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Freundschaft

Winter 2019–2020 /Nr. 73
Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung
Plötzlich
Staatsfeind
    Wie die Stasi in der DDR
    Menschen überwachte,
    kontrollierte und manipulierte,
    erfährst du auf bpb.de/stasi
Editorial
Freundschaft ist zunächst die Fortsetzung der Fami-
lie mit eigenen Mitteln. Aus vorgegebenen Beziehun-
gen werden eigene Entscheidungen für oder gegen
andere Menschen. In unseren Freundeskreisen geben
wir unseren Werten und Haltungen eine soziale Ge-
stalt. Das Persönliche und Emotionale wird hier po-
litisch. Wir nutzen Möglichkeiten, die uns von vorn-
herein gegeben sind, und seltener solche, die wir aktiv
suchen und ergreifen.
Auch auf der Bühne der großen Politik gibt es
sehr verschiedene Formen der Freundschaft – sei es,
dass Entfeindungen das Ziel generationenübergrei-
fender Friedensprozesse werden, sei es, dass Freund-
schaft ein anderer Name für Fügsamkeit im Bündnis
mit einer Übermacht ist.
In autoritären Gesellschaften werden aus Freun-
deskreisen immer wieder Plattformen des Dissiden-
tischen, sie bilden rare Zonen der Freiheit und des
riskanten Engagements. In den westlichen Konkur-
renzgesellschaften sind viele Freundschaften eher
Erlebniszonen auf der Jagd nach dem kleinen, feinen
Unterschied. Aber auch hier können Freundeskreise
dazu dienen, Vertrauen zu wagen, Solidarität und
Hingabe zu erfahren und zu gestalten.
Freundschaft kann auch einengen, dann werden
die Grenzen meiner Freundeskreise die Grenzen
meiner Welt. Dabei sind Ausgrenzungen, Herabwür-
digungen bis hin zu offenen und gewaltsamen Feind-
schaften ein probates Mittel der inneren Mobilisierung
dieser Gemeinschaften. Das ist einer der Resonanz-
räume für Populismus und autoritäre Regimes.
Den Entwurf eines eigenen, selbstbestimmten Lebens Bitte mal mit anpacken: Freundschaft ist
dagegenzusetzen, neue soziale Beziehungen zu suchen, Kri- von einer besonderen Nähe untereinander gekenn-
tik auch an Freundinnen und Freunden zu üben kann befrei- zeichnet, von Wertschätzung und Vertrauen.
end wirken. Diese Offenheit macht weitere eigene Entwick- Dass auch Sex dazugehören darf, finden 44 Prozent
lungen möglich, jenseits von Glaubensgrenzen und fixen der 18- bis 25-Jährigen, aber nur 22 Prozent
Ideologien. Freundschaften sind deshalb oft auch ein Mittel der über 55-Jährigen
gegen die inzwischen allgegenwärtige autoritäre und identi-
täre Versuchung.
Was wir aus Freundschaften machen, sagt einiges über von den Zwängen dieser Kräfte frei gehalten werden? Oder
unser Verständnis, unsere Aneignung sozialer Verhältnisse werden sie letztlich immer wieder zur emotional erweiterten
aus. Entscheidende Fragen werden dabei aktiviert: Auf wen Reproduktion der herrschenden Verhältnisse?
kann ich mich verlassen, selbst wenn alle sich abwenden, wer Die allgegenwärtigen digitalen Medien schärfen diese
vertraut mir warum, und wem will ich, wie weit will ich ver- Fragen noch und geben dem „sozialen Kapital“ völlig neue
trauen? Was macht und hält uns stark? Aber auch die eigenen Verwertungszyklen. Wenn Waren Freunde werden, wir Daten
Interessen werden erprobt – wer nützt mir, wem nutze ich, was daten, die Informationen über unsere persönlichen Beziehun-
soll als Nutzen gelten: der soziale Aufstieg, eine bessere Öko- gen zu Wertanlagen globaler Konzerne geraten, ist die „Schö-
nomie und/oder die gemeinsame Erkundung von Sinn, Wahr- ne neue Welt“ schon da. Sie ist aber weder neu noch schön.
heit, Achtung? Wie werden die radikalen Medien Macht, Ruhm, Auch darüber lohnt es sich mit Freunden zu streiten.
Geld in Freundschaften verarbeitet, ausgelebt oder aber auch
überwunden? Sollen und können Freundschaften überhaupt Thorsten Schilling

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Inhalt
Kleine Geschenke
erhalten die Freundschaft.
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06 Vom Mögen
Klingt ein bisschen schnöde,
aber Freundschaft hat auch
mit Geld zu tun. Ein Gespräch
nicht nur darüber

14 Ne me quitte pas
Dass sich Frankreich und
Deutschland so nah sind, ist
nicht selbstverständlich

16 Liebesgrüße aus Moskau


Wie war das noch mit der
20
deutsch-sowjetischen Freund-
schaft zu DDR-Zeiten?

18 Die Quadratur des


Freundeskreises 20 Was war und was bleibt 36 Wir waren wie Brüder
Je nachdem, mit wem Die Geschichte einer Freund- Ich war nicht rechts,
ich abhänge: Ich bin immer schaft, die der Hass zerstörte aber mit Nazis befreundet.
ein anderer Eine Spurensuche
26 Friendopoly
In der Heftmitte gibt es dieses 41 Herz an Großhirn,
36 Mal ein Spiel, bei dem du richtig bitte kommen!
beliebt werden kannst Was im Körper passiert, wenn
wir mit Menschen zusammen
28 Alles, was ich hasste sind, die wir mögen
Wie es ist, wegen seiner
sexuellen Orientierung 42 Wärmstens empfohlen
gemieden zu werden Für Unternehmen sind deine
Online-Kontakte bares Geld
32 Nimm Platz
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

Scusa, aber von der Gastfreund- 44 Hey, buddy


schaft der Italiener können wir Wie ein Banker mithilfe seiner
echt noch lernen Freunde Weltpolitik machte

06 33 Lass mal liken 46 Druschba


Über die Freundschaft in In autoritären Staaten
digitalen Zeiten sind Freunde noch wichtiger
als eh schon
34 Kommst du mal meditieren,
Kollege? 50 Impressum & Vorschau
Diese Firma legt viel Wert
auf gutes Miteinander

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Schön
zusammen
abhängen Können nur Menschen miteinander befreundet sein oder
auch Tiere? Immer wieder suchen Wissenschaftler Ant-
worten auf diese Frage. Die Studien, die es dazu gibt,
lassen vermuten, dass auch Tiere intensive soziale
Beziehungen zueinander aufbauen – und übrigens nicht
nur Affen oder Delfine. So fand ein Forscherteam von
der Universität Greifswald heraus, dass Fledermäuse
gern mit bestimmten anderen Fledermäusen Freundschaf-
ten schließen – ohne dass sie miteinander verwandt
sind. Eine andere Untersuchung widmete sich Pferden,
Schafen, Eseln und Rindern. Besonders Esel stehen gern
mit ihren Kumpels auf der Wiese herum.

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Interview: Oliver Geyer
Fotos: Josh Kern

Möge 6
Vom

en
Warum haben manche
viele Freunde und andere gar keine?
Und was machen die sozialen
Medien aus unseren Beziehungen?
Ein Gespräch mit der Freundschafts-
forscherin Erika Alleweldt

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Die Angst,
Freunde zu haben erscheint vielen dass reale und weniger, um neue aufzubauen. Wich-
als etwas Selbstverständliches. Wa­
rum ist es so wichtig, Freundschaft
Freundschaften tig ist nur, sich bewusst zu machen, dass
das keine reale, sondern eine virtuelle
zu erforschen?
Genau aus diesem Grund – weil Freund-
wegen des Verbundenheit ist.

schaft zum Leben dazugehört und auch


immer bedeutender wird. Angesichts
Internets nicht Was macht echte Verbundenheit und
echte Freundschaft aus?
des Wandels der Familienstrukturen, mehr geführt „Die große Geschichte der Freundschaft“
der steigenden Zahl allein lebender Sin- wurde leider auch noch nicht geschrie-
gles, aber auch mit der wachsenden werden, ist ben. Aber ein bis heute wichtiger Zugang
Bedeutung von beruflichen Netzwerken
erlangt Freundschaft zunehmend die unbegründet ist immer noch Aristoteles’ Unterschei-
dung von Zweckfreundschaften, die
Form von sozialem Kapital. Und das man um der Lust und um des Nutzens
ist in unserer Gesellschaft ungleich ver- willen führt, und Tugendfreundschaften,
teilt. Wer wenig Freunde hat, kann stark ders deutlich wurde an den Frauen in die man um ihrer selbst willen führt.
isoliert sein. Die Vereinsamung von Leitungspositionen, die eine höhere Dieses klassische Ideal der Verschmel-
Teilen der Bevölkerung nimmt zu. Wer Bildung haben und einem starken be- zung mit dem anderen, das mit dem
aber viele Freunde hat, für den können ruflichen Druck ausgesetzt sind, wie Freundschaftskult der deutschen Ro-
sie zu einer Ersatzfamilie werden. All wichtig es für sie ist, einen großen und mantik im 18. Jahrhundert noch einmal
das müssen wir uns genau anschauen. repräsentativen Freundeskreis zu haben. stark wieder aufgelebt ist, prägt gerade
Und auch ein gutes berufliches Netz- den deutschen Freundschaftsbegriff bis
Freundschaft wird wichtiger, und zu­ werk vorweisen zu können, das vom heute. Das sind hehre Ansprüche, die
gleich vereinsamen immer mehr Men­ Freundeskreis oft gar nicht mehr klar an der heutigen Lebensrealität teilwei-
schen? Wie kann das sein? zu trennen ist. Eine Teilnehmerin, die se scheitern müssen. Der angelsächsi-
Tatsächlich wird Freundschaft als zu im Kultursektor tätig ist, sagte, dass sche Freundschaftsbegriff ist da prag-
selbstverständlich betrachtet. Es wird sie auf Veranstaltungen immer zeigen matischer. Amerikaner etwa bezeichnen
zu wenig darüber gesprochen, dass es können müsse, dass sie die halbe Stadt einen viel größeren Kreis von Menschen
auch voraussetzungsvoll ist, Freund- und die wichtigen Leute kennt. Freun- als „friends“.
schaften zu führen. Wir können fest- de sind schon etwas, das man heute
stellen, dass mit steigendem sozialen haben muss. Und wenn man die Sache ganz nüch­
Status die Freundeskreisgrößen wachsen. tern sozialwissenschaftlich betrach­
Man braucht also auch die nötigen Res- Was bedeutet das für eine Freund­ tet: Wie würden Sie Freundschaft
sourcen, um Freundschaften zu pflegen. schaft, wenn es nur noch um Networ­ definieren?
king geht? Aus einer soziologischen Perspektive
Welche Art von Ressourcen? Manche Studienteilnehmerinnen sagten lassen sich Freundschaften als freiwil-
Erst einmal finanzielle. Zusammen in wirklich, dass sie da gewisse Störgefüh- lige, gegenseitige und persönliche Be-
die Kneipe gehen kostet ja schon Geld, le haben, weil sie mit Freundschaft ja ziehungen beschreiben. Auch Kriterien
erst recht ein gemeinsamer Ausflug oder eigentlich etwas anderes verbinden. Ich wie Ganzheitlichkeit, Vertrauen und
Urlaub. Auch leben Freunde heute oft denke, dass so eine Nutzenfreundschaft Intimität werden oft genannt.
nicht mehr alle in der näheren Umge- aber auch gut funktionieren kann, wenn
bung, man muss sich also auch die nö- man sich zu diesem Zweck trifft und Macht der Umstand, dass es sich
tige Mobilität leisten können. Außerdem einander sympathisch findet. Wenn um eine freiwillige und informelle
braucht man Kommunikationskompe- beide Seiten damit offen umgehen, dann Beziehung handelt, für die es keine
tenzen und Konfliktfähigkeit, die man ist das keine Entwertung, sondern eben klaren Regeln gibt, Freundschaft
am besten schon früh erlernt. Was wir eine bestimmte Form von Freundschaft. eher stark oder eher verletzlich?
bei höheren Bildungsschichten beob- Dass Freundschaft nichts Institutiona-
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

achten, ist, dass die Eltern die Kontak- Sind die Kontakte in sozialen Netz­ lisiertes wie etwa die Ehe ist, macht es
te für ihre Kinder zunächst organisieren werken richtige Freunde? zunächst schwieriger. Aber es gibt
und sie unterstützen, wenn es mal Kon- Die große Befürchtung, dass durch das durchaus Regeln impliziter Natur. Dass
flikte gibt. Das kommt bei den unteren Aufkommen der sozialen Netzwerke man zum Beispiel, wenn eine Freundin
sozialen Schichten seltener vor. irgendwann reale Freundschaften nicht in Not ist, alles stehen und liegen lässt
mehr geführt werden, hat sich nicht und ihr zu Hilfe kommt. Die Freiwil-
Stichwort „soziales Kapital“: Welche bewahrheitet. Wir können eher positiv ligkeit und das Informelle machen da-
Vorteile bringen einem diese Fähig­ feststellen, dass mit Social Media ein bei gerade die Attraktivität dieser Be-
keiten später im Leben? zusätzlicher Rahmen entstanden ist, ziehung aus.
Ich habe in meiner Studie Frauen um Freundschaften zu pflegen. Meine
aus verschiedenen gesellschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass die sozia­ Der Soziologe Shmuel Eisenstadt
Schichten befragt, welche Bedeutung len Medien hauptsächlich dazu genutzt sagte, dass darin auch ein subversives
Freundschaften für sie haben. Beson- werden, bestehende Kontakte zu pflegen, Potenzial steckt. Was ist gemeint?

8
Die Bilder
auf diesen Seiten:

Es fing damit an, dass Josh


Kern seine Freunde beim
Skaten fotografierte. Jahre
später ist daraus ein Tage-
buch voller Bilder geworden,
die das Leben seiner Clique
zeigen – beim Feiern, in der
U-Bahn, in der WG-Küche.
„Durch das Teilen von alten
Notizen und Bildern, die
sehr persönlich sind, will ich
meine Angst vor Ablehnung
überwinden“, sagt Josh, der
in Dortmund Fotografie stu-
diert. Die Menschen auf den
Bildern seien die einzigen,
mit denen er sich wohlfühle

9
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

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Die Grenze
Eisenstadt beschreibt, dass Freundschaft zwischen organisieren, dass zu Kindergeburts-
einen Ort bildet, an dem man über ge-
sellschaftliche Normen hinausgehen
Liebe und tagen grundsätzlich immer alle Kinder
aus einer Klasse eingeladen werden.
und politischen Widerstand entwickeln
kann. Freundschaft ist im Gegensatz
Freundschaft Um so einem sozialen Ausschluss von
vornherein entgegenzuwirken. Das hat
zur Familie frei gewählt. Da komme
ich mit meinesgleichen zusammen und
wird dann noch den schönen Nebeneffekt,
dass auch die Eltern sich bei solchen
bin eher geneigt, gemeinsam bestimm- durchlässiger Gelegenheiten treffen. Aber das ist nur
te Ideen zu verfolgen. Gerade in repres- ein Beispiel. Niemand will Freundschaf-
siven Systemen ist es natürlich umso ten verordnen. Es ist aber möglich, Be-
wichtiger, dass Loyalität und Vertrauen Side-by-Side-Freundschaften. Das heißt, dingungen zu schaffen, in denen
als die Urkriterien von Freundschaft Männerfreundschaften sind eher akti- Freundschaft besser entstehen kann,
erfüllt sind. Aber diesen Geborgenheits- vitätsbezogen. Sie unternehmen etwas sodass sich die Grenzen zwischen so-
raum, den Freundschaft mit sich bringt, zusammen, und dadurch entsteht Nähe zialen Milieus nicht noch weiter festi-
brauchen die Menschen auch in unserer und Intimität. Aber es wird nicht groß gen. Überhaupt bin ich überzeugt, dass
Gesellschaft. Auch hier gibt es Härten, gesprochen. Viele Frauen hingegen tref- man durch ganz neue Institutionen
für die Freundschaft eine Kompensati- fen sich lieber, um zu sprechen, auch alternative Lebenspraxen und damit
onsfunktion hat. Als ein Raum, in dem über die Freundschaft selbst. auch neue Formen von Freundschaft
ich mich sozial sicher und anerkannt entstehen lassen kann.
fühle, so wie ich bin. Aber vor allem wird doch immer un­
terstellt, dass der Sex dazwischen­ Zum Beispiel?
Andererseits waren und sind Freun­ kommen muss. Zum Beispiel in Mehrgenerationenhäu-
deskreise oft ein Mittel der Ausgren­ Diese Vorbehalte gab es lange. Aber sern. Eine Freundschaft zwischen einer
zung. Gerade Männerbündeleien unsere Studien zeigen, dass gemischt- 90- und einer 40-Jährigen, die ihr im
haben eine lange Tradition. geschlechtliche Freundschaften immer Alltag helfen kann, gibt es im normalen
Das ist wahr. Die dominierende Stel- öfter vorkommen und dass auch Sex Leben leider selten. Hier kann sie sich
lung der Männer zeigt sich allerdings immer weniger als Ausschlusskriterium entwickeln, und hier ist es auch voll-
nicht nur in Bündeleien und Seilschaf- betrachtet wird. Für Freundschaften, kommen in Ordnung, dass sie auf so
ten, die sich gegenseitig begünstigen in denen auch sexueller Kontakt sein einer Hilfebeziehung beruht. Denn wer
und andere, besonders Frauen, raus- darf, gibt es mit „Freundschaft plus“ im Alter auf seine Freunde hofft, sollte
halten. Die ganze Geschichte der inzwischen ja auch einen Begriff. Ins- sich klarmachen, dass dauerhafte Un-
Freundschaft und was wir heute unter gesamt beobachten wir, dass es zu einer terstützungsaufgaben innerhalb von
Freundschaft verstehen ist stark durch Pluralisierung von Lebens- und Freund- bestehenden Freundschaften problema-
eine Männerperspektive beeinflusst schaftsformen kommt und dabei auch tisch sind. Weil Freundschaft ja eigent-
worden. Und auch stark durch Mitglie- die Grenze zwischen Liebe und Freund- lich von Reziprozität lebt, also davon,
der gehobener gesellschaftlicher Schich- schaft durchlässiger wird. dass man das, was man bekommt, auch
ten. Männerfreundschaften, wie die zurückgeben will. Und das funktioniert
zwischen Goethe und Schiller, sind Durchlässigkeit ist für Sie auch in ab einem bestimmten Punkt nicht mehr,
historisch viel besser dokumentiert als anderer Hinsicht ein wichtiges For­ wenn man hilfsbedürftig ist.
Frauenfreundschaften. Die gab es na- schungsthema. Wie oft werden denn
türlich auch immer, aber über sie wur- Freundschaften über Milieugrenzen
de nicht viel geschrieben. Für Frauen- hinweg geschlossen?
freundschaften gab es keinen offiziellen Sie meinen wie in dem Film „Ziemlich
Raum. Die Frauen mussten sich das beste Freunde“, wo ein wohlhabender
erst erkämpfen. weißer Industrieller sich mit seinem
Schwarzen Krankenpfleger anfreundet,
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

Gar nicht zu reden von Freundschaf­ der aus einfachen Verhältnissen kommt?
ten zwischen Frauen und Männern, Das ist leider immer noch die große
die sogar heute noch als schwierig Ausnahme. In Wirklichkeit sind Freun-
gelten. Warum ist das so? deskreise recht homogen, was Milieu,
Zunächst einmal ist die Vorstellung, Bildung, Einkommen und sozialen Sta-
Frauenfreundschaften und Männer- tus betrifft. Gleich und Gleich gesellt Erika Alleweldt lehrt an
freundschaften seien sehr unterschied- sich gern. Dieser Effekt ist leider stärker der Hochschule für angewandte
lich, immer noch weit verbreitet. Und als die Überzeugung, Unterschiede Pädagogik Berlin im Bereich
ohne solche Differenzierung jetzt fest- zögen sich an. Soziale Arbeit und Sozial-
schreiben zu wollen: Ja, Studien zeigen pädagogik. Sie ist Mitheraus-
durchaus, dass es gewisse Unterschiede Wie ließe sich da gegensteuern? geberin des Buches „Freundschaft
gibt. Frauen pflegen öfter sogenannte Es gibt ein Konzept, das in den USA heute – eine Einführung in die
Face-to-Face-Freundschaften, Männer modellhaft praktiziert wird: Schulen Freundschaftssoziologie”

