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B10

BAU Oktober 16
11 3 . J A H R G A N G

Das Architektur-
Magazin

ME ISTER
Irritationen
Christ & Gantenbein
erweitern zwei Museen

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WETTBEWERB
„HÄUSER DES JAHRES“

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TRE PPE NINSTALL ATION
MVRDV

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Licht ist Zukunft.


Wir erfinden die beste Idee
der Welt seit 110 Jahren neu.
Von der Glühlampe über die LED bis zur Lasertechnologie war es ein langer und spannender Weg. Aber mit tausenden
Patenten seit 1906 für uns nur der Anfang. Denn mit den Herausforderungen der Zukunft erwarten uns unendliche Möglich-
keiten, Licht im digitalen Zeitalter wegweisend zu gestalten. Auch in Smart Watches oder sogar beim autonomen Fahren –
Licht und OSRAM findet man heutzutage fast überall. Auf die nächsten 110 Jahre.

Licht ist OSRAM.


Editorial

N
atürlich kann man sagen, die Schweiz hat es ja. Finanziell, meine
ich. Von daher nur logisch, dass viel solide, gute, mitunter auch
bemerkenswerte Architektur im Alpenland entsteht. Und logisch
eben auch, dass die Schweiz sich neue oder erweiterte Museen
leistet. Aber Museen sind eben nicht nur Ausdruck von ökonomi-
scher Potenz. Sie repräsentieren auch so etwas wie die Sehnsucht
nach räumlich untermauerter Identität. Sie sind Identitätsräume –
und wer sie baut, reagiert damit auch auf ein mangelndes Gefühl
dafür, wer man als Stadt, Land oder Kultur eigentlich selber ist. Die
Globalisierung lässt grüßen.
Offenbar wünschen wir Stadtbürger uns auch deshalb immer mehr AB SEITE
24
Museen. Das führt zu einer interessanten Frage, die unsere Autorin
in ihrem Doppeltext über die beiden Museumsanbauten von Christ &
Gantenbein in Zürich und Basel aufwirft: Haben wir vielleicht
irgendwann zu viel Museumsraum? Und zwar deshalb, weil wir
zwar ständig neue Museen bauen, aber unsere Kulturetats nicht
Die aktuellsten Zahlen,
erhöhen? Oder laufen wir Gefahr, unsere Museen vollzustellen mit
die ich gefunden habe, wenig qualitätvollen Materialmassen?
stammen vom Berliner
Ich bin letztlich doch optimistisch. Natürlich sind Museumsbauten
Institut für Museums-
forschung und beziehen kein Selbstzweck. Aber von einer Situation wie in China, wo Kultur-
sich auf das Jahr 2014. bauten hingestellt werden, denen offensichtlich jedes Nutzungs-
In einer Großbefragung
kontaktierten die
konzept fehlt, sind wir hierzulande doch weit entfernt. Und man darf
Forscher 6.372 Museen. eines nicht vergessen: Die Deutschen sind Weltmeister darin, sich
4.846 antworteten – und
für jedes noch so abstruse Thema ein Museum auszudenken. Das
meldeten insgesamt
111.984.066 Besucher. ist gar nicht schlimm, finde ich. Weil es zeigt, dass wir mit einem
breiten Kulturbegriff agieren. Kultur ist eben nicht nur Bildende Kunst
oder Design. Sondern auch, sagen wir, die Gewinnung von Öl.
Folgerichtig gibt es im niedersächsischen Wietze das (sehenswerte)
„Deutsche Ölmuseum“. Eines von geschätzt knapp 6400 Museen
im Land.
In diesem Sinne – gebt weiter Museen in Auftrag, liebe Kulturämter.
Und klar – überlegt euch, wie ihr sie sinnvoll bespielt. Denn eines
ist klar: Der Wettbewerb öffentlicher Museen mit privaten Einrich-
tungen wächst. Die Schauhäuser potenter Privatiers sind mitunter
architektonisch oder kuratorisch gewöhnungsbedürftig – aber
durchaus nicht immer schlecht. Das führt zu mehr Wettbewerb. Und
COVE RFOTO: ROM AN KE LLE R

davon profitieren wir alle.

Alexander Gutzmer
Chefredakteur
a.gutzmer@baumeister.de
4

B10 Köpfe Ideen


Wie sinnvoll
sind Museums-
erweiterun-
gen? Wir
schauen uns
die Anbauten
für das Kunst-
museum in
Basel und das
Schweizer
Landesmuse-
um in Zürich
an. 10 24
Daan Roosegaarde ist Künstler und Designer. Zwei Museumserweiterungen in Basel und Zürich

10 24
Daan Roosegaarde Streng versus
Auf dem Weg zu einer neuen Renaissance:
Der Niederländer sucht nach neuen Verbin-
spielerisch
dungen und schafft Verknüpfungen. Zwei Museumserweiterungen von
Christ & Gantenbein im Vergleich

14 48
Michael Beutler Ein Bühnenbild für
Der junge Künstler aus Berlin baut Räume
mit Maschinen. Botta
Die Erweiterung des SFMOMA von Snøhetta
18 in San Francisco erhitzt die Gemüter.

Raphael Zuber 60
Gegen den Mainstream: Der Schweizer
Architekt folgt seiner eigenen architekto- Stairway to
nischen Agenda.
Rotterdam
Eine Treppeninstallation von MVRDV schafft
eine zweite städtische Ebene.
BAU
MEISTER. 70
DE Die perfekte Welle
Der erste Preis des Wettbewerbs „Häuser des
Jahres“ im Porträt

Aus dem gedruckten Baumeister


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Sie die Vorstellung neuer Pro-
dukte auch auf unserer Website.
5

Fragen Lösungen

Gast-Arbeiter

Hubertus Adam studierte Kunst-


geschichte, Philosophie und
Archäologie an der Universität
80 90
Heidelberg. Seit 1992 ist er frei-
Eine frühe Form der digitalen Stadt von Fritz Haller Büromöbel für die kreative Pause
beruflicher Kunst- und Architek-
turhistoriker sowie Architektur-
kritiker. Von 2010 bis 2012 war
er Künstlerischer Leiter des S AM
60 90 Schweizerisches Architektur-
Wie polemisch Büromöbel museum in Basel, und von 2013
bis 2015 der gesamtverant-
muss Architektur- Möbel für ein ergonomisches Arbeiten
wortliche Direktor. Für uns por-
trätierte er den jungen Archi-
kritik sein? 96 tekten Raphael Zuber.

80 Qualitätsschmiede
Zu Besuch bei Zumtobel
Fritz Haller – Vor-
denker der Smart 98
City? News
Aktuelle Produktlösungen
86
RUBRIKEN
Kann man Sicher-
heit entwerfen? 06
EIN BILD
46
SONDERFÜHRUNG
58
KLEINE WERKE
68
UNTERWEGS Oliver G. Hamm studierte Archi-
86 tektur an der FH Darmstadt und
ARCHITE K TUR + M ANAGE ME NT war unter anderem Chefredak-
96 teur beim „Deutschen Architek-
QUALITÄTSSCHMIE DE tenblatt“ und „greenbuilding“.
104 Seit 2007 arbeitet er als freier
PORTFOLIO: INTELLIGENTE Autor, Herausgeber, Redakteur
GEBÄUDETECHNIK und Kurator in Berlin. Für uns hat
11 3 er das SFMOMA von Snøhetta
IMPRE SSUM + VORSCHAU in San Francisco besucht.
11 4
KOLUMNE
Rainer Viertlböck Oktoberfest 6
Ein Bild
7
Das Oktoberfest mag
altmodisch erschei-
nen, ja uncool, da
der moderne Mensch
seinen Kick inzwi-
schen anderswo
sucht als in Geister-
oder Achterbahn
– beim Bungee-Jum-
ping etwa oder beim
Canyoning. Trotzdem
zieht es jedes Jahr
Millionen dorthin. Vor
allem nachts entfal-
tet die Wiesn ihren
größten Reiz, sie wird
zur Fantasiestadt
aus bunten Lichtern.
Diesem Charme ist
auch Rainer Viertl-
böck erlegen, seines
Zeichens internatio-
nal bekannter Archi-
tekturfotograf. Er hat
2014 und 2015 das
Oktoberfest rund um
die Uhr besucht und
Motive gefunden wie
im Bild links: Zuerst
entdeckte er die Per-
spektive, die er ab-
lichten wollte, dann
suchte er nach den
geeigneten techni-
schen Hilfsmitteln,
um das Bild umzuset-
zen. In diesem Fall
mietete er sich einen
Hubsteiger, fuhr
selbst hin, um aus
33 Metern Höhe diese
Nachtaufnahme zu
machen.

Fotos wie dieses


und viele seiner
berühmten Zentral-
perspektiven sind
jetzt im Bildband
„Oktoberfest“
gesammelt und
bei Schirmer/Mosel
erschienen.
FOTO: VORNA ME NA ME

Text Sabine Schneider


Mann im Nebel: Der Niederländer Daan Roosegaarde sucht nach neuen Verbindungen.
9

3
Köpfe:
SEITE
10

Daan
Roosegaarde
SEITE
14

Michael
Beutler
SEITE
18

Raphael
Zuber
FOTO: STUDIO ROOSEGA ARDE
10
Interview:
Die Alexander Russ

Verbindung Designer:
Daan Roosegaarde

zwischen
den
Dingen

ALLE FOTOS: STUDIO ROOSEGA ARDE

Der Niederländer Daan Roosegaarde ist ein echter Renaissancemensch.


Er beschäftigt sich mit Landschaftsarchitektur, grüner Technologie, Licht-
design und Kunst. Mit seinen spektakulären Projekten will er neue Verknüp-
fungen zwischen bereits bestehenden Dingen herstellen, um dadurch ein
Bewusstsein für die Schönheit unserer Welt zu schaffen.
Köpfe 1 11
B A U M E I S T E R : Wie würden Sie sich selbst be-
zeichnen? Sind Sie Künstler oder Designer?
D A A N R O O S E G A A R D E : Ich würde mich als
Daan Roosegaarde bezeichnen! Ich halte
nichts von Etiketten und Zuschreibungen.
Meiner Ansicht nach geht es in Zukunft
vor allem darum, hybride Daseinsformen
zu entwickeln und Verbindungen zwischen
bereits bestehenden Dingen herzustellen.
Ich verspüre keinerlei Bedürfnis, mir ein
Label zuzulegen.

B: Könnten Sie uns ein bisschen was über


sich erzählen?
D R : Ich habe Kunst studiert und am Berlage-
Institut in Rotterdam einen Abschluss in Ar-
chitektur gemacht. Vor acht Jahren gründe-
te ich mein eigenes Büro – aus einem Be-
dürfnis, den öffentlichem Raum erfahrbar zu
machen, einem Interesse für neue Techno-
logie und aus der etwas naiven Vorstellung
heraus, die Realität verbessern zu können.

B: Was sind Ihre Einflüsse?


DR: Mich hat seit jeher die Architektur von
Arata Isozaki und die des japanischen
Metabolismus fasziniert. Die Idee, Visionen
für eine neue Zukunft zu entwickeln, die eine
Grundlage dieser Projekte war, hatte etwas
sehr Inspirierendes für mich. Gleichzeitig
ging es bei diesen Projekten primär um die
Architektur und weniger um den Mensch.
Deshalb geht es bei mir um öffentliche Räu-
me wie Plätze oder Infrastrukturen wie etwa
Fußgängerunter füh rungen. Zu der Zeit,
als ich anfing, tauchte der Begriff „social
design“ auf und damit verbunden die Idee,
Technik für neue Formen der Interaktion
zu nutzen. Dann wurde die Technik er-
schwinglich, und Mikrochips waren plötz-
lich sehr leicht verfügbar. Das war so circa
im Jahr 2007. Damals gründete ich Studio
Roosegaarde.

B : Sie bezeichnen Studio Roosegaarde


als „Social Design Lab“ – was bedeutet das?
D R : Es bedeutet, dass das Leben nicht
statisch ist – dass wir in einer Welt leben, die
für Neues aufgeschlossen ist und die am
Input eines jeden Einzelnen interessiert ist.
Dass man ein kollektives Erleben schaffen
kann und die Menschen dadurch das Ver-
langen haben, mit der Welt um sich herum
verbunden zu sein. Marshall McLuhan hat
mal gesagt: „Im Raumschiff Erde gibt es
keine Passagiere. Wir gehören alle zur
Mannschaft.“ Die Frage, die ich mir stelle,
ist: Wie können wir eine Umgebung schaf-
fen, die es den Menschen ermöglicht, daran
mitzuwirken? Der Horror der ganzen Terror-
anschläge der letzten Zeit zeigt doch, was
passier t, wenn Menschen den Kontak t
zur Welt verlieren. Abgeschnitten zu sein Oben: Die Installation Mitte: Der „Van Gogh Unten: Die Installation
erzeugt Reibung, also benutze ich die Tech- „Windlicht“ themati- Path“ zur Feier des „Rainbow Station“
nik dazu, soziale Interaktionen zu fördern – siert die potenzielle internationalen Van- am Amsterdamer
was meiner Meinung nach ein zentrales Schönheit von Wind- Gogh-Jahrs dient als Hauptbahnhof feiert
Thema im Europa dieser Tage ist. parks. Radweg. den Moment.

WEITER
12 Köpfe 1
Wie stellen Sie soziale Interaktionen her? B : Künstliches Licht spielt in Ihrer Arbeit eine
„Mich hat B:
DR: Indem ich entwerfe und ein gutes Team besondere Rolle. Haben Künstler wie Otto
aus Ingenieuren und Whiz Kids um mich Piene oder Gestalter, die mit dem Medium
seit jeher die herum habe. Der Rest ist rohe Gewalt (lacht).
Wenn man eine Idee hat, lässt man sie nicht
Licht arbeiteten, einen Einfluss auf Sie
gehabt?

Architektur von mehr los! D R : Nein, nicht wirklich. Mich haben eher
alte holländische Gemälde inspiriert. Die
B : Sie beschreiben Ihre Arbeiten als Techno- Werke der Künstler, die im 17. Jahrhundert
Arata Isozaki poesie – was meinen Sie damit? Landscha f ten gemal t haben, mag ich
D R : Normalerweise bezieht sich das Wort besonders. Das waren Menschen, die neu-
und die des „Techno“ auf etwas Industrielles und nicht
auf Emotionen und Gefühle. Ich finde es
gierig auf die Wirklichkeit waren und nach
draußen gegangen sind, um ihre Umge-

japanischen interessant, beides miteinander zu kombi-


nieren. Es gibt ein Forschungsprojekt für
bung zu verstehen. Wenn es um Licht geht,
interessieren mich eher die Interaktions-
das Weltwirtschaftsforum, an dem ich auch möglichkeiten, die das Medium bietet.
Metabolismus beteiligt bin, das vorhersagt, dass in den
nächsten 25 Jahren Berufe wie Taxifahrer
Meine Arbeiten haben nichts mit dekorati-
ver Gestaltung zu tun, das Medium selbst

fasziniert. Die und Müllmann im Zuge der Robotisierung


verschwinden werden. Die wichtigsten
interessiert mich daher gar nicht so sehr.
Aber Sie haben recht: Licht ist ein großarti-
Fähigkeiten, die Menschen in Zukunft haben ges Werkzeug, und ich verwende es oft.
Idee, Visionen müssen, werden emotionale Intelligenz,
komplexe Problemlösungskompetenzen B : Welche Bedeutung hat Licht für den

für eine neue und kreatives Denken sein. Maschinen


werden immer intelligenter – und dadurch
öffentlichen Raum?
D R : Ein großer Teil des Lichts, das wir im

Zukunft zu ent- zu unserem Körper: Sie wärmen uns, be-


schützen uns und machen es möglich, dass
öffentlichen Raum erleben, wurde nicht
gestaltet. Es gibt dort sehr viel Lichtver-
wir uns auf die Dinge konzentrieren, die un- schmutzung, und die findet ununterbrochen
wickeln, die sere Einzigartigkeit ausmachen. Es könnte statt. Man kann sie nicht abschalten. Wenn
eine neue Renaissance sein – so eine Art man Licht auf interaktive Weise gestaltet,

eine Grundlage Leonardo-da-Vinci-Szenario. wird es viel persönlicher und nachhaltiger,


weil man es nur benutzt, wenn man es wirk-
B : Sie forschen sehr viel – wie sieht das kon- lich braucht. Das Interessante an Licht ist,
dieser Projekte kret aus? Arbeiten Sie mit Universitäten dass es eine Botschaft senden kann. Es kann
zusammen? bestimmte Erfahrungen ermöglichen, die
war, hatte D R : Ja, Wissenschaftler und Universitäten
sind sehr wichtig für uns. Ich habe in mei-
dazu führen, dass man mit der Welt draußen
in eine engere Verbindung tritt.

etwas sehr nem Studio in Rotterdam ein festes Team


für die Entwurfsarbeit und für die Forschung. B : Haben Sie unter Ihren bisherigen Arbeiten
Für das jeweilige Projekt schließen sich ein Lieblingsprojekt?
Inspirierendes diese Mitarbeiter dann zusätzlich mit Exper- D R : Auf jeden Fall das Windlicht-Projekt –
ten zusammen – sei es Biomimetik oder weil wir fast nichts machen mussten. Wir

für mich.“ Landschaftsarchitektur. Das ist bei jedem


Projekt anders. Jeder hat sein spezifisches
haben lediglich Linien gezeichnet. Es sieht
ganz einfach aus und ist so minimalistisch,
Daan Roosegaarde Expertenwissen, und mein Job ist es dann, dass man es einfach anschauen muss. Wie
Verbindungen zwischen diesen Bereichen ich schon sagte, ich glaube, dass Innovation
herzustellen. und gestalterisches Arbeiten bedeuten,
dass man neue Verbindungen zwischen
B : Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und bestehenden Dingen herstellt. Das Wind-
grüne Technologien für Ihre Arbeit? licht-Projekt ist ein perfektes Beispiel dafür.
D R : Das ist das neue Versäumnis, das wir
ausgleichen müssen. Es gibt keinen Weg
zurück – ganz einfach. In unserem Projekt
„Windlicht“, an dem wir zwei Jahre gearbei-
tet haben, spielen diese Bereiche eine sehr
wichtige Rolle. Wir wollten auf die positiven
Aspekte von Windenergie aufmerksam ma-
chen, weil ja viele Leute der Meinung sind,
dass Windparks ausgesprochen störend in
der Landschaft sind. Ich finde sie dagegen
sehr schön! Und sie sind ein Teil des Wan-
dels, in dem wir uns gerade befinden. Wir
wollten das ikonische Erleben eines Wind-
parks schaffen, und das ist uns gelungen!
Tausende Besucher sind nach Zeeland ge-
kommen, um sich die Instal la t ion mi t
ihren Lichtlinien anzuschauen – das Ganze
hatte etwas Zen-Artiges.
Das Licht.

CAELA | Wand-, Decken-, Pendelleuchte


design by Graft

zumtobel.com/caela
14

Herr Beutlers
Gespür
für Räume

Kritik:
Barbara Teichelmann

Michael Beutler ist ein Raumkünstler. Mit selbstgebauten Maschinen


produziert er Objekte, mit denen er das Verhältnis von Raum, Masse und
Material neu auslotet – und gewohnte Raumwahrnehmungen aushebelt.
Köpfe 2 15

Der Künstler

Geboren wurde des Landes Nieder-


Michael Beutler 1976 sachsen, 2007 folgte
in Oldenburg. Mit 21 der mfi-Preis Kunst
wusste er, dass er am Bau. Es meldeten
Künstler werden wollte, sich immer mehr Räu-
und ging nach Frank- me, die von Beutler
furt an die Städelschu- bespielt werden woll-
le, wo er sechs Jahre ten – von Luzern bis
lang bei Thomas Bayrle Stockholm, von Spanien
studierte, mit dem bis Japan.
er wohl die Affinität zu Bis Ende September
Maschinen teilt. Zwi- war im Nottingham
schendrin, von 2000 Contemporary seine
bis 2001, studierte er Installation „Pump
an der Glasgow School House“ zu sehen, die
of Art. Entdeckt wurde 2016 in Spike Island in Für seine Arbeiten
er bereits während Bristol entstanden ist. baut Beutler Maschi-
des Studiums und stell- Das nächste große nen, die zu einem Teil
te im Frankfurter Kunst- Ding hat er für die der Skulptur werden.
verein und im Kunst- Gwangju-Biennale in
verein München aus. Südkorea gebaut (bis 2015 verwandelte
2004, ein Jahr nach 6. November): es han- er den Hamburger
Studienende, bekam delt sich um eine Pa- Bahnhof in Berlin in
er den Förderpreis pierwurstwerkstatt. eine „Raum-Werk-
statt“.
FOTOS: STA ATLICHE MUSE E N ZU BERLIN, NATIONALGALERIE / THOM AS BRUNS
16 Köpfe 2

