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Gary Kielhofner

Dr. PH, OTR, FAOTA

 1971 Classical Bachelor of Arts, Major in Psychology, St. Louis


University, St. Louis, Missouri
 1975 Master of Arts in Occupational Therapy, University of
Southern California, Los Angeles, Kalifornien
 1980 Doctor of Public Health, University of California,
Los Angeles, Kalifornien
 1979 –1984 Assistant Professor and Director of Graduate
Studies, Abteilung für Ergotherapie, Virginia Commonwealth
University
 1984 –1986 Assistant Professor, Abteilung für Ergotherapie,
Sargent College of Allied Health Professions, Boston University
 1986 McLaughlin Gastprofessor, Fakultät für Gesundheits-
wissenschaften, McMaster University, Hamilton, Ontario,
Kanada
 Seit 1986 Wade/Meyer Chair und Professor der Abteilung für
Ergotherapie, College of Applied Health Sciences, University
of Illinois at Chicago, USA
 Seit 2000 Gastprofessor, London South Bank University,
Großbritannien

Ulrike Marotzki
Dr. phil., Dipl.-Psych., Ergotherapeutin, Professorin für Ergotherapie

 Arbeitete über 10 Jahre als Ergotherapeutin und


Diplom-Psychologin in verschiedenen Fachbereichen
 Seit Oktober 2000 Tätigkeit als Professorin für Ergotherapie
an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst
(HAWK) in Hildesheim. Konzeption und Lehre im Rahmen
von Bachelor- und Master-Studiengängen für Ergotherapie,
Physiotherapie und Logopädie

Christiane Mentrup
MScOT, Ergotherapeutin

 2000 –2002 European Master Studies in Occupational


Therapy
 1988 –1992 Tätigkeit als Ergotherapeutin in der Schweiz
und in Kanada
 1993 –1996 Fachlehrerin für Ergotherapie
 1996 –2005 Leiterin der Abteilung Ergotherapie an der
Völker-Schule Osnabrück
 1995 –2004 Deutsche Delegierte des Weltverbandes der
Ergotherapeuten (WFOT)
 Seit 2004 Vizepräsidentin des Weltverbandes der
Ergotherapeuten
Ergotherapie – Reflexion und Analyse

Herausgegeben von
Ulrike Marotzki
Christina Jerosch-Herold
Birgit Maria Hack
G. Kielhofner
U. Marotzki
Ch. Mentrup

Model of Human
Occupation (MOHO)
Grundlagen für die Praxis

Mit 33 Abbildungen und 1 Tabelle

123
Gary Kielhofner
Dr. P.H., O.T.R., F.A.O.T.A., Professor and Head
Department of Occupational Therapy
University of Illinois at Chicago
Chicago, Illinois, USA

Ulrike Marotzki
Prof. Dr. phil., Dipl.-Psych., ET
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst,
Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen
Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
BSc-Studiengang Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie
Tappenstr. 55, 31134 Hildesheim

Christiane Mentrup
MSc OT, ET
Koksche Str. 14, 49080 Osnabrück

ISBN-10 3-540-65942-0 Springer Medizin Verlag Heidelberg


ISBN-13 978-3-540-65942-0 Springer Medizin Verlag Heidelberg

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Titelbild: deblik, Berlin

SPIN 10688321
Satz: TypoStudio Tobias Schaedla, Heidelberg
Druck: Stürtz, Würzburg

Gedruckt auf säurefreiem Papier 22/2122/cb – 5 4 3 2 1 0


V

Geleitwort

Es freut mich sehr, dass meine Kolleginnen eine Übersetzung zum Buch Model of
Human Occupation herausgeben. Vor mehr als 30 Jahren, als ich mit der Entwicklung
des Modells begann, hätte ich niemals erwartet, welchen Einfluss es einmal haben würde.
Verantwortlich für die weitreichende internationale Verbreitung des Modells sind nicht
zuletzt der Enthusiasmus, die intensive Arbeit und das Engagement von Menschen wie
den Mitherausgeberinnen dieses Buches. Es war mir eine Freude, mit ihnen zu arbeiten
und eine Ehre zu wissen, dass sie meine Arbeit in einem Maße wertschätzen, dass sie sich
die Mühe gemacht haben, sie in eine andere Sprache zu übertragen.
Es ist ermutigend, die Entwicklung von ergotherapeutischer Ausbildung und Praxis in
Deutschland zu verfolgen. Die Einbindung von Theorie in Ausbildung und Praxis ist ein
wichtiger Schritt in der Entwicklung einer Profession. Der Enthusiasmus und Tiefgang,
mit dem meine deutschen Kolleginnen sich Theorien annähern, vermittelt mir Optimis-
mus für die Zukunft des Berufsstandes.
Ohne Zweifel wird es in einer nächsten Phase zu Beiträgen deutscher Therapeuten zur
weiteren Entwicklung dieser Theorie im Rahmen von Forschung und Anwendung kom-
men. Jedes Mal, wenn dieses Modell von einer neuen Gruppe von Personen untersucht
wird, ergeben sich neue Erkenntnisse und Ideen. Ich freue mich auf die Spuren, welche
deutschsprachige Menschen bei dem Modell hinterlassen werden.

Chicago, im März 2005


Gary Kielhofner
VI

Vorwort

Dieses Buch macht die Theorie des Modells der menschlichen Betätigung, auf Eng-
lisch Model of Human Occupation – kurz MOHO, im übersetzten Originaltext erstmals
für deutschsprachige Leserinnen und Leser erreichbar. Mit Sicherheit ist der englische
Originalband »Model of Human Occupation. Theory and Application, Second Edition«
eines der Bücher, die den Professionalisierungsprozess der deutschen Ergotherapie in
den letzten 10 Jahren aus dem Hintergrund und als wichtige Bezugsquelle begleitet
haben.
Wie Gary Kielhofner im Geleitwort zu dieser Übersetzung selbst ausführt, hat das
Model of Human Occupation eine 30-jährige Entwicklungsgeschichte vorzuweisen, die
sich seit vielen Jahren auch im internationalen Austausch vollzieht. Die Entstehung des
Modells fällt nach seiner eigenen Analyse in eine kritische Situation des Berufsstandes in
den Vereinigten Staaten in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts (Kielhofner
1997). Kielhofner spricht von dieser Zeit als einer Krisensituation des Berufes, die sich
dadurch ausgezeichnet habe, dass es viele Spezialrichtungen und -entwicklungen und
wenig Gemeinsamkeiten unter Ergotherapeuten der verschiedenen Fachrichtungen in
ihrem Denken und Handeln gegeben habe. Diese Einschätzung stützt er auf eine umfas-
sende Analyse von Fachpublikationen, die er zusammen mit Janice Burke 1977 durchge-
führt hatte. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Kielhofners Model of Human Occupation
in Deutschland erstmals zu einem Zeitpunkt wahrgenommen wurde, als hierzulande
Berufsangehörige begannen, sich über die Zersplitterung des Feldes und die Einheit des
Berufes Gedanken zu machen.
In seinen beiden Büchern, »A Model of Human Occupation« und »Conceptual
Foundation of Occupational Therapy«, die er im Wechsel alle 5–7 Jahre überarbeitet
und aktualisiert, macht Kielhofner immer wieder deutlich, dass es ihm in seinem Werk
um einen Beitrag zur Einordnung und Grundlegung eines spezifisch ergothera-
peutischen Wissenskorpus für die Zusammenarbeit mit anderen Professionen und
Disziplinen im Gesundheitswesen geht. Er hat ein sehr komplexes Verständnis davon,
was es zu entwickeln gilt. Seine Hauptanliegen bestehen erstens in einer Theorieent-
wicklung für die Profession, die sich einerseits auf ergotherapeutische Grundannah-
men zum Zusammenhang von menschlicher Betätigung und Gesundheit sowie auf die
Auseinandersetzung mit Theoriebeständen angrenzender Disziplinen stützt, und die
andererseits an ihrem empirischen Nachweis arbeitet. Zweitens hat er die Entwicklung
bzw. Professionalisierung der ergotherapeutischen Praxis im Blick. Hierbei geht es
ihm um ein theoretisch begründetes, von den Bedürfnissen der Klienten ausgehendes
und methodisch nachvollziehbares Handeln (Kielhofner 1997). Konkret bedeutet dies,
dass in seinem Modell neben der Theorie auch therapeutische Prinzipien und Leitfra-
gen zur Begleitung des Ergotherapieprozesses zu finden sind und ergotherapeutische
Assessments zur Befunderhebung und Evaluation bereitgestellt werden. Seit einigen
Jahren arbeitet Kielhofner verstärkt daran, Wirksamkeitsnachweise für die von ihm be-
schriebenen ergotherapeutischen Leistungsformen zu erbringen (Kielhofner et al. 2004).
Dass mit diesem ergotherapeutischen Entwicklungs- und Forschungsprogramm auch die
VII
Vorwort

Stärkung der beruflichen Identität und eine Konturierung des ergotherapeutischen


Handelns in den Praxisfeldern beabsichtigt ist, unterstreicht Kielhofner als überzeugter
Ergotherapeut in seinen Überlegungen zur professionellen Identität und Kompetenz
(Kielhofner 1997, 303 f.). Das Model of Human Occupation ist also zu verstehen als ein
konzeptioneller Rahmen eines Theorie und Praxis adressierenden und verbindenden
ergotherapeutischen Forschungsprogramms. Es baut auf der systemisch verstandenen
Grundannahme auf, dass zwischen menschlicher Betätigung und Gesundheit ein enger
Zusammenhang besteht.

Konzeptionelle Modelle im Verständnis Kielhofners

In seinen beiden oben genannten Büchern nennt Gary Kielhofner MOHO ein konzepti-
onelles Modell der Ergotherapie. Was er hierunter versteht, erläutert er im ersten Kapitel
des vorliegenden Buches ausführlich. Die entscheidenden Charakteristika seien an dieser
Stelle zusammengestellt:

Beachte I I
1. Jedes Modell baut auf einer interdisziplinären Wissensbasis auf
2. Jedes Modell bezieht sich auf eine bestimmte Gruppe von Phänomenen, indem es
Aussagen zu deren Ordnung (z. B. Organisation und Funktion) Fehlordnung (z. B.
Dysfunktion) und dem Prozess therapeutischer Interventionen (geplanter Verände-
rungsprozess, Zustandserhaltung) macht.
3. Weil Modelle in der Praxis benutzt werden, bringen sie auch Technologien (z. B. Pro-
zeduren, Materialien) zur therapeutischen Anwendung hervor.
4. Modelle sind der Forschung unterworfen, die Nachweise über die theoretische
Begründung und therapeutische Wirksamkeit erarbeitet (Kielhofner 1997, S 98,
Übersetzung: U.M.).

Während die Punkte 1, 3 und 4 schon angesprochen wurden, soll an dieser Stelle dem
2. Punkt noch etwas Aufmerksamkeit gewidmet werden. Hier wird ein spezifisches
Modellverständnis deutlich, das von dem anderer ergotherapeutischer Autorinnen und
Autoren abweicht. In Kielhofners Sicht bieten konzeptionelle Modelle Erklärungen, Stra-
tegien und Erhebungsinstrumente für Problemstellungen in einem klar umgrenzten Phä-
nomenbereich. Dieser kann sowohl von der Problemstellung des Klienten als auch von
der Aufgabenstellung in einem Arbeitssetting ausgehend definiert werden. Ergotherapeu-
ten sind in der Praxis somit immer auf unterschiedliche Modelle und deren ergänzender
Handhabung angewiesen. Insgesamt unterscheidet der Autor in »Conceptual Foundation
of Occupational Therapy« von 1997 acht konzeptionelle Modelle, die – wenn auch in
unterschiedlicher Ausprägung – alle vier genannten Charakteristika aufweisen:
▬ Biomechanisches Modell (Biomechanical Model).
▬ Modell geistiger Behinderungen (Cognitive Disabilities Model).
▬ Modell der kognitiven Wahrnehmungsstörung (Cognitive-Perceptual Model).
▬ Modell der motorischen Kontrolle (Motor Control Model).
VIII Vorwort

▬ Modell der Sensorischen Integration (Sensory Integration Model).


▬ Modell motorischer Entwicklung und Anpassung an die Umwelt (Spatiotemporal
Adaptation Model).
▬ Arbeitsgruppen Modell (Group Work Model).
▬ Modell menschlicher Betätigung (Model of Human Occupation).

Die Systematik dieser Modelle entwickelt sich in erster Linie in Anlehnung an die im
zweiten Charakteristikum angesprochenen unterschiedlichen Phänomene und Problem-
stellungen, denen Ergotherapeuten in ihren Praxisfeldern begegnen können. Das Ar-
beitsgruppenmodell ist ein Beispiel für eine vom Arbeitssetting ausgehende Phänomen-
beschreibung. Es bezieht sich auf Gruppenprozesse und deren Störungen, die z. B. bei
der Arbeit in natürlichen Lebensumgebungen der Klienten (Familie, Schule, Arbeitsplatz
etc.) berücksichtigt werden müssen (Kielhofner 1997, S 169).
Für das Modell der menschlichen Betätigung nimmt Kielhofner in dem vorliegenden
MOHO-Band vier Phänomenbereiche in den Blick:
▬ Die menschliche Motivation zur Betätigung.
▬ Betätigungsverhalten als Routinen und Gewohnheiten.
▬ Die Beschaffenheit der geschickten Betätigungsausführung.
▬ Den Einfluss der Umwelt auf das Betätigungsverhalten.

Die Theorie des Model of Human Occupation besteht in der Beschreibung des Aufbaus
und der Funktionsweise des menschlichen Systems unter dem Fokus des Betätigungs-
verhaltens. Die vier oben genannten Aspekte finden sich in Kielhofners Konzeption in
den Subsystemen Volition, Habituation und Performanz und im Konzept der Umwelt
wieder. Sie bilden zusammen die Bedingungsstruktur für menschliches Betätigungsver-
halten. Kielhofner verarbeitet im Rahmen seiner Modell-Theorie systemtheoretische
Annahmen sowie psychologische, soziologische und anthropologische Theorien. Die
Modell-Theorie steht im direkten Anwendungszusammenhang zur ergotherapeutischen
Praxis:
▬ Sie begründet ergotherapeutisches Handeln
Ausgangspunkt ist die schon erwähnte Annahme, dass zwischen menschlicher Betä-
tigung und Gesundheit ein enger Zusammenhang besteht. Wie andere ergotherapeu-
tische Autorinnen und Autoren* vor und mit ihm versteht Kielhofner den Menschen
als »Occupational Being«, als Wesen, das sich durch seine alltäglichen, individuell
bedeutsamen Betätigungen und langfristigen Projekte verwirklicht. Gesundheit wird
von der Möglichkeit abhängig gesehen, Betätigungen selbst auswählen, Routinen und
Gewohnheiten ausbilden und an Aktivitäten des sozialen Lebens partizipieren zu
können. Die Umwelt ermöglicht bzw. erfordert das Ausbilden von Betätigungen und
hat so wesentlichen Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden des Einzelnen. Verän-
derungen der Umwelt, Behinderungen und Erkrankungen haben Auswirkungen auf
das Betätigungsverhalten des Einzelnen. Es kann hierdurch zu Betätigungsdysfunk-
tionen (occupational dysfunktion) auf körperlicher, individueller und sozialer Ebene

* Vergleiche z. B. Meyer 1922/1977; Reilly 1962; Nelson 1997; Molineux 2004


IX
Vorwort

(z. B. bei der Rollenübernahme) kommen, die wiederum über den Einsatz ausge-
wählter Aktivitäten und Umweltadaptionen beeinflusst werden können. Ergotherapie
hat somit im Fall von Krankheit oder Behinderung die Aufgabe, in Zusammenarbeit
mit dem Klienten eine differenzierte Analyse der Beeinträchtigungen und Res-
sourcen des Betätigungsverhaltens zu erstellen. Sie hat die Aufgabe, dem Klienten
geeignete Aktivitäten bzw. Adaptionen zur Überwindung bzw. zum Ausgleich
einer Dysfunktion als therapeutisches Mittel anzubieten und auf einen heilenden,
kompensierenden oder gesundheitsförderlichen Ausgleich für das individuelle Betä-
tigungsverhalten hinzuwirken.
▬ Sie begründet die Ergotherapieprozess-Gestaltung
Die Modell-Konstruktion bildet für den Ergotherapieprozess einen Referenzrahmen.
Modell-basierte Leitfragen und therapeutische Prinzipien unterstützen die komplexe
Analyse der Beeinträchtigungen und Ressourcen des Betätigungsverhaltens sowie die
Wahl eines passenden therapeutischen Ansatzpunktes und Angebots. Das Modell
sieht vor, dass auf seiner Grundlage für spezifische Klientengruppen ergotherapeuti-
sche Programme entwickelt werden können, so z. B. zur Unterstützung der Arbeits-
findung chronisch kranker Menschen (Olsen et al. 1994).
▬ Sie stellt die Konstruktebene für die Entwicklung von Assessments dar
Subsysteme und Umweltkonzept bilden die Konstruktebene für ein differenziertes
Assessmentsystem. Aufgabe der MOHO-Assessments ist es, den Therapieprozess in
seinen verschiedenen Phasen zu begleiten, zur methodisch-kontrollierten Evaluation
und zur Transparenz ergotherapeutischen Handelns im interdisziplinären Aus-
tausch beizutragen. Aktuell liegen in englischer Sprache 20 Erhebungsinstrumente
auf der Basis des Modells vor (s.  Kap. 8 des vorliegenden Buches).

Model of Human Occupation in Deutschland

Zur Forschungsarbeit Gary Kielhofners erschienen 1993 erstmals zwei Artikel in der
Fachzeitschrift Ergotherapie & Rehabilitation (Götsch 1993; Dehnhardt 1993). Beide
bezogen sich auf die erste Auflage des Buches »Conceptual Foundations of Occupational
Therapy« und gaben einen Einblick in Kielhofners Analyse der Entwicklung des Berufs-
bildes in den Vereinigten Staaten und in die Grundgedanken des Modells. Die Seminare,
die Kielhofner seit Anfang der 90ger Jahre im Rahmen einer Gastprofessur am Karolinska
Institut in Stockholm gab, wurden nun zunehmend von deutschen Ergotherapeuten – so
auch den beiden Mitherausgeberinnen – besucht. Auf einem Symposium im Oktober
1995, in Osnabrück, stellte Gary Kielhofner sein Modell erstmals einer deutschsprachigen
Zuhörerschaft von 150 Ergotherapeuten vor (Mentrup 1996). In den darauf folgenden
Jahren fanden drei weitere Workshops mit Gary Kielhofner in Deutschland statt.
Um den Berufsangehörigen den direkten Anwendungsbezug des Modells deutlich
zu machen, wurden bereits für die Zuhörer des Symposiums 1995 erste Übersetzungen
von 12 Assessments und Formblättern bereitgestellt. In den Folgejahren folgten weitere
Übersetzungen und deren Vertrieb über eine Zentrale Stelle, die Edition Vita Activa
(www.aha-netz.de/vitaactiva.htm). In der zweiten Hälfte der 90er Jahre nahm unter
den Berufsangehörigen eine kritische, aber konstruktive Auseinandersetzung mit kon-
X Vorwort

zeptionellen Modellen der Ergotherapie zu (Jerosch-Herold et al. 1999; Hagedorn 2000;


Verhoef 2001; Marotzki 2002).
Als Konsequenz wurden ergotherapeutische Modelle als Lehrinhalte für das in die
neue Ausbildungs- und Prüfungsverordnung (ErgThAprV) aufgenommene Fach »Ergo-
therapeutische Grundlagen« empfohlen (AG-ETS, 2003). Auch wenn hierzu keine ver-
lässlichen Zahlen vorliegen gehört das Modell der menschlichen Betätigungen neben
dem Canadian Model of Occupational Performance (CMOP) heute sicher zu den be-
kanntesten Modellen der Ergotherapie in der Bundesrepublik.
Dieser kurze Rückblick macht sicher eins deutlich: Die deutsche Auseinandersetzung
mit dem Model of Human Occupation und seinen Assessments ist bisher jedem Einzel-
nen und verstreuten Arbeitsgruppen überlassen. Die Erschließung dieses umfassenden
Wissenskorpus erfolgte überwiegend auf der Ebene der Erarbeitung von Übersetzungen
und der Auseinandersetzung mit MOHO-Texten, da macht auch der vorliegende Band
zur Modeltheorie keine Ausnahme. Im Brennpunkt der Diskussion steht derzeit, wie Mo-
delldenken in die Praxisfelder integriert werden kann. Hier stehen die Ausbildungsstätten
in der praktischen Ausbildung vor enormen Herausforderungen (Pauli et al. 2005).
Mit Recht wird darüber hinausgehend gefordert, dass zukünftig verstärkt eine Ausei-
nandersetzung auf wissenschaftlicher Ebene, nämlich die Überprüfung von Theorie und
Assessments stattfindet (Höhl 2004). Damit würde gleichzeitig auch eine deutsche Betei-
ligung am international ausgerichteten MOHO-Forschungsprogramm erfolgen können.
Die Option hierzu hängt essentiell mit der Akademisierung des Berufsstandes und der
Möglichkeit, eigene Forschung zu betreiben, zusammen. Auch wenn es aufgrund des Be-
rufsgesetzes noch sehr große Hürden gibt, sind seit wenigen Jahren erste Anfänge in diese
Richtung mit ergotherapeutischen Bachelor-Studiengängen gemacht. Gerade das Model of
Human Occupation mit seinem umfangreichen Forschungsprogramm, das schwerpunkt-
mäßig an der University of Illinois at Chicago (UIC) angesiedelt ist (www.moho.uic.edu/),
zeigt beispielhaft Wege für eine forschungsbasierte sowie Klienten- und Setting-orientierte
Zukunft der deutschen Ergotherapie auf. Dieser Weg wird in Deutschland so konsequent
wie möglich ausgebaut werden.

Zum vorliegenden Buch

Schwerpunkt des vorliegenden Bandes bilden die  Kap. 1–7 zur Theorie des Model
of Human Occupation, wie sie Kielhofner in den ersten Kapiteln der 2. Auflage seines
Buches eingeführt hat. Auf dieser Fassung der theoretischen Annahmen des Modells
basieren die meisten in Deutschland kursierenden MOHO-Assessments. Die vorliegende
Übersetzung bietet zu diesen Assessments also das theoretische Pendant. Sie bietet aber
auch denjenigen Lesern eine theoretische Modell-Einführung, die sich bisher noch nicht
mit MOHO befasst haben.
Wie bei jeder Übersetzung neuer theoretischer Inhalte stellt Begriffsarbeit gleichzei-
tig Theoriearbeit dar. Den Kapiteln sind Glossare zugeordnet, die Kielhofner schon in
der Originalausgabe eingefügt hatte. Sie nehmen es der Übersetzung allerdings nicht ab,
für Kernbegriffe nach Äquivalenten aus der deutschen Sprache zu suchen. So haben sich
die Mitherausgeberinnen entschieden, Occupation mit Betätigung zu übersetzen. Hier-
XI
Vorwort

mit wird für »Occupation« der erste Übersetzungsvorschlag der Arbeitsgruppe Modelle
und Theorien (MoTheo-Deutschland) aus dem »Fachwörterbuch Ergotherapie« (DVE
2000) aufgegriffen. Der Terminus »Betätigung« kann als Vorschlag für einen konzeptio-
neller Platzhalter einer zukünftig verstärkt zu implementierende Fachdiskussion und er-
gotherapeutischen Forschung verstanden werden. Er bietet sich an, da er noch nicht von
einer anderen wissenschaftlichen Disziplinen besetzt ist (Marotzki 2004, S 76). Es würde
an dieser Stelle zu weit führen, sämtliche Übersetzungsentscheidungen vorzustellen. Die
zukünftige Diskussion wird zeigen, welche Begriffe sich wirklich langfristig durchsetzen.
In  Kap. 8 dieses Buches stellt Gary Kielhofner die Aktualisierungen des Modells
entsprechend der inzwischen erschienen 3. Auflage von MOHO vor. Die MOHO-Bände
stellen Berichte aus einer fortlaufenden Arbeit dar. Leichte Korrekturen und inhaltliche
Verschiebungen zur zweiten Auflage werden vom Autor dargelegt.
In  Kap. 9 legt Christiane Mentrup exemplarisch eine Projektskizze zur Anwendung
des Modells menschlicher Betätigung für den Bereich der Dokumentation in arbeitsthe-
rapeutischen Abteilungen von Kliniken des Bundesverbandes stationärer Suchtkranken-
hilfe e.V. (BUSS) vor. Das Projekt macht deutlich, welches Potential zur Innovation in
ergotherapeutischen Abteilungen in der konsequenten Nutzung des Modells für Fragen
der Qualitätssicherung und Dokumentation liegt.
 Kapitel 10 ist schließlich als aktuelle Bibliografie zu Veröffentlichungen rund um
das Model of Human Occupation zu verstehen. Hier können sich die Leser weitergehend
über die umfassende Forschungsliteratur zum Modell informieren.
Wie das Modell, befindet sich auch die deutsche Ergotherapie in fortlaufender Ent-
wicklung – Work in Progress! Die HerausgeberInnen dieses Bandes erhoffen sich von
dieser Veröffentlichung einen Anstoß für die weitere Diskussion und vertiefte Auseinan-
dersetzung mit dem Model of Human Occupation und für den Fortgang der Professiona-
lisierung der deutschen Ergotherapie.

Hildesheim, Osnabrück, im Februar 2005


Ulrike Marotzki
Christiane Mentrup

Literatur

Arbeitsgemeinschaft Ergotherapeutischer Schulen (AG-ETS) (2003) Grundlagen der Ergotherapie. Neue


Reihe Ergotherapie des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten e.V. (DVE). Schulz-Kirchner-Verlag,
Idstein
Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten e.V. (DVE) (2000) Fachwörterbuch Ergotherapie. Deutsch – Eng-
lisch, Englisch-Deutsch. Schulz-Kirchner-Verlag Idstein
Dehnhardt B (1993) »Conceptual Foundations of OT« Der neue Grundgedanke in Kielhofners Theorie. Ergo-
therapie & Rehabilitation 5:425–428
Götsch K (1993) »Occupational Therapy« Die Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Ergotherapie & Reha-
bilitation 5:422–424
Höhl W (2004) Assessments der neuen Theoriemodelle. Anmerkung zu methodischen Grundlagen und
praktischer Anwendung. Ergotherapie & Rehabilitation 12:6–13
Jerosch-Herold C, Marotzki U, Hack B, Weber P (Hrsg.) (2004) Konzeptionelle Modelle für die ergotherapeu-
tische Praxis. 2. Auflage. Springer, Heidelberg
XII Vorwort

Kielhofner G (1995) Model of Human Occupation. Theory and Application, 2 nd Ed. Williams & Wilkins,
Baltimore
Kielhofner G (1997) Conceptual Foundations of Occupational Therapy, 2 nd Ed. Davis Company, Philadel-
phia, F.A
Kielhofner G (2002) Model of Human Occupation. Theory and Application, 3nd Ed. Lippincott Williams &
Wilkins, Baltimore
Kielhofner G, Burke J P (1977) Occupational Therapy after 60 Years: An Account of Changing Identity and
Knowledge. American Journal of Occupational Therapy 31 (10):675–689
Kielhofner G, Mentrup C, Niehaus A (2004) Das Model of Human Occupation (MOHO): Eine Übersicht zu den
grundlegenden Konzepten. In: Jerosch-Herold et al. (Hrsg.) Konzeptionelle Modelle für die ergothera-
peutische Praxis. 2. Auflage, (S. 49–82) Springer, Heidelberg
Kielhofner G, Hammel J, Finlayson M, Helfrich Ch, Taylor R (2004) Documenting Outcomes of Occupational
Therapy: The Center for Outcomes Research and Education. American Journal of Occupational Therapy
58 (1):15–469
Marotzki U (Hrsg.) (2002) Ergotherapeutische Modelle praktisch angewandt. Ein Fallbeispiel – vier Betrach-
tungsweise. Springer, Heidelberg
Marotzki U (2004) Zwischen medizinischer Diagnose und Lebensweltorientierung. Eine Studie zum profes-
sionellen Arbeiten in der Ergotherapie. Schulz-Kirchner-Verlag, Idstein
Mentrup (1996) Gary Kielhofner: Ein Schritt vorwärts in der Ergotherapie. Ergotherapie & Rehabilitation
1:25–26
Meyer A (1922/1977) The Philosophie of Occupational Therapy. (Reprint form the Archives of Occupational
Therapy, Vol. 1, pp.1–10). American Journal of Occupational Therapy 31(10):639–642
Molineux M (2004) Occupation in Occupational Therapy: A Labour in Vain? In: Molineux M (Ed) Occupation
for Occupational Therapists. (p. 1–14) Blackwell Publishing
Nelson D (1997) Why the Profession of Occupational Therapy will florish in the 21st Century. American Jour-
nal of Occupational Therapy 51 (1):11–24
Olsen L, Fisher G, Muñoz J, Knight C, Kielhofner G (1994) Work Readiness: Day Treatment for Persons with
chronic Disabilities (deutsche Übersetzung). Edition Vita Activa, Köln
Pauli D, Günther I, Rössler A (2005) Lust und Last mit Theorie – Konzeptionelle Modelle in der Ergotherapie-
ausbildung. Ergotherapie & Rehabilitation 1:6–11
Reilly M (1962) Occupational Therapy can be one of the greatest ideas of the 20 th Century Medicin. Ameri-
can Journal of Occupational Therapy 16(1):1–9
Verhoef J von, Kielhofner (2001) Theorieguru oder Begriffsjongleur? Eine Beurteilung der theoretischen
Basis des »Model of Human Occupation«. Ergotherapie & Rehabilitation 5:21–28
XIII

Danksagung

An diesem Buch haben neben Gary Kielhofner und den beiden Mitherausgeberinnen
mitgewirkt: die Übersetzerinnen Meike Schlegtendal und Marion Wittlich, die Lekto-
rinnen Stefanie Kaiser-Dauer und Gaby Seelmann-Eggebert. Ihnen und dem Springer-
Verlag, besonders Marga Botsch und Claudia Bauer, sei für das Zustandekommen dieses
Buches herzlich gedankt.
XV

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung in das Modell 2.5 Schlussfolgerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31


der menschlichen Betätigung . . . . . . . . . . 1 2.6 Schlüsselbegriffe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
Gary Kielhofner 2.7 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
1.1 Was sind konzeptionelle Praxismodelle und
welchen besonderen Wert haben sie? . . . . . . 2 3 Die interne Organisation
Stellenwert der Modelle innerhalb des des menschlichen Systems
Wissens im Bereich der Ergotherapie . . . . . . . .2 bei Betätigungsverhalten . . . . . . . . . . . . . 35
Was sind konzeptionelle Praxismodelle? . . . . .3 Gary Kielhofner
1.2 Was ist menschliche Betätigung? . . . . . . . . . . . 4 3.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
Definitionsversuch des Begriffs 3.2 Das Handeln hat Vorrang. . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
menschliche Betätigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5 3.3 Auswahl von Betätigungen:
1.3 Hintergrund und Entstehung des das Subsystem Volition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
Modells. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Aktivitätswahl und Betätigungswahl . . . . . . 37
1.4 Inhalt und Aufbau des Buchs . . . . . . . . . . . . . . . 7 Die bewusste Entscheidung . . . . . . . . . . . . . . . 39
Tipps zum Umgang mit diesem Buch. . . . . . . .9 Dispositionen und Selbsterkenntnis . . . . . . . 40
1.5 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 3.4 Muster innerhalb von Betätigung:
das Subsystem Habituation . . . . . . . . . . . . . . . 41
2 Das menschliche System . . . . . . . . . . . . . . 11 (Betätigungs-)Lebensstil . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
Gary Kielhofner Das Konzept der Gewohnheit . . . . . . . . . . . . . 42
2.1 Einführung in Systemkonzepte . . . . . . . . . . . . 12 Habituation und Umwelt. . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Allgemeine Systemtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . 12 3.5 Die Durchführung von Betätigungen:
Theorie der offenen Systeme . . . . . . . . . . . . . . 12 das Subsystem Performanz. . . . . . . . . . . . . . . . 44
Dynamische Systemtheorie . . . . . . . . . . . . . . . 13 3.6 Eine Heterarchie der Subsysteme. . . . . . . . . . 46
Verknüpfung der drei Theorien . . . . . . . . . . . . 13 3.7 Schlussfolgerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
2.2 Von einer mechanistischen zu einer 3.8 Schlüsselbegriffe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
systemischen Sicht der Welt . . . . . . . . . . . . . . . 14 3.9 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
Die reduktionistische Wissenschaft . . . . . . . . 15
Grenzen des Reduktionismus . . . . . . . . . . . . . 17 4 Das Subsystem Volition . . . . . . . . . . . . . . . 51
2.3 Systemische Merkmale des Menschen. . . . . 20 Gary Kielhofner, Lena Borell, Janice Burke,
Der dynamische Aufbau des Verhaltens . . . 20 Christine Helfrich und Louise Nygård
Selbstorganisation durch Verhalten . . . . . . . 23 4.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Verhalten als Auslöser für Veränderungen Merkmalstheorie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
im menschlichen System. . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Alltagswissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
2.4 Der Systemcharakter des Menschen 4.2 Systemdynamik der Volition. . . . . . . . . . . . . . . 54
und seines Betätigungsverhaltens . . . . . . . . . 29 4.3 Selbstbild, Werte und Interessen . . . . . . . . . . 56
Der Mensch als dynamische Struktur . . . . . . 29 Selbstbild. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Der dynamische Aufbau von Wissen um die eigenen Fähigkeiten . . . . . . . . 58
Betätigungsverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Das Gefühl der eigenen Wirksamkeit . . . . . . . 59
Selbstorganisation durch Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
Betätigungsverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Persönliche Überzeugungen . . . . . . . . . . . . . . . 62
XVI Inhaltsverzeichnis

Pflichtgefühl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Entstehung und Veränderung von


Interessen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Gewohnheiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
Anziehungskraft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Sozialisation und Rollenwechsel. . . . . . . . . . 109
Präferenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 5.7 Habituation und Lebensraum . . . . . . . . . . . . 111
Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 5.8 Schlüsselkonzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
4.4 Volitionsprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 5.9 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
Aktivitätswahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
Betätigungswahl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 6 Das Subsystem Performanz . . . . . . . . . . 115
4.5 Schlussfolgerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Anne Fisher und Gary Kielhofner
4.6 Schlüsselbegriffe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 6.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
4.7 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 6.2 Bestehende Konzepte zu den
Performanzfähigkeiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
5 Das Subsystem Habituation 6.3 Die Bestandteile des Subsystems
(Habituation Subsystem). . . . . . . . . . . . . . 87 Performanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
Gary Kielhofner 6.4 Die Organisation des Subsystems
5.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 Performanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
5.2 Gewohnheiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 6.5 Der Performanzprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
Geordnete Improvisation: 6.6 Schlussfolgerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
Die Landkarte der Gewohnheiten . . . . . . . . . 91 6.7 Schlüsselbegriffe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
Zweck und Funktion von Gewohn- 6.8 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
heiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
Der Einfluss von Gewohnheiten 7 Einflüsse der Umwelt auf
auf alltägliche Betätigungen . . . . . . . . . . . . . . 95 das Betätigungsverhalten . . . . . . . . . . . . 127
Gewohnheiten bei der Betätigungs- Gary Kielhofner
performanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 7.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
Routinegewohnheiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 7.2 Die Einflüsse der Umwelt auf das
Stilgewohnheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Betätigungsverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Das Ermöglichen von Betätigungs-
5.3 Verinnerlichte Rollen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
Rollenidentifikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Das Erfordern von Betätigungsverhalten . 130
Rollenskripte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Weitere Umwelteinflüsse . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
Zweck und Funktion von Rollen . . . . . . . . . . 102 Die Individualität von Umwelteinflüssen. . 132
Die Rollenarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 7.3 Die räumliche und die soziale Umwelt . . . . 133
Der Einfluss von Rollen auf das Die Rolle der Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
Betätigungsverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Die räumliche Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
Handlungsstil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .104 Natürliche Lebensräume . . . . . . . . . . . . . . . . . .135
Betätigungsverhalten bei der Ausübung Künstliche Lebensräume. . . . . . . . . . . . . . . . . .135
von Rollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .105 Objekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .136
Zeitliche Reihenfolge von Rollen . . . . . . . . . .105 7.4 Die soziale Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Soziale Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
5.4 Struktur der Habituation . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Betätigungsformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
5.5 Der Prozess der Habituation. . . . . . . . . . . . . . 106 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
Geordnete Improvisation von 7.5 Settings für Betätigungsverhalten . . . . . . . 147
Betätigungsverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Eine Taxonomie der Settings für
5.6 Änderung der Habituation . . . . . . . . . . . . . . . 108 Betätigungsverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
XVII
Inhaltsverzeichnis

Zuhause . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .148 9 Befunderhebung und Dokumentation


Nachbarschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .149 in Einrichtungen der Suchthilfe
Schule und Arbeitsplatz . . . . . . . . . . . . . . . . . .151 – Projektskizze zur Umsetzung
Orte der Zusammenkunft/der Freizeit/ des Model of Human Occupation
der Ressourcen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .152 in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
Kulturelle Einflüsse auf die Settings Christiane Mentrup
für Betätigungsverhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . 152 9.1 Projekthintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
7.6 Räumliche und soziale Geographie 9.2 Bedingungsgefüge des Projektes. . . . . . . . . 170
des tätigen Lebens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 9.3 Projektplanung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
7.7 Schlüsselbegriffe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Projektstufe 1: Identifizieren
7.8 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 angemessener Befunderhebungs-
instrumente und Entwurf für ein
8 Aktuelle Veränderungen im Model Dokumentationssystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
of Human Occupation . . . . . . . . . . . . . . . 159 Projektstufe 2: Mitarbeiterschulung . . . . . . 172
Gary Kielhofner 9.4 Projektdurchführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
8.1 Entwicklungen im Bereich 9.5 Projektfeedback und -perspektive . . . . . . . . 176
der Modell-Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 9.6 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
Aktualisierung der Systemkonzepte
und der -sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 10 Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . 179
Aufnahme von Erkenntnissen
aus der Behindertenforschung . . . . . . . . . . . 160 11 Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
Wachsende multinationale
und multikulturelle Perspektive . . . . . . . . . . 161
Veränderungen in Umweltkonzepten
und -terminologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
Mehrebenenanalyse des Tuns:
Partizipation, Performanz und
Fertigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
Betätigungsanpassung, -identität
und -kompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
Der Veränderungsprozess innerhalb
von Therapie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
8.2 Entwicklungen im Bereich der Modell-
Assessments . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
Befunderhebungsinstrumente . . . . . . . . . . . 163
Beobachtungsmethoden . . . . . . . . . . . . . . . . .163
Selbstbewertungsinstrumente . . . . . . . . . . . .164
Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .164
Befunderhebungen mit gemischten
Methoden zur Informationssammlung . . . .165
Formale Strategien für Intervention
und Programme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .165
Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .166
8.3 Schlussfolgerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
8.4 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
XVIII

Adressen der Autoren

Lena Borell Louise Nygård


Dr.Med.Sc., O.T.R., Professor Karolinska Institutet, Department
Karolinska Institutet, of Clinical Neuroscience, Occup-
Department of Clinical ational Therapy and Elderly Care
Neuroscience, Occupational Research, Division of Occupational
Therapy and Elderly Care Research, Therapy, Stockholm, Sweden
Division of Occupational Therapy,
Stockholm, Sweden

Janice Burke
M.S., Ph.D, F.A.O.T.A.
Department of Occupational
Therapy, College of Allied Health
Sciences, Thomas Jefferson
University, Philadelphia,
Pennsylvania, USA

Anne G. Fisher
Sc.D., O.T.R., F.A.O.T.A., Professor
Department of Occupational
Therapy, Colorado State University,
Fort Collins, Colorado, USA

Christine Helfrich
Ph.D, O.T.R./L.
Department of Occupational
Therapy, University of Illinois at
Chicago, Chicago, Illinois, USA

Gary Kielhofner
Dr.P.H., O.T.R., F.A.O.T.A.,
Professor and Head
Department of Occupational
Therapy, University of Illinois at
Chicago, Chicago, Illinois, USA

Christiane Mentrup
MSc OT, ET
Koksche Str. 14, 49080 Osnabrück
1

Einführung in das Modell der menschlichen


Betätigung
Gary Kielhofner

1.1 Was sind konzeptionelle Praxismodelle und welchen


besonderen Wert haben sie? – 2
Stellenwert der Modelle innerhalb des Wissens im Bereich
der Ergotherapie – 2
Was sind konzeptionelle Praxismodelle? – 3

1.2 Was ist menschliche Betätigung? – 4


Definitionsversuch des Begriffs menschliche Betätigung –5

1.3 Hintergrund und Entstehung des Modells –6

1.4 Inhalt und Aufbau des Buchs – 7


Tipps zum Umgang mit diesem Buch –9

1.5 Literatur – 10
2 Kapitel 1 · Einführung in das Modell der menschlichen Betätigung

Als Ergotherapeut, der seinen Patienten oder Bereich der Ergotherapie zu entwickeln, zuneh-
1 Klienten darin unterstützt, sich zu verändern, mend gezwungen, ein Problem aus vielen Pers-
als Lehrender, der zukünftige Therapeuten in pektiven zu betrachten und zu erklären. Das ist
die berufliche Arbeit einführt, und als Autor, auch die Richtung in diesem Buch.
der versucht, Therapie zu erklären, habe ich Die Leser werden also eine große Band-
Folgendes gelernt: breite an Vorstellungen antreffen, die gemein-
sam ein Gesamtbild ergeben. Die theoretischen
Beachte I I und praktischen Überlegungen sollten nach und
Die Theorie kann Therapeuten niemals im nach klarer werden – wie ein Bild, das bei län-
Voraus sagen, was im Rahmen einer Therapie gerer Betrachtung immer deutlicher erkennbar
genau zu tun ist. Doch wenn Therapeuten wird. Es geht folglich darum, sich mit dem
eine Theorie verstanden haben, kann sie Text auseinanderzusetzen, die darin enthaltenen
ihnen dabei helfen, zum gegebenen Zeit- Vorstellungen praktisch umzusetzen und damit
punkt das Richtige zu tun. schrittweise das Modell der menschlichen Betä-
tigung (Model of Human Occupation) und seine
praktische Anwendung besser zu verstehen.
Die Praxis verlangt, dass man sich eine Vorstel-
lung davon macht, wie ein Mensch den Zustand
einer Störung überwinden und ein befriedigen- 1.1 Was sind konzeptionelle
deres Leben führen könnte. Eine Theorie fördert Praxismodelle und welchen
dieses Vorstellungsvermögen nicht, indem sie besonderen Wert haben sie?
einen simplen Plan oder ein Rezept anbietet. Sie
dient vielmehr dazu, die Qualität therapeuti- Das Buch befasst sich mit der Beschreibung
schen Denkens zu schärfen und vertiefen. und der näheren Erläuterung eines Modells der
Dieses Buch stellt ein konzeptionelles Modell menschlichen Betätigung. Deshalb muss zunächst
vor, das für die Anwendung in der ergothera- erklärt werden, was unter einem Modell zu ver-
peutischen Praxis entwickelt wurde. Nirgends stehen ist. Ich verwende den Begriff konzeptio-
findet der Leser Auflistungen von Vorgehenswei- nelles Praxismodell, um eine spezielle Sichtweise
sen oder spezifische Instruktionen, denen es zu der Organisation von Wissen im Rahmen der
folgen gilt. Der Text will vielmehr Anregungen Ergotherapie zu beschreiben (Kielhofner 1997).
dazu geben, wie man über das Betätigungsver- Nach dieser Sichtweise haben Modelle innerhalb
halten und die Betätigungsschwierigkeiten nach- des gesamten Wissens, das in diesem Berufs-
denken kann. Die Anregungen können dann die feld entwickelt und angewandt wird, einen ganz
Grundlage für das kreative Vorstellungsvermö- bestimmten Stellenwert.
gen bilden, das Ergotherapeuten in der Praxis
benötigen.
Zwei Jahrzehnte lang habe ich versucht, Stellenwert der Modelle innerhalb des
menschliche Betätigungen besser verstehen zu Wissens im Bereich der Ergotherapie
lernen. Diese Zeit hat mich gelehrt, dass es
nicht ausreicht, zum Verständnis einer beliebi- Bereits an anderer Stelle (Kielhofner 1997) habe
gen Sache nur einen einzigen Weg einzuschla- ich darauf hingewiesen, dass das einzigartige
gen. Im Gegenteil, je mehr man versucht, für ein Wissen in der Ergotherapie
bestimmtes Phänomen eine einzige Erklärung ▬ auf einem Paradigma und
zu finden, desto lebloser sind die Daten. Des- ▬ auf konzeptionellen Praxismodellen
halb sehe ich mich beim Versuch, Theorien im basiert.
1.1 · Was sind konzeptionelle Praxismodelle
3 1

Der Begriff »Paradigma« bezieht sich auf tigen Therapeuten in der Praxis üblicherweise
eine große Sammlung von Annahmen und mehrere Modelle.
Sichtweisen, die dem Berufsfeld seinen Zusam-
menhalt verleihen und den Inhalt und Zweck
der Ergotherapie verdeutlichen. Das von den Was sind konzeptionelle
Mitgliedern des Berufsfelds geteilte Paradigma Praxismodelle?
könnte man als eine Art »kollektive berufsspe-
zifische Kultur« bezeichnen. Das Paradigma Ein konzeptionelles Praxismodell bietet eine
kommt in der Literatur in sog. Kernkonzepten strukturierte Darstellung mehrerer theoretischer
(core concepts) zum Ausdruck und spiegelt sich Konzepte, die Therapeuten im Rahmen ihrer
in den alltäglichen Sicht- und Denkweisen von Berufstätigkeit anwenden. In der Ergotherapie
Ergotherapeuten wider. widmet sich jedes Modell bestimmten Phäno-
menen bzw. einem Bereich, der sich auf die
Beachte I I Funktionsfähigkeit innerhalb von Betätigung
Das aktuelle Paradigma der Ergotherapie (occupational functioning) bezieht. So beschäf-
legt den Schwerpunkt auf das Wohlbefinden tigen sich drei Modelle der Ergotherapie mit den
bei Betätigungen (occupational well-being) biomechanischen Aspekten von Bewegungen,
und auf die Schwierigkeiten, die sich aus mit Wahrnehmungsprozessen, kognitiven Pro-
einer Betätigungsdysfunktion (occupational zessen und Gruppenprozessen als Teil der Per-
dysfunction) ergeben (Kielhofner 1997). Fer- formanz (performance) oder Ausführung von
ner betont das Paradigma die einzigartigen Betätigungen (occupational performance).
gesundheitsfördernden Potentiale aktiver Das Modell der menschlichen Betätigung
Betätigung, mit denen die Angehörigen die- hat folgende Schwerpunkte:
ser Berufsgruppe arbeiten. ▬ die Motivation zur Betätigung,
▬ die Strukturierung von Betätigungsverhalten
in Form von Routine und Lebensstil,
Das Paradigma schafft den Zusammenhalt zwi- ▬ die Beschaffenheit einer geschickten Perfor-
schen den Angehörigen der Berufsgruppe. Für manz (skilled performance) und
die tägliche Praxis benötigt man ein anderes ▬ den Einfluss der Umwelt auf das Betätigungs-
Wissen. Diese Rolle übernehmen die konzep- verhalten.
tionellen Praxismodelle. Jedes konzeptionelle
Modell beinhaltet eine Theorie, die bestimm- Diese Schwerpunkte werden später noch aus-
te Aspekte der ergotherapeutischen Praxis be- führlicher betrachtet.
gründet. Wer konzeptionelle Praxismodelle entwi-
Innerhalb des Berufsfelds kann es immer ckelt, wählt meist relevante interdisziplinäre
gleichzeitig mehrere konzeptionelle Praxismo- Konzepte aus; sie werden dann in die theoreti-
delle geben. Im Bereich der Ergotherapie lassen sche Erörterung der Phänomene integriert, mit
sich derzeit acht konzeptionelle Praxismodel- denen man sich gerade beschäftigt und die man
le unterscheiden; eines davon ist das Modell klären will.
der menschlichen Betätigung. Da jedes Modell
einen ganz bestimmten Schwerpunkt hat, kann > Beispiel
generell keines von ihnen sämtliche Faktoren Ein Beispiel ist die Motivation zur Betätigung:
berücksichtigen, die mit dem individuellen Um dieses Phänomen zu erklären, haben wir
Betätigungsverhalten eines Patienten oder Kli- Konzepte aus der Psychologie, Anthropologie
enten in Zusammenhang stehen. Deshalb benö- und Soziologie entliehen.
4 Kapitel 1 · Einführung in das Modell der menschlichen Betätigung

Konzeptionelle Modelle verfolgen mit ihren the- beinhalten; daran wird die Umsetzbarkeit des
1 oretischen Erörterungen drei Ziele im Bezug auf Modells deutlich.
die Praxis: Praxismodelle sind einem ständigen Wandel
▬ Das erste Anliegen besteht darin, die Struk- unterworfen. Die Weiterentwicklung und Ausar-
tur und die Funktionsweise (Ordnung) der beitung der Modelle ergibt sich aus Forschungs-
Aspekte von Betätigung zu erklären, die den ergebnissen, neuen Theorien und in der Praxis
Schwerpunkt des Modells bilden. gewonnenen Erkenntnissen. Folglich ist die Ent-
wicklung eines konzeptionellen Praxismodells
> Beispiel
ein dynamischer Prozess, in dem ständig neues
Wir werden z. B. versuchen zu erklären, was
Wissen entsteht und angewandt, überprüft und
Individuen normalerweise dazu motiviert, ein
verbessert wird.
Betätigungsverhalten zu wählen.

▬ Das zweite Anliegen besteht darin, die Stö-


rung (disorder) oder Dysfunktion zu kon- 1.2 Was ist menschliche Betätigung?
zeptualisieren, d. h., eine gewisse Vorstellung
von der Störung zu entwerfen. Ergothera- Wie sein Name bereits verrät, will das Modell
peuten arbeiten mit Menschen, deren Betä- der menschlichen Betätigung das Phänomen der
tigungsverhalten Störungen aufweist; daher Betätigung erklären. Daher sollte nun erläutert
gilt es, zu verstehen, was sich hinter diesen werden, wie Betätigung hier konzeptualisiert
Störungen verbirgt. wird. Im weitesten Sinne verwenden wir den
Begriff Betätigung zur Beschreibung von Aktio-
> Beispiel
nen oder Handlungen, durch die Menschen ihre
Im Falle der Motivation würden wir versuchen
Umwelt einnehmen (Nelson 1988; Reilly 1962;
zu erklären, was mit den Motiven einer Person
Rogers 1983).*
geschieht, wenn sie eine Funktionsstörung
Die menschliche Betätigung bezieht sich zum
erwirbt.
Teil auf die einzigartige Fähigkeit des Menschen,
▬ Zum dritten wollen Modelle theoretische die räumliche Welt zu beeinflussen und zu ver-
Erklärungen dafür finden, wie Therapie Be- ändern. Die menschliche Betätigung innerhalb
tätigungsverhalten neu ordnen kann. der räumlichen Welt reicht von den primitiven
Aktivitäten, mit denen unsere Urahnen Werk-
> Beispiel
zeuge hergestellt und eingesetzt haben, bis zu
Beispiel Motivation: Wir würden mit Hilfe unse-
den modernen technischen Errungenschaften
rer Theorie versuchen zu erklären, wie Motive
des Raumfahrtzeitalters. Reilly (1962) zufolge
im Laufe der Therapie verstärkt oder verändert
beginnt die menschliche Betätigung mit dem
werden können.
»Kampf« des Kindes gegen die Schwerkraft und
Man wird feststellen, dass die theoretischen setzt sich in dem Bemühen fort, die komplexe
Grundlagen des Modells den klinischen An- Welt der Gegenstände zu beherrschen.
wendungen Logik und Kohärenz verleihen. Menschen sind zudem soziale Wesen. Sie
stimmen ihre Verhaltensweisen aufeinander ab
Da Modelle als Anleitung für die Praxis dienen,
bieten sie auch eine Anwendungsmethodik. Sie
kann
* Nicht alles, was wir als Betätigung bezeichnen, bein-
▬ Methoden der Datenerhebung, haltet wirkliches Handeln (Rowles 1992). Dennoch
▬ Leitlinien für die Praxis und ist das Handeln ein zentraler Aspekt des von uns als
▬ Fallbeispiele Betätigung bezeichneten Verhaltensbereichs.
1.2 · Was ist menschliche Betätigung?
5 1

und teilen einander ihre Absichten und Bedürf- schen Erfahrung des Menschen gehören das
nisse mit. Im gleichen Maße wie Betätigung auf Erforschen von Dingen, Rollenspiele, Gesell-
die räumliche Welt ausgerichtet ist, entsteht sie schaftsspiele, sportliche Wettkampfspiele, kreati-
auch innerhalb der Welt der sozialen Beziehun- ves Schaffen und Feiern. Aufgaben des täglichen
gen (Rogers 1983). Lebens* sind Aktivitäten, die der Selbsterhaltung
Das menschliche Leben ist stark kulturell und der Erhaltung des eigenen Lebensstils dienen.
geprägt. Unsere Kulturen sind das Medium, über Dazu zählen verschiedene Aktivitäten wie die
das wir uns selbst und unserem Verhalten einen Selbstversorgung, das Organisieren der eigenen
Sinn geben. Über die Kultur verleihen Men- Lebenswelt (z. B. Putzen und Rechnungen bezah-
schen ihren Betätigungen einen Sinn (Yerxa et len) und der Zugriff auf finanzielle Ressourcen
al. 1989). Mit anderen Worten: Aus den gesam- (z. B. Reisen und Einkaufen) (Kielhofner 1989).
melten Erfahrungen einer Kultur geht ein breites Hinter dem Begriff Arbeit verbergen sich
Spektrum an Betätigungen hervor, denen eine (bezahlte und unbezahlte) Aktivitäten, die dazu
bestimmte Form und Bedeutung zugeordnet dienen, für andere Dienstleistungen zu erbrin-
wird. Wenn Personen einer Betätigung nach- gen oder Waren zu erzeugen (z. B. Ideen, Wis-
gehen, kopieren sie eine bestimmte Verhaltens- sen, Hilfe, Fürsorge, Informationsaustausch,
form, die sich innerhalb der entsprechenden Gebrauchs- oder Kunstgegenstände) (Shannon
Kultur herausgebildet hat. Darüber hinaus wis- 1970; Chapple 1970). Aktivitäten wie Studieren
sen sie aufgrund ihrer eigenen kulturellen Prä- und ein Praktikum oder eine Lehre absolvie-
gung, was sie tun und wie ihr Verhalten in ihrer ren verbessern die Fähigkeit, produktive Leis-
Kultur beurteilt und eingeordnet wird. tungen zu erbringen. Daher beinhaltet Arbeit
Auch die Zeitlichkeit beeinflusst die mensch- im weitesten Sinne Aktivitäten, denen man als
lichen Erfahrungen. Außerhalb der Zeit können Schüler, Angestellter, Unternehmer, Freiberufler,
wir nicht existieren (Hall 1969; Kerby 1991). ehrenamtlicher Mitarbeiter, Elternteil, ernsthaf-
Das menschliche Bewusstsein von Vergangen- ter Hobbyist oder Amateur nachgeht.
heit und Zukunft und vom Verstreichen der
Zeit verleiht den Erfahrungen einen besonde-
ren Charakter. Folglich erfahren Menschen ihre Definitionsversuch des Begriffs
Betätigungen als etwas, das sich im Lauf der Zeit menschliche Betätigung
entfaltet.
Menschen füllen ihr Leben in vielfältiger Im vorigen Abschnitt habe ich darauf hingewie-
Weise aus. Daher war die Ergotherapie immer sen, dass Betätigung Aktion oder Handeln inner-
schon gefordert, Beschreibungen oder Taxono- halb der räumlichen und sozialen Welt impli-
mien (Klassifikationssysteme) für die Aktivitä- ziert. Dieses Handeln ist durch das Bewusstsein
ten zu bieten, aus denen sich Betätigungsver- oder den Wert geprägt, den die jeweilige Kultur
halten zusammensetzt. Häufig wird gesagt, dass ihr beimisst. Gemeint ist das Handeln, das sich
Betätigung drei grundsätzliche Verhaltensbe- im Laufe der Zeit entwickelt. Schließlich habe
reiche umfasst: ich verdeutlicht, dass Betätigung in drei Formen
▬ Spiel,
▬ Aufgaben des täglichen Lebens und
▬ Arbeit.
* Gängig ist hierfür auch der Begriff der Aktivitäten des
täglichen Lebens. Er bezieht sich ebenfalls auf die
Das Spiel ist die früheste Betätigung und bleibt Selbstversorgung und damit zusammenhängende all-
zeitlebens bestehen (Reilly 1974; Robinson 1977; tägliche Verhaltensweisen, die der Selbsterhaltung und
Vandenberg u. Kielhofner 1982). Zur spieleri- der Erhaltung des Lebensumfelds dienen.
6 Kapitel 1 · Einführung in das Modell der menschlichen Betätigung

zum Ausdruck kommt: in Arbeit, Spiel und Auf- übereinstimmend war es seit jeher das Ziel des
1 gaben des täglichen Lebens. Daraus ergibt sich Modells, für ein besseres Verständnis der Betä-
die folgende Definition. tigung innerhalb des menschlichen Lebens und
ihrer Bedeutung für Gesundheit und Krankheit
Beachte I I zu sorgen.
Der Begriff menschliche Betätigung lässt Das Modell wurde ursprünglich vor dreißig
sich definieren als die kulturell bedeutsame Jahren in meiner unveröffentlichten Magister-
Ausübung von Arbeit, Spiel oder Aufgaben arbeit schriftlich niedergelegt (Kielhofner 1975).
des täglichen Lebens im Strom der Zeit und Fünf Jahre später wurde es zum ersten Mal ver-
in den Kontexten der individuellen räumli- öffentlicht, nachdem die Konzepte ausgearbeitet
chen und sozialen Welt. und in der Praxis erprobt waren (Kielhofner
1980a, 1980b; Kielhofner u. Burke 1980; Kiel-
hofner et al. 1980). Mit dem Buch A Model
Die Definition ist als Ausgangspunkt zu verste- of Human Occupation: Theory and Applicati-
hen und soll dem Leser als Orientierungshilfe on (Das Modell der menschlichen Betätigung:
dienen, damit die Ziele, die hinter dem Modell Theorie und Anwendung) wurde schließlich vor
der menschlichen Betätigung stehen, nachvoll- fünfzehn Jahren eine erweiterte Fassung der The-
ziehbar werden. Die im Buch vorgestellten the- orie und eine große Bandbreite an Anwendungs-
oretischen Erörterungen sollen dem Leser einen möglichkeiten vorgestellt (Kielhofner 1985). Die
tieferen und gründlicheren Einblick in die Betäti- Literatur, in der das Modell erörtert und weiter-
gung vermitteln, als eine Definition es je könnte. entwickelt wird, umfasst mittlerweile mehrere
Bücher, Buchkapitel, Anleitungen und hunderte
von Fachartikeln. In meinen weiteren Ausfüh-
1.3 Hintergrund und Entstehung rungen werden viele dieser Texte vorgestellt, und
des Modells am Ende des Buchs findet der Leser eine aktuelle
Bibliographie zur Literatur zu diesem Modell.
Das Modell der menschlichen Betätigung ent- Die vorliegende zweite Auflage des Buchs A
stand aus der von Reilly und ihren Mitarbei- Model of Human Occupation stellt den Stand
tern entwickelten traditionellen Sichtweise des der Theorie des Modells vor. Da Modelle ständig
Betätigungsverhaltens*. Mit dieser Tradition verändert und weiterentwickelt werden, ist das
Buch zum Teil ein Forschungsbericht. Es zeigt
uns, was wir seit der Entstehung des Modells
* Reilly prägte den Begriff Betätigungsverhalten (occu- gelernt haben. Erweisen sich die im Buch ent-
pational behavior) und verstand darunter den Verhal- haltenen Vorstellungen als fruchtbar, wird das
tensbereich, mit dem sich die Ergotherapie befasst. Modell auch in Zukunft weiter verändert und
Während ihrer beruflichen Tätigkeit an der University
ergänzt werden. Seit der ersten Ausgabe wur-
of Southern California (hauptsächlich in den 60er und
70er Jahren) leitete sie eine Gruppe von Hochschulab-
den viele neue Konzepte entwickelt und einige
solventen und Kollegen, die sich mit der Entwicklung Thesen und Vorstellungen wieder verworfen.
von Konzepten zur Erklärung des menschlichen Betä- Manche dieser Änderungen gehen auf For-
tigungsverhaltens befassten. Der Begriff »Betätigungs- schungsergebnisse zurück, andere stammen aus
verhalten« wurde benutzt, um die kollektiven theore- Theorieentwicklungen verwandter Fachberei-
tischen Bemühungen in diesem Bereich zu bezeichnen
che, aus denen wir Argumente und Vorstellun-
Die aktuelle (auch hier gebrauchte) Verwendung des
Begriffs entspricht der ursprünglich von Reilly verfolg- gen entliehen haben. Einige neue Ideen sind das
ten Absicht, einen bestimmten Problembereich des Ergebnis konzeptioneller Beiträge von Kollegen,
Verhaltens zu umschreiben. die am Modell mitarbeiten. Andere Verände-
1.4 · Inhalt und Aufbau des Buchs
7 1

rungen spiegeln die Arbeit von Kollegen aus oder schlecht funktionierenden »menschlichen
der beruflichen Praxis wider, die Kritik an der Maschine« ist. Stattdessen erlaubten uns diese
Nützlichkeit des Modells geäußert und kreative Konzepte, Therapie als einen Prozess anzusehen,
Möglichkeiten zu seiner praktischen Anwen- der es aktiven, lebendigen Wesen ermöglicht,
dung entwickelt haben. Aus all diesen Beiträgen sich nach einem Trauma, einer Krankheit, einer
haben wir viel gelernt. Lebenskrise oder anderen die Betätigung im
täglichen Leben beeinträchtigenden Faktoren zu
verändern und zu reorganisieren.
1.4 Inhalt und Aufbau des Buchs Auch diese Ausgabe baut auf der system-
theoretischen Sichtweise des Menschen auf. In
Wie bereits erwähnt, soll der Aufbau des Buchs  Kapitel 2 wird dieser Standpunkt präsentiert,
den Leser schrittweise zu einem tieferen Ver- und das menschliche Wesen wird als ein kom-
ständnis führen. Ich möchte mit einem Über- plexes, dynamisches System dargestellt. Einige
blick über die wichtigsten in diesem Buch dis- ältere systemtheoretische Konzepte wurden mit-
kutierten Konzepte beginnen und anschließend tlerweile jedoch verworfen oder verändert, und
darlegen, wie sie in den nachfolgenden Kapiteln einige neue wurden eingeführt. Seit der letz-
ausgeführt werden. Dabei erhält der Leser einige ten Veröffentlichung des Modells wurden neue
Tipps dazu, wie er bei der Lektüre am besten mit wichtige und spannende Systemtheorien entwi-
diesem Buch zurechtkommt. ckelt. Ich habe mich auf diese neuen Theorien
Das Modell der menschlichen Betätigung gestützt, um eine zeitgemäße Erklärung für das
basiert auf einer bestimmten Sichtweise des menschliche System zu bieten.
Menschen. In früheren Publikationen verstand  Kapitel 2 enthält abstrakte und herausfor-
das Modell den Menschen als offenes System dernde Ideen. Dennoch sind die theoretischen
(Kielhofner u. Burke 1980; Kielhofner 1985). Erörterungen in diesem Kapitel eine wichtige
Grundlage für das Verständnis, wie, wo, wann
Beachte I I und warum Menschen sich betätigen.
Die Theorien der offenen Systeme sehen In den  Kapiteln 3–7 wird die Sichtweise
den Menschen als komplexes, dynamisches des Menschen und seines Betätigungsverhal-
und sich ständig veränderndes Wesen. Auch tens zunehmend detaillierter dargestellt. Auf der
wenn Theorien offener Systeme das schein- Grundlage der Behauptung, dass der Mensch
bar Offensichtliche betonen, lieferten sie ein komplexes dynamisches System ist, geht das
zum Zeitpunkt der Einführung des Modells Modell auf drei Punkte ein, die für ein besse-
ein wichtiges und neues Argument. res Verständnis der Betätigung von zentraler
Bedeutung sind.

Vor fünfunddreißig Jahren war die Ergothera- Beachte I I


pie in den USA noch sehr viel enger mit der ▬ Der erste Punkt beinhaltet die Frage, was
Medizin verbunden. Damals war die ergothera- Individuen zu Betätigungen motiviert,
peutische Arbeit noch stark von medizinischen mit denen sie ihr Leben verbringen, und
Sichtweisen geprägt, in denen der Mensch als was sie dazu veranlasst, diese Betätigun-
Mechanismus galt, der kaputt gehen und wie- gen auszuwählen.
der repariert werden konnte. Die Theorien der
offenen Systeme ermöglichten eine Sichtweise,
die geltend machte, dass ergotherapeutische Pra- Um die Motive eines Menschen und seine
xis keine Frage des Reparierens einer defekten Entscheidungen zu erklären, müssen zunächst
8 Kapitel 1 · Einführung in das Modell der menschlichen Betätigung

eine Reihe von Fragen beantwortet werden: der individuellen Fähigkeit, dieses Verhalten
1 Worauf gründet sich diese Motivation? War- mehr oder weniger automatisch und effektiv
um sind Menschen generell aktiv? Womit in ihrer gewohnten räumlichen und sozialen
lässt sich begründen, dass sich Menschen Welt zu zeigen.
für unterschiedliche Betätigungen inter-
essieren und entscheiden? Warum erleben Beachte I I
verschiedene Menschen bestimmte Betäti- ▬ Der dritte Diskussionspunkt betrifft die
gungen gänzlich unterschiedlich? Warum ist Tatsache, dass der Mensch ein hervorra-
ein Mensch bei einer Betätigung gelangweilt, gender Akteur (performer) ist.
die einem Anderen Freude bereitet? War-
um schätzt der eine etwas, was der andere
als Zeitverschwendung ansieht? Einer der Ob es darum geht, Nahrung in den Mund
Zwecke des Modells besteht darin, durch die zu befördern, oder darum, die erste Geige
Beantwortung dieser Fragen eine schlüssige in einem Orchester zu spielen – Menschen
Erklärung für die Motivation zur Betätigung zeichnen sich bei ihrer Betätigungsausfüh-
zu liefern. rung, im Folgenden Betätigungsperformanz
oder auch kurz Performanz genannt, stets
Beachte I I durch fein abgestimmte und koordinierte
▬ Der zweite wichtige Punkt bezieht sich Bewegungen aus. Dabei antizipieren, planen
auf die Beobachtung, dass ein Großteil und beobachten sie, was passiert, nehmen
des Alltagslebens aus sich wiederho- Anpassungen vor und entscheiden, was sie
lenden Verhaltensroutinen in einer als nächstes tun werden. Ob es nun darum
gewohnten räumlichen und sozialen geht, Wäsche zu waschen, zusammenzule-
Umwelt besteht. gen und in den Wäscheschrank zu räumen,
oder darum, ein Auto zu entwerfen und
zusammenzubauen, Menschen besitzen
Individuen zeigen immer wieder das gleiche eine ausgeprägte Fähigkeit herauszufinden,
Verhalten, weisen ähnliche Muster der Zeit- wie sie dabei vorgehen müssen. Schließlich
nutzung auf und tun Dinge ziemlich genau auf nehmen Menschen aneinander Anteil und
dieselbe Art und Weise wie zuvor. Ein großer kommunizieren miteinander. Von der ein-
Teil des Lebens eines Menschen verläuft ein- fachen Unterhaltung bis hin zur Beteiligung
fach nach einem gewohnten Muster. Da stellt an wissenschaftlichen Diskussionen ist die
sich die Frage, wie die Menschen diese all- menschliche Fähigkeit, Aktionen zu koor-
täglichen Muster aufrechterhalten. Wodurch dinieren und Informationen auszutauschen,
bleibt diese Regelmäßigkeit bestehen? Woher Bestandteil des Alltagslebens.
wissen Menschen, wie sie im Laufe des Tages
und an vertrauten Schauplätzen zu handeln Die Dimensionen und die Komplexität der
haben? Woher wissen Individuen mehr oder menschlichen Performanz gehen über die Erklä-
weniger automatisch, wie sie sich als Schüler, rungsmöglichkeiten des aktuellen Wissens hin-
Berufstätige, Elternteile oder Mitglied einer aus. Wahrscheinlich lassen sich diese Gegeben-
Organisation zu verhalten haben? heiten auch nicht mit den Konzepten einer ein-
Wie diese Fragen verdeutlichen, erfordert zigen Disziplin erklären. Trotzdem gibt es einige
dieser zweite Punkt eine Erklärung für die Fragen bezüglich der menschlichen Performanz,
beobachtbare Regelmäßigkeit des mensch- die für die Ergotherapie von besonderem Inter-
lichen Verhaltens in Zusammenhang mit esse sind:
1.4 · Inhalt und Aufbau des Buchs
9 1

Beachte I I Wie bereits erwähnt, findet jede Betätigung in


einer individuellen Umgebung statt. In  Kapi-
▬ Welche Fähigkeiten sind für die Perfor-
tel 7 wird daher der Kontext, d. h., die Umwelt
manz einer Betätigung entscheidend?
des Betätigungsverhaltens näher erläutert, und es
▬ Was tun Personen, wenn sie ihre Betäti-
wird untersucht, welche Aspekte dieser Umwelt
gungen durchführen?
das Verhalten beeinflussen und auf welche Wei-
▬ Wie beeinflusst die Beeinträchtigung
se dies geschieht.
einer zugrunde liegenden Fähigkeit die
 Kapitel 8 enthält einen Überblick zu den
Performanz?
aktuellen Veränderungen innerhalb des Modells.
▬ Wie kann das ursprüngliche Niveau der
In  Kapitel 9 wird ein Projekt zur Umsetzung des
Performanz wieder erreicht werden?
Modells menschlicher Betätigung im deutsch-
sprachigen Raum vorgestellt, um den Prozess
Diese Fragen lenken unsere Aufmerksamkeit auf der Datenerhebung und -interpretation und die
die alltäglichen Betätigungen von Individuen MOHO basierte Entwicklung von Therapiepro-
und auf die Frage, wie Therapeuten dieses Tun grammen zu veranschaulichen.
verstehen und fördern können. In den  Kapiteln 1 bis 7 werden in erster Linie
Struktur und Veränderungen der menschlichen
Beachte I I Betätigung theoretisch erörtert. Abschließend
Entsprechend der erläuterten drei Punkte wird eine aktuelle Bibliographie zu Veröffentli-
geht das Modell der menschlichen Betä- chungen zum Modell zur Verfügung gestellt, so
tigung davon aus, dass das menschliche dass sich Interessierte weitere Literatur besorgen
System aus drei Subsystemen besteht, die können.
jeweils einem der drei Punkte entsprechen.

Tipps zum Umgang mit diesem Buch


Die drei Punkte oder Komponenten werden in
 Kapitel 3 nochmals detailliert dargestellt. Hier Wir haben in allen Kapiteln des Buchs ver-
wird auch die erweitere Sichtweise des menschli- sucht, die jeweiligen Sachverhalte anhand von
chen Systems – nämlich die These, dass es sich aus Fallbeispielen und kurzen Geschichten aus der
drei Subsystemen zusammensetzt – erläutert. Praxis darzulegen und zu verdeutlichen. Eini-
▬ Das erste Subsystem, die Volition (volition), ge Kapitel enthalten Tabellen und Abbildungen
betrifft die Motivation. Sie unterstützt das zur Veranschaulichung der zentralen Diskus-
Individuum bei der Antizipation, Durch- sionspunkte. Viele Kapitel enden mit einer Art
führung, Interpretation und Auswahl seiner Zusammenfassung der wichtigsten Punkte oder
Betätigungen. In  Kapitel 4 wird dieses Sub- Konzepte. Zum richtigen Verständnis müssen
system näher erklärt. jedoch alle Kapitel sorgfältig durchgearbeitet
▬ Das zweite Subsystem, die Habituation werden. Wir haben in diesem Buch versucht, die
(habituation), wird in  Kapitel 5 erläutert. Komplexität von Betätigung zu verdeutlichen.
Es ist für die Aufrechterhaltung alltäglicher In der Überzeugung, dass eine gute Therapie auf
Verhaltensmuster verantwortlich. einem wahrhaftigen Verständnis beruht, haben
▬ Das Subsystem Performanz (mind-brain- wir versucht, unsere Erklärungen nicht zu sehr
body performance subsystem) organisiert zu vereinfachen.
die Fähigkeiten des Individuums, auf die es Der Leser sollte sich nicht entmutigen lassen,
sich bei der Betätigungsausführung stützt. Es wenn er nicht auf Anhieb alles versteht. Manch-
ist Gegenstand von  Kapitel 6. mal ist es hilfreich, mit dem Lesen fortzufahren
10 Kapitel 1 · Einführung in das Modell der menschlichen Betätigung

und später noch einmal zu den Stellen zurück- Kielhofner G (1980a) A model of human occupation, part
1 zukehren, die besondere Aufmerksamkeit erfor- three. Benign and vicious cycles. American Journal of
Occupational Therapy 34:731–737
dern. Auch sollte fairer Weise darauf hingewie-
Kielhofner G (1980b) A model of human occupation, part
sen werden, dass sich einige Kapitel nicht auf two. Ontogenesis from the perspective of temporal
einmal lesen lassen. Unabhängig davon, ob es an adaptation. American Journal of Occupational Thera-
der Länge der Kapitel, der Informationsdichte py 34:657–663
oder etwa an beidem liegt – manche Kapitel Kielhofner G (1985) A model of human occupation: Theory
and application. Williams & Wilkins, Baltimore
müssen einfach mehr als einmal gelesen wer-
Kielhofner G (1989) Occupation. In: Willard & Spackman
den. Eine gute Strategie wäre es, sich zunächst (Eds), Occupational therapy. JB Lippincott, Philadel-
am Inhaltsverzeichnis zu orientieren und/oder phia
jedes Kapitel kurz zu überfliegen, damit man Kielhofner G (1992) Conceptual foundations of occupatio-
eine Vorstellung vom Inhalt erhält. Jedes Kapitel nal therapy. Philadelphia: FA Davis
kann dann in zu bewältigende Abschnitte ein- Kielhofner G, Burke J (1980) A model of human occupation,
part one. Conceptual framework and content. Ameri-
geteilt werden. Da einige Kapitel Informationen
can Journal of Occupational Therapy 34:572–581
enthalten, auf die der Leser erwartungsgemäß Kielhofner G, Burke J, Heard IC (1980) A model of human
mehr als einmal zurückgreifen wird, sollte er das occupation, part four. Assessment and intervention.
ganze Buch als Nachschlagwerk bzw. als Infor- American Journal of Occupational Therapy 34:777–
mationsquelle betrachten, das er immer wieder 788
zu Rate ziehen kann. Nelson D (1988) Occupation: Form and performance. Ame-
rican Journal of Occupational Therapy 38:777–788
Wir hoffen, dass der Leser Freude an der
Reilly M (1962) Occupational therapy can be one of the
Lektüre dieses Buchs hat. Viele Personen waren great ideas of 20th century medicine. American Jour-
– direkt oder indirekt – daran beteiligt, darunter nal of Occupational Therapy 16:1–9
Theoretiker aus den unterschiedlichsten Berei- Reilly M (1974) Play as exploratory learning. Sage Publica-
chen, Kollegen, die bei der Konzeptualisierung tions, Beverly Hills, CA
Robinson A (1977) Play: The arena for acquisition of rules
des Modells behilflich waren, Menschen, die
for competent behavior. American Journal of Occupa-
über den »Kampf« mit ihren Beeinträchtigungen tional Therapy 31:248–253
berichteten, und Therapeuten, die praktische Rogers J (1983) The study of human occupation. In: Kiel-
Hilfsmittel für die Anwendung des Modells ent- hofner G (ed), Health through occupation: Theory
wickelten. Wir hoffen, dass wir diese Stimmen and practice in occupational therapy. FA Davis, Phi-
auf eine interessante, lehrreiche und nützliche ladelphia
Rowles GD (1992, March) On individual experience and
Weise vereinen konnten.
occupation. Paper presented at the AOTF Research
Colloquium, Houston, TX
Shannon P (1970) The work-play model: A basis for occu-
1.5 Literatur pational therapy programming. American Journal of
Occupational Therapy 24:215–218
Chapple E (1970) Rehabilitation: Dynamic of change. Itha- Vandenberg B, Kielhofner G (1982) Play in evolution, cultu-
ca NY: Center for Research in Education, Cornell Uni- re, and individual adaptation: Implications for therapy.
versity American Journal of Occupational Therapy 36:20–28
Hall E T (1969) The silent language. Fawcett Publications, Yerxa EJ, Clark F, Frank G, Jackson J, Parham D, Pierce D,
Greenwich, CT Stein C, Zemke R (1989) An introduction to occupation
Kerby AP (1991) Narrative and the self. Indiana University science: A foundation for occupational therapy in the
Press, Bloomington, IN 21st century. Occupational Therapy in Health Care,
Kielhofner G (1975) The evolution of knowledge in occu- 6(4):1–17
pational therapy: Understanding adaptation of the
chronically disabled. Unpublished master’s thesis,
University of Southern California, Los Angeles
2

Das menschliche System


Gary Kielhofner

2.1 Einführung in Systemkonzepte – 12


Allgemeine Systemtheorie – 12
Theorie der offenen Systeme – 12
Dynamische Systemtheorie – 13
Verknüpfung der drei Theorien – 13

2.2 Von einer mechanistischen zu einer systemischen Sicht


der Welt – 14
Die reduktionistische Wissenschaft – 15
Grenzen des Reduktionismus – 17

2.3 Systemische Merkmale des Menschen – 20


Der dynamische Aufbau des Verhaltens – 20
Selbstorganisation durch Verhalten – 23
Verhalten als Auslöser für Veränderungen im menschlichen
System – 25

2.4 Der Systemcharakter des Menschen und seines


Betätigungsverhaltens – 29
Der Mensch als dynamische Struktur – 29
Der dynamische Aufbau von Betätigungsverhalten – 30
Selbstorganisation durch Betätigungsverhalten – 31

2.5 Schlussfolgerung – 31

2.6 Schlüsselbegriffe – 31

2.7 Literatur – 33
12 Kapitel 2 · Das menschliche System

2.1 Einführung in Systemkonzepte Beachte I I


Unter einem System versteht man jeden
Bei der Arbeit, beim Spiel und bei der Erledigung Komplex aus Elementen, die miteinander
2 alltäglicher Aufgaben spielen unzählige Faktoren interagieren und zusammen ein logisches
eine Rolle, darunter Motivation, Kognition, Ent- Ganzes mit einem bestimmten Zweck oder
wicklung, Motorik und Umwelt. Eine schlüssige einer bestimmten Funktion bilden.
Erklärung des menschlichen Betätigungsverhal-
tens muss diese verschiedenen Elemente zuein-
> Beispiel
ander in Beziehung setzen können. Sie muss die
So besteht der Stütz- und Bewegungsapparat
Frage beantworten können, wie Personen und
aus einem strukturierten Komplex aus Kno-
ihre Betätigungen strukturiert sind. Systemthe-
chen, Bindegewebe und Muskeln, die zusam-
orien ermöglichen uns, das Problem des kom-
men funktionelle Bewegungen ermöglichen.
plizierten und doch strukturierten Verhaltens
anzugehen. Zum Thema »Systemtheorie« gibt es Systemkonzepte lassen sich auf die verschiedens-
bereits eine große Bandbreite an Veröffentlichun- ten Phänomene anwenden wie z. B. das Sonnen-
gen, die einen Zeitraum von etwa fünfzig Jahren system, soziale Systeme, Persönlichkeitssysteme,
umfassen. Es werden verschiedene Systemtheori- Familiensysteme und das kardiorespiratorische
en voneinander unterschieden, die jeweils unter- System. Entdeckt man universelle Merkmale,
schiedliche Bereiche abdecken. Dieses Buch kon- die sich durch alle Systeme ziehen, kann man
zentriert sich in erster Linie auf drei Bereiche: diese Erkenntnisse dazu nutzen, auch andere
▬ allgemeine Systemtheorie (General Systems Systeme zu verstehen. Das Wissen darüber, wie
Theory, GST), eine Zellstruktur organisiert ist, könnte z. B. als
▬ Theorie der offenen Systeme (Open Systems Analogie dienen, wenn man den Komplex »Per-
Theory) und sönlichkeit« verstehen will. Zellen müssen z. B.
▬ dynamische Systemtheorie (Dynamical Sys- Nährstoffe aufnehmen, um ihre Organisation
tems Theory). aufrecht zu erhalten, und der Mensch benö-
tigt Erfahrungen und Informationen, um seine
Jede dieser Theorien wird im Folgenden kurz Überzeugungen und Ansichten zu nähren, die
erläutert. seine Persönlichkeit ausmachen.

Allgemeine Systemtheorie Theorie der offenen Systeme

Die allgemeine Systemtheorie betrachtet das Die Theorie der offenen Systeme wurde entwi-
Universum als ein großes Ganzes, dessen Kom- ckelt, um Merkmale und Prozesse lebendiger
ponenten miteinander verbunden sind und von- Phänomene zu erläutern. Viele Einblicke kom-
einander abhängen. Alle Phänomene des Uni- men ursprünglich aus dem Bereich der Biologie.
versums gehören daher zu diesem übergeord-
neten Ganzen und haben wichtige gemeinsame Beachte I I
Merkmale. Infolgedessen ist es die Absicht der Die Theorie der offenen Systeme bezieht sich
allgemeinen Systemtheorie, Eigenschaften auf- auf alle Lebensformen, von einfachen Zellen
zudecken und zu erklären, auf die man – unab- und Pflanzen bis hin zum Menschen. Der
hängig vom zu erforschenden System – bei einer Begriff »offene Systeme« bezeichnet dyna-
ganzen Reihe von Phänomenen trifft (von Ber-

talanffy 1968a, 1968b).
2.1 · Einführung in Systemkonzepte
13 2

1990; Wolf 1987). Diese Wissenschaftler verwen-


mische, sich selbst regulierende Einheiten, deten Ideen, die sie von der Theorie der dynami-
die in ständiger Interaktion mit ihrer Umwelt schen Systeme ableiteten, um damit zu zeigen,
stehen (Allport 1968; von Bertalanffy 1968a, dass das Verhalten und die Veränderungen des
1968b; Brody 1973; Koestler 1969). Menschen einen dynamischen Charakter haben.

