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Band 60.] Η. KEES: ZU den ägyptischen Mondsagen.

Zu den ägyptischen Mondsagen.


Yon HERMANN KEES.

W ir verdanken ERMAN den Hinweis auf eine merkwürdige Kultsage aus dem Kreis
des ithyphallisehen Gottes, die die Entstehung des Thot aus dem Scheitel des von
Horus-Min geschwängerten Seth behandelt 1 . Aus ihm ist dann die sonst unverständ-
liche Genealogie ^ ^ \ / „Thot, der Sohn der beiden Herren, der aus
dem Scheitel hervorging"2 gefolgert. Eine solche Sagenfassung muß schon ziemlich
alt sein, denn sie scheint in einem Sargtext aus Bersche vorausgesetzt3, wenn der
Tote als Thot zu Osiris sprechen kann: „Ich bin der Sohn deines Sohnes, der Same
deines Samens, der Gott, der die beiden Brüder schied".
ERMAX hat auch richtig gesehen, daß die Voraussetzung zu einer derartigen
Sagenform eine Auffassung der Päderastie als Demütigung des unterlegenen Feindes
zum Zeichen seiner völligen Unterwerfung bilden muß. Dafür lassen sich nun zum
Ersatz für den einen nicht zutreffenden Belßg aus den Pyramidentexten, aus dem
MASPERO früher bereits den gleichen Schluß gezogen hatte, tatsächlich inschriftliche
Nachweise erbringen.
So enthält der von mir kürzlich behandelte altmemphitisclie Nefertemhymnus
eine Verwahrung des Urgötterpaares Schu und Tefnut gegen geschlechtlichen Miß-
brauch seitens des „Gottesschattens", ihres Vaters, des ithyphallischen Schöpfungs-
gottes 4 . Am gröbsten tritt diese, übrigens der Sinnesart der Pyramidentexte durch-
aus entsprechende Auffassung in einem magischen Sargtext der Herakleopolitenzeit
hervor, wo der Sprecher behauptet 5 :
„Re hat keine Macht über mich, denn ich bin es, der seine Luft wegnimmt.
Atum hat keine Macht über mich, denn ich koitiere seinen Hintern."
Hinter der auffälligen Erfindung der Sage über die Herkunft des Mondgottes
Thot aus einem solchen Akt der Siegerlaune stecken natürlich tiefere Gedanken, die
hier auf echtägyptische Art angedeutet werden, und zwar besondere Ableitungen
aus dem beliebten Stoff von den Augen des Himmelsgottes, Sonne und Mond. Den
Ursprung aus Seth hat Thot gemeinsam mit der Uräusschlange, die als Symbol der
Königsdiademe frühzeitig eine Art neutrale Stellung in ihrer Geltung sowohl als
Sonnen- wie als Mondauge erlangt hatte. Nicht zufällig wird daher an mehreren
Stellen der Pyramidentexte die Uräusschlange als „das Horusauge, das an der Stirn
des Seth ist" 6 , das sonst aus dem Scheitel der Himmelsgöttin oder des Re selbst er-
wächst, mit denselben Worten benannt „das was aus Seth hervorging" oder „die sich
am Scheitel des Seth befindet" 7 .
Diese auffallende Parallele zwischen dem Sonnengott und Seth bezüglich des
„Hervorgehens" der Uräusschlange kommt zuweilen stark betont zum Ausdruck 8 :
1) Beiträge zur ägyptischen Religion. Sitzungsber. Akad. Berl. 1916, S. 1142 f. — 2) Turin 74
(saitisch). — 3) LACAU, T.R. Nr. 90 (Ree. de trav. 37, S. 144 f.). — 4 ) ÄZ. 57, S. 110. — 5) QÜIBELL,
Excavations at Saqqara II, Texte rel. Nr. 44. Ich habe die Stelle sinngemäß in die 1. Person umgesetzt. —
6) Pyr. 84 a. — 7) Pyr. 979 c. — 8) Pyr. 2047 d.
Zeitschr. f. Xgypt. Spr., 60. Band. 1

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2 [60. Band.

..Dies, was aus Re hervorging, ist die Schlange; dies, was aus Seth hervorging, ist
die Aufbäumende ( i r . t ) . "
Das bezieht sich nicht allein auf das politisierte Sagenmotiv, daß das Horusauge,
der [Jräus als Königsdiadem, einst von Seth im Kampf geraubt und ihm dann wieder
entrissen wird, obwohl dessen Hineinspielen zweifelsfrei durch solche Stellen erwiesen
wird, wie etwa „N. ist die Aufbäumende, die aus Seth hervorging, die Entrissene
und Wiedergeholte" 1 oder „N. suchte (das Horusauge), er fand es in Heliopolis. N.
nahm es vom Haupte des Seth am Orte, wo sie gekämpft hatten" 2 . Aber allein um
auf dieses Motiv hinzuweisen, würde man nicht den zweideutigen mit der Herkunft des
Auges aus Re selbst parallelen Ausdruck pr.t „hervorgegangen" gewählt haben.
Gleichzeitig soll darin eine Anspielung auf Seth als elementare Naturkraft am
Himmel stecken, mögen wir sie nun als Macht der Finsternis oder sonstwie fassen,
aus deren Bann das Mondauge beim Wiedererscheinen nach dem Neumond frei wird.
Übrigens ist es nicht die Schlange allein, was nach diesen Texten aus Seth her-
vorging, man spricht auch im Zusammenhang mit der Zeremonie der Mundöffnung
mittels des Dechsels aus Kupfer für die Götter vom „Erz, das aus Seth hervorging" 3 ,
vielleicht mit Rücksicht darauf, daß man das Sternbild des großen Bären nach seiner
Hakengestalt „Dechsel" nannte, und dies wenigstens später sicher als Gestirn des
Seth gilt. Ob dabei auch an die Herkunft des Kupfers vom Sinai, also dem Gebiet
des Seth als Wüstengott, gedacht ist, bleibt zweifelhaft. Sicherlich wird aber Seth
schon wesentlich früher als Gott des Auslandes aufgefaßt, als man bisher gewöhnlich
annahm 4 . Eine Erinnerung könnte in dem Manethozitat bei Plutarch de Iside 02 vor-
liegen, daß das Eisen „Knochen des Seth" genannt würde.
Wichtiger für unseren Vorstellungskreis ist eine andere Pyramidenstelle, die in
einer Schilderung des Auftretens des toten Königs als Jenseitsherrscher unmittelbar auf
den Ursprung des Thot aus Seth anspielt, wenn sie die Nägel vorn an den Fingern
mit den "Messern ( d · h" den

Schwungfedern) vorn an den Schultern des Thot, des Schneidigen, der aus Seth hervorging" 5
vergleicht. Der Vergleich der spitzen Flügelfedem mit Messern ist gewöhnlich:
^ ^ ^ P P P i o ^ Z i ^ k E ^ — 5 ; ' " d i e F e d e r n vorn an seinen Schultern
sind Messer", sagt eine andere Stelle 6 .
Die Bezeichnung des Thot aber als „des Schneidigen (mds), der aus Seth hervor-
ging" hat wieder einen dem ägyptischen Theologen geläufigen kosmisch/astralen Hinter-
sinn. Glücklicherweise treffen wir diesen Begriff öfters in alten religiösen Texten und
zwar in Zusammenhängen, die eine einwandfreie Deutung erlauben. Er zielt wieder
auf das Mondauge in seiner unfertigen Gestalt als messerähnliche Sichel vor und
nach dem Vollmond.
Aus ihr haben sich zwei Verwenduugskomplexe abgespalten: einmal die Vorstellung
von der Mondsichel als schneidige Waffe gegen die Feinde des Gottes, auf der anderen
Seite die Mondsichel als Sinnbild des beschädigten, noch nicht wieder heil gewordenen
und „gefüllten" Hinnnelsauges.
Die Angabe über die Herkunft aus Seth wiederholt eine jüngere Totenbuchstelle,
nur daß in ihr Thot mit seinem nicht seltenen Beiwort „der Zauberreiche", das ihm
ebenso wie Seth und dem Uräusdiadem selbst beigelegt wird 7 , bezeichnet ist 8 Q' Vffi^"^

1) Pyr. 1 4 5 9 b. — 2) Pyr. 1242. — 3 ) P y r . 1 4 a. — 4 ) Ä Z . 5 7 , S . 9 7 u n d A r t . S E T H b e i P A U L T -


WISSOWA, Sp. 1906. — 5 ) Pyr. 1999c. — 6) Pyr. 1560c. — 7) Vgl. Tb. Kap. 169, 18. 182, 8. — 8) Tb.
Kap. 1491 ( N A V . Z. 7 0 ) .