W
hat die Plastikfolie milchig weiß bemalt, die zu tun haben. Mit selbsterdachten und
Git ter bogenförmig zugeschnit ten und selbstgebauten Maschinen, mit denen er
zitiert so die Form und Unterteilung der Fens- das Material bearbeitet und in Form bringt.
ter. Das Separieren von baulichen Beson- „Das ist für mich ein idealer Zustand: Ge-
derheiten ist eine Herangehensweise, der meinsam etwas machen, spontan Probleme
man immer wieder begegnet. Auch bei lösen, und dann kommt was dabei raus.
seiner Arbeit „Pump House“ (2016) in Spike Diese Zeit, in der die Skulptur entsteht, die
ir leben, weil wir einen Körper haben. Ohne Island, einem Zentrum für zeitgenössische hat eine besondere Qualität für mich.“
diesen Raum wäre unsere Existenz nicht Kunst im südenglischen Bristol, näherte Im Berliner Atelier wird schon mal vorgear-
möglich. Zumindest nicht auf dieser Welt. er sich dem Raum über das Detail: „Das beitet, gezeichnet oder ein Modell gebaut.
Und diese Welt gibt es nur, weil sie Raum Gebäude war eine alte Teefabrik, die 2006 Die wi rkliche Arbeit aber, die entsteht
in Form von Materie für sich beansprucht. umgebaut wurde. Die Architekten insze- „da draußen in der Welt“.
Räume markieren die Grenze zwischen dem nierten alte Gebäudestrukturen, sodass
Chaos und der Gestalt gewordenen Reali- man an manchen Stellen Mauerwerk sieht Produzent und Objekt
tät. Alles Sein ist immer auch Raumforde- und Säulen, die halb in der Wand verschwin-
rung. Kurzum: Räume sind hochkomplex. den. Man sieht dem Gebäude seine Wand- Die Maschinen oder Apparate, wie sie Beutler
Das ist Michael Beutler bewusst. Aber beein- lung an, das hat mich interessiert. Ich habe nennt und die selbst aussehen wie kleine
drucken lässt er sich davon noch lange das aufgegriffen, ein architektonisches Skulpturen, lässt er stehen, sie sind Bestand-
nicht. Er hat sich auf Räume spezialisiert und Skelett von Spike Island nachgebaut und teil der Skulptur. So werden Bezüge deutlich
baut Skulpturen, die auf räumliche Situatio- in die Galerie gestellt.“ So konnte man die zwischen den Produzenten und dem Objekt,
nen reagieren und diese hinterfragen. Gegenwart auf eine alte Art völlig neu an dem sie arbeiten, und dem Material, mit
lesen. Und die Geschichte blieb präsent. dem sie arbeiten. Der Prozess ist Teil der Ar-
Platz für Irritation beit und bleibt als solcher sichtbar. „Meine
„Weil es super ist.“ Maschinen sind die Brücke zwischen dem
Wer Michael Beutler engagiert, kann sich Betrachter, dem Objekt und dem Arbeiter.
sicher sein, dass was passiert. Was? Das Ist das nun Skulptur oder Architektur? „Für So kann man nachvollziehen, welche Rolle
weiß man erst hinterher. Aber spektakulär mich gibt es da keine Grenze. Ich greife in der Mensch gespielt hat.“ Was hier stattfin-
ist es eigentlich immer. Meist schon durch architektonische Situationen ein und verän- det, ist sichtbare Energietransformation,
die schiere Größe seiner Skulpturen, denn dere sie temporär. Ich bin aber kein Archi- denn Beutlers Maschinen werden nur durch
Beutler experimentiert mit dem Verhältnis tekt.“ Dafür sonst aber so ziemlich alles: Menschenkraft angetrieben. Es ist aber
von Raum, Masse und Material. Und wer ihn Handwerker, Statiker, Maschinenbauer, auch keine Performance. Erst wenn die
engagiert, will genau das: ein skulpturales Materialexperte … Fragt man ihn, warum er Arbeit abgeschlossen ist, wird die Skulptur
Experiment. Etwas, das die gewohnte Raum- macht, was er macht, dann springt die Ant- der Öffentlichkeit übergeben. Zuschauer
wahrnehmung aushebelt und Platz macht wort mit einer großen Spontanität aus ihm würden die Konzentration stören: „Schaut
für Irritation. Wenn Beutler seine Herange- heraus: „Weil es super ist.“ Pädagogisch jemand zu, denkt man sofort, man muss
hensweise beschreibt, dann klingt das eher wertvolles Sendungsbewusstsein sucht man alles richtig machen. Aber richtig und falsch
bodenständig: „Zuerst schaue ich mir an, bei Beutler vergebens, ihm geht es tatsäch- gibt es nicht. Alles, was entsteht, hat ein
was das für ein Raum ist. Nicht nur die lich in erster Linie um: Spaß. Eine passende Recht, da zu sein. Es geht vielmehr darum,
Dimensionen oder bauliche Details wie zum Herangehensweise für einen Künstler, der wie man mit dem, was da ist, umgeht. Sieht
Beispiel Fenster oder Säulen, sondern auch, die Welt kommentiert, indem er in ihr expe- etwas schief oder komisch aus, zeigt es erst,
wie sich die Menschen im Raum verhalten. rimentier t. Diese unvoreingenommene, dass etwas anderes gerade ist.“ Perfektion
Ich versuche, das architektonische Voka- situative Herangehensweise, sie überträgt interessiert Beutler nicht. Ihn interessieren
bular zu verstehen, um damit zu arbeiten. sich auch auf den Betrachter. Man braucht Räume. Und was in ihnen passiert.
Ich verändere es und werfe es dann auf die keinen theoretischen Unterbau, um zu erle-
Architektur zurück.“ ben, was seine Skulpturen mit einem anstel-
Dieses veränderte Vokabular, mit dem er len. Es reicht, da zu sein, um diese Raumer-
wirft – und trifft – kann sehr unterschiedlich fahrung zu machen. Das ist wohl ein Grund,
aussehen. 2014 presste er große Heuballen warum Beutler so erfolgreich ist mit seinen
aus bunten Trinkhalmen und ließ sie über die s k u l p t u ra l e n M a t e r i a l sch l a ch t e n u n d
Wiese vor der Pinakothek der Moderne zunehmend international gebucht wird.
in München kullern. „Ballernte“ hieß das Bristol, Madrid, Brüssel, Frankreich, Stock-
Projekt und sollte dafür sensibilisieren, dass holm, Schweiz, Wien … um nur einige Städte
es auch in der Stadt Landschaft gibt. Dieses und Länder aufzuzählen, in denen er in den
nicht verbaute Stück Wiese zum Beispiel, letzten Jahren Einzelausstellungen hatte.
das von den Museumsbauten als grüner Und sämtliche deutschen Städte natürlich.
Vorteppich vereinnahmt wurde, bekam so Und Berlin. Da lebt er seit ein paar Jahren –
eine eigene Identität. Letztes Jahr werkelte wenn er mal da ist, zwischen all den Aufträ-
Beutler im Hamburger Bahnhof und verwan- gen, denn meistens ist Beutler unterwegs.
delte die 2000 Quadratmeter große Fläche Weil er in der Regel in dem Raum arbeitet,
der historischen Halle in eine Werkstatt. der bespielt werden soll. Weil der Raum die
Mit selbst gebauten Maschinen produzierte Idee liefert, aber auch, weil er die raumgrei-
er Elemente, die er zu skulpturaler Architek- fenden und teils fragilen Skulpturen nicht
tur zusammenfügte. Er verwendete Holz, durch die Weltgeschichte transportieren
Plastik, Gips und Papier – und Pecafil: ein kann, sondern dort und selbst produziert. Mit
Metallgitter, das mit einer transparenten einem Team, das er dort zusammenstellt.
Folie bespannt ist und bei der Schalung von Mit Materialien, auf die er Lust hat, die nicht
Fundamenten zum Einsatz kommt. Beutler zu teuer sind und die oft etwas mit dem Ort
Berker –
serienmäßig einzigartig

Design
in zeitlos
schöner Form
Schalterprogramme von Berker sind nicht nur einfach
schön, sondern auch schön einfach. Ausgestattet
mit intelligenten Einsätzen übernehmen sie alle wichtigen
Steuerungsfunktionen im Haus. Und mit ihrer Vielzahl
an Designvarianten ergänzen sie perfekt individuelle
Architekturkonzepte und Einrichtungsstile.
berker.de
16DE0132

A member of Hager Group


18
Text:
Im Hubertus Adam

Mittelpunkt Fotos:
Javier Miguel Verme

des
Raums

Zwischen Architektur
und Skulptur: Das
Schulhaus in Grono ist
das Erstlingswerk von
Raphael Zuber.

Der junge Schweizer Architekt Raphael Zuber verweigert sich dem archi-
tektonischen Mainstream. Von Chur aus verfolgt der Schüler Valerio
Olgiatis eine eigene architektonische Agenda und beeindruckt mit der
Individualität seiner Arbeit.
Köpfe 3 19
Das Mehrfamilienhaus
überzeugt durch archi-
tektonische Präzision –
trotz des Wärmedämm-
verbundsystems.

Das Mehrfamilienhaus
in Domat in der Nähe
von Chur ist das zweite
realisierte Projekt von
Raphael Zuber.
20 Köpfe 3

R
wo er sich zukünftig niederlassen wollte. In in den Neunzigerjahren international wahr-
einer vergleichbaren Situation entscheiden genommene Architekturwunder in Grau-
sich die meisten jungen Architekten für bünden. Bandis Aussage „Für mich steht
Zürich, aber Zuber wählte seine Heimatstadt in der Architektur der räumliche Eindruck im
Chur. Chur sei zwar langweilig, im Grunde Zentrum; das Wichtigste ist der Raum – der
wäre dort nicht viel los, aber der Mangel an innere wie der äußere – sind schöne, ange-
Ablenkung sei für ihn die Voraussetzung für nehme Raumfolgen. Details und Material-
aphael Zuber treibt die Frage um, wie archi- die Konzentration auf die Arbeit, erklärt er. wahl dagegen sind eher sekundär und orts-
tektonische Elemente Raum bilden und Es war ein Glücksfall, dass sich kurz nach und funktionsspezifisch“ – sie könnte auch
definieren. Seine experimentellen Entwürfe, der neuen Bürogründung im Jahr 2007 ein von Raphael Zuber stammen.
die mitunter an die archaische Wucht eines Wettbewerbserfolg einstellte, der schließ-
Louis Kahn erinnern, sind mutig und radikal. lich zu Zubers erstem realisierten Projekt Mehrfamilienhaus in Domat
Sie bewegen sich an der Grenze zwischen führen sollte: dem 2011 fertiggestellten
Architektur und Skulptur. Das kennt man in Schulhaus in Grono, einem Dorf im Misox – In Domat/Ems, unweit von Chur, stellte Zuber
der Schweiz nur von wenigen seiner Alters- dem italienischsprachigen Tal im Süden des 2015 ein Mehrfamilienhaus mitten im Dorf-
genossen. In der Generation über ihm sind Kantons Graubünden. zentrum fertig – sein zweites realisiertes Pro-
es wohl am ehesten Christian Kerez und jekt. Neun Jahre Planungszeit erforderte
Valerio Olgiati, die vergleichbare Konzepte Das Schulhaus in Grono das Vorhaben, das sich erst finanzieren ließ,
ver folgen. In seinem Heimatland zählt als eine Baugesellschaft gegründet wurde.
er nicht zu den Architekten, die im Zentrum Die markanten Viertelellipsen, die sich über Als Sicherheit für die Bank brachten der
der Debatte stehen oder eine Resonanz in die Ecken zu Bögen verbinden, zeichnen Bauherr das Land, ein Investor das Geld und
der sich selbst bespiegelnden Architektur- den Kräfteverlauf nach und verleihen den der Architekt sein Honorar ein. Gebaut
szene suchen. hellbraun eingefärbten Betonfassaden des werden musste so günstig wie möglich, und
Einem internationalen Publikum ist der quadratischen und in einen Kreis einge- so fanden all die für die Agglomeration typi-
Name des in Chur tätigen Architekten wohl schriebenen Schulhauses einen markanten schen Standa rdp roduk te Ver wendung:
erst seit der diesjährigen Architekturbien- Ausdruck. Zuber bediente sich geometri- Kunststofffenster, geschlämmte Backstein-
nale in Venedig ein Begriff. Dort hat er einen scher Grundformen, verwendete sie durch- wände, ein Wärmedämmverbundsystem.
Beitrag für den italienischen Pavillon beige- aus auch als Pathosformeln, vermied aber, Vor Ort irritiert und fasziniert das Gebäude:
steuert, der sich mit elementaren Fragen wie die Organisation des Inneren beweist, Man sieht all die banalen Details und spürt
des Raums auseinandersetzt. Vielleicht ist jeden Schematismus. gleichzeitig die architektonische Präzision,
es symptomatisch, dass Raphael Zuber Das zeigt sich auch an den Wettbewerbs- mit der Zuber sie behandelt. Liftschacht,
nach Abschluss seines Studiums an der ETH beiträgen der Folgejahre: Für den neuen, Treppe und Terrassen sind an das kompakte
Zürich im Jahre 2001 ein Jahr in Schweden in Mendrisio geplanten Campus der SUPSI, Volumen angelagert. Das im Inneren wirk-
verbrachte und dort die Kirche St. Peter in der bislang in Lugano beheimateten Archi- samste Element ist eine betonierte Kreuz-
Klippan von Sigurd Lewerentz aufmaß – und tekturschule, entwarf er 2012 einen langen struktur, die den Angelpunkt für die Verbin-
zwar Stein für Stein. Fotografien vermögen Riegel. Durch einen parziell eingeschnitte- dung von innen und außen, von Wohnraum
die Feinheiten des Gebäudes nicht wieder- nen, kreuzförmigen und durch eine kreis- und Terrasse bildet. Dieser Angelpunkt,
zugeben, doch Raphael Zubers Zeichnun- förmige Öffnung zum Garten geöffneten an einer Ecke des Gebäudes gelegen, wird
gen zeigen, dass hinter all dem, was man ummauerten Hof erhält er seine Verortung räumlich zum Zentrum des Hauses und ver-
vor Ort atmosphärisch und scheinbar intui- und Orientierung. größert dadurch den gefühlten Raum um
tiv spürt, durchaus ein logisches Kalkül steht. Im gleichen Jahr entstand der Entwurf für ein Vielfaches. Viele gestalterische Ent-
Und dass – anders als man meinen könnte eine Abdankungshalle in Steinhausen. scheidungen entstanden aus der Vorgabe,
– nichts dem Zufall überlassen wurde. Auch hier wird ein hallenartiges Volumen ein Maximum an räumlichem Reichtum bei
durch gezielte, skulpturale Interventionen einem Minimum an Kosten zu erzielen.
Olgiati, Mendrisio und das Tessin gegliedert: Eine hängende Mauerscheibe Auch von Chur aus ist Raphael Zuber inter-
teilt den Innenraum in zwei Hälften, in denen national vernetz t: 2 014 ent wa r f er ein
Die Jahre nach dem Aufenthalt in Schweden jeweils ein mächtiger Rundpfeiler aus Wochenendhaus auf der Isle of Harris in den
verbrachte Zuber als Assistent von Valerio Ziegelsteinen steht, der die Decke nicht Äußeren Hebriden. Zwischen 2014 und 2015
Olgiati in Mendrisio, in dessen Büro er schon berührt. Einer der Pfeiler steht nahe des unterrichtete er in Oslo und plante mit
als Praktikant gearbeitet hatte. Gleichzeitig Eingangs, der andere stützt sich gleichsam seinen Studenten ein Gästehaus für den
gründete er sein eigenes Architekturbüro in in labilem Gleichgewicht zu einem Viertel japanischen Konzern Lixil, das in diesem
Riva San Vitale. Doch das Tessin ist nach der auf dem Katafalk. Zuber gibt dem Ort der Frühjahr auf Hokkaido fertiggestellt wurde.
architektonischen Blüte in den Siebziger- Aufbahrung Halt im Raum, findet ebenso Das alles sind spannende Projekte, die
und Achtzigerjahren mittlerweile zu einer schlichte wie beeindruckende Formen für Freude bereiten und viel Freiheit bieten,
architektonischen Problemregion gewor- den Übergang vom Leben zum Tod und finanziell aber nichts einbringen. Denn das
den, deren Baukultur von der Bauwirtschaft, bezieht sich auf subtile Weise auf die Todes- ist der Preis für die Verweigerung des archi-
hemmungslosen Investoren und politischen ikonografie der abgebrochenen Säule. tektonischen Mainstreams: Raphael Zuber
Vertretern dominiert wird, die sich wenig Aufträge zu erhalten, ist auch in Graubün- besitzt ein kleines Atelier im Erdgeschoss
für architektonische Qualität interessieren. den inzwischen schwierig geworden. Die eines Wohnhauses mitten in der Churer Alt-
Für einen jungen Architekten aus einem Zeiten des Kantonsbaumeisters Erich Bandi stadt. Zwei bis drei Praktikanten arbeiten bei
anderen Landesteil bestanden wenig Chan- sind längst vorbei, und Investorenwettbe- ihm, vieles macht er selbst – was natürlich
cen, im Tessin zu reüssieren, und so war der werbe sind die Regel. Bandi, der 2002 in der Präzision, Individualität und Kohärenz
erste Preis im Wettbewerb für das Ethnogra- Ruhestand ging, hat te als langjähriger seiner Arbeiten zugutekommt.
phische Museum in Neuchatel im Jahr 2003 Leiter des Hochbauamts das Wettbewerbs-
der einzige Erfolg des Büros. Das Projekt wesen gefördert und mit seiner Leidenschaft
wurde nicht gebaut. Das Ende der Lehrtätig- für Architektur auch private Bauherren an-
keit in Mendrisio warf für Zuber die Frage auf, gesteckt – die Grundlage für das besonders
www.ton.eu

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Ein gewundener Weg führt durch den Anbau des Landesmuseums in Zürich.
23

5
Ideen:
SEITE
24
Museums-
erweiterungen in
Basel und Zürich
SEITE
48
Erweiterung
SFMOMA
in San Francisco
SEITE
60
Treppeninstallation
in Rotterdam
SEITE
70
Häuser des Jahres
FOTO: ROM AN KE LLER
24

Streng versus TITELTHEMA

spielerisch ZWEI SCHWEIZER


MUSEEN

Grauer Carrara-Marmor
versus roher Beton. Hier
sechs, da fünfzehn Jahre
bei annähernd gleichem
Budget. Gleich zwei
Museumserweiterungen
des Basler Architekturbüros
Christ & Gantenbein
wurden in diesem Jahr
eröffnet. Bildende Kunst in
Basel A, Schweizer Landes-
geschichte in Zürich B

Kritik:
Nadin Heinich
Zwei Mal Christ &
Gantenbein: Beide
Museumserweiter-
Architekten:
ungen sind dieses
Jahr fertig geworden. Christ & Gantenbein
FOTO UNTE N: ROM AN KE LLE R; FOTO OBE N: JULIAN SALINAS
Ideen

B)
A)
1 bis 2
25
26 Ideen 1 bis 2
Wie baut man ein Museum weiter? Wie gehen wir mit unserem architek-
tonischen Erbe um? Und was ist ein Museum in der Stadt heute? Die De-
batte über diese Fragen verlaufen in Deutschland und in der Schweiz,
zumindest oberflächlich gesehen, gegenwärtig in verschiedene Richtun-
gen. Als Nichtschweizer ist man bei der Besichtigung des Kunstmuseums
in Basel A und des Schweizer Landesmuseums in Zürich B für einen kurzen
Moment irritiert: Während hierzulande die Flüchtlingskrise seit Monaten
die Diskussionen dominiert und so mancher Rezensent in vorauseilendem
politischen Gehorsam auch von Museen fordert, sich stärker Geflüchteten
zuzuwenden, scheint das alles in der Schweiz kein Thema zu sein. Der
starke Zustrom von Migranten nach Europa ist dort nur in abgeschwächter
Form spürbar. Doch auch jenseits der einseitigen deutschen Perspektive
bleibt eine weitere, mittelfristig vielleicht interessantere Frage: Müssen
Museen tatsächlich immer weiter wachsen? Ist groß irgendwann zu groß?
Oder kann man sich nur so im globalen Wettbewerb um mediale Aufmerk-
samkeit behaupten?
An der Staatsgalerie Stuttgart fand im November letzten Jahres eine
Tagung unter dem Titel „Grenzen des Wachstums“ statt. Christiane Lange,
die Direktorin der Staatsgalerie, konstatierte, dass die Zahl der Neugrün-
dungen von Museen in Deutschland seit 1990 um 56,7 Prozent gestiegen
sei. Dazu kommen die Flächenerweiterungen der bestehenden Institu-
tionen – die Fläche der Staatsgalerie Stuttgart ist seit 1984 um das Drei-
fache gewachsen. Der Kulturetat der Bundesrepublik ist dagegen über
all die Jahre gleich geblieben. Lange forderte eine stärkere Konzentration
statt einem Gießkannenprinzip, wenn man das bestehende Qualitätsni-
veau halten wolle. Und in der Schweiz? „Die Schweiz ist von der globalen
Entwicklung nicht vollkommen abgekoppelt, doch das allgemeine Wohl-
standsniveau ist hier nach wie vor sehr hoch. Diese Debatte wird nicht
konfrontativ, sondern nur untergründig geführt“, so der Schweizer Archi-
tekturtheoretiker, Kurator und Journalist Hubertus Adam. Zumindest nach
außen gibt man sich also unbeeindruckt – und baut erst mal weiter.

Auf der Rückseite des


Basler Museumsan-
baus befindet sich die
kleinteilige Bebauung
der St. Alban-Vorstadt.
FOTO: STE FANO GR A ZIANI

Kunstmuseum Basel A
27
28 Ideen 1 bis 2
29

A) Rechts: Eine Treppe


FOTO: STE FANO GR A ZIANI

vermittelt zwischen
Anbau und Stadt.

Die Medienfassade
ist unsichtbar in den
Klinker integriert.
30

A) Oben: Marmor und


Kratzputz als Oberflä-
chen im Treppenhaus

Die Ausstellungsräume
werden mit LED-Röhren
ausgeleuchtet.
FOTO: STE FANO GR A ZIANI
Ideen
1 bis 2
31
32 Ideen 1 bis 2
33

A) Rechts: Monochromer
FOTO: STE FANO GR A ZIANI

Minimalismus im Trep-
penhaus

Eichenparkett in geo-
metrisch-abstrakter
Verlegung
34

A)
M 1:5 0 0 0

1. OG

Lageplan

M 1:1 0 0 0
Längsschnitt
M 1:15 0 0

EG

Querschnitt

BAUHERR:
Bau- und Verkehrsdepartement
Basel-Stadt, Städtebau & Archi- UG
tektur, Hochbauamt

ARCHITEKTEN:
Christ & Gantenbein, Basel

TR AGWERKSPL ANER:
ZPF Ingenieure AG, Basel

ÖRTLICHE BAUAUFSICHT:
FS Architekten GmbH, Magden

FERTIGSTELLUNG:
2016

STANDORT:
St. Alban-Graben 20, Basel
Ideen 1 bis 2 35

D
genauso hoch und unterirdisch mit diesem Die verschiedenen Funktionen spiegeln sich
verbunden. Von der Wettsteinbrücke und in de r Tonal i tä t de r Räume wide r: Im
von der Rittergasse, die am Basler Münster Erschließungsbereich sind die Wände mit
vorbei ins Stadtzentrum führt, sieht man das grauem Kratzputz versehen, während für
neue Museum schon von Weitem. In unmit- Boden, Treppe und B rüstungen g rauer
telbarer Nachbarschaft befindet sich auch Marmor verwendet wurde. Gebrochen wird
die kleinteilige St. Alban-Vorstadt mit ihren diese Monumentalität durch die Rauheit des
as Kunstmuseum Basel mit seiner herausra- historischen Bürgerhäusern. Der skulpturale grauen, feuerverzinkten Stahls, aus dem
genden Sammlung, die sich vom 15. Jahr- Baukörper steht auf einem exponierten Eck- alle beweglichen Elemente, Fensterläden,
hundert bis in die Gegenwart erstreckt, gilt grundstück, zur Kreuzung ist er eingeknickt Tore und teilweise auch die nichttragenden
als eine der ältesten öffentlichen Kunst- und bildet eine präzise stadt räumliche Wände gestaltet sind.
sammlungen der Welt. Sie geht zurück auf Geste. Was sich hinter der verschlossenen In den Ausste l lungs räumen h i ngegen
das 1661 von der Stadt erworbene „Amer- Fassade verbirgt, wird von außen hingegen dominiert Industrieparkett aus Eichenholz,
bach-Kabinett“. Gegenwärtig umfasst sie nicht gleich aufgelöst. dessen markante Fugen mit ihrer Gitter-
ca. 4.000 Gemälde, Skulpturen, Installatio- Die grauen Wasserstrichziegel verweisen struktur entfernt an frühe CAD-Zeichnungen
nen und Videos sowie gut 300.000 Zeich- auf den Kalkstein des Altbaus und staffeln erinnern. Zehn Zentimeter dünne, weiße
nungen und Druckgrafiken. Dazu zählt die sich in drei Grautönen von leicht dunkel und Gipswände bilden den eigentlichen Unter-
größte Sammlung an Werken der Holbein- ruinös zu heller. Das erinnert an die klassi- und Hintergrund für die Bilder. Decken mit
Familie und Werke von Lucas Cranach dem sche Fassadengliederung in Sockel, Wand vorgefertigten, sandgestrahlten Betonele-
Älteren, Matthias Grünewald, Arnold Böcklin, und Fries. Dabei sind die Ziegel hier nicht nur menten überspannen als sichtbare Kon-
Claude Monet, Vincent van Gogh, den Verkleidung, sondern als selbsttragendes, struktionsteile die Ausstellungsräume. In
Kubisten, den Expressionisten sowie ameri- monolithisches, an den Ecken elastisch den Fugen sind LED-Leuchten eingelassen –
kanischer Kunst seit 1960 mit Andy Warhol, gelagertes Mauerwerk ausgeführt. einfache Lichtröhren als direkter, techni-
Frank Stella, Jasper Johns, Donald Judd und Ins Auge springen einem sofort die schwe- scher Ausdruck des Lichts. Im zweiten Ge-
Cy Twombly. Der Hauptbau des Kunstmuse- ren Fensterläden und Tore aus feuerverzink- schoss kommen Oberlichter dazu.
ums, 1931 bis 1936 nach Plänen von Rudolf tem Stahl. Für einen Moment blickt man
Christ und Paul Bonatz errichtet, gruppiert verwundert auf die Fassade, auf der direkt Jenseits des medialen Rauschens
sich st reng axialsymmet risch um z wei der Titel der aktuellen Sonderausstellung
Innenhöfe. 1980 wurde ein erster Erweite- „Sculptures on the Move“ zu lesen ist. Der Neubau ist tatsächlich vor allem ein
rungsbau, das im Basler St.-Alban-Tal gele- Die Lichtplaner von Iart haben LEDs in die Museum. Kein Café, kein Bistro, keine Semi-
genen Museum für Gegenwartskunst, eröff- Fugen der Ziegel integriert, die vom Stra- narräume, kein umfangreicher Buchladen –
net. 2004 wurden Bibliothek, Verwaltung ßenniveau aus nicht sichtbar sind. Ihre keine Tate Modern. Flächen im Erdgeschoss
und Kunst h isto r isches Sem i na r i n den Lichtintensität ist individuell steuerbar und und im Untergeschoss können zwar für Ver-
benachbarten Laurenzbau, früher der Sitz reagiert auf das Tageslicht. Sie erzeugen anstaltungen genutzt werden, sind jedoch
der Nationalbank, ausgelagert. allerdings kein grell-buntes Licht wie bei grundsätzlich neutral gehalten. In einer Zeit,
Medienfassaden sonst üblich, sondern neh- in der alle faktischen Informationen über

