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Janina Glaeser

Care-Politiken
in Deutschland
und Frankreich
Migrantinnen in der Kindertagespflege –
moderne Reproduktivkräfte
erwerbstätiger Mütter
Care-Politiken in Deutschland und
­Frankreich
Janina Glaeser

Care-Politiken
in Deutschland
und Frankreich
Migrantinnen in der Kindertages-
pflege – moderne Reproduktivkräfte
erwerbstätiger Mütter
Janina Glaeser
Frankfurt am Main, Deutschland

Bi-nationale Dissertation Johann-Wolfgang-Goethe-Universität und Université de


Strasbourg, Frankfurt am Main und Straßburg (Elsass) 2016

u.d.T.: Janina Glaeser: „Care-Politiken in Deutschland und Frankreich: Migrantinnen


in der Kindertagespflege – moderne Reproduktivkräfte erwerbstätiger Mütter“

D.30

Die vorliegende Arbeit wurde durch die Hans-Böckler-Stiftung und die Deutsch-­
Französische Hochschule gefördert.

ISBN 978-3-658-19850-3 ISBN 978-3-658-19851-0  (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-658-19851-0

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Danksagung
All jenen Personen, die ihre Lebensgeschichte erzählt haben, sei in erster Linie ge-
dankt. Dieses Buch entstand auf der Grundlage ihrer Narrationen, ihrer Eindrücke
und ihrer Stimmen.

Besonders herzlicher Dank gilt den Betreuerinnen meiner Dissertation, Prof. Dr.
Ursula Apitzsch und Prof. Dr. Catherine Delcroix. Sie haben die Ausarbeitung aller
dieser empirischen Arbeit zugrundeliegenden Schritte kontinuierlich unterstützt, sie
kritisch anerkannt und begleitet. In Frankreich wurden sowohl meine Forschungsauf-
enthalte, Lehrtätigkeiten, Teilnahmen an Ateliers als auch meine zahlreichen Gesprä-
che in Straßburger Restaurants von dem Esprit einer Gruppe junger Wissenschaft-
ler_innen begleitet, deren Begeisterung für ein exploratives Vorgehen in der Migrati-
onsforschung ohne die Leitung von Catherine Delcroix undenkbar erscheint. Ebenso
offerierte der langjährige Austausch in dem von Ursula Apitzsch und Lena Inowlocki
animierten Kolloquium einen wichtigen Raum für die Auseinandersetzung mit ande-
ren Forschenden und ihren Projekten. Ich danke meinen Betreuerinnen für alle Be-
mühungen, die den Forschungsprozess langfristig gesichert haben, inklusive des im
Cotutelle-Verfahren besonders hohen Bedarfs an Gutachten und Unterschriften. Der
transnationale Gegenstand der Arbeit, der überdies mit den unterschiedlichen Wis-
senschaftssystemen Frankreich und Deutschland verwoben ist, hat vor allem von der
engen Zusammenarbeit dieser beiden Professorinnen profitiert. Ein entsprechender
Austausch ist die beste Voraussetzung für eine gelingende Cotutelle, wie die hier
vorliegende Dissertation demonstriert.

Weiterhin gilt mein Dank der Hans-Böckler-Stiftung, der Deutsch-Französischen


Hochschule und dem Collège doctoral européen. Ein Stipendium und die finanzielle
Unterstützung durch diese Förderinstrumente ermöglichten das kontinuierliche Pen-
deln zwischen der Université de Strasbourg (Elsass) und der Johann-Wolfgang-
Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Weiterhin danke ich allen Kolleg_innen am Cornelia Goethe Centrum für Frauenstu-
dien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse. Derselbe Dank gilt meiner
6 Danksagung

Doc-Ag „Interpretative Sozialforschung“, der Interdisziplinären Forschungsgemein-


schaft Frankreich-Deutschland (GIRAF) und Ulle Jäger mit ihrer für Dokto-
rand_innen an der Goethe-Universität Frankfurt angebotenen Supervision. Großes
Glück hatte ich, Marc Haug kennenzulernen, der am Laboratoire dynamiques
européenes für in Fremdsprachen Promovierende ein „solidarisches Angebot der
Relektüre“ unterbreitet. Nicht vergessen werden darf die außerordentliche Leistung
Lucile Chartains, die eine substanzielle deutsche Zusammenfassung ins Französische
übersetzte und immer wieder mit mir diskutierte.

Zu guter Letzt: herzlichen Dank meiner Familie und meinen Freunden, die mich auf
meinem Weg unterstützt haben. Damit danke ich auch Ronjeeta Skiba, meiner aus
Indien kommenden Tagesmutter aus Kindheitsjahren.
Inhaltsverzeichnis

Einleitung ..................................................................................................................13
Gegenstand der Untersuchung ...............................................................................13
Forschungsinteresse und methodischer Zugang ....................................................17
Stand der Forschung ..............................................................................................19
Aufbau der Arbeit..................................................................................................24
1 Theoretische Überlegungen zur Einbettung des Phänomens ......................27
1.1 Care-Arbeit und Reproduktion ................................................................27
1.2 Intersektionale Perspektiven ...................................................................28
1.3 Kapital biografischer Erfahrung...............................................................29
1.4 Soziale Mobilität und Möglichkeitsräume ...............................................31
1.5 Care in kapitalistischen Gesellschaften ....................................................34
1.6 Care-Macht: weibliche Fürsorgemoral als politische Stärke....................35
1.7 Die „Transnationalisierung der sozialen Welt“ ........................................37
1.8 Care-Arbeit und transnationale Migration ...............................................39
1.9 Globalisierte Haushaltsarbeit im Spannungsfeld einer expandierenden
Zeitindustrie .............................................................................................42
1.10 Der globalisierte Privathaushalt als teilöffentlicher Raum .......................43
2 Zur Entstehung des Care-Defizits in den postindustriellen Ländern .........47
2.1 Die Funktion des Dienstbotenwesens während der Industrialisierung .....47
2.2 Die Etablierung einer häuslichen Kultur ..................................................51
2.3 Die Ent-Professionalisierung der Hauswirtschaft ....................................53
2.4 Die Auslagerung von Care-Arbeit auf Migrantinnen ...............................56
3 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland in ihrer
nationalstaatlichen, historischen und ökonomischen Entwicklung......................59
8 Inhaltsverzeichnis

3.1 Entstehung von Sozialstaaten ..................................................................60


3.2 Der deutsche Sozialstaat ..........................................................................65
Migrations-Politiken ..............................................................................66
Maßnahmen zur Organisation von Familie und Arbeit .........................71
Bedingungen und Regelungen der Kindertagespflege in Deutschland ..81
3.3 Der französische Sozialstaat ....................................................................86
Besonderheiten der industriellen Entwicklung in Frankreich ................86
Erste staatliche Maßnahmen in Form von Fürsorgegesetzen .................89
Migrations-Politiken ..............................................................................91
Maßnahmen zur Organisation von Familie und Arbeit .........................95
Bedingungen und Regelungen der Kindertagespflege in Frankreich...105
3.4 Europapolitische Einflüsse.....................................................................111
3.5 Zusammenfassender Vergleich ..............................................................116
3.6 Statistischer Überblick ...........................................................................121
4 Methodisches Vorgehen ................................................................................127
4.1 Methodischer Zugang ............................................................................127
4.2 Theoretisches Sampling .........................................................................131
4.3 Interviewtechnik und Narrationsanalyse ................................................135
4.4 Besondere Herausforderungen im bi-nationalen Vergleich ...................140
4.5 Aufbau des empirischen Teils ................................................................142
5 Deutschland: Empirische Befunde ..............................................................145
5.1 Lebensverläufe bis zum Eintritt in die Kindertagespflege .....................145
Amalia: verhinderte Berufskarriere als Kinderkrankenschwester .......146
Marja: eine gelenkte Orientierung an Care in Deutschland .................148
Das Ehepaar Welter: über den Verlust und die (Wieder-)Aneignung
von sinnstiftender Tätigkeit .................................................................152
Typisierung des lebensgeschichtlichen Prozesses ...............................159
Inhaltsverzeichnis 9

5.2 Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen in der


Kindertagespflege ...................................................................................168
(Schein-)selbstständig prekär arbeiten .................................................168
Sprache als Defizit oder Kompetenz: den Migrationshinweis für die
Nachfrage marktförmig machen ..........................................................176
Die Arbeit in der Kindertagespflege managen.....................................184
Der Arbeitsplatz im eigenen Zuhause: der „Arbeitsplatz Zuhause“ ....186
Doing (extended) family: Inszenierungen von (Groß-)Familie ............192
Die Eltern-Problematik: Beziehungsarbeit ..........................................196
Die Männer-Problematik .....................................................................202
5.3 Perspektiven der Handlungsfähigkeit und Selbstermächtigung .............210
Selbstpräsentationen der pädagogischen Kompetenzen gegenüber
anderen öffentlichen Einrichtungen (Krippen, Kitas) ..........................210
(Schein-)selbstständigkeit und Vertragsgestaltung ..............................214
Ansätze des Austauschs, der Selbstorganisierung und der
Solidarisierung.....................................................................................215
Bildung und Weiterbildung im Beruf als Qualitätshinweis .................217
Wege der langfristigen Legalisierung von Aufenthalt und
Berufstätigkeit .....................................................................................218
Zukunftsaspirationen ...........................................................................219
5.4 Resümee zu den migrantischen Tageseltern ..........................................221
6 Frankreich: Empirische Befunde ................................................................225
6.1 Frankreich: Lebensverläufe bis zum Eintritt in die Kindertagespflege ..225
Lydia: der „klassische“ Weg ...............................................................226
Kaya: fremdbestimmte Reproduktionsarbeit führt zu
selbstermächtigender Care-Arbeit .......................................................229
Noura: eine notwendige Existenz auf dem Arbeitsmarkt ....................235
Typisierung des lebensgeschichtlichen Prozesses ...............................237
10 Inhaltsverzeichnis

6.2 Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen in der


Kindertagespflege ...................................................................................250
Mit Care-Arbeit Geld verdienen ..........................................................250
Nachfrage und Vermittlung als Faktoren einer erfolgreichen
Beschäftigungslage ..............................................................................256
Sozialpolitische Leistungen im Beschäftigungsverhältnis ...................259
Kindertagespflege als Mittel der Integration .......................................262
Die Arbeitszeit managen .....................................................................268
Der Arbeitsplatz im eigenen Zuhause: der „Arbeitsplatz Zuhause“ ....269
Doing (extended) family: Inszenierungen von (Groß-)Familie ............272
Die Eltern-Problematik: (emotionale) Grenzen des Outsourcings .......279
Die Männer-Problematik: eine Frage der Abwesenheit .......................281
6.3 Perspektiven der Handlungsfähigkeit und Selbstermächtigung .............284
Selbstbild der pädagogischen Kompetenzen und öffentliche
Wahrnehmung .....................................................................................284
Arbeitnehmendenrechte und Solidarisierung.......................................287
Bildung und Weiterbildung im Beruf als Qualitätshinweis .................289
Wege der langfristigen Legalisierung von Aufenthalt und
Berufstätigkeit .....................................................................................292
Zukunftsaspirationen ...........................................................................294
6.4 Resümee zu den migrantischen Tagesmüttern .......................................296
7 Zusammenfassender Vergleich der empirischen Befunde .........................301
7.1 Wege in die Kindertagespflege: eine gemeinsame Lösung unter
divergierenden Voraussetzungen ............................................................302
7.2 Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen in der
Kindertagespflege ...................................................................................308
7.3 Professionalisierung und Handlungsfähigkeit ........................................312
7.4 Übersicht interviewter Kindertagespflegepersonen……………………316
Inhaltsverzeichnis 11

Resümee und Diskussion der Befunde ..................................................................319


Zum dialektischen Prinzip der Kindertagespflege: Care auf „zwei Seiten einer
Medaille“ .............................................................................................................320
Wege in die Kindertagespflege............................................................................321
Erfolgskonstruktionen in der Kindertagespflege: befördernde
und behindernde Care-Politiken ..........................................................................325
Neue Erkenntnisse zu Identitätskonstruktionen am „Arbeitsplatz Zuhause“ .......336
Quo vadis Kindertagespflege?: Wege aus den Kinderschuhen............................343
Literaturverzeichnis ...............................................................................................347
Abkürzungsverzeichnis ..........................................................................................391
Transkriptionsregeln ............................................................................................ 393
Einleitung
Äh, danach, Unterschiede gibt's viel mehr in die Sache, wie man erzieht
Kinder. Und äh es ist unglaublich weit, das Thema. Also, dann brauchen
wir drei Tage, um darüber zu sprechen. Weil es ist so weit. Ähm .. überall
in der Erziehung, man ist sehr, sehr unterschiedlich in Frankreich und in
Deutschland. In Frankreich, die Mütter, die zu Hause bleiben, wie ich ha-
be es gemacht, um ihr Kind groß zu erziehen, bis er ist zwei Jahre als – die
sind faul ((lacht))! Und in Deutschland, das ist andersrum. Wenn man
bringt ein Kind, der ist zwei Monate alt, zu ein Tagesmutter oder hat ein
Kinderfrau dafür, man ist faul und man ist unverantwortlich für das Kind
und das Kind wird traumatisiert sein und äh .. also, das ist zwei Kultur,
zwei Geschichte, zwei Welt.
Pascale, zuerst Tagesmutter in Frankreich, dann in Deutschland

Gegenstand der Untersuchung


Im Zuge intensiver studien- und freundschaftsbezogener Aufenthalte in Frankreich
stellte ich als in Westdeutschland aufgewachsene Frau immer wieder fest, dass Müt-
ter in Frankreich mit großer Selbstverständlichkeit erwerbstätig sind – auch wenn sie
mehrere Kinder haben. In Deutschland hingegen stellt eine Schwangerschaft (eine
zweite oder dritte umso mehr) Frauen klassischerweise vor die Vereinbarkeitsprob-
lematik von Familie und Beruf. Mutterschaft wird hier viel deutlicher mit dem An-
spruch verbunden, primäre Bezugsperson des Kindes zu sein oder sein zu wollen. In
Frankreich allerdings geben Mütter ihre Kinder deutlich souveräner in die Betreuung
fremder Personen. Kurzum: “In France, the decision by many working mothers to
place their children in the care of a crèche or registered child minder has become
socially acceptable while in West Germany such a decision continues to raise eye-
brows.” (Fagnani 2012: 514) Die zitierte Geste verdeutlicht die Skepsis der west-
deutschen Gesellschaft vor neuen Werten, die die Erwerbstätigkeit von Müttern zur
Norm werden lassen. Da die soziale Position der Menschen in neoliberalen Gesell-
schaften mit beruflichem Erfolg verknüpft ist, erscheinen Frauen in Frankreich, weil
sie stärker in das Erwerbsleben integriert sind, vergleichsweise autonomer als Frauen
in Deutschland. Wie kommt es dazu, dass sich diese zentralen Lebensfragen in zwei
14 Einleitung

einander doch sehr ähnlichen europäischen Industrienationen, benachbart und zudem


in wirtschaftlichen Leitfragen weitestgehend einig, so sehr unterscheiden? Und wie –
so das hieraus erwachsende soziologische Interesse – wird die Reproduktionsarbeit in
Frankreich und Deutschland fortlaufend gewährleistet, wenn Mütter erwerbstätig
sind? Für beide Länder gilt, dass sich in Verschränkung mit der ansteigenden Er-
werbstätigkeit der Frau im 20. Jahrhundert die Lebensformen diversifizieren. Die
Familien-, Haushalts- und Fürsorgearbeit – folgend als „Care-Arbeit“ bezeichnet –
verschwindet jedoch nicht einfach. Auch dann nicht, wenn, wie in Deutschland,
weniger Kinder geboren werden. Außerdem sind und bleiben wir alle, ausnahmslos,
in bestimmten Phasen unseres Lebens abhängig von der Fürsorge anderer.

Die Einbeziehung der Frauen in das Erwerbsleben und die damit einhergehende
Pluralisierung der Lebensformen in einer Phase des „postindustriellen“ Kapitalismus
(vgl. Fraser 2001: 69-70) wird sowohl in Frankreich als auch in Deutschland von
einer zwingenden Care-Nachfrage begleitet. Die Ablösung des Ernährer-Modells
durch Mehr-Verdiener-Haushalte, die Globalisierung, eine unzureichende Umvertei-
lung der Haushalts- und Sorgetätigkeiten innerhalb von Partnerschaften, der demo-
grafische Wandel einer alternden Gesellschaft, die Diversifizierung von Familien-
formen, eine veränderte Generationenfolge durch spätere Schwangerschaften und der
Mangel institutioneller Absicherung – all dies reißt ein Loch in die Reproduktions-
vorsorge. Zu den Konsequenzen einer alternden Bevölkerung gehört ein vergrößerter
Pflegebedarf beziehungsweise ein Pflegenotstand. Die Versorgung von Kindern
erwerbstätiger Mütter schreibt sich in dieses Generationenverhältnis, das der demo-
grafische Wandel zunehmend verschiebt, ausdrücklich ein. Gleichwohl setzen die
Volkswirtschafen in ganz Europa auf die vollständige Einbeziehung von Frauen und
Männern in den Arbeitsprozess. Männer sind als Folge einer traditionell zweige-
schlechtlich organisierten und differenzierten Arbeitsteilung bereits vollständig in
den postindustriellen Arbeitsmarkt integriert. Da Frauen dort zunehmend auch ihren
Platz finden, werden die neu entstandenen Care-Dienstleistungen überwiegend von
anderen Frauen angeboten, das heißt aus der Kernfamilie auf dritte Personen verla-
gert. Dieses Outsourcing von Reproduktionsarbeiten verläuft zu einem großen Teil
entlang von Geschlechter- und Armutsgrenzen (vgl. Apitzsch & Schmidtbaur 2010;
Apitzsch 2014b). Oft sind es Migrantinnen aus ökonomisch schwächeren Ländern,
Gegenstand der Untersuchung 15

die heute vermehrt in die Haushalte oder Dienstleistungssektoren des globalen Nor-
dens streben, um dort ihre Dienste anzubieten – regulär und irregulär.

Wie kann die Care-Problematik in einer nach Verwertung von Humankapital stre-
benden Wirtschaftsordnung, die die Arbeitskraft qualifizierter Frauen zunehmend
einschließt, untersucht werden? Ein Blick auf die Care-Infrastruktur Deutschlands
und Frankeichs macht deutlich, dass die gesellschaftlichen Prozesse des demografi-
schen Wandels und der neuen Lebens- und Arbeitswelten in bedeutendem Maße von
den staatlich geschaffenen Rahmenbedingungen beeinflusst werden. Sowohl das
deutsche als auch das französische Wohlfahrtsregime werden den „konservativ-
kooperatistischen“ zugeordnet (vgl. Esping-Andersen 1990; Ullrich 2005). In beiden
Ländern existieren Sozialversicherungen, die Vergabe von finanziellen Leistungen ist
an Erwerbstätigkeit gekoppelt, und in familienpolitische Maßnahmen fließt jeweils
ein hohes Maß an Sach- und Geldmitteln. Dennoch unterscheiden sich die Länder
grundlegend in den sozialpolitischen Maßnahmen, die die Berufstätigkeit der Frau
fördern, in diesem Zusammenhang vor allem in der Bereitstellung formaler
(Klein-)Kinderbetreuung: “However, the French welfare state differs from other
corporatist-conservative countries in that the state has responsibility for providing
social care.” (Fagnani & Letablier 2005: 135) Der französische Wohlfahrtstaat unter-
stützt Familien in besonderer Weise. In Deutschland dagegen hat sich der Staat erst
in den letzten Jahren um die Beantwortung der Care-Nachfrage bemüht. Familien-
und sozialpolitische Maßnahmen sind in beiden Ländern an unterschiedliche histori-
sche Entwicklungen gebunden, die zum Teil zu gegensätzlichen politischen Maß-
nahmen geführt haben. Auf der Grundlage gemeinsamer Probleme drängen daher
augenfällige Divergenzen in der Care-Frage, auch in ihrer politischen Dimension, zu
einem Vergleich. Meines Erachtens ist es sinnvoll, diese politischen Rahmenbedin-
gungen genau an der Stelle zu untersuchen, wo Frauenerwerbstätigkeit, unter den
gegebenen Bedingungen, überhaupt erst ermöglicht wird.

Das Outsourcing der Versorgung und Betreuung von Kindern bildet die Vorausset-
zung zur Erwerbsbeteiligung von Müttern. In Frankreich ist die gesellschaftliche
Relevanz einer Betreuungsform unbestritten: die Kindertagespflege. Mehr als die
Hälfte der unter Dreijährigen in formaler Betreuung werden über eine sogenannte
16 Einleitung

assistante maternelle 1 versorgt (vgl. Blanpain & Momic 2007). In Deutschland


nimmt die Bedeutung von ausgebildeten Tageseltern im Zuge einer drastischen Care-
Nachfrage neuerdings ebenfalls zu. Diese Studie fokussiert daher Personen, die die
Fremdbetreuung der kleinsten unter den Kleinen (unter Dreijährige) übernehmen:
Kindertagespflegepersonen beziehungsweise assistantes maternelles. Es handelt sich
dabei um Personen, die staatlich akkreditiert sind, öffentlich gefördert werden und
meist im eigenen Privathaushalt bis zu fünf Kleinkinder betreuen.2 Dieser Berufs-
beziehungsweise Tätigkeitszweig wurde in Frankreich vor mehreren Jahrzehnten
etabliert. Im formellen Betreuungssystem Deutschlands wird er hingegen erst ab
2004 relevant. Bereits realisierte Lösungswege oder Möglichkeiten der Entwicklung
öffentlich geförderter Kleinkindbetreuung erfordern daher neue Einschätzungen, die
vom deutsch-französischen Vergleich profitieren können. Metropolregionen wurden
in dieser Studie bevorzugt, da die Care-Problematik aufgrund der hohen Erwerbs-
und Bevölkerungsdichte dort am drastischsten auftritt. Vor allem in Globalstädten,
wo die Voraussetzung für Globalisierungsprozesse geschaffen wird (vgl. Sassen
1998: 199), gibt es einen entschiedenen Bedarf an Care-Arbeiter_innen. 3 Da die
Entwicklung „entlang von Armutsgrenzen“ Menschen aus ökonomisch schwächeren
Ländern wesentlich einbezieht, wurden zudem Tageseltern mit Migrationshinweis 4
ausgewählt. Außerdem wurde diese Studie in Deutschland auf die alten Bundesländer
eingegrenzt, da die Frauenerwerbsquote in Ostdeutschland als Folge der sozialisti-
schen Gleichstellungspolitik immer noch wesentlich höher ist und ein größeres An-

1
Weil Tageseltern in Frankreich fast ausschließlich Frauen sind, wird in der Folge verallgemei-
nernd von assistantes maternelles gesprochen. Die Berücksichtigung des in Deutschland immer
geläufiger werdenden Gendergaps findet dennoch ihr Äquivalent in französischen Schreibweis
en wie assistant-e-s maternel-le-s oder assistant.e.s maternel.le.s.
2
Prinzipiell können Tagespflegepersonen im Haushalt der Eltern, im Haushalt der Tageseltern
oder in andern geeigneten Räumen arbeiten. In Frankreich definiert der Artikel L.421-1 des Code
de l'action sociale et des familles die Profession der Tageseltern wie folgt: « L'assistant maternel
est la personne qui, moyennant rémunération, accueille habituellement et de façon non perma-
nente des mineurs à son domicile. »
3
Die durch Unterstrich gefüllte Lücke zwischen den Geschlechtsendungen, der gender_gap,
schließt alle sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten jenseits der hegemonialen Zwei-
geschlechtlichkeit ein.
4
Während die Bezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund“ in der Regel auf jene ver-
weist, von denen mindestens ein Elternteil migriert ist, reduziert sich die Bezeichnung „Men-
schen mit Migrationshinweis“ nicht auf diese Definition, sondern verdeutlicht allgemein die Be-
deutung von Migration im Leben eines Menschen.
Forschungsinteresse und methodischer Zugang 17

gebot an Kinderbetreuungsmöglichkeiten existiert als in Westdeutschland (vgl. Pfau-


Effinger & Smidt 2011: 218). Zudem hat die Kindertagespflege in den westdeutschen
Bundesländern eine größere Bedeutung, denn in Ostdeutschland werden knapp 90%
der Kinder über einer Kindertageseinrichtung betreut, in Westdeutschland 82% (vgl.
Destatis 2012: 10).

Forschungsinteresse und methodischer Zugang


Die in Deutschland und Frankreich geltenden Rahmenbedingungen werden maßgeb-
lich durch care policies5 formuliert, in denen sich je nach Kontext etwa Politiken der
Familie, des Arbeitsmarktes und der Migration ineinander verschränken. Care-
Politiken haben nach Serge Guérin vordringlich die Neubewertung der sozialen und
familiären Situation von Frauen, sowie ein auf Solidarität basierendes soziales Le-
ben, zum Ziel und gewährleisten zudem die Voraussetzungen des zukünftigen Wirt-
schaftens (vgl. Guérin 2010a). Die oft als Siegeszug des Neoliberalismus beschriebe-
ne Entgrenzung und Flexibilisierung der Arbeitswelt steht im Wettlauf mit der Rep-
roduktionsarbeit, die die neue Verwertung in der zukünftigen Wirtschaft überhaupt
erst möglich macht beziehungsweise diese zur Voraussetzung hat. Care wird zu
einem Schlüsselkonzept einer neuen, zukunftsfähigen Sozialpolitik (vgl. Gerhard
2014). In dieser Arbeit ist es von grundlegendem Interesse, wie sich die Identitäten
migrantischer Tageseltern im Care-politischen Kontext artikulieren und welche Stra-
tegien sozialer Mobilität sie Tag für Tag verfolgen. Die historische Entwicklung
sozialpolitischer Maßnahmen und ihr Einfluss auf die Gesellschaften Frankreichs und
Deutschlands sollen in dieser Arbeit nicht nur beschrieben und an ihrer theoretischen
Aufarbeitung gemessen, sondern vor allem empirisch ergründet werden. Da in quan-
titativen Forschungen die vielschichtigen Prozesse bei der Verlagerung von Haus-
halts- und Sorgetätigkeiten auf andere Menschen oft unerkannt bleiben, bedarf es
einer qualitativ sowie explorativ vorgehenden Methode. Um verstehen zu lernen,
welchen Einfluss Care-politische Maßnahmen auf die Lebenswege dieser für die
Care-Problematik entscheidenden Akteure haben, wurden daher, der „biografie-

5
Policy meint im Unterschied zur polity, welche die institutionellen Aspekte des Politischen
umfasst und zu politics, welche die Form politischer Prozesse fokussiert, die Inhalte politischer
Auseinandersetzungen. Also beispielsweise Aufgaben und Ziele in der Familienpolitik (vgl. Ro-
he 1994).
18 Einleitung

analytischen Policy-Evaluation“ folgend (vgl. Apitzsch/Inowlocki/Kontos 2008), in


beiden Ländern biografisch-narrative Interviews mit migrantischen Tageseltern ge-
führt. Diese wurden durch ethnografische Feldforschung ergänzt. Die sich wechsel-
seitig bedingenden Ebenen der Politiken, der Institutionen und der Akteure spiegeln
sich in der Konstruktion der Lebensgeschichten. Auch die Prozesshaftigkeit, die im
geschichtlichen Wandel und in der Konstruktion der Geschichte der Individuen
steckt, wird damit sichtbar. Es wurden 21 Fälle (zehn in Westdeutschland, elf in
Frankreich) zu einer gründlichen Analyse herangezogen. Innerhalb der Fallgruppen
migrantischer Tageseltern in Deutschland und Frankreich wurden die Fälle in der
Erhebungsphase von 2011 bis 2014 systematisch kontrastiert.

Der Fokus liegt auf der Frage, inwiefern care policies auf die soziale Mobilität der
Kindertagespflegepersonen einwirken und damit, als Teil der modernen Arbeitstei-
lung unter Frauen, die gesamtgesellschaftliche Problematik von Care im europäi-
schen Wohlfahrtsstaat beeinflussen. In beiden Ländern interessieren hierbei die Pro-
zesse und Mechanismen, die Autonomie eröffnen oder einschränken und wie sich
akkumulierte Ressourcen im dialektischen Verhältnis externer, politischer Umstände
und interner, subjektiver Voraussetzungen darstellen. Im Rahmen der vorliegenden
Politikfeldanalyse wurde daher in beiden Ländern ein bereits regulierter Tätigkeitsbe-
reich ausgewählt. Inwiefern die darin tätigen Akteure diesen regulierten Rahmen
verlassen oder nicht, zeigen die empirischen Befunde.

Robert Castel schreibt in seinem Werk Les Métamorphoses de la question sociale:


« La question sociale se pose explicitement sur les marges de la vie sociale, mais elle
‚met en question‘ l’ensemble de la société. » (Castel 1995: 21) Da sich, dieser Ein-
schätzung folgend, die Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Spaltung explizit an
den Rändern des gesellschaftlichen Lebens zeigen, bleibt der wissenschaftliche Fo-
kus auf Lebenslagen sozialer Ungleichheit unerlässlich. Der Bereich Care, und in-
nerhalb dessen die Kindertagespflege, kann als diskreditiert gelten, da Reprodukti-
onsarbeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem eine Entwertung erfahren hat. Sie
gilt nicht als produktiv. Der Staat spielt eine wesentliche Rolle nicht nur in der Orga-
nisation des Privathaushalts, sondern auch im patriarcat public (dt. ‚öffentliches
Patriarchat‘), wo die Reproduktion der Geschlechterordnung auch auf institutioneller
Stand der Forschung 19

Ebene als vision androcentrique (dt. ‚androzentrische Vision‘) reguliert wird (vgl.
Bourdieu 1998). Dementsprechend berührt der Forschungsgegenstand dieser Studie
einen Bereich mit einer stark strukturierenden, heteronormativen Grundlage, in dem
zweigeschlechtlich und heterosexuell organisierte Familien- und Versorgungsver-
hältnisse dominieren und hierarchisch organisierte sexuelle (Familien-)Beziehungen
privilegiert werden (vgl. Degele 2005). Obwohl der Care-Bereich von Prekarisierung
betroffen und für die Ausbeutung migrantischer Frauen besonders anfällig ist, könn-
ten sich Möglichkeiten autonomen Handelns abzeichnen. Die Arbeit leistet somit
einen Beitrag zur Migrations-, Geschlechter-, Ungleichheits-, Alter(n)s-, und verglei-
chenden Wohlfahrtsstaatenforschung. Sie liefert neue Erkenntnisse zu den Konse-
quenzen des demografischen Wandels, dem Pflegenotstand im Generationenverhält-
nis und dem Fachkräftebedarf als ökonomischem Faktor, der nicht zuletzt den Erhalt
des sozialen Sicherungssystems berührt.

Stand der Forschung


Eine feministische Forderung der Frauenbewegung nach 1968 war die Gleichvertei-
lung von Hausarbeit innerhalb von Partnerschaften. Die aktuelle wissenschaftliche
Forschung, die sich mit der Beschäftigung von Care-Arbeiter_innen in Privathaushal-
ten auseinandersetzt, stellt fest, dass sich dieser Anspruch kaum eingelöst hat. Statt-
dessen werden in vielen wohlhabenden, wirtschaftlich prosperierenden Ländern
millionenfach meist illegalisiert 6 arbeitende, oft aus fremden Ländern stammende,
weibliche Haushaltsarbeiterinnen beschäftigt (vgl. Destremau & Lautier 2005; Hess
2002; Laquentin 2004; Lutz 2008; Rerrich 2002, 2006; Verschuur & Reysoo 2005).
Hochschild hat überzeugend nachgewiesen, dass bei der internationalen Arbeitstei-
lung des Care-Bereichs globale Betreuungsketten entstehen können, die sich oftmals
über drei Länder erstrecken und geschlechtsspezifisch segmentiert bleiben (vgl.
Hochschild 2001). Die bezahlte Arbeit im Privathaushalt erweist sich nach vielen
Forschungsergebnissen als prekäres, ungeschütztes Beschäftigungsverhältnis (vgl.
Chaïb 2001; Falquet 2006; Hondagneu-Sotelo 2007; Lutz 2008; Thiessen 2002),
wobei im Haushalt lebende Arbeitskräfte (sogenannte live-ins) für Ausbeutung be-

6
Mit dem Begriff „Illegalisierung“ soll ausgedrückt werden, dass Illegalität kein natürliches
Wesensmerkmal ist.
20 Einleitung

sonders anfällig sind (vgl. Anderson 2000, 2003; Parreñas 2001). Im Zuge einer
Ökonomisierung des Pflegesektors hat die Taylorisierung der Arbeitsabläufe ganz-
heitliche Konzepte der Pflege abgelöst (vgl. Aulenbacher/Binner/Dammayr 2011),
seit den 1990er Jahren wurden im Gesundheitswesen Elemente von Marktlogik und
Effizienz etabliert (vgl. Auth 2013). Juliane Karakayali hat für Haushalte in Deutsch-
land festgestellt, dass legal beschäftigte Care-Arbeiterinnen auf der Ebene der Ar-
beitsverhältnisse bezüglich des Lohns, der Arbeitsrechte, der Unterbringungen und
bei sexuellen Übergriffen ähnliche Erfahrungen machen, wie ihre Kolleginnen, die
ohne Papiere arbeiten (vgl. Karakayali 2009). Reguläre Beschäftigungen in Form von
haushaltsbezogenen Dienstleistungen werden, selbst wenn sie dem Arbeitsmarkt
entgegen kommen, in Deutschland kaum gefördert (vgl. Brückner 2008; Heubach
2002; Weinkopf 2002). Im französischen Wissenschaftsdiskurs wurde die Care-
Debatte maßgeblich von Patricia Paperman, Sandra Laugier und Pascale Molinier
thematisiert. Letztere hat beispielsweise qualitative Studien zu Care-Arbeiter_innen
in Pariser Altenheimen erhoben und die empirischen Befunde anhand der Dimensio-
nen Arbeit, Ethik und Politik reflektiert (vgl. Molinier 2005, 2013). In hervorste-
chenden Studien wird die Notwendigkeit einer Politisierung von Care (vgl. Guérin
2010a, 2010b, 2013; Molinier/Laugier/Paperman 2009) sowie die Dringlichkeit einer
Care-Ethik für feministische Zielsetzungen (vgl. Laugier 2010) betont. Der Sammel-
band Vers une société du care? befasst sich mit der Frage, inwiefern die heutigen
Gesellschaften Care in ihre (politischen) Konzeptionen einbeziehen und damit auf
eine sozial verantwortliche Welt zusteuern oder nicht (vgl. Delcroix/Matas/Bertaux
2014).

Auf Basis deutsch-französischer Vergleichsstudien wurde gezeigt, dass Familie und


Beruf in Deutschland schwieriger zu vereinbaren sind als in Frankreich (vgl. Ehmann
1999; Fagnani 2001, 2007, 2012). Die staatliche Sozial- und Steuerpolitik zugunsten
des Ernährer-Modells steht einer angemessenen Vereinbarkeit von Familie und Beruf
entgegen (vgl. Gerlach 2004; Lewis 2003; Leitner/Ostner/Schratzenstaller 2003). Es
wurde nachgewiesen, dass Französinnen stärker von Ausbildungs- und Arbeits-
marktbedingungen profitieren als Frauen in Deutschland (vgl. Brauns et al. 1999),
die überdies häufiger aus dem Erwerbsleben gedrängt werden (vgl. Luci 2011). Den-
noch folgt die Verteilung von Care zwischen den Geschlechtern in Frankreich stärke-
Stand der Forschung 21

ren Rollenmustern als in Deutschland, obwohl Frauen trotz Erwerbstätigkeit in bei-


den Ländern die Hauptverantwortung für Erziehungstätigkeiten tragen (vgl. Beck-
mann 2008; Sentis 2014; Veil 2002). Kinderbetreuung liegt in Frankreich in staatli-
cher Mitverantwortung, bezieht Männer jedoch nicht gezielt ein (vgl.
Bloch & Buisson 1998; Dang & Letablier 2009; Fagnani 2005, 2012; Halwachs
2010; Letablier 2004). Maßgeblich für die hohen Geburtenzahlen und die Erwerbsbe-
teiligung der Eltern in Frankreich ist die Care-Infrastruktur im Bereich der Kinderbe-
treuung (Jaehrling 2004; Letablier 2003; Lewis & Ostner 1994; Onnen-Isemann
2003; Salles/Rossier/Brachet 2010; Scrinzi 2004; Veil 2003). Allerdings wurde auch
darauf aufmerksam gemacht, dass es neben mehr qualifizierten Französinnen, die
Zugang zu traditionell männlichen Funktionen und Berufen erhalten, auch mehr
Frauen gibt, die Stellen für Gering- oder Unqualifizierte besetzen. Letzteres zum
großen Teil in den stark feminisierten Sektoren der Haushaltsarbeit, in dem viele
Migrantinnen arbeiten (Manceau 1999; Rassiguier 2002, 2004; Reuter 2003).

Das französische Statistikinstitut Direction de la recherche, des études, de


l’évaluation et des statistiques (DREES) veröffentlicht jährlich Forschungsergebnisse
zum Berufsfeld Tagespflege. In einer 2005 veröffentlichten qualitativen Studie des
DREES wurden 61 assistantes maternelles nach ihrem Beruf und ihren Arbeitsbe-
dingungen befragt. Darin wird der Schluss gezogen, dass die Berufswahl meist ohne
vorherige Absicht erfolgt, die Tagesmütter meist niedrig qualifiziert sind und aus
Arbeiterfamilien stammen (vgl. David-Alberola & Momic 2008). Alleinerziehende
Frauen und Singles sind in dem Beruf unterrepräsentiert (Cartier et al. 2012). Dass
die Kindertagespflege in Frankreich eine Möglichkeit der Erwerbstätigkeit für gering
Qualifizierte ist, stellen Studien bereits in den 1990er Jahren fest (Bloch & Buisson
1998; De Ridder & Salesse 1989; Mozère 1994). Der Beruf der Tagesmutter nimmt
unter den Berufen der personenbezogenen Dienstleistungen eine privilegierte Positi-
on ein (vgl. Avril 2007; Piot 2013). Dennoch sind viele Beschäftigte von Prekarität
bedroht (vgl. Cognet 2010; Doniol-Shaw/Lada/Dussuet 2007; Dussuet 2001; Mozère
1999). Dies betrifft vor allem unterbeschäftigte Frauen aus bescheidenen Verhältnis-
sen (vgl. Cartier et al. 2012). Außerdem sind die Lohnunterschiede innerhalb der
Berufsgruppe sehr groß (vgl. Bloch & Buisson 2003).
22 Einleitung

In Frankreich ist es schwierig, aussagekräftige Daten zu ethnischen Hintergründen zu


erhalten, da sie bei der Erhebung von Statistiken keine Rolle spielen dürfen bezie-
hungsweise sollen. So gehen Bloch & Buisson beispielsweise auf die schwierige
Beschäftigungslage von Tageseltern in sozialschwachen Stadtteilen ein, ziehen aber
keine Verbindung zu den Kategorien Ethnizität oder Migration (vgl.
Bloch & Buisson 2003: 203). Auf die Bedeutung migrantischer Erfahrung bei
assistantes maternelles wird in einigen Studien dennoch hingewiesen. Wissenschaft-
ler_innen bemerken eine hohe Prozentzahl an Frauen mit Migrationshintergrund im
Pflege- und Gesundheitssektor (vgl. Avril 2006; Cognet 2010; Doniol-
Shaw/Lada/Dussuet 2007; Fagnani & Letablier 2005; Merckling 2002, 2003). Meist
stammen sie aus dem Maghreb (vgl. Cognet 2010; Maki 2014; Mozère 2000). Liane
Mozère hat in einer qualitativen Studie zur Arbeitslosigkeit von immigrierten Ta-
gesmüttern in Pariser Vororten festgestellt, dass der Gebrauch von Sprache für diese
auf dem Arbeitsmarkt ein wesentlicher Faktor der Integration, aber auch des Aus-
schlusses, sein kann (vgl. Mozère 2000). Darüber hinaus fehlen qualitative und ver-
gleichende Studien zur Situation migrierter Tageseltern. Diese Arbeit widmet sich
daher dieser Problematik.

Die Sozial- und Erziehungswissenschaften in Deutschland weisen Forschungsdeside-


rate sowohl zur irregulären Kinderbetreuung als auch zur seit 2005 öffentlich geför-
derten Kindertagespflege auf. Aussagen zu privat organisierter Kinderbetreuung
durch irregulär beschäftigte Kinderfrauen basieren auf Schätzungen und können nicht
genauer definiert werden. Auch die Kinder- und Jugendhilfestatistiken erfassen erst
seit 2006 den Tagespflegebereich. Viele der Publikationen kommen vom oder stehen
in Relation zum Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München (vgl. Dil-
ler/Jurczyk/Rauschenbach 2005; Heeg 2010; Höhn 2013; Pabst & Schoyerer 2015;
Riedel & Heitkötter 2014; Schoyerer/Weimann-Sandig/Klinkhammer 2016;
Schoyerer & Weimann-Sandig 2015; Van Santen 2006). Darin wird der Professiona-
lisierungsprozess der Kindertagespflege als familienunterstützende Dienstleistung
(vgl. Heeg 2010, Wiemert & Heeg 2012) beziehungsweise als „Familientagesbetreu-
ung“ betrachtet (Jurczyk et al. 2004c: 344). Allgemein wird konstatiert, dass die
bisherigen Gesetzesanstrengungen nicht zu einer gleichwertigen Alternative zu Kin-
dertageseinrichtungen geführt haben (vgl. Napoles & Lanz 2015; Schoyerer & Wei-
Stand der Forschung 23

mann-Sandig 2015; Wiemert 2009). Die Ausgestaltung der Kindertagespflege zu


einem pädagogisch professionalisiertem Berufsbild beginnt erst (vgl. Fuchs-
Rechlin & Schilling 2012; Kerl-Wienecke/Schoyerer/Schuhegger 2013;
Schoyerer & Weimann-Sandig 2015). Häufig ist die Tätigkeit mit Prekarisierung
verbunden (vgl. Papst & Schoyerer 2015). Heike Wiemert hat sich in ihrer Disserta-
tion mit dem Arbeits- und Selbstverständnis von Tagesmüttern zwischen Juni 2005
und April 2006 beschäftigt und stellt ebenfalls fest, dass die Kindertagespflege nicht
hinreichend als echte Profession anerkannt wird (vgl. Wiemert 2009). Als Besonder-
heit der Tätigkeit wird jedoch der familienähnliche Rahmen der Tätigkeit betont (vgl.
Jurczyk & Kerl-Wienecke 2010, Jurczyk 2004b). Schoyerer und Weimann-Sandig
haben biografische Interviews mit 43 Tagespflegepersonen in Deutschland geführt,
fokussierten aber deren berufsbegleitende Weiterqualifizierung zu Erzieher_innen
(Schoyerer & Weimann-Sandig 2015). Da sowohl qualitative als auch quantitative
Studien bisher fehlen, und sich der Berufszweig in Deutschland gerade erst etabliert,
gilt es noch zu ergründen, wie sich die Qualität und der Beruf insgesamt entwickeln.
Die vorliegende Arbeit widmet sich auch diesem Erkenntnisinteresse.

Gänzlich fehlen in Deutschland bisher Studien und Statistiken zu Tageseltern mit


Migrationshinweis. Die Dimension Migration bleibt in allen Studien bisher unbeach-
tet. Dabei ist in Hinblick auf den demografischen Wandel und einen wachsenden
Fachkräftemangel von einer wachsenden Bedeutung dieser Arbeitskräfte auszugehen.
Einzelne, meist quantitative Studien des statistischen Bundesamts, verweisen ledig-
lich auf die Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund in der Kindertagespflege
und diskutieren in diesem Zusammenhang deren Integration in die Aufnahmegesell-
schaft. Auch ein deutsch-französischer Vergleich zur Kindertagespflege ist bisher
nicht vorgenommen worden. Diese Studie versteht sich als ein Beitrag, diese Lücken
zu füllen.