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Ne me quitte Von Arno Frank

Nehmen wir doch einfach die Zahnlü- Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, mit ei- gebiet der verfeindeten Brüder in Ost
cke. Die Zahnlücke erklärt schon alles.  nem temperamentvollen Emmanuel und West werden sollte.
Gemeint ist, was wir gemeinhin Macron im Élysée-Palast und einer ab- Eine echte Barriere zwischen den
als einen Schönheitsfehler empfinden, wartenden Angela Merkel im Kanzler- romanisierten Kelten in „Frankreich“
die Lücke zwischen den vorderen Schnei- amt, wird gerne von einer „alten Ehe“ und den Germanen und Alemannen
dezähnen. In Frankreich nennt man gesprochen. Also eher eine große, ab- in „Deutschland“ dürfte die Sprache
diese Fehlstellung les dents du bonheur, gekühlte Liebe als eine Freundschaft? gewesen sein. Dennoch war die gegen-
Glückszähne. Es ist keine französische „Staaten haben keine Freunde“, soll seitige Durchdringung auf geistiger
Spezialität, wird dort aber besonders einst der französische Ministerpräsident Ebene enorm, von den Klöstern der
gern gesehen. Die Schauspielerinnen Charles de Gaulle gesagt haben, der Zisterzienser bis zur Ausprägung der
Béa­trice Dalle und Vanessa Paradis, gemeinsam mit Konrad Adenauer am Gotik auch östlich des Rheins. Über-
aber auch Präsident Emmanuel Macron 22. Januar 1963 den sogenannten Élysée- haupt kam mehr aus Frankreich, als
haben „glückliche Zähne“. Vertrag unterschrieb. Das Datum mar- aus Deutschland gekommen wäre. 
Zum Ursprung gibt es folgende kiert das vorläufige Ende einer Ära der Aber welches Deutschland über-
Theorie: Soldaten der ­Grande Armée Gewalt, in der über Jahrhunderte beide haupt? Aus gallischer Sicht erstreckte
mussten in der Lage sein, beim beid- Partner einander die blutigsten Wunden sich jenseits der Mosel ein verwirrender
händigen Nachladen ihrer Ge­wehre im schlugen, sich gegenseitig niedermet- Flickenteppich aus Herzogtümern und
Gefecht die Pappschachteln mit Pulver zelten – doch als Nachbarstaaten immer Grafschaften, überwölbt von der Idee
zu öffnen – und zwar mit den Zähnen. wieder aufeinander angewiesen waren.  eines Heiligen Römischen Reiches Deut-
Wer wegen einer Zahnlücke ausgemus- Beide Länder „waren einmal eins scher Nation.
tert wurde, konnte – anders als die Mil- im Mutterschoße der Zeiten, bevor Bis in die frühe Neuzeit lief es leid-
lionen Opfer der napoleonischen Feld- ihre Lebenswege sich schieden und lich. Deutsche Studenten eilten an die
züge – seine Gene weitergeben. tödlicher Hass zwischen sie kam“, so Universität von Paris, französische
Die Zahnlücke erzählt etwas über schrieb Thomas Mann. Der „Mutter- Händler schipperten die Moselle (Mosel)
die enge Verschränkung von Eros und schoß“ war das Reich von Karl dem hinunter und dann den Rhein strom-
Thanatos, von Zärtlichkeit und Gewalt. Großen, die Trennung erfolgte im Au- aufwärts bis nach Mayence (Mainz).
Darüber, dass die Zeit manchmal Wun- gust 843. Damals teilten Karls drei Angeblich bewunderten die mittelalter-
den heilt – und damit auch etwas We- Enkelsöhne das Territorium unter sich lichen Franzosen den Mut der Deut-
sentliches über das Verhältnis zwischen auf. Karl der Kahle bekam weite Teile schen, verabscheuten aber ihre Sitten.
Deutschland und Frankreich. dessen, was heute Frankreich ist. An Angeblich war es bei den Deutschen
Denn das ist kompliziert. Ludwig den Deutschen fiel ein Gebiet, umgekehrt. Tatsächlich dürften die Be-
Wenn eine Freundschaft immer dessen damalige Umrisse den Grenzen wohner beider Reiche einander größ-
wieder wortreich beteuert und rituell der alten BRD verblüffend ähnlich se- tenteils gleichgültig gewesen sein. 
beschworen werden muss, dann kann hen. Lothar I. erhielt ein langgestreck- Erst Ludwig XIV. bereitete dieser
von Freundschaft eigentlich keine Rede tes „Mittelreich“, das als Puffer zwi- guten Nachbarschaft ein Ende. Ab 1688
sein. Und für keine Freundschaft gilt das schen Ost- und Westfranken über rückten Truppen des Sonnenkönigs ins
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

mehr als für l’amitié franco-allemande.  Jahrhunderte immer wieder Aufmarsch- rechtsrheinische Gebiet vor und hin-
terließen Verwüstungen: etwa im Dom
zu Speyer, wo sie einen Teil der Kaiser-
gräber aufbrachen, die Grabbeigaben
Können Länder befreundet sein? plünderten und ein Großfeuer legten.
Was man eben anstellen muss, um sich
Vor allem, wenn sie so oft Krieg im kollektiven Gedächtnis der Unter-
legenen als Feindbild zu etablieren.
gegeneinander geführt haben? Über Fortan wurden die „Welschen“ als Be-
drohung wahrgenommen, derer sich
das erstaunliche Verhältnis „die Deutschen“, weil heillos in Fürs-
tentümer zersplittert, nicht erwehren
von Frankreich und Deutschland konnten. 

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pas Als er dann schließlich ausbrach, der
Deutsch-Französische Krieg von 1870
bis 1871, entstand nach der Kapitula­tion
von Frankreich im Spiegelsaal von Ver-
sailles das Deutsche Reich und damit
erst die deutsche Nation. Mit Freude
und fliegenden Fahnen ging es mit dem
Ersten Weltkrieg ab 1914 in den zweiten
Waffengang, der das Schlachten auf
die Hand. Wobei er natürlich auch na-
tionale Interessen verfolgte: Das Mons-
ter im Osten, so sein Kalkül, musste
durch Einbeziehung in ein europäisches
Projekt entwaffnet werden. Mit der „Eu-
ropäischen Gemeinschaft für Kohle
und Stahl“ (Montanunion) war Deutsch-
land nicht nur eingemeindet in die kon-
tinentale Familie, dieser Vertrag wurde
industrielles Niveau hob. Bei Verdun auch zum Fundament für die Europä-
Der Hass auf Frankreich aber schweiß- liegt Fleury, eines der zerstörten Dörfer, ische Union.
für „Verlass mich nicht”

te die Deutschen zusammen, wie die der villages détruits. Es gibt noch Orts- Kritisiert wird diese Freundschaft
Liebe zu Frankreich sie spaltete. Ab schilder, die dem Besucher das Herz heute aus zwei Richtungen. Von rechts
1789 flohen deutsche Dissidenten nach brechen, weil es da sonst nichts mehr wird hingewiesen auf die heftige Kon-
Paris. Ihnen entgegen kam kutschen- gibt – nur noch einen bis heute durch kurrenz zwischen den beiden mächtigs-
weise der französische Adel, der sich Munition verseuchten Boden. ten Volkswirtschaften in Europa. Von
vor der Revolution unter anderem nach Über diesen Boden rollten im Zwei- links wird bemängelt, dass Frankreich
Mainz in Sicherheit bringen wollte. Dort ten Weltkrieg die Panzer der Wehr- und Deutschland als „Kerneuropa“ im
wurden die Revolu­tionstruppen 1792 macht. Traumatisch war die Unterwer- Grunde ein Staatenkartell bilden.
noch als Befreier empfangen. fung für die Franzosen auch, weil die Beides trifft zu, beides geht an der
Womit Preußen ins Spiel kommt, Deutschen in Vichy bis zur Befreiung Sache vorbei. Immerhin schlagen sich
*  Französisch

das nach den „Befreiungskriegen“ gegen des Landes ein Regime willfähriger Frankreich und Deutschland heute nicht
Napoleon ein Feindbild brauchte, um Kollaborateure hatten. mehr die Zähne ein, wenn die Bettdecke
die „deutschen Völker“ hinter sich zu Doch nach dem Zweiten Weltkrieg für beide zu kurz ist. Sondern rücken
scharen. Der „Erbfeind“ ist ein Schlag- geschah etwas Merkwürdiges. Charles näher zusammen.
wort des 19. Jahrhunderts. National de Gaulle ergänzte den napoleonischen Mit Blick auf die Vergangenheit
gesinnte Dichter gaben sich große Mühe, Begriff der Grande Nation um Großzü- darf man das durchaus Freundschaft
es den Deutschen einzureden. gigkeit – und reichte Kanzler Adenauer nennen.

Eine Freundschaft unter


Politikern kann auch
dazu führen, dass sich
Länder näherkommen:
der ehemalige französische
Staatspräsident François
Mitterrand (l.)und Ex-
Bundeskanzler Helmut Kohl

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Liebesgrüße
Von Maike Nedo

aus Die Freundschaft zur

Moskau Sowjetunion gehörte zur


Staatsdoktrin der DDR.
Aber woraus bestand sie im
persönlichen Leben? Und
was ist von ihr geblieben?
Eine Erinnerung

widersprüchlichen Beziehung,
die ich wie viele Menschen in
der DDR zur Sowjetunion hat-
te. Bis heute prägt diese Erfah-
rung meinen Blick auf Russland.
Das Heftchen ist voller
kleiner 10-Pfennig-Marken, das
war Monat für Monat der Mit-
gliedsbeitrag. Ich habe sie wahr-
scheinlich in der Hoffnung
eingeklebt, dass mich jede ein-
zelne von ihnen den Freunden
– so sagte man in der DDR zu
den Menschen in der Sowjet-
union – ein Stück näherbringen
würde. Ein Kinderglaube.
Denn in Wirklichkeit geschah
nichts dergleichen. Das Land
und die Menschen, mit denen
ich offiziell befreundet war,
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

Im November 1985 schloss ich eine ungewöhnliche Freund- Erich Honecker (Mitte) blieben mir fern.
schaft. Ich war damals 14 Jahre alt und trat der Gesellschaft und die Kosmonauten Als meine Freundschaft
für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) bei. Mit rund Sigmund Jähn (links) und mit der Sowjetunion Mitte der
sechs Millionen Mitgliedern war sie die zweitgrößte Massen- Waleri Bykowski 1980er-Jahre offiziell begann,
organisation in der DDR. Das blaue Heftchen, das mir zu kühlte die Freundschaft zwi-
Beginn überreicht wurde, besitze ich noch heute. Im Gegensatz schen den beiden Staaten ab. Mit der beginnenden Entspan-
zu den Mitgliedsheften der Jungen Pioniere oder des Deut- nungspolitik von Perestroika und Glasnost unter dem neuen
schen Turn- und Sportbunds habe ich es nach dem Mauerfall Generalsekretär Michail Gorbatschow wollte die DDR-
nicht weggeworfen. Vielleicht ist das Zufall. Vielleicht aber Führung nichts zu tun haben. Reisen in die Sowjetunion
habe ich es in dem Moment, als so vieles seinen Wert verlor, waren für die meisten DDR-Bürger nur als organisierte
was in der DDR noch eine Bedeutung hatte, auch deshalb Gruppenreisen möglich. Dazu kam die Katastrophe von
aufbewahrt, weil es für mich beides war: das Symbol einer Tschernobyl 1986, über die in den DDR-Medien kaum be-
staatlich verordneten Freundschaft und das Zeugnis einer richtet wurde, an der die Bevölkerung aber großen Anteil

16
nahm. Und als im Jahr 1988 die sowjetische Zeitschrift
VERRAT
„Sputnik“ in der DDR verboten wurde, war das für viele ein
Zeichen, dass die offizielle Freundschaft mit der Sowjetuni-
Teil 1
on einen deutlichen Riss bekommen hatte. Nun traten selbst
Leute in die DSF ein, die früher unter keinen Umständen
Mitglieder geworden wären. Sie wollten ein Zeichen setzen,
dass sie den von Gorbatschow eingeschlagenen Reformkurs
für richtig hielten.
Im Alltag war das Bild „unserer Freunde“ auch vorher
schon von Rissen durchzogen. Zu sehr widersprach die
durchweg positive Erzählung vom Sieg der Roten Armee im
Zweiten Weltkrieg den persönlichen Erlebnissen unserer
Eltern- und Großelterngeneration. Die fröhlichen Gesichter
von Irina und Boris in meinem Russischlehrbuch hatten
nichts gemein mit den traurigen Augen der jungen Soldaten
hinter den Gittern der russischen Kaserne, an der ich als

Judas
Kind oft vorbeilief. Kaum älter als ich, steckten sie in viel zu
großen, starren Uniformen. Dennoch gehörten sie einer Ar-
mee an, die einst, im Januar 1945, Auschwitz befreit hatte.
Wir lasen Bücher wie „Ein Menschenschicksal“ von Michail
Scholochow und „Djamila“ von Tschingis Aitmatow und
konnten uns doch kein rechtes Bild machen, wie die Men-
und Jesus
schen in Russland wirklich lebten.
Niemand in meiner Familie oder im näheren Bekann- Eine Szene aus dem Neuen ihn durch einen Kuss verraten
tenkreis in der DDR hatte Kontakt zu Russen. Und auch ich Testament wird zum Inbegriff müssen. Außerdem sei Judas
begegnete ihnen erst, nachdem ich schon lange keine Marken des Verrats und einer Wurzel reich gewesen und nicht auf die
mehr ins Mitgliedsheft einklebte. In den 1990er-Jahren sprach des Antisemitismus. Als Jesus Silbermünzen angewiesen.
mich auf der Straße plötzlich jemand in der Sprache an, die mit seinen Freunden das Viele Theologen legen die
ich seit der fünften Klasse in der Schule gelernt hatte. Aber Pessach-Fest feiert, so die Bibel- Geschichte heute anders aus.
meine russischen Vokabeln passten nicht in die neue Wirk- Überlieferung, ahnt er schon, War das Ganze vielleicht gar
lichkeit in dem Land, das es inzwischen nicht mehr gab. So dass das sein letztes Abend- kein Verrat? Hat Judas nur ei-
wie sie vielleicht nie ins echte Leben gepasst hatten. Mir mahl sein wird. Nach dem Es- nen göttlichen Auftrag erfüllt?
fehlten die Worte, um die verordnete Freundschaft in eine sen geht er mit seinen Jüngern Manche glauben, dass Jesus
echte Freundschaft zu verwandeln. nach draußen, in den Garten von seinem Tod und auch sei-
Wenn ich heute auf der Straße die russische Sprache höre Gethsemane am Ölberg in Je- ner Auferstehung wusste – und
oder Nachrichten aus Russland verfolge, eröffnet sich für mich, rusalem. Eine Gruppe von Ho- Judas geradezu zum Verrat
wie für viele andere Ostdeutsche auch, ein Erinnerungsraum hepriestern tritt heran. Einer aufforderte, damit alles nach
widersprüchlicher Erfahrungen. der Jünger geht direkt auf Jesus Plan verlief. Außerdem bedeu-
In der DDR war die Darüber zu sprechen fällt manch- zu – und küsst ihn. Der Kuss tet das griechische „paradido-
Freundschaft mitunter mal schwer. Denn allzu oft wird ist ein Zeichen, das Judas mit mi“, das die Evangelisten ver-
staatlich verordnet: aus jener alten, vielschichtigen den Priestern abgesprochen hat. wenden, eigentlich „übergeben“.
Ihr Freundschaftsheftchen Freundschaft eine neue abgeleitet: Die Feinde wissen jetzt also, Luther übersetzte es mit „über-
von damals hat unsere eine Putin-Freundschaft. Wie un- wer Jesus ist, sie stürzen auf antworten“ und erst moderne-
Autorin noch zulässig diese Vereinfachung ist, ihn zu, um ihn zu verhaften re Bibelübersetzungen dann
wird deutlich, wenn man sich vor und zu kreuzigen. Judas kas- mit „verraten“. Womöglich hat
Augen führt, dass niemandem, der siert dafür 30 Silbermünzen. Judas Jesus also gar nicht „ver-
in Westdeutschland sozialisiert Diese Figur aus der Bibel raten“, sondern ihn einfach
wurde und von Amerika schwärmt, ist Judas Iskariot. Er wird als „übergeben“, also nur seinen
Sympathien für Donald Trump Prototyp eines Verräters in die Auftrag erfüllt.
unterstellt werden. Ostdeutsche Geschichte eingehen, der Ju- Auch wenn die Bibel keine
haben ein anderes Verhältnis zu daskuss zum Symbol des Ver- historischen Fakten wiedergibt,
Russland als Westdeutsche. rats werden. Die Erzählung katastrophale Folgen hatte die
Ein bisschen lässt sich meine lässt aber viele Fragen offen. Geschichte allemal: Sie hat über
Freundschaft zu Russland mit den Der israelische Schriftsteller Jahrhunderte bei vielen Chris-
russischen Matrjoschkas verglei- Amos Oz hielt sie für eine ge- ten den Hass auf die Juden als
chen, die in fast jeder DDR- fährliche Legende, um den Ju- „Volk der Gottesmörder“ ge-
Schrankwand standen: Öffnet man denhass zu instrumentalisieren. schürt – und wurde oft zum
eine Puppe, kommt die nächste Zum einen sei Jesus stadtbe- Vorwand für Antisemitismus.
zum Vorschein. kannt gewesen, keiner hätte Jenni Roth

17
Die Zeig mir deine Freunde, und ich
sag dir, wer du bist! Irgendwo
im Internet habe ich das mal gelesen.
Es ist Silvester, und ich bin mit meinen
beiden engsten Freunden auf einer
großen Party. Den einen kenne ich
Klingt irgendwie weise, aber bei
aus der Uni, mit dem anderen bin ich
aufgewachsen. Auf mehreren Stock-
mir ging das noch nie so richtig auf
werken eines besetzten Hauses in Ber-
lin hängen Leute herum, rauchen selbst
gedrehte Zigaretten und trinken Bier.
Wir stehen im Hof am Lagerfeuer. Der befand sich nämlich im Osten Berlins, zu müssen, das ich sonst gewohnt bin,
Spaß ist an diesem Abend ungleich ver- und das Herkunftsmilieu vieler meiner fällt weg. Andererseits ist die Clique
teilt: Mein Unifreund hat viel davon, neuen Schulkameraden unterschied manchmal so ruhig, dass ich dort öfter
scherzt und flirtet mit anderen Gästen. sich wesentlich von meinem. Ich kom- zum Wortführer und Clown werde, wo-
Bei meinem Kindheitsfreund geht er me aus Kreuzberg, und auf meiner gegen ich bei meinen anderen Freunden
gegen null, seit geraumer Zeit flucht er Grundschule waren fast ausschließlich eher als der Stille gelte.
nur noch. Das schlimmste Silvester Kinder mit Migrationshintergrund. Ins Nachtleben stürzen kann ich
seines Lebens, wird er später sagen. Es Plötzlich hatte ich also zwei Be- mich mit ihnen nur bedingt. Umso bes-
ist ihm hier zu schmuddelig, zu oll, zu kanntenkreise. Während ich mit meinen ser klappt das dagegen mit den „Cousins“,
dreckig. Er wird nicht warm mit den neuen Schulfreunden auf Partys Wodka einer Gruppe Männer aus Südneukölln.
anwesenden „Hippies“ und verschwin- trank, herumberlinerte und Fußballlie- (Nur einer von ihnen ist wirklich mein
det kurze Zeit später. der grölte, hing ich mit meinen Kreuz- Cousin, aber durch ein Missverständnis
Beide stehen mir sehr nah, ihre berger Jungs in Shisha-Bars herum, hat sich dieser Name für alle durchge-
Lebenswelten haben jedoch nicht viel schwor sehr viel auf Personen und Din- setzt.) Alle sind laute Typen, mit denen
gemein. Mein Unifreund hat nach dem ge und spuckte U-Bahnhöfe voll – ohne ich gut herumblödeln und einen Abend
Abitur eine Weile in London gelebt und jemals die technische Raffinesse meiner lang über Unsinn diskutieren kann
ist auch sonst ziemlich viel auf Reisen. Kumpels zu erreichen. In der Schule („Würdest du lieber gegen einen Bären
Mein Kindheitsfreund machte nach der war ich frech, versuchte ein bisschen oder gegen einen Gorilla kämpfen?“).
Schule eine Ausbildung bei Burger King den Rebellen zu spielen, während ich Irgendwann kann die ewige Stumpfheit
und arbeitete lange als Sicher- in Kreuzberg eher ein Mitläufer war. aber auch nerven, und ich sehne mich
heitsmann. Des einen Eltern sind Mir gefiel die Art meiner aktuellen wieder nach meiner besten Freundin.
Drehbuchautor und Therapeutin, Schulfreunde, sich selbst nicht allzu Was ich jedoch an den Cousins liebe,
die des anderen Koch und Putz- ernst zu nehmen. Was ich aber nicht ist, dass keiner von ihnen ein besonderes
Freundeskreises

frau. Der eine raucht ausschließ- mochte, war ihr ausgeprägter Indivi- Geltungsbedürfnis hat.
lich Selbstgedrehte, der andere dualismus. Bei meinen Kreuzberger Diesen Schlag Mensch lerne ich
hat immer eine Marlboro- Freunden ging es viel gemeinschaftli- nämlich seit Kurzem in großer Zahl
Schachtel dabei. Ihre jeweiligen cher zu. Ein imaginäres Konto, das kennen. Ich gehe oft in Clubs und ge-
Freundeskreise sind extrem un- ständig Entscheidungen auf persönli- rate dort immer wieder an Menschen,
terschiedlich, und doch bin ich chen Profit oder Verlust abwägt, gab deren Lebensinhalt gewissermaßen
selbst Teil von beiden. es da nicht. Sie wären auch heute noch aus Ausgehen besteht. Durchgestylte
Ganz zugehörig habe ich die Ersten, die bei mir auf der Matte Kosmopoliten, die ihren Instagram-
mich aber nie einer Gruppe ge- stehen würden, um mir zum Beispiel Auftritt akribisch kuratieren, auf ge-
fühlt. Ich klemmte zwischen beim Umzug zu helfen. sponserten Events Freigetränke schlür-
den Schubladen fest: zu prollig Während meiner letzten Schuljah- fen und Lebensetappen in anderen
für die Alternativen, zu deutsch re und kurz danach kamen zwei weite- Metropolen hinter sich haben. Enge
für die Ausländer. Obwohl ich re Freundeskreise dazu. Erstens die Freundschaften entstehen da eher nicht,
fluter Nr.

