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„Plastic Planet“- Bericht von Sebastian Kröschel auf www.geo.

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"Wenn Sie diesen Film gesehen haben, werden Sie nie wieder aus einer Plastikflasche
trinken" - die Eröffnung des neuen Films des Österreichers Werner Boote schürt große
Erwartungen. Doch statt in der Manier eines Michael Moore ("Bowling for Columbine",
"Fahrenheit 9/11") ohne Umwege Missstände anzuprangern und anarchische Kundgebungen
vor den Palästen der skrupellosen Industriemagnaten zu veranstalten, outet sich Boote erst
einmal als Plastikfan. Genüsslich riecht er an den verschiedensten Kunststoffprodukten und
schwärmt von seiner Kindheit als Enkel des Geschäftsführers der deutschen Interplastik
Werke. Einer Kindheit voll mit den modernsten Errungenschaften der Plastikindustrie - vom
Kinderspielzeug bis zum Gartenstuhl. Er trifft sich mit John Taylor, der Präsidenten von
PlasticEuropa, der ihm mit breitem Managerlächeln die Vorteile von Produkten aus Plastik
erklärt. Vor allem sei es leichter, was die Energiekosten beim Transport minimiere. In Europa
wird derzeit etwa ein Viertel der Weltproduktion an Plastik hergestellt: ca. 60 Millionen
Tonnen jährlich.

Doch wo landet diese Produktion eigentlich? Kunststoffe werden heute in den meisten
Industriezweigen verwendet. Ob in Windrädern, Hochdruckwasserleitungen oder der
Verpackungsindustrie - Plastik schickt sich an, einer der wichtigsten Baustoffe der Welt zu
werden. Natürlich birgt das Wundermaterial auch Risiken, über die lächelnde Manager eher
ungern sprechen. Plastik zerfällt durchschnittlich erst nach 200 Jahren in seine Bestandteile.
Bis dahin gibt es problematische Stoffe an die Umwelt ab. Auch der globalisierungsbedingt
wenig kontrollierbare Zusatz von sogenannten Additiven zum Rohstoff ist problematisch.
Werner Bootes Versuch, die Herstellung eines aufblasbaren Wasserballs in Shanghai zu
dokumentieren, scheitert, eine chemische Untersuchung weist später giftige Substanzen,
unter anderem Quecksilber im Material des Balles nach.

Gifte und Hormone


Boote besucht die unterschiedlichsten Orte auf der ganzen Welt - überall stößt es auf
Plastikmüll. In malerischen Buchten in Asien und der marokkanischen Sahara ebenso wie im
Nordpazifik. Hier nimmt Boote gemeinsam mit Charles Moore, dem Entdecker des
"pazifischen Müllstrudels", einer Straße von Müll, mitten im Meer, eine zufällige Wasserprobe.
Ein Blick ins Reagenzglas unterstützt Moores Aussage: "Vor zehn Jahren war das Verhältnis
Plastik zu Plankton in den Ozeanen noch 6 zu 1, mittlerweile ist das Verhältnis 60 zu 1". Mit
fatalen Folgen: Fische und Seevögel verwechseln den Müll mit Nahrung und sterben mit
vollem Magen.
Auf eher indirektem Weg gelangt Plastik auch in den menschlichen Körper. Beim Trinken aus
einer Plastikflasche, dem Anfassen des Autolenkrads an heißen Tagen oder durch einen
Babyschnuller – bei jedem dieser Vorgänge lösen sich Stoffe aus dem Kunststoff und geraten
in den Körper. Vieles davon ist relativ ungefährlich, einige Stoffe jedoch sind gefährlich.
Werner Boote reist nach London und lässt sich von der Umweltwissenschaftlerin Susan
Jobling sogenannte Intersex Fische zeigen. Diese Tiere verlieren durch Hormone, die in die
Flüsse geraten, ihr Geschlecht und werden zu Zwittern. Nachgewiesen wurden große Mengen
der chemischen Verbindung Bisphenol A, die auf Organismen wirkt wie das weibliche
Geschlechtshormon Östrogen. Das könnte die Mutation ausgelöst haben, dessen ist Susan
Jobling sich sicher.

Bisphenol A ist ein gängiger Bestandteil von Polykarbonaten, also den Materialien, aus denen
unter anderem Babyfläschchen, Lebensmittelverpackungen oder Plastikflaschen gefertigt
werden. Bisphenol A hat also genügend Gelegenheiten, auch in den menschlichen Körper
einzudringen.

Plastik im Blut
Aufgrund dieser Erkenntnis macht Werner Boote einen Bluttest. Das Ergebnis: Die Menge von
Giftstoffen aus Plastik ist in Bootes Blut nachweisbar - die Menge reicht aus, um seine
Spermienproduktion um 40 Prozent zu verringern. Neben Bisphenol A finden die
Wissenschaftler Weichmacher (Phthalate), Flammschutzmittel und Dunststoffe. Boote strengt
eine Studie mit verschiedenen Pärchen an. Das Urteil der Mediziner: Das Risiko, ein
gesundheitlich geschädigtes Kind zu zeugen ist bei den beteiligten Paaren hoch - Schuld sei
das verschmutzte Blut.

Welches Plastik nun "gutes" und welches "schlechtes" Plastik ist, ist für den Verbraucher nicht
ersichtlich. Weder die Nahrungsmittelindustrie, noch Produkthersteller (z.B. von Folien)
wissen, was in ihrem Plastik enthalten ist. Die "Rezepturen" sind das Geheimnis der
Plastikindustrie. Und die weicht unbequemen Fragen aus. Das stellt auch Werner Boote fest,
als er gegen Ende des Films nun doch mit bester Michael Moore-Attitüde und einem Rollkoffer
voller Studien eine Messe der Plastikindustrie stürmt und ein Statement von PlasticEuropa
Präsident John Taylor zu erzwingen versucht - er wird des Standes verwiesen.