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Think Tank Januar 2018 Philipp Wenk

Missionale Hermeneutik
1. Einleitung
Was ist Missionshermeneutik?
Sinn und
Bedeutung

Autor Zeichen Empfänger Wirkung

Hermeneutik als Theorie des Verstehens dient also dazu, das Verstehen dahingehend zu fördern,
dass die Kommunikation ihr Ziel erreicht und so ihre Wirkung zeigen kann, weil der Empfänger das
Zeichen als Zeichen erkannt hat und seinen Sinn und seine Bedeutung verstanden hat.
Betrachten wir noch den zweiten Begriff. Missional ist ein neu geschaffenes Wort, das als
Alternative zu missionarisch aufgefasst werden kann. Im IGW-Thesenpapier zur missionalen
Theologie wird missional bestimmt als «eine durch und durch dem missionarischen Sein und Handeln
Gottes in dieser Welt verpflichtete und davon durchdrungene Denk- und Handlungsweise» 1.
Missionale Denkweise zeichnet sich also zum einen dadurch aus, dass Mission nicht nur ein Thema
neben anderen ist, sondern dass das gesamte Denken und Handeln von ihr durchdrungen ist. Zum
andern – und das scheint mir für unsere Diskussion noch wichtiger – wird die Mission in Gottes Sein
und Handeln verankert. Die sendende Instanz ist nicht mehr die Kirche, sondern Gott selbst, der uns
dazu auffordert, an seinem Werk teilzuhaben. Die Mission der Kirche bedeutet deshalb nicht
«Sendung von Missionaren», sondern «Partizipation an Gottes heilvollem Wirken», dem sich die
Kirche selbst verdankt. Der Hintergrund dieses Neuansatzes liegt in der so genannten «Krise der
Mission» im 20. Jh., als offenbar wurde, wie stark die bisherige Mission mit dem westlichen
Überlegenheitsgefühl und Machtanspruch vermischt gewesen war. Die Krise dieses westlichen
Überlegenheitsgefühls durch die Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jh. hat deshalb auch die
Mission in eine Krise gestürzt. Um die Mission vom kulturellen Imperialismus zu befreien, wurde seit
der Weltmissionskonferenz in Willingen (1952) zunehmend von der missio dei gesprochen, die – wie
gesagt – der Mission der Kirche vorausgeht und diese erst begründet. Wenn wir über missionale
Hermeneutik nachdenken, dann muss dieses selbstkritische Moment des Begriffs missional
unbedingt Teil unserer Reflexion sein. Unsere Hermeneutik muss immer wieder bei Gott selbst
ansetzen im Bewusstsein, dass er unserem Verständnis von ihm vorausgeht und dieses erst
ermöglicht.
Dieser Logik folgend beginnen meine Thesen ganz grundlegend mit Gottes Selbstoffenbarung,
indem sie die bereits erwähnte Kommunikationssituation noch genauer bestimmen. Unser
Verständnis dieser Selbstoffenbarung ist erst die Konsequenz davon, dass Gott sich uns mitgeteilt
hat.