es mir wünschte, hatte ich nie Clique meiner besten Freundin. Eine mir fehlt bei den meisten eine gewisse
die eine Clique, wie man sie aus gemischte Jungs- und Mädchengruppe. Bodenständigkeit. Ich teile aber kultu-
vielen Filmen kennt – eine, in Die meisten sind eher introvertiert, zu- relle Interessen mit einigen und genie-
fluter

der alle ähnlich aussehen, die rückhaltend, an vielem interessiert. Es ße, dass viele von ihnen aus dem Aus-
73, Nr.

gleichen Interessen haben und ist das erste Mal, dass ich eine enge land sind. Hinweise auf meine
Thema:

die gleiche Musik feiern. Statt- Beziehung zu einem Mädchen habe, Sozialisation kann ich beim Englisch-
dessen waren meine Freundes- ohne Hintergedanken. Ich merke, wie sprechen ganz gut verbergen.
72, Thema:

kreise immer sehr verschieden, befreiend es sein kann, nicht nur in Es kommt nun also vor, dass ich
Freundschaft

und in jedem spielte ich eine großen Jungsgruppen unterwegs zu sein. einen Abend Tee trinkend im Shisha-
etwas andere Rolle. Bei ihr kann ich auch meine verletzli- Café verbringe und den nächsten mit
Zuerst passierte das beim cheren Seiten zeigen. Das ganze Auf- einem Herrengedeck in der Eckkneipe.
Tiere

Wechsel auf die Oberschule. Die plustern und das Gefühl, sich beweisen Mal diskutiere ich beim Wein mit einer

18
Quadratur
Von Nikita Vaillant

Künstlerfreundin über kulturelle An- immer allen recht machen. Mit manchen sie sich homophob, rassistisch oder frau-
eignung, dann wieder sitze ich im Park Freunden spreche ich mehr Berlinerisch, enfeindlich äußern.
mit Bluetooth-Lautsprechern, höre bei anderen streue ich vielleicht mal Ich finde es schön, dass ich Zugang
2000er Deutschrap und trinke Whiskey- ein arabisches Wort ein. Aber ich grüße zu verschiedenen Lebenswelten habe.
Cola aus der Dose. nicht gleich überschwänglich mit „As- Ich kann mir überall was abgucken. Und
Zwar benehme ich mich in jeder salamu alaikum“ und Bruderkuss auf es fällt mir leichter, über Äußerlichkei-
Konstellation etwas anders, aber ich die Wange. Auch zu meinen politischen ten, Geschmäcker und Stile hinwegzu-
versuche, nicht völlig zum sozialen Cha- Überzeugungen stehe ich: Bei meinen sehen. Denn was wirklich zählt, sitzt
mäleon zu werden. Man muss es nicht Freunden drücke ich kein Auge zu, wenn eh tiefer als Kleidung oder Frisur.

19
des
Was
     war und
w
  as bleibt
Von Skip Hollandsworth

In der vierten Stunde hatten die Mädchen Sportunterricht.


Nur wenige bemerkten die neue Schülerin. Sie hatte lange
schwarze Haare und mahagonibraune Augen, und als sie die
Turnhalle betrat, setzte sie sich allein auf die Tribüne. Neu-
gierig starrte sie auf die Mädchen in ihren Shorts und T-Shirts,
die Hampelmänner und Liegestütze machten. Sie war unsicher,
was sie tun sollte, und schien etwas verloren.
Kurz vor Ende der Stunde kam eine Schülerin auf sie
zu, sie hatte strohblondes Haar und türkisfarbene Augen. Auf
ihrem blauen T-Shirt stand in weißen Buchstaben ein Bibel-
vers, Matthäus 4,19: „Folgt mir nach, ich will euch zu Men-
schenfischern machen.“
Das Mädchen mit den blonden Haaren lächelte. „Ich
bin Jaelyn“, sagte sie.
Das Mädchen mit den schwarzen Haaren lächelte zurück.
„Ich bin Sabika.“ Und sie erzählte, dass sie eine Austausch-
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

schülerin aus Pakistan sei.


„Das ist ja cool“, antwortete Jaelyn. „Pakistan.“
Die Mädchen unterhielten sich weiter. Jaelyn erzählte
Sabika, dass sie mit vollem Namen Jaelyn Cogburn hieß. Sie
war 15, ebenfalls neu an der Schule und kannte noch nicht
viele Leute. Auch Sabika nannte ihren vollen Namen und ihr
Alter, Sabika Sheikh, 16. Sie kannte noch niemanden.
Die Glocke läutete. Jaelyn und Sabika zogen weiter zu
ihren nächsten Unterrichtsstunden. Am Ende des Schultages
lief Jaelyn zum Parkplatz, wo ihre Mutter Joleen schon war-
tete. Während sie auf den Beifahrersitz kletterte, erzählte sie
von dem Mädchen, das sie im Sportunterricht kennengelernt
hatte. „Mom“, fragte sie, „wo ist Pakistan?“

20
Die Austauschschülerin Sabika aus
Pakistan wurde Jaelyns beste Freundin an
der Highschool. Sie sprachen über Jesus,
Allah und ihren Schulalltag. Bis eines Tages
ein Mitschüler um sich schoss
21
„Das liegt auf der anderen Seite der Welt“,
sagte Joleen. Sie blickte ihre Tochter
etwas verwundert an. „Bist du dir sicher,
dass sie Pakistan gesagt hat?“
Trotz der Nähe zu Houston fühlt
sich Santa Fe mit seinen 13.000 Ein-
wohnern immer noch sehr nach Klein-
stadt an. Joleen, 35 Jahre alt, und ihr
Mann Ja­son, 46, leben mit ihren sechs
Kindern, von denen drei adoptiert sind,
auf dreieinhalb Hektar in einem gemüt-
lichen zweistöckigen Haus neben einem
kleinen Teich. Ihre Nach-
Jaelyn und barn bauen Gemüse an
Sabika und besitzen ihr eigenes
 (ganz links) Vieh. „Um ehrlich zu sein,
mit Freunden passiert in unserer Ge-
gend nicht viel“, sagte Jo-
leen eines Nachmittags an ihrem Kü-
chentisch. Sie schmunzelte. „Na ja,
unser Pastor ist mal auf dem Weg zur
Kirche gegen eine Kuh gelaufen.“
Wie alle Kinder der Familie Cog-
burn wurde auch Jaelyn, das älteste
eigene Kind, zu Hause von Joleen un-
terrichtet, die sich in ihrem Lehrplan an der Bibel orientier- ihren anderen drei Kindern wach. Wie jeden Morgen hatte
te. Jaelyn war schüchtern. Abgesehen von der Gesellschaft sie der Gebetsruf geweckt, der aus den Lautsprechern des
ihrer Geschwister und ein paar Mädchen aus ihrer kirchlichen Minaretts der benachbarten Moschee kam. „Aschhadu an
Jugendgruppe war sie meistens für sich. Doch irgendwann laa ilaha illa’Llah“ („Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer
hatte sie ihre Eltern mit dem Beschluss überrascht, dass sie dem einen Allah gibt“), sang der Muezzin, und seine Stimme
nun neue Leute kennenlernen wollte. Sie sagte, Gott habe hallte durch die Straßen.
es ihrem „Herzen aufgetragen“, auf die Highschool in Santa Sabika erzählte ihren Eltern von ihrem ersten Tag an
Fe zu gehen. der amerikanischen Highschool.
Joleen und Jason erwarteten, dass es ihrer Tochter schwer- „Und wirst du gut behandelt?“, fragte Aziz sie.
fallen würde, sich an das Leben an einer öffentlichen Schule „Ja, Baba“, sagte Sabika, „sehr gut.“
mit 1.500 Schülern zu gewöhnen. Das Gegenteil war der Fall. Seit Sabika ein kleines Mädchen war, hatten Aziz und
Jaelyn kam am ersten Schultag strahlend nach Hause und Farah sie die islamischen Gebote für ein tugendhaftes Leben
berichtete ganz aufgeregt von dem Mädchen aus Pakistan. gelehrt. Zum Beispiel, dass sie Wut, Gier, Unehrlichkeit oder
Als Joleen sich an das Abendessen machte, zog sich Jaelyn Misstrauen nicht in ihrem Herzen tragen sollte und dass sie,
in ihr Schlafzimmer zurück, wo fünf Bibeln in ihrem Bücher- wenn sie Barmherzigkeit von Allah erwartete, auch anderen
regal aufgereiht waren. Sie googelte Pakistan und erfuhr, dass gegenüber barmherzig sein sollte.
es in Südasien liegt. Dass es auf der einen Seite an Indien Sabika war eine hervorragende Schülerin. Bereits am
und China grenzt und auf der anderen an Afghanistan und Ende ihrer Grundschulzeit sprach sie fließend Englisch. In
Iran. Sie las, dass fast alle 200 Millionen Einwohner Pakistans der weiterführenden Schule gewann sie den Golden Pen
Muslime sind. Jaelyn ging wieder nach unten, lief in die Kü- Award für kreatives Schreiben und war die Zweitbeste ihrer
che und erklärte Joleen, dass Sabika wahrscheinlich Muslimin Klasse bei den Abschlussprüfungen. Freundschaften zu
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

sei. „Weißt du, Mom“, sagte sie, „ich habe bis jetzt noch nie schließen fiel ihr leicht.
einen Muslim getroffen.“ Am Telefon machte sich Sabika mit ihren Freundinnen
„Tja, vielleicht hat Gott euch ja nicht ohne Grund zu- über pakistanische Fernsehserien und über Popsänger lustig,
sammengebracht“, antwortete Joleen. „Wer weiß? Vielleicht die in der Musiksendung „Coke Studio Pakistan“ aufgetreten
werdet ihr beiden Freundinnen.“ waren. Sie sprachen über amerikanische Fernsehsendungen,
Am selben Abend ging Sabika im Haus ihrer Gastfami- die sie auf YouTube angeschaut hatten – „American Idol“,
lie, einem in Pakis­tan geborenen muslimischen Paar, das „America’s Got Talent“, „Friends“ und die „Ellen DeGeneres
schon seit Jahren ein ruhiges Leben in Santa Fe führte, in Show“. Und manchmal fragten sie sich, wie das Leben in
ihr Zimmer und rief ihre Eltern an – im über 13.000 Kilo- Amerika wohl wirklich ist.
meter entfernten Karatschi. Im Herbst 2016 erfuhr Sabika von ihrer älteren Cousine
In der weitläufigen Hafenstadt im Süden Pakistans hat- Shaheera von einem Austauschprogramm des US-amerika-
te der nächste Tag schon begonnen. Sabikas Mutter Farah nischen Außenministeriums, das nach dem 11. September
und ihr Vater Aziz waren seit der Morgendämmerung mit 2001 vom Kongress ins Leben gerufen worden war, um die

22
kulturellen Beziehungen zur muslimischen Welt zu stärken. Ihren Freunden erzählten Jason und Joleen erst später von
Sabika zögerte nicht lange und erzählte ihren Eltern, dass dem neuen Gast. Sie konnten sich deren Reaktion bereits
sie sich dafür bewerben wollte. vorstellen: „Was macht ihr denn mit einem muslimischen
Im Januar 2017 bekam sie die Nachricht, dass sie eine Mädchen aus einem Land, in dem Terroristen leben?“
von etwa 900 Schülerinnen und Schülern war, die ausgewählt Als sich Heiligabend näherte, äußerte Sabika den Wunsch,
worden waren. „Ich bin wie eine Verrückte herumgesprungen“, zusammen mit der Familie zur Kirche zu gehen. Gekleidet
sagte sie damals in einem YouTube-Video, das sie für ihre in ein knöchellanges tradi­tionelles pakistanisches Kleid setz-
Freundinnen aufgenommen hatte. te sie sich neben Jaelyn. Verblüfft hörte
Obwohl sie ihren Eltern versichert sie zu, als der Pastor davon sprach, dass
hatte, dass ihre ersten Tage an der Santa
Fe High gut verlaufen waren, vertraute In den USA war Jesus in einem Stall von einer Jungfrau
geboren worden war. Sie beobachtete, wie
Sabika ihrer Cousine an, dass es ihr schwer-
fiel, sich dort einzuleben. Sie konnte den es für Sabika die Gläubigen das Abendmahl feierten,
und sie erhob sich mit allen anderen, um
Witzen ihrer Klassenkameraden und den
Anspielungen auf Filme und Songs kaum
zunächst ziemlich christliche Lieder zu singen.
Am nächsten Tag feierte Sabika
folgen. Sie spürte auch, dass sich andere
Schüler um sie herum unwohl fühlten und
schwer, Freunde Weihnachten mit den Cogburns, in der
Woche darauf besuchten sie zusammen
sie wegen ihres Akzents nicht verstanden.
Die einzige Ausnahme, so erzählte
zu finden ein christliches Treffen. Dort verbreitete
sich die Nachricht, dass sie eine prakti-
sie Shaheera, war ein schüchternes Mäd- zierende Muslimin sei. Ein Teenager frag-
chen in ihrem Sportunterricht – Jaelyn Cogburn. Jeden Tag te Sabika, ob sie eine Terroristin sei. „Hör auf damit!“, fauch-
in der vierten Stunde lief Jaelyn mit Sabika die Aufwärm- te Jaelyn, „Sabika ist meine Freundin!“
runden in der Sporthalle und stellte ihr dabei Fragen, die „Du bist mit ihr befreundet?“ Der Junge ließ nicht locker.
auf dem basierten, was sie im Internet recherchiert hatte. „Wir sind beste Freundinnen“, konterte Jaelyn.
Durfte Sabika tatsächlich kein Schweinefleisch essen, weil Genauso wie in Pakistan war Sabika auch in den USA
es als unrein galt? (Richtig.) Würde sie ihren Eltern erlauben, eine gute Schülerin. In Physik hatte sie Bestnoten. Für den
ihre Ehe zu arrangieren? (Höchstwahrscheinlich, obwohl Englischunterricht las sie pflichtbewusst amerikanische
sie den Mann zuerst würde treffen wollen.) Und glaubte sie Klassiker und schrieb eine Arbeit über die #MeToo-Bewegung.
wirklich, dass der Koran das letzte Wort Gottes war? (Na- In Geschichte hielt sie eine Präsentation über Pakistan, in
türlich, sagte Sabika.) der sie von den freundlichen Menschen und dem leckeren
Das Ganze funktionierte auch umgekehrt, und auch Essen schwärmte. Auch in anderer Hinsicht hinterließ sie
Sabika, die zuvor noch nie einen Christen getroffen hatte, einen bleibenden Eindruck. „Ich weiß nicht, wie ich das
fragte Jaelyn nach ihrem Glauben. Jaelyn erklärte, dass sie genau erklären soll, aber man hat sich in Sabikas Gesell-
im Alter von fünf Jahren ihr Leben Jesus Christus gewidmet schaft einfach wohlgefühlt“, sagte ihr Sport-
hatte. Sie zeigte Sabika die Bibel-App auf ihrem Handy, Sa- lehrer. „Sie hat nie gestritten, und sie war nie Sabika bekam
bika öffnete ihre Koran-App zusammen mit dem digitalen verärgert. Sie war eine Friedensstifterin.“ in Pakistan Aus-
Kompass ihres Telefons. Er war ihr verlässlicher Begleiter, Jeden Abend lag sie mit Jaelyn auf ihrem zeichnungen für
damit sie bei ihren täglichen Gebeten immer nach Osten in Bett – Sabikas Kopf an einem Ende, Jaelyns ihre schulische
Richtung Mekka blickte. am anderen. Mithilfe ihrer Smartphone-Apps Leistung
Jaelyn und Sabika trafen sich nun jeden Tag zum Mit- zitierte Jaelyn die Bibel und Sabika den Koran.
tagessen in der Schulkantine. Im Oktober lud Jaelyn Sabika So ging es stundenlang, bis sie schließlich das Thema wech-
zu sich nach Hause ein. „Willkommen in Texas!“, sagte Jole- selten und sich darüber austauschten, was an diesem Tag in
en und umarmte sie. Für Sabika war Joleen wie alle ameri- der Schule passiert war.
kanischen Mütter, die sie im Fernsehen gesehen hatte – hübsch, Manchmal wurde
aufgeschlossen und immer bereit, alles stehen und liegen zu Sabika aber auch mit
lassen, um einem ihrer Kinder zu helfen. tragischen Aspekten
Anfang Dezember erwähnte Sabika gegenüber Jaelyn, des Lebens in den USA
dass sie gern in eine neue Gastfamilie umziehen würde und konfrontiert. Im Januar
deshalb die Stipendienorganisation kontaktiert habe. Ihre erfuhren sie und Jaelyn,
jetzigen Gasteltern seien sehr nett, aber sie wolle unbedingt dass ein Schüler der
erleben, wie das Leben in einer nichtmuslimischen amerika- Santa Fe High Selbst-
nischen Familie aussehe. Am selben Abend fragte Jaelyn ihre mord begangen hatte.
Eltern, ob sie Sabika aufnehmen könnten. „Schatz, ich muss Am Valentinstag erhiel-
schon sechs Kinder großziehen“, war Joleens prompte Ant- ten sie auf ihren Handys Eilmeldungen, dass es eine Schie-
wort. Aber sie bemerkte Jaelyns flehenden Blick. ßerei an einer Highschool in Florida gegeben hatte. Ein
Schließlich bekam Sabika ein Schlafzimmer im Ober- 19-jähriger Ex-Schüler hatte 17 Schüler und Mitarbeiter ge-
geschoss. Sie hängte eine pakistanische Flagge an die Wand tötet, weitere 17 verwundet.
und klebte eine ihrer Lieblingspassagen aus dem Koran an Sabika war mit Gewalt an Schulen vertraut. Im Laufe
das Kopfteil ihres Bettes. der Jahre hatten die Taliban in den Stammesgebieten Pakis-