Bisher wurde in der Debatte um den globalisierten Privathaushalt vor allem themati-
siert, wie Migrantinnen und Migranten in den Haushalten anderer Menschen tätig
werden, indem sie: putzen, ältere Menschen in deren Zuhause pflegen oder auch
Kinder betreuen (vgl. zum Beispiel Avril 2006; Doniol-Shaw/Lada/Dussuet 2007;
Hess 2002, 2009; Klenner & Stolz-Willig 1997; Lutz 2008; Mozère 2005; Rerrich
24 Einleitung

2002, 2006; Satola 2010, 2015; Scrinzi 2004). Im Fokus der vorliegenden Untersu-
chung zu migrantischen Pflegekräften beziehungsweise Tageseltern steht jedoch
erstmals der eigene Privathaushalt, das heißt das eigene Zuhause als lohnbezogener
Care-Arbeitsplatz.

Aufbau der Arbeit


Im ersten Kapitel wird die aktuelle Care-Problematik theoretisch eingebettet. Zu-
nächst werden die Begrifflichkeiten „Care“ und „Reproduktion“ geklärt. Der darauf
folgende Blick auf intersektionale Perspektiven hilft, die Mehrdimensionalität der
Care-Problematik zu erfassen. Anhand einer Betrachtung „subjektiver Ressourcen“,
die sich Catherine Delcroix zufolge in „Kapital biografischer Erfahrung“ verwandeln
können, werden Handlungmöglichkeiten von Care-Arbeiter_innen näher ergründet.
Die Akkumulation und Weitergabe von Ressourcen, zum Beispiel in Form einer
Transmission über Generationen hinaus, kann deren Verwandlung in kulturelles
Kapital – indem sie offiziell anerkannt werden – begünstigen und Emanzipation
befördern. Anhand der „weiblichen Fürsorgemoral“ im Sinne Carol Gilligans wird
zudem auf eine politische Stärke von Care verwiesen, obgleich sie in kapitalistischen
Gesellschaften entwertet ist. Im Zuge einer „expandierenden Zeitindustrie“ ist der
Rückgriff auf Dienstleistungen, die von Reproduktionstätigkeiten befreien, gefragt.
Das Kapitel schließt mit einer Betrachtung des Phänomens „transnationaler“ Migra-
tion und fokussiert den Privathaushalt, der sich durch die Beschäftigung
migrantischer Care-Arbeiter_innen globalisiert und zu einem teilöffentlichen Raum
wird.

Das zweite Kapitel legt die historischen Hintergründe der heute so dringlich gewor-
denen Care-Nachfrage in den hochindustrialisierten Ländern dar. Skizziert wird die
Funktion des Dienstbotenwesens im Zuge der Industrialisierung als Teil der sich
etablierenden modernen Hauswirtschaft, in der sich Öffentlichkeit und Privatsphäre
geschlechtsspezifisch konstituieren. Anhand der zunehmenden Erwerbstätigkeit von
Frauen etwa ab den 1960er Jahren wird gezeigt, wie sich die privilegierte
Ernährerfunktion des Mannes in Mehr-Verdienenden-Haushalten verschiebt, Fami-
lien sich pluralisieren und Reproduktionsarbeiten zunehmend auf (migrantische)
Care-Arbeiterinnen verlagert werden.
Aufbau der Arbeit 25

Kapitel drei zeichnet die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung der Nationalstaaten


Frankreich und Deutschland in ihrer politischen Genese nach. Care-Politiken werden
in beiden Ländern einzeln betrachtet, zeitgeschichtlich dargelegt und im Anschluss
miteinander verglichen. Kenntnisse zu diesen Verläufen sind für die vorliegende
Arbeit wesentlich, weil die Evaluation der Politiken retrospektiv verläuft. Sie wirken
zudem zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf die Lebenswege der migrantischen
Tageseltern ein. Die Betrachtung zieht einen Bogen über die Entstehungsgeschichte
der Sozialstaaten Frankreich und Deutschland, beleuchtet sowohl die migrationspoli-
tische Dimension als auch Maßnahmen zur Organisation von Familie und Arbeit
detaillierter, und befasst sich schließlich mit den Bedingungen und Regelungen der
Kindertagespflege in beiden Ländern.

Das vierte Kapitel widmet sich der selbst erhobenen Empirie. Eine ausführliche
methodische Einleitung skizziert neben dem methodischen Zugang, dem theoreti-
schen Sampling und den Besonderheiten während der ethnographischen Erhebungs-
phase, wie sich die Fragestellung im Laufe der Zeit modifiziert und letztlich auf
Kindertagespflegepersonen fokussiert hat. Folgend werden die Länder Deutschland
und Frankeich wieder einzeln betrachtet. Kontinuierlich werden die empirischen
Befunde an exemplarischen Fallbeispielen verdeutlicht. Zunächst wird der lebensge-
schichtliche Verlauf des Weges der Migrantinnen und Migranten bis zum Eintritt in
die Kindertagespflege dargelegt. Im Anschluss wird das Augenmerk auf soziale
Mobilität und Identitätskonstruktionen in der Berufspraxis Kindertagespflege gelegt.
Neben der Arbeitssituation wird auf signifikante Andere, wie deren Partnerinnen
oder Partner, das berufliche Umfeld und die in Betreuung gebenden Eltern, Bezug
genommen sowie die Besonderheiten des Arbeitsplatzes im eigenen Zuhause aufge-
zeigt. Zuletzt werden in der Empirie zutage getretene Perspektiven von Handlungsfä-
higkeit und Selbstermächtigung in der Profession beleuchtet.

Ein Resümee, in dem die Befunde diskutiert werden, und ein kurzer Ausblick auf die
Entwicklungspotenziale der Kindertagespflege in Deutschland und Frankreich be-
schließen die Arbeit.
1 Theoretische Überlegungen zur Einbettung des Phäno-
mens

1.1 Care-Arbeit und Reproduktion: Klärung der Begrifflichkeiten


Der in dieser Arbeit verwendete englische Begriff care (dt. übersetzt als ‚Sorge‘,
‚Fürsorge‘, ‚Obhut‘, ‚Pflege‘, ‚Aufmerksamkeit‘ oder auch ‚Zuneigung‘) hat sich seit
den 1990er Jahren in den wissenschaftlichen und internationalen Debatten zu Haus-
halts- und Fürsorgetätigkeiten durchgesetzt. Nicht nur im Angelsächsischen, sondern
auch im deutschsprachigen (vgl. zum Beispiel Brückner 2008; Gerhard 2014; Wink-
ler 2008) und französischsprachigen Raum (vgl. zum Beispiel Dang & Letablier
2009; Martin 2008; Molinier 2013), und darüber hinaus. Care work bezieht sich auf
Arbeit, die dem Bereich des Haushalts und der Fürsorge zugeordnet wird – wie zum
Beispiel der Altenpflege, Arbeit mit Behinderten, der Haushaltsreinigung, der Sozia-
len Arbeit oder etwa der Kindertagespflege. In allen genannten Beispielen wird sie in
Form einer Dienstleistung erbracht. Es wird aber auch die private Sorge um nähere
Angehörige, unbezahlte Haushaltstätigkeiten oder die Sorge um sich selbst darunter
subsumiert. Gelegentlich wird zwischen care work und domestic work unterschieden,
um zwischenmenschliche Fürsorge und Haushaltstätigkeiten begrifflich zu differen-
zieren (s. zum Beispiel Kontos 2014; Parreñas 2001). Care-Arbeit bedeutet in allen
diesen Zusammenhängen immer auch die Reproduktion menschlichen Lebens selbst,
ist also auch Reproduktionsarbeit.

Was im Konzept von Care in der gesamten Debatte immer wieder benannt wird, je-
doch untertheoretisiert bleibt, ist die Tatsache, dass Care-Arbeit nicht nur die soziale
Einbettung von Produktion darstellt, nicht nur ein Teil des sozialen Lebens ist, son-
dern dass diese Tätigkeit selbst außerordentlich zentrale gesellschaftliche Produktion
ist, nämlich Produktion der Form des gesellschaftlichen Lebens selbst, die immer
Reproduktion ist (Hearn 1987:58). Um diese bedeutende Erkenntnis festzuhalten,
bleibt der Begriff der Reproduktion neben dem von Care unverzichtbar. Es ist zu
fragen, was mit dieser reproduktiven Form gesellschaftlichen Lebens geschieht,
wenn sie sich immer wieder unter der Bedingung kapitalistischer Waren-Produktion
vollzieht. (Apitzsch & Schmidbaur 2010: 12-13, Hervorhebungen im Original)

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


J. Glaeser, Care-Politiken in Deutschland und Frankreich,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19851-0_1
28 Theoretische Überlegungen

Produziert also die Care-Arbeiterin Lohnarbeitende, die „ihre eigene Haut zu Markte
tragen“, selbst unter entfremdeten Bedingungen, dann tut sich ein drastischer Wider-
spruch zum ethischen Wesenskern und der Sinnhaftigkeit von Care auf. Care-
Aktivitäten verstanden als Aktivitäten der Produktion haben letztlich zum Ziel, das
Leben mit all seinen Möglichkeiten zu wahren und zu schützen; ihre immanente
Logik widersetzt sich dem Einfluss des allgegenwärtigen (Kapital-)Marktes (vgl.
Bertaux 2014: 119). Was wir unter Einbezug dieses Verständnisses begrifflich unter
Care fassen können, ist, was die Gesellschaften in ihrem Ganzen zusammenhält –
oder bedroht. Während Care-Arbeit den ökonomischen Charakter der Sorgearbeit
näher beschreibt, verweist der Begriff der Reproduktion auf einen gesellschaftlich
allumfassenden Charakter von Sorgetätigkeit, das heißt auch auf die Reproduktion
gesellschaftlicher Verhältnisse.

1.2 Intersektionale Perspektiven auf die aktuelle Care-


Problematik
Im Prozess der Verlagerung von Care-Arbeit auf Migrant_innen verschränken sich
Ungleichheiten entlang von strukturierenden Kategorien wie Geschlecht, Klasse,
Ethnizität beziehungsweise “Rasse”, Sexualität, Alter und Körper.

We cannot study gender in isolation from other inequalities, nor can we only study
inequalities ‘intersection’ and ignore the historical and contextual specificity that dis-
tinguishes the mechanisms that produce inequality by different categorial divisions,
whether gender, race, ethnicity, nationality, sexuality, or class. (Risman 2004: 443)

Die Mechanismen von Care-Arbeit variieren deshalb zum Beispiel im Kontext der
historischen Entwicklung von Nationalstaat zu Nationalstaat. Ressourcen wie Wohl-
stand, Staatsbürgerschaft oder Bildung sind ungleich auf die handelnden Personen
verteilt. Die Menschen, welche in der Mittelklasse gut genug situiert sind, können es
sich leisten, Care-Arbeiter_innen einzustellen. Sie können auf dem Markt frei wäh-
len. Die Menschen, welche nach einer gewinnbringenden Beschäftigung suchen,
müssen dem Markt ihre Arbeitskraft anbieten. Als Migrierende aus ökonomisch
schwächeren Ländern verfügen sie meist nicht über die gleichen staatsbürgerlichen
Rechte. „Während erstere also an ihrer Karriere basteln, indem sie ihre Klassen- und
Kapital biografischer Erfahrung 29

Staatsbürgerschaftsprivilegien nutzen, um sich selbst von der Ausübung reprodukti-


ver Tätigkeiten loszukaufen, indem sie andere Frauen anstellen, um diese Arbeiten
auszuführen, werden die letzteren deklassiert.“ (Morokvasic-Muller 2003: 159) Die
gesellschaftliche Stellung der Subjekte zum Arbeitsmarkt Care lässt sich dieser Er-
kenntnis folgend entlang von Differenzierungslinien bestimmen. In der Dekonstruk-
tion dieser Verschränkungen beziehungsweise Intersektionalitäten werden daher
Herrschaftsverhältnisse erkennbar und es wird deutlich, wie Ausbeutungsverhältnisse
beziehungsweise privilegierte Positionen hergestellt werden.

Dominierende Verhältnisse können sich in ihrer Konstruktion verändern, bestimmte


Wechselwirkungen können abklingen, andere, neue Kategorien entstehen. Sie sind
prinzipiell unabschließbar. Daher ist es bedeutend, auch auf der Ebene der Subjekte
zu dekonstruieren, wie Identitäten und Identitätskategorien diskursiv, zum Beispiel in
einer Narration, konstruiert werden. Auf der Identitätsebene wird erkennbar, wie
Menschen sich zu anderen Subjekten, Institutionen und Strukturkategorien entwerfen
beziehungsweise verhalten und zur Verschiebung hegemonialer Verhältnisse drän-
gen.

1.3 Kapital biografischer Erfahrung

Pierre Bourdieu hat Konzepte wie „Kapitalsorten“ (ökonomisch, kulturell, sozial)


und den „Habitus“ benutzt, um theoretisch zu fassen, wie Strukturen über Generatio-
nen hinweg reproduziert werden. Die historisch entstehenden Habitusformen sind
seinem Verständnis nach als Systeme dauerhafter Dispositionen „strukturierte Struk-
turen“, die nicht nur strukturiert sind, sondern selbst auch strukturierend wirken (vgl.
Bourdieu 1972: 175).7 Die soziale Welt beschreibt Bourdieu zudem als eine, die in
Aktivitätsfelder eingeteilt ist, in denen die Menschen unterschiedlich situiert sind und
miteinander konkurrieren. Im Kampf um soziale Positionen im sozialen Feld (frz.

7
Auch nach Anthony Giddens reproduzieren Akteure selbst gesellschaftliche Strukturen: “Ac-
cording to the notion of the duality of structure, the structural properties of social systems are
both medium and outcome of the practices they recursively organize. Structure is not ‘external’
to individuals […].” (Giddens 1984: 25)
30 Theoretische Überlegungen

champ) erweisen nun die im jeweiligen sozialen Feld erforderlichen (habitualisierten)


Handlungsressourcen ihre Stärke. Das Kapital tritt in Form von ökonomischen (zum
Beispiel im Eigentumsrecht), kulturellen (inkorporiert als Wissen, praktische Infor-
mationen, „savoir-faire“, und im Fall von Diplomen auch als zertifiziertes Kapital)
oder sozialen (zum Beispiel als Zugehörigkeit zu einer Gruppe) Kapitalsorten auf
(vgl. Bourdieu 1992: 50ff).

Tageseltern bewegen sich demnach in einem sozialen Teilbereich, der auf Care-
Aktivitäten spezialisiert ist. Innerhalb dieses von vielschichtigen Positionen besetzten
Feldes verfügen die Handelnden über einen bestimmten Anteil oder eine bestimmte
Komposition von Eigenkapital.

Wie aber steht es um all jene Personen, die weder ökonomisches, kulturelles oder
soziales Kapital haben? Haben sie wirklich keine Möglichkeit zu handeln und ihre
Situation zu verbessern? Catherine Delcroix hat zahlreiche ethnografische Studien zu
Familien in sozialschwachen Vierteln am Rande der Großstädte („banlieues“), unter
ihnen viele Migant_innen, erhoben. Dabei unterstreicht sie, dass ihnen allen zumin-
dest eine Art von Ressource zum Handeln bleibt: die eigenen physischen und menta-
len Energien; manuelle und intellektuelle Fähigkeiten; Know-how erworben durch
Erfahrung; Beziehungen, die sich als sehr nützlich erweisen können, um Informatio-
nen zu sammeln; eine moralische Stütze. Diese Ressourcen, die jeder und jede zu
einem unterschiedlichen Grad in sich trägt, hat sie als „subjektive Ressourcen“ be-
zeichnet (vgl. Delcroix 2009: 144).8 Hierzu zählen Kompetenzen und Kenntnisse, die
durch biografische Erfahrung erworben werden:

Toutes ces expériences, qui se sont faites au sein d’une sphère privée en continuité
avec la sphère publique, aboutissent à la formation de ce que nous appellerons des

8
In der deutschsprachigen Forschung ist der Begriff der „biografischen Ressource“ seit den
1980er Jahren geläufig. Erika Hoerning versteht darunter eine Wertanlage, die für zukünftige bi-
ografische Projekte verwendet werden kann (vgl. Hoerning 1989: 148) und Maria Kontos sieht
darin eine Vorform von Kapital: „Aus der Ressource kann Kapital erschlossen werden.“ (Kontos
2000: 53) In der durch biografische Erfahrung akkumulierten Ressource wird ein Mittel zum
weiteren Handeln beziehungsweise zu neuen Handlungsmöglichkeiten gesehen. Diese Verwen-
dung ist mit dem Gebrauch von Delcroix vergleichbar (s. Delcroix 2001: 73, 2007b : 97, 2009:
144, 2010b: 106, 2016: 77).
Soziale Mobilität und Möglichkeitsräume 31

ressources subjectives spécifiques : compétences de compréhension, de création de


liens intersubjectifs, de communication, et de résolution de problèmes. […] Bien en-
tendu, les expériences à elles seules ne suffisent pas ; encore faut-il qu’elles aient été
réfléchies, mises à distance, comparées pour qu’elles puissent s’intégrer aux res-
sources subjectives de la personne. (Delcroix 2010b : 106)

Sobald diese subjektiven Ressourcen offiziell von administrativer Seite anerkannt


werden – zum Beispiel in Form eines spezifischen Diploms wie der „Zertifizierung
erworbener Erfahrung“ in Frankreich (wir werden darauf zurückkommen) – trans-
formieren sie sich in „Kapital biografischer Erfahrung“ (vgl. ebd.).

Wenn es migrantischen Tageseltern an objektivem Kapital mangelt und sie versu-


chen, ihre Kenntnisse und Kompetenzen aus der privaten Reproduktionsarbeit auf
reflexive Art zu mobilisieren, wird die praktische Erfahrung aus Tätigkeiten in der
Privatsphäre und in der Familie zu einer subjektiven Ressource. Sofern sie darüber
hinaus einen Weg finden, ihre Kenntnisse offiziell anerkennen zu lassen – zum Bei-
spiel in Form einer Pflegeerlaubnis – transformieren sie sich in Kapital biografischer
Erfahrung. Damit verfügen sie über erhöhte Chancen bei der Realisierung ihrer Ziele,
seien sie professioneller Art (ein gesicherter Job, eine Karriere) oder gekoppelt an
mehr persönliche Autonomie. Das Konzept subjektiver Ressourcen beachtet somit
die Handlungsfähigkeit der Akteure.

1.4 Soziale Mobilität und Möglichkeitsräume: akkumulierte Res-


sourcen und kontextuelle Bedingungen
Um soziale Mobilität in biografischen Prozessen zu erkennen, empfiehlt es sich, die
einander bedingenden Generationen zu betrachten und zu vergleichen: “Each genera-
tion encounters a set of historical circumstances that shape its subsequent life history.
One generation transmits to the next the impact that historical events had on its life
course.” (Hareven & Masaoka 1988: 271) Unterschiedlichste Ressourcen werden
über Generationen hinweg verteilt und modifiziert. Reproduktionsarbeit als biografi-
sche, das Individuum formende, Arbeit in alltäglich wiederkehrenden Care-
32 Theoretische Überlegungen

9
Leistungen (vgl. Apitzsch 2014b) , ist Teil dieser Ressourcenbildung
und -vermittlung. Weil Ressourcen vor allem innerhalb von Familien weitergegeben
werden – als Transmission –, entscheidet die Herkunftsgeschichte einer Person über
eventuelle Chancen, Privilegien und Beschränkungen. Je nachdem, wie sich eine
Gesellschaft entwickelt und kontextuell darstellt, tragen einzelne Ressourcen eher zur
Verwirklichung von Lebenszielen oder angestrebten Lebensstandards bei als andere.
Aus dem Wechselspiel kontextueller Bedingungen, Transmissionen und akkumulier-
ter Ressourcen entstehen „Möglichkeitsräume“:

L’ambivalence des rapports n’est qu’une des raisons qui fait que la vie n’est pas pré-
déterminée; une autre réside dans la multiplicité des niveaux de déterminations, qui
aboutit le plus normalement du monde à créer des situations où les déterminants pè-
sent dans des directions opposées : paradoxalement cette « surdétermination contra-
dictoire » crée ainsi des espaces de liberté sous contrainte, puisque les agents sont en
quelque sorte sommés de choisir. Ainsi s’ouvre à chaque instant, pour chaque être,
un champ de possibles. (Bertaux & Bertaux-Wiame 1988: 16, Hervorhebungen im
Original)

Insofern können Menschen innerhalb eines gewissen Spektrums Ressourcen mobili-


sieren, um bestimmte Zwänge oder Normen zu überschreiten.

Der Transmission von Generation zu Generation unterliegt ein Prozess des Tradie-
rens von Werten, Normen und Einstellungen: „Das Wesentliche an jedem Tradieren
ist das Hineinwachsenlassen der neuen Generation in die ererbten Lebenshaltungen,
Gefühlsgehalte, Einstellungen.“ (Mannheim 1964: 538) Wo Tradition gelebt wird,
bilden sich Identitäten, die nur eingeschränkt Raum für individuelle Lebensentwürfe
gestatten, da sie das gegebene Selbstverständnis einer Gruppe, einer Familie oder
eines Individuums bedrohen können. So binden beispielsweise familiäre Erwartun-
gen den Menschen an vorgegebene Identitäten. Individuelle Lebensziele, die eventu-
ell über veränderte Lebensbedingungen zum Tragen kommen, konfligieren in diesem
Prozess schnell mit familiären Erwartungen, aber auch mit gesellschaftlichen „Identi-
tätsanrufungen“.10 Aus ihnen auszubrechen beziehungsweise übermittelte Lebenshal-

9
Siehe hierzu auch Inowlocki 2013, die von generational work spricht, um die Anstrengungen zu
beschreiben, durch die der Lebensweg der eigenen Kinder begleitet wird.
10
Althusser zufolge bezeichnen Ideologische Staatsapparate, von denen es eine Vielzahl gebe,
Realitäten in Form von Institutionen, die ihre Subjekte über Interpellation rekrutieren: „Wir be-
Soziale Mobilität und Möglichkeitsräume 33

tungen zu verändern, bedeutet, den Erwartungen, die die Tradition setzt, nicht zu
entsprechen und damit Konflikte hervorzurufen. Bei besonders starken Konflikten
kann dies zu einer Transformation familiären oder gesellschaftlichen Selbstverständ-
nisses führen. In diesem Zusammenhang birgt Biografizität, verstanden als „Zwang
und die Chance zugleich, unser Leben selbst zu gestalten“, das Potential zur Verän-
derung von Strukturen: „Die Modifikation individueller Selbst- und Weltbezüge birgt
Chancen zur Transformation auch der institutionellen Rahmenbedingungen sozialer
Existenz.“ (Alheit 2008: 15)

Wenn Menschen in andere Länder migrieren, verändern sich ihre Lebensumstände


oft grundlegend und vertraute Verhaltensmuster lassen sich nicht reibungsfrei auf die
neue Gesellschaft übertragen. Dies kann Identitätsverschiebungen bewirken. Bei
einer Untersuchung zu italienischen Familien in Deutschland hat sich gezeigt, dass
die biografische Orientierung an häuslichen Pflichten Frauen zu Protagonistinnen
von Migrationsprojekten werden lassen:

Für diese Mädchen entwickelt sich nun eine eigentümliche Dialektik: Je stärker sie
nämlich eingebunden sind in die Verantwortung für die Familie, desto eher sind sie
in der Lage, das Projekt Emigration für sich zu evaluieren und eine Erfolgsbilanzie-
rung und Erfolgskorrektur vorzunehmen. (Apitzsch 1995: 112)

In diesem Prozess wird deutlich, dass subjektve Ressourcen im Kontext der Migrati-
on die Unterprivilegierung von Migrantinnen in Wirtschaft und Familie verschiebt.
Die Transmission identischer weiblicher Rollenbilder wird aufgebrochen. Damit
werden Frauen in diesem Prozess dominant, während meist männliche Jugendliche
losgelöst von Familienpflichten „[…] diesen Freiraum unter den Bedingungen der
Migration zumeist nur in einer Weise nutzen, daß sie sich als Außenseiter profi-
lieren, mit Devianzkarrieren spielen usw.“ (Apitzsch 1995: 112). Offenbar kann der
veränderte Lebenskontext die Rollen, die eingenommen werden, verändern.

haupten außerdem, daß die Ideologie in einer Weise ‚handelt‘ oder ‚funktioniert‘, daß sie durch
einen ganz bestimmten Vorgang, den wir Anrufung (interpellation) nennen, aus der Masse der
Individuen Subjekte ‚rekrutiert‘ (sie rekrutiert sie alle) oder diese Individuen in Subjekte ‚trans-
formiert‘ (sie transformiert sie alle).“ (Althusser 1977: 142, Hervorhebungen im Original)
34 Theoretische Überlegungen

1.5 Care in kapitalistischen Gesellschaften


Migrantische Care-Arbeiter_innen sind eine Personengruppe, die in besonderem
Maße um einen Platz in der Gesellschaft ringt. Einerseits wird der fundamentale
Wert von Care hervorgehoben (vgl. Nussbaum 2003), andererseits ihre im hochgra-
digen Gegensatz dazu stehende Entwertung innerhalb der Gesellschaften:

Da Frauen in den Familien Care Work nicht warenförmig ausführen, ist diese Arbeit
in einer kapitalistischen Gesellschaft, deren Entwicklung auf Warenförmigkeit be-
ruht, nichts wert. Wer sie verrichtet, genießt wenig gesellschaftliche Anerkennung,
erfährt vielmehr gesellschaftliche Entwertung. (Winkler 2008: 50)

Eine Reihe von Wissenschaftler_innen stellen in diesem Zusammenhang fest, dass


Ausbeutungsdynamiken ein immanenter Teil der Verlagerung der Care-Arbeit von
privilegierten Personen auf Migrantinnen sind (vgl. zum Beispiel Frings 2010;
Klenner & Stolz-Willig 1997; Manceau 1999). Tronto zufolge hängen Macht und
Entmachtung von Care miteinander zusammen: “In a sense, I suggest, the rage and
fear directed toward care givers is transformed into a general disgust with those who
provide care. […] Ironically, the power of care and of care givers makes it essential
that society devalue care.” (Tronto 1993: 123) Die Degradierung des Tätigkeitsbe-
reichs bedeutet für Care-Arbeiter_innen meist eine Prekarisierung11 von Arbeit und
Leben.

Bei migrantischen Care-Arbeiter_innen verstärken sich Lebenslagen sozialer Un-


gleichheit in besonderem Maße durch einen nach der Migration häufig erlebten Ver-
lust sozialer Mobilität (vgl. Morokvasic-Muller 2003). Oft erleben sie Prozesse der
Marginalisierung und Ausgrenzung, die eine gleichberechtigte Teilhabe an Gütern
und Chancen der Aufnahmegesellschaft erschweren. Dieser Prozess erzeugt soziale
vulnerabilité, das heißt Verwundbarkeit als Individuum in Form eines Mangels an
Achtung, Sicherheit, Vermögen und stabilen Bindungen (vgl. Castel 1995: 465).
Daher handeln Migrant_innen im Care-Bereich oft unter besonders diskreditierten
Bedingungen. « La question de savoir si, quand et comment les personnes en situa-

11
Becker-Schmidt definiert Prekarisierung wie folgt: „Für jene, die nicht auf längere Sicht mit
einem Einkommen rechnen können, das für eine selbstständige Existenzsicherung ausreicht, hat
sich sie Bezeichnung ‚Prekariat‘ eingebürgert; für die Gefahr, dort zu landen, der Begriff
‚Prekarisierung‘.“ (Becker-Schmidt 2013: 173)
Care-Macht 35

tion ‘discréditante’ font ou non preuve d’action autonome dans le long terme, et
d’une réflexion anticipatrice qui accompagne nécessairement ce type d’action, est
une question empirique. » (Delcroix 2009b : 4) Autonomes und strategisches Han-
deln in einer prekären Lebenslage wird demnach in der Empirie erst unter Einbezug
der Perspektive der handelnden Person ersichtlich.

1.6 Care-Macht: weibliche Fürsorgemoral als politische Stärke


Die Psychologin Carol Gilligan publiziert 1982 ihr Buch In a different voice
(Gilligan 1982). Seither bleibt es zu ergründen, wie sich der ethische Wert, mit dem
Care assoziiert wird, mit Politiken verbindet. Gilligan zufolge verlaufen diese Ver-
bindungen geschlechtsspezifisch, da Care als Aktivität historisch Frauen zugewiesen
wurde – was zur Folge hatte, dass sie stärker von der Care-Ethik geprägt wurden als
Männer. In ihrem Werk setzt Gilligan der bis dato dominierenden „männlichen Ge-
rechtigkeitsmoral“ eine „weibliche Fürsorgemoral“ entgegen. Während der Psycho-
loge Lawrence Kohlberg die moralische Entwicklung des Menschen an einem reflek-
tierten Verständnis von Menschenrechten misst (vgl. Kohlberg 1981) und universell
gelten lasse (vgl. Benhabib 1992)12, postuliert Gilligan einen Moralbegriff, nach dem
die moralische Stärke der Frauen in einer „vorrangigen Bedachtnahme auf Beziehun-
gen und Verantwortungen“ liegt (vgl. Gilligan 1996: 27).

Die Diskussion um Care-Ethik führt in eine der wesentlichen Aporien des Feminis-
mus beziehungsweise der Feminismen. Die Kontroverse situiert sich in dem unauf-
löslichen Widerspruch zwischen Essentialismus und Universalismus, zwischen der

12
Benhabib betont, dass Gerechtigkeits-Theoretiker wie Rousseau, Hobbes, Locke, Kant, Hegel,
Kohlberg und Rawls immer vom Standpunkt des weißen, gesunden Mann aus gedacht haben: “I
want to argue that the definition of the moral domain, as well as the ideal of moral autonomy, not
only in Kohlberg's theory but in universalistic, contractarian theories from Hobbes to Rawls, lead
to a privatization of women's experience and to the exclusion of its consideration from a moral
point of view. […] Universalistic moral theories in the Western tradition from Hobbes to Rawls
are substitutionalist, in the sense that the universalism they defend is defined surreptitiously by
identifying the experiences of a specific group of subjects as the paradigmatic case of the human
as such. These subjects are invariably white, male adults who are propertied or at least profes-
sional.” (Benhabib 1992: 152f) Es sei jedoch notwendig, the contrete other, den ‚konkreten An-
deren‘, mit einzubeziehen, das heißt auch die weniger privilegierten.
36 Theoretische Überlegungen

Notwendigkeit, eine „weibliche“ Stimme für die öffentlichen Interessen der Frauen
zu stärken und der Notwendigkeit, mit einer dichotomen, binären Konstruktion von
Geschlecht zu brechen. Indem Gilligan Frauen eine different voice zuweist, betont sie
einen geschlechtlichen Unterschied, der sich in zwei unterschiedlichen Denkweisen
manifestiert. Jene Autor_innen, die eine queer-feministische Perspektive einnehmen,
sind kritisch gegenüber Essentialisierungen und differenzfeministischen Ansätzen
und widersprechen der Vorstellung, dass sich eine „different voice“ aus naturalisier-
ter Zweigeschlechtlichkeit herleiten ließe (vgl. Weisstein 1993, Butler 2004, Badinter
2010). Gilligan jedoch geht es nicht um die Festschreibung biologischer Unterschie-
de, sondern um die Sichtbarmachung einer Fürsorgemoral, die – als historischer
Prozess – vor allem „Frauen“ zugewiesen wurde. Dass diese mehr von einer Care-
Ethik geprägt sind, schließt nicht aus, dass zum Beispiel auch Männer eine solche
Ethik entwickeln. Gilligan unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen einer
weiblichen Fürsorgemoral in patriarchalen Gesellschaften und einer feministischen
Care-Ethik in demokratischen Gesellschaften.13

In der jüngeren Debatte zur Care-Ethik erhält Gilligans Standpunkt zur weiblichen
Fürsorgemoral und Care-Ethik Anerkennung, da er auf die aktuellen Probleme von
Frauen antworten könne (vgl. Laugier 2010; Paperman 2009). Tronto zufolge liegt in
der Fürsorgemoral die Möglichkeit, Macht zu artikulieren: “By calling care a power
of the weak, we notice that care givers provide an essential support for life. Without
care, infants would not grow to adults; men would not have children to inherit their
wealth, and so forth.” (Tronto 1993: 122) Diese inhärente Macht von Care kann
genutzt werden, um Interessen einzufordern und durchzusetzen. Wird also die gesell-
schaftliche Bewertung der Fürsorgemoral neu formuliert, kann sie sich als politische
Forderung Geltung verschaffen. Die große Präsenz von Migrantinnen auf dem tertiä-
ren Arbeitsmarkt könnte einer solchen Entwicklung entgegenkommen: „Diese größe-
re Partizipation von Frauen [am öffentlichen Leben] legt die Vermutung nahe, daß
sie zu stärkeren Akteurinnen werden können und daß vielleicht auch ihre Rolle im
Arbeitsmarkt besser sichtbar wird.“ (Sassen 1998: 208f) So werden zum Beispiel in

13
Siehe den französischsprachigen Artikel « Assistant(e)s maternel(le)s d’origine étrangère et
politiques de la petite enfance » (Glaeser 2014b: 55).
Transnationalisierung der sozialen Welt 37

Frankreich und Deutschland Streiks des Erziehungspersonals von der Öffentlichkeit


immer häufiger wahrgenommen und unterstützt.

Die strukturelle Ausgrenzung von (migrantischen) Frauen auf dem Erwerbsarbeits-


markt lenkt diese in alternative Beschäftigungsformen. Häufig realisieren Frauen
eine Erwerbstätigkeit auf der Basis einer oft prekären Selbstständigkeit. Andererseits
mobilisieren sie dabei biografische Ressourcen (vgl. Apitzsch 2008: 139; Kontos
2008: 54). Im Prozess der Verlagerung von Care-Arbeit auf Migrantinnen bedeutet
dies, dass der Einbezug von Frauen in familiäre Reproduktionstätigkeiten zu einer
Mobilisierung von Care-Kenntnissen auf einem privaten Arbeitsmarkt führen kann.
Diese Form der Beschäftigung ist in pflegerischen Bereichen, vor allem in der Alten-
pflege, weit verbreitet. Auch in der Kindertagespflege in Deutschland machen sich
Frauen selbstständig und knüpfen dabei an biografische Care-Erfahrungen an.

1.7 Die „Transnationalisierung der sozialen Welt“ 14

Nach Anthony Giddens werden moderne staatliche Formationen von der Idee der
Abgegrenztheit getragen: “Modern societies (nation-states), in some respects at any
rate, have a clearly defined boundedness. […] Virtually no pre-modern societies were
as clearly bounded as modern nation-states.” (Giddens 1990: 14) In den Gesellschaf-
ten der Moderne waren demnach Sozialräume und damit die Interaktion der Indivi-
duen mit geographisch bestimmten Flächenräumen verschachtelt. Das heißt, es konn-
te nur einen Sozialraum (beziehungsweise eine Nationalgesellschaft) in einem Flä-
chenraum mit territorialem Ausschließlichkeitsanspruch (beziehungsweise einem
Nationalstaat) geben. Diese „Container-Gesellschaften“, die der Soziologe Ludger
Pries als „doppelt exklusive Verschachtelungen von Sozialraum und Flächenraum“
bezeichnet, werden, wie folgend gezeigt wird, durch die „Transnationalisierung der
sozialen Welt“ in Frage gestellt (vgl. Pries 2008: 79).

14
Geringe Teile der folgenden theoretischen und historischen Einbettung erschienen in ähnlicher
Form in meiner Diplomarbeit Transnationale Verlagerung von Care-Arbeit in Hinblick auf Aus-
beutungs- und Emanzipationsaspekte (vgl. Glaeser 2010).
38 Theoretische Überlegungen

Die Globalisierungsperspektive geht von einer Dezentrierung und Deterritorialisie-


rung ökonomischer und sozialer Prozesse und Transaktionen aus (vgl.
Held/McGrew/Goldblatt 1999: 16). Die Transnationalisierungsperspektive erhält im
Gegensatz hierzu die Bedeutung des Territorialen aufrecht und nimmt gleichzeitig
eine stärker subjekt- und handlungsorientierte Perspektive ein:

Sozialräume können sich auch pluri-lokal über verschiedene (andere) flächenräumli-


che und sozialräumliche abgrenzbare Einheiten hinweg erstrecken. Sie sind deshalb
nicht „deterritorialisiert“. […] Das Lokale als locales oder Bühne und Verdichtung
von sozialräumlichen Beziehungen ist immer eine Verschränkung von Flächenraum-
, Sozialraum- und Zeitlichkeitsraumbezügen. (Pries 2008: 115)

Flächen- und Sozialraum werden nicht als ineinander verschachtelt begriffen und
Sozialräume erstrecken sich über Nationalstaaten hinweg. Das Lokale oder der
Flächenraum verliert deshalb aber nicht an Bedeutung, sondern bleibt in transnationa-
len Prozessen konstitutiv. Außerdem wird die Rolle sozialer Akteure in der Trans-
formation der nationalstaatlichen Ordnung in den Blick genommen. Vorgänge, die
im Rahmen der Globalisierung stattfinden, werden nicht nur auf anonyme Markt-
kräfte oder subsystemspezifische Rationalitäten reduziert. Diasporen beispielsweise –
in denen Migrant_innen sich zwar physisch-räumlich, aber weniger sozial einrichten
– sind von kulturellen Praktiken geprägt, die neue Sozialräume konstituieren und
gleichzeitig Flächenräume „pluri-lokal“ überspannen.15

15
Einen kritischen Überblick zur Transnationalismus-Debatte liefert außerdem Peter Kivisto
(2001): Theorizing transnational immigration.
Care-Arbeit und transnationale Migration 39

1.8 Care-Arbeit und transnationale Migration

Transnationalisierungsprozesse sind für das Phänomen der Verlagerung von Care-


Arbeit auf Migrant_innen konstitutiv. Im Gegensatz zum fluktuierenden Kapital
verlaufen Migrationswege nach wie vor über national gesetzte Grenzen, innerhalb
derer unterschiedliche Rechte gelten. Wenn eine Frau den Weg von Algerien nach
Frankreich auf sich nimmt, um das Neugeborene einer französischen Doppelverdie-
ner-Familie zu hüten, kann sie vielfältig legalisierte oder illegalisierte Räume durch-
queren. Jedenfalls füllt sie über alle Globalisierungs- und Europäisierungstendenzen
hinweg eine Betreuungslücke des national regulierten Staates.

Klassische migrationssoziologische Konzepte orientieren sich danach, wer warum


von einem „Container“ in den anderen wandert und wie sich Assimilation und
Integration im Aufnahmeland sowie die Ablösung vom Herkunftsland gestalten.
Menschen, die gerade eine Migration in einen Nationalstaat verwirklicht haben,
müssen sich zunächst in der neuen Umgebung zurechtfinden. Oft begegnen sie
fremden Traditionen und Verhaltensmustern. Nach Alfred Schütz ist der Fremde
„[…] wesentlich der Mensch, der fast alles, was den Mitgliedern der Gruppe, der er
sich nähert, unfraglich erscheint, in Frage stellt“; er muss erst Wissen über die neuen
Kultur- und Zivilisationsmuster sammeln, um sie als eigene Ausdrucksschemata
verwenden zu können (vgl. Schütz 2002: 80 & 84). In der Aufnahmegesellschaft
werden Menschen mit Migrationshinweis außerdem zu Anderen gemacht (engl.
othering) (vgl. Brons 2015). Durch neoklassische volkswirtschaftliche Ansätze wird
Migration über räumliche Distanz und Affinitätsvariablen wie Religion, Kultur,
Sprache und Netzwerke erklärt, bei denen in der Regel von offenen Grenzen
ausgegangen wird. Ravenstein, der dem Beginn der Migrationsforschung zugeord-
net wird, stellt in seinem Gravitationsmodell von 1885 einen inversen Zusammen-
hang zwischen Migrationshäufigkeit und geographischer Entfernung fest (vgl. Han
2005: 15). Etwa ein Jahrhundert später richtet die Gastarbeiterforschung ihren Blick
auf die Stufen und Probleme der weitgehend als Assimilation gedachten sozialen
Integration der Gastarbeiter in die Aufnahmegesellschaft (vgl. Pries 2001: 55). Mig-
rant_innen prägen die Gesellschaften aber auch, indem sie über nationalstaatliche
Grenzen hinweg transnational agieren.
40 Theoretische Überlegungen

Bei der Verlagerung von Care-Arbeit auf haushaltsfremde Personen entstehen globa-
le Betreuungsketten, in denen beispielsweise eine Frau aus den Philippinen ältere
Menschen in den USA pflegt, während ihre eigenen Kinder auf den Philippinen von
einer migrantischen Kinderfrau betreut werden. „Ärmere Frauen ziehen die Kinder
wohlhabender Frauen auf, während noch ärmere – oder ältere oder vom Lande kom-
mende – deren Kinder aufziehen.“ (Hochschild 2001: 164) Außerdem kann es an
Ländergrenzen zu regelmäßigen Pendelmigrationen kommen (vgl. zum Beispiel
Morokvasic-Muller 1999; Palenga-Möllenbeck 2014; Satola 2010, 2015). Als Polen
nicht Mitglied der EU war (beigetreten 2004), tauchte dieses Phänomen sehr häufig
an der Grenze zwischen Polen und Deutschland auf. Die Migrierenden durften für
einen dreimonatigen Aufenthalt legalisiert nach Deutschland einreisen, eine Beschäf-
tigung in diesem Zeitraum wurde jedoch illegalisiert. Im dreimonatigen Rotations-
system pendelten daher viele sich gegenseitig abwechselnde Frauen, die ältere Men-
schen in Deutschland pflegten, auch um eine Emigration zu vermeiden: « Pour eux la
migration n’est qu’une alternative attrayante à l’émigration […]. » (Morokvasic-
Muller 1999: 9) Die mit 2011 zu Ende gegangene siebenjährige Übergangszeit er-
möglicht Pol_innen nun auch ohne Arbeitserlaubnis in Deutschland zu arbeiten. Die
Existenz von global care chains oder von Pendelmigration im Rotationssystem ma-
chen deutlich, dass die Umverteilung der Care-Arbeit länderübergreifende Verhält-
nisse und Lebenswelten produziert. Die geographisch-räumlichen Formationen des
Sozialen verändern sich. Vorstellungen eines in sich begrenzten und abgeschotteten
Nationalstaates müssen deshalb in bedeutendem Maße relativiert werden.

Neuere Migrationstheorien gehen neuen transnationalen Wirklichkeiten nach, in


denen „Transmigrant_innen“ multilokale soziale Beziehungen über die nationalstaat-
lichen Grenzen hinweg entwickeln (vereinfacht durch günstigere und schnellere
Transportmöglichkeiten) und ihre Bindungen zum Heimatland aufrechterhalten
(zum Beispiel mit neueren Kommunikationstechnologien wie Telefon und Internet).
Die Anthropologinnen Glick-Schiller, Basch und Blanc definieren das Phänomen
der transnationalen Migration folgendermaßen:

Transmigrants are immigrants whose daily lives depend on multiple and constant in-
terconnections across international borders and whose public identities are config-
Care-Arbeit und transnationale Migration 41

ured in relationship to more than one nation-state. […] Transnational migration is


the process by which immigrants forge and sustain simultaneous multi-stranded so-
cial relations that link together their societies of origin and settlement.
(Basch/Blanc/Glick-Schiller 1997: 121)

Demnach kommt es bei transnationalen Migrationsprozessen zur Etablierung dauer-


haft grenzüberschreitender sozialer Aktivitäten. Transmigrant_innen bewegen sich
innerhalb von Netzwerken, die Herkunfts- und Ankunftsland miteinander verbinden.
Transnationale Räume verorten sich nach Ursula Apitzsch auch in Migrationsbiogra-
fien (vgl. Apitzsch 2003). Transnationale Dimensionen biografischer Erfahrungen
konkretisieren sich meines Erachtens darüber hinaus in literarischen Erzählungen und
Romanen.

