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Das Gotteslob als emotional-musikalischer Erinnerungs(h)ort

Author(s): Marie Louise Herzfeld-Schild


Source: Lied und populäre Kultur / Song and Popular Culture , 2014, 59. Jahrg. (2014),
pp. 75-93
Published by: Zentrum für Populäre Kultur und Musik

Stable URL: https://www.jstor.org/stable/43784680

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Lied und populäre Kultur /Song and Popular Culture 59 (2014)

Marie Louise Herzfeld-Schild


Das Gotteslob als emotional-musikalischer
Erinnerungs(h)ort

Der Feststellung, dass ein Gesangbuch mit den in ihm enthaltenen Kirchenlie-
dern ein Medium des Erinnerns ist, wird sicherlich niemand widersprechen.
Welcher Art ein solches Erinnern jedoch sei und woran die Kirchenlieder im
Einzelnen erinnern, darüber können je nach Standpunkt verschiedene Meinun-
gen herrschen. Denn Kirchenlieder haben einerseits eine Funktion im Rahmen
religiöser und kirchlich gelenkter Erinnerungskultur, andererseits haben sie un-
terschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Zeiten auf einem bestimmten Teil

ihres Lebenswegs begleitet, wurden so mit einer ganz subjektiven, individuellen


Bedeutung aufgeladen und erhielten dadurch eine besondere Rolle in der Biogra-
phie des Betreffenden. Dies kann wiederum für ein Lied als Ganzes, für den Text
oder die Melodie allein oder auch nur für ein Fragment davon gelten. Schon ein-
zelne Kirchenlieder können so eine Vielzahl von Erinnerungen mit sich führen;
dies gilt umso mehr für Gesangbücher, in denen diese musikalischen Erinne-
rungsträger gesammelt sind.1
Sowohl die kirchliche als auch die autobiographische Erinnerungsform ge-
denken vergangener Emotionen und können sie zurückrufen. Inwieweit sie sich
in ihrer Emotionalität quantitativ (wie z.B. kollektive und individuelle Emotio-
nen) und qualitativ (wie z.B. hinsichtlich Intensität, emotionalem Ausdruck,
emotionaler Färbung, Bedeutung von Text und/oder Musik) unterscheiden, sei
zunächst dahingestellt. Jedoch sei angemerkt, dass es sicherlich nicht nur klar
zuteilbare Erinnerungsformen und damit zusammenhängende Emotionen gibt.
Mischformen sind auf allen Ebenen denkbar.

Die schrittweise Einführung des neuen katholischen Gebet- und Gesangbuchs


Gotteslob seit Herbst 2013, im Zuge derer zahlreiche Äußerungen zur kulturellen
und individuellen Bedeutung, zu Form und Inhalt eines Gesangbuchs in der heu-
tigen Zeit gemacht wurden, soll im Folgenden zum Anlass genommen werden,
unterschiedliche Erinnerungsarten, die ein solches Buch im 21. Jahrhundert in
sich einschließen kann, anhand der Umfrage Mein liebstes Kirchenlied empirisch

1 Mit »Gesangbuch« ist zunächst jede Sammlung von Kirchenliedern gemeint, die im religiö-
sen Leben Gebrauch findet. Konfessionelle Unterschiede werden ausdrücklich nicht mit

einbezogen, da sie als für die hier behandelte Fragestellung nicht relevant erschienen. Da
die Überlegungen ihren Ausgangspunkt in der Einführung des neuen katholischen Gebet-
und Gesangbuchs Gotteslob (2013) fanden, lag eine Konzentration darauf jedoch nahe.

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vorzustellen (I), in die wissenschaftlichen Diskussionen um Erinnerungskulturen
einzuordnen (II) und in ihrer emotionalen Wirkungsweise zu betrachten (III).

1. Gotteslob

Wie schwierig sich die richtige Liedauswahl für ein zeitgemäßes und dennoch
geschichtsbewusstes Gesangbuch gestaltet, zeigt sich an der Arbeit am neuen Got-
teslob , die sich über mehr als zehn Jahre erstreckte. Im Vergleich zum alten Got-
teslob von 1975 enthält es mehr Gebete und Anleitungen zum religiösen Leben
auch außerhalb der Kirche, um der heutigen seelsorgerischen und demografi-
schen Situation gerecht zu werden (etwa dem zunehmenden Priestermangel oder
der Pflege von alten Menschen zu Hause), sowie einen musikalischen Stammteil
von 140 aus dem alten Gotteslob übernommenen und 136 neu hinzugetretenen
Liedern, die entweder den letzten Jahrzehnten oder dem im alten Gotteslob eher
schwach vertretenen Zeitraum vom 18. bis frühen 20. Jahrhundert entstammen.
Die Hälfte dieser Lieder ist als ökumenisch gekennzeichnet. Hinzu kommen regi-
onale Anhänge, die dem besonders gepflegten und traditionsbehafteten Liedgut
der einzelnen Diözesen geschuldet sind. Leitfaden für die Zusammenstellung des
musikalischen Teils war eine Berücksichtigung aller musikalischen »Epochen und
Stile von der Gregorianik bis zum Neuen Geistlichen Lied«, »die Qualität von
Text und Musik, die Übereinstimmung mit dem Glauben der Kirche und die Ak-
zeptanz durch die Gemeinden«.2 Auch wenn, wie der Kirchenmusiker Walter
Hirt feststellte, sicherlich jeder »eines seiner Lieblingslieder vermissen«3 werde, so
sei besonderes Augenmerk darauf gelegt worden, dass die »eingesungenen, zum
festen Bestandteil des persönlichen Glaubensleben gehörenden Gesänge erhalten
bleiben«.4

Der Zusammenstellung des Liedteils ging im Jahre 2003 eine Akzeptanzerhe-


bung zum alten Gotteslob in den Gemeinden voraus, deren Ergebnissen (knapp
2.000 Rückläufe) eine große Bedeutung zugemessen wurde, die jedoch nicht für
wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung stehen.5 Die veröffentlichten Erhe-

2 Bischof Friedhelm Hofmann (Würzburg) auf der Pressekonferenz zum Andruck des neuen
Gotteslobsy http://www.mein-gotteslob.de/videos-zum-neuen-gotteslob/ (zuletzt abgerufen
am 15.06.2014).
3 Walter Hirt, Diözesanmusikdirektor des Bistums Rottenburg-Stuttgart, im Video zur Ent-
stehung des neuen Gotteslobs , http://www.ein-blick-ins-leben.tv/von-uns/film/ein-buch-f-
rs-leben (zuletzt abgerufen am 15.06.2014).
4 Bischof Hofmann auf der Pressekonferenz zum Andruck des neuen Gotteslobs (wie Anm.
2).
5 Unterkommission Gemeinsames Gebet- und Gesangbuch: Univariate Auswertungsergeb-
nisse des Fragebogens zum Stammteil des »Gotteslob« sowie Zusammenstellung der Anmer-
kungen der Befragten (2003); online dokumentiert unter http://www.bands.bistum-wuerz
burg.de/load.html?/arch_themen/t_04 l_ergebnisse-umfrage-gotteslob.htm (zuletzt abgeru-
fen am 15.06.2014).

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bungsunterlagen zeigen allerdings, dass zwar bestimmte Kirchenlieder hinsicht-
lich ihrer Bewährung für bestimmte Zwecke abgefragt wurden, dabei aber keine
persönlichen Gründe anzugeben waren. Für die Frage nach dem Gesangbuch
bzw. den in ihm gesammelten Kirchenliedern als emotional-musikalischem Erin-
nerungs(h)ort ist jedoch gerade dieser Aspekt von entscheidender Bedeutung.
Diesbezüglich tiefere Einblicke sind der Umfrage Mein liebstes Kirchenlied zu
entnehmen, die von den Bischöflichen Pressestellen der deutschen Diözesen an-
lässlich der schrittweisen Einführung des Gotteslobs seit Oktober 2013 unter zahl-
reichen Personen des öffentlichen Lebens durchgeführt wurde.6 Diese Umfrage
war der Anstoß für die Überlegungen, denen sich der vorliegende Beitrag wid-
met. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass die Antworten aus einer sozialen
Gruppe stammen, die dem Christentum neutral interessiert bis positiv gegenüber
steht. Auch die Tendenz der berichteten Erinnerungen und darin mitschwingen-
den Emotionen ist dementsprechend neutral bis positiv, was nicht zuletzt der
Tatsache geschuldet ist, dass die Frage auf dasjenige Kirchenlied zielte, das per-
sönlich besonders geschätzt wird. Die hier angestellten Überlegungen zum Kir-
chenlied als emotional-musikalischem Erinnerungs(h)ort werden sich daher
ebenfalls an den »Erinnerungsrahmen«7 dieser sozialen Gruppe orientieren und
Positionen negativer emotionaler Erinnerungen durch Kirchenlieder, die einem
anderen Erinnerungsrahmen zufallen, ausklammern.8 Denn nach Maurice Halb-
wachs entstehen »Erinnerungen auch persönlichster Art [...] nur durch Kommu-
nikation und Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen«,9 die ihr kollektives Ge-
dächtnis »>von innen< sieht und bestrebt ist, ihr ein Bild ihrer Vergangenheit zu
zeigen, in dem sie sich in allen Stadien wiedererkennen kann«.10 Andere soziale
Gruppen haben einen anderen Erinnerungsrahmen und damit ein anderes Bild
ihrer Vergangenheit, was wiederum ein qualitativ anderes kollektives Gedächtnis
mit sich bringt.
Rund fünfzig Antworten auf die Frage nach dem liebsten Kirchenlied im neu-
en Gotteslob aus den Monaten von Oktober 2013 bis März 2014 wurden für die

