Anziehungskraft der Gravitation den Ausgang eines
Wurmlochs zu dessen Eingang zu schleppen, so wie man beispielsweise
Anfang und Ende eines Gartenschlauchs nebeneinander plaziert. Der
Zeitreisende würde in die Öffnung des Wurmlochs eintauchen, aber
durch einen Zeitsprung umgehend am gleichen Ort, jedoch zu einer
anderen Zeit, am Ausgang des Wurmlochs wieder auftauchen.
Existiert vielleicht schon eine Art Verbindungsnetz für
Zeitreisende im All, das bereits von fortgeschrittenen fremden
Zivilisationen benutzt wird?
Ein Princeton-Physiker hält die sogenannten kosmischen Strings für
diesen Zweck geeignet.

109
Zeitmaschinen und String-Antriebe

Jede Reise durch Raum und Zeit besteht aus zwei Bewegungsarten:
aus Raumreisen und aus Zeitreisen. Die eine ist ohne die andere
nicht denkbar. Während ihrer Rotation um sich selbst dreht sich die
Erde gleichzeitig um die Sonne. Und innerhalb der Milchstraße bewegt
sich unser Sonnensystem, während sich unser Sternensystem zur
gleichen Zeit innerhalb seines Galaxienhaufens fortbewegt.
Theoretisch wären Zeitreisen ohne Raumreisen zwar machbar,
wenn auch unsinnig. Denn würden wir uns zweihundert Jahre in der
Zeit fortbewegen, aber nicht im Raum, fänden wir uns irgendwo im
Weltall wieder, aber nicht dort, wo sich die Erde vor zweihundert
Jahren befunden hat.
Würde uns jedoch eine Raum-Zeit-Maschine zur Kaiserkrönung
Karls des Großen transportieren, die am 25. Dezember des Jahres 800
durch Papst Leo III. vollzogen wurde, hätten wir uns nicht nur in der
Zeit rückwärts bewegt, sondern auch im Raum und befänden uns also
zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf der Erde.
Vergleichbares geschähe, wenn wir eine Zeit-Raumreise ins Jahr
1712 unternähmen, um dem französischen »Sonnenkönig«, Ludwig
XIV., in Versailles einen Besuch abzustatten. Wir würden den
gewählten Ort auf der Erde zum richtigen Zeitpunkt erreichen. Wenn
also von Zeitreisen die Rede ist, geht es immer um Reisen durch die
Raum-Zeit.

110
Der amerikanische Kosmologe Richard Gott von der Princeton-
Universität schlägt vor, die sogenannten kosmischen Strings als
»Schnellstraßen« für Zeitreisen in die Vergangenheit zu nutzen. Einige
Kosmologen betrachten diese kosmischen Strings als Relikte, die kurz
nach dem Urknall unseres Universums entstanden sind. Nach der
heftigen Inflationsphase des Kosmos in den ersten Sekundenbruchtei-
len der Schöpfung verlief, dieser Theorie zufolge, nicht alles
gleichmäßig und glatt. Nach Berechnungen haben sich die mit
diesem Übergang in Zusammenhang stehenden Feldveränderungen
wahrscheinlich eher in voneinander getrennten, unterschiedlichen
Regionen des frühen Universums - in sogenannten Domänen -
unabhängig voneinander vollzogen. An den Grenzen dieser durch den
Übergang der Inflationsphase zum heutigen Universum entstandenen
Domänen kam es jedoch durch negative Schwerkraft zu Verzerrungen in
der Raum-Zeit-Struktur. Diese »Risse« in der Raum-Zeit blieben in
Form sehr dünner, unendlich langer Röhren-Strings erhalten. Nach
dieser Vorstellung betrüge ihr Durchmesser eintausend Milliarden
Milliarden Milliardstel eines Zentimeters. Dennoch hätte etwa ein
Kilometer Länge dieser kosmischen Strings das Gewicht der gesamten
Erde. Und ein solcher sich quer über das Universum erstreckender
»Faden« von zehn Milliarden Lichtjahren Länge könnte in einer Kugel
von weniger als der Größe eines Atoms zusammengeballt werden,
hätte jedoch ein Gewicht wie ein Superhaufen von Galaxien. Einige
Kosmologen vermuten sogar, daß Galaxien beziehungsweise
Galaxienhaufen überhaupt erst durch die Gravitationsenergie der
String-Schleifen entstanden sind. In diesen kosmischen Strings sollen
heute noch nicht die superdichten, exotischen Energiefelder des
frühen Universums enthalten sein.

111
Nach der Auffassung von Richard Gott können kosmische Strings
die Raum-Zeit derartig verzerren, daß sie von einem Zeitreiseschiff zu
einer Reise in die Vergangenheit benutzt werden könnten.
Angenommen, zwei unendlich lange, parallel verlaufende Strings
würden mit annähernd Lichtgeschwindigkeit in entgegengesetzter
Richtung aneinander »vorbeibrausen«, dann würde das
Zeitreiseschiff zunächst entlang dem sich in seiner Richtung
bewegenden String navigieren, um in einer Schleife zum
entgegengesetzt »vorbeirasenden« String überzuwechseln. Bei
wiederholtem Überwechseln von einem String zum anderen im
Bereich der Zeitschleifen wäre es dem Zeitreiseschiff möglich, weit in
die Vergangenheit vorzudringen. Auf das dabei entstehende Granny-
Paradoxon kommen wir später zu sprechen.
Der in London geborene und heute an der australischen
Universität in Adelaide lehrende Physiker Paul Davies stellt zu den
Gottschen String-Reisen in About Time bissig fest: Es handele sich um
reines »make believe«, das unter dem Problem leide, daß Strings mit
der erforderlichen Struktur, Bewegung und unendlichen Länge erst
einmal vorhanden sein müßten! Auch wenn Zeitreisen nach den
Gesetzen der Physik prinzipiell möglich wären, können Zeitschleifen
nur durch Manipulation von Materie und Energie unter äußerst
extremen Umständen erzeugt werden.
Der heute an der Tulane University in New Orleans tätige
Mathematiker und Physiker Frank Tipler veröffentlichte 1974 in der
Physical Review eine mathematische Abhandlung für den
Konstruktionsplan einer Zeitmaschine unter dem Titel: »Rotierende
Zylinder und die Möglichkeit einer globalen Kausalitätsverletzung«,
wobei die Bezeichnung »globale Kausalitätsverletzung« gleich-
bedeutend mit »Zeitreise« ist. Tipler zufolge »gibt es durchaus eine
echte theoretische Mög-

112
lichkeit zur Kausalitätsverletzung im Zusammenhang mit der
klassischen allgemeinen Relativitätstheorie«. Seine akribischen
Vorarbeiten bieten zudem eine solide Basis für weitere Spekulationen
im Zusammenhang mit der Durchführbarkeit von Zeitreisen.
Tipler erstellte einen mathematischen Konstruktionsplan für eine
Zeitreisemaschine. Zuerst verschaffte er sich Klarheit darüber, ob
theoretisch die Möglichkeit für Reisen durch Raum und Zeit unter der
Voraussetzung gegeben ist, daß der durch die Raum-Zeit Reisende
wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehrt, auch wenn er sich im
Verlauf der Reise zeitweilig rückwärts bewegt. Den Beweis für ein
positives Ergebnis in dieser Hinsicht erbrachte bereits 1949 der
bedeutende, in Brunn geborene Mathematiker Kurt Gödel (1906-
1978), der Ende der dreißiger Jahre in die Vereinigten Staaten
auswanderte und dann als Professor in Princeton mit Einstein
zusammenarbeitete. Bekannt wurde Gödel vor allem durch den
entscheidenden philosophischen Lehrsatz, daß »ein formalistisches
System in sich nie widerspruchsfrei sein kann«. Oder mit anderen
Worten: jedes System beinhaltet Aussagen, die weder als falsch noch als
richtig bezeichnet werden können, das bedeutet, daß selbst die
Mathematik nie vollständig sein kann.
Seine Weiterführung der Relativitätstheorie brachte Gödel 1949 zu
der Schlußfolgerung, daß massereiche Objekte die Raum-Zeit in
ihrem Strudel mit sich ziehen und auf diese Weise geschlossene
Zeitschleifen beziehungsweise zeitartig in sich zurückkehrende Weltlinien
entstehen. Nach diesem Modell stünden Zeitreisen theoretisch nicht im
Widerspruch zur allgemeinen Relativitätstheorie, und die Zeit-
reisenden müßten nicht einmal die Lichtgeschwindigkeit überschrei-
ten. Im Gödelschen Universum kann der Zeit-

113
reisende prinzipiell von einem Punkt der Raum-Zeit aufbrechen und
innerhalb der geschlossenen Zeitschleifen das ganze Universum
umkreisen, um schließlich wieder am Ausgangspunkt zur
Ausgangszeit anzukommen.
Ausgangsbasis der Gödelschen Überlegung war unser rotierendes
Universum mit seinen ebenfalls rotierenden Massen. Diesem Konzept
zufolge werden die einen Bereich zeitartiger Kurven begrenzenden
Lichtkegel vom rotierenden Universum in Richtung Rotation
gekippt. Sie sind in einer Weise verformt, durch die es zu einer
Überschneidung von Teilen des zukünftigen Lichtkegels einer
bestimmten Region mit Teilen des vergangenen Lichtkegels einer
Nachbarregion kommt. Ist der Abstand von der Rotationsachse groß
genug, kann es beim Kippen der Lichtkegel zu Wechselwirkungen
zwischen Zukunfts- und Vergangenheitskegeln von jeweils zwei
benachbarten Lichtkegeln kommen.
Durch die Wahl seiner Weltlinie könnte ein Gödelscher
Zeitreisender Ereignisse seiner fernen Vergangenheit durch eine
einfache Raumreise miterleben. Als Raum-Zeit-Maschine stünde hier
der gesamte Gödelsche Kosmos zur Verfügung. Rein theoretisch
vollzöge sich diese Reise an der zeitartig geschlossenen Weltlinie
entlang um das ganze Universum.
Die Rotation spielt auch bei Tiplers Zeitreisemaschine eine
entscheidende Rolle. Seinen Überlegungen zufolge würde eine
rotierende nackte Singularität mit ihren geschlossenen, zeitähnlichen
Schleifen eine ideale natürliche Zeitmaschine verkörpern. Eine nach
Tiplers Vorstellungen künstlich produzierte stellt sich theoretisch nach
dem Motto dar: Man nehme einen unbeschreiblich schnell rotierenden,
hundert Kilometer langen Zylinder von zehn Kilometern
Durchmesser, der wenigstens über die Masse unserer Sonne

114
verfügt, dazu von unglaublicher Dichte ist und in dessen Zentrum
sich eine nackte Singularität mit geschlossenen, zeitähnlichen
Schleifen bilden kann! Einfach? Theoretisch selbstverständlich. So
könnte der Zeitreisende in einer engen Bahn einen schrauben-
förmigen Kurs um den Zylinder einschlagen und sich somit in der
Zeit vorwärts und rückwärts bewegen. Er könnte am Ausgangspunkt
ankommen, bevor er abgereist ist. Umkreist der Zeitreisende den
Zylinder in einer engen, spiralförmigen Bahn, bewegt er sich in die
Vergangenheit, weil dort die Zeit durch die starke Feldeinwirkung
schleifenförmig gekrümmt ist. Befindet er sich jedoch in größerem
Abstand vom Zylinder, wo die Raum-Zeit ebener ist, bewegt er sich in
die Zukunft.
Mit der Tiplerschen Zeitmaschine könnte man zwar in die
Zukunft reisen und auch zurück in die Vergangenheit, aber nicht
über den Punkt in der Vergangenheit hinaus, an dem die
Zeitmaschine gebaut wurde. Sollten wir also morgen in der Lage sein,
eine Zeitmaschine herzustellen, könnten wir damit nicht knapp
fünftausend Jahre zurückreisen bis zur sumerischen Hochkultur, um
dem Helden Gilgamesch die Hand zu schütteln - es sei denn, daß in
jener Epoche bereits eine Zeitmaschine existiert hätte, die wir benut-
zen könnten.
Für den Bau einer Zeitmaschine gibt es einen Alternativvorschlag,
der im wahrsten Sinne des Wortes »in den Sternen« steht: Man reihe
zehn Neutronensterne aneinander und beschleunige ihre Rotation bis
zur Bildung geschlossener Zeitschleifen. Eine Reihe von Wissen-
schaftlern aus den USA, Rußland und England - wie beispielsweise die
Teams von Matt Visser, Kip Thorne, lan Redmount, Igor Nowikow,
Yakir Aharanow, David Deutsch und Michael Lock-wood - befassen
sich ernsthaft mit den theoretischen Grund-

115
lagen für die Durchführbarkeit von Zeitreisen. Thorne bezeichnet
diese internationalen Zeitreisetheoretiker als »Konsortium«.
Auf den ersten Blick könnten diese Überlegungen den Eindruck
reiner (überflüssiger) intellektueller Spielereien erwecken. In
Wahrheit haben sich aus diesen Zeitreisemodellvorstellungen jedoch
interessante quantenmechanische Erkenntnisse ergeben, die unter
ihrer Einbeziehung eine praktikablere Lösung für die Durchführ-
barkeit von Zeitreisen andeuten.
Bei Matt Visser, Physiker an der Washington-Universität in St.
Louis, würden Zeitreisende die ebene Fläche einer würfelförmigen
Zeitschleuse durchdringen, die aus exotischer Energie negativer
Spannung - wie beispielsweise aus kosmischen Strings - besteht und
an den Würfelrändern strebenartig angeordnet wäre. Die ebenen
Raumflächen der Würfelseiten würden die Zeitreisenden
durchqueren, ohne mit den gefährlichen Energiestreben in Berührung
zu kommen.
Auch die Manipulation von Wurmlöchern zu Zeitreisemaschinen
wurde bereits in Erwägung gezogen. Nach Gribbin würde ein solches
Szenario folgendermaßen ablaufen: Der Öffnung eines großen
Wurmlochs würde eine genau bemessene elektrische Ladung
zugeführt, dann die Öffnung mit Hilfe eines elektrischen Feldes ins
Schlepptau genommen. Auf diese Weise könnte es auf eine lange Reise
mit nahezu Lichtgeschwindigkeit »entführt« und schließlich neben dem
anderen Ende des Wurmlochs »geparkt« werden. Dabei könnte es sich
beispielsweise um die Hin- und Rückreise zu einem anderen Stern
handeln oder aber auch darum, die in Bewegung befindliche
Wurmlochöffnung im Kreis herumzuwirbeln, bis ein ausreichend
großer Zeitunterschied

116
zwischen den Uhren im bewegten Bezugssystem und der an der
Öffnung, also »zu Hause« befindlichen, hergestellt ist. Wichtig ist,
daß diese Zeitdifferenz auch dann bestehen bleibt, wenn die in
Bewegung befindliche Öffnung wieder stillsteht. Bei diesem
Zeitunterschied handelt es sich um eine reale physikalische
Eigenschaft des Raums, die mit der sich fortbewegenden Öffnung
zusammenhängt. Dieser weniger als die bewegungslose Öffnung
gealterte Bereich befindet sich also, mit der zurück- oder »daheim-
gebliebenen« Öffnung verglichen, in der Vergangenheit.
Weiterhin führt Gribbin aus, daß die Art der Verbindung zwischen
Raum-Zeit und Wurmlochgeometrie für die Funktion der Zeitmaschine
garantiert. Ein Zeitreisender, der in die sich fortbewegende Öffnung
gleitet, würde also die bewegungslos (am anderen Ende) verharrende
Öffnung zu dem Zeitpunkt verlassen, der dem entspricht, der auf den
Uhren der sich fortbewegenden Öffnung angezeigt ist.
Bricht also ein Reisender an der stationären Wurmlochöffnung um
zwölf Uhr Ortszeit auf, benötigt dann etwa zehn Minuten, um die sich
fortbewegende Öffnung zu erreichen, trifft er dort - seiner Armband-
uhr und der Uhr an der stationären Öffnung zufolge - um 12.10 Uhr
ein. Hier gleitet der Reisende in die sich fortbewegende Öffnung, um
fast sofort wieder an der stationären Öffnung anzukommen, jedenfalls
nach der eigenen Uhr. Aber dort stehen die Uhrzeiger erst auf 11.10
Uhr. Rasch begibt sich der Zeitreisende nun zur sich fortbewegenden
Öffnung, wo er um 11.20 Uhr anlangt. Von dort geht es, wie gehabt,
wieder zur stationären Öffnung, wo er um 10.20 Uhr ankommt.
Ein Vorgang, der sich nach Eust und Eaune beliebig oft
wiederholen läßt und bei dem der Zeitreisende sich bis zu dem Punkt
immer wieder in der Zeit rückwärts bewegen

117
kann, der als Zeitunterschied zwischen beiden Wurmlochenden
festgelegt wurde. Eine Reise in die Vergangenheit ist jedoch auch bei
einer Wurmloch-»Transportmaschine« dieser Art nur bis zum Zeit-
punkt ihrer Entstehung möglich. Ebenso wie Tiplers Zeitmaschine
bietet auch diese die Gelegenheit für Reisen in die Zukunft, allerdings
unbegrenzte. In einem solchen Fall benutzt der Reisende die stationäre
Öffnung, um sich im Sekundenbruchteil (nach der eigenen Uhr) zur
sich fortbewegenden Öffnung transportieren zu lassen und, im
Vergleich zum Universum draußen, eine Stunde später wieder
aufzutauchen.

Bei allen Überlegungen über die Konstruktion von Zeitreisemaschinen


darf keinesfalls vergessen werden, daß es sich dabei lediglich um
hypothetische Vorstellungen handelt, die bei uns in absehbarer Zeit
wohl kaum in die Praxis umgesetzt werden können. Das ist auch Kip
S. Thorne durchaus bewußt, und aus diesem Grund lehnt er den Begriff
Zeitmaschine in seinen Arbeiten ab.
Um jedoch den Wunschtraum einer Zeitreisemaschine erfüllen zu
können, muß die technische beziehungsweise physikalische Voraus-
setzung geschaffen werden, die Geometrie eines begrenzten Raum-
Zeit-Abschnitts dynamisch zu verändern, um in diesem Bereich
geschlossene Zeitschleifen zu erzeugen.
Durch Erkenntnisse der Quantenkosmologie könnten sich
interessante Aussichten für neue Zeitreisetechniken ergeben. Schrit-
tmacher auf diesem Gebiet sind vor allem der amerikanische
Kosmologe Lee Smolin und sein russischer Fachkollege Andrej
Linde. Für Smolin waren Quantenprozesse in einem Urkosmos dafür
verantwortlich, daß sich einige Bereiche darin rasch zu eigenständigen
Universen auf-

118
blähten, die ihrerseits ebenfalls »Ableger«-Universen produzierten.
Nach Smolin würden vor allem durch Schwarze Löcher »Baby«-
Universen entstehen, von denen einige zum Teil mit den Erbanlagen
des »Mutter«-Universums ausgestattet sind. Allerdings kann nicht
ausgeschlossen werden, daß in diesen »Ableger«-Universen andere
Raum-Zeit-Bedingungen vorherrschen als im »Mutter«-Universum.
Nach diesen Vorstellungen führen die Schwarze-Löcher«-Tunnel
beziehungsweise die Eins tein-Rosen-Brücken zu anderen
Universen und nicht zu unterschiedlichen Regionen unseres eigenen
Universums. Bei all diesen Modellvorstellungen bleibt allerdings eine
Frage unbeantwortet: Woraus und wie entstand der »Mutter«-
Kosmos: aus dem Nichts?
In den letzten Jahren hat der Begriff des NICHTS zunehmend an
Bedeutung gewonnen. So gehen Astrophysiker davon aus, daß virtuelle
Teilchen durch Quantenfluktuationen aus dem sogenannten Nichts
entstehen. Diese virtuellen Teilchen sind so kurzlebig, daß es nur den
Anschein ihrer Existenz gibt. Wer weiß, vielleicht sollte auch unser
winziges Uruniversum lediglich virtuell in Erscheinung treten, aber
durch irgendwelche Umstände ist es offensichtlich anders
gekommen.
Wer oder was aber setzte die Strategie und die Gesetzmäßigkeiten
für die Entstehung von Raum, Zeit, Energie und Materie fest? Etwa
ein metakosmisches »Geistfeld« oder mit anderen Worten: ein
morphogenetisches Feld, das Resonanzphänomene aktivierte und
weiterhin auslöst?
Eine Zeitmaschine - sollte sie je entstehen - müßte durch quanten-
mechanische Vorgänge Beschleunigung beziehungsweise Gravitations-
effekte simulieren, um in ihrem Umfeld geschlossene Zeitschleifen zu
produzieren.

119
Ebenso wie der Kölner Physiker Günter Nimtz beschäftigt sich
auch der amerikanische Physiker Raymond Chiao durch quanten-
physikalische Tunneleffekte mit Überlichtgeschwindigkeitsexperi-
menten. Ähnlich wie Nimtz gelang es auch Chiao in Versuchen,
einzelne Photonen mit Überlichtgeschwindigkeit zu tunneln. Wie
bereits beschrieben, hatte Nimtz die 40. Sinfonie von Wolfgang
Amadeus Mozart in Mikrowellen umgewandelt und führte diese
Wellen über zwei verschiedene Bahnen von einem Generator zu
einem Empfänger. Zum einen wurde ein Hohlleiter für Mikrowellen
benutzt; zum anderen wurden die Mikrowellen durch eine scheinbar
undurchdringliche Barriere - ein Rohr - geleitet. Überraschenderweise
stellte sich heraus, daß die Signale das Hindernis mit Überlicht-
geschwindigkeit durchtunnelten. Das bedeutet allerdings auch, daß
sich diese Signale rückwärts in der Zeit bewegt hätten. Auf
quantenphysikalischer Ebene existiert eben eine andere Raum-Zeit-
Wirklichkeit, ein Aspekt, den ich bereits in meinem Buch Supernova
ausführlich behandelt habe.
Als erstaunliches Phänomen der Quantentheorie mußte die
Einführung der sogenannten »Nichtlokalität« anerkannt werden. Mit
anderen Worten: Wenn bestimmte subatomare Systeme in zwei Teile
aufgespaltet werden, beeinflussen die an einem Teil vorgenommenen
Messungen die Verhaltensweise des anderen Teils, unabhängig vom
Vermessungszeitpunkt und der zwischen beiden Teilen herrschenden
Entfernung.
Bei einem quantenphysikalischen Vorgang kann es zur Entste-
hung eines Photonenpaares kommen, in dessen Verlauf sich die
Partner auch getrennt so verhalten, als gäbe es zwischen ihnen eine
mysteriöse Verbindung, und zwar unabhängig davon, wie weit sie
voneinander entfernt sind.

120
Unmittelbar nach der »Geburt« solcher Photonenzwillinge saust der
eine Zwilling mit Lichtgeschwindigkeit zum einen Ende des
Sternensystems, während der andere sich mit gleichem Tempo in
entgegengesetzter Richtung davonmacht. Zwei an den
gegenüberliegenden Seiten des Sternensystems postierte Beobachter
würden beim jeweiligen Eintreffen der Photonenzwillinge feststellen,
daß an beiden Photonen wechselseitig übereinstimmende Werte
gemessen werden. Beispielsweise konnte bei Elektronenpaaren nach-
gewiesen werden, daß eine Veränderung der Spinrichtung des einen
Elektrons den Spin des anderen Elektrons umgehend veranlaßt, in die
gleiche Richtung abzukippen. Woher weiß aber Elektron 2 von der
Spinänderung des Elektrons l?
Gemeinsam mit seinen Kollegen Boris Podolskij und Nathan Rosen
veröffentlichte Albert Einstein 1935 in Zusammenhang mit diesem
Problem in der Physical Review eine Arbeit. Seiner Ansicht nach mußte
eine ständige Korrelation bestimmter Eigenschaften von Zwillings-
partikeln unter anderem auch darauf schließen lassen, daß der
Signalaustausch zwischen ihnen dann auch augenblicklich, das heißt,
mit Überlichtgeschwindigkeit vor sich gehen müsse. Da es aber eine
Geschwindigkeit über die des Lichts hinaus gemäß der speziellen
Relativitätstheorie nicht gäbe (abgesehen von den hypothetischen,
überlichtschnellen Tachyonen und dem noch nicht einwandfrei
nachgewiesenen Nimtzschen Experiment), müsse die Quantentheorie
entweder falsch oder unvollständig sein.
Der Physiker John Bell, damals Mitglied des Europäischen
Kernforschungszentrums CERN, legte unter Berücksichtigung dieser
Problematik eine geniale mathematische Beweisführung vor, die als
»Bellsches Ungleichheits-Theo-

121
rem« bekannt wurde: Zeigt sich bei Messungen an Zwillingspartikeln
bezüglich bestimmter Meßgrößen eine ungewöhnliche, nicht zufällig
hervorgerufene Korrelation, muß das nicht unbedingt auf einen mit
Überlichtgeschwindigkeit ablaufenden Kommunikationsprozeß
zurückzuführen sein. Solche wechselseitigen Übereinstimmungen -
das sogenannte EPR- oder Einstein-Podolskij-Rosen-Phänomen -
lassen sich unter Umständen auch mit nichträumlichen Eigenschaften
der subatomaren Wirklichkeit erläutern. Denn unabhängig von der
scheinbaren Entfernung der betreffenden Partikel auf unserer
Realitätsebene bestünde gar keine Veranlassung einer Trennung auf
subatomarer Ebene, da diese in Wirklichkeit von nichträumlicher
Struktur sei. Danach befände sich jeder Ort im Universum für alle
Zeit in unmittelbarer Nähe zu jedem anderen Ort.
Unter dieser Voraussetzung gibt es für Bell nur zwei Möglichkeiten:
Entweder stimmt die Quantentheorie, oder sie stimmt nicht.
Stimmt sie aber, gibt es auf subatomarer Ebene entweder keine
objektive Wirklichkeit, oder alle Regionen des Universums sind
irgendwie miteinander verbunden.
In einem ausgefuchsten Experiment mit Hilfe von Spe-zialap-
paraturen gelang es 1982 dem amerikanischen Physiker Alain
Aspect und seinen Kollegen P. Grangier und G. Roger, die Voraus-
sagen der Quantentheorie in Verbindung mit dem EPR-Phänomen zu
bestätigen.
Der amerikanische Physiker David Bohm ist der Meinung, daß
wir aufgrund dieser Ergebnisse die vorherrschende Ansicht, daß alle
Orte in der Raum-Zeit voneinander getrennt seien, vergessen sollten.
Seiner Überzeugung nach müssen wir von der Existenz eines
übergeordneten, »multi-dimensionalen« Kontinuums mit raum-
zeitlich untrennbar

122
miteinander verbundenen Punkten (Orten) ausgehen, damit wir die
Welt der Quanten verstehen lernen.
In Bohms Theorie der impliziten Ordnung stellt sich das Universum
als ein einziges, in sich verwobenes Gebilde dar. Ein jedes Etwas ist,
sich umgehend, eines jeden anderen Etwas bewußt, zumindest dann,
wenn es einmal in enger Beziehung zu ihm stand, das heißt,
phasengekoppelt war.
Auf elementarphysikalischer Ebene existieren Facetten der
Wirklichkeit, mit denen wir im alltäglichen Leben nicht konfrontiert
werden. So konnte der Nobelpreisträger Richard Feynman
nachweisen, daß sich Positronen unter bestimmten Umständen, im
wahrsten Sinne des Wortes, in der Zeit rückwärts bewegen und von
Elektronen, die sich in der Zeit rückwärts bewegen, nicht zu
unterscheiden sind.
»Wir müssen zwischen zwei Arten von Nichtumkehrbarkeit
unterscheiden. Von einer Sequenz natürlicher Phänomene wird
behauptet, daß sie mikroskopisch unumkehrbar sei, wenn die
Reihenfolge dieser Phänomene im zeitlichen Ablauf in jeder
Einzelheit nicht im umgekehrten Verlauf in der Natur beobachtet
werde. Der Autor ist jedoch davon überzeugt, daß alle physikalischen
Phänomene auf mikroskopischer Ebene umkehrbar sind - aber alle
offensichtlich unumkehrbaren Phänomene nur makroskopisch
unumkehrbar sind«, schrieb Feynman unter anderem 1941.
Das würde bedeuten, daß sich ein Antipartikel wie ein Positron in
seiner »Weltlinie« (wie Minkowski den Weg eines Objekts durch die
Raum-Zeit nannte) tatsächlich rückwärts in der Zeit bewegen kann.
Eine andere Situation stellt sich allerdings zum Beispiel mit einer
Blumenvase, die vom Tisch zu Boden fällt. Im wirklichen Leben darf
mit Fug und Recht ausgeschlossen werden, daß sich die Scherben der
Vase - wie in einem rückwärts laufenden Film - von selbst

123
wieder zusammensetzen und als vollendete Vase auf den Tisch
zurückkehren.
Die Weltlinie des Positrons mit ihrem umkehrbaren Zeitpfeil
demonstriert jedoch die prinzipielle Möglichkeit von Zeitreisen.
Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß bereits Vorschläge
bestehen, die rückwärts ausgerichtete Zeit der Antimaterie für eine
Zeitmaschine zu nützen. Allerdings müßte dafür Materie in
Antimaterie umgewandelt werden, was derzeit noch mit enormen
physikalischen und technologischen Problemen verknüpft wäre. Der
rückwärts gekehrte Zeitpfeil bringt für uns natürlich verwirrende
Situationen der Chronologie mit sich - Paradoxa, mit denen sich führen-
de Physiker und Mathematiker nach wie vor auseinandersetzen.