Die geographisch-räumlichen Formationen des Sozialen verändern sich, klassen- und


geschlechtsspezifische Konnotationen bleiben jedoch problematisch. Auf welche Art
und Weise die Menschen transnational agieren, unterscheidet sich durch die Mittel,
die ihnen zur Verfügung stehen. Die Repräsentant_innen der globalisierten, transna-
tionalen Unternehmen leben selbstverständlicher transnational. Migrant_innen, deren
Bewegungsraum in der Aufnahmegesellschaft begrenzt bleibt, sind zum Beispiel
beim Zahlen von Transportmitteln eingeschränkter. Die migrantischen Care-
Arbeiterinnen bewegen sich in “Gendered Geographies of Power”, “[…] a frame-
work for analyzing people’s gendered social agency – corporal and cognitive – given
their own initiative as well as their positioning within multiple hierarchies of power
operative within and across many terrains.” (Pessar & Mahler 2003: 818) Demnach
verfestigen sich Geschlechterrollen durch individuelle Handlungen, werden aber
auch über räumliche Ordnungsgefüge gesteuert. Die Reproduktionsarbeit, deren
Großteil in der Regel überall auf der Welt Mütter leisten, wird beispielsweise für
migrierende Mütter und ihre Zuhause gebliebenen Kinder zu einem transnationalen
Problem:

[Es ist] nicht zu übersehen, dass die migrantischen Mütter und deren zurückbleiben-
den Kinder am unteren Ende dieser Kette stehen und den emotionalen und sozialen
Preis für den Abzug der Versorgungsressourcen bezahlen. (Lutz 2008: 33)
42 Theoretische Überlegungen

Transnationale Mutterschaft führt so zu einer die Staatsgrenzen überschreitenden


Organisation von Familie. Familienmitglieder können beispielsweise über Internette-
lefone kostenlos miteinander sprechen und in Wort und Bild ihren jeweiligen Le-
bensalltag nachvollziehen. Auch das Leben der Kinder kann von den Müttern über
die Grenzen hinweg gesteuert und begleitet werden. Die physische Abwesenheit der
transnational agierenden Mütter kann im Übrigen veränderte Anforderungen an zu-
rückgebliebene Väter hervorrufen.

1.9 Globalisierte Haushaltsarbeit im Spannungsfeld einer expan-


dierenden Zeitindustrie

Das Phänomen globalisierter Haushaltsarbeit in den postindustriellen Ländern legt


offen, wie sich die etablierten hierarchischen Geschlechterordnungen verändern
beziehungsweise aufrechterhalten werden. Die Kategorie Geschlecht steht „für eine
weitgehende Zuordnung von Reproduktionsarbeit an Frauen“ (Winkler & Degele
2009: 46), deren Kern in der privaten Sphäre 16 verortet wird. Dort setzt sich eine
partnerschaftliche Gleichverteilung der Haushalts- und Sorgearbeit bis heute nur sehr
zögerlich um. Nach Regina Becker-Schmidt unterliegt die Frau einer patriarchalen
und einer gesellschaftlichen Herrschaftsform, wodurch sie sich für den häuslichen als
auch außerhäuslichen „Arbeitsplatz“ qualifiziert (vgl. Becker-Schmidt 1987: 23).
Heute passen sich Frauen zunehmend den Normen einer neoliberalen Wirtschaft an,
indem sie auf den Erwerbsarbeitsmarkt streben und Care-Arbeit an weniger privile-

16
Im Dualismus von Öffentlichkeit und Privatheit ist der weitgehende Ausschluss von Frauen für
die bürgerliche Öffentlichkeit bis heute strukturbildend. Er baut daher auf einer symbolischen
Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit auf: « Il appartient aux hommes, sités du côté de
l’extérieur, de l’officiel, du public, du doit, du sec, du haut , du discontinu, d’accomplir tous les
actes à la fois brefs, périlleux et spectaculaires […] ; au contraire, les femmes, étant situées du
côté de l’intérieur, de l’humide, du bas, du courbe et du continu, se voient attribuer tous les tra-
vaux domestiques, c’est-à-dire privés et cachés, voire invisibles ou honteux, comme le soin de
enfants et des animaux […]. » (Bourdieu 1998: 49) Dennoch ist diese Trennung nicht festgelegt
beziehungsweise unveränderbar. Klaus und Drüeke zufolge wird Öffentlichkeit eine zentrale Ka-
tegorie der Gender Studies bleiben, „[…] weil subalterne, nicht-dominante Gruppen immer die
Öffentlichkeit erreichen müssen, um ihre Interessen und Ziele durchzusetzen.“ (Drüeke & Klaus
2010: 249)
Der globalisierte Privathaushalt 43

gierte Frauen weitergeben. In diesem Prozess werden Arbeitnehmende zunehmend


geschlechtsneutral behandelt, da im Zuge sozialstaatlicher Lockerungen alle Bür-
ger_innen unterschiedslos als Erwerbsbürger gelten. Dabei werden die komplexen
Probleme übersehen, die mit der unbezahlten Sorgearbeit verbunden sind (vgl. Lewis
2003: 75). Durch die Aufweichung des Wohlfahrtsstaats und die Anrufung der Sub-
jekte Erwerbsarbeit leisten (können) zu müssen – ungeachtet bestehender Sorgever-
pflichtungen – wird Armut zu einem vornehmlich weiblichen Phänomen. Frauen sind
überwiegend im Niedriglohnsektor beschäftigt und müssen häufiger für ihre Familie
alleine aufkommen.

Die Anforderungen der neuen Lebens- und Arbeitswelt verlegt den Rationalisie-
rungsdruck auf die private Sphäre. In dem Roman Momo von Michael Ende stiehlt
die Gesellschaft der grauen Herren den Menschen Lebenszeit. Die heute in der Er-
werbsarbeitswelt angekommenen Frauen versuchen wie die Menschen in Momo’s
Kleinstadt, Zeit zu sparen. Sie werden darüber hinaus zu „Zeitkäuferinnen“: “It is
women who feel more acutely the need to save time and women who are most tempt-
ed by the goods and services of the growing ‚time industry‘.” (Hochschild 1997: 230)
Die durch eingekaufte Zeit gewonnenen privaten Räume, sich einander widmen zu
können, werden zur quality time. Der Einkauf dieser Dienstleistungen verändert das
Leben im Privathaushalt, denn dieser muss für haushaltsfremde Personen geöffnet
werden.

1.10 Der globalisierte Privathaushalt als teilöffentlicher Raum


Im globalisierten Privathaushalt wird die Inszenierung des familiären Lebens, das
doing family, durch die Anwesenheit der migrantischen Care-Arbeiter_innen unwei-
gerlich modifiziert. Die aus der Verlagerung auf andere Personen erfolgende Neu-
ordnung traditioneller Abläufe privater Lebensführung setzt einen kulturellen Para-
digmenwechsel voraus. Er muss die Trennung von emotionalen Bindungen und die
Versorgung durch Andere erlauben:
44 Theoretische Überlegungen

Aus dem latenten Bedarf kann eine Nachfrage nach haushaltsbezogenen Dienstleis-
tungen entstehen, wenn der kulturelle Rahmen der Lebensführung (soziale Deu-
tungsmuster und Leitbilder) es erlaubt, Haushaltsarbeit von Personen erbringen zu
lassen, die nicht zum Haushalt selbst gehören, wenn er es also erlaubt, die Grenzen
zwischen privat und öffentlich zu überschreiten. (Geissler 2002: 43-44, Hervorhe-
bung im Original)

Die Dichotomisierung von Öffentlichkeit und Privatsphäre wird von einer fremden
Person perforiert. Mit dem Einzug der Person in den Privathaushalt wird dieser plötz-
lich zu einem halböffentlichen Raum. Die Care-Arbeit im privaten Raum bleibt
überwiegend weiblich konnotiert, nimmt womöglich jedoch Merkmale fremder Eth-
nizität an.

Trotz des Einzugs der Öffentlichkeit in den Privathaushalt entzieht er sich als Rück-
zugsort weiterhin zu großen Teilen staatlicher Kontrolle und rechtlichem Schutz
beziehungsweise einer Arbeitsplatzkontrolle: „[…] fast überall [auf der Welt] wird
Haushaltarbeit aus dem Arbeitsrecht ausgeschlossen; dadurch fehlen Möglichkeiten,
Missbrauch aufzuspüren und Sanktionen gegen Arbeitgeber und Vermittlungsorgani-
sationen zu verhängen.“ (Lutz 2008: 31) Care-Arbeit im Haushalt bleibt größtenteils
privatisiert und der globalisierte Privathaushalt wird zu einem irregulären Raum.
Informale Beschäftigungsformen im Privathaushalten Europas werden nahezu überall
geduldet. Dadurch werden Care-Arbeiter_innen leichter ausbeutbar. Dies gilt beson-
ders für sogenannte live-ins, die gleichzeitig im Haushalt der Arbeitgeber_innen
leben (vgl. Anderson 2000; Hodge 2006; Karakayali 2010).

Der Privatraum der Arbeitgebenden ist in vielerlei Hinsicht emotional besetzt. Mit
dem Eindringen der Care-Arbeiterin (oder gelegentlich dem Care-Arbeiter) in den
intimen (Rückzugs-)Ort entsteht die Gefahr zwischenmenschlicher Konflikte. Die
Tätigkeit im Privathaushalt erfordert daher einen professionellen Umgang mit Emo-
tionalität. In der Erbringung von Care wird Einfühlsamkeit zur Voraussetzung. Arlie
Russel Hochschild bezieht den Marx’schen Begriff des Mehrwerts, der auf die Aus-
beutung des Arbeiters auf dem öffentlichen Erwerbsarbeitsmarkt bezogen wurde, nun
auf die (Lohn-)Arbeit, die im Privathaushalt erbracht wird. Die Care-Arbeiterin er-
zeugt einen „emotionalen Mehrwert“, der aus Liebe und Fürsorge besteht (vgl. Hoch-
schild 2001: 162). Forderungen nach einer Repolitisierung des Privaten bleiben daher
Der globalisierte Privathaushalt 45

in der Debatte um Haushalts-und Sorgearbeit in einer globalisierten Welt Teil femi-


nistischer Kritik (vgl. Molinier/Laugier/Paperman 2009; Rerrich 2006: 81; Tronto
1993).

Auch im Fall migrantischer Kindertagespflegepersonen wird der Privathaushalt teil-


öffentlich. Die Öffnung des eigenen Privathaushalts für fremde Kinder und Eltern
berührt ebenso traditionelle Abläufe privater Lebensführung und setzt einen kulturel-
len Paradigmenwechsel voraus, der sich an den Ansprüchen der Öffentlichkeit orien-
tiert. Die Konsequenzen hiervon werden im empirischen Teil dieser Arbeit ersicht-
lich.
2 Zur Entstehung des Care-Defizits in den postindustriel-
len Ländern

2.1 Die Funktion des Dienstbotenwesens während der Industriali-


sierung
Haushaltsarbeit in Form einer vergeschlechtlichen und hierarchisierten Arbeitsteilung
ist aus der Trennung von Leben und Arbeit während der industriellen Revolution
hervorgegangen, auch wenn es Frauenunterdrückung durch männliche Herrschaft
schon vorher gab. Wo zuvor noch auf der Basis der Subsistenzwirtschaft Ackerbau
und Viehzucht betrieben wurde, entstanden im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts
Zentren der Industrieverarbeitung (zuerst Manufakturen), welche schließlich im 19.
Jahrhundert eine umfangreiche maschinelle Produktion beförderten. Hierzu dienten
neuere Technologien wie die Dampfmaschine, die Energie erzeugte oder Baumwoll-
spinnereien, welche neue Maschinen wie die spinning jenny nutzten. Auch der Koh-
leabbau, sowie die Eisen- und Stahlproduktion trugen dazu bei, dass die mittelbare
Handarbeit der Menschen der unmittelbaren Mechanisierung dieser Arbeiten wich.
Die Entfaltung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung von der Handarbeit über die
Manufaktur und die Fabrikarbeit über Europa hinaus spitzte sich 1903 dann in der
von Henry Ford in Detroit gegründeten Ford Motor Company zu. Dieser führte 1913
Fließbänder in seinen Fabriken ein, eine Technik, welche die gesamte maschinelle
Produktion und damit alle gesellschaftlichen Umstände revolutionierte. Im Prozess
der Urbanisierung zogen vermehrt Arbeitskräfte, darunter Männer wie Frauen und
Kinder vom Land in die prosperierenden Städte. In den neu entstandenen Industrien
Westeuropas und der USA arbeiteten überwiegend Männer, welche aus armen Ver-
hältnissen in die Stadt migrierten, unter meist niedrigen Löhnen.

Mit dem Aufkommen des Industriezeitalters und der Formierung größerer Städte
entstand neben der Industriearbeiterschaft ein Dienstbotenwesen, das sich in Haus-
halten des Großbürgertums verankerte. Da die Mechanisierung auch der Landwirt-
schaft in den ärmeren Gebieten Arbeitskräfte freisetzte, zogen viele Frauen vom

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


J. Glaeser, Care-Politiken in Deutschland und Frankreich,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19851-0_2
48 Zur Entstehung des Care-Defizits

Land in die Industriezentren, um als „Haus“- beziehungsweise „Dienstmädchen“ eine


Anstellung zu finden.

Die Arbeit im Dienstbotenwesen blieb bis zum Ersten Weltkrieg bedeutend für die
weibliche Erwerbstätigkeit. Unter den Gesindeordnungen und Verboten wie Koaliti-
ons- und Streikrecht war ihr Arbeitsalltag jedoch freiheitsbeschränkend und prekär
(vgl. Fraisse 2010: 329; Friese 2002: 230; Schmidt 2002: 221). Der Code Civil sah
noch bis 1868 vor, dass im Streitfall bezüglich der Löhne dem Meister „auf seine
Versicherung hin geglaubt“ werden müsse, was die Höhe und die Bezahlung des
Lohns betrifft (vgl. Daumand 1986: 115). Durch Gesundheitszeugnisse wurde die
„gesunde Lebensführung“ der jungen Frauen überprüft, die sich wiederum nach der
dominierenden Moral richtete (vgl. Mozère 1999: 51). In der Folge wurde eine Un-
terwerfung von Körper, Arbeitskraft und Persönlichkeit unter das Beschäftigungs-
verhältnis subsumiert:

Die Erwartung, dass Dienstboten ohne jede Einschränkung Tag und Nacht für die
etwaigen Bedürfnisse ihrer Herrschaft zu Verfügung stehen würden, galt bis zum
Ersten Weltkrieg als Selbstverständlichkeit und wurde von den Zeitgenossen nur sel-
ten in Frage gestellt. (Schmidt 2002: 210)

Diese uneingeschränkte Verfügbarkeit hatte zur Konsequenz, dass viele Dienstmäd-


chen auch sexuellen Nachstellungen im Hause der Dienstherren ausgeliefert waren
und Mühe hatten, ihre „Untadeligkeit“ zu verteidigen. Eine eigene Schwangerschaft
führte häufig zu einem sozialen Dilemma. Ehemalige Dienstbotinnen stellten im
Übrigen den Großteil der Prostituierten in den Städten (vgl. McBride 1976: 104).
Durch die Verortung ins Privaten und das ungleiche Verhältnis zwischen Bedienste-
tem und Bedienten konnten die Dienstbotinnen keine Verbesserung ihrer sozialen
Lage erreichen. Die Gesellschaft und vor allem der durch Arbeitskämpfe neu situier-
te Arbeiter konnten den ebenbürtigen Vergleich mit den Dienstbotinnen nicht billi-
gen. Andere Arbeiter befürchteten immerhin, die außerhäusliche Erwerbstätigkeit
proletarischer Frauen wirke sich negativ auf den Verdienst der Männer aus (vgl.
Gerhard/Pommerenke/Wischermann 2008: 202).

Trotz der oft prekären Arbeitssituation beinhaltete der Dienst in einem bürgerlichen
Haushalt für das Dienstmädchen, meist jung und noch unverheiratet, neue Möglich-
Die Funktion des Dienstbotenwesens 49

keiten, sich zu bilden und einen sozialen Aufstieg zu realisieren. Oft halfen sie mit
ihren Einkommen, die Familie finanziell abzusichern. Die Dienstbotinnen hatten
gegenüber den auf dem Lande gebliebenen Frauen tatsächlich Vorteile: “Although
literacy statistics are very difficult to find for the nineteenth century, it is clear for the
few available data that servants were more literate that other lower-class individuals
of rural origins.” (McBride 1976: 86) In den bürgerlichen Haushalten bestand für das
Dienstmädchen eine gute Aussicht darauf, Schreiben und Lesen zu lernen. Nicht
zuletzt legte nämlich die bürgerliche Familie Wert auf ein Mindestmaß an Bildung
ihrer Bediensteten.

Spreewaldammen in Berlin 190517 (aus Textile Geschichten 2015)

17
Hierzu dichteten Heiner Zille: „Wenn in’n Tiergarten die Ammen / Unscheniert die kleenen
Strammen / Frische Nahrung lassen ziehn – / Denn ist Frühling in Berlin!“, oder Theodor Fonta-
ne: „Nichts entlehnt und nichts geborgt, / Für Großes und Kleines ringsum gesorgt, / Und gesorgt
vor allem auch / Schon für unser kommendes Geschlecht – / Das sind für uns Gewähr unsre lie-
ben, strammen / Und fast unmöglichen Spreewaldammen.“
50 Zur Entstehung des Care-Defizits

Dienstmädchengesuche aus einer Zeitung aus dem 19. Jahrhundert


Die Etablierung einer häuslichen Kultur 51

2.2 Die Etablierung einer häuslichen Kultur


Das Phänomen des „Dienstmädchens“ verdeutlicht den Umbruch von familiärer
Subsistenzwirtschaft hin zur dichotomen Trennung von Erwerbswelt und Familienle-
ben. Während die Einbeziehung der Frau vom Land in den Arbeitsprozess durch die
Großfamilie aufgefangen und gestützt wurde, lösten sich die Strukturen der Großfa-
milie in den Städten durch getrenntes Wohnen und die Möglichkeiten ökonomischer
Autonomie allmählich auf.

Im Zuge der Auflösung der Großfamilie zwang die nun fehlende Fürsorge zu einer
Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau in der Kleinfamilie. Insofern entstanden die
nachrangig strukturierten Arbeits- und Lebensverhältnisse von Frauen (im System
der Zweigeschlechtlichkeit) nicht auf der Basis normativer Setzung, sondern bedurf-
ten materieller Gewalt (vgl. Becker-Schmidt 2013: 180-181). Unter gesellschaftli-
chen Herrschaftsverhältnissen entstand eine Sozialordnung, die politisch-
ökonomische Aktivitäten von weniger geschätzter Familienarbeit trennte und sich bis
heute aktualisiert:

In den industriell-kapitalistischen Denkformen, denen zufolge marktvermittelte Arbeit


als produktiv gilt, die in der Familie organisierte oder als haushaltsnah taxierte dagegen
als nur reproduktiv, leben solche ideologischen Verknüpfungen von Arbeit und Ge-
schlecht fort. (Becker-Schmidt 2013: 177)

Parallel zur industriellen Entwicklung und der Etablierung des Dienstbotenwesens


entstand eine häusliche Kultur, in der Hausarbeit zunehmend ideologisch der Frau
zugeschrieben wurde.

Die aufstrebende Bourgeoisie produzierte ein Wissen, das sie zur erziehungsgerech-
ten Leitlinie erhob – auch gegenüber dem Proletariat. Im frühbürgerlichen Kapitalis-
mus formierte sich ein Mittelstand, der Berufsbilder und die Vorstellungen von der
bürgerlichen Kleinfamilie geschlechts- und klassenspezifisch segmentierte. Das Bild
der Mutter als zentrale Erzieherin des Kindes etablierte sich: « À partir de 1750,
l’Assistance par exemple se modifie, elle prend à présent la famille comme lieu géo-
métrique de la santé et de la vie de la population et inclut en quelque sort les enfants
dans ce dessein. » (Mozère 1999 : 3) Damit wurden die Ehegattin und deren Kinder
vor allem in den gehobenen Schichten Kern der familiären Sphäre des Heims, dem
52 Zur Entstehung des Care-Defizits

Privathaushalt. Die Mägde vom Land wurden in die städtischen Haushalte integriert
und über das professionalisierte Tätigkeitsfeld der bürgerlichen Frau ausgebildet –
oft von der Hausherrin selbst. Hieraus entstanden auch spezifische „Frauenberufe“
wie jener der Hebamme, Kindergärtnerin oder Hauswirtschaftlerin. Dem gegenüber
gab es allerdings bereits sehr dezidierte Forderungen, die eine andere Rolle der Frau
in der Gesellschaft stützen sollten. 18

18
Sozialistinnen und Saint-Simonistinnen wie Jeanne-Désirée Véret (1810-1890) und Flora Tristan
(1803-1844) in Frankreich versuchten im Zuge der Juli-Revolution von 1830 die politischen
Gleichheitsansprüche der Französischen Revolution von 1789 für Frauen durchzusetzen. In
Frankreich tobten zu jener Zeit Aufstände mit der Forderung nach sozialer Gleichstellung. Die
französischen Frühsozialistinnen nutzten diese Aufbruchsstimmung nach der Juli-Revolution,
um sich für die Rechte der Arbeiterinnen einzusetzen. Mit der Publizierung ihrer Zeitschrift La
Femme Libre – Apostolat des Femmes im Jahre 1832 schuf Véret ein mediales Sprachrohr, in
welchem sie sich folgendermaßen ausdrückt: « C’est en affranchissant la femme qu’on affranchi-
ra le travailleur, leurs intérêts sont liés et de leur liberté dépend la sécurité de toutes les classes.
[…] Vous ne pourrez satisfaire votre amour de la propriété, en jouir tranquillement en accrois-
sant sa valeur qu’en changeant le système commercial et en associant le ménage et l’industrie. »
(Véret 1832: 37) Mit der Februarrevolution von 1848 und der Ausrufung der Zweiten Französi-
schen Republik durch das Bürgertum wurden den frauenpolitischen Bestrebungen der Frühsozia-
listinnen zunächst Schranken gesetzt. Die Funken der Februarrevolution fielen jedoch als März-
revolution auch auf die Staaten des Deutschen Bundes. Auch hier stellten Frauen wie Clara Zet-
kin (1857-1933) oder Lily Braun (1865-1916) die Lösung der Frauenfrage unter die soziale Fra-
ge. Sie gingen davon aus, dass die Emanzipation der Frau im gemeinsamen Kampf mit den pro-
letarischen Männern zu realisieren sei. Demnach war die soziale Frage auf das engste mit der
Arbeiterfrage verbunden und die Gleichstellung der Frau mit ihrer Eingliederung in die Lohnar-
beit. Folglich sollte die Arbeiterbewegung in den Augen der Frühsozialistinnen gleichzeitig zu
einer Arbeiterinnenbewegung werden, welche sich für die Belange der neu organisierten Indust-
rie- und Hauswirtschaft einsetzte. Aus den Analysen der heutigen Frauen- und Geschlechterfor-
schung geht jedoch hervor, dass die frühsozialistischen Ansätze in Hinblick auf die Umgestal-
tung von Ehe und Familie auch von den renommiertesten Vertretern der Arbeiterklasse im
Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutungsklasse, wie Marx (1818-1883), nicht eingelöst
wurden: „Obwohl Marx die Industriearbeit von Frauen als Schritt zu ihrer Gleichberechtigung
herausgestellt hatte, war für ihn die Befreiung der Frau nur vom Klassen-, nicht aber vom Ge-
schlechterkampf zu erwarten. So wurde die Frauenfrage zum Nebenwiderspruch, der erst in der
sozialistischen Gesellschaft gelöst werden könnte.“ (Gerhard/Pommerenke/Wischermann 2008:
186)
Die Ent-Professionalisierung der Hauswirtschaft 53

2.3 Die Ent-Professionalisierung der Hauswirtschaft


Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt mit der vollendeten industriellen Revolution
Anfang des 20. Jahrhunderts löste das Dienstmädchen-Phänomen allmählich auf.
Nach der Gründerzeit in Mitteleuropa arbeiteten immer weniger von ihnen in bürger-
lichen Haushalten. Sie gaben Arbeit und Lohn im Privathaushalt auf, um sich in
Fabriken oder bei anderen Arbeitgebenden des öffentlichen Erwerbsarbeitsmarkts
anstellen zu lassen. Zwischen 1850 und 1914 stieg beispielsweise die Zahl der
Dienstbotinnen in Frankreich auf etwa eine Million, schrumpfte jedoch während des
Ersten Weltkrieges auf 150 000 (vgl. Fraisse 2009: 27). Bezeichnenderweise wurde
in den Jahren zwischen 1880 und 1914 in Europa und den USA von einem servant
problem (dt. ‚Dienstbotenproblem‘) gesprochen.19

Die Gesellschaft im Wandel vom 19. auf das 20. Jahrhundert kennzeichnete zwei
einschneidenden Verschiebungen: „[…] diejenige von bezahlter Arbeit im Haus zur
bezahlten Arbeit außer Haus, und schließlich diejenige von bezahlter Arbeit im Haus
zu unbezahlter Arbeit im Haus.“ (Bock/Duden 1976: 153) Die Hausherrinnen began-
nen nun unbezahlt im Privathaushalt Arbeiten zu verrichten, die zuvor noch über
Bezahlung an andere Frauen delegiert wurden: „Dies aber war der Übergang von der
Hausherrin zur Hausfrau, von der Aufsicht über bezahlte Hausarbeit anderer zur
eigenen unbezahlten Hausarbeit.“ (Bock/Duden 1976: 155) Dienstmädchen wurden
selbst zur „Hausherrinnen“ – gleichzeitig wurden aber Hausherrinnen zu dienenden
Haushälterinnen. Daher wurde die neue Autonomie des Dienstmädchens in der öf-
fentlichen Erwerbsarbeitswelt, die durch die vergleichsweise abgesicherte industriel-

19
Clara Zetkin (1857-1933) führt in ihrem Kampf für die Gleichberechtigung der Frau in der
Gesellschaft in diesem Zusammenhang auf: „1882 zählte man in Deutschland auf 23 Millionen
Frauen und Mädchen 5 ½ Millionen Erwerbstätige, das heißt, fast ein Viertel der weiblichen Be-
völkerung konnte seinen Lebensunterhalt nicht mehr in der Familie finden. Nach der Volkszäh-
lung von 1895 hat in der Landwirtschaft im weitesten Sinne die Zahl der erwerbstätigen Frauen
seit 1882 um mehr als 8 Prozent zugenommen, in der Landwirtschaft im engeren Sinne um 6
Prozent, während gleichzeitig die Zahl der erwerbstätigen Männer um 3 beziehungsweise 11
Prozent abgenommen hat. Auf dem Gebiete der Industrie und des Bergbaus haben die erwerbstä-
tigen Frauen um 35 Prozent zugenommen, die Männer nur um 28 Prozent; im Handel die Zahl
der Frauen sogar um mehr als 94 Prozent, die der Männer nur um 38 Prozent. Diese trockenen
Zahlen sprechen weit beredter von der Dringlichkeit der Lösung der Frauenfrage, als es über-
schwängliche Deklamationen könnten.“ (Zetkin 1896: 190) Die Dringlichkeit der Lösung der
Frauenfrage bemaß sich an dem stetigen Anstieg der Frauen auf dem Erwerbsmarkt, vor allem in
der Industrie und im Handel. Nicht aber bei haushaltsnahen Dienstleistungen.
54 Zur Entstehung des Care-Defizits

le Arbeit möglich wurde, von ihrer neuen Rolle als unbezahlte Hausfrau einge-
schränkt. Der amerikanische Ökonom J. K. Galbraith schrieb 1973 in seinem Buch
Economics and the public purpose:

The conversion of women into a crypto-servant class was an economic accomplish-


ment of the first importance. Menially employed servants were available only to a
minority of the pre-industrial population; the servant-wife is available, democrati-
cally, to almost the entire present male population. (Galbraith 1973: 33)

Gemeinsam mit der bürgerlichen Frau, trotz Lohnarbeit außer Haus, wurde die prole-
tarische Frau Bestandteil einer neuen volkswirtschaftlichen Mathematik: enorme
Einsparungen wurden durch einen kostenfreien Reproduktionssektor realisiert.

Der Prozess der Privatisierung von Hausarbeit erklärte die Ent-Professionalisierung


der Hauswirtschaft. Jene Tätigkeiten standen von nun an unter dem Zeichen emotio-
naler Fürsorge, wohingegen die außerhäuslichen lohneinbringenden Tätigkeiten des
Ehemannes mit der harten und rauen Arbeitswelt in Verbindung gebracht wurden. In
Deutschland wurde die besondere Hinwendung zur Häuslichkeit durch Wohnungs-
einrichtungen nach dem modisch-„hausbackenen“ Geschmack des Biedermeier be-
tont.

Die sich in Mitteleuropa etablierenden Sozialstaaten unterstützten die


Ernährerfunktion des Mannes politisch. Der Gesellschaftsvertrag, wie er nach Hob-
bes, Locke und Rousseau20 postuliert wurde, bezog Frauen und people of color nicht
explizit mit ein. Dem Gesellschaftsvertag, ein „Vertrag unter weißen Männern“, lag
daher ein verdeckter Geschlechtervertrag – der sexual contract – zugrunde, der auf
Ausgrenzung und Ausschließung basierte: “The employment contract and the prosti-
tution contract, both of which are entered into public, capitalist market, uphold men’s
right as firmly as the marriage contract.” (Pateman 1988: 4) Pateman führt an anderer
Stelle weiter aus: “To tell the story of the sexual contract is to show how sexual

20
Während der Aufklärung begründeten Philosophen wie Rousseau im Ancien Régime ihre Vor-
stellungen von Erziehung und Bildung. In seinem pädagogischem Hauptwerk Émile ou De
l’éducation (1762) hebt er die häuslichen Pflichten der Frau hervor, welche er mit dem Gebären
der Kinder und der Unterwerfung unter Vater und Ehemann in Verbindung bringt. Eine logische
Erschließung des Wissenschaftlichen hingegen schreibt er der Rolle des Mannes zu (vgl. Rous-
seau 1762: 19).
Die Ent-Professionalisierung der Hauswirtschaft 55

difference, what is to be a ‘man’ or ‘woman’, and the construction of sexual differ-


ence as political difference, is central to civil society.” (Pateman 1988: 16) Die Ge-
schichte des Geschlechtervertrages offenbart also, dass die binäre Unterscheidung
von sex bereits für die Anfänge der Zivilgesellschaft grundlegend war. Das ge-
schlechtsspezifisch konstruierte Merkmal „Frau“ erhielt damit im Sinne einer Unter-
privilegierung gegenüber dem „Mann“ politische Bedeutung.

Honoré de Balzac gab in seinem Gesellschaftsroman La femme de trente ans von


1842 die sozialen Konsequenzen des skizzierten Wandels literarisch wieder:

La démarche la plus capitale et la plus décisive dans la vie des femmes est précisé-
ment celle qu’une femme regarde toujours comme la plus insignifiante. Mariée, elle
ne s’appartient plus, elle est la reine et l’esclave du foyer domestique. La sainteté des
femmes est inconciliable avec les devoirs et les libertés du monde. Émanciper les
femmes, c’est les corrompre. (Balzac 1842: 149)

Demnach wurde die Ehefrau über die Heirat vertraglich dem Ehemann unterworfen.
Sie wurde als Hausherrin geadelt und verlor zugleich ihre Autonomie. Die Frau des
gehobenen Bürgertums bekam sowohl eine regulierende als auch dienende Funktion
im häuslichen Bereich zugewiesen. Versuche, als junge Frau aus dem „häuslichen
Idyll“ auszubrechen, mündeten typischerweise in öffentlicher Ächtung. Wie auch der
gesellschaftskritische Schriftsteller Theodor Fontane durch das tragische Schicksal
Effi Briests deutlich gemacht hat, scheiterten beispielsweise Flüchte sexueller Natur
an den neuen, durchaus auch repressiven Momenten von „Rationalität“ und „Ver-
nunft“. Jene Frauen, die über andere Wege aus dieser Ordnung heraustraten, Schau-
spielerinnen oder Dirnen beispielsweise, verfügten über größere Freiheiten als die
verheiratete Bürgersfrau.
56 Zur Entstehung des Care-Defizits

2.4 Die Auslagerung von Care-Arbeit auf Migrantinnen im postin-


dustriellen Wohlfahrtsstaat
Ab 1960 stieg die Migration von Frauen deutlich an. In Europa wurde dies vor allem
vom Fall des Eisernen Vorhangs begünstigt:

Die Umgestaltung der Landkarte Europas nach den Ereignissen von 1989 und dem
Zusammenbruch der kommunistischen Regime beinhaltete eine unvorhergesehene
Mobilität von Personen und kündigte eine neue Phase in der Geschichte europäischer
Migration an. (Morokvasic-Muller 2003: 43)

Im Prozess der postkommunistischen ökonomischen Umstrukturierung der ehemali-


gen Sowjetunion zogen viele Migrantinnen in die Globalstädte des Nordens. Ein
ähnlicher Effekt spielte sich durch die Auflösung der Kolonialverhältnisse in den
1960er Jahren ab, die eine Migrationswelle von Frauen hauptsächlich aus Nordafrika
auslöste.21 Neue Medien und Mobilitätsmöglichkeiten begünstigen und beschleuni-
gen zudem die Migration von Frauen.

Die Migration von Frauen unterscheidet sich von dem Phänomen des migrantischen
Industriearbeiters, der im Zuge der prosperierenden Wirtschaften nach dem Zweiten
Weltkrieg in vielen Ländern Europas angeworben wurde. Die Frauen streben viel-
mehr in einen immer größer werdenden Dienstleistungssektor, in dem es vor allem in
pflegerischen und gesundheitlichen Bereichen einen hohen Mangel an Arbeitskräften
gibt. Außerdem werden private Reproduktionsarbeiten, meist von Frauen erbracht,
zunehmend auf andere Frauen – darunter viele Migrantinnen – verlagert. Die Einbe-
ziehung der Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt seit den 1990er Jahren hat zu einem
„Care-Defizit“ geführt, wie Arlie Hochschild am Beispiel der USA darstellt:

Recent trends in the United States have expanded the need for care while contracting
the supply of it, creating a “care deficit” in both private and public life. In public life,
the care deficit can be seen in federal and sometimes state cuts in funds for poor
mothers, the disabled, the mentally ill, and the elderly. (Hochschild 2003: 214,
Hervorhebungen im Original)

21
Pull-Faktoren wie mögliche ökonomisch zu erzielende Erträge und Push-Faktoren, wie geringe
Verdienstmöglichkeiten in den Herkunftsländern unterstützen die Migration. Damit kann ein
brain drain, ein Verlust an Bildungskapital, für die Herkunftsländer einhergehen. Nutzt das Auf-
nahmeland dieses Bildungskapital nicht, wird auch vom brain waste gesprochen.
Auslagerung von Care-Arbeit auf Migrantinnen 57

Diese Versorgungslücken füllen immer häufiger Migrantinnen aus ökonomisch


schwächeren Ländern. Männer sind nur selten Teil dieser Entwicklung. Es kommt
also zu einer Verlagerung der Care-Arbeit von (privilegierten) inländischen Frauen
auf migrantische und die Arbeit bleibt weiblich konnotiert.

In Zuge der Übernahme bezahlter Care-Arbeit re-professionalisieren die Migrantin-


nen die Hauswirtschaft. Das Outsourcing moderner Haushalts- und Sorgetätigkeiten
von privilegierten Haushalten auf Migrantinnen im 21. Jahrhundert ähnelt dem
Dienstboten-Phänomen, weshalb einige Wissenschaftlerinnen von dessen Wieder-
kehr im globalisierten Privathaushalt sprechen (vgl. Lutz 2008: 23, 2002; Sassen
2003: 262). Helma Lutz fasst zusammen:

Mit der Umverteilung von Familienarbeit auf haushaltsfremde Personen, so kann


man heute feststellen, vollzieht sich die Wiedereinführung von Erwerbsarbeit in den
bürgerlichen Haushalt, die als Dienstbotenwesen das gesamte 19. bis in das 20. Jahr-
hundert hinein existent war, jedoch mit Beginn des 20. Jahrhunderts allmählich ver-
schwand. (Lutz 2008: 23)

Die modernen Care-Arbeiterinnen werden daher ähnlichen klassen- und geschlechts-


spezifischen Herrschaftsverhältnissen unterworfen wie die Mägde, welche damals
vom Land in die entstehenden Städte zogen. Da die Aufnahmeländer das Care-
Kapital der Migrantinnen nutzen, verzeichnen sie einen care gain, während die Her-
kunftsländer parallel zum brain drain einen care drain erfahren.

Die Verlagerung von Care-Arbeit auf Migrantinnen wird von mehreren gesellschaft-
lichen Veränderungen begünstigt. Häufig leben Familienmitglieder, die füreinander
Care leisten könnten, durch erhöhte Mobilitäten in der Lebens- und Arbeitswelt nicht
mehr in der Nähe ihrer Angehörigen. Außerdem altert die Gesellschaft durch die
längere Lebenserwartung der Menschen. Der demographische Wandel wird von
niedrigen Geburtenraten begleitet und Frauen bekommen im höheren Alter Kinder.
Aus dem Ernährer-Modell sind Zwei-Verdiener-Haushalte geworden, in denen die
Frauen mindestens Teilzeit arbeiten. Dies hat zur Folge, dass der durchschnittliche
Lohn sinkt, da die Lebenshaltungskosten einer Familie nicht mehr allein vom Fami-
lienlohn abhängen (vgl. Winkler 2008: 50). Die steigende Erwerbstätigkeit der Frau-
en hat allerdings nicht zu einer Umverteilung der Haushalts- und Sorgetätigkeiten in
58 Zur Entstehung des Care-Defizits

Partnerschaften geführt. Care-Arbeit ist bis heute zum größten Teil Frauensache.
Jedoch ist die Arbeitgeberin, die Care-Tätigkeiten verlagert, im Regelfall erwerbstä-
tig. „Nun sind die Hausmädchen wieder zur gesellschaftlichen Normalität geworden
– nicht mehr als Statussymbol des Bürgerhaushalts, sondern als oft einziger Ausweg
aus einer objektiv nicht anders zu bewältigenden Belastung der Familien.“ (Frings
2010: 57) Es wächst eine „Sandwich-Generation“, die sich im Zweifel um die Pflege
näherer Angehöriger, um (Klein-)Kinder und den Job gleichzeitig kümmern muss.

Die Familie des 21. Jahrhunderts entspricht zudem nicht mehr der Norm der traditio-
nellen Kleinfamilie. Familien pluralisieren sich. Nancy Fraser zufolge hängt diese
Entwicklung mit einem Übergang zur postindustriellen Phase des Kapitalismus zu-
sammen:

Postindustrial families, meanwhile, are less conventional and more diverse. Hetero-
sexuals are marrying less and later, and divorcing more and sooner. […] In short, a
new world of economic production and social reproduction is emerging – a world of
less stable employment and more diverse families. (Fraser 2013: 113)

Alleinerziehende Mütter (und gelegentlich auch Väter), gleichgeschlechtliche Eltern-


paare, unverheiratete Eltern, Patchwork-Familien, Wohngemeinschaften auch im
Alter, transnationale Fernbeziehungen etc. prägen inzwischen das Bild der Gesell-
schaft. Etwa ein Drittel der Kinder lebt heute nicht mehr in der klassischen Kleinfa-
milie. In Deutschland sind dies im Jahr 2011 etwa 28,9% der Familien mit minder-
jährigen Kindern – 9,2% der Kinder wachsen in Lebensgemeinschaften und 19,7%
bei Alleinerziehenden auf (vgl. Destatis 2013). In Frankreich werden 51% der Kinder
außerehelich geboren und die Scheidungsziffer liegt 2010 bei 2,3 (vgl.
Eurostat & OECD 2010). Die Veränderung der Familienstrukturen führt unter den
Gegebenheiten eines postindustriellen Wohlfahrtsstaats mit einer hohen Frauener-
werbstätigkeit vor allem für Alleinerziehende zu schwer zu bewältigenden Care-
Problematiken. All diese Umbrüche vergrößern das Care-Defizit und lenken Migran-
tinnen in eine Beschäftigung im öffentlichen Dienstleistungssektor oder im Privat-
haushalt, wo sie beispielsweise ältere Menschen pflegen oder (Klein-)Kinder betreu-
en.
3 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland in ihrer
nationalstaatlichen, historischen und ökonomischen Ent-
wicklung
Ein Blick auf die nationalstaatliche, politische und ökonomische Entwicklung in
Frankreich und Deutschland ist unabdingbar, um eine Politikfeldanalyse realisieren
zu können und den Prozess des Outsourcings von Care-Arbeit auf Migrant_innen
angemessen zu begreifen. Die Beschäftigung mit den sozialpolitischen Entwicklun-
gen lässt darüber hinaus Schlussfolgerungen für die Kindertagespflege zu. Da die
Care-Politiken unterschiedlicher Länder verstanden und verglichen werden sollen,
müssen die Care-Regime – das heißt die unterschiedlichen Formen, in denen sich
Staat, Familie und Markt in Hinblick auf Sorgetätigkeiten artikulieren und welche
(ökonomische) Anerkennung sie ihnen zuweisen – einzeln betrachtet werden (vgl.
Bettio & Plantenga 2004; Dang & Letablier 2009). Der Anspruch dieses Kapitels ist
es daher, jene Spezifika für Frankreich und Deutschland nachzuzeichnen.

Bei der Verlagerung von Care-Arbeit auf Migrant_innen lassen sich Migrationspoli-
tiken und Care-Politiken ob ihrer Verschränkung oft nur schwer voneinander abgren-
zen. Bestimmte politische Regulierungsversuche begleiten die Care-Arbeiter_innen
im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte jedoch besonders. Die Arbeitsmarktpolitik
schafft idealerweise die Bedingungen, unter denen die (Care-)Arbeiter_innen ihre
Beschäftigungsverhältnisse aufnehmen, während der Staat über die Familienpolitik
das Zusammenleben der Staatsbürger_innen im familiären Kontext steuern soll. Die
Migrationspolitik wiederum beschäftigt sich mit den Regeln, denen Menschen un-
terworfen werden, wenn sie sich zwischen den rechtlichen Sphären abgegrenzter
Nationalstaaten bewegen. Die hier genannten Dimensionen von social policy (und

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


J. Glaeser, Care-Politiken in Deutschland und Frankreich,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19851-0_3
60 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

andere, wie zum Beispiel Wohnungspolitiken) verschränken sich im Komplex von


Care-Politiken. Sie organisieren das Verhältnis des Staates zur Care-Situation.22

Folgend werden die (Sozial-)Politiken beider Länder in ihrer Historie näher beleuch-
tet. Auch die Gesetzmäßigkeiten der Kindertagespflege werden dargelegt. Am
Schluss des Kapitels liefert ein tabellarischer Überblick Informationen zu thematisch
interessanten Statistiken.

