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11/10/2020 Die Farben des Geistes - taz.

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Die Farben des Geistes


40 Jahre edition suhrkamp

Like Bloch and Benjamin, Adorno has profited formidably from what one
might call the ‚Suhrkamp culture‘ which now dominates so much of German
high literacy and intellectual ranking. George Steiner, 1973

D iese Taschenbuchreihe ist reif fürs Museum. Wer die bundesdeutsche


Geistesgeschichte der Sechzigerjahre komprimiert ausstellen will, der be‐
sorgt sich ein paar Orangenkisten und reiht säuberlich die ersten 48 Bände
der edition suhrkamp auf. Das sieht hübsch aus, da der Grafiker Willy Fleck‐
haus die Bücher so gestaltet hat, dass die 48 Bücher nebeneinander gestellt ei‐
nem Regenbogen gleichen – und damit das breite, doch präzise abgestimmte
Spektrum der Reihe symbolisieren. Fertig ist die Installation, und ab in die Vi‐
trine. Staunend neigen davor besonders die ergrauten Besucher die Häupter
zur Seite und lesen auf den Buchrücken: Brechts „Leben des Galilei“ oder Hes‐
ses „Späte Prosa“, Adornos „Eingriffe“ oder Blochs „Tübinger Einleitung in die
Philosophie“, Walsers „Eiche und Angora“ oder Enzensbergers „Entstehung
eines Gedichts“.
So war es auch bei der Ausstellung zum 50. Geburtstag der Bundesrepublik
1999 in Berlin. Die edition suhrkamp löst Ahaerlebnisse aus wie kaum eine
andere deutschsprachige Buchreihe. Kein Wunder, die bunten Bände sind
zum Symbol für den geistigen Umbruch der Sechziger- und Siebzigerjahre ge‐
worden. Seit dem 2. Mai 1963 haben sie eine neue Generation von Intellektu‐
ellen geprägt. In der edition veröffentlichten zahlreiche Schriftsteller und Wis‐
senschaftler, um endlich den adenauerreaktionären Literatur- und Universti‐
tätsbetrieb aufzumischen. Außerdem knüpfte ihr Programm an die Traditi‐
onslinien der deutschen Geistesgeschichte an, die von der NS-Zeit unterbro‐
chenen worden waren, allen voran die Theorien der Frankfurter Schule. Spä‐
ter adaptierte sie die großen intellektuellen Trends, vom französischen Struk‐
turalismus bis zur Systemtheorie.
Erfinder der edition war der Verleger Siegfried Unseld. Vier Jahre nach
dem Tod des Verlagsgründers stellte er die Prinzipien Peter Suhrkamps auf
den Kopf. Der verabscheute nämlich Taschenbücher und hatte die erste Reihe
des Verlages 1951 noch mit der Maxime angekündigt: „Die Bibliothek Suhr‐
kamp ist dem wahren Bücherfreund zugedacht, jener Leser-Elite, der anzuge‐
hören das Bedürfnis aller ist, denen das gute oder erlesene Buch ein unent‐
behrliches Lebensgut geworden ist.“ Taschenbuchreihen wie rororo oder die
Fischer-Bücherei hielt er in jeder Hinsicht für zu billig.
Weniger großbürgerlich elitär als kapitalismuskritisch lamentierte Suhr‐
kamps junger Autor Hans-Magnus Enzensberger 1959 über die Verlage, die
das „Konsumgut“ Taschenbuch den Gesetzen industrieller Massenproduktion
unterwarfen: „Hinter den Erfordernissen der Serie tritt der Einzeltitel zurück.
[…] Das Dilemma ist ungemein charakteristisch für alle Branchen der Kultur‐
industrie, in die das Verlagswesen mit dem Taschenbuch nahtlos eingegangen
ist.“