M
men die Farbe des Steins auf. Da, wo Licht ist, Künstler und Kunstwerke online abrufbar
ist kein Schatten, als ob es keine Fugen sind, Museen über ihre Social-Media-Kanä-
gäbe. In seiner bewussten Zurückhaltung le geradezu zwanghaft aus dem Museums-
wirkt dieses Lichtfries nicht nur aus energeti- betrieb berichten und der Museumsbesuch
scher Sicht absolut zeitgenössisch. selbst immer mehr zum „Event“ wird, tut
die Ruhe im Basler Neubau gut. Sie wirkt
Viele Farben Grau beinahe anachronistisch – und trifft damit
it der neuesten Museumserweiterung ging schon wieder einen Nerv der Zeit. Wünschen
alles sehr schnell. Im Wettbewerb setzten Der Neubau erstreckt sich über vier Etagen, würde man sich nur, dass die intelligente
sich Christ & Gantenbein im Dezember 2009 einschließlich eines Tiefgeschosses. Das Irritation der Medienfassade auch im Inneren
erst gegen eine starke internationale Kon- Museum bet reten kann man über den eine Fortsetzung findet – und die Schweizer
kurrenz wie OMA, Zaha Hadid, SANAA, Jean Eingang an der Kreuzung oder vom Haupt- Präzision gelegentlich bricht.
Nouvel und Tadao Ando durch, im März 2010 bau aus. Letzterer ist der interessantere
schließlich auch gegen Diener und Diener, Zugang. Subtil ändert sich die Materialität
die eine Brücke aus Sälen auf der Höhe des des Bodens von alt nach neu, bevor man die
ersten Obergeschosses als Verbindung von ausladende Treppe aus grauem Carrara-
Alt- und Neubau vorschlugen. Das Grund- Marmor hinabläuf t. Durch den unteri r-
stück schenkte die Roche-Erbin Maja Oeri dischen Verbindungsbau, an den sich neue,
zusammen mit ihrer Laurenz-Stiftung der umfangreiche Depoträume anschließen,
Stadt Basel. Zusätzlich übernahm sie 50 Pro- gelangt man in die große Halle, die auch als
zent der Baukosten von insgesamt 100 Milli- Bühne oder Veranstaltungsfläche genutzt
onen Schweizer Franken. Die andere Hälfte werden kann. Belichtet wird sie über einen
genehmigte der Große Rat des Kantons romantisch-schroffen Tiefhof. Von hier aus
Basel Stadt 2010 praktisch ohne Gegen-
stimme. 2012 war Baubeginn, im April 2016
wird die grundsätzliche Gliederung des
Neubaus ablesbar: Hier nimmt die monu-
A)
wurde der Neubau mitsamt des sanierten mental-expressive Treppe des Neubaus
Hauptbaus eröffnet. ihren Anfang, die alle vier Etagen des
Das neue Kunstmuseum ist umgeben von Gebäudes miteinander verbindet und seine
anderen Kulturbauten und Bankinstituten. Höhe erlebbar macht. Davon z weigen Auf der nächsten Seite
Es liegt direkt gegenüber dem Bestandsbau jeweils z wei recht winklige, parallel zur geht es weiter mit dem
auf der anderen Seite der Dufourstraße, ist Straße angeordnete Ausstellungstrakte ab. Landesmuseum Zürich.
36 Ideen 1 bis 2
thek. Architektonisch sind Neu- und Altbau Weise geschadet. Die freie Form interpre-
als zwei sehr unterschiedliche Teile konzi- tiert den Bestandsbau selbstbewusst und
piert. Die alte Tuffsteinfassade wurde in gewinnt ihren Reiz gerade durch das Ge-

B) einem eigens für dieses Projekt entwickel-


ten Tuff-Beton in der Neubaufassade fortge-
genüber von Alt und Neu. Während Christ &
Gantenbein in Basel ein Museum entworfen
führt. Das neue Gebäudevolumen, das sich haben, das direkt und unmittelbar Kunst
über drei Geschosse erstreckt, interpretiert präsentiert, handelt es sich in Zürich um eine
frei die expressiv gefaltete Dachlandschaft Bühne, die auf ihre Inszenierung wartet.
des Bestands. Im Grundriss nehmen Christ & Architektonisch sind die Architekten dort
Gantenbein Bezug auf die bestehenden stärker auf Konf rontation zum Bestand
Bäume und historischen Wege in der Park- gegangen. Gleichzeitig haben sie sich eine
anlage. subtile Verspieltheit bewahrt. Da, wo Basel
Zentrales architektonisches Motiv des neuen manchmal et was zu gewollt erscheint,
Museumstraktes ist eine räumliche Brücke, wurde in Zürich mit gut austarierten Brüchen
die sich über einen großen Hof mit Wasser- gearbeitet, wie etwa in der Interaktion zwi-
becken spannt. Im Inneren wird sie zur Trep- schen der monumentalen zentralen Treppe
pe mit beeindruckend-monumentalen Aus- und den sie begleitenden, vielen kleinen,
Das Schweizer Landesmuseum ist das meist- maßen. Dabei führt sie von einer etwas runden Fenstern. Das Museum wird hier
besuchte historische Museum der Schweiz. höher als das Foyer liegenden Ebene direkt nicht neu erfunden, aber kraftvoll in die
Es widmet sich der Kunstgeschichte und ins zweite Obergeschoss und eröffnet eine Gegenwart geführt. Von solchen Museums-
dem Kunsthandwerk der Schweiz von den spektakuläre Perspektive auf die große erweiterungen wünscht man sich mehr.
Anfängen bis zur Gegenwart. Nach 14 Jah- Ausstellungsfläche. Ihre komplementäre Auch wenn sich auch die Schweiz irgend-
ren Umbauzeit und zwei Volksabstimmun- Figur auf der anderen Seite des Wasser- wann die Frage stellen muss, ob und welche
gen wurde es Anfang August mit einer beckens bildet das Auditorium mit 250 Sitz- Grenzen es für das Wachstum von Museen
26-stündigen Par t y wiedereröf fnet. Als plätzen und 600 Stehplätzen. gibt.
Emanuel Christ und Christoph Gantenbein
den Wettbewerb für die Erweiterung 2002 Pläne auf Seite 44

D
für sich entscheiden konnten, waren sie
gerade Anfang dreißig, hatten drei Mitar-
beiter und mussten zum Plotten noch zu
einem befreundeten Büro auf die andere
Straßenseite gehen.

Märchenschloss extended
ie Wände des Innenraums bestehen aus
Das Museum liegt am Rand der historischen grauem Sichtbeton, der Boden ist durch-
Altstadt, jenseits der bekannten Bahnhof- gängig aus geschliffenem Recyclingbeton,
strasse zwischen Hauptbahnhof und Platz- die Technikelemente werden bewusst insze-
spitzpark. An zwei Seiten wird es von den niert. Alles wirkt sehr roh – nur die von Christ &
Flüssen Limmat und Sihl eingerahmt, die sich Gantenbein gestalteten Lampen und Hand-
am Ende des Parks vereinigen. Der fein- läufe aus brüniertem Messing heben sich
gliedrige, historistische Altbau mit seinen davon ab und verst römen eine subtile
verspielten Türmen stammt von Gustav Gull, Eleganz. Anders als in Basel tritt die Muse-
wurde 1898 fer tiggestellt und bildet im umsarchitektur mit ihrem unfertigen, indust-
Grundriss ein offenes U. Für die Museumser- riellen Charakter in den Hintergrund. Sie
weiterung hatten Christ & Gantenbein in der wird zur Bühne für die Ausstellungen, die hier
ersten Wettbewerbsphase noch einen Bau- zukünftig zu sehen sein werden. Die runden
körper im Hof des Altbaus vorgeschlagen, Fenster, die wie Bullaugen einen fein austa-
in der zweiten Wettbewerbsphase, an der rierten Blick in die Stadt und auf den Platz-
insgesamt 29 Architekturbüros teilnahmen, spitzpark ermöglichen, bilden dazu einen
wagten sie einen kompletten Neuanfang – sinnlichen, beinahe surrealen Kont rast.
und gewannen. Der skulpturale Erweite- Anhand der Studienmodelle kann man
rungsbau liegt jetzt auf der Seite des Parks nachvollziehen, wie Christ & Gantenbein
und schließt an zwei Seiten direkt an das zunächst mi t konvexen Fenste r fo rmen
bestehende Gebäude an. Damit schafft er experimentierten, sich schließlich aber für
einen Rundgang. Doch auch wenn man den einfache runde Löcher, die in den Beton
neuen Museumst rakt vom Bahnhof aus gebohrt wurden, entschieden und so eine
deutlich sehen kann, betritt man ihn vom leichte, spielerische Lösung fanden.
Altbau aus, da der Haupteingang an seinen
ursprünglichen Ort zurückverlegt wurde. Kunst versus Geschichte

Drama Baby! Die lange Entstehungszeit, die Änderungen


im Vorfeld – unter anderem wurde der Neu-
Die Museumserweiterung umfasst die Aus- bau verkleinert, da nach einem Volksent-
stellungsflächen für die großen Wechsel- scheid der ehemalige Kunstgewerbeflügel
ausstellungen und die archäologische doch erhalten bleiben musste – haben der
Sammlung, ein Auditorium sowie die Biblio- Museumserweiterung in Zürich in keiner
37

Landesmuseum Zürich B
FOTO: ROM AN KE LLE R
38 Ideen 1 bis 2
39

B) Rechts: Märchen-
schloss versus Beton-
FOTO: ROM AN KE LLE R

expressionismus

Der Anbau öffnet sich


zum Park in Form einer
räumlichen Brücke.
40

B) Oben: Die große Trep-


pe wird über runde
Fenster belichtet.

Das Auditorium bildet


die komplementäre
Figur zur Treppe.
FOTO: ROM AN KE LLE R
Ideen
1 bis 2
41
42
Ideen 1 bis 2 43

B) Rechts: Die Architekten


sanierten auch den Be-
FOTO: ROM AN KE LLE R

stand.

Der Anbau greift die


Farbigkeit des Bestands-
gebäudes auf.
44 Ideen 1 bis 2

B)
M 1:1 0 . 0 0 0

Lageplan

2. OG

Längsschnitt
M 1:15 0 0

Querschnitt

BAUHERR:
Schweizerische Eidgenossenschaft 1. OG
vertreten durch das Bundesamt für
Bauten und Logistik BBL

ARCHITEKTEN:
Christ & Gantenbein, Basel

TR AGWERKSPL ANER:
Altbau: APT Ingenieure, Zürich,
Andreas Lutz
Neubau: WGG Schnetzer Puskas
Ingenieure, Basel Heinrich Schnetzer
Proplaning AG, Basel, Jörg Paschke

LANDSCHAFTSARCHITEKTEN:
M 1: 2 0 0 0

Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich

FERTIGSTELLUNG:
2016

STANDORT:
Museumstraße 2, Zürich EG
Tag der Stahl.Architektur
am 7. Oktober 2016 in Würzburg
bauforumstahl.de/anmeldung/325

Preis des Deutschen Stahlbaues 2016: Serviceteilecenter der Firma Rational © jens weber, munich
Ab 9.00 Fachausstellung und Get together 14.00 Prof. Mike Schlaich,
schlaich bergermann
partner (sbp), Berlin
10.00 Eröffnung | Begrüßung
„Trends im Leichtbau“
Moderation: Boris Schade-Bünsow,
Chefredakteur Bauwelt Berlin
14.30 Verleihung „Preis des Deutschen Stahlbaues 2016“
10.15 Vorstellung der Gewinner und Verleihung Dr. Bernhard Hauke, bauforumstahl Düsseldorf
„Förderpreis des Deutschen Stahlbaues 2016“ an Ackermann Architekten BDA München,
Juryvorsitzende Prof. Eva-Maria Pape, TH Köln, Rational Serviceteilecenter Landsberg am Lech
Fakultät für Architektur, Pape Architektur Köln, Werkvortrag: Peter Ackermann
Dr. Bernhard Hauke, bauforumstahl Düsseldorf
15.15 Schlußworte
11.15 Kai-Uwe Bergmann, Partner Ralf Luther, stellvertretender Vorsitzender
Bjarke Ingels Group (BIG), bauforumstahl Düsseldorf
New York
„Heißkalt“

12.00 Vorstellung der Auszeichnungen


‚Preis des Deutschen Stahlbaues 2016‘
Juryvorsitzender Prof. Eckhard Gerber,
Gerber Architekten Dortmund
Partner

12.30 Mittagspause & Besuch der Fachausstellung

13.30 Verleihung„Sonderpreis des


Bundesministeriums für
Umwelt, Bau und
Reaktorsicherheit (BMUB) 2016 Sponsor
Staatssekretär Gunther Adler,
BMUB Berlin an kister
© Marcus Schwier Unter der Schirmherrschaft
scheithauer gross (ksg) architekten und von Dr. Barbara Hendricks
stadtplaner Köln, Gerling-Hochhaus Köln (Sanierung) MdB Bundesministerin

Werkvortrag: Dagmar Pasch, Büroleitung Köln und


Projektleitung Gerling-Hochhaus, ksg Köln und
Prof. Rainer Hempel, Geschäftsführer, HIG
Hempel Ingenieure Köln
46 Sonderführung mit ...

gmp hat in den letzten


fünfzig Jahren weltweit
nahezu 400 Bauten re-
alisiert. Die Ausstel- B A U M E I S T E R : „Die Kunst der richtigen Dis-
lung behandelt die kri-
... Michael Kuhn tanz“ – was hat es mit dem Namen auf sich?
tische Auseinanderset- M I C H A E L K U H N : Es geht in der Ausstellung,
zung mit diesen wie der Untertitel sagt, um Architekturkritik.
Bauwerken. Kommunikationschef Ein Thema, das uns als Büro natürlich immer
interessiert hat, denn die Kritik – ob von Laien
bei gmp und oder Fachkritikern – hält den Architekten ja
Kurator der Ausstellung gewissermaßen den Spiegel vor, ordnet die
Bauten ein, erklärt und beurteilt sie. Das
„Die Kunst der Büro gmp besteht seit mehr als einem hal-
ben Jahrhundert, und die Kritiken unserer
richtigen Distanz“ Bauten bilden dabei genauso wie die Archi-
tektur selbst die gesellschaftliche Entwick-
lung dieser Zeitspanne ab mit ihren wech-
Bis 11. November 2016 selnden Schwerpunkten, Moden und Stilen.

in der Architekturgalerie B: Eine ungewöhnliche Perspektive...

München MK: Wir treten selbst einen Schritt zurück,


und wollen dies in der Ausstellung doku-
mentieren, und darauf aufbauend mit räum-
licher und zeitlicher Distanz die Urteile über
FOTO: M ARCUS BRE DT

Architektur nachvollziehbar und überprüf-


bar machen. Insgesamt die Vielfalt der
möglichen kritischen Auseinandersetzun-
gen mit Architektur zu verdeutlichen, ist ein
wichtiges Anliegen der Ausstellung.

Das Gespräch führte Sophie Charlotte Hoffmann


47
B : Die Ausstellung zeichnet anhand ausge- ab, zeitlich, typologisch und geographisch: B:Was ist die Idee dahinter?
wählter gmp-Bauten die letzten fünfzig Bauten aus fünfzig Jahren, Umbauten und MK: Dabei geht es um mehr als die Frage,
Jahre Architekturkritik nach. Wie kann man Neubauten, bekannte und weniger be- ob etwas gefällt oder nicht. Es geht um die
sich diese Gegenüberstellung von Bauten, kannte, vom Vogelbeobachtungsturm über Vielfalt der Sichtweisen und um die manch-
Fotografien und Statements vorstellen? Wohnhäuser, Stadien und Flughäfen bis zur ma l ve rb lü f fenden Beu r tei lungen und
M K : Eine Fotografie ist ja ein ebenso subjek- ganzen Stadt, in Deutschland, Europa, Begründungen. Architektur an sich ist schon
tives Statement des Fotografen wie der Text Südamerika und Asien. immer ein öffentliches Ereignis, die öffentli-
eines Journalisten. In der Ausstellung kon- che Auseinandersetzung mit Architektur,
frontieren wir aktuelle Fotografien des Berli- B : Was lernen die Besucher in der Ausstel- die Kritik, ist daher ein untrennbarer Teil von
ner Architekturfotografen Marcus Bredt mit lung? Architektur – und sie ist auch immer Kultur-
pointierten Statements aus historischen M K : Die Gegenüberstellung von Bild und und Gesellschaftskritik.
Kritiken in Zeitungen und Fachzeitschriften – Text zu den ganz verschiedenen Projekten
zwei Zeitschichten, die sich in zwei unter- von gestern und heute spricht die Besucher
schiedlichen Medien manifestieren, und die natürlich unterschiedlich an. Im Anschluss
nach der jeweiligen Beziehung von Bild- bieten wir deshalb die Möglichkeit, weiter-
und Textaussage fragen lassen. gehende Informationen zur jeweiligen
Architektur selbst zu recherchieren. Und das
B: gmp gehört zu den größten deutschen Bild der Architekturkritik wäre unvollständig,
Büros und hat nahezu 400 Bauten national wenn wir die nicht-professionelle Kritik aus-
und international realisiert. Nach welchen sparen würden. Deshalb zeigen wir in einem
Kriterien haben Sie ausgewählt? z wei ten Tei l spontane Statements von
M K : Wir haben die Ausstellung auf eine Aus- Nutzern und Passanten zu Bauten von gmp.
wahl von 25 Projekten unseres Büros konzen- Grundsätzlich ist jeder kompetent, über
triert. Diese bilden beispielhaft fast das Architektur zu urteilen. Und jeder hat eine
gesamte Spektrum der Tätigkeit von gmp Stimme zu seiner gebauten Umwelt.
48
Ideen
3

FOTO: JON MCNEAL


49
Eine Wolke zwischen
den Häuserblocks von
San Francisco: der An-
bau an das SFMOMA
von Snøhetta.

Ein
Bühnenbild
für
Botta
Architekten: Kritik:
Snøhetta Oliver G. Hamm

Das SFMOMA von Mario Botta wurde von Snøhetta um einen Erweiterungs-
bau ergänzt. Damit ist es das größte Museum der USA. Der Neubau musste
bei seiner Eröffnung im Mai 2016 ähnlich vernichtende Kritiken einstecken
wie seinerzeit das Bestandsgebäude. Zu Unrecht, findet unser Autor.
50
Eine Bauskulptur in
zweiter Reihe: Der An-
bau soll Assoziationen
an Wolken und den
sommerlichen Nebel
in San Francisco her-
vorrufen und dient als
eine Art Bühnenbild
für den Bestandsbau
von Mario Botta.

FOTO: HE NRIK K A M
Ideen 3 51
52 Ideen 3

Oben: Die doppelte


Krümmung der Längs-
fassaden versucht
die Wuchtigkeit des
Anbaus aufzulockern.
FOTOS: JON MCNEAL , HE NRIK K A M, IWAN BA AN

Rechts: Der Zylinder


im Zentrum des Be-
standsgebäudes ver-
sorgt das Treppenhaus
mit Tageslicht. Die
Treppe selbst wurde
durch eine neue er-
setzt, die mehr Licht
von oben hineinlässt
(rechte Seite).
53
54
Oben: Mit dem Anbau
konnte das SFMOMA
seine Ausstellungsflä-
che insgesamt nahezu
verdreifachen.

Mitte: Museumsbe-
sucher ruhen sich auf
Sitzstufen vor einer
Skulptur von Richard
Serra aus.

Rechts: Große Fenster


bieten ebenfalls Sitz-
möglichkeiten. Im Vor-
dergrund eine Skulptur
von Joel Shapiro

FOTO: HE NRIK K A M , IWAN BA AN


Ideen 3 55
56 Ideen 3

Z
Grundfläche zur Verfügung stand – und weil sind variabel teilbar. Lediglich die Längs-
der ikonografische Charakter des symme- wände sind fixier t. Einläufige Treppen-
trischen Altbaus nicht angetastet werden kaskaden entlang der gekrümmten Außen-
sollte – entschieden sich die norwegischen fassaden gewährleisten die Verbindung
Architekten für eine Bauskulptur „in zweiter zwischen den Galerieebenen. Aufgrund der
Reihe“. Deren enorme Höhe ist wegen des abgehängten Decken mit ihrem indirekten
beengten Stadtraums und aufgrund einer Licht – das SFMOMA ist das erste komplett
ugegeben: Der Gebäudehybrid des San doppelten Krümmung der Längsfassaden mit LED bestückte Museum in den USA – so-
Francisco Museum of Modern Art (SFMOMA) sowohl in der Horizontalen, als auch in der wie Wänden und Fußböden ohne störende
von Snøhetta und Mario Botta macht es ei- Vertikalen nur aus der Ferne zu erfassen. Die Öffnungen bieten die Räume dem Auge viel
nem nicht gerade leicht. Das auf den ersten monolithische Erscheinung des Erweite- Ruhe. Das ermöglicht eine Fokussierung auf
Blick brachial wirkende Nebeneinander aus rungsbaus ergibt sich aus der nahezu naht- die Kunst. Die einzige sichtbare Fuge am
postmoderner Keimzelle und frei flottieren- losen Addition von erstaunlich dünnen Fas- oberen Wandabschluss dient als Lüftungs-
dem „Überbau“ ist gewöhnungs- und erklä- sadenpaneelen aus glasfaserverstärktem auslass für die Klimaanlage, die eine sehr
rungsbedürftig. Beim Gang durch den Bau- Polymer. Dank ihrer plastischen horizonta- geringe und damit Energie sparende Luft-
komplex verbinden sich die Gegensätze len Rippen sind die 1,83 x 7,62 Meter großen wechselrate hat. Die Abluft wird über die
allerdings en passant zu einem Ganzen. Paneele sehr formstabil. Sie sollen Assoziati- Deckenschalen abgesaugt. Das Bauwerk
Zudem relativieren die Innenräume das Bild onen an Wolken und an den sommerlichen wurde inz wischen mit dem Leadership
des im ersten Moment irritierenden Äuße- Nebel in der San Francisco Bay hervorrufen in Energy and Environmental Design in Gold
ren. Doch der Reihe nach. und ein ständig wechselndes Licht-und zertifiziert. Damit ist Snøhetta ein weiteres
Schatten-Spiel gewährleisten. Nur die drei Mal ein wichtiges Bauwerk in den USA ge-
Schneller Wandel oberen, der Verwaltung vorbehaltenen Ge- lungen – nur zwei Jahre nach dem National
schosse haben Fensterbänder, ansonsten September 11 Memorial Museum Pavilion
Das SFMOMA gibt es seit 1935 – es ist also nur sind die Fassaden nur an einigen wenigen am „Ground Zero“ und allen Bedenkenträ-
sechs Jahre jünger als sein berühmter New Stellen perforiert. Es ist eine Art „Bühnen- gern zum Trotz.
Yorker Vorgänger. Sechs Jahrzehnte später, bild“ für den Bestandsbau von Botta, das
1995, zog das Museum in sein neues, von sich mit seiner größtenteils planen Oberflä-
Mario Botta entworfenes „Schatzhaus“ an che und der neutralen Farbgebung betont
der 3rd Street ein. Zu diesem Zeitpunkt gab zurückhaltend gibt.
es in der Nachbarschaft viele Brachflächen,
die hauptsächlich als Parkplätze genutzt Fließende Übergänge im Innern
wurden. Seitdem sind gerade mal 21 Jahre
vergangen, doch in der Zwischenzeit hat Im Zuge der Erweiterung wurde der Bestand
sich das Umfeld des SFMOMA so stark ver- durch Snøhetta behutsam umgebaut. Das
ändert wie kein anderer Stadtteil in San Atrium dient weiterhin als Hauptzugang zum
Francisco: Weitere Kulturbauten, aber auch Museum und zum noblen, von Aidlin Darling
Hotels, Büro- und sogar erste Wohnhoch- Design gestalteten Restaurant „In Situ“.
häuser prägen zunehmend die Blocks zwi- Dank der neuen, weitgehend verglasten
schen Mission und Howard Street. Und der Erdgeschossfassade öffnet sich das Atrium BAUHERR:
Transformationsprozess ist noch längst nicht jetzt besser zum Straßenraum. Durch das San Francisco Museum of
abgeschlossen: Derzeit wird etwa der Kon- ovale Fenster des Zylinders fällt nun auch Modern Art
gress- und Ausstellungskomplex Moscone mehr Licht herein, da die ursprüngliche, bis
Center schräg gegenüber des SFMOMA ins oberste Geschoss führende Treppe durch ARCHITEKTEN:
umfangreich erweitert. Zwei Blocks entfernt eine neue geknickte Treppe ersetzt wurde. Snøhetta, Oslo
entsteht das Transbay Transit Terminal. Sie erschließt jetzt nur noch die Verteiler- Craig Dykers (Projektpartner);
Es wird dem über die Market Street nach ebene mit den Kartenschaltern im ersten Aaron Dorf, Lara Kaufman,
Süden hin expandierenden Finanzviertel Obergeschoss. Die Galerien im Altbau blie- Jon McNeal; Simon Ewings,
sowie den Kulturbauten rund um die Parkan- ben unverändert. Da sich die Architekten Alan Gordon, Marianne Lau,
lage Yerba Buena Gardens viele Besucher nach dem Vorbild des Bestands auch in der Elaine Molinar, Kjetil Trædal
zuführen. Erweiterung für Ahornfußböden entschie- Thorsen; Nick Anderson,
den, bemerken viele Besucher beim Aus- Behrang Behin, Sam Brissette,