3.1 Entstehung von Sozialstaaten: über die Etablierung von


citizenship und Wohlfahrtsregime
Politische Regulierungsversuche auf das Reproduktionsverhalten, den Arbeitsmarkt
und deren Akteure hat es spätestens seit der Entstehung von Sozialstaaten (und
Wohlfahrtsstaaten) gegeben. Diese wurden aufgrund mehrerer Umstände notwendig.
Die Ursprünge liegen in den Auswirkungen der industriellen Revolution, die inner-
halb weniger Jahrzehnte alle gesellschaftlichen Verhältnisse verändern sollte. Durch
die einsetzende Landflucht wurden erstmals Arbeitsort und Familienleben getrennt.
Die Familien in Europa transformierten sich von Groß- zu Kleinfamilien. Für die
europäischen Nationalstaaten bedeutete dies eine Verelendung ganzer Bevölkerungs-
teile mit der Konsequenz, das viele Menschen nach Übersee (vor allem in die USA)
emigrierten.23 Die Massenarmut und die gemeinsame Arbeit in den Fabriken begüns-
tigten das Entstehen von auf Solidarität basierenden sozialistischen und kommunisti-
schen Parteien oder die Gründung von Gewerkschaften. Somit entstanden politische
Kräfte, die die bisherigen Machtverhältnisse in Frage stellen konnten. Der unge-
bremste Kapitalismus führte zu ungleichen Marktbedingungen. Die Nationalstaaten
versuchten diese zu regulieren: zum Beispiel durch die Einführung von Marktbedin-
gungen und durch die Organisation der Infrastruktur (Wege, Straßen, Eisenbahnen
mit Zollregelungen). Zudem hatte die Französische Revolution mit ihrem Anspruch
nach liberté, égalité, fraternité der Aufklärung in Europa den Weg gebahnt. Sie setz-
te sich insbesondere durch Besitzbürger fort, die forderten, an der politischen Macht

22
Die Verknüpfung von Care, Sozialpolitiken und dem Wohlfahrtsstaat wird auch als social care
bezeichnet (vgl. Martin 2008: 31).
23
Der sich ausbreitende Pauperismus beeinflusste sogar die Wehrtätigkeit der sich ausbildenden
Nationalstaaten, sodass das Militär Einfluss auf den Gesundheitszustand zukünftiger Rekruten
nehmen wollte.
Entstehung von Sozialstaaten 61

teilzuhaben. Ausdruck hierfür ist der unter Napoleon eingeführte Code Civil über
weite Teile Europas. Das hiermit verbundene Gesetz der nationalen Wohltätigkeit
von 1793 war die Grundlage für eine allgemeine Organisation der öffentlichen Wohl-
fahrt und nahm die soziale Gesetzgebung des 20. Jahrhunderts vorweg (vgl. Soboul
1986: 46). All diese Umstände nötigten die Staaten zur Sozialpolitik.

Der britische Soziologe Thomas H. Marshall hob in seiner Abhandlung Citizenship


and Social Class von 1950 die Bedeutung des Erziehungswesens und der sozialen
Dienste für die Staatsbürger und den Wohlfahrtsstaat hervor:

I shall call these three parts, or elements, civil, political and social. The civil element
is composed of the rights necessary for individual freedom – liberty of the person,
freedom of speech, thought and faith, the right to own property and to conclude valid
contracts, and the right to justice. […] By the political element I mean the right to
participate in the exercise of political power, as a member of a body invested with
political authority or as an elector of the members of such a body. The corresponding
institutions are parliament and councils of local government. By the social element I
mean the whole range from the right to a modicum of economic welfare and security
to the right to share to the full in the social heritage and to live the life of a civilized
being according to the standards prevailing in the society. The institutions most
closely connected with it are the educational system and the social services. (Mars-
hall 1977: 78f, Hervorhebungen durch JG)

Nach Marshall entstanden bürgerliche Rechte (Code Civil, zum Beispiel in Form von
fairen Gerichtsverhandlungen) etwa im 18. Jahrhundert, politische Rechte im 19.
Jahrhundert (gleiches Wahlrecht) und soziale Rechte im 20. Jahrhundert („Sozialge-
setzgebung“, zum Beispiel in Form von kostenlosen sozialen Diensten). Damit be-
schreibt er eine stufenweise Entwicklung, in der sich der Staatsbürgerstatus und sein
Einfluss auf soziale Teilhabe allmählich institutionell mit dem Aufstieg des Kapita-
lismus entfalteten. Mit der Etablierung des Wahlrechts (wenn auch nicht als vollstän-
dige politische Gleichheit aller) hatte der Staat stellvertretend für den Staatsbürger
auch die Bildung der heranwachsenden Kinder zu fördern. Marshall betont weiter:
“The right to education is a genuine social right of citizenship, because the aim of
education is a genuine social right of citizenship, because the aim of education during
childhood is to shape the future adult.” (Marshall 1977: 89) Hierin leitet Marshall das
Recht auf Erziehung als Bestandteil von sozialen Staatsbürgerrechten ab. Gleichstel-
62 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

lung erfolge weniger zwischen Klassen als vielmehr zwischen Individuen einer Be-
völkerung, die jetzt für diesen Zweck so behandelt werden, als seien sie eine Klasse
(vgl. Marshall 1949: 113). Der Staatsbürgerstatus bestimmt die Bedingungen sozialer
Zugehörigkeit und erlangt nur für die Mitglieder einer nationalen Gemeinschaft
Gültigkeit.

Die von Marshall entworfene Entwicklung bezieht sich auf den Staatsbürgerstatus
von Männern. Damit werden Kräfte übersehen, die aus der Trennung von Öffentlich-
keit und Privatsphäre, Staat und Familie, bezahlter und unbezahlter Arbeit entstanden
sind. Politische Rechte wie das Wahlrecht erhielten Frauen beispielsweise erst sehr
viel später. Neben den „Ausländer_innen“ blieb auch der Staatsbürgerin eine gleich-
wertige Partizipation an citizenship verwehrt. Dies änderte sich erst mit der Anerken-
nung ihrer Arbeitskraft im öffentlichen Erwerbsarbeitsleben (vgl. Gerhard 2001: 5).

Der Politologe Gøsta Esping-Andersen prägte den Begriff des „Wohlfahrtsregimes“.


Sozialpolitische Maßnahmen führen nicht immer zur Lösung sozialer Stratifizierung,
sie stellen diese auch her. Daher soll der Begriff des Regimes auf die Verflechtung
von Staat und Ökonomie hinweisen: “To talk of ‘a regime’ is to denote the fact that
in the relation between state and economy a complex of legal and organizational
features are systematically interwoven.” (Esping-Andersen 1990: 2) Esping-
Andersen unterscheidet drei Wohlfahrtsregime: das liberale (zum Beispiel Großbri-
tannien, USA, Kanada, Schweiz, Japan), welches relativ gering
dekommodifizierend 24 ausgerichtet ist; das konservative (zum Beispiel Frankreich,
Italien, Deutschland, Österreich), welches eine Mittelposition einnimmt und das
sozialdemokratische (zum Beispiel in Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland),
welches am stärksten dekommodifizierend ausgerichtet ist.

Innerhalb der von Esping-Andersen entworfenen Aufteilung der Wohlfahrtsregime


hat beispielsweise Großbritannien dem Markt Dominanz gegenüber der Wohlfahrt

24
„Dekommodifizierend“ bezeichnet hier Maßnahmen in Richtung des gemeinschaftlichen Nut-
zens der Bürger_innen an der Wohlfahrt, welche die Unabhängigkeit zum Markt gewährleisten,
während „kommodifizierende“ Maßnahmen die Überführung ins Private visieren: „The outstan-
ding criterion for social rights must be the degree to which they permit people to make their li-
ving standards independent of pure market forces. It is in this sense that social rights diminish
citizens’ status as ‘commodities’.“ (Esping-Anderson 1990: 3)
Entstehung von Sozialstaaten 63

eingeräumt. Eine Konsequenz der liberalen Wohlfahrtsregime liegt in der Privatisie-


rung der Wohlfahrt im Sinne von ‘private’ welfare plans. Dem gegenüber hat sich in
Frankreich in Reaktion auf die Pariser Kommune eine konservative politische Öko-
nomie entwickelt, welche die Bändigung der revolutionären Stimmung im Auge
hatte. Auch in Deutschland wurde schon relativ früh eine sozialgesetzliche Kranken-
versicherung eingeführt (s. u.). Allerdings befreite dies die Bürger_innen nicht von
ihrer Abhängigkeit zum Markt, da die Gewährleistung der Versicherungen gleichzei-
tig mit Erbringungspflichten verknüpft wurde. Um die Differenzen zwischen ver-
schiedenen, gegeneinander aufbegehrende, Klassen abzuschwächen wurden einzelne
Rechte und Privilegien verteilt, welche zum Beispiel Beamten einen besonderen
Status zuwiesen. Dies beinhaltete auch die Ausgrenzung erwerbsloser Frauen aus
dem Nutzen der Sozialversicherung und deren Fokussierung auf traditionelle Formen
von häuslicher Mutterschaft: „Day care, and similar services, are conspicuously
underdeveloped; the principle of ‘subsidiarity’ serves to emphasize that the state will
only interfere when the family’s capacity to service its members is exhausted.”
(Esping-Andersen 1990: 27) Die geringe Professionalisierung von Care-Diensten in
Deutschland resultiert somit aus ihrer frühen Verortung ins Private, wo die Eigenver-
antwortlichkeit der Familien an erster Stelle stand.

If society is not capable of harmonizing motherhood with employment, we shall


forego the single most effective bulwark against child poverty – which is that
mothers work. We shall, additionally, face very severe labour force shortages or, al-
ternatively, a shortage of births. And, as women now tend to be more educated than
men, we shall be wasting human capital. (Esping-Andersen 2002: 9f)

Eine niedrige Frauenerwerbstätigkeit untergräbt dieser Feststellung zufolge die (Bei-


trags-)Grundlage, die die wohlfahrtsstaatlichen Sozialsysteme aufrechterhält. In
Schweden hingegen wurde eher die Unabhängigkeit des Einzelnen von der Familie
ermöglicht, indem der Staat präventiv und deckend Kosten für Familien übernahm.
Insofern wird in sozialdemokratischen Wohlfahrtsregimen sowohl der Markt als auch
die Familie unterstützt: “Perhaps the most salient characteristic of the social democ-
ratic regime is its fusion of welfare and work. It is at one genuinely commited to a
full-employment guarantee, and entirely dependent on its attainment.” (Esping-
Andersen 1990: 28) Die genannten Sozialstaaten unterscheiden sich durch den Grad
64 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

der Defamilialisierung, die den Individuen erlaubt, ihre Ressourcen unabhängig von
ihren Familien einzusetzen.

Unter feministischer Kritik der Theorie Esping-Andersens haben sich auch die Be-
griffe des „Gender-“ und „Migrationsregimes“ etabliert, welche auf die besondere
Verknüpfung der Dimensionen von Geschlecht und Migration im Wohlfahrtsregime
verweisen. Durch das Genderregime wird ein Komplex von Regeln und Normen in
der Geschlechterordnung der jeweiligen Gesellschaft verankert und institutionell
abgesichert und durch das Migrationsregime zum Beispiel die Beschäftigung von
Migrant_innen in Privathaushalten reguliert (vgl. Lutz 2008: 37). Es lässt sich außer-
dem kritisch anmerken, dass die Zuordung Frankreichs als „konservativ-
kooperatistisch“ im Bereich der Kleinkindbetreeung nicht trägt, da der französische
Staat durchaus Veranwortung übernommen hat.
Der deutsche Sozialstaat 65

3.2 Der deutsche Sozialstaat


Die Staatsführung in Deutschland reagierte 1880 mit neuen Gesetzen auf die sich
ausbreitende Massenverarmung und schuf ein System sozialer Mindestsicherung.
Diese Sozialversicherung bot Schutz vor den Risiken, welche durch Krankheiten,
Unfälle, Invalidität und fortgeschrittenem Alter entstehen können. 1927 schloss sie
auch Arbeitslosigkeit mit ein. Zweck der deutschen Sozialversicherung, eingeführt
unter dem konservativen Reichskanzler Bismarck, war neben der sozialpolitischen
Verantwortung vor allem die Minderung des Einflusses einer erstarkenden Sozialde-
mokratie und Gewerkschaftsbewegung. Der einsetzende Imperialismus führte zu
einem Kampf gegen den Feind im Inneren, der mit der erstarkenden Sozialdemokra-
tie identifiziert wurde, zugunsten nationaler Stärke nach außen. Im Konflikt mit
August Bebel und Wilhelm Liebknecht um Kriegskredite für den Krieg mit Frank-
reich betitelte Bismarck jene noch zu seiner Zeit als „vaterlandslose Gesellen“, was
als Beschimpfung zu deuten war. Um die sichtbare Verarmung der unteren Klassen
zu mindern und die sich auflösende Sicherungsfunktion der Familie aufzufangen,
wurden die Gesetze entsprechend der Prämissen des lohneinbringenden Ernährers
formuliert:

Der Bismarcksche Sozialstaat spiegelte eine Form der Klassenkompromisse wider.


Diese Lösungen waren aber am lebenslang erwerbstätigen Mann, der seine Frau und
seine Kinder ernährte, ausgerichtet. Das Modell des Zusammenlebens der Ge-
schlechter im Bismarckschen Sozialstaat war das Familienernährermodell. (Stiegler
2007: 2)

Mit diesen Interventionen Bismarck’s in die Innenpolitik wurden die Grundzüge des
Sozialstaates als Versicherungsmodell etabliert, das schließlich in ähnlicher Form in
ganz Europa übernommen wurde.

Die Sozialgesetze bestimmten die Entwicklung des modernen Sozialstaats von Grund
auf: „Mit ihnen wurde es möglich, Rechts- und Sozialstaatlichkeit auf das engste
miteinander zu verbinden sowie dem Konzept der Staatbürgergesellschaft in seiner
modernen Form zum Durchbruch zu verhelfen.“ (Metzler 2003: 12) Soziale Sicher-
heit, bürokratisch verwaltet, wurde zum Grundstein nationaler Identität. Nur wer
Staatbürger war, konnte die Errungenschaften der Geburtsstunde des Wohlfahrts-
66 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

staats in Anspruch nehmen. Darunter fiel auch die Kinder- und Jugendfürsorge mit
entsprechenden Erziehungsanstalten.

Bis zur Wirtschaftsdepression der Weimarer Republik entwickelte sich der deutsche
Sozialstaat progressiv:

Wichtigste Zielgruppe dieser Politik war die Industriearbeiterschaft. Auf ihre Situa-
tion waren die ersten sozialpolitischen Gesetze zugeschnitten, die der Reichstag in
den frühen 1880er Jahren verabschiedete: 1883 das Krankenversicherungsgesetz,
1884 das Unfallversicherungsgesetz, 1889 schließlich das Invaliditäts- und Alters-
versicherungsgesetz. […] Um zu ermessen, welche Tragweite diese ersten Gesetze
bereits hatten, muß man sich nur in Erinnerung rufen, daß es seither nur zwei we-
sentliche Ergänzungen bei den Sozialversicherungen gegeben hat: die Arbeitslosen-
versicherung von 1927 sowie die Pflegeversicherung von 1995. (Metzler 2003: 20)

Der Reichstag hat demnach im 19. Jahrhundert die Grundsteine einer Sozialversiche-
rung geschaffen, die bis heute aktuell ist. Erst der demographische Wandel, welcher
den Sozialstaat aufgrund einer alternden Gesellschaft vor neue Herausforderungen
stellte, provozierte eine Erweiterung der Versicherungsformen. Nach dem Zweiten
Weltkrieg etablierte sich die Bundesrepublik Deutschland als westdeutscher Sozial-
staat. Auch in der damaligen Deutsche Demokratischen Republik (DDR) wurden
Sozialstaatsgesetze in ähnlicher Form beschlossen.

Migrations-Politiken
Die preußische Abwehrpolitik

Von den 1880er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg beschäftigte das Deutsche Reich
über 1,2 Millionen Wanderarbeiter (vor allem aus Polen, aber auch aus Italien) (vgl.
Oltmer 2010: 32). Daran wird deutlich, dass die regulative Bevölkerungspolitik und
Binnenwanderung allein nicht in der Lage war, die Bedürfnisse der entstehenden
Industrie und der Landwirtschaft zu stillen.

Die fremden Arbeiter_innen sollten nicht zu dauerhaften Einwander_innen werden.


Preußen, als größter und östlichster Teilstaat des Reichsgebiets, fürchtete aus natio-
nalstaatlichen Bestrebungen das Erstarken der Pol_innen (etwa 50% unter ihnen
Der deutsche Sozialstaat 67

waren Arbeiterinnen) in ihren östlichen Gauen. Sie wurden daher einer nationalen
Kontrolle, einer Abwehrpolitik, unterstellt. Die Arbeitskräfte aus Polen mussten nach
einer gewissen Sperrfrist, meist saisonal, wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren.
Deshalb sollten sie vornehmlich in der Agrarwirtschaft statt in der Industrie einge-
setzt werden. Auch Max Webers Studie zu den Entwicklungstendenzen in der Lage
der ostelbischen Landarbeit von 1894 setzte sich mit der Frage auseinander, welche
Gesamtentwicklung die Stellung der ostelbischen Landarbeiter innerhalb der Nation
nehme. Weber kommt zu der Feststellung, dass sich die ostelbischen großen Güter
als „lokale politische Herrschaftszentren“ gegenüber dem städtischen Großbürgertum
nicht halten könnten. Er schreibt: „Es besteht aber eben deshalb die Gefahr, daß
gerade diejenige Schicht der Bevölkerung auf diese Weise ansässig wird, welche mit
den geringsten Kulturansprüchen sich begnügen kann, also ein Grundbesitzer-
Proletariat – der schrecklichste der Schrecken – entsteht.“ (Weber 1988: 508,
Hervorhebungen im Original) Die Arbeitskräfte aus dem Osten, welche ihre Dienste
zu niedrigeren Bedingungen anboten, haben demnach den Zerfall der Güter und
damit die Monopolisierung des städtischen Bürgertums befördert. Die antipolnische
Abwehrpolitik in Preußen erleichterte der Polizei, die Wanderarbeiter_innen zu kon-
trollieren:

1909 wurde in Preußen der „Legitimationszwang“ eingeführt. Seither bestand für al-
le ausländischen Arbeitskräfte die Verpflichtung, bei der 1911 in „Deutsche Arbei-
terzentrale“ umbenannten Vermittlungsstelle eine „Arbeiter-Legitimationskarte“ zu
beantragen, die in den 39 Grenzstellen der Arbeiterzentrale ausgefertigt wurde. Die
Legitimationskarte stellte eine schnelle Identifikation aller ausländischen Arbeiterin-
nen und Arbeiter durch die Polizeibehörden sicher und markierte die Nationalität.
(Oltmer 2010: 34)

In Preußen etablierten sich daher die ersten Instrumente einer repressiven Migrati-
onspolitik, welche sich an ethnischen und nationalen Merkmalen orientierte. Zwar
wurde schon im Deutschen Kaiserreich das Abstammungsprinzip (ius sanguinis) zur
gesetzlichen Grundlage der Staatsangehörigkeit, es verfestigte sich jedoch 1914
durch das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz, welches das Geburtsortsprinzip
außer Kraft setzte. Erst im Jahr 2000 gab es mit dem Optionsmodell diesbezüglich
entscheidende Änderungen (s. u.).
68 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Arbeit und Migration in, zwischen und nach den beiden Wel t-
kriegen

Während des Ersten Weltkriegs (als auch während des Zweiten Weltkriegs) wurden
in Deutschlands Kriegswirtschaft viele Zwangs-Arbeiter_innen verpflichtet. In der
darauf folgenden Weimarer Republik wurde die restriktive Arbeitsmarktpolitik für
„Ausländer_innen“, orientiert an den Bedürfnissen der Inländer_innen, ausgebaut. In
der Zeit zwischen den Weltkriegen wanderten aber auch viele Menschen aus
Deutschland aus, darunter viele Dienstmädchen. Während des Dritten Reichs und im
Anschluss durch den verlorenen Krieg bewirkten Flucht, Vertreibung und Deportati-
on Migrationsbewegungen von ungekannter Größe. Bis zu zwölf Millionen Arbei-
ter_innen wurden als Fremdarbeiter_innen in die deutsche Kriegswirtschaft gezwun-
gen. Für die nach Kriegsende in Deutschland gebliebenen displaced persons musste
eine Regelung gefunden werden:

Mit dem „Gesetz über die Rechtsstellung heimatloser Ausländer“ vom 25.04.1951
schuf die Bundesrepublik einen im Vergleich zum internationalen Flüchtlingsrecht
großzügigen Rechtsstatus, der aber keine Gleichstellung mit deutschen Flüchtlingen
und Vertriebenen oder eine erleichterte Einbürgerung vorsah. (Oltmer 2010: 46)

Selbst nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Holocausts blieb folg-
lich die ethnisch „homogene“ Nation ein tiefer Grundfeiler bundesrepublikanischer
Politik.

Die Wiederaufbauphase in Westdeutschland mündete in eine Hochkonjunktur, die zu


einer Verknappung von Arbeitskräften führte. Deshalb begann ab 1955 in West-
deutschland die sogenannte Gastarbeiterperiode. Sie dauerte bis zum Annahmestopp
1973, dem Jahr des Ölpreisschocks. In dieser Zeit warb Deutschland massiv Arbeits-
kräfte vor allem für die industrielle Produktion an: zunächst insbesonders Italie-
ner_innen (ab 1955), Spanier_innen, Portugies_innen und Griech_innen (ab 1960),
dann vor allem Türk_innen und Kurd_innen (ab 1961). Sie kamen deshalb vornehm-
lich aus den Mittelmeerländern und wurden als Gastarbeiter bezeichnet, weil an diese
Arbeiter_innen die Erwartung geknüpft wurde, dass sie nach Verrichtung ihres Ar-
beitskontrakts wieder in die Herkunftsländer zurückkehrten. Nicht alle Gastarbei-
ter_innen taten dies. Von den zwischen 1955 und 1973 zugewanderten 14 Millionen
Der deutsche Sozialstaat 69

Gastarbeiter_innen kehrten etwa elf Millionen in ihre Herkunftsländer zurück. Viele


von ihnen befürchteten nach der Rückkehr nicht mehr in die Bundesrepublik einrei-
sen zu können. Außerdem hatten viele in Deutschland eine wirtschaftliche Grundlage
für ihre Familie gefunden, und ließen diese nun nachziehen. Nach dem Anwerbe-
stopp kam es daher sogar zu einer erhöhten Zuwanderung in Form von Familienzu-
sammenführungen oder Eheschließungen. Der Anwerbestopp führte außerdem seit
den 1980er Jahren vermehrt zu der Aufnahme informeller Beschäftigungsverhältnis-
se: „Dies schafft eine Nachfrage nach ausländischen Arbeitern, die willig sind, in-
formelle Löhne auf Baustellen, bei Hausrenovierungen, in der Landwirtschaft, im
Reinigungs- und Reparaturgewerbe oder in anderen Servicebereichen zu akzeptie-
ren.“ (Morokvasic-Muller 2003: 155) Auch die DDR warb Arbeitskräfte (aus Kuba,
Mosambik und Vietnam) an, jedoch in viel geringerem Maße.

Neuere Regelungen nach dem Fall der Mauer

Mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Deutsch-
land ein Knotenpunkt für die Ost-West-Migration. Neben den Gastarbeitern und
Asylsuchenden nahm im Deutschland der Nachkriegszeit auch die Zuwanderung
durch „deutschstämmige“ Aussiedler_innen zu. In den Jahren von 1988 bis 1996
wurde Deutschland zum Hauptimmigrationsland in Europa (vgl. Héran 2011: 19).
Das mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 formulierte Asylgesetz
gewährte politisch Verfolgten dauerhaften Schutz. Der Immigrationsdruck in den
folgenden Jahrzehnten führte zu immer stärkeren Einschränkungen des Asylrechts,
zum Beispiel mit der Herausnahme des Notaufnahmeverfahrens und mit der Grund-
gesetzänderung von 1993, dem Drittstaatenabkommen. Wer aus einem sicheren
Drittstaat kommt, in dem die Anwendung der Genfer Flüchtlingskonvention und der
Europäischen Konvention der Menschenrechte per Gesetz gesichert ist, muss in
diesen rücküberführt werden. Die Länder, die Deutschland und Frankreich umschlie-
ßen, sind allesamt „sichere“ Herkunftsstaaten. Mit dieser Gesetzgebung ließ der
Strom der Asylberechtigten entscheidend nach.

Im Jahr 2000 setzte ein neues Staatsangehörigkeitsrecht ein. In dieser Reform wurde
das Abstammungsprinzip durch das Geburtsortsprinzip ergänzt. Der Erwerb der
Staatsbürgerschaft ist seither mit einer Optionspflicht verbunden: Die betreffende
70 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Person muss zwischen dem 18. und 23. Lebensjahr per Antrag für die deutsche
Staatsbürgerschaft optieren. Nur in den seltensten Fällen wird doppelte Staatsbürger-
schaft gewährt. Mit dem 2005 verabschiedeten Zuwanderungsgesetz veränderte sich
zudem die Migrations- und Integrationspolitik umfassend. Im Aufenthaltsrecht wird
nun zwischen befristeter Aufenthaltserlaubnis und unbefristeter Niederlassungser-
laubnis unterschieden. Als Einbürgerungs-Kriterien werden die Ausbildung, die
Erwerbstätigkeit, humanitäre Gründe (Asylsuchende) oder familiäre Motive betrach-
tet. Deutschland erkennt de facto an ein Einwanderungsland zu sein.25 Damit werden
auch Integrationsmaßnamen eine gesetzliche Aufgabe. Integration wird verstärkt
materiell gefördert, zum Beispiel durch im Rahmen von Integrationskursen angebo-
tene Sprachkurse, auf die Neuzugewanderte jetzt ein Recht haben. Die Kosten für
diese Kurse sind allerdings von den Teilnehmer_innen selbst aufzubringen. Für die
damalige Bundesregierung (Koalition aus CDU/CSU und SPD 2005-2009) bedeutete
Integration auch, dass Migrant_innen sich aktiv in diesen Prozess einzubringen ha-
ben. Einbürgerungstests überprüfen beispielsweise die politische Einstellung und das
Wissen über die Geschichte und Verfassung der Bundesrepublik. Neben integrati-
onspolitischen Bemühungen wurde etwa durch die Green-Card die Einwanderung
von Menschen stärker gesteuert. Damit sollen sie entsprechend der Erfordernisse des
Arbeitsmarktes ausgewählt werden. Nach einer Novelle des Zuwanderungsgesetzes
von 2007 zum Ausländer- und Aufenthaltsrecht müssen die Antragsteller_innen auf
einen deutschen Pass sich unter anderem seit mindestens acht Jahren in Deutschland
aufhalten, den eigenen Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit bestreiten können, oder
bei Nachzug im Falle der Ehepartnerin beziehungsweise des Ehepartners mindestens
18 Jahre alt sein (vgl. Bpb 2007). Immigrant_innen müssen ihren Wohnsitz bezie-
hungsweise ihren gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland haben, um Familienbei-
hilfen des Staates beziehen zu können.

Die jüngste sogenannte Flüchtlingskrise von ca. einer Millionen Geflüchteten im Jahr
2015 stellt die Bundesregierung durch die zeitlich gerafft stattfindende Öffnung der
Grenzen erneut vor migrationspolitische Probleme. Die Geflüchteten müssen in

25
Heute leben in Deutschland zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime beziehungsweise Muslima
mit Migrationshintergrund. Aufgrund der Bedeutung dieser Migrationsgruppe lud Schäuble 2006
zum ersten Islamgipfel (vgl. Frindke et. al. 2012: 15).
Der deutsche Sozialstaat 71

kürzester Zeit erfasst, versorgt, in den Arbeitsmarkt überführt und in die Gesellschaft
integriert werden. Die Konsequenzen dieser Asylsituation sind zum Beispiel in Hin-
blick auf den Aufenthaltsstatus noch nicht absehbar.

Maßnahmen zur Organisation von Familie und Arbeit


Familienpolitik während des Nationalsozialismus

Staatliche Familienpolitik in Deutschland erlangte erst während des Nationalsozia-


lismus Bedeutung. Regelte die Weimarer Verfassung in Artikel 119 zwar noch den
Schutz von Ehe und Mutterschaft und gab es auch Kinderfreibeträge, so mischte sich
der Staat in der Zeit vor der Machtergreifung der Nationalsozialist_innen nicht in die
Organisation der Familien ein. Diese galt als Privatangelegenheit.

Während des Zweiten Weltkriegs strebte das Dritte Reich nach Bevölkerungsexpan-
sion und begründete dies rassenideologisch (so propagierte es beispielsweise das
„Volk ohne Raum“). Der Krieg erforderte in besonderem Maße Nachwuchs und
Frauen wurden in die Kriegswirtschaft einbezogen, um den Aufbau des Reiches
voranzutreiben. Der Sozialstaat wurde unter dem faschistischen Regime instrumenta-
lisiert: „Die Möglichkeiten der Perversion und des Mißbrauchs des Sozialstaates
zeigten sich in aller Schärfe in der nationalsozialistischen Gesundheits- und Bevölke-
rungspolitik.“ (Ritter 1991: 133) Hier trat ein übermächtiger Führer als Vaterfigur,
das Massenideal Hitler, an die sozialpolitische Stelle des Staates und diktierte ein in
dieser dominanten Form nie dagewesenes Mutterbild:

Die bereits in den Weimarer Jahren geführte Diskussion über den Geburtenrückgang
mündete nun in politischen Maßnahmen. Die lagen zum einen auf propagandistisch-
symbolischem Gebiet, indem das Ideal der „deutschen Mutter“ unablässig gepredigt
und mit der Einführung von Muttertag und „Mutterkreuz“ symbolhaften Ausdruck
fand. Zum anderen versuchten die NS-Machthaber, durch materielle Anreize das re-
produktive Verhalten in positivem Sinn zu beeinflussen. (Metzler 2003: 126)

Reproduktives Verhalten wurde zu einer Pflicht und „arischen“ Tugend. Mutterschaft


erhielt soziale als auch materielle Anerkennung, weil sie dem faschistischen Aufbau
diente.
72 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Der „absolute Familienlohn“ im Nachkriegsdeutschland und


dessen Grenzen

Nach den Erfahrungen der repressiven Familienkontrolle durch den Staat während
des Dritten Reiches verlor der familienpolitische Einfluss im Westdeutschland der
Nachkriegszeit an Bedeutung. Während De Gaulle sich nach dem Krieg mit den
Worten „Frankreich braucht zwölf Millionen Babys“ an das Volk wendete, genügte
Adenauer die Hypothese „Kinder bekommen die Leute immer“ (vgl. Kuchenbecker
2007: 79). Nach Ehmann stellt im Gegensatz zu Frankreich „[…] die Beeinflussung
des generativen Verhaltens der Bevölkerung aufgrund der negativen Erfahrungen im
Dritten Reich keine direkte Aufgabe der deutschen Familienpolitik dar.“ (Ehmann
1999: 16) Der ostdeutsche Teil Deutschlands nahm jedoch nach dem Krieg durchaus
familienpolitische Regulierungen in Angriff.

Nach 1949 wurden in der DDR breite Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie
und Beruf getroffen. Dank eines großzügigen Ausbaus institutioneller Kinderbetreu-
ung wie Krippen, günstiger Arbeitszeitregelungen und Lohnfortzahlung während des
Mutterschutzes war die ostdeutsche Frau in aller Regel erwerbstätig und gebar Kin-
der. Sie war auf dem Arbeitsmarkt wesentlich besser integriert als die westdeutsche
Frau. Deshalb erinnern die Mütter in der Zeit der DDR an die französischen Mütter
von heute – beide realisieren zu einem vergleichbaren Maße Familie und Beruf.

In der Bundesrepublik Deutschland stand die Wirtschaftsordnung seit 1949 unter den
Geschicken Ludwig Erhards (CDU). Das von seiner Regierung verfolgte Konzept der
sozialen Marktwirtschaft, welches die neue Wirtschafts- und Sozialpolitik bestimmte,
ergänzte die Wirksamkeit der Gesetze des freien Marktes im Bereich der Produktion
durch soziale Interventionen des Staates (vgl. Ritter 1991: 162). Familienpolitisch
knüpfte die Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an das männliche Ernäh-
rer-Modell an. Der Lohn des Mannes sollte für die Bedürfnisse der Kleinfamilie mit
Ehefrau und etwa zwei Kindern ausreichen. Das Bundesministerium für Familie
wurde 1953 gegründet und erstmals gab es seit 1954 ab dem dritten Kind mit einer
direkten monetären Transferleistung Kindergeld.
Der deutsche Sozialstaat 73

Erst um 1960 setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass der sogenannte absolute
Familienlohn mit dem sich etablierenden Leistungslohn der sozialen Marktwirtschaft
nicht aufrecht zu erhalten war. Der Anteil der westdeutschen Frauen in Erwerbsarbeit
und Bildungsinstitutionen stieg. Auf dem Arbeitsmarkt waren 1970 etwa 46% der
Frauen aktiv. Diese Zahl steigt bis 2009 auf 69% (vgl. BMSFJ 2012: 86). Gleichzei-
tig sank seit den 1960er Jahren die Geburtenrate. Das von Adenauer überlieferte Zitat
„Kinder bekommen die Leute immer“ verlor seine Wirksamkeit durch das Aufkom-
men der Anti-Babypille, die nun den Frauen gestattete, wesentlich effektiver selbst
zu bestimmen, ob sie Kinder bekommen oder nicht. Erst 1961 wurde das Kindergeld
ab dem zweiten Kind, und schließlich 1975 ab dem ersten Kind gewährt. Der einset-
zende demographische Wandel verschärfte sich jedoch weiter:

Dadurch, daß die Geburtenraten sanken und bald die Zahl der Geburten diejenige der
Sterbefälle nicht einmal mehr ausgleichen konnte, begann die eigentliche Basis des
„Generationenvertrages“ zu bröckeln, woran auch die familienpolitischen Verbesse-
rungen (Kindergeld ab dem ersten Kind, Erhöhung des Kindergeldes, Einführung ei-
nes Mutterschaftsgeldes) jener Jahre nichts zu ändern vermochten. Das bedrohte das
System der Alterssicherung, wie es 1957 etabliert und 1972 noch erheblich ausge-
baut worden war. (Metzler 2003: 190)

Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde ein zwingendes Thema in der gesell-
schaftlichen Wirklichkeit. Nach Inkrafttreten des Allgemeinen Teils des Sozialge-
setzbuches 1975 wurde das Recht auf Bildung und Arbeitsförderung, auf Sozialversi-
cherung, auf soziale Entschädigung bei Gesundheitsschäden, auf Minderung des
Familienaufwands, auf Zuschuss für eine angemessene Wohnung, auf Jugend- und
Sozialhilfe sowie auf Eingliederung im Fall von Behinderung gewährt (vgl. Ritter
1991: 162). Vor allem in den Großstädten begannen Eltern vermehrt die Betreuung
ihrer Kinder privat zu organisieren. Krabbelstuben und Kinderläden entstanden. Die
Regierung führte dann 1986 das Erziehungsgeld während der Erziehungszeit ein. Die
Diskrepanz der sozialpolitischen Maßnahmen führte 1990 zu einer Intervention des
Bundesverfassungsgerichts: es forderte eine Neuregelung des Familienlastenaus-
gleichs. Obwohl das Kindergeld für das erste und zweite Kind sowie der Kinderfrei-
betrag angehoben wurden, erhielten alle Familien ungeachtet ihrer sozialen Lage in
gleicher Höhe Transferleistungen. Gleichzeitig wurden Kindererziehungszeiten von
74 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

zu Hause gebliebenen Müttern für jedes nach 1992 geborene Kind mit 36 Monaten in
der gesetzlichen Rentenversicherung honoriert (vgl. Ehmann 1999: 15).

Familienpolitische Maßnahmen nach der Wiedervereinigung


Deutschlands

Nach dem Beitritt der neuen Bundesländer in die Bundesrepublik Deutschland wurde
die soziale Marktwirtschaft gesamtdeutsche Ordnung. Der Ausbau der Hinterbliebe-
nenrente deutete auf die Hausfrauenehe als sozialpolitisches Leitbild hin (vgl. Metz-
ler 2003: 198). Der Einbruch der Beschäftigung in Ostdeutschland nach der Wieder-
vereinigung führte zu sinkenden Geburtenraten: von gut 1,7 Kindern pro Frau in den
1980er Jahren auf einen Tiefstand von 0,77 Kindern pro Frau 1993/1994 (vgl.
Destatis 2012b: 14f). In den Jahren zwischen 1990 bis 2013 rangierte die Geburten-
ziffer des früheren Bundesgebiets zwischen 1,34 und 1,45 (vgl. Destatis). Das west-
deutsche Familienbild wurde nun auch von Frauen in Ostdeutschland übernommen.

Mit der Wiedervereinigung geriet die Finanzierung des modernen Wohlfahrtsstaats


wieder in den Blickpunkt sozialpolitischer Aktivitäten. Die finanzielle Umsetzbarkeit
sozialer Gesetze dominierte nun den politischen Diskurs, nicht die Erfordernisse
sozialer Not. Entsprechend wurden bis heute die 40-Stunden-Woche, die Verlänge-
rung der Lebensarbeitszeit, sowie die Senkung der Renten durch eine neue Renten-
formel umgesetzt. Des Weiteren begann der Staat durch Vorsorgeprodukte wie die
Riester-Rente Anreize zu setzen, damit die Bürger_innen eher privat vorsorgen und
reformierte mit der Agenda 2010 das Sozialsystem und den Arbeitsmarkt. Mit dieser
Reform wurde eine Reduzierung staatlicher Sozialausgaben implementiert.

Im Zuge sich pluralisierender Lebensformen wurde 1998 die Rechtsstellung ehelich


und außerehelich geborener Kinder weitgehend angepasst und gleichgeschlechtlichen
Paaren wurde 2001 die eingetragene Lebenspartnerschaft ermöglicht. Paare, die in
einer Ehe (beziehungsweise eingetragenen Lebenspartnerschaft) leben, werden wei-
terhin privilegiert – ungeachtet der Frage, ob sie mit oder ohne Kinder leben. Sinn-
bildlich hierfür ist das für die Regierung sehr teure Ehegattensplitting: Das Einkom-
men von Ehemann und Ehefrau beziehungsweise Lebenspartner_innen wird addiert
und bei steuerlicher Berücksichtigung ohne Rücksicht auf vorhandene Kinder zu
Der deutsche Sozialstaat 75

gleichen Teilen gesplittet. Die hieraus resultierende Steuerersparnis kann so hoch


sein, dass es für einen Teil der Ehegemeinschaft (meist Mittelstands-Ehefrauen)
ökonomisch keinen Sinn macht, arbeiten zu gehen. Das Ehegattensplitting mindert
daher vor allem die Steuerlast wohlhabender Schichten. Alleinerziehende, unverhei-
ratete beziehungsweise nicht verpartnerte Eltern werden demgegenüber benachteiligt.
Barbara Vinken stellt fest: „Er ist vermutlich der vom Staat durch das Ehegattensplit-
ting am besten geförderte Irrtum, den es je in der Geschichte gab.“ (Vinken 2011: 41)
Bisher berücksichtigt die deutsche Regierung steuerlich Familien mit Kindern nur
über den Kinderfreibetrag, der seit 2016 für jedes zu berücksichtigende Kind bei
insgesamt 7 248€ pro Jahr liegt.

Maßnahmen zu Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurden in Deutschland nur


eingeschränkt in Angriff genommen. Neben Steuermodellen setzte die Familienpoli-
tik auf monetäre, direkte Transferleistungen. Dabei favorisierte sie weiterhin die
Erziehungsarbeit der Mütter, weniger das generative Verhalten von Frauen:

Das wachsende Selbstbewusstsein und die materielle Unabhängigkeit vieler Frauen


steht allerdings immer noch dem traditionellen Mutterbild in Deutschland entgegen
und so setzt sich das „Doppelverdiener-Modell“ weniger stark und schnell durch als
in anderen hoch entwickelten Ländern. (Luci 2011: 13)

Das Stigma der sogenannten Rabenmutter, die eine „schlechte“ Mutter ist, weil sie
ihr Kind fremdbetreuen lässt, aktualisiert sich immer noch. Beispielhaft hierfür ist
das 2012 eingeführte Betreuungsgeld, das an Familien gezahlt wurde, die ihre Kinder
nicht in öffentliche Betreuung geben. Im Jahr 2014 betrug es 150€ im Monat, wurde
aber im Juli 2015 für verfassungswidrig erklärt. Außerdem erhalten Familien zurzeit
(2016) bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres ein Kindergeld von jeweils 190€ für
die ersten beiden Kinder, 196€ für das Dritte und 221€ für die folgenden.

Das Kindergeld wird seit 2007 durch ein Elterngeld ergänzt. Es löst das von 1986 bis
2006 existierende Erziehungsgeld ab, das einen 24monatigen Bezug vorsah und etwa
bei 300€ lag. Das Elterngeld jedoch kann bis zu einer Höchstgrenze von 14 Monaten
bezogen werden und beträgt etwa zwei Drittel des vorherigen Nettoeinkommens des
Antragstellenden (mindestens 300€ monatlich, höchstens 1800€). Es bietet daher
mehr Anreize, Frauen wieder früher in den Beruf zu überführen. Frauenpolitisch
76 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

bringt das Elterngeld im Vergleich zum Erziehungsgeld Verbesserungen mit sich, da


es sich am Entgelt bemisst. Vor allem Alleinerziehende oder Eltern, die vor der Ge-
burt ihrer Kinder erwerbslos waren, sind jedoch durch diese Regelung benachteiligt.
Die Einkommensabhängigkeit behandelt Mütter daher ungleich. Nimmt nur ein El-
ternteil Elternzeit, dann reduziert sich der Bezugsrahmen auf zwölf Monate. Da
Männer in der Regel weniger Elternzeit nehmen, wird daher von den zwei zusätzli-
chen „Vätermonaten“ gesprochen: „Selbst wenn der Anteil von Vätern, die Elternzeit
beanspruchen, von 3,5% vor 2007 auf 23,9% (2009) angestiegen ist, so nehmen
jedoch drei Viertel dieser Väter nur die zwei Vätermonate in Anspruch, die andern-
falls verfallen würden.“ (Fuchs/Bothfeld: 13) Im Jahr 2013 stieg die Väterbeteiligung
auf 32,3%, davon nahmen 80% der Väter lediglich die beiden „Vätermonate“ in
Anspruch (vgl. Destatis). Das im Juli 2015 eingeführte ElterngeldPlus soll Paaren
dienen, die Teilzeitarbeit und Elternzeit miteinander kombinieren:

Sie erhalten ElterngeldPlus in maximal halber Höhe des Elterngeldes, das dem El-
ternteil ohne Einkommen nach der Geburt zustünde, dafür aber doppelt so lange.
[…] Teilen sich Vater und Mutter die Betreuung ihres Kindes und arbeiten parallel
für vier Monate zwischen 25 und 30 Wochenstunden, erhalten sie zudem einen Part-
nerschaftsbonus in Form von jeweils vier zusätzlichen ElterngeldPlus-Monaten. (vgl.
BMFSFJ)

Es kann daher als ein Anreiz verstanden werden, beide Partner in den Erziehungspro-
zess einzubinden.

Frauen in Deutschland sind oft im Niedriglohnsektor beschäftigt, wo seit Mitte der


1990er Jahre etwa 20% aller abhängig Beschäftigten arbeiten (vgl. Fuchs/Bothfeld
2011: 14f). Der Anteil aller Arbeitnehmerinnen, die 2010 im Niedriglohnsektor 26
arbeiteten, liegt in Deutschland bei 28,7%, in Frankreich im Übrigen nur bei 7,9%
(vgl. Eurostat 2010). Deshalb sind Frauen in Deutschland häufig mit niedrigen Ge-
hältern, unsicheren Arbeitsplätzen, geringen Aufstiegschancen und atypischen Ar-
beitszeiten konfrontiert (vgl. Luci 2011: 5). Die durchschnittliche Einkommensdiffe-
renz zu Männern beträgt 23% und die durchschnittlichen monatlichen Rentenzahlun-
gen von Frauen liegen bei 539€ gegenüber 1025€ bei Männern. Von den erwerbstäti-

26
Als Niedriglohnempfänger_innen gelten diejenigen Arbeitnehmer_innen, deren Bruttostunden-
verdienst zwei Drittel oder weniger des nationalen Medianverdienstes beträgt.
Der deutsche Sozialstaat 77

gen Müttern in Paarfamilien lebten 19% überwiegend von den Einkünften ihrer An-
gehörigen (Destatis 2012c: 41). Strukturell schafft der deutsche Sozialstaat daher
immer noch die Voraussetzungen hierarchisierter Beziehungsverhältnisse, in denen
Frauen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden.