1
IGW 2009, 12 Thesen zur missionalen Theologie. Igw.edu. Online im Internet:
http://www.igw.edu/assets/data/Publikationen/CHRE02_12_Thesen_Missionale_Theologie_IGW.pdf [Stand:
09.06.16].
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2. Gottes Selbstoffenbarung
1. These: Missionales Verstehen setzt voraus, dass es einen Gott gibt, der uns
etwas mitzuteilen hat.
Mit dieser These identifiziere ich den Autor der Mitteilung, die es zu verstehen gilt. Missionale
Hermeneutik dient dem Zweck, das Verstehen von Gottes Mitteilung zu fördern. Sie setzt voraus,
dass Gott ein Gott ist, der zu uns spricht – und zwar auf eine Weise, dass wir sein Reden verstehen
können. So trivial das für uns klingen mag, so herausfordernd ist das denkerische Problem, das
daraus entsteht: Wie ist es möglich, dass wir Menschen das Reden von Gott hören und verstehen
können? Dazu die zweite These.
2. These: Missionales Verstehen setzt voraus, dass Gott nicht an seiner
Gö ttlichkeit festhä lt, sondern sich in seinem Wort entä ussert und irdische Gestalt
annimmt.
Wenn Gottes Rede für uns verständlich sein soll, dann muss Gott – bildlich gesprochen – sich zu uns
herablassen. Er muss für seine Botschaft Zeichenträger verwenden, die wir wahrnehmen und als
Zeichen deuten können – seien das nun Naturphänomene, gesprochene oder verschriftlichte Rede
oder intuitiv wahrgenommene Zustände und Visionen. In jedem Fall handelt es sich dabei um
wahrgenommene Zeichenträger innerhalb der geschaffenen Welt. So vielfältig die verschiedenen
Zeichenträger für Gottes Offenbarung waren und sind, so eindeutig ist das christliche Zeugnis darin,
dass Jesus von Nazareth das normative Zeichen dieser Offenbarung ist. Alle anderen Zeichen sind
letztlich als Hinweis auf dieses eine Zeichen aufzufassen. Mit dem Begriff Wort in der These ist also in
erster Linie der Logos aus dem Johannesprolog gemeint. Doch was bedeutet dieses Zeichen? Darauf
geht die dritte These ein.
3. These: Missionales Verstehen setzt voraus, dass Gottes Offenbarung die
Offenbarung seiner uns zugewandten Gegenwart und damit Evangelium fü r uns
ist.
Es gehört zu einem entscheidenden Charakteristikum des christlichen Glaubens, dass er davon
ausgeht, dass Gott uns nicht nur seinen Willen verkündet, sondern dass er uns sich selbst mitteilt,
indem er uns sich selbst hingibt. Man kann geradezu Gottes Reich, das Jesus verkündigte, als Gottes
eschatologische Gegenwart verstehen.2 Gott vertraut uns also nicht nur Informationen und Aufträge
an, sondern er vergegenwärtigt uns sich selbst. Er begegnet uns. Diese Begegnung ist Evangelium,
frohe Botschaft, weil durch sie unsere Sünde aufgedeckt und durch Vergebung überwunden wird,
indem Gott sich durch unsere Abwendung von ihm nicht davon abhalten lässt, uns fortwährend
nahezukommen und uns so ermöglicht, uns ihm wieder zuzuwenden.
Wenn Gottes Offenbarung als Selbstoffenbarung verstanden wird, als Begegnung, in der Gott sich
uns vergegenwärtigt und in eine Beziehung mit ihm einlädt, dann ist Offenbarung ein Geschehen,
also etwas, das nur in der Gegenwart stattfinden kann. Sobald dieses Geschehen in der
Vergangenheit liegt, handelt es sich nicht mehr um Offenbarung im engeren Sinn. Es ist keine direkte
Begegnung mehr. Doch die Erinnerung an frühere Offenbarung kann selbst wieder zu einem
Zeichenträger werden, durch den Gott sich uns wieder neu offenbart, also zu einem Mittel, durch das
Gott sich uns wieder vergegenwärtigen kann und so erneut Begegnung stattfinden kann. Und was
folgt aus dieser Begegnung? Was ist ihre Wirkung?
2
Vgl. Andreas Lindemann 1986. Herrschaft Gottes/Reich Gottes. IV. Neues Testament und spätantikes
Judentum. TRE 15. Online im Internet: https://www.degruyter.com/view/TRE/TRE.15_172_36 [Stand:
09.06.16].
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4. These: Missionales Verstehen setzt voraus, dass Gottes Selbstoffenbarung dann


die beabsichtigte Wirkung erzielt, wenn der Empfä nger durch die Begegnung mit
Gott neu geschaffen wird.
Diese These drückt aus, dass Gottes Selbstoffenbarung uns nicht unberührt lässt, sondern darauf
abzielt, dass wir uns auf Gottes Beziehungsangebot einlassen und so zu gerechtfertigten Sündern, zu
Kindern des himmlischen Vaters, zu Gliedern am Leib Christi werden mit dem Auftrag, an Gottes
Werk teilzuhaben. Eine erfolgreiche Begegnung mit Gott führt also dazu, dass wir auf allen Ebenen
unseres Seins neu geschaffen werden – in unserer Gottesbeziehung, unserer Beziehung zu unseren
Mitmenschen und unserer Umwelt und unserer Beziehung zu uns selbst. Jetzt fehlt nur noch der
Empfänger in unserem Schema. Darauf geht die fünfte These ein.
5. These: Missionales Verstehen setzt voraus, dass Gott sich jedem Menschen
offenbaren will und kann.
Diese These bringt eine Spannung in das bisher Gesagte. In der Einleitung versuchte ich darzulegen,
dass die Erkenntnis genau dieser Spannung der Ausgangspunkt der missionalen Theologie darstellte:
Missionale Theologie geht davon aus, dass Gottes Selbstoffenbarung jedem Menschen, ja, der
gesamten Schöpfung gilt. Sie steht also ganz klar für den universalen Horizont von Gottes
Selbstoffenbarung ein. Gott ist letztlich die Antwort auf jede Frage.
Diese Universalität steht in spannungsvoller Verbundenheit mit dem, was bisher gesagt worden
ist, nämlich dass Gott sich stets durch einen irdischen Zeichenträger in einer ganz bestimmten
Sprache in einer ganz konkreten Situation offenbart. Missionale Theologie kann deshalb geradezu als
Versuch definiert werden, Gottes universales Heil und die partikulare Darstellung davon
zusammenzuhalten.
Was bedeuten diese Vorentscheidungen für den reflektierten missionalen Verstehensvorgang?
Was folgt aus ihnen? Auf diese Fragen gehen die folgenden Thesen ein.