folgenden Beobachtungen ausgewertet, unter ihnen Reaktionen von Schauspie-


lern, Journalisten, Politikern, Sportlern, Unternehmern, Verlegern, Musikern,
aber auch Priestern, Bischöfen und Ordensleuten. Ihre Antworten spiegeln ver-
schiedene Arten der emotionalen Beziehungen zu Kirchenliedern, die alle im wei-
teren Sinne auf eigenen, individuellen Erinnerungen basieren, was insofern nicht
verwunderlich ist, als die Befragten von ihren eigenen Erfahrungen des Singens

6 Die Antworten können auf den Webseiten der Erzbistümer, Bistümer und Diözesen sowie unter
http://www.pfarrbriefservice.de/materialien/texte.html?f_ajax_action=catsearch&f_categoryl=2788
eingesehen werden (zuletzt abgerufen am 15.06.2014).
7 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frü-
hen Hochkulturen. München: C. H. Beck 1992, S. 38.
8 Was keineswegs bedeutet, dass sie nicht ebenso interessant und relevant sind.
9 Assmann: Das kulturelle Gedächtnis (wie Anm. 7), S. 36.
10 Ebd., S. 42.

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berichten; es sind daher im Ansatz individuelle, autobiographische Erinnerungs-
formen. Was genau erinnert wird und mit welchen Worten diese Erinnerungen
wiedergegeben werden, ist ebenso unterschiedlich wie die Menschen, die sich an
der Umfrage beteiligt haben.
Es ist auffällig, dass die berichteten Erinnerungen und Emotionen je nach Be-
ruf der Befragten und ihrer daraus resultierenden offiziellen Beziehung zur Kir-
che verschiedenartig ausfallen. Während Priester, Bischöfe oder Ordensleute,
aber auch Politiker überwiegend auf die in den Liedern vermittelten christlichen
Botschaften rekurrieren, führen Personen aus der medialen Öffentlichkeit ihre
Begründungen meist in autobiographischen, teils humorvoll ausgestalteten Er-
zählungen an. Dies kann unterschiedliche Gründe haben: Zum einen hat ein
Geistlicher, der tagtäglich mit Kirchenliedern lebt, zu ihnen sicherlich ein anderes
Verhältnis als jemand, der regelmäßiger oder nur sporadischer Kirchgänger ist.
Es mag durchaus möglich sein, dass sich für Geistliche und Ordensleute be-
stimmte Emotionen beim häufigen Singen »abnutzen«11 und Kirchenlieder daher
weniger mit konkreten Erinnerungen in Zusammenhang gebracht werden, als
dass deren religiöser Kern oder geschichtliche Bedeutung in den Fokus treten.
Zum anderen darf sicherlich auch der Aspekt von Imagebildung bei den Antwor-
ten nicht außer Acht gelassen werden: Personen, die öffentliches Vertrauen ge-
nießen wollen, mögen sich von einer christlich fundierten Antwort mehr ver-
sprechen als Entertainer, die mit Witz und Lässigkeit punkten wollen. Unter die-
sem Blickwinkel sollten alle Antworten relativiert werden, können jedoch den-
noch für die Frage nach dem Gotteslob als emotional-musikalischen Erinne-
rungs(h)ort herangezogen werden, indem sie unterschiedliche Aspekte des Den-
kens und Sprechens über Kirchenlieder offenbaren, die unabhängig von ihrem
Wahrheitsgehalt Informationen aufzeigen können. Es gilt demnach als Richt-
schnur, in erster Linie nach der Darstellung zu fragen, nach dem, was den Ant-
wortenden als erwähnenswert erschien; es ist dabei durchaus denkbar, dass be-
sonders emotionale, geradezu intime Erinnerungen bewusst oder auch unbewusst
zurückgehalten wurden.
Lieblings(kirchen-)lieder sind zumeist mit besonders positiven emotionalen
Erinnerungen verbunden. Dabei ist es zunächst unerheblich, ob diese individuel-
len Charakter haben oder kulturell bzw. religiös geprägt sind. »Kraft« und »Zu-
versicht«, »ein fröhliches Herz«, »Aufbruch« und »Freude«, insbesondere aber
»Hoffnung« sind nur einige der positiv erlebten Gefühlszustände, die die betref-
fenden Kirchenlieder auszulösen vermögen. Überdurchschnittlich viele Begrün-
dungen für die Nennung eines bestimmten Lieblingskirchenlieds haben ihren
Ursprung in Erlebnissen, in denen es gesungen wurde. Die meisten dieser auto-
biographischen Erinnerungen beziehen sich auf die Kindheit: »als Kind«, »schon
als Ministrant«, »als Kommunionkind«, »als kleines Mädchen« und ähnliche
Formulierungen weisen daraufhin. Häufig wird in den autobiographischen Erin-

1 1 Vgl. auch Anm. 67.

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nerungen außerdem von in unbestimmter Anzahl wiederkehrenden Situationen
gesprochen, die sich offenbar alle durch ähnliche emotionale Träger, Trigger und
Valenzen auszeichneten. Dabei werden jedoch allgemeine wiederkehrende Situa-
tionen (»immer«, »immer wieder«, »seit Jahrzehnten«, »bei jedem Gottesdienst«
o.ä.) von besonderen, immer wiederkehrenden unterschieden (»auf dem Inter-
nat«, »Fronleichnamsprozessionen«, »in der Fastenzeit« o.a.). Der Sportler Hol-
ger Glandorf entschied sich beispielsweise mit folgender Begründung für das Kir-
chenlied Oh du fröhliche:

[Es] weckt in mir immer wieder schöne Kindheitserinnerungen. Es ist der Ab-
schluss der weihnachtlichen Krippenfeier und das bedeutete in meiner Kindheit
und auch heute noch gemeinsame Weihnachtsfeier mit meiner Familie bei lecke-
rem Essen und natürlich als Kind viele tolle Geschenke.12

Glandorfs Erinnerung ist im Gegensatz zu zahlreichen anderen Antworten nicht


in erster Linie religiös motiviert, ebenso wenig nimmt er auf den Text des Liedes
oder seine auditive Wahrnehmung Bezug; hier überwiegt deutlich die Erinnerung
an andere Aspekte des kindlichen Weihnachtsgefühls, das zwar durchaus religiö-
se Züge tragen kann, jedoch insbesondere gekennzeichnet ist durch Vorfreude
auf den Weihnachtsabend. Oh du fröhliche als Abschlusslied bildet hier den
Übergang von der Messe zur Bescherung und markiert damit den Scheitelpunkt
der Vorfreude mit der höchsten emotionalen Valenz.
Die wenigen genau definierten persönlich erlebten Einzeh reignisse, die be-
stimmte Kirchenlieder zu Lieblingskirchenliedern werden ließen, sind solche, die
eine besondere emotionale Wirkung mit sich brachten: das Gebet zur Rettung
entführter Mitarbeiter der Grünhelme e.V. in Syrien im Juli 2013, 13 der Tod der
Großmutter im Jahr 1979, 14 die Flucht aus der »schlesischen Heimat« 194515 oder
eine ganz bestimmte Wallfahrt.16 Auch bei diesen autobiographischen Erinne-
rungen verbindet sich der Text und die Melodie des jeweiligen Kirchenliedes mit
weiteren Sinneseindrücken, der Atmosphäre, begleitenden Emotionen u.a. Erin-
nert wird hier jedoch das konkrete, einschneidende Gesamterlebnis; das Kirchen-
lied selbst, mit seiner eigenen Geschichte oder seiner theologischen Aussage, ist
Teil des Ganzen und untrennbar damit verbunden.
Bei allen autobiographischen Erinnerungen wird deutlich, dass das Kirchen-
lied in bestimmten Situationen hinsichtlich seiner emotionalen Valenz mit dem

12 Holger Glandorf, http://www.drs.de/initiativen/neues-gotteslob/mein-liebstes-kirchenlied.


html (zuletzt abgerufen am 15.06.2014).
13 Rupert Neudeck (ebd.).
14 Andrea Nahles (ebd.).
15 Joachim Kardinal Meisner, http://www.mein-gotteslob.de/informationen/stimmen/ (zu-
letzt abgerufen am 15.06.2014).
16 Weihbischof Helmut Dieser (Trier), http://cms.bistum-trier.de/bistum-trier/Integrale?
MODULE=Frontend&ACTION=ViewPageView&Filter.EvaluationMode=standard&PageView.
PK=l&Document.PK= 118674 (zuletzt abgerufen am 15.06.2014).

