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Essay: Intuition

Article · July 2020

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Annegret Schmucker
Hochschule der Medien Stuttgart
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Wissenschafts- und Erkenntnistheorie | Dr. Johannes Schick | MR3 HdM Stuttgart | SoSe 2020
Vorgelegt von: Annegret Schmucker | as399@hdm-stuttgart.de | Matrikelnr.: 40541

Essay zum Thema „Intuition“

Folge deiner Intuition. Diese sprachgebräuchlich verwendete Affirmation wird allseits mit
dem Begriff der „Intuition“ verbunden. Man solle seiner Intuition, seinem Bauchgefühl,
folgen. Doch umfasst der Begriff der Intuition mehr als die umgangssprachliche
Assoziation des Bauchgefühls. Dies zu erforschen ist Gegenstand weitreichender
philosophischer und erkenntnistheoretischer Diskussion. Genauer gesagt, die Bedeutung
und Beschreibung der Intuition im Zusammenhang mit Analyse und wissenschaftlichem
Erkennen.

Der vorliegende Essay befasst sich mit genau diesem Verhältnis, insbesondere unter
Betrachtung der theoretischen Ansätze und Erkenntnisse des französischen
Philosophen Henri Bergson, um die folgende These desselbigen näher zu erörtern:
„Von der Intuition kann man zur Analyse übergehen, aber nicht von der Analyse zur
Intuition.“ (Bergson 1946).

Was genau sagt diese These aus? Eine erste, persönliche, vielmehr „intuitive“ Deutung
Bergsons These sieht wie folgt aus: Die Intuition ist prägend für analytisch erfasste
Erkenntnisse und geht diesen voran, die analytischen Erkenntnisse wiederum lassen
nicht auf die Intuition schließen und gehen dieser ergo nicht voran.

Für den französischen Philosophen gibt es zwei Methoden, wie ein Objekt erkannt
werden kann. Zum einen gibt es eine relative Erkenntnis, zum anderen eine absolute. Die
relative Erkenntnis kann auch in eine alltägliche, naturwissenschaftliche Erkenntnis
übersetzt werden, die absolute Erkenntnis in eine intuitive, metaphysische (Bergson
1946). Die Analyse ist hierbei die Zugänglichkeit des Relativen, die Methode der Intuition
erfasst das Absolute. Auf die letztere wird nachfolgend eingegangen.

Um Bergsons „Methode der Intuition“ zu beschreiben kann folgendes Szenario


hinzugezogen werden: Zunächst stellt man sich vor, es gäbe ein Bereich „mit bestimmten
Reihen von Tatsachen“ (Bergson 1946). Von diesen Reihen lässt sich auf Folgerungen
schließen, und somit können diese hypothetisch verlängert werden; jedoch unter der
Voraussetzung, dass sich bei der Anordnung der Tatsachen bestimmte

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Regelmäßigkeiten ergeben (Wild 2012). An einem bestimmten Punkt werden die
beschriebenen Tatsachenreihen zusammenlaufen, konvergieren. Der Bereich, aus
welchem die Tatsachen entnommen sind, besteht bei diesem Szenario aus einem
Wesen, welches die Reihen bildet. Die hergestellte Konvergenz wird laut Bergson durch
die Intuition erfasst. Der Konvergenzpunkt stellt für Bergson das zu Grunde liegende
Ganze, das Absolute, dar (Wild 2012). Bergson beschreibt zudem die Intuition in anderen
Worten als „Sympathie, durch die man sich in das Innere eines Gegenstandes versetzt“
um dadurch das Objekt in seinem Absoluten und in seiner Einzigartigkeit zu erfassen
(Bergson 1946).

In Bezug auf die Begrifflichkeit des Begriffs, geht es Bergson beim Erfassen des
Absoluten nicht darum, Begriffe Gegenständen zuzuordnen, sondern die Intuition selbst
gewinnt den Begriff, vielmehr den Wesensbegriff, am Gegenstand (Wild 2012). Bei der
Analyse spielt der Begriff eine andere, zentrale Rolle. Denn in der Analyse wird danach
gestrebt, Gegenstände auf ihre bereits bekannte Weise und gemeinsame Elemente
zurückzuführen, ihren (bereits) erfassten Begriff zu untermauern. Bergson beschreibt,
dass Analysieren bedeutet, etwas „in fertige Begriffe aufzulösen“ (Bergson 1946). Die
Analyse versucht somit Dinge in ihre Einzelteile zu zerlegen, um diese in unter anderem
Formeln, Symbolen, Sprachen oder Zeichen einzugrenzen (Scott 2012).

Zur weiteren Verdeutlichung der Eingangsthese bietet sich das folgende Beispiel an. Ein
Element wird analytisch, relativ, an der Tatsache, dass es unveränderlich ist, erkannt.
Diese Erkenntnis wird insbesondere darin gestärkt, dass die Unveränderlichkeit durch die
fließende Realität erst erfasst werden kann. Hier spielt die Intuition mit ein, denn laut
Bergson beschreibt die Intuition die Bewegung - in seinen Worten - „die fließende
Realität“, welche wiederum geprägt ist von ihrer Veränderlichkeit (Bergson 1946). Aus
dieser Veränderlichkeit kann man laut Bergson „beliebig viele Variationen, Qualitäten
oder Modifikationen abziehen, weil sie alle nur eben so viele unbewegliche Teilansichten
darstellen, die die Analyse aus der in der Intuition gegebenen Bewegung fixiert.“ (Bergson
1946).

