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DAS WELTRAUMMÜLLMODELL MASTER-8

C. Wiedemann1, A. Horstmann1, S. Hesselbach2, V. Braun3, H. Krag4, S. Flegel5,


M. Oswald6, E. Stoll1
1Institut
für Raumfahrtsysteme (IRAS), Technische Universität Braunschweig,
Hermann-Blenk-Str. 23, 38108 Braunschweig
2Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Weltraumlagezentrum, 47589 Uedem
3Space Debris Office, ESA/ESOC, Robert-Bosch-Str. 5, 64293 Darmstadt
4ESA Space Safety Programme Office, Robert-Bosch-Str. 5, 64293 Darmstadt
5Holunderweg 5, 21365 Adendorf
6Airbus Defence & Space GmbH, 88039 Friedrichshafen

ÜBERSICHT Partikelumgebung der Erde ermöglichen. Das Modell er-


laubt eine Risikoabschätzung anhand von Vorhersagen
Am Institut für Raumfahrtsysteme der TU Braunschweig ist zum Partikelfluss auf benutzerdefinierten Umlaufbahnen
im Auftrag der europäischen Raumfahrtagentur ESA die (Target Orbits). Dabei werden Impaktordurchmesser von
neueste Version des europäischen Referenzmodells zur bis zu 1 μm berücksichtigt. Unter der Verwendung von
Abbildung der Weltraummüllumgebung entwickelt worden. Computermodellen wird die Erzeugung von Objekten und
Das Tool trägt die Abkürzung MASTER (Meteoroid and deren zeitabhängige Verteilung auf Umlaufbahnen anhand
Space Debris Terrestrial Environment Reference). Die Ent- aller bekannten Trümmerquellen simuliert. Diese Quellen
wicklung des Modells wurde am 19. März 2019 abgeschlos- sind:
sen. Das Modell wird von der ESA den Nutzern zur Verfü-
gung gestellt. MASTER (in der aktuellen Version 8) ersetzt  Fragmentationen im Orbit (Explosionen und Kollisio-
die Vorgängerversion MASTER-2009. In diesem Paper nen)
wird das neue Modell vorgestellt. Die wichtigsten Verände-
rungen gegenüber der Vorgängerversion werden erläutert.  Zündungen von Feststoffraketenmotoren (Schlacke
Zu den wesentlichen Überarbeitungen gehört die Vervoll- und Staub)
ständigung der Liste aller Ereignisse, bei denen Weltraum-  Kühlmittelfreisetzung aus Kernreaktoren im Weltraum
müll erzeugt wurde. Seit der Vorgängerversion hat es zahl- (NaK-Tropfen)
reiche neue Freisetzungsereignisse gegeben, die in der ak-
tuellen Version berücksichtigt werden. Ferner wurden ei-  Mehrschichtisolationsfolien (MLI)
nige historische Beiträge überarbeitet und zum Teil neu in-
 Oberflächendegradation aufgrund extremer Umge-
terpretiert. Es wurde eine vollständig neue historische Po-
bungsbedingungen im Weltraum
pulation erstellt, die bis zu einer Referenzepoche des No-
vembers 2016 validiert ist. Auch für die zukünftige Entwick-  Ejecta aufgrund des Einschlags kleiner Partikel
lung der Weltraummüllumgebung wurden neue Langzeitsi-
mulationen durchgeführt unter Berücksichtigung der aktuel-  Natürliche Meteoroiden einschließlich der saisonalen
