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Vorwort zur 1.

Auflage

Dieses Buch deckt die Bachelor-Vorlesung Institutionenökonomik weitgehend ab. Es enthält in


knapper und kompakter Form die wichtigsten Inhalte, Praxisbeispiele, anschauliche Grafiken und
illustrierende Hintergründe, mit denen ein Verständnis des Stoffes ermöglicht wird. Gleichzeitig
verwendet die Vorlesung interaktive Lehrformen, die mit Hilfe von classEx ein neuartiges Lehr-
Lern-Umfeld ermöglichen, wie auch die spontane Integration von verhaltensorientierten und expe-
rimentellen Befunden. Die Vorlesung kann daher inhaltlich das Buch vertiefen und an geeigneten
Stellen darüber hinausgehen. Insofern kann das Buch den Besuch der Vorlesung nicht ersetzen.

Für die Entwicklung und Erstellung des Manuskripts danke ich den vielen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern, Tutorinnen, Tutoren und Studierenden, die über die Jahre beigetragen haben, insbe-
sondere Katharina Werner. Ein Dank geht an Marcus Giamattei für die Programmierung der inter-
aktiven classEx-Spiele.

Vorwort zur 2. Auflage


Mit dieser völlig neubearbeiteten 2. Auflage geht das Buch neue Wege. Manche mikrofundierten
Berechnungen wurden gestrafft und der Fokus stärker auf die Entwicklung von Institutionen zu
komplexen Organisationen und Regelsystemen gelegt. Dazu wurden viele historische Beispiele in-
tegriert, mit denen das Verständis heutiger Institutionen wie beispielsweise Staaten, Aktiengesell-
schaften oder Banken ermöglicht wird. Für viele hilfreiche Beiträge danke ich Ralph Binder, Ste-
phan Geschwind, Florian Kammermeier, Felix Graf Lambsdorff und Katharina Werner.

Passau im Oktober 2020 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff


Innstr. 27
Universität Passau
94032 Passau
Selbstverlag

1
6. Investitionen ......................... 65
Inhaltsverzeichnis classEx: Vertrauen und
Opportunismus ................................... 65
1. Institutionen ............................ 5
Beispiel 1: Arbeitsvertrag .................. 69
Beispiel 1: Sammeln von Treibholz .... 6
Beispiel 2: Eigenkapital und
classEx: Straßenverkehr ...................... 8 Fremdkapital ...................................... 69
classEx: Ineffiziente Institutionen ..... 10 Beispiel 3: Company town................... 70
Beispiel 2: Armut in Island ................ 10 classEx: Vertrauen und Strafe .......... 71
Beispiel 3: Institutionen im Konflikt 11 Quiz und Anhänge .............................. 73
Beispiel 4: Passt eine für alle? ........... 12 7. Besitz und Eigentum............. 77
Beispiel 5: Hayek und der classEx: Hawk-dove ............................ 77
Libertarismus ..................................... 15
classEx: Hawk-dove-bourgeois ........... 78
Quiz und Anhänge.............................. 15
Beispiel 1: Die Agrarrevolution ......... 79
2. Make or buy.......................... 19
Beispiel 2: Endowment effect und self-
classEx: Suchkosten ........................... 22 serving bias .......................................... 81
Beispiel 1: Measurement costs............ 23 Beispiel 3: Endowment effect und die
Beispiel 2: GM, Delphi und Kosten der Agrarrevolution .................................. 82
Insolvenz ............................................. 24 Beispiel 4: Die Transferierbarkeit von
Beispiel 3: Die optimale Größe des Land ..................................................... 88
Staates ................................................. 25 Quiz und Anhänge .............................. 88
Quiz und Anhänge.............................. 27 8. Verträge und Gerichte .......... 93
3. Asymmetrische Information 31 classEx: Unvollständige Verträge ..... 95
classEx: Automarkt ............................ 33 Beispiel 1: Wer sollte Eigentümer
Beispiel 1: Finanzkrise 2007/08 ......... 35 werden? ............................................... 97
classEx: Der Markt für Nachhilfe ...... 36 Beispiel 2: Waldbesitz in Oaxaca ...... 98
Beispiel 2: Börsengang ....................... 38 Beispiel 3: AOL und Time Warner ... 98
Quiz und Anhänge.............................. 38 Quiz und Anhänge ............................ 100
4. Moral hazard ........................ 43 9. Kooperation und kollektives Eigentum
................................. 103
classEx: Aufputschmittel für
Nachhilfelehrer ................................... 44 classEx: Fischteich ............................ 103
Beispiel 1: Effizienzlohn..................... 45 classEx: Teamarbeit ......................... 105
Beispiel 2: Too big to fail .................... 46 Beispiel 1: Die frühen Formen von
Reziprozität und Reputation ........... 107
Beispiel 3: Rationierung..................... 46
classEx: Public Goods Game ............ 108
Beispiel 4: Werbung ........................... 48
Beispiel 2: Bedingte Kooperation .... 111
Quiz und Anhänge.............................. 48
Beispiel 3: Crowding-out .................. 111
5. Delegation ............................ 51
Quiz und Anhänge ............................ 113
classEx: Delegation auf dem
Arbeitsmarkt ...................................... 52 10. Organisation und Staat ....... 117
Beispiel 1: Der Franchise-Vertrag .... 59 Beispiel 1: Die Revolution 1688 ....... 121
Beispiel 2: Antike Handelskredite..... 59 Beispiel 2: Das Tatarenjoch ............. 124
Beispiel 3: Ein Bonus für Investment- Beispiel 3: Die compera und das
Banker ................................................. 60 Problem der Staatsverschuldung .... 125
Beispiel 4: Neuseelands Anreize für Quiz und Anhänge ............................ 127
Zentralbanker ..................................... 60 11. Geld und Kredit .................. 129
Quiz und Anhänge.............................. 61 Beispiel 1: Münzen ........................... 130
Beispiel 2: Papiergeld in China ....... 133
classEx: Team oder Geld ................. 135

1
Beispiel 3: Vom Wechsel zum Buchgeld
............................................................ 137
Beispiel 4: Bitcoins ........................... 140
Quiz und Anhänge............................ 141
12. Unternehmen und Personen 143
Beispiel 1: Schuldknechtschaft und das
Peculium ............................................ 147
Beispiel 2: Die societas publicanorum
............................................................ 148
Beispiel 3: Die Vereenigde Oostindische
Compagnie ......................................... 148
Quiz und Anhänge............................ 152
Sachregister .............................. 155

2
Ergänzende Literatur

• Furubotn, E.G. und R. Richter (2005), Institutions and Economic Theory, 2. Aufl. (Ann Arbor:
University of Michigan Press).
• Erlei, M, M. Leschke und D. Sauerland (1999), Neue Institutionenökonomik, (Stuttgart: Schä-
fer-Poeschel).
• Hodgson, G. (2016) Conceptualizing Capitalism: Institutions, Evolution, Future. University of
Chicago Press: 227.
• Voigt, S. (2009), Institutionenökonomik, 2. Aufl. (UTB-Taschenbuch Wilhelm Fink: Pader-
born).
• Williamson, O.E. (1985), The Economic Institutions of Capitalism: Firms, Markets, Relational
Contracting, (New York: The Free Press).

Als Cover des Buches wurde das Gemälde „Die niederländischen Sprichwörter“ von Pieter Bruegel
dem Älteren aus dem Jahre 1559 gewählt, das in der Gemäldegalerie der staatlichen Museen zu
Berlin hängt. Die Vorlage wurde von Wikimedia Commons bezogen (Creative Commons Lizenz
CC-BY-SA 3.0).

3
1. Institutionen

Institutionen und Entwicklung

Die letzten Jahrhunderte waren durch ein starkes Wachstum und zunehmenden Wohlstand geprägt.
Dies ist zum einen erklärlich durch den zunehmenden Stand des technischen Wissens. Genannt seien
hier der Pflug im Ackerbau, Tontechniken, Bronzeguss und Eisenschmiede, Architektur, Schießpul-
ver, Militärtechnik, Windmühle, Buchdruck, Teleskop, Webstuhl bis hin zur Industrialisierung ab
1780, die Entwicklung der Eisenbahn ab 1840, die Elektrotechnik ab 1890, die Automatisierung ab
1940 und die Informations- und Kommunikationstechnik ab 1990. Das Inlandsprodukts Europas
und der Vereinigten Staaten stieg von 25% im Jahre 1800 auf 65% des globalen Niveaus an. Diese
Umwälzungen machten jeweils neue Institutionen im Sinne von Regelwerken und Organisationen
erforderlich, beispielsweise für den Arbeitsmarkt, das Kreditwesen, Haftung und Kooperation.

Andererseits haben eventuell auch die vielfältigen Institutionen die rasante wirtschaftliche Entwick-
lung erst ermöglicht. Regeln zu Kommunikation, Sprache, Zahlen und Handel sind entstanden, mit
denen sich Menschen über Clans, Regionen und Kontinente hinweg verständigen und austauschen
können. Geldsystemen erleichtern dies weiter. Politische Systeme garantieren Eigentum und ermög-
lichen Märkte, mit denen eine Koordination von Arbeiten zwischen Menschen, Regionen und Kon-
tinenten möglich ist. Menschen können ihr Wissen in Organisationen speichern und im Gegenzug
dafür ihren Lebensabend sichern. Aus dieser Sicht sind Institutionen nicht mehr eine Begleiterschei-
nung, sondern ursächlich für die ökonomische Entwicklung. Die Erforschung von Institutionen steht
damit im Zentrum eines Verständnisses für Wachstum und Wohlstand.

Aber was wollen wir unter Institutionen genau verstehen? Welche Arten gibt es und welche Rolle
spielen sie? Wozu benötigen Menschen sie? Sind Institutionen über die Jahrhunderte immer besser
geworden? Wie entwickeln sie sich? Wie sähe eine Welt ohne Institutionen aus? Der Institutionen-
ökonomik geht es dabei weniger um das soziale Umfeld in seiner physischen Form, um die anderen
Menschen. Es geht ihr um etwas Abstrakteres: Die Frage, nach welcher Logik sich Menschen mit
anderen Menschen koordinieren.

Was sind Institutionen?

Unter Institutionen verstehen wir zumeist ein System von formellen oder informellen Regeln, inklu-
sive der Methoden ihrer Durchsetzung. Institutionen sind also etwas physisch nicht zu Fassendes,
etwas Abstraktes. Douglas C. North (1920-2015), der 1993 für seine Beiträge zur Institutionenöko-
nomik und Wirtschaftsgeschichte den Nobelpreis erhalten hat, schreibt, dass Institutionen die Re-
geln eines Spiels in einer Gesellschaft sind. Sie sind (1992: 3) „…die von Menschen erdachten Be-
schränkungen menschlicher Interaktion. Dementsprechend gestalten sie die Anreize im zwischen-
menschlichen Tausch, sei dieser politischer, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Art.“

Regeln beschränken menschliches Verhalten, sie verhindern manche ökonomische Aktivitäten und
befördern dadurch andere. Sie verbieten den Diebstahl und fördern damit den Erwerb von Eigentum
durch Arbeit. Sie verbieten die Kartellbildung und befördern damit den Wettbewerb. Hierfür ist

5
notwendig, dass Regeln allgemein bekannt sind. Menschen wollen nicht nur selbst eine Regel ken-
nen, sondern auch erwarten, dass andere diese kennen und respektieren. In diesem Fall helfen Re-
geln, die Unsicherheit bezüglich des Verhaltens anderer zu reduzieren. Solch reduzierte Unsicher-
heit kann dann hilfreich sein, um die Risiken einer Handlung zu reduzieren, um Konflikte mit ande-
ren zu vermeiden, um sich mit anderen zu koordinieren und gemeinsam größere Aufgaben zu be-
wältigen.

Zumeist wird zwischen Regeln und Organisationen unterschieden und mit Institutionen nur die Re-
geln gemeint. Allerdings ist diese Unterscheidung nicht immer trennscharf. So gibt es beispielsweise
Organisationen wie politische Parteien, private Unternehmen, Banken, Gewerkschaften, Schulen,
Universitäten, Staaten und multinationale Organisationen. Diese können wir einerseits als diejeni-
gen auffassen, die sich an bestehende Regeln halten müssen, so wie Fußballspieler sich an die Spiel-
regeln halten müssen. Andererseits können diese aber auch als diejenigen auftreten, die Spielregeln
setzen für ihre einzelnen Mitarbeiter und Mitglieder. In diesem Augenblick sind die Organisationen
selbst Regelwerke, also Institutionen.

So können wir den internationalen Währungsfonds als Organisation sehen, als Spieler, der mit an-
deren internationalen Banken, beispielsweise der Weltbank, der Asian Development Bank oder der
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, um Anerkennung, Kompetenzen und Aufträge ringt.
Andererseits setzt der Währungsfonds Regeln für die Zuteilung von Krediten für seine Mitglieds-
staaten. In diesem Fall ist er eine internationale Finanzinstitution. Auch private Unternehmen kön-
nen wir einerseits als Organisationen oder als Institutionen auffassen. Sie konkurrieren miteinander
um Marktanteile im Rahmen der wettbewerblichen Regeln und übernehmen dabei die Rolle des
Spielers. Gleichzeitig bestimmen sie die Regeln, mit denen beispielsweise Gewinne und Haftung
zwischen Anteilseignern und Mitarbeitern aufgeteilt werden. Insgesamt hängt damit die Frage, ob
Organisationen eher als Spieler oder als Institutionen aufgefasst werden sollten, von der Perspektive
ab. Für eine umfassende Analyse von Institutionen müssen wir Organisationen mit mitbetrachten.

Zuletzt müssen wir bezüglich der Regeln eine Einschränkung machen. Nicht alle Regeln sind Insti-
tutionen. Menschen legen sich auch Regeln zu, die für andere unwichtig sind und keinen Einfluss
auf Interaktion haben. Dies sind insbesondere Regeln, mit denen Menschen vermeiden, Wichtiges
zu vergessen oder ihre langfristigen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Denken Sie beispiels-
weise an den Imperativ: „Vor dem Schlafen, nach dem Essen: Zähneputzen nicht vergessen!“ Mit
dieser einfachen Regel ordnen wir unseren Tagesablauf und betreiben Vorsorge für die Gesunder-
haltung unserer Zähne. Andere Menschen sind bei dieser Regel zunächst zweitrangig, es geht um
den Umgang mit uns selbst. Oder die Regel: „Erst die Arbeit und dann das Vergnügen!“ Hiermit
mahnen Menschen sich, ein jedes Vergnügen zuerst zu verdienen. Ein Vergnügen sollte nachhaltig
und nicht durch Schulden finanziert werden. Solche Arten von Regeln wollen wir nicht zu den In-
stitutionen zählen. Ihnen fehlt die Interaktion mit anderen Menschen. Koordination ist dabei nicht
erforderlich. Wir wollen also nur dann von Institutionen sprechen, wenn damit Unsicherheit in der
Koordination mit anderen reduziert wird.

Beispiel 1: Sammeln von Treibholz

Sugden (1989) beschreibt das Verhalten von Bewohnern eines Fischerdorfes in Yorkshire beim
Sammeln von Treibholz. Hierbei gab es ein ungeschriebenes Gesetz: Wer immer zuerst nach einer
Flut bei einem Küstenabschnitt eintraf, durfte sich nehmen was er wollte. Hierbei durfte kein später
Eintreffender sich einmischen. Das gesammelte Holz durfte der Erste oberhalb der Flutlinie stapeln
und jeden Stapel mit zwei Steinen auf der Spitze als sein Eigentum markieren. Hatte er den Stapel
aber nach zwei weiteren Fluten nicht abtransportiert, so erlosch sein Eigentumsrecht.

Wir erkennen schnell, dass es sich hierbei um eine Institution handelt. Es sind Regeln vorhanden,
mit denen Menschen sich untereinander koordinieren und damit Unsicherheit bezüglich des Verhal-
tens anderer reduzieren. So wird die Unsicherheit vermieden, dass Treibholzsammler nach getaner

6
Arbeit fürchten müssen, dass andere ihren Stapel für sich reklamieren. Gleichzeitig wird klargestellt,
dass Sammelplätze oberhalb der Flutlinie nicht auf Dauer von eigenen Stapeln besetzt werden dür-
fen.

Wir wissen weder, seit wann diese informelle Regelung in Kraft war, noch, warum sich die Men-
schen daran hielten. Es gab sicherlich keine Gerichte und keine Polizei, welche sich für die Durch-
setzung dieser Regelung engagiert hätten. Aber wir wissen, dass sie beachtet wurde. Es handelt sich
hierbei um eine informelle Institution, welche nicht schriftlich verfasst wurde und sich ohne einen
staatlichen Eingriff durchsetzen konnte. Um diese Begriffe genauer zu verstehen, zeigt Tabelle 1
eine Übersicht über verschiedene Arten von Institutionen.

Regel Art der Über- Staatliche Beispiel Formell


wachung Überwa- oder in-
chung formell?

Konventionen Selbstüberwa- Nein Straßen- Informell


chung verkehr;
Sprache

Normen Internalisierte Nein Mülltren- Informell


Regel nung

Sitten Spontane Nein Treibholz- Informell


Überwachung sammeln

Private Organisierte Ja/Nein Arbeitsver- Formell


Regeln Private Über- trag
wachung

Recht Organisierte Ja Privat- und Formell


Staatliche Strafrecht
Überwachung

Tabelle 1: Arten von Regeln und Institutionen

Formelle vs. Informelle Regeln

Von formellen Regeln sprechen wir dann, wenn diese schriftlich verfasst sind. Mit einer schriftli-
chen Ausarbeitung kann eine Regel transparenter und verbindlicher kommuniziert werden. Solche
Regeln können rein privater Natur sein, also beispielsweise private Verträge, die freiwillig zwischen
Menschen geschlossen werden. So ist ein Arbeitsvertrag ein Beispiel für ein Regelwerk, mit dem
sich die Unsicherheit zwischen einer Firma und einem Angestellten reduzieren lässt. Gegenseitige
Forderungen werden schriftlich fixiert, sodass jede Seite genaue Erwartungen in Bezug auf die
Handlungen der Gegenseite bilden kann. Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) sind ein Bei-
spiel für private Regeln, die eine Firma in Bezug auf alle ihre Kunden oder Lieferanten aufstellt.

Oftmals stammen formelle Institutionen vom Staat. In diesem Fall sprechen wir von Recht. Der
wesentliche Unterschied zu privaten Regeln besteht in der Überwachung und Durchsetzung der ge-
genseitigen Ansprüche. Private Regeln werden in erster Linie dadurch durchgesetzt, dass eine Zu-
widerhandlung eine private Sanktion induziert, beispielsweise eine Beschwerde, eine Bestrafung der
Gegenseite oder die Kündigung des Vertrags. Demgegenüber erlaubt das Recht eine Durchsetzung
von Ansprüchen vor Gericht oder eine strafrechtliche Verfolgung durch staatliche Ermittlungsbe-
hörden. Die Überwachung erfolgt durch eine neutrale dritte Partei, wird also nicht unmittelbar von
der Gesellschaft und den betroffenen Akteuren implementiert. Mit der Rechtsetzung kann der Staat

7
dabei auch private Parteien in der Durchsetzung ihrer Verträge unterstützen, indem er beispielsweise
Regeln für AGB und Arbeitsverträge vorsieht und deren Durchsetzung vor Gericht ermöglicht.

Informelle Regeln unterscheiden sich von formellen Regeln dadurch, dass sie nicht schriftlich ver-
fasst sind. Sie basieren oftmals auf Brauchtum und Sitte. Aufgrund des Fehlens der Schriftform
können informelle Regeln gegenüber Außenstehenden nicht so leicht kommuniziert und verbindlich
gemacht werden. Dadurch wandeln sie sich zumeist auch langsamer. Je nach der Art, mit der diese
Regeln überwacht und durchgesetzt werden, unterscheiden wir drei Arten.

Konventionen, Normen, Sitten

Informelle Institutionen können oftmals spontan entstehen. Sie werden nicht geplant. Sie entstanden
plötzlich oder haben sich über einen langen Zeitraum evolutorisch entwickelt. Warum gerade be-
stimmte informelle Institutionen sich herausgebildet haben und nicht andere, lässt sich kaum beur-
teilen. Es lässt sich lediglich beobachten, dass solche Institutionen sich wiederholt Geltung verschaf-
fen, also ein Beharrungsvermögen besitzen. Tabelle 1 ist eine Übersicht verschiedener informeller
und formeller Institutionen zu entnehmen.

Eine Form der informellen Institution sind Konventionen. Für Konventionen finden sich oftmals
keine schriftlichen Ausarbeitungen; bestenfalls werden sie von aufmerksamen Beobachtern be-
schrieben, allerdings ohne präskriptiven Charakter. Von Konventionen sprechen wir dann, wenn zu
ihrer Durchsetzung keine Beobachtung und Sanktionierung von Fehlverhalten notwendig sind. Viel-
mehr sind Konventionen selbstdurchsetzend. Unter der Erwartung, dass alle anderen die Konvention
kennen und respektieren, hat jeder einen Vorteil davon, sich ebenfalls an diese Konvention zu halten.
Dies wird beispielhaft deutlich im Straßenverkehr. Das Rechtsfahrgebot in Kontinentaleuropa kann
als Konvention aufgefasst werden. Zwar findet es sich inzwischen auch schriftlich in der Straßen-
verkehrsordnung (§ 2 Abs. 2 StVO), allerdings wird damit lediglich eine bereits vorher existierende
informelle Regel bestätigt. Sofern jeder auf der rechten Straßenseite fährt und dies auch von anderen
erwartet, wird sich jeder an diese Regel halten. Aus Eigeninteresse lohnt sich ein Abweichen von
dieser Konvention nicht. Ein anderes Beispiel ist die Verwendung einer bestimmten Sprache. Wirt-
schaftliche Akteure müssen sich auf eine gemeinsame Sprache einigen, mit der sie untereinander
kommunizieren wollen. Für keinen lohnt sich ein Abweichen von dieser Einigung. Die Konvention
setzt sich damit automatisch durch, ohne dass die Geltung der deutschen Sprache explizit in Verträ-
gen vereinbart wird.

classEx: Straßenverkehr

Sie sind auf einer fremden Insel gelandet und kennen dort die Straßenverkehrs-
ordnung nicht, wissen also nicht, ob man auf der linken oder der rechten Stra-
ßenseite fahren sollte. Nun fahren Sie mit dem Auto und ein anderer Autofahrer
kommt Ihnen entgegen. In dem Auto sitzt ein Kommilitone von Ihnen aus dem Hörsaal. Sie müssen
sich nun spontan und
gleichzeitig für eine
Straßenseite ent-
scheiden.

Sie erhalten eine Aus-


zahlung je nach Ih-
rem Spielverhalten
und dem des Ihnen
zugewiesenen Mit-
spielers. Zwei Spielerpaare werden ausgelost und die Auszahlung in Euro im Sekretariat des Lehr-
stuhls vorgenommen. Sie spielen also um echtes Geld.

8
In Samoa wurde am 7. September 2009 um 6 Uhr gegen den Widerstand großer Teile der Bevölke-
rung der bestehende Rechts- auf Linksverkehr umgestellt. Begründet wurde dies von der Regierung
damit, nicht teure US-amerikanische Fahrzeuge einführen zu müssen, sondern auf günstigere japa-
nische, australische oder auch neuseeländische Importe bzw. Gebrauchtwagen zurückgreifen zu
können, welche aber das Steuer auf der rechten Seite haben. Damit sich die Fahrer an den Links-
verkehr gewöhnen können, wurden zwei Feiertage gegeben und ein Alkoholverbot verhängt. Sie
spielen das Spiel nun erneut als Autofahrer in Samoa. Ein Spielerpaar wird ausgelost und die Aus-
zahlung in Euro im Sekretariat des Lehrstuhls vorgenommen.

Eine Analyse des Spiels ist nicht einfach, da es kein eindeutiges Gleichgewicht gibt. Mit dem Begriff
des Gleichgewichts meinen wir genauer das sogenannte Nash-Gleichgewicht, benannt nach dem
Mathematiker und Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften John F. Nash (1928-2015). Ein
Gleichgewicht liegt vor, falls kein Spieler einen Anreiz hat, von der gewählten Strategie abzuwei-
chen. Jeder Spieler ist also im Nachhinein mit seiner Strategiewahl einverstanden und würde sie so
wieder treffen. Da Strategien in obigem Spiel simultan bestimmt werden, kann keiner die Strategie-
wahl eines anderen beeinflussen. Damit kann die Entscheidung anderer als gegeben angenommen
werden und für verschiedene solche angenommenen Entscheidungen die beste Antwort bestimmt
werden. Damit ergeben sich zwei verschiedene Gleichgewichte, nämlich Links-Links oder Rechts-
Rechts. Die Schwierigkeit besteht dann für die Spieler darin, sich für das identische Gleichgewicht
zu entscheiden. Konventionen können wir verstehen als Hinweise darauf, welches Gleichgewicht
vorherrscht. Spieler folgen dann gerne zum eigenem Vorteil dieser Konvention.

Normen stellen eine weitere Form der informellen Institution dar. Im Gegensatz zu Konventionen
sind diese nicht automatisch selbstdurchsetzend. Vielmehr kann ein Individuum einen Vorteil aus
einer Normverletzung ziehen. Aber im Falle von Normen werden Regeln internalisiert, das heißt,
Menschen halten die generelle Beachtung einer Norm für wünschenswert und legen sich selbst für
den Alltag die Gewohnheit zu, diese Regel zu beachten und nicht individuell zum eigenen Vorteil
ihre Verletzung zu erwägen. Hierfür ist zumeist hilfreich, dass Individuen die Beachtung einer Norm
auch von anderen erwarten. Beispielsweise ist die Regel, Müll ordentlich zu trennen, eine Norm.
Aufgrund der Sinnhaftigkeit dieser Norm kann sich die Regel immer wieder Geltung verschaffen
und Menschen erwarten, dass auch andere diese Regel respektieren. Damit wird im Alltag selten
über das Problem nachgedacht, ob sich die Mülltrennung lohnt.

Sitten stellen eine dritte Form der informellen Institution dar. Wir sprechen von Sitten als einer Form
der Regel, wenn ihre Durchsetzung nicht selbstverständlich ist. Individuen müssen wissen, dass eine
Verletzung der Regel von anderen sanktioniert wird. Hierzu sind private Akteure notwendig, die
bereit sind, das Fehlverhalten anderer zu sanktionieren. Sitten werden oftmals auch als soziale Nor-
men bezeichnet in Abgrenzung zu Normen, die ausschließlich durch Internalisierung durchgesetzt
werden. Gehen wir beispielsweise zurück zum Beispiel des Treibholzsammelns. Jemand, der das
Eigentum am Stapel gesammelten Treibholzes missachtet, wird einen Streit riskieren, möglicher-
weise mit gegenseitigen Beleidigungen und Rufschädigung gegenüber Dritten. Der Inhaber der Ei-
gentumsrechte ist also bereit, das Fehlverhalten zu sanktionieren, um seine eigenen Rechte durch-
zusetzen. Oder nach einer fröhlichen Party auf der Grillwiese lassen Einzelne leere Flaschen herum-
liegen. Andere könnten aber bereit sein, das Aufräumen anzumahnen, um auch in Zukunft einen
schönen Grillplatz genießen zu können. So können auch unbeteiligte Dritte in den Fortbestand einer
informellen Institution investieren, nämlich die Regel, dass jeder für seinen eigenen Unrat verant-
wortlich ist.

Sind Institutionen effizient?

Für Ökonomen ist Effizienz ein wichtiges wirtschaftspolitisches Ziel, da es zu erhöhtem Wirt-
schaftswachstum und Wohlstand beiträgt. Leicht vorstellbar ist, dass fehlende Institutionen das

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Wachstum hemmen. Sofern Menschen ihre Handlungen untereinander nicht koordinieren, sich ver-
lässliche Rechte gegenseitig einräumen und Unsicherheit bezüglich der Handlungen anderer ab-
bauen, können Anreize zu eigenverantwortlichem Handeln verloren gehen. Investitionen in den Er-
halt des Eigenheims unterbleiben, wenn das Haus von anderen gestohlen werden darf. Gute Filme
und Musik werden kaum finanziert, wenn diese kostenlos über das Internet verbreitet werden kön-
nen. Wenn das Fehlen von Institutionen damit ineffizient ist, heißt dies aber nicht, dass alle Institu-
tionen automatisch effizient sind. Dies ist vielmehr im Einzelfall zu entscheiden.

Das Beispiel zum Sammeln von Treibholz erscheint effizient. Es werden schnell Eigentumsrechte
vergeben, und zwar in einer Art, welche hilft, Kosten zu vermeiden und Anreize gut zu setzen. Wür-
den viele beim Sammeln von Treibholz konkurrieren, so würde man zuerst mit hoher Geschwindig-
keit die guten Stücke einsammeln. Dabei müsste man evtl. Umwege gehen oder mit halb gefülltem
Sack zum Stapel laufen. So aber kann das Einsammeln in Ruhe und systematisch durchgeführt wer-
den. Das Eigentum am Stapel hilft wiederum, Aufwendungen für einen Wachtposten zu vermeiden.

classEx: Ineffiziente Institutionen

In der Bibliothek sind genau 75 Arbeitsplätze. Jeder Teilnehmer entscheidet am


Morgen, ob er oder sie einen Arbeitsplatz durch Ablage von Büchern reservieren
möchte. Tun dies weniger als 75 Teilnehmer, so können die vorhandenen Plätze
flexibel belegt werden und der Platz genügt für alle, die für den Erfolg eine Auszahlung von 20€
erhalten. Andernfalls sind die Plätze knapp und werden an diejenigen vergeben, die zuerst ihre Bü-
cher abgelegt haben (dies wird zufällig vom Computer bestimmt). Alle anderen finden keinen Platz
und erhalten die Auszahlung 0€. Ein einzelner Spieler wird ausgelost und die Auszahlung in Euro
im Sekretariat des Lehrstuhls vorgenommen. Sie spielen also um echtes Geld.

Das Spiel „Sitzplätze in der Bibliothek“ bietet ein Beispiel dafür, dass Institutionen ineffizient sein
können. Zwar sollen Regeln den Vorteil der Verlässlichkeit und Reduktion von Unsicherheit bewir-
ken. Aber dieser Vorteil wird eventuell nur von einzelnen Akteuren auf Kosten der Allgemeinheit
verfolgt. Es gilt in Bibliotheken die informelle Regel, dass der Arbeitsplatz durch Ablage eines Bu-
ches reserviert wird. Diese Regel stellt eine Institution dar, da sie das Verhalten anderer Personen
beeinflussen soll und zumeist eingehalten wird. Sie kann aber ineffizient sein, wenn Plätze anderen
aufgrund einer Reservierung vorenthalten werden.

Beispiel 2: Armut in Island

Wie Eggertsson (2005: 99-118) ausführt, wurde Island im 9. Jhdt. besiedelt und erlebte goldene
Zeiten. Siedler brachten Rinder und Schafe mit, Pferde, Ziegen, Schweine, Gänse, Hühner und
Hunde und stellten fest, dass die lokale Umgebung eher zur Viehzucht als zur Bewirtschaftung der
Felder einlud. Hierfür waren die Weiden an Standorten rund um die Küste ideal und sie blieben im
kollektiven Eigentum. Da es außer dem Fuchs keine wilden Säugetiere gab, konnten die Herden
während der Sommermonate unbeaufsichtigt weiden. Bis zum 13. Jhdt. entstand eine ländliche Ge-
sellschaft von ca. 50.000 Einwohnern, die auf Bauernhöfen in Küsten- und Fjordniederungen rund
um die Insel verstreut waren. In den goldenen Zeiten Islands reisten die Bewohner über weite Dis-
tanzen, entdeckten Nordamerika und schrieben Sagengeschichten nieder. Ab dem 13. Jhdt. setzten
Stagnation und wirtschaftlicher Niedergang ein. Im Jahr 1900 wurde nur die Hälfte der Weiden aus
den goldenen Zeiten bewirtschaftet mit einem Drittel des Ertrags.

Island verlor im 13. Jhdt. seine Unabhängigkeit an Norwegen und wurde später Teil der dänischen
Krone. Diese erließ Gesetze, die die kollektive Landbewirtschaftung fortsetzte. Die Rechte lokaler
Gemeinschaften von Viehbauern wurden dabei gestärkt. Andere Tätigkeiten außerhalb der Land-
wirtschaft wurden zunehmend eingeschränkt. Dies galt beispielsweise für Handel, der ab 1602 be-
schränkt wurde. Nur dänische Händler genossen das Vorrecht, Handel zwischen Kopenhagen und

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den vielen Küstenstädten Islands zu betreiben. Auch der Fischfang wurde eher von Ausländern be-
trieben wie englischen Händlern und Fischereiflotten. Isländer selbst beschränkten sich auf die Vieh-
zucht. Das ertragreiche Fischen war nur eine Nebenbeschäftigung einiger Bauern, die sie während
der schwachen Wintersaison aufnahmen. Dazu ruderten sie mit einfachen Booten wenige Kilometer
hinaus und verwendeten Angelschnüre mit einfachen Haken.

Tatsächlich wäre die Fischerei aber deutlich attraktiver gewesen, der Fischreichtum einer der höchs-
ten weltweit und Export lukrativ. Um diesen Reichtum zu nutzen, wären größere Fischerboote not-
wendig gewesen und der Ausbau kommerzieller Aktivitäten. Aber Sorgen dominierten, dass hier-
durch das Farmwesen zerstört würde und die Steuereinnahmen daraus leiden könnten. So fand sich
eine Allianz aus einflussreichen Viehzüchtern und der dänischen Krone, die die Fischerei behin-
derte. Die Entwicklung von Siedlungen mit spezialisierten Fischern wurde verboten. Arbeitsmobi-
lität wurde dadurch beschränkt, dass per Gesetz alle Erwachsenen verpflichtet wurden, auf Bauern-
höfen als Bauern oder Angestellte zu leben. Zudem wurde die kommerzielle Zusammenarbeit in der
küstennahen Fischerei zwischen Isländern und Ausländern verboten. Die so geschaffenen ineffizien-
ten Institutionen garantierten den Wert des Farmlandes und behinderten die weitere ökonomische
Entwicklung.

Beispiel 3: Institutionen im Konflikt

Wir haben sowohl formelle als auch informelle Regeln nacheinander behandelt. Oftmals existieren
beide aber parallel und können im Konflikt miteinander stehen. So kann die Umstellung von Links-
verkehr auf Rechtsverkehr (wie in Kanada 1922-1924, Österreich 1921-1938, Schweden 1967) for-
mal beschlossen werden, aber die informellen Institutionen, also insbesondere die Erwartungen und
das tatsächliche Verhalten der Bevölkerung, können sich an Gewohnheiten orientieren. Ähnliche
Befunde ergaben sich aus dem classEx-Spiel zum Straßenverkehr. Eine gesetzliche Anordnung zum
Linksverkehr kann missachtet werden, wenn Gewohnheiten zum Rechtsverkehr zu stark verankert
sind. Selbst Verkehrsteilnehmer, die sich der Gesetze bewusst sind, könnten befürchten, dass andere
das neue Gesetz nicht kennen und daher den alten Verhaltensmustern vertrauen. Besonders deutlich
wurde dies während der argentinischen Besetzung der Falklandinseln 1982. Die argentinische Re-
gierung ordnete Rechtsverkehr an, dem sich jedoch die weitgehend britische Bevölkerung standhaft
widersetzte.

Ähnlich kann Staatseigentum formal privatisiert werden, aber informelle Institutionen können eine
gemeinsame Nutzung des früheren Kollektiveigentums einfordern. Dies kann dazu führen, dass das
neue private Eigentum als formelle Institution nicht von allen respektiert wird. Informell wird Dieb-
stahl des Eigentums akzeptiert und nicht sozial geächtet. Genauso sehen wir einen Konflikt, wenn
Kolonialmächte ihre formellen Institutionen in einem Kolonialgebiet einführen. So kann das indivi-
duelle Recht, ein Arbeitsverhältnis einzugehen, im Widerspruch zu kollektiven Traditionen stehen.
Eigentumsrechte an Land können im Widerspruch zu nomadischen Traditionen oder Regeln kollek-
tiver Nutzung stehen.

Ebenso existieren Beispiele dafür, dass formelle und informelle Institutionen einander ergänzen, wir
sagen dann, dass sie Komplemente sind. Ein Mörder wird sowohl strafrechtlich verfolgt als auch
sozial geächtet. Es existieren parallel formelle Sanktionen als auch informelle, spontane Institutio-
nen, die zu einer Sanktionierung des Verbrechers beitragen.

Eine andere bekannte Form des Konflikts kann am Beispiel des Blutspendens anschaulich geschil-
dert werden. Die Neigung von Menschen zum Blutspenden kann auf eine Norm zurückgehen. Die
Pflicht zur Hilfe wird internalisiert und im Alltag nicht mehr auf ihre jeweilige Vorteilhaftigkeit und
die notwendige Mühe hin untersucht. Sofern aber für gespendetes Blut Geld bezahlt wird, ändert
sich diese Sichtweise. Statt einer Norm regiert dann eine formelle Institution, nämlich die Zahlungs-
verpflichtung des Blutspendedienstes. Dies kann dazu führen, dass die Norm als informelle Regel
verdrängt wird. Hierdurch kann die Bereitschaft von Menschen zum Blutspenden zurückgehen. Dies

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ist paradox, da ein eine Geldzahlung eher ein Anreiz sein sollte, Blut zu spenden. Die Einführung
eines Preises und einer formalen Institution kann also aufgrund einer Verdrängung einer Norm zu
unerwarteten Effekten führen.

Beispiel 4: Passt eine für alle?

Gibt es einen Standard an effizienten Institutionen, der weltweit angewandt werden kann? Ein sol-
cher Standard wird oftmals proklamiert, insbesondere seitdem nach dem Zusammenbruch des War-
schauer Paktes und der dort vorherrschenden Planwirtschaft Anfang der 1990er Jahre die marktwirt-
schaftlich ausgerichteten Staaten Europas und Amerikas ihre Institutionen als überlegen einschät-
zen. Im Rahmen des sogenannten Washington Consensus stehen beispielsweise Offenheit von Han-
del und Finanzen sowie Wettbewerb und sichere Eigentumsrechte als Grundprinzipien für Instituti-
onen im Vordergrund. Ähnlich sind auch die Arbeiten des World Economic Forum zu verstehen,
das mit Hilfe einer weltweiten Befragung von Geschäftspersonen die Bedingungen für Wohlstand
und anhaltendes Wirtschaftswachstum zu ermitteln versucht. Dafür werden Fragen gestellt nach dem
Schutz von Eigentum sowie von Sach- und Finanzkapital, Unabhängigkeit der Justiz, Transparenz
der Regierung, Abwesenheit von Korruption und Kriminalität, Intensität des Wettbewerbs und die
Abwesenheit von Zoll- und Handelsbarrieren. Die daraus ermittelten Angaben werden für eine
Rangliste von Staaten ausgewertet, wobei vermutet wird, dass gute Indexwerte die Basis für Wohl-
stand und Wachstum bilden und damit als Standard für die Entwicklung effizienter Institutionen
dienen.

Dieser Ansatz bietet sowohl empirisch als auch theoretisch Anlass zu Kritik. Zum einen zeigten sich
bei den sogenannten Transformationsländern, die wie beispielsweise Bulgarien, Polen, Tschechien
und Ungarn ab 1990 marktwirtschaftliche Institutionen einführten, oftmals eher enttäuschende
Wachstumsraten und zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit. Länder wie China, Thailand, Indo-
nesien oder Vietnam wurden im Jahre 2000 demgegenüber nur mittelmäßig oder schlecht in den
Befragungen des World Economic Forum bewertet, wiesen danach aber sehr hohe Wachstumsraten
auf. Effiziente Institutionen sind offensichtlich nicht leicht zu identifizieren.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob ein Standard für effiziente Institutionen überhaupt existiert.
Stattdessen könnte es ein, dass effiziente Institutionen kontextspezifisch sind, dass sich also für jedes
Land und jede Aufgabe unterschiedliche Institutionen als geeignet herausstellen. In Ländern mit
hohen Rohstoffvorkommen, fruchtbaren und wertvollen Böden, guten Verkehrswegen und Häfen,
demokratischen Traditionen, einer international gerne verwendeten Sprache oder verlässlichem Ge-
richtswesen könnten sich jeweils andere Institutionen als effizient herausstellen. Analog könnte die
Organisation von Handel oder Märkten mit anderen Erfordernissen einhergehen als Bildung oder
Gesundheit.

Institutionen aus der Sicht der rational choice

Wie ist der Wandel und die Entwicklung von Institutionen zu erklären? Werden sie von Menschen
geplant? Kann ihre Entstehung mit der eines Gebäudes verglichen werden? Zu dessen Realisierung
wird ein Architekt die Wünsche und das Budget der zukünftigen Eigentümer berücksichtigen und je
nach Lichteinfall und Geländetopographie einen Plan entwerfen. Das Haus ist das Resultat dieser
Planung. Aber ist auch die Aktiengesellschaft, die Rentenversicherung oder die Regel, dass ein
Handschlag unter Kaufleuten einen Tausch besiegelt, das Resultat bewusster Planung? Wurden
diese Institutionen auch gestaltet und folgen damit einer nachvollziehbaren Logik? Oder entstanden
sie spontan, eingebettet in des jeweilige Umfeld und dem gestaltenden Zugriff des Einzelnen entzo-
gen?

Die Institutionenökonomik ist im Widerstreit dieser beiden Sichtweisen entstanden. Einerseits wird
der Mensch nicht als Getriebener gesehen, sondern als Gestalter. Institutionen werden dann zumeist
aus dem Blickwinkel der Planung und ihrer jeweiligen individuellen Vorteilhaftigkeit verstanden.

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An ihrer Spitze stehen Manager und Politiker, die die Fortentwicklung einer Institution steuern.
Verhaltenswissenschaften verweisen eher darauf, dass sich Institutionen oftmals tradieren und nicht
mit einem Federstrich neugestalten lassen. Menschen sind nicht nur Gestalter, sondern auch Ge-
wohnheitstiere, und sie erwarten von anderen genauso ein Festhalten an vertrauten Regeln.

Die erste Denkrichtung wird oftmals als rational choice bezeichnet. Diese versteht Regeln und Or-
ganisationen gerne aus der Perspektive des Individuums. Eine jede Institution wird aus der Vorteil-
haftigkeit für Einzelne und deren rationaler Entscheidung verstanden. Dies erlaubt einen Zugang
zum Verständnis, bei dem sich die Herausbildung von Institutionen rekonstruieren lässt. Eine Insti-
tution wird dann verstanden als gleichgewichtige, optimale Lösung. So könnten wir den Schutz vor
dem Diebstahl als staatliches Angebot von Gesetzen und Strafverfolgung sehen und Nachfrage
durch Händler und Wähler. Der Franchise-Vertrag lässt sich genauso als optimale Lösung verstehen,
bei der ein Franchisegeber sein Markenrecht ausübt und einem Franchisenehmer einen Gewinnanteil
als Anreiz für dessen Arbeitseinsatz gibt. Insgesamt resultieren Regeln dann aus nachvollziehbaren
Prozessen auf Märkten und durch Verhandlungen.

Aus dieser Sichtweise ist die Entwicklung von Institutionen über die Jahrtausende als Fortschritt zu
verstehen. Menschen haben Institutionen ausprobiert und schlechtere durch bessere ersetzt. Durch
Schutz vor Diebstahl konnten Eigentumsrechte etabliert werden und diese haben wiederum Investi-
tionen ermöglicht. Kredite konnten handelbar und Risiken damit diversifiziert werden. Organisati-
onen konnten konzipiert werden, mit denen wir dauerhaft unser Wissen speichern und fortentwi-
ckeln. Dabei legt die Sichtweise der rational choice es nahe, dass unsere Vernunft die jeweilge
Institution hervorgebracht hat.

Institutionen aus evolutorischer Sicht

Eine evolutionäre Sichtweise wirft einen anderen Blickwinkel auf die Institutionen. So lässt sich
beispielsweise argumentieren, dass oftmals viele verschiedene Regeln Abhilfe für ein Problem her-
vorbringen können. Geld kann durch Münzprägung oder Kreditvergabe geschaffen werden. Koor-
dination kann innerhalb einer großen Organisation erfolgen oder zwischen einzelnen jeweils unab-
hängigen Marktpartnern. Ein Herrscher kann sich bei der Fortentwicklung der Gesetzgebung mit
dem Landadel oder den Kaufleuten verbünden. Eine Kanzlerin kann ihre Wiederwahl durch Unter-
stützung der Versicherungswirtschaft oder der Konsumwirtschaft sichern. Welche Regeln sich
durchsetzen, lässt sich unter Umständen nicht mehr eindeutig aus einer rational choice Perspektive
bestimmen.

Die Vielfalt möglicher Regeln resultiert auch daraus, dass Information unvollständig und ungleich
verteilt ist. Rational kann nur handeln, wer alle relevanten Informationen hat. Da eine derart perfekte
Information unrealistisch ist, benötigen wir Institutionen. Diese bestimmen, wer sich vollständig
informieren sollte und ansonsten die Verantwortung trägt. Der Dieb hätte dann wissen müssen, dass
eine Sache jemand anderem gehört. Der Umweltverschmutzer hätte sich über Regeln informieren
müssen. Der Produzent hätte die Sicherheitsrisiken seiner Ware testen müssen und der Pharmakon-
zern muss erst umfangreiche Tests durchführen. Aber der Konsument ist verantwortlich, falls sein
Eigentum herrenlos auf der Straße liegt, falls er in Raucherkneipen durch Passivrauchen geschädigt
wird, falls er eine Waffe unverschlossen auf dem Nachttisch liegen lässt oder durch Selbstmedika-
tion die falsche Pille schluckt. Wer verantwortlich sein sollte und sich informieren muss, der Produ-
zent oder der Konsument, lässt sich schwer nicht immer mit objektiven Kriterien. Die Historie prägt
solche Regeln genauso wie die Vernunft.

Entgegen der Annahme vollständiger Information erfordern manche Regeln, dass sie allen bekannt
sind und breite Anerkennung finden. Nehmen wir beispielsweise die Institution des Besitzes. Den
Respekt vor dem Besitz anderer empfinden wir als rationale Entscheidung, da wir für Diebstahl oder
Beschädigung mit einer Strafe oder Schadenersatz rechnen. Allerdings kennen bereits manche Tier-
arten den Besitz und respektieren das Vorrecht eines besitzenden Tieres, sofern dieses zuerst da war

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und sein Territorium markiert hat. Dies legt nahe, dass Institutionen nicht alleine auf rationalen Ent-
scheidungen einzelner beruhen. In diesem Fall ist sie das Resultat der Evolution. Manche Regeln
und Organisationen stellen sich als vorteilhaft heraus und breiten sich aus.

Eine evolutorische Sichtweise kann gerade in Anbetracht zunehmender Komplexität von Institutio-
nen sinnvoll erscheinen. Menschen schafften es bereits im Paläolithikum, in größeren Verbünden
zusammenzuleben und Regeln des Zusammenlebens, der Arbeitsteilung und der Koordination bei
der Großwildjagd zu entwickeln. Solche Regeln wurden über die Zeit komplexer, angefangen von
den ersten menschlichen Siedlungen im Neolithikum vor 10.000 Jahren, der Ausbreitung von trans-
ferierbaren Landrechten, dem Handel mit Keramiken entlang wachsender Handelsrouten, staatlich
emittiertem Papiergeld in China, verbrieften und transferierbaren Schuldverschreibungen in Italien,
Handelsunternehmen in England und den Niederlanden im 16. und 17. Jahrhundert bis hin zur Aus-
breitung von kapitalintensiven Aktiengesellschaften im 19. Jahrhundert – jedes Mal sind Regeln und
Organisationen komplexer geworden. Einzelne Menschen überschauen die Folgen neuer Institutio-
nen nicht und können diese nicht vollständig rational gestalten oder auswählen. Wir könnten uns
vorstellen, dass sich ähnlich zur Biologie die Institutionen durchsetzen, die auf das jeweilige Umfeld
angepasst sind.

Diese evolutorische Sichtweise lässt allerdings auch nicht eindeutig den Schluss zu, dass Institutio-
nen auch immer für einzelne Individuum vorteilhaft sind. Das Individuum begibt sich als Teil einer
Gruppe von Großwildjägern in Gefahr, widmet seine Zeit der Kindererziehung und Ernährung der
Familie, führt Krieg für eine Nation und arbeitet bis zur Erschöpfung für den Gewinn einer Kapital-
gesellschaft. Die erkennbare Vorteilhaftigkeit besteht primär für das Kollektiv. Das Individuum wird
dafür entlohnt, beispielsweise weil es als erstes das erbeutete Großwild ausschlachten darf, die An-
erkennung seiner Mitmenschen gewinnt und einen hohen Lohn erhält. Manche dieser Institutionen
sind nicht einmal kollektiv effizient, wie das Beispiel aus Island zeigte. Sie werden von Eliten auf
Kosten der Mehrheit aufrechterhalten, sie dienen der Bewahrung von Privilegien, von Alten auf
Kosten der Jüngeren oder umgekehrt. Die Sorge vor einem Zusammenbruch, vor der Unsicherheit
ohne Institutionen, kann bewirken, dass Menschen lieber mit unvorteilhaften Institutionen leben als
diese abzuschaffen.

Antreiber für das Ausprobieren neuer Regeln ist aus Sicht der rational choice der vernunftbegabte
Mensch. Aus einer evolutorischen Sicht ist es der Zufall. Warum gab es beispielsweise keine Akti-
engesellschaften in Mesopotamien? Warum gab es keine Zentralbank im antiken Rom? Warum
kannten die Mongolen keinen eigenständigen Staat? Warum kannten die europäischen Staaten bis
zur Neuzeit kein Papiergeld? Institutionen entstehen eventuell zufällig, aus der Not heraus. So ent-
standen die ersten besicherten Staatsanleihen in Italien aus der Notwendigkeit, das kirchliche Zins-
verbot zu umgehen. Das Papiergeld in China entstand, nachdem Bronzemünzen in Nachbarstaaten
abgeflossen waren und Geld knapp geworden war. Die Not hat zur Erfindung von Institutionen ge-
führt. Institutionen wurden dann beibehalten, selbst nachdem die Not gelindert war. Das einzelne
nach Wohlstand strebende Individuum war nicht unbeteiligt, hat aber Institutionen oftmals aus der
Historie übernommen und sich auf ihre Sinnhaftigkeit und ihren Fortbestand verlassen, ohne ihre
Entstehung vollständig verstehen zu können.

Dabei bedurfte eine jede Institution eines geeigneten Habitats. Die Idee eines Kreditvertrags wäre
unter Jägern und Sammlern nicht auf Begeisterung gestoßen, Papiergeld hatte in der Antike keine
Chance und Aktiengesellschaften wurden noch bis weit in das 20. Jahrhundert mit Argwohn be-
trachtet. Erst mit der Sesshaftigkeit von Bauern konnten Kredite vergeben werden, erst mit dem
Buchdruck und Strafen gegen Fälschung konnte China das Papiergeld einführen und erst mit Regeln
zu Transparenz und Rechnungslegung konnten Aktiengesellschaften Akzeptanz erlangen.

Im Rahmen dieses Buches werden wir wiederholt Institutionen aus einem rationalen und einem evo-
lutorischen Blickwinkel betrachten. Wir werden die Sichtweise von rational choice kennenlernen
und genauso die Herausforderungen einer zunehmenden Komplexität, mit der eine evolutorische

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Sichtweise sinnvoll erscheint. Damit können wir unsere derzeitigen Institutionen besser verstehen,
ihre Auswirkungen erkennen und ihre Effizienz und Zukunft kritisch hinterfragen.

Beispiel 5: Hayek und der Libertarismus

Mit dem Begriff der spontanen Ordnung ist insbesondere das Werk von Friedrich August von Hayek
(1899 - 1992) verbunden. Wir kennen spontane, ungeplante Ordnungen aus vielen Lebensbereichen,
die Evolution des Lebens, die Entstehung von Sprache, Kristallen, Neuronen im Gehirn, Sonnen-
systeme und Galaxien bis hin zu Ökosystemen. Zentral für Hayeks Denken ist die Annahme, dass
gesellschaftliche Ordnung durch Evolution entsteht. Institutionen entstehen automatisch, nicht durch
Design, aus einem Zustand der Unordnung.

Diese Idee der spontanen Ordnung verbindet Hayek mit dem Libertarismus, der Idee, dass Menschen
in ihren Aktivitäten frei sein sollten. Der Staat solle die Dinge sich selbst überlassen, damit die
Evolution selbst die passende Ordnung hervorbringe. Der Austausch freier Menschen über Märkte
entfessele die geeignete Dynamik, aus der heraus sich eine geeignete Ordnung bilde. Der Markt
ermögliche eine effizientere Verteilung der Ressourcen einer Gesellschaft als jede Art von Design.
Zuviel Planwirtschaft auf staatlicher Ebene behindert die Evolution und unterbindet die Entstehung
geeigneter Institutionen.

Prominente Vertreter dieser Position gehen dabei nicht so weit, den Staat insgesamt als nutzlos und
hinderlich anzusehen. Ihre Position unterscheidet sich von einer anarchistischen, bei welcher die
Abwesenheit von Herrschaft und Macht idealisiert wird. Vielmehr vertreten sie die libertäre Idee,
dass beim Staat nur die Aufgabe verbleiben sollte, für die Einhaltung eines Minimums an Regeln zu
sorgen. Dieses Minimum ist darauf gerichtet, eine die Dynamik behindernde Machtkonzentration
zu vermeiden. So soll der Staat das Funktionieren von Märkten fördern, damit Preise frei schwanken
dürfen, Anbieter und Nachfrager selbst über Ihr Engagement entscheiden und dabei einen Austausch
zum gegenseitigen Vorteil organisieren.

Allerdings hatten wir gesehen, dass spontan auch ineffiziente Regeln entstehen können. Wir können
uns zudem vorstellen, dass spontan entstandene Regeln Ungleichheit mit sich bringen, eine Neigung,
das Recht des Stärkeren durchzusetzen auf Kosten der Effizienz und Gerechtigkeit gegenüber einer
schwächeren Minderheit. Zudem sollten Regeln allen bekannt sein. Staaten mit ihrer Fähigkeit zur
Einsetzung formaler Institutionen sind hierfür im Vorteil. Damit bleibt es fraglich, ob eine libertäre
spontane Ordnung immer und überall einer staatlichen Ordnung, die auch in Marktgeschehen ein-
greift, vorzuziehen ist. Zuletzt kann die Evolution von Institutionen auch vorteilhafte staatliche Ord-
nungen hervorbringen. Staaten inspirieren sich gegenseitig, organisieren Parlamentsdebatten und
öffentliche Diskurse zu Reformen, kopieren Institutionen von stärker wachsenden Nachbarstaaten
oder lassen sich beeinflussen von erfolgreichen Organisationen. Der Libertarismus ist damit in der
Gefahr, staatliche Institutionen zu negativ zu sehen und sie in ihrer Evolution unnötig zu beschrän-
ken.

Quiz und Anhänge

Institutionen
1. sind stets die Folge technischen Fortschritts.
2. sind stets die Ursache technischen Fortschritts.
3. setzen sich nur durch, wenn ein geeignetes Umfeld vorliegt.
4. sind immer rational von Menschen geplant.

Unter Institutionen versteht man


1. alle Regeln, an die sich Menschen binden
2. ein System von Regeln.

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3. irrationales Brauchtum.
4. die Spielzüge, die von den Regeln erlaubt werden.

Die Regeln zum Sammeln von Treibholz in York sind ein Beispiel für
1. eine Konvention.
2. eine Norm.
3. eine Sitte.
4. Recht.

Institutionen
1. lassen sich stets als Folge rationaler Planung verstehen.
2. sind eine irrationale Beschränkung menschlicher Freiheit.
3. sind teilweise nur evolutorisch zu erklären.
4. entstehen unabhängig vom jeweiligen Umfeld.

Quellen im Web

In einem Beitrag im Economist wird das Werk von Hayek zur Herausbildung spontaner Ordnungen
beschrieben und in einen Kontext zu libertären Positionen gestellt: http://www.econo-
mist.com/blogs/democracyinamerica/2014/09/hayek-and-libertarianism

Ergänzende Literatur
Commons, J.R. (1934) Institutional Economics: Its Place in Political Economy, New York: Mac-
millan.
Eggertson, T. (2005) Imperfect Institutions. Possibilities and Limits of Reform. University of Michi-
gan Press. Ann Arbor, USA.
Furubotn, E.G. und R. Richter (2005: 1-14; 47-64).
North, D.C. (1992) Institutionen, institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung, Tübingen.
Sugden, R. (1989) Spontaneous Order. The Journal of Economic Perspectives 3 (4): 85-97.
Voigt, S. (2009: 13-33).

Stichworte

Anreiz, Effizienz, Evolution, formell, geplant, informell, Habitat, Institution, Konvention, Koordi-
nation, Libertarismus, Markt, Nash-Gleichgewicht, Norm, Organisation, Recht, Regel, Sanktion,
Sitte, spontan, Unsicherheit

Übungsaufgaben

Aufgabe 1.1

Bestimmen Sie, um welche Art von Institution es sich bei den folgenden Beschreibungen handelt:
a) Die islamische Scharia.
b) Ein Löwe markiert sein Territorium und signalisiert damit, dass er es gegen Eindringlinge ver-
teidigen werde.
c) Der Deutsche Fußballbund einigt sich mit seinen Mitgliedsvereinen darauf, wie in Zukunft
Spieler zwischen Vereinen wechseln können.
d) WG-Bewohner stellen einen Putzplan für ihre Wohnung auf.
e) Menschen einigen sich darauf, politisch unkorrekt klingende Worte aus Klassikern der Jugend-
buchliteratur zu entfernen.
f) Ein Unternehmensberater schließt einen Vertrag mit einer mittelständischen Firma.

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Aufgabe 1.2

In der Vorlesung wurde das classEx-Spiel „Ineffiziente Institutionen“ gespielt.

a) Beschreiben Sie kurz, welche Strategiewahl ein Teilnehmer bevorzugen wird und welches
Gleichgewicht bzw. welche Gleichgewichte hieraus resultieren.
b) Erläutern Sie kurz anhand des Beispiels, ob Institutionen und Regeln immer effizient sind!

Aufgabe 1.3

In der Vorlesung wurde das classEx-Spiel zum Straßenverkehr in Samoa gespielt. Hierzu illustriert
die untenstehende Grafik die Auszahlungen.

a) Was ist unter einem Nash-Gleichgewicht zu verstehen?


b) Beschreiben Sie kurz, welche Strategiewahl ein Teilnehmer bevorzugt und welches Nash-

Gleichgewicht bzw. welche Nash-Gleichgewichte hieraus resultieren.


c) Beschreiben Sie kurz, inwiefern hierbei ein Konflikt zwischen formellen und informellen Re-
geln besteht!

Aufgabe 1.4

In der Vorlesung wurden Beispiele benannt, bei denen formelle und informelle Institutionen im
Konflikt miteinander sind. Kennen Sie ein weiteres Beispiel? Beschreiben Sie dies!

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2. Make or buy

Warum gibt es Organisationen und wie werden ihre Grenzen bestimmt? Dies ist eine alte und faszi-
nierende Frage. Wir könnten uns nämlich vorstellen, dass sich Menschen ohne derartige Organisa-
tionen koordinieren. Sie benötigen Regeln, um den Austausch untereinander zu organisieren. An-
sonsten benötigen sie für die Koordination eventuell nur Märkte. Alle Transaktionen finden dann
zwischen Individuen über Märkte statt. Warum existieren dann Organisationen in Form von Verei-
nen, Genossenschaften, Partnerschaften und Aktiengesellschaften? Wäre es nicht besser, wenn diese
durch Märkte ersetzt werden? Dieses Kapitel widmet sich einer Beantwortung dieser Frage aus Sicht
der rational choice mit Hilfe einer Theorie der Transaktionskosten. Dabei wird nur eine bestimmte
Form der Organisation bearbeitet – die gewinnorientierte Firma. Dabei spielt es hier keine Rolle, ob
diese Firma eine Einzelgesellschaft, eine Partnerschaft, Genossenschaft, Kommanditgesellschaft,
GmbH oder eine Aktiengesellschaft ist. Auf solche Unterscheidungen werden wir erst später einge-
hen.

Was versteht man unter einer Transaktion?

Mit Institutionen werden die Spielregeln menschlicher Interaktion bestimmt. Sobald die Spielregeln
aufgestellt sind, können die Spielzüge im Rahmen dieser Regeln erfolgen. Wir nennen diese Spiel-
züge Transaktionen und meinen damit ökonomische Handlungen, bei denen mindestens zwei Men-
schen interagieren. Zur Definition einer Transaktion existieren zwei verschiedene Ansätze, die am
besten für den Fall der Produktion eines Gutes über verschiedene Produktionsstufen geschildert wer-
den. So besteht der Bau eines Holzhauses oftmals aus mindestens zwei Stufen, der Holzproduktion
durch ein Sägewerk und dem Bau durch die Baufirma. Das Holz wird vom Sägewerk an die Bau-
firma geliefert, die damit das Haus baut. Ist die Lieferung des Holzes eine Transaktion?

Erstens kann eine Transaktion als eine physische Übertragung aufgefasst werden. Hierzu schreibt
Oliver E. Williamson (*1932), der für seine institutionenökonomischen Arbeiten im Jahre 2009 mit
dem Nobelpreis geehrt wurde (1985: 1): “A transaction occurs when a good or service is transferred
across a technologically separable interface. One stage of activity terminates and another begins.”
Hierbei findet also eine physische Übertragung von einer Akteur an einen anderen statt, so wie vom
Sägewerk an die Baufirma. Diese Übergabe soll dadurch geprägt sein, dass ein Gut oder eine Dienst-
leistung durch eine Aktivität weiter verändert wird. Offensichtlich findet eine solche Veränderung
auf beiden Stufen des Produktionsprozesses statt.

Für eine Transaktion fordert Williamson zudem, dass sie über eine technologisch separierbare
Schnittstelle erfolge. Damit ist gemeint, dass sich der Produktionsprozess überhaupt auf verschie-
dene Stufen aufteilen lässt. So lässt sich das Zusammenspiel eines Symphonieorchesters kaum tech-
nologisch separieren, da alle darauf angewiesen sind, den Zusammenklang zu hören, den Dirigenten
zu sehen und gemeinsam am Klang mitzugestalten. Die Oboe bringt also einen wichtigen Beitrag
zum Endprodukt, lässt sich aber nicht als einzelne Produktionsstufe separieren. Ihr Beitrag stellt
keine Transaktion dar.

Eine zweite Möglichkeit der Definition einer Transaktion stellt auf die Frage des Eigentums ab. John
R. Commons (1862-1945), ein früher amerikanischer Institutionenökonom, schrieb hierzu (1934:

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58): „Transactions are the alienation and acquisition, between individuals, of the rights or future
ownerships of physical things“. Hier geht es um den Wechsel des Eigentums und weniger um den
physischen Akt der Übergabe. Im Beispiel des Holzhauses und der Lieferung des Holzes findet auch
ein Wechsel des Eigentums statt, nicht nur eine physische Übertragung statt. Das Sägewerk ist vor-
her Eigentümer und nach Abschluss der Lieferung geht das Eigentum an die Baufirma über.

Aber beide Arten von Definitionen betonen unterschiedliche Aspekte einer Transaktion und nicht
immer finden gleichzeitig eine physische Übertragung und eine Eigentumsübertragung statt. So
könnte beispielsweise das Sägewerk eine eigene Baufirma haben. Bei der Lieferung des Holzes fin-
det dann keine Übertragung von Eigentum statt, sondern nur eine physische. Sollten wir in diesem
Fall entgegen der Definition von Commons und im Einklang mit Williamson von einer Transaktion
sprechen? Oder das Sägewerk verkauft das Holz zunächst an einen Zwischenhändler, der mit keiner
eigenen Aktivität am Produktionsprozess beteiligt ist und das Holz nicht selbst lagert, sondern direkt
an die Baufirma verkauft. Eine Transaktion würde dann nach Commons vorliegen, nicht aber nach
der Definition von Williamson.

Wir wollen uns im Folgenden an der Definition von Williamson orientieren. Der Grund ist ein prag-
matischer: Wir werden unter anderem untersuchen, ob es organisatorisch für das Sägewerk ratsam
ist, auch eine Baufirma zu betreiben. Hierzu können wir die Frage untersuchen, ob bei der Lieferung
des Holzes die Übertragung des Eigentums vom Sägewerk an eine unabhängige Baufirma kostspie-
liger ist als der organisatorische Aufwand eines integrierten Betriebs von Sägewerk und Baufirma
unter dem Dach einer einzigen Firmen. Dies lässt sich am einfachsten dadurch beschreiben, dass die
Lieferung des Holzes immer eine Transaktion darstellt. Zentral wird dann die Frage, in welcher
Form diese Transaktion kostengünstiger durchgeführt werden kann: Zwischen zwei eigenständigen
Firmen mit einer Eigentumsübertragung (in diesem Falle sprechen wir dann von einer externen
Transaktion) oder innerhalb einer Firma, die beide Produktionsstufen integriert (interne Transak-
tion).

Transaktionskosten

Transaktionen gehen mit Kosten einher. Dies kann illustriert werden für den Fall der internen Trans-
aktionen. Diese haben wir definiert als physische Übertragung eines Gutes von einer Produktions-
stufe an eine andere für den Fall, dass eine Firme beide Stufen integriert. Hierzu können wir uns die
Wertschöpfungskette so vorstellen, dass sich grafisch gesehen oben die Rohstoffe und der Arbeits-
einsatz befinden und unten das an den Kunden ausgelieferte Endprodukt. Dazwischen finden sich
die Produktionsstufen, so wie in der nebenstehenden Grafik dargestellt. Die Pfeile kennzeichnen die
physische Übertragung eines Gutes an die nächste Stufe.

Sofern die beiden Produktionsstufen integriert sind, ist


die physische Übertragung zwischen diesen Produkti-
onsstufen eine interne Transaktion. Wir sprechen auch
von vertikaler Integration. Sofern die Firma der 1. Pro-
duktionsstufe die abnehmende 2. Produktionsstufe
aufkauft und kontrolliert, sprechen wir von
downstream integration. Kauft hingegen die Firma der
2. Produktionsstufe ihren Zulieferer, so heißt diese
Form der Integration upstream. Im Falle der Integra-
tion findet keine Eigentumsübertragung statt. Die Ma-
nager der Firma sind für beide Produktionsstufen zu-
ständig. Sie müssen diese koordinieren, indem sie An-
weisungen erteilen. Dabei bereitet Ihnen Sorge, dass
Arbeitskräfte nachlässig arbeiten, Mühen vermeiden
und nur geringen Einsatz zeigen. Dies wird auch als
shirking bezeichnet. Um den notwendigen Einsatz zu

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gewährleisten, erteilen Manager Anweisungen und Befehle. Die Mühsal, die dafür aufgewendet
werden muss, bezeichnen wir als interne Transaktionskosten.

Im Falle einer externen Transaktion findet ein Austausch zwischen eigenständigen Firmen statt, die
jeweils eine Produktionsstufe besitzen. Neben einer physischen Übertragung beinhaltet dies auch
eine Eigentumsübertragung. Der Austausch findet dann über den Markt statt. Dabei fallen Kosten
für die Suche nach einem Vertragspartner und den Vertragsabschluss an. Diese Kosten werden ex-
terne Transaktionskosten genannt. Für die Analyse dieser beiden Arten von Kosten sind die Arbeiten
von Ronald Coase (1910-2013), der 1991 den Nobelpreis erhielt, ein Meilenstein in der Entwicklung
des ökonomischen Denkens.

Sein richtungsweisender Beitrag (Coase 1937) geht davon aus, dass interne Transaktionskosten ent-
stehen, weil a priori Unsicherheit bezüglich des Verhaltens anderer Beschäftigter einer Firma be-
steht. Die internen Transaktionskosten beinhalten insbesondere die Kosten der Implementierung von
Arbeitsverträgen und die Gestaltung von Austauschbeziehungen innerhalb einer Firma. Solche Be-
ziehungen müssen von einem verantwortlichen Manager und den beteiligten Mitarbeitern und Un-
ternehmensteilen ausgehandelt werden. Dabei gestehen sie dem Manager das Recht zu, im Rahmen
der geschlossenen Verträge über die zu erfüllenden Aufgaben zu bestimmen. Der Manager wird
dann Informationen über die Art der anfallenden Aufgaben sammeln, Anweisungen erteilen, durch-
setzen, die Durchführung überwachen und gegebenenfalls Fehlverhalten sanktionieren. Dabei ent-
stehen Kosten bei der Sammlung dieser Informationen. Zudem werden in einem Unternehmen Hie-
rarchien geschaffen. Höher gelegene Hierarchieebenen erhalten die Aufgabe, den darunterliegenden
Ebenen Anweisungen zu erteilen und selbst Anweisungen von höher gelegenen Ebenen auszufüh-
ren. Wir können die internen Transaktionskosten daher auch als Kosten der Benutzung einer Hie-
rarchie bezeichnen.

Externe Transaktionskosten

Externe Transaktionskosten sind noch vielfältiger. Hier unterscheidet sich die Vorgehensweise von
Coase von vereinfachenden Annahmen, wie sie zumeist in der Mikroökonomik getroffen werden.
Dort wird unterstellt, dass Märkte kostenlos benutzt werden können und vollständige Information
für alle Beteiligten bereitstellen. Dies ist so typischerweise in der Realität nicht gegeben. Coase
bezeichnet die externen Transaktionskosten auch als Kosten der Marktnutzung. Insgesamt ergeben
sich drei zeitlich aufeinanderfolgende Phasen, wie in der folgenden Grafik dargestellt.

Phase 1 bezieht sich auf die Kosten der Vertragsvorbereitung, beispielsweise für die Suche nach
einem Vertragspartner und eine Einschätzung der Leistungsfähigkeit. Verschiedene Partner und die
angebotenen Konditionen gilt es miteinander zu vergleichen, inklusive einer Einschätzung dazu, ob
eine versprochene Leistung auch erbracht werden kann. Diese Phase beinhaltet Kosten für Werbung,
Kundenbesuche und Kundenkontakte, Bezahlung für organisierte Märkte (Börsen, Messen, Wo-
chenmärkte), Kommunikationskosten (Porto, Telefon, Gehälter von Handelsrepräsentanten), Kos-
ten für Tests und Qualitätskontrollen sowie Kosten für Preis- und Qualitätsvergleiche und Berater.
Beispielhaft werden diese Suchkosten mit Hilfe eines classEx-Spiels illustriert.

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classEx: Suchkosten

Sie suchen einen Handwerker für eine Reparatur. Der Ertrag, den die verschie-
denen Handwerker für Sie erbringen, schwankt mit ganzen Zahlen zwischen 0
und 20 Euro, jeweils mit der gleichen Wahrscheinlichkeit. Zu maximal 5 Hand-
werkern können Sie entsprechende Informationen einholen. Ihre Auszahlung wird bestimmt durch
den Handwerker mit dem höchsten Ertrag, ausgewählt unter denjenigen, über die Sie sich informiert
haben. Jede Information über einen Handwerker ist aber kostspielig, und zwar pro Handwerker
1,20€. Ein einzelner Teilnehmer wird ausgelost und die Auszahlung in Euro im Sekretariat vorge-
nommen.

Phase 2 beinhaltet die Kosten des Vertragsschlusses, die beispielsweise für die Kosten der Verhand-
lungen und Entscheidung entstehen. Je nach Komplexität des Vertrages sind Verhandlungen mehr
oder weniger aufwändig. Verhandlungen müssen über die Details des Vertrages geführt werden.
Eine Seite hat eventuell Vorgaben, dass die Entscheidung nur mit 4-Augen Prinzip oder durch Ein-
berufung einer Sitzung getroffen werden kann oder eine vorherige Dokumentation erfordert. Hierbei
entstehen auf beiden Seiten Opportunitätskosten für die notwendige Zeit. Ferner können Kosten für
Rechtsberatung entstehen.

