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Jahrgang aktuell Januar/Februar 2011

Inhalt Editorial
Vierte Gewalt und europäische Identität
Editorial: Genauso wie es möglich sein muss, einen Propheten
Vierte Gewalt und europäische Identität 1 zu karikieren, muss es möglich sein, eine von einer
überwältigenden Mehrheit demokratisch legitimier-
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te Regierung zu kritisieren. Gegebenenfalls, das ist
Geschmacksache, kann Kritik auch unter die Gürtel-
Bericht aus den Institutionen: linie gehen. Im Fall des dänischen Karikaturenstreits
Ungarische Präsidentschaft und Mediengesetz/ war es Europa gelungen, den Angriff auf seine
Atempause für den Euro/ Schäuble will Grundwerte abzuwehren. Die Bundeskanzlerin gar
Wirtschaftsregierung/ Harmonisierung der hat den Karikaturisten, der heute unter Polizeischutz
Wirtschafts- und Sozialpolitik/ Brüssel sucht lebt, besucht und damit nicht ihn, wohl aber die
Lösung für Arbeitszeitrichtlinie/ Opt-out/ Meinungsfreiheit geehrt. Dass Europa möglicherwei-
Barnier für EU-weite Frauenquote/ Rat lehnt se in 2000 gegenüber Österreich überzogen reagierte
20-wöchigen Mutterschutz ab/ Arbeitnehmer- und dafür - bis heute - gegenüber Berlusconis Italien
freizügigkeit: Deutschland wehrt sich gegen geeignete Reaktionen vermissen lässt, kann kein
Kritik/ Leitinitiative zur Armutsbekämpfung/ Argument dafür sein, es nicht im Falle Ungarns bes-
Reform gggg
des Vergaberechts/ Europol 2-8 ser zu machen.
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Die Presse wird auch als vierte Gewalt bezeichnet. Sie
existiert neben der gesetzgebenden, der mit ihr ver-
dbb in Europa: wobenen ausführenden und der – so der nicht mehr
Heesen für moderne Einwanderungspolitik/ überall eingelöste europäische Anspruch – unabhän-
Stöhr fordert gerechte Altersruhesysteme/ gigen rechtsprechenden Gewalt. Auch die Presse ist
Bologna-Prozess und Lehrerbildung/ im Prinzip unabhängig, ihre Freiheit grundrechtlich
Landesleitung des dbb Hessen in Brüssel 9-11 geschützt. So soll es in allen EU-Staaten sein. Die
ungarische Regierung könnte diese Freiheit zur Dis-
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position gestellt haben. Immerhin hat Budapest sich
nun bereit erklärt, das Mediengesetz von der Kom-
Neues von der CESI: mission prüfen zu lassen, die wie viele Europäer, auch
Heesen fordert Durchhaltevermögen/ die Bundesregierung, in großer Sorge ist.
40. Sektoraler Sozialer Dialog begründet/ Die „europäische Identität“ mag nach wie vor von
Bildung: Gemeinsame Erklärung 12/13 nationalen Bindungen überlagert sein. Gleichwohl ist
_______________________________________________________________________ sie im Werden. Die Meinungs- und Pressefreiheit ist
ein gemeinsames europäisches Gut und Bestandteil
Bürger und Verbraucher: der sich herausbildenden europäischen Identität.
Himmelfahrtskommandos 14 Dieses Gut aufs Spiel zu setzen, würde Europa nicht
minder gefährden als die nach wie vor virulente Eu-
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rokrise.
Ausblick: Die Europäer tun gut daran, Viktor Orbán und seiner
Fidesz-Partei genau auf die Finger zu schauen – und,
Liegt Europas Zukunft in den Regionen? wie Neelie Kroes es offenbar wirkungsvoll getan hat,
Termine 15-17 darauf zu klopfen. Sie täten gut daran, auch das Reich
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Silvio Berlusconis genauer in den Blick zu nehmen.
Auch hierzulande ist nicht alles eitel Sonnenschein.
Einblick: Die Presselandschaft ist in der Wirtschaftskrise ge-
schrumpft. Ein Konzentrationsprozess ist im Gang,
Gespräch mit Karl-Heinz Lambertz, der nicht nur viele Journalisten den Arbeitsplatz kos-
Präsident der Arbeitsgemeinschaft tet. Er macht die vierte Gewalt auch verletzlicher
Europäischer Grenzregionen gegen mögliche Angriffe von innen wie von außen.
Impressum 18-20 Die Redaktion wünscht viel Freude beim Lesen
6. Jahrgang aktuell Januar/Februar 2011

Kritik an Mediengesetz Ende Dezember verabschiedete das ungarische


Ungarn übernimmt Ratspräsidentschaft Parlament ein Mediengesetz, dass in dieser Form
die Medienlandschaft Ungarns stark verändern
Der Start in die erste Ratspräsidentschaft
wird. Der Außenminister Luxemburgs, Jean Assel-
Ungarns hätte holpriger kaum sein können.
born, brachte die Kritik auf den Punkt: „Die Pläne
Vollkommen überrascht schien die Regierung
verstoßen klar gegen den Geist und die Worte der
unter Premierminister Viktor Orbán von der
EU-Verträge!“ Zukünftig wird es einen ungari-
internationalen Kritik, die am neuen Medienge-
schen Medienrat geben, in dem fünf Mitglieder
setz geübt wurde. Mittlerweile liegt das strittige
der Fidesz sitzen. Der Rat kann hohe Strafen für
Gesetz bei der Europäischen Kommission, um
unangemessene Berichterstattung verhängen.
unter europäischen Gesichtspunkten überprüft
Außerdem können sowohl staatliche als auch
zu werden. Das Programm, das die ungarische
private Medien gezwungen werden im Namen
Regierung im Rahmen der sogenannten Trioprä-
der „nationalen Sicherheit“ ihre Informanten
sidentschaft mit den beiden vorhergehenden
preiszugeben.
Ratsvorsitzenden Spanien und Belgien umsetzen
wollte, geriet dabei in den Hintergrund.
Die aktuelle Triopräsidentschaft war von Beginn
an außergewöhnlich hohen Belastungen von
Bericht aus den Institutionen

innen und außen ausgesetzt. Musste Spanien in


der ersten Jahreshälfte 2010 mit der Krise in
Griechenland und dem eilig aufgestellten Ret-
tungsschirm zurechtkommen, war Nachfolger
Belgien durch eine anhaltende Krise gelähmt, da
das Land seit den letzten Wahlen lediglich eine
geschäftsführende Regierung hat. Programma-
tisch stellt sich die ungarische Präsidentschaft in
die Tradition ihrer Vorgänger und orientiert sich
an den großen Themen Erweiterung, Reform der
Entspanntes Präsidententrio?
Europäischen Währungsunion, Energiepolitik V.l.n.r. Ratspräsident Viktor Orbán, Parlamentspräsident Jerzy
und der Vorbereitung des Finanzrahmens 2013 – Buzek und Kommissionspräsident José Manuel Barroso
© Europäische Kommission, 2011
2020. Ein weiteres Thema soll die Roma-Politik
der Europäischen Union sein.
Anfang Januar hatte die Europäische Kommission
Statt auf die Sachthemen richtete sich aber be- mit einer Prüfung des Gesetzes begonnen, aller-
reits Ende 2010 der Fokus der europäischen Öf- dings kein offizielles Vertragsverletzungsverfah-
fentlichkeit auf die Innenpolitik der Ungarn. Seit ren eingeleitet. Die zuständige EU-Kommissarin
den Wahlen im April 2010 regiert die konservati- für die Digitale Agenda, Neelie Kroes, beanstande-
ve Bürgerunion Bund Junger Demokraten (Fi- te daraufhin in einem Brief einige Regelungen, die
desz) von Premier Viktor Orbán mit einer Zwei- ihrer Ansicht nach gegen die audio-visuelle Richt-
drittelmehrheit. Die ehemals regierenden Sozia- linie der EU verstoßen. Auf die Fragen der Presse-
listen brachen um mehr als die Hälfte ihres vor- freiheit, die im eigentlichen Fokus der Kritik stan-
herigen Wahlergebnisses ein und die rechtsext- den, ging sie nicht ein. Der ungarische Vize-
reme Jobbik wurde drittstärkste Kraft im Parla- Premier Tibor Navracsics kündigte daraufhin Ende
ment. Seither hat Fidesz seine neue Machtfülle Januar in einem Brief an, Ungarn werde die ange-
genutzt, um umfangreiche Reformen in Ungarn sprochenen Punkte prüfen und entsprechende
umzusetzen. Eine „Krisensteuer“, die vor allem Änderungen abwägen. Im Kern wies er die Kritik
ausländische Unternehmen trifft, rief die EU- am Gesetz allerdings erneut als unangemessen
Kommission auf den Plan. Zudem scheint die zurück. Der Vorsitzende der Fraktion der Liberalen
Regierung nicht mehr mit den Gewerkschaften im Europäischen Parlament, Guy Verhofstadt,
zu sprechen. Der Präsident der unabhängigen kritisierte die Reaktion aus Ungarn scharf: „Die
europäischen Gewerkschaften, Peter Heesen, hat Antwort der ungarischen Regierung ist völlig un-
dies wiederholt kritisiert und sich auch unmit- zureichend und geht auf den zentralen Vorwurf
telbar mit einem Schreiben an den Ministerprä- nicht ein!“
sidenten gewandt.

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Atempause für den Euro hohen Risikoaufschlägen auf ihre Anleihen zu


stabilisieren, hat die Europäische Zentralbank
Spanien, Portugal und Italien waren Anfang Janu-
(EZB) in den vergangenen Monaten Staatsanlei-
ar auf dem Anleihemarkt erfolgreich, konnten
hen dieser Länder aufgekauft und damit einen –
sich frisches Geld leihen. Die Schuldenfinanzie-
so sehen es die Deutschen - Sündenfall begangen.
rung der gefährdeten Eurostaaten funktioniert.
Viele befürchten, dass diese Vorgehensweise zu
Ob dies im weiteren Verlauf des Jahres so bleibt,
einer unkontrollierten Transferunion innerhalb
ist allerdings nach wie vor eine offene Frage.
der Eurozone führt. Um sich wieder auf ihre ei-
Denn über 800 Milliarden Euro müssen in 2011 im
gentliche Aufgabe, die Sicherung der Geldwert-
Euroraum refinanziert werden. Der Euro-
stabilität, konzentrieren zu können, sucht die EZB
Rettungsschirm bleibt aufgespannt. Zwischen-
nun den Ausweg, dem EFSF den Kauf von Staats-
zeitlich wurde zwar über die Notwendigkeit sei-
anleihen zu ermöglichen. Auch dies sehen Bun-
ner Aufstockung gestritten. Der Euro hat aber,
desregierung und Bundesbank gleichermaßen
was die Märkte angeht, eine Atempause. Sorgen
skeptisch. Die Bundesregierung drängt vielmehr
bereitet inzwischen vor allem die rasch steigende,
auf härtere Schuldenregeln, empfiehlt anderen
von explodierenden Rohstoffpreisen getriebene
EU-Staaten, Schuldenbremsen nach deutschem
Preisteuerung.
Vorbild in ihre Verfassungen aufzunehmen.
In den vergangenen Wochen hat es intensive
Bericht aus den Institutionen