len Kenntnisse über die zu erwartenden Trends bei Start- Ströme
zahlen und Kollisionswahrscheinlichkeiten auf Erdumlauf- Die einzelnen Beiträge zum Weltraummüll, die durch das
bahnen. Die wissenschaftliche Beschreibung der Welt- MASTER Modell berücksichtigt werden, sind in FIG 1. dar-
raummüllumgebung beruht auf einer statistischen Trüm- gestellt. Die Abbildung zeigt, in welchen Größenbereichen
mererzeugung, kombiniert mit einer Simulation der räumli- eine bestimmte Quelle einen wichtigen Beitrag leistet. Die
chen Verteilung auf der Grundlage der Bahnmechanik. Die katalogisierten Objekte werden als TLE Hintergrund be-
Verbesserungen und Ergänzungen sowie wesentliche Un- zeichnet. Überwiegend handelt es sich dabei um Objekte,
terschiede zur Vorgängerversion des Modells werden dis- die größer als 10 cm sind. Die Umlaufbahnen dieser Ob-
kutiert. jekte wurden zwar vermessen, im MASTER Modell treten
1. EINLEITUNG sie allerdings lediglich als eine Population auf, mit der sta-
tistische Kollisionswahrscheinlichkeiten berechnet werden
Diese Arbeit beruht im Wesentlichen auf dem Final Report können. Der Beitrag der Explosions- und Kollisionsfrag-
des Projektes, der zur Veröffentlichung ansteht [1]. Dieser mente deckt den gesamten berücksichtigten Größenbe-
Report ist eine aktualisierte Form seiner Vorgängerversio- reich ab. Praktisch aber liefern die Fragmente nur oberhalb
nen. Als Autoren dieser Arbeit treten die Personen in Er- von 1 cm Partikeldurchmesser einen dominierenden Bei-
scheinung, die an der aktualisierten Version des Reports trag zum Weltraummüll. Die Natrium-Kaliumtropfen aus
mitgearbeitet oder eigene Beiträge zu diesem Paper erstellt Kernreaktoren sind in Größenbereichen freigesetzt worden,
haben. die zwischen etwa einem halben Millimeter und fünfeinhalb
Zentimeter Durchmesser liegen. Bei diesen Tropfen han-
Die aktualisierte Version des MASTER Modells soll eine re-
delt es sich überwiegend um eine historische Quelle. Die
alistische Beschreibung der natürlichen und künstlichen
meisten der kleineren Tropfen sind inzwischen wieder ab-

1
gestiegen. Die heutige NaK-Population wird von den Trop-  Implementierung von Unsicherheitsindikatoren in Hö-
fen dominiert, die größer als 1 cm sind. Die Partikel aus den hen- und Durchmesserspektren
Zündungen von orbitalen Feststoffmotoren lassen sich in
zwei unterschiedliche Gruppen einteilen. Zum einen sind es  Erweiterung des Target Orbits (bis zur Höhe der Mond-
Schlackepartikel, die nach Brennschluss aus den Motoren bahn)
austreten und mit geringer Zusatzgeschwindigkeit diesen  Aktualisierte MASTER Application Programming Inter-
auf ihren Umlaufbahnen folgen. Darüber hinaus gibt es ei- face (API), die auch die Fluss-Unsicherheiten ausgibt
nen sehr feinen Staub, der während des Abbrandes austritt.