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Band 60.J Η. KEES: ZU den ägyptischen Mondsagen. 3

^ ^^ ^^-A „Ich bin der Zauberreiche, der Schneidige, der


aus Seth hervorging".
mds ist als M-Bildung von ds „Messer", dessen Wortzeichen es in den ältesten
Schreibungen beibehält, der von GRAPOW aufgestellten Liste dieser Worte zuzufügen.
Abgesehen von der nicht seltenen Verwendung von mds als Verbum und Adjektivuni
in übertragener Bedeutung1, wird das Adjektiv, gelegentlich auch im Plural, von einer
bestimmten Klasse Jenseitsbewohner gebraucht, vor denen sich der Tote in acht
nehmen muß2, denu sie sollten zweifellos entsprechend den Darstellungen der Vignetten
des Zweiwegebuches und der selbst sichelförmigen Zauberstäbe des MR mit Messern
bewehrt sein. Sie verfahren gewiß wie der Schlangenzauber aus den Pyramidentexten
es voraussetzt3 „er schneidet deinen Kopf mit diesem Messer, das in der Hand der
Mafdet ist, ab". Daher die Warnung: „Gehe nicht auf den Pfaden der Messer-
leute (mdsw)"*.
Andererseits nennt man den streitbaren Morus von Sile als Schläger der Feinde
im NR |, also, um im Bilde zu bleiben, etwa „den mit hinmähendem
5
Arm" . Kein Wunder, wenn sich auch der Tote zu seinem Schutze auf magischem Wege
dieses Hilfsmittel verschafft. So will der Tote die „Sichel in der Hand des (DämonsJ
,Sperrmaul' (| -jj-JL^K J ^ ^ H M ^ ) se i u6 > oder er behauptet , daß er die
Kampfsichel ( » " v x aus der Hand eines Jenseitsdämons genommen
ΛΛΛΛΛΛ

7
habe . Beziehungsreicher wird es aber, wenn wie eingangs Thot auch der Mondgott
Chonsu einmal gerade unter dem Beinamen [1 ^ in einer auffällig
gewalttätigen Rolle erscheint und für den toten König seine Opfer köpft 8 .
Die Bedeutung wird verständlicher, wenn wir dazu über das Auftreten des Chonsu
im alten Tb. Kap. 83 hören 9 : „Ich bin Chonsu, der die Wut schwinden läßt10, der
Herr der Herren, ich bin die F l a m m e (bhhw), der Hen· der Herzen, ich bin der
Schneidige ^j) unter euch, ich bin die Locke 1 1 auf dem Kopf der
Kahlkopfpriester (/i/')"; ferner, wenn es in Sprüchen, die gegen das gefährliche Feuer
der solaren Region bewahren sollen, heißt „ich bin das s c h n e i d i g e Messer (ds
mds) in der Hand des Thot" 1 2 , oder: „Ich bin das Messer, mein Spruch wird nicht
abgewehrt. Ich vertreibe das Unheil (nsri)\ ich bin Re, ich bin Hw, ich bin Thot,
der die Große<n> ergriffen hat. Ich bin gekommen, das Horusauge suchend, ich habe
es geholt, is gezählt und es vollständig, nachgezählt und heil gefunden"13.
Das schneidige Messer in der Hand des Mondgottes kann hierbei nichts anderes
sein als die Mondsichel, das Horusauge, dem deshalb als Flamme in absichtlich eng
anklingenden Worten die gleichen Eigenschaften gegenüber den Feinden zugeschrieben
werden. Wiederholt wird die schützende Flamme als Horusauge „scharf, spitz" u. ä.
genannt. „Spitzer (spd) ist mein Spruch als die Flamme, spitzer ist mein Zauber
als die Flamme" behauptet der Sprecher des oben zitierten Tb. Kap. 8 3 u .
1) Stellen bei RANSOM, Stela of Menthu-Weser S. 19. — 2) Pyr. 281a, 1606b. Zweiwegebuch
Kap. X Y 1 6 , (Tb. K a p . 179). Tb. K a p . 17, 8 0 . — 3 ) Pyr. 4 4 2 . — 4 ) LACAU, T . R. N r . 9 0 . — 5) Denk-
stein aus Sile Ree. de trav. 31 S. 119 = Annal. du Serv. 23 S. 176 f. — 6) Zweiwegebuch Kap. I l l e , Z. 22.
— 7) Zweiwegebuch nach Kairo 28085, 2.Reihe Nr.7. LACAU, Sarcophages I, S.213. — 8) Pyr. 402a. —
9) Harhotep Z. 422f.; vgl. Kairo 28117, Z. 521 f. (Dendera). — 10) Lies sb dnd nach Harhotep Z. 414 (Hin-
weis von SETHE). — 11) Zu dieser Anspielung s. u. S. 6. — 12) LACAU, T. R. Nr. 48 Titel: „Spruch für
das Hereingehen ins Feuer und das Herausgehen aus dem Feuer nach draußen". — 13) LACAU, T. R. Nr. 49;
vgl. QÜIBELL, Excavat. at Saqqara II, Texte rel. Nr. 44, Z. 42—44. Titel: „Herausgehen aus dem Feuer
hinter dem großen Gott". — 14) Nach Kairo 28117 (Dendera), Z. 523/4.
1*

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4 Η. KEES: ZU den ägyptischen Mondsagen. [60. Band.

Anscheinend hängt damit die Vorstellung eines leider recht unklaren Spruches des

Besonders sinnfällig tritt diese Rolle des Horusauges als strafendes Messer in
den von J U N K E R in seiner Onurislegende zum Kultkreis des Haroeris von Letopolis
gesammelten Texten hervor 2 . Letopolis hatte als Stätte des „Herrn der beiden Augen"
die Augensage besonders ausgebildet und betont dabei auch sonst im Charakter seiner
Ortsgötter gern gewalttätige Züge3.
Dort gilt das „heile" (wdl.t) Auge neben der zeitgemäßen, in Letopolis dazu
durch Lokalkulte der Sachmet begünstigten Gleichsetzung mit Hathor-Sachmet, der
Vertilgerin des aufrührerischen ersten Menschengeschlechtes, besonders als das Messer
^ ^ ^ „das heimgekehrte" und wird daher auch ^ ^ geschrieben4.
Während die Mythen vom Sonnen- und Mondauge infolge frühzeitiger Vermischung
des Sonnenauges als Uräus mit Tefnut, die als Tochter des Re und Schwester des
Schu auf Grund anderer Spekulationsreihen zum Mondauge geworden war 5 , schon
in den Pyramidentexten ineinander übergehen, ist hier noch die Anspielung auf die
Sage vom zürnenden „fernen" (hrj.t) Auge dazugetreten, die wieder eine so prächtige
sinnfällige Verbindung mit dem Horusauge (irJ Hr) ergibt.
Ein ebenfalls von J U N K E R beigebrachter Text aus dem Tempel von Ombos
feiert das Horusauge als „Herrin des Schreckens . . . ., die die Köpfe der Bösewichter
abschneidet, schönes Lichtauge des Haroeri^, (linkes) heiles Auge, . . . . großes ijt-Messer
des Herrn der beiden Augen, fernes Auge6, das zu seiner Zeit kommt, Dolch ge-
schärft gegen die Feinde des Re Am Tage, da es erschien, vernichtete es
7
die Genossen des Seth usw." .
Schon sehr alt bezeugte Mythen spielen im Zusammenhang mit Letopolis und
seinem Gott auf ,jenen Tag des Abschneidens der Köpfe der Bunt-Schlangen" und
ähnliche Dinge an 8 . Mit solchen Erinnerungen werden auch die im Totenbuch er-
wähnten Gedenktage „des Vertreibens der Rebellen in Letopolis" und vielleicht auch
des „Festes des Abendmahls in Letopolis" zusammenhängen9.
Darum erscheint das ^-Messer in der Horusmythe von Edfu als Mutter des Horus
(Isis), die aus Chembis kommt, um dem Horus im Kampf beizustehen10, natürlich eine
zeitgemäße Erklärung der als Uto (Uräus) aufgefaßten Genossin des Gottes von Leto-
polis, die aus seinem linken Auge abgeleitet ist11. Ganz entsprechend wird das helio-
politanische weibliche Komplement des Atum frühzeitig der Tefnut als Uräusschlange
und Himmelsauge gleichgesetzt.
Nach Kenntnis der Sachlage wird auch eine Rolle des Thot für uns verständlicher,
die dem Mondgott als Ordner aller Dinge, Versöhner des Streites der gegensätzlichen
Mächte des Weltalls gegenübersteht, nämlich wo Thot in besonders kräftiger Ausmalung

1) Zweiwegebuch Kap. V, 1—2. — 2) Onurislegende S. 150f. — 3) Vgl. ÄZ. 57, S. 113. — 4) JUN-
KER, Onurislegende S. 41. 150. Daneben kann eine Anspielung auf „Unheil, Unrecht" beabsich-
tigt sein. — 5) KEES, AZ. 57, S. 108. Horus u. Seth I, S. 52f. — 6) Oder Horusauge, geschrieben
— 7 ) a. a. 0 . S. 150. — 8 ) Pyr. 1211 f. MAKIETTE, Abydos II 54, Z. 21 (Stele Ramses IV.) „in jener
Nacht des Abschneidens der Köpfe der Bunten in Letopolis"; vgl. JUNKER a. a. 0 . S. 41. — 9) Tb. Kap.
1, 16; 18, 3. 10. — 10) NAVLLLE, Mythe d'Horus Taf. V, 2—3. — 11) Das rechte Auge wird auch hier
der Sonne bzw. dem männl. Partner vorbehalten.