Phase 3 enthält die Kosten der Observierung und Durchsetzung der ausgehandelten Rechte. Nach-
dem Verträge geschlossen
werden, muss sichergestellt
werden, dass diese auch ein-
gehalten werden. Wurde die
Leistung im versprochenen
Umfang erbracht? Ist die
Qualität so wie vereinbart?
Wurden Umweltauflagen
und Steuerpflichten einge-
halten? Für diese Prüfung
entstehen Kosten. Weist die
Prüfung einen Verstoß auf,
so fallen ferner Kosten für die Abmahnung an. Sofern der Leistungserbringer sich dieser widersetzt,
entstehen Kosten eines Gerichtsverfahrens. Sofern auf eine gerichtliche Einigung verzichtet wird,
entstehen Verluste, die auch den Transaktionskosten hinzuzurechnen sind. Manche Unternehmen
wenden Kosten dafür auf, sich eine Reputation aufzubauen, mit der sie für eine ordnungsgemäße
Leistungserbringung garantieren. Ihre Kunden erwarten nur geringe Kosten in Phase 3, aber das
Unternehmen selbst muss diese Kosten des Aufbaus der Reputation als Transaktionskosten verbu-
chen.

Make or Buy

Den Unterschied zwischen einer internen und einer externen Transaktion hatten wir am Beispiel
eines Hausbaus mit zwei Produktionsstufen erläutert, einem Sägewerk und einer Baufirma. Falls das
Holz über den Markt bezogen wird, liegt eine externe Transaktion vor, falls beide Firmen integriert
sind, ergibt sich eine interne Transaktion. Welche Organisationsform vorteilhaft ist, kann mit Hilfe
der gesamten Transaktionskosten untersucht werden, also der Summe der internen und externen
Transaktionskosten. Dieses Problem bringt Coase (1937) pointiert auf die Frage make or buy. Sollte
also die Baufirma das Holz selbst produzieren (make) oder vom Sägewerk beziehen (buy)?

Diese Frage wird teilweise mit Hilfe technischer Aspekte behandelt, insbesondere den hierbei an-
fallenden marginalen Produktionskosten. Im Rahmen eines solchen Ansatzes ist zu klären, ob ein
eigenes Team von Arbeitern ausgebildet werden sollte, welche Vorleistungen bezogen werden könn-
ten und zu welchen Kosten, ob besondere Lizenzgebühren, Zinskosten, Mieten etc. anfallen und wie

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diese im Verhältnis zum Marktpreis des jeweiligen Gutes stehen. Sind die Kosten der Eigenherstel-
lung nun höher als diejenigen des Fremdbezugs, so sollte auf die eigene Herstellung verzichtet wer-
den.

Diese Analyse behält natürlich weiterhin ihre Gültigkeit, sie beantwortet aber nicht die Frage so,
wie Coase sie verstanden haben wollte. Hiermit wird lediglich der technische Aspekt der Frage ge-
klärt, das heißt in welcher Betriebsstätte die Produktion durchgeführt werden sollte. Die Antwort
lautet, dass die Betriebsstätte mit den geringsten Kosten bevorzugt werden sollte. Für uns ist aber
eine andere Frage relevant: Wem sollte diese Betriebsstätte gehören? Wenn also eine Firma die
Frage make or buy stellt, überlegt sie sich, ob sie selbst der Eigentümer der Betriebsstätte sein sollte
oder ob sie dies lieber einer anderen Firma überlässt, mit welcher sie dann das Produkt über einen
Markt austauscht. Die Produktionsentscheidung lässt sich damit losgelöst von der Eigentümerfrage
behandeln.

Eine Firma sollte sich dann für eine interne Transaktion entscheiden, also für make und entsprechend
die Integration der beiden Produktionsstufen, wenn die internen Transaktionskosten gering sind.
Dies ist dann der Fall, wenn Manager gut in der Lage sind, Anweisungen zu erteilen und Hierarchien
aufzubauen, die die beiden Produktionsstufen gut aufeinander abstimmen können. Sind hingegen
die externen Transaktionskosten gering, ist es also leicht, über den Markt verlässliche Partner zu
finden, dann sollte die Entscheidung für buy ausfallen.

Beispiel 1: Measurement costs

Barzel (1982) stellt zur Beantwortung der Frage make or buy die measurement costs in den Vorder-
grund. Hiermit ist ein Teil der internen Transaktionskosten gemein, nämlich das für einen Mark-
taustausch notwendige Zählen und Bewerten von Gütern. Der Anbieter möchte bei gegebenem Ge-
samtpreis möglichst wenig und zu geringer Qualität liefern; der Käufer möchte möglichst viel und
zu hoher Qualität erhalten. Um die vertragsgemäße Abwicklung einer Transaktion sicherzustellen
wird jede Marktseite daher unabhängig voneinander Anzahl und Qualität der ausgetauschten Güter
sicherstellen. Aber diese measurement costs können exorbitant werden, insbesondere wenn sehr he-
terogene Güter von einem Zulieferer bezogen werden. So kann eine Sekretärin oder ein Sekretär als
Zulieferer für eine Verwaltungseinheit oder einen Lehrstuhl an einer Universität betrachtet werden.
Aber Anzahl und Qualität der einzelnen zugelieferten Leistungen sind kaum zu zählen und zu be-
werten. Aus diesem Grund werden diese Transaktionen innerhalb einer Firma bezogen. Demgegen-
über kann die Tätigkeit einer Reinigungskraft leichter gemessen werden. Für eine bestimmte Anzahl
Zimmer muss eine festgelegte Reinigungsqualität erreicht werden. Die externen Transaktionskosten
sind gering und die Leistung wird extern bezogen.

Eine interessante Anwendung dieses Arguments betrifft die Frage, inwieweit Produkte vom Erzeu-
ger zum Kunden physischen Veränderungen unterliegen. Frischer Lachs, frische Milch und frisches
Brot sind leicht verderbliche Waren. Ihr Austausch würde daher immer eine aufwändige Qualitäts-
kontrolle benötigen. Demgegenüber sind geräucherter Lachs, Trockenmilch und vakuumverpacktes
Gebäck beständig. Die measurement costs sind bei den externen Transaktionskosten zu berücksich-
tigen, da sich eine unabhängige Firma gegen schlechte Qualität eines Vorproduktes absichern will.
Die measurement costs können aber bei den internen Transaktionskosten vernachlässigt werden, da
schwankende Qualitäten den Gewinn nur innerhalb einer Firma verschieben, aber nicht in der
Summe verändern. Dies bedeutet, dass verderbliche Waren aufgrund der hohen externen Transakti-
onskosten nicht über den Markt gehandelt werden. Stattdessen wird vertikal integriert. Demgegen-
über können beständige Waren über den Markt gehandelt werden.

Als beispielsweise George Eastman (1854-1932) als Pionierunternehmer lichtsensitive Glasplatten


durch Papier ersetzte, war er 1880 dem Problem ausgesetzt, dass seine Filme nicht lange haltbar
waren. Das Papier musste kühl gelagert werden. Sofern nur ein Händler die Kühlkette durchbrochen
hätte, wäre das Produkt beschädigt gewesen. Ein Fehlverhalten eines Händlers wäre dabei kaum

23
nachweisbar gewesen. Dies erschwerte den Handel über Zwischenhändler und er entschied sich des-
halb für einen direkten Verkauf seiner Ware, also für die vertikale Integration (Williamson 1985:
109).

Beispiel 2: GM, Delphi und Kosten der Insolvenz

Bei Bezug eines Produktes von einem Zulieferer besteht das Risiko, dass dieser insolvent gehen
könnte und damit wichtige Vorprodukte nicht mehr liefern kann. Die Versorgungssicherheit ist da-
mit bei einem Bezug über den Markt unsicherer. Dieses Risiko ist besonders ausgeprägt, wenn sich
eine Volkswirtschaft in einer Rezession befindet. In einer solchen Krise sind die externen Transak-
tionskosten höher. Bei einer Integration der vorgelagerten Produktionsstufe (upstream) tritt dieses
Risiko nicht auf.

Der Beginn des 20ten Jahrhunderts war von starken wirtschaftlichen Schwankungen geprägt. Der
Bezug über den Markt ging in dieser Zeit mit hohen externen Transaktionskosten einher. Daher
waren große, integrierte Firmen erfolgreicher. Das Ende des 20ten Jahrhunderts war hingegen durch
Stabilität und geringe Schwankungen gekennzeichnet. Statt großer integrierter Unternehmen mit
ihren beachtlichen internen Transaktionskosten waren kleinere Unternehmen vorteilhaft, da die Ri-
siken einer Insolvenz und unterbleibender Zulieferung wichtiger Vorprodukte gering waren. Vorher
integrierte Unternehmen führten ein Outsourcing durch. Sie spalteten vorgelagerte Produktionsstu-
fen ab und bildeten daraus unabhängige Firmen, von denen sie die Vorprodukte über den Markt
bezogen.

Dies lässt sich beispielhaft für den US-amerikanischen Automobilkonzern General Motors (GM)
zeigen. In der vorstehenden Grafik wird dies beispielsweise für die Herstellung von Autositzen dar-
gestellt. Im Jahre 1998 trennte sich GM von einem Großteil der Herstellung von Vorprodukten und
gründete mit Delphi einen der weltweit größten Zulieferer. Dies wird als Outsourcing bezeichnet.
Delphi konnte auch konkurrierende Abnehmer (Automobilhersteller B) beliefern und sich damit
einen größeren Kundenkreis für seine Produkte erschließen. Zudem sanken die internen Transakti-
onskosten. Im Zuge einer Insolvenz, die durch die Finanzkrise von 2007/08 verstärkt wurde, wurden
Teile von Delphi wieder bei GM integriert. Dies war notwendig geworden, um die Lieferung wich-
tiger Vorprodukte weiterhin sicherzustellen, die im Falle der Insolvenz von Delphi gefährdet gewe-
sen wäre.

Die optimale Firmengröße

Wann hat eine Firma die optimale Größe erreicht? Wann ist sie zu klein und wann zu groß gewor-
den? Diese Frage nach der optimalen Größe einer Firma ist analog zu make or buy. Zwischen Firmen
kann ein Preismechanismus für eine Ko-
ordination von Plänen sorgen, innerhalb
der Firma regiert der Befehl. Offensicht-
lich sind beides Formen der Koordina-
tion, die jeweils mit Transaktionskosten
einhergehen.

Zur Beantwortung dieser Frage könnte


zunächst auf die Produktionskosten abge-
stellt werden. Es mag sein, dass für ein
bestimmtes Produkt ansteigende margi-
nale Kosten die Produktion auf ein opti-
males Maß begrenzen. Aber nichts be-
schränkt eine Firma darauf, nur ein Pro-
dukt herzustellen. Eine Firma kann im-
mer die Produktion weiterer Produkte

24
aufnehmen, in denen die Grenzkosten noch nicht dieses Niveau erreicht haben. Für die Frage, ob
eine weitere Betriebsstätte von der Firma selbst oder von einem Konkurrenten betrieben wird, spie-
len Produktionskosten deshalb ebenfalls keine Rolle.

Zu jedem einzelnen Arbeitsverhältnis muss die Frage gestellt werden, ob die entsprechende Leistung
nicht eher von einem Externen hinzugekauft werden könnte. Warum sollte man eine Sekretärin an-
stellen, anstatt die anfallenden Schreibarbeiten an einen externen Service zu delegieren? Warum
sollte eine Firma eine Kantine betreiben, anstatt dies an lokale Restaurants zu delegieren? Warum
sollte ein Betriebskindergarten existieren, anstatt die Kinder in öffentliche oder kirchliche Kinder-
gärten zu schicken?

Der Grund dafür, dass sich eine Firma nicht in atomistische Bestandteile, also die einzelnen techno-
logisch separierbaren Schnittstellen, auflöst, besteht in den externen Transaktionskosten. Der Aus-
tausch über den Markt ist mit Kosten verbunden. Warum wird dann aber nicht alles innerhalb einer
einzigen Firma organisiert? Der Grund liegt in internen Transaktionskosten. Nun vermutet Coase
(1937), dass die internen Transaktionskosten mit einem Anstieg der Firmengröße überproportional
ansteigen. Dies resultiert daraus, dass mit steigender Beschäftigtenzahl die Organisation insgesamt
unübersichtlich wird. Dadurch wird es zunehmend schwer für einen Manager, Arbeitskräfte und
Betriebsstätten miteinander zu kombinieren, passende Aufgaben zuzuweisen und brauchbare Infor-
mationen darüber zu erlangen, ob diese auch erfüllt wurden. Dies wird mit Hilfe der vorstehenden
Grafik illustriert.

Mit einem Anstieg der Firmengröße werden Produktionsstufen integriert und damit externe Trans-
aktionskosten eingespart. Dies ist als horizontale Linie in die Grafik eingetragen, da die Einsparung
an externen Transaktionskosten nicht von der eigenen Firmengröße abhängt. Die optimale Größe
einer Firma ist dort erreicht, wo die marginalen Kosten für die Durchführung einer Transaktion in-
nerhalb einer Firma gerade den marginalen Kosten einer Markttransaktion entsprechen.

Eine Firma wird umso größer sein, je geringer ihre internen Transaktionskosten sind und je weniger
sie bei einer Ausdehnung der Firma ansteigen. Zudem steigt die Größe einer Firma an, je höher die
externen Transaktionskosten sind. Innovationen, welche interne Transaktionskosten verringern, also
verbesserte Überwachungs- oder Messsysteme, vergrößern Firmen. Innovationen, welche externe
Transaktionskosten verringern, führen zu einer Verschlankung von Firmen.

Beispiel 3: Die optimale Größe des Staates

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und des Warschauer Pakts im Jahre 1991 wurde ein Wettstreit der
Systeme zu Gunsten einer marktwirtschaftlichen Ordnung entschieden. Aber weiterhin bleiben auch
in modernen Marktwirtschaften viele Aufgaben staatlich und lassen sich teilweise nicht einfach über
Märkte organisieren. Ein Vergleich von internen und externen Transaktionskosten lässt sich auf die

25
Frage übertragen, welche Größe ein Staat idealerweise haben sollten. Sollte das Schulsystem, Kin-
dergärten, Krankenhäuser, Post, Bahn, Sozialleistungen, Renten- und Krankenversicherung staatlich
organisiert werden? In diesem Falle resultiert ein großer Staat. Wird alles dies privatisiert, so wird
der Staat sehr klein sein. Tatsächlich gibt es kaum noch staatliche Leistungen, für die noch keine
Privatisierung diskutiert wurde, von der Steuererhebung, Polizeidiensten, Armeen von Söldnern bis
hin zum Betrieb von Gefängnissen. In diesem Falle bezieht der Staat diese Leistungen über den
Markt, anstatt sie mit eigenen Angestellten, Beamten oder Soldaten zu leisten. Ein solcher Bezug
über den Markt ist dann aber mit externen Transaktionskosten verbunden. Eine Abwägung zwischen
den internen und den externen Transaktionskosten bei der Bereitstellung staatlicher Leistungen legt
nahe, dass es hier eine optimale Größe des Staates gibt, so wie in der Grafik unten abgetragen. Neigt
ein Staat zu sehr zu Privatisierung, so wäre er links von der optimalen Größe. In diesem Fall gehen
die Kosten der Ausschreibung staatlicher Leistung und die anschließende Qualitätskontrolle über
die internen Transaktionskosten hinaus.

Die Grafik legt eine entweder-oder-Entscheidung zwischen staatlicher oder privater Bereitstellung
von Leistungen nahe. Tatäshlich werden oftmals auch Mittelwege zwischen diesen beiden Varianten
gesucht. In diesem Lichte sind Reformen in der Landwirtschaft der Sowjetunion in den 70er und
80er Jahren zu sehen. Landwirtschaftliche Betriebe waren nicht selbstständig. Ihnen wurden Plan-
vorgaben für die Produktion auferlegt, die sie einzuhalten hatten. Um die Produktion zu erhöhen,
wurden extrinsische Anreize zu den Planvorgaben hinzugefügt. Betrieben wurde gestattet, die über
die Plangrößen hinausgehende Produktion zu verkaufen und damit Gewinne zu erzielen. Das Prob-
lem bestand jedoch darin, dass bei einer hohen, über den Plan hinausgehenden Produktion die zent-
rale Planungsbehörde die Pläne nach oben anpasste. Produktionskennzahlen wurden somit verwen-
det, um die Pläne anzupassen und damit opportunistisch ausgebeutet. Damit wurde der Anreiz zu
hohem Arbeitseinsatz untergraben. In China wurden Zusagen, die Planzahlen nicht anzupassen,
weitgehend eingehalten und waren daher glaubwürdig. Die Anreize für unproduktive staatliche Be-
triebe blieben hingegen ebenfalls unglaubwürdig. Sofern diese kalkulatorisch einen Konkurs auf-
wiesen, hätten sie aufgelöst werden sollen, um Arbeitsanreize für andere staatliche Betriebe zu set-
zen. Allerdings wurden diese immer wieder durch Zuschüsse am Leben gehalten. Insgesamt sehen
wir daher, dass es Versuche gibt, extrinsische Anreize über den Markt mit Hierarchie zu kombinie-
ren, dass diese Kombination aber nicht immer vollständig gelingt.

Insgesamt hat dieses Kapitel eine Theorie vorgestellt, mit der das Entstehen von Organisationen in
der Form einer gewinnorientierten Firma erklärt wird. Dabei sollte abschließend nicht unerwähnt
bleiben, dass neben Transaktionskosten weitere Einflussgrößen die Grenzen einer Firma bestimmen:
Marktmacht, Besteuerung, Gruppenidentität und Haftung. Durch die Integration eines Zulieferers
kann beispielsweise Marktmacht aufgebaut werden und damit der Druck auf Konkurrenten steigen.

26
Innerhalb einer multinationalen Firma kann es möglich sein, Gewinne in Niedrigsteuerländer zu
übertragen. Damit kann es sich lohnen, einen Zulieferer in einem Land mit niedriger Gewinnbesteu-
erung zu integrieren und anschließend den Preis des zugelieferten Produkts zu erhöhen. Ferner sehen
Firmenmitarbeiter ihre Kollegen als Teil einer Gruppe an, mit der sie solidarisch empfinden. Wäh-
rend beispielsweise die Gebäudereinigung früher oftmals integriert war, wird sie heute zumeist ex-
tern bezogen, weil die niedrigen Löhne nicht mit den Fairnessvorstellungen der anderen Mitarbeiter
einer Firma zu vereinbaren sind. Auch Aspekte der Rechnungslegung und der damit zusammenhän-
genden Haftung sind zu beachten. Ein Zulieferer eines riskanten umweltschädigenden Produkts wird
dann eher nicht integriert.

Quiz und Anhänge

Eine Transaktion bezeichnet


1. wie bei Williamson die Eigentumsübertragung.
2. die Durchführung eines Spielzuges im Rahmen gegebener Regeln.
3. ein System von formellen Regeln.
4. wie bei Commons den physischen Übergang von Rechten.

Innerhalb einer Firma


1. werden sowohl externe als auch und interne Transaktionskosten vermieden.
2. werden externe Transaktionskosten vermieden und dafür interne Transaktionskosten in
Kauf genommen.
3. werden interne Transaktionskosten vermiede und dafür externe Transaktionskosten in
Kauf genommen.
4. müssen sowohl externe als auch interne Transaktionskosten in Kauf genommen werden.

Unter measurement costs versteht man die Kosten


1. für Messgeräte.
2. für die Messung der bei einer Transaktion ausgetauschten Menge und Qualität.
3. für die Qualitätskontrolle von erstellten Endprodukten.
4. für ergriffene Maßnahmen bei der organisatorischen Umstrukturierung.

Innovationen, welche die internen Transaktionskosten verringern,


1. haben keinen Einfluss auf die Firmengröße.
2. verkleinern Firmen.
3. verringern immer auch die externen Transaktionskosten.
4. vergrößern Firmen.

Leicht verderbliche Waren sollten


1. von Fremdanbietern bezogen werden, um Drückebergerverhalten zu vermeiden.
2. von Fremdanbietern bezogen werden, um measurement costs zu vermeiden.
3. innerhalb der eigenen Firma produziert werden, um Drückebergerverhalten zu vermeiden.
4. innerhalb der eigenen Firma produziert werden, um measurement costs zu vermeiden.

Quellen im Web
In einem Beitrag im Economist „Six big ideas – Coase’s theory of the firm“ wird das Werk von
Coase zu make or buy beschrieben und mit späteren Theorien zu unvollständigen Verträgen, die in
den folgenden Kapiteln behandelt werden, verbunden: www.economist.com/topics/ronald-coase

27
Ergänzende Literatur
Alchian, A. und H. Demsetz (1972) Production, Information Costs, and Economic Organization.
American Economic Review 72: 777-795.
Barzel, Y. (1982) Measurement Costs and the Organization of Markets. Journal of Law and Eco-
nomics 25: 27-48.
Coase, R.H. (1937) The Nature of the Firm. Economica 4: 386-405.
Erlei, M, M. Leschke und D. Sauerland (1999: 65-67; 70-74).

Stichworte

Eigentum, externe Transaktionskosten, Information, Insolvenz, Integration, interne Transaktions-


kosten, make or buy, marginale Transaktionskosten, Marktwirtschaft, measurement costs, Optimale
Firmengröße, Planwirtschaft, Ronald Coase, Suchkosten, technologisch separierbare Schnittstelle,
Transaktion, Transaktionskosten.

Übungsaufgaben

Aufgabe 2.1
Bestimmen Sie, unter welchen Bedingungen die folgenden Tätigkeiten Transaktionen im Sinne von
Williamson oder von Commons sind:
a) Ein Institutionenökonom berät den Verband der deutschen Elektroindustrie bezüglich der Kom-
munikation und Organisation.
b) Eine Raumpflegerin arbeitet an der Universität Passau.
c) Eine deutsche Großbank verkauft ihr Hauptquartier an einen Finanzinvestor und mietet die Im-
mobilie von diesem zurück.

Aufgabe 2.2
Eine Molkerei steht vor der Alternative, ihre Milch über unabhängige Händler an die Endkunden zu
verkaufen oder ein eigenes Händlernetz aufzubauen. Inwieweit ändert sich ihr Kalkül, je nachdem
ob es sich um Frischmilch oder Trockenmilch handelt?

Aufgabe 2.3
Stellen Sie grafisch den Zusammenhang zwischen den marginalen Transaktionskosten und der Fir-
mengröße dar. Gehen Sie dabei auf die internen und die externen Transaktionskosten ein und erläu-
tern Sie, wie sich die optimale Firmengröße bestimmen lässt. Welche Anpassung ergibt sich, falls
eine Firma zu groß ist?

Aufgabe 2.4
Seit mehr als einem Jahrzehnt lässt sich in der Automobilindustrie eine Auslagerung der Produktion
einzelner Komponenten feststellen. Mehr und mehr wird an die Zulieferindustrie auch die Entwick-
lung einzelner Komponenten abgetreten. Erklären Sie diesen Trend anhand der Theorie der optima-
len Firmengröße von R. Coase.

a) Zeigen Sie hierzu zunächst, dass sich mit einem – in der traditionellen ökonomischen Theorie
üblichen – Vergleich der Produktionskosten diese Entwicklung nicht erklären lässt.
b) Beschreiben Sie ausführlich die Kosten, die nach R. Coase vielmehr bei der Entscheidung über
die Auslagerung von Produktions- und Entwicklungstätigkeiten eine Rolle spielen.
c) Legen Sie dar, wie sich aus den Überlegungen von R. Coase eine Theorie der optimalen Fir-
mengröße entwickeln lässt und gehen Sie vor diesem Hintergrund auf mögliche Ursachen ein,
welche die oben beschriebene Entwicklung in der Automobilindustrie begründen können.

28
Aufgabe 2.5
Im Economist („Electronic Glue“, 2 Juni 2001) findet sich folgende Aussage:
„A prime reason why economic activity is organised within firms rather than in open markets
is the cost of communication. The costlier it is to process and transmit information, the more
it makes sense to do things in firms; the cheaper communication becomes, the more efficient
(relatively) markets will be. Because the Internet and other inventions have cut the costs of
communication so much, firms ought to be able to do less in-house and to outsource more. In
1999, General Motors, a byword for vertical integration, spun off Delphi Automotive Systems,
one of its supply divisions, for instance.”
a) Erläutern Sie diese Aussage unter Rückgriff auf die Bestimmung der optimalen Firmengröße.
b) Ist das Argument in jeder Hinsicht überzeugend? Suchen Sie nach Gegenargumenten!

29
3. Asymmetrische
Information

Die Sichtweise rational choice versucht, Institutionen als Resultat menschlicher Planung darzustel-
len. Kunden planen ihre Nachfrage und Produzenten ihr Angebot und einigen sich auf Regeln, mit
denen eine Transaktion zur Zufriedenheit beider Seiten erfolgen kann. Dies kann insbesondere dann
gut funktionieren, wenn beide Seite vollständig über die Qualität des Produktes informiert sind. Eine
Herausforderung für diese Sichtweise ergibt sich bei asymmetrischer Information. In diesem Kapital
werden wir diese Herausforderung aufzeigen. Märkte können unter solchen Voraussetzungen nur
eingeschränkt funktionieren. Für das Funktionieren von Märkten müssen komplexe Regeln entwi-
ckelt werden. Damit wird in diesem Kapitel aufgezeigt, dass Märkte nicht leicht rational geplant
werden können und dass Regeln zum Funktionieren von Märkten nicht eindeutig sind, sondern viel-
fältig variieren.

Der Wert der Information

Bei den externen Transaktionskosten haben wir Such- und Informationskosten kennengelernt. Ak-
teure informieren sich über die Preise und Leistungsfähigkeit potentieller Marktpartner. Um an re-
levante Information heranzukommen, sind verschiedene Möglichkeiten gegeben. Ein potentieller
Zulieferer wird Preise und Qualitätsniveaus auf seiner Internetseite beschreiben, Rezensionen frühe-
rer Kunden können abgerufen werden, unabhängige Dienste und Berater können ebenso relevante
Information beitragen. Der Bezug von Informationen geht also mit Kosten einher.

Informationen haben auch einen Wert. Die Information, dass ein antikes Gemälde unbekannter Her-
kunft einem berühmten Maler zugeschrieben werden kann, lässt dessen Marktpreis in die Höhe ge-
hen. Die Information, dass mit einer Dürre und Ernteausfall in Brasilien zu rechnen ist, wird den
Preis für Soja an den Weltmärkten erhöhen. Der Ankauf einer Steuerdaten-CD durch die Steuer-
fahndung könnte hohe Nachzahlungen von Steuersünder versprechen. Aufgrund des Wertes von
Information sind Menschen bereit, zu ihrer Erlangung Geld zu bezahlen. Damit erscheint Informa-
tion den üblichen ökonomischen Gesetzen von Angebot und Nachfrage zu unterliegen. Information
ist zudem ein knappes Gut. Zwar erleben wir häufig, dass wir von Informationen überschwemmt
werden. Knapp ist aber nicht die Quantität an Information, sondern ihre Glaubwürdigkeit. Viele
können vor Unwetter warnen oder ihre Bilder berühmten Malern zuschreiben, aber nur wenige kön-
nen dies glaubwürdig tun.

Der Wert von Information wird besonders deutlich, wenn sich der Kauf eines Gutes als Fehler her-
ausgestellt hat. Mit Hilfe verlässlicher Information lässt sich mancher Fehler vermeiden. Das angeb-
lich antike Werk war doch nur eine Fälschung oder der Ernteausfall in Brasilien blieb wider Erwar-
ten aus. In solchen Fällen werden Investoren von den Verkäufern mangelhafter Information in die
Irre geführt. Hierauf hat schon der deutsche Philosoph Schopenhauer (1788-1860) hingewiesen:
„Kein Geld ist vorteilhafter angelegt als das, um welches wir uns haben prellen lassen; denn wir
haben dafür unmittelbar Klugheit eingehandelt.“ Die von Schopenhauer geforderte Klugheit besteht
somit darin, den Wert verlässlicher Information nicht zu unterschätzen und diesbezüglich von seinen
Fehlern zu lernen. Aber welche Information sollten wir als verlässlich und glaubwürdig einschätzen?

31
Aufgrund des Problems der Glaubwürdigkeit unterscheidet sich Information von normalen Gütern.
Die Qualität einer Information kann erst nach dem Kauf derselben eingeschätzt werden. Dies wird
als „Paradoxon der Information“ bezeichnet. Um beim Verkauf einer Information die Gegenseite
von ihrem Wert zu überzeugen, muss die Information selbst sukzessive offenbart werden, was diese
letztlich für den Anbieter entwertet.

Beispielsweise könnte jemand eine Information einer bevorstehenden Übernahme einer Aktienge-
sellschaft durch eine andere erhalten. Er ist damit zu einem sogenannten Insider geworden, jemand
der privilegiert Information aus erster Hand erhalten hat, die der Allgemeinheit unbekannt ist. Eine
solche Übernahme erfordert zumeist einen Aufschlag auf den tagesaktuellen Kurs, da viele Aktio-
näre zu einer Zustimmung motiviert werden müssen. Der Insider hat damit ein Wissen, mit dem sich
viel Geld – nicht ganz legal – verdienen lässt. Ein Kauf von Aktien vor dem Kursanstieg verspricht
hohen Gewinn. Aber der Insider alleine wird nicht über hinreichend Barvermögen verfügen. Er
könnte stattdessen versuchen, den Aktientipp an einen Großinvestor zu verkaufen. Aber ein solcher
Tipp ist für den Großinvestor nicht glaubwürdig. Erst wenn der Insider Nachweise bezüglich der
bevorstehenden Übernahme vorlegt, wird die Information überzeugend. Während damit der Wert
der Information offensichtlich wird, sinkt gleichzeitig die Bereitschaft des Großinvestors, den ge-
forderten Preis tatsächlich zu bezahlen. Mit dem Nachweis der Qualität ist die Information bereits
dem Großinvestor zugegangen. Der Insider hat nichts mehr zu verkaufen.

Gehen wir zurück zu dem Beispiel des antiken Gemäldes, dessen Wert mit dem Nachweis steigt,
von einem berühmten Maler zu stammen. Dieser Nachweis hat offensichtlich einen hohen Wert und
kann den Preis des Bildes erhöhen. Aber sofern jemand den Nachweis hat und ein anderer der Ei-
gentümer des Bildes ist, wird die Transaktion kompliziert. Wie kann die Echtheit des Nachweises
bewiesen werden, ohne alle relevante Information dem Eigentümer des Bildes zukommen zu lassen?
Oder stellen Sie sich vor, jemand habe eine Software für ein Marktdesign geschrieben, mit dem sich
Auktionen bei Ebay verbessern lassen. Wie soll er diese Innovation an Ebay verkaufen, ohne sie
kostenlos zu verraten?

Information unterscheidet sich insofern von anderen Gütern. Das Fehlen von Information ist nicht
immer problematisch. Denken wir beispielsweise an Glücksspiel. In Wettbüros oder im Kasino kann
auf den Ausgang eines Fußballspiels oder eines Roulettespiels gewettet werden. Jeder Marktseite
fehlt Information über den zukünftigen Ausgang dieses Zufallsereignisses. Dies steht jedoch einer
Transaktion zwischen Kasino und Spieler nicht entgegen. Problematisch ist also nicht das Fehlen
von Information, sondern wenn diese selbst Gegenstand einer Transaktion wird, wenn es einen Käu-
fer und einen Verkäufer von Information gibt. Hierzu ist notwendig, dass a priori die Information
asymmetrisch verteilt ist: Einer hat sie, ein anderer möchte sie erwerben. So hatte in dem Beispiel
der Insider die Information, aber nur der Großinvestor konnte sie verwerten und möchte sie daher
erwerben.

Information wird oftmals nicht alleine gehandelt, sondern verbunden mit einem bestimmten Gut
oder einer Dienstleistung. So ist beispielsweise einem Arbeitgeber die Leistungsfähigkeit eines Stel-
lenbewerbers unbekannt. Nur dieser Stellenbewerber kann sich selbst korrekt einschätzen. Erst mit
der Einstellung des Bewerbers lernt der Arbeitgeber mit der Zeit die Leistungsfähigkeit kennen. Der
Bewerber verkauft gleichzeitig seine Arbeitskraft und die Information über seine Leistungsfähigkeit.
Ein anderes Beispiel betrifft die Qualität eines Produktes, die dem Käufer nicht bekannt ist. Nur der
Verkäufer des Produktes kennt diese. Erst mit dem Kauf des Produktes erhält der Käufer die Infor-
mation bezüglich der Qualität, beispielsweise, weil er erst dann Erfahrung im Umgang damit sam-
melt. Die Information ist also vor dem Vertragsschluss asymmetrisch verteilt und erst später dem
Erwerber verfügbar. Die Information kann in diesen Fällen nicht getrennt von dem Produkt oder der
Arbeitsleistung gehandelt werden. Ein klassisches Beispiel stammt von George Akerlof (1970) und
bezieht sich auf den Gebrauchtwagenmarkt. In den USA wird umgangssprachlich der Ausdruck le-
mon für einen qualitativ schlechten Gebrauchtwagen verwendet. Der entsprechende Gebrauchtwa-
genmarkt heißt daher market for lemons.

32
classEx: Automarkt

5 Freiwillige versuchen, ihr Auto im Hör-


saal gewinnbringend zu verkaufen, ohne
dass die potenziellen Käufer den Wert
kennen. Die durch farbige Mützen gekennzeichneten Verkäu-
fer erhalten einen Umschlag mit Gewinnlosen á 0; 1,5; 3; 4,5
oder 6 €, die den Wert des Autos angeben, und machen kurz
Werbung. Käufer werden mit 6 € ausgestattet und geben Ge-
bote für alle 5 Autos ab (auf 0,10 € gerundet). Per Los wird jedem Verkäufer ein beliebiger Käufer

zugeordnet. Die Verkäufer entscheiden, ob sie das Angebot annehmen oder nicht , und
erhalten entsprechend den Betrag auf dem Gewinnlos oder das angenommene Kaufangebot. Der
ausgeloste Käufer erhält 6€ abzüglich des Betrags eines angenommenen Kaufangebotes und zzgl.
150% des Wertes eines erworbenen Autos.

Der market for lemons

Für den Gebrauchtwagenmarkt ist es plausibel anzunehmen, dass verschiedene Qualitäten von Au-
tos existieren. Ferner kennt nur der Anbieter diese Qualität. Nehmen wir an, der Parameter 𝑞 be-
zeichne die Qualität und sei gleichmäßig zwischen 0 und 1 verteilt, 𝑞 ∈ [0, 1]. Für Käufer sei nun
3
die maximale Zahlungsbereitschaft abhängig von der Qualität gemäß 𝑝𝑁 (𝑞) = 𝑞.
2

Demgegenüber sei der Preis, den die Anbieter mindestens verlangen, ebenfalls abhängig von der
Qualität, und zwar 𝑝 𝐴 (𝑞) = 𝑞, wie in der untenstehenden Grafik dargestellt. Bei einem geringeren
Preis ziehen sie ihr Angebot vom Markt zurück und verwenden ihr Auto selbst weiter. Wir können
dies als Eigennachfrage interpretieren. Sofern der Preis 𝑝(𝑞) durch die Zahlungsbereitschaft der
3
Nachfrager bestimmt wird, resultiert 𝑝(𝑞) = 𝑝𝑁 (𝑞) = 𝑞 . Zu diesem Preis werden alle Qualitäten
2
gehandelt.

Die Beurteilung der Qualität ist aber in der Praxis schwierig. Käufer sind hier gegenüber den Ver-
käufern, die ihr Fahrzeug gut kennen, im Nachteil. Sie können nur Vermutungen anstellen in Bezug
auf die Qualität. So könnten sie abschätzen, welche Qualität Gebrauchtwagen im Durchschnitt ha-
ben, ohne aber die konkrete Qualität eines Angebots zu erkennen. In diesem Fall wäre es sinnvoll,
dass sie ihre Zahlungsbereitschaft anhand der
durchschnittlichen Qualität 𝑞̅ ausrichten gemäß
3
𝑝𝑁 (𝑞̅ ) = 𝑞̅.
2

Nachfrager können ferner das Angebotsverhal-


ten abschätzen und hieraus Rückschlüsse auf
die durchschnittliche Qualität ziehen. Bezeich-
nen wir die maximal am Markt angebotene
Qualität mit 𝑞 ∗ , so werden alle Autos der Qua-
lität 𝑞 mit 0 < 𝑞 < 𝑞 ∗ am Markt angeboten.
Gilt für die maximale Qualität 𝑞 ∗ = 1 und sind
die Qualitäten gleichverteilt, so folgt für die
1 1
durchschnittliche Qualität 𝑞̅ = 𝑞 ∗ = . Der
2 2
Preis, den die risikoneutralen Nachfrager zu
3 1 3
zahlen bereit sind, wäre also 𝑝𝑁 (𝑞̅ ) = ∙ = .
2 2 4
Zu diesem Preis sind aber, entgegen der ur-

33
sprünglichen Annahme, nicht mehr alle Anbieter bereit, ihr Auto zu verkaufen. Die qualitativ besten
Autos verschwinden vom Markt. Diese Anbieter haben bei geringem Preis eine Nachfrage nach
ihrem eigenen Auto. Durch das Ausscheiden der besten Autos vom Markt verringert sich die durch-
schnittliche Qualität. Hierdurch vermindert sich aber wiederum die Zahlungsbereitschaft der Nach-
frager.

Welches Gleichgewicht stellt sich ein? 𝑞 ∗ ist die beste Qualität, die bei korrekten Erwartungen von
Anbietern und Nachfragern am Markt gehandelt wird. Die Anbieter werden hierfür den Preis
1
𝑝 𝐴 (𝑞) = 𝑞 ∗ verlangen. Die durchschnittliche Qualität ist dann 𝑞 ∗ . Dies bewirkt, dass die Nachfra-
2
𝑁 (𝑞 ) 3 3 ∗
ger bereit sind, den Preis 𝑝 ̅ = 𝑞̅ = 𝑞 zu bezahlen. Für das Gleichgewicht resultiert:
2 4
𝑁 (𝑞 ) 𝐴 (𝑞 ∗ ) 3
𝑝 ̅ =𝑝 ⇔ 𝑞 = 𝑞 ⇔ 𝑞 ∗ = 0. Die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager ist immer ge-
∗ ∗
4
ringer als der Preis, den die Anbieter mindestens verlangen. Der Markt bricht also vollständig zu-
sammen. Dies lässt sich mit untenstehender Grafik darstellen.

Die obere geschweifte Klammer erfasst alle Qualitäten, von denen die Nachfrager vermuten, dass
sie gehandelt werden, also zwischen 0 und der maximal vermuteten Qualität 𝑞 ∗ = 1. Mit Lot nach
unten auf die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager N wird der Preis bestimmt, der hierfür von den
3
Nachfragern bezahlt wird, hier . Mit Lot nach rechts auf die Kurve A wird die beste Qualität be-
4
stimmt, die die Anbieter anbieten werden. Hieraus lässt sich eine neue geschweifte Klammer bilden,
die alle gehandelten Qualitäten erfasst. Diese ist nun kleiner geworden. Der Prozess kann nun suk-
zessive fortgesetzt werden, indem mit Lot nach unten die Zahlungsbereitschaft bestimmt wird. Wird
der Prozess immer weiter fortgesetzt, so konvergiert der Prozess gegen das Gleichgewicht, das erst
im Nullpunkt erreicht wird.

Durch asymmetrische Information können Märkte zusammenbrechen. Die Logik lässt sich pointiert
mit dem berühmten Zitat des US-Komikers Graucho Marx zusammenfassen: „I don't care to belong
to a club that accepts people like me as members.“ In etwa: Ich würde niemals in einen Klub eintre-
ten, der bereit wäre, so jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen. So würde auf dem Gebraucht-
wagenmarkt ein Nachfrager argumentieren, dass er niemals ein Auto von einem Verkäufer kaufen
würde, der bereit wäre, sein Kaufangebot zu akzeptieren.

Das Resultat kann aber weniger drastisch sein, sodass auf Märkten immer noch manche schlechtere
Qualitäten gehandelt werden und es nicht
zum kompletten Zusammenbruch kommt.
In jedem Fall gilt dabei, dass asymmetri-
sche Information die Effizienz des Marktes
reduziert. Effizienz liegt dann vor, wenn
alle möglichen Transaktionen stattfinden,
wenn also alle Nachfrager, die ein Gut hö-
her bewerten als ein Anbieter, dieses erhal-
ten. Dass dies bei asymmetrischer Informa-
tion nicht mehr gilt, lässt sich mit Hilfe der
folgenden Überlegung zeigen: Die höchste
gehandelte Qualität ist 𝑞 ∗ und die durch-
1
schnittliche Qualität 𝑞̅ = 𝑞 ∗ . Der Nach-
2
frager orientiert sich an 𝑞̅. Könnte er aller-
dings die korrekte, höchste Qualität 𝑞 ∗ be-
obachten, so hätte er eine höhere Zahlungs-
bereitschaft. Sofern diese am Markt geäu-
ßert würde, wären Anbieter mit einer mar-
ginal höheren Qualität 𝑞 ∗ + 𝜀 verkaufswil-

34
lig. Da diese beidseitig vorteilhafte Transaktion bei asymmetrischer Information nicht zustande
kommt, werden Güter nicht an denjenigen verkauft, der ihnen den höchsten Wert beimisst. Der
Markt ist also nicht effizient.

Der Grund für die Ineffizienz besteht darin, dass der Preis neben der Herstellung des Marktgleich-
gewichts eine zusätzliche Aufgabe übernimmt: Er dient als Qualitätssignal. Wenn aber der Preis als
ein solches Signal fungiert, so kann er nur unvollständig seiner Aufgabe nachkommen, ein markt-
räumendes Gleichgewicht herzustellen. Es ergibt sich das Problem der Negativauslese, auch be-
zeichnet als Negativselektion oder adverse Selektion (adverse selection). Darunter versteht man ei-
nen Prozess, bei dem Akteure oder Produkte mit wünschenswerten Eigenschaften verdrängt werden
und nur die unerwünschten Anbieter im Markt verbleiben.

Beispiel 1: Finanzkrise 2007/08

Das Modell ist beispielhaft für den Zusammenbruch des Marktes für Kreditderivate im Jahre
2007/08, insbesondere Anleihen, die mit Immobilien in den USA und Großbritannien besichert wa-
ren, sogenannte Mortgage Backed Securities. Marktteilnehmer vertrauten zuvor den Ratingagentu-
ren bei der Einschätzung der Qualität dieser Produkte. Die Bewertung der Ratingagenturen stellte
sich aber als fehlerhaft heraus. Banken wurde damals geraten, sich nicht mehr auf die Bewertung
der Ratingagenturen zu verlassen, sondern eigene Risikobewertungen vorzunehmen.

Der Markt für diese Produkte war durch die eigene Risikobewertung aber von asymmetrischer In-
formation betroffen. Banken führten eigene Bewertungen durch und erkannten die Qualität der An-
leihen in ihrer Bilanz, Käufer kannten nur die durchschnittliche Qualität. Banken konnten also stra-
tegisch verkaufen, gute Qualität behalten und schlechte Qualität anbieten. Käufer wussten dies und
korrigierten die durchschnittlich erwartete Qualität nach unten. Damit brach der Markt fast vollstän-
dig zusammen. Die untenstehende Grafik zeigt den rasanten Anstieg der Rendite dieser Wertpapiere,
dargestellt als Aufschlag zur Rendite einer risikofreien Anlage. Die Renditen von Mortgage Backed
Securities, die von den Ratingagenturen mit bester Bonität (AAA) bewertet wurden, stiegen um 8
Prozentpunkte. Solche mit schlechterer Bonität (BBB) um bis zu 45 Prozentpunkte (beispielsweise
von einer Rendite von 5% auf 50%). Dies stellt fast einen vollständigen Zusammenbruch des Mark-
tes dar.

Renditeaufschläge auf Mortgage Backed Securities relativ zu risikofreien Anlagen


Quelle: Global Financial Stability Report, April 2009, IWF, S. 27,
http://www.imf.org/External/Pubs/FT/GFSR/2009/01/pdf/text.pdf

35
Pooling und Separating

Der oben behandelte Automarkt unterstellte, dass ein Verkäufer immer nur ein Auto anbietet. Typi-
scherweise können Produzenten jedoch mehrere Produkte einer Art anbieten. Damit ergibt sich die
Frage, wie die Anzahl angebotener Produkte mit der Möglichkeit der adversen Selektion korres-
pondiert. Hierzu kann gezeigt werden, dass zwei verschiedene Arten von Verträgen auftreten kön-
nen, mit denen die adverse Selektion überwunden werden kann. Bei einem Pooling-Vertrag verhal-
ten sich alle Anbieter identisch bei dem Versuch, ihren Informationsvorsprung auszunutzen. Bei
einem Separating-Vertrag können die Anbieter guter Qualität von denen schlechter Qualität unter-
schieden werden.

classEx: Der Markt für Nachhilfe

Anbieter im Hörsaal bieten Nachhilfe in Mikroökonomik an. 1/3 der Teil-


nehmer sind „gute“ Anbieter mit hohem Einsatz , 1/3 sind
„schlechte“ Anbieter mit geringem Einsatz . Die anderen 1/3 fragen Nachhilfe nach
und erhalten zwei Angebote. Den Anbietern entstehen Kosten in Abhängigkeit der An-
zahl an Stunden s. Die schlechten Anbieter geben sich wenig Mühe und haben geringe
2
Kosten von 0,05 ∗ 𝑠 . Die guten Anbieter geben sich viel Mühe mit Kosten von 0,1 ∗
𝑠 2 . Eine Stunde eines
schlechten Anbieters
hat den Wert 2€,
diejenige des guten
Anbieters den
Wert 4€. Die Anbieter
bestimmen Preis und
Anzahl der Stunden.
Der Nachfrager
kann jedes der beiden
Angebote annehmen
oder ablehnen.

Am Ende berechnet sich die Auszahlung an einen Anbieter als Preis mal Stunden abzüglich der
Kosten. Die Nachfrager erhalten eine Anfangsauszahlung von 10€ zuzüglich der Auszahlungen aus
angenommenen Angeboten, also jeweils Stunden multipliziert mit der Differenz aus Wert und Preis.
Das Experiment wird zweimal durchgeführt, wobei dem Nachfrager der Typ des Anbieters mitgeteilt
wird! Danach erfolgen zwei Durchführungen ohne Information des Typs. In jeder Durchführung
wird eine Gruppe bestehend aus einem Nachfrager und zwei Anbietern ausgelost und erhält echte
Auszahlungen.

Das classEx-Spiel lässt sich spieltheoretisch auswerten. Der Nachfrager entscheidet zuletzt und
wird, sofern er seine Auszahlung maximiert, jedes Angebot annehmen, das einen Gewinn erbringt.
Dies ist gegeben, falls der Preis geringer ist als der Wert. Für die weitere Analyse gehen wir verein-
fachend davon aus, dass er auch Angebote mit Nullgewinn annimmt. Dies impliziert einen Preis von
2€ für das schlechte Angebot des und einen Preis von 4€ für das gute Angebot des . Für die
Anbieter lohnt sich dann ein Angebot von 20 Stunden, da hierbei der Preis gerade den marginalen
Kosten von 0,2 ∗ s für und von 0,1 ∗ s für entspricht. In der Grafik unten sind entsprechend
die Lösungen bei vollständiger Information abgetragen. In dieser Lösung erzielt der schlechte An-
bieter einen Gewinn von 20 ∗ 2 − 0,05 ∗ 202 = 20 und der gute Anbieter 20 ∗ 4 − 0,1 ∗ 202 = 40.

36
Sofern der Typ des Anbieters unbekannt ist, könnten Nachfrager von einem durchschnittlichen Ein-
satz eines Anbieters ausgehen und damit von einem Wert von 3€. Zu diesem Preis würde ein guter
Anbieter aber nur 15 Stunden arbeiten wollen. Es folgt nämlich aus s = 15 für die marginalen Kos-
ten 0,2 ∗ s = 3€. Ein Angebot oberhalb von 15 Stunden würde also Verluste verursachen. Für einen
schlechten Anbieter würde sich ein Angebot von 30 Stunden lohnen. Sofern er ein solches Angebot
unterbreitet, würde er aber seinen Typ offenbaren. Um dies zu vermeiden, wird er ebenfalls nur 15
Stunden anbieten. Diese Lösung wird auch als Pooling-Vertrag bezeichnet und ist in der vorstehen-
den Grafik abgetragen. In dieser Lösung erzielt der schlechte Anbieter einen höheren Gewinn (15 ∗
3 − 0,05 ∗ 152 = 33,75) als der gute Anbieter (15 ∗ 3 − 0,1 ∗ 152 = 22,5).

Nun stellen wir uns einen Anbieter vor, der 10 Stunden zum Preis von 3,5€ anbietet. Dies erbrächte
einem guten Anbieter den Gewinn 10 ∗ 3,5 − 0,1 ∗ 102 = 25, einem schlechten Anbieter hingegen
10 ∗ 3,5 − 0,05 ∗ 102 = 30. Während also der Gewinn des guten Anbieters höher ist als beim Poo-
ling-Vertrag, ist der Gewinn des schlechten Anbieters gesunken. Dies impliziert einen Anreiz für
den Anbieter mit hohem Einsatz, ein vom Pooling-Vertrag abweichendes Angebot zu unterbreiten.
Daher ist grundsätzlich zu befürchten, dass ein Pooling-Vertrag keinen Bestand hat, da nur noch die
schlechten Anbieter diesen Vertrag anbieten und ein Nachfrager die adverse Selektion durchschauen
wird.

Ein guter Anbieter hat einen Anreiz, sich durch ein Angebot von einem schlechten Anbieter zu un-
terscheiden. Aber wie kann ein schlechter Anbieter davon abgehalten werden, sich als guter Anbieter
auszugeben, um von dem hohen dort erzielten Preis zu profitieren? Dies gelingt nur, falls der gute
Anbieter sehr wenige Stunden anbietet, in unserem Beispiel 5 Stunden zu 4€. Der schlechte Anbieter
würde bei diesem Vertrag nur einen Gewinn von 5 ∗ 4 − 0,05 ∗ 52 = 18,75 erzielen, weniger als
der Gewinn bei vollständiger Information. Er wäre also besser gestellt, sich als schlechter Anbieter
zu offenbaren und 20 Stunden zu 2€ anzubieten. Die beiden alternativen Gewinne sind mit Hilfe der
beiden blauen Flächen in der Grafik oben markiert. Wie dort zu sehen, wird die Einbuße aufgrund
des geringeren Preises durch die erhöhte Menge überkompensiert. Die Anbieter wählen also auto-
matisch die ihrem Typ entsprechenden Angebote. Dies wird auch als Separating-Vertrag bezeichnet.
Der gute Anbieter erzielt nur einen Gewinn von 5 ∗ 4 − 0,1 ∗ 52 = 17,5. Andere Angebote mit hö-
herer Anzahl an Stunden würden einen höheren Gewinn versprechen, sind aber nicht anreizkompa-
tibel. Für schlechte Anbieter wäre dann lohnend, ebenfalls dieses Angebot zu machen und sich als
gute Anbieter auszugeben.

37
Beispiel 2: Börsengang

Bei einem Börsengang (initial public offering, IPO) besteht oftmals asymmetrische Information. Der
Emittent benötigt zusätzliches Kapital für Investitionen und ist über die zukünftigen Erträge und
Risiken der Investition informiert, vergleichbar mit einem Versicherungsnehmer, der die Risiken
von Krankheiten einschätzen kann. Demgegenüber kennt ein Kapitalgeber das Investitionsprojekt
weniger und kann nicht die Risiken einschätzen, vergleichbar mit einer Versicherung, die die Risi-
ken einer Krankheit nicht kennt. Erst nach Durchführung der Investition sind Renditen und Risiken
allen bekannt. Der Emittent kann die Höhe der Kapitalaufnahme variieren, indem er das Investiti-
onsprojekt teilweise durch eigenes Kapital finanziert, beispielsweise durch einbehaltene Gewinne.
Der Emittent kann also einen hohen Anteil an dem neuen Unternehmen behalten, damit selbst im
Risiko bleiben, oder keine Anteile behalten und dem Kapitalgeber das finanzielle Risiko übertragen.
Welche Dividende sollte ein Kapitalgeber verlangen und wie sollte diese vom Anteil des übernom-
menen Risikos abhängen?

Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus dem vorgestellten Modell und der Lösung mit Hilfe
eines Separating-Vertrags. Der Kapitalgeber sollte eine hohe Dividende und damit eine hohe Risi-
koprämie verlangen, falls der Emittent keinen Anteil behält und damit kein Risiko eingeht. Eine
hohe Dividende entspricht dabei einem günstigen Ausgabekurs für die ausgegebenen Aktien. Eine
geringe Dividende, korrelierend mit einem hohen Ausgabekurs, wird nur dann akzeptiert, wenn der
Emittent das Investitionsprojekt in einem hohen Maße mit eigenem Kapital finanziert. Durch die
Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, offenbart der Emittent nämlich die hohe Qualität des Investiti-
onsprojekts. Das geringe Ausfallrisiko rechtfertigt dann eine niedrige Dividende.

Quiz und Anhänge

Unter dem „Paradoxon der Information“ versteht man das Problem, dass
1. nur der Besitzer von Information ihren Wert einschätzen kann.
2. Menschen sich zu wenig informieren.
3. Information ineffizient verteilt ist.
4. Information wertlos ist.

Der Markt für Gebrauchtwagen kann zusammenbrechen, wenn


1. Verkäufer weniger für ihr Auto verlangen als Käufer zahlen wollen.
2. Verkäufer unvollständig über die Qualität des Autos informiert sind.
3. Käufer die Qualität jedes Autos kennen.
4. Käufer nur die durchschnittliche Qualität der Autos kennen.

Bei einem Pooling-Vertrag


1. können Nachfrager die Anbieter guter Qualität an der geringen Angebotsmenge erkennen.
2. erleiden Nachfrager einen Verlust.
3. bieten alle Anbieter zum gleichen Preis an.
4. bieten die Anbieter schlechter Qualität die optimale Menge an.

Bei einem Separating-Vertrag


1. können Nachfrager die Anbieter guter Qualität an der geringen Angebotsmenge erkennen.
2. erleiden Nachfrager einen Verlust.
3. bieten alle Anbieter zum gleichen Preis an.
4. bieten die Anbieter schlechter Qualität die optimale Menge an.

38
Quellen im Web

In einem Beitrag im Economist „Information asymmetry – Secrets and agents“ wird die Arbeit von
George Akerlof, der market for lemons und die Rolle von Informationen dargelegt und gibt einen
Ausblick auf die folgenden Kapitel: https://www.economist.com/news/economics-brief/21702428-
george-akerlofs-1970-paper-market-lemons-foundation-stone-information?frsc=dg%7Cc

Ergänzende Literatur

Akerlof, G.A. (1970) The Market for ‘Lemons’. Quality, Uncertainty and the Market Mechanism.
Quarterly Journal of Economics 84: 488-500.
Furubotn, E.G. und R. Richter (2005: 241-245).

Stichworte

Adverse Selektion, Arbeitsmarkt, Asymmetrische Information, Finanzkrise, George Akerlof, Glaub-


würdigkeit, Insider, Kredit, Kündigung, market for lemons, Paradoxon der Information, Pooling-
Vertrag, Qualität, Rationierung. Separating-Vertrag.

Übungsaufgaben

Aufgabe 3.1
Sie haben in einem Kunstkata-
log das nebenstehende Ge-
mälde gefunden, das einem un-
bekannten südniederländischen
Maler zugeschrieben wird und
mit einem Schätzpreis von
75.000-85.000 € demnächst in
einer Auktion versteigert wird.
Sie kennen das Gemälde aller-
dings von Geschichten Ihrer
Großmutter, deren Jugend-
freundin es vor langer Zeit be-
saß. Es handelt sich bei dem
Gemälde um die Kornernte von
Pieter Bruegel dem Älteren. Es
hätte demnach einen Wert von ca. 2-3 Million €. Sie sind noch im Besitz eines alten Briefes dieser
Jugendfreundin, in dem das Gemälde und seine Herkunft genau beschrieben werden und mit dem
die Echtheit bestätigt werden kann. Sie überlegen nun, wie Sie hieraus einen Gewinn erzielen könn-
ten, beispielsweise durch Verkauf des Briefes der Jugendfreundin an einen reichen Kunsthändler,
oder indem Sie einen Geldgeber überzeugen, Ihnen einen Kredit einzuräumen, mit dem Sie das Ge-
mälde erwerben und danach mit Gewinn verkaufen könnten. Erläutern Sie die Begriffe „Paradoxon
der Information“ und „Asymmetrische Information“ unter beispielhaftem Rückgriff auf obige Dar-
stellung!

Aufgabe 3.2
In der Vorlesung wurde ein classEx-Spiel zum Automarkt gespielt:
a) Beschreiben Sie hierzu, inwiefern asymmetrische Information vorliegt.
b) Inwiefern stellt sich in dem Spiel adverse Selektion ein?
c) Wieso sollte ein Käufer nicht 6€ für ein angebotenes „Auto“ bieten?

39
Aufgabe 3.3
Der Parameter 𝑞 bezeichnet die Quali-
tät von Gebrauchtwagen und ist gleich-
mäßig verteilt zwischen 0 und 1. Für
die Käufer von Gebrauchtwagen ist die
Zahlungsbereitschaft abhängig von der
Qualität gemäß der Funktion 𝑝𝑁 (𝑞) =
2
0,3 + 𝑞. Der Preis, den die Anbieter
3
mindestens verlangen, ist ebenfalls ab-
hängig von der Qualität, und zwar ge-
mäß der Funktion 𝑝 𝐴 (𝑞) = 𝑞.
a)Stellen Sie die beiden Funktionen in
dem untenstehenden Diagramm gra-
fisch dar.
b) Gegeben sei vollständige In-
formation bezüglich der Qualität der
Gebrauchtwagen. Welches ist die beste
Qualität 𝑞 ∗ , die am Markt gehandelt wird?
c) Im Gegensatz zu Teilfrage b) kennen die Nachfrager nur die durchschnittliche Qualität 𝑞̅ aller
am Markt angebotenen Gebrauchtwagen und richten ihre Zahlungsbereitschaft daran aus gemäß
der Funktion
2
𝑝𝑁 (𝑞) = 0,3 + 𝑞̅ .
3
Die Anbieter kennen hingegen die tatsächliche Qualität ihrer jeweiligen Gebrauchtwagen. Die
Nachfrager gehen – eventuell irrtümlicherweise – davon aus, dass alle Qualitäten zwischen 0
und 𝑞 ∗ aus Teilaufgabe b) am Markt angeboten werden. Bestimmen Sie den Preis, den die
Nachfrager bezahlen!
2
d) Die Nachfrager verhalten sich weiterhin gemäß der Funktion 𝑝𝑁 (𝑞) = 0,3 + 𝑞̅, können nun
3
aber die durchschnittliche Qualität, die sich im Gleichgewicht einstellt, korrekt antizipieren.
Welches ist die beste Qualität, die nun am Markt gehandelt wird?
e) Um welche Art der asymmetrischen Information handelt es sich und welche Problematik ergibt
sich hieraus potentiell?
f) Nennen Sie ein Beispiel, wie der in e) diskutierten Problematik am Markt für Gebrauchtwagen
entgegengewirkt werden könnte und begründen Sie ihr Beispiel kurz!

Aufgabe 3.4

Im Hörsaal wurde mit classEx ein Spiel durchgeführt, bei dem gute und schlechte Anbieter
Nachhilfe in Mikroökonomik anbieten. Nachfrager nehmen alle Angebote an, die keine Verluste
erbringen. Die schlechten Anbieter haben geringe Kosten von 0,05 ∗ 𝑠 2 , die guten Anbieter
von 0,1 ∗ 𝑠 2 . Eine Stunde eines schlechten Anbieters hat den Wert 2€, diejenige des guten An-
bieters den Wert 4€. Alle vier Kurven sind unten dargestellt. Ordnen Sie die Punkte den nach-
stehenden Beschreibungen zu. Punkte können mehrmals verwendet werden!

40
Beschreibung Hier bitte den
Punkt eintragen:
Hier liegt das Gleichgewicht der guten Anbieter bei vollständiger Informa-
tion.
Hier bieten im Separating-Gleichgewicht die schlechten Anbieter an.
Hier liegt ein Pooling-Gleichgewicht bei unvollständiger Information vor.
Hier bieten gute Anbieter im Separating-Gleichgewicht an.

Beantworten Sie ferner folgende Fragen.


a) Welche Anzahl an Stunden stellt sich beim Pooling-Gleichgewicht ein und warum?
b) Welche Anzahl an Stunden wird ein schlechter Anbieter im Pooling-Gleichgewicht präferie-
ren? Wird er diese auch anbieten?
c) Wieso hat das Pooling-Gleichgewicht keinen Bestand?
d) Mit welchen Verträgen können Anbieter dazu gebracht werden, ihre Qualität zu offenbaren?
Erklären Sie insbesondere, wie ein schlechter Anbieter davon abgehalten wird, sich als guter
Anbieter auszugeben!

41
4. Moral hazard

Information kann auf verschiedene Arten asymmetrisch verteilt sein. Eine besondere Art ist moral
hazard. Mit einer Identifzierung von moral hazard wird eine weitere Herausforderung für Regeln
und Organisationen in diesem Kapitel herausgearbeitet. Märkte können nicht funktionieren, wenn
sich Akteure nicht auf die Zusagen anderer verlassen können und stattdessen opportunistisches Ver-
halten droht. In diesem Kapital wird herausgearbeitet, wie Marktpartner Anreize setzen, um dies zu
vermeiden. Dies erfolgt hier ohne Involvierung eines Staates. Damit zeigen sich die Möglichkeiten
und Grenzen vielfältiger informeller Institutionen zur Organisation von Transaktionen.

Information – ex ante und ex post

Bei asymmetrischer Information ist eine Seite besser informiert als die andere. Bei adverser Selek-
tion betraf dieser unterschiedliche Informationsstand Eigenschaften eines Tauschobjekts, beispiels-
weise gute und schlechte Qualität. Eine Marktseite kannte zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses
diese Eigenschaften, die andere nicht. Die Information war damit im Vorfeld bereits asymmetrisch
verteilt und wir nennen dies daher „ex ante asymmetrische Information“ und sprechen von hidden
characteristics.

Eine andere Form der asymmetrischen Information liegt vor, wenn sich die Asymmetrie auf ein
Ereignis bezieht, das nach Vertragsschluss liegt. Wir sprechen dann von „ex post asymmetrischer
Information“. So kann nach einem Vertragsabschluss eine Marktseite unerwünschte Handlungen
tätigen, die von der anderen Seite nicht beobachtet werden. Wir sprechen dann von hidden action.
Beispielsweise kennt ein Arbeiter seinen Arbeitseinsatz, wohingegen dieser für den Arbeitgeber oft-
mals nicht genau bekannt ist. Bestenfalls kann ein Arbeitgeber die geleisteten Stunden kontrollieren,
nicht aber den Einsatz, der während dieser Zeit geleistet wird. Neben hidden action existiert auch
nach Vertragsabschluss hidden information. Hierbei fließen nur einer Marktseite nach Vertrags-
schluss wichtige Informationen zu, der anderen Marktseite hingegen nicht. So könnte der Pächter
einer Farm sich mit dem Landeigentümer darauf einigen, die Risiken des Betriebs zu teilen. Aber
falls die Ernte aufgrund eines Schädlingsbefalls sinkt, so geht diese Information nur dem Pächter
zu, nicht aber dem Landeigentümer. Die Behauptung eines Schädlingsbefalls lässt sich eventuell
nicht einmal überprüfen.

Mit einem Vertrag werden Versprechungen abgegeben und gegenseitige Erwartungen bezüglich des
späteren Verhaltens der beiden Vertragsparteien verknüpft. Der Arbeitnehmer verspricht hohen Ar-
beitseinsatz, der Kreditnehmer die Rückzahlung, der Produzent hohe Qualität. Aber diese Zusagen
sind unverbindlich und könnten gebrochen werden. Insbesondere droht opportunistisches Verhalten
durch die besser informierte Marktseite.

Opportunismus und moral hazard

Zu Opportunismus gibt es eine illustrierende Definition von Williamson (1985: 47):

„By opportunism I mean self-interest seeking with guile. This includes but is scarcely lim-
ited to more blatant forms, such as lying, stealing and cheating. Opportunism often involves

43
subtle forms of deceit … more generally, opportunism refers to the incomplete or distorted
disclosure of information, especially to calculated effort to mislead, distort, disguise, ob-
fuscate, or otherwise confuse. It is responsible for real or contrived conditions of infor-
mation asymmetry...”

Bei Opportunismus werden zur Verfolgung eigennütziger Ziele List und Tücke eingesetzt, Informa-
tionen verzerrt, gelogen, betrogen oder gestohlen. Opportunismus ist die Verlockung, abgegebene
Zusagen zu brechen. Sofern die uninformierte Marktseite einer Zusage naiv vertraut, setzt sie auf
die Moral der Gegenseite, auf die Fähigkeit der Verlockung zu widerstehen und eine Zusage einzu-
halten. Aber das Vertrauen in Moral ist riskant. Aus diesem Grund wird von moral hazard gespro-
chen, einem moralischen Wagnis.

Allgemein wird moral hazard definiert als eine Situation, in der sich ein Akteur verantwortungslos
oder leichtsinnig verhält und für die daraus entstehenden negativen Konsequenzen nicht selbst haft-
bar gemacht werden kann. Der Akteur ist über die Konsequenzen gut informiert und versteht es, die
Lasten auf andere, schlechter informierte Akteure oder das Kollektiv zu übertragen. Dabei verhält
er sich eventuell opportunistisch und hält im Voraus gemachte Zusagen eines vorsorgenden Verhal-
tens nicht ein. In der Folge stellt sich die Frage, wie Verträge bei Vorliegen von ex-post asymmet-
rischer Information ausgestaltet sein sollten. Diese Frage lässt sich erneut anschaulich für den Ver-
sicherungsmarkt behandeln und mit einem classEx-Spiel veranschaulichen.

classEx: Aufputschmittel für Nachhilfelehrer

Gehen Sie gedanklich zurück zum classEx-Spiel auf S. 36. Erneut bieten Anbieter
im Hörsaal Nachhilfe in Mikroökonomik an. 2/3 der Teilnehmer sind Anbieter,
die anderen 1/3 fragen Nachhilfe nach. Die Anbieter können durch Einnahme
eines Aufputschmittels ihren Einsatz erhöhen und damit bestimmen, ob sie gute oder schlechte Leis-
tung erbringen. Kosten und Werte sind wie auf S. 36 beschrieben. Der Anbieter entscheidet erst
nach der Transaktion über die Einnahme des Aufputschmittels. Falls er es einnimmt, fühlt er sich
fitter und erhält zusätzlich 5€. Das Spiel wird 2-mal durchgeführt. In jeder Durchführung wird eine
Gruppe bestehend aus einem Nachfrager und zwei Anbietern ausgelost für echte Auszahlungen.

Der gemeinsame Gewinn eines Nachfragers und eines Anbieters ließe sich dadurch maximieren,
dass 20 Stunden vereinbart werden und der Anbieter das Aufputschmittel einnimmt, da in diesem
Fall der hohe Wert von 4€ erzielt wird. Allerdings ist die Zusage eines Anbieters, das Aufputsch-
mittel einzunehmen, nicht anreizkompatibel und damit nicht glaubwürdig. Die Einnahme erhöht
nämlich bei 20 Stunden Arbeit die gesamten Kosten von 0,05 ∗ 202 = 20€ auf 0,1 ∗ 202 = 40€.
Der Zuwachs an Kosten geht dann über den Vorteil der Einnahme von 5€ hinaus.

Ein Anreiz zur Einnahme des Aufputschmittels bleibt nur bestehen, falls deutlich weniger als 20
Stunden vereinbart werden. Dies wird in der nachfolgenden Grafik deutlich. Die Differenz zwischen
den beiden Kostenkurven ist mit einer blauen Fläche markiert. Dieser Flächeninhalt darf nicht grö-
ßer werden als die 5€, dem Vorteil aus der Einnahme des Aufputschmittels. Um die Bedingung der
Anreizkompatibilität einzuhalten, darf ein Anbieter also maximal einen Kostenzuwachs von 5€ hin-
nehmen. Dies impliziert 0,1 ∗ s 2 − 0,05 ∗ s 2 = 5 ⇔ s 2 = 100, also 10 Stunden. Eine Lösung, bei
der das Aufputschmittel eingenommen wird, stellt sich damit bei 10 Stunden und einem Preis von
4€ ein. Eine andere Lösung ergibt sich bei einem Preis von 2€ und 20 Stunden ohne Einnahme des
Aufputschmittels. Ein Vergleich zeigt allerdings, dass hier für den Anbieter der geringere Gewinn
resultiert.

44
Beispiel 1: Effizienzlohn

Effizienzlöhne sind Löhne oberhalb des markträumenden Lohnes. Dabei entsteht ein Überschussan-
gebot an Arbeit, das nicht durch sinkende Löhne ausgeglichen wird. Dieses Abweichen vom Markt-
gleichgewicht wird damit begründet, dass die zusätzlichen Lohnkosten von steigenden Gewinnen
überkompensiert werden. Solche Gewinnsteigerungen können insbesondere aus asymmetrischer In-
formation resultieren.

So herrscht oftmals asymmetrische Information bezüglich der Qualifikation und Motivation von
Bewerbern. Bei niedrigen Löhnen bevorzugen Hochqualifizierte die Selbstständigkeit. Mit hohen
Löhnen können hingegen hochqualifizierte und gut motivierte Stellenbewerber von Konkurrenzfir-
men abgeworben werden. Damit werden sowohl Probleme mit ex-ante als auch mit ex-post asym-
metrischer Information gemildert.

So steigt die durchschnittliche Qualität der Bewerber mit dem Lohn und es ist weniger adverse Se-
lektion zu befürchten. Mögliche Probleme mit adverser Selektion werden auf die Konkurrenten ver-
lagert. Zudem ist der Arbeitseinsatz eines Arbeiternehmers oftmals nur von diesen beobachtbar.
Daraus resultiert ex post asymmetrische Information und ein Anreiz zum Bummeln (shirking), also
zu geringem Einsatz. Die Firma kann dies nicht beobachten und fleißige nicht von unkooperativen
Mitarbeitern unterscheiden.

Höhere Löhne könnten aus zwei Gründen Arbeiter motivieren, einen höheren Arbeitseinsatz für die
Firma zu leisten. Zum einen könnte eine stichprobenartige Überprüfung des Arbeitseinsatzes durch-
geführt werden. Der Anreiz zum Bummeln wird hinreichend unterbunden, wenn eine hohe Strafe
droht. Eine Gefängnisstrafe, beispielsweise, ist aber rechtlich zumeist ausgeschlossen. Schlimms-
tenfalls könnte eine Firma kündigen. Sofern allerdings nur ein markträumender Lohn bezahlt wird,
wäre die Kündigung aber keine Strafe, da eine vergleichbare Arbeit sofort verfügbar wäre. Bei Be-
zahlung eines Effizienzlohnes wird die Kündigung hingegen kostspielig. Mit der Kündigung erleidet
der Arbeiter einen Einkommensverlust, nämlich den Barwert der über den Marktlohn hinausgehen-
den zukünftigen Lohnzahlungen. Diese angedrohte Strafe verhindert Bummeln auch bei stichpro-
benartiger Überprüfung

Zum anderen kann ein Effizienzlohn eine besondere Form der intrinsischen Motivation fördern, die
Reziprozität. Arbeiter könnten geneigt sein, Gutes mit Gutem zu entlohnen. Der Effizienzlohn ist
ein Geschenk, für das die Firma Dankbarkeit verdient. Mitarbeiter sind in diesem Fall auch dann
motiviert, wenn dies nicht von Vorgesetzten beobachtet und honoriert wird.

45
Henry Ford wird häufig zitiert für seine Großzügigkeit gegenüber seinen Beschäftigten. Im Januar
1914 reduzierte er die Arbeitszeit von neun auf acht Stunden und erhöhte den Mindestlohn von 2,34
auf 5,00 US-Dollar pro Tag. Während der Spitzenproduktion des Modell T um 1918 erhöhte sich
dieser Betrag auf sechs Dollar. Im Jahre 1926 führte er als erster die 40-Stunden Woche ein. Dass
die Löhne bei Ford das bis dahin Übliche um mehrere hundert Prozent überstiegen, war nach Fords
eigener wiederholter Aussage wirtschaftliches Kalkül. So erwähnte er gegenüber einem Reporter:
“If the floor sweeper’s heart is in his job he can save us five dollars a day by picking up small tools
instead of sweeping them out.” Dies können wir als seine Strategie zur Vermeidung adverser Selek-
tion interpretieren. Mit den höheren Löhnen werden motivierte Reinigungskräfte angelockt. Als er
den Lohn 1919 auf 6,00 US-Dollar erhöhte, kommentierte er dies: “The payment of five dollars a
day for an eight-hour day was one of the finest cost-cutting moves we ever made, and the six-dollar-
a-day wage is cheaper than the five.”

