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Grundlegende Anmerkungen zur

Herangehensweise in der Religion

von Abu Hamzah al-Afghani

3. Ausgabe: 01.02.2020
(Erstmaliges Erscheinen: 02/2019)
‫بسم هللا واحلمد هلل‬
:‫ وبعد‬،‫والصالة والسالم على رسول هللا وآله وصحبه ومن وااله‬

Da ich meine Bücher und Aufnahmen in der derzeitigen Form nicht mehr ver-
breiten werde, halte ich es für angemessen, kurz zu erwähnen, dass sich die
allgemeine Herangehensweise bei der Beweisführung mit islamischen Quell-
texten in meiner Auffassung nicht geändert hat und somit nach wie vor seit
mehr als einem Jahrzehnt dieselbe ist.

Als wirklich unbedeutender Student des islamischen Wissens und wegen der
Zeitknappheit will ich mir gar nicht erst anmaßen, dieses Thema in einer um-
fassenden Arbeit abzuhandeln. Eine kurze Erwähnung der angesprochenen
Grundsätze ist deshalb wie folgt:

1) Der Qur’an und die Sunnah sind die Grundlage und die primären Quellen
bzw. Rechtsquellen im Islam.

2) Sunnah bedeutet hierbei alles, was vom Propheten  mit einer korrekten
Überlieferungskette überliefert wurde.

3) Alle anderen Rechtsquellen, auch der Konsens der Prophetengefährten ,


folgen dem Qur’an und der Sunnah. Sie sind keinesfalls eigenständige Quellen,
sondern beziehen den Beweis immer aus dem Qur’an und der Sunnah. Sollte
es in einer Sache einen klaren Konsens geben, wobei der Beweis aus der Sun-
nah nicht vorliegt, so würde dies bedeuten, dass der entsprechende Text uns
nicht direkt erreicht hat. Trotzdem kann es nicht sein, dass die Gefährten so
etwas von sich selbst aus gesagt haben und sich darüber hinaus sogar noch
einig waren.

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Anders ausgedrückt: Die Gefährten  müssen den Beweis vom Propheten 
erhalten haben, auch wenn uns dazu keine Überlieferung erreicht hat. 1

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Es wurde hier also deutlich erklärt, was in Bezug auf die weiteren Quellen, wie vor
allem den Konsens der Prophetengefährten, mit „keinesfalls eigenständige Quellen“
gemeint ist. Nämlich, dass niemand von den rechtschaffenen Muslimen der ersten Ge-
nerationen (Salaf) jemals etwas über den Islam behauptet hätte, ohne dafür einen Be-
leg aus dem Qur’an und/oder der Sunnah zu kennen.
Anders gesagt: Die Salaf schrieben dem Din (der Religion) ausnahmslos nur dann etwas
zu, wenn sie einen klaren Anhaltspunkt hatten, dass es von Allah  und/oder seinem
Gesandten  mitgeteilt wurde. Nur deshalb gingen sie überhaupt erst davon aus, dass
es Teil von diesem Din ist.
In diesem Sinne sind alle Quellen, die über den Qur’an und die Sunnah hinausgehen,
nicht eigenständig, sie können also nicht für sich selbst stehen. (Daher auch das Wort
„eigen–ständig“)
Das heißt jedoch nicht, dass der Muslim, wenn er z.B. von den Prophetengefährten
oder den ersten Generationen einen Konsens in einer Glaubensfrage vorfindet, den
Inhalt erst dann annehmen kann, wenn er den speziellen Text dafür aus dem Qur’an
oder der Sunnah des Propheten  zu Gesicht bekommt.
Auch dies wurde im obigen Text klar und deutlich erklärt und in dieser kurzen Schrift
nochmals am konkreten Beispiel der Haltung der Salaf beim Thema der Eigenschaften
Allahs gezeigt.
Obwohl es mehrfach deutlich erklärt wurde, gibt es manche Leute, die sich richtigge-
hend anstrengen, das Gesagte falsch zu verstehen und die Aussage zu verdrehen, wes-
halb es angemessen schien, diese zusätzliche Erklärung hinzuzufügen.
Zusätzlich sei darauf hingewiesen, dass mit dem obigen Text ebenfalls nicht gemeint
ist, dass ein Muslim in keiner Frage Taqlīd machen dürfe. Mit Taqlīd ist gemeint, dass
man die Aussage einer Person oder Personengruppe über einen Inhalt des Islam an-
nimmt, ohne den speziellen Beweis zu kennen.
Dies wurde in Bezug auf die Glaubensinhalte, die von der Gesamtheit der frühen Mus-
lime vertreten wurden, bereits verdeutlicht.
Darüber hinaus ist aber z.B. auch der Taqlīd in einzelnen Fragen des islamischen Rechts
(al-Fiqh), in denen es legitime Meinungsunterschiede gibt, eine völlig normale und für
die allermeisten Muslime unumgängliche Sache.