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Band 60.J Η. KEES: ZU den ägyptischen Mondsagen. 5

seines Richteramtes als gewalttätiger Rächer und Strafer auftritt, der ζ. B. im Verein
mit den Horuskindern Seth und seine Genossen schlachtet. Wir brauchen nur die
Worte der Pyramidentexte uns vorzuhalten, die ihn dazu aufrufen 1 : „Wetze dein
Messer, Thot, das scharf schneidige (usm vids), das die Köpfe abtrennt und die
Herzen herausschneidet"! Die Herkunft wird uns sofort klar.
Ein Sargtext der Herakleopolitenzeit, der nach seinem Titel den ausgesprochenen
Zweck der Vernichtung der Feinde eines Mannes im Jenseits haben soll, führt den Sprecher
ein2: „Ich bin der Schneidige der an den Tag hervorgegangen ist,
daß ich mich meiner Feinde bemächtige". Ein Paralleltext gibt dabei im Verlauf
selbst die Lösimg an „ich bin der wackere Thot"3.
Wahrscheinlich hat diese Auffassung von Thot, die ihm in den Pyramidentexten
den Ehrennamen des „stärksten der Götter"4 eingetragen hat, dazu geführt, daß er
besonders gern in älterer Zeit dem gegen seine Feinde im Ausland kämpfenden König
als Schutzgott mit solchen bezeichnenden Titeln wie „Thot, Hen· der Beduinen" oder
„Herr der Fremdländer" zur Seite gestellt wird5. Noch in den Siütverträgen verflucht
man die Übertreter mit den Worten „sie sollen dem Zorn des Thot verfallen"6.
Die Vermischung verschiedener Vorstellungskreise ist gerade im Bereich der
Sagen von den Himmelsaugen frühzeitig weit vorgeschritten. Es wirkt chaotisch,
wenn es schon in einem Sargtext des MR heißt „denn NN. ist Hathor, die Herrin
der Panther(-felle?), die Schlange (wnw.t), die lachende, in ihrer Eigenschaft als Uto,
die große Wildkuh, die die Köpfe [abschnitt]"7. Die „große Wildkuh" als Mutter des
Königs ist uns dabei schon aus den Pyramidentexten in wechselnder Gleichsetzung
mit der Himmelskönigin Nut und mit Nechbet bekannt8. Hier zeigt überdies die
Schreibung [1 ^ p ^ f ] , daß es auf ein Wortspiel mit smi „schlachten,
1
töten ' abgesehen ist.
Als Grundgedanken kann man annehmen, daß das Köpfen der Aufrührer überall
als Strafe für den Raub des Horusauges, der „Großen", aufgefaßt ist.
Eine besonders interessante Rolle spielt nun namentlich im Bereich von Helio-
polis „das große Mädchen (hwnw.t), das in Heliopolis ist"9, denn es tritt vielfach in
Beziehung zu den Sagen vom Mondauge. Auch genealogisch wird es mit der Ab-
stammung vom Wildstier verbunden, indem man variiert: „Dein Vater ist der große
Wildstier, deine Mutter das Mädchen; lebe . . . . wie Horus an der Spitze von Leto-
polis lebt"10.
Dieses „Mädchen" ist eigentlich das weibliche Komplement des Schöpfergottes
von Heliopolis, das nach der bekannten Schöpfungssage rationalistisch „seine Hand"
genannt wird, dann als Iusas (Saosis) oder „Hathor von Hetep" mythologisiert er-
scheint. Sehr frühzeitig vermischt sie sich mit dem anderen weiblichen Element
des heliopolitanischen Sagenkreises, der Tefnut als linkes (Mond-)Auge, und darüber
hinaus mit dem Uräus Uto. So nennt man schon in den Pyramidentexten den Wem
von Nebesche, dem Orte einer Uto, spielerisch „das Mädchen, das im Horusauge ist"11,
man spricht von der Heimat des „Horusauges, des hellen (ί>}£.ή" in Heliopolis12 und
Verbindet dann auch die Wirksamkeit des gütigen Mädchens als schützender Uräus
1) Pyr. 962. — 2) Pap. Berl. 10482 Text Nr. 6, vgl. GBAPOW, Sitzungsber. Akad. Berl. 1915, S. 383. —
3) Kairo 28040 (Meir) nach DABESSY, Ree. de trav. 16, S. 132. — 4) Pyr. 1237c; ähnliche Beiworte
BOYLAN, Thot S. 129. — Δ) BOBCHAKDT, Grabdenkmal des Sahure II, S. 83. 88. — 6) GRIFFITH, Siüt
Taf. 4, Z. 223. — 7) LACAÜ, T. R. Nr. 33 (Bersche). — 8) Pyr. 4 a, 388c/389a, 729 a, 1566a. — 9) Pyr. 728;
vgl. 2002a. — 10) Pyr. 809c. Eigentlich ist wohl der heilige Stier von Heliopolis gemeint. — 11) Pyr. 93 a.
— 12) Pyr. 118b; vgl. 2050.

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6 II. K E E S : ZU den ägyptischen Mondsagen. [60. Band.

mit dem Osiriskreis, indem man zu Osiris sagt „dein Diadem wehrt den Seth ab, das
gütige Mädchen, das jenem Verklärten des Gazellenlandes (Gutes) tat" 1 .
So ist in den jüngeren Texten das „Mädchen im Auge des Atum" oder „das
Mädchen im linken Auge" völlig mit Tefnut-Hathor-Uto verwachsen und erscheint
häufig in den Anspielungen auf Mondsagen2. Dal! damit ein großer kultgeschicht-
licher Wirrwarr, und auch ein solcher in der eigenen Genealogie des Systems an-
gerichtet war, da sich das weibliche Komplement des Atum mit seiner T o c h t e r ver-
mischte, ist einleuchtend. Die Ägypter hat das durchaus nicht gestört. Im Gegenteil,
sie benutzen ruhig die Gestalt des „Mädchens" als Mutter des Urgottes zur Übertragung
auch auf die ebenso schillernde Figur des „Horus" und nennen ihn gelegentlich ,,//r
hwntjd. h. „den (Sohn) des Mädchens", sicherlich unter Verbindung mit der Sage
über die Geburt des „Horus" in Chembis bei Buto :i . Schließlich wird damit auch die
Variante verständlich, daß Isis in Chembis das Urgötterpaar Schu und Tefnut geboren
haben soll4.
Natürlich kann entsprechend das weibliche Komplement des Gottes von Leto-
polis, das sonst als Uto, Hathor u. a. mythologisiert erscheint, als das „Mädchen in
Letopolis" bezeichnet werden 5 , denn es bildet doch gleichfalls gegenüber dem gern
als rechtes Sonnenauge insbesondere als Re am Abend im Westen, Haroeris oder
gar Schu ausgespielten Falkengott das ergänzende linke Mondauge. Auch hierbei
bleibt bezeichnenderweise seine Auffassung als „Mutter des Gottes" oder weibliches
Komplement des Haroeris schwankend.
Die gerade in älterer Zeit häufige Bezeichnung dieses weiblichen Sagenwesens
als „Mädchen" hängt mit einer besonderen Mythe zusammen, die diese Göttin als
„gelockt", eigentlich also als ein den .Jugendzopf tragendes junges Mädchen (vgl.
das Wortzeichen der Pyr.) schildern. Als solche spielt sie ζ. B. im Tb. Kap. 115 im Zu-
sammenhang mit Re eine Rolle. Mit der Übernahme in die Augensage kürzt sich
das dahin ab, daß „die L o c k e " als Symbol und Vertreter des Mondauges erscheint,
auch an solchen Stellen, wo vorn f e r n e n Auge die Rede ist.
Das kommt deutlich in einem Sargtext zum Ausdruck, der dazu dienen soll,
„sich in Re-Atum verwandeln", wo der Sprecher s a g t 0 „ I c h bin der Große, der die
Große sucht, ich komme, ich suche diese L o c k e [®J|—»— des Re-Atum, die
w e g g e n o m m e n w a r an j e n e m T a g der E m p ö r u n g " .
So gewinnt auch die an der früher zitierten Stelle des Tb. Kap. 83 als Parallele
zum Clionsu als Mondsichel und spitze Flamme vorkommende „ L o c k e (husk./) auf dem
Kopf der Kahlkopfpriester" von Heliopolis eine bestimmte Bedeutung, denn im Tb.
Kap. 115 wird die Locke auf dein Kopfe des Priesters tatsächlich mit dem Auftreten
der „gelockten Frau" in Verbindung gebracht 8 .
Wie schon bemerkt, wird das „Mädchen" im Kultbereich von Heliopolis auch
mythologisch mit der sog. Iusas eingekleidet, die ihrerseits mit einem Hathorkult
nördlich von Heliopolis Zusammenhang gewinnt, so daß dort an einer bezeichnender-
weise Htp.t (det. mit ü ) genannten Stätte 9 anscheinend die Erzeugung der Urgötter
stattgefunden haben soll. Diese Einkleidung erscheint in der Äußerung der Pyramiden-
texte 10 „N. ist der Sohn des Chepre, geboren in der vulva ( ^ T j daher der an-
gebliche Ortsname!) unter den Haarbüscheln (sm?) der Iusas nördlich von Heliopolis,
die aus dem Scheitel des Geb hervorkam".
1 ) Pyr. 1487. — 2) JUNKER, Onurislegende S. 167. — 3) Pyr. 2 0 6 ; vgl. meinen Horus u. Seth 1,
S. 39. — 4) Pap. Ebers 9 5 , 8 . — 5) JUNKEE, Onurislegende S. 44 nach DÜMICHEN, Geogr. Inschr. IV, 108
(Dendera). — (5) L A C A U , T . I I . Nr. 5 2 . — 7) hbsw.t kann auch „Schwanz" oder „Bart" bedeuten. —
8) Vgl. ÄZ. 57, S. 12. — 9) Zur Etymologie vgl. Pyr. 814 a. — 1 0 ) Pyr. 1210.
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Band 60.] II. KEES: ZU den ägyptischen Mondsagen. 7