3. Konsequenzen fü r den reflektierten Verstehensvorgang


6. These: Missionale Reflexion strebt danach, Gottes Selbstoffenbarung durch die
Verwendung immer neuer Zeichen in neue Kontexte zu ü bersetzen, um Gottes
Gegenwart auch dort zu bezeugen.
Weil Gott sich immer ganz in die Situation hineinbegibt, in der er sich offenbaren will, sind auch die
Zeichenträger seiner Selbstoffenbarung immer auf den Empfänger zugeschnitten. Die Geschichte von
Pfingsten bringt dies schön zum Ausdruck: In Jerusalem waren Menschen aus allen Nationen
versammelt und plötzlich hören sie, wie Gott in ihrer eigenen Sprache gepriesen wird. Dies illustriert,
was vorher bereits erwähnt worden ist: Gottes Selbstoffenbarung hat nicht nur einen universalen
Horizont, sondern ereignet sich immer in partikularer Form – und das gilt auch für Jesus, das
normative Zeichen von Gottes Selbstoffenbarung. Jesus war kein neutrales menschliches Wesen,
sondern ein männlicher Nachkomme von David an einem ganz bestimmten Ort zu einer ganz
bestimmten Zeit in einer ganz bestimmten Kultur.
Wenn die Kirche gerufen ist, an der missio dei teilzuhaben, dann hat auch sie dieser Bewegung
von Gott zu folgen. Sie ist gerufen, ihr Zeugnis von Gottes Gegenwart in immer neue Kontexte
hineinzutragen, damit sich Gott durch dieses Zeugnis wieder neu offenbaren kann. Das setzt eine
intensive Übersetzungsarbeit voraus. Missionale Reflexion, die dem Verstehen von Gottes
Selbstoffenbarung dient, dient deshalb diesen Übersetzungsprozess. Sie soll uns befähigen, unsere

