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46 C: Die Tempelschatzkammern der griechisch-römischen Zeit

Die Raumbezeichnung Hwt-DfAw ist erst in ptolemäischer Zeit belegt und verweist nur in
zwei Fällen eindeutig auf einen Raum im Tempel. Der erste Beleg befindet sich im
Türdurchgang der Schatzkammer von Athribis (1) und ist aufgrund des sich mit Mineralien
befassenden Inhalts mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Schatzkammer selbst zu
beziehen.276 Auch an der Tür zur westlichen Seitenkammer in der Passage des Westturms
des ersten Pylons von Philae ist diese Raumbezeichnung (2) eingraviert. Sie steht auf der
südlichen Laibung als Synonym zu abA-DfAw, das auf der nördlichen Seite notiert wurde.277
Darüber hinaus wird die Bezeichnung auch in der Götterliste des Buchs vom Tempel
aufgeführt.278

1.5.2 Bedeutung des Ausdrucks Hwt-DfAw


Die Bezeichnung Hwt-DfAw ist mit „Haus der Speisen“ zu übersetzen und steht nach
MOUGENOT möglicherweise mit dem Ausdruck HAt-DfAw in Verbindung. Dieser erscheint im
Alten Reich als Bestandteil von Titeln, die Schatzhausvorsteher innehaben.279
Während Hwt-DfAw in den Tempeln von Athribis und Philae eindeutig eine Raum-
bezeichnung darstellt, existiert der Ausdruck auch als Name des Tempels der osirianischen
Triade von Koptos.280 Darüber hinaus tragen die eng mit der Schatzkammer verknüpften
Renenutet-Göttinnen oftmals das Epitheton xntyt Hwt-DfAw – „Vorsteherin des Hauses der
Speisen“ und xntyt Hwt-xt – „Vorsteherin des Hauses der Opfer“, doch ist letzterer Ausdruck
nicht direkt als Bezeichnung einer Tempelschatzkammer belegt.281

1.6 Zusammenfassung

Wie den eben aufgeführten Raumnamen zu entnehmen ist, findet sich keine ägyptische
Bezeichnung, die wortwörtlich der unter Ägyptologen gebräuchlichen Übersetzung „Schatz-
kammer“, „Schatzhaus“282 bzw. „Trésor“ oder „Treasury“ entspricht. Dennoch scheint das,
was der Ägypter mit diesem Raum in Verbindung brachte, sich mit unseren Vorstellungen
einer Schatzkammer in weiten Teilen zu decken.
Der Ausdruck pr-HD – „Silberhaus“, der dem Wort Schatzkammer inhaltlich am nächsten
kommt, wird oftmals neutral im Sinne von Magazin gebraucht. Auch die oben aufgeführten
synonymen Ausdrücke, die den Raum mit Opferspeisen in Verbindung bringen, sprechen
dafür, dass der Begriff „Schatzkammer“ in einem erweiterten Sinne als Lagerraum zu
betrachten ist. Ein vergleichbares Verständnis findet sich im Deutschen Wörterbuch von

276 Athribis III, 195, 8 [C3, 111].


277 Philä II, 420 und 421, 1; 418 und 419, 1.
278 Hinweis von Joachim Quack in einer E-Mail vom 10.11.2017.
279 MOUGENOT, in: Journal of Intercultural and Interdisciplinary Archaeology 2, 2015, 59–60.
280 TRAUNECKER, Coptos, 131 und 336–337; GAUTHIER, DG IV, 143.
281 Z. B. D IV, 149, 10–11. Für weitere Belege siehe D III, 101, 5; D IV, 183, 8; D VI, 73, 4; D VI, 132, 4; E I,
135, 18; E II, 295, 3; E Mammisi 10, 7 und 44, 16. Hierzu auch MOUGENOT, in: Journal of Intercultural and
Interdisciplinary Archaeology 2, 2015, 59.
282 Generell ist im Kontext von Tempelräumen die Bezeichnung „Schatzkammer“ im Vergleich zu „Schatz-
haus“ vorzuziehen. Das Schatzhaus ist eine staatliche Institution außerhalb der Tempel. Siehe zu letzerem
die Arbeit von AWAD, Schatzhaus.
Beschreibung der Tempelschatzkammern 47

Jacob und Wilhelm Grimm aus dem 19. und 20. Jh., wo als Synonym zu „Schatzkammer“
der Ausdruck „Vorratskammer“ genannt wird.283

2 Beschreibung der Tempelschatzkammern


Die Besprechung der Tempelschatzkammern beginnt zunächst mit den großen Heiligtümern
der griechisch-römischen Zeit und schließt mit den kleineren Sakralbauten ab, aus denen nur
wenige oder keine Inschriften überliefert sind.

2.1 Der Repittempel von Athribis

2.1.1 Raum E 5
Erbauung: Ptolemaios XII. Neos Dionysos (80–51 v. Chr.)
Dekoration: Ptolemaios XII. Neos Dionysos (80–51 v. Chr.)
Publikation: Athribis III, 185–219
Maße: L: 2,71 m; B: 2,33 m; H (rekonstruiert): 4,21 m

Die kleine, annähernd quadratische Schatzkammer E 5 befindet sich auf der linken (öst-
lichen) Tempelhälfte im inneren Bereich des Heiligtums (Tf. 12). Ihr Eingang liegt nur leicht
versetzt zum Osteingang des Sanktuars D 2. Bemerkenswert ist der Zugangsschacht in der
Südostecke der Kammer, der zu den fünf Kryptenkammern führt, die unter den Räumen E 2–
E 5 und unter der Treppe G verlaufen.
Da Raum E 5 aufgrund der darin enthaltenen Inschriften und Darstellungen eindeutig als
Schatzkammer identifiziert werden kann, ist die Passage in der Bandeauinschrift, welche ent-
lang der Ostseite des Tempelhauses verläuft, mit Sicherheit auf diesen Raum zu beziehen:284
di.f (...) nbw HD xsbD mfkAt Er übergibt (...) Gold, Silber, Lapislazuli, Türkis und jegli-
aAwt nbwt Spswt nw XAt r st- chen prächtigen Edelstein der Bergwerke an deine Schatz-
nfrt.k kammer.

Die Schatzkammer E 5 ist zu einem großen Teil zerstört, wobei das Soubassement voll-
ständig, das erste Register jedoch nur noch zu 60 bis 90 % erhalten ist. Den Berechnungen
des ehemaligen Grabungsarchitekten Jacek KOŚCIUK zufolge betrug die Raumhöhe einst
4,21 m, so dass insgesamt nur zwei Register ausgeführt werden konnten. Darüber blieben
noch etwa 80cm, die genug Platz für ein Bandeau de la Frise und eine Friesdekoration boten
(siehe Tf. 32–35).285
Die Inschriften an der Tür wurden bereits unter Ptolemaios XII. ausgeführt, doch die Deko-
rationsarbeiten im Inneren der Kammer wurden nie fertiggestellt, wie man an den Leer-

283 DWB 14, 2287, s. v. Schatzkammer.


284 Athribis III, 3, 7–8 [L1, 94].
285 KOŚCIUK, The General Topography of the Site of Athribis near Sohag, Vortrag bei der SÄK 2005 in
Tübingen, Folie 27 (https://www.academia.edu/5523402/Jacek_Kosciuk_the_general_topography_of_ the_
site_of_Athribis_near-Sohag_SAK_2005)