Die Mehrschicht-Isolationsobjekte werden häufig auch als  Wesentliche Überarbeitung des MLI-Modells (Multi-
High-Area-to-Mass-Ratio-Objekte (HAMR) bezeichnet. Ihre Layer Insulation)
Anzahl ist relativ gering. Allerdings sind sie aufgrund ihrer
sehr hohen Reflektivität durch optische Teleskope gut zu  Einführung eines neuen Natrium-Kalium-(NaK)-Le-
beobachten. Sie werden daher überproportional häufig bei ckage-Modells als Teilquelle (Teil des bereits verfüg-
optischen Beobachtungskampagnen detektiert. Diese Ob- baren NaK-Modells)
jekte mit ihrer hohen Reflektivität müssen als eigenstän-  Vollständige Überarbeitung der Zündungsliste für Fest-
dige Quelle deshalb im MASTER Modell berücksichtigt wer- stoffraketenmotoren (SRM)
den, weil sie bei der Validierung der Population, also dem
Abgleich mit Messwerten, eine wichtige Rolle spielen. Hier  Aktualisierte Datenbank für Fragmentationsereignisse
müssen ihre besonderen Reflexionseigenschaften berück- bis zum 1. November 2016
sichtigt werden, damit die Objektpopulation im Modell kor-
 Umfassende Aktualisierung der Fragmentations-Mo-
rekt abgebildet wird. Der Kleinstteilbereich wird von zwei
dellierung, d. h. Anpassung der modifizierten Version
unterschiedlichen Partikelgruppen dominiert, die in außer-
des Break-up-Modells der National Aeronautics and
ordentlich hohen Stückzahlen auftreten. Dies hängt damit
Space Administration (NASA)
zusammen, dass sie permanent neu generiert werden. Hier
stehen an erster Stelle die Ejecta. Dabei handelt es sich um  Verbesserung der Modellierung des Kleinteilbereiches
Auswurfpartikel, die entstehen, wenn Hochgeschwindig- bei der Fragmentation von Nutzlasten und Raketenstu-
keits-Kleinstpartikel auf Objekte im Weltraum auftreffen. fen
Dabei werden kleine Einschlagskrater erzeugt und infolge-
dessen Material ausgeworfen. Farbpartikel werden auf-  Implementierung des Grün-Meteoroidenmodells
grund von Oberflächen-Alterungsprozessen freigesetzt. Sie
 Berücksichtigung der Meteoroiden zur räumlichen
blättern permanent von ausgedienten Raumfahrzeugen o-
Dichte (Grün Modell)
der Raketenoberstufen ab. Die orbitale Lebensdauer dieser
Kleinstpartikelgruppen ist insbesondere auf niedrigen Erd-  Flussauswertungen in Erde-Sonne-Lagrange-Punkten
umlaufbahnen relativ gering. Trotzdem treten sie dort in in 1 AU Entfernung
sehr hohen Stückzahlen auf, weil sie permanent neu freige-
setzt werden.  Populationsvalidierung unter Berücksichtigung der
neuesten Beobachtungsdaten
 Flexible Referenz-Epoche basierend auf vorliegenden
Dateien
 Bereitstellung einer kondensierten Population, die alle
unterschiedlichen Beiträge künstlicher Objekte enthält
und zu einer Population zusammenfasst
 Umfassende Überarbeitung der graphischen Benut-
zeroberfläche (GUI) durch Einführung des "Basic
Mode" und des "Expert Mode".
Für die Generierung der Populationsdatenbanken werden
Trümmer- und Meteoroidenquellenmodelle verwendet, wel-
che durch die Entwicklertools bereitgestellt werden. Ferner
stellt das Space Debris User Portal die Anwendertools zur
Verfügung, welche aus der GUI-gestützten wissenschaftli-
chen Anwendung und den zugehörigen Datenbanken be-
stehen [2]. Auch das Benutzerhandbuch wird auf der Web-
seite der MASTER Software bereitgestellt. Die herkömmli-
chen Benutzerplattformen werden unterstützt. Das
FIG 1. Quellen von Debris und Meteoroiden, die in MASTER Tool zur Berechnung von Fluss und Dichte zählt
MASTER berücksichtigt werden. zu den Hauptanwendungen des Benutzers.
3. ENTWICKLERZWEIG (MODELL)
2. VERBESSERUNGEN Das MASTER Modell basiert auf einem semi-deterministi-
Die Version MASTER-8 wurde vom Institut für Raumfahrt- schen Ansatz. Die Erzeugung der Population erfolgt unter
systeme (IRAS) der Technischen Universität Braunschweig Anwendung statistischer Modelle. Die Propagation ihrer Or-
entwickelt. Die wesentlichen Verbesserungen sind in den bits zu einer Referenzepoche basiert auf der höheren
folgenden Bereichen erfolgt: Bahnmechanik. Die Modellierung des Erzeugungsprozes-
ses von Weltraummüll durch verschiedene Quellenterme

2
dient zur Ermittlung dieser Population. Dabei werden ein- Ereignisse benötigt, bei denen Weltraummüll-Objekte frei-
zelne Ereignisse detailliert simuliert sowie die resultieren- gesetzt worden sind. Als zweite Eingabedatei ist die Popu-
den Objektwolken auf die Referenzepoche, den 1. Novem- lation der Launch and Mission Related Objects essenziell.