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Kontext besonders resonierte und so einzelnen Personen besonders stark im Ge-
dächtnis blieb. Wie wichtig resonieren, d.h. mitschwingen, für die Erlebnisinten-
sität ist, wird unter anderem daran deutlich, dass die emotionale Wirkung der
Kirchenlieder offensichtlich umso stärker erlebt wurde, je höher die Lautstärke
war: »aus voller Brust« oder »besonders laut« gesungen, »aus vollen Leibeskräften
[...] gebrüllt« oder schlichtweg »geschmettert« machen bestimmte Lieder - be-
kannte festliche Hymnen wie Lobe den Herren , Großer Gott , wir loben Dich oder
Nun danket all und bringet Ehr - offenbar besonderen Eindruck. Die Resonanz
ist jedoch nicht uneingeschränkt gültig; sie kann von verschiedenen Menschen
unterschiedlich empfunden und bewertet werden: Was den einen zu Tränen
rührt, kann durchaus bei einem anderen keinerlei Empfindungen auslösen.
Fast ebenso viele Teilnehmer an der Umfrage Mein liebstes Kirchenlied be-
gründen ihre Auswahl mit der Bedeutung der Liedtexte (seltener wird die Melo-
die angesprochen) und deren grundlegenden christlichen Botschaften wie Zuver-
sicht, Trost und Hoffnung. Hier sind es weniger situative Erinnerungen, die mit
dem Kirchenlied in Verbindung gebracht werden, als vielmehr durch die Zeiten
hinweg stets relevante menschliche Problemlagen, in denen sich diese Personen
von bestimmten Kirchenliedern unterstützt fühlen - sie stehen im Modus eines

allgemeingültigen, kulturellen Gedächtnisses.


Nur wenige Personen hingegen erinnern sich an bestimmte geschichtliche Er-
eignisse wie etwa Kriegszeiten, Konfessionsauseinandersetzungen oder an histori-
sche Persönlichkeiten wie den Dichter oder Komponisten des jeweiligen Kirchen-
lieds. So wählten beispielsweise sowohl Wolfgang Thierse als auch Bernhard Vo-
gel Kirchenlieder aus, die für sie eine Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg
darstellen: Nun danket all und bringet Ehr (Text: Paul Gerhardt, 1647) und Nun
danket alle Gott mit Herzen , Mund und Händen (Text: Martin Rinckart, 1636).
Nicht nur ähneln sich diese beiden Lieder (Nr. 403 und 405 im neuen Gotteslob)
in ihrer textlichen Aussage, sie entstammen auch der Feder desselben Komponis-
ten Johann Crüger aus demselben Jahre 1653. Bemerkenswert ist nicht nur, dass
die beiden Politiker zu diesen zwei Liedern ähnliche emotional starke Bindungen
haben, sondern auch, dass sie den leidvollen Kontext ihrer Entstehung auf eine
Weise mitreflektieren, die individuelle, autobiographische Erinnerungen in den
Hintergrund treten lassen. Es scheint der in diesen Fällen trotz aller Widrigkeiten
zum Ausdruck kommende Gottesglaube17 zu sein, der auch gegenwärtig noch
zutiefst berührt.

Bemerkenswert hinsichtlich der Wege, die Erinnerung gehen kann, ist die
Antwort von Schwester M. Lintrud Funk, Generaloberin der Barmherzigen
Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Untermarchtal. Sie wählte das Lied
O mein Christ , lass Gott nur walten als liebstes Kirchenlied, da es ihr »Kraft und

17 Vgl. Kurzke, Hermann: Das Liedgut der Tradition. In: Gotteslob-Revision. Problemet Pro-
zesse und Perspektiven einer Gesangbuchreform. Hg. von dems. und Andreas Neuhaus. Tü-
bingen/Basel: Francké 2003, S. 160.

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Vertrauen in Gottes weise Führung« schenke und sie außerdem »an unseren Or-
densgründer Vinzenz von Paul« erinnere, »der sich bedingungslos ein Leben lang
von der Vorsehung Gottes leiten ließ und uns Schwestern dieses Wort mit auf
den Weg gegeben hat: >Überlassen wir uns der göttlichen Vorsehung; sie weiß
genau das herbeizuführen, was wir brauchen<«.18 Hier verbindet sich die Bot-
schaft des Liedes mit dem Gedenken an einen Mann, dessen christliche Lebens-
maxime auch anderen zum Leitbild wurde. Die emotionale Valenz des Kirchen-

lieds resoniert für Lintrud Funk offenbar mit ihrer emotionalen Verbindung zu
Vinzenz von Paul; hier verknüpfen sich das allgemein-kulturelle Gedächtnis des
christlichen Glaubens und das der historischen Persönlichkeit Vinzenz von Pauls
mit ihrer ganz individuellen Bedeutung für Funk.
Gemischt werden autobiographisch-individuelle mit kirchlich-historischen
Erinnerungen, wenn etwa die Journalistin Anne Reidt von der »Referenz an mei-
ne Heimat und an meine Kindheit als Schülerin des Aachener Kaiser- Karls-

Gymnasiums« und der »wohlig-heimatliche[n] Erfahrung getränkt mit über tau-


send Jahren Geschichte«19 spricht, die sie mit ihrem aus dem 12. Jahrhundert
stammenden Lieblingslied Urbs Aquensis koppelt, der Sequentia Sancti Karoli
(»Sequenz des heiligen Karls«), seit 1950 auch Stadthymne von Aachen. Und
wenn George Alexander Albrecht seine Wahl des Liedes Sonne der Gerechtigkeit
»unlösbar mit der friedlichen Revolution [...] im Januar 1990 in der Leipziger Ni-
kolaikirche während des Gottesdienstes vor einer Montagsdemonstration«20 ver-
bindet, an der er selbst teilnahm, so mischen sich hier eigene emotionale Erleb-
nisse mit einem historischen Ereignis »von Rang«. Das Kirchenlied Sonne der
Gerechtigkeit wiederum ist mehrere Jahrhunderte alt21 und trägt in Text und Me-
lodie seine eigene, ökumenisch geprägte Geschichte,22 die vermutlich dazu ge-
führt hat, dass es im Zuge der friedlichen Revolution gesungen wurde und dort
bei den Singenden einen solch starken emotionalen Eindruck hinterlassen konn-
te, wie Albrecht ihn bezeugt.

18 Schwester M. Lintrud Funk (wie Anm. 12).


19 Anne Reidt, http://www.erzbistumberlin.de/glaube/neues-gotteslob/mein-liebstes-kirchenlied/
(zuletzt abgerufen am 15.06.2014).
20 George Alexander Albrecht, http://www.gotteslob.bistum-wuerzburg.de/mein-liebstes-kirchen
lied#page2 (zuletzt abgerufen am 15.06.2014).
21 »T: 1., 6. u. 7. Str.: Christian David [1728] 1741, 2., 4. u. 5. Str.: Christian Gottlob Barth
1827 und 3. Strophe: Johann Christian Nehring 1704/0tto Riethmüller 1932 ( Zusammen -
stellung)/AÖL [1970] 1973, M: Böhmen vor 1467/Nürnberg 1556«; siehe Gotteslob. Katho-
lisches Gebetbuch. Ausgabe für die (Erz-)Diözesen Berlin, Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz
und Magdeburg. Hg. von den (Erz-) Bischöfen Deutschlands und Österreichs und dem Bi-
schof von Bozen-Brixen. Stuttgart: Katholische Bibelanstalt (Stammteil)/Leipzig: St. Benno-
Verlag (Regionalteil) 2013, S. 527 (Liednummer 481).
22 Siehe dazu http://www.theologie.uni-heidelberg.de/universitaetsgottesdienste/2206_ss08.ht
ml (zuletzt abgerufen am 15.06.2014).