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4) Wenn ein Gefährte des Propheten  etwas über den Islam aussagt, das ohne
Offenbarung nicht gewusst werden könnte, dann entspricht dies einer Über-
lieferung vom Propheten  selbst (fi Hukmi l-marfūc) – natürlich nur, wenn
diese Aussage von jenem Gefährten auch korrekt überliefert wurde. Diese
Frage ist in der Hadith-Wissenschaft allgemein bekannt.

Selbstverständlich gilt auch hier das beim „Konsens der Gefährten“ Erwähnte:
So eine Aussage hat nur deshalb den Stellenwert einer Aussage des Propheten
, weil der Gefährte sie nur von ihm gehört haben kann.

Aus dem Gesagten ist verständlich, dass damit nicht jene rechtlichen Angele-
genheiten gemeint sind, in denen die Gefährten selbst unterschiedlicher Mei-
nung waren, da sie zu diesen Meinungen ihrerseits durch Rechtsableitung
(Ijtihād) kamen, weil es keinen eindeutigen Text dafür gab. Meinungsunter-
schiede in solchen Fragen sind legitim und unvermeidlich.

5) In den ersten Generationen (Salaf)  gab es einen allgemeinen Konsens


über die Glaubensinhalte.

Vor allem zählen hierzu Aussagen wie, dass der Iman2 auch Taten umfasst und
dass er sinkt und steigt. Ebenso die Konsens-Haltung über die Eigenschaften
Allahs , dass diese Ihm genau so zugeschrieben werden müssen, wie sie in
den Texten erwähnt sind.

Dies schließt ein, die Eigenschaften nicht zu negieren (Tactīl), sie nicht mit fal-
schen Bedeutungen und auf unerlaubte Weise auszulegen (Tahrīf3) und nicht
eine der Eigenschaften mit den Eigenschaften der Geschöpfe gleichzusetzen

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Der Iman ist der Glaube, einschließlich aller damit verbundenen innerlichen und äu-
ßerlichen Taten und Aussagen.
3
Das Wort Ta’wīl – auch wenn es sich im späteren Sprachgebrauch hierfür durchge-
setzt hat – wäre an dieser Stelle aus mehreren Gründen unpassend bzw. sogar unzu-
lässig.

4
oder zu behaupten sie würden den Eigenschaften der Geschöpfe ähneln
(Taschbīh und Tamthīl).

Ebenso behaupteten sie nicht, man könne die Bedeutung der genannten Ei-
genschaften gänzlich nicht verstehen und dürfe deshalb überhaupt keine Aus-
sage über diese Texte fällen (Tafwīd).4

Der Text ist also genau so anzunehmen, wie er in den Quellen genannt wird,
ohne die wahre Natur dieser Eigenschaft begreifen zu wollen, da dies dem
Menschen unmöglich ist.

6) Diesen Konsens der ersten Generationen in derartigen Glaubensfragen in


Zweifel zu ziehen, führt unweigerlich zum Zweifel über die Authentizität des
Qur’an und somit zum Zweifel über den Islam.

7) Das alles bedeutet nicht, dass die Gefährten, und noch weniger diejenigen,
die nach ihnen kamen, fehlerfrei wären. Fehler von Einzelpersonen sind durch-
aus vorgefallen und überliefert, jedoch hebt der Fehler einer Einzelperson
nicht die Dinge auf, in denen sich hunderte oder tausende der bedeutendsten
Gelehrten der ersten Generationen einig waren. Der Fehler des Einzelnen wird
in so einem Fall definitiv als Fehler und nicht als eigenständige, legitime Mei-
nung angesehen.

8) Wird ein Hadith von einer einzelnen einwandfreien Kette überliefert, so ist
der Muslim verpflichtet, ihn anzunehmen, egal ob in Glaubensgrundlagen oder
in anderen Bereichen. Das bezieht sich also auf die Frage der Definition des
Islam und des Monotheismus (Tauhid, Iman, Islam) und der Gegensätze dazu
(Schirk, Kufr), genauso wie auf Hadithe in anderen Bereichen, wie z.B. den
Hadith bei al-Bukhari (folgend in zwei Überlieferungen):

4
Ein genaueres Verständnis dieser Dinge würde Beispiele und Aussagen erfordern und
das geht weit über den Rahmen dieser kurzen Schrift hinaus.