Die letzte auffallende Bemerkung über den Ursprung der lusas selbst aus Geb,
d. h. der Erde, könnte in Zusammenhang mit Angaben über die feurige Weltsykomore
in Spruch 574 der Pyramidentexte darauf hinweisen 1 , daß der Kult der lusas an
einen alten Baumkult bei Heliopolis sich angeschlossen hatte.
Hier tritt uns auch ein neues beziehungsvolles Wort entgegen [1 Jp ^ „ H a a r -
s c h o p f " oder „Schläfe", das auch von den Blättern der Bäume gebraucht wird,
vielerlei andeutungsreiche Wortspiele zuläßt und deshalb in der geheimnisvoll um-
schreibenden Sprache der Mythen die „Locke", das Mondauge, vertritt. Wo wir ihm aber
in derartigen Texten begegnen, ist es wohl durchweg das k r a n k e oder b e s c h ä d i g t e
Horusauge, im Gegensatz zu dem schützenden und rächenden Ilorusauge der bisher
besprochenen Mythen. Vor allem begegnet das Mondauge als J p ^ gern im Zu-
sammenhang mit der bekannten Sagenfassung von der Heilung des beschädigten Auges
durch Thot mittels B e s p e i e n s 2 . Die eigentliche Herkunft von den Mondphasen läßt
ein Pyramidentext noch gut erkennen, wo der Tote seine Ankunft dem Torhüter
des Horus mit den Worten empfiehlt 3 : „er ist gekommen /i\ • ffi (<=>• ij Jp ^ <=>
Ω m i t d e m d e r
^ y ^ ^ • ^ ^ ή ^ @ J}^ ij ® ^ >
4 5
«las smi bespie (— Thot), zu jenem seinem smi, das j a krank war am Anfang der
Monate, und das (noch) litt 6 bis 5 zum Anfang der Halbmouate" (d. h. die Vollmonds-
tage), und jener daraufhin noch fragt: „Sollst du es k ü h l m a c h e n mit Zauber . . .?"
Natürlich ist es meist der Sprecher, der selbst als helfender Gott zu dem be-
schädigten Auge des Himmelsgottes, ob er nun Horus oder Atum genannt wird,
kommen will; und er rühmt sich 7 :
..X. hat jenes -s*. des Atum bespieen, daß es (wieder) kühl wird . . . N.
hat sein im; bespieen, er hat seinen Rückenwirbel (bksw) kühl gemacht".
Das zielt klärlich auf die Heilung und Befriedigung des durch Seth beschädigten
oder, wie es namentlich die jüngere Sage, vielleicht unter Einfluß von ursprünglichen
Sagen vom Sonnenauge, gern ausmalt 8 , „zürnenden" Auges ab. Daher ist in einem
etwas älteren Text anscheinend der bekannte Sethkultort |1 (φ ^ © in der Nähe des
Fajtuneingangs in diesem Zusammenhang genannt 9 : „Mir gehört die Große, mir ge-
hört das große Auge. Ich habe das Π Jp ^ ,www jl jl jl %. © bespieen, damit es (wieder)
angenehm ist".
Auch hier werden die Gleichungen schnell nach allen Seiten hin durchgeführt.
Die Allegorie zwischen der Haarlocke und dem Uräus als Mondauge wird schon in
den Pyramidentexten benutzt 10 : „ K ist aus Pe gekommen, röter als die Flamme,
lebendiger als der Käfer. Er hat die „Große" (det. also Uto) gesehen, er hat
n
die Große empfangen Hw hat seinen Haarschopf (smi) dem JST. hingelegt, damit
er seinen See durchfahre, indem seine Schlange hinter ihm ist".
1) Bes. Pyr. 1486c. — 2) Pyr. 142a. Tb. Kap. 17 (Urk. V, 35) als Glosse des NR. Osirishymnus
Harases IV. MAKIETTE, Abydos II, 54/55, Z. 20. — 3) Pyr. 521. — 4) Eigentlich: des Horus. — 5) Der
Text meint ir-f und ir-{j) ( S E T H E ) ; also offenbar bereits Mißverständnis des Urtextes, der an der zweiten
Stelle die Präposition r verlangt, die Pyr. 2055 c allerdings auf beide Daten ausgedehnt erhalten ist. —
ΛΛΛΛΛΛ Κ} . ΛΛΛΛΛΛ pn ΛΛΛΛιΛΛ g l jO

6) ^ j^jJJ Pyr. 2 0 5 5 b. V\ Apophisbuch 30, 26. , ^ gj Metternichstele 6 (Wb.).


— 7) LACAÜ, T. R. Nr. 37 „Herausgehen aus dem Feuer". — 8) Vgl. Tb. Kap. 167. Apophisbuch 16, 47.
LACAÜ, T . R . N r . 5 7 u . a. — 9 ) LACAU, T. R. N r . 7 2 (Assiüt). — 10) Pyr. 697. — 1 1 ) Hw ist wohl hier
dem Schu als Partner der Tefnut gleichgesetzt, wie bes. deutlich LACAU, T. R. Nr. 57; vgl. KEES, Horus
und Seth I. S. 55.
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8 Η. K e e s : Zu den ägyptischen Mondsagen. [60. Band.

Außerdem wird das Bespeien des [1 j j zur Heilung bereits in den jüngeren
Pyramidentexten auf Osiris ausgedehnt1.
An die Umschreibung [l^J? ^ für das Mondauge erinnert auch die merkwürdige
Anspielung des Tb. Kap. 17 auf die Krankheit oder den Zorn des Auges ,,ich habe
das 1 1 ^ als wdi.I-Aage emporgehoben", wobei das gewöhnliche Wort für Haar
ΛΛΛΛΛΛ

deutlich einem Wortspiel mit dem folgenden nsn „Unfrieden" zuliebe gewählt ist 2 .
Die eine Glosse des MR zu dieser Stelle, die dies als das r e c h t e Auge des Re,
das er einst ausgesandt hätte, also als Hathor-Sachmet in Gestalt des Sonnen auges
im Kampf gegen die Feinde des Re erklärt, hat hier den Ausgangspunkt im Kreis
der Mondsagen schon nicht mehr festgehalten. Denn gewiß sollte der Ausdruck snj
genau wie sm l beziehungsvoll auf die Vorstellung vom Mondauge als das „Mädchen"
oder „die Locke" hinweisen, von dem der Text anscheinend behauptet, daß das zürnende
Mädchen im Mondauge der Grund des Unheils daran sei („zu ihrer Zeit des Unfriedens"),
me
während man sonst das fl i s t selbst als krank oder beschädigt hinstellt.
Noch weitere Allegorien ähnlicher Art lassen sich hier anfügen. Eine Gleichung
zwischen „Feder" und „Uräus" war dem Ägypter von der Doppelfeder als Diadem
her geläufig3. Im Tb. Kap. 114, das von den Seelen von Hermopolis handelt, wird nun
von der geheimnisvollen Beschädigung einer „Feder" berichtet, die in Verbindung
gebracht wird mit dem Bluten der roten Krone und dem Verschlingen des Auges
(durch Seth)4. Die Heilung, die der Sprecher auf Wunsch des Re natürlich als Thot
vornehmen will, ist klärlich als Allegorie zum Wachsen des Mondes gefaßt, der dann
am 15. Monatstag wieder voll ist. Interessant ist ferner, daß hier bereits der Osiris-
kreis auf Grund der Allegorie zwischen den Mondphasen und dem Leiden des Osiris
stark hereingezogen ist: „Ich bin gekommen im Auftrage des Re, um die Feder wieder
wachsen zu lassen in der S c h u l t e r des Osiris".
Aus dieser Entwicklung wird auch eine noch weiter geführte Bildung verständlich,
die so weit abschweift, daß sie den eigentlichen Ausgangspunkt kaum mehr erkennen
läßt. Sie ist anscheinend auf dem Boden von Letopolis entstanden und ganz osiri-
anisch eingestellt. Das Tb. Kap. 1 hat sie uns erhalten: „Ich war zusammen mit Horas,
als man die Untersuchung anstellte über j e n e linke S c h u l t e r des Osiris, die in
Letopolis ist"5. Diese angebliche Osirisreliquie ist natürlich ein Ableger des linken
Mondauges in Letopolis. Ähnliches werden wir später bei dem „linken Schenkel" als
Osirisreliquie auf dem Abaton wiederfinden.
Daß der vermutete Ursprung in den Mondsagen richtig ist, lehrt eine Stelle aus
dem bekannten Osirishymnus Ramses IV. aus Abydos, wo der königliche Sprecher sich
dem Horus gegenüber rühmt „Oh Horas, ich habe auf dein Auge gespieen, nachdem es
fortgenommen war, durch den, der es vergewaltigte", und vorher unter seinen frommen
Taten aufzählt: „Ich sah die Wahrheit zur Seite des Chepre, ich brachte sie ihreih Herrn,
ich befreundete mich mit Thot in seinen Schriften am Tage des Speiens auf seine Schulter"
<==> Δ
'<—> ® ? S η · Hierbei ist auch noch das übliche Gleichnis
zwischen der Göttin Mt. t und dem „Horusauge", schließlich sogar eine mögliche
Spielerei mit der Schreibung von m t J mit dem Bilde der F e d e r β zu berücksichtigen,