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Diejenigen Personen, die ihr liebstes Kirchenlied mit Erinnerungen an histori-
sche Ereignisse oder Persönlichkeiten verbinden, weisen dem Text und/oder der
Melodie des Liedes im Gegensatz zu denjenigen, die autobiographische Erinne-
rungen anfuhren, eine deutlich größere Bedeutung zu. Hier sind es weniger die
emotionalen Gesamterlebnisse, in die das Kirchenlied neben vielen anderen Ein-
drücken eingeschlossen ist, sondern das Kirchenlied steht nahezu für sich allein.
Es ist nicht in erster Linie Trigger von Emotionen und ihren Erinnerungen, son-
dern Träger von Gedächtnis und den darin manifestierten Emotionen. Diese Art
der emotionalen Verbindung mit einem Kirchenlied deutet auf eine reflektieren-
de, nachdenkende Art der Liedrezeption hin, im Gegensatz zu einer eher emotio-
nal geleiteten, die nicht zufällig häufig auf Kindertage verweist. Jan Assmann be-
tont für diese Unterschiede zwischen den verschiedenen Erinnerungsformen die
jeweilige Partizipationsstruktur: Die Teilhabe der Gruppe an dem, was er kom-
munikatives, d.h. individuelles Gedächtnis nennt, bezeichnet er als »diffus«, da es
hier »keine Spezialisten und Experten« gäbe, »auch wenn Einzelne mehr und bes-
ser erinnern als andere«.23 Im Gegensatz dazu sei die Teilhabe an dem, was er kul-
turelles Gedächtnis nennt, »immer differenziert«24 und abhängig von »einer wis-
senssoziologischen Elite, den Spezialisten des kulturellen Gedächtnisses«.25

2. Erinnerungs(h)orte

In den 1980er-Jahren wurde das Nachdenken über Erinnerungskulturen wissen-


schaftlich en vogue und hat seitdem viele Früchte getragen. Ausgelöst wurde die-
ser Trend durch Pierre Noras in den Jahren zwischen 1984 und 1992 veröffent-
lichtes, siebenbändiges Werk Les Lieux de mémoire , in dem er die These vertritt,
an bestimmten geographischen oder symbolischen Orten manifestiere sich das
kulturelle Gedächtnis bestimmter Personengruppierungen (in diesem Fall das der
französischen Nation). Voraussetzung für die Entstehung solcher Erinnerungsor-
te sei, dass zwischen der Gesellschaft und ihrer Geschichte ein Bruch »mit der
Vergangenheit« entstanden sei, der einhergehe »mit dem Gefühl eines Abreißens
des Gedächtnisses, zugleich aber ein[em] Augenblick, da dies Abreißen noch so-
viel Gedächtnis freisetzt, daß sich die Frage nach dessen Verkörperung stellen
läßt.«26 Das Installieren von Erinnerungsorten sei demnach der Versuch, das Er-
innerte nicht dem »Relativen« der Geschichte zu überlassen, sondern das »abso-
lute« Gedächtnis über den Bruch hinüberzuretten.27

23 Assmann: Das kulturelle Gedächtnis (wie Anm. 7), S. 53.


24 Ebd.
25 Ebd., S. 55.
26 Nora, Pierre: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt a. M.: Fischer 1998, S. 1 1.
27 Zur Unterscheidung zwischen Geschichte und Gedächtnis siehe ebd.: »Die Geschichte ist
die stets problematische und unvollständige Rekonstruktion dessen, was nicht mehr ist.
Das Gedächtnis ist ein stets aktuelles Phänomen, eine in ewiger Gegenwart erlebte Bildung,

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In Anlehnung an Nora erschienen in Deutschland in den vergangenen Jahren
mehrere einschlägige Sammelbände, so beispielsweise Deutsche Erinnerungsorte ,28
Erinnerungsorte der Antike,29 Erinnerungsorte der DDR,30 Die Welt des Mittelal-
ters : Erinnerungsorte eines Jahrtausends 31 und schließlich Erinnerungsorte des
Christentums ?2 Die Herausgeber des letztgenannten Bandes berufen sich im
Vorwort zwar auf Noras Verständnis des Erinnerungsorts, grenzen sich jedoch
im Weiteren von diesem Begriff sowie seinem Gebrauch in den vorherigen Bü-
chern der Reihe ab, denn der

hier vorgelegte Band [...] erscheint zwar unter dem von Pierre Nora geprägten und
in vergleichbaren Bänden aufgegriffenen Titel. Allerdings ist das hier zugrunde ge-
legte Konzept der memoria , des Gedächtnisses und der Erinnerung, ein genuin
christliches, denn das Christentum als Offenbarungsreligion ist nicht anders denn
als Erinnerungsreligion zu denken. Erinnerung gehört zum Wesen des Christen-
tums, und Erinnerungsorte waren im Christentum lange bekannt, bevor sie in den
Geisteswissenschaften nach der sogenannten kulturalistischen Wende zu einer
Mode wurden. Im Grunde ist das Christentum selbst nichts anderes als eine große
Topographie von Erinnerungsorten.33

Da das Christentum auf dem Leben und Tun eines ganz bestimmten Menschen,
Jesus Christus, beruhe, der vor über 2000 Jahren lebte und wirkte, sei die christli-
che Religion quasi per se als Erinnerungsreligion definiert. Die Aufforderung Jesu
»Tut dies zu meinem Gedächtnis« stehe im Mittelpunkt dieser Religion, und es
gebe bestimmte Orte - symbolische oder auch konkrete -, die dieses Gedächtnis
aufrecht erhielten. Doch inwiefern können diese tatsächlich als »Erinnerungsor-
te« bezeichnet werden?

Aus Noras Ausführungen wird deutlich, dass Erinnerungsorte dort entstehen, wo


etwas in Gefahr gerät, durch einen Bruch mit der Vergangenheit aus dem Ge-
dächtnis zu entweichen. Das Erinnerte ist aus der Lebenswelt verschwunden und

wird durch Erinnerungsorte vor dem gänzlichen Vergessen gerettet. Dabei wird
das Erinnerte nicht re-vitalisiert, sondern gewissermaßen in seinem Vergangen-
Sein zementiert. Erinnerung jedoch, die in oder an unterschiedlichsten Orten der
Religion kristallisiert ist, erhält in der religiösen Praxis ihren Sinn und wird le-
bendig, und zwar nicht nur durch Lesen und Hören der Heiligen Schrift, durch

die Geschichte hingegen eine Repräsentation der Vergangenheit. [...] Das Gedächtnis ist ein
Absolutes, die Geschichte kennt nur das Relative« (S. 13f.).
28 Hg. von Etienne François und Hagen Schulze. 3 Bde. München: C. H. Beck 200 Iff.
29 Erinnerungsorte der Antike. Die römische Welt. Hg. von Elke Stein- Hölkeskamp und Karl-
Joachim Hölkeskamp. München: C. H. Beck 2006.
30 Hg. von Martin Sabrow. München: C. H. Beck 2009.
31 Hg. von Johannes Fried und Olaf B. Rader. München: C. H. Beck 201 1.
32 Hg. von Christoph Markschies und Hubert Wolf, unter Mitarbeit von Barbara Schüler.
München: C. H. Beck 2010.

33 Markschies, Christoph/ Wolf, Hubert: »Tut dies zu meinem Gedächtnis«. Das Christentum
als Erinnerungsreligion. In: Erinnerungsorte des Christentums (wie Anm. 32), S. 11.