124
Das Granny-Paradox

Nehmen wir einmal an, ich begebe mich auf eine Reise in die
Vergangenheit. Dabei suche ich meine Großmutter (englisch:
Granny) auf, als sie noch ein blutjunges, unverheiratetes Mädchen
war, Jahre bevor sie meinen Großvater kennenlernte, von ihm Kinder
bekam, darunter auch meinen Vater. Auf dieser Zeitreise nehme ich
meine junge Großmutter, die natürlich keine Ahnung hat, daß ich ihr
zukünftiger Enkel bin, mit auf eine Klettertour in die Alpen. Es kommt
zu einem tragischen Unfall, sie stürzt durch mein (unbeabsichtigtes)
Verschulden von einem Felsvorsprung in die Tiefe und ist tot. Damit
würde mein Vater nie zur Welt kommen und ich natürlich nicht
existieren. Frage: Wie kann ich dann in die Vergangenheit reisen und
an ihrem Tod die Schuld tragen?
Der Physiker David Deutsch von der Universität Oxford, Experte
der »Viele-Welten«-Theorie, auf die wir noch zu sprechen kommen,
führte sorgfältige Studien über Zeitreisepuzzles und deren
Lösungsmöglichkeiten durch. So wartet er mit folgendem Beispiel auf,
das noch irritierender als das Granny-Paradox ist und den gesunden
Menschenverstand wahrhaft herausfordert: Ein Zeitreisender aus
dem Jahr 1998 macht sich auf den Weg in das Jahr 2005 und hört dort
von einer revolutionierenden Gleichung der Großen Einheitlichen
Feldtheorie, die in einer Ausgabe der Physical Review 2005 von einem
unbekannten jungen Wissenschaftler

125
mit Namen Frank Weinstock veröffentlicht wurde. Ausgerüstet mit
einer Kopie des Artikels, kehrt der Zeitreisende in sein eigenes
Jahrhundert zurück und forscht nach dem jungen Wissenschaftler.
Schließlich findet er ihn als Studenten der Physik im ersten Semester
an der Universität seines Wohnorts. Der Zeitreisende händigt dem
Physikstudenten die von ihm aus dem Jahr 2005 mitgebrachte Arbeit
aus, die der Physiker Frank Weinstock dann im Jahr 2005 ord-
nungsgemäß in der Physical Review unter seinem Namen veröffentlicht.
Das Paradoxon dieses zweifelhaften Vorfalls ist das Problem der
Urheberschaft der brillanten Arbeit über die Große Einheitliche
Feldtheorie. Wer ist nun der Verfasser? Wer fand die Lösung? Frank
Weinstock war es offensichtlich nicht, ebensowenig wie der
Zeitreisende, der ihm die Arbeit übermittelte. Wer war es also? Die
nicht zu beantwortende Frage hinterläßt ein Gefühl der Unzufrieden-
heit. Noch etwas zum Kopfzerbrechen: Einem armen Erfinder ist
endlich der große Wurf gelungen; in mühsamen Jahren voller
Entbehrung hat er eine Zeitmaschine konstruiert, mit der er endlich zu
Geld kommen will (nicht zuletzt, um das dafür aufgenommene
Bankdarlehen abzulösen). Nun reist er mit seiner Zeitmaschine eine
Woche in die Zukunft, um festzustellen, wer am vergangenen Samstag
Hauptgewinner im Lotto war. Als sein Name nicht auf der Ge-
winnliste steht, beschließt er, sein Glück selbst zu steuern, und
kopiert die Gewinnzahlen der Ziehungsliste. Dann reist er in die Zeit
vor der Ziehung zurück und füllt einen Schein mit den Zahlen aus, die
er in der Zukunft kopiert hat. Daß er am folgenden Wochenende
glücklicher Hauptgewinner ist, läßt ihn kalt, schließlich hat er dafür
vor einer Woche selbst gesorgt. Paradox ist lediglich, daß sein Name
auf der Gewinnerliste, die er in der Zukunft eingesehen hatte, fehlt.

126
Wie lassen sich diese verwirrenden Widersprüche, die unsere
Vorstellung von Zeit und Kausalität auf den Kopf stellen, lösen? Der
Physiker Hugh Everett aus Princeton entwickelte bereits 1957 eine
Auslegung der Quantentheorie, wonach die reale Existenz einer
Vielzahl von Universen angenommen wird. Diese »Viele-Welten«-
Theorie geht davon aus, daß alle auf quantenphysikalischer Ebene
gegebenen Möglichkeiten real sind und eine jede sich in ihrem eigenen
Universum verwirklicht. Daher spaltet sich das Universum in jedem
Moment in eine unermeßliche Anzahl von Kopien-Welten, mit
alternativen Optionen. Ein Beobachter registriert aber immer nur ein
Ereignis. »Schrödingers Katze«, das berühmte Gedankenexperiment
des Wiener Physikers und Nobelpreisträgers Erwin Schrödinger
(1887-1961), ist ein klassisches Beispiel für diese Theorie.
Eine Katze ist in einer fest verschlossenen Kiste eingesperrt. In der
Kiste befindet sich außerdem eine auf die Katze ausgerichtete
Selbstschußanlage. Sobald ein radioaktiver Kern zerfällt, feuert sie mit
fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit einen Schuß auf die Katze ab.
Wird die Kiste geöffnet, ist die Katze entweder tot oder lebendig.
Doch bevor die Kiste aufgemacht wird, stellt sich der
Quantenzustand der Katze als eine Mischung aus dem Zustand tote
oder lebendige Katze dar. »Damit können sich einige Philosophen der
Naturwissenschaften nur schwer abfinden«, mokiert sich Stephen
Hawking. »Die Katze kann nicht halb erschossen und halb nicht
erschossen sein, so wenig wie eine Frau halb schwanger sein kann.
Ihre Schwierigkeit besteht darin, daß sie sich implizit an einem
klassischen Wirklichkeitsbegriff orientieren, in dem ein Objekt nur
eine einzige bestimmte Geschichte hat; die Besonderheit der
Quantenmechanik liegt darin, daß sie ein anderes Bild der Wirklichkeit
vermit-

127
telt. Danach hat ein Objekt nicht nur eine einzige Geschichte sondern
alle möglichen Geschichten. In den meisten Fällen wird die
Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Geschichte zu haben, von der
Wahrscheinlichkeit, eine etwas andere Geschichte zu haben,
aufgehoben. Doch in bestimmten Fällen verstärken sich die
Wahrscheinlichkeiten benachbarter Geschichten gegenseitig, und es
ist eine dieser verstärkten Geschichten, die wir dann als die
Geschichte des Objekts beobachten.«
Wie ist das nun mit Schrödingers Katze? Folgen wir der »Viele-
Welten«-Theorie, werden zwei Geschichten herausgestellt. In der einen
wird die Katze erschossen, ist tot, in der anderen bleibt sie am Leben.
Nach der Quantentheorie existieren beide Möglichkeiten gleichzeitig.
Die Katze ist tot lang lebe die Katze! Übertragen auf Granny: In der
einen Welt kommt sie tragisch ums Leben; in der anderen Welt lebt
die Großmutter, da sie nicht mit mir auf einer Klettertour in den
Alpen war und daher auch nicht abgestürzt und tödlich verunglückt
sein kann.
Wenn wir also theoretisch eine Zeitreise in unsere eigene
Vergangenheit unternehmen würden, um dort ein Geschehen zu
revidieren, könnte es nach der »Viele-Welten«-Theorie passieren, daß
wir nicht in unserer ursprünglic hen Welt enden würden, sondern in
einer abgespalteten, sehr ähnlichen Quantenversion dieser Welt. In
dieser Welt würden wir zwar in die Geschichte eingreifen, aber
damit nicht in die Vergangenheit unserer Originalwelt.
Einer der stärksten Befürworter der »Viele-Welten«-Idee ist der
Physiker David Deutsch, der an der Universität von Oxford und der
texanischen Universität in Austin arbeitet. In seiner Abwandlung der
»Viele-Welten«-Theorie kommt es im Moment des Quantenpro-
zesses nicht zu Abspaltun-

128
gen, mit anderen Worten: Es bildet sich kein neues Universum. Zwei
vorher völlig identische Welten trennen sich vielmehr in zwei
geringfügig voneinander abweichende. Dabei realisieren sich die
beiden Möglichkeiten, zum Beispiel tote und lebendige Katze, in je
einem Universum. Im Vergleich mit der klassischen »Viele-Welten«-
Theorie hat diese These den Vorteil, daß hier die »schwer
verdauliche« Schöpfung von neuen Universen entfällt. Wobei die
Behauptung von der eventuellen Existenz unendlich vieler
gleichartiger Universen dem gesunden Menschenverstand einiges
abverlangt.
Das führt zur Überlegung, ob es wohl möglich sein könnte, die
anderen Universen zu beobachten. Eine Frage, die derzeit nicht
eindeutig zu beantworten ist. Der mit dem Hang zum
Ungewöhnlichen behaftete Wissenschaftler David Deutsch ist über-
zeugt, daß Experimente auf mikroskopischer Ebene, in denen zwei
oder mehrere Welten vorübergehend verbunden sind, prinzipiell
durchgeführt werden können, wobei Informationen beziehungsweise
physikalische Einflüsse von der einen Welt in die andere sickern.
Was würden wir beobachten, wenn eine derartige vorübergehende
Verbindung zustande käme? Würden wir etwa schemenhaft mit einer
alternativen Realität konfrontiert werden? Könnten möglicherweise
unsere Träume immer wieder einmal die Pforte zu diesen
Parallelwelten mit ihren alternativen Szenarien sein? Zweifellos dient
unsere Psyche unter bestimmten Umständen als Brücke zu diesen
anderen Welten. Aber auch bestimmte physikalische Umstände führen
hin und wieder zu einem Zusammentreffen der verschiedensten
Zeitepochen in anderen Welten. Verständlicherweise hinterlassen
»Zusammenstöße« dieser Art bei Augenzeugen Verwirrung.

129
Einen Vorfall dieser Art schilderte der amerikanische Schrift-
steller Ken Meaux im Strange Magazine 2 von 1988. Danach war er
mit einem Mann, den er L. C. nennt, schon seit vielen Jahren befreun-
det, als dieser ihm von einem sonderbaren Erlebnis berichtete, das ihn
seither nicht mehr zur Ruhe kommen läßt:
L. C. war mit einem Geschäftspartner unterwegs. Sie kamen gerade
vom Lunch in der Kleinstadt Abberville im Südwesten von
Louisiana. Während sie sich in den Wagen setzten, um auf dem
Highway 167 zur etwa fünfzehn Meilen entfernten Stadt Lafayette zu
fahren, griffen sie ihr Geschäftsgespräch wieder auf. Es war am 20.
Oktober 1969, etwa gegen 13.30 Uhr; ein herrlicher Frühherbsttag mit
strahlend blauem Himmel und angenehmer Temperatur, die es erlau-
bte, mit geöffnetem Wagenfenster zu fahren.
Der Highway war praktisch leer, bis sie in einiger Entfernung
voraus einen sehr langsam fahrenden »Oldtimer« entdeckten. Als sie
sich diesem Relikt aus der Vergangenheit näherten, kamen sie von
ihren Versicherungsjobs auf das »antike« Fahrzeug zu sprechen, das
den Anschein erweckte, als komme es geradewegs aus dem Ausstel-
lungsraum.
L. C. und auch sein Geschäftsfreund konnten sich einen Laut der
Bewunderung nicht verkneifen. Da sich der alte Wagen so langsam
fortbewegte, entschieden sich die beiden Männer, ihn zu überholen.
Zuerst bremsten sie allerdings ab, um das schöne Gefährt und seinen
vorzüglichen Zustand gebührend würdigen zu können. Während des
Überholvorgangs fiel L. C. dann ein leuchtend orangefarbenes Num-
mernschild mit der deutlich erkennbaren Jahreszahl 1940 auf. Ein
äußerst ungewöhnlicher und wahrscheinlich nicht erlaubter
Tatbestand, es sei denn, für den Oldtimer war eine

130
Sondergenehmigung erteilt worden, um an einer »Oldtimer-
Sonderrallye« teilzunehmen.
Beim langsamen Überholen des »antiken« Autos bemerkte der auf
dem Beifahrerplatz sitzende L. C., daß eine im Stil der vierziger Jahre
gekleidete junge Frau am Steuer saß. 1969 eine junge Frau zu sehen,
die einen mit einer langen farbigen Feder geschmückten Hut und einen
Pelzmantel trug, fiel, gelinde gesagt, etwas aus dem Rahmen. Auf
dem Nebensitz stand ein Kind, wahrscheinlich ein kleines Mädchen.
Das Geschlecht des Kindes war schwer erkennbar, da es ebenfalls mit
einem schweren Mantel und einer Kappe bekleidet war. Die
Wagenfenster waren geschlossen. L. C. wunderte sich darüber, da es
zwar frisch war, aber ein leichter Pullover genügt hätte, um sich wohl
zu fühlen.
Als sie mit dem Oldtimer auf gleicher Höhe waren, erschraken sie
über den Ausdruck von Furcht und Panik im Gesicht der Frau. Sie
näherten sich dann auf Tuchfühlung und nahmen zu ihrem
Befremden wahr, daß die Frau, anscheinend außer sich vor Angst und
den Tränen nahe, nach vorn und hinten Ausschau hielt, als habe sie
etwas verloren oder benötige dringend Hilfe.
L. C. rief zu ihr hinüber, ob sie Hilfe brauche. Sie nickte. Dabei sah
sie erstaunt zum Auto von L. C. und dessen Geschäftsfreund hinunter
(früher waren die Automobile höher gebaut als die heutigen modernen
Autos). L. C. machte ihr durch Zeichen verständlich, an den
Straßenrand zu fahren und anzuhalten. Er mußte seine Aufforderung
einige Male durch Zeichensprache und lautlose Lippenbewegungen
wiederholen, da sie ihr Fenster nicht öffnete und Schwierigkeiten zu
haben schien, ihn zu verstehen.
Als L. C. und sein Geschäftsfreund sie dann langsam einschlagen
sahen, beendeten sie ihren Überholvorgang und

131
fuhren ebenfalls an den Straßenrand, um vor ihr anzuhalten. Sobald sie
standen, sahen sie sich nach dem Oldtimer um. Aber zu ihrer
maßlosen Überraschung war nicht die geringste Spur von ihm zu
sehen. Der Oldtimer mit Frau und Kind war spurlos von der Bildfläche
verschwunden, hatte sich in Luft aufgelöst.
Sprachlos und verwirrt blickten L. C. und sein Geschäftsfreund
auf dem leeren Highway zurück, von dem es weder Ausfahrten gab
noch eine Stelle, wo man ein Auto hätte verstecken können. Ihnen
war klar, daß eine Suche erfolglos verlaufen mußte.
Mittlerweile hielt ein Wagen, dessen Fahrer L. C. und seinen
Begleiter dringend ersuchte zu erklären, was aus dem Oldtimer
geworden sei? Seiner Meinung nach hatte sich folgendes zugetragen:
Als er auf dem Highway 167 nordwärts fuhr, sah er in einiger
Entfernung einen modernen Wagen langsam an einen Oldtimer
heranfahren, so langsam, daß es aussah, als würden beide Autos
beinahe stehenbleiben. Er beobachtete, daß sich der moderne Wagen
und der Oldtimer dem Straßenrand näherten. Für einen Moment ver-
deckte letzterer die Sicht auf den modernen Wagen, um dann
plötzlich zu verschwinden. Unversehens stand nur noch der moderne
Wagen am Straßenrand. Verzweifelt bemüht, diesen unfaßbaren
Vorfall logisch zu erklären, dachte er an einen Unfall. Aber es gab
keinen Unfall, vielmehr hatte sich etwas ereignet, das ihm fortan keine
Ruhe mehr lassen sollte.
Die drei Männer tauschten ihre Erfahrungen über das jeweils
Gesehene aus und durchsuchten dann über eine Stunde lang die
Umgebung auf das gründlichste. Der aus einem anderen Bundesstaat
stammende dritte Augenzeuge bestand darauf, den Vorfall der Polizei
zu melden. Denn seiner An-

132
sieht nach handelte es sich um einen Vermißtenfall, den alle drei
Männer bezeugen konnten.
L. C. und sein Geschäftsfreund weigerten sich jedoch strikt, da sie
nicht die geringste Ahnung hatten, wohin der Wagen mit seinen
Insassen verschwunden sein konnte. Es ging natürlich um Vermißte,
wenn ihrer Meinung nach auch keine Polizei der Welt in der Lage
wäre, sie zu finden. Der dritte Mann ließ sich schließlich davon
überzeugen, daß er ohne Mitzeugen keine Chance hatte, etwas zu
erreichen, sondern vielmehr Gefahr laufen würde, als Verrückter, wenn
nicht gar Verdächtiger eingestuft zu werden.
Die drei tauschten ihre Adressen aus und blieben jahrelang in
Verbindung. Hin und wieder telefonierten sie miteinander, nur, um
über den Vorfall zu reden und sich gegenseitig immer wieder zu
versichern, daß tatsächlich geschehen war, was sie mit eigenen Augen
gesehen hatten.
Nachträglich läßt sich dieses mysteriöse Geschehen auf seinen
Wahrheitsgehalt hin natürlich nicht verifizieren. Aber setzen wir
einmal voraus, daß die in den Vorfall verwickelten Augenzeugen eine
Art Zeitsprung miterlebt haben. Ein in ihre Zeit versetztes Fragment
aus der Vergangenheit. Dann stellt sich die Frage, ob hier nicht
irgendwelche physikalischen Einflüsse kurzfristig Zeitverschiebungen
verursacht haben könnten? Das würde bedeuten, daß Personen oder
auch Ereignisse ungewollt in sich überlappende Zeitabschnitte geraten.
Ein äußerst glaubwürdiges Geschehen dieser Art habe ich bereits in
meinem Buch Zeitriß geschildert. Da es die Problematik der
Zeitverschiebung besonders dramatisch dokumentiert, komme ich nicht
umhin, diesen einzigartigen Vorfall aus dem Englischen noch einmal zu
zitieren:

133
Am 10. August 1901 verließen Anne Moberly, Rektorin des St. Hugh
College in Oxford, und ihre Kollegin Dr. Eleanor Francis Jourdain
das Versailler Schloß und spazierten über die weitläufige Freitreppe
zu den Parkanlagen hinunter. Sie wollten zum Petit Trianon, dem
kleinen Lustschlößchen, das die bedauernswerte Königin Marie-
Antoinette vor der Französischen Revolution 1789 einige Jahre bewohnt
hatte.
Ein Feldweg führte die beiden Engländerinnen zu verödeten
Gebäuden, vor denen ein alter Pflug dahinrottete. Zwei Männer in
langen grünen Mänteln mit Dreispitzen auf dem Kopf kamen ihnen
entgegen. Dr.Jourdains Frage nach dem Weg beantworteten sie mit
einer wortlosen Handbewegung, die geradeaus zeigte.
Über die sonderbare Kleidung der Männer machten sich die Frauen
keine Gedanken, da sie diese für eine zusätzliche Touristenattraktion
hielten.
Schließlich gelangten sie zu einem alleinstehenden Haus, auf dessen
Treppenaufgang eine Frau stand, die einen Wasserkrug in der Hand
hielt. Sie beugte sich zu einem etwa vierzehnjährigen Mädchen
hinunter, das die Hände nach dem Krug ausstreckte. Die beiden
Gestalten wirkten wie in der Bewegung erstarrt. Ihre unter den
Miedern befestigten Schultertücher leuchteten in blendendem Weiß.
Erstmals stieg in den beiden Engländerinnen ein Gefühl des
Unbehagens auf. Hier schien etwas ganz und gar nicht zu stimmen.
Zögernd gingen sie weiter, bis sie nach einiger Zeit bei einem Pavillon
inmitten eines Geheges anlangten - ein trostloser Ort mit einer
bedrückenden Ausstrahlung. Zu allem Übel saß dort auch noch ein
Mann mit einem von Pokkennarben abstoßend entstellten Gesicht, der
mit einem dunklen Mantel und einem Sombrero bekleidet war, die
Frauen aber nicht zu sehen oder einfach nicht zu beachten schien.

134
Plötzlich tauchte von irgendwoher ein junger Bursche auf, der
einen langen dunklen Mantel und Schnallenschuhe trug und den
Frauen im Vorbeilaufen etwas wie »Dort ist der Durchgang verboten«
zurief - oder so ähnlich. Gleichzeitig zeigte er nach rechts mit den
Worten: »Dort drüben ist das Haus.«
Die beiden englischen Lehrerinnen beherrschten zwar die
französische Sprache, verstanden die Mundart des Mannes aber nur
bedingt. Der dienerte mit einem neugierigen Blick und rannte davon.
Das Echo seiner verhallenden Schritte lag noch eine Weile in der Luft.
In Gedanken versunken, setzten die Engländerinnen ihren Weg
fort und erreichten nach einiger Zeit eine schmale, roh gezimmerte
Brücke über einen Hohlweg. Auf der anderen Seite verlief ein Pfad
unter Bäumen entlang einer Wiese zu einem nahe gelegenen
Landhaus, dessen Läden geschlossen waren. Links und rechts
schlössen sich Terrassen an.
Auf der Wiese vor dem Haus saß eine Dame, die einen großen
Papierbogen in der Hand hielt und eine Zeichnung zu betrachten
schien, an der sie offensichtlich gearbeitet hatte. Es war eine äußerst
attraktive, nicht mehr ganz junge Frau, die ein Sommerkleid mit
langgearbeiteter Taille und sehr fülligem, anscheinend kurzem Rock
trug. Um die Schultern hatte sie ein zartgrünes Fichu drapiert, und
das blonde Haar bedeckte ein breitrandiger, weißer Hut.
Als sich die beiden englischen Lehrerinnen einem Haus am Ende
der Terrasse näherten, flog plötzlich eine Tür auf und ebenso abrupt
mit einem Knall wieder zu. Ein Mann kam heraus, offensichtlich ein
Bediensteter ohne Livree. Da die beiden Frauen vermuteten, unbefugt
ein fremdes Grundstück betreten zu haben, folgten sie dem Mann -
und fan-

135
den sich von einer Sekunde zur anderen von einer Menschenmenge
umringt - offenbar eine Hochzeitsgesellschaft, von der jeder einzelne
Teilnehmer nach der in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts
herrschenden Mode gekleidet war.

Aus dem Urlaub zurück, wieder in England, besprachen die beiden


Lehrerinnen noch einmal ihre Reiseerlebnisse. Zu ihrer
Verwunderung mußten sie jedoch feststellen, daß jede von ihnen etwas
anderes wahrgenommen hatte: So war zum Beispiel A. Moberly die
Dame auf der Wiese mit dem Papierbogen in der Hand besonders
aufgefallen, während es bei E. Jourdain der veraltete Pflug vor dem
verlassenen Gehöft war.
Da die beiden Lehrerinnen für ihre zum Teil unterschiedlichen
Beobachtungen keine Erklärung fanden, analysierten sie die Vorgänge
jenes Nachmittags des 10. August 1901 systematisch. Danach
beschlossen sie, sich alle nur verfügbaren Informationen über das Petit
Trianon zu beschaffen.
Drei Jahre später fuhren die beiden Pädagoginnen aus Oxford
abermals nach Versailles. Zu ihrer Verwunderung mußten sie bei
diesem Besuch jedoch feststellen, daß das kleine Häuschen, auf
dessen Treppe Dr. Jourdain die Frau mit dem Krug und dem
Mädchen gesehen hatte, völlig anders aussah. Auch die Stelle, wo die
Engländerinnen den Männern in den grünen Mänteln und den
Dreispitzen begegnet waren, hatte sich total verändert. Und der Pfad,
auf dem ihnen der Fremde den Weg zum Petit Trianon gewiesen hatte,
existierte nicht mehr. Alles hatte sich verändert, die Anlagen schienen
»geschrumpft« zu sein; es gab keine Holzbrücke und keinen Hohlweg
mehr. Und an der Stelle, wo

136
die anziehende Dame auf der Wiese gesessen hatte, breitete sich ein
stattlicher Strauch aus.
Nun versuchten die Engländerinnen in jahrelangen systema-
tischen Nachforschungen das Dunkel zu lichten. Sie beschafften sich
Grundrißkarten über die Außenanlagen von Versailles, überprüften
in der französischen Nationalbibliothek Dokumente und zogen
Historiker zu Rate.
Allmählich kristallisierte sich folgendes heraus: Der Pflug, den E.
Jourdain bemerkt hatte, gehörte zwar nicht zum Petit Trianon, wurde
dort aber nachweislich einmal aufbewahrt und nach der Französischen
Revolution verkauft.
Die Recherchen ergaben, daß im Versailles des 18. Jahrhunderts nur
Bedienstete des Schlosses eine grüne Livree trugen. Und die beiden
Männer in den grünen Mänteln mit den Dreispitzen konnten als die
Brüder Bersey identifiziert werden, die am 5. Oktober 1789, als sich
Königin Marie-Antoinette im Petit Trianon aufgehalten hatte, dort zum
Wachdienst befohlen waren.
Historisches Quellenmaterial lieferte den Nachweis, daß es sich bei
der Vierzehnjährigen um die Gärtnerstochter Marion handelte und bei
dem Pockennarbigen mit Sombrero (der um 1789 gerade in Mode
gekommen war) um den Grafen Vandreuil, einen Kreolen, der am
Sturz von Marie-Antoinette wesentlichen Anteil hatte.
Der rennende Mann mit den Schnallenschuhen müßte der Page
von Bretagne gewesen sein, der, historischen Unterlagen zufolge,
vom Haushofmeister des Schlosses zum Petit Trianon geschickt
worden war, um die Königin zur sofortigen Flucht vor dem aus Paris
anrückenden Mob zu veranlassen. Darüber hinaus liegt der
historische Beweis vor, daß Marie-Antoinette am 5. Oktober 1789 in
den Gartenanlagen von einem Boten die Nachricht überbracht wurde,

137
daß sie vom Petit Trianon aus in Sicherheit gebracht werden sollte.
In Archiven ist festgehalten, daß eine Madame Eloffe, die Modistin
der Königin, 1789 noch zwei grüne Seidenfichus für diese angefertigt
hatte.
Im Jahr 1902 kam A. Moberly dann rein zufällig ein Porträt Marie-
Antoinettes von Wertmüller vor Augen. Zu ihrem maßlosen Erstaunen
erkannte sie darin die Gesichtszüge der Dame vom Petit Trianon ...

Näher über ihre Erlebnisse im Park von Versailles befragt, beschrieb


die Rektorin das plötzliche Auftauchen einer Landschaft aus einem
anderen Jahrhundert mit den Worten: »Alles sah plötzlich unna-
türlich aus und war mir daher unangenehm. Selbst die Bäume hinter
den Gebäuden wirkten flach und farblos - wie auf einem Gobelin. Es
gab weder Licht noch Schatten. Kein Lufthauch war zu spüren. Es
herrschte absolute Stille.«
Dr. Jourdain bestätigte diesen Eindruck. »Die ganze Szene - Bäume,
Himmel und Gebäude - strahlte etwas Unheimliches aus«, sagte sie.
Was war geschehen?
Es wäre naheliegend, den Frauen zu unterstellen, sie hätten ein
Tagtraum-Erlebnis gehabt. Doch dem Zufall auch nur die Chance
einzuräumen, daß beide Frauen gleichzeitig am gleichen Ort das
gleiche Traumerlebnis gehabt haben sollten, dürfte wahrscheinlich zu
weit hergeholt sein. Ausgenommen die vage Möglichkeit, die Frauen
hätten sich gegenseitig bewußt oder unbewußt beeinflußt.
Natürlich könnten die beiden Engländerinnen die Vorkommnisse
aus Geltungsbedürfnis auch erfunden haben. Aber dagegen spricht
der Sachverhalt, daß sie die am Petit

138
Trianon gemachten Erfahrungen erst viele Jahre später veröffen-
tlichten. Doch ganz abgesehen davon, hatten die Pädagoginnen einen
unantastbaren Ruf.
Vielleicht gäbe es noch eine, wenn auch ziemlich ausgefallene
Erklärung: Die beiden Lehrerinnen könnten durch unbekannte
Ursachen in eine andere Zeitdimension gelangt (versetzt worden) sein,
in der sie Fragmente dieser vergangenen Epoche miterlebt haben.

In ihrer Arbeit »Die Quantenphysik der Zeitreisen« (Scientific


American, März 1994) verteidigen David Deutsch und Michael
Lockwood die physikalischen Möglichkeiten von Zeitreisen, die auf
der »Viele-Welten«-Interpretation der Quantenmechanik beruhen.
Nach dieser Auslegung der »Viele-Welten« Theorie hätte der
sogenannte Zeitpfeil folgende Bedeutung: Die Vergangenheit verkör-
pert die Einfachheit, während die Zukunft durch die unterschied-
lichsten Quantenmessungen eine Verkörperung der komplexen Vielfalt
ist.
Nach der neuesten Deutsch- und Lockwood-Vorstellung würde
sich das Universum nicht in Parallelwelten aufspalten, sondern alle
Alternativwelten mit den unterschiedlichsten Szenarien würden von
Beginn an existieren. Mit anderen Worten, es gibt von Anfang an
unendlich viele Parallelwelten. Das Beobachten und Vermessen auf
Quantenebene verursacht zwar keine Aufspaltung eines Universums,
verändert die Alternativuniversen jedoch auf verschiedene Art und
Weise, denn in unterschiedlichen Universen ist das Resultat des
Experiments auch unterschiedlich: So lebt die Katze in einem
Universum, stirbt aber im nebenan liegenden, während es vor dem
Experiment in beiden Universen eine lebende Katze gab.

139
Wären Zeitreisen ohne die »Viele-Welten«-Lösung undurch-
führbar? Eine Frage, die nicht eindeutig zu beantworten ist, da sich
das Granny-Paradox lediglich auf »Wenn(s), Aber(s), Falls« und
akademische Sophistereien stützt!
Angenommen, Zeitreisende könnten tatsächlich in historische
Ereignisse eingreifen und damit dem geschichtlichen Ablauf eine
andere Wendung geben - auch dann würde die Geschichte für uns
den bereits bekannten Ablauf nehmen. Denn als Produkt der
Vergangenheit kennen wir nur eine (unsere eigene) Vergangenheit; ob
sie nun durch Zeitreisende verändert worden wäre oder nicht, entzöge
sich ohnehin unserer Kenntnis. »Entscheidend ist, daß alles, was wir
über die Quantenwelt wissen, auf Rückschlüssen und Beobachtungen
von Dingen im täglichen Leben beruht. Physiker arbeiten mit
Modellen, die (wie sie hoffen) einer zugrundeliegenden Realität
nahekommen. Aber oft vergessen sie, zwischen solchen Modellen
und der Wirklichkeit selbst zu unterscheiden, weil unsere Vorurteile
und kulturellen Einflüsse eben den Weg >bestimmen<, auf dem wir die
Welt zu ergründen suchen. Um anerkennen zu können, was wir
wirklich von der Quantenwelt begreifen, sollten wir wirklich zu
verstehen suchen, was unter Verstehen zu verstehen ist«, schreibt John
Gribbin in Search of Schrödinger's Cat.
Der Wissenschafts-Philosoph Sir Karl Raimund Popper (1902-
1994) unterteilte das Universum in drei Welten:

Welt Nr. 1:
die physikalische mit belebten und unbelebten Substanzen;
Welt Nr. 2:
mit ihren bewußten Erlebnissen, Gefühlen, Absichten, Träumen etc. und
subjektivem Wissen;

140
Welt Nr. 3:
mit ihren logischen Gehalten von Aufzeichnungen und Speicherungen
intellektueller Bemühungen und theoretischer Systeme in
Datenverarbeitungsanlagen, Facharbeiten, Büchern und dergleichen
mehr.