Diskussionen gegeben, ob der europäische Ret-


tungsschirm aufgestockt werden muss. EU-
Währungskommissar Olli Rehn will es so. Die EU-
Kommission will es so. Ihr Präsident, José Manuel
Barroso hat wiederholt darauf gedrängt, um den
Märkten ein noch eindeutigeres Zeichen zu sen-
den, dass der Euro auf keinen Fall aufgegeben
wird. Und um gewappnet zu sein für den Fall, dass
doch noch größere Schuldner als Irland oder Por-
tugal Hilfe benötigen. Da Deutschland sich vehe-
ment gegen eine Aufstockung des Rettungs-
schirms ausgesprochen hat, soll er nun zwar, so
der Kompromiss, in seiner Höhe unverändert
bleiben. Die so genannte Finanzstabilisierungsfa- Die Furcht vorm Dominoeffekt
© MACLEG - Fotolia.com
zilität (EFSF) in Höhe von 440 Millionen Euro, die
die Eurostaaten garantieren, soll aber in größerem Das starke Interesse der EZB, sich wieder um ihr
Umfang als bisher für Kredite zur Verfügung ste- Kerngeschäft kümmern zu können, kommt nicht
hen. Bisher beträgt die mögliche Kreditsumme von ungefähr. Die Inflationsrate der Eurostaaten
255 Milliarden Euro. Der Rest dient als Garantie ist im Januar auf 2,4 Prozent gestiegen. Sie liegt
und sichert die günstige Zinshöhe. damit oberhalb des Inflationsziels der EZB von 2
Das letzte Wort dürfte indes noch nicht gespro- Prozent. Preistreiber sind vor allem Rohöl, Metalle
chen sein. Sollte doch ein größeres Land Schwie- und seltene Erden, um deren Verfügbarkeit die
rigkeiten bekommen, sich Geld auf dem Anleihe- Industriestaaten sich mittlerweile sorgen. Aber
markt zu beschaffen, wird die Diskussion um die auch Agrarrohstoffe haben sich stark verteuert,
Größe des Schirms neu aufflammen. Dabei stehen was in ärmeren Ländern außerhalb der EU bereits
dem Euro-Rettungsschirm insgesamt sogar 750 zu Lebensmittelverknappungen und Versor-
Milliarden Euro zur Verfügung, da auch die EU gungsengpässen führt. Pessimisten befürchten
selbst Stabilisierungshilfen und auch der Interna- bis 2012 einen Anstieg der Inflation in Europa auf
tionale Währungsfonds (IWF) Mittel bereithalten. bis zu 4 Prozent. EZB-Chef Jean-Claude Trichet
Bereits im Dezember war jedoch von einer mögli- spricht – auf dem Geldmarkt ist Ruhe die erste
cherweise nötigen Verdoppelung dieser Summe Bürgerpflicht – von einem „Buckel“, rechnet also
auf unvorstellbare 1,5 Billionen Euro die Rede. mittelfristig mit einer Verlangsamung des Preis-
Berlin sperrt sich gegen eine solche Ausweitung. anstiegs.

Um die Eurostaaten mit Refinanzierungsproble-


men beziehungsweise schlechten Ratings und

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Schäuble will europäische Wirtschaftsregierung nen gegen Defizitsünder will er früher, schneller
durch verstärkte Zusammenarbeit und „quasi automatisiert“ verhängt sehen. „Hier-
zu werden wir die haushalts- und wirtschaftspoli-
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat
tische Überwachung im Rahmen des Stabilitäts-
sich in einem am 27. Januar in der Frankfurter
und Wachstumspakts deutlich verschärfen“, so
Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Namensar-
der Minister. Im Herbst vergangenen Jahres war
tikel „für eine bessere Verfassung Europas“ aus-
der deutsche Wunsch nach Automatismen im
gesprochen. Schon 1994 hatte der CDU-Politiker
Sanktionsverfahren am Widerstand anderer EU-
Konzeptionen für Fortschritte in der europäischen
Staaten gescheitert. Eurobonds und mit diesen
Integration entwickelt, an die sich die neuen
eine „Vergemeinschaftung des Zinsrisikos“ soll es
Überlegungen anschließen. Schäuble argumen-
nicht geben, bekräftigt Schäuble die Haltung der
tiert für eine verstärkte Zusammenarbeit der
Bundesregierung.
Regierungen, die sich auf eine engere Verzah-
nung ihrer Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpoliti-
ken verständigen wollen. Der aktuelle Beitrag des
Bundesfinanzministers ist vor allem als eine Ant-
wort auf die europäische Schuldenkrise zu verste-
hen.
Bericht aus den Institutionen

Schäuble spricht sich für eine europäische „Wirt-


schaftsregierung“ aus, die sich durch eine „besse-
re Abstimmung der nationalen Finanz-, Wirt-
schafts- und Sozialpolitiken“ auszeichnet. Eine
„zunächst“ intergouvernementale, also auf Ebene
des Europäischen Rats praktizierte „verstärkte
Zusammenarbeit“ sei hierzu das „Mittel der
Wahl“. Denn weiterreichende Integrationsschritte
betrachtet er vorerst als wenig aussichtsreich,
„weil die politischen Widerstände gegen eine
weitere Vergemeinschaftung beim demokrati-
schen Souverän in den allermeisten Mitgliedstaa-
ten und damit auch in den Parlamenten derzeit
Auf der Suche nach Europa
unübersehbar sind“. © Vitezslav Halamka - Fotolia.com

Die verstärkte Zusammenarbeit von Regierungen,


die eine engere Koordinierung ihrer Politiken wol-
len, soll nicht zu einem geschlossenen Club füh- Harmonisierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik
ren, versichert Schäuble. Schon 1994 hatte Wolf- Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble scheint
gang Schäuble gemeinsam mit dem CDU- in der Bundesregierung die treibende Kraft einer
Außenpolitiker Karl Lamers die Vorstellung eines europapolitischen Neuorientierung zu sein. Bisher
„festen Kerns von integrationsorientierten und hatte die Bundeskanzlerin eine europäische Wirt-
kooperationswilligen Ländern“ entwickelt, in dem schaftsregierung kategorisch abgelehnt. Inzwi-
sich eine engere europäische Zusammenarbeit schen sieht Angela Merkel die Notwendigkeit
vollziehen soll. Allerdings wird in seinem aktuellen einer koordinierten politischen und wirtschaftli-
Beitrag die Offenheit solcher verstärkter Zusam- chen Zusammenarbeit der EU-Staaten, so die
menarbeit besonders betont. Von einem „Kerneu- Kanzlerin Ende Januar anlässlich des Weltwirt-
ropa“ gar ist nicht mehr die Rede. Zudem wirft schaftsforums in Davos. Europäische Harmonisie-
Schäuble die Frage nach der parlamentarischen rungen auch der Wirtschafts- und Sozialpolitiken
Legitimation auf, sieht hier Lösungsansätze so- seien geboten, um die Eurozone zu stabilisieren,
wohl in einer stärkeren Beteiligung der nationalen so ihr Finanzminister in Davos. Konkret genannt
Parlamente wie auch im Europäischen Parlament. werden die Renten- und die Bildungspolitik. Nicht
Bezüglich konkreter Maßnahmen zur Stabilisie- um sie vollständig zu vereinheitlichen, wohl aber
rung des Euro plädiert der Bundesfinanzminister um bestimmte Grundlagen wie etwa das Pensi-
für weitere Reformen in zentralen Bereichen. Der onsalter im Euroraum anzugleichen.
Stabilitätspakt soll „mehr Biss“ erhalten. Sanktio-

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Kommission sucht Lösung für Zeiten vorgesehen. Die Kommission nennt dies
Arbeitszeitrichtlinie nun anders, sieht es aber weiterhin vor. Aller-
dings nicht mehr als generelle Regelung, son-
Die EU-Kommission hat am 21. Dezember 2010
dern als Ausnahme für bestimmte Bereiche
einen Bericht und eine Mitteilung zur Arbeits-
(Gesundheit, Sicherheit, Feuerwehr). Dies soll
zeitrichtlinie vorgelegt. Der Bericht gibt einen
den Widerstand gegen diese Änderung schwä-
Überblick über die Umsetzung der Arbeitszeit-
chen. Für die betroffenen Arbeitnehmer wäre
richtlinie und etwaige Probleme in den Mit-
das schlecht, da ihre Bereitschaftsdienste un-
gliedstaaten. Deutschland wird als eines der
günstiger bewertet werden könnten.
Länder angeführt, das Defizite in der Umset-
zung hat. Die Mitteilung beinhaltet eine Bewer- Die EU-Kommission scheint den Arbeitgebern
tung durch die Kommission und zeigt Hand- aber mehr Flexibilität zusichern zu wollen, weil
lungsoptionen auf, die das wahrscheinliche dies ihrer beschäftigungspolitischen Philoso-
gesetzgeberische Vorgehen der Kommission bei phie („Flexicurity“) entspricht. Opt-out-
der Neufassung der Richtlinie andeuten. Regelungen, bei denen die Kommission viele
Verstöße und schwere Kontrollierbarkeit fest-
In der gegenwärtigen Phase könnten die bran-
gestellt hat, passen nicht in ihre Philosophie,
chenübergreifenden europäischen Sozialpart-
wohl aber „flexiblere“ Bereitschaftsdienste.
ner beschließen, im Wege des Sozialen Dialogs
Wenn der Bereitschaftsdienst in seiner Wer-
Bericht aus den Institutionen

eine Vereinbarung zu treffen, die eine Ände-


tung als Arbeitszeit relativiert wird, so das Kal-
rung der Arbeitszeitrichtlinie zur Folge hätte. Da
kül, entfällt auch für viele Arbeitgeber der
die Positionen von Arbeitgebern und Arbeit-
Wunsch, am Opt-out festzuhalten. Genau die-
nehmern aber bezüglich Opt-Out und Bereit-
ses Ziel scheint die Kommission zu verfolgen.
schaftsdiensten unvereinbar sind, wird dies von
Sie dürfte darauf spekulieren, dass die Arbeit-
Beobachtern als unwahrscheinlich angesehen.
geber zumindest dort nicht mehr am Opt-out
festhalten werden, wo - wie in Deutschland - im
öffentlichen Sektor in Verbindung mit Bereit-
schaftsdiensten gearbeitet wird.