Nach Barbara Stiegler unterliegt das sich etablierende Zwei-Verdiener-Modell einer


„Geschlechtsblindheit“. Während es sich zunehmend durchsetzt, werden die darge-
legten Konsequenzen der traditionellen Familienpolitik unterschlagen:

In diesem Modell gibt es keine Geschlechter, keine Geschlechterverhältnisse und


keine strukturell verankerten sozialen und ökonomischen Ungleichheiten. Die Men-
schen werden als freie Individuen angesehen, die sich unterschiedlich erfolgreich im
Markt verhalten. Mit der Geschlechterblindheit ist gleichzeitig eine Verleugnung der
gesamten unbezahlten Betreuungs-, Erziehungs- und Pflegearbeit verbunden, die im
familiären Rahmen, also jeweils für die Angehörigen, geleistet wird. (Stiegler
2007: 3)

Der Wohlstand, der über reproduktive Tätigkeiten in Familien geleistet wird, findet
daher immer noch keine Anerkennung neben der Güter produzierenden Wirtschaft.

Angesichts der Geschlechtsblindheit, die die Politiken des sich etablierenden Zwei-
Verdiener-Modells begleitet, muss meines Erachtens das Gesetz zum Ehegattenun-
terhalt nach Scheidungen von 2008, §1568 DGB kritisch betrachtet werden. Es be-
freit die Ehepartner und -partnerinnen nach einer Trennung frühzeitig von gegensei-
tigen Unterhaltszahlungen. Insofern geht das Gesetz davon aus, dass jede Person ihre
Existenz eigenständig sicher kann – ohne zu beachten, ob in den Partnerschaften
unbezahlte Care-Arbeit geleistet wurde. Unter dem Deckmantel der Geschlechter-
neutralität blendet es jene Nachteile von Frauen aus, die aus der geschlechtsspezifi-
schen Arbeitsteilung resultieren. Zu denken geben in diesem Sinne die verminderten
Chancen bei der Wiedereingliederung in einen Arbeitsmarkt nach eventuell jahrelan-
gen Ausfallzeiten, die Qualifikationsdefizite und das höhere Alter: „Nach einer kin-
derbedingten Erwerbsunterbrechung gestaltet sich für viele Frauen in Deutschland
der Wiedereinstieg schwierig. Er gelingt oft nur über eine Teilzeitstelle oder eine
geringfügige Beschäftigung unterhalb des eigentlichen (Aus)bildungsniveaus.“ (Luci
2011: 8) Im Jahr 2014 waren rund 39% der alleinerziehenden Mütter auf Transfer-
leistungen wie Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe zur Finanzierung ihres Lebensun-
78 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

terhalts angewiesen (vgl. Lenze 2014: 8, s. auch Destatis 2010: 24). Die mit der
Gesetzesänderung eingeleitete Wende im Leben vieler Frauen, vor allem alleinerzie-
hender, wird trotz dieser alarmierenden Zahlen erstaunlich wenig diskutiert. Es bleibt
zu bezweifeln, ob die Neuregelung des Unterhaltsrechts von März 2013, welche die
Verhältnismäßigkeit ausbleibender Unterhaltsverpflichtungen von sogenannten
Altehen überprüft, diese Entwicklung auffangen kann.

Die Ausgaben für die institutionelle Infrastruktur (Kindergärten, Krippenplätze) sind


gegenüber den monetären Transferleistungen in Deutschland vergleichsweise nied-
rig. Von den 3,04% des BIP 2005 wurden 1,43% für Geldleistungen, 0,74% für
Sachleistungen und 0,87% für Steuervergünstigungen ausgegeben (vgl. BMFSFJ
2010: 49). Demnach wurden nur etwa 29% in Sozialausgaben investiert, der Rest
fließt vor allem in Kindergeld und das Ehegattensplitting. Der institutionelle Ausbau
von Kinderbetreuungsmöglichkeiten hat jedoch einen hohen Einfluss auf die Mög-
lichkeiten, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. Je höher die Ausgaben für
Familiendienstleistungen sind (und hiermit sind die „familienbezogenen Transfers als
Sachleistungen“ gemeint), desto höher sind die Geburtenraten in den hochentwickel-
ten Industrieländern – in den sieben Ländern mit der höchsten Familiendienstleis-
tungsquote liegt die Geburtenrate zwischen 1,8 und 2,1 (vgl. BMFSFJ 2011: 11). Im
Übrigen stammt der Großteil der Einrichtungen in Deutschland gar nicht aus der
Hand eines öffentlichen Trägers, wird aber weitestgehend durch den Staat finanziert:
„Allein 51% der Einrichtungen in freier Trägerschaft wurden von den christlich-
konfessionellen Verbänden der freien Wohlfahrtspflege (unter anderem Diakonisches
Werk und Caritas) betrieben. Mit fast 17 900 Einrichtungen haben die beiden konfes-
sionellen Träger damit mehr Einrichtungen als die öffentliche Hand insgesamt
(17 200).“ (Destatis 2012: 19)

Der jüngste Paradigmenwechsel im Kinderbetreuungssystem

Mit dem Tagesbetreuungsausbaugesetz von 2005 verbindet die Bundesregierung


unter der ehemaligen Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) einen Rechts-
anspruch auf einen Krippen-, Tages- oder Kindertagesbetreuungsplatz für unter Drei-
jährige (für Kindergartenplätze gibt es ihn seit 1996). Er gilt ab August 2013 mit dem
vollendeten ersten Lebensjahr des Kindes. Dieser „konservative“ Feminismus, auch
Der deutsche Sozialstaat 79

als „Leyen-Feminismus“ bezeichnet (vgl. Beck-Gernsheim 2007: 856), übertrifft die


Forderungen der sozialdemokratischen Vorgängerregierung. Vor dem Dilemma
unzureichender Betreuungsmöglichkeiten stößt die deutsche Familienpolitik auf
starke Widersprüche: „In dem Maße, wie dem Familienernährer der Familienlohn
nicht mehr sicher ist, wird die Nicht-Erwerbstätigkeit von Frauen, und damit ihre
ausschließliche Konzentration auf Kindererziehung und Angehörigenpflege, zum
Problem.“ (Leitner et al. 2003: 10) Die Regierung steht in dem Spannungsfeld, das
altmodische Ideal der Familie mit den Gegebenheiten einer sich ändernden Gesell-
schaft vereinbaren zu müssen. Etwa jede zweite Ehe in Deutschland wird heute auf-
gelöst (vgl. Eurostat 2010), Paare übernehmen oft nur vorübergehend Verantwortung
füreinander und haben seltener Kinder. Elisabeth Beck-Gernsheim schreibt:

Auf der anderen Seite ist das Bekenntnis zur Nation und die Sorge um ihre Zukunft
ein Grundpfeiler konservativen Denkens. Aus dieser Sicht wird der Geburtenrück-
gang als Problem wahrgenommen, weil er die quantitative Größe Deutschlands be-
droht, unseren Einfluss verringert und Deutschland in der internationalen Konkur-
renz an Boden verlieren lässt. (Beck-Gernsheim 2007: 858)

Die Wiedereingliederung von Frauen in den Beruf folgt einer Wirtschaftslogik, wel-
che mit der Förderung unbezahlter Heimarbeit kollidiert. Vor diesem Hintergrund
bekommen junge Frauen seltener Kinder.

Die Betreuungslage Unterdreijähriger bleibt trotz des Tagesbetreuungsausbaugeset-


zes problematisch. Da die Einrichtungen meist nur halbtags geöffnet haben, setzt sich
das Betreuungsdefizit bis in die späten Schuljahre fort. Solange die Kinder in den
Kindergarten oder zur Schule gehen, fehlen ausreichende Ganztagsbetreuungsange-
bote (Hortplätze, Ganztagsschulen etc.). Der Anteil der unter 3-Jährigen, die außer-
familial betreut werden, liegt in der EU durchschnittlich bei 27%, soll aber nach dem
Barcelona-Ziel auf 33% kommen. Die Bundesrepublik orientiert sich im Tagesaus-
baugesetz an 35%. Insbesondere in den Städten liegt der prozentuale Versorgungsbe-
darf jedoch weit höher. Mittlerweise wird der Bedarf auf rund 750 000 Plätze ge-
schätzt, was einer Betreuungsquote von 39% entspräche (vgl. Destatis 2016: 5). Die
durchschnittlichen Werte beachten jedoch nicht die Unterschiede zwischen Ost- und
Westdeutschland. Noch heute finden Eltern im Osten Deutschlands sehr viel leichter
80 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

einen Betreuungsplatz für ihr Kleinkind. Die Betreuungsquote der unter Dreijährigen
lag 2015 in den ostdeutschen Bundesländern bei 51,9%, in den westdeutschen Bun-
desländern bei 28,2% – bei einer bundesweiten Quote von 32,9% (vgl. Destatis). Im
internationalen Vergleich wird deutlich, dass 2008 sämtliche Länder mit einer Kin-
derbetreuungsrate von unter 20% sehr niedrige Geburtenraten hatten (BMSFSJ 2011:
12).

Im Prozess des Ausbaus von Betreuungsplätzen ist eine wachsende Bedeutung der
Kindertagespflege für die Betreuung der Kleinkinder in Deutschland zu erwarten:
„Diese Veränderung des gesellschaftlichen Kontextes üben einen erheblichen Druck
aus auf den Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung, bei dem ein weiterentwickel-
tes System ‚Tagespflege‘ insbesondere für die unter Dreijährigen ein wichtiger Bau-
stein wird.“ (Jurczyk/Rauschenbach/Tietze 2004: 49) Das Tagesbetreuungsausbauge-
setz hat bewirkt, dass der Beruf von Tageseltern sich langsam als Ergänzung zu den
Krippen professionalisiert. Nach dem Aktionsprogramm Kindertagespflege (Kinder-
fördergesetz KiföG) sollen rund ein Drittel der Kleinkinder über Tageseltern versorgt
werden, um die anvisierte Betreuungsquote von 35% zu erreichen. Laut dem Statisti-
schen Bundesamt hat sich die Zahl von 2007 auf 2012 bereits um 31% erhöht, näm-
lich von 33 100 Personen auf 43 400 (Destatis 2012: 28). Im Jahr 2015 waren von den
betreuten unter Dreijährigen in Westdeutschland 15% in Kindertagespflege, 84% in
einer Kindertageseinrichtung (Destatis 2016: 7). Von Eltern wird die Kindertages-
pflege besonders für junge Kinder als geeignete Betreuungsform bewertet (vgl. Rie-
del & Heitkötter 2014: 798).

Auch die Anstellung eines Au-pair-Mädchens oder –Jungens vor allem in Zwei-
Verdiener-Haushalten stößt zunehmend auf Nachfrage (vgl. Glaeser 2014c; Glae-
ser & Kupczyk 2015, Hess 2002, 2009). Diese kamen 2012 zu größten Teilen aus
Ländern östlich von Deutschland: etwa 15% aus Georgien, 15% aus der Ukraine,
13% aus Russland, 7% aus China; lediglich 2% kamen beispielsweise aus den USA
(vgl. Konjunkturumfrage 2012: 7).
Der deutsche Sozialstaat 81

Bedingungen und Regelungen der Kindertagespflege in Deutschland


Regelungen des neuen Tätigkeitsfeldes „Kindertagespflege“

Die Kindertagespflege in Deutschland wird 2005 mit dem Inkrafttreten des Tagesbe-
treuungsausbaugesetzes (TAG) in die öffentlichen Kindertagesbetreuungsformen
eingegliedert. Mit der Novellierung des Achten Sozialgesetzbuchs der Kinder- und
Jugendhilfe (SGB VII) wird die Gleichstellung mit institutionellen Betreuungsange-
boten formuliert (vgl. BMFSFJ). Die Betreuung von Kleinkindern durch „Kinder-
frauen“ war vor dieser Gesetzesänderung überwiegend eine private Angelegenheit.
„Kinderfrauen“ wurden meist unter der Hand beschäftigt und Eltern mussten sich
diese Betreuung leisten können, gehörten also eher den gehobenen Schichten an (vgl.
van Santen 2006). Vor allem migrantische oder erwerbslose Frauen, die einen Zuver-
dienst zum Familieneinkommen erwirtschaften wollten, boten ihre Arbeitskraft auf
dem unregulierten Markt an.

Im Jahr 1973 wurde das erste Modellprojekt „Tagesmütter“ vom Bundesministerium


für Jugend, Familie und Gesundheit durchgeführt (vgl. Schulz/Rheinländer/Ruelcker
1975). Darauf folgten jedoch keine Maßnahmen in Richtung einer Professionalisie-
rung. Bis 1990 war diese Tätigkeit allein im Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG) als In-
strument der erzieherischen Hilfen organisiert und nach Verankerung der Tagespfle-
ge im SGB VIII (1991) wurde sie vordergründig als Hilfe für Familien in prekären
Lebens- beziehungsweise Erziehungslagen über das Jugendamt vermittelt (vgl.
Wiemert 2009: 46).

Seit dem 2005 eingeleiteten „Paradigmenwechsel“ (vgl.


Jurczyk/Rauschenbach/Tietze 2004: 13) wird ein Betreuungsplatz in einer institutio-
nellen Einrichtung oder bei einer Tagespflegeperson über das Jugendamt staatlich
garantiert, subventioniert, und mit einer Eignungsprüfung verknüpft. Laut TAG
haben sich die Krankenkassen drauf geeinigt, eine hauptberufliche Erwerbstätigkeit
von Tagespflegepersonen erst ab fünf Kindern anzunehmen (vgl. TAG). Mit dem
kurz darauf folgenden Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetz (KICK)
werden unter anderem die Einbeziehung der Kindertagespflege in die Kinder- und
Jugendhilfestatistik und die Einbeziehung der Tagespflegekinder unter den Schutz
82 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

der gesetzlichen Unfallversicherung bestimmt (vgl. KICK). Sie werden zudem an


den allgemeinen Bildungsauftrag gebunden, der die Erziehung, Bildung und Betreu-
ung des Kindes im Rahmen der Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortli-
chen und gemeinschafsfähigen Persönlichkeit vorsieht (SBG VIII, §22). Außerdem
benötigen Tageseltern – ob privat oder über das Jugendamt organisiert – jetzt eine
Pflegeerlaubnis, die alle fünf Jahre erneuert werden muss und zur Betreuung von bis
zu fünf fremden Kindern befugt. Zuvor war diese erst ab dem vierten Tageskind
nötig (Wiemert 2009: 40).

Kindertagespflegepersonen werden als selbstständige Steuerpflichtige eingeordnet (§


18 Abs. 1 Nr. 1 EStG). In den ersten Jahren blieb die Tätigkeit der durch Jugendäm-
ter vermittelten Tagespflegepersonen steuerfrei. Jedoch wurden sie 2009 in Steuer-
fragen mit privat organisierten Kindertagespflegepersonen gleichgestellt. Die Kom-
munen wurden teilweise oder vollständig mit der Bezahlung der Betreuungsleistung
beauftragt (vgl. Heeg 2010: 376). Die Organisation der Kinderbetreuung ist deshalb
zu großen Teilen von den finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Länder und
Kommunen abhängig. Die Unfallversicherung und eine hälftige Erstattung der Ren-
tenversicherungsbeiträge werden meist gewährt. Wird die Tagespflegeperson im
Auftrag des Jugendamtes tätig, erstattet es hälftig nachgewiesene „angemessene“
Beträge zur Sozialversicherung. Die Haftpflichtversicherung müssen Tageseltern in
der Regel selbst finanzieren. Ähnlich wie Hebammen brauchen sie einen Zusatz-
schutz, der kostenintensiv ist. Werden die Tagespflegepersonen krank oder nehmen
Urlaub, dann führt dies in der Regel zu Einkommensverlusten. Bei einem auf berufli-
cher Selbstständigkeit basierenden Verdienst zwischen geschätzten 2,11€ - 4,07€ pro
Stunde und Kind, das sie im eigenen Haushalt betreut, rutscht die Kindertagespflege-
person schnell in die Prekarität. Etwa 97% der Tageseltern sind Frauen (vgl.
Destatis).

Die Tätigkeit als Kindertagespflegeperson in Deutschland führt auch bei einem ho-
hen Arbeitspensum nicht zu einer Existenzsicherung (vgl. Sell & Kukula 2012).

Arbeitszeiten von zehn bis zwölf Arbeitsstunden, Sieben-Tage-Betreuung, Arbeiten


im Krankheitsfall oder auch der Verzicht auf eine Altersvorsorge aufgrund einer zu-
Der deutsche Sozialstaat 83

sätzlichen finanziellen Belastung sind hier keine Seltenheit. (Schoyerer & Weimann-
Sandig 2015: 4)

Dies zeigt, dass die Selbstständigkeit zu ausufernden Arbeitsbedingungen führen


kann. Laut einer Studie des Verbands für Kindertagespflege summiert sich das Ge-
halt einer Kindertagespflegeperson ohne Vergütung der Überstunden auf folgenden
Brutto-Betrag:

Der gewährte Stundensatz variiert erheblich zwischen den Bundesländern und liegt
für eine Tagespflegeperson mit mindestens einer 160-Stunden-Qualifizierung im
bundesweiten, gewichteten Durchschnitt bei 3,55€ je Kind im U3-Bereich und bei
3,50€ je Stunde und Kind für eine Betreuung eines Kindes über drei Jahren. (Ibus
2011: 4)

Diese Zahlen müssen jedoch mit Vorsicht betrachtet werden, da eine gründliche und
aussagekräftige Ermittlung des Verdienstes aufgrund der Unübersichtlichkeit und
nicht konstanter monatlicher Einnahmen bisher nicht möglich war. Neben dem
unbezifferbaren Verdienst der Kindertagespflegepersonen sind auch die Kosten, die
auf Eltern zukommen, die ihre Kinder in Tagespflege geben, nicht festgelegt. Es gibt
keine allgemein verbindlichen und festen Gebührensätze.

Prinzipiell wäre eine Beschäftigung von Tageseltern auf Basis eines Minijobs mög-
lich, dann darf die Person aber lediglich 450€ im Monat verdienen, ohne dass Abga-
ben oder Steuern anfallen – allerdings setzt die Beschäftigung als Tagesmutter über
einen Minijob die Eingliederung in den Haushalt der Eltern voraus (vgl. Minijob-
Zentrale). Dieses Beschäftigungsmodell findet kaum Anwendung, da Tagesmütter
überwiegend im eigenen Haushalt tätig sind. Eine abhängige Beschäftigung wird
daher nicht erfüllt.

Schritte zur Qualifizierung und Gewinnung neuer Kindertages-


pflegepersonen

Im Rahmen des Aktionsprogramms Kindertagespflege wird seit Ende 2008 darauf


hingearbeitet, geeignete Tagespflegepersonen zu gewinnen und zu qualifizieren. Die
Qualifizierungspflicht ist landesweit nicht einheitlich festgelegt. Sie beträgt heute
meist in Anlehnung an das Curriculum des Deutschen Jugendinstituts in München
84 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

(DJI) mindestens 160 Stunden. Außerdem werden den Tagespflegepersonen praxis-


begleitende Angebote zur Fortbildung unterbreitet. Der Anteil der Tagespflegeperso-
nen, die einen Qualifizierungskurs abgeschlossen haben, wächst. Der Anteil der
Pflegepersonen mit einem fachpädagogischen Abschluss liegt bei rund einem Drittel.

Das Professionalisierungsniveau der Tageseltern bleibt umstritten. Heike Wiemert


zufolge kann eine Professionalisierung als gleichrangiges Angebot zu Kindertages-
einrichtungen erst mit der Anpassung des Ausbildungsniveaus an Erzieher_innen,
Kinderpfleger_innen oder Sozialassistent_innen gelingen (vgl. Wiemert 2009: 128f).
Die fehlende Anerkennung wirkt sich auf das kollektive Arbeits- und Selbstverständ-
nis der Tageseltern aus und der Mangel an verbindlichen Standards (zum Beispiel für
die Ausübung der Tagesmutterrolle) erschweren die Profilbildung der Kindertages-
pflege (ebd. 2009: 257). Forciert wird eine Entwicklung der Kindertagespflege zu
einer Familien unterstützenden Dienstleistung (vgl. Heeg 2010; Wiemert 2009: 262).

Gabriel Schoyerer und Nina Weimann-Sandig haben in einer der jüngsten Studien im
Rahmen des Aktionsprogramms Kindertagespflege Tagespflegepersonen in Ausbil-
dung zu Erzieher_innen beziehungsweise zu sozialpädagogischen Fachkräften be-
gleitend untersucht:

Deutlich wurde im Rahmen unseres Samples, dass die Kindertagespflege eine gute
Möglichkeit für Quereinsteigende in das Feld der Kindertagesbetreuung darstellt.
Aufgrund der niedrigschwelligen Zugangsbedingungen war es den von uns inter-
viewten Tagespflegepersonen möglich, trotz fehlender einschlägiger ausbildungsbe-
zogener Vorkenntnisse, ihren Wunsch nach einer Arbeit mit Kindern zu erfüllen.
Dieser niedrigschwellige Einstieg in die Grundqualifizierung zeichnet die Kinderta-
gespflege zweifelsfrei als einen Zugangsweg aus. (Schoyerer & Weimann-Sandig
2015: 84)

Damit werden Möglichkeiten des Quereinstiegs in ein berufliches Ausbildungssys-


tem in Form einer tätigkeitsbegleitenden Weiterqualifizierung ermöglicht, ohne den
Zugang für gering Qualifizierte zu verwehren.

In den Kinder- und Jugendhilfestatistiken des Tagespflegebereichs, der erst seit 2006
erfasst wird, fehlen Angaben zum Migrationshintergrund der Kindertagespflegeper-
sonen gänzlich. Sie werden bisher in Politik und Forschung ausgeblendet. Dabei sind
Der deutsche Sozialstaat 85

Migrantinnen in diesem Tätigkeitsbereich stark vertreten (weniger migrierte Männer,


deren Zahl im Übrigen vor allem in der Altenpflege zunimmt), werden gezielt von
Städten, Vereinen und Verbänden umworben und nicht zuletzt von der Arbeitsagen-
tur in den Beruf vermittelt. Immerhin stellt die Gewinnung von neuen Tagespflege-
personen eines der Hauptprobleme beim Ausbau der Kindertagespflege dar (vgl.
Pabst & Schoyerer 2015: 58). In anderen postindustriellen Ländern ist die migrant
nanny question in der Wissenschaft und in Medien längst geläufig (vgl. zum Beispiel
Cheever 2003; Hochschild 2010 27 ; Tronto 2002). Für die Pflege älterer Personen
werden in Deutschland bereits gezielt Arbeitskräfte aus Spanien, China, etc. ange-
worben. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und dem Mangel an
qualifiziertem Nachwuchs im Pflegesektor gilt es, migrantische Erfahrung verstärkt
in die Analysen einzubeziehen. Die vorliegende Studie wird zeigen, dass die Migra-
tionserfahrungen von Kindertagespflegepersonen in der Modernisierung und Trans-
nationalisierung der Gesellschaft aufgehen. Die von ihnen betreuten Unterdreijähri-
ger stellen die jüngsten Vertreter_innen dieser neuen Generation dar.

Die Migrationserfahrung von Tageseltern findet zwar keine Berücksichtigung, jedoch


wird der Migrationshintergrund von Tageskindern in einzelnen Berichten themati-
siert. Im TAG heißt es: „Die Förderung soll sich am Alter und Entwicklungsstand,
den sprachlichen und sonstigen Fähigkeiten, an der Lebenssituation sowie den Inte-
ressen und Bedürfnissen des einzelnen Kindes orientieren und seine ethnische Her-
kunft berücksichtigen.“ (vgl. TAG) Die Betreuungsquote bei den unter dreijährigen
Kindern mit Migrationshintergrund liegt 2009 bundesweit bei 11% – in Westdeutsch-
land bei 9% und in Ostdeutschland bei 16% (vgl. Böttcher/Krieger/Kolvenbach
2010: 162, 164). Im Vergleich weisen Kinder ohne Migrationshintergrund 2009 eine
Betreuungsquote von 25% auf – in Westdeutschland liegt sie bei 17% und in Ost-
deutschland bei 49% (vgl. ebd. 2010: 162). Die Autor_innen gehen davon aus, dass
Kinder von einem Besuch einer Kindertagesbetreuung durch „den Spracherwerb“
profitieren können (vgl. ebd. 2010: 158). Vermutlich ist mit „dem Spracherwerb“,
der der Integration migrantischer Tageskinder dient, Deutsch gemeint. Die bisherigen

27
Siehe auch den Sammelband von Barbara Ehrenreich und Arlie Russel Hochschild (2003):
Global Woman. Nannies, maids, and sex workers in the new economy.
86 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Einschätzungen folgen der Logik eines monolingualen Spracherwerbs. Eine Mehr-


sprachigkeit in der Kindertagespflege wird bisher nicht thematisiert.

3.3 Der französische Sozialstaat

Besonderheiten der industriellen Entwicklung in Frankreich


Im Gegensatz zur Verelendung der Massen in Deutschland als Folge der industriellen
Revolution setzte in Frankreich die Industrialisierung erheblich später ein und die
Industriearbeiterschaft hatte daher eine geringere Bedeutung. Die Bedingungen, unter
denen sich die Sozialpolitiken Frankreichs etablieren konnten, basierten auf einer
vergleichsweise großen ländlichen Bevölkerung beziehungsweise einer insgesamt
sehr heterogenen Bevölkerung aus Industriearbeiter_innen, Kleinunternehmer_innen
und Bäuer_innen mit unterschiedlichen Beschäftigungssituationen und einer hohen
Frauenerwerbsquote.

Anfang des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung in Frankreich stark, musste
jedoch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Fertilitätsdefizit verzeichnen.

La population française est passée de 36,9 million d’âmes, en 1876, à 39,6 millions
seulement en 1911. Un ralentissement de la croissance démographique qui a fait ré-
trograder la France à la cinquième place, alors qu’elle avait été la nation la plus peu-
plée d’Europe jusqu’au début du XIXe siècle. (Daguerre 2010 : 68)

Während der Julimonarchie (1830-1848) war die französische Landbevölkerung


geradezu einer Überbevölkerung nahe. Zwischen 1816-1820 lag die Geburtenrate
(Lebensgeburten auf 1 000 Einwohner) bei 32,9%, in den Jahren 1886-1890 sank sie
hingegen auf 23,0% (vgl. Armengaud 1986: 146). Die Wachstumskurve verflachte
also zusehends. Die Minderung der Geburten wurde von vielen Paaren beabsichtigt:

Zu dieser Haltung trugen hauptsächlich der nachlassende Einfluß religiöser Über-


zeugungen und die Absicht bei, eine Aufteilung des Erbes unter zu viele Erben zu
Der französische Sozialstaat 87

verhindern. Da überdies die Sterblichkeit niedriger war als früher, schien es weniger
notwendig als früher, viele Kinder zu haben. (Armengaud 1986: 148)

Durch den Geburtenrückgang in Folge der Kontrazeption fehlten dem Land die
„schaffenden Hände“, die der industrielle Apparat benötigte. In Deutschland wurde
das Fertilitätsproblem hingegen erst Anfang des 20. Jahrhunderts akut.

Während in Deutschland eine höhere Landflucht von verarmenden Bauern einsetzte


und sich die industrielle Revolution schlagartiger entwickelte, wirkten sich diese
Veränderungen in Frankreich auf dem Lande weniger stark aus. Die französischen
Landarbeiter_innen stellten immerhin noch Ende des 18. Jahrhunderts 90% der akti-
ven Bevölkerung (vgl. Daguerre 2010: 68). In Bayern waren dies um 1800 nur etwa
75% (vgl. Rankl 1999: 8).

Die Französische Republik als Staat hat durch die Französische Revolution 1789 zur
Abschaffung des feudalistischen Ständestaats geführt und damit zur Enteignung des
Grundbesitzes des Adels. Die Umbrüche sowohl der Revolution als auch der nach-
folgende Bonapartismus stärkten das Bürgertum. Bonaparte führte 1804 das französi-
sche Gesetzbuch zum Zivilrecht, den Code Civil, ein. Er garantierte darin männli-
chen Bürgern unter anderem Schutz des Privateigentums und die Trennung von Staat
und Kirche. 28 Die Leibeigenschaft der Bauern in Frankreich wurde bereits 1789
aufgehoben. In den deutschen Staaten gelang dies erst nach den Märzrevolutionen
von 1848, teilweise auch erst später. Die Abschaffung der Feudalordnung, die Er-
leichterung der Steuerlast und der Anstieg der landwirtschaftlichen Einkommen
gestattete den Bauern ein wirtschaftliches Arbeiten auf den Höfen. Dadurch bestand
ein geringerer Druck zur Mechanisierung der Landwirtschaft – trotz des seit 1793
geltenden gleichen Rechts auf die Teilung der Güter an alle männlichen Nachfahren.

28
Die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges reagierte 1791 auf die Deklaration der Menschenrechte
in Frankreich mit einer „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ (vgl. De Gouges
1791: 19). Die gesetzliche Anerkennung der Forderungen De Gouges nach Gleichstellung erfüll-
te der französische Staat allerdings erst 1944 mit dem allgemeinen Wahlrecht und immerhin
brauchte es bis 1965, damit die gesetzliche Gleichstellung von Frauen und Männern in Fragen
der Vormundschaft und elterlicher Autorität umgesetzt wurden (vgl. Bpb. 2004: 26). Eine Aus-
nahme bildete die Pariser Kommune 1871, welche während ihrer dreimonatigen revolutionären
Pariser Stadtratszeit das Frauenwahlrecht einführte. In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht
1919 eingeführt.
88 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Die Revolution von 1789 nahm der Aristokratie und dem Klerus die Quelle ihres
Reichtums: den Grundbesitz. Dadurch gelang es dem Bürgertum, sich im großen Stil
Grundbesitz anzueignen. Im Département Nord stieg zum Beispiel der bürgerliche
Grundbesitz im Jahr 1802 von 16% auf über 28% und der der Bauern von 30% auf
42% (vgl. Soboul 1986: 61). Insgesamt belief sich der Grundbesitz der Bauernschaft
auf 52% der Nationalgüter. Auch wenn sich die ärmeren Bauern nicht durch Aneig-
nung von Eigentum an dem Sturz der Aristokratie bereichern konnten, verteidigten
sie doch über kollektive Besitztümer und Nutzungsrechte ihre wirtschaftliche Bedeu-
tung. Zum Beispiel konnten sie über Einhegung der freien Weiden, die der Dorfge-
meinschaft unterstellt wurden, Land wirtschaftlich nutzen. Der Zugriff und damit die
Aufsplitterung der Böden steigerte die landwirtschaftliche Produktion und verzögerte
dadurch eine Kapitalisierung der Landwirtschaft (vgl. Soboul 1986: 61). Diese ge-
wonnene wirtschaftliche Bedeutung verlieh der französischen Landwirtschaft gegen-
über dem Bürgertum ihre besondere Stellung. Das Bürgertum hingegen verlegte ihre
Investitionstätigkeit auf Bodenerwerb, wodurch es weniger lohnend war, in Industrie
zu investieren:

Man muß den spekulativen Charakter dieser vielen Unternehmen auf dem Gebiet der
Lieferung und Dienstleistungen für den Staat hervorheben. Ihre nur allzuoft skanda-
lös hohen Profite wurden weniger in die Industrie investiert, als vielmehr in Grund-
besitz und repräsentativer Verschwendung angelegt. (Soboul 1986: 58)

Das vorindustrielle Gewerbe der Textilverarbeitung in Frankreich konnte sich zudem


erhalten, weil der Nebenerwerb im Zuge des Verlagssystems (Heimarbeit im Auftrag
eines Unternehmers) in ländlichen Bereichen überlebte. Diese Umstände verzögerten
im Vergleich zu anderen Teilen Europas die Landflucht und Industrialisierung in
Frankreich.

Die niedrige Geburtenrate, die Gesetze zu Erbfolge und Besitz und die hohe Beschäf-
tigung von Arbeitskräften machten es möglich, dass Frauen ihre Arbeitskraft länger
als in den europäischen Nachbarstaaten auf dem Lande einsetzten. Hierdurch verzö-
gerte sich die Verstädterung als auch die Vermarktung des Dienstmädchens durch die
moderne Wirtschaft.
Der französische Sozialstaat 89

Während sich die industrielle Revolution mit den genannten Begleiterscheinungen


verzögerte, kam es in den Städten allmählich zu höheren Geburtenraten. Während
noch bis 1831 der relative Anstieg der Bevölkerung in den Städten mit den Landge-
bieten schritt hielt, stieg das Bevölkerungswachstum der Städte erst während der
Julimonarchie (1830-1848) (vgl. Armengaud 1986: 166).

Von 1860 über den Deutsch-Französischen Krieg (trotz Reparationen an das Deut-
sche Kaiserreich) bis zum Ersten Weltkrieg prosperierte Frankreich wirtschaftlich
und wurde wieder zu einer ernstzunehmenden Größe im Wettbewerb der europäi-
schen Nationen. Während des Imperialismus wurde Frankreich zur zweitgrößten
Kolonialmacht der Welt. Auch die industrielle Entwicklung prosperierte. Bis 1913
wurde sie die viergrößte Industrienation mit 7% der Weltproduktion (vgl. Daguerre
2010: 70). Die Nachfrage an Industriearbeitenden stieg, aber auch die an Dienstbo-
tinnen. Die bonne à tout faire (dt. ‚Dienstmädchen für alles‘) nahm jetzt eine bedeu-
tende Stelle für das weibliche Proletariat ein: „[…] 29% des femmes actives en 1866,
33% en 1896, 45% des femmes travaillant à Paris en 1901.“ (Fraisse 2009: 27)

Erste staatliche Maßnahmen in Form von Fürsorgegesetzen


Aufgrund des nur geringen Bevölkerungsanstiegs am Ende des 19. Jahrhunderts in
Frankreich und einer hohen Kindersterberate richteten sich die ersten staatliche Maß-
nahmen vordringlich auf die Steigerung der Zahl der Neugeborenen und auf ihre
bessere Versorgung: „Dem Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit wie dem Schutz
der werdenden und stillenden Mütter galten dann zahlreiche sozialpolitische Maß-
nahmen in Frankreich, die in Deutschland teilweise später oder zum Teil weniger
eindeutig ausfielen.“ (Haupt 1996: 306) Die republikanischen Ideale der Französi-
schen Revolution legten das Gemeinwohl und die Fürsorge für Familien in die Ver-
antwortung des Staates (Fagnani & Letablier 2005: 136; Requate 2011). Ein entspre-
chendes Amt, La Direction de l’Assistance public, wurde 1886 eingerichtet. Die
Fürsorgesetze bestanden aus dem 1893 eingeführten Gesetz über die unentgeltliche
Gesundheitsfürsorge (Assistance médicale gratuite), dem Gesetz zur Unterstützung
von Alten, Gebrechlichen und unheilbar Kranken (Loi sur l’assistance aux vieillards,
infirmes et incurables) (1905) und dem Gesetz zur Unterstützung von Wöchnerinnen
90 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

und kinderreichen Familien (Loi relative à l’assistance aux familles nombreuses)


(1913). Die Fürsorgeleistungen wurden nach den verschiedenen Graden von Bedürf-
tigkeit beschieden.

Mit dem 1906 beschlossenen Sonntagsruhegesetz und der 1910 durchgesetzten Ver-
sicherung für Alter und Invalidität richtete sich das Interesse auf eine mehr an der
Gemeinschaft orientieren Sozialpolitik. Die Altersrenten wurden für Arbeiter und
Bauern (Retraites ouvrières et paysannes) eingeführt. Landarbeiter und –wirte,
Handwerksmeister und Kleinhändler wurden in die Regelungen einbezogen (vgl.
Haupt 1996: 307). In Deutschland hingegen hatte die 1889 eingeführte Arbeiter-
pflichtversicherung den Industriearbeiter als Hauptverdiener einer Familie im Auge.
In Frankreich wurde den Versicherten im Namen der Gleichheit aller Bürger vor dem
Gesetz mit dem 65sten Lebensjahr (1912 dann schon ab dem 60sten) eine Rente
gewährt (Kott 1996: 317). Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stand das Versiche-
rungswesen in Frankreich unter dem mutualisme, einem ‚Genossenschaftswesen‘, in
dem die französischen Bürgerinnen und Bürger freiwillig versichert waren. Damit
verpflichten sich die sozialpolitischen Anfänge einer Idee der Solidarität ohne
Zwang. Während die deutsche Krankenversicherung 1914 etwa 15 Millionen Mit-
glieder hatte, waren in den Registern der französischen Gemeindefürsorge (assistan-
ce communale) lediglich zwei Millionen Empfänger eingetragen (Kott 1996: 328).
Die sozialpolitischen Interventionen der staatlichen Instanzen in Frankreich galten
stärker dem Arbeitsschutz und der Armenversorgung als dem Aufbau eines Versiche-
rungssystems (vgl. Haupt 1995: 171).

Die neuen Gesetzgebungen blieben den Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern vorbe-


halten. In diesem Sinne ist auch die einsetzende Schulpolitik zu verstehen:

Die Schulgesetzgebung ist ihrem Wesen nach republikanische Sozialpolitik, weil sie
die Integration eines jeden Bürgers in die Nation zum Ziele hat. Sie erlaubt es ihm,
die intellektuelle Unabhängigkeit zu erlangen, die die Voraussetzung der Staatsbür-
gerschaft darstellt. Sie ist es auch ihrer Form nach, weil sie einen allein dem Staat als
Ausdruck des gemeinschaftlichen Willens vorbehaltenen Zwang einführt. Schließ-
lich ist sie es ihrem Prinzip nach, weil sie als allgemein zugängliche Institution die
soziale Umverteilung fördert. (Kott 1996: 324)
Der französische Sozialstaat 91

Die Einlösung der bürgerlichen Rechte und Pflichten der Staatsbürgerinnen und
Staatsbürger sollten die Einheit der Nation und damit den contrat social wirksam
etablieren. Innerhalb staatlicher Fürsorge sollten sie befähigt werden, ihre Rechte und
Pflichten wahrzunehmen. Deshalb auch die allgemeine Schulpflicht als gleiches
Recht, aber auch als Pflicht, für alle zugleich.

In den Folgejahren baute die Französische Republik den Sozialstaat weiter aus und
betrieb eine aktive Sozialpolitik, die weiterhin vor allem in der Familienpolitik ihren
Ausdruck fand. Ihre Durchsetzungskraft zeigt sich beispielsweise darin, dass wichti-
ge Versorgungsträger wie die Electricité de France, die Bahngesellschaft SNCF, La
Poste oder France Télécom bis heute staatlich geblieben sind.

Migrations-Politiken
Die ersten Einflüsse von Migration auf den französischen So-
zialstaat

Frankreich wurde vergleichsweise früh zu einem Einwanderungsland. Die Konkur-


renz der Industrieländer, insbesondere der Imperialismus, förderte eine forcierte
Kolonialpolitik Frankreichs bis 1940. Frankreich sicherte sich weite Gebiete, vor
allem im Maghreb, um die nationale Macht auszuweiten. Diese Zeit des empire
colonial weitete nicht nur die militärische Macht Frankreichs aus, sondern förderte
Handel und Konsum im Austausch mit den eroberten Gebieten. In der Folge öffneten
sich auch zu einem gewissen Maße die Grenzen und die Zuwanderung aus den Kolo-
nien nahm zu. Somit unterstützte das weltumspannende Imperium das Selbstver-
ständnis Frankreichs als Einwanderungsland.

Seit 1889 kann jedes in Frankreich geborene Kind, das ausländische Eltern hat, mit
Erreichen der Volljährigkeit automatisch die französische Staatsbürgerschaft anneh-
men. Bei diesem Geburtsortsprinzip (ius soli), welches unabhängig von der Staatan-
gehörigkeit der Eltern gilt, ist der Ort der Geburt für die Vergabe der französischen
Staatsbürgerschaft bindend, nicht die biologische Abstammung. Hierin lag ein ent-
scheidender Unterschied zu Deutschland, wo sich die Vergabe der deutschen Staats-
bürgerschaft zunächst nach dem Abstammungsprinzip (ius sanguinis) richtete. Das
92 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Verständnis von Staatsbürgerschaft in Frankreich ist bis heute ein anderes als in
Deutschland:

Was im Deutschen mit dem Wort „Staatsbürgerschaft“ umschrieben wird, hat im


Französischen zwei Entsprechungen: Während „nationalité“ den Besitz der staatbür-
gerlichen Rechte, d. h. die Nationszugehörigkeit oder Nationalität bedeutet, um-
schreibt „citoyenneté“ eher die „Staatsbürgerschaft“ im Sinne eines Identitätsbe-
wusstseins, das den einzelnen Bürger zur freiwilligen und aktiven Teilnahme am po-
litischen Leben anhält. (Riedel 2007: 40)

Die sprachliche Unterscheidung als Ausdruck kulturellen Verständnisses bezeichnet


Fremde durchaus als citoyen-nes, auch wenn sie kein Staatsbürger_innen im Sinne
der vollen nationalen Rechte sind.

Neben mehreren Konflikten und Krisen während der Dritten Republik (1871-1940)
(Panamaskandal, Dreyfus-Affäre, Faschoda-Krise, Marokkokrise) stand Frankreich
nach Ende des Ersten Weltkriegs vor verheerenderen Bevölkerungsverlusten. Es
rekrutierte fremde Arbeiter_innen aus Italien, Belgien, Spanien und Polen, um den
Mangel an Arbeitskräften aufzufangen.

Durch den Zweiten Weltkrieg verzeichnete Frankreich nochmals einen immensen


Bevölkerungsverlust. Erneut brauchte Frankreich fremde Arbeitskräfte. Während der
trente glorieuses wurden daher Arbeitskräfte aus anderen Ländern angeworben.
Erstmals wurde ein Verwaltungsbüro für Immigrant_innen (Office national
d’immigration) eingerichtet (vgl. Daguerre 2010: 72). Die besondere Kolonialge-
schichte Frankreichs in Nordafrika wirkte sich auf den sozialpolitischen Prozess aus.
Viele ihrer Kolonien musste Frankreich im Zuge des Weltkrieges in die Unabhängig-
keit entlassen. Neben Großbritannien verfügte es nach Kriegsausgang aber immerhin
noch über das zweitgrößte Kolonialreich, mit Gebieten größtenteils in Nordafrika.
Besonders der Algerienkrieg und seine durch De Gaulle veranlasste Beendigung
führten zu einem starken Immigrationsstrom. Die vollständige Ent-Kolonialisierung
wurde erst in den kommenden Jahrzenten und durch die Gründung der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft 1957 begünstigt. Aufgrund der bestehenden Beziehungen
zu den Kolonialgebieten im Maghreb, Asien und Übersee wanderten viele Menschen
nach dem Zweiten Weltkrieg von dort nach Frankreich. Auch nachdem die Kolonien
Der französische Sozialstaat 93

unabhängig waren, wurde Einwanderung entlang des weiterhin existierenden Ge-


burtsortsprinzips konsequent praktiziert. Seit 1975 ist die Einwanderung mit der
ganzen Familie möglich. Frankreich kann damit auf eine der größten Einwande-
rungsgeschichten Europas zurückblicken.