1) Pyr. 2 0 5 5 / 5 6 (N). (Umfassung von Pyr. 5 2 1 . ) — 2) Urk. V. 34; vgl. J u n k e r , Onurislegende S. 1 5 7 .


— 3) Tb. Kap. 17, 15 (Urk. V, 18) und oft. — 4) ÄZ. 57, S. 34f. — 5) Tb. Kap. 1, 15 (Nav.).
(i) M a k i e t t e , Abydos ΙΓ, 54/55 Z. 17/18 bzw. Z. 20.
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Η. KEES: Zu den ägyptischen Mondsagen. 9

die nachweislich in den jüngeren Bearbeitungen des Tb. Kap. 114/116 eine Rolle
gespielt hat 1 .
So gesucht und unlogisch uns solche Verbindungen vorkommen mögen, dem
gelehrten Priester waren sie voll deutlicher Anspielungen auf spekulative Gedanken
der ägyptischen Religionsphilosophie.
Noch ein anderer Fachausdruck wird gerade im Zusammenhang mit dem Motiv der
ΛΛΛΛΛΛ

Heilung durch Bespeien für das kranke Auge verwendet: " V _v, j", n s P w , ein Wort,
das scheinbar besonders die durch Schlag oder Schnitt hervorgerufene V e r w u n d u n g
bezeichnet.
„Ich bin doch jene Speise des Re, der mit Verwundung (nspw) geschwächt war"
sagt ein religiöser Text 2 . Unzweifelhaft wird dann die Beziehung auf die Augensage ,ΛΛΛΛΛΛ

in Stellen wie 3 „Ich habe Apophis abgewehrt, ich habe die V e r w u n d u n g I *—r Q
:
Aa) bespieen"; oder in einem Text, wo der Sprecher wieder als Thot redet 4
„daß ich vertreibe die T r ü b u n g vom Allherrn und die V e r w u n d u n g des R e
be s p e i e , so daß sie wieder lebend unci angenehm ist. Ich bin der, der Apophis
kennt usw." Ebenfalls im Zusammenhang mit Apophis heißt es an einer ähnlichen Stelle 5
,ΛΛΛΛΛΛ

„Abscheu ist Apophis. Denn N. kennt das B e s p e i e n der V e r w u n d u n g ^


J^pj), N. hat das Bespeien der Verwundung gesehen, so daß sie (wieder) gesund
ist. N. wird nicht von Re weg ferngehalten''.
Bei dieser ganzen Gruppe ist also festzustellen, daß, obwohl der Ursprung auch
hier zweifellos in der Heilung des Mondauges durch Thot liegt, infolge der Über-
tragung des Besitzes der Gestirnaugen auf Re, den Sonnengott, als Weltenherrscher
und mittels Vermischung mit gleichlaufenden Sagenzügen über Beschädigungen des
Sonnenauges selbst (Sonnenfinsternis), und den nie endenden Kampf der Sonne und
des Lichtes gegen die bösen Mächte der Dunkelheit und des Unwetters das Be-
speien der Verwundung durch Thot bereits fest mit der Wirksamkeit des Apophis,
des Urfeindes des Re, in Zusammenhang gebracht ist. Die Verschlingung der
Feindschaft des Seth gegen Horus und des Apophis gegen Re ist also bereits weit
vorgeschritten. Bei der Prägung des Begriffes nspw selbst könnte übrigens, ähnlich
wie beim jl J j ? ^ die Rücksicht auf sm l „schlachten, töten", ein Anklang an die
Vorstellung vom unvollständigen Mond als Sichelmesser „in der Hand des Thot" mit-
gespielt haben. Gerade solche doppelsinnige Andeutungen liebt der Ägypter beson-
ders. Als Beispiel für das Durcheinanderlaufen der beiden Bilder vom Mond, der
Sichel als Waffe gegen die Feinde, und gleichzeitig als Sinnbild des verletzten Auges,
sei noch eine Stelle des Tb. Kap. 95 angeführt aus einem „Spruch, zur Seite des
T h o t zu sein": „Ich bin der, der über den Unfrieden (nsri) Gewalt hat, der die
„Große" behütet . . . . ich lasse d a s s c h n e i d i g e Messer (ds mds nach Ca) w a c h s e n
in der Hand des Thot im Unfrieden (nsn)". Wir können jetzt mit geschärfterem
Blick alle die für den Ägypter beziehungsreichen Worte erkennen! Freilich hat die
Vorliebe für die Sagenstoffe über die Gestirnaugen und ihre Schäden schließlich auch
einen Schatten auf die Stellung des Thot als Helfer aus der Not geworfen. Ver-
einzelte Stellen der Pyramidentexte, auf die E R M A N zuerst aufmerksam gemacht hat,
beschuldigen ihn gemeinschaftlich mit Seth des Unheils, das ihrem Bruder Osiris
widerfahren ist". Eigentlich ist aber diese zunächst auffällige Beurteilung des Thot,
1) ÄZ. 57, S. 3 8 . 4 2 . — 2 ) LACAU, T . R . N r . 7 2 ( A s s i ü t ) . — 3 ) Tb. K a p . 1 3 6 Β (NAV.), Z. 1 8 . —
4 ) K a i r o 2 8 0 8 9 n a c h LACAU, S a r c . I I , S . 2 9 N r . 4 . — 5) Kairo 2 8 0 8 5 nach LACAU, S a r c . I, S . 2 1 6 Nr. 18.
6) Pyr. 163. 1 7 5 ; vgl. ERMAN. Ägypt, Rel. 2 , S. 38.
Zeitschr. f. Ägypt. Spr., GO. Band. Brought to you by | provisional account 2
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10 H. KEES: Zu den agyptiscben Mondsagell. [60. Band.