Das Gotteslob als emotional-musikalischer Erinnerungs(h)ort 83

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Teilnahme am Abendmahl, durch Beten oder Singen religiöser Lieder, sondern
auch dann, wenn Gläubige versuchen, in ihrem eigenen Leben Jesus nahezu-
kommen. In diesem potentiellen, sinnvollen Lebendig-Werden unterscheiden
sich die religiösen Orte der Erinnerung von den Erinnerungsorten Noras, denn
»lebte man die in [diesen] eingeschlossenen Erinnerungen wirklich, so wären sie
unnütz.«34

Orte und Symbole des Christentums können demnach strenggenommen nur


dort Erinnerungsorte im Sinne Noras sein, wo sie der Lebenswelt der Menschen
tatsächlich entglitten sind und nur noch als rein Erinnertes bestehen, zu wertvoll,
um der Geschichte anvertraut zu werden, doch zu sehr im Bruch mit dem Hier
und Jetzt, um mehr als Erinnerung sein zu können. Folgt man den Einschätzun-
gen Christoph Markschies' und Hubert Wolfs, so scheint beispielsweise Deutsch-
land, »[a]uch wenn es zu weit führen würde, undifferenziert von einem flächen-
deckenden, abrupten Traditionsabbruch des Christentums in der bundesrepubli-
kanischen Gesellschaft zu sprechen, [...] doch sein christliches Gedächtnis zu
verlieren.«35 Es befände sich demnach genau in der Situation des Bruchs »mit der
Vergangenheit«, die Nora als Voraussetzung für die Entstehung von Erinnerungs-
orten konstatierte; unter diesem Blickwinkel wären Orte des Christentums tat-
sächlich Erinnerungsorte in seinem Sinne. Es erscheint daher sinnvoll, zwischen
einem kirchlich-religiösen Erinnerungsort, der Lebendigkeit durch sinnhafte Ak-
tualisierung mit sich bringt, und einem kulturell-historischen Erinnerungsort,
wie er von Nora definiert wurde, zu unterscheiden.
Neben geographischen Orten wie Bethlehem, Wittenberg oder Taizé und
symbolischen Orten wie Kirche, Bibel oder Familie zählt für die Herausgeber des
Bandes Erinnerungsorte des Christentums auch das Gesangbuch zu einem symbo-
lischen Kristallisationspunkt der kirchlich-religiösen Erinnerung.36 Aus dem um-
fangreichen, ihm gewidmeten Beitrag Christa Reichs lassen sich folgende Punkte
für das Verständnis von Gesangbuch und Kirchenlied als Erinnerungsort kon-
densieren: Ein kulturell-historischer Erinnerungsort ist das Gesangbuch insofern,
als es als »Kulturgut ersten Ranges«37 den Gebrauch von religiöser Musik und
Sprache über den Zeitraum von fast dreitausend Jahren hinweg spiegelt. Sobald
man Lieder aus dem Gesangbuch jedoch singe, setze man »Worte in die Welt, die
nicht die eigenen sind. Hier rufen die Toten aus ihrer Erfahrung her die Leben-
den. Hier kann es eine Art Auferstehung von Worten geben.«38 Hier tritt eine
Mischform eines kulturell-historischen und kirchlich-religiösen Erinnerungsorts
hervor, denn noch muss das Gesungene für die Singenden keine lebensweltliche

34 Nora: Geschichte und Gedächtnis (wie Anm. 26), S. 20.


35 Markschies/Wolf: »Tut dies zu meinem Gedächtnis« (wie Anm. 33), S. 14.
36 Das Gesangbuch als tatsächlicher, gegenständlicher Erinnerungsort, wie er vor allem in der
protestantischen Tradition gepflegt wurde, wird im Folgenden ausgeklammert, da hier das
Gesangbuch als emotional-musikalischer Erinnerungsort im Mittelpunkt steht.
37 Reich, Christa: Gesangbuch. In: Erinnerungsorte des Christentums (wie Anm. 32), S. 492.
38 Ebd., S. 499.

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Bedeutung haben. Zum kirchlich-religiösen Erinnerungsort schließlich wird das
Gesangbuch bzw. das daraus gesungene Kirchenlied, wenn »[d]as singende Ich
[...] seine eigene Geschichte als in die Geschichte des auferstandenen Gekreuzig-
ten hineingehörend«39 erfährt. In diesem Fall wird es gleichgültig, ob es sich um
althergebrachte oder um neue Lieder handelt; die religiöse Lebenswelt der Sin-
genden verbindet sich durch das im Lied konservierte Gedächtnis mit der Ge-
schichte. Der Bruch mit der Vergangenheit wird dadurch gekittet - oder entsteht
gar nicht erst. Dass es sich bei dieser Verbindung zwischen Jetzt und Damals um
ein sinnlich erlebtes und ausagiertes Tun, um Musizieren bzw. Singen handelt,
verstärkt die Intensität noch weiter. Denn »[e]rst durch eine singende Stimme
entsteht ein Gesang als Klanggeschehen in der Zeit, in dem Wort, Ton und Per-
son gleichzeitig beieinander sind.«40 Ohne die religiös-musikalische Praxis des
Singens blieben die Lieder, bliebe das Gesangbuch eine Ansammlung von reinen
Texten und Melodien.41 Doch das Gesangbuch sei eben »kein Museum, in dem
man in Vitrinen ausgestellte alte Quellen betrachtet. Es ist in Gebrauch«.42
Dies rührt an das Konzept des eng mit dem Erinnerungsort verwandten Erin-
nerungshorts. Darunter ist eine Sonderform des Erinnerungsorts zu verstehen, in
der sich Erinnerungen nicht manifestieren, sondern bloß gesammelt - gehortet -
werden, »wie Archive, Bibliotheken, Museen oder konservierende Sammlungen
überhaupt«.43 Nach Jürgen Osterhammel verdienen »[n]eben den Erinnerungsor-
ten als den Kristallisationskernen kollektiver Einbildungskraft [...] solche Horte
der Erinnerung unsere besondere Aufmerksamkeit.«44 Denn Erinnerungshorte
»bewahren die Vergangenheit im Aggregatzustand der Möglichkeit auf, als virtu-
elle Gegenwart. Nur gehortet, also ungelesen und unangeschaut, bleibt die kultu-
relle Vergangenheit tot; allein im Akt des Nachvollzugs wird sie lebendig«.45
Die oben getroffene Unterscheidung zwischen kulturell-historischen und
kirchlich-religiösen Erinnerungsorten findet sich in den Erinnerungshorten ge-
spiegelt: Im Hort ist eine rein potentiell erinnerte Fülle an kulturellem Gedächt-
nis versammelt; Aktivierung zur Lebendigkeit geschieht erst durch die aktuelle
Nutzung dieser Sammlung. Ein Gesangbuch kann daher unter Umständen
durchaus als Erinnerungshort oder »Museum« verstanden werden; es ist dann
jedoch kein aktuell religiös gelebter Erinnerungshort, sondern vielmehr ein reines
Archiv der ehemals gelebten Religion, als Gedächtnis der christlichen Kultur ein
kulturell-historischer Erinnerungs(h)ort.

39 Ebd., S. 500.
40 Ebd., S. 498.
41 Siehe ebd.
42 Ebd.

43 Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Die Geschichte des 19. Jahrhunderts
München: C. H. Beck 2013, S. 31.
44 Ebd.
45 Ebd., S. 32.

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In Anlehnung an, aber auch in Abgrenzung von Noras Erinnerungskonzept,
das Geschichte und Gedächtnis strikt voneinander unterscheidet, schlägt Aleida
Assmann vor, diese Trennung durch ein Konzept zu überwinden, das sich weni-
ger an den Erinnerungsorten als vielmehr an den Erinnerungshorten exemplifi-
zieren lässt: Sie möchte auch die Geschichte als Gedächtnis verstanden wissen,
und zwar als unbewohntes im Gegensatz zum bewohnten Gedächtnis. Das unbe-
wohnte Gedächtnis stellt für sie ein Speichergedächtnis dar, das als »Gedächtnis
der Gedächtnisse [...] das in sich aufnimmt, was seinen vitalen Bezug zur Gegen-
wart verloren hat«.46 Das bewohnte Gedächtnis stattdessen bezeichnet sie als

Funktionsgedächtnis. Das Gesangbuch als Erinnerung short entspräche damit


dem, was Assmann als Speichergedächtnis bezeichnet. Als Erinnerungs ort jedoch
wird es zum Funktionsgedächtnis: Als kulturell-historischer Erinnerungsort hat
es die Funktion des Kristallisierens von Gedächtnis, des Erinnerns. Als kirchlich-
religiöser Erinnerungsort übernimmt es noch eine zusätzliche Funktion: Es akti-
viert den potentiellen »vitalen Bezug zur Gegenwart« des Gedächtnisses und hat
über das Erinnern hinaus eine aktive Funktion im Hier und Jetzt als Gebrauchs-
gegenstand, dessen religiöse Funktion wiederum gewissermaßen die Zeiten über-
dauert: Früher wie heute wurde in der Kirche gesungen. In den Antworten auf
die Umfrage Mein liebstes Kirchenlied haben die Lieder dementsprechend durch-
gängig die Bedeutung eines Funktionsgedächtnisses.
Je nach Rezeptionsumständen kann ein Gesangbuch im Sinne eines Erinne-
rungshorts als reines Speichergedächtnis oder im Sinne eines Erinnerungsorts als
Funktionsgedächtnis verstanden werden, welches wiederum unterschiedliche
Aufgaben übernehmen kann: ein Hinüberretten des kulturellen Gedächtnisses
über den Bruch mit der Vergangenheit im kulturell-historischen Erinnerungsort
oder ein immer wieder Lebendigmachen des religiösen Glaubens im kirchlich-
religiösen Erinnerungsort.