Die Migrationspolitik Frankreichs nach der Ölpreiskrise 1973

Die Migrationspolitik Frankreichs veränderte sich durch den Indochinakrieg, die


ökonomischen Auswirkungen der Ölpreiskrise 1973 und dem Zusammenbruch der
internationalen Währungsordnung. Die Arbeitslosenquoten stiegen. Die Maßnahmen
François Mitterands (sozialistischer Staatspräsident von 1981-1995) bestanden im
Wesentlichen aus einem Stopp der Arbeitsmigration, einem Stopp der Reisefreiheit
für die Mehrheit jener Angehörigen afrikanischer Staaten, die bis dahin davon profi-
tiert hatten und stärkeren Kontrollen der Grenzen (vgl. Ludwig 2008: 59). Diese
Entwicklung verstärkte die Überwachung illegalisierter Migration an den nationalen
Grenzen. Demgegenüber wurden innerhalb Frankreichs bis ca. 130 000 Menschen
durch die Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung von zehn Jahren (Carte de résident)
legalisiert (vgl. Daguerre 2010: 76) und die Familienzusammenführung ermöglicht,
wodurch auch vermehrt Frauen einwanderten. In den kommenden Jahren wurde die
Frist zur Erlangung der französischen Staatsbürgerschaft durch Heirat auf bis zu zwei
Jahre ausgedehnt.

Neben den migrationspolitischen Veränderungen erstarkte in den 1970er und 1980er


Jahren die extreme Rechte, der Front national. Unter Marine le Pen kommt die Partei
bei der Präsidentschaftswahl von 2012 auf 17,9 % der Stimmen, bei der Europawahl
2014 als stärkste Partei Frankreichs auf 26% und bei der ersten Runde der
Départementswahlen 2015 kommt er auf 28%.

Die beiden Gesetze Loi Pasqua (benannt nach dem derzeitigen Innenminister Charles
Pasqua) von 1986 und 1993 setzten die Politik der Europäischen Gemeinschaft um:
das Schengen-Abkommen über die Freizügigkeit in der EU und die Drittstaatenrege-
lung zur Einschränkung des Asylrechts. Nicht-EU-Bürger_innen ohne Aufenthalts-
genehmigung dürfen sich bis heute nicht länger als drei Monate auf französischem
Boden aufhalten und müssen finanzielle Sicherheiten nachweisen. Außerdem wurde
94 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

der Erhalt einer Aufenthaltsgenehmigung an inländische Verhaltenskodexe wie dem


Verbot der Polygamie geknüpft und zur Voraussetzung, um Sozialhilfe in Anspruch
nehmen zu können (vgl. Ludwig 2008: 59f). Familienpolitische Leistungen wurden
allen Menschen gewährt, welche in Frankreich ihren Wohnsitz haben – unabhängig
von ehelicher Bindung oder biologischer Herkunft. Mit dem Artikel 8 des Informati-
ons- und Freiheitsrechts von 1978 wurde die statistische Erfassung nach ethnischen
und religiösen Kriterien untersagt:

Il est interdit de collecter ou de traiter des données à caractère personnel qui font ap-
paraître, directement ou indirectement, les origines raciales ou ethniques, les opi-
nions politiques, philosophiques ou religieuses ou l'appartenance syndicale des per-
sonnes, ou qui sont relatives à la santé ou à la vie sexuelle de celles-ci. (vgl.
Legifrance: Loi n° 78-17, s. auch Meron 2009)

Es bleibt zu hinterfragen, ob dieses Verbot Rassismus als strukturelles Problem in der


französischen Gesellschaft unsichtbar macht.

Gezielte Immigration unter Sarkozy

Unter dem Innenminister und späteren Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy (von 2007-
2012) wurde 2003 ein Gesetz (das Loi Sarkozy II) verabschiedet, das Einwanderung
stark beschränkt:

Elle prévoyait, entre autres mesures, l’allongement de la durée de rétention des


étrangers en situation irrégulière de douze à trente-deux jours, la création d’un fichier
d’empreintes digitales, la subordination du mariage avec un étranger en situation ir-
régulière à un entretien préalable des futurs époux, l’allongement de la durée de vie
commune de un à deux ans pour accorder à un conjoint de Français la carte de rési-
dent, l’augmentation des sanctions en cas de mariage blanc et de travail au noir.
(Têtu-Delage 2009: 79)

Die Migrationspolitik wurde daher bedeutend restriktiver. Die Aufnahme von Mig-
rant_innen und die Vergabe von Aufenthaltstiteln wurden an private Erbringungs-
pflichten und neue Sprachanforderungen geknüpft.

Mit dem Code de l’Entrée et du Séjour des Etrangers et du Droit d’Asile (CESEDA)
von 2006 wurde die „Eingliederung“ der migrantischen Bevölkerung in die französi-
sche Gesellschaft zu einer Bedingung: „Die Anpassung an die französische Gesell-
Der französische Sozialstaat 95

schaft wird neben ökonomischen ‚Schlüsselqualifikationen‘ zum Kriterium, das über


Illegalität entscheidet.“ (Ludwig 2008: 61, Hervorhebung im Original) Die Hürden
zur Erlangung der nationalité wurden größer. Sarkozy setzte auf gezielte, nach den
Bedürfnissen des Landes orientierte Immigration. Arbeitsmigration wurde hervorge-
hoben und Möglichkeiten der Familienzusammenführung begrenzt (Loi Hortefeux
2007). Nationale wirtschaftliche Interessen erlangten Priorität vor den sozialen Inte-
ressen oder Problemen der migrantischen Bevölkerung. Die Ausreise bestimmter
Migrationsschichten wurde mit bis zu 5 000€ subventioniert, um Anreize zu schaffen,
damit diese in ihre Herkunftsländer zurückkehrten. Hier ist kritisch anzumerken, dass
diese Politik gewählter Immigration mit dem republikanisch-nationalen Selbstver-
ständnis Frankreichs von liberté, égalité, franternité brach.

Der immigration choisie, die sich nach Menschen orientierte, die für die ökonomi-
sche Situation Frankreichs hilfreich sind, wurde einer immigration subie gegenüber-
gestellt: „Als solch ,erlittene, ertragene‘ Einwanderung werden dabei Asyl, Fami-
liennachzug und irreguläre Migration definiert.“ (Ludwig 2008: 61) Ausdruck hierfür
ist, dass Asyl-Fragen nun von der Einwanderungsbehörde bearbeitet wurden. Die
Zahl der Abschiebungen erhöhte sich drastisch und 2006 wurden nur noch 20% der
Asylanträge positiv beantwortet (vgl. Daguerre 2010: 81). Die Übertragung der Asyl-
Begehren unter das Dach der Einwanderungsbehörde dürfte den Einfluss gestärkt
haben, allgemeine Einwanderungsbemühungen zu schwächen und gezielte Immigra-
tionspolitik mit einer langfristig orientierten Integrationspolitik zu verbinden. Die
Rekrutierung von Migrant_innen im Bereich des Pflege- und Gesundheitssektors
spielte in diesem Zusammenhang eine immer größere Rolle, denn der schnelle Zu-
gang zu personenbezogenen Dienstleistungen wurde erleichtert (vgl. Cognet
2010: 123; Merckling 2002).

Maßnahmen zur Organisation von Familie und Arbeit


Erste pro-natalistische familienpolitische Maßnahmen

Wie bereits für die Entstehungszeit des französischen Sozialstaats skizziert, entstan-
den die sozialpolitischen Regelungen, die die Gemeinschaft betreffen, erst aus ihnen
vorangehenden Fürsorgegesetzen. Diese beruhten auf einem Geburtenrückgang in
96 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Familienpolitik Frankreichs gilt als eine
der ältesten Europas (vgl. Martin 2010: 31).

Die bereits 1790 in Frankreich eingeführte Grundsteuer sah Steuerermäßigungen bei


besonderen Familienbelastungen und einen Steuerzuschlag für Unverheiratete vor
(vgl. Soboul 1986: 27). Die 1896 gegründete republikanische Alliance nationale pour
l’accroissement de la population française beobachtete im Spannungsfeld mit einem
erstarkten Deutschland das reproduktive Verhalten der Bevölkerung. Die Déclaration
des droits de la famille und ihre stark moralisierende Bewegung mündete 1920 in
familienpolitischen Maßnahmen:

La propagande nataliste de l’Alliance se concrétise par la loi de 1920 prohibant toute


information relative à la contraception et renforçant les sanctions contre l'avorte-
ment. Elle se manifeste aussi dans la promulgation du Code de la famille en 1939.
(Le Bras 2015)

Das Verbot von Abtreibung und Verhütung schränkte die Freiheitsrechte von Frauen
massiv ein.29 Gleichzeitig wurde mit den Maßnahmen der Grundstein für staatliche
Familienpolitik gelegt, die Kinder in Anbetracht des demografischen Wandels als
bien public und source de capital humain begreift (Martin 2010: 32f). Kurzum: “The
legitimacy of state action in this domain is not questioned.” (Fagnani & Letablier
2005: 135)

Ab 1932 wurden Arbeitnehmende dazu verpflichtet, Mitglied in einer Familienaus-


gleichskasse zu werden, um die Mehrkosten durch Kinder zu reduzieren (vgl. Loi du
11 mars 1932). Noch vor Einbruch des Zweiten Weltkrieges – 1939 – folgte der
Code de la famille (auch Code de la famille et de l’aide sociale, heute Code de
L’action sociale et des familles). Er postulierte klar das Ziel, die Geburtenrate der
Bevölkerung zu erhöhen. Familienbeihilfen besonders für das dritte Kind und für
Hausfrauen (die Allocation pour la femme au foyer) wurden eingeführt.

Angesichts des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges und der schlechten kriegsbeding-
ten Ernährung schnellte die Kindersterberate in die Höhe. Das Vichy-Regime (1940-

29
Das Recht auf Verhütung wird Frauen erst 1967 (Loi Neuwirth) zugesprochen, das zur Abtrei-
bung 1975 (Loi Veil).
Der französische Sozialstaat 97

1944) und in ihrer Folge die Vierte Französische Republik (1946-1958) reagierten
abermals mit Verstärkung familienpolitischer Maßnahmen. Neben der Einrichtung
des Institut national d’études démographiques wurde 1945 der Quotient familial
eingeführt. Dieses Familiensplittingsystem entlastet kinderreiche Familien steuerlich,
unabhängig vom Trauschein. Der Familienquotient, der bei einem Faktor von 0,5 –
1,0 pro Person liegt, wird mit der Anzahl der Familienmitglieder verrechnet, wo-
durch sich der Beitrag in der Einkommenssteuer reduziert. 30 Außerdem führte der
Gesundheitsminister Billoux 1945 die Protection maternelle et infantile ein. Er si-
cherte damit die Kleinkindbetreuung nach institutionellen Regeln ab und überführte
sie in eine medizinisch-soziale Kontrolle durch den Staat:

Elle instaurait, entre autres, le certificat de mariage, mais aussi une réorganisation
des services de prévention, prévoyant outre celle du médecin inspecteur,
l’intervention d’une assistante sociale appelée à s’insérer dans le tissu social par des
visites à domicile. Ce texte sera repris dans ses grandes lignes par l‘Ordonnance du 2
novembre 1945 organisant la Protection maternelle et infantile qui prévoyait une
surveillance médicale et sociale généralisée. C’est dans ce cadre qu’est prévue une
surveillance des enfants placés hors de leur domicile familial, ainsi que des institu-
tions ou personnes chargées de les accueillir. (Mozère 1999: 55)

Das Gesetz schuf daher eine Grundlage für das französische Sozialsystem und die
Betreuung von Kindern auch außerhalb der eigenen Familie und bezog jene ein, die
die Sorgearbeit erbringen. Sozialarbeiter_innen (assistantes sociales) erhielten eine
kontrollierende Funktion. Damit wurden die Grundlagen des sich entwickelnden
Tätigkeitsbereichs der Kindertagespflege gelegt.

30
Rechenbeispiel zum gegenwärtigen Familienquotienten: Bei einem Einkommen von 40 000€
(Person A) plus einem Einkommen von 20 000€ (Person B) eines Paares mit zwei Kindern wird
durch den Quotienten 3,0 geteilt (jeweils 1,0 pro Elternteil, jeweils 0,5 pro Kind). Die Einkom-
menssteuer wird in diesem Beispiel daher lediglich auf 20 000€ angerechnet. Stößt ein drittes
Kind hinzu, wird die Berechnung des Steuerbetrags um den Quotienten 1,0 erhöht. Alleinerzie-
hende bekommen einen zusätzlichen Quotienten von 0,5.
98 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Politiken im Zuge einer ansteigenden Frauenerwerbsquote ab


den 1960er Jahren

Die Frauenerwerbsquote in ganz Europa stieg ab den 1960er Jahren, der demografi-
sche Wandel setzte ein und das Aufkommen der Antibabypille etwa seit 1960 verur-
sachte den sogenannten Pillenknick, wodurch weniger Kinder geboren wurden:

Depuis que les femmes maîtrisent leur fécondité, on assiste à quatre phénomènes qui
touchent tous les pays développés : un déclin de la fertilité, une hausse de l’âge
moyen de la maternité, une augmentation des femmes sur le marché du travail et la
diversification des modes de vie féminins, avec l’apparition, dans un nombre crois-
sant de pays, du modèle du couple ou de la célibataire sans enfant. (Badinter
2010: 26-27)

Das vor den 1970er Jahren dominierende Ernährer-Modell (Monsieur Gagnepain et


madame Aufoyer) wandelte sich. Die französische Regierung reagierte auf diese
Entwicklung bis in die 1980er Jahre mit der Förderung einer „Politik des dritten
Kindes“, die zum Ziel hatte, die Geburten zu erhöhen. Familien mit mindestens drei
Kindern zwischen drei und 21 Jahren erhielten, wenn das Gehalt der Familie nicht
eine gewisse Obergrenze überstieg, einen Familienzuschlag von 354 F pro Kind (vgl.
Chastand 1979: 13). Dieses Complément familial ersetzte 1978 Leistungen wie die
Allocation de salaire unique et de mère au foyer und die Allocation pour frais de
garde. Die Obergrenze lag 2013 mit drei Kindern bei 26 731€ Netto im Jahr und
richtet sich daher besonders nach einkommensschwachen Familien.

Während des Mutterschutzes können Mütter seit 1946 bis zu 14 Wochen und seit
1980 bis zu 16 Wochen 100% des vorherigen Gehalts beziehen. Danach endet der
Bezug und viele Mütter, die eine geregelte Beschäftigung haben, nehmen ihre Er-
werbstätigkeit wieder auf. Deshalb werden Kinder meist im Alter von drei bis sechs
Monaten in Betreuung gegeben.

Die Allocation parentale d’éducation (APE) von 1985 (seit 2004 Complément du
libre choix d‘acitivté) erhielten Mütter ab dem dritten Kind (später schon ab dem
zweiten), wenn sie ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen, um sich um ihr Kind unter
drei Jahren zu kümmern. Es lag zwischen 276€ und höchstens 552€ im Monat (vgl.
APE). Einer Studie von Thomas Piketty zufolge ist darauf die Erwerbsquote von
Der französische Sozialstaat 99

Müttern mit zwei Kindern in drei Jahren von 70% auf 55% gesunken (vgl. Piketty
2005). Die Leistung war vor allem für einkommensschwache Mütter attraktiv, jedoch
wird die Wiedereingliederung in den Beruf durch die längeren Elternzeiten erschwert
(vgl. Bloch & Buisson 2003; Fagnani 1996). Insofern hat dieses Gesetz die Arbeits-
marktpartizipation von Müttern verringert.

Alleinerziehende Elternteile, in der Regel Mütter, erhielten die Allocation de parent


isolé (API), seit 2009 die reduzierte Beihilfe Revenu de solidarité active (RSA). Sie
liegt 2015 für eine wohnungslose Person ohne Einkommen bei höchstens 524€ im
Monat, wird auch als Ergänzung zu einer geringfügigen Tätigkeit gezahlt und gilt
zudem als Ersatz für das vorher geltende Arbeitslosengeld Revenu minimum
d’insertion (RMI). Bisher konnte diese Leistung allerdings nicht zu einer langfristi-
gen Verbesserung der Arbeitsmarktintegration der Alleinerziehenden oder Arbeitslo-
sen führen (vgl. Allègre 2008). Hinzu kommt seit 2000 eine gesetzliche Arbeitszeit-
verkürzung auf 35 Stunden die Woche (von 39 Stunden), dies bei einem Rentenein-
trittsalter von 60 Jahren (vgl. OECD 2011).

Der massive Ausbau von Betreuungsplätzen seit den 1970er


Jahren

Die unter anderem über das Familiensplitting geschaffene Verteilung der Steuerlast,
die nach Leistungsgerechtigkeit orientiert ist, wurde seit den 1970er Jahren durch
einen massiven Ausbau institutioneller Betreuungsmöglichkeiten ergänzt. Krippen,
Tagesmütterdienste (crèche familale) und Ganztagschulen wurden geschaffen. Zu-
dem wurden Tagesmütter ausgebildet, die Kleinkinder in ihrem eigenen Haushalt
betreuen. Eltern, die ihre Kleinkinder in Betreuung geben, erhalten Subventionen und
Steuererleichterungen (s. u.). Der Großteil der Kinder ab drei Jahren ist in (laizisti-
schen) kostenlosen Ganztagsschulen, den Écoles maternelles, untergebracht, die es
schon seit 1881 gibt. Am traditionellen schulfreien Mittwochnachmittag, während
der Schulferien oder an Randstunden außerhalb der regulären Versorgung kann der
Service Périscolaire oder die Services extrascolaires in Anspruch genommen wer-
den. Mit den verschiedenen Angeboten sollen die Familien frei wählen können.
100 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Die 1945 aus den Kompensationskassen hervorgegangenen Caisse d’allocations


familiales (CAF), welche die Familienbeihilfen verteilen, unterstützen die Kinderta-
gesstätten finanziell. Diese umfassende Organisation der Kleinkindbetreuung, sowohl
im Haushalt der Familien als auch durch Tagesmütter, Tagesmütterdienste und Krip-
pen gestattet es den Frauen in Frankreich zu einem hohen Maße Beruf und Familie
zu vereinbaren – zumal diese Formen der Kinderbetreuung den zeitlichen Rahmen
von Teilzeitbetreuungseinrichtungen nach den Bedürfnissen der berufstätigen Frauen
einlösen. Die Berücksichtigung verschiedener Politikbereiche wie der Arbeitsmarkt-
und Sozialpolitik, der Gleichstellungs- und Bildungspolitik, der finanziellen Unter-
stützung von Familien in Kombination mit guten Betreuungsangeboten führen zu
einer erhöhten Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Frankreich (vgl. Luci
2011: 11). Seit Anfang der 70er Jahre ist der Zwei-Verdienenden-Haushalt in Frank-
reich eine Norm und Frauen arbeiten im Durchschnitt lediglich 4,9 Stunden die Wo-
che weniger als Männer (vgl. BMSFSJ 2012: 44).

In Frankreich wurden 2005 von den 3,78% des BIP 1,39% für Geldleistungen, 1,62%
für Sachleistungen und 0,77% für Steuervergünstigungen ausgegeben (vgl. BFSFJ
2010: 40). Da in dieser Berechnung allerdings nicht alle Leistungen enthalten sind,
die zu den Familienpolitiken Frankreichs beitragen, werden die realen Ausgaben
(ungeachtet der École maternelle) 2003 bei 5% des BIP verortet (vgl. Abouy & Roth
2003). Trotz der Ausgaben steigt die Nachfrage erwerbstätiger Mütter an Be-
treuungsplätzen kontinuierlich (vgl. Delcroix 2007: 97; Mozère 1999; Vanovermeir
2012: 7). Das Familienministerium beschließt 2006 zusätzlich zu den 2002 bis 2008
anvisierten 72 000 Kinderbetreuungsplätzen die Schaffung von 40 000 weiteren Be-
treuungsplätzen für unter Dreijährige. Laut Jeanne Fagnani hatte dieser Ausbau ins-
besondere das Motiv, vor dem Hintergrund drohender Arbeitslosigkeit neue Arbeits-
plätze im sozialen Dienstleistungssektor zu schaffen (vgl. Fagnani 1998).

Seit den 1980er Jahren sind die Arbeitsplätze im Bereich der Tagespflege und Fami-
lienhilfe am stärksten angewachsen (+106%) und werden überwiegend von Migran-
tinnen besetzt: “Immigrant women are over-represented in care services and in paid
domestic work: 23% compared to 12% among the total female working population.”
(vgl. Fagnani & Letablier 2005: 149) Da das Angebot an Kinderbetreuungsplätzen
Der französische Sozialstaat 101

weiterhin wächst, ist nicht von einer Sättigung der Nachfrage an Care-
Dienstleistungen auszugehen.

Regelungen bezogen auf das Erziehungsgeld (CLCA)

In Fortsetzung zur APE (s.o.) werden Eltern, die ihre Erwerbstätigkeit aufgeben, um
ihre Kinder selbst zu betreuen, mit der 2004 implementierten PAJE (Prestation
d’accueil du jeune enfant, dt. ‚Kombinierte Leistung für Kleinkinder‘) bezuschusst.
Diese Politik folgt einer Philosophie der „Wahlfreiheit“. Individuelle Persönlichkeits-
rechte werden vermehrt vor die der Familie gestellt. Die ihre Kinder selbst betreuen-
den Eltern erhalten das Complément de libre choix d’acitivité (CLCA) (dt. ‚Zulage
zur freien Wahl der Tätigkeit‘), das bisher höchstens 572€ beträgt. Es handelt sich
dabei um eine Erziehungszeit, in der Erziehungsgeld gezahlt wird. Beim ersten Kind
liegt es für sechs Monate bei 552,11€ inklusive Grundversorgung. Bei Teilzeittätig-
keit bis 50% bei 419,83€ (ohne Grundversorgung 241,88€) und bei Teilzeittätigkeit
von 50-80% bei 317,48€ im Monat (ohne Grundversorgung 139,53€). Eltern mit
mehreren Kindern erhalten es bis zum dritten Geburtstag des jüngsten Kindes. Aller-
dings wird es nur an Eltern gezahlt, die in den zwei Jahren vor Geburt des Kindes
berufstätig waren (in den letzten vier Jahren bei zwei Kindern, in den letzten fünf
Jahren ab dem dritten Kind). Folglich können Eltern, die unregelmäßige Erwerbsbio-
grafien haben, nur eingeschränkt auf diese Leistung zurückgreifen.

Die Soziologin Élisabeth Badinter befürchtet, dass französische Mütter im Zuge


dieser politischen Implikationen in eine kulturelle „Renaturalisierungsfalle“ tappen.
Dieses Argument begründet sie mit Blick auf Deutschland. Die traditionalistische
Familienpolitik in Deutschland bei gleichzeitigem Familienwandel hin zum Plura-
lismus habe einen dreißig Jahre währenden Misserfolg zu verzeichnen:

Contrée sur l’aide financière aux familles et la promotion du père pourvoyeur, elle
contraint les femmes à choisir entre la famille et le travail dès la naissance du pre-
mier enfant. […] Or, force est de constater que les Allemandes (et les Allemands)
semblent prendre de plus en plus goût au style de vie childless. (Badinter 2010: 166)

Es mag paradox erscheinen, aber Maßnahmen, die die Erziehungstätigkeit der Mütter
über einen längeren Zeitraum begünstigen, fördern den Entschluss vieler Frauen,
102 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

kinderlos zu bleiben. Sie wirken sich negativ auf Lebenschancen aus, die junge Frau-
en über Erwerbstätigkeit gewinnen. In Deutschland liegt die Kinderlosenquote von
Akademikerinnen bei 40%. Das Modell der kontinuierlich vollzeiterwerbstätigen
Mütter wird in Frankreich durch das CLCA unterwandert. Neue Ungleichheiten
zwischen Frauen, die einer Rhetorik der „freien Wahl“ unterliegen, können daraus
resultieren (vgl. Dang & Letablier 2009 : 28). Die Mütter riskieren eine erfolgreiche
Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt (vgl. Luci 2011: 20). Vor allem Eltern mit
geringem Einkommen beenden oder reduzieren nach Bezug des Mutterschaftsgeldes
ihre Erwerbstätigkeit. Bei jungen Müttern mit Migrationshintergrund kann sich die
Leistung nachteilig auf die Sprachfähigkeiten der Kinder und deren Integration in
Gruppen auswirken (vgl. Halwachs 2010: 130). Das CLCA bewirkt aber auch, dass
Eltern mit hohem Einkommen häufiger Teilzeit arbeiten (vgl. Ananian 2010; Marical
2007; Vanovermeir 2012).

Seit 2014 werden mit dem Erziehungsgeld auch zunehmend Väter angesprochen. Die
Umverteilung der Sorge- und Haushaltsarbeiten in Partnerschaften ist eigentlich kein
erklärtes Ziel der französischen Sozialpolitik. Die Familienpolitik basiert auf einem
stark binären Rollenverständnis von Frauen und Männern, wobei Kinderbetreuung
eine affaire des femmes ist (vgl. Bloch & Buisson 1998; Dang & Letablier 2009;
Fagnani 2005, 2012; Halwachs 2010). Seit dem 1. Januar 2002 können Väter bei der
Geburt eines Kindes zwei Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub nehmen. Die im Juli
2014 eingeführte Prestation partagée d’éducation de l’enfant (PréParEe) forciert
immerhin erstmals auf politischer Ebene die Einbeziehung von Männern in die Be-
treuungsarbeit. Der Bezug des Erziehungsgeldes wird beim ersten Kind von sechs
Monate auf zwölf Monate verlängert, wenn der Vater beziehungsweise die Partnerin
die Hälfte übernimmt. Bei mehreren Kindern beziehen Eltern das Erziehungsgeld in
Höhe von bisher höchstens 572€ nur noch bis zum dritten Geburtsjahr des jüngsten
Kindes, wenn der Partner beziehungsweise die Partnerin mindestens sechs Monate
übernimmt – sonst entfällt ein halbes Jahr (vgl. Préparee). Nach der Soziologin Ma-
rie-Thérèse Letablier wird diese Reform jedoch nicht zu wesentlichen Veränderun-
gen führen: „Man verändert nicht den Kern des Problems, also einen finanziellen
Ausgleich für das verloren gegangene Gehalt.“ (vgl. BZ) Für den männlichen Partner
bedeutet diese Leistung aufgrund der zu geringen Höhe des Erziehungsgeldes daher
Der französische Sozialstaat 103

wenig Attraktivität und es bleibt zu bezweifeln, ob die Neuregelung die Arbeitstei-


lung beeinflussen wird. Von staatlicher Seite gibt es in Frankreich daher kaum An-
strengungen, Väter in die Verantwortung zu nehmen oder Anreize zu setzen, mehr
Männer für den Care-Sektor zu gewinnen. Sie werden eher entlastet:

À défaut des pères qui se font toujours tirer l’oreille pour partager équitablement les
tâches parentales et ménagères, c’est l’État qui est jugé coresponsable du bien-être et
de l’éducation de nouveau venu. Aux yeux de tous, il a des devoirs envers la mère et
l’enfant. (Badinter 2010: 202)

Auch wenn sich der Staat der institutionellen Care-Versorgung angenommen hat,
bleibt private Sorgearbeit in Frankreich Frauensache. Hinzu kommt ein starkes Rol-
lenbild als attraktive und begehrenswerte Frau, die sich außerdem im Beruf verwirk-
licht. Die Journalistin Kuchenbecker spitzt die männlichen Privilegien dieser Macho-
Kultur folgendermaßen zu: „Kein Stress mehr der Alleinernährer zu sein, kein Win-
delwechsel-Diktat und immer eine schicke Frau an der Seite.“ (Kuchenbecker
2007: 131) Soll eine Gleichstellung von Mann und Frau erfolgen, ist ein kultureller
Wandel von Nöten, der eine aktivere Rolle des Vaters anerkennt und fordert.

Jüngste Entwicklungen der Organisation von Familie und Be-


ruf

In Europa ist ein Geburtenrückgang seit zwanzig Jahren zu beobachten. Entgegen


diesem Trend hat sich die Geburtenrate in Frankreich mit zwei Kindern pro Frau
stabilisiert. Das fängt den demografischen Wandel ein Stück weit auf. Scheinbar
wirken die pro-natalistischen Maßnahmen (auch wenn das CLCA neue Verschiebun-
gen hervorrufen könnte, die sich nachteilig auf das reproduktive Verhalten auswir-
ken). Junge Einwander_innen stützen diese Rate nur marginal, da sich ihre Geburten-
zahlen an jene der Französinnen anpassen. In Frankreich haben geschätzte 10-11%
der Frauen keine Kinder, in Deutschland zwischen 21-26% (vgl. Badinter 2010,
S. 158). Die französischen Mütter sind im Durchschnitt zu 67% erwerbstätig (vgl.
Ined 2011). Der Reproduktionsprozess findet parallel zum Erwerbsleben statt.
Scheinbar begünstigt die Karriere sogar den Kinderwunsch, der mit zunehmender
Bildung und gehobener Berufsposition steigt (vgl. Ekert-Jaffé et al. 2002). Weltweit
104 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

nimmt die Zahl der geborenen Kinder mit steigendem Bildungsniveau der Frauen
eher ab (Destatis 2012b: 32).

Die Verteilung der von den erwerbstätigen Müttern nicht mehr erfüllten Care-Arbeit
wird maßgeblich mit Hilfe des Staates auf andere Frauen verlagert: « Il y a à la fois
plus de femmes qualifiées accédant à des fonctions et professions traditionnellement
masculines, et plus de femmes occupant des postes peu ou pas qualifiés et, pour la
plupart, dans des secteurs très féminisés. » (Maruani 2000: 43) Die Dotierung weibli-
cher Beschäftigung bewegt sich in zwei Richtungen. Ein geschlechtlich diversifizier-
ter und ein stark nach traditionellen weiblichen Rollen ausgerichteter Arbeitsmarkt
entstehen. Zu den stark feminisierten Sektoren zählen haushaltsnahe Dienstleistungen
oder vergleichbare Beschäftigungen mit niedriger Lohnauszahlung.

Im Vergleich zu Deutschland heiraten Franzosen und Französinnen seltener und


lassen sich häufiger scheiden. Hingegen „pacsen“ sie sich mit zunehmender Beliebt-
heit. Der Pacte civil de solidarité (PACS) ist eine eingetragene zivilrechtliche Part-
nerschaft, die seit 1999 sowohl für gleich- als auch gegengeschlechtliche Paare offen
steht. Er erreicht 2010 über eine Million Eintragungen. Wie es die Ehe vorsieht er-
möglicht der PACS die Gütergemeinschaft und eine gemeinsame steuerliche Veran-
lagung:

Il établit des droits et des obligations entre les deux contractants, en terme de soutien
matériel, de logement, de patrimoine, d'impôts et de droits sociaux. Par contre, il est
sans effet sur les règles de filiation et de l'autorité parentale si l'un des contractants
est déjà parent. (Insee 2011)

Aus diesen Gründen unterscheidet er sich lediglich in Fragen der Adoption und El-
ternschaft von der Ehe. Paare können über den PACS zum Beispiel bei einer Fami-
liengründung vertraglich füreinander Verantwortung übernehmen. Im Jahr 2010 sind
hieraus 196 415 gemischtgeschlechtliche und 9 143 gleichgeschlechtliche Lebensge-
meinschaften entstanden (vgl. Insee 2011). Sie wird also überwiegend von Paaren
genutzt, die in gegengeschlechtlichen Verbindungen leben. Mit Einführung der
Mariage pour tous 2013 wird die Ehegemeinschaft aus Gleichstellungsgründen auch
für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. An dieser Art der Zusammenschlüsse be-
ziehungsweise der Partnerschaften lässt sich ablesen, dass das Institut der Ehe oder
Der französische Sozialstaat 105

der Familie sich gesellschaftlich verändert. Dass 2013 beispielsweise 238 592 Ehen
gegenüber 168 126 PACS geschlossen wurden (vgl. Ined), macht deutlich, dass die
Form partnerschaftlicher Absicherung in einem PACS den gesellschaftlichen Verän-
derungen angepasst ist.

Die Finanzkrise von 2008 stellt den französischen Staat vor große Herausforderun-
gen, da eine steigende Arbeitslosigkeit die Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs in
Frage stellt. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen werden daher Programme
diskutiert, die – ähnlich wie die Agenda 2010 in Deutschland – die Sozialausgaben
reduzieren sollen. Auch in Frankreich geht es um die Implementierung von mehr
eigenverantwortlicher Vorsorge bei den Arbeitnehmenden und um die Reduzierung
der Kosten für Unternehmen. Die angekündigten Maßnahmen betreffen zum Beispiel
die Reduzierung von Steuervorteilen aus dem Familiensplitting. Die Unterstützung
der Familien wird unter der Regierung Manuel Valls ab Juli 2015 für Haushalte mit
Einkommen über 6 000€ im Monat um die Hälfte reduziert. Allerdings sollen der
Familienzugschlag für kinderreiche Familien und die Beihilfe für Alleinerziehende
angehoben, sowie 275 000 neue Betreuungsplätze geschaffen werden (vgl.
Ambassade de France).

Bedingungen und Regelungen der Kindertagespflege in Frankreich


Seit 1977, knapp drei Jahrzehnte nach Einführung des Code de famille, existiert in
Frankreich der Berufsstatus assistante maternelle. Der Ausbau dieses Berufszweigs
hat die Verlagerung der Care-Arbeit auf fremde Personen wesentlich begünstigt. Die
staatlich akkreditierte Tagesmutter betreut Kleinkinder im Alter von bis zu sechs
Jahren in der Regel im eigenen Privathaushalt, kann dies aber auch in Sammelstellen
tun. Ein formelles Arbeitsverhältnis ist obligatorisch und erfolgt bis heute über die
Services de la Protection de l’Enfance. Die Überführung in einen institutionellen
Rahmen seit 1977 entwickelte sich nach und nach, indem private Verträge sukzessive
in institutionelle Beschäftigungsverhältnisse überführt wurden (vgl. Mozère
1999: 58). Aber erst mit der Schaffung finanzieller Anreize für die in Betreuung
gebenden Eltern etablierte sich ein weitestgehend regulierter Dienstleistungssektor
der Kindertagespflege.
106 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Zuschüsse für Eltern, die eine assistante maternelle beschäft i-


gen

Durch die unter der damaligen Arbeitsministerin Martine Aubry 1991 implementierte
Aide de l’emploi d’une assistante maternelle agréée (AFEMA), heute das Complé-
ment de libre choix du mode de garde (CLMG) (dt. ‚Zulage zur freien Wahl der
Betreuungsart‘), wird die Einstellung einer akkreditierten Tagesmutter beziehungs-
weise eines Tagesvaters bezuschusst. Wahlweise können Eltern auch bei der Einstel-
lung einer Betreuungskraft (die keine Lizenz haben muss) im eigenen Haushalt die
Allocation de Garde d’Enfant à Domicile (AGED) beziehen, diese wird aber kaum
genutzt. Die 2004 eingeführte PAJE, die diese Leistungen zusammenfasst, hat außer-
dem maßgeblich dazu beigetragen, dass immer mehr Eltern auf akkreditierte, das
heißt deklarierte Tageseltern zurückgreifen. Das Complément de libre choix du mode
de garde (CLMG) erstattet Eltern, die eine Tagespflegeperson beschäftigen, die zu
entrichtenden Sozialversicherungsbeiträge, sowie einkommensabhängige Zuschüsse
zum Gehalt der Tagespflegeperson. Einkommensschwache Familien profitieren
davon.

Über den Chèque Emploi Service (CES, später CESU) können Eltern bis zu 50% der
Kosten von der Steuer absetzen, was zu einer Steuerersparnis von bis zu 5 000€ füh-
ren kann. Dies macht die reguläre Beschäftigung einer assistante maternelle für
Eltern sehr attraktiv. Dieser Dienstleistungscheck hat maßgeblich dazu beigetragen,
dass hunderttausende Frauen aller Couleur im Pflege- und Reinigungsbereich unter
das Sozialversicherungsrecht fallen. Während in Frankreich bis 1996 über 280 000
Haushalte sozialversicherungspflichtige Haushaltshilfen im Privathaushalt über den
CES (s. o.) beschäftigten, sind es in Deutschland im Jahr 2000 gerade mal 38 000
Haushalte (vgl. Jaehrling 2004: 634).

Die Kosten für Krippenplätze und für Tagespflege gleichen sich an und belaufen sich
heute auf etwa 300-350€ (vgl. Blanpain 2009: 3; Luci 2011: 17; Veil 2003: 18).
Daher können sich Eltern ohne finanzielle Einbußen für eine der beiden Betreuungs-
formen entscheiden. Die Nutzung formaler Kinderbetreuung ist in Frankreich mit
41% relativ hoch (vgl. Eurostat 2009). Unter den formalen Betreuungsmöglichkeiten
von Kindern unter sechs Jahren in Frankreich werden Tageseltern am häufigsten
Der französische Sozialstaat 107

genutzt. Über die Hälfte der unter Dreijährigen in Frankreich wird über eine Tages-
mutter beziehungsweise einen Tagesvater betreut (vgl. Blanpain & Momic 2007).
Mit geschätzt 944 300 Plätzen 2012 ist ihr Angebot zweieinhalbmal höher als in
Betreuungseinrichtungen (vgl. Borderies 2014: 5). Dies zeigt den Einfluss der von
der Politik gestützten Betreuungsmodi auf erwerbstätige Eltern.

Regelungen, die die assistantes maternelles betreffen

Die 1977 begonnene Professionalisierung der assistantes maternelles (à titre non


permanente), mit der die Tätigkeit von Tagesmüttern (es handelt sich vor allem um
Frauen) erstmals Arbeitnehmerinnenstatus erhielt (davor wurden Frauen in dieser
Beschäftigung meist als nourrice oder nounou bezeichnet), setzte sich 1992 mit der
Ausgestaltung einer Pflegeerlaubnis, einer Eignungsprüfung und einer beruflichen
Fortbildung von zu jener Zeit noch mindestens 60 Stunden fort. Am 01. Juli 2004
wurde ihre Arbeit in einem nationalen Tarifvertrag, der Convention collective des
assistantes maternelles, geregelt (vgl. Legifrance: Convention collective 2004). Sie
unterliegen damit dem Mindestlohn. Aktuell bemisst sich der Mindestlohn pro Kind
und Stunde etwa auf 2,70€, da der national geltende Mindestlohn (SMIC) von 9,61€
(2015) die Stunde pro betreutem Kind mit 0,281 multipliziert wird (vgl. Service-
Public: Particulier employeur). Dieser Faktor kommt zustande, weil von einem Nor-
malbeschäftigungsverhältnis mit drei bis vier Kindern ausgegangen wird. In der
Regel fordern die Tageseltern jedoch einen höheren Stundenlohn. Eltern werden
Beihilfen nur bis zu einer Bezahlung der akkreditierten assistante maternelle von
48,05€ am Tag pro Kind gewährt (vgl. Pajeemploi). Dies schränkt insofern auch den
Maximalverdienst der assistantes maternelles ein: bei zehn Stunden Betreuung kann
der Stundenlohn am Tag nicht mehr als 4,8€ pro Kind betragen. Gut bezahlte Tages-
eltern geben daher oft in Kooperation mit den Eltern ihre Betreuungsstunden ge-
schickt gestreut über die Wochen oder Monate an.

Mit dem Gesetz vom 27. Juni 2005 und dem Dekret vom 29. Mai 2006 wurden wei-
tere Maßnahmen zur Professionalisierung getroffen (vgl. Legifrance: Décret n°2006-
1153). Nach diesen Reformen des Statut des assistantes maternelles erhöhte sich die
zu absolvierende Fortbildung auf 120 Stunden. Sie berührt pädagogische Themen der
Kleinkindbetreuung wie Ernährung, Rhythmus, Zeitgestaltung, Spiele und Pflege und
108 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

wird vom Conseil général bezahlt. Ein Arbeitsvertrag wurde verbindlich, die durch-
schnittliche wöchentliche Arbeitszeit auf 45 Stunden gelegt und ein bezahlter Urlaub
von fünf Wochen festgesetzt. Die Hälfte der Tageseltern gab 2005 jedoch an, mehr
als 45 Stunden die Woche zu arbeiten (vgl. Blanpain & Momic 2007: 6). Sie unter-
liegen der Sozialversicherung und sind damit durch die Kranken-, Renten-, und Ar-
beitslosenversicherung geschützt. Außerdem müssen sie eine Haftpflichtversicherung
abschließen. Das agrément (die ‚Pflegeerlaubnis‘) muss alle fünf Jahre erneuert
werden und begrenzt die Anzahl der möglichen zu betreuenden Tageskinder zunächst
auf drei Kinder, seit 2009 auf vier Kinder. Die Anzahl kann auf bis zu sechs Kinder
erhöht werden, allerdings sollen nicht mehr als drei Kinder gleichzeitig betreut wer-
den. Die Protection maternelle et infantile (PMI) evaluiert jährlich die Tätigkeit der
Tagesmütter. Dabei wird besonders auf die Wohn- und Lebenssituation, Sicherheit,
Erziehung, Gesundheit und Hygiene geachtet (CFAS, aricle L421-1). Außerdem
werden Tagespflegepersonen als auch Eltern durch die Relais d’assistante maternelle
(RAM, dt. ‚Tagesmütterzentren‘), begleitet, beraten und betreut.

Mit der Professionalisierung der assistante maternelle wuchs auch die Bewegung
von Vereinen und Gewerkschaften. Im Jahr 1983 schlossen sich mehrere Vereine
von Tagespflegepersonen und Familienpfleger_innen zu einer nationalen Interessen-
vertretung zusammen, der Association nationale Assistants maternels
Assistants/Accueillants familiaux. Ihre Solidarisierung und die sich entwickelnden
Pflegegewerkschaften haben maßgeblich dazu beigetragen, dass sich das Berufsbild
der Tagespflege etablieren konnte.

Die Tageseltern werden von den Eltern, die vom Staat Gelder erhalten, eingestellt
und von diesen direkt bezahlt. Nach der mit der AFEAMA 1991 eingeführten Sub-
vention der Eltern (s. o.), die eine Tagespflegeperson beschäftigen, hat sich die An-
zahl berufstätiger, registrierter Tageseltern allein von 1995 bis 2001 um 150% erhöht
(vgl. Algava & Ruault 2003: 2f). Die Beschäftigungsquote der akkreditierten
assistantes maternelles lag 2001 im Durchschnitt bei 75,5% (vgl. ebd.: 3). Etwa zwei
Drittel der Beschäftigten gaben an, Vollzeit zu arbeiten, ein Drittel Teilzeit. Im Jahr
2011 konstatierte eine Studie ein Durchschnittsgehalt der Tageseltern von 850€ Netto
im Monat (vgl. Piot 2013). Unter den Tageseltern sind jedoch große Verdienstunter-
Der französische Sozialstaat 109

schiede zu erkennen. Tageseltern in der Île-de-France verdienten 2011 im Durch-


schnitt 1 075€ Netto, jene in der Provinz 825€ Netto (ebd.). Noch nicht berücksichtigt
sind die Differenzen, die sich ergeben, wenn der Verdienst nach Stadtvierteln oder
nach Familiensituation unterschieden würde. In einigen Départements ist ein nicht
unwesentlicher Teil unbeschäftigt. Die Reform hat die Arbeit von Tagesmüttern in
Frankreich aufgewertet – allerdings:

Suite à la forte augmentation du nombre d’assistantes maternelles s’est développé un


chômage relatif, notamment en milieu rural et dans les quartiers périphériques où les
assistantes maternelles ne trouvent pas à garder autant d’enfants qu’elles le pour-
raient au regard de leur agrément. (Cartier et al 2012: 7)

Insofern ist von einer großen Schere unterschiedlich verdienender Tageseltern auszu-
gehen, von denen viele nicht Vollzeit arbeiten können oder wollen.

Tageseltern in Frankreich profitieren von einer besonderen Regelung im Steuerrecht.