Opt-out
Opt-Out bezeichnet die arbeitsrechtliche Mög-
lichkeit, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber
individuell eine längere Arbeitszeit als die
grundsätzlich erlaubten 48 Wochenstunden
festlegen können, wenn dies, vor allem im
Rahmen von Bereitschaftsdiensten, erforderlich
Arbeit und Zeit ist, um die Versorgung sicher zu stellen. Dies
© Orlando Florin Rosu - Fotolia.com geschieht in Deutschland nur in wenigen Fällen
wie zum Beispiel bei der Feuerwehr. In Ländern
Die Kommissionsmitteilung leitet die zweite wie beispielsweise Großbritannien ist es aber
Konsultationsphase der Sozialpartner ein. Im durchaus ein gängiges Mittel.
anzunehmenden Fall der Ablehnung der Sozial-
partner, die Überarbeitung im Sozialen Dialog In Deutschland sind die Bestimmungen der
zu vereinbaren, dürfte die Kommission bald europäischen Arbeitszeitrichtlinie im Arbeits-
eine Änderungsrichtlinie initiieren. In ihrem zeitgesetz (ArbZG) beziehungsweise für die
Bericht heißt es: „Die Kommission ist entschlos- Beamten in Arbeitszeitverordnungen umge-
sen, die Überarbeitung der Arbeitszeitrichtlinie setzt. Das ArbZG sieht die Möglichkeit der Ab-
zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.“ weichung im Sinne des Opt-out vor. Der Euro-
päische Gerichtshof (EuGH) hat festgelegt, dass
Die im Frühjahr 2009 im Vermittlungsverfahren die Zustimmung der Beschäftigten unbedingt
zwischen Rat und Parlament gescheiterte Ände- individuell zu erfolgen habe.
rungsrichtlinie hatte bereits eine Aufsplittung
des Bereitschaftsdiensts in aktive und inaktive

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Barnier für EU-weite Frauenquote Rat lehnt 20-wöchigen Mutterschutz ab


Die Frauenquote in Unternehmensführungen Das Parlament hatte im Oktober selbstbewusst
beschäftigt nicht nur die deutsche Bundesregie- seine Forderungen aufgestellt, der Rat sprach sich
rung. Auch die EU-Kommission will es vorantrei- im Dezember mit großer Mehrheit dagegen aus:
ben, will die Quote in den EU-Staaten durchset- die Festlegung eines Mindestmutterschutzes auf
zen. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier 20 Wochen bleibt umstritten. In Deutschland gilt
steht der Einführung von Frauenquoten aufge- bislang der Mindestschutz von 14 Wochen. Die
schlossen gegenüber. Der Süddeutschen Zeitung deutsche Familienministerin Kristina Schröder
sagte Barnier, es sei „generell gut, Frauen an der verwies auf die angespannte Finanzlage und die
Führung von Unternehmen oder auch Ländern zu Mehrbelastungen einer solchen Erhöhung, lobte
beteiligen“. Das sei nicht nur gerechter, sondern aber auch das Schutzniveau in Deutschland:
führe auch zu ausgewogeneren Entscheidungen. „Wenn man sämtliche Leistungen in der Gesamt-
schau betrachtet, die junge Eltern in Deutschland
Kommissar Barnier wollte noch keine konkrete
bekommen, dann ist das Niveau europaweit spit-
Zahl für eine Quotenregelung nennen. Voraus-
ze. Wir sehen daher keine Notwendigkeit für
sichtlich im April werde die Kommission aber
europäische Regelungen.“
einen Vorschlag vorlegen. Seine Kollegin, die für
Gleichstellungsfragen zuständige Justizkommis- Die EU-Kommission hatte bereits 2008 vorge-
Bericht aus den Institutionen

sarin Viviane Reding hatte allerdings schon im schlagen, den Mutterschutz zu erhöhen. Das Eu-
September 2010 gegenüber EurActiv.de eine bin- ropäische Parlament unterstützte diese Forde-
nen zehn Jahren von 30 auf 40 Prozent anwach- rung mehrheitlich. Beide Seiten, sowohl Befür-
sende Quote gefordert. Offenbar haben sich Ar- worter als auch Gegner der Erhöhung, streiten
beits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen über den wirtschaftlichen Nutzen, den eine solche
und Familienministerin Kristina Schröder in Erhöhung bringen beziehungsweise nicht bringen
Deutschland auf eine Regelung verständigt. Diese könne. Die unmittelbaren Mehrkosten für
sieht eine Quote ab 2013 vor, sollte die Wirtschaft Deutschland werden vom Zentralverband des
bis dahin nicht freiwillig 30 Prozent der Sitze in Deutschen Handwerks zum Beispiel mit über 1,5
Aufsichtsräten und Vorständen mit Frauen be- Milliarden Euro angegeben. Die mittelbaren wirt-
setzt haben. schaftlichen Vorteile sind deutlich schwieriger zu
berechnen, werden sie im Zweifelsfalle doch nur
auf lange Sicht eintreten.

Im Ziel einig: Viviane Reding und Michel Barnier


© Europäische Kommission, 2011

Für die Realisierungschancen der zu erwartenden Im Kern uneinig? Viviane Reding und Kristina Schröder
© Consilium, 2011
EU-Regelung wird es, unabhängig vom Kommis-
sionsvorschlag, nicht zuletzt auch auf die deut- Eine endgültige Lösung in dem Konflikt ist noch
sche Haltung im Ministerrat ankommen. Wobei nicht gefunden. Weitere Verhandlungen sind
die Befürworter einer verbindlichen Regelung ebenso wie eine endgültige Festlegung für dieses
darauf verweisen, dass es in vielen EU-Staaten Jahr zu erwarten. Die damalige belgische Ratsprä-
bereits gesetzliche Quotenregelungen gebe. sidentschaft hatte angekündigt, dass ein Kom-
promiss darin bestehen könnte, sich wieder auf
den ursprünglichen Vorschlag der Europäischen

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Kommission zu besinnen, der eine Erhöhung von Kommission stellt Leitinitiative zur
14 auf 18 Wochen vorgesehen hatte. Eine Ent- Armutsbekämpfung vor
scheidung wird aber womöglich erst in der zwei-
Im Rahmen der Wachstumsstrategie Europa 2020
ten Jahreshälfte unter polnischer Ratspräsident-
stellt die Europäische Kommission nach und nach
schaft fallen.
Leitinitiativen vor, die den Zielen der Strategie
dienen sollen. Am 16. Dezember wurde die Mit-
teilung „Europäische Plattform gegen Armut und
Arbeitnehmerfreizügigkeit: Deutschland wehrt soziale Ausgrenzung: ein europäischer Rahmen
sich gegen Kritik für den sozialen und territorialen Zusammenhalt“
Können europäische Arbeitnehmer in Deutschland veröffentlicht. Die Kommission kommt in der
aufgrund ihrer Nationalität diskriminiert werden? Mitteilung zu dem Schluss, dass die beste Strate-
Der Bericht eines Expertennetzwerks zur europäi- gie gegen Armut mehr Beschäftigung sei. Dane-
schen Arbeitnehmerfreizügigkeit ist zu dem Er- ben müssten auch bessere Bildung angeboten
gebnis gekommen, dass es in der rechtlichen Flan- und umfassendere Fertigkeiten vermittelt wer-
kierung dieser europäischen Grundfreiheit in den. Dringenden Handlungsbedarf zeigt auch
Deutschland noch Defizite gebe. Diese beträfen die eine aktuelle Studie auf.
Diskriminierungsfreiheit aufgrund der Nationali- Bei der Vorstellung des Berichts betonte der zu-
Bericht aus den Institutionen

tät. Auftraggeberin des Berichts war die Europäi- ständige Kommissar für Beschäftigung, Soziales
sche Kommission, die offenbar über eine Neufas- und Integration, László Andor, dass die Bekämp-
sung des Freizügigkeitsrechts nachdenkt. Die Bun- fung der Armut auch eine Frage der Vernunft sei:
desregierung widerspricht dieser Einschätzung. „Die Bekämpfung der Armut ist eine wirtschaftli-
Die Kritik, die die Experten an Deutschland äußern, che Notwendigkeit. Kinder, junge Menschen,
bezieht sich darauf, dass Diskriminierung aufgrund Migranten, die Älteren und andere gefährdete
der Nationalität nicht explizit in den nationalen Gruppen brauchen besondere Aufmerksamkeit.“
Gesetzen vorgesehen sei. Das Grundgesetz verbiete Bis 2020 will die Europäische Union die Anzahl der
zwar eine Ungleichbehandlung unter anderem von Armut betroffenen Menschen um insgesamt
aufgrund von Abstammung, Heimat und Herkunft. 20 Millionen verringern. Teil der Initiative ist es,
Nationalität sei hingegen nicht explizit genannt. So Innovationen in der Sozialpolitik zu fördern, die
könnten Opfer von entsprechender Benachteili- zur Verfügung stehenden EU-Fonds besser zu
gung ausschließlich aufgrund ihrer Nationalität nutzen, die Sozialschutzsysteme effizienter zu
dies nicht vor deutschen Gerichten geltend ma- gestalten und möglichst viele Partner in die Ar-
chen. Allerdings besteht die Möglichkeit, sich direkt mutsbekämpfung einzubeziehen.
auf die EU-Verordnung 1612/68 zu berufen, die
eine solche Diskriminierung explizit ausschließt.
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales
wies diese Einschätzung Anfang Januar 2011 zu-
rück. Der Bericht erwecke den Eindruck, Opfer einer
Diskriminierung wegen der Nationalität erhielten
in Deutschland keine Unterstützung. Dies sei
falsch, so das Ministerium. Die Bundesrepublik
Deutschland handle seit der Unterzeichnung der
Römischen Verträge von 1957 im Einklang mit dem
Diskriminierungsverbot aufgrund der Staatsange-
hörigkeit. Insbesondere das Betriebsverfassungsge- Armut: Nicht nur, aber auch ein Problem des Einkommens
setz und das Bundespersonalvertretungsgesetz © Yantra - Fotolia.com

untersagten Diskriminierungen aufgrund der


Staatsangehörigkeit. Das Ministerium kommt zu Bestätigt wurde der Kommissar nur wenige Tage
dem Schluss: „Allgemein ist eine Reform des Frei- später durch eine neue Studie der Bertelsmann-
zügigkeitsrechts, um vermeintlichen Diskriminie- Stiftung. Anhand des so genannten Gerechtig-
rungen auf Grund der Nationalität vorzubeugen, keitsindexes wurde die soziale Gerechtigkeit in 31
aus deutscher Sicht nicht erforderlich.“ OECD-Ländern verglichen. Untersucht wurden
dabei die Armutsvermeidung, der Zugang zur
Bildung, der Arbeitsmarkt, die Gleichheit und die

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Generationengerechtigkeit. Insgesamt liegt EU-Kommission plant neuen Rechtsrahmen


Deutschland auf Platz 15 und damit nur knapp für Europol
über dem OECD-Durchschnitt. Überdurchschnitt-
Mitte Dezember teilte die EU-Kommission mit,
lich gut schnitt Deutschland im Bereich der Gene-
verschiedene Möglichkeiten für eine Neufas-
rationengerechtigkeit ab, belegte Platz 11. Beson-
sung des Rechtsrahmens der Europäischen Poli-
ders schlecht wird hingegen der Zugang zu Bil-
zeibehörde Europol prüfen zu wollen. Bis 2013
dung bewertet, hier belegt die Bundesrepublik
sollen konkrete Vorschläge in das europäische
Platz 22. Die vorderen Plätze werden durch Island,
Gesetzgebungsverfahren eingebracht werden.
Schweden und Dänemark belegt. Schlusslichter
Im Zentrum der Überlegungen steht eine ver-
sind Griechenland, Mexiko und die Türkei.
stärkte parlamentarische Kontrolle von Europol.
Diese sieht der Vertrag von Lissabon perspekti-
visch vor, weshalb die Vorarbeiten für eine Neu-
Brüssel will Vergaberecht reformieren regelung nun mit der Kommissionsmitteilung
Im Regelfall ist einer Initiative der EU-Kommission eingeleitet werden. Die Kommission schlägt
für neues oder zu erneuerndes Recht eine öffent- unter anderem vor, die parlamentarische Kon-
liche Konsultation vorgeschaltet. So beginnt auch trolle über ein gemeinsames Gremium von
die bis 2012 geplante Reform der öffentlichen Europäischem Parlament und nationalen Par-
lamenten zu ermöglichen. Seit dem Inkrafttre-
Bericht aus den Institutionen