S
stellungsrundgang oft nicht die Übergänge Chad Carpenter, Michael Cotton,
zwischen den beiden Gebäuden – und das Aroussiak Gabrielian,
obwohl sie durch einen Spalt getrennt sind, Kyle Johnson, Nick Koster,
um sich im Falle eines Erdbebens unabhän- Mario Mohan, Neda Mostafavi,
gig voneinander bewegen können. Anne-Rachel Schiffmann,
Carrie Tsang, Giancarlo Valle
Fokussierung auf die Kunst
nøhetta wurden 2010 nach einem Auswahl- PA R T N E R VO R O R T:
verfahren unter vier Büros für die Erweite- Im Erdgeschoss des Erweiterungsbaus wur- EHDD, San Francisco
rung des Bot ta-Gebäudes beau f t ragt. de ein Raum der Kontemplation geschaffen, Duncan Ballash, Lotte Kaefer
Mit ihrem Anbau konnte das SFMOMA seine der bereits eine Stunde vor Museumsöff- und Rebecca Sharkey
Ausstellungsfläche von 6.500 auf fast 17.800 nung zugänglich ist. Er befindet sich gleich (Projektleiter)
Quadratmeter nahezu verdreifachen und hinter dem neuen Südeingang am Aufgang
die Gesamtfläche auf 42.735 Quadratmeter zur Verteilerebene. Die neuen Ausstellungs- STANDORT:
mehr als verdoppeln. Da für die Museums- flächen ab dem zweiten Obergeschoss, die 151 Third Street, San Francisco,
expansion nu r ve rhä l t n ismäßig wen ig jeweils die Größe eines Fußballfelds haben, Kalifornien, USA
57

M 1: 2 0 0 0 0
Lageplan 6. OG

Querschnitt 3. OG

M 1:4 0 0 0

EG 1. OG

1 Eingang
2 Foyer
3 Wattis-Theater
4 Howard Street Gallery
58 kleine Werke ( 77 )

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Abwarten und Tee trinken

Hexham, Arbeia, Vindolanda, Senhouse, Walton Crags, Birdoswald In den vergangenen Monaten reiste das Gebilde, das einer klassi-
und Carlise Castle. Sieben Gemeinden, eine Gemeinsamkeit: Der schen, römischen Mansio und den Industrieanlagen Nordenglands
Hadrianswall, ein römisches Grenzbefestigungssystem aus dem ähnelt, entlang des Hadrianswall und bespielte die angrenzenden
2. Jahrhundert n. Chr., verbindet die geschichtsträchtigen Orte mit- Städtchen. Auf 17,5 Quadratmeter Fläche fanden Ausstellungen,
einander. Mit rund 1.175 Kilometern verläuft die Wallanlage nahe Lesungen sowie Workshops statt. Der Körper ist aus einem Stahl-
der Grenze von Schottland und England und gilt als eines der wich- gerüst geformt, mit Polycarbonat verkleidet und aus vier verschie-
tigsten Denkmäler der Römer in Großbritannien. denen Elementen zusammengesetzt: einem kleinen, zur Hälfte
Diesen Sommer wurde der Weg durch ein mobiles Teehaus zu neu- überdachten Innenhof, einem Aufenthaltsraum mit einer aufklapp-
FOTO: BROTHE RTON/LOCK

em Leben erweckt. Ganz nach dem Motto: abwarten und Tee trin- baren Front, der vor allem dem Teetrinken (very british) und der
ken. Die Architekten Matthew Butcher, Kieran Wardle und Owain Betrachtung der Landschaft vorbehalten ist, einem komplett
Williams entwickelten im Rahmen eines vom Hexham Book Festival geschlossenen Mini-Kinosaal und einem Turm mit „Hier bin ich“-
ausgelobten Wettbewerbs die temporäre Installation „The Mansio“, Effekt. Je nach Wetterlage verändert sich die Optik des transluzen-
ein Aufenthaltsort, an dem die Öffentlichkeit mit zeitgenössischer ten Gebildes: Bei Sonnenschein ist der Raum lichtdurchflutet, bei
Kunst, Literatur und Videokunst in Berührung kommt. Regen wirkt das Konstrukt geschlossen und introvertiert.

Text Sophie Charlotte Hoffmann


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246 a EGBGB nutzen. Der Widerruf ist zu richten an: Leserservice Callwey, Große Hub 10, 65344 Eltville,
beim Verlag widerrufen. Germany oder per Fax an: +49-6123-9238-244 oder per Email an: callwey-leserservice@vuservice.de
B M M A B O 2 016
60 Ideen 4

Die temporäre Treppeninstallation wurde im Rahmen des Festivals „Rotterdam Celebrates the City“ errichtet.
61

Stairway
to
Rotterdam

Rotterdam wird umgebaut.


Gerade hatten wir die
Markthalle von MVRDV und
das Timmerhuis von
OMA im Baumeister. Jetzt
hat MVRDV mit einer
spektakulären Treppen-
installation nachgelegt.
Sie ist der visionäre Auftakt
zur Erschließung einer
zweiten städtischen Ebene:
für ein neues Rotterdam

Architekten: Kritik: Fotos:


MVRDV Klaus Englert Ossip van Duivenbode
62
„Rotterdam Celebrates the City“. So hieß für das künftige Rotterdam schaffen. Es ist er-
ein Festival, das die Stadt ein Jahr lang in freulich, dass für das Festival nicht nur öffent-
Feierlaune versetzte. Anlass war der Wieder- liche, sondern auch private Gelder flossen.“
aufbau von Hollands zweitgrößter Stadt
nach dem verheerenden Angriff der deut- Kampf um den öffentlichen Raum
schen Luftwaffe, der am 14. Mai 1940 nahezu
die gesamte Altstadt um die Laurenskerk Als Winy Maas’ Treppenentwurf umgesetzt
verwüstete. Auf historischen Fotos ragt der werden sollte, gab es allerdings erste Proble-
Turm der mittelalterlichen Kirche aus einer me. Das Bahnhofsmanagement sah sich
riesigen Trümmerwüste hervor. Zwar dauerte außerstande, dem Projekt zuzustimmen.
der Krieg für die Niederländer insgesamt Offenbar übersahen die Organisatoren die
fünf Jahre, doch in Rotterdam, der am Gefahrenpotenziale für die öffentlichen
schwersten gezeichneten Stadt, begannen Räume: „Wenige Wochen, bevor die Treppe
erste Wiederaufbau-Arbeiten bereits wäh- der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wur-
rend der Besatzung. de, passierte der furchtbare Anschlag auf
den Brüsseler Flughafen. Und in der Silvester-
Kontinuität der Transformation nacht ereigneten sich die massenhaften
Übergriffe vor dem Kölner Hauptbahnhof“,
Der eigentliche Höhepunkt der Festlichkei- erinnert sich Winy Maas. Die Behörden waren
ten fand in diesem Frühjahr statt. Die Organi- entsprechend alarmiert. Deswegen blieb
satoren des Festivals wollten ein einpräg- die Entscheidung beim Bürgermeister Ahmed
sames Zeichen in der City schaffen – nicht Aboutaleb, der überraschend am Ende
nur um an den Luftangriff von 1940 zu erin- grünes Licht gab – jedoch mit der Bedingung
nern, sondern auch um an die Kontinuität einer Einhaltung erhöhter Sicherheitsvorkeh-
des städtischen Wandels zu gemahnen. Der rungen. Das führte dazu, dass sich ständig
Bahnhofsplatz am neuen und sehr beliebten berittene Polizei in Bahnhofsnähe und im Ge-
Bahnhof , entworfen vom Büro Benthem schäftsviertel aufhielt.
Crouwel Architects, sollte dafür der geeig-
nete Ort sein. Gedacht war an eine über- Die größte Attraktion
dimensionale Treppenkonstruktion, die
vom Vorplatz hinauf zum Dach des Groot Winy Maas war vom Erfolg des Treppenpro-
Handelsgebouw führt, einem Handels- jekts wohl am meisten überrascht: „300.000
zentrum, das 1953 nach dem Vorbild des Menschen aus nah und fern mühten sich
Chicagoer Merchandise Mart errichtet wurde die Treppenstufen hinauf. Damit hatte wohl
und seinerzeit zum Modernsten gehörte, niemand gerechnet.“ Tatsächlich erfüllt das
was die Rotterdamer Architektur zu bieten Treppengerüst den Anspruch einer ikoni-
hatte. Beauftragt wurden MVRDV. schen Architektur, von der es mittlerweile
Winy Maas, Partner im Büro, zeichnete den in Rotterdam reichlich viel gibt. Das riesige
Entwurf als starkes Symbol für Aufbau- und Gerüst misst bis zur Dachlandschaft des
Erneuerungswillen: „Das Festival, das an die Handelszentrums 29 Meter und besitzt eine
Luftangriffe vor 75 Jahren erinnert, ist wirklich Länge von 57 Meter. Wegen dieser Ausmaße
großartig. Wir schafften den Wiederaufbau war es notwendig, eine Passage für Fußgän-
von Rotterdam. Die Frage ist nur: Wie geht ger und Radfahrer in das Gerüstdickicht zu
es weiter?“, sinniert er. „Es gab dazu einen schneiden. Für Auf- und Abstieg umfasst die
großen Ideen-Wettbewerb, auch unser Trep- Treppenskulptur fünf Bahnen, die aus Sicher-
penprojekt am Bahnhofsplatz gehört zu heitsgründen durch Stahlgeländer vonein-
diesen Überlegungen. Wir müssen Visionen ander getrennt sind. 180 Stufen müssen die

WEITER
Ideen 4 63

Die Treppe führt auf das Dach des Groot Handelsgebouw, das 1953 errichtet wurde.
64

Die Installation wurde zum Erfolg. Insgesamt 300.000 Menschen mühten sich die Treppenstufen hinauf und hinab.
Ideen 4 65

Axonometrie

Besucher bis zur Dachterrasse zurücklegen, Dachlandschaft für Rotterdam ist. Hier oben
wovon sich aber nicht einmal die Kleinsten kann man spazieren gehen oder sich einen
abhalten ließen. In diesen Frühlingstagen Film anschauen, man kann eine Bar oder
war die Treppe am Stationsplein die mit Ab- eine laufende Veranstaltung aufsuchen. Das
stand größte Attraktion in ganz Rotterdam. ist eine fantastische Erweiterung des städti-
„Die Treppe ist eine Tribüne für die ganze schen Raums.“ Bereits der legendäre Hanno-
Stadt. Aber nicht nur das. Sie eröffnet die veraner Expo-Pavillon von MVRDV hätte laut
Chance, eines der großartigsten Gebäude Maas das Ziel gehabt, die Nutzungsband-
aus der Zeit des Rotterdamer Wiederaufbaus breite des öffentlichen Raums zu erweitern
kennenzulernen.“ Winy Maas erzählt, dass er und zu intensivieren.
als junger Student ständig ins „Kriterion“,
eine kleine Filmkunstbühne auf der Dachter- Rotterdams zweite Ebene
rasse, ging, um danach die Aussicht auf die
Rotterdamer City zu genießen. Mittlerweile Winy Maas hätte am liebsten eine perma-
gehört das Kino längst der Vergangenheit nente Installation errichtet, aber Mitte Juni
an, nur während „Rotterdam Celebrates the war es mit dem Spaß bereits vorbei. Der Archi-
City“ fanden hier wieder Veranstaltungen tekt ist allerdings davon überzeugt, dass
statt. „Durch das Treppenprojekt konnten wir dieses temporäre Projekt nicht die letzte
zeigen, welch großartige Bereicherung die Treppe für Rotterdam sein wird. Momentan

WEITER
66
verhandeln die Architekten mit der Stadt- Glücklicherweise gebe es in Rotterdam –
verwaltung und der Privatwirtschaft, um die anders als in Amsterdam, wo der Denkmal-
öffentlichen Treppen der Stadt zu einer Art schutz schon so manches innovative Projekt
Kunstprojekt zu machen. Während der vereitelt hat – wenig Hemmnisse, um sich
Veranstaltungszeit haben MVRDV auf dem neuen Ideen zu öffnen, meint er.
Dachgarten des Groot Handelsgebouw eine Am Hofplein, einer für Fußgänger reichlich
kleine Treppenausstellung installiert. Sie unwirtlichen Gegend in Bahnhofsnähe, hat
soll die Bürger darüber informieren, wie ZUS, ein Team von Landschaftsarchitekten,
das Team um Winy Maas, Jacob van Rijs einen ersten bedeutenden Schritt unternom-
und Nathalie de Vries eine zweite Ebene men: eine ausschließlich aus Spendengel-
in Rotterdams Stadtstruktur einfügen will. dern finanzierte Fußgängerbrücke über drei
Besonders ungenutzte Industriebauten oder schlecht verbundene Stadtviertel hinweg
leere Bürogebäude bieten sich an: etwa die sowie über eine Eisenbahn- und Autobahn-
Fenix Food Factory, ein ehemaliges Kaffee- trasse, die früher ein Hemmschuh für die
lager im alten Hafen von Katendrecht, oder Stadtentwicklung waren. Nun gibt es die
ein Maas-Silo in Poort van Zuid. Winy Maas grellgelb leuchtende Brücke „Luchtsingel“
denkt aber auch an innerstädtisch gelegene („Luftgraben“), die in der von Auto- und
Kunstzentren wie das Theater oder die Kunst- Zugverkehr dominierten Zone einen Bereich
halle, deren Flachdächer sich durch Treppen für die Fußgänger erobert hat. Ihren Anfang
im Außenbereich erschließen lassen. Beson- nimmt die 400 Meter lange Holzbrücke, die
ders der von Adriaan Geuze gestaltete Thea- sogar eine Aussichtsplattform vorzuweisen
terplatz könnte dadurch belebt werden. hat, am einstigen Bürogebäude Schieblock.
Das ist auch der neue Sitz von ZUS-Land-
Offen für Visionen schaftsarchitekten, die auf dem Dach des
sechsgeschossigen Flachbaus das spekta-
Tatsächlich hat der Rotterdamer Wiederauf- kuläre Projekt „Urban Gardening“ verwirk-
bau-Elan einen neuen, frischen Blick auf die licht haben. ZUS war fasziniert vom
Monumente der Fünfzigerjahre freigelegt: durchschlagenden Erfolg der New Yorker
Nicht allein das Groot Handelsgebouw von „High-Line“, weshalb die Rotterdamer auf
1953 wird plötzlich mit anderen Augen wahr- die Idee kamen, ein ähnliches Projekt auch
genommen, sondern auch die Bijenkorf- in den Niederlanden zu verwirklichen. Für
Kaufhalle, die Marcel Breuer 1956 im neuen, Winy Maas ist der Luchtsingel die Eroberung
von Van den Broek und Bakema entworfenen des öffentlichen Raums auf der nächst höhe-
Geschäftsviertel Lijnbaan errichtete. MVRDV ren Ebene. Das ist, wie er meint, die einzig
möchte an der Längsfassade des Quaders richtige Strategie für Rotterdam: „Wir wollen
eine Treppenkonstruktion anbringen, die zunächst die Treppen am Theater und an
hinaufführt auf den Dachgarten, der wie der Codarts-Akademie realisieren, doch es
eine kleine Parklandschaft bepflanzt werden reizt mich außerordentlich, den Luchtsingel
soll. Winy Maas wartet mit einer zweifachen besser zu erschließen. Deswegen würden
Erfolgsmeldung auf: „Bijenkorf hat sich jetzt wir gerne eine weitere Brücke bauen – für
für eine dauerhafte Treppeninstallation ein neues Rotterdam.“
entschieden, und sogar das Rathaus öffnet
jetzt das Dach für die Öffentlichkeit, sodass
der Coolsingel lebendiger werden dürfte.“
Der Architekt betont dabei, dass es jetzt dar-
um gehe, eine visionäre Kraft zu aktivieren,
um neue Wege für die Zukunft zu erschließen.
Ideen 4 67

Axonometrie
M 1:1 0

Detail Knotenpunkt

Ansicht

Detail Anschluss Wand

BAUHERR:
Rotterdam Viert de Stadt

ARCHITEKTEN:
MVRDV, Rotterdam

MITARBE ITE R:
Konstruktion Winy Maas, Jacob van Rijs und
Nathalie de Vries mit Jan Knikker,
Gijs Rikken, Fedor Bron, Mark van
den Ouden, Arian Lehner
Bei der Treppe handelt gänger und Radfahrer Insgesamt 180 Stufen
es sich um eine riesige vorgesehen werden, müssen die Besucher TR AGWERKSPL ANER:
Gerüstkonstruktion die zwischen dem der Treppe überwin- Scaffolding: Dutch Steigers;
aus Stahl. Sie hat eine Gerüst hindurchläuft. den, um auf das Dach Construction: Adviesbureau Dekker
Höhe von 29 Metern Die Treppe hat fünf des Groot Handelsge- Engineering
und eine Länge von Bahnen, die aus Sicher- bouw zu gelangen.  
57 Metern. Aufgrund heitsgründen durch FERTIGSTELLUNG:
dieser Ausmaße musste Stahlgeländer vonein- 2016
eine Passage für Fuß- ander getrennt sind.
STANDORT:
Stationsplein, Rotterdam
68

Oben:
Versteckte Oase über den Dächern Barcelonas –
ein Pool, eine Bar und ein herrlicher Blick

Rechts:
Der Architekt des Umbaus, Rafael Moneo, wusste mit
dem alten Gemäuer umzugehen. Die Geschichte
bleibt ablesbar.

Unten:
Auch in den Zimmern finden sich historische Spuren,
die bis in die römische Zeit zurückreichen. Trotzdem
fehlt es nicht an allem erdenklichen Komfort.

FOTOS: KL AUS E NGLE RT


Unterwegs im 69

Hotel Mercer
Barcelona

Versteckt im Barrio Gotico liegt ein alter Palast, den


kein Geringerer als der Grande der spanischen
Architektur, Rafael Moneo, in ein kleines, feines Hotel
umgebaut hat. Nicht nur aus bauhistorischer Sicht
ist es einen Besuch wert.

Als Rafael Moneo in Barcelonas gotischem Viertel einen Palast aus dem
17. Jahrhundert zu sanieren begann, machte man eine erstaunliche Entde-
ckung: Man stieß auf römische Festungsanlagen. Denn der Palast wurde
zwischen zwei Wehrtürmen errichtet, die zur römischen Stadtmauer gehör-
ten. So kam Moneos Restaurierung einer Tiefenbohrung gleich, durch die
PREISE
mehrere geschichtliche Sedimente freigelegt wurden – bis hin zu den stei-
nernen Spuren des antiken Barcino, der römischen Stadtgründung Colonia
Iulia Augusta Faventia Paterna Barcina, die auf die Regierungszeit von Kaiser 28
Augustus zurückgeht. Der Madrider Architekt ließ zahlreiche Fresken, Wand-
malereien, Kassettendecken und künstlerisch bearbeitete Steine freilegen,
desgleichen gotische Fenster und einen mittelalterlichen Patio, der von
Zimmer
Rundbögen und Balkonen umgeben ist.
Um die kleine Carrer dels Lledó und das Hotel Mercer im Barrio Gótico zu
+ Suiten
finden, ist allerdings ein wenig Glück nötig. Das Altstadtgewirr führt allzu
leicht in die Irre, und das Hotel selbst gibt keinerlei Orientierung durch groß-
formatige Leuchtreklamen oder Hinweisschilder. Zum Glück. Wenn das
Suchen dann doch ein Ende hat, steht man vor dem massiven Rundbogen
eines Eingangstors. Unmittelbar dahinter machen mittelalterliche Wandma-
ab
lereien an der Rezeption neugierig: Das neue Hotel ist tatsächlich ein kleines
Museum. Es fällt auch gleich der mittelalterliche Patio mit Säulen aus dem 318 Euro
17. Jahrhundert auf – er bildet die markante Mitte des Baudenkmals.
Rafael Moneo hat in der Vergangenheit vielfach bewiesen, dass er sich Bau-
denkmälern mit außerordentlicher Sensibilität widmet. Seine Erfahrung hat
er in die Restaurierung des Palacio einfließen lassen. Er verwandelte ihn mit
seinen sichtbar gebliebenen historischen Überresten in ein Luxushotel,
in dem jedes der 28 Zimmer etwas von der reichhaltigen Baugeschichte des
Gebäudes erzählt. Es gibt sogar Zimmer mit Überbleibseln der Wehrtürme.
ADRESSE Besonders im Erdgeschoss sind die freigelegten Spuren gut erkennbar: bei-
spielsweise in den Wanddekorationen der kleinen, öffentlichen Bibliothek
Mercer Hoteles oder dem römische Mauerwerk, das zur besonderen Atmosphäre des Res-
Barcelona taurants beiträgt. Am Rande des Hotels wurden – wie vielerorts in Barcino –
Calle dels Lledó, 7 archäologische Ausgrabungsarbeiten begonnen, deren Funde zu einem
08002 Barcelona späteren Zeitpunkt öffentlich gemacht werden sollen.
Selbstverständlich hat Moneo nicht nur die jahrhundertealten Spuren freige-
info@ legt, vielmehr verwendete er moderne Baumaterialien, um an einigen
mercerbarcelona.com Stellen die notwendige Transparenz herzustellen. So umgab er den Patio mit
www. einer Glaswand, der die Präsenz des Innenhofs stärkt. Auch die Dachterrasse
mercerbarcelona mit Bar und Swimmingpool ist nicht allein Tribut an merkantile Gepflogen-
.com heiten eines modernen Hotelbetriebs. Denn auf dem Dach gestaltete Moneo
einen öffentlichen Raum, der außergewöhnliche Blickbezüge übers Barrio
Gótico herstellt: zur gotischen Kuppel von Santa María del Mar, zur Basilika
von Sants Just i Pastor und zur Kathedrale von Barcelona. Deswegen ist das
Hotel Mercer nicht nur eine weitere Touristenofferte in der hotelgesättigten
Altstadt, es befreit auch aus der erdrückenden Enge des Viertels.