Durch eine festgelegte Pauschale zahlen sie praktisch keine Steuern. Die Pauschale
beginnt 2015 pro Kind und Tag bei 28,59€ (also dem Mindestlohn mal drei), wenn
ein Kind mindestens acht Stunden betreut wird (vgl. Service-Public: Déclaration).
Eltern zahlen (steuerfreie) Ausgleichsleistungen für die zubereitete Nahrung
(indeminités de repas) und für den Verbrauch von Wasser und Gas (indeminités
d’entretien). Im Durchschnitt geben Eltern 100€ im Monat für die Essens- und Pfle-
gezulagen aus (vgl. Villaume 2015: 4). Die Pflegezulagen müssen bei neun Stunden
Betreuung mindestens bei 2,99€ für diesen Tag liegen (vgl. Service-Public:
Particulier employeur). Das heißt, wenn eine Tagesmutter mit einem Stundenlohn
von 3,5€ pro Kind nach einer Tagesbetreuung von acht Stunden 28€ plus Aus-
gleichszahlungen in Höhe von 5€ bezieht, dann werden von der Summe 33€ die
Pauschale von 28,59€ abgezogen. Übrig bleibt ein steuerpflichtiger Beitrag von
4,41€, der sich aufgrund seiner geringen Höhe bei der zu zahlenden Steuer erübrigt.

Zur Ausbildung im Pflegebereich nutzen viele Franzosen und Französinnen auch die
Validation des acquis d’experiénce (VAE) (dt. etwa ‚Zertifizierung persönlicher
Erfahrung‘). Diese 2002 eingeführte Qualifizierungsoption ermöglicht es, biografi-
sche Erfahrungen beziehungsweise biografisch angeeignete Kompetenzen beispiels-
weise in einem Verein oder einer gemeinnützigen Tätigkeit staatlich zertifizieren zu
110 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

lassen und wird vor allem von Frauen in pflegerischen Berufen genutzt (vgl. Glaeser
2014: 182f). Über diesen Weg können Tageseltern innerhalb eines Jahres ein Zertifi-
kat erhalten, die CAP petite enfance (dt. etwa eine ‚Berufsausbildung zur Betreuung
von Kleinkindern‘). Mit dieser Weiterbildung, die zwölfwöchige Praktika zum Bei-
spiel in Krippen, Kindergärten oder Écoles maternelles einschließt, können die Ta-
gesmütter auch in Gemeinschaftseinrichtungen wie Krippen arbeiten. Nach dem Loi
de cohésion social31 von 2006 können Pflegende auch Zeiten anrechnen lassen, in
denen sie Angehörige (Ältere, Kinder, Behinderte) gepflegt haben. Dies wird als eine
Aufwertung von Care interpretiert: « Cette validation des acquis de l’expérience
domestique et sa transférabilité dans le monde professionnel est un pas supplémen-
taire dans la reconnaissance du ‘care’. » (Dang & Letablier 2009 : 25) Kompetenzen,
die im Bereich der unbezahlten Familienarbeit angeeignet wurden, können so in die
Erwerbsarbeitswelt transferiert werden.

Hintergründe der als assistantes maternelles beschäftigten


Frauen

Im Durchschnitt sind die Tagespflegepersonen 2002 etwa 45 Jahre alt, leben zu 92%
in Partnerschaften und haben oft überdurchschnittlich viele eigene schulpflichtige
Kinder – nur selten handelt es sich um allererziehende und alleinlebende Frauen (vgl.
Algava & Ruault 2003: 1; Blanpain & Momic 2007: 5). Sie sind zu 99,5% Frauen
(vgl. Insee). Zudem sind sie meist niedrig qualifiziert und stammen häufig aus Arbei-
terfamilien mit geringem Einkommen (vgl. David-Alberola & Momic 2008: 2). Die
Hälfte unter ihnen hat kein Diplom oder höchstens ein Certificat d’études primaires
(CEP), das heißt der Grundschule, oder ein Diplôme nationale du brevet (BEPC), das
heißt im Sekundarbereich I. Neun Prozent der Tageseltern hat bereits eine Qualifika-
tion im Bereich personenbezogender Dienstleistungen. Vier bis fünf Prozent unter
ihnen hatte 2002 keine französische Staatsbürgerschaft (vgl. ebd.: 7). Trotz fehlen-
der, gesicherter Statistiken zu ethnischen Merkmalen kann davon ausgegangen wer-
den, dass viele Frauen mit Migrationshinweis im Pflege- und Gesundheitssektor
arbeiten, darunter vor allem Frauen aus dem Maghreb (vgl. Cognet 2010; Maki 2014;
Mozère 2000). Im Jahr 2007 arbeiteten 60% der erwerbstätigen Immigrantinnen im

31
Im Rahmen des Soutien familial und der Allocation personnalisée d‘autonomie (APA).
Europapolitische Einflüsse 111

Dienstleistungssektor (vgl. Perrin-Haynes 2008). Sie bewerten im Besonderen die


Zusammenlegung von Familie und Beruf bei ihrer Tätigkeit positiv: « La possibilité
d’accueillir les enfants à son domicile et, ainsi, de prendre soin de sa propre famille,
en bonne mère et en bonne éducatrice, légitime encore ce choix. » (vgl. David-
Alberola & Momic 2008 : 3) Die Kindertagespflege stellt gerade für gering qualifi-
zierte Frauen in Frankreich ein strategisches Mittel dar, um erwerbstätig zu werden
beziehungsweise der Prekarität zu entkommen (Bloch & Buisson 1998, 2003; Cognet
2010; De Ridder & Salesse 1989; Mozère 2000).

In einer qualitativen Studie zu migrantischen Tagesmüttern in Pariser Vororten, die


mit Arbeitslosigkeit konfrontiert sind, stellt Mozère fest, dass migrantische Tagesel-
tern oft aufgrund mangelnder Französisch-Kenntnissen oder einem spezifischen
Dialekt Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt erleben (vgl. Mozère 2000 : 163). Die
Diskriminierung der migrantischen Tageseltern ist insofern mit der spezifischen
Wohnungslage verknüpft.

3.4 Europapolitische Einflüsse


Europa ist für die nationalstaatlichen Politiken Frankreichs und Deutschlands, für die
deutsch-französische Zusammenarbeit und schließlich für die gemeinsame Politik
Europas ein entscheidendes geopolitisches Konstrukt.

Migrations-Politiken

Die Europäische Union (EU) rief mit dem Schengen-Abkommen 1985 erstmals eine
gemeinsame Migrationspolitik ins Leben. Arbeitnehmerfreizügigkeit und Binnenmo-
bilität waren Gegenstand dieses Beschlusses, welcher bis heute die freie Zirkulation
der arbeitenden Bevölkerung innerhalb der Grenzen der Europäischen Union genauso
gewährleisten soll wie die Freiheit des Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs.
Menschen, die über eine Staatsbürgerschaft außerhalb der Europäischen Union ver-
fügen, richten sich zum Beispiel bei der Bitte um Asyl nicht mehr allein an die Regu-
larien einzelner Mitgliedsstaaten: Ihre Forderungen sind Angelegenheiten von ge-
meinsamen europäischen Interesse geworden.
112 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Laut der 1993 geltenden Drittstaatenregelung können Migrierende ausschließlich in


einem europäischen Staat einen Asyl-Antrag stellen – seit 2003 in jenem, dessen
Boden sie als erstes betreten, solange er als sicher eingestuft ist. In diesem Zusam-
menhang wird in den letzten Jahrzehnten vermehrt von der „Festung Europa“ und
einer europapolitischen non-arrival policy gesprochen:

Vor- und ausgelagerte Kontrollen und restriktive Visa-Politik wirken zusammen und
transformieren die europäische Grenzpolitik in eine „non-arrival policy“ – die es für
Personen aus bestimmten Staaten offiziell schwieriger macht, überhaupt nach Europa
zu reisen. (Ludwig 2008: 53)

Die EU schottet sich nach außen hin ab, während im Inneren die Rolle der National-
staaten gegenüber der Rolle der Gemeinschaft an Bedeutung verliert. Gleichzeitig
nehmen seit den 1980er Jahren die politiques du guichet, dt. ‚Schalterpolitiken‘, zu
(vgl. Dubois 2010) – auf administrativer, institutioneller Ebene wird über Bescheide
von Migrant_innen entschieden. Menschen ohne gültige Papiere, Geflüchtete und
andere illegalisierte Personen suchen nach neuen Möglichkeiten, der restriktiven
Ordnung zu begegnen:

Europa erinnert zunehmend an eine Festung, die ihre Eintrittstore verengt, während
sich Menschen nach alternativen Durchgängen umsehen und ihre Migrationsstrate-
gien modifizieren, mit dem Ziel, den Einfluss dieser neuen Beschränkungen zu un-
terlaufen. (Morokvasic-Muller 2003: 162f)

Die Grenzpolitik, reguliert durch eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik


„von oben“, wird durch Akteure „von unten“ unterwandert und damit in Frage ge-
stellt.

Während Länder wie Rumänien, Bulgarien und Kroatien bei den letzten EU-
Osterweiterungen Teil der insgesamt 28 Mitgliedsstaaten wurden und eine Mitglied-
schaft der Türkei zumindest in Erwägung gezogen wird, sind Tourist_innen der
Maghreb-Staaten seit der Unterzeichnung des Schengen-Abkommens visumspflich-
tig. Trotz der französischen Interessen und der historisch-politischen Präsenz im
südlichen Mittelmeerraum, zeichnet sich eine klare Präferenz für die Staaten des
ehemaligen Ostblocks ab. Die Orientierung der EU nach Osten, hat Catherine Withol
de Wenden zufolge auch ethisch-kulturelle Gründe: „Die Westeuropäer ihrerseits
Europapolitische Einflüsse 113

sehen in den Osteuropäern eine Möglichkeit, die Einwanderungsströme zu diversifi-


zieren und die Präsenz des Islam im europäischen Raum zurückzudrängen; Migran-
ten aus dem Osten erscheinen ,europäischer‘.“(De Wenden 1994: 65) Bilaterale
Regelungen wie spezielle Handelsabkommen fördern den Export aus Ländern wie
Algerien, Tunesien oder Marokko, sollen aber auch den Strom der Flüchtlinge nach
Europa begrenzen.

Die Grenzen der Abschottungspolitik und der Willen vieler Menschen, ihre Her-
kunftsländer zu verlassen, um in der EU zu leben, werden in der sogenannten Flücht-
lingskrise in Europa 2015 deutlich. Der Bürgerkrieg in Syrien, die Unterdrückung
durch islamischen Terrorismus oder die Menschenrechtslage in Afghanistan, Pakis-
tan, Eritrea, Nigeria oder Somalia lösen neue Migrationsströme aus. Sie sind von der
EU nur schwer zu steuern. Um die Flüchtlingszahlen zu begrenzen, werden die
Westbalkanstaaten zu sicheren Herkunftsländern erklärt.

Familien- und Arbeitsmarktpolitiken

Die sozialpolitischen Fortschritte einer Europapolitik werden zum Beispiel an der


Festsetzung von Mindeststandards für Arbeitsmigration, Asylentscheide, Familienzu-
sammenführung, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und menschenwürdi-
gen Wohnraum bemessen. Die EU-Antidiskriminierungsrichtlinien wurden 2006 in
Deutschland durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) umgesetzt und
in Frankreich setzt sich die Rechtsbehörde Haute Autorité de Lutte contre les
Discriminations seit 2004 mit Diskriminierung aufgrund von Merkmalen wie Her-
kunft, Behinderung, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, Weltanschauung oder
Aussehen auseinander.

Die Gleichstellung von Mann und Frau im Sinne eines gender mainstreaming soll
EU-weit gefördert und die Erwerbstätigkeit der Frau gesteigert werden (Barcelona-
Ziele 2002). Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird mit Blick auf den demografi-
schen Wandel eine familienpolitische Leitlinie der EU (vgl. Daly & Martin 2013,
Martin 2010b). Im Sinne einer Defamilialisierung, das heißt einer Minderung der
Abhängigkeit der Menschen von familiären Verpflichtungen, wird im Europaziel
2010 eine Betreuungsquote von 33% für unter Dreijährige angestrebt. Die mit der
114 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Lissabon-Strategie forcierte Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der EU rückt die


employability der Menschen in den Vordergrund. Die EU propagiert das adult wor-
ker model (vgl. Lewis 2003). Erwerbstätigkeit wird so zum Maßstab sozialer Integra-
tion und bestimmt über den Anspruch auf soziale Rechte.

Nach der EU-Leitlinie sollen alle Menschen erwerbstätig sein können. Es muss je-
doch darauf hingewiesen werden, dass Care-Verpflichtungen weiterhin existieren. In
der Migrations- und Geschlechterforschung wird gefordert, dass Migrant_innen über
geleistete Care-Arbeit Staatsbürgerschaftsrechte erlangen (Apitzsch 2014, 2012;
Dang & Letablier 2009; Gerhard 2010; Molinier/Laugier/Paperman 2009; Nakano
Glenn 2009).32 In Kanada gibt es mit dem Live-in care giver program bereits diese
Möglichkeit, auch wenn die Verpflichtung, über längere Zeit im Haushalt der
Arbeitgebenden zu leben, zu neuen Formen der Ausbeutung führen kann (vgl. Hodge
2006). Der Zugang zum Staatsbürgerschaftsrecht ist für viele Care leistende Migran-
tinnen dann allerdings nicht mehr von dem Status und dem Beschäftigungsverhältnis
des (Ehe-)Partners abhängig. Dennoch erreicht diese Regelung weiterhin nicht Mig-
rantinnen, die unbezahlte Reproduktionsarbeit leisten und deshalb nicht als aktive
Erwerbsbürgerinnen gelten.

Derzeit liegt eine Möglichkeit, über Kinderbetreuung legal nach Europa zu gelangen,
für junge Menschen in einem Au-pair-Jahr (vgl. Glaeser & Kupczyk 2015, Glaeser
2014c). Im Europarat wird über Migrations- und Arbeitsmarkpolitiken beraten, wel-
che jungen Au-pairs eine rechtliche Absicherung verschaffen sollen. Diese jungen
Frauen, und später auch zunehmend Männer, werden vordergründig als Kulturinte-
ressierte beschrieben, die für ein Jahr in eine Familie des Auslands reisen, um – so
steht es in einem deutschen Ratgeber von 1989 – „der Hausfrau das Leben zu erleich-
tern“ (Mulder 1989: 39) und im Gegenzug über freie Kost und Logis Sprach- und

32
Brouckaert & Longman stellen in ihrer Studie zu Care-Arbeit von Müttern ohne Papiere in
Frankreich und Belgien auch heraus, dass travail maternel (Mütterarbeit) als Strategie zur Aner-
kennung einer möglichen Staatsbürgerschaft genutzt werden kann: « Le travail lié aux soins
apportés aux enfants depuis une position de ‘sans-parts’ peut reproduire, contester ou fournir,
dans son accomplissement, des solutions de rechange aux discours dominants sur le maternage.
Ces pratiques contre-hégémoniques peuvent être prises en compte comme des pratiques ci-
toyennes qui, au-delà de la sphère privée, affectent la sphère publique et dépassent par consé-
quent la notion classique de la citoyenneté. » (Brouckaert & Longman 2011: 169)
Europapolitische Einflüsse 115

Kulturkenntnisse zu erwerben. Das 1969 vom Europarat beschlossene Europäische


Übereinkommen über die Au-Pair-Beschäftigung beschreibt den Inhalt des Au-pair-
Austausches in Artikel 2 wie folgt:

“Au pair” placement is the temporary reception by families, in exchange for certain
services, of young foreigners who come to improve their linguistic and possibly profes-
sional knowledge as well as their general culture by acquiring a better knowledge of the
country where they are received. (Council of Europe: 2)

Außerdem gibt es unter anderem folgende Regelungen vor: die Au-pair-Beschäftigung


kann max. auf ein zweites Jahr verlängert werden, das Au-pair darf nicht jünger als 17
und nicht älter als 30 Jahre sein, es muss ein Gesundheitszertifikat nachweisen, es
kommt ein schriftlicher Vertag zwischen dem Au-pair und der Familie zustande, eine
Kopie des Vertrags geht an eine institutionelle Autorität des Aufnahmelandes, das Au-
pair erhält Taschengeld sowie ein privates Zimmer und Verpflegung, es hilft der Gast-
familie im Durchschnitt fünf Stunden am Tag, ihr soll der Besuch einer Sprachschule
ermöglicht werden und die Gastfamilie schließt eine Krankenversicherung für das Au-
pair ab beziehungsweise zahlt entsprechende Beiträge (vgl. Council of Europe: 2ff).
Während in Frankreich das Europäische Übereinkommen über die Au-Pair-
Beschäftigung 1971 in Kraft trat (neben Dänemark, Norwegen, Italien 1973, Spanien
1988) hat Deutschland das Übereinkommen bis heute nicht ratifiziert. Die Beschäfti-
gung von Au-pairs, oft durch kostenpflichtige Vermittlungsorganisationen realisiert,
erfolgt wenn, dann lediglich in Anlehnung an dieses Statut. Daher ergeben sich für
Au-pairs in Deutschland und Au-pairs in Frankreich unterschiedliche rechtliche
Rahmenbedingungen.
116 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

3.5 Zusammenfassender Vergleich

In Folge der Industrialisierung entstand in Westeuropa ein Dienstbotenwesen in den


Städten und die bürgerliche Kleinfamilie etablierte sich zunehmend, bis sich das
Dienstbotenwesen Anfang des 20. Jahrhunderts wieder auflöste. Der Frau wurde die
Sphäre der Privatheit und des Haushalts als auch die kostenfreie Reproduktionsarbeit
zugeordnet. Über die Jahrhunderte entstanden in Europa in Folge der Französischen
Revolution und der industriellen Revolution unterschiedliche Modelle von Sozial-
staaten, die in modernen Wohlfahrtsstaaten beziehungsweise Wohlfahrtsregimen
mündeten und citizenship zur Bedingung sozialer Zugehörigkeit machten. In Ver-
schränkung mit der ansteigenden Erwerbstätigkeit der Frau im 20. Jahrhunderts di-
33
versifizierten sich die Lebensformen. Diese Pluralisierung der Lebensformen in
einer Phase des postindustriellen Kapitalismus (Fraser 2001: 69-70) wird von einem
zwingenden Care-Defizit begleitet. Migrantische Care-Arbeiterinnen streben heute
verstärkt in die Haushalte oder Dienstleistungssektoren des globalen Nordens, um
dort ihre Dienste anzubieten.

Die Sozialpolitiken Frankreichs und Deutschlands im 20. Jahrhundert entwickelten


sich zu großen Teilen unter inversen Voraussetzungen, angefangen mit der Bevölke-
rungsentwicklung. Wegen der vergleichsweise niedrigen Population gemessen an der
Entwicklung im übrigen Europa, vor allem beim Nachbarn Deutschland, begann
Frankreich bereits im 19. Jahrhundert politischen Einfluss auf die Erhöhung der
Geburtenrate zu nehmen. Im Mittelpunkt der Bismark’schen Gesetzgebung stand die
Arbeiterpflichtversicherung von 1889 und der Schutz vor Invalidität als Antwort auf
die Soziale Frage. Damit wurde vor allem der Industriearbeiter angesprochen und das
Familienernährer-Modell begründet. Das französische Versicherungssystem beruhte
jedoch zunächst auf dem Genossenschaftsgedanken und damit auf Freiwilligkeit. Mit
den Fürsorgegesetzen ab 1893 rückte dafür der Schutz von kinderreichen Familien,
Müttern und älteren Menschen als auch eine kostenfreie Gesundheitsfürsorge in den

33
Claude Martin spricht von einer „Diversifikation“: « Les familles se sont diversifiées, les
femmes ont entrées massivement sur le marché du travail salarié, la fécondité a chuté, alors que
le nombre des divorces, des familles monoparentales et reconstituées a considérablement aug-
menté. » (Martin 2010 : 40). Siehe auch Martin 2009.
Zusammenfassender Vergleich 117

Vordergrund der ersten sozialpolitischen Anstrengungen. Mit ihrem


pronatalistischem Ansatz gilt die Familienpolitik in Frankreich als eine der ältesten
Europas. In Frankreich ist die Sozialpolitik aus Fürsorgegesetzen hervorgegangen, in
Deutschland wurden Care-Politiken umgekehrt von der sich etablierenden Sozialpoli-
tik abgeleitet. Der Sozialstaat in Frankreich geht daher aus einer Politik der
pronatalistischen Fürsorge hervor, während der Sozialstaat in Deutschland eine Poli-
tik der Fürsorge erst mit der Erosion des Ernährer-Modells anderen politisch moti-
vierten Maßnahmen folgen ließ.

Während in Deutschland eine höhere Landflucht von verarmten Bauern einsetzte und
sich die industrielle Revolution schlagartiger entwickelte, wirkten sich diese Verän-
derungen in Frankreich auf die Landwirtschaft weniger stark aus. Hierdurch wurden
auch die Verstädterung und die Vermarktung des Dienstmädchens durch die moderne
Wirtschaft verzögert.

Im geschichtlichen Verlauf haben Frankreich und Deutschland etwa die gleiche


Anzahl von Einwandernden aufgenommen. In Frankreich war dies ein Prozess ge-
steuerter Migrationspolitik, während es in Deutschland vor allem während der Gast-
arbeiterperiode und in den Jahren zwischen 1988 und 1996, nach dem Fall der Mau-
er, zu starken Einwanderungsperioden kam – diese wurden von einer restriktiven
Einwanderungspolitik begleitet. Beide Länder haben bis 1970 Asylsuchenden Auf-
nahme gewährt. Allerdings hat Frankreich eine ältere Immigrationsgeschichte: „Vor
dem übrigen Europa, ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, begann Frankreich
Zuwanderer in hoher Anzahl aufzunehmen – zur selben Zeit, als Deutschland seinen
demografischen Überschuss in die Neue Welt exportierte.“ (Héran 2011: 20) Zuwan-
derung aus den ehemaligen Kolonien spielte überdies nach dem Zweiten Weltkrieg in
Frankreich eine bedeutende Rolle. Die Migrationspolitik in Deutschland ist vom ius
sanguinis geprägt, wohingegen die französische Migrationspolitik schon früher Re-
gelungen schuf, die wesentlich an politische Zugehörigkeit und das Geburtsortsprin-
zip knüpfen. Heute setzen beide Länder eine Migrationspolitik um, welche sich stär-
ker an den Erfordernissen des Arbeitsmarktes des jeweiligen Inlands orientieren soll.
Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland sind vor allem die Möglichkeiten für
Nicht-EU-Bürger_innen, legal einzureisen, deutlich begrenzt worden. Während die
118 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU erweitert wird, werden die äußeren


Grenzen stärker abgeschottet. Eine gemeinsame europäische Einwanderungspolitik
tritt allerdings vor den Interessen der Nationalstaaten, wie zum Beispiel bei der Dritt-
staatenregelung für Asylsuchende, noch in den Hintergrund. Zudem stellt die aktuelle
sogenannte Flüchtlingskrise von 2015 die europäischen Länder vor neue Herausfor-
derungen.

Im Westdeutschland der Nachkriegszeit spielte Familienpolitik, wenn überhaupt,


dann eine untergeordnete Rolle. Während in Deutschland über die Soziale Markt-
wirtschaft Korrekturen an marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen vorgenommen
wurden, betrieb Frankreich stattdessen eine aktive Sozialpolitik, die weiterhin in der
Familienpolitik ihren prägendsten Ausdruck fand. Vor allem förderte es neben Ganz-
tagsschulen einen massiven Ausbau der Betreuungsplätze. Die „Politik des dritten
Kindes“ unterstützte gezielt kinderreiche Familien, um die Geburtenrate konstant zu
halten. Das Ernährer-Modell war in Frankreich wesentlich geringer ausgeprägt und
löste sich bereits in den 1970er Jahren auf, da die Beschäftigung von Frauen in den
1960er Jahren stark wuchs. Allerdings wird in Frankreich neuerdings im Zuge einer
„Politik der Wahl“, die vor allem für gering Verdienende ein relativ hohes Erzie-
hungsgeld verspricht, vor einem Nachlassen der Erwerbstätigkeit von Müttern ge-
warnt. Der demografische Wandel setzte in Deutschland erst um 1970, und dafür
umso stärker, ein. Hilfen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurden nur zöger-
lich eingeführt, und das Ernährer-Modell wandelte sich im Zuge einer erhöhten Er-
werbstätigkeit von Frauen zu einem Modell aus Hauptverdiener und Nebenverdiene-
rin in Teilzeit. Ausdruck dieser beiden unterschiedlichen Entwicklungen sind außer-
dem das Familiensplitting in Frankreich und das Ehegattensplitting in Deutschland.
Das Familiensplitting (Quotient familial) nach französischem Modell berücksichtigt
die Anzahl vorhandender Kinder, wohingegen das Ehegattensplitting in Deutschland
einen Steuervorteil für Verheiratete beziehungsweise eingetragene Lebenspart-
ner_innen unabhängig von der Kinderzahl vorsieht. Auch wenn Eheschließungen in
beiden Ländern nachlassen, orientiert sich die deutsche Gesetzgebung immer noch
stärker am „besonderen Schutz“ der Ehe. Die Ehe können nur gegengeschlechtliche
Paare eingehen, die eingetragene Lebenspartnerschaft nur gleichgeschlechtliche
Zusammenfassender Vergleich 119

Paare. In Frankreich hingegen stehen beide Modelle sowohl gleichgeschlechtlichen


als auch gegengeschlechtlichen Paaren offen.

Policies und kulturelle Praktiken verschränken und bedingen sich gegenseitig. So


wird die Autorität des französischen Staates, der seine Aufgabe darin versteht, Kin-
der zu schützen und ihnen zu gleichen Chancen zu verhelfen, von Eltern weitestge-
hen anerkannt beziehungsweise gefordert. In Frankreich ist die Fremdbetreuung von
Kindern gesellschaftlich akzeptiert und die Erwerbstätigkeit der Mütter wird positiv
bewertet, wohingegen die Sorge um das Wohl des Kindes in Deutschland mit der
Erwerbstätigkeit der Mutter abgewogen wird. Durch traditionelle, konservative Poli-
tik hat sich in Deutschland der Wandel von Normen und Werten deutlich verzögert.

Die Umverteilung von Haushalts- und Sorgetätigkeiten in Partnerschaften stellt in


beiden Ländern ein Problem dar, weil der männliche Teil der Bevölkerung trotz
Väterzeiten immer noch weitestgehend davon entpflichtet bleibt. Mit den an das
Elterngeld geknüpften Vätermonaten oder dem ElterngeldPlus setzt die deutsche
Politik jedoch Anreize, Männer in die Fürsorge einzubeziehen. Der französische
Staat hingegen befreit Männer bis heute gänzlich von Care-Verantwortungen. Zwei
Wochen Vaterschaftsurlaub und ein nur sehr geringes Erziehungsgeld führen kaum
zu einer verstärkten Partizipation des Mannes in Frankreich.

Die sinkenden Geburtenraten in Deutschland, eine höhere Lebenserwartung und die


steigende Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt bleiben in Deutschland kritisch. Die
Geburtenraten verharren seit mehreren Jahrzehnten auf einem niedrigen Niveau:
„Deutschland – und speziell das frühere Bundesgebiet – ist weltweit das einzige
Land, in dem das niedrige Geburtenniveau um circa 1,4 Kinder je Frau bereits seit
fast 40 Jahren zu beobachten ist. In Europa war die Bundesrepublik Deutschland
bereits Anfang der 1970er Jahre das Land mit der niedrigsten Geburtenhäufigkeit.
1977 sank die Geburtenziffer erstmalig auf 1,4 Kinder je Frau.“ (Destatis 2012b: 40)
Heute hat Frankreich eine der höchsten Geburtenraten Europas, während Deutsch-
land eine der niedrigsten der Welt verzeichnet. Von einer hohen Population ausge-
hend, sank in Deutschland erst mit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die Gebur-
tenrate und beträgt heute 1,38 (vgl. BMFSFJ 2011: 8). Entsprechend niedrige Gebur-
tenraten werden sonst nur in Japan oder Italien konstatiert. Frankreich indessen hatte
120 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

schon im 19. Jahrhundert mit einer niedrigen Geburtenrate zu kämpfen, verzeichnet


jedoch heute eine Geburtenrate von 2,1 (vgl. BMFSFJ 2011: 7). In Frankreich waren
2011 67% der Mütter erwerbstätig – davon arbeiteten 65% Vollzeit und 35% Teilzeit
(vgl. Insee 2011). In Deutschland waren 2011 60% der Mütter erwerbstätig – davon
arbeiteten 30% Vollzeit und 70% Teilzeit (vgl. Destatis 2012c). Der Anteil von Frau-
en im Niedriglohnsektor und die Armutsgefährdungsquote alleinerziehender Mütter
fallen in Frankeich deutlich geringer aus als in Deutschland. Offenbar ist in Frank-
reich die Integration der Frau in den Erwerbsarbeitsmarkt vergleichsweise günstiger
verlaufen. Allerdings ist die Arbeitslosenquote in Frankreich mit etwa 10% fast dop-
pelt so hoch als in Deutschland (vgl. Eurostat).

Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland arbeiten viele Migrantinnen im Dienst-


leistungs- und Pflegesektor. Es empfiehlt sich jedoch, in Frankreich eher von einer
großen Care-Nachfrage (demande de care) als von einem Defizit zu sprechen, da
mehr Care-Dienstleistungen zu Verfügung stehen als in Deutschland.

Ein Paradigmenwechsel in Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf
findet in Deutschland mit dem TAG von 2005 statt, das Eltern einen Betreuungsplatz
ab 2013 staatlich garantiert. Damit beginnen auch die Professionalisierung der Kin-
dertagespflege und ihre Gleichstellung gegenüber anderen öffentlichen Betreuungs-
formen. In Frankreich existiert der Beruf der assistante maternelle mit Arbeitneh-
merstatus schon seit 1977 und wurde sukzessive ausgebaut, durch Subventionen auch
für Eltern gestützt und dadurch größtenteils regularisiert. Die Arbeitsstatus und -
standards der Kindertagespflege und ihre Nutzung durch Eltern sind daher in Frank-
reich wesentlich höher als in Deutschland. Während in Frankreich Tageseltern häufi-
ger in Anspruch genommen werden als Krippenplätze, sind Kleinkinder in Deutsch-
land hauptsächlich in Krippen betreut. Allerdings besteht in beiden Ländern eine
Tendenz der Prekarisierung von Tageseltern, wobei dies in Frankreich vordergründig
jene in den Sozialbauvierteln betrifft.
Statistischer Überblick 121

3.6 Statistischer Überblick

Frank- Deutsch- EU-


reich land Durch-
schnitt
FAMILIE UND
ERWERBSTÄTIGKEIT
Eheschließungen pro 1 000 Ein- 3,61 4,61 4,21
wohner 2011
Scheidungsziffer pro 1 000 Ein- 2,01 2,31 2,01
wohner 2011
Geburtenrate 2012, Kinder je Frau 2,12 1,42 1,62
Durchschnittliches Alter der Mut- 30,1 Jahre3 30,5 Jahre3 29,8
ter bei der Geburt 2011 Jahre3
Kinderlosenquote der 10%4 20%4;
Frauen 2011 23%5 (West
2012),
15%5 (Ost
2012)
4
Anteil außerehelicher 51% 30%4
Geburten 2007
Erwerbstätigenquote* der 20- bis 69,9%1 77,7%1 69,2%1
64-Jährigen 2014
Erwerbstätigenquote Frauen 1997 57,4%1 58%1 55%1
Erwerbstätigenquote Frauen 2014 66,2%1 73,1%1 63,5%1
Erwerbstätigenquote Männer 1997 73,3%1 75,6%1 75,3%1
Erwerbstätigenquote Männer 2014 73,7%1 82,2%1 75%1
Aktive Erwerbstätigkeit Mütter 67%2 60%5
2010
122 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Frankreich Deutschland EU-


Durch-
schnitt
Aktive Erwerbstätigkeit 77,5%5 (2011) 84%5 (2010)
Väter
Teilzeitquote Frauen 2009 29,8%1 45,3%1
Teilzeitquote Mütter 34,9% (2011)3 70%5 ;
75%5 (West),
45%5 (Ost)
(2012)
Vollzeitquote Mütter 65,1% (2011)3 30%5;
22%5 (West),
53%5 (Ost)
(2012)
Beide Partner mit minder- 54,1%4 (2010) 52%5 (2009)
jährigen Kindern sind er-
werbstätig
Vollzeiterwerbstätigenquote 65,1%3(2011) 27%5 (2009)
von Müttern in Paarfami-
lien
Erwerbslosenquote von 9,8%5 5,6%5 9,7%5
Frauen 2011
Erwerbslosenquote von 8,8%5 6,2%5 9,5%5
Männern 2011
Anteil der 15- bis 64- 33,7%1 28,6%1 35,7%1
jährigen Frauen zur Gruppe
der Nichterwerbspersonen
2009
Anteil hoch qualifizierte 36%5 26%5 32%5
Frauen 2011
Statistischer Überblick 123

Frankreich Deutschland EU-


Durch-
schnitt
Anteil hoch qualifizierte 30%5 29%5 26%5
Männer 2011
Anteil Frauen an Führungs- 39%5 30%5 34%5
positionen 2010
Anteil aller Frauen, die im 7,9%1 28,7%1 21,2%1
Niedriglohnsektor** arbei-
ten 2010
Anteil der erwerbstätigen 79%1 (2005) 77%5 (2010)
Frauen im Gesundheits-
und Sozialwesen
Unbereinigter Gender Pay 16%5 23%5 16%5
Gap 2010
Durchschnittliche Wochen- 41,1 Stnd.1 41,9 Stnd.1 41,6 Stnd.1
arbeitszeit von Vollbeschäf-
tigten 2012
Erwerbstätigenquote der 39%5 53%5 40%5
55- bis 64-Jährigen Frauen
2011
Erwerbstätigenquote der 44%5 67%5 55%5
55- bis 64-Jährigen Männer
2011

FAMILIE UND
BETREUUNG
Kinder unter 3 Jahren:
Kinderbetreuungsdichte (0- 28%4 9%4
2 Jahre) 2007
Ausschließliche Betreuung 45%1 68%1 51%1
durch die Eltern 2009
124 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Frankreich Deutschland EU-


Durch-
schnitt
Betreuungsquote 2008 41%1 20%1 ; 28%1
15%1(West),
46%1(Ost)
Betreuungsquote 2015 43% (2010)1 32,9%5; 28,25
(West), 51,95
(Ost)
Davon betreut in einer 34,65%6 85%5 (2014)
Kindertageseinrichtung (2007)
Davon betreut über eine 56,7%6 (2007) 15%5 (2014)
Tagesmutter
Wöchentliche 18% (1 bis 29 9% (1 bis 29
Betreuungszeit 2011 Stnd.) Stnd.)
26% (30 Stnd. 15% (30 Stnd.
oder mehr)1 oder mehr)1
Kinder über 3 Jahren:
3 Jahre bis Schulpflicht - 95%1 89%1 83%1
Nutzung formaler Kinder-
betreuung 2009
Durchsch. Nutzungsdauer
formaler Kinderbetreuung
pro Woche in Stunden:
Unter 3 Jahre 30,41 29,71 25,81
3 Jahre bis Schulpflicht 29,41 26,91 28,61
1 1
Schulpflicht bis 12 Jahre 30,4 27,8 29,71

ALLEINERZIEHENDE
Haushalte Paare mit Kin- 39,9%1 29,5%1
dern 2008
Statistischer Überblick 125

Frankreich Deutschland EU-


Durch-
schnitt
Haushalte Alleinerziehende 8,4%1 7,1%1
2008
Alleinerziehender Elternteil 85%3 (2011) 90%5 (2009)
ist die Mutter
Anteil von armutsgefährde- 26%1 30%1 32%1
ten Alleinerziehenden, 2005
Vollzeiterwerbstätigenquote 71,3%3 (2011) 42%5 (2009)
alleinerziehender Mütter

KINDERTAGESPFLEGE
Beschäftigte in der Kinder- 99,5%3 97%5
tagespflege sind Frauen
Anzahl der Tagesmütter 306 2568 (aktiv) 52 0005
2010 855 0006
944 300
Dadurch bestehende Plätze (2012)6

STAATLICHE LEISTUN-
GEN
Familienbezogene Trans- 1,39% des BIP7 1,43% des
fers als Geldleistung 2005 BIP7
Familienbezogene Trans- 1,62% des BIP7 0,74% des
fers als Sachleistung 2005, BIP7
auch Familiendienstleistun-
gen genannt
Familienbezogene Trans- 0,77% des BIP7 0,87% des
fers als Steuervergünsti- BIP7
gungen 2005
126 Care-Politiken in Frankreich und Deutschland

Frankreich Deutschland EU-


Durch-
schnitt
MIGRATION
Betreuungsquote der unter Keine Daten 25%5;
dreijährigen Kinder ohne verfügbar 17%5 (West),
Migrationshintergrund 2009 49%5 (Ost)
Betreuungsquote der unter Keine Daten 11%5;
dreijährigen Kinder mit verfügbar 9%5 (West),
Migrationshintergrund 2009 16%5 (Ost)

* Die Erwerbstätigenquote wird berechnet, indem die Zahl der erwerbstätigen Personen im
Alter zwischen 20 und 64 Jahren durch die Gesamtbevölkerung derselben Altersgruppe divi-
diert wird. Der Indikator beruht auf der EU-Arbeitskräfteerhebung. In der Erhebung wird die
gesamte in privaten Haushalten lebende Bevölkerung erfasst. Keine Berücksichtigung finden
Personen, die in Anstaltshaushalten (Pensionen, Wohnheime, Krankenhäuser usw.) leben. Zur
erwerbstätigen Bevölkerung zählen alle Personen, die in der Berichtswoche mindestens eine
Stunde lang gegen Entgelt oder zur Erzielung eines Gewinns arbeiteten oder nicht arbeiteten,
aber einen Arbeitsplatz hatten, von dem sie vorübergehend abwesend waren.

**Als Niedriglohnempfänger gelten diejenigen Arbeitnehmer, deren Bruttostundenverdienst


zwei Drittel oder weniger des nationalen Medianverdienstes beträgt.
1
Eurostat
2
Ined (Institut national d'études démographiques en France)
3
Insee (Institut national de la statistique et des études économiques)
4
OECD (Organisation for Economic Co-operation and Developement)
5
Destatis (Statistisches Bundesamt)
6
Drees (Ministère des Affaires sociales et de la Santé; recherche, études, évaluation et statis-
tiques)
7
BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)
8
CAF (Caisse nationale des allocations familiales)
4 Methodisches Vorgehen

Im Rahmen dieser Studie werden die Care-Politiken in Deutschland und Frankreich


anhand autobiografisch-narrativer Interviews mit migrantischen Tageseltern in bei-
den Staaten evaluiert und miteinander verglichen. Dafür wird der qualitative Ansatz
der „Biografischen Policy-Evaluation“ genutzt, den die Autorinnen Apitzsch,
Inowlocki und Kontos in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband Self-
Employment Activities of Women and Minorities vorschlagen (vgl.
Apitzsch/Inowlocki/Kontos 2008). Die Interviews wurden durch ethnografische
Feldstudien ergänzt.

4.1 Methodischer Zugang


Die „biografische Policy-Evaluation“

Die „biografische Policy-Evaluation“ verbindet, wie der Name sagt, den biografisch-
narrativen Ansatz qualitativer Sozialforschung mit einer Politikfeldanalyse: in bio-
grafischen Narrativen wird analysierbar, wie Politiken sich auf biografisches Han-
deln auswirken. Die Bedeutung einzelner Politiken für die Lösung des Care-Defizits
wird an den Narrativen jener, die die Care-Arbeit erbringen, untersucht. Auf diesem
Weg wird deutlich, wie policies – in dieser Studie vor allem Familien-, Migrations-
und Arbeitsmarktpolitiken – in Wechselwirkung zu Institutionen und anderen Akteu-
ren stehen. Care-Gebende informieren uns daher aus biografischer Perspektive über
die Bedeutung von Politiken für die gesamtgesellschaftliche Problematik des Care-
Defizits.

Lebenswege können von politischen Maßnahmen beeinflusst werden. Dennoch han-


deln die Menschen im Spektrum ihrer Möglichkeiten. Auf der Basis biografischer
Narrative, das heißt den von den migrantischen Tageseltern subjektiv rekonstruierten
Erfahrungen, werden unterschiedliche Ebenen erkennbar: das individuelle menschli-
che Verhalten, die formelle Organisation des Zusammenlebens und das politische

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


J. Glaeser, Care-Politiken in Deutschland und Frankreich,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19851-0_4
128 Methodisches Vorgehen

System. Mit dem empirischen Ansatz der biografischen Policy-Evaluation wird den
Verknüpfungen von Mikro, Meso-, und Makro-Faktoren nachgegangen:

It is rather the embeddedness of the biographical account in social meso- and macro-
structures that we are looking at, especially hierarchically controlled social situations
and other heteronomous social conditions that lead to exclusion, such as unemploy-
ment. (Apitzsch/Inowlocki/Kontos 2008: 13)

Es gilt daher, die Erzählungen der migrantischen Tageseltern in ihrem Kontext zu


betrachten. Die Individuen, beziehungsweise die Subjekte, agieren relational zu
äußeren Zusammenhängen: “Through biographical analysis we can analyze how
individuals act within the complexity of structural conditions and are also socialized
through policies in specific directions of action, affecting their strategies against
exclusion and towards social integration.” (Apitzsch/Inowlocki/Kontos 2008: 14) In
den Narrativen der Biografieträger_innen werden nicht nur äußere Bedingungen
betrachtet, sondern auch der Umgang der Menschen mit diesen Bedingungen, insbe-
sondere das strategische Handeln.

In der Biografieforschung werden Phänomene in ihrer Prozesshaftigkeit untersucht.


Für die vorliegende Studie ist diese Perspektive essentiell, weil die implementierten
Politiken im Laufe der sozialstaatlichen Entwicklungen immer komplexer geworden
sind. Einige Politiken wirken sich bis in die jüngste Zeit mehr oder weniger stark auf
den Care-Bereich und deren Akteure aus; andere vielleicht gar nicht. Manche wiede-
rum haben womöglich einen Effekt, der überhaupt nicht intendiert war. Zudem kön-
nen einzelne Gesetze einander in kürzester Zeit ablösen, sodass die Sozialforscherin
stets ein Rennen gegen die Zeit verliert, wenn sie den Effekt einer bestimmten policy
heute und jetzt feststellen möchte. Die Evaluation politischer Regulierungsversuche
kann immer nur retrospektiv verfolgt werden. Die Erzählungen der
Biografieträger_innen ermöglichen es, diese Prozesse zu rekonstruieren: “Thus, the
cumulative impact of policies as well as their effects over a longer period of time can
be understood through what we have termed biographical policy evaluation.”
(Apitzsch/Inowlocki/Kontos 2008: 13) In einer durch die Erzählung konstruierten
Lebensgeschichte können die Auswirkungen von policies rückwirkend nachvollzo-
gen werden. Somit werden die Erfahrungen der migrantischen Tageseltern dieser
Methodischer Zugang 129

Studie unter den jeweiligen politischen Ordnungen hervorgeholt. Darin werden auch
die Übergänge unterschiedlicher politischer Regulierungsversuche und die (nicht)
intendierten Effekte von policies auf biografisches Handeln deutlich.

Ethnografische Feldforschung

Ethnografische Feldstudien begleiteten die erhobenen biografisch-narrativen Inter-


views. Die teilnehmende Beobachtung der Kindertagespflegepersonen in ihren alltäg-
lich relevanten Lebens- und Arbeitszusammenhängen ergänzte somit die biografische
Politikfeldanalyse.34 Ethnographische Protokolle wurden angefertigt, Dokumente wie
Rechenbeispiele, Verträge oder Photographien mit in die Analyse einbezogen.