Verknüpfung der drei Theorien


Dynamische Systemtheorie
Die allgemeine Systemtheorie, die Theorie der
Wissenschaftler, die eine große Bandbreite an dynamischen Systeme und die der offenen Syste-
physikalischen Systemen beobachtet haben, stell- me enthalten viele Vorstellungen, die sich ähneln
ten fest, dass in diesen Systemen bei entsprechen- oder überschneiden. Im Folgenden unterscheide
dem Energiefluss ganz neue Organisationszu- ich nicht mehr zwischen den drei Theorien.
stände entstehen. Daraus ergab sich die Schluss- Stattdessen verknüpfe ich sie miteinander, um
folgerung, dass »aus bislang chaotischen Zustän- eine systemische Sichtweise der menschlichen
den geordnete Strukturen entstehen können«, die Betätigung zu entwickeln.** Um menschliches
durch »die Energie und Materie aufrechterhalten
werden, die die Systeme durchfließen« (Haken
* Der Begriff Chaostheorie wird ebenfalls häufig im
1987, S. 419). Diese Phänomene nennt man dy-
Zusammenhang mit derselben Literatur verwendet.
namische Systeme, und die Konzepte, die diese Wie bereits der Titel des von Prigogine u. Stenger
Systeme erklären sollen, bezeichnet man zusam- 1984 verfassten Werks Order out of Chaos (Ordnung
menfassend als Theorie der dynamischen Syste- aus dem Chaos heraus) deutlich macht, wird darin die
me (Dynamical Systems Theory).* These vertreten, dass Chaos nicht etwa eine Abwei-
chung von der fundamentalen Ordnung des Univer-
Wissenschaftler faszinierte die Beobachtung,
sums ist, sondern dass chaotisch erscheinende Phä-
dass das Verhalten dieser dynamischen Systeme nomene Energiezustände hervorrufen können, aus
spontan zu entstehen scheint, wenn genügend denen neue Ordnungen hervorgehen. Hinter schein-
Energie vorhanden ist. bar chaotischen Phänomenen kann sich darüber hin-
aus sogar ein subtileres Grundmuster verbergen.
Beachte I I ** Nicht alle Konzepte der allgemeinen Systemtheorie,
der Theorie der offenen Systeme und der Theorie der
Das Verhalten der Komponenten eines dyna- dynamischen Systeme sind miteinander vereinbar.
mischen Systems lässt sich nicht anhand Ich habe versucht, für mein Modell die aktuellsten
ihrer individuellen Merkmale vorhersagen. und weitestgehend anerkannten Vorstellungen zu
Im Gegenteil, sie »kooperieren miteinander« verwenden. Zudem habe ich die Konzepte ausge-
mit dem Ziel, eine höhere Ordnung zu erlan- wählt, die sich am besten dazu eignen, das System
der menschlichen Betätigung schlüssig begrifflich zu
gen (Haken 1987).
erfassen. Dabei habe ich einige Konzepte und einige
Fachbegriffe vernachlässigt. Weil das Problem, das ich
mit Hilfe der Systemtheorien erklären möchte, einzig-
Die Theorie der dynamischen Systeme ging artig ist, bin ich bei der Anwendung der Konzepte auf
ursprünglich aus den Naturwissenschaften her- neue Phänomene gestoßen. In diesem Prozess habe
vor und wurde dann von einigen Theoretikern ich versucht, mich an der besten Literatur zu orientie-
ren und in meinen Ausführungen und Anwendungen
und Forschern auf menschliche Phänomene wie
der Ansichten logisch zu verfahren. Darüber hinaus
z. B. motorisches Verhalten, Kommunikation, ist die Stimmigkeit der theoretischen Ausführungen
Motivation und Gefühlsäußerungen übertragen anhand empirischer Untersuchungen und der prakti-
(Brent 1978; Fogel u. Thelen 1987; Kamm et al. schen Umsetzung zu überprüfen.
14 Kapitel 2 · Das menschliche System

Betätigungsverhalten zu erläutern, werde ich in nicht, rufen sie Analogien hervor, die Unbe-
Übereinstimmung mit der Sichtweise der allge- kanntes mit bereits Bekanntem enger in Zusam-
meinen Systemtheorie Begriffe verwenden, die menhang bringen.
2 ursprünglich andere Phänomene erklären. Wie
> Beispiel
bei allen Theorien, ist die Verwendung von Sys-
Freuds Sichtweise unbewusster Triebe ruft
temkonzepten zur Erklärung der menschlichen
sofort die Analogie von aufgestauten Kräften
Betätigung zwangsläufig spekulativ. Erst weitere
hervor, die danach drängen, ausbrechen zu
Untersuchungen werden zeigen, wie gut sich
können. Gefühle »kochen über« oder »explo-
damit Betätigungsfunktion (occupational func-
dieren« oder schaffen »Druck«, der uns zu einer
tion) und Betätigungsdysfunktion (occupational
bestimmten Verhaltensweise antreibt. Eine sol-
dysfunction) erklären lassen.
che Metaphorik hat ihre Analogien in alltägli-
chen physikalischen Vorgängen wie z. B. einem
überkochenden Kochtopf.
2.2 Von einer mechanistischen zu
einer systemischen Sicht der Welt Pepper (1942) benutzte das Konzept der Wur-
zelmetapher (root metaphor) und bezeichnete
Da Systemkonzepte komplex und anspruchsvoll damit die subtilsten Analogien, die in für ein
sind, lohnt es sich zu überlegen, was sie zu unse- bestimmtes Zeitalter charakteristischen Theo-
rem Verständnis des menschlichen Verhaltens rien gefunden wurden. Die »Wurzelmetapher«,
beitragen können. Dazu muss man verstehen, die die Wissenschaft der letzten zwei Jahrhun-
dass sich Systemkonzepte von den Vorstellungen derte beherrschte, war die Analogie zur Maschi-
und Konzepten unterscheiden, die im 20. Jahr- ne. Laut Prigogine u. Stengers (1984) war die
hundert viele Theorien über das menschliche Begeisterung der westlichen Zivilisation für
Verhalten geprägt haben. die Entwicklung der Maschinen derart groß,
Das Ziel von Theorien besteht darin, einen dass Wissenschaftler bereits früh die Maschine
Einblick in die Natur zu gewähren. Diese Einbli- als Metapher verwendeten, um die physikali-
cke werden möglich, da Theorien eine metapho- sche Welt besser zu verstehen. Später wurde die
rische Denkweise* bieten. Theorien verlangen »Maschinenmetapher« auch auf die biologischen
im Grunde von uns, dass wir über Phänomene Wissenschaften und die Verhaltenswissenschaf-
nachdenken, als ob wir sie bereits kennen oder ten übertragen (Koestler 1969; von Bertalanffy
verstehen würden. Unabhängig davon, ob The- 1968a, 1968b). Diese Perspektive bezeichnet
orien ihre Metaphern eindeutig erklären oder man als mechanistisches Denken. Dabei geht
man davon aus, dass Phänomene gesetzmäßige
Eigenschaften von Maschinen aufweisen.

* Eine Metapher gründet auf der Übertragung eines > Beispiel


Wortes oder eines Bildes von einem wort- oder bildge-
Die mechanistische Metapher hat Wissen-
benden Bereich auf einen anderen wort- bzw. bildemp-
fangenden Bereich. Beispiel: Das Herz ist die Pumpe schaftler bei der Betrachtung natürlich auf-
des Körpers. Bildgebender Bereich ist hier die Mecha- tretender Phänomene beeinflusst. Um dies
nik, empfangender Bereich ist das Organsystem des besser zu verstehen, betrachten wir eine ganz
menschlichen Körpers. Die Übertragung der »geisti- einfache Maschine: die Uhr. Mechanische
gen Komponente« von einem Bereich auf den anderen
Uhrwerke bestehen aus vielen Zahnrädern
eröffnet neue Sichtweisen für den bildempfangenden
Bereich. Sie wird möglich aufgrund einer Analogiebil-
und Federn (Strukturen), die entlang eines
dung, die von einem Verhältnis der Gleichheit oder Kontinuums von Feder zu Zeiger miteinander
Ähnlichkeit zweier Dinge (Pumpe und Herz) ausgeht. interagieren, indem sie sich wechselseitig
2.2 · Von einer mechanistischen zu einer systemischen Sicht der Welt
15 2

beeinflussen und Bewegungen übertragen


(Funktion). Wie ⊡ Abb. 2.1 zeigt, wird durch
eine einfache Ursache-Wirkung-Ereigniskette
Bewegung von einem Teil auf den anderen Teil
übertragen. Die Struktur der Uhr (ihre Mecha-
nik) bestimmt ihre Funktionsweise.

Das mechanistische Modell geht davon aus, dass


die Welt nach ähnlichen Prinzipien funktioniert
wie z. B. die Uhr. Das Modell basiert auf der ⊡ Abb. 2.1. Uhrwerke: eine einfache Ursache-Wirkung-
Beobachtung, dass jedes Phänomen (z. B. ein Ereigniskette
Atom, eine Zelle, das Gehirn) aus Teilen zusam-
mengesetzt ist. Diese Teile interagieren mitein-
ander und richten sich dabei nach Gesetzen, die
ihrer Struktur entsprechen. Um ein Phänomen des Phänomens zu erklären. Stimmt die Vorher-
zu erklären, müssen wir laut mechanistischem sage, gilt dies als Beweis dafür, dass die Erklä-
Modell erkennen, aus welchen Einzelteilen es rung richtig ist. Dabei ist jedoch Folgendes zu
besteht, wie sie zusammengesetzt sind und mit- beachten: Die Erklärung erfolgt auf der Grund-
einander interagieren. lage der Erkenntnisse zur Zusammensetzung
des Systems. Die Funktion des Systems besteht
also in erster Linie darin zu beweisen, dass die
Die reduktionistische Wissenschaft Struktur richtig erklärt wurde.

Die mechanistische Analogie brachte eine wis- Beachte I I


senschaftliche Methode hervor, die man als Will man auf der Grundlage von Strukturen
Reduktionismus bezeichnet. Vorhersagen treffen, setzt man voraus, dass
die Gesetzmäßigkeiten der Struktur oder der
Beachte I I Organisation des Systems beständig sind
Dem Reduktionismus liegt die Annahme (Prigogine u. Stengers 1984).
zugrunde, dass alle Phänomene wie
Maschinen erforscht und erklärt werden
können, indem man sie in ihre Einzelteile Man ging davon aus, dass ein Wissenschaftler,
zerlegt, um ihren Aufbau zu erkennen. Man der den Aufbau eines Systems kennt, auch in
geht außerdem davon aus, dass sich das der Lage ist, seine zukünftige Funktionsweise
zukünftige Verhalten eines Systems vor- vorauszusagen. Diese Voraussage ist möglich,
aussagen lässt, wenn man seinen Aufbau wenn sich der Mechanismus auch mit der Zeit
kennt. Im Grunde wird die Richtigkeit einer nicht ändert.
Aussage durch die Richtigkeit der Vorher-
> Beispiel
sage überprüft.
Kennt man die Struktur von Sauerstoff, Wasser-
stoff und Kohlenstoff, kann man das zukünftige
Verhalten dieser Substanzen voraussagen.
Die reduktionistische Forschung prognostiziert
ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Viele Theorien in der Psychologie gründen
Funktion und stützt sich dabei auf eine Theorie, ebenfalls auf der Annahme, dass sich das Ver-
die dazu dient, die Struktur oder Organisation halten eines Menschen prognostizieren lässt,
16 Kapitel 2 · Das menschliche System

wenn man den Aufbau seiner Psyche kennt. Es Lebewesen bestehen, erklären lassen. Der Grund
gibt verschiedene Begriffe, die diese Elemen- für diese Annahme besteht in der Tatsache, dass
te der Persönlichkeitsstruktur beschreiben und chemische Stoffe die »Bausteine« organischer
2 erklären sollen, u. a. »Eigenschaften«, »Persön- Materie sind und daher Anweisungen enthal-
lichkeit« und »Abwehrmechanismen«. Hinter ten, wie sie in lebenden Systemen miteinander
den Erklärungen für Verhalten steht die impli- kombiniert werden können. Auf ähnliche Weise
zite oder explizite Annahme, dass man hier die geht das reduktionistische Denken davon aus,
zugrunde liegende Struktur bzw. Organisation dass Bewegungen und mentale Prozesse erklärt
der Psyche eines Menschen erklärt, die wieder- werden können, wenn man den Aufbau des Ner-
um das zukünftige Verhalten dieses Menschen vensystems kennt.
bestimmt. Demnach wird sich ein Mensch mit
zwanghafter Persönlichkeit auch entsprechend Beachte I I
verhalten. Ein Mensch mit interner Kontroll- Sollten sich Phänomene wie Bewegun-
überzeugung übernimmt die Verantwortung für gen und mentale Prozesse tatsächlich wie
sein Leben und lenkt dessen Verlauf aktiv. Von Maschinen verhalten, müssten wir ihr Ver-
einem Menschen mit externer Kontrollüberzeu- halten voraussagen können, sobald wir ihren
gung können wir erwarten, dass er sich seinem Aufbau kennen (z. B. den zugrunde liegen-
Schicksal fügt und andere für den Verlauf seines den Mechanismus).
Lebens verantwortlich macht.*
Diese Denkweise wird ebenfalls angewandt,
wenn wir verstehen wollen, inwiefern die »Bau- Wie ⊡ Abb. 2.2 zeigt, ging man davon aus, dass
steine« der Natur Elemente enthalten, die den die Struktur des menschlichen Systems die Ursa-
Aufbau neuer Systeme ermöglichen. che für sein Verhalten ist.
Den Körper oder den Geist als maschinen-
> Beispiel
ähnliches System (z. B. als Uhrwerk) zu betrach-
Lebende Zellen bestehen aus Elementen wie
ten, war eine sehr erfolgreiche Methode. Die
Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff. Die
reduktionistische Analyse ermöglichte es Wis-
Erklärung dafür, wie lebende Zellen funktionie-
senschaftlern, zahlreiche Phänomene in ihre
ren, lässt sich in den Eigenschaften dieser und
Bestandteile zu zerlegen und auf diese Wei-
der anderen Elemente finden, aus denen sie
se wichtige Einblicke in die Funktionsweise zu
bestehen.
erhalten. Mit Hilfe des mechanistischen Ansat-
Gemäß dieser Denkweise geht man beim zes wurden z. B. im Bereich der Anatomie die
strengen Reduktionismus davon aus, dass sich verschiedenen Organe und Gewebe entdeckt,
biologische Phänomene letztlich anhand der aus denen sich der Körper zusammensetzt. Auch
Eigenschaften der chemischen Stoffe, aus denen das menschliche Verhalten ließ sich mit dem

* Menschen mit interner Kontrollüberzeugung gehen


davon aus, dass die Motivation für ihre Handlun-
gen aus ihnen selber kommt. Menschen mit externer
Kontrollüberzeugung meinen hingegen, ihr Leben
nicht selbst zu bestimmen, sondern von Mitmen-
schen oder Organisationen in ihrer Umwelt gesteuert ⊡ Abb. 2.2. Nach der mechanistischen Sichtweise ist die
zu werden. Struktur die Ursache für Verhalten
2.2 · Von einer mechanistischen zu einer systemischen Sicht der Welt
17 2

reduktionistischen Ansatz intelligent und wir-


kungsvoll beschreiben.
Beachte I I
Kybernetische Modelle des menschlichen
> Beispiel Verhaltens können bestenfalls Teilerklärun-
Mit Hilfe der reduktionistischen Analyse teilte gen liefern.
Freud die Psyche in Ich, Es und Über-Ich ein.
Mit dieser Kategorisierung versuchte er, die
Die Erkenntnisse aus reduktionistischen Analy-
Motivation des Menschen zu erklären.
sen wurden zudem dazu verwendet, nicht richtig
Dennoch greifen mechanistische Theorien zu funktionierende Systeme wie defekte oder falsch
kurz, wenn es darum geht, die vitalen Aspekte eingestellte Maschinen zu reparieren.
des menschlichen Verhaltens zu erklären. So
> Beispiel
wird beispielsweise die kybernetische Maschi-
In der modernen Medizin benutzt man das
ne als Analogie für physiologische Prozesse
Verständnis der Strukturen und Funktionen
herangezogen. Die Kybernetik bezieht sich auf
des menschlichen Körpers als Grundlage, um
Maschinen oder Prozesse, die Feedback benöti-
nicht richtig funktionierende Körperteile wie-
gen, um ihr Verhalten zu ändern.
der neu anzupassen, zu »reparieren« oder zu
> Beispiel ersetzen.
Betrachten wir den Thermostat: Erhält der
An diesen Beispielen wird deutlich, dass die
Thermostat über Feedback die Meldung, dass
mechanistische Metapher und die reduktionisti-
es zu kalt ist, stellt er die Heizung an. Wird dem
sche Wissenschaftsmethode wichtige Hilfsmittel
Thermostat über Feedback mitgeteilt, dass es
für die Wissenschaft und erfolgreiche Bezugs-
zu warm ist, stellt er die Heizung ab. Mit Hilfe
rahmen für die medizinische Praxis darstel-
von Feedback halten kybernetische Systeme
len. Dieses Thema greifen wir auf, wenn wir
die Bedingungen nah am vorher eingestellten
Behandlungsprinzipien beleuchten, die aus einer
Wert.
systemischen Sichtweise des Menschen abgelei-
Der Thermostat dient hier als Analogie, damit tet sind.
einige Aspekte des menschlichen Verhaltens
verständlich werden. So spielt beispielsweise
in der Theorie der Verhaltensmodifikationen, Grenzen des Reduktionismus
das Feedback eine besonders große Rolle im
Bezug auf Verhaltensänderungen (z. B. Konse- Obwohl die mechanistische Denkweise eine
quenzen). Diese Theorie verwendet nun die erfolgreiche wissenschaftliche Wurzelmetapher
Kybernetik als Analogie, um das komplexe Ver- darstellt, weist sie auch wichtige Grenzen auf.
halten von Tieren und Menschen zu erklären. In
gewisser Weise verhalten sich Tiere und Men- Beachte I I
schen ähnlich wie der Thermostat, indem sie Physiker gestehen mittlerweile ein, dass
ihr Verhalten je nach Feedback verstärken oder die physikalische Welt unter bestimmten
abschwächen. Umständen zwar wie eine Maschine funkti-
Doch diese theoretische Analogie vereinfacht oniert, die mechanistische Metapher jedoch
all diese Phänomene viel zu stark und lässt viele viele wichtige Eigenschaften physikalischer
Faktoren des tierischen und menschlichen Ver- Systeme nicht erklären kann (Prigogine u.
haltens, wie z. B. spontane Ausgelassenheit oder Stengers 1984).
Ausdauer in Notsituationen, unberücksichtigt.
18 Kapitel 2 · Das menschliche System

Sameroff (1983) stellt z. B. fest, dass Physiker jen- schiedlich sein. Die Erfahrungen und das Verhal-
seits der Vorstellung vom Atom als einer Mini- ten eines Eingeborenen im südamerikanischen
aturmaschine, die aus Einzelteilen (z. B. sich um Regenwald unterscheiden sich grundlegend von
2 einen Kern drehende Elektronen) besteht, eine denen eines Rechtsanwalts, der in der Stadt lebt.
neue Sichtweise entwickelten:

» Es existiert vielmehr die Vorstellung einer Reihe


Beachte I I
Das Leben, das wir führen, wird sicherlich
von Feldern, in die teilchenähnliche konzent-
durch die Fähigkeiten unseres Körpers ermög-
rierte Mengen von Energie und Drehkraft ein-
licht und manchmal auch eingeschränkt. Es
gebettet sind. Unter einem Atom versteht man
ist jedoch zweifellos in gleichem Maß das Er-
heute funktionell interagierende nukleare und
gebnis der Summe an Erfahrungen, die wir in
elektronische Felder und nicht mehr wie früher
mechanisch interagierende Teile (S. 265).« unserem jeweiligen sozialen Umfeld sammeln.

Für die Entstehung der physikalischen Welt


machen Wissenschaftler nun nicht mehr Struk- Die wichtigsten menschlichen Funktionen sind
tur, sondern Kräfte und Prozesse verantwort- zu komplex, als dass sie mit einer mechanisti-
lich. Genau die Teile oder Bausteine, aus denen schen Denkweise erklärt werden könnten (All-
sich die physikalische Welt zusammensetzt (z. B. port 1968; von Bertalanffy 1968a, 1968b). Die
Atome) sind ihrerseits den dynamischen Kräften Kreativität, der freie Wille, die Innovation und
unterworfen, die ihnen zugrunde liegen. die Flexibilität des Menschen, die ihn Hand-
Noch offensichtlicher treten die Grenzen der lungen unter ganz verschiedenen Umständen
mechanistischen Analogie in der materiellen durchführen lassen, übersteigen die Möglich-
Welt der lebenden Systeme zutage. Nicht ein- keiten einer mechanistischen Denkweise. Diese
mal die höchst entwickelte Maschine kann sich Phänomene wurden bei der reduktionistischen
selbst reproduzieren – eine Fähigkeit, die sogar Analyse zweckmäßigerweise ignoriert (Allport
der einfachste lebende Organismus besitzt. 1968; von Bertalanffy 1968a, 1968b, 1969).

Beachte I I Beachte I I
Strukturveränderungen, die durch Wachstum Am stärksten wird die mechanistische
und Entwicklung hervorgerufen werden, Denkweise durch die Behauptung heraus-
widersprechen der mechanistischen Analo- gefordert, dass sich die Gesetzmäßigkeiten,
gie. Auch die psychosozialen Erfahrungen die die Systeme steuern, doch mit der Zeit
von Selbstbewusstsein, Gefühlen und Kog- ändern. Diese Aussage widerspricht den
nition lassen sich nicht durch zugrunde lie- Annahmen der mechanistischen Denkweise.
gende physiologische Mechanismen erklären.
Tatsächlich wird das, was den Geist und das
Herz eines Menschen erfüllt, wesentlich stär- Prigogine u. Stengers (1984) haben festgestellt,
ker durch das umgebende Milieu als durch dass uns die physikalische Natur vielfältige Bei-
Gehirnvorgänge beeinflusst (Bruner 1990). spiele für spontan entstehendes neues Verhalten
bietet.

Der Mensch lässt sich sicherlich als biologisches, > Beispiel


durch das genetische Erbe festgelegtes System Betrachten wir einen Topf mit kochendem
bezeichnen. Doch Wissen, Gefühle und Tun Wasser oder den Strudel, der beim Auslassen
können von Mensch zu Mensch extrem unter- des Wassers aus der Badewanne entsteht.
2.2 · Von einer mechanistischen zu einer systemischen Sicht der Welt
19 2

Die Wassermoleküle selbst haben keine Eigen- Im Laufe unserer Entwicklung sammeln wir
schaften, die im Voraus festlegen, dass sie Informationen und Erfahrungen, die zu einer
kochen oder einen Strudel formen. Nichts an Neuorganisation unserer Motive und Verhal-
der chemischen Zusammensetzung von Wasser tensweisen führen. Die Gesetze, die unsere
lässt zuverlässig voraussagen, dass das Wasser Motivation im Alter von 3 Jahren oder 30 Jah-
kochen oder einen Strudel bilden wird. Es ist ren steuern, sind nicht identisch. Entwick-
vielmehr die allgemeine Dynamik, die durch lung ist ein fortschreitender Prozess der Ver-
den Energiefluss entsteht (z. B. Hitze und Zug wandlung.
der Schwerkraft) und die dann die Wassermo- Mit anderen Worten: Die Geschichte eines
leküle dazu bringt, gemeinsam ein einfaches Systems – sowohl seine Entwicklungsgeschich-
System zu bilden. te (durch Erbgut und Sozialisation) als auch
seine persönliche Geschichte – besteht aus der
Diese beiden Beispiele machen deutlich, dass Anhäufung neuer Gesetze, die das Verhalten
neue Zustände dynamischer Organisation ein- steuern. Wir können vieles nicht voraussagen;
fach entstehen, wenn genügend Energie vor- z. B. können wir nicht sagen, auf welchem Ent-
handen ist. wicklungsstand sich ein Kind befindet, wenn
Wenn nun ein sonst unsportliches Mädchen es erwachsen geworden ist, da auf diesem Weg
plötzlich von dem Wunsch besessen ist, reiten zu viele neue Gesetze entstehen. Allport (1968)
lernen, wenn Kinder lernen, formal logisch zu zufolge liegt es in der Natur der menschlichen
denken, wenn sich zwei Menschen ineinander Persönlichkeit, »durch Veränderungen in der
verlieben und beschließen, das Leben gemein- kognitiven und in der motivationalen Struktur
sam zu verbringen, und wenn ein ehemaliger schrittweise höhere Ordnungsebenen zu errei-
Krimineller plötzlich zu einem religiösen Men- chen« (S. 349).
schen wird, ergeben sich neue Bedingungen, die Es ist deutlich geworden, dass die Aspekte
zu starken Kräften in ihrem Leben werden. der Welt, deren Verhalten sich mit der mecha-
Jeder von uns kann sich an einen spontanen nistischen Denkweise erklären lassen, als Spe-
Prozess erinnern, der sein Leben verändert hat. zialfälle innerhalb einer sehr viel komplexeren
Solche Prozesse sind nicht vorhersagbar und Welt betrachtet werden sollten. Das menschli-
bleiben deshalb in den meisten Erklärungen des che Verhalten lässt sich bestenfalls teilweise mit
menschlichen Verhaltens unberücksichtigt. Sie Hilfe des Reduktionismus verstehen. Außerdem
können uns jedoch ebenso stark beeinflussen kommt es zu Missverständnissen hinsichtlich
wie die geordneteren Charakter- und Wesenszü- des menschlichen Verhaltens, wenn man aus-
ge, die uns einen Einblick in unsere Verhaltens- schließlich die mechanistische Weltanschauung
tendenzen geben. Darüber hinaus stoßen wir als anwendet. Indem man die Grenzen der mecha-
Therapeuten häufig auf Menschen, die solche nistischen Denkweise und der reduktionisti-
Veränderungen brauchen oder sich mitten in schen Analyse erkannt hat, hat man die Suche
einem solchen Veränderungsprozess befinden. nach zusätzlichen konzeptionellen Hilfsmit-
teln und folglich zu weiteren Systemkonzepten
Beachte I I begonnen.
Der individuelle Entwicklungsverlauf ist auch Doch kommen wir zurück zur Frage, war-
dadurch gekennzeichnet, dass das mensch- um wir die systemische Denkweise überneh-
liche System dazu fähig ist, innerhalb seiner men. Dazu folgende Antwort: Im Vergleich
eigenen Ordnung Gesetzmäßigkeiten zu zur mechanistischen Denkweise bietet sie eine
ändern und neue zu schaffen. vollständigere und umfassendere Sichtweise des
menschlichen Verhaltens.
20 Kapitel 2 · Das menschliche System

Beachte I I Beachte I I
Als Grundlage des Modells verwende ich Die mechanistische Vorstellung von Struk-
Systemkonzepte und möchte damit die turen, durch die Funktionen verursacht
2 menschliche Betätigung theoretisch erklä- werden, bietet keine Erklärung für das
ren. Mit Hilfe solcher Konzepte lässt sich die menschliche System. Denn Verhaltenspoten-
Komplexität der menschlichen Betätigung tiale übersteigen das konkrete Verhalten des
berücksichtigen und erfassen. Wenn wir die Systems.
Systembeschaffenheit des menschlichen
Wesens verstanden haben, sind wir mit unse-
rem Vorhaben, die Organisation der Men- Das Verhalten von Maschinen lässt sich vor-
schen und ihres Betätigungsverhaltens zu aussagen, da die Verhaltensmöglichkeiten stark
entziffern, ein gutes Stück weiter gekommen. begrenzt sind. Bei einer Uhr ist jedes Zahnrad
mit etwas anderem verbunden, so dass sämtli-
che Teile durch eine bestimmte kausale Kette
miteinander verknüpft sind. Das Verhalten des
2.3 Systemische Merkmale Systems ist somit das Ergebnis aller seiner Ein-
des Menschen zelfunktionen.

Im Folgenden liegt der Schwerpunkt auf der Beachte I I


Bedeutung und Beschaffenheit des Betätigungs- Komplexe lebende Systeme besitzen in ihrem
verhaltens. Dabei stütze ich mich auf System- Verhalten eine weitaus größere Flexibilität,
konzepte, mit denen ich zu erklären versuche, die wir als Freiheitsgrade bezeichnen.*
auf welche Weise Menschen Betätigungsverhal-
ten erzeugen und wie dieses Verhalten wieder-
um das menschliche System beeinflusst. Im menschlichen System gibt es unzählige Frei-
heitsgrade. Dazu zählen z. B. die Anzahl der
Bewegungskombinationen, die der Körper aus-
Der dynamische Aufbau des Verhaltens führen kann, und die unzähligen Entscheidungs-
möglichkeiten des Organismus hinsichtlich sei-
Die mechanistische Denkweise geht davon aus, nes Verhaltens.
dass Verhalten durch eine zugrunde liegende Wie sich das System bei derart vielen Mög-
Struktur verursacht wird. Demnach ist die Funk- lichkeiten für eine bestimmte Handlung ent-
tion eines Systems die »Konsequenz« aus der Art scheidet, lässt sich veranschaulichen, wenn wir
und Weise, wie es aufgebaut ist. die Bewegungen der oberen Extremitäten be-
trachten.
> Beispiel
Der mechanistische Ansatz betrachtet die
menschliche Bewegung als Produkt des Stütz-
und Bewegungsapparates und der Verbin-
dungen des Nervensystems (Fogel u. Thelen * Die beschriebenen Freiheitsgrade sollten nicht mit
1987; Kamm et al. 1990). Die mechanistische den Graden der Bewegungsfreiheit um die Achse
eines Gelenks verwechselt werden. Mit Freiheits-
Metapher kommt in dem Computermodell des
graden ist hier das nicht ausgeschöpfte Potential,
Gehirns zum Ausdruck, das Kognition als Pro- zu jedem Zeitpunkt unzählige Gefühle, Gedanken
dukt einer entsprechenden Hard- und Software oder Verhaltensweisen hervorbringen zu können,
betrachtet (Bruner 1990). gemeint.
2.3 · Systemische Merkmale des Menschen
21 2

> Beispiel Beachte I I


Jeder einzelne Finger besteht aus drei Ge- Das menschliche System kann unmöglich
lenken, die gebeugt werden können. (Wir über Pläne für das Verhalten verfügen, die so
lassen außer Acht, dass die Finger unter- umfassend intern kodiert oder vorgegeben
schiedlich stark und schnell gebeugt werden sind, dass es auf alle möglichen Kontextbe-
können.) Zwischen Händen und Rumpf befin- dingungen und Variationen vorbereitet ist
den sich drei weitere Gelenke, die Flexion und sich ihnen anpasst (Turvey 1990).
und Rotation ermöglichen. Bei funktionellem
Verhalten wird eine bestimmte Kombination
dieser möglichen Bewegungen ausgewählt. Wenn eine Schülerin die Hand hebt, weil sie
Streckt man sich nach einem Gegenstand, eine Frage beantworten will, wenn ein Gärt-
um ihn zu ergreifen, werden alle möglichen ner Unkraut jätet und hackt, wenn ein Schrift-
Bewegungen in eine kontrollierte Form steller seine Gedanken niederschreibt, werden
gebracht. Für solche funktionellen Bewegun- unglaublich viele kognitive und motorische Ver-
gen – sich nach etwas ausstrecken, winken, haltensmöglichkeiten zu einem feinabgestimm-
drücken, mit dem Finger auf etwas zeigen, ten und gezielten Akt zusammengefügt.
nach etwas greifen und etwas festhalten Wenn das menschliche System nicht von
– muss eine bestimmte Kombination von vornherein über alle Anweisungen verfügt, die
potentiellen Bewegungen systematisch nötig sind, um Handlungen durchführen zu
genutzt werden. Für jede Bewegung ist eine können – woher wissen Menschen dann, was sie
große Menge an Informationen erforderlich, tun müssen? Wie wir später sehen werden, ist
die eine Auswahl aus den zahlreichen Alter- hier die vorausgegangene Diskussion über neu
nativen ermöglicht. entstehende Gesetzmäßigkeiten sehr hilfreich.
Die Systemtheoretiker verwenden das Konzept
Das Problem der Freiheitsgrade wird dadurch des losen Aufbaus (soft assembly) als Antwort
verkompliziert, dass der Mensch seine Hand- auf die Frage, wie sich das Verhalten an die
lungen unter nahezu unendlich vielen unter- Anforderungen anpasst, die im Laufe einer Auf-
schiedlichen emotionalen, kognitiven und phy- gabe wechseln (Turvey 1990).
sischen Umständen ausführt. Diese Kontext-
variabilität verleiht jeder Art der Performanz Beachte I I
einen einzigartigen Charakter. Eine Handlung Im Prozess des losen Aufbaus tragen folgende
wird nie zweimal auf exakt die gleiche Weise Elemente zum Aufbau des Verhaltens bei:
durchgeführt (z. B. unterschreiben, mit einem ▬ das menschliche System,
Hammer auf einen Nagel schlagen, nach einer ▬ die Aufgabe und
Tasse greifen, sich anziehen, ein Wort tippen) ▬ die Umwelt (⊡ Abb. 2.3).
(Turvey 1990). Dies gilt für die Ebene moto-
rischer Anforderungen bei der Ausführung
von Aufgaben. Auf dieser Ebene werden »die Mit anderen Worten: Bewegung ist weder nur
Kontrollschwierigkeiten angesichts der nahezu die reine Durchführung eines motorischen Pro-
unendlich großen Variabilität, die alltägliche gramms, noch wird Verhalten einfach nur von
Aufgaben erfordern, monumental« (Fogel u. einem zugrunde liegenden Wesenszug bestimmt.
Thelen 1987, S. 748). Noch komplizierter wird Vielmehr bilden das menschliche System, die
es, wenn wir auch andere Aspekte, z. B. kogni- Aufgabe und die Umgebung zusammen ein
tive und motivationale Faktoren, berücksich- Netzwerk von Bedingungen, in das die Perfor-
tigen wollen. manz eingebettet ist.
22 Kapitel 2 · Das menschliche System

gen an jeden beteiligten Muskel und an


jedes beteiligte Gelenk geben. Die Muskeln
und Gelenke werden vielmehr in Form einer
2 bestimmten Art, sich zu strecken, funktionell
miteinander verknüpft. Der Akt des Sich-
Ausstreckens nach einem Gegenstand stellt
die organisatorischen Anforderungen an die
Bestandteile, die miteinander kooperieren.
⊡ Abb. 2.3. Loser Verhaltensaufbau auf der Grundlage
von Bedingungen, zu denen das menschliche System, die Die Anweisungen für den Akt des Sich-Ausstre-
Aufgabe und die Umwelt beitragen ckens werden nicht alle im Voraus im Nerven-
system gespeichert. Sie entstehen vielmehr im
Kontext der jeweiligen Handlung. Das heißt
Verhalten hat einen fließenden und sponta- nicht, dass es zur Organisation und Funktions-
nen Charakter. Es wird spontan im Kontext der weise des Nervensystems keine Gesetzmäßigkei-
Handlung organisiert (Fogel u. Thelen 1987). ten gibt. Es bedeutet lediglich, dass funktionelle
Die Systemtheoretiker berücksichtigen die Auf- Bewegungen nicht nur auf diese Organisation
gaben- und Umweltbedingungen als entschei- zurückzuführen sind.
dende Faktoren beim Aufbau von Verhalten und
bieten so eine brauchbare Erklärung dafür, wie Beachte I I
das menschliche System mit der unendlichen Auch was unser Sozialverhalten betrifft,
Fülle an Bedingungen zurechtkommt, unter müssen wir nicht von vornherein über alle
denen es Betätigungen ausführen muss. Anweisungen verfügen. Soziale Situationen
liefern selbst viele der benötigten Informa-
Beachte I I tionen. Wir besitzen höchstens eine »allge-
Das System muss nicht alle Anweisungen meine Landkarte« des sozialen Terrains, die
gespeichert haben, die notwendig sind, um auf Erfahrungen basiert.
Tätigkeiten durchführen zu können. Viele
dieser Informationen werden nämlich durch
Aufgabe und Umgebung geliefert. Wie viel wir auch lernen mögen – unser Wissen
kann uns in Situationen, die soziales Verhalten
erfordern, genauso wenig vorinformieren wie
Fogel u. Thelen (1987) erklären dies folgender- uns eine Straßenkarte Auskunft über alle Fak-
maßen: toren geben kann, die für das Fahren in eine
bestimmte Richtung erforderlich sind (z. B. wann
» Die Zwänge einer Aufgabe erzeugen eine
man schneller oder langsamer fahren sollte, wie
dynamische Kooperation zwischen den ein-
man das Auto auf dieser Straße lenken sollte, wie
zelnen Komponenten... Die Art der Koopera-
man die auf der Karte verzeichnete Kreuzung
tion steht zwar nicht zwangsläufig im Voraus
erkennt). Die abstrakte Karte muss vielmehr
fest, aber sie ist vollkommen vom jeweiligen
mit der Performanzsituation interagieren, und
Zustand des Organismus in einem bestimmten
im Laufe dieser Interaktion werden die »Anwei-
Aufgabenkontext abhängig (S. 749). « sungen« für das, was zu tun ist, geschaffen. Das
> Beispiel bedeutet nicht, dass Anweisungen irgendwie ent-
Das Nervensystem muss nicht bei jeder Streck- stehen und dann in Form von Verhalten umge-
bewegung zentral gesteuerte Einzelanweisun- setzt werden. Vielmehr wird in der Aufgabensi-
2.3 · Systemische Merkmale des Menschen
23 2

tuation das Verhalten selbst hervorgerufen. Die Brent (1978) geht sogar davon aus, dass die
Anweisungen sind im Verhalten impliziert, d. h. Unterscheidung zwischen Struktur und Prozess
indirekt enthalten. Diese Vorstellung wollen wir willkürlich ist und davon abhängt, in welchem
anhand eines Beispiels verdeutlichen. Zeitrahmen unsere Betrachtung stattfindet.
Das, was innerhalb eines kürzeren Zeitrahmens
> Beispiel
Struktur zu sein scheint, erscheint in einem län-
Wenn unsere Kinder bei Freunden übernachten,
geren Zeitrahmen als Prozess.
bitten wir sie jedes Mal, rücksichtsvoll, höflich
Dieser Punkt wird verständlicher, wenn wir
und dankbar zu sein. Wir sind uns durchaus
den Menschen innerhalb ontogenetischer und
bewusst, dass es sich dabei nicht um direkte
geschichtlicher Zeitrahmen betrachten. Im Laufe
Anweisungen handelt. Wir gehen vielmehr
der menschlichen Entwicklung nimmt die Struk-
davon aus, dass Situationen eintreten werden,
tur des Körpers sehr unterschiedliche Formen an:
in denen die Kinder wissen, wie sie sich an
die befruchtete Eizelle, der Fötus, das Kleinkind,
diese Vorgaben halten können. Weder sie noch
der Jugendliche und der Erwachsene. Während
wir können ganz genau wissen, welche Situa-
dieses Entwicklungsprozesses verändern sich
tionen sich ergeben werden und wie sie sich
auch die psychologischen Strukturen erheblich.
dann genau verhalten sollten. Doch werden die
Die mentalen wie auch die physischen Strukturen
Umstände die zusätzlich benötigten Informa-
werden durch grundlegende, langwierige Prozes-
tionen liefern und entsprechend mit den Ver-
se ermöglicht, die der Spezies selbst eigen sind
haltensweisen, die wir unseren Kindern beige-
und von Generation zu Generation weitergegeben
bracht haben, interagieren. Berichtet mir dann
werden. Spezifischer für das menschliche System
meine Tochter, dass sie beim Abwaschen gehol-
als Physis oder Persönlichkeit sind der Prozess der
fen, der Mutter ihrer Freundin Komplimente für
Individuation und die Erzeugung nachfolgender
die neue Frisur gemacht und sich beim Vater
Generationen. Dieser zugrunde liegende dyna-
ihrer Freundin bedankt hat, nachdem er sie
mische Prozess durchfließt und unterstützt die
nach Hause gebracht hat, stellen wir fest, dass
Entstehung der Strukturen, die wir als »mensch-
sie sich zu den entsprechenden Gelegenheiten
licher Körper« oder »menschliche Psyche« be-
angemessen verhalten hat. Zu beachten ist,
zeichnen. Darüber hinaus werden Körper und
dass die Gelegenheiten an sich schon wichtige
Psyche in dieser weiten zeitlichen Perspektive
Anweisungen darüber enthielten, wie man sich
zu dem, was sie tatsächlich sind: sich dynamisch
rücksichtsvoll, höflich und dankbar verhält.
verändernde Ordnungen von Materie und Geist.
Entsprechend betrachtet die Systemtheorie
biologische Strukturen (wie das Gehirn) oder
Selbstorganisation durch Verhalten mentale Strukturen (wie die Persönlichkeit) als
stark organisierte Zustände der Materie und
Bei Maschinen ist der Aufbau alles. Doch der des Geistes, »die durch den Austausch mit der
Mensch ist keine Maschine. Umwelt dynamisch aufrecht erhalten werden«
(Sameroff 1983, S. 266). Wir können also sagen:
Beachte I I
Die physischen und mentalen Strukturen
Beachte I I
menschlicher Systeme sind die zeitlich Die Entstehung, die weitere Existenz und die
begrenzten Manifestationen eines tieferen Veränderungen des menschlichen Systems
dynamischen Prozesses, der ihnen zugrunde hängen von den zugrunde liegenden Hand-
liegt (Sameroff 1983). lungen des Systems ab.
24 Kapitel 2 · Das menschliche System

Um die Selbstorganisation lebender Systeme zu den Wunsch, diese Leistung zu vollbringen, die
verstehen, müssen wir laut Weiss (1967) »unser Koordination motorischer Handlungen, um das
Denken neu orientieren – weg von der stati- Gleichgewicht zu halten und das Fahrzeug zu
2 schen Form hin zum sich dynamisch aufbauen- steuern usw. Wird dieser organisierte Zustand
den Verhalten« (S. 808). spontan erreicht, ist davon auszugehen, dass
Viele Strukturen des menschlichen Systems das menschliche System dieselbe Konfiguration
werden durch die Prozesse, durch die sie in erneut erreichen kann. Mit anderen Worten:
Gang gesetzt werden, gebildet, aufrechterhalten Beschäftigt man sich intensiv mit einer Hand-
und verändert. Laut Sameroff (1983) ergibt sich lung, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass
die kognitive Entwicklung sich das System derart selbst rekonfiguriert,
dass es in Zukunft die gleiche Handlung erneut
» nicht direkt aus der biologischen Ausstattung
durchführen kann. Indem sich das System selbst
zum Denken; sie ist vielmehr das Ergebnis der
konfiguriert, wird die Wiederholung der dyna-
Tätigkeit dieser Ausstattung wenn es darum
mischen Handlungsausführung zu einem spä-
geht, den Input zu interpretieren, ihn – was
teren Zeitpunkt möglich. Das bedeutet, dass
auf weiterer Aktivität beruht – in bedeutsame
sich das System durch ein Verhalten, das sich
Einheiten zu organisieren und schließlich diese
wiederholt, vorübergehend selbst organisiert
bedeutsamen Einheiten auf der Basis intellek-
und gleichzeitig seine Kapazitäten erhöht, auch
tueller Erfahrungen in ganze Systeme einzutei-
später wieder in einen derartig organisierten
«
len (S. 266).
Zustand zurückkehren zu können.
Ohne Handlungen kann es zu keiner Organisati- Wenn Verhalten wiederholt aufgebaut wird,
on und Reorganisation intellektueller Strukturen wirkt es sich immer stärker auf die Organisation
kommen. der Struktur aus (⊡ Abb. 2.4).
Im Grunde wird das menschliche System
durch die Art seines Verhaltens geleitet und ge- > Beispiel
formt. Sich zu verhalten bedeutet, die verschiede- Geht man wiederholt joggen, werden physische,
nen Komponenten des Systems (z. B. Kognitionen psychologische und soziale Strukturen erneut
und Bewegungen) in eine bestimmte dynamische geformt, die in diesem Verhalten beinhaltet und
Ordnung zu bringen, die erforderlich ist, um eine bereits vorhanden sind. Die aerobe Kapazität des
bestimmte Aufgabe zu bewältigen, und die durch Körpers erhöht sich, die an das Laufen gewöhn-
bestimmte Umweltbedingungen ermöglicht wird. ten Muskeln werden kräftiger, das Selbstbild als
fähiger Jogger wird verstärkt und das öffentliche
Beachte I I Bild eines Joggers kann bestätigt werden, wenn
Das Verhalten baut sich dynamisch auf, und Nachbarn das wiederholt gezeigte Verhalten
auf dieser Basis konfiguriert oder organisiert bemerken. Über all diese Kanäle wird der Jogger
sich das System rund um die zu erfüllende (physisch, psychologisch und sozial) zum Jogger
Aufgabe. gemacht. Solange das Verhalten andauert, wird
die entsprechende Organisation des menschli-
chen Systems aufrechterhalten. Sollte der Jogger
Bei dieser Konfiguration handelt es sich jedoch sein Verhalten längere Zeit nicht mehr zeigen,
nicht um eine statische »Pose«, sondern um eine nimmt die aerobe Kapazität ab, die Muskeln
dynamische Sequenz geordneter Handlungen. werden schwächer, und das Vertrauen und die
Lernt man z. B. eine neue Fertigkeit wie das Identität schwinden. Das menschliche System
Radfahren, muss man eine ganze Reihe von kann demnach auch aufhören das zu sein, was
Faktoren miteinander in Einklang bringen, u. a. es durch seine Handlungen bislang war.
2.3 · Systemische Merkmale des Menschen
25 2

Der Prozess, durch den eine Struktur aufrecht zu organisieren. Dadurch erhöhen sich die Ka-
erhalten wird, hat die Tendenz, sich selbst zu pazität des Systems und die Tendenz zu einem
erhalten, denn durch jedes Folgeverhalten erhöht bestimmten Verhalten.
sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten
wieder auftritt. Beachte I I
Wenn sich menschliche Systeme auf eine
> Beispiel
bestimmte Art und Weise verhalten, werden
Auch wenn die Analogie etwas »grob« er-
sie in gewisser Hinsicht zu dem, was sie tun.
scheint, so veranschaulicht das wiederholte
Begehen eines Trampelpfades diesen Prozess
doch sehr deutlich. Bei jedem Gang wird der
Personen, die laufen, sind dann als Läufer orga-
Pfad im Gras deutlicher erkennbar. Hat sich der
nisiert, Personen, die lesen, werden zu Literaten,
Pfad schließlich herausgebildet, erhöht sich die
und Menschen, die Häuser bauen, entwickeln
Wahrscheinlichkeit, dass auch in Zukunft der-
sich zu Handwerkern. Das Betätigungsverhalten
selbe Weg beschritten wird. Der Prozess erhält
ist ein Prozess der Selbstorganisation – durch
sich selbst aufrecht.
eigenes Tun erhält sich das System aufrecht und
Diese Ausführungen zeigen, dass sich die Hand- entwickelt sich.
lung in das menschliche System einprägt. In
⊡ Abb. 2.5 ist dieser Prozess dargestellt. Mit je-
dem nachfolgenden dynamischen Aufbau von Verhalten als Auslöser für
Verhalten wird das System dazu gebracht, sich Veränderungen im menschlichen
System

Die vorausgegangene Diskussion zeigt, dass sich


Struktur Struktur Struktur Verhalten neu aufbaut und dass seine Wieder-
holung dazu dient, neue Organisationsmuster
innerhalb des Systems zu stabilisieren.

Beachte I I
Wir müssen uns nun die Frage stellen:
Verhalten Verhalten
Wodurch entstehen neue Verhaltensweisen?
⊡ Abb. 2.4. Wiederholter Verhaltensaufbau erzeugt Struktur Die Antwort auf diese Frage ist äußerst wich-
tig, wenn wir verstehen wollen, wie sich das
menschliche System verändert.

Wenn keine neuen Verhaltensweisen entstehen,


wird sich das System unverändert verhalten, um
seine aktuelle Organisation aufrecht zu erhalten.
Das mechanistische Denken führt Verände-
rungen auf vorprogrammierte strukturelle Ver-
änderungen wie den Reifungsprozess des Nerven-
systems zurück. Veränderungen werden, wie auch
das Verhalten, durch die Organisation der Struk-
⊡ Abb. 2.5. Dynamischer Verhaltensaufbau tur verursacht. Da die zugrunde liegende Struktur
26 Kapitel 2 · Das menschliche System

auf natürliche Weise heranreift, werden dem- hat) das System zum Aufbau eines neuen
nach neue Verhaltensweisen möglich. Die Gren- Verhaltens bringen (z. B. sich zu ducken, anstatt
zen dieser Erklärung werden sofort ersichtlich. den Ball zu fangen).
2
Beachte I I Wie ⊡ Abb. 2.6 verdeutlicht, können unter-
Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass schiedliche Kontrollparameter das Netzwerk
der Aufbau und die Änderung von Struk- der Bedingungen verschieben und zum Aufbau
turen von zugrunde liegenden Prozessen eines neuen Verhaltens führen.
abhängen. Wenn Prozesse die Bildung von
Strukturen bewirken, sind sie wahrscheinlich
Beachte I I
auch für die Veränderungen dieser Struktu- Wenn sich eine der Variablen, die zum Verhal-
ren verantwortlich. tensaufbau beitragen, derart verändert, dass
sie zu einem neuen Verhaltensaufbau führt,
bezeichnet man sie als Kontrollparameter.
Folglich müssen wir uns mit dem Verhalten des Das bedeutet jedoch nicht, dass sie das Ver-
menschlichen Systems befassen, um Hinweise halten verursacht. Der Kontrollparameter hat
zum Ablauf von Veränderungen zu erhalten. vielmehr die Rolle eines Katalysators, der die
Wir haben bereits festgestellt, dass unter- Bedingungen und die Anweisungen für den
schiedliche Faktoren gemeinsam den Aufbau Verhaltensaufbau neu kombiniert.
eines jeden Verhaltens beeinflussen. Die Ver-
änderung einer der beteiligten Variablen kann
das System zu einem neuen Verhaltensaufbau Entscheidend ist, dass der Kontrollparameter
veranlassen (Thelen u. Ulrich 1991). selbst keine Anweisungen für Verhaltensände-
rungen enthält. Er trägt vielmehr etwas Neu-
> Beispiel es zur Gesamtkonfiguration der Elemente bei,
Wirft uns jemand einen Ball zu, versuchen wir wodurch diese in eine andere Beziehung zuein-
normalerweise, ihn zu fangen. Wirft die Person ander gebracht werden. Verändert sich ein wei-
den Ball von Mal zu Mal schneller, werden wir terer Faktor (z. B. vergrößert sich die Distanz zu
uns irgendwann wahrscheinlich eher ducken der Person, die den Ball wirft), entstehen wieder
oder zurückzucken, anstatt zu versuchen zu neue dynamische Beziehungen, die ebenfalls
fangen. In diesem Fall wird die Geschwindig- eine Verhaltensänderung erwirken.
keit des auf uns zu kommenden Balls (nach- Sowohl die interne Organisation des mensch-
dem sie eine kritische Schwelle überschritten lichen Systems als auch die externen Umweltfak-

⊡ Abb. 2.6. Verschiedene Kontrollparameter verschieben das Netzwerk der Bedingungen und führen zu einem neuen
Verhaltensaufbau
2.3 · Systemische Merkmale des Menschen
27 2

toren tragen zum Verhaltensaufbau bei. Folglich scheiden. Dass ein solcher Fall eintreten kann,
führen Veränderungen innerhalb und außerhalb weiß jeder, der sich schon einmal längere Zeit
des menschlichen Systems gleichermaßen zu mit einer bestimmten Aktivität beschäftigt hat
einer Änderung des dynamischen Aufbaus des (wie z. B. Joggen oder Spazieren gehen).
Verhaltens. Wie Thelen (1989) bereits bemerkte,
»gibt es keine Dichotomie* zwischen Organis- Beachte I I
mus und Umwelt. Keines von beiden hat bei Verhaltensänderungen können auch bei
Veränderungen Vorrang« (S. 85). linearer Veränderung des Kontrollparame-
ters nicht-linear verlaufen (Thelen u. Ulrich
Beachte I I 1991). Folglich kann schon eine geringfügige
Verhaltensänderungen können durch Ver- Veränderung eines Kontrollparameters zu
änderungen in der internen Organisation größeren Veränderungen des dynamischen
des Systems wie Wachstum, Zunahme der Verhaltensaufbaus führen (Haken 1987).
Stärke oder Erwerb neuer mentaler oder
motorischer Fertigkeiten entstehen. Sie
können jedoch auch aus Veränderungen Dies ist der Fall, wenn der gesamte dynami-
der Umweltbedingungen hervorgehen. Im sche Zustand, der durch alle beteiligten Faktoren
Laufe der Zeit können verschiedene Teile des erzeugt wurde, durch Veränderung über einen
Systems oder der Umgebung als Kontrollpa- bestimmten entscheidenden Wert des Kontroll-
rameter fungieren und neue Bedingungen parameters hinaus verschoben wurde (Kelso u.
schaffen, die Verhaltensänderungen initiieren. Tuller 1984). Die Kontrollvariable ist somit der
sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Über-
laufen bringt.
> Beispiel
Die Ermutigung eines Freundes kann z. B. als
> Beispiel
Kontrollparameter dienen, der dazu führt, dass
Als Beispiel rufe ich mir immer ins Gedächt-
man ein neues Hobby ausprobiert. Interesse,
nis, wie ich meinen Kindern das Radfahren
Vertrauen und Fertigkeiten ändern sich durch
beigebracht habe. Bis zu einer bestimmten
Übung. Wenn sich diese Faktoren verändern,
Geschwindigkeit konnte ich neben dem Kind
kann jeder Einzelne von ihnen entscheidend
gehen. Wenn mein Kind fester in die Pedale trat,
dafür sein, dass man sich noch intensiver mit
reagierte ich, indem ich meinen Schritt etwas
dem neuen Hobby beschäftigt, als es sich der
beschleunigte. Als sich die Geschwindigkeit
Freund jemals erträumt hätte.
jedoch noch etwas erhöhte, musste ich ren-
In diesem Beispiel wurde ein zunächst exter- nen, um mitzukommen. Eine geringe weitere
ner Kontrollparameter zu einem intern motivie- Beschleunigung der Geschwindigkeit führte bei
renden Kontrollparameter. Dasselbe Verhalten mir also zu einer vollständigen Reorganisation
kann jedoch auch durch mehrere Kontrollpara- der Fortbewegung. Hierbei ist besonders wich-
meter entstehen. Jemand könnte sich z. B. ers- tig, dass der Übergang vom Gehen zum Rennen
tens aufgrund mangelnder Motivation, zweitens nicht durch eine bewusste Entscheidung mei-
aufgrund von Müdigkeit und drittens aufgrund nerseits, sondern vielmehr durch die Aufgabe
des Wetters gegen eine bestimmte Aktivität ent- zustande kam, mit dem Kind Schritt zu halten.
Dasselbe Beispiel lässt sich auch auf die Moti-
vation anwenden. Durch das Üben des Radfah-
* Eine Dichotomie ist eine analytische Zweiteilung rens stieg auch das Selbstvertrauen der Kinder,
logisch aufeinander bezogener Teile. aber sie brauchten mich bis zu einem bestimm-
28 Kapitel 2 · Das menschliche System

ten Punkt noch an ihrer Seite, um sich sicher zu es zu diesem Zeitpunkt laufen lernt. Entschei-
fühlen. Beide Kinder erreichten jedoch den ent- dender ist jedoch, dass sich dem Kind eine
scheidenden Punkt, an dem der Wunsch nach ganz neue Welt eröffnet. Während der Fortbe-
2 einer Veränderung der Handlung entstand: »Ich wegung ändern sich die visuellen Erfahrungen
möchte es jetzt allein versuchen.« des Kindes, neue Gegenstände gelangen in
seine Reichweite, es entwickelt ein Gefühl der
Innerhalb eines einzigen Verhaltensbereichs kön- persönlichen Freiheit, und die Eltern sind von
nen eine Vielzahl an Faktoren als Kontrollparame- dieser neuen Entwicklung begeistert.
ter dienen und eine Änderung im menschlichen
System bewirken. Im Laufe der Schulzeit eines Während des ganzen Lebens gehen Veränderun-
Kindes können z. B. unterschiedliche Faktoren gen häufig mit vergleichbaren Quantensprüngen
wie die Motivation für ein bestimmtes Thema, und Reorganisationen einher, die durch relativ
die Einstellungen der Mitschüler, die Anerken- geradlinige Veränderungen in einem Bereich
nung oder Ablehnung der Eltern, die Beziehung hervorgerufen werden.
zum Lehrer, der intellektuelle Reifungsprozess Handelt es sich bei dem Kontrollparameter
oder Lernprozesse auf verschiedene Art und Wei- um eine temporäre Bedingung (z. B. Müdig-
se zu Veränderungen des Lernverhaltens und der keit, eine zeitlich begrenzte Veränderung in der
Lerngeschwindigkeit des Kindes führen. Umgebung), wiederholt sich der entsprechen-
Das Potential vieler Faktoren, als Kontroll- de Verhaltensaufbau vielleicht nicht und wirkt
parameter zu dienen und so neue verhaltens- sich daher nur gering oder gar nicht auf die
ändernde Dynamiken zu schaffen, mag die anhaltende Organisation des Systems aus. Ist die
Begründung für einige Grundzüge von Verän- Veränderung eines Kontrollparameters jedoch
derungsprozessen liefern. Wir sind uns bewusst, dauerhaft, und wiederholt sich der neue Verhal-
dass nicht alle Veränderungen des menschlichen tensaufbau, wird die Organisation des Systems
Verhaltens Gewinn bringend und linear verlau- schließlich einen neuen Zustand erreichen.
fen. Manchmal sind sie drastisch und stellen eine
regelrechte Verwandlung dar. Einige Beispiele Beachte I I
dafür sind Mutter/Vater werden, einen anderen Mit der Zeit erwirbt das menschliche System
Berufsweg einschlagen, wieder zur Schule gehen neue Gesetzmäßigkeiten, und die Gesetze,
oder in den Ruhestand treten. die seine Organisation bis zu diesem Moment
gesteuert haben, verlieren ihre Gültigkeit.
Beachte I I
Bei drastischen Veränderungen wird mit dem
Veränderungsprozess eine komplette Neu- Das menschliche System kann zu keinem Zeit-
organisation des Verhaltens ausgelöst, die punkt bestimmen, was in Zukunft alles passieren
dann eine Eigendynamik entwickelt. kann (von Bertalanffy 1968a, 1968b, 1969; Pri-
gogine u. Stengers 1984). Die Organisation des
menschlichen Systems spiegelt zu jedem Zeit-
> Beispiel punkt den dynamischen Lebensprozess wider.
Stellen Sie sich einen Moment lang vor, was Das System wird durch beständiges Verhalten
mit der Welt eines Kindes passiert, wenn die und den Grad der Stabilität oder der Verände-
Kraft in seinen unteren Extremitäten derart rung entweder aufrechterhalten oder neu orga-
zunimmt, dass es das eigene Gewicht auf nisiert. Im Laufe der Zeit entsteht meistens eine
einem Bein tragen kann: Eine derartige Verän- neue Ordnung, wodurch sich die Regeln und die
derung einer Kontrollvariable bedeutet, dass Funktionsweise des Systems ändern (⊡ Abb. 2.7).
2.4 · Der Systemcharakter des Menschen und seines Betätigungsverhaltens
29 2

Der Mensch als dynamische Struktur

Wenn wir einem anderen Menschen begegnen,


haben wir einen lebendigen, atmenden und den-
kenden Organismus vor uns. Dieser menschliche
Organismus besitzt eine bestimmte Form oder
Struktur, die am deutlichsten in seinem Körper,
⊡ Abb. 2.7. Im Laufe der Zeit eignet sich ein System neue
aber auch in seinem Geist oder seiner Persön-
Gesetzmäßigkeiten an und wird komplexer lichkeit zum Ausdruck kommt. Ohne dass wir es
wollen, sind wir uns dieser Strukturen bewusst.
Außerdem betont unser wissenschaftliches wie
Diese Art der Metamorphose (Verwandlung), auch unser alltägliches Denken den Struktur-
durch die das System buchstäblich zu etwas charakter aller Formen menschlichen Verhal-
anderem wird, als es vorher war, tritt in einer tens. Die neuen wissenschaftlichen Überlegun-
Reihe wohl bekannter entwicklungsspezifischer gen fordern uns nun dazu heraus, diese Struktu-
Veränderungen deutlich zutage. Dazu zählt z. B. ren auch als organisierte Prozesse zu sehen.
das Erreichen des formalen Denkens im Rahmen In Bezug auf das Selbstbild eines Menschen
der kognitiven Entwicklung. Ein anderes Beispiel zeigen Gergen u. Gergen (1983) auf, dass die
ist das Eingehen einer Ehe. Im Laufe des Lebens mechanistische Denkweise von einer »internen
finden viele weniger drastische Veränderungen Struktur ausgeht, die auf eine mechanistische
statt, weil sich das menschliche System kontinu- Weise von externen Inputs gesteuert wird...
ierlich neu organisiert. In allen Fällen ist jedoch Demnach verfügt das Individuum im Allgemei-
die Entstehung einer neuen Ordnung der ent- nen über eine Struktur von stabil bleibenden
scheidende Auslöser für die Veränderung. Selbstbeschreibungen (Konzepte, Schemata,
Prototypen) ...« (S. 255). Sie weisen darauf hin,
dass man auch berücksichtigen müsse, wie das
2.4 Der Systemcharakter Individuum »aktiv sein Selbstverständnis kon-
des Menschen und seines struiert« (S. 255). Mit anderen Worten:
Betätigungsverhaltens
Beachte I I
Dieses Kapitel begann mit Überlegungen zum Was wir brauchen, ist ein Verständnis der
Menschen als System und zu seinem Betäti- Beziehung von Struktur und Funktion des
gungsverhalten als Systemprozess. Bisher haben menschlichen Systems, das diese Beziehung
wir drei wichtige Behauptungen aufgestellt: nicht als statisch, sondern als dynamisch
▬ Menschliche Systeme sind dynamische Struk- strukturiert auffasst.
turen aus Materie und Geist.
▬ Betätigungsverhalten wird dynamisch aufge-
baut. Die Struktur des menschlichen Systems wird
▬ Menschliche Systeme organisieren sich selbst ständig erneuert. Ein gewisses Maß an Stabili-
über ihr Betätigungsverhalten. tät innerhalb dieser organisierten Struktur ist
jedoch »für die kontinuierliche Identität eines
Ich werde nochmals kurz auf diese Behaup- Systems von größter Bedeutung« (Sameroff
tungen eingehen und dabei meine Sichtweise 1983, S. 267). Die Fähigkeit, sich durch die eige-
des menschlichen Betätigungsverhaltens näher ne Reorganisation ständig an umweltspezifische
erläutern. oder systemische Veränderungen anzupassen, ist
30 Kapitel 2 · Das menschliche System

jedoch ebenso wichtig. Daher birgt die Tatsache, teilzunehmen. Die Anweisungen zur Art der
dass das menschliche System eher eine flexible Beteiligung werden durch den dynamischen
Organisation als eine rigide Maschine ist, den Zustand erzeugt, der dann entsteht. Das, was
2 Vorteil der Anpassungsfähigkeit. entsteht, ist neu und lässt sich mit Hilfe der
anfänglichen Bedingungen nicht vorhersagen.
Beachte I I Das Neue ist auch nicht vollständig durch vorher
Wir müssen uns bewusst machen, dass das, bereits vorhandene Eigenschaften oder Anwei-
was den Menschen ausmacht, sich nicht nur sungen innerhalb des menschlichen Systems
»unter der Haut« befindet, d. h., aus einer be- bedingt (Thelen 1989).
grenzten Menge an physiologischen und in- Folglich ist jegliches Verhalten eine Form der
trapsychischen Vorgängen besteht. Vielmehr Improvisation unter den Bedingungen, die gera-
zählt dazu auch der Austausch zwischen dem de entstehen. Wenn es darum geht, Verhalten zu
menschlichen System, der physikalischen erzeugen, ist das handelnde Individuum zudem
Welt und der soziokulturellen Umgebung. nicht wichtiger als die Aufgabe, die zu erfüllen
ist, oder die Umgebung, in der sie ausgeführt
wird. Alle drei Elemente müssen dazu einen
Ohne diesen kontinuierlichen Austausch gäbe es Beitrag leisten. Einfacher ausgedrückt, sind die
wenig, was wir als wahrhaft menschlich bezeich- Faktoren wer, was und wo beim Aufbau von
nen könnten. Da die gegenwärtigen Struktu- Verhalten nicht voneinander zu trennen.
ren durch vergangenes Verhalten hervorge- Der dynamische Aufbau des Verhaltens
bracht werden, ist das »Individuum« zudem zu durchzieht jeden Aspekt dessen, wie Individuen
jedem Zeitpunkt das Ergebnis der persönlichen alltäglichen Betätigungen nachgehen. Die unter-
Geschichte dieser Austauschprozesse. schiedlichsten Faktoren – der kulturelle Wert
der Tätigkeit, die erforderlichen Fertigkeiten,
die verwendeten Hilfsmittel und Materialien, die
Der dynamische Aufbau Motive und Fähigkeiten einer Person, der Ablauf
von Betätigungsverhalten der Aufgabe – vereinigen sich im »Ballett« des
normalen Betätigungsverhaltens. Diese unter-
Betätigungsverhalten entsteht nicht durch ir- schiedlichen Faktoren schließen sich zu einem
gendeine mechanische Arbeitsweise, sondern dynamischen System zusammen, innerhalb des-
durch einen dynamischen Prozess. Darin inter- sen sich Verhalten aufbaut.
agieren interne biologische und psychologische
Faktoren mit der physikalischen und der sozio- Beachte I I
kulturellen Welt, um Verhalten aufzubauen. Wenn wir handeln, nehmen wir an einem
Entstehungsprozess teil. Wie alle anderen
Beachte I I beteiligten Elemente sind auch wir nur ein
Durch Verhalten ruft das menschliche Sys- Teil des Geschehens.
tem einen dynamischen Prozess hervor:
Der Aufbau des Prozesses entsteht aus den
Beziehungen, die zwischen den einzelnen Tänzer bewegen sich nach dem Rhythmus
Elementen vorhanden sind. der Musik. Das Kind zeigt und versteckt sich
abwechselnd beim Guck-Guck-Spiel mit seinem
Vater. Der Mechaniker bewegt ein Werkzeug je
Mit anderen Worten: Die Bestandteile müssen nachdem, welcher Zweck damit erfüllt werden
nur in der Lage sein, an einer neuen Ordnung soll und welcher Teil des Motors bearbeitet wer-
2.6 · Schlüsselbegriffe
31 2

den soll. Das Kind interagiert mit anderen und Wir werden nicht als Zimmerleute, Schriftstel-
berücksichtigt dabei die Regeln und Aktionen ler, Tänzer, Gärtner, Dichter, oder Sänger gebo-
des Spiels. Die Art und Weise, wie Personen ren. Wir könnten jedoch dazu werden, indem
ihr Verhalten aufbauen, um den Anforderungen wir uns entsprechend verhalten. Unsere Formen
des Raums, der Aufgabe, des Werkzeugs, des folgen unseren Funktionen. Indem wir neuen
Rhythmus, des Spiels oder der Arbeit gerecht Tätigkeiten nachgehen, rekonstruieren wir uns
zu werden, veranschaulicht, wie geschickt sich selbst.
das Selbst auf die Umgebung abstimmt, damit
Verhalten entsteht.
2.5 Schlussfolgerung

Selbstorganisation durch Dieses Kapitel begann mit der Erläuterung the-


Betätigungsverhalten oretischer Annahmen zum Modell der mensch-
lichen Betätigung. Anhand von Systemkonzep-
Betätigungsverhalten ist ein dynamischer Pro- ten habe ich versucht, eine Grundlage für eine
zess, durch den wir die Organisation unseres bestimmte Sichtweise menschlicher Betätigung
Körpers und unseres Bewusstseins aufrechter- zu schaffen. In den folgenden Kapiteln versu-
halten. Bei der Arbeit, beim Spiel und bei der chen wir wieder anhand von Systemkonzepten,
Erfüllung alltäglicher Aufgaben zeigen wir nicht eine Erklärung dafür zu finden, wie und warum
nur einfach ein bestimmtes Betätigungsverhal- Personen bestimmten Betätigungen nachgehen.
ten. Wir organisieren bzw. regulieren uns selbst. Wir erweitern diese Grundlage um zusätzliche
Im Kontext bestimmter Betätigungen setzen Konzepte, die uns menschliche Betätigung bes-
wir unseren Körper und unser Bewusstsein ein ser verstehen lassen. Im Anschluss daran zie-
und organisieren beides entsprechend. Durch hen wir ebenfalls Systemkonzepte heran, um
Betätigungen erhalten wir unsere motorischen Beeinträchtigungen innerhalb des menschli-
Fähigkeiten, unser Selbstbild und unsere soziale chen Systems zu erklären. Wir untersuchen, wie
Identität. Durch Betätigungsverhalten erschaf- Krankheit, Trauma, umweltbedingter Stress und
fen wir uns selbst. Lebensstile eine Desorganisation im System
Durch Gitarre spielen, Tippen oder Auto bewirken können. Abschließend beleuchten wir
fahren verinnerlichen Menschen die Verhaltens- aus verschiedenen Blickwinkeln, welche Bedeu-
formen eines Gitarristen, eines Sekretärs und tung die systemische Denkweise hat, wenn wir
eines Autofahrers. sie im Rahmen von Datenerhebung und Inter-
vention anwenden.
Beachte I I
Betätigungsverhalten ist das Ausdrucksmittel
des menschlichen Systems innerhalb der 2.6 Schlüsselbegriffe
Möglichkeiten und Grenzen der Betätigung,
die durchgeführt wird, und der Umwelt, Allgemeine Systemtheorie
in der dieser Betätigung nachgegangen ▬ Das Universum ist ein gigantisches Ganzes,
wird. Wenn wir unser Verhalten verändern, dessen Komponenten miteinander verknüpft
formen wir uns selbst und schaffen uns die sind und voneinander abhängen.
Möglichkeit, etwas Neues zu werden. Unser ▬ Alle Phänomene sind Teil dieses übergeord-
Verhalten formt uns anhand unserer neuen neten Ganzen und teilen wichtige Merkmale.
Betätigungen. ▬ Viele Phänomene weisen ähnliche Eigen-
schaften auf.
32 Kapitel 2 · Das menschliche System

Theorie der offenen Systeme Maschine funktioniert, kann die mechanisti-


▬ Lebendige Phänomene sind dynamische, sche Metapher viele wichtige Eigenschaften
sich selbst organisierende Einheiten, die in der physikalischen Systeme nicht erklären.
2 einer ständigen Interaktion mit ihrer Umwelt ▬ Das Wachstum lebender Systeme, ihre Ent-
stehen. wicklung und Erfahrungen von Selbstbe-
wusstsein, Emotionen und Kognition wider-
Theorie der dynamischen Systeme legen den Reduktionismus.
▬ Fließt genügend Energie durch die Systeme, ▬ Die Gesetzmäßigkeiten, denen Systeme un-
entstehen spontan gänzlich neue Organisati- terworfen sind, ändern sich über die Zeit.
onszustände. ▬ Die Aspekte der Welt, deren Verhalten sich
▬ Das Verhalten der Komponenten eines dyna- am besten durch die mechanistische Denk-
mischen Systems lässt sich nicht durch ihre weise erklären lässt, können am ehesten als
individuellen Eigenschaften voraussagen. Sonderfälle innerhalb einer komplexeren
Welt verstanden werden.
Mechanistische Metapher
▬ Phänomene weisen die Eigenschaften einer Verhalten der menschlichen Systeme
Maschine auf, die bestimmten Gesetzmäßig- ▬ Das menschliche System, die zu erfüllende
keiten folgt. Aufgabe und die Umwelt tragen gleicherma-
– Jedes Phänomen (z. B. ein Atom, eine Zelle, ßen zum Aufbau eines Verhaltens bei (loser
ein Gehirn) besteht aus Teilen. Aufbau).
– Diese Teile stehen je nach Aufbau der ▬ Verhalten hat einen fließenden, improvi-
Struktur in einer Interaktion miteinander, sierenden Charakter und wird spontan im
die bestimmten Gesetzmäßigkeiten unter- Handlungskontext organisiert.
worfen ist. ▬ Das menschliche System muss nicht sämt-
▬ Um ein Phänomen zu erklären, muss man liche Anweisungen, die für ein bestimm-
seine Einzelteile kennen und wissen, wie sie tes Verhalten notwendig sind, gespeichert
sich zusammensetzen und interagieren. haben, da auch die Aufgabe und die Umge-
bung Informationen liefern.
Annahmen der reduktionistischen
Wissenschaft Selbstorganisation durch Verhalten
▬ Alle Phänomene können wie Maschinen ▬ Die physischen und mentalen Struktu-
erforscht und erklärt werden, indem man sie ren menschlicher Systeme sind die zeitlich
zerlegt und entdeckt, wie sie zusammenge- begrenzten Manifestationen eines tieferen
baut sind. dynamischen Prozesses, der ihnen zugrunde
▬ Man kann das zukünftige Verhalten eines liegt.
Systems voraussagen, wenn man seinen Auf- ▬ Die Entstehung, die weitere Existenz und
bau kennt. die Veränderung des menschlichen Systems
▬ Die Gesetzmäßigkeiten, denen ein System hängen von den zugrunde liegenden Hand-
unterworfen ist, ändern sich auch mit der lungen des Systems ab.
Zeit nicht. ▬ Das menschliche System wird durch sein
Verhalten getragen und geformt.
Grenzen der mechanistischen Denkweise ▬ Durch die Wiederholung seines Aufbaus ver-
und des Reduktionismus liert Verhalten den Charakter eines Prozes-
▬ Obwohl die physikalische Welt unter be- ses und erhält zunehmend die Form einer
stimmten Umständen tatsächlich wie eine Eigenschaft oder Struktur.
Literatur
33 2

▬ Der Prozess, durch den eine Struktur aufrecht 2.7 Literatur


erhalten wird, hat die Tendenz, sich selbst zu
erhalten, denn durch jedes Folgeverhalten Allport GW (1968) The open system in personality theory.
In: Buckley W (ed.), Modern systems research for the
erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das
behavioral scientist. Aldine, Chicago
Verhalten wieder auftritt. Bertalanffy L von (1968a) General system theory: A critical
review. In: Buckley W (ed), Modern systems research
Kontrollparameter for the behavioral scientist. Aldine, Chicago
▬ Ein Kontrollparameter ist eine Variable, die Bertalanffy L von (1968b) General systems theory. George
Braziller, New York
durch eine Veränderung ihres Werts dazu
Bertalanffy L von (1969) General system theory and psych-
führt, dass sich ein neues Verhalten auf- iatry. In: Arieti S (ed), American handbook of psychiat-
baut. ry. Basic Books, New York
▬ Er fungiert als Katalysator, indem er neue Brent SB (1978) Motivation, steady-state, and structural
Bedingungen und Anweisungen für einen development. Motivation and Emotion 2:299–332
neuen Verhaltensaufbau schafft. Brody H (1973) The systems view of man: Implications for
medicine, science and ethics. Perspectives in Biology
▬ Er leistet einen neuen Beitrag zur Gesamt-
and Medicine, Autumn, 71–92
konfiguration der Elemente, indem er die Bruner J (1990) Acts of Meaning. Harvard University Press,
Beziehung ändert, die zwischen diesen Ele- Cambridge, MA
menten besteht. Fogel A, Thelen E (1987) Development of early expressive
and communicative action: Reinterpreting the evi-
Veränderungen innerhalb dence from a dynamic systems perspective. Develop-
mental Psychology 23:747–761
des menschlichen Systems
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▬ Indem sich der Aufbau von neuem Verhalten Sarbin TR, Scheibe KE (eds), Studies in social identity.
wiederholt, stabilisieren sich neue Organisa- Praeger, New York
tionsmuster im System. Haken H (1987) Synergetics: An approach to self-organi-
▬ Verhaltensänderungen sind das Produkt zation. In: Yates FE (ed), Self-organizing systems: The
emergence of order. Plenum, New York
von:
Kamm K, Thelen E, Jensen J (1990) A dynamical systems
– Änderungen in der internen Organisation approach to motor development. Physical Therapy
des Systems und 70:763–772
– neuen Bedingungen in der Umgebung. Kelso JAS, Tuller B (1984) A dynamical basis for action sys-
▬ Auch wenn die Änderung des Kontrollpa- tems. In: Gazzaniga MS (ed), Handbook of cognitive
neuroscience. Plenum, New York
rameters linear verläuft, müssen sich die
Koestler A (1969) Beyond atomism and holism: The con-
Verhaltensänderungen nicht zwangsläufig cept of the holon. In: Koestler A, Smithies JR (eds),
auch linear entwickeln (d. h., eine gering- Beyond reductionism. Beacon Press, Boston
fügige Veränderung eines Faktors, der als Pepper SC (1942) World hypotheses. University of Califor-
Kontrollparameter fungiert, kann zu großen nia Press, Berkeley
Veränderungen im dynamischen Aufbau von Prigogine I., Stengers I (1984) Order out of chaos. Bantam
Books, New York
Verhalten führen).
Sameroff AJ (1983) Developmental systems: Contexts and
▬ Veränderungen sind manchmal drastisch evolution. In: Mussen PH (ed), Handbook of child psy-
und stellen dann eine Verwandlung dar, die chology. John Wiley & Sons, New York
zu einer völlig neuen Organisation führt. Thelen E (1989) Self-organization in developmental pro-
▬ Während sich das menschliche System im cesses: Can systems approaches work? In: Gunnar
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Laufe der Zeit vorwärts bewegt, entstehen
Minnesota symposia on child psychology (Vol. 22).
neue Gesetzmäßigkeiten. Erlbaum, Hillsdale, NJ
Thelen E, Ulrich BD (1991) Hidden skills: A dynamic sys-
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34 Kapitel 2 · Das menschliche System

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rosciences: A study program. Rockefeller University
Press, New York
Wolf PH (1987) The development of behavioral states and
expression of emotion in early infancy. University of
Chicago Press, Chicago
3

Die interne Organisation des menschlichen


Systems bei Betätigungsverhalten
Gary Kielhofner

3.1 Einleitung – 36

3.2 Das Handeln hat Vorrang – 36

3.3 Auswahl von Betätigungen: das Subsystem Volition – 37


Aktivitätswahl und Betätigungswahl – 37
Die bewusste Entscheidung – 39
Dispositionen und Selbsterkenntnis – 40

3.4 Muster innerhalb von Betätigung:


das Subsystem Habituation – 41
(Betätigungs-)Lebensstil – 41
Das Konzept der Gewohnheit – 42
Habituation und Umwelt – 43

3.5 Die Durchführung von Betätigungen:


das Subsystem Performanz – 44

3.6 Eine Heterarchie der Subsysteme – 46

3.7 Schlussfolgerung – 47

3.8 Schlüsselbegriffe – 48

3.9 Literatur – 48
36 Kapitel 3 · Die interne Organisation des menschlichen Systems bei Betätigungsverhalten

3.1 Einleitung Das bedeutet, dass Handlungen oder Aktivitäten


von natürlichen Organismen vorprogrammiert
In  Kapitel 2 wurde das Konzept des Menschen sind und entsprechend von solchen Systemen
als System vorgestellt und das Betätigungsverhal- spontan gezeigt werden (Weiss 1967; Boulding
ten als organisierter Prozess hervorgehoben. In 1968; von Bertalanffy 1968a, 1968b, 1969).
3 diesem Zusammenhang haben wir Eigenschaften
von Systemen beschrieben, die Menschen ebenso Beachte I I
aufweisen wie andere organisierte Systeme. In Wenn wir beim menschlichen System davon
diesem Kapitel soll nun auf der Grundlage der sys- sprechen, dass Aktivität spontan entsteht,
temischen Sichtweise eine detailliertere Theorie wollen wir damit sagen, dass der Mensch
entwickelt werden, mit deren Hilfe sich die Orga- von Natur aus zum Handeln bestimmt ist.
nisation des menschlichen Systems dann erklären
lässt, wenn es um sein Betätigungsverhalten geht.
In Theorien der Psychologie wird diese Veranla-
gung als Antrieb zu oder Wunsch nach geistiger
3.2 Das Handeln hat Vorrang und physischer Aktivität bezeichnet (Berlyne
1960; DeCharms 1968; Florey 1969; McClelland
Wie in  Kapitel 1 erwähnt, beinhaltet das Wort 1961; Reilly 1962; Shibutani 1968; Smith 1969;
Betätigungsverhalten die Begriffe Handeln, Akti- White 1959).
vität und Tun. Wodurch entsteht jedoch eine Hand- Eine zweite Beobachtung der in  Kapitel 2
lung? Warum ist Handeln für das menschliche diskutierten Systemtheorien besagt, dass Han-
Leben so grundlegend? Systemtheoretiker versu- deln oder Verhalten bei menschlichen Syste-
chen, diese Fragen zu beantworten, indem sie be- men erforderlich ist, um ihre Organisation zu
tonen, dass spontane Aktivität die fundamentalste schaffen und aufrecht zu erhalten. Körperliche
Eigenschaft lebender Systeme ist (Boulding 1968; Tätigkeit ist notwendig, um die Muskelkraft zu
von Bertalanffy 1968a, 1968b, 1969). Handeln in erhalten, und wenn wir Gewicht tragen, verbes-
jeder beliebigen Form ist die Grundvorausset- sert sich dadurch die strukturelle Integrität der
zung für Leben. Bewegen wir uns auf der phylo- Knochen (Trombly 1989). Das Nervensystem
genetischen Skala von einfacheren zu komplexe- muss sensorische Informationen verarbeiten,
ren Lebensformen, können wir erkennen, dass um sich selbst zu organisieren (Berlyne 1960;
mit zunehmender Komplexität auch das grund- White 1959). Kognitive Prozesse werden durch
legende Bedürfnis zu handeln wächst und diffe- die Interaktion mit der Umwelt entwickelt und
renzierter wird. Beim Menschen ist dieses starke, aufrecht erhalten (Katz u. Ziv 1992).
alles durchdringende Bedürfnis nach Handlung
sehr eng mit dem komplexen Nervensystem ver- Beachte I I
bunden. Bertalanffy bemerkt z. B. (1969): Ordnung oder Organisation innerhalb des
gesamten menschlichen Systems entsteht
» Auch ohne externe Stimuli ist der Organismus durch das zugrunde liegende Handeln oder
kein passives, sondern ein intrinsisch aktives genauer, durch das Betätigungsverhalten des
System. Die Reflextheorie geht von der Annah- Systems.
me aus, dass Verhalten primär eine Reaktion auf
externe Stimuli ist. Neuere Forschungsergeb-
nisse weisen jedoch immer deutlicher darauf Diese Beobachtung wirft eine weitere Frage auf:
hin, dass die autonome Aktivität des Nerven- Wie sieht die Ordnung des menschlichen Sys-
«
systems... der primäre Faktor ist (S. 709). tems aus, die durch Betätigungsverhalten ent-
3.3 · Auswahl von Betätigungen: das Subsystem Volition
37 3

steht und dieses gleichzeitig auch fördert? Das Wie wir später noch näher erläutern werden,
Betätigungsverhalten eines jeden Menschen ist stellen diese drei Subsysteme Kombinationen
der Ausdruck der universellen menschlichen von Strukturen und Funktionen dar, die Teil
Veranlagung zum Handeln. Dennoch ist das eines integrierten Ganzen sind und gemein-
Verhalten jedes Menschen einzigartig. Diese sam mit Umweltfaktoren darauf hinarbeiten,
Einzigartigkeit entsteht durch die interne Orga- dass das menschliche System Betätigungsver-
nisation. halten aufbauen kann. Indem ich die komple-
Die interne Organisation ist auf dreierlei Art xe Organisation des menschlichen Verhaltens
und Weise am Aufbau von Betätigungsverhalten begrifflich in mehrere Bestandteile zerlege,
beteiligt: trenne ich künstlich, was beim Menschen von
▬ Betätigungsverhalten entsteht aus den Aus- Natur aus miteinander verknüpft ist. Mit ande-
wahlmöglichkeiten, die sich aus den verschie- ren Worten:
denen Motiven für Tätigkeiten ergeben.
▬ Betätigungsverhalten weist Regelmäßigkeit Beachte I I
und Muster auf. Das bedeutet, dass Individuen Auch wenn von drei getrennten Subsyste-
eine erstaunliche Beständigkeit zeigen, wenn men die Rede ist, darf man nicht vergessen,
sie Tätigkeiten auswählen und ausführen. dass es sich dabei lediglich um drei verschie-
▬ Betätigung ist ein Ausdruck der zugrunde dene Aspekte der Gesamtorganisation des
liegenden Fähigkeiten. Wenn wir Betäti- menschlichen Systems handelt.
gungsverhalten hervorbringen, greifen wir
auf eine Vielzahl geistiger und körperlicher
Fähigkeiten zurück. Im Folgenden werde ich noch ausführlicher auf
diese Subsysteme und ihre Organisation inner-
Um zu erklären, wie ein bestimmtes Betäti- halb des menschlichen Systems eingehen.
gungsverhalten ausgewählt wird, aus welchen
Mustern es sich zusammensetzt und wie es aus-
geführt wird, wird der Mensch hier als ein aus 3.3 Auswahl von Betätigungen:
drei Subsystemen bestehendes System konzep- das Subsystem Volition
tualisiert. Diese Subsysteme sind Volition, Habi-
tuation und Performanz. Aktivitätswahl und Betätigungswahl

Beachte I I Menschen projizieren sich selbst in die Zukunft


Ein Subsystem besteht aus organisierten, und treffen Entscheidungen, die sich auf ihr
zueinander in Beziehung stehenden Mustern zukünftiges Leben beziehen. Es gibt eine große
(z. B. Strukturen) und Prozessen, die einem Auswahl an Betätigungen, mit denen wir Stun-
gemeinsamen Zweck dienen. den, Tage und Wochen unseres Lebens füllen
könnten. Innerhalb der nächsten Stunde werden
sich die meisten Leser dazu entschließen, die-
▬ Das Subsystem Volition dient dazu, ein be- ses Buch beiseite zu legen (dies ist ein Beispiel
stimmtes Betätigungsverhalten zu wählen. – kein Vorschlag!). Wenn der Leser diese Ent-
▬ Das Subsystem Habituation zielt darauf ab, scheidung nicht gerade deshalb getroffen hat,
das Betätigungsverhalten in Muster oder weil er einer bereits geplanten anderen Aktivität
Routinen zu strukturieren. nachgehen muss, wird er jetzt entscheiden, was
▬ Das Subsystem Performanz ermöglicht die er- er als nächstes machen möchte, und wird wäh-
folgreiche Durchführung von Betätigungen. rend der nächsten Aktivität entscheiden, wann
38 Kapitel 3 · Die interne Organisation des menschlichen Systems bei Betätigungsverhalten

er diese Aktivität beendet und ob er etwas Neues gen. Dabei handelt es sich um Betätigungen, die
beginnen will. ein längerfristiger oder permanenter Bestandteil
Diese Art der Entscheidungen, die täglich des Lebens werden sollen. Die meisten Men-
zu treffen sind, bezeichnen wir von nun an schen, die dieses Buch lesen, haben sich z. B. zu
als Aktivitätswahl. Diese Wahl betrifft einzel- einem bestimmten Zeitpunkt entschieden, Ergo-
3 ne Tätigkeiten, denen man in einer begrenzten therapeut/in zu werden. Diese Art Beschluss
Zeitspanne (normalerweise Minuten oder Stun- gehört zur Kategorie der Entscheidungen, die
den) in der Zukunft nachgeht. man als Betätigungswahl bezeichnet (Heard
1977; Matsutsuyu 1971). Solche Entscheidun-
> Beispiel
gen stehen für die persönliche Verpflichtung
Weitere Beispiele für die Auswahl von Aktivitä-
(commitment), eine Handlung zu beginnen bzw.
ten sind: mit einem Freund oder einer Freun-
eine Betätigungsaktivität über einen bestimmten
din zu Mittag essen, ins Kino oder Einkaufen
Zeitraum regelmäßig durchzuführen.
gehen, das Auto waschen, den Rasen mähen,
spazieren gehen, einen Kuchen backen, Mono- > Beispiel
poly spielen und/oder Zeitung lesen. Entscheidungen zur Betätigungswahl werden
getroffen, wenn jemand die Verpflichtung
Man spricht von einer Aktivitätswahl, wenn
eingeht, eine bestimmte Betätigungsrolle zu
Aktivitäten durch eine bewusste Entscheidung
übernehmen, z. B. Student/in oder Mutter/Vater
über das »Ob« und/oder »Wann« ausgewählt
zu werden oder eine bestimmten Beruf zu
werden. Diese Situationen können sich ergeben,
ergreifen.
wenn wir uns bewusst für oder gegen eine Akti-
vität entscheiden (z. B. wenn uns ein Freund zu Darüber hinaus kann eine Betätigungswahl auch
einer bestimmten Aktivität einlädt, wenn wir die Verpflichtung beinhalten, eine neue Aktivi-
unsere Freizeit vorausplanen, wenn wir uns ent- tät zu einem Teil unseres täglichen Lebens zu
scheiden müssen, ob wir lieber eine bestimmte machen und als solchen aufrechtzuerhalten.
Aufgabe beenden und die Zeit statt dessen mit
> Beispiel
unserem Ehepartner oder unseren Kindern ver-
Wer einem Fitnessclub beitritt und sich auch
bringen wollen). Eine Aktivitätswahl kann sich
entscheidet, regelmäßig zu trainieren, oder wer
auch aus emotionalen Zuständen heraus ergeben
sich entschließt, einem neuen Hobby nachzu-
(z. B. Müdigkeit, Ruhelosigkeit, Langeweile und
gehen, macht die neue Aktivität zum Bestand-
Angst). Die Auswahl von Aktivitäten erfordert
teil seines täglichen Lebens.
normalerweise nur eine momentane oder kurze
Überlegung, und doch sind diese Entscheidun- Schließlich kann eine Betätigungswahl auch das
gen sehr wichtig, da sie unser tatsächliches Tun Engagement mit sich bringen, persönliche Pro-
in erheblichem Maße bestimmen. jekte in Angriff zu nehmen*, die eine längere
Abfolge von Aktivitäten erfordern.
Beachte I I
Aktivitätswahl lässt sich als eine kurzfristige,
überlegte Entscheidung definieren, eine
bestimmte Betätigung oder Aktivität zu ver-
wenden, zu beginnen bzw. zu beenden. * Das Konzept der persönlichen Projekte wurde von
Little (1983) entwickelt. Er definierte sie als eine Reihe
zielgerichteter und daher zueinander in Beziehung
stehender Handlungen, die sich über einen bestimm-
Individuen treffen auch tiefer greifende oder
ten Zeitraum erstrecken. Die hier angesprochenen
weiter führende Entscheidungen über Betätigun- persönlichen Projekte entsprechen Littles Definition.
3.3 · Auswahl von Betätigungen: das Subsystem Volition
39 3

> Beispiel scheidungen entstehen durch das Subsystem


Während ich dieses Kapitel konzipiere, beschäf- Volition.
tige ich mich mit meinem persönlichen Projekt,
ein Buch zu schreiben. Weitere Beispiele für Beachte I I
eine Betätigungswahl zu persönlichen Projek- Der Begriff Volition beinhaltet die Begriffe
ten sind die Entscheidungen, eine neue Spra- Willen bzw. bewusste Entscheidung. Ich
che zu lernen, einen neuen Zaun zu bauen, ein habe diesen Begriff gewählt, um zu betonen,
Kleid zu nähen oder einen Fortbildungskurs zu dass Verhalten als bewusster Prozess abläuft
belegen. und damit im Kontrast zu anderen Motivati-
onskonzepten steht, bei denen die bewusste
Eine Betätigungswahl ist üblicherweise das Entscheidung eher zweitrangig ist.
Ergebnis eines längeren Denkprozesses. Zu
diesem Entscheidungsprozess kann gehören,
dass man Informationen sammelt, nachdenkt, Bei psychoanalytischen und behavioristischen
sich verschiedene Möglichkeiten vorstellt, ver- Ansätzen zur Motivation wird das Verhalten z. B.
schiedene Alternativen abwägt usw. Durch das als Produkt eines zugrunde liegenden Triebes
Abwägen der Auswirkungen und der Bedeutung angesehen, der keiner bewussten Kontrolle un-
eines Handlungsablaufs über einen bestimm- terliegt (DeCharms 1968; Florey 1969; Freud
ten Zeitraum entsteht eine Verpflichtung. Ich 1937/1960; White 1959). Diese Triebe entste-
spreche deshalb davon, dass Betätigungswahlen hen durch bestimmte vegetative Zustände (z. B.
selbst auferlegte Verpflichtungen mit sich brin- Hunger und Sexualtrieb) und motivieren den
gen, weil sie nicht auf einmal, sondern quasi in Organismus dazu, Befriedigung zu suchen und
Serie ausgeführt werden. Uns ist nicht immer zu erlangen. Das bedeutet, dass durch entspre-
bewusst, dass das Ziel unserer Betätigungswah- chendes Verhalten die Spannung gelöst wird,
len davon abhängig ist, ob wir das erforderli- die in Verbindung mit diesen Trieben entsteht.
che Verhalten erfolgreich durchführen, ob wir Ich möchte den Einfluss solcher Triebe auf das
die Anstrengung über einen Zeitraum hinweg menschliche Verhalten nicht gänzlich bestreiten.
aufrecht erhalten oder neue Verhaltensmuster Die Motivation muss jedoch als komplexes und
etablieren können. mehrdimensionales Phänomen angesehen wer-
den. Sie kann beides beinhalten, sowohl unbe-
Beachte I I wusste Triebe als auch Verhaltensentscheidungen,
Betätigungswahlen sind das Engagement die nicht allein durch das Konzept der unbewuss-
bzw. die selbst auferlegte Verpflichtung, eine ten Triebe erklärt werden können. Und doch liegt
Betätigungsrolle bzw. eine neue Gewohnheit meinem Modell die Annahme zugrunde, dass
anzunehmen oder ein persönliches Projekt Betätigungsverhalten einen einzigartigen Verhal-
durchzuführen. tensbereich darstellt, der sich in erster Linie aus
Aktivitäts- oder Betätigungswahlen ergibt.