Zwischen diesen drei Welten besteht eine Interaktion mit einer


gegenseitigen Beeinflussung von Welt l und 2 sowie einer
Wechselwirkung zwischen 2 und 3. Es gibt jedoch keine direkte
Beeinflussung der Welten l und 3 untereinander.
»Wissenschaft ist Wahrheitssuche«, sagte Popper einmal, »nicht der
Besitz von Wissen, sondern das Suchen nach Wahrheit...«
Vielleicht sollte es sogar heißen: Suche nach einer allumfassenden
Wirklichkeit, deren Resultat allerdings immer nur eine subjektive
Wirklichkeit sein wird. Was heute Bestand hat, kann morgen wieder
umgeworfen werden. Denn Wissenschaftler rütteln zum Beispiel
bereits an den Fundamenten der Einsteinschen Relativitätstheorie. So
behaupten die Physiker Georg Galeczki und Peter Marquardt in
ihrem Buch Requiem für die Spezielle Relativität, daß Relativität passe
sei. Dabei beziehen sie sich mit ihrer massiven Kritik an Einstein auf
den österreichischen Physiker Paul Ehrenfest, der bereits 1909 die
Längenkontraktion der speziellen Relativitätstheorie in Zweifel zog
mit dem Argument: Sollten sich bewegte Objekte tatsächlich
verkürzen, müßte sich eine rotierende Scheibe stetig verkleinern und
gleichzeitig verbiegen. Theoretisch wäre sie dann bei Lichtge-
schwindigkeit zur Nichtexistenz geschrumpft.
Dieses Ehrenfestsche Paradoxon überprüfte der Physiker Thomas E.
Phipps 1973 in einem Experiment: Er versetzte eine Scheibe aus
dünnen Stäben unter fortgesetzten Blitz-

141
lichtaufnahmen wochenlang in schnelle Rotation. Ergebnis: Die
Längenkontraktion der speziellen Relativitätstheorie wurde nicht
bestätigt, die Radialstäbe waren nicht verbogen. Das Für und Wider
der allgemeinen und der speziellen Relativitätstheorie tobt seit Jahren
im »Untergrund«, wobei die Relativitätstheorie vom Establishment
nach wie vor anerkannt wird.

Es ist nicht weiter überraschend, daß die theoretischen und


praktischen Aspekte von Zeitreisen zahllose Kontroversen über die
physikalischen und philosophischen Probleme ausgelöst haben.
Stephen Hawking ging sogar so weit, eine Chrono -Schutz-
Hypothese vorzuschlagen, derzufolge die Natur immer einen Weg
finden wird, um Paradoxa, die durch Zeitreisen in die Vergangenheit
verursacht wurden, zu verhindern. Ein hier bisher noch nicht
angesprochener Bereich liegt auf nichtphysikalischer Ebene.

142
Psi-Time

Eskönnen
ist ein uralter Menschheitstraum, die Zeit beherrschen, besiegen zu
und damit in jede Epoche zu reisen - wenn nicht auf
maschinellem Wege, dann doch wenigstens auf geistige oder
paranormale Art. Daher ist es auch nicht verwunderlich, daß in vielen
Kulturkreisen die unterschiedlichsten Methoden angewendet wurden,
um zu versuchen, die Zeit zu meistern: Meditation, Trance,
Autosuggestion beziehungsweise Hypnose oder Traumsteuerung.
Selbst Psychodrogen dienten dazu, Bilder aus fernster Vergangenheit
oder von zukünftigen Ereignissen heraufzubeschwören. So versetzten
sich beispielsweise die Schamanen oder Priester untergegangener
Kulturen oft in einen veränderten Bewußtseinszustand, um ihren
feinstofflichen Zweitkörper auf eine Zeitreise zu schicken mit der
Absicht, wichtige Informationen aus anderen Zeiten und jenseitigen
Welten zurückzubringen. Schon immer bedeutete Wissen Macht -
nicht zuletzt auch die Fähigkeit, die Zukunft vorauszusagen und
somit das Volk vor bösen Überraschungen, vor Schaden bewahren
zu können. So wird in einer Reihe von Überlieferungen demonstriert,
welc hen Einfluß Präkognition, Hellsehen, prophetische Träume und
außerkörperliche Erfahrungen auf die menschliche Gesellschaft
ausgeübt haben. Wegen eines Orakelspruchs der Priesterin von
Delphi, Pythia, wurden beispielsweise Kriege angezettelt oder unter-
lassen. Manchmal wurde eine Warnung aber auch ignoriert,

143
wie die der Seherin Kassandra, der Tochter des Priamos, die das Volk
von Troja vor dem Holzpferd warnte, das vor seinen Toren stand. Das
Volk verlachte sie und brachte das Pferd in die Stadt. In seinem
Inneren aber waren feindliche Soldaten verborgen.
Aber was wären Wissenschaft und Kunst ohne den Einfluß der
Träume?
»Ich saß im meinem Arbeitszimmer in Gent und kam nicht weiter.
Ich drehte den Stuhl zum Kamin und verfiel in Halbschlaf. Vor meinen
Augen gaukelten die Atome. Durch wiederholte Visionen ähnlicher
Art geschärft, unterschied mein geistiges Auge jetzt größere Gebilde
mannigfaltiger Gestalt. Lange Reihen, vielfach dichter zusammenge-
fügt, alles in Bewegung, schlangenartig sich windend und drehend.
Und siehe, was war das: Eine der Schlangen biß sich in den eigenen
Schwanz, und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie
durch einen Blitzstrahl erwachte ich. Auch diesmal verbrachte ich die
restliche Nacht damit, den Rest der Hypothese auszuarbeiten. Lernen
wir träumen, meine Herren, dann finden wir vielleicht die Wahrheit.«
Mit diesen Worten beendete August Kekule von Stradonitz (1829-
1896), Pionier der chemischen Großindustrie, 1890 seine Rede vor
einem verblüfften Auditorium der Deutschen Chemie-Gesellschaft in
Berlin, in der er erklärt hatte, wie er die Ringstruktur des Benzols
entdeckt hatte.
Ähnliches erlebte der Atomphysiker Niels Bohr, der 1922 den
Nobelpreis für seine Entdeckung des Atommodells erhielt, das ihm
im Traum klar geworden war.
Selbst der größte Dichter Italiens - Dante - wurde durch Träume zu
seinem Hauptwerk Die göttliche Komödie inspiriert.

144
Im Verlauf der Menschheitsgeschichte haben einzelne immer
wieder behauptet, ihren physischen Körper in einem zweiten
feinstofflichen, sogenannten Astralkörper verlassen zu haben, um
sich auf Zeitreisen zu begeben. Ein aufsehenerregender Zwischenfall
in diesem Zusammenhang, der nicht einer gewissen Komik entbehrt
und sich Mitte des 19. Jahrhunderts zugetragen haben soll, ist in der
Fachliteratur als Fallbeispiel aufgeführt:
Im Jahr 1845 wurde Mademoiselle Emilie Sagée, eine
französische Sprachlehrerin, ihres Lehrpostens enthoben. Nicht etwa
weil irgend jemand ihre Fähigkeiten bezweifelte, sondern weil sie ihre
Schüler beunruhigte, die sie oft doppelt sahen. Es passierte nicht selten,
daß Mademoiselle Sagée 2 neben Fräulein Sagée l an der Tafel stand
oder mit ihr dieselbe Schulmahlzeit verzehrte. Manchmal saß die
schemenhafte Lehrerin still in einer Ecke und beobachtete die leib-
haftige bei der Arbeit. Manchmal verließ sie die erste, damit diese mit
dem Unterricht fortfahren konnte, und ging selbst auf dem
Schulgelände spazieren.
Das alles überstieg die Toleranz der Schuldirektion an der Schule für
junge Damen in Riga. Nach fortgesetzten Beschwerden der Eltern
legte der Direktor Mademoiselle nahe, ihre Koffer zu packen - wie es
achtzehn andere Schulbehörden bereits vorher getan hatten.
Fräulein Sagée hätte wahrscheinlich bessere Chancen gehabt,
wenn sie in Afrika beim Volksstamm der Azande gelehrt hätte. Denn
dort herrscht der Glaube, daß jeder Mensch zwei Seelen hat, von
denen eine - die mbisimo - den Körper während des Schlafs verläßt.
Oder in Birma, wo die zweite Seele mit einem Schmetterling
verglichen wird, wie der amerikanische Psi-Experte J. H. Brennan
sagt. Oder bei den Bacairis von Südamerika, die ähnlich wie die
Azande

145
von einem Schatten sprechen, der den Körper während des Schlafes
verläßt. So wurde bereits nachgewiesen, daß wenigstens
siebenundfünfzig Kulturen fest an eine Art zweiten Körper glauben.
Ein klassischer Fall außerkörperlicher Erfahrung, einer Reise
durch Raum und Zeit mit dem Zweitkörper, trug sich zum Beispiel
1863 zu, als ein amerikanischer Fabrikant namens Wilmot an Bord des
Schiffes »City of Limerick« in ein mittelatlantisches Sturmtief geriet.
Dort hatte er nachts einen Traum, in dem seine Frau im Nachtgewand
zu ihm kam und ihn küßte. Obwohl er mit niemandem über seinen
Traum gesprochen hatte, hänselte ihn am nächsten Morgen sein
Kabinengefährte mit dem mitternächtlichen Besuch einer Dame.
Als er nach Bridgeport in Connecticut zurückkehrte, fragte ihn seine
Frau als erstes, ob er ihren Besuch in der Nacht wahrgenommen habe?
Wegen der Berichte über Schiffbrüchige infolge des Sturms habe sie
sich so geängstigt, daß sie den Entschluß gefaßt habe herauszufinden,
wie es ihm ergangen sei, erzählte sie ihm. Sie sei außerhalb ihres Kör-
pers über den Ozean geflogen, habe sein Schiff ausfindig gemacht und
seine Kabine betreten. Aus der oberen Koje habe sie ein Mann be-
obachtet, ihr direkt ins Gesicht geschaut, aber sie sei unbeirrt
weitergegangen und habe ihren Mann geküßt.
Genauer befragt, war sie in der Lage, das Schiff, den Fremden in
der oberen Koje der Kabine, die ihr Mann mit diesem geteilt hatte,
präzise zu beschreiben.

Schon 1886 veröffentlichte die Society for Psychical Research,


London, einen umfassenden Band unter dem Titel Phantasms of the
Living, in dem dreihundertfünfzig Fälle über

146
Zweitkörperprojektionen ausführlich behandelt wurden. Sylvan
Muldoon und Hereward Carrington fügten in ihrer Arbeit »Pheno-
mena of Astral Projection« 1951 noch weitere hundert hinzu.
Drei Jahre danach (1954) untersuchte Hornell Hart im Journal of
the American Society for Psychical Research weitere zweihundert-
achtundachtzig Fälle. 1961 kam der Psi-Forscher Robert Crookall
noch hinzu und veröffentlichte bis 1978 nicht weniger als neun
Bücher mit Fallgeschichten.
In den späten sechziger Jahren wandte sich die englische
Psychologin Celia Green mit der dringenden Bitte um Informationen
im Zusammenhang mit diesem Thema an die Öffentlichkeit und
erhielt dreihundertsechzig Zuschriften mit persönlichen Erfahrung-
en. John Poyton fügte der Liste 1978 hundertzweiundzwanzig weitere
Fälle hinzu.
Inzwischen haben verschiedene wissenschaftliche Institute in den
USA, die das Phänomen außerkörperlicher Erfahrung erforschen,
faszinierende Resultate vorgelegt, welche die Realität dieses
Phänomens dokumentieren. Unter anderem wurden Probanden unter
Kontrollbedingungen veranlaßt, mit ihrem feinstofflichen Zweitkörper
Zeitreisen durchzuführen.

Bereits in den zwanziger Jahren führte Dr. Duncan McDougal aus


Havervill, Massachusetts, eine Reihe recht ausgefallener Experimente
durch. Er entschloß sich nämlich, unter seinen Patienten diejenigen zu
wiegen, die im Begriff waren, an Tuberkulose zu sterben. Zur
praktischen Durchführung dieses Vorhabens ließ er die
Todgeweihten mitsamt ihrem Bett auf eine sorgfältig ausbalancierte
Waage transportieren und wartete ab! Bei Eintritt des Todes stellte er
in vier von

147
sechs Fällen einen Gewichtsverlust zwischen 56,70 und 70,87
Gramm fest. Daraus leitete der Arzt die Schlußfolgerung ab, daß den
Körper irgend etwas bei Eintritt des Todes verläßt, und obwohl es
offensichtlich unsichtbar und nicht greifbar ist, mußte es zumindest
genug Substanz haben, um eine Meßgröße zu hinterlassen.
Dr. McDougals Versuch war von frappierender Schlichtheit, aber es
ist nichts über nachvollzogene Versuche anderer Wissenschaftler
bekannt geworden - möglicherweise aufgrund der Schwierigkeiten,
auf die Dauer mit einem verläßlichen Angebot todgeweihter Patienten
rechnen zu können.
Doch abgesehen davon, gelangten die in Den Haag arbeitenden
Ärzte, die Doktoren Malta und Zaalberg Van Zelst zu ähnlichen
Schlußfolgerungen, wenn auch auf ganz andere Art. Sie erfanden
nämlich einen recht ausgefallenen Apparat, den sie Dynamistograph
nannten. Das oben mit einem Zeiger auf einer ßuchstabenskala
versehene Gerät konnte - seinen Erfindern zufolge - in direkten
Kontakt mit der Welt der Geister treten. Und zwar würde die in
einem Raum untergebrachte und durch ein Fenster zu beobachtende
Maschine durch Geister manipuliert, die über die Buchstabenskala
Nachrichten übermittelten.
Wie Malta und Van Zelst die Maschine handhabten, um den
feinstofflichen Körper zu messen, ist nicht ganz klar. Aber später
behaupteten sie, er sei in der Lage gewesen, sein eigenes Volumen um
etwa 1/40 Millionstel auszudehnen und um etwa 1/6,
zweihundertfünfzigtausendstel, zusammenzuziehen. Er habe aus
extrem kleinen und voneinander getrennten Atomen bestanden, seine
Dichte sei 176,5 mal leichter als Luft gewesen und sein Gewicht
habe durchschnittlich 69,5 Gramm betragen.

148
Diese Versuche können vom wissenschaftlichen Standpunkt her
zwar kaum überzeugen, gehörten aber wenigstens zu den ersten, wenn
auch erheiternden Experimenten, die Theorie eines feinstofflichen
Zweitkörpers zu »beweisen«.
Etwa eine Dekade später startete der amerikanische Ana-
tomieprofessor Dr. Harold Saxton Burr von der Yale-Universität eine
Reihe von Experimenten, die insgesamt gesehen weit überzeugender
waren. Burr interessierte sich für das elektrische Potential alles
Lebendigen, ein in den dreißiger Jahren noch weniger populäres
Forschungsgebiet, als es heute ist. Er installierte ein nach heutigem
Standard »hinterwäldlerisches« Meßinstrumentarium, mit dem er
dennoch in der Lage war, die elektromagnetische Feldenergie von
Bäumen, Pflanzen, Tieren und auch Menschen zu registrieren.
Nach jahrelangen Versuchen war Burr von der Existenz eines bio-
energetischen Feldes überzeugt. In seinem Blueprint for Immortality
bemerkt Burr: »Wenn wir uns mit einem Freund treffen, den wir viele
Monate nicht gesehen haben, gibt es in seinem Gesicht kein Molekül,
das es gegeben hat, als wir ihn zuletzt gesehen haben. Aber dank
seines steuernden Lebens beziehungsweise bio-energetischen Feldes
haben sich die neuen Moleküle in das alte, gewohnte Muster eingefügt,
und daher erkennen wir sein Gesicht wieder.«
Während seines Berufslebens wurden die Burrschen Theorien vom
wissenschaftlichen Establishment größtenteils ignoriert.
Der englische Cambridge-Biologe Rupert Sheldrake liefert eine
faszinierende, überzeugende Hypothese, die das formgebende
Gedächtnis der Natur erklärt. Nach seinen Vorstellungen existieren
eigene Felder - morphogenetische Felder, wie er sie nennt -, die für
die Entstehung sämtlicher Formen in der Natur verantwortlich sind,
ob es sich nun um

149
Kristalle, Pflanzen, Tiere oder Menschen handelt. Hier ist die
herkömmliche mechanische Erklärung, beispielsweise eine
Steuerung durch Gene, unzureichend. Nach Sheldrake ist jedes
natürliche System einer bestimmten Art im Besitz seines eigenen
spezifischen Feldes, und daher sprechen wir von einem Insulinfeld,
einem Kornfeld, einem Krähenfeld und so fort. Solche Felder sind
verantwortlich für die Formgebung aller Arten von Atomen,
Molekülen, Kristallen sowie lebenden Organismen; von
Gesellschaften, Konventionen und geistigen Gewohnheiten etc. Wie
die bekannten Felder in der Physik sind morphische Felder
immaterielle, sich in Raum und Zeit ausdehnende, unaufhörliche
Informationszonen innerhalb und in der Umgebung des von ihnen
organisierten Systems.
Jedem dieser Felder ist ein auf einer sogenannten morphischen
Resonanz beruhendes Gedächtnis zu eigen. Durch morphische
Resonanz mit früheren Organismen der eigenen Art wird allen ein
artspezifisches kollektives Gedächtnis vererbt. Und da individuelle
Organismen in morphischer Resonanz zu ihrer eigenen Beschaffenheit
in der Vergangenheit stehen, bildet diese Eigenresonanz die Grundlage
ihres individuellen Gedächtnisses und ihrer Gewohnheiten.
Wenn also die morphischen Felder über derartige Eigenschaften
verfügen, kann nicht ausgeschlossen werden, daß in der Natur neue
Gewohnheiten entstehen und sich ausbreiten.
Möglicherweise könnte morphische Resonanz in zwischen-
menschlichen Beziehungen zu völlig neuen - ausgefallenen – Kom-
munikationswegen führen; und zwar durch psychokinetische
Phänomene, Telepathie und auch durch außerkörperliche Erfahrungen.
Solche Resonanzbeziehungen wären keinen Raum- und Zeitbe-
schränkungen unterworfen.

150
Seit Jahrzehnten versuchen führende Wissenschaftler, dem Phänomen
PK (Psychokinese) experimentell auf die Spur zu kommen. Unter
anderem wollten sie ergründen, ob sich die Funktionen
hochempfindlicher Geräte kraft des Geistes beeinflussen
beziehungsweise dem menschlichen Willen unterordnen lassen.
Zwei Wissenschaftler des amerikanischen Princeton Engineering
Anomalies Research Laboratory, Robert Jahn und Brenda Dünne,
kamen in diesem Zusammenhang mit ihren Versuchen zu
erstaunlichen Ergebnissen.
Zur Durchführung der Experimente wurde ein Zufallsgenerator
eingesetzt. Er diente dazu, eine bestimmte Anzahl von Zahlenfolgen
sowie deren ständiges Durchschnittsergebnis zu erzeugen. Es war nun
die Aufgabe der Probanden, diesen Ablauf auf einem Bildschirm zu
beobachten und sich gleichzeitig zu bemühen, die zufälligen
Zahlenfolgen und deren Durchschnittswert durch geistigen Einsatz
zu beeinflussen, also zu verändern. Mehr als fünftausend Versuche
erbrachten schließlich den eindeutigen Beweis, daß der durch die
Willenskraft der Probanden erzielte Durchschnittswert der
Zahlenfolgen so augenfällig verändert wurde, daß von »Zufall« nicht
mehr die Rede sein konnte.
Doch abgesehen davon blieb das Leistungsvermögen der Versuchs-
personen im Verlauf viele r Experimente nicht nur unverändert
erhalten, sie entwickelten teilweise vielmehr ein höchst
persönliches Muster. Wenn beispielsweise ein Kandidat in der Lage
war, eine Zahlenanordnung herabzusetzen, diese aber nicht erhöhen
konnte, blieb diese Eigenart grundsätzlich in allen Experimenten -
sozusagen als Wiederholungseffekt - erhalten.
Zur Kontrolle wurden bei den Versuchen die unter-
schiedlichsten Zufallsgeneratoren eingesetzt, um die Abhän-

151
gigkeit von einem bestimmten Gerätetyp von vornherein
auszuschließen. Auch ein nachgebauter »Galton Desk« - ein Gerät aus
dem 19. Jahrhundert, das damals dazu diente, den Einfluß des Geistes
auf zufällige Ereignisse zu erforschen -kam zum Einsatz. Durch diesen
drei Meter hohen und zwei Meter breiten Schacht fallen zehn
Zentimeter große Styroporkugeln in zufälliger Reihenfolge langsam
abwärts. Unten werden sie in einem durchsichtigen, mit
dreihundertdreißig Holzpflöckchen bestückten und einem Nagelbrett
ähnelnden Kasten »aufgefangen«.
Natürlich stoßen die abwärts kullernden Kugeln zusammen und
werfen sich gegenseitig aus der Bahn. Beim Aufprall auf die
Holzpflöckchen geraten sie noch ein weiteres Mal aus der Richtung,
bevor sie schließlich in einer Lücke zwischen den Stäbchen am Ziel
sind.
Die Probanden vor dem »Galton Desk« hatten die Aufgabe, die
Styroporbällchen durch psychokinetische - also geistige – Beeinflus-
sung nach allen Richtungen hin zu verteilen. Ähnlich wie bei den
Versuchen mit dem Zufallsgenerator war es den Versuchspersonen
auch hier möglich, ein bestimmtes Ablaufmuster kraft des Willens
positiv zu beeinflussen.
Telepathie, das heißt Übertragung geistiger und seelischer Inhalte
ohne Hilfe der Sinnesorgane, Hellsehen, gleich außersinnliche
Wahrnehmung von Orten oder Geschehnissen sowie Präkognition,
also paranormale Wahrnehmung zukünftiger Ereignisse, waren
Studienbereiche für weitere Versuchsreihen der Princeton-
Wissenschaftler. Hier hatten die teilnehmenden Kandidaten unter
anderem die Aufgabe, vor laufender Kamera zu beschreiben, wo sich
der bereits abgefahrene Experimentator neunzig Minuten später befin-
den würde.

152
Eine Stunde vor Beginn des Experiments setzte ein Teilnehmer
einen mit einem Zufallszahlenprogramm versehenen Rechner in
Gang. Anschließend wurde eines von zehn Kuverts »blind«
ausgesucht, die vorher von Unbeteiligten vorbereitet worden waren.
In jedem dieser Briefumschläge war die Richtung zu jeweils einem
anderen Ort angegeben, der in dreißig Minuten Fahrzeit zu erreichen
war. Da mit dem ausgesuchten Briefumschlag das Zufallsziel
festgelegt war, begab sich der Experimentator mit seinem Filmteam
umgehend dorthin, um Aufnahmen zu machen. Zudem wurden
auffällige Einzelheiten des Zielorts fotografisch festgehalten, damit diese
später mit den schriftlichen Aufzeichnungen des Probanden verglichen
werden konnten.
Im Verlauf von sechsunddreißig Monaten nahmen vier zig
Versuchspersonen an dreihundertvierunddreißig erfolgreich durch-
geführten Experimenten teil. Dabei waren Entfernungen bis zu
achttausend Kilometern im Spiel, die im Zeitraum von bis zu fünf
Tagen, vor Eintritt des jeweiligen Vorfalls, bewältigt werden mußten.
Da die erzielten Resultate mit unantastbaren Einzelheiten verknüpft
waren, konnte der »Zufallsfaktor« mit Fug und Recht ausgeklammert
werden.
Im Labor für Elektronik und Biomechanik des Stanford Research
Institute arbeiteten der Elektroingenieur Dr. Harold E. Puthoff und
der Physiker Dr. Russell Targ mehrere Jahre an einem
außerordentlich erfolgreichen Forschungsprojekt. Hier mußten
sowohl versierte als auch unerfahrene Probanden versuchen, kraft ihrer
Psyche weitentfernte Ziele zu »sehen« und danach zu beschreiben -
beispielsweise Gebäude, eingerichtete Labors oder Straßen. Es
handelte sich um den Nachweis präkognitiver Wahrnehmungen aus
der Ferne.

153
Hella Hammid, eine der Versuchspersonen, die unglaubliche
Erfolge mit dem Zufallsgenerator aufweisen konnte, wurde deswegen
auch bei Fernwahrnehmungsexperimenten eingesetzt. Sie sollten sich
ebenfalls als sehr erfolgreich erweisen. So mußte sie innerhalb einer
Viertelstunde einen Zielort beschreiben, der erst zwanzig Minuten
später ausgewählt wurde und den der Experimentator erst fünfund-
dreißig Minuten später aufsuchen würde.
Hella Hammid, für die ein solcher Versuch der erste seiner Art war,
erkundigte sich, wie ein noch unbekannter Zielort paranormal
überhaupt zu erfassen sei? Bei allen bisher durchgeführten Versuchen
habe sie den Experimentator nur dann an einem bestimmten Ort
wahrgenommen, wenn er sich dort auch tatsächlich aufgehalten hatte.
Da der Verlauf des neuen Experiments auch für die Forscher
»Neuland« war, gaben sie Hella Hammid den Rat, sich einfach zu
entspannen, sobald der Experimentator das Labor verlassen hatte.
Nach zehn Minuten sollte sie dann nach und nach alles schriftlich
festhalten, was sich vor ihrem geistigen Auge »abspielte«, also alles,
was sie »wahrnahm«. Auch dann, wenn noch weitere zwanzig
Minuten vergehen würden, bevor Dr. Puthoffs Entscheidung für einen
Zielort gefallen war. Sie sollte nur alle vor ihrem geistigen Auge
auftauchenden Eindrücke und Bilder notieren, ohne einen Gedanken
daran zu verschwenden.
Tag für Tag lief das Experiment nach unverändertem Muster ab: Um
zehn Uhr vormittags verließ einer der drei SRI-Experimentatoren das
Labor, ausgestattet mit zehn versiegelten Briefumschlägen, in denen
die Wegbeschreibungen der verschiedenen Zielorte festgehalten
waren. Aus einem Haufen von Kuverts wurden täglich zehn wahllos
»herausgefischt«. Die darin angeführten Zielorte waren nieman-

154
dem bekannt - weder dem jeweiligen Probanden noch den beiden im
Labor zurückgebliebenen Experimentatoren. Der dritte von ihnen
kurvte unterdessen im Auto zwischen 10.00 und 10.30 Uhr wahllos
durch das Gelände, um so ein schlechtes Ziel abzugeben. Denn nach
den Beobachtungen des Forscherteams sind Objekte oder Menschen
in schneller Bewegung schlechte Ziele für die Fernwahrnehmung.
Nach halbstündiger Fahrzeit ließ der Experimentator seinen
Zufallsgenerator während des Fahrens eine Zahl zwischen Null und
Neun wählen, öffnete dann den dieser Zahl entsprechenden
versiegelten Umschlag und fuhr zum darin angegebenen Zielort, wo
er gegen 10.45 Uhr ankam.
Der Experimentator Puthoff traf um 11.00 Uhr wieder im Labor ein.
Bis dahin hatten seine beiden Kollegen das vorgegebene Protokoll
strikt durchgeführt; wie vereinbart, hatte die Versuchsperson Hella um
10.10 Uhr damit begonnen, den von Hai Puthoff fünfunddreißig
Minuten später aufgesuchten Zielort in Einzelheiten zu beschreiben
und Zeichnungen anzufertigen. Diese ihr im Rahmen des Experi-
ments gestellte Aufgabe hatte sie bereits um 10.25 Uhr erledigt -
und zwar fünf Minuten, bevor sich der Experimentator überhaupt für
einen Zielort entschieden hatte.
Bei diesem so gewissenhaft überwachten Experiment war das
Forscherteam nach logischen Erwägungen und dem Gesetz der
Wahrscheinlichkeit von einem, höchstens aber zwei »Zufallstreffern«
ausgegangen. Doch weit gefehlt! Die Versuchsperson Hella stellte bei
allen Experimenten mit geradezu »furchterregender« Treffsicherheit
die von Puthoff jeweils anzusteuernde Ortlichkeit fest.
Nur eines ließ sich nic ht mit Sicherheit beantworten: Hatte Hella
Hammid den Zielort aufgrund hellseherischer Fä-

155
higkeiten erkannt, oder lag eine geistige Beeinflussung des
Zufallsgenerators zugrunde? Mit anderen Worten, handelte es sich
hier um einen Fall von Präkognition oder von Psychokinese?

1970 hatte der für Boeing tätige Physiker Helmut Schmidt erstmals
bei der Erforschung des Vorauswissens die Präkognition und die
Teilchenaktivität auf subatomarer Ebene miteinander in Beziehung
gebracht. Er bezog sich in diesem Zusammenhang auf die
anscheinend völlig unerwarteten »Quantensprünge« subatomarer
Teilchen, deren »zufällige Beschaffenheit« er für seine Versuche
nutzen wollte.
Der von ihm zu diesem Zweck entwickelte Konverter
»verwandelte« Quantensprünge dann ebenso zufällig in Licht-
signale, wie wir beispielsweise Kopf oder Zahl einer geworfenen Münze
vorhersagen. Als Quantensprung-Quelle wählte Schmidt das nach
durchschnittlich dreißig Jahren unerwartet in Teilchen zerfallende
radioaktive Element 90. Zwei Geräte fungierten als »Münzenwerfer«:
zum einen ein Geiger-Müllersches Zählrohr als Anzeiger für den
Zerfall und die Freisetzung der Teilchen, zum anderen ein
zwischen den Positionen »Kopf« und »Zahl« in der Sekunde eine
Millionmal oszillierender Hochfrequenzschalter. Sobald sich der
Schalter genau in der Position von Kopf oder Zahl befand, wurde ein
Teilchen frei, und damit leuchtete eines von vier Kontrollämpchen
auf.
Die mit präkognitiven Fähigkeiten ausgestatteten Ver-
suchspersonen mußten nun voraussagen, wo das Lämpchen
aufflackern würde: rechts bedeutete »Kopf«, links »Zahl«. Dem
Gesetz der Wahrscheinlichkeit entsprechend, mußten sich die Nieten
und Treffer bei einer größeren Anzahl von Versuchsdurchgängen
ausgleichen.

156
Schmidt wählte unter seinen hundert Probanden drei aus, deren
Voraussagen von Beginn an weit über dem Gesetz der Wahr-
scheinlichkeit lagen. Diese drei veranlaßte er, den Versuch jeweils
viele tausend Male zu wiederholen. Das dabei erzielte Ergebnis lag
bei jedem bei einer Milliarde zu eins gegen die Wahrscheinlichkeit
beziehungsweise gegen den Zufall. In weiteren Versuchen konnte
Schmidt mit Hilfe des subatomaren Zufallsgenerators den
unumstößlichen Nachweis erbringen, daß die Quantensprünge im
subatomaren Bereich durch den menschlichen Geist beeinflußbar
sind.
Helmut Schmidts aufsehenerregendste Versuchsreihe entstand
jedoch 1987 gemeinsam mit Marilyn Schlitz an der Mind Science
Foundation in San Antonio, Texas. Die beiden Wissenschaftler
ließen zunächst einen Computer tausend Tonfolgen von jeweils
hundert Klangmustern nach einem Zufallsprogramm produzieren.
Jede dieser Sequenzen setzte sich aus reinen, nur von
explosionsartigen Geräuschen unterbrochenen Tönen zusammen,
deren Länge von einem Zufallsgenerator bestimmt war. Diese vom
Forscherteam Schmidt/Schlitz auf Tonband festgehaltenen Klangfol-
gen wurden den Versuchspersonen als Kopie ausgehändigt. Sie
sollten sich kraft ihres Willens bemühen, die durchschnittliche Dauer
der reinen Töne zu verlängern, dagegen die Länge der Störgeräusche
zu verkürzen.
Aus einer Überprüfung der Originalaufnahme wurde ersichtlich,
daß sich erstaunlicherweise tatsächlich eine Veränderung von
Tonfolge und Geräuschkulisse in der vorgegebenen Richtung
vollzogen hatte. Allem Anschein nach hatten sie das Prinzip von
Ursache und Wirkung ins Gegenteil verkehrt, das heißt, nachträglich
beeinflußt, und hätten sich somit auf eine geistige Reise in die
Vergangenheit begeben.