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nseld ließ sich davon nicht beeindrucken. Er hatte schnell gelernt, dass Verle‐
U ger ästhetische Werte gegen kaufmännische Grundsätze abwägen müssen.
Schließlich kennt man die Großen der Zunft nicht nur wegen ihrer Program‐
me, sondern weil sie die auch zu verkaufen verstanden – wie Johann Friedrich
Cotta, Samuel Fischer oder Ernst Rowohlt. Unseld wollte also seine „Pocket‐
book“-Reihe, weil er wusste: ein Verlag kann nur so intellektuell und ökono‐
misch wirken und überleben. Taschenbücher ließen sich billiger produzieren
und waren oft keine Originalausgaben, sondern enthielten Texte, die der Ver‐
lag bereits als gebundene Bücher angeboten hatte. Die Lizenzausgabe im eige‐
nen Haus sparte Geld und ermöglichte zusätzlich, die Werke einem breiteren
Publikum zugänglich machen. Dass dieses Konzept sogar mit anspruchsvollen
Titeln funktionierte, hatte die Konkurrenz Unseld in den Fünfzigerjahren vor‐
gemacht. Rowohlt brachte in seinen rororos Hans Fallada, Honoré de Balzac,
Kurt Tucholsky und Ernest Hemingway unter die Leute; die Fischer-Bücherei
war erfolgreich mit Virginia Wolf, Boris Pasternak, William Golding und Tho‐
mas Mann.
Vor allem diese Reihen etablierten das Taschenbuch trotz aller kulturkriti‐
scher Häme als ernst zu nehmendes Medium. In diesem Bewusstsein gründe‐
ten 1961 mehrere angesehene Verlage (u. a. Hanser, C. H. Beck, DVA) den
Deutschen Taschenbuch-Verlag dtv, in dem Werke von Alain Robbe-Grillet, In‐
geborg Bachmann, Karl Jaspers und Ezra Pound erschienen. Unseld beteiligte
sich nicht, da er bereits damals an seinem eigenen Taschenbuchprojekt arbei‐
tete. Deshalb konsultierte er im Sommer 1961 mit seinen Lektoren Walter Bo‐
ehlich und Karl-Markus Michel sowie die Autoren Walser, Johnson und En‐
zensberger. Als Einziger unterstützte Walser das Projekt; Johnson konnte da‐
gegen mit der Idee wenig anfangen, und Enzensberger formulierte seine Be‐
denken sogar anschließend in einem Brief: „das maximal-programm, das du
uns vorgelegt hast, ist charakteristisiert durch ein maximum von ausnutzung,
verwertung, zusammenkratzen des erdenklichen; … es geht da an die sub‐
stanz des verlages, dessen prestige dabei nur zu schaden kommen kann.“
Nur allmählich konnte Siegfried Unseld die Verlagsautoren, davon überzeu‐
gen, das eine Taschenbuchreihe gleichzeitig anspruchsvoll, programmatisch
profiliert und massenwirksam sein kann. Um diese Ziele zu erreichen, stellte
er als Lektor Günther Busch ein. Er war es, der bis Ende der Siebzigerjahre
das Programm prägte und dem Verlag international ein so großes Ansehen
verschaffte, dass George Steiner im Times Literary Supplement die Suhrkamp-
Kultur feierte. Gemeint war jene ungewöhnliche Mischung aus klassischer
Moderne in der Literatur und philosophisch fundierter Gesellschaftsanalyse,
aus Psychoanalyse und Sozialkritik, die Busch wie selbstverständlich mit Ro‐
land Barthes, Michel Foucault und Umberto Eco verknüpfte. Mit diesem Spek‐
trum unterschied sich die edition suhrkamp von allen Konkurrenten und ver‐
körperte den Zeitgeist wohl im gleichen Maße, wie sie ihn beeinflusste.
Nach dem ersten Jahr war klar: die edition ist ein Erfolg. Buschs Mischung
kam gut an bei Buchhändlern, Lesern und Feuilletonisten. Verwundert
schrieb etwa ein Ulmer Bahnhofsbuchhändler an den Verlag: „Sicher werden
Sie erstaunt sein, welche Titel bei mir am besten gehen? – Bloch, Wittgenstein,
Adorno, Benjamin – in dieser Reihenfolge.“ Waren doch sonst Brecht und Hes‐
se die meistverkauften Suhrkamp-Autoren. Angespornt vom Erfolg des ersten
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Jahren riskierte der Verlag 1964 die ersten beiden Bände einer Proust-Werk‐
ausgabe in der edition. Ihr folgten unter anderem Ausgaben von Brecht, Hes‐
se, Bloch und Benjamin.
In den kommenden Jahren nahm der Anteil der Belletristik zugunsten der
theoretisch-wissenschaftlichen Bücher ab. Eine Entwicklung, die auch in den
anderen ambitionierten Reihen bei Rowohlt, S. Fischer oder Wagenbach zu
beobachten ist – und die zunehmende Politisierung eines gut Teils der Leser‐
schaft spiegelt. Ende der Sechzigerjahre suchten Studenten, Schüler und Ge‐
werkschafter weniger Gedichte als theoretisches Rüstzeug für den Klassen‐
kampf. Programmatisch verkündete Enzensberger im Mai 1968, nun Heraus‐
geber des „Kursbuchs“ bei Suhrkamp: „Für literarische Kunstwerke lässt sich
eine wesentliche Funktion in unserer Lage nicht angeben.“ Stattdessen also:
Jürgen Horlemann und Peter Gängs „Vietnam. Genesis eines Konflikts“ oder
Habermas’ „Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘“.
Ideologisch mag das korrekt gewesen sein. Ökonomisch rechnete es sich,
trotz mancher Bestseller wie Ernst Bloch, auf Dauer nicht. Unter den Bestsel‐
lern der Reihe waren schon Anfang der Siebziger kaum mehr theoretische
Werke, trotz emsiger Bahnhofsbuchhandlungen und Expansion der
Universitäten.