23
tans die Schulen gewaltsam geschlossen, an denen Mädchen gewesen waren. Die Cogburns sahen sich jede Schülerin an,
unterrichtet wurden. Im Jahr 2014 überfielen bewaffnete die aus dem Bus stieg, in der Hoffnung, dass Sabika auftau-
Männer eine Schule in der Stadt Peschawar und töteten chen würde. Der letzte Bus kam um 13:30 Uhr, in ihm saßen
149 Menschen, darunter 132 Schüler. Doch das, was in Park- die Schüler aus dem Kunstraum. Joleen fragte, ob jemand
land, Florida, geschehen war, konnte Sabika nicht verstehen. Sabika gesehen habe. Eine Schülerin erzählte, dass sie mit-
Warum, fragte sie Jaelyn, lief ein amerikanischer Junge, der bekommen habe, wie Sabika morgens zum Kunstunterricht
mit Privilegien gesegnet war, die die meisten Pakistanis nur gegangen war, aber nicht, dass sie den Raum wieder verlassen
aus dem Fernsehen kennen, Amok? hatte. Dann bekam Jason einen Anruf von einem Freund im
Krankenhaus. Er nahm Jaelyn und Joleen mit in einen leeren
Der Frühling begann. Da ihre Zeit in den USA langsam zu Raum, um ihnen zu sagen, dass Sabika tot
Ende ging, versuchte Sabika, noch möglichst viel vor ihrer war. Jaelyn brach zusammen, und Joleen Sabikas Grab
Rückreise nach Pakistan zu unternehmen. Sie trug Jaelyns begann zu schreien. in Karatschi wird
Cowboystiefel zum Rodeo in Houston, und sie versuchte das Nachdem die Cogburns nach Hause nicht nur von
Fahrradfahren zu lernen. gefahren waren, ging Jason nach draußen ihrem Vater
Aber sie hatte auch Heimweh und sah sich online Kri- und rief Aziz an. Dieser stand in Karatschi häufig besucht –
cketspiele der pakis­tanischen Nationalmannschaft gegen in seinem Wohnzimmer, umgeben von Freun- auch von Fremden
Indien an. Sie streamte die Fernsehshow „Coke Studio Paki- den und Verwandten, die von der Schießerei
stan“. Dann schrieb sie einen Brief an Jaelyn. „Ich weiß gehört hatten. Farah saß mit den Kindern auf dem Sofa.
wirklich nicht, wie ich deine Abwesenheit ertragen soll, wenn Nachdem er mit Jason gesprochen hatte, legte Aziz das Te-
ich wieder in Pakis­tan bin. Du bist toll, witzig, fürsorglich, lefon nieder. Er wandte sich an alle im Raum und sagte:
sensibel, gottliebend, menschenliebend, eine Frohnatur, po- „Sabika lebt nicht mehr.“
sitiv und einfach nur fantastisch.“ Acht Schüler und zwei Lehrer starben an diesem Tag
Sabikas Rückkehr nach Karatschi war für den 9. Juni an der Santa Fe High, 13 weitere wurden verwundet. Der
geplant. Am 18. Mai, noch bevor die Sonne aufging, aßen 17-jährige Schüler Dimitrios Pagourtzis wurde verhaftet. Er
Sabika und Jaelyn schnell ihr Frühstück und fuhren dann gestand die Morde.
mit dem alten grünen Pick-up der Familie zur Schule. Jaelyn Dimitrios war nicht vorbestraft. Als Kind war er Mitglied
hatte zwar keinen Führerschein, aber die Schule war weniger einer Tanzgruppe der griechisch-orthodoxen Gemeinde. Spä-
als eine Meile entfernt, und der Weg führte über eine Neben- ter spielte er in einem der Footballteams der Schule. Er war
straße. Auf dem Weg vom Parkplatz zu den Unterrichtsräumen ein ruhiger Typ, viele
verabschiedeten sie sich voneinander. Schüler kannten ihn
Wenige Minuten nachdem Jaelyn sich im Biologieunter- überhaupt nicht. Jaelyn
richt an ihren Platz gesetzt hatte, ertönte der Feueralarm. und Sabika waren ihm
„Das ist wahrscheinlich nur eine Übung“, sagte die Lehrerin. zuvor nie begegnet,
„Lasst all eure Sachen bei euren Tischen.“ aber ihre Freundin Sa-
Jaelyn verließ die Schule zusammen mit ihren Klassen- mantha hatte schon ein
kameraden durch eine Seitentür. Draußen rasten mehrere paar Mal versucht, mit
Polizeiautos mit lautem Sirenengeheul vorbei. Ein Lehrer ihm zu reden; sie mach-
erzählte von einer Schießerei im Kunstraum, und in der Fer- te ihm einmal ein Kom-
ne sah Jaelyn ein Mädchen, das aus der Schule humpelte. Sie pliment wegen der
versuchte mehrfach, Sabika anzurufen, doch es meldete sich Kampfstiefel, die er oft in der Schule trug. Aber er hatte sie
immer nur die Mailbox. Die lokalen Fernsehsender unterbra- stehen lassen, ohne ihr eine Antwort zu geben.
chen ihre laufenden Sendungen und warnten davor, dass sich Angeblich führte eine Begegnung mit einer 16-jährigen
ein Amokläufer an der Highschool in Santa Fe aufhielt. Schülerin zu Dimitrios’ Tat. In diesem Frühjahr hatte Dimi-
In Karatschi hatten Aziz, Farah und ihre Kinder gerade trios mehrmals versucht, sich mit ihr anzufreunden, doch sie
zu Abend gegessen. Aziz schaltete den Fernseher ein, um sich hatte ihn immer wieder abblitzen lassen. Nach Aussagen
die neuesten Nachrichten des Senders Pakistan 92 anzusehen. ihrer Mutter habe sie Dimitrios vor den Augen mehrerer
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

Er las im Newsticker von einer Schießerei an einer texanischen Mitschüler zurückgewiesen – wenige Tage vor der Schießerei.
Schule und wechselte zu CNN. Auf dem Bildschirm erschien Sabika gehörte zu denen, die versucht hatten, zu fliehen.
ein Foto der Highschool, die seine Tochter besuchte. Dimitrios schoss ihr in die rechte Schulter, in die Stirn und
Aziz rief Sabika an, 24 Mal in Folge. Schließlich versuch- die Wange. Dann ging er hinaus auf den Flur und zielte auf
te er es bei Jason, der inzwischen mit Joleen zur Highschool weitere Schüler, einen Lehrer und einen Sicherheitsmann der
gefahren war. Die beiden Männer hatten noch nie zuvor mit- Schule. Schließlich, 30 Minuten nachdem er die ersten Schüs-
einander gesprochen. Jason sprach langsam, damit Aziz ihn se abgefeuert hatte, gab er auf.
verstehen konnte. Er sagte, Sabika werde vermisst, und sobald Ein paar Tage nach der Schießerei fuhren Jaelyn und
er mehr Informationen habe, werde er zurückrufen. ihre Familie zu einem Bestattungsinstitut. Sie sahen Sabikas
Jason, Joleen und Jaelyn wurden in ein nahe gelegenes Körper, der gewaschen, in weiße Leinentücher gewickelt und
Schulgebäude geschickt, genauso wie andere Familien, die in einen schlichten Holzsarg gelegt worden war. Die Ein-
noch auf der Suche nach ihren Kindern waren. Immer wieder schusslöcher in ihrem Gesicht waren überschminkt. Sabikas
kam ein Bus mit Schülern an, die noch in der Highschool Sarg wurde in die grün-weiße Flagge Pakistans gehüllt und

24
nach Karatschi geflogen, wo eine pakistanische Ehrengarde
VERRAT
wartete. Später wurde ihr Körper von der Wohnung ihrer
Eltern zu einem kleinen Friedhof gebracht, aus dem Sarg
Teil 2
genommen und in ein flaches Grab unweit des Grabes ihrer
Großeltern gelegt. Aziz drehte Sabikas Gesicht nach Osten,
sodass sie immer nach Mekka blicken würde.
In ganz Südasien war Sabikas Tod auf den Titelseiten der
Zeitungen. Reporter beschrieben sie als Pakistans Märtyrerin
– eine idealistische junge Frau, die nach Amerika gereist war,
gespannt darauf, das Beste der Kultur kennenzulernen, nur
um das Schlimmste zu erleiden. Wütende Pakistanis erklärten,
dass die Vereinigten Staaten kein Recht hätten, andere Länder

Stella
als terroristisch zu denunzieren, während sie selbst unter ihrer
ganz eigenen Version des Terrorismus litten.
Aziz war nie politisch aktiv, aber jetzt gab er Interviews,
in denen er Präsident Trump bat, Gesetze zu erlassen, die
amerikanische Teenager daran hindern, Schusswaffen zu
erwerben. „Keine anderen Eltern sollten jemals diese uner-
und Lilo
trägliche Trauer erleben müssen“, sagten Aziz und Farah
in einer Pressemitteilung. „Sabikas Bild ist jeden Moment
vor unseren Augen, und ihre Stimme und Herbst 1939. Hitler hat gerade vor der Deportation zu bewah-
Eines der ihr Lachen hallen in unseren Ohren. Für den Zweiten Weltkrieg begon- ren, erklärt sich Stella bereit,
letzten Bilder eine Mutter und einen Vater bleiben dieses nen. Die Lebensbedingungen versteckt lebende Juden zu
der beiden Trauma und diese Trauer bestehen bis zum der Juden in Deutschland ver- verraten. So geht das über Jah-
Freundinnen letzten Atemzug.“ schärfen sich immer weiter. Für re – auch noch, nachdem ihre
entstand Die Cogburns wandten sich an ihre Kir- jüdische Jugendliche hat sich Eltern im Konzentrationslager
vor einem che, um Trost zu finden. Ende Mai bat Joleen ihr letztes bisschen Freiheit ermordet wurden.
Abschlussball den Pastor, einen Trauergottesdienst für Sa- ins Private verlagert, in die Laut Peter Wyden treffen
bika abzuhalten. Es war eine besondere Bitte Wohnungen ihrer Eltern. Auch sich Stella und Lilo im Febru-
– eine Gedenkfeier für eine Muslimin in einer evangelikalen für die beiden Teenager Stella ar 1944 zufällig wieder – als
Kirche. Mehr als 100 Personen nahmen daran teil. Sie san- Goldschlag und Lieselotte sie beide vor einem Milchladen
gen die christlichen Lieder, die Sabika am liebsten gemocht „Lilo“ Streszak, die sich in die- anstehen. Lilo weiß erst nicht,
hatte, „Reckless Love“ und „What a Beautiful Name“. sem Jahr anfreunden. Stella wie sie reagieren soll: Sie hat
Nach dem Gottesdienst war Jaelyn in etwas besserer ist 17, Lilo 16. Sie lernen sich durch Gerüchte erfahren, dass
Verfassung. Im Laufe der folgenden Tage hatte sie jedoch in Berlin-Wilmersdorf kennen, ihre Freundin von der Gestapo
Schwierigkeiten, sich auf etwas anderes als Sabikas Tod zu treffen sich mit anderen Jugend- „umgedreht“ worden sei und
konzentrieren. Sie schickte Textnachrichten an Sabikas lichen in der Wohnung des Juden verrate. Wydens Recher-
Mutter, und eines jüdischen Kaufmanns Kurt chen zufolge unterhalten sich
Abends rief sie Farah Kübler in der Mommsenstraße. die beiden Frauen eine Weile
an, nur um ihre Stimme Die Gäste unterhalten sich, und versprechen einander, in
zu hören. Doch Farah tanzen und flirten – so be- Kontakt zu bleiben.
klang so sehr nach ihrer schreibt es Stellas früherer Tatsächlich steht Stella
Tochter, dass Jaelyn Mitschüler Peter Wyden in wenige Tage später vor Lilos
zusammenbrach. seinem Buch „Stella Gold- Wohnungstür – in Begleitung
Jaelyn wurde von schlag. Eine wahre Geschich- eines Mannes in Zivil. „Es tut
einem immer wieder- te“, dem einzigen Augenzeu- mir leid, Lilo“, sagt Stella. „Ich
kehrenden Traum ge- genbericht aus dieser Zeit.   muss dich auf Befehl der Ge-
quält. Sie würde nach Als Jüdinnen sind Stella stapo verhaften. Mach keine
Karatschi reisen, um ihre Freundin zu sehen, aber jedes Mal, und Lilo der ständigen Gefahr Geschichten, sonst muss ich
wenn Jaelyn versuchte, sich ihr zu nähern, drehte sich Sabi- der Verfolgung ausgesetzt. Des- von der Schusswaffe Gebrauch
ka um und rannte weg. Sabikas Gesicht sah aus, als wäre es halb besorgen sie sich falsche machen.“ Lilo wird in ein Sam-
verbrannt. „Ich will nicht mit dir reden!“, schrie Sabika im Papiere und leben im Unter- mellager gebracht und von dort
Traum. „Lass mich in Ruhe!“ Jaelyn würde ihr nachlaufen, grund. Doch dort verlieren sich nach Theresienstadt deportiert.
doch Sabika würde jedes Mal verschwinden. die beiden Freundinnen aus „Lieselotte ist freiwillig ins La-
den Augen. Als Stella verhaftet ger mitgekommen. Ich hatte
und von der Gestapo gefoltert sie nur besucht“, gab Stella
wird, nimmt die Geschichte später vor Gericht zu Protokoll.
Aus dem Englischen von Claudia Eberlein dieser Freundschaft eine fata- „Sie ist nie meine Freundin ge-
© Texas Monthly 2019 le Wendung. Um ihre Eltern wesen.“ Jenni Roth

25
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über Couchsurfing

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Jährigen haben gar keine


in diesem Spiel
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die aus einem anderen
(18–24-Jährigen: 59 %)

auf und zeigst

ständlichkeit.

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richtig guten Freunde
46 % haben Freunde,
+

Freunde sind
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13 % der 14–29-


Auch nicht
Land stammen

Du nimmst

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der Menschen sehr wichtig

Klassenfahrt und
und erzählst es

Wonneproppen du
Freundin aus –

erzählt allen,

einer Online-Umfrage
in einer Freundschaft

deiner besten

fährt mit auf

Das gaben fast 10 %


Du gehst mit

Deine Mutter
Ehrlichkeit ist 62 %

was für ein

Elternmoment an
dem Freund

doch warst

als peinlichsten
der Teilnehmer
ihr nicht
-

-
haben (18–24-Jährige: 71 %) 
ausschließlich über soziale

geringeren Bildungsstand
Dir ist es egal,

oder wenig weiß


Freunde, mit denen sie

ob jemand viel
Medien Kontakt halten

58 % sagen, sie haben


Nur 8 % aller 18–34-

Freunde, die einen


geht pleite
Jährigen haben

Instagram
-

+
45 % haben ihre aktuellen

deine Mutter auf


+

83 % der Eltern, die bei

dort mit ihren Kindern


Arbeit kennengelernt

Du blockierst

Facebook sind, sind


Du bekommst
Freunde bei der

guten Job

Facebook

befreundet
einen

A U S B I L D U N G

-
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– Du entscheidest Du diskutierst Du schläfst Du findest
,
un Du dich gegen gern mit deinem eine WG, stellst en
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al L H d h den Bachelor- über Politik besten Freund die Wohnung
b ie aut ä lf ve eir Abschluss und aber mit deinem in fr ei ei
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he ds Stu man echte Freundschaften Freunde, die andere   einen Freund   Freundschaft plus – 79 % wollen t te d t ei ie
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  Mitsp mit Kindern unter 6 Jahren nur wichtiger – sie haben schon mal einen größeren mit anderen religiösen

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  ei 31 % der Menschen sind Freunde nicht sich von ihren Freunden haben Freunde

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schließt ihr euch sehr glücklich den Kredit, du Kirche aus

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Kitaplätze gibt, Single und damit verwehrt dir aus der
Weil es zu wenig Du bist Die Bank Du trittst

Phase“ werden Freunde

(siehe Auftaktinterview)
In der „Empty-Nest-
Deine Kinder

wieder wichtiger
ziehen aus
F U R E B

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Du hast starken

„sozial unverträglichem
25 % leiden je nach
Mundgeruch

Tageszeit unter

Mundgeruch“

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Freunde sind unbezahlbar,

auch nach der Trennung mit


efängnis: Manchmal ähnelt

Freundschaft führen kann


dem Ex-Partner eine gute
51 % sagen, dass man
Ehe zerbricht

Markt für Freundschaften.


Deine

r? Im Leben vielleicht nicht SPIELREGEL

+
wer am Ende des Spiels Nehmt einen oder
zwei Würfel, Spielfiguren
Freunde hat und los geht’s. Wer zuerst
beste Wohnkonzept im Alter

zehn Freunde hat,


Zwei von drei Senioren
halten eine WG für das
eine Alten-WG
Du ziehst in

gewinnt.

  /   J U G E N D
+

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Du spielst Mist, deine In der Grundschule Im Sandkasten
Schlagzeug in der Eltern ziehen bist du eine hast du den
Schülerband mit dir in eine Streberin. größten Bagger
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andere Stadt Gute Freundinnen


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ein Hobby mit ihren Freundschaften, Freundschaft aus, dass man 41 % haben Freunde,
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Freunden, aber weil man nicht mehr in füreinander da ist, denen es finanziell deutlich
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nur 26 % der Frauen der Nähe wohnt wenn man sich braucht schlechter geht
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- - + +
+
Alles,
Von Steven Meyer
Fotos: Ryan James Caruthers

was
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

ich hasste 28
Das Gegenteil von
Freundschaft ist
Feindschaft. Unser
Autor hat sie in seiner
Schulzeit zu spüren
bekommen. Hier
erzählt er, wie es sich
anfühlt, gemobbt
zu werden

„Was ist mit dir, Schwuchtel?“, rief der


große, kräftige Typ mit den schwarzen
Haaren. Er stand mit drei oder vier an-
deren Jungs vor meiner Schule. Genau
diese Situation versuchte ich immer zu
vermeiden und ließ deshalb jeden Tag
ungefähr eine Viertelstunde nach Schul-
ende verstreichen, bis ich mich auf den
Weg nach Hause machte. An diesem
Tag warteten sie aber auf mich. Sie wuss-
ten, dass ich irgendwann nach Hause
gehen würde. Einer von ihnen kam auf
mich zu. Er schubste mich. Alle lachten.
Ich wusste nicht, was ich machen soll-
te. Er war zwei Köpfe größer als ich,
aber auch sonst hätte ich nicht den Mut
gehabt, mich zu wehren. Er packte mich
an den Schultern, holte mit dem Kopf
nach hinten aus und schlug ihn mit
voller Wucht gegen meinen. 
Aber mal von vorn. 
Als Kind habe ich gern mit Puppen
gespielt, wollte Tierarzt werden und
gründete mit einer Freundin den „Tier-
und-Pflanz-Club“. Als mich meine El-
tern in einen Fußballverein steckten,
pflückte ich während der Spielzeit lieber
Blumen, statt den Ball meinen Mitspie-
lern zuzuspielen. Später war ich der
einzige Junge im Turnverein, großer
Fan von den No Angels und liebte es,
Theater zu spielen. Auch wenn es mir
damals noch nicht bewusst war: Für
viele war ich wohl ein wandelndes
schwules Klischee. 
Da ich nicht dem Rollenbild eines
männlichen Teenagers entsprach, konn-
te ich in der Pubertät auch den Erwar-
tungen der Jungs aus meiner Klasse