die man spateI' aufgegeben hat, eine logische Folgerung aus del' ublich gewordenen
Allegorie zwischen den Leiden der Gestirnaugen und dem Leiden des Osiris.
Uberall zieht ja die agyptische 'l'heologie die Para11ele zwischen dem Frevel,
der Osiris angetan wurde, und dem Schaden, den Damonen der Dunkelheit und des
Unwetters an den Gestirnaugen anrichten, ebenso wie andererseits die Auferweckung
des Osiris vom Tod zu neuem Leben mit der morgendlichen Wiederkehr der Sonne
nach der Finsternis der N acht verglichen und begrfmdet wird 1.
Man braucht dafur nur Pyramidenste11en zu lesen, wie die bezeichnende Parallel-
ste11ung 2 : "N. hat nicht das Horusauge verschlungen, so daB die Menschen sagen
konnten: er · sterbe dafur; er hat auch nicht ein Glied von Osiris verschlungen, so
daB die Gotter sagen konnten: er sterbe dafur!"
N och deutlicher kommt das dann in den Spruchen fur das Kennen der Seelen
des Neumonds und der Seelen von Hermopolis rrb. Kap. 114) zum Ausdruck 3• SchlieB-
lich schimmern die alten Zusammenhange auch noch in Plutarchs philosophierenden
Ausfuhrungen im 44. Kapitel seiner Schrift uber Isis und Osiris durch.
Ahnlich wie eine alte Vorstellung besteht, daB die Sternenmutter und Himmels-
gottin Nut den als Gestirn aufsteigenden Konig "verschlingt" und damit bei sleh auf-
nimmt\ treft'en wir im Kreise der Sagen von den Gestirnaugen mitunter Auffassungen,
die Schaden an ihnen del' Wirksamkeit des Mondgottes zuschreiben. vVenn auch am
haufigsten auf die Freveltat des Seth gegen das Horusauge angespielt wird, das er
verschlungen hatte 5 , und del' Himmelsgott deshalb von sich sagen kann 6 "Ich bin del',
dessen Auge verschlungen wurde (--1l ~ ~ ~ "-=--- J1)
an del' Spitze del' Himmels-
decke", so wird doch in dem bereits erwahnten Spruch von den Seelen des N eu-
mondtages del' Besitz der verfinsterten Teile des beschadigten Auges dem Gott zu-
geschrieben, del' seine Teile zahlt, dem Thot als MondgotV. Das klingt dort wie
ein versteckter Vorwurf, daB Thot am Schaden eines Horusauges Schuld trage, weml
es auch diesmal das SonnemLUge ist.
Das ist im Grunde die gleiche Verschiebullg der Schuldfrage, wie wenn wir zu-
weilen Anubis als Bestatter des · Osiris wegen del' Verstummelung cles Osiris bei del'
Herrichtung del' Leiche angefeindet sehen, wobei clar naturliche tief im Volke wur-
zelnde Widerwille des Agypters, der die korperliche Erhaltung del' Leiche als Vor-
bedingung cles Lebens im Jenseits erstrebt, gegen die Tatigkeit des Anatomen (Para-
schisten) durchdringt. Dieser wird, wie Diodor aus guter QueUe berichtet, als unrein
geachtet und symbolisch fur seine Tat bestraft8. So Idagt man abel' das Los des
Osiris 9: "Weh aber den mit Messern geschlachteten, prttpariert an den Gliedern von
Anubis, dem Herrn del' Gotteshalle", und derSpruch von den Seelen des Neumonds-
tages spielt auf etwas an, was am Korper des Osiris fehlt und in del' Hanel des
Anubis, des Leichenbestatters, geblieben wttre lO •
Nur auf dies em Wege erscheint auch die ungewohnliche Beschuldigung des Thot
als Mittater des Seth gegenuber Osiris erklarlich, del' ja theologisch mitunter selbst
als Mondgott betrachtet wurde. Auch hier handelt es sich urn Einflusse aus dem
Sagenkreis von den Himmelsaugen, die sich oft ullvermutet ,Yeit uber clie agyptische
Mythologie erstrecken.

1) vgt vorlaufig AZ. 59, S. 69. - 2) Pyr. 1450. - 3) Vgl. AZ. 57, S. 27 f. - 4) Pyr. 1417 b(bei P.
in "empfangt" abgeschwacht). --- 5) JUNKER, Onurislegende S. 137; vgl. Th. Kap. 114 "verschlungen ist
das Auge" (Mondauge). - 6) LACAU, T. R. Nr. 16 = CHASSINAT-PALANQUE, Fouilles d'Assiout S. 40.
56.95. - 7) Allerdings unter Beziehung auf eine Verfinsterung der Sonne; ygl. Az. 57, S. 31. -
8) Diod. I, 91. - 9) LACAU, T. R. Nr. 26. - 10) AZ. 57 S. 28. 33.

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Band 60.] H. KEES: Zu den agyptischen Mondsagen. 11

Aus delll Gebiet del' Augensage stammt auch eine andere Mythenfassung uber
den geheimnisvollen Ursprung des Mondgottes, die uns auch erst kenntlich wird,
wenn wir das beziehungsvolle Kernworl in agyptischelll Sinne verstehen lemen.
Sie tritt an zwei Stellen del' Pyramidentexte auf, von denen die eindeutigere
lautet': "Denn N. ist doch del' Bruder, del' aus del11 Bein hervorkalll (~~
rJ Ll del' die Zweibeiden schiec1, die beiden K~lmpfer trennte, und eure Kopfe, ihr
j),
Gotter, abtrennt". Die Beziehung auf den Mondgott ist hier durch bekannte Sagenzuge
vollig gesichert. Schwieriger zu verstehen ist, wenn wir lesen 2: "N. ist Suchos .....
der (bS, del' aus dem Bein del' groBen Locke, die im Strahlenglanz wohnt, hervor-
ging" (~~ rJ
Ll j® J-:-~ ~ ~ta~~ @ ffi)'
Ih ist das Gemi~ch religioser
Symbolik zunachst allzu abstrus 3. Als Anhaltspunkt haben wir fur den Zusammen-
hang mit den Mondmythen die Erwahnung del' "groBen Locke", denn die haben wir
als Mondsymbol kennen gelernt. Und daB Thot seinerseits aus del' mitunter wieder
als Muttergottin aufgefaBten "GroBen" hervorgegangen sein soIl, das erfahren wir
auch sonst als eine bestehende Version uber seinen Ursprung4 • Die Verbindung mit
Suchos scheint ganz sekundar einem W ortspiel zwischen
5
~ und rJ
Ll j zuliebe rJ
erfolgt zu sein , wobei das Verbindungsglied offen bar das (bs genannte Wesen bildet,
das mindestens in der Spatzeit als mit dem Gau des Thot, Hernlopolis, in Verbindung
stehend gut bezeugt ist.
--1l J
DO mM. hei13t nach Listen del' spi1ten 'Tempel die heilige Schlange der

Gaue Hermopolites und Athribites G, und Verzeichnisse derSchutzgotter des Osiris aus
Dendera bestatigen das besonders fur den Hermopolites 7 • Daneben trefl'en wir im
Tempel von Ombos einmal Inmutef als 'bS unter den Sternbildem mit Doppelschlangen-
kopf, eine Schlange in jeder Hands.
Das Merkwurdigste bei den angefuhrten Stellen ist abel' del' angebliche Ursprung
des Thot aus dem Bein. Sicherlich wollte man dem Mondgott eine ausgesucht selt-
same Herkunft andichten, denn das besonders Geheimnisvolle seiner Entstehung wird
in agyptischen Texten und Beiworten des Thot oft hervorgehoben 9 • In magischem
Interesse hat del' Agypter immer etwas fur die religiose Konstruktion eines moglichst
unwirklichen Ursprungs ubrig gehabt. So behauptet der Tote fur die Himmelfahrt
"N. wird am 2. Monatstag geboren, man wurde schwanger von ihm am 15. Monatstag;
denn er ist aus dem Ruckenwirbel (b*sw) del' Heusehreeke hervorgegangen
unter diesem, was die Wespe erzeugt hat,no. Selbst ein ahnlicher Ursprung aus dem
Bein findet sieh fur das harmlose Opfergebackll "es kommt p J*-Kuchen, es kommt
P Ji-Kuchen, der aus dem Schenkel des Horus hervorging C~:~ ~> a j ~)'"
dessen Herkunft man sonst prosaischer bezeichnet "hervorgegangen beiHorus in del'
r
Halle,m. Das sind Parallelerscheinungen zu Weihrauch und Wasser als "Ausfiusse"
des Osiris.
1) Pyr. 1963. - 2) Pyr. 507. - 3) Da !Jbs.t hier als "Schwanz" determiniert ist, konnte auch an
die Nisbe, "die Geschwanzte" = die Himmelskuh gedaeht sein (Hinweis von SETHE). - 4) ~ x!'.
c::::=. a '-i

ROCHEMONTEIX, Edfou I, S.265; s. o. S. 5f. - 5) Vgl. die Bezeichnung des Suehos als ~r) J Ll j
Kairo 20698 und PETRIE, Hawara Taf. 6, 5a (Zeit Amenemhet IlL). Zit ate des Wb. - 6) Two hierogl. Pap.
from Tanis, geogl'. Pap. Taf. 10; vgl. Liste aus Edfu BRUGSCH, Diet. geogr. 1364. 1372. - 7) MARIETTE,
Denderah IV, 61 b. - 8) DE MORGAN, Catal. des mono II (Ombos I), S. 252. - 9) BOYLAN, Thot S. 102.
ERMAN a. a. O. S. 1144.- 10) Pyr. 1772; zu beaehten die l\iondtage als Daten und die Parallelsctzung
von b~sw neben sms LACAU, T. R. Nr.37, s. O. S.7. - 11) Pyr. 378b. - 12) Pyr.905.
2*

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12 H. KEES: Zu den agyptisehen Mondsagen. [60. Band.