Beispiel 2: Too big to fail

Mit dem Begriff too big to fail werden Unternehmen und Banken gekennzeichnet, die als systemre-
levant gelten. Ihre Insolvenz wäre volkswirtschaftlich so schädlich, dass die Allgemeinheit eher die
Kosten für ihre Rettung auf sich nehmen würde. Damit trägt das Unternehmen aber kein Insolvenz-
risiko mehr. Der Staat versichert es voll gegen dieses Risiko und das Unternehmen verliert den An-
reiz, selbst mit hohem Arbeitseinsatz und Innovationen eine Prävention gegen dieses Risiko zu be-
treiben.

Die Folge ist moral hazard. Derartig abgesicherte Unternehmen und Banken können gefahrlos hohe
Risiken auf sich nehmen, beispielsweise indem sie riskante Investitionen tätigen oder mit spekula-
tiven Finanzprodukten handeln. Aufgrund der Systemrelevanz sind auch Mitarbeiter und Anteilsin-
haber des Unternehmens nicht mehr am eingegangen Risiko beteiligt und haben keine Anreize mehr,
Risiken zu vermeiden. Dies entspricht der Lösung für den Markt für Nachhilfe. Eine hohe Anzahl
an Stunden dort entspricht im Beispiel einer großen und systemrelevanten Bank. Nachhilfelehrer
haben bei dieser hohen Anzahl an Stunden keinen Anreiz zur Einnahme eines effizienzsteigernden
Mittels. Analog geht der Anreiz zu Vorsorge und Risikovermeidung für größere Banken verloren.

Beispiel 3: Rationierung

Bei moral hazard kann sich auch eine ungewöhnliche Reaktion einstellen, eine Rationierung. Statt
eines markträumenden Preises könnte es sich lohnen, einen geringeren Preis zu verlangen. In diesem
Fall ist die Nachfrage größer als das Angebot. Das Angebot ist beschränkt und wird den überzähligen
Nachfragern zugeteilt, sodass manche Nachfrager leer ausgehen, obwohl sie zu dem Marktpreis zum
Kauf bereit wären.

Nehmen wir an, in einem Markt seien einige Nachfrager betrügerisch. Sie kaufen das Produkt zu
jedem beliebigen Preis, da sie das Gut mit ungedeckten Schecks oder Falschgeld bezahlen. Bei der
Wahl eines Preises wird eine Firma nicht nur die Produktionskosten berücksichtigen, sondern auch
den Zahlungsausfall. Diese Kosten für einen Zahlungsausfall sind externe Transaktionskosten, die
dadurch entstehen, dass Information bezüglich der betrügerischen Absichten des Käufers fehlt. Je
höher dabei der geforderte Preis, desto größer ist der Anteil der Nachfrager, die die Zahlung schuldig
bleiben. Ein Produzent fürchtet, durch die Wahl eines zu hohen Preises würde der Anreiz zum Be-
trügen verstärkt. Daher kann es sich lohnen, einen niedrigeren Preis zu nehmen.

Eine solche Rationierung sehen wir auch auf dem Kreditmarkt. Die höchsten Zinsen kann derjenige
Kreditnehmer bezahlen, der die riskantesten Investitionen durchführen möchte. Für Banken würde
es sich dann nicht lohnen, die Zinsen auf ein markträumendes Niveau zu heben. Stattdessen profi-
tieren Banken durch niedrige Zinsen davon, weniger riskante Kreditnehmer in ihrem Kundenstamm
zu haben.

46
Banken lernen über die Zeit ihre Kunden kennen, inklusive ihrer Risikobereitschaft. Sie werden
dann einem risikofreudigen Kunden kaum Kredit geben, da die Durchführung riskanter Investitio-
nen das Risiko birgt, dass Kredite nicht bedient werden. Solche risikofreudigen Kunden könnten
dann versuchen, den Kredit bei einer anderen Bank zu bekommen. In diesem Fall ist der Wechsel
zu einer anderen Bank aber mit adverser Selektion verbunden. Eine neue Bank kann die Bonität
eines wechselbereiten Kunden nicht einschätzen. Sie wird befürchten, dass ein Grund für den Wech-
sel darin bestehen kann, dass die bisherige Bank den Kunden als zu risikofreudig eingestuft hat. Sie
wird daher nicht sofort einen Kredit anbieten, sondern erst, nachdem sie den Kunden über einen
längeren Zeitraum kennengelernt hat. Nüchtern kalkulierende Kunden werden daher exklusive und
langfristige Beziehungen zu einer einzelnen Bank aufbauen, um jederzeit die notwendigen Kredite
zu bekommen.

Signaling

Moral hazard macht deutlich, dass Informationen nicht immer glaubwürdig sind. Die Zusage, in
Zukunft hohen Einsatz zu leisten, ist unter Umständen nicht glaubwürdig. Dies ist insbesondere
dann der Fall, wenn nach Vertragsschluss Anreize zum Brechen der Zusage existieren. In der Folge
werden solche Zusagen auch als hot air bezeichnet, heiße Luft ohne Anspruch auf Glaubwürdigkeit.
Dies gilt insbesondere dort, wo mit der Abgabe einer Zusage keine Kosten verbunden sind. Solche
Zusagen sind dann kein belastbares Signal für das spätere Verhalten. Ein ausgesandtes Signal kann
aber dann glaubwürdig sein, wenn es mit Kosten verbunden ist.

So könnte beispielsweise ein Hochschuldiplom ein Signal der Hochqualifizierung und Motivation
sein. Das Signal geht mit Kosten einher. Der Geringqualifizierte würde auch gerne das Signal aus-
senden, müsste aber höhere Mühen für den Erwerb auf sich nehmen. Der Hochmotivierte genießt
hingegen sein Hochschulstudium. Damit separiert das Signal die Bewerber um einen Arbeitsplatz
und erlaubt es dem Arbeitgeber, die Motivation zu erkennen.

Das Signal wirkt dabei unabhängig davon, was an der Hochschule erlernt wird. Die Arbeitsperspek-
tiven könnten sich für einen Diplomierten nachhaltig verbessern, selbst wenn er sich für eine Bank-
tätigkeit bewirbt mit einem Diplom in Mongolistik und der Abschlussarbeit: „Gruppenverhalten und
Nachhaltigkeit der Wüstenbewirtschaftung durch Torguud and Kazakh-Stämme in der mongoli-
schen Provinz Govi-Altay.“ Die frühere Bundesumweltministerin Barbara Hendricks promovierte
zum Thema „Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und beginnenden
20. Jahrhundert“. Sicherlich war es nicht ihr Themenschwerpunkt, der sie für die spätere politische
Karriere befähigte. Nicht der Inhalt eines Studiums macht also eventuell seinen Wert aus, sondern
der Nachweis der Leistungsfähigkeit und Motivation.

Ähnlich kann eine Produktgarantie auf dem Gebrauchtwagenmarkt als Signal wirken. So könnten
Verkäufer von Gebrauchtwagen für eine zusätzliche Gebühr von beispielsweise € 500 die Garantie
abgeben, dass alle Reparaturen (außer solchen, die durch Unfälle notwendig werden) innerhalb von
3 Monaten nach Kauf des Autos auf Kosten des Verkäufers übernommen werden. Eine solche Ga-
rantie wäre kostspielig für die Verkäufer von lemons. Die Verkäufer einer guten Qualität hätten
hingegen nur mit wenigen Reparaturen zu rechnen und würden diese Garantie gerne verkaufen.
Käufer werden diese Garantie dann nachfragen, wenn sie gegen die Kosten von Reparaturen versi-
chert sein wollen, sodass sich manche dafür und andere dagegen entscheiden. Allen Käufern ist aber
wichtig, dass ein Verkäufer glaubwürdig die Bereitschaft zu einer solchen Garantie offenbart. Die
Garantie dient nämlich als Signal. Sobald ein Verkäufer bereit ist, diese anzubieten, kann er nicht
der Anbieter einer lemon sein. Verkäufer können damit ein Angebot unterbreiten, das attraktiv ist,
selbst wenn es nicht angenommen wird.

47
Beispiel 4: Werbung

Werbung ist oftmals wenig informativ. Zu einem Produkt wird keine relevante Information geliefert.
Dennoch kann auch nicht-informative Werbung für Kunden brauchbar sein, wie von Milgrom und
Roberts (1986) gezeigt. Dies lässt sich beispielsweise für Erfahrungsgüter darlegen, also Güter, de-
ren Qualität ein Haushalt erst nach dem Konsum feststellen kann. Die Kunden eines qualitativ hoch-
wertigen Produkts werden dieses später wieder kaufen und weiterempfehlen. In der Zukunft entste-
hen so hohe Umsätze. In diesem Fall kann Werbung als Signal dienen.

Mit Hilfe hoher Werbeausgaben kann der Hersteller bereits für die laufende Periode das Signal hoher
Qualität aussenden. Hersteller niedriger Qualität können mit Werbung nur einen Anstieg derzeitiger
Umsätze generieren, ∆𝑢. Auf zukünftige Umsätze hat die Werbung aber keinen positiven Einfluss,
da enttäuschte Kunden ihre Erfahrung sammeln und weitergeben. Dies ist anders bei Herstellern
hoher Qualität, bei denen zufriedene Kunden auch für zukünftige Umsätze sorgen. Diese erzielen
daher einen höheren zusätzlichen Ertrag mit ∆𝑈 > ∆𝑢. Sofern der Hersteller hoher Qualität eine
Werbung durchführt mit Kosten größer als ∆𝑢, signalisiert er damit glaubhaft seine Eigenschaft. Für
den Hersteller schlechter Qualität lohnt sich dieses Signal nicht. Der Hersteller der guten Qualität
kann durch Aussenden des Signals zusätzlich profitieren, sofern qualitativ geringwertige Produkte
den Markt verlassen und die Kunden nur noch hochwertige Produkte kaufen.

Quiz und Anhänge

Der Unterschied zwischen adverse selection und moral hazard besteht darin, dass
1. nur bei adverse selection Information asymmetrisch verteilt ist.
2. bei moral hazard Charakteristika der anderen Marktseite unbekannt sind.
3. bei adverse selection die zukünftige Vertragserfüllung ungewiss ist.
4. moral hazard erst nach Vertragsschluss auftritt.

Moral hazard bezeichnet


1. das Vorliegen asymmetrischer Information vor Abschluss eines Vertrags.
2. eine Situation in der sich zukünftige Entwicklungen schwer vorhersehen lassen.
3. eine geringe Moral und Ehrlichkeit als Folge fehlender Information.
4. die Neigung, Zusagen nach Vertragsschluss nicht einzuhalten.

Ein Informationsvorsprung
1. ermöglicht immer einen zusätzlichen Gewinn.
2. ist nachteilig, wenn andere befürchten, übervorteilt zu werden.
3. ist nachteilig, weil er unfair ist.
4. ermöglicht höheren Gewinn, weil er unfair ist.

Rationierung kann sich lohnen, wenn


1. qualitativ hochwertige Produkte billiger sind.
2. Preissenkungen den Umsatz reduzieren.
3. Preiserhöhungen den Gewinn steigern.
4. Preiserhöhungen die Zahlungsmoral verdirbt.

Unter Signaling versteht man einen glaubwürdigen Hinweis auf Leistungsfähigkeit, weil
1. ein Geringqualifizierter sich mit dem Signal besser darstellen kann.
2. ein Geringqualifizierter zu hohe Kosten für den Signalerwerb aufwenden müsste.
3. mit Erwerb des Signals die Motivation gesteigert wird.
4. ein Hochmotivierter die Kosten des Signalerwerbs scheut.

48
Ergänzende Literatur

Furubotn, E.G. und R. Richter (2005: 143-150; 234-41; 245; 341-2)


Milgrom, P.R. und Roberts, J. (1986) Price and Advertising Signals of Product Quality. Journal of
Political Economy 94: 796-821

Stichworte
Anreizkompatibilität, Arbeitsmarkt, Diplom, Effizienzlohn, Garantie, Glaubwürdigkeit, hidden ac-
tion, hidden characteristics, hidden information, moral hazard, hot air, Prävention, shirking, Sig-
naling, too big to fail, Werbung.

Übungsaufgaben

Aufgabe 4.1
Beantworten Sie die folgenden Fragen:
a) Was ist der Unterschied zwischen ex ante und ex post asymmetrischer Information?
b) Was versteht man unter Opportunismus?
c) Was versteht man unter moral hazard?
d) Ist ein Informationsvorsprung immer vorteilhaft?

Aufgabe 4.2
Im Hörsaal wurde mit classEx ein Spiel durchgeführt, bei dem Anbieter durch Einnahme eines Auf-
putschmittels bestimmten, ob sie gute und schlechte Leistung liefern. Die Kurven für Kosten
und Wert des Angebots sind unten dargestellt. Die Einnahme des Aufputschmittels erbringt Anbie-
tern darüber hinaus einen festen Vorteil von 5€. Ordnen Sie die Punkte den nachstehenden Beschrei-
bungen zu. Punkte können mehrmals verwendet werden!

Beschreibung Hier bitte den


Punkt eintragen:
Hier bieten Anbieter an, die kein Aufputschmittel einnehmen.
Hier liegt das Gleichgewicht bei hohem Einsatz und vollständiger Informa-
tion.

49
Hier nehmen Anbieter anreizkompatibel das Aufputschmittel ein und bieten
die maximale Menge an Stunden.
Hier handeln Anbieter anreizkompatibel, sofern das Aufputschmittel nur ei-
nen festen Vorteil von 1€ erbringt.
In diesem Gleichgewicht stellen sich anreizkomatibel handelnde Anbieter
besser.

Beantworten Sie ferner folgende Fragen.


a) Bestimmen Sie die Höhe des Gewinns im Punkt G!
b) Welchen Gewinn erzielt ein Anbieter im Punkt D, falls er kein Aufputschmittel einnimmt?
Welche Schlussfolgerung gilt für die Anreizkompatibilität?
c) Zeigen Sie, dass im Punkt C die Anreizkompatibilität gilt und bestimmen Sie die Höhe des
Gewinns für den Anbieter!

Aufgabe 4.3
Eine Absolventin der Uni Passau bewirbt sich auf eine Stelle im Controlling eines mittelständischen
Unternehmens und belegt ihre Qualifikation mit einem Bachelor in Mathematik und einer Ab-
schlussarbeit „Detection and Monitoring of Bottom-Up Cracks in Road Pavement Using a Machine-
Learning Approach“. Würden Sie die Bewerberin einstellen? Die Bewerbin hat von einem anderen
Unternehmen ein Einstiegsgehalt von 30.000€ bekommen. Warum könnte es sich lohnen, ihr
40.000€ zu bezahlen?

50
5. Delegation

Wirtschaftliche Transaktionen finden oftmals zwischen zwei Personen statt, die nicht wie Anbieter
und Nachfrager gleichberechtigt sind, sondern in einem hierarchischen Verhältnis zueinander ste-
hen. Zur Veranschaulichung können wir an historische Beispiele denken: Könige nötigen ihre Va-
sallen zu Steuerzahlungen und Kriegsdiensten, Landesherren fordern Naturalabgaben und Dienste
von ihren Leibeigenen, Sklavenhalter nutzen die Arbeitskraft ihrer Sklaven aus. Dabei ergibt sich
ein Problem bei asymmetrischer Information. Sklaven arbeiten ungern, Leibeigene handeln oppor-
tunistisch und Vasallen verleugnen ihren Treueeid und schließen sich einem aussichtsreichen Riva-
len an. Genauso droht Opportunismus seitens des Dienstherren. Könige nehmen Vasallen unberech-
tigt das überlassene Lehen ab, Leibeigenen wird das zugesicherte Einkommen weggenommen und
Sklaven die versprochene Freilassung verweigert.

Erst mithilfe geeigneter Institutionen kann Unsicherheit abgebaut werden, insbesondere durch einen
Vertrag. Könige, Landesherren und Sklavenhalter werden dann zu Vorgesetzten, die nur im Rahmen
des Vertrags Aufgaben an einen Untergebenen delegieren. Damit werden dem Untergebenen Rechte
zugewiesen, an die der Vorgesetzte gebunden ist. Gleichzeitig kann der Untergebene mit Anreizen
ausgestattet werden, mit denen die Arbeitsmotivation steigt. Die aus diesen Überlegungen resultie-
renden Institutionen werden in diesem Kapitel dargestellt.

Vorteile und Risiken der Delegation

Immer wenn Aufgaben delegiert werden, droht das Problem des moral hazard. Delegation beinhal-
tet, dass Menschen andere beauftragen, Aufgaben für sie zu erledigen. Für die meisten von uns ist
Delegation eine alltägliche Transaktion. Wir beauftragen Ärzte, unsere Knochen wieder zusammen-
zuflicken, Anwälte, für unser Recht zu kämpfen, Steuerberater, unsere Einkommensteuererklärung
zu verfassen, Wohnungsmakler, für uns eine gute Wohnung zu finden und Zeitungen, für uns die
relevanten Nachrichten zusammenzustellen. Wir delegieren diese Aufgaben, weil wir nur begrenzte
Zeit, Energie und Talent besitzen. Wenn andere diese Aufgaben für uns erledigen können, erhöht
sich die Vielfalt der Ressourcen, die wir beziehen können.

Genauso wie uns ergeht es Firmen und Regierungen. Aufgaben müssen delegiert werden an hierfür
ausgesuchte Experten. Firmen suchen Auftragnehmer für spezifische Tätigkeiten, für die sie selbst
nicht das know-how besitzen. Regierungen bauen Behörden auf, denen sie Verwaltungsaufgaben
zuweisen. Delegation involviert, dass Verantwortung und Entscheidungsbefugnis übertragen wer-
den. Der Auftragnehmer vollzieht im Namen des Auftraggebers Entscheidungen und muss sich hier-
für dem Auftraggeber verantworten. Der Auftraggeber wird hierbei zumeist als Prinzipal bezeichnet.
Das Wort kommt vom lateinischen princeps, womit ein politisch einflussreicher Senator gemeint
ist. Mit dieser Wortwahl wird zum Ausdruck gebracht, dass der Auftraggeber die Bedingungen für
die Übernahme einer Aufgabe bestimmen kann. Der Auftragnehmer, in der Literatur als Agent be-
zeichnet, kann frei entscheiden, ob er eine Aufgabe übernimmt und wie er sie ausfüllt. Er kann aber
nicht auf die Bedingungen des Auftrages Einfluss nehmen.

Die Risiken einer Delegation bestehen darin, dass die überlassene Entscheidungsbefugnis miss-
braucht werden kann. Der Prinzipal verliert teilweise Kontrolle. Das Ziel, mit der Delegation eine

51
bestmögliche Aufgabenerfüllung zu erzielen, kann dadurch beeinträchtigt werden. Der Agent
könnte die überlassene Befugnis entgegen den intendierten Zielen des Prinzipals und dem Wortlaut
eines geschlossenen Vertrags ausüben. Ärzte verschreiben nicht das heilende Medikament, sondern
suchen zur Umsatzsteigerung nach weiteren Krankheiten. Anwälte empfehlen einen Gerichtspro-
zess, obwohl dieser aussichtslos ist, um ihre Gebühr in Rechnung zu stellen. Steuerberater empfeh-
len uns Steuersparmodelle und kassieren verdeckte Provisionen hierfür. Wohnungsmakler verheim-
lichen die Nachteile einer Wohnung und Zeitungen verstecken Werbung in ihren Nachrichten. Es
droht also moral hazard.

Eigentum und Management

Eigentümer einer Firma sind oftmals mit dem Leiten der Firma überfordert und delegieren diese
Tätigkeit an Manager. Eigentum und Kontrolle sind damit getrennt. Hierbei droht moral hazard von
Seiten des Managers. Dieser ist möglicherweise unzureichend motiviert und entgegen seiner Ver-
sprechen leistet er unzureichenden Einsatz, verschwendet Firmengelder für luxuriöse Büroräume
und Dienstwagen oder befriedigt sein Ego mit riskanten Firmenübernahmen, anstatt den Gewinn zu
steigern. Adam Smith (1723-1790), vermutete bereits in seinem bekanten Werk „The Wealth of
Nations“, dass Manager statt Wachsamkeit zu Fahrlässigkeit und Überfluss neigen (1776: 741):

„The directors …, being the managers rather of other people's money than of their own, ..
cannot well be expected, that they should watch over it with the same anxious vigilance
with which the partners in a private copartnery frequently watch over their own… Negli-
gence and profusion, therefore, must always prevail, more or less, in the management of
the affairs of such a company.”

Entgegen dieser Sichtweise es diverse Gründe, warum Eigentum und Kontrolle in der Praxis den-
noch auseinanderfallen. Derjenige mit der besten Befähigung zur Kontrolle hat eventuell nicht das
nötige Kapital oder scheut das Risiko. Dies bewirkt, dass er nicht Eigentümer werden kann. Der
Manager hat hierbei einen Informationsvorsprung, da nur er übersehen kann, ob eine Investition den
Gewinn steigert oder andere Ziele des Managers befriedigt. Wie sollte in einem solchen Fall ein
optimaler Vertrag zwischen Eigentümer und Manager aussehen? Diese Frage lässt sich mit Hilfe
eines Prinzipal-Agenten Modells mit dem Risiko des moral hazard beantworten.

Im Unterschied zu den vorherigen Modellen mit moral hazard liegt hierbei kein Wettbewerb auf
Seiten des Prinzipals vor. Der Prinzipal ist vielmehr mit einem Monopolisten vergleichbar. Er be-
stimmt Regeln und Preise allein und kein Konkurrent kann im Wettbewerb andere Angebote unter-
breiten. Der Prinzipal kann dabei zwischen verschiedenen Agenten wählen und diesen die Optionen
des Vertrages diktieren. Es kann daher nicht wie im Falle des moral hazard auf dem Markt für
Nachhilfe für den Nachfrager von einem Nullgewinn ausgegangen werden, wie auf S. 36 ausgeführt.
Gewinn wird diesmal maximiert und nicht durch Wettbewerb eliminiert.

classEx: Delegation auf dem Arbeitsmarkt

Der Auftraggeber (Prinzipal) beauftragt einen Auftragnehmer (Agent).


Dieser bestimmt mit seinem Arbeitseifer den Umsatz und damit sein in Euro ge-
messenes Arbeitsleid.

52
Der Prinzipal wählt vorab zwischen drei verschiedenen Entlohnungsarten (Pauschallohn, Bonus,
Beteiligung). Es ist aufwändig, dem Agenten Teile des Umsatzes zu überlassen, sodass anteilig in-
terne Transaktionskosten entstehen (Umsatz verfällt). Per Los werden 5 Spielerpaare für eine Aus-
zahlung ausgewählt.

Mit Hilfe des classEx-Spiels lassen sich die wesentlichen Elemente einer Prinzipal-Agenten-Bezie-
hung beleuchten. Der Prinzipal handelt als Erster und bestimmt die Bedingungen eines Vertrages.
Dieser Vertrag kann also nicht vom Agenten mit Hilfe von Verhandlungen beeinflusst werden. Der
Prinzipal muss dabei berücksichtigen, dass der Agent auf Anreize reagiert. Die Bereitschaft, der
Aufgabe mit Arbeitseifer nachzugehen, ist durch die damit involvierten Kosten beschränkt. Ohne
eine Beteiligung am Gewinn, also im Falle eines Pauschallohns, wird daher „Faul“ die dominante
Strategie des Agenten sein. Damit ist der Umsatz des Prinzipals gering und er wird Verluste machen.
Im Falle einer Beteiligung verfallen 30% des Umsatzes. Dies steht anschaulich für die Transakti-
onskosten einer Beteiligung des Agenten. So müsste jeweils der Umsatz, an dem der Agent zu be-
teiligen ist, bestimmt werden und die Werte für den Agenten nachprüfbar sein. Zudem könnte der
Agent risikoavers sein und ein schwankendes Einkommen aus der Beteiligung weniger wertschät-
zen. Diese Kosten können sich aber lohnen. Der Agent wird aufgrund seiner 50% Beteiligung „Ak-
tiv“ oder „Fleißig“ als Strategie wählen, da dort sein Gewinn am höchsten ist. Mit dem Angebot
einer Beteiligung statt eines Pauschallohns kann der Prinzipal damit einen Verlust für sich selbst
vermeiden. Diese Grundüberlegungen gilt es nun genauer in ein Modell zu integrieren.

Prinzipal-Agenten-Modell mit Risikoneutralität

Der Prinzipal ist der Eigentümer. Der Gewinn 𝑄 (in € gemessen) hängt vom Einsatz 𝑒 des Agenten
(Managers) ab, 𝑄 = 𝑒. Der Prinzipal kann hierbei 𝑒 nicht beobachten, wohl aber 𝑄. Im determinis-
tischen Fall ist die Gewinnhöhe nicht von stochastischen Elementen abhängig. Da in diesem Fall
eine klare Beziehung zwischen Einsatz 𝑒 und Gewinn 𝑄 vorliegt, kann der Prinzipal den Einsatz
indirekt bestimmen. Hier läge also keine asymmetrische Information vor. Sobald der Zusammen-
hang zwischen Gewinn 𝑄 und Einsatz 𝑒 nicht mehr deterministischer Natur sondern stochastisch ist,
ist es nun nicht mehr möglich, den Arbeitseinsatz indirekt herzuleiten. Ein exogener Umwelteinfluss
(Schock) 𝜃 beeinflusst die Produktion gemäß:

𝑄 =𝑒+𝜃 (1)

𝜃 ist eine normalverteilte Zufallsvariable mit Mittelwert Null und Varianz 𝜎 2 . Funktion (1) ist in
der nachstehenden Grafik dargestellt. Es gilt also 𝐸(𝑄) = 𝑒. Der Prinzipal kann weder den Arbeits-
einsatz des Agenten 𝑒 noch den Schock 𝜃 beobachten. Er beobachtet nur den Gewinn 𝑄. Ein geringer
Gewinn kann nun nicht mehr auf geringen Arbeitseinsatz zurückgeführt werden, da auch ein nega-
tiver Schock als Ursache in Frage kommt. Es liegt also asymmetrische Information zweierlei Art
vor: hidden action (der Einsatz 𝑒 des Agenten ist dem Prinzipal unbekannt) und hidden information
(nach Vertragsschluss auftretende Umwelteinflüsse 𝜃 sind dem Prinzipal unbekannt). Die Vertei-
lung von 𝜃 ist exogen vorgegeben, kann also nicht vom Prinzipal oder vom Agenten beeinflusst
werden.

53
0,4

0,3

0,2

0,1

0
e-3 e-2 e-1 e e+1 e+2 e+3

Die Reihenfolge der strategischen Züge lässt sich der untenstehenden Grafik entnehmen. Der Prin-
zipal macht den Anfang, indem er einen Vertrag entwirft und diesen einem Agenten vorlegt. Der
Agent entscheidet über die Annahme oder Ablehnung des Vertrages und bestimmt im Falle der An-
nahme die Höhe seines Einsatzes 𝑒. Danach bestimmt die Natur das Ausmaß des Schocks. Insgesamt
ergibt sich daraus die Höhe des Gewinns 𝑄.

Der Agent wird bei der Entscheidung über seinen Einsatz 𝑒 damit einhergehende subjektiv empfun-
dene Kosten berücksichtigen, das sogenannte Arbeitsleid 𝑐 (auch in € gemessen). Hierzu gilt

𝑘
𝑐(𝑒) = 𝑒 2 (2)
2

Die marginalen Kosten des Einsatzes steigen dabei mit höherem Einsatz weiter an. Hierbei gibt 𝑘 >
0 die Rate an, mit der ein Anstieg der Einsatzmenge die marginalen Kosten erhöht, 𝑐 ′ = 𝑘𝑒. Der
Prinzipal möchte dem Agenten einen Lohnsatz 𝑤 gemäß dem Arbeitseinsatz 𝑒 bezahlen. Dies geht
aber nicht, da dieser unbekannt ist. Er kann den Lohn lediglich als eine Kombination eines Pauschal-
lohns 𝑟 und einer gewinnabhängigen Komponente 𝛼𝑄 bestimmen:

𝑤 = 𝑟 + 𝛼𝑄 (3)

Das um das Arbeitsleid korrigierte Einkommen des Agenten 𝐴 beträgt

𝑘
𝐴 = 𝑤 − 𝑐(𝑒) = 𝑟 + 𝛼𝑄 − 𝑒 2 (4)
2

Da das Einkommen von Prinzipal und Agent unsicher ist, spielt die Risikoneigung der beiden Ak-
teure eine Rolle bei der Bestimmung des optimalen Vertrages. Sofern beide risikoneutral sind, ist
die Lösung einfacher. 𝐴 kann dann als Nutzengröße interpretiert werden. Sofern wir Risikoaversion
unterstellen, ist 𝐴 keine Nutzengröße, sondern, wie oben bezeichnet, eine um das Arbeitsleid korri-
gierte Einkommensgröße.

Wir nehmen an, dass der Agent nicht dazu gezwungen werden kann, den Vertrag anzunehmen. Wir
wollen also die Sklaverei ausschließen. Er wird den Vertrag dabei nur dann akzeptieren, wenn er
durch diesen ein Mindestniveau an Nutzen 𝐴0 erreicht. Dieses wird plausiblerweise durch seine

54
nächstbeste alternative Beschäftigung bestimmt. Diese Teilnahmebedingung wird auch participa-
tion constraint (PC) genannt. Wir unterstellen der Einfachheit halber 𝐴0 = 0. Damit folgt

𝐸(𝐴) ≥ 0 (5)

Die Teilnahmerestriktion (5) wird sicherlich bindend sein, da der Prinzipal dem Agenten möglichst
𝑘
wenig überlassen will. Es gilt also 𝐸(𝐴) = 𝐸 (𝑟 + 𝛼𝑄 − 𝑒 2 ) = 0. Zum Erwartungswert ist wichtig
2
zu wissen, dass dies ein linearer Operator ist. Es gelten die allgemeinen Gesetze 𝐸(𝑋 + 𝑌) =
𝐸(𝑋) + 𝐸(𝑌) und für einen konstanten Wert 𝑠 gilt 𝐸(𝑠𝑋) = 𝑠𝐸(𝑋). Wird dies angewandt, so folgt
die participation constraint:

𝑘 𝑘
𝐸(𝐴) = 𝑟 + 𝛼𝑒 − 𝑒 2 = 0 ⇔ 𝑟 = 𝑒 2 − 𝛼𝑒 (PC)
2 2

Nach der Entscheidung über die Annahme des Vertrages wird der Agent durch Variation seines
Einsatzes 𝑒 den Erwartungswert seines um das Arbeitsleid korrigierten Einkommens maximieren:

𝑘
𝑀𝑎𝑥𝑒 𝐸(𝐴) = 𝑀𝑎𝑥𝑒 (𝑟 + 𝛼𝑒 − 𝑒 2 )
2

Im Maximum muss die erste Ableitung Null betragen und es folgt

𝛼
𝑒= (IC)
𝑘

Wie sich leicht zeigen lässt, ist die Bedingung zweiter Ordnung erfüllt. Diese Gleichung ist die
Bedingung der Anreizkompatibilität, die incentive constraint. Sie gibt dabei die Reaktion des Agen-
ten auf den Anreizvertrag des Prinzipals wieder. Hierbei zeigt sich, dass der Einsatz des Agenten
mit der Gewinnbeteiligung steigt und ohne eine solche Beteiligung kein Einsatz geleistet wird.

Der Prinzipal wird im Vertrag bestimmen, welchen Pauschallohn 𝑟 und welchen Anteil am Gewinn
𝛼 er dem Agenten überlässt. Bei der Maximierung seines erwarteten Nettogewinns 𝐸(𝑄 − 𝑤) wird
er berücksichtigen, dass der Agent 𝐸(𝐴) maximiert und gleichzeitig 𝐴0 = 0 nicht unterschritten
werden darf. Es gilt also insgesamt:

𝑀𝑎𝑥𝑟,𝛼 𝐸(𝑄 − 𝑤) = 𝑀𝑎𝑥𝑟,𝛼 ((1 − 𝛼)𝑒 − 𝑟) (6)

𝛼
mit den Nebenbedingungen 𝑒= (IC)
𝑘
𝑘 2
und 𝑟= 𝑒 − 𝛼𝑒. (PC)
2

𝑘 𝑘
Einsetzen der PC erbringt 𝑀𝑎𝑥 𝛼 ((1 − 𝛼)𝑒 − 𝑒 2 + 𝛼𝑒) = 𝑀𝑎𝑥 𝛼 (𝑒 − 𝑒 2 ). Der Prinzipal kann
2 2
nicht 𝑒, sondern nur 𝛼bestimmen. Wir müssen also die IC einsetzen und erhalten:

𝛼 𝑘 𝛼 2 𝛼 𝛼2
𝑀𝑎𝑥 𝛼 𝐸 ( − ( ) ) = 𝑀𝑎𝑥 𝛼 ( − ).
𝑘 2 𝑘 𝑘 2𝑘

1 𝛼
Im Maximum ist die erste Ableitung gleich Null und es folgt − = 0. Den optimalen Gewinnan-
𝑘 𝑘
teil bezeichnen wir mit 𝛼 ∗ und erhalten 𝛼 ∗ = 1. Der Prinzipal wird also die Verantwortung für die
Produktion vollständig an den Agenten delegieren. Da er den Arbeitseinsatz nicht beobachten kann,
ist es optimal, den einsatzabhängigen Gewinn vollständig an den Agenten abzutreten. Der Agent
1
wird das volle Risiko übernehmen. Für den Arbeitseinsatz folgt gemäß IC: 𝑒 ∗ = . Für das optimale
𝑘
feste Einkommen 𝑟 ∗ gilt im Optimum

55
𝑘 𝑘 1 2 1 1
𝑟 ∗ = 𝑒 ∗2 − 𝛼 ∗ 𝑒 ∗ = ( ) − ( ) = − .
2 2 𝑘 𝑘 2𝑘

Der Agent muss einen Betrag an den Prinzipal entrichten, damit er den vollen Gewinnanteil 𝛼 ∗ = 1
erhält. Statt eines Pauschallohns für den Agenten muss dieser also eine Pauschalgebühr bezahlen.
Dies entspricht einem Lizenz-Vertrag. Der Prinzipal überlässt dem Agenten vollständig das Ge-
schäft und kassiert eine feste Gebühr für die Nutzung der Rechte. Der erwartete Lohn im Optimum
ist dann:

1 1 1
𝐸(𝑤 ∗ ) = 𝑟 ∗ + 𝛼 ∗ 𝐸(𝑄∗ ) = − + =
2𝑘 𝑘 2𝑘

𝑘 𝑘 1 2 1
Dies entspricht gerade dem Arbeitsleid 𝑐(𝑒 ∗ ) = 𝑒 ∗2 = ( ) = . Das um das Arbeitsleid korri-
2 2 𝑘 2𝑘
gierte Einkommen beträgt also gerade Null, was bereits durch die PC ausgedrückt wurde. Der er-
wartete Nettogewinn des Prinzipals beträgt

1 1 1
𝐸(𝑄 ∗ − 𝑤 ∗ ) = − =
𝑘 2𝑘 2𝑘

Der Agent erhält also 50% des Bruttogewinns als Kompensation für den Arbeitseinsatz, die andere
Hälfte behält der Prinzipal. Es liegt ein perfekter Anreiz für einen optimalen Arbeitseinsatz vor.
Diese Lösung wird daher als erstbeste Lösung bezeichnet (first-best). Eine solche Lösung mit 𝑒 ∗ =
1
würde sich auch einstellen, wenn vollständige Information vorläge. Bei vollständiger Information
𝑘
würde die IC entfallen, da der Prinzipal 𝑒 direkt steuern kann. Lösen wir Gleichungssystem (6) aber
1
ohne IC, so ergibt sich ebenfalls 𝑒 ∗ = . Wir könnten dann keine Aussage mehr in Bezug auf 𝛼
𝑘
machen. Im Falle vollständiger Information könnte der Prinzipal nämlich den optimalen Arbeitsein-
satz sowohl durch Zahlung eines gewinnabhängigen Anteils als auch durch einen höheren Pauschal-
lohn erreichen. Er ist lediglich durch die PC gebunden.

Modell mit Risikoaversion

Das bisherige Resultat erforderte einigen Aufwand und erbrachte dabei ein eher bescheidenes Re-
sultat. Die vollständige Übertragung der Kontrolle an einen risikofreudigen Agenten war zwar ein
aufschlussreiches Ergebnis, aber in Anbetracht des gesammelten Wissens der vorherigen Kapitel
nicht besonders überraschend. Erst mit der Annahme von Risikoaversion bietet das Modell einen
systematischen Mehrwert. Diese Annahme lässt sich relativ einfach in das Modell einbringen.

Die Annahme zur Risikoneutralität des Prinzipals lässt sich gut vertreten. Prinzipale sind zwar Men-
schen wie andere auch. Aber sie können ihr Eigentum diversifizieren, indem sie jeweils kleine An-
teile mehrerer Firmen halten. Das dort jeweils eingegangene Risiko wird durch unkorrelierte Risiken
anderer Unternehmensanteile neutralisiert. Vereinfachend können wir daher Prinzipalen ein risiko-
neutrales Verhalten unterstellen. Das Gleiche gilt aber nicht für Agenten. Als Manager einer Firma
beziehen sie nur von dort Einkommen. Schwankungen im Einkommen werden dann nicht durch
andere Einkommen aufgefangen.

Um Risikoaversion des Agenten zu modellieren, unterstellen wir die Maximierung einer von
Neumann-Morgenstern Nutzenfunktion. Um eine einfache algebraische Funktion zu erhalten, un-
terstellen wir eine Nutzenfunktion mit konstanter absoluter Risikoaversion. Diese ergibt sich mit der
Eulerschen Zahl 2,718 als Basis einer Exponentialfunktion, da dies die einzige Zahl ist, bei der die
Ableitung identisch ist zur Stammfunktion:

𝑈(𝐴) = −2,718−𝑎𝐴 , 𝑎 > 0 (7)

56
Der Verlauf in Abhängigkeit von 𝐴 wird in der obenstehenden Grafik dargestellt. Das Nutzenniveau
ist dort generell negativ, was für die Analyse unerheblich ist. Wichtiger ist der konkave Verlauf, bei
dem das Nutzenniveau in einem konstanten Verhältnis zur Steigung steht. Dies hat die analytisch
angenehme Eigenschaft, dass sich in einfacher Form das Sicherheitsäquivalent bestimmen lässt. Wir
bezeichnen dies mit 𝐶(𝐴) und meinen damit ein sicheres Einkommen, das nutzenmäßig dem unsi-
cheren Einkommen entspricht:

𝑎
𝐶(𝐴) = 𝐸(𝐴) − 𝛼 2 𝜎 2. (8)
2

Das Sicherheitsäquivalent 𝐶(𝐴) unterscheidet sich vom im Durchschnitt erwarteten Einkommen


𝑎
E(A) durch eine Risikoprämie 𝛼 2 𝜎 2. Der risikoaverse Agent ist bereit, für ein sicheres Einkommen
2
einen Abschlag hinzunehmen gegenüber einem unsicheren Einkommen. Der Parameter a kenn-
zeichnet das Ausmaß der Risikoaversion. Das Einkommen schwankt mit der Varianz des Schocks
𝜎 2 und dem Ausmaß der Beteiligung des Agenten am Gewinn 𝛼 2. Durch Einsetzen von 𝐸(𝐴) folgt

𝑘 𝑎
𝐶(𝐴) = 𝑟 + 𝛼𝑒 − 𝑒 2 − 𝛼 2 𝜎 2. (9)
2 2

Der Agent wird nun seinen erwarteten Nutzen maximieren:

𝑘 𝑎
𝑀𝑎𝑥𝑒 𝐶(𝐴) = 𝑀𝑎𝑥𝑒 (𝑟 + 𝛼𝑒 − 𝑒 2 − 𝛼 2 𝜎 2 )
2 2

0
0 0,2 0,4 0,6 0,8 1 1,2 1,4 1,6 1,8 2
-0,2
Nutzen U(A)

-0,4

-0,6

-0,8

-1
Um das Arbeitsleid korrigiertes Einkommen A
𝛼
Aus der ersten Ableitung folgt erneut die bekannte incentive constraint 𝑒 = . Zusätzlich hat sich
𝑘
nun aber die participation constraint geändert. Der Agent darf durch die Teilnahme nicht schlechter
gestellt werden, es gilt also 𝐶(𝐴) = 0. Dies impliziert

𝑘 𝑎
𝑟 = 𝑒 2 − 𝛼𝑒 + 𝛼 2 𝜎 2 (PC‘)
2 2

Der Prinzipal hat nun folgendes System zu lösen:

𝑀𝑎𝑥𝑟,𝛼 𝐸((1 − 𝛼)𝑒 − 𝑟) (10)

𝛼
mit den Nebenbedingungen 𝑒= (IC)
𝑘
𝑘 𝑎
und 𝑟 = 𝑒 2 − 𝛼𝑒 + 𝛼 𝜎 . 2 2
(PC‘)
2 2

𝑘 𝑎
Einsetzen von PC‘ erbringt 𝑀𝑎𝑥 𝛼 𝐸 (𝑒 − 𝑒 2 − 𝛼 2𝜎 2 ) und mit Einsetzen von IC folgt
2 2
𝛼 𝛼2 𝑎 2 2
𝑀𝑎𝑥 𝛼 ( − − 𝛼 𝜎 ). Als Bedingung für ein Maximum gilt, dass die erste Ableitung
𝑘 2𝑘 2

57
1 𝛼
Null sein muss, − − 𝑎𝛼𝜎 2 = 0. Daraus folgt für das Optimum bei Risikoaversion, das wir mit
𝑘 𝑘
α∗∗ kennzeichnen:

1
𝛼 ∗∗ = 1+𝑘𝑎𝜎2 < 1 (11)

Wir sehen, dass der Gewinnanteil positiv ist, da 𝑘𝑎𝜎 2 > 0. Ferner ist α∗∗ < 1. Das bedeutet, dass
der Agent nicht das gesamte Risiko übernimmt; das Risiko wird geteilt. Der im Gewinnmaximum
resultierende Arbeitseinsatz ist:

1 1
𝑒 ∗∗ = 𝑘(1+𝑘𝑎𝜎2 ) < 𝑘

Der Agent wird also weniger Einsatz leisten als im Fall mit sicherem Ausgang, Risikoneutralität
oder symmetrischer Information. Der gewinnunabhängige Lohn beträgt nun gemäß PC:

𝑘 𝑎 𝛼 ∗∗2 𝛼 ∗∗2 𝑎 ∗∗2 2


𝑟 ∗∗ = 𝑒 ∗∗2 − 𝛼 ∗∗ 𝑒 ∗∗ + 𝛼 ∗∗2 𝜎2 = − + 𝛼 𝜎
2 2 2𝑘 𝑘 2

𝛼∗∗2 𝑘𝑎𝜎 2 − 1
= [𝑘𝑎𝜎 2 − 1] = .
2𝑘 2
2𝑘(1 + 𝑘𝑎𝜎2)
1
Es gilt hierbei 𝑟 ∗∗ > − = 𝑟 ∗ , wie sich leicht zeigen lässt. Der Prinzipal muss dem Agenten also
2𝑘
einen höheren gewinnunabhängigen Lohn bezahlen als im Fall mit symmetrischer Information oder
Risikoneutralität. Für den Fall 𝑘𝑎𝜎 2 − 1 > 0 ist diese Zahlung positiv, also bei starker Risikoaver-
sion 𝑎, hoher Streuung des Risikos 𝜎 2 oder hinreichend großem Anstieg der marginalen Kosten des
Einsatzes 𝑘. In diesen Fällen ist der Gewinnanteil 𝛼 entsprechend geringer. Der Einsatz 𝑒 fällt dabei
auch geringer aus, weil das Setzen von Anreizen hierbei zu kostspielig ist.

Der Verlauf der Funktionen kann für 𝛼 ∗∗ und 𝑟 ∗∗ grafisch dargestellt werden, wie oben zu sehen.
Der optimale Gewinnanteil 𝛼 ∗∗ sinkt mit steigender Risikoaversion 𝑎, erhöhter Streuung des Risikos
𝜎 2 und größerem Grenzleid des Arbeitseinsatzes k. Bei 𝑘𝑎𝜎 2 = 0 liegt Risikoneutralität vor, feh-
lende Schocks oder ein Grenzleid der Arbeit von Null. In diesem Fall kann die erstbeste Lösung

58
1
erreicht werden und es gilt 𝛼 ∗∗ = 1. Für den Fall, dass 𝑘𝑎𝜎 2 = 1, ergibt sich gerade 𝛼 ∗∗ = und
2
die gewinnunabhängige Entlohnung ist gerade gleich Null. Während 𝛼 ∗∗ monoton fällt mit steigen-
dem 𝑘𝑎𝜎 2, ergibt sich für den Pauschallohn 𝑟 ∗∗ zuerst ein Anstieg und dann ein Abfall. Ausgehend
von der erstbesten Lösung wird mit steigendem 𝑘𝑎𝜎 2 zunächst die gewinnabhängige Entlohnung
reduziert und dafür die gewinnunabhängige Entlohnung zur Kompensation angehoben. Mit einem
weiteren Anstieg von 𝑘𝑎𝜎 2 sinken beide Anteile der Entlohnung. Der Grund hierfür liegt darin, dass
ein geringeres 𝛼 ∗∗ jeweils mit einem niedrigeren Einsatz 𝑒 ∗∗ einhergeht. Die gesamte Entlohnung 𝑤
muss daher nicht mehr so groß ausfallen, um den Agenten noch zur Teilnahme zu bewegen.

Beispiel 1: Der Franchise-Vertrag

Ein Franchise-Vertrag ist als eine Zwischenlösung zwischen zwei Extremen 𝛼 = 1und 𝛼 = 0an-
zusehen. Hierbei überträgt ein Franchise-Geber das Recht, einen Geschäftsnamen zu verwenden
sowie ein Produkt oder eine Dienstleistung zu veräußern, an einen Geschäftspartner in der Rolle des
Franchise-Nehmers. Ein Franchise-Vertrag spezifiziert üblicherweise die territorialen Rechte des
Franchise-Nehmers, die Unterstützung des Franchise-Gebers im Bereich Ausbildung und Marketing
sowie fixe oder umsatzabhängige Zahlungen. Solche Verträge finden sich typischerweise bei Fast-
Food Restaurants, Hotels und im Einzelhandel. Die Verträge sind dadurch motiviert, dass ein Prin-
zipal (der Franchise-Geber) nicht die Kapazitäten hat, um lokale Niederlassungen selbst zu betrei-
ben, und dass Anreize für eine hohe Motivation gesetzt werden sollen. Ein Franchise-Geber muss
allerdings die Produkt-Qualität genau kontrollieren, da ein Franchise-Nehmer sonst mit billigen
Vorprodukten seinen Profit auf Kosten der Reputation des Franchise-Gebers steigern wird. Es wer-
den teilweise fixe, monatliche Franchise-Gebühren vom Franchise-Nehmer entrichtet, diese fallen
aber zumeist gering aus oder können ganz entfallen. Insofern ist der Franchise-Vertrag zumeist nahe
1
an einem Prinzipal-Agenten-Vertrag mit 𝛼 = .
2

Beispiel 2: Antike Handelskredite

Ein antikes Beispiel für einen Handelskredit zeigt eine Parallele zum Prinzipal-Agenten Modell.
Bereits in Mesopotamien finden sich Vorbilder für solche Handelskredite, genauso im antiken Grie-
chenland und in Rom. Ähnlich zu einem Prinzipal beauftragte ein Geldgeber einen Schiffskapitän
in der Rolle des Agenten mit der Durchführung einer Handelstransaktion. Der Kapitän organisierte
die Schiffsreise, lud zu exportierende Fracht wie Kupfer oder Silber in Ur, Athen oder Rom auf ein
Schiff, ging auf Reisen im Persischen Golf, im Schwarzen Meer oder im Mittelmeer und brachte
von dort Waren wie beispielsweise Nahrungsmittel oder Gewürze zurück. Nach der Rückkehr wur-
den importierte Produkte verkauft, Gewinne zwischen Geldgeber und Kapitän aufgeteilt und das
vertragliche Verhältnis aufgelöst.

Der Geldgeber erzielte einen Gewinn nur dann, wenn das Schiff mit seiner Ladung wieder im Hafen
ankam. Sank das Schiff stattdessen, so trug der Geldgeber das Risiko und verlor sein eingesetztes
Kapital. Ähnlich wie beim Prinzipal-Agenten Modell konnte sich ein Kapitän opportunistisch ver-
halten. Bereits frühe Beispiele aus Mesopotamien zeigen, dass Kapitäne nicht lediglich nachlässig
oder faul waren, sondern absichtlich die Handelsware verkauften und danach das leere Schiff ver-
senkten. Geldgeber achteten daher darauf, dass Kapitäne hinreichend Anreize zur Erfüllung des Ver-
trages hatten, insbesondere einen Anteil am Gewinn. Auch in den italienischen Stadtstaaten Venedig
oder Genua entwickelten sich ähnliche Handelskredite. Nach Abzug der Kosten für Schiff, Mann-
schaft und Exportwaren erhielt der Geldgeber zumeist ¾ des Gewinns und der Kapitän ¼. Kapitäne,
die selbst Kapital zur Verfügung stellten, erhielten einen größeren Anteil.

59
Beispiel 3: Ein Bonus für Investment-Banker

Empirisch lässt sich beobachten, dass für verschiedene Berufsgruppen wie Vertriebsmitarbeiter, In-
vestmentbanker und CEOs ein hoher Anteil der Entlohnung gewinnabhängig erfolgt. Demgegenüber
erhalten Mitarbeiter im Bereich der Kreditvergabe einer Bank einen Pauschallohn. Der Grund be-
steht in den measurement costs.

Würden Mitarbeiter für Höhe und Anzahl der vergebenen Kredite entlohnt werden, so würden auch
zweifelhafte Kunden an Geld gelangen. Das Problem besteht darin, dass es schwer ist, den Zusam-
menhang zwischen dem Verhalten des Mitarbeiters und dem späteren Gewinn der Bank zu messen.
Wenige vergebene Kredite könnten sowohl Folge von Faulheit des Mitarbeiters als auch Fleiß beim
Erkennen von dubiosen Kunden sein. Der Gewinn Q ist damit stark von Größen abhängig, die die
Bank nicht beobachten kann. Wir können sagen, 𝜎 2 ist besonders groß. Demgegenüber ist der Bei-
trag eines Investment-Bankers zum Firmengewinn leichter messbar. Die bei einer Firmenübernahme
fällige Gebühr oder die im Kurs gestiegenen Aktien beim Eigengeschäft einer Bank erlauben es, den
Beitrag eines Mitarbeiters zum Gewinn einer Bank zu bestimmen. Wir können sagen, 𝜎 2 ist kleiner.
Daraus ergibt sich ein höherer Gewinnanteil α für Vertriebsmitarbeiter, Investmentbanker und
CEOs.

Mindestens zwei Probleme sollten aber nach den Erfahrungen der Finanzkrise nicht vergessen wer-
den. Erstens werden Boni für Gewinne ausgeschüttet, aber Investmentbanker kaum an den Verlusten
beteiligt. Das Prinzipal-Agenten-Modell legt nahe, dass dies geändert werden sollte, damit Invest-
mentbanker stärker auf die Risiken ihrer Geschäfte achten. Bei negativen Gewinnen 𝑄 < 0 sollte
daher auch ein negatives Einkommen für einen Agenten resultieren können. Zweitens lässt sich zwar
gut messen, inwieweit ein Mitarbeiter zum Gewinn beigetragen hat, aber weniger, ob dies auf Glück
oder Arbeitseinsatz zurückgeführt werden sollte. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Zufall hier
eine größere Rolle spielt. Während viele Banker meinten, ihr hoher Arbeitseinsatz 𝑒 und ihr Können
seien verantwortlich für den Gewinn, war es vielmehr eine Immobilien- und Aktienblase. Im Rück-
blick war ein Einfluss (und die Varianz) des Schocks 𝜃 größer als anfangs vermutet.

Beispiel 4: Neuseelands Anreize für Zentralbanker

In demokratischen Systemen sind die Bürger eines Landes in der Rolle des Prinzipals. Sie entschei-
den an der Wahlurne über zentrale politische Institutionen und Mehrheiten. Die von ihnen gewählte
Regierung besetzt die Zentralbank des Landes und übernimmt die Rolle des Agenten. Aber Zentral-
banker haben einen Informationsvorsprung gegenüber den Bürgern des Landes. Sie bestimmen mit
ihrer Politik letztlich über die Höhe der Inflationsrate. Die Bürger hoffen hierbei auf Preisniveausta-
bilität, damit ihre Ersparnisse langfristig vor Entwertung geschützt sind. Neben dieser Information-
sasymmetrie herrscht aber auch ein Interessenkonflikt. Die Zentralbank möchte, dass alle Bürger
Preisniveaustabilität erwarten. Aber kurzfristig könnte sie einen Vorteil darin sehen, eine laxe Geld-
politik zu betreiben. Hiermit kann sie die Arbeitslosigkeit bekämpfen, Investitionsprojekte anstoßen
und den Schuldenstand der Regierung senken. Die Nachteile einer laxen Geldpolitik sind erst lang-
fristig in Form höherer Preise sichtbar. Die Zentralbank hat damit einen Anreiz zu moral hazard,
bei der sie eine strikte Geldpolitik ankündigt und hiervon abweicht, wissend, dass die Bürger die
negativen Konsequenzen zu tragen haben.

Am 1. Februar 1990 wurde der Reserve Bank Act in Neuseeland in Kraft gesetzt, ein neuartiges
Gesetzeswerk, das zum Ziel hatte, den Konflikt zwischen Zentralbank und Bürgern zu entschärfen.
Hierbei muss die Zentralbank vorab Ziele ihrer Politik bestimmen, beispielsweise eine Inflationsrate
in Höhe von 0-2%. Ferner wurde festgelegt, dass im Falle eines Verfehlens dieses Ziels die Regie-
rung den Zentralbankgouverneur entlassen kann. Damit entsteht ein Anreizvertrag für den Zentral-
banker, mit dem moral hazard verhindert wird. Der Zentralbanker wird eine volkswirtschaftlich
vernünftige Höhe der Inflationsrate ankündigen und hat danach keinen Anreiz mehr, davon abzu-
weichen. Im Falle einer unerwarteten Krise würde er von diesem Ziel eventuell abweichen wollen.

60
Aber er setzt sich damit dem Risiko einer Kündigung aus und wird besser abwägen zwischen den
Vorteilen und den Risiken einer erhöhten Inflation.

Ein Trend zu zunehmender Delegation

Das Zitat von Adam Smith auf S. 52 betonte die Schwierigkeit der Delegation und die zu erwarten-
den hohen Kosten. Eine Trennung von Eigentum und Kontrolle sollte sich dann nur selten lohnen.
Tatsächlich sehen wir aber, dass Unternehmen mit einer solchen Trennung sich seit langem ausbrei-
ten. Aktiengesellschaften mit breitem Streubesitz sind heute weltweit für einen Großteil der Produk-
tion verantwortlich. Demgegenüber wurden Partnerschaften und Einzelunternehmen, also Unterneh-
men bei denen Eigentum und Kontrolle in einer Hand liegen, immer weiter zurückgedrängt und
tragen weniger zum Inlandsprodukt bei.

Eine erste Erklärung besteht darin, dass oftmals eine Delegation unvermeidlich ist, sobald der Prin-
zipal selbst gar nicht alleine handeln kann. Vermögende Minderjährige müssen beispielsweise ihre
wirtschaftlichen Transaktionen durch einen gesetzlichen Vertreter, zumeist die Eltern, vollziehen
und damit Aufgaben an diese delegieren. Für Organisationen gilt dies noch zwingender. Wir werden
im Laufe dieses Buches noch auf Organisationen wie Vereine und Aktiengesellschaften eingehen.
Diese sind nur durch ihre jeweiligen Vertreter handlungsfähig. Sie delegieren automatisch Aufgaben
an hierfür ausgewählte Agenten und sind ohne diese nicht handlungsfähig. Mit der Ausbreitung
dieser Organisationen hat insgesamt die Rolle der Delegation im Laufe der Jahrhunderte zugenom-
men.

Aber wieso konnten Organisationen in Anbetracht der Kosten einer Delegation so erfolgreich wer-
den? Warum unterschlägt nicht jeder Vorsitzende das Eigentum seines Vereins und nicht jeder Vor-
standvorsitzende den Gewinn der Aktiengesellschaft und bewirkt damit hohe Kosten und Risiken
einer Delegation? Eine realistische Vermutung wäre, dass die Kosten für Delegation sanken, sobald
eine kritische Masse von Aktiengesellschaften entstanden war. Nach der Welle von Gründungen
von Eisenbahnunternehmen zwischen 1825 und 1850 könnte dies der Fall gewesen sein. Sobald
diese kritische Masse erreicht war, wurden Kohorten von Managern für die Leitung von Unterneh-
men ausgebildet, die mit Nachweisen ihrer bisherigen Erfolge und Gewinne konkurrierten und es
für vorteilhaft hielten, sich einen Ruf der Glaubwürdigkeit aufzubauen. Die Aktienmärkte waren
liquide genug, um den Erfolg von Managern zeitnah abzubilden, so dass sie als externes Überwa-
chungsinstrument fungierten. Dies korrespondierte mit einer zunehmend professionellen Ausbil-
dung von Buchhaltern, externen Rechnungsprüfern und staatlichen Aufsehern. Richter und Juristen
gewöhnten sich an die Prinzipien der beschränkten Haftung. Dieses Habitat an ausgebildeten Spe-
zialisten hat die Kosten der Delegation im 19. Jhdt. zunehmend verringert.

Quiz und Anhänge

Das Verhältnis zwischen folgenden Akteuren lässt sich als Prinzipal-Agenten-Beziehung beschrei-
ben
1. Ehefrau und Ehemann.
2. Firma und Konkurrent.
3. Versicherungsnehmer und Versicherung.
4. Patient und Arzt.

Im Prinzipal-Agenten-Modell wird der Agent optimalen Einsatz leisten,


1. wenn der Prinzipal den Einsatz nicht beobachten kann.
2. wenn der Prinzipal ein Einkommen nur mit einer vom Agenten gezahlten Pauschalgebühr
erzielt.
3. wenn der Prinzipal die Umweltbedingungen nicht beobachten kann.
4. wenn der Prinzipal einen Teil des Umsatzes für sich behält.

61
Unter der incentive constraint versteht man
1. die Anreize, die der Prinzipal dem Agenten setzt.
2. die Drohung des Agenten, auf seine nächstbeste alternative Beschäftigung auszuweichen.
3. die aus einem Nutzenkalkül stammende Verhaltensweise des Agenten.
4. die Beschränkung, die aus dem vom Prinzipal bestimmten Vertrag resultiert.

Unter der participation constraint versteht man


1. die Bedingung, die den Agenten von einer alternativen Beschäftigung abhält.
2. den Pauschallohn, den der Prinzipal dem Agenten bezahlt.
3. die variable Entlohnung, die dem Agenten einen Arbeitsanreiz bietet.
4. die Beschränkung, die aus dem vom Prinzipal bestimmten Vertrag resultiert.

Die optimale gewinnunabhängige Entlohnung r ∗∗ ist am höchsten,


1. wenn die gewinnabhängige Entlohnung 0,5 < α < 1 beträgt.
2. wenn die gewinnabhängige Entlohnung α = 0 beträgt.
3. wenn die gewinnabhängige Entlohnung α = 0,5 beträgt.
4. wenn die gewinnabhängige Entlohnung 0 < α < 0,5 beträgt.

Im Vergleich zu Risikoneutralität muss der Prinzipal bei Risikoaversion des Agenten


1. einen höheren gewinnunabhängigen Lohn 𝑟 bezahlen.
2. einen negativen gewinnunabhängigen Lohn bezahlen.
3. einen höheren gewinnabhängigen Lohn α bezahlen.
4. für den höheren Einsatz insgesamt besser entlohnen.

Die historische Ausbreitung der Delegation


1. lässt sich mit zunehmender Verbreitung von Anreizverträgen erklären
2. erfolgte als eine kritische Masse an Unternehmen ein Habitat an spezilisierten Berufe und
Aktienmärkten mit sich brachte
3. war Folge hoher gesetzlicher Strafen gegen Agenten, die Eigentum unterschlagen
4. war Folge einer hohen Pauschalentlohnung für Agenten.

Ergänzende Literatur

Erlei, M, M. Leschke und D. Sauerland (1999: 74-76; 106-125).


Furubotn, E.G. und R. Richter (2005: 206-222).
Posner, E. (2000) Agency Models in Law and Economics. Law & Economics Working Paper No.
92, The Law School, University of Chicago.
Smith, A. (1776) An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Strahan and
Cadell: London.

Stichworte

Agent, Bonus, Delegation, Eigentum und Management, Franchise-Vertrag, incentive constraint,


participation constraint, Pauschallohn, Prinzipal, Risikoaversion, Risikoneutralität, Risikoprämie,
Sicherheitsäquivalent, Zentralbank.

Übungsaufgaben

Aufgabe 5.1
Es sei folgende Produktionsfunktion für den Gewinn Q und den Einsatz e gegeben:
𝑄 = 𝑒 + 𝜃,

62
wobei 𝜃 einen exogenen Schock kennzeichnet mit Mittelwert Null und Varianz 𝜎 2 = 1. Der Prinzi-
pal ist risikoneutral. Zuerst muss der Prinzipal einen Vertrag vorschlagen, dann entscheidet der
Agent über seine Teilnahme und seinen Einsatz und am Schluss tritt der Schock auf, mit dem dann
die Produktionshöhe bestimmt wird. Für den Lohn des Agenten kann der Prinzipal eine gewinnab-
hängige Komponente (𝛼𝑄) und eine gewinnunabhängige Komponente (𝑟) vorsehen. Der Agent ma-
ximiert sein Sicherheitsäquivalent, für welches sich folgende Beziehung bestimmen lässt:
1
𝐶(𝐴) = 𝑟 + 𝛼𝑒 − 𝑒 2 − 2𝛼 2
6
Bestimmen Sie die Teilnahmerestriktion des Agenten (participation constraint) unter der Annahme
𝐶(𝐴) = 0.
a) Angenommen, der Prinzipal könne die Höhe des Schocks 𝜃 beobachten. Zeigen Sie formal,
welchen Vertrag er im Optimum anbieten wird und bestimmen Sie den optimalen Einsatz 𝑒!
b) Angenommen, der Prinzipal könne weder den Arbeitseinsatz 𝑒 des Agenten noch den Schock
𝜃 beobachten. Bestimmen Sie das optimale Verhalten des Agenten, d.h. die sich hieraus für den
Prinzipal ergebende Anreizrestriktion (incentive constraint).
c) Ermitteln Sie den optimalen Gewinnanteil 𝛼 und den Einsatz 𝑒 im Optimum.

Aufgabe 5.2
In der nachstehenden Grafik sehen Sie den optimalen Gewinnanteil 𝛼 ∗∗ , den der Prinzipal einem
Agenten bezahlt, in Abhängigkeit der Risikoaversion 𝑎, der Varianz des Risikos 𝜎 2 und des Grenz-
leids des Arbeitseinsatzes 𝑘. Ordnen Sie die Punkte den untenstehenden Beschreibungen zu. Jeder
Punkt, A, B, C, D und E muss genau einmal eingetragen werden!

Beschreibung Hier bitte den


Punkt eintragen:
Hier beträgt der Pauschallohn Null.
Hier ist der Nettogewinn des Prinzipals am geringsten.
Hier ist der gesamte Lohn des Agenten (bestehend aus Pauschallohn und
Gewinnanteil) am höchsten.
Hier bezahlt der Agent eine Franchisegebühr und belässt dem Prinzipal ei-
nen Anteil am Gewinn.
Hier ist der Pauschallohn am höchsten.

Aufgabe 5.3
Sie sind Händler in Venedig im 13. Jhdt. und beauftragen einen Schiffskapitän, nach Akkon in Pa-
lästina Leinen und Seide zu bringen und von dort Pfeffer und Aromen zurückzubringen. Sie fürchten
dabei Piraterie und Betrug.
a) Warum geben Sie dem Kapitän nicht einen Kredit und lassen ihn auf eigenes Risiko den Handel
organisieren?

63
b) Sie entscheiden sich, dem Kapitän ¼ des Gewinns zu geben. Warum?

Aufgabe 5.4
Eine Fast-Food-Kette möchte sowohl in München als auch in Passau ein neues, zentral gelegenes
Restaurant eröffnen. Dabei kann sie weder den Einsatz der lokalen Betreiber, noch natürliche Ursa-
chen für Schwankungen des lokalen Umsatzes beobachten. Während in München die Nachfrage
nach Fast-Food-Produkten durch den kontinuierlichen Zustrom von Touristen keinen Schwankun-
gen unterliegt, ist die Nachfrage nach Fast-Food-Produkten in Passau stark schwankend. Wie wird
sich ein optimaler Vertrag in Passau von dem in München unterscheiden?

64
6. Investitionen

Ein Investor hat im Vorfeld Kosten zu tragen, die sich erst in der Zukunft langsam amortisieren.
Damit dies lohnend ist, muss sein Eigentum an der Investition geschützt sein. Darüber hinaus bedarf
eine Investition weiterer sie schützender Regeln. Es genügt nicht, das Eigentum des Investors zu
schützen, wenn unfaire Preise ähnlich wie eine Enteignung wirken können. Erst mithilfe geeigneter
Institutionen kann beispielsweise ein Ausgleich gefunden werden zwischen den Interessen eines
Investors und denen eines Zulieferers. Gleiches gilt für die Beziehung zwischen einem Investor und
einem Abnehmer. Welche Abhängigkeiten können Investitionen behindern? Welche Aufgaben
sollte der Investor haben? Welche Verantwortung sollten Zulieferer und Kunde übernehmen? Die
aus diesen Überlegungen resultierenden Institutionen werden in diesem Kapitel dargestellt.

Investition und Opportunismus

Probleme mit ex-post asymmetrischer Information und Opportunismus werden insbesondere dort
relevant, wo eine Transaktion nicht Zug um Zug erfolgt, sondern eine gewisse Zeitspanne zwischen
Leistung und Gegenleistung liegt. Dies ist bereits spürbar für Handwerker oder Ärzte, die zuerst
ihrer Arbeit nachgehen und danach auf die Begleichung ihrer Rechnung hoffen. Besonders lang ist
die Zeitspanne bei Investitionen. So werden dort Ressourcen zu einem frühen Zeitpunkt investiert;
eine Entlohnung hierfür erfolgt durch die Gegenseite aber erst viel später. Einmal gemachte Zusa-
gen, so ist zu befürchten, sind umso weniger bindend, je weiter der Zeitpunkt zurückliegt, zu dem
sie gemacht wurden.

Die Verknüpfung zwischen Investitionen und opportunistischem Verhalten steht im Zentrum der
Governancekostentheorie. Gemäß dieser Theorie droht Opportunismus nach der Durchführung von
Investitionen. Dies unterscheidet sich von der bisher ausgeführten Darlegung von hidden action.
Dort wurde auf das Verhalten einer Marktseite nach Abschluss eines Vertrages eingegangen, unab-
hängig davon, ob auch bereits eine Investition durchgeführt wurde. Demgegenüber steht jetzt das
Verhalten der Gegenseite nach Durchführung einer Investition im Vordergrund.

classEx: Vertrauen und Opportunismus

Zwei Spieler, Investor und Treuhänder , erhalten eine Anfangsausstattung


von 3 €. entscheidet, wie viel Geld er senden möchte (X), wobei der Betrag
vom Spielleiter verdreifacht wird. kann nun so viel zurücksenden (Y), wie er möchte. Zwei Run-
den werden mit jeweils neu zugelosten Spielern zur Probe gespielt. In der dritten Runde geht es um
echtes Geld. Zwei Paare werden ausgelost und erhalten die Auszahlungen in €.

Das classEx-Spiel illustriert die Schwierigkeit, einander zu vertrauen. Dieses Spiel wird sequentiell
gespielt, beinhaltet also keine simultane Wahl der Entscheidungen. Es muss also ein Investor zu-
nächst in Vorleistung treten und kann seine Strategiewahl nicht in Abhängigkeit des Verhaltens des
Treuhänders wählen. Kollektiv ist es vorteilhaft, wenn der Investor X=3 wählt. Aber es ist ungewiss,
ob sich der Treuhänder erkenntlich zeigen wird oder opportunistisch Y=0 wählt. Sind beide Spieler
eigennützig, so ist das Nash-Gleichgewicht durch X=0 und Y=0 gekennzeichnet. Dies ist für den

65
Treuhänder ungünstig. Der geringe Ertrag des Treuhänders resultiert daraus, dass er nicht glaubwür-
dig dem Investor zusichern kann, ihn für das anvertraute Geld gut zu entlohnen. Nach Erhalt des
Betrags lohnt sich ein opportunistisches Verhalten, bei dem der Treuhänder nichts zurücksendet.

Transaktionsspezifische Investitionen

Um eine Transaktion durchzuführen sind oftmals Investitionen nötig, beispielsweise um eine ver-
einbarte Leistung liefern zu können. Kaum sind solche transaktionsspezifischen Investitionen durch-
geführt, ergibt sich aber das Risiko des Opportunismus durch die Gegenseite. Transaktionsspezifi-
sche Investitionen sind außerhalb einer gegebenen Vereinbarung weniger wert, ihre Kosten sind also
teilweise in einer Beziehung „versunken“. Deshalb spricht man hier von sunk costs. Diese Investiti-
onen haben daher nicht mehr einen allgemeinen Wert für die Erstellung eines Produktes, das frei am
Markt verkauft werden kann; sie sind spezifisch für eine bestimmte Transaktion. Im Englischen wird
der Begriff relationship-specific investment verwendet.

Nach der Vertragsunterzeichnung selbst stellt Opportunismus noch keine Bedrohung dar, denn beide
Seiten könnten immer noch den Vertrag brechen, ohne hierbei hohe Einbußen zu erleiden. Erst nach
Durchführung der transaktionsspezifischen Investition ist Opportunismus eine Gefahr. Dies wird
deutlich anhand von fünf Arten dieser Investitionen:

1. Lokale Spezifität (site specificity): Zwischen einem Zulieferer und einem Abnehmer treten oft-
mals Transportkosten auf. Diese können vermieden werden, wenn der Zulieferer seine Betriebsstätte
nahe beim Abnehmer errichtet. Oder der Abnehmer entscheidet sich dafür, Transportkosten durch
eine Lage nahe bei einem Zulieferer zu vermeiden. Ein Beispiel hierfür wäre die enge Beziehung
zwischen einer Kohlengrube und einem Kohlekraftwerk. Wird das Kraftwerk als Abnehmer nahe
der Grube gebaut, so werden Transportkosten vermieden. Die Wahl der Betriebsstätte ist aber mit
Investitionen verbunden. Diese Investitionen sind nun spezifisch auf den Zulieferer ausgerichtet.

2. Sachkapitalspezifität (physical asset specificity): Für die Zulieferung eines bestimmten Produktes
sind oftmals bestimmte Investitionen notwendig. So soll ein bestimmtes Produkt als Komponente
einer größeren Maschine eines Abnehmers verwendet werden. Dies kann Investitionen in Sachka-
pital für besondere Ausrüstung oder Maschinen erfordern. Besonders anschaulich wird dies bei Pro-
dukten, die gemäß den Wünschen eines Kunden maßgeschneidert sind (custom-built). Oftmals ist
dies bei militärischen Produkten der Fall, aber auch bei Luxusgütern wie Yachten oder Privatflug-
zeugen. Derart maßgeschneiderte Produkte sind spezifisch für die Beziehung zu einem Auftragge-
ber.