Text Klaus Englert


70 Ideen 5
71
Architekten:
Die
Die silberfarbene
Wellblechfassade bot

Werk A Architekten sich als gestalterisch


und preislich günstige
Lösung an. Die Nach-

perfekte Kritik: barn haben sich inzwi-


schen daran gewöhnt.

Katharina Matzig

Welle Fotos:
Bernd Müller

Bauen kann einfach sein – wenn die Vorgaben klar sind und sich die Betei-
ligten verstehen. Ein kostengünstiges Einfamilienhaus in der Münchner
Vorstadt überzeugt durch zufriedene Bewohner. Dafür wurde es jetzt beim
Wettbewerb „Häuser des Jahres” ausgezeichnet.
72 Ideen 5

Ungewöhnlich für ein


kleines Haus sind
die 2,70 Metern hohen
Decken: Denn die
Bewohner sind Liebha-
ber von Altbauten.

Rechts: Das Erdge-


schoss ist für alle da,
das Obergeschoss für
die Kinder und das
Dachgeschoss für die
Eltern.
73

„Häuser des Jahres“

Von Nils Holger


Moormann und
Wolfgang Bachmann
Callwey Verlag,
München 2016

Wie jedes Jahr lobt


der Callwey Verlag in
Zusammenarbeit mit
dem Deutschen Archi-
tekturmuseum einen
Wettbewerb für die
besten Einfamilien-
häuser im deutschspra-
chigen Raum aus. Und
wie in jedem Herbst
werden die Ergebnisse
auch nun wieder im Ar-
chitekturbuch „Häuser
des Jahres“ vorgestellt:
In 50 Einfamilienhaus-
porträts sind die Ge-
bäude ausführlich be-
schrieben und mit vie-
len Fotos, Lageplänen,
Grundrissen und detail-
lierten Gebäudedaten
versehen.

Das Obergeschoss
kragt leicht aus,
gliedert so die Haus-
fassaden und bietet
auch mehr Platz. Es
ist den vier Kindern
vorbehalten.
74 Ideen 5

D
ARCHITEKTEN: gig aufgeglast und mit vorgelagerter Terras-
Werk A Architektur, Berlin se. Der Hauseingang liegt an der Längsseite,
www.werk-a-architektur.de fast mittig. Zusammen mit der Garderobe,
dem Gäste-WC, einer Speisekammer und
FERTIGSTELLUNG: einer quer eingepassten, natürlich einläufi-
2014 gen Treppe trennt dieser Kern den Wohnbe-
reich mit der Bücherwand ab. Auch ein klei-
STANDORT: as Haus liegt direkt am Bahnhof, eine Haus- ner Abstellraum hat noch Platz. Er ersetzt
Olching bei München nummer haben wir nicht. Aber Sie werden den Keller, der gar nicht auf der Liste stand
uns schon finden.“ Tatsächlich ist das – wofür gibt es schließlich Flohmärkte?
schmale hohe Satteldachhaus nicht zu
übersehen: Mit seiner Haut aus fein gewell- Platz für die Kinder
tem Stahlblech sticht es heraus zwischen
der im Münchner Speckgürtel üblichen Das Obergeschoss, das sich ein wenig brei-
Bauträger-Moderne und dem Abriss ge- ter macht als das Erdgeschoss und somit die
weihten Siedlungshäuschen. Die alte Gara- Ansichten gliedert und mehr Platz schafft,
ge hat die Teilung des Grundstücks der gehört den Kindern. Ihr Bad liegt innen, das
Großeltern überstanden, sie erinnert nun ließ sich leider nicht vermeiden. Dafür hat
gemeinsam mit dem Hühnerstall für sechs sich Guntram Jankowski für ihre Zimmer
Hennen und einen Hahn daran, dass Ol- etwas Besonderes einfallen lassen: Um den
ching bis vor kurzem noch ein Dorf war. Platz optimal auszunutzen, erhielten die
Dass der Hühnerstall an der Grundstücks- Räume Schlafgalerien, die miteinander
Querschnitt kante liegt, die an den Garten des schwie- verschränkt sind, sodass zwei Kinder Kopf
rigsten Nachbarn grenzt, war übrigens nicht an Kopf, jedoch getrennt schlafen. Die Trep-
geplant. Ebenso wenig wie das vierte Kind, pen in die Hochbettkojen sind zugleich
das sich ankündigte, als die Pläne für das Schrank und Regal. Belichtet werden die
Haus mit drei Kinderzimmern bereits fertig kuscheligen Zimmer über jeweils zwei über-
waren. Passt scho, wie man in Bayern sagt. eck angeordnete hohe schmale Fenster.
Teilen sich eben die zwei Jüngsten einen Im Winkel führt eine schmale Treppe unters
Raum. Und alle anderen Nachbarn haben Dach. Dort haben die Eltern ihr Reich. Zehn
M 1: 2 5 0

sich längst an das Haus gewöhnt, das nie als Oberlichter sorgen für Helligkeit und gestat-
Provokation gedacht war. ten aus der in die Schräge eingepassten
Badewanne und Dusche den Blick nach
Bauherrnwünsche draußen.
DG

U
Es entstand vielmehr als bestmögliche Um-
setzung der Prioritätenliste, die die Bauher-
ren ihrem Trauzeugen Guntram Jankowski,
geboren ebenfalls in der Nähe von Mün-
chen, nach Berlin schickten, wo er Archi-
tektur studiert hat und seit 2009 sein Büro
„Werk A Architektur“ betreibt. Ganz oben
auf dem Wunschzettel: viel Platz auf wenig nd wie kam es zu der kleinen Welle? Ziegel
Raum. 145 Quadratmeter Wohnfläche soll- schied als Dachdeckung aus, Zink war zu
ten entstehen auf dem gut 350 Quadrat- teuer. Die Stahlwelle mit dem Profil 27/111,
meter großen Grund. Durch kluge Planung silberfarben beschichtet, war eine gestalte-
1. OG konnte zudem auf Verkehrsflächen fast risch und preislich gute Lösung. Als sich eine
komplett verzichtet werden. Punkt zwei: das Holz fassade als zu teuer herausstellte,
Einhalten des Budgets. Geklappt hat das schickte der Dachdecker ein Angebot und
zwar nicht, das lag jedoch, so der Bauherr, fertigte die Fassade im gleichen Aufbau wie
an den Handwerkern. Und außerdem: ein das Dach. Energetisch brachte er das Haus
wandgroßes Bücherregal, hohe Decken für dadurch auf KfW-55-Niveau. So einfach. So
die Altbaufans, eine einläufige Treppe, viel perfekt.
Licht und Materialien, die so bleiben kön-
nen, wie sie sind – Stahlblech, Holz, Estrich
über der Fußbodenheizung, Brettschicht-
holzdecken. Less is more. Denn mehr, da
sind sich Architekt und Bauherren einig,
EG schafft nicht per se einen Mehr-Wert.
Bei Geld, heißt es, hört die Freundschaft auf.
Doch Ausnahmen bestätigen die Regel:
Weder der Architekt noch die Bauherren
würden etwas anders machen, fingen sie
noch einmal von vorn an. Denn alles passt
so, wie es ist: Im 2,70 Meter hohen Erd-
geschoss wurde die Küche untergebracht,
geräumig, zur Straße ausgerichtet, großzü-
75

3
Fragen:
SEITE
76
Wie polemisch
muss Architektur-
kritik sein?
SEITE
80
Fritz Haller –
Vordenker der
Smart City?
SEITE
86
Kann man Sicher-
heit entwerfen?
76 Fragen 1

Wie
polemisch
muss
Architekturkritik
sein

Vom feudalistischen Architekturtrakat bis zum


Shitstorm auf Facebook: Der Architekturdiskurs
hat sich in den letzten Jahrhunderten grundle-
gend verändert. Unser Autor Stephan Trüby
beschäftigt sich mit der Polemik in der Archi-
tekturtheorie und zeigt auf, was die kritische
Auseinandersetzung mit Architektur in einer
digitalisierten Welt bedeuten kann.
77
retiker Semper nicht ohne den politischen Verbal-Bandagen bekämpft. Die Vorläufi-
Text: Aktivisten in den europäischen Schlüssel- gen Bemerkungen trugen Semper nicht nur
Stephan Trüby jahren 1848/49, den „glühende(n) Republi- Reibereien mit Klenze und der Durand-
kaner mit all den antiroyalistischen Empfin- Schule ein, sondern auch eine Fehde mit
dungen, die diese Haltung einschloss“,5 dem Kunsthistoriker Franz Kugler (1808 bis
gedacht werden kann. Semper nahm als 1858), der 1835, in „Ueber die Polychromie
Mitglied der akademischen Abteilung der der griechischen Architektur and Sculptur
Bürgerwehr6 und der Scharfschützenkom- und ihre Grenzen“, der Farbe in der antik-
pagnie am Dresdner Maiaufstand vom 3. bis griechischen Architektur nur eine margi-
9. Mai 1849 teil. Dabei machte er sich auch nale Rolle zugestehen wollte, sich ferner
und gerade als ausgebildeter Architekt gegen den impliziten Aufruf Sempers zu
nützlich und errichtete in der Wilsdruffer bunteren Bauten verwahrte, und zwar mit
Gasse ein spä te r „ Sempe r-Ba r rikade“ der Begründung, dass ein allzu lebhaftes
genanntes Bollwerk.7 Richard Wagner, Sem- Farbenspiel zu Nordeuropa nicht passen
pers politischer Teilzeit-Weggefährte, ist in würde. Eine Retourkutsche auf die konziliant
seinen Lebenserinnerungen voll des Lobes formulier ten Einwände Kuglers er folgte
Bei allem gebotenem Respekt für die Meri- über dieses Stück republikanischer Wider- durch den Architekten zwar spät, aber dafür
ten alteuropäischer Architekturtraktatistik standsarchitektur, das immerhin die Höhe umso vehementer, und zwar in Sempers
muss doch konstatiert werden, dass das eines Stockwerks erreichte, und vergleicht Traktat „Die Vier Elemente der Baukunst“
schriftstellerische Werk eines Marcus Vitru- seinen Erbauer „mit dem künstlerischen (1851). Dort beklagt sich Semper darüber,
vius Pollio, eines Leon Battista Alberti oder Pflichtgefühl eines Michelangelo oder dass Kugler ihn „als Repräsentant(en) einer
Sebastiano Serlio eher sedierend auf die Leonardo da Vinci“.8 Was langfristig der angeblich extremen Absicht”13 hinstellt,
Freunde des gepflegten Donnerwetters wir- Legendenbildung half, zeitigte kurz- und bemängelt dessen dürftige „Citatenliste“14
ken. Die Geschichte der Architekturtheorie mittelfristig für Semper große Probleme, und tadelt: „Herr Kugler war gleich den Sifni-
hat über weite Strecken apologetischen, denn im Nachgang des niedergeschla- ern von der Pythia übel berathen (...).“15 Mit
nicht polemischen Charakter. Dies liegt vor genen Aufstands wurde der Architekt vier- einem „chemischen Beweis“ für die antike
allem daran, dass sie sich bis weit ins 19. zehn Jahre lang steckbrieflich gesucht. Polychromie förmlich bewaffnet, fordert
Jahrhundert feudalen Kontexten andienen Sempers Kritik herrschender politischer Semper den kritischen Gelehrten auf, nun
musste: Vitruvs „De architectura libri de- Zustände wurde von seiner Polemik gegen „die Segel zu streichen“.16 Sempers Lebens-
cem“ sind Kaiser Augustus als Dank für des- wissenschaftliche, genauer: archäologi- werk, die vor allem in seinem Opus magnum
sen Förderung gewidmet, Albertis „De re sche Überzeugungen begleitet. Bereits fünf- „Der Stil“ (1860 bis 1863) ausgeführte Be-
aedificatoria“ ist mit einer Widmung an Lo- zehn Jahre vor den Dresdner Ereignissen gründung einer republikanisch gesinnten
renzo de‘ Medici versehen, Serlios drittes hatte der Architekt mit seiner ersten Buch- Monumentalarchitektur aus dem Geiste ei-
seiner sieben Bücher über die Architektur ist veröffentlichung „Vorläufige Bemerkungen ner „Bekleidungstheorie“, die nicht die tek-
Franz I. von Frankreich gewidmet; viele wei- über bemalte Architectur und Plastik bei tonische Festigkeit, sondern das buntge-
tere Beispiele für herrscherliche bzw. kir- den Alten“ (1834) für Furore gesorgt – und wi rk te Textil als arché der Architek tur
chenherrscherliche Bindungen ließen sich legte damit einen soliden Grundstein für anzuerkennen versucht, sollte nicht durch
finden. Erst mit der Konsolidierung der bür- gleich mehrere lebenslange Feindschaften. einen kunsthistorischen Skeptizismus à la
gerlichen Revolution im Laufe des 19. und So nennt er Jean-Nicolas-Louis Durand (1760 Kugler beschädigt werden.
frühen 20. Jahrhunderts und einer entspre- bis 1834) einen „Schachbrettkanzler für
chenden Ausdifferenzierung des modernen mangelnde Ideen“, und Leo von Klenze Adolf Loos und die „herolde der imitation“
Rechtssystems sollte sich dies ändern. Zwar (1784 bis 1864), dem Semper Kopistentum
lassen sich architekturtheoretische Provo- vorwirft, bedenkt er mit folgender Laudatio: Der polemische Ton in der Architektur-
kationen durchaus vor 1800 finden – die ein- „Der Kunstjünger durchläuft die Welt, stopft theorie, der Mitte des 19. Jahrhunderts durch
zige Autorität, die etwa Laugier anerkannte, sein Herbarium voll mit wohl aufgeklebten Semper wenn vielleicht nicht eingeführt,
war die Natur1, daher veröffentlichte er sei- Du rchzeichnungen a l le r A r t und geht so doch zumindest virtuos vorgeführt wurde,
nen Essai 1753 zunächst anonym2. Doch er- getrost nach Hause, in der frohen Erwartung, war auch im 20. Jahrhundert deutlich zu ver-
langen Provokationen einen polemischen dass die Bestellung einer Walhalla à la nehmen – und wurde wohl am radikalsten
Ton erst im Zusammenhang mit republika- Parthenon, einer Basilika à la Monréale, von Adolf Loos gepflegt. Loos berief sich
nisch, später sozialistisch, jedenfalls anti- eines Boudoir à la Pompéi, eines Palastes à wiederholt auf Semper, so vor allem in
autoritär inspirierten Umtrieben. la Pitti, einer Byzantinischen Kirche oder gar seinem 1898 in der Wiener Zeitung Neue
eines Bazars im türkischen Geschmacke Freie Presse erschienen Artikel „Das prinzip
Gottfried Semper und die „halbbankerotte nicht lange ausbleiben könne, denn er trägt der bekleidung“. Wie Semper, so hatte auch
Architektur“ Sorge, dass seine Probekarte an den rech- Loos eine Schwäche für den Rundumschlag.
ten Kenner komme.“9 Sempers Angriff auf Bereits unmittelbar nach seiner Rückkehr
Als vielleicht bestes frühes Beispiel lässt sich die „halbbankerotte Architektur“10 der Ge- aus Amerika im Jahre 1896, im zarten Alter
Gottfried Semper (1803 bis 1879) anführen. genwart war begleitet von seinem wissen- von 26 Jahren, hatte sein Kampf gegen
Semper ist sicherlich zurecht als derjenige schaftlichen Projekt, die Farbigkeit grie- die Rückständigkeit und den Konservativis-
Architek t „mit dem größten E influss in chisch-antiker Tempel nachzuweisen – und mus in Österreich-Ungarn begonnen17 – er
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“3 damit auch den „weißen Klassizismus“ schießt nicht zuletzt „gegen die traditionel-
beschrieben worden: „Er dominierte mit Winckelmann’scher Prägung grundlegend len Werte der Wiener Küche, insbesondere
seinen Ideen die Kultur seiner Zeit, und zwar infrage zu stellen: „(…) die Monumente sind gegen Zwetschgenknödel, die er für den
sowohl auf theoretischer als auch auf prak- durch Barbarei monochrom geworden.“11 scheren Geist des wienerischen Menschen
tischer Ebene wie nur wenige Künstler nach Mit Brunelleschi beginnt für Semper eine verantwortlich machte“.18 Vor allem aber
ihm.“4 Harry Francis Mallgrave, von dem lange Epoche monochromen Neurertums attackiert er – trotz seines Semperianertums
diese Einschätzungen stammen, macht voller „Bastardgebur ten des modernen – die Dominanz des Ornaments, der er sich
auch deutlich, dass der Architekt und Theo- Fracks mit der Antike”,12 die er mit härtesten in der Belle-Epoque- und später Jugendstil-

WEITER
78
hand einzugreifen versucht, ohne dass ihm ausgemacht ist, ob sie im Ganzen eher de-
„Nur herbei, die hand weggerissen wurde.“22 Der „stil un- mokratisch-aufklärend-emanzipatorisch
serer zeit“, so Loos, sei bereits da und – und oder eher reaktionär-rechtspopulistisch-
ihr herolde der ohne Zutun des Werkbundes entstanden:
„Wir haben ihn überall dort, wo der künstler,
verschwörungstheoretisch wirkt, hat zu einer
Relativierung seriöser Medien und zu einer

imitation, ihr also das mitglied jenes bundes, bisher seine


nase noch nicht hineingesteckt hat.“23 Vor
neuen medialen Unübersichtlichkeit ge-
führt, die „Lügenpresse“-Hysterikern Tür und
allem van de Velde wurde zur Zielscheibe Tor öffnet. Der zum Gerichtsvorgang gewor-
verfertiger von von Loos: „Und ich sage dir, es wird die zeit dene literarische Raum eines Karl Kraus hat
kommen, in der die einrichtung einer zelle sich via Facebook aufs Schlechteste demo-
aufpatronierten vom (...) professor Van de Velde als strafver-
schärfung gelten wird.“24
kratisiert. Eine Hausse des beherzten Kom-
mentars ist zu diagnostizieren, die noch die

intarsien, von Loos’ Polemik war im Wiener Kontext seiner


Zeit nicht solitär, sondern ist vor dem Hinter-
verstiegenste Beur teilung der Weltlage
durch massenhaftes „Sharen“ belohnt – und
grund des Wirkens von Karl Kraus zu verste- die schüchternste Abweichung vom Main-
verpfusche-dein- hen, dessen Angriffe und „Erledigungen“25
auf Rechtsstreitigkeiten förmlich angelegt
stream mit Shitstorms bestraft. Peter Sloter-
dijk ist nicht zuzustimmen, wenn er für

heim-fenstern waren – nicht umsonst bezeichnete Bertolt


Brecht Kraus als den Schöpfer „eines Rau-
die Gegenwart glaubt auszumachen, dass
es „Thymos-Feldern“,30 also Zorn-Gruppen,
mes, in dem alles zum Gerichtsvorgang nicht mehr gelänge, „sich zu organisie-
und papier- wird“.26 Loos und Kraus lernten sich in den ren“.31 Die Distanz zu sozialen Medien, die
letzten Jahren des 19. Jahrhunderts kennen implizit aus derlei Zeilen spricht, wird expli-
machéhumpen!“ und schätzen; in „Karl Kraus“ (1913) macht
Loos seinem Weggefährten eine Ehrerbie-
zit, wenn er schreibt: „Die Zerstreuung der
Kräfte steht in bemerkenswertem Kontrast
Adolf Loos tung: „Er steht an der schwelle einer neuen zu dem allgegenwär tigen Gerücht von
zeit und weist der menschheit, die sich von der Vernetzung der Welt durch die neuen
gott und der natur weit, weit entfernt hat, Medien. Bezeichnet Vernetzung vielleicht
den weg. Den kopf in den sternen, die füße selbst nur einen Zustand der organisierten
geprägten K.-u.-k.-Monarchie gegenüber- auf der erde, schreitet er, das herz in qual Schwäche?“32 Nein, Vernetzung bezeichnet
sah: „Noch herrschen imitation und surro- über der menschheit jammer. Und ruft. die System gewordene Steigerung singu-
gatkunst in der architektur. Ja, noch mehr. Er fürchtet den weltuntergang. Aber, da er lärer Polemiken zu thymotischen Gruppen,
In den letzten jahren haben sich sogar leute nicht schweigt, weiß ich, daß er die hoff- und die Überforderung westlicher Rechts-
gefunden, die sich zu verteidigern dieser nung nicht aufgegeben hat. Und er wird systeme mit massenhaften Online-Beleidi-
richtung hergaben (…). Jetzt nagelt man weiter rufen und seine stimme wird durch gungen sprechen hier für sich.
schon die konstruktion mit aplomb auf die die kommenden jahrhunderte dringen, bis Auch der Architekturdiskurs wird in sozialen
fassade und hängt die tragsteine mit künst- sie gehört wird. Und die menschheit wird Medien geführt, und so kann es kaum über-
lerischer berechtigung unter das hauptge- einmal Karl Kraus ihr leben zu danken raschen, dass auch er Shitstorms gebiert,
sims. Nur herbei, ihr herolde der imitation, haben.”27 Noch im selben Jahr revanchierte wie das Beispiel Patrik Schumacher zeigt.
ihr verfertiger von aufpatronierten intarsien, sich Kraus – in etwas niedrigerer Tonlage – Schumacher, das langjährige Mastermind
von verpfusche-dein-heim-fenstern und und benannte das gemeinsame Ziel mit von Zaha Hadid Architects (ZHA) und – seit
papiermachéhumpen! In Wien erblüht euch einer rätselhaften Formulierung: „Adolf Loos dem Tod der Bürogründerin – auch Chef von
ein neuer frühling, der boden ist frisch ge- und ich, er wörtlich, ich sprachlich, haben ZHA, gilt unter den wichtigen Gegenwarts-
düngt!”19 nichts weiter getan als gezeigt, dass zwi- architekten nicht nur als einer der aktivsten
Nur wenig später bekam das vage Loos’sche schen einer Urne und einem Nachttopf ein Facebook-Nutzer, sondern auch als viel-
Feindbild der Surrogatkunst einen konkre- Unterschied ist und dass in diesem Unter- leicht Einziger, der diese Plattform nicht für
ten Namen: „Wiener Werkstätten“ – die 1903 schied erst die Kultur Spielraum hat. Die Urlaubsbilder und Katzenvideos, sondern
durch Josef Hoffmann,20 Koloman Moser andern aber, die Positivisten, teilen sich in systematisch für polemische Architektur-
und Fritz Waerndorfer gegründete Produkti- solche, die die Urne als Nachttopf und die Irritationen nutzt. Wenn Alexander Gutzmer
onsgemeinschaft von Kunstgewerblern. den Nachttopf als Urne gebrauchen.“28 Erst in seinem Buch „Architektur und Kommuni-
„Ich warne Sie vor Josef Hoffmann!”, agitiert 1933, am Grab von Loos, schwingt sich Kraus kation“ (2015), das eine ebenso wichtige
Loos. Als die Kunstgewerbebewegung sich zu angemessenem Pathos auf und nennt wie seltene Analyse des Verhältnisses von
mit der Gründung des Deutschen Werk- den verstorbenen Architekten einen „Be- sozialen Medien und Architektur beinhaltet,
bundes 1907 durch Hermann Muthesius, freier des Lebens aus der Sklaverei der von einer „’Ver-Facebookung’ des Diskur-
Friedrich Naumann und Henry van de Velde Mittel, Ablenker vom Umweg, dem tödli- ses“33 spricht, dann meint er vor allem Schu-
ihre wichtigste Institution schuf, zerpflückte chen der Seele, die nicht zu sich kommt, macher. Gutzmer rekapituliert die Welle der
Loos dessen Ambition, Industrie und Kunst doch von sich weg“.29 Empörung, die der Architekt am 23. Mai
miteinander zu versöhnen. In „Die überflüs- 2014 auslöste, als er postete: „The fusion of
sigen (Deutscher werkbund)“ (1908) schreibt Architekturdiskurs als Shitstorm art, architecture and politics is totalitarian.”
Loos, dass niemand diese „angewandten Hunderte von Akteuren im weiten Feld der
Künstler“ brauche.21 Und in „Kulturentar- Der polemische Ton in der Architekturtheo- Architektur nahmen diese vor dem Hinter-
tung“ (1908) setzt er nach: Die Mitglieder rie, der Mitte des 19. Jahrhunderts häufig g rund de r von Schumache r ve reh r ten
des Werkbundes versuchten, „an die stelle republikanisch inspiriert (Beispiel Semper) Luhmannschen Systemtheorie nicht ganz
unserer gegenwärtigen kultur eine andere und Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem von der Hand zu weisende Aussage zum
zu setzen. Warum sie das tun, weiß ich nicht. sozialistisch bzw. sozialdemokratisch inspi- Anlass, ihrer Empörung freien Lauf zu lassen.
Aber ich weiß, dass es ihnen nicht gelingen riert war (Beispiele Kraus, Loos), ist auch zu Bar t Lootsma, ehemaliger Professoren-
wird. In die speichen des rollenden rades Beginn des 21. Jahrhunderts zu vernehmen. kollege von Schumacher an der Universität
der zeit hat noch niemand mit plumper Die digitale Revolution, über die noch nicht Innsbruck, distanzierte sich noch am selben
Fragen 1 79
Tag von seinem einstigen Weggefährten mit Schumachers Plädoyer für ein Architektur, doch sehr kritisch aus – und reichten bis
den Worten, dass Schumachers Aussage die sich nicht an ihren politischen oder zur „ultimative(n) Drohung im netzwerk-
„totalitarian in itself“ sei. „Your argument künstlerischen, sondern nur an ihren archi- basierten Diskurs“, der Aufkündigung der
that the fusion of art, architecture and poli- tektonischen Zielen messen lässt, geht von Facebook-Freundschaft.37 Damit einher,
tics is totalitarian was (...) the argument der Existenz eines separaten, von Politik und so Gutzmer, „geht gemäß den Algorithmen
of the Right in The Netherlands for extreme Kunst getrennten Architektursystems aus, Facebooks ja nicht nur der Entzug der eige-
budget cuts and the elimination of critical dessen kontinuierliche Selbst-Reproduktion nen Aufmerksamkeit. Der Architekt ginge
cultural institutions. (...) The aspect of affir- sich durch die Kommunikationsakte von in diesem Zusammenhang auch der poten-
mation always was a criticism of Luhmann. design decisions im Medium zwei- oder ziellen Sichtbarkeit im gesamten Netzwerk
(...) All of us have political responsibilities – dreidimensionaler visueller Repräsenta- des anderen verlustig.“38 Gleichsam allego-
also architects.”34 Als Schumacher zwei tionen vollzieht.36 Zur Polemik wird sein risch reproduzieren Facebook-Communitys
Tage später in derselben Argumentations- Plädoyer vor allem durch den Kontext der die Luhmannsche Sortierkunst moderner
linie die Verleihung des Pritzker-Preises 2014 Schumacher’schen Meinungsäußerung: Sie Gesellschaftssysteme, indem sie sich bei zu
an Shigeru Ban kritisierte, war der Skandal steht quer zum sozialistisch bzw. sozialde- viel I r ri tat ion, zu viel Wide rsp ruch,
perfekt: „It is Ban‘s humanitarian work that mokratisch geprägten kulturellen Main- zu viel Polemik in Hermetik flüchten, die
the Pritzker jury emphasized in announcing st ream, de r sei t den sechz ige rjah ren da heißt: „Entfreundung”.
the prize. (...) I worry if the criteria of the Pritz- sukzessive kulturelle Hegemonie erreicht
ker Prize – architecture‘s most prestigious hat – und derzeit, im Zuge des Erstarkens ei-
prize – are now also being diverted in the nes rechtspopulistisch-illiberal gewendeten
direction of political correctness. (...) I am Neoliberalismus, in die Defensive geraten
afraid that if criteria shift towards political ist. Wenngleich Schuhmacher sich des
correctness great iconoclast-innovators Rückhalts vieler seiner Facebook-Freunde
like Wolf Prix or Peter Eisenman won’t ever sicher sein konnte, fielen die Reaktionen
stand a chance to be recognized here.“35 auf das Totalitarismus-Posting insgesamt