3. Ge(h)ortete Emotionen

Doch was genau wird in den musikalischen Teilen von Gesangbüchern gehortet,
um erinnert oder durch (Wieder-)Gebrauch lebendig zu werden? Es sind Kultur-
güter, religiös-literarische und religiös-musikalische Texte, Denkmäler des Chris-
tentums auf seinem Weg durch die Zeit. Dabei trägt jedes dieser Denkmäler, je-
des Kirchenlied die Emotionen mit sich, aus denen heraus es einst geschrieben
und immer wieder gesungen wurde und die es wiederum bei seinen Sängern aus-
löste). Diese in Text und Melodie gehorteten Emotionen sind ebenfalls Denkmä-
ler, und zwar für die Emotionsgeschichte nicht nur des Christentums, sondern
auch der soziokulturellen Begebenheiten der jeweiligen Zeit. Jedes Kirchenlied -
manch eines mehr, manch eines weniger - hortet dabei eine Vielzahl von Emoti-

46 Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnis-


ses. München: C.H. Beck 1999, S. 134.

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onen, die je nach Wissensstand um die Geschichte des Liedes dem heutigen Sän-
ger vergegenwärtigt werden: Es trägt seine eigene Rezeptionsgeschichte mit sich
und wird jedes Mal, wenn es gesungen wird, um neue kollektive und individuelle
Emotionen und emotionale Erinnerungen erweitert. Es ist sowohl Träger als auch
Trigger von Emotionen, und diese Funktionen bedingen sich gegenseitig.
Hier wird die Eigentümlichkeit des Gesangbuchs als Hort und Ort kollektiver
Erinnerung, als bewohntes Gedächtnis offenbar, denn das kollektive Gedächtnis
ist eine emotionale Erinnerung im Gegensatz zur Geschichte, die voll von Fakten
ist, aber von »leeren Abstraktionen, die niemandem etwas bedeuten, an die sich
niemand erinnert, die von jedem Bezug auf Identität und Erinnerung gereinigt
sind«.47 Dennoch lassen sich die Emotionen, die sich am Erinnerungsort »Ge-
sangbuch« kristallisieren, unterscheiden in historisch tradierte mittelbare und
persönlich erfahrene unmittelbare Emotionen, analog zur Unterteilung des kol-
lektiven Gedächtnisses in das kulturelle und das kommunikative Gedächtnis, die
Jan Assmann vorgenommen hat.48 Demnach funktioniert das kollektive Ge-
dächtnis sowohl kulturell »im Modus der fundierenden Erinnerung , die sich auf
Ursprünge bezieht«,49 als auch kommunikativ »im Modus der biographischen Er-
innerung , die sich auf eigene Erfahrungen und deren Rahmenbedingungen [...]
bezieht«.50 In diesem Sinne kann ein Kirchenlied als Träger wie auch als Trigger
von Emotionen einerseits an besondere Geschehnisse, »Ursprünge«, der (Kir-
chen-)Geschichte erinnern, die durch das kulturelle Gedächtnis überliefert wur-
den, wie dies einige Antworten auf die Umfrage zeigen, die die religiöse Bedeu-
tung der Liedtexte für die Menschheit betonen. Gleichzeitig kann ein Kirchenlied
jedoch ebenso mit individuellen Erinnerungen aufgeladen sein, die selbst erlebt
oder durch andere erzählt, d.h. durch das kommunikative Gedächtnis erfahren
und weitergegeben wurden, wie es viele Antworten auf die Umfrage deutlich ma-
chen; auch hier werden Emotionen potentiell sowohl getragen als auch getriggert.
Mischungen zwischen diesen beiden Gedächtnisformen, des Kulturell-Fundie-
renden und des Kommunikativ- Biographischen, sind durchaus denkbar, wie sich
beispielsweise an den Antworten Anne Reidts oder George Alexander Albrechts
zeigt (s.o.). Welche Rolle die Religion in den beiden Gedächtnisformen jeweils
spielt, ist weitestgehend abhängig vom Standpunkt des Singenden: Ein religiöser
Mensch wird emotional von dem kulturellen ebenso wie von dem kommunikati-
ven Gedächtnis berührt werden, im Gegensatz womöglich zu einem nicht-
religiösen, der sich den Erinnerungen und Emotionen des Kirchenlieds mit rei-
nem Interesse gegenüberstellt. Dies zeigt, dass Gedächtnisse mit den durch sie

47 Assmann: Das kulturelle Gedächtnis (wie Anm. 7), S. 44.


48 Ebd., insbesondere S. 48-66.
49 Ebd., S. 51 f.
50 Ebd.

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erinnerten Emotionen stets sozial bedingt sind und außerhalb dieser »sozialen
Bedingtheit«51 nicht ebenso funktionieren können.
Das Kirchenlied als Träger von Emotionen im Sinne des kulturellen, fundie-
renden Gedächtnisses kann ein kulturell-historischer oder/und auch ein kirch-
lich-religiöser Erinnerungs(h)ort für religiöses Empfinden durch die Jahrhunder-
te hinweg sein. Wie Hermann Kurzke betont, lässt sich anhand der in Kirchenlie-
dern gehorteten »altefn] Sprachwelten«, die »sonst aussterbende Möglichkeiten
des Lebens und Empfindens«52 bezeugen, der historische Wandel von »religiösen
Überzeugungen«53 ausgezeichnet nachverfolgen und nachspüren. Durch alte Kir-
chenlieder spreche ein Glaube, »der nicht mehr der unsere ist«; eine »vollständige
Bekenntnisübereinstimmung beim Singen alter Lieder ist bei so komplexen Be-
dingungen weder möglich noch nötig.«54 Kurzke plädiert hinsichtlich der Kon-
zeption des neuen Gotteslobs für ein Geschichtsbewusstsein, das mit »Mut zum
Risiko« die alten Lieder ohne aktualisierende Textveränderungen, wie sie insbe-
sondere im 18. und 19. Jahrhundert vorgenommen wurden, aufnimmt und für
Zeiten »vorrätig«55 hält, in denen sie wieder gebraucht würden. Trotz alledem
solle ein Gesangbuch kein »Museum«56 sein, kein reiner Erinnerungshort für alte
Empfindungsweisen also, sondern sich auch durch Aktualität in Form von Lie-
dern, die unserer heutigen Empfindungswelt entsprechen, auszeichnen. Kurzke
arbeitet ausdrücklich zwei Bedeutungen des Gesangbuch heraus, die sich mit
Aleida Assmann folgendermaßen kategorisieren lassen: Einerseits ist es Speicher-
gedächtnis für alte Kirchenlieder mit den in ihnen gehorteten, sprachlich mani-
festierten Emotionen, die gegenwärtig nicht lebendig gehalten werden, es poten-
tiell jedoch wieder werden können. Andererseits ist es Funktionsgedächtnis für
den aktuellen Gebrauch im religiösen Leben. Diese Unterteilung beruht auf
Kurzkes Feststellung, in der »jungen Generation« habe ein »Traditionsabriß«
stattgefunden, der »unübersehbar«57 sei. Unter diesem Blickwinkel wird der Teil
des Gesangbuches, der sich als Speichergedächtnis der abgerissenen Tradition
widmet, zu einem Erinnerungsort im Sinne Noras.
Werden die im Kirchenlied gehorteten Emotionen jedoch erinnert und dabei
lebendig, so verbinden sie sich mit dem individuellen Erlebnis des Singens in der
Kirche zu einer persönlich erfahrenen religiösen Emotion, die als persönliche Er-
fahrung kommunikativ biographisch erinnert wird. Das dabei entstehende Bezie-
hungsnetz zwischen Emotionsträgern und -triggern, persönlichen und kulturel-
len Kontexten findet sich wieder in der sogenannten Scherer-Formel (benannt
nach dem Musikpsychologen Klaus Scherer), die besagt, dass die emotionale

51 Ebd., S. 35.
52 Kurzke: Das Liedgut der Tradition (wie Anm. 17), S. 160.
53 Ebd., S. 155.
54 Ebd., S. 157
55 Ebd., S. 160.
56 Ebd.
57 Ebd., S. 164.