Die bewusste Entscheidung


Beachte I I
Auch wenn das Betätigungsverhalten viel-
leicht noch von anderen Motiven beeinflusst
Aktivitätswahlen und Betätigungswahlen haben oder beeinträchtigt wird, besteht die ent-
gemeinsam einen sehr großen Einfluss darauf, scheidende Motivation für Betätigung doch
durch welche Art von Betätigungsverhalten

unser tägliches Leben geprägt wird. Diese Ent-
40 Kapitel 3 · Die interne Organisation des menschlichen Systems bei Betätigungsverhalten

Interpretation von Erfahrungen führt zu Selbst-


darin, dem Bedürfnis zu handeln bewusst erkenntnis oder zum Bewusstsein, dass wir in
Ausdruck zu verleihen. Dem bewussten Aus- der Welt aktiv teilnehmen und diese gestalten.
druck geht ein Denkprozess voraus.* Diese Selbsterkenntnis ermöglicht es uns, kom-
plexe Vorstellungen von der Zukunft und von
3 den damit zusammenhängenden Möglichkeiten
zu entwickeln. Sie trägt somit zum reflektierten
Dispositionen und Selbsterkenntnis Entscheidungsprozess bei der Wahl von Tätig-
keiten bei.
Bruner (1990) geht davon aus, dass sich »unsere
Wünsche und unsere Handlungen durch symbo- Beachte I I
lische Mittel ausdrücken« (S. 22). Er sagt damit, Volition lässt sich definieren als ein System
dass unser Bewusstsein das Medium für vergan- aus Dispositionen und Selbsterkenntnis,
gene Erfahrungen und zukünftige Möglichkeiten das Personen in die Lage versetzt und befä-
ist, mit dessen Hilfe wir uns für unser Handeln higt, Betätigungsverhalten zu erwarten, aus-
entscheiden. Auf der Grundlage dieser Aussage zuwählen, zu erfahren und zu interpretieren.
möchte ich die These aufstellen, dass Entschei-
dungen für Betätigungsverhalten von Dispositio-
nen und Selbsterkenntnis beeinflusst werden. Unsere persönliche Geschichte der Erfahrung
und Interpretation von Betätigungsverhalten
Beachte I I ergibt eine gewisse Struktur an Dispositionen
Dispositionen sind emotionale und kog- und Selbsterkenntnis. Wie in ⊡ Abb. 3.1 darge-
nitive Einstellungen zu Betätigungen. Sie stellt, ermöglichen Volitionsdispositionen und
entstehen durch Erfahrungen und spiegeln Selbsterkenntnis den Prozess, innerhalb dessen
gleichzeitig auch die Antizipation /Erwar- Individuen eine bestimmte Aktivität oder ein
tung zukünftiger Erfahrungen wider.

* Laut früheren Thesen besteht das Motiv für Betäti-


So unterstützt die Erfahrung, Freude bei einer gungsverhalten in einem Drang nach Handeln. Dazu
Tätigkeit zu empfinden, die Disposition, sich von äußerte Nelson (1988), dass andere Motive (z. B. die Er-
wartung, finanziell belohnt zu werden) in den komple-
dieser Tätigkeit angezogen zu fühlen. Der Reiz
xen Motivationszusammenhang eindringen können,
dieser Tätigkeit besteht zum Teil darin, dass das der z. B. die Berufswahl beeinflusst. In ähnlicher Weise
Vergnügen antizipiert wird. Jedes Mal, wenn wir stellen wir fest, dass einige Aufgaben des täglichen
uns für eine bestimmte Aktivität entscheiden, Lebens (z. B. die Zubereitung von Mahlzeiten) zum Teil
antizipieren/erwarten wir eine bestimmte Erfah- dazu dient, grundlegende Bedürfnisse wie Hunger zu
rung oder ein bestimmtes Ergebnis. Die Wahl, am befriedigen. Vergleichbar haben Freizeitaktivitäten wie
ein Rendezvous oder Diskobesuche auch eine sexuelle
Samstagabend mit Freunden Karten spielen, für
Komponente. Daher ist es unmöglich, alle Betätigungs-
eine Prüfung zu lernen, spazieren zu gehen oder aktivitäten einem einzelnen Motiv zuzuordnen. Es ist
einen Freund anzurufen, treffen wir in Erwartung anerkannt, dass ein bestimmter Aspekt der Motivati-
eines Ereignisses, an dem wir teilnehmen möch- on allenfalls einen bestimmten Aspekt der Aktivität
ten, oder eines Ziels, das wir erreichen möchten. dominiert. Meine Argumentation wird durch diese
Aussage gestützt. Mit anderen Worten: Der Wunsch
Die Erfahrungen mit Betätigungen machen
nach Handlung oder Aktivität kommt durch das Betä-
wir natürlich nicht nur, indem wir sie durch- tigungsverhalten selbst zum Ausdruck, und das ist die
führen, sondern auch, indem wir darüber nach- dominante Energiequelle für Verhaltensweisen, die wir
denken und sie interpretieren. Der Prozess der als Betätigungsverhaltensweisen bezeichnen würden.
3.4 · Muster innerhalb von Betätigung: das Subsystem Habituation
41 3

⊡ Abb. 3.1. Subsystem Volition

bestimmtes Betätigungsverhalten wählen. Sie ver- rer physikalischen Umgebung fördert die Orga-
setzen uns dazu in die Lage, unsere Handlungen nisation von wiederkehrendem Verhalten. Auf
zu antizipieren, zu erleben und zu interpretieren. ähnliche Weise ermöglichen auch soziale Bräu-
In  Kapitel 4 beschäftigen wir uns noch einge- che und stabile soziale Muster die Entwicklung
hender mit Dispositionen und Selbsterkenntnis. bestimmter Verhaltensmuster. Ein großer Teil
des sozialen Lebens ist durch Vertrautes, durch
die Wiederholung bestimmter Verhaltensmuster
3.4 Muster innerhalb von Betätigung: und durch Ereignisse, die früheren Ereignissen
das Subsystem Habituation ähneln, gekennzeichnet (⊡ Abb. 3.2).

Ein großer Teil unseres Betätigungsverhaltens


findet im Rahmen unserer gewohnten Lebens- (Betätigungs-)Lebensstil
weise statt, die wir als selbstverständlich erach-
ten. Die meisten Menschen wiederholen z. B. Die Summe aller unserer typischen Betätigungs-
fünfmal pro Woche morgens das gleiche Szena- verhaltensweisen ergibt unseren Lebensstil. Auch
rio: aufstehen, sich fertig machen und zur Arbeit wenn sich die Lebensstile verschiedener Indivi-
oder Schule gehen. Solche routinemäßigen all- duen erheblich unterscheiden können, weist jede
täglichen Handlungen laufen mit erstaunlicher Person ein übergeordnetes Muster und einen
Regelmäßigkeit ab, ohne dass es notwendig wird, Lebensrhythmus auf, die die individuelle Lebens-
darüber nachzudenken. weise ausmachen (Mitchell 1983). Lebensstile
Zum Teil entsprechen diese automatischen sind zum einen die einzigartige Erfindung ihrer
Abläufe einem zeitlichen Kreislauf, innerhalb »Besitzer« und zum anderen ein Spiegelbild der
dessen man Dinge wiederholt, vertraute Wege organisierten Lebensweise, die von den sozialen
beschreitet und bekannte Handlungssequenzen und kulturellen Gruppen vorgelebt wird, denen
erlebt. Dieser Zeitzyklus ist durch den Rhyth- ein Mensch angehört. Wir sprechen häufig von
mus der Natur vorgegeben (z. B. Tag und Nacht Lebensstilen, die für ein bestimmtes Zeitalter
und die Jahreszeiten) und wird durch soziale typisch sind, z. B. der Lebensstil der Hippies in
Konventionen ergänzt (Zeiteinteilung, die sich den 60er Jahren oder der Yuppielebensstil der
wiederholenden Muster der Woche). In diese 80er Jahre. Auch wenn der Begriff »Lebensstil«
Zeitkreisläufe drängen sich andere stabile Mus- eher mit dem Erwachsenenalter in Verbindung
ter, die durch die räumliche und soziale Umwelt gebracht wird, können wir auch bei Kindern und
hervorgerufen werden. Die Beständigkeit unse- Jugendlichen von einem Lebensstil sprechen.
42 Kapitel 3 · Die interne Organisation des menschlichen Systems bei Betätigungsverhalten

⊡ Abb. 3.2. Subsystem Habituation

Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichem


kulturellem und sozioökonomischem Hinter-
Beachte I I
Wird ein Verhalten wiederholt gewählt,
grund können ein vollkommen unterschiedli-
bleibt es letztlich selbständig bestehen.
ches Leben führen. Und auch die Lebensstile
von Kindern mit berufstätigen Müttern, von
Kindern Alleinerziehender, von Kindern aus Kerby (1991) bezeichnet diesen Prozess als ein
Mischehen und von Kindern aus Großfamilien Ablagern von früheren Entscheidungen und
sind jeweils ganz anders. Verhaltensweisen, die sich mit der Zeit anhäufen
und ein »vereintes und vereinendes Substrat von
Beachte I I Gewohnheiten« ergeben (S. 20). Bruner (1973)
Der Betätigungslebensstil einer Person ent- spricht in ähnlicher Form von einem Prozess
spricht dem Gesamtmuster der Person und der Modularisierung, innerhalb dessen Ver-
der Art und Weise, wie sie mit Tätigkeiten haltensmuster aufgebaut werden. Wiederholte
umgeht. Handlungen dienen dazu, eine interne Struk-
tur aufzubauen. Auf dieser Grundlage können
sich dann Handlungen derselben Art in Zukunft
Der Betätigungslebensstil eines Menschen zeigt semi-autonom entfalten (Koestler 1969).
sich in seinem Tun innerhalb der sozialen Struk- Manchmal verselbständigen sich diese Ver-
turen, denen er angehört (z. B. Familie, Schu- haltenstendenzen, ohne dass wir es wollen.
le, Arbeit und andere Gruppen), und in der
> Beispiel
zeitlichen Organisation seines Tages- oder Wo-
Obwohl wir uns bewusst sind, dass wir die
chenablaufs. Lebensstile können auch frühere
Küche umgeräumt haben und das Müsli jetzt
Entscheidungen für ein bestimmtes Betätigungs-
einen neuen Platz hat, gehen wir zu dem Regal,
verhalten widerspiegeln, doch sie werden immer
in dem es früher stand. Oder wir stellen fest,
durch Kräfte aufrecht erhalten, die innerhalb des
dass wir uns einem neuen Partner, Chef oder
Lebensmusters für Routine und Stabilität sorgen.
Mitarbeiter gegenüber genauso verhalten, wie
wir es aus der Vergangenheit kennen – obwohl
wir es anders beabsichtigt hatten.
Das Konzept der Gewohnheit
Um das Subsystem zu bezeichnen, das für die
Sobald wir bestimmte Entscheidungen wieder- Bildung dieser semi-autonomen Verhaltensmus-
holt treffen oder sie konsequent verfolgen, ver- ters zuständig ist, verwenden wir den Begriff
liert sich interessanterweise die Notwendigkeit, Habituation. In der Biologie und in der Verhal-
vor diesen Entscheidungen zu überlegen. tensforschung versteht man unter Habituation
3.4 · Muster innerhalb von Betätigung: das Subsystem Habituation
43 3

die Anpassung des Organismus an bestimmte Kultur und Gesellschaft beeinflusst wird, und die
Bedingungen oder Stimuli in der Umwelt bis zu Art, auf die wir Handlungen organisieren.
dem Grad, ab dem diese Faktoren keinen Ein-
fluss mehr auf den Organismus haben (Tighe u. Beachte I I
Leaton 1976). Menschen beispielsweise, die an Habituation lässt Verhaltenswiederholungen
einem Ort leben oder arbeiten, wo es ständig wahrscheinlicher werden. Das System wird
laut ist oder nach etwas Bestimmtem riecht, nämlich immer wieder auf die gleiche Weise
hören irgendwann auf, den Lärm oder Geruch organisiert, wenn es darum geht, auf bestimm-
zu bemerken. In der hier vorgestellten Theorie te Aufgabenstellungen oder die physikalische
wird der Begriff »Habituation« allerdings ganz oder soziokulturelle Welt zu reagieren.
anders verwendet.*

Folglich spiegelt die Habituation eines Men-


Habituation und Umwelt schen die physikalischen und soziokulturellen
Eigenschaften der Umgebung wider, in denen er
»Habituation« bezeichnet das Subsystem, das handelt. Die Struktur des Subsystems Habitua-
dem Menschen eine semi-autonome Interaktion tion erlaubt es uns, innerhalb unserer verschie-
mit seinen Umwelten ermöglicht. Vorausgesetzt, denen Lebensräume (habitats, daher eignet sich
es herrschen die entsprechenden Umweltbedin- der Begriff »Habituation«) automatisch zu funk-
gungen, werden wir unser Verhalten derart ge- tionieren. Die Lebensräume oder Umgebungen,
stalten, dass es dem Verhalten, das in der Ver- in denen Tätigkeiten ausgeführt werden, haben
gangenheit gezeigt wurde, sehr stark ähnelt. Der drei Dimensionen:
Begriff Habituation bezeichnet Verhaltensmus- ▬ die zeitbezogene,
ter. Beispiele für Habituation sind folglich sowohl ▬ die physikalische und
unsere Muster, nach denen wir täglich unsere Zeit ▬ die soziale Umwelt.
einteilen, als auch unser jeweiliger Stil, der durch
Beachte I I
Das Subsystem Habituation ist so aufgebaut,
dass es zeitliche Hinweise und Zeitrahmen,
die sich wiederholen, erkennen und darauf
* Das Konzept der Gewohnheit war Anfang des Jahr-
hunderts im Bereich der Psychologie von Bedeutung. reagieren kann.
Gewohnheit galt als Beweis dafür, dass Erfahrungen,
die in der Umwelt gesammelt werden, im Nervensys-
tem verschlüsselt werden. Man vertrat die Ansicht, dass > Beispiel
erlernte Gewohnheitsreaktionen ähnlich wie Reflexe Die aufgehende Sonne oder unser Wecker kön-
ablaufen. Die extremste Haltung vertat der Behavio-
nen als tägliche Hinweise angesehen werden,
rismus: Hier galten die konditionierten Gewohnheiten
die zusammen mit dem Subsystem Habituation
als die Bausteine, auf denen die individuellen Persön-
lichkeiten und ganze Gesellschaften aufgebaut sind. eine Sequenz verschiedener Verhaltensweisen
Dieses Konzept entspricht der in  Kapitel 2 diskutier- einleiten, die morgens innerhalb eines relativ
ten mechanistischen Perspektive. Unsere Sichtweise festgelegten Zeitrahmens stattfinden. Jeden
der Habituation ist eine andere. Habituation ist unserer Morgen veranlasst mich mein Wecker zu einer
Ansicht nach eher eine allgemeine Disposition, sich
Sequenz von mehr oder weniger festen Verhal-
unter Berücksichtigung der jeweiligen Umstände auf
eine bestimmte Art zu verhalten. Sie kann daher nicht tensweisen: duschen, rasieren, anziehen, früh-
als ein »mechanisierter Ablauf verschlüsselter Hand- stücken, verabschieden, zum Bahnhof fahren,
lungen« angesehen werden. mit dem Zug in die Stadt und mit einem Bus zu
44 Kapitel 3 · Die interne Organisation des menschlichen Systems bei Betätigungsverhalten

meinem Büro fahren. All dies vollzieht sich mit


erstaunlicher Beständigkeit in den ersten drei
Beachte I I
Auch in der sozialen Welt ist unser Verhalten
Stunden des Tages. Eine Änderung dieser Rou-
von Gewohnheiten geprägt. Wir zeigen eine
tine erfordert entweder einen expliziten Wil-
konstante Identität und konstante Verhal-
lensakt meinerseits oder den Eingriff der Natur
tensweisen, je nachdem, in welchem sozialen
3 (z. B. einen Schneesturm oder die Erkrankung
Kontext unseres Lebens wir uns befinden.
eines der Kinder).

Das Beispiel veranschaulicht, dass dieses ge- Ob wir uns als Kassierer im Supermarkt, als
wohnte Verhalten auch die Interaktion mit Elternteil, als Mitglied einer Band oder als Nach-
einer physikalischen Welt aus Dusche, Rasier- bar verhalten – stets zeigen wir automatische
zeug, Kleidung, Auto, Zug und Bus erfordert. und wiederkehrende Verhaltensweisen.
Obwohl es sich hier in erster Linie um einen
individuellen Tagesablauf handelt, erfordert er Beachte I I
dennoch einen Hintergrund aus sozialen Syste- Das Subsystem Habituation ist eine interne
men, zu denen u. a. meine Familie und die Uni- Strukturierung von Informationen, die dem
versität gehören, an der ich arbeite. Wenn ich menschlichen System dazu verhilft, sich
mit der Arbeit beginne, wird mein Tagesablauf wiederholende Verhaltensmuster zu zeigen
von einem formelleren Zeitplan und von den (s. ⊡ Abb. 3.2).
Beziehungen innerhalb der sozialen Welt meines
Arbeitsplatzes bestimmt. Die Routine und die
Aspekte meines Verhaltens, die sich wiederholt Diese Verhaltensmuster werden den Eigenschaf-
zeigen, beziehen sich insbesondere auf die zeit- ten der gewohnten Aufgaben und der zeitlichen,
liche, physikalische und soziale Welt, die mich physikalischen und sozialen Umwelt angepasst.
normalerweise umgibt. Sie spiegeln sich wider im täglichen Routine-
Wie sehr ich mich daran gewöhnt habe, mich verhalten, im Stil oder der Art von Betätigungs-
in diesen spezifischen Welten zu bewegen, wird durchführung und in den Mustern, wie wir in
deutlich, wenn ich reise, um einen Workshop zu die soziale Welt eingebunden sind.
leiten oder an einer Konferenz teilzunehmen.
Bei solchen Gelegenheiten muss ich mir mein 3.5 Die Durchführung
Tun sehr viel bewusster machen – wie ich mich von Betätigungen:
im Hotelzimmer zurechtfinde, wohin ich mich das Subsystem Performanz
wende, um Dinge zu erledigen, und mit wem
ich es dabei zu tun habe. Um in dieser Situation Das dritte Problem, das uns betrifft, ist die Per-
meiner üblichen Morgenroutine zu folgen, brau- formanz täglicher Betätigungen.
che ich mehr Energie und ich muss mir mehr
Gedanken als sonst machen. Einer der Vortei- Beachte I I
le der Habituation besteht also darin, dass sie Unter Performanz verstehen wir die spon-
Energie spart und ein freies Bewusstsein schafft, tane Zusammenstellung der Handlungen,
damit wir uns bei routinemäßigen Aufgaben die für ein bestimmtes Betätigungsverhalten
auch mit anderen Dingen beschäftigen können. erforderlich sind.
Habituation manifestiert sich zudem in unse-
ren zwischenmenschlichen Beziehungsmustern.
Unsere Welt besteht aus Menschen und aus Wie die Definition bereits verrät, müssen wir für
Gegenständen. die Durchführung bestimmter Tätigkeiten auf
3.5 · Die Durchführung von Betätigungen: das Subsystem Performanz
45 3

latente Fähigkeiten unseres Körpers und unseres


Geistes zurückgreifen. Sowohl bei den einfachs- keine detaillierten Anweisungen zur Durch-
ten (z. B. die Schuhe zubinden oder eine Jacke führung. Allerdings muss es so weit struktu-
zuknöpfen) als auch bei komplexeren Aufgaben riert sein, dass es den Aufbau kompetenten
(ein Haus bauen, ein Lied oder ein Gedicht Betätigungsverhaltens ermöglichen kann.
schreiben, ein Flugzeug entwerfen) verfügen
die Menschen über die erstaunliche Fähigkeit,
den eigenen Körper einzusetzen, um die externe Theorie und Praxis der Ergotherapie haben
Welt so zu verändern, wie es ihren Vorstellungen immer die Bedeutung der Komponenten, die
und Wünschen entspricht. einer kompetenten Handlung zugrunde liegen,
anerkannt. Traditionell gelten der Geist (ein-
Beachte I I schließlich perzeptiver und kognitiver Prozesse)
Performanz beinhaltet ein komplexes und das Nerven- und skellettmuskuläre Sys-
Wechselspiel zwischen skelettmuskulären, tem als entscheidende Faktoren für die Betäti-
neurologischen, perzeptiven und kognitiven gungsperformanz. Andere Körpersysteme wie
Phänomenen, die es zu koordinieren gilt. das Herz-Kreislauf- und das Verdauungssys-
tem werden als Energielieferanten betrachtet,
die die neuromuskulären Vorgänge aufrecht
Das Performanz-Subsystem bezieht sich auf die erhalten.
Organisation der genannten Komponenten.
Wir haben in  Kapitel 2 darauf hingewiesen, Beachte I I
dass am Aufbau einer geschickten Performanz Das Subsystem Performanz bezieht sich
stets viele verschiedene Faktoren innerhalb wie auf die Organisation der körperlichen und
auch außerhalb des menschlichen Systems betei- geistigen Bestandteile, die gemeinsam die
ligt sind. Fähigkeit zur Betätigungsperformanz aus-
machen.
Beachte I I
Das Performanz-Subsystem der Einheit von
Geist-Gehirn-Körper ist keine Maschine, Es liefert die internen Faktoren, die zusammen
die Performanz verursacht. Es enthält auch mit der Aufgabe und der Umwelt dazu beitra-
gen, dass fähige Performanz aufgebaut werden

kann (⊡ Abb. 3.3).

⊡ Abb. 3.3. Subsystem Performanz


46 Kapitel 3 · Die interne Organisation des menschlichen Systems bei Betätigungsverhalten

3.6 Eine Heterarchie der Subsysteme Wann und wie ein Subsystem zum Aufbau
von Verhalten beiträgt, hängt von den äußeren
Ich habe die These aufgestellt, dass sich das Umständen und dem allgemeinen dynamischen
menschliche System aus drei Subsystemen Zustand des Gesamtsystems ab.
zusammensetzt (⊡ Abb. 3.4). Jedes Subsystem Erfordert eine Aufgabe oder eine Umwelt-
3 besteht aus einer kohärenten Kombination von barriere die bewusste Lösung eines Problems,
Strukturen und Prozessen, die wiederum inner- so dominiert möglicherweise das Subsystem
halb des größeren Systems organisiert sind. Performanz, während im Hintergrund das Sub-
Mit anderen Worten: Jedes Subsystem hat system Habituation den Problemlösestil beein-
seine eigene interne Organisation, die innerhalb flusst. Wird jedoch eine wichtige Betätigungs-
gewisser Grenzen die Funktionsweise bestimmt. wahl getroffen, so kann das Subsystem Voliti-
Die Subsysteme sind miteinander verknüpft und on die Aufmerksamkeit des Individuums stark
bilden gemeinsam das übergeordnete Ganze des dominieren. Folglich führt die Entscheidung
menschlichen Systems. Dieses übergeordnete zum Aufbau eines neuen Verhaltens, das von
Ganze übt seine Organisationsfunktionen aus, den alten Mustern abweicht. In anderen Fällen,
indem es die jeweils erforderlichen Beiträge der in denen Entscheidungen über unser Handeln
anderen teilnehmenden Subsysteme integriert. nicht hinreichend durch die Volition getroffen
Damit das menschliche System im Alltagsle- werden können, leitet uns die gewohnte Routine
ben richtig funktioniert, müssen die drei inter- bei unseren Betätigungen.
nen Subsysteme zur Kooperation fähig sein. Sie
müssen zu einer Heterarchie* verbunden sein, Beachte I I
die alle zu der Handlung beitragen, die vom Verhalten entsteht manchmal durch Moti-
Individuum auszuführen ist. vation (Subsystem Volition) und manchmal
lediglich durch Gewohnheit (Subsystem
Beachte I I Habituation). In einigen Fällen wird es jedoch
Das Konzept der Heterarchie betont, dass die einfach durch die gestellte Aufgabe erforder-
Funktionen, die die drei Subsysteme bei allen lich (Subsystem Performanz).
Operationen des Gesamtsystems ausüben,
zwar unterschiedlich sind, sich aber gegen-
seitig ergänzen. Zudem macht das Konzept
deutlich, dass sich die funktionellen Bezie- * In der vorherigen (englischen) Ausgabe dieses
hungen zwischen den drei Subsystemen im Buches wurden die drei Subsysteme als eine Hierar-
Laufe der Zeit ändern. chie dargestellt, an deren oberen Ende die Volition
und an deren unteren Ende die Performanz angesie-
delt war. Hierarchische Prinzipien spielten in älteren
Veröffentlichungen über Systemtheorien stets eine
wichtige Rolle, aktuelle Ansichten lehnen die Vorstel-
lung von festen Hierarchien in jeder Art von Syste-
men jedoch ab. Obwohl sich funktionelle Hierarchien
bilden können, wenn eine Komponente des Systems
Subsystem Volition zu einem Kontrollparameter wird, sind solche Anord-
Subsystem Habitutation nungen weder permanent noch unbedingt notwen-
Subsystem Performanz dig. Das Konzept der Heterarchie geht davon aus,
dass sich Systeme jeweils nach den Anforderungen
der Situation richten, in der sie funktionieren müs-
sen, und sich nicht an vorher bestimmte oder feste
⊡ Abb. 3.4. Das menschliche System Strukturen halten.
3.7 · Schlussfolgerung
47 3

Obwohl zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils spontan aus dem System heraus. Darüber hin-
eines der Subsysteme dominieren (z. B. als Kon- aus hilft das Betätigungsverhalten, die Organi-
trollparameter dienen) kann, arbeiten die drei sation des menschlichen Systems zu entwickeln
Subsysteme üblicherweise in Einklang mitein- und aufrecht zu erhalten. Bei dem Versuch, die
ander und leisten gleichzeitig ihre Beiträge zum Beschaffenheit dieser Struktur aufzudecken,
Aufbau von Verhalten. habe ich festgestellt, dass die Faktoren Motiva-
tion, Gewohnheit und Performanz des Betäti-
> Beispiel
gungsverhaltens von fundamentaler Bedeutung
Jemand duscht täglich und fährt regelmäßig
sind und daher mit Hilfe unserer Theorie erklärt
zur Arbeit – Betätigungen, die durch Habi-
werden müssen. Daran anschließend stellte ich
tuations- und Performanzsystem geleitet
die These auf, dass das menschliche System aus
werden. Gleichzeitig kann die Person auch
drei Subsystemen besteht:
darüber nachdenken, ob sie später am Tag eine
▬ Das Subsystem Volition ist eine Struktur aus
bestimmte Aktivität durchführen wird, oder sie
Dispositionen und Selbsterkenntnis, die die
kann ein langfristiges Betätigungsziel planen.
Betätigungs- und Aktivitätswahl, die Erfah-
Viele Aspekte der alltäglichen Performanz wei-
sen diese Mehrschichtigkeit auf, in der die simul-
tanen Vorgänge der Subsysteme zum Ausdruck
kommen. In den meisten Fällen werden wir * Dewey (1922) erkannte die ergänzende Rolle, die der
Willen bzw. die Volition bei moralischem Verhalten ein-
feststellen, dass der Verhaltensaufbau durch das
nimmt. Laut Dewey vernachlässigen etliche Diskussio-
Zusammenspiel aller drei Subsysteme zustande nen über Moral, bei denen der Schwerpunkt auf Inten-
kommt. Diese Sichtweise, die besagt, dass Ver- tionalität liegt, die Tatsache, dass viele Aspekte mora-
halten durch simultane Beiträge der Subsysteme lischen Fehlverhaltens beim Menschen damit zu tun
Volition, Habituation und Performanz beein- haben, dass Muster für unmoralisches Verhalten beste-
hen und dass deshalb keine aktuellen Entscheidungen
flusst wird, liefert eine ausgewogenere und ganz-
notwendig sind. Eine jüngere Studie von Camic (1986)
heitlichere Erklärung von Verhalten als andere weist darauf hin, dass die Sozialwissenschaften so sehr
Modelle, die den einen oder anderen Aspekt von mit der Klärung der Begriffe »zielgerichtet, rational,
Verhalten besonders betonen.* freiwillig, entscheidungsgebunden« beschäftigt sind
(S. 1040), dass sie völlig außer acht lassen, wie wichtig
Beachte I I die Gewohnheit bei der Bildung beständiger Verhal-
tensmuster ist. Ähnliche Kritik könnte man bei vielen
Betätigungsverhalten ist stets ein komplexes psychologischen Theorien über Verhalten anbringen.
Zusammenspiel zwischen unseren Motiven, Hier werden die Motive für Verhalten teilweise so
Gewohnheiten, Fähigkeiten und Kontexten. sehr in den Vordergrund gestellt, dass jedes Verhalten
Wenn man diese unterschiedlichen Faktoren einem latenten oder unbewußten Motiv zugeschrie-
nicht einbezieht, kann man Betätigungsver- ben wird, ohne dass die Frage geklärt wird, wie die Per-
son das Verhalten hervorbringt. Andererseits könnte
halten nicht vollkommen verstehen.
man auch die Ergotherapie für ihre Tendenz kritisieren,
die Performanz zu sehr in den Vordergrund zu stellen
und die Rolle der Motive bei Betätigungsverhalten zu
vernachlässigen. Indem wir Betätigungsverhalten als
3.7 Schlussfolgerung Kombination aus Volition, Habituation und Performanz
beschreiben, berücksichtigen wir in unserem Erklä-
rungsversuch eine größere Bandbreite an Aspekten.
Zu Beginn des Kapitels habe ich darauf hinge-
Eine solche Sichtweise ist weniger eingeschränkt; so
wiesen, dass das Handeln für das menschliche wird es zwar schwieriger, Erklärungen und Synthesen
System von fundamentaler Bedeutung ist. Han- zu finden, gleichzeitig wird jedoch berücksichtigt, wie
deln in Form von Betätigungsverhalten entsteht komplex Betätigungsverhalten ist.
48 Kapitel 3 · Die interne Organisation des menschlichen Systems bei Betätigungsverhalten

rungen mit Betätigungen und die Interpreta- Subsystem Volition


tion dieser Erfahrungen beeinflusst. Das Subsystem Volition ist eine Struktur aus
▬ Das Subsystem Habituation hat die Funk- Dispositionen und Selbsterkenntnis, die Perso-
tion, die Informationen aus der wiederhol- nen zur Antizipation (Erwartung), zur Wahl,
ten Ausführung bestimmter Handlungen zu zum Erleben und zur Interpretation von Betäti-
3 ordnen, und spiegelt damit die Kontexte der gungsverhalten prädisponiert und befähigt.
Aufgabe und der Umwelt wider. Es steuert ▬ Aktivitätswahl: kurzfristige überlegte Ent-
die Ausführung von Routineverhalten. scheidung, Betätigungsaktivitäten zu begin-
▬ Das Subsystem Performanz, die Einheit von nen und zu beenden.
Geist-Gehirn-Körper besteht aus den geis- ▬ Betätigungswahl: bewusste Verpflichtung,
tigen und körperlichen Bestandteilen, die eine Betätigungsrolle bzw. eine neue Gewohn-
Betätigungsperformanz ermöglichen. heit anzunehmen oder ein persönliches Pro-
jekt in Angriff zu nehmen.
Diese drei Subsysteme bilden zusammen einen
Teil der Einheit des menschlichen Systems und Subsystem Habituation
beeinflussen gemeinsam alltägliches Betäti- ▬ Interne Struktur aus Informationen, die das
gungsverhalten. menschliche System dazu befähigt, bestimm-
Mit dieser begrifflichen Fassung beginnen te Verhaltensmuster wiederholt zu zeigen.
wir, die interne Struktur des menschlichen Sys-
tems zu erforschen. In den  Kapiteln 4 bis 6 Subsystem Performanz der Einheit von
untersuchen wir die Organisation und Funkti- Geist-Gehirn und Körper
onsweise der einzelnen Subsysteme näher. ▬ Struktur aus körperlichen und geistigen Be-
standteilen, die gemeinsam zur Betätigungs-
performanz befähigen.
3.8 Schlüsselbegriffe

Handeln innerhalb des menschlichen 3.9 Literatur


Systems
▬ entsteht spontan aus einer Disposition zu Berlyne DE (1960) Conflict, arousal, and curiosity. McGraw-
Hill, New York
handeln;
Bertalanffy L von (1968a) General system theory: A critical
▬ erhält die Ordnung oder Organisation des review. In: Buckley W (ed), Modern systems research
menschlichen Systems aufrecht. for the behavioral scientist. Aldine, Chicago
Bertalanffy L von (1968b) General systems theory. George
Das menschliche System besteht Braziller, New York
aus Subsystemen Bertalanffy L von (1969) General system theory and psych-
iatry. In: Arieti S (ed), American handbook of psychiat-
▬ Subsystem: eine organisierte Kombination ry. Basic Books, New York
aus Mustern (Strukturen) und Prozessen, die Boulding K (1968) General system theory: The skeleton of
miteinander in einer Beziehung stehen und science. In: Buckley W (ed), Modern systems research
die einen gemeinsamen Zweck verfolgen. for the behavioral scientist. Aldine, Chicago
▬ Volition wählt Betätigungsverhalten. Bruner J (1973) Organization of early skilled action. Child
Development 44:1–11
▬ Habituation organisiert Betätigungsverhal-
Bruner J (1990) Acts of meaning. Harvard University Press,
ten in Muster oder Routine. Cambridge, MA
▬ Performanz ermöglicht die Durchführung Camic C (1986) The matter of habit. American Journal of
von Betätigungen. Sociology 91:1039–1087
3.9 · Literatur
49 3

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Quarton G, Melnechuk T, Schmitt F (eds), The neu-
4

Das Subsystem Volition


Gary Kielhofner, Lena Borell, Janice Burke, Christine Helfrich und Louise Nygård

4.1 Einleitung – 52
Merkmalstheorie – 52
Alltagswissen – 53

4.2 Systemdynamik der Volition – 54

4.3 Selbstbild, Werte und Interessen – 56


Selbstbild – 56
Wissen um die eigenen Fähigkeiten – 58
Das Gefühl der eigenen Wirksamkeit – 59
Werte – 61
Interessen – 63
Persönliche Überzeugungen – 62
Pflichtgefühl – 63
Anziehungskraft – 64
Präferenz – 65
Zusammenfassung – 65

4.4 Volitionsprozesse – 66
Aktivitätswahl – 67
Betätigungswahl – 69

4.5 Schlussfolgerung – 80

4.6 Schlüsselbegriffe – 82

4.7 Literatur – 83
52 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

4.1 Einleitung selbst für unzulänglich hält. Da man davon aus-


geht, dass solche Denk- und Gefühlsmuster über
In  Kap. 3 wird das Subsystem Volition (volition lange Zeiträume relativ stabil bleiben, werden sie
subsystem) als eine Kombination von Dispositi- als dauerhafte Merkmale (»permanent traits«)
onen und Selbsterkenntnis definiert, die Indi- bezeichnet. Sie gelten als latente Motive für Ver-
viduen dazu befähigt, ihr Betätigungsverhalten halten. Eine Person ist durch die Gedanken und
zu antizipieren (gedanklich vorwegzunehmen), Gefühle, aus denen sich diese Merkmale zusam-
4 auszuwählen, zu erfahren und zu interpretieren. mensetzen, dazu prädisponiert, entsprechend zu
In  Kap. 4 stellen wir nun ein detaillierteres handeln.
Konzept des Subsystems Volition vor. Wie die Die ursprüngliche Volitionstheorie bein-
Definition bereits verrät, verweist der Begriff haltete die These, dass sich die folgenden drei
Volition auf eine große Bandbreite an Gefühlen, Merkmalsbereiche auf die Betätigungsmotivati-
Gedanken und Entscheidungen, die in Bezie- on auswirken:
hung zu unserem Betätigungsverhalten stehen. ▬ Interessen (das, woran man Freude empfin-
Gemeinsam betrachtet bilden diese Elemente det),
die Struktur der Motive für Betätigungen. ▬ Werte (das, was einem im Leben wichtig ist)
und
▬ Selbstbild (personal causation) (das, wozu
Merkmalstheorie man sich fähig fühlt/was man sich zutraut).

Unser Konzept der Volition kombiniert mehrere Im Laufe der letzten zehn Jahre sind sich Verhal-
Sichtweisen, die entwickelt wurden, um Moti- tensforscher immer stärker bewusst geworden,
vation besser zu verstehen. Die ursprüngliche dass die Traittheorie an gewisse Grenzen stößt.
Konzeption des Subsystems Volition (Kielhofner Einige Forschungsergebnisse sprechen zwar
u. Burke 1980, 1985) basierte in erster Linie dafür, dass sich Merkmale im Laufe des Lebens
auf der Merkmalstheorie (Traittheorie; engl. kaum verändern, aber andere Studien haben
Trait = Merkmal). Diese theoretische Sichtweise gezeigt, dass sich Verhalten nur sehr beschränkt
ist zwar sehr nützlich; hat aber, wie wir später anhand von Merkmalen vorhersagen oder erklä-
sehen werden, deutliche Nachteile. Um Aspekte ren lässt (Fein 1990; Hart 1992). Selbst die best-
zu berücksichtigen, die in der Traittheorie feh- erforschten Eigenschaften vermögen die Vari-
len, beziehen wir hier weitere Konzepte mit ein. abilität menschlichen Verhaltens nur zu einem
So versuchen wir, umfassendere Erklärungen für geringen Prozentsatz zu erklären.
Betätigungsmotive zu finden. Wir können uns das in der Praxis am Bei-
Das Konzept der Merkmalstheorie geht von spiel des häufig untersuchten Merkmals der
stabilen Gedanken- und/oder Gefühlsmustern Interessen verdeutlichen. Forschungsergebnisse
aus, die Individuen prädisponieren (in gewissem zeigen, dass Interessen wie handwerkliche oder
Sinne prägen), sich diesen entsprechend zu ver- künstlerische Tätigkeiten ab der späten Jugend
halten (Fein 1990; Hart 1992). Eine große Anzahl das ganze Erwachsenenalter hindurch relativ
von Merkmalen wurde begrifflich erfasst und stabil bleiben (Hart 1992).
erforscht: Die Liste reicht von Zwangsverhalten
über Angepasstheit bis hin zum Wettkampfgeist. > Beispiel
Sagt man einer Person ein bestimmtes Merkmal Interessiert sich jemand sehr für handwerkliche
wie z. B. ein niedriges Selbstwertgefühl nach, oder künstlerische Tätigkeiten, ist es relativ
heißt das: Diese Person verhält sich tendenziell wahrscheinlich, dass diese Person einen Beruf
so, wie man es von jemandem erwartet, der sich oder eine Laufbahn wählt, die diesen Interes-
4.1 · Einleitung
53 4

sen entspricht. Dennoch lässt sich nicht mit dass gerade dieses Alltagswissen die Menschen
Bestimmtheit sagen, für welchen Beruf sich eine motiviert und daher im Mittelpunkt der Motiva-
Person entscheiden wird, und man kann auch tionstheorie stehen sollte (Bruner 1990b; Gergen
nicht erklären, warum manche Personen einen u. Gergen 1983, 1988; Markus 1983).
Beruf oder eine Laufbahn wählen, der bzw. die
nicht mit ihren Interessen übereinstimmt. Beachte I I
Unter dem Begriff »Alltagswissen« werden
Beachte I I die als selbstverständlich erachteten Sicht-
Merkmale können uns etwas über die Motive weisen verstanden, mit denen bzw. durch die
für Betätigung sagen, bieten jedoch keine jeder sich selbst und sein Leben betrachtet.
umfassenden Erklärungen. Das Alltagswissen wird durch die jeweilige
Kultur geprägt, der eine Person angehört.
Mit anderen Worten: Unsere Kultur gibt uns
In einer Reihe von Studien, die auf dem Modell die Art und Weise vor, wie wir die wichtigen
der menschlichen Betätigung basieren, wurde und auch die unwichtigen Dinge im Alltag
untersucht, welchen Einfluss Volitionsmerkmale verstehen und empfinden. Dazu zählt auch
(volitional traits) auf das Anpassungsverhalten das, was wir über uns selbst erfahren.
bei Betätigungen haben (Barris et al. 1988; Bar-
ris et al. 1986; Ebb et al. 1989; Elliott u. Barris
1987; Gregory 1983; Lederer et al. 1985; Smith Daraus resultiert auch folgende These: Men-
et al. 1986; Smyntek et al. 1985). Wie auch ande- schen verhalten sich so, wie es ihnen als Mitglied
re Forschungsprojekte im Bereich der Merk- einer bestimmten Kultur mit all den damit ver-
malsforschung, zeigten diese Untersuchungen, bundenen Erfahrungen sinnvoll erscheint. Die-
dass sich mit Hilfe von Volitionsmerkmalen die ses kulturell bedingte Alltagswissen lässt sich an
Entscheidungen von Individuen besser erklären einem einfachen Beispiel aus der schwedischen
lassen und Personen mit Dysfunktionen besser und aus der nordamerikanischen Kultur veran-
von gesunden Personen unterschieden werden schaulichen.
können. Die Forschungsergebnisse verdeutlich-
ten auch, dass sich die Motive für Betätigung > Beispiel
nicht ausschließlich mit Volitionsmerkmalen In der nordamerikanischen Kultur stehen der
erklären lassen. Wettbewerb und die individuelle Selbstent-
faltung im Vordergrund. Amerikaner geben
ohne Umschweife zu, was sie gut können. Hat
Alltagswissen ein Amerikaner Schwierigkeiten zu erkennen,
worin er gut ist, wird dies wahrscheinlich als
Ist man sich bewusst, dass Merkmale die Ent- ein Zeichen für ein mangelndes Selbstwertge-
scheidungen zu Betätigungen nur teilweise erklä- fühl gedeutet. In Schweden herrscht dagegen
ren können, muss man nach zusätzlichen Erklä- eine kulturelle Tradition, in der die Kollektivität
rungen suchen. An der Merkmalstheorie kann stärker im Vordergrund steht. Man erwartet
man kritisieren, dass die Suche nach zugrunde von jedem, dass er sich als Einzelner nicht
liegenden oder latenten Merkmalen in den Vor- besonders hervorhebt. In der schwedischen
dergrund gestellt wird und die bewussten alltäg- Kultur gilt ein Mensch, der seine Fähigkeiten
lichen Erfahrungen von Individuen mit Motiven kritisch beurteilt, als jemand, der genau weiß,
für Handlungen unberücksichtigt bleiben. Eine wo sein Platz ist. Entsprechend interpretieren
Reihe von Autoren stellten die Behauptung auf, Amerikaner und Schweden das Verhalten
54 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

anderer Personen und ihr eigenes vor dem als in der Welt handelnde Wesen, eng verwo-
Hintergrund ihres jeweiligen Alltagswissens. ben mit unseren Dispositionen, einen Einfluss
Einige von uns (Autoren) sind mit dem Gedan- darauf hat, wie wir Betätigungen antizipieren
ken groß geworden, dass wir etwas gut können und auswählen und wie wir unsere Erfahrungen
und darauf stolz sein sollten, während andere interpretieren.
von uns mit der Einstellung aufgewachsen
sind, dass man das Wissen um die eigenen
4 Fähigkeiten für sich behalten sollte. 4.2 Systemdynamik der Volition

Die durch das Alltagswissen geprägten Sichtwei- In  Kapitel 2 wird die These aufgestellt, dass
sen, die Personen über sich selbst, ihr Verhalten Struktur und Prozess zwei Aspekte eines Sys-
und die Kontexte, in denen sie handeln, haben, tems sind, die miteinander in Beziehung stehen.
beeinflussen die Entscheidungen, die sie zu ihrer Zudem wird festgestellt, dass Struktur ein dau-
Handlungsweise treffen (Markus 1983). Die erhafter Organisationszustand ist, der durch den
auf Alltagswissen basierende Selbsterkenntnis Prozess oder die Tätigkeit des Systems hervorge-
bezieht sich nicht nur darauf, wer man ist, son- bracht, aufrechterhalten und umgewandelt wird.
dern auch, zu wem man werden könnte (Markus In diesem Kapitel verwenden wir das Konzept
u. Nurius 1986). Sie weist daher auch einen der Volitionsstruktur.
antizipatorischen Aspekt auf: Selbsterkenntnis
bezieht sich u.a. auf das, was wir uns wünschen, Beachte I I
wonach wir streben und was wir wertschätzen. Unter dem Begriff Volitionsstruktur verstehen
Aus diesem Grunde gehen Theoretiker davon wir ein stabiles Muster von Dispositionen und
aus, dass Selbsterkenntnis eine besonders stark Selbsterkenntnis, das durch Erfahrungen ent-
motivierende Wirkung hat (Markus u. Nurius steht und aufrecht erhalten wird (⊡ Abb. 4.1).
1986; Markus 1983). Wie Hart (1992) anmerkt, Dispositionen sind kognitive/emotionale,
hat das, »was Menschen über sich selbst, ihre d. h. von Gedanken und Stimmungen abhän-
Ziele und ihr Streben denken, einen starken gige, Einstellungen gegenüber Betätigungen,
Einfluss auf ihren Lebensweg« (S. 18). wie z. B. Gefühle der Freude, der Wertschät-
Folglich werden wir zusätzlich zum tradi- zung und der Kompetenz bei der Ausführung
tionellen Konzept der Merkmale auch neuere einer Betätigung. Wir gehen davon aus, dass
Vorstellungen berücksichtigen, bei denen davon Dispositionen sowohl eine rationale als auch
ausgegangen wird, dass Motivation von kultu- eine emotionale Dimension haben.
rell bedingtem Alltagswissen beeinflusst wird.
Genauer gesagt werden wir aufzeigen, dass die
Struktur der Volition angeborene und erlernte
Dispositionen beinhaltet, die Einfluss darauf
nehmen, wie wir uns im Hinblick auf Hand-
lungen entscheiden und wie wir unterschied-
liche Betätigungen erleben (z. B. ob wir sie als
unterhaltsam, bedrohlich oder wertvoll emp-
finden). Da diese Dispositionen offensichtlich
über einen gewissen Zeitraum hinweg stabil
bleiben, ähneln sie dem, was wir als Merkmale
bezeichnet haben. Wir stellen zudem die These
auf, dass unser Alltagswissen über uns selbst ⊡ Abb. 4.1. Volitionssstruktur
4.2 · Systemdynamik der Volition
55 4

Wie Gergen u. Gergen (1988) bemerken, ist die bestimmtes Verhalten zeigen sollten, auf das wir
Dichotomie von Rationalität und Emotionalität jedoch keine Lust haben.
häufig künstlich und falsch. Unser Denken und
unsere Gefühle werden zu einer einzigen Erfah- Beachte I I
rung verknüpft. Darüber hinaus verstärken und Selbsterkenntnis ist unser auf Alltagswissen
lenken sich Gedanken und Gefühle gegenseitig. basierendes Bewusstsein, dass wir in der Welt
Wir richten unsere Gedanken auf das, was uns handelnde Wesen sind. Es ist sozusagen unser
am Herzen liegt, und unsere Gefühle entstehen Wissensspeicher, in dem z. B. Informationen
durch das Verständnis der eigenen Person und über unsere Erfahrungen bei der Ausführung
der Welt, in der wir leben. bestimmter Tätigkeiten und über die Qualität
und den Wert unseres Tuns abgespeichert sind.
> Beispiel
Führen Sie sich einmal vor Augen, wie wir
Gedanken und Gefühle im täglichen Gespräch Wie die Volitionsdispositionen, weist auch die
miteinander kombinieren. Fragen wir z. B. Selbsterkenntnis weder rein kognitive noch rein
jemanden, was er über eine bestimmte Situ- emotionale Aspekte auf. Sie vernetzt vielmehr
ation denkt, erwarten wir üblicherweise, dass unser Gedächtnis, unser Verständnis der Dinge,
die Person uns sowohl ihre Gedanken zur Situ- unsere rationalen Prozesse, Ängste, Hoffnungen
ation mitteilt, als auch, was sie persönlich dazu und Bestrebungen. Unsere Dispositionen bilden
empfindet. Ebenso verlassen wir uns häufig auf gemeinsam mit unserer Selbsterkenntnis ein sta-
unser Gefühl, dass etwas nicht stimmt, um uns biles Muster von Motiven für Betätigung.
gedanklich mit der Frage auseinander setzen
zu können, was entgegen unserer Vorstellung Beachte I I
verläuft. Unter Volitionsprozessen versteht man die
Prozesse, die beim Antizipieren (gedankli-
Auch wenn Gedanken und Gefühle eng mitein- chen Vorwegnehmen), Wählen, Erleben und
ander verwoben sind – ihre Prozesse und Rich- Interpretieren von Betätigungsverhalten tat-
tungen verlaufen nicht immer parallel zuein- sächlich ablaufen (⊡ Abb. 4.2).
ander. Wir könnten z. B. denken, dass wir ein

⊡ Abb. 4.2. Volitionsprozess: Reflexion


über sich selbst während der Handlung
und in der Zeit
56 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

> Beispiel bestehen: aus Selbstbild, Werten und Interes-


Die Entscheidung spazieren zu gehen, die sen. Diese drei Komponenten beziehen sich auf
Freude bei einem Pokerspiel, das Nachden- das, was eine Person für wichtig erachtet, wie
ken über eine Prüfungsnote und die Feststel- effektiv sie auf ihre Umwelt einwirkt und was
lung, dass man vielleicht nicht genug dafür sie als unterhaltsam und befriedigend empfin-
gelernt hat, die Vorstellung einen bestimm- det. Selbstbild, Werte und Interessen stehen
ten Beruf auszuüben – das alles sind Voliti- miteinander in Beziehung und bilden gemein-
4 onsprozesse. sam den auf Alltagswissen gründenden Gehalt
unserer Gefühle, Gedanken und Entscheidun-
Bei jedem dieser Beispiele ist das Individu- gen zu unseren Betätigungen. Im Folgenden
um in einen fortlaufenden Prozess eingebun- werden alle drei Komponenten einzeln betrach-
den, innerhalb dessen Motive erlebt, erzeugt tet. Der Leser sollte sich jedoch immer wieder
oder ausgedrückt werden. Rufen wir uns die in vergegenwärtigen, dass Selbstbild, Werte und
 Kapitel 2 erläuterten Konzepte ins Gedächt- Interessen Bestandteile eines größeren Gan-
nis, dann stellen wir fest, dass Volitionsprozesse zen sind, wo Aspekte wie Kompetenz, Vergnü-
den dynamischen Aufbau von Verhalten und gen und Wertschätzung eng miteinander ver-
Erfahrung umfassen. Die interne Organisation woben sind.
(d. h. die Struktur) der Volition, andere inter-
ne Faktoren des menschlichen Systems (z. B.
physische Konstitution und Handlungsge- Selbstbild
wohnheiten) und der externe Handlungskon-
text arbeiten zusammen und tragen zu jedem Eine der ersten Entdeckungen im Leben eines
Zeitpunkt zu unserer Motivation bei, die uns Menschen ist der Zusammenhang zwischen
handeln, Erfahrungen machen und reflektieren persönlichen Absichten, Handlungen und den
lässt. Unsere Auswahl von Betätigungsverhalten Konsequenzen, die sich daraus ergeben (Burke
wird damit nicht nur von Volitionsdispositio- 1977; Bruner 1973; DeCharms 1968). Bereits
nen und Selbsterkenntnis beeinflusst, sondern in der frühen Entwicklung werden sich Indivi-
auch von den uns umgebenden äußeren Bedin- duen darüber bewusst, dass sie innerhalb ihrer
gungen. Umwelt etwas bewirken können. Ist erst einmal
eine Verbindung zwischen einer Absicht und den
sich daraus ergebenden externen Konsequenzen
4.3 Selbstbild, Werte und Interessen hergestellt worden, kommen Individuen zu der
persönlichen Erkenntnis, dass sie etwas verursa-
Obwohl die Motive für Betätigungen bei jedem chen oder bewirken können.
Menschen einzigartig sind und mit den laufen-
den persönlichen Erfahrungen in Zusammen- Beachte I I
hang stehen – ist eine Sichtweise der Volition Das »subjektive Wissen um die Möglichkeit,
erforderlich, die sich auf eine große Bandbrei- die Vorgänge in der Welt aktiv beeinflussen
te individueller Betätigungswahlen übertragen zu können« (S. 259), wird als Selbstbild
lässt. Wir haben bereits auf einige Komponen- (personal causation) bezeichnet (DeCharms
ten hingewiesen, die mit den Dispositionen und 1968).
der Selbsterkenntnis einer Person in Zusam-
menhang stehen. Gemeinsam betrachtet kann
man sich vorstellen, dass Volitionsdispositionen Dieses Wissen um das Selbst erweitert sich,
und Selbsterkenntnis aus drei Komponenten wenn das Individuum immer mehr Verhaltens-
4.3 · Selbstbild, Werte und Interessen
57 4

bereiche kennenlernt. Es spiegelt letztendlich Ein verwandtes Konzept ist das Konzept
die Summe dessen wider, zu dem wir unseres der individuell wahrgenommenen Kompe-
Wissens nach in der Lage sind und uns in der tenz (perceived competence), das sich auf die
Lage fühlen. Ansichten eines Individuums zu verschiedenen
Einige Autoren haben ähnliche Konzepte Fähigkeitsbereichen – z. B. sportliche und schu-
vorgestellt, die das Phänomen der Selbster- lische Fähigkeiten, soziale Kompetenz – bezieht
kenntnis hinsichtlich der persönlichen Fähig- (Harter 1983, 1985; Harter u. Connel 1984).
keiten, Kapazitäten oder Kontrolle betreffen. Im Gegensatz zum Konzept der Kontrollüber-
Eines der am weitesten erforschten Konzepte zeugung, bei dem im Mittelpunkt die (Selbst-)
ist das der individuellen Kontrollüberzeugung Erkenntnis steht, dass Konsequenzen beeinfluss-
(perceived locus of control) oder das zur wahr- bar sind, steht beim Konzept der wahrgenom-
genommenen Kontrolle (perceived control) menen Kompetenz das Bewusstsein um spe-
(Rotter 1960; Lefcourt 1981). Dieses Konzept zifische Fähigkeiten im Vordergrund. Andere
bezieht sich auf die Frage, ob man der Über- Autoren unterscheiden darüber hinaus zwischen
zeugung ist, dass man das, was man im Leben der Wahrnehmung der eigenen speziellen Fähig-
erreicht hat, durch das eigene Handeln (interne keiten oder Begabungen und der Überzeugung,
Kontrolle) erzielt hat, oder ob man glaubt, dass dass sich die gewünschten Ergebnisse im Leben
es sich durch die Handlungen anderer ergeben erreichen lassen (Skinner et al. 1988; Fiske u.
hat, auf Schicksal basiert, eine Glückssache ist Taylor 1985).
oder anderen äußeren Kontrollinstanzen unter- Auf der Grundlage der Konzepte und Argu-
worfen ist. mente, die wir hier zusammengestellt haben,
In der Literatur zum Konzept der Kontroll- schlagen wir zum Selbstbild als Komponente der
überzeugung wird im Allgemeinen davon aus- Volition folgende Definition vor:
gegangen, dass das Gefühl der Kontrollfähigkeit
mit der Tendenz einer Person übereinstimmt, Beachte I I
▬ bestehende Möglichkeiten zu nutzen, Das Selbstbild ist aus Dispositionen und
▬ Feedback dazu zu verwenden, um die Aus- Selbsterkenntnissen zusammengesetzt. Es
führung von Handlungen zu korrigieren, trägt dazu bei, wie man die Fähigkeiten und
und die Wirksamkeit der eigenen Person bei Betä-
▬ Ergebnisse zu beeinflussen. tigungen einschätzt (⊡ Abb. 4.3).

Im Gegensatz dazu wird die Orientierung an


äußeren Faktoren mit Hilflosigkeit und Ent-
fremdung gleichgesetzt (Burke 1977; DeCharms
1968; Goodman 1960).
Das ursprüngliche Konzept der Kontroll-
überzeugung bezog sich auf ein übergeordne-
tes System von Überzeugungen, von dem man
annahm, dass es das Verhalten stark beeinflusst.
Neuere Veröffentlichungen gehen jedoch davon
aus, dass sich die Kontrollüberzeugungen je nach
Lebensbereich unterscheiden (Connel 1985; Lef-
court 1981). Dies bedeutet, dass wir in bestimm-
ten Situationen die Kontrolle zu haben glauben
und in anderen Situationen nicht. ⊡ Abb. 4.3. Selbstbild
58 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

Wie die Definition bereits andeutet, beinhaltet Die Erfahrung lehrt uns, was wir gut können und
der Begriff Selbstbild zwei Aspekte, die mitein- was nicht. Wir betrachten uns selbst aus dem
ander in Beziehung stehen: Blickwinkel unseres kulturell geprägten Alltags-
▬ das Wissen um die eigenen Fähigkeiten und wissens und legen eine Art Wissensspeicher zu
▬ das Gefühl der eigenen Wirksamkeit.* den uns eigenen Fähigkeiten an. Darüber hinaus
kann sich die Sichtweise unserer Fähigkeiten im
Laufe des Lebens aufgrund neuer Erfahrungen
4 Wissen um die eigenen Fähigkeiten verändern. Manchmal stoßen wir durch Erfah-
rungen erfreulicherweise auf bislang verborgene
Beachte I I Fähigkeiten. Ein anderes Mal zeigen uns die Er-
Unter dem Wissen um die eigenen Fähigkei- fahrungen, dass unsere Fähigkeiten nachlassen.
ten versteht man das Bewusstsein in Bezug Die Kultur gibt uns vor, über welche Fähig-
auf vorhandene und potentielle Fähigkeiten. keiten wir verfügen sollten und warum diese
Fähigkeiten eine wichtige Rolle spielen.
> Beispiel
* Die Aspekte des Selbstbildes wurden ursprünglich Ein Bewohner des Regenwaldes lernt, dass er
1975 von Janice Burke im Rahmen ihrer Magisterarbeit
über gute physische Fähigkeiten verfügen und
und in ihrem 1977 veröffentlichten Fachartikel erör-
tert; 1980 wurden sie in das Modell integriert. Burke den Dschungel kennen sollte; eine Physikerin
identifizierte vier Aspekte der Kontrollüberzeugung: hingegen lernt, dass sie über eine schnelle
▬ interne vs. externe Ausrichtung auf die Umwelt, Auffassungsgabe und ein gutes Verständnis
▬ Glaube an die eigenen Fähigkeiten, der komplexen Mathematik verfügen muss.
▬ Gefühl der eigenen Wirksamkeit, Im Falle des Regenwaldbewohners spielen
▬ Erwartung eines Erfolgs/Scheiterns.
mangelnde mathematische Fähigkeiten und im
Mit dieser Spezifizierung wollte sie eine detailliertere
Beschreibung des Selbstbildes bieten. Nachfolgende Falle der Physikerin mangelnde Kenntnisse der
Literatur und Forschung wies jedoch darauf hin, dass Regenwälder keine Rolle.
das Selbstbild etwas sehr Individuelles ist und bei je-
dem Menschen eng mit seiner persönlichen Sichtweise Auf ähnliche Weise verändert sich im Laufe der
der Welt verbunden ist. Daraus wird ersichtlich, dass die menschlichen Entwicklung die Bedeutung der
Menschen ihre Selbsterkenntnis nicht in die von der eigenen Fähigkeiten.
Theorie aufgestellten spezifischen Kategorien eintei-
len. Weitere Forschungsergebnisse (Muñoz et al. 1993) > Beispiel
haben zudem gezeigt, dass erfahrene Therapeuten, die Für einen Zehnjährigen mag die Fähigkeit, Bas-
das Modell der menschlichen Betätigung anwendeten,
ketball zu spielen, ebenso wichtig sein wie schu-
die detaillierte Aufschlüsselung des Selbstbildes bei kli-
nischen Denk- und Entscheidungsprozessen nicht hilf-
lische Leistungen. Nach der Hälfte seiner Schul-
reich fanden. Sie tendierten vielmehr dazu, das allge- zeit wird er wahrscheinlich seinen intellektuellen
meine Konzept des Selbstbildes auf die Schwierigkeiten Fähigkeiten eine größere Bedeutung beimessen.
zuzuschneiden, auf die sie bei ihren Patientengruppen
regelmäßig stießen. Daher umfasst die aktuelle Defini-
tion des Selbstbildes (wie die nachfolgenden Konzepte
Beachte I I
der Volition) eine geringere Anzahl von Aspekten. Da- Das Wissen um die eigenen Fähigkeiten ist
mit wollen wir eine offenere Sichtweise des Konzepts nicht nur ein Katalog der persönlichen Fähig-
erreichen und es Therapeuten ermöglichen, das Kon-
keiten, sondern ein aktives Bewusstsein im
strukt bei ihren Patienten an deren Organisation von
Selbsterkenntnis anzupassen. Das entspricht auch dem
Bezug auf die eigenen Fähigkeiten, die nötig
Ziel, das wir zu Anfang dieses Kapitels gesteckt hatten, sind, um das Leben, das man führt oder füh-
nämlich eine Theorie zu entwickeln, die der Alltags- ren möchte, auch führen zu können.
psychologie des täglichen Lebens eher entspricht.
4.3 · Selbstbild, Werte und Interessen
59 4

Das Wissen um die eigenen Fähigkeiten erzeugt Das Gefühl der eigenen Wirksamkeit
eine Disposition für verschiedene Tätigkeiten.
Das heißt, entweder haben wir Vertrauen in Beachte I I
unsere physischen, intellektuellen oder sozialen Zum Gefühl der eigenen Wirksamkeit (sense
Fähigkeiten, oder wir sind uns unsicher. Und of efficacy) gehören die Wahrnehmung, dass
wir neigen dazu, Aufgaben in Angriff zu neh- wir das eigene Verhalten (und die zugrunde
men, die uns Gelegenheit bieten, diese Fähig- liegenden Gedanken und Gefühle) kontrol-
keiten zu nutzen; gleichzeitig versuchen wir oft, lieren können, und auch das Gefühl, dass wir
Aufgaben zu vermeiden, die unsere Fähigkei- die Kontrolle darüber haben, gewünschte
ten wahrscheinlich übersteigen. Die Existenz Ziele zu erreichen.
solcher Dispositionen erklärt, warum wir uns
häufig bei dem Wunsch ertappen eine Aktivi-
tät durchzuführen, bei der wir davon ausgehen, Zu wissen, über welche Fähigkeiten man verfügt,
dass wir sie bewältigen können. Sie erklärt auch, und sich darüber klar zu werden, welche Aus-
warum wir Aktivitäten zu vermeiden wünschen, wirkungen diese Fähigkeiten auf unser Leben
zu denen wir uns nicht in der Lage fühlen. Mur- haben, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.
phy (1987) bestärkt den engen Zusammenhang Die Erfahrung lehrt uns nicht nur, wie fähig wir
zwischen dem Bewusstsein, zu welchen Dingen sind. Sie lehrt uns auch, wie wirkungsvoll wir
wir uns fähig fühlen und zu welchen nicht, und unsere Fähigkeiten einsetzen und ob sich unsere
dem Wunsch nach entsprechendem Handeln. Anstrengungen positiv oder negativ auf unser
Er beschreibt im Folgenden, welche Auswir- Leben auswirken. Dies lässt in uns ein Gefühl
kungen der langsame Verlust seiner physischen dafür entstehen, inwiefern wir in der Lage sind,
Fähigkeiten hatte: das zu erreichen, was wir möchten.
Die Überzeugung, die eigenen Fähigkeiten
» Langsam gelähmt zu werden ist, als würde man
einsetzen zu können, um den Verlauf von Ereig-
in den Schoß der Mutter zurückkehren oder
nissen oder Umständen in der externen Welt zu
langsam sterben, was eigentlich das gleiche ist.
beeinflussen, wirkt ebenfalls stark motivierend.
Da alle körperlichen Stimuli, die zu Bewegun-
Um wirkungsvoll in der Welt agieren zu können,
gen anregen sollen, gedämpft sind und nahezu
muss man nicht nur über Fähigkeiten verfügen,
in Vergessenheit geraten, verliert man auch
sondern auch in der Lage sein, diese Fähigkeiten
nach und nach den Willen, sich physisch zu be-
so zu kontrollieren und zu nutzen, dass man die
tätigen. Diese wachsende Reglosigkeit des Kör-
gewünschten Ergebnisse erreicht.
pers beeinflusst wie die Welt wahrgenommen
Die Wahrnehmung der eigenen Wirksamkeit
wird. Ich bin zu einem Rezeptor für physische
hängt in erster Linie von der Einschätzung der
Dinge geworden, und ich muss kontinuierlich
Selbstkontrolle ab.
gegen die Tendenz dieser wachsenden Passivi-
tät nachzugeben, ankämpfen ... (S. 193).« Beachte I I
Unser Wissen um unsere Fähigkeiten bereitet Um seine Fähigkeiten optimal einsetzen zu
uns darauf vor, Betätigungsverhalten in einer können, muss man in der Lage sein, seine
besonderen Art und Weise zu antizipieren, aus- Gefühle und Gedanken zu formen und zu
zuwählen, zu erfahren und zu interpretieren. beherrschen und Selbstdisziplin auszuüben.
Halten wir uns für fähig und geschickt, sind wir
bereit zu handeln und weitere Beweise für unsere
Fähigkeiten zu finden. Halten wir uns für unfä- Man kann nicht das Gefühl haben, etwas zu
hig, fühlen wir uns zum Gegenteil getrieben. bewirken, wenn man gleichzeitig meint, über-
60 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

mächtigen Gefühlen oder unkontrollierbaren von Zielen mehr Gewicht haben als andere Fak-
Gedanken ausgeliefert zu sein. toren. Manche Menschen sind der Meinung,
dass auch noch so große Anstrengungen oder
> Beispiel
Fähigkeiten Ergebnisse nicht beeinflussen kön-
Mallinson (1994) berichtet von einer psychia-
nen, weil sie glauben, dass dies außerhalb der
trischen Patientin, die eine begabte Cellistin
eigenen Kontrolle liegt.
ist. Obwohl sie sich ihrer musikalischen Fähig-

4 keiten bewusst ist, hält sie sich gleichzeitig > Beispiel


für unfähig, diese Fähigkeiten Erfolg bringend Thelma, eine Frau mit einer psychischen Behin-
einzusetzen. Stattdessen sagt sie: »Meine derung, spricht über ihre Ansichten zu einem
Gedanken drehen sich wieder und wieder im möglichen Wiedereintritt in die Arbeitswelt
Kreis und wiederholen sich, und ich kann nicht und den Verzicht auf die Behindertenzulage,
... einmal die einfachsten Dinge zu Ende brin- der damit verbundenen wäre:
gen.« In diesem Fall schien ihr Wunsch, Berufs-
musikerin zu sein, trotz ihrer bemerkenswerten » Mir würde es nichts ausmachen, wieder zur
musikalischen Begabung unerreichbar. Der Schule zugehen, wenn es mich weiterbringen
Grund dafür war ihre Unfähigkeit, während des würde, aber ich weiß nicht... wenn ich (dann)
Übens Selbstkontrolle auszuüben. überhaupt wieder eine Arbeitsstelle bekomme,
müsste ich für sämtliche Kosten, die mit meiner
Im Gegensatz dazu kann sich ein intensives (bezuschussten) Wohnung zusammenhän-
Gefühl der inneren Kontrolle sehr stark auf die gen, selbst aufkommen ... Ich möchte nichts
Anpassungsfähigkeit eines Menschen auswirken. Falsches machen und dann mit nichts daste-
> Beispiel hen, wissen Sie ... Ich könnte z. B. (eine Arbeit)
Karen, eine Frau mit einer Rückenmarksver- bekommen und dann wieder krank werden
letzung, berichtet sehr wortgewandt, wie ihr oder einen Rückfall erleiden. Dann wäre ich
stark ausgeprägtes Gefühl der Selbstkontrolle wieder ausgeschlossen und müsste wieder ver-
sie dazu befähigte, die potentiell verheerenden suchen, die Behindertenzulage zu bekommen.
Auswirkungen einer Tetraplegie zu verhindern: Und vielleicht bekomme ich dann noch weni-
«
ger als jetzt (Helfrich et al. 1994, S. 316).
» Die Fähigkeit zu sagen, dass mein Bewusstsein
Wenn die Aussichten auf einen Erfolg oder Miss-
die Dinge bestimmt und nicht das Umfeld
oder das, was mit mir geschieht – das ist nicht erfolg so sehr außerhalb der eigenen Kontrolle
ausschlaggebend. Das, was mein Tun und den zu liegen scheinen – wenn die Krankheit oder
Umgang mit Dingen bestimmt, befindet sich die Launen eines Wohlfahrtssystems die eigenen
genau hier [sie zeigt auf ihren Kopf ], und ich Anstrengungen für ein besseres Leben zunichte
habe die Kontrolle darüber. Das ist im Grunde machen – dann gibt es kein Gefühl der eigenen
das Wichtigste. Weder irgendwelche Vorkomm- Wirksamkeit.
nisse noch das jeweilige räumliche Umfeld Das Gefühl der eigenen Wirksamkeit beein-
können einem Menschen etwas anhaben, flusst unsere Motivation zu bestimmten Betä-
solange er in der Lage ist zu sagen: »Mein Geist tigungsaktivitäten in erheblichem Maße. Wenn
hat hier alles unter Kontrolle...« (Patsy u. Kiel- nichts dagegen spricht, sind wir bereit, Betäti-
hofner 1989). « gungen nachzugehen, die Erfolg versprechen,
und Betätigungen zu vermeiden, die zum Schei-
Das Gefühl der eigenen Wirksamkeit kommt tern verurteilt sind. Ähnlich verhält es sich mit
auch darin zum Ausdruck, ob man glaubt, dass den Betätigungen, die wir wählen: Normaler-
die eigenen Anstrengungen für das Erreichen weise überlegen wir uns, bis zu welchem Grad
4.3 · Selbstbild, Werte und Interessen
61 4

wir den Herausforderungen, die mit einem Angehörigen dieser Kultur wichtig sind (Bellah
bestimmten Projekt oder einer Rolle verbunden et al. 1985, S. 27). Folglich bestimmen Werte,
sind, gerecht werden können. was sich für ein Individuum zu tun lohnt, wie
man dies erfolgreich durchführt und welche ein-
fachen oder auch hohen Ziele unser Engagement
Werte verdienen.