Herkunft aus den Schenkeln steht gelegentlich einfach zur Umschreibung del'
Geburt: "Du gehst ein in den Mund, du gehst heraus aus meinen Schenkeln .(ZIp.tj),
wie es clem Re t aglich geschieht", spricht die Himmelsgottin Nut zu ihrem Sohne 1 •
Hier abel' hat die Wahl des W ortes rj
Ll j "Bein" noch erhohte Bedeutung , denn
sb* ist in clem uns jetzt gewohnten Sinne ein andeutungsreiches und daher bei den
agyptischen Theo1ogen besonders beliebtes Wort. .
Es hangt in seiner Bedeutung als Korperteil wohl sicherlich mit dem spaten
rj Ll ~ "klein, kurz" kopt.C&OR zusammen, dann abel' wird es in den Kreis del'
Mondmythen ubernommen, weil es an zwei andere beziehungsreiche Ausdru.cke der-
se1ben nahe anklang, einmal an den Namen des Mondauges sb(3)*.t das "Wiederhell-
r
gemachte" nach del' Trubung 2 vom alten Stamm ~ Ll', dann in jiingeren Texten
auch an #b.t "die Gekuhlte" fur die befriedigte Augengottin, deren Zorn "ge-
kuhlt" wurde.
rj
Die besten Zeugnisse dafur bietet das ~ Ll 1~ Ipt-sb* im Tempel von Edfu~
eine zwar l'echt junge QueUe, deren theologischer Lehre wir abel' unbedingt eil1 weit
hoheres Alter zuerkennen durfen, da sie mit Beobachtungen aus del' alteren agyp-
tischen Religion ubereinstimmt 3 • Das Gemach war, wie die Hauptinschriften angeben,
den Mondgottheiten, VOl' allem dem Chons, und ihren Symbolen geweiht, und es liegt
deshalb beziehungsvoll "auf del' linken Seite" des Allerheiligsten 4 , wie es dem linken
Mondauge zukommt. Sein Name ist vieldeutig. "Haus des Beines" konnte es hei13en,
das zeigt neben den Schriftvarianten die Wortvariante ~ ~:;: j c del' Hauptinschrift
an del' Turo. Eine andere Wortvariante, die hauptsachlich fur das Hauptknltsymbol
r
dieses Sonderheiligtums des Mondes benutzt wird. ~ ~ ~ j "Bein" ist ebenso vie1-
sagend wie sb* selbst, denn wenn man von Chons als dem r~ ~ j ~ r, vom Kult-
r
objekt als dem ~ ~ ~ j c==~ 0 1
odel' Q~r~ ~~~ ~1 "del' ·ehrwur-
digen Kapelle, die das ,Bein' beschirmt" sprichV, so konnte und sollte man auch an den
mythologischen Begriff szst.t "das (durch Schnitt) beeintrachtigte (Auge)"7 erinnert
rj
werden 8. DaB mit dem Ll 1 c das Mondsymbol gemeint ist, geht zweifelsfrei aus
den mannigfachen Anspielungen hervor, die sich alle in del' angegebenen Richtung
bewegen: Bei einer Obeliskenweihung als Mondsymbo1 sagt del' spendende Konig zum
Gott 9 : "Nimm dir das linke Auge, das Bild deiner Majestat", die Affen, die dabei
rj
sind, hei13en "die das Ll c j beschirmen, die den Obelisk . schutzen"lO, und von
Chons spricht man "in seiner Gestalt als r j ~ odeI' r~ j ~ 'm.
Ll Schlie13lich ist
auch direkt von dem r~ j 1~ c IVNVV\ rn Jj, dem ehrwurdigen "Bein" des Gro13en als

1) RUSCH, Himmelsgottin Nut S. 44 (spat). - 2) Vgl. ~ JA:;; ¥~ ~ rj ~ + :2 j Ll


"ieh bin, der den Streit endete und das Besehadigte (Auge I. nk1Z.t) wiederhellmaehte" Kairo 28089
naeh LACAU, Sare. II, S. 29, Nr. 5, Z. 12/13 u. a. - 3) Die Sammlung der folgenden Zitate verdanke ieh
groBtenteils dem Berliner Wb. - 4) ROCHEMONTEIX, Edfou I, S. 251. - 5) a. a. O. I, S. 251. - 6) a. 3. O.
I, S. 474. I, S. 273. I, S. 270. - 7) Kaus. von lst, det. mit j... - 8) Vgl. LACAU, T. R. Nr. 84, 6. Tb. Kap. 17
(Urk. V, 57, 2), Kap.90. 125,16 (Einleit.) u. a. - 9) Edfou I, S. 255. - 10) Vgl. Edfou I, S. 201, ein
Affenpaar rj LlJj und rj Ll ~ ~ ali Sehutzgotter des Osiris. - 11) a. a. O. I, S. 266. 249.

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Band 60.] H; KEES: Zu den agyptischen Mondsagen. 13

vom "linken A uge in seiner Gestalt als Chons" die Redel. Die Hindeutung auf
das "wiederhellgemachte" Mondauge enthalt z. B. eine Benennung des Chons als
r
~ ~. j ~ 'C7 ~ ~ 2. Ubersetzbar in unserem Sinne sind diese Stellen uberhaupt
nicht, denn wir konnen nie die mehrseitigen Andeutungen, die darin stecken sollen,
mit einem passenden Wort umschreiben.
Den eigentlichen Schlussel zum Verstandnis des ganzen Beinmotivs bildet die
Gleichsetzung des Mondsymbols im fJt-sb* mit dem Leib des Osiris in dessen Eigen-
schaft als Mondgott.
Bei der Darstellung der Obeliskenweihung heiBt es 3 "Nimm dir den Obelisk,
rj
den geheimen Schrein des L1 j D, in dessen Innern die Gottesglieder verborgen
sind", genau wie es yom Mondgott selbst heiBt "Chons in Edfu, der sein geheimes
Bild in seinem Obelisk (b12bn) verbirgt"\ und die Schutzgottinnen des Gemaches sind
Isis "die ihren Bruder schirmt", "die seinen Leib behutet" oder die Lowin Mnt.t
"die den ehrwurdigen Gottesleib im fJt-sb* behutet"5.
So sagt man auch, die Erbauung des Gemaches sei erfolgt "um zu verehren das
rj:\:) des GroBen"6. Das "Rein" hatte noch eine besondere Beziehung zu Osiris.
In den spaten Listen der Osirisreliquien erfahren wir, daB ein Bein (56*) des
Osiris als Reliquie U. a. in Oxyrynchos und 'fheben gezeigt wurde 7 .Eine besondere
Rolle aber spielte die Reliquie des Abaton bei Philae, das den "linken Schenkel"
besitzen wollte, aus dem nach dem Glauben der Spatzeit der Nil entstromte 8 .
Wir wissen nun aus alteren Angaben uber die Teile des Osiriskorpers,daB djese
Bestimmung fruher nicht so gewesen war 9 , sondern zweifellos eine jiingere Deutung
darstellt, die dabei wieder mit Vorliebe die uns bekannnten beziehungsreichen
Worte fur das "Bein" verwendet.
e
Vom Nil als ~ c::=: ~' L1 j ~ sprechen geographische 1'exte aus Dendera und
Philae 10. Am gehauftesten begegnen sich alle Ausdeutungen wohl in einer Libationsszene im
Tempel von Edfu, die dem "Chons in Edfu, dem Konig der Gotter, dem gottlichen
Falken ~::= <0 ~ ~j ~ ~.Jj c:= L1 ~ j rJ k
~ der das ehrwUrdige ,Bein' be-
schiitzt, der aus dem Bein hervorging als sein Sohn" gilt, und der eine Libationsformel bei-
~ D
MNW\ W'o/VV'A -
geschrieben steht ,Jch spende dir ~~ = c:=~~ \\ j, das NaB, das aus dem Bein
kommt, um deinen Acker mit seinen Speisen zu iiberfiuten" usw l l .
Hier finden wir den seltsamen Ursprung des Mondgottes aus dem "Be in" (Sb*),
von dem wir ausgingen, mit der Herkunft des Wassers aus dem "Bein" verwoben,
beides mit den terminis des "Horusauges" umschrieben. Auch das Wasser des Niles
ist das helfende "Horusauge". im besonderen, man nennt es doch c:=
.-..-JJ
~ D ~~
fl NV\III\I\ No./\,VI/\ ---t+--
MNVV\ \\
C. \ \ D '-.J fWVVV>,

wohl weil es die "Glut", d. h. das Leiden oder den Zorn des Horusauges "loscht"
und beruhigt 12. Daneben war es aber seit alters der "AusfiuB aus Osiris" und daher
das Symbol seines Leibes selbsV 3 • Also ist Osiris wieder = Horusauge, d. h. der Mond
selbst, was auch die Theologie schon fruh behauptete. Fur den Agypter schlieBt sich
also trotz alIer scheinbaren Unstimmigkeiten die Kette seiner Beweisfuhrung immer
wieder.

1) a. a. O. I, S. 309. - 2) a. a. O. I, S. 15. -
3) a. a. O. 1, S. 278. - 4) a. a. O. II, S. 113. -
5) a. a. O. I, S. 256. 269. - 6) a. a. O. I, S. 268.
- 7) a. a. O. I, S. 338. 342. - 8) JUNKER, Gotterdekret
fiber das Abaton S. 40f. - 9) Pyr. 1867 a; vgl. Harhotep Z. 210/11. - 10) DUMicHEN, Geogr. Inschr. III,
18.32. - 11) Edfou II, S.258. - 12) Edfou I, S. 188. - 13) Vgl. mt1inen Opfertanz S.90f. (Jelegent-
lich laBt man auch in einem anderen Bild den Nil aus dem SchweiB seiner Hande hervorkommen, AZ. 38, S.30.

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14 Η. KEES: Zu den ägyptischen Mondsagen. [60. Band.