Auftragsvergabe mit einem solchen Anhörungs-


verfahren. Das europäische Vergaberecht gilt als ten des Vertrags von Lissabon im Dezember
sehr kompliziert, weshalb viele Beteiligte seine 2009 wird in der EU eine stärkere demokrati-
Vereinfachung fordern. Von Interesse ist es insbe- sche Rechenschaftspflicht im so genannten
sondere für die Kommunen als öffentliche Auf- „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des
traggeber. Seit Jahren bemängeln diese fehlende Rechts“ geprüft. Dabei geht es nicht allein um
Rechtsklarheit und Rechtssicherheit. Europol, sondern etwa auch um die Europäische
Grenzagentur Frontex und die Europäische
Die Kommission scheint, so berichtet es Justizbehörde Eurojust.
EurActiv.de, vor allem auf die kleinen und mittle-
ren Städte und Gemeinden zugehen zu wollen.
Die öffentlichen Auftraggeber sollen mehr Spiel-
raum für ihre Entscheidungen bekommen. Für die
Kommunen ist die Entscheidungsfreiheit bei der
Vergabe von zentraler Bedeutung. Allzu großen
Einschränkungen steht auch das grundgesetzlich
garantierte Recht auf kommunale Selbstverwal-
tung entgegen.
Am 27. Januar eröffnete EU-Kommissar Michel
Barnier das Anhörungsverfahren mit Vorlage
eines Grünbuchs über das öffentliche Auftrags-
wesen. Anders als sein wirtschaftsliberaler irischer
Vorgänger im Amt des Binnenmarktkommissars,
Charlie McCreevy, dürfte der Franzose Barnier
wenig Neigung haben, der öffentlichen Hand
jeden Entscheidungsspielraum zu nehmen. Bar-
nier sagte anlässlich der Vorstellung des Grün-
buchs, die Vorschriften müssten klarer gefasst
werden, um Behörden und Unternehmen in Euro-
pa das Leben zu erleichtern. Allerdings sieht Bar-
nier auch die soziale Dimension öffentlicher Auf-
träge. „Im Übrigen ist es mir ein Anliegen, dafür zu
sorgen, dass das öffentliche Auftragswesen einen Europäische Sicherheit,
Beitrag zur Arbeitsplatzbeschaffung, Innovation aber nicht ohne parlamentarische Kontrolle!
© jeff Metzger - Fotolia.com
und Umweltschutz leistet“, so Barnier.

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Heesen befürwortet eine moderne Heesen kritisierte zudem, dass es in Deutsch-


Einwanderungspolitik land so schwierig sei, ausländische Abschlüsse
anerkannt zu bekommen. „Bevor sich der indi-
Der dbb Bundesvorsitzende Peter Heesen hat
sche IT-Experte in Deutschland so einem
sich angesichts des Fachkräftemangels in
Schwachsinn unterzieht, geht er in die USA und
Deutschland für eine einfachere Zuwanderung
löst dort seine Probleme im Handumdrehen.“
ausländischer Arbeitnehmer ausgesprochen.
„Wir brauchen Zuwanderer, um die beruflichen (Michael Eufinger)
Lücken zu füllen, die wir in Deutschland ha-
ben“, sagte Heesen am 31. Dezember 2010
gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa). Stöhr fordert gerechte Altersruhesysteme
Heesen kritisierte die gegenwärtige politische
Debatte über das beste Zuwanderungssystem Jeder Mitgliedstaat der Europäischen Union soll
als „typisch deutsch“. „Ich halte nichts davon, auch zukünftig selbst entscheiden können, wie
dass wir immer wieder nur über die Verfahren die nationalen Renten- und Pensionssysteme
und Risiken diskutieren“, sagte der dbb-Chef. gestaltet werden. Die Aufgabe der EU sei es, für
Die Debatte dürfe nicht nur von der Sorge ge- Kohärenz und stabile Rahmenbedingungen zu
prägt sein, dass ausländische Fachkräfte die sorgen, sagte der Vorsitzende der dbb tarifunion
deutsche Kultur negativ beeinflussen könnten. Frank Stöhr am Rande einer Ausschusssitzung
„Das ist alles Unfug“, sagte Heesen. des Europäischen Wirtschafts- und Sozialaus-
schusses (EWSA) am 19. Januar in Brüssel. „Jeder
Mensch soll auch im Alter ein menschenwürdi-
ges Leben führen können. Eines einheitlichen
dbb in Europa

europäischen Rentensystems bedarf es dafür


aber nicht“, so Stöhr. Im Sommer hatte die Euro-
päische Kommission ihr Grünbuch zu angemes-
senen, nachhaltigen und sicheren europäischen
Pensions- und Rentensystemen vorgestellt. Der
EWSA, in dem Frank Stöhr für den dbb vertreten
ist, verabschiedete nun eine Stellungnahme zu
den Vorschlägen der Kommission.
Einig waren sich die Mitglieder des EWSA bei der
Ablehnung einer generellen Anhebung des Ru-
Peter Heesen will nicht nur über Risiken diskutieren
© dbb, 2011 hestandsalters. Angesichts des demographi-
schen Wandels könne dies sogar dazu führen,
Er verstehe auch die Haltung Bayerns in der dass Millionen Menschen unter die Armutsgren-
Zuwanderungsdebatte nicht, sagte Heesen. Die ze fielen. „Es ist Augenwischerei, wenn die An-
schwarz-gelbe Koalition auf Bundesebene hatte hebung des Ruhestandsalters als Allheilmittel für
das Konfliktthema kürzlich vertagt, weil sie sich die Probleme der Renten- und Pensionssysteme
in dem Punkt nicht einigen konnte. Die FDP ist herhalten soll. Solange viele ältere Menschen ab
für ein Punktesystem. Zudem will sie die Min- einem gewissen Alter nicht mehr in den Ar-
desteinkommensgrenze für qualifizierte Kräfte beitsmarkt integriert oder in den Vorruhestand
aus dem Ausland von 66.000 auf 40.000 Euro gedrängt werden, ist diese Maßnahme nichts
senken. Das lehnen CDU und CSU ab. Heesen anderes als eine versteckte Rentenkürzung“,
sagte, die Nachwuchsgewinnung sei auch im beklagte Stöhr. Deshalb seien auch automati-
öffentlichen Dienst ein großes Problem, da er sche Anpassungsmechanismen für das Ruhe-
im Wettbewerb mit der besser zahlenden Pri- standsalter, die an eine erhöhte Lebenserwar-
vatwirtschaft stehe. Es sei schwierig, Ingenieure tung gekoppelt wären, schädlich und gegen das
und Techniker zu finden. Selbst die Bundes- Interesse der Arbeitnehmer gerichtet. „Automa-
agentur für Arbeit in Nürnberg habe ihren IT- tische Mechanismen bringen uns hier nicht wei-
Bereich in eine eigene Beschäftigungsgesell- ter. Es ist Aufgabe der Politik, konkrete Situatio-
schaft ausgegliedert, um die Mitarbeiter - jen- nen zu erfassen und zu gestalten“, zeigte der
seits der Tarife für den öffentlichen Dienst - Vorsitzende der dbb tarifunion sich überzeugt.
besser bezahlen zu können.

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6. Jahrgang aktuell Januar/Februar 2011

„Egal wie ein System gestaltet ist, es muss ein Bologna Quo vadis Teil 2
Mindestmaß an Sicherheit gewährleisten“, be- Bologna-Prozess und Lehrerbildung
schrieb Stöhr den Kern seiner politischen Forde-
„Bologna entzieht der Lehrerbildung ihre
rung. „Es kann nicht sein, dass Arbeitnehmer in
Grundlagen“, beklagt der stellvertretende Vor-
die Altersarmut abrutschen. Jeder soll auch im
sitzende des Deutschen Philologenverbands
Alter ein würdiges Leben führen können“, so
(DPhV) Horst Günther Klitzing. Der Beruf des
Stöhr. Dies müsse Ziel jeder verantwortungsbe-
Lehrers verlange eine hochprofessionelle Aus-
wussten Renten- und Pensionspolitik sein. In der
bildung. Er müsse ebenso hohen Anforderun-
Studiengruppe „Grünbuch – Pensionen und Ren-
gen wie denen an einen Arzt oder Ingenieur
ten“ machte sich Stöhr vor allem für einen zu-
entsprechen, insbesondere wegen der engen
kunftsgewandten Ansatz stark. „Der demogra-
Verknüpfung von Fachwissenschaft und Päda-
phische Wandel wird die Gesellschaften in der
gogik. Seit dem offiziellen Abschlussbericht der
EU deutlich verändern, der Veränderungsprozess
Kultusministerkonferenz (KMK) 1999 in Husum
hat bereits begonnen. Hier sehe ich die Aufgabe
waren Fachwissenschaften, Fachdidaktik und
der Union; sie muss durch Rahmenbedingungen
schulpraktische Erfahrungen anerkannte
dafür sorgen, dass mehr menschenwürdige Ar-
Grundelemente jeder Lehrerbildung, die in ei-
beitsplätze geschaffen werden“, forderte Stöhr.
nem grundständigen Universitätsstudium für
Auch bei der demographischen Entwicklung
alle Lehrämter vermittelt werden sollten. „Die-
könne die Europäische Union den Mitgliedstaa-
se Grundannahmen wurden durch die Bologna-
ten helfen, den Wandel der Gesellschaften zu
Reformen erschüttert“, so Klitzing.
meistern oder zumindest sozial abzufedern.
Mit „Bologna“ sollte ein System leicht verständ-
dbb in Europa

licher und vergleichbarer Abschlüsse eingeführt


werden, dazu ein System mit zwei Hauptzyklen
und den Abschlüssen Bachelor und Master. Ziel
war die Förderung der Mobilität von Studieren-
den, eine Förderung des lebenslangen Lernens
sowie die Förderung der europäischen Zusam-
menarbeit bei der Qualitätssicherung. In
Deutschland kam dazu noch die Hoffnung auf
eine Reduzierung der Studienabbrecherquote,
eine Verkürzung der Studiendauern und eine
Verringerung der Studierendenzahlen in den
fortgeschrittenen Semestern.
Die KMK habe die Bundesländer angeregt durch
Frank Stöhr: Sorge tragen für menschenwürdige Arbeitsplätze den Bologna-Prozess ihre Hochschulbildung
© dbb, 2011
umzugestalten, ohne dabei auf die Qualitätssi-
„Der Ansatz, die Altersvorsorge durch eine Mi- cherung im Sinne ihrer eigenen Beschlüsse zu
schung aus kapitalgedeckten und umlagefinan- achten, erklärt der stellvertretende DPhV-
zierten Systemen zu decken, hat sich in Deutsch- Vorsitzende. „Der dbb und seine Lehrerverbän-
land bislang behauptet“, so Stöhr. Einen einheit- de haben frühzeitig vor einer Umstellung der
lichen, auf eine solche Mischung verpflichtenden Lehramtsstudiengänge von durchgängigen auf
europäischen Ansatz lehne er aber ab. Die Unter- gestufte Formen gewarnt. Insbesondere der
schiede zwischen den einzelnen Staaten seien zu Philologenverband hat lange dafür gekämpft,
groß. „Die Krise hat gezeigt, dass sowohl umla- dass möglichst viele Bundesländer beim Staats-
gefinanzierte als auch kapitalgedeckte Vorsorge- examen als Abschlussprüfung bleiben.“ So hät-
systeme anfällig für starke Schwankungen sind“, ten universitäre Bachelor-Zwischen- und Mas-
betonte Stöhr. Allerdings auf unterschiedliche ter-Abschlussprüfungen ohne staatliche Ein-
Weise. Durch eine gute Verwaltung könnten sie flussmöglichkeit verhindert werden können,
sich deshalb ergänzen und gegenseitig Risiken erinnert Klitzing an die bekannten Argumente,
auffangen. die seit kurzem wieder vermehrt Gehör finden.