Die Wahl von Betätigungen wird auch von unse- Beachte I I


ren Werten, Überzeugungen und unserem Enga- Die Werte eines jeden Menschen sind auf
gement beeinflusst. Fein (1990) ist der Ansicht, eine kohärente (zusammenhängende)
dass der Sinn von Werten im Grunde darin Weltanschauung zurückzuführen, die durch
besteht, dass sie die Wahl des Verhaltens lenken: die Kultur vermittelt wird. Sie kommen im

» Bevor eine Person handeln kann, muss sie in


Alltagswissen über diese Welt und in der
Lebensart der Menschen, die in diesem kul-
der Lage sein, Entscheidungen zu treffen...
turellen Umfeld leben, zum Ausdruck.
Ihre Möglichkeiten müssen auf einige wenige
beschränkt werden, zu denen sie in der Lage ist.
Innere Maßstäbe helfen, die Anzahl der Alter-
Bruner (1990b) bemerkt dazu:
nativen einzuschränken. Dies ist im Grunde der
Zweck von Werten. Sie stellen persönliche und/ » Werte kommen in einem Engagement für
oder kulturelle Kriterien, die der Entscheidungs- bestimmte »Lebensweisen« zum Ausdruck, und
findung dienen (Fein 1990, S. 79). « diese Lebensweisen formen in ihrer komplexen
Interaktion eine Kultur. Unsere Werte entstehen
Ähnlich bemerkt Bruner (1990b) dass »sich Men-
weder spontan von einer Entscheidungssitu-
schen nach gemeinsamen Bedeutungen und Wer-
ation zur nächsten, noch sind sie das Produkt
ten richten« (S. 20). Er führt dies aus und betont,
isolierter Menschen mit starkem inneren
dass wir uns im Leben für die Einhaltung dieser
Antrieb und mit ausgeprägten Neurosen. Sie
Werte einsetzen, da wir der Überzeugung sind,
haben vielmehr einen gemeinschaftlichen und
»dass ein bestimmtes Lebensmodell Unterstüt-
folgerichtigen Charakter in Bezug auf unsere
zung verdient, auch wenn wir es schwierig fin-
Beziehungen zu einer Kulturgemeinschaft...
den, unser Leben danach auszurichten« (S. 22).
Sie werden zu einem Teil der eigenen Identität
Von der frühesten Kindheit an interagieren
eines Individuums und weisen ihm gleichzeitig
Menschen mit einem kohärenten, d. h. zusam-
menhängenden kulturellen Umfeld, das bestimm- «
einen Platz in einer Kultur zu (S. 29).

te Werte verkörpert. Diese Werte bestimmen, Werte verpflichten dazu, dass man sich in kultu-
was gut, richtig und wichtig ist und dienen als rell bedeutsamer und anerkannter Weise verhält.
Prinzipien, nach denen Menschen ihr Verhal- Wenn man sie einhält, fühlt man sich daher zuge-
ten richten (Grossack u. Gardner 1970; Kalish hörig und bestätigt. Individuen nehmen Werte
u. Collier 1981; Klavins 1972; Lee 1971; Smith wahr, wenn sie einen bestimmten Handlungs-
1969). Unabhängig davon, was Kulturen sonst ablauf als richtig und andere Verhaltensweisen
noch darstellen mögen, sie sind auf jeden Fall als unpassend oder weniger angebracht erachten
»dramatische Dialoge«* über die Dinge, die den (Lee 1971). Da Werte unseren grundlegenden
Lebenseinstellungen entstammen, rufen sie auch
starke Emotionen hervor. Wir fühlen sehr inten-
* »Dramatisch« ist hier im Sinne von »zum Drama (als siv, wie das Leben und unser Verhalten sein soll-
literarischer Gattung) gehörig« zu verstehen. ten. Das bedeutet, dass Werte bindend sind und
62 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

man ihnen nicht entgegen handeln kann, ohne he von Einstellungen zu den wichtigen Dingen im
sich zu schämen, sich schuldig zu fühlen und Leben. Diese Überzeugungen entstammen einer
das Gefühl zu haben, gescheitert zu sein oder bestimmten kulturell definierten Welt und sind
sich unangemessen verhalten zu haben. Darüber gleichzeitig Hinweise auf diese Welt. In hetero-
hinaus bestimmen Werte die Einstellung dazu, genen Kulturen wie der amerikanischen sind die
welche Bedeutung verschiedene Betätigungen Werte in Bündeln zusammengefasst, die einen
haben. Deshalb beeinflussen sie auch das Selbst- kohärenten Lebensstil bilden (Mitchell 1983).
4 wertgefühl, das aus dem Erfolg bei Betätigungen
> Beispiel
resultiert. In einer Familie, in der schulische Leis-
Der im Folgenden dargestellte amerikanische Le-
tungen als wichtig erachtet werden, schätzt sich
bensstil, der als Lebensstil der »Dazugehörigen«
ein Kind, das gut in der Schule ist, positiv ein.
(belongers) bezeichnet wird, veranschaulicht,
Beachte I I wie die eigenen Überzeugungen in eine kohä-
rente Sichtweise des Lebens eingebettet sind:
Wir definieren Werte als ein kohärentes Set,
also als zusammenhängenden Satz, von » Dazugehörige verkörpern das, was im Allge-
Überzeugungen. Sie ordnen Betätigungen meinen als die amerikanische Mittelschicht
eine Bedeutung oder einen Maßstab zu und angesehen wird. »Dazugehörige« sind traditi-
erzeugen eine starke Neigung, sich entspre- onsbewusst, konform, konservativ, »moralisch«,
chend zu verhalten (⊡ Abb. 4.4). nicht experimentierfreudig und familienorien-
tiert und sind deshalb mächtige Kräfte, wenn
es darum geht, in einer Welt stetiger Verände-
Der Begriff der Wichtigkeit (significance) bezieht rungen die Stabilität aufrecht zu erhalten. Als
sich darauf, dass Werte Verhaltensweisen nicht Gruppe ziehen »Dazugehörige« den Status quo,
nur eine Bedeutung verleihen, sondern ihnen wenn nicht gar die Vergangenheit, vor. Altmodi-
auch einen Platz innerhalb der Welt zuweisen, sche Werte werden immer noch hochgehalten:
die für uns bedeutungsvoll ist. Die Neigung, die Patriotismus, Heim und Familie und Sentimen-
durch Werte hervorgerufen wird, lässt sich als talität. Es sind Menschen, die sich in erster Linie
Gefühl der Verpflichtung verstehen, diese Werte für gemeinschaftsbezogene Institutionen wie
im Verhalten fortwährend umzusetzen.* Familie und Kirche einsetzen und die Loyalität
gegenüber der Nation, dem Beruf und alten
Verbindungen üben (Mitchell 1983, S. 9). «
Persönliche Überzeugungen

Wie bereits erwähnt, erwerben wir alle Überzeu-


gungen, die der Welt Bedeutung und Kohärenz
verleihen. Jeder Mensch entwickelt z. B. eine Rei-

* In der ersten (englischen) Ausgabe dieses Buches


haben wir vier Komponenten von Werten erörtert,
die für das Betätigungsverhalten von Bedeutung sind:
zeitliche Orientierung, Bedeutsamkeit von Aktivitäten,
Betätigungsziele und persönliche Maßstäbe. Aus den-
selben Gründen wie beim Thema »Selbstbild« haben
wir diese Komponenten auf zwei weiter gefasste Kon-
zepte reduziert. ⊡ Abb. 4.4. Werte
4.3 · Selbstbild, Werte und Interessen
63 4

Auf der Grundlage der persönlichen Überzeu- Somit üben Werte einen starken Zwang aus. Das
gungen misst man einer Vielzahl von Betäti- Pflichtgefühl eines Menschen kann sich auch auf
gungen eine Bedeutung bei und schätzt ihren seine Überzeugungen beziehen, wie man seine
Wert ein. Medium der eigenen Überzeugungen Zeit verbringen sollte, welche Aspekte bei der
können eine Reihe von Leitthemen sein, die den Durchführung von Betätigungen wichtig sind,
gesunden Menschenverstand (common sense) was unter einem angemessenen Bemühen oder
strukturieren. einem angemessenen Ergebnis zu verstehen ist
und welche Art Mensch man sein und wer-
> Beispiel
den sollte (Kluckholn 1951; Hall 1959). Dieses
Persönliche Überzeugungen können z. B. auf
Pflichtgefühl kann zudem in der Verpflichtung
einer fundamentalen christlichen Sichtweise
zum Ausdruck kommen, Betätigungen mora-
von Gut und Böse aufbauen, die bestimmt,
lisch einwandfrei, hervorragend, effizient oder
was ein gutes Leben ist. Ein ganz anderes Set
auf sonst eine Weise durchzuführen, die der Per-
von Überzeugungen findet man bei einem auf
son aufgrund ihrer kohärenten Sichtweise des Le-
der Straße lebenden Jugendlichen aus zerrüt-
bens sinnvoll erscheint. Schließlich zeigt sich das
teten Familienverhältnissen, der einen Verhal-
Pflichtgefühl auch häufig in Form von Zielen, die
tenskodex lernt, zu dem Solidarität gegenüber
das Verhalten aufrecht erhalten (Cottle 1971).
einer Gang, Revierhoheit, Überleben durch
Aggression und andere im Allgemeinen unüb-
liche Regeln zählen. Obwohl sich diese zwei
Beachte I I
Pflichtgefühl ist die starke emotionale Nei-
Sets von Überzeugungen völlig unterscheiden,
gung, das eigene Verhalten danach zu rich-
repräsentiert jede eine eigene Sichtweise
ten, was als richtig erachtet wird.
der Welt. Darüber hinaus kommt bei beiden
jeweils zum Ausdruck, was der betreffenden
Person und den anderen Gruppenmitgliedern
wichtig ist.
Interessen

Beachte I I Beachte I I
Persönliche Überzeugungen basieren auf Interessen entstehen, wenn man bei be-
einer Lebenseinstellung und bestimmen, stimmten Betätigungen Freude und Zufrie-
was wichtig ist. denheit erlebt (Matsutsuyu 1969).

Pflichtgefühl Da eine Betätigung, die der einen Person Freude


bereitet, von einer anderen Person als langweilig
Individuen haben nicht einfach nur Einstellun- oder gar bedrohlich empfunden werden kann,
gen zum Leben. Das Leben, so wie sie es sehen, sind Interessen im hohen Maße vom indivi-
liegt ihnen sehr am Herzen. Was jemand über duellen Geschmack abhängig. Das Interesse an
das Leben denkt, wird durch starke Gefühle einer bestimmten Tätigkeit beruht auf vielerlei
aufrecht erhalten. Ursachen.
Da Werte starke Gefühle hervorrufen (z. B. ▬ Eine dieser Ursachen ist die natürliche Nei-
Gefühle der Wichtigkeit, Sicherheit, Wertschät- gung, bei einer bestimmten Tätigkeit Freude
zung, Zugehörigkeit und Zielgerichtetheit) er- zu empfinden. Manche Menschen begeistern
zeugen sie eine große Bereitschaft oder ein star- sich z. B. für Schach, andere fasziniert das
kes Pflichtgefühl, sich entsprechend zu verhalten. Pokern.
64 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

▬ Eine weitere Ursache sind die Möglichkei- Wie die Definition impliziert, muss bei Inter-
ten, die zur Verfügung stehen, um Erfahrun- essen* von den Betätigungen ein gewisser Reiz
gen mit Betätigungen zu machen. ausgehen. Dieser Reiz entsteht durch die Freude
▬ Ein dritter Faktor ist das Herausbilden eines und die Zufriedenheit, die bei der Durchfüh-
bestimmten Geschmacks. Viele Interessen rung der Betätigungen empfunden werden. Ein
erfordern kulturelle Anleitungen, damit man zweiter Aspekt, den wir als »Präferenz« bezeich-
eine Erfahrung zu würdigen lernt. Damit nen, ist das individuelle Bewusstsein im Bezug
4 man z. B. bei der Meditation Freude empfin- auf die Tätigkeiten und Merkmale des Betäti-
den kann, muss man zunächst lernen, wie gungsverhaltens, die uns Vergnügen bereiten.
man einen meditativen Zustand erreicht.

Die Erfahrung und die damit verbundene Er- Anziehungskraft


kenntnis, dass man bei einer bestimmten Betäti-
gung Freude empfindet, erzeugt die Bereitschaft Beachte I I
oder Erwartung, dass man bei dieser Betätigung Der Begriff »Anziehungskraft« bezeichnet
auch in Zukunft Freude empfindet. Somit ist die Neigung, an bestimmten Betätigungen
das Interesse an einer Aktivität gleichbedeutend oder Aspekten der Performanz Freude zu
mit der Erwartung einer positiven Erfahrung. empfinden.
Diese Erwartungshaltung gründet auf dem Reiz,
der von der Aktivität ausgeht. Folglich emp-
finden wir unsere Interessen als Wunsch, an Das Gefühl der Freude kann durch viele Fakto-
bestimmten Betätigungen teilzunehmen (Matsu- ren hervorgerufen werden. Dazu gehören posi-
tsuyu 1969). tive Empfindungen, die mit der Ausübung von
Fähigkeiten – z. B. dem Einsatz der Körperkräf-
Beachte I I te, der Verstandeskraft oder dem Einsatz von
Wir definieren Interessen als die Bereitschaft, Fähigkeiten bei Wettkämpfen – einhergehen.
Freude und Befriedigung bei Betätigungen Aus diesem Grunde ist das Interesse sehr eng
zu empfinden, und als das Wissen um die mit dem Selbstbild verbunden. Tätigkeiten, bei
Freude, die man bei diesen Betätigungen denen wir einen bestimmten Grad an Leistung
empfindet (⊡ Abb. 4.5). zeigen und unsere Fertigkeiten einsetzen kön-
nen, bereiten uns mehr Freude als andere. Csiks-
zentmihalyi (1990) beschreibt eine Form des
äußersten Vergnügens bei bestimmten Tätig-
keiten, die er als Flow-Erlebnis (flow) bezeich-
net. Das Flow-Erlebnis beinhaltet die absolute

* Um die Ausrichtung auf Freude und Befriedigung


bei Betätigungen zu verdeutlichen, wurden in vor-
angehenden Veröffentlichungen drei Dimensionen
des Konstrukts Interessen verwendet: Diskriminati-
on, Muster und Macht. Ähnlich wie beim Selbstbild
und den Werten ist die vorliegende Beschreibung der
Dimensionen des Konstrukts einfacher als die vorher-
⊡ Abb. 4.5. Interessen gehende Version.
4.3 · Selbstbild, Werte und Interessen
65 4

Hingabe bei einer Betätigung, die dann ent-


steht, wenn die Fähigkeiten einer Person optimal
Beachte I I
Unter einer Präferenz verstehen wir die
gefordert werden.
Neigung eines Menschen, bestimmte Arten
Andere Formen der Freude an der Perfor-
der Performanz oder bestimmte Aktivitäten
manz von Betätigungen können durch das Ver-
anderen vorzuziehen.
gnügen an Sinneserfahrungen entstehen.

> Beispiel
Dieses Konzept beinhaltet die These, dass Per-
Wir haben vielleicht Gefallen daran, wie sich
sonen nicht alle Betätigungen gleich erleben.
Werkzeuge in unserer Hand anfühlen oder wie
Stattdessen ziehen sie bestimmte Betätigun-
das Essen duftet, das wir gekocht haben; auf
gen anderen vor. Eine Präferenz kommt häufig
einer Wanderung oder einer Fahrradtour emp-
in einem Muster von aufeinander bezogenen
finden wir visuelle Freude an der Landschaft,
Interessen zum Ausdruck wie z. B. sportliche
und bei Aktivitäten wie dem Skifahren können
Interessen oder kulturelle Interessen, einschließ-
wir sogar vestibuläre Freude empfinden.
lich Theater und Kunst. Andererseits kann ein
Das Interesse an bestimmten Tätigkeiten kann Mensch auch sehr unterschiedliche Präferenzen
auch aus einer ästhetischen Anziehung oder haben, die scheinbar nichts miteinander zu tun
aus Anforderungen an den Intellekt resultie- haben. Wenn man einige Betätigungen anderen
ren, die sich z. B. beim Malen oder beim Lesen vorzieht, bedeutet das, dass man die Möglich-
eines Buchs stellen. Da bei vielen Betätigungen keit hat, zwischen mehreren Betätigungen zu
Ergebnisse oder Produkte entstehen, kann sich wählen. Die Vorliebe für bestimmte Aktivitäten
die Befriedigung auch aus dem ergeben, was wir macht es leichter zu entscheiden, was man gern
vollbracht, geschaffen oder hergestellt haben. machen möchte und, umgekehrt, worauf man
Manche Menschen finden z. B. ein bestimmtes gut und gern verzichten kann.
Handwerk besonders befriedigend, weil ihnen
das Produkt, das dabei entsteht, Freude berei-
tet oder nützlich ist. Freude kann auch durch Zusammenfassung
Gemeinschafts- oder Kameradschaftsgefühl
entstehen, das bei gemeinsamen Betätigun- Beachte I I
gen mit anderen Menschen geweckt wird. Die Selbstbild, Werte und Interessen bilden
Anziehungskraft bestimmter Tätigkeiten ent- zusammen die Struktur des Subsystems
steht meistens durch das Zusammenspiel meh- Volition. Gemeinsam repräsentieren sie
rerer der oben genannten Faktoren. unsere relativ stabilen Dispositionen und
unsere Selbsterkenntnis in Bezug auf unsere
Fähigkeiten, unsere Wirksamkeit, die von
Präferenz uns empfundene Freude und unsere Werte.
Die Volitionsstruktur bereitet uns darauf vor,
Kollektive Erfahrungen führen normalerweise Betätigungen auf eine bestimmte Weise zu
zu dem Bewusstsein, dass man bei einigen Betä- antizipieren, auszuwählen, zu erleben und zu
tigungen ein Gefühl der Zufriedenheit und der interpretieren.
Freude empfindet. Andere Betätigungen wer-
den als langweilig oder bedrohlich empfunden
oder wirken überhaupt nicht stimulierend. Aus Selbstbild, Werte und Interessen sind Elemente
solchen Erfahrungen bilden sich Präferenzen von Volitionsprozessen (volitional processes),
heraus. die im Folgenden näher untersucht werden.
66 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

4.4 Volitionsprozesse

Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass die


Volitionsstruktur eine stabile Organisation aus
Dispositionen und Selbsterkenntnis darstellt,
auf die wir beim aktiven Entdecken der Welt
zurückgreifen (⊡ Abb. 4.6). Wir wollen in erster
4 Linie erklären, wie Personen bestimmte Betä-
tigungen auswählen. Der Prozess des Auswäh- ⊡ Abb. 4.6. Das Subsystem Volition
lens ist jedoch in einen Kreislauf aus
▬ Antizipation,
▬ Sammeln von Erfahrungen während der Be- unseren Verpflichtungen übereinstimmt. Was
tätigung und für den einzelnen Menschen »draußen in der
▬ nachfolgender Evaluation oder Interpretation Welt vorgeht«, ist demnach sehr stark von seiner
eingebettet. Das bedeutet, dass wir aufgrund un- Volitionsstruktur abhängig.
serer Volitionsstruktur darauf ausgerichtet sind, Darüber hinaus beeinflussen die Volitions-
der Welt Beachtung zu schenken und Hand- dispositionen auch unser Erleben von Betäti-
lungsmöglichkeiten zu antizipieren. Mit anderen gungsaktivitäten. Im Laufe der Zeit beschäfti-
Worten: gen wir uns mit einer Vielzahl von Betätigungen,
die uns mehr oder weniger Freude bereiten, die
Beachte I I wir mehr oder weniger wertschätzen und zu
Die Anziehungskraft bestimmter Aktivitä- denen wir uns mehr oder weniger fähig fühlen.
ten, unsere Einstellung gegenüber unseren Aus vielerlei Gründen geraten wir immer wieder
Fähigkeiten und unsere Überzeugungen in in Situationen, in denen wir das Engagement,
Bezug auf die Performanz beeinflussen über das Vergnügen oder die Kompetenz anderer
alle Maßen, was wir in der Welt wahrnehmen nicht teilen. Im Gegensatz dazu fühlen wir uns
und wonach wir suchen. Sie beeinflussen manchmal unfähig, skeptischen Personen zu
auch, was wir über ein mögliches Engage- erklären, wie wir eine Aufgabe bewältigen, war-
ment für Betätigungen denken und fühlen um sie uns Freude bereitet oder warum sie uns
werden. wichtig ist. Die Volition lässt uns Handlungen
vollkommen unterschiedlich einschätzen.
Die Volition beeinflusst auch die Interpreta-
> Beispiel tion unseres Verhaltens und unserer Erfahrun-
Wir müssen einfach nur beobachten, wie das
gen. So können unsere Werte einen enormen
Interesse (oder das mangelnde Interesse) am
Einfluss auf die Bedeutung haben, die wir unse-
Sport Personen dahingehend beeinflusst,
rer Performanz beigemessen (Markus u. Nurius
ob sie sich Sportsendungen ansehen oder
1986).
den Sportteil in der Zeitung lesen, ob sie bei
Gesprächen über Sport die Ohren spitzen oder > Beispiel
wissen, wann die nächsten Spiele stattfinden. Ein Oberstufenschüler, der nach dem Abitur stu-
dieren möchte, wird ein »befriedigend« anders
interpretieren als jemand, der sich selbst in drei
Wir neigen dazu, gewisse Dinge gedanklich zu
Monaten als Handwerker arbeiten sieht.
vernachlässigen, für die wir keine Motivation
spüren, und versierter zu sein, wenn etwas mit In ähnlicher Weise kann auch das Selbstbild die
unserer Kompetenz, unseren Interessen und Beurteilung der Performanz beeinflussen.
4.4 · Volitionsprozesse
67 4

> Beispiel Verlauf ihres Lebens. In  Kapitel 3 wird dar-


Jemand, der glaubt, seine Zeugnisnoten nicht auf hingewiesen, dass zwei Arten der Auswahl
beeinflussen zu können, wird wahrscheinlich getroffen werden:
gute Noten auf Glück und schlechte Noten auf ▬ Aktivitätswahl bezieht sich auf die Betäti-
die Willkür des Lehrers zurückführen. gungsaktivitäten, für deren Ausführung wir
uns im Verlauf des täglichen Lebens ent-
Erfahrungen werden demnach durch einen Pro- scheiden.
zess der »Bedeutungsverleihung« gefiltert, der ▬ Unter Betätigungswahl verstehen wir weit-
aus der spezifischen Struktur unserer Volition reichende Entscheidungen, die das Enga-
entsteht. gement bzw. die Verpflichtung sich selbst
gegenüber beinhalten, ein bestimmtes Ver-
Beachte I I halten über einen längeren Zeitraum auf-
Volition ist mehr als eine Summe aus Ge- recht zu erhalten.
fühlen und Gedanken über Kompetenz, So nehmen wir z. B. neue Rollen an, bilden
Werte und Interessen. Sie ist eine Sichtwei- Gewohnheitsmuster und führen persönliche
se, in der die Themen Selbstbild, Werte und Projekte durch, für die wir uns über einen
Interessen wie selbstverständlich zusam- längeren Zeitraum engagieren.
menwirken und die Selbst- und Weltsicht
bestimmen. Im Folgenden gehen wir auf diese zwei Arten
der volitionalen Wahl näher ein.

Die Volition liefert uns also einen kohärenten


(zusammenhängenden) Bezugsrahmen für den Aktivitätswahl
Interpretationsprozess, in dessen Verlauf wir
Erfahrungen eine Bedeutung beimessen. Beachte I I
Wir sollten uns in Erinnerung rufen, dass Der Begriff Aktivitätswahl bezieht sich auf
die Volitionsstruktur nicht nur eine Organisa- das Beginnen und Beenden von relativ kurz
tion aus Dispositionen und Selbsterkenntnis andauernden Betätigungsaktivitäten in der
darstellt, die beeinflusst, wie Erfahrungen, Ent- mehr oder weniger nahen Zukunft.
scheidungen, Verhalten und Sinngebung zustan-
de kommen – sie ist gleichzeitig auch das Ergeb-
nis dieser Prozesse. Der Prozess von Auswählen, Wie bereits erwähnt, ist die Aktivitätswahl Teil
Ausführen und Interpretieren von Betätigungs- eines umfassenderen Prozesses. Meyer (1987)
verhalten ist ein fortwährender Kreislauf, der die bemerkt in diesem Zusammenhang sehr tref-
Volitionsstruktur aufrecht erhält und umwan- fend, dass das Bewusstsein unserer Fähigkeiten
delt. Volitionsprozesse liefern neue Erfahrungen und unser Gefühl der eigenen Wirksamkeit
und Informationen, die die bestehenden Dis-
positionen und die bestehende Selbsterkennt- » ... unsere Erwartungen bezüglich Erfolg oder
nis verstärken, in Frage stellen und erweitern Misserfolg beeinflusst, bevor eine Aktivität
können. Die Volition befindet sich also stets ausgeführt wird. In Entscheidungssituationen
»in Arbeit«. wirken sich [diese Aspekte] zudem darauf
Mitten in diesem fortlaufenden Prozess aus, welcher Handlungsverlauf oder welcher
wählen Personen bestimmte Handlungen aus. Schwierigkeitsgrad bei einer Aufgabe gewählt
Diese Entscheidungen bilden ihre alltäglichen wird. Während man eine Aufgabe durchführt,
Erfahrungen und beeinflussen gleichzeitig den wird durch die Eigenwahrnehmung seiner
68 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

Fähigkeiten bestimmt, wie sehr man sich oder soll man sich mit Freunden treffen? Die
bemühen will und wie lange man die Anstren- endgültige Entscheidung entsteht durch
gungen aufrecht erhalten will. Auch die Gedan- eine Interaktion zwischen den Gefühlen der
ken und Gefühle während der Durchführungs- eigenen Wirksamkeit, der Anziehungskraft
phase werden dadurch beeinflusst. Nachdem der Aktivitäten, den Wertmaßstäben für das
ein Test beendet ist, haben die wahrgenom- Niveau der Performanz usw. Manche Men-
menen Fähigkeiten Einfluss auf unsere Beur- schen »fühlen« bei der Entscheidungsfindung
4 teilungen und die Bewertung des Ergebnisses einfach das Zusammenwirken all dieser Ele-
sowie auf die emotionalen Reaktionen auf das mente. Andere müssen über die Konsequen-
Ergebnis (Meyer 1987, S. 74). « zen ihrer Entscheidung nachdenken. Wie der
Weg auch sein mag, die Elemente der Volition
Beachte I I haben immer einen Einfluss auf die Entschei-
Die Volition hat sowohl einen Einfluss dar- dung. Andere Faktoren wirken sich natürlich
auf, welche Handlung wir wählen und wie ebenfalls aus, wie z. B. die Überzeugungskraft
wir sie erleben, als auch darauf, wie wir sie der Freunde.
deuten.
Nicht jede Aktivitätswahl fordert die Entschei-
dung zwischen zwei konkurrierenden Disposi-
Am dynamischen Prozess, in dessen Verlauf tionen. Einige Entscheidungen lassen sich sofort
eine bestimmte Betätigungsaktivität ausgewählt treffen. Wir überlegen und zögern nicht lange,
wird, sind sowohl die einzelnen Komponenten wenn uns die Gelegenheit zu etwas geboten
der Volition als auch die äußeren Umstände in wird, das wir gerne tun, und wozu uns die
erheblichem Maße beteiligt. Bei Ergotherapie- nötige Zeit zur Verfügung steht. Auch unsere
schülerinnen und -schülern, die dieses Buch Wertvorstellungen können uns gewissermaßen
lesen, enthält die Volitionsstruktur z. B. die Ver- eine Entscheidung diktieren. Das Beispiel oben
pflichtung gegen sich selbst, die Ausbildung veranschaulicht, dass die Wahl von Aktivitäten
mit dem Ziel abzuschließen, eine bestimmte auch von einer übergeordneten Betätigungswahl
Laufbahn einzuschlagen. Während die Schü- beeinflusst werden kann, die wir zuvor getroffen
lerinnen und Schüler das Betätigungsverhal- haben. Eine Betätigungswahl ist das Engage-
ten zeigen, das zur Erfüllung dieser Pflichten ment bzw. die selbst auferlegte Verpflichtung,
erforderlich ist (z. B. Hausarbeiten und Berich- über einen gewissen Zeitraum eine Reihe ganz
te schreiben und Prüfungen ablegen), entwi- bestimmter Aktivitäten zu wählen.
ckelt sich das jeweilige Selbstbild im Hinblick
auf die übliche Sorge weiter, ob man über die Beachte I I
erforderlichen Fähigkeiten und die notwendige Die Aktivitätswahl kann eine ganze Band-
Selbstdisziplin verfügt, um gute Noten zu be- breite an Aktivitäten betreffen, für die wir
kommen. uns sofort entscheiden können. Eine Betä-
tigungswahl hingegen gibt unserem Leben
> Beispiel eine entscheidende Richtung und trägt
Steht man vor der Entscheidung, sich an schließlich zur Gestaltung unseres Lebens-
einem Samstag Nachmittag auf eine Prüfung stils bei.
vorzubereiten oder sich statt dessen mit
Freunden nett zu verabreden, so muss eine
Aktivitätswahl getroffen werden. Soll man Deshalb möchten wir nun den Volitionsprozess
nun den Nachmittag mit Lernen verbringen bei der Betätigungswahl genauer betrachten.
4.4 · Volitionsprozesse
69 4

Betätigungswahl Ende »weiterspinnt«. Die von uns erfundenen


Lebensgeschichten enthalten und integrieren
Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass eine die Komponenten
Wahl in den übergeordneten Prozess des Erle- ▬ Selbstbild,
bens, Interpretierens und Antizipierens einge- ▬ Werte und
bettet ist. ▬ Interessen.

Beachte I I Somit ist der Volitionsprozess, in dessen Verlauf


Die Aktivitätswahl bezieht sich auf die nahe wir Betätigungen auswählen, in die Erzählung
Zukunft. Die Betätigungswahl hingegen einer Geschichte eingebettet, die sich langsam
stellt eine weitreichende Entscheidung dar: entfaltet – in eine Geschichte, durch die wir
Sie wirkt sich auf den bisherigen und zukünf- unserer Situation einen allgemeingültigen Sinn
tigen Verlauf unseres Lebens aus. verleihen. Durch die Wahl einer bestimmten
Betätigung entscheiden wir uns im Grunde für
einen bestimmten Fortgang der Geschichte, in
Für eine Betätigungswahl müssen viele Frag- der wir uns selbst sehen. Eine volitionale Wahl
mente vergangener Erfahrungen, derzeitiger (volitional choice) kündigt somit die nächsten
Umstände und zukünftiger Möglichkeiten zu Episoden in unserer Lebensgeschichte an.
einem kohärenten Ganzen integriert und zu- Zur Veranschaulichung des Volitionsprozes-
sammen gefügt werden (Schafer 1981; Taylor ses, durch den das persönliche Narrativ verfasst
1989). Darüber hinaus kann eine Betätigungs- und Betätigungen gewählt werden, werden wir
wahl dafür entscheidend sein, wie wir uns weiter drei Geschichten vorstellen und anschließend
entwickeln (Kerby 1991). besprechen. Jede dieser Volitionsgeschichten
Die Wahl einer Betätigung ist in ein sich (volitional narratives) wurde uns von Personen
entfaltendes Leben eingebettet. Sie spiegelt im erzählt, die von einer Behinderung betroffen
Allgemeinen die Feinheiten der momentanen sind. Die Erzählungen veranschaulichen also,
Umstände wider. Sie reflektiert Erinnerungen wie Menschen spezielle Herausforderungen
an vergangene Erfolge und Freuden, an früheres bewältigen können, indem sie ihrem Leben
Vergnügen und Scheitern und an ehemalige Ver- durch ihre Geschichte einen Sinn verleihen.
luste. Zudem nimmt sie eine Vorstellung von der Bei der Wiedergabe dieser Geschichten haben
Zukunft vorweg. wir versucht, dem Originalton treu zu bleiben.
Dieser Prozess, in dem das vergangene, das Jede dieser Geschichten entstand aus mehreren
gegenwärtige und das zukünftige Selbst mit- Interviews. Wir haben die Interviewreihen auf
einander verknüpft werden, beinhaltet auch eine überschaubare Länge gekürzt und dabei
das Verfassen einer persönlichen Geschich- versucht, die wesentlichen Aussagen über die
te oder eines Narrativs (personal narrative) Art und Weise, wie jede dieser Personen ihrem
(Geertz 1986; Gergen u. Gergen 1988; Helfrich Leben einen Sinn verleiht, heraus zu filtern. Die
et al. 1994; Mattingly 1991; Mattingly u. Fle- dritte Person (»Jon«), deren Geschichte wir hier
ming 1993; Schafer 1981; Spence 1982; Taylor erzählen, hat sich entschieden, die Endversion
1989). Aspekte aus unserem Leben zu erzäh- ihres Textes selbst zu verfassen. Auch wenn alle
len bedeutet, dass wir unsere Erfahrungen in drei Personen fiktive Namen erhalten haben,
eine Geschichte verwandeln, auch wenn diese haben sie ihre Geschichten tatsächlich selbst
Geschichte nur für uns selbst ist. Geschichten erzählt, und wir sind ihnen dankbar für ihre
können auch die Zukunft vorwegnehmen, wenn Bereitschaft, uns an einem großen Teil ihres
man das, was passiert ist, gedanklich bis zum Lebens teilhaben zu lassen.
70 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

> Beispiel Anschließend macht Tom wie üblich Witze


über das Vorstellungsgespräch. Alles lief gut.
Tom Er habe die Lücken im Lebenslauf einfach mit
einer Lepraerkrankung und Gefängnisaufent-
Vor zwölf Jahren schloss Tom* die High School halten erklärt, witzelt er. Plötzlich wird er ernst.
mit Auszeichnung ab. Als Schüler war er Her- Denn anstatt ehrlich zu sein, hatte er gelogen.
ausgeber der Schülerzeitung, Vorsitzender des Er hatte nämlich gesagt, dass die Lücken in
4 Vereins »National Honor Society«, Vorsitzender seinem Lebenslauf auf eine wiederkehrende
des »Quill & Scroll Club« und Mitglied eines Augenerkrankung zurück zu führen seien.
Debattierklubs. Er verbrachte seine Sommerfe- Das war natürlich nicht gänzlich frei erfun-
rien damit, für eine stadtweite Schülerzeitung den. Er hatte in der Vergangenheit tatsächlich
zu schreiben, und nahm an Fortbildungskursen einmal ein Augenproblem gehabt. Auf jeden
für Fortgeschrittene im Bereich Journalismus Fall bekam Tom die Stelle! Er grübelt nach:
teil. Das Studium an einer Privathochschule
schloss er als Jahrgangsbester mit einem
» Was ich nun tue, ist ungefähr eine Million
Lichtjahre von dem entfernt, was ich eigent-
akademischen Grad im Fach Journalistik ab
lich tun wollte. Ich hätte nie gedacht, dass
und absolvierte bei zwei städtischen Tages-
ich mal etwas mit Branchenblättern zu tun
zeitungen erfolgreich zwei Praktika. Nach-
haben würde. So nennen die sich. Als ich
dem er 16 Monate als Stadtreporter bei einer
anfing, d. h., nein, als ich kurz vor dem Schul-
Tageszeitung gearbeitet hatte, erhielt er eine
abschluss stand, habe ich gedacht, dass ich
ausgezeichnete Stelle als Journalist im Redak-
irgendwann einmal für die Chicago Tribune
teurbüro bei einer großen Tageszeitung und
arbeiten würde. Als ich ungefähr die Hälfte
deckte in dieser Funktion mehrere Bereiche ab.
meines Studiums hinter mich gebracht hatte,
Das ist nun schon sechs Jahre her. Tom ist
änderte ich meine Meinung und wollte lieber
jetzt seit fast einem Jahr arbeitslos und macht
für eine mittelgroße Tageszeitung arbeiten.
sich ständig Sorgen, dass er keine neue Stelle
Mir wurde bewusst, dass ich wegen meiner
finden wird. Und er schämt sich sichtlich,
Krankheit keine langfristigen Pläne machen
dass er von einem Weg abgewichen ist, der
konnte. Ich kann nicht sagen: Das ist jetzt
eine brillante Karriere versprach. Er überlegt,
der erste Schritt in meiner Karriere, in fünf
was wohl sein früherer Professor dazu sagen
Jahren will ich da oder dort sein, und in zehn
würde, wenn er ihn wieder im Stellenver-
Jahren bin ich dann Herausgeber der und der
mittlungsbüro der Universität anträfe. Er
Zeitung. Menschen, die nie krank werden,
zerbricht sich den Kopf darüber, wie er einige
machen solche Pläne. Aber jeder Plan, den ich
offensichtliche Lücken in seinem Lebenslauf
gemacht habe, ist letztendlich durchkreuzt
erklären soll. Trotz dieser quälenden Ängste
worden, und ich musste immer auf einen
schleppt sich Tom zu einem Vorstellungsge-
Notplan zurück greifen. Nach der ersten Epi-
spräch bei einem monatlich erscheinenden
sode wählte ich ein Motto, das ich übrigens
Magazin, das einen Herausgeber sucht. Das
aus einer Zeitung hatte, das lautete: »Im
Niveau dieser Stelle liegt allerdings einige
Leben zählt nur, was du aus Plan B machst«,
Stufen unter dem des Enthüllungsjourna-
okay? Jetzt bin ich bereits bei Plan F ange-
lismus, den Tom früher praktiziert hatte.
langt. Man muss ganz einfach ständig seine
Ziele ändern. Man muss praktisch denken,
* Toms Geschichte wurde zuvor in einem anderen For- versuchen, realistisch zu sein und sich auch
mat vorgestellt (Helfrich et al. 1994). mit weniger zufrieden geben, als man vorher
4.4 · Volitionsprozesse
71 4

angestrebt hatte. Man lernt, nicht länger als tischen Bereich endeten jedoch in einer Ver-
für, sagen wir, einen Zeitraum von einem Jahr schlimmerung der manisch-depressiven Psy-
zu planen. Ich habe nie mehr als ein Jahr im chose. Tom wehrt sich jedoch auch weiterhin:
Voraus geplant. Jetzt mache ich sowieso keine
Pläne mehr. Meine Zukunft liegt im Nebel. « » Es ist furchtbar! Es ist, als ob eine kleine Ameise
einen Berg hinauf krabbelt, sie jedes Mal,
Tom leidet an einer manisch-depressiven wenn sie oben ankommt, wieder hinunter
Störung. Die Lücken in seinem Lebenslauf geschubst wird und trotzdem den Berg immer
und seine unerfüllten Hoffnungen zu sei- wieder hinauf krabbelt. Aber sie braucht
nem beruflichen Werdegang sind auf peri- jedes Mal viel Zeit. Ich versuche nur, wieder
odisch wiederkehrende Depressionen und auf irgendeinen Weg zu gelangen. Denn
Manien zurückzuführen, die meist mit einem jedes Mal, wenn ich eine Arbeit gefunden
stationären Krankenhausaufenthalt verbun- habe, könnte ich sie genauso leicht wieder
den waren. Die Schwierigkeiten begannen verlieren wie beim letzten Mal. Jedes Mal,
nach seiner glanzvollen Schulzeit, als er wenn man eine Stelle verloren hat, wird es
sich ernsthaft dem Studium der Journalis- schwieriger, eine neue zu finden. Jedes Mal
tik an der Universität zu widmen begann. muss man erzählen, warum man die letzte
Stelle verloren hat. Man versucht, eine positive
» Ich bekam plötzlich Angstzustände und
Einstellung zu bewahren und zu denken, dass
machte mir ernsthafte Sorgen über das Stu-
man schon eine neue Stelle finden und die
dium und dachte, ich würde es nicht schaffen.
nächste Krankheitsepisode überstehen wird
Aber dafür gab es überhaupt keinen Grund,
oder dass man in der Lage sein wird, diese
weil ich wirklich gut war – wie man an den
frühzeitig zu erkennen und abzufangen. So
Prüfungsergebnissen sehen kann. Doch nichts
etwas lässt sich nicht voraussagen, wissen
konnte mich davon überzeugen, dass ich nicht
versagen würde. Ich konnte nicht ergründen,
Sie, und deswegen lässt man es auch sein. «
was eigentlich mit mir geschah. Ich bemühte Jedes Mal, wenn die Krankheit Toms Leben
mich, nach den Gründen zu suchen, konnte unterbricht, erfindet er wieder eine neue
aber keine Antwort finden. Ich weinte sehr Lebensgeschichte. Trotz seiner Hoffnung
viel und ging schließlich nicht mehr in die rechnet er halbwegs mit weiteren Rückfällen.
Vorlesungen. Es war ein sehr trauriger Tag, als Tom überbrückt redegewandt die Diskrepanz
meine Mutter und ich alle meine Sachen aus zwischen seinen Jugendträumen von einer
meinem Zimmer im Studentenwohnheim hol- glänzenden Karriere als Journalist, seiner sehr
ten und nach Hause brachten. Anfang Januar viel weniger glanzvollen und weniger pres-
ging ich ins Krankenhaus, weil ich Wahnvor- tigeträchtigen Arbeit beim Branchenmagazin
stellungen hatte und meine Depressionen und der Art von Zukunft, die er erwartet.
schlimmer wurden. Dort war ich drei Monate,
und das brachte meine akademische Laufbahn
» Man kommt u. a. zu der wichtigen Erkennt-
nis, dass man nicht vorwärts kommen muss
für eine Weile ziemlich durcheinander.« – dass man am gleichen Platz bleiben kann,
Etwas angeschlagen, aber nicht gänzlich am und dass es nicht so schrecklich ist, seinen
Boden kehrte Tom an die Universität zurück. Ehrgeiz in gewissem Maße aufzugeben. Man
Er schloss das Studium mit der höchsten Aus- muss nicht den gleichen Ehrgeiz entwickeln
zeichnung ab. Er erhielt sogar eine Stelle bei wie seine Freunde. Es wird mir langsam klar,
einer großen städtischen Tageszeitung. Diese dass ich aufhören sollte, mich immer noch
Stelle und auch andere Stellen im journalis- als Mitglied des gleichen Freundeskreises zu
72 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

betrachten, zu dem ich früher gehörte. Diese ich sie wohl auf? Ich weiß es im Moment nicht.«
Gruppe bestand aus meinen Studienkollegen, Sie sieht unter das Spülbecken. Sie wendet sich
die nun bei einer Zeitung oder irgendwelchen und sieht sich genau um. Sie sagt: »Nein, ich
Verlagen die Karriereleiter nach oben klettern. denke, ich bewahre sie in der Waschküche auf.«
Ich denke, dass es wirklich besser ist, mich Gemäß ihrer typisch schwedischen prakti-
nicht mehr mit ihnen zu vergleichen, denn schen Weltanschauung ist es für Lisa wichtig,
das macht mich nur wütend, neidisch und aktiv und nützlich zu bleiben. Sie kündigt an:
4 feindselig. Mein derzeitiger Freundeskreis »Hat jemand noch Wäsche? Ich will gerade
besteht aus anderen Menschen mit chroni- waschen.« Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen
schen Krankheiten, die wie ich versuchen, ihr ist Bügeln. Sie bügelt langsam und scheint
Bestes zu geben. Ich denke, man lernt, seine dabei absolut vertieft. Wenn jemand beob-
Erwartungen herunter zu schrauben. Das achtet, wie friedlich sie bügelt, erklärt Lisa,
heißt, jedoch nicht, dass man aufhört, das dass beim Bügeln »die Sachen schön werden...
Leben zu genießen. Es bedeutet nur, dass man und ich mag saubere und gebügelte Blusen
Freude an anderen Dingen entwickeln muss. « im Wandschrank... und außerdem fühlt man
sich nützlich.« Lisa berichtet weiter, dass sie
an guten Tagen abenteuerlustig wird und in
> Beispiel die Stadt geht, um z. B. Eier zu kaufen. Für Lisa
besteht der Sinn des Lebens in erster Linie
Lisa darin, praktisch und nützlich zu sein. Sie hütet
jedoch ein Geheimnis, das dies erschwert.
Gerade erhält die geschiedene Lisa, 54, die in Im Herbst 1990 zeigte sich Lisas Demenz
ihrem eigenen Haus in der Nähe ihrer Eltern in zum ersten Mal bei der Arbeit. Sie litt unter
einem Vorort von Stockholm wohnt, Besuch. Depressionen, Gedächtnisverlust und Kon-
Nachdem sie ihren Gast begrüßt hat, setzt sie zentrationsschwierigkeiten. Ihre Symptome
sich, steht jedoch sofort wieder auf und fragt: wurden als Depression interpretiert, und sie
»Möchten Sie ein belegtes Brötchen?« »Nein, begann, Antidepressiva zu nehmen, jedoch
danke«, antwortet der Gast. Dann holt sie ein ohne Erfolg. Stattdessen nahmen ihre Schwie-
paar Kekse und stellt sie auf den Tisch. Sie geht rigkeiten zu, und sie wurde mit weniger
zum Kühlschrank, öffnet ihn, sieht hinein und anspruchsvollen Aufgaben betraut. Noch
spricht mit sich selbst über belegte Brötchen. bevor es Winter wurde, konnte sie überhaupt
Dann scheint sie sich beim Selbstgespräch nicht mehr arbeiten, weshalb sie ihre Stelle
zu ertappen und ist beschämt. Ihr Gast fragt aufgeben musste und eine Behindertenzu-
laut nach, was sie denn gesagt habe, und Lisa lage in Anspruch nahm. Noch vor Anbruch
antwortet: »Ich habe die Brötchen gesucht, des Frühlings kam sie ins Krankenhaus.
aber ich muss sie bereits gegessen haben.« Lisa Zu diesem Zeitpunkt litt Lisa unter schwer-
nimmt einige Scheiben dunkles Brot aus dem wiegenden Gedächtnisausfällen. Sie wusste
Kühlschrank und fragt sachlich: »Möchten Sie z. B. nicht mehr, wie alt sie war. Lisa beschreibt
ein belegtes Brot?« Ihr Gast wiederholt: »Nein, ihren Zustand als »eine Art inneres Chaos«.
danke.« Lisa kehrt an den Tisch zurück. Sie Auch heute noch verschlimmert sich ihre
sieht sich um. Dann geht sie zum Spülbecken Wahrnehmung. Man vermutet, dass Lisa an
und sagt: »Was wollte ich hier eigentlich?« einer Degeneration des Frontalkortex leidet.
Später, nach dem Mittagessen, wischt sie Lisa sagt ganz klar, dass sie ihre Krankheit
die Waschschüssel aus und sagt: »Ich frage nicht nach außen zeigen darf. Allerdings ist
mich, wo ich die hergeholt habe? Wo bewahre es fast nicht möglich, ihre Schwierigkeiten zu
4.4 · Volitionsprozesse
73 4

verschleiern. Sie fragt sich: »Vielleicht kann vorstellen, wie sie in die Stadt oder wieder nach
jeder sehen, wie verwirrt und verrückt ich bin« Hause kommen sollte, weshalb sie Zuhause
und wiederholt anschließend, wie schwer es ihr blieb. Heute sucht sie ihre Telefonbücher, um
fällt, ihren Zustand zu verstecken. Auch Lisas die Verkehrsbetriebe anzurufen und nach den
Mutter, die ihr sehr nah steht, weiß nicht genau Abfahrtszeiten zu fragen. Sie findet die Bücher
Bescheid. Lisa denkt laut darüber nach, was im Putzschrank, starrt jedoch nur hilflos darauf
passieren könnte, wenn ihre Mutter ausführlich und fragt sich offensichtlich, in welchem sie
über ihre Demenz informiert wäre: »Vielleicht nachschauen soll. Schließlich seufzt sie: »Nein,
würden sie mir das Haus wegnehmen oder so heute fühle ich mich nicht wohl. Ich möchte
etwas ähnliches und würden glauben, dass das nicht tun.« Als müsste sie eine Erklärung
ich allein überhaupt nicht zurecht komme... » abliefern, sagt Lisa daraufhin langsam und in
Und dann ist da noch die Sorge, was passieren feierlichem Ton zu ihrem Gast: »Ich bin nicht
würde, wenn die Mutter als Unterstützung mehr so stark wie vorher. Ich bin schwach,
wegfiele. »Ich mach’ mir Sorgen darüber, dass und ich schaffe das nicht. Ich fühle mich so,
sie eines Tages stirbt. Dann bin ich mit dem als ob ich gleich zusammenbreche. Früher war
ganzen Durcheinander in meinem Kopf auf ich stark, aber jetzt bin ich es nicht mehr.«
mich allein gestellt. Dann komme ich nicht
mehr zurecht, und alles bricht zusammen.«
Die Vorstellung von dem Chaos, das bei > Beispiel
einem Zusammenbruch ihres Lebens aus-
zubrechen droht, verfolgt Lisa wie ein scho- Jon
nungsloser Feind. Sie löst bei Lisa die Angst
aus, dass viele Dinge nicht richtig laufen Ich wurde 1951 im Südwesten von Chicago
und sie überfordern könnten. Und auf diese geboren. Meine Schwester ist älter als ich, und
Art und Weise wird aus jeder Kleinigkeit ein sie heiratete, als ich neun Jahre alt war. Mein
ungeheuer großes Problem. »Ich bekomme Vater starb, als ich 16 Jahre alt war. Ich war ein
viele Weihnachtskarten. Zunächst macht es durchschnittlicher Schüler und schaffte die
mir Sorgen, Karten zu finden, die ich als Ant- High School nur sehr knapp. Ich schrieb mich
wort zurück schicken kann, und dann muss an der örtlichen Universität ein, allerdings
ich sie schreiben. Anschließend brauche ich zur Zeit des Vietnamkriegs. In meinem ersten
Briefmarken und muss das Haus verlassen, Jahr an der Universität wurde ich Soldat der
um sie zu besorgen. Und dann muss ich die Reserve bei der Luftwaffe. Den größten Teil
Karten auch noch bei der Post aufgeben des Jahres 1970 war ich in Texas im Einsatz
und so weiter... » Das ist die Art von Sorgen, und kehrte im darauf folgenden Frühling
die Lisa bei der Frage beschäftigen, ob sie an die Universität zurück. Zu dem Zeitpunkt
den Herausforderungen gewachsen ist. lernte ich ein Mädchen kennen, mit dem ich
Lisa schwelgt gegenüber ihrem Gast in Erin- mich bereits nach wenigen Wochen verlobte.
nerungen an die häufigen Busfahrten innerhalb Ich war an der Universität sehr aktiv als
Stockholms, die früher Teil ihres gewohnten Herausgeber der Unizeitung und wurde in
Tagesablaufs waren. Heute steht sie solchen den Studentenkongress gewählt. Nach dem
Unternehmungen meistens eher zögerlich ersten Studienjahr wechselte ich an die »Uni-
gegenüber. Sie erzählt, wie sie sich vor einigen versity of Illinois« in Chicago und studierte im
Wochen mit ihrer Tochter in einem großen Ein- Hauptfach Buchhaltung. Nach meinem ersten
kaufszentrum verabredet hatte. Als es an der Semester heiratete ich. Da ich die verlorene
Zeit war aufzubrechen, konnte sie sich nicht Zeit aufholen wollte, belegte ich sehr viele
74 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

Kurse. Trotzdem war ich immer noch kein guter lichen Entscheidungen nach. Ich fühlte, dass
Schüler. Das einzige, was mich während des von meiner eigenen Firma, der neuen Firma
gesamten Studiums aufrecht hielt, war die und auch von meiner Ehe Druck ausging.
Erinnerung an meine Eltern, die mir bereits in Das war alles andere als eine schöne Zeit.
meiner Kindheit eingeschärft hatten, dass ich Ich war gedanklich mit all diesen Dingen
auf jeden Fall studieren müsse: »Du wirst auf beschäftigt, als ich eines Tages auf dem Weg
die Universität gehen, Du wirst auf die Uni- nach Hause einen Unfall hatte. Das war im
4 versität gehen!« Ohne Universitätsabschluss Februar 1983. Ich stand an einer roten Ampel,
hätte ich das Gefühl gehabt, persönlich versagt als ein betrunkener Fahrer in das Heck meines
zu haben, und dieses Gefühl wäre für mich Autos raste. Durch den Aufprall brach mein
unerträglich gewesen. Es gab nichts, aber Sitz zusammen, und ich wurde mit dem Kopf
auch gar nichts, was wichtiger gewesen wäre. voran auf den Rücksitz geschleudert. Ich erlitt
Obwohl es nicht einfach war, schloss ich einen Kompressionsbruch auf Höhe des fünf-
mein Studium ab und erhielt bei einem klei- ten und sechsten Rückenmarkwirbels. Meine
nen Steuerberaterunternehmen eine Stelle. einzigen Erinnerungen an den Unfall umfas-
Innerhalb eines Jahres wechselte ich zu einem sen eine Zeitspanne von etwa 30 Sekunden.
der größten Wirtschaftsprüfungsunternehmen Es war ungefähr 20 Uhr, ein klarer und kalter
des Landes. Dort arbeitete ich vier Jahre. In der Abend. Ich lag im Auto auf dem Rücken und
Zwischenzeit kaufte ich ein Haus, und mein konnte den Himmel sehen, weil mein Dach
erster Sohn wurde geboren. Ich verließ die weggeschnitten worden war. Ich spürte leichte
Firma 1979 zur Geburt meines zweiten Sohnes Schneeflocken auf meinem Gesicht, und es war
und machte mich mit einem kleinen Buch- sehr kalt, obwohl sich alles andere sehr warm
haltungs- und Steuerbüro für kleine Betriebe anfühlte. Ich hörte das Geräusch von Polizeifunk
selbständig. Ich begann zudem, mich an der und sah die Spiegelungen von flackerndem
Lokalpolitik zu beteiligen, und wurde Aus- Blaulicht. Ich hörte Stimmen, unter anderem
schussmitglied der Stadtplanungskommission auch meine eigene. Ich weiß jedoch nicht, was
und Kurator der Schulen in meinem Bezirk. gesagt wurde, weil ich unter Schock stand.
Innerhalb eines Jahres kaufte ich ein kleines Man erzählte mir, dass ich im Kranken-
Steuerbüro, das ich zusätzlich zum Hauptbüro haus ständig dieselben Fragen wiederholte:
betrieb. Ich konnte alles aufrecht erhalten, aber »Was passiert jetzt?« und »Muss ich jetzt ster-
die wirtschaftliche Situation verschlechterte ben?« Am nächsten Morgen ließ der Schock
sich. Ich hatte immer mehr Außenstände. Als nach, und ich begann zu begreifen, was für
sich mir die Gelegenheit bot, für eine größere einen Unfall und welche Art von Verletzung
Firma zu arbeiten, nahm ich das Angebot an. ich erlitten hatte. Niemand benutzte das
Bis ich 30 Jahre alt war, konzentrierte Wort »Tetraplegie«. Ich denke, dass mir die-
ich mich auf meine berufliche Karriere. Die ses Wort noch mehr Sorgen bereitet hätte.
meiste Zeit verbrachte ich mit dem Aufbau Sie sprachen von einem Bewegungs- und
meiner Firma. Ich war sehr gern Vater, aber Funktionsverlust. Ich erinnere mich daran,
ich stritt mich häufig mit meiner Frau. Wir dass ich hoffte, es würde sich nur um eine
stritten uns meist darüber, dass ich ständig zeitweilige Lähmung handeln, ich begriff
arbeitete. Schließlich trennten wir uns. Ich jedoch, dass sie auch dauerhaft sein könnte.
nahm mir eine Wohnung und versuchte, mein Nach nur sieben Tagen intensiver Akut-
Leben zu ordnen. Ich arbeitete und sah meine behandlung wurde ich in eine Rehabilita-
Söhne an den Wochenenden und dachte tionsklinik verlegt. Ich stritt mich mit dem
über meine Ehe und auch über meine beruf- Personal über die Frage, warum man mich so
4.4 · Volitionsprozesse
75 4

früh verlegte, und ich sagte ihnen, dass ich zumindest physisch. Ich machte eine Bestands-
noch nicht so weit wäre. Ich wollte mehr Zeit aufnahme meiner verbliebenen Fähigkeiten,
haben, um mich anpassen und die Gescheh- das waren namentlich mein Bewusstsein und
nisse besser verstehen zu können. Ich hatte ein gewisses Maß an Hartnäckigkeit, und
auf die Verlegung jedoch keinen Einfluss, und ich entschied mich, darauf aufzubauen.
dieser Mangel an Kontrollfähigkeit reichte Ich beschloss, dass ich mir einen eigenen
bis in den Rehabilitationsprozess hinein. Zeitplan für den Rehabilitationsprozess erstel-
Das Problem, mit dem ich während der len musste. Ich war mir im Klaren: Über die
Rehabilitation am meisten zu kämpfen hatte, Therapiestunden, in denen meine Fähigkeiten
bestand darin, dass ich als Patient zu wenig gefördert wurden, hinaus war die Rehabili-
in den Entscheidungsprozess einbezogen tation auch zum Austesten und Aufdecken
wurde. Ich konnte keinen Halt finden, und meiner Grenzen geeignet. Ich versuchte,
diese Tatsache ließ meinen anfänglichen mit der Vorstellung über den Verlauf meines
Aufenthalt sowohl für mich als auch für die Lebens außerhalb der Klinik klar zu kommen,
Ärzte, Krankenschwestern und Therapeuten wenn ich auf mich allein gestellt sein würde.
unvergesslich werden. Ich galt als Problempa- Antworten auf eindeutige Fragen wie dar-
tient, da ich nicht aufhörte, Fragen zu stellen, auf, ob ich rund um die Uhr gepflegt werden
bis ich eine befriedigende Antwort bekam. müsse, erhielt ich dann über den Umweg
Ich fragte bereits ziemlich früh, ob ich versteckter Fragen, die das Personal eher auf
meine Hände jemals wieder normal benutzen der Grundlage von Vermutungen und Andeu-
könne. Ich dachte, wenn dies der Fall wäre, tungen als aufgrund logischer Schlussfolge-
könnte ich meine Gitarre nehmen und den rungen nur allzu bereitwillig beantwortete.
ganzen Tag darauf spielen. Ich hatte mir kurz Als Beispiel sei hier angeführt, dass mir
vor dem Unfall eine neue Gitarre gekauft. Am gesagt wurde, dass ich mich alle vier Stun-
Gitarrespielen gefällt mir am meisten, dass den umdrehen müsste, um ein Wundliegen
man eine Technik entwickeln muss, um beide zu vermeiden. Zum damaligen Zeitpunkt
Hände so zu koordinieren, dass ein Klang und war ich jedoch nicht fähig, mich selbst
ein Rhythmus entstehen. Der Arzt sagte, dass umzudrehen. Die Antwort des Personals
ich meine Hände wahrscheinlich im Laufe lautete, dass ich nachts einen Pfleger für das
der Zeit wieder normal benutzen könnte, Umdrehen haben müsste. Ich fragte: »Was
dass es jedoch bestimmt noch lange dauern passiert, wenn ich nicht gedreht werde?«
würde. Während meiner Rehabilitation brachte Sie antworteten, dass ich alle vier Stunden
mir einer der Therapeuten Broschüren über gedreht werden müsste – sie hatten einen
behindertengerechtes Gitarrenzubehör mit. strikt einzuhaltenden Zeitplan. Ich schlug
Das betreffende Gerät befähigt den Benutzer, vor, es mit sechs Stunden zu versuchen und
die Saiten einzeln auf die Gitarre zu ziehen zu sehen, was passieren würde. »Niemand
und sie anschließend zu stimmen. Die Tech- liegt sechs Stunden lang auf einer Seite«,
nik und der Stil des Gitarrespielens gingen antwortete man mir. Ich sagte dem zustän-
in diesem Prozess jedoch verloren. Ich sagte digen Arzt, den Krankenschwestern und
dem Therapeuten, dass ich mich für diese den Therapeuten, dass ich nachts keinen
Art des Gitarrenspielens nicht begeistern Pfleger bräuchte, wenn ich es schaffte, sechs
könne. Dennoch war es ein netter Versuch. Stunden ohne Umdrehen auszuhalten. Sie
Ich wusste, dass es den Jon Smith, so stimmten schließlich meiner Logik zu, und
wie er vor dem Unfall gewesen war, nicht wir wagten das Experiment, mich nicht
mehr gab. Dieser Jon Smith war ganz anders, zu drehen, wobei sorgfältig auf etwaige
76 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

Anzeichen eines Wundliegens geachtet Stets hatten meine Söhne absolute Priorität.
wurde. Da es keine Anzeichen gab, stimmte Unsere Beziehung ist jetzt vermutlich besser,
der Arzt nach einigen Tagen einem Zeit- als sie es ohne den Unfall je gewesen wäre.
plan ohne »nächtliches Umdrehen« zu. Die Es wurde mir auch bewusst, dass ich gar
Zukunftsperspektive, nachts ständig einen nicht so hilflos war, wie ich dachte. Und ich
Pfleger haben zu müssen, erübrigte sich. begann mich zu langweilen. Ungefähr zu
Nach 8 Monaten Rehabilitation wurde diesem Zeitpunkt schlug mir jemand, den ich
4 ich entlassen und zog zu meiner Mutter. Wir aus einem »Center for Independent Living«
hatten ein großes Wohnzimmer, das nach (Zentrum für selbständiges Leben) kannte, vor,
dem Tod meines Vaters an das Haus angebaut mich bei diesem Zentrum als Finanzdirektor zu
worden war. Ich hatte damals die ganzen bewerben. Diese Zentren arbeiten mit Behin-
Tischlerarbeiten in diesem Raum erledigt, in derten zusammen und unterstützen sie darin,
dem ich nun, 16 Jahre später, lebte. Irgendwie ihre persönlichen Ziele im Sinne einer Unab-
verbarg sich dahinter eine gehörige Portion hängigkeit zu erreichen. Die Arbeit in diesem
Ironie, aber es bot sich mir auf diese Weise Zentrum ermöglichte es mir, verschiedenen
die Gelegenheit zu erfahren, wie es sein Arten von Akten- und Schreibtischkonstrukti-
würde, wieder allein zu wohnen. Ich war in onen auszuprobieren und zu erkunden, womit
der Lage zu erkennen, welche Fähigkeiten ich mit meiner begrenzten Handfunktion am
ich entwickeln musste. Drei Monate später besten zurechtkam. Ich fand meinen Weg.
kehrte ich mit klar definierten Zielen in die Am wichtigsten war jedoch, dass ich in den
Rehabilitation zurück: Ich wollte bestimmte Umgang mit Computern eingeführt wurde.
Vorgehensweisen und Techniken verbessern Mit der Zeit war meine Arbeit am Compu-
und trotz meiner Behinderung etwas lernen. ter wesentlich besser als vor dem Unfall.
Ich begann mich in vielerlei Hinsicht Obwohl ich immer noch bei meiner
sicherer zu fühlen. Ich erreichte die Ziele, die Mutter lebte, sah ich mich nach einer eige-
ich mir selbst für die Rehabilitation gesetzt nen Bleibe um. Ich entdeckte einen nahe
hatte. Nachdem ich fast ein Jahr in der Reha- gelegenen Wohnungskomplex und traf mich
bilitation verbracht hatte, wurde ich im Mai mit den Leuten der Baufirma, die gerade
1984 aus dem Krankenhaus entlassen. Bereits sechs Wohngebäude instand setzten. Wir
wenige Tage danach kaufte ich einen Klein- sprachen davon, so viele Wohnungen wie
bus mit Aufzug und Handsteuerung. Ich fuhr möglich auch für Behinderte zugänglich zu
den ganzen Sommer damit herum. Das hatte machen. Sie wählten speziell einen Woh-
eine therapeutische Wirkung. Ich begann, die nungsblock aus, der keine Treppen erhalten
Kinder mindestens einmal pro Woche mitzu- sollte, und nahmen ein paar Änderungen
nehmen, und sie halfen mir sehr. Sie brachten vor. Ich bereitete mich gerade darauf vor,
mich dazu zu experimentieren und forderten eine der Wohnungen zu beziehen, als mich
mich auf, neue Dinge auszuprobieren. Sie einen Tag vor der Unterzeichnung des Miet-
brachten mich auch dazu, mich häufiger in vertrags der Vermieter anrief und sagte, dass
der Öffentlichkeit zu bewegen. Heute denke ich nicht zu kommen brauchte. Er drückte
ich mir nichts mehr dabei, aber es war ihre sich bei seiner Begründung nur sehr vage
Idee, das erste Mal ins Kino zu gehen. Ich bin aus und sagte mir, dass die Wohnung seiner
zum ersten Mal allein in ein Einkaufszentrum Ansicht nach für mich ungeeignet sei und ich
gegangen, weil mein Sohn mich gebeten woanders bestimmt besser wohnen würde.
hatte, etwas für ihn zu besorgen. Ich arbei- Ich versuchte, mit ihm über die von ihm
tete sehr intensiv an unserer Beziehung. genannten Probleme zu sprechen. Mit der
4.4 · Volitionsprozesse
77 4

Zeit wurde mir jedoch klar, dass ich aufgrund im Zentrum, besuchte halbtags die Uni und
meiner Behinderung diskriminiert wurde. fühlte mich eigentlich sehr produktiv.
Diskriminierung war eine neue Erfah- Im Laufe meines zweiten Jahres an der
rung für mich. Gerade rechtzeitig rief ich Universität erfuhr ich, dass der Staat für die
die »ACLU« (American Civil Liberties Union, Gründung neuer Zentren für selbständiges
Amerikanische Vereinigung zum Schutz der Wohnen weitere finanzielle Mittel bereitstellte.
bürgerlichen Grundrechte) an, die mich an Ich gründete eine Gruppe für den Aufbau eines
das »State Department of Humans Rights« neuen Zentrums, dessen Leistungen Menschen
(Büro für Menschenrechte innerhalb des mit Behinderungen aus den Vorstadtgebieten
US-Außenministeriums) verwies. Ich bekam Chicagos zugute kommen sollten. Ich war
Unterstützung von der »Northwestern der Vorsitzende des Organisationskomitees.
University’s Law School Legal Aid Clinic« Wir vertraten unsere Interessen im Parlament,
(Büro für Rechtsberatung an der Nothwes- machten Politik und kämpften gegen die Büro-
tern University) und legte Beschwerde ein. kratie der Regierung für den Bau des neuen
Der Prozess zog sich insgesamt über zwei Zentrums. Manchmal waren wir frustriert, aber
Jahre hin. In der Zwischenzeit hatte ich eine alles in allem war es doch eine interessante
andere Wohnung gefunden, aber ich führte und lohnenswerte Erfahrung. Nach zwei Jahren
den Prozess aus Prinzip weiter. Wir bereiteten Bemühungen sicherten wir uns erfolgreich
uns gerade auf den Prozess vor, als uns der eine staatliche Unterstützung für die Eröffnung
Wohneigentümer ein Angebot zur Beilegung des zweitgrößten Zentrums im mittleren Wes-
der Streitigkeiten unterbreitete. Er erklärte sich ten. Als das Zentrum dann tatsächlich realisiert
mit einer gerichtlichen Anweisung zur Nicht- wurde, zog ich in Betracht, die Position des
diskriminierung einverstanden, gab Anzeigen Verwaltungsdirektors zu übernehmen. Ich
auf, in denen stand, dass das Gebäude auch entschied jedoch, dass es für mich wichtig war,
Menschen mit physischen Behinderungen zur Entscheidungen hinsichtlich meiner berufli-
Verfügung stehe, und ich bekam den Anspruch chen Laufbahn trotz meiner Behinderung und
auf die Wohnung zugesprochen und erhielt nicht aufgrund meiner Behinderung zu treffen.
zudem eine finanzielle Entschädigung. Ich führte meine Arbeit für das Zentrum fort,
Allein zu leben war eine ganz neue allerdings nur ehrenamtlich als Vorsitzender
Erfahrung für mich. Ich brauchte etwas Hilfe des Vorstandes. In den sechs Jahren nach der
beim Einrichten der Wohnung. Als ich mich Eröffnung des Zentrums wuchs das Personal
jedoch erst einmal zurecht gefunden hatte, auf 13 Mitarbeiter heran und verfügte über
fand ich sie sogar sehr bequem. Ich hatte ein Budget von nahezu 700 000 US-Dollar.
das Gefühl, in meinem Leben Fortschritte Ich wechselte zu meiner derzeitigen
zu machen. Gegen Ende desselben Jahres Arbeitsstelle und wurde Leiter der Finanzabtei-
bewarb ich mich für das »Northwestern lung einer schnell wachsenden Fürsorgestelle
University’s Graduate Management Program« für Kinder. Ich konzentrierte mich weiterhin
(Graduiertenprogramm im Bereich Betriebs- auf meine berufliche Entwicklung und machte
wirtschaft an der Northwestern University) einen weiteren Abschluss, die CPA-Prüfung
Ich wusste, dass ich meine Behinderung am (Certified Public Accountant = anerkannter
besten durch zusätzliche Bildung ausgleichen Wirtschaftsprüfer). Zurückblickend habe ich
konnte. Das Graduiertenprogramm war eine meine Behinderung auf beruflicher Ebene
hervorragende Gelegenheit, Fähigkeiten vielleicht übertrieben stark kompensiert. Ich
zu entwickeln und trotz der Behinderung wollte mir beruflich so viel Wege wie möglich
wettbewerbsfähig zu werden. Ich arbeitete offen halten.
78 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

Der Unfall hat mein Leben eindeutig Die Geschichten von Tom, Lisa und Jon ver-
verändert. Jegliche Pläne, die ich für mein anschaulichen, wie diese drei Menschen ihre
Leben geschmiedet hatte, wurden zunichte Erfahrungen geordnet und ihnen einen Sinn
gemacht. Der Druck, dem ich mich zum Zeit- verliehen haben. Zunächst sind ihr Wissen und
punkt des Unfalls ausgesetzt fühlte, wurde von ihre Gefühle in Hinblick auf ihr Leben durch
mir genommen, und ich musste noch einmal Themen, Vorstellungen und Ansichten geprägt,
von vorne beginnen. Ich habe seit jeher Pläne die ihnen durch ihre jeweilige Kultur vermittelt
4 geschmiedet, aber alles, was ich für mein werden. Tom und Jon zeigen z. B. den typischen
Leben geplant hatte, hatte seine Gültigkeit ver- beruflichen Ehrgeiz amerikanischer Männer,
loren. Auf welchem Weg ich mich auch immer und sie bemühen sich, wie viele andere auch,
befunden hatte, dort war ich nicht mehr. den kulturellen Vorstellungen von beruflichem
Was ich mit meinem Leben machen und Erfolg gerecht zu werden. Lisa spiegelt die für
mit meiner Zeit anfangen würde, wie das die Schweden typische Vorstellung wider, dass
Verhältnis zu meinen Kindern aussehen und man nützlich und praktisch zu sein hat. Wie die
mit wem ich mein Leben verbringen würde... Männer, strebt auch Lisa nach den Idealen der
auf all diese Fragen hatte ich keine Antwort. westlichen Welt, d. h. nach Individualismus und
Einige dieser Fragen sind immer noch offen, Autonomie. Auch sie erhebt diese Ideale zum
aber ich wurde mir bewusst, dass ich beginnen Leit- und Organisationsprinzip der kulturell
musste, mir diese Fragen zu stellen. Ich traf beeinflussten Sichtweise dessen, wie ein Leben
Entscheidungen, weil das Leben weiter ging. zu führen ist.
Auch wenn ich viel von dem verloren hatte, Es ist jedoch ebenso wichtig zu begreifen,
was ich früher einmal war, war ich immer dass jede der Geschichten auch einen einzig-
noch in der Lage, mich zu fragen, was ich mit artigen und persönlichen Lebensweg wider-
dem Rest meines Lebens anfangen sollte. spiegelt, mit unterschiedlichen Herausforderun-
Meiner Ansicht nach bin ich stärker und gen und Leistungen. Die Geschichten sind auch
entschlossener als vor meiner Behinderung. Ich durch die individuellen Werte, das Selbstbild
habe in gewisser Hinsicht das Gefühl, etwas und die jeweiligen Interessen der einzelnen Per-
geleistet zu haben; ich denke jedoch, dass sonen geprägt. Jeder Mensch muss den eigenen
ich noch viel an mir arbeiten muss. Ich habe Fähigkeiten und den Ergebnissen, die sich dar-
mich sehr bemüht, die intensive Beziehung aus ergeben, einen Sinn verleihen. Jeder ver-
zu meinen Söhnen aufrecht zu erhalten. Ich sucht in den Aktivitäten, aus denen sein Leben
hoffe, dass ich für die Lebensumstände ande- besteht, Freude und Befriedigung zu finden.
rer Menschen sensibler geworden bin. Vor Und jeder wählt aus, was für ihn wichtig ist und
dem Unfall hätte ich die Ereignisse in meinem was als Leitprinzip für das eigene Handeln dient.
Leben niemals so bewusst wahrgenommen.* All diese Gesichtspunkte und Anliegen werden
auf eine natürliche und allgemein verständliche
Weise in die Lebensgeschichten integriert.
Darüber hinaus werden die jeweils getrof-
* Wir danken Lisa Richter, MS, OTR, die die Interviews mit fenen Betätigungswahlen am verständlichsten,
Jon durchgeführt und uns anschließend die Protokol- wenn sie im Zusammenhang mit der Lebens-
le zur Verfügung gestellt hat, aus denen wir die End- geschichte der betreffenden Person gesehen
version der Geschichte entwickelten. Ferner möchten
werden. Warum Lisa ihre Gewohnheit aufgab,
wir Jon (der anonym bleiben möchte) unseren Dank
dafür aussprechen, dass er sich die Zeit genommen
mit dem Bus in die Stadt zu fahren, und war-
hat, über seine Lebensgeschichte nachzudenken und um Jon beschloss, einen akademischen Grad
sie schließlich für dieses Kapitel niederzuschreiben. zu erwerben, diese Entscheidungen erschei-
4.4 · Volitionsprozesse
79 4

nen erst im Zusammenhang mit der jeweiligen geiz herabzusetzen, um eine neue Bezugsgruppe
Lebensgeschichte sinnvoll. Herausgerissen aus zu finden, und einer weniger anspruchsvollen
den Lebensgeschichten wären sie viel schwerer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Da er sei-
zu erklären. Außerdem geht beim Versuch, die nen Ehrgeiz aufgegeben hat, verfügt er wieder
Motivation für diese Entscheidungen einfach über mehr Kontrolle in seinem Leben. Letz-
mit Hilfe von Eigenschaften (traits) zu erklären teres bedeutet, dass er die Krankheit besiegen
(z. B. Tom interessiert sich für Journalismus, Lisa kann und dass er erreichen kann, was er nun
hat das Gefühl der eigenen Wirksamkeit verlo- erreichen will. Auch wenn es sich nicht um die
ren und Jon hat neue Werte für sich festgelegt), Erfolgsstory handelt, die er sich ursprünglich
einiges verloren. Die im Allgemeinen eher steri- vorgestellt hatte, ist es dennoch eine Erfolgssto-
len Erklärungen, mit denen wir häufig konfron- ry. Lisa fühlt sich unfähig, ihr Leben zu kontrol-
tiert werden, lassen sich also nicht einfach auf lieren, da gerade die Dinge, die ihr am meisten
die Form der Geschichten übertragen. bedeuten (ihr Zuhause, ihre Unabhängigkeit
Wir wenden uns nun der Frage zu, welcher und das Gefühl, nützlich zu sein), gefährdet
Stellenwert dem Selbstbild, den Werten und scheinen. Jon ist erst wirklich in der Lage, sein
den Interessen in diesen Geschichten jeweils Leben zu kontrollieren, als ihm alles, was er vor-
zukommt. Tom ist bei Plan »F« angelangt, aber her als wichtig erachtet hatte, genommen wird
wie die kleine Ameise, die nie aufgibt, glaubt er und der frühere Jon Smith nicht länger existiert.
immer noch an die Möglichkeit, sein Leben neu Als er neu festlegt, was für ihn von Bedeutung
ordnen und wieder selbst in die Hände nehmen ist, empfindet er wieder das Gefühl der eigenen
zu können. Folglich verfügt er immer noch über Wirksamkeit.
ein positives Gefühl der eigenen Wirksamkeit. Das Gefühl der eigenen Wirksamkeit basiert
Lisas Selbstbild ist im Begriff zusammen zu bre- teilweise auf der Tatsache, dass die drei Men-
chen. Sie befürchtet, für inkompetent gehalten schen auch weiterhin Freude am Leben emp-
zu werden und ebenso wie ihre Arbeit auch ihr finden. Obwohl er seinen Ehrgeiz reduziert und
Haus und ihre Freiheit zu verlieren. Ihre Sorge, seine Meinung über die wichtigen Dinge im
nicht effizient zu sein, konzentriert sich auf das Leben ändert, ist Tom auch weiterhin im Journa-
Begehen großer Fehler (z. B. sich zu verlaufen), lismus tätig, ein Bereich, der ihn schon seit jeher
die ihrer Ansicht nach ihre Welt zum Einstürzen enorm fasziniert hat. Jon bereitet das Gitarre-
bringen würden. Im Fall von Jon hat sich das spielen keine Freude mehr, da der Verlust seiner
ganze Leben radikal verändert. Er musste mit Fähigkeiten es seiner Ansicht nach unmöglich
ansehen, wie es sowohl in beruflicher als auch in macht, die Gitarre so zu spielen, wie sie in sei-
familiärer Hinsicht zu einem Stillstand kam. Zu nen Augen gespielt werden sollte. Auf der Suche
einem Neubeginn gezwungen, zog er die Bilanz nach Zufriedenheit wendet er sich neuen Din-
über die ihm verbliebenen Fähigkeiten. Da er gen zu. Lisa empfindet das Bügeln als einen klei-
ein hartnäckiger Planer und Kämpfer ist, konnte nen ermutigenden Trost inmitten ihrer Ängste.
er sich schrittweise ein neues Leben errichten, Für eine Weile sind die Hemden und (wie wir
auf das er stolz ist, das er zu kontrollieren glaubt vermuten) auch ihr Leben selbst »schön«.
und das ihm das Gefühl vermittelt, etwas zu Tom versteht es meisterlich, ein Gefühl für die
leisten. wichtigen Dinge zu entwickeln, sich ein Gefühl
Bei Tom, Lisa und Jon ist das Selbstbild der Kontrolle und Freude zu bewahren und
jeweils eng mit den anderen Elementen der Voli- gleichzeitig die verheerenden Auswirkungen, die
tion verbunden. Tom musste alles, was in seiner seine ernste Krankheit hätte haben können, zu
Lebensgeschichte wichtig war, um die Kontrolle begrenzen. Anstatt auf eine erfolgreiche Karriere
zu behalten, ändern. Er hat gelernt, seinen Ehr- konzentriert Tom nun seinen Antrieb auf einen
80 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

Sieg über den Krankheitsprozess. Das, was er von Geschichten. Diese Vorstruktur bestimmt
erreicht, ist ein lebenswertes Leben trotz Krank- unsere Art zu denken und zu sprechen, wenn
heit. Anstatt als Enthüllungsjournalist arbeitet wir Geschichten einsetzen oder erzählen.
er nun als Reporter für ein Branchenblatt. Lisas
Lebensgeschichte ist eine Geschichte von Über- Beachte I I
raschungen und Verlusten. Aus Angst vor dem Wenn Menschen über den Volitionsprozess
Chaos in ihrem Inneren und der Perspektive, das ihren Erfahrungen einen Sinn verleihen und
4 Wenige zu verlieren, was sie besitzt, versteckt sie Betätigungen auswählen, stützen sie sich auf
sich und hütet ihr schreckliches Geheimnis. Der den Modus des Erzählens. Dieser birgt eine
Jon von früher ist verschwunden, und ein neuer kulturell geprägte Form, wie man Erfahrun-
Jon ist an seine Stelle getreten. Aus den Trüm- gen eine Bedeutung verleiht und die Zukunft
mern eines Lebens, das in mancherlei Hinsicht antizipiert.
falsch gelaufen war, erschafft er sich selbst neu.
Seine Lebensgeschichte ist wirklich die eines
»Selfmade-man«. Geschichten verleihen unserem Leben auch eine
Die drei Lebensgeschichten sollen deut- Dramatik, die unser Leben verständlich und
lich machen, dass die Konzepte der Volition gleichzeitig anrührend werden lässt (Bruner
für etwas Lebendiges und Dynamisches stehen. 1990b; Gergen u. Gergen 1983). Diese dramati-
Konzepte dienen der Kategorisierung und dem sche Dimension (die z. B. auf der Angst beruht,
Verständnis von Menschen. Sie beziehen sich dass sich das Leben verschlechtern könnte, oder
jedoch immer auf etwas, das Menschen, die in der Hoffnung begründet ist, dass das Leben
ihrem Leben einen Sinn zu verleihen suchen, besser werden könnte) verleiht den Geschichten
wissen, fühlen und aktiv schaffen. die Macht, das Engagement im Zuge einer Betäti-
gungswahl energischer anzugehen oder aufrecht
Beachte I I zu erhalten. Sie geben uns außerdem die Macht,
Wie die Geschichten zeigen, haben die Kon- uns zu überwinden und Entscheidungen zu tref-
zepte der Volition ohne die Erfahrungen der fen. Schließlich liefern uns Geschichten Hinwei-
Menschen keine Bedeutung. Wir müssen se darüber, wonach wir im Leben streben.
die Lebensgeschichten der Menschen ken-
nen, um ihre Volition und deren Einfluss auf
die Wahl von Betätigungen tatsächlich zu 4.5 Schlussfolgerung
ergründen.
Mit folgender These haben wir versucht zu
begründen, weshalb Menschen zu bestimmten
Diese Personen verstehen sich auch selbst Betätigungen motiviert sind: Wir werden mit
und wählen über ihre Geschichten bestimmte einem Bedürfnis zu handeln geboren. Unser
Handlungen aus. Die Geschichte ermöglicht es Betätigungsverhalten beginnt mit unserem Inte-
ihnen, ihren Erfahrungen einen Sinn zu verlei- resse für bestimmte Gegenstände und Menschen
hen und Entscheidungen zu treffen. Denn jede und mit unserem endlosen Bemühen, mit die-
der Geschichten bietet eine Art einzigartigen sen in Interaktion zu treten. Im Laufe unseres
Rahmen für die Hoffnungen, Handlungen und Lebens lernen wir etwas über unser Verhalten:
Erfahrungen dieser Menschen. Gergen u. Ger- wie es sich anfühlt, wie es unsere Umgebung
gen (1988) bezeichnen diesen Rahmen als die beeinflusst und was andere darüber denken. Wir
Vorstruktur (forestructure) der Narrative, ein Set lernen, unseren Handlungen und der Welt, in
von Konventionen über die Zusammensetzung der wir handeln, eine Bedeutung zu verleihen.
4.5 · Schlussfolgerung
81 4

Folglich erwerben wir ein Alltagswissen über vielmehr das sich stetig wandelnde Produkt aus
uns selbst, das unsere Kultur und unsere einzig- aufeinander folgenden Verhaltensepisoden in
artigen Erfahrungen spiegelt. der Welt und aus den Erfahrungen, die durch
Über diesen fortschreitenden Prozess, in dieses Verhalten entstehen. Jedes Mal, wenn wir
dessen Verlauf wir mit der dinglichen und der uns für ein bestimmtes Betätigungsverhalten
menschlichen Welt in Berührung kommen, entscheiden und Erfahrungen damit sammeln,
schaffen und erhalten wir unsere Volitionsstruk- verändern wir unsere Volitionsstruktur.
tur, ein Set von Dispositionen in Bezug auf Die Organisation der Volitionsstruktur
unsere Handlungen in der Welt und ein Alltags- beeinflusst zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens
wissen über unser Selbst als handelnde Person den Volitionsprozess. Das heißt, wir erhalten
in dieser Welt. Entscheidend ist, dass die externe unsere Energie aufgrund eines Handlungsbe-
Welt, so wie wir sie sehen, immer in unseren dürfnisses, das jedoch lediglich eine Grundlage
Volitionsdispositionen und in unserer Selbster- für unser Handeln darstellt – eine Grundlage,
kenntnis inbegriffen ist, da unsere Volition stets die sich während der Entwicklung der Voliti-
mit dem Sein und mit dem Handeln in der Welt onsdispositionen und der Selbsterkenntnis wan-
verbunden ist. delt. Das, was wir als interessant und wichtig
Volitionsdispositionen und Selbsterkenntnis wahrnehmen und wozu wir uns fähig halten,
nehmen eine bestimmte Form an. beeinflusst unsere Betätigungswahlen und die
▬ Da Menschen mit ihrer Umgebung intera- Art und Weise, wie wir unsere Erfahrungen mit
gieren, erzeugen sie ein Bild von ihrer eige- unserem Betätigungsverhalten interpretieren.
nen Wirksamkeit. Dies ist die Sicht des Selbst So entstehen Selbstbild, Interessen und Werte
als ursächlich handelnde Person, d. h. das durch das Bedürfnis zu handeln und beeinflus-
Selbstbild. sen die Wahl unseres Betätigungsverhaltens.
▬ Die Menschen erwerben zudem eine kohä- Darüber hinaus ist die Volition ein Subsys-
rente Weltsicht und eine Lebensart, die sie tem, das sich selbst organisiert. Die Wahl von
zu einem entsprechenden Verhalten zwingt. Handlungsweisen wird auch durch Erfahrungen
Wir bezeichnen dieses Gefühl der Kohärenz aus der Vergangenheit beeinflusst. Durch eine
und Verpflichtung als Werte. derartige Wahl entstehen wiederum neue Erfah-
▬ Schließlich lernen Menschen etwas über die rungen, die zu einer Reorganisation der Volition
Freude und Befriedigung, die sie bei Betäti- führen. Somit erschafft das sich selbst organi-
gungen potentiell empfinden können. Wir sierende Subsystem Volition das Selbstbild, die
bezeichnen das »Sich-Angezogen-Fühlen« Werte und die Interessen und wandelt diese
von bestimmten Betätigungen und die Ent- auch immer wieder ab.
wicklung entsprechender Vorlieben als Inter- Wir führen an dieser Stelle ein weiteres wich-
essen. tiges Argument an: Die Volition repräsentiert die
▬ Durch das fortwährende Sammeln von Erfah- Bedeutung, die wir uns selbst als Menschen bei-
rungen werden Selbsterkenntnis und Dispo- messen, die in der Welt agieren. Bruner zufolge
sitionen aufrecht erhalten und reorganisiert.
Sie kommen individuell im Selbstbild, in » besteht die Hauptaktivität aller Menschen
Werten und Interessen zum Ausdruck. Diese darin, aus ihren Begegnungen mit der Welt
Organisation der Selbstkenntnis bezeichnen Bedeutung zu ziehen. Entscheidend ist jedoch,
wir als Volitionsstruktur. dass sich dieser Prozess der Bedeutungsfin-
dung auf unser Tun, unseren Glauben und
Die Organisation der Volitionsstruktur ist nie- sogar auf unser Empfinden auswirkt (Bruner
mals abgeschlossen. Die Volitionsstruktur ist «
1990a, S. 345).
82 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

4 ⊡ Abb. 4.7. Sinnverlei-


hung und Betätigungs-
wahl durch die Volition

Es ist diese volitionale Bedeutung, die uns zur Selbstbild


Wahl eines bestimmten Betätigungsverhaltens ▬ Kombination von Dispositionen und Selbst-
motiviert. Bei Motiven handelt es sich nicht um kenntnis in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten
etwas, das unterschwellig vorhanden ist und und die eigene Wirksamkeit bei bestimmten
bei einer Handlung plötzlich in Erscheinung Tätigkeiten; umfasst das Wissen um die eige-
tritt. Sie entstehen vielmehr während und auf- nen Fähigkeiten und das Gefühl der eigenen
grund einer sich entfaltenden Handlung und Wirksamkeit.
unserer sich entfaltenden Lebensgeschichte ▬ Gefühl der eigenen Wirksamkeit: die Wahr-
(⊡ Abb. 4.7). nehmung der Kontrolle über das eigene Ver-
halten (und die zugrunde liegenden Gedan-
ken und Emotionen) und ein Gefühl der
4.6 Schlüsselbegriffe Kontrolle darüber, dass mit dem Verhalten
die angestrebten Ergebnisse erreicht werden.
Das Subsystem Volition
▬ ein System von Dispositionen und Selbst- Werte
erkenntnis, das Personen befähigt, Betäti- ▬ eine kohärentes Set von Überzeugungen, die
gungsverhalten zu antizipieren, auszuwäh- unseren Handlungsweisen Bedeutung oder
len, zu erleben und zu deuten. Maßstäbe verleihen und eine starke Neigung
erzeugen, sich entsprechend zu verhalten;
Volitionsstruktur umfasst persönliche Überzeugungen und
▬ ein stabiles Muster aus Dispositionen und Pflichtgefühl.
Selbsterkenntnis, das durch Erfahrungen ▬ Persönliche Überzeugungen: eine auf All-
entsteht und aufrechterhalten wird. tagswissen basierende Sammlung von An-
▬ Dispositionen: kognitive/emotionale Aus- sichten über die wichtigen Dinge im Leben.
richtung auf Betätigungen. ▬ Pflichtgefühl: starke emotionale Disposi-
▬ Selbsterkenntnis: auf Alltagswissen basie- tionen, den für richtig erachteten Weg zu
rendes Bewusstsein des eigenen Selbst als in gehen.
der Welt handelnde Person.
▬ Volitionsdispositionen und Selbsterkenntnis Interessen
können als Summe der folgenden drei Berei- ▬ Dispositionen, bei Tätigkeiten Freude und
che gedacht werden: Werte, Selbstbild und Zufriedenheit zu empfinden, und die Selbst-
Interessen. kenntnis in Bezug auf die Freude an den
4.7 · Literatur
83 4

Betätigungen; umfasst Anziehungskraft und und Entscheidungen zu treffen. Denn jede


Präferenzen. Geschichte bietet eine Art einzigartigen Rah-
▬ Anziehungskraft: die Tendenz, an bestimm- men für die Hoffnungen, Handlungen und
ten Betätigungen oder Aspekten der Perfor- Erfahrungen eines bestimmten Menschen.
manz Freude zu haben. ▬ Wenn Menschen über den Volitionsprozess
▬ Präferenzen: die Tendenz, an einer bestimm- ihren Erfahrungen einen Sinn verleihen und
ten Art der Performanz oder an einer be- Betätigungen auswählen, stützen sie sich auf
stimmten Aktivität mehr Freude zu haben den Modus des Erzählens. Dieser birgt eine
als an anderen. kulturell geprägte Form, Erfahrungen eine
Bedeutung zu verleihen und die Zukunft zu
Volitionsprozess antizipieren.
▬ tatsächliche Abläufe und Vorgehensweisen in ▬ Geschichten verleihen unserem Leben auch
Bezug auf Antizipation, Erleben, Wahl und eine Dramatik, die unser Leben verständlich
Interpretation von Betätigungsverhalten. und gleichzeitig anrührend werden lässt.

Aufmerksamkeit
▬ bestimmten Aspekten der Welt Aufmerksam- 4.7 Literatur
keit schenken;
▬ Handlungsmöglichkeiten antizipieren; Barris R, Dickie V, Baron K (1988) A comparison of psy-
chiatric patients and normal subjects based on the
▬ auf Möglichkeiten zu Betätigungen reagieren.
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84 Kapitel 4 · Das Subsystem Volition

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Newsletter – Summer 1989)
5

Das Subsystem Habituation


(Habituation Subsystem)
Gary Kielhofner

5.1 Einleitung – 88

5.2 Gewohnheiten – 89
Geordnete Improvisation: Die Landkarte der Gewohnheiten – 91
Zweck und Funktion von Gewohnheiten – 93
Der Einfluss von Gewohnheiten auf alltägliche Betätigungen – 95
Gewohnheiten bei der Betätigungsperformanz – 96
Routinegewohnheiten – 96
Stilgewohnheiten – 98
Zusammenfassung – 98

5.3 Verinnerlichte Rollen – 98


Rollenidentifikation – 100
Rollenskripte – 100
Zweck und Funktion von Rollen – 102
Die Rollenarten – 103
Der Einfluss von Rollen auf das Betätigungsverhalten – 104
Handlungsstil – 104
Betätigungsverhalten bei der Ausübung von Rollen – 105
Zeitliche Reihenfolge von Rollen – 105
Zusammenfassung – 105

5.4 Struktur der Habituation – 106

5.5 Der Prozess der Habituation – 106


Geordnete Improvisation von Betätigungsverhalten – 107

5.6 Änderung der Habituation – 108


Entstehung und Veränderung von Gewohnheiten – 108
Sozialisation und Rollenwechsel – 109

5.7 Habituation und Lebensraum – 111

5.8 Schlüsselkonzepte – 112

5.9 Literatur – 113


88 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

5.1 Einleitung Menschen, sich in der räumlichen, zeitlichen


und sozialen Welt effizient zu bewegen, ohne
Die Frage, der sich dieses Kapitel widmet, lässt dass ihnen ihre Wahrnehmung bewusst und
sich mit folgenden Worten treffend zusammen- absichtlich Informationen zu Handlungen lie-
fassen: fert – aber gleichzeitig mit genügend Flexibilität,
um gewohnte Verhaltensweisen auch unter den
» Warum wiederholen Menschen sich so häu-
verschiedensten Umständen zeigen zu können?
fig? Warum verbringen sie Weihnachten oder
Das Phänomen, dass Menschen gewohnte
Geburtstage alljährlich immer wieder auf
Verhaltensmuster wiederholen, wird in diesem
ähnliche Weise? Und warum tun sie im Verlauf
5 ihres Alltags – bestehend aus aufstehen, sich
Kapitel mit dem Konzept des Subsystems Habi-
tuation erklärt. Ich werde die These aufstellen,
waschen, sich anziehen, frühstücken, Zeitung
dass Menschen mit Hilfe der Habituation Wege
lesen, die Post öffnen, zur Garage oder zum
finden, sich ihren räumlichen, zeitlichen und
Bahnhof gehen, mit Kollegen sprechen, mit
soziokulturellen Umfeldern gewahr zu werden,
denselben Menschen telefonieren – fast immer
und dass sie mit diesen Umwelten kooperieren,
dasselbe wie an den Tagen zuvor? Warum
um wirkungsvoll und automatisch ein routine-
schreiben sie Briefe, die fast genauso klingen
mäßiges Verhalten aufbauen zu können.
wie die Briefe, die sie vorher schon geschrieben
Wie dies auch bei allen anderen Struktu-
haben, und warum halten sie sich selbst immer
ren der Fall ist, wird die interne Organisation,
wieder mit leichtem Bedauern davon ab, in die
die für gewohnte Verhaltensmuster erforderlich
Kneipe zu gehen? (Young 1988, S. 75) « ist, durch fortwährende Handlungen geschaffen
Im Großen und Ganzen zeichnet sich das Betäti- und verändert. Die Habituation erlaubt es den
gungsverhalten, das wir im Alltag zeigen, durch Menschen, aus mehreren möglichen Verhaltens-
Wiederholung (Redundanz) aus. Wir gebrauchen weisen die Kombination auszuwählen, die eine
redundante Muster der Zeitnutzung. Wir intera- bestimmte Durchführungsart darstellt. Folglich
gieren immer wieder auf sehr ähnliche Art und wird über Gewohnheitsmuster aus allen mögli-
Weise mit anderen Menschen. Wir führen eine chen Verhaltenskombinationen eine bestimmte
ganze Reihe von Aufgaben immer wieder ähnlich Vorauswahl an Verhaltensweisen getroffen. Dabei
durch. Dieses Kapitel ist eben diesen bekannten, ist zu beachten, dass in diesem Zusammenhang
routineartigen und automatischen Aspekten des lediglich die Art der Ausführung, nicht aber spe-
alltäglichen Betätigungsverhaltens gewidmet. zifische Handlungen ausgewählt werden.
Da wir solche Verhaltensweisen nicht ab-
sichtlich wählen – und manchmal auch lieber Beachte I I
ein anderes Verhalten zeigen würden als das, zu Das Subsystem Habituation trägt dazu bei,
dem wir tendieren – müssen für das Auftreten dass sich Verhaltensweisen über einen Zeit-
eines Verhaltens außer der Motivation auch noch raum hinweg ähneln.
andere Faktoren eine Rolle spielen. Obwohl sich
derartige Verhaltensweisen durch ihre Ähnlich-
keit mit vorausgegangenen auszeichnen, sind sie Indem sie ermöglicht, dass bestimmte Handlun-
doch niemals absolut gleich. Wie in  Kapitel 2 gen immer wieder auf die selbe Art und Weise
erwähnt, reicht es folglich nicht aus, Verhalten ausgeführt werden, ruft die Habituationsstruk-
auf verinnerlichte Anweisungen, die es einfach tur Verhaltensweisen hervor, die ihre aktuel-
auslösen, zurückzuführen. le Organisation aufrecht erhalten (⊡ Abb. 5.1).
Wie sind solche automatischen Verhal- Habituation erhält sich somit durch ihre Redun-
tensweisen also möglich? Was ermöglicht den danz aufrecht.
5.2 · Gewohnheiten
89 5

⊡ Abb. 5.1. Durch Habituation


werden eben jene Verhaltens-
weisen hervorgebracht, durch
die ihre derzeitige Organisation
aufrechterhalten wird

Wie ich bereits angemerkt habe, entsteht holung gefestigt« (S. 79). Zu dieser Wiederho-
gewohntes Verhalten nicht mechanisch auf- lung kommt es sowohl in unseren Umwelten als
grund verinnerlichter Anweisungen. Die Habi- auch in unserem Verhalten.
tuation basiert vielmehr auf einem Netzwerk Zur Erklärung der Habituation werde ich
von organisierten »Einschätzungstendenzen«. mich zweier Konzepte bedienen. Dabei handelt
Diese befähigen den Menschen dazu, in sich es sich um:
ähnelnden Situationen auch ähnliche Verhal- ▬ Gewohnheiten und
tensweisen zu zeigen (oder dynamisch aufzu- ▬ Rollen.
bauen), ohne dass dies ein Nachdenken oder
besondere Aufmerksamkeit (für die habituali- Gewohnheiten und Rollen bilden gemeinsam die
sierten Verhaltensmerkmale) erfordert. Muster, mit deren Hilfe wir uns im Allgemeinen
Damit gewohnte Verhaltensweisen hervorge- durch die Tage, Wochen, Jahreszeiten, in unse-
bracht werden können, ist Redundanz auch in rem Zuhause, in unserem Wohnviertel, in den
der externen Umwelt notwendig. Die Menschen Städten, in unseren Familien, Arbeitsumfeldern
befinden sich kontinuierlich in mehr oder weni- und anderen sozialen Gemeinschaften bewegen.
ger denselben Situationen. Die räumliche Umwelt In jedem dieser zeitlichen, räumlichen und sozi-
verändert sich im Grunde kaum. Immer wieder- alen Kontexte führen wir eine große Bandbreite
kehrende Muster wie Tag und Nacht, Arbeits- an Tätigkeiten aus. Gewohnheiten und Rollen
woche und Wochenende bieten eine redundante verleihen diesen Betätigungen Regelmäßigkeit,
zeitliche Struktur, innerhalb derer sich unsere Charakter und Ordnung.
Routinen entfalten. Ähnlich weist auch die uns
umgebende soziale Ordnung eine ausreichende
Regelmäßigkeit auf, die es uns erlaubt, meistens 5.2 Gewohnheiten
bekannte Situationen zu erleben, für die uns ver-
schiedene Reaktionsarten zur Verfügung stehen. Bereits in der frühesten ergotherapeutischen
Literatur setzte man sich mit Gewohnheiten und
Beachte I I deren Bedeutung für ein gesundes Betätigungs-
Aufgrund der Stabilität und Redundanz verhalten auseinander. Autoren, die im Bereich
unserer Umwelten befinden wir uns meistens der Ergotherapie Pionierarbeit geleistet haben,
in vertrauten Situationen, die kein bewusstes wiesen darauf hin, dass Gewohnheiten organi-
Kalkulieren unserer Schritte erfordern. sierende und regulierende Mechanismen sind,
die für einen wirkungsvollen Ablauf des All-
tagslebens gut strukturiert sein müssen (Meyer
Wie Young (1988) bemerkt, werden gewohnte 1922; Kidner 1924; Slagle 1922). Frühe Autoren
Verhaltensweisen »erzeugt und durch Wieder- gingen von der Annahme aus, dass Gewohn-
90 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

heiten Verhalten für einen effizienten Einsatz Oft hängt es von den jeweiligen Umständen ab,
innerhalb der Umwelt reflektieren und somit wie bewusst das gewohnte Verhalten ist.
auch organisieren. Sie erkannten zudem, dass
> Beispiel
Gewohnheiten nur durch tatsächliches Handeln
Gerät man auf eine vereiste Straße, wird zu
geschaffen werden können und bei unregelmä-
spät wach oder ist ein Vorgesetzter anwesend,
ßiger Durchführung genauso verkümmern wie
kontrolliert man sein Verhalten möglicherweise
zu selten eingesetzte Muskeln. Wie wir sehen
bewusster, als man es unter anderen Umstän-
werden, scheinen diese grundlegenden Vorstel-
den täte. Allerdings kann es auch vorkommen,
lungen von Gewohnheiten immer noch Gültig-
dass das Bewusstsein bei gewohnten Verhal-
5 keit zu besitzen.
tensaspekten gänzlich verdrängt wird, wenn
Obwohl Gewohnheit zum Alltagsbegriff ge-
wir z. B. gedanklich mit einer bevorstehenden
worden ist (so sprechen wir z. B. häufig von guten
Situation oder Unterhaltung beschäftigt sind.
und schlechten Gewohnheiten), sind sie erstaun-
lich komplexe Phänomene. Dazu kommt, dass Sind wir uns unseres gewohnten Verhaltens be-
man über Gewohnheiten noch nicht sehr viel wusst, ist dies eine andere Art des Bewusstseins,
weiß. Wie Camic (1986) bemerkt, werden sie in als wenn wir mit einer neuen Situation konfron-
den derzeitigen Theorien über das menschliche tiert werden und überlegt handeln müssen. Wenn
Verhalten unverdientermaßen vernachlässigt. wir gewohnten Routinen nachgehen, scheint das
Einige Wissenschaftler haben allerdings theore- Bewusstsein parallel zu unseren Gewohnheiten
tische Konzepte entwickelt, aus denen wir unsere zu fließen und mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Theorie abgeleitet haben. Das gewohnte Verhalten scheint sich an den
Young beschreibt (1988) eine der charakte- Grenzen unseres Bewusstseins entlang zu be-
ristischen Eigenschaften von Gewohnheiten: Sie wegen.
laufen eher automatisch als bewusst ab. Wörtlich
heißt es hier: Beachte I I
» Wenn ich mitten in einer Tätigkeit stecke, habe
Wenn es die Umstände erfordern, kooperie-
ren die Gewohnheiten mit dem Bewusstsein.
ich manchmal nur den vagen Eindruck, dass
Ansonsten erlauben sie uns die Konzentra-
mein Bewusstsein arbeitet, während ich nicht
tion auf andere Dinge.
hinsehe. Es ist, als ob ich meine Handlungen
gar nicht selbst ausführe. Wer musste nicht
schon gelegentlich nachprüfen, ob die Zahn-
Camic (1986) beschreibt Gewohnheiten als
bürste nass ist, um sicherzustellen, dass man
»eine sich mehr oder weniger selbst auslösen-
«
sich die Zähne bereits geputzt hat? (S. 81)
de Disposition oder Tendenz, auf eine zuvor
Youngs Idee des vagen Bewusstseins beschreibt angenommene oder erworbene Art zu handeln«
sehr treffend unsere Erfahrung mit Gewohn- (S. 1044). Auch Dewey (1922) ging schon von
heiten. der Vorstellung aus, dass gewohntes Verhalten
von einer latenten, durch Erfahrungen erworbe-
Beachte I I nen Disposition beeinflusst wird. Entsprechend
Gewohntes Verhalten läuft nicht gänzlich definierte er Gewohnheiten als Aktivität,
unbewusst ab. Eine gewohnte Performanz
neigt vielmehr dazu, in der bewussten » die durch vorherige Aktivität beeinflusst und
Wahrnehmung aufzutauchen und wieder zu in diesem Sinne erworben ist. Sie weist in sich
verschwinden. selbst eine gewisse Ordnung oder Systemati-
sierung von kleineren Handlungselementen
5.2 · Gewohnheiten
91 5

auf; sie ist projizierend, dynamisch und bereit, Geordnete Improvisation:


offenkundig in Erscheinung zu treten. Sie ist Die Landkarte der Gewohnheiten
in einer untergeordneten Form effektiv, selbst
wenn sie die laufende Aktivität nicht zu domi- Die Vorstellung von Gewohnheiten als gut er-
nieren scheint (S. 40). « lernte Verhaltensmuster, die sich ohne Überle-
gung entfalten, könnte den Eindruck entstehen
Deweys Definition beinhaltet die wichtige lassen, dass Gewohnheiten »abgepackte« Verhal-
Erkenntnis, dass Gewohnheiten kleinere Ver- tensketten darstellen, die mechanisch ablaufen.
haltenseinheiten organisieren, die er als gering- Wie ich jedoch angemerkt habe, ist dies nicht
fügige Handlungselemente (minor elements of der Fall.
action) bezeichnet. Folglich üben Gewohnhei-
ten ihren organisierenden Einfluss auf einer Beachte I I
mittleren Ebene zwischen der kleinsten Verhal- Obwohl Gewohnheiten das Verhalten nach
tenseinheit und dem Lebensstil aus. Gewohn- einem gewissen groben Muster oder einer
heiten fungieren also gewissermaßen als »Mit- Art Schablone regulieren, erfordert gewohn-
telsmänner« zwischen den von uns ausgeübten tes Verhalten Improvisation, damit sich der
Fähigkeiten und unserem Lebensstil. Sie haben Mensch auf die unvermeidlichen neuartigen
demnach einen großen Einfluss auf unsere Elemente einer jeden neuen Verhaltenssitua-
Handlungen. tion einstellen kann.
Aus diesen Ausführungen lässt sich folgende
Definition für Gewohnheiten ableiten:
Dewey (1922) erkannte, dass Gewohnheiten
Beachte I I mit dem Kontext kooperieren. »Gewohnheiten
Gewohnheiten sind latente Tendenzen, die sind eine Art der Nutzung und Integration der
durch vorangegangene Wiederholungen Umwelt, wobei beide Aspekte gleichberechtigt
erworben wurden, hauptsächlich auf einer mitbestimmen.« (S. 15). Dies bedeutet, dass
vorbewussten Ebene arbeiten und eine eine Gewohnheit das Verhalten nicht durch eine
große Bandbreite an Verhaltensmustern strikt festgelegte Kombination von kodierten
beeinflussen, die mit bekannten Lebensräu- Verhaltensanweisungen steuert, sondern indem
men zusammenhängen (⊡ Abb. 5.2). sie dem Individuum eine geregelte Art des
Umgangs mit möglichen Umweltbedingungen

⊡ Abb. 5.2. Gewohnheiten


92 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

bietet. Dewey (1922) bemerkt in diesem Zu- eine bestimmte Betätigung oder eine räumliche
sammenhang: Umwelt effektiv durchleben kann.

» Im Grunde sind Gewohnheiten eine erworbene Beachte I I


Disposition zu bestimmten Reaktionsarten
Wir verinnerlichen eine Kombination von
oder -modi und nicht zu bestimmten Handlun-
Regeln, die als eine Art Landkarte dient und
gen, es sei denn, diese Handlungen drücken
uns einen Weg aufzeigt, die Topographie der
unter besonderen Umständen eine bestimmte
externen Welt richtig einzuschätzen.
Verhaltensweise aus. Gewohnheit bedeutet
eine besondere Sensibilität gegenüber oder ein
5 besonderer Zugang zu einer ganz bestimmten > Beispiel
Art von Stimuli ... und nicht nur die bloße Wie- Wenn wir intuitiv wissen, dass es Zeit fürs
derholung bestimmter Handlungen (S. 42). « Frühstück ist, wo wir auf dem Nachhauseweg
als nächstes abbiegen müssen und welcher
Camic (1986) greift diese Vorstellung wieder
Arbeitsschritt bei der Essenszubereitung auf
auf, indem er anmerkt, dass gewohntes Verhal-
den vorherigen folgt, so ist dies auf unsere
ten zwar automatisch und unüberlegt erfolgt,
verinnerlichte Landkarte zurückzuführen, die
aber genau so wenig mechanisch abläuft wie
es uns erlaubt, uns inmitten der externen Welt
Handlungen, die von bewusster Reflexion
zu orten.
gelenkt werden. Young (1988) betont zwar, dass
Gewohnheiten Regeln unterworfen sind, die das Die Landkarte vermittelt uns Orientierung,
automatische Verhalten lenken; er erklärt jedoch lokalisiert uns innerhalb der sich entfaltenden
gleichzeitig, dass »diese Regeln flexibel sind, Ereignisse und ermöglicht es uns, unser Verhal-
eher vergleichbar mit einer Grammatik als mit ten in Richtung der nächsten, stillschweigend
einem bestimmten Satz« (S. 91). antizipierten Begebenheiten zu lenken. Eben-
Koestler (1969) geht ebenfalls davon aus, so wenig wie das, was man beim Autofahren
dass Gewohnheiten Regeln unterworfen sind, sieht (d. h. die vor uns liegende Straße, Ver-
die das Verhalten in gewisse Bahnen lenken, es kehrsschilder, der aktuelle Bereich, in dem man
aber nicht diktieren. Seiner Ansicht nach ähneln sich gerade bewegt), den Symbolen auf einer
sie Spielregeln, die für eine Ordnung unter den Straßenkarte entsprechen, stimmen die Ereig-
Spielern sorgen, indem sie ihnen die Spielwei- nisse in unserem Alltag genau mit den Land-
se erklären, ohne jedoch jeden einzelnen ihrer karten unserer Gewohnheiten überein. Doch
Schritte im Voraus festzulegen. Bourdieu (1977) wenn wir uns in einer Situation befinden, die
beschreibt Gewohnheiten in ähnlicher Weise erkennbare oder vertraute Eigenschaften auf-
als »ein System von dauerhaften, übertragba- weist, wissen wir, dass wir dafür eine Landkarte
ren Dispositionen, das vergangene Erfahrungen von Gewohnheiten haben. In der Tat laufen
integriert und in jedem Augenblick als eine Gewohnheiten problemlos ab und erfordern
Matrix von Wahrnehmungen, Einschätzungen keine Aufmerksamkeit, solange uns die Welt
und Handlungen fungiert (S. 82)«. vertraut erscheint. Es ist das Unbekannte (d. h.
Koestlers und Bourdieus Vorstellungen das, von dem wir keine verinnerlichte Landkar-
ebnen gemeinsam den Weg zu einem Verständ- te haben), das uns von gewohnten Vorgehens-
nis, wie Gewohnheiten unser Verhalten lenken weisen abbringt. Die Landkarte der Gewohn-
und beeinflussen. Durch Erfahrungen, die wir heiten stellt einen Bezugsrahmen dar, anhand
in der Umwelt sammeln, entsteht eine allge- dessen wir sowohl unsere Umgebung als auch
meine Kombination von Regeln. Diese geben die Ereignisse einschätzen oder lesen können,
uns vor, wie man einen bestimmten Zeitraum, die sich darin abspielen. Auf dieser Grundlage
5.2 · Gewohnheiten
93 5

können wir dann das Verhalten erzeugen, auf > Beispiel


das die Gewohnheit abzielt. Daraus lässt sich Vielleicht schlagen wir auf einer Reise die fal-
folgende Definition ableiten: sche Route ein, aber durch Wiederholung wird
eine solche ineffektive oder ineffiziente Hand-
Beachte I I lung allmählich korrigiert. Bei späteren Reisen
Die Landkarte der Gewohnheiten ergeben sich bessere Routen, die uns unser Ziel
(⊡ Abb. 5.3) setzt sich zusammen aus ver- schneller erreichen lassen.
innerlichten Fähigkeiten, mit denen sich
bekannte Ereignisse und Kontexte wahrneh- Bei einer Vielzahl an Aufgaben gewöhnen sich
men und einschätzen lassen. Sie lenkt die Menschen an Vorgehensweisen, die erst mit der
damit verbundenen Handlungen dahinge- Zeit entstehen und mehr oder weniger erfolg-
hend, dass ein implizites Ergebnis oder ein reiche Arten der Durchführung bilden. Das
impliziter Prozess erzielt bzw. erfüllt wird. heißt nicht, dass alle Gewohnheiten jeweils die
effektivsten Wege darstellen, wie man Aufgaben
erfüllen oder Prozesse durchlaufen kann. Die
Chance ist allerdings relativ groß, dass Gewohn-
Zweck und Funktion heiten Vorgehensweisen beinhalten, die in der
von Gewohnheiten Umwelt, in der sie durchgeführt werden, einen
gewissen Wert haben.
Da Gewohnheiten durch vorangegangene Hand- Laut Young (1988) ähneln Gewohnheiten
lungen innerhalb eines bestimmten Umfelds einem sich selbst in Gang haltenden Schwung-
entstehen, stellen sie eine Anpassung an die rad, das dem Erhalt von Handlungsmustern
Eigenschaften dieses Kontextes dar. Mit anderen dient. Gefestigte Gewohnheiten fungieren als
Worten: Kontrollparameter (s.  Kap. 2) und beeinflus-
sen die Art des Verhaltens, das sich entfaltet.
Beachte I I Werden Gewohnheiten durch das Aufeinander-
Gewohnheiten bewahren eine Vorgehens- treffen geeigneter Umweltfaktoren erst einmal
weise, die wir durch frühere Handlungen in ausgelöst, sorgen sie für den Impuls, durch den
einer bestimmten Umwelt gelernt haben. sich bestimmte Verhaltensaspekte von selbst
entfalten können. Dies bewirkt, dass die Auf-
merksamkeit auf andere Dinge gerichtet werden
Erst wenn sich ein Verhalten in irgendeiner Hin- kann. Dazu bemerkt James (1950):
sicht als effektiv erweist und daher immer erneut
wiederholt wird, wird es zu einer Gewohnheit. » Je mehr Details unseres Alltagslebens zu
mühelosen Automatismen werden, desto mehr
höhere Kräfte unseres Bewusstseins werden
freigesetzt, damit sie ihre eigentliche Arbeit
leisten können. Niemand ist ärmer dran als der
Gewohnte Mensch, bei dem außer der Unentschlossen-
zeitliche, heit nichts habitualisiert ist, und für den das
räumliche
und/oder Anzünden jeder Zigarre, das Trinken jeden Gla-
Einschätzungs- soziale ses, die tägliche Aufstehens- und Schlafenszeit
fähigkeiten Umwelt und der Beginn einer jeden Arbeit Gegenstand
willentlicher Überlegungen sind. Ein solcher
⊡ Abb. 5.3. Landkarte der Gewohnheiten Mensch verbringt mehr als die Hälfte seiner
94 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

Zeit damit, Entscheidungen zu treffen oder zu malen Leben stellen Gewohnheiten ein Netz aus
bereuen – Entscheidungen, die so verinnerlicht Tendenzen dar, das unzählige Handlungen sam-
sein müssten, dass sie für sein Bewusstsein gar melt und lenkt. Auf diese Weise halten Gewohn-
«
nicht existieren dürften (S. 122). heiten unsere Verhaltensmuster zusammen, die
unserem Leben eine gewisse Vertrautheit und
James weist darauf hin, dass Gewohnheiten zwei Mühelosigkeit verleihen. Wenn die Vertrautheit
oder mehrere Verhaltensweisen gleichzeitig zulas- allerdings durch bestimmte Faktoren gestört
sen können. Während man gewohnte Verhaltens- wird, geht die Effizienz verloren, und zusätzliche
weisen durchführt (sich morgens anziehen, im Energie wird benötigt.
5 Anschluss an die Arbeit nach Hause fahren), kann Gewohnheiten haben auch einen gesellschaft-
man sich mit anderen Gedanken oder Verhal- lichen Zweck. Young (1988) zufolge stellen die
tensweisen auseinandersetzen (z. B. ein Telefonge- Gewohnheiten, die von einer Gruppe von Men-
spräch führen, ein Treffen planen, Radio hören). schen geteilt werden, Bräuche dar. Die Bräuche
In welchem Maße uns unsere Gewohnheiten dienen neuen Mitgliedern der Gruppe als Orien-
im Alltagsleben Freiräume schaffen, geht deut- tierung für die Entwicklung von Gewohnheiten,
lich aus der Beschreibung von Murphy (1987) die den Vorgehensweisen der Gruppe entspre-
hervor. Er beschreibt, wie gewohntes Verhalten chen. Indem sie sich Gewohnheiten aneignen,
aufgrund einer fortschreitenden körperlichen werden Menschen zu Trägern und Vermittlern
Behinderung durch bewusste Strategien ersetzt der Bräuche, die den Lebensstil einer bestimm-
werden musste: ten Gruppe darstellen. Die Gewohnheiten eines
jeden Individuums dienen der Aufrechterhaltung
» Dies traf sogar auf die einfachsten Handlungen
dieser wichtigen Merkmale des Gruppenlebens.
zu. Um vom Rollstuhl auf die Toilette, ins Bett
Darüber hinaus kann das gewohnte Verhalten
oder in den Sessel zu kommen, musste ich
eines Individuums innerhalb einer Gruppe Teil
den Rollstuhl in einer sorgfältig ausgewählten
des Umweltkontextes sein, den andere Personen
Position anhalten und die Bremsen aktivieren,
für ihre Gewohnheiten benötigen. So lieferte
damit der Rollstuhl nicht unter mir wegrutschen
Rowles (1991) z. B. die folgende Beschreibung
konnte. Anschließend musste ich mir eine Stra-
einer Gruppe älterer Männer, die den Brauch
tegie überlegen, um aufzustehen: Ich musste
entwickelten, sich vor dem Postamt zu treffen:
vorsichtig die Stellen auswählen, wo ich mich
abstützen konnte, und die Anzahl der Schritte
kalkulieren, die nötig waren, damit ich mein Ziel
» Jeden Morgen um kurz vor 10 Uhr macht Wal-
ter einen kleinen Spaziergang von ca. 350 m
erreichen konnte. Als ich nicht mehr gehen und
den Hügel von seinem Haus hinunter bis zu
nicht mehr stehen konnte, wurden solche Platz-
dem Wohnwagen, der als Postamt dient, um
wechsel unmöglich; meine Bewegungen waren
die »Post abzuholen«. Jeden Tag geht er genau
noch eingeschränkter und die Hindernisse
den gleichen Weg. Mehrere männliche Alters-
noch unüberwindbarer. Das Haus war zu einem
genossen machen sich von verschiedenen
Schlachtfeld und meine Bewegungen sorgfäl-
Orten in Colton aus ungefähr zur gleichen Zeit
tig überlegte Strategien gegen einen ständig
auf den gleichen Weg... Die Post abzuholen
anwesenden Widersacher geworden (S. 76). « bietet den älteren Männern der Gemeinde
Wie dieser Text verdeutlicht, kann anstelle der einen Grund, sich ungezwungen auf der Bank
Gewohnheiten eine physische Behinderung die außerhalb des »Colton Store« zu treffen, der
Funktion des Kontrollparameters übernehmen sich neben dem Postamt befindet. Die Männer
und eine automatische Performanz zu einer verweilen dort meist den ganzen Vormittag.
überlegten Performanz werden lassen. Im nor- Sie sehen dem Straßenverkehr zu, plaudern mit
5.2 · Gewohnheiten
95 5

den Ladenbesitzern und diskutieren über die Verabredungen zu erscheinen und soll sich dann
Ereignisse des Tages. Anschließend löst sich die in der dafür festgelegten Zeit auf die Aufgabe
Gruppe zur Mittagszeit auf, und Walter geht konzentrieren, die zu erledigen ist. Fällt eine Per-
wieder nach Hause (S. 268). « son wiederholt durch Unpünktlichkeit oder Man-
gel an Konzentration gegenüber den Arbeitsauf-
Walters Gewohnheit, die Post abzuholen und gaben auf, so stimmen ihre Gewohnheitsmuster
sich mit anderen älteren Bewohnern Coltons zu nicht mit denen der Umwelt überein.
treffen, strukturiert nicht nur seinen Morgen,
sondern trägt auch zur Aufrechterhaltung des Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gewohn-
lokalen Brauchs bei. Könnte man sich nicht auf heiten Tendenzen zur Erzeugung umweltrele-
das Erscheinen Walters und der anderen verlas- vanter und wirksamer Verhaltensmuster sind.
sen, gäbe es diesen Brauch nicht. Darüber hinaus tragen sie zur Effizienz von
Indem Gewohnheiten das Verhalten nach Handlungen bei, indem sie das Maß an bewuss-
den Eigenschaften des sozialen Umfelds formen, ter Anstrengung, das für die Performanz erfor-
sorgen sie dafür, dass das Verhalten von den ent- derlich ist, herabsetzen und auf diese Weise den
scheidenden Eigenschaften des sozialen Umfelds Menschen den Freiraum verschaffen, sich gleich-
profitiert und mit ihnen in Einklang steht (Card- zeitig auch anderen Aktivitäten zu widmen.
well 1971). Unsere typischen Verhaltensweisen Gewohnheiten sorgen außerdem dafür, dass der
sind demnach von anderen Personen innerhalb Mensch in den reibungslosen Ablauf der Gesell-
des Umfelds als solche zu erkennen. schaft integriert wird. Schließlich wird das Indi-
viduum durch Gewohnheiten zum Träger von
Beachte I I Gepflogenheiten und Bräuchen und erhält somit
Die Normen und Gebräuche, die uns unser soziale Gruppen aufrecht.
soziales Umfeld hinsichtlich des Verhal-
tens vorgibt, werden in die Landkarte der
Gewohnheiten aufgenommen. Der Einfluss von Gewohnheiten
auf alltägliche Betätigungen

> Beispiel Das Konzept der Gewohnheit kann sich auf ein
Gewohnheiten wie Pünktlichkeit und Fleiß spie- breites Spektrum von Verhaltensmustern bezie-
geln typische Erwartungen der westlichen Ge- hen (Camic 1986). Wie in ⊡ Abb. 5.4 dargestellt,
sellschaft wider. Man hat zu festgesetzten Zeiten strukturieren Gewohnheiten Betätigungsverhal-
bei der Arbeit, bei Zusammenkünften und zu ten auf dreierlei Weise:

⊡ Abb. 5.4.
Einfluss von Gewohn-
heiten auf Betätigung
96 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

▬ Gewohnheiten beeinflussen die Art, wie wir weisen darstellen, die eine bestimmte Aufgabe
Aktivitäten regelmäßig durchführen (Ge- oder ein bestimmtes Ziel unterstützen« (S. 157).
wohnheiten bei der Betätigungsperformanz); Da gewohnte Arten der Durchführung von
▬ Gewohnheiten regulieren, wie wir unsere Aktivitäten zu unserer Effizienz und Effektivität
Zeit üblicherweise nutzen (Routinegewohn- beitragen, werden sie manchmal als Fertigkei-
heiten); ten (skills) bezeichnet – z. B. die Fertigkeit, sich
▬ Gewohnheiten erzeugen Verhaltensstile, die selbst anzuziehen. Ich dagegen verstehe unter
eine ganze Bandbreite an Performanz kenn- »Fertigkeit« ein bestimmtes Merkmal der Per-
zeichnen (Stilgewohnheiten). formanz, wie z. B. die Fertigkeit, Handlungen
5 zu erreichen oder zu sequenzieren (s.  Kap. 7).
Diese drei Aspekte von Gewohnheiten werden Wenn ich von Handlungsreihen spreche, die zur
im Folgenden näher betrachtet. Bildung einer erkennbaren Aktivität oder eines
erkennbaren Betätigungsverhaltens miteinander
kombiniert werden, dann bezeichne ich dies als
Gewohnheiten bei der Betätigungs- Gewohnheit. Dewey (1922) vertrat hinsichtlich
performanz der Gewohnheiten eine ähnliche Auffassung und
betrachtete Ausführungen wie das Spielen eines
Dass jede Person eine eigene Art der Durchfüh- Musikinstruments oder das Schreibmaschine-
rung bestimmter Aktivitäten hat, ist eigentlich schreiben als Gewohnheiten. Sie seien in dieser
offensichtlich. Und doch ist die Tatsache, dass Eigenschaft »ein passives Werkzeug, das nur dar-
jede Person vertraute Aktivitäten auf eine eigene auf wartet, in Aktion treten zu können« (S. 24).
Weise durchführt, alles andere als belanglos.
Egal, ob diese Gewohnheiten mit unseren Vor-
stellungen von der richtigen Etikette oder Form Routinegewohnheiten
übereinstimmen, ein bestimmtes Flair repräsen-
tieren, ob sie die Art und Weise widerspiegeln, Auf den Einfluss von Gewohnheiten stößt man
wie die Aufgabe bereits von Vater oder Mutter auch bei zyklisch wiederkehrendem Verhalten,
durchgeführt wurde, oder ob sie sich schlicht als durch das sich Routinen auszeichnen. Chapin
die einfachste und effizienteste Art zu handeln (1968) zufolge führen wir unsere Handlungen
erweisen – die Menschen tendieren dazu, an innerhalb von Zeitkreisläufen unterschiedlicher
einer bestimmten Art der Durchführung ver- Dauer durch. Diese Kreisläufe können z. B. einen
trauter Aktivitäten festzuhalten. Tag, eine Woche oder ein Jahr umfassen. Inner-
Camic (1986) bezeichnet diesen Aspekt der halb dieser unterschiedlichen Zyklen kommt es
Gewohnheiten als Dispositionen zur »geschick- zu unterschiedlichen Formen der gewohnheits-
ten Durchführung bestimmter relativ elementa- mäßigen Zeitnutzung:
rer und spezifischer Aktivitäten« (S. 1045). Sol-
che Gewohnheiten beziehen sich auf die routine-
» ... kochen, essen und Geschirr spülen innerhalb
eines 24-Stunden-Tages; arbeiten, zur Schule
mäßige Durchführung von Handlungen, die uns
gehen, einkaufen, sich entspannen und soziale
vertraut und zu Automatismen geworden sind,
Kontakte pflegen innerhalb einer 7-Tage-
wie z. B. die Art, wie wir uns anziehen, die Rou-
Woche; Verwandte außerhalb der Stadt besu-
te, die wir auf dem Weg zur Arbeit nehmen, die
chen, Familienurlaub oder andere Ausflüge
Art, wie wir unser Lieblingsgericht zubereiten
etc. Seamon (1980) bezeichnet Gewohnheiten
«
innerhalb eines Jahres ... (Chapin 1968, S. 13)

als »Körperballett« und bemerkt dazu, dass sie Solche zyklisch wiederkehrenden Gewohnheiten
»eine Kombination von integrierten Verhaltens- dienen der Befriedigung biologischer Bedürfnis-
5.2 · Gewohnheiten
97 5

se (z. B. Bedürfnis nach Nahrung, Bewegung und Im Gegensatz dazu beschreibt Murphy (1987)
Erholung), psychologischer Bedürfnisse nach eine ganz andere Routine, mit deren Hilfe seine
Rhythmus und Abwechslung zwischen unter- Frau und er sich seiner körperlichen Beeinträch-
schiedlichen Arten von Verhalten (z. B. Arbeits- tigung anpassen:
und Freizeitrhythmus) sowie sozialer Bedürfnisse
nach einer Koordination der Handlungen von » Ein typischer Tag beginnt damit, dass ich um
Gruppenmitgliedern. Schichtdienste, regelmäßi- 8 Uhr (von meiner Frau) geweckt werde und
ge Treffen und periodisch stattfindende informel- sie meinen Nachttisch nebst einer Vielzahl an
le und formelle Zusammenkünfte ermöglichen Hilfsgeräten wie Telefon, Sprechanlage, Fernbe-
z. B. die Koordinierung kollektiver Handlungen. dienung für den Fernseher, Fernbedienung für
Obwohl ein Tagesablauf einem anderen nie- das Bett, Lichtschalter und das Wasser beiseite
mals exakt entspricht, gehen die meisten Men- räumt. Anschließend wäscht sie den unteren Teil
schen an jedem beliebigen Wochentag einer meines Körpers, eine Prozedur, für die sie mich
bestimmten Routine nach und erkennen die zunächst auf die rechte und anschließend auf
Routine auch als solche. In Industriegesellschaf- die linke Seite drehen muss. Das ist keine leichte
ten haben die Menschen meist bestimmte Mus- Aufgabe, da mein Körper eine schlaffe, völlig
ter für Arbeitstage und andere Muster für das unbewegliche Masse ist. Nachdem sie mich
Wochenende oder arbeits- und schulfreie Tage. gewaschen hat, rollt sie mich hin und her, um
Der optimale Grad an Beständigkeit innerhalb mir meine Hose anzuziehen. Anschließend muss
eines Gewohnheitsmusters hängt von der Rolle sie mich wieder drehen, um einen Tragriemen
und von der Umwelt des Einzelnen ab. unter meinem Körper zu positionieren. Dieser
> Beispiel Tragriemen wird dann an einem auf Rädern
Manche Umfelder wie z. B. die Zeitpläne in einer stehenden Pflegelift befestigt, eine Art hydrau-
Fabrik erfordern eine strikte Routine, wo Men- lischer und manuell zu bedienender Kran. Mit
schen zur Arbeit erscheinen, gewisse Aufgaben diesem Lift kann man mich anheben und von
erledigen, Mittagessen und Pausen einhalten einem Platz zum anderen bewegen. Yolanda
und zu einem bestimmten Zeitpunkt Feiera- hievt mich hoch, lenkt den Lift anschließend
bend machen sollen. Andere Umwelten ermög- über den Rollstuhl und lässt mich dann hinun-
lichen sehr viel flexiblere Verhaltensmuster. ter. Dann gehen wir ins Badezimmer, und dort
beginnt die nächste Phase meiner morgendli-
Gewohnheitsmäßige Routinen können sich bei chen Waschung... Ich putze mir selbst die Zähne,
den meisten Menschen recht fest etablieren und wozu ich eine Zahnbürste mit einem dicken
wichtig für sie werden. Seamon (1980) bezeich- Spezialgriff benutze, aber Yolanda muss mir
net sie als Zeit-Raum-Routinen und weist darauf erst die Zahnpasta auf die Zahnbürste drücken
hin, dass sie einen großen Teil des Tages einneh- – ich kann nicht mehr stark genug zugreifen.
men können. Er beschreibt eine solche Routine Da ich mich nicht selbst nach vorne über das
mit folgenden Worten: Waschbecken lehnen kann, muss sie meinen
» Er steht um 7.30 Uhr auf, macht sein Bett, wäscht Kopf über das Wachbecken drücken, damit ich
sich, putzt sich die Zähne, zieht sich an und mir anschließend den Mund ausspülen kann.
verlässt gegen 8 Uhr das Haus. Dann geht er Dann bereitet sie mein Rasierzeug vor und seift
zum Café an der Ecke, kauft sich eine Zeitung (es den Rasierpinsel ein. Ich mache den Rest und
muss die New York Times sein), gibt die übliche benutze dazu einen Rasierer mit einem Spezial-
Bestellung auf (Rührei, Toast und Kaffee) und griff. Es wird einen Tag in nicht zu weiter Zukunft
bleibt bis ca. 9 Uhr. Anschließend geht er in sein geben, an dem ich nicht mehr in der Lage sein
nahe gelegenes Büro (Seamon 1980, S. 158). « werde, mich zu rasieren. Dann werde ich mir
98 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

wahrscheinlich einen Bart wachsen lassen. Nach In der Tat verleihen die zusammenkommenden
dem Rasieren, mittlerweile eine mühselige Stilgewohnheiten eines Individuums dessen Per-
Prozedur, wäscht Yolanda meinen Oberkörper formanz einen einzigartigen und stabilen Cha-
und meine Haare. Diese Morgenroutine dauert rakter.
ungefähr eine Stunde. Daher verzichte ich an
den Vormittagen, an denen ich zur Schule gehe,
im Allgemeinen auf das ausführliche Waschen Zusammenfassung
und Haarewaschen. (Murphy 1987, S. 197) «
Das Konzept der Gewohnheiten wurde als eine
5 Unabhängig davon, welche Fähigkeiten oder Möglichkeit vorgestellt, unsere Muster der Zeit-
Einschränkungen wir haben, sind uns gewohnte nutzung, unsere Art der Betätigungsperformanz
Handlungsabläufe dabei behilflich, uns effektiv und unsere charakteristischen Stile zu erklären,
im Strom der Zeit zu lokalisieren. Sie befähigen durch die sich unser Betätigungsverhalten kenn-
uns, Notwendiges und Erwünschtes auf eine zeichnet. Gewohnheiten bestehen aus einer Art
effektive und vorhersagbare Weise zu erledigen. verinnerlichter Landkarte, die uns ein abstraktes
Regelwerk bietet, mit deren Hilfe wir innerhalb
der üblichen zeitlichen, räumlichen und sozialen
Stilgewohnheiten Umwelten Verhalten einschätzen und erzeugen
können. Erlernt durch Verhaltenswiederholung
Laut Dewey (1922) kommen die Gewohnheiten operieren Gewohnheiten am Rande des Bewusst-
eines Individuums in dessen typischen »Stil... , seins und steuern die stabilen, unser Alltagsleben
sich in der Welt zu bewegen« zum Ausdruck kennzeichnenden Verhaltensmuster.
(S. 20). Charakteristika wie Oberflächlichkeit im
Gegensatz zur Vorliebe fürs Detail, Schnelligkeit
im Gegensatz zu Schwerfälligkeit oder promptes 5.3 Verinnerlichte Rollen
Handeln im Gegensatz zum Aufschieben von
Tätigkeiten sind Beispiele für Performanzstile, Routinemäßiges Betätigungsverhalten wird
die durch Gewohnheiten reguliert werden. auch durch die Tatsache beeinflusst, dass jeder
Mensch sozialen Systemen angehört und sich
Beachte I I entsprechend verhält. Einen großen Teil unseres
Unter »Stil« verstehen wir eine bestimmte Betätigungsverhaltens zeigen wir als Ehepart-
Art, sich zu verhalten und zu handeln, die in ner, Elternteile, Berufstätige, Schüler etc. Das
einer ganzen Reihe von Aktivitäten zum Aus- Vorhandensein dieser und anderer Rollen stellt
druck kommt. sicher, dass wir uns innerhalb eines sozialen Sys-
tems konsistent und angemessen verhalten.
Das Phänomen der Rollen im sozialen Leben
Camic (1986) definiert solche Gewohnheiten als ist Gegenstand intensiver Theoriebildung in den
Sozialwissenschaften. Die Rollentheorie befasst
» eine dauerhafte und allgemeine Disposition, sich mit zwei fundamentalen Fragen (Katz u.
die sämtliche Handlungen aus einem Lebens- Kahn 1966):
bereich oder im Extremfall das ganze Leben ▬ Wie hält sich ein soziales System von selbst
eines Individuums durchdringt – wobei sich aufrecht? und
der Begriff [Gewohnheiten] in diesem Fall auf ▬ Wie lernen und bewerkstelligen es Indivi-
die gesamte Art, auf das Profil oder die Form duen, sich als Mitglieder der Gesellschaft zu
«
der Persönlichkeit bezieht. (S. 1045) verhalten?
5.3 · Verinnerlichte Rollen
99 5

Als Antwort auf die erste Frage vertritt die wortet die Rollentheorie mit der These, dass Men-
Rollentheorie den Standpunkt, Rollen seien fun- schen Rollen erwerben und erlernen (Fein 1990).
damentale Einheiten sozialer Gruppen (Turner Die Erwartungen, die andere mit einer bestimm-
1962). Dies bedeutet, dass die Rollentheorie ten Rolle verbinden, und die Art des Sozialsys-
soziale Organisationen eher als Zusammenset- tems, in dem diese Rolle ausgeübt wird, dienen als
zungen aus Rollen denn aus Personen konzep- Anleitung zum Erlernen des Verhaltens, das mit
tualisiert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die dieser Rolle verbunden ist. Somit eignet man sich
rollenausübende Person keinen Einfluss auf das durch die Interaktion mit anderen möglicher-
soziale System hat. Die Rollentheorie geht viel- weise schon vor bzw. bei der Übernahme einer
mehr davon aus, dass die Organisationsmuster, Rolle eine Identität, eine Einstellung und die zu
die ein soziales System darstellen, von einer Rei- der Rolle gehörende Verhaltensweise an. Durch
he festgelegter gesellschaftlicher Stellungen und diesen Lernprozess verinnerlicht man die Rolle.
damit zusammenhängenden Verhaltensweisen Diesen verinnerlichten Rollen gilt hier unser
abhängen, die die soziale Organisation bilden. Hauptinteresse, da wir den Einfluss von Rollen
auf das Muster des Bestätigungsverhaltens einer
> Beispiel
Person erklären möchten. Ich schlage also fol-
Die traditionelle Familie besteht aus Ehepartnern,
gende Definition vor:
die gleichzeitig Eltern sind, und den Kindern.
Arbeitsumfelder setzen sich aus dem Personal
und den Vorgesetzten zusammen, Klassenräume
Beachte I I
Eine verinnerlichte Rolle ist das generelle
geben einen Rahmen für Lehrer und Schüler.
Bewusstsein einer bestimmten sozialen Iden-
tität und der damit verbundenen Verpflich-
Beachte I I tungen. Die Identität und die Verpflichtun-
Rollen können im Laufe der Zeit von ver- gen bilden gemeinsam einen Bezugsrahmen,
schiedenen Menschen übernommen wer- der uns relevante Situationen einschätzen
den. Trotzdem bleiben die meisten Merkmale und ein angemessenes Verhalten aufbauen
des Sozialsystems stabil, denn es setzt sich lässt (⊡ Abb. 5.5).
aus dauerhaften Rollen zusammen, die die
Einstellungen und das Verhalten neuer Mit-
glieder formen. Das Verinnerlichen bestimmter Rollen ist kein
unbedeutender Prozess. Sarbin u. Scheibe (1983)
zufolge hängt effektives Verhalten von »der rich-
Die zweite Frage, wie es Menschen gelingt, adä- tigen Platzierung des Selbst in einer Welt von
quates Sozialverhalten hervorzubringen, beant- Ereignissen« ab (S. 8). Ohne ein Verständnis

⊡ Abb. 5.5 Rollen


100 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

der eigenen Rolle, die ihm ein Gefühl für seine Turner 1962). Unsere öffentliche und unsere
Beziehung zu anderen und für die erwartete Per- persönliche Identität sind durch unsere Rol-
formanz verleiht, kann der Mensch kein kompe- len geprägt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass
tentes Sozialverhalten aufbauen. alle Menschen, die eine bestimmte Rolle über-
nehmen, auch dieselbe Rollenidentität erleben.
Die verinnerlichte Rolle wird eher persönlich
Rollenidentifikation erlebt. Fein (1990) zufolge wird »die Rolle einer
Person durch ihr persönliches Verständnis des
Wie Sarbin u. Scheibe (1983) feststellen, ist »die eigenen Tuns definiert. Die Rolle setzt sich aus
5 Identität einer Person zu jedem Zeitpunkt von den Absichten und dem Verständnis der Person
ihren bestätigten sozialen Stellungen abhängig. zusammen« (S. 13).
Die Bestätigung erfolgt über angemessenes, Dennoch sehen wir uns selbst, bewerten wir
korrektes und überzeugendes Rollenverhalten« unser Verhalten und bestimmen wir unsere Wer-
(S. 7). Wir sehen uns als Schüler, Berufstätige, tigkeit anhand unseres eigenen Verständnisses
Eltern etc., da wir selbst wahrnehmen, dass wir der Rollen, die wir innehaben. Ein bedeutender
bestimmte Stellungen oder Positionen inneha- Maßstab für die Einschätzung dessen, was wir zu
ben. Außerdem erleben wir uns als Person in sein glauben, ist unsere Ansicht darüber, welche
diesen Rollen. Darüber hinaus wird der Prozess Anforderungen die Rollen an uns stellen und wie
der Rollenidentifikation gefördert, indem wir wir dem gerecht werden. Miller (1983) vertritt
uns selbst in den Ansichten und Verhaltens- den Standpunkt, dass unsere persönliche Iden-
weisen wiedererkennen, die andere uns gegen- tität die integrierte Sammlung unseres Bewusst-
über zeigen (Sarbin u. Scheibe, 1983). Andere seins aller unserer verschiedenen Rollen ist.
Menschen (selbst die, die uns nicht persönlich Die Rollenidentität wird durch die Tatsache
kennen) sehen uns üblicherweise in Zusammen- aufrecht erhalten, dass andere uns in unserer
hang mit den von uns übernommenen Rollen. Rolle sehen und auf uns als Rolleninhaber rea-
Die öffentliche Rollenidentität ermöglicht es, gieren. Wenn wir zudem selbst zu der Ansicht
dass wir uns selbst einen Platz in der »mensch- kommen, dass wir diese Rolle ausfüllen, und
lichen Landschaft sozialer Beziehungen« zuwei- uns in dieser Rolle selbst erleben, wird sie zu
sen. Wenn wir eine definierte Rollenbeziehung einem wesentlichen Bestandteil unseres Selbst-
zu anderen haben, sind wir für sie niemals abso- verständnisses. Es fällt uns schwer, anderen zu
lute Fremde. Die Interaktion wird erleichtert, da beschreiben, wer wir sind, ohne uns in irgendei-
wir die grundlegenden Erwartungen hinsicht- ner Form auf die von uns übernommenen Rol-
lich dessen was eine bestimmte Rollenbezie- len zu beziehen.
hung bedeutet, mit anderen teilen. Immer dann,
wenn wir als Student/in oder Professor/in einen
Seminarraum betreten oder eine/n potentielle/ Rollenskripte
n Chef/in zu einem Bewerbungsgespräch tref-
fen, haben wir viele Erwartungen hinsichtlich Auch wenn sie keine einheitliche Terminologie
möglicher Beziehungen und Interaktionen. Im verwenden, teilen Rollentheoretiker im Allge-
Wesentlichen wissen wir, mit wem wir es zu tun meinen die Ansicht, dass die Menschen auf-
haben und wer wir sein sollten. grund eines verinnerlichten Rollenskripts (role
Es ist daher nicht verwunderlich, dass zwi- script) wissen, welches Rollenverhalten sie zei-
schen unserem Sein und den von uns eingenom- gen müssen. Miller (1983) definiert dieses inne-
menen Rollen ein enger Zusammenhang besteht re Skript als »eine Kombination von Schemata,
(Cardwell 1971; Ruddock 1976; Schein 1971; die die Wahrnehmung, die Kommunikation,
5.3 · Verinnerlichte Rollen
101 5

die Beurteilung und die Handlungen gegenüber Im Rahmen von Interaktionen ermöglichen uns
anderen Menschen bestimmen« (S. 319). Diese Rollenskripte die Einschätzung, dass bestimmte
Skripte ermöglichen es den Menschen, Erlebnis- soziale Ereignisse eintreten werden, welchen Ver-
sen einen Sinn zu verleihen. Anhand der Skripte lauf sie wahrscheinlich nehmen, welches Ergebnis
können sie antizipieren, welche Art von Interak- sie haben werden und welches Verhalten diese Si-
tion oder Handlungen erfolgen sollte (Manusco tuation erfordert. Das bedeutet jedoch nicht, dass
u. Sarbin 1983). Ähnlich schreibt Fein (1990): soziale Akteure alle ihre Handlungen bewusst pla-
nen müssen. Rollenskripte ermöglichen vielmehr
» Hinter allen Rollen verbergen sich Rollen-
eine intuitive Einschätzung von Situationen und
skripte. Darunter sind Strukturen zu verstehen,
einen automatischen Verhaltensaufbau. Ebenso
die Menschen bei der Performanz ihrer Verhal-
wie Gewohnheiten, ist auch Rollenverhalten oft-
tensmuster anleiten. Sie vermitteln den Rol-
mals vorbewusst und entsteht mit einem vagen
lenträgern eine allgemeine Vorstellung davon,
Bewusstsein des aktuellen Geschehens und des
was von ihnen erwartet wird und mit wem sie
eigenen Handelns. Weitaus wichtiger ist die Tat-
erwartungsgemäß interagieren sollten. Bei
sache, dass wir eine Vielzahl an rollengebunde-
diesen Skripten handelt es sich nicht um eine
nen Interaktionen oder Verhaltensweisen meist
Sammlung von expliziten Anweisungen, son-
ohne Überlegung, jedoch mit bemerkenswerter
dern vielmehr um Richtlinien zur Improvisation
Konsequenz durchführen. Wir verfallen mehr
einer Rolle (S. 18).« oder weniger in das jeweilige Rollenmuster, das
Ähnlich wie Landkarten der Gewohnheiten sich wie ein sorgfältig ausgetretener Pfad vor uns
geben auch Rollenskripte keine genauen Anwei- erstreckt, auf dem wir stillschweigend wissen,
sungen zur Performanz, sondern liefern viel- wer wir sind und was wir tun.
mehr Parameter, die es dem Einzelnen erlauben, Da Rollen im Rahmen von Interaktionen aus-
gemäß den sich entfaltenden Umständen Ver- gehandelt werden, vertritt Fein (1990) zudem die
halten zu improvisieren oder aufzubauen. Ansicht, dass die Erwartungen und Verhaltens-
weisen anderer gemeinsam mit dem Rollenskript
Beachte I I die Improvisation von Verhalten lenken. Stryker
Rollenskripte (⊡ Abb. 5.6) lassen sich definie- (1986) hebt den Improvisationscharakter des
ren als eine Sammlung von Einschätzungs- interaktiven Rollenverhaltens hervor, indem er
fähigkeiten, die das Verständnis sozialer es als einen »subtilen, vorsichtigen und prü-
Situationen und Erwartungen anleiten sowie fenden Austausch zwischen den in bestimmten
den damit in Zusammenhang stehenden Situationen handelnden Personen« beschreibt,
Aufbau der Handlungen lenken, die mit einer der »sowohl die Form als auch den Inhalt der
bestimmten Rolle einher gehen. Interaktion kontinuierlich anpasst« (S. 559).
Zudem sollte stets bedacht werden, dass
Rollenverhalten ebenso wie gewohnheitsmäßi-
ges Verhalten eine generalisierte Verhaltenweise
darstellt. Welches Verhalten dann im Einzelfall
Bekannte tatsächlich das Rollenverhalten prägt, ist zu stark
soziale den jeweiligen Umständen unterworfen, als dass
Gruppen
es im Voraus spezifiziert werden könnte. Trotz-
und
Rollen- dem wissen wir dank unserer Rollenskripte, wie
partner wir uns verhalten sollen. Ferner erfordern und
verlangen Rollenskripte kleinere Verhaltensein-
⊡ Abb. 5.6. Rollenskripte heiten und fügen sie zu kohärenten Handlungs-
102 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

ketten zusammen. So werden beispielsweise die ab, die innerhalb dieser Gruppen bestimmte Rol-
verschiedenen Fähigkeiten, die wir bei der Kom- len innehaben. Die Gruppenmitglieder halten die
munikation einsetzen, durch das Rollenskript soziale Ordnung aufrecht, indem sie gegenseitig
aufeinander abgestimmt. Erwartungen aneinander stellen und sich ergän-
zende Verhaltensweisen an den Tag legen. Daher
haben Rollen häufig die Funktion, Verhalten ein-
Zweck und Funktion von Rollen zuschränken oder zu lenken. Denn so, wie sich
unser Rollenverhalten auf das Verhalten anderer
Rollen sind ein Mittel zur Befriedigung vieler auswirkt, ist das auch umgekehrt der Fall.
5 individueller Bedürfnisse. Sie verleihen Betä- Abhängig davon, wie streng sie definiert
tigungsverhalten eine bestimmte Absicht und sind, können Rollen auch variieren. In traditi-
Identität und schaffen dem Individuum damit die onellen sozialen Systemen können Rollen sehr
Möglichkeit, ein solches Verhalten zu zeigen. Rol- streng und eindeutig definiert sein. Von den
len stellen nicht nur Erwartungen, wie eine Person Menschen, die diese Rollen ausüben, wird eine
ihre Aufgaben durchführen und ihre Zeit nutzen Vielzahl an spezifizierten Rollenverhaltenswei-
sollte; sie verleihen dem Leben auch eine Struktur sen erwartet. In anderen sozialen Systemen sind
und Regelmäßigkeit. Ebenso wie Gewohnheiten, die Rollen offener oder zweideutiger definiert.
lassen auch Rollen einen großen Teil unseres Ver- Dies ist besonders in neuen oder sich ändernden
haltens zu Routinen und Automatismen werden. sozialen Systemen der Fall.
Indem jeder Mensch mehrere sich ergänzende
> Beispiel
Rollen innehat, erlebt er zudem Rhythmus und
Das traditionelle Familiensystem hat z. B. für
Wechsel zwischen diesen verschiedenen Identitä-
einen hohen Prozentsatz der Familien der west-
ten und Handlungsarten (Shannon 1970).
lichen Welt keinen Bestand mehr. Alleinerzie-
Rollen sind zudem ein Mittel, eigenes Han-
hende Mütter und Väter, Familien aus mehreren
deln an die Muster und Aufgaben anzupassen,
Generationen, Familien mit gleichgeschlechtli-
die die verschiedenen sozialen Systeme erfor-
chen Partnern und andere Beziehungsformen
dern. Durch sein Rollenverhalten befriedigt das
sind immer häufiger anzutreffen. Die traditi-
Individuum das gesellschaftliche Bedürfnis nach
onellen Definitionen von Rollen treffen auf
der Beteiligung des Einzelnen. Wie ich bereits
solche Familien nicht mehr in gleicher Weise zu,
bemerkte, ist Rollenperformanz für die Funkti-
und die Rollenverteilung ist verhandelbar.
onsfähigkeit sozialer Systeme notwendig.
Auf den Aspekt der Veränderung der Rollen in
> Beispiel
der Gesellschaft gehe ich am Ende des Kapitels
Im System »Familie« müssen Eltern z. B. für
noch näher ein.
eine Einkommensquelle sorgen, den Haushalt
Jeder von uns erfüllt im Allgemeinen eine
aufrecht erhalten und Kindern Anweisungen,
ganze Reihe von Rollen, von denen einige eher
Anleitung und Autorität bieten. Wenn jemand
streng und klar definiert, andere dagegen fle-
seinen Teil der Funktionen nicht erfüllt, die mit
xibler sind. Die Vorstellung von einer unter-
der Elternrolle einhergehen und die zur Auf-
schiedlich hohen »Auflösung« dieser Rollen ist
rechterhaltung des Systems Familie notwen-
hilfreich. Rollen mit einer hohen Auflösung sind
dig sind, fällt dies auf den anderen Elternteil,
klarer definiert und lassen weniger Raum für
die Kinder, Verwandten, Nachbarn und die
die individuelle Verhandlung der Rollenskripte.
Gemeinschaft im Allgemeinen zurück.
Rollen mit einer niedrigen Auflösung lassen uns
Auf diese Weise hängen alle sozialen Gruppen genug Freiraum, dass wir selbständig Rollens-
von dem zu erwartenden Verhalten der Personen kripte erstellen können. Doch letztendlich haben
5.3 · Verinnerlichte Rollen
103 5

Rollen dennoch eine obligatorische Dimension, Haushaltsführenden, Arbeitenden und Ruhe-


da eine oder mehrere Personen, die demselben ständlers. Zu einem späteren Zeitpunkt wur-
sozialen System angehören und Rollen ausüben, de dann argumentiert, dass jede beliebige Rolle
die miteinander in Beziehung stehen, einen Ein- persönlich-geschlechtsspezifische, familiär-sozi-
fluss auf unser Verhalten haben. ale und das Betätigungsverhalten betreffende
Dimensionen haben kann (Oakley et al. 1986).
Jede Rolle weist eine das menschliche Betä-
Die Rollenarten tigungsverhalten betreffende Dimension auf,
wenn sie Ausdrucksmöglichkeiten für Spiel- oder
Die Arten von sozialen Rollen, die ein Individu- Freizeitverhalten bietet oder ein produktives
um verinnerlichen kann, werden traditionell in Verhalten erfordert. Die Rolle des Ehepartners
▬ persönlich-geschlechtsspezifische Rollen, z. B. beinhaltet sowohl hinsichtlich des familien-
▬ familiär-soziale Rollen und spezifischen Verhaltens als auch hinsichtlich des
▬ Betätigungsrollen Betätigungsverhaltens gewisse Möglichkeiten
eingeteilt (Heard 1977; Katz u. Kahn 1966). Im und Erwartungen. Einige Rollen, die Gelegen-
Bereich der Ergotherapie wurden ursprünglich heiten zu Betätigungsverhalten bieten und ein
nur die Betätigungsrollen als relevant erachtet solches erwarten, sind bereits skizziert worden
(Matsutsuyu 1971). Sie wurden bezeichnet als (Oakley et al. 1986). In ⊡ Tabelle 5.1 sind diese
die Rollen des Spielenden, Studenten/Schülers, Rollen und ihre Definition einzeln aufgeführt.

⊡ Tabelle 5.1. Rollen mit Betätigungsaspekten

Rolle Betätigungsverhalten innerhalb der Rolle

Schüler/in Besucht die Schule halb- oder ganztags

Arbeitende/r Bezahlte Teilzeit- oder Vollzeitstelle

Ehrenamtliche/r Ehrenamtliche Arbeit in einem Krankenhaus, einer Schule, der Gemeinde, der Nachbar-
schaft, bei politischen Kampagnen oder ähnliche gemeinnützige Arbeiten

Versorgende/r Verantwortung für die Betreuung von Kindern, Ehepartner, Verwandten oder Freunden

Haushaltsführende/r Verantwortung für die Instandhaltung des eigenen Zuhauses, wie z. B. Putzen oder
Gartenarbeit

Freund/in Besuche bei einem Freund oder gemeinsame Unternehmungen mit einem Freund

Familienmitglied Zeit mit einem Familienmitglied verbringen oder gemeinsame Unternehmungen mit
Familienmitgliedern wie z. B. dem Partner, dem Kind oder den Eltern

Religiöser Teilnehmer Teilnahme an Aktivitäten, die von einer Religionsgemeinschaft gefördert werden

Hobbyist/Amateur Ausübung eines Hobbys oder einer Liebhaberaktivität wie z. B. Nähen, ein Musikinstru-
ment spielen, Holzarbeiten, Sport, Theater oder die Mitgliedschaft in einem Klub oder
einer Gruppe

Mitglied einer Engagement im Rahmen einer Organisation wie der »American Legion« (Amerikanische
Organisation Legion), »National Organisation for Women« (Nationale Organisation für Frauen),
»Parents without Partners« (Alleinerziehende Eltern) oder »Weight Watchers«
104 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

Der Einfluss von Rollen auf das verhalten sie sich in der Rolle des Ehepartners
Betätigungsverhalten oder Arbeitskollegen eher als Gleichberechtigte.
Dazu ein interessantes Beispiel:
Wie ⊡ Abb. 5.7 verdeutlicht, können wir davon
> Beispiel
ausgehen, dass Rollen das Betätigungsverhalten
Wenn meine Frau und ich uns gegenseitig bei
auf dreierlei Weise beeinflussen:
der Arbeit anrufen, wissen wir ziemlich schnell,
▬ Sie beeinflussen unsere Art und unseren Stil
ob der andere gerade allein ist. Der Hinweis,
sowie den Inhalt unserer Interaktionen mit
der diesen Rückschluss erlaubt, ist unsere
anderen Menschen.
Stimmlage und unsere Art, miteinander zu
5 ▬ Sie haben einen Einfluss auf die Sets von
reden. Beides ist intimer, wenn wir allein sind
Aufgaben oder Handlungen, die Teil unserer
und uns nicht an unsere Arbeitsrolle gebunden
rollengebundenen Routinen werden.
fühlen. Im Gegensatz dazu wissen wir auch,
▬ Sie teilen unsere Tages- und Wochenzyklen
wenn gerade ein Kollege in der Nähe ist, denn
in Zeiträume ein, in denen wir üblicherweise
dann passt die Art der Konversation eher zur
bestimmte Rollen innehaben. Auf diese Weise
Arbeits- als zur Ehepartnerrolle.
entsteht eine zeitliche Topographie, wie sich
unser Status und unsere Verpflichtungen im Das Rollenskript stattet uns mit dem unterschwel-
Laufe des Tages und der Woche verändern. ligen Bewusstsein aus, dass wir gerade eine Rolle
erfüllen, und stellt einen Bezugsrahmen dar, der
Diese drei Aspekte von Rollen im Bezug auf das Verhalten steuert, das mit der Rolle verbun-
Betätigungsverhalten wollen wir nun näher be- den ist. Wie bereits erwähnt, bedeutet dies nicht,
trachten. dass die Rolle ein bestimmtes Verhalten verur-
sacht oder festlegt. Rollen dienen vielmehr als
Bezugsrahmen für unsere Wahrnehmung und
Handlungsstil unser Handeln. Sie beeinflussen, wie wir uns ver-
halten und wie wir unser eigenes Verhalten und
Ein Rollenwechsel geht häufig einher mit Ver- das der anderen erleben (Katz u. Kahn 1966).
änderungen wie einem Wechsel der Kleidung,
der Sprechweise und der Umgangsweise mit Beachte I I
anderen. In der Rolle des Elternteils oder des Das Bewusstsein, dass wir gerade eine be-
Vorgesetzten übernehmen Personen häufig ein stimmte Rolle ausüben, wirkt sich auf unser
bestimmtes Maß an Verantwortung, tragen ein Äußeres, unsere Einstellungen und unser
gewisses Maß an Autorität nach außen und ver- Verhalten aus.
folgen bestimmte Anliegen. Im Gegensatz dazu

⊡ Abb. 5.7. Einfluss von Rollen


auf das Betätigungsverhalten
5.3 · Verinnerlichte Rollen
105 5

Betätigungsverhalten bei der wartungen einmal verinnerlicht, hilft uns das


Ausübung von Rollen Rollenskript, die vielen verschiedenen Tätigkei-
ten aufeinander abzustimmen. die in Verbin-
Bei der Rollentheorie liegt der Schwerpunkt vor dung mit dieser Rolle auszuführen sind.
allem auf der Frage, wie Rollen unser Verhalten
in der Öffentlichkeit und insbesondere unser
Interaktionsverhalten beeinflussen. Doch aus- Zeitliche Reihenfolge von Rollen
gehend von unserer Frage, wie verinnerlichte
Rollen das Betätigungsverhalten beeinflussen, Wie Gewohnheiten sind auch Rollen an Zeitzyk-
stellen wir fest, dass uns die Verpflichtungen, len oder Wiederholungen gebunden. Das bedeu-
die aus einer Rolle erwachsen, auch außerhalb tet, dass das Rollenverständnis eine Vorstellung
des sozialen Kontexts dieser Rolle zu einem davon beinhaltet, wann man eine bestimmte
bestimmten Verhalten verpflichten. Rolle gewöhnlich erfüllt. Jeder Tagesablauf bein-
haltet im Allgemeinen auch die Aufeinanderfol-
> Beispiel
ge von verschiedenen Rollen, die sich manchmal
Wenn ich auf der Suche nach Weihnachts- oder
auch überlappen.
Geburtstagsgeschenken für meine Kinder bin
oder wenn ich zu Hause Hausarbeiten von Stu-
denten korrigiere, erfülle ich meine elterlichen
Beachte I I
Indem sie einen Teil unserer täglichen Rou-
bzw. berufsbezogene Rolle genauso wie bei der
tine ausmachen, verleihen Rollen unserem
Interaktion mit meinen Kindern bzw. Studenten.
Betätigungsverhalten Regelmäßigkeit. Sie
Rollen beeinflussen demnach einen Großteil des sind soziale Räume, die wir im Rahmen
Betätigungsverhaltens, aus dem das Alltagsleben unseres Tages-, Wochen- und Lebensablaufs
besteht. In jeder Rolle werden an uns Erwar- betreten, in denen wir uns verhalten und die
tungen bezüglich unseres Betätigungsverhaltens wir auch wieder verlassen.
gestellt.
> Beispiel
Von einem Studenten wird u. a. erwartet,
Zusammenfassung
dass er an den Kursen teilnimmt, sich Notizen
macht, Fragen stellt, Artikel oder Bücher liest,
Mit Hilfe des Konzepts der verinnerlichten Rollen
Hausarbeiten schreibt, lernt und Prüfungen
habe ich versucht, Verhaltensmuster zu erklären,
ablegt. Von einer Sekretärin (einer »Arbeiten-
die unsere Performanz kennzeichnen und Merk-
den«) kann erwartet werden, dass sie Tele-
malen der sozialen Umwelt entsprechen. Rollen
fongespräche entgegennimmt, Nachrichten
beziehen sich auf Stellungen innerhalb sozialer
notiert, Briefe tippt, stenographiert etc.
Gruppen oder Organisationen. Unter dem Begriff
Beachte I I »verinnerlichte Rolle« verstehen wir das Anneh-
men einer Identität, die einen als Inhaber einer
Jede Rolle stellt eine Sammlung von Betäti- Rolle definiert und darauf hinweist, dass man
gungsverhaltensweisen dar, die kontextbe- sich ein Rollenskript angeeignet hat. Die verin-
zogen per Definition dieser Rolle zugeschrie- nerlichte Rolle bietet einem die Möglichkeit, Ver-
ben werden. halten hinsichtlich bekannter sozialer Situationen
einzuschätzen und aufzubauen und die Zeit und
Haben wir die Rolle und die hinsichtlich der die Art der Aufgabenerfüllung so zu organisieren,
Betätigungsperformanz an sie geknüpften Er- dass die Rollenverpflichtungen erfüllt werden.
106 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

5.4 Struktur der Habituation Gewohnheiten und Rollen sind am stärksten


angepasst, wenn sie unter wiederholt auftreten-
Mit diesem Kapitel verfolgen wir die Absicht, all den Bedingungen gelernt werden. Die Bedin-
das zu erklären, was in der täglichen Performanz gungen sollten so viele Ähnlichkeiten aufwei-
nach Mustern abläuft, vertraut ist und zur Rou- sen, dass eine Handlungsweise entstehen kann;
tine geworden ist. Ich habe die These aufgestellt, gleichzeitig sollten sie jedoch so viele Unter-
dass diese Merkmale des Betätigungsverhaltens schiede erkennen lassen, dass die erworbenen
vom Subsystem Habituation beeinflusst wer- Landkarten oder Skripte flexibel gehandhabt
den. Die Struktur des Subsystems Habituation werden können. Jedes Mal, wenn bei Handlun-
5 besteht aus zwei sich überkreuzenden Phänome- gen kleinere Unterschiede in der Ausführung
nen, nämlich aus auftreten, verliert die verinnerlichte Gewohnheit
▬ Gewohnheiten und oder Rolle an Rigidität und gewinnt an Flexibi-
▬ verinnerlichten Rollen. lität. Mit anderen Worten: Sie kann sich einer
Vielzahl von Variationen anpassen und dennoch
Diese Habituationsstruktur setzt sich aus Ein- der jeweiligen Aufgabe oder dem jeweiligen Pro-
schätzungsfähigkeiten (Rollenskripten und Land- zess genügen.
karten von Gewohnheiten) zusammen, die es uns
ermöglichen, charakteristische Umweltmerkma- Beachte I I
le oder -situationen mehr oder weniger automa- Eine gut organisierte, jedoch nicht allzu
tisch zu erkennen und ein entsprechendes Ver- strenge Habituationsstruktur führt im all-
halten zu entwickeln. Durch unsere Gewohnhei- täglichen Verhalten zu einem Gleichgewicht
ten und Rollen werden wir zu Bewohnern und zwischen Stabilität und Flexibilität.
Zugehörigen unserer räumlichen, zeitlichen und
sozialen Umwelten.
Das Rollenkonzept besagt, dass die Men-
schen gemäß ihren Stellungen in einer sozia- 5.5 Der Prozess der Habituation
len Gruppe handeln und bestimmte Muster der
Interaktion, der Aufgabenbewältigung und der Die Habituation kann als Prozess verstanden
Zeitnutzung aufweisen, die die mit dieser Rolle werden, der auf zwei Zeitebenen stattfindet.
verbundenen Erwartungen widerspiegeln. Ande- ▬ Die erste, die »unmittelbare Zeitebene«, be-
re Aspekte der Routine, der Art der Ausführung stimmt, wie die Landkarte der Gewohnhei-
von Betätigungen und des Stils eines Individu- ten und das Rollenskript den Aufbau von
ums werden durch Gewohnheiten reguliert. Das Verhalten im Alltagsleben anleiten.
routinemäßige Verhalten innerhalb einer Rolle, ▬ Die zweite, die »erweiterte Zeitebene«, bie-
das für die Rolle nicht speziell erforderlich ist tet eine Perspektive, wie Gewohnheiten und
oder nicht erwartet wird, wird durch Gewohn- Rollen über einen bestimmten Zeitraum hin-
heiten gesteuert. weg geformt werden und sich im Laufe der
Zeit verändern.
Beachte I I
Gewohnheiten und Rollen sind im täglichen In diesem Abschnitt werde ich den Habituati-
Leben miteinander verwoben und organisie- onsprozess in Bezug auf beide Zeitebenen be-
ren gemeinsam das Routineverhalten. leuchten.
5.5 · Der Prozess der Habituation
107 5

Geordnete Improvisation könnten uns z. B. über das laufende Semester


von Betätigungsverhalten oder eine anstehende Prüfung unterhalten
etc. Es handelt sich dabei weder um ein inti-
Ich habe darauf hingewiesen, dass die Landkarte mes Gespräch, wie ich es mit meinen Kindern
der Gewohnheiten und das Rollenskript kei- oder meiner Frau führe, noch handelt es sich
ne exakten Anweisungen für Verhalten geben. zwangsläufig um eine der intellektuellen oder
Sie sind vielmehr Bezugsrahmen zur Einschät- strukturierten Diskussionen, die zwischen
zung, damit wir mit der externen Umwelt so mir und einem Berufskollegen während einer
interagieren können, dass beim Durchführen Zusammenkunft in der Fakultät oder während
der Aufgabe Improvisation möglich ist. Um die eines Seminars stattfinden können. Folglich
tatsächliche Improvisation der Performanz im ermöglicht mir die Einschätzung meiner Rolle
täglichen Leben zu leiten, treten Rollen und als Professors und der Situation als zwanglose
Gewohnheiten häufig in Bezug zueinander. Begrüßung zwischen Student und Professor,
dass ich an der Begegnung teilnehme und
> Beispiel ein Verhalten aufbaue, das effizient improvi-
Jeder von uns hat verinnerlichte Gewohnheiten siert und einem breiten Spektrum relevanter
bezüglich zwangloser Grußformen. Begrüßun- Umstände gerecht wird. Bei der Improvisation
gen erfolgen derart automatisch, dass wir diese der Interaktion können alle möglichen vor-
Handlung täglich ohne große Überlegungen handenen Informationen (z. B. das Wissen um
unzählige Male vollziehen. Die Begrüßung kann eine bevorstehende Prüfung, das Bewusstsein
sehr kurz ausfallen und nur aus einer Geste oder eines kürzlich im Kurs aufgetretenen Problems,
einem Wort bestehen. Sie kann jedoch auch Anzeichen von Stress im Gesicht des Studenten
länger sein und Small-Talk oder Fachsimpelei und persönliche Informationen, die ich über
beinhalten. Ob wir nun einen Nachbarn, Frem- den Studenten habe) eine Rolle spielen. Außer-
den, Kollegen oder Freund treffen, wir schätzen dem ist es wichtig, wie sich der Student wäh-
die Situation ein und können die jeweilige Per- rend der Begegnung verhält – dieses Verhalten
son angemessen und ungezwungen begrüßen. improvisiert der Student auf der Grundlage sei-
Gleichzeitig beeinflussen unsere Rolle und die nes Rollenskripts und meiner Verhaltensweisen.
Person, die wir treffen, auch die Art unserer Be- Dennoch erzeugen wir unser Verhalten relativ
teiligung an der Begrüßungsinteraktion. mühelos und verlassen beide die Interaktion
Treffe ich einen meiner Studenten auf dem mit dem Wissen, dass eine zwanglose Begrü-
Campus, muss ich mir nicht bewusst werden, ßung zwischen einem Professor und einem
dass ich Professor bin mit einem ganzen Spek- Studenten stattgefunden hat.
trum von erwarteten Beziehungen zu meinen
Studenten. Ich verhalte mich vielmehr als Beachte I I
Professor und vollziehe mehr oder weniger Bei allen Habituationsprozessen findet
automatisch eine Handlung, von der ich sofort eine subtile Transaktion zwischen der ver-
und ohne Überlegung überzeugt bin, dass innerlichten Gewohnheit und/oder Rolle,
sie von einem Studenten als herzliches und den Ereignissen, die sich von Moment zu
interessiertes Grüßen erkannt wird. In Abhän- Moment entfalten, und den Eventualitäten
gigkeit davon, ob wir uns auf dem Flur treffen, des Kontexts statt.
gerade im selben Aufzug stehen, wie gut ich
den Studenten kenne und ob es einer von uns
offensichtlich eilig hat, kann die Begrüßung Die Habituation versetzt uns in das bekann-
auch eine kurze Unterhaltung beinhalten. Wir te Territorium des alltäglichen Lebens, bereit,
108 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

durch die Erzeugung unseres Routineverhaltens Schon bald ist es jedoch in den Rhythmus, die
mit dieser räumlichen, zeitlichen und sozialen Routinen und Gebräuche der räumlichen, sozi-
Umwelt zu interagieren. Solange unser Verhal- alen und zeitlichen Umwelt integriert. Routinen
ten ganz natürlich mit der Unberechenbarkeit erwirbt das Kind zunächst durch die Anleitung
unserer Lebensräume zurechtkommt, ist es die und Unterstützung der Eltern. Bei diesen Routi-
Habituation, die den Prozess lenkt. nen handelt es sich um Tages- und Nachtrouti-
nen mit entsprechenden Mustern für das Schla-
fen, Wachen, Essen, Baden etc. Im Laufe der
5.6 Änderung der Habituation Entwicklung, in der es Routinen, Gebräuche
5 und Vorgehensweisen wiederholt erlebt, verin-
Auch wenn die Habituation in unserem Ver- nerlicht das Kind komplexe Gewohnheitsmus-
halten für Konstanz und Stabilität sorgt, ver- ter. Einige dieser Muster bleiben das ganze Le-
ändert sie sich im Laufe des Lebens. In diesem ben hindurch einigermaßen stabil, wie z. B. die
Abschnitt werde ich erörtern, wie es zu solchen Schlaf- und Essgewohnheiten. Andere Muster
Veränderungen der Gewohnheiten und Rollen wiederum verändern sich, wenn der Mensch be-
kommt. Wir beginnen mit der Entstehung von stimmte Entwicklungsstufen erreicht (z. B. An-
Gewohnheiten und Rollen und untersuchen nahme der Schülerrolle oder der Arbeitsrolle).
anschließend, wie sich diese im Laufe des Lebens Interessanterweise hat jeder Umweltkontext
verändern. Ebenso wie das Subsystem Volition eigene regelmäßige Rhythmen und Verhaltens-
(volition subsystem) wird auch das Subsystem muster, die dazu ermutigen, ein Verhaltensmus-
Habituation durch die Betätigung des mensch- ter zu verinnerlichen, das dem der anderen Per-
lichen Systems aufgebaut, aufrecht erhalten und sonen im sozialen System entspricht. Schließlich
im Laufe der Zeit verändert. können einige verschiedene Rhythmen ineinan-
der greifen, wie z. B. die Rhythmen und Muster
des Lebens zu Hause und die der Schule oder des
Entstehung und Veränderung Arbeitslebens.
von Gewohnheiten Alle Gewohnheiten dienen dem Erhalt von
Verhaltensmustern, so dass sie von Natur aus
Slagle (1922), eine der ersten führenden Ergo- resistent gegen Veränderungen sind.
therapeutinnen, stellte fest, dass Gewohnheiten
> Beispiel
durch Betätigung entstehen. Sie und andere
Wann immer wir unsere Zeitpläne oder Umfel-
Autoren aus dem Bereich der Ergotherapie (Slag-
der verändern, werden wir mit der Hartnä-
le 1922; Meyer 1922; Kidner 1924; Dunton 1945)
ckigkeit alter Gewohnheiten konfrontiert: Wir
bestätigten die Vorstellung, dass Gewohnheiten
erscheinen an einem Ort zur selben Zeit wie
nur durch ständiges Wiederholen eines Betäti-
früher oder gehen eine Zeit lang an den fal-
gungsverhaltens entstehen oder verändert wer-
schen Schrank oder in das falsche Büro, nach-
den können. Wie bereits erwähnt, griffen auch
dem wir den Aufbewahrungsort für bestimmte
andere die These auf, dass Gewohnheiten Über-
Dinge oder unseren Arbeitsplatz gewechselt
reste früherer Verhaltensweisen darstellen. Auch
haben.
habe ich bereits dargestellt, dass zur Bildung von
Gewohnheiten eine Redundanz oder Stabilität in Gewohnheiten lassen sich nicht so leicht ändern,
der Umgebung erforderlich ist (s.  Kap. 5.1). da sie auf bestimmten Hintergrundannahmen
Ein Kind kommt ohne innere Steuerung in basieren (Berger u. Luckmann 1966). Mit ande-
Form von Verhaltensmustern auf die Welt, au- ren Worten: Sie spiegeln unsere fundamentals-
ßer vielleicht mit einem gewissen Biorhythmus. ten Überzeugungen hinsichtlich des Aufbaus der
5.6 · Änderung der Habituation
109 5

Welt wider. Gewohnheiten setzen eine bestimmte Diesbezüglich haben Gewohnheiten eine merk-
Ordnung in der räumlichen, zeitlichen und sozia- würdige Eigenschaft: Sie stimmen nicht immer
len Welt voraus. Wenn Gewohnheiten und die ih- mit unserer Volition überein. Verändern sich
nen zugrunde liegenden Erfahrungen unterbro- Aspekte unserer Volition (z. B. wenn wir neue
chen oder geändert werden, entsteht ein Gefühl Werte annehmen), kann es zu Überschneidun-
der Orientierungslosigkeit oder Unwirklichkeit. gen mit Gewohnheiten kommen, die wir aus frü-
heren, aber immer noch gültigen Motiven ent-
> Beispiel
wickelt haben. Gewohnheiten, die durch andere
Wenn unsere Schlafmuster unterbrochen oder
Faktoren als die Volition entstanden sind (z. B.
geändert werden, haben wir manchmal beim
unbewusste Motive; Einschränkungen, die uns
Aufwachen nicht das gleiche Gefühl wie sonst,
das soziale System auferlegt), können ebenfalls im
nämlich fest mit der zeitlichen Welt verbunden
Widerspruch zur Vorgehensweise stehen, die wir
zu sein (d. h., wir denken beispielsweise, dass
normalerweise wählen würden. Alte Gewohn-
es früh morgens ist, obwohl es in Wirklichkeit
heiten können frühere Willenszustände wider-
gerade Nacht wird). Ein ähnliches Gefühl der
spiegeln. In Situationen, die alte Versagensängste
Desorientierung kann entstehen, wenn wir
hervorrufen, können wir nur schwerlich selbst-
inmitten der Durchführung einer bekann-
sicher handeln – selbst wenn es uns zwischen-
ten Aufgabe gestört werden (z. B. wenn wir
zeitlich gelungen ist, ein aktuelleres Volitionsbe-
plötzlich realisieren, dass wir nicht wissen, an
wusstsein dessen aufzubauen, was wir erfolgreich
welchem Punkt der Strecke wir uns befinden,
bewältigen können. Es ist schwierig für uns, vor
wenn wir an ein uns bekanntes Ziel fahren).
dem Fernseher liegend auf die Tüte Kartoffel-
In solchen Fällen werden wir schockartig in chips zu verzichten und statt dessen Gymnas-
einen bewussten Zustand versetzt, ohne den tik zu machen, obwohl wir eigentlich gern ein
sicheren Halt unserer normalerweise bekann- gesünderes Leben führen würden. Die Macht
ten und selbstverständlichen Welt zu erfahren. der Gewohnheit ist so groß, dass Gewohnheiten
Kinder erinnern uns daran, wie wichtig dieser nur geändert werden können, wenn ein entspre-
für selbstverständlich erachtete Hintergrund ist, chendes volitionales Engagement vorhanden ist
wenn sie mit äußerstem Missfallen auf Unterbre- und das entgegengesetzte Verhalten über einen
chungen von Routinen reagieren. Dewey (1922) längeren Zeitraum praktiziert wird.
schrieb über diesen Aspekt der Gewohnheiten:

» Wird eine Gewohnheit, eine routinemäßige Sozialisation und Rollenwechsel


Gewohnheit, gestört, ruft dies ein Gefühl von
Unbehagen und Protest hervor und weckt das
Bereits in unserer Kindheit nehmen wir wahr,
Bedürfnis nach einer Art Vergeltung, oder aber
dass andere Menschen im sozialen Umfeld Posi-
die Gewohnheit wird zu einer flüchtigen Erin-
tionen innehaben, die nahezu jeder als selbst-
nerung. Es liegt im Wesen der Routine, auf der
verständlich erachtet. Zudem ist das Verhalten
eigenen Fortsetzung zu beharren... Eine Unter-
der Menschen in diesen Positionen (Mütter,
brechung der Gebräuche oder Gewohnheiten
Lehrer, Babysitter) meist vorhersagbar. Mit der
«
verursacht gleichzeitig Groll... (S. 76)
Zeit machen wir die Entdeckung, dass auch uns
Dewey merkt zudem an, dass es häufig zu einer Rollen übertragen werden. Wir lernen, dass auf-
»Vereinigung der Gewohnheit mit Verlangen grund der Positionen, die wir und die anderen
und Antrieb kommt« (S. 24), wie dies z. B. bei besetzen, jeweils ganz bestimmte Verhaltenswei-
all unseren schlechten Gewohnheiten der Fall ist, sen erwartet werden (Grossack u. Gardner 1970;
die wir gegen unseren eigenen Willen ausführen. Katz u. Kahn 1966; Turner 1962).
110 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

Beachte I I anderen als unpassend empfunden wird oder die


die Erfahrungen oder das Verhalten anderer Mit-
Der Prozess, innerhalb dessen einem Indivi-
glieder des sozialen Systems negativ beeinflusst,
duum die Rollenerwartungen vermittelt wer-
werden die anderen Mitglieder wahrscheinlich
den, wird als Sozialisation bezeichnet (Brim
versuchen, das Rollenverhalten dieser Person zu
u. Wheeler 1966).
ändern. Unterschiedliche Rollen haben unter-
schiedliches »Publikum«, weshalb die einzel-
Während der kindlichen Entwicklung beginnen nen Verhandlungen über das Rollenverhalten je
die Eltern dem Kind zu vermitteln, welche Erwar- nach sozialem System stark variieren können.
5 tungen an ein Familienmitglied gestellt werden. Bei Arbeitsrollen können viele Menschen Rol-
Diese Erwartungen betreffen den Spielort und lenpartner und damit von der jeweiligen Rollen-
die Spielweise des Kindes, die Entwicklung von performanz betroffen sein. Familienrollen haben
Hilfsbereitschaft und Selbstversorgung und die dagegen ein viel kleineres Publikum.
Übereinstimmung mit den Familienroutinen. Im Laufe des Lebens verändern sich die Rol-
Die Erwartungen, die an die Performanz eines len. Die Menschen entscheiden sich, bestimmte
Familienmitglieds geknüpft werden, sind weit- Rollen zu übernehmen und andere abzugeben.
aus zwangloser und flexibler gestaltet als die Darüber hinaus erwartet und strukturiert die
Rollenerwartungen im späteren Leben. Daraus Gesellschaft zu verschiedenen Zeitpunkten im
folgt, dass es eine Entwicklung von informel- Leben den Wechsel von einer Rolle zur anderen
len zu formellen Rollen gibt. Die Entwicklung (z. B. Übernahme und Abgabe der Schülerrolle,
des Rollenanspruchs verläuft parallel zur Ent- Eintritt ins Arbeitsleben oder in den Ruhestand).
wicklung der Fähigkeit des Kindes, Rollenerwar- Auf eine sehr viel weniger formelle Weise erwar-
tungen als Rollenskripte zu verinnerlichen und ten viele soziale Gruppen von ihren Mitgliedern,
sie als Verhaltensleitfaden zu nutzen. Zu einem dass sie in einem bestimmten Alter Rollen wie
späteren Zeitpunkt der Entwicklung verläuft die die des Ehepartners oder Elternteils überneh-
Sozialisation viel formeller und beinhaltet die men. Die Zwänge und Erwartungen seitens der
schulische Ausbildung, das Einüben in der Rolle Gesellschaft und die Auswahl der Betätigungen
und das Erbringen von Nachweisen. Bei vielen bestimmen gemeinsam die Reihenfolge der Rol-
Rollen gibt sich die Gesellschaft sehr viel Mühe, len, die das Leben eines Menschen ausmachen.
diejenigen Menschen zu sozialisieren und zu
regulieren, die die jeweilige Rolle besetzen. Beachte I I
Die Sozialisation verläuft jedoch nicht gänz- Rollenwechsel sind komplex und beinhalten
lich einseitig. Die Personen, die eine neue Rol- auch Veränderungen der eigenen Identität,
le einnehmen, verhandeln normalerweise mit der Beziehungen zu anderen Menschen, der
denen, die von diesem Rollenverhalten betroffen zu erfüllenden Aufgaben und der Organisati-
sind (Heard 1977; Schein 1971). Es ist ein Prozess onsweise des Lebensstils.
des Gebens und Nehmens. Jede Person, die eine
Rolle übernimmt, tut dies auf eine andere Weise
> Beispiel
als jede andere Person in dieser Rolle. Bei diesen
Ein Beispiel für die Komplexität des Rollen-
»Verhandlungen« geht es in erster Linie darum,
wechsels ist die Erfahrung von Familienmit-
wie das Individuum Vorlieben zum Ausdruck
gliedern, die sich um ihre alternden Eltern oder
bringt, die an die Rolle gestellten Anforderun-
Großeltern kümmern müssen:
gen erfüllt und wie sich seine Art, die Rolle zu
erfüllen, auf die anderen auswirkt. Erfüllt das » Wenn Menschen gebrechlicher werden und sich
Individuum seine Rolle auf eine Weise, die von immer schlechter selbst versorgen können, muss
5.7 · Habituation und Lebensraum
111 5

eine Vielzahl an Rollen neu definiert werden. » Walter brauchte nicht darüber nachzudenken,
Eine klare Umkehrung der Rollen erfolgt, wenn wo sich die Läufer oder die kleinen Wölbungen
die ältere Generation ihre Kraft verliert und die auf den Stufen der Veranda befanden, die die
Macht, die persönlichsten Entscheidungen zu Stufen nach einem Gewitter besonders tückisch
treffen, in die Hände ihrer Kinder legt. Dies ist werden ließen. Die große Vertrautheit mit der
für alle Betroffenen ein schwieriger Wende- Einrichtung seines Hauses half ihm sehr, als er
punkt. Die Rollen müssen gänzlich neu definiert durch seine nachlassende Sehfähigkeit immer
werden, und häufig ruft dies großen Widerstand stärker eingeschränkt wurde. Beatrices Bewe-
und verständlichen Ärger hervor. Und damit ha- gungen in ihrer Umgebung wurden ebenfalls
ben wir noch nicht das Problem der sich verän- durch ihr körperliches Bewusstsein zum Stand-
dernden Beziehungen zwischen Großeltern und ort der Möbel erleichtert. Die Möbel waren im
Enkelkindern oder zwischen Eltern und Kindern Laufe der Jahre so angeordnet worden, dass
angesprochen, wenn ein fürsorgebedürftiger sich Beatrice an bestimmten Stellen festhalten
Großelternteil in die Familie aufgenommen konnte, wenn sie einen der Schwindelanfälle er-
wird. Komplexe Familien müssen kollektive «
litt, für die sie anfällig geworden war. (S. 268)
Lösungen finden, wenn sie zusammenbleiben
möchten. (Hage u. Powers 1992, S. 118) « Beachte I I
Gewohnheiten können eine effektive Mög-
Obwohl der Rollenwechsel ein wesentlicher lichkeit darstellen, auch bei persönlichen
Bestandteil der menschlichen Entwicklung ist, Einschränkungen im Einklang mit der Umge-
erfordert er häufig eine signifikante Neustruktu- bung zu leben.
rierung, und dies nicht nur innerhalb des Indi-
viduums, sondern auch innerhalb des (externen)
sozialen Umfeldes. Gewohnheiten können hinsichtlich der Per-
formanz jedoch auch zu Inkompetenz führen
oder Probleme verursachen. Eine Gewohnheit,
5.7 Habituation und Lebensraum die wir in einer bestimmten Umgebung gelernt
haben, kann Verhalten erzeugen, das in einer
In diesem Kapitel ging es darum, dass uns anderen Umgebung irrelevant oder ineffektiv
Gewohnheiten und Rollen eine Struktur bieten, ist. Bereits vor mehr als hundert Jahren warnte
mit deren Hilfe wir routinemäßig durch unsere Durkheim (1893, zitiert bei Young 1988) davor,
Lebensräume navigieren und über diese verhan- dass Gewohnheiten Individuen und ganze Ge-
deln können. Zudem sollte deutlich werden, dass sellschaften versklaven könnten, da sie sich nicht
der Prozess, in dessen Verlauf wir unsere Lebens- leicht abschaffen lassen, wenn sie sich erst ein-
räume ausfüllen, eine Interaktion beinhaltet. Im mal festgesetzt haben.
Rahmen dieser Interaktion formen wir durch Ähnliche Kritik wird auch an traditionellen
unsere Bemühungen und Verhaltensmuster die Rollen geübt. Bisweilen hört man das Argument,
Umfelder, in denen wir agieren. Rowles (1991) dass Rollen Menschen zu Unrecht stereotypisie-
weist darauf hin, dass zur Wiederholung von ren und einschränken. So gesehen erscheint es,
Verhaltensweisen in einer bekannten Umgebung als lenke die heutige Gesellschaft die Menschen
auch ein Arrangement dieser Umgebung zählen regelrecht in Richtung verschiedener Rollen.
kann, das unser Routineverhalten fördert. Als Doch in Zukunft werden Rollen wahrscheinlich
Beispiel nennt Rowles Walter und Beatrice, ein viel flexibler und organischer sein. Sarbin u.
älteres Ehepaar, das seit über 50 Jahren im sel- Scheibe (1983) sind der Ansicht, dass über Rol-
ben Haus wohnt. lenskripte zunehmend verhandelt werden wird,
112 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

da sich die Gesellschaft mit großer Geschwin- 5.8 Schlüsselkonzepte


digkeit verändert und zunehmend komplexer
wird. Dadurch nimmt die Nützlichkeit traditio- Subsystem Habituation
neller Rollenskripte immer mehr ab. ▬ eine innere Organisation von Informationen,
Hage u. Powers (1992) bemerken, dass Rollen die das System befähigt, wiederkehrende Ver-
in der modernen Gesellschaft »periodisch neu haltensmuster zu zeigen.
zusammengestellt oder entworfen werden müs-
sen« (S. 112). Damit meinen sie nicht, dass Rol- Habituationsstruktur
len mehrdeutig sein und sich ständig verändern ▬ ein Gerüst aus Einschätzungsfähigkeiten
5 sollten; sie halten es vielmehr für notwendig, (Rollenskripte und Landkarten der Gewohn-
Rollen periodisch zu überdenken und neu aus- heiten), die es uns ermöglichen, Merkmale
zuhandeln. Laut Hage u. Powers »können Rol- oder Situationen in unserer Umgebung mehr
lenverpflichtungen nur aufrecht erhalten werden, oder weniger automatisch zu erkennen und
wenn Menschen ihre Rollen im Lichte der sich ein entsprechendes Verhalten aufzubauen.
verändernden Bedingungen auf kreative Weise ▬ Gewohnheit: latente, durch vorangegange-
neu entwerfen. Zu diesem Zweck können sie ne Wiederholung erworbene Tendenzen, die
manchmal die Ideen anderer übernehmen und auf einer vorbewussten Ebene arbeiten und
manchmal eigene entwickeln« (S. 114). Ihrer An- eine große Bandbreite an Verhaltensmustern
sicht nach machen die derzeitigen Muster tech- beeinflussen, die bekannten Lebensräumen
nologischer Veränderungen eine Neudefinition entsprechen.
von Rollen erforderlich, da die sozialen Rollen ▬ Landkarte der Gewohnheiten: eine verinner-
an Komplexität gewinnen und ihre Definitionen lichte Einschätzungsfähigkeit; sie ermöglicht
und die mit ihnen einhergehenden Aufgaben und die Wahrnehmung bekannter Ereignisse und
Verpflichtungen offener werden. Sie bemerken, lenkt den damit verbundenen Aufbau einer
dass eine solche Neudefinition zwar frei macht, Handlung, um ein implizites Ergebnis oder
jedoch gleichzeitig für Instabilität sorgen kann: einen Prozess zu erreichen.
▬ Verinnerlichte Rollen: generelles Bewusstsein
» Die Fähigkeit, unsere gegenseitigen Bezie-
einer bestimmten sozialen Identität und der
hungen neu zu entwerfen und aufzubauen,
damit verbundenen Verpflichtungen, die ge-
erfordert gut entwickelte Interaktionsfähigkei-
meinsam einen Bezugsrahmen bilden, damit
ten, konstante Bemühungen, den Willen, eine
wir relevante Situationen einschätzen und an-
bestimmte Menge emotionaler Schwingungen
gemessenes Verhalten aufbauen können.
auszuhalten, und eine hohe Kooperationsbe-
▬ Rollenskripte: eine Sammlung latenter Ein-
«
reitschaft seitens der Rollenpartner. (S. 133)
schätzungsfähigkeiten, die Anhaltspunkte für
Unser Leben schwankt zwischen den Möglich- ein Verständnis sozialer Situationen und Er-
keiten von zu viel Beschränkung bzw. Einengung wartungen gibt und Anleitung für die Art von
und zu viel Unsicherheit. Die Habituation ist ein Handlungen bietet, die zu einer bestimmten
Mittel, das in unserem Alltagsleben für Stabilität Rolle gehören.
und Beständigkeit sorgt. Ein übermäßig struk- ▬ Der Einfluss von Gewohnheiten auf das Be-
turiertes Leben ist nicht erstrebenswert. Ande- tätigungsverhalten:
rerseits können wir uns bis zu einem gewissen – Stilgewohnheiten,
Grad damit trösten, dass in unserer sich ständig – Routinegewohnheiten,
verändernden Welt der morgige Tag zumindest – Betätigungsgewohnheiten.
teilweise so ablaufen wird wie der gestrige und ▬ Der Einfluss von Rollen auf das Betätigungs-
der heutige. verhalten:
5.9 · Literatur
113 5

– Handlungsstil, Camic C (1986) The matter of habit. American Journal of


– Betätigungsformen von Rollen, Sociology 91:1039–1087
Cardwell JD (1971) Social psychology: A symbolic interac-
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Chapin FS (1968) Activity systems and urban structure: A
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▬ Die geordnete Improvisation von Betäti- Grossack M, Gardner H (1970) Man and men: Social psy-
gungsverhalten ergibt sich aus dem Zusam- chology as social science. International Textbook Co,
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– verinnerlichten Rollen und/oder Gewohn- relationships in the 21st century. Sage, Newbury Park,
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– Ereignissen einer Handlung, die sich von Heard C (1977) Occupational role acquisition: A perspec-
Minute zu Minute ergibt, und tive on the chronically disabled. American Journal of
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ändern;
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– Gewohnheiten stimmen nicht immer mit cept of the holon. In: Koestler A, Smythies JR (eds),
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– entwicklungsbedingte Veränderung von Studies in social identity. Praeger, New York
Matsutsuyu J (1971) Occupational behavior: A perspective
Rollen von informell zu formell;
on work and play. American Journal of Occupational
– beinhaltet Verhandlungen mit den Perso- Therapy 25:291–294
nen, die von den Veränderungen innerhalb Meyer A (1922) The philosophy of the occupational wor-
der Rolle betroffen sind; ker. Archives of Occupational Therapy 1:1–11
– Rollen verändern sich im Laufe des Le- Miller DR (1983) Self, symptom and social control. In:
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114 Kapitel 5 · Das Subsystem Habituation (Habituation Subsystem)

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Young M (1988) The metronomic society: Natural rhythms
and human timetables. Harvard University Press, Cam-
bridge, MA
6

Das Subsystem Performanz


Anne Fisher und Gary Kielhofner

6.1 Einleitung – 116

6.2 Bestehende Konzepte zu den Performanzfähigkeiten – 116

6.3 Die Bestandteile des Subsystems Performanz – 117

6.4 Die Organisation des Subsystems Performanz – 118

6.5 Der Performanzprozess – 122

6.6 Schlussfolgerung – 123

6.7 Schlüsselbegriffe – 124

6.8 Literatur – 124


116 Kapitel 6 · Das Subsystem Performanz

6.1 Einleitung 6.2 Bestehende Konzepte


zu den Performanzfähigkeiten
In den zwei vorangegangenen Kapiteln haben
wir gesehen, dass das Subsystem Volition die Es gibt eine Reihe konzeptioneller Modelle
Wahl eines bestimmten Betätigungsverhaltens im Bereich der Ergotherapie, die die Betäti-
steuert und dass das Subsystem Habituation das gungsperformanz ermöglichenden Fähigkeiten
Betätigungsverhalten in feste Muster ordnet. zu erklären versuchen. Jedes dieser Modelle
Jeglichem Betätigungsverhalten liegt die Fähig- liefert einen detaillierten Bezugsrahmen zum
keit zur Handlungsausführung (Performance) Verständnis eines ganz bestimmten begrenzten
zugrunde. Ob es nun um einfaches Spazierenge- Verhaltensaspekts der klinischen Praxis. Das
hen oder die Ausführung einer Pirouette beim biomechanische Modell (biomechanical model)
6 Ballett, die Abgleichung seines Kontostandes, versucht z. B., die Bewegungen des Menschen
die Ableitung eines mathematischen Satzes, das als Funktion einer komplexen Struktur von
Aufeinanderstapeln von Blöcken oder den Bau Muskeln, Bindegewebe und Knochen innerhalb
eines Hauses geht, hinsichtlich der Ausfüh- des Stütz- und Bewegungsapparates zu erklären
rung von Handlungen ist die Leistungsfähig- (Trombly 1989). Dieses Modell beschreibt die
keit des Menschen erstaunlich und komplex Leistungsfähigkeit des skelettmuskulären Sys-
zugleich. tems in Hinblick auf Bewegungen mit Hilfe von
Im vorliegenden Kapitel wird das Subsystem Konzepten der Kraft, der Bewegung und der
Performanz (Mind-Brain-Body Performance Ausdauer. Ebenso entstand das Modell der Sen-
Subsystem) dargestellt. Es wird aufgezeigt wer- sorischen Integration (Ayres 1972, 1979, 1986;
den, dass dieses Subsystem den Menschen zur Fisher et al. 1991) bei dem Versuch, verschie-
effektiven Ausführung von Betätigungen befä- dene Aspekte der zwischen Bewusstsein und
higt. Gehirn stattfindenden Prozesse und deren Ein-
fluss auf die Performanz zu erklären.
Beachte I I
Das Subsystem Performanz ist das, was »uns
Beachte I I
zur Handlungsausführung zur Verfügung Das Modell der Sensorischen Integration
steht«. Es vervollständigt das Subsystem versucht zu erklären, inwieweit das Gehirn
Volition, da der Wunsch nach der Ausfüh- sensorische Informationen strukturiert und
rung einer Aufgabe allein nicht ausreicht, diese Informationen für das Erlernen und
um dies zu tun. Ausführen geschickter Bewegungen nutzt.

Das Individuum muss ebenfalls über die für die Die sich schwerpunktmäßig auf derartig begrenz-
Performanz nötigen zugrunde liegenden Fähig- te Bereiche beziehenden Modelle können dem
keiten verfügen. Auf eine ähnliche Weise unter- Therapeuten wichtige detaillierte Informationen
stützen sich auch das Subsystem Performanz für seine Berufspraxis bieten. Eine negative Fol-
und das Subsystem Habituation gegenseitig. ge ist jedoch das Fragmentieren der bekannter-
Verinnerlichte Landkarten der Gewohnheiten maßen wechselseitig voneinander abhängenden
und Rollenskripte strukturieren die Betäti- Prozesse. Tatsächlich gilt es heutzutage als all-
gungsperformanz zu von außen erkennbaren gemein anerkannt, dass die skelettmuskulären
Rollen und Gewohnheiten. Das Subsystem Per- und neurologischen Komponenten des Körpers
formanz trägt zum erforderlichen Verhaltens- am besten als sich ergänzende Bestandteile eines
aufbau bei. zusammenhängenden neuromuskulären Sys-
6.3 · Die Bestandteile des Subsystems Performanz
117 6

tems verstanden werden sollten. Im Gegensatz


zu den traditionellen Denkweisen, bei denen
Beachte I I
mentale Prozesse (z. B. Kognition, Gedächtnis, Unserer Ansicht nach bilden konzeptionelle
Emotionen) von Prozessen im Gehirn (z. B. neu- Modelle in der Praxis häufig eine Ergänzung
rochemischen Ereignissen) getrennt betrachtet und bieten bei angemessener Verknüpfung
wurden, gehen modernere Denkweisen dazu ein vollständigeres Bild des Betätigungszu-
über, diese Prozesse als sich ergänzende Aspekte stands eines jeden Individuums.
eines einzigen und einheitlichen Prozesses anzu-
sehen (Pribram 1986; Sperry 1970). Schließlich
wird auch in einer Reihe von interdisziplinären Mit der Einführung eines neuen Weges der Kon-
Theorien anerkannt, dass eine Beziehung zwi- zeptualisierung der in anderen Praxismodellen
schen mentalen, im Gehirn ablaufenden und vorgestellten Bandbreite an Fähigkeiten verfol-
neuromuskulären Prozessen besteht und diese gen wir zwei Absichten:
wechselseitig voneinander abhängig sind (Bern- 1. Zunächst einmal werden wir das Subsystem
stein 1967; Brooks 1986; Kelso 1982; Keogh Performanz in den Kontext des menschli-
u. Sugden 1985; MacKay 1987; Schmidt 1988). chen Systems einbetten.
In dieser Literatur werden die Wechselbezie- 2. Anschließend werden wir erörtern, inwie-
hungen zwischen mentalen, neurologischen und weit das Subsystem Performanz gemeinsam
auf das Gehirn bezogenen (Körper-) Strukturen mit den Subsystemen Habituation und Voli-
und Prozessen, hervorgehoben. Dies ebnete den tion das menschliche Betätigungsverhalten
Weg für die Betrachtung dieser Strukturen und beeinflussen.
Prozesse als ein einziges kohärentes Subsystem
für den Zusammenhang Geist-Gehirn-Körper, Die Betrachtung des Subsystems Performanz
das so genannte Subsystem Performanz. im Kontext des menschlichen Systems liefert
Geist, Gehirn und Körper werden in der uns eine wichtige Grundlage für das Verständ-
zur Ergotherapie vorhandenen Literatur stets als nis der Einzigartigkeit der ergotherapeutischen
essentielle Bestandteile der zugrunde liegenden Praxis.
Fähigkeiten eines Menschen hinsichtlich der
Betätigungsperformanz angesehen. Wir kon-
zeptualisieren diese einzelnen Komponenten als 6.3 Die Bestandteile des Subsystems
ein einziges Subsystem Performanz, weil wir Performanz
auf eine Verbesserung und Vereinheitlichung
der durch die bestehenden Theorien und kon- Das Subsystem Performanz setzt sich aus einer
zeptionellen Modelle dargebotenen detaillierten Struktur einzelner Bestandteile zusammen, die
Informationen abzielen und nicht etwa, weil gemeinsam Betätigungsperformanz ermöglichen.
wir diese Informationen wiederholen oder gar
ersetzen möchten. Beachte I I
Ergotherapeuten, die das Modell der mensch- Das Subsystem Performanz besteht aus fol-
lichen Betätigung als Leitfaden für die Praxis genden Bestandteilen:
verwenden, werden auch andere konzeptionel- ▬ Skelettmuskuläre Bestandteile oder
le Modelle benutzen müssen und sollten sich die Muskeln, Gelenke und Knochen, die
auch dazu aufgefordert fühlen, wenn Einzel- zusammen funktionelle biomechanische
heiten über die Funktionsweise der verschiede- Einheiten bilden.
nen Komponenten des Subsystems Performanz

erforderlich sind.
118 Kapitel 6 · Das Subsystem Performanz

auszuführende Handlung. Aus diesem Grund


▬ Neurologische Bestandteile oder das können die Begriffe Kognition oder kognitive
zentrale und das periphere Nervensys- Vorstellungen, verstanden als bewusstes Den-
tem, die sensorische und motorische Bot- ken, irreführend sein. Obgleich bewusstes Den-
schaften organisieren und transportieren. ken oder Kognition für die Einschätzung und
▬ Kardiopulmonale Bestandteile oder die Ausführung eines bestimmten Betätigungsver-
kardiovaskulären und pulmonalen Sys- haltens eine wichtige Rolle spielen, existiert auch
teme (die direkt die Funktionsweise der eine automatische, stillschweigende Dimension
neurologischen und skelettmuskulären der Performanz, die durch eine Handlungsvor-
Komponenten unterstützen). stellung geleitet wird.
▬ Die symbolischen Vorstellungen, durch Die skelettmuskulären, neurologischen, kar-
6 die das System bei der Planung, Inter- diopulmonalen Bestandteile und die symboli-
pretation und Erzeugung von Verhalten schen Handlungsvorstellungen, aus denen sich
angeleitet wird. das Subsystem Performanz zusammensetzt, lie-
fern die für den Aufbau der Betätigungsper-
formanz notwendigen strukturierten Fähigkei-
Ebenso wie bei den Landkarten der Gewohnhei- ten (⊡ Abb. 6.1). Dieses Subsystem bildet ein
ten und Rollenskripte, handelt es sich bei den die organisches Ganzes. Die einzelnen Bestandteile
Performanz steuernden Handlungsvorstellun- sind wechselseitig voneinander abhängig, arbei-
gen nicht um genaue Anweisungen, sondern um ten gleichzeitig zusammen und beeinflussen auf
abstrakte Regeln, die ein bestimmtes Verhalten diese Weise die Ausführung von Betätigungen.
fordern (Brooks 1986; Bruner 1970, 1973; Hayek
1969; Robinson 1977; Schmidt 1988). Wie die Beachte I I
Rollenskripte und Landkarten der Gewohnhei- Der Aufbau einer effektiven Betätigungsper-
ten stellen auch die der Performanz zugrunde formanz entsteht durch das vereinheitlichte
liegenden Handlungsvorstellungen eine unauf- Handeln aller Bestandteile des Subsystems
fällige Möglichkeit dar, richtig einzuschätzen, Performanz unter gleichzeitiger Einbezie-
wie man sich in sich zufällig entfaltenden Situ- hung der sich entfaltenden Umstände und
ationen und in Anbetracht der unvermeidlichen Umweltbedingungen.
Vielfalt jeder neuen Performanz tatsächlich ver-
hält. Dadurch erhält man die Gelegenheit »in
Erfahrung zu bringen«, wie man etwas macht.
Dieses »Wissen« lässt sich am besten als ein 6.4 Die Organisation des
»Gefühl« oder eine Einschätzung beschreiben, Subsystems Performanz
wie man eine bestimmte Handlung ausführen
soll (Brooks 1986). Die Organisation des Subsystems Performanz
Ebenso wie das von den Landkarten der ist auf eine effiziente Informationsverarbei-
Gewohnheiten oder Rollenskripten gesteuerte tung ausgerichtet. Diese ist für die richtige Ein-
Verhalten kann auch das Maß an bewusster schätzung und den effektiven Umgang mit der
Aufmerksamkeit erheblich variieren. Bei der Umwelt erforderlich. Die skelettmuskulären, kar-
Ausführung einiger Betätigungen sind wir uns diopulmonalen, neurologischen und symboli-
unserer Handlungen zum Beispiel nur vage schen Bestandteile sind derart aufgebaut, dass sie
bewusst. Zu anderen Zeitpunkten planen wir effektiv miteinander kommunizieren und Infor-
aktiv, lösen aktiv Probleme oder konzentrie- mationen verarbeiten können, um Erfahrungen
ren uns anderweitig bewusst auf die momentan einzuordnen und Handlungen auszuführen.
6.4 · Die Organisation des Subsystems Performanz
119 6

⊡ Abb. 6.1. Der Beitrag des Subsystems Performanz, des welt und der Aufgabendynamik zum Aufbau der Betäti-
Subsystems Volition, des Subsystems Habituation, der Um- gungsperformanz

Beachte I I entsprechend reagieren und die Bewegung aus-


führen. Gleichzeitig wird die Bewegung an sich
Der innerhalb des Subsystems Performanz
durch Kräfte und Objekte in der Umwelt be-
zwischen den Bestandteilen stattfindende
einflusst, und die Bewegung liefert sensorische
Informationsfluss und der Austausch von
Informationen über den dynamischen Zustand
Handlungen und Informationen mit der
des sich im Raum bewegenden Körpers.
Umwelt ergeben zusammen ein Informati-
Wie Reed (1982) bemerkt, ist dieser Prozess
onsnetzwerk.
zu komplex, um nur als Informationsfluss zwi-
schen den Bestandteilen erklärt werden zu kön-
Jeder Bestandteil des Subsystems ist innerhalb des nen. Die Handlungsausführung muss vielmehr
im Laufe dieses Prozesses entstehenden Informa- als Produkt eines übergeordneten dynamischen
tionsflusses tätig. Bewusstsein und Gehirn kön- Zustands gesehen werden.
nen daher nicht als befehlende Systeme für aus-
führende und motorische Handlungen bezeich- Beachte I I
net werden. Vielmehr arbeiten die Bestandteile Auch wenn vieles an diesem Prozess bislang
des Subsystems zusammen und tragen so durch noch unklar ist, haben wir doch eine wichtige
ihre spezielle Art der Informationsverarbeitung Erkenntnis gewonnen: Aufbau und Funktion
zum Gesamtnetzwerk bei. Die Performanz ent- eines einzelnen Bestandteils des Subsystems
steht aus diesem dynamischen Netzwerk aus In- Performanz kann nicht durch deren isolierte
formationen. Während man z. B. seinen eigenen Betrachtung erfasst werden. Dies wäre mit
Körper bewegt, beeinflusst die Wahrnehmung, dem Versuch vergleichbar, die Wurzeln einer
welche auf dem Informationsfluss zum zentralen Pflanze ohne Bezug zu deren anderen Teilen
Nervensystem beruht, die Informationsweiter- oder zu der Pflanze als Ganzes zu erklären.
leitung zu den Muskeln, die wiederum darauf
120 Kapitel 6 · Das Subsystem Performanz

Wie in ⊡ Abb. 6.1 zu erkennen ist, möchten zess wird jedoch auch durch Volition und Habi-
wir betonen, dass die informativen Ereignisse tuation beeinflusst. Informationen werden von
simultan ablaufen und – wie gerade beschrie- der »Geist-Gehirn«-Komponente über neuro-
ben wurde – zu einem dynamischen Netzwerk chemische Signale zum Körper geleitet (d. h. zu
aus Informationen gehören.* Zudem wirken sich den skelettmuskulären und den unterstützen-
außer dem Subsystem Performanz auch noch den kardiopulmonalen Bestandteilen), der die
eine Reihe anderer Faktoren auf den Aufbau von durch die Tätigkeit des Subsystems Performanz
Betätigungsperformanz aus. entstehende Handlung ausführt. Während der
Die Wahrnehmung, Planung und Ausfüh- sich entfaltenden Ausführung der Handlung
rung von Handlungen stellt einen fortlaufenden enthält die Komponente Geist-Gehirn ebenfalls
Prozess der gegenseitigen Beeinflussung dar, ein Feedback.
6 innerhalb dessen das gesamte Informations- Eine Beeinträchtigung einer der zugrunde
netzwerk im Subsystem Performanz wichtiger liegenden Bestandteile des Subsystems Perfor-
ist als jede einzelne Sequenz des Informations- manz (d. h., der skelettmuskulären, neurolo-
flusses. Dennoch kann dieses Subsystem nur gischen, kardiopulmonalen und symbolischen
erläutert werden, wenn man berücksichtigt, Bestandteile) kann Auswirkungen auf die Fähig-
auf welche Art und Weise Informationen wäh- keit zur Informationsverarbeitung und Hand-
rend ihrer Verarbeitung durch das Subsystem lungsausführung des Subsystems haben. Eine
fließen. Hirnschädigung kann z. B. unterschiedliche
Das Subsystem Performanz (s. ⊡ Abb. 6.1) Auswirkungen haben, die das Gedächtnis, die
verarbeitet Informationen auf folgende Art: motorische Planung oder die Aufmerksamkeit
▬ Reizaufnahme (d. h., die Wahrnehmung und betreffen können.
Integration von sensorischen Informationen, In ähnlicher Weise können Beeinträchtigun-
die es vom Körper und der Umwelt erhält), gen der skelettmuskulären Komponenten Kraft,
▬ Planung (einschließlich motorischer Pla- Bewegungsausmaß oder Durchhaltevermögen
nung), der handelnden Person einschränken.
▬ Programmierung von Handlungsplänen und Innerhalb des Subsystems Performanz wer-
▬ Ausführung der Handlung durch den Kör- den sowohl externe als auch interne sensorische
per. Informationen verarbeitet. Zu den externen
sensorischen Informationen (d. h. jene, die
Die Informationsverarbeitung innerhalb des uns über unsere Umwelt informieren) zählen
Subsystems Performanz wird durch den jewei- sowohl visuelle, taktile und auditive sensorische
ligen Aufmerksamkeits- und Gefühlszustand Informationen als auch der fortlaufende Infor-
beeinflusst. Ebenso wirken sich das Gedächtnis mationsfluss über die Auswirkungen unserer
und die Handlungsvorstellungen oder Erinne- Handlungen auf die Umwelt. Gleichzeitig liefern
rungen auf neuronaler Ebene daran, »wie es interne Informationen ein Feedback über unse-
sich anfühlt«, wenn man eine bestimmte Hand- ren Körper. Hierzu zählen ebenfalls sensorische
lung ausführt, und »was dadurch erreicht wird« Informationen in Zusammenhang mit Bewe-
(Brooks 1986; Schmidt 1988; Fisher et al. 1991) gungen und der Stellung des Körpers im Raum
auf die Informationsverarbeitung aus. Der Pro- (Vestibulärpropriozeption) (Fisher 1991). Das
Subsystem Performanz registriert sensorische
Informationen, indem es verschiedene Formen
von Energie (z. B. Licht- und Klangwellen, Erd-
* Zur Erläuterung des Konzepts der simultanen Kausali- anziehungskraft, Propriozeption) in neuroche-
tät siehe Kielhofner und Fisher (1991) mische Botschaften umwandelt. Diese werden
6.4 · Die Organisation des Subsystems Performanz
121 6

an das Gehirn weitergegeben und gleichzeitig hende Anziehungskraft affektive oder kognitive
vom Bewusstsein wahrgenommen und ver- Zustände hervorruft, die die Performanz ver-
standen. bessern. Im Gegensatz dazu kann die Volition
auch Angstzustände hervorrufen, die sich darauf
Beachte I I beziehen, dass man beispielsweise eine Betä-
Die Wahrnehmung und Planung von tigung nicht effektiv ausführen kann, dass sie
Handlungen sind miteinander verknüpfte mangels Interesse Langeweile hervorruft oder
Elemente der Informationsverarbeitung dass die Ausführung bedeutungs- oder wert-
innerhalb des Subsystems. Wenn wir etwas los empfunden wird. Derartige Zustände kön-
wahrnehmen, geschieht dies während das nen zu einer reduzierten Performanz führen.
System bereits handelt oder sich für die In diesem Fall kommt es zu einer Verbesserung
nächste Handlung bereitmacht. Das Planen des Betätigungsverhaltens, wenn das Individu-
und Programmieren von Handlungen wird um die Handlung durch eine positive Volition
während der Ausführung einer Handlung unterstützt ausführt, d. h. wenn die Handlungs-
durch den Körper in die Tat umgesetzt. ausführung als interessant und herausfordernd
empfunden wird, im Bereich der eigenen Mög-
lichkeiten liegt und/oder für das eigene Leben
Diese Informationsverarbeitung ist ein inte- und das soziale Umfeld des Individuums eine
grierter und simultaner Prozess, bei dem das Bedeutung hat.
System gleichzeitig ein handelnder, wahrneh- Das Subsystem Habituation übt ebenfalls
mender, planender und reagierender Orga- einen Einfluss auf die Ausführung von Betäti-
nismus ist. Die Informationsverarbeitung ist gungen aus. Wie im vorausgegangenen Kapi-
jedoch auch zugleich ein proaktiver Prozess. tel bemerkt wurde, wird unsere Nutzung von
Wir verleihen sensorischen Erfahrungen einen Zeit durch Landkarten der Gewohnheiten und
Sinn und machen Pläne für Handlungen, ebenso Rollenskripte organisiert. Auf diese Weise wird
wie wir durch unser Einwirken auf die Umwelt festgelegt, welche Fähigkeiten zur Handlungs-
bewirken können, dass bestimmte Dinge ge- ausführung wir im Verlauf unserer normalen
schehen. Routineabläufe abrufen werden. Landkarten
In die Prozesse des Subsystems Performanz der Gewohnheiten und Rollenskripte beeinflus-
mischen sich ebenfalls Einflüsse der Subsysteme sen auch die Art und Weise, wie wir unsere
Volition und Habituation. Zu den Einflüssen der Performanzfertigkeiten zur erfolgreichen Aus-
Volition zählen folgende Faktoren: führung bestimmter Betätigungen einsetzen.
▬ die wahrgenommene Übereinstimmung zwi- Schließlich drücken Gewohnheiten ebenfalls
schen den persönlichen Fähigkeiten eines der Art des Aufbaus unserer Handlungsaus-
Menschen und jenen, die für die Performanz führung den für uns charakteristischen Stem-
erforderlich sind, pel auf.
▬ die Anziehung, die eine bestimmte Betäti- Die Komplexität dieses Prozesses kann am
gung auf einen Menschen ausübt sowie der Beispiel einer mechanischen Arbeit an einer
Wert, den dieser Mensch der Betätigung bei- Maschine verdeutlicht werden.
misst.
> Beispiel
Das Subsystem Volition kann einen positiven Da ein Automechaniker über Erinnerun-
und organisierenden Einfluss ausüben, indem gen (z. B. dem Wissen, dass ein bestimmtes
es als Reaktionen auf Herausforderungen, Be- Geräusch ein Anzeichen für einen bestimmten
deutungen und die von Betätigungen ausge- Defekt am Motor ist) und über Vorstellungen
122 Kapitel 6 · Das Subsystem Performanz

darüber verfügt, wie der Klang eines laufen- und seine Handlungsfähigkeit verbessern.
den Motors ist, wird er aufmerksam nach All diese und auch andere Prozesse sind
Informationen lauschen, die ihm zu einer dermaßen gründlich zu einem organischen
vorläufigen Analyse des Motordefekts verhel- Ganzen integriert, dass die Ausführung der
fen. Das Geräusch dringt in das menschliche in dem Reparieren des Motors bestehenden
System als mechanische Vibration ein, wird in Betätigung fließend ist. Zum Verhaltensauf-
neurologische Signale und anschließend in bau tragen nicht nur sämtliche Faktoren, die
das bewusste Erkennen eines verräterischen wir als Fähigkeiten bezeichnen, bei, sondern
Quietschens des Keilriemens übersetzt. Wenn ebenfalls die Interaktion zwischen dem
der Mechaniker den quietschenden Keilriemen menschlichen System, der Betätigung des
»hört«, ist dies das Ergebnis eines aktiven Pro- Reparierens des Motors an sich, dem Motor,
6 zesses. Dieser besteht in dem Wissen, auf was an dem gearbeitet wurde und den verwende-
man hören muss, und in der Verarbeitung von ten Werkzeugen und Materialien.
Informationen, bei der die hereinkommenden
sensorischen Daten empfangen, integriert
und interpretiert werden. Mit der perzeptiven 6.5 Der Performanzprozess
Handlung gehen die Planung und Program-
mierung einer motorischen Handlung einher, Innerhalb des gesamten Buchs wird der Impro-
die in dem Festziehen des Keilriemens besteht. visationscharakter des menschlichen Verhaltens
Die Erinnerung daran, wie fest ein Keilriemen hervorgehoben. Systemtheoretischen Prinzipien
angezogen werden muss, die Vorstellung zufolge erkennen wir an, dass das menschli-
davon, wie es sich anfühlt, den Schrauben- che System einige für den Aufbau von Verhal-
schlüssel zu drehen, um den Mechanismus ten notwendige Komponenten liefert. Bei der
festzuziehen, und das Erkennen des veränder- tatsächlichen Handlungsausführung stellt die
ten Geräuschs bei erhöhter Spannung sind sich entfaltende Aufgabe jedoch einen dynami-
die Informationsquellen, die der Mechaniker schen Prozess dar, und die Umweltbedingun-
als Anleitung (Planung und Programmierung) gen interagieren für den Verhaltensaufbau mit
für das erforderliche motorische Verhalten dem menschlichen System. Ist die Betätigung
benutzt. Die motorischen Bewegungen des ausgeführt worden, schaffen das menschliche
Mechanikers und deren Auswirkungen auf die System und die Umwelt zusammen ein Netz von
Umwelt (z. B. die Spannung des Keilriemens, Beziehungen, aus dem das tatsächliche Verhal-
das Geräusch des Keilriemens) erzeugen eben- ten erwächst.
falls ein internes und externes sensorisches Wie auch bei anderen Subsystemen, ist die
Feedback. Dies erlaubt dem Mechaniker auch Betätigungsperformanz der Prozess, der der Auf-
weiterhin zu »fühlen«, wie er bei der in dem rechterhaltung und Veränderung der Struktur
Anziehen des Keilriemens bestehenden Hand- oder Organisation des Subsystems Performanz
lung vorzugehen hat. dient. Es gibt viele Belege dafür, dass Übung die
Das Gefühl der eigenen Wirksamkeit, die Leistungsfähigkeit des skelettmuskulären Sys-
von der Aufgabe ausgehende Anziehungs- tems und des unterstützenden kardiopulmona-
kraft und deren beigemessener Wert als ein len Systems in Hinblick auf Handlungen fördert
Mittel, sich seinen Lebensunterhalt zu verdie- (Trombly 1989). Ebenso werden Handlungs-
nen, sind während des ganzen Prozesses die vorstellungen durch komplexe Interaktionen
Motive, die dem Mechaniker ein Gefühl der mit der Umwelt aufgebaut, in der sensorische
Befriedigung geben, seine positiven Gefühle Integration und motorisches Lernen stattfinden
und seine Aufmerksamkeit aufrechterhalten (Fisher et al. 1991).
6.6 · Schlussfolgerung
123 6

6.6 Schlussfolgerung benötigten Fertigkeiten bereitgestellt werden.


Durch das Zusammenfügen der skelettmusku-
In diesem Kapitel wurde ein Entwurf des Sub- lären, neurologischen, kardiopulmonalen und
systems Performanz vorgestellt. Wir haben die kognitiven symbolischen Bestandteile zu einem
These aufgestellt, dass dieses Subsystem zum organischen Ganzen, verarbeitet das Subsys-
Aufbau von Verhalten beiträgt, indem es Infor- tem Performanz Informationen und bewirkt
mationen verarbeitet und Handlungen in einer Handlungen in der Umwelt. Dieses Subsystem
Art und Weise ausführt, die eine dynamische, steht in einer engen Beziehung zu den Sub-
mit den anderen Subsystemen übereinstimmen- systemen Volition und Habituation und trägt
de Ablaufstruktur des Verhaltens ermöglicht. gemeinsam mit ihnen zum Betätigungsverhalten
Diese bestimmte Ablaufstruktur wird durch des menschlichen Systems bei.
das Betätigungsverhalten an sich und den Kon- Die durch das Subsystem Performanz reprä-
text der Handlungsausführung gewissermaßen sentierten zugrunde liegenden Performanzfähig-
erzwungen. Die von uns eingeführte Konzep- keiten lassen sich nicht direkt beobachten.*Wir
tualisierung vom Subsystem Performanz soll in müssen vielmehr die Handlungsausführung
erster Linie eine kohärente Auffassung über die beobachten, um daraus Schlussfolgerungen
vereinheitlichten zugrunde liegenden Fähigkei- über den Zustand der Bestandteile und/oder
ten zur Ausführung von Betätigungen und ihre der Fähigkeit zur Informationsverarbeitung des
Beziehungen zu Volition und Habituation bieten. Subsystems Performanz zu ziehen. Beobachtun-
Wie wir zu einem früheren Zeitpunkt bemerk- gen darüber, wie viel Kraft ein Individuum bei
ten, enthalten andere konzeptionelle Modelle einem Muskeltest entwickelt, werden z. B. für
(z. B. das biomechanische Modell, das Modell Schlussfolgerungen über die zugrunde liegende
der sensorischen Integration) detaillierte Erklä- Fähigkeit benutzt, die wir als »Stärke« bezeich-
rungen zu den einzelnen Bestandteilen und den nen. In ähnlicher Weise werden die »Sensory
der Performanz zugrunde liegenden Prozessen. Integration and Praxis Tests« (SIPT, Sensori-
Werden diese mit den in diesem Kapitel enthal- sche Integrations- und Praxietests) (Ayres u.
tenen Erklärungen verknüpft, erhält man eine Marr 1991) zur Feststellung des Zustands der
vollständigere Erklärung der die Handlungs- sensorischen Integrationsfähigkeiten benutzt.
ausführung beeinflussenden Faktoren. Keines Möchte ein Therapeut Schlussfolgerungen über
der konzeptionellen Modelle (einschließlich die Organisation der zugrunde liegenden Kom-
das Modell der menschlichen Betätigung) bietet ponenten des Subsystems Performanz ziehen,
eine angemessene Konzeptualisierung aller die sollten andere Modelle und deren Beurteilungs-
Performanz beeinflussenden Faktoren. Daraus verfahren angewandt werden.
ergibt sich für das Erhalten vollständiger Erklä-
rungen die Notwendigkeit der Verknüpfung
kompatibler Modelle.
* Zur Untersuchung und Unterscheidung des Zustands
Da wir der Überzeugung sind, dass jede Form der biologischen Bestandteile des Subsystems Perfor-
der Performanz durch eine Interaktion zwischen manz können medizinische und andere Diagnosever-
Aufgabe und Umwelt zustande kommt, betrach- fahren angewandt werden, so dass man sagen kann,
ten wir das Subsystem Performanz als den Orga- dass zumindest in dieser Hinsicht einige der Aspek-
nisator der dem Individuum für die Ausführung te dieses Subsystems beobachtbar sind. Ergothera-
peutische Verfahren zur Beurteilung der Fähigkeiten
von Betätigungen zur Verfügung stehenden
zur Handlungsausführung beschäftigen sich jedoch
Fähigkeiten. Die Organisation des Subsystems damit, aus Beobachtungen des Betätigungsverhal-
Performanz ist derart strukturiert, dass die für tens Schlussfolgerungen über die damit zusammen-
die Ablaufstruktur der Betätigungsperformanz hängende Handlungsfähigkeit zu ziehen.
124 Kapitel 6 · Das Subsystem Performanz

▬ Kardiopulmonale Bestandteile: das kardio-


Beachte I I vaskuläre und das pulmonale System.
Es ist wichtig, die Charakteristiken von Dys- ▬ Symbolische Vorstellungen: leiten das Sys-
funktionen zu verstehen und deren Auswir- tem bei der Planung, Interpretation und Er-
kungen auf die Betätigungsausführung zu zeugung von Verhalten an.
erkennen. Allerdings kann von Defiziten im
zugrunde liegenden Subsystem Performanz Organisation des Subsystems
nicht auf lineare Weise auf Störungen in der Performanz
Betätigungsausführung geschlossen werden. ▬ Durch den Informationsfluss zwischen den
einzelnen Bestandteilen und den Austausch
zwischen Handlung, Information und der
6 Ein Ansatz, der die Konzeptualisierung des Sub- Umwelt entsteht ein Informationsnetzwerk.
systems Performanz ergänzt, beschäftigt sich mit ▬ Performanz erwächst aus diesem dynami-
der Untersuchung der sich im Betätigungsver- schen Informationsnetzwerk.
halten äußernden konkreten Fertigkeiten (skills). ▬ Das Subsystem Performanz verarbeitet Infor-
In diesem Ansatz wird die Performanz in erster mationen folgendermaßen:
Linie als eine zur Durchführung einer bestimm- – Reizaufnahme,
ten Form der Betätigung beitragenden Handlung – Planung,
oder ein dazu beitragendes Verhalten angesehen. – Programmierung von Handlungsplänen,
Mit diesem Ansatz ist ein Erkennen bestimmter – Ausführung der Handlung durch den Kör-
Fertigkeitsdefizite demnach eher möglich als das per.
pure Ausmachen von Schwierigkeiten in dem
zugrunde liegenden Subsystem Performanz. Die-
ser Ansatz stimmt mit unserer Vorstellung von 6.8 Literatur
der Art des Verhaltensaufbaus des menschlichen
Systems innerhalb des dynamischen Prozesses Ayres AJ (1972) Sensory integration and learning disor-
ders. Western Psychological Services, Los Angeles
der Interaktion mit der Umwelt überein.
Ayres AJ (1979) Sensory integration and the child. Western
Psychological Services, Los Angeles
Ayres AJ (1986) Developmental dyspraxia and adult onset
6.7 Schlüsselbegriffe apraxia. Sensory Integration International, Torrance, CA
Ayres AJ, Marr DB (1991) Sensory integration and pra-
Das Subsystem Performanz xis texts. In: Fisher AG, Murray EA, Bundy AC (eds)
Sensory integration: Theory and practice. FA Davis,
▬ Bezieht sich auf die Organisation der phy- Philadelphia
sischen und mentalen Bestandteile, die ge- Bernstein NA (1967) The coordination and regulation of
meinsam die Voraussetzungen für die kon- movements. Pergamon Press, Oxford, England
krete Betätigungsperformanz ausmachen. Brooks VB (1986) The neural basis of motor control. Oxford
University Press, New York
Bruner J (1970, April) The skill of relevance or the relevance
Bestandteile des Subsystems Performanz
of skills. Saturday Review, pp. 66–73
▬ Skelettmuskuläre Bestandteile: Muskeln, Bruner J (1973) Organization of early skilled action. Child
Gelenke und Knochen stellen funktionelle Development 44:1–11
biomechanische Einheiten dar. Fisher AG (1991) Vestibular-proprioceptive processing and
bilateral integration and sequencing deficits. In: Fisher
▬ Neurologische Bestandteile: das Zentralner-
AG, Murray EA, Bundy AC (eds.), Sensory integration:
vensystem und das periphere Nervensystem Theory and practice. FA Davis, Philadelphia
organisieren und transportieren sensorische Fisher AG, Murray EA, Bundy AC (eds.) (1991) Sensory inte-
und motorische Botschaften. gration: Theory and practice. FA Davis, Philadelphia
6.8 · Literatur
125 6

Hayek FA (1969) The primacy of the abstract. In: Koestler


A, Smythies RJ (eds.), Beyond reductionism. Beacon
Press, Boston
Kelso JAS (ed.) (1982) Human motor behavior: An intro-
duction. Erlbaum, Hillside, NJ
Keogh J, Sugden D (1985) Movement skill development.
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onships. In: Fisher AG, Murray EA, Bundy AC (eds.),
Sensory integration: Theory and practice. FA Davis,
Philadelphia
MacKay DJ (1987) The organization and perception of
action: A theory for language and other cognitive
skills. Springer, New York
Pibram KH (1986) The cognitive revolution and mind/brain
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Reed E (1982) An outline of a theory of action systems.
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oral emphasis. (2nd ed.). Human Kinetics Publishers,
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Sperry RW (1970) An objective approach to subjective
experience: Further explanation of a hypothesis. Psy-
chological Review 77:585–590
Trombly CA (1989) Occupational therapy for physical dys-
function. Williams & Wilkins, Baltimore
7

Einflüsse der Umwelt


auf das Betätigungsverhalten
Gary Kielhofner

7.1 Einleitung – 128

7.2 Die Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten – 129


Das Ermöglichen von Betätigungsverhalten – 129
Das Erfordern von Betätigungsverhalten – 130
Weitere Umwelteinflüsse – 132
Die Individualität von Umwelteinflüssen – 132

7.3 Die räumliche und die soziale Umwelt – 133


Die Rolle der Kultur – 133
Die räumliche Umwelt – 134
Natürliche Lebensräume – 135
Künstliche Lebensräume – 135
Objekte – 136

7.4 Die soziale Umwelt – 139


Soziale Gruppen – 140
Betätigungsformen – 143
Zusammenfassung – 146

7.5 Settings für Betätigungsverhalten – 147


Eine Taxonomie der Settings für Betätigungsverhalten – 148
Zuhause – 148
Nachbarschaft – 149
Schule und Arbeitsplatz – 151
Orte der Zusammenkunft/der Freizeit/der Ressourcen – 152
Kulturelle Einflüsse auf die Settings für Betätigungsverhalten – 152

7.6 Räumliche und soziale Geographie des tätigen Lebens – 153

7.7 Schlüsselbegriffe – 155

7.8 Literatur – 156


128 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

7.1 Einleitung indem ich in der mich umgebenden sozialen


Welt nach bekannten Situationen suche und
In den vorausgegangenen Kapiteln wurde her- das Fremde meide. Das offenbar Gleichblei-
vorgehoben, dass sich Betätigungsverhalten bende innerhalb des Selbst ist kaum das Resul-
dynamisch aufbaut und dass sowohl das mensch- tat dessen, was vorausgegangen ist, sondern
liche System als auch das Umfeld, in dem die vielmehr das Resultat des zukünftigen Fortbe-
Performanz (Betätigungsausführung) erfolgt, zu stands derselben sozialen Kräfte, die sie entste-
diesem Aufbau beitragen. Die Auswirkung, die hen lassen haben. (S. 233)«
die gegenseitige Beeinflussung von Individuum
und Umwelt auf die Performanz hat, wird von Wie dieses Zitat impliziert, kann die Beziehung
Thelen und Ulrich (1991) mit folgenden Worten zwischen Menschen und ihren Umwelten als
beschrieben: dialektisch bezeichnet werden. Die Menschen
suchen sich stets angemessene Umfelder aus und
» Verhalten tritt genau genommen als eine
versuchen, diese ihren Absichten entsprechend
7 Funktion der Zusammenarbeit zwischen den
zu verändern. Die von den Menschen jeweils
einzelnen Subsystemen innerhalb bestimmter
ausgesuchten und geschaffenen Umfelder beein-
Umwelt- und Aufgabenkontexte auf. Keines der
flussen wiederum die Art ihrer Performanz und
einzelnen Elemente verfügt zuvor über Anwei-
was aus ihnen wird.
sungen für die Performanz des Verhaltens. Auf-
Mit diesem Kapitel wird die Absicht verfolgt,
gabe und Kontext bewirken die Neuordnung
eine Konzeptualisierung der Umwelteinflüsse
und Strukturierung des kooperativen Systems,
und -beiträge zum Betätigungsverhalten vor-
wobei das grundlegende Verhalten weder ganz
zustellen. Zu diesem Zweck werde ich zunächst
allein vom Organismus noch von der Umwelt
eine Sichtweise vorstellen, bei der es darum geht,
bestimmt wird. (S. 24)« auf welche Art und Weise Umwelt das Betäti-
Die Umwelt ist mit der Art der Organisation und gungsverhalten beeinflusst. Im Anschluss dar-
des Verhaltens des menschlichen Systems derart an werde ich eine Sichtweise bezogen auf jene
eng verbunden, dass sie von einigen Theoreti- Umweltfaktoren vorstellen, die Betätigungsver-
kern als »Teil des Organismus« angesehen wird halten ermöglichen und formen.
(Sameroff 1983, S. 242). Daher wird in einer Rei- Um die Funktionsfähigkeit des individuel-
he von wissenschaftlichen Bereichen immer mehr len Betätigungsverhaltens und des diesbezüglich
jene Sichtweise der Mensch-Umwelt-Beziehung erfolgenden Sammelns von Daten zu betrach-
hervorgehoben, die besagt, dass das menschliche ten, ist es notwendig zu verstehen, inwiefern
System nicht nur das ist, was sich »unter der die Umwelt die Wahl, die Organisation und die
Haut verbirgt«. Unserer Umwelt verdanken wir Durchführung unserer Betätigungen beeinflusst.
unsere Menschlichkeit und das, was unser Selbst
ausmacht. Eisenberg (1977) behauptet: Beachte I I
Wir können das Betätigungsverhalten eines
» Die Ähnlichkeit zwischen meinem Verhalten im Menschen nur verstehen, wenn wir die
letzten Jahr und jenem, das ich wahrscheinlich jeweilige Umwelt verstehen, in der dieses
im Folgejahr zeigen werde, wird weit weniger Verhalten stattfindet.
vom »Ich« als von den sozialen »Kraftfeldern«
bestimmt, in denen sich dieses »Ich« bewegt.
Mit anderen Worten: Habe ich mir erst einmal Eine zweite und sehr wichtige Anwendung der
ein Repertoire an Verhaltensweisen angeeig- in diesem Kapitel vorgestellten Konzepte bezieht
net, maximiere ich deren adaptiven Nutzen, sich auf die therapeutische Situation. Jegliche
7.2 · Die Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten
129 7

Form der ergotherapeutischen Behandlung licht. Dieser Sichtweise der Umwelteinflüsse auf
erfordert umweltbezogene Strategien, wodurch das Verhalten liegt das Konzept zugrunde, dass
bei den zu behandelnden Personen Betätigungs- Verhalten eher aus gelernten Strategien zum
verhalten ausgelöst, unterstützt oder beeinflusst Erreichen eines Ziels als aus speziellen gelernten
wird. motorischen Verhaltenssequenzen besteht. Im
gesamten vorliegenden Text wird eine ähnliche
Beachte I I Sichtweise betont.
Möchten wir die Schwierigkeiten unserer
Patienten oder Klienten verstehen und ihnen
Beachte I I
zu einer verbesserten Funktionsfähigkeit ihres Betätigungsverhalten entsteht durch die Ein-
Betätigungsverhaltens verhelfen, müssen wir schätzung von Situationen, besitzt einen star-
Informationen über ihr Umfeld in Erfahrung ken Improvisationscharakter und wird zum
bringen und uns diese zunutze machen. Teil durch die sich entwickelnden Umstände
während der Performanz geleitet. Die Umwelt
spielt bei dem Prozess des Verhaltensaufbaus
eine keineswegs geringe Rolle.
7.2 Die Einflüsse der Umwelt
auf das Betätigungsverhalten
Reed (1982) zufolge entsteht die Tätigkeit von
Die erste Frage, die sich im Zusammenhang Verhaltenssystemen »direkter in Abhängigkeit
mit den Einflüssen der Umwelt auf das Betäti- von Objekten und Situationen in der Umwelt
gungsverhalten ergibt, lautet wie folgt: Inwiefern als durch die dem Verhalten zugrunde liegende
beeinflusst die Umwelt unser Verhalten? proximale Stimulation« (S. 108).
Bei dieser Sichtweise werden viele der das
Beachte I I Verhalten steuernden Faktoren außerhalb des
Wir gehen davon aus, dass sich die Umwelt menschlichen Systems angesiedelt und eher
grob in zweierlei Hinsicht auf unser Betäti- jenem Kontext zugeordnet, in dem das Verhal-
gungsverhalten auswirkt: ten gezeigt wird. Zudem bedeutet dies, dass ein
1. Die Umwelt ermöglicht die Ausführung sich verhaltendes menschliches System wahr-
von Betätigungen. nimmt, dass »ein Objekt oder ein Ereignis in der
2. Die Umwelt erfordert bestimmte Verhal- Umwelt die Gelegenheit zur Ausführung einer
tensweisen. bestimmten Handlung bietet« (Reed 1982,
Der Einfluss der Umwelt auf das menschliche S. 124). Jegliches Verhalten besteht daraus, dass
Betätigungsverhalten kann demnach durch sich das System im Rahmen einer sich entfalten-
die beiden Konzepte des »Ermöglichens« den Beziehung mit der Umwelt aufrechterhält.
und des »Erforderns« erklärt werden. Mit Hilfe dieser Beziehung können die durch die
Umwelt ermöglichten Ziele erreicht werden.
Auch wenn das Konzept des durch die
Umwelt ermöglichten Verhaltens im Rahmen
Das Ermöglichen von Betätigungs- der Erforschung von perzeptiv motorischem
verhalten Verhalten entstanden ist, werde ich es an die-
ser Stelle in einem weiteren Sinne verwenden,
Gibson (1979) entwickelte das Konzept, dass indem ich behaupte, dass die Umwelt eine ganze
motorisches Handeln das Wahrnehmen von Bandbreite von Gelegenheiten für Betätigungs-
Gelegenheiten ist, welche die Umwelt ermög- verhalten bietet. Darüber hinaus verstehe ich
130 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

unter dem Ermöglichen durch die Umwelt auch ken oder verlangen in hohem Maße bestimmte
das Potential für verschiedenste Formen von Verhaltensweisen.
Betätigungsverhalten, das dem Menschen durch
> Beispiel
die Eigenschaften der Umwelt bereitgestellt
Auf einem Flughafen beeinflussen uns z. B. die
wird.* Da die Umwelt Möglichkeiten für Ver-
Schalter und die Angestellten des Flughafens,
haltensweisen bietet, besteht eine gewisse Wahl-
die abgegrenzten Bereiche, die Sicherheitskon-
und Handlungsfreiheit. Ein Berg bietet z. B. die
trollpunkte und Wachleute, die Flugsteige und
Gelegenheit, einfach die Aussicht zu genießen,
Flugpläne usw. in erheblichem Maße und schrei-
die Landschaft zu fotografieren oder zu wan-
ben uns teilweise vor, wann wir ankommen,
dern. Was man dann tatsächlich tut, ist eine
wohin wir gehen und in welcher Abfolge wir
Frage der Entscheidung. Folglich lautet meine
uns verhalten (z. B. in einer Reihe anstehen, eine
These, dass die charakteristischen Merkmale der
Bordkarte erhalten, das Gepäck aufgeben, zum
Umwelt eine Bandbreite von Gelegenheiten für
Flugsteig und an Bord des Flugzeugs gehen).
Betätigungsverhalten ermöglichen, da sie spe-
7 zifische Handlungspotentiale darstellen. Wie das Beispiel verdeutlicht, ist unter Erfor-
dern die Tendenz der räumlichen und menschli-
chen Umwelt zu verstehen, Verhalten zu formen.
Das Erfordern von Betätigungs- Wir fühlen diesen Zwang sowohl aufgrund der
verhalten jeweiligen Gestaltung des räumlichen Rahmens
als auch aufgrund der durch andere an uns
Das Konzept des »Erforderns« entstand im Rah- gestellten Erwartungen. In der Tat erfolgt die
men einer Studie über die Art und Weise, wie ver- Gestaltung der Umwelt häufig genau so, dass
schiedene Umfelder das Verhalten ihrer Bewoh- das vom Gestalter gewünschte oder erwartete
ner formen (Lawton 1980). Erfordern bezieht Verhalten auch gezeigt wird.
sich auf die seitens der Umwelt an das Individu- Erfordern Umgebungen ein bestimmtes Ver-
um gerichteten Erwartungen oder Anforderun- halten (d. h. verlangen sie es oder schränken es
gen. Folglich gilt: Umwelterfordernisse verstär- ein), können sie eine Bandbreite an Erfahrungen
und Reaktionen hervorrufen. Umgebungen, die
ein Verhalten erfordern, das an der Obergrenze
der Kapazitäten eines Menschen liegt, rufen häu-
* Das in der traditionellen Literatur zur Perzeptomotorik
fig Engagement, Aufmerksamkeit und maximale
verwendete Konzept, demzufolge die Umwelt Gele-
genheit zum Handeln bietet, impliziert zudem, dass Leistungen hervor (Lawton u. Nahemow 1973;
die Umwelt ein bestimmtes Verhalten einschränkt Kiernat 1983). Wenn Umgebungen im Gegen-
(oder gleichzeitig die Gelegenheit zum Handeln ein- satz dazu Verhalten erfordern, das weit unter den
grenzt) und dass sowohl die Gelegenheit zum Han- Möglichkeiten eines Individuums angesiedelt ist,
deln als auch die Grenzen den Verhaltensaufbau
kann dies zu Langeweile und Desinteresse füh-
beeinflussen. Diese beiden Auffassungen habe ich in
diesem Kapitel separat behandelt, indem ich betone,
ren. Wie in  Kap. 3 bereits erwähnt wurde, ist
dass die Umwelt Gelegenheiten gibt, und ich ferner das menschliche System auf Handeln ausgerich-
das Konzept des »Erforderns« benutzt habe, um zu tet und sucht von Natur aus nach Gelegenheiten
verdeutlichen, wie die Umwelt Verhalten eingrenzt zum Einsatz seiner Kapazitäten. Csikszentmi-
oder steuert. Es besteht stets eine enge Verknüpfung halyi (1990) zeigt auf, dass es während einer
zwischen Möglichkeit und Grenze, und die Umwelt
Handlung zu optimalen Anregungszuständen
impliziert stets beides gleichzeitig. Für unsere Zwecke
ist es jedoch nützlich, beide Konzepte getrennt von- kommt, die er als »Fluss« (flow) bezeichnet,
einander und als zwei sich ergänzende Einflüsse der wenn das Individuum gefordert wird und die
Umwelt auf das Betätigungsverhalten zu betrachten. Umwelt nach Leistungen verlangt, die an der
7.2 · Die Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten
131 7

Kapazitätsobergrenze des Individuums anzusie- Verhaltensweisen wie der strategische Austausch


deln sind. Erst wenn die Anforderungen zu groß von Informationen und Verhandlungsgeschick
werden (d. h. zu weit über die Fähigkeiten des erforderlich. Diese verschiedenen Verhaltensfor-
Individuums hinausgehen), fühlt sich das Indi- men werden durch die jeweiligen Teilnehmer
viduum möglicherweise angespannt, überwäl- aufgrund der verschiedenen Kontexte verstärkt.
tigt und entmutigt. Im Gegensatz dazu ruft »ein Umwelterfordernisse können sich auf ver-
Mangel an Anforderungen seitens der Umwelt« schiedene Verhaltensweisen beziehen und unter-
nach Auffassung von Kiernat (1983, S. 6) »jene schiedlich intensiv ausfallen. Einige Umgebun-
negativen Auswirkungen und jenes Verhalten gen sind relativ unspezifisch in ihren Erforder-
hervor, die bei sensorischer Deprivation vorlie- nissen und wir können zwischen verschiedenen
gen«. Aus diesem Grund sollte das Erfordern als Verhaltensweisen wählen.
ein kontinuierliches Verlangen nach Performanz
> Beispiel
angesehen werden. Zu niedrige Anforderungen
Bei der Teilnahme an einem beruflich beding-
können Langeweile und zu hohe Anforderungen
ten Kongress spüren wir zum Beispiel die Not-
können Anspannung hervorrufen.
wendigkeit, aufmerksam den Präsentationen
Beachte I I zuzuhören, haben jedoch die Wahl, welchen
Präsentationen wir beiwohnen wollen. In
Ein optimales Maß an Anforderung ist die
einem Supermarkt wird von uns verlangt, den
notwendige Voraussetzung, damit sich Indi-
Einkaufswagen zu schieben, ohne die anderen
viduen gefordert fühlen, sich auf eine Betäti-
Kunden zu blockieren. Dennoch können wir
gung einlassen und ein positives Gefühl der
uns aussuchen, welche Gänge wir durchqueren
eigenen Wirksamkeit empfinden. Vor dem
und vor welchen Artikeln wir stehen bleiben,
Hintergrund des Kompetenzniveaus eines
um sie uns näher anzusehen oder sie mitzu-
Individuums kann eine fehlangepasste Per-
nehmen. Andere Umgebungen verlangen nach
formanz sowohl durch ein zu schwaches als
einem sehr viel spezifischeren Verhalten. Legen
auch ein zu starkes Drängen auf bestimmte
wir (in Amerika; Anmerkung der Übersetzer)
Verhaltensweisen entstehen (Lawton 1980;
z. B. eine Führerscheinprüfung ab, müssen wir
Schultz u. Hanusa 1979).
uns an einer bestimmten Reihe anstellen, eine
Serie von schriftlichen Tests, Sehtests und prak-
tischen Prüfungen absolvieren, bestimmte For-
Obgleich es nützlich ist, Anforderungen als zu
mulare ausfüllen und eine festgelegte Gebühr
hoch oder zu niedrig im Hinblick auf individu-
bezahlen. Jeder, der den Führerschein machen
elle Kapazitäten anzusehen, handelt es sich bei
will, muss das Gleiche tun.
diesen Anforderungen nicht um eine eindimen-
sionale Eigenschaft der Umwelt. Verschiedene Mit der Zeit beeinflussen Erfordernisse, welche
Umgebungen erfordern vielmehr eine ganze Fertigkeiten und Gewohnheiten man entwickelt
Fülle an unterschiedlichen Verhaltensweisen. und wie diese zu kohärenten Verhaltens- oder
Im Allgemeinen verlangt die Umwelt nach einer Rollenmustern organisiert werden. Wenn wir
kohärenten Verhaltensserie, in Abstimmung mit zum Beispiel in die Schule gehen, müssen wir
der Art, der Organisation und den Absichten der bestimmte Schulfächer belegen und die entspre-
jeweiligen Umgebung. In einer Straßenbande chenden Räumlichkeiten aufsuchen. Zudem
wird z. B. nach Härte und Aggressivität verlangt, werden von uns sowohl in der Öffentlichkeit
während in einer Selbsthilfegruppe Sensibilität als auch privat bestimmte Verhaltensweisen
und emotionale Offenheit gefordert wird. Bei erwartet (z. B. die Beteiligung an Diskussionen
einem geschäftlichen Treffen sind wiederum in der Klasse, eine bestimmte durch die Schul-
132 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

ordnung oder die Vorstellungen der Mitschüler Wie bei jedem Pfad, lassen sich bestimmte Rich-
festgelegte Kleidung, das Lernen, das Besuchen tungen leichter verfolgen als andere. Dennoch
der Bibliothek, das Absolvieren von Prüfun- implizieren diese Pfade auch, dass alternative
gen und die Abgabe von Hausarbeiten). Die Wege begrenzt, nicht so leicht zu passieren oder
Erfordernisse der schulischen Umwelt werden überhaupt nicht zugänglich sind. Durch das
durch das Setting repräsentiert, die Regeln und Ermöglichen und das Erfordern lädt die Umwelt
Anforderungen der Schule sowie durch die Vor- zu einem bestimmten Verhalten ein oder lenkt
stellungen, die Lehrer, Mitschüler und Eltern es in eine bestimmte Richtung.
von der Schülerrolle und den mit dieser Rolle
verbundenen obligatorischen Verhaltensweisen
haben. Es lenkt das Verhalten der Schüler in Die Individualität von Umwelt-
bestimmte Bahnen und formt es, bis sich deren einflüssen
Rollenskripte und Landkarten der Gewohnhei-
ten schließlich an die Konturen der schulischen In diesem Kapitel werde ich auf die verschie-
7 Umgebung angepasst haben. denen Einflüsse eingehen, welche die Umwelt
auf ein Individuum haben kann. Es ist jedoch
wichtig zu berücksichtigen, dass das Verhalten,
Weitere Umwelteinflüsse welches die Umwelt ermöglicht oder erfordert,
in hohem Maße vom Blickwinkel des Betrach-
Natürlich ermöglicht und erfordert jede Umwelt ters abhängt.
ein bestimmtes Betätigungsverhalten. Ein Berg
> Beispiel
kann die Gelegenheit zum Wandern bieten. Das
Stellen Sie sich einen Moment lang ein Dame-
Gelände und die Wege grenzen jedoch die Mög-
spiel auf einem Couchtisch vor. Ich konnte
lichkeiten ein. Die Steilheit des Geländes und
eine Reihe verschiedener Reaktionen auf diese
der Zustand der Wanderwege bestimmen eben-
Umweltsituation beobachten. Einige Menschen
falls, wie schnell und wie weit wir gehen können.
ignorierten das Spiel völlig, sie waren ganz
In ähnlicher Weise wird unser Verhalten auf
offensichtlich am Damespielen nicht interes-
einem Flughafen nicht nur durch den Flughafen
siert. Andere hingegen spielten eine Partie. Ein
an sich, sondern auch durch andere dort befind-
kleines Mädchen, dem man das Spiel offen-
liche Orte (wie Buchladen, Bar oder Restaurant)
sichtlich nicht erklärt hatte, stapelte die Spiel-
und die Gegenwart anderer Menschen bestimmt,
steine wie Bauklötze aufeinander, legte das
und sie ermöglichen uns, Lesestoff zu besorgen,
Spielbrett darauf und schaffte so eine Rutsche
etwas zu essen oder mit jemandem ins Gespräch
für die Spielsteine. Später sortierte sie nach
zu kommen.
schwarzen und weißen Spielsteinen.
Da die Umwelt sowohl Verhaltensweisen er-
fordert als auch ermöglicht, schafft sie zudem Wie dieses Beispiel verdeutlicht, basiert die Art
eine Synergie von Einflüssen, durch die unser des Einflusses eines Objekts in der Umwelt auf
Verhalten inmitten der sich entfaltenden Um- das Verhalten zum Teil auf den dem Objekt eige-
stände kanalisiert wird. nen Eigenschaften und teilweise auch auf den
gesellschaftlichen Konventionen hinsichtlich
Beachte I I des Gebrauchs dieses Objekts. Was jemand tat-
Durch das gleichzeitige Anbieten von Mög- sächlich mit einem bestimmten Objekt anfängt
lichkeiten und Grenzen schafft die Umwelt (wenn er überhaupt etwas mit ihm anfängt),
Verhaltenspfade. hängt von der jeweiligen Person ab. Wie in
⊡ Abb. 7.1 verdeutlicht wird, hängt der Einfluss
7.3 · Die räumliche und die soziale Umwelt
133 7