29
nicht gerecht werden. Und so wurde um nicht zum Sportunterricht gehen zu
ich zum ersten Mal mit meiner sexuel- müssen. Unzählige Male erklärte ich
len Orientierung konfrontiert. Oder meinem Lehrer, wieso ich schon wieder
besser gesagt: der Außenwahrnehmung verschlafen oder meine Sportkleidung
davon. Anfangs war die Ausgrenzung vergessen hatte. 
noch subtil, doch das änderte sich, als Am liebsten wäre ich komplett zu
ich in der siebten Klasse vom Gymna- Hause geblieben oder hätte zumindest
sium auf eine Realschule wechselte.  auf jede einzelne Minute außerhalb des
Zunächst freute ich mich auf den Unterrichts verzichtet. Wenn ich zwi-
Schulwechsel. Doch bereits als ich den schen den Stunden die Tafel wischen
Klassenraum betrat, hatte ich das Gefühl, musste, hörte ich, wie Mitschüler hinter
dass mich viele Schülerinnen und Schü- meinem Rücken flüsterten und über
ler misstrauisch musterten. Sie sahen mich lachten. Oder bildete ich mir das
in mir nicht nur den Neuen und denje- irgendwann nur noch ein? Ich wurde
nigen, der zu schlecht fürs Gymnasium paranoid. Jeder Blick schien mir zu
war, sondern auch einen Sonderling. gelten, alle waren gegen mich. 
Um in das Schulgebäude zu gelan- Meinen Eltern erzählte ich fast
gen, musste man den Pausenhof über- nie von den Schikanen. Ich berichtete
queren, auf dem alle auf das Läuten der aber von dem Jungen, der seinen Kopf
Schulglocke warteten. Ich hasste diesen gegen meinen schlug. Als mich mein
Moment. Denn jedes Mal drehten sich Vater eines Morgens zur Schule brach-
Jungs oder Mädchen um und machten te und ich ihm den Jungen zeigte, hielt
sich über meinen Gang oder meine er neben ihm, stieg aus dem Auto und
Stimme lustig. Manche grölten mir packte ihn am Kragen. „Wenn du mei-
„Schwuchtel“ hinterher und lachten da- nen Sohn nicht in Ruhe lässt, bekommst
rüber. Die großen Pausen verbrachte du richtig Ärger. Hast du das verstan-
ich allein im Treppenhaus. Ich war ein den?“, drohte er ihm. „Okay“, stam-
Außenseiter und ein leichtes Opfer noch melte der Junge. Danach ließ er mich
dazu. Wehren konnte ich mich nicht, in Ruhe. 
und ich hatte niemanden, der mich ver- Es dauerte nicht lange, bis ich an-
teidigte. Ich fühlte mich verloren. fing, den Status des Außenseiters für
Das Schlimmste war der wöchent- mich zu nutzen. Ich grenzte mich mit
liche Sportunterricht, der nach Ge- meiner Kleidung absichtlich von den
schlechtern getrennt war. Es waren zwar anderen ab und färbte meine Haare. Ich
nur zwei Stunden, doch vor diesen fürch- errichtete eine Mauer um mich, an der Viele Schüler
tete ich mich die gesamte Woche. Ich die Witze abprallten, und war stolz da- leiden unter Mobbing,
schämte mich. Niemand wollte mich im rauf, nicht in der Masse unterzugehen. das zu Depressionen
Team haben. Ich würde mich wie ein So wie die anderen wollte ich eh nicht führen kann
Mädchen bewegen, sagten meine Mit- sein. Ich wollte nichts mit dem, was sie
schüler und machten sich in der Umklei- mir an den Kopf warfen, zu tun haben.
de über mich lustig. Woche um Woche Die anderen verstanden mich einfach
dachte ich über eine neue Ausrede nach, nicht, dachte ich – mich in meinem
Anderssein. Und eins stand für mich stellers. Aber wieso auch nicht, dachte
fest: Schwul war ich nicht. Schwule Män- ich. Schließlich stelle ich mir vor, dieser
ner wurden berechtigterweise aus der Mann zu sein, der mit einer Frau schläft.
Gesellschaft ausgeschlossen, im Gegen- So jedenfalls mein Versuch, mich von
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

satz zu mir, dachte ich. Wieso sonst meiner vermeintlichen Heterosexualität


Niemand wollte leitete meine Lehrerin im Sexualkunde- zu überzeugen. Internalisierte Homo-

mich im Team unterricht das Thema Analsex mit den


Worten „Das ist ziemlich unangenehm,
feindlichkeit nennt sich das, wie ich
heute weiß. Das Mobbing trug sicherlich
haben. Ich bewege aber ich muss das mit euch besprechen“
ein, worüber dann alle lachten. Ich war
einen Teil dazu bei. Ich hasste das, was
ich selbst war.
mich wie ein nicht schwul, die anderen wollten mich
nur beleidigen.
Heute weiß ich, dass das Mobbing
zur Folge hatte, dass ich einen großen
Mädchen, sagten Bis die Fassade bröckelte: Es fiel
mir immer schwerer, meine sexuelle
Teil meiner Persönlichkeit lange Zeit
komplett unterdrückte. Hätte ich mich
sie und machten Orientierung zu verleugnen. Schaute
ich mir Pornos an, erregte mich nicht
früher mit meinen Gefühlen beschäftigt,
wenn mich niemand fertiggemacht hät-
sich lustig darüber die Frau, sondern der Penis des Dar- te? Gut möglich. Die Beleidigungen

30
VERRAT
Teil 3

Der
Mord am
Onkel
30. Juli 1977. Ein heller Som- Klar ab. Mohnhaupt feuert
mertag in Oberursel, einem weitere fünf Schüsse ab. Drei
malerischen Ort zwischen Kugeln treffen Ponto am Kopf,
Hochtaunus und Maintal. Es noch am Abend stirbt er im
ist später Nachmittag, der Chef Krankenhaus. Das Trio flüch-
der Dresdner Bank, Jürgen tet, und Susanne Albrecht
Ponto, und seine Frau Ignes taucht in der DDR unter, die
sitzen auf der Terrasse ihrer der westdeutschen Terroristin
Villa und warten auf Besuch: bei der Flucht hilft. Sie lebt
Susanne Albrecht ist bei ihrem dort unter falschem Namen.
„Onkel Jürgen“ zum Tee ange- Erst nach dem Fall der Mauer
meldet. Sie ist die Tochter von wird sie verhaftet und zu zwölf
Pontos bestem Freund, dem Jahren Gefängnis verurteilt,
Hamburger Rechtsanwalt wegen versuchter Entführung
Hans-Christian Albrecht. mit Todesfolge.
Es klingelt. Susanne Al- Eigentlich wollte das Trio
brecht sagt nur kurz ihren Vor- mit der Entführung von Ponto,
namen in die Gegensprechan- einem der einflussreichsten
lage, woraufhin sich die Tür Bankiers Deutschlands, die
öffnet. Albrecht trägt einen Freilassung der RAF-Mitglie-
braunen Rock, eine geblümte der Andreas Baader und Gud-
Bluse, darüber eine blaue Jacke. run Ensslin erpressen. Die
In der Hand hält sie einen saßen zur gleichen Zeit in
Strauß Rosen. Mit ihr kommen Stuttgart-Stammheim im
ebbten jedenfalls irgendwann ab, einen eine Frau und ein Mann ins Knast. Zur Vorbereitung hatte
genauen Zeitpunkt kann ich nicht mehr Haus. Ponto freut sich, als er Susanne Albrecht vorher einen
ausmachen. Erst Jahre später, als ich die Gäste sieht, und bittet sie zweitägigen „Intensivkurs in
die Gedanken über meine sexuelle Ori- auf die Terrasse. Solidarität“ durchlaufen. Hat-
entierung zum ersten Mal zuließ, wur- Plötzlich schreit der un- te sie nur die Wahl zwischen
de alles besser. bekannte Mann: „Mitkommen, Verrat und Verrat? Dem Verrat
Wenn ich heute an meine Schulzeit das ist eine Entführung!“ Der an ihrem Vater und dessen
zurückdenke, sind manche Erinnerun- Mann heißt Christian Klar und Freund einerseits und dem Ver-
gen verblasst. Aber ich entsinne mich ist zu diesem Zeitpunkt einer rat an ihren RAF-Freunden
gut einzelner Momente, zum Beispiel der meistgesuchten Terroristen andererseits? Ignes Ponto be-
wie ich mich nach der Schule oft weinend der „Roten Armee Fraktion“ zeichnete Susanne Albrechts
aufs Bett schmiss. Ich weiß aber oft (RAF). Klar hat eine Pistole Tat in einem Fernsehbeitrag
nicht mehr genau, wie ich mich fühlte, auf den Bankenchef gerichtet. als mehrfachen Verrat: als Ver-
was ich dachte und was mich beschäf- Aber der wehrt sich. Als Ponto rat am Freund des Vaters, Ver-
tigte. Ich habe einen Großteil meiner auf die unbekannte Frau zu- rat am Vater selbst, Verrat an
Jugend verdrängt, um mit meiner tägli- läuft – die RAF-Terroristin der Freundschaft der beiden
chen Realität klarzukommen. Brigitte Mohnhaupt –, drückt Familien. Jenni Roth

31
Von Margherita Bettoni

„Stell einen
Stuhl dazu,
weil noch ein
Freund kommt",
singt man in
Italien

In puncto
Gastfreundschaft
unterscheidet sich
Nimm Platz
Deutschland Wenn eine Freundin bei mir übernach-
tete, legte meine Mutter eine Matratze
darauf traf ich meine lächelnde Nach-
barin im Treppenhaus: „Haben Sie un-
ganz schön von auf den Boden – für mich. Die Freundin
übernahm mein Bett. Den Tisch be-
ser Weihnachtsgeschenk gefunden?“,
fragte sie. Mein Herz sprang vor Freude.
meiner Heimat deckten wir für uns nur mit einer Plas-
tikdecke, für Gäste gab es die „tovaglia
Mit der Zeit habe ich gelernt, dass
es in Deutschland unhöflich ist, spontan
buona“, die „gute Decke“, aus Stoff und bei Menschen vorbeizuschauen. Die Re-
immer frisch gewaschen. Es gab auch gel lautet: sich verabreden. Am besten
Es gibt ein Lied, das jedes Kind in Ita- die „guten Tassen“, die „guten Teller“ nach einem Blick in den Kalender. Mitt-
lien singen kann. Es geht so: „Aggiungi und die „gute Bettwäsche“. lerweile habe ich mich so stark angepasst,
un posto a tavola, che c’è un amico in Als ich 2015 nach Hamburg zog, dass ich neulich einen sizilianischen
più“, zu Deutsch: „Stell einen Stuhl war für mich selbstverständlich, dass Freund, der in Deutschland lebt, per
dazu, weil noch ein Freund kommt.“ ich mich bei den Nachbarn im Haus Nachricht fragte, ob wir telefonieren
Das Lied ist ein Manifest italieni- vorstellte. Ich backte an Ostern ein Os- wollten. „Klar“, schrieb er zurück. Und
scher Gastfreundschaft und gibt Regeln terlamm, färbte Eier und klingelte bei dann: „Du bist so deutsch geworden.“
vor: „Die Tür ist immer offen, das Licht Herrn und Frau S., beide um die 70. Die Doch deutsche Zurückhaltung ge-
stets angeschaltet. Wenn jemand vor- Tür ging auf, frohe Ostern, ich sei die genüber Gästen kann auch befreiend
beikommt, renne ihm entgegen und neue Nachbarin, hier ein kleines Ge- sein. Ich weiß noch, wie ich anfangs
reiche ihm deine Hand.“ schenk für Sie. Frau S. sah mich skep- jede Absage begründet habe. Um Gäs-
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

Ich bin in Italien mit diesem Lied tisch an, bedankte sich, nahm Lamm ten zu erklären, dass ihr Besuch gerade
groß geworden, bei meiner Oma, die in und Eier und machte die Tür zu. Ich nicht passt, braucht man in Italien näm-
einer Schublade immer eine Packung weiß noch, wie ich ratlos im Treppenhaus lich faule Ausreden: einen toten Hund,
Pralinen bereithielt, um unerwarteten stand. Was hatte ich falsch gemacht? eine tote Oma. Neulich habe ich sogar
Gästen zum Espresso eine Kleinigkeit Ich blieb hartnäckig. An Weihnach- eine Internetseite mit Ausreden für Gäs-
anbieten zu können. ten brachte ich den Nachbarn Plätzchen, te gefunden, die einen mehrtägigen
Eine Etage über der Wohnung mei- im nächsten Jahr wieder ein Osterlamm. Aufenthalt planen. Eine davon – kein
ner Oma lebten wir. Hier kochte meine Ihre Wohnung habe ich bis heute nicht Scherz – lautet: „Wir werden ab morgen
Mutter für alle, die zu Besuch kamen. betreten. Doch fast vier Jahre nach un- im Wohnzimmer einen Schlagzeugkurs
Auch für die Bands, deren Konzerte serer ersten Begegnung fand ich kurz für Pubertierende geben.“
mein Vater manchmal in seiner Freizeit vor Weihnachten eine neue Fußmatte Erst mit der Zeit habe ich von deut-
organisierte. Natürlich aßen und schlie- vor meiner Tür. Ich dachte, wie nett, ein schen Freunden gelernt, dass ein einfa-
fen die Musiker bei uns. Geschenk der Hausverwaltung. Am Tag ches „Ich kann nicht“ oft ausreicht.

32
Was meine Freundschaften

Lass
im Netz ausmacht

Von Noelle Konate mal


liken
549 Abonnenten bei Instagram, 611 abonniert
und 719 Freunde auf Facebook – das sind die
Eckdaten meines derzeitigen Social-Media-
Lebens. Ich bin 24, und soziale Netzwerke
begleiten mich bereits mein halbes Leben.
Angefangen hat alles mit der Website Lokalis-
ten. Gehört hat davon kaum jemand, denn während
viele Jugendliche in Deutschland damals auf Schü-
lerVZ gruschelten (eine Zusammensetzung aus grüßen
und kuscheln), vernetzten wir Bayern uns auf Lo-
kalisten. „Sweetprinzess“, mein damaliger Benut- Heute geben mir soziale Netzwerke vor allem das
zername, befreundete sich dort mit meinen Freunden Gefühl, am Leben meiner Freunde teilzuhaben – Ma-
aus dem nichtdigitalen Leben, mit fernen Bekannten, rie ist in einer sehenswerten Ausstellung, Nele und
süßen Jungs und Mädchen mit coolen Fotos. Auf das Wilma hatten einen Spitzenurlaub, und das Trio Jana–
Kommentieren dieser Fotos folgten Nachrichten und Dora–Rosa ist nach dem gestrigen Abendessen wohl
schließlich echte Treffen. ohne mich in eine Bar weitergezogen.
Bei einem war Martha dabei. Zehn Jahre später Doch eins zeigt sich: Je älter ich werde, desto
ist sie meine beste Freundin, und soziale Netzwer- weniger Onlinebekanntschaften mache ich. Stattdes-
ke machen einen großen Teil unserer Beziehung aus. sen helfen mir soziale Netzwerke dabei, bestehen-
In dieser Zeit haben wir auf Lokalisten unsere Fo- de aufrechtzuerhalten – wie im Fall von Xenia, die
tos kommentiert, sie später auf Facebook gelikt für eine Zeit nach Tel Aviv zog. Fernfreundschaften
und dann da­rüber gestritten, wer von uns das Bild sind wie Fernbeziehungen, man braucht einen starken
auf Instagram posten darf. Heute schicken wir uns Willen, damit sie funktionieren. Das dachte sich
auf WhatsApp unzählige Screenshots von Chats mit Xenia wohl auch und schickte mir vermehrt tagebuch-
Männern der Begierde. Was dazu führt, dass unser eintragähnliche Sprachnachrichten. Dabei hasse ich
WhatsApp-Archiv visuell einem Lexikon gleicht, nur Sprachnachrichten. Aber guten Willlens, die Freund-
selten findet sich in der Screenshot-Wüste ein Foto. schaft aufrechtzuerhalten, hörte ich sie mir brav
Auch Jule war ein Mädchen mit beeindrucken- an und antwortete schriftlich. Bis ich eines Abends
den Internetfotos. Ich liebte ihre, sie die meinen. auf dem Heimweg von der Uni ihre Sprachnachricht
Also wurde nach dem gleichen Prinzip kommentiert startete und 30 Minuten später mit dröhnenden Ohren
und Nachrichten ausgetauscht. Lokalisten, Facebook, das Ende erreichte. Ich rief sie sofort an, bat sie
Instagram: Unsere Internetfreundschaft überdauerte darum, mir keine Sprachnachrichten mehr zu schicken,
auch ohne ein echtes Treffen den Wechsel der bevor- und wir redeten über ihr Leben in Israel und meins
zugten Netzwerke. Das Verfallsdatum unserer Freund- in Berlin. Fortan schickten wir uns ausschließlich
schaft war der September 2012. Da saß Jule plötzlich Fotos, auditive Beiträge gab es nur noch per Anruf.
in einer Infoveranstaltung der Schule – und wenig Ich habe übrigens nachgefragt: Neles und Wilmas Ur-
später hinter mir im Klassenzimmer und ge- laub endete in einem Streit, und Janas, Do-
genüber in Bars. Doch wie das mit dem Min- ras und Rosas Abend in der Bar war nur kurz.
desthaltbarkeitsdatum so ist, hält das meis- Freundschaften auf Social Media können für
te nur verschlossen länger, geöffnet wird es die Ewigkeit sein, manchmal sind sie jedoch
früher oder später schlecht. wie eine Fata Morgana: nur heiße Luft.

33
Kommst
Von Tanja Mokosch

 du mal
meditieren,
     Kollege?
Der Chefprogrammierer hat am Morgen
angerufen und gesagt, er könne keine
Hose anziehen. Er habe ein Ekzem an
den Beinen, deshalb arbeite er heute von
zu Hause aus. Gérard Sidoun ist stolz
darauf, mit seinen Angestellten offen
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

über alles reden zu können. Er weiß, wer


in der Vergangenheit Schicksalsschläge
erlitten und wer im Büro mit wem ge-
schlafen hat. Andersherum funktioniert
es genauso: Als er Liebeskummer hatte,
hat er die Belegschaft informiert. Er kam mehrere Monate
Beim Freiburger Software- nicht ins Büro. Die Angestellten wissen auch, dass Sidoun
mit zwei der Mitarbeiterinnen in einem Haus etwas außerhalb
unternehmen Sidoun sollen von Freiburg lebt. Und sie wissen, wie viel Geld die Firma
jeden Monat erwirtschaftet.
Kollegen auch Freunde sein. In Stellenanzeigen verspricht das Freiburger Software­
unternehmen potenziellen Mitarbeitern kurze Entschei-
Geht so was gut? dungswege, flache Hierarchien, ein Frühstücksbüfett, frisch