ber 2016 für MASTER, propagiert. MASTER beinhaltet ne- Die LMRO werden selber als Population in das Modell auf-
ben dem historischen Startaufkommen, das in der LMRO- genommen. Zusätzlich sind sie die Quelle für weitere Bei-
Population (Launch and Mission-Related Objects) berück- träge zum Weltraummüll. Das sind die Ejecta sowie die
sichtigt wird, mehrere weitere Quellterme von orbitalen Farbpartikel, die von diesen Objekten permanent freige-
Trümmern. Dies sind Fragmentations-Trümmer, Schlacke setzt werden. Die freigesetzten Wolken von Objekten un-
und Staub aus orbitalen Feststoffmotorzündungen, NaK- terliegen den bahnmechanischen Gesetzen und müssen
Tropfen aus Kernreaktoren, Ejecta, Farbpartikel, MLI- entsprechend zu einer Referenzepoche propagiert werden.
Objekte und Satellitenkonstellationen (siehe FIG 1). Neben Dabei müssen sämtliche Störkräfte, die im Weltraum auf-
den genannten Quelltermen wurden die Modelle Cour-Pa- treten können, berücksichtigt werden.
lais, Divine-Staubach, Jenniskens/McBride und Grün für
die natürliche Meteoroidenumgebung implementiert. Das Die Ausgabe von POEM bildet die Basis der Trümmerpo-
Grün Modell ist ebenfalls für Berechnungen räumlicher pulation des MASTER Modells. Das Tool simuliert die Er-
Dichten verfügbar. zeugung und Ausbreitung von orbitalen Trümmerobjekten
größer als 1 μm. Durch POEM ist es möglich, die Erzeu-
Der im Program for Orbital Debris Environment Modeling gung frischer Trümmerobjektwolken und deren anschlie-
(POEM) eingebettete Mechanismus dient zur Generierung ßende Ausbreitung über verschiedene Umlaufbahnen zu
von Populationen und basiert auf diversen Untermodellen einer gegebenen Referenzepoche zu simulieren.
für jeden betrachteten Beitrag. Orbitale Zündungen solcher
Feststoffraketenmotoren (SRMs), die zur Verbesserung der 4. HISTORISCHE OBJEKTPOPULATION
Abbrandeigenschaften Aluminium enthalten, sind eine der Die historische Population in ESA’s MASTER stellt eine
wichtigsten zusätzlichen Erzeugungsmechanismen. Denn Kombination aus simulierten Objekten sowie veröffentlich-
dabei können nicht nur Aluminiumoxid-Staubpartikel ten Objektdaten dar. Der Prozess für die Populationsgene-
(Al2O3) in Mikrometergröße, sondern auch größere Stücke rierung ist in folgende drei Schritte gegliedert:
der sogenannten SRM-Schlacke, die sogar eine Größe von
mehreren Zentimetern Durchmesser erreichen können, 1. Datenerfassung und -verarbeitung
freigesetzt werden. Diese Schlacke-Partikel bestehen aus 2. Simulation und Datenfusion
einer Mischung verbrannter Auskleidungsmaterialien aus
den Brennkammerwänden des Motors mit konglomerierten 3. Validierung
Aluminiumoxidresten. In das Tool zur Populationserzeu-
gung werden verschiedene Modelle für andere Quellterme Die erforderlichen Schritte sind so effizient wie möglich an-
implementiert. Hierzu gehören zum Beispiel Natrium-Ka- geordnet, sodass die Benutzerinteraktion auf ein Minimum
lium (NaK) -Tropfen von russischen RORSAT-Satelliten so- reduziert wird. Dadurch könnten häufigere Aktualisierungen
wie Ejecta und Oberflächen-Degradationspartikel (Farbpar- der Population realisiert werden.