157
Dieses Experiment und eine Reihe anderer ähnlicher Art führten
zu einer geradezu unfaßbaren Schlußfolgerung: Unser Geist ist in
der Lage, Zeitreisen zu unternehmen und damit Einfluß auf den
Schicksalsstrom zu nehmen.
Als ich den Physiker Helmut Schmidt für das Zweite Deutsche
Fernsehen in Mora, New Mexico, interviewte, sagte er zu mir:
»Es gibt kausale Gesetze und den sogenannten Zufall. Wir aber
beweisen hier, daß der Zufall dem menschlichen Geist unterliegt,
also ein reiner Zufall nicht existiert. Demzufolge muß die
Quantenphysik modifiziert werden.«

Sowohl der amerikanische Geheimdienst CIA als auch der


sowjetische, mittlerweile russische Geheimdienst KGB haben schon
Vorjahren erkannt, daß paranormale Phänomene real sind, und sich
ihre Möglichkeiten zunutze gemacht. So wurden auf beiden Seiten
paranormal begabte Männer und Frauen engagiert und zu Psi-
Agenten ausgebildet.
Die Psi- und Spionageprojekte der CIA, das sogenannte remote
viewing (Fernwahrnehmung), liefen unter den verschiedensten
Geheimcode-Namen wie beispielsweise »Grill Flame«, »Center
Lane«, »Sun Streak« und »Star Gate«.
Die »remote viewers« beziehungsweise Psi-Agenten der US-
Regierung führten in der ganzen Welt Psi-Spionagemissionen durch;
sie konnten die Gedanken von Gegnern in hohen Positionen lesen,
geheime Militärinstallationen des Gegners ausforschen und waren
sogar in der Lage, in die Vergangenheit und in die Zukunft zu sehen.
Das berichtet der amerikanische Wissenschaftsjournalist Jim
Schnabel nach jahrelangen Recherchen und dem Studium geheimer
Unterlagen sowie Gesprächen mit ehemaligen Psi-Agenten. Typisch
für die Arbeitsweise der CIA-Remote-

158
viewers ist folgender Vorfall: Eines Tages kam ein CIA-Beamter in
die Psi-Abteilung mit einem klassischen Geheimdienstproblem, der
Art, mit dem sich Führungsoffiziere ständig befassen mußten. Es
ging um einen Agenten auf der Gehaltsliste der CIA in einem
bestimmten osteuropäischen Land. Wie die meisten wichtigen
Agenten mußte er sich etwa ährlich einer Lügendetektor-
Untersuchung unterziehen, um seine Zuverlässigkeit überprüfen zu
lassen. Seine Jahresüberprüfung stand kurz bevor. Aber vorher
wollte sein Führungsoffizier wissen, welche Fragen der CIA-
Lügendetektor stellen sollte.
Die Instruktionen für Skip Atwater, den Leiter der Psi-Abteilung,
enthielten lediglich den Namen des Führungsoffiziers, ein Datum
und die Uhrzeit. Der CIA-Beamte, der die Unterlagen gebracht hatte,
verlangte von dem Psi-Agenten, den Führungsoffizier zu dieser Zeit
und an diesem Ort auszuspionieren, wissend, daß er sich dann mit
seinem Agenten treffen würde. Auf diese Art und Weise schaffte es
die CIA, die Aktion des Psi-Spions unbemerkt durchzuführen.
Der Psi-Spion schien das ihm von Atwater gestellte Ziel sehr
schnell zu erfassen. Er beschrieb zwei Männer, die sich in einem
Restaurant trafen, außerdem eine Aktentasche, die ein Mann - der
Agent - bei sich hatte. »Was ist in der Aktentasche«, fragte Atwater
den Psi-Spion. »Viel Geld«, antwortete McMoneagle. Der Remote
viewer vermutete, daß es in der finanziellen Situation des Mannes
Unregelmäßigkeiten gab, von denen der Führungsoffizier nichts
wußte.
Die Ergebnisse der Psi-Aktion wurden schließlich dem
Führungsoffizier nach Übersee gekabelt und gleichzeitig dem
zuständigen Lügendetektor-Spezialisten zugänglich gemacht. Etwa
eine Woche später führte dieser in einem abgesicherten Haus
irgendwo in Europa ein geheimes Verhör über mög-

159
liehe finanzielle Unregelmäßigkeiten des Agenten durch, die dieser
energisch bestritt. Dann fragte der Lügendetektor-Spezialist: »Und
wie reimt sich das mit all dem Geld zusammen, das Sie in der letzten
Woche in Ihrer Aktentasche hallten?« Bei diesen Worten verschlug
es dem Agenten den Atem. »Wie können Sie das wissen?«
stammelte er.

Norm Everheart, ein Spezialist für technische Operationen, brachte


eines Tages im Jahr 1980 die Fotografie eines fremdartig
aussehenden Mannes, etwa Mitte Vierzig, mit nach Fort Meade,
berichtet Jim Schnabel. Er war die Zielperson.
Skip Atwater und die Remote viewers, die Hellseher, wußten
nicht, daß ein paar Wochen zuvor eine ähnliche Aufnahme
irgendwo in Skandinavien auf dem Schreibtisch eines
Regierungsbeamten gelandet war, als der Mann auf dem Foto einen
Paß beantragt hatte. Wie sich herausstellte, handelte es sich um
einen Einheimischen. Jedenfalls hatte ein westlicher Geheimdienst
durch einen merkwürdigen Zufall zur gleichen Zeit derselben
skandinavischen Regierung eine Warnung des Inhalts zukommen
lassen, daß es sich bei dem Mann um einen illegalen KGB-Offizier
höchster Geheimhaltungsstufe handle, der um eine fremde Staatsan-
gehörigkeit bemüht sei. Die Warnung und die Aufnahme waren auf
dem Schreibtisch desselben Beamten gelandet, der den Paßantrag
des Mannes erhalten hatte.
Der Mann erhielt seinen Paß und machte sich damit schon sehr
bald auf die Reise nach Afrika. Aber er war nicht allein unterwegs.
Spionageabwehragenten der CIA und aus Skandinavien waren ihm
hautnah auf der Spur. Sie unterrichteten die südafrikanische
Spionageabwehr, baten inständig darum, den Mann in Ruhe zu
lassen, während sie ihn beschatteten, zu welchem Ziel auch immer
er unterwegs war.

160
Aber die Südafrikaner, vielleicht in Sorge, daß einige ihrer
Staatsgeheimnisse auf diese Weise enthüllt werden könnten,
ignorierten das Gesuch und brachten den Mann innerhalb eines
Tages nach seiner Ankunft hinter Gitter. Er wurde zum Verhör in
einen Raum irgendwo in Kapstadt gebracht.
Das Verhör führte zu nichts. Und obgleich die westlichen
Geheimdienstoffiziere ebenfalls die Chance hatten, den Mann zu
verhören, bekamen sie nichts aus ihm heraus. Schließlich traf ein
CIA-Geheimdienstoffizier, Jim Morris, vom Hauptquartier ein, der
Norm Everheart die wichtigsten Daten des Falles darstellte und
fragte, ob die Grill-Flame-Psi-Agenten von Nutzen sein könnten?
Sie hatten praktisch nichts zu verlieren.
Everheart, ein bärtiger Mann in den Vierzigern, leitender
technischer Berater von John McMahon, dem CIA-Vizedirektor für
besondere Operationen, war gebeten worden, die Stelle des
Chefkoordinators für Grill Flame, Aufgaben des
Operationsdirektorats der CIA, zu übernehmen. Beide Everheart und
McMahon - waren seit den Anfängen der von der CIA gesponserten
Experimente des Stanford Research Institute (SRI) in Psi-
Spipnageexperimente verwikkelt gewesen. Sie hatten den Erfolg von
Remote viewing erlebt und waren davon überzeugt. Sie waren bereit,
den Psi-Agenten in der Ausführung bestimmter Operationen eine
Chance zu geben.
Der Spionageabwehrmann Jim Morris sagte Everheart, daß er
grundsätzlich daran interessiert sei, eine Frage über den KGB-
Illegalen zu beantworten. Man ging von der Annahme aus, daß der
Mann seine Instruktionen in einer Art Code über Kurzwellenradio
erhielt. Die Frage war nun, wie der Mann seine Nachrichten
entschlüsselte?

161
Everheart brachte eines Tages die Fotografie des KGB-I1-
legalen mit nach Fort Meade und übergab sie Scotty Watt.
Normalerweise nahm Everheart Zielunterlagen persönlich mit
und erhielt die Resultate am gleichen Tag zurück oder schickte
den zuständigen Offizier selbst nach Fort Meade. Aber seitdem er
seine Grill-Flame-Anweisungen von Scotty Watt 1979 erhalten
hatte, ermutigte ihn Watt herüberzukommen, um selbst eine
Operation mitzuerleben. Dieses Mal machte er von der Einladung
Gebrauch.
Watt brachte ihn zum Operationsgebäude und schob ihn in das
Kontrollzimmer. Im angrenzenden Remote-viewing-Raum
wartete Skip Atwater, während sich Ken Bell in Trance versetzte.
Als die Sitzung begann, hörte Norm Everheart vom Kontrollraum
aus per Kopfhörer zu. Er kannte den Namen von Bell nicht - die
Identität des Remote viewers war das am strengsten gehütete
Geheimnis des Programms; aber was er hörte, versetzte ihn in
Erstaunen.
In seinem Psi-Zustand begann Bell einen Mann zu be-
schreiben, der in einem Appartement im zweiten Stock eines
Gebäudes saß, in einer, von Wasser umgebenen Stadt. Der Mann
war sonderbar angezogen. Er trug keinen Straßenanzug, sondern
eher etwas, das wie ein Pyjama und grau aussah. Tatsächlich war
es Häftlingskleidung.
Der Mann war mit zwei anderen Leuten zusammen, die normal
angezogen waren. Sie sprachen eine andere Sprache als der
Gefangene; aber er wußte, was sie von ihm wollten -
Informationen. Und er würde sie ihnen nie geben. Er war
unnachgiebig. Es war, als führe er im Geist Selbstgespräche, daß
er seine Information nie preisgeben würde.
Jetzt schlug Atwater leise vor, Bell solle mit dem KGB-Mann
»sprechen«, die Informationen telepathisch aus ihm herausholen.
Bell versuchte es. Telepathisch fragte er den

162
Mann, was vor sich ging. Warum er hier sei? Was die anderen
beiden Männer von ihm wollten? Aber es war sinnlos. Der KGB-
Mann war ein Felsen; die telepathischen Fragen von Bell prallten
einfach von ihm ab. Schließlich beendete man die Sitzung.
Norm Everheart war enttäuscht, daß sie nicht mehr Informationen
erbracht hatte. Aber er war äußerst beeindruckt von dem, was er
miterlebt (gehört) hatte. Ihm waren nur wenige Einzelheiten des
Falls bekannt, aber was der Psi-Agent beschrieben hatte, klang auf
jeden Fall richtig.
Everheart fuhr zum Gebäude 4554 hinüber; dort gab es ein
abhörsicheres Telefon. Er rief Jim Morris im CIA-Hauptquartier an,
um ihm zu erzählen, was der Psi-Agent erreicht hatte. Morris
bestätigte alles; den Raum im zweiten Stock, die graue Kleidung, die
zwei Verhörbeamten - alles.
Dann fragte Everheart Morris, ob er ihm persönliche Einzelheiten
über den KGB-Mann nennen könnte oder sonst irgend etwas, auf das
sich der Psi-Spion konzentrieren könnte. Morris nannte ihm die
wirklichen russischen Namen des Sohnes und der Tochter des
Mannes.
Everheart bedankte sich bei Morris und fuhr zum Gebäude 2560
zurück. Er veranlaßte Watt, für den Nachmittag eine weitere
Remote-viewing-Sitzung anzuberaumen. Nach dem Mittagessen kam
er zum Operationsgebäude zurück und setzte die Kopfhörer auf. Bell
war wieder in Trance und begann, die geistige Barriere des KGB-
Mannes zu durchbrechen. »Dein Sohn Sergej vermißt dich«, flüsterte
er dem KGB-Mann telepathisch zu. »Deine Tochter Swetlana wüßte
gern, wann du wieder zu Hause bist.«
Stückchen für Stückchen schien die Information zu fließen. Bell
berichtete aus der Tiefe seiner Trance, daß der KGB-Mann nun
Tränen in den Augen hatte. Bell führte ei-

163
nes der bizarrsten Verhöre in der Geschichte der Spionageabwehr
durch, wenn es überhaupt als solches bezeichnet werden konnte; und
es schien zu klappen.
»Sergej möchte, daß ich mit ihm zum Skilaufen fahre«, murmelte
der KGB-Mann traurig. »Ich habe ihm versprochen, ihn zum
Skilaufen mitzunehmen.«
»Ja, du hast es versprochen«, antwortete Bell. »Du mußt schnell
nach Hause, um mit ihm Ski zu laufen.«
»Ich muß nach Hause. Das sollte ohnehin mein letzter Einsatz
sein. Ich war dabei, in Pension zu gehen, wollte zurück in die
UdSSR.«
Nach einer Weile entschied Bell, daß die geistige Barriere des
Mannes genügend geschwächt war, und er begann über mehr
operationeile Dinge zu sprechen. Als er den KGB-Mann über seinen
Tascheninhalt befragte, erfuhr er von einem Taschenrechner. Später
stolperte der Psi-Agent Mel Riley in einer Sitzung ebenfalls über
einen Taschenrechner.
Everheart wußte, daß Taschenrechner, entweder nicht-modifiziert
oder mit speziellen kryptographischen Geheimschrift-Computerchips
versehen, von KGB-Illegalen allgemein benutzt wurden, um
Nachrichten zu ver- oder entschlüsseln.
Norm Everheart nahm die Informationen mit zum CIA-
Hauptquartier und übergab sie Morris. Daraufhin setzte sich Morris
mit der südafrikanischen Spionageabwehr in Verbindung, die das
Verhör des KGB-Mannes durchführte. Über den Taschenrechner
befragt, antworteten sie, so etwas nicht gefunden zu haben. Einige
Tage später, ein zweites Mal befragt, gaben sie zu, daß einer von
ihnen im Tascheninhalt des KGB-Mannes tatsächlich einen
Taschenrechner gefunden und mit nach Hause genommen hatte.
Niemals wurde

164
von jemandem bestätigt, ob der Taschenrechner zum Entschlüsseln
von Nachrichten benutzt wurde, aber Jim Morris und Norm
Everheart waren sich ziemlich sicher, daß es der Fall war. Dank der
Remote viewers konnte der Fall abgeschlossen werden.

Oberflächlich betrachtet ist Remote viewing ein High-Tech-


Synonym für den überholten Begriff Hellsehen. Technisch gesehen,
bedeutet Hellsehen lediglich, sich Ereignisse oder Dinge aus der
Ferne in Realzeit zu vergegenwärtigen. Mit anderen Worten: Es ist
ein Negieren des dreidimensionalen Raums. Aber Remote viewing
ist ein Überbrücken der vierten Dimension - der Zeit ...! »Die
Rückwärtsbewegung in die Vergangenheit ist wie das Reisen in einer
Zeitmaschine, wenn auch mit kleinen Fehlern in der Software, denn
möglicherweise kommt man nicht dort an, wohin man möchte ...«,
resümiert Schnabel.
Der Quantenphysiker David Bohm war der Ansicht, daß unser
Universum in ein größeres unteilbares »Ganzes« eingefaltet ist.
Dann ist dort alle Zeit eins, und im allumfassenden Jetzt gibt es
weder Vergangenheit, Gegenwart noch Zukunft.
Für Bohm hätten die Ergebnisse der modernen Natur-
wissenschaften nur noch dann einen Sinn, wenn wir bereit wären,
eine innere, einheitliche und transzendente Wirklichkeit zu
akzeptieren, die allen äußeren Daten und Fakten zugrunde liegt.
Bohm postulierte hinter dem scheinbaren Chaos und den ohne
erkennbare Verbindung untereinander existierenden Materie-
Teilchen eine verborgene Ordnung. Diese verborgene Dimension,
diese implizite Ordnung mit unendlicher Tiefe ist ihm zufolge die
Quelle jeder sichtbaren (impliziten)

165
Materie unseres raum-zeitlichen Universums. Bohm vermutet, daß
die Welt, in der wir leben, multidimensional ist. Ihre
offensichtlichste und oberflächlichste Ebene ist die dreidimensionale
Welt der Objekte, die des Raums und der Zeitdimension - die
»explizite Ordnung«. Ein klares Verstehen wird nur auf einer
tieferen Ebene möglich - der impliziten Ordnung eben, dem
allumfassenden Hintergrund unserer physischen, psychischen und
spirituellen Erfahrung.

166
Besuch aus der Zukunft

Human- und Sozialwissenschaftler werden von vielen Na-


turwissenschaftlern als unpräzise, unlogische und »mystisch
angehauchte« Typen betrachtet. Insbesondere ordnen sie in diese
Kategorie gern Psychologen, Psychiater und Parapsychologen ein.
Für viele Humanisten verkörpern dagegen Naturwissenschaftler
engstirnige, geistig unbewegliche und ignorante, mit starken
Vorurteilen belastete Zeitgenossen.
Jede Fakultät »aalt« sich in der eigenen Unfehlbarkeit und
Überlegenheit und mokiert sich über die Kurzsichtigkeit der anderen.
Wahrscheinlich gehören die Vertreter beider Hauptfakultäten,
psychologisch gesehen, völlig unterschiedlichen Persönlichkeits-
strukturen an. Der Schweizer Psychologe und Psychiater Carl Gustav
Jung (1875-1961) stellte zum Beispiel in diesem Zusammenhang
grundlegende Unterschiede in der Art fest, wie Menschen die Welt
wahrnehmen, Informationen verarbeiten und schließlich zu
Schlußfolgerungen gelangen, C. G. Jung unterscheidet zwei
mögliche Wege, um zu einer bestimmten Anschauung zu kommen:
Denken oder Fühlen (warum eigentlich nicht beides zusammen?, der
Autor), wobei -Jung zufolge - Denken auf dem unpersönlichen
Prozeß der Begründung und der Logik beruht, einen Entschluß zu
fassen. Gefühl wiederum basiert auf persönlichen, sozialen und
kulturellen Werten. Denken sucht nach einer rationalen Ordnung und
plant nach unpersönlicher Logik, wohingegen Gefühl nach einer

167
Ordnung in subjektiven Werten fahndet. Die meisten Naturwis-
senschaftler, Ingenieure und Technologen sind kopflastig - »Denk-
Typen« -, die auf unpersönlicher logischer Basis zu ihren
Überzeugungen gelangen.
Der überwiegende Teil der Sozial- und Humanwissenschaftler
dagegen ist der Kategorie der »Gemütsmenschen« zuzuordnen,
deren Überzeugungen breitgefächerte, persönliche und soziale Werte
zugrunde liegen.
Das Wesen der Wissenschaft wird selbstverständlich geprägt von
ihren Vertretern: den Wissenschaftlern. Da auch diese »nur«
Menschen und keine Halbgötter sind, verwundert es nicht, hier sehr
viel Menschliches anzutreffen. Wie in jeder anderen Branche gibt es
ehrliche Leute, Faule und Fleißige, Begabte und Unbegabte,
Idealisten und Opportunisten und leider auch Betrüger. Das mag
banal erscheinen, aber man muß hin und wieder daran erinnern, daß
immer noch sehr viele Menschen ein idealisiertes, geradezu magi-
sches Bild von Wissenschaftlern in sich tragen, gepaart mit Respekt
und Vertrauen.
Ich will keineswegs behaupten, letzteres sei immer unverdient,
sondern nur zeigen, wie verhängnisvoll es sein kann, den falschen
Menschen zu vertrauen. Diese »magische Verehrung« wird
besonders Mathematikern, Physikern (speziell theoretischen) und
Philosophen zuteil, und diese sorgen dafür, daß dies so bleibt.
»Ich selbst habe Physik und nebenbei Philosophie studiert und
weiß, wovon ich spreche«, resümiert der Naturwissenschaftler
Gerald Johannes in seiner provokanten Analyse Über Irrtümer,
Lügen und Desinformationen in Wissenschaft und Politik.
Besonders wenn es um noch unverstandene Grenzbereiche der
Wissenschaft oder ungewöhnliche Phänomene geht,

168
wie zum Beispiel paranormale Ereignisse oder unbekannte
Flugobjekte, kommen Vorurteile und subjektive Meinungsbildungen
voll zum Tragen, und es ist wirklich erstaunlich, wie weit die
Ansichten der Wissenschaftler in der Beurteilung des gleichen
Phänomens auseinandergehen. In Entführt von Außerirdischen
schreibt beispielsweise der Harvard-Professor für Psychiatrie und
Pulitzer-Preisträger John E. Mack:
»UFO-Entführungen haben, so glaube ich, etwas mit der
Evolution des Bewußtseins zu tun. Sie scheinen einen epochalen
Wechsel anzukündigen, ein Hineintauchen in einen Kosmos, den wir
in einer weniger zerstörerischen Weise bewohnen könnten. Das
Phänomen öffnet das Bewußtsein der Entführten - und dadurch
möglicherweise die Einstellung von uns allen - für ausgedehnte und
geheimnisvolle Bereiche des Lebens, an dem wir uns fruchtbarer und
freudiger beteiligen könnten. Einige vermuten, daß die außerirdi-
schen Wesen Zeitreisen beherrschten und aus der Zukunft zu uns
gekommen seien. Manchmal teilen uns die Wesen sogar mit, daß
dies der Fall sein könnte. Wir wissen es nicht. Es scheint aber klar zu
sein, daß es bei dem Entführungsphänomen um unsere allernächste
Zukunft geht. Es bietet uns - durchaus im wörtlichen Sinne -
Visionen über alternative Formen der Zukunft an, aber es überläßt
uns die Wahl.«
Hudson Hoagland, Mitglied des Verwaltungsrates der American
Association for the Advancement of Science, schrieb 1969 einen
Leitartikel für die renommierte Zeitschrift Science, in dem er unter
anderem feststellt:
»Seit dem Zweiten Weltkrieg ähnelt das Interesse an intelligent
gesteuerten UFOs aus dem Weltraum sehr dem Interesse an
sogenannten materiellen Phänomenen der ParaForschung nach dem
Ersten Weltkrieg. Spirituelle Medien

169
behaupteten, Objekte durch übersinnliche Kräfte bewegen und
Ektoplasma abgeben zu können. Der Glaube an diese Art von
Ereignissen beschäftigte unter anderem namhafte Wissenschaftler,
Kleriker, Ärzte, Schriftsteller und Geschäftsleute sowie die
Gesellschaft der Para-Forschung. Sie veröffentlichten zahlreiche
pseudowissenschaftliche Schriften zur Unterstützung ihrer Theorien
...«
Die meisten Fälle führt Hoagland auf falsche Berichterstattung,
geistig verwirrte Beobachter, Wunschdenken, Gerüchte, Lügen und
Betrug zurück. Der ungeklärte Rest sei jedoch keine Rechtfertigung
zur Durchführung einer Untersuchung, da er nicht die Echtheit der
Paranormalität, der Wesen aus dem All oder den Kontakt mit
Verstorbenen beweisen würde.
Diese abwertende Äußerung über paranormale Phänomene
beziehungsweise Fähigkeiten steht im krassen Gegensatz zur
Einstellung des Stanford Research Institute und der CIA.
Der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter äußerte sich
beispielsweise über die Erfolge von Psi-Agenten folgendermaßen:
»... sie fiel in Trance. Und in diesem Zustand nannte sie uns Längen-
und Breitengradzahlen. Wir richteten unsere Satellitenkameras auf
diesen Punkt und fanden so das vermißte Flugzeug ...«
Die Fernwahrnehmung der Psi-Agenten war durch nichts
aufzuhalten. Kraft ihres Geistes konnten sie jede Barriere
durchdringen - meterdicke Wände ebenso wie die massivsten
Edelstahltüren von Tresoren oder schwerbewaffnete Absperrungen.
Nichts blieb ihnen verborgen. Sie waren in der Lage, Raum und Zeit
zu überbrücken; sie konnten auf ihre Art sowjetische Atom-U-Boote
sowie streng geheime chinesische Militäranlagen ausspionieren.

170
Für Puthoff und Targ, die beiden Stanford-Wissenschaftler, war
es besonders bedauerlich, daß ihnen die strenge Geheimhaltung
versagte, ihre faszinierenden Psi-Spionageprojekte mit den
großartigen Resultaten nicht mit anderen Wissenschaftlern
diskutieren zu dürfen, berichtet Jim Schnabel in seinem aufregenden
Report.
Die beiden entschieden sich daher, neben ihrer geheim-
dienstlichen Arbeit, den Fernwahrnehmungsprojekten, eine weitere
ESP-Technik (Extra sensory perception = außersinnliche
Wahrnehmung) zu erforschen, die zwar verwandt war, aber auf eine
weniger offenkundige Spionageanwendung hindeutete. Diese
Technik hatte zudem den Vorteil, ohne geographische Koordinaten
auszukommen. Für Puthoff und Targ war die Anwendung von
Koordinaten wissenschaftlich ohnehin fragwürdig, selbst wenn sie
irgendwie zu funktionieren schien.
Auch wenn sich Parapsychologen offiziell als Wissenschaftler
bezeichnen durften, wurden sie vom wissenschaftlichen
Establishment nie richtig anerkannt. Die dogmatischen Skeptiker
konnten sich immer darauf berufen, daß Parapsychologen außer
statistischem Beweismaterial nichts Konkretes vorweisen konnten.
Und die über die Arbeit von Hai Puthoff und Russell Targ nicht
unterrichteten Naturwissenschaftler mokierten sich darüber mit der
Frage, »wo denn der praktische Nährwert< der paranormalen
Forschung zu finden sei?« Ihre Auffassung von Raum, Zeit und
Kommunikation war mit einer psychologischen beziehungsweise
parapsychologischen Ebene unvereinbar; für sie, die Natur-
wissenschaftler, gehörten diese Begriffe in den elementar-
physikalischen Bereich. Daran änderten auch beeindruckende
Versuche, wie der am Nachmittag des 4. Oktober 1973, nichts.

171
Für Puthoff und Targ hätte dieser Versuch nicht besser
verlaufen können. Das Psi-Medium Pat Price ging mit Russell
Targ in einen Versuchsraum. Dort setzten sich beide Männer an
einen Tisch. Gleichzeitig begaben sich Puthoff und sein
Zweigstellenleiter Earle Jones in das Büro ihres Abteilungsleiters
Bert Cox. Ihm lag eine lange Liste möglicher Zielorte im Gebiet
der Bucht von San Francisco vor, von denen er einen durch den
Zufallsgenerator auswählen ließ. Dann nahm er die zugehörige
Akte mit Ortshinweisen für das Gebiet zur Hand und übergab sie
Puthoff. Dieser ging mit Jones zu seinem Wagen, öffnete die
Akte und folgte den darin festgehaltenen Richtungshinweisen
zum Zielort - dem Hoover Tower auf dem Campus der Stanford
University im nahe gelegenen Palo Alto.
Puthoff und Jones sahen sich um, begaben sich zur Aussichts-
terrasse und versuchten, allgemeine Eindrücke des Zielortes
aufzufangen. Treffender gesagt, sie taten ihr Bestes, Price als
ESP-Antenne zu dienen. Zum vereinbarten Zeitpunkt wieder im
SRI-Labor, versuchte Price, sich zu vergegenwärtigen, wo sich
Puthoff und Jones aufhielten.
»Ich sehe sie auf einer Anhöhe oder einem steilen Aussichts-
punkt stehen und auf den Ozean hinausschauen«, sagte Price
anfangs. »Meiner Meinung nach befinden sie sich knapp
hundertvierzig Meter über dem Meeresspiegel. Ich hatte blitzartig
den Eindruck, in einem mit spanischen Fliesen ausgelegten Raum
zu sein und einer Kolonnade, fünf Kilometer südlich von hier.
Außerhalb der Kolonnade hatte ich das Gefühl, als handele es
sich um eine Bibliothek oder eine Art Museum mit einer
Ausstellung. Ich habe mich nur umgeschaut. Der Ort dort scheint
mir der Hoover Tower zu sein.«
Hai Puthoff war sich sehr bald darüber im klaren, daß die
Resultate von Price wesentlich konkreter waren als üb-

172
licherweise. In einem weiteren Experiment waren zwei öffentliche
Schwimmbäder am Rinconado Park in Palo Alto das Zielobjekt.
Price gelang eine genaue Beschreibung der Größe und Form der
Becken - eines war rund, das andere rechteckig; darüber hinaus
entdeckte er in der Nähe ein Betonhäuschen. Zu Puthoffs und Targs
Enttäuschung interpretierte er den Ort jedoch als Wasser-
aufbereitungsanlage. Außerdem schilderte er zwei große Wasser-
tanks, von denen es dort nicht die geringsten Anzeichen gab.
Obwohl die Pricesche Beschreibung generell mit der Örtlichkeit
übereinstimmte, nahmen Puthoff und Targ an, daß es sich bei der
Wasseraufbereitungsanlage und den beiden großen Tanks um
Einbildung, Hirngespinste, von Price handeln mußte. Aber eines
schönen Tages - nach einundzwanzigeinhalb Jahren - las Targ
zufällig den Jahresreport 1995 der City of Palo Alto. In einer Feier
zum hundertjährigen Geburtstag der Stadt kam zur Sprache, daß
»1913 ein neues städtisches Wasserwerk an der Stelle des heutigen
Rinconado Parks gebaut wurde«. Auf einer zugehörigen Fotografie
waren ein Turm und zwei Wassertanks zu sehen - etwa an der Stelle,
die Price in seiner ESP-Sitzung haarklein beschrieben hatte.
Aufgrund seiner Psi-Fähigkeiten hat Price entweder eine Zeitreise
in die Vergangenheit gemacht und dabei den Ort so wahrgenommen,
wie er einmal gewesen ist, oder er ist mit den immer noch
vorhandenen Informationen des ortsgebundenen morphogenetischen
Feldes in Resonanz getreten.