3. Humankapitalspezifität (human capital specificity): Für die Zulieferung eines Produktes muss
oftmals besonderes know-how erworben werden. Neue Arbeitskräfte in einer Firma bringen nicht
bereits alles relevante Wissen mit. Sie benötigen lange, bis sie die besondere Art verstehen, wie in
einer Firma kommuniziert und produziert wird. Dieses Wissen wird also durch Erfahrung erworben
und ist damit spezifisch für eine Firma. Gleiches kann auch für ein zugeliefertes Produkt gelten. Die
Wünsche eines Abnehmers müssen verstanden werden, zugelieferte Komponenten müssen genau
passen und kompatibel zu anderen Komponenten sein. Investitionen in dieses Humankapital sind
damit spezifisch für eine bestimmte Beziehung zwischen einer Arbeitskraft und einer Firma oder
zwischen einem Zulieferer und einem Abnehmer.

4. Zweckbestimmte Anlagen (dedicated assets): Ein Abnehmer kann mit einer großen Bestellung
die Kapazitäten eines Zulieferers überfordern. Ein solcher Zulieferer kann nur dann liefern, wenn er
die Kapazitäten erweitert. Es sind damit Investitionen erforderlich. Aber die erweiterten Kapazitäten
blieben ungenutzt, falls der Auftrag des Abnehmers gekündigt wird. Die Anlagen sind also nicht
qualitativ auf die Wünsche des Abnehmers, sondern quantitativ auf die große Bestellung ausgerich-
tet.

66
5. Zeitspezifität (time specificity): Ein Zulieferer wird oftmals ein Produkt innerhalb einer festgeleg-
ten Zeit liefern müssen. Dies ist insbesondere der Fall bei verderblicher Ware, die ihren Wert nur
bewahren kann, wenn sie rechtzeitig nach der Produktion den Zielort erreicht und dort verwendet
oder verbraucht wird. Komponenten zu einem komplexeren Herstellungsprozess müssen zeitlich
abgestimmt am Zielort eintreffen. Der besondere Kundenwunsch besteht also nicht in Bezug auf die
Qualität eines zugelieferten Produktes, sondern in Bezug auf das enge Zeitfenster für die Lieferung.
Eine solche zeitliche Abstimmung kann besondere Investitionen erfordern, mit denen die Produktion
eines Zulieferers an den Rhythmus eines Abnehmers angepasst wird.

In jedem der genannten fünf Fälle ist das Verhältnis der beiden Vertragsparteien vor Durchführung
der transaktionsspezifischen Investition ein gänzlich anderes als das Verhältnis danach. Vorher
konnte jeder frei wählen und sich für die günstigste Vertragspartei entscheiden. Danach sind die
Vertragsparteien aneinander gebunden. Dies wird auch als lock-in bezeichnet. Die Investition ist
„eingeschlossen“ in ihrer besonderen Verwendung.

Versunkene Kosten und die Quasi-Rente

Das Ausmaß der Spezifität lässt sich quantitativ durch eine Betrachtung der Kosten der Investition
bestimmen. Entscheidend sind hierbei die versunkenen Kosten. Dies ist derjenige Anteil an den
Kosten einer Investition, der bei einer alternativen Verwendung der Investitionsgüter verloren geht.
Die versunkenen Kosten ergeben sich aus der Differenz der Herstellungskosten und dem Wieder-
verkaufswert für den Fall, dass die Investition einer alternativen Verwendung zugeführt wird. Un-
spezifische Investitionen sind vollständig wiederverwertbar (redeployable). Bei hoher Spezifität
sind Investitionen hingegen vollständig versunken. Die versunkenen Kosten sind dabei nicht de-
ckungsgleich mit fixen Kosten, obwohl sie mit diesen gemein haben, dass sie sich nicht mehr in
ihrer quantitativen Größenordnung kurzfristig variieren lassen. Versunkene Kosten sind aber dar-
über hinaus an eine bestimmte Verwendung gebunden.

So müssen beispielsweise Transportunternehmen für die Verbindung über den Ärmelkanal, die
engste Verbindung zwischen England und Frankreich in der Nähe von Dover-Calais, Investitionen
tätigen, die mit fixen Kosten einhergehen. Aber im Falle von Fähren sind diese fixen Kosten nicht
spezifisch und damit nicht versunken; die Fähren können nämlich auch für Fährverbindungen in
anderen Ländern genutzt werden. Der Eurotunnel ist hingegen in voller Höhe versunken, im
wahrsten Sinne des Wortes nicht nur er selbst, sondern auch die zu seiner Erstellung notwendigen
Kosten.

Eng verwandt zu dem Begriff


der versunkenen Kosten ist die
(eher auf die Ertragsseite ab-
stellende) „Quasi-Rente“. Um
eine Ressource in ihrer Ver-
wendung zu erhalten, muss der
Besitzer mit einer Mindest-
summe entschädigt werden.
Diese Summe entspricht ge-
rade der zweitbesten Verwen-
dung, da der Besitzer sonst
diese Alternative bevorzugt
und die Ressource aus der der-
zeitigen Verwendung abzieht.
Die Quasi-Rente ist nun derje-
nige Betrag, der über diese
Mindestsumme hinausgeht. So

67
könnte beispielsweise der alternative Einsatz der Fährschiffe in Schottland € 10 Mrd. (Umsatz minus
Arbeitskosten) über den gesamten Nutzungszeitraum erbringen. Dies ist also der Ertrag aus der
zweitbesten Verwendung. Sofern ein Ertrag von € 15 Mrd. im Ärmelkanal erzielt wird, ergäbe sich
eine Quasi-Rente von € 5 Mrd.. Der Tunnel wäre hingegen anderswo unbrauchbar, da er sich nicht
verlagern lässt. Die Quasi-Rente beträgt damit die vollen € 15 Mrd., die am Ärmelkanal erzielt wer-
den, wie nebenstehend grafisch dargestellt.

Ein anderes Beispiel lässt sich anhand der Lotto-Fee der ARD veranschaulichen. Diese könnte al-
ternativ als Sekretärin arbeiten und dort €40.000 pro Jahr verdienen. Bei ihrem Job verdient sie aber
€ 60.000 und damit eine Quasi-Rente von € 20.000. Nach ihrem Master in Economics könnte sie
nun € 80.000 verdienen. Daher kündigt sie den Job als Lotto-Fee, da der dort erzielte Betrag nicht
ausreicht, die Bereitstellung ihrer Arbeitskraft sicherzustellen. Insgesamt lässt sich eine Definition
der Quasi-Rente sehr komprimiert auf Englisch formulieren: „a quasi-rent is the excess above the
return necessary to maintain a resource’s current service flow“ (Alchian und Woodward 1988: 67).
Die Quasi-Rente wird benötigt, um die versunkenen Kosten wiederzuerlangen. Hiermit sollen sich
die transaktionsspezifischen Investitionen amortisieren.

Der holdup

Nach der Durchführung einer transaktionsspezifischen Investition droht opportunistisches Verhalten


durch andere. So könnte beispielsweise eine Gewerkschaft einen Arbeitskampf organisieren und
dadurch die Quasi-Rente der Investition reduzieren. Oder ein mit einem Investor eng verbundener
Fremdkapitalgeber könnte einen Teil der Quasi-Rente eines Investors abschöpfen, indem er höhere
Zinsen verlangt und mit einer Kündigung von Krediten droht. In beiden Fällen sind es Besitzer
wichtiger Produktionsfaktoren, die einen Angriff auf die Quasi-Rente durchführen können, indem
sie die Lieferung ihres Produktionsfaktors verweigern. Ist ein Produktionsfaktor unabdingbar erfor-
derlich (unique=einzigartig), so kann mit einer Drohung die Quasi-Rente vollständig abgeschöpft
werden.

Aufgrund vieler Wasser- und Geothermie-Kraftwerke ist der Strompreis mit 0,014 US$ pro KWh in
Island besonders günstig und die Versorgung verlässlich. Dies hat besonders energieintensiv arbei-
tende Unternehmen wie globale Datenzentren und Aluminiumhersteller dorthin gelockt. Sobald die
Aluminiumwerke aber die Kosten in die Ansiedlung versenkt haben, könnte die National Power
Company of Iceland den Strompreis erhöhen. Solange die laufenden Kosten der Aluminiumwerke
gedeckt wären, würden diese weiter produzieren. Aber die transaktionsspezifischen Investitionen
würden sich nicht amortisieren. Ein solches Verhalten wird auch als holdup bezeichnet. Entschei-
dend für einen holdup ist die Fähigkeit, eine Ressource, die einen Produktionsfaktor darstellt, zu
entziehen. Offensichtlich ist dies bei Strom gegeben. Kommt ein Abnehmer seiner Zahlungsver-
pflichtung nicht nach, so kann die Stromzufuhr gestoppt werden.

Wie sieht es aus mit einem Landeigentümer, der seinen Grund und Boden zum Bau eines Wolken-
kratzers verpachtet hat? Der Hausbesitzer ist abhängig von dem Produktionsfaktor Land und hat
seine Investitionen (den Bau des Wolkenkratzers) vollständig versenkt. Der Hausbesitzer ist aber
nicht von einem holdup bedroht, da der Landeigentümer den Produktionsfaktor „Boden“ nicht ent-
ziehen kann. Demgegenüber lässt sich die Stromzufuhr unterbrechen, die Wasserversorgung abstel-
len oder die Lieferung des Faktors Arbeit durch Streiks beenden. Inhaber solcher Produktionsfakto-
ren sind damit in der Lage, einen holdup durchzuführen und die Quasi-Rente teilweise abzuschöp-
fen, der Landeigentümer hingegen nicht.

Beispielhaft können wir an einen Mietvertrag denken. Der Mieter hat den Umzug bezahlt (Sachka-
pitalspezifität), persönliche Beziehungen zu Nachbarn aufgebaut und Wissen bezüglich der lokalen
Infrastruktur erworben (Humankapitalspezifität). Für den Mieter liegt dann ein lock-in vor. Vor sei-
nem Umzug war er in einer Wettbewerbssituation und konnte sich den Vermieter und die Wohnung
frei auswählen. Danach ist er eingesperrt in der vertraglichen Verpflichtung. Der Vermieter kann

68
die lock-in-Situation des Mieters ausnutzen und nach einer Weile die Miete erhöhen. Er setzt sie
dann minimal unterhalb des Mietniveaus, bei dem der Mieter kündigt und seine transaktionsspezi-
fischen Investitionen verliert. Hierdurch kann der Vermieter die Quasi-Rente abschöpfen.

Beispiel 1: Arbeitsvertrag

Viele Arbeitsverträge erfordern transaktionsspezifische Investitionen, insbesondere bezüglich des


Humankapitals. Neuen Arbeitskräften fehlt dieses Humankapital, da dieses erst allmählich mit der
täglichen Kommunikation und Erfahrung erworben wird. Sollten die Arbeitskräfte erst wenig ver-
dienen, da sie nicht so produktiv sind? Oder sollten sie so viel verdienen wie andere, da sie in der
Anfangsphase für die Firma relevantes Wissen erwerben? Wer soll also die Kosten des Wissenser-
werbs tragen?

Die humankapitalspezifischen Investitionen gehen im Falle der Kündigung verloren. Je nachdem,


wer die Kosten des Wissenserwerbs getragen hat, wird dann einen Verlust erleiden. Sofern das Un-
ternehmen die Kosten getragen hat, indem es neuen Arbeitskräften gleich vollen Lohn bezahlt hat,
kann ein Arbeitnehmer einen holdup durchführen. Das Unternehmen fürchtet, im Falle eines Aus-
scheidens des Arbeiters die Investitionen erneut durchführen zu müssen und lässt sich einen Teil der
Quasi-Rente wegnehmen, um den Arbeitnehmer im Unternehmen zu halten. Hat hingegen der Ar-
beitnehmer mit einem niedrigen Einstiegsgehalt die Kosten des Wissenserwerbs getragen, so kann
die Firma einen holdup durchführen. Im Falle einer Kündigung muss der Arbeitnehmer bei einer
anderen Firma erneut die Kosten der humankapitalspezifischen Investitionen tragen, indem er mit
einem niedrigen Einstiegsgehalt beginnt.

Offenbar gibt es auch hier keine einfache Lösung. Dort, wo firmenspezifisches Humankapital eine
große Rolle spielt, wie beispielsweise bei Anwaltskanzleien oder Unternehmensberatungen, werden
diese oft als Partnerschaften geführt. Mitarbeiter sind nicht angestellt, sondern Partner und Mitei-
gentümer. Dadurch wird der Konflikt zwischen den Inhabern des Erfahrungswissens und den Kapi-
talinteressen der Firma vermieden. Allerdings ergeben sich Nachteile, auf die wir später auf S. 86
mit Ausführungen zur labor-managed firm eingehen werden.

Beispiel 2: Eigenkapital und Fremdkapital

Für Fremdkapital werden nur feste Zinsen gezahlt und im Konkursfall geht der Gläubiger leer aus.
Auch der Eigenkapitalgeber geht im Konkursfall leer aus; den Gewinn bezieht er aber alleine. Wäh-
rend also das Konkursrisiko von beiden getragen wird, hat nur der Eigenkapitalgeber die Chance
auf ein höheres Einkommen. Dies bewirkt, dass zwischen beiden Kapitalgebern ein Konflikt über
die Höhe der Dividende entsteht. Je mehr Dividende einbehalten wird, desto geringer ist das Kon-
kursrisiko. Da die Eigenkapitalgeber als Eigentümer der Firma Kontrolle ausüben, können sie die
Höhe der Dividende bestimmen. Dies macht eine Firma unattraktiv für Fremdkapitalgeber. Daher
werden Eigentümer zumeist versprechen, eine nur moderate Dividende auszuschütten. Das Einhal-
ten eines Versprechens ist aber immer ungewiss. Eigentümer können sich opportunistisch verhalten.
Nach Erhalt von Fremdkapital erhöhen sie die Dividende und damit das vom Fremdkapitalgeber
mitzutragende Konkursrisiko. Dies kommt einem Angriff auf die Quasi-Rente des Fremdkapitalge-
bers gleich.

Daher versuchen Fremdkapitalgeber, eingegangene Risiken der von ihnen finanzierten Firmen zu
begrenzen. Fremdkapitalgeber versuchen beispielsweise Kontrollaufgaben innerhalb einer Firma zu
übernehmen, um die eingegangenen Risiken zu kontrollieren. So werden oftmals Positionen im Auf-
sichtsrat an Fremdkapitalgeber vergeben. Eine andere Möglichkeit, die genannten Probleme zu re-
duzieren, ist der Aufbau langfristiger Kreditbeziehungen, um durch revolvierende Kredite ein Wohl-
verhalten des Kreditnehmers zu erzwingen.

69
Beispiel 3: Company town

Oliver E. Williamson (1985: 36-38) beschreibt die institutionenökonomische Problematik einer


company town, einer Firma, die in einer entfernten Region Rohstoffe fördert und für ihre Arbeits-
kräfte eine eigene Stadt gründet. Zu anderen Regionen besteht kein gutes Straßennetz und damit
keine Anbindung an mobile Arbeits- und Gütermärkte, sodass die Arbeitskräfte nur einem einzigen
Arbeitsanbieter gegenüberstehen. Wer sollte den Arbeitskräften ihre Häuser und Wohnungen be-
zahlen? Entweder wird dies von der Firma übernommen oder ist in der Verantwortung der Arbeits-
kräfte. “Given the remote location, workers will be concerned not merely with wages but also with
housing and with the economic infrastructure. Were the firm to decide to construct housing itself, it
could then … rent the homes to workers on short-term leases… Alternatively, the firm could ...
require workers to construct their own houses.” Beide Varianten haben unterschiedliche Wirkungen
in Bezug auf holdup und moral hazard.

Arbeitskräfte, die ein Haus selbst errichten oder kaufen, tätigen damit eine transaktionsspezifische
Investition (lokale Spezifität). Damit kann die Firma einen holdup durchführen. Sie kann den Lohn-
satz für alle Arbeiter senken. Verlassen diese die Firma, so können sie ihr Haus nur unterhalb der
Anschaffungskosten verkaufen. Es gäbe ja kaum Käufer in Form von Arbeitskräften, die bei den
geringen Löhnen in die company town ziehen wollen. Um den Verlust zu vermeiden, werden Ar-
beitskräfte daher moderate Lohnsenkungen hinnehmen. Es ermöglicht es der Firma, die Quasi-Rente
der Arbeiter abzuschöpfen. Eine solche Möglichkeit hätte die Firma nicht, wenn sie selbst Eigentü-
merin der Häuser wäre und diese an die Arbeitskräfte vermieten würde. Dann stellt sich aber das
Problem, dass Arbeitskräfte keinen Anreiz haben, das Haus attraktiv und nach eigenem Geschmack
zu gestalten und in gutem Zustand zu hinterlassen. Es droht damit moral hazard.

Ein neuer Blick auf make or buy

Die Modellierung von transaktionsspezifischen Investitionen ruft die Frage make or buy erneut auf
den Plan. Sobald für eine Transaktion spezifische Investitionen notwendig werden, ist das Risiko
des Opportunismus besonders ausgeprägt bei einem Austausch über den Markt. Ein Marktpartner
könnte in jeder Situation seinen finanziellen Vorteil suchen und sich opportunistisch verhalten. Um
dieses Risiko zu vermeiden, befinden sich einzigartige Produktionsfaktoren, welche sich entziehen
lassen, typischerweise im Besitz des Produzenten und werden nicht über den Markt bezogen.

Hier liegt eine besondere Form der externen Transaktionskosten vor: Opportunistisches Verhalten
lässt sich nach Durchführung transaktionsspezifischer Investitionen nur schlecht eindämmen. Ent-
weder sind die Verhandlungskosten für eine Eindämmung zu hoch. Oder das Problem bleibt unvoll-
ständig gelöst, ein holdup wird also wahrscheinlicher. Es entstehen daher externe Transaktionskos-
ten, die die Marktbenutzung zu teuer werden lassen und eine Integration des Produktionsfaktors
empfehlen. Wir können somit feststellen, dass die externen Transaktionskosten mit der Höhe der
transaktionsspezifischen Investitionen ansteigen. Das gleiche gilt nicht, oder zumindest deutlich ab-
geschwächt, bei einem Austausch innerhalb einer Firma.

Dieser Sachverhalt lässt sich anhand der nachstehenden Grafik darstellen. Hierbei bezeichnet k das
Ausmaß, mit dem Investitionen transaktionsspezifisch sind. Dabei kann k Werte zwischen 0 und 1
annehmen. Bei k=0 sind Investitionen nicht transaktionsspezifisch. In diesem Fall ist ein Austausch
über den Markt vorteilhaft, da am Markt Anreize zu Eigenverantwortung, Effizienz und hohem Ar-
beitseinsatz in höchstem Ausmaß gegeben sind (und wir sonstige externe Transaktionskosten hier
vernachlässigen). Diese Anreize sind schwächer in einer Firma und lassen sich nur mit internen
Transaktionskosten herstellen, zum Beispiel mit Hilfe einer Messung individueller Leistung. Da
diese Kosten die externen Transaktionskosten übersteigen, lohnt sich eine externe Transaktion. Falls
Investitionen transaktionsspezifisch sind (k=1), ergeben sich Risiken des opportunistischen Verhal-
tens. Statt buy wird dann make der Vorzug gegeben, da ansonsten transaktionsspezifische Investiti-
onen die Gefahr des holdup mit sich bringen.

70
So wird typischerweise ein Verlag seine Bücher bei einer externen Druckerei drucken lassen. Eine
Zeitung ist aber auf einen sofortigen Service angewiesen und könnte durch Dritte mit einem holdup
bedroht werden. Ein großer Anteil der Investitionen einer Tageszeitung ist transaktionsspezifisch
(Zeitspezifität), sodass k weiter rechts liegt. Die Zeitung wird deswegen zumeist selbst eine Drucke-
rei besitzen.

Hostage

Nehmen wir an, A könnte nach Abschluss eines Vertrages durch B geschädigt werden, falls B sich
opportunistisch verhält. Dies könnte nun dadurch eingedämmt werden, dass A von B zur Absiche-
rung ein Pfand einfordert (Geisel=hostage). Dieses kann A bei opportunistischem Verhalten des B
einbehalten. Damit lohnt sich opportunistisches Verhalten für B nicht mehr. Hier denken wir z.B.
an eine Kaution im Falle des Mietvertrages. Eine Vorauszahlung dient ebenfalls als Pfand und wird
gerade dort eingefordert, wo nach Vertragsschluss Investitionen in die Vertragserfüllung notwendig
sind. Zumeist hat ein hostage einen Wert, der für A und B identisch ist, wie z.B. bei der Mietkaution
oder der Vorauszahlung. Gleichzeitig mit dem Austausch von Leistung und Gegenleistung (inklu-
sive einer Prüfung, dass B nicht opportunistisch gehandelt hat) kann dann Zug um Zug die Geisel
zurückgegeben werden.

Es existieren auch hostages, welche für A keinen Wert haben, sondern nur für B. Denken wir z.B.
an zwischenstaatliche Bündnisse, die durch Heirat garantiert wurden. Die geliebte Tochter des Kö-
nigs B wird mit dem Herrscher eines anderen Landes A verheiratet und lebt fortan an seinem Hof.
Das Besondere hieran ist, dass das resultierende Bündnis selbst dann funktioniert, wenn A die Kö-
nigstochter nicht wertschätzt. Es genügt, dass B sie liebt und um ihre Sicherheit im Falle des Kon-
flikts fürchtet. So wird das Vertrauen zwischen den Königshöfen gestärkt und die abgebenen Zusa-
gen können glaubwürdig werden.

classEx: Vertrauen und Strafe

Zwei Spieler, und , erhalten eine Anfangsausstattung von jeweils 3 €.


entscheidet zunächst, ob ihn am Ende des Spiels bestrafen kann. ent-
scheidet daraufhin, wieviel Geld er senden möchte (X), wobei der Betrag vom Spielleiter ver-
dreifacht wird. kann nun so viel zurücksenden (Y), wie er möchte. Zum Schluss entscheidet ,
falls möglich, ob die Auszahlung an durch eine Strafe S=3 reduziert wird. Alle Beträge werden

71
auf 10 Cent gerundet. Zwei Runden werden mit jeweils neu zugelosten Spielern zur Probe gespielt.
In der dritten Runde geht es um echtes Geld. Zwei Paare werden dazu ausgelost.

Das classEx-Spiel wiederholt das vorherige Spiel zu Vertrauen und Opportunismus von S. 65 und
ergänzt es um die Möglichkeit einer Strafe. Der Treuhänder setzt sch dem Risiko dieser Strafe
aus. Damit ist der Investor am Ende am Zug und kann für Opportunismus diese Strafe verhängen.
Das Vertrauen kann hierdurch gestärkt, die zurückgesendeten Beträge Y erhöht und die gesendeten
Beträge X ebenfalls gesteigert werden. Wir können die Möglichkeit einer Bestrafung als hostage
verstehen.

Wir gingen bisher davon aus, dass Investoren einen Nachteil davon haben, wenn ihre Investitionen
transaktionsspezifisch sind. Sie bevorzugen es, dass im Falle des Scheiterns eines Vertrages die In-
vestition auch außerhalb der ursprünglichen Beziehung einen hohen Wert hat. Investitionen sollten
möglichst unspezifisch sein, um sich nicht den Risiken des Opportunismus und holdup auszusetzen.
Das obige classEx-Spiel legt nahe, dass diese Sichtweise ergänzt werden kann. Wir können nämlich
die von einem Treuhänder eingeräumte Bestrafung als eine transaktionsspezifische Investition in die
Beziehung zum Investor interpretieren. Diese transaktionsspezifische Investitionen dient als
hostage.

Wir können allgemein für Bereiche der strategischen Interaktion formulieren: Menschen können
einen strategischen Vorteil daraus erlangen, dass sie ihr Wohlergehen bei bestimmten Umweltzu-
ständen verschlechtern. Diese Erkenntnis geht auf die Beiträge von Thomas Schelling (1921-2016)
zurück, der 2005 für seine Arbeiten den Nobelpreis erhielt. So schreibt er (1960: 195-196): “Overtly
worsening the outcome of specific options can strengthen one’s position”. Diejenige Marktseite, die
sich opportunistisch verhalten könnte, ist dann gefordert, sich mit transaktionsspezifischen Investi-
tionen in Abhängigkeit zur anderen Marktseite zu begeben.

So ist von Mafia-Novizen bekannt, dass sie einen sinnlosen Mord begehen. Damit wird eine Rück-
kehr in die Legalität unmöglich und für die Zukunft kann nur noch eine kriminelle Karriere in der
Mafia verfolgt werden. Auch hier erfolgt ein Opfer (hostage) ohne direkten Vorteil. Der indirekte
Vorteil besteht darin, dass der Novize danach zu einem glaubwürdigen Mitglied der kriminellen
Vereinigung geworden ist. Ähnlich ergeht es Armeegenerälen, die auf ihrem Feldzug die Brücken
hinter sich abbrennen, damit für ihre Truppen die opportunistische Flucht keine Option mehr ist und
der Sieg über den Gegner die einzige Überlebenschance bietet. Der General opfert die Rückzugsop-
tion, signalisiert damit seiner Truppe, dass er selbst nicht mehr fliehen kann und zwingt alle Soldaten
zum Zusammenhalt.

Franchise und hostage

Die vorherigen Überlegungen können verwendet werden, um die Rolle einer transaktionsspezifi-
schen Investition als hostage zu verstehen. Dies können wir veranschaulichen mit Hilfe eines Fran-
chise-Vertrages. Der Franchise-Geber ist oftmals Eigentümer des Gebäudes und der Franchise-Neh-
mer nur Mieter. Gleichzeitig hat der Franchise-Nehmer die Auflage, auf eigene Kosten die Investi-
tionen in das Gebäude und die Ausstattung gemäß dem vorgegebenen Design vorzunehmen. Diese
Investitionen sind damit transaktionsspezifisch. Bei Beendigung des Vertrages, typischerweise nach
5 oder 10 Jahren, verliert der Franchise-Nehmer diese Investitionen, denn sie sind außerhalb der

72
Franchise-Beziehung weitgehend wertlos. Bei grobem Fehlverhalten des Franchise-Nehmers, bei-
spielsweise bei Tätigwerden für Konkurrenzunternehmen oder unzureichender Qualität, die auch
nach Abmahnung nicht zufriedenstellend ist, kann der Franchise-Geber den Vertrag kündigen. Be-
reits bei geringem Fehlverhalten droht, dass der Vertrag nach Ablauf nicht verlängert wird. Der
Franchise-Nehmer verliert dann seine transaktionsspezifischen Investitionen.

Diese Transaktionsspezifität kann aber vorteilhaft sein, sogar für den Franchise-Nehmer. Sie über-
nimmt eine Funktion als hostage. Sie dient als Sicherheit dafür, besondere Sorgfalt walten zu lassen.
So gibt der Franchise-Nehmer hiermit beispielsweise eine Garantie ab, nur die vereinbarte Qualität
zu liefern und nicht mit billigen Konkurrenzprodukten die Reputation des Franchise-Systems zu
gefährden.

Quiz und Anhänge

Versunkene Kosten sind


1. identisch zu fixen Kosten.
2. Aufwendungen für wiederverwertbare Investitionen.
3. notwendig, um eine Ressource in ihrer Verwendung zu erhalten.
4. bei einer alternativen Verwendung verloren.

Unter der Quasi-Rente versteht man den Teil der Entlohnung,


1. den eine Ressource in der zweitbesten Verwendung erbringt.
2. der notwendig ist, um eine Ressource in ihrer Verwendung zu erhalten.
3. der über die zur Erhaltung einer Ressource in ihrer Verwendung notwendige Mindestent-
lohnung hinausgeht.
4. der einen über die marginalen Kosten hinausgehenden Deckungsbeitrag erbringt.

Unter einem holdup versteht man


1. den Versuch, die Quasi-Rente abzuschöpfen.
2. Maßnahmen zur Verteidigung der Quasi-Rente.
3. unglaubwürdige Drohungen.
4. den Entzug einer wichtigen Ressource.

Die Kosten zum Erwerb von Humankapital


1. sollten immer von den Arbeitskräften getragen werden.
2. sollten immer von den Arbeitgebern getragen werden.
3. können in labor-managed firms vermieden werden.
4. führen oft zu einem Konflikt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Mit steigender Höhe der transaktionsspezifischen Investitionen


1. steigen die externen Transaktionskosten.
2. sinken die externen Transaktionskosten.
3. sinken die internen Transaktionskosten.
4. steigen die internen Transaktionskosten und zwar stärker als die externen Transaktions-
kosten.

Strategisches Verhalten ist dann optimal, wenn


1. der Nutzen in allen Umweltbedingungen maximiert wird.
2. anderen Teilnehmern ein faires Nutzenniveau zugestanden wird.
3. andere Teilnehmer zu einer günstigen Strategiewahl veranlasst werden.
4. andere Teilnehmer im Unklaren über das eigene Verhalten gelassen werden.

73
Ergänzende Literatur

Alchian, A. und S. Woodward (1988) The Firm is Dead; Long Live the Firm: A Review of Oliver
E. Williamson's The Economic Institutions of Capitalism. Journal of Economic Literature 26
(1): 65-79.
Erlei, M, M. Leschke und D. Sauerland (1999: 175-193).
Furubotn, E.G. und R. Richter (2005: 141-154).
Klein, B., R.A. Crawford und A.A. Alchian (1978) Vertical Integration, Appropriable Rents, and
the Competitive Contracting Process. Journal of Law and Economics 21: 297-326.
Schelling, T. (1960) The Strategy of Conflict. Harvard University Press: Cambridge, Massachusetts.
Williamson, O.E. (1985: 32-38; 43-67; 90-96).

Stichworte

Arbeitsvertrag, Company Town, Dividende, Eigenkapital, Fixe Kosten, Franchise-Vertrag, Fremd-


kapital, Governancekostentheorie, Heirat, hostage, holdup, Humankapital, lock-in, make or buy,
Miete, Opportunismus, Quasi-Rente, Spezifität, Transaktionsspezifische Investitionen, versunkene
Kosten.

Übungsaufgaben

Aufgabe 6.1
Im classEx-Spiel zu Vertrauen und Opportunismus entscheidet ein Investor, wie viel Geld (𝑋) er
einem zufällig zugewiesenen Treuhänder senden möchte. Nach einer Verdreifacung durch den
Spielleiter kann der Treuhänder einen beliebigen Betrag zurücksenden.
a) Mit welchen Strategien wird ein soziales Optimum erzielt?
b) Welches ist das Nash-Gleichgewicht?
c) Welches Verhalten ergibt sich typischerweise im Labor und wie lässt sich dies erklären?
d) Wie können Investitionen mit Hilfe eines hostage erhöht werden und wie lässt sich dies durch
eine Änderung des experimentellen Designs implementieren?

Aufgabe 6.2
Nachstehend ist eine aus der Vorlesung bekannte Grafik zu sehen, die den Zusammenhang zwischen
Transaktionskosten und der Spezifität von Investitionen k darstellt.
a) Wieso verläuft die Kurve der externen Transaktionskosten mit einer positiven Steigung?
b) Wie ist der Schnittpunkt der beiden Kurven zu interpretieren und was gilt links vom Schnitt-
punkt?

74
Aufgabe 6.3
Der Transport von Rohöl von den Ölfeldern zu den Raffinerien lässt sich grundsätzlich mit Hilfe
von Pipelines oder mit Schiffen durchführen. Es ist zu beobachten, dass für einen Schiffstransport
zumeist ein unabhängiger Transporteur beauftragt wird, wohingegen eine Pipeline entweder dem
Eigentümer der Ölfelder oder dem Eigentümer der Raffinerie oder beiden zugleich gehört.

a) Welche Formen von transaktionsspezifischen Investitionen unterscheidet Williamson und wel-


che liegt in dem oben genannten Beispiel vor?
b) Inwieweit könnte ein unabhängiger Besitzer der Pipeline einen holdup durchführen?
c) Inwiefern könnten andererseits die Eigentümer der Ölfelder oder Raffinerien gegenüber dem
Eigentümer der Pipeline einen holdup durchführen?
d) Wieso ist ein holdup bei Schiffstransport nicht möglich?
e) Inwiefern folgt aus der Beantwortung der vorhergehenden Teilfragen die Tatsache, dass ein
Schiffstransporteur zumeist unabhängig ist, wohingegen die Pipeline den Eigentümern der Öl-
felder oder der Raffinerie gehört?

Aufgabe 6.4
Scheich Hassan regiert sein Fürstentum seit Jahrzehnten mit eiserner Hand. Dies hat dem Land Frie-
den gebracht und Streitigkeiten unter lokalen Gruppen vermieden. Gleichzeitig sind internationale
Investoren dem Land aber weitgehend ferngeblieben. Scheich Hassan hat ihnen wiederholt sichere
Eigentumsrechte zugesichert, aber Investoren sind sich unsicher, ob sie Scheich Hassan vertrauen
können. Zaghafte Investitionen versiegten vollständig, als in einem benachbarten Königreich Inves-
toren gezwungen wurden, zu ungünstigen Bedingungen Anteile ihrer Firmen an das dortige Staats-
oberhaupt zu verkaufen. Nach neueren Forschungen hat es sich als lohnend herausgestellt, größere
Gaskraftwerke in dem Land zu errichten und aufgrund des günstigen Strompreises wären auch wei-
tere industrielle Ansiedlungen rentabel. Aber manchen Investoren geht die Machtfülle des Scheichs
zu weit. Er könnte seine Macht jederzeit nutzen, so die Sorge, um Investoren zu enteignen, da er alle
Gesetze des Landes nach Gutdünken ändern kann. Um Investoren anzulocken, legt der Scheich sein
gesamtes Vermögen in New York bei einer Bank an und erklärt, dass für alle Streitigkeiten mit
Investoren die Gerichte in New York zuständig seien. Erläutern Sie die Begriffe Asymmetrische
Information, Holdup und Hostage unter beispielhaftem Rückgriff auf diese kurze Beschreibung.

75
a)

7. Besitz und Eigentum

Besitz als informelle Institution

Externe Transaktionen haben wir als Eigentumsübertragung definiert. Zu einem klareren Verständ-
nis müssen wir klären, was unter Eigentum zu verstehen ist. Offensichtlich ist Eigentum eine Insti-
tution. Die Sinnhaftigkeit dieser Institution erklärt sich daraus, dass sie Investitionen ermöglicht.
Am Anfang steht die Frage, warum Menschen investieren, wenn sie doch auch stehlen könnten. Und
sofern für alle diese Logik gilt, würden Investitionen gar nicht mehr stattfinden. Um Investitionen
zu ermöglichen, müssen sie geschützt werden. Durch die Investition hat eine Sache an Wert gewon-
nen und der Investor muss Eigentümer dieser Sache sein. Investieren muss sich damit mehr lohnen
als stehlen.

Das Verhältnis zwischen dem Eigentümer und einer Sache sowie zu Rivalen und Dieben ist durch
eine Vielzahl an informellen und formellen Regeln bestimmt. Um diese zu verstehen, müssen wir
zunächst den Begriff des Besitzes klären. Besitz wollen wir verstehen als Kontrolle über eine Sache
inklusive der Möglichkeit, diese zu eigenen Zwecken zu nutzen und die aus ihr entstehenden Früchte
zu genießen.

Wir werden in diesem Kapital zeigen, dass Besitz spontan entstehen kann als informelle Institution.
Hier denke man an ein Vogelpärchen, dass sich ein Nest gebaut hat. Tage der Arbeit waren nötig,
um ihr zukünftiges Heim zu bauen. Dieses Nest ist wertvoll für sie, aber genauso für alle anderen
Vogelpärchen. Warum klauen sie also nicht das Nest eines anderen Pärchens? Selbst wenn sie bei
einer Auseinandersetzung nur eine 50% Erfolgschance haben, sollte sich der Versuch lohnen. Wir
werden mit Hilfe von zwei classEx-Spielen zeigen, dass Besitz als Konvention aufgefasst werden,
die dadurch Geltung erlangt, dass Besitzer aggressiv und kämpferisch ihren Anspruch verteidigen.

classEx: Hawk-dove

Jeder Spieler startet mit Fitness 5 und bekommt über 4 Jahreszeiten jeweils ei-
nen anderen Gegner aus dem Hörsaal zufällig zugewiesen. In jeder Jahreszeit
entscheidet jeder Spieler simultan zwischen zwei Strategien: hawk und dove. Ein
hawk ist immer zum Kampf bereit und erhält gegen
eine dove die Beute. Die Beute erhöht die Fitness um
1. Zwei hawks kämpfen gegeneinander und der Zufall
bestimmt den Gewinner der Beute, wohingegen dem
Verlierer aufgrund einer Verletzung 2 Punkte Fitness
abgezogen werden. Zwei doves kämpfen nicht und der
Zufall bestimmt den Gewinner der Beute. Nach den 4
Jahreszeiten kommt der Jahreswechsel und die Fitness
bestimmt die Überlebenschance. Nur die 75% der Spie-
ler mit der höchsten Fitness überleben. Für die ande-
ren 25% endet das Experiment.

77
Für die Überlebenden startet ein neues Jahr. Erneut erhält jeder dieser Spieler über 4 Jahreszeiten
jeweils einen anderen Spieler aus dem Hörsaal zufällig zugewiesen und entscheidet zwischen hawk
und dove. Die erworbene Fitness wird zu derjenigen aus dem ersten Jahr addiert. Erneut überleben
nach dem zweiten Jahr nur die 75% der Spieler mit der höchsten Fitness. Diese spielen ein drittes
Jahr. Am Ende dieses letzten Jahres überleben wiederum nur 75% der Spieler mit der höchsten
Fitness. Unter diesen Überlebenden werden per Zufall 3 Spieler ausgewählt. Diese erhalten ihre
aggregierte Fitness in Euro umgerechnet ausbezahlt.

Das classEx-Spiel lässt sich spieltheoretisch auswerten.


Hierzu überlegt sich jeder Teilnehmer, welches die op-
timale Strategie ist. Da die beiden Teilnehmer sich si-
multan und unabhängig voneinander entscheiden, kann
keiner die Entscheidung des anderen beeinflussen. Da-
her sollte jeder seine Strategie wählen unter der An-
nahme, dass die Strategie des anderen feststeht, aber
noch unbekannt ist. Ein Gedanke in der Art, „ich wähle
hawk, damit der andere dove wählt,“ macht also keinen
Sinn.

Eine Strategie bezeichnen wird als dominant, wenn sie


bei jeder Strategiewahl eines anderen Spielers vorteilhaft ist. Die Vorteilhaftigkeit der Strategiewahl
ist dann unabhängig vom Verhalten des anderen Teammitglieds. Bei diesem Spiel gibt es aber keine
dominante Strategie. Vielmehr zeigt sich, dass es besser ist, sich als hawk zu verhalten, sofern der
andere eine dove ist. Demgegenüber lohnt sich das Verhalten als dove, wenn der andere ein hawk
ist, da sonst die Verletzung (-2) die Chance auf die Beute (+1) überkompensiert. Wie in nebenste-
hender Grafik gezeigt, resultiert dann eine erwartete Auszahlung von -0,5, die geringer ist als die
Auszahlung als dove von 0.

Wir haben bezüglich der einfachen Wahl zwischen hawk und dove kein eindeutiges Nash-Gleichge-
wicht. Es gibt vielmehr zwei Gleichgewichte, bei denen jeweils einer fordert und der andere ver-
zichtet. Es zeigt sich damit, dass der Streit um Besitz insgesamt nachteilig sein kann, da Verletzun-
gen auftreten können. Mit Hilfe des nachfolgenden Spiels soll dargestellt werden, wie auf natürliche
Weise Besitz entstehen kann.

classEx: Hawk-dove-bourgeois

Analog zum hawk-dove-Spiel existiert nun eine dritte Strategie: Bourgeois. Spie-
ler sind anfangs mit schwarzer Farbe gekennzeichnet. Sie entscheiden simul-
tan zwischen drei Strategien: hawk, dove und bourgeois. Nach Wahl der Strategie bestimmt der
Zufall, auf wessen Territorium sich die Beute befindet. Der Spieler, auf dessen Territorium die Beute
liegt, wird nebenstehend mit dargestellt, der andere mit . Für hawk und dove macht das Ter-
ritorium keinen Unterschied. Ein bourgeois verhält
sich auf fremdem Territorium friedfertig wie eine
dove und auf eigenem kriegerisch wie ein hawk. Er-
neut wird über 3 Jahre mit jeweils 4 Jahreszeiten ge-
spielt, wobei jedes Jahr nur die 75% mit der höchs-
ten Fitness überleben. Erneut werden am Ende 3
Spieler ausgelost.

Erneut ist ersichtlich, dass es keine dominante Stra-


tegie gibt. Ein hawk wird gegenüber einem bour-
geois immer kriegerisch sein. Er weiß nicht, ob der
Zufall die Beute in das Territorium des bourgeois ge-
legt hat. Auf dem Territorium des bourgeois würde

78
es zum Kampf kommen (Zelle unten links). Auf eigenem Territorium würde der hawk ohne Gegen-
wehr die Beute erhalten (Zelle oben rechts). Analog lassen sich die Auszahlungen für eine dove
herleiten, die auf eigenem Territorium auf einen friedfertigen bourgeois trifft (Zelle Mitte rechts)
oder auf fremdem Territorium dem bourgeois die Beute friedfertig überlässt (Zelle unten Mitte).

Für die Wahl der Strategie bourgeois lässt sich zunächst kein klarer Vorteil ersehen gegenüber einer
zufälligen Wahl von hawk oder dove. Die Wahl des bourgeois stellt sich aber als vorteilhaft heraus
und erzielt die höhere Fitness, wenn alle anderen ebenfalls bourgeois wählen. Es kommt dann nie-
mals zu Kämpfen und es treten keine Verletzungen auf. Der Zufall entscheidet, auf wessen Territo-
rium eine Beute liegt und sichert damit jedem bourgeois im Mittel einen Ertrag von 0,5. Gleichzeitig
kann keiner einem bourgeois ohne Risiko auf dessen Territorium die Beute abnehmen. Wir können
dann erkennen, dass die simultane Wahl von bourgeois ein Nash-Gleichgewicht ist. Ein Abweichen
mit der Strategiewahl hawk lohnt sich nicht. Es gäbe auf eigenem Territorium keinen Vorteil, da die
Verhaltensweise identisch ist, und auf fremdem Territorium den Nachteil der höheren Verletzungs-
gefahr. Auch die Strategiewahl dove ist nicht vorteilhaft, da auf fremdem Territorium kein Unter-
schied auftritt und auf eigenem Territorium nicht gefahrlos die Beute gegen einen eindringenden
bourgeois verteidigt wird.

Das Spiel schildert somit anschaulich, wieso Besitz sich auch in Abwesenheit formeller Institutionen
etablieren kann. Es ist notwendig, dass Individuen zwischen „fremd“ und „eigen“ unterscheiden
können und erwarten, dass dies andere ebenfalls tun können. Sofern die Regel lautet, dass Beute auf
eigenem Territorium verteidigt wird, so können damit Verletzungen von Kontrahenten verhindert
werden. Es bildet sich damit eine informelle Form des Besitzes heraus, ohne Planung und gesetzli-
che Überwachung. Da alle davon ausgehen, dass weitgehend alle anderen Menschen sich als bour-
geois verhalten, ist dies für sie ebenfalls vorteilhaft. In diesem Sinne entspricht Besitz einer Kon-
vention, also einer Institution, die aus Eigeninteresse dann respektiert wird, wenn alle anderen dies
auch tun.

Wir kennen diese Form des Besitzes sogar aus dem Tierreich. Tiere werden allerdings nicht bewusst
Kosten und Nutzen einer Strategiewahl gegeneinander abwägen. Vielmehr werden hawk-Tiervari-
anten, die sich gegenseitig stark verletzen, evolutorisch im Nachteil sein. Gleiches gilt auch für dove-
Varianten, die sich jede Beute nehmen lassen. So kann sich eine Population von bourgeoisen Tieren
durchsetzen, da diese evolutorisch im Vorteil ist und die natürliche Selektion diese begünstigt. Dies
kann beispielsweise dadurch geschehen, dass Tiere ihr Territorium markieren und diese Markierung
von allen instinktiv wahrgenommen wird. Ein solches Verhalten ist zum Beispiel von verschiedenen
Spinnenarten, Vögeln, Schmetterlingen und Säugetieren bekannt.

Beispiel 1: Die Agrarrevolution

Die spieltheoretische Herausbildung von Besitzansprüchen lässt sich auch auf die agrarische Revo-
lution übertragen. Beim Übergang vom Pleistozän zum Holozän (Nacheiszeitalter) vor ca. 10.000
Jahren wandelten sich Menschen von Wildbeutern (Jägern und Sammlern) zu Bauern, wurden sess-
haft und bauten Weizen, Gerste und Roggen sowie Erbsen, Bohnen und Linsen an. Sie fingen an,
Ziegen, Schweine, Esel und Schafe zu domestizieren. Dieser Übergang wird oftmals als technolo-
gische Innovation dargestellt, als Entdeckung neuartiger Methoden, mit denen die Ernährung besser
gesichert werden konnte. Dies ist nach neuerer Forschung jedoch zweifelhaft. Die Umstellung auf
die eher einseitige Ernährung mit Getreide führte zu Mangelerscheinungen, hoher Kindersterblich-
keit, einem Rückgang der Bevölkerung, durch den Ackerbau bedingte Rückenleiden und einer ho-
hen Arbeitsbelastung. Das vorherige Fischen, Jagen von Wildtieren und Sammeln von Beeren und
Pilzen bot dagegen eine vitaminreiche und abwechslungsreiche Ernährung. Die Wildbeuter konnten
zudem flexibler auf Wetterbedingungen und Vertreibung reagieren, indem sie sich neue Jagdgebiete
erschlossen, wohingegen die Bauern bei Missernten verhungerten. Insgesamt vermutet man daher,
dass die Agrarrevolution eher nachteilig war. Dass sie sich dennoch durchsetzen konnte, erklären
Bowles und Choi (2013) mit Hilfe evolutorischer Spieltheorie.

79
Jäger kannten keine individuellen territorialen Rechte. Ihr Territorium war kollektiver Besitz, den
sie gegen andere Gruppen verteidigten. Stießen sie beim Jagen und Fischen auf rivalisierende Grup-
pen, so konnte es zum Konflikt kommen, der sie als Gruppe herausforderte. Einzelne Gruppenmit-
glieder hatten aber kein eigenes Territorium, das sie gegen andere Gruppenmitglieder für sich rekla-
mierten. Gejagt wurde oftmals gemeinsam und die Beute wurde danach geteilt. Von Einzelnen er-
zielte Beutegüter mussten mit anderen geteilt werden, zumindest die Überschüsse. Die wenigen
Werkzeuge und Waffen waren ihr wichtigster Besitz. Darüber hinaus war Besitz unbekannt.

Das Leben als Bauer hatte den technologischen Nachteil, dass im Gegensatz zum Jagen und Sam-
meln eine Investition notwendig war. So musste der Acker von Steinen und Bewuchs befreit und
gepflügt werden. Diese Investitionen lohnten sich nur, wenn Bauern ihr beackertes Land und ihre
Ernte sichern konnten. Hierzu mussten sie es gegen Eindringlinge verteidigen und ließen jeden Kon-
flikt auf ihrem Land eskalieren. Insgesamt war damit eine Umstellung der Lebensweisen erforder-
lich. Eine Gruppe musste sesshaft werden und den Besitz des Einzelnen von Land und Ernte respek-
tieren. Jäger respektierten diesen Besitz jedoch nicht und sahen Land und Ernteerträge als kol-
lektiven Besitz an, den sie sich genauso wie Wildtiere aneignen wollten. Insgesamt waren damit
zwei Lebensweisen im Konflikt.

Wir können diesen Konflikt in stark vereinfachter


Form erfassen. Dazu nehmen wir an, dass der rote
Spieler zufällig auf eigenem Territorium ist. Im Ge-
gensatz zur Matrix auf S.78 reduzieren wir die Aus-
zahlungen für den bourgeoisen Bauern, der auf eige-
nem Territorium Ackerbau betreibt, jeweils um bei-
spielsweise 0,3. Statt einem Wert der Beute von 1 er-
fordert der Ackerbau Investitionen von 0,3, die von
der Ernte von 1 abgezogen werden. Wird ein Bauer
im Konflikt verletzt, so erleidet er einen erhöhten
Verlust von 2,3, da auch seine Investitionen verloren
sind. Außerhalb seines Territoriums ist der Bauer ein
Sammler (dove) und teilt seinen Ertrag mit anderen.
Trifft er auf einen Bauern in fremdem Territorium, so arbeitet er dort und erhält einen Anteil von
0,2 der Ernte.

Es gibt nun zwei Arten von Wildbeutern, die aggressiveren Jäger (hawks) und die friedfertigen
Sammler (doves). Allen ist gemeinsam, dass sie die Beute teilen. Dies muss als plausibel erachtet
werden, da Beute kaum gelagert werden konnte und Gruppen nur überlebten, wenn sich die Grup-
penmitglieder die schwankenden Erfolge beim Jagen und Sammeln mit anderen teilten. Allerdings
ist es plausibel, dass Jäger einen höheren Anteil von 0,7 forderten. Zudem konnten Konflikte ent-
stehen mit anderen Jägern (hawks). Dies wird berücksichtigt, indem diese nur 0,1 erhalten, beispiels-
weise weil sie sich gegenseitig bei der Jagd behindern, Koordinationsprobleme haben bei dem Ver-
such, Großwild zu jagen oder den Wildbestand durch das Legen von Bränden reduzieren. Die Jäger
(hawks) machen den Bauern ihre Ernte streitig und kämpfen. Diesen Kampf gewinnen sie erneut mit
50% Wahrscheinlichkeit und erhalten dann die Ernte von 1. Falls sie verlieren, erleiden sie Verlet-
zungen von -2. Die Sammler (doves) lassen einen Konflikt um die Ernte der Bauern nicht eskalieren.

Wie man leicht erkennt, ist ein Leben als einzelner Bauer in einer Welt der Wildbeuter unattraktiv.
Bei einer Population von 50% Jägern und 50% Sammlern ist die Fitness von Jägern (0,1 ∙ 0,5 − 0,7 ∙
0,5 = 0,4) und Sammlern (0,3 ∙ 0,5 − 0,5 ∙ 0,5 = 0,4) gleich hoch. Ein einzelner Bauer erzielt auf
fremdem Territorium dieselbe Fitness wie eine dove, auf eigenem Territorium aber nur eine Fitness
0,7−2,3
von ∙ 0,5 + 0,7 ∙ 0,5 = −0,05. Damit lohnt sich die Strategie des Bauern nicht und eine kleine
2
Population dieser sesshaften und ihren Besitz verteidigenden Menschen kann sich nicht durchsetzen.

80
Unterstellen wir nun als Folge zufälliger klimatischer Veränderungen andere Anteile von Jägern
(15%), Sammlern (45%) und Bauern (40%). Wie wir sehen können, erzielen Jäger (0,1 ∙ 0,15 +
0,4 1−2 0,4 0,4
0,7 ∙ 0,45 + 0,7 ∙ + ∙ = 0,37) und Sammler (0,3 ∙ 0,15 + 0,5 ∙ 0,45 + 0,5 ∙ = 0,37)
2 2 2 2
eine identische Fitness. Diejenige der Bauern ist auf (weitgehend) gleichem Niveau, da sie auf eige-
0,7−2,3
nem Territorium ( 0,15 + 0,9 ∙ 0,45 + 0,7 ∙ 0,4) ~0,395 und auf fremdem Territorium
2
(0,3 ∙ 0,15 + 0,5 ∙ 0,45 + 0,3 ∙ 0,4)~0,35 erzielen. Alle drei Populationen haben damit etwa eine
gleiche Fitness.

Sind aber alle Bauern, so erzielen diese im Schnitt 0,35 (0,5 falls sie ein Territorium erhalten und
0,2 falls nicht). In diesem Fall ist das Leben eines einsamen Jägers auf fremden Territorium
1−2
( = −0,5) und auf eigenem Territorium (0,7) insgesamt weniger attraktiv. Genauso erzielt ein
2
einsamer Sammler auf fremden Territorium (0) und auf eigenem Territorium (0,5) insgesamt eine
geringere Fitness. Damit können wir insgesamt feststellen, dass zwei evolutionär stabile Gleichge-
wichte vorliegen, eines mit einer gleichen Anzahl an Jägern und Sammlern und eines mit einer Po-
pulation, die ausschließlich aus Bauern besteht. Eine Mischung aller drei Populationen, wie in dem
Beispiel mit 15% Jägern, 45% Sammlern und 40% Bauern, ist hingegen nicht stabil. Bereits eine
kleine Abweichung von dieser Population, beispielsweise ein Anstieg des Anteils an Bauern, erhöht
die Fitness der Bauern und wird über die Zeit deren Anteil erhöhen. Das alte Gleichgewicht im
Pleistozän aus Jägern und Sammlern konnte durch einen Schock, wie einer klimatischen Verände-
rung, durcheinandergebracht werden und sich ein neues Gleichgewichte bilden, das ausschließlich
aus Bauern besteht. Dieses neue Gleichgewicht ist stabil, obwohl alle mit 0,35 eine geringere Fitness
haben als die Jäger und Sammler vorher mit 0,4. Dies ist im Einklang mit der Evidenz bezüglich der
Mangelerscheinungen und einem Rückgang der Bevölkerung.

Insgesamt zeigt das Modell die evolutorische Entwicklung einer Institution, nämlich des Respekts
von Besitzansprüchen auf Land. Diese Institution wurde nicht geplant, sie wurde nicht kollektiv
beschlossen und sie war nicht einmal effizient. In einem Prozess der natürlichen Selektion entwi-
ckelte sie sich vielmehr parallel zur Sesshaftigkeit und der Agrarrevolution.

Beispiel 2: Endowment effect und self-serving bias

Wenn nur zwei Personen einen Anspruch auf Eigentum erheben, wie in Beispiel 2, kann Streit ent-
stehen. Aber wieso lässt sich dies nicht einfacher lösen: Die Beteiligten einigen sich darauf, dass ein
Münzwurf über Eigentum und das Recht an der Nutzung der Ressource entscheidet? Jede Seite
müsste anerkennen, dass die andere eine gleiche Chance auf Eigentum und Nutzung besitzt, sodass
der Münzwurf als Lösung attraktiv erscheint.

Ein Grund besteht im sogenannten endowment effect. Richard Thaler (1945*), der für seine Arbeiten
den Nobelpreis im Jahre 2017 bekommen hat, beschreibt diesen Effekt mit Hilfe eines Laborexpe-
riments (Thaler 1992). Teilnehmer wurden zufällig die Rollen des Verkäufers oder Käufers zuge-
teilt. Die Verkäufer erhielten eine Tasse mit dem Universitätslogo (verkauft für 6,00 US$ in lokalen
Geschäften) und fragten, ob sie bereit seien, diese zu einer Reihe von Preisen zwischen 0,25 und
9,25 US$ zu verkaufen. Die Käufer wurden gefragt, ob sie bereit wären, eine Tasse zu den gleichen
Preisen zu kaufen. Der durchschnittliche Käuferpreis betrug 2,87 USD, während der durchschnittli-
che Verkäuferpreis 7,12 US$ betrug. Die Schlussfolgerung ist, dass die Eigentümer der Tasse das
Objekt mehr als doppelt so hoch bewerteten wie die Nicht-Eigentümer. Hier zeigt sich die evoluto-
rische Neigung, Eigentum und Besitz zu verteidigen und dadurch mit einem hohen Preis zu verse-
hen. Machen gleichzeitig zwei Personen ein Recht auf Eigentum geltend, so ist mit einer friedlichen
Lösung eines Streits nicht zu rechnen. Ein Münzwurf wird als Lösung nicht akzeptiert.

Nun könnte man vermuten, das gleichzeitige Recht auf Eigentum könne nur durch fehlende Infor-
mation entstehen. Eine jede Seite versteht nicht das Eigentumsrecht der anderen Seite. Falls fehlende

81
Information die Ursache für Streit wäre, könnte entsprechend Aufklärung helfen. Werden beide Sei-
ten über die beiderseitigen Rechte aufgeklärt, so könnte Streit eventuell vermieden werden. So ver-
mutet Posner (1986: 525, Zitiert nach Babcock et al. 1995) bezüglich Streitigkeiten vor Gericht:

„A full exchange of information . . . is likely to facilitate settlement by enabling each party


to form a more accurate, and generally therefore a more convergent, estimate of the likely
outcome of the case. The rules of discovery and information-sharing that prevail in the legal
system are premised on the notion that providing common information will lead to a con-
vergence of expectations about the adjudicated outcome of a case.”

Es bleibt allerdings fraglich, ob Aufklärung in Form einer besseren Information für beide Seiten
einen Streit vermeiden kann. Dies kann insbesondere durch einen self-serving bias behindert wer-
den: Wirtschaftssubjekte halten oftmals diejenige Verteilung für fair, die ihnen nützt. Vollständige
Information verhindert damit keinen kostspieligen Streit, da jede Seite die Informationen unter-
schiedlich interpretiert. Dies wurde von Babcock et al. (1995) experimentell am Beispiel einer Ge-
richtsverhandlung untersucht. Dabei mussten 94 Spielerpaare ca. 20 Seiten Gerichtsakten zu einem
Verkehrsunfall studieren.

Sie vertraten entweder als Klageführer einen geschädigten Motorradfahrer, der einen Schadenersatz
i.H.v. 100.000 US$ geltend macht, oder als Verteidiger einen Autofahrer, der für den Schaden auf-
zukommen hat. Klageführer und Verteidiger hatten die Aufgabe, die Höhe des Schadenersatzes zu
verhandeln, wobei ihre Auszahlungen erfolgsabhängig waren. Der Klageführer erhielt 1/10.000 des
Schadenseratzes und der Verteidiger 10 US$ abzüglich des Betrages an den Klageführer. Mit stei-
gendem Schadenersatz stieg also die Auszahlung für den Klageführer und sank für den Verteidiger.
Zudem waren die Verhandlungen kostspielig. Jede Periode ohne Einigung verringerte die Auszah-
lung an beide Spieler um 1 US$. Die Ergebnisse sind in der vorhergehenden Tabelle aufgeführt.

In einer ersten Variante wurde 47 Spielerpaaren vorab mitgeteilt, welche Rolle jeder einnehmen
würde, die des Klageführers oder des Verteidigers. Diese Spielerpaare hatten Schwierigkeiten bei
der Kompromissfindung. Eine Einigung dauerte im Schnitt 3,75 Perioden und in 28% der Fälle kam
sogar nach einem Maximum von 5 Perioden keine Einigung zustande. In einer anderen Variante
lasen Teilnehmer zuerst den Sachverhalt und erfuhren danach ihre Rolle. Eine Einigung erfolgte
schneller und dauerte lediglich 2,51 Perioden. Nach spätestens 5 Perioden erzielten 94% der Spie-
lerpaare eine Einigung. Dies zeigt, dass Sachverhalte oftmals aus dem Blickwinkel eigener Interes-
sen verzerrt wahrgenommen werden. Interessen werden aufgrund eines self-serving bias kompro-
misslos verfolgt. Selbst bei Vorliegen vollständiger Information wird ein Streit über Eigentums-
rechte kostspielig sein.

Beispiel 3: Endowment effect und die Agrarrevolution

Der endowment effect entstand evolutorisch vermutlich erst mit der Agrarrevolution und war bei
Jägern und Sammlern unbekannt. Dies zeigen Apicella et al. (2014) mit einer experimentellen Un-
tersuchung des Verhaltens der Hadza-Buschmänner in Nordtansania, einer Population von Jägern

82
und Sammlern. Sie sind Nomaden, schlafen im Freien und betreiben weder Viehzucht noch Land-
wirtschaft. Sie leben in kleinen Lagern mit etwa 30 Menschen, die alle 4-6 Wochen ihren Standort
wechseln, wenn die Ressourcen in der unmittelbaren Umgebung erschöpft sind. Frauen sammeln
Früchte und graben nach unterirdischen Knollen. Männer sammeln Honig und jagen Ratten oder
Zebras.

Eine der Experimentatoren sprach Suaheli und wohnte eine Zeit lang in einem Lager. Am letzten
Tag überreichte sie jedem Gruppenmitglied als Ausdruck ihrer Dankbarkeit ein Geschenk. Es nah-
men keine anderen Personen teil, sodass alle Entscheidungen unter vier Augen getroffen wurden. Es
gab zwei Arten von Geschenken, eine Packung Kekse oder ein Feuerzeug. Die Kekse variierten nach
Fruchtgeschmack, Kokosnuss, Erdbeere, Banane und Orange. Die Feuerzeuge gab es in sechs ver-
schiedenen Farben. Der Experimentator legte zwei Gegenstände (entweder zwei verschiedene Pa-
ckungen Kekse oder zwei verschiedenfarbige Feuerzeuge) vor einen Teilnehmer. Sie warf die
Münze und bestimmte auf diese Weise, welcher der beiden Gegenstände als Geschenk zugeteilt
werden würde. Dann fragte sie, ob der Teilnehmer den Gegenstand behalten oder gegen den anderen
austauschen wolle.

Rationalität würde nahelegen, dass 50% ihren Gegenstand umtauschen. Was auch immer sie bevor-
zugen, in der Hälfte der Fälle würde der Münzwurf dagegen verstoßen. Der endowment effect würde
dieser Rationalität zuwiderlaufen und nahelegen, dass Besitz etwas ist, das man behalten und schüt-
zen sollte. Selbst eine zufällige Zuteilung von Besitz würde dann eine höhere Wertschätzung auslö-
sen. Die Teilnehmer würden sich gegen den Umtausch entscheiden. Die Studie findet einen solchen
Effekt jedoch nicht bei den Teilnehmern, die in isolierten Regionen leben. Welcher Gegenstand
ihnen auch immer zugeteilt wurde, sie waren bereit, ihn gegen einen anderen auszutauschen, und
dies geschah in etwa 50% der Beobachtungen.

Einige Hadza sind der modernen Gesellschaft ausgesetzt. Safari-Reiseunternehmen besuchen einige
Lager und entschädigen die Hadza für diese Besuche. Sie stellen einen Bogen und Pfeile her und
verkaufen diese an Touristen. Sie leben in einem weniger nomadischen Stil und halten sich dauerhaft
im Dorfzentrum auf. Als die Experimentatorin das gleiche Experiment mit diesen Hadza durch-
führte, fand sie einen starken endowment effect. Die Wahrscheinlichkeit des Umtauschs sank auf
25%. Diese Studie verdeutlicht, dass der endowment effect bei Jägern und Sammlern vermutlich
nicht vorliegt und erst durch die Sesshaftigkeit der Bauern entstanden sein könnte.

Eigentum

Stellen wir uns Teilnehmer vor, welche die Strategie bourgeois gewählt haben. Sofern einer von
diesen sein Territorium kurzzeitig verlässt, könnte es sich ein anderer kampflos aneignen. Der Teil-
nehmer könnte seinen Besitz markieren, um es gegen Übernahme durch andere zu schützen. Der
Löwe markiert so sein Territorium und Menschen stellen Schilder auf, mit denen auf bestehende
Ansprüche verwiesen wird. Lässt aber der Duft des Löwen nach und sind aufgestellte Schilder be-
schädigt, so schwindet das Signal. Gesichert ist der Besitz primär durch Anwesenheit.

Es bedarf einer Ordnungsmacht, um den Besitz umfassender zu schützen. Bei einem Schutz durch
den Staat ist Besitz eine formelle Institution. So kann der Staat dem Besitzer gegen Eindringlinge
beistehen, beispielsweise gegen Diebe, die in eine Wohnung eindringen. Dadurch wird Besitz auch
für diejenigen gesichert, die zum Kämpfen ungeeignet sind. Der Staat kämpft für ihren Anspruch
und wird diejenigen sanktionieren, die als hawk fremden Besitz stehlen wollen. Auch auf eigenem
Territorium weiß ein solcher Besitzer dann den Staat auf seiner Seite bei der Verteidigung seines
Anspruches.

Selbst wenn der Staat einen Besitz in dieser Form institutionell absichert, würden wir noch nicht
von „Eigentum“ reden. Falls ein Besitzer sich beruflich verändern möchte, wird er seinen territori-
alen Anspruch an andere übertragen wollen und beispielsweise einen anderen Anspruch erwerben

83
wollen. Zwei Besitzer könnten dann ein Tauschgeschäft durchführen. Manche Sachen, ein Sack
Kartoffeln oder ein Huhn, sind leicht zu tauschen. Nach der Übergabe kann der neue Besitzer seinen
Anspruch durch physische Aneignung dokumentieren. Territorien sind hingegen nicht so leicht zu
transferieren. Der Grund besteht darin, dass Rivalen in der Rolle des hawk den gleichen Anspruch
erheben können auf ein Territorium wie eine vom Besitzer ausgewählte Person. Gleiches gilt für
Erben. Ein anderer Spieler in der Rolles des hawk oder bourgeois wird keinen Anlass sehen, einen
Erben als solchen anzuerkennen. Während er die Ansprüche des früheren Besitzers anerkennt,
müsste er einem Erben kein Sonderrecht einräumen. Alle anderen Spieler außer dem Besitzer würde
er auf die gleiche Stufe stellen. So könnte er ein vererbtes Territorium als herrenlos ansehen und es
sich aneignen wollen.

An dieser Stelle setzt eine Definition des Eigentums an. Wir definieren Eigentum als Kontrolle über
eine Sache inklusive des Rechts zum Transfer an eine andere Person. Dieses Recht auf Transfer
erscheint aus vielen Gründen wirtschaftlich vorteilhaft. So kann ein Eigentümer untalentiert für die
Kontrolle einer Sache sein, der Nutzung oder den Früchten wenig Wert beimessen. Der Verkauf an
einen neuen, talentierteren Eigentümer ist dann effizient.

Mit sicheren Eigentumsrechten kann nun eine Trennung zwischen Eigentum und Besitz erfolgen.
So kann ein Eigentümer von Land oder Wohnraum dieses Eigentum verpachten oder vermieten und
damit einem anderen die Möglichkeit des Besitzes einräumen. Solche Transaktionen finden wir
nicht im Tierreich oder in der Frühphase des Neolithikums. Sie lassen sich nicht einfach mit einer
Strategie des bourgeois erklären. Hierfür sind formelle Institutionen notwendig. Denn ein Mieter
oder Pächter wird sich leicht in der Rolle des bourgeois sehen und dem Eigentümer das Anrecht
streitig machen.

Dabei verstehen wir Eigentum als ein Bündel von Rechten, die sich einzeln an andere übertragen
lassen. So kann ein Hausbesitzer das Recht der Nutzung des Hauses an einen Mieter übertragen.
Dieser Mieter wird dann Besitzer. Ein Landwirt kann einem Pächter Gebäude, Land und den daraus
resultierenden Ernteertrag überlassen. Ein Bauer kann einen Kredit aufnehmen und dafür sein Land
verpfänden. Der Erwerber einer Immobilie kann sein Haus als Sicherheit für den Kredit hinterlegen.
Mit jeder dieser beschriebenen Abtretung von Rechten erhält ein anderer Marktpartner die Möglich-
keit, eigenständige Ziele mit diesen Rechten zu verfolgen.

Beim Eigentümer verbleiben immer die sogenannten residualen Verfügungsrechte, diejenigen, die
nicht übertragen wurden. Aufgrund der Transaktionskosten beim Übertragen von Rechten werden
nie alle Rechte des ursprünglichen Bündels vollständig übertragen werden können. Einige residuale
Verfügungsrechte verbleiben immer beim Eigentümer. Erst mit dem Verkauf gehen die residualen
Rechte an einen neuen Eigentümer über. Der neue Eigentümer erhält dann das gesamte Bündel aller
Rechte. Dabei wird dieser dann die abgetretenen Rechte berücksichtigen müssen. So wird ein neuer
Hauseigentümer in den vorher geschlossenen Mietvertrag als Vertragspartner eintreten. Der neue
Landeigentümer wird an den vorher geschlossenen Pachtvertrag gebunden sein. Sind Teile des Ei-
gentums als Sicherheit bei einer Bank hinterlegt, so wird der neue Eigentümer dies berücksichtigen
müssen.

Aus den residualen Verfügungsrechten resultiert das Residualeinkommen, also dasjenige Einkom-
men, das aus allen selbst genutzten oder abgetretenen Rechten an den Eigentümer fließt. Nicht dazu
zählt das Einkommen des Pächters, sehr wohl aber die von diesem bezahlte Pacht. Der Wert des
Eigentums bestimmt sich dann aus dem Wert derjenigen Rechte, die durch einen Tausch transferiert
werden. Ein Bauernhof, auf dem ein unprofitabler, lange laufender Pachtvertrag lastet, hat einen
entsprechend geringen Wert.

Eigentum ist ein Recht, dass gegenüber allen anderen Menschen gültig sein will. Eigentum schließt
alle anderen von der Nutzung aus, außer wenn diese explizit dazu ermächtigt werden. Genauso im-
plizieren auch immaterielle Vermögensbestandteile (Patente und Copyrights) ein Eigentum gegen-
über allen anderen Menschen. Eigentum lässt sich insofern weniger als Beziehung zwischen einem

84
Menschen und einer Sache auffassen als vielmehr eine soziale Beziehung zwischen einem Menschen
und allen anderen Menschen.

Wir können uns vorstellen, was passiert, wenn eine Sache keinen Eigentümer hat. In diesem Fall
wird jeder die Sache nutzen wollen und die Früchte daraus genießen wollen. Ein Kirschbaum ohne
Eigentümer wird rasch abgeerntet, aber vielleicht auch gefällt und als Holz verarbeitet. Die Kartof-
feln werden von vielen vom Acker geholt, nicht nur von denen, die den Acker gepflügt, gedüngt und
bepflanzt haben. Jegliche Investitionen in eine solche Sache sind damit dem Risiko ausgesetzt, von
anderen beansprucht zu werden. Die Folge wird sein, dass Investitionen in eine Sache unattraktiv
sind. Daher wird seitens der Property-Rights Theorie Universalität gefordert, also dass alle knappen
Ressourcen (mindestens) einer Person gehören sollten. So sollten Erblasser ihr Erbe möglichst voll-
ständig verteilen, der Rest wäre sonst ohne Eigentümer. Universalität ist auch eine Forderung ge-
genüber dem Staat. Gesetze sollten so verfasst sein, dass möglichst für alle knappen Ressourcen ein
Eigentümer vorgesehen ist. So sieht beispielsweise das BGB § 958 bis 964 vor, dass herrenlose
Sachen durch Aneignung einen neuen Eigentümer finden. An herrenlosen Grundstücken hat der
Fiskus des Bundesstaates das alleinige Aneignungsrecht. So wird rasch sichergestellt, dass keine
Sache ohne Eigentümer ist.

Aber kann ein Streit auch durch Verhandlungen verhindert werden? Dies wurde von Coase (1960)
angeregt. Hinterlässt beispielsweise ein Erblasser einen Bauernhof ohne einen Erben zu bestimmen,
so könnte dennoch der Betrieb geordnet weitergehen. Ein neuer Nutzer könnte Verhandlungen mit
allen anderen Personen führen, die ein Eigentum am Bauernhof für sich reklamieren. Diese könnten
im Gegenzug für eine Ausgleichszahlung auf das Eigentum verbindlich verzichten. Offensichtlich
wären diese vielen Verhandlungen aber mit hohen Transaktionskosten verbunden. Selbst wenn
Streit sich mit Hilfe von Verhandlungen vermeiden lässt, ist eine Einigung damit nicht kostenlos.
Der Vorteil einer Zuweisung von Eigentum besteht also darin, diese Transaktionskosten zu vermei-
den.

Transferierbarkeit

Eigentum beinhaltet das Recht am Transfer einer Sache. Oftmals sehen wir allerdings, dass Trans-
ferierbarkeit nur unvollständig eingeräumt wird. Ein untalentierter oder altersschwacher Eigentümer
könnte einen Bauernhof dann an einen talentierten Landwirt nur noch verpachten oder diesen mit
einem Festgehalt einstellen. Dies verursacht externe Transaktionskosten. Beispielsweise muss der
Pächter das anvertraute Gut pflegen und in der Substanz erhalten. Der Pächter von Ackerland wird
aber nicht von sich aus auf den Wert des Ackers nach der Pachtperiode achten. Er unternimmt keine
den zukünftigen Wert steigernde Investitionen. Verträge, mit denen diese eingefordert werden, er-
fordern externe Transaktionskosten. Im alternativen Fall eines Festlohns hat ein Landwirt keinen
Anreiz zu hohem Arbeitseinsatz. Interne Transaktionskosten sind erforderlich zur Sicherstellung
dieses Arbeitseinsatzes.