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6. Jahrgang aktuell Januar/Februar 2011

Neben den Ländern Bayern, Baden- gleichbarkeit sichernden Einfluss verliere. Gerade
Württemberg, Hessen und Saarland, die bislang in den Herkunftsländern der konsekutiven Leh-
auf BA- und MA-Abschlüsse verzichteten, will rerbildung besäßen Lehrer häufig keinen profes-
nun auch Sachsen zur Staatsprüfung zurück- sionellen Status mit vollwertiger wissenschaftli-
kehren. cher Ausbildung und entsprechender autonomer
Handlungskompetenz wie andere akademische
Berufsgruppen. „Wer aber will das in der ‚Bil-
dungsrepublik‘ Deutschland?“ fragt Klitzing. „Ich
will es nicht, schon im Interesse der Gymnasial-
absolventen.“

Landesleitung des dbb Hessen in Brüssel


Auf Einladung des Europaabgeordneten Thomas
Mann (CDU) kam die Landesleitung des dbb Hes-
sen Ende November 2010 zu einem Arbeitsbe-
such nach Brüssel. Im Mittelpunkt der Gespräche
mit dem Abgeordneten standen die wachsende
Bedeutung der europäischen Gesetzgebung für
nationales Recht und die neuen Kompetenzen
des Europäischen Parlaments seit der Ratifizie-
rung des Lissabon-Vertrags. Die Machtkonstella-
dbb in Europa

tion habe sich seit 2009 deutlich zu Gunsten der


DPhV Vize Horst Günther Klitzing
© DPhV, 2011 Parlamentarier verschoben, so Mann gegenüber
seinen Gästen. Das Parlament als Ganzes strahlt
„Die Lehramtsstudiengänge wurden ohne Rück- nach Ansicht des Abgeordneten nun mehr
sicht auf Verluste in die neuen Bologna- Selbstbewusstsein aus. Im Anschluss an die Ge-
Strukturen hineingezwängt, ohne auf spezifi- spräche im Parlament empfing Friedrich von
schen Bedürfnisse und Anforderungsprofile ein- Heusinger, Leiter der Landesvertretung Hessen in
zugehen“, kritisiert Klitzing die Umsetzung der Brüssel, die Landesleitung des dbb zu einem
Reformen. „Eine gestufte Studienstruktur ist Meinungsaustausch. Von Heusinger betonte die
nicht zielführend zur Verbesserung der Lehrer- hohe Bedeutung der Subsidiarität und erläuterte
ausbildung. Sie führt zu deren Entprofessionali- die Einflussmöglichkeiten der Bundesländer auf
sierung, weil ihr Stufenaufbau die durchgängige europäischer Ebene.
Verzahnung von Fachwissenschaften und Didak-
tiken sowie Erziehungswissenschaften unmög-
lich macht“. Zudem suggeriere sie mit dem Ba-
chelor-Examen einen Abschluss, der für den Leh-
rerberuf unzureichend sei. Es werde sich noch
erweisen müssen, ob damit nicht auch die bishe-
rigen Einstellungs- und Bezahlungsbedingungen
für Lehrkräfte faktisch unterlaufen und Beam-
tenstatus und Eingruppierung nach dem Lauf-
bahnrecht durch geringere Qualifikations- und
Bezahlungsstrukturen abgelöst würden. Trotz
anderer Ausbildungswege habe sich am Beschäf-
tigungsmonopol des Staates durch die staatliche
Schulpflicht nichts verändert.
Der stellvertretende DPhV-Vorsitzende zeigte v.l.n.r.: Gerd Fleischhacker, Dr. Andrea Fischer, Dieter Hessler,
Klaus-Dieter Nolte, Walter Spieß, Ute Wiegand-Fleischhacker,
sich überzeugt, dass der Staat bei der Umstel-
Thomas Müller und Heinz Fischer
lung der Lehrerausbildung auf ausschließlich von © dbb Hessen
der Universität vergebene Bachelor- und Mas-
terabschlüsse seinen regulierenden und Ver-

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6. Jahrgang aktuell Januar/Februar 2011

Ein Jahr Lissabon-Vertrag: Heesen fordert Auch wenn sich das neue Institutionengefüge
Durchhaltevermögen noch nicht endgültig eingespielt hat, zieht der
dbb Bundesvorsitzende eine vorsichtig optimis-
„Für das Projekt Europa braucht es einen lan-
tische erste Bilanz: „Europa hat zwar auch im-
gen Atem“, bilanziert der dbb Bundesvorsit-
mer über politische Führer zueinander gefun-
zende und Präsident der Europäischen Union
den. Ohne Adenauer, de Gaulle und viele andere
der unabhängigen Gewerkschaften (CESI) Peter
wäre die politische Einigung Europas nicht
Heesen das erste Jahr mit dem Vertrag von
möglich gewesen. Aber heute befinden wir uns
Lissabon. Als dieser am 1. Dezember 2009 in
in einer anderen Situation“, so Heesen. Die Her-
Kraft trat, war die Erleichterung in vielen Mit-
ausforderungen seine mittlerweile andere.
gliedstaaten groß. Lange hatte der Streit die
„Angesichts der aktuellen Krisen ist den meis-
Europäischen Institutionen gelähmt, zuletzt in
ten Menschen klar geworden, dass es nicht
Zeiten einer globalen Wirtschafts- und Finanz-
mehr ohne Europa geht. Wie es mit Europa
krise. Seine Feuertaufe hat der neue Vertrag
geht, ist vielen aber leider auch nicht klar.“ Die
2010 zwar glimpflich überstanden, doch erste
EU müsse sich weniger auf sich selbst konzent-
Änderungsklauseln werden bereits diskutiert.
rieren. „Neue Strukturen brauchen immer eine
„Europa ist mehr als die Summe seiner Verträ-
Eingewöhnungszeit, haben eine gewisse Schon-
ge. Leider gerät dies im alltäglichen Klein-Klein
frist. Doch die ist nun endgültig vorbei.“
zu sehr aus den Augen“, so Heesen.
Neues von der CESI

Peter Heesen: „Die Schonfrist ist vorbei“ Der Vertrag von Lissabon
© dbb, 2010 © Europäische Kommission, 2008

Den Einstand in ein neues Zeitalter des institu- Es gehe nun darum, Europa besser zu erklären.
tionellen Gefüges in Europa gab das Europäi- „Wir schaffen es kaum, die Menschen bei den
sche Parlament noch im Dezember 2009. Durch rasanten Entwicklungen mitzunehmen. Wir
die Ablehnung des SWIFT-Abkommens, das die müssen uns wieder mehr Bemühen, Europa
Übertragung von privaten Bankdaten an die verständlich zu machen“, so Heesen. Die Ge-
USA regeln sollte, demonstrierte es seine neue schichte habe gezeigt, dass große Projekte nur
Macht. „Ich freue mich, dass das Parlament dann Erfolg haben könnten, wenn eine Mehr-
seine demokratische Verpflichtung nun besser heit der Bevölkerung hinter ihnen stand. Die
wahrnehmen kann als bislang“, erklärte Hee- Krise und wie die Europäischen Institutionen
sen. „Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, mit ihr umgehen, sei eine Chance für Europa, da
in den europäischen Institutionen ein Abbild sich das Europabild vieler Menschen nun weiter
unserer nationalen Strukturen zu suchen. Es entwickle. „Die Europäische Union hat sich als
gibt ein europäisches Selbstverständnis. Ich bin sturmfest erwiesen. Es muss alles dafür getan
überzeugt, dass wir das in den kommenden werden, dass das auch so bleibt!“ bekräftigte
Jahren mehr und mehr als Bereicherung emp- Heesen.
finden werden.“ Die Parlamentarier seien der
Europäischen Idee genauso verpflichtet wie den
Bürgern in den einzelnen Mitgliedstaaten.

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6. Jahrgang aktuell Januar/Februar 2011

40. Sektoraler Sozialer Dialog begründet ce, im Sinne der Verwaltung mit dem branchen-
übergreifenden Sozialen Dialog zusammenzu-
Für die Beschäftigten der Zentralverwaltung
wirken. Der für den Sozialen Dialog zuständige
können nun auch auf europäischer Ebene sozial-
leitende Beamte der EU-Kommission, Jean-Paul
partnerschaftliche Vereinbarungen getroffen
Tricart, sprach von der „Bewegung des europäi-
werden. Die zweijährige Testphase eines Sozia-
schen Sozialen Dialogs“ und erklärte den Ver-
len Dialogs im Sektor der Zentralverwaltungen
sammelten: „Sie sind Pioniere dieser Bewegung.“
fand am 17. Dezember 2010 in der Gründung
des 40. Sektoralen Sozialen Dialogs ihren Ab- In Brüssel wird davon ausgegangen, dass schon
schluss. Der Ausschuss, in dem sich Arbeitneh- bald weitere EU-Staaten den Schritt der Formali-
mer und Arbeitgeber unter der Moderation der sierung gehen und dem Ausschuss beitreten
EU-Kommission ab sofort regelmäßig begegnen, werden. Neben den genannten großen EU-
nimmt am 14. Februar seine Arbeit auf. Staaten sind Belgien, Griechenland, Luxemburg,
Rumänien und die Tschechische Republik von
Neun Regierungen, darunter mit Frankreich,
Beginn an dabei. Vertreter der slowenischen
Großbritannien, Italien und Spanien vier der fünf
Regierung und der seit dem 1. Januar 2011 die
größten EU-Staaten, sowie Delegierte der reprä-
EU präsidierenden ungarischen nahmen vorerst
sentativen Gewerkschaften des öffentlichen
als Beobachter teil. Zentrale Themen der kom-
Diensts aus 26 EU-Staaten versammelten sich
menden Wochen werden unter anderem die
am 17. Dezember 2010 in Genval bei Brüssel.
Bewältigung der Folgen der Finanzkrise und die
Nach jahrelangen Bemühungen war im Herbst
Neufassung der Arbeitszeitrichtlinie sein.
2010 unter der belgischen Ratspräsidentschaft
Neues von der CESI