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eigene Erkenntnis von Gottes Selbstoffenbarung in Jesus anderen gegenüber zu bezeugen (1Petr
3,15).
Das ist die eine Seite. Die andere wird mit der folgenden These ausgedrückt.
7. These: Missionale Reflexion strebt danach, Gottes Selbstoffenbarung aus der
Perspektive immer neuer Kontexte neu zu erkennen, indem sie auf das Zeugnis
anderer hö rt.
Damit, dass Gott sich immer auf einen ganz bestimmten Kontext einlässt, um sich zu offenbaren, und
deshalb das Zeichen von Gottes Selbstoffenbarung immer kontextgebunden ist, ist noch ein weiterer
Punkt verknüpft. Wie am Anfang bereits erwähnt, lässt sich Gott darum auf unseren Kontext ein, weil
wir Menschen, die Empfänger seiner Selbstoffenbarung, kontextgebunden sind. Mit Gadamers
Metapher ausgedrückt sind wir beschränkt auf einen bestimmten Horizont – und mit «wir» meine ich
nicht nur die anderen, die von Gott noch nichts gehört haben, sondern auch uns, die Kirche. Unser
Verständnis von Gott ist beschränkt durch unseren eigenen Horizont – auch unser Verständnis von
Jesus, dem normativen Zeichen von Gottes Selbstoffenbarung. Das sieht man schön, wenn man
Jesusdarstellungen aus verschiedenen Kulturen miteinander vergleicht.
Weil aber dieser Horizont nicht starr ist – wie Gadamer anhand seiner Metapher der
Horizontverschmelzung schön entfaltet hat –, besteht die Möglichkeit, unser eigenes Verständnis von
Gott auszudehnen und zu vertiefen. Missionale Hermeneutik fördert also nicht nur die Übersetzung
unserer Gotteserkenntnis in andere Kontexte, sondern auch umgekehrt die Übersetzung der
Gotteserkenntnis aus anderen Kontexten in unseren eigenen, indem sie uns offen macht für das
Zeugnis anderer Menschen. Missionale Hermeneutik vollzieht sich also im Dialog, in dem wir sowohl
Zeugnis ablegen, als auch Zeugnis von anderen empfangen, im gegenseitigen Geben und Nehmen.
Diese beiden Bewegungen führen aber zu einer zweifachen Schwierigkeit: Zum einen stellt sich
die Frage, ob unsere Aussage tatsächlich Gott bezeugt oder ob sie nicht auf etwas anderes hinweist.
Während einige Christen in Galatien die Beschneidung vielleicht als Bekenntnis zu Gott auffassten
und sie deshalb auch von den Heidenchristen forderten, deutete Paulus dasselbe Zeichen als Hinweis
auf die Verhexung der Galater. Wie gelingt es uns, unsere Gotteserkenntnis so in neue Kontexte zu
übersetzen, dass Gott sich dadurch tatsächlich offenbaren kann? Zum andern stellt sich uns die
umgekehrte Frage, wie wir mit dem Zeugnis des andern angemessen umgehen sollen. Wir können
unser eigenes Verständnis von Gott nur dann vertiefen, wenn wir bereit sind, Neues dazuzulernen,
also neue Aspekte von Gott kennenlernen, die uns bisher verborgen geblieben sind. Doch wie
gewährleisten wir, dass dieses Neue tatsächlich Ausdruck von Gott ist und nicht von etwas anderem?
Beide Bewegungen in diesem Dialog – das Übersetzen in einen neuen Kontext und das Empfangen
neuer Perspektiven – erfordern eine Prüfung.
8. These: Missionale Reflexion ist die Praxis der Unterscheidung der Geister, die
sich im gemeinsamen Dialog und in der kritischen Beurteilung dieses Dialogs
vollzieht.
Jede Übersetzung – sei es die Übersetzung einer eigenen Aussage in eine fremde Sprache oder aber
einer fremden Aussage in die eigene Sprache – birgt die Gefahr des Missverständnisses: Wir wollen
von Gott reden, drücken aber etwas anderes aus oder wir meinen, dass der andere von Gott spricht,
obwohl er von etwas anderem spricht. Dieser Schwierigkeit können wir nicht dadurch aus dem Weg
gehen, dass wir einfach darauf verzichten zu übersetzen. Denn es ist nicht möglich, nicht zu
kommunizieren. Auch unser Bleiben in der eigenen Sprachgemeinschaft drückt etwas aus – und eben
nicht das, was wir sagen sollen. Deshalb – und das ist meine Hauptthese in dieser Thesenreihe – ist