5
،‫اَّللِ َوِذ َّمةُ َر ُسولِِه‬
َّ ُ‫ك ال مُ ْسلِ ُم الَّ ِذي لَهُ ِذ َّمة‬ ِ
َ ‫يحتَ نَا فَ َذل‬ِ ِ
َ ‫ َوأَ َك َل ذَب‬،‫استَ ْقبَ َل قْب لَتَ نَا‬
ْ ‫ص َالتَنَا َو‬ َ ‫صلَّى‬ َ ‫َم ْن‬
.‫اَّللَ ِِف ِذ َّمتِ ِه‬
َّ ‫فَالَ ُُتْ ِف ُروا‬
ِ ِ ِ َّ ‫َم ْن َش ِه َد أَ ْن الَ إِلَهَ إَِّال‬
ُ‫ لَه‬،‫ فَ ُه َو ال مُ ْسل ُم‬،‫يحتَ نَا‬ َ ‫صلَّى‬
َ ‫ َوأَ َك َل ذَب‬،‫ص َالتَنَا‬ َ ‫ َو‬،‫استَ ْقبَ َل قْب لَتَ نَا‬
ْ ‫ َو‬،ُ‫اَّلل‬
.‫ َو َعلَْي ِه َما َعلَى املُ ْسلِِم‬،‫َما لِلْ ُم ْسلِِم‬
„Wer bezeugt, dass es niemand Anbetungswürdigen gibt außer Allah,
unser Gebet betet, sich in unsere Gebetsrichtung wendet und unser ge-
schächtetes Fleisch isst, der ist ein Muslim … ihm gebührt, was dem Mus-
lim gebührt und für ihn ist verpflichtend, was für den Muslim
verpflichtend ist.“ (Zusammengefasste Wiedergabe des Inhalts der bei-
den Überlieferungen im Deutschen)

Kein Zweifel also, dass die Hadithe angenommen und angewendet werden
müssen und es niemals zulässig wäre, die eigenen Ideen über den Text zu stel-
len.

Anmerkung: Alles in den letzten Punkten Gesagte zeigt, dass es grundsätzlich


eine gute Entwicklung ist, wenn sich die Menschen beim Studium des Islam
mehr und mehr auf den Qur’an, die Sunnah und die Aussagen der Salaf, der
ersten drei Generationen, konzentrieren und zu diesen zurückkehren. Solange
dies mit Wissen und Vernunft geschieht, ist es auf jeden Fall zu unterstützen.
Wenn es aber mit Unwissenheit, Dummheit und dem Eifer nach der hohen
Stellung in den Augen der Menschen geschieht, so ist es immer verächtlich und
abstoßend, ganze egal welche Inhalte vermittelt werden.

Zudem sollte darauf hingewiesen werden, dass dazu sowohl das richtige Ver-
ständnis der (arabischen) Aussagen der alten Gelehrten erforderlich ist, als
auch die Fähigkeit die Stärke von Überlieferungen einzuschätzen, sowie an-
dere ähnliche Faktoren.

Anmerkung: Jeder der meine Bücher kennt, weiß, dass ich im Zuge der Beweis-
führung ausschließlich mit Qur’an und Sunnah argumentiert habe. Um dieses
Ziel zu verwirklichen, erwähnte ich grundsätzlich zwischen solchen Beweisen

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bewusst keine Aussagen von Gelehrten, damit den Menschen klar wird, dass
der eigentliche Beweis immer aus dem Qur’an und der Sunnah stammen muss.

Dass ich die Aussagen der ersten Generationen nur selten anführte, hat kei-
nesfalls etwas mit einer allgemeinen Geringschätzung oder Abscheu gegen-
über ihren Aussagen zu tun. Ich ließ sie also nicht vorsätzlich weg, weil ich sie
nicht mag, sondern weil ich damals wegen der schweren Umstände keine Mög-
lichkeit hatte, eine Arbeit noch größeren Umfangs zu machen.

Ich hatte nicht die Möglichkeit, noch mehr Zeit in meine Bücher zu investieren
aufgrund meiner schweren Umstände über diese Jahre. Mein Ziel war es stets,
so schnell wie möglich mit der Autorentätigkeit im Deutschen abzuschließen.

Deshalb erschien es mir sinnvoller, zumindest das zu erwähnen, was den Men-
schen nützlich sein kann, anstatt es völlig zu unterlassen.