tikel). Außerdem wurde speziell für die GEO-Umgebung ein 4.1. Datenerfassung und -verarbeitung
MLI-Modell implementiert, welches aus Fragmentationen
im Orbit Objekte mit hohen Flächen-Massen-Verhältnis Die Datenbasis für den katalogisierten Populationsanteil
(HAMR) generiert. stellen TLE dar. Diese werden von der Space-Track-Webs-
ite [3] bezogen und vom 18th SPCS (18th Space Control
Squadron) (ehemals JSpOC) zur Verfügung gestellt und
gewartet. Das 18th SPCS beauftragt wiederum das SSN
(Space Surveillance Network), welches boden- und welt-
raumgestützte Radargeräte und Teleskope zu Beobach-
tungszwecken betreibt. Weitere Daten werden aus
dem Database Information System Characterising Objects
in Space (DISCOS) der Europäischen Weltraumagentur
(ESA), dem Satellite Catalog (SatCat) von Jonathan McDo-
well und dem Satellite Situation Report (SSR), der über
die Space-Track-Website [3] zur Verfügung gestellt wird,
bezogen.
Um eine höhere Verlässlichkeit der Daten zu ermöglichen,
stammen einzelne Objektinformationen, wie zum Beispiel
der Objekttyp, aus unterschiedlichen Quellen. Dies ist hilf-
reich, wenn die Daten aus einer Quelle unvollständig sind.
Die Verarbeitung und Zusammenführung der Daten, führt
zu vierteljährlichen Populations-Momentaufnahmen, wel-
che in Fragmentationstrümmer und Launch and Mission
Related Objects (LMRO) unterteilt sind.
FIG 2. Schematische Darstellung des Datenflusses in 4.2. Simulation und Datenfusion
POEM [1].
Im Hinblick auf die Simulation der Trümmerquellen kann
eine Unterscheidung von Modellen erster, zweiter und drit-
FIG 2. zeigt das prinzipielle Funktionsschema des Tools ter Ordnung vorgenommen werden:
POEM. Als Eingabe wird zum einen eine Datei sämtlicher

3
 Modelle erster Ordnung: Explosionen, Kollisionen, Ferner wurde die Datenbank der Fragmentations-Ereig-
Feststoffraketenmotorstaub und -schlacke sowie Nat- nisse im Zuge der MASTER-Upgrade-Akitivät, auf Grund-
rium-Kalium-Tropfen werden ausschließlich anhand ei- lage neuer Informationen im TLE-Katalog und basierend
ner bestimmten Liste von Ereignissen simuliert. Sie er- auf [4, 5] überarbeitet. Im Verlauf der Validierung großer
fordern nicht, dass andere Trümmerquellen berück- Objekte konnten 25 historische Ereignisse aktualisiert wer-
sichtigt werden. den, bei denen wichtige Parameter korrigiert werden muss-
ten. Ähnlich der Anzahl der katalogisierten Objekte, fußen
 Modelle zweiter Ordnung: Für Farbpartikel ist die voll- die Korrekturen auf neuen Beobachtungen für Objekte mit
ständige Liste der Launch and Mission Related Objects einem niedrigen Flächen-Masse-Verhältnis in GTO. Dies
erforderlich, die aus der Literatur zusammengetragen zeigt sich in einer erhöhten Anzahl von Fragmenten vor al-
wurde. len Dingen für H-10-Oberstufen. Um den neuesten Einträ-
 Modelle dritter Ordnung: Für Ejecta ist die vollständige gen im TLE-Katalog zu entsprechen, wurde zudem die An-
Liste der Launch and Mission Related Objects sowie zahl der Fragmente aus dem Fengyun-1C-Ereignis erhöht.
