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88 Kritik

kratischen Lebens bejaht. Er muß als zeitweilig bewaffneter Bürger dieses Staates mit
ihm in lebendiger Verbindung stehen, in einem Treueverhältnis, das unvermeidlich
auftretende Spannungen nicht ausschließt, aus welchem heraus er aber notfalls auch
erkennt, wann und durch wen die Fundamente solchen politischen Lebens bedroht
werden, um daraus seine klare Stellung auch als innerer Schützer dieses Staates be-
ziehen zu können.
Paul Kluke

KRITIK
NOVALIS ALS PHILOSOPH
W e r jemals den nachgelassenen Schriften der Novalis durch alle Verwandlungen der
Friedrich von Hardenbergs, von Novalis, Begriffe hindurch beim Wort hält, und
Vorschau - 03:35 Uhr Klett-Cotta Verlag, J. G. Cotta'sche Buchhandlung

offnen Sinnes begegnete, der wird emp- darin wirklich erfolgreich scheint. Und
funden haben, daß sie nicht nur Beweise doch bestätigt er dann den Nachsatz von
eines großen Dichters sind, sondern daß Novalis! Das mag man, wenn man die
den Fragmenten der Atem eines eigen- aufgewandte Arbeit und Sorgfalt bedenkt,
willigen, tiefsinnigen Philosophen eignet. als schmerzlich empfinden oder als Beweis
Etwas von einem Aufbruch zu einer dafür, daß die blaue Blume immer noch
fremdartigen und sich immer wieder ent- mächtiger ist als die soliden Stricke der
ziehenden Schau der Welt spricht aus logischen Dialektik.
diesen Bruchstücken eines offenbar großen Theodor Haering gewinnt den Zugang
Planes, den Novalis, als er noch nicht zur Philosophie von Novalis aus einer ein-
29 Jahre alt starb, unvollendet zurück- gehenden und durch das ganze Buch wie-
lassen mußte. Deshalb wird jeder, der von derholten Deutung jener Aufzeichnungen,
dem schillernden Reichtum seiner Ge- die von den Herausgebern, so vor allem
danken angesprochen ist, wünschen, daß von Kluckhohn und von mir selbst, als
es einen Führer durch die sich scheinbar Vorspiel des eigentlichen Werkes betrach-
so oft widersprechenden Gedankenmassen tet worden sind. Die Untersuchung dieser
gäbe; denn nur zu leicht wird es bei der frühen Studienhefte, deren Entstehung
ersten Begegnung scheinen, als hätte man Haering deshalb später angesetzt haben
mit Proteus zu ringen, der sich in alles möchte, ist tatsächlich sehr erfolgreich.
verwandelte, um sich dem Zugriff des Er weist nach, daß Novalis hier bereits
Gegners zu entziehen, und man wird sich selbständiger ist, als man bisher gemeint
für verspottet halten, wenn man liest: hatte, ja daß er zu einer Lehre der dialek-
„Wer Fragmente dieser Art beim Wort tischen Weltordnung gelangt ist, die weit-
halten will, der mag ein ehrenfester Mann gehend vorausnimmt, was Hegel erst ein
sein, nur soll er sich nicht für einen Dichter Jahrzehnt später lehren sollte. Diese Me-
ausgeben." thodik ist so eindeutig Novalis zu eigen,
Nun hat Theodor H a e r i n g in lang- daß sich bei ihm sogar „ausgedehnte
jähriger Arbeit versucht, einen Weg durch Reflexionen über die dialektische Methode
dies Gestrüpp zu bahnen, ja zu bauen. „No- selbst finden". Novalis spricht auch, wie
v a l i s als Philosoph" heißt seine Schrift, Haering zeigt — und das ganz im Sinne des
die rein äußerlich die gewichtigste Arbeit späten Hegel — vom „Aufgehobensein des
ist, in der Novalis als Philosoph bisher Gegensatzes in der Einheit". Dies wichtige
schulmäßig ernst genommen wurde. Das Ergebnis der frühen Aufzeichnungen von
Werk umfaßt nahezu 650 Seiten in Lexi- Novalis führt nun Haering zu der Meinung,
konformat, von denen fast ein Viertel in daß die Dialektik der Ariadnefaden ist,
Petit gedruckt wurde; es ist ohne Frage der Novalis durch „das ganze Labyrinth
die Arbeit eines „ehrenfesten Mannes", der Gegensätze in allem Sein und Leben"

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