der Durchbruch erzielt worden. In Genval wurde


der 40. Ausschuss eines Sektoralen Sozialen Dia-
Gemeinsame Erklärung im Bildungsausschuss
logs ins Leben gerufen. CESI-Generalsekretär
Helmut Müllers sprach von einem „großen Erfolg Die Arbeitnehmer und Arbeitgeber des Sektora-
unserer jahrelangen Arbeit“. Gemeinsam mit der len Sozialen Dialogs Bildung, der in 2010 be-
Präsidentin des Europäischen Verbands Öffentli- gründet wurde, konnten sich in ihrer zweiten
cher Dienst (EGÖD), Anne-Marie Perret, reprä- Plenarsitzung auf eine gemeinsame Erklärung
sentierte Müllers die Gewerkschaftsdelegation verständigen. „In die Zukunft investieren“, lau-
TUNED. tet der Titel der Erklärung, die angesichts der
öffentlichen Sparprogramme in allen EU-
Mitgliedstaaten vor Kürzungen im Bildungsbe-
reich warnt. CESI Generalsekretär Helmut Mül-
lers begrüßte das Ergebnis als grundlegend für
die weitere Arbeit des Ausschusses.
Die CESI ist im europäischen Ausschuss für den
Sektoralen Sozialen Dialog durch den Luxembur-
ger Claude Heiser vertreten, der auch den Be-
rufsrat Bildung der CESI präsidiert. Heiser sagte
zur gemeinsamen Erklärung: „Die europäischen
Sozialpartner anerkennen die unbedingte Bedeu-
tung von Bildung.“ Sie befähige die EU-Bürger zu
aktiver Teilhabe. Sie sei die entscheidende
v.l.n.r. Anne-Marie Perret, Helmut Müllers, Jacky Leroy, Inge Grundlage einer nachhaltigen und dynamischen
Vervotte, Jean-Paul Tricart, Charles Cochrane (TUNED Sprecher) Wirtschaft. „Auch in Zeiten der Haushaltskonso-
und François Ziegler (Europäische Kommission)
© Belgische Regierung 2010 lidierung müssen Investitionen in die Bildung
Priorität haben“, so Claude Heiser. Die Erklärung
Die belgische Ministerin für den öffentlichen stelle eine unmissverständliche Botschaft an die
Dienst, Inge Vervotte, sprach zu den Versammel- Regierungen dar. Claude Heiser forderte die Bil-
ten und erinnerte daran, dass die Zentralverwal- dungsgewerkschaften auf, diese Botschaft auf
tung ein großer Arbeitgeber in Europa sei. Daher nationaler Ebene weiterzutragen.
sei es an der Zeit, endlich auch hier einen forma-
lisierten Sozialen Dialog auf europäischer Ebene
zu führen. Der Ausschuss eröffne auch die Chan-

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6. Jahrgang aktuell Januar/Februar 2011

Bavaria in Holland
Bayerisches Bier ist weltberühmt, manch einer
würde gar sagen, das Beste der Welt. Diese Frage
musste der EuGH im Dezember 2010 zwar nicht
entscheiden, wohl aber, ob ein holländisches Bier
den Namen Bavaria tragen darf oder nicht. Geklagt
hatte der Bayerische Brauerbund, der eine Irrefüh-
rung der Verbraucher beklagte. Nach dem Urteil
der europäischen Richter ist nun nicht zu erwarten,
dass die Verwirrung an der Biertheke ein Ende
haben wird. Der EuGH kam zu dem Schluss, dass
der Schutz der Marke Bavaria allein schon durch die
markenrechtliche Beantragung gültig wurde, lange
bevor die geographische Bezeichnung „Bayerisches Ungehindert in den Himmel
© crimson - Fotolia.com
Bier“ geschützt wurde. Der Bundesgerichtshof, der
diese Frage zur Klärung eingereicht hatte, wird Zwei Fälle und was daraus geworden ist
wohl auch zukünftig Bavaria nicht verbieten.
Fall 1 (europathemen, Dezember 2010):
Verständigungsprobleme in der Kommission Aufstand der Schokoladenfiguren verhindert
Die Europäische Kommission muss im Alltag mit
Bürger und Verbraucher

Musste der Europäische Gerichtshof (EuGH) im


einem wahren Geflecht von Sprachen zurecht- November darüber entscheiden, ob Schokolade als
kommen. Mittlerweile 23 Amtssprachen hat die „rein“ bezeichnet werden darf – und dies verneinte
Europäische Union. Da ist es kein Wunder, dass die – mussten die Richter kurz vor Weihnachten eine
Kommissionsmitarbeiter häufig auf die Hilfe einer ähnlich delikate Frage klären. Als sich in den Su-
Übersetzungssoftware zurückgreifen. Als das Pro- permärkten noch die Schokoladenweihnachts-
gramm 2002 generalüberholt werden sollte, wollte männer stapelten, wurde die Frage behandelt, ob
die Kommission nicht mehr auf die Dienste der sich Lindt & Sprüngli ihren Schokoladenhasen mit
Firma Systran zurückgreifen, die das Programm Goldpapier und Glöckchen an rotem Band marken-
ursprünglich erstellt hatten und schrieb den Auf- rechtlich sichern dürfen. Sie dürfen nicht. Die Rich-
trag neu aus. Zu Unrecht. Die Kommission konnte ter bezweifelten, dass allein die Hasenform und ein
den Richtern nicht verdeutlichen, tatsächlich im Glöckchen, zumal kurz vor Ostern, ein tatsächliches
Besitz der Rechte für ihr digitales Wörterbuch zu Alleinstellungsmerkmal sind.
sein und muss nun einen Schadenersatz von etwa
12 Millionen Euro an Systran zahlen. Fall 2 (europathemen, November 2010):
Nun also doch kein Adel in Österreich!
Genehmigtes Himmelsfahrtkommando
Im November versetzte eine Nachricht vom EuGH
Heißluftballons fahren durch den Himmel, sie flie- die österreichische Society-Welt in Aufruhr:
gen nicht. Dieser alten Weisheit können auch die schleicht sich der Adel durch die europäische Hin-
österreichischen Behörden keinen Strich durch die tertür wieder nach Österreich ein? Hintergrund
Rechnung machen. Indem sie eine Zusatzerlaubnis war der Fall der Ilonka Havel, die 1991 von dem
für ausländische Ballonfahrer einforderten, mach- Deutschen Lothar Fürst von Sayn-Wittgenstein
ten sie aber den Amtsgang zur Voraussetzung für adoptiert wurde und sich seitdem Ilonka Fürstin
die Himmelsfahrt. Dagegen klagte ein deutscher von Sayn-Wittgenstein nannte. Auf eben diesen
Ballonunternehmer mit der Begründung, dass das Namen stellten ihr die österreichischen Behörden
Erfordernis einer Beförderungs- und Betriebsauf- ein Jahr später eine gleichlautende Geburtsurkun-
nahmebewilligung für die Durchführung von Bal- de aus. Schätzte die Generalanwältin den späten
lonfahrten gegen die EU-Grundfreiheiten verstoße. Einspruch der Behörden als zu spät ein, kam das
Ein Österreicher in Deutschland müsse eine solche Gericht nun zu einem anderen Urteil. Die Verban-
gesonderte Bewilligung nicht vorbringen. Das Ge- nung der Adelstitel aus dem österreichischen Alltag
richt folgte dieser Argumentation. Nun kann der sei eine „fundamentale Entscheidung zugunsten
Unternehmer wieder ungehindert in den Himmel. einer formellen Gleichbehandlung aller Staatsbür-
ger“ und somit auch im speziellen Fall rechtens.

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6. Jahrgang aktuell Januar/Februar 2011

Liegt Europas Zukunft in den Regionen? Ort geklärt werden. So wie ein Fluss sich nicht für
Ländergrenzen interessiert, sollte es zum Beispiel
Sie sind der Kern des Alltaglebens der meisten
die Hochwasservorsorge auch nicht; nur weil zwei
Europäer: die Regionen. Hier definiert sich nicht
Verwaltungen auf unterschiedlichen Seiten der
selten die Identität der Bevölkerung; hier werden
Grenze liegen, heißt das nicht, dass sie sich nicht
die meisten wirtschaftlichen Kontakte geknüpft
bei wichtigen Entscheidungen gegenseitig konsul-
und kulturelle Traditionen gelebt. In Zeiten der
tieren und stützen können.
europäischen Integration und des Wegfalls der
Grenzkontrollen gilt dies vermehrt auch für Das erste europäische Projekt der regionalen Zu-
grenzübergreifende Regionen. Doch große me- sammenarbeit über Ländergrenzen hinweg be-
diale Aufmerksamkeit bekommen solche Europa- steht seit 1958. Damals wurde die so genannte
regionen nur selten. Wurden Sie anfänglich als EUREGIO gegründet, die allen anderen darauffol-
weiterer wichtiger Schritt in der europäischen genden Projekten zumindest in der Namenswahl
Integrationsgeschichte gefeiert, sind sie heute Pate stand - häufig wird „Euregio“ als Oberbegriff
scheinbar normaler Bestandteil des europäischen für Europaregionen genutzt, wird aber dann im-
Alltags. Allenfalls an den Rändern der Europäi- mer mit geografischen Zusätzen präzisiert. Insge-
schen Union erschließen sie noch Neuland in der samt 131 Städte, Gemeinden und Landkreise aus
regionalen Zusammenarbeit. den Niederlanden und Deutschland haben sich in
einem festen Lokalverbund zusammengeschlos-
Die Europäische Integration, so wie sie heute de-
sen, um ihre regionalen Interessen gemeinsam zu
finiert wird, hat über große Gesten begonnen.
vertreten. Die EUREGIO sieht sich damit in einer
Sechs unabhängige Nationalstaaten vereinbarten
historischen Tradition, da die Region bis zum
eine - anfänglich hauptsächlich wirtschaftliche -
Westfälischen Frieden 1648 durch keine Staats-
Zusammenarbeit. Mittlerweile hat die Europäi-
grenzen getrennt war.
sche Union Kompetenzen in fast allen Bereichen
Ausblick