aller anderen Trümmerquellen erforderlich. Eine dritte große Modifizierung stellte die Reduktion der
Briz-M-Masse von 11.000 kg (Gesamtmasse) auf 2.370 kg
4.3. Aktualisierung von Fragmentationen (Trockenmasse), dar. Um den Beobachtungen besser zu
entsprechen, wurden außerdem Aktualisierungen der Frag-
FIG 3. zeigt die vierteljährliche Anzahl der TLE-Fragmente mentationsepochen und -orte vorgenommen sowie die si-
von MASTER-2009 verglichen mit MASTER in seiner Ver- mulierte Anzahl großer Fragmente angepasst.
sion 8. Es wird deutlich, dass für die Epochen nach dem
Beginn des Jahres 1980 große Unterschiede vorliegen. Vergleicht man die Referenzepoche der aktuellen MASTER
Das Format für die SSR hat sich während der Populations- Version mit der vorangegangenen, so haben in diesem
aktualisierung von MASTER geändert. Ferner wurde ihr In- Zeitraum zahlreiche weitere Fragmentations-Ereignisse
halt überarbeitet, um den neusten Stand der Informationen stattgefunden, die bei der Aktualisierung berücksichtigt
über Fragmentationen im Orbit darstellen zu können. werden müssen. Somit wurden für den Zeitraum vom 1. Mai
2009 bis 1. November 2016 insgesamt 38 Ereignisse zu der
Liste der bekannten Zerfallsereignisse hinzugefügt. Ano-
male Ereignisse, bei denen nur wenige Trümmerpartikel mit
minimalen zusätzlichen Geschwindigkeiten und ohne er-
kennbare Bahnveränderung des Mutterobjekts erzeugt
wurden, werden im Allgemeinen in der Modellierung nicht
berücksichtigt. Der Ullage-Motor der Proton-Rakete stellte
die häufigste Quelle für Fragmentationen in diesem Zeit-
raum dar. So ist dieser Motortyp für allein 12 Ereignisse ver-
antwortlich.
Die bisherigen Forschungen haben gezeigt, dass die Philo-
sophie von MASTER und seinen zahlreichen Vorgänger-
versionen, Einzelereignisse nachzusimulieren und die Er-
gebnisse mit Messwerten abzugleichen, zu sehr guten Er-
gebnissen führt, was die realitätsnahe Darstellung der Welt-
raummüll-Umgebung anbelangt. Es gibt allerdings eine we-
sentliche Ausnahme, und das ist die geostationäre Umlauf-
FIG 3. Vergleich der Fragmente zwischen MASTER- bahn. Aufgrund der großen Entfernung zur Erde ist es sehr
2009 und MASTER-8 [1]. wahrscheinlich, dass eine ganze Reihe von Trümmererzeu-
gungsereignissen übersehen wurde. Somit kann eine er-
hebliche Zahl der Trümmer auf dieser Bahn nicht exakt ein-
Außerdem wurden zwischen 2009 und 2016 diverse neue zelnen Ereignissen zugeordnet werden. Deshalb wurden
TLE-Objekte katalogisiert, welche auf Fragmentations-Er-
schon bei der Vorgängerversion von MASTER überwie-
eignissen zurückzuführen sind, die sich in den frühen acht- gend auf der geostationären Umlaufbahn so genannte
ziger Jahren oder sogar davor ereignet haben. „künstliche Ereignisse“ eingeführt, mit denen sich die tat-
Die wesentlich beitragenden Ereignisse in diesem NORAD sächlich auftretenden Trümmerzahlen sehr gut erklären
ID-Bereich sind: lassen. Insgesamt enthält das Modell heute 13 solcher Er-
eignisse. Schon bei den Vorgängerversionen ist es sehr gut
 Explosion von COSMOS-1275 (1981-053A), Ereignis- gelungen, die meisten Ereignisse tatsächlichen Satellitena-
epoche: 24. Juni 1981 nomalien zuzuordnen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass
 Explosion von Agena D / Thorad-Agena D (1970- es Fragmentationsereignisse gegeben hat. In der aktuellen
025C), Ereignisepoche: 17. Oktober 1970 MASTER Version gibt es lediglich zwei geostationäre Er-
eignisse, die sich keiner beobachteten Anomalie zuordnen
 Explosion von DELTA P (Delta 2310) (1974-089D), Er- lassen. Dieser Anteil der künstlichen Ereignisse wird als
eignisepoche: 20. August 1975 „unbestätigte Ereignisse“ bezeichnet. Die künstlichen Er-
eignisse wurden eingeführt, um Merkmale in den Messda-
Dieses Verfahren wird regelmäßig durchgeführt und erklärt ten abzudecken, welche durch die bekannten Ereignisse al-
die resultierende Zunahme von Fragmenten im Orbit. Des- lein nicht reproduziert werden konnten. Die künstlichen o-
halb wird an dieser Stelle die Relevanz der kontinuierlichen der unbestätigten Ereignisse auf GEO wurden auf der Basis
Modellierung von Weltraummüll hervorgehoben, da dem von Beobachtungen des Weltraummüllteleskops der ESA
Katalog häufig neue Fragmente vergangener Ereignisse hinzugefügt.