Zwischen 1980 und 1988 führten der amerikanische Historiker und


Psychologe Dr. Chet B. Snow und die Psychologin Dr. Heien
Wambach, die 1985 starb, sowie Professor Leo

173
Sprinkle von der University of Wyoming aufsehenerregende
Zeitreiseexperimente durch. Snow war damals Angestellter der US-
Luftwaffe und arbeitete an Beiträgen zur Militärgeschichte.
Aufgrund einer alten Verletzung litt er jedoch unter chronischen
Rückenschmerzen und infolgedessen an einer gravierenden
Schreibblockierung, die sein Berufsleben stark beeinträchtigte. Als
er von Dr. Heien Wambachs großen Heilerfolgen hörte, die sie bei
ihren Patienten über reinkarnationsbedingte Erfahrungen erzielen
konnte, entschloß sich Snow, eine Behandlung dieser Art zu wagen.
Schon nach einigen hypnotischen Sitzungen war sein Leiden geheilt.
Nachdem sich Heien Wambach in ihrem Berufsleben immer
wieder erfolgreich mit Rückführungen in frühere Leben befaßt hatte,
entstand nunmehr zwischen ihr, Snow und Professor Sprinkle die
Idee, hypnotisch induzierte Progressionen in die Zukunft
durchzuführen. Ein faszinierendes Projekt wurde ins Leben gerufen,
an dem zweitausendfünf-hundert Probanden teilnahmen, die
während der Hypnose auf psychischer Ebene eine Zeitreise in das
dritte Jahrtausend unternahmen.
So beschreibt Snow in seinen Zukunftsvisionen der Menschheit
die durch hypnotische Progression aus der Zukunft »mitgebrachten«
Eindrücke der Versuchspersonen. Danach sollen in den Jahren 2000
bis 2300 folgende Veränderungen auf die Menschheit zukommen:
Der Westen der Vereinigten Staaten soll durch eine Anzahl von
Erdbeben und Vulkanausbrüchen im Pazifischen Ozean versinken,
die Wassermassen das Land bis nach Nevada und Arizona überfluten
und Japan zum großen Teil zerstört werden. In den nächsten Jahren
sollen sich zwei Megabeben ereignen, und auch in Europa soll es zu
Ausbrü-

174
chen der großen Vulkane kommen. Asche wird den Himmel
verdunkeln; es werden Klimastürze und Mißernten folgen, bis die
Überlebenden der Katastrophen eine neue Welt aufbauen.
Snow zufolge sollen sich im Jahr 2100 bereits Menschen in
Raumstationen in Erdumlauf befinden oder auf unseren
Nachbarplaneten Basen errichtet haben und mit außerirdischen
Zivilisationen in Verbindung stehen. Im Bergland oder in
Küstengebieten sollen sich ganzheitlich orientierte Gemeinden
zusammengefunden haben, die ökologischen Landbau betreiben und
Anhänger der Meditation und eines »spirituellen Lebensstils« sind.
Im Gegensatz dazu sollen auch High-Tech-Siedlungen existieren,
deren Bewohner in supermodernen, meist abgekapselten oder
unterirdischen Kolonien leben. Weitere Überlebende sollen dagegen
in armseligen Dörfern oder in den Trümmern einstiger Großstädte
vegetieren.
Bis 2300 soll sich die ökologische Situation auf der Erde
stabilisiert haben. Von den in dieser Zeit Inkarnierten weiß Snow
von einer »regenerierten, grünen, fruchtbaren Umwelt« zu berichten,
in der die Menschen vierhundert Jahre alt werden können, den
Weltraum bereisen und andere bewohnte Planeten aufsuchen
werden. Einerseits sollen Menschen mit ausgeprägter Spiritualität
und ökologischem Bewußtsein in Harmonie mit ihrer Umwelt leben,
während sich andere High-Tech-Kolonien in künstlichen,
überkuppelten Städten auf der Erde und auf dem Meeresboden von
der Außenwelt absondern.
Es wird sich zeigen, ob diese Progressionen tatsächlich Ausflüge
in die Zukunft sind oder aber traumatische, durch Hypnose
induzierte Phantasiegebilde.

175
Raum-Zeit-Reisen ganz anderer Art sind die außerkörperlichen
Erfahrungen. In ihrem Bericht Sehnsucht nach Hause schildert die
international bekannte »Nah-Tod«-Forscherin Dr. Elisabeth Kübler-
Ross (mit freundlicher Genehmigung des Silberschnur Verlages) ihr
eigenes »Out-of-body«-Erlebnis, wie es die Amerikaner bezeichnen,
folgendermaßen:
»Es war am Monroe-Institut in Virginia, als ich Robert A.
Monroe, den Gründer des Instituts und Autor des aufsehen-
erregenden Buches Journeys out of the body, zum erstenmal über
Erfahrungen außerhalb des Körpers sprechen hörte. Er war in der
Lage, solche außerkörperlichen Erfahrungen künstlich, durch die
Einwirkung von Klang, herbeizuführen. Ich bin wie alle
Wissenschaftler sehr skeptisch, und die Möglichkeit, eine solche
Erfahrung künstlich hervorzurufen, an die ich noch nicht einmal
denken konnte, war sehr verlockend. So entschied ich mich, mit
einer kleinen Gruppe von ebenso skeptischen Wissenschaftlern, wie
ich es war, dieses Experiment mitzumachen. Ich war entschlossen,
auf meine eigene Weise damit zu experimentieren. Außerdem
versprach Monroe, sich nicht einzumischen. Er war sehr großzügig
und sichtlich erfreut, daß ich gekommen war.
Jeder von uns - wir waren fünf oder sechs an der Zahl -wurde an
ein Wasserbett angeschlossen, und durch Kopfhörer lauschten wir
Klängen, die für uns nicht identifizierbar waren. Ich hatte den
Verdacht, daß unterschwellige Botschaften auf der Kassette waren,
aber Monroe stritt dies entschieden ab. Als wir mit dem Experiment
anfingen und er uns aufforderte, uns zu fokussieren, verließ ich
meinen Körper. Ich hatte so etwas noch nie erlebt und fand es sehr
aufregend. Sowie ich die Zimmerdecke erreicht hatte, beschloß ich,
auf eigene Faust weiterzumachen. Ich wollte die Anzahl der
Schichten der Decke herausfinden und später dann ein

176
Loch durch die Decke bohren und überprüfen, ob meine
Beobachtungen stimmten. Doch als ich an der Decke schwebte, rief
Monroe mich zurück und sagte: >Elisabeth, Sie gehen zu weit.< Ich
war sehr ärgerlich auf ihn, denn ich wollte weitermachen.
Dieses erste Experiment war nach zwei Stunden beendet, doch
wir konnten es ein zweites Mal wiederholen. Bevor wir den zweiten
Versuch starteten, faßte ich im stillen den Entschluß: >Diesmal
werde ich mich schneller fortbewegen wie das Licht und weiter
gehen, als es je einem vor mir möglich war.< Kaum hatte Monroe
mit dem Experiment begonnen, war ich auch schon in der
horizontalen Lage, und es schien mir, als würde ich Tausende von
Meilen reisen. Dann kam mir der Gedanke, mich wohl besser nicht
in der Horizontalen fortzubewegen, ich könnte gegen eine Wand
prallen.
Wie gesagt, das alles war noch Neuland für mich. Allein schon
der Gedanke, meine Lage ändern zu wollen, veranlaßte meinen
Körper, sich sofort aufzurichten. Daß ich allein durch meine
Gedanken die Richtung ändern konnte, beeindruckte mich sehr. Und
ich bewegte mich tatsächlich schneller als Lichtgeschwindigkeit.
Als ich zurückkam, hatte ich keinerlei Erinnerung mehr, wo ich
gewesen war und was ich erlebt hatte. Nur eines wußte ich: Ich war
vollkommen verändert. Vor diesem Erlebnis hatte ich aufgrund e'iner
Geschwulst große Unterleibsschmerzen. Die Schmerzen waren kaum
auszuhalten gewesen, und so hatte ich Medikamente einnehmen
müssen, nur um überhaupt ausgestreckt auf dem Bett liegen zu
können. Nach meiner Rückkehr waren die Schmerzen ver-
schwunden. Ich wußte, ich war geheilt.
Ein Bandscheibenvorfall hatte mir ebenfalls große Pein bereitet,
ich hatte nicht einmal eine Audio-Kassette vom Bo-

177
den aufheben können. Nun fühlte ich mich wie Herkules: stark,
belebt, jung und gesund. Ich hätte einen hundert Pfund schweren
Zuckersack heben können. Alle bemerkten die Veränderungen und
wollten wissen, was passiert war. Aber ich sagte nur: >Ich habe
keinerlei Erinnerung mehr an das, was geschehen ist.< Sicherlich
wollte ich mich in diesem Moment auch nicht erinnern, da ich mein
Erlebnis nicht mit den anderen teilen wollte.«

Außerkörperliche Erfahrungen werden mit den unterschiedlichsten


Theorien erklärt: Die einen sind der Ansicht, daß Träume oder
Halluzinationen der Auslöser sind, die anderen vermuten
paranormale Erlebnisse. Es ist auch der Gedanke laut geworden, daß
außerkörperliche Erfahrungen letztlich mit UFO-Begegnungen im
Zusammenhang stehen könnten. Denn viele Zeugen berichten von
Erfahrungen des Schwebens mit ihrem feinstofflichen Zweitkörper
während der UFO-Entführungen oder von spontanen außerkörperli-
chen Erfahrungen nach UFO-Erlebnissen.
Einer Theorie zufolge soll es sich bei außerkörperlichen
Erfahrungen im Zusammenhang mit UFOs um nichts anderes als
falsch wahrgenommene, echte körperliche Erfahrungen handeln.
Nach einer weiteren Theorie könnten außerkörperliche Erfahrungen
auch auf Halluzinationen des Gehirns beruhen, die unter Umständen
durch fremde äußere Einflüsse ausgelöst worden sein könnten. UFO-
Entführungen und außerkörperliche Erfahrungen stünden also durch
das Phänomen der Illusion miteinander in Beziehung.
Des weiteren werden UFO-Erlebnisse als reale Ereignisse
hingestellt, die sich auf grob- oder feinstofflicher Ebene in Form
energetischer Phänomene manifestieren können. Da-

178
mit basiert eine außerkörperliche Erfahrung auf einer vorü-
bergehenden Trennung des feinstofflichen vom materiellen Körper.
Während einer Entführung wird dann entweder der physische Körper
an Bord eines UFOs gebracht, in deren Verlauf es zu einer
außerkörperlichen Erfahrung kommen kann; oder eine Entführung
wird in Form einer außerkörperlichen Erfahrung vollzogen, in deren
Verlauf der feinstoffliche Körper an Bord des UFOs erscheint,
während der grobstoffliche zurückbleibt.
In seiner Studie Begegnungen mit Außerirdischen analysiert der
amerikanische Wissenschaftler Richard L. Thompson eine Kategorie
von Fällen, bei denen außerkörperliche Erfahrungen durch
humanoide »UFOnauten« ausgelöst werden.
So berichtet zum Beispiel die Amerikanerin Betty Andreasson,
daß sie im Juli 1986 in ihrem Wohnmobil auf dem Sofa lag und in
der Bibel las, als sie ein sonderbares Geräusch vernahm und zur
gleichen Zeit neben sich ein seltsames Wesen auftauchen sah. Kurz
danach erblickte sie sich selbst, auf der Couch liegend. Zuerst hatte
das fremde Wesen eine kleine Kiste auf der Couch abgestellt, dann
sah sich Betty Andreasson dort auftauchen. Sie beobachtete sich
beim Aufstehen und sah sich auf das Wesen zugehen. Dann drehte
sie sich wieder zur Couch und beugte sich vor, um sich selbst zu
berühren. »Aah«, stieß sie aus, als sich ihre Hand durch sie hindurch
bewegte.

In diesem Fall war das Wesen ein »typisches« graues Männchen mit
einem sehr großen kahlen Kopf, grauer Haut, riesengroßen, leicht
schräg gestellten, dunklen Augen. Der Mund war schlitzartig und die
Nase durch zwei Löcher angedeutet. In ihrem außerkörperlichen
Zustand hatte Betty seltsame Visionen. Kristallkugeln tauchten auf,
der Schatten

179
eines riesigen vorbeiziehenden Vogels und ein schwebendes rundes
Flugobjekt. Und ständig war das graue Wesen dabei.
Unter Hypnose erinnerte sich Betty Andreasson dann, als
Teenager in einem Raumschiff gewesen zu sein, das unter Wasser
tauchte und sich zu einer Anlage begab. Bis dahin spürte sie
körperlich lediglich eine außergewöhnliche Beschleunigung. Jetzt
sagten ihr die »Grauen«, daß sie nun nach Hause gebracht würde, um
»den Einen« zu sehen. Unter Hypnose befragt, schildert Betty
folgenden Vorgang:
»Wir kamen zu dieser Glasmauer und einer großen, sehr großen,
nicht enden wollenden Tür aus Glas.«
»Hatte sie Angeln?« fragte der Hypnotiseur.
»Nein, sie war so unbeschreiblich groß, und es gab da etwas, das
nicht zu beschreiben ist«, antwortete Betty. »Türen, Türen, Türen.
Alle hintereinander. Der Graue blieb dort stehen und forderte mich
auf, ebenfalls stehenzubleiben. Dann sagte er: >Geh durch die Tür,
um 'den Einen' zu sehen.<
Ich stand dort und ging aus meinem Körper heraus. Nun sind zwei
von mir da«, fuhr es mir durch den Kopf. »Es gibt mich zweimal!«
In den außerkörperlichen Zustand versetzt, ging sie nun durch die
Tür: »Es ist sehr hell«, sagte sie. »Weiter kann ich Sie nicht
mitnehmen.«
»Warum nicht?« wollte der Hypnotiseur wissen.
»Weil... durch diese Tür kann ich Sie nicht mitnehmen.«
»Warum sind Sie so glücklich?« wunderte sich der Hypnotiseur.
»Ach nur so. Ich kann es Ihnen nicht sagen. Es gibt dafür keine
Worte. Es ist einfach wunderbar. Ich erkenne, daß alles eins ist.
Alles paßt zusammen, und es ist herrlich ...«

180
David Jacobs, Professor für Geschichte an der Universität in
Philadelphia und Spezialist auf dem Gebiet der UFO-Entführungen,
ist - wie Professor John Mack - der Überzeugung, daß Entführungen
durch »UFOnauten« tatsächlich stattfinden. Allerdings handele es
sich bei außerkörperlichen Erfahrungen um eine Fehldeutung
ahnungsloser Entführter, die für das New Age typisch seien. Seiner
Meinung nach würden die Entführten ihr Fehlurteil über
außerkörperliche Erfahrungen revidieren, sobald sie über das
tatsächliche Geschehen aufgeklärt werden: »Das Wissen über die
Entführung liefert ihnen schließlich die gesuchte Antwort, und die
Mehrzahl läßt dann von ihrer vorherigen Überzeugung ab, da sie
ohnehin nie ganz befriedigend für sie gewesen ist.«
Entführungen durch UFOnauten lassen sich prinzipiell nicht über
einen Kamm scheren, da sie sich in ihrer Art grundsätzlich
unterscheiden. So sprechen die einen von kleinen, grauen, groß- und
kahlköpfigen Außerirdischen, die ihre Entführungsopfer einer Reihe
hochnotpeinlicher Untersuchungen aussetzen, in deren Verlauf unter
anderem bei Männern Samenproben und bei Frauen Eierstockproben
entnommen worden sein sollen. Für Opfer dieser Art geht es um ein
unangenehmes, oft schmerzhaftes Erlebnis, das sichtbare und
unsichtbare, das heißt, körperliche und seelische Narben hinterläßt.
Wie sich diese Kategorie der Entführungen mit der profes-
sionellen Auffassung von John E. Mack vereinbaren läßt, daß hier
ein Geschehen feinstofflicher Art im Spiel sei, ist nicht recht
einleuchtend, zumal eine Anzahl dieser Entführungsopfer behauptet,
»mit außerirdischen Implantaten ausgestattet worden zu sein«.
Wie dem auch sei, bei einigen »Opfern« wurden tatsächlich
winzige »dreieckige oder auch kugelförmige Fremdkör-

181
per« durch irdische Chirurgen entfernt. Damit läßt sich freilich
nicht eindeutig beweisen, daß diese Fremdkörper wirklich
außerirdischer Herkunft sind, beziehungsweise um was es sich da
überhaupt handelt. Nur eines ist sicher: Sie sind nicht
feinstofflicher Art!
Im Gegensatz zur »nahen Begegnung« der körperlichen Art
sprechen andere Entführte von einem »überirdisch beglückenden
Erlebnis transzendentaler Art«, wo die Zeit aufgehoben zu sein
scheint. Die Kommunikation soll sich auf paranormaler Ebene
abspielen, und die Botschaften der Außerirdischen sollen so
profund sein, daß die Entführten sie bei ihrer Rückkehr in
irdische Gefilde nicht in Worten wiedergeben können. Alles in
allem hat das Geschehen - den Aussagen dieser Entführten
zufolge - eine feinstoffliche beziehungsweise außerkörperliche
Qualität.

Der amerikanische Kunstmaler und Bildhauer Budd Hopkins


befaßt sich seit über zwanzig Jahren mit dem Phänomen der
Entführung durch Außerirdische. Als Spezialist auf diesem
Gebiet ist er einem der vielen Fälle, dem sogenannten Brooklyn-
Bridge-Zwischenfall, der sich am 30. November 1989 um drei
Uhr morgens zugetragen hat, besonders nachgegangen.
Es begann mit einem Brief der damals einundvierzigjährigen
Linda Cortile aus Manhattan an Budd Hopkins, in dem sie ihm
ihre mehrfachen Entführungserfahrungen seit ihrer Kindheit und
Jugend mitteilte. Ende November 1989 erhielt Hopkins dann
einen Anruf über ihre einige Stunden zuvor unter dramatischen
Umständen stattgefundene Entführung:
Linda war an diesem 30. November 1989 erst gegen drei Uhr
morgens zu Bett gegangen, da sie als »Nachtmensch« noch
Wäsche gebügelt hatte. Doch kaum hatte sie sich hin-

182
gelegt, spürte sie am ganzen Körper ein Kribbeln und Taub-
heitsgefühl aufkommen. Gleichzeitig wußte sie, daß irgend jemand
in ihr Schlafzimmer eingedrungen war. Erfolglos versuchte sie, ihren
Mann aufzuwecken. Schreckensstarr nahm sie dann eine kleine
Gestalt mit großem Kopf wahr, die sich ihr langsam näherte und sie
mit großen schwarzen Augen fixierte. Verzweifelt versuchte sie trotz
des Taubheitsgefühls in Br ust und Armen, dem Fremden ihr
Kopfkissen entgegenzuschleudern, war aber im selben Augenblick
bewegungsunfähig. Später konnte sie sich nur noch an kleine Hände
oder Instrumente erinnern, die zart an ihrer Wirbelsäule aufwärts und
abwärts glitten.
Budd Hopkins tat sein Bestes, um Linda Cortile zu beruhigen,
und schlug ihr einen Hypnosetermin vor.
Während der Sitzung berichtete Linda, daß sie von drei oder vier
kleinen Wesen aus dem Bett gehoben und ins Wohnzimmer
getragen worden sei. Dort hätten sie Linda durch das geschlossene
Fenster in einen blauweißen Lichtstrahl schweben lassen. Sie sei
vom zwölften Stockwerk aus in Hockstellung langsam aufwärts
geglitten und habe tief unter sich die Straßenbeleuchtung von
Manhattan gesehen. Dann habe sie die kreisrunde Öffnung an der
Unterseite eines großen, schräg über dem Gebäude schwebenden
Objekts passiert.
In der Folge habe sie eine medizinische Untersuchung an Bord
des Raumschiffs durchgemacht, in deren Verlauf kleine Hände
behutsam ihre Wirbelsäule abklopften. Die Rückkehr sei weniger
rücksichtsvoll gewesen. Sie spürte sich aus etwa dreißig bis fünfzig
Zentimeter Höhe auf ihr Bett plumpsen. In Panik sah sie sofort nach
ihrem Mann und ihren Kindern und stellte mit Erleichterung fest,
daß ihnen nichts zugestoßen war. Danach habe sie sich erleichtert
schlafen gelegt.

183
Die Tatsache, daß eine Frau in Manhattan nächtens in ein UFO
entführt wird, ist schon exotisch genug; aber dafür auch noch
Zeugen finden zu wollen ist zuviel verlangt. Jedenfalls ging Hopkins
von dieser Voraussetzung aus. Fünfzehn Monate später erhielt
Hopkins einen Brief von zwei angeblichen Polizeibeamten - Dan
und Richard -, die sich später als Sicherheitsbeamte zu erkennen
gaben. In der fraglichen Nacht hatten beide den damaligen UN-
Generalsekretär Perez de Cuellar zu einem New Yorker Hubschrau-
berflughafen begleitet und dabei die Entführung von Linda Cortile
beobachtet, die sie bei einem späteren Trefen mit Hopkins als die
»Frau im weißen Nachthemd« identifizierten.
Darüber hinaus stieß Hopkins noch auf weitere Zeugen, die
ebenfalls Lindas Entführung beobachtet hatten. Darunter eine Frau,
die mit ihrem Wagen auf der Brückenauffahrt, unter der die
Limousine von Perez de Cuellar parkte, stehengeblieben war und
ebenfalls Lindas Entführung beobachtete.
Auf der Jahrestagung der amerikanischen UFO-Forschungsgruppe
MUFON in Albuquerque, New Mexico, im Jahr 1992 erklärte
Hopkins:
»Mittlerweile konnte ich insgesamt sieben Zeugen für die
verschiedenen Aspekte des Falls interviewen. Mir liegen Video-
bänder vor, dazu wurden relevante Nummernschilder von
Fahrzeugen überprüft. Eine große Hilfe war dabei ein FBI -Beamter,
der über Erfahrung in vielen hier wichtigen Punkten verfügte. Mir
liegen die Expertisen zweier Psychiater und zweier Psychologen
vor, die verschiedene Gesichtspunkte des Falls untersucht haben ...
Sie alle lassen nur einen Schluß zu: Die Zeugen sagen die Wahrheit
über das, was sie miterlebt haben. Die Ereignisse haben sich tatsäch-
lich zugetragen.«

184
Ein weiterer Beweis für das Geschehen dürfte die Rönt-
genaufnahme des Nasenimplantats sein, das Linda in der
fraglichen Nacht offensichtlich eingesetzt und später wieder
entnommen wurde. Falls sich Exgeneralsekretär Perez de Cuellar
vielleicht doch öffentlich zu seiner Beobachtung äußern sollte,
wäre der Fall Linda Cortile am Ende möglicherweise wirklich der
UFO-Entführungs-Fall des 20. Jahrhunderts?!

Der Nuklearphysiker Stanton T. Friedman hat im Zusammenhang


mit dem UFO-Problem im Anhang seines Buches Top Secret
(Bettendorf Verlag) ein Schreiben an den Lt. Colonel der US Air
Force Thomas W. Schubert veröffentlicht, in dem dieser die der
Senatorin Patty Murray aus dem Bundesstaat Washington von
Mr. Michael C. Atkins erteilten, irreführenden Auskünfte
bezüglich des UFO-Problems berichtigt. Unter anderem heißt es
dort:
»Von Mr. Michael C. Atkins erhielt ich freundlicherweise eine
Kopie Ihres Schreibens bezüglich der UFO-Frage an die
Senatorin Patty Murray aus dem Bundesstaat Washington vom
25. August 1993. Ich möchte Sie darüber in Kenntnis setzen, daß
die in Ihrem Schreiben enthaltenen Auskünfte, wie ich im
folgenden beweisen werde, nicht den Tatsachen entsprechen und
irreführend sind.
Vielleicht sollte ich hinzufügen, daß ich mich seit 1958 in-
tensiv mit der UFO-Frage beschäftige, vor über sechshundert
Colleges und Fachgremien in allen fünfzig Bundesstaaten über
das Thema >Fliegende Untertassen sind Wirklichkeit< referiert
habe, am 26. Juli 1968 in der Kongreßanhörung Zeugnis ablegte,
zweiundsechzig Publikationen über UFOs veröffentlicht habe und
Mitautor des Buches Der UFO-Absturz bei Corona bin, das sich
mit der anschließend vertusch-

185
ten Bergung der im Jahr 1947 in New Mexico abgestürzten
Untertassen durch die amerikanische Regierung befaßt ...
Die USAF begann spätestens im Juni 1947 in der UFO-Frage zu
ermitteln (der Begriff UFO kam in den fünfziger Jahren auf und geht
auf USAF-Captain Edward Kuppelt zurück) und nicht, wie von
Ihnen angegeben, erst im Jahr 1948. Im ganzen Land erschienen
damals zahlreiche Zeitungsartikel, in denen von der großen
Besorgnis der Regierung über die weit über tausend Meldungen von
fliegenden Scheiben in über vierzig Bundesstaaten berichtet wurde,
die kurz nach Bekanntgabe der von dem Piloten Kenneth Arnold am
24. Juni 1947 beobachteten neun Flugobjekte im Bundesstaat
Washington eingingen. Ich lege diesem Schreiben Ruppelts
Kommentar dazu bei ... Die in Ihrem Brief enthaltene Angabe,
Projekt Blue Book und seine Vorgänger Sign und Grudge seien die
einzigen UFO-Gruppen der Air Force gewesen, läßt sich mühelos
widerlegen.
Einem FBI -Memorandum vom 31. Januar 1949 läßt sich
entnehmen, daß die Geheimdienste der Army und der Air Force
(nicht Sign, Grudge oder das spätere Blue Book) die UFO-
Angelegenheit als >streng geheim< einstuften. Bei den Blue-Book-
Akten konnte ich jedoch keine Dokumente finden, die dieser oder
einer höheren Geheimhaltungsstufe unterlagen.
Das Problem der unbekannten Flugobjekte steht in direktem
Zusammenhang mit der Aufgabe des Air Defense Command, durch
landesweite Radarbeobachtung, Computer-, Kommunikations-
systeme und Aufklärungsflugzeuge unbekannte Ziele zu
identifizieren und zu beobachten. Dabei spielt es keine Rolle, ob es
sich um sowjetische Flugzeuge und Raketen handelt oder um
fliegende Untertassen; der technische Aufwand ist derselbe.

186
Für Projekt Blue Book waren ein Major, ein Sergeant und
einige Sekretäre tätig, es gab ein paar Aktenschränke, und einmal
pro Monat kam ein Astronom vorbei. Computer, Radaranlagen,
Meßinstrumente oder ein geschlossenes Kommunikationssystem
waren nicht vorhanden. Von vielleicht noch größerer Bedeutung
ist die Tatsache, daß keiner der Mitarbeiter Zugang zu streng
geheimen Informationen des Air Defense Command hatte. Das
Projekt nahm gelegentlich Meldungen von Zivilisten an und
untersuchte sie. Weit aufschlußreicher sind jedoch Meldungen
von Militärangehörigen.
Die Aktennotiz, die 1969 zur Einstellung von Projekt Blue
Book führte (das Memo von General Carroll Bolender vom 20.
Oktober 1969; Kopie liegt bei), enthält folgenden Satz: >Weitere
Berichte über UFOs hinsichtlich ihrer Auswirkung auf unsere
nationale Sicherheit werden in Übereinstimmung mit JANAP 146
oder dem Air-Force-Leitfaden 55-11 angefertigt und sind nicht
Teil des Blue-Book-Systems ...<
Wie jedoch bereits erwähnt, werden Berichte über UFOs
hinsichtlich ihrer möglichen Auswirkung auf unsere nationale
Sicherheit auch weiterhin zu diesem Zwecke eingerichtete
übliche AIR-FORCE-Verfahren durchlaufen ... Blue Book
tauchte nicht einmal auf den Verteilerlisten für diese Berichte auf.
Dabei ist es doch nur vernünftig anzunehmen, daß solche
eindeutig beobachteten Objekte, die die nationale Sicherheit
gefährden könnten, von weit größerer Tragweite sind als
unbewiesene Beobachtungen von Zivilisten. Die Behauptung der
USAF, alle Ermittlungen der Air Force seien unter Projekt Blue
Book, Sign und Grudge durchgeführt worden, entspricht
offensichtlich nicht der Wahrheit.
Ich besitze die Kopien zweier ehemals streng geheimer UFO-
Dokumente des Geheimdienstes der Air Force. Keines

187
der Schriftstücke hat etwas mit Blue Book, Sign oder Grudge zu tun.
Die Kopien liegen bei. Dort, wo diese Unterlagen herkommen,
lassen sich sicherlich noch weitere finden, die nur auf eine Freigabe
warten.
Die Schlußfolgerungen des Projekts Blue Book, die Sie in Ihrem
Schreiben erwähnen, sind auch heute nicht plausibler, als sie es 1969
waren. Es handelt sich dabei um gut geschriebene Propaganda:
Auch antarktische Pinguine geben keinerlei Hinweis darauf, eine
>Gefährdung für die nationale Sicherheit darstellen zu können.
Dennoch werden doch wohl auch Sie nicht bezweifeln, daß sie
existieren. Die Frage lautet doch, ob einige der UFOs von
intelligenten Wesen gesteuerte, extraterrestrische Flugobjekte sind.
Die unter anderem in dem höchst spannenden Special Report 14 des
Projekts Blue Book gesammelten Daten weisen eindeutig darauf hin,
daß diese Vermutung in einigen Fällen zutrifft.
Wenn einige der beschriebenen Tätigkeiten - Meldungen
anzunehmen, sie einzuschätzen und ihnen nachzugehen - von
anderen Behörden wie zum Beispiel der CIA, DIA, ONI, NRO
durchgeführt worden wären, wäre Ihre Aussage Nr. l zwar im Prinzip
richtig, aber dennoch völlig bedeutungslos. Dasselbe gilt für die
Aussage über die >Beweise, die der Air Force bislang fehlen< Diese
Informationen stünden fast naturgemäß unter höchster
Geheimhaltung und könnten nicht freigegeben werden.
Letztlich muß eine Nation, die laut Angabe eines mit dem
Pulitzer-Preis ausgezeichneten Journalistenjährlich vier-unddreißig
Milliarden Dollar in sogenannte Black-Budget-Programme
investiert, zwangsläufig zu deren Schutz irreführende Informationen
verbreiten.
Da ich selbst Wissenschaftler bin und für zahlreiche, mittlerweile
eingestellte, streng geheime Forschungs- und Ent-

188
Wicklungsprogramme tätig war, kann ich mit Bestimmtheit sagen,
daß die interstellare Raumfahrt nach heutigem Wissensstand
ebensowenig außerhalb der Möglichkeiten liegt, wie die
Mondlandung schon im Jahr 1947 machbar gewesen wäre. Es hätte
lediglich unermüdlicher Bestrebungen und enormer Geldmittel
bedurft, um die Theorie schließlich in die Praxis umzusetzen.
Schlußfolgerung Nummer drei ist völlig absurd. Jeder, der sich
mit den ausführlichen wissenschaftlichen Studien auseinandersetzt,
die ich in meinem beiliegenden Artikel »The Case for the
Extraterrestrial Origin of Flying Saucers« darlege, wird erkennen,
daß die Folgerung unausweichlich ist, daß einige der UFOs
extraterrestrische Flugobjekte sein müssen. USAF-Projekt Blue
Book Report 14 (der aus naheliegenden Gründen in keiner der
offiziellen USAF-Erklä-rungen erwähnt wird) führt an, daß 21,5
Prozent der insgesamt 3201 untersuchten Beobachtungen, die nicht
in die Kategorie der 9,5 Prozent der Fälle mit >ungenügender In-
formation< fielen, nicht identifiziert werden konnten.
Die Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei den nicht identifizierten
Objekten um nicht erkannte >bekannte< Objekte handelte, wird mit
weniger als einem Prozent angegeben. Weiter wurde
herausgefunden, daß mit steigender Qualität der Sichtung die
Wahrscheinlichkeit zunahm, daß diese in die Kategorie >unbekannt<
eingeordnet wurden. Die Kombination aus ungewöhnlichem
Aussehen und Flugverhalten schließt eine irdische Herkunft dieser
vor 1955 beobachteten unbekannten Objekte aus. Wenn zur
damaligen Zeit irgend jemand auf der Erde in der Lage gewesen
wäre, Flugzeuge mit diesen Merkmalen herzustellen, würden wir uns
heute nicht mehr mit der Konstruktion der F-16, F-17, F-18, Mig 29
oder Mirage 5 abgeben.