1: Vgl. Hanno-Walter schichte der Architek- 17: Vgl. Adolf Opel: (Deutscher werkbund)“ dere sich ärgert’. Vom Medialität gebauter
Kruft: Geschichte der turtheorie, a.a.O., „Vorwort des Heraus- (1908), in (ders.): Trotz- Schimpfen, Schmähen Wirklichkeit, Bielefeld:
Architekturtheorie, S. 355. gebers“ (1997), in: dem. Gesammelte und Polemisieren Transcript, 2015, S. 107.
München: Beck, 1991 Adolf Loos: Ins Leere Schriften 1900-1930, rund um Karl Kraus“,
(1985), S. 170. 11,12: Kruft, Geschichte gesprochen. Gesam- hrsg. von Adolf Opel, in: Marcel Atze, Volker 34: Bart Lootsma, zit.
der Architekturtheorie, melte Schriften 1897- Wien: Prachner, 1997 Kaukoreit (Hrsg.): Erle- nach Gutzmer, Archi-
2: Vgl. Georg a.a.O., S. 356. 1900, unveränderter (1931), S. 72. digungen. Pamphlete, tektur und Kommuni-
Germann: Einführung Neudruck der Erstaus- Polemiken und Protes- kation, a.a.O., S. 114. –
in die Geschichte der 13: Gottfried Semper: gabe 1921, hrsg. 22: Loos, „Die überflüs- te, Wien: Praesens Der Name Lootsmas
Architekturtheorie, „Die vier Elemente der von Adolf Opel, Wien: sigen (Deutscher werk- Verlag, 2014, S. 141. wurde von Gutzmer in
Darmstadt: Wissen- Baukunst“ (1851), Georg Prachner bund)“, a.a.O., S. 74. Architektur und Kom-
schaftliche Buchge- in: Heinz Quitzsch: Verlag, 1997, S. 12. 27: Adolf Loos: „Karl munikation geweißt.
sellschaft, 1980, Gottfried Semper – 23: Loos, „Die überflüs- Kraus“ (1913), in (ders.):
S. 201. Praktische Ästhetik 18: Opel, „Vorwort des sigen (Deutscher werk- Trotzdem. Gesammelte 35: Patrik Schumacher,
und politischer Kampf, Herausgebers“ (1997), bund)“, a.a.O., S. 75. Schriften 1900-1930, zit. nach Gutzmer, Ar-
3,4: Harry Francis Bauwelt Fundamente a.a.O., S. 8. hrsg. von Adolf Opel, chitektur und Kommu-
Mallgrave: Gottfried 58, Braunschweig/ 24: Adolf Loos: „An Wien: Prachner, 1997 nikation, a.a.O., S. 113.
Semper: Ein Architekt Wiesbaden: Vieweg, 19: Adolf Loos: „„Das den ulk, als dieser über (1931), S. 119.
des 19. Jahrhunderts, 1981, S. 169. prinzip der beklei- ‘ornament und verbre- 36: Vgl. Stephan Trüby:
Zürich: gta Verlag, dung“ (1898), in (ders.): chen’ sich lustig ge- 28: Karl Kraus, zit. nach „Bau mir ein Haus aus
2001, S. 13. 13: Kruft, Geschichte Ins Leere gesprochen. macht hatte” (1910), Opel, „Vorwort des den Knochen von
der Architekturtheorie, Gesammelte Schriften in (ders.): Trotzdem. Herausgebers“ (1997), Niklas Luhmann. Drei
5: Mallgrave, Gottfried a.a.O., S. 137. 1897-1900, unverän- Gesammelte Schriften a.a.O., S. 13. neue Publikationen
Semper, a.a.O., S. 182. derter Neudruck der 1900-1930, hrsg. von beleuchten das Ver-
14: Semper, „Die vier Erstausgabe 1921, hrsg. Adolf Opel, Wien: 29: Karl Kraus, zit. nach hältnis des Bielefelder
6 ,7: Vgl. Mallgrave, Elemente der Bau- von Adolf Opel, Wien: Prachner, 1997, S. 89. Opel, „Vorwort des Systemtheoretikers zur
Gottfried Semper, kunst“, a.a.O., S. 139. Georg Prachner Ver- Herausgebers“ (1997), Architektur“, in: ARCH+
a.a.O., S. 183. lag, 1997, S. 141. 25: Vgl. Marcel Atze, a.a.O., S. 7. 205 „Service-Architek-
15: Semper, „Die vier Volker Kaukoreit: „Edi- turen“, 3/2012 (http://
8: Richard Wagner, Elemente der Bau- 20: Markus Kristan torial”, in (dies., Hrsg.): 30,31,32: Peter Sloter- www.archplus.net/
zit. nach ebd. kunst“, a.a.O., S. 169. (Hrsg.): Ich warne Sie Erledigungen. Pamph- dijk: Zorn und Zeit. home/archiv/arti-
vor Josef Hoffmann: lete, Polemiken und Politisch-psychologi- kel/46,3763,1,0.html,
9: Gottfried Semper, 15: Kruft, Geschichte Adolf Loos und die Proteste, Wien: Prae- scher Versuch, Frank- zuletzt abgerufen am
zit. nach Mallgrave, der Architekturtheorie, Wiener Werkstätte, sens Verlag, 2014, S. 9. furt am Main: Suhr- 23. Mai 2016).
Gottfried Semper, a.a.O., S. 152. Wien: Metroverlag, kamp, 2006, S. 283.
a.a.O., S. 97. 2014. 26: Bertolt Brecht, zit. 37: Gutzmer, Archi-
16: Semper, „Die vier nach Katharina Frager: 33: Alexander Gutz- tektur und Kommuni-
10: Gottfried Semper, Elemente der Bau- 21: Vgl. Adolf Loos: „’Ich bin ja nur deshalb mer: Architektur und kation, a.a.O.,
zit. nach Kruft, Ge- kunst“, a.a.O., S. 169. „Die überflüssigen ein Lump, weil der an- Kommunikation. Zur S. 115.
80 Fragen 2

Fritz Haller

Vordenker der
Smart City

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung


auf Architektur und Städtebau? Der Architekt
Fritz Haller setzte sich schon in den 1960er- und
70er-Jahren mit dieser Frage auseinander und
entwickelte mit der „totalen stadt“ seine Vision
von einer technisch regulierten Stadt.
81

ter anderen Bedingungen. Gemeinsam mit den eben-


Text: falls aus der Region Solothurn stammenden Architekten
Georg Vrachliotis Alfons Barth, Franz Füeg, Max Schlup und Hans Zaugg
war Haller zunächst seit den frühen 50er-Jahren des
20. Jahrhunderts als Protagonist der sogenannten Solo-
thu rner Schule international bekannt geworden.
Anfang der 1960er-Jahre bekam Haller von dem Unter-
nehmen USM den Auftrag für den Bau einer flexiblen
Produktionshalle, der Betriebsanlage Münsingen, mitt-
lerweile eine Ikone der Nachkriegsmoderne. Er entwi-
ckelte dafür das Bausystem „USM Haller MAXI“, ein
Stahlbausystem, mit dem in einer modularen Ordnung
eingeschossige Hallen unterschiedlicher Größen kons-
truiert werden können. Das Tragwerk, bestehend aus
„Architecture has entered into a new engagement with Stützen und Fachwerkträgern, kann horizontal in alle
digital culture and capital – which amounts to the most Richtungen beliebig erweitert werden – ein Aspekt,
radical change within the discipline since the conflu- der besonders für den Industriebau von Bedeutung ist.
ence of modernism and industrial production in the Damit hat USM immer wieder Erweiterungen der Pro-
early twentieth century. Yet this shift has gone largely duktionshalle sowie Neubauten für diverse Verwal-
unnoticed, because it has not taken the form of a visible tungsgebäude geplant. Es folgte die Entwicklung von
upheaval or wholesale transformation. (...) What is most zwei weiteren Stahlbausystemen: das „USM Haller MINI“,
insidious about the digital regime – and where it differs ein Wohnbausystem für den Maßstab eines zweige-
from earlier social and political paradigms that relied schossigen Einfamilienhauses, und „USM Haller MIDI“,
on labor – is how essentially automatic, and therefore ein System zur Planung von mehrgeschossigen Bauten
effortless, it is, once programmed and wired. There is no mit integrierter Installationstechnik, bei denen der geo-
limit to quantity, duration, multiplication, connecting, metrischen Ordnung der gebäudetechnischen Lei-
cross-referencing (...) The digital is essentially beyond tungssysteme die gleiche Bedeutung zugesprochen
exhaustion – an endlessly upgrading and mutating wurde wie die geometrische Ordnung der Konstruktion.
integration of the city, its architecture, its constituent Es ging ihm dabei um die Erforschung von „grundlegen-
elements, and its bodies.“ (Rem Koolhaas, Smart Land- den Problemen, die jedem Konstrukteur von komplexen
scapes) Baukastensystemen stetig und immer wieder erneut
Mit dieser intellektuell und raumpolitisch gewichtigen begegnen: die geometrische Koordination der System-
Argumentation beginnt der von Rem Koolhaas jüngst bausteine, die Ausbildung ihrer Verbindungen, die
veröffentlichte Essay „smart landscapes“, einer Streit- Sicherung der Bewegungsräume, durch die die Elemente
schrift zur gesellschaftlichen Situation von Stadt und in ihre geplante Position gebracht werden.“
Landschaft im 21. Jahrhundert. Im Fokus steht nichts
Geringeres als das Nachdenken über die Gesamtheit Bausystem und Sprachsystem
der kapitalistischen Dynamiken globaler Urbanisie-
rungsprozesse. Städte und Landschaften fungieren für Haller versuchte Bausysteme nicht nur konstruktiv zu
Koolhaas nicht nur als Wohn- und Arbeitsorte, sondern entwickeln, sondern sie ihren räumlichen und zeitlichen
verkörpern immer auch technisch geregelte Kontexte. Eigenschaften nach auch geometrisch zu klassifizieren
Es geht also um jenes Gesellschaftsbild, das sich in und und konzeptionell zu ordnen. Im Zentrum stand die Ent-
durch räumliche Bewegung generiert – „Modern society wicklung von übergeordneten Klassifikationsschemata,
is a society on move“ (John Urry und Scott Lash: Econo- deren Abstraktion sich auch in seiner Sprache wider-
mies of Signs and Space, 1994, S. 255), oder wie Manuel spiegelte. Wenn man so will, hat man es hier mit einer
Castells es bezeichnen würde: der „Space of Flows“ Synchronisierung von Bausystem einerseits und Sprach-
(Manuel Castells: The Rise of the Network Society, Hobo- system andererseits zu tun – eine bemerkenswerte
ken, N.J., 2009). „If the digital is about to deliver us to a begriffliche Verknüpfung, die es Haller konzeptionell
sensor culture, does that imply an endless reinforce- erlaubte, auch eine Stadt als Bausystem zu interpre-
ment of routine – a system proud to deliver more of the tieren. Und so war es gewiss kein Zufall, dass sich Haller
same?“, fragt Koolhaas deshalb und benennt damit auch mit Fragen der Infrastruktur, Mobilität und Kommu-
eine jener Schlüsselfragen des vergangenen und – mit nikation in einem urbanen Maßstab zu beschäftigen
Blick auf aktuelle Debatten über „smart cities“ – auch begann.
des zukünftigen Jahrhunderts. Die Vorstellung dessen, was man in der Architektur
bisher unter einem „System“ verstand, wurde dabei
Grundlegende Probleme über unterschiedliche Maßstäbe hinweg radikalisiert
und erweitert. Diese Radikalisierung fand besonders
Es ist eine Frage, mit der sich auch der erst kürzlich in den beiden Stadtstudien „totale stadt – ein modell“,
verstorbene Schweizer Architekt Fritz Haller (1924 bis veröffentlicht 1968, und „totale stadt – ein globales
2012) beschäftigte – wenn auch in anderer Form und un- modell“, veröf fent licht 1975, ih ren Niederschlag.

WEITER
82

Oben:
Ausschnitt aus dem kinetischen
Unten: System der Einheit vierter Ordnung,
E4-Einheit vierter Ordnung, gebildet aus den Knoten dritter Unten:
120.000 Einwohner, Ordnung, Personenverkehr, in der E4-Personentransportsysteme dritter
Oben: 23 600 km 2 Land, 197 m 2 pro Mitte der zentrale Knoten dritter Ordnung – Rot: Fußgängerverkehr,
Umladesystem mit T-Bahn, Grundriss Einwohner Ordnung Blau: Nahverkehr, Grün: Fernverkehr
Fragen 2 83

Links:
Zentrale dritter Ordnung, Regel-,
Steuer- und Transferzentrum
30.000 Einwohner und Besucher,
152 Arbeits- und Studienplätze

Rechts:
E3-Einheit dritter Ordnung,
3.000 Einwohner, 370 km 2 Land, 123
m 2 pro Einwohner
84 Fragen 2

Bei beiden Studien handelt es sich nicht um konkrete Fielitz (1959), Yona Friedmans „La Ville Spatiale“ (1960)
Stadtentwürfe, sondern um geometrisch-grafische Ideal- oder Nicolas Schöffers „La Ville Cybernétique“ (1969)
bilder, bei denen es um eine umfassende Reorganisation können – als frühe Zeugnisse dieses Denkens – stellvertre-
von Stadt und Landschaft, ja der gesamten gebauten tend für eine ganze Reihe von utopischen Projekten ge-
Umwelt geht. nannt werden, die das Humane in riesigen Wohnstruktu-
Der überwiegende Teil von Hallers erster Studie widmet ren repräsentiert sahen.
sich dem Aufbau eines urbanen Systems – von der kleins- Hallers Studien zur „totalen stadt“ stehen diesen Techno-
ten Einheit, der sogenannten „einheit nullter ordnung“, utopien in nichts nach. Letztlich bestand sein Traum darin,
bestehend aus „schlafstelle, ruhe- und fernsehort und gesellschaftliche Kommunikationsprozesse räumlich
verpflegungsplatz der familie“, bis zur „einheit vierter zu organisieren und damit dem utopischen Anspruch
ordnung“, die schließlich 61 Millionen Menschen umfasst. gerecht zu werden, technische Systeme für eine ver-
Jede Einheit setzte sich dabei aus einer Anzahl der meintlich humanere Gesellschaft zu schaffen.
nächstkleineren Einheiten zusammen. Es handelt sich
hierbei also um ein in sich verschachteltes Stadtsystem, Symbolische Weltbeherrschung
dessen konzeptionelles Grundgerüst die Suche nach
einer technisch und geometrisch optimierten Infrastruk- Heute, knapp 50 Jahre später, sieht sich der Mensch als
tur bildet. vermeintlich freier Akteur einem immer größeren Spekt-
rum aus Verfügbarkeiten ausgesetzt. Es scheint zunächst
Urbane Netzwerke von Vorteil zu sein, seine Bindungen möglichst flexibel
zu halten – eine soziale Strategie, die unter den Schlag-
In großformatigen Zeichnungen von beeindruckender worten von „Freiheit“ und „Vernetzung“ angepriesen
Detailgenauigkeit entwarf Haller das Zukunftsbild einer wird, hinter deren Fassade jedoch auch ein „Regime
technisch geregelten Gesellschaft, in der das architek- kurzfristiger Zeit“ lauern kann. David Harvey würde hier
tonische Objekt in den Verästelungen maßstabsloser wohl von „space-time-compression and the postmodern
Netzwerke aufgelöst wurde. Wie in einem riesigen Com- condition“ sprechen.
puternetzwerk ging Haller von einzelnen Knoten in einem Fest steht jedenfalls, dass mit jedem Schritt der räumli-
dezentral angelegten Kommunikationssystem aus, die chen Vernetzung auch ein vermeintlicher Gewinn
aufgrund ihres hohen Abstraktionsgrads nicht nur in an „symbolischer Weltbeherrschung“ korrespondiert.
einem städtebaulichen oder landschaftlichen, sondern Das scheint auch ein Grund dafür zu sein, dass gegen-
auch in einem globalen Maßstab gedacht werden konn- wärtig vermehrt Fragen nach Logistik und Infrastruktur
ten. Damit stand nicht die Individualität und Eigenart in den Fokus rücken. Infrastrukturelle Vernetzung bringt
eines Raums im Vordergrund, sondern sein Integrations- sozialen Wandel, prägt die Gestaltung von Gebäude-,
potenzial in eine störungsfrei organisierte Funktions- Stadt- und Landschaftsbildern, verwaltet den Grad an
matrix. Der Begriff der Infrastruktur spielte hierfür eine mobilen Verfügbarkeiten des urbanen Lebensraums und
entscheidende Rolle. fungiert als grundlegender Parameter der städtebauli-
Haller verstand Infrastruktur als ein übergeordnetes kul- chen und landschaftlichen Planung. Hier liegt gewisser-
turelles „Integrationsmedium“, das in seiner Bedeutung maßen die Relevanz, aber eben auch die Brisanz des
weit über die rein technischen Funktionen hinausreicht. Begriffs. Die Schwäche des Begriffs verbirgt sich dagegen
Das ideale Funktionieren einer Stadt sah er etwa in der darin, dass er allzu leicht beansprucht, die Gesamtheit
Geometrie kreisförmiger Verkehrsstrukturen organisiert. der Wirklichkeit zu umfassen, so als gäbe es plötzlich
Diese Geometrisierung des Lebensraums, so wie es die nichts mehr, was außerhalb wäre.
präzisen Zeichnungen suggerierten, ließen allerdings
damals – besonders in Westdeutschland – die gerade Digitales Gewebe
erst begrabenen Bilder einer totalitären Staatsstruktur
wieder aufkommen. Was wie eine feingliedrige Antenne Wenn – wie es die von Rem Koolhaas eingangs skizzierte,
aussieht, war das vermeintlich per fekt berechnete totale Digitalisierung der Umwelt suggeriert – alles Infra-
Verkehrsnetz für eine Stadt mit mehreren Millionen Ein- struktur geworden ist, lässt sich kein Standpunkt mehr
wohnern. Die hier auf die Spitze getriebene Systematisie- ausmachen, von dem aus Stadt und Landschaft anders
rung des Raums entpuppt sich als Spiel mit unterschiedli- gedacht werden könnte. Eine plausible Unterscheidung
chen Maßstäben: Konstruktionsknoten werden zu Ver- zwischen Architektur und Infrastruktur, Objekt und Netz-
kehrsknoten und schließlich zu Kommunikationsknoten. werk, Stadt und Landschaft, scheint kaum mehr möglich,
sofern es um Potenziale und Grenzen einer zunehmend
Technologie als Werkzeug von Sensoren bevölkerten und digital modifizierten
Umwelt geht.
Mit dieser Auffassung stand Haller keinesfalls alleine da. Wenn man so will, verwandelt sich unsere Umwelt in ein
Viele Architekten begannen mit der Konzeptualisierung digitales Gewebe, dessen komplexe Struktur sich uns erst
von Prozesseigenschaften wie Adaptivität, Organisation dann erschließt, wenn wir stets von Neuem die berühmte
oder Regelung auf die weit verbreitete Auffassung einer Frage nach der Technik stellen und auf diese Weise auch
sich wandelnden und technisch mobiler werdenden den gestalterischen Möglichkeitsraum von Infrastruktur-
Welt, zu reagieren. Die „Raumstadt“ von Eckhard Schulze- systemen reformulieren. Es mag angesichts der radikalen
Bilder paradox klingen, doch waren Hallers Studien
zur „totalen stadt“ nichts Geringeres als einer der
schillerndsten und womöglich letzten Versuche des
20. Jahrhunderts, diesen Möglichkeitsraum räumlich
zu fassen und das technisch Unsichtbare in eine
geometrische Form zu überführen. Die Relevanz von
Hallers Studien für die Gegenwart liegt darin, uns für
jene radikalen Möglichkeitsräume zu sensibilisieren,
aus denen nicht nur neue Wahrnehmungsformen von
technisierten Räumen und Landschaften hervor-
gehen, sondern die auch die Grundlagen für eine
kritische Erforschung der gebauten Umwelt als Model-
lierung und Simulation legen.