hinzugefügt werden müssen.

4
Die Gesamtzahl aller berücksichtigten Fragmentations-Er-
eignisse bei MASTER liegt inzwischen bei 268.
5. REFERENZPOPULATION
Die Referenzpopulation ist bereits ausführlich in [5] darge-
stellt worden und hat sich seitdem kaum verändert. Die Re-
ferenzepoche des aktuellen MASTER-Modells liegt am 1.
November 2016. Dieses Datum ist der letzte Zeitpunkt, den
eine validierte, also mit Messwerten abgeglichene, Popula-
tion vorliegt. Diese Population umfasst 34.000 Objekte grö-
ßer als 10 cm. Die Anzahl der Objekte größer als 5 cm wird
auf 70.000 geschätzt. Die Anzahl aller Objekte großer als 1
cm liegt ungefähr bei 900.000. Auch für alle kleineren
Durchmesser-Größen können zu diesem Zeitpunkt Zahlen
angegeben werden. Allerdings unterliegt die Kleinteilpopu-
lation sehr starken Schwankungen. Diese Angaben sollten FIG 4. MASTER Benutzeroberfläche [1].
daher lediglich als eine Momentaufnahme verstanden wer-
Anhand der GUI-Shell wird sichergestellt, dass die wichtigs-
den. So betrug die Anzahl der Millimeter-Objekte am 1. No-
ten GUI-Funktionen von der Binärdatei getrennt sind. Auf
vember 2016 zur Referenzepoche etwa 130 Millionen. Im
diese Weise wird gewährleistet, dass vorhandene Module
Submillimeterbereich steigen die Zahlen dann in die Grö-
nicht an die GUI-Anforderungen angepasst werden müs-
ßenordnung von Billionen. Die Referenzpopulation ist im
sen. Die GUI kann auf die Binärdatei, welche weiterhin mit
Anhang in Tabelle 1 dargestellt.
ASCII-Eingabe- und Ausgabedateien funktioniert, zugreifen
6. ZUKÜNFTIGE OBJEKTPOPULATION und diese teilweise anzeigen. Die Binärdatei wird über die
GUI gestartet sowie in einer vom Betriebssystem bereitge-
Die Generierung der historischen Population bis zur Refe- stellten Shell ausgeführt. Außerdem überwacht die GUI den
renzepoche (1. November 2016 für MASTER) und aller zu- Ausführungsfortschritt. Der Status wird dem Benutzer an-
künftigen Populationen wurde mit dem POEM Tool vorge- gezeigt. Nach Beendigung der Ausführung, greift die GUI
nommen. Für die zukünftige Entwicklung werden die Kolli- auf die Dateien, welche von der Anwendung generiert wur-
sionsanalyse, Launch and Mission Related Objects und alle den, zu und erstellt Treiberdateien für Gnuplot. Infolgedes-
von POEM benötigten Ereignislisten durch die Simulation sen wird Gnuplot gestartet, um die Grafiken zu generieren.
mit DELTA-4 erzeugt. Das Tool verwendet dabei als Input Weitere Funktionen, wie zum Beispiel das Erstellen von
die Population der Referenzepoche sowie einen Basis- MASTER-Projektdateien oder die Navigation durch das Hil-
Startaufkommen, welches für ein Business-as-Usual-Sze- fesystem, werden anhand anderer unterstützender Tools
nario repräsentativ ist. Gemäß den Anforderungen an die umgesetzt.