189
Die Presseerklärung, die nach Fertigstellung des Special Report
14 herausgegeben wurde, war ebenso irreführend wie Ihr Brief. Der
damalige Sekretär der USAF erklärt darin:
>Auf Grundlage dieses Berichts gelangen wir zu der Überzeu-
gung, daß keines der landläufig als fliegende Untertassen
bezeichneten Flugobjekte das Gebiet der Vereinigten Staaten
überflogen hat. Selbst die drei Prozent betragende Gruppe der
unbekannten Objekte wäre als natürliches Phänomen oder
Sinnestäuschung identifiziert worden, hätten vollständigere Angaben
vorgelegen/ Tatsächlich betrug die Gruppe der Unbekannten, wie
bereits oben erwähnt, 21,5 und nicht drei Prozent. Im übrigen wurde
diese Gruppe völlig unabhängig von der Gruppe der Beobachtungen,
zu denen nicht ausreichend Informationen vorlagen, behandelt.
Nebenbei bemerkt, halte ich es für geradezu lachhaft, daß die
USAF immer wieder betont, für lediglich fünf- bis sechshundert der
Beobachtungen sei keine Erklärung gefunden worden. Weniger als
ein Prozent der in der Natur auftretenden Isotope ist spaltbar, nur ein
Prozent aller Chemikalien kann Krankheiten heilen, nur ein Prozent
aller Menschen ist über 2,10 Meter groß - würde ein vernünftiger
Mensch aber deshalb behaupten, Isotope seien grundsätzlich nicht
spaltbar, Chemikalien könnten keine Krankheiten heilen oder
Menschen würden nicht größer sein als 2,10 Meter?
In Absatz 2 stellen Sie folgende unglaubliche Behauptungen auf:
>Darüber hinaus ist uns nicht bekannt, ob eine andere
Regierungsbehörde oder Abteilung, ausgenommen das National-
archiv, über UFO-relevante Schriftstücke verfügt< Wenn dies der
USAF bisher nicht bekannt ist, dann sollten Sie sich schnellstens
aufklären lassen. Vielleicht kann ich Ihnen dabei behilflich sein:

190
Die CIA gab zu, über neunhundert Seiten UFO-relevante
Schriftstücke gefunden zu haben, und veröffentlichte eine Liste mit
siebenundfünfzig Dokumenten anderer Ursprungsbehörden, darunter
einige aus dem Außenministerium und der DIA sowie achtzehn
Dokumente aus der NSA. Als die NSA gerichtlich aufgefordert
wurde, nach derartigen Dokumenten zu suchen, fanden sich 239
UFO-Unterlagen, von denen neunundsiebzig wiederum von anderen
Behörden stammten, darunter dreiundzwanzig von der CIA, die
diese bei ihrer ersten Suche offenbar übersehen hatte.
Natürlich verweigerte die NSA die Freigabe dieser hun-
dertsechzig Dokumente und untersagte im Interesse der nationalen
Sicherheit sogar Richter Gerhard Gesell die Einsicht. Jede einzelne
Behörde sammelte UFO-Daten. Ich sollte hinzufügen, daß die CIA,
wie in der Einleitung des beigelegten Artikels >The Cosmic
Watergate< erwähnt, darüber hinaus auch jene zweihundert UFO-
relevanten Dokumente nicht fand, auf die in den neunhundert Seiten
des freigegebenen Materials hingewiesen wird. Keines dieser
Dokumente unterlag einer Geheimhaltungsstufe, die über >geheim<
lag.
Ich habe im Verlauf meiner Nachforschungen in fünfzehn
Archiven recherchiert, in denen sicherlich eine große Zahl von
streng geheimen Dokumenten gelagert wird. Auch Maxwell AFB
verfügte über eine ganze Reihe von UFO-Unterlagen, die nicht Teil
des Projekts Blue Book waren. Die US Army bewahrte zahlreiche
CIRVIS-Berichte über UFOs auf. Es sieht mir ganz danach aus, als
hätten Sie einiges an Arbeit nachzuholen.
Wenn die Air Force über keinerlei nicht-freigegebenes UFO-
Material verfügt, warum gibt dann das USAF Office of Special
Investigations seinen vielen Dienststellen Anweisung, die eigenen
Vorschriften zu verletzen, sollte eine FOIA-

191
Anfrage von mir über UFOs eingehen? Die betreffende Aktennotiz
liegt bei.
Die einzige >nachvollziehbare< Begründung ist die, daß hier
versucht wird, Daten vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten. Das ist
nicht nur unmoralisch, sondern vermutlich auch gegen zahlreiche
Vorschriften.
Zusammenfassend möchte ich Ihnen dringend nahelegen, sich bei
der Senatorin Murray und anderen Kongreßmitgliedern zu
entschuldigen, denen Ihr Büro diese falschen und irreführenden
Auskünfte erteilte. Es ist höchste Zeit, den Tatsachen ins Gesicht zu
blicken und endlich aufzuhören, dem amerikanischen Volk und den
von ihm gewählten Vertretern Lügen aufzutischen.
Durch meine zahlreichen Vorträge stehe ich mit vielen Menschen
in Kontakt und weiß, wovon ich spreche. Ich saß bereits auf dem
>heißen Stuhl< und könnte Ihnen mit meiner Erfahrung vermutlich
behilflich sein. Das GAO sollte zweifellos alle Daten über UFOs zur
Verfügung gestellt bekommen.
Möglicherweise wissen Sie ja tatsächlich nicht, wo dieses
Material aufbewahrt wird; aber vielleicht weiß es Majestic -12 oder
eine ähnliche Organisation.
Schon Präsident Nixon mußte die Erfahrung machen, daß es sich
nicht auszahlt, das amerikanische Volk zu belügen, und mußte
letztlich die schwerwiegenden Konsequenzen dafür tragen.

In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit freundlichen Grüßen


Stanton T. Friedman
Kopie an Senatorin Patty Murray, Kongreßabgeordneten Steven
Schiff und andere ...

192
Vor kurzem trat der hochdekorierte US-Colonel Philip Corso mit
seinem Enthüllungsbericht The Day afler Roswell an die
Öffentlichkeit und bestätigte darin sowohl die Aussagen von
Stanton T. Friedman als auch meine Recherchen und
Schlußfolgerungen in Die Außerirdischen von Roswell. Protokoll
einer Verschwörung. Corso behauptet außerdem, daß einige der
bedeutendsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts auf die
Auswertung von geborgenen UFO-Wracks zurückzuführen seien,
beispielsweise Mikrochips, Glasfaseroptik, Laser, Kevlar-
Beschichtungen, integrierte Schaltkreise, Mikroelektronik,
Steuerungen etc.
Diese Technologie aus der Zukunft bringt Corso nicht nur in
Relation zum UFO-Phänomen, sondern unterstellt, daß sie in
Wirklichkeit Zeitreisemaschinen sind. Sollte diese Hypothese
zutreffen, hätten zumindest einige dieser exotischen Flugobjekte
Besucher aus der Zukunft an Bord.

193
Begegnung mit dem
dritten Jahrtausend

Dietausend
737-Maschine der British Airways befand sich in vier-
Fuß Höhe auf dem Landeanflug nach Manchester in
Nordengland. Gerade war vom Tower der Sinkflug freigegeben
worden, als der folgende Sprechfunkdialog zwischen dem
Kapitän der BA 737 und dem Fluglotsen des Towers festgehalten
wurde.

BA 737:
»Da ist gerade oberhalb unserer rechten Seite etwas an uns
vorbeigeschossen.«
Tower:
»Well, aber auf dem Radarschirm ist nichts zu sehen. War es ein
Flugzeug?«
BA 737:
»Nun, es hatte Lichter, es kam steuerbord sehr schnell herunter.«
Tower:
»Und über euch?«
BA 737:
»Hm, gerade etwas über uns, ja.«
Tower:
»Achtet darauf, ob da etwas ist. Hm, im Augenblick sehe ich gar
nichts. Hm - muß - hm - sehr schnell gewesen sein. Oder sehr
rasch runtergekommen, als es vorbeisauste. Was meinst du?«

194
BA 737:
»Okay. Gut. Das war's also.«

Spätere Untersuchungen durch die Civil Aviation Authority


(CAA = Zivile Luftfahrtbehörde) ergaben, daß der Pilot das
Objekt für etwa zwei Sekunden sah, als es an der rechten
Cockpitscheibe und dem Seitenfenster der Maschine vor-
beiflitzte. Er beschrieb es als keilförmig mit einer Anzahl kleiner
weißer Lichter, ähnlich wie bei einem Christbaum. Er wußte
nicht, wie weit das Objekt entfernt war, obwohl es seinem Gefühl
nach sehr nah sein mußte.
Auch der Erste Offizier der 737 sah das Objekt auf der rechten
Seite des Flugzeugs mit hoher Geschwindigkeit passieren. Er
beschrieb es als dunkel, keilförmig, mit etwas wie einem
schwarzen Streifen an der Seite. Er zeichnete ein Dia gramm des
Objekts, das mit dem unabhängig davon angefertigten des
Piloten, völlig übereinstimmte. Seine Beschreibung differierte mit
der des Piloten lediglich in bezug auf die Lichter. Er glaubte
nämlich, daß das Objekt von den zu die sem Zeitpunkt
eingeschalteten Landungslichtern der BA 737 beleuchtet worden
sei.
Die Größe des Objekts schätzte der Erste Offizier etwa auf die
zwischen einer einmotorigen Maschine und einem Düsenflugzeug
ein. Über die Entfernung war er sich nicht sicher, sagte aber, daß
er sich'instinktiv »duckte«, als das Objekt vorbeiflog.
Könnte es ein Tarnkappen-Bomber gewesen sein? Das
keilförmige, dunkle Erscheinungsbild ließ den Gedanken daran
unwillkürlich aufkommen. Der Erste Offizier hatte Tarnkappen-
Bomber allerdings schon früher zu Gesicht bekommen und
behauptete, eine solche Maschine sofort zu erkennen.

195
Ungeachtet dieser Aussage des Ersten Offiziers überprüfte der
CAA-Untersuchungsausschuß unter Einbeziehung von Militär-
behörden die Möglichkeit von in der näheren Umgebung
eingesetzten Tarnkappen-Bombern. Aber dafür ließen sich »keine
Beweise aus irgendeiner zuständigen Quelle« erbringen.
Offizielle Dementis sowie die Unwahrscheinlichkeit militärischen
Flugverkehrs in der Nähe eines stark frequentierten Verkehrs-
flughafens, mit oder ohne Benachrichtigung der CAA, schlössen
jede Möglichkeit der Verwechslung des unbekannten Flugobjekts
mit einem Tarnkappen-Bomber aus. Gleichzeitig wurde
überprüft, ob es sich um einen Gleitschirm, einen Drachenflieger
oder ein Ultraleichtflugzeug gehandelt haben könnte. Auch hier
war die Antwort negativ.
Obwohl das Bodenradar die BA 737 zu diesem Zeitpunkt
erfaßt hatte, traf dies auf das unbekannte Flugobjekt nicht zu. Für
die Untersuchungsbeamten war damit nichts Ungewöhnliches
verbunden, da das Radarsystem über Witterungs-Störungs-
elemente verfügte, die möglicherweise in Betrieb waren. Unter
diesen Umständen hätte das Objekt ein schwaches Radarecho
abgegeben, das als Wetterphänomen interpretiert und nicht
angezeigt worden wäre. Die CAA-Untersuchungsgruppe
verzeichnete den Zwischenfall schließlich als ungeklärt, gab
jedoch folgenden Kommentar ab:
»... dieser von zwei verantwortungsbewußten Verkehrs-
flugzeugpiloten unterbreitete Bericht wurde sehr ernst ge-
nommen, und wir möchten den Mut der Piloten, zu dieser
Aussage zu stehen, und die vorurteilsfreie Einstellung ihrer
Gesellschaft, dies zu ermöglichen, lobend anerkennen. Berichte
wie dieser sind oft Veranlassung zu Spott, aber die CAA hofft,
daß dieses Beispiel Piloten, die ungewöhnliche

196
Sichtungen erleben, zur Berichterstattung ermutigt, ohne befürchten
zu müssen, der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden.«

Keilförmige, mysteriöse dreieckige Flugobjekte tauchen schon seit


einer Reihe von Jahren in UFO-Berichten, vor allem aber am
Himmel auf. So wurde im März 1983 in Hud-sonville, im
Bundesstaat New York, ein riesiges V-förmiges Objekt am Himmel
gesichtet.
Besonderes Aufsehen erregte diese Form jedoch 1989 und 1990,
als sich in Belgien außerordentliche Vorfälle ereigneten. Viele
Belgier berichteten damals übereinstimmend von in Dreiecksform
angeordneten Lichtern am Nachthimmel und behaupteten, diese
mysteriösen Lichter an der Unterseite eines gewaltigen dreieckigen
Flugkörpers ausgemacht zu haben. Von diversen Bodenradar-
stationen des belgischen Militärs erfaßt, wurden sogar zwei F-16-
Kampfflugzeuge der belgischen Luftwaffe beauftragt, das UFO zu
jagen. Doch das fremde Objekt schaffte es, einfach »wegzu-tauchen«
und innerhalb weniger Sekunden mühelos vom Schwebezustand auf
mehrere tausend Stundenkilometer zu beschleunigen und damit
unbehelligt das Feld zu räumen.
Wilfried de Brower, Generalmajor der belgischen Luftwaffe, gab
der Öffentlichkeit schließlich bekannt, daß es sich bei dem unbekan-
nten Flugobjekt um ein »solides Luftfahrzeug« gehandelt habe, das
unerlaubt in den belgischen Luftraum eingedrungen sei.
Ebenfalls 1990 wurde über der russischen Stadt Tagresk ein
riesiges fliegendes Dreieck fotografisch festgehalten. Und Ende
März 1993 verunsicherte ein fliegendes Dreieck viele Engländer in
den frühen Morgenstunden auf dem Weg zur Arbeit.

197
Es wäre immerhin möglich, daß ein futuristisches Test-
flugzeug der Amerikaner hinter dem ominösen fliegenden
Dreieck steckt. Denn inzwischen hat sich herumgesprochen, daß
das »LoFlyte« (low observable flight test experiment) ein
keilförmiger Prototyp ist, der bis zu fünftausend Stun-
denkilometer erreichen kann. Für Fernsteuerung - also unbeman-
nt - ausgelegt, wurde er gemeinsam von der US Air Force und der
NASA entwickelt.
Schon seit Jahren arbeiten die Amerikaner an der Technologie
des dritten Jahrtausends. Im Zuge ihres Aurora-Projekts auf der
top secret US Air Force Base Area 51 in Neva-da - entwickeln
amerikanische Wissenschaftler exotische Antrie bssysteme für die
Luft- und Raumfahrt. Nachdem das öffentliche Interesse an Area
51 beziehungsweise Groom Lake ein für das Militär beunruhigen-
des Ausmaß angenommen hatte, wurde ein Teilbereich des
supergeheimen Entwicklungsprojekts in den US-Staat Utah
verlagert. Eine Reihe von Indizien spricht dafür, daß auch mit
Elektrogra-vitationsantrieben und mit Antigravitation experimen-
tiert wird. Die Anfänge dieser phantastischen Technologie gehen
allerdings schon auf die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts
zurück.
Thomas Townsend Brown, ein junger amerikanischer
Physiker, experimentierte 1921 mit der Röntgenstrahlen er-
zeugenden »Coolidge-Röhre«. Dabei wurde er auf ein son-
derbares Phänomen aufmerksam: Sobald er die Röhre in Betrieb
nahm, kam sie in leichte Bewegung.
Es dauerte nicht lange, bis Brown die Ursache für die leichte
Schwingung herausgefunden hatte. Beim Einschalten des
Starkstroms zur Inbetriebnahme der Röhre entstand ein
bestimmter, gegen die Schwerkraft wirkender Druck. Diese
Beobachtungen wurden durch weitere Experimente mit dem

198
»Gravitator« - einer von Brown entwickelten Versuchskonstruktion -
bestätigt: Beim Einschalten einer Hundert-Kilo-volt-Starkstrom-
quelle büßte ein Versuchsobjekt bis zu einem Prozent seines
Gewichts ein. Brown war überzeugt, einem neuen elektrischen
Prinzip auf die Spur gekommen zu sein: dem Einfluß von Elektrizität
auf Schwerkraft. Während seines Studiums am California Institute of
Technology (Caltech) ging keiner seiner Professoren auf seine
Entdeckung ein. Erst als er 1923 sein Studium an der Denison-
Universität in Granville, Ohio, fortsetzte, traf er auf offene Ohren.
Der aus der Schweiz stammende Professor der Physik Paul Alfred
Biefeld, einstiger Kommilitone von Albert Einstein, nahm sich seiner
an. Überzeugt von der Entdeckung Browns, wurde er schließlich
dessen Mentor. In gemeinsamen Experimenten stellten sie unter
Beweis, daß sich ein an einem Faden aufgehängter Kondensator
unter sehr hoher elektrischer Spannung von selbst in Richtung seines
positiven Pols zu bewegen begann. Dieses Phänomen erhielt den
Namen »Biefeld-Brown-Effekt«. Bei vertikal ausgerichteten Polen
des unter starker elektrischer Spannung stehenden Kondensators
findet eine Bewegung in Pachtung des positiven Pols - von der
Gravitation unbeeinflußt, also gegen die Schwerkraft - statt.
1926 konstruierte Brown auf der Basis seiner bisher
durchgeführten Experimente eine von ihm als »Raumfahrzeug«
bezeichnete Flugmaschine von so exotischer Art, daß dagegen
unsere heutigen Flugzeuge »vorsintflutlich« anmuten müssen. Dieses
Raumfahrzeug war nicht mit beweglichen Teilen ausgerüstet, und
sein Antriebs- und Steuerungssystem stützte sich lediglich auf die
Veränderung und Verstärkung der elektrischen Polarisation. Gemäß
dem »Biefeld-Brown-Effekt« bewegte es sich stets in Richtung des
po-

199
sitiven Pols, der bei einer Richtungsänderung dann nur entsprechend
verlagert werden mußte.
Brown stellte Versuche mit den verschiedensten Formgebungen
und Körpern an, um die ideale für seinen Flugkörper zu finden;
schließlich kam er auf die Scheibenform. Brown war dem Geheimnis
des UFO-Antriebs angeblich auf die Spur gekommen, längst bevor
die amerikanische Öffentlichkeit durch das Auftauchen »Fliegender
Untertassen« in Aufregung versetzt wurde.
Das Brownsche »Raumfahrzeug« schien sein eigenes, unabhängig
von der irdischen Schwerkraft funktionierendes Elektrogravitations-
feld erzeugen zu können, mit dem es den Weltraum erkunden sollte.
Mit anderen Worten, dieses exotische Flugobjekt soll, Beobach-
tungen zufolge, je nach Belieben beschleunigen, abbremsen, »Haken
schlagen«, sprich: Winkel fliegen, starten, landen oder sich im Raum
fortbewegen können, ohne die im eigenen Gravitationsfeld der
Scheibe befindlichen Insassen auch nur im geringsten zu be-
einträchtigen.
Brown beschrieb den Ablauf 1938 so: »Das Feld verhält sich wie
eine Welle mit dem negativen Pol an der Oberseite und dem
positiven Pol an der Unterseite. Die Scheibe gleitet über diese
aufsteigende Welle, die durch ihren Elektrogravitationsgenerator
ständig in Bewegung gehalten wird. Da sich die Orientierung des
Feldes steuern läßt, kann sich die Scheibe auf ihrer eigenen,
permanent erzeugten Elek-trogravitationswelle in jede beliebige
Flugrichtung fortbewegen. Aufgrund der elektrostatischen
Entladungen wäre die Scheibe von einem ständig in der Farbe
variierenden Leuchten umgeben.«
Wenn T. Townsend Brown auch davon überzeugt war, die
theoretische Grundlage für eine revolutionierende Tech-

200
nologie gefunden zu haben, dauerte es dennoch etwa zwei
Jahrzehnte, bis seinen Forschungsergebnissen die längst fällige
Aufmerksamkeit zuteil wurde.
Bis dahin arbeitete der hochqualifizierte Physiker unter anderem
mit Albert Einstein zusammen; 1939 leitete er in den
Forschungslaboratorien der US-Navy ein Team von fünfzig
promovierten Wissenschaftlern mit einem Fünfzig-Millionen-
Dollar-Etat; während des Zweiten Weltkrieges war er unter anderem
für Projekte des »Nationalen Verteidi-gungs-Forschungs-Komitees«
(NDRC) tätig, dem späteren »Büro für wissenschaftliche Forschung
und Entwicklung« (OSRD), unter Leitung von Professor Vannevar
Bush. Seinen Forschungen auf dem Gebiet der Elektrogravitation
konnte er während dieser Zeit nur im privaten Rahmen nachgehen.
Mit dem Auftauchen sogenannter »Fliegender Untertassen« im
Jahr 1947 wurde dann kein geringerer als der Oberkommandierende
der Pazifischen Flotte der US Navy, Ad-miral Arthur W. Radford,
auf die Brownschen Forschungen aufmerksam. Seiner Meinung nach
war Brown der einzige Physiker, der das Antriebssystem der
mysteriösen UFOs enträtseln konnte. Das führte 1952 in Cleveland
zum »Projekt Winterhaven« unter der Leitung von T. T. Brown. Im
Rahmen dieses Projekts gelang es Brown, ein Gerät zu entwickeln,
das angeblich sein gesamtes Eigengewicht in den Schwebezustand
versetzen konnte.
In einem weiteren Versuch hängte er zwei sechzig Zentimeter im
Durchmesser betragende und mit einer Variante des Zwei-Platten-
Kondensators versehene, scheibenförmige Objekte an einer
Rotationsvorrichtung auf. Bei einer Elektrodenspannung von 50 KV
und einer konstanten Energiezufuhr von 50 Watt erzielten die
Körper auf einer

201
waagerechten, kreisförmigen Bahn von sechs Metern Durch-
messer, Brown zufolge, eine Geschwindigkeit von neunzehn
Stundenkilometern.
Bei einem anderen Experiment wurden Scheiben mit einem
Durchmesser von neunzig Zentimetern mit einem Ro-
tationsumlauf von siebzehn Metern und einer Aufladung von 150
KV verwendet. Nach der Fachzeitschrift Interavia waren die
erzielten Resultate »so beeindruckend, daß sie umgehend unter
Geheimhaltung gestellt wurden«. Brown versicherte in diesem
Zusammenhang, mit einer ausreichend starken Energiequelle
könne er auch einen flugfähigen, bemannten Elektrogravitations-
flugkörper konstruie ren.
Am 18. November 1955 wurde in New York eine Konferenz
zum Thema »Gravitation« abgehalten, an der die damals führen-
den Physiker der USA teilnahmen, darunter der Erfinder der
Wasserstoffbombe, Professor Edward Teller (geb. 1908); der
Leiter des »Manhattan-Projekts«, Professor Dr. (Julius) Robert
Oppenheimer (1904-1967), der die erste Atombombe entwickelt
hatte; die Physiker Dr. Freeman, John Dyson und Professor John
Archibald Wheeler. Die Debatten und Themen dieser Konferenz
faßte der Wissenschaftsredakteur der New York Herold Tribüne
folgendermaßen zusammen:
»Eine Anzahl amerikanischer Luftfahrt- und Elektronik-
unternehmen sieht die Möglichkeit, magnetische und Anti-
gravitationsfelder als Antriebssysteme für Flugmaschinen
auswerten zu können, da sie unabhängig vom Luftwiderstand
sind. Raumschiffe dieser Art wären in der Lage, in wenigen
Sekunden auf mehrere tausend Stundenkilometer zu
beschleunigen, ohne negative Einflüsse der g-Kräfte auf die
Passagiere.«

202
Der japanische Physiker Professor Shinichi Seiki soll eine
Möglichkeit zur Erzeugung eines künstlichen Gravitationsfeldes
gefunden haben. In seinem Buch The Principles of Ultra
Relativity beschreibt er, wie Gravitationsenergie unter Umständen
in elektromagnetische Energie umzuwandeln wäre. Er ging dabei
von der sogenannten Kramer-Gleichung aus, in der die
vierdimensionale Gyrationsbewegung der Atome in ihrer
Abhängigkeit von äußeren elektrischen und magnetischen
Feldern beschrieben wird.
Das rotierende elektrische Feld wurde von Professor Seiki
unter Anwendung von drei kugelförmigen Kondensatoren
hergestellt, deren Ladung und Entladung alternativ über drei
Magnetspulen erfolgte. Es bedurfte einer externen Energiequelle,
um den Antrieb in Gang zu setzen.
Die Gesamtleistung des Seikischen Antriebssystems wurde auf
3 mal 109 KW berechnet, eine Leistung, die weit über die der
»Saturn«-Rakete hinausgeht. Sobald sich ein Flugobjekt der Erde
mit eigenem Gravitationsfeld nähert, treten -Seiki zufolge -
bestimmte Effekte auf; so wären elektromagnetische Geräte
Störungen ausgesetzt, Pflanzen würden beschädigt und
dergleichen mehr ...
Nach der New-York-Konferenz von 1955 wurde das Thema
»Elektrogravitation« plötzlich »totgeschwiegen«. Mit Sicherheit
wurden aber untet dem Deckmantel militärischer Geheimhaltung
die Forschungen fortgesetzt. Eine Studie über Elektrogravita-
tionssysteme vom Februar 1956 beweist, daß sich nahezu alle
großen Rüstungsunternehmen und Flugzeugherstellungsfirmen
mit dieser Technik befaßten. Bezeichnend ist, daß gerade diese
Studie, in der »Technischen Bibliothek« der Wright-Patterson-
Air-Force-Base, dem Sitz des Lufttechnischen Nachrichten-
dienstes (ATIC) der US Air Force, »versteckt«, aufgefunden
wurde.

203
Darin heißt es, daß inzwischen die meisten großen Firmen, wie
Douglas, Glenn Martin, Lear Inc., Bell Aircraft und General
Electric, Arbeitsgruppen gebildet haben, um elektrostatische und
Elektrogravitationsphänomene zu studieren.
Ein leitender Ingenieur einer dieser Firmen stellte fest:
»Schwerelose Flugobjekte und Antigravitationsantriebe könnten
in der gleichen Zeit gebaut werden, die benötigt wurde, um die
erste Atombombe herzustellen.« Kurz nach dieser öffentlichen
Verlautbarung verfielen all die hier aufgeführten Firmen in
geheimnisvolles Schweigen. Freiwillig oder gezwungenermaßen?
Das ultrakonservative Schweizer Luft- und Raumfahrtmagazin
Interavia stellte damals dazu fest: »Ergebnisse von US-
Experimenten, in die maßstabsgetreue Modelle elektrisch
geladener Flugscheiben verwickelt waren, stellten sich so
beeindruckend dar, daß sie als >super geheim< klassifiziert
wurden.«
Bis zum heutigen Tag immer noch als streng geheim ein-
gestufte Elektrogravitationsprojekte werden in den USA und
anderen Ländern mehr denn je in von der Öffentlichkeit
abgeschirmten Anlagen durchgeführt.
Ein Bericht des aus dem Jahr 1990 in Los Angeles ansässigen
Militär-Vertragspartners Science Application International Corp,
analysierte die Methoden für potentielle Anti-
gravitationsantriebsaggregate. Und ein Bericht von 1990 in
Aviation Week schließt ein Interview mit Luft- und Raum-
fahrtingenieuren ein, die den Mut hatten, das Schweigen zu
brechen und zu reden.
Sie gaben zu, daß »supergeheime« Schwarze-Welt-Projek-te
durchgeführt werden, und beschrieben einige elektrostatische
Antriebsmethoden, an denen zu jener Zeit gearbeitet

204
wurde. Einer von ihnen ließ wörtlich verlauten: »Sie sind sehr
schwarz [das heißt, die Projekte wurden mit einem schwarzen Etat
finanziert, der offiziell nicht existiert]. Davon abgesehen, wären
mehr als zwanzig Stunden erforderlich, die Prinzipien zu erklären,
die ohnehin nur wenigen verständlich wären.«
Recherchen haben ergeben, daß derzeit an Antigravita-
tionsforschungsprojekten mit revolutionierenden Techniken und
neuartigen Materialien aus High-Tech-Keramik - die Elementar-
teilchen in Rotation versetzt - und Supraleitern gearbeitet wird. So
werden beispielsweise bei dem streng geheimen Delta-G-Projekt in
Antigravitationsexperimenten rotierende Scheiben eingesetzt. Unter
anderem sind die Firma Super Conductor Performance in Columbia,
Ohio, und die NASA in Huntsville, Alabama, beteiligt.
Durch Gravitationsmanipulation beziehungsweise Erzeugung von
Antigravitation könnte unter Umständen auch die Geometrie lokaler
Raum-Zeit-Gebiete - eine wichtige Voraussetzung für Zeitreisen -
dynamisch verändert werden. Es ist daher auch nicht weiter
überraschend, daß immer wieder Gerüchte über Zeitexperimente
amerikanischer oder russischer Wissenschaftler auftauchen.
Bedauerlicherweise erscheinen Berichte dieser Art aber meist in
unseriösen, sensationell aufgemachten Magazinen und Büchern. Der
Konsument dieser »Berichte« ist natürlich oft verunsichert, weil er
nicht beurteilen kann, ob »etwas dran« ist oder nicht.
Ein klassisches Beispiel für diese Problematik ist das sogenannte
Montauk-Experiment, an dem der herausragende Wissenschaftler
Erich von Neumann beteiligt gewesen sein soll. Danach haben sich
Dr. von Neumann und seine Mitarbeiter in den Forschungslabors von
Brookhaven mit Zeit-

205
manipulationsexperimenten beschäftigt. Es wird behauptet, daß um
1980 in einer ehemaligen Navy-Basis in Montauk geheime
Experimente mit der Zeit in Angriff genommen wurden. Dieses
sogenannte Montauk-Projekt hatte zum Ziel, bereits in der
Gegenwart mit der Zukunft in Verbindung zu treten.
Die erste direkte Verbindung wurde angeblich 1980 durch die
Erzeugung eines Raum-Zeit-Wirbels unter Einsatz gewaltiger
Energie vollzogen, also der Weg in die Zukunft über einen
hyperdimensionalen Tunnel geöffnet. Mensch und Materie sollen
tatsächlich durch einen Zeittunnel geschickt und wieder
zurückgebracht worden sein.
Märchen oder Science-Fiction? Höchstwahrscheinlich! Allerdings
kann nicht ausgeschlossen werden, daß es auch in dieser Richtung
Experimente gibt.
Ob es nun um Zeitreisehandlungen in Science-Fiction-Romanen
beziehungsweise in -Filmen oder um Zeitreisemodellvorstellungen
wissenschaftlicher Forschungsgruppen geht, es handelt sich im
Prinzip immer nur um die Problematik der Zeitschleife: Können wir
vergangene Ereignisse aufgrund von Erkenntnissen über zukünftige
Entwicklungen nachträglich verändern, damit diese zukünftigen
Entwicklungen nicht eintreten?
Die theoretischen Grundlagen für die Möglichkeit von Zeitreisen
sind beeindruckend. Dagegen sprechen lediglich die Varianten des
Kausalitätsparadoxons, das entsteht, wenn jemand eine Zeitreise in
die Vergangenheit macht und dort etwas durchführt, was im
Widerspruch zu seiner eigenen Lebensgeschichte und Erfahrung
steht.
Die »Viele-Welten«-Theorie ist deshalb ein eleganter Ausweg,
um die paradoxen Verwicklungen bei Zeitreisen zu vermeiden.
Rekapitulieren wir noch einmal: Nach der nicht un-

206
umstrittenen »Viele-Welten«-Theorie ergibt sich mit der Verbindung
zur Vergangenheit eine neue Parallelwelt, durch die das Paradoxon
aufgelöst wird. Es entsteht kein Widerspruch alternativer
Handlungsabläufe, sobald sie sich in Paralleluniversen tatsächlich
vollziehen.
So gesehen sind Zeitreisen Reisen in Parallelwelten. In diesem
Zusammenhang läßt sich Zeit also nicht mehr eindeutig als lineare
Dimension festlegen, sondern als komplex verzweigtes Netz von
Zeitpfaden. Beim Überwechseln auf einen parallel verlaufenden
Zeitpfad werden zwei Auswirkungen und Informationen vom
Ausgangsuniversum in ein abgespaltenes Paralleluniversum
übertragen, die also nicht auf Ursachen vergangener Ereignisse der
Parallelwelten beruhen.
Folgen wir der quantenmechanischen Auslegung von Hugh
Everett, besteht kein Zweifel an der realen Existenz unzähliger
Alternativwelten. Solange sie der Quantenphysik entsprechen, sind
alle nur möglichen Szenarien vorhanden; als Konsequenz muß es in
irgendeiner Welt auch bereits die Zeitmaschine geben.