Nur ein vollständiger Eigentumstransfer erlaubt es, diese internen oder externen Transaktionskosten
zu vermeiden. Der Eigentümer hat nämlich automatisch einen starken Anreiz zur effizienten Nut-
zung des Eigentums. Er empfängt das Residualeinkommen, also dasjenige Einkommen, welches
nicht an andere abgetreten wurde und ihm für residuale Verfügungsrechte zufließt. Transferierbar-
keit ermöglicht es daher, Talent und Zugang zu Ressourcen miteinander zu verknüpfen und dadurch
die Effizienz zu erhöhen.

Grundsätzlich lässt sich somit fragen, wer der Eigentümer einer Ressource sein sollte. Wird der
Fokus auf Effizienz gelegt, so lautet die Antwort, dass derjenige Eigentümer werden sollte, der die
Kontrolle einer Sache mit den geringsten Kosten organisieren kann! Sofern er das Residualeinkom-
men erhält, hat er damit einen Anreiz, den eigenen Arbeitseinsatz hoch zu halten und das anvertraute
Gut nachhaltig zu gebrauchen (Alchian und Demsetz 1972). Dieser Vorteil kann nur durch Transfe-
rierbarkeit gesichert werden. Vertreter der Property Rights Theorie wie Armen A. Alchian (1914-

85
2013) und Harold Demsetz (*1930) fordern daher, dass ein Transfer von Eigentum uneingeschränkt
möglich sein sollte.

Entgegen der Forderung der Transferierbarkeit sehen wir historische Beispiele ihrer Einschränkung.
Beispielsweise war im Feudalismus Landbesitz oftmals durch Primogenitur geregelt. Grundbesitz
wurde von einer Generation an die andere übertragen durch Erbschaft des ältesten Sohnes. Er durfte
aber nicht verkauft werden. Dies hatte zur Folge, dass Grundbesitz nicht als Sicherheit bei einer
Bank hinterlegt werden konnte, sodass Grundbesitzer kaum Kredite aufnehmen konnten. Im Falle
einer Insolvenz konnte der Besitz nämlich nicht an die Bank transferiert und verwertet werden. Statt
Grundeigentum gab es Grundbesitz. Damit blieben Möglichkeiten zur Expansion und Einführung
technischer Neuerungen beschränkt.

In manchen sozialistischen Ländern mit einem hohen Anteil an Planwirtschaft konnten Arbeiter nur
eingeschränkt Eigentum an Firmenvermögen erwerben. Ein typisches Beispiel hierzu sind labor-
managed firms, auch als worker-cooperatives bezeichnet. Eine solche Firma ist dadurch charakteri-
siert, dass Firmenmitarbeiter alle wirtschaftlichen Entscheidungen für die Firma treffen und über die
Verwendung des Residualeinkommens bestimmen. Darüber hinaus sind diese Rechte mit der Mit-
arbeit in der Firma verbunden und können nicht transferiert werden. Im ehemaligen Jugoslawien
wurden diese Rechte von Firmenmitarbeitern gesetzlich festgelegt. Mitarbeiter konnten über die
Produktion entscheiden, Investitionen tätigen und die Früchte hieraus behalten. Sie konnten ihren
Firmenanteil aber nicht verkaufen. Der Anteil war verbunden mit ihrer Tätigkeit als Arbeiter; sie
verloren den Anteil mit dem Ausscheiden aus der Firma. Manche Investitionen lohnten sich somit
für Arbeiter jugoslawischer labor-managed firms nicht: Sie hatten einen kurzen Zeithorizont, da sie
Auszahlungen nur während der aktiven Tätigkeit in der Firma erhalten konnten. Nicht das Firmen-
wohl stand also im Vordergrund, sondern die Auszahlungsfähigkeit innerhalb der Firma bis zur
Rente.

Dieses Beispiel soll nicht bedeuten, dass labor-managed firms niemals erfolgreich sein können. Bei
Rechtsanwaltskanzleien und Unternehmensberatungen steht das Humankapital der Mitarbeiter im
Vordergrund und Investitionen in Sachkapital sind weniger wichtig. Wird dann nur die Auszah-
lungsfähigkeit bis zur Rente innerhalb der Firma maximiert, so hat dies kaum negative Auswirkun-
gen auf die ohnehin geringen Investitionen in Sachkapital. Nachteilig erscheint eine Beschränkung
der Transferierbarkeit bei Firmen, die viel Kapital für Investitionen sammeln müssen.

Grenzen der Transferierbarkeit

Entgegen einer Forderung nach einem umfassenden Recht auf Transferierbarkeit wird dieses tat-
sächlich oftmals eingeschränkt. So verbieten wir z.B. die Sklaverei und die Zwangsarbeit. Eine Per-
son kann also nicht von Dritten zur Ausführung einer Tätigkeit gezwungen werden. Eine Person
darf sich aber auch nicht selbst versklaven. Für einen Kreditnehmer, der von dem Erfolg seines
Unternehmens überzeugt ist, könnte es vorteilhaft sein, einen Kredit aufzunehmen unter der Bedin-
gung, dass er im unwahrscheinlichen Falle eines geschäftlichen Scheiterns zum Sklaven des Kredit-
gebers wird. Eine solche Praxis der Selbstversklavung war in der Antike noch weit verbreitet. Der
eigene Körper war damit ein transferierbares Eigentum.

In Mesopotamien gibt es bereits seit dem 17. Jahrhundert v. Chr. Belege dafür, dass Personen im
Falle einer Zahlungsunfähigkeit als Sicherheit dienten und sich bei Ausfall des Kredits versklavten
(Goetzmann 2016). Ebenso kam es in Griechenland und der Römerzeit regelmäßig vor, dass ein
freier Mann sich oder seine Nachkommen als Schuldsklaven verpfändete und damit als Sicherheit
für einen Kredit diente. In Athen wurde diese Praxis der Schuldknechtschaft 594 v. Chr. weitgehend
abgeschafft, als die Gesetzgebung des athenischen Staatsmanns Solon die Versklavung für Schulden
und, noch radikaler, die Verpfändung des eigenen Körpers als Sicherheit verbot. Es dauerte jedoch
Jahrhunderte, bis andere Staaten ähnliche Gesetze erließen. In Rom wurde diese Praxis 326 v. Chr.

86
abgeschafft, um das Recht des Bürgers auf Freiheit zu etablieren. Wir finden heute kaum noch ex-
plizite Gesetze gegen die Selbstversklavung, da uns dies bereits als Verstoß gegen die Menschen-
rechte plausibel erscheint.

So weisen wir Menschen unveräußerliche Rechte auf körperliche Unversehrtheit und Freiheit zu. So
lautet die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „We hold these truths to be self-
evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalien-
able rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ Mit dem Begriff „un-
alienable“ oder auch teilweise „inalienable“ wird die fehlende Transferierbarkeit begründet.

Heutzutage ist es auch teilweise untersagt, zukünftige Arbeitsleistungen zu handeln und zu transfe-
rieren. Keiner kann zukünftige Arbeitsleistungen bereits heute verbindlich verkaufen. So beinhaltet
ein Arbeitsvertrag immer die Möglichkeit der Kündigung, ohne dass dafür Vertragsstrafen oder ähn-
liches geleistet werden müssten. Diese Garantie der Freiheit kann im Widerspruch zu Transferier-
barkeit und ökonomischer Effizienz stehen. Unternehmen werden ihre Investitionen in das Human-
kapital eines Beschäftigen reduzieren, da dieser durch Kündigung selbst über die Verwendung der
Investitionen entscheiden kann.

Im Fußball wurden vertraglich vereinbarte Ausbildungsentschädigungen oftmals für rechtswidrig


erklärt. Der Bundesgerichtshof (27.9.1999, II ZR 305/98) schätzte 1999 eine solche Zahlung als
unzulässige Beeinträchtigung des Grundrechts der Freiheit der Berufswahl ein. Damit können Spie-
ler nach Ablauf ihrer Ausbildung ohne Ablösezahlung den Verein wechseln. Das Problem ist aller-
dings, dass Vereine keinen Anreiz haben, in den eigenen Nachwuchs zu investieren. Daher könnte
ein junger Fußballspieler für eine Ausbildungsentschädigung stimmen und damit an den Verein die
Rechte bezüglich seiner Zukunft transferieren. Der Verein hätte dann einen Anreiz, im Gegenzug
für eine gute Ausbildung zu sorgen. Aber solche Verträge sind nichtig und haben vor Gericht keinen
Bestand.

Ganz anders geartet sind beispielsweise Kreditverträge. Mit einem langfristigen Kreditvertrag kön-
nen über 10 Jahre und länger Verpflichtungen eingegangen werden. Im Falle einer Kündigung durch
den Kreditnehmer kann eine Bank eine Vorfälligkeitsentschädigung verlangen. Kunde und Bank
haben damit die Möglichkeit, sich langfristig zu binden. Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben diese
Möglichkeit nicht.

Das unveräußerliche Recht auf körperliche Unversehrtheit verbietet es Menschen auch, ihre Organe
zu verkaufen. Menschen sind nicht Eigentümer transferierbarer Organe. Wir könnten uns durchaus
Situationen vorstellen, bei denen Menschen es unter Abwägung aller Argumente für vernünftig er-
achten, ihre Organe zu verkaufen. Entgegen solcher Überlegungen wird die Freiheit zu einer solchen
Entscheidung eingeschränkt und wir könnten uns heutzutage schwerlich an andere Regeln gewöh-
nen.

Weiterhin sind manche Vermögensgegenstände, die zum unmittelbaren Lebensunterhalt notwendig


sind, nicht pfändbar. Diese können somit nicht als Sicherheit für eine Bank dienen, da der Gerichts-
vollzieher sie nicht einziehen kann. Ein Kreditnehmer kann also nicht als Sicherheit seinen Fernse-
her hinterlegen. Im Falle des Zahlungsverzugs kann dieser nicht eingezogen und transferiert werden,
da dies als menschenunwürdig gilt. Auch für unsere zusätzliche Rentenversicherung, die sogenannte
Riester-Rente, ist die Transferierbarkeit eingeschränkt. Zukünftige Auszahlungen können nämlich
nicht abgetreten oder verkauft werden oder als Sicherheit dienen. Dasselbe gilt auch für die gesetz-
lichen Rentenzahlungen. Es existiert hierbei eine Abwägung zwischen der Garantie sozialer Min-
deststandards, welche von der Gemeinschaft getragen werden, und dem Eingehen von finanziellen
Risiken, für welche sich ein Individuum entscheiden darf. Beide stehen im Konflikt miteinander.
Sobald gewisse soziale Mindeststandards garantiert werden, lohnt es sich für ein Individuum, das
Risiko des finanziellen Totalverlusts auf sich zu nehmen, um dann den Mindeststandard für sich in
Anspruch zu nehmen.

87
Beispiel 4: Die Transferierbarkeit von Land

Land war lange Zeit nicht transferierbar. Die Abneigung gegen einen Verkauf von Land korrespon-
diert mit der Agrarrevolution und dem endowment effect. Die Gesetze von Hammurabi aus dem
Jahre 1800 v. Chr. erwähnen ein Verbot. Land durfte entweder überhaupt nicht oder nur mit Zustim-
mung einer großen Zahl von Personen transferiert werden. Ähnliche Positionen gegen die Transfe-
rierbarkeit finden wir bereits in den Arbeiten Platons. In seinem Buch "Das Gesetz" schreibt er:

"In einem idealen Staat werden alle gemeinsam sein, aber unseren Bürgern soll es erlaubt
sein, Land und Häuser zu besitzen. Sie müssen sich jedoch immer daran erinnern, dass das
Land Teil des Staates ist und sowohl dem Staat als auch ihnen selbst gehört; und auch, dass
es heilig ist, da es ein Teil der göttlichen Mutter Erde ist: daher möge ihnen ihr Besitz heilig
sein, eine unantastbare Einheit... Der Handel im Allgemeinen entwürdigt den Charakter
und sollte entmutigt werden. Es muss ein Verbrechen sein, ... mehr als das Vierfache der
ursprünglichen Landmenge zu besitzen".

Platon fordert ein staatliches Monopol bei der Zuteilung von Land an die Bürger. Diese können
einige vernünftige Parzellen Land besitzen, erhalten aber keine transferierbaren Eigentumsrechte.
Durch die Jahrhunderte hat Land einen besonderen Status behalten, da es von den Vorfahren beses-
sen und kultiviert wurde. Dies resultierte in einem „heiligen Band“, das die Familie mit dem Land
der Vorfahren verband, ein Band, das nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten beinhaltete. Land
wies den Familien innerhalb einer Gemeinschaft einen Status zu.

Die stetige Entwicklung der Transferierbarkeit von Land lässt sich unter dem Gesichtspunkt der
wirtschaftlichen Effizienz interpretieren. Diese Effizienzgewinne ergeben sich in vielerlei Hinsicht.
Erstens steigt der Wert von Land, wenn es an begabtere Nutzer übertragen werden kann. Zweitens
ermöglicht die Aufteilung von Land in Parzellen und deren Zusammenlegung zu neuen Parzellen
eine neuartige Nutzung und steigert seinen Wert. Drittens kann übertragbares Land als Sicherheit
verwendet werden. Dieser letzte Punkt wird von Hodgson (2016: 124-6) hervorgehoben. Neben an-
deren Produktionsmitteln erleichterte die Transferierbakeit von Land das Einwerben von Kapital.
Im England des 13. Jahrhunderts waren die Landrechte relativ sicher und gut definiert. Höchstwahr-
scheinlich waren auch in anderen Ländern und lange vor dem Industriezeitalter Land und Gebäude
die wertvollsten Vermögenswerte. Aber erst seit sie transferierbar wurden, konnten sie zur Siche-
rung der Finanzierung eingesetzt werden. Heute können die Produzenten solche Vermögenswerte
als Sicherheit verpfänden, und die Kapitalgeber haben eine wertvolle Garantie, da sie die Vermö-
genswerte im Falle eines Ausfalls verkaufen können.

Analog sehen wir auch heute noch negative Auswirkungen einer Beschränkung der Transferierbar-
keit von Land. Dies zeigt sich im Bemühen der Weltbank um die Sicherung von Landrechten zum
Zweck der Armutsbekämpfung. In vielen Ländern werden Landrechte nur unvollständig erfasst.
Grundbuchämter sind, insbesondere im ländlichen Raum, nicht vorhanden oder unzuverlässig.
Landeigentum ist dort oftmals nur informell geregelt. So haben sich beispielsweise durch langjähri-
gen Besitz territoriale Gewohnheiten herausgebildet im Sinne einer bourgeoisen Strategie. Aber es
besteht kein dokumentiertes Eigentumsrecht. Ohne das damit verbundene Recht auf Transferierbar-
keit können Bauern ihr Land nicht als Sicherheit bei einer Bank hinterlegen, um Kredite aufzuneh-
men. Zudem können Bauern ihr Land nicht vererben, Teilgebiete mit Nachbarn tauschen und zu
größeren Parzellen zusammenlegen, oder Teile veräußern, um Kapital für Investitionen zu erhalten.
Dies hat zur Folge, dass Bauern kaum langfristig investieren können. Gerade Investitionen in Be-
wässerung oder Obstbäume, die erst nach vielen Jahre Früchte erbringen, sind erst langfristig vor-
teilhaft und unterbleiben. Um dies zu ändern sind verlässliche Grundbuchämter notwendig, die
Landrechte möglichst vollständig als Eigentum oder zumindest als langfristiges Pachtrecht erfassen.

Quiz und Anhänge

Im Rahmen des hawk-dove-bourgeois-Spiels wird der Begriff des Besitzes hergeleitet

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1. aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch.
2. aus sichtbaren Signalen, die angeben, wann gekämpft wird und wann nicht.
3. aus der Vormacht eines hawk gegenüber anderen, die ihm die Beute überlassen.
4. aus der Friedfertigkeit der doves.

Wieso kann ein bourgeois besser abschneiden als ein hawk?


1. weil er auf fremdem Territorium kämpft.
2. weil er auf eigenem Territorium friedfertig ist.
3. weil er auf eigenem Territorium häufiger Beute macht.
4. weil er auf fremdem Territorium nicht kämpft.

Der endowment effect


1. ist besonders stark bei Jägern und Sammlern.
2. bewirkt eine übertriebene Neigung zum Handeln und Tauschen.
3. lässt sich evolutorisch als Folge der Agrarrevolution erklären.
4. ist eine effiziente Methode zur Verteidigung von Besitz.

Unter dem Residualeinkommen versteht man


1. den Teil des Einkommens, der nicht durch Verträge an andere abgetreten wurde.
2. den Teil des Einkommens, der nach Abzug aller Kosten übrig bleibt.
3. den Teil des Einkommens, der sich z.B. durch Pachtverträge an andere abtreten lässt.
4. den Rest des Einkommens, der nach allen Konsumkäufen einem Haushalt verbleibt.

Der Vorteil eines Rechts der Transferierbarkeit besteht darin,


1. dass hierdurch attraktive Pachtverträge möglich werden.
2. dass das Residualeinkommen an denjenigen geht, der die Ressource am besten nutzt.
3. dass untalentierte Inhaber einer Ressource keinen hohen Einsatz leisten.
4. dass Ressourcen zufällig dort landen, wo sie einen hohen Nutzen stiften.

Universalität bezeichnet
1. die Zuteilung von Verfügungsrechten an den Meistbietenden.
2. das universelle Menschenrecht auf soziale Mindeststandards.
3. die Zuweisung von Verfügungsrechten an mindestens eine Person.
4. die weitverbreitete Fehlallokation und Verschwendung von Ressourcen.

Ergänzende Literatur

Alchian, A.A. (1965) Some Economics of Property Rights. Il Politico 30: 816-829.
Apicella, C. L., E. M. Azevedo, N. A. Christakis, und J. H. Fowler (2014) Evolutionary Origins of
the Endowment Effect: Evidence from Hunter-Gatherers. American Economic Review 104(6):
1793–180
Bowles, S. und J-K. Choi (2013) “Coevolution of farming and private property during the early
Holocene,” Proceedings of the National Academy of Science 110(22): 8830-8835.
Demsetz, H. (1967) Toward a Theory of Property Rights. American Economic Review Papers and
Proceedings 57(2): 347-359.
Furubotn, E.G. und R. Richter (2005: 79-89; 96-100).
Hodgson, G. (2015) Much of the ‘Economics of Property Rights’ Devalues Property and Legal
Rights. Journal of Institutional Economics 11(4): 683-709.
Maynard-Smith, J. und G.R. Price (1973) The Logic of Animal Conflict. Nature 246 (5427): 15–18
Thaler, R.H. (1992) The Winner’s Curse. Princeton University Press, Princeton.

89
Stichworte

Besitz, bourgeois, dove, endowment effect, Eigentum, Erbschaft, Evolution, hawk, herrenlose Sache,
Ineffizienz, Kredit, labor-managed firm, Pacht, property rights Theorie, Sklaverei, self-serving bias,
Streit, Territorium, Tiere, Transferierbarkeit, Universalität, Verfügungsrechte.

Übungsaufgaben

Aufgabe 7.1
Beschreiben Sie den Ausgang folgender Strategiekombinationen im Haw-dove-bourgeois-Spiel:
a) Ein hawk trifft auf einen anderen hawk.
b) Ein hawk trifft auf eine dove.
c) Eine dove trifft auf eine dove.
d) Eine dove trifft auf einen bourgeois.
e) Ein bourgeois trifft auf einen hawk.
f) Ein bourgeois trifft auf einen bourgeois.
g) Beschreiben Sie, wieso die Wahl von bourgeois ein Nash-Gleichgewicht darstellt!

Aufgabe 7.2

Wenseleers et al. (2002; Journal of Insect Beha-


vior) berichten über ein Experiment mit der
Wüstenameise Cataglyphis niger. Zwei (konkur-
rierende) Kolonien von Ameisen wurden einge-
sammelt und in einem Labor gehalten. Die Ko-
lonien lebten getrennt für 2 Wochen in ihren je-
weiligen Territorien, die sie während dieser Zeit
durch Absondern von Pheromonen aus einer
Drüse in der Nähe des Hinterdarms chemisch
markierten. Substrate entweder des von der ei-
nen oder der anderen Kolonie derart markierten
Territoriums wurden entnommen und in 6x6cm große Plexiglasbehälter gefüllt. Jeweils eine Ameise
wurde daraufhin von jeder der beiden Kolonie dort hineingesetzt und deren rivalisierendes Verhalten
beobachtet. Das Öffnen des Unterkiefers, das Anheben des Bauches sowie das Versprühen von
Ameisensäure zur Verletzung des Rivalen sind bekannt als Zeichen von Aggression und wurden
entsprechend bewertet. Die Forscher fanden ein signifikant höheres Aggressionsniveau bei Amei-
sen, die sich auf dem von der eigenen Kolonie markierten Territorium befanden.
a) Beschreiben Sie kurz unter Rückgriff auf das beschriebene Experiment, was unter einem hawk
zu verstehen ist.
b) Beschreiben Sie kurz unter Rückgriff auf das beschriebene Experiment, was unter einem bour-
geois zu verstehen ist.
c) Beschreiben Sie kurz unter Rückgriff auf das beschriebene Experiment, inwiefern Eigentum als
Konvention verstanden werden kann.

Aufgabe 7.3

Ein Experimentator legte zwei Gegenstände vor Hadza-Buschmänner in Nordtansania ab und be-
stimmte mit einem Münzwurf, welcher der beiden Gegenstände als Geschenk zugeteilt werden
würde. Die Hazda tauschten in 50% der Fälle diesen Gegenstand gegen den anderen ein. Beschrei-
ben Sie die folgenden Begriffe unter Rückgriff auf diesen Befund
a) Endowment effect
b) Sesshaftigkeit

90
Aufgabe 7.4
Paragraph 12 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) besagt: „Eine Vereinbarung, die Auszubildende
für die Zeit nach Beendigung des Berufsausbildungsverhältnisses in der Ausübung ihrer beruflichen
Tätigkeit beschränkt, ist nichtig.“ Im Gegensatz zu diesem Gesetz lässt sich argumentieren, dass
Auszubildende das Recht haben sollten, ihre zukünftige Arbeitskraft schon zum Beginn ihrer Aus-
bildung an einen Betrieb zu transferieren. Was spricht für und was spricht gegen diese gesetzliche
Vorgabe? Gehen Sie bei Ihrer Antwort auf den Begriff der Selbstversklavung ein!

Aufgabe 7.5

Ein Landeigentümer verpachtet seinen Hof and einen Bauern. Nach eingien Jahren verweigert der
Bauer die Pachtzahlung. Er jagt den Landeigentümer vom Hof, droht ihm Prügel an und behauptet,
selbst der Eigentümer zu sein. Beschreiben Sie die folgenden Begriffe unter Rückgriff auf diesen
Befund
a) Besitz
b) Eigentum
c) Residuales Verfügungsrecht
d) Transferierbarkeit
e) Grundbuchamt

91
8. Verträge und Gerichte

Menschen schließen vielfältige Formen von Verträgen, aber für diese ist wichtig, ob sie vor Gericht
durchgesetzt werden können. Diese Fähigkeit kann einerseits durch asymmetrische Information ein-
geschränkt sein. Gerichte sind eventuell nicht vollständig informiert über Details eines Vertrages
und können nicht angemessen rechtsprechen. Andererseits darf nicht jeder vor Gericht Klage führen
und nicht jeder kann verklagt werden. Dieses Kapitel beschreibt die hieraus resultierenden Instituti-
onen.

Gerichtliche Durchsetzung von Verträgen

Bei einer gerichtlichen Durchsetzung unterwerfen sich beide Parteien dem Urteil eines Dritten: Ei-
nes amtlich bestellten Richters oder eines Schiedsgerichts. Dies tun sie entweder freiwillig, damit
ihre gegenseitigen Verpflichtungen von einer unabhängigen Instanz durchgesetzt werden können.
Oder sie sind hierzu durch gesetzliche Regelungen gezwungen. Da nun drei Parteien involviert sind,
wird dies auch als trilateral governance bezeichnet. Eine solche gerichtliche Durchsetzung ist zu-
meist vorteilhaft für beide involvierten Parteien, beispielsweise weil hierdurch jeder vor opportunis-
tischem Verhalten des anderen geschützt ist.

Diese Vorteilhaftigkeit zeigt sich auch an den Nachteilen, die Personen dann entstehen, wenn ihnen
der Zugang zu Gerichten nicht offensteht. Das Recht, vor Gericht als Partei aufzutreten, also zu
klagen und verklagt zu werden, wird als Parteifähigkeit bezeichnet. Dieses Recht ist bei Jugendli-
chen und Menschen mit geistigen Behinderungen oder Demenz zumeist eingeschränkt. Für diese
wird dann oftmals ein Vormund bestimmt, der als ihr Stellvertreter für sie Partei ergreifen darf.
Historisch wurde (und wird) die Parteifähigkeit häufig diskriminierend eingesetzt. So war es lange
verbreitet, dass Frauen keine Parteifähigkeit besaßen. Zur Verteidigung ihrer Rechte wurden sie vom
Vater vor Gericht vertreten oder nach Heirat durch ihren Ehemann. Genauso wurden bestimmte
Volksgruppen, Gastarbeiter, oder Migranten durch fehlende Parteifähigkeit diskriminiert. Der Zu-
griff auf Gerichte und damit die Teilnahme an trilateral governance ist dann ein Privileg für einige
bevorzugte Bürger eines Landes.

Sofern zwei Vertragspartner gleichermaßen parteifähig sind, werden sie Verträge derart ausgestalten
wollen, dass sie vor Gericht auf ihre Einhaltung überprüft werden können. Dies stellt an die Ver-
tragsgestaltung hohe Anforderungen, denn im Vertrag muss ein opportunistisches Verhalten von
einer unverschuldeten Nichterfüllung unterschieden werden. Nehmen wir dazu das Beispiel eines
Kraftwerks, das einen holdup gegenüber einem Aluminiumhersteller durchführt, um höhere Preise
durchzusetzen. Lässt sich der Aluminiumhersteller hierauf nicht ein, so könnte das Kraftwerk mit
der Sperrung der Stromzufuhr drohen. Dem Aluminiumhersteller würden dann Kosten wegen eines
Produktionsausfalls entstehen. Daher wird der Aluminiumhersteller im Vertrag eine Regelung wün-
schen, mit der eine Sperrung der Stromzufuhr ausgeschlossen wird und die bei Zuwiderhandlung
einen Schadenersatz vorsieht.

Aber nicht jede Sperrung sollte eine solche Strafzahlung induzieren. So könnte ein Unwetter, ein
Erdbeben oder Hochwasser (höhere Gewalt) die Stromzufuhr behindern. Dem Kraftwerk entstehen

93
bereits hohe Kosten für die Wiederherstellung seiner Stromlieferungen. Eine zusätzliche Klage auf
Schadenersatz würde die Risiken einseitig auf den Kraftwerksbetreiber verlagern. Daher wird der
Vertrag vorsehen, dass im Falle von höherer Gewalt eine Strafzahlung unterbleibt. Die Parteien
werden im Vertrag eine Abgrenzung zwischen höherer Gewalt und einem holdup vornehmen.

Ein resultierender Vertrag wird dabei typischerweise lang und seine Ausarbeitung mühsam. Lücken
im Vertrag könnten Opportunismus einer Marktseite bewirken und müssen daher vermieden wer-
den. Je innovativer ein Projekt, desto schwieriger ist die Antizipation von Eventualitäten. Der Auf-
wand, der für gerichtlich durchsetzbare Verträge getätigt werden muss, kann hierbei zu groß werden.
Die Verträge zur Einführung eines Mautsystems in Deutschland waren mehrere tausend Seiten lang,
die beigefügten Anhänge gingen darüber noch weit hinaus. In der Folge war ein gerichtliches Ver-
fahren zeitraubend und mit erheblichem Ressourcenaufwand verbunden. Die Folge solch komplexer
Verträge kann darin bestehen, dass eine Rechtsdurchsetzung durch Gerichte zu teuer ist und eher
private Formen der Durchsetzung von Ansprüchen zur Anwendung kommen.

Hier zeigt sich erneut ein Beispiel für ein Aufeinandertreffen von formellen und informellen Insti-
tutionen. Der Vertrag stellt eine formelle Institution dar. Private Formen der Vertragsdurchsetzung
sind hingegen zumeist informell: der gute Ruf eines Kaufmanns, die gegenseitigen Drohungen mit
Eskalation. Dabei ergibt sich ein substitutives Verhältnis zwischen diesen beiden Institutionen. Der
Staat schafft formelles Recht und ein Gerichtwesen. Mit diesen schafft er Rechtssicherheit, aber ihre
Inanspruchnahme kann aufwändig sein. Private Methoden sind informell und können kostengünsti-
ger sein. Allerdings besteht bei ihrer Anwendung keine Rechtssicherheit. Ein Kaufmann, der seinen
guten Ruf verliert, kann nicht in Berufung gehen um die soziale Ächtung abzuwenden.

Asymmetrische Information – mal anders

Die gerichtliche Durchsetzung von vertraglichen Ansprüchen ist nicht nur aufwändig, sie könnte
auch mit einer weiteren Form der asymmetrischen Information einhergehen. Vertraglich kann gere-
gelt werden, welches Verhalten schuldhaft ist, welches unverschuldet. Die Komplexität der formu-
lierten Verträge kann dabei aber das Urteilsvermögen eines Richters überfordern. Parteien, die sich
auf eine gerichtliche Durchsetzung ihrer Ansprüche verlassen, gehen dabei das Risiko ein, dass ein
Richter den Vertrag missversteht oder aufgrund sachfremder Abwägungen entscheidet.

Besonders deutlich wird die Schwierigkeit bei der Entscheidung darüber, ob ein holdup vorliegt.
Die Unterbrechung der Stromversorgung mag vom Kraftwerk mit technischen Schwierigkeiten auf-
grund von höherer Gewalt begründet werden, könnte allerdings auch als Drohung zur Durchsetzung
von Preiserhöhungen intendiert sein. Ein Gericht hätte also zu prüfen, ob die Begründung schlüssig
ist oder in Wirklichkeit ein holdup durchgeführt wurde. Hierbei kann das Gericht aber überfordert
sein, wenn die sachliche Beurteilung privates Wissen der Beteiligten ist. Ob also tatsächlich techni-
sche Schwierigkeiten vorlagen oder Absicht, wissen nur das Kraftwerk und der Aluminiumherstel-
ler. Wenn aber keiner Beweise hat, ist das Wissen nur privat, nicht öffentlich. Das Gericht kann
nicht überzeugt werden.

Die Abwägung zwischen holdup und höherer Gewalt wäre nicht kontrahierbar, wenn das Gericht
schlechter informiert ist als die Vertragsparteien. Vertragliche Bestandteile zu dieser Abwägung
sind dann nicht durchsetzbar, weil sie nicht von einem Dritten verifiziert werden können. Fehlende
Verifizierbarkeit stellt eine besondere Form der asymmetrischen Information dar. Information ist
nicht zwischen den Vertragsparteien asymmetrisch verteilt, sondern zwischen diesen und einem
neutralen Dritten.

94
classEx: Unvollständige Verträge

Ein Zulieferer und ein Abnehmer machen aus einem gemeinsamen Projekt je-
weils einen Gewinn von 5 €. Der Zulieferer hat die Chance, niedrigere Produk-
tionskosten zu erforschen. In einer Urne sind 10 blaue Kugeln und der Zulieferer
kann Kugeln rot färben. Die Kosten des Färbens stehen in der Tabelle. Diese Forschungs-
kosten werden vom Gewinn des Zulieferers abgezogen.

Eine Kugel wird zufällig gezogen. Ist diese


rot, so war die Forschung erfolgreich. In
diesem Fall müssen Zulieferer und Abneh-
mer über den zusätzlichen Gewinn von 10€
verhandeln. Beide bestimmen einen gefor-
derten Betrag. Ist die Summe der Forderungen größer als 10 €, verfällt der zusätzliche Gewinn und
beide behalten den anfänglichen Gewinn von 5€. Ist die Summe kleiner, erhält jeder seine Forde-
rung und der Rest wird gleichmäßig aufgeteilt. Dem Zulieferer werden am Ende unabhängig vom
Ausgang der Forschung und der Verhandlung die Kosten der Forschung abgezogen. Zwei Paare
werden ausgelost und Auszahlungen durchgeführt.

Das classEx-Spiel zeigt auf, welches Verhalten resultiert, wenn eine Marktseite ihre Investitionen
nicht mit Hilfe eines Vertrages absichern kann. Die Investitionen stellen sunk costs dar. Sie werden
in einer ersten Stufe bestimmt, bevor in einer zweiten Stufe über die Aufteilung des Gewinns be-
stimmt wird. Jede gefärbte Kugel erhöht die Chance auf einen Mehrgewinn von 10 € um 10%. Der
erwartete Ertrag beläuft sich pro Kugel auf 1 €. Also lohnt es sich, 9 Kugeln zu färben, da die Kosten
pro Kugel immer geringer sind als 1 €. Aber der Abnehmer kann nicht vertraglich verpflichtet wer-
den, dem Zulieferer den vollständigen Ertrag zu überlassen. Im Rahmen des Spiels wird lediglich
der ausgehandelte Preis vom Spielleiter (in der Rolle des Gerichts) durchgesetzt, aber eine mögliche
Einigung vor Durchführung der Forschung ist nicht möglich (und wird damit von keinem Gericht
durchgesetzt). Der Abnehmer könnte daher eine Beteiligung fordern. Da der Zulieferer dies antizi-
piert, sinkt sein Anreiz zur Durchführung von Forschung. Dies wollen wir nun mit Hilfe eines for-
malen Modells genauer beschreiben.

Ein formales Modell

Eine Folge der fehlenden Verifizierbarkeit besteht in verzerrten Anreizen zur Durchführung trans-
aktionsspezifischer Investitionen. Dies wurde in dem Modell der unvollständigen Verträge (incom-
plete contract) von Grossman und Hart (1986) formal gezeigt. Oliver Hart (*1948) erhielt für seine
Arbeiten im Jahre 2016 den Nobelpreis.

Angenommen, ein Käufer und ein Verkäufer stehen in einem dauerhaften Austausch miteinander.
Sie handeln ein bestimmtes Gut zum Zeitpunkt 1 und wissen, dass eine Erhöhung des Gewinns im
Zeitpunkt 2 möglich ist. Man denke hier an einen Zulieferer und einen Abnehmer, so wie auf der
Grafik unten dargestellt. In Periode 1 können sie noch keine verifizierbaren Verträge für die even-
tuell in Periode 2 auftretenden Gewinne abschließen. Der Abnehmer kann das Endprodukt am Markt
verkaufen zum Preis 𝑣 (z.B. 𝑣 = 32). Der Zulieferer stellt ein Zwischenprodukt zu Kosten 𝑐 her
(z.B. 𝑐 = 16). Insgesamt entsteht der gemeinsame Gewinn 𝑣 − 𝑐 (z.B. 32 − 16 = 16), wobei wir
von sonstigen Kosten absehen. Wir unterstellen, dass der gemeinsame Gewinn gleichmäßig aufge-
teilt wird (jeder erhält z.B. 8). Nun könnte der Zulieferer in Forschung investieren. Diese Investiti-
onen I könnten die Produktionskosten für das Zwischenprodukt verringern (z.B. von 𝑐 = 16 auf
𝑐 ′ = 10). Sie sind aber transaktionsspezifisch und hätten keinen Nutzen für andere Kunden als den

95
einen Abnehmer. Wir nehmen an, dass die transaktionsspezifischen Kosten 𝐼 überproportional an-
steigen mit der Wahrscheinlichkeit 𝜋, die Kosten zu reduzieren. Es gilt also 𝐼 = 𝑎𝜋 2 (z.B. 𝐼 = 6𝜋 2 ).

Zur Bestimmung der Lösungen gehen wir von Risikoneutralität aus. Die Akteure könnten gemein-
sam das erwartete soziale Optimum maximieren: 𝑚𝑎𝑥𝜋 𝜋(𝑐 − 𝑐′) − 𝑎𝜋 2 . Als Bedingung erster Ord-
𝑐−𝑐′ 16−10 1
nung folgt 2𝑎𝜋 = 𝑐 − 𝑐 ′ ⇔ 𝜋 = (𝑧. 𝐵. 𝜋 = = ). Die optimalen transaktionsspezifi-
2𝑎 12 2
(𝑐−𝑐′)2 62 3
schen Investitionen betragen dann 𝐼 = (𝑧. 𝐵. 𝐼 = = ).
4𝑎 24 2

Hiervon abweichend könnten die Akteure aber unabhängig voneinander ihren jeweiligen Gewinn
maximieren. In Periode 1 würde dann der Zulieferer investieren, ohne zu wissen, wie fair der Ab-
nehmer hierauf reagieren wird. In Periode 2 wird der Abnehmer beobachten, ob der Zulieferer das
Zwischenprodukt günstiger produzieren kann. Erst zu diesem Zeitpunkt gehen wir von vollständiger
Information aus. Er wird dann aber nachverhandeln. Dabei könnte er beispielsweise behaupten, das
Zwischenprodukt habe sich leicht verändert, weswegen ein neuer Vertrag ausgehandelt werden
müsse. Zur Fortführung der langfristigen Lieferbeziehung ist ein Kompromiss mit dem Abnehmer
erforderlich. Wir unterstellen, dass bei Verhandlungen der Zugewinn aus gemeinsamer Zustimmung
gleichmäßig auf die Beteiligten verteilt wird. Diese Verhandlungslösung wird auch als Nash-Pro-
dukt bezeichnet. Damit wird der Abnehmer zur Hälfte von der Kosteneinsparung des Zulieferers
profitieren. Der Zulieferer wird seine Forschungsbemühungen alleine bezahlen, aber nur mit der
anderen Hälfte dafür entlohnt.

Für den Zulieferer ergibt sich bezüglich der Höhe der transaktionsspezifischen Investitionen die
𝑐−𝑐′ 𝑐−𝑐′
folgende Berechnung: 𝑚𝑎𝑥𝜋 𝜋 − 𝑎𝜋 2 . Als Bedingung erster Ordnung folgt 2𝑎𝜋 = ⇔𝜋=
2 2
𝑐−𝑐′ 16−10 1
(𝑧. 𝐵. 𝜋 = = ). Die optimalen transaktionsspezifischen Investitionen betragen dann 𝐼 =
4𝑎 24 4
(𝑐−𝑐′)2 62 3
(𝑧. 𝐵. 𝐼 = = ). Es resultiert eine zu geringe Investition; das soziale Optimum wird nicht
16𝑎 96 8
erreicht. Dies liegt daran, dass der Zulieferer nur zum Teil und nicht mit vollkommener Sicherheit
für seine Forschungsbemühungen entlohnt wird.

Könnte mit Hilfe von Verträgen das soziale Optimum erreicht werden? Abnehmer und Zulieferer
könnten einen Vertrag schließen, in dem festgelegt wird, dass Kostenvorteile, die aus Forschung
und Innovation entspringen, vollständig beim Zulieferer verbleiben. Aber die Rechte hieraus lassen
sich nicht vor Gericht einfordern. Ein Gericht könnte eventuell beobachten, dass Kosteneinsparun-
gen vorliegen und in Forschung investiert wurde. Es könnte aber denken, dass die Forschung nutzlos
war und die Kosteneinsparungen aufgrund anderer Einflüsse entstanden. Die vertraglichen Details
können somit nicht von einem Gericht verifiziert werden. Die Beteiligten können aufgrund der

96
Nichtverifizierbarkeit erst dann in Verhandlungen treten, wenn die Kosteneinsparung aufgetreten
ist. Dies ist aber zu spät, um dem Zulieferer optimale Anreize für Forschung zu geben.

Nun gibt es aber eine Lösung für das Problem. Der Zulieferer könnte die Firma des Abnehmers
aufkaufen. Die Aufteilung des Gewinns wird damit irrelevant, da Gewinne ohnehin dem Zulieferer
zufließen. Damit sind wir zurück in der Fragestellung von make or buy. Erneut sind es Transakti-
onskosten, die hierzu einen Beitrag liefern. Es ist unmöglich (oder zu teuer), einem Gericht die Kau-
salität zwischen transaktionsspezifischen Investitionen und Kosteneinsparungen zu beweisen, damit
diese nicht vom Markt ausgenutzt werden. Daher erweist sich die Hierarchie als vorteilhaft.

Beispiel 1: Wer sollte Eigentümer werden?

Zur Frage, wer der Eigentümer eines Unternehmens sein sollte, finden sich in der Literatur verschie-
dene Ansätze. Oftmals wird der Eigentümer mit dem „Kapitalisten“ oder dem Entdecker neuer Tech-
nologien und Produkten identifiziert. Einen systematischeren Ansatz bietet das Prinzipal-Agenten
Modell. Der Eigentümer bezieht ein schwankendes und schwer vorherzusagendes Einkommen. So
legt das Modell nahe, dass eine risikoneutrale oder risikofreudige Person Eigentümer sein sollte,
während risikoaverse Personen eher die Rolle des Agenten übernehmen sollten. Aber wir sahen,
dass viele Eigentümer in der Rolle des Prinzipals ihr Risiko streuen können. In diesem Falle sind
selbst risikoaverse Personen bereit, Eigentümer zu werden. Als Folge liefert das Prinzipal-Agenten
Modell keine Antwort auf die gestellte Frage.

Barzel (1987) verweist zur Beantwortung der Frage auf measurement costs. Für die Produktion eines
Gutes oder einer Dienstleistung sind vielfältige Einsatzfaktoren notwendig, die von Zulieferern und
Arbeitskräften erbracht werden. Hierbei fallen measurement costs an, wie bereits auf. S. 23 ausge-
führt. Für manche Einsatzfaktoren sind diese measurement costs besonders hoch, beispielsweise
weil Arbeitseinsatz und –motivation nur mit viel Aufwand gemessen werden können. Es lohnt sich
dann, den Besitzer des Einsatzfaktors mit den höchsten measurement costs zum Eigentümer zu ma-
chen. Er erhält dann das gesamte Einkommen aus der Produktion. Von diesem Einkommen muss er
die leichter zu messenden Kosten abziehen, kann aber die measurement costs einsparen.

Gehen wir davon aus, dass beispielsweise zwei Personen an der Produktion eines Gutes beteiligt
sind. Der Beitrag der einen Person ist Routine und einfach zu messen, so dass bereits eine kleine
Stichprobe hinreichend Auskunft über die erbrachte Leistung liefert. Der Beitrag der zweiten Person
ist schwieriger zu beurteilen. „Das Ergebnis der Bemühungen dieser Person hängt davon ab, ob
Preisvorteile für gekaufte Rohstoffe verfügbar sind oder nicht, wie sehr sich die tatsächliche Qualität
der gelieferten Rohstoffe von der erwarteten Qualität unterscheidet und welche Geschäfte über den
Verkauf der Rohstoffe abgeschlossen werden können. Aufgrund der Variabilität dieser Faktoren ist
es kostspielig, in jedem einzelnen Fall die Auswirkungen des Glücks von denen des Aufwandes zu
trennen“ (Barzel 1987: 104). Falls diese beiden Personen als Team arbeiten und sich den Gewinn
teilen, droht geringer Einsatz der zweiten Person, die den Zufall für einen geringen Beitrag verant-
wortlich machen kann. Gleiches resultiert, falls die erste Person Eigentümer ist und die zweite an-
stellt. Die beste Lösung wird also erzielt, falls die zweite Person Eigentümer der Firma wird.

Zu einem alternativen Ansatz kommen Grossman und Hart (1986). Hierzu gehen sie von dem Mo-
dell der unvollständigen Verträge aus und fügen diesem die Möglichkeit hinzu, dass auch der Ab-
nehmer transaktionsspezifische Investitionen durchführen kann. Er investiert 𝐼 = 𝑏𝛿 2 (z.B. 𝐼 =
6𝛿 2 ) und kann mit der Wahrscheinlichkeit 𝛿 ein verbessertes Produkt produzieren, das am Markt
einen erhöhten Preis von 𝑣 ′ = 44 erzielt. Für die Maximierung des sozialen Optimums folgt
𝑚𝑎𝑥𝛿 𝛿(𝑣 ′ − 𝑣) − 𝑏𝛿 2 . Als Bedingung erster Ordnung für ein Maximum folgt 2𝑏𝛿 = 𝑣 ′ − 𝑣 ⇔
𝑣 ′ −𝑣 44−32
𝛿= (𝑧. 𝐵. 𝛿 = = 1). Aber der Abnehmer befürchtet Nachverhandlungen des Zulieferers
2𝑏 12
und erwartet, nur die Hälfte des Zugewinns behalten zu können. Daher lautet die Maximierungsauf-
𝑣 ′ −𝑣 𝑣 ′ −𝑣 𝑣 ′ −𝑣
gabe 𝑚𝑎𝑥𝛿 𝛿 − 𝑏𝛿 2 . Als Bedingung erster Ordnung folgt 2𝑏𝛿 = ⇔𝛿= (𝑧. 𝐵. 𝛿 =
2 2 4𝑏

97
44−32 1
= ). Erneut wären die transaktionsspezifischen Investitionen geringer als im sozialen Opti-
24 2
mum. Es würde sich daher für den Abnehmer lohnen, den Zulieferer aufzukaufen und sämtliche
Anteile der Firma zu übernehmen.

Wenn aber sowohl Zulieferer als auch Abnehmer transaktionsspezifische Investitionen durchführen
können, wer sollte dann wen aufkaufen? Hierbei ergibt sich das Problem, dass durch Aufkauf der
Anreiz zu transaktionsspezifischen Investitionen der aufgekauften Firma verschwindet. Die aufge-
kaufte Firma erzielt ja keinen Vorteil mehr aus ihrer erhöhten Mühe und den Investitionen in die
Forschung. Sie wird als profitcenter geführt ohne die Chance, mit Investitionen und Mühen über ihr
Einkommen selbst bestimmen zu können. Daher wird derjenige sich als Eigentümer durchsetzen,
der mit seinen transaktionsspezifischen Investitionen den höheren Zugewinn erzielt. In unserem
Beispiel ist dies der Abnehmer, da 𝑣 ′ − 𝑣 > 𝑐 − 𝑐 ′ . Da der Firmenwert in diesem Fall stärker an-
steigt, kann der neue Eigentümer leichter Investoren für eine Übernahme anlocken.

Beispiel 2: Waldbesitz in Oaxaca

Antinori und Rauser (2008) wenden das Modell der unvollständigen Verträge auf lokale Vertrags-
gestaltung in Oaxaca, Mexiko, an. Kommunen in Mexiko sind per Gesetz Eigentümer des umge-
benden Waldes und können dieses Eigentum nicht transferieren. Es stellt sich die Frage, in welcher
Form die Holzproduktion organisiert werden sollte. Entweder die Kommunen organisieren dies
selbst oder sie schließen einen Vertrag mit einer privaten Firma. Entscheidend für die Beantwortung
dieser Frage sind die Vorteile, die transaktionsspezifische Investitionen erbringen.

Eine private Firma kann transaktionsspezifische Investitionen in die Holzproduktion tätigen. Den-
ken wir beispielsweise an das Anlegen von Transportwegen. Diese erzielen einen Ertrag nur in der
spezifischen Relation zum kommunalen Wald. Ähnlich müssen auch schwere Maschinen herange-
schafft werden oder know-how in Bezug auf die lokalen geographischen und biologischen Verhält-
nisse erworben werden. Private Firmen haben Zugang zu diesem know-how und den notwendigen
Maschinen, müssen dies aber transaktionsspezifisch investieren. Sind die dadurch zu erzielenden
Kostensenkungen hoch, so sollte eher mit einer privaten Firma kontrahiert werden.

Andererseits können auch für den Wald transaktionsspezifische Investitionen durchgeführt werden.
Dies sind insbesondere Investitionen in die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung, beispielsweise
in die Aufforstung oder den Feuerschutz. Solche Investitionen steigern den Gewinn der privaten
Firma kurzfristig nicht und werden in zu geringem Maß von dieser durchgeführt. Wäre die Holzpro-
duktion an eine private Firma abgetreten, so würde die Kommune mit diesen Investitionen aber
langfristig den Gewinn der privaten Firma steigern. Daran hat sie jedoch nur ein geringes Interesse,
wenn die Profite daraus nicht der Kommune, sondern der privaten Firma zukommen. Integriert sie
die Holzproduktion, bleibt das Interesse an der Durchführung dieser Investitionen vollständig erhal-
ten. Aber sie hat nicht die Kenntnis für Innovationen in der Holzproduktion. Sie wird sich daher für
die Integration entscheiden, wenn dieser Nachteil gering ausfällt.

Empirisch zeigt sich, dass Kommunen mit mehr Expertenwissen, höherem Humankapital und grö-
ßerem Wald die Holzproduktion selbst organisieren. Der Vorteil privater Firmen bezüglich vorhan-
denem Fuhrpark und Expertenwissen ist dort geringer, weil die Kommune aufgrund ihrer Größe
eher Zugriff auf diese Ressourcen hat und ihren Nachteil kompensieren kann.

Beispiel 3: AOL und Time Warner

Im Jahre 2000 fusionierten der US-Internetdienst AOL und das US-Medienunternehmen Time War-
ner. Mit einem gesamten Fusionsvolumen von 182 Milliarden Dollar (zu Zeiten der Planung sogar
noch höher bewertet) ist dies bis heute die größte vertikale Integration. Time Warner betrieb viele
Printmedien und hatte zuletzt den Bereich Kabel-TV und Unterhaltung ausgebaut, allerdings mit

98
schwachen Wachstumsraten. Time Warner suchte einen verbesserten Zugang zu neuen Kundenkrei-
sen. AOL war einer der weltweit größten Provider, der über telefonische Einwahl und Breitband
Zugang zum Internet bot. Seinen Kunden versuchte AOL maßgeschneiderte Inhalte anzubieten.
Nach Bekanntgabe der Fusion stieg der Kurs von Time Warner um 12%, der von AOL um 19%.
Aber es verwundert, dass die kleine Firma AOL 55% der Anteile erhielt und die große Firma Time
Warner nur 45%. Zudem konnte der CEO von AOL, Steve Case, den Chefposten reklamieren, so-
dass am Ende von einer Übernahme durch AOL die Rede war. Dies überrascht insbesondere, weil
AOL bezüglich der Anzahl der Mitarbeiter und beim Umsatz deutlich kleiner war. So wurde erwar-
tet, dass AOL nur 20% zum Umsatz des Gesamtunternehmens beitragen würde.

Zum einen waren Aktien im Bereich der Computertechnologie im Jahre 2000 deutlich überbewertet.
So lag auch die Marktkapitalisierung von AOL über derjenigen von Time Warner. Eine weitere
Erklärung lässt sich mit dem Modell der unvollständigen Verträge beisteuern. AOL hatte die aus-
sichtsreicheren transaktionsspezifischen Investitionen zu bieten. Technische Innovationen, mit de-
nen Nutzer bei Einwahl gleich auf die Inhalte geleitet werden und dort länger verweilen sollten,
waren das Geschäftsmodell, das viel Hoffnung verbreitete. Der Zugriff auf diese Hoffnung lag je-
doch weitgehend in den Händen von AOL, das die Ideen und das Innovationspotential hatte. Ähnli-
che transaktionsspezifische Investitionen konnte Time Warner kaum durchführen, da es nur für die
Zulieferung der Inhalte verantwortlich war.

Rückblickend sei nicht unerwähnt, dass das neue Gemeinschaftsunternehmen keinen Erfolg hatte.
Die Marktkapitalisierung sank um 90% und die beiden Unternehmen gingen 2009 wieder auseinan-
der. Das Geschäftsmodell einer Integration von Internetzugang und Inhalt stellte sich bei der weite-
ren Ausbreitung des Internets und dem Kundenwunsch nach einer Vielfalt von Inhalten als un-
brauchbar heraus.

Zwischen Markt und Hierarchie

Bisher wurde make or buy als Entscheidung zwischen zwei Alternativen dargestellt, zwischen Markt
und Hierarchie. Ist die Entscheidung in der Realität aber nur eine zwischen zwei Extremen? Gibt es
vielleicht auch Zwischenlösungen? Oder lassen sich aus beiden Optionen die Vorteile herauslösen
und miteinander kombinieren?

Zum einen sehen wir, dass bei einer hierarchischen Lösung marktähnliche Anreize implementiert
werden können. So kann innerhalb einer Firma Wettbewerb existieren, der zur Leistungssteigerung
eingesetzt werden kann. Sofern es möglich ist, die Leistung des Einzelnen zu messen, kann dieser
leistungsgerecht entlohnt werden. So können beispielsweise profitcenter eingerichtet werden, also
ein organisatorisch abgegrenzter Teil einer Firma mit weitreichend eigenständigen Entscheidungs-
befugnissen, für den ein eigener Periodenerfolg ermittelt wird und in Abhängigkeit des Gewinns
eine Entlohnung bestimmt werden kann. Es wird innerhalb einer Firma ein marktähnlicher Aus-
tausch simuliert und damit Anreize zu hohem Arbeitseinsatz gegeben. Ein profitcenter ist auf der
Skala zwischen Markt und Hierarchie in einer Mittelposition.

Bestrebungen zur Einführung von Wettbewerb stoßen aber an Grenzen, insbesondere weil das pro-
fitcenter keinen Rechtsanspruch auf den Gewinn hat. Die Firma kann von ihren Zusagen gegenüber
dem profitcenter abweichen, sofern sich dies als vorteilhaft herausstellt. Stellen wir uns beispiels-
weise vor, dass sehr hohe Gewinne im profitcenter anfallen, beispielsweise weil die dortigen Mitar-
beiter mit viel Aufwand und Ideenreichtum Innovationen durchgeführt haben. Diese geben der
Firma den Anreiz, die Vereinbarung nach unten anzupassen, um stärker an den Gewinnen zu parti-
zipieren. Es droht somit Opportunismus der Firma gegenüber dem profitcenter.

Spiegelbildlich dazu ist der Fall des kalkulatorischen Konkurses eines profitcenters. Im Markt
müsste diese organisatorische Einheit ausscheiden und alle Mitarbeiter würden ihre Arbeit verlieren.

99
Für die Firma ist es hingegen lohnender, die organisatorische Einheit neu zu ordnen und die Mitar-
beiter weiter zu beschäftigen. Dies können die Mitarbeiter aber im Voraus wissen und werden nicht
aus Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes einen hohen Arbeitseinsatz erbringen. Insgesamt
sehen wir, dass die Anreize innerhalb einer Hierarchie nicht vollständig diejenigen des Austauschs
über den Markt erreichen werden. Der Grund besteht darin, dass ein profitcenter keine eigenständige
Organisation ist. Es besitzt keine Parteifähigkeit. Es ist nicht befähigt, Klage zu führen und vor
Gericht seine Ansprüche zu vertreten.

Relationale Verträge

Nicht für alle Verträge ist die gerichtliche Durchsetzung und die Frage der Parteifähigkeit relevant.
Insbesondere dort, wo Information unvollständig ist, werden Verträge oftmals unscharf formuliert
und lassen bewusst viele Eventualitäten offen. Solche Verträge werden oftmals bei Arbeitsverhält-
nissen beobachtet. Hierbei liegt auf beiden Seiten asymmetrische Information vor. Nur der Arbeiter
kennt seine Qualifikation und Motivation. Nur der Manager kennt den Wert, den der Arbeiter für
die Firma erbringt. Der Manager wird nun im ersten Jahr nur grob den Arbeitsbereich eines Arbeiters
spezifizieren. Von Jahr zu Jahr werden die Arbeitsplatzbeschreibung sowie die konkreten Ziele prä-
zisiert. Der Manager wird jedes Jahr genauer bestimmen, wie der Arbeiter entlohnt werden soll und
dies an die wachsende Erfahrung des Arbeiters anpassen. Dabei sind die beiden in einem ständigen
Konflikt. Der Manager sieht gebrochene Versprechen des Arbeiters. Dieser hingegen sieht die Res-
sourcen, die der Manager ihm vorenthält. Gleichzeitig sehen beide, dass sie von einer fortlaufenden
Kooperation profitieren.

Aufgrund der Unklarheit des relationalen Vertrages sind kaum verifizierbare Details aufzufinden,
die vor Gericht geklärt werden können. Es gibt stattdessen zwei private Drohpunkte – den relatio-
nalen Vertrag zu verlassen oder nur noch das Minimum des Vertrages zu erfüllen, so viel, dass
gerade eine Kündigung unterbleibt. Beide Möglichkeiten müssen permanent angedroht werden, um
die Gegenseite zu Kompromissen zu bewegen. Die Transaktion zwischen Manager und Arbeiter
liegt damit erneut zwischen Markt und Hierarchie. Das Risiko der Kündigung verdeutlicht, dass die
Transaktion eine Flexibilität wie diejenige am Markt aufweist. Die Chance auf Fortsetzung der lang-
fristigen Beziehung ist hingegen ein Kennzeichen der Hierarchie.

Als Folge dieser Neuverhandlung teilt sich jedoch jede Partei einen Teil der Vorteile der vorherigen
(nicht vertraglichen) transaktionsspezifischen Investitionen mit der anderen Partei. In Anbetracht
dessen investiert jede Partei ex ante.

Quiz und Anhänge

Der Zulieferer eines Zwischenprodukts hat nur einen geringen Anreiz, durch Forschungsanstren-
gungen seine Produktionskosten zu senken, weil ein Abnehmer den Preis des Zwischenprodukts
1. unverändert lassen wird.
2. erhöhen wird.
3. senken wird.
4. erratisch schwanken lassen wird.

Ein Automobilhersteller erwägt, durch Forschungsanstrengungen die Qualität seiner Autos zu ver-
bessern und damit höhere Preise zu erzielen. Er fürchtet Preiserhöhungen für den von einem Zulie-
ferer bezogenen einzigartigen Produktionsfaktor. Das soziale Optimum wird erzielt, wenn der Au-
tomobilhersteller
1. dem Zulieferer Preiserhöhungen untersagt.
2. die Forschungsanstrengungen reduziert.
3. mit dem Zulieferer Kompromisse schließt.

100
4. die Aktien des Zulieferers aufkauft.

Eigentümer sollte derjenige werden,


1. der am meisten Risikoaversion zeigt
2. dessen Einsatz am besten gemessen werden kann
3. der mit seinen transaktionsspezifischen Investitionen den höheren Zugewinn erzielt
4. der mit den höchsten Kosten den Ressourceneinsatz kontrollieren kann.

Ergänzende Literatur

Aghion, P. und R. Holden (2011) Incomplete Contracts and the Theory of the Firm: What Have We
Learned over the Past 25 Years? Journal of Economic Perspectives 25(2): 181–197.
Antionori, C. and G.C. Rausser (2008) Ownership and Control in Mexico’s Community Forestry
Sector. Economic Development and Cultural Change 57(1): 101-136.
Barzel, V. (1987) The Entrepreneur’s Reward for Self-Policing. Economic Inquiry 25: 103-116.
Furubotn, E.G. und R. Richter (2005: 251-258).
Grossman, S. J. und O. D. Hart (1986) The Costs and Benefits of Ownership: A Theory of Vertical
and Lateral Integration. Journal of Political Economy 94(4): 691–719.

Stichworte

Gericht, Hierarchie, höhere Gewalt, incomplete contract, Nash-Produkt, Parteifähigkeit, profitcen-


ter, relationale Verträge, Schadenersatz, trilateral governance, unvollständige Verträge, Verifizier-
barkeit.

Übungsaufgaben

Aufgabe 8.1
a) Was versteht man unter trilateral governance?
b) Welche Art von asymmetrischer Information kann sich bei trilateral governance einstellen?
c) Was versteht man unter Parteifähigkeit?
d) Was ist ein relationaler Vertrag und wieso wird dieser gerade dann verwendet, wenn Probleme
mit der in Teilfrage b) angeführten asymmetrischen Information besonders gravierend sind?

Aufgabe 8.2
Kehren Sie zurück zu dem classEx-Spiel zu unvollständigen Verträgen auf S. 95.

a) Welches sind die Vor-und Nachteile einer niedrigen Forderung bei der Verhandlung? Welches
sind die Vor- und Nachteile einer hohen Forderung?
b) Wie viele Kugeln sollte der Zulieferer erwerben, falls er den zusätzlichen Gewinn von 10€ al-
leine erhält? Begründen Sie Ihre Antwort!
c) Wie viele Kugeln sollte der Zulieferer erwerben, falls der zusätzliche Gewinn von 10€ gemäß
Nash-Produkt aufgeteilt wird? Begründen Sie Ihre Antwort!

Aufgabe 8.3
Ihr Arbeitgeber fordert Sie dazu auf, die Chance auf ein höheres zukünftiges Einkommen durch
Investitionen in Ihre berufliche Fortbildung zu verbessern. Je höher hierbei Ihre Investitionen 𝐼,
desto höher ist die Erfolgswahrscheinlichkeit einer Produktinnovation, die sie gemeinsam mit Ihrem
Arbeitgeber am Markt einführen können. Die Kosten Ihrer Investition 𝐼 betragen hierbei in Abhän-
gigkeit von der Erfolgswahrscheinlichkeit 𝜋mit 0 ≤ 𝜋 ≤ 1: 𝐼 = 𝜋 2 ∙ 100.000. Weder diese Inves-
titionen, noch die Wahrscheinlichkeit 𝜋 lassen sich von einem Gericht verifizieren. Genauso wenig

101
können spätere Gewinne des Arbeitgebers oder Kostenvorteile aufgrund der beruflichen Fortbildung
und ihre Zuordnung zu Ihrer Investition von einem Gericht verifiziert werden. In einer späteren
Periode entscheidet der Zufall gemäß der Wahrscheinlichkeit ob sich die Innovation durchführen
lässt. Falls dies gegeben ist, kann Ihr Arbeitgeber einen zusätzlichen Gewinn 𝑣 in Höhe von 80.000
am Markt erzielen.

b) Bestimmen Sie die Investitionen in Fortbildung 𝐼 und die Erfolgswahrscheinlichkeit 𝜋 im sozi-


alen Optimum!
c) Wieso könnten im Rahmen des bekannten incomplete contract Modells die folgenden Versu-
che, das soziale Optimum zu erreichen, scheitern? Geben Sie jeweils eine kurze Antwort!
i. Ihr Arbeitgeber finanziert die berufliche Fortbildung zur Hälfte mit!
ii. Ihr Arbeitgeber verspricht Ihnen vor der Durchführung Ihrer Fortbildung im Erfolgsfall den
gesamten Gewinn 𝑣 = 80.000!
d) Bestimmen Sie Ihr individuelles Optimum unter der Maßgabe, dass die Versuche Ihres Arbeit-
gebers zur Erzielung des sozialen Optimums scheitern. Unterstellen Sie hierbei, dass bei mög-
licher Markteinführung Ihr Arbeitgeber im Rahmen von Verhandlungen eine Aufteilung des
zusätzlichen Gewinns gemäß Nash-Produkt mit Ihnen vereinbart.
e) Wie ließe sich durch vertikale Integration das soziale Optimum erzielen?

102
9. Kooperation und
kollektives Eigentum

Die Tragik der Allmende

Eigentum wird manchmal an mehrere Personen gleichzeitig vergeben unter der Maßgabe, dass diese
es kollektiv nutzen und dabei miteinander kooperieren. Aktuelle Beispiele sind Ehegatten in einer
Gütergemeinschaft, eine Erbengemeinschaft oder Gesellschafter einer BGB-Gesellschaft. Gesetze
sehen dann vor, dass sich diese Eigentümer bei den Entscheidungen, beispielsweise über die Nut-
zung oder den Verkauf, abstimmen müssen. Beispielsweise müssen Entscheidungen gemeinsam ge-
troffen werden und bedürfen der Zustimmung aller Eigentümer. Bei größeren Gruppen von Eigen-
tümern hat dies oftmals zur Folge, dass Einigkeit schwer zu erzielen ist und weder für einen Verkauf
noch für Investitionen in den Werterhalt ein einfacher Konsens zu finden ist. Die notwendige Ein-
stimmigkeit der Entscheidungsfindung ist oftmals ineffizient. Trotz formal gesicherter Eigentums-
rechte ist die Lösung nicht effizient. Daher wird von der Property Rights Theorie Exklusivität bei
der Zuteilung von Eigentum gefordert, dass also immer maximal ein Eigentümer bestimmt werden
sollte.

Im Gegensatz zu der Idee der Exklusivität finden wir aber viele Beispiele des kollektiven Eigentums.
Die Nutzung des kollektiven Eigentums bedarf dann der Kooperation. Eine solche Kooperation ist
nicht immer einfach zu erzielen. Probleme können insbesondere dann entstehen, wenn ein gemein-
sam genutztes Vermögensobjekt von Abnutzung bedroht ist. Durch die Nutzung des einen wird die
Nutzung eines anderen negativ beeinträchtigt. Hierbei entsteht das, was als Tragik der Allmende
(tragedy of the commons) bezeichnet wird. Allmende bezeichnet eine gemeinschaftlich genutzte
landwirtschaftliche Fläche.

Neben Beispielen aus der Landwirtschaft tritt die Tragik der Allmende vielfältig auf. Wir kennen
das Problem aus dem Fischfang, der Jagd nach Wildtieren, dem Hinterlassen von Müll in öffentli-
chen Parks und der Nutzung der Atmosphäre für belastende Emissionen. Während der Ertrag aus
der Nutzung einem Individuum zufällt, sind die Kosten in Form von abgegrasten Wiesen, leer ge-
fischten Meeren, dreckigen Parks und steigender CO2-Belastung von allen zu tragen. Der Einzelne
bürdet die Kosten seiner Nutzung anderen auf. Dies wird auch als Problem kollektiver Handlungen
(collective action) bezeichnet, bei dem Einzelne die negativen Effekte ihrer Nutzung unberücksich-
tigt lassen. Dies bewirkt eine ineffizient hohe Abnutzung des Allmende-Gutes.

classEx: Fischteich
Alle Teilnehmer sind in der Rolle von Fischern. Der Teich ist öffentlich und jeder
kann ohne Kosten Fische fangen, und zwar in jeder Runde 0, 1, 2, 3 oder 4 Fi-
sche. Jeder gefangene Fisch erbringt 1€. Im Teich lebt anfangs folgende Anzahl
an Fischen: 5 * Anzahl der Spieler. Das Spiel geht über 6 Runden. Jede Runde
vermehren sich die Fische und ihre Anzahl im Teich verdoppelt sich (aber nicht über die anfängliche
Zahl hinaus). Zwei Teilnehmer werden per Zufall für eine Auszahlung ausgewählt.

Die Tragik der Allmende kann anschaulich mit Hilfe dieses classEx-Spiels dargestellt werden. Er-
neut lässt sich die spieltheoretische Lösung dadurch herleiten, dass alle Spieler simultan entscheiden
und damit keiner die Strategiewahl eines anderen beeinflussen kann. Damit kann die Entscheidung

103
anderer als gegeben angenommen werden und für verschiedene solche angenommenen Entschei-
dungen die beste Antwort bestimmt werden. Dabei zeigt sich, dass der Fang von 4 Fischen optimal
ist, also die maximale Möglichkeit. Dies ist die dominante Strategie, unabhängig von der Entschei-
dung anderer Spieler. Dies folgt aus der Tatsache, dass ein einzelner Spieler keinen Einfluss auf die
durchschnittliche Beanspruchung des Fischteichs hat und daher keinen Anreiz zur nachhaltigen Be-
wirtschaftung. Die Allmende wird tragischerweise übermäßig genutzt.

Vertreter der Property-Rights Theorie sehen die Ursache der Tragik darin, dass bei einer Allmende
Eigentum nicht exklusiv und universell vergeben wird. Damit können Dritte nicht von der Nutzung
ausgeschlossen werden. Zur Überwindung der Tragik der Allmende, so ein möglicher Vorschlag,
könnte Eigentum auf immer nur eine einzelne Person festgelegt werden. Dieser Eigentümer kann
anderen die Nutzung untersagen oder gegen Bezahlung Fangquoten verkaufen. Dabei wird der Ei-
gentümer nicht nur die heutigen, sondern auch die zukünftigen Erträge im Blick haben. Dies gibt
dem Eigentümer einen Anreiz, die Ressource nachhaltig zu bewirtschaften und in ihren Fortbestand
zu investieren. Eine öffentliche Weidefläche für Nutztiere sollte folglich privatisiert werden. Jagd-
gründe sollten exklusiv an Nutzer vergeben werden, öffentliche Parks in Privateigentum verwandelt
und Verschmutzungszertifikate versteigert werden.

So war beispielsweise für Jäger in den USA das erbeutete Fell über lange Zeit ein geringfügiges
Nebenprodukt, bis sich ein lukrativer Fellhandel entwickelte. Dieser bewirkte aber, dass Pelztiere
zu einem knappen Gut wurden – es drohte, dass diese exzessiv gejagt wurden. Nun wäre es aber
unzumutbar, das Eigentum an einzelnen Tieren festzulegen. Als Lösung wurden private Jagdgründe
bestimmt. Die Tiere, die typischerweise lokal gebunden waren, hatten somit einen exklusiven Ei-
gentümer. Solche privaten Jagdgründe zu bestimmen, war eine einfache Art, exklusive Eigentums-
rechte an lokal gebundenen Tieren zu vergeben. Allerdings wurde beobachtet, dass Biber durch die
neuen Regeln nicht hinreichend geschützt wurden. Diese waren zu mobil, sodass durch die Festle-
gung privater Jagdgründe diese Tiere keinen exklusiven Eigentümer bekamen. Ein jeder Jäger hatte
daher den Anreiz, diese exzessiv zu jagen. Keiner investierte in nachhaltige Biberpopulationen, da
ein nicht geschossener Biber in einen angrenzenden Jagdgrund abwandern und dort geschossen
würde.

Neben der Vergabe exklusiver Eigentumsrechte an Einzelne wird alternativ oftmals vermutet, dass
Allmende-Güter durch Kollektive nachhaltig bewirtschaftet werden können. In diesen können sich
informelle Regeln zur Nutzung herausbilden. Kollektives Eigentum hat zur Folge, dass alle einen
Anreiz haben, sich gegenseitig zu überwachen und Fehlverhalten zu melden, da sie vom Fehlver-
halten anderer selbst negativ beeinträchtigt wären. Gegenüber einem privaten Eigentümer hingegen
würde kein Anreiz bestehen, ein zufällig entdecktes Fehlverhalten zu melden und zu sanktionieren.
So wurde ein Wilderer früher unter Umständen nicht sozial sanktioniert, wenn er in den königlichen
Jagdgründen jagte. Der private Eigentümer, in diesem Fall der König, musste sein Eigentum auf-
wändig überwachen und gegen Missbrauch schützen. Diese externen Transaktionskosten konnten
hoch sein. Demgegenüber sind die internen Transaktionskosten bei kollektivem Eigentum gering.
So wird beispielsweise ein Naturschutzgebiet von vielen nachhaltig genutzt. Das Hinterlassen von
Müll oder Jagen von Tieren gilt dann als unsittlich und wird von anderen Nutzern geächtet.

Entgegen der Vermutungen seitens der Property-Rights-Theorie können Kollektive manchmal ihr
gemeinsames Eigentum gut organisieren. Zum Verständnis der hierfür förderlichen informellen In-
stitutionen werden wir im Folgenden weitere kooperative Spiele kennenlernen und ermitteln, unter
welchen Bedingungen kollektives Eigentum zu Kooperation führen kann. Hierzu verwenden wir ein
Spiel zu Teamarbeit für zwei Spieler und ein analoges Spiel für mehrere Teilnehmer, das sogenannte
Public Goods Game. So wie bei einem Allmende-Gut resultiert dort ein Konflikt bei der Nutzung
eines öffentlichen Gutes. Im Vergleich zum classEx-Spiel zum Fischteich sind die folgenden Spiele
einfacher, da jede Runde des Spiels identisch abläuft und ein öffentliches Gut nicht über verschie-
dene Runden abgewertet wird. Stattdessen gibt es jede Runde eine identische Entscheidung zwi-
schen einem öffentlichen Gut und einem privaten Gut.