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Wirkung eines Musikstückes von einem Miteinander »von strukturellen Merk-
malen der Komposition«58 (die bei Kirchenliedern häufig regelmäßig und über-
schaubar sind), der jeweiligen Interpretation (die in der Kirche zumeist mit Orgel
und dem mehr oder weniger geübten Gesang Aller stattfindet), dem Hörer/der
Hörerin (oder, in diesem Fall, dem Sänger/der Sängerin, der/die das Gesungene
selbst hört) mit seinen/ihren Kenntnissen und Vorlieben sowie dem jeweiligen
Singkontext abhängig sei.59 Gerade letzterer umfasst nicht nur das Akustische,
das sich weiter unterteilen lässt in das Wahrnehmen des Singens des Kirchenlieds
an sich und musikalische »Nebeneffekte« wie das Rauschen und Dröhnen der

Orgel, das Singen der anderen oder des Widerhalls im Kirchenraum, sondern
auch eine Reihe weiterer Sinneseindrücke: den Geruch (z.B. von Kerzenrauch
oder von Weihrauch bei besonders festlichen Anlässen), den visuellen Eindruck
(z.B. von beeindruckenden Menschenmassen oder von festlicher Beleuchtung),
die Haptik (z.B. des Gesangbuches in den Händen oder der Bank unter den
Knien), das Körpergefühl (z.B. das Vibrieren der Stimmbänder, das Mitschwin-
gen der tiefen Töne der Orgel im Bauch, das Atmen beim Singen, Gänsehaut,
Spannung oder Zittern) oder die sinnliche Wahrnehmung der Nähe bestimmter
Menschen, von Hitze oder Kälte, von Enge oder Weite.
Dieses »Sinnesfeuer« verbindet sich im Einzelnen mit potentiell schon vor-
handenen Gefühlen wie Andacht, Vorfreude (z.B. auf die Bescherung am Weih-
nachtsabend), Rührung oder Trauer zu einem emotionalen »Gesamtpaket«, das
mit dem gesungenen Kirchenlied und dessen Emotionalität gekoppelt wird. Der
Musikpsychologe Eckart Altenmüller exemplifiziert diesen Vorgang folgender-
maßen:

Die ersten Weihnachtslieder, die wir als Kinder gesungen haben, bleiben mit den
damaligen Gefühlen verbunden. Hirnphysiologisch bedeutet das, der Weihnachts-
baum, die Geschenke, der Geruch und die Lieder gehören so stark zusammen, dass
diese Verknüpfung ins Langzeitgedächtnis eingeht. In der Regel sind diese Erinne-
rungen mit positiven Emotionen verknüpft.60

Emotionen scheinen für die Gedächtnisbildung grundsätzlich von höchster Be-


deutung zu sein,61 und insbesondere der Musik wird in diesem Zusammenhang

58 Kopiez, Reinhard: Wirkungen von Musik. In: Musikpsychologie. Das neue Handbuch. Hg.
von dems., Herbert Bruhn und Andreas C. Lehmann. Reinbek: Rowohlt 2008, S. 529.
59 Siehe dazu ebd.

60 Altenmüller, Eckart: Gefühlssache Weihnachtslied. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitungy


23. 1 2.20 1 3, http://www.derwesten.de/kultur/gefuehlssache-weihnachtslied-aimp-id8803407.html
(zuletzt abgerufen am 15.06.2014); vgl. auch die Umfrageantwort Holger Glandorfs (s.o.).
61 Siehe z.B. Altenmüller, Eckart/Kopiez, Reinhard: Starke Emotionen und Gänsehaut beim
Musikhören: Evolutionäre und musikpsychologische Aspekte. In: Hörkultur. 16. Multi-
disziplinäres Kolloquium der Geers-Stiftung 2012. Hg. von Gottfried Diller. Heidelberg: Me-
dian- Verlag 2013 (Schriftenreihe Geers-Stiftung 19), S. 55-62; Kensinger, Elizabeth A.:
Emotional Memory Across The Adult Lifespan. New York: Taylor & Francis 2009; Cady,
Elizabeth T./Harris, Richard Jackson/Knappenberger, J. Bret: Using music to cue autobio-

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eine besondere Rolle zugesprochen, die nicht nur für die Musiktherapie, z.B. bei
Demenzkranken, erfolgreich zum Tragen kommt:62

Das Erkennen [eines Musikstückes] beschränkt sich [...] häufig nicht allein auf die
Klänge, sondern es werden oft auch frühere Hörsituationen, die damals dabei emp-
fundenen Emotionen, oft ein ganzes Lebensgefühl einer Lebensepoche mit aus dem
Gedächtnis hervorgeholt.63

Wie Eckart Altenmüller und Reinhardt Kopiez erläutern, scheinen für eine starke
emotionale Reaktion auf Musik »Konditionierungs-Prozesse [...] eine Rolle zu
spielen, da [...] die Wahrscheinlichkeit für Gänsehaut bei schon bekannten Mu-
sikstücken höher ist als bei völlig unbekannten.«64 Altenmüller vertritt jedoch die
Meinung, dass sich der emotionale Gehalt von Liedern durch zu häufiges Akti-
vieren auch abnutzen könne.65 Er unterscheidet damit zwischen solchen Kirchen-

liedern, die häufig und regelmäßig gesungen werden, und solchen, die nur ab und
zu erklingen, und spricht den letzteren eine längerfristige emotionale Wirkung
zu. Eine vergleichbare Klassifizierung, wenn auch mit gegensätzlicher Bewertung,
findet sich beispielsweise schon im 19. Jahrhundert beim Herausgeber des katho-
lischen Gesangbuches Cantate /, Heinrich Bone, der den Standpunkt vertrat, wah-
re Erbauung benötige das Stereotype: »Nicht die Abwechslung ist es, was erbaut;
sie dient nur der Neulust und der geistigen Unruhe [...]. Erst wenn der Reiz der
Neuheit aufgehört hat, bewährt sich die wahre Liebe und die Kraft der Gesin-
nung.«66 Bone sprach in diesem Zusammenhang auch die »von Kindheit an ver-
trauten Klängefn]« an, in die die Gemeinde »aus der Fülle des Herzens« mit ein-
stimme.67

Auch die kognitive Religionswissenschaft unterscheidet für die Ritualfor-


schung in Anlehnung an Harvey Whitehouse zwischen unterschiedlichen religiö-

graphical memories of different lifetime periods. In: Psychology of Music 36/2 (2008),
S. 157-178.

62 Siehe z.B. Hansen, Sylvia: Erinnerungen: ein Weg zur Gegenwart - Musiktherapie mit al-
ten, chronisch kranken Menschen. In: Musiktherapeutische Umschau: Forschung und Praxis
der Musiktherapie 18/2 (1997), S. 94-192; Muthesius, Dorothea: »Und wie ist der Alltag. Er
geht eben vorbei«: Alltäglichkeit in Erzählungen älterer Menschen über Musik. In: Musik &
Ästhetik 39 (2006), S. 20-32.
63 Altenmüller, Eckart: Musik entsteht im Kopf: Zur Psychoakustik und Psychologie der Mu-
sikwahrnehmung. In: Vox Humana 7/3 (2012), S. 22.
64 Altenmüller, Eckart/Kopiez, Reinhard: Schauer und Tränen: zur Neurobiologie der durch
Musik ausgelösten Emotionen. In: Musik: gehört , gesehen und erlebt. Festschrift Klaus-Ernst
Behne zum 65. Geburtstag. Hg. von Claudia Bullerjahn, Heiner Gembris und Andreas C.
Lehmann. Hannover: Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover 2005, S. 173.
65 Altenmüller: Gefühlssache Weihnachtslied (wie Anm. 60): »weil die [Weihnachts-] Lieder
nur einen Monat im Jahr gesungen werden, nutzen sie sich nicht so schnell ab.«
66 Bone, Heinrich: Cantate!: kath. Gesangbuch nebst einem vollständigen Gebet- u. Andachts-
buche. Paderborn: Schöningh 1847, S. XII.
67 Ebd., S. XV.