Simulationen lassen sich davon abgeleitet, unterschiedli-
che Level von Vermeidungsmaßnahmen einbringen, um 8. ZUSAMMENFASSUNG
die unterschiedlichen Entwicklungen zu untersuchen. Eine
Die Entwicklung des MASTER Modells in seiner Version 8
wesentliche Neuerung ist die Bereitstellung eines einzelnen
ist abgeschlossen. Die Ereignisdatenbanken für Fragmen-
Zukunftsszenarios innerhalb von MASTER-8. Hierbei wur-
tationen und Feststoffmotorzündungen wurden aktualisiert.
den die drei zuvor bekannten Szenarien Business-as-
Das Modell für den Austritt von Flüssigmetalltropfen wurde
usual, Intermediate Mitigation sowie Full Mitigation, zu glei-
durch zwei weitere Leckage-Ereignisse ergänzt. Es wurden
chen Teilen gewichtet, zusammengefasst. Die Abweichun-
Verbesserungen an den Meteoroidemodellen vorgenom-
gen aus dieser Szenario-übergreifenden Monte-Carlo-Mit-
men. Die Bahnhöhe, bis zu der Analysen durchgeführt wer-
telung finden sich kumulativ mit denen der Referenzepoche
den können, wurde deutlich erhöht.
in den Daten wieder.
7. BENUTZEROBERFLÄCHE DANKSAGUNG
Die Erweiterung des MASTER-Modells wird unterstützt
Ein erheblicher Aufwand wurde in die Überarbeitung der
durch die ESA im Rahmen des ESOC Kontraktes Nr.
Benutzeroberfläche investiert. Aufgrund seiner Java-ba-
4000115973/15/D/SR. Die Autoren sind für den Inhalt die-
sierten grafischen Benutzeroberfläche (GUI) kann
ser Arbeit verantwortlich.
MASTER ergonomisch und intuitiv bedient und zur Interpre-
tation der Ergebnisse verwendet werden. Alternativ ist auch LITERATUR
eine Bedienung des Modells über die Befehlszeile möglich.
[1] Horstmann, A., Hesselbach, S., Wiedemann, C., Flegel,
S., Oswald, M., Krag, H., Enhancement of S/C Fragmen-
tation and Environment Evolution Models, ESA contract
No. 4000115973/15/D/SR, 9th Jul, 2020 (to be published)
[2] ESA/ESOC, Space Debris User Portal,
https://sdup.esoc.esa.int
[3] http://www.space-track.org
[4] Flegel, S., Multi-layer Insulation as Contribution to Orbital
Debris, PhD thesis, Technische Universität Braunschweig,
Institut of Aerospace Systems, 2013.

[5] Flegel, S., Vörsmann, P., Schildknecht, T., Reevaluation


of the MASTER-2009 MLI and H-10 debris modelling, 65th

5
International Astronautical Congress 2014 (IAC 2014),
September 29 - October 3, 2014, Toronto, Canada, paper
IAC-14.A6.9.7.
[6] Wiedemann, C., Horstmann, A., Hesselbach, S.,
Braun, V., Krag, H., Flegel, S., Oswald, M., Stoll, E., Die
Weltraummüll-Population des neuen MASTER-Modells,
Deutscher Luft- und Raumfahrtkongress (DLRK), 1.-6.
September 2018, Friedrichshafen, Deutschland.

ANHANG

Tabelle 1: Kumulative Anzahl der orbitalen Objekte zur Referen-


zepoche 1. November 2016 [1].