104
classEx: Teamarbeit

Sie spielen mit einem anderen Spieler im Hörsaal. Dabei sind Sie mit den ne-
benstehend dargestellten Auszahlungen konfrontiert. Arbeiten Sie und der an-
dere
Spieler kooperativ, so er-
hält jeder 10€. Jeder kann
sich durch unkooperatives
Verhalten besser stellen
auf Kosten des Ertrages für
das Team. Ein Team wird
ausgelost und die Auszah-
lung in Euro im Sekretariat
des Lehrstuhls vorgenom-
men.

Die Lösung für das beschriebene Problem kann zunächst spieltheoretisch hergeleitet werden. Hierzu
überlegt sich jeder Teilnehmer, welches die optimale Strategie ist. Da die beiden Teilnehmer sich
simultan entscheiden, kann keiner die Entscheidung des anderen beeinflussen. Jeder entscheidet also
unabhängig. Daher sollte jeder seine Strategie wählen unter der Annahme, dass die Strategie des
anderen feststeht, aber noch unbekannt ist. Ein Gedanke in der Art, „ich wähle hohen Einsatz, damit
der andere dies auch tut,“ macht also keinen Sinn, genauso wenig wie der Gedanke „wenn der andere
unkooperativ ist, bin ich das auch.“

Sofern der andere kooperativ ist, lohnt sich unkooperatives Verhalten, da die Auszahlung dadurch
von 10 auf 15 steigt. Sofern der andere sich unkooperativ verhält, sollte dies auch gewählt werden,
da dann die Auszahlung von 0 auf 5 steigt. Beide Befunde zusammen ergeben, dass unkooperatives
Verhalten individuell immer vorteilhaft ist, also eine dominante Strategie darstellt. Die Strategie-
wahl Kooperation wird durch unkooperatives Verhalten dominiert. Im Nash-Gleichgewicht werden
sich beide Spieler unkooperativ verhalten. Jeder Spieler handelt egoistisch und vernachlässigt die
negativen Auswirkungen auf die Auszahlung des anderen Teammitglieds. Damit ist das Nash-
Gleichgewicht diejenige Lösung, die für beide Teammitglieder zusammen nur einen geringen Ertrag
erbringt. Diese Art des Spiels wird auch als Gefangenendilemma bezeichnet. Damit wird Bezug
genommen zu einer vergleichbaren Situation, bei der zwei Gefangene sich individuell durch ein
Geständnis besserstellen, sich aber dadurch gegenseitig und kollektiv schaden.

Wiederholte Teamarbeit

Wird ein Gefangenendilemma wiederholt durchgeführt, so ist das vorher ermittelte Nash-Gleichge-
wicht eines einmaligen Spiels nicht mehr das einzige Gleichgewicht. Dies liegt daran, dass Strate-
gien sich nicht nur auf die aktuelle Runde beziehen, sondern auch das Verhalten in zurückliegenden
Runden berücksichtigen können. Damit kann jeder Spieler dem anderen mit unkooperativem Ver-
halten in der Zukunft drohen. Robert Axelrod (*1943) befragte für eine Veröffentlichung (1984)
Spieltheoretiker, welche Strategie sie in einem über 200 Runden wiederholten Gefangenendilemma
wählen würden, dessen Auszahlungen denjenigen der Teamarbeit auf S. 105 ähnlich sind.

Danach ließ er alle Strategien gegeneinander spielen. Den höchsten Ertrag über alle Paarungen hin-
weg erzielte dabei die Strategie tit-for-tat. Diese Strategie beinhaltet, in der ersten Runde zu koope-
rieren und danach exakt die Strategiewahl des anderen aus der Vorrunde zu wählen. Das Interessante
hierbei ist, dass sich Kooperation durchsetzt, falls beide Spieler die Strategie tit-for-tat verfolgen.
Gleichzeitig bestrafen Spieler einen Betrug dadurch, dass sie in darauffolgenden Runden ebenfalls
betrügen. Falls der Mitspieler tit-for-tat spielt, lohnt sich ein Betrug nicht mehr, da eine anschlie-

105
ßende Strafe des anderen resultiert. Damit kann sich insgesamt ein hohes Kooperationsniveau ein-
stellen. Auch experimentelle Evidenz wurde zu wiederholten Gefangenendilemmata durchgeführt
und weist darauf hin, dass Wiederholung zu höherer Kooperation führt.

Wir können die Bedingungen für Kooperation for-


mal herleiten. Hierzu verwenden wir die Auszah-
lungen 𝐵 > 𝐾 > 𝑁 > 𝑇, mit 𝐾(ooperation) und
𝑁(icht-Kooperation) bei identischer Strategiewahl
und sonst 𝐵(etrügen) und 𝑇(rottel). Nehmen wir an,
nach jeder Runde erfolge eine Wiederholung mit
der Wahrscheinlichkeit 𝛿 und zukünftige Runden
werden nicht diskontiert. Ausgehend von Koopera-
tion erbringt in Runde 0 Betrug den Mehrertrag von
𝐵 − 𝐾. Vermuten wir zunächst, dass sich nach ei-
nem Betrug niemals Kooperation einstellen wird. In
den Runden 1 bis unendlich ergibt sich dann der Ertrag 𝑁. Gegenüber der Ausgangslage mit Ko-
operation reduziert sich dann die Auszahlung jeweils um (𝐾 − 𝑁). Der Barwert hierfür beträgt
𝛿 𝛿
∑∞ 𝑖
𝑖=1 𝛿 (𝐾 − 𝑁) = (𝐾 − 𝑁). Kooperation bleibt somit erhalten, falls 𝐵 − 𝐾 < (𝐾 − 𝑁).
1−𝛿 1−𝛿
Nach Umformung erhalten wir als Bedingung für Kooperation:

(1 − 𝛿)𝐵 + 𝛿𝑁 < 𝐾.

Der Ertrag aus Kooperation 𝐾 muss also größer sein als die Versuchung des einmaligen Betrugs und
der nachfolgenden Nicht-Kooperation. Je wahrscheinlicher eine Wiederholung, je näher also 𝛿 an 1
liegt, desto eher lohnt sich Kooperation. Die Gefahr ist dann zu groß, dass bei einer Wiederholung
der Partner unkooperativ handelt.

Nun müssen wir die Vermutung einer fortwährenden Nicht-Kooperation prüfen. Eine abweichende
Entscheidung erbringt, erneut in Runde 0, den Ertrag T. Wir können den Minderertrag 𝑁 − 𝑇 als
eine Art Investition auffassen, mit der zukünftige Kooperation ermöglicht wird. Der Vorteil dieser
Kooperation entspricht dem bereits oben berechneten Barwert. Die Investition ist lohnend, falls 𝑁 −
𝛿
𝑇 < (𝐾 − 𝑁). Nach Umformung erhalten wir als Bedingung für eine Beendigung der Nicht-
1−𝛿
Kooperation:

(1 − 𝛿)𝑇 + 𝛿𝐾 > 𝑁.

Diese Bedingung muss verletzt sein, damit unsere obige Annahme zutrifft, dass es keine Rückkehr
zu Kooperation gibt. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn der Ertrag für den Trottel 𝑇 sehr
niedrig ist.

Reputation in Gruppen

Neben Wiederholung kann Kooperation auch aufrechterhalten werden, falls ein Gefangenendi-
lemma mit jeweils neuen Partnern wiederholt wird. Dies erfordert, dass Information über das Ver-
halten in vorherigen Runden bereitgestellt wird. So könnten Spieler erneut eine Strategie des tit-for-
tat wählen: Sie kooperieren, falls der Mitspieler mit anderen Partnern in der vorherigen Runde ko-
operiert hat. Sie würden sich unkooperativ verhalten gegenüber einem Partner, der in der Vorrunde
unkooperativ spielte und damit betrogen hat.

Die Bestrafung eines unkooperativen Spielers durch reziproke Nicht-Kooperation erfordert nun aber
eine Modifikation. Es droht nämlich, dass ein derart strafender Spieler selbst in Zukunft als unko-
operativ eingeschätzt wird. Da dieser Spieler in einer Vorrunde nicht kooperiert hat, ist er vom an-
fänglichen Betrüger nicht leicht zu unterscheiden. Es droht, dass dieser Spieler in Folgerunden auf

106
wiederum bestrafende Mitspieler trifft. Aus Sorge darüber würde er eine Strafe unterlassen. Dies
hätte aber wiederum zur Konsequenz, dass sich Kooperation nicht durchsetzen könnte.

Mit dem Begriff der Reputation können wir uns eine Lösung hierzu vorstellen. Unkooperative Spie-
ler werden stigmatisiert, verlieren also ihre gute Reputation. Wir können uns dies experimentell als
Ampel vorstellen. Jeder startet mit der Farbe grün. Treffen zwei Spieler mit der Farbe grün aufei-
nander und wählen Kooperation, so ändern sich die Farben nicht. Wählt ein Spieler die unkoopera-
tive Strategie gegenüber einem grün markierten Spieler, so ändert sich seine Farbe für alle folgenden
Runden zu rot, er wird also stigmatisiert. Ein solcher Farbwechsel unterbleibt bei unkoooperativem
Verhalten in einem Spiel mit einem rot markierten Spieler. Stigmatisierte Spieler können somit
durch unkooperatives Verhalten bestraft werden, ohne dass der Strafende selbst in Mitleidenschaft
gerät. Die Folge ist, dass Spieler ein Stigma vermeiden wollen. Diejenigen mit grüner Markierung,
also mit guter Reputation, werden miteinander kooperieren. Anderen wird dauerhaft der Vorteil der
Kooperation verwehrt. Für eine solche Lösung muss eine Gruppe ihr Wissen teilen: Gute Reputation
und Stigmata aller Mitglieder müssen zentral verwaltet werden. Die Informationen müssen verläss-
lich sein und jedem verfügbar gemacht werden.

Beispiel 1: Die frühen Formen von Reziprozität und Reputation

Einen Einblick in das Verhalten von Gruppen mit Reziprozität und einer Stagmatisierung Einzelner
kommt von Anthropologen, Ethnologen und Primatenforschern. Bei vielen Tierarten sehen wir frühe
Formen der Reziprozität. Gutes wird mit Gutem vergolten, Böses mit Bösem. Bei Schimpansen wird
gegenseitige Körper- und Fellpflege reziprok mit Zugang zu Nahrung und Loyalität belohnt. Auch
Sex wird gegen Nahrung getauscht. Reziprozität ist aber kurzlebig. Die Erinnerung wird nicht lange
gewährt haben. Eine Speicherung von längerfristigen Verdiensten, von Reputation und Stigmata,
war zunächst nur in kleinen Gruppen denkbar.

Mit größeren Gruppen von Menschen entwickeln sich komplexere Reputationssysteme. Wer welche
Anrechte an einer gemeinsamen Beute hatte, ließ sich nicht mehr aus einem überschaubaren Beitrag
einer einzelnen Jagd herleiten. Viele weitere gemeinschaftliche Aufgaben kamen dazu wie Kinder-
erziehung, Herstellung von Werkzeug, Kleidung und einfachen Behausungen, medizinische Tech-
niken. Die für die Stammesgemeinschaft erbrachte gute Tat verbessert die Reputation und ermög-
lichte eine reziproke Vergeltung durch ein anderes Gruppenmitglied. Eine gegenüber einem Mit-
glied des Stammes verübte böse Tat wurde hingegen auch von anderen Gruppenmitgliedern geahn-
det. Solche Reputationssysteme sind komplex, denn die Vergeltung einer bösen Tat darf nicht selbst
als böse erachtet werden. Eine Gruppe muss daher einen intensiven Austausch pflegen mit dem Ziel,
die böse Tat auf einer Art Konto zu verbuchen und die Vergeltung als Kontenausgleich. Damit
konnte auch die gute Tat als Verdienst einen Anspruch gegenüber der Zukunft darstellen. Ethnolo-
gen haben vielfach die ungeschriebenen Gesetze aufgedeckt, mit denen der persönliche Austausch
von Gütern und Diensten geregelt wurde. Dies war eine Welt ohne Geld und ohne Bankkonten, die
alleine auf Reziprozität aufgebaut war. Altersvorsorge bestand darin, eine Reputation aufzubauen,
von der im Alter gezehrt werden konnte.

Anthropologen stellen für die Antike die hohe Bedeutung von Ehre und Scham heraus. Viel mehr
als heute vermieden Menschen Scham und Schuld und strebten nach Ehre. Sie strebten nach Aner-
kennung und Wertschätzung. Ein Mensch, der seine Ehre verloren hatte, war stigmatisiert und dem
Tode geweiht. Die naheliegende Erklärung hierfür ist nicht etwa, dass Menschen damals andere
Wünsche und Neigungen hatten, dass sie sozialer waren und heute individualistischer oder materi-
alistischer. Überzeugender ist die Vermutung, dass sie ihren Lebensabend nur durch eine gute Re-
putation sichern konnten. Der einzige mögliche Wertspeicher bestand in der Wertschätzung durch
andere. Für ihren frühen Einsatz für die Gruppe verdienten sie die Chance, auch im Alter respektiert
zu werden. Auch wenn sie am Stock gingen und der Rücken krumm geworden war, bekamen sie
noch ihren Anteil an der Ernte zugeteilt. Ehre war das Substitut für Geld und Lebensversicherung.

107
Greif (1994: 925) untersucht diesbezüglich das Verhalten eines Kollektivs jüdischer Händler im 11.
Jahrhundert im Maghreb. Dieses Kollektiv baute ein Handelsnetz auf gegenseitigem Vertrauen auf.
Die Händler nahmen wechselseitig die Ware eines anderen Händlers entgegen, verwerteten diese
und bezahlten danach. Jeder Händler arbeitete als Agent eines anderen in der Rolle des Prinzipals.
Dabei drohte opportunistisches Verhalten, indem ein Händler in der Rolle des Agenten die Ware
nicht vollständig bezahlte. Um diesem Opportunismus entgegenzuwirken, bildete sich ein System,
das aus Reputation und Glaubwürdigkeit aufgebaut war:

„… merchants will not retaliate against someone who cheats a merchant who has cheated
any other merchant. That is, whoever is hired by a merchant who cheated in the past is not
expected to be subjected to collective punishment if he cheats that merchant...For example,
a Maghribi merchant who was accused in 1041-42 of cheating complains that when it be-
came known, ‘people became agitated and hostile and whoever owed [me money] con-
spired to keep it from [me]‘ “.

In vielen Alltagssituationen ist uns der Umgang mit Reputation vertraut. Wir wissen, dass Politiker
gerne auf ihre Reputation verweisen, beispielsweise, dass sie nur der Allgemeinheit dienen oder
rigoros gegen Arbeitslosigkeit oder Kriminalität vorgehen wollen. Oder Hersteller von Produkten
pflegen eine Reputation, nur gute Qualität zu verkaufen und bei Reklamationen die Ware anstands-
los zu ersetzen. Genauso kennen wir auch Situationen, in denen eine Reputation der Härte aufgebaut
wird. Damit wir nicht beleidigt werden, sollen andere denken, dass wir lange nachtragend sind und
uns nichts bieten lassen. Auch heute noch zielt der Aufbau einer Reputation darauf ab, die Koope-
rationsbereitschaft anderer zu erhöhen.

Kooperation in Gruppen

Die Bestrafung einzelner Missetäter kann Kooperation aufrechterhalten. Unter Umständen ist eine
solche Sanktion aber nicht verfügbar. Dies ist insbesondere der Fall, wenn mehr als zwei Personen
miteinander interagieren. In diesem Fall kann eine Strategie des tit-for-tat kontraproduktiv sein.
Diese Strategie hat ja zum Ziel, unkooperative Spieler in zukünftigen Runden zu bestrafen. Nehmen
wir das Beispiel, dass sich ein Gruppenmitglied unkooperativ verhält und drei kooperativ. Eine
nachfolgende Nichtkooperation der drei anderen hat den Nachteil, auch die jeweils beiden anderen
kooperativen Mitglieder zu bestrafen. Die Strafe trifft nicht zielgenau. Kooperative Mitglieder wer-
den in Mitleidenschaft gezogen. Dies legt nahe, dass es in großen Gruppen ohne zielgenaue Sankti-
onen schwerer wird, Kooperation aufrecht zu erhalten.

Dennoch findet sich häufig eine bemerkenswerte Bereitschaft zu Kooperation. Dabei wird oftmals
in der Literatur vermutet, dass diese Neigung zu Kooperation aus Empathie und Solidarität mit an-
deren Gruppenmitgliedern resultiert. Solche Neigungen, so die Vermutung, könnten sich insbeson-
dere in Familien und kleineren verwandtschaftlich verbundene lokalen Gruppen entwickeln. Es zeigt
sich aber auch bei der anonymen experimentellen Interaktion. Daher scheint Kooperation nicht al-
leine von solchen Neigungen zu Empathie abzuhängen.

classEx: Public Goods Game

Alle Teilnehmer spielen über 4 Jahre in Erwartung eines kalten Winters in Grup-
pen à jeweils 4 Spielern. Jeder Teilnehmer 𝑖 erhält am Anfang eines jeden Jahres
4 Euro. Alle Spieler entscheiden simultan, wie viele Euro 𝑔𝑖 sie jeweils für die
Gesundheitsversorgung der Gruppe beitragen wollen. Den Rest 4-𝑔𝑖 behalten sie. Gesundheit ist
ein öffentliches Gut (Public Good) und erhöht das Wohlergehen der gesamten Gruppe um den Be-
trag 2 ∙ ∑4𝑗=1 𝑔𝑗 . Dieser Betrag wird gleichmäßig auf alle 4 Teilnehmer der Gruppe aufgeteilt. Das
Einkommen 𝜋𝑖 für Spieler 𝑖 beträgt also 𝜋𝑖 = 4 − 𝑔𝑖 + 0,5 ∙ ∑4𝑗=1 𝑔𝑗 .

108
Am Ende einer jedes jeden Jahres überleben nur 75% der Teilnehmer den kalten Winter. Lesen Sie
hierzu die genaue Beschreibung auf Ihren Smartphones.

Die Überlebenden werden in neue Gruppen eingeteilt und interagieren in Runde 2 erneut miteinan-
der. Erneut überleben nur 75% der Teilnehmer. Gleiches gilt in den Runden 3 und 4. Aus den dann
am Ende Überlebenden wird ein Teilnehmer ausgelost und erhält das über die vier Runden aggre-
gierte Einkommen ausbezahlt.

Ähnlich wie beim Spiel zu Teamarbeit ist ein Beitrag von 𝑔𝑖 = 0 die dominante Strategie. Allerdings
kann sich Kooperation einstellen, da sie unter bestimmten Bedingungen evolutorisch vorteilhaft ist.
Eine individuelle kooperative Handlung läuft dem Eigennutz zuwider, ist aber kollektiv vorteilhaft.
Sofern die Fitness nur für ein Individuum bestimmt wird, wird sich Kooperation nicht lohnen. Die
Beiträge zum öffentlichen Gut sind dann gering. Sofern aber die Fitness der Gruppe entscheidet,
werden nur kooperative Gruppen überleben. Gruppen mit eigennützigen Individuen erzielen hinge-
gen eine geringe Fitness und scheiden aus. Evolutorisch setzen sich Gruppen durch, die Kooperation
als Norm befördern.

Eine weitere Möglichkeit der Förderung kooperativen Verhaltens ist altruistische Bestrafung. Da-
runter wird die Möglichkeit verstanden, dass sich Gruppenmitglieder direkt gegenseitig bestrafen
können und dies tun gegenüber denjenigen, die nicht zum Wohl der Gruppe beitragen. So wird von
Fehr und Gächter (2002) das Public Goods Game durch eine weitere Stufe ergänzt. Teilnehmer
können die Höhe der Beiträge anderer beobachten und danach Geld aufwenden, um diese zu bestra-
fen. Eine Strafe ist kostspielig und erbringt keinen individuellen Gewinn. Daher prognostiziert das
Nash-Gleichgewicht, dass kein Teilnehmer straft. Tatsächlich findet sich aber eine Neigung zur Be-
strafung von denjenigen Teilnehmern, die unterproportional zum öffentlichen Gut beitragen. Dies
wiederum ermöglicht ein über viele Runden gleichbleibend hohes Niveau an Kooperation. Wir kön-
nen dies als informelle Institution im Sinne einer sozialen Ächtung oder Sitte betrachten. Einzelne
sind bereit, sich für den Fortbestand einer Norm einzusetzen und dafür die Kosten der Bestrafung
anderer Gruppenmitglieder zu tragen.

Vom Clan zur idellen Gruppe

Im classEx-Spiel wurden Teilnehmer zufällig zu Gruppen zusammengefügt. Historisch bildeten sich


Gruppen hingegen zunächst als Clan, als eine Großfamilie um eine gemeinsame oder erdachte Her-
kunft, also mit einem Bezug zu Blutsverwandtschaft und Schwägerschaft. Anthropologen nennen
als Referenzwert für die mögliche Größe einer solchen Gruppe oftmals den Wert 150. Mit Hilfe von
Empathie konnte noch hinreichend ein sozialer Zusammenhalt gewährleistet werden und gleichzei-
tig erlaubte die Größe die Verteidung kollektiver Interessen und ökonomische Synergien. Dabei war
die Zuordnung eines Menschen zu einem Clan disjunkt. Jeder Mensch gehörte genau einem Clan
an. Mit wenigen Ausnahmen war kein Mensch ohne Clan und keiner konnte mehreren Clans ange-
horen. Menschen konnten auch nicht auf eigenen Wunsch von einem Clan zu einem anderen wech-
seln. Durch Heirat wandelten sich Clans, nahmen Menschen eines fremden Clans auf oder gaben
ein Mitglied ab. Aber hierzu war die Zustimmung vieler notwendig und nicht alleine die freie Ent-
scheidung der zukünftigen Ehepartner. Menschen konnten sich nicht frei den jeweils attraktivsten
Clan aussuchen. Wettbewerb existierte primär zwischen Clans und weniger zwischen Individuen.
Dies bewirkte, dass das Überleben des Einzelnen immer eng an dasjenige der Gruppe gebunden war.

Dies hatte zur Folge, dass evolutorisch das Überleben von Menschen oft vom Ausmaß der Koope-
ration innerhalb ihres Clans bestimmt wurde. Die Veranlagung zu Kooperation war dann genetisch
bedingt. Für Überlebende wurde Kooperation zu einer Selbstverständlichkeit. Sie stellte eine Norm
dar, deren Einhaltung als natürlich angesehen wurde. Das, was gut war für die Gruppe, wurde auch
für deren Mitglieder als normales Verhalten angesehen, das von allen anderen als selbstverständlich
erwartet wurde. Die Mitglieder internalisierten die Normen und stellten deren Gültigkeit nicht in
Frage. Informelle Institutionen im Sinne einer kooperativen Norm können sich dann spontan als Teil

109
eines evolutionären Prozesses bilden. Die breite moderne Evidenz zur Kooperationsfähigkeit von
Menschen können wir als Folge dieses langen historischen Prozesses interpretieren.

Neben die Clans traten zunehmend andere Arten des Gruppenzusammenhalts. Mit der Agrarrevolu-
tion etablierte sich die Idee, ein kollektives Territorium mit gemeinsamer Anstrengung zu verteidi-
gen. Gruppen signalisierten ihren Besitz eines Territoriums und konnten zur kollektiven Verteidi-
gung ihre Mitglieder aktivieren. Diese territorialen Gemeinschaften konnten damit viele Clans in-
tegrieren und deutlich größere Gruppen bilden.

Ein Beispiel für einen solchen Gruppenzusammenhalt, der sich über das Territorium definierte, fin-
det sich im antiken Griechenland. Dort wurden Verbrecher ins Exil geschickt und durften das Ter-
ritorium nicht mehr betreten. Die Leiche eines hingerichteten Verbrechers musste über die Grenze
geworfen werden. Die Grenzlinie wurde oft mit Grenzsteinen markiert und territoriale Streitigkeiten
konnten zu Kriegen führen. Als Symbol für ein Territorium spielten Erde und Wasser eine zentrale
Bedeutung für Gruppenidentität. So berichtet beispielsweise Herodot in seinem Buch Historiae,
Kap. V. 73, über den Versuch Athens, im Jahre 508/07 v. Chr. ein Bündnis mit Persien zu schließen.
Dazu wurden Boten in die lydische Stadt Sardes zu dem dortigen persischen Statthalter (Satrapen)
entsandt:

„Als die Boten in Sardes ankamen und ihren Auftrag ausrichteten, fragte der Satrap von
Sardes, Artaphernes, Hytaspes‘ Sohn, was für ein Volk es wäre und wo es wohnte, das
Bundesgenosse der Perser sein wolle. Als man ihm Bescheid gab, fertigte er die Boten mit
der kurzen Erwiderung ab, wenn die Athener dem König Dareios Erde und Wasser gäben,
wolle er das Bündnis mit ihnen abschließen, wenn nicht, sollten sie sich fortmachen. Die
Boten erklärten auf eigne Verantwortung die Bereitwilligkeit Athens, weil sie das Bündnis
gern zustande bringen wollten. Als sie in die Heimat zurückkehrten, machte man ihnen
schwere Vorwürfe.“

Neben Territorien traten andere Formen der Identifikation. So lieferten gemeinsame Mythen und
Kulte einen bedeutenden Beitrag zur Gruppenidentität. Sie schafften es, gemeinsamen Normen ei-
nen Bezugpunkt zu geben, eine Herkunft, einen religiösen oder metaphysischen Bezug. Dieser för-
derte die Beiträge zu einem public good und lieferte ein Signal für eine bourgeoise Strategie. Grup-
pen scharten sich um einen Tempel oder einen Götzen und verteidigten diesen als ihre zentrale Iden-
tifikation. Ein Angriff wurde nicht primär gegen die Mitglieder einer Gruppe geführt, sondern gegen
die die Gruppe zusammenhaltende Idee. So wurden Tempel ruiniert und Götzen zerstört, um eine
rivalisierende Gruppe ihrer Idenität zu berauben. Wir finden noch heute viele Beispiele derartiger
Konfrontationen wie die Zerstörung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan im Jahre 2001
oder die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in Europa.

Profaner sind in diesem Sinne auch die Truppen- und Regimentsfahnen zu verstehen. Diese stehen
symbolisch für die militärische Formation selbst. Es war noch bis zum 1. Weltkrieg üblich, mit
solchen Fahnen in den Krieg zu ziehen. Die eigene Fahne zu verteidigen war essentiell, fremde zu
erbeuten die höchste Ehre. Die Fahne stand für die Identität der Truppe selbst und ohne diese hörte
sie auf zu existieren.

110
Beispiel 2: Bedingte Kooperation

Kooperation innerhalb von Gruppen ist allerdings nicht die einzige zu beobachtende Verhaltens-
weise. Dies kann daran liegen, dass evolutorisch manchmal Gruppen und manchmal nur einzelne
Individuen überleben. Der einzig Kooperative in einer Gruppe von Egoisten zu sein, ist besonders
unattraktiv. Eine flexiblere Norm könnte beispielsweise lauten: Verhalte dich dann kooperativ, wenn
andere dies auch tun! Dies wird auch als bedingte Kooperation (conditional cooperation) bezeich-
net. Sobald Menschen in ein Umfeld kommen, in dem sie von anderen Kooperation erwarten, ver-
halten sie sich entsprechend und streben nach hohem Gewinn für ihre Gruppe. Sie sind dann bereit,
die Nutzung einer gemeinsamen Ressource einzuschränken, falls andere dies auch tun. Treffen sie
hingegen auf viele Egoisten innerhalb einer Gruppe, gehen sie zu egoistischem Verhalten über. Da-
mit bewahren sie sich die Chance, bei einer Selektion von Individuen erfolgreich zu sein. Als Folge
dieses Verhaltens entstehen zwei Gleichgewichte, nämlich ein kooperatives mit hohen Beiträgen
und ein unkooperatives mit niedrigen Beiträgen.

80
70
60 Egosistisch rational
Bedingt kooperativ
50
40
30
20
10
0
Kolumbien Vietnam Schweiz Dänemark Russland USA Österreich Japan

Bedingte Kooperation in verschiedenen Ländern

In einer Studie zu bedingter Kooperation lassen Fischbacher et al. (2001) Laborteilnehmer ein public
goods game spielen. In einem anschließenden Spiel bestimmen die Teilnehmer den Beitrag 𝑔𝑖 nicht
direkt, sondern in Abhängigkeit von der vorherigen Wahl der anderen. Hierbei tragen sie in eine
Tabelle ihren bedingten Beitrag 𝑔𝑖 ein, gegeben jeweils die durchschnittlichen Beiträge der anderen
in aufsteigender Reihenfolge. Weiterhin ist die Wahl von 𝑔𝑖 = 0 die dominante Strategie. Allerdings
finden die Autoren, dass weniger als ein Drittel der Teilnehmer diese Strategie wählt und sich damit
rational und egoistisch verhält. Die Hälfte verhält sich bedingt kooperativ. Dies bedeutet, dass die
Wahl von 𝑔𝑖 umso größer ausfällt, je höher der Beitrag der anderen ist. Dieses Experiment wurde in
verschiedenen Ländern wiederholt. Die vorstehende Grafik zeigt die Befunde für einige ausgewählte
Länder, die das hohe Ausmaß bedingter Kooperation bestätigen.

Beispiel 3: Crowding-out

Kooperation kann durch zwei Methoden gestärkt werden, mit formellen und informellen Institutio-
nen. Eine Gruppe von Menschen kann sich eine Satzung zulegen, Gesetze erlassen, Kontrollen vor-
sehen und unkooperativen Gruppenmitgliedern Strafen androhen. Andererseits können in der
Gruppe spontan informelle Institutionen auftreten ohne dass sich die Mitglieder darüber abstimmen.
Sie ächten unkooperatives Verhalten, schauen herab auf ein unkooperatives Mitglied und beschädi-
gen dessen Reputation. Wie wirkt nun eine Kombination von beiden Methoden? Soziale Ächtung
und formelle Strafen können sich gegenseitig verstärken und eine Regelverletzung sehr unwahr-
scheinlich werden lassen. Informelle und formelle Institutionen könnten sich insbesondere dann er-
gänzen, wenn ein kollektives Eigentum von einer Gruppe selbst ohne äußere Zwänge verwaltet wird.
Die Mitglieder bestimmen selbst über die formellen Strafen, beispielsweise gegenüber denjenigen,

111
die zu viele Fische gefangen haben. Dies mindert dann nicht ihre Bereitschaft, auch informell zu
den Normen des Kollektivs beizutragen.

Dieses komplementäre Zusammenwirken von sozialer Ächtung und formellen Sanktionen kann aber
nicht immer bestätigt werden, da die beiden Methoden unter Umständen im Widerspruch zueinander
stehen. Hier wird auch von einem crowding-out gesprochen. Gruppenmitglieder, die sich kooperativ
verhalten, fühlen sich von Kontrollen und Strafen in ihrer Bereitschaft zu freiwilliger Kooperation
gestört. Sie könnten zudem denken, dass Kontrollen und Strafen deswegen eingeführt werden, weil
andere Gruppenmitglieder tendenziell unkooperativ sind, wodurch ihre eigene Bereitschaft zu Ko-
operation sinkt. Damit können informelle und formelle Institutionen im Konflikt miteinander stehen.
Ein solches crowding-out könnte insbesondere auftreten, wenn die Strafen von einem als repressiv
empfundenen Gruppenführer verhängt werden.

Große Gruppen und moderne Gesellschaften

Bei einer großen und anonymen Gruppe von Teilnehmern wird vermutet, dass weder mit Reputation,
einem Sinn für das gemeinsame Wohlergehen, noch mit bedingter Kooperation zu rechnen ist. So
wird beispielsweise vermutet, dass Kommunikation zwischen Gruppenmitgliedern wichtig ist zur
Förderung der Kooperation. Diese ist in größeren Gruppen, in denen viele einander nicht kennen
und keine Zeit zum Austausch haben, nur eingeschränkt möglich. Größere Gruppen und ganze Ge-
sellschaften können dann, so die Befürchtung, kein kooperatives Verhalten hervorbringen. Zu der
Hypothese bezüglich Kooperation und Gruppengröße gibt es jedoch widersprüchliche Evidenz. Ex-
perimentelle Studien zeigen, dass auch in großen und anonymen Gruppen oftmals eine Neigung zu
Kooperation beobachtet werden kann.

In modernen Gesellschaften ist die Zuordnung zu Gruppen komplexer geworden, da Menschen nicht
nur einer, sondern vielen Gruppen gleichzeitig angehören und sie über die Zugehörigkeit zu einer
Gruppe oftmals frei entscheiden können. Menschen sind gleichzeitig Teil einer Kleinfamilie. Dane-
ben sind sie Teil eines Teams von Arbeitskollegen, eines Vereins, einer Fangruppe, einer Online-
Gemeinschaft, einer Partei, einer Kommune, einer Kirchengemeinde oder eines Staates. In jeder
dieser Gruppen entwickeln sie eine jeweils spezifische Form der Zugehörigkeit, verbunden mit der
Bereitschaft, zum Wohle der Gruppe Ressourcen beizutragen und das Eigentum der Gruppe zu pfle-
gen und gegen konkurrierende Gruppen zu verteidigen. Diese Gruppen streben danach, das Zusam-
mengehörigkeitsgefühl der Mitglieder zu fördern, free-rider herauszuhalten und ein jeweils geeig-
netes öffentliches Gut bereitzustellen. Gleichzeitig ist keine von ihnen exklusiv, sondern akzeptiert
die Zugehörigkeit eines Mitglieds zu anderen Gruppen, sofern diese nicht explizit in Konkurrenz
miteinander stehen.

Der Vorteil einer solchen Freiheit in der Auswahl von Gruppen kann darin liegen, dass erfolgreiche
Gruppen besser wachsen. Menschen schließen sich gerne Gruppen an, die erfolgreich eine Identität
stiften und Beiträge zu ihrem spezifischen öffentlichen Gut sichern können. Damit können diese
Gruppen rasch weiter anwachsen. Erfolglose Gruppen können ohne großen Schaden an ihren Mit-
gliedern untergehen. Sofern sie keine überzeugende Idee generieren und sich ihre Mitglieder egois-
tisch verhalten, entsteht kein öffentliches Gut mehr, das zu einer Fortsetzung der Mitgliedschaft
motiviert. Im Gegensatz zu den Ausführungen aus S. 24 zur optimalen Größe einer Firma ist die
Größe einer solchen Gruppe nicht mehr durch ein Optimum und ein Gleichgewicht bestimmt. Erfolg
ist ansteckend und führt zu einer Ausdehnung, Erfolglosigkeit zum Niedergang.

Diese Dynamik zeigt sich auch darin, dass für die Bildung einer Gruppe Menschen auf eher unbe-
deutende Signale reagieren. Sie scharen sich hinter Ideen, sobald diese eine Chance auf erfolgreiche
Teamarbeit versprechen. Dies belegen auch psychologische Experimente. So teilte Tajfel (1970)
Teilnehmer in Gruppen ein je nach ihrer Vorliebe entweder für die Bilder von Wassily Kandinsky
oder Paul Klee. Diese jeweilige Geschmacksneigung war wenig aussagekräftig und war kaum ge-

112
eignet, homogene Gruppen hervorzubringen, in denen Menschen einander mit Empathie begegne-
ten. Dennoch zeigte sich eine schnelle Gruppenbildung inklusive einer Diskriminierung von Teil-
nehmern der jeweils anderen Gruppe.

Die Spieltheorie tut sich mit der starken menschlichen Neigung zu Kooperation schwer. Hier hat
sich eine Forschungsrichtung unter der Bezeichnung team-reasoning gebildet. Sie argumentiert,
dass unter geeigneten Bedingungen Menschen primär an die Frage „was sollten wir jetzt tun“ denken
und weniger als Individuen an die Frage „was sollte ich jetzt tun“. Diese Neigung belegen Lambs-
dorff et al. (2018) mit Hilfe eines Laborexperiments. Als Szenario dient ein Fußballspiel, bei dem
zwei Angreifer durch gegenseitiges Passen des Balls kooperieren und ihre Chance auf einen gemein-
samen Gewinn erhöhen. Schießen ist aber individuell vorteilhaft, da es den höheren Anteil des ge-
meinsamen Gewinns sichert. Während bei diesem Szenario eine sehr hohe Kooperation gefunden
wird, sinkt diese signifikant, sobald das Spiel nüchtern ohne Bezug zu Fußball oder die Gemeinsam-
keit einer Gruppe geschildert wird. Der Fußball liefert eine gemeinsam geteilte Idee, die eine hohe
Neigung zu team-reasoning hervorbringen kann. Die Teilnehmer leiten daraus die gemeinsame Ak-
tion ab, die alle ergreifen sollten, um einen gegenseitigen Vorteil zu erzielen. Sie entwickeln einen
gemeinsamen Plan, erwarten von anderen, dass sie Entscheidungen im Einklang mit diesem Plan
treffen, und sind selbst bereit, die für das gemeinsame Ziel notwendigen Entscheidungen zu treffen.

Quiz und Anhänge

Unter der Tragik der Allmende versteht man


1. die Neigung zu egoistischem Handeln.
2. die übermäßige Nutzung kollektiven Eigentums.
3. den bei gemeinsamem Eigentum entstehenden Streit.
4. die Festlegung privaten Eigentums.

Das Nash-Gleichgewicht im zur Teamarbeit gespielten Gefangenendilemma bezeichnet das


Gleichgewicht,
1. das entsteht, wenn beide Spieler sich kooperativ verhalten.
2. das entsteht, wenn beide Spieler die aus individueller Sicht optimale Strategie wählen.
3. das den gemeinsamen Nutzen der beiden Spieler maximiert.
4. bei dem trotz hohen Einsatzes eines Spielers der andere sich als unkooperativ verhält.

Bei wiederholten Spielen kann man erfolgreich spielen, indem man


1. sich immer kooperativ verhält.
2. das Verhalten eines Mitspielers in der folgenden Runde kopiert.
3. zufällig wechselt zwischen kooperativem und nichtkooperativem Verhalten.
4. sich nie kooperativ verhält.

Unter bedingter Kooperation versteht man die Bereitschaft zu Kooperation


1. unter allen Bedingungen.
2. nur für die engsten Familienangehörigen,
3. für Menschen mit hinreichendem Einkommen.
4. falls von anderen Kooperation erwartet wird.

113
Ergänzende Literatur und Quellen im Netz

Die Fähigkeit zur Kooperation von Kapuzineraffen wird mit diesem


Experiment anschaulich dargestellt, allerdings auch der Neid unterein-
andner.

Die Idee des team-reasoning hat eine Gruppe an meinem Lehrstuhl mit
Teilnehmern eines Public-Viewings während der Endrunde der Fußball-
weltmeisterschaft 2014 getestet. Teilnehmer wählten zwischen “Pas-
sen”, was gut für das Zweierteam war, und der egoistischen Option
“Schießen”, mit der ein Gewinn von 160€ erzielt werden konnte. Die
Neigung im Sinne des Teams zu entscheiden induzierte eine erstaunlich
hohe Rate an “Passen”.

Axelrod, R. (1984) The Evolution of Cooperation, Basic Books: New York.


Bowles S., Gintis H. (2008) Cooperation. In: Durlauf S.N., Blume L.E. (Hrsg.) The New Palgrave
Dictionary of Economics. Palgrave Macmillan, London
Fehr, E., und S. Gächter (2002) Altruistic Punishment in Humans. Nature 415:137-40.
Fischbacher, U., Gächter, S., und E. Fehr (2001) Are People Conditionally Cooperative? Evidence
from a Public Goods Experiment. Economics Letters 71 397–404.
Greif, A. (1994) Cultural Beliefs and the Organization of Society: A Historical and Theoretical Re-
flection on Collectivist and Individualist Societies. The Journal of Political Economy 102(5):
912-950.
Herodot (1971) Historien. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H.W.
Haussig Stuttgart 1971.
Lambsdorff, J. Graf, M. Giamattei, K Werner, M. Schubert (2018) Team reasoning—Experimental
evidence on cooperation from centipede games. PLOS ONE. Online erhältlich auf
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0206666
Tajfel, H. (1970) Experiments in Intergroup Discrimination. Scientific American 223(5): 96-103.

Stichworte

Allmende, altruistische Bestrafung, collective action, crowding-out, Gefangenendilemma, Gruppe,


kollektives Eigentum, bedingte Kooperation, property rights Theorie, public goods game, Reputa-
tion, Stiftung, Teamarbeit, team-reasoning, tit-for-tat, Verein.

Übungsaufgaben

Aufgabe 9.1
Ein Küstenbewohner kann mit seinem Boot vor der nahen Küste fischen. Dabei steht er vor der
Frage, wie engmaschig die Netze sein sollten. Durch die engsten Maschen passen auch kleine Fische
nicht durch und das Boot ist am Ende des Tages voll. Die Fischbestände des Folgejahres sinken bei
Verwendung engmaschiger Netze. In den sehr groben Maschen bleiben nur 20% der Fische hängen
und das Boot ist am Ende des Tages halbvoll.

a) Für welches Netz wird sich ein individuell maximierender Küstenbewohner entscheiden?

114
b) Welches Netz wird verwendet, wenn einem Küstenbewohner exklusive Fangrechte zugewiesen
werden?
c) Für welches Netz wird sich ein Kollektiv an Fischern entscheiden. Gehen Sie hierbei auf den
Begriff der Sitte und altruistischen Bestrafung ein!

Aufgabe 9.2
Im Hörsaal wurde ein classEx-Spiel gespielt, bei dem alle Teilnehmer gleichzeitig in einem öffent-
lichen Teich fischen. Für 100 Teilnehmer sind 500 Fische anfangs vorhanden und pro Runde kann
jeder 0, 1, 2, 3 oder 4 Fische fangen. In jeder Runde verdoppelt sich die Anzahl an Fischen.

a) Bei welcher Anzahl an gefangenen Fischer bleibt die Qualität konstant?


b) Gibt es eine dominante Strategie? Begründen Sie Ihre Antwort!
c) Welche Schlussfolgerung wird aus Ihrem Ergebnis in Teilfrage b) von Vertretern der Property-
Rights Theorie gezogen?
d) Im Hörsaal resultierten die in der untenstehenden Graphik angegebenen Werte. Wie beurteilen
Sie angesichts dieser Befunde Ihre Aussagen zu den Teilfragen b) und c)?

3,5
Durchschnitt gefangene Fische

2,5

1,5

1
1 2 3 4 5
Runde

Aufgabe 9.3
a) Vervollständigen Sie durch beispielhafte Werte 𝐵 und 𝑇 die untenstehende Auszahlungsmatrix
so, dass sich das für Teamarbeit typische Gefangenendilemma ergibt.

10 B

T 9

B 9

b) Welches ist das Nash-Gleichgewicht? Geben Sie hierfür eine kurze Begründung!

115
c) Das Spiel werde mit der Wahrscheinlichkeit 𝛿 = 0,9 wiederholt. Teilnehmer starten mit Ko-
operation und wählen die unkooperative Strategie, falls ein anderer jemals unkooperativ ge-
spielt hat. Bestimmen Sie für 𝐵 = 15 und 𝐵 = 20, ob Kooperation aufrechterhalten bleibt!
d) Bestimmen Sie einen Wert für 𝑇, bei dem es keine Rückkehr zu Kooperation geben kann.
e) Wie kann Kooperation in dem Spiel aufrechterhalten werden, falls es mit wechselnden Partnern
wiederholt wird? Gehen Sie auf Reputation ein und wie diese im Spiel umgesetzt werden kann.

Aufgabe 9.4
Im public goods game spielten alle in Gruppen à 4 Teilnehmern und waren mit folgender Auszah-
lung konfrontiert:
4

𝜋𝑖 = 4 − 𝑔𝑖 + 0,5 ∙ ∑ 𝑔𝑗
𝑗=1
a) Welches ist das Nash-Gleichgewicht?
b) Warum ist es schwer, mit Hilfe von tit-for-tat Kooperation zu erreichen?
c) Wieso findet sich trotz Ihres Ergebnisses zu Teilfrage a) oftmals hohe Kooperation? Gehen Sie
bei der Beantwortung auf bedingte Kooperation und team-reasoning ein.
d) Erweitern sie das experimentelle Design um altruistische Bestrafung. Wie ändert sich hierdurch
das Nash-Gleichgewicht? Wie ändert sich das tatsächliche Spielverhalten? Welcher Zusam-
menhang ergibt sich zum Begriff der Sitte?
e) Bei Durchführung des Spiels im Hörsaal mit evolutorischer Selektion ergaben sich unterschied-
liche Ergebnisse, abhängig davon ob die erfolgreichsten Individuen oder die erfolgreichsten
Gruppen überlebten. Erläutern Sie vor dem Hintergrund dieses Ergebnisses, inwiefern sich Ko-
operation als Norm verstehen lässt.

116
10. Organisation und
Staat

Das letzte Kapitel hat Kooperation als informelle Institution behandelt, als spontane Ordnung die
entsteht, sobald Menschen in Gruppen über längere Zeit zusammenarbeiten. Unter Organisationen
und Staaten verstehen wir hingegen formelle Institutionen. Sie berufen sich auf Satzungen und Ge-
setze. Wie ist ihre Entstehung zu verstehen? Wie wurden aus kooperativen Gruppen komplexere
Organisationen und Staaten und worin besteht der Unterschied? Dieses Kapitel beschreibt die Sicht-
weise der rational choice, die die Herausbildung des Staates als fortschreitenden Erfolg der Vernunft
versteht. Genauso verweist es auf evolutorische Ansätze, mit denen der Staat als bourgeoise Strate-
gie und als Organisation verstanden werden kann. Es zeigt, wie Staaten durch Symbole gekenn-
zeichnet, wie blutige Kämpfe um Herrschaft motiviert und vermieden und wie Verträge eines Staa-
tes beständig und unabhängig von den jeweiligen Repräsentaten werden konnten. Staaten selbst sind
evolutorisch aus informellen Institutionen heraus entstande.

Organisationen und kollektives Eigentum

Zur Unterstützung der Kooperationsfähigkeit neigen Gruppen zu einem Aufbau von Hierarchien.
Schon bei Tieren gibt es derartige Hierarchien. Ein Leittier baut reziproke Beziehungen zu mehreren
Getreuen auf. Diejenigen mit sozialer Kompetenz bauen sich größere Netzwerke auf. Sie wählen
besonders treue Gefährten dazu aus, um eine höhere Position einzunehmen und ein Unternetzwerk
aufrechtzuerhalten. Größere Gruppen von Menschen geben sich ähnlich eine Ordnung mit Hilfe
eines hierarchischen Netzwerks. Trotz Größe der Gruppe kann hiermit Kooperation weiter aufrecht-
erhalten werden.

Zunehmend haben sich in der Folge formelle Institutionen und Organisationen herausgebildet.
Gruppen, die gemeinsame Ziele verfolgen, nutzen die Vorteile der Arbeitsteilung und organisieren
diese mit Hilfe einer Ordnung. Dies ist allerdings noch keine hinreichende Beschreibung einer Or-
ganisation. Auch der Austausch über den Markt, wie in Kapitel 2 beschrieben, ermöglicht Arbeits-
teilung und benötigt eine Ordnung. Von Schimpansen ist eine komplexe Arbeitsteilung mit einer
Zuteilung verschiedener Rollen bei der Jagd nach Säugetieren auf dem Boden oder kleinen Affen in
den Baumkronen bekannt. Dennoch würden wir dabei nicht von einer Organisation sprechen.

Ziel einer Organisation ist es, Kooperation zu garantieren. In diesem Sinne ist der Ansatz von Elinor
Ostrom (1933-2012) zu verstehen, demzufolge Menschen gemeinsam in der Lage seien, eine All-
mende nachhaltig zu bewirtschaften. So verweisen Feldstudien auf funktionierende Beispiele kol-
lektiven Eigentums auf kommunaler Ebene. Alpine Almen sind seit Jahrhunderten im kollektiven
Eigentum, ohne dass eine übermäßige Nutzung eintritt. Genauso kooperieren Farmer bei der Nut-
zung von knappem Wasser und Förster bei der Bewirtschaftung von Wäldern (Ostrom 2000). Hierzu
bilden sie eine Organisation, die die Nutzung des kollektiven Eigentums unter Regeln der gemein-
samen Zustimmung organisiert, diese Regeln durchsetzt und Fehlverhalten sanktioniert. Die ge-
meinsame Entwicklung der Regeln kann sich positiv auf deren Befolgung auswirken, da deren Sinn-
haftigkeit eingesehen und die Regel als Norm internalisiert wird. Zudem können die Mitglieder ei-
nen Kontrolleur bestimmen, der die Nachhaltigkeit des kollektiven Eigentums sicherstellt und die

117
Nutzung der einzelnen Mitglieder überwacht sowie Sanktionen auferlegt. Dieser handelt nicht ei-
genständig, sondern kann dem Kollektiv zur Rechenschaft verpflichtet werden. In manchen Orga-
nisationen rotieren die Mitglieder die Position des Monitors, sodass jeder die Chance hat, diese Po-
sition einzunehmen.

Eine Organisation kann einerseits als die Summe ihrer Mitglieder verstanden werden, die ihre Ei-
genständigkeit durch einen alle verbindenen Vertrag erhält. Der Fortbestand der Organisation kann
dann aus den Nutzenkalkülen aller Mitglieder verstanden werden. Die Organisation sollte aus dieser
Sichtweise der rational choice nicht mit einem lebenden Organismus verwechselt werden, der ein
eigenes Bewußtsein hat und Absichten verfolgt. Sie bündelt nur die Absichten aller Mitglieder.

Andererseits haben Organisationen eine über ihre Mitglieder hinausgehende Eigenschaft. Der Tod
aller Mitglieder setzt nicht zwangsläufig der Organisation ein Ende. Organisationen haben damit
kein natürliches Ende und können Generationen überdauern. Sie bestehen zudem nicht aus Mitglie-
dern und Vorsitzenden im Sinne von natürlichen Personen. Vielmehr bestehen sie aus Trägern von
Rollen. Mitglieder übernehmen die Rolle als Wähler und Beitragende, Vorsitzende übernehmen in
ihrer Rolle die Repräsentation der Organisation nach innen und außen, Buchhalter sorgen für die
korrekte Abwicklung. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Rolle und Person. Die Rolle wird nur
temporär verliehen und übernommen, während die natürliche Person andere Aufgaben übernimmt
und fortdauert. Eine Organisation ist also eigenständig und existiert unabhängig von ihren Mitglie-
dern. Sie ist nicht einfach zurückzuführen auf die Summe ihrer Teile.

Eine Organisation ist auch oftmals dadurch gekennzeichnet, dass sie Parteifähigkeit besitzt. Nicht
nur natürlichen Personen wird die Fähigkeit verliehen, in eigenem Namen Klage zu führen und sich
verklagen lassen. Organisationen können dies oftmals in eigenem Namen tun. Nicht jede Organisa-
tion erhält dieses Recht. Die Parteifähigkeit einer Organisation wird zumeist erst ab einem bestimm-
ten Standard der Transparenz oder Rechnungslegung gewährt und verlangt beispielsweise die Ein-
tragung in ein öffentliches Register. Organisationen, die nicht in dieser Form registriert sind, können
nicht in eigenem Namen vor Gericht auftreten. Beispielhaft können wir hier an eine Bürgerrechts-
initiative, Hochschulgruppen oder eine kriminelle Vereinigung denken.

Neben der Parteifähigkeit kann eine Organisation auch Rechtsfähigkeit erlangen. Die Organisation
kann dann selbst Eigentümer werden. Das Eigentum wird dann wieder exklusiv gehalten, nämlich
von der Organisation selbst und nicht mehr von der Vielzahl ihrer Mitglieder.

Rechtsfähigkeit

Mit Rechtsfähigkeit bezeichnen wir ein sich von der Parteifähigkeit unterscheidendes Recht einer
Person oder Organisation. Hierbei geht es nicht um die Frage, ob eine Person vor Gericht zugelassen
ist und Partei ergreifen darf, als Kläger oder Beklagter. Vielmehr geht es darum, ob eine Person
Träger von Rechten und Pflichten sein kann. Eine rechtsfähige Person kann Eigentümer einer Sache
sein, Erbe eines Vermögens, Gläubiger einer Forderung, Schuldner eines Kreditvertrags und sie
kann Pflichten beispielsweise als Folge eines Arbeitsvertrags eingehen.

Die Rechtsfähigkeit ermöglicht eine Zuweisung dieser Rechte und Pflichten an eine natürliche Per-
son oder eine Organisation und stellt diese damit unter den Schutz des Gesetzes. Damit ermöglicht
sie den Schutz vor Diebstahl und Betrug und vielfältige Formen der Vertragsverletzung. Nicht nur
der Schutz von Rechten, wie beispielsweise Eigentum an einer Sache, ist von Vorteil. Auch der
Schutz von Pflichten ist grundsätzlich vorteilhaft, denn eine rechtsfähige Person oder Organisation
kann damit Geschäfte tätigen, die sonst nicht möglich sind: Die betroffene Person kann sich damit
selbst glaubhaft an vertragliche Zusagen binden. Ein Treuhänder im classEx-Spiel auf S. 65 könnte
sich beispielsweise vertraglich zu einer angemessenen Rückzahlung verpflichten und damit hohe
Investitionen des Investors induzieren. Eine Vertragsverletzung ist unwahrscheinlich, wenn der

118
Treuhänder das Recht hat eine solche Verpflichtung einzugehen, da der Investor dann einen rechtli-
chen Anspruch auf Leistung hat.

Die Folge der Rechtsfähigkeit ist, dass natürliche Personen und Organisationen rechtsgültige Ver-
träge eingehen können, ein durchsetzbares Testament hinterlassen können oder sich in Grundbücher
als Eigentümer eintragen lassen dürfen. Viele uns heute selbstverständlich erscheinende Transakti-
onen sind nur mit Erteilung der Rechtsfähigkeit möglich. Wir können uns manche einfache Trans-
aktion, beispielsweise den Kauf eines Produktes im Supermarkt, ohne Rechtsfähigkeit vorstellen.
Aber sobald Fragen nach Garantie und Haftung auftreten, ist die Rechtsfähigkeit zentral. Umso mehr
gilt dies für den Erwerb von Grundeigentum und den Abschluss eines Kredit- oder Arbeitsvertrags.

Der Ursprung der Rechtsfähigkeit nichtmenschlicher Entitäten ist historisch nicht leicht zu bestim-
men. Eine möglicherweise erste Fragestellung, die für spätere Zeiten prägend war, betraf die ruhende
Erbschaft im römischen Recht. Solange Nachkommen ihr Erbe noch nicht antraten, hatten die Hin-
terlassenschaften noch keinen Eigentümer. Gleichzeitig galten sie auch nicht als herrenlos. Diese
Lücke in der Rechtssprechung konnte dadurch geschlossen werden, dass der Wille des Erblassers
noch fortbestand und der Verstorbene immer noch als Eigentümer anerkannt wurde. Damit behielten
folglich Verstorbene noch die Rechtsfähigkeit. Ein erster Schritt zur Rechtsfähigkeit nichtmensch-
licher Entitäten war damit beschritten. Wir kennen aus dem Mittelalter viele nachfolgende Beispiele,
in denen Heilige noch lange nach ihrem Verscheiden die Rechtsfähigkeit besaßen und in ihrem Na-
men Klöster oder Banken, wie die später auf S. 126 beschriebene Casa di San Giorgio, geführt wur-
den.

Der Vorteil der Rechtsfähigkeit wird insbesondere durch Beispiele fehlender Rechtsfähigkeit deut-
lich. Bis in das 19. Jhdt. sahen Strafgesetze den „bürgerlichen Tod“ vor, bei dem rechtlich der Tod
vorgetäuscht wurde und der Betroffene die Rechtsfähigkeit verlor. Auch die Rechtsstellung jüdi-
scher Bürger in der Zeit des Nationalsozialismus kann als „bürgerlicher Tod“ bezeichnet werden.
Historisch war die Rechtsfähigkeit oftmals grundsätzlich beschränkt auf Römer, Christen, Männer,
Adel oder Stadtbewohner. Hingegen waren Barbaren, Juden, Frauen, Sklaven, Ausländer, Minder-
jährige, für geisteskrank erklärte Menschen, Kriminelle oder Exkommunizierte oftmals nicht rechts-
fähig. Sie konnten damit oftmals kein Grundeigentum erwerben, keine Kredite aufnehmen und keine
Arbeitsverträge abschließen.

Wir können uns die Rechtsfähigkeit und ihr Fehlen analog zu den Ausführungen zu Reputation als
Ampel auf S. 107 vorstellen. Eine gute Reputation geht einher mit einer grünen Ampel, die eine
Anerkennung von Rechten von Gericht sichert. Geht dies verloren, so werden Menschen stigmati-
siert und sie verlieren ihre Rechtsfähigkeit. Heutzutage verlangt Artikel 6 der Allgemeinen Erklä-
rung der Menschenrechte die Rechtsfähigkeit jedes Menschen und seinen Anspruch auf Anerken-
nung als Rechtsperson. Während die Menschenrechte dies für natürliche Personen einfordern, ist die
Frage, welche Organisationen die Rechtsfähigkeit genießen und genießen sollten, komplexer.

Für Organisationen ist die Rechtsfähigkeit zentral, denn nur so können sie sich als fortbestehende,
ihre Mitglieder überdauerende Entität bilden. Rechtsfähige Organisationen sind selbst Träger von
Rechten und Pflichten, nicht etwa nur vermittelt durch ihre Mitglieder oder Vorsitzende. Diese ver-
treten nur die Organisation, handeln aber nicht in eigenem Namen. Die Mitglieder einer Organisa-
tion sind nicht mehr kollektive Eigentümer des Organisationsvermögens. Die Organisation ist ex-
klusiver Eigentümer und organisiert ihre Rechte und Pflichten mit Hilfe ihrer jeweiligen Satzung
und ihren Amtsträgern. Ein frühes Beispiel für eine rechtsfähige Organisation sind die Klöster. Papst
Innozenz IV. (1195-1254) trennte zwischen den Rechten und Pflichten der Mönche von denen ihres
Klosters. Die Klöster wurden in der Folge als eine eigenständige Entität betrachtet, als Körperschaft
mit eigener Rechtsfähigkeit. Dies war wichtig, weil die Franziskanermönche kein Eigentum besitzen
durften. Nur indem die Klöster als eine separate Einheit betrachtet wurden, war es den Mönchen
möglich, individuell arm zu bleiben und gleichzeitig ihr umfangreiches Eigentum an Gebäuden und
Ländern zu verwalten, zu pflegen und zu schützen.

119
Motivation in der Organisation

Für die Organisation kollektiven Eigentums existieren viele rechtliche Organisationsformen, bei-
spielsweise Verein, Stiftung oder gemeinnützige GmbH. Alle haben gemein, dass mit ihnen keine
Gewinnerzielungsabsicht verfolgt wird. Im Verein sollen Gewinne gar nicht erst entstehen. Viel-
mehr sollen das Vereinsvermögen und die Mitgliedsbeiträge dazu dienen, das Wohlergehen der Mit-
glieder oder sonstige ideelle und gemeinnützige Ziele zu fördern. Eine Auszahlung von erwirtschaf-
teten Gewinnen ist nicht möglich. In einen Verein können viele Mitglieder eingebunden werden, die
gleichberechtigt stimmberechtigt sind und einen Vorsitzenden wählen können. Vermögen soll dabei
nicht gebildet oder verwaltet werden, ähnlich wie in einem public goods game. Sofern größere Ver-
mögen zur Verfügung stehen, wie in einem Allmende-Spiel, werden Stiftungen oder gemeinnützige
GmbHs als Rechtsformen bevorzugt. Diese werden dann gewählt, wenn sich ein kleiner Kreis von
Personen für das gleiche Ziel einsetzt, beispielsweise ein Erbe im Wert zu erhalten und mögliche
Erträge aus dem laufenden wirtschaftlichen Betrieb dem Stiftungsvermögen hinzuzufügen.

So wie Gruppen stehen auch Organisationen einem collective action-Problem gegenüber und müs-
sen ihre Mitglieder motivieren. Jedes Mitglied profitiert vom Beitrag anderer und trägt die Kosten
des eigenen Beitrags. Die Organisation kann helfen, dieses Problem zu lösen. Ein Vorsitzender kann
die Anreize für die Mitglieder bestimmen. Dies kann anhand des classEx-Spiels zu Teamarbeit auf
S. 105 illustriert werden. Ein Vorsitzender kann das Verhalten der beiden Spieler kontrollieren und
die unkooperative Strategie mit 5 bestrafen oder die kooperative Strategie mit 5 belohnen. In beiden
Fällen ist dann die unkooperative Strategie nicht mehr dominant. Mitglieder wären indifferent bei
der Wahl der Strategie. Kooperation kann sich dann durchsetzen.

Die Herausforderung der Organisation besteht aber darin, die Vorsitzenden zu motivieren. Gleiches
gilt für andere Positionen in der Organisation wie den Protokollführer oder Kassenwart. Diese Amts-
träger können zwar einen festen Lohn erhalten, aber sie sind nicht selbst die Bezieher des Residual-
einkommens und haben keinen extrinsischen Anreiz, die Organisation im Sinne ihrer Mitglieder zu
führen. Sie können kontrollieren, werden aber nicht selbst kontrolliert. Dies bedeutet, dass sie intrin-
sisch motiviert sein müssen, eventuell unterstützt durch das Prestige, das mit der Arbeit verbunden
ist oder durch kollektive Anerkennung. Die Herausforderung der Organisation besteht somit darin,
geeignete Personen für die Positionen zu finden, die trotz fehlender extrinsischer Anreize hinrei-
chenden Einsatz leisten.

Dieses Problem kann verschärft werden, wenn Mitglieder durch Wegzug aus einer Organisation
ausscheiden oder sich in den Ruhestand zurückziehen. In Erwartung ihres Ausscheidens haben diese
Mitglieder keinen extrinsischen Anreiz zum Erhalt des kollektiven Eigentums. Sie könnten geneigt
sein, gegen die Durchführung von Investitionen zu stimmen und für die exzessive Ausnutzung des
kollektiven Eigentums. Sie wählen dann einen Vorsitzenden mit einer hohen Präferenz für gegen-
wärtigen Konsum und wenig Sinn für die langfristige Nutzung des kollektiven Eigentums. Dies
entspricht den Problemen der auf S. 86 beschriebenen labor-managed firm. Die Organisation muss
es schaffen, die ausscheidenden Mitglieder zu motivieren und ihren Teamgeist zu fördern.

Der Staat aus Sicht von rational choice

Staaten haben Ähnlichkeit mit den vorher genannten Organisationen, mit denen kollektives Eigen-
tum verwaltet wird. Den Mitgliedern einer Organisation entsprechen bei Staaten die Bürgerinnen
und Bürger. So wie Mitglieder einen Vorsitzenden bestimmen, finden wir bei Staaten Monarchen,
Präsidenten, Staatsratsvorsitzende oder Kanzler. Diese handeln im Auftrag des Staates, sind also nur
Repräsentanten und nicht in eigenem Namen tätig. Der Staat hat eine Ordnung, ähnlich zur Satzung
einer Organisation, mit der geregelt wird, wer den Staat repräsentieren darf. Woher aber kommt
diese Ordnung?

120
Aus Sicht der rational choice lässt sich diese Ordnung als Vertrag zwischen Bürgern und einem
Herrscher verstehen. Der Herrscher bietet Güter an wie die Verteidigung gegen auswärtige Feinde,
Sicherheit der Eigentumsverhältnisse, Infrastruktur wie Straßen und Elektrizitätsnetze und Dienst-
leistungen wie Rechtssicherheit für Verträge. Bei der Bereitstellung dieser Güter liegen Skalener-
träge vor. Ein einzelner Anbieter kann diese Güter und Dienste kostengünstiger anbieten als viele
Konkurrenten. Aus diesem Grund wird ein Monopol eingerichtet. Der Herrscher erhält das Gewalt-
monopol und das Recht zur Einziehung von Abgaben und Steuern. Im Gegenzug produziert der
Herrscher die gewünschten Güter und stellt sie den Bürgern zur Nutzung bereit. Da der Vertrag mit
nur einem Herrscher geschlossen wird, können keine blutigen Rivalitäten entstehen. Die Skalener-
träge können genutzt werden. Die Herausforderung für Bürger besteht allerdings darin, gleichzeitig
ein Gewaltmonopol zu erlauben und zu verhindern, dass der Herrscher dies zu eigenen Zwecken
missbraucht.

Die Bürger sind in der Mehrheit und können durch die Androhung von Auswanderung und Protest
den Herrscher auf die vertraglichen Pflichten beschränken. Sie bilden zudem informelle Institutio-
nen, mit denen sie kollektives Handeln organisieren. So finden wir beispielsweise schon bei Schim-
pansen und Bonobos eine Zusammenarbeit der weiblichen Gruppenmitglieder gegenüber dem
männlichen Leittier. Die Gruppen pflegen einen reziproken Austausch durch gegenseitige Körper-
und Fellpflege. Dies befördert ein Netzwerk von Reziprozität, das sich gegen das männliche Leittier
stellen kann. Staatsbürger können sich ähnlich in informellen Gruppen organisieren, mit denen sie
die Ordnung des Staates gegen einen eigensinnigen Herrscher durchsetzen können. Sie können
hierzu auch Organisationen gründen, wie beispielsweise Parteien oder Vereine.

Wenn sich Bürger gut mit Hilfe von informellen oder formellen Institutionen organisieren, kann ihre
Rolle mit der eines Prinzipals verglichen werden, der alle aus dem Monopol fließenden Vorteile
erhalten kann und dem Herrscher in der Rolle des Agenten nur einen geringen Anteil überlässt. Dies
erscheint aber eher unrealistisch. Die den Bürgern insgesamt zur Verfügung stehenden Mittel zur
Durchsetzung des Vertrags wirken eher schwach. Eine Durchsetzung des Vertrags könnte jedoch
gelingen, wenn der Vertrag selbst eine formale Institution ist. Er wird schriftlich als Verfassung
ausformuliert. Das Kollektiv der Bürger hat damit einen Referenzpunkt und kann einen wortbrüchi-
gen Herrscher erkennen. Dies gibt Hoffnung, dass der Herrscher dann nur im Rahmen der übernom-
menen und von allen im Vorfeld gemeinsam beschlossenen Verfassung agiert.

Eine Verfassung kann zudem Eigentum schützen. Bürger erhalten damit die Gewissheit, dass der
Herrscher keine willkürlichen Enteignungen durchführt. In der Folge erhalten Bürger in der Rolle
von Investoren die Gewissheit, dass sie nach Durchführung von Investitionen die spezifisch sind für
das Staatsgebiet nicht von dem dortigen Herrscher enteignet werden. Ein derart durch eine Verfas-
sung organisierte Herrschaft stellt dann eine effiziente Institution dar, die ein Wirtschaftswachstum
in Gang setzen kann.

Beispiel 1: Die Revolution 1688

Douglass C. North und Barry Weingast (1989) betonen die Bedeutung institutioneller Veränderun-
gen nach der Revolution in England von 1688 und ihre Bedeutung für die nachfolgende industrielle
Revolution. Eine Vereinigung englischer Parlamentarier gemeinsam mit dem Statthalter der Verei-
nigten Niederlande, Prinz William II. von Oranien, stürzten König James II. In der Folge wurde
1689 die Bill of Rights verkündet. Dieses Gesetzeswerk begrenzte die Befugnisse des Monarchen
und stärkte die Rechte des Parlaments. Dies beinhaltete regelmäßige Parlamentssitzungen, freie
Wahlen und Meinungsfreiheit im Parlament. Legislative und judikative Entscheidungen der Krone
erforderten danach parlamentarische Zustimmung. Das Parlament erhielt die Steuerhoheit und die
Budgethoheit.

North und Weingast argumentieren, dass die Entwicklung der modernen britischen Wirtschaft von
sicheren Eigentumsrechten und der Beseitigung willkürlicher Befugnisse der Krone abhingen. Die

121
Macht der Krone musste begrenzt werden. Vorher waren Eigentumsrechte für Grundbesitzer und
Kaufleute unsicher. Sie hatten als Investoren mit der Sorge zu leben, ihre Gewinne könnten von der
Krone konfisziert werden. Die Stärkung der Eigentumsrechte sowohl der Land- als auch der Kapi-
talbesitzer bewirkte einen Prozess der finanziellen und kommerziellen Expansion.

Hodgson (2017) kritisiert diese Argumente aus historischer Perspektive und argumentiert, dass be-
reits vor 1688 Landeigentum gut geschützt war. Statt der Sorge vor Enteignung durch die Krone
waren Eigentumsverhältnisse eher durch feudale Rechte beschränkt. Insbesondere die Eigentums-
rechte eines Erben an dem Nachlass seines Vaters verhinderten den Verkauf dieses Eigentums oder
seine Verwendung als Sicherheit für Kredite. Auch wenn die Argumente von North und Weingast
historisch nicht unbedingt stichhaltig sind, bleiben sie jedoch aus theoretischer Sicht plausibel. So
finden wir auch heute noch absolutistische Herrschaftsformen, die nicht in der Lage sind, Investoren
glaubwürdig den Schutz ihres Eigentums zu garantieren und die in der Folge kaum Wachstum und
Wohlstand für ihre Bürger sichern können.

Der Staat aus evolutorischer Sicht

Die Sichtweise der rational choice versteht sich eher als Gedankenmodell zum Verständnis des mo-
dernen Staates. Dabei vernachlässigt sie, wie sich Herrschaft und Ordnung historisch herausgebildet
haben. Der Staat sollte aus dieser Sichtweise nicht als Vertrag gesehen werden, auf den viele Bürger
einen Einfluss nehmen können. Der Kodex des Hammurabi, eine babylonische Sammlung von
Rechtssprüchen aus dem 18. Jhdt. v. Chr., ist einer der ältesten Gesetzestexte der Welt. Er hat wenig
mit einem Vertrag im Sinne von rational choice gemein. So wird die Herrschaft nicht durch den
Vertrag selbst, sondern göttlich legitimiert. Bürger bilden dabei kein einheitliches Kollektiv. Viel-
mehr unterscheidet der Kodex zwischen Freigeborenen, Gemeinen und Sklaven. Männer dominie-
ren während Frauen und Kinder keine Rechts- und Parteifähigkeit besitzen.

Die Herausbildung einer staatlichen Ordnung lässt sich eher als Evolution von Herrschaft verstehen.
Im Rahmen eines hawk-dove Modells wird die Herrschaftsaufgabe von einem hawk reklamiert, da
diese Position mit Privilegien verbunden ist und als Beute angesehen wird. Nach blutigen Kämpfen
gegen Rivalen wird es nur einen Herrscher geben. doves vermeiden diese Rivalitäten und überlassen
hawks den Vortritt. Im Alter wird der Herrscher jedoch an Körperkraft und Einfluss verlieren. Junge
Nachfolger bringen sich in Stellung und es kam historisch immer wieder zu einem Aufflammen von
Kämpfen. Dies wirft die Frage auf, ob sich die Nachfolge unblutig organisieren lässt.

Eine naheliegende Idee war, dass Herrschaft vererbt werden durfte. Ein Herrscher durfte seinen
Nachfolger unter seinen Kindern selbst auswählen. Deren Blutsverwandschaft prädisponierte sie
gegenüber der Vielzahl möglicher Rivalen. Dem Vorteil einer Vermeidung blutiger Streitigkeiten
stellte sich der Nachteil entgegen, dass oftmals untaugliche Nachfolger zu Herrschern wurden.

Evolutorisch könnten Ordnungen langfristig erfolgreich sein, wenn sich die Rolle des Herrschers
gemäß einer bourgeoisen Strategie durchsetzte. So kann sich eine Regel als erfolgreich durchsetzen,
derzufolge derjenige der Herrscher ist, der im Besitz von Reichsinsignien ist. Wir finden in vielen
Kulturkreisen solche Symbole der Macht. Die Pharaonen in Ägypten hatten bereits Krummstab,
Geißel, Krone und Bart als solche Symbole. Die ihnen zugeschriebene magische Kraft korrespon-
diert damit, dass diese Symbole aus einem normalen Menschen einen Herrscher machten, dessen
Vorrecht von allen anerkannt wurde. Der Inhaber der Insignien signalisiert mit ihrem Besitz, dass er
sein Vorrecht zur Herrschaft gegen jeden Rivalen verteidigen wird. Rivalen stellten sich dann
dadurch besser, dass sie dieses Vorrecht akzeptierten.