Die Bewegung im Zusammenhang mit der Intuition stellt ein zentraler Kern der Theorie
Bergsons dar. Die Intuition bedient sich der Bewegung und des Bewusstseins und damit
einhergehend mit der Dauer, welche für Bergson das Absolute der Zeit darstellt. Eine
Verdeutlichung Bergsons „durée“ (franz. für „Dauer“) liefert die Vorstellung, dass jede
Bewegung, jedes Bewusstsein eine unteilbare Einheit bildet, die Teil der Zeit ist.

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Die Bewegung und das Bewusstsein bestehen somit in der Dauer. Die Erkenntnis dieser
Dauer beschreibt die Intuition (Bergson 1946).

Laut Bergson befasst sich die Analyse hingegen insbesondere mit dem Starren und
Unbeweglichen, welche wiederum die oben beschriebenen unbeweglichen
„Teilansichten“ zu Grunde nehmen kann, und diese beliebig modifizieren. Abgeleitet aus
Bergsons Ausführungen, kann man die aus der Analyse gewonnenen Erkenntnisse
durchaus als „Momentaufnahmen“ sehen, die sich der fließenden Realität der Intuition
bedienen und diese zu Grunde nehmen.

Zur Verdeutlichung, dass Intuition der Analyse voraus geht, jedoch die Analyse nicht der
Intuition, führt Bergson mehrere Beispiele zur Verbildlichung der formulierten These auf.
Als eines dieser Beispiele wählt Bergson die Bewegung im Raum. Man kann sich im
Verlauf dieser Bewegung mögliche Ruhepunkte im Raum vorstellen, die man als Punkte,
durch welche der bewegte Gegenstand hindurchgeht, sehen kann. Seien diese Punkte
nun ins Unendliche gehäuft, aus ihnen wird sich nie eine Bewegung „summieren“, da sie
keine Teile der Bewegung darstellen, sondern vielmehr Momentaufnahmen darstellen
(Bergson 1946). Bergson beschreibt, dass der bewegte Gegenstand niemals in einem
dieser Punkte sein könne, sondern höchstens, dass er durch ihn hindurchginge.
Bergsons Grundgedanke aus beschriebener Situation lässt sich besonders eindeutig mit
folgendem Fazit festhalten: „Eine Beweglichkeit kann nicht mit Unbeweglichem zur
Deckung gebracht werden.“ (Bergson 1946). Wir können annehmen, dass Bergson
hierbei die Bewegung und Beweglichkeit als Intuition beschreibt, die Ruhepunkte und die
Unbeweglichkeit als die Analyse. Damit kann die Intuition der Analyse nicht gleichgesetzt
werden, selbst wenn - laut Bergson - die Analyse stetig versucht, eine „gewisse Anzahl
von Ruhepunkten zu unterscheiden“ und aus diesen Teilen der Bewegung machen zu
wollen. Sprich, sich die vom Intellekt gesteuerte Analyse der Intuition gleichzusetzen
versucht, was jedoch einer Nachahmung der wirklichen Bewegung, der Intuition, gleicht
(Bergson 1946).

Eine weitere Verbildlichung der These beschreibt Bergson mit dem Vergleich eines
Gedichts. Würde die Analyse die Intuition definieren, ihr vorangehen, so wäre es als
könnte man die Bedeutung eines Gedichts mit zunehmender Analyse einzelner
Buchstaben erfassen. Dabei sei es laut Bergson aussichtslos, einen Teil des
übergeordneten Sinnes des Gedichts in einem einzelnen Teil zu erfassen. Denn die
„Buchstaben sind kein Teil der Sache, es sind Elemente und Symbole.“ (Bergson 1946).

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Ein Gedicht ist ein besonders passendes Beispiel. Dichtung und Prosa ist per se intuitiven
Ursprungs und die Idee zur Entstehung eines lyrischen Werks entspringt einer absoluten
(kreativen) Quelle, deren Bedeutung sich nicht analytisch erfassen lässt. Jede
Gedichtinterpretation bedient sich Ruhepunkten im Raum, doch wird sie die Bewegung,
Schwingung, des Gedichts bestenfalls annähernd erfassen können. Und selbst dann,
wird sie nie die fließende Realität begreifen.

Literatur:

Bergson, H.-L. (1946): Einführung in die Metaphysik, in: Denken und Schöpferisches
Werden. Aufsätze und Vorträge, Westkulturverlag, Meisenheim am Glan, S.180 - 220

Scott, D. (2012): Bergson on Intuition. Erschienen in: Understanding Bergson,


Understanding Modernism. Hrsg: Ardoin, P./ Gontarski S. E. / Mattison, L. S. 320-322.
New York: Bloomsbury.

Wild, M. (2012): Intuitionen, intuitiver Verstand und Intuition. DZPhil, Akademie Verlag,
60 (2012) 6, S. 1011–1018

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