Dem Soziologen Stéphane Beaud zufolge wird eine sinnvolle Interpretation narrati-
ven Datenmaterials erst möglich, wenn auch die Interviewsituation selbst beobachtet
wird (vgl. Beaud 1996: 236).35 Orte und Personen beispielsweise, die die Interviewsi-
tuation konstituieren, liefern weitere Interpretationselemente. Die in dieser Studie
durchgeführten Interviews wurden entsprechend als Situationen teilnehmender Be-
obachtung begriffen. Auf diesem Weg konnten die Lebenszusammenhänge und
Sichtweisen der untersuchten Personen besser verstanden und die Validität der über
Interviewführung erlangten Daten überprüft werden. Wohnungen der Tageseltern,
Spielplätze und städtische Begegnungszentren wurden Teil dieser Studien. Die Inter-
aktionen der Tageseltern mit den Bediensteten der Städte und mit den Eltern erwie-
sen sich als die wesentlichsten kommunikativen Bezugspunkte innerhalb der Kinder-
tagespflege. Wenn Eltern beispielsweise ihre Kinder von einer Tagespflegeperson
abholten, konnten über die biografische Erzählung hinaus alltagspraktische Interakti-

34
Auch Catherine Delcroix betont den Einfluss von Politiken auf die Lebenswege von Menschen
und hebt in diesem Zusammenhang den Wert einer lebensweltlichen Erkundung des beforschten
Feldes hervor (vgl. Delcroix 2007: 2). Die sich vor allem in den 1960er Jahren in den USA unter
Harold Garfinkel entwickelnde ethnographische Methode wird häufig mit dem Werk „symboli-
scher Interaktionisten“ wie Herbert Blumer, Howard Becker und Erving Goffman assoziiert. Ha-
rold Garfinkel integrierte die Erkenntnisse vom vertrauten Alltagshandeln der Menschen und
dem vertraut machen des Fremden in seine empirische Forschung und entwickelte sie als kultur-
soziologische Ethnomethodologie weiter (vgl. Garfinkel 1967).
35
Siehe für eine weiterführende Lektüre auch Rostaing, Corinne (2010): « On ne sort pas indemne
de prison » ; Jounin, N. (2009): « Chantier interdit au public » ; Riemann, Gerhard (2005) :
“Ethnography of practice – Practising Ethnography“.
130 Methodisches Vorgehen

onen und ihre Bedeutung für die Konstruktion sozialer Wirklichkeit beobachtet und
interpretiert werden.

Die interviewte Person im sozialen Feld der Kindertagespflege, als auch das Ich als
interviewende Person, spielten eine die Situationen und Forschungsergebnisse prä-
gende Rolle. Ich ordnete die Menschen, die mir begegneten, ein und mobilisierte
dabei (unbewusst) Stereotypen, oder, wie Herbert Blumer pointiert: “All of us, as
scholars, have our share of common stereotypes that we use to see a sphere of empir-
ical social life that we do not know.” (Blumer 1969: 30) Die Tageseltern, auf der
anderen Seite, kategorisierten auch mich. Persönliche Erkennungsmerkmale wie
unter anderem Größe, Alter und Hautfarbe beeinflussten die gegenseitige Wahrneh-
mung des Anderen. Im Verlauf der Studie entwickelte ich „Strategien der Inszenie-
rung“, des impression managements beziehungsweise der self-presentation (vgl.
Goffman 1959).36 Da die Kindertagespflege ein mit aller Auffälligkeit von Frauen
dominierter Bereich ist, spielte die Kategorie Geschlecht als Erkennungsmerkmal
eine große Rolle. “There is often some scope, then, both for capitalizing on gender
roles and for renegotiating some aspects of them for the purposes of the fieldwork.”
(Atkinson & Hammerslay 2007: 75) Vor allem der für diese Arbeit sehr bedeutend
gewordene Einblick in die häusliche Sphäre der Tagesmütter eröffnete sich mir als
Frau relativ schnell. Andererseits kann nicht ausgeschlossen werden, dass mir auf-
grund von Identitätszuschreibungen Dinge nicht erzählt wurden, über die Männer
vielleicht in besonderer Form aufgeklärt worden wären.

Catherine Delcroix hat in ihrer Studie zu der Familie Nour die Methode angewandt,
lange zu beobachten (vgl. Delcroix 2001; Delcroix 2007; Delcroix 2010: 131). Mit
der Zeit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Umgebung sich an den Forschenden
gewöhnt und wieder „authentischer“ handelt. Um ein vertrauliches Arbeitsbündnis
herzustellen und einen „gemeinsamen Pakt“ (vgl. Beaud 1996 : 236) zu schließen,
traf ich mich mit manchen Tageseltern häufiger, dehnte Feldforschungsaufenthalte
aus oder händigte ihnen die angefertigten Transkripte aus. In dieser Absicht legte ich

36
Siehe in diesem Zusammenhang auch den Artikel von Daniel Bizeul (1998): « Le récit des
conditions d’enquête : exploiter l’information en connaissance de cause ».
Theoretisches Sampling 131

außerdem offen, dass ich mich im Rahmen einer Dissertation für die Lebensge-
schichten migrantischer Tageseltern interessierte und bemühte mich, die Position
meiner Interviewpartnerinnen und -partner als Expertinnen ihres Feldes aufrechtzu-
erhalten. Ausdruck des Gelingens dieser Mission waren beispielsweise die Tee- oder
Kaffetassen, die im Eifer des Erzählens regelmäßig voll blieben.

4.2 Theoretisches Sampling


Eingrenzung des Forschungsgegenstands

Der Forschungsgegenstand in dieser Studie fokalisierte sich im Erhebungsprozess.


Auf dem Weg der Biografieforschung wollte ich das Outsourcing der Care-Arbeit auf
Migrant_innen nicht nur im Sektor der Kleinkindbetreuung, sondern auch in der
Altenpflege miteinander vergleichen. Diesen Vergleich wollte ich in Frankreich und
in Deutschland erheben, um wiederum die Ergebnisse der beiden Länder einander
gegenüberzustellen. Ich begann daher meine ersten Recherchen im Care-Sektor in
Deutschland und in Frankreich in einem sehr großen Spektrum: ich führte zunächst
biografisch-narrative Interviews mit migrantischen Altenpflegerinnen, Pflegehelfe-
rinnen, ambulanten Betreuerinnen und immerhin sechs Au-pairs (drei in Deutschland
und drei in Frankreich). Aber, wie Howard S. Becker in Tricks of the trade schreibt:
“We can’t have everything, for the most obvious practical reasons: we don’t have the
people to collect it and we wouldn’t know what to do with the mass of detail we’d
end up with if we did.” (Becker 1998: 74) Die Beobachtung, dass Mütter in Frank-
reich gemessen an der niedrigen Vollzeitquote erwerbstätiger Mütter in Deutschland
mit hohem Selbstverständnis erwerbstätig sind, schärfte schließlich den Blick für
migrantische Kindertagespflegepersonen.

In Frankreich werden Unterdreijährige in formaler Betreuung überwiegend durch


eine Tagsmutter versorgt. In Deutschland beginnt sich die Kindertagespflege im
Zuge des Ausbaus der Betreuungsplätze ebenfalls zu etablieren und gewinnt an Be-
deutung. Die unterschiedlichen Stadien der Professionalisierung und die damit in
Zusammenhang stehenden Care-politischen Ausrichtungen beider Länder drängen zu
einem Vergleich. Das gleiche Phänomen wird in unterschiedlichen Kontexten unter-
132 Methodisches Vorgehen

sucht und verglichen. Dadurch werden Gesetzmäßigkeiten ersichtlich, die der Wei-
tergabe der Care-Arbeiten von erwerbstätigen Eltern auf migrantische Kindertages-
pflegepersonen unterliegen. Daher wurde der Forschungsgegenstand auf die Kinder-
tagespflege in Deutschland und Frankreich eingegrenzt. Es sind in der Folge weitere
21 biografische Interviews mit migrantischen Tageseltern im Zeitraum von 2011 bis
2014 entstanden. Zehn davon wurden in Westdeutschland erhoben, elf in Frankreich.
Sie machen den Kern des empirischen Teils aus. Alle Interviews wurden eigenhändig
und vollständig transkribiert.

Zur Auswahl der Fälle

Der Fokus der Erhebungen in Deutschland richtet sich auf die alten Bundesländer,
weil im Osten und Westen heute unterschiedliche Kinderbetreuungskulturen existie-
ren. Der größere Kontrast zwischen Westdeutschland und Frankreich macht die Ein-
grenzung auf die alten Bundesländer plausibel. Vor der Wiedervereinigung verfolg-
ten die Familienpolitiken in der ehemaligen DDR und in der Bundesrepublik andere
Ziele:

Whereas central institutions in the former supported an employment-centred life


course for all adult workers, the institutional system in the latter promoted a family
break and part-time work for women with dependent children. (Pfau-
Effinger & Smidt 2011: 218)

Auch wenn die Familienpolitik Ostdeutschlands nach der Wende an die westdeutsche
angepasst wurde, gibt es weiterhin substanzielle Unterschiede im Arbeitsmarktver-
halten von Müttern. Immer noch sind Frauen mit Kindern in Ostdeutschland häufiger
erwerbstätig und die Betreuungsrate ist höher. Vollzeit arbeiteten beispielsweise
2012 in Westdeutschland 22% der erwerbstätigen Mütter, gegenüber 53% in Ost-
deutschland (vgl. Destatis). Außerdem wurden 2010 im Westen 35% der Kinder
unter drei Jahren in öffentlich geförderte Kinderbetreuung gegeben, gegenüber 71%
im Osten (Pfau-Effinger & Smidt 2011: 219). Ostdeutschland in das Sample einzu-
beziehen käme einem dreifachen Vergleich nahe, der aber im Rahmen dieser Arbeit
nicht geleistet werden kann.
Theoretisches Sampling 133

Als Interviewpartner_innen wurden akkreditierte Kindertagespflegepersonen ausge-


wählt, die in (oder in der Nähe von) Großstädten wohnen und Migrationserfahrung
haben. Aufgrund des hohen Bedarfs an Dienstleistungen in global cities ziehen viele
Migrant_innen in Großstädte, um Care-Arbeit zu leisten (vgl. Sassen 2003: 255). In
dieser Arbeit werden daher Metropolregionen fokussiert, deren politische und wirt-
schaftliche Bedeutung mit einem ausgeprägten und oft internationalen Dienstleis-
tungssektor verknüpft sind. Vergleichsdimensionen wie Herkunft, Alter, Bildungs-
stand, Familienstand oder etwa Geschlecht blieben zunächst offen.

Der Zugang zum Feld erfolgte über ein persönliches Kennenlernen der Tageseltern in
Begegnungsräumen oder über die Vermittlung verantwortlicher Personen in den
städtischen Behörden. Mit der Zeit entwickelte sich ein Spektrum, das mehr Inter-
viewmöglichkeiten eröffnete, als beantwortet werden konnten. Dieses Interesse er-
klärt sich, wie sich später herausstellte, aus der in der Öffentlichkeit eher wenig the-
matisierten Erfahrung, die migrantische Tageseltern in die Tätigkeit einbringen. Das
Interview eröffnete ihnen die Möglichkeit, diese Erfahrungen zu verbalisieren. Durch
das sich erweiternde Spektrum konnten die Fälle sukzessive relativ gut miteinander
kontrastiert und innerhalb der Gruppe der Tageseltern systematisch Unterschiede
maximiert werden.

Systematische Kontrastierung der Fälle

Ausgehend von den genannten Vorbedingungen sind die empirischen Erkenntnisse


dieses Projekts, wie bei der Grounded Theory vorgeschlagen (vgl. Glaser & Strauss
1967, Glaser 1978), von Fall zu Fall entstanden. Im Sinne eines abduktiven Verfah-
rens nach Peirce wurden die Dimensionen vom empirischen Material ausgehend
entwickelt und von theoretischen Vorkenntnissen über die Care-policy-Modelle
beider Nationalstaaten begleitet. Um für die Entdeckung neuer Phänomene offen zu
bleiben, wurden Hypothesen erst nach und nach im Forschungsprozess generiert und
überprüft: “It tests a hypothesis by sampling the possible predictions that may be
based upon it.” (Peirce 1958: 216) Die weitere Auswahl der Fälle entwickelte sich in
diesem Sinne entlang der Suche nach Kontrastfällen.
134 Methodisches Vorgehen

Howard S. Becker schlägt für die Auswahl der Fälle im Verlauf der Forschung vor:
“Once we have isolated such a generic feature of some social relation or process and
given it a name, and thus created a concept, we can look for the same phenomenon in
places other than where we found it.” (Becker 1998: 141) In Frankreich bin ich vor
allem auf maghrebinische Frauen gestoßen, in Deutschland auf Tageseltern aus den
postsozialistischen Ländern. Deshalb bezog ich auch Tageseltern aus Ländern des
globalen Südens mit ein. Die Migrantinnen und Migranten in Deutschland kommen
zu großen Teilen aus Ländern, die nicht zur EU gehören oder deren Herkunftsländer
erst im Laufe ihres Lebens Mitglied wurden. Allerdings sind auch einige Migrantin-
nen aus EU-Mitgliedsstaaten vertreten. Einzelne Tageseltern in beiden Ländern ge-
hören schon der zweiten Generation einer Einwanderungsfamilie an. Der normativen
Geschlechterordnung im Sektor Kindertagespflege konnten in Deutschland die Er-
zählungen zweier Tagesväter entgegengesetzt werden. In Frankreich sind zwei Frau-
en Hochschulabsolventinnen mit erhöhter Klassenmobilität, die Übrigen haben keine
abgeschlossene Schulbildung. In Deutschland gibt es jedoch keinen Fall ohne den
(angefangenen) Besuch einer Hochschuleinrichtung und Unterschiede in der jeweili-
gen Klassenmobilität ergeben sich erst durch die Wahl des Partners oder der Partne-
rin. Innerhalb der Länder wurden Kindertagespflegepersonen aus unterschiedlich
situierten Stadtteilen interviewt, was vor allem in Frankreich aufgrund der banlieues
(dt. ‚Sozialbauviertel‘ oder ‚Arbeiterviertel‘) eine Generalisierung des Phänomens
auf die Probe stellte. Die Kategorie des Familienstands unterlag schnell der theoreti-
schen Sättigung: Es fand sich keine kinderlose Person, da bei allen, wie sich heraus-
stellte, die eigenen Kinder den Anlass zum Eintritt in die Kindertagespflege gaben.
Nur eine Tagesmutter in Frankreich ist alleinerziehend. Das Alter der interviewten
Personen beginnt bei 32 Jahren, liegt im Durchschnitt bei 39-45 Jahren und wird um
einzelne Tageseltern um die 60, die bereits Enkelkinder haben, bereichert.

Das Kontrastieren der Fälle geschah in der Intention, den objektiven Gehalt des Er-
forschten „aus dem Allgemeinen im Besonderen“ zu beziehen: „Das Maß solcher
Objektivität ist nicht die Verifizierung behaupteter Thesen durch ihre wiederholende
Prüfung, sondern die in Hoffnung und Desillusion zusammengehaltene einzel-
menschliche Erfahrung.“ (Adorno 1958: 19) Ob die einzelmenschliche Erfahrung,
sofern die Forscherin sie isolieren kann, wiederum generalisierbar ist, zeigte sich im
Interviewtechnik und Narrationsanalyse 135

Vergleich mit anderen Fällen. Nachdem beispielsweise im Fall der Tagesmutter die
eigene Familiengründung als Auslöser für die Orientierung am Berufsfeld Kinderta-
gespflege identifiziert wurde, fand sich dasselbe Phänomen im kontrastierenden Fall
des Tagesvaters wieder.

4.3 Interviewtechnik und Narrationsanalyse


Prinzipien der Interviewführung

In der Forschungspraxis der autobiografisch-narrativen Interviewführung werden die


Gesprächspartner_innen dazu aufgefordert, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. In der
Folge (re)konstruieren sie ihre Lebensverläufe. Steuernde Eingriffe werden meist
vermieden, um dem subsumptionslogischen „Abtesten“ bereits bestehender Voran-
nahmen vorzubeugen. Die interviewte Person soll ihre Narration frei gestalten kön-
nen. Weil Lebenswege selten in geraden Linien verlaufen, sondern zumeist Brüche
beinhalten, die wiederum für die Forschungsergebnisse wesentlich sein können, ist
eine explorative, offene Haltung von Vorteil. Nach Möglichkeit wird erzählgenerie-
rend nachgefragt.

In seinem Roman Mein Name sei Gantenbein lässt der deutschsprachige Autor Max
Frisch seinen Protagonisten Entwürfe des Ichs anprobieren „wie Kleider“ und so
stellt Gantenbein auch folgerichtig fest: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder
später eine Geschichte, die er für sein Leben hält […] oder eine ganze Reihe von
Geschichten.“ (Frisch 1998: 49) Der Entwurf beziehungsweise die gespielte Rolle
des Ichs wird als Konstruktion begriffen. Auch jede Person, die aufgefordert wird,
ihre Lebensgeschichte zu erzählen, entwirft eine Geschichte (oder eine ganze Reihe
davon). Die Idee ihres sich von einem Punkt in der Vergangenheit bis in die Gegen-
wart und vielleicht darüber hinaus entwickelnden Ichs muss sie sprachlich herstellen.
Deshalb erfolgen die Interpretationen der in dieser Arbeit erhobenen Narrative als
Analysen sprachlich-kommunikativen Handelns. Insofern ist die Biografieanalyse
auch immer eine Form der Diskursanalyse (vgl. Rosenthal 2008:172). Nach dem
136 Methodisches Vorgehen

Prinzip der Sequenzialität wurden narrative Textteile dieser Arbeit an ihrer diskursi-
ven Form interpretiert, dabei beobachtet was wie erzählt wird und dann miteinander
verglichen.

Die erzählende Person muss das Ich beziehungsweise die eigene Lebensgeschichte
aus ihrer gegenwärtigen Lebenssituation heraus entwerfen. Sie muss daher die geleb-
te Zeit mit ihrer Position in der Jetzt-Zeit verknüpfen.

The construction of a life history is the mode by which the individual represents
those aspects of this past which are relevant to the present situation, i.e., relevant in
terms of the (future-oriented) intentions by which he guides his present actions. Life
histories are thus not a collection of all the events of the individual’s life course, but
rather “structured self-images”. (Kohli 1981: 65)

In Folge dieser Strukturierung wird die Prozesshaftigkeit und Veränderungsaffinität,


die im geschichtlichen Wandel und damit in der Konstruktion der Geschichte des
Individuums steckt, sichtbar – sowohl die Vergangenheit, die erlebte Jetzt-Zeit, als
auch die antizipierte Zukunft (Hoffnungen und Wünsche). Die migrantischen Tages-
eltern erteilten im Prozess der Erzählung, während sie das Selbst zeitlich strukturier-
ten, Auskünfte über subjektive Handlungsstrategien.

Techniken zur Analyse des Datenmaterials

Während des an das Interview anschließenden Analysevorgangs wurde untersucht


und unterschieden, was die Personen vor dem Hintergrund historisch-
gesellschaftlicher Geschehnisse ausdrücken und was sie darüber hinaus mitteilen.
Diese Vorgehensweise entlehnt sich unter anderem einem Zugang, der Psychoanaly-
se als sozialwissenschaftliche Methode beziehungsweise interpretierende Sozialwis-
senschaft entwickelte und der empirischen Sozialforschung nützlich machte (wie
zum Beispiel im Kreis der Frankfurter Schule in der Dialektik der Aufklärung von
Adorno und Horkheimer). In den 80er Jahren beispielsweise entwickelte Alfred
Lorenzer aus der therapeutischen Verfahrensweise der Psychoanalyse eine psycho-
analytische Kulturanalyse, die sogenannte Tiefenhermeneutik. Er beschreibt den
Interviewtechnik und Narrationsanalyse 137

Menschen als ein von zwei Sinnstrukturen bestimmtes Wesen, dem der Psychoanaly-
tiker durch „szenisches Verstehen“ in „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ folgt:

Psychoanalyse richtet sich auf beide Sinnstrukturen, indem sie in ihrer szenisch-
narrativen Analyse sich von der „Oberfläche“ her, vom sprachlich-manifesten Mit-
teilungssinn her auf den Weg zu den unbewußten Lebensentwürfen macht. (Lorenzer
2002: 224)

Manifeste, aber auch latente Sinnstrukturen werden bedeutend: Der manifeste Sinn
bezieht sich auf die bewussten und akzeptierten Lebensentwürfe (Erwartungen, In-
tentionen, Sorgen), der latente Sinn auf die unbewussten oder noch nicht bewussten
und verpönten Lebensentwürfe (Wünsche, Träume, Ängste). Die Aufmerksamkeit
für die Bedeutung von Unausgesprochenem, dem, was gerade nicht gesagt wird,
kann so geschärft werden (vgl. auch Memmi 1999: 135). Auch in der
Biografieforschung gilt: Wie nebensächlich Worte, Gesten und Fehlleistungen auch
erscheinen mögen, sie können manifest oder latent bedeutsam sein. Deshalb wurde
bei der Analyse der Narrative auch der Blickwinkel für das geschärft, was nicht
thematisiert oder über den „sprachlich-manifesten Mitteilungssinn“ hinaus gemeint
gewesen sein könnte.

Die Narrationsanalyse kann anhand der von Fritz Schütze aufgestellten idealtypi-
schen Prozessstrukturen des Lebensablaufs Erkenntnisse über aktive und passive
Handlungsmomente gewinnen. Schütze und Gerhard Riemann generalisieren in
diesem Zusammenhang das Konzept der trajectories von Anselm Strauss. Lebensläu-
fe können von sogenannten Verlaufskurven äußerlich determiniert beziehungsweise
gelenkt werden:

Trajectory processes of suffering convey a sense of fate in the life of the trajectory
incumbents; they force them to see themselves as controlled by strange outer forces
that cannot be influenced easily or at all. They reshape the present life situation, re-
verse expectations of the future, and mobilize reinterpretations of the life course.
(Riemann & Schütze 1991: 338)
138 Methodisches Vorgehen

Menschen können in Verlaufskurven geraten, die Prozesse des Leidens beinhalten.


Kollektive Verlaufskurven (wie zum Beispiel Kriege) können sich in individuelle
Handlungsparameter einschreiben oder diese verändern (vgl. Schütze 1980a: 22).
Trotz spezifischer Verlaufskurven-Potentiale können Menschen ihre Handlungen
aktualisieren, anpassen oder ändern: “On the basis of a new definition of the life
situation the person starts a systematic action scheme of controlling or escaping from
the trajectory dynamics.” (Riemann & Schütze 1991: 351)37 Es entstehen demzufolge
auch Möglichkeitsräume.

Einen ähnlichen Ansatz zur Analyse der Narrationen verfolgen Tamara Hareven und
Kanju Masaoka. Auf Basis des Konzepts von transitions können Übergänge in Le-
bensverläufen identifiziert werden. Damit sind zum Beispiel normative, einem be-
stimmten Zeitschema angepasste Übergänge gemeint, wie eine Erwerbsarbeit aufzu-
nehmen, von Zuhause auszuziehen oder zu heiraten. Als turning point wird ein
Übergang begriffen, normativ oder nicht, der als Krise, als kritischer Wandel oder als
Neubeginn erlebt wird (Hareven & Masaoka 1988: 272). Mit Hilfe dieses Konzepts
konnten Schlüsselmomente in den Lebensgeschichten meiner Interviewpartnerinnen
und -partner erkannt und in Hinblick auf den Kontext, in dem sie sich weiterentwi-
ckeln, analysiert werden.

Auch die das Individuum lenkenden (Struktur-)Kategorien werden durch Sprache


verfestigt und permanent verändert. Um diesen sprachphilosophischen Impetus auf
den Mikro-, Meso- und Makroebenen im Auge zu behalten, greift die Arbeit auf die
von Winkler und Degele vorgeschlagene Bedeutung von Intersektionalität zurück,
die eine Wechselwirkung zwischen den Ebenen sozial konstruierter Identitäten, sym-
bolischer Repräsentationen und gesellschaftlicher Sozialstrukturen vorsieht (vgl.
Winkler & Degele 2009: 15, 18). Ähnlich wie Bourdieu eine Verbindung von Struk-
turen und Handlungen, von Feld und Habitus, intendierte, schlagen die Autorinnen
ein auf Relationen gestütztes Vorgehen zur Analyse sozialer Ungleichheiten vor.
Ausgehend vom empirischen Material werden darin hergestellte Differenzkategorien
bestimmt und in ihrer Wechselwirkung mit den anderen Analyseebenen betrachtet.

37
Vgl. auch Schütze (1980b): „Prozeßstrukturen des Lebensablaufs“.
Interviewtechnik und Narrationsanalyse 139

Diese Arbeit folgte im Verlauf der Interpretationsprozesse dem Wechselspiel der


Analyseebenen. Beschrieben wurden die Identitäten in ihrer Konstruktion, mit der
Ebene symbolischer Repräsentationen verknüpft und schließlich auf der Ebene ge-
sellschaftlicher Sozialstrukturen beziehungsweise der relevanten policies in ihrer
Wechselwirkung gebündelt.

Objektivierungsprozesse und Praxisanalyseseminare

Die unauflösliche Reziprozität zwischen Forschenden und Forschungsfeld und die


Unmöglichkeit einer neutralen Haltung eröffnet die Frage nach Objektivität. Pierre
Bourdieu versuchte dieses Problem zu lösen, indem er sich selbst als objektivieren-
des Subjekt zu objektivieren suchte:

Da ich überzeugt bin, das man sich entfernen muss, um sich anzunähern, dass man
sich selbst einbringen muss, um sich auszuschließen, dass man sich objektivieren
muss, um die Erkenntnis zu entsubjektivieren, war mein erstes Objekt der anthropo-
logischen Erkenntnis ganz bewusst die anthropologische Erkenntnis selbst, und die
Differenz, die sie notwendigerweise von der praktischen Erkenntnis unterscheidet.
(Bourdieu 2003: 45)38

Die Annäherung an die Lebenswelten der migrantischen Kindertagespflegepersonen


gestaltete sich entsprechend mit dem Ziel der Objektivierung. Umso mehr ich die
Lebensgeschichten aus den Blickwinkeln der Akteure verstand, desto schwerer fiel es
mir, diese Erkenntnisse zu „entsubjektivieren“. Das Datenmaterial wurde daher in
Interpretationsgruppen aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert.

38
Vgl. zu dieser Frage auch Bourdieu (1984: 10): Homo academicus.
140 Methodisches Vorgehen

4.4 Besondere Herausforderungen der Forschung im bi-nationalen


Vergleich
Zum Mehrwert, den die „Komparatistik“ einer vergleichenden
Studie offeriert

Eine besondere Herausforderung dieser Arbeit liegt darin, dass der ganze beschriebe-
ne Forschungsprozess doppelt erfolgte. Zwei ähnliche soziale Felder, die in sich
verschieden sind, wurden in unterschiedlich strukturierten Räumen (Nationalstaaten)
untersucht. Die Fälle innerhalb der einzelnen Felder wurden miteinander verglichen,
um sie dann wieder als Ganzes aufeinander zu beziehen und zu vergleichen. Sie
wurden aber nicht als voneinander getrennte Räume oder Einheiten begriffen, son-
dern als transnationale Geflechte.

Aus der allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft (Komparatistik)


können wichtige Anregungen zum methodischen Vergleich in einem multi- und
transnationalen Kontext gezogen werden. Nicht nur schlägt sie mit in ihrem Ver-
ständnis von Narratologie und Sprechhandlungstheorien Brücken zu der soziologi-
schen Biografieforschung. Die Disziplin der Komparatistik sucht außerdem in der
Regel danach, nationalphilologischen Einengungen entgegenzutreten. Indem die
Theorien unterschiedlicher Länder und Sprachen aufeinander bezogen und miteinan-
der verglichen werden, entstehen philologische Landkarten transnationaler Prägung.
Emile Durkheim hat die vergleichende Gesellschaftsanalyse zum Kern der Soziolo-
gie erklärt: „Die vergleichende Soziologie ist nicht etwa nur ein besonderer Zweig
der Soziologie; sie ist soweit die Soziologie selbst, als sie aufhört, rein deskriptiv zu
sein, und danach strebt, sich über die Tatsachen Rechenschaft abzulegen.“39 (Durk-
heim 1976: 2016) Mit dem Vergleich werden demnach nicht etwa Unterschiede
begründet beziehungsweise festzulegen gesucht, sondern Beobachtungen universaler
Phänomene erarbeitet. Wird ein Nationalstaat als ein ineinander verschachtelter
Container verstanden, in dem es nur eine Kultur, Literatur oder Sprache innerhalb

39
« La sociologie comparée n’est pas une branche particulière de la sociologie ; c’est la sociologie
même, en tant qu’elle cesse d’être purement descriptive et aspire à rendre compte des faits. »
(Durkheim 1986 :137)
Forschung im bi-nationalen Vergleich 141

eines Flächenraumes geben kann, so begrenzt sich die Wissenschaft mindestens auf
gerade jene (imaginierten) Grenzen.

Der fruchtbare Austausch, der diesen theoretischen Begrenzungen entgegentritt,


spielt sich zwischen Ländern ab, in denen sich Räume, Literaturen, Kulturen und
Gesellschaften auf unterschiedliche Arten in Entwicklungsprozessen befinden. Auch
die Wissenschaften selbst erleben einen Austausch, der die scheinbaren Schranken
der eigenen Wissenschaften überschreitet beziehungsweise durchlöchert. In dieser
Arbeit bewirkte das Cotutelle-Verfahren eine Verknüpfung von ähnlichen und doch
in sich verschiedenen Wissenschaftskulturen, deren Bezüge zu beiden Seiten hin
aufrecht erhalten wurden. Diese Studie erreicht damit eine Transnationalisierung der
Forschung, die durch den transnationalen Gehalt des Forschungsgegenstands ergänzt
wird.

Zur Problematik der verschiedenen Sprachen (-niveaus) im


Forschungsprozess

Als Konsequenz aus den verschiedenen Transnationalisierungsprozessen des For-


schungsprojekts liegt der Arbeit eine doppelte sprachliche Problematik zugrunde. Als
Forscherin mit der Muttersprache Deutsch bewegte ich mich zum einen im deutsch-
sprachigen Raum, um Narrative von Migrantinnen zu sammeln, für die Deutsch
meist eine Fremdsprache war. Zum anderen bewegte ich mich selbst als
Fremdsprachlerin im französischsprachigen Raum – wieder, um mit Menschen zu
sprechen, die dort meist ebenfalls Fremdsprachler_innen waren. Die biografischen
Narrative, welche dieser Studie zugrunde liegen, sind auf Französisch, Deutsch, als
auch auf Englisch als gemeinsame Drittsprache entstanden. Bei der Interpretation
von transkribierten Schlüsselstellen waren Muttersprachler_innen daher wichtige
Vermittler_innen.

Trotz hinreichender Sprachkenntnisse verstand ich einzelne Redewendungen oder


Begriffe gelegentlich nicht oder meine Interviewparter_innen wiesen Lücken in der
jeweiligen Sprache auf. Ich befürchtete daher zunächst, diese „Unzulänglichkeiten“
könnten meine Forschungsergebnisse in Frage stellen. Jan Kruse und Christian
142 Methodisches Vorgehen

Schmieder stellen in einem Sammelband zur qualitativen Interviewforschung in und


mit fremden Sprachen fest: „Forschen in und mit fremden Sprachen hat […] den
Vorteil, dass man sich bereits mit der Sprache als limitierendes und vages Medium
der Sinnkonstruktion auseinandersetzen muss.“ (Kruse & Schmieder 2012: 272)
Manchmal kam es aufgrund der unterschiedlichen Sprachniveaus zu Situationen, in
denen meine Interviewpartnerinnen und -partner in ihren Erzählungen bestimmte
Dinge besonders ausführlich schilderten, um sie besser nachvollziehbar zu machen.
Verstand ich etwas nicht, so wurden bestimmte Dinge um- und beschrieben, bis ich
scheinbar begriff, was gemeint sein sollte.

Zum Prozess des Fremdverstehens der Rekonstruktion einer erzählten Lebensge-


schichte gesellt sich in mehrsprachigen Forschungen oft ein Prozess des Fremdver-
stehens im symbolischen Gehalt der (Fremd-)Sprachen. Wollten die interviewten
Personen etwas deutlich machen, das sie selbst aus ihrem Sprachrepertoire nicht
explizieren konnten, dann erzählten sie mir häufig die ganze dem Sachverhalt vorge-
lagerte Geschichte, um an das Moment der Verständigung zu gelangen. Vielleicht hat
daher die Erforschung eines transnationalen, globalisierten Phänomens auf der Basis
eines überdies bi-nationalen Forschungsabkommens auch Vorzüge in Bezug auf die
Datengewinnung. Sprache „als limitierendes oder vages Medium der Sinnkonstrukti-
on“ und „empirisches Mittel“ (Kruse & Schmieder 2012: 272) kann demnach umge-
kehrt in der Praxis die Übermittlung einer genaueren Sinnkonstruktion gerade erst
befördern. Während bei der interviewenden Muttersprachlerin schon davon ausge-
gangen wird, sie wisse bereits was gemeint sei und bestimmte Dinge daher nicht
erwähnt werden, wird die Fremdsprachlerin stärker in den Prozess des Verstehens
einbezogen.

4.5 Aufbau des empirischen Teils

Im folgenden Teil dieser Arbeit wird zunächst beschrieben, wie die migrantischen
Tageseltern ihre Identitäten in der Narration der Lebensgeschichte und im untersuch-
ten Feld der jeweiligen Länder konstruieren. Zur besseren Lesbarkeit ist dieser Teil
im Präsens (episches Präteritum) dargestellt. Nach und nach wird ihr Handeln in
Bezug zu strukturellen Ebenen gesetzt. Dabei wird immer wieder aufgegriffen, wie
Aufbau des empirischen Teils 143

Normen und Ideologien des Alltagswissens auf der Ebene symbolischer Repräsenta-
tion bedient, wiederholt und damit verfestigt oder auch gestört werden können. Der
empirische Teil schließt mit einem Vergleich der empirischen Befunde in Frankreich
und Deutschland.
5 Deutschland: Empirische Befunde

5.1 Lebensverläufe bis zum Eintritt in die Kindertagespflege


Die in dieser Studie in Westdeutschland tätigen Tageseltern mit Migrationshinweis
befinden sich im Alter von 35 bis 51 Jahren. 40 Die befragten Personen kommen
mehrheitlich aus den ehemaligen Sowjetstaaten oder dem ehemaligen Jugoslawien.
Zu den Herkunftsländern östlich von Deutschland zählen: der Slowakei, Weißruss-
land, Serbien, Polen, Kasachstan, Russland. An zweiter Stelle stehen Länder des
globalen Südens: die Dominikanische Republik, Mexiko, Marokko und Südafrika.
Noch gibt es keine verlässlichen Statistiken, die über die ethnischen Hintergründe der
zertifizierten Tageseltern zufriedenstellend aufklären oder das Verhältnis von
migrantischen Tageseltern gegenüber Einheimischen („Autochthonen“) herausstel-
len. Der Anteil der weiblichen Beschäftigten in der Kindertagespflege belief sich
2012 bundesweit auf 96% (Destatis 2012: 24). Zwei Männer der zwölf befragen
Personen wurden gleichwohl Teil der vorliegenden Studie.

Folgend werden die Lebensgeschichten und -verläufe der Migrantinnen und Migran-
ten in Westdeutschland bis zum Eintritt in das Berufsfeld Kindertagespflege nachge-
zeichnet. Exemplarisch werden, ausgehend von zwölf Personen, einzelne biografi-
sche Verläufe eingehender geschildert. Sie wurden ausgewählt, weil an ihnen stell-
vertretend für die anderen Fälle die Hauptmechanismen zur Annäherung an das Tä-
tigkeitsfeld deutlich werden. Anschließend wird der lebensgeschichtliche Prozess,
der zur Kindertagespflege führt, typisiert.

40
Das stimmt in etwa mit den allgemeinen Altersangaben der Bundesregierung überein, wohinge-
gen die in Ostdeutschland Beschäftigten deutlich älter sind: „Während in Westdeutschland nur
11% der Beschäftigten mindestens 55 Jahre alt waren, betrug der Anteil in Ostdeutschland 19%.“
(vgl. Destatis 2012: 24) Dies hängt wahrscheinlich mit der längeren Kinderbetreuungskultur in
Ostdeutschland zusammen.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


J. Glaeser, Care-Politiken in Deutschland und Frankreich,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19851-0_5
146 Deutschland: empirische Befunde

Amalia: eine verhinderte Berufskarriere als Kinderkrankenschwester


Ich treffe Amalia41 in ihrer Wohnung in einem einfachen, ruhig gelegenen, westdeut-
schen Wohnquartier. Hier reihen sich dreistöckige Häuser desselben Typs ohne Gär-
ten aneinander. Amalia ist 51 Jahre alt. Ihre Kinder spielen im Kinderzimmer, wäh-
rend wir uns unterhalten. Ihr Ehemann ist nicht anwesend. Es ist sehr ruhig in der
Wohnung und Amalia äußert zu Beginn in Hinblick auf die „angemessene“ Bedeu-
tung ihrer Lebensgeschichte mehrfach Bedenken. Später kommen die Kinder zu uns
ins Wohnzimmer, wo wir Kuchen essen und uns austauschen. Amalia entwirft ihre
Lebensgeschichte sehr genealogisch, ruhig und in flüssigem Deutsch.

Amalia beginnt mit ihrer Kindheit, die sie in einer Großfamilie in der Tschechoslo-
wakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) verbracht hat. Sie ist die Enkelin von
Großeltern mit Gutsbesitz. Mit der Enteignung nach dem Zweiten Weltkrieg und
1986 der Bedrohung durch russische Soldaten nach der gewaltsamen Beendigung des
Prager Frühlings muss sich die Familie zunehmend mit materiellen Fragen auseinan-
dersetzen. Amalia, die 1962 geboren wurde, schildert ihr Aufwachsen fremdbe-
stimmt. Ihre Familie hegt eine kritische Haltung gegenüber der kommunistischen
Regierung. Diese Haltung, ihre Eltern treten nicht der kommunistischen Partei bei,
wirkt sich negativ auf ihren institutionellen Bildungsweg aus. Ein Studium wird ihr
verweigert. Schon als Jugendliche hegt sie den Wunsch, das Leben im Westen ken-
nenzulernen. Die Empfindung politischer Unterdrückung im Osten steht im Gegen-
satz zur imaginierten Freiheit im Westen, die eine Art innerlichen Sturm und Drang
auslöst. Während dieser Zeit absolviert sie, berufen von der sozialistischen Regie-
rung, eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester und arbeitet anschließend im
Kinderheim. Von hier aus wird sie auf die Intensivstation einer Klinik versetzt, arbei-
tet außerdem für einen Notarztwagen und in einem Asthma-Sanatorium.

Als 1989 offiziell die Ausreise aus der ČSSR ermöglicht wird, beantragt sie diese
unverzüglich. Mit der Qualifikation als Kinderkrankenschwester nimmt sie gezielt an
einem Anwerbeprogramm teil und wird daher direkt in eine Universitätsklinik in
Deutschland übermittelt, die Fachkräfte sucht. Nach einer Anerkennungsphase, in der

41
Namen, Orte und andere Hinweise auf die Personen dieser Studie wurden, um Anonymität zu
gewährleisten, verändert.
Lebensverläufe 147

sie Elemente ihrer Ausbildung im deutschen Gesundheitssystem wiederholen muss


und Deutsch lernt, beginnt für sie im Alter von jetzt 31 Jahren ein neuer Arbeits- und
Lebensalltag. Sie arbeitet insgesamt elf Jahre im Schichtdienst an einer Universitäts-
klinik in Westdeutschland, in der sie ein stabiles Netzwerk sozialer Kontakte hält.
Der Beruf stellt sie zufrieden, bis der Arbeitsalltag durch massive Kürzungen und
Stellenabbau immer dichter und fordernder wird.

Mit ihrem heutigen Mann, ebenfalls einem Migranten aus Osteuropa, der im Hotel
im Schichtdienst arbeitet, gründet sie eine Familie. Ein Umbruch in der Berufskarrie-
re wird ein paar Jahre später durch das Anwachsen ihrer Familie eingeleitet. Amalia
ist mit einer unbefristeten Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung und einer Festan-
stellung vollwertig in die Arbeitswelt integriert. Sie schildert die zugrundeliegenden
Prozesse der beruflichen Neuorientierung:

Also, also, die Arbeit hat mir sehr gut gefallen. Ähm gut. Und dann hab ich geheira-
tet. Hab ich dann mein erstes Kind bekommen in 1996. Gut. Und dann ähm, dann
war's bisschen schwieriger für mich mit der Arbeit. Hab ich's aber noch relativ lange
dann gemacht. Äh schwierig war das wegen, mein Mann hatte auch im Schichtdienst
gearbeitet. In=in Hotelbereich und äh mit dem Kind war das bisschen, ja, wir muss-
ten uns bisschen immer absprechen, mit dem Dienstplan usw. Und, gut, mit einem
Kind hat das noch ganz gut geklappt. Äh vier Jahre später bekamen wir noch zweites
Kind. Ja, und ab da war das für mich äh noch schwieriger. Wir haben das aber noch
drei Jahre dann äh ja durchgezogen. Teilweise war ich, ein Jahr war ich dann zu
Hause, ganz. In Mutter- äh also in Elternzeit. Und äh als die Tochter dann, also die
Tochter ist die ältere, ist dann in die Schule gegangen und mein Sohn ins Kindergar-
ten. Und ab da haben wir gedacht, das ist nicht mehr möglich, dass wir beide arbei-
ten. [Hm.] Weil äh, ja, schon allein wegen der Schule. Das, ja, in Deutschland fängt,
also, das kennen Sie aber bestimmt, dass die Schule mal um acht, mal viertel vor
neun anfängt oder um halb zehn. Und äh ja, wir hatten auch kein Hortplatz erst mal
bekommen. Und ja, mein Sohn war in Kindergarten erst mal nur Vormittag bis zwölf
Uhr. Und äh, mit der Schichtarbeit war das dann äh nicht mehr möglich. Und dann
hab ich wirklich gekündigt. Nach elf Jahren und äh bin ich erst mal zu Hause geblie-
ben. Und hab ich aber relativ schnell gemerkt, so finanziell, aber auch überhaupt,
geht das nicht=nicht lange gut. Und ähm ja hab ich nach Alternative gesucht. Und
damals war die Tagepflegevermittlung hier um die Ecke, in der Straße. Und äh da
bin ich eines Tages hingegangen und hab ich dann äh gefragt, was da überhaupt
möglich ist zu machen und ich habe da wirklich ganz nette Dame getroffen damals.
Und sie hat mir das alles erklärt, dass ich die Möglichkeit habe, Tagesmutter zu wer-
148 Deutschland: empirische Befunde

den. Und äh hab ich dann auch relativ schnell ein Kurs bekommen, also, diese erste
Qualifikationskurs. Und das hab ich dann auch gemacht.

Amalias Fall zeigt, wie sich bei einer integrierten und qualifizierten Migrantin das
Berufsleben in Deutschland durch die Familiengründung drastisch erschwert. Wäh-
rend ein Kind organisierbar bleibt, kann die Versorgungslücke bei einem zweiten
Kind nicht mehr geschlossen werden. Die Lage Amalias illustriert die klassische
Unvereinbarkeitslage von Familie und Beruf in Deutschland, die über das dritte
Geburtsjahr des Kindes hinaus geht. Die Arbeitswelt, die institutionellen Einrichtun-
gen (Schule und Kindergarten) und der Schichtdienst des Ehemannes fordern von
Amalia mehr Flexibilität, als sie leisten kann. Erziehungszeiten (darunter die einjäh-
rig geförderte Elternzeit) stellen eine vorübergehende Lösung dar, erschweren aber
mit Beginn von Kindergarten und Schule die Wiedereingliederung in den Beruf. Im
Prinzip ist Amalia, Kind erwerbstätiger Eltern, sehr arbeitsmarktorientiert. Auch
wenn der Ehemann nicht als erziehende Person in Frage kommt, versteht sie „Haus-
frau und Mutter sein“, nicht als erstrebenswerte Norm. Während unseres gemeinsa-
men Kaffekränzchens mit den Kindern fragte sie diese halb entschuldigend, ob sie zu
viel Zