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WALTER BENJAMIN UND DAS INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG — NOCH EINMAL

Von der Zuschrift Friedrich Pollocks lisieren — darauf bezieht sich auch der
(Merkur, Juni 1968) zu meinem Benja- Passus (Briefe II, S. 810), in dem er mich
min-Essay erhielt ich sehr verspätete erwähnt — und da ihm das nicht gelang,
Kenntnis (ein Brief war verlorengegan- lebte er jedenfalls in der Vorstellung,
gen, und das Juniheft erreichte midi erst daß er allen »Grund habe, mich den An-
im August). Was die sachliche Richtig- regungen des Instituts gegenüber gefügig
stellung anlangt: »Adorno war während zu zeigen« (II, S. 683). Er fühlte sich vor
der Emigration des Instituts in New York allem nach dem Baudelaire-Konflikt finan-
eines seiner Mitglieder, nicht Direktor ziell unmittelbar bedroht und meinte:
des Instituts« — so erübrigte sie sich, da »Eben die Umstände die meine europäi-
ich in einer Nachbemerkung im Aprilheft sche Situation so sehr bedrohen, werden
dies bereits richtiggestellt hatte. Daß er meine Ubersiedlung nach den U.S.A. un-
dennoch nicht »wie Benjamin Mitarbeiter möglich machen« (II, S. 810). Daß das Sti-
des Instituts« (R. Tiedemann) war und pendium des Instituts durchaus von der
Vorschau - 15:59 Uhr Klett-Cotta Verlag, J. G. Cotta'sche Buchhandlung

daß nicht nur Max Horkheimer, der Her- Aufnahme abhing, die Benjamins Arbei-
ausgeber der Zeitschrift, über die »Auf- ten dort fanden, war wohl von Anfang
nahme von Beiträgen entschied«, geht aus an klar. Sonst hätte er ja nicht an Hork-
dem Briefwechsel deutlich hervor. Adorno heimer im Jahre 1935 geschrieben, daß
schreibt in dem Brief vom 10. November ihm seine »Stellungnahme zum Expose
1938 (Briefe, Bd. II, S. 782 ff.), in dem von so großer Wichtigkeit ist und mir
die Baudelaire-Arbeit abgelehnt wird, im eine Hoffnung eröffnet« (II, S. 689).
Namen von »uns allen«; er ist dagegen, All dies ist nicht als Angriff gemeint.
einzelne Kapitel daraus zu publizieren, So war es, so jedenfalls stellte es sich
und die Zeitschrift publiziert daraufhin Benjamin dar. Abschließend wäre noch
nicht. Benjamin entschied gar nichts, und zu sagen, daß Friedrich Pollock vollkom-
er hat nie im Namen des Instituts spre- men recht hat, wenn er sagt, daß »ohne
chen können oder wollen. Er ist als »Mit- (Adornos) große Bemühungen für die
arbeiter des Instituts nach New York« mit Herausgabe der Benjaminschen Schriften
einem »normalen Gehalt« erst nach Aus- . . . wahrscheinlich nur ein paar Fach-
bruch des Krieges berufen worden. leute« heute noch etwas von ihm wissen
Bis dahin lebte er, wie man im Brief- würden. Man darf hinzufügen, daß trotz
band II, S. 801 nachlesen kann, in einer aller Konflikte es eben doch das Institut
»anormalen Abhängigkeit von der Auf- war, das allein ihm das Leben ermög-
nahme, die das, was ich mache, findet.« lichte, und daß mit Ausbruch des Krieges
Diese war seiner Meinung nach der »Iso- das Institut wirklich alles nur Menschen-
lierung in der ich (in Paris) lebe« geschul- mögliche unternommen hat, um ihn zu
det. Das Institut legte ihm nahe, zusätz- retten.
liche Geldquellen in Frankreich zu mobi- Hannah Arendt

NOTIZEN
Andreas Graf Razumovsky wurde 1929 damals eben noch amtierenden Parteichefs
in der Nähe von Troppau in der CSR Novotny, von dort ausgewiesen worden.
geboren. Seine Familie ist russischen Ur-
sprungs. Seit 1956 Redaktionsmitglied der Hans Egon Holthusens amerikanisches
FAZ, ging er als deren Korrespondent im Tagebuch, aus dem hier einige Auszüge
Februar 1965 nach Prag; im Dezember präsentiert sind, wird Anfang nächsten
1967 ist er, auf persönlichen Befehl des Jahres bei Piper erscheinen.

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