Die gleiche Spielerei begegnet ζ. ß. im ptol. Fajümpapyrus bei einem Text über
das Überschwemmungswasser als Methyer: Q ^Jll ^ J] ^ ^ ©^LZ^V^J

P^Ji"^—ί^^^^ϋΠΓΐ0^ »Man brin^ die 'Din^e< aus dem


Osten, hervorgegangen aus dem Bein des Jünglings, um zu überfluten . . .
Wir können mit der Kenntnis zum Ausgangspunkt zurückkehren, daß auch das
„Bein" sbk ein Symbol für das Mondauge darstellen soll und können nun auch die
Beziehung der alten Textstellen der Pyramiden in ihrem Untersinn besser verstehen.
AVenn wir neben diesem gesucht geheimnisvollen Ursprung des Thot auch gelegentlich
eine ganz natürliche, scheinbar abweichende Genealogie finden, die ihn einfach nennt
„den großen Thot, der aus Re hervorging"2, so dürfen wir nicht vergessen, dad da-
Mondauge Tefnut die Tochter des Re sein konnte und die Gestirnaugen abgesehen
von der Himmelsgöttin Nut, gerne auch aus dem Scheitel des Re als Himmelsheri-scher
entstiegen gedacht werden. An solche Doppeldeutungen hat sich der Ägypter nie
gestoßen.
Vielleicht können wir auch noch eine Spur aufzeigen, wie der Ägypter auf
den Gedanken gebracht worden ist, Thot aus einem Götterpaar entstehen zu
lassen. Die Brücke scheint eine schon von ERMAN beigebrachte Stelle des Tb. Kap. 134
zu bilden:i, wo in der Absicht, für Thot wiederum einen besonders geheimnisvollen
Ursprung zu ersinnen, nach der Handschrift Aa Thot als „der Sohn des Steines,
hervorgegangen aus dem Steinpaar" bezeichnet wird. Dazu läßt sich aber noch das
ältere Vorbild aus den Pyramidentexten nachweisen4. Dort wird einmal Thot zu-
sammen mit den Göttern des Osiriskreises, nachdem man ihn beschimpft hat „du hast
keine Mutter", d. h. keine wie die anderen Götter des Systems dieser Zeit, zu seinem
angeblichen Heimatsort im Delta verwiesen mit den Worten 5 :
„Geh und packe dich [j <=> (j ^ ^ ^ geh nach Pe und zum Platze des Thot".
Hier liegt also ein masc. Dual int.wj vor, der mit inr „Stein" zunächst nichts zu tun
hat. Das Wortzeichen allerdings könnte zwei Steine darstellen eher aber zwei Eier.
Dasselbe kehrt nun auffallenderweise in einer singulären Schreibung des Kultortes der
Hathor von Gebelen auf einem Stelenbruchstück Sesostris I. im Museum von Kairo als

ο w i e d e r G ·
SETHE, der den Namen in seinen Untersuchungen über diesen Namen und sein
Verhältnis zu der griechischen Wiedergabe als Ά θ ε ρ ν ε β ε ν τ α ι ( γ ) ε ω ς erst seit der Ra-
messidenzeit nachweisen konnte7, stellte aus der Orthographie fest, daß damals die
·· Γ\ ΛΛΛΛΛΛ
Ägypter scheinbar an eine Ableitung aus (I kopt. tone „Stein" glaubten, also
genau wie an der Stelle des Tb. Kap. 134 vom Ursprung des Thot.
Steckt in beiden Stellen aber tatsächlich dasselbe masc. Wort, so ergibt sich
damit auch die Möglichkeit für die im Grunde von SETHE in seinem Aufsatz geforderte
1) Pap. Bulak 2 = LANZONE, Pap. du Lac Moeris, Taf. 2. Der Text ist am Schluß, der wie
eine Glosse „das ist Osiris" aussieht, verderbt. Ob „Osten" versehentlich für „Elephantine" oder ab-
sichtlich als Anspielung auf die „linke" Seite eingesetzt ist? Zur Methyer enthält bereits die Glosse
des MR zu Tb. Kap. 17, 35 (ürk. V, 37) die Erklärung: „die Methyer aber, das ist das a ^ i . / - A u g e " . —
— 2) Urk. IV, 387; vgl. Annal. du Serv. V, S. 236 (12. Dyn.): Thot als „Sohn des Re", ebenso in einem
Thothymnus auf der Statue des Haremheb Journal egypt. archaeol. X, Taf. 4, Ζ. 1. — 3) Tb. Kap. 134, 9;
vgl. ERMAN a. a. 0. S. 1144. — 4) Die Orthographie einzelner Hs. läßt das Prototyp deutlich erkennen;
SJ Γ| ΛΛΛΛΛΛ [ \ ra f\ ΛΛΛΛΛΛ
VgL Jü^H © ^ © T a - ~ 5 ) P y r · 1 2 7 1 · — 6 ) K a i r 0 S a a l G ( M R ) o h n e X r · unPub1··
Als Gegenstück ist der „Suchos, Herr der Insel im Strom" genannt. Eigene Abschrift (1912). -—
7) ÄZ. 47, S. 45.

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Band 60.] Η. KEES: ZU den ägyptischen Mondsagen. 15

masculine, über die Pluralform gebildete Dualform, die allein auch den phonetischen
Anklang mit den Dualen lntj.wj und ntr.wj als *entaje ergeben konnte, der schließlich
in der späten Orthographie sogar zur Auswechselung dieser Schriftgruppen im Namen
von Gebelen hat führen können.
Eine Erörterung der sich anschließenden phonetischen und etymologischen
Probleme würde hier zu weit führen. Für uns ist die Feststellung der Voraussetzung
eines Ursprunges des Thot aus einem primitiven Sachbegriff, wie es die bei dem Ibis
Thot besonders passenden Eier sind, das Wesentliche. Zur Bestätigung machte mich
Λ ΛΛΛΛΛΛ

SETHE freundlichst darauf aufmerksam, daß (I • ein Ausdruck für die E i e r -


s c h a l e ist. Übrigens haben sich gerade in der Stadt des Thot, Hermopolis, Er-
innerungen an diese Sagenform bis in die späteste Zeit gehalten, wenn sie dann
auch bezeichnender Weise auf den Ursprung des solaren Urgottes bezogen werden 1 .
Nach der ganzen Umgebung, in der die Sage in den Pyramidentexten vor-
kommt, wird es sich um eine in Unterägypten entstandene Fassung handeln. Die
Genealogie des Thot als „Sohn der beiden Herren", von der wir ausgingen, könnte
dann, abgesehen von der auf das gleiche Ziel hinstrebenden Entwicklung der Horus-
sage, durch die zeitgemäße Gleichsetzung der lokalen Doppelgottheit des Antaiopolites
mit dem kämpfenden Götterpaar Horus und Seth und weiterhin durch die starken
f\ . « W M

phonetischen Anklänge zwischen den beiden Eiern des Thot (I ^ ^ ^ 'v\, dem
.,Antaios" und dem ägypt. Dual „die beiden Götter" gefördert worden sein, so daß
auch hier dem Ägypter alles „passend" schien.
Und um noch einmal zum Ausgangspunkt des Ganzen zurückzukehren, auch der
Ursprung des Thot als „hervorgegangen aus dem Scheitel" (wp.i) in der gleichen
Quelle war mit einem ungemein deutungsreichen Worte oder besser Wortbild ge-
schrieben. Denn dies prj m wp.t erinnerte auch an ein anderes Beiwort des Thot,
von dem man sagt, daß er hervorging als wp.tj „Scheider, Richter", nämlich zwischen
dem streitenden Brüderpaar Horus und Seth 2 , oder auch als „Bote" ( w p w . t j ) , der die
ferne zürnende Göttin einholt 3 . In dieser Beziehung wird man bei genauem Zusehen
sicher noch mancherlei finden, was die ägyptischen Theologen in die Diktion ihrer Texte
liineingeheimnist haben. Daneben zeigt freilich unser Beitrag zu den Sagen, die sich
um den Mondgott und das Himmelsauge als Mond ranken, mit wie weitgehenden
Sagenverschiebungen und -verschlingungen wir gerade bei den beliebtesten Stoffen
schon frühzeitig zu rechnen haben.
Sorgsame Untersuchungen über die festgeprägte religiöse Terminologie der
Ägypter werden uns aber immer mehr dazu verhelfen, die Ausgangspunkte und den
Weg der verschiedenartigen sich kreuzenden Vorstellungen festzustellen, und auch die
beziehungsvollen, vieldeutigen Begriffe verstehen zu lernen.

1) ERMAN, Ägypt. Rel. 2 S. 33; LEFEBVRE, Annal. du Serv. 23 S. 65. — 2) Vgl. EBMAN a. a. 0 . S. 1142,
„er kommt hervor aus seinem Scheitel ( w p . t - f ) als der Richter (wp.tj)"; das Beiwort sonst bei Thot
BOYLAK, Thot S. 183. —- 3) JUNKER, Onurislegende passim.

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