Die »Vielen Welten« mit ihren unendlichen Varianten aller nur


denkbaren Szenarien sind für die Menschheit Herausforderung und
Hoffnung zugleich. Denn die Entscheidung, in welche zukünftige
Welt wir vorstoßen wollen, liegt bei uns. So könnte die Menschheit
in der einen Welt überleben, während sie in einer anderen durch
eigenes Verschulden unterginge.
Die Katze lebt, die Katze ist tot!
Neugierde und Wanderlust haben dem Menschen Fortschritt und
Rückschritt zugleich beschert. Warum brechen wir in den Weltraum
auf, untersuchen fremde Welten, durchforsten das Universum mit
Weltraumteleskopen und versu-

207
chen schließlich, die Zeit zu beherrschen? Offensichtlich haben wir
keine andere Wahl, denn intelligentes Leben ist wohl von Natur aus
neugierig, eine Eigenschaft, die sich im Zuge der Evolution als
vorteilhaft erwiesen hat. Ohne diese Neugierde, diesen Wandertrieb,
ohne unsere Fähigkeit, zu staunen und zu träumen, würden wir
wahrscheinlich unser Dasein immer noch in kalten, feuchten Höhlen
fristen, hätten keinen Stein zum Werkzeug geformt und die Flamme
des Fortschritts nicht entfacht. Es ist die Neugier, die uns über den
Horizont unserer Raum-Zeit hinauskatapultiert hat.
»Neunundneunzig Prozent unserer Geschichte haben wir
Menschen als Jäger und Sammler verbracht«, äußerte der unlängst
verstorbene Astronom und Exobiologe Dr. Carl Sagan einmal in
einem Gespräch mit dem NASA-Direktor Dan Goldin.
»Wir wanderten und gingen dem Wild nach. Der Erkun-
digungsdrang ist uns angeboren. Sobald der ganze Planet - bis auf
den Meeresboden - erforscht ist, finden wir in den anderen Planeten
ein neues Forschungsziel. Dann ist da noch die Frage nach dem
Ursprung des Lebens, dem Ursprung unseres Planeten, dem
Ursprung der Natur und dem Geschick des Universums. Profunde
Fragen, wie sie sich jede Gesellschaft auf die eine oder andere Weise
stellt. Ich glaube, man müßte aus Holz geschnitzt sein, wenn uns die-
se Fragen nicht wenigstens etwas berühren würden ...«

Eine Frage bleibt allerdings immer noch unbeantwortet: Wo bleiben


eigentlich die Zeitreisenden, wenn die Konstruktion von
Zeitreisemaschinen sowie die theoretische Durchführbarkeit von
Zeitreisen gewährleistet ist? Eine pessimistische Antwort auf diese
Frage lautet, die Menschheit würde nicht lange genug existieren, um
eine Zeitreisetechnologie zu entwickeln.

208
Weiterhin wäre darauf zu antworten, daß wir seit eh und je und
bis heute immer wieder von Zeitreisenden aufgesucht wurden, die
wir als solche aber nicht erkannt haben. Dann gäbe es auch die
Möglichkeit, daß sie nicht unsere, sondern Parallelwelten besuchen.
Doch ganz davon abgesehen, ist die Geschichte der Menschheit eine
einzige Zeitreise - auf Zeit!

209
Dank

Theresia Brandstätter für ihre geduldige Arbeit am Computer;


meiner Frau Elis für die noch größere Geduld im Laufe einer
mehr als schwierigen Zeitreise - bis diese endlich bei meinem
verständnisvollen Verlagsleiter, Peter E. Melden, und meinem
Lektor, Elmar Klupsch, ihr Ziel erreichte.
Dank auch meinen Partnern und Freunden, die während dieser
Zeit unter mir gelitten haben.

210
Glossar

ALH 84001:
Der vielleicht erste Beweis für die Existenz von außerirdischem
Leben in Form eines Meteoriten vom Mars, der vor zwölftausend
Jahren in der Antarktis in einer Eisregion mit der Bezeichnung Allen
Hills niederging und 1984 durch eine Meteoritenexpedition der
National Science Foundation entdeckt wurde.

Allgemeine Relativitätstheorie:
Die von Albert Einstein entwickelte Gravitationstheorie. Nach dem
Grundgedanken dieser Theorie ist die Gravitation eine Folge der
Krümmung des Raum-Zeit-Kontinuums.

Antimaterie:
Dieser Begriff beschreibt das physikalische, auf der Erde nicht
vorhandene Gegenstück der normalen Materie. So bestehen zum
Beispiel Antilithiumkerne aus drei negativ geladenen Antiprotonen
und drei bis fünf Antineutronen. Für jedes Teilchen gibt es ein
entsprechendes Antiteilchen. Gewisse vollkommen neutrale
Teilchen, wie das Photon und das Meson, die ihre eigenen
Antiteilchen verkörpern, bilden hier eine Ausnahme. Antimaterie
setzt sich aus Antiprotonen, Antineutronen und Antielektronen - also
Positronen -zusammen. Bei der Wechselwirkung mit gewöhnlicher
Masse zerstrahlt Antimaterie.

211
Antiteilchen:
Elementarteilchen, aus denen sich die Antimaterie zusammensetzt
und die nahezu die gleichen Eigenschaften haben wie die
Elementarteilchen der Materie. Ein wesentlicher Unterschied liegt
in der entgegengesetzten Ladung. Das Antiteilchen des Elektrons
ist das Positron, das des Protons ist das Antiproton usw. Neutrale
Teilchen wie das Photon sind ihre eigenen Antiteilchen. Wenn ein
Teilchen und sein Antiteilchen zusammenstoßen, vernichten sie
sich gegenseitig und verwandeln sich in Strahlung. Wir leben in
einem Universum aus Materie. Antimaterie ist extrem selten; sie
tritt nur in kosmischen Strahlen auf oder wird in den Hochener-
gieteilchenbeschleunigern erzeugt.

Astralreisen:
Ein Zustand, in dem der sogenannte feinstoffliche Körper seine
leibliche Hülle verläßt, um sich bewußt zu den unterschied-
lichsten Orten und Zeitperioden auf die Reise zu begeben.

Astrophysik:
Modernes Teilgebiet der Astronomie, das die physikalische
und chemische Eigenschaft kosmischer Objekte erforscht.

ASW:
Außersinnliche Wahrnehmung. .

Biosphäre: Gesamtlebensraum der


Erde.

Bootstrap-Theorie:
Eine aus der S-Matrix-Theorie abgeleitete Hypothese über
die Beschaffenheit von Elementarteilchen. Danach ist keine

212
Teilchenart elementarer als die andere. Vielmehr entstehen sie alle in
völlig demokratischer und selbstkonsistenter Weise. Das heißt, die
Elementarteilchen bringen sich aus eigener Kraft (by their own
bootstraps) in die Welt.

Calibi-Yau-Räume:
Diese sechsdimensionalen Räume entstehen, wie angenommen wird,
wenn die zehn Dimensionen der Superstring-Theorie bis auf vier
Dimensionen kompaktifiziert werden. Sie stehen auch in Beziehung
zu Orbifold-Räumen.

Casimir-Effekt:
Der holländische Physiker Hendrik Casimir wies nach, daß zwischen
zwei parallel angeordneten Metallplatten durch
Quantenvakuumfluktuationen - mit anderen Worten: das
Einschließen virtueller Photonen - ein winziger negativer Druck
entsteht.

Chaos, deterministisches:
Bezeichnung für das irreguläre Verhalten eines nichtlinearen
Systems, dessen zeitliche Entwicklung durch mathematische
Gleichungen eindeutig beschrieben wird - determiniert ist. Die
Lösungen dieser Gleichungen lassen sich aber in einer geschlossenen
analytischen Form nicht angeben. Daher können vergangene oder
zukünftige Zustände des Systems nicht beliebig angegeben werden.
Die Zustände des Systems hängen von den Anfangsbedingungen ab.
Die zeitliche Entwicklung von zwei beliebig nahe benachbarten
Zuständen läuft exponentiell auseinander. Diese empfindliche
Abhängigkeit der Lösungen von den Anfangsbedingungen zusam-
men mit der Tatsache, daß wir weder beliebig genau messen noch
beliebig genau rechnen können, verhindert eine lang-

213
fristige Vorhersage des Verhaltens eines deterministisch cha-
otischen Systems.

Chaotische Inflation:
Nach neuesten Theorien hat sich unser Universum, neben vielen
anderen, aus einer Art sprudelndem »Raum-Zeit-Schaum« in
chaotischer Unordnung durch inflationäre Aufblähung gebildet.

Cherenkow-Strahlung:
Elektromagnetische Strahlung, die zum Teil im optischen Spek-
tralbereich liegt und auftritt, wenn sich geladene Teilchen mit
Überlichtgeschwindigkeit in einem Medium fortbewegen.

Chiralität:
Eine Bezeichnung für die fundamentale Händigkeit der Natur.
Grundlegende Theorien über Elementarteilchen und über
Superstrings müssen Chiralität besitzen.

Determinismus:
Der weltweite Glaube, daß eine Kenntnis der Naturgesetze sowie
des Zustands eines Systems zu einem Zeitpunkt das Verhalten
dieses Systems für alle Zeiten, Vergangenheit und Zukunft,
eindeutig und genau berechenbar macht. Der Determinismus hatte
seine Blütezeit im 18. und 19. Jahrhundert als Folge der großen
Anfangserfolge der Newtonschen Mechanik bei der Beschreibung
der unbelebten Natur.

Dichte:
Die Masse eines Stoffes pro Volumeneinheit. Energiedichte ist
die Dichte pro Volumeneinheit. Dichte wird gewöhnlich in
Gramm pro Kubikzentimeter angegeben.

214
Differentialrotation:
Eigenschaften eines Systems - etwa eines Sternensystems oder eines
Schwarzen Lochs -, bei dem die äußeren Regionen eine andere
Rotationsgeschwindigkeit haben als die inneren.

Dimension:
Art und Zusammensetzung einer physikalischen Größe aus
Faktoren von Grundgrößen und deren Potenzen zu einem
Produkt.

Diracsche Theorie:
Eine atomphysikalische Theorie, in der die theoretische Methode der
Quantenmechanik mit den Lehren der speziellen Relativitätstheorie
verbunden wird.

Doppier-Effekt:
Die Frequenzveränderung einer Welle, zum Beispiel des Lichts oder
des Schalls, die durch eine relative Bewegung der Quelle und des
Empfängers verursacht wird.

Druck:
Das Verhältnis zwischen der senkrecht auf eine Fläche wirkenden
Kraft und der Größe der Fläche.

Dualismus Welle-Korpuskel:
Die Tatsache, daß Wellen auch Korpuskeleigenschaften zeigen und
umgekehrt.

Einstein-Rosen-Brücke:
Die unmittelbare Passage von einem Teil des Universums zu einem
anderen, also die Verbindung zwischen einem Schwarzen Loch zu
einem zugehörigen Weißen Loch. Einstein und sein

215
Kollege Rosen erwähnten diese Art Brücken erstmals 1935.
Inzwischen wurden sie durch andere Theoretiker bestätigt.

Elektron:
Das Elementarteilchen mit der geringsten Masse. Sämtliche
chemischen Eigenschaften von Atomen und Molekülen beruhen auf
den elektrischen Wechselwirkungen von Elektronen miteinander und
mit den Atomkernen. Elektronen sind Elementarteilchen mit
negativelektrischer Ladung. Ort und Geschwindigkeit eines
Elektrons sind niemals genau meßbar. Nach der Heisenbergschen
Unschärferelation sind unseren Erkenntnisfähigkeiten hier Grenzen
gesetzt.
Der französische Physiker Jean Charon betrachtet das Elektron
sogar als denkende Einheit, als Elementarteilchen mit Geist. Für
Charon bildet das Elektron eine Art von Mikrokosmos, in dessen
Innerem eine Unzahl masseloser Photonen gewissermaßen einen
Gedächtnisspeicher verkörpern. Durch den Photonenspin wird das
Elektron zum Lernen und Nachrichtenaustausch befähigt. Und nach
Charon können je zwei Photonen im Elektron ihren Drehsinn ändern
und so zum Datenspeicher werden.
Elektronen können sich gegenseitig durch den Austausch von
Photonen Informationen und Erfahrungen zuleiten. Durch die
Wanderung der Photonen von einem Elektron zum anderen erfolgt
eine Vermittlung ihres Spinzustandes - also ihrer »Nachricht« - zum
Empfängerelektron. So ziemlich alles um uns herum ist von
Elektronen abhängig, auch das Leben wäre ohne sie nicht
entstanden.

Elektroschwache Kraft:
Eine Vereinheitlichung von Elektromagnetismus und schwacher
Wechselwirkung.

216
Elementarteilchen:
Grundbaustein der Materie und der Strahlung. Die Bedeutung des
Begriffs »elementar« hat sich im Laufe der Zeit mit der
Erweiterung unserer Erkenntnisse gewandelt. So galten Proton
und Neutron einst als elementar, doch weiß man heute, daß sie
sich aus drei Quarks zusammensetzen. Ele mentarteilchen sind
zum Beispiel das Elektron, das Neutrino und das Photon.

Entartete Sterne:
Weiße Zwerge und Neutronensterne.

Entropie:
Ein Maß der Information. Wenn sich die Dinge abnutzen, nimmt
Entropie zu, der Informationsgehalt ab. Ein Glas Wasser mit
einem Eiswürfel darin enthält mehr Informationen und weniger
Entropie als dasselbe Glas Wasser, wenn der Eiswürfel
geschmolzen ist. Die stetige Zunahme der Entropie im ganzen
Universum ist ein Grundmaß für den Ablauf der Zeit.

Ereignishorizont:
Im Makrokosmos: Umgebung eines kosmischen Schwarzen
Lochs - ein Bereich, von dem aus keine Kommunikation mit der
Außenwelt me)ir möglich ist, weil die Fluchtgeschwindigkeit
über der Lichtgeschwindigkeit liegen müßte. Rotierende
Schwarze Löcher besitzen zwei Ereignishorizonte: einen inneren
und einen äußeren. Ein Schwarzloch-Weißloch-Verbundsystem -
auch Einstein-Rosen-Brücke genannt - besitzt somit vier
Ereignishorizonte. Im Mikrokosmos: Randbereiche der
rotierenden Mini-Schwarz- und Mini-Weißlöcher (analog zu den
Makro-Verwandten).

217
Ergosphäre:
Bereich des Raums in der Nähe eines rotierenden Schwarzen
Lochs, aus dem grundsätzlich Energie gewonnen werden kann.

Euklidische Geometrie:
Die Geometrie, wie wir sie in der Schule gelernt haben, bei der sich
die Winkel eines Dreiecks zu hundertachtzig Grad addieren und
Parallelen bis in die Unendlichkeit denselben Abstand zueinander
beibehalten.

Explizite Ordnung:
Nach David Bohm die entfaltete Ordnung der für uns wahr-
nehmbaren, materiellen Welt.

Feld:
Hier handelt es sich um einen grundlegenden Begriff zur
Beschreibung von Zuständen und Wirkungen im Raum.

Feldtheorie, einheitliche:
In Erweiterung der allgemeinen Relativitätstheorie versuchte Albert
Einstein, die elektrischen, magnetischen und Gravitationsfelder von
einem einheitlichen Standpunkt aus zu deuten.

Feynman-Diagramme:
Mit ihrer Hilfe berechnet man die Kräfte und Wechselwirkungen
zwischen Elementarteilchen. Feynman-Diagramme sind wichtig für
die S-Matrix. Ähnliche Diagramme findet man in der Twistor- und
in der Superstring-Theorie.

Fraktal:
Ein Fraktal ist eine geometrische Struktur, deren Dimension
nicht ganzzahlig ist. Denkt man sich die Struktur durch sehr

218
219
viele Punkte in einem n-dimensionalen Raum und legt man um
einen Punkt der Struktur eine Kugel, so nimmt die Zahl der
Punkte innerhalb dieser Kugel mit einer bestimmten Potenz des
Durchmessers der Kugel zu. Ist der diese Skalierung beschrei-
bende Exponent für alle Punkte gleich und nicht ganzzahlig, so
wird die Struktur ein einfaches Fraktal genannt. Der Wert des
Exponenten ist dann gleich der Dimension des Fraktals. Ist der
Exponent für verschiedene Punkte unterschiedlich und nicht
ganzzahlig, wird die Struktur als multifraktal bezeichnet.

Frequenz:
Anzahl der Schwingungen pro Zeiteinheit.

Friedmann-Modell:
Hier handelt es sich um ein mathematisches Modell der Raum-
Zeit-Struktur des Universums, das auf der allgemeinen Re-
lativitätstheorie und dem kosmologischen Prinzip beruht.

Fusion:
Der Vorgang, in dem sich leichte Atomkerne miteinander zu
schweren Kernen verbinden und dabei Energie freisetzen.
Energiequelle aller Sterne, auch unserer Sonne.

Galaxie:
Ein durch Schwerkraft zusammengehaltener Schwärm Sterne,
wie zum Beispiel unsere Milchstraße. Eine typische Galaxie kann
hundert Milliarden Sterne von der Größe unserer Sonne enthalten.

Galaxiengruppe:
Ansammlung von etwa zwanzig Galaxien, die durch Gravitation
verbunden sind. Eine Galaxiengruppe ist etwa sechs

220
Millionen Lichtjahre groß und hat durchschnittlich eine Masse
zwischen tausend und zehntausend Milliarden Son-
nen.

Galaxienhaufen:
Dichte Ansammlung von mehreren tausend Galaxien, die durch
Gravitation miteinander verbunden sind. Ihre durchschnittliche
Größe beträgt sechzig Millionen Lichtjahre; ihre
durchschnittliche Masse entspricht einigen Billiarden
Sonnenmassen.

Galaxiensuperhaufen:
Ansammlung von Zehntausenden in Gruppen und Haufen
zusammengefaßten Galaxien, die durch Gravitation verbunden
sind. Superhaufen sind flach und pfannkuchenförmig und
erreichen durchschnittlich eine Größe von neunzig Millionen
Lichtjahren. Die Masse eines Superhaufens beträgt zehn
Billiarden (1016 ) Sonnenmassen.

Geodäte:
Kürzester Abstand zwischen zwei Punkten. Auf einer ebenen
Fläche sind Geodäten gerade.

Geometrodynamik:
Durch die Verbindung der Quantentheorie und der allgemeinen
Relativitätstheorie entwickelte Wheeler die Geometrie der
gekrümmten Raum-Zeit - seine sogenannte Geometrodynamik.

Geonen:
Aus der Geometrodynamik von John Archibald Wheeler ergeben
sich Raumquanten, die er Geonen nennt.

221
Geonenraumwand:
John Archibald Wheeler vergleicht unser Universum auch mit
einem Kranz, auf dessen fester, gekrümmter Oberfläche, der
sogenannten Geonenraumwand, auf der sämtliche Sterne und
Galaxien angesiedelt sind; das Kranzloch symbolisiert den
zeitlosen Hyperraum.

Geschlossene zeitähnliche Schleife:


Eine Reise durch Raum und Zeit, die an ihren Ausgangspunkt in
Raum und Zeit zurückkehrt und deshalb zwangsläufig auf einem
Teil eine Reise rückwärts in der Zeit einschließen muß. Diese
Schleifen sind nach den Gesetzen der Physik nicht verboten.

Granny-Paradox, das:
Kausalitätsproblem. Wenn Großmutter als junges Mädchen
(bevor sie schwanger wurde) versehentlich von ihrem
zeitreisenden Enkel getötet wird, kann der Enkel offensichtlich
nicht existieren - kann er aus diesem Grund auch die Zeitreise
nicht durchführen und den Tod von Granny verschulden. Er
müßte also doch geboren werden, um die Zeitreise unternehmen
zu können etc. ... Durch die Parallelwelten-Hypothese würde
dieses Paradoxon aufgelöst.
f

Gravitation:
Eine Eigenschaft der Raum-Zeit-Struktur, die durch die
Masse eines Objekts verursacht wird.

Gravitationskonstante:
Die fundamentale Konstante in der Newtonschen und Ein-
steinschen Gravitationstheorie.

222
Gravitationsradius:
Radius der Fläche rings um ein Schwarzes Loch (Schwarzschild-
Horizont), aus der nichts entweichen kann.

Gravitationswellen:
Durch die Störung des Gravitationsfeldes - zum Beispiel durch
Änderung des Orts oder Dichte der Masse - hervorgerufene Wellen,
die sich ausbreiten. Gravitationswellen, die sich aus den
Einsteinschen Feldgleichungen ergeben, wurden in den siebziger
Jahren in den USA mit einiger Sicherheit durch Professor J. Weber
nachgewiesen.

Graviton:
Das noch nicht nachgewiesene Quant des Gravitationsfeldes in der
allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantentheorie der
Wellenfelder.

Große Vereinheitlichung:
Ein Versuch zur Vereinheitlichung aller Naturkräfte. Während es
ganz gut gelang, die Farbkraft, die zwischen Quarks wirkt, mit der
elektroschwachen Kraft zu vereinheitlichen, stieß das Bemühen, die
Gravitation einzubeziehen, stets auf Schwierigkeiten. Deshalb wurde
die Große Vereinheitlichung schließlich durch die Superstring-
Theorie ersetzt.

Halbwertzeit:
Die Zeit, in der die Hälfte einer radioaktiven Substanz zerfallen ist.

Hauptsätze der Thermodynamik:


1. Hauptsatz: Wärme kann als eine Energieform nur verwandelt,
aber nicht vernichtet oder geschaffen werden; es

223
ist unmöglich, eine Maschine zu bauen, zum Beispiel ein
Perpetuum mobile, die aus nichts Energie liefert.
2. Hauptsatz: Es ist unmöglich, eine Wärmemenge restlos in
mechanische Arbeit umzuwandeln.
3. Hauptsatz: Der absolute Nullpunkt kann prinzipiell nicht erreicht
werden.

Hawking-Strahlung:
Die von einem im Hawking-Prozeß verdampfenden Schwarzen Loch
emittierte Strahlung.

Hawking-Verdampfung:
Die Art, in der ein Schwarzes Loch infolge von Quanteneffekten
Energie abstrahlt.

Heisenbergsche Unschärferelation:
Die für die moderne Physik grundlegende Erkenntnis, daß Ort und
Geschwindigkeit - genauer gesagt: der Impuls eines atomaren
Teilchens - prinzipiell nicht gleichzeitig mit beliebiger Genauigkeit
angegeben werden können, da ein Teilchen neben seiner
korpuskularischen Natur auch Wellencharakter besitzt.

Holismus (griechisch: »holos« = ganz.):


Ganzheitslehre nach Professor S. Moser. Alle psychischen,
biologischen und physikalischen Vorgänge können danach in einem
hierarchischen System aus einem universalen Ganzen abgeleitet
werden.

Hologramm:
Das Prinzip des Hologramms besteht darin, daß man aus einem
Teilbereich das Ganze reproduzieren kann. Hier: räumlich wirkendes
(SD)-Gebilde; materiell erscheinende Projektion.

224
225
Hubble-Effekt:
Die Radialgeschwindigkeit eines Sternensystems, die durch die
Rotverschiebung im Spektrum festgehalten wird, hängt mit der
Entfernung der Galaxie zusammen. Das entsprechende Verhältnis
zwischen Geschwindigkeit und Entfernung wird Hubble-
Konstante genannt.

Hypnose:
Ein durch Suggestion herbeigeführter, schlafähnlicher Zustand, in
dem der Hypnotisierte annehmbaren Suggestionen bewußt Folge
leistet.

Hypnotische Progression:
Die oder der Hypnotisierte wird geistig in die Zukunft versetzt.

Hypnotische Rückführung:
Die oder der Hypnotisierte wird in eine vorgeburtliche Existenz
zurückgeführt.

Implizite Ordnung:
Ein Begriff, den der Physiker David Bohm geprägt hat, um jene
Art Ordnung zu beschreiben, die für die Quantentheorie typisch
ist. Sie steht im Gegensatz zu den expliziten Ordnungen der
Newtonschen Physik. Bohm glaubt, daß diese implizite Ordnung
von universeller, also nicht nur physikalischer Bedeutung ist.

Impuls:
Die Bewegungsgröße - das Produkt aus Masse und Ge-
schwindigkeit eines Körpers.

226
Inertialsysteme:
Bezugssysteme, die im absoluten Raum ruhen oder relativ zu ihm
geradlinig, gleichförmig bewegt sind; in denen also Trägheitskräfte
ausschließlich proportional der Masse und Beschleunigung sind.

Inflation:
Phase zwischen der 10-35ten und 10-32ten Sekunde nach dem Urknall,
in der das Universum besonders stark expandierte und seine Größe
pro 10-34 Sekunden verdreifachte. Diese Inflation wird von den
Vereinheitlichungstheorien der Kräfte vorhergesagt und auf die bei
der Spaltung der elektronu-klearen Kraft in die elektroschwache und
die starke Kernkraft entstehende Energiespritze zurückgeführt.

Intergalaktischer Raum:
Der Raum zwischen den Galaxien bzw. dem Sternensystem.

Interplanetarischer Raum:
Der Raum zwischen den Planeten unseres oder eines anderen
Sonnensystems.

Interstellarer Raum:
Der Raum zwischen den Sternen.

Interstellarer Staub:
Zwischen den Sternen ist der Weltraum nicht leer, sondern
enthält extrem verdünnte Staubmassen und Gase.

Ionisation:
Erzeugung von Ionen durch Abspaltung und Anlagerung
von Elektronen.

227
Isotherme Fluktuation:
Dichtefluktuation, bei der sich ausschließlich die Materiedichte
verändert, während die Strahlung gleichförmig bleibt.

Isotropie:
Die dem Universum zugeschriebene Eigenschaft, daß es für einen
typischen Beobachter nach allen Richtungen hin gleich aussieht.

Kaluza-Klein-Theorie:
Ein früher Versuch zur Vereinheitlichung von allgemeiner
Relativitätstheorie und Elektromagnetismus durch Rückgriff auf
fünf Dimensionen. Das elektromagnetische Feld ergibt sich durch
Aufwicklung oder Kompaktifizierung der zusätzlichen
Dimension. Als man anfing, höherdimensionale Theorien wie die
Superstring-Theorie zu entwickeln, kam auch der Kaluza-Klein-
Ansatz wieder in Mode.

Kausalität:
Die Kausalität (lateinisch »causa« = Grund, Ursache) verknüpft
verschiedene Ereignisse über einen gesetzmäßigen
Zusammenhang als Ursache und Wirkung. Das Kausalitätsprinzip
sagt aus: keine Wirkung ohne Ursache.

Kausalitätsprinzip/Kausalgesetz:
Auf der Verknüpfung von Ursache und Wirkung beruhendes
Gesetz. Über Raum- und Zeitgrößen sind in der Quan-
tenmechanik nur statistische Aussagen möglich. Da in der
Mikrophysik alles von der Beobachtungsart abhängt, werden
Aussagen über die Kausalität prinzipiell unmöglich.

228
Keusches Schwarzes Loch:
Ein rotierendes Schwarzes Loch, das immer eine Ergo-sphäre
aufweist. Nach dem Neuseeländer Roy Kerr benannt.

Klartraum:
Im Zustand des Klartraums weiß der Schlafende, daß er
träumt, und kann den Ablauf seines Traums steuern.

Koch-Kurve:
Die Koch-Kurve ist eine in sich geschlossene fraktale Kurve. Sie
schließt ein endliches Volumen ein, ist selbst aber unendlich lang.
Die Koch-Kurve ist selbstähnlich, das heißt, sie sieht bei jeder
Vergrößerung gleich aus.