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sen Modi und dementsprechenden emotionalen Wirkungsweisen: dem imagisti-
schen und dem doktrinalen Modus der Religiosität.68 Der imagistische Modus
bezieht sich auf Rituale, die sehr selten, teilweise sogar einzigartig, aber dafür
emotional höchst erregend sind und aus denen sich enge lokale Gruppierungen
unter geringer Führungsgewalt ergeben. Die Erinnerungen an genau definierte,
persönlich erlebte Ereignisse, von denen in der Umfrage Mein liebstes Kirchenlied
z.B. Rupert Neudeck, Andrea Nahles, George Alexander Albrecht oder Joachim
Kardinal Meisner berichten (s.o.), weisen auf einen solchen Modus hin. Demge-
genüber bezieht sich der doktrinale Modus auf Rituale, die häufiger und regel-
mäßig, aber dafür weniger emotional intensiv sind und aus denen sich größere,
anonymere, aber auch erweiterbarere Gemeinschaften ergeben, die unter einer
stärkeren Führung stehen. Lieder, die regelmäßig im Gottesdienst gesungen wer-
den und diffus an immer wiederkehrende emotionale Eindrücke erinnern, wur-
den vermutlich in diesem Modus rezipiert.
Zwischen diesen beiden Polen - dem stereotypen, regelmäßigen, doktrinalen
und dem seltenen, ungewohnten, imagistischen - lassen sich die unterschiedli-
chen Aussagen zur emotionalen Wirkung von Singen in rituellen Kontexten bzw.
konkret in der Kirche orten. Bones Begründung für stereotyp und historisch tra-
dierte Kirchenmusik entspräche dem doktrinalen Modus von Religiosität, wäh-
rend sich aus Altenmüllers Annahme, die emotionale Wirkung von Kirchenlie-
dern könne sich durch zu häufiges Singen »abnutzen«, eher eine Favorisierung
des imagistischen Modus von Religiosität mit sich brächte, in dem seltene, aber
dafür herausragende Erlebnisse stärker emotional erregend erfahren und dadurch
in ihrer Ereignishaftigkeit deutlicher erinnert werden. Stefanie Stadler Elmer, die
sich intensiv mit der Psychologie des Singens beschäftigt, vertritt wiederum die
Ansicht, Wiederholung begünstige »das Erinnern sowie das Entstehen von Ritua-
len«:

Bei jahreszeitlich sich wiederholenden Festen, Feiern und öffentlichen Anlässen ist
[...] Gesang [...] ein wichtiges Mittel, kollektive Erinnerungen symbolisch zu aktua-
lisieren und zu beleben. Liedersingen ermöglicht, überlieferte Erfahrungen zu wie-
derholen und zu variieren. Es sind gesellschaftliche Anlässe, welche auf Vergange-
nes verweisen und etwas Vergangenes wieder aufleben lassen. Bekannte Lieder er-
wecken Erinnerungen an vergangene Gefühle.69

Auch der Benediktinerpater Urban Sillhard ist der Meinung, Kirchenlieder müss-
ten »Beheimatung schenken« und »einen hohen Wiedererkennungswert haben.
Sie schreiben Erfahrungsgeschichte, sie wecken erlebte Emotionalität und erin-

68 Siehe u.a. Whitehouse, Harvey: Modes of religiosity: Towards a Cognitive Explanation of


the Sociopolitical Dynamics of Religion. In: Method & Theory in the Study of Religion 14
(2002), S. 293-315.
69 Stadler Elmer, Stefanie: Entwicklung des Singens. In: Musikpsychologie. Das neue Hand-
buch (wie Anm. 58), S. 153.

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nern an zurückliegende Feiern. Man muss sich beim Liedgut zu Hause fühlen.«70
In fast wörtlicher Übereinstimmung äußert sich die Hymnologin Irmgard Scheit-
ler, wenn sie schreibt: »Ein eingesungenes Lied ist für die Gemeinde ein Stück
Heimat.«71

Das Beheimatetsein in bekannten Liedern wird jedoch von anderer Seite als
durchaus problematisch gesehen. So sei die Gefahr, dass die »Botschaft, die [die
Lieder] verkünden, [...] ungehört bleiben« könne, wenn »viele, die leise mitsum-
men und sich an Kindertage erinnern, kaum noch [wissen], worum es eigentlich
geht«.72 Diese Sichtweise wird hinsichtlich der emotionalen Wirkungsweise von
Kirchenliedern sicherlich eher seltene, aber dafür herausragende Ereignisse be-
vorzugen, wie sie im imagistischen Modus der Religiosität stattfinden.
Immer wieder wird außerdem betont, dass Kirchenlieder der religiös-
emotionalen Lebenswelt der heutigen Gesellschaft entsprechen müssten,73 um
ihre volle Funktion innerhalb der (Erinnerungs-)Religion entfalten zu können.
Gesangbücher sollten daher durchaus auch auf alte, wenn auch liebgewonnene
und vertraute Kirchenlieder verzichten, wenn sie in ihrer emotionalen Valenz
erschöpft und keinerlei religiöse Lebendigkeit mehr mit sich brächten. Gesang-
bücher sollten bewohntes und unbewohntes Gedächtnis darstellen für die Lieder,
die zum tatsächlichen sowie zum potentiellen Aufrufen und Erneuern der darin
ge(h)orteten religiösen Emotionen anregten.
Ein »großer Wurf« sei den Bischöfen mit dem neuen Gotteslob gelungen, so ti-
telte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 21. Februar 20 13.74 Dies bezieht sich
nicht nur auf den Liedteil des Gesangbuches, sondern auch ausdrücklich auf die
Gebetsteile, die Erläuterungen und Anleitungen, die einen großen Teil des Bu-
ches ausmachen. Als ein solches Gesamtwerk solle das neue Gotteslob ein »Haus-
buch« sein, nicht nur »in der Kirche ausgelegt« werden, hofft Bischof Hofmann:
»In dem Buch liegt ein Schatz, der darauf wartet, gehoben zu werden.«75 Er betont
damit die von der Kommission anerkannte Bedeutung des Gotteslobs als Ge-
dächtnis, das viel Wertvolles horten wolle, was von den Menschen, die das Buch
nutzen, wiederum lebendig gemacht werden könne. Während für einen großen
Teil der sozialen Gruppe, innerhalb derer das Gesangbuch seine Erinnerungskul-
tur entfalten kann, das emotional-individuelle, kommunikative Gedächtnis von
besonderer Bedeutung ist, steht für die Kirche die theologisch begründete Funk-

70 Sillhard, Urban: Unsere singenden Gemeinden: Erfahrungen mit dem Gotteslob. In: Sin-
gende Kirche 50/2 (2003), S. 72.
71 Scheitler, Irmgard: Gotteslob 1975. In: Gotteslob-Revision (wie Anm. 17), S. 86.
72 Greiner, Ulrich: Labsal gegen den Verdruss. Das Kirchenlied ist noch immer die beliebteste
Form des Gotteslobes. In: Die Zeit Nr. 52 vom 19.12.2013, S. 60.
73 Siehe z.B. Scheitler: Gotteslob (wie Anm. 71), S. 82f.
74 Deckers, Daniel: Das neue Gotteslob. Großer Wurf. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung
vom 2 1 .02.20 1 3, http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/das-neue-gotteslob-grosser-wurf-
12087988.html (zuletzt abgerufen am 15.06.2014).
75 Ebd.

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tion des Gotteslobs an erster Stelle. Als Institution leitet sie durch das Erstellen
eines solchen Gesangbuches die christliche Erinnerungskultur durch Bereitstellen
eines Speichers, der zur gelebten Funktion werden soll. Sie leistet »organisierte
Erinnerungsarbeit«,76 die notwendig wird, wenn Kommunikatives nach drei bis
vier Generationen droht, in Vergessenheit zu geraten - ein Status, der für das
Christentum seit fast zwei Jahrhunderten gilt. Um ihre religiösen Inhalte im kol-
lektiven Gedächtnis zu bewahren, ist die Kirche daher darauf angewiesen, erstens
das kulturelle Gedächtnis »mit festen Objektivationen sprachlicher und nicht-
sprachlicher Art«,77 z.B. durch Kirchenlieder, immer wieder neu zu fundieren,
und zweitens das kommunikative Gedächtnis durch Möglichkeiten »sozialer In-
teraktion«78 immer wieder neu zu beleben. Für Jan Assmann kann dies nur gelin-
gen durch »Speicherung, Abrufung, Mitteilung, oder: poetische Form, rituelle
Inszenierung und kollektive Partizipation.«79 In diesem Sinne kann ein Gesang-
buch als musikalischer Erinnerungs(h)ort verstanden werden, 1) als Speicher po-
etischer Formen, in diesem Falle von Kirchenliedern, die wiederum selbst als Er-
innerungshorte Geschichte, Inhalte und Emotionen mit sich tragen oder wieder
neu hervorrufen, 2) als Ort, an dem Geschichte sich zu einem bewohnten Ge-
dächtnis transformiert und Erinnerung in ritueller Inszenierung abgerufen wird,
schließlich 3) als Ort, an dem sich den kollektiv Partizipierenden das Erinnerte
mitteilen kann. Dass dieser Dreischritt sich im Medium der Musik vollzieht, die
eine Vielzahl von Sinnen anspricht, mag dabei die beste Voraussetzung für das
Gelingen einer weiter lebenden Erinnerungskultur darstellen, denn Inhalte müs-
sen in individuellen körperlichen Empfindungen, in Emotionen »versinnlicht
werden, bevor sie als Gegenstände ins Gedächtnis Einlaß finden können.«80

76 Assmann: Das kulturelle Gedächtnis (wie Anm. 7), S. 65.


77 Ebd., S. 52.
78 Ebd.
79 Ebd., S. 56.
80 Ebd., S. 37.

Das Gotteslob als emotional-musikalischer Erinnerungs(h)ort 93

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