Im Heiligen Römischen Reich finden sich ab dem 8. Jhdt. Symbole wie das Reichsevangeliar und
später die Reichskrone, die Heilige Lanze, der Reichsapfel, das Zepter und das Reichsschwert. Zur
Krönung wurden diese Insignien an den neuen Herrscher übertragen und trugen zur Legitimation
der Herrschaft bei. Auf Reisen führte der Kaiser oftmals die Insignien mit sich, um die Rechtmäßig-
keit der Herrschaft zu belegen. In England ist das goldene Zepter noch heute das königliche Symbol

122
der Macht, das allerdings inzwischen im Parlament liegt und ohne dessen Anwesenheit das Parla-
ment keine gültigen Beschlüsse fassen kann.

Ähnlich wie der bourgeois als Besitzer eines Territoriums anerkannt wird, so wird der Herrscher
eines Staates durch den Besitz der Insignien gekennzeichnet. Der Inhaber dieser Insignien hat damit
das Vorrecht Gesetze zu erlassen, Kriege zu führen, Treueschwüre einzufordern, Lehen zu vergeben
und Steuern einzutreiben. Mit Herrschaft als bourgeoiser Strategie findet sich eine über die einzel-
nen natürlichen Personen hinausweisende Staatsidee. Der Herrscher ist nicht länger hawk. Er hat das
Amt nur als Rolle übernommen. Der Staat selbst ist zu unterscheiden vom Herrscher.

Diese bourgeoise Strategie kann dann auf die Regelung der Nachfolge beim Tod eines Herrschers
ausgeweitet werden. Es kann nur einen geben, der nach dem Hinscheiden des Herrschers im Besitz
der Insignien ist. Dieser wird als Nachfolger anerkannt. Hiermit werden Thronstreitigkeiten vermie-
den und die Nachfolge unblutig geregelt. Dieser Erfolg wäre jedoch gefährdet, wenn Rivalen um
den Besitz der Isignien kämpfen. Bereits früh finden sich staatliche Ämter besonderer Art, nämlich
diejenige zur Aufbewahrung und Pflege der Insignien. Den Amtsinhabern kam bei Nachfolgefragen
damit eine hohe Verantwortung zu.

Der Staat als Organisation

Herrscher schließen viele Verträge, einen Friedensvertrag mit Nachbarstaaten, einen Liefervertrag
für den königlichen Hof, einen Vertrag zur Abtretung oder Geltendmachung einer Steuerzahlung
oder einen Kreditvertrag. Sie vergeben Lehen an Vasallen und vereinbaren vertraglich das Stellen
von Truppen für einen Krieg und die zu leistenden Abgaben. Die Vertragspartner führen hierfür
oftmals Investitionen durch. Der Lieferant baut eine Produktionsstätte auf, der Lehnsnehmer inves-
tiert in Ackerbau, Bewässerung und Verteidigungsanlagen, der Kreditgeber führt eine Finanzinves-
tition durch. Aber diese Verträge bestehen eventuell nur zwischen dem Herrscher und seinen Ver-
tragspartnern persönlich. Mit dem Tod des Herrschers sind die Verträge dann nichtig. Ein neuer
Herrscher muss die Verträge neu verhandeln. Das resultierende Anreizproblem ist analog zu dem-
jenigen der transaktionsspezifischen Investitionen in Kapitel 6. Mit der Aussicht auf Neuverhand-
lungen werden Investitionen unattraktiv.

Dieses Problem lässt sich nicht leicht überwinden. Der Herrscher steht als hawk über dem Gesetz.
Institutionen wie die dynastische Nachfolge oder der Besitz von Insignien regeln, wer Nachfolger
wird. Aber sie bestimmen nicht, was dieser Nachfolger zu tun hat. Die Gemeinschaft vieler Bürger
legt dem Herrscher Grenzen auf, aber es schützt nicht unbedingt die Hoffnung eines Investors auf
zukünftigen Gewinn. Im Gegenteil. Ein solches Netzwerk an Bürgern hat wenig Anlass dazu, den
Kredit eines verstorbenen Herrschers zu bezahlen oder das Eigentum eines reichen Investors zu
schützen.

Erst der Staat als eigenständige Organisation kann längerfristige Verträge schließen. Das an einen
Vasallen vergebene Lehen hat dann auch nach dem Tod des Kaisers Gültigkeit. Der Nachfolger hat
die Aufgabe, als Repräsentant des Staates die von seinem Vorgänger eingegangenen Verpflichtun-
gen zu respektieren und zu erfüllen. Ab wann eine solche Form des Staates als selbständige Entität
existiert lässt sich nicht leicht beantworten. Beispielsweise ist strittig, ob die athenische Polis im 5.
Jahrhundert v. Chr. nur eine größere Gruppe war, eine Gemeinschaft von natürlichen Personen. So
schreibt Aristoteles in seinem Buch Politik, dass „jeder Staat uns als eine Gemeinschaft entgegentritt
und jede Gemeinschaft als eine menschliche Einrichtung, die ein bestimmtes Gut verfolgt.“ An an-
derer Stelle beschreibt er den Staat jedoch als eine von seinen Bürgern unabhängige Entität. In der
politischen Praxis zeigte sich diese Eigenständigkeit anhand der Diskussion, ob ein Kredit von 100
Talenten (etwa der Kaufpreis für 100 Segelschiffe), den ein vorhergehender Tyrann bei den Sparta-
nern aufgenommen hatte, zurückgezahlt werden sollte. Im Jahre 403 v.Chr. entschied sich die athe-
nische Volksversammlung für eine Rückzahlung und legte damit nahe, dass der Staat Athen auch

123
nach einem Wechsel des Herrschers und sogar einem Wechsel der Herrschaftsform von einer Ty-
rannis zur Demokratie kontinuierlich fortbestand. Athen konnte somit langfristige Verträge schlie-
ßen, die unabhängig von den jeweiligen Herrschern bestehen blieben.

Diese institutionelle Innovation verspricht erhebliche Effizienzvorteile gegenüber der Herrschaft ei-
nes hawk. Dennoch hat diese Innovation auch Jahrhunderte der Rückschläge hinter sich. Als Ludwig
der XIV. im Jahre 1655 angeblich die Aussage machte „l’état c’est moi“, also „der Staat bin ich“,
erinnerte er an eine Zeit der absolutistischen Herrschaft, in der alle Gewalt auf den Monarchen al-
leine zulief. Am Ende seines Lebens schien er weiser geworden zu sein. Auf seinem Totenbett ver-
kündete er „Je m’en vais, mais l’Etat demeurera toujours“, also „ich gehe fort, doch der Staat bleibt
zurück.“ Für uns ist dies heute eine Selbstverständlichkeit.

Beispiel 2: Das Tatarenjoch

Wie Herrschaft ohne Staat als eigenständige Organisation aussieht, lässt sich anschaulich anhand
des „Tatarenjochs“ beschreiben. Dieser Begriff bezieht sich auf die Zeit vom 13.-15. Jahrhundert
als Russland unter der Herrschaft der Mongolen war. Die russischen Fürsten aus der Dynastie der
Rjurikiden waren Untertanen des mongolischen Großkhans bzw. des Khans der Goldenen Horde,
der von der reichen Stadt Saraj an der unteren Wolga aus herrschte. Die Mongolen herrschten jedoch
nicht in allen eroberten Gebieten selbst, sondern beließen viele russische Machthaber im Amt. Das
Verhältnis zu den untertänigen Fürsten war nicht auf eine staatliche Ordnung gegründet, sondern
musste jeweils persönlich geschlossen werden. So musste jeder neue russische Fürst zum Amtsan-
tritt nach Saraj, manchmal auch zum Sitz des Großkhans nach Karakorum reisen und sich dort einen
sogenannten ,,Yarlik“, also einen schriftlichen Erlass vom Khan persönlich abholen, der die Herr-
schaft in seinem Fürstentum legitimierte. Ein Yarlik war stets an den Khan als Aussteller und den
jeweiligen Fürsten gebunden. Er konnte nicht auf die Erben des Fürsten übertragen werden. Zudem
musste jeder neue Khan die vielen entsprechenden Yarliks neu ausstellen. Alle russischen Fürsten
mussten einen neuen Khan hierfür persönlich aufsuchen.

Die wiederholten Reisen nach Saraj waren beschwerlich. Zudem musste jeder Fürst den Khan erneut
von der Ausstellung des Yarlik überzeugen, beispielsweise mit Geschenken und sich möglicher-
weise gegen Konkurrenten erwehren. Für viele war die Reise nach Saraj eine Reise ohne Wieder-
kehr. Unterlegene Konkurrenten wurden nicht selten emordet oder eingesperrt.

Beispielhaft für diese Epoche ist der Kampf zwischen Moskau und Twer um die Großfürstenwürde.
Der Moskauer Fürst Juri reiste 1304 nach Saraj und bewarb sich um diese Würde, obwohl nach der
altrussischen Erbfolgeregelung diese an Michail von Twer hätten gehen müssen. Michail reiste
ebenfalls umgehend nach Saraj, wo Khan Tohta ihn sofort mit einem Yarlik als Großfürst bestätigte.
Juri hatte die erste Runde verloren. Als 1313 jedoch Khan Tohta starb, ging der Streit in eine zweite
Runde. Michail von Twer reiste erneut umgehend nach Saraj, doch der neue Khan Özbeg ließ mit
seiner Entscheidung auf sich warten und hielt Michail zwei Jahre lang fest. In dieser Zeit formierte
sich in Russland eine Koalition gegen Michail, angeführt von Juri, der daraufhin für sein aufsässiges
Verhalten von Özbeg nach Saraj beordert wurde. Michail durfte mit einem Großfürstenyarlik nach
Twer zurückkehren, während nun Juri für zwei Jahre in Saraj inhaftiert wurde. Diese Zeit nutzte er
geschickt, um die Gunst des Khans zu erlangen. Er schaffte es nicht nur, diesen mit seinem enormen
finanziellen Vermögen zu beeindrucken, sondern konnte sogar die Schwester des Khans heiraten.
In der Folge wurde Juri 1317 per Yarlik zum Großfürst ernannt. Eine erneute Konfrontation zwi-
schen Moskau und Twer war nicht mehr zu vermeiden. Im folgenden Krieg der beiden Kontrahenten
nahm Michail Juris Ehefrau gefangen und ließ sie einkerkern. Unglücklicherweise verstarb diese in
der Gefangenschaft. Özbeg rüstete zur Strafexpedition gegen Twer, um den Tod seiner Schwester
zu rächen, überrannte das Fürstentum mit seinen Horden und ließ Michail von Twer hinrichten.

Das Mongolenreich war als auf die Person des Khans zentrierter, auf Stammesprinzipien beruhender
Verband von einer eigenständigen Staatsorganisation weit entfernt. Es gab keine über den Herrscher

124
hinausgehende Ordnung. Herrscher konnten folglich keine Verträge schließen, die auch für ihre
Nachfolger bindend waren. Die Geschichte zeigt, dass sie nicht einmal sie selbst bindende Verträge
schlossen, sondern diese nach Gutdünken änderten, je nach Beziehungen oder angebotenen Ge-
schenken.

Beispiel 3: Die compera und das Problem der Staatsverschuldung

Staaten können heute von Banken Kredite erhalten und an Kapitalmärkten Staatsanleihen emittieren.
Der Staat unterscheidet sich dabei von üblichen Schuldnern dadurch, dass gegen den Staat nicht
leicht vor Gericht vollstreckt werden kann. Verweigert ein Staat die Tilgung und Rückzahlung des
Kredits, so tun sich Gerichte schwer damit einem Gläubiger bei der Durchsetzung seines Rechts zu
helfen. Die Konfiszierung staatlichen Vermögens ist zumeist nicht leicht. Zudem kann ein Staat per
Gesetz seine Schulden für nichtig erklären. Kein anderer Schuldner hat eine solche Macht über die
eigenen Schulden. Diese Macht ist für einen Staat allerdings eine Bürde und keine Lösung: Gläubi-
ger haben kein Interesse daran, einem derart mächtigen Staat Kredite zu geben und seine Anleihen
zu kaufen.

Bevor es den Staat als eigenständige Organisation gab, waren Staatskredite oftmals eingebettet in
die persönlichen Beziehungen eines Herrschers zu einer reichen Elite. Ein mächtiger Herrscher
konnte dann im Bedarfsfall, beispielsweise bei einer Bedrohung durch auswärtige Mächte oder bei
Chancen auf ertragreiche Handelsrouten, einen Kredit erhalten. Entweder konnte er zwangweise den
Kredit erheben oder eine reiche Elite war mächtig genug den Herrscher zur Rückzahlung zu nötigen
und war daher freiwillig zur Kreditvergabe bereit. Dabei waren Herrscher oftmals persönlich die
Kreditnehmer. Im Falle ihres Todes war die Rückzahlung hinfällig, sofern sie nicht dynastisch auf
den nachfolgenden Herrscher übertragen werden konnte.

In Genua wurde 1141 eine innovative Institution erfunden, die compera, eine Art Gesellschaft von
Kreditgebern. Gemeinsam konnten Kreditgeber besser ihre Ansprüche gegenüber dem Stadtstaat
Genua vertreten. Der Stadtstaat war eine Republik mit Konsuln an der Spitze. Dies machte die Hoff-
nung auf Rückzahlung eines Kredits aber nicht per se aussichtsreicher. Auch ein neuer Konsul war
in der Versuchung, opportunistisch alte Schulden zu streichen. Mit Hilfe der Schlagkraft der com-
pera verbesserten sich die Aussichten der Kreditgeber. Langfristige Anleihen, oftmals fünf Jahre
und länger, konnten so von der Gesellschaft vergeben werden. Genua besicherte diese Anleihen mit
dem Recht, eine Steuer einzutreiben. Beispiele dafür sind befristete Steuern auf Salz oder Wein, die
speziell für die Rückzahlung einer Anleihe eingeführt wurden. Die compera hätte im Falle eines
Ausfalls eigenständig das Eintreiben der Steuer organisieren können.

Tatsächlich war der Kreditvertrag nicht primär als solcher sichtbar. Vielmehr kauften die Anleihein-
haber gemeinsam das zukünftige öffentliche Steueraufkommen, womit sich der italienische Name
compere (Einkauf) erklärt. Die Republik Genua besaß das Recht, dieses Steuereinkommen zurück-
zukaufen, und bezahlte hierfür einen Aufschlag von jährlich zwischen 7 und 10 Prozent. Mit dem
Verkauf zukünftiger Steuern und dem Rückkauf konnte erfolgreich das kirchliche Zinsverbot um-
gangen werden, denn der Aufschlag war nicht als Zins gekennzeichnet.

Das Kapital dieser Gesellschaft bestand in den aggregierten Forderungen gegenüber Genua. Die
einzelnen Kreditgeber wurden als participes (Anteilsinhaber) registriert und in einem Buch, der car-
tulario delle compere, erfasst. Diese Anteilsinhaber wählten protectores (Direktoren), um die com-
pera zu repräsentieren. Die Anteile waren handelbar. Mit Verkauf und Kauf eines Anteils wurde
der alte Eigentümer in den Büchern getilgt und ein neuer eingetragen. Es bestand eine rege Nach-
frage danach und ein aktiver Markt, ein Vorbild für den heutigen Sekundärmarkt für Staatsanleihen.
Die hohe Nachfrage erklärt sich mit dem Bedürfnis privater Haushalte, Werte in die Zukunft zu
verschieben. Dieses Bedürfnis konnte vorher kaum befriedigt werden und fand in den Anleihen der
compera ein willkommenes Finanzinstrument. Der Stadtstaat Genua stieg dadurch zu einer der ers-
ten Finanzmetropolen Europas auf.

125
Mit der Tilgung wurde die jeweilige compera aufgelöst. Im Jahre 1408 inspirierten die vielen um-
laufenden compera die Gründung der Casa di San Giorgio, der ersten Bank der Geschichte im öf-
fentlichen Eigentum. Diese entstand durch Konsolidierung vieler compera. Sie wurde damit nicht
mehr nach Tilgung aufgelöst, sondern blieb dauerhaft bestehen. Neben der Aufgabe, Anleihen für
den Stadtstaat zu emittieren, engagierte sie sich auch bei der Finanzierung privater Investitionen.

Gleichzeitig mit der compera entstanden in benachbarten Stadtstaaten wie Venedig, Florenz und
Pisa ähnliche Institutionen. Diese beruhten jedoch stärker auf Zwangsanleihen. Diese ähneln Steuern
insofern sie zwangsweise von den Bürgern erhoben werden. Sie ähneln Anleihen, da beabsichtigt
war, sie zurückzuzahlen. Sie waren damit auch auf dem Sekundärmarkt handelbar und in den Nach-
barstaaten bildeten sich Börsen ähnlich zu derjenigen in Genua. Die Freiwilligkeit der compera er-
wies sich aber als vorteilhaft für Genua, da schon früh Institutionen gebildet waren, die die Rück-
zahlung garantierten. Während Ausfälle von Staatsanleihen in anderen Stadtstaaten häufig erfolgten,
blieben die Genueser Staatsanleihen über Jahrhunderte weitgehend stabil im Wert.

Die Rechtsfähigkeit des Staates

Unter Staaten verstehen wir eine Form der Organisation, die rechtsfähig und parteifähig ist und diese
Fähigkeit nicht von anderen Organisationen ableitet. Staaten können also Träger von Rechten und
Pflichten sein und sie können vor Gericht klagen und verklagt werden. Eine Privatperson kann die
Regierung vor einem Verfassungsgericht verklagen. Nicht gegen die Kanzlerin wird geklagt, denn
diese repräsentiert nur den Staat. Die Klage wird gegen den Staat selbst geführt. Der Staat als eigen-
ständige Organisation findet mit seiner Rechts- und Parteifähigkeit dann eine juristische Entspre-
chung. Er konstituiert sich als formale Institution mit Hilfe entsprechender Gesetze. Hierzu ist eben-
falls erforderlich, dass Gerichte unabhängig sind und keine Weisungen von der Exekutive, also von
einem Monarchen, Präsidenten, Kanzler und den entsprechenden Ministern, empfangen dürfen.

Die Rechtsfähigkeit des Staates beschränkt einerseits die Handlungsfähigkeit des Staates. Die Re-
volution von 1688, wie in Beispiel 1 aufgezeigt, hat den Staat beispielsweise in seiner Fähigkeit
beschränkt Bürger zu enteignen und auf eine Garantie privaten Eigentums festgelegt. Ein Monarch,
der Investoren enteignet, kann damit vor einem Gericht verklagt werden auf Schadenersatz oder
Rückgabe des Eigentums. Andererseits erhöht die Rechtsfähigkeit auch die Handlungsfähigkeit.
Staaten können sich dauerhaft binden und damit vertragliche Verpflichtungen eingehen, die ihnen
sonst nicht möglich wären. Wie wir gesehen haben, bewirkt die Rechtsfähigkeit, dass Verträge mit
dem Staat über den Tod eines Herrschers hinaus Bestand haben können. Der Staat erhält somit die
Möglichkeit, dauerhafte Bindungen einzugehen, Eigentum, Kredite und sonstige Verträge zu garan-
tieren.

Solche Bindungen geht ein Staat nicht nur mit den eigenen Bürgern und innerstaatlichen Organisa-
tionen ein. Der rechtsfähige Staat kann dauerhafte Bindungen auch zu anderen Staaten aufbauen.
Die Rechts- und Parteifähigkeit besteht in diesem Fall nicht nur nach innen, sondern auch nach
außen. Der Staat ist dann nicht mehr eine Institution, die die Regeln des innerstaatlichen Zusam-
menlebens bestimmt und sich an seine eigenen Vorgaben bindet. Er ist Mitspieler auf dem Spielfeld
der internationalen Beziehungen. In internationalen Gremien achten Staaten auf ihre Reputation und
darauf, nicht als Regelverletzer ihren guten Ruf zu verlieren. Aus diesem Grund unterwerfen sie sich
den Urteilen internationaler Schiedsgerichte, selbst wenn eine Missachtung nicht leicht von einem
Gerichtsvollzieher geahndet werden kann. Staaten lassen sich auch rechtswirksam verklagen vor
internationalen Gerichtshöfen. Diese Gerichtshöfe können damit drohen, bei Vertragsverletzung die
Rechte eines Staates als Mitgliedsland einzuschränken. Auch Zwangsmaßnahmen gegen Staaten
existieren, beispielsweise implementiert durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. So wie
natürliche Personen innerhalb eines Staates, so werden Staaten wie Personen im Rahmen internati-
onaler Beziehungen behandelt.

126
Quiz und Anhänge

Unter Rechtsfähigkeit versteht man die Fähigkeit,


1. mit den jeweiligen Meinungen und Ansichten richtig zu liegen
2. vor Gericht zugelassen zu sein und Partei ergreifen zu können
3. Erbe eines Vermögens oder Schuldner einer Forderung zu sein
4. Mit Volljährigkeit einer natürlichen Person

Aus Sicht der rational choice kann man den Staat verstehen als
1. Organismus.
2. Vertrag zwischen Bürgern und Herrschern.
3. Spiel zwischen einem hawk und vielen doves.
4. reziproke Beziehung zwischen einem Herrscher und seinen Untertanen.

Herrschaft als bourgeoise Strategie entsteht durch


1. die Herrschaft der Bourgeoisie, also des wohlhabenden Bürgertums
2. einen Vertrag zwischen Bürgern und Herrschern.
3. die Herrschaft eines hawk über viele doves.
4. Identifiation von Herrschaft mit dem Besitz von Insignien.

Der mongolische Khan


1. musste die Entscheidungen seines Vorgängers respektieren.
2. baute seine Herrschaft auf reziproken, persönlichen Beziehungen auf.
3. förderte die Idee des Staates als eigenständige Organisation.
4. musste sich den Urteilen eines unabhängigen Gerichts unterwerfen.

Aus evolutorischer Sicht besteht eine Vorteilhaftigkeit des Staates als eigenständige Organisation,
1. in der Beschränkung der Herrschaft auf einen einzigen hawk.
2. in einem Vertrag zwischen einem Herrscher und seinen Bürgern.
3. in einer reziproken Beziehung zwischen einem Herrscher und seinen loyalen Untertanen.
4. in der Fähigkeit des Herrschers, als Repräsentant des Staates dauerhaft bindende Verträge
zu schließen.

Ergänzende Literatur

Furubotn, E.G. und R. Richter (2005: 471-499).


Hodgson, G. M. (2017) 1688 and all that: Property rights, the Glorious Revolution and the rise of
British capitalism. Journal of Institutional Economics 13(1): 79-107
Ostrom, E. (2000) Collective Action and the Evolution of Social Norms. Journal of Economic Per-
spectives 14(3): 137–158.
Wendt, A. (2004), The state as person in international theory. Review of International Studies
(2004), 30, 289–316

Stichworte

Bourgeoise Strategie, compera, gemeinnützige GmbH, internationale Beziehungen, kollektives Ei-


gentum, Organisation, Rechtsfähigkeit, Revolution, Staatsanleihen, Staatsidee, Stiftung, Verein,
Verfassung, Yarlik.

127
Übungsaufgaben

Aufgabe 10.1
Gegeben sei das Spiel zu Teamarbeit von S. 105, das wiederholt mit jeweils neuen Partnern gespielt
wird. Gehen Sie von folgender Variante aus: Alle Spieler starten mit Rechtsfähigkeit; unkooperati-
ves Verhalten gegenüber einem rechtsfähigen Spieler führt zum Verlust der Rechtsfähigkeit. Wie
kann sich Kooperation bei dieser Variante durchsetzen? Hat Rechtsfähigkeit nur eine Bedeutung vor
unabhängigen Dritten wie beispielsweise einem Gericht?

Aufgabe 10.2
Inwiefern kann eine Organisation das Anreizproblem bei kollektivem Eigentum lösen? Schildern
Sie beispielhaft, wie diese Lösung aussieht! Welche Probleme bleiben ungelöst, falls die Organisa-
tion in Form eines Vereins besteht?

Aufgabe 10.3
Versetzen Sie sich in die Lage eines Investors, der im Großfürstentum Moskau im Jahre 1320 eine
Handelsniederlassung am Unterlauf der Moskwa gründen möchte. Beträchtliche Investitionen sind
notwendig, um Gewinne aus dem Handel mit Nahrungsmitteln nach Moskau zu erzielen. Vor wel-
chen institutionellen Problemen stehen Sie? Mit welchen Strategien könnten Sie die Risiken ein-
dämmen?

Aufgabe 10.4
a) Stellen Sie den Staat aus Sicht von rational choice dar. Welche Vorteile hat die Revolution von
1688 aus dieser Sichtweise gebracht?
b) Grenzen Sie rational choice gegenüber einer evolutionären Sichtweise des Staates ab. Welche
Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten existieren?
c) Wie lässt sich Herrschaft als bourgeoise Strategie beschreiben? Wie konnten dabei ein gewalt-
freier Übergang organisiert werden?
d) Welche Vorteile erbringt ein Staat als eigenständige Organisation? Erläutern Sie Ihre Antwort
anhand historischer Beispiele.

128
11. Geld und Kredit

Die Entstehung des Geldes hat die Volkswirtschaftslehre und manch andere Disziplinen seit jeher
fasziniert und seine Herkunft bleibt auch nach Jahrhunderten kontrovers und teilweise rätselhaft. Ist
Geld Teil unseres Wohlstands, ein Vermögen dessen Besitz uns alle wohlhabender macht? Oder
steht jedem Geld eine Verbindlichkeit anderer gegenüber, sodass im Aggregat durch Geld kein Ver-
mögen angehäuft wird? Lässt sich Geld als spontane Ordnung verstehen, resultiert es also weitge-
hend automatisch als vernünftige Lösung zur Durchführung von Zahlungen zwischen tauschwilligen
Individuen? Oder bedarf Geld eines monopolistischen Emittenten oder einer staatlichen Ordnung?
Das folgende Kapitel gibt Antworten auf diese Fragen und zeigt, dass erst durch die Verbindung
von Geld zu Staatsanleihen und vielfältige Regeln und Organisationen unsere heutige Form des
Geldes zu verstehen ist. Es zeigt das Spannungsfeld auf, das aus Sicht der rational choice gegenüber
einer evolutorischen Sicht entstanden ist.

Die Vorteile des Geldes aus Sicht der rational choice

Zur Identifikation der Vorteile des Geldes können wir uns die Frage stellen, wie wir heute ohne Geld
auskommen würden. Wie sahen wirtschaftliche Transaktionen aus, als es noch keine Form des Gel-
des gab? Diese Vorgeschichte kann nicht auf historische Quellen zurückgreifen, da noch keine Ar-
chive und Artefakte ein Zahlungsmittel dokumentierten und uns Belege hinterließen. Vermutungen
zu dieser Vorgeschichte stützen sich auf theoretische Überlegungen und die Forschung von Anthro-
pologen und Ethnologen.

Der Homo Sapiens könnte erste Tauschakte zwischen Gruppen vor vermutlich 150.000 Jahren or-
ganisiert haben. Historische Befunde zeigen, dass erste Handwerkszeuge vom Schwarzen Meer weit
die Donau hinaufkamen. Wie konnte dieser Handel organisiert werden? Eine häufig in der Literatur
anzutreffende Sichtweise vermutet, dass ohne Geld ein Naturaltausch stattfand, ein Tausch Ware
gegen Ware, beispielsweise Handwerkszeug gegen Schmuck. Es gab demnach eine Urzeit, in der
Menschen bereits die Vorteile des Tauschhandels entdeckt hatten. In Ermangelung eines Zahlungs-
mittels beschränkte sich ein Tausch auf eher seltene Gelegenheiten. Tausch fand nur dann statt,
wenn beide Tauschpartner jeweils zueinander passende Güter hatten. Was die eine Seite anbot,
musste zufällig von der anderen nachgefragt werden und umgekehrt. Sukzessive wurden dann man-
che häufig getauschten Güter zu Transaktionsmedien. Diese wurden beim Tausch auch von denen
akzeptiert, die sie nicht selbst verwenden wollten, wissend, dass damit in Zukunft die eigentlich
gewünschten Güter eingetauscht werden könnten. Diese Transaktionsmedien waren damit eine erste
Form des Geldes.

Die Vorteilhaftigkeit des Geldes ist noch gravierender, wenn Geld nicht nur zum Tausch, sondern
auch als Wertaufbewahrungsmittel verwendet werden kann. Der alternde Mensch lebte früher in
Gruppen und Clans und war vom Wohlwollen seines Umfelds abhängig. Fehlte dieses Wohlwollen,
so wurden alte Menschen vertrieben und dem Tod überlassen. Geld war eine erste Form, Einkom-
men zu speichern und in zukünftigen Konsum zu verwandeln, also Werte in die Zukunft zu transfe-
rieren und den Lebensabend zu sichern. Ein Rentner kann heute ein menschenwürdiges Leben füh-
ren, indem er vielfältig auf angesparte Werte zurückgreift. Dabei ist die Rolle des Geldes heute eher
unbedeutend, denn ein Rentner könnte auch Staatsanleihen, Unternehmensaktien, oder Anwart-
schaften einer gesetzlichen oder privaten Lebensversicherung für seinen Lebensabend ansparen.

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Geld ist heute nur ein Finanzinstrument von vielen, mit dem sich Werte speichern lassen. Als Geld
erfunden wurde, gab es all diese Finanzinstrumente zur Sicherung des Lebensabends noch nicht.
Geld war das einzige mögliche Wertaufbewahrungsmittel und die einzige Alternative zum Wohl-
wollen der Gruppe.

Das Warengeld

Statt eines ungewissen Tauschhandels Ware gegen Ware war für die Ausbreitung des Handels über
die Jahrtausende ein von vielen Gruppen akzeptiertes Tauschmittel notwendig. Menger (1892) ver-
mutet entsprechend, dass sich eine weit verbreitete Ware als Geld durchsetzen kann. Zentral ist ihre
Marktgängigkeit, die Chance, vom Käufer ohne Wert- und Zeitverlust weiterverkauft werden zu
können. Dafür sollte die Ware haltbar und teilbar sein, damit auch kleinere Transaktionen abgewi-
ckelt werden konnten. Die Nachfrage sollte nicht nur groß, sondern auch über die Zeit konstant sein.

Für Getreide als Warengeld gibt es frühe historische Beispiele. Getreide ist eventuell die am weites-
ten verbreitete Ware. Allerdings hat Getreide den Nachteil saisonaler Wertschwankungen. Nach der
Ernte ist es reichlich vorhanden, vorher knapp und teuer, genauso wie in Jahren der Dürre. Diese
Schwankungen mindern die Eignung als Warengeld. Andere Beispiele seit 3000 v. Chr. sind Vieh,
Felle, Tabak, Kaurimuscheln, Kakaobohnen, Ballen aus Seide, Salz, Eisen, Bronze und Silber. Die
Geschichte des Warengeldes hat sich lange fortgesetzt. Kaurimuscheln wurden bis ins 20. Jhdt. noch
in vielen Kontinenten als Geld verwendet. Die Tolai, die Bewohner des östlichen Teils der Gazelle-
Halbinsel in Papua-Neuguinea, verwenden noch heute ein Muschelgeld.

Neben seinem Wert als Tauschmittel hat Warengeld auch immer einen intrinsischen Wert, der die
Beständigkeit sicherte. Seltene Metalle hatten schon lange einen Nutzwert, sie faszinierten Men-
schen aufgrund ihres Glanzes und wurden verarbeitet zu Schmuck, Ornamenten und Gefäßen. Auch
andere Waren des täglichen Konsums konnten durch ihren intrinsischen Wert ein ähnliches Ver-
trauen in die Wertbeständigkeit schaffen. Notwendig war, dass die Ware von vielen geschätzt und
genutzt wurde. Sie musste knapp sein und Mühe in ihre Bereitstellung fließen. Gleichzeitig durfte
die vorhandene Menge nicht zu gering sein, damit viele Menschen diese Ware tagtäglich verwende-
ten und sie marktgängig war.

Warengeld kann auch heutzutage manchmal auftreten, wenn andere Arten des Geldes knapp sind.
Denken wir hier an Zigaretten, die in Kriegsgefangenenlagern des 2. Weltkriegs oftmals für Trans-
aktionszwecke verwendet wurden. Da viele damals gerne rauchten, waren auch Nichtraucher bereit,
dieses Warengeld beim Verkauf zu akzeptieren. Die Zigarette speicherte einen Wert, mit dem später
Käufe getätigt werden konnten.

Zur Entstehung von Warengeld war kein Staat, noch nicht einmal eine Gruppe notwendig. Es ge-
nügte die individuelle Neigung, im Tausch einen Vorteil zu suchen und dafür ein Gut zu finden, das
jeder gerne als Gegenwert entgegennimmt. Warengeld lässt sich als spontane Ordnung denken, ent-
standen aus der ungeplanten Interaktion vieler Akteure. Es bedurfte keiner Obrigkeit, keiner Regu-
lierung, keiner zentralen Abrechnungsstelle. Warengeld hat eine Substanz, es ist eine Sache und
nicht eine Erfindung einer Gemeinschaft oder eines Staates. In diesem Sinne erscheint Warengeld
vielen auch heute noch vertrauenserweckend. Als Sache ist es Teil unseres Wohlstands. Ein Zu-
wachs an Warengeld macht reich, nicht nur den Einzelnen, sondern ganze Volkswirtschaften. Wa-
rengeld existiert nicht nur in den Köpfen der Menschen, sondern ist physisch vorhanden.

Beispiel 1: Münzen

Warengeld hat den Nachteil hoher Messkosten. Bei einem Kauf muss Quantität und Qualität sowohl
der Ware als auch diejenige des Geldes bestimmt werden. Salz, Getreide, Bronze oder Silber müssen
nicht nur gewogen werden. Ware und Warengeld müssen auf ihre Reinheit geprüft werden, um ihren

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Wiederverkaufswert zu bestimmen. Aus diesem Grund war ein gängiger Beruf früher der des Geld-
wechslers, eines Experten bei der Bestimmung des Werts von Geld. Für einfache Kunden war die
Annahme von Geld hingegen mit Risiken verbunden. Sie waren schlecht über die Qualität des Wa-
rengeldes informiert. Im Austausch mit Experten sind einfache Kunden asymmetrisch informiert.
Ihnen kann ein Warengeld minderer Qualität gegeben werden. Durchschauen sie diese Information-
sasymmetrie, dann droht ein Zusammenbruch des Austausches von Warengeld.

Die geschichtlich aufzufindenden Lösungsansätze haben gemeinsam, dass Geld als spontane Ord-
nung mit ein wenig staatlicher Ordnung bereichert wurde. Es bedurfte einer Methode, mit der Geld
in identifizierbare, identische Einheiten eingeteilt wird und mit einer Wertgarantie versehen wird.
So wurden in China (ab 1000 v. Chr.), Indien und in der Ägäis (ab 700 v. Chr.) die ersten Münzen
geprägt. Herrscher prägten ihr Wappen in Gold- und Silbermünzen und garantierten gleichbleibende
Größe, Gewicht und Metallanteile. Damit waren diese Münzen homogen und mussten nicht bei ei-
nem Kauf jeweils bewertet werden. Die measurement costs konnten gesenkt werden.

Die hohe Nachfrage nach Münzen sicherte dem Herrscher einen Gewinn aus der Münzprägung.
Dieser Gewinn ließ sich noch steigern, wenn Metalle geringer Qualität beigemischt wurden. Insbe-
sondere in Zeiten von Krieg oder Pest sicherten sich immer wieder manche Münzherren einen sol-
chen Extragewinn. Aufgrund der Attraktivität von Geld konnte dies teilweise folgenlos bleiben. Im
Falle einer Überversorgung mit Geld durch eine wiederholte Beimischung immer schlechterer Me-
talle in einer stagnierenden Wirtschaft konnte sich jedoch eine schleichende Inflation einstellen.

Der römische Denarius war eine begehrte Münze, die auch außerhalb Roms Verbreitung als Zah-
lungsmittel genoss und von „Barbaren“ nachgemacht wurde. Am Ende des 3. Jhdt. v. Chr. wurde
sie erstmals geprägt aus 4-4,5 Gramm reinem Silber. Allerdings reduzierte Nero im Jahre 64 v.Chr.
den Silberanteil auf 90 Prozent. Unter Marc Aurel ging der Anteil auf 75 Prozent weiter runter, unter
Commodus auf 67, Lucius Septimius Severus auf 50. Mitte des 3. Jhdts. war der Zugang zu den
spanischen Silberminen durch germanische Invasionen unterbrochen und der Silbergehalt musste
weiter sinken. Unter Gallienus sank er auf ca. 5 Prozent herunter. Korrespondierend stellte sich eine
schleichende Inflation ein, deren Ursache sowohl in der Münzverschlechterung als auch einer Reihe
von inneren und äußeren Krisen des Römischen Reiches zu sehen ist.

Ein Beispiel einer raschen und hohen Inflation stammt aus Hals bei Passau. Landgraf Leuchtenberg
prägte im 15. Jhdt. Münzen, deren Wappen identisch zu demjenigen der Herzöge von Österreich
und Bayern war. Von deren Pfennigen kaum zu unterscheiden, wurden die „Bösen Halser“ überre-
gional verwendet, obwohl sie weniger Silber und mehr Kupfer und Zinn enthielten. Im Jahre 1460
wurden diese Münzen in Österreich und Bayern verboten, im Verhältnis sechs zu eins in Pfennige
umgetauscht und aus dem Verkehr gezogen. Die Bürger hatten entsprechend zu Gunsten des Land-
grafen einen Wertverlust zu verkraften.

Knappheit und Fiat-Geld

Aus Sicht der rational choice entsteht Geld als spontane Ordnung. Allerdings findet sich Evidenz,
dass nicht genug Geld entsteht. Historisch finden sich häufig Zeiten der Geldknappheit. Selbst da,
wo vielfältig Münzen geprägt werden konnten, wanderten diese oftmals durch Handel ab zu Nach-
barregionen, in denen Geld knapp war. In Zeiten der Krise horteten Menschen zudem Münzen und
verknappten deren Bestand für andere. So herrschte Anfang des 15. Jhdt. in Europa eine Edelme-
tallnot, eventuell als Folge von Handelsbilanzdefiziten und den Sorgen vor der Pest, die zum Horten
der knappen Münzen und für eine langandauernde Rezession verantwortlich gemacht wird. Aus
Sicht der rational choice hätte dies durch eine Ausweitung der Menge an Münzen ausgeglichen
werden sollen. Tatsächlich hing die Bereitstellung von Geld zusätzlich von der Angebotsseite ab.
Der Abbau von Silber und die Münzprägung benötigten zu lange, um eine Rezession zu vermeiden.
Alternativ hätte aus Sicht der rational choice eine Deflation, also ein Anstieg des Wertes der knap-
pen Münzen, für einen wertmäßigen Anstieg der Münzen sorgen sollen. Dies widerspricht aber der

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Idee, dass Münzen Werte über die Zeit dauerhaft speichern sollen und damit im Wert nicht schwan-
ken sollen.

Die Geldknappheit zeigt sich auch in den hohen Zinsen der Antike. Das knappe Geld wurde nur an
diejenigen verliehen, die es mit einem hohen Aufschlag zurückzahlten. So sind in Mesopotamien
erste Kreditverträge zu finden, allerdings zu exorbitant hohen Zinsen von 10-13% pro Monat. In
Griechenland und Rom finden sich Zinsen von 8-10% pro Monat. Solche Zinsen wurden nur für
kurze Zeiträume bezahlt, beispielsweise um Steuern kurz vor der Ernte bezahlen zu können.

Die Geldknappheit in manchen Ländern konnte nicht durch ein passendes Ausmaß lokaler Münz-
prägung überwunden werden. Nur einige wenige Länder hatten eine Überschussproduktion an Mün-
zen. Diese konnten Geld durch Handel verbreiten. Diese Länder exportierten Münzen in Länder mit
Geldknappheit. So profitierte Griechenland von einer großen Silbermine in der Nähe Athens. Rom
konnte sich mit der Eroberung Spaniens ab dem 2. Jhdt. v.Chr. eine große Silbermine sichern. Die
reichliche Geldversorgung führte dazu, dass Nachbarstaaten deren Münzen importierten. So impor-
itierte Rom Luxusgüter aus Asien. Hierzu passend fanden Archäologen eines der größten Lager
römischer Münzen in Südindien. Spanien litt unter einer knappen Versorgung mit Geld bis ins 15.
Jhdt. Mit der Entdeckung Amerikas konnte Spanien diese Knappheit überwinden und sich einen
reichlichen Zugang zu Gold und Silber sichern und weltweit für eine reichliche Versorgung mit Geld
und einen ökonomischen Boom sorgen.

Die Knappheit des Geldes zeigt sich auch daran, dass es früher oftmals viele Arten von Geld gleich-
zeitig gab. Neben Seideballen wurde in China Salz verwendet, Bronzemünzen teilten sich die Ei-
genschaft als Warengeld mit Eisenmünzen und noch bis ins 19. Jhdt. konkurrierten Silber und Gold
um die Verwendung als Geld. Dies ist theoretisch überraschend, da diese Gleichzeitigkeit verschie-
dener Formen von Geld mit Nachteilen einhergeht. Wird der Käufer dasjenige Geld akzeptieren, das
der Verkäufer anbietet? Welches Warengeld soll als Recheneinheit verwendet werden? Mit wel-
chem Geld können Werte besser in die Zukunft transferiert werden? Offensichtlich ist das Nebenei-
nander von zwei Arten des Geldes mühsam und unvernünftig. Der Grund bestand in einer Knappheit
– eine einzelne Art des Geldes reichte nicht für alle Verwendungszwecke aus.

Die spontane Ordnung bei der Schaffung von Geld war insgesamt nicht in der Lage, eine hinrei-
chende Versorgung mit Geld zu sichern. Aus diesem Grund entstand ein Anreiz, Geld als staatliche,
formale Institution zu schaffen. Die vorherrschende Eigenschaft von Geld als Sache wurde dafür
aufgegeben. Aus Warengeld konnte sich ein Geld entwickeln, das von niemanden verwendet werden
konnte, das intrinsisch wertlos war, das sich aber leicht transportieren und teilen ließ. Alleine die
Erwartung, dass auch andere es in Zukunft akzeptieren werden, ließ die Verwendung eines derart
intrinsisch wertlosen Geldes für alle vorteilhaft werden. Menschen konnten sich kollektiv aus Ver-
nunftgründen auf ein solches Geld einigen und darauf, es jederzeit als Zahlungsmittel anzuerkennen.
Um eine breite Verwendung zu garantieren, konnte eine zentrale Instanz die Annahme des Geldes
vorschreiben. Die Festlegung auf die Verwendung von Geld wird dann gesetzlich beschlossen. Hier-
für ist der Name Fiat-Geld üblich, ein Geld, das durch Befehl und durch eine staatliche Ordnung
entsteht (lat. fiat lässt sich übersetzen mit „es sei getan“ oder „so sei es“).

Dabei entsteht eine Diskrepanz zwischen dem hohen Tauschwert des Geldes und den geringen Kos-
ten seiner Herstellung. Da Fiat-Geld keinen intrinsischen Wert hat, kann es ohne große Kosten her-
gestellt werden. Seine Werthaltigkeit resultiert dann nur daraus, dass es knapp gehalten wird durch
eine zentrale Kontrolle. Aus Geld als Resultat spontaner Ordnung ist dann eine formelle Institution
geworden. Die Vorteilhaftigkeit des Geldes wird von einem regulierenden Staat unterstützt. Der
Staat ist dabei in Versuchung, zuviel Geld in Umlauf zu bringen. Da sich Fiat-Geld billig herstellen
lässt, kann Inflation entstehen. Statt einer Knappheit von Geld hat die Versorgung von Geld aus
dieser Sichtweise eher eine Schlagseite hin zu einer drohenden Überversorgung.

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Beispiel 2: Papiergeld in China

Ein erstes Beispiel von Fiat-Geld findet sich in China zu Zeiten der Song-Dynastie (960-1279). Im
Jahre 1026 finden sich erste Hinweise auf eine Art Papiergeld. Die Herstellung von Papier war auf
einem hohen Niveau. Drucktechniken waren so weit, dass verschiedene Farben übereinander ge-
druckt werden konnten. Damit konnten einigermaßen fälschungssichere Papierdokumente herge-
stellt werden. Diese Erfindung war teilweise aus der Not geboren. Geld war knapp. Die Wirtschaft
hatte sich gut entwickelt, aber aufgrund der hohen Nachfrage waren Bronzemünzen aus der Region
abgewandert. Es blieben die schweren Eisenmünzen. Für den Kauf von Brot waren Eisenmünzen
etwa gleichen Gewichts abzuliefern. Für tägliche Transaktionen war dieses Geld wenig vorteilhaft.

Der Einführung von Papiergeld waren wichtige Innovationen vorausgegangen. Um Handel zu för-
dern, wurde bereits Anfang des 9. Jhdts. ein neues Finanzinstrument eingeführt. Die Regierung er-
möglichte hierzu die Einlagerung von Münzen in einem Depot, beispielsweise nach dem Verkauf
von Waren in der Hauptstadt, und bescheinigte dem Händler dies auf Papier. Der Händler konnte
unter Vorlage dieser Art von Depotschein in seine Herkunftsregion zurückreisen und dort die Mün-
zen von einem staatlichen Depot ausgehändigt bekommen. Besondere Techniken zur Prüfung der
Echtheit wurden erfunden. So wurden Depotscheine beispielsweise kaligraphisch fein ausgearbeitet
und mit Mustern versehen. Sie wurden in zwei Hälften geschnitten. Der Händler bekam die eine
Hälfte. Die zweite Hälfte wurde zur Prüfung der Echtheit im Depot einbehalten. Die Anfertigung
eines Duplikats war kaum möglich, da der Schnitt durch filigrane Muster ging. Eine andere voraus-
gehende Innovation bestand in einer Art Reisescheck. Die Regierung bezahlte für erhaltene Güter
mit solchen Schecks. Unter Vorlage eines solchen Schecks konnten Reisende und Händler in staat-
lichen Depots in den Besitz von Münzen kommen.

Diese Depotscheine und Reiseschecks waren anfangs nicht handelbar – nur der eingetragene Inhaber
konnte damit die eingelagerten Münzen erhalten. Es zeigte sich aber der Vorteil der Transferierbar-
keit. Ohne Transferierbarkeit musste ein Käufer zum Depot reisen, den Depotschein vorlegen, mit
den Münzen zurückreisen und mit diesen dann den Kauf tätigen. Der Verkäufer musste seinerseits
daraufhin die Münzen wieder einlagern und sich einen neuen Depotschein ausfertigen lassen. Diese
Mühsal konnte unterbleiben, sofern der Depotschein selbst transferierbar wurde. Transferierbarkeit
bedeutete, dass statt des ursprünglichen Inhabers ein beliebiger neuer Inhaber durch Vorlage des
Depotscheins die Münzen auslösen konnte. Ein handelbarer Depotschein wurde damit ein attraktives
Tauschmittel. Er wurde zu einem Inhaberpapier : Das Papier ist nicht auf einen bestimmte Namen
ausgestellt. Eigentum am Depotschein und Eigentum an den hinterlegten Münzen wurden eine un-
trennbare Einheit. Wer auch immer Eigentümer des Papiers war, war Eigentümer der hinterlegten
Münzen.

Problematisch an der Transferierbarkeit des frühen Papiergelds waren Fälschungen. Dieser Anreiz
zur Fälschung zeigte sich kaum bei nicht-transferierbaren Depotscheinen. Diese waren persönlich
auf den Händler ausgestellt. Der Versuch mit einem Duplikat diesen mehrfach einzulösen war für
den Händler riskant, da nur dieser als Fälscher in Frage kam. Mit der Transferierbarkeit sank das
Risiko für Fälscher. Falschgeld konnte nämlich auch gutgläubig durch den Verkauf von Waren er-
worben werden. Der Fälscher war nicht mehr vom Opfer zu unterscheiden. Die Vorlage von Falsch-
geld war kein Indiz für betrügerische Absichten.

Die Erfindung des Fiat-Geldes erforderte daher eine staatliche Strafverfolgung. In der Song-Dynas-
tie wurde das Fälschen von Geld mit der Enthauptung bedroht. Damit war Geld als eine formale
Institution geboren. Statt Geld als spontaner Institution war Fiat-Geld eine vom Staat geplante Insti-
tution. Dieses Geld erwies sich als attraktiv. Es schwankte kaum im Wert und eignete sich damit
sowohl für Transaktionszwecke als auch zur Wertaufbewahrung.

Das ursprüngliche Papiergeld beinhaltete die Verpflichtung der Regierung in 2 Jahren auf Vorlage
des Papiers Münzen herauszugeben. Damit mussten diese Münzen aber nicht bereits bei Emission
vorhanden sein. Da Papiergeld zudem nach Ablauf zumeist durch neues Papiergeld abgelöst wurde,

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konnte es faktisch in beliebiger Höhe emittiert werden. Eine Deckung durch Waren oder Münzen
war nicht mehr notwendig. Aufgrund der damaligen hohen Nachfrage störte es nicht, dass für dieses
Papiergeld keine ausreichende Deckung vorhanden war. Im Grunde war dies sogar notwendig, um
die Bevölkerung hinreichend mit Geld zu versorgen.

Die Emission von Fiat-Geld wird oftmals als Ursache für Inflation gesehen. Regierungen seien nicht
dauerhaft in der Lage, so die Befürchtung, der Versuchung einer erhöhten Produktion von Geld zu
widerstehen. Diese Sichtweise ist einseitig. Mit Fiat-Geld wird Naturaltausch überwunden. Zudem
kann der Staat erfolgreich sein bei der Aufgabe, Geld in gewünschter und notwendiger Höhe bereit-
zustellen. Das Papiergeld in China hat dies eine Weile erfolgreich geschafft. Inflation stellte sich
erst ab 1260 unter der Herrschaft der Mongolen ein. Erfahrungen mit wiederholter Inflation führten
im 15. Jhdt. zur Abschaffung des Papiergelds.

In den USA herrschte lange eine Knappheit von Münzen und dies motivierte ab 1690 erste Ansätze
zum Drucken von Papiergeld außerhalb Chinas. In Europa endeten Versuche in Frankreich im Jahre
1716 mit einem Finanzskandal. Bis zum Siegeszug des Papiergelds im 19. Jhdt. blieb ein langer
Weg.

Reputation als Tauschmedium

Im Kontrast zu rational choice lässt sich ein Leben ohne Geld auch anders beschreiben. Innerhalb
von Gruppen existierte lange vor dem Geld eine andere Form der Währung, eine informelle Institu-
tion, nämlich Reputation, die ausführlich in Kapitel 9 behandelt wurde. Der Lebensabend wurde
dadurch gesichert, dass sich das soziale Umfeld der früheren Verdienste erinnerte und diese durch
spätere Teilhabe honorierte. Das für später erhoffte Wohlwollen musste erarbeitet werden. Statt dem
in Kapitel 9 einfach beschriebenen Mechanismus einer Ampel können wir uns diese Reputation als
eine Art Konto vorstellen, ein implizites Konto, auf dem frühere Verdienste in vielen Abstufungen
gespeichert waren. Wie gut oder schlecht über einen geredet wurde, war ein Spiegelbild der gespei-
cherten Wertschätzung. Durch Arbeitseinsatz, Geschicklichkeit, Freundlichkeit und Hilfsbreitschaft
konnte der Kontostand auf dem impliziten Konto erhöht werden. Durch Konsum und Inanspruch-
nahme der Hilfe anderer wurde das Konto aufgebraucht und ein Kredit aufgenommen. Mit einem
derartigen Konto konnte sich der Tausch innerhalb einer Gruppe ausbreiten. Tausch basierte weniger
auf einem Austausch Ware gegen Ware. Vielmehr konnte eine Ware innerhalb einer Gruppe mit
einem impliziten Kontostand verrechnet werden. Die Idee eines urzeitlichen Naturaltausches ist aus
dieser Sicht umstritten. Stattdessen war es Reputation, die den Austausch innerhalb einer Gruppe
organisierte.

Der Austausch zwischen Gruppen entwickelte sich eventuell analog zu demjenigen innerhalb der
Gruppe. Der Ethnologe Marcel Mauss (1872-1950) untersuchte die Gabe von Geschenken zwischen
Indianerstämmen. Bei periodisch wiederkehrenden Festen verschiedener Stämme wurden großzügig
Gaben getauscht und verschwendet. Die Gabe stiftete eine Beziehung zwischen den Stämmen und
transportierte ein Signal der Achtung und Ehrerbietung. Das Geben und Nehmen von Gaben unter-
schied sich von einem Naturaltausch, da mit einem Geschenk eine dauerhafte Beziehung aufgebaut
und gepflegt werden sollte. Der Wert eines Geschenks bestimmte sich nicht alleine nach seiner Nut-
zung und Verwendung, sondern auch, von wem es kam und wer es nahm. Reziprozität wurde zwar
erwartet, sollte aber erst in der Zukunft und in anderer Form stattfinden.

Der Urzustand war damit nicht der Naturaltausch, sondern eine beziehungsstiftende Geschenkgabe.
So wie in einer Gruppe implizite Konten geführt wurden, entstand zwischen Gruppen ein langfris-
tiges Netz reziproker Beziehungen. Diejenige Gruppe, die am großzügigsten Geschenke verteilte,
wurde besonders geachtet, erhielt einen hohen Status und konnte sich auf stabile Beziehungen mit
anderen verlassen.

Geld in Form derart impliziter Konten bedeutete, dass Geld nicht Teil des Vermögens einer Gruppe
war. Ein Zuwachs auf einem solchen Konto erhöhte nicht den kollektiven Wohlstand. Ein Zuwachs

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auf dem Konto für den einen stellte eine Verbindlichkeit der anderen dar, einen aufgenommenen
Kredit, die wiedergutgemacht werden musste. In dieser Sichtweise kann es kein Fiat-Geld geben,
kein intrinsisch wertloses Geld. Vielmehr stellt Geld immer eine Forderung des einen und eine Ver-
bindlichkeit eines anderen dar. Tatsächlich lässt sich auch Papiergeld in dieser Hinsicht beschreiben
als eine Forderung des Inhabers einer Banknote gegenüber einem kreditnehmenden Emittenten. Der
Emittent bestätigt damit, die Banknote gegebenenfalls in eine andere werthaltige Anlage umzutau-
schen.

Der mit Reputation ermöglichte Tausch musste früher geographisch beschränkt bleiben. Ein Aus-
gleich auf dem impliziten Konto und spätere Wiedergutmachung war nur von einer überschaubaren
Gruppe zu erwarten und musste zwischen Gruppen aufwändig aufgebaut werden. Exotischere Wa-
ren konnten nicht leicht erworben werden. Die Geschichte des Geldes ist in dieser Hinsicht eine
solche, bei der die Abrechnung von Konten global wurde.

classEx: Team oder Geld

Teilnehmer starten mit 500 Eurocent und können über 10 Runden ihre Auszah-
lung senken oder erhöhen. Sie erhalten entweder die Rolle des Gemüsebauern
oder des Bierbrauers und behalten diese während des Experiments. Der Gemü-
sebauer möchte Bier konsumieren, der Bierbrauer Gemüse essen.

Am Anfang einer Runde entscheidet sich der Gemüsebauer für die Variante „Team“ oder „Geld“
und plant die Höhe der Produktion von Gemüse zwischen 0 und 50 Einheiten. Für jede Einheit fallen
10 Eurocent Kosten an. Der Bierbrauer erfährt, wieviel Gemüse er gemäß Plan erhalten soll, für
das er pro Einheit eine Wertschätzung von 24 Eurocent hat. Danach bestimmt der Bierbrauer die
Höhe der Produktion von Maß Bier. Jede Maß verursacht Produktionskosten von 10 Eurocent und
stiftet dem Gemüsebauern eine Wertschätzung in Höhe von 12 Eurocent.

Falls sich der Gemüsebauer für „Team“ entschieden hat, werden die Pläne umgesetzt. Dies bedeu-
tet, dass der Bierbrauer fest mit der Lieferung des Gemüses rechnen kann und ihm freigestellt ist,
wie viele Maß Bier er produziert und zurückschickt. Der Gemüsebauer kann insgesamt einen Ge-
winn oder einen Verlust verzeichnen. Anschließend gibt der Gemüsebauer dem Bierbrauer Rück-
meldung in der Form „up“ oder „down“.

Bei Wahl von „Geld“ wird die Abwicklung durch eine Bank durchgeführt, die die Stellung des Ge-
müsebauern stärkt. Wählt der Gemüsebauer „up“, so werden Produktion und Lieferungen wie ge-
plant durchgeführt. Die Bank behält pro Maß Bier 2 Eurocent für die Abwicklung ein. Die Wert-
schätzung des Gemüsebauern sinkt damit von 12 auf 10 Eurocent. Mit „down“ kündigt der Gemü-
sebauer und kann damit einen Verlust vermeiden. Dies hat zur Folge, dass die Pläne nicht durch-
geführt werden, keine Produktion von Gemüse oder Bier stattfindet und keine Kosten und keine
Erträge anfallen. Für Gemüsebauer und Bierbrauer ändert sich die Auszahlung in einer solchen
Runde nicht.

Nach 10 Runden endet das Experiment. Von der in allen Runden erzielten Wertschätzung werden
die jeweiligen Kosten abgezogen. Es werden zufällig 4 Teilnehmer für eine Auszahlung ausgelost.

Das classEx-Spiel zeigt eine mögliche evolutorische Entwicklung des Geldes auf. Eine Wahl von
„Team“ erspart die Kosten einer expliziten Kontoführung durch die Bank. Der Austausch ist damit
nur auf Vertrauen aufgebaut. Der Bierbrauer könnte sich als vertrauenswürdig herausstellen. Falls
der Gemüsebauer 30 Einheiten Gemüse produziert, so erhält der Bierbrauer eine Wertschätzung von
720 Eurocent. Er könnte beispielsweise die Hälfte davon für die Produktion von Bier verwenden.
Die 36 Maß hätten für den Gemüsebauern einen Wert von 432 Eurocent und würden diesen für die
anfängliche Investition gut honorieren. Der Bierbrauer könnte jedoch auch unfair handeln und kein
Bier produzieren. Der Gemüsebauer würde für seine Produktionskosten keinen Gegenwert erhalten.

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Der Gemüsebauer kann den unfairen Bierbrauer lediglich durch ein „down“ bestrafen und damit
diesem auf einem impliziten Konto einen Schaden seiner Reputation zufügen.

Mit einer Bank für die Abwicklung werden die Konten nicht mehr nur implizit, sondern explizit
geführt. Dies gibt dem Gemüsebauern die Gelegenheit, eine geplante Transaktion zu kündigen. Die
Bank ist eine unabhängige dritte Institution, die explizite Konten für alle führt und die Rückabwick-
lung unfairer Pläne ermöglicht. Diese Methode hat den Nachteil, dass die Bank Gebühren nimmt.
Zudem könnten faire Bierbrauer die Abwicklung der Bank als Zeichen des Misstrauens deuten und
eine milde Form der Unfairness anwenden, bei der dem Gemüsebauern nur seine Kosten ersetzt
werden aber kein bedeutender Anteil am Gewinn. Vorteilhaft wäre allerdings, dass Vertrauen nicht
mehr missbraucht werden kann. Sofern die Vorteile die Nachteile überwiegen, könnte der Gemüse-
bauer zur höheren Produktion von 50 Einheiten bereit sein.

Geld wird sich insbesondere dann durchsetzen, wenn Gemüsebauern nicht die Historie der Bier-
brauer beobachten können. Sehen sie einen Gemüsebauern mit vielen „up“, so steigt ihre Bereit-
schaft, die Kosten der Bank einzusparen. Reputation ersetzt dann eine explizite Führung von Kon-
ten. Falls Gemüsebauern diese Information nicht haben, beispielsweise, weil sie mobile Händler
sind und die vielen Bierbrauer nicht kennen, so wird sich ein Bankwesen durchsetzen.

Mit Hilfe des Spiels können wir die Abwicklung von Transaktionen ohne Geld gleichzeitig aus der
Knappheit des Geldes und dem Vorherrschen impliziter Konten verstehen. Denken wir an Miet- und
Pachtverträge, für die wir frühe historische Vorbilder finden. Landeigentümer hätten eine Zahlung
in Warengeld vereinbaren können. Aber dieses war knapp. Der Pächter hätte zum Zeitpunkt der
Erfüllung kein Warengeld zur Verfügung gehabt. Der Vertrag beschreibt daher eher eine reziproke
Beziehung. Im Gegenzug zur Bewirtschaftung des Landes wurde ein Teil des Ernteertrages bezahlt.
Ein Ernteertrag in Form von Getreide stellte dann kein Warengeld dar, sondern ein Anrecht auf
einen Teil der Ware. Erst mit einer Überwindung der Knappheit des Geldes konnten Landbesitzer
und Pächter wählen zwischen einer auf Vertrauen basierenden reziproken Beziehung und einem
durchsetzbaren Vertrag mit klar geregelten und durchsetzbaren gegenseitigen Ansprüchen.

Arbeitsverträge hatten einen ähnlichen Charakter. Wir stellen uns Lohn als monetäre Entlohnung
einer Arbeitsleistung vor. Aber eine Bezahlung mit Geld war nicht immer leicht zu organisieren.
Zum Zeitpunkt der Fälligkeit hatte der Lohnherr eventuell nicht genug Münzen oder Warengeld.
Daher waren Lohnverträge entweder sehr kurzfristig in Form von Tagelohn. Dieser Tagelohn konnte
dann mit dem knappen Warengeld bezahlt werden. Oder im Falle von langfristigen Lohnvereinba-
rungen wurde die Abwicklung nicht mit Geld vorgenommen, sondern als reziproke Beziehungen.
Damit wurden gegenseitige Loyalität, Fürsorge und Wertschätzung aufgebaut. Arbeit wurde mit
Brot und Behausung bezahlt, nicht mit Geld.

Langfristige Kreditverträge können wir uns ebenfalls am ehesten als Ausdruck sozialer Beziehungen
vorstellen. Die frühen für Handelsgeschäfte in Griechenland vereinbarten Zinsen von jährlich 10-
12% und in Rom von teilweise nur 8% stehen im Widerspruch zu den hohen kurzfristigen Zinsen.
Theoretisch hätte sich eine derart inverse Zinsstruktur nicht lange halten sollen, da ein jeder Kredit-
geber nur kurzfristig Geld verleihen möchte und durch Prolongation einen Zinsgewinn erzielen
könnte. Eine mögliche Erklärung besteht aber darin, dass langfristige Kreditverträge anders als kurz-
fristige nicht mit Geld im Sinne von Warengeld oder Münzen abgewickelt wurden. Der Kreditgeber
stellte teilweise Produktionsmittel in Form von Land oder Schiffen bereit und erhielt einen als Zins-
satz berechneten Anteil des Ertrages.

Die vermehrte Verwendung von Geld und die veränderten Beziehungen zwischen Akteuren, weg
von einem auf Vertrauen basierenden Austausch und hin zu durchsetzbaren Verträgen, bedingten
sich gegenseitig. Eine erhöhte Schaffung von Geld erlaubte eine explizitere Formulierung von Ver-
trägen mit einheitlichem Transaktionsmedium. Die Änderung der Beziehungen zwischen den Akt-
euren erhöhte wiederum die Nachfrage nach Geld.

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Beispiel 3: Vom Wechsel zum Buchgeld

Gleichzeitig zur Entwicklung des Papiergelds in China entstanden in Europa ähnliche Formen des
Geldes. Zurückgehend auf Vorbilder arabischer Händler ähneln die Anfänge auch denen der Tang-
Dynastie mit der Entstehung von Reiseschecks. Nach der Einnahme Palästinas durch die Kreuzfah-
rer machten sich Pilger auf die Reise nach Jerusalem und benötigten eine Möglichkeit, Geld nach
dort zu transferieren. Ab 1150 ermöglichte der Templerorden die Hinterlegung von Münzgeld in
London, Paris und weiteren Festungen. Hierzu stellte der Orden eine Art Gutschrift aus, ein auf den
Einzahlenden perönlich ausgestelltes Dokument, das ein Anrecht auf Auszahlung verbriefte. Der
Orden verfügte zudem über ein Kodierungssystem. Die genaue Methode ist heute nicht mehr be-
kannt. Denkbar ist, dass Pilger eine Art Passwort hatten und gleichzeitig auf dem Dokument ein
Code hinterlegt war. Denkbar auch, dass nach Eingang einer Zahlung eine Nachricht an den Ort,
zumeist Jerusalem, ging, um das verbriefte Anrecht anzukündigen. Nur durch Vorlage des Doku-
ments und des korrekten Passworts wäre dann die Einlösung möglich gewesen. Pilger waren damit
auf ihrer Reise vor Raub geschützt. Sicher scheint, dass das Anrecht auf Auszahlung in Jerusalem
nicht übertragbar war. Dies erscheint sogar zwingend erforderlich, da die Möglichkeit der Übertra-
gung einen Raub begünstigen würde. Räuber hätten ja eine Übertragung erpressen und die Einlösung
zu eigenen Gunsten vornehmen können. Damit war das Anrecht selbst kein Zahlungsmittel.

Parallel dazu hatten Geldwechsler ab dem 12. Jhdt. in Genua eine ähnliche Form des Geldtransfers
entwickelt. Ihre Aufgabe bestand früher nur darin, die vielen unterschiedlichen Münzsorten Europas
zu tauschen. Neben Umrechnung und den Handel mit den vielfältigen Münzen boten Geldwechsler
eine weitere Dienstleistung an. Sie dokumentierten in einer Art Depotschein die Einlagerung von
Münzen und ermöglichten die Auszahlung an einem anderen Handelsplatz Europas. Damit boten
sie Händlern eine neuartige Form des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Kaufleute konnten hierauf
selbständig zugreifen mit Hilfe von Wechseln.

Stellen wir uns hierzu einen Verkäufer in Genua vor und einen Käufer in Antwerpen. Der Verkäufer
stellte den Wechsel aus, in dem der Käufer bestätigte, in Antwerpener Münze den Wert der Ware zu
einem späteren Zeitpunkt einem Wechselhänder in Antwerpen zu bezahlen. Diesen Wechsel konnte
der Verkäufer seinem Wechselhändler in Genua geben, der ihm dafür Genueser Münzen ausbe-
zahlte. Da der Wechsel auf Antwerpener Münzen lautete, wurde der Wert entsprechend umgerech-
net und eine Gebühr einbehalten. Den Wechsel legte der Wechselhändler bei Fälligkeit in Antwer-
pen vor und der dortige Wechselhänder forderte den Käufer zur Zahlung auf. Mit dieser Art von
Wechsel konnten Kaufleute ihre Einkäufe auf Messen bezahlen. Für Verkäufer bot dies den Vorteil,
nicht mit erworbenen Münzen die Rückreise antreten zu müssen. Implizit war mit dem Wechsel
auch ein Kredit verbunden. Der Wechselhändler in Antwerpen forderte nämlich die Münzen erst bei
Zahlung ein, nicht bereits bei Ausstellung des Wechsels.

In den Niederlanden und der Hanse herrschte bis ins 17 Jhdt. eine ähnliche Form des bargeldlosen
Zahlungsverkehrs vor, der Schuldschein. Der Aussteller, beispielsweise der Käufer von Waren, ver-
pflichtete sich darin zu einer späteren Zahlung. Anders als beim Wechsel blieb der Aussteller selbst
verantwortlich für die Einlösung dieses Zahlungsversprechens. Kein Wechselhändler half bei der
Abwicklung und konnte die Solvenz eines Schuldners bestätigen. Der Wechsel verdrängte zuneh-
mend den Schuldschein im 16. Jhdt. Die Garantie der Auszahlung durch einen Wechselhändler statt
durch den Schuldner war möglicherweise glaubwürdiger und trug zum Erfolg des Wechsels bei.

Sowohl Schuldscheine als auch Wechsel linderten das Problem der Knappheit von Münzen, da bei
ihrer Ausstellung nicht bereits die Münzen in voller Höhe vorhanden sein mussten. Dabei summier-
ten sich die vielen Schuldscheine und Wechsel zwischen Händlern zu einem Netz gegenseitiger
Forderungen und Verbindlichkeiten. Die Begleichung aller Schuldscheine und Wechsel hätte in der
Folge mit Münzen erfolgen müssen. Die Knappheit an Münzen legte eine Alternative nahe. Händler
konnten sich untereinander darauf einigen, ihre Schulden gegeneinander aufzurechnen. Dies wird
als netting bezeichnet oder auch als clearing oder Skontration. Auf Wechselmessen, beispielsweise
in Genf, Lyon oder Genua, war dies weit verbreitet. Erste Beispiele finden sich in der Champagne

137
sogar bereits ab 1180. Schuldner mussten dann nicht mehr alle Bruttobeträge in Münzen aufbringen.
Vielmehr bezahlten sie nur ihre Nettoposition und Gläubiger teilten alle eingehenden Nettozahlun-
gen entsprechend ihrer Position untereinander auf.

Ganz unproblematisch war dieses Verfahren nicht. Ein vor der Insolvenz oder Illiquidität stehender
Schuldner konnte einem Händler Schuldscheine für einen geringen Preis übertragen. Diese Schuld-
scheine erhöhten die Nettoposition des Händlers, erhöhten aber nicht die Belastung des ohnehin in
die Insolvenz gehenden Schuldners. Der Ausfall des Schuldners verteilte sich auf die Schultern vie-
ler anderer Nettogläubiger. Um diese Art des Betrugs auszuschließen, waren Sanktionen im Falle
der Überschuldung oder Illiquidität notwendig. Parallel zum bargeldlosen Zahlungsverkehr entwi-
ckelten sich daher Institutionen für den bargeldlosen Zahlungsverkehr in Form von Verhaltensre-
geln, Gesetzen und Rechtsprechung vor Gericht.

Ab dem 16. Jahrhundert wurden Schuldscheine und Wechsel zunehmend übertragbar. Sie wurden
früher, wie beim Templerorden, immer persönlich ausgestellt, konnten also nur von einer bestimmen
Person eingelöst werden. Aus Schuldscheinen wurden nun Inhaberpapiere, die von dem jeweiligen
Eigentümer des Schuldscheins eingelöst werden konnten. Der ursprüngliche Gläubiger, beispiels-
weise der Verkäufer einer Ware, konnte diese dann für weitere Zahlungen verwenden. Bei Wechseln
wurde dies ebenfalls möglich, indem auf der Rückseite ein neuer Eigentümer namentlich ausgewie-
sen wurde. Ein Verkäufer, der einen solchen Wechsel ausgestellt hatte, konnte diesen für seine Ein-
käufe verwenden und weiterreichen. Dabei war es nicht unüblich, dass Wechsel bis zu 10-mal wei-
tergereicht wurden. Eine Art von Papiergeld war entstanden.

Eine weitere Methode des bargeldlosen Zahlungsverkehrs entwickelte sich in einem zentralisierten
System. Händler wurden Kunden derselben Bank. Dort wurde jeweils direkt die Nettoposition be-
stimmt. Eine positive Nettoposition stellte damit eine neue Form des Geldes dar, das Buchgeld.
Anfangs geschah dies noch mit Hilfe von Wechseln, die die Bank selbst für einen Käufer nach Prü-
fung von dessen Bonität ausstellte. Später wurde hierauf verzichtet. Die Bank verbuchte dann die
Positionen aller Schuldner und Gläubiger. Deren Einlagen stellten nicht mehr Forderungen der Kun-
den untereinander, sondern Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber der Bank dar. Die Bank
war Schuldner gegenüber allen Einlegern und hielt Forderungen gegenüber allen Kreditnehmern.
Spätestens ab dem 16. Jhdt. konnten diese Kontenpositionen direkt für Transaktionszwecke genutzt
werden, wobei einzelne derartige Transaktionen schon beim Templerorden zu finden sind. Ein Kon-
toinhaber tätigte mit Hilfe der Bank eine Zahlung. Statt eines Transfers von Münzen fand nur eine
Anpassung der in den Büchern geführten Nettopositionen von Käufer und Verkäufer statt. Dies er-
scheint uns als innovative Institution, die gleichzeitig an die erste Form des Geldes erinnert. Statt
eines impliziten Kontos, auf dem der Status die Anrechte auf zukünftige Waren und Dienstleistun-
gen bestimmt, wurde explizit Buch geführt mit standardisierten Recheneinheiten.