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missionale Hermeneutik als Praxis der Unterscheidung der Geister zu verstehen, die sich im
gemeinsamen Dialog und in der kritischen Beurteilung dieses Dialogs vollzieht.
Mit dem Begriff Dialog meine ich die konkrete Auseinandersetzung mit meinem
Gesprächspartner, in der wir einander begegnen und gegenseitig versuchen, den andern in seiner
eigenen Begrifflichkeit zu verstehen, indem wir uns ganz auf aufeinander einzulassen versuchen, um
Gott, die Welt und ihn selbst möglichst aus der Warte des Gegenübers heraus zu erkennen. Mit
Dialog meine ich also die gelebte Bereitschaft, mich dem anderen tatsächlich anzunähern. Diese
Bewegung setzt dem andern gegenüber einen Vertrauensvorschuss voraus. Ich werde mich nie auf
ihn einlassen können, wenn ich von der Angst bestimmt werde, dass er mich in die Irre führen wird.
Dieser Vertrauensvorschuss setzt deshalb wiederum voraus, dass ich selbst so stark in Gott verankert
bin, dass mich die Angst vor möglichen Verführungen durch den anderen nicht davon abhält, mich
dem anderen auszusetzen.
Neben den Dialog – doch in der Praxis meistens in ihn verwoben – tritt die kritische Beurteilung.
Dabei spiegeln wir unsere Wahrnehmung der fremden Sichtweise des Gegenübers an dem, was wir
bisher von Gott erkannt haben und fragen uns, ob diese beiden Sichtweisen vereinbar sind oder
einander entgegenstehen. Hierbei ist wichtig zu beachten, dass diese Vereinbarkeit nicht auf der
Ebene des Zeichenträgers gesucht wird. Denn nicht überall, wo «Gott» draufsteht, ist auch Gott drin
(Mt 7,21). Und umgekehrt ist nicht überall, wo nicht «Gott» draufsteht, Gott nicht drin. Aus diesem
Grund muss trotz 1Kor 12,3 das verbale Bekenntnis zu Jesus als Mittel zur Unterscheidung der
Geister vorsichtig verwendet werden.
Stattdessen suchen wir nach einer Übereinstimmung auf der Ebene der Bedeutung und des Sinns.
Was meint das Gegenüber, wenn es das Wort Gott oder Jesus gebraucht? Worauf weist seine
Aussage hin, wenn es diese Worte nicht gebraucht? Was meint der Muslim, wenn er von Allah und
Isa spricht? Was meint der biblische Autor, wenn er sagt, dass Gott der Schöpfer der Welt ist? Was
meint der Umweltschützer, wenn vom Leiden der Natur redet?
Diese Ebene der Bedeutung und des Sinns ist allerdings nicht direkt zugänglich, sondern muss
erschlossen werden, indem der Gebrauch der Worte und ihre Wirkung beim Gegenüber beobachtet
werden.3 Um herauszufinden, was mein Gegenüber mit einem Wort meint, muss ich untersuchen,
wie es dieses Wort gebraucht und welche Wirkung das damit Gemeinte auf mein Gegenüber hat.
Und auf diesen Ebenen – Gebrauch und Wirkung – lassen sich Vergleiche zwischen verschiedenen
Sprachen anstellen. Biblisch gesprochen gehört also die Berücksichtigung der Frucht des Geistes
unbedingt zu diesem Unternehmen. Durch einen Vergleich auf dieser Ebene finden wir sowohl
Anknüpfungspunkte, um das Evangelium in einer fremden Kultur neu zu bezeugen, als auch
Anregungen, um unser eigenes Verständnis des Evangeliums zu erweitern und vertiefen.
Missionale Reflexion bringt uns also in einen gegenseitigen offenen Austausch mit unserem
Gegenüber mit dem Ziel, durch den Vergleich von Gebrauch und Wirkung unserer Worte fähig zu
werden, sowohl dem Gegenüber Gottes Gegenwart verständlich zu bezeugen, als auch selber Gottes
Gegenwart immer wieder neu und tiefer zu erkennen.
9. These: Missionales Verstehen bleibt bei aller Reflexion vom Wirken Gottes
durch seinen Geist abhä ngig.
Dass jemand in einem irdischen Zeichen jemals die Ansage von Gottes Gegenwart so erkennt, dass
ihm darin Gott selbst gegenwärtig wird, ist und bleibt ein unverfügbares Geschenk. Gottes

3
Vgl. z.B.: «In order to ascertain the meaning of an intellectual conception one should consider what practical
consequences might conceivably result by necessity from the truth of that conception; and the sum of these
consequences will constitute the entire meaning of the conception» (Charles S. Peirce 1905. CP 5,9).
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Selbstoffenbarung ist weder angewiesen auf unsere hermeneutischen Bemühungen, noch führen
diese notwendig zu einer Gottesbegegnung. Missionale Reflexion ermöglicht und garantiert keine
Gottesoffenbarung, sondern ist Ausdruck unserer menschlichen Teilhabe an der Mission Gottes, der
all unseren Bemühungen zuvorkommt, vorausgeht und diese erst ermöglicht.
Mit diesen neun Thesen habe ich versucht die Grundstruktur des missionalen Verstehens zu
umreissen, wie ich sie verstehe. Dabei ist vermutlich einigen aufgefallen, dass die Bibel kaum explizit
erwähnt worden ist. Das hat nicht damit zu tun, dass die Bibel etwa unwichtig wäre, sondern damit,
dass, was ich bisher sagte, auch unseren Umgang mit der Bibel betrifft. Deshalb möchte ich nun auf
dieser Grundlage unseren Umgang mit der Bibel thematisieren.