der Politik; ein Wandel der europäischen Identität Als Kernaufgaben beschreibt die EUREGIO selbst
setzt langsam ein. Dennoch wird das europäische die Förderung der grenzüberschreitenden sozial-
Projekt häufig verkürzt wahrgenommen als enge kulturellen Zusammenarbeit, die praktische In-
Kooperation zwischen Staaten. In der großen formation von Bürgern und Unternehmen bei
Politik wird aber nur selten deutlich, dass die eu- grenzübergreifenden Fragen, die Stärkung der
ropäische Einigung auch ein langsames aber ste- wirtschaftlich-sozialen Entwicklung; das Lösen
tiges Zusammenwachsen auf allen Ebenen be- von grenzüberschreitenden Problemen und die
deutet. Anregung der Zusammenarbeit in den Bereichen
Wirtschaft, Raumentwicklung und Gesellschaft.
Historische Karten Europas zeigen, dass der Kon-
Außerdem bietet die EUREGIO durch ihre recht
tinent – zumindest in seiner Mitte - lange eher
umfangreiche Struktur eine gute Plattform für die
durch regionale Strukturen, als durch große Zent-
interregionale Zusammenarbeit und kann so auch
ralstaaten geprägt war. Spätestens nach dem
das Sprachrohr der Europaregion sein, wenn poli-
zweiten Weltkrieg und durch den Eisernen Vor-
tische Anliegen von grenzübergreifender Bedeu-
hang waren die nationalen Grenzen häufig un-
tung in die Regierungen der Länder kommuniziert
durchlässig geworden. Ehemals blühende Regio-
werden müssen.
nen wurden zu Randgebieten. In Richtung Osten
konnte durch die willkürliche Teilung Europas Ein weiteres Beispiel für eine Europaregion mit
kaum eine Annäherung erfolgen, historisch ge- deutscher Beteiligung, aber deutlich anderer Prä-
wachsene Strukturen wurden auseinander geris- gung als die EUREGIO, ist die 1969 gegründete
sen. War eine institutionalisierte, grenzüber- Saar-Lor-Lux Europaregion. Ursprünglich setzte sie
schreitende regionale Zusammenarbeit Richtung sich aus dem Bundesland Saarland, dem Großher-
Osten bis 1989 undenkbar, gab es in Westeuropa zogtum Luxemburg und der Region Lothringen
bereits in den späten fünfziger Jahren erste Pro- zusammen. Mittlerweile sind auch die Wallonie
jekte dieser Art. und Rheinland-Pfalz Teil dieser Großregion, die
nun gleichberechtigt neben der ursprünglichen
Der Blick auf die Regionen zeigt, dass europäische
Europaregion Saar-Lor-Lux existiert. Beide Körper-
Integration mehr heißen kann und muss als
schaften – sowohl die Großregion als auch die
freundschaftliche Kooperation im Großen und
Europaregion – haben sich der grenzüberschrei-
Desinteresse im Kleinen. Viele Fragen, die die
tenden Zusammenarbeit in verschiedenen Kör-
Menschen direkt betreffen, können nur direkt vor
perschaften verpflichtet.

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6. Jahrgang aktuell Januar/Februar 2011

Einen Schub in der regionalen Entwicklung gab es schaften heißt es im zweiten Artikel: „Als grenz-
seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Mehr und überschreitende Zusammenarbeit im Sinne dieses
mehr mittel- und osteuropäische Regionen be- Übereinkommens gilt jede Abstimmung mit dem
gannen sich zusammenzuschließen. So ist euro- Ziel der Stärkung und Weiterentwicklung der
paweit eine Vielzahl von verschiedenen Koopera- nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den
tionsformen entstanden. Es gibt Regionen, die mit Gebietskörperschaften von zwei oder mehr Ver-
einem sehr großen Verwaltungsaufwand in vielen tragsparteien sowie der Abschluss der dazu erfor-
politischen Fragen zusammenarbeiten, so zum derlichen Vereinbarungen. Die grenzüberschrei-
Beispiel die erwähnte Großregion. Viele neuere tende Zusammenarbeit erfolgt im Rahmen der
Europaregionen sind aber eher lose Zusammen- Zuständigkeiten der Gebietskörperschaften, wie
schlüsse, die sich auf einzelne Fachfragen begren- sie im innerstaatlichen Recht festgelegt sind.
zen, als gewachsene tatsächliche grenzüber- Ausmaß und Art dieser Zuständigkeiten werden
schreitende Regionen. durch dieses Übereinkommen nicht berührt.“ Da
im Europarat auch Staaten außerhalb der Europä-
ischen Union Mitglied sind, kann diese Definition
auch auf die Zusammenarbeit über die Außen-
grenzen der EU hinweg herangezogen werden.
Die Europäische Union ist an der Entstehung von
Europaregionen nicht direkt beteiligt. Dennoch
wurde der große Nutzen grenzübergreifender
Regionen für die europäische Integration auch auf
EU-Ebene längst erkannt. Mit eigenen Program-
men sollen bestehende regionale Projekte geför-
Ausblick

dert und so die grenzüberschreitende Zusam-


menarbeit vertieft werden. Das wichtigste In-
Europa fördert die interregionale Zusammenarbeit
strument für regionale Entwicklung ist der „Euro-
© moonrun - Fotolia.com päische Fonds für regionale Entwicklung“ (EFRE).
Eigenständiges Ziel dieses Fonds ist die so ge-
In einer umfangreichen Abhandlung zum Thema nannte „Europäische territoriale Zusammenar-
Euroregionen und speziell der deutsch-polnischen beit“ (ETZ). Hier sollen laut Europäischer Kommis-
und der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit sion vor allem drei Schwerpunkte gefördert wer-
erklärt Marzena Schöne die verschiedenen For- den: Entwicklung von grenzüberschreitenden
men der Kooperation, die von losen Zusammen- wirtschaftlichen und sozialen Projekten; Schaf-
schlüssen bis hin zu festen Institutionen gehen. fung und Förderung der transnationalen Zusam-
Gerade in den Gebieten mit einer Grenze zu den menarbeit, einschließlich einer bilateralen Zu-
ehemaligen sowjetischen Republiken gibt es zu- sammenarbeit zwischen den Küstenregionen;
sätzlich noch Zusammenschlüsse, die offiziell die Stärkung der Effizienz der Regionalpolitik durch
Bezeichnung Europaregion im Namen trügen, die Förderung der interregionalen Zusammenar-
aber eher zentralstaatlich organisierte Projekte beit, die Schaffung von Netzwerken und den Er-
seien, die nicht die typischen Merkmale her- fahrungsaustausch zwischen den regionalen und
kömmlicher Europaregionen hätten, also weniger lokalen Behörden. Aufgegliedert ist die ETZ in
lokal verwurzelt seien. INTERREG A/grenzübergreifende Zusammenar-
beit, INTERREG B/transnationale Zusammenar-
Eine einheitliche Rechtsreform, die allen Europa-
beit, INTERREG C/interregionale Zusammenarbeit.
regionen gleich wäre, gibt es folglich nicht, da ihre
Aufgaben und Zielsetzungen sich viel zu sehr Ein Überblick über die aktuellen Fördergebiete hat
unterscheiden und sich im Laufe der Kooperation die Kommission auf ihren Internetseiten veröf-
auch frei entwickeln können. Meist geht die fentlicht. Viele der Europaregionen werden durch
Gründung von der kommunalen Ebene aus, aber das aktuelle INTERREG IVA Programm gefördert.
auch die nationalstaatliche Ebene – wie im Falle Dabei geht es hauptsächlich um die Teilfinanzie-
Luxemburgs – kann ein Initiator sein. In der vom rung von einzelnen Projekten über einen längeren
Europarat 1980 angenommenen sogenannten Zeitraum. Förderfähig sind alle Gebiete der Ebene
„Madrider Konvention“ über die grenzüberschrei- entlang der Binnen- und Außengrenzen der Euro-
tende Zusammenarbeit zwischen Gebietskörper- päischen Union zu Lande und bestimmte Küsten-

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6. Jahrgang aktuell Januar/Februar 2011

gebiete. Gefördert werden konkret innovatives und Organisationsfragen besser in der Kooperati-
Unternehmertum, lokale Beschäftigungsinitiati- on geklärt werden können als im Alleingang. Die
ven, Unterstützung der Integration auf dem Ar- Zusammenarbeit nimmt in der praktischen Um-
beitsmarkt und der sozialen Eingliederung, ge- setzung dennoch verschiedenste Formen an und
meinsame Nutzung der Humanressourcen und kann von sporadischer Zusammenarbeit bei ein-
Einrichtungen in den Bereichen Forschung, tech- zelnen Projekten bis hin zu gemeinsamen Institu-
nologische Entwicklung, Bildung, Kultur, Kommu- tionen gehen. Doch egal welche Organisations-
nikation, Gesundheit und öffentliche Sicherheit; form die Partnerregionen wählen, die Zielstellung
die Verstärkung der Zusammenarbeit in den Be- ist meist dieselbe: möglichst effizient die Proble-
reichen Justiz und Verwaltung und die Stärkung me einer Region durch gezielte Zusammenarbeit
der Humanressourcen und des institutionellen lösen und neben partnerschaftlichem Austausch
Potentials für die grenzübergreifende Kooperati- auch neue Projekte begründen.
on.
Die Frage der europäischen Integration hat sich in
den vergangenen Monaten und Jahren stark ver-
ändert. Herrschte Anfang des 21. Jahrhunderts
eine gewisse Europaeuphorie, wird die Frage des
europäischen Zusammenwachsens heute eher
rational betrachtet. Zu fern und bedrohlich schei-
nen milliardenschwere Rettungspakete, geplante
Wirtschaftsregierungen. Die regionale Zusam-
menarbeit ist hier eine große Chance, den eigent-
lichen Wert der europäischen Integration zu ver-
deutlichen. Die Europäische Union benötigt zwar
Ausblick

ihre transnationalen Institutionen und auch Gip-


fel von Staats- und Regierungschefs tragen zu
ihrem Gelingen bei. Dennoch ist es gerade die
Kommissionspräsident José Manuel Barroso begrüßt Karl-Heinz regionale Identität, die Menschen verbindet und
Lambertz, den Präsidenten der Arbeitsgemeinschaft Europäischer ihnen häufig am nächsten steht, sogar näher als
Grenzregionen (AGEG)
© Europäische Kommission, 2010 die nationale Identität.
(Thomas Bemmann)
Um den Überblick über die sich immer häufiger
gründenden Europaregionen zu wahren und ei-
nen Erfahrungsaustausch zwischen diesen einzel-
nen Projekten zu ermöglichen, gründete sich 1971
die Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregi- Termine
onen (AGEG). Präsident ist derzeit Karl-Heinz 04.-06.02.2011 Münchner Sicherheitskonferenz
Lambertz, Ministerpräsident der Deutschsprachi-
07.02.2011 EU-De-Briefing Europäischer Rat, Haus
gen Gemeinschaft Belgiens und Generalberichter- der Deutschen Wirtschaft, Berlin
statter der Gemeinden und Regionen Europas
09.02.2011 Ausschuss für die Angelegenheiten der
(KGRE) für Fragen der grenzüberschreitenden Europäischen Union, Deutscher Bun-
Zusammenarbeit. Ziel der AGEG ist die europa- destag (öffentlich)
weite Zusammenarbeit und die politische Vertre-
09.02.2011 Vorstellung der Plattform gegen Armut
tung der Europaregionen. Derzeit hat sie über 100 und soziale Ausgrenzung, Vertretung
Mitglieder die für mehr als 200 Grenzregionen der europäischen Kommission, Berlin
stehen.
14.-16.02.2011 Plenum Europäisches Parlament,
Was also ist allen Europaregionen trotz aller Un- Straßburg
terschiede gemeinsam? Einerseits sind sie durch 24./25.02.2011 Rat für Justiz und Inneres, Brüssel
die grenzübergreifende Zusammenarbeit von
Wirtschaftsräumen mit überregionaler Bedeu-
tung gekennzeichnet, andererseits hat die Ein-
sicht gewonnen, das bestimmte Verwaltungs-

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Gespräch mit Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der deutschsprachigen Gemeinschaft im belgi-


schen Königreich und Präsident der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen
Einblick
Einblick