34
gekochtes Mittagessen, Dieses Foto:
Mas­sagesessel, einen Ruhe- Chef Gérard
raum, Segel- und Gleitschir- Sidoun macht
mausflüge. Das klingt nach keinen Hehl
Start-up-Idylle. Doch die daraus, dass
Softwarefirma gibt es schon es ihm um Um-
seit 1977, und in den Räum- satz geht.
lichkeiten fehlt jede Spur Aber um ein
von hippem Flair: Bei Si- gutes Miteinan-
doun besteht das Früh- der eben auch
stücksbüfett für die 33 Mit-
arbeiter aus Brötchen mit Foto links:
Aufschnitt, in einem Im Büro wird
schmucklosen Ruheraum auch gemeinsam
steht der Massagesessel. meditiert. Und
Über der Tür des großen wer besonders
Konferenzraums hängt ein laminiertes Blatt mit der Auf- nungsbedürftig, aber schön: „Ich kann mei- viel Umsatz
schrift „Arena des Erfolgs“. Dort stehen an den Wänden nem Chef um die Ohren knallen, was mir gemacht hat,
Stühle, ein paar Sitzbälle liegen herum. Jeden Morgen tref- auf dem Herzen liegt. Dann diskutiert man darf auf einen
fen sich hier alle zum großen Miteinander. Jetzt gerade steht das aus, und danach ist es gegessen.“ Gong schlagen
da eine Handvoll Erwachsener, reißt die Arme dreimal in Neben Freundschaftlichkeit und Acht-  (Foto unten)
die Höhe und ruft: „Umsatz!“ Dann umarmen sie sich – und samkeit, daraus macht Geschäftsführer Si-
gehen an die Arbeit. „Unser Betriebsklima zeichnet sich doun kein Geheimnis, zählt im Unternehmen
durch Wahrhaftigkeit, Achtsamkeit und Freundschaft aus“, vor allem Leistung. Auf Tafeln im Flur steht,
heißt es in einer Sidoun-Broschüre. Der Geschäftsführer welcher Vertriebsmitarbeiter in welchem Monat wie viel Um-
nennt sich selbst „Samma“. Den Namen habe ihm sein Meis- satz gemacht hat. Bei großen Aufträgen darf der Verkäufer
ter gegeben, sagt er – der verstorbene indische Guru Bhagwan, einen goldenen Gong schlagen.
den er mit Anfang 20 in Indien kennengelernt hat und der Sidoun will Marktführer im Bereich der Baumanagement-
seinen Anhängern Meditation und ein Leben ohne viel pri- Software werden. Warum? „Ich will einfach immer der Beste
vaten Besitz predigte; wobei er selbst schon mal mit einem sein“, sagt Gérard Sidoun. Überreste seiner Erziehung. Er ist
seiner 93 Rolls-Royce vorfuhr. studierter Mathematiker, ein strategisch denkender Mann.
Zum Mittagessen gibt es Spaghetti Bolognese, frisch Meditation nennt er ein „interessantes Werkzeug“. Unter
zubereitet von der Betriebsköchin Frau Jäger. Sie ist die Ein- diese Kategorie fallen auch Mitbestimmungsrechte und flache
zige, die bei Sidoun nicht mit Vornamen und „du“ angespro- Hierarchien, enge soziale Kontakte – oder zumindest die
chen wird. Die meisten Mitarbeiter essen schnell und gehen Idee von alldem: Das schaffe ein großes Verantwortungsgefühl
dann zurück an die Arbeit. So wie Martina, die seit 22 Jahren für die Firma und führe im besten Fall zum beherzten Einsatz
bei Sidoun arbeitet. Sie ist damit eine der Dienstältesten, ihr aller Mitarbeiter.
Gehalt ist trotzdem eines der niedrigsten. Etwa 1.800 Euro Es sei nicht einfach, die richtigen Leute für so ein Un-
netto landen im Monat auf ihrem Konto, sagt sie. „Wenn ich ternehmen zu finden. Sidoun sagt, er achte beim Bewerbungs-
in den Urlaub fahre oder mir die Zähne machen lasse, dann gespräch darauf, ob jemand „mit sich in Kontakt“ sei. Das
hole ich mir schon einmal was extra“, sagt sie. „Ansonsten verrate ihm die Körpersprache oder – ganz einfach – die
brauche ich das nicht.“ Antwort auf die Frage: „Wie geht’s?“. Doch auch von denen,
Seine Mitarbeiter bezeichnet Gérard Sidoun als „Mit- die beim ersten Eindruck überzeugt haben und eingestellt
unternehmer“. Denn: Jeder bekommt zwar monatlich einen wurden, sind viele nach kurzer Zeit wieder gegangen. Ver-
fixen Betrag ausgezahlt, aber einmal im Monat wird in einer triebsleiterin Karoline, die 2005 bei Sidoun angefangen hat,
Konferenz die Finanzlage des Unternehmens offengelegt. sagt, aus ihrem alten Team arbeite kaum noch jemand in der
Danach können alle per E-Mail angeben, ob sie in diesem Firma. Ein anderer Mitarbeiter sagt, die Belegschaft habe
Monat zusätzlich Geld ausbezahlt bekommen möchten. sich im letzten Jahr wie eine Schlange gehäutet.
Bei Sidoun arbeite man füreinander. Nicht nur mitei­ Einfach bleiben und Dienst nach Vorschrift machen, das
nander. So steht es in einer Mappe, die jeder Angestellte sei bei Sidoun dauerhaft keine Option. Die meisten, sagt
bekommt. „Freundschaftlichkeit“ nennt Martina diesen Martina, gingen von al-
Pfeiler der Unternehmenskultur. Neben ihrer Tätigkeit im lein, wenn sie merkten,
Vertrieb leitet sie sogenannte Kaizen-Sitzungen. Nach dem dass sie hier nicht hin-
japanischen Konzept soll sich das Betriebsklima durch Ver- passten. Die Achtsamkeit,
trauens- und Kommunikationsübungen ständig zum Besse- die Umarmungen, das
ren verändern. Die Kaizen-Sitzungen hätten ihr geholfen, gemeinsame Kaizen – für
sich im Arbeitsalltag von Sidoun zurechtzufinden, sagt die manche ist es wohl ein-
29-jährige Jessi, die aus dem öffentlichen Dienst zu Sidoun fach ein bisschen viel der
gewechselt ist. Der Umgang miteinander hier sei gewöh- „Freundschaft“.

35
Unser Autor war mit Nazis befreundet,
ohne selbst einer zu sein. Er hat anderen
Angst gemacht, um seine eigene

Wir
Angst zu vergessen. Eine Reise in die
Neunziger in Ostdeutschland

waren wie
Die eigene Hässlichkeit kann ein Rausch nichts mehr von ihnen übrig blieb als Staatssicherheit nannte Hakenkreuze
sein. Wenn man sie umarmt und das der Wille, „es zu schaffen“. auf jüdischen Friedhöfen und Neonazis,
Grauen in den Gesichtern derer sieht, Ist da noch Platz für die Erzählun- die andere Menschen zusammenschlu-
die einen beobachten und verachten, gen der Neunzigerjahre aus der Sicht gen, „Rowdytum“ und tat so, als gäbe
aber sich nicht an einen herantrauen, derjenigen, die beim Fall der Mauer zu es keinen politischen Hintergrund.
dann strömt Macht durch die Adern alt waren, um nichts von der Vergan- Punks und alle, die anders aussahen,
wie elektrischer Strom. Als ich bei über genheit mitbekommen zu haben, aber als sich die sozialistische Elite ihre Bür-
100 Kilometern pro Stunde einem BMW zu jung, um mitzureden, wie die Zukunft ger vorstellte, verfolgten Geheimdienst
hinter uns auf die Motorhaube pisse, aussehen sollte? Über das Jahrzehnt, und Polizei dagegen hart als Auswüch-
spüre ich diese Macht. Als ich da im in dem auch die Menschen aufgewach- se einer Dekadenz, die nur aus dem
Dachfenster stehe, die Hose bis zu den sen sind, die heute den Hitlergruß zei- Westen kommen konnte.
Oberschenkeln heruntergelassen, sehe gen und brüllen? „Wir zeigen unsere freundschaftli-
ich das große weiße Gesicht des Fahrers: Wann fängt man also eine Ge- che Verbundenheit mit dem Sowjetvolk“,
Die Augen geweitet, vor Schreck, Ent- schichte über damals an? Für mich be- schreibe ich am 8. Mai in meinen Hei-
setzen, Empörung, bläht es sich auf wie gann es nicht 1989. Für mich begann matkundehefter. Aber wir sehen sie
ein Ballon, ich würde gern mit einer es in der DDR. In der zweiten Klasse kaum, obwohl viele Kasernen gar nicht
Nadel hineinstechen. Ich bin 19, ich malt Ricardo mit dem Bleistift ein Ha- so weit weg sind. Manchmal marschiert
bin zehn Meter groß und acht Meter kenkreuz auf die Schulbank. An sich ein Trupp mit Kalaschnikows auf dem
breit, ich bin unverwundbar. nichts Besonderes, auch ich habe das Rücken an unserem Kindergarten vor-
Gerade, 30 Jahre nach der Wende, schon gemacht. Hakenkreuze malen ist bei, und wir drücken uns an den Zaun
erzählt die Generation meiner Eltern das Verbotenste, was ich mir vorstellen und sehen ihnen nach. „Scheißrussen“,
und Großeltern ihre Geschichten. Es kann. Die Kunst ist, aus dem Haken- sagt ein Junge neben mir, und als ich
geht viel um verlorene Arbeitsplätze, kreuz gleich wieder ein kleines Fenster ihn frage, warum, sagt er: „Wenn der
und ja, das klingt hübsch technisch, zu machen, bevor einen jemand sieht. blöde Hitler unsere Wehrmacht nicht
wie ein leicht lösbares Problem. Aber Auf dem Nachhauseweg von der kaputt gemacht hätte, wären die jetzt
in diesem preußischen Vollbeschäfti- Schule erzählen wir Jungs uns Juden- nicht hier.“ Das hatte ihm jedenfalls
gungsstaat namens DDR, in dem Arbeit witze. Woher wir die hatten, weiß ich sein Vater erzählt.
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

gleich Lebenssinn war und die weni- nicht mehr. Es hätte sie gar nicht geben Wir wussten nicht, wer die Juden
gen, die keine Jobs hatten, „Assis“ ge- dürfen. In der Verfassung der DDR stand, waren. Wir wussten nicht, wer die Rus-
rufen wurden, bedeutete das eben auch: das Volk sei vom Faschismus befreit. sen waren. Wer die Nazis waren, wuss-
Kollegen, Brüder, Ehemänner, die sich Und weil es nun einmal befreit war, durf- ten wir. Der Nazi war einer, der aus
erhängten, Geschwister und Cousins, te der Faschismus nicht existieren. Die dem Westen kam. Der Kapitalismus
die sich langsam zu Tode soffen, Fami-

Brüder
lien, in denen es erst heiß aufwallte
wie in einem Vulkan, weil einer jetzt
mehr hatte als die anderen, und dann
erstarrte alles zu einer toten Landschaft
kalter Schlacke. Frauen, die so sehr
anpackten, um sich, ihre Männer
und ihre Kinder durchzubringen, bis

36
Von Daniel Schulz
Illustrationen: Gregory Gilbert-Lodge

37
galt als Vorstufe des Faschismus, und Ostdeutsche sind betrunken. Erst schä- schon damals nicht mochten. Bunte
tatsächlich saßen ja noch alte Nazi- me ich mich noch, dann schaue ich der Haare waren scheiße, lange auch.
Eliten auf genügend Machtpositionen geworfenen Scheiße belustigt beim Flie- Ich sitze im Bus, drei Glatzen stei-
im Westen, um die als Beweis dafür zu gen zu, und noch später bin ich stolz gen ein, ohne zu bezahlen. Sie laufen
präsentieren. darauf, dass „wir“ härter sind als die so nach hinten durch, ich tue so, als wür-
Der Fall der Mauer brach mir das leicht zu schockierenden Wessis, die de ich lesen. Sie gehen an mir vorbei,
Herz. Ich hatte Angst vor dem Westen, ihr ganzes Leben als Kausalzusammen- plötzlich ist es nass in meinem Gesicht.
vor den Faschisten, einfach davor, dass hang erzählen können, in dem es für Einer hat mir ins Gesicht gespuckt. Be-
alles, was ich kannte, kaputt gehen könn- alles einen guten Grund und keine dunk- vor ich das kapiere, drückt mir der
te. Die Erwachsenen rührten keinen len Flecken gibt. Es kann auf eine dä- kleinste der Typen seinen Daumen in
Finger. Sie saßen vor dem Fernseher monische Art befreiend sein, wenn von die linke Wange und reibt kräftig, bis
und sahen sich Demonstrationen an. dir und den Leuten um dich herum nur mir die Zähne wehtun. „Du musst dich
Sie unterrichteten uns weiter in der noch das Schlechteste erwartet wird. doch sauber machen“, sagt er mit hoher
Schule, als sei alles völlig normal. Dass Im Fernsehen sieht man Häuser Stimme. „Muss Mutti dir erst bis in den
wir wirtschaftlich keine Chance hatten, brennen, in denen ehemalige vietname- Bus nachlaufen, hm?“ Wahrscheinlich
war mir ja klar, jeder Junge, der wusste, sische Vertragsarbeiter leben. Man sieht sehe ich aus wie ein Reh im Scheinwer-
wo die Matchbox-Autos herkamen, be- Männer, die mit Gehwegplatten auf ferlicht eines Autos, die drei bepissen
griff das. Aber mein Vater war Oberst- Menschen werfen. Ich sehe, wie die sich fast vor Lachen. Die Hand des
leutnant der verdammten Nationalen Polizisten verloren vor der Meute stehen. Kleinen riecht nach Tabak.
Volksarmee, er hatte mal 30 Panzer Ich sehe, wie sie zurückweichen. Als Kind war ich noch klein und
kommandiert, wo waren die denn jetzt? Bis Ende der Neunzigerjahre dick, aber in der Pubertät schieße ich
Ich wollte eine chinesische Lösung, weicht dieser neue Staat zurück – in in die Höhe. Genetisch bin ich Nazi,
ich wollte Tiananmen-Platz in Berlin den Kleinstädten und Dörfern. Viele fast 1,90 Meter groß, blond, graublaue
und Leipzig. Als mein Vater, der Feig- Menschen, die so alt sind wie ich, rech- Augen. Ich trainiere mit Hanteln. Aber
ling, nicht loszog, um die Irren da nen nicht mehr mit ihm. Wir sehen alle mir fehlt das Schläger-Gen, die Lust
draußen zu stoppen, überlegte ich, wie dasselbe: Es kommen keine Polizisten, am Blut der anderen, ich sehe den Hun-
ich ihm seine Makarow-Dienstpistole wenn 30 Kahlrasierte vor einem Jugend- ger in den Augen der Clan-Söhne und
klauen könnte. Mein Plan war, in West- klub auftauchen und Leute vermöbeln, ihrer Handlanger, und ich weiß, ich
berlin ein paar Leute zu erschießen oder sie kommen nur zu zweit und blei- bin Beute. Also versuche ich zu ver-
und einen Krieg zu provozieren. Denn ben dann in ihren Autos sitzen. Was schwinden, ich trage Grau, ich bin ein
den, da war ich mir sicher, den würden sollen sie machen? Selbst verdroschen Mäuschen. Gott, wenn ich doch nur
wir gewinnen. werden? Das passiert manchmal auch. kleiner wäre.
Der Zerfall beginnt im Fernsehen. Neue Regeln. Ich hätte sie gern Hatte ich nicht erst gestern noch
Ich sehe weinende Menschen, starre gelernt, wenn ich denn welche begriffen alles über Ernst Thälmann und seine
Menschen, graue Menschen, meistens hätte. Ist es besser, den Bus zu nehmen, Genossen gelesen? Wie sie gestorben
vor irgendwelchen Schornsteinen oder aus dem man nicht mehr rauskommt, waren im Kampf gegen den Faschismus?
Werktoren, und immer macht irgendet- wenn Glatzen einsteigen? Oder besser Ich will nicht sterben, ich will nur in
was zu. Dann zerfallen die Männer auf laufen oder Fahrrad fahren? Aber dann Ruhe gelassen werden. Ich schäme mich.
dem Dorf. Wenn ich von der Schule bist du zu langsam, wenn sie dich mit Wir schämen uns alle. Jeder hat seinen
komme, sitzen sie vor den Garagen. Sie dem Auto jagen. eigenen Grund dafür. Der eine wird
haben früher Kräne gefahren, große Viele Glatzen kamen aus großen gefeuert und findet nie wieder Arbeit,
russische Traktoren und Mähdrescher. Familien, die lebten in ihren Häusern der Nächste steht hinter der Gardine
Jetzt erzählen sie sich Witze über ihre inmitten von Hitlerbüsten und Reichs- und freut sich heimlich, weil das Asyl-
Frauen, die mit irgendwelchen Putzjobs kriegsflaggen. Die Clan-Söhne mit den bewerberheim brennt, und ich, ich bin
oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Namen, die man fürchten musste, waren eben ein Feigling.
versuchen, die Familien über Wasser vier bis acht Jahre älter als ich. Mit ihren Ab der siebten Klasse, im Herbst
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

zu halten. Sie sagen: „Die Alte nervt.“ tiefergelegten Golfs oder zu Fuß pa­ 1991, gehe ich aufs Gymnasium. Meine
Dann trinken sie noch trouillierten sie durch Freunde vom Dorf treffe ich nur noch
einen Schnaps. Oft re- die Stadt. Wen sie ver- selten, ich bin jetzt etwas Besseres, zu-
den sie gar nicht. Ich entdecke, schonten und wen sie mindest sehen sie das so, oder ich den-
In den Zeitungen,
im Radio, im Fernse- wie geil sich vornahmen, folgte
einem Kodex, den vor
ke, dass sie es denken. Ich ziehe mich
zurück. Ich habe früher schon gern ge-
hen lesen, hören und
sehen wir die passen-
es sein kann, allem sie selbst verstan-
den. Wenn sie jeman-
lesen, jetzt lese ich eben noch mehr. Kurz
vor der Wende sind wir in einen anderen
den Botschaften dazu.
Ostdeutsche sind zu
jemandem den aus DDR-Zeiten
kannten, aus der Schu-
Block gezogen, ich habe ein eigenes Zim-
mer und muss nicht mehr mit meinem
doof, sich in der neuen
Welt zurechtzufinden.
Schiss le, konnte das gut sein.
Oder eben besonders
Vater und meiner Mutter in einem Bett
schlafen. Das macht es einfacher, mich
Ostdeutsche sind faul. zu machen schlecht, wenn sie ihn zu verstecken. Als ich 16 Jahre alt bin,

38
Wen sich die
Glatzen vorknöp-
fen würden, da-
rüber konnte man
nur spekulie-
ren. Unser Autor
(links) achtete
drauf, nicht ins
Visier zu geraten

kaufen meine Eltern einen Computer, mich mit dem Auto nach Hause fährt, selbst der Schisser zu sein. Ich pinkle
und ich spiele Eishockeymanager. Diese wenn es spät wird. Er sagt: Schon mein einem Wessi auf die Motorhaube.
Welten sind vom Draußen unberührt Vater war ein Rechter. Dafür hatte er „Rechts“ und „links“, das ist eine
und kontrollierbar. Ab und an gehe ich Ärger mit den Scheißkommunisten. Sache der Klamotten, der Frisur und
raus, tauche auf wie ein U-Boot nach Ein anderer aus der Clique schaut der „inneren Einstellung“, wie wir das
langer Fahrt. Die Nachrichten von der oft finster, aber kitzelt einen ab, wenn damals nennen. Die Mode der harten
Oberfläche sind über Jahre die gleichen: es in der Schule scheiße gelaufen ist. Er Nazis verbreitet sich in Molekülen auch
Entweder es gibt Stress, oder einer er- findet die NPD gut. Außerdem: der Sohn an den Gymnasien, die grünen Bom-
zählt, wie es Stress gab. eines Polizisten, der immer laut ist, im- berjacken mit dem orangefarbenen In-
„Der hat seine Freundin gezwun- mer Faxen macht, großzügig mit allen nenfutter tragen viele. Ich habe lange
gen, als Nutte zu arbeiten, und die dann teilt und der „Kanaken“ scheiße findet. Haare, ich habe „nichts gegen Auslän-
mit dem Kabel erwürgt.“ Dann einer, der immer ganz ruhig der“, ich finde es scheiße, sie zu jagen
„Neulich haben sie den einen an ist, obwohl ihm seine Mutter Stress und zu verprügeln. Das sage ich manch-
der Havel fast kaltgemacht.“ macht, er dürfe nicht absacken, nicht mal auch, und dann streiten wir uns.
„Die sind mit der Axt in den Ju- versagen, nicht untergehen in dieser Ich muss vor Nazis wegrennen. Also
gendklub rein. Die hinter der Tür hat neuen Welt. Er hört zu Hause CDs von bin ich links.
es gleich erwischt. Die Bullen waren Bands wie Zyklon B und Zillertaler In der Nahrungskette der Jungs-
wieder bloß zu zweit da.“ Türkenjäger. Auf der Heckscheibe sei- gruppen stehen wir nicht weit oben.
Freunde habe ich wenige. Ich bin nes Autos prangt in Fraktur der Schrift- Wenn die Tighten aus der Muckibude
ein Trottel vom Dorf. Meine Mutter zug „Euthanasie“. Die Band heißt ei- anrücken, die tätowierten Riesenbro-
hat mir zwar nach langer Bettelei eine gentlich „Oithanasie“, aber er findet es cken mit Kampfsport oder Knast im
Levi’s gekauft, aber an meinem dicken damals ein lustiges Wortspiel, den Na- Lebenslauf, und keiner der anderen hat
Hintern sieht die Jeans so aus, als ver- men so zu schreiben. irgendeine Beziehung zu jemandem, der
suchte jemand, meinen Arsch zu zwei Wir durchstreifen das Land im jemanden kennt, dann machen wir uns
Würsten zu kneten. Tragen muss ich Konvoi. Zum nächsten McDonald’s an klein oder lösen uns in Luft auf.
sie trotzdem, die Hose war teuer. Im der Autobahn, an die Ostsee, nach Tsche- Der Soundtrack dieser Zeit kam
Schulbus lachen sie über mich. Ich bin chien, nach Dänemark. Je mehr wir sind, von den Böhsen Onkelz. Ich hasste die-
oft allein, also ein Ziel, und deshalb desto größer wird unsere Landkarte. se Band, bei ihren weinerlichen Liedern
gehe ich noch weniger raus. Zwei Autos sind gut, vier Autos sind für gefallene Jungs dachte ich an die
Nach drei Jahren Gymnasium fin- besser. Im Schwarm schrecken wir an- saufenden Männer vor den Garagen.
de ich andere Freunde. Dabei sind: ein dere ab. Ich entdecke, wie geil es sein Ein Lied der Onkelz ist allerdings bis
kleiner Dünner, der oft lächelt und der kann, jemandem Schiss zu machen, statt heute in meinem Kopf: „Wir waren mehr