Das heißt jedoch sicher nicht – wie manche offensichtlich annehmen


wollen –, dass ich die Aussagen der Salaf völlig außer Acht ließ. Tatsächlich
habe ich diese Bücher aus zahlreichen Aussagen ebendieser Gelehrten und ih-
ren Erklärungen zu den Qur’an-Versen zusammengetragen. Dass ich sie nicht
erwähnt hatte, erlaubt nicht den Schluss, dass diese Dinge aus bloßem Philo-
sophieren oder aus inkorrekten Methoden entstanden sind.

An vergleichsweise sehr wenigen Stellen erwähnte ich, z.B. bei biografischen


Angaben über Gelehrte oder Überlieferer, auch einige Zitate späterer Gelehr-
ter und begnügte mich damit – jedoch niemals im Rahmen der Beweisführung.
Oft einfach auch deshalb, weil diese ihrerseits in jenen Zitaten etliche Aussa-
gen der ersten Generationen überlieferten! In so einem Fall ging es dabei also
um diese Aussagen, nicht um jenen, der sie zitiert.

Ich habe bereits an anderer Stelle erklärt, dass mir dabei nicht alles bekannt
war, was einige dieser Autoren sonst in ihren Büchern teilweise an falschen
Inhalten erwähnen.

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Wer meine neueren Schriften seit 2019 betrachtet, der wird deutlich sehen,
dass ich mich in diesen Schriften damit begnüge, nur noch die frühesten Quel-
len anzuführen.

Aus Gründen, die ich an anderer Stelle verdeutlicht habe, ziehe ich es vor, mich
nicht mehr auf die Aussagen späterer Gelehrter zu stützen. Ich halte es jetzt
für wichtiger, das Gewicht auf die möglichst frühen Texte zu legen.

In dieser Hinsicht habe ich meine Methode definitiv verändert, was sich in sha
Allah auch in zukünftigen Publikationen zeigen wird, sofern mir Allah dazu die
Möglichkeit gibt.

9) Jede Rechtsableitung nach eigenem Verständnis (Ijtihād) ist unerlaubt und


ungültig, wenn ein klarer Text (Nass) vorliegt – wenn dieser korrekt überliefert
und eindeutig in seiner Aussage ist.

Umso klarer ist es unerlaubt, dem Text mit bloßer Philosophie zu wiederspre-
chen. Die Gelehrten der ersten Generationen waren sich darüber einig, dass
die Befassung damit verächtlich ist und keinesfalls für die Beweisführung in der
Religion taugt.5

Das bezieht sich im Besonderen auf die zuvor schon allgemein erwähnten
Glaubensinhalte. Aufgrund dieses verächtlichen Philosophierens im Wider-
spruch zum klaren, eindeutigen Beweis spalteten sich die Menschen schon
bald in der Frühzeit des Islam in etliche Richtungen. Diese Spaltungen vertief-
ten sich später. Vor allem ging es dabei um die zuvor als Beispiel angeführten
Eigenschaften Allahs .

5
Wer mich bzw. meine Schriften nur einigermaßen kennt, der weiß, dass ich seit 15
Jahren oder mehr immer eine tiefe Verachtung gegenüber solchen Vorgehensweisen
hatte. Deshalb zitierte ich in Schriften vor mehr als einem Jahrzehnt (etwa 2007) Aus-
sagen von frühen Gelehrten zu genau diesem Thema, wie vor allem von Abu-l-Qāsim
al-Lālakā’ī  (gest. 418 n. H.) und anderen.

8
Anmerkung: Aus eben genanntem Grund sagte ich schon vor Jahren mehrfach,
dass ich es als klare Fehler betrachte:

a) dass man mit der Philosophie argumentiert, um auf die Philosophen zu ant-
worten.

b) dass man die Regeln der Philosophie erlernt bzw. lehrt, mit der Begründung,
ein islamisches Wissensgebiet besser zu verstehen, weil viele Autoren diese
Wissenschaft über Jahrhunderte nur dadurch erklärt haben. In erster Linie ist
hier die Wissenschaft des Usulu-l-Fiqh (Grundregeln des islamischen Rechts)
betroffen.

10) Aus dem Gesagten ergibt sich klar, dass damit auch die Aussagen von vor-
hergehenden Gelehrten niemals als eigenständiger Beweis im Islam zählen
können. Deshalb kann so eine Aussage niemals als Widerspruch zu einem kla-
ren Beweis aus dem Qur’an und der Sunnah angeführt werden. Darüber gibt
es einen Konsens unter den Muslimen von Anbeginn.

‫وهللا أعلم‬
‫وصلى هللا على نبينا حممد وآله وصحبه ومن وااله‬
‫واحلمد هلل رب العاملني‬