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27. Mai 2007, 00:00, NZZ Online


Peter Bieri alias Pascal Mercier hat genug von der Universität
Der aus Bern stammende Philosophieprofessor Peter Bieri, der sich als Romancier Pascal
Mercier nennt, ist der erfolgreichste Schweizer Schriftsteller unserer Tage. Von seinem
Roman «Nachtzug nach Lissabon» (2004) haben sich allein im Taschenbuch über
anderthalb Millionen Exemplare verkauft, und seine neue Novelle «Lea» ist  allen
Verrissen zum Trotz in der «Spiegel»-Bestsellerliste von Platz 0 auf Platz 7 geklettert, in
der Schweiz sogar direkt auf Platz 1.
Wer so erfolgreich ist, muss sich um sein Einkommen keine Sorgen machen, und so wäre
die Nachricht, dass der Autor als akademischer Lehrer verfrüht in Pension gehe, kaum der
Rede wert. Doch bei Peter Bieri liegt der Fall anders. Der 63-Jährige gibt seine Professur
für Analytische Philosophie an der Freien Universität Berlin im Herbst nicht deshalb auf,
weil er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen will. Er betreibt die Philosophie weiterhin mit
Leidenschaft. Doch er hat genug vom akademischen Betrieb.
Das hat er gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in deutlichen Worten
kundgetan. Das Blatt zitiert ihn am 23. Mai mit folgenden Worten: «Die Situation an der
Universität macht mich wütend. Es geht nur noch um Geld und ‹Corporate Identity›. Diese
Mentalität macht die Universität kaputt.» Bieri bringt den Zustand der akademischen
Lehranstalten in Zusammenhang mit den aus der Bologna- Reform hervorgegangenen
Studiengängen mit ihren Bachelor- und Master- Abstufungen: «Da ist der Professor nur
noch der Vollzugsbeamte der Module. Ich verbringe viele Stunden damit, bürokratische
Probleme der Studenten zu lösen, die aus diesen Ordnungen entstanden sind.» Ein dritter
Punkt, der ihn in Rage bringt, ist die Erwartung, dass Professoren Drittmittel für die
Forschung akquirieren. Zumindest in den Geisteswissenschaften hält er das für glatten
Unfug.
Bieri steht mit seinem Protest nicht allein. An vielen Universitäten hört man derzeit die
Klage, aus dem Auftrag «Forschung und Lehre» sei der Auftrag «Selbstdarstellung und
Geldbeschaffung» geworden. Nicht jeder kann es sich leisten, daraus die persönlichen
Konsequenzen zu ziehen. Um so mehr steht zu hoffen, dass Bieris Stimme gehört wird.
Manfred Papst