M it dem Niedergang der linken Theorie, dem Verlust ihrer gesellschaftli‐


chen Deutungshoheit und dem Aufstieg der ökologischen Bewegung ver‐
lor die edition suhrkamp nach und nach ihre einzigartige Bedeutung. Seit Mit‐
te der Siebzigerjahre war sie definitiv nur mehr eine anspruchsvolle Taschen‐
buchreihe unter vielen. Sie repräsentierte immer weniger den intellektuellen
Mainstream, sondern einzelne Strömungen, die häufig wechselten. Bisweilen
konkurrierten auch zwei Strömungen im Verlag um die Gunst der Leser – so
in den Achtzigern die Systemtheorie Luhmanns gegen Habermas’ Spätwerk in
der Tradition der kritischen Theorie. Nebenbei erklärte Ulrich Beck noch die
„Risikogesellschaft“ und machte sich auf die vergebliche Suche nach der Zwei‐
ten Moderne.
Andere Geistesströmungen wie die Wiener Schule oder die Positivisten bis
hin zu Popper fanden trotz der zunehmenden Ausdifferenzierung der edition
ebenso wenig Platz wie etwa Antonio Gramsci; sie passten offenbar nicht in
Buschs intellektuelles Konzept. Heutzutage lässt man da eher den postmoder‐
nen Denker Slavoj Žižek seinen Lacancan und Deridada tanzen.
Eine solche Öffnung des Programms war bis 1979 undenkbar – bis zum
1.000 Band, dem letzten von Günther Busch lektorierten. Es ist im Grunde der
letzte Band der edition suhrkamp, die seitdem mit dem Zusatz Neue Folge ver‐
sehen wird. Der 1.000 Band trägt den Titel „Stichworte „zur geistigen Situation
der Zeit“ und fokussiert noch einmal Stärken und Schwächen der edition
suhrkamp (e. s.).
Das hat seinerzeit auch Herausgeber Habermas erkannt, als er im Vorwort,
wenngleich ein wenig übertreibend, schrieb: „Die e. s. repräsentiert mit einer
gewissen Überprägnanz einen Zug der intellektuellen Entwicklung, von dem
man sagen kann, dass er im Nachkriegsdeutschland dominiert hat: Ich meine
den dezidierten Anschluss an Aufklärung, Humanismus, bürgerlich radikales
Denken, an die Avantgarden des 19. Jahrhunderts – die ästhetischen wie die
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politischen. Wenn an der Parole, der Geist stehe links, je etwas dran gewesen
ist, dann während der (vergangenen) Jahre.“ Und er schließt: „Damit ist es
nun vorbei.“ Das stimmte – allerdings nicht nur als Analyse des politische Kli‐
mas der Zeit, das von Terroristenhatz und Nato-Nachrüstungsbeschlüssen ver‐
giftet wurde. Es traf auch auf die edition suhrkamp selbst zu, deren Neue Fol‐
ge nie so einflussreich wie ihr Vorgänger wurde.
Die Neue Folge der edition gibt es in jeder guten Buchhandlung. Die Suhr‐
kamp-Kultur nur noch im Museum.
taz. die tageszeitung vom 2. 5. 2003

Kultur S. 15

DANIEL HAUFLER

THEMEN
Bücher / Buchrezensionen / Buchverlage KU0402 +DEU

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Ausgabe 7043

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