4. Umgang mit der Bibel


10. These: Missionale Reflexion anerkennt die Bibel als das grundlegende Zeugnis
von Gottes Selbstoffenbarung im normativen Zeichen Jesus.
Wenn wir an den Gott glauben, der sich vor 2000 Jahren in seinem Wort entäussert hat und in Jesus
selbst Mensch geworden ist, dann ist die Bibel das grundlegende Dokument für unseren Glauben,
weil die gesamte tradierte Erinnerung an Jesus auf der Bibel gründet. Es gibt keinen anderen Weg zur
Kenntnis Jesu, als durch die Bibel bzw. die Verkündigung der Bibel. Ebeling hat deshalb zu Recht
erklärt, dass die Kirchengeschichte auch als Geschichte der Auslegung der Heiligen Schrift bezeichnet
werden könne.4 Diese These weist auf die Sonderstellung der Bibel gegenüber allen anderen
Zeugnissen von Gottes Selbstoffenbarung hin: An ihrem Zeugnis muss sich messen, was über Gott
gesagt wird. Doch was heisst das konkret? Darauf geht die folgende These ein.
11. These: Missionale Reflexion rechnet damit, dass die Bibel als Zeugnis von
vergangener Offenbarung immer wieder zum Zeichen neuer Selbstoffenbarung
Gottes wird.
Dass die Bibel zum Massstab unserer Rede wird, setzt voraus, dass wir die Bibel verstehen. Und wann
verstehen wir die Bibel? – Dann, wenn ihr Zeugnis von Gottes Selbstoffenbarung für uns zu einem
Zeichen wird, durch das sich Gott uns hier und jetzt selbst vergegenwärtigt. Und nun können wir alles
wieder einfügen, was bisher gesagt worden ist: Dass uns durch die Bibel Gott begegnet, ist und bleibt
ein unverfügbares Geschenk. Das hält uns einerseits demütig, andererseits lädt es uns zum Danken
ein. Sobald es aber einmal geschehen ist, sind wir in die missio dei hineingezogen: Wir partizipieren
an Gottes heilvoller Absicht. Wir werden selber zu Zeugen seiner erfahrenen Gegenwart und wir
streben danach, seine Gegenwart immer umfassender zu erkennen. Der grundlegende
Gesprächspartner ist für uns dabei – wie gesagt – die Bibel. Im Gespräch mit ihr versuchen wir, den
Gott, der uns schon einmal begegnet ist, neu zu erkennen, indem wir uns auf ihre Aussage einlassen,
den Gebrauch und die Wirkung ihrer Worte beobachten und mit der Wirkung unserer bisherigen
Gotteserkenntnis vergleichen, um diesen Gott umfassender und tiefer zu erkennen, was uns
wiederum dazu befähigt, breiter und tiefer Zeugnis vor anderen abzulegen ihr Zeugnis zu empfangen
und bei beiden die Geister zu unterscheiden.

5. Zusammenfassung
Damit bin ich am Schluss meiner Thesenreihe angelangt. Ich möchte zum Abschluss die für mich
wichtigsten Punkte nochmals erwähnen:

4
Vgl. Gerhard Ebeling 1947, Kirchengeschichte als Geschichte der Auslegung der Heiligen Schrift. Tübingen:
Mohr Siebeck.
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 Missionale Hermeneutik ist breiter als eine reine Texthermeneutik. Ihr Gegenstand ist
allgemeiner als Kommunikationssituation aufzufassen. Ihr Charakteristikum erhält sie
dadurch, dass es in dieser Kommunikationssituation um Gottes Selbstoffenbarung geht. Die
Aufgabe der missionalen Hermeneutik liegt also darin, dass sie dem Verstehen von Gottes
Selbstoffenbarung dient.
 Missionale Reflexion reagiert auf die Universalität von Gottes Selbstoffenbarung und die
Partikularität der dabei verwendeten Zeichen, indem sie in einen sich konstant ausweitenden
Dialog mit letztlich der gesamten Menschheit eintritt, in welchem sie einerseits Gott bezeugt
und andererseits das Zeugnis des Gegenübers empfängt.
 Missionale Hermeneutik reflektiert diesen Dialog, indem sie bei sich selbst und den anderen
die Geister zu unterscheiden sucht.
 Missionale Hermeneutik empfängt ihre Norm durch Gottes Selbstoffenbarung in Jesus
Christus, wie er in der Bibel bezeugt wird.