Georg Vrachliotis ist Professor


für Architekturtheorie am Karlsruher
Institut für Technologie und Leiter
des Südwestdeutschen Archivs
für Architektur und Ingenieurbau
(saai). Der vorliegende Text ist
eine gekürzte und überarbeitete
Fassung des Textes „Model,
Werk zeug, Metapher. Fritz Hallers
Architekturforschung“, in dem
von Georg Vrachliotis (mit Laurent
Stalder) herausgegebenen Buch
„Fritz Haller. Architekt und For-
scher“, erschienen im gta Verlag
der ETH Zürich.
86 Architektur und Management

Kann man
Sicherheit entwerfen

Hätte Michael Lehmann einen Wunsch frei, würde er Beleuchtung. Und ganz wichtig: über Sichtachsen und
sich in jedes einzelne Besprechungszimmer wünschen, Blickverbindungen. Lehmann ist Kriminalhauptkom-
in dem während der üblichen Bauleitverfahren über missar des Landeskriminalamts Hamburg. Dort ist er in
neue Projekte diskutiert wird. Dort würde er dann der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle zuständig für
darüber sprechen, wie die Eingänge von Gebäuden die Sicherheit der Bewohner. Seine Spezialität: Städte-
gestaltet sein sollten, über die Anordnung der Geh- bau. Eine relativ junge Abteilung in der dortigen Poli-
wege, die Platzierung von Tiefgaragen und deren zeistruktur, die nichtsdestotrotz von enormer Wichtig-
87

keit für Lehmann ist: „Wenn sich die Polizei an der rich- brochenes Fenster die Verwahrlosung ganzer Viertel
tigen Stelle im Bauleitverfahren einbringen kann, dann nach sich ziehen kann. In den 1990er-Jahren ging man
kann am Ende mehr Lebensqualität für die Menschen dann über zu einer positiven Raumbildung, die Sicher-
herauskommen.“ heit vermitteln sollte. Gemeinsam mit Architekten hat
Schubert eine Checkliste erarbeitet, die konkrete
Lebensqualität statt Sicherheit Kriterien benennt, um Sicherheit herzustellen. „Das ist
nicht als Regelwerk anzusehen, sondern als Empfeh-
Der Hauptkommissar wählt seine Worte mit Bedacht: lungen“, betont er. Die Kriterien, die Gebäude erfüllen
„Der übliche Sicherheitsbegriff ist zu eng gefasst. Denn sollen, um ein Sicherheitsgefühl herzustellen, kreisen
die subjektive Wahrnehmung eines Menschen setzt vor allem um das Konzept der Ordnung. Die „Arte-
sich aus vielen Punkten zusammen. Schon kleinere fakte“ – die Gebäude – sollten Lesbarkeit und Orientie-
,Verfehlungen‘, wie ein offensichtlich zurückgelasse- rung bieten, gestalterisch klar definiert sein, eindeutig
nes Fahrrad oder zu schnelle Autos in Wohngebieten, angeordnet und übersichtlich. Außerdem sollten
können Unwohlsein auslösen.“ Kriminalprävention die Zugangsbedingungen von Eingängen und die
setzt also an – wie der Begriff bereits vermuten lässt – territorialen Grenzen zwischen privat/halb-öffentlich/
bevor kriminelles Verhalten überhaupt entsteht. Die öffentlich klar definiert sein.
zuständigen Polizisten beugen nicht nur Einbrüchen
vor, sondern verhindern auch Ordnungsstörungen Den Entwurf überprüfen
im weitesten Sinne.
Geht es um die Vorbeugung von Kriminalität, spielt die „Diese Punkte können helfen, sich selbst im Planungs-
Architektur für Lehmann eine wichtige Rolle: „Bauten verlauf Prüffragen zu stellen und den eigenen Entwurf
haben durchaus Einfluss auf die Kriminalitätsstruktur.“ auf Sicherheitsaspekte zu überprüfen“, sagt Schubert.
Für den Kriminalberater, wie er sich nennt, kann Archi- Derartige Fragen könnten so lauten: Wie ist die Orien-

Die Kolumne wird unterstützt vom Ifo-Institut.


tektur in diesem Sinn abweichendes Verhalten verstär- tierung im Raum? Ist eine Beschilderung notwendig?
ken oder hemmen. „Was nicht bedeutet, dass Archi- Sind die Nutzungsfunktionen so angeordnet, dass sie
tekten befürchten müssen, dass später Mord und zur Belebung beitragen? „Es muss nicht aussehen wie
Todschlag herrscht, wenn sie ihr Bauprojekt jetzt auf Berliner Mauerbau“, betont der Sozialwissenschaftler.
diese oder jene Art planen“, fügt er hinzu. Für Lehmann Im Gegenteil: Er bezeichnet Bauprojekte, die diese
stellen Architekten sehr wichtige Rädchen im gesam- Kriterien erfüllen und zugleich ästhetisch ansprechend
ten Gefüge dar. Sie tragen jedoch selbstverständlich realisiert werden, als intelligente Architektur.
nicht die volle Verantwortung für die Sicherheit eines Dass Architekten nicht für die Sicherheit eines Viertels
Viertels, betont er. verantwortlich gemacht werden können, ist auch für
Neben Hamburg haben zahlreiche weitere Polizei- Schubert klar. Für ihn beeinflussen weitere Dimensio-
direktionen und Landeskriminalämter das Thema nen die Sicherheitswahrnehmung von Arealen. Die
Städtebauliche Kriminalprävention auf dem Schirm. städtebauliche Komponente mit Verkehrsanbindung
Es gibt unzählige Leitfäden, wie sicheres Wohnen aus- und Anordnung von Gebäuden gehöre dazu, die tech-
sehen kann – und Projekte wie die „Soziale Stadt“ nische Ausstattung, das Management eines Außen-
in Nordrhein-Westfalen oder die Sicherheitspartner- raums oder die soziale Kohäsion: „Architektur kann nur
schaft im Städtebau in Niedersachsen, welche sogar begrenzt Einfluss nehmen und Hinweise geben. Dabei
ein Qualitätssiegel für sicheres Wohnen vergibt. kann ein hohes Maß an Verantwortung entstehen – das
Prävention steht in der Politik, Verwaltung und Polizei ist aber nicht die Regel.“ Diese Verantwortung würde
zurzeit hoch im Kurs. Zahlreiche Institutionen und Kriminalhauptkommissar Lehmann nur zu gern über-
Forschungseinrichtungen beschäftigen sich mit der nehmen. Doch leider geht sein Wunsch nicht beson-
Kriminalprävention in Städten. Sie alle sprechen von ders oft in Erfüllung: „Die Polizei kann zwar Stellung zu
einem Grundbedürfnis der Menschen nach Sicherheit. Sicherheitsaspekten nehmen und hoffen, dass Archi-
Professor Herbert Schubert ist Sozialwissenschaftler an tekten das Thema auf dem Schirm haben“, sagt Leh-
der TH Köln und erforscht dort städtische Sicherheits- mann dazu, es gebe aber kein Sicherheitsgesetz, was
aspekte: „Die gebaute Stadt leistet zwar einen bedeu- das zwingend vorschreiben würde.
tenden Beitrag zum Sicherheitsgefühl der Bewohner, Daher gibt es auch keine Verpflichtung für Bauherren
sie ist aber nicht allein dafür verantwortlich.“ und Investoren, die Polizei mit einzubeziehen. „Die
Ganz anders sah man das noch vor rund 40 Jahren. Architekten machen jedoch schon vieles richtig.
1972 entwickelte der US-Amerikaner Oscar Newman Die moderne Bauweise zeigt sich oftmals frei und
das Konzept des „Defensible Space“ – also den Einsatz offen, sodass beispielsweise die soziale Kontrolle
von Architektur zur Sicherheitsförderung. „Damals gegeben ist und von den Bewohnern Verantwortung
wurden vor allem die Siedlungsformen von Großwohn- übernommen werden kann“, meint Lehmann abschlie-
siedlungen als Verursacher für Kriminalität gebrand- ßend dazu. Denn das stellt den eigentlichen Kern von
markt. „Das ging definitiv zu weit“, sagt Schubert. Die Sicherheit dar: Verantwortungsbewusstsein und die
„Broken Windows“-Theorie von 1982 schlägt in eine soziale Kontrolle durch Menschen, die Orte mit Leben
ähnliche Kerbe und besagt, dass bereits ein zer- füllen.

Text Désirée Balthasar


Anpassungsfähig: Die Stuhlfamilie „650“ von Rolf Benz
89

12
Lösungen:
SEITE
90

Büromöbel
SEITE
98

Neue
Produkte
+
SEITE
96 Qualitätsschmiede:
zu Besuch beim
Leuchtenhersteller
Zumtobel
90 Lösungen
Büromöbel

Wer heute noch

1
in einem klassi-
schen Unterneh-
men arbeitet,
der ist sowas
von altmodisch.
Hip ist, wer bei
einem Start-up
oder bei Face-
book, Google
und Co arbeitet.
Von bloßem
Arbeiten ist dort
nicht mehr die
Rede, man lebt
vielmehr in und
mit dem Unter-
nehmen, identi-
fiziert sich mit
ihm, ist Teil eines
großen, visionä-
ren Ganzen.
Diese neue Defi-
nition von Arbei-
ten führt dazu,
auch die Ge-
staltung der Ar-
beitsplätze neu
zu denken. Das
fängt mit der
Raumaufteilung
an und hört
Neue Objektmöbelkollektion
beim Bürostuhl
lange nicht auf. Mit der Kollektion „VLEGSis3“ hat Interstuhl
sein Büromöbel-Angebot für Hotels, Kon-
möglichkeiten. Charakteristisch an Stuhl,
Tisch und Bank sind elliptisch geformte
gresshallen, Bildungseinrichtungen und Gestellrohre, die sich eng stapeln lassen.
Wohnheime erweitert. Sie besteht aus Stüh- Beim VLEGSis3-Tisch werden die V-Beine
von len, Tischen und Bänken, die alle Anforde- dabei über einen neuartigen Beschlag nach

Maike Burk rungen einer Großraumbestuhlung berück-


sichtigen. Die Farb-, Material- und Oberflä-
außen neben die Tischplatten geschoben,
so dass diese Platte auf Platte stapelbar sind
chenvarianten erlauben viele Gestaltungs- – ohne Zwischen raum. Tisch und Bank
Büromöbel

WWW.INTERSTUHL .COM

bilden eine Einheit und können durch klassi-


sche Reihenverbindungen einfach mitein-
ander verkettet werden. Beim Stuhl richten
sich die klassischen V-förmigen Gestelle
beim Übereinanderstapeln selbst aus und
somit gegen Kippen ab. Beim Stapeln der
Armlehnstühle werden die Lehnen nach
oben geklappt.
92 Lösungen

W W W.WILKHAHN.DE
Bewegte Pause

Mit dem „Stand-Up“ des Designers Thorsten Franck bietet Wilkhahn keit des Gesäßes, die Balancekompetenzen und die Muskulatur
einen neuen Ansatz, um Mitarbeiter in den Pausen zu Bewegung, von Hals, Schulter, Rücken, Bauch und Beinen sowie die Hüft-, Knie-
Haltungswechsel und Gymnastikübungen zu animieren: Leicht an- und Knöchelgelenke. Der 4,5 Kilogramm schwere Wippkegel eig-
gestoßen, schwingt der schräge Kegel bis aus einer Neigung von net sich für den Einsatz in Pausen- und Zwischenzonen, informellen
47 Grad zurück. In Gruppen aufgestellt, soll er zu spielerischen Besprechungsecken oder Eingangs- und Wartebereichen – also
Experimenten auffordern. Stand-up fördert die Rundumbeweglich- überall, wo sich Mitarbeiter nur ein paar Minuten aufhalten.

3
W W W . L I N D N E R - G R O U P. C O M

Akustisch wirksamer Innenausbau

Für den Hauptsitz einer Schweizer Versiche-


rungsgesellschaft war die Lindner Group
und die Lindner Objektdesign GmbH mit
hauptverantwortlich für den Ausbau der
Büroflächen. Lindner montierte 6.000 m2
Glastrennwandsysteme vom Typ „Lindner
Life 620“ mit dazugehörigen Glastüren für
die Großraumbüros. Um den raumakusti-
schen Anforderungen gerecht zu werden,
entwickelte Lindner Absorber, die in das
Trennwandsystem integriert wurden. Diese
lassen sich jederzeit demontieren. Darüber
hinaus wurden die vier Gebäudekerne mit
6.500 m2 „COMPwood acoustic“-Wandpa-
neelen in Eiche-Echtholzfurnier ausgestat-
tet. In die Wandverkleidungen wurden unter
anderem Revisionstüren und Klappen für
Feuerlöscher integriert.
Büromöbel

4
WWW.ZUECO.DE

Darauf sitzen
Führungskräfte

Eine Führungskraft, Drehsessels sichtbar.


die etwas auf sich hält, Markantes Design-
verzichtet auf Status- merkmal ist der Rücken-
symbole. Holzvertäfel- bügel aus poliertem
tes Büro und opulente Aluminium. Sitz und
Chefsessel? Das war Lehne folgen dem
einmal. Gefragt ist Nutzer während des
stattdessen dezente gesamten Bewegungs-
Eleganz. Darauf setzt ablaufs. Hochwertige
auch Züco bei seinem Materialien wie Leder,
Chef- und Konferenz- weiche Stoffe oder
sesselprogramm „Züco poliertes Aluminium
Signo“. Das schlichte lassen Züco Signo
Erscheinungsbild wird zudem exklusiv
maßgeblich von der aussehen.
Rückenlehne beein-
flusst. Die Silhouette
der Lehne erinnert an
die Doppel-S-Kurve
der Wirbelsäule und
macht den ergonomi-
schen Komfort des
94 Lösungen

WWW.USM .COM
Räume teilen und Schall schlucken

Mit den „Privacy Panels“ von USM lassen


sich Räume unterteilen oder gliedern und
zudem als Sichtschutz oder Schallabsorber
einsetzen. Das modulare System besteht
aus einzelnen Panels aus gepressten Poly-
estervlies-Hälften und kann frei stehend
oder als Aufbaublende verwendet werden.
Frei stehend lassen sich einzelne Konfigura-
tionen zu g roßen Wänden zusammen-
bauen. Auch Ecklösungen in zwei, drei oder
in alle vier Richtungen sind möglich. Die
Panels sind in zwei Größen erhältlich: eine
kleinere Version mit den Maßen 250 × 350 mm
und eine größere Version mit den Maßen
750 × 350 mm.
Büromöbel 95

Ein Stuhl, der


nachfedert

Die dreidimensionale
Rückenlehne des Stuhl
„Girado“ aus geschlif-
fenem Naturholz –
wahlweise in sieben
7
Holzarten – verläuft
fast wie eine Schlaufe

WWW.ROLF-BENZ .COM
entlang der gepolster-
ten Sitzfläche. Anstelle
von Holzlehne und
Polstersitz gibt es den
Stuhl ebenfalls in einer
Vollpolstervariante
mit Leder. Neben
dem Freischwinger mit
glänzendem oder Neue Stuhlfamilie
mattem Chrom-Recht-
eckstahlrohr bietet Das Designstudio
das österreichische Formstelle ließ sich
Unternehmen Team 7 beim Entwurf der Stuhl-
den Girado auch familie „Rolf Benz 650“
mit Fußkreuz und Mit- von zwei ineinander-
telsäule an. Durch eine greifenden Händen
besondere Dreh- und inspirieren. Zwei Form-
Dämpfmechanik federt holzschalen aus Eiche
er mit Fußkreuz beim oder Nussbaum liegen
Hineinsetzen sanft dabei übereinander.
nach und richtet sich Je nach Wunsch ruhen

6
nach dem Aufstehen sie auf einem winkli-
W W W . T E A M 7. A T

automatisch nach vor- gen Untergestell aus


ne aus. Stahlrohr oder auf
einem Holzgestell mit
ovalen Füßen. Ergän-
zend gibt es einen
Barhocker in den Sitz-
höhen 70 und 80 cm
sowie den Massivholz-
tisch „Rolf Benz 965“
in ovaler und runder
Ausführung.

Beilagenhinweis

Dieser Ausgabe liegt ein Prospekt der Firma


Aschl GmbH, A-Pichl bei Wels bei.

Wir bitten unsere Leser um Beachtung.


96
WWW.ZUMTOBEL .COM Lösungen

In Themenkuben im Lichtforum Dornbirn wird Licht von Zumtobel erlebbar gemacht.

Emotionen
mit Licht
ZUMTOBEL

von Maike Burk


Qualitätsschmiede 97

Forschung und Entwicklung

Die drei Standorte in Dornbirn bilden das Fundament der Marke.

Die Hirnforschung hat sich vom rationalen Was 1950 als kleine Fi rma begann, ist
und bewussten Menschen verabschiedet. bis heute zum Konzern Zumtobel Group
Weil man mittlerweile weiß, dass über 95 gewachsen. Darunter vereinen sich die
Prozent unserer Entscheidungen unbewusst internationalen Marken Thorn, Tridonic und
getroffen werden, auch unsere Kaufent- Zumtobel – sowie die kleineren Marken
scheidungen. Sprich: Was wir zur Ladenkasse acdc und Reiss. Thorn, Tridonic, Zumtobel
tragen, entscheiden wir emotional – und und acdc sind als eigenständige Geschäfts-
nicht mit unserem Verstand. bereiche organisiert. Der fünfte Bereich
Emotionen sind also das Stichwort für den „Special Purpose Products“ (SPP) deckt die
Leuchtenhersteller Zumtobel. Inwiefern Zuständigkeit für spezielle Produkte ab.
Licht ein Faktor für unsere Stimmung ist – und Dazu gehören zum Beispiel Handelswaren
wie es sich auf unsere Kaufverhalten aus- und Produkte für Eigenmarken der Groß- Eine technische präzise
wirkt – untersucht die in Dornbirn ansässige handelspartner. Verarbeitung und ein
Firma in einer Labor- und Feldstudie: Was Bei der Produktentwicklung können die hoher Designanspruch
motiviert uns, in einem Geschäft zu ver- Marken auf eine globale Forschungs- & Ent- genügt Zumtobel nicht.
weilen? Wann sind wir bereit, zur Laden- wicklungsabteilung mit mehr als 600 Mitar- Das Fundament der Mar-
kasse zu schreiten? Die gewonnenen Er- beitern zurückgreifen. Die Marke Zumtobel ke basiert auf einem
kenntnisse wendet das Unternehmen auf hat dabei den Anspruch, Menschen mit tiefen Verständnis für das
Lichtlösungen im Retailbereich an. Licht zu begeistern und das Licht in best- Thema Licht und dessen
Neben der theoretischen Auseinanderset- möglicher Qualität erlebbar zu machen. Um Wirkung auf den Men-
zung widmet Zumtobel dem Thema Licht das firmeneigene Portfolio stets zu erweitern schen. Das erlangt die
auch eine räumliche Plattform: Auf knapp und Impulse von Außen zu bekommen, ar- Marke durch die Zusam-
1.000 Quadratmetern wird „der Baustoff“ beitet das Unternehmen mit Architekten, menarbeit mit internatio-
Licht im Licht fo rum Do rnbi rn e rlebba r Lichtplanern, Designern und Künstlern zu- nalen Experten und
gemacht – Licht zum Anfassen sozusagen. sammen. Und: Im Wettbewerb ist die Zumto- wissenschaftlichen Insti-
In Kuben, die sich Beispielsweise den The- bel-Gruppe eines der wenigen weltweit tutionen im Bereich Licht-
men Präsentation und Verkauf, Büro und agierenden Unternehmen der Lichtindust- forschung. Zudem wer-
Kommunikation sowie Industrie und Technik rie, wobei Europa mit 80 Prozent Umsatz der den globale wie lokale
widmen, werden Besuchern die Gestal- stärkste Markt ist. Trends kontinuierlich
tungsmöglichkeiten und Innovationen des Wie sich Licht auf den Menschen auswirkt, lokalisiert und dekodiert.
Lichts näher gebracht. Dass sich das Licht- ist natürlich nicht nur im Retailbereich eine
forum in der Dornbirner Firmenzentrale be- interessante Frage. Daher erforscht Zumto-
findet, ist natürlich kein Zufall. Seit der Grün- bel auch die gesundheitsfördernde Wirkung
dung 1950 als „Elektrogeräte und Kunstharz- des Lichts – und macht sie stetig besser nutz-
presswerk W. Zumtobel KG“ hat sich der bar. So entstehen etwa Leuchten, die tages-
Hauptsitz nicht von Dornbirn wegbewegt. lichtabhängig gesteuert sind. Oder auch
Der Ort bildet eine wichtige Ausgangsbasis welche mit erhöhtem Betriebswirkungs-
für Zumtobel, um mit regionaler Identität grad, die bei gleichen Leuchtmittel-Voraus-
(und Vorarlberger Wurzeln) in die ganze setzungen mehr Licht und Helligkeit bieten
Welt zu Expandieren. als Standardlösungen.
98 Lösungen
Neue Produkte

Produkte, die
im Wohnungs-
oder Gewerbe-
bau Verwendung
finden, werden
immer benutzer-
freundlicher.
Zugleich erleich-
tern sie die
Planung und
den Einbau
und erweitern
W W W.DE .L AUFE N.COM

darüber hinaus
die Gestaltungs-
möglichkeiten.
Wir zeigen neue
Lösungen aus
verschiedenen
Gewerken.

von
Maike Burk

1 Waschtisch aus Saphir-Keramik

Als Neuinterpretation der klassischen Waschtisch-Form stellt Laufen


seine Badkollektion „Ino“ vor. Entwickelt wurde sie vom französi-
schen Designer Toan Nguyen. Das Material: Saphir-Keramik.
Zur Kollektion gehören wandmontierte Waschtische in den Breiten
450 und 560 mm, Waschtisch-Schalen sowie Waschtische für den
Einbau von oben, Badmöbel und eine Badewanne in zwei Versio-
nen. Prunkstück von Ino ist ein Waschtisch mit abgesetzter, aber
nahtlos integrierter Konsole. Die Ablage mit nach oben gezogener
Rückwand kann links oder rechts gewählt werden.
Neue Produkte

2
WWW.ADLER-LACKE .COM

Präzise wie ein Uhrwerk

A. Lange & Söhne im bäude ruhig, stabil


sächsischen Glashütte und sicher wirken.
sind eine renommierte Filigrane Linien über-
Uhrenmanufaktur. ziehen die weißlich
Für den Neubau eines schimmernde Sicht-
Produktionsgebäudes betonfassade und
setzte das Architekten- lassen sie plastisch
team von Jessen- und edel wirken.
vollenweider deshalb Eingebaut wurden
auf Qualität, Liebe zum übergroße Holz-Alu-
Detail und zurückhal- Fenster des Berliner
tende Eleganz – Eigen- Unternehmens Hans
schaften, die auch Timm Fensterbau.
die Luxusuhren von Im Innenbereich
A. Lange & Söhne aus- wurden die aus Kiefer
zeichnen. Das neue mit Acryl-Fensterlack
Gebäude bietet staub- von Adler in einem
freie Arbeitsplätze in weißen NCS-Farbton
lichtdurchfluteten beschichtet.
Ateliers, die dennoch
nicht unter starken
Temperaturschwan-
kungen leiden. Das
regelmäßige Raster der
Fenster lässt das Ge-
Editor’s Choice