39
Schrottplatz
der Geschichte:
Nach der Fried-
lichen Revolution
entstanden im
Osten rechtsfreie
Räume, die die
Jugend prägten

als Freunde / Wir war’n wie Brüder / sofort auf hundertachtzig. Ich schreie, Für meinen Zivildienst gehe ich nach
Viele Jahre sangen wir / Die gleichen ich hätte einen türkischen Freund, und Berlin. Ab 1999 studiere ich in Leipzig.
Lieder.“ Es heißt „Nur die Besten ster- der läge in Berlin im Krankenhaus, „we- Ich treffe gute Leute aus dem Westen
ben jung“, und ich mochte es, vielleicht, gen Leuten wie dir“. Es ist ein kurzer und dem Osten. Wenn ich mich in den
weil ich die blöden Jungpioniere ver- Moment, wenige Sekunden nur, und richtigen Bezirken aufhalte, treffe ich
misste, die Zeit, als wir lieber Papier sofort fühle ich mich mies. keine Glatzen. In der Kleinstadt, in
und Flaschen gesammelt haben, anstatt Weil ich gelogen habe, ich habe der ich zur Schule ging, leben heute
uns gegenseitig das Leben zur Hölle zu keine türkischen Freunde und auch kei- auch Frauen mit Kopftüchern, die ih-
machen, und weil ich dachte: Ja, sterben ne mit türkischem Namen, woher auch? ren Söhnen auf Russisch hinterher-
kannst du ja wirklich. Es gab an unserer Schule den Sohn brüllen, sie sollen gefälligst auf sie
Manche Erinnerungen reißt man eines Ingenieurs aus Angola oder Mo- warten. In den Cafés bedienen Men-
sich ein wie Splitter, und sie schmerzen sambik, der war nicht weiß. Selbst die schen, deren Eltern aus Vietnam und
noch Jahre danach. Der türkische Frauen im Dönerimbiss, die ich kannte, der Türkei kamen. Der Freund, auf
Freund, den ich erfunden habe, ist so waren in der Kreisstadt oder in einem dessen Heckscheibe „Euthanasie“ stand
ein Splitter. Wir sind nach Ungarn ge- der Dörfer geboren. Ich schäme mich und den ich für diesen Text wiederge-
fahren, das letzte Mal zusammen. Wir auch, weil ich weiß: Es gibt Menschen, troffen habe, sagt, er sei mit „Kurden,
liegen am Balaton, spielen Fußball. Wir die sind wirklich verbrannt oder wurden Türken, Russen, Vietnamesen“ befreun-
reißen die Türen unserer Klos auf und zu Tode getreten. Und ich erfinde einen. det. Er findet aber, man solle die Leu-
fotografieren uns gegenseitig beim Ka- Gleichzeitig habe ich Angst, dass jetzt te verstehen, die lieber nicht mit so
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

cken, wir rasieren einander die Brust- unsere Freundschaft vorbei ist. vielen Ausländern zusammenleben
haare. Und dann, wir Das gehört auch zur wollen. Als ich ihn frage, ob er auch
sitzen in einem Café, Wahrheit jener Jahre, so leben will, sagt er: „Ach, ich weiß
ich lese Zeitung, viel- Ich habe nicht viele kannten die es doch auch nicht.“
leicht habe ich da
etwas über einen gekämpft und Rechten, die Rechts-
radikalen, die Neo-
Ich habe nicht gekämpft und schon
gar nicht gewonnen. Ich bin einfach
Überfall gelesen, ich
weiß es nicht mehr.
schon gar nicht nazis nicht nur von
Weitem. Wir waren
gegangen.

Ein Freund sagt ir-


gendetwas über „blö-
gewonnen. mit ihnen befreun-
det, wir mochten
de Kanaken“ und
dass sie es verdient
Ich bin einfach manche von ihnen,
wir profitierten von
Dieser Text erschien in einer längeren
Version in der „tageszeitung“. Wir
hätten, und ich bin gegangen ihrem Schutz. danken für die Abdruckgenehmigung.

40
Herz
Von Ulrike Sterblich

Umgekehrt mindert Oxytocin offenbar auch sozialen Stress.

an Großhirn,
Schließlich haben wir es nicht immer nur mit Leuten zu tun,
die wir mögen. Wer durch seine Freundschaften ein hohes
Oxytocinlevel aufrechterhält, kann zwischendrin auch unan-
genehme soziale Situationen leichter bewältigen und ist damit

bitte
weniger anfällig für Stresssymptome wie Depressionen, Burn-
out oder Magenprobleme. Kein Wunder also, dass Freund-
schaften immens wichtig sind fürs allgemeine Wohlbefinden

kommen!
und die Gesundheit.
Studien haben Zusammenhänge zwischen dem Sozial-
leben von Menschen und Biomarkern wie Blutdruck, Diabetes,
Übergewicht und Entzündungswerten im Körper festgestellt.
Diejenigen mit funktionierendem Freundeskreis schnitten bei
allen Werten besser ab als eher isolierte Personen. Das wirkt

Was in unserem
Körper passiert,
wenn wir mit
Menschen Dass Frischverliebte
ganz besonders ticken,
zusammen sind, ist ja bekannt, und der
dafür verantwortliche
die wir mögen  Hormoncocktail wur-
de bereits ausgiebig Wie wichtig
erforscht und analy- Freundschaften
siert: Insbesondere Dopamin, Serotonin, Adrenalin für das Wohlbe-
und Testosteron sorgen demnach für emotionale finden sind, kann
Ausnahmezustände. Das Wissen über die Chemie man nicht nur
der Freundschaft fällt dagegen etwas bescheidener am Gesichtsaus-
aus. Was reichlich ungerecht ist, denn anders als ein druck erkennen,
flüchtiger Ausnahmezustand begleitet uns die Freund- sondern auch am
schaft im besten Falle kontinuierlich durchs Leben, Hormonspiegel
vom Sandkasten bis ins Altersheim.
Die gute Nachricht: Die Forschung hat diesen
Rückstand in den letzten Jahren etwas aufgeholt.
Das chemische Zauberwort dabei lautet: Oxytocin.
Zwar ist Oxytocin ebenfalls an der romantischen
Liebe beteiligt, es spielt dort aber eine eher ausgleichende sich letztendlich auch auf die Lebenserwartung aus: Manche
und stabilisierende Rolle inmitten des bekannten Haufens Forscher sagen sogar, dass Freundschaften für ein langes
turbulenzfördernder Kollegen. Oxytocin gilt als das Bin- Leben noch wichtiger sind als eine gesunde Ernährung und
dungshormon. Dass es während der Geburt und des Stillens regelmäßige Bewegung.
ausgeschüttet wird und für ein inniges Mutter-Kind-Verhält- Ein interessanter Nebenaspekt dabei ist unser Mikrobiom.
nis sorgt, ist schon länger bekannt. Nun kommt die Wissen- Das sind die Bakterien, die unseren Darm, aber zum Beispiel
schaft dem Hormon auch in seiner Bedeutung für Freund- auch Haut und Schleimhäute besiedeln. Ein erwachsener
schaften und unseren Umgang mit Menschen ganz allgemein Mensch beherbergt Billionen solcher Mikroben. Ihre Zahl
auf die Schliche. Es sorgt für angenehme Gefühle, wenn und Zusammensetzung bestimmen unser körperliches und
Menschen, die sich mögen, zusammen sind. Und sogar bei psychisches Befinden maßgeblich mit, zum Beispiel, indem
Hundehaltern steigt der Oxytocinspiegel, während sie mit sie die Produktion von Hormonen beeinflussen – wie etwa
den Vierbeinern kuscheln, und zwar ganz besonders, wenn Oxytocin. Entscheidend geprägt wird das Mikrobiom durch
sich Tier und Mensch dabei intensiv in die Augen sehen. den sozialen Umgang mit Menschen (oder auch Tieren). Und
Oxytocin begünstigt Freundschaften, die wiederum die der Austausch körperlicher Nähe funktioniert bekanntlich
Ausschüttung von Oxytocin steigern. Eine runde Sache also, nur analog. Denn unsere altmodischen Mikroben reisen weder
bei der man Ursache und Wirkung nicht immer klar ausei- per Telefon noch via WhatsApp oder Instagram. Also: Meet
nanderhalten kann. and greet your friends!

41
Wärmstens emp Von Annett Scheffel
In sozialen Medien ist
Freundschaft bares Geld wert – Gerade in einer Zeit, in der die Ange-
bots- und Informationswelten immer
zumindest für die Unternehmen. unübersichtlicher werden, ist Vertrauen
eine wichtige Währung. Das zeigen auch
Über die Verwertung persönlicher wissenschaftliche Untersuchungen zur
Wirkung von sozialen Medien auf unser
Beziehungen im Digitalen Konsumverhalten: Wenn wir einer Emp-
fehlung vertrauen, wenn sie also glaub-
haft oder neutral auf uns wirkt, dann
steigt unsere Kaufabsicht signifikant an.
Erstaunlich, wie viele „Freundschaften“ eingeladen, eine Seite mit dem kleinen Und genau hier kommen unsere
sich so über die Jahre bei Facebook blauen Daumen zu markieren. Nina Kontakte in den sozialen Medien ins
ansammeln – und als Mittelpunkt mei- fragt, ob mir die Kaffeemanufaktur ge- Spiel: all die Freunde, Nachbarn und
nes digitalen Freundschaftsnetzes bin fällt, für die sie seit Kurzem arbeitet. Kollegen, aber auch Influencer und
ich auch in Geschäftsinteressen ver- Außerdem habe ich gesehen, dass es Promis, denen wir auf Facebook, Twit-
strickt. Und zwar als Konsumentin und Jonas in einem Hotel im Schwarzwald ter und Instagram folgen. Das wissen
als Werbetreibende. Was erzählt mein ganz gut gefallen hat. Und 43 Freunde auch die Unternehmen. Ihre Marke-
Sammelsurium an Facebook-Freunden interessieren sich für ein neues Festival tingstrategien auf private Onlinebezie-
über meinen ökonomischen Wert? nächstes Jahr. hungen zu konzentrieren ist kosten-
Nur mal angenommen, ich würde Meine Freunde und ich gehören günstiger, als Millionen in teure
in einem Post erwähnen, dass ich mei- zu einer Generation, für die Kaufemp- Werbekampagnen zu stecken oder gan-
nen anstrengenden Arbeitstag nur dank fehlungen schon immer (oder zumindest ze Großstädte zu plakatieren. Und es
einer leckeren Mate-Limonade über- seitdem wir genug Geld verdienen) aus gilt auch als die wirkungsvollste Form
standen habe: Meine Freunde würden dem Internet kamen. Indem wir teilen, der Neukundengewinnung.
es mitbekommen. Sie sehen auch, was kommentieren, bewerten und empfeh- Schafft es ein Unternehmen, die
ich sonst so mag – oder besser gesagt, len, sind wir Teil dieses Werbesystems eigene Weiterempfehlungsrate um nur
was mir gefällt. Ein Plattenlabel, das – bewusst oder unbewusst. 87 Prozent zehn Prozent zu erhöhen, kann das zu
Start-up einer Freundin, ein Nachrich- der 18- bis 24-jährigen Deutschen emp- einem Umsatzgewinn von bis zu 1,5 Pro-
tenmagazin, das koreanische Restaurant fehlen Produkte und Marken in sozia- zent führen. Wie viel Geld jedes Jahr
um die Ecke. Und ich soll noch viel len Medien weiter. durch diese Form des Marketings um-
mehr liken: 168 Freunde haben mich Empfehlungsmarketing nennen gesetzt wird, dazu gibt es verschiedene
Unternehmen das. Im Englischen: Schätzungen. Die „Word of Mouth Mar-
Word-of-Mouth-Marketing. Was ihre keting Association“ spricht von insge-
Kunden im Internet über sie sagen und samt sechs Billionen US-Dollar.
wie sie ihre Produkte bewerten, ent- Allein auf Facebook werden täglich
scheidet heutzutage über Erfolg oder mehr als drei Milliarden Likes vergeben.
Nichterfolg einer Marke. Denn genau Der Durchschnitts-User verteilt jeden
dort holen sich die Menschen ihre In- Monat zehn Likes. Je mehr man als
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

formationen: 91 Prozent der deutschen Unternehmen davon abgreift, desto


Internetnutzer suchen online nach Wa- besser für den Marktwert: Dieser er-
ren und Dienstleistungen. Und bei Kauf- höhte sich schon 2013 bei großen Mar-
entscheidungen ist die Meinung ande- ken im Durchschnitt um 174 US-Dollar
rer längst viel wichtiger als klassische je Facebook-Fan.
Anzeigen in Printmedien, im Fernsehen Aber warum machen wir das ei-
oder auf Onlinebannern: Einer Studie gentlich? Warum versenden wir Links
aus dem Jahr 2015 zufolge verlassen zu Interior-Stores, posten auf Instagram
sich 78 Prozent der befragten Deutschen unsere neuen Sneaker beim Sonntags-
auf die Empfehlung von Freunden und spaziergang und werben mit unseren
Bekannten und immer noch 62 Prozent Likes für Fernsehshows? Warum schrei-
auf die Bewertungen anderer Konsu- ben wir bei Amazon Bewertungen unter
menten im Internet. antihaftversiegelte Aluminiumpfannen

42
pfohlen VERRAT
Teil 4

Der
und raten Freundinnen zu einer bestimm-
ten Zyklus-App? Was treibt uns dazu?
Erstens meinen wir das natürlich
gut. Wir helfen unseren Freunden gern
dabei, sich einen Durchblick zu ver- Student
von
schaffen, weil wir wissen, wie dankbar
wir dafür manchmal selbst in einer über-
sättigten Warenwelt sind. Daneben stillt
das Weiterempfehlen auch unser Mit-
teilungs- und Selbstdarstellungsbedürf- der
Stasi
nis: Uns selbst im Kontext bestimmter
Produkte zu präsentieren verleiht uns
Persönlichkeit und Coolness, weist uns
als Insider oder als Teil einer bestimm-
ten Szene aus. Und wir verteilen Likes,
weil wir selbst welche bekommen wollen.
Geben und nehmen, die Abwägung von
Wohlwollen und Nützlichkeit. Für Arnold Schölzel ist die will Schölzel nicht verstehen.
Die Unternehmen forcieren dieses Sache klar: Er will weg aus der Er ist in die DDR gekommen,
Verhalten, wo sie nur können: Sie inter- Bundesrepublik, weg von der um sie zu verteidigen. Er
agieren mit den Kunden, Bundeswehr, wo er gerade sei- schließt sich der Gruppe an
also uns, schenken uns
Aufmerksamkeit, fordern In der nen Wehrdienst macht. Wegen – nur zum Schein natürlich. Im
seiner linken Überzeugungen Hintergrund schreibt er unter
uns gezielt zum Bewerten
auf („Deine Meinung ist übersättigten und weil er mit der politischen dem Decknamen André Hol-
Entwicklung der BRD nicht zer als inoffizieller Mitarbeiter,
uns wichtig!“) und beloh-
nen uns, wenn wir Freun-
Warenwelt einverstanden ist, will er in also als Spitzel für die Stasi,
die DDR – und desertiert am fast täglich und sehr eifrig Be-
de anwerben.
Aber wie vertrauens-
sind wir für 13. August 1967, dem sechsten richte über das, was die Grup-
Jahrestag des Mauerbaus. Erst pe macht und bespricht: Mehr
würdig sind die Tipps un-
serer Social-Media-Freun-
ein paar einmal schlägt er sich als Hilfs- als 1.000 werden es am Ende
arbeiter in Leipzig durch. Weil sein. Der „Forschungsverbund
de, wenn man ihr Bedürfnis Empfehlungen sein bundesdeutsches Abitur SED-Staat“ der Freien Univer-
nach Selbstdarstellung
einbezieht? Was sagt es mir oft dankbar in der DDR nicht zählt, er- sität Berlin beschreibt ihn
wirbt er es dort an der Abend- rückblickend als einen Men-
über eine Freundin, dass schule. Danach schreibt er sich schen, der „aus wirklicher Be-
sie einen Post über die Soja-Bolognese an der Humboldt-Universität geisterung, mit größter Perfidie
einer Biomarke gelikt hat? Dass sie ihr in Ostberlin ein, um Philoso- die Menschen, mit denen er
schmeckt? Oder viel eher, dass sie sich phie zu studieren. Er lernt ei- befreundet war, permanent
für all die Aspekte, die da mitschwingen nige Kommilitonen kennen, hinterging“.
– Gesundheit, Lifestyle, Tierschutz – eine die von einem anderen System Als ihn Inga Wolfram, die
Bestätigung wünscht? Noch verzwickter träumen: von einem alternati- damals auch Teil der Gruppe
wird es mit der digitalen Mundpropa- ven Sozialismus, einer Demo- war, für ihren Dokumentar-
ganda, weil Unternehmen zum Teil Blog- kratie mit Volkseigentum. film „Verraten – sechs Freun-
ger und Influencer für deren Empfeh- Die Widerständler kom- de und ein Spitzel“ von 2007
lungen bezahlen und sie sich so zunutze men aus Familien von Partei- vor laufender Kamera fragte,
machen. Wenn die dann auf ihren You- funktionären oder verdienst- warum er seine Freunde ver-
Tube-Channels und Instagram-Accounts vollen Antifaschisten. Dass raten habe, antwortete Schöl-
von einem Auto oder einer veganen sie studieren können, ist also zel mit Blick auf die DDR-
Hautcreme schwärmen, fühlt sich das ein Privileg, welches ihnen der Bevölkerung: „Na ja. Ihr habt
für die meisten Follower trotzdem an Staat einräumt, den sie ab- 17 Millionen verraten.“
wie der Tipp eines guten Freundes. schaffen wollen. Das kann oder Jenni Roth