Die Umwelt hat sowohl räumliche als auch


Umwelt
soziale Dimensionen. Erstere beziehen sich auf
ermöglicht fordert die materielle Umwelt, einschließlich natürli-
cher und künstlicher Räume und Objekte. Unter
der sozialen Umwelt sind die Welt der inter-
agierenden Menschen und die Dinge zu ver-
stehen, die diese Menschen tun. Im täglichen
Aktivitäts- und
Betätigungswahl Leben begegnen wir einer in sich verwobenen
für die sozialen und räumlichen Umwelt. Die von uns
Betätigungs- besuchten Orte und die Objekte, auf die wir
performanz
treffen, sind in großem Maße von menschlicher
Hand erschaffene Produkte. Zudem treffen wir
an physikalischen Orten auf andere Menschen,
teilen Objekte mit ihnen und treten mit ihnen
⊡ Abb. 7.1. Der einzigartige Einfluss der Umwelt auf das
in verschiedene Arten der Interaktion, geformt
Individuum
und gefördert durch die geteilte materielle Welt.

der Umwelt auf eine Person ab von deren der-


zeitigen: Die Rolle der Kultur
▬ Werten,
▬ Interessen, Sowohl die räumliche als auch die soziale Umwelt
▬ Selbstbild, werden durch die Kultur interpretiert und ge-
▬ Rollen, formt (Altman u. Chemers 1980). Kultur besteht
▬ Gewohnheiten, aus den Überzeugungen und Wahrnehmungen,
▬ Performanzfähigkeiten. Werten und Normen, Bräuchen und Verhaltens-
weisen, die von einer Gruppe oder Gesellschaft
Folglich meine ich potentielle Einflüsse, wenn geteilt werden und sowohl durch formelle als
ich davon spreche, was die Umwelt ermöglicht auch durch informelle Erziehung von einer Ge-
und erfordert. Jede Umgebung muss aufmerk- neration auf die nächste übertragen werden (Alt-
sam beobachtet werden, bevor man feststellen man u. Chemers 1980; Rapoport 1980). In diese
kann, auf wen sie einen Einfluss hat und welche Definition sind zweierlei Aspekte eingebettet:
Art Einfluss sie ausübt. 1. Die Kultur eines Menschen ist als eine
bestimmte Art des Wahrnehmens und Han-
delns in der räumlichen und in der sozialen
7.3 Die räumliche und die soziale Welt anzusehen (Rapoport 1980).
Umwelt 2. Aufgrund dieser charakteristischen Art des
Handelns ergibt sich, dass Kultur in einen
Ich habe die These aufgestellt, dass die Umwelt bestimmten repräsentativen Lebensstil mün-
das Verhalten beeinflusst, indem sie bestimmte det, der als selbstverständlich geltende Ver-
Formen der Performanz ermöglicht oder erfor- haltensweisen in der räumlichen und sozia-
dert. Als nächstes stellt sich die Frage: Welche len Umwelt umfasst (Brake 1980, Ogbu 1981;
Merkmale der Umwelt ermöglichen und erfor- Rapoport 1980).
dern Verhalten? Zur Beantwortung dieser Frage
müssen wir zunächst die Dimensionen der Um- Innerhalb der meisten Kulturen existiert ebenfalls
welt konzeptionalisieren. eine Vielzahl an Subkulturen. In der amerikani-
134 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

schen Gesellschaft trifft man z. B. auf städtische, lebenden Menschen wird es in der heutigen Welt
ländliche, ethnische und andere subkulturelle immer seltener geben (Gergen 1991).
Gruppen. Diese Subkulturen weisen wesentliche Es lässt sich sofort erkennen, inwiefern die
Unterschiede zur dominanten Kultur auf und soziale Welt, die Welt der zwischenmenschli-
beeinflussen in erster Linie die Organisation ver- chen Beziehungen und der Aktivitäten durch
schiedener Gruppen. Um uns die enormen Unter- die Kultur geformt wird. Die Kultur hat jedoch
schiede zwischen den Subkulturen innerhalb der einen ebenso großen Einfluss auf die räumliche
erweiterten amerikanischen Kultur deutlich zu Umwelt. Auf der einen Seite bestimmt die Kul-
machen, müssen wir uns nur die Unterschiede tur, wie unser räumlicher Kontext organisiert
in den Überzeugungen und im Verhalten vor ist und auf welche Gegenstände wir innerhalb
Augen führen, die zwischen den Mitgliedern dieses Kontextes wahrscheinlich stoßen werden.
eines wohlhabenden Gesellschaftsclubs in New Auf der anderen Seite vermittelt uns die Kultur
York und den Mitgliedern einer Baptistenge- eine Art des Betrachtens und Kennenlernens der
meinde in einem der Südstaaten Amerikas oder räumlichen Umwelt, ja sogar der Welt der Natur.
7 zwischen dem Arbeitsleben eines Politikers in Ich werde in diesem Kapitel die Kultur nicht als
Washington und jenem von zugewanderten Far- einen isolierten Teil der Umwelt bezeichnen,
marbeitern in Kalifornien bestehen. da die Kultur jeden beschreibbaren Aspekt der
Der Einfluss der Kultur ist nicht unbedingt Umwelt beeinflusst und in ihm enthalten ist.
eine einzelne homogene Kraft. Abhängig von der Da die Kultur innerhalb der Umwelt eine
Bandbreite an Umgebungen, in denen sich eine alles durchdringende Kraft ist, werde ich in der
Person verhält, kann es sich um eine Collage ver- nachfolgenden Darstellung über die räumliche
schiedener Quellen kultureller Einflüsse handeln. und die soziale Umwelt wiederholt auf die Rolle
Ich lebe z. B. in einer bäuerlichen Gemeinde im der Kultur zurückkommen.
ländlichen Süden des Bundesstaates Wisconsin.
Zur Arbeit fahre ich in die Stadt Chicago, wo ich Beachte I I
für die Durchführung universitärerer und klini- Es ist wichtig zu erkennen, dass die Kultur
scher Programme zuständig bin, die den Auftrag nicht nur die Umwelt durchdringt, sondern
haben, Bevölkerungsminderheiten zu dienen. auch in der Struktur des menschlichen Sys-
Durch diese Arbeit stehe ich in Kontakt zu his- tems verinnerlicht ist. Die Werte eines Men-
panischen und afroamerikanischen Subkulturen. schen, sein Kompetenzempfinden, seine Inte-
Zudem bin ich Gastprofessor im Ausland, am Ka- ressen, seine verinnerlichten Rollen und Ge-
rolinska-Institut in Stockholm. Ich reise regelmä- wohnheiten spiegeln alle die Zugehörigkeit
ßig dort hin und habe mehrere enge schwedische zu einer bestimmten (und am Arbeitsplatz,
Freunde, mit denen ich häufig kommuniziere. in der Nachbarschaft oder in einem anderen
Diese Erfahrungen konfrontieren mich mit un- Rahmen dargestellten) Kultur oder Subkultur
terschiedlichsten Umgebungen und Umständen, wider. Somit ist die Kultur sowohl in der Um-
die eine bedeutende Bandbreite an kulturellen welt als auch im Menschen allgegenwärtig.
Einflüssen aufweisen. Obgleich meine Erfahrun-
gen vielfältiger als die vieler anderer Menschen
sein mögen, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu,
dass Menschen in einer zunehmend mehr Mög- Die räumliche Umwelt
lichkeiten zur Kommunikation und Mobilität
bietenden Welt eine ganze Reihe verschiedener Wir sind körperliche Wesen in einer räumlichen
Einflüsse erleben. Die isolierten und homogenen Welt. All unsere Erfahrungen und Handlun-
kulturellen Erfahrungen der vor hundert Jahren gen sind in einem gewissen Maße von unserer
7.3 · Die räumliche und die soziale Umwelt
135 7

⊡ Abb. 7.2. Räumliche Umwelt

Position in der räumlichen Welt abhängig. Wie nicht gerade subtile Art hat, unterschiedliche
in ⊡ Abb. 7.2 dargestellt, besteht die räumliche Formen von Betätigungsverhalten zu fordern.
Umwelt aus natürlichen und aus vom Menschen
geschaffenen Lebensräumen (Lawton 1983) und
den sich in diesen Lebensräumen befindlichen Künstliche Lebensräume
Objekten (Csikszentmihalyi u. Rochberg-Halton
1981). Künstliche Lebensräume wurden von Men-
schenhand geschaffen. Es handelt sich hierbei
um Gebäude und verbindende Strukturen, in
Natürliche Lebensräume denen sich die Menschen aufhalten, ihren Akti-
vitäten nachgehen und ihre Habe aufbewahren
Natürliche Lebensräume sind jene Elemente können. Sie dienen ebenfalls dazu, Menschen
der räumlichen Welt, die von den Menschen von den natürlichen Räumen zu trennen und sie
weitgehend unberührt blieben oder, wenn sie von einem Teil der künstlichen Umwelt in einen
künstlich geschaffen wurden, derart strukturiert anderen zu bewegen. Beispiele für künstliche
sind, dass sie die Natur nutzen und imitieren. Lebensräume sind: Häuser, Scheunen, Stadien,
Demnach sind ländliche Gegenden, Berge, der Läden, Schulgebäude, Bibliotheken, Einkaufs-
Himmel, Seen, Flüsse und Parks Kennzeichen zentren, Fabrikgebäude und die alles miteinan-
der natürlichen Lebensräume. Zu den natür- der verbindenden Gehwege, Straßen und Auto-
lichen Räumen zählen auch Prozesse, wie der bahnen. Ebenso wie natürliche Lebensräume
Jahreszeitenwechsel oder Wetterumschwünge beinhalten auch künstliche Lebensräume Pro-
(z. B. Regen, Schnee, Wind). Auch wenn natür- zesse, wie z. B. den Verkehrsfluss, die Bewe-
liche Räume nicht so »spezialisiert« sind wie gung von Rolltreppen und Fahrstühlen und die
künstliche Räume, ermöglichen und erfordern Arbeitsvorgänge jeglicher Maschinen.
sie ebenfalls bestimmte Verhaltensweisen. Wir Künstliche Umgebungen sind im Allgemei-
brauchen uns nur die verschiedenen Möglichkei- nen unterteilte Lebensräume, die aus Wohn-
ten und Anforderungen ins Gedächtnis zu rufen, räumen oder anderen spezifizierten Räumen
die ein warmer sonniger Strand und eine eiskal- wie Sportplätzen und unüberdachten Tribünen,
te verschneite Waldlandschaft im Winter bieten Bühnen, Balkonen, Garagen, Wandschränke und
bzw. stellen, um zu erkennen, dass die Natur eine Foyers bestehen. Diese Räume sind durch Gän-
136 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

ge, Treppen, Aufzüge, Rolltreppen und ähnliches deren Reaktionen auf gegen diese Konventionen
miteinander verbunden. Die Räume innerhalb verstoßendes Verhalten zu erkennen.
künstlicher Lebensräume haben im Allgemeinen
einen ganz bestimmten Zweck; sie ermöglichen
es zu schlafen, zu essen, sich zu versammeln, Objekte
sich verschiedene Formen von Unterhaltung
anzusehen, zu lernen, zu spielen usw. Aufgrund Wir stoßen innerhalb der räumlichen Umwelt
ihrer räumlichen Struktur ermöglichen und for- sowohl auf natürliche als auch auf künstlich
dern sie bestimmtes Verhalten. Treppen fordern hergestellte oder verarbeitete Objekte. Inner-
uns zum Beispiel auf, hinauf- und hinunter zu halb natürlicher Lebensräume finden wir Bäu-
steigen, und eine Sporthalle bietet uns die Gele- me, Blumen und andere Pflanzen, Tiere und
genheit zu laufen, wofür ein Wandschrank zu Insekten, sowie Steine, Erde, Wasser, Schnee und
klein wäre. andere leblose und lebende Objekte.* Künstli-
Eine komplexe Gesellschaft bietet eine che Räume beinhalten Gegenstände wie Möbel,
7 nahezu unendlich große Vielfalt an derartigen Nahrungsmittel, Geräte, Bücher, Pflanzen, Klei-
Räumen: Büros, Schlafzimmer, Klassenräume, der, Kunstgegenstände, Werkzeug, Haustiere,
Speiseräume, Lehrsäle, Praxen, Operationssäle, Maschinen usw. In der natürlichen Umwelt tre-
Hörsäle, Wartezimmer, Labors, Ausstellungsräu- ten Objekte entsprechend dem Schema der Natur
me, Spielzimmer, Küchen, Wohnzimmer, Kapel- in Erscheinung, in künstlichen Räumen dagegen
len und ähnliches. Diese Räume entstammen werden sie gemäß menschlicher Entwürfe an
und dienen gleichzeitig einer kulturellen Lebens- einen Platz gestellt. Welche Objekte vorhanden
weise. Die Mitglieder einer bestimmten Kultur sind und wie sie strukturiert sind, hängt im All-
erkennen mehr oder weniger sofort den beab- gemeinen von dem Zweck des Raumes und den
sichtigten Zweck derartiger künstlicher Räume diesbezüglich geltenden kulturellen Konventio-
und erkennen ebenfalls, dass sie von bestimmten nen ab. Rubinstein (1989) bemerkt dazu:
Personen genutzt werden sollen. Daher ermög-
lichen und erfordern sie sofort ein bestimmtes » Die Kultur schlägt allgemeine Regeln für die
Anordnung und Aufteilung von Räumen vor ...
Betätigungsverhalten. In einer Kirche werden
Die Vorstellungen davon, wo sich Gegenstände
wir zum Beten eingeladen und davon abgehal-
in einer Wohnung befinden sollten, unter-
ten, andere zu stören. Die Art der Struktur und
scheiden sich je nach Kultur und Gesellschafts-
die gesellschaftliche Konvention hinsichtlich der
schicht ... Beim Anordnen und Aufteilen des
Nutzung dieser Struktur übermitteln eine feier-
häuslichen Raums reproduziert und interpretiert
liche Stimmung und rufen bei jenen ein ange-
das Individuum grundlegende Vorstellungen
messenes Verhalten hervor, die entsprechend
sozialisiert wurden und aufgrund dessen wissen,
von einer kulturell bedingten Ordnung. (S. 47) «
wozu eine Kirche da ist. Betreten wir die Halle
eines großen Bahnhofs, spüren wir die Forde- * Ich habe lebende und leblose Objekte gemeinsam
rung nach einem völlig anderen Verhalten. Dies aufgezählt, um eine sehr umfassende Kategorie zu
liegt sowohl an der unterschiedlichen räumli- schaffen. Es ist eine anerkannte Tatsache, dass ins-
chen Organisation als auch an den diesbezüglich besondere Tiere eine vollkommen andere Klasse von
geltenden gesellschaftlichen Konventionen, die Einflüssen und Bedeutungen darstellen können als
nichtlebende Objekte. Zu diesem Gesichtspunkt müs-
ein anderes Verhalten erfordern. Normalerweise
sen sicherlich noch einige Überlegungen angestellt
sind gesellschaftliche Konventionen hinsichtlich werden, wie z. B. jene, ob Tiere als eine eigenständige
der Nutzung von Räumen sofort am Verhalten Klasse von die menschliche Betätigung beeinflussen-
der in diesen Räumen tätigen Menschen und an den Umweltfaktoren angesehen werden sollten.
7.3 · Die räumliche und die soziale Umwelt
137 7

Somit erwarten wir in häuslichen Badezimmern Es ist daher nicht überraschend, dass Kinder
Toiletten, Waschbecken, Duschen, Handtücher, häufig den von Erwachsenen entworfenen sau-
Zahnpasta und Rasierer und in typischen Vor- ber strukturierten Spielplatz verlassen, um den
stadtgaragen Autos, Rasenmäher, Schaufeln, nahe gelegenen Wald, Hinterhöfe, Bau- und
Gartenschläuche und Fahrräder. Schrottplätze oder alte Bahn- und Fabrikgelän-
Objekte können eine Umgebung anregend, de zu erkunden, wo alle möglichen unbekannten
bequem, praktisch, sicher, interessant und im Dinge locken.
ästhetischen Sinne angenehm machen. Auch Wie das vorausgegangene Beispiel zeigt,
wenn sich Individuen hinsichtlich der Anzahl können Objekte allein durch ihre intrinsi-
der in ihrem Besitz befindlichen Objekte und schen Eigenschaften das Verhalten beeinflussen
des Umgangs mit diesen Objekten unterschei- (Hocking 1994). Gewicht, Größe, Biegsamkeit,
den, enthält die Umgebung jedes Menschen Oberflächenstruktur und andere physikalische
einige Gegenstände, denen ihre Aufmerksam- Eigenschaften von Objekten beeinflussen die
keit gilt und auf die sie ihr Handeln ausrichten Umgangsweise mit ihnen und die damit zusam-
(Csikszentmihalyi u. Rochberg-Halton 1981). menhängenden Verwendungsmöglichkeiten. Ob
wir z. B. einen Gegenstand werfen, tragen oder
Beachte I I biegen, wird von den intrinsischen Eigenschaf-
Die Art der in einem Raum befindlichen ten dieses Gegenstands beeinflusst.
Objekte beeinflusst, inwieweit dieser Raum
ein bestimmtes Betätigungsverhalten
Beachte I I
ermöglicht oder erfordert. Objekte unterscheiden sich in ihrer Komple-
xität, d. h., in dem Maß an Fähigkeiten und
Lernvermögen, die ihr Gebrauch erfordert.
> Beispiel Daher kann die Komplexität eines Objektes
Kinder neigen eher dazu, allein zu spielen, erheblich beeinflussen, welches Betätigungs-
wenn Spielzeug und Spielgeräte vorhanden verhalten es ermöglicht und erfordert.
sind, es sei denn, das Spielzeug ist speziell für
das Spielen in der Gemeinschaft vorgesehen
(Johnson 1935; Quilitch u. Risley 1973). Rohma- Einfache und bekannte Gegenstände lassen
terialien können viele verschiedene Verhaltens- Wohlbehagen aufkommen und erfordern eher
weisen ermöglichen und erfordern aufgrund ein entspanntes Verhalten, dagegen verlangen
ihrer vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten ein komplexe Gegenstände im Allgemeinen nach
weniger spezifisches Verhalten. Für Kinder einem eher speziellen und Geschick erfordern-
wichtige Objekte sind z. B. häufig »Rohmate- den Verhalten. Das Vorhandensein bestimmter
rialien« (Kisten, Sand, Reifen), die zu aktivem Objekte in einer Umgebung führt nicht zwangs-
Erforschen und einer intensiven Beschäftigung läufig auch zu deren tatsächlichen Gebrauch,
mit diesen Materialien anregen. Was sie sind, wenn keine der anwesenden Personen etwas
ist nicht so wichtig wie das, was man mit ihnen mit ihnen anzufangen weiß (Fietelson 1977;
machen kann (Csikszentmihalyi u. Rochberg- Yi-Fu 1978) oder die Objekte in Bezug auf
Halton 1981). Die fest installierten Geräte auf den Lebensstil einer Person keine Bedeutung
Spielplätzen können hingegen weniger Mög- haben. Ein Beispiel für das eben Gesagte ist,
lichkeiten für unterschiedliche Verhaltenswei- dass Nichtautofahrer im Allgemeinen auch kei-
sen bieten, wenn sie sich nur auf bestimmte ne Parkuhren benutzen. Objekte können jedoch
Art benutzen lassen (d. h. ein bestimmtes Ver- auch für andere Zwecke, als ursprünglich vor-
halten erfordern) (Haywood et al. 1974). gesehen, verwendet werden: Radfahrer in den
138 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

USA benutzen z. B. häufig Parkuhren, um ihre sowohl bei der Arbeit als auch in der Frei-
Fahrräder zu befestigen. zeit zur Schau zu stellen (Csikszentmihalyi u.
Erwachsene umgeben sich häufig mit Objek- Rochberg-Halton 1981). Religiöse Ikonen und
ten, die ihre gefestigten Interessen- und Aktivi- Gegenstände, die sich im Haus eines Individu-
tätsmuster widerspiegeln. Mit anderen Worten: ums befinden, können z. B. eine Verbunden-
Wir bevorzugen Objekte, die reflektieren, was heit mit religiösen Werten ausdrücken, dagegen
wir sind und was wir tun. Zudem verleihen wir lässt das Vorhandensein von Wandteppichen
Objekten eine Bedeutung, so dass sie zu Symbo- und einem Webstuhl auf einen Weber schließen.
len der Macht, des Prestige, der Unabhängigkeit Objekte können ebenfalls das Gefühl vermit-
und der Verbindung zu anderen Menschen wer- teln, »bestimmte Wurzeln zu haben oder in eine
den. Objekte, die zu Wohlstands- und Status- bestimmte Umgebung zu gehören« (Ljung-
symbolen werden, sind meistens in irgendeiner ström 1989). Viele Menschen besitzen z. B. von
Hinsicht selten oder ungewöhnlich. Seit unsere ihren Vorfahren geerbte, antike Gegenstände.
Gesellschaft in technologischer Hinsicht hoch Derartige Objekte spiegeln ein Gefühl der Ver-
7 entwickelt ist, verleiht das Betreiben oder der bindung zur eigenen Vergangenheit wider und
Umgang mit komplexen Maschinen bestimmten zeigen auf, dass jemand ein bestimmtes Erbe
Arbeiten einen höheren Status. in sich trägt oder einer bestimmten kulturellen
Gruppe angehört.
Beachte I I Da die Bedeutung eines Objektes von den
Die Möglichkeiten, die ein Objekt hinsicht- gesellschaftlichen Konventionen abhängt, kön-
lich seiner Verwendung oder seiner Handha- nen Objekte je nach Kontext verschiedene Bedeu-
bung bietet, tragen zu dessen symbolischer tungen haben. Tilley (1989) führt das Beispiel
Bedeutung bei. der Sicherheitsnadel an, die, je nach dem, ob sie
von einem »Kleinkind, einer Großmutter oder
einem Punk« getragen wird, sehr unterschiedli-
Jugendliche bezeichnen z. B. häufig Musikins- che Bedeutungen haben kann (S. 185).
trumente, Zeitschriften und Stereoanlagen als
ihre wertvollsten Besitztümer, da sie ihnen erlau- Beachte I I
ben, ihre Gefühle und Werte auf eine von der Die symbolische Bedeutung eines Objekts
Gesellschaft anerkannte Weise auszudrücken ermöglicht und erfordert gleichzeitig eine
(Csikszentmihalyi u. Rochberg-Halton 1981). Im bestimmte Form der Nutzung.
Erwachsenenalter verkörpern Besitztümer häufig
Macht und Unabhängigkeit. Erwachsene schät-
zen bestimmte Objekte, da sie ihnen bestimm- > Beispiel
te Formen der Aktivität ermöglichen und ihre Verkörpert ein Auto z. B. Unabhängigkeit
Möglichkeiten innerhalb der Umwelt verbessern und Verantwortung, so kann ein Besitzer im
(Furby 1978). In einer ländlichen Gegend wird Jugendalter das Gefühl haben, dass an seine
einem größeren Kleintransporter eine große Kompetenzen hinsichtlich des Verständnisses
Bedeutung beigemessen, da er die Möglichkei- für die Wartung des Wagens höhere Anforde-
ten seines Besitzers, Holz zu transportieren oder rungen gestellt werden. Der Liebhaberwert
Bergstraßen zu überqueren, erhöht. eines Objektes, das z. B. eine Erinnerung an die
Objekte symbolisieren auch Interessen und Familie oder an Ereignisse in der Vergangenheit
Werte und liefern auf diese Weise wichtige darstellt, kann derart hoch sein, dass man die-
Informationen über die Identität einer Person. ses Objekt aus Angst vor Beschädigung oder
Erwachsene verwenden Objekte, um ihren Beruf gar Zerstörung nicht mehr benutzt.
7.4 · Die soziale Umwelt
139 7

Objekte können eine extrem unterschiedliche siertisch und vielleicht ein Fernseher oder eine
Bedeutung haben. Einige Gegenstände haben Lampe) stellen aufgrund der niedrigen Men-
lediglich einen begrenzten Nützlichkeitswert, ge an Reizen einen wenig erregenden Rahmen
und ihre Abwesenheit würde das Leben etwas dar, der kaum Anforderungen an einen stellt.
weniger angenehm werden lassen oder uns von Ein modernes gesellschaftliches Phänomen ist
einem bestimmten Handeln abhalten. Geräte jedoch, dass das Schlafzimmer in »einen Ort«
wie Waschmaschinen oder Toaster passen sehr umgewandelt wird, »an dem man sich aufhalten
gut in diese Kategorie der Objekte von relativ kann« (Dullea 1980, S. C-8). Durch die Tendenz,
geringer Bedeutung, in Gesellschaften wo sie im Schlafzimmer Sportgeräte, Computer, kleine
sehr häufig vorkommen. Andere Objekte sind Kühlschränke und andere Formen der Ausstat-
von mittelgroßer Bedeutung. Rubinstein (1989) tung aufzubewahren, ist dieser Raum nicht län-
führt das Beispiel der Figurinensammlung einer ger ein Ort der Entspannung, sondern ganz im
älteren Dame an: Gegenteil, ein Ort, der genau wie andere Umbe-
bungen Erfordernisse zu einem extrem aktiven
» Sie zeigte keine sehr intensive emotionale
Lebensstil enthält. Wie dieses Beispiel verdeut-
Verbundenheit zu diesen Objekten. Dennoch
licht, spiegeln Objekte in einem bestimmten
kennzeichneten und füllten sie ihren Raum,
Situationsrahmen eine bestimmte Kombination
bereiteten ihr in sensorischer Hinsicht Vergnü-
von Verhaltensweisen wider und lösen diese
gen, hatten eine Geschichte, lieferten Stoff für
gleichzeitig aus.
Erzählungen und verliehen ihren Räumlichkei-
Objekte können die Lebensweise eines Men-
«
ten eine Gestalt. (S. 49)
schen tief greifend beeinflussen. Hardyment
Objekte scheinen dann den größten Wert zu (1988) behauptet z. B., dass die weit verbreitete
haben, wenn sie eine sehr persönliche Bedeu- Verfügbarkeit von Geräten wie Kühlschränken,
tung haben (Csikszentmihalyi u. Rochberg-Hal- Waschmaschinen und Wäschetrocknern im
ton 1981): 20. Jahrhundert bei Hausfrauen zu großen Ver-
▬ für die Erfahrungen eines Menschen, änderungen der Arbeitsmuster und der Muster
▬ für das Erreichen eines Ziels und/oder der sozialen Interaktion geführt hat. Diese Frau-
▬ für die Beziehung zu anderen Menschen. en blieben nun zur Erledigung vieler Aufgaben,
die sie früher an öffentlichen Orten und gemein-
Eines meiner wertvollsten Besitztümer ist ein sam mit anderen durchführten, zu Hause.
von mir für meine Kinder aus Eichenholzbalken
geschnitztes Schaukelpferd. Dieses Holz stamm-
te aus einer verfallenen Scheune von der Farm, 7.4 Die soziale Umwelt
auf der meine Frau aufwuchs. Objekte dieser Art
verleihen unserem Leben Gestalt und Tiefe. Die soziale Umwelt besteht gewissermaßen aus
Neben dem Einfluss, den einzelne Objek- zwei Elementen (⊡ Abb. 7.3):
te auf das Verhalten haben, kann die Zusam- ▬ Den aus mehreren Personen bestehenden
menstellung und Anordnung von Objekten in Versammlungen oder Gruppen, denen man
einem Raum eine alles dominierende Atmos- sich anschließt.
phäre schaffen, die auf kohärente Art und Weise ▬ Den verschiedenen Betätigungsformen, die
ein bestimmtes Verhalten ermöglicht und erfor- Personen durchführen. Beide Komponen-
dert. Schlafzimmer sind z. B. traditionell derart ten stellen Kontexte dar, die Gelegenheiten
gestaltet, dass sie Gelegenheiten zum Ausruhen, zu einem bestimmten Verhalten bieten und
Schlafen und zur Intimität bieten. Die Objekte gleichzeitig bestimmte Formen der Perfor-
(d. h. das typische Bett, eine Kommode, ein Fri- manz erfordern.
140 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

⊡ Abb. 7.3. Soziale Umwelt

7
Soziale Gruppen Wie in  Kap. 5 bemerkt wurde, bestehen
soziale Gruppen aus den Rollen ihrer Mitglie-
Gruppen ermöglichen und fordern auf zweierlei der. Diese Rollen bieten sowohl Gelegenheiten
Art ein bestimmtes Betätigungsverhalten: für Handlungen als auch Einschränkungen der
1. Sie liefern Betätigungsrollen und weisen die- Handlungsweisen. In der Regel gehören Men-
se Rollen bestimmten Personen innerhalb schen ihr ganzes Leben lang vielen verschie-
der Gruppe zu. denen sozialen Gruppen und Organisationen
2. Sie schaffen einen bestimmten Verhaltens- an und interagieren mit ihnen. Diese Zusam-
kontext oder sozialen Raum, in dem diese menschlüsse von Individuen reichen von infor-
Rollen gemäß der in der Gruppe herrschen- mellen gesellschaftlichen Gruppierungen, wie
den Atmosphäre, der geltenden Normen und routinemäßige Treffen mit Bekannten in einer
des Gruppenklimas übernommen werden Nachbarschaftskneipe, über dauerhaft beste-
und entsprechend gehandelt wird. hende und fest zusammengewachsene Gruppen
(z. B. die Familie) bis hin zu formellen Organisa-
Auf diese Weise werden von den Gruppen jene tionen, die ausdrücklich zum Zwecke des Errei-
Formen von Betätigungsverhalten ermöglicht chens eines bestimmten Ziels gegründet wurden
und gleichzeitig vorgeschrieben, die die Grup- (Etzioni 1964; Katz u. Kahn 1966). Eine Reihe
penmitglieder zeigen können oder müssen. von Gruppen können sich in jeder Gesellschaft
bilden, dagegen sind andere Gruppen grundle-
Beachte I I gender Natur. In jeder Gesellschaftsform gibt es
Soziale Gruppen sind regelmäßig stattfin- eine bestimmte Art von Familiengruppe:
dende Zusammenkünfte von Personen. ▬ In manchen traditionsgebundenen Gesell-
schaften gibt es sehr große Familien, zu
denen mehrere Generationen zählen.
Demnach liegt das Bestehen über einen länge- ▬ In der modernen Gesellschaft gibt es häufig
ren Zeitraum in der Natur der meisten sozialen Familien mit allein erziehenden Elternteilen
Gruppen. Während dieses Zeitraums entwickeln oder »Patchwork«-Familien, zu denen die
sie eine interne Struktur, die sie zu erkennbaren Kinder aus vorangegangenen Ehen gehören.
sozialen Einheiten innerhalb einer Kultur wer- ▬ Die Gesellschaft beginnt, Familien aus gleich-
den lässt. geschlechtlichen Partnern anzuerkennen,
7.4 · Die soziale Umwelt
141 7

obwohl deren Rechte und legaler Status noch ger eingestufte Rollen besser zugänglich sein. Die
nicht voll anerkannt sind. Struktur der Gruppe kann beeinflussen, mit wem
Menschen in einer bestimmten Rolle interagieren
In der Schule ergeben sich auf natürliche Wei- und welches Betätigungsverhalten in Verbindung
se Gruppierungen aus Klassenkameraden. Dies mit einer bestimmten Rolle erforderlich ist.
bietet die Möglichkeit, kleinere Gruppen, wie Die meisten Gruppen kennzeichnen sich
Cliquen, zu bilden. Der Arbeitsplatz bietet eben- durch eine beständige Kombination von bestimm-
falls die Möglichkeit zur Gruppenbildung. Je ten Werten und Interessen (Moos 1974). Daher
nach dem, welcher Arbeit man nachgeht, kön- werden Menschen, die eine große Diskrepanz
nen das Arbeitsteam oder die erweiterte Berufs- zwischen den Werten eines bestimmten sozialen
gruppe, der man angehört, oder Gewerkschaf- Rahmens und ihren eigenen Werten empfinden,
ten, Ausschüsse etc. relevante Gruppen sein. dazu tendieren, ein derartiges Umfeld zu verlas-
Innerhalb von Gemeinden gibt es auf gemeinsa- sen oder zu meiden. Verlassen Sie dieses Umfeld
men Interessen basierende Gruppen wie Klubs, jedoch nicht oder können es nicht verlassen,
Ortsvereine, Kirchengruppen und informelle werden ihre Werte mit der Zeit wahrscheinlich
Gruppenzusammenschlüsse. eine größere Übereinstimmung mit den vor-
herrschenden Werten dieses sozialen Rahmens
Beachte I I aufweisen (Newcomb 1943; Pervin 1968). Die-
Um den Einfluss von Gruppen auf das Betäti- se Verlagerung in Richtung einer Übereinstim-
gungsverhalten zu verstehen, ist es zunächst mung ermöglicht den Nutzern eines bestimmten
wichtig zu erkennen, dass »Gruppen real Umfeldes untereinander die Entwicklung eines
sind und einen wichtigen Einfluss haben, Gefühls der Geschlossenheit und hält die in
der durch das einzelne Mitglied nicht voll- diesem Umfeld bestehende charakteristische
ständig erklärt werden kann« (Knowles Kombination von vorherrschenden Werten und
1982, S. 19). Diese Einflüsse hängen von der Interessen aufrecht.
Gruppendynamik ab, die von der Gruppe als Abhängig vom Klima erfordern Gruppen ein
Ganzes ausgeht. unterschiedliches Maß an Engagement und Ver-
innerlichung von Rollen. Ist nur ein geringes
Maß an Engagement erforderlich, haben die Mit-
Da jede Gruppe eine besondere Eigendynamik glieder die Möglichkeit zu wählen, wie stark sie
hat, kann sie als sozialer Raum bezeichnet wer- sich engagieren möchten. Erfordert eine Orga-
den, innerhalb dessen die Gruppenmitglieder nisation jedoch ein hohes Maß an Engagement,
handeln (Knowles 1982). Der soziale Raum der müssen sich die Mitglieder stärker um die Verin-
Gruppe hat Grenzen, ein Klima, eine erkennba- nerlichung ihrer Rollen bemühen. Dies geschieht
re Struktur und andere ein bestimmtes Betäti- häufig durch ein spezielles Training oder eine
gungsverhalten ermöglichende und erfordernde Form der feierlichen Einführung in die Grup-
Eigenschaften. pe. Bruderschaften sind z. B. häufig fest gefügte
Die Struktur einer Gruppe kann bestimmen, Gruppen, bei denen nur sorgfältig überprüfte
wie stark ihre Mitglieder involviert sein und wie Mitglieder zugelassen und sozialisiert werden
speziell ihre Rollen ausfallen werden. In einer und die zudem selten Mitglieder verlieren.
komplexen, hierarchisch strukturierten Gruppe, Gruppen, die aus lose miteinander ver-
z. B. einem Unternehmen, kann es eine große knüpften Netzwerken aus Individuen bestehen,
Auswahl an Rollen geben. Die in der Hierarchie können ihren Mitgliedern die Möglichkeit zur
höher angesiedelten Rollen werden nur wenigen Übernahme relativ nebensächlicher und unbe-
Menschen übertragen, dagegen können niedri- drohlicher Rollen bieten. Die Individuen haben
142 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

die Möglichkeit, eine Vielzahl von Positionen Ein interessantes Beispiel für den Einfluss von
zu übernehmen und wieder abzulegen, können Mitgliedschaften in Gruppen auf die Entwick-
zwischenmenschliche Beziehungen zu anderen lung von Rollen und damit zusammenhängen-
Mitgliedern knüpfen oder beenden und haben den Verhaltensweisen liefert eine Studie über
die Freiheit, die Gruppe mühelos zu verlassen. die Kultur eines afroamerikanischen Stadtghet-
tos (Pervin 1968). Da sich die herkömmlichen
Beachte I I Arbeitplatzangebote für die afroamerikanischen
Unabhängig davon, welche Art von sozialem Erwachsenen in dieser Studie entweder auf nie-
Raum Gruppen darstellen, haben sie stets dere Arbeiten beschränkten oder es gar keine
einen sehr großen Einfluss auf die Entwick- gab, wurden Arbeitsrollen, die von der weißen
lung von Rollenverhalten. Da Rollen im Kon- amerikanischen Mittelklasse als abweichend
text einer Gruppe gelernt werden (Versluys betrachtet wurden, unter den Afroamerikanern
1980), legen die Gruppen, denen eine Person als normal und erfolgreich angesehen. Prostitu-
ierte, Zuhälter, »korrupte Prediger« und Unter-
7 angehört, auch die dieser Person zur Verfü-
haltungskünstler wurden als Vorbilder für eine
gung stehenden Rollen fest.
kompetente Betätigungsperformanz angesehen.
Diese kulturellen Einflüsse reichten hinab bis
Das Rollenrepertoire eines Kleinkindes be- zum Verständnis der Ghetto-Kinder von der
schränkt sich in erster Linie auf familiäre Rollen vorberuflichen Rolle eines Schülers. Bereits vor
im Rahmen von Beziehungen in Zweiergrup- Schulbeginn hatten viele dieser Kinder begon-
pen und in Kleingruppen: Tochter, Sohn, Nichte, nen, Verhaltensweisen, die zwar in der Ghetto-
Neffe, Schwester, Bruder. Wenn amerikanische Kultur in den Städten zu Erfolg führen wür-
Kinder in die Schule kommen, wird ihnen die den, jedoch nicht mit der Schülerrolle verein-
Gelegenheit geboten, an weiteren schulischen bar waren, zu imitieren und zu verinnerlichen.
Gruppen teilzunehmen wie z. B. Vereine, Chöre, Dazu zählten ein dem Alter unangemessener
Bands und Sportmannschaften. Im Laufe des Le- Grad an verbalem Manipulieren, Einfallsreich-
bens kann sich die Anzahl der für ein Individuum tum, Selbstvertrauen und Misstrauen gegen-
zugänglichen Gruppen erhöhen oder verringern. über Behörden. Dadurch nahmen diese Jugend-
Verlässt man z. B. den Heimatort um an eine Uni- lichen kulturrelevantere vorberufliche Rollen
versität zu gehen, können sich Möglichkeiten für ein (Ogbu 1981).
die Teilnahme an neuen Gruppen eröffnen. Wie dieses Beispiel verdeutlicht, ist der Ein-
In moderneren Gesellschaften sind die Men- fluss von Gruppen auf das Betätigungsverhalten
schen im Erwachsenenalter normalerweise Mit- das Ergebnis eines kohärenten Gesellschaftssys-
glieder eines ganzen Komplexes von Gruppen. tems mit eigener Struktur und eigenen Wer-
Allen et al. (1983) bemerken dazu: ten. Die Mitglieder werden von ihren Gruppen
beeinflusst, da sie bedeutsame Gestaltkontexte
» Eine Industriegesellschaft produziert eine sozi- sind, die einen von den Gruppenmitgliedern
ale Fragmentierung, eine Aufteilung der Arbeit erlebten, sehr realen Lebensraum darstellen.
und eine Heterogenität der Interessen. Folglich
wird die soziale Identität der Menschen durch Beachte I I
Mitgliedschaften in vielen verschiedenen Arten Die Tatsache einen kohärenten Lebensraum
von Gruppen festgelegt. Neben der Verwandt- darzustellen, gibt Gruppen die Macht, Betä-
schaft, ethnischen und religiösen Gruppen, gibt tigungsverhalten zu ermöglichen und zu
es auch eine Vielzahl an politik-, wirtschafts- erfordern.
und freizeitorientierten Gruppen. (S. 97) «
7.4 · Die soziale Umwelt
143 7

Betätigungsformen des Konzepts der Betätigungsformen als Teil der


sozialen Umwelt. Obgleich ich mich Nelsons
In der ersten Ausgabe dieses Buchs wurde Auffassung überwiegend anschließen möchte,
das Konzept einer Betätigungsaufgabe vorge- werde ich eine Definition der Betätigungsfor-
stellt (Barris et al. 1985). Aufgaben wurden als men vorstellen, die sich von Nelsons Definition
Handlungssequenzen definiert, die Individuen in bestimmten Aspekten unterscheidet und sein
entweder zur Erfüllung äußerer gesellschaftli- ursprüngliches Konzept ausbaut.*
cher Anforderungen oder zur Befolgung inne- Zunächst richten wir unsere Aufmerksam-
rer Beweggründe durchführten. Man hatte keit auf die Ursprünge von Betätigungsformen
erkannt, dass die Komplexität einer Aufgabe ein in der Kultur. Unter Kultur ist im weitesten
bestimmtes Betätigungsverhalten erfordert und Sinne die Art und Weise zu verstehen, in der
die Konventionen für die Vorgehensweise sowie sich Menschengruppen an die Welt angepasst
die gesellschaftliche Bedeutung festlegt. Aufga- haben (Hall 1966). Jede Kultur verfügt über
ben wurden als etwas angesehen, das unabhän- Technologie, mit der sie sowohl ihre grundle-
gig von jeglichen Fällen tatsächlicher Ausfüh- gendsten menschlichen Bedürfnisse befriedigen
rung existiert. Mit anderen Worten: Aufgaben als auch den in dieser Kultur vorherrschenden
werden gemäß kultureller Konvention in der Lebensstil übernehmen kann. Jede Kultur ent-
Umwelt aufrechterhalten. wickelt z. B. Möglichkeiten zur Beschaffung und
Nelson (1988) führte das hiermit in Ver- Zubereitung von Nahrungsmitteln. Im Laufe der
bindung stehende Konzept der Betätigungsform Zeit werden diese Möglichkeiten zu gut orga-
ein. Betätigungsform definiert er als »die bereits nisierten und manchmal ritualisierten Vorge-
vorher existierende Struktur, die die nachfolgen- hensweisen. Über Generationen werden diese
de menschliche Performanz hervorruft, anlei- Vorgehensweisen ausprobiert und auf kreative
tet oder strukturiert« (S. 633). Er stellt zudem Weise verfeinert. Zudem führt die Entdeckung
die These auf, dass eine Betätigungsform »eine neuer Technologien und Hilfsmittel zu konven-
objektive Kombination von Umständen ist, die tionellen Formen der Ausführung von identifi-
unabhängig und außerhalb einer Person exis- zierbaren und zielgerichteten Verhaltensweisen,
tiert« (Nelson 1988, S. 633). die der Beschaffung und Zubereitung von Nah-
Nelson (1988) behauptet, dass jede Betäti- rung dienen. Diese konventionalisierten Vor-
gungsform zwei Dimensionen hat. Die erste gehensweisen sind Betätigungsformen. In jeder
Dimension besteht aus unmittelbaren Stimuli Kultur wird auf eine bestimmte Weise gejagt,
oder Faktoren, die sich auf die konkrete Umset- werden domestizierte, der Ernährung dienende
zungsweise der Betätigungsform auswirken. Tiere gezüchtet und wird Gartenarbeit betrie-
Dazu zählen z. B. die verwendeten Materialien, ben etc. In primitiven Gesellschaften, in denen
der unmittelbare und relevante Kontext und die
für die vollständige Ausführung der Betätigungs-
form notwendige zeitliche Reihenfolge der Hand- * Ein wichtiger Unterschied zu dem hier angesproche-
lungen. Die zweite Dimension ist der soziale nen Konzept der Betätigungsformen besteht darin,
Kontext, der die Struktur der Betätigungsform dass ich bei der Ausführung einer Betätigung weder
mit Hilfe symbolischer Mittel (z. B. Werte, Nor- die Materialien noch die tatsächlichen Umstände als
men und praktische Richtlinien zur Beurteilung ein Teil dessen betrachte, was unter einer Betätigungs-
form zu verstehen ist. Ich lege vielmehr den Schwer-
der Performanz der Betätigungsform) beeinflusst.
punkt auf die gesellschaftlichen Konventionen, durch
Nelsons Auffassung (1988) und das vorangegan- die eine bestimmte Form der Betätigung entsteht,
gene, damit zusammenhängende »Aufgabenkon- aufrechterhalten, gelehrt, gelernt und benannt wird
zept« liefern eine Grundlage für die Einführung und eine Bedeutung erhält.
144 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

die Jagd eine Nahrungsquelle darstellt, lernen Kultur oder Subkultur erkannt, die zwar diese
die Mitglieder, wie man Jagdwerkzeuge herstellt Betätigungsformen nicht selbst durchführen,
(z. B. Bögen, Bumerangs und Blasrohre). Die der Ausführung jedoch beiwohnen.
Herstellungsweise dieser Geräte wird verfeinert,
bis sie zu einer Betätigungsform wird. Somit Beachte I I
entstehen in den verschiedenen Kulturen Clus- Betätigungsformen können als regelgebun-
ter von Betätigungsformen, die zusammen den dene Handlungssequenzen definiert werden,
Lebensstil dieser Kulturen ausmachen. die gleichzeitig kohärent und zweckgerichtet
Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Betäti- sind, im kollektiven Wissen aufrechterhalten,
gungsformen zwar außerhalb jeder konkreten innerhalb einer Kultur erkannt und auch
Performanz existieren, jedoch innerhalb dieser benannt werden.
umgesetzt werden.

7
Beachte I I Betätigungsformen sind insofern an Regeln
Die Betätigungsform ist eine Vorgehens- gebunden, als es für sie aufgrund gesellschaft-
weise, die in der kulturellen Gemeinschaft licher Konventionen eine bestimmte oder kor-
entsteht und gespeichert wird. Sie kann an rekte Vorgehensweise gibt. Die Kultur liefert
neue Mitglieder weitergegeben werden, die Regeln für eine Betätigungsform, indem sie
erhält einen Namen und wird von den Mit- die dafür notwendigen Verfahrensweisen, die
gliedern dieser Kultur sofort als das Tun eini- erwünschten Ergebnisse und die Normen für
ger ihrer Mitglieder erkannt. die Performanz festlegt. Diese Regeln sind stets
eine Frage der Konventionen. Die Konventionen
werden in den menschlichen Gemeinschaften
Betätigungsformen können innerhalb der kultu- aufrechterhalten und an jene Mitglieder wei-
rellen Gruppe auch eine ganz besondere Bedeu- tergegeben, die eine Betätigungsform erlernen
tung erlangen. möchten. Betätigungsformen können sich in der
Genauigkeit und Flexibilität der für sie geschaf-
> Beispiel
fenen Regeln extrem unterscheiden. Bei man-
Die Ureinwohner Amerikas z. B. haben die Jagd
chen Betätigungsformen sind die Regeln sofort
und das Fischen als einen heiligen Akt angese-
erkennbar. Die Teilnahme an einer Prüfung
hen, bei dem man etwas nimmt, das die Natur
erfordert z. B. den Aufenthalt an einem bestimm-
bereitwillig zur Verfügung stellt. Daher erfor-
ten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt und
derte die Betätigungsform des Jagens oder
das Beantworten einer Reihe von im Vorhinein
Fischens, dass der Jäger oder Fischer dem Geist
vorbereiteten Fragen. Der jeweilige Erfolg hängt
des Tieres dafür dankt, dass er sich selbst ergibt.
von der korrekten Beantwortung eines zuvor
In modernen Gesellschaften gibt es unendlich festgelegten Prozentsatzes dieser Fragen ab. In
viele Betätigungsformen. Viele sind unter allen anderen Fällen sind die Regeln ungenauer und
erwachsenen Mitgliedern verbreitet (z. B. das hängen von unterschiedlichen Auffassungen ab,
selbstständige Ankleiden) und einige sind nur z. B. wie sich Forellen am besten angeln lassen.
wenigen privilegierten und auserwählten Mit- Im Allgemeinen sind gemeinsam mit anderen
gliedern vorbehalten (z. B. dürfen bestimmte oder in Anwesenheit von anderen durchgeführte
heilige Rituale nur von einem Priester, Rabbi Betätigungsformen eher an bestimmte Regeln
oder Schamanen ausgeführt werden). Dennoch gebunden. Andere Betätigungsformen wie die
gehören diese Betätigungsformen zu einer grö- Gartenarbeit oder das Kochen werden eher indi-
ßeren Gruppe. Sie werden von Mitgliedern der viduell festgelegt. Dennoch stimmen auch diese
7.4 · Die soziale Umwelt
145 7

Betätigungsformen in bestimmten erkennbaren Der Begriff Kohärenz bezieht sich auf die
Parametern überein, anhand derer sie klar als Tatsache, dass Betätigungsformen ein Ganzes
Gartenarbeit oder Kochen erkannt werden. darstellen, zu dem eine Reihe von Handlungs-
Bei kreativen Aktivitäten sind die Regeln sequenzen gehört. Die Vorbereitung der Erde,
im Allgemeinen flexibler. Manchmal verändert das Einpflanzen von Samen, das Unkrautjäten
sich mit höherer Kompetenz und zunehmenden und das Gemüseernten, all dies zählt zur Gar-
Kenntnissen der Regeln die Rigidität, mit der tenarbeit. Singen, eine Unterhaltung mit einem
eine Betätigungsform ausgeführt werden muss. Nachbarn und Apportierspielchen mit dem
Der Umgang mit einer Töpferscheibe erfordert Hund zählen nicht zur Betätigungsform der
zu Beginn die Beachtung bestimmter Regeln Gartenarbeit, obgleich all diese Handlungen bei
hinsichtlich der Eigenschaften des Tons, der der Gartenarbeit auftreten können. Das Pfeifen
Mechanik der Scheibe, der Gesetze der Schwer- während der Arbeit ist auch kein Teil der Arbeit,
kraft und des Gleichgewichts. Wenn diese Regeln es sei denn, es dient beispielsweise dem Ertei-
beherrscht werden, bleiben sie zwar bestehen, len von Befehlen an einen Schäferhund beim
können jedoch mit Hilfe der Kreativität und Schafehüten. Trotzdem kommt es vor, dass wir
Vorstellungskraft des Künstlers noch weiter aus- während der Arbeit pfeifen.
gefeilt werden. In der Tat können durch Krea- Betätigungsformen sind stets auf ein bestimm-
tivität bei der Durchführung einer Betätigung tes Ziel ausgerichtet, und dies sogar, wenn dieses
neue Regeln (d. h. neue Vorgehensweisen) ent- Ziel lediglich darin besteht, Erfahrungen mit
stehen, die zu einem Teil zu Konventionen für einem bestimmten Verhalten zu machen, wie
die Art der Ausführung einer Betätigungsform dies z. B. beim Tanzen oder Spazierengehen der
werden. Fall ist.
An viele Betätigungsformen haben wir uns
derart gewöhnt, dass die für sie geltenden Regeln Beachte I I
erst dann deutlich erkennbar werden, wenn sie Betätigungsformen werden durch ihre Ziel-
gebrochen werden. Normalerweise betrachtet gerichtetheit als kulturell erkennbare Hand-
man eine Unterhaltung nicht als eine durch lungen aufrechterhalten.
Regeln festgelegte Betätigungsform. Dennoch
erkennen wir es alle, wenn andere die als selbst-
verständlich erachteten Konventionen brechen, Durch das Schaffen und Aufrechterhalten von
die hinsichtlich des Verhaltens während einer Betätigungsformen und ihrer Bedeutung bieten
Unterhaltung gelten. Je nachdem, um welche Kulturen Gelegenheit zu einer großen Bandbrei-
Kultur es sich handelt und wer die Gesprächs- te an Betätigungsverhalten.
partner sind, können zu diesen Konventionen
der Augenkontakt, das abwechselnde Sprechen, Beachte I I
das Festhalten an den angemessenen Gesprächs- Die von uns ausgeführten Betätigungen
themen usw. zählen. Die Missachtung dieser haben eine Form und eine Identität, die
Regeln kann andere Menschen aus der Fassung schon lange existierte bevor wir sie durchzu-
bringen und zu einem Abbruch des Gesprächs führen lernten. Zudem übt die Betätigungs-
führen. Interessanterweise gelten bei den meis- form selbst bei jeder Ausführung einen
ten Spielen sehr strenge Regeln, an die sich die bestimmten Einfluss auf uns aus.
Spieler halten müssen. Jemand, der sich nicht
an diese Regeln hält, verdirbt das Spiel. Somit
gelten auch bei den einfachsten und geläufigsten Die kulturell vorgegebenen Regeln, aus denen
Betätigungsformen einzuhaltende Regeln. sich eine Betätigungsform zusammensetzt, las-
146 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

sen gemeinsam mit der sich entfaltenden Dyna- theit variieren. In dieser Hinsicht erfordern sie
mik und der in Einklang mit der Betätigungs- eine bestimmte Art von Einstellung, die eine
form zu bringenden Performanz ein angemesse- Person bei der Ausführung der jeweiligen Betä-
nes Verhalten entstehen. tigungsform haben sollte. Wie ernst eine Betä-
Es lässt sich leicht erkennen, inwiefern Betä- tigungsform genommen werden sollte, können
tigungsformen ein bestimmtes Verhalten ermög- sowohl der Kontext, in dem sie ausgeführt wird,
lichen und erfordern. Die Verfügbarkeit von als auch die sich aus einer erfolgreichen Per-
Betätigungsformen innerhalb einer Kultur bie- formanz ergebenden Konsequenzen widerspie-
tet Gelegenheiten zur Performanz. Wir erlernen geln. Ist eine Betätigungsform Teil der Arbeit,
diese Dinge, die Teil des Lebensstils einer Kultur wird sie wahrscheinlich ernster sein. Wird sie
sind. Zudem bestimmen sowohl Konventionen in der Freizeit ausgeführt, wird sie spielerischer
hinsichtlich der Personen, die eine bestimmte sein. Die im Rahmen eines Hobbys ausgeführ-
Betätigungsform durchführen sollten, als auch ten Holzarbeiten werden z. B. im Allgemeinen
die für eine Betätigungsform geltenden Regeln spielerischer durchgeführt als die Holzarbei-
7 unser Tun und die Vorgehensweise dabei. ten eines professionellen Tischlers. Das Sin-
gen in Konzerten wird ernsthafter betrieben
Beachte I I als das Singen auf einer Party. Auch wenn die
Betätigungsformen werden innerhalb meisten Aktivitäten entweder in den Bereich
bestimmter Zeiteinheiten durchgeführt. Arbeit oder den Bereich Spiel fallen, nehmen
manche Menschen auch spielerische Aufgaben
sehr ernst oder führen ihre Arbeitsaufgaben
Bestimmte Betätigungsformen, z. B. das Arbei- spielerisch durch.
ten im Garten, die eigene Körperpflege und Bei manchen Betätigungsformen wird die
das Fahren zur Arbeit, wiederholen sich jedoch Performanz an der Betätigungsausführung
von Natur aus. Manchmal wird eine Reihe von anderer Personen oder an einem anerkannten
Betätigungsformen (wie in  Kap. 4 beschrie- Maßstab und dem Grad gemessen, bis zu dem
ben) auch zu persönlichen Projekten zusam- zwei oder mehr Menschen für das Erreichen
mengefasst. Beispiele dafür sind das Verput- bestimmter Ziele zusammenarbeiten müssen.
zen, das Abziehen von Tapeten, das Anstreichen Wettbewerb und Zusammenarbeit können bei
und Tapezieren, was für die Renovierung eines einer Betätigungsform gleichzeitig bestehen.
alten Hauses notwendig ist. Betätigungsformen Dies ist z. B. der Fall, wenn ein Team im Wett-
können an bestimmte Tages- oder Jahreszeiten bewerb mit einem anderen Team steht. Müssen
gebunden sein oder werden von der jeweiligen bei einer Betätigungsform öffentlich geltende
Person je nach Belieben durchgeführt. Die Vor- Richtlinien hinsichtlich des Wettbewerbs einge-
bereitung des Jahresberichts einer Abteilung ist halten werden, sind noch größere Anstrengun-
sowohl zeitlich begrenzt als auch an die Jahres- gen erforderlich.
zeit gebunden, während fortlaufende, die Auf-
sicht betreffende Aktivitäten eher dem eigenen
Ermessen überlassen sind. An Orten, die jahres- Zusammenfassung
zeitlich bedingten Veränderungen unterworfen
sind, wechseln sich die Betätigungsformen, wie Ich habe die These aufgestellt, dass die Einflüsse
z. B. das Rasenmähen und das Schneeschaufeln, der sozialen Umwelt auf das Betätigungsverhal-
im Sommer und im Winter jeweils ab. ten zwei Ursprünge haben:
Betätigungsformen können auch in ihrem ▬ soziale Gruppen und
üblichen Maß an Ernsthaftigkeit und Verspiel- ▬ Betätigungsformen.
7.5 · Settings für Betätigungsverhalten
147 7

Im täglichen Leben sind diese beiden Aspekte Das soziale System ist gleichermaßen eine Quel-
der sozialen Welt eng miteinander verwoben le an Möglichkeiten und ein starker Strom, der
und mit Elementen der Kultur durchtränkt. Wie seine Mitglieder mitreißt.
bereits gesagt wurde, legt die Kultur sowohl die
den Einzelnen zugänglichen und für sie wert-
vollen Gruppen, als auch die Betätigungsformen 7.5 Settings für Betätigungsverhalten
fest, die von den Individuen ausgeführt werden,
wenn sie Mitglied einer Gruppe werden. In den Umwelten, auf die wir treffen, mischen
sich räumliche und soziale Komponenten.
> Beispiel
Zusammen bilden sie das, was ich als Setting
In Chillum, einem Vorort von Washington DC, in
für Betätigungsverhalten (occupational behavior
dem es eine große Gruppe von Italienern gibt,
setting) bezeichne.
die aus Fiume stammen, ist eine Mitgliedschaft
in der »Fiumedinisi«-Bruderschaft für die betref-
fenden Familien ein wichtiges Mittel zur Auf-
Beachte I I
Ein Setting für Betätigungsverhalten setzt
rechterhaltung der Kultur. In der Bruderschaft
sich aus Räumen, Objekten, Betätigungsfor-
finden regelmäßig bestimmte Betätigungsfor-
men und/oder sozialen Gruppen zusammen,
men wie z. B. das Tanzen statt (Valente 1984).
die in einem Zusammenhang stehen und
In dieser Gemeinde wird auch einer ande-
gemeinsam einen bedeutsamen Kontext für
ren sozialen Gruppe, der Familie, ein hoher
die Performanz bilden.
Wert beigemessen. Zu den von den Fiumedi-
nisi-Familien häufig gemeinsam durchgeführ-
ten Betätigungsformen zählen das Hören einer
Mit dem Setting für Betätigungsverhalten ist
wöchentlich ausgestrahlten Radiosendung
nicht nur eine Zusammenstellung von Men-
aus Italien und ein jährlich stattfindendes Fest,
schen, Objekten und Formen an Handlungsor-
an dem Wein hergestellt und probiert wird.
ten gemeint. Buttimer (1976) zufolge sind darun-
Zudem halten diese Familien an einigen tradi-
ter vielmehr Lebenswelten zu verstehen, die mit
tionell in Italien durchgeführten Betätigungs-
bestimmten Bedeutungen, Leben und Handlun-
formen, wie Schustern und Kunsttischlern, fest
gen erfüllt sind, deren Anordnung sie zu einem
und geben sie weiter. Daher verdanken Kinder
kohärenten Ganzen werden lässt. Jedes Setting
die Entwicklung von Fertigkeiten in diesen
für Betätigungsverhalten hat die Beschaffenheit
Bereichen zumindest teilweise ihrer Mitglied-
einer eigenen Lebenswelt, weist eine bestimmte
schaft in einer Familiengruppe, die Teil einer
Organisation und einen bestimmten Rhythmus
Kultur ist, die diesen Betätigungsformen einen
auf, und dies unabhängig davon, ob es sich um
großen Wert beimisst (Valente 1984).
die warme, pulsierende mit Licht, Klängen und
Menschen gefüllte Atmosphäre eines Nachtlo-
Beachte I I kals oder die friedlich stimmenden Farbtöne
Der soziale Lebensraum ist ein kohärentes eines goldenen und karmesinroten Herbstwal-
und integriertes Milieu, das seinen Mitglie- des, die monotonen Bewegungen von in lan-
dern eine gewisse Denkweise, ein gewisses gen Reihen aufgestellten Maschinen, an denen
Fühlen und die eine Einschätzung der Welt Fabrikarbeiter synchron arbeiten, die ruhige,
ermöglicht, und von seinen Mitgliedern in sich durch gedämpftes Licht, sanfte Musik,
einem gewissen Maße aktive Teilnahme und Möbel und Teppiche ergebende Atmosphä-
Konformität innerhalb dieser Welt erfordert. re eines bekannten Raumes, in dem man sich
mit einem Geliebten, einem Kind oder einem
148 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

Elternteil aufhält, oder um die hell erleuchteten, sehen werden. Wir können die meisten Heime
sauberen und ordentlichen langen Reihen ver- jedoch auch noch in kleinere Verhaltenssettings
packter Nahrungsmittel in einem Supermarkt einteilen, wie in Schlafzimmer, Küche, Garage
handelt, durch die Menschen peinlich genau usw. Viele Kinder könnten darüber hinaus ihr
ihre metallenen Einkaufswagen schieben. Diese Zimmer noch weiter unterteilen, z. B. in das
Merkmale der Lebenswelten ermöglichen und Bett, in dem sie sich entspannen, lesen, Tele-
erfordern Betätigungsverhalten. Diese Lebens- fongespräche führen, den Schreibtisch, an dem
welten erwecken in uns auf natürliche Weise sie ihre Hausaufgaben anfertigen, und eventuell
Aufregung, Erregung, Entspannung, Engage- noch in weitere Bereiche, in denen sie ihren
ment oder Befremden. Befinden wir uns erst Hobbys nachgehen oder Haustiere halten.
einmal inmitten einer solchen Welt, fühlen wir In diesem Abschnitt werde ich die von den
die Überzeugungskraft dieser Komponenten, meisten Menschen im täglichen Leben ange-
uns gewissen Richtlinien entsprechend zu ver- troffenen, kohärenten Settings für Betätigungs-
halten. verhalten herausstellen. Gleichzeitig möchte ich
7 der Tatsache Rechnung tragen, dass jedes dieser
Beachte I I Settings für Betätigungsverhalten auch noch in
Settings für Betätigungsverhalten sind Räume kleinere und spezifischere Verhaltenssettings
des Seins und Handelns im Leben, sie bezie- unterteilt werden kann. Wie in ⊡ Abb. 7.4 dar-
hen uns ein und werden Teil all unseres Tuns. gestellt, sind die typischen im alltäglichen Leben
angetroffenen Settings für Betätigungsverhalten
das Zuhause, die Nachbarschaft, der Arbeits-
Rowles (1991) und Rockwell-Dylla (1992) war- platz, und Orte der Zusammenkünfte/Freizeit/
nen vor einer Einteilung der Umwelt in sterile Ressourcen (z. B. Theater, Kirchen, Tempel,
Kategorien, bei denen der Schwerpunkt auf den Strände, Klubs, Bibliotheken, Galerien, Skihüt-
rein räumlichen Strukturen oder den durch Auf- ten, Restaurants, Fitnesszentren und Läden).
gaben gestellten Anforderungen liegt. Settings Der Leser wird sofort erkennen, dass sich
für Betätigungsverhalten haben vielmehr einen eine Klassifizierung eines Betätigungssettings
derart starken Einfluss auf unsere Erfahrungen bei jedem Individuum nur in Abhängigkeit des
und unser Verhalten, weil sie die Merkmale individuellen Handelns innerhalb dieses Rah-
einer Lebenswelt aufweisen. mens vornehmen lässt. Ein Restaurant ist z. B.
für Kellner, Köche und andere dort arbeiten-
de Personen ein Arbeitsplatz, während es für
Eine Taxonomie der Settings andere sich dort mit der Familie oder Freunden
für Betätigungsverhalten zum Essen zusammen kommende Menschen ein
Treffpunkt und ein Ort der Freizeit ist.
Das Einteilen der Settings für Betätigungsver-
halten in Kategorien ist ein potentiell komplexes
Unterfangen. Das Problem wird durch die Tatsa- Zuhause
che erschwert, dass wir innerhalb eines größeren
Settings für Betätigungsverhalten auch kleinere Das Zuhause ist natürlich der Ort, an dem die
entdecken können. Das Heim eines Menschen grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen
(unabhängig davon, ob es sich nun um ein Haus, befriedigt werden. Er bietet Schutz vor der
eine Wohnung, ein Wohnheim oder eine andere Umwelt und ist ein Ort, an dem man essen und
Wohnsituation von Gruppen handelt) kann z. B. schlafen kann. Häufig ist es ebenfalls der Ort, an
als ein Setting für Betätigungsverhalten ange- dem man mit den Menschen zusammenlebt, die
7.5 · Settings für Betätigungsverhalten
149 7

⊡ Abb. 7.4. Settings für Betätigungsverhalten

einem im Leben am nächsten stehen (z. B. mit


der Familie oder einem Lebensgefährten). Das
Beachte I I
Das Zuhause ist jener Ort, von dem aus
Zuhause ist häufig auch ein Ort der Interaktion
alle Ausflüge in andere Settings für Betäti-
mit anderen Menschen, die zu einem Teil des
gungsverhalten unternommen werden. Das
fortwährend bestehenden sozialen Netzes wer-
Zuhause kann in gewisser Weise verinner-
den. Und schließlich ist das Zuhause ebenfalls
licht worden sein.
oft der Ort, an dem eine ganze Reihe von Betä-
tigungsformen durchgeführt wird. Dazu zählen
die Aktivitäten zur Selbstversorgung, Freizeit- Dazu gehört ein räumliches oder körperliches
aktivitäten, Aktivitäten, die man als Hobbyist Bewusstsein der räumlichen Details des Zuhau-
oder Amateur durchführt, und Interaktionen ses, ein soziales Gefühl der Zugehörigkeit und ein
mit Freunden und Familienmitgliedern. Dabei autobiographisches Gefühl für die sich dort er-
ist das Zuhause oft selbst Gegenstand der Betäti- eigneten persönlichen Erlebnisse (Rowles 1987).
gungsperformanz, da die Menschen ihr Zuhause Obgleich das Konzept der »Verinnerlichung«
putzen, dekorieren und reparieren. durch Studien an älteren Menschen entstanden
Das Zuhause ist für viele Menschen auch ist, die über einen langen Zeitraum in ihrem Zu-
eine wichtige Quelle für den Lebenssinn, für hause gewohnt haben, entwickelt sich aufgrund
Behaglichkeit, Sicherheit und die eigene Iden- der Tatsache, dass Menschen sehr viel Zeit zu
tität. Rowles (1987) beobachtete, dass das Hause verbringen und damit sehr persönliche
Zuhause bei älteren Menschen das Gefühl der Erlebnisse verbinden, dieses Gefühl der »Verin-
eigenen Kompetenz maximal steigern kann, da nerlichung« sogar in neuen Settings eher schnell,
die intime Vertrautheit des Zuhauses es die- auch wenn es sich erst mit der Zeit vertieft.
sen Menschen ermöglicht, trotz der mit dem
Altern einhergehenden sensorischen und ande-
ren Einschränkungen zurechtzukommen. Somit Nachbarschaft
ist das Zuhause für viele Menschen ein Ort der
Sicherheit und der Zuflucht. In der Tat wird das Unabhängig davon, ob Menschen in einer länd-
Zuhause bei vielen Menschen zum zentralen lichen Umgebung, in den geschäftigen Stra-
Bezugspunkt in ihrem Leben (Rowles 1987). ßen einer Stadt, in einer Wohnsiedlung eines
150 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

Vororts, in einer Kleinstadt oder im ethnisch sich um eine sehr fest gefügte ethnische Gemein-
geprägten Teil einer Großstadt leben, ist ihr schaft oder auch nur um einen losen Zusam-
Zuhause immer mit einem direkten Umfeld menschluss von Familien handeln, die schon seit
umgeben, das im Allgemeinen als die Nachbar- langem in der Nachbarschaft wohnen. Nachbar-
schaft bezeichnet wird. schaft kann mit der eigenen vorherrschenden
Gemeinschaft und Kultur übereinstimmen. In
Beachte I I dieser Funktion ist sie der Ort, an dem Freunde
Unter Nachbarschaft verstehe ich sowohl die und Arbeitskollegen oder gar Verwandte leben.
Gegend als auch die Häuser und Geschäfte Sie ist dann das Zentrum des eigenen öffentli-
im Umfeld des eigenen Zuhauses. chen Lebens. Auch heute sind einige ländliche
und städtische Bereiche noch derart strukturiert,
vor allem, wenn sie sich aus homogeneren Grup-
In der Stadt besteht die Nachbarschaft dem- pen von Menschen zusammensetzen, die ein
nach aus Bürgersteigen und Straßen, Bushal- gemeinsames Erbe oder eine Verbundenheit mit
7 testellen, U-Bahn-Eingängen, Zeitungsständen, einer bestimmten Arbeit teilen, wie z. B. Bergbau,
Parkanlagen, den Nachbarhäusern und -höfen Forst- oder Landwirtschaft.
und den örtlichen Geschäften. In ländlichen Für andere, vor allem für in den heutigen
Gegenden ist die Nachbarschaft weniger dicht Städten lebende Menschen, kann die Nachbar-
besiedelt und kann sich daher auch über grö- schaft in erster Linie eine Umgebung mit Über-
ßere Gebiete erstrecken, die wir in der Stadt gangscharakter sein, in der man den Bus zur
nicht als Nachbarschaft bezeichnen würden. Arbeit nimmt, Bankgeschäfte und die notwendi-
Natürlich hängen Betätigungsformen von der gen Einkäufe von Nahrungsmitteln erledigt und
Art der Nachbarschaft ab. Sie reichen vom Jog- gelegentlich Bekannte trifft. Diese Menschen füh-
gen oder Spazierengehen über Nachbarschafts- len sich möglicherweise mit der Nachbarschaft
besuche, hin zu Picknicks oder Straßenfesten. nicht stark verbunden, und tatsächlich wohnen
Die Nachbarschaft und ihre Umgebung sind in dieser Art der Nachbarschaft nur wenige
auch der Ort, an dem wir am häufigsten Waren Menschen dauerhaft. Die Vororte von Städten
erwerben, wirtschaftliche oder andere Arten sind z. B. manchmal nur zeitlich begrenzte Ver-
von Transaktionen durchführen, unsere Hab- wahrungsorte extrem mobiler Familien, die sich
seligkeiten reinigen oder reparieren lassen und außer mit ihrem Heim nur mit wenigen Dingen
bestimmte Dienstleistungen, z. B. Haarschnei- verbunden fühlen (Oldenburg 1991). Im Gegen-
den, in Anspruch nehmen. Bei der Befriedigung satz dazu sind einige städtische Nachbarschaften
dieser persönlichen Bedürfnisse lernen wir eine aufgrund der Verschlechterung des Zustands der
Bandbreite von Geschäften in der Nachbarschaft Gebäude, der vermüllten und verwüsteten offe-
kennen. Zu diesen zählen Banken, Tankstellen, nen Räume und einer hohen Kriminalitätsrate
Supermärkte, Reinigungen, Kleidungsgeschäfte, unwirtlich geworden. Solche Zustände rufen bei
Eisenwarenläden usw. den Bewohnern Angst hervor, und sie fühlen
In der Nachbarschaft können eine Reihe ver- sich in ihrer Nachbarschaft unwohl.
schiedener sozialer Gruppen leben. Am deutlichs-
ten ist dies an der örtlichen Gemeinschaft von Beachte I I
Nachbarn zu erkennen. Die Nachbarn können Der Begriff »Nachbarschaft« kann je nach de-
sich aus den verschiedensten Gründen zu Grup- ren Beschaffenheit und der Beziehungen der
pen zusammenschließen. Eine Nachbarschafts- einzelnen Bewohner zum größeren Gebiet
gruppe kann z. B. eine Mietervereinigung oder viele verschiedene Bedeutungen haben.
eine Gruppe von Hausbesitzern sein. Es kann
7.5 · Settings für Betätigungsverhalten
151 7

Dennoch ist die Nachbarschaft unsere direkte tivitäten und gesellige Verkaufs- und Tanzveran-
Umgebung, und wir können den Kontakt mit ihr staltungen zählen.
nicht vermeiden, wenn wir an einen anderen Ort
gehen möchten. Von noch größerer Bedeutung Beachte I I
ist jedoch die Tatsache, dass die Art der Nachbar- Die Mehrheit der Erwachsenen ist der
schaft, in der man lebt, einen großen Einfluss dar- Ansicht, dass der Arbeitsplatz über viele
auf haben kann, wie oft und mit welcher Absicht Jahre ihres Erwachsenendaseins das wich-
man das Haus verlässt und welchen Betätigungen tigste Setting für ihr tätiges Leben ist.
man innerhalb der Nachbarschaft nachgeht.