WWW.KLOSTERMANN.DE

WWW.GODELMANN.DE
Öko-Pflastersteine

Die wasserdurchlässigen Pflastersteine „Eco- denn im Gegensatz zu Filtrationsrinnen oder


save protect“ der Firmen Godelmann und Schachtanlagen ist der Unterhalt der Beläge
Klostermann verfügen über die DIBt-Zulassung gering. Die Steine müssen nur alle zehn Jahre
als Regenwasserbehandlungsanlage. Sie sind gereinigt werden. Zur Linie gehört auch das
in der Lage, ökologisch riskante Schadstoffe Gestaltungspflaster „Drainston“. Der gefüge-
zu filtern, umzuwandeln und abzubauen, dichte Betonpflasterstein verfügt über einen
sodass Gewässer einschließlich Grundwasser farbenreichen Edelvorsatz mit Naturstein-
FOTO: GODE L M ANN/KLOSTE R M ANN

geschützt werden. Daher sind die Beläge auch körnungen und abriebfesten Quarzkristallen.
für Verkehrsflächen zulässig, auf denen her- Wasser versickert über Fugen und Ausspar-
kömmliche Ökopflaster tabu sind. Zusätzliche ungen am Stein, die jeweils in zwei Steinflanken
Entwässerungseinrichtungen oder spezielle eingelassen sind. Mit Steindicken von 8 oder
Behandlungsanlagen sind nicht mehr erforder- 10 cm ist Drainston protect für moderate und
lich. Mittelfristig gesehen spart dies viel Geld, höhere Verkehrsbelastungen ausgelegt.
Text Maike Burk
Neue Produkte 101

BIM für Architekten

WWW.ARCHICAD.COM
Mit „Archicad 20“ legt Graphisoft den Fokus
auf das „I“ in BIM. In der seit Juni verfügba-
ren Version lassen sich mit Hilfe neuer,
frei definierbarer Bauteil-Eigenschaften
Informationen, die bislang parallel zum
Modell gepflegt werden mussten, direkt aus
Excel-Tabellen einlesen und im Modell vor-
halten. Doppelte Dateneingabe entfällt,
Fehlerquellen werden minimiert. Andere
wichtige Neuerungen in Archicad 20 sind
grafische Favoriten, die automatisch Vor-
schaubilder in 2D und 3D generieren. Das
heißt, häufig genutzte Elemente müssen
nicht mehr in Listen gesucht werden, Büro-
standards lassen sich besser einrichten und
durchsetzen. Und weil Archicad Nurbs „ver-
steht“, haben Anwender die Möglichkeit,

3
in Rhino erzeugte Geometrien 1:1 in Archi-
cad zu importieren und die Glättung einzeln
zu regeln. Dazu kommen eine Reihe opti-
mierter Visualisierungsfunktionen sowie
eine komplet t überarbeitete grafische
Benutzeroberfläche.
102 Lösungen

4 W W W.ORCA-SOF T WARE .COM

Unterstützung beim
Kostenmanagement

Die Dechant Hoch-


und Ingenieurbau
GmbH ist führend beim
Bauen mit Sichtbeton
und wurde bereits mit
zahlreichen Preisen
ausgezeichnet. Zu
ihren Prestigeobjekten
gehören die Neuen
Meisterhäuser Dessau
und der Deutsche
Bundestag. Auch ihren
Firmensitz in Weismain
(Foto) haben die
Planer selbst entworfen
und gebaut. Das Unter-
nehmen setzt bei der
Planung, der Arbeits-
vorbereitung und
der handwerklichen
Umsetzung auf „Orca
Ava“. 13 Lizenzen der
Software unterstützen
das Unternehmen
vor allem beim Kosten-
management.
Neue Produkte 103

WWW.CONNECTED-COMFORT.DE
Komfortlösungen mit 3D-Animation planen

Connected Comfort bietet intelligente Gebäudetechnik für beson- Komfortlösungen zu zeigen. Alle Räume lassen sich individuell und
dere Ansprüche. Nun hat der Unternehmensverbund die 3D-Anima- in jede Richtung begehen. Zudem lassen sich die Effekte raumüber-
tion eines vernetzten und mit Premiumprodukten ausgestatteten greifender Vernetzung visuell abbilden. Besonders eindrucksvoll ist
Wohnobjektes entwickelt. Die Animation können Architekten der Effekt des fließenden Wassers in Küche, Bad und Spa. Außerdem
als Werkzeug nutzen, um dem Bauherren während der Planung am können Szenarien dargestellt werden, bei denen mit einem Tasten-
Monitor oder mit einer VR-Brille die Möglichkeiten vernetzter druck Jalousien, Licht, Musik, TV sowie Duschen ausgelöst werden.
B 10

Portfolio
2 016

Intelligente
Gebäudetechnik

Die Intelligente Hausautomation ist mit ihren zahlreichen Schnittstellen


enorm komplex – dennoch lieben Hausbewohner diese Technik. Darauf
haben sich die Hersteller mittlerweile eingestellt. Statt das total vernetzte
Haus als Ganzes zu bewerben und so die Furcht zu wecken, das Haus
könne zum Selbstläufer werden, setzen Hersteller nun auf die schrittweise
Einführung von Smart-Home-Komponenten. Alles kann, nichts muss.
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Oben: Mit den Senso-


ren „Deseo“ können
alle Funktionen in ei-
nem Raum gesteuert
werden: Beleuchtung,
Szenarien, Rollläden,
Jalousien und Multi-
room-Audiosysteme.

Links: Jede Fläche von


„Sentido“ steuert eine
bestimmte Funktion.
Berührt man mehrere
gleichzeitig, werden
alle Leuchten im Raum
ein- oder ausgeschaltet.

Basalte ist ein belgischer Hersteller von der Wand oder auf einem Tisch. Das iPad
Belgisches Designprodukten für KNX, der internationale wird ständig aufgeladen, wodurch es im-
Standard für Hausautomation. Bekannteste mer einsatzbereit ist.
Design für das Produkte von Basalte sind seine berührungs-
empfindlichen Designschalter „Sentido“ „Asano“ schließlich ist das erste dezentrali-

Intelligente und „Deseo“. Diese kombinieren ein ele-


gantes Design aus Aluminium, Bronze,
sierte KNX-Mehrraum-Audiosystem mit
hoher Flexibilität und Skalierbarkeit.
Nickel und Fer Forgé mit einer innovativen Ergänzt wird es seit Kurzem mit einem
Zuhause KNX-Integration. Mit einer leichten Berüh- neuen Musikserver mit intuitiver App.
rung lassen sich Licht, Rollläden, Tempera- Außerdem gibt es Basalte-Lautsprecher
tur und Musik bedienen. Der KNX-Miniatur- mit hochqualitativem Audio in denselben
bewegungsmelder Auro wiederum ist auf- Materialien wie die Schalterserie.
www.basalte.be grund seines sehr flachen Designs und der
äußerst ge ringen Aufbauhöhe beinahe
unsichtbar.

Da immer mehr Haussysteme vom iPad aus


gesteuert werden, hat Basalte mit „Eve“
eine elegante Wandhalterung für iPad und
iPod touch entwickelt. Eve gewährleistet
eine stilgerechte Befestigung des iPads an
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FOTOS: ULRICH BE UT TE NMÜLLE R FÜR GIR A


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Links: Das Gira Unter- Oben: Im Oberber-


putz-Radio in Küche gischen Land steht das
und Bad sorgt für allzeit modern schwarze
gute Unterhaltung, im Holzhaus – intelligent,
Bild mit Dockingstation energieeffizient und
fürs iPhone. kostenbewusst gebaut.

Im Oberbergischen Land steht ein Holzhaus kleine Gastherme für Kältespitzen instal-
Das intelligente der modernen Art: schwarz, schnörkellos, liert. Am Wärmespeicher misst ein Thermo-
energieeffizient und intelligent bis ins De- stat, ob die definierte Maximaltemperatur
Holzhaus tail. Entworfen hat das Haus die Architektin
Alexandra Schmitz für sich, ihre Frau
erreicht ist. In diesem Fall schaltet ein Ventil
automatisch um und die von der Sonne
Yvonne und Hündin Gianna. Ein KNX Sys- produzierte Energie beheizt dann über
tem vernetzt die Gebäudetechnik, die mit einen zweiten Wärmetauscher den Außen-
www.gira.de ihren Automatikfunktionen sehr viel Kom- pool. Die vernetzte Haustechnik macht’s
fort erlaubt, die Sicherheit für Haus und möglich.
Grund erhöht und dabei hilft, Energie cle-
ver und sparsam einzusetzen. In Summe Die Intelligenz des Hauses läuft beinahe
ist ein wohngesundes, energetisch vorbild- unsichtbar im Hintergrund: Ein Gebäude-
liches KfW-Effizienzhaus 55 entstanden. System verknüpft die einzelnen Komponen-
ten der Gebäudetechnik, ein Gira Home-
Auf dem Dach des Hauses sind drei leis- Server fungiert als Steuerzentrale. Zeit spart
tungsstarke Solarthermiefelder ange- zum Beispiel die Funktion „gehen“: Mit ei-
bracht. Die Vakuumröhrenkollektoren nem Tastendruck auf den Gira Tastsensor
werden bis zu 90 Grad heiß und geben ihre wird vor Verlassen des Hauses die komplet-
Hitze an den Wasserspeicher ab, der für das te Beleuchtung deaktiviert, ebenso defi-
Nutzwasser eingesetzt wird, aber auch die nierte Steckdosen mit Standby-Geräten
Fußbodenheizung speist. Zusätzlich ist eine und die Musik des Gira Unterputz-Radios.

WEITER
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Oben: ßen Wohnraum, in dem Rechts: der Licht- und Jalousi-


Holz bestimmt auch gekocht, gegessen, Ein KNX System ver- esteuerung über die
das Interieur des geplaudert und ent- netzt alle Komponen- Raumtemperatur bis
wohngesunden Hau- spannt wird – hier ten der Haustechnik, hin zur Türkommunika-
ses. Das Erdgeschoss spielt sich das gemein- bedient wird am „Gira tion.
beherbergt einen gro- same Leben ab. G1 Touchdisplay“: Von

Zudem ist durch die Statusleuchte am Tas- nierte Direktfunktion aufgerufen werden – werden diese für eine spätere Analyse ar-
ter ersichtlich, ob noch ein Fenster oder beispielsweise die Aktivierung der Decken- chiviert. Somit lässt sich das eigene Nut-
eine Tür offen steht. Fenster und Türen sind beleuchtung. zungsverhalten prüfen und gegebenenfalls
über spezielle Kontakte an das intelligente anpassen – für ein noch energetischeres
Gebäude-System angebunden. Ist alles In Verbindung mit der Gira Türstation Video Wohnen.
geschlossen, wird dies beim „zentral aus“ im Schalterprogramm „TX_44“ in Reinweiß
zudem über eine LED-Statusanzeige quit- wird bei Familie Schmitz der G1 zudem zur Einen großen Beitrag zur Energieeffizienz
tiert – mit nur einem Tastendruck. Wohnungsstation. Klingelt es, wechselt das leistet die Lüftungsanlage mit Wärmerück-
Gerät automatisch in den Türsprech-Mo- gewinnung: An kalten Tagen wird die kühle
Der Gira „G1“ ist ein neues, kompaktes dus. Mit einem Fingertipp wird die Kommu- Frischluft mit der warmen Abluft vorgeheizt.
Bediengerät für KNX Systeme und an einer nikation gestartet, die Tür geöffnet oder bei Ist es warm, regelt die Lüftung automatisch
zentralen Wand im Wohnraum platziert. Bedarf das Licht eingeschaltet. Selbst von runter, um einen zu großen Wärmeeintrag
Über das 6“ (15,25 cm) große Multitouch- unterwegs besteht immer Zugriff auf das zu vermeiden. Eine Stunde mit voller Leis-
Display lassen sich alle Funktionen intuitiv Haus: Über das Gira Interface auf dem tung genügt für den kompletten Luft-
per Fingertipp bedienen: Von der Licht- und Smartphone oder Tablet lässt sich bei- austausch. Die Fassadenbeleuchtung ist
Jalousiesteuerung über die Einstellung der spielsweise die Heizung hochfahren oder mit einer sogenannten Astro-Funktion des
Raumtemperatur, die Programmierung von über die integrierten Kameras zur Über- Gira HomeServer an den Sonnenauf- bzw.
Zeitschaltuhren, den Abruf von Szenen bis wachung des Innen- und Außenbereichs -untergang gekoppelt, die Garten- und
hin zur Türkommunikation. Selbst Wetter- prüfen, ob daheim alles in Ordnung ist. Poolbeleuchtung wird über eine Zeitschal-
prognosen sind abrufbar. Wird die Hand auf Sämtliche Verbräuche und solare Gewinne tung geregelt. Selbst die Pumpe im Pool ist
das Display gelegt, kann eine zuvor defi- zeigt der G1 an und im Gira HomeServer ins KNX System eingebunden.
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Wohnungen und Büros


des Park Towers in
Zug werden über die
Smartphone-App „my
Port“ erschlossen. Sie
öffnet die Schranke zu
Parkplätzen, schließt
Tür und Briefkasten
auf, stellt den Aufzug
bereit und kennt die
gewünschte Etage.

Das höchste Gebäude im Schweizer solche individuelle Zutrittskontrolle eine


Service 2.0 im Kanton Zug ist zugleich auch das cleverste. komplexe Angelegenheit. Hinzu kommen
Mit seinen 88 Metern Höhe bietet der Park bis zu 20 verschiedene Eigentümer.
Park Tower Tower nicht nur einen traumhaften Ausblick
über die Stadt – in dem Wohnhochhaus Ausgangspunkt ist die Aufzugssteuerung.
sorgt das Verkehrsmanagementsystem Sie ermöglicht nicht nur vertikale Mobilität,
„The Port Technology“ dafür, dass die sondern garantiert auch Sicherheit. Bei der
www.schindler.de Gebäudenutzer schnell und sicher ans Ziel Planung des Verkehrsflusses in Gebäuden
kommen. Dafür benötigt man lediglich sollte man nämlich nicht nur in der Katego-
die Smartphone-App „my Port“ und eine rie der Vertikalität denken. Viel grundle-
Zugangsberechtigung. Damit öffnet sich gender ist: Wie bringe ich einen Gebäude-
die Schranke zur Tiefgarage automatisch, nutzer effizient, schnell, sicher und vor al-
der Aufzug steht bereits da und fährt in die lem komfortabel von A nach B? Das ist der
richtige Etage, ohne dass ein Knopf betätigt Ansatz von „The Port Technology“: Das Sys-
werden muss. Schließlich öffnet sich auch tem erweitert den Fokus von der vertikalen
die Wohnungstür wie von Zauberhand, so- Fahrt auf den Verkehrsfluss des ganzen Ge-
bald der Zugangsberechtigte sich nähert. bäudes. Der Grundgedanke: Der Personen-
verkehr in einem Gebäude wird effizienter,
Bei einer Mischnutzung mit 100 Wohnungen wenn die Bedürfnisse jedes individuellen
und Gewerbe auf insgesamt 14.200 Qua- Nutzers bekannt sind und zusammen opti-
dratmetern Fläche und 25 Etagen ist eine mal geplant werden.
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Mit dem Isokorb-Typ


KSXT können frei aus-
kragende Stahlbalko-
ne im Passivhaus-Stan-
dard realisiert werden.
Und auch der Typ QSXT
eignet sich dazu, Stahl-
vordächer, Fassaden-
unterkonstruktionen
und Verschattungssys-
teme anzuschließen.

Mit einer wärmetechnisch optimierten Durch die Anpassung der Dämmdicke der
Auskragende Lösung für Beton-Stahl-Anschlüsse hat die Isokorb-Typen an die steigende Fassaden-
Schöck Bauteile GmbH ihre Produktreihe dämmdicke ergibt sich zudem ein Vorteil
Stahlkonstruktion Isokorb XT für auskragende Bauteile weiter-
entwickelt. Die Isokorb-Typen KSXT und
für die Detailausbildung am Balkonan-
schluss. Das thermische Trennelement hat

für Passivhäuser QSXT mit einer Dämmkörperdicke von


120 Millimetern erreichen gegenüber den
in etwa dieselbe Dicke wie die Wärme-
dämmebene. Dies vereinfacht die Abdich-
Typen KS und QS eine um mehr als 50 tung rund um den Anschluss.
Prozent gesteigerte Wärmedämmleistung.
www.schoeck.de Der Balkonanschluss ist vom Passivhaus-
Institut in Darmstadt – je nach Tragstufe –
Doch nicht nur bei Stahlbalkonen können
die Isokorb-Typen KSXT und QSXT zur Mini-
als zertifizierte Passivhaus-Komponente mierung von Wärmebrücken eingesetzt
beziehungsweise Energiesparkomponente werden. Sie eignen sich auch, um Stahlvor-
ausgezeichnet. Es ist damit das derzeit dächer, Fassadenunterkonstruktionen und
FOTOS: SCHÖCK BAUTE ILE GMBH

energieeffizienteste Wärmedämmelement Verschattungssysteme anzuschließen.


für Beton-Stahl-Anschlüsse auf dem deut-
schen Markt.

Mit dem neuen Isokorb-Typ KSXT lassen sich


damit auch frei auskragende Bauteile mit
Stahl im Passivhaus-Standard realisieren.
Impressum 113
Baumeister. Das Architektur-Magazin 113. Jahrgang
Eine Marke von

REDAKTION
Anschrift wie Verlag
Tel +49 (0) 89 / 43 60 05 – 0, Fax +49 (0) 89 / 43 60 05 – 14 7

B11
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CHEFREDAKTION
Prof. Dr. Alexander Gutzmer Tel – 11 8
(verantwortlich für den redaktionellen Inhalt)

REDAKTION
Sabine Schneider Tel – 146
Maike Burk Tel – 144

Vorschau
Alexander Russ Tel – 172

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Daniel Ober für Herburg Weiland, München

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Studenten: 99,00
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mehr zum Politikum –
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gen von Art. 246a § 1 Abs. 2 Nr. 1 EGBGB. Zur Wahrung der Frist genügt bereits das
rechtzeitige Absenden Ihres eindeutig erklärten Entschlusses, die Bestellung zu wider-
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oder die unaufhaltsam
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Verlag Georg D.W. Callwey GmbH & Co. KG
Art und Weise, wie wir
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ALLEINIGER GESELLSCHAFTER Städte. In der nächsten
Helmuth Baur-Callwey, Verleger in München
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Helmuth Baur-Callwey und Dr. Veronika Baur-Callwey, Verleger in München;
Ausgabe schauen wir
Dr. Marcella Prior-Callwey und
Dominik Baur-Callwey, Geschäftsführer in München uns verschiedene Wohn-
GESCHÄFTSFÜHRER
Dr. Marcella Prior-Callwey
Dominik Baur-Callwey
Tel – 165
Tel – 159
modelle und deren
ADVERTISING DIRECTOR
Andreas Schneider Tel – 197 soziale Auswirkungen
(verantwortlich für den Anzeigenteil)
DISPOSITION
Kirstin Freund-Lippert Tel – 123, Fax 4 36 11 61
an – von Luxuswohnungen
DIRECTOR BUSINESS DEVELOPMENT
Christian Keck Tel –178 in New York bis zum
VERTRIEB
Marion Bucher Tel – 125, Fax – 317
HERSTELLUNGSLEITER
geförderten Wohnungs-
Mark Oliver Stehr Tel – 167
(alle Adressen wie Verlag) bau in München.
DRUCK, BINDUNG
OPTIMAL : MEDIA, Glienholzweg 7, D – 17207 Röbel / Müritz

Sonderdrucke einzelner Beiträge dieser Ausgabe können beim Verlag angefragt wer-
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Erfüllungsort und Gerichtsstand München

Ab 1.1.2016 ist die Anzeigenpreisliste Nr. 55 gültig.


Anzeigenschluss ist jeweils am 24. des Vormonats.
Mitglied der agla a + b, Arbeitsgemeinschaft Leseranalyse
Architekten und Bauingenieure.
ISSN 0005-674X B1547
114 Kolumne

Die ganze Wahrheit


über...
Pokemon Go

Wahrheit hängt von der Wahrnehmung des Betrachters


ab. Nehmen wir zum Beispiel Pokemon Go. Ich habe
Pokemon schon nicht verstanden, als meine Kinder vor
vielen Jahren Geld für Sammelkarten haben wollten.
von Friedrich von Borries

Und heute verstehe ich das Spiel immer noch nicht.


Aber das ist nicht schlimm, denn als Architekt schaue
ich anders auf die Welt als ein Gamer. Wobei sich bei
Pokemon Go meine Welt mit der eines Spielers in inter-
essanter Weise überlagert. Trotzdem ist meine Wahrheit
über Pokemon Go eine andere als die des Pokemon-
Spielers. Mich interessieren nicht die Spielregeln und
das Spielziel (das verstehe ich sowieso nicht), sondern
die Bedeutung von Architektur und Stadtraum. Aber der
Reihe nach.
Pokemon Go ist ein neues Handyspiel, bei dem der
reale Stadtraum mit einem virtuellen Spielraum über-
lagert wird. Und das geht so: Der Spieler meldet sich via
Smartphone bei einem Team an – zur Auswahl stehen
Gelb, Rot und Blau. Ziel ist es, eigene Arenen zu vertei-
digen und die Arenen anderer Teams zu erobern. Dazu
braucht man Pokemons, die man entweder fangen
oder ausbrüten muss. Eier findet man – neben wichtigen
Ausrüstungsgegenständen – in Pokestops. Ausbrüten Building in New York. Pokemon-Spieler sind Stadtfor-
kann man die Eier nur, während man läuft. Zehn Kilome- scher. Sie laufen, suchen und entdecken. Aus einer Liste
ter pro Ei, schummeln geht nicht, denn die Ortserken- von Pokestops ließe sich also eine Art neuer Architek-
nungsfunktion des Smartphone merkt, wenn man das turführer erstellen. In Berlin und London werden schon
Auto benutzt oder die Straßenbahn – denn dann ist man Stadtführungen angeboten, auf denen man besonders
einfach zu schnell. gut Pokemons fangen und gleichzeitig die Stadt neu
Pokemon Go ist also, wie der Name schon erahnen entdecken kann – das heißt es zumindest.
lässt, ein Spiel, in dem man virtuellen und physischen Aber was kann eine spekulative Architekturkritik dar-
Raum im Gehen durchquert. Die Schnittstelle – und das aus lernen? In einer Welt, in der Architektur nicht nur
ist der Punkt, der für mich interessant ist – sind Archi- in der physischen Welt, sondern auch im virtuellen
tektur und Stadtraum. Wilde Pokemons halten sich Raum bestehen soll, braucht es neue Bewertungsmaß-
angeblich gerne an Orten auf, die ihrem Charakter ent- stäbe für gute Architektur. Bisherige Kriterien wie städte-
sprechen: Geisterpokemons auf Friedhöfen, Wasser- bauliche Einbindung, Raumstruktur und Materialität
pokemons in Seen, Pflanzenpokemons in Grünanlagen. werden zwar nicht aufgehoben, aber ergänzt. „Bespiel-
Auch wenn nicht jeder Ort geeignet scheint, sind auch barkeit“ lautet das Schlagwort der Zukunft. Was gute
viele Sehenswürdigkeiten beliebt. So wurden in Berlin „Bespielbarkeit“ für Architektur und Städtebau bedeu-
sogar am Holocaust-Mahnmal schon Pokemons gefan- tet, muss erst erforscht, erprobt und entworfen werden.
gen. Pokestops befinden sich häufig in signifikanten Deshalb, liebe Architekten: Erobert die virtuelle Welt
Architekturen wie der Sydney Opera oder dem Chrysler und fangt an zu spielen.

An dieser Stelle schreibt der Architekturtheoretiker Friedrich von Borries im Wechsel mit
der Architektin Regine Leibinger und
unserem Chefredakteur Alexander Gutzmer.
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