43
Hey,
Von Lukas Hermsmeier

buddy
Wolves of Wall Street:
An der Börse kommt es oft
zur Rudelbildung

fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

44
Männerbünde, Klüngelrunden,
Netzwerke – wie ein Wall-Street-Banker partner stellten 40.000 US-Dollar für

und seine Freunde die Politik in den die Veranstaltung bereit, bei der schließ-
lich mehr als eine Million gesammelt
USA mitbestimmten wurde. Rubin hatte seine Nützlichkeit
für die Politik unter Beweis gestellt, fort-
an meldeten sich die Demokraten bei
ihm, wenn sie die Unterstützung der
Wall Street brauchten. Zwei Präsident-
Es müssen nicht immer die eigenen Freunde sein, die einem schaftskampagnen unterstützte Rubin finanziell, mittlerwei-
helfen – manchmal tun es auch die der Eltern. Als Robert le besaß er auch selbst genug Geld. Als Chef von Goldman
Rubin seinen Traum von einem Studium in Harvard schwin- Sachs wurde er zum vielfachen Millionär.
den sah, weil seine Highschool-Noten zwar ganz gut, für die Als Bill Clinton 1992 mit Hilfe der Wall Street US-
Elite-Uni aber bei Weitem nicht gut genug waren, trat sein Präsident geworden war, machte er Rubin zu seinem obersten
Vater auf den Plan. Rubin senior war Anwalt und mit einem Wirtschaftsberater, der Clinton entsprechend beeinflusste.
anderen Anwalt befreundet, der wiederum den Dekan der Der Präsident, der als Mann der Mittelklasse angetreten war,
Wirtschaftswissenschaften kannte. Und so nahm Robert entwickelte sich zu einem Befürworter wirtschaftsliberaler
Rubins Karriere ihren Lauf. Maßnahmen. So unterzeichnete er in seiner zweiten Amtszeit,
Wer wen kennt, wer wo studiert, wer anschließend in in der Rubin zum Finanzminister aufstieg, ein Gesetz zur
welche Position wechselt, das ist in Politik und Wirtschaft Abschaffung des sogenannten Glass-Steagall Act, der Banken
manchmal entscheidender als das, was man kann. In Frank- vorschrieb, das Geschäft mit Privatkunden und das Invest-
reich etwa kommt ein Großteil des politischen Personals mentbanking strikt zu trennen – um beim teilweise gefährli-
von den sogenannten Grandes écoles, in den USA wiederum chen Spekulieren an der Börse nicht das Geld der normalen
von den Eliteuniversitäten wie Harvard, Yale oder Stanford. Sparer zu riskieren. Diesen Schritt führten viele später als
Sie ebnen den Weg nach oben, auf dem man immer wieder einen wichtigen Grund für die Finanzkrise an, weil die Ban-
auf andere ehemalige Absolventen trifft, die einem gern ker weitgehend ohne Regulierung mit Milliarden jonglierten
beim weiteren Aufstieg helfen. In Robert Rubins Fall führ- und ihre Geldhäuser in den Ruin trieben.
ten ihn seine Kontakte an die Spitze der Wall Street und Aber Mitte der 1990er-Jahre war die Welt an der Wall
sogar ins Weiße Haus. Street noch in Ordnung. Man verdiente obszön viel Geld,
Nicht nur die richtige Uni, auch das richtige Netzwerk und Rubin widmete sich einem neuen Zirkel, in dem die
kann in den USA entscheidend sein. In Bruderschaften, den Zukunft geplant wurde. Jeden Donnerstag traf er sich zu
sogenannten Fraternities, wird die Männerbündelei bei ge- einem vertraulichen Frühstück mit Lawrence Summers, der
meinsamen Trinkgelagen zum wichtigen Teil des Studenten- später mit seiner Hilfe Präsident von Harvard werden soll-
lebens. Besonders exklusiv sind die sogenannten Ehrenge- te, und Alan Greenspan, der später Präsident der US-No-
sellschaften, die ihre Mitglieder streng nach Leistung und tenbank wurde. Diverse Posten wurden unter Freunden
Noten auswählen. Rubin trat schon früh der ältesten Studen- aufgeteilt: 1999 übernahm Summers Rubins Posten als Fi-
tenverbindung der USA, „Phi Beta Kappa“, bei, zu deren nanzminister, 2002 wurde Rubins alter Goldman-Buddy
ehemaligen Mitgliedern allein 17 US-Präsidenten zählen. Stephen Friedman oberster Wirtschaftsberater des neuen
Durch die guten Beziehungen seines Vaters bekam der Präsidenten George W. Bush.
damals 28-jährige Rubin 1966 nach dem Studium einen Job Rubin selbst wechselte 1999 erneut die Seiten. Er verließ
bei der Investmentbank Goldman Sachs, doch er spürte die Regierung und stieg bei der Citigroup-Bank ein. Als die
schnell, dass ihm die Arbeit dort nicht den Einfluss brachte, zehn Jahre später kurz vor dem Zusammenbruch stand, füg-
den er sich erhoffte. Wichtiger als die Finanzbranche waren te es sich günstig, dass mit Hank Paulson ein ehemaliger
damals noch andere gesellschaftliche Bereiche – etwa das Goldman-Kollege das Finanzministerium leitete. Die Regie-
Kulturleben rund um den Broadway und die Politik. rung rettete Citigroup – und Rubin rettete sich selbst. Wäh-
Zugang dazu verschaffte sich Rubin, indem er seine Frau rend viele US-Amerikaner in der Finanzkrise ihren Besitz
Judy regelmäßig zu Theater- und Ballettaufführungen beglei- verloren, belief sich sein Vermögen auf 126 Millionen Dollar.
tete und bei VIP-Partys mit den Chefs der wichtigsten Insti- „Rubin hatte seine gesamte Karriere damit zugebracht,
tutionen ins Gespräch kam. Einer von ihnen war ein alter seine eigenen Interessen und die der Wall Street mit denen
Studienfreund, Sherwin Goldman, der Rubin bald in das des Landes zu harmonisieren“, schreibt der Reporter George
Gremium des American Ballet Theatre berief. „Die externen Packer in seinem Buch „Die Abwicklung“.
Engagements halfen auch meiner Karriere bei Goldman Sachs, Nach dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 tauchte Ru-
da ich gestandene Menschen traf, die wiederum Kunden oder bin erst einmal ab. Später, vor einem Untersuchungsausschuss
potenzielle Kunden unserer Kanzlei waren“, schrieb Rubin zur Finanzkrise, hörte er sich an wie jemand, der nicht sein
später ganz offen in seiner Biografie. gesamtes Leben an den wichtigsten Entscheidungen seines
Der Weg in die Politik wiederum war eine Geldfrage. Landes beteiligt war. Den Sturm, der ganze Banken hinweg-
Als ihn die Demokratische Partei fragte, ob er ein Spenden- fegte und Millionen Menschen in tiefe Armut stürzte, so ließ
dinner für den Wahlkampf organisieren könne, rief er einen er die überraschten Ausschussmitglieder wissen, habe selbst
alten Familienfreund in Miami an, der durch Goldman Sachs er nicht voraussehen können. Und all seine Freunde anschei-
zu Reichtum gekommen war. Der Mann und seine Geschäfts- nend auch nicht.

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fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

Zusammenhalt,
der stark macht:
Hier demonstrie-
ren junge Russen
gegen die weit
verbreitete Kor-
ruption im Land
46
Aktivisten leben in Russland gefährlich.
Verlassen können sie sich oft nur auf
wenige. Über die Kraft der Freundschaft in
politisch heiklen Zeiten

Druschba  Von Nik Afanasjew

An einem windigen Herbstabend laufen Wasser bis zum höchsten Wolkenkrat­ bar zu machen. Bei den Regionalwahlen
für „Freundschaft"

sieben junge Menschen einen schmalen zer Europas. Er läuft nach oben spitz wurden viele Oppositionskandidaten
Wanderpfad entlang. Um sie herum zu und erinnert an eine Rakete. Zur nicht zugelassen. Zuletzt trat ein Gesetz
rauschen die Blätter, ein paar Meter anderen Seite steht an der Hafenein­ in Kraft, das dem Kreml die vollständi-
weiter rauscht das Meer. Mit tief ins fahrt ein kürzlich renoviertes Stadt- ge Kontrolle des Internets ermöglichen
Gesicht gezogenen Mützen wandern schild mit meterhohen Buchstaben: soll. Keine leichten Zeiten für demokra-
sie zur Spitze einer Landzunge. Hinter Leningrad. So hieß Sankt Petersburg tische Aktivisten. „Es ist manchmal
ihnen liegt nicht etwa die unendliche bis zum Zerfall der Sowjetunion. Hier entmutigend, aber man darf nicht auf-
*  Russisch

Tundra, sondern Sankt Petersburg, mit lebt der Name fort. geben“, sagen die drei. Zusammen mit
über fünf Millionen Einwohnern die Olga, Nadja und Gleb sind in den weiteren Freunden haben sie sich des-
zweitgrößte Stadt Russlands. Dreißigern, tragen bisweilen leicht ab- halb aufgemacht, eine „empathische
Gleb hält an, hebt eine verrostete gewetzte Klamotten, „wir leben kon- Gesellschaft ohne Unterdrückung“ zu
Cola-Dose auf, schmeißt sie in seinen sumreduziert“, sagen sie. Ihre Energie erreichen.
Rucksack. „Es ist eine Schande“, sagt stecken sie lieber in Demonstrationen, Nach der Tour laden Olga, Gleb
er und zeigt nach vorne. Im Gestrüpp zuletzt gegen Wahlfälschung. Oder und Nadja in ihre Wohnung in einem
liegen Bierdosen, Plastiktüten, Sand- sie organisieren Aufklärungskampa­ 14-geschossigen Plattenbau. „Was wir
wichverpackungen. gnen für Drogenkonsumenten und Ge- machen und was wir sind, lässt sich
Als die Spitze der Landzunge fast sprächsrunden, in denen Menschen nicht trennen“, erklärt Gleb. „Bei uns
erreicht ist, hält die Gruppe an einer über den Tod oder Geschlechterrollen geht das auch gar nicht anders. Weil
Waldlichtung, die überraschend sauber debattieren. Dafür haben sie vor fünf der russische Staat so repressiv ist, muss
ist – scheinbar unberührte Natur, nur Jahren einen Verein gegründet, „Trava“, ich den Leuten vertrauen können, mit
wenige Kilometer vom Stadtzentrum das bedeutet „Gras“ – weil es eine Gras- denen ich mich für etwas einsetze.“ Gleb
entfernt. „Hier haben wir kürzlich auf- wurzelbewegung sein soll, wie Olga stammt aus Murmansk im Nordwesten
geräumt“, erklärt Gleb. „Wenn wir es erklärt, also eine Initiative von unten. Russlands und erzählt, dass er dort
schön haben wollen, müssen wir selbst Seit Wladimir Putin 2012 nach vier einmal erlebt hat, wie ein Polizeispitzel
dafür sorgen.“ Jahren als Ministerpräsident wieder eine aktivistische Gruppe infiltriert
Heute führt Gleb, zusammen mit Staatspräsident geworden ist, werden hat. „Dabei war das eine Jugendorga-
zwei Mitstreiterinnen, vier westeuropä- demokratische Rechte und Freiheiten nisation, die nicht radikal war“, erzählt
ische Touristen in die Natur der Groß- zunehmend eingeschränkt. Nichtregie- er. So zwingt der straffe russische Si-
stadt. Mit alternativen Stadttouren wei- rungsorganisationen müssen sich als cherheitsapparat die Aktivisten gera-
ten sie den Horizont von Besuchern, „ausländische Agenten“ registrieren las­ dezu in intensive Freundschaften.
die sonst nur Paläste und Schlösser aus sen, wenn sie Gelder aus dem Ausland Nadja stammt aus Sibirien und
der Zarenzeit zu sehen bekommen. Sie erhalten, das Gesetz gegen sogenannte hat die Aktionen von Trava zunächst
bieten einen alternativen Blick auf die „Schwulenpropaganda“ zwingt Homose- im Internet verfolgt. „Die haben auf
Stadt. Nach rechts geht der Blick übers xuelle, sich in der Öffentlichkeit unsicht- dem Höhepunkt der Krise zwischen

47
Zusammen sind sie stark:
Das Engagement für eine demokratische ben, denn sie hänge nicht von einzelnen
Zivilgesellschaft ist im Freundeskreis Mitgliedern ab, etwa wenn sie verhaftet
werden – wie das Olga bereits selbst
einfacher, weil man sich hilft passiert ist.
Im Sommer 2017 nahm sie an Pro-
testen teil, zu denen der oppositionelle
Politiker Alexej Nawalny aufgerufen
hatte. Zwölf Tage saß Olga dafür in
Haft. „Die anderen haben mir Hummus
Russland und der Ukraine Skype-Dates „Es war unglaublich, dass so etwas bei und Brot gebracht“, erzählt sie und zeigt
zwischen Menschen in beiden Ländern uns möglich war!“ auf ihre Mitstreiter. „Das Zeug im Ge-
organisiert, damit die sich nicht ent- Nadja hat für die gesamte Gruppe fängnis war ungenießbar.“
fremden. Das fand ich so stark!“, erzählt ein Abendessen gekocht. Es gibt einen Zum Unterstützernetzwerk, das
sie. „Ja, das war eine Nummer“, sagt Auflauf mit Zucchini, Auberginen, Kar- sich für Olga eingesetzt hat, gehört auch
Olga. Die Teilnehmer hätten sich teil- toffeln, überbacken mit Käse. Alle Le- Josh. Als Kanadier fällt der freie Jour-
weise lautstark gestritten. Olga sagt: bensmittel sind „gerettet“, wie Nadja es nalist im Freundeskreis auf. „Ich habe
„Wir haben es halt versucht.“ ausdrückt, sie waren von Supermärkten irgendwann angefangen, Russisch zu
Nadja berichtet, dass es in der rus- zur Vernichtung aussortiert worden. lernen, bin deshalb in Sankt Petersburg
sischen Provinz kaum vergleichbare Olga betont eine weitere Besonder- gelandet und hängen geblieben“, erzählt
Gruppen gebe. „Da setzen sich Men- heit ihrer Organisation: „Wir arbeiten er. Er habe durch Couchsurfing bei
schen höchstens für lokale ökologische horizontal!“ Das heißt: keine Anführer Mitgliedern von Trava übernachtet und
Belange ein, gegen eine neue Müllde- und keine Hierarchien. „Das wirkt sich so die anderen kennengelernt. „Was wir
ponie oder so.“ Zu Olga und Gleb ist auch positiv auf uns als Freundeskreis hier versuchen, würde ich als politische
Nadja während der Fußballweltmeis- aus, weil wir versu- Bildung beschreiben“, erklärt
terschaft 2018 in Russland gestoßen. chen, jedes Machtge- Josh. Für solche Anliegen
Die beiden hatten mitten in Sankt Pe- fälle zwischen uns zu Jugendliche brauche man in Russland
tersburg das „diversity house“ mitorga- vermeiden.“ Gleich- demonstrieren in auch richtig gute Freunde,
nisiert – eine Plattform für Diskussio- zeitig helfe es der Moskau gegen die „sonst wäre das, was wir hier
nen über die Rechte von Schwulen und Gruppe auch, ak­ vierte Amtszeit von machen, einfach psychisch
anderen diskriminierten Minderheiten. tionsfähig zu blei- Präsident Putin zu anstrengend“.
Josh selbst veranstaltet
Kitchen Talks, ein Format,
bei dem sich Menschen in
ihren eigenen vier Wänden
über das austauschen, was
sonst tabuisiert wird. Es ist
eine Art zivilgesellschaftliche
Gesprächstherapie.
Am Abend wollen die
Aktivisten wieder auf eine
Expedition, auch wenn es
diesmal nicht in die Natur
hinausgeht – sondern nach
oben. Vom Dach ihres Wohn-
hauses sehen sie Hafenkräne,
Fabrikschlote und in der
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

Ferne die wolkenkratzende


Gazprom-Zentrale – aber
auch ein verlassenes Wohn-
haus in ihrem eigenen Bezirk.
Olga zeigt darauf. „Nachdem
alle Mieter ausziehen muss-
ten, haben wir dort einen
Jugendklub aufgezogen, für
die Kinder aus der Nachbar-
schaft. Es geht in kleinen
Schritten voran.“ Der Weg
ist weit, aber umsonst gehen
sie ihn sicher nicht.

48
Deine
neue
Freundin

Sieht so deine Freun-


din aus der Zukunft aus?
Schaltest du dieses Ge-
rät ein, erscheint in
einem Glaszylinder das
Hologramm einer Anime-
Figur. Azuma weckt dich, ihren „Master“, morgens mit glocken-
heller Stimme, erinnert dich zum Beispiel daran, einen Regen-
schirm einzupacken, und sagt dir, dass du jetzt aber wirklich
dringend losmusst, weil viel Verkehr ist. Am Tag schreibt sie
dir hin und wieder Nachrichten, dass sie dich vermisst und
sich auf den Abend mit dir freut. Kommst du nach Hause, schal-
tet sie das Licht für dich ein und begrüßt dich. Azuma funkti-
oniert also ein bisschen wie eine digitale Sprachassistentin,
nur dass sie mithilfe von Sensoren ihre Umgebung besser wahr-
nehmen kann und so eine engere Verbindung zum Nutzer aufbauen
soll. Mit Azuma hast du, glaubt man dem japanischen Herstel-
ler, eine emotionale und organisatorische Stütze im Alltag. Du
kannst mit ihr zusammenleben, ohne dabei deine eigene Freiheit
aufzugeben. In den Arm nehmen kannst du Azuma aber trotzdem
nicht. Du würdest ins Leere greifen.

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Filme, Bilder und Artikel
auf fluter.de
Impressum

fluter – Magazin der Bundeszentrale


für politische Bildung
Ausgabe 73, Thema Freundschaft,
Winter 2019/20
Herausgegeben von der Bundeszentrale für
politische Bildung (bpb)
Adenauerallee 86, 53113 Bonn
Tel. 0228 / 995 15 - 0

Redaktion
Thorsten Schilling (verantwortlich / 
Bundeszentrale für politische Bildung / 
schilling@bpb.de),
Oliver Gehrs (redaktionelle Koordination)

Bildredaktion
Trine Skraastad

Artdirektion
Sabine Kornbrust

Mitarbeit
Nik Afanasjew, Margherita Bettoni, Claudia
Eberlein, Arno Frank, Sabrina Gaisbauer,
Oliver Geyer, Julia Günther, Paul Hofmann,
Lukas Hermsmeier, Skip Hollandsworth, Noelle
Konate, Steven Meyer, Tanja Mokosch, Maike
Nedo, Natascha Roshani, Jenni Roth, Tilman
Schächtele, Annett Scheffel, Daniel Schulz,
Ulrike Sterblich, Nikita Vaillant

Dokumentation
Kathrin Lilienthal

Große Geschenke erhalten die Freundschaft Korrektorat


Tina Hohl, Florian Kohl

Katze oder goldenes Kamel, Schreibset oder Indianerschmuck? Es ist schon Redaktionsanschrift  /  Leserbriefe
fluter  -  Magazin der Bundeszentrale für
interessant, was Staatsoberhäupter bei offiziellen Besuchen als Gastge- politische Bildung,

schenk mitbringen. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte DUMMY Verlag, Torstraße 109, 10119 Berlin,
Tel. 030 / 30 02 30 - 233, Fax - 231, post@fluter.de
sogar mal eine Kettensäge dabei – als Präsent für US-Präsident George W. Redaktionelle Umsetzung
Bush, der eine Ranch hat. Wir entstauben ein paar der symbolträchtigsten DUMMY Verlag GmbH, Torstraße 109,
10119 Berlin
Präsente der Staatsdiplomatie und erklären, was es mit ihnen auf sich hat. ISSN 1611-1567
Bundeszentrale für politische Bildung
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Im öffentlichen Raum wird Elektronik immer häufiger zur Überwachung politische Bildung
eingesetzt. Was aber, wenn sie plötzlich ins Private gelangt? Über ein Jahr Dudenstraße 37 - 43, 68167 Mannheim
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lang spähte ein Freund unsere Autorin aus. Heimlich hatte er eine Software abo@heft.fluter.de

auf ihrem Laptop installiert und konnte sehen, was sie auf dem Rechner las, Kostenloses Abo bestellen, verlängern oder
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sah oder schrieb. Wie diese Ausspähung möglich wurde und welche Auswir- www.fluter.de/heft-abo
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kungen sie auf die Freundschaft hatte, erzählt diese Geschichte.
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Überlebt die Freundschaft, wenn einer von beiden politisch ganz anders Nachbestellungen von fluter werden von
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die Kamera, um die Grenzen ihrer Freundschaft auszuloten.
Bildnachweise
fluter Nr. 73, Thema: Freundschaft

Sämtliche Illustrationen: Gregory Gilbert-Lodge;


S. 2 BStU/MfS-HA-XX-Fo-0738-Bild-0025; S. 3
Victoria Jung; S. 4 Courtesy of the Cogburn

Vorschau
family, Josh Kern; S. 5 AFP/Getty Images;
S. 6-13 Josh Kern; S. 12 Privat; S. 15 Armel
Brucelle/Sygma/Getty Images; S. 16 akg-images/
picture alliance/ZB/Wilfried Glienke; S. 17
Privat; S. 19 Renke Brandt; S. 20, 22, 25
Courtesy of the Cogburn family; S. 21 Brian
Wie schwierig es sein kann, eine eigene Bleibe zu finden, merkt man Goldman; S. 23, 24 Khaula Jamil; S. 28-31
Ryan James Caruthers; S. 32 Hackemann/picture
erst, wenn man von zu Hause auszieht. Besonders in den großen Städten alliance/dpa; S. 34-35 Anne Morgenstern; S. 41
Stephan Lucka; S. 42 Max Siedentopf; S. 44
wird es eng und teuer – ein WG-Zimmer für 400 Euro und mehr ist keine The Sydney Morning Herald/Fairfax Media/Getty
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nicht nur um Fragen sozialer Gerechtigkeit, sondern auch um gesellschaft- The Asahi Shimbun via Getty Images

liche Utopien. Wie, wo und mit wem will man eigentlich leben, und wie Papier: Dieses Magazin wurde auf
umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem
wirken sich globale Entwicklungen wie der Klimawandel auf die Zukunft Papier gedruckt.

der Architektur aus? Wir wollen diesen Fragen für das nächste Heft zum Ausführliche Informationen zu Datenschutz
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Thema „Wohnen“ auf den Grund gehen. Bis dann. www.fluter.de/datenschutz

50
„Und wo kommst
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Singst du die
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Weg begleitet hat. Zehn Filme auf imkaefig.de
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