Kompaktiflzierung:
Das »Aufwickeln« von sechs der zehn Dimensionen der Su-
perstring-Theorie.

Kosmische Strings:
Dünne Fäden aus ultradichter Energie, viel schmäler als der Kern
eines Atoms, doch über riesige Entfernungen ausgedehnt;
Überbleibsel aus dem Urknall, wahrscheinlich als
gravitationsbedingte »Kondensationskeime« wirksam, aus denen
Galaxien entstanden.

Kosmische Zensur:
Die Vorstellung, daß es ein Naturgesetz geben sollte, wonach
jede Singularität von einem Ereignishorizont umgeben sein muß,
so daß sie nie von außerhalb des Universums sichtbar ist. Die
Vorstellung ist wahrscheinlich falsch.

229
Kosmologie:
Ein Zweig der Astronomie, der sich mit der Untersuchung der
physikalischen und mathematischen Struktur des Universums als
Ganzem befaßt.

Kosmologische Konstante:
Einsteins allgemeine Relativitätstheorie läßt auch im leeren
Universum eine Raum-Zeit-Krümmung zu. Das Ausmaß dieser
Krümmung gibt die kosmologische Konstante an. Nach neuesten
Erkenntnissen muß sie Null sein, doch warum sich das so verhält,
bleibt ein Geheimnis.

Lichtjahr:
Die Entfernung, die Licht in einem Jahr zurücklegt: 9,4605
Billionen Kilometer.

Lichtkegel:
Der in einem Minkowski-Diagramm von Lichtstrahlen dar-
stellenden Linien umschlossene Bereich der Raum-Zeit. Er-
eignisse an einem Punkt in der Raum-Zeit lassen sich nur durch
Ereignisse beeinflussen, die im eigenen Vergangenheitslichtkegel
dieses Punktes eintreten, und sie können ihrerseits nur Ereignisse
beeinflussen, die in ihrem eigenen Zukunftslichtkegel liegen.

Lorentz-Kontraktion:
Eine zuerst von Hendrik Antoon Lorentz zur Erklärung des
Michelson-Versuchs angenommene Verkürzung - Kontraktion -
bewegter Körper in Richtung ihrer Bewegung. Sie macht sich erst
bei relativistischen Geschwindigkeiten bemerkbar.

230
Lorentz-Transformation:
Ein System von Gleichungen zur Umrechnung von Ortsund
Zeitkoordinaten eines Bezugssystems in diejenigen eines anderen,
relativ zu ihm gleichförmig bewegten Bezugssystems. Die spezielle
Relativitätstheorie beruht auf der Lorentz-Transformation.

Massenzunahme:
Die von der Relativitätstheorie geforderte und experimentell an
Elementarteilchen nachgewiesene Zunahme der Masse eines sich
sehr schnell fortbewegenden Objekts.

Meta-Universum:
Das Universum ist alles, über das wir je direkte Erkenntnisse
erlangen können. Das Meta-Universum ist alles, was über das
Universum hinausgeht.

Minkowsk i-Diagramm:
Darstellung der drei Dimensionen des Raums und der einen
Dimension der Zeit in zweidimensionalen Graphiken; vom Litauer
Hermann Minkowski (1864-1909) entwickelt.

Morphogemtisches Feld:
Eine hypothetische Feldkraft, die für die Bildung sowie mögliche
Regeneration der Form und Gestalt von Organismen verantwortlich
ist.

Multiversum:
Nach theoretischen Überlegungen ist unser Universum eine
gigantische Raum-Zeit-Blase, die vor etwa zwanzig Milliardenjahren
neben einer Unzahl anderer Universen entstanden ist.

231
Neutrino:
Elektrisch neutrales Teilchen, entweder masselos oder mit sehr
kleiner Masse (je nachdem, welche Theorie zutrifft); entsteht bei
manchen Kernreaktionen (auch beim umgekehrten Beta-Zerfall).
Neutrinos reagieren praktisch nicht mit alltäglichen
Materieformen und durchdringen die Erde.

Neutron:
Elektrisch-neutrales Teilchen mit etwa derselben Masse wie
das Proton, kommt im Atomkern vor.

Neutronenkern:
Durch umgekehrten Beta-Zerfall kann es im Mittelpunkt eines
entarteten Weißen-Zwerg-Sterns zur Bildung eines Neu-
tronenkerns kommen.

Neutronenstern:
Sehr dichter, alter, ganz aus Neutronen bestehender Stern. Ein
Neutronenstern ist praktisch ein einziger Atomkern, der etwa so
viel Masse wie unsere Sonne in einer Kugel vom Volumen des
Mount Everest enthält.

Nicht-Euklidische Geometrie:
Die Geometrie gekrümmter Flächen und des gekrümmten Raums,
in der sich zum Beispiel die Winkel eines Dreiecks nicht zu
hundertachtzig Grad addieren.

Nichtlinearität:
Nichtlinear heißt ein System, wenn es auf eine Eingabe (Än-
derung eines Parameters, Störung, Fluktuation) anders als direkt
proportional reagiert. In der Natur sind praktisch alle Vorgänge
nichlinear.

232
Nukleon:
Oberbegriff für Protonen und Neutronen. Nukleonen bestehen aus
Quarks.

Oppenheimer- Volkoff- Grenze:


Eine auf der Zustandsgleichung eines entarteten Sterns auf-
bauende Schätzung der höchsten Masse, die ein solcher Stern
aufweisen kann, ehe er zu einem Schwarzen Loch kollabiert.
Diese Grenze liegt nur bei einigen Sonnenmassen.

Proton:
Lichtquant. Kleinste vorkommende Menge der elektroma-
gnetischen Strahlung.

Plancksche Skala:
Raum und Zeit sind vielleicht nicht stetig, sondern »gequan-telt«,
und deshalb gibt es eine kleinste Länge und eine kürzeste Zeit,
die überhaupt von Bedeutung sind. Die Plancksche Zeit beträgt
etwa 10~43 Sekunden, die Plancksche Länge rund 2 mal 10~33
Zentimeter (die Entfernung, die das Licht in der Planckschen Zeit
zurücklegen kann), und die Plancksche Masse, also die Masse,
die in einem Schwarzen Loch mit einem der Planckschen Länge
entsprechenden Durchmesser enthalten wäre, beträgt 2 mal 10~5
Gramm. Das hört sich bescheiden an, bedeutet jedoch, daß die
Dichte eines Planckschen Schwarzen Lochs 6 mal 1092 (eine
sechs mit zweiundneunzig Nullen) Gramm pro Kubikzentimeter
beträgt. Ein Proton hat einen 1020 mal so großen Querschnitt als
ein solches Plancksches Schwarzes Loch.

233
Plancksches Wirkungsquantum:
Diese Plancksche Konstante mit dem Zeichen »h« ist eine
fundamentale Naturkonstante von der Dimension einer Wirkung -
Energie mal Zeit.

Plasma:
Neben den drei üblichen Zuständen - fest, flüssig, gasförmig -
existiert eine vierte Erscheinungsform eines Stoffs, das Plasma; also
eine Materie, deren Atome keine Elektronen mehr besitzen. Jede
Substanz, die auf über zweiund-zwanzigtausend Grad Celsius erhitzt
wird, verändert sich in Plasma.

Positron:
Anti-Elektron. Ein Elementarteilchen, das dem Elektron
entspricht, jedoch elektrisch positiv geladen ist.

Präkognition:
Vorherwissen durch außersinnliche Wahrnehmung.

Proton:
Ein positiv geladenes Teilchen, das neben dem Neutron in
gewöhnlichen Atomkernen enthalten ist.

Pulsar:
Ein Neutronenstern, der in regelmäßigen Intervallen Energie-
Impulse ausstrahlt.

Quant:
Die kleinste Menge von irgend etwas, die überhaupt existieren kann.
Die Lichtenergie besteht zum Beispiel aus Quanten, den
sogenannten Photonen, die man sich als Lichtteil-

234
dien vorstellen kann. Es gibt keine Lichtmenge, die mehr als
nichts, aber weniger als ein Photon ist.

Quanten:
Bezeichnung für die kleinsten Energie-Einheiten, die bei mi-
krophysikalischen Vorgängen als Ganzes, zum Beispiel von
Atomen, aufgenommen oder abgegeben werden.

Quanten- Geometrodynamik:
Geometrie der gekrümmten Raum-Zeit auf Quantenebene. Das
Heimsche Modell der Quanten-Geometrodynamik umfaßt sechs
Dimensionen (vier raum-zeiüiche und zwei sogenannte
Transkoordinaten).

Quantengravitation:
Ein allgemeiner Ausdruck, um die Versuche zur Quantisie rung
der Gravitation zu bezeichnen. Das Elementarteilchen des
Gravitationsfeldes ist das Graviton.

Quantenmechanik:
Die Mechanik atomarer Teilchen, die sowohl die Teilchen-als
auch die Wellennatur der Elektronen berücksichtigt. In den
Bewegungsgleichungen der Quantenmechanik werden Energie,
Impulse und Ortskoordinaten durch Matrizen bzw. durch Systeme
von Differentialgleichungen ersetzt, aus deren Lösungen sich
wiederum beobachtbare Größen, wie zum Beispiel
Ladungsdichte, ableiten lassen. Die Heisenbergsche
Unschärferelation ist hier von fundamentaler Bedeutung.

Quantensprung:
Nach den Erkenntnissen der Quantenphysik gehen die
Elektronen spontan (sprunghaft) vom Anfangs- zum End-

235
zustand über, ohne dabei Zwischenzustände einzunehmen; sie
springen übergangslos von einem Energieniveau zum anderen (hier
jedoch nur im übertragenen Sinn zu verstehen).

Quantentheorie:
Eine Theorie, nach der Energie nicht gleichmäßig, sondern
sprunghaft in Portionen entsteht.

Quark:
Elementarbaustein der Materie, angeblich in nichts Kleineres mehr
aufzuspalten. Es gibt verschiedene Quarkarten; Protonen und
Neutronen bestehen jeweils aus drei Quarks in bestimmten
Kombinationen.

Quasar:
Energiereicher Kern einer aktiven Galaxie, im Universum wegen der
intensiven Energieabstrahlung weithin sichtbar.

Raum-Zeit:
Einsteins spezielle Relativitätstheorie führte zu der Erkenntnis, daß
sich Raum und Zeit geometrisch als verschiedene Facetten eines
vierdimensionalen Ganzen, der Raum-Zeit, beschreiben lassen. In
Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie ist die Schwerkraft als von
der Krümmung der Raum-Zeit verursachter Effekt beschrieben.

Raum-Zeit-Koordinaten:
Vierdimensionale Darstellungsform raum-zeitlicher Vorgänge.

236
Reinkarnation:
Wiedergeburt, Seelenwanderung. Nach der Reinkarnaü'ons-
Vorstellung gibt es ein Weiterleben nach dem Tod mit der
Konsequenz einer Wiederverleiblichung.

Relativitätstheorie:
Von Albert Einstein 1905 und 1916 begründete Theorie über
die Struktur von Raum und Zeit, die sich als relativ erweisen.

Remote Viewing:
Fernwahrnehmung von Objekten, Gedanken und Gesprächen
auf weite Entfernung.

Resonanz.:
Allgemein das Mitschwingen eines Systems bei einer peri-
odischen Anregung von außen. Dieses Mitschwingen ist be-
sonders ausgeprägt, wenn die Anregungsfrequenz einer Ei-
genfrequenz des Systems entspricht.

Rotverschiebung:
Von einem fernen Objekt im expandierenden Universum
ausgehende Lichtwellen werden auf dem Weg zu uns ausge-
dehnt, weil sich der leere Raum ausdehnt, während sie schon
unterwegs sind. Rotes Licht weist eine größere Wellenlänge auf
als blaues Licht. Deswegen heißt die Erscheinung
Rotverschiebung. Ein ähnlicher Effekt zeigt sich bei Objekten,
die sich mit hoher Geschwindigkeit durch den Raum bewegen,
wobei die Bewegung des Objekts von uns weg die Lichtwellen,
wie wir sie von ihm emittiert sehen, ausdehnt. Aus einem
Gravitationsfeld herauskommendes Licht ist ebenfalls
rotverschoben.

237
Schwarzes Loch:
Ein bis zur unendlichen Dichte kollabiertes Himmelsobjekt, das
mit großer Wahrscheinlichkeit aus unserem Universum ver-
schwindet, aber einen rotierenden Schwerkraftstrudel hinterläßt.
In dieser Region ist die Raum-Zeit-Struktur entartet. Mit großer
Wahrscheinlichkeit taucht die in dem Schwarzen Loch
verschwundene Materie in einem anderen Teil unseres Uni-
versums durch sein Pendant - Weißes Loch - wieder auf. Heute
vermuten einige Wissenschaftler in Quasaren Weiße Löcher.

Schwarzschild-Radius:
Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs.

Selbstähnlichkeit:
Selbstähnlichkeit ist die Eigenschaft einer Struktur, bei jeder
beliebigen Vergrößerung stets wieder ähnliche Strukturen zu
zeigen. Beispiele für selbstähnliche Strukturen in der Natur sind
Bäume mit ihrer Verzweigung vom Stamm in Äste, von Ästen in
Zweige, in kleine Zweige und so fort. In der Mathematik gibt es
eine Reihe selbstähnlicher Strukturen, die alle fraktale
Dimensionen haben.

Selbstorganisation:
Bilden sich in einem System ohne unmittelbaren Zwang von
außen im Laufe der Zeit Strukturen mit einem zunehmenden Grad
an Organisation, so spricht man häufig von Selbstorganisation.
Beispiele sind Muster bei chemischen Reaktionen, die Entstehung
des Lebens.

Singularität:
Der mathematische Mittelpunkt eines Schwarzen Lochs, wo
die Dichte praktisch unendlich ist.

238
Spezielle Relativitätstheorie:
Das 1905 von Albert Einstein veröffentlichte revolutionäre Konzept
über Raum und Zeit. Daraus ergibt sich, daß die Geschwindigkeit
des Lichts, unabhängig von der Bewegungsgeschwindigkeit seiner
Quelle oder der eines Beobachters, unverändert bleibt und niemals
die maximale Grenze von rund dreihunderttausend Kilometern pro
Sekunde überschreitet. Ein System, in dem sic h Teilchen mit an-
nähernd Lichtgeschwindigkeit fortbewegen, wird relativistisch
genannt und muß nach den Regeln der speziellen Relativitätstheorie
behandelt werden, nicht nach denen der klassischen Mechanik.

String:
Die ursprüngliche Überlegung, daß die Elementarteilchen als
ausgedehnte, eindimensionale Objekte zu beschreiben sind, wurde
als Strrng-Theorie bezeichnet. Da die Enden der Strings mit
Lichtgeschwindigkeit herumwirbeln, nannte man sie auch
Lichtstrings. Spätere Versuche, die Spin-1/2-Fer-mionen in die
String-Theorie einzubeziehen, führten zu der Bezeichnung
»spinning«-Strings. Supersymmetrische Strings werden Superstrings
genannt. Heterotische Strings verbinden Räume zweier
unterschiedlicher Dimensionalitäten. Der Terminus String dierit als
Gattungsbezeichnung aller unterschiedlichen String-Spielarten,
einschließlich der Superstrings.

Supernova:
Explosion eines sehr massereichen Sterns am Ende seines Lebens.
Eine Supernova leuchtet für kurze Zeit so hell wie eine Galaxie von
hundert Milliarden Sternen und hinterläßt einen Neutronenstern oder
ein Schwarzes Loch.

239
Superraum:
Ein von dem amerikanischen Astrophysiker John Archibald Wheeler
postuliertes Universum, das Seite an Seite mit unserem Universum
existiert, in dem aber gänzlich andere physikalische Gesetze gelten.
Zeit und Raum im üblichen Sinn haben dort ihren Wert verloren.

Tachyonen:
Hypothetische Teilchen, die sich nur mit Überlichtgeschwindigkeit
fortbewegen.

Telepathie:
Gedankenübertragung. Das heißt, Erfassen seelischer Vorgänge
eines anderen ohne Vermittlung durch Sinnesorgane.

Twistor:
Der Twistor ist ein Objekt ohne Masse, aber mit linearem Impuls
und Drehimpuls. Er läßt sich durch ein Spinoren-paar definieren.
Twistoren sind die Koordinaten des Twi-storraums, aber sie haben
auch eine geometrische Deutung in der Raum-Zeit. Twistoren mit
der Helezität Null entsprechen Null-Linien, während allgemeinere
Twistoren als Kongruenzen von Null-Linien darzustellen sind.

Uhrenparadoxon:
Aufgrund der Relativitätstheorie ergibt sich folgendes Paradoxon:
Die sich mit nahezu Lichtgeschwindigkeit fortbewegende
Mannschaft eines Raumschiffs würde nach ihrer Rückkehr auf die
Erde jünger sein - also weniger Lebensjahre zählen - als zum
Beispiel zur gleichen Zeit geborene Menschen, die auf der Erde
geblieben sind.

240
Unbestimmtheitsprinzip, Heisenbergsche Unschärferelation: Von
dem deutschen Physiker Werner Heisenberg formuliertes Prinzip,
nach dem es selbst mit den besten Meßinstrumenten unmöglich
ist, Geschwindigkeit und Position eines Teilchens gleichzeitig
beliebig genau zu messen; man bezeichnet dies auch als
Unscharfe. Das Unbestimmtheitsprinzip gilt auch für die Energie
eines Elementarteilchens mit sehr kurzer Lebensdauer. Die
Energieunschärfe ermöglicht die Erscheinung virtueller Teilchen
und Antiteilchen im Quantenvakuum.

Unbewußte, das:
Inbegriff für alle Inhalte, die dem Bewußtsein nicht gegenwärtig
sind: unbewußte physiologisch-körperliche Vorgänge, noch nicht
oder nicht mehr Bewußtes.

Urknall:
Der Materie - und Strahlungsausbruch, in dem das Universum in
einer Singularität (oder möglicherweise einem Gebilde in
Planckscher Größenordnung) vor rund achtzehn Milliarden
Jahren entstanden ist.

Viele-Welten-Theorie der Quantenmechanik: Hugh Everett und


John ,Archibald Wheeler führten 1957 die Hypothese der
Existenz unendlich vieler orthogonaler, das heißt dimensional
versetzter Parallelwelten ein.

Virtuelle Teilchen:
Aus der Heisenbergschen Unschärferelation ergibt sich, daß
überall, selbst im leeren Raum, Teilchen für einen unglaublich
kurzen Zeitraum - für höchstens eine trilliardstel Sekunde -
sozusagen aus dem »Nichts« (obwohl ein Nichts

241
natürlich nicht existiert) entstehen und vergehen. Bei die sen
Teilchen handelt es sich um sogenannte virtuelle Teilchen.

Wasserstoff:
Das leichteste und häufigste chemische Element. Der Kern von
gewöhnlichem Wasserstoff besteht aus einem Proton.

Weiße Löcher:
Sie sind das Pendant zu den Schwarzen Löchern. Im
Gegensatz zu letzteren stoßen sie Materie und Energie
aus.

Weißer Zwerg:
Alter Stern, in dem die Kernreaktion nicht mehr aufrechterhalten
werden kann, da der Wasserstoffhaushalt aufgebraucht ist. Es
bleibt ein Weißer Zwerg von Erdgröße mit der ungefähren Masse
unserer Sonne übrig.

Weltlinie:
Linie in einem Minkowski-Diagramm, die die Lebensgeschichte
eines Teilchens auf dem Weg durch die Raum-Zeit darstellt.

Wurmlöcher:
Winzige Öffnungen Schwarzer Minilöcher, die auftauchen und
sich umgehend wieder schließen. Wahrscheinlich verkörpern sie
Verbindungen zu den sogenannten Weißen Minilöchern. Nach
hypothetischen Zeitreisemodellvorstellungen sollen Wurmlöcher
durch Techniken der Aufrechterhaltung genutzt werden.

242
Zeitdilatation:
Mit diesem Begriff ist die Zeitdehnung in der speziellen Re-
lativitätstheorie, entsprechend der Lorentz-Transformation, gemeint
(siehe: Uhrenparadoxon).

Zufall:
Ein Ereignis heißt zufällig, wenn verschiedene Ereignisse möglich
sind und kein feststellbarer Zusammenhang zwischen den
Ereignissen besteht. Man kann daher nicht vorhersagen, welches der
möglichen Ereignisse tatsächlich eintritt.

243
Literaturverzeichnis und
Quellennachweis

Atwater, P. M. H.: Future Memory. New York 1996.


Barrow, John D./FrankJ. Tipler: The Anthropic Cosmological Principle.
Oxford 1986.
Bell, John S.: Speakable and Unspeakable in Quantum Mechanics.
Collected Papers on Quantum Physics. Cambridge 1987.
Beioff, John: New Directions in Parapsychokgy. London 1974.
Blumenthal, Howard J./Dorothy F. Curley/Brad Williams: Führer ßr
Zeitreisende. Touristik-Informationen für Reisende in die 4. Dimension.
Essen 1994.
Bohm, David: Die implizierte Ordnung. Grundlagen eines dynamischen
Holismus. München 1985.
Bohm, David/J. Bub: »A Proposed Solution for the Measurement Problem
in Quantum Mechanics by Hidden Variable Theory.« In: Reviews of
Modern Physics, Nr. 38, 1966.
Bohm, David/David F. Peat: Das neue Weltbild. Naturwissenschaft, Ord-
nung und Kreativität. München 1990.
Bouslough, John: Masters o/Time. New York 1992.
Brennan,J. H.: The Astral Projektion Workbook, Wellingborough 1989.
Brennan, J. H.: Time Travel, A New Perspective. St. Paul, Minnesota, 1997.
Butüar, Johannes v.: Das Ufo-Phänomen. München 1978.
Buttlar, Johannes v.: Die Einstein-Rosen-Brücke. München 1982.
Buttlar, Johannes v.: Unsichtbare Kräfte. München 1985.
Buttlar, Johannes v.: Sie kommen von fremden Sternen. München 1986.
Buttlar, Johannes v.: Supernova. München 1988.
Buttlar, Johannes v.: Zeitriß. München 1989.
Buttlar, Johannes v.: Drachenwege. München 1990.
Buttlar, Johannes v.: Adams Planet. München 1991.
Buttlar, Johannes v.: Gottes Würfel München 1992.
Buttlar, Johannes v.: Die Wächter von Eden. München 1993.
Buttlar, Johannes v.: Terraforming. München 1995.

244
ButÜar, Johannes v.: Die Außerirdischen von RoswelL Bergisch Gladbach
1996.
Buttlar, Johannes v.: Leben auf dem Mars. München 1997 (ergänzte Neu-
auflage).
Buttlar, Johannes v.: Mars the New Earth. Quest 1997.
Chapman, Barry: Reverse Time Travel London 1996.
Clark, Ronald W.: Albert Einstein. München 1974.
Coveney, Peter/Roger Highfield: The Arrow ofTime. A Voyage through
Science to Solve Time's Greatest Mystery. London 1990.
Davies, Paul C. W.: The Physics ofTime Asymmetry. London 1974.
Davies, Paul C. W.: About Time: Einstein's Unfinished Revolution. New
York, London 1995.
Deutsch, David: »Quantum Theory, the Church-Turning Principle and the
Universal Quantum Computer.« In: Proceedings of the Royal Society,
London, S. 97-117.
Deutsch, David: The Fabric ofReality. London 1995.
Drake, Frank/Sobel, Dava: Signale von anderen Welten. Die wissenschaft-
liche Suche nach außerirdischer Intelligenz, Essen 1994.
Feinberg, Gerald: »Precognition: A Memory of Things Future?« In:
Conference of Quantum Physics and Parapsychology, 1. August 1974.
Feynman, Richard: QED: The Strange Theory of Light and Matter. Prince-
ton (New Yersey) 1985; London 1990.
Fraser/Gordon/Lillest: The Search for Infinity. New York 1994.
Friedman, Stanton T.: Top Secret. Die Akte Majestic-12. Essen 1997.
Gardner, Martin: »On the Contradiction of Time Travel, Mathemati-cal
Garnes.« In: Department-Scientific-American, Mai 1974.
Gardner, Martin: Time, Travel and Other Mathematical Bewilderments.
New York 1988.
Glashow, Sheldon: »Desperately Seeking Superstrings.« In: Physics Today,
Mai 1986, S. 7-9.
Glashow, Sheldon/Ben Bova: Interaction. New York 1988.
Gleick, James: Chaos - Making a New Science. London 1988.
Gleick, James: Genius. The Life and Science of Richard Feynman, New
York 1992.
Goldwirth, D. S./M. J. Piran/T. Perry (Hg.): GeneralRelativity and Gra-
vitation, Bd. 25, Nr. l, 1993.
Gribbin,John: Timewarps. London 1979.
Gribbin, John: In Search of Schrö'dinger's Cat. Quantum Physics and Real-
ity. Toronto 1984; New York, London 1986.
Gribbin, John: Jenseits der Zeit. Essen 1994.

245
246
Guth, Alan H.: »Inflationary Universe.« In: PhysicalReview, 1981, Bd. 23,
S. 347.
Halpern, Paul: Time Journeys. A Search vor Cosmic Destiny and Meaning.
New York 1990.
Harrison, Albert A.: After Contact. New York 1997.
Hawking, Stephen William: A Brief History ofTime. From the Big Bang to
Black Holes. London 1988.
Hawking, Stephen William: Black Holes and Baby Universes. New York
1993.
Heffern, R.: Time Travel: Myth or Reality. New York 1977.
Hesemann, Michael: Geheimsache U.F.O. Neuwied 1994.
Hopkins, Budd: Witnessed. New York 1996.
Kaku Michio/Jennifer Trainer: Die Suche nach der Theorie des Universums.
Frankfurt/Main, Leipzig 1993.
Kaufmann, William J.: The Cosmic Frontiers of General Relativity. Boston
1977; London 1979.
Kübler-Ross, Elisabeth: Sehnsucht nach Hause. Güllesheim 1997.
Lindlay, David: The End ofPhysics. New York 1993.
Mack, John E.: Entfuhrt von Außerirdischen. Essen 1995.
Macvey, John: Time Travel. The Prospect ofTravelling Through Time. Scar-
borough 1988.
Matthews, Paul T.: Introduction to Quantum Mechanics. London 1974;
Maidenhead 1985.
Monroe, Robert A.: Journeys out ofthe Body. Garden City 1971.
Morfill, Gregor/Herbert Scheingraber: Chaos ist überall und es funktioniert.
Berlin 1991.
Morris, Michael S./Kip S. Thorne/Ulvi Yurtsever: »Wormholes, Time
Machines and the Weak Energy Condition.« In: Physical Review Leiters,
Nr. 13, 1988.
Morris, Michael S./Kip S. Thorne/Ulvi Yurtsever: »Was war vor dem
großen Knall?« In: Der Spiegel, Nr. 42, 1988.
Morris, Michael S./Kip S. Thorne/Ulvi Yurtsever: »The Search for the
Beginning of Time.« In: The New York Times Magazine, New York, 11.
Februar 1990.
Morris, Michael S./Kip S. Thorne/Ulvi Yurtsever: »Die Zertrümmerung der
Zeit.« In: Der Spiegel, Nr. 45, 1991.
Morris, Richard: The Fate of the Universe. New York 1982.
NASA Fact Sheet: Space Exploration. Voyages to Other Worlds. Dezember
1990.
NASA Fact Sheet: Mars Observer. Juli 1992.

247
248
NASA: High Resolution Microwave Survey. März 1993.
NASA Information Summaries, September 1990: Living and Working on
the New Frontier; June 1991: Our Solar System at a Glance.
NASA: S.E.T.I., Search for Extraterrestrial Intelligente. 1993.
Oppenheimer, Julius Robert/H. Snyder: »On continual gravitational
Contraction«. In: Physical Review, 1939, Nr. 56, S. 455-459.
Parker, Barry R.: Time Travel. A Cosmic Time Travel. New York 1991.
Peat, David F.: Superstrings, Hamburg 1989.
Peat, David F.: Der Stein der Weisen. Hamburg 1992.
Penrose, Roger: »Gravitational Collaps and Space-time Singularities.« In:
Physical Review Leiters, 14, 1965, S. 57 ff.
Penrose, Roger: The Emperor's New MiruL Oxford 1989.
Penrose, Roger: Computerdenken. Heidelberg 1991.
Penrose, Roger: Shadows ofthe Mind. Oxford 1994.
Penrose, Roger/Wolfgang Rindler: Spinors and Space-time, Bd. 2. Cam-
bridge University 1986.
Prigogine, Ilya/Isabell Stengers: Order out of Chaos. London 1984.
Randles,Jenny: Time Travel-Fact, Fiction and Possibility. Blandford 1994.
Redmount, lan: »Wormholes, Time Travel and Quantum Gravity.« In: New
Sdentist, 28. April 1990.
Rindler, Wolfgang: Essential Relativity. Special, General, and
Cosmological. Dallas (Texas), New York 1969.
Rucker, Rudy: The Fourth Dimension and How to Get There. New York
1985.
Schmidt, Helmut: »Quantum-mechanical Random-Number Generator«. In:
Journal of Applied Physics, Nr. 91, 1970.
Schnabel, Jim: Geheimwaffe Gehirn. Essen 1998.
Schwinger,Julian: Einstein's Legacy. New York 1986.
Sciama, D. W.: Modern Cosmology. Cambridge 1973.
Sheldrake, Rupert: Das Gedächtnis der Natur. Bern 1990.
Sheldrake, Rupert: Die Wiedergeburt der Natur. Bern 1991.
Sheldrake, Rupert/T. McKenna/R. Abraham: Denken am Rande des
Undenkbaren. Bern 1993.
Shostak, Seth: »The New Search for Intelligent Life«. In: Mercury, Ju-
li/August 1992, S. 115.
Smoot, George: Wrinkles in Time. London 1995.
Snow, Chet B.: Zukunftsvisionen der Menschheit. Genf 1991.
Sobel, Dava: »The Search for a Real E.T.« In: Life, 1992, S. 61.
Talbot, Michael: Das holographische Universum. München 1992.
Targ, Russell/Harald Puthoff: Jeder hat den sechsten Sinn. Köln 1977.

249
250
Thompson, Damian: The End of Time. London 1996.
Thompson, Richard L.: Begegnungen mit außerirdischen Intelligenzen, Es-
sen, München 1997.
Tipler, Frank: The Physics of Immortatity. London 1995.
Walker, J. A./R. P. Feynman: »The Quantum Theory of Psi Pheno-mena.«
In: Psychoenergetic Systems, Nr. 3, 1979.
Walter, William L: Space Age. New York 1992.
Weinberg, Steven: Der Traum von der Einheit des Universums. München
1993.
Whitrow, G. J.: The Nature ofTime. New York, London 1973.
Wilber, Ken (Hg.): Das holographische Weltbild. Bern 1986.
Will, Clifford: Was Einstein Right? New York 1986.
Wright, Robert: »Science, God and Man.« In: Time, Dezember 1992.

251