Modernes Geld

Unser heutiges Geld ist eine Mischung der historischen Arten des Geldes. Papiergeld und Münzen
verweisen auf den Ursprung des Geldes als spontane Ordnung, nunmehr geschützt durch Gesetze,
mit denen das Recht der Münzprägung einem monopolistischen Emittenten zugewiesen wird. Zu-
dem existieren Gesetze zur Herstellung von Papiergeld und gegen die Herstellung und das Verbrei-
ten von Fälschungen. Dieses Geld ist physisch vorhanden. Papiergeld ist ein Inhaberpapier mit der
Folge, dass der Eigentümer des Papiers Inhaber des in dem Papier zum Ausdruck gebrachten An-
rechts ist. Nirgendwo ist zentral gespeichert, wie viel Papiergeld ein Mensch besitzt. Es wird de-
zentral transferiert ohne Kenntnisnahme durch eine zentrale Abrechnungsstelle.

Daneben existiert ein Buchgeld, bei dem Forderungen und Verschuldung auf Konten geführt wer-
den, zentral erfasst von einer Institution. Wir verwenden heute Buchgeld, indem wir auf eine Netto-
position bei einer Bank als zentraler Abrechnungseinheit zugreifen und diese für Zahlungszwecke
verwenden. Diese Form des Geldes bedarf einer Bank als Organisation und Regeln zu Haftung,
Rechungslegung und Transparenz.

138
Gleichzeitig zum Nebeneinander dieser Arten des Geldes existiert nur eine Recheneinheit. Gesetze
regeln, dass in jeder Art bezahlt werden kann, dass der Empfänger einer Geldzahlung jede der drei
Arten akzeptieren muss und nicht zwischen ihnen diskriminieren darf. Banken müssen Buchgeld
ohne Abzug in Münzen oder Noten eintauschen und umgekehrt.

Für modernes Geld ist wichtig zu verstehen, dass Geld heute nicht mehr das einzige Finanzinstru-
ment ist, mit dem sich Werte in die Zukunft übertragen lassen. Auf S. 125 wurden die ersten Staats-
anleihen beschrieben. Statt Geld zu horten, können Sparer ihren Lebensabend heute durch andere
Wertspeicher sichern, Anleihen, Aktien oder Lebensversicherungen. Diese Finanzinstrumente un-
terscheiden sich von Geld darin, dass sie im Kurs schwanken. Aus diesem Grund eignen sie sich
nicht als Zahlungsmittel oder als Recheneinheit.

Drei Aufgaben bedürfen heute einer zentralen Organisation, die Emission von Staatsanleihen, der
Zahlungsverkehr zwischen Banken und die Emission von Papiergeld. Wenn wir heute von Zentral-
banken sprechen, so meinen wir Organisationen, die mit einer oder mehreren dieser Aufgaben be-
traut sind. Die Schwedische Reichsbank, gegründet 1656, gilt als weltweit älteste Zentralbank, ge-
folgt im Jahre 1694 von der Bank of England. Diese Zentralbanken wurden zunächst für die erste
der drei Aufgaben gegründet, die Emission von Staatsanleihen und Abwicklung der daraus entste-
henden Zins- und Tilgungszahlungen.

Die zweite Aufgabe wird verständlich vor dem Hintergrund, dass wir heute eine Vielzahl von Ban-
ken haben. Diese führen Zahlungen untereinander aus und benötigen eine Methode der Abrechnung.
Diese Aufgabe könnte theoretisch mit einem dezentralen Warengeld erfolgen, beispielsweise mit
Gold. Banken können aber auch eine zentrale Clearingstelle gründen, eine Art Bank der Banken.
Diese wickelt alle Zahlungen der Banken untereinander ab und bestimmt mit Hilfe eines netting die
aus den vielfältigen gegenseitigen Verpflichtungen und Forderungen resultierende Nettoposition.
Hiermit können Banken die sonst zur Abwicklung benötigten Goldreserven vermeiden.

Die dritte Aufgabe ist die Emission von Papiergeld. Das erste Papiergeld in China dokumentierte,
ähnlich zu transferierbaren Depotscheinen, ein Anrecht auf Herausgabe von Bronzemünzen. In Eu-
ropa war Papiergeld lange durch eine Deckung mit Gold besichert und erinnerte damit an die His-
torie des Warengeldes und der Depotscheine. Bei Vorlage des Geldscheins wurde dieser in Gold
umgetauscht. Für Privatpersonen war die Goldeinlösepflicht in England im Jahre 1931 beendet wor-
den. Eine solche Pflicht bestand für die FED, die Notenbank der USA, noch bis 1973. Zentralbanken
weltweit konnten dort auf die Umwandlung ihres auf Dollar lautenden Papiergelds und Buchgelds
in Gold bestehen. Die letzten Reste der Historie des Warengeldes und der Golddeckung sind heute
nur noch in den Goldschätzen der Zentralbanken zu sehen. Diese gelten als Zeichen ihrer Solidität
und haben ansonsten keine Rolle im Zahlungsverkehr. Die Abkehr von einer Golddeckung bedeutet
allerdings nicht, dass heutiges Papiergeld wieder ein Fiat-Geld geworden ist. Denn heutiges Papier-
geld lässt sich umtauschen in Buchgeld, sodass Banken dieses Papiergeld erhalten. Diese können
das Papiergeld der Zentralbankgeld zurückgeben und erhalten hierfür die als Sicherheit hinterlegten
Staatsanleihen zurück. Sofern Staatsanleihen werthaltig sind, ist das hiermit besicherte Papiergeld
kein Fiat-Geld. Auch dürfen Zentralbanken Papiergeld heute nur gegen Sicherheiten herausgeben
und nicht unbeschränkt drucken, was ebenfalls einer Eigenschaft des Papiergelds widerspricht.

Diese drei Aufgaben werden heute organisatorisch voneinander getrennt. Im Gegensatz dazu waren
sie historisch oftmals untrennbar miteinander verbunden. So war die Emission von Papiergeld in der
Song-Dynastie die einzige nennenswerte Möglichkeit zur Kreditaufnahme des Staates. Es stand nur
ein einziges Finanzinstrument zur Verfügung, das gleichzeitig für die Bevölkerung zwei Funktionen
erfüllen musste – die Versorgung mit Geld zur Organisation des Zahlungsverkehrs und die Speiche-
rung von finanziellen Werten, mit denen Anrechte in die Zukunft verschoben werden konnten.

Wie auf S. 125 ausgeführt, wurde hingegen in Genua ab dem 12. Jhdt. nur die Aufgabe der Emission
von Staatsanleihen organisiert und später ein Zahlungsverkehr mit Hilfe einer Bank. Aber es gab
kein Papiergeld. Staatsanleihen dienten der Speicherung von Werten, aber nicht als Geld für den

139
Zahlungsverkehr. Damit konnte Genua nicht auf eine Knappheit an Geld mit der Emission von Pa-
piergeld reagieren. Der Stadtstaat musste zu Zeiten knappen Geldes hohe Zinsen bezahlen, da die
Besitzer von Geld dieses nur ungerne dem Staat überließen. Wurden in der Krise Münzen gehortet,
so waren die Zinsen hoch und Staatsausgaben unattraktiv. Genua war dann gezwungen, einen Wirt-
schaftseinbruch durch geringe Staatsausgaben zu verschärfen.

Die genannten drei Aufgaben werden heute von jeweils unabhängigen Institutionen und Organisa-
tionen wahrgenommen. Gleichzeitig war die Entwicklung der jeweiligen Institution nicht unabhän-
gig von derjenigen der beiden anderen. Staatsanleihen konnten sich erst ausbreiten, nachdem eine
einheitliche Recheneinheit und hinreichend Geld zur Abwicklung des Handels hiermit vorhanden
waren. Der Zahlungsverkehr mit Papier- und Buchgeld erforderte einen reichlich vorhandenen Wert-
speicher, mit dem sich Geld schöpfen aber auch verknappen ließ. Dieser ist heutzutage mit dem
Bestand an Staatsanleihen gegeben. Eine jede Institution benötigte ein für sie geeignetes Habitat und
trug selbst zu diesem bei.

Beispiel 4: Bitcoins

Geld hätte sich anders entwickeln können. Unsere heutige Ordnung ist sicherlich nicht die einzige
Möglichkeit, auch wenn sie uns durch Gewohnheit als Normalfall erscheint. Dies wird umso deut-
licher, wenn wir uns mit modernen Technologien auseinandersetzen. So wird die Aussicht eines
elektronischen Geldes die zukünftige Entwicklung beeinflussen. Eine Variante sind Bitcoins, ein
auf Blockchain-Technologie basierendes Geld. Wir können uns Bitcoins als spontane Ordnung vor-
stellen. Kein Staat garantiert den Wert eines Bitcoins, keine Auflagen behindern seine Verbreitung,
keine zentrale Abrechnungsstelle speichert die Nettoposition.

Seinen Wert erhalten Bitcoins durch ihre Knappheit. Sie müssen mit digitalem Rechenaufwand „ge-
schürft“ werden und können danach nicht mit dem Anlegen einer digitalen Kopie gefälscht werden.
Zwar haben Bitcoins keinen intrinschen Wert mehr. Der zum Schürfen eines Bitcoins verwendete
Rechenaufwand lässt sich nicht wieder abrufen und für neue Berechnungen einsetzen. Aber der Bit-
coin stellt aufgrund der zur Herstellung notwendigen Investitionen ein knappes Gut dar. Insofern
ähnelt der Bitcoin dem antiken Warengeld. Der Aufwand beim Schürfen garantiert den Wert.

Aber die Zukunft von Bitcoins ist eher fraglich. Keine Zentralbank kann im Boom oder in der Krise
die Vorsorgung mit Bitcoin an eine schwankende Nachfrage anpassen. Derzeit existieren knapp 20
Mio. Bitcoins, die zu einem Kurswert von 7500 US$ gehandelt werden. Der gesamte Marktwert
beträgt damit 150 Mrd. US$. Dies ist ein Bruchteil des globalen Bestands an Bargeld und Münzen
(4700 Mrd. US$), des Marktwerts allen Goldes (7500 Mrd. US$) oder der globalen Geldmenge M3
(90.000 Mrd. US$). Um die Bedeutung von Gold zu erlangen, müssten 50mal so viele Bitcoins
geschürft werden. Die hierzu notwendige Rechenleistung ist nicht rasch verfügbar. Würde sich der
Bitcoin als globale Währung durchsetzen und die globale Nachfrage massiv steigen, so müsste der
Wert eines Bitcoins auf das 50-fache, also einen Preis von 375000 US$ steigen. Würde die gesamte
globale Geldmenge in der Form M3 von 90.000 Mrd US$ durch Bitcoin ersetzt, so müsste der Preis
des Bitcoins sogar auf das 600-fache steigen. Bereits bei den heutigen Preisen erscheint der Bitcoin
als Objekt von Spekulation. Bitcoins werden derzeit nicht nur für Transaktionen und Wertaufbe-
wahrung gehalten, sondern auch um auf einen steigenden Preis zu spekulieren. Als Wertaufbewah-
rungsmittel eignet er sich nur bedingt und die Preisschwankungen sprechen gegen die Eignung als
Zahlungsmittel.

Die Entstehung von Bitcoins wirft gleichzeitig ein Schlaglicht auf unser heutiges Geld. Es bedurfte
zu seiner Entstehung historischer Vorbilder, Regeln und Organisationen. In einer Zeit der Globali-
sierung und der Digitalisierung ist es daher gut möglich, dass neue Formen des Geldes entstehen
werden. In diesem Sinne ist auch die Frage nach der Natur des Geldes jeweils schwer zu beantwor-
ten. Ob und welches der intrinsische Wert des Geldes ist, wird jeweils neu beantwortet werden. Aus
der Sicht der rational choice können wir Vorteile und Durchsetzbarkeit des Geldes verstehen. Die

140
Erscheinungsformen des Geldes müssen aber jeweils historisch verstanden werden. Dass ver-
schwendete Rechenleistung für ein werthaltiges Tauschmittel gehalten wurde, wird uns in ein paar
Jahren vermutlich eher als Kuriosität erscheinen.

Quiz und Anhänge

Aus Sicht der rational choice kann man Geld verstehen als
1. Wahl eines vorteilhaften Gleichgewichts
2. Entscheidung eines einzelnen Händlers gegen Naturaltausch
3. Methode, durch Edelmetalle einen intrinschen Wert des Geldes zu garantieren
4. vernünftige Form der Zentralbankpolitik

Unter Fiat-Geld versteht man


1. eine Form des Warengeldes
2. ein Geld mit intrinschem Wert
3. eine Forderung gegenüber einer Zentralbank
4. ein Geld, dessen Verwendung durch eine staatliche Ordnung vorgeschrieben wird

Als Warengeld kann sich durchsetzen


1. die am häufigsten gehandelte Ware
2. die teuerste Ware
3. die am besten wiederverkäufliche Ware
4. die knappste Ware

Münzprägung
1. ist eine Maßnahme gegen Naturaltausch
2. erlaubt das Einsparen von Messkosten
3. verhindert den Export von knappem Warengeld
4. entstand gleichzeitig mit dem Papiergeld

Unter Buchgeld versteht man


1. einen transferierbaren Depotschein
2. den Tausch von Büchern
3. die transferierbare Nettoposition in den Büchern einer Bank
4. die Buchhaltung mit Papiergeld

Ergänzende Literatur

Goetzmann, W. (2016) Money Changes Everything: How Finance Made Civilization Possible.
Princeton University Press.
Goetzmann, W. und G. Rouwenhorst (2005) The Origins of Value. The Financial Innovations that
Created Modern Capital Markets. Oxford University Press.
Hodgson, G. (2016) Conceptualizing Capitalism: Institutions, Evolution, Future. University of Chi-
cago Press: 147-172.
Menger, K. (1892) On the Origin of Money. The Economic Journal 2(6): 239-255.

Stichworte

Bank, Bitcoins, Buchgeld, Deckung, Depotschein, Fälschung, Fiat-Geld, Finanzinstrument, Geld-


knappheit, Geldpolitik, Inflation, Inhaberpapier, intrinsischer Wert, Münze, Münzverschlechterung,

141
Naturaltausch, netting, Papiergeld, Reisescheck, Reputation, Schuldschein, Templerorden, Waren-
geld, Zentralbank.

Übungsaufgaben

Aufgabe 11.1
a) Was ist der Nachteil des Tauschhandels ohne Geld?
b) Was versteht man unter Warengeld?
c) Welche Rolle spielen measurement costs bei der Entstehung von Geld?
d) Beschreiben Sie die Vor- und Nachteile des Papiergeldes!
e) Was versteht man unter Fiat-Geld?
f) Ist Geld immer eine Form des Kredits?
g) Welche Evidenz existiert für die Hypothese, dass die Geldversorgung historisch zumeist knapp
war?
h) Mit welchen Methoden lässt sich die Knappheit des Geldes überwinden?

Aufgabe 11.2
Die Entstehung des Geldes wird oftmals als spontane Ordnung beschrieben. Tatsächlich waren je-
doch oftmals Staaten involviert und Geld entstand damit als formelle Institution. Waren Staaten
notwendig oder hinderlich bei Versorgung der Bevölkerung mit Geld?

Aufgabe 11.3
Gehen Sie zurück zum classEx-Spiel Team oder Geld auf S. 135.
a) Welches Verhalten erwarten Sie von rationalen und eigennützigen Teilnehmern nach einer
Wahl von „Team“?
b) Welches Verhalten erwarten Sie nach der Wahl von „Geld“?
c) Bestimmen Sie das Nash-Gleichgewicht!
d) Welche Spielweise ist vorteilhaft gegenüber einem Bierbrauer, der entstehende Gewinne hälftig
aufteilt?
e) Im classEx-Spiel wurden gleichzeitig zwei Varianten gespielt, mit und ohne sichtbare Historie
(„up“ und „down“) eines Bierbrauers. Inwiefern kann eine sichtbare Historie Einfluss auf das
Verhalten haben?
f) Inwiefern kann Ihr Ergebnis zu Teilfrage e) die historische Entwicklung einer reziproken Gabe
von Geschenken zu einem auf Geld basierenden expliziten Abrechnungssystems erklären?

142
12. Unternehmen und
Personen

Die ersten Organisationen wie Klöster, Schulen, Universitäten oder Krankenhäuser verfolgten reli-
giöse oder gemeinnützige Zwecke. Die Herausbildung von Firmen als profitorientierte Organisatio-
nen dauerte historisch länger. Diese Organisationen können wir einerseits als einen Vertrag verste-
hen, mit dem sich Menschen effizient koordinieren. Aus Sicht der rational choice können wir ver-
stehen, welche Bedingungen ein solcher Vertrag aus Gründen der Effizienz erfüllen muss. Dies um-
fasst insbesondere eine zentrale Kontrolle, die Transferierbarkeit des Eigentums an einer Firma und
ein Schutz des eingesetzten Kapitals. Dies ließ sich mit Einzelunternehmen und Partnerschaften
nicht erreichen. Zum anderen ist die Rechts- und Parteifähigkeit einer solchen Firma essentiell. Für
profitorientierte Organisationen war dies aber nicht selbstverständlich. Dieses Kapitel zeigt die in-
stitutionellen Herausforderungen auf und die lange hierzu notwendige historische Evolution, die zu
Unternehmen in Form heutiger Aktiengesellschaften führte.

Die Firma

Aus Sicht der rational choice können wir eine Firma verstehen als Team von Personen, die zusam-
menarbeiten und dabei Synergieeffekte wie beispielsweise einen Gewinn erzielen möchten. In dieser
Form haben wir auf S. 105 die Teamarbeit und auf S. 108 das public goods game kennengelernt.
Durch kooperatives Verhalten der einzelnen Mitglieder entsteht ein gemeinsamer Gewinn. Der Ge-
winn wird durch ein Verhalten als free-rider gefährdet. Im Nash-Gleichgewicht kooperieren die
Beteiligten nicht. Die folgenden Ausführungen zeigen auf, dass eine Firma eine Methode ist, das
Nash-Gleichgewicht zu vermeiden, den Gewinn zu sichern und zu verteilen.

Alchian und Demsetz (1972) beleuchten die Firma als vorteilhafte Teamproduktion aus der Perspek-
tive von make or buy. Im Falle von buy soll das ungünstige Nash-Gleichgewicht mit Hilfe eines
Vertrages zwischen unabhängigen Marktpartnern vermieden werden. Der Vertrag zielt darauf ab,
das Verhalten als free-rider zu verhindern. Der Vertrag kann beispielsweise bestimmen, dass unko-
operatives Verhalten sanktioniert wird, beispielsweise mit einer Strafe in Höhe von 10. Im Spiel zu
Teamarbeit auf S. 105 wäre Kooperation dann die dominante Strategie.

Das Problem bei der Variante buy besteht aber in der Umsetzung. Es muss ein Kontrolleur beauftragt
werden, der den Einsatz der Marktpartner kontrolliert und feststellt, ob einer der Marktpartner be-
straft werden sollte. Für Kontrolle und Bestrafung muss dieser Kontrolleur jedoch Arbeitseinsatz
erbringen oder Überwachungssysteme installieren. Hierfür muss der Kontrolleur entlohnt werden,
beispielsweise mit einem Pauschallohn. Allerdings wird damit hoher Einsatz genauso entlohnt wie
niedriger Einsatz. Ein rationaler und seinen Nutzen maximierender Kontrolleur wird wenig Einsatz
leisten wollen und besondere Mühen vermeiden. Er wird somit selbst zum free-rider und die Kon-
trolle wird dadurch unwirksam. Dies kann zur Folge haben, dass sich das Nash-Gleichgewicht
durchsetzt und ein Verhalten als free-rider für die Teammitglieder attraktiv bleibt. Die Lösung buy
mit jeweils unabhängigen Marktpartnern funktioniert somit nicht.

Aus diesem Grund ist make die bessere Lösung. Teamarbeit sollte innerhalb einer Firma organisiert
werden. Dies ermöglicht, den Kontrolleur zum Eigentümer der Firma zu machen und ihm das Resi-
dualeinkommen zukommen zu lassen. Der Kontrolleur schließt Verträge mit den Teammitgliedern
und bestimmt, dass diese kooperativ und mit hohem Einsatz arbeiten sollen. Er droht mit Strafen für

143
den Fall der Nichterfüllung. Als Empfänger des Residualeinkommens hat er einen Anreiz, den Ein-
satz der Teammitglieder zu prüfen und unkooperatives Verhalten zu bestrafen. Ein Beispiel für eine
solche Firma ist das Einzelunternehmen. Der Einzelunternehmer hat einen starken Anreiz, die An-
gestellten zu kontrollieren und wird free-ridern kündigen. Damit kann er aus Kooperation einen
Gewinn erzielen.

Die Personengesellschaft

Oftmals entstehen Synergien dadurch, dass sich mehrere Personen zu einer Firma zusammenschlie-
ßen und diese nicht als Einzelunternehmen betreiben können. Solche Synergien können darin beste-
hen, dass viele gemeinsam besser in die Lage sind, die Rolle des Kontrolleurs zu übernehmen. Sie
können auch auf komplementäre Fähigkeiten zugreifen oder Kapital bündeln. Gemeinsam wären sie
in der Lage, das ungünstige Nash-Gleichgewicht zu vermdein.

Um jedem einen Anreiz zu geben mit hohem Einsatz zu arbeiten, trägt jeder mit Eigenkapital zur
Finanzierung bei und erhält einen Anteil des Residualeinkommens. Beispiele sind die Partnerschaft
(beispielsweise auf S. 144 erwähnt), die Gesellschaft bürgerlichen Rechts oder die offene Handels-
gesellschaft. Für die Organisation einer solchen Firma schließen einzelne natürliche Personen einen
Vertrag miteinander (Gesellschaftsvertrag), mit dem sie ihre Rechte und Pflichten untereinander und
gegenüber Dritten regeln. Dabei bestimmen sie, wer vertretungsberechtigt ist, also die Firma nach
außen vertritt und in ihrem Namen Verträge unterzeichnet. Ferner bestimmen sie den jedem zu-
stehenden Anteil an der Firma und die Verteilung des Gewinns, beispielsweise Entlohnungen je
nach Arbeitsstunden oder eine Verzinsung des eingebrachten Vermögens und die Aufteilung des
Residualeinkommens.

Können wir eine solche Firma als eigenständige Organisation betrachten, als Einheit, die über die
einzelnen involvierten Personen hinausgeht? Oftmals hat eine solche Firma einen eigenen Namen,
Siegel oder Logo. Ein weiteres Kennzeichen ist eine Rechnungslegung, die unabhängig von den
involvierten Personen erfolgt. Gewinne oder Verluste werden dann separat berechnet, unabängig
von den Einkommen und Vermögen dieser Personen. Auch eine steuerliche Behandlung erfolgt zu-
nächst separat. Ob die Gesellschafter arm oder reich sind hat keine Bedeutung für die Steuerlast der
Firma.

Darüber hinaus ist die Eigenständigkeit jedoch eingeschränkt; es wird zwischen der Personengesell-
schaft und den einzelnen Personen nicht vollständig unterschieden. Die Lebensdauer einer Perso-
nengesellschaft ist eng an diejenige der Partner gebunden. Jeder Partner kann eine Partnerschaft
auflösen oder sie mit seinem Tode beenden. Die eingeschränkte Eigenständigkeit zeigt sich ferner
daran, dass jeder Partner vollumfänglich mit seinem Privatvermögen haftet. Wie auch beim Einzel-
unternehmen macht es folglich bei der Partnerschaft für Gläubiger einen Unterschied, ob diese von
armen oder reichen Partnern betrieben wird. Ein Kreditgeber wird nicht nur die Solvenz der Perso-
nengesellschaft prüfen, sondern auch die privaten Vermögensverhältnisse der Partner, bevor er an
die Partnerschaft einen Kredit vergibt. Diese Prüfung ist nicht nur aufwändig, sie könnte auch dazu
führen dass Partnerschaften von mittellosen Partner trotz einer profitablen Geschäftsideen nicht die
zu ihrer Implementierung notwendigen Kredite bekommen.

Die Kommanditgesellschaft

Die auf S.59 beschriebenen antiken Handelskredite wurden in den italienischen Stadtstaaten Vene-
dig und Genua weiterentwickelt und als commenda bezeichnet. Der commendator stellte Eigenka-
pital zur Verfügung und erhielt ab etwa dem 12. Jahrhundert eine zunehmend passive Rolle. Der
tractator (oft ein Schiffskapitän) lieferte die zur Abwicklung des Geschäfts notwendige Arbeitskraft,
um zum Beispiel auf eine Reise zu gehen und mit Fracht zurückzukehren. Er war verpflichtet, die
commenda als eine separate Einheit mit eigener Buchhaltung zu behandeln.

144
Zunehmend haftete der tractator voll, während die commendatores eine passive Rolle übernahmen.
Die commenda wurde zum Namensgeber zeitgenössischer Firmen wie der société en commandite
in Frankreich oder der Kommanditgesellschaft in Deutschland. Diese Unternehmensform erlaubte
es, Eigenkapital von vielen Geldgebern zu bündeln, Risiken damit breit zu streuen und Sparern eine
attraktive Möglichkeit der Kapitalanlage bereitzustellen. Zudem wurden Anteile für die Komman-
ditisten zunehmend übertragbar. Im angelsächischen Raum entspricht dies einer limited partnership
mit einem vollhaftenden, aktiven Seniorpartner und den nur mit der Einlage haftenden passiven
Partnern.

Die Kommanditgesellschaft hat gegenüber der Partnerschaft einen großen Vorteil. Für die Solvenz
der Partnerschaft ist irrelevant, wer passiver Partner (Kommanditist) ist. Nur der aktive Partner
(Komplementär) haftet mit seinem eigenen Vermögen. Fremdkapitalgeber werden zur Beurteilung
der Solvenz das Privatvermögen eines solchen Partners beurteilen müssen. Die passiven Partner
haften aber nicht. Die Prüfung der Solvenz ist damit vereinfacht. Dies hat zur Folge, dass Komman-
ditisten ihre Anteile an andere Kapitalgeber transferieren können. Sie beeinträchtigen damit nicht
die Rechte eines Fremdkapitalgebers. Der Vorteil für einen passiven Partner besteht darin, durch
Veräußerung der Anteile in den Ruhestand gehen zu können oder einen finanziellen Engpass über-
brücken zu können. Die passiven Partner haben auch nicht mehr das Recht zur Auflösung der Ge-
sellschaft.

Historisch hat die Kommanditgesellschaft und in England die limited partnership noch bis ins 19.
Jhdt. hinein eine dominante Rolle gespielt. Nachteilig ist allerdings, dass die Kommanditgesellschaft
eng mit dem Komplementär verbunden. Mit dem Ausscheiden des Komplementärs wird die Kom-
manditgesellschaft aufgelöst. Mit dem Tod des Komplementärs droht das eingesetzte Kapital von
Kommanditisten und Gläubigern verloren zu gehen. Zwar können Aktiva verwertet werden und in
eine neu gegründete Firma einfließen. Aber alle geschlossenen Verträge müssen dafür neu aufge-
setzt werden und sind dem Risiko eines holdup ausgesetzt.

Entity shielding

Ein Einzelunternehmen können wir nicht als eigenständige Organisation bezeichnen. Es tritt nach
außen eventuell mit eigenem Namen auf, wie dies häufig der Fall ist für Gaststätten oder Frisiersa-
lons. Aber organisatorisch wird nicht unterschieden zwischen der Firma und dem Unternehmer. Alle
Verträge lauten persönlich auf den Namen des Einzelunternehmers. Im Falle einer persönlichen In-
solvenz des Unternehmers greifen Gläubiger auf das Vermögen der Firma zu. Dies kann nachteilig
sein, da eine profitable Firma insolvent gehen kann. Dem Einzelunternehmen fehlt ein entity shiel-
ding. Es ist als Einheit nicht abgeschirmt gegenüber den Entscheidungen und Risiken des Unterneh-
mers. Das gleiche Problem existiert bei einer Partnerschaft. Hat beispielsweise ein Partner einen
Kredit aufgenommen und gerät in Insolvenz, so kann der Gläubiger auf das Vermögen der gesamten
Partnerschaft zugreifen. Dies kann die Geschäftstätigkeit der Partnerschaft beeinträchtigen und zu
ihrer Auflösung führen. Bei einer Kommanditgesellschaft ist entity shielding teilweise vorhanden.
Die Gesellschaft ist geschützt vor den persönlichen Risiken ihrer Kommanditisten. Aber eine Insol-
venz des Komplementärs stellt weiterhin eine Bedrohung dar.

Die Probleme eines fehlenden entity shielding gehen noch weiter. Nicht nur die Solvenz, auch die
Glaubwürdigkeit von Zusagen der involierten Einzelunternehmer, Partner oder Komplementäre ist
ungewiss. Diese sind nämlich den Versuchungen des Opportunismus ausgesetzt. Dies können wir
mit Verweis auf das classEx-Spiel zu Vertrauen und Opportunismus auf S. 65 darlegen. Ein Kredit-
geber muss einem Unternehmer dasselbe Vertrauen schenken, wie die Beteiligten in diesem Spiel.
Der Unternehmer ist in der Rolle eines Treuhänders. Er hat die Aufgabe, den erhaltenen Kredit zum
Wohle des Einzelunternehmens, der Partnerschaft oder Kommanditgesellschaft einzusetzen. Es
droht jedoch, dass der Unternehmer exzessiv Kapital abzieht nach Erhalt eines Kredits für das Un-
ternehmen. Er könnte beispielsweise behaupten, große Gewinne erzielt zu haben und sich hierfür

145
eine Belohnung zuweisen. Er entzieht dem Unternehmen dann opportunistisch Kapital, um es für
privaten Konsum zu verwenden.

Genauso kann ein Partner andere zu Investitionen in die Partnerschaft überreden und dafür mit hö-
heren Anteilen am Residualeinkommen locken. Dies kann aber ebenfalls opportunistisch ausgenutzt
werden. Jeder Partner kann nämlich jederzeit mit der Auflösung der Partnerschaft drohen. Die In-
vestitionen gehen dann verloren, insbesondere wenn sie spezifisch sind für die Partnerschaft. Der
investierende Partner wird zur Vermeidung der Auflösung den Gewinnzuwachs mit den Partnern
teilen wollen. So wie auf S.96 zum Nash-Produkt ausgeführt, wird eine Partnerschaft dann fortge-
führt mit einer Aufteilung des zusätzlichen Gewinns. Die Investition eines Partners kommt anteilig
also den anderen Partnern zu Gute. Diese Drohung mit einer Auflösung der Partnerschaft lässt sich
nicht vertraglich verhindern. Kein Partner kann zur Fortsetzung einer Partnerschaft gezwungen wer-
den. Die Garantie der individuellen Freiheit steht einem solchen Zwang entgegen. Dies hat zur Fol-
gen, dass Partnerschaften von Personen mit ähnlichen Fähigkeiten und finanziellen Mitteln einge-
gangen werden, wie oftmals bei Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen. Kapitalintensive
Unternehmen lassen sich so nicht organisieren.

Die Kommanditgesellschaft bietet ein eingeschränktes entity shielding. Die Insolvenz eines Kom-
manditisten ist irrelevant für ihren Fortbestand. Ein Kommanditist kann auch nicht mit der Auflö-
sung der Gesellschaft drohen, um sich eine höhere Auszahlung zu sichern. Er kann nicht die Buch-
führung manipulieren, um hohe Ausschüttungen zu erreichen. Wenn ein Kommandist sein einge-
setzten Kapital zurückerhalten möchte, tut er dies einzig durch den Verkauf seines Anteils an einen
neuen Kommanditisten. Opportunismus droht allerdings von seiten des Komplementärs. Dieser
kann nach Erhalt eines Kredits oder nach Erhalt von Eigenkapital von Kommanditisten opportunis-
tisch mit der Auflösung der Kommanditgesellschaft drohen. Hiermit könnte er die Kapitalgeber zu
Nachverhandlungen nötigen und eine Aufteilung der entstehenden Gewinne gemäß dem Nash-Pro-
dukt erreichen.

Als Folge eines fehlendern entity shielding gehen Kapitalgeber zusätzliche Risiken ein. Sie müssen
nicht nur den Geschäftsplan einer Firma prüfen, sondern auch die Solvenz und Glaubwürdigkeit der
involierten Einzelunternehmer, Partner oder Komplementäre. Ein jeder Kredit an diese Art von
Firma ist immer auch ein Kredit an die dahinterstehenden Menschen. Dies behindert insbesondere
den Aufbau großer Firmen, die für die Durchführung von Investitionen umfangreiches Kapital sam-
meln müssen.

Aus Sicht von rational choice ist insbesondere für große Firmen ein entity shielding essentiell. Hier-
für müssen solche Firmen eigenständige Organisationen werden, die unabhängig sind von den pri-
vaten Vermögensverhältnissen ihrer Eigentümer und vor dem opportunistischen Zugriff der Eigen-
tümer geschützt sind. Eigentümer müssen hierfür ihre Kontrollrechte abtreten. Warum sollten sie
dies aber freiwillig tun? Weil dies für sie selbst vorteilhaft ist. Eigentümer können durch Übertra-
gung der Kontrollrechte an die Manager einer eigenständigen Organisation eine glaubwürdige Zu-
sage abgeben, mit der sich die Organisation zum Erhalt weiteren Kapitals qualifiziert. Die Eigentü-
mer können in der Folge nur tatsächlich eingetretene Gewinne ausschütten.

Die transferierbare Firma

Aus Sicht von rational choice ist eine weitere Eigenschaft einer Firma essentiell: Sie sollte transfe-
rierbar sein. So argumentieren Alchian und Demsetz (1972), dass Eigentümer einer Firma das Recht
haben sollten, ihr Eigentum zu transferieren. Hierfür sprechen vier Gründe. Ersten ist es vorteilhaft,
wenn ein Eigentümer die Firma an denjenigen übertragen kann, der am besten in der Lage ist, das
free-rider Verhalten zu unterbinden. Gerade für einen alternden Eigentümer wird sich diese Not-
wendigkeit irgendwann ergeben. Wenn Kraft und Augenlicht nachlassen, kann ein Einzelunterneh-
mer seiner Aufgabe als Kontrolleur nicht mehr nachkommen. Zweitens kann analog dazu eine Firma
auch als Altersabsicherung dienen, da sie nach Verkauf den Lebensabend des Gründers sichern

146
kann. Drittens ermöglicht die Transferierbarkeit Übernahmen durch andere Firmen und Fusionen zu
größeren Unternehmen. Durch Transferierbarkeit kann eine Firma produktiver werden und Gewinne
aus Größen- und Verbundvorteilen erzielen. Viertens ermöglicht die Transferierbarkeit, die Firma
als Sicherheit zu verwenden, sodass Gläubiger im Falle eines Ausfalls die neuen Eigentümer werden
können.

Ein solcher Transfer ist nicht möglich für einen Einzelunternehmer. Dieser kann nur das für den
Firmenzweck benötige Sachvermögen auf andere übertragen. So kann ein Friseur seine Einrichtung
und den Firmenwagen verkaufen. Aber die Firma selbst als Netzwerk von Verträgen ist für den
Einzelunternehmer nicht transferierbar. Verträge für angemietete Räume, Kreditverträge des Fri-
seursalons und Arbeitsverträge mit den Angestellten lauten auf den Namen des Einzelunternehmers.
Im Falle eines Transfers müssen diese Verträge gekündigt und neu verhandelt werden. Hat der Fri-
seur für seinen Salon transaktionsspezifische Investitionen getätigt und ist in der Lage, deswegen
hohe Preise zu nehmen, so kann ein Vermieter von einem Nachfolger eine höhere Miete nehmen
und damit die Quasi-Rente abschöpfen. Der vorteilhafte Mietvertrag lässt sich nicht transferieren.

Auch eine Partnerschaft oder Kommanditgesellschaft lässt sich nicht transferieren. Sie ist mindes-
tens an einen Seniorpartner oder Komplementär gebunden. In der Kommanditgesellschaft sind nur
einzelne Anteile der Kommanditisten transferierbar. Aber die Kommanditgesellschaft selbst ist mit
dem Komplementär verbunden. Ein Ausscheiden des Komplementärs zerstört das Netzwerk der
Verträge. Um eine Firma selbst transferierbar zu machen, muss sie zu einer Sache werden, einem
Objekt, über das ein Eigentümer unbeschränkt bestimmen kann.

Beispiel 1: Schuldknechtschaft und das Peculium

Eine Möglichkeit, Firmen transferierbar zu machen, besteht in der Selbstversklavung, deren histori-
sche Entwicklung hin zu ihrer Abschaffung auf S. 86 ausführlicher dargelegt wurde. Wir können
uns vorstellen, dass der Transfer eines Einzelunternehmens in der Antike dadurch organisiert werden
konnte, dass ein Unternehmer sich zum Sklaven eines anderen macht, was insbesondere im Falle
der Überschuldung des Unternehmers üblich war. Damit konnten alle von dem Unternehmer ge-
schlossenen Verträge auf den neuen Eigentümer des Unternehmers übergehen. Nach Abschaffung
dieser auch Schuldknechtschaft genannten Form der Sklaverei wurde in Rom mit dem peculium eine
andersartige Institution geschaffen.

Ein römischer Sklave war nicht vollständig rechtsfähig. Aber der Sklavenhalter konnte ihm erlau-
ben, ein peculium zu halten, beispielsweise eine Herde Vieh oder einen Gewerbebetrieb. Rechtlich
gehörte das peculium dem Sklavenhalter, aber wirtschaftlich wurde es von dem Sklaven genutzt und
verwaltet. Der Sklave war eine Sache, die jederzeit verkauft werden konnte. In diesem Fall nahm
der Sklave das Peculium mit. Mit dem Verkauf des Sklaven konnte daher ein Gewerbebetrieb trans-
feriert werden. Partner konnten auch gemeinsam Eigentümer eines Sklaven sein. Sie wurden damit
zu Anteilseignern eines gemeinsamen peculium. Sklaven wurden teilweise für leitende Positionen
größerer Unternehmen in Form eines peculium eingesetzt. Möglicherweise wurde das peculium so-
gar nach einem Austausch der Partner oder des geschäftsführenden Sklaven unverändert weiterge-
führt.

Allerdings existierte kein entity shielding. Das römische Recht erlaubte es vermutlich den Sklaven-
haltern, ihre Vermögenswerte aus dem peculium herauszufordern. In der Folge konnten auch Gläu-
biger eines illiquiden Sklavenhalters das peculium verwerten. Sklavenhalter waren zudem haftbar
für einen durch das peculium entstandenen Schaden oder Verlust, insbesondere, wenn sie selbst in
die Geschäftsführung involviert waren. Die Trennung zwischen Firma und Eigentümer blieb insge-
samt unvollständig.

147
Die rechtsfähige Firma

Aus Sicht von rational choice wird eine Firma zumeist als ein Netzwerk vonVerträgen gsehen, bei-
spielsweise zwischen Eigentümern, Kapitalgebern, Zulieferern, Kunden und Arbeitskräften. Diese
Sichtweise wird deswegen kritisiert, weil die Firma als eigenständige Organisation anerkannt wer-
den muss. Hierfür sind auch formelle Institutionen notwendig, also eine Involvierung des Staates.
Beispielsweise muss anerkannt werden, dass Verträge im Namen der Firma selbst geschlossen wer-
den. Hierfür ist notwendig, dass die Firma Rechtsfähigkeit erhält. Wie auf S. 118 ausgeführt, inklu-
diert dies das Recht, zu klagen und verklagt zu werden und somit in eigenem Namen Verträge mit
anderen zu schließen. Es beinhaltet die Fähigkeit, Rechte und Pflichten zu tragen, wie z.B. das Ei-
gentum an Grund und Boden zu erwerben und sich mit anderen zusammenzuschließen. Damit wird
eine Firma behandelt wie eine natürliche Person. Aus diesem Grund wird auch von einer juristischen
Person gesprochen.

Ein Einzelunternehmen und eine Partnerschaft haben Rechtsfähigkeit deswegen, weil der Inhaber
oder die Partner natürliche Personen sind. Die Rechtsfähigkeit der Partnerschaft wird aus derjenigen
der dahinterstehenden Partner abgeleitet. Bei einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung und einer
Aktiengesellschaft ändert sich dies. Ihre Rechtsfähigkeit bedeutet, dass eine nicht-menschliche En-
tität wie eine Person behandelt wird. Die Evolution einer solchen Art von Firma hat lange gedauert
und sich letztlich erst im 19. Jhdt. durchgesetzt.

Beispiel 2: Die societas publicanorum

Ein frühes Beispiel für eine gewinnorientierte Firma mit eigener Rechtsfähigkeit könnte die societas
publicanorum sein, eine Art Partnerschaft im antiken Rom im 5. Jhdt. v. Chr. Eine societas führte
im Auftrag des Staates Aufträge aus, wie beispielsweise Bauprojekte oder die Steuereintreibung.
Malmendier (2009) beschreibt die societas als eine Partnerschaft, die Aktien mit beschränkter Haf-
tung ausgeben konnte. Wie bei einer Partnerschaft üblich, endete die societas mit dem Tod des Se-
niorpartners, dem manceps. Dieser repräsentierte die Partnerschaft und ersteigerte die staatlichen
Aufträge.

Jeder Partner behielt anfänglich das Recht, die societas jederzeit zu beenden. Die societas war also
zunächst keine eigenständige Entität und hatte eine begrenzte Lebensdauer, die an diejenige ihrer
Partner gebunden war. Diese Rechtspraxis änderte sich im Laufe der Zeit. Der Tod eines manceps
beendete nicht mehr die societas. Den verbleibenden Partnern wurde es erlaubt, einen Ersatz zu
finden. Der manceps wurde dann de facto Repräsentant der societas, obwohl dies nicht mit
römischem Recht vereinbar war. Die Partner konnten ihre Anteile an einer societas verkaufen. Al-
lerdings galt dies nicht für den manceps. Als Eigentümer war der manceps gleichzeitig Manager der
societas und hatte kein Recht zum Transfer, ähnlich zum Komplementär einer Kommanditgesell-
schaft. Zudem bleibt fraglich, ob die societas als eigenständige Einheit ihr Vermögen vor Partnern
und Gläubigern schützen konnte (entity shielding). Die societas publicanorum wurde ab dem 3.
Jahrhundert unter den römischen Kaisern ihrer Privilegien beraubt. Einige Quellen behaupten, dass
ihre Profitsucht in Geiz, Erpressung und Gier ausgeartet sei. Stattdessen könnten ihre Erfolge auch
politische Konflikte ausgelöst haben.

Beispiel 3: Die Vereenigde Oostindische Compagnie

Seit 1595 rüsteten die Niederländer Schiffsflotten aus, um Waren und Silber zu exportieren und
Gewürze aus Asien zu importieren. Dieses Geschäft wurde als eine Art Partnerschaft betrieben, die
für die Dauer eines Unternehmens Kapital von den Teilnehmern (Investoren) sammelte und die Ge-
winne teilte. Am Ende einer Expedition wurde die Partnerschaft aufgelöst. Partner in der Rolle von
Direktoren (Bewindhebbers) waren voll haftbar, andere nicht (Participanten). Die zunehmende
Konkurrenz zwischen niederländischen Städten und auch mit englischen Rivalen motivierte die

148
Gründung eines größeren Unternehmens, das ein Monopolrecht für den Handel mit Asien genießen
sollte. Im Jahr 1602 wurden viele der zeitlich befristeten Anteile zu einer großen Partnerschaft kon-
solidiert. Es entstand die Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) mit 76 Bewindhebbers als
Direktoren und haftenden Partnern.

Diese große Partnerschaft hatte anfänglich Ähnlichkeit mit einem vom Staat gegründeten Wirt-
schaftsverband, der den Handel der einzelnen Mitglieder beförderte. Für einzelne Expeditionen sam-
melte die VOC jeweils Kapital von Partnern ein und teilte den Gewinn zwischen Bewindhebbers
und Participanten auf. Die Participanten konnten ihre Anteile nach eigenem Ermessen transferie-
ren. Das Unternehmen begann 1612, permanentes Kapital zu halten. Danach nahm es immer größere
Kredite auf, um Investitionen in seine Flotte, Handelsposten und die anhaltenden Kriege zu finan-
zieren. So wurde ein Hauptquartier Batavia gegründet, der heutigen indonesischen Hauptstadt
Jakarta auf Java. Niederlassungen und Handelsposten erstreckten sich über Indonesien, Japan, Per-
sien, Bengalen, Ceylon, Formosa, Kapstadt und Südindien. Mit ihrer wirtschaftlichen Stärke konnte
die VOC die Gewürzroute kontrollieren und Konkurrenten hinter sich lassen.

Die zunehmende Größe überforderte die Risikobereitschaft der Bewindhebbers. Diese mussten ihre
persönliche Haftung begrenzen. Im Jahre 1621 entschied der Oberste Gerichtshof in einer Klage
gegen die VOC, dass nicht die Bewindhebbers haftbar seien, sondern die VOC selbst. Damit wurde
die VOC de facto als eine von ihren Partnern getrennte Einheit betrachtet. Ein weiterer Trick brachte
die Bewindhebbers dazu, sich systematisch von der Haftung zu befreien. Im Jahre 1623 emittierte
die VOC nämlich Anleihen, die nicht mehr von den Bewindhebbers, sondern von den Reken-
meestern (Buchhaltern) unterzeichnet wurden. Damit wurden die Anleihen nicht mehr garantiert
durch einen vermögenden Unterzeichner, also einer natürlichen Person. Dieser Schritt wurde später
vor Gericht bestätigt und politisch unterstützt.

Viele argumentieren daher, dass die VOC das erste moderne Unternehmen der Geschichte war.
Gleichzeitig ist diese Geschichte des größten Handelsunternehmens der Welt eine der Korruption,
Sklavenhaltung, Ausbeutung und des Völkermords. Die Selbstbedienung der oberen Ränge der ein-
zelnen Handelsniederlassungen war verbreitet und schmälerte die Gewinne der VOC beträchtlich.
Das Gewinnstreben ging auch zu Lasten der Beschäftigten. Während der achtmonatigen Überfahrt
starben mehr als die Hälfte der Mannschaft an Skorbut oder aufgrund der katastrophalen hygieni-
schen Bedingungen. Auf den Banda-Inseln Indonesiens standen die einzigen Muskatnussbäume und
um das Monopol auf den Export dieser Nüsse stritten sich die VOC mit der britischen East India
Company. Ein Aufbegehren der einheimischen Bevölkerung gegen die VOC führte 1621 zum Mord
an 15.000 Menschen, fast allen Bewohnern der Banda-Inseln.

Von der Partnerschaft zum Unternehmen

Die institutionelle Herausforderung des modernen Unternehmens bestand darin, gleichzeitig eine
transferierbare Sache und eine rechts- und parteifähige Person zu sein. Dies inkludiert auch ein voll-
ständiges entity shielding. Dies sollte nicht nur nach außen bestehen, also beispielsweise gegenüber
Gläubigern der Eigentümer, sondern auch vor einem opportunistischem Verhalten der Eigentümer
selbst. Diese sollten daher aus Vernunftgründen die Kontrolle über Gewinnausschüttungen an einen
Manager abgetreten und die Berechnung des Gewinns an einen Buchhalter delegieren. Mit der mo-
dernen Aktiengesellschaft werden genau diese Bedingungen umgesetzt. Diese sollten ferner für eine
Auflösung der Aktiengesellschaft eine qualifizierte Mehrheit verlangen, beispielsweise eine Drei-
Viertel-Mehrheit. Damit binden sie sich selbst an die Zusicherung, nicht strategisch mit einer Auf-
lösung zu drohen.

Aus Sicht der rational choice ist die Vorteilhaftigkeit einer solchen Organisation Grund genug für
ihre Entstehung. Effizienzgründe sprechen für ihre Entstehung. Das zunehmende Wissen sollte dazu
führen, dass sich die beste Organisationsform durchsetzt.

149
Evolutorisch stellt sich die Entwicklung anders dar. Die ersten Aktiengesellschaften waren erschre-
ckend rücksichtslos und gewalttätig. Sie entstanden in einem Umfeld, in dem noch keine kritische
Öffentlichkeit ihre Taten beurteilten, in dem noch kein regulierender Staat sie kontrollierte. Zudem
waren die Kosten der Delegation anfangs zu hoch. Aktieninhaber wurden regelmäßig betrogen, Fi-
nanzskandale waren die Regel und nicht die Ausnahme.

Insofern sollte es nicht verwundern, dass sich diese Art von Unternehmen erst im 19. Jhdt. vollstän-
dig entwickelte. Bis dahin war für eine Firma der Regelfall, durch einen Seniorpartner repräsentiert
zu werden. Sie war rechtsfähig aufgrund mindestens einer hinter ihr stehender natürlichen Person.
Dadurch war sie nicht transferierbar. Sie wurde beschrieben als Gemeinschaft, Ansammlung von
Individuen oder dauerhafte Gesellschaft. In England wurde eine „company“ noch im Plural mit
„they“ angesprochen oder „his majesty’s subjects“.

Die Firma von ihren Eigentümern zu trennen und ihr selbst die Rechtsfähigkeit zu erteilen, war eine
institutionelle Innovation, die uns eventuell nur im Rückblick als selbstverständlich und vernünftig
erscheint. Historisch finden wir eine zentrale Entwicklung im Vereinigten Königreich. Seit den
1780er Jahren wurde die Gründung von Unternehmen kontinuierlich erleichtert. In einem wegwei-
senden Gerichtsverfahren im Jahr 1837 wurde erstmals eine Aktie neuartig interpretiert. Demzufolge
dokumentiere eine Aktie nicht mehr das gemeinsame Eigentum an Vermögenswerten der Firma,
sondern das Eigentum an einer Firma als separater Einheit selbst. Ferner wurde im Jahre 1844 mit
dem Joint Stock Companies Act ein Gesetz erlassen, demzufolge für die Gründung nur noch eine
Registrierung notwendig war. Da die Gründung kein königliches Privileg mehr darstellte, konnte
sich diese Gesellschaftsform weiter ausbreiten.

Ferner änderte sich die Gesetzgebung im Laufe der Zeit. Der britische Joint Stock Companies Act
von 1856 legte dies fest: “companies, if composed of seven or more associates, may … become
incorporated”. Diese Formulierung weist noch darauf hin, dass die Gesellschaft aus Personen be-
steht, die sich inkorporieren, also zu einem gemeinsamen Körper verbinden. Die Gesellschaft exis-
tierte also nicht unabhängig von diesen Personen. Der Companies Act von 1862 änderte den Wort-
laut in “seven or more persons … may …form an incorporated company.” Die Firma ist hier eine
eigenständige Entität geworden. Diese Änderung macht deutlich, dass ein langer Prozess zu Ende
gegangen ist. Die Nabelschnur, die das Unternehmen mit seinen Mitgliedern verband, wurde durch-
trennt. Das Unternehmen wurde als eigenständige Einheit geboren und blieb trotz ihrer Rechtsfä-
higkeit eine transferierbare Sache.

Seit Anfang des 20. Jhdts wird ein Großteil des Inlandsprodukts nicht mehr von Einzelunternehmen
oder Personengesellschaften erwirtschaftet, sondern von Unternehmen mit eigener Rechtspersön-
lichkeit, also Aktiengesellschaften und GmbHs. In den USA beläuft sich der Anteil dieser Unter-
nehmen auf ca. 85%. Ob diese Entwicklung notwendigerweise aus Vernunftgründen erfolgen
musste, lässt sich insgesamt aber bestreiten. Wie auf S. 61 ausgeführt, gingen mit der Delegation
von Kontrolle an Manager und damit der Trennung von Eigentum und Kontrolle erhebliche Nach-
teile einher. Erst als diese beherrschbar wurden enstand ein Habitat, das für die weitere Ausbreitung
der Aktiengesellschaften vorteilhaft war.

Juristische Personen

Unternehmen werden neben Staaten und anderen Organisationen oftmals mit dem Begriff der juris-
tischen Person verknüpft. Diese Begrifflichkeit müssen wir abschließend klären, insbesondere da in
diesem Buch bisher Personen und Menschen teilweise als synonyme Begriffe verwendet wurden.
Dabei ist etymologisch die Entwicklung des Begriffs „Person“ recht vielschichtig. Zum einen wurde
der Begriff in der Antike für Menschen allgemein verwendet, Bürger und Sklaven. Auf der anderen
Seite war mit dem Begriff die "Maske" gemeint, die in einem Drama getragen wurde und die zum
Zweck der akustischen Verstärkung der Stimme (lat. per sonare) getragen wurde. In diesem Sinne
war die Person kein Mensch, sondern eine Rolle, die ein Mensch übernehmen konnte. Historisch

150
entfernte sich der Begriff der Person zunehmend von der Bezeichnung eines Menschen. Stattdessen
wurde Person zu einem Attribut, das einem Menschen gegeben werden kann. Dieses Attribut bezog
sich zunehmend auf die Rechtsfähigkeit und Parteifähigkeit. Personen waren dann nur solche Men-
schen, denen diese Fähigkeiten verliehen war.

Die begriffliche Trennung zwischen Person und Mensch ermöglichte auf der anderen Seite, auch
nichtmenschliche Entitäten als Personen aufzufassen. Neben natürlichen Personen werden dahera
auch Organisationen als Personen bezeichnet. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass eine Orga-
nisation selbst Rechtsfähigkeit und Parteifähigkeit besitzen kann. Für Organisationen, also eine
nichtmenschliche Entität, wird dazu oftmals der Begriff der juristischen Person verwendet. Dies
lässt sich einerseits aus dem Blickwinkel der rational choice verstehen. Wie vorher ausgeführt, be-
trachtet diese die Firma als Vertrag zwischen natürlichen Personen. Sie wird in dieser Perspektive
nur so behandelt, als ob sie selbst eine Person wäre. Diese Perspektive des „als ob“ führte enspre-
chend zur Bezeichnung der Firma als fiktive Person. Dies kann unterstützt werden durch einen Staat,
der der Firma hierarchisch übergeordnet ist und sie wie eine Person behandeln kann.

Diese Sichtweisen können nicht vollständig überzeugen. Wie wir in den Kapiten 9 und 10 gesehen
hatten, bilden sich größere Gruppen aus gemeinsamen Ideen in Bezug auf Abstammung, Territorium
oder Mythen. Damit sind sie keine Fiktion, sondern real. Hieraus entstehen Staaten, die selbst wieder
juristische Personen sind. Diese können nicht dadurch entstehen, dass sie sich selbst als übergeord-
nete Instanz anerkennen. Aus einer solchen evolutorischen Sicht ist es sinnvoll, manche juristische
Personen als eine reale Entität zu sehen, als eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Zielen
und einer Ordnung.

Ausblick zur zukünftigen Entwicklung

Im Jahre 1887 urteilte ein Gericht in Bombay, dass hinduistische Götzen als juristische Personen
anzusehen seien. Dieses Urteil hatte nicht nur symbolischen Charakter. Die hinduistischen Tempel
hatten großen Landbesitz und weiteres Sachvermögen und die britischen Kolonialbeamten sahen als
Eigentümer hieran den Tempelgötzen selbst, wobei ein Shebait oder Manager lediglich als Treuhän-
der fungierte. So hieß es im Urteil sinngemäß, dass der hinduistische Götze ein juristisches Subjekt
sei, und die fromme Idee, die er verkörpere, den Status einer juristischen Person erhalte. Damit wird
zum Ausdruck gebracht, dass zwar Gott als abstrakter Begriff keine juristische Einheit sein kann,
sehr wohl aber ein Götzenabbild. Diesem ist es damit möglich, Eigentum zu halten, zu klagen und
verklagt zu werden.

Die Anerkennung eines Götzen als juristische Person erscheint uns fremd. Aber bei näherer Betrach-
tung werden uns auch andere juristischen Personen eigentümlich erscheinen. 2017 wurde der Whan-
ganui-Fluss auf der Nordinsel Neuseelands als juristische Person anerkannt, da der Fluss gemäß der
mythischen Vorstellung der Maori kein Ding, sondern ein Lebewesen sei. Gleiches hat ein indisches
Gericht, ebenfalls im Jahr 2017, für den für viele Inder heiligen Fluss Ganges entschieden.

Auf der anderen Seite sind manche juritische Personen der Neuzeit nicht weniger eigentümlich.
Denken wir an Briefkastenfirmen, die in den britischen, amerikanischen oder niederländischen
Überseegebieten beheimatet sind. Diese erhalten in den USA, Großbritannien oder den Niederlan-
den Anerkennung. Sie sammeln Geld ein, bündeln wirtschaftliche Interessen und lassen sich von
eingesetzten Repräsentaten juristisch vertreten. Aber ihr volkswirtschaftlicher Beitrag ist höchst
fragwürdig, die Transparenz ihrer Entscheidungen liegt im Dunkeln, sie verschleiern Eigentum, hel-
fen bei der Vermeidung von Steuern und ihre Ähnlichkeit mit natürlichen Personen ist sicherlich
gering.

Die Vielfalt bei der Gewährung von Rechts- und Parteifähigkeit weist darauf hin, dass Staaten brei-
ten Ermessensspielraum bei der Anerkennung juristischer Personen haben. Die Frage der Anerken-
nung stellt sich beispielsweise wiederholt im Rahmen von bilateralen Handelsabkommen. Dabei ist
zu bestimmen, ob und welche ausländischen Organisationen im Inland rechts- und parteifähig sein
151
sollten, also als juristische Personen dort gelten. Wird eine gegenseitige Anerkennung vereinbart, so
darf Facebook beispielsweise in Irland eine rechtsfähige Niederlassung gründen und gleiches gilt
für Airbus in den USA.

Eine Anerkennung als juristische Person könnte sich an der Vernunft orientieren. Sofern eine Orga-
nisation durch ihre Rechtsfähigkeit insgesamt den Wohlstand mehren kann, könnten Staaten zu ihrer
Anerkennung gefordert sein. Manche juristische Personen sind eventuell volkswirtschaftlich schäd-
lich. In diesem Fall sollte ihre Anerkennung unterbleiben. So erkennt die Europäische Union bei-
spielsweise manche Unternehmen in Steuerparadiesen nicht an. Eine solche Beschränkung ist ana-
log zu der Erkenntnis aus Kapitel 1 zu ineffizienten Institutionen. Nicht alle Organisationen sind
notwendigerweise vorteilhaft und verdienen den Schutz durch den Rechtsstaat. Auch eine Beendi-
gung der Rechtsfähigkeit einer Organisation in Fällen von Menschenrechtsverletzungen, Korrup-
tion, Buchhaltungsbetrug oder fortgesetzter Umweltverschmutzung wird häufig gefordert.

Die Vernunft könnte dazu beitragen, nur wohlstandsmehrende Organisationen anzuerkennen. Aber
die Evolution läuft nicht immer vernünftig. Organisationen fordern ihre Rechts- und Parteifähigkeit
ein und entziehen sich unter Umständen einem vernünftigen Kontrollprozess. Aus ihrer Existenz
dürfen wir also nicht vorschnell auf ihre Effizienz schließen. Ob unsere derzeit bestehenden Orga-
nisationsformen und Institutionen vernünftig sind, bedarf immer wieder einer kritischen Analyse.
Tragen sie zu Wachstum, einer gerechten Gesellschaft, einer nachhaltigen Entwicklung und einem
ökologischen Gleichgewicht bei? Oder sind moderne Aktiengesellschaften unvermeidlicher Antrei-
ber des Klimawandels? Welche Alternativen oder Ergänzungen existieren und wie könnten sich
diese ausbreiten? Die Frage danach, welche Organisationen und Institutionen den Wohlstand der
Menschen auch in Zukunft sichern und fortentwickeln, wird sich in Anbetracht neuartiger Heraus-
forderungen neu stellen.

Quiz und Anhänge

Mit einer Firma lässt sich free-rider Verhalten unterbinden, weil


1. residuale Verfügungsrechte für einen Anreiz zu Kontrolle sorgen
2. eine Firma aus Verträgen zwischen unabhängigen Marktpartnern besteht
3. ein zentraler Kontrolleur mit fixiertem Einkommen gegen free-rider vorgeht
4. alle Teammitarbeiter intrinsisch motiviert sind

Unter entity-shielding versteht man


1. die Haftungsbeschränkung von Aktionären
2. den Schutz einer Firma vor dem Zugriff von Eigentümern und Gläubigern
3. einen Vorteil der Personengesellschaft gegenüber einer Aktiengesellschaft
4. ein Vorrecht eines Komplementärs gegenüber den Kommanditisten

Unter Schuldknechtschaft versteht man


1. alle Kredite, die ein unselbständig Angestellter aufgenommen hat
2. eine Form der Überschuldung
3. die Versklavung als Sicherheit für einen Kredit
4. eine Form der Buße zum Sühnen individueller Sünden

Ein Effizienzvorteil der Aktiengesellschaft besteht darin, dass


1. sie sich gegen eine Übernahme durch andere wehren kann
2. ihre Rechtsfähigkeit aus derjenigen ihrer Manager abgeleitet ist
3. Kapital von vielen Kommanditisten eingesammelt werden kann
4. sie wie eine transferierbare Sache behandelt werden kann

152
Nach heutigem Verständnis ist eine Person
1. ein Mensch
2. eine wirtschaftliche Einheit mit Rechtsfähigkeit und Parteifähigkeit
3. eine nicht-transferierbare Organisation
4. eine bourgeoise Strategie

Ergänzende Literatur

Alchian, A.A. and H. Demsetz (1972) Production, Information Costs, and Economic Organization.
American Economic Review 72: 777-795.
Hodgson, G. (2016) Conceptualizing Capitalism: Institutions, Evolution, Future. University of Chi-
cago Press: 227.
Malmendier, U. (2009) Law and Finance "at the Origin". Journal of Economic Literature 47(4):
1076-1108.

Stichworte

Aktiengesellschaft, commenda, Einzelunternehmen, entity shielding, juristische Person, Komman-


ditgesellschaft, Partnerschaft, peculium, Parteifähigkeit, Personengesellschaft, Rechtsfähigkeit,
Sklaverei, societas publicanorum, Transferierbarkeit.

Übungsaufgaben

Aufgabe 12.1
Gehen Sie zurück zum Spiel zur Teamarbeit auf S. 105.

a) Warum lässt
sich das un-
günstige Nash-
Gleichgewicht
nicht mit unab-
hängigen
Marktpartnern
vermeiden?
b) Welcher Vor-
teil resultiert,
wenn statt unabhängiger Martpartner die Teamproduktion innerhalb einer Firma organisiert
wird? Wer sollte Eigentümer der Firma sein?
c) Welcher Vorteil ergibt sich, wenn der Eigentümer der Firma diese transferieren kann?
d) Warum war historisch die Transferierbarkeit der Firma lange nicht möglich? Gehen Sie bei der
Beantwortung der Frage auf die Rechts- und Parteifähigkeit der Firma ein!

Aufgabe 12.2
Ein Investor erwäge, eine Firma zu gründen für den Abbau von Kohle und Lieferung an ein nahes
Kraftwerk. In Ermangelung des notwendigen Kapitals erwägt er verschiedene Alternativen.
a) Er könnte eine Partnerschaft mit anderen Kapitalgebern gründen. Welches sind die Vor- und
Nachteile dieser Organisationsform? Gehen Sie sowohl auf Fragen der persönlichen Haftung
ein als auch auf entity shielding.
b) Er könnte eine Kommanditgesellschaft gründen und als Komplementär agieren. Welches sind
die Vor- und Nachteile?
c) Er könnte eine Aktiengesellschaft gründen. Beschreiben Sie die Vorteile dieser Lösung! Welche
Probleme würden sich ergeben, falls diese Aktiengesellschaft keine Rechtsfähigkeit besitzt?

153
d) Aktiengesellschaften haben den Nachteil, wie in Kapitel 5 ausgeführt, dass Manager keine voll-
ständigen Anreize zur Maximierung des Gewinns haben. Skizzieren Sie, inwiefern dieser Nach-
teil noch bis zum 18. Jhdt. Bestand hatte und warum er zunehmend im 19. Jhdt. in den Hinter-
grund trat!

154
Sachregister
Agent 49–59, 95, 106, 119 höhere 91–92
Akerlof, George 30, 37 Gewaltmonopol 122
Aktiengesellschaft 11, 13–14, 13, 17, 30, Glaubwürdigkeit 24, 29–30, 42, 45, 59, 64,
59, 146, 147–48, 150 69, 70, 106, 120, 135, Siehe auch
Allmende 101–2, 115, 118 Vertrauen
Anreizkompatibilität 35, 42, 53 Governancekostentheorie 63
Arbeitsmarkt 30, 50–57 Haftung 4, 5, 24, 59, 117, 136, 146, 147
Arbeitsvertrag 6, 67, 85, 117, 134, 145 Hart, Oliver 93
Besitz 12, 65, 66, 68, 75–82, 79–81, 95, 96, hawk-dove Spiel 75–78, 120
120–21, 138 Heirat 69, 91, 107, 122
bei Tieren 77 hidden action 41, 51, 63
von Land 84, 86, 108 hidden characteristics 41
Bitcoin 138 Hierarchie 19, 21, 24, 49, 95, 97–98, 98,
Bonus 50, 58 115
Börsengang 36 holdup 66–69, 70, 91–92, 143
Bourgeois 76–82, 86, 108, 115, 120–21 hostage 69–71
Buchgeld 135, 136, 138 hot air 45
Clan 4, 107–8, 127 Humankapital 64, 66–67, 84, 85, 96
Coase, Ronald 19, 20, 21, 23, 26, 83 incentive constraint 53, 55
company town 68 incomplete contract 93
crowding-out 110 Ineffizienz 10, 33, 85, 101, 119
Delegation 23, 49–59, 148 Inflation 58, 129–30, 132
Diplom 45 Information 19, 20, 23
Dividende 36, 67 asymmetrische 30–36, 36, 43, 50, 51, 58,
Effizienz 8, 11, 13–14, 32, 68, 82, 83, 86, 92, 98
122, 141, 147, Siehe auch Ineffzienz ex ante asymmetrische 41
Effizienzlohn 43 ex post asymmetrische 41–42
Eigenkapital 67, 142–43 Fehlen von 30
Eigentum 11, 18, Siehe auch hidden 41, 51
Transferierbarkeit Paradoxon der 29–30
Diversifikation 12, 54 Qualität einer 30
formell 81–83 vollständige 12, 19, 34, 54, 94
informell 5, 8, 9, 86 Inhaberpapier 131, 136
kollektiv 9, 10, 96, 102 Insider 30
Kontrolle und 59 Insolvenz 22, 44, 84, 136, 143
Schutz des Eigentums 63, 119 Institutionen
und Management 50 formell 4, 6, 7, 81, 92, 109, 115, 130
von Land 86, 134 informell 6, 41, 75, 92, 102, 107, 108,
von Tieren 102 109, 115, 119, 132
endowment effect 79, 86 spontan 7, 10–11, 11, 15, 75, 130
entity shielding 143–44, 145, 146, 147 intrinsischer Wert 128, 133, 138
Erbe 117 Juristische Person 148–50
Erbschaft 82, 83, 101, 116, 118, 120, 122 Kommanditgesellschaft 17, 142–43
Evolution 7, 12, 14, 77, 79, 108, 120, 141, Kontrolleur 115, 141–42, 144
146, 150 Konvention 7, 8, 75, 77
Exklusivität 101–2, 110, 116, 117 Kooperation 100–105, 106–8, 111, 115,
Fiat-Geld 129–33, 137 118, 141, 142
Firmengröße, optimale 22–23 bedingte 109–10
Fitness 75–77, 78–79, 107 Koordination 4, 5, 12, 17, 22, 78
Franchise-Vertrag 12, 57, 70–71 Kosten Siehe Suchkosten, Siehe
Fremdkapital 66, 67, 143, Siehe auch Kredit Transaktionskosten
Garantie 45, 69, 71, 86, 117, 135, 138, 147 fixe 65
Gefangenendilemma 103–5 versunkene 64, 65–66, Siehe auch sunk
Gericht 6–7, 20, 50, 79–80, 85, 91–93, 94, costs
98, 116, 117, 123, 124, 136, 147, 148, Kredit 33, 44–45, 57, 58, 66, 67, 82, 84, 85,
149 86, 117, 120, 121, 123, 130, 132–33, 134,
Gewalt 135, 136, 142, 147

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Kündigung 6, 43, 58–59, 64, 66, 67, 85, 98 Schnittstelle, technologisch separierbare 17,
labor-managed firm 84, 118 23
Libertarismus 14 Schuldknechtschaft 84, 145
lock-in 65, 66 Schuldschein 135–36
make or buy 20–21, 22, 68, 95, 97, 141 Selektion
market for lemons 30–33, 37, 45 adverse 33, 34, 41, 43–45
measurement costs 21–22, 58, 95, 129 natürliche 77, 79
Miete 66–67, 68, 69, 70, 82, 145 self-serving bias 79–80
Monopol 50, 86, 136, 147 Separating-Vertrag 34, 35, 36
moral hazard 41–42, 44, 45, 49–50, 58, 68 shirking 18, 43
Motivation 43, 45, 49, 50, 57, 95, 98, 118 Sicherheitsäquivalent 55
intrinsische 43, 118 Signaling 45
Münze 81, 131–32, 135–37, 138 Sitte 7, 8, 107
Nash-Gleichgewicht 8, 63, 70, 76, 77, 103, Sklaverei 49, 52, 84–85, 117, 120, 145, 147,
141 148
Nash-Produkt 94, 144 Spezifität 64–69, Siehe auch
Naturaltausch 127, 132 transaktionsspezifische Investitionen
netting 135, 137 Stigma 105, 117
Normen 7–8, 10, 107–10 Strafe 12, 13, 43, 69, 85, 104–5, 106, 107,
Opportunismus 24, 41–42, 49, 57, 63–70, 109–10, 118, 134
91–92, 97, 106, 123, 144 Streit 8, 76, 78, 79–80, 82, 83, 108, 120
Ostrom, Elinor 115 Suchkosten 19
Pacht 66, 82–83, 82, 86, 134 sunk costs 64, 93
Papiergeld 13, 128–32, 133 Teamarbeit 102–4, 107, 110, 118, 141
Parteifähigkeit 91, 98, 116, 120, 124, 149 team-reasoning 111
participation constraint 52–53, 55 Templerorden 135, 136
Partnerschaft 17, 59, 67, 142–48 tit-for-tat 103, 104, 106
Pauschallohn 50–51, 52–54, 53, 56–57, 58 too big to fail 44
Personengesellschaft 142 Transaktion 17–18, 18–23, 25, 30, 64, 68
Pfand 69, 85 Transaktionskosten 17–19
Planwirtschaft 11, 14, 84 externe 19–22, 23
Pooling-Vertrag 34–35 hohe 83
Prävention 44 interne 19, 22, 23, 50, 83
Prinzipal 49–59, 95, 106, 119 marginale 23
profitcenter 96, 97–98 transaktionsspezifische Investitionen 64–69,
Property Rights Theorie 83, 101 70, 71, 93–97
Quasi-Rente 65–68, 145 Transferierbarkeit 13, 82, 83–85, 86, 96,
Rationierung 44 131, 136, 141, 143, 144–48
Rechtsfähigkeit 116–17, 124, 141, 145–46, Treuhänder 63, 116, 149
147–50 trilateral governance 91
Reisescheck 131, 135 Universalität 101–2, 102
Reputation 20, 57, 71, 109, 110, 124 Unsicherheit 5–6, 5, 9–10, 13, 19, 49, 52,
als Tauschmedium 132–34 120
in Gruppen 104–6 Verein 85, 118
residuale Verfügungsrechte 82, 83 Verifizierbarkeit 92–95, 98
Residualeinkommen 82, 83, 118, 141 Verträge Siehe auch Franchise-Vertrag
Risikoaversion 50, 52, 54–57, 95, 147 Lizenz- 54
Risikofreude 45, 54 optimale 50, 52
Risikoneutralität 51, 54, 56, 94 relationale 98
Risikoprämie 33, 36, 55 unvollständige 25, 93–98, 98
Sache 12, 75, 82–84, 116, 128, 130, 145, Vertrauen 42, 63, 69, 106, 128, 133–34, 143
147, 148 Warengeld 128, 130, 137, 138
herrenlos 12, 82, 83, 117 Washington Consensus 11
Sanktion 6, 7, 8, 10, 19, 81, 102, 106, 110, Wechsel 135–36
116, 136, 141 Werbung 19, 46
Schadenersatz 12, 80, 91, 124 Williamson, Oliver E. 17, 22, 41, 68
Schelling, Thomas 70 World Economic Forum 11
Zentralbank 13, 58–59, 137, 138

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