Wenn man von einer durchschnittlichen Ar-


Schule und Arbeitsplatz beitswoche von fünf Tagen ausgeht, verbringen
die meisten Erwachsenen einen großen Teil ih-
Von allen Mitgliedern einer Gesellschaft wird er- res Lebens am Arbeitsplatz. Es gibt ebenso viele
wartet, dass sie lernen, Verantwortung zu tragen und unterschiedliche Arbeitsplätze wie es vom
und produktiv zu sein. Auch wenn die Menschen Menschen geschaffene Institutionen und Betä-
in einer Reihe von Settings auf produktive Weise tigungsformen gibt. Zu potentiellen Arbeitsplät-
lernen und Handlungen ausführen, hat der Über- zen zählen u. a. Bauernhöfe, Fabriken, Schulen,
gang von der Schule ins Arbeitsleben bei den Restaurants, Untergrundbahnen, Büros, Kran-
meisten Mitgliedern von Industriegesellschaften kenhäuser, Geschäfte, Bibliotheken, Schiffe,
einen sehr großen Einfluss auf ihr tätiges Leben. Flugzeuge, Züge und Busse.
Schulen werden anhand der Raumstruktur und
der Organisation der darin enthaltenen Objekte Beachte I I
sofort erkannt. Zu den typischen Schulräumen Arbeitsplätze sind durch die im Verlauf der
und -gegenständen zählen die Klassenzimmer Arbeit verwendeten Gegenstände gekenn-
und Bedarfsgegenstände wie Tafeln, audiovisuelle zeichnet (z. B. Traktoren, Maschinen, Bücher,
Geräte und Schreibtische, Labors und deren spe- Computer, Tafeln, Aktenschränke, Schreib-
zielle Ausstattung, Bibliotheken und Bücher. Von tische, Schalter, Registrierkassen, Verkaufs-
der Kindheit bis zum frühen Erwachsenenalter güter und ähnliches). All diese Gegenstände
verbringen die meisten Menschen einen großen und deren Anordnung innerhalb eines jeden
Teil ihrer Zeit außerhalb ihres Zuhauses in der Arbeitsplatzes ermöglichen und erfordern
Schule. Bis zum Übergang in die Arbeitswelt der ein gewisses Arbeitsverhalten.
Erwachsenen, ist die Schule die vorherrschende
Institution des tätigen Lebens, in der die Indivi-
duen sozialisiert, ausgebildet und anderweitig auf Jede Form von Arbeit ist durch die Betätigungsfor-
die Stationen des Erwachsenendaseins vorberei- men, aus denen sie sich zusammensetzt, gekenn-
tet werden. Die mit der Schülerrolle und Schu- zeichnet. So nehmen Busfahrer z. B. Fahrkarten
le verbundenen Betätigungsformen sind relativ oder Münzen entgegen, kündigen Haltestellen an
hochgradig standardisiert. Die Schüler nehmen und fahren den Bus. Zimmermänner errichten
am Unterricht teil, legen Prüfungen ab, erledigen durch Messen, Sägen und Vernageln von Bau-
Aufgaben etc. Die Schule ist zudem ein wichtiger holz Wände und Dachsparren, Lehrer unterrich-
Ort für die zunehmend an Bedeutung gewinnen- ten, halten Prüfungen ab und benoten diese.
de Gruppe der Altersgenossen und Jugendkultur Arbeitsplätze sind auch der Ort sozialer
und für die damit einhergehenden Betätigungs- Gruppen und sozialer Rollen. Je nach Art des
formen, zu denen unter anderem sportliche Ak- Arbeitsplatzes trifft man möglicherweise auf
152 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

Schüler, Kunden, Patienten oder Klienten usw. Kraft schöpfen, dem Alltagsdruck entkom-
Jeder Arbeitsplatz weist eine eigene Organisation men, zwanglose Geselligkeit genießen und die
und ein eigenes soziales Leben auf, das die mit Kontakte zur größeren Gemeinschaft erneuern
diesem Arbeitsplatz bezweckte ordnungsgemäße kann, sind Drittorte nach Ansicht von Olden-
Produktion von Gütern oder Dienstleistungen burg (1991) von essentieller Bedeutung.
ermöglicht. Die Rolle des Arbeitenden lokali- Zu dieser Kategorie von Settings für Betäti-
siert jemanden innerhalb einer Vielzahl sozialer gungsverhalten zählen ebenfalls spezielle Erho-
Gruppen, wie dem Arbeitsteam, der Berufsgrup- lungsstätten. Dabei kann es sich um künstliche
pe, der Gewerkschaft, dem Unternehmen etc. Räume wie Eis- und Rollschuhbahnen, Bowling-
bahnen, Theater und Fitnesszentren handeln.
Es können auch die Lokalitäten von Klubs oder
Orte der Zusammenkunft/der Freizeit/ Gruppierungen wie »Lions Club« oder Pfadpfin-
der Ressourcen dergruppen sein. Schließlich kann es sich dabei
auch um ein natürliches Betätigungssetting wie
7 Die Routine des tätigen Lebens bringt Menschen Strände und unter Schutz stehende Wälder han-
normalerweise an eine Reihe von öffentlichen deln.
Orten, an denen man eine ganze Bandbreite Die Struktur, die Objekte und die Form die-
an Bedürfnissen stillen kann. Zu diesen Orten ser Settings für Betätigungsverhalten können je
können sowohl Informations- als auch Inspira- nach verfolgtem Zweck sehr stark variieren. Die
tionsquellen zählen, wie Museen, Bibliotheken, Orte der Zusammenkunft/Erholung/Ressourcen,
Kirchen oder Tempel. Obwohl man einige dieser die ein regulärer Bestandteil des Lebens eines
Orte allein besucht und dort auch allein verweilt jeden Menschen sind, können sich zudem von
(z. B. eine Bibliothek aufsuchen, um dort zu ler- Mensch zu Mensch unterscheiden. Sie haben auf
nen), handelt es sich in den meisten Fällen um jeden Fall einen wichtigen Einfluss auf das Betä-
Orte der geselligen Zusammenkunft. tigungsverhalten.
Viele der zu dieser Kategorie zählenden Ver-
haltenssettings sind das, was Oldenburg (1991)
als Drittorte (third places) bezeichnet. Kulturelle Einflüsse auf die Settings
für Betätigungsverhalten
Beachte I I
Aufgrund seiner Feststellung, dass im Leben Zu jedem der zuvor besprochenen Settings
der meisten Menschen das Zuhause als für Betätigungsverhalten gehört eine Zusam-
erster Ort und die Arbeit als zweiter Ort gilt, menstellung aus Räumen, Objekten, sozialen
bezeichnete er die »öffentlichen Orte, die Gruppen und Betätigungsformen. Treffen diese
regelmäßigen, freiwilligen, ungezwunge- Faktoren aufeinander, ermöglichen und erfor-
nen und mit Freude erwarteten Zusam- dern sie gemeinsam das von uns unter diesen
menkünften außerhalb des Zuhauses und Umständen erwartete Betätigungsverhalten.
der Arbeit dienen« (S. 16) als Drittorte.
Beachte I I
Jede Kultur bietet eine Reihe von Settings
Beispiele dafür sind Kneipen, Cafés und Res- für Betätigungsverhalten, die für ein Indi-
taurants. Drittorte zeichnen sich durch einfache viduum in einem bestimmten Alter und für
Zugänglichkeit, Vertrautheit und Behaglichkeit die entsprechenden Rollen etc. typisch sind.
aus. Da sie Orte des ungezwungenen öffent-

lichen Lebens darstellen, an denen man neue
7.6 · Räumliche und soziale Geographie des tätigen Lebens
153 7

7.6 Räumliche und soziale


Settings für Betätigungsverhalten sind stets
Geographie des tätigen Lebens
von der jeweiligen Kultur abhängig und sind
daher auch immer eine Frage bestehender
Konventionen. Das tätige Leben jedes Menschen besteht aus
zyklisch wiederkehrenden Ausführungen von
Betätigungen in einer Reihe von verschiedenen
Heutzutage haben wir in der modernen Welt Settings für Betätigungsverhalten.
getrennte Räume, z. B. für die Arbeit, das Spiel,
das Familienleben oder geistig-religiöse Aktivi- > Beispiel
täten. Zu Zeiten vor der Industrialisierung fan- Ich arbeite zum Beispiel in einem Setting, das
den die Arbeit und das häusliche Leben eher ergotherapeutische Abteilung genannt wird.
im selben Setting statt. Mit der Entstehung von Diese Abteilung befindet sich in einer größeren
Fabriken begannen die Menschen außerhalb Klinik, die Teil einer Universität ist. Obgleich
ihres Zuhauses zu arbeiten. Aus diesem Mus- ich einen Teil der Betätigungen bei der Arbeit
ter entwickelte sich schließlich der Lebensstil auch in außerhalb dieser Abteilung liegenden
der Mittelklasse, der darin besteht, ins Büro zu Rahmen durchführe, d. h. in Umgebungen, die
fahren, seine Arbeit zu erledigen, anschließend sich innerhalb des erweiterten universitären
wieder nach Hause zu fahren und dort den Rest Rahmens oder der Klinik befinden, werde ich
des Tages zu verbringen. Heutzutage kommt es meine folgenden Ausführungen auf den Rah-
jedoch bei Betätigungsrollen wie z. B. der des men der Abteilung beschränken. Die Abteilung
Anlageberaters, des Psychotherapeuten und des besteht aus einer künstlichen Umgebung, d. h.
Universitätsprofessors häufig zu Überschneidun- Büros, Seminarräumen, Werkräumen, Toiletten
gen zwischen dem häuslichen Rahmen und der und Lagerräumen, die jeweils durch einen Flur
Arbeitsumgebung. Solch technologische Trends, miteinander verbunden sind. In jedem Raum
wie die Verbesserung der Satellitenübertragung der Abteilung befinden sich Objekte, die von
und der zunehmende Besitz von PCs machen den Mitgliedern der Abteilung sofort erkannt
die Existenz von zentralen Büros weniger not- werden und die sie dort sogar erwarten. In
wendig (Toffler 1980). einem großen Seminarraum befinden sich z. B.
Kulturelle Unterschiede lassen sich auch dar- Tafeln, Schreibtische, Projektoren, Kreide, ein
an erkennen, in welchem Maße Umgebungen Zeigestock, ein Mikrofon. In diesem Raum fin-
zum Spielen vom Leben zu Hause getrennt sind. den regelmäßig bestimmte Betätigungsformen
In ländlichen Subkulturen ist das Zuhause eher wie Vorlesungen, Diskussionen und Versamm-
der Rahmen für viele Freizeitaktivitäten, wäh- lungen statt. In meinem Büro befinden sich ein
rend die Menschen in großen städtischen Gebie- Schreibtisch, Stühle, Bücherregale mit Büchern,
ten auf der Suche nach Freizeitaktivitäten eher ein Computer, Bilder von meiner Familie, ein
das Haus verlassen (Giovanninni 1983). Außer- Telefon, einige dekorative Objekte und persön-
halb des Zuhauses findet Spiel manchmal an aus- liche Momentaufnahmen meines beruflichen
schließlich dafür vorgesehenen Orten statt (z. B. Werdegangs, akademische Grade, Auszeichnun-
Fitnesszentren, Tennisklubs, Bowlingbahnen). gen, die gerahmt an der Wand hängen, usw. In
meinem Büro finden eine Reihe anderer Betä-
Beachte I I tigungsformen statt wie kleine Konferenzen
Die Settings, in denen Menschen Betätigun- und Diskussionen mit Mitgliedern der Fakultät
gen ausführen, sind stets von der Kultur ver- und mit Studenten, Vorstellungsgespräche, das
ursachten Veränderungen unterworfen. Verfassen von Manuskripten und Büchern, die
Benotung von Hausarbeiten meiner Studenten.
154 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

Im Laufe des Tages treffe ich auf soziale Einzimmerwohnung lebt und dort den größten
Gruppen (z. B. eine Fachbereichskonferenz, Teil ihres tätigen Lebens verbringt, dafür ein sehr
die Gruppe von Studenten in der Vorlesung), treffendes Beispiel: Im Laufe des Tages ordnet sie
werde ein Teil von ihnen oder interagiere mit diese Umgebung peinlich genau um:
ihnen. Innerhalb dieser Gruppen werden hin-
sichtlich einer Reihe von Betätigungsformen
» Tagsüber hatte ihr Zimmer den öffentlichsten
Charakter. Ihr mit gemütlichen Ohrensesseln
Erwartungen an mich gestellt (ein Treffen
und »hübschen Dingen« gefülltes großes
leiten, eine Vorlesung halten oder eine Bud-
Zimmer sah warm und einladend aus. Diese
getanfrage durchführen). In jedem dieser Fälle
Umgebung diente dem Empfang ihrer Besu-
ermöglichen und fordern die meine Umge-
cher. Der größte Gegenstand in diesem Raum
bung ausmachenden Betätigungsformen,
war ein Schlafsofa. Ihr Sohn hatte einen Ein-
Objekte, Räume und sozialen Gruppen mein
bauschrank längs der Wand konstruiert, in dem
Tun, den Zeitpunkt dieses Tuns, die beteiligten
sich Bücherregale und ein Sofa befanden, das
Personen und die verwendeten Objekte.
7 Der Verlauf der Woche kennzeichnet sich
sie abends ausklappte. Nachts, wenn das Bett
ausgezogen war, wurde aus dem Wohnzimmer
dadurch, dass ich mich mittels Aufzügen, Trep-
ein Schlafzimmer ... Ihr kleines Zimmer behielt
pen, durch Flure, Straßen, über Bahngleise und
seinen öffentlichen Charakter zwischen dem
Landstraßen durch eine Reihe verschiedener
Zeitpunkt, zu dem sie ihr Bett machte und
Settings für Betätigungsverhalten bewege:
jenem, zu dem sie die Überdecke des Sofas
mein Haus und die darin befindlichen Räume;
herunterzog, um ein Mittagsschläfchen zu
die Abteilung für Ergotherapie; Restaurants; die
halten, d. h. von ca. 8.30 Uhr bis ca. 15.00 Uhr.
Felder, die Scheune der Farm, auf der ich lebe;
Wenn sie erwachte, verschob sie die Möbel so,
das Büro des Dekans an der Universität; und
dass sie am Abend das Abendessen einneh-
die ergotherapeutische Abteilung in der Klinik.
men und fernsehen konnte. Sie zog sich auch
Meine Bewegungen durch die Umfelder sind in
um und tauschte die Kleidung, mit der sie sich
hohem Maße von der von mir getroffenen Aus-
in der Öffentlichkeit zeigte, gegen ungezwun-
wahl von Aktivitäten und von meinen Rollen
genere Kleidung aus. Gegen 23.00 Uhr zog sie
und Gewohnheiten abhängig, die wiederum
schließlich ihr Nachthemd an und stellte ihre
Ergebnis früher stattgefundener Betätigungs-
Möbel erneut um, wiederum um ihre Zeit ganz
wahlen ist. Jedes Umfeld, in dem ich mich
befinde, ermöglicht und erfordert eine Reihe
privat zu verbringen. (S. 47–48)«
verschiedener Verhaltensweisen. Was ich in
einem Umfeld tue, ist in hohem Maße von des- Beachte I I
sen Organisation, den dort anwesenden Men- Die Tatsache, dass wir unsere Umgebung
schen und/oder befindlichen Objekten und so verändern, dass sie sich für bestimmte
den Betätigungsformen abhängig, die mir dort Betätigungen eignet, macht lebhaft deutlich,
ermöglicht oder von mir verlangt werden. in welchem Maße wir hinsichtlich unserer
Erfahrungen und unseres Verhaltens vom
Eines der aussagekräftigsten Beispiele für unser Kontext abhängen. Der Einfluss der Umwelt
Bedürfnis nach einer Umgebung als Kontext für auf die Betätigung wird vielleicht dann
unser Verhalten ist die Tatsache, dass wir eine am deutlichsten, wenn wir Betätigung in
Umgebung neu ordnen, damit sie uns als Set- erster Linie als Handlungen ansehen, die
ting für unterschiedliches Betätigungsverhalten bestimmte soziale und physikalische Räume
dient. Rubinstein (1989) liefert mit der folgenden ausfüllen.
Geschichte von einer älteren Dame, die in einer
7.7 · Schlüsselbegriffe
155 7

7.7 Schlüsselbegriffe Soziale Umwelten


▬ Soziale Gruppe: Eine regelmäßig stattfinden-
Einfluss der Umwelt de Zusammenkunft von Menschen. Sie bie-
▬ Die Umwelt beeinflusst das Betätigungsver- tet den zugehörigen Menschen verschiedene
halten grob in zweierlei Hinsicht: Betätigungsrollen und weist ihnen diese auch
– Sie ermöglicht Betätigungsverhalten: Da zu. Des Weiteren schafft sie den Verhaltens-
die Umwelt eines Menschen unterschied- kontext, in dem die Rollen ausgeübt werden.
liche Möglichkeiten für Betätigungsver- ▬ Betätigungsformen: Regelgebundene Hand-
halten bietet, lässt sie dem Individuum lungssequenzen, die in sich kohärent und
eine gewisse Freiheit, ein bestimmtes zweckgerichtet sind, im kollektiven Wissen
Betätigungsverhalten zu wählen und ent- aufrechterhalten und innerhalb einer Kultur
sprechend zu handeln. Somit bietet die erkannt und benannt werden.
Umwelt Gelegenheit für Betätigungsver-
halten. Settings für Bertätigungsverhalten
– Sie erfordert ein bestimmtes Verhalten: ▬ Eine Kombination aus Räumen, Objekten,
Die Umwelt erwartet bzw. verlangt vom Betätigungsformen und sozialen Gruppen,
Individuum ein bestimmtes Verhalten. die eine Einheit und einen bedeutsamen Kon-
Somit motiviert die Umwelt zu einem be- text für die Betätigungsperformanz bilden.
stimmten Betätigungsverhalten oder be- ▬ Zuhause: Der Ort, an dem eine Person nor-
nötigt dieses. malerweise mit anderen Personen interagiert,
die Teil ihres beständigen sozialen Netzwerks
Räumliche Umwelten sind. An diesem Ort üben Menschen häu-
▬ Natürliche Lebensräume: Elemente der fig viele unterschiedliche Betätigungsformen
räumlichen Welt, die im Großen und Gan- aus (z. B. Aktivitäten zur Selbstversorgung,
zen vom Menschen unberührt geblieben sind Freizeitaktivitäten, Aktivitäten als Hobbyist
oder von ihm zur Nutzung und Imitation der oder Amateur, Interaktionen mit Familie und
Natur geschaffen wurden. Freunden).
▬ Künstliche Lebensräume: Von Menschen- ▬ Nachbarschaft: Die unmittelbare Umgebung
hand geschaffene Umwelt. Man versteht dar- des Zuhauses einschließlich der umliegen-
unter Gebäude und verbindende Struktu- den Häuser und Geschäfte.
ren, in denen sich Menschen aufhalten, ihre ▬ Schule/Arbeitsplatz: Schulen können sofort
Aktivitäten ausüben und ihre Besitztümer an ihrer räumlichen Struktur und den sich
unterbringen. Des Weiteren dienen sie dazu, in ihnen befindlichen Objekten erkannt wer-
die Menschen von den natürlichen Lebens- den. Die Schülerrolle und die in der Schu-
räumen zu trennen und werden von ihnen le durchgeführten Betätigungsformen sind
genutzt, um sich von einem Teil des künst- stark standardisiert. Arbeitsplätze sind durch
lichen Lebensraums in einen anderen zu be- die am Arbeitsplatz verwendeten Objekte
wegen. gekennzeichnet.
▬ Objekte: Objekte können natürlichen Ur- ▬ Orte der Zusammenkunft/Freizeit/Ressour-
sprungs als auch künstlich oder durch einen cen: Einfach zugängliche, bekannte und
Verarbeitungsprozess entstanden sein. Die behagliche Orte, an denen Individuen die
Beschaffenheit der in einem Raum befind- Möglichkeit geboten wird, sich zu erholen,
lichen Objekte wirkt sich darauf aus, in wel- dem Alltagsdruck zu entfliehen, zwanglose
cher Weise ein bestimmtes Betätigungsver- Geselligkeit zu genießen und die Verbindung
halten ermöglicht oder erfordert wird. zur erweiterten Gemeinde zu erneuern.
156 Kapitel 7 · Einflüsse der Umwelt auf das Betätigungsverhalten

7.8 Literatur Johnson MW (1935) The effect on behavior of variations


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8

Aktuelle Veränderungen im Model


of Human Occupation
Gary Kielhofner

8.1 Entwicklungen im Bereich der Modell-Theorie – 160


Aktualisierung der Systemkonzepte und der -sprache – 160
Aufnahme von Erkenntnissen aus der Behindertenforschung – 160
Wachsende multinationale und multikulturelle Perspektive – 161
Veränderungen in Umweltkonzepten und -terminologie – 161
Mehrebenenanalyse des Tuns: Partizipation, Performanz und
Fertigkeit – 161
Betätigungsanpassung, -identität und -kompetenz – 162
Der Veränderungsprozess innerhalb von Therapie – 163

8.2 Entwicklungen im Bereich der Modell-Assessments – 163


Befunderhebungsinstrumente – 163
Beobachtungsmethoden – 163
Selbstbewertungsinstrumente – 164
Interviews – 164
Befunderhebungen mit gemischten Methoden zur
Informationssammlung – 165
Formale Strategien für Intervention und Programme – 165
Forschung – 165

8.3 Schlussfolgerung – 166

8.4 Literatur – 166


160 Kapitel 8 · Aktuelle Veränderungen im Model of Human Occupation

8.1 Entwicklungen im Bereich


der Modell-Theorie ⊡ Übersicht 8.1. Aspekte der Modell-
Aktualisierung
Das Model of Human Occupation wurde in ▬ Aktualisierung und Simplifizierung der
den 80er Jahren eingeführt (Kielhofner 1980a, b; Systemkonzepte und der -terminologie.
Kielhofner et al. 1980) und in den drei Auflagen ▬ Veränderung der Umweltkonzepte und
von »A Model of Human Occupation: Theory -terminologie.
and Application« (Kielhofner 1985, 1995, 2002) ▬ Integration von Erkenntnissen aus der
erweitert vorgestellt. Das hier vorliegende Buch Behindertenforschung.
ist vor allem eine Übersetzung der 2. Auflage. ▬ Stärkere multinationale und multikultu-
relle Betonung.
Obwohl die meisten Anteile des Modells in der
3. Ausgabe, die 2002 veröffentlicht wurde, erhal- ▬ Zusatz einer Analyse des Tuns auf mehre-
ren Ebenen.
ten blieben, gibt es dennoch einige Veränderun-
gen und Ergänzungen, die in ⊡ Übersicht 8.1 ▬ Ergänzung des Konzepts der Betätigungs-
anpassung, -identität und -kompetenz.
aufgelistet sind.
▬ Neue Konzepte bezüglich der Entste-
Dieses Kapitel soll den Leser über diese neu-
8 en Elemente informieren. Da sich das Modell im
hung von Veränderung innerhalb von
Therapie.
ständigen Veränderungsprozess befindet, reprä-
▬ Erweiterte Diskussion therapeutischer
sentieren einige der hier genannten Aspekte die
Instrumente.
aktuellsten Entwicklungen.
▬ Neue Konzepte bezogen auf therapeuti-
sche Strategien.
Aktualisierung der Systemkonzepte ▬ Überblick bzgl. der Forschung zum
und der -sprache Modell.

Obwohl die Systemkonzepte innerhalb des Model stehung von Neuem bzw. einer neuen Qualität.
of Human Occupation wichtig bleiben, wurden Hiermit ist gemeint, dass Betätigung (d. h. was
die Systemgedanken vereinfacht und fokussiert. die Person tut, denkt und diesbezüglich fühlt)
In der 3. Auflage wird nach wie vor die Bedeu- aus der Interaktionen zwischen der Volition, der
tung von Systemkonzepten zur Erklärung von Habituation, dem Performanzvermögen und den
Veränderungsprozessen betont. Ein Beispiel für Umweltbedingungen entsteht. Veränderungen
die Vereinfachung der Terminologie ist aber, dass in einem Aspekt der Person oder der Umwelt
darauf verzichtet wird, sich dezidiert auf Subsys- können Denk-, Gefühls- oder Handlungsmuster
teme zu beziehen. Stattdessen wird nun einfach neu entstehen lassen. Gemeinsam betonen diese
von Volition, Habituation und Performanzver- beiden Konzepte, dass die Funktion oder die
mögen als drei Komponenten des menschlichen Funktionsprobleme einer Person immer aus viel-
Wesens gesprochen. fältigen Interaktionsfaktoren und der von ihnen
Für die Diskussion der Systemtheorien sind ausgehenden Dynamik hervorgehen.
jetzt zwei Konzepte von zentraler Bedeutung.
Das erste ist die Heterarchie, ein Prinzip nach
dem die Teile eines jeden Systems (z. B. Teile des Aufnahme von Erkenntnissen
Körpers oder verschiedene Aspekte von Kogniti- aus der Behindertenforschung
on oder Gefühlen) situationsabhängig miteinan-
der interagieren. In engem Zusammenhang dazu Das Modell hat sich durch die Aufnahme von
steht das Konzept der Emergenz, d. h. der Ent- Erkenntnissen aus dem interdisziplinären Feld
8.1 · Entwicklungen im Bereich der Modell-Theorie
161 8

der Behindertenforschung (z. B. Albrecht 2001; Wachsende multinationale


Shapiro 1994; Oliver 1994; Longmore 1995; und multikulturelle Perspektive
Scotch 1988) verändert. Aus der Vielzahl von
Perspektiven innerhalb der Behindertenfor- In der 3. Auflage des Buches zeigt sich der
schung haben die beiden folgenden Standpunk- Einfluss von internationalen Forschern, die zu
te die aktuelle Fassung des Modells maßgeblich einem stärkeren multikulturellen Fokus des
beeinflusst: Modells beigetragen haben. MOHO hat seit der
1. Die Sicht behinderter Menschen sollte stär- ersten Veröffentlichung durch Ergotherapeu-
ker bei der Entwicklung von Therapie und ten aus der ganzen Welt viel Aufmerksamkeit
Behinderung erklärender Theorie berück- und auch Kritik erhalten. Das Modell wurde
sichtigt werden. so international weiter ausgearbeitet, angewen-
Das Modell hat stets die Wichtigkeit der det und empirisch überprüft. Die Bestrebun-
Ergänzung von Theorie und Praxis durch gen, das Modell in verschiedenen Kulturen und
die Sicht der Klienten betont. In der aktuells- unterschiedlichen nationalen Bedingungen zu
ten Modellversion wird jedoch versucht, das erproben, haben zu unbezahlbaren Anregungen
persönliche Erleben von Behinderung noch geführt, wie die theoretischen Begründungen
klarer darzustellen und das diesbezügliche und die Anwendungstechnologie des Modells
Verständnis des Lesers zu stärken. entwickelt werden sollten, um es über kulturel-
2. Die aktuelle Praxis in Medizin und Reha- le Unterschiede und nationale Grenzen hinweg
bilitation neigt noch immer dazu, Behin- anwendbar zu machen.
derung vor allem in den personalen Gren-
zen oder Einschränkungen des von einer
Behinderung betroffenen Individuums zu Veränderungen in Umweltkonzepten
suchen. und -terminologie
Viele der Probleme, mit denen Menschen
mit einer Behinderung konfrontiert werden, In der Entwicklung des Modells wird kontinu-
können jedoch eher in der Umwelt gefunden ierlich daran gearbeitet, die Sprache zu vereinfa-
werden. Dazu gehört alles von räumlichen chen, mit der Umweltaspekte des Modells erklärt
Barrieren über stigmatisierende Haltungen werden. Das Hauptkonzept ist der Umweltein-
bis hin zu offener Diskriminierung. Ein fluss (environmental impact) und dessen spe-
wachsendes Thema ist, dass Behinderung zielle Wirkung auf die Person. Zudem wird der
als Ergebnis mangelnder Umweltanpassung Einfluss der Umwelt unterschieden in Möglich-
an die Person zu sehen ist. Daraus ergibt keiten und Ressourcen, Erfordernisse und Gren-
sich selbstverständlich, dass ein Verände- zen, welche sich auf die Person auswirken.
rungsprozess Umweltanpassungen beinhal-
ten muss.
Mehrebenenanalyse des Tuns:
Entsprechend konzentriert sich die aktuells- Partizipation, Performanz und
te Modellfassung stärker auf die Funktion der Fertigkeit
Umwelt sowohl als Befähiger (enabler) als auch
als Barriere für Betätigung. Durchgängig wird Eine weitere Veränderung innerhalb des Modells
gleichermaßen auf die inneren und äußeren ist die Darstellung von drei Ebenen des Tuns:
Bedingungen der Person aufmerksam gemacht, ▬ Betätigungspartizipation,
die zur Motivation, zu Verhaltensmustern und ▬ Betätigungsperformanz,
zur Handlungsdurchführung beitragen. ▬ Fertigkeiten
162 Kapitel 8 · Aktuelle Veränderungen im Model of Human Occupation

Die erste Ebene ist die Betätigungspartizipati- Betätigungsanpassung, -identität


on. Sie bezieht sich auf die Teilnahme an Arbeit, und -kompetenz
Spiel oder Aktivitäten des täglichen Lebens, die
zum soziokulturellen Kontext gehören und die In der aktuellsten Fassung des Modells wird
für das eigene Wohlbefinden erwünscht und/ Betätigungsanpassung definiert als Aufbau ei-
oder notwendig sind. Es ist die breiteste Ebe- ner positiven Identität in Zusammenhang mit
ne auf der das Tun untersucht werden kann. dem Kompetenzgewinn über einen Zeitraum
Beispiele von Betätigungspartizipation sind die und innerhalb der eigenen Umwelt (Kielhofner
Arbeit innerhalb einer Vollzeit- oder Teilzeitstel- 2002). Diese Definition berücksichtigt, dass Be-
le, das regelmäßige Verfolgen eines Hobbys, die tätigungsanpassung über zwei eindeutige und
Haushaltsführung und die Teilnahme an einer wechselseitige Elemente verfügt:
schulischen Ausbildung. ▬ Betätigungsidentität.
Die zweite Ebene stellt die Betätigungsper- ▬ Betätigungskompetenz.
formanz dar. Sie bezieht sich auf eine spezifi-
sche Betätigungsform. Wenn z. B. jemand mit Betätigungsidentität bezieht sich auf die kom-
dem Hund spazieren geht, die Kontoauszüge plexe Wahrnehmung der eigenen Person als Be-
8 überprüft oder ein Hemd flickt, so führt er eine tätigungswesen und hiermit verbundenen Wün-
Betätigung durch. Jeder Bereich der Partizipa- schen. Diese ergeben sich aus der Geschichte der
tion setzt sich aus einer Reihe von Betätigungs- eigenen Betätigungspartizipation. Volition, Habi-
performanzen zusammen. Zum Beispiel kann tuation und die leibhaften Erfahrungen bzw. das
die Teilnahme an einer schulischen Ausbildung Erleben des eigenen Körpers (lived body) sind in
solche Betätigungsformen beinhalten wie das die Betätigungsidentität eingebettet. Das Konzept
Lesen eines Buchs, Zuhören und Mitschreiben der Betätigungsidentität reflektiert die angesam-
im Unterricht, eine Hausarbeit schreiben und melten Lebenserfahrungen, die sich dann zu ei-
Prüfungen ablegen. nem Selbstverständnis der Person ausbilden. Dies
Die dritte Analyseebene bezieht sich auf beinhaltet eine Vorstellung davon, wer man war
die Fertigkeiten. Innerhalb einer Betätigungs- und ein Gespür für die erwünschte und mögliche
performanz führen Menschen dezente, zweck- Richtung der eigenen Zukunft. Betätigungsiden-
gebundene Handlungen durch. Zum Beispiel tität ermöglicht sowohl sich zu definieren als
ist das Aufbrühen einer Tasse Kaffee in vie- auch fortlaufende Handlungen zu entwerfen.
len westlichen Ländern eine kulturell erkenn- Betätigungskompetenz ist der Grad, mit
bare Betätigungsform. Um Kaffee zu kochen, dem man ein Muster der Betätigungspartizi-
führt jemand zweckgebundene Handlungen pation aufrechterhält, welches die eigene Be-
durch wie Kaffeepulver, Kaffeemaschine und tätigungsidentität reflektiert. Während Identi-
Tasse zusammen zu stellen, diese Materialien tät mit der subjektiven Bedeutung des eigenen
und Objekte zu handhaben und die Schritte in Betätigungslebens zu tun hat, geht es bei der
der Reihenfolge durchzuführen, die notwendig Kompetenz darum, die Identität fortlaufend in
ist, um den Kaffee aufzubrühen und auszugie- Handlung zu übertragen. Kompetenz scheint
ßen. Eine Betätigungsperformanz ausmachende damit zu beginnen, wie jemand das eigene Le-
Handlungen werden also als Fertigkeiten be- ben organisiert, um die grundlegenden Ver-
zeichnet. antwortlichkeiten und persönliche Standards
wahrzunehmen. Sie umfasst die Übernahme
von Rollenverpflichtungen und das Erreichen
eines befriedigenden und interessanten Lebens
(Kielhofner u. Forsyth 2001).
8.2 · Entwicklungen im Bereich der Modell-Assessments
163 8

Beachte I I Es werden zudem Erklärungen dafür gebo-


ten, wie das Tun, Denken und Fühlen eines
Menschen entwickeln ihre Betätigungsiden-
Klienten die oben vorgestellten Veränderungen
tität und -kompetenz im Laufe der Zeit und
antreibt. In der aktuellsten Modellversion wird
indem sie auf Lebensveränderungen reagie-
eine Taxonomie von Klientenhandlungen gebo-
ren (einschließlich Krankheit und Behinde-
ten, die innerhalb von Therapie vorkommen und
rung).
die Veränderungen vorantreiben. Diese Taxono-
mie wurde entwickelt, um Therapeuten struktu-
Wie sich jemand anpasst, hängt vom fortlau- rierte Reasoning-Formen in Bezug auf das, was
fenden Prozess der Identitätsbildung ab. Diese Klienten innerhalb von Therapie tun, denken
vollzieht sich auf der Basis zugrunde liegender und fühlen, anzubieten.
Fähigkeiten und Umweltmöglichkeiten. Anpas-
sung wird daher im Leben fortlaufend umge-
setzt. 8.2 Entwicklungen im Bereich
der Modell-Assessments

Der Veränderungsprozess innerhalb Befunderhebungsinstrumente


von Therapie
Die 3. Auflage des Buches beschreibt 19 Befun-
Die aktuellste Version des Modells bietet eine derhebungsinstrumente (einschließlich gründ-
detaillierte Erklärung des Veränderungspro- licher empirischer Validierung), die innerhalb
zesses, welcher sich innerhalb einer Therapie des Modells entwickelt wurden. Diese und ein
ergibt. Es wird betont, dass nur Klienten selbst weiteres Assessment werden kurz im Folgenden
die eigene Veränderung erreichen können. Die erwähnt.
Veränderungen von Volition, Habituation und
Performanzvermögen sind konzeptionalisiert
als eine Funktion der Betätigungseinbindung Beobachtungsmethoden
des Klienten (z. B. kann die Performanz des
Klienten als Funktion von einer oder mehreren Das Assessment der Kommunikations- und
Betätigungsformen und die Therapie begleiten- Interaktionsfertigkeiten (Assessment of Com-
den Gedanken und Gefühle verstanden wer- munication and Interaction Skills, ACIS) (For-
den). Das Konzept der Betätigungseinbindung syth et al. 1998) ist ein Beobachtungsinstrument.
unterstreicht zwei Punkte (⊡ Übersicht 8.2). Es bewertet die Fertigkeiten eines Individuums
im sozialen Austausch innerhalb täglicher Betä-
tigungen.
Das Assessment der motorischen und pro-
⊡ Übersicht 8.2. Aspekte der Betätigungs- zesshaften Fertigkeiten (Assessment of Motor
einbindung des Klienten in der Therapie and Process Skills, AMPS) (Fisher 1999), eine
▬ Damit das Tun therapeutisch ist, muss es strukturierte Beobachtungsauswertung, misst
eine echte Betätigungsform beinhalten, motorische und prozesshafte Fertigkeiten, wel-
keine künstliche Aktivität che innerhalb täglicher Aufgaben demonstriert
▬ Damit der Klient durch das Tun eine Ver- werden (d. h. persönliche und häusliche Aktivi-
änderung erreicht, muss die Handlung täten des täglichen Lebens).
für ihn relevant und bedeutungsvoll sein Der Fragebogen zur Volition (Volitional
Questionnaire, VQ) (de las Heraset al. 2002) ist
164 Kapitel 8 · Aktuelle Veränderungen im Model of Human Occupation

ein Beobachtungsinstrument, das Informationen Klienten aufgefordert anzugeben, wie wichtig


über die Volition des Klienten und den Einfluss ihnen diese 10 Rollen jeweils sind.
der Umwelt auf die Volition erfasst. Das Occupational Self Assessment (OSA)
Der Pädiatrische Volitionsfragebogen (Ped- (Baronet al. 2002) ist ein zweiteiliges Bewer-
iatric Volitional Questionnaire, PVQ) (Geist et tungsformular. Teil eins beinhaltet eine Reihe
al. 2002) ist im Format ähnlich wie der Voliti- von Aussagen zur eigenen Betätigungsfunktion,
onsfragebogen, aber dient der Arbeit mit Kin- welche der Klient beantwortet, indem er jeden
dern im Alter von 2 bis 6 Jahren. Bereich als Stärke, angemessene Funktionswei-
se oder Schwäche identifiziert. Der Klient gibt
dann zu jeder dieser Aussagen den Wert an, den
Selbstbewertungsinstrumente er diesem Item beimisst. Im zweiten Teil gibt es
eine Reihe von Aussagen zur Umwelt, die ähn-
Die modifizierte Interessen-Checkliste (Interest lich bearbeitet werden.
Checklist, IC) (Kielhofner u. Neville, 1983) ist Das Children Occupational Self Assessment
ein Selbstbewertungsformblatt, welches die Kli- (COSA) (Frederico u. Kielhofner 2002) ist dem
enten auffordert, vergangene und aktuelle Inte- OSA ähnlich, aber in Inhalt und Form besser für
8 ressen und den Grad der Anziehung gegenüber jüngere Klienten geeignet.
diesen Aktivitäten auszudrücken. Das Pädiatrische Interessens Profil (Pedia-
Die NIH-Aktivitäten-Aufzeichnung (NIH tric Interest Profile, PIP) (Henry 2000) umfasst
Activity Record, ACTRE) (Furstet al. 1987; Ger- altersgebundene Profile der Spiel- und Freizeitin-
ber u. Furst 1992) ist ein 24-stündiges Aktivitä- teressen. Diese drei Profile (Das Kid Play Profile
tenprotokoll, das Details bezüglich des Einflusses für 6 bis 9 Jahre, das Preteen Play Profile für 9
von Symptomen auf die Aufgabenperformanz, bis 12 Jahre und das Adolescent Leisure Interest
der individuellen Wahrnehmung von Interessen Profile für 12 bis 21 Jahre) wurden entwickelt,
und der Wichtigkeit täglicher Aktivitäten und um den Therapeuten dabei zu unterstützen,
täglicher Gewohnheitsmuster bietet. Kinder mit spielbezogenen Problemen zu iden-
Der Betätigungsfragebogen (Occupational tifizieren. Es kann zudem bei der Identifikation
Questionnaire, OQ) (Smithet al. 1986) ist ein und Integration spezifischer Spielinteressen in
Stift und Papier Selbstbeurteilungsinstrument, die therapeutische Intervention hilfreich sein.
welches den Klienten auffordert, die Aktivitä-
ten zu benennen, die er halbstündig an einem
typischen Wochentag und Wochenendtag Interviews
durchführt. Im Anschluss an die Auflistung der
Aktivitäten indiziert der Klient, ob es sich bei Das Occupational Performance History Inter-
der Aktivität um die Bereiche Arbeit, Selbst- view – 2 (OPHI-II) – (Kielhofner et al. 1997)
versorgung, Freizeit oder Entspannung handelt. sammelt Informationen über die vergangene und
Dann bewertet er, wie gut er die Aktivitäten gegenwärtige Betätigungsperformanz des Klien-
beherrscht, wie wichtig sie ihm sind und wie ten.
sehr er sie genießt. Das Occupational Circumstances Interview
Die Rollen-Checkliste (Role Checklist, RC) and Rating Scale (OCAIRS) (Haglund et al.
(Oakley et al. 1985) ist ein Selbstbeurteilungs- 2001) ein kürzeres Interview als das OPHI-II,
instrument, durch das Klienten zunächst ange- bezieht sich auf die individuelle Betätigungspar-
ben, welche von 10 Rollen sie in der Vergangen- tizipation. Nach der Durchführung des semi-
heit und Gegenwart ausfüllen und welche sie in strukturierten Interviews füllt der Therapeut
Zukunft einnehmen möchten. Dann werden die eine Bewertungsskala mit 11 Items aus, welche
8.2 · Entwicklungen im Bereich der Modell-Assessments
165 8

sich auf Volition, Habituation, Fertigkeiten und Wenngleich es nicht in der 3. Auflage des
Bereitschaft zur Veränderung beziehen. Buches vorgestellt wird, so gibt es seit neuestem
Das Interview zur Rolle des Arbeitenden auch eine pädiatrische Version dieses Instru-
(Worker Role Interview, WRI) (Velozo et al. 1998) ments, das als Short Child Occuaptional Profile
ist ein semistrukturiertes Interview, das Informa- (SCOPE) bezeichnet wird.
tionen zu den psychosozialen und umweltbe- Das Occupational Therapy Psychosocial
zogenen Faktoren gibt, welche den Erfolg am Assessment of Learning (OT PAL) (Townsend
Arbeitsplatz beeinflussen. et al. 2001) ist ein Beobachtungsinstrument. Es
Der Fragebogen zum Einfluss der Arbeits- dient zur Sammlung von Beobachtungsdaten
umgebung auf den Stelleninhaber (Work Envi- und bietet kurze Interviews mit dem Schüler,
ronment Inventory Scale, WEIS) (Moore-Corner dem Lehrer und einem Elternteil. Die Bewer-
et al. 1998) ist ein semistrukturiertes Interview, tungsskala umfasst 21 Items, welche die wich-
das dazu dient, Informationen über den Einfluss tigsten Bereiche in Bezug auf das Treffen von
der Arbeitsumgebung auf die Betätigungsperfor- Wahlen, Gewohnheiten/Routinen und Rollen
manz, die Zufriedenheit und das Wohlbefinden adressieren. Das OT PAL ermöglicht es dem
zu sammeln. Nach dem Interview vervollstän- Ergotherapeuten die Effektivität der Passung
digt der Therapeut eine Skala mit 17 Items, die zwischen Schüler und Klassenumfeld und die
Umweltfaktoren widerspiegeln wie z. B. räumli- Wirkung dieser Passung auf die Performanz des
che Bedingungen, soziale Kontakte und Unter- Schülers innerhalb der Klasse zu bestimmen.
stützung, zeitliche Anforderungen, genutzte Ob-
jekte, und tägliche Arbeitsfunktionen. Beachte I I
Das School Setting Interview (SSI) (Hoff- Informationen zu all diesen Instrumenten fin-
man et al. 2000) ist ein semistrukturiertes Inter- den Sie auf der neuen Website: moho.uic.edu
view, welches dazu dient, die Bedürfnisse von
Schülern mit Behinderungen in der Schule zu
identifizieren.
Formale Strategien für Intervention
und Programme
Befunderhebungen mit gemischten
Methoden zur Informationssammlung In der aktuellsten Modellfassung wird auf die
Darstellung spezifischer Anwendungsstrategien
Das Assessment of Occupational Functioning besonders Wert gelegt. Die 3. Auflage des Buches
(AOF) (Watts et al. 1999) ist ein halbstruktu- bietet detaillierte Informationen bezüglich des
riertes Interview oder ein Selbstbeurteilungs- Anwendungsprozesses dieses Modells. Zusätzlich
bogen. Es identifiziert Stärken und Grenzen sind detaillierte Handbücher entwickelt worden,
bezüglich Selbstbild, Werte, Rollen, Gewohn- welche die Modellanwendung demonstrieren (de
heiten und Fertigkeiten. Der Ergotherapeut füllt las Heras et al. 2003; Olson 1998; Braveman 2001).
anschließend die Bewertungsskala aus, zu der Eine weitere Ressource für die Anwendung sind
20 Items gehören, welche diese Konzepte wider- die vielfältigen Fallbeispiele, die in der Literatur
spiegeln. gefunden werden können. Die zweite Hälfte der
Das Model of Human Occupation Screening 3. Auflage beinhaltet 13 Kapitel Umsetzungsbei-
Tool (MOHOST) (Parkinson u. Forsyth 2001) ist spielen zum Modell mit unterschiedlichen Kli-
ein breit angelegtes Instrument zur Erstbefun- enten in einer Bandbreite von Settings. Viele
derhebung, das einen effizienten Überblick zu Fallbeispiele können zudem in veröffentlichten
den meisten Konzepten des Modells bietet. Artikeln gefunden werden.
166 Kapitel 8 · Aktuelle Veränderungen im Model of Human Occupation

Forschung Braveman B. (2001) Development of a community-based


return to work program for people living with AIDS.
Occupational Therapy in Health Care 13 (3–4):113–
Die 3. Auflage des Buches stellt mehr als 80
131
veröffentlichte Studien zum Modell vor. Diese Brollier C, Watts JH, Bauer D, Schmidt W (1989) A concur-
Studien beinhalten gleichermaßen Grundlagen- rent validity study of two occupational therapy evalu-
forschung, um die Theorie zu überprüfen wie ation instruments: The AOF and OCAIRS. Occupational
auch angewandte Forschung, welche den prak- Therapy in Mental Health 8(4):49–59
Keller J, Kafkes A., Federico J., Kielhofner G (2002) The Child
tischen Einsatz untersucht. Mit der Zeit wächst
Occupational Self Assessment (COSA) Chicago: Model
die Forschung zu dem Modell sowohl in Bezug of Human Occupation Clearinghouse, Department of
auf Menge, als auch bezüglich Qualität und Wis- Occupational Therapy, College of Applied Health Sci-
senschaftlichkeit. Seit der Veröffentlichung der ences, University of Illinois at Chicago
3. Auflage hat sich die Zahl der veröffentlichten Fisher AG (1999) The assessment of motor process skills
Studien auf über 100 erhöht. (AMPS) (3rd ed.). Three Stars Press, Ft. Collins, CO
Forsyth K, Salamy M, Simon S, Kielhofner G (1998) The
Assessment of Communication and Interaction Skills
(ACIS), (Version 4.0). Chicago: Department of Occupa-
8.3 Schlussfolgerung tional Therapy, University of Illinois at Chicago
8 Haglund L, Henriksson C, Crisp M, Freidheim L, Kielhof-
Dieses Kapitel hat kurz einige der wichtigsten ner G (2001) The Occupational Circumstances Assess-
ment-Interview and Rating Scale (OCAIRS) (Version
Veränderungen innerhalb des Model of Human
2.0). Chicago: Model of Human Occupation Clearing-
Occupation seit der Veröffentlichung der 2. Auf- house, Department of Occupational Therapy, College
lage des Buches, auf dem die vorliegende Ausga- of Applied Health Sciences, University of Illinois at
be basiert, vorgestellt. Die Kernphilosophie und Chicago
die Konzepte des Model of Human Occupation Henry AD (2000) The Pediatric Interest Profiles: Surveys of
sind stets gleich geblieben. Dieses Modell betont play for children and adolescents. Therapy Skill Buil-
ders, San Antonio, TX
die Wichtigkeit klientenzentrierter Praxis unter
de las Heras CG, Geist R, Kielhofner G, Li Y (2002) The Voliti-
Berücksichtigung von Volition, Habituation, onal Questionnaire (VQ) (Version 4.0). Chicago: Model
Performanzvermögen und Umweltbedingungen of Human Occupation Clearinghouse, Department of
des Klienten. Occupational Therapy, College of Applied Health Sci-
Das Modell wird weiter verfeinert und ent- ences, University of Illinois at Chicago
de las Heras CG, Llerena V, Kielhofner G (2003) The remoti-
wickelt. Die aktuelle Betonung liegt auf der
vation process: Progressive intervention for individuals
Verbesserung der Umsetzbarkeit in die Pra- with severe volitional challenges (Version 1.0). Chicago:
xis. Die Mehrheit der Neuentwicklungen des Model of Human Occupation Clearinghouse, Depart-
Modells basieren auf den gemeinschaftlichen ment of Occupational Therapy, College of Applied
Bemühungen zwischen ergotherapeutischen Health Sciences, University of Illinois at Chicago
Praktikern und Personen, die das Modell erfor- Hoffman OR, Hemmingsson H, Kielhofner G (2000) A user’s
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9

Befunderhebung und Dokumentation


in Einrichtungen der Suchthilfe
– Projektskizze zur Umsetzung des Model
of Human Occupation in Deutschland
Christiane Mentrup

9.1 Projekthintergrund – 170

9.2 Bedingungsgefüge des Projektes – 170

9.3 Projektplanung – 171


Projektstufe 1: Identifizieren angemessener Befunderhebungs-
instrumente und Entwurf für ein Dokumentationssystem – 171
Projektstufe 2: Mitarbeiterschulung – 172

9.4 Projektdurchführung – 175

9.5 Projektfeedback und -perspektive – 176

9.6 Literatur – 177


170 Kapitel 9 · Befunderhebung und Dokumentation in Einrichtungen der Suchthilfe

9.1 Projekthintergrund Dokumentation leisten, ohne darauf innerhalb


seiner Ausbildung (und ggf. nur bedingt in Fort-
Die (Wieder-)Aufnahme einer Erwerbstätigkeit bildungen) vorbereitet worden zu sein.
ist ein Kriterium einer erfolgreichen Rehabi- Der Bundesverband stationärer Suchtkran-
litationsmaßnahme für erwachsene Klienten kenhilfe e.V. (BUSS), ein Zusammenschluss von
(Reker 1998). Einerseits wird die Zielvorgabe über 100 bundesweiten Einrichtungen zur Be-
der Eingliederung ins Erwerbsleben in Zeiten handlung von suchtkranken Menschen, setzt sich
steigender Arbeitslosigkeit, struktureller Ver- seit den frühen 90er Jahren mit der Forderung
änderungen und wachsender Anforderungen nach »klaren arbeitstherapeutischen Konzep-
auf dem Arbeitsmarkt immer problematischer. ten im Umgang mit Suchtkranken« (Heidegger
Andererseits wird sie aufgrund schwindender 2002) auseinander. Dies schließt gleichermaßen
finanzieller Ressourcen für die medizinische und die Berücksichtigung individueller Klientenfak-
berufliche Rehabilitation zunehmend von Kos- toren wie auch gesellschaftlicher Aspekte mit
tenträgern als Zielgröße eingefordert (Marotzki ein. Darüber hinaus müssen die komplexen in-
2004). Dies erhöht den Druck auf therapeutische dividuellen Unterstützungsprozesse arbeitsthe-
Einrichtungen zur Suchthilfe frühzeitig, effizient rapeutischer Maßnahmen für die Kostenträger
und transparent entsprechende Maßnahmen in und alle am Geschehen Beteiligten transparent
der Therapie suchtkranker Klienten einzuleiten. gemacht und in Prozess und Ergebnis nachvoll-
9 Basierend auf einer historischen Entwicklung, ziehbar dokumentiert werden (Marotzki 2004).
die noch heute ihre Auswirkungen zeigt, haben Diese vielschichtigen Forderungen führten zur
die Arbeitstherapien in diesen Einrichtungen Etablierung des »BUSS Projektes zur arbeitsthe-
in der Regel einen doppelten Auftrag zu erfül- rapeutischen Befunderhebung und Dokumen-
len. Wo einerseits die Vorbereitung der Klien- tation«. Auf konzeptionelle ergotherapeutische
ten auf den Arbeitsplatz gefordert ist, geht es Modelle aufmerksam geworden, trat der BUSS-
andererseits auch um die Durchführung von Vorstand an die Autorin mit dem Auftrag heran,
institutionsinternen Versorgungsaufgaben wie ein komplettes System zur Befunderhebung und
der Verpflegung von Klienten und Personal Dokumentation für arbeitstherapeutische Ab-
oder der Aufrechterhaltung von Gebäuden und teilungen in Suchtkliniken zu entwickeln. Die
Außenanlagen. theoretischen Grundlagen des Model of Human
Das heterogene arbeitstherapeutische Team Occupation und eine Reihe der MOHO basier-
besteht nicht nur aus Ergotherapeuten, Arbeitspä- ten Assessments wurden Mitgliedern des BUSS-
dagogen, Sozialarbeitern und Mitgliedern ver- Vorstandes in einer ersten gemeinsamen Sitzung
wandter Gesundheitsberufe, sondern zudem aus vorgestellt und mit ihnen diskutiert. Das Projekt
Berufsexperten u. a. aus den Bereichen Hand- dauert gegenwärtig noch an.
werk, Hauswirtschaft, Garten- und Landschafts-
pflege. So verfolgt dann beispielsweise der in
der Einrichtung tätige Koch den Auftrag, mit 9.2 Bedingungsgefüge des Projektes
seinem Küchenteam drei Mahlzeiten pro Tag
für Klienten und Institutionsmitarbeiter anzu- In der konzeptionellen Entwicklung des Projek-
bieten. Zu den Mitgliedern dieses Teams gehört tes wurde Wert darauf gelegt, bereits bestehende
in der Regel nicht nur institutionsinternes Per- (oder sich abzeichnende) individuelle, institu-
sonal, sondern auch Klienten aus der Einrich- tionelle und gesellschaftliche Strukturen und
tung. Entsprechend ist der Koch maßgeblich Prozesse zu berücksichtigen, die sowohl für den
in der arbeitstherapeutischen Rolle aktiv und arbeitstherapeutischen Prozess als auch für die
soll Beiträge im Bereich Befunderhebung und diesen begleitende Dokumentation von Bedeu-
9.3 · Projektplanung
171 9

tung sind. Hierzu war es notwendig, sich in der gen bundesweit zu erzielen. Dabei sollte über den
Planungsphase ein umfassendes Bild über die institutionellen Rahmen der Bundesvereinigung
Aufgabenstellungen und die institutionelle Ein- hinausgehend auch eine Kompatibilität mit be-
bettung der arbeitstherapeutischen Abläufe zu reits bestehenden disziplinären und interdiszip-
machen. Einige dieser Faktoren wurden bereits linären Terminologien wie der Internationalen
oben genannt, weitere werden im Folgenden Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinde-
dargestellt. rung und Gesundheit (ICF) der Weltgesund-
Auf der individuellen Ebene zählen dazu die heitsorganisation (WHO) gewährleistet werden.
persönlichen Voraussetzungen und Bedürfnisse Das Ziel dieser Klassifikation ist bekannterma-
des Klienten und dessen Betätigungsanforde- ßen, komplexe gesundheitsbezogene Zusam-
rungen und -möglichkeiten in den Bereichen menhänge für alle professionell Beteiligten nach-
Arbeit, Freizeit und Selbstversorgung, die sich in vollziehbar zu beschreiben und so gemeinsame
seiner Lebensumwelt ergeben. Zielfindungs- und Interventionsprozesse zu un-
In Bezug auf die institutionelle Ebene gilt es terstützen (Schuntermann, 2003). Dazu werden
u. a. folgende Faktoren zu erfassen: die Faktoren Körperstrukturen und -funktionen,
▬ die Art der Klinik, Aktivitäten und Partizipation und die Kontext-
▬ die Einbindung der Arbeitstherapie inner- faktoren eines Menschen berücksichtigt.
halb der Gesamtinstitution, Auf gesellschaftlicher Ebene müssen u. a.
▬ die arbeitstherapeutischen Strukturen und folgende Faktoren berücksichtigt werden:
Prozesse. ▬ Arbeitsmarktsituation,
Neben den räumlichen und personellen Be- ▬ arbeitsfördernde Maßnahmen,
dingungen zählen dazu auch: ▬ soziale Absicherungsbedingungen,
▬ die Philosophie der Einrichtung, ▬ rechtliche Aspekte.
▬ die Therapiekonzepte und -methoden,
▬ die Betätigungsangebote und die Kooperati-
onen mit externen Partnern (wie z. B. exter- 9.3 Projektplanung
ne Praktikumsstellen zur Belastungs- und
Arbeitserprobung der Klienten). Die Projektplanung bestand in der ersten Stu-
fe aus dem Identifizieren angemessener Befun-
Wichtig ist es zudem, die Kompatibilität eines derhebungsinstrumente und dem Entwurf eines
neuen Systems zur Befunderhebung und Doku- Dokumentationssystems. In der zweiten Stufe
mentation mit bereits bewährten und durch war der Fokus die Planung eines aufeinander
Einrichtungen und Kostenträger anerkannte aufbauenden Modulsystems zur Schulung der
Methoden der Datenerhebung und -interpreta- Mitarbeiter. Diese Stufen lassen sich allerdings
tion sicherzustellen. zeitlich nicht streng voneinander trennen, son-
Im beruflich heterogen zusammengesetzten dern verliefen zum Teil parallel.
Feld der Arbeitstherapie in Suchthilfeeinrich-
tungen existiert bisher nur im Ansatz eine syste-
matische Erfassung therapeutischer Leistungen Projektstufe 1: Identifizieren
als Teil der Klientendokumentation und Qua- angemessener Befunderhebungs-
litätssicherung. Folgerichtig geht es im Sinne instrumente und Entwurf für ein
aller Projektbeteiligten darum, mittelfristig eine Dokumentationssystem
Vereinheitlichung im Sprachgebrauch und in der
Dokumentationsform innerhalb nicht nur einer, Aus der Vielzahl von mittlerweile 20 verschie-
sondern aller arbeitstherapeutischen Abteilun- denen MOHO-Assessments wurden die zehn
172 Kapitel 9 · Befunderhebung und Dokumentation in Einrichtungen der Suchthilfe

Instrumente ausgewählt, welche in Bezug auf die den weitere Dokumente erstellt, die als ein kom-
Institutionen, das Klientel und deren spezifische plettes System eine Dokumentation arbeitsthe-
Betätigungsdysfunktionen relevant erschienen. rapeutischer Leistungen und Ergebnisse von
Dabei stand der Bereich Produktivität der Kli- der Verordnung bis zur Entlassung abdecken
enten im Vordergrund. Gleichzeitig herrschte (⊡ Abb. 9.1). Aktuelle Anforderungen der Kos-
auch ein Bewusstsein, dass sich Betätigungs- tenträgerseite und Aspekte des Qualitätsma-
einschränkungen in den Bereichen Freizeit und nagements fanden Berücksichtigung.
Selbstversorgung negativ auf die Arbeitsfunk- Das Dokumentationssystem setzt sich aus
tionen von suchtkranken Menschen auswirken acht Vorlagen zusammen:
können. Zudem hat das Thema Freizeit heut- ▬ Verordnungsbogen.
zutage angesichts der zunehmenden Zahl an ▬ Protokoll Abklärungsgespräch/Therapiever-
Teilzeitarbeitenden und Teilrentnern auch im einbarung.
Bereich Arbeitstherapie eine neue Dimension ▬ Deckblatt arbeitstherapeutische Befunderhe-
gewonnen. Diese Überlegungen führten zur bung.
Berücksichtigung von nichtbezahlten Tätigkei- ▬ Berufs- und Arbeitsanamnese.
ten wie Ehrenamt oder Hobbybetätigungen. Zu ▬ Ergänzung zur Berufs- und Arbeitsanam-
den identifizierten Instrumenten gehörten glei- nese.
chermaßen Assessments zur Selbst- (Interviews ▬ Arbeitstherapeutischer Erstbefund.
9 und Checklisten) wie zur Fremdbewertung ▬ Arbeitstherapeutischer Verlaufsbefund.
(Beobachtungsbögen). ▬ Arbeitstherapeutischer Abschlussbefund.

Instrumente zur Selbstbewertung


Interviews Projektstufe 2: Mitarbeiterschulung
▬ Occupational Performance History Inter-
view – 2 (OPHI-II). Es wurde ein Schulungskonzept, bestehend
▬ Worker Role Interview (WRI). aus einer Serie von aufeinander aufbauen-
▬ Work Environment Inventory Scale (WEIS). den Modulen, entwickelt, um die Mitarbeiter
in den arbeitstherapeutischen Abteilungen in
Checklisten das Model of Human Occupation einzuführen
▬ Interest Checklist (IC). und dessen Konzepte und Befunderhebungsin-
▬ Occupational Questionnaire (OQ). strumente sukzessive zu implementieren. Diese
▬ Occupational Self Assessment (OSA). Module werden im Folgenden vorgestellt.
▬ Role Checklist (RC). Die partizipierenden Institutionen werden
aufgefordert, mit dem gesamten, heterogenen,
Instrumente zur Fremdbewertung arbeitstherapeutischen Team an dem Projekt
Beobachtungsbögen teilzunehmen, in der Absicht, eine Bandbreite
▬ Assessment of Communication and Interac- an Berufsgruppen aus dem Gesundheitssektor
tion Skills (ACIS). (inkl. leitende Mediziner) und Berufsexperten
▬ Model of Human Occupation Screening Tool zu beteiligen und somit die Akzeptanz und Iden-
(MOHOST). tifikation bezogen auf das Projekt innerhalb des
▬ Volitional Questionnaire (VQ). Teams und der Institution zu stärken.

Dokumentationsvorlagen 1. Grundlagenmodul
Basierend auf den MOHO-Instrumenten und In einem ersten zweitägigen Grundlagenmo-
der zugehörigen Ergebnisdokumentation wur- dul werden den Mitarbeitern der Kliniken die
9.3 · Projektplanung
173 9

⊡ Abb. 9.1. Dokumentationsvorlagen

theoretischen Grundzüge und die projektrele- liche Strukturen von Institution und Abteilung
vanten Befunderhebungsinstrumente des Model darzustellen, während die individuellen Mitar-
of Human Occupation vorgestellt (⊡ Abb. 9.2). beiter aufgefordert sind, einzelne Therapieange-
Dazu gehören die oben genannten Selbst- wie bote zu beschreiben.
Fremdbewertungsinstrumente.
Eine Erprobungs- und Entscheidungsphase 2. Grundlagenmodul
in den Einrichtungen schließt sich an. Falls sich Im folgenden zweitägigen Grundlagenmodul
das Team für die Weiterführung des Projek- zum Thema »Arbeitstherapeutisches Konzept«,
tes entschließt, erhalten die Teilnehmer in der ca. 6 Monate nach der vorherigen Veranstaltung,
nachfolgenden Erhebungsphase Fragebögen, die werden die Kursteilnehmer in den multidiszip-
von zwei Studentinnen der Fachhochschule Hil- linären Klinikteams dazu aufgefordert, sich mit
desheim erstellt wurden, um die Strukturen und dem Ist- und Soll-Zustand in der Abteilung aus-
Prozesse in den jeweiligen arbeitstherapeuti- einander zu setzen. Dazu wird die von den Pro-
schen Abteilungen zu erfassen. Die Aufgabe der jektleiterinnen entwickelte schriftliche Analyse
arbeitstherapeutischen Leitung ist es, grundsätz- der per Fragebogen erhobenen Daten genutzt
174 Kapitel 9 · Befunderhebung und Dokumentation in Einrichtungen der Suchthilfe

und darauf aufbauend eine idealisierte Form der ▬ fortlaufende arbeitstherapeutische Befunder-
Abteilungsstrukturen und -prozesse in Abstim- hebung,
mung mit den institutionellen und individuellen ▬ Therapieplanung,
Bedingungen entwickelt. Dabei wird der thera- ▬ arbeitstherapeutische Interventionen und
peutische Prozess in folgende Prozessschritte ▬ Beendigung der Arbeitstherapie
gegliedert:
▬ Überweisung, Innerhalb dieser Prozessschritte werden wieder-
▬ arbeitstherapeutisches Abklärungsgespräch, um die jeweiligen Inhalte, Ziele, erwünschten
▬ Integration in Handlungsfelder, Ergebnisse, personellen Ressourcen, die mög-

⊡ Abb. 9.2. Projektmodule


9.4 · Projektdurchführung
175 9

lichen Befunderhebungsinstrumente und die eines Klientenbeispiels erprobt. Dies schließt den
Dokumentationsform benannt (⊡ Abb. 9.3). Umgang mit MOHO basierten Textbausteinen
Ausgestattet mit diesen, in der Veranstaltung für die Formulierung von Betätigungsdyfunkti-
am Computer selbst erstellten Materialien und on und -funktion (bzw. Betätigungsziele) ein.
weiteren Unterlagen zu relevanten Aspekten der
Konzeptentwicklung gehen die Teams zurück Aufbau- und Ergänzungsmodule
in ihre Einrichtungen, um in der anschließen- Zusätzlich zur Teilnahme an den angebotenen
den halbjährigen Implementierungsphase die Grundlagenmodulen besteht die Möglichkeit,
Umsetzung der im Seminar gewonnenen Ziel- nach Bedarf weitere Aufbau- und Ergänzungs-
vorstellungen zu initiieren, in der täglichen Pra- module für das eigene Klinikteam zu buchen,
xis auf Brauchbarkeit zu überprüfen und in das um individuelle Vertiefungen des Themas in
Gesamtkonzept der Institution einzubinden. Abstimmung mit den institutionellen Bedürfnis-
sen zu ermöglichen.
3. Grundlagenmodul
Das dritte zweitägige Grundlagenmodul ver-
folgt den Zweck, anhand eines realen Klienten- 9.4 Projektdurchführung
beispiels exemplarisch die bisher entwickelten
Abläufe in der Einrichtung durchzuspielen und Begleitet durch den Beirat des Bundesverbandes
gegebenenfalls zu modifizieren. Dafür wird ein stationärer Suchtkrankenhilfe, der sich u. a. aus
auf Video mitgeschnittenes Klienteninterview Vertretern von Suchthilfeeinrichtungen und der
vorgestellt, von den Teilnehmern ausgewertet Kostenträgerseite zusammensetzte, wurde das
und Therapieziele und -interventionen werden hier beschriebene Projekt von zwei Osnabrü-
im Rahmen der eigenen Einrichtung geplant. cker Ergotherapeutinnen, Christiane Mentrup
Durch den intensiven Erfahrungsaustausch und Petra Köser, entwickelt und durchgeführt.
mit den anderen teilnehmenden Teams wer- Die Phase der Konzeptentwicklung verlief par-
den neue Denkansätze gewonnen und der Blick allel mit der Pilotphase der Schulung von Mit-
über den Horizont der eigenen Institution wird arbeitern in sieben klinischen Einrichtungen im
geschärft. Bereich Suchthilfe in Norddeutschland.
Die darauf folgende Anwendungsphase inner- Die Entscheidung zur parallelen konzeptio-
halb der Institution ermöglicht eine vertiefende nellen Planung und Mitarbeiterschulung wurde
Auseinandersetzung in der täglichen Arbeit mit gefällt, um den gegenseitigen Austausch zwi-
den Grundlagen dieses Projektes. schen theoretischer Entwicklung und praktischer
Umsetzung zu gewährleisten. Auf diesem Wege
4. Grundlagenmodul sollten die theoretischen Konzepte sogleich in
Innerhalb eines vierten, eintägigen Grundlagen- der praktischen Arbeit überprüft werden, um
moduls werden den Teams die Dokumentations- die Realitätsnähe zu den teilnehmenden Institu-
vorlagen vorgestellt und diese wiederum anhand tionen zu schaffen.

⊡ Abb. 9.3. Arbeitstherapeutischer Prozess


176 Kapitel 9 · Befunderhebung und Dokumentation in Einrichtungen der Suchthilfe

9.5 Projektfeedback mit dem BUSS-Beirat und den Institutionsteams


und -perspektive zur Erstellung einer Reihe von Standards unter
Beibehaltung eines größtmöglichen Grades an
Innerhalb der zunächst durchgeführten Pilot- Flexibilität. In den Einrichtungen bereits existie-
phase mit den norddeutschen Kliniken war rende und von Kostenträgern anerkannte Befun-
es das Ziel, das oben beschriebene komplexe derhebungs- und Dokumentationssysteme (wie
Bedingungsgefüge und die zum Teil sehr unter- MELBA) wurden auf Kompatibilität überprüft
schiedlichen Voraussetzungen bzgl. Institutio- und ggf. in das System integriert.
nen (stationäre versus ambulante Einrichtungen, Es stellte sich heraus, dass die arbeitstherapeu-
Größe, Ausstattung, Personal, Konzepte etc.) tischen Teams beim Einstieg in das Projekt in der
und Klienten (Alter, Geschlecht, Suchtmittel, konzeptionellen Entwicklung ihrer Abteilungen
Arbeitssituation etc.) bei der Entwicklung eines unterschiedlich weit fortgeschritten waren. Wäh-
Systems zur Befunderhebung und Dokumenta- rend es für einige Abteilungen eine erste Ausein-
tion zu berücksichtigen. Gleichzeitig sollte ein andersetzung mit dem Thema systematische und
regionales Netzwerk von Einrichtungen geför- einheitliche Befunderhebung und Dokumentati-
dert werden, um eine langfristige, informelle on bedeutete, hatten andere bereits umfangreiche
Zusammenarbeit zwischen den arbeitstherapeu- Systeme entwickelt. Die differenzierte Erarbei-
tischen Abteilungen anzubahnen. tung eines idealen arbeitstherapeutischen Pro-
9 Das Feedback der Mitarbeiter aus den sieben zesses in der eigenen Institution wurde aber von
Kliniken wurde konsequent evaluiert und in allen Teams als gute Möglichkeit erachtet, die ei-
der weiteren Projektplanung und -durchführung genen Vorgehensweisen transparent darzustellen.
berücksichtigt. Die modellgestützte Fachsprache stieß wäh-
Die Komplexität des Vorhabens hat sich den rend der Mitarbeiterschulungen zunächst auf
beiden Projektleiterinnen im Prozess zuneh- Skepsis, fand im Verlauf des Pilotprojektes aber
mend erschlossen. Ein ständiges Aushandeln einen relativ hohen Grad an Akzeptanz im mul-
zwischen Theorie und Praxis, gesellschaftlichen tidisziplinären Team.
und institutionellen Vorgaben, geforderten Qua- Die Möglichkeit als erweitertes arbeitsthe-
litätsstandards und individuellen Kapazitäten, rapeutisches Team in Räumen außerhalb der
gewohntem und neuem Vokabular, standardi- Einrichtung konsequent und unter Anleitung an
sierten und individualisierten Abläufen nahmen eigenen Konzepten zu feilen, wurde begrüßt und
viel Diskussionsraum mit allen Beteiligten in führte zu einem erhöhten Grad an Transparenz
Anspruch und zeigten gleichzeitig komplexe zwischen den verschiedenen Berufsangehörigen
Zusammenhänge auf. und der jeweiligen therapeutischen und/oder
Zu den zentralsten Erwägungen innerhalb ärztlichen Leitung.
des Projektes gehörte die Auseinandersetzung Momente, in denen innerhalb der Teams
mit der Frage nach dem Grad der Notwen- Erkenntnisse gewonnen, sich Barrieren ergaben,
digkeit einer Standardisierung von Strukturen Entwicklung stattfand und sich Stagnation zeigte,
und Prozessen bezogen auf Befunderhebung wurden während des mehr als zweijährigen Pro-
und Dokumentation. Einerseits galt es, den For- zesses von allen Teams immer wieder beschrie-
derungen der Gesetzesgeber und der Kosten- ben. Die regelmäßigen Mitarbeiterschulungen
träger nach Standardisierung nachzukommen, und der damit verbundene Austausch mit ande-
aber gleichzeitig auch den individuellen Kon- ren Einrichtungen wurde rückblickend als für
textbedingungen der Kliniken und arbeitsthe- den Prozess essentiell erachtet.
rapeutischen Abteilungen gerecht zu werden. Nach Abschluss der Pilotphase über einen
Dieses Bedingungsgefüge führte in Absprache Zeitraum von mehr als zwei Jahren empfiehlt
9.6 · Literatur
177 9

der BUSS-Beirat die Ausweitung des Projek-


tes auf andere Regionen Deutschlands mit dem
langfristigen Ziel eines bundesweiten Angebotes.
Eine PC-gestützte Dokumentationsform und ein
Internet gestütztes Kommunikationsportal sind
als nächste Schritte der Umsetzung dieses Pro-
jektes angedacht. Bereits erstellte Textbausteine,
die sich auf die Konzepte des Model of Human
Occupation beziehen und Betätigungsfunktion
und -dysfunktion näher beschreiben, dienen
dabei als Grundlage.
Dieses Projekt steht beispielhaft für die Mög-
lichkeit, ein MOHO basiertes, institutionsü-
bergreifendes System zur Befunderhebung und
Dokumentation in Deutschland zu etablieren
und könnte in den Grundzügen auf andere ergo-
therapeutische Fachbereiche übertragen werden.

9.6 Literatur

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Warum es die Reihe »Ergotherapie – Reflexion und Analyse« gibt
191 10

Warum es die Reihe »Ergotherapie – Reflexion


und Analyse« gibt
Als relativ junger Beruf hat sich die Ergotherapie von Donald A. Schön (1983, 1987) zur profes-
innerhalb der letzten 20 Jahre v. a. in Über- sionellen Ausbildung und kompetenten Berufs-
see und vielen europäischen Ländern unter den ausübung, die eine »Wissenslehre der Praxis«
Bedingungen einer Ausbildung auf Hochschul- propagieren. Unter »Wissen und Reflexion
niveau eine eigenständige wissenschaftliche in der Aktion« versteht Schön die gestaltbare
Basis geschaffen. Dies ermöglicht es Ergothe- Fähigkeit und Fertigkeit, den therapeutischen
rapeuten dort zunehmend, ergotherapeutisches Prozess gedanklich zu erfassen, das zugrunde
Wissen und Erkenntnisinteresse nach wissen- gelegte Wissen kritisch-distanziert zu hinterfra-
schaftlichen Kriterien zu systematisieren und gen und die daraus entstehenden Überlegun-
parallel dazu die Prozesse ergotherapeutischen gen zu artikulieren. Schön (1987) rückt so den
Handelns zu erlernen und zu vermitteln. Ver- kontinuierlichen Lern- und Problemlösungs-
bunden ist diese Entwicklung mit zahlreichen prozess im gesamten Verlauf einer Berufs- und
Publikationen und regen thematischen Ausei- Arbeitskarriere ins Zentrum der professionel-
nandersetzungen innerhalb der Disziplin und len Bildung: »Reflektierten Praktikern« gelingt
auch zwischen der Ergotherapie und anderen die Handhabung der komplexen, kaum vorher-
Disziplinen. sagbaren und stets problematischen Praxis mit
In Deutschland gibt es derzeit aus verschie- Zuversicht, Fertigkeit und Sorgfalt. So unter-
denen Gründen weder eine vergleichbare Struk- schiedliche Anforderungen wie pragmatische
turierung und Institutionalisierung der wissen- Kunstfertigkeit, explizites Theorieverständnis
schaftlichen Bildungswege für Ergotherapeuten und forschungsbasierte Methodik in der Anwen-
noch eine Kultur oder gar Tradition publizierter dung finden damit einen gleichwertigen Platz
Fachdebatten. Gleichwohl sind auch hierzulande in professionellen Handlungszusammenhängen
wertvolle ergotherapeutische Wissensressourcen und Bildungs-Curricula.
vorhanden; Systematisierungen sind entstanden, »Professionalisierung« bedeutet auch in
und es sind durchaus Beiträge zu disziplin- und unserem Verständnis nicht lediglich die »Ablö-
länderübergreifenden Fachdiskussionen geleis- sung« ergotherapeutisch-pragmatischen Hand-
tet worden. Die programmatischen Anliegen der lungswissens, wie Therapeuten es mit der
deutschen Ergotherapie sind Professionalisie- Berufserfahrung gewinnen, durch systemati-
rung und Angleichung des Ausbildungsniveaus sche, vorzugsweise wissenschaftlich-theoreti-
auf europäischer Ebene. sche Erkenntnis; vielmehr geht es darum, the-
Mit der Herausgabe der Reihe »Ergotherapie oretische Behauptungen und Argumentationen
– Reflexion und Analyse« betreten wir in der auf der einen und pragmatische Annahmen
Ergotherapie in Deutschland Neuland. Es ist und Handlungsentwürfe auf der anderen Seite
unser Wunsch, über Fachpublikationen einen greifbar, nachvollziehbar und verständlich dar-
Ort zu schaffen, an dem sich die Ergotherapie zulegen. Wir hoffen, mit der Buchreihe »Ergo-
in ihrem Facettenreichtum zwischen »harter« therapie – Reflexion und Analyse« genau diesen
Wissenschaft und »weicher« Kunstfertigkeit Anspruch zu erfüllen.
sammeln und von dem aus sie sich an aktuellen Wir leben in einer Zeit großer struktureller
Diskursen beteiligen kann. Veränderungen des Gesundheitswesens und der
Der Reihentitel »Ergotherapie – Reflexion fortschreitenden Formulierung von Qualitäts-
und Analyse« ist inspiriert durch die Arbeiten kriterien für die unterschiedlichen professionel-
192 Warum es die Reihe »Ergotherapie – Reflexion und Analyse« gibt

len Dienstleistungen in diesem Bereich; entspre- fachfremden oder praxisfremden Leser an


chend hat sich auch die theoretische Reflexion Kontur gewinnt). Die behandelten Themen
ergotherapeutischer Inhalte verstärkt. Aus unse- sollen deshalb idealerweise in Beiträgen aus
rer Sicht scheint es deshalb angebracht, die theo- Theorie, Forschung und Praxis präsentiert
retisch fundierte Weiterentwicklung des Berufs- werden.
bildes der Ergotherapie mit einer Buchreihe zu ▬ Wissenschaftlich qualifizierte Ergotherapeu-
begleiten, die unterschiedlichste Etappenresulta- ten gibt es zurzeit in der Mehrzahl im Aus-
te dieser Entwicklung in der Fachöffentlichkeit land. Ziel der Reihe ist es, deren Beiträge
zur Diskussion stellt. Die Reihenidee orientiert zu Theorieentwicklung und Forschung nach
sich also am Entwicklungsprozess der sich neu und nach für die deutschsprachige Ergothe-
strukturierenden ergotherapeutischen Fachdis- rapie zu erschließen und zu kommentieren.
ziplin in einem sich wandelnden sozialen und Angestrebt wird die Aufnahme mindestens
politischen Umfeld. eines deutschsprachigen bzw. eines interna-
Das besondere Profil der Reihe »Ergotherapie tionalen Beitrages in jedem Reihenband.
– Reflexion und Analyse« ist dadurch gekenn- ▬ Die Buchreihe will einen vermittelnden und
zeichnet, dass thematisch die Ergotherapie im transdisziplinären Rahmen bieten.
Zentrum jeder Veröffentlichung steht.
Unter diesem Leitgedanken werden die spezi- Mittelstraß (1998) hat das »Wagnis einer wirk-
fischen Aspekte der medizinischen Fachbereiche lichen Interdisziplinarität im eigenen Kopf«
und der sozialwissenschaftlichen Fragestellun- einer Interdisziplinarität als wissenschaftsor-
10 gen und Angebote übergreifend systematisiert. ganisatorischem Prinzip gegenübergestellt. Er
Von entscheidender Bedeutung ist also, dass die betont Disziplingrenzen und fachliche Differen-
ergotherapeutische Thematik über verschiedene zierungen als historisch gewachsen und ver-
Perspektiven herausgearbeitet wird. steht unter Transdisziplinarität die notwendige
Drei wesentliche Kennzeichen prägen dem- Aufhebung dieser Entstehungszusammenhänge
nach das Profil der Buchreihe: für entwicklungsträchtige disziplinunabhängige
▬ die Verbindung von Theorie, Forschung und Problemdefinitionen und -lösungen. Transdis-
Praxis, ziplinarität meint damit in erster Linie ein For-
▬ die Mischung aus deutschsprachigen und schungsprinzip, das »die disziplinär organisier-
internationalen Beiträgen und ten Wissenschaften mit ihrer wissenschaftlichen
▬ die interdisziplinäre bzw. transdisziplinäre Zukunft und zugleich mit einer [pragmatischen]
Sichtweise als Forschungs- und Theorieprin- Lebenswelt [verbindet], deren innere Rationali-
zip. tät selbst eine wissenschaftliche, d. h. eine durch
den wissenschaftlichen Fortschritt bestimmte,
Die Intentionen der Herausgeber lassen sich in ist« (S. 48).
3 inhaltlichen Zielen zusammenfassen: Erst in zweiter Linie ist Transdisziplinarität
▬ Die Reihe will zur Professionalisierung der auch ein Theorieprinzip, das die Überschnei-
deutschsprachigen Ergotherapeuten beitra- dungen und Verbindungen der Einzeldiszipli-
gen. Vertraute Themen und Inhalte aus der nen ordnet.
beruflichen Arbeit werden auf eine metho- Bestimmte Praxisphänomene oder theoreti-
disch-reflektierte und systematische Weise sche Argumente gewinnen nach diesem Ansatz
behandelt, sodass der Nutzen theoriegeleite- an Deutlichkeit, wenn sie aus unterschiedli-
ter Überlegungen und Forschungen für die chen professionellen Perspektiven dargestellt
Praxis erkennbar wird (und der ergothera- und erörtert werden. Ebenso gelingt es in einer
peutische Gegenstandsbereich auch für den erweiterten wissenschaftlichen Wahrnehmungs-
Warum es die Reihe »Ergotherapie – Reflexion und Analyse« gibt
193 10

fähigkeit besser, vorausschauend Probleme und


Problementwicklungen erkennbar zu machen.
Deshalb werden in der Buchreihe auch Autoren
anderer Fachbereiche zu Themen mit ergothera-
peutischer Relevanz zu Wort kommen.
Unter diesen inhaltlichen Gesichtspunkten
sieht das Programm der Reihe »Ergotherapie
– Reflexion und Analyse« explizit die Umset-
zung überschaubarer Buchprojekte vor. Formal
können sie als Sammelbände oder als Monogra-
phien zu Themen aus der Ergotherapie verfasst
sein und bei Bedarf durchaus durch nachfol-
gende Publikationen inhaltlich weiter ausgebaut
werden.
Letztlich geht es uns darum, die Leser zum
reflektierten, analysierenden und systemati-
sierenden Wissensaustausch mit Kollegen und
Partnern aus anderen Disziplinen zu ermutigen,
und es geht uns um das Verständnis, um den
Erhalt und um die Vertiefung ergotherapeuti-
scher Kernaussagen und Kernkompetenzen.

Die Reihenherausgeber
Ulrike Marotzki
Christina Jerosch-Herold
Birgit Maria Hack
Peter Weber

Hamburg, Norwich, Nürnberg, Holtensen


im Januar 1999

Literatur

Mittelstraß J (1998) Die Häuser des Wissens. Wissenschafts-


theoretische Studien. Suhrkamp, Frankfurt a. M.
Schön DA (1983) The Reflective Practitioner. Basic Books,
New York
Schön DA (1987) Educating the Reflective Practitioner.
Towards a New Design for Teaching and Learning in
the Professions. Jossey Bass, San Francisco
11

Sachverzeichnis

Assessment der Kommunikations-


A und Interaktionsfertigkeiten 163 B
Assessment der motorischen und
Abwehrmechanismen 16 prozesshaften Fertigkeiten 163 Barriere 161
Akteur 8 Assessment of Communication Bedeutungsverleihung 67
Aktionen 4 and Interaction Skills 163, 172 Bedingung
Aktivität 36 Assessment of Motor and Process – temporäre 28
– spontane 36 Skills 163 Bedürfnisse
Aktivitätswahl 37, 38, 67, 68 Assessment of Occupational – biologische 96
Alltagswissen 53, 54 Functioning 165 – psychologische 97
Analyse Atom 18 – soziale 97
– reduktionistische 16–18 Aufgabe 21, 24, 30, 46, 48 Beeinträchtigungen 31
Anatomie 16 Aufgaben Befähiger 161
Anforderungen 110, 131 – alltägliche 31 Befriedigung 64
– motorische 21 – routinemäßige 44 Befunderhebung 170
Anpassungsfähigkeit 30, 60 Aufgaben- und Umweltbedin- Befunderhebungsinstrumente 163
Antizipation 66 gungen 22 Behindertenforschung 161
Anwendungsmethodik 4 Aufgaben des täglichen Lebens 5 Beobachtungsmethoden 163
Anziehung Auflösung 102 Berufsfeld 3
– ästhetische 65 Aufmerksamkeit 46, 83, 92 Bestandteile
Anziehungskraft 64–66 – bewusste 118 – kardiopulmonale 118, 124
Arbeit 5, 31 Ausführung 120 – neurologische 118, 124
Arbeitsplatz 151 – von Betätigungen 116 – skelettmuskuläre 117, 124
Arbeitstherapien 170 Auswählen 83 Betätigungen 4, 31
Aspekte Auswahlmöglichkeiten 37 – alltägliche 30
– biomechanische 3 Automatismen 96, 102 – menschliche 6
196 Kapitel 11 · Sachverzeichnis

Betätigungsausführung 8 Denkweise – psychosoziale 18


Betätigungsdysfunktion 14 – mechanistische 18, 19 Erfordern 129, 130
Betätigungsformen 139, 143–146, – metaphorische 14 Ermöglichen 129
150, 151, 154, 155, 163 – systemische 19 Erwartungen 105
Betätigungsfragebogen 164 Deprivation Erwartungshaltung 64
Betätigungsfunktion 14 – sensorische 131 Erzählung 69
Betätigungsidentität 162, 163 dialektisch 128 Extremitäten, obere 20
Betätigungskompetenz 162, 163 Dimensionen 43
Betätigungsmotive 52 – physikalische 43
Betätigungspartizipation 161, 162 – zeitbezogene 43
Betätigungsperformanz 8, 118, Dispositionen 40, 54, 59
F
120, 161, 162 Dokumentation 170
Betätigungsrollen 39, 103 Dokumentationssystem 172 Fähigkeiten 9, 59
Betätigungsverhalten 6, 20, 29, Dokumentationsvorlagen 172 Feedback
31, 36, 105, 106, 108, 117 Dramatik 80 – sensorisches 122
Betätigungswahl 37–39, 67, 78, 154 Drittorte 152 Fertigkeiten 96, 124, 161, 162
Betätigungsziel 47 Dysfunktionen 4, 124 Fleiß 95
Bewegungen 16 Flexibilität 106
– funktionelle 12 flow 130
Bewusstsein 98 Flow-Erlebnis 64
– menschliches 5
E Fluss 130
Beziehungen Forschung 166
11 – soziale 5 Ebene – angewandte 166
Bezugsrahmen 116 – gesellschaftliche 171 Fragebogen zum Einfluss der
Biologie 12 – individuelle 171 Arbeitsumgebung auf den
Bundesverband stationärer Sucht- Eigenschaften 16, 79 Stelleninhaber 165
krankenhilfe e.V. 170 Einfluss der Umwelt auf das Fragebogen zur Volition 163
BUSS Projekt 170 Betätigungsverhalten 3 Freiheitsgrade 20
Einzelfunktionen 20 Freiraum 94, 95
Emergenz 160 Freude 64
Emotionalität 55 Funktionsfähigkeit 3
C Emotionen 61 Funktionsweise 15
Entfremdung 57
Chaostheorie 13 Entscheidung
Children Occupational Self Assess- – bewusste 39
ment 164 Entscheidungsfindung 68
G
Computermodell 20 Entstehungsprozess 30
Entwicklung Gefühle 18, 63
– kognitive 24, 29 Gefühl der eigenen Wirksamkeit
Entwicklungsprozess 23 59, 79
D Entwicklungsstand 19 Gehirnvorgänge 18
Entwicklungsverlauf 19 Geist 16
Denken Erfahren 83 Geist-Gehirn-Körper 45, 48
– mechanistisches 14 Erfahrungen 5, 18 Gemeinschafts- oder Kamerad-
– reduktionistisches 16 – positive 64 schaftsgefühl 65
Sachverzeichnis
197 11

Geschichte Integration Konventionen 41


– persönliche 69 – sensorische 116 Konzepte 80
Geschmack 64 Integrations- und Praxietests – interdisziplinäre 3
Gesetzesgeber 176 – sensorische 123 Körper 16
Gesetzmäßigkeiten 15, 18, 19, 21, Intentionalität 47 Körperstrukturen und -funktionen
28, 33 Interaktion 171
Gewohnheit 43, 90, 112 – semi-autonome 43 Kostenträger 176
Gewohnheiten 44, 89, 107, 108, Interessen 52, 56, 63, 69, 79, 81, 82 Kräfte 18
111, 154 – Checkliste 164 Kreativität 18
– schlechte 109 Interest Checklist 164, 172 Kultur 58, 61, 78, 133, 134, 143,
Gewohnheitsmuster 88 Internationale Klassifikation der 144
Grundlagenforschung 166 Funktionsfähigkeit, Behinderung – nordamerikanische 53
Gruppen 139 und Gesundheit 171 – schwedische 53
– soziale 95, 105, 140, 146, 151, Interpretation 66 Kulturen 5
152, 154, 155 Interpretationsprozess 67
Interpretieren 83
Interview zur Rolle des Arbei-
tenden 165
L
H
Landkarte
Habituation 9, 42, 106, 121 – verinnerlichte 98
Habituationsstruktur 88, 106
J Landkarten der Gewohnheiten 92,
Handlungen 4 95, 101, 106, 107, 112, 118, 121
Handlungsablauf 39 Jugendliche 42 Lebensgeschichten 69, 78
Handlungsbedürfnisse 81 Lebensprozess
Handlungselemente 90, 91 – dynamischer 28
Handlungsmuster 93 Lebensräume 43, 108, 111
Handlungssequenzen 41
K – bekannte 91
Heterarchie 46, 160 – künstliche 155
Hilflosigkeit 57 Katalysator 26 – natürliche 155
Kernkonzepte 3 Lebensrhythmus 41
Kinder 42 Lebensstil 41
Kognition 18 – amerikanischer 62
I Kohärenz 145 Lebenswelt 147, 148
Kompetenz 56, 57 Leistungen 130
Identität Komplexität 36 Lernverhalten 28
– soziale 31 Komponenten 9, 13, 45
Improvisation 30, 91, 113 Kontextbedingungen 21
Industriegesellschaften 97 Kontextvariabilität 21
Informationen Kontrollfähigkeit 57
M
– externe 120 Kontrollparameter 26–28, 33, 93,
– interne 120 94 »Maschinenmetapher« 14
– sensorische 120 Kontrollüberzeugung 57 Medizin
Informationsnetzwer