Seine politische Karriere bestritt Karl-Heinz Lambertz, geboren 1952 im belgischen Schoppen, hauptsäch-
lich in der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG)- neben Flandern und der Wallonie eine der drei politi-
schen Gemeinschaften Belgiens. Seit 1981 sitzt er für die Parti Socialiste im Parlament der DG und ist schon
mehr als 20 Jahre in verschiedenen Funktionen in der Regierung der DG vertreten. Seit der Wahl 1999 leitet
er diese als Ministerpräsident. 2008 war Lambertz einer von drei belgischen Politikern, die von König Albert
II. beauftragt wurden, Lösungsvorschläge im politischen Konflikt zwischen Flamen und Wallonen zu erar-
beiten. Zudem ist er Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Bildung im Kongress der Gemeinden und
Regionen des Europarates und Präsident der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen (AGEG).
© Lambertz.be

Europathemen: In Belgien konnte seit weit über Europathemen: Auch Belgien muss schmerzhafte
200 Tagen keine Regierung gebildet werden. Reformen durchsetzen, um den Staatshaushalt
Befürchten Sie, dass es zu einem Auseinanderbre- zu stabilisieren. Wie kann dies ohne stabile Regie-
chen des Landes kommt? Wie soll es weiterge- rung gelingen?
hen?
Lambertz: Trotz Regierungskrise ist das Haus-
Lambertz: Ich rechne fest damit, dass es letzt- haltsergebnis 2010 besser als erwartet. Die
endlich zu einer Einigung über die Weiterent- diensttuende Regierung bleibt keineswegs un-
wicklung des belgischen Bundesstaatsmodells tätig und bereitet den Haushalt 2011 sowie
kommen wird. Wegen der sehr unterschiedli- eine Reihe von Reformen vor. Dabei arbeitet sie
chen Standpunkte und Interessen der Flamen eng mit den Regierungen der Gemeinschaften
und Frankophonen erweist sich das Zustande- und Regionen zusammen, die voll handlungsfä-
kommen einer solchen Einigung als äußerst hig sind. Darüber hinaus ist es durchaus denk-
schwierig, aber sie ist immer noch unendlich bar, dass das Parlament der diensttuenden fö-
einfacher als das Bewältigen der Folgen eines deralen Regierung gewisse Vollmachten erteilt
etwaigen Auseinanderbrechens des Landes. Es oder dass es zur Bildung einer Übergangsregie-
muss so lange verhandelt werden, bis ein trag- rung kommt, die mit der Regelung der haus-
fähiger Kompromiss gefunden wird. haltspolitischen Fragen beauftragt wird.

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Grundlegende Reformen setzen jedoch eine Lambertz: Es stimmt: Deutschland, Österreich


Einigung über das zukünftige Bundesstaatsmo- und Belgien sind bisher die einzigen Bundes-
dell voraus und werden deshalb ab einem ge- staaten in der EU. Wer sich die europäische
wissen Zeitpunkt auch Gegenstand der laufen- Landschaft jedoch etwas genauer anschaut,
den Verhandlungen zwischen den Parteien sein, wird feststellen, dass die regionale Ebene in fast
die sich um eine Regierungsbildung bemühen. allen größeren Mitgliedsstaaten der EU wäh-
rend der letzten drei Jahrzehnte an Bedeutung
Europathemen: Wie wirkt sich die belgische
gewonnen hat. Ich weiß nicht, ob die Zukunft
Staatskrise auf die Motivation der Mitarbeiter in
Europas im Föderalismus liegt. Ich bin allerdings
der öffentlichen Verwaltung aus?
wohl davon überzeugt, dass es europaweit zu
Lambertz: Ohne die Probleme beschönigen zu einer Optimierung der Verteilung von Zustän-
wollen: Von einer Staatskrise im engeren Sinne digkeiten und Verantwortungen zwischen der
kann eigentlich nicht die Rede sein. Belgien europäischen, nationalen, regionalen und loka-
steht keineswegs vor dem Chaos. Die Gliedstaa- len Ebene kommen muss, wenn die EU auch in
ten, die in Belgien Gemeinschaften und Regio- Zukunft eine Erfolgsstory bleiben soll.
nen heißen, funktionieren ganz normal und die
diensttuende Föderalregierung erledigt die
laufenden Angelegenheiten. Die Mitarbeiter in
den Verwaltungen erleben diese Situation nicht
zum ersten Male und wissen damit umzugehen.
Europathemen: Belgien hat nach Einschätzung
fast aller Beobachter die EU im Rahmen der
Ratspräsidentschaft auch ohne Regierung und
Einblick

trotz innenpolitischer Probleme im zweiten Halb-


jahr 2010 gut geführt. Wieso gelingt das nicht in
der Innenpolitik?
Lambertz: Bei der Wahrnehmung des EU-
Vorsitzes haben die föderale Regierung, die
Teilregierungen und die jeweiligen Verwaltun-
Unter Nachbarn (v.l.n.r. Jean-Claude Juncker, Peter Müller,
gen eng und erfolgreich zusammengearbeitet. Kurt Beck und Karl-Heinz Lambertz)
In Sachen Europa sind sich in Belgien alle einig © Lambertz.be
und lassen die innerbelgischen Konflikte in der
Garderobe. Das hat weniger mit dem Verhältnis Europathemen: Neben Ihrem Amt als Minister-
Regierung – Verwaltung als vielmehr mit der präsident der deutschsprachigen Gemeinschaft
Überzeugung aller zu tun, dass Belgiens Zu- sind Sie auch Präsident der Arbeitsgemeinschaft
kunft definitiv in Europa liegt. europäischer Grenzregionen (AGEG). Wo sehen
Sie die Vorzüge regionaler Zusammenarbeit?
Europathemen: Ist die europäische Integration
eher hilfreich oder hinderlich bei der Überwin- Lambertz: Grenzüberschreitende und interregi-
dung der innenpolitischen Probleme Belgiens? onale Zusammenarbeit sind gleichermaßen
Laboratorium und Motor des europäischen
Lambertz: Zwischen beiden Themen besteht Integrationsprozesses. Regionale Autonomie
nur ein bedingter Zusammenhang. Mehr Auto- und interregionale Kooperation sind zwei Sei-
nomie und Verantwortung für die belgischen ten derselben Medaille. Voneinander lernen
Gliedstaaten steht keineswegs im Widerspruch und vernetzt handeln sind bewährte Erfolgsre-
zur Vertiefung der europäischen Integration. zepte zukunftstüchtiger Politikgestaltung.
Beides verbinden das Subsidiaritätsprinzip und
die Multi-Level-Governance. Europathemen: Welche Rolle spielen Regionen
im laufenden Prozess der europäischen Einigung?
Europathemen: Trotz einiger Ausnahmen sind
die meisten Mitgliedsländer der Europäischen Lambertz: Die Regionen spielen eine sehr wich-
Union zentralstaatlich organisiert. Kann ein eu- tige Rolle bei der Umsetzung der Europapolitik.
ropäischer Föderalismus, der an der Erfahrung Nicht zuletzt in den Regionen entscheidet sich,
vieler Staaten vorbeigeht, dennoch funktionie- ob Europa die Lebensbedingungen der Men-
ren? schen nachvollziehbar zu verbessern vermag.

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Auf dieser Ebene bestehen noch viele Defizite Lambertz: Grenzüberschreitende Zusammenar-
und Unzulänglichkeiten. Diese können durch beit ist nicht nur an den EU-Binnengrenzen,
eine frühzeitige und echte Einbeziehung der sondern auch an den EU-Außengrenzen von
regionalen Ebene in die europäischen Entschei- erheblicher Bedeutung. Dies gilt natürlich für
dungsfindungsprozesse weitgehend behoben die Sicherheits- und Einwanderungspolitik. Aber
werden. auch die Gestaltung der Nachbarschaft zu den
Nicht-Mitgliedsstaaten hängt wesentlich von
Europathemen: Sollte die Europäische Union den
der Qualität der grenzüberschreitenden und
Einfluss der Regionen in Europa weiter stärken
selbst der interregionalen Zusammenarbeit
und wenn ja, wie?
zwischen Regionen dies- und jenseits der EU-
Lambertz: Die Bürgertauglichkeit der europäi- Außengrenzen ab.
schen Entscheidungen muss vermehrt auf regi-
Europathemen: Bei vielen wichtigen politischen
onaler Ebene im Dialog mit den dortigen Ver-
Entscheidungen des vergangenen Jahres hat das
antwortlichen getestet werden. Bei der Subsi-
deutsch-französische Tandem wichtige Akzente
diaritätskontrolle und der Entscheidungsfin-
beinahe im Alleingang gesetzt. Welche Lehren
dung muss die Rolle der Regionen aufgewertet
können grade kleinere Länder wie Belgien aus
werden. Dabei fällt dem Ausschuss der Regio-
dieser Entwicklung ziehen?
nen eine wichtige Aufgabe zu.
Lambertz: Bei aller gerechtfertigten Bedeutung
der deutsch-französischen Zusammenarbeit:
Frankreich und Deutschland haben kein Mono-
pol auf die Beschlussfähigkeit Europas. Wir
brauchen einen partnerschaftlichen Dialog und
einen redlichen Interessenausgleich zwischen
Einblick

allen Mitgliedsstaaten, bei dem keiner über den


Tisch gezogen wird und wo Europa für alle ei-
nen Mehrwert bedeutet.
Europathemen: In welcher Verfassung sehen Sie
Europa in fünf Jahren?
Lambertz: Die EU ist zurzeit nicht in Hochform.
Karl-Heinz Lambert gibt Belgien noch nicht verloren Dennoch gibt es zur Fortsetzung und Vertiefung
© Lambertz.be
des europäischen Integrationsprozesses keine
brauchbare Alternative. Deshalb hoffe ich, dass
Europathemen: Welche Projekte sollten in
die EU in den nächsten fünf Jahren noch enger
nächster Zukunft im belgisch-deutschen Grenz-
zusammenwächst, erhebliche Fortschritte auf
gebiet umgesetzt werden?
Ebene der wirtschaftlichen und sozialen Integ-
Lambertz: Die Deutschsprachige Gemeinschaft ration verwirklicht und ihre Stellung auf Welt-
Belgiens grenzt an die beiden Bundesländer ebene behauptet und ausbaut.
Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Zu
beiden bestehen enge Kontakte in fast allen
Bereichen der Politikgestaltung. Die Euregio Impressum
Maas-Rhein und die Großregion Saar-Lor-Lux
dbb beamtenbund und tarifunion
zeichnen sich durch eine große Mobilität in den
Bereichen Wirtschaft, Beschäftigung, Sozialwe- Friedrichstr. 169/170
10117 Berlin
sen, Bildung, Kultur und Freizeit aus. Sie wach- Tel.: +49/(0)30/4081-40
sen zunehmend zu Verflechtungsräumen zu- Fax: +49/(0)30/4081-4999
sammen, in denen grenzüberschreitende Netz- ViSdP Christian Moos, Thomas Bemmann
werke und Kooperationen eine entscheidende Für die Inhalte der in den dbb europathemen gelinkten Internetseiten
Rolle spielen. übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.

Kontakt:
Europathemen: Welche Rolle kann die Zusam-
Lob & Kritik
menarbeit zwischen Regionen auch über die
Außengrenzen der EU hinweg spielen? An- & Abmeldung von Europathemen
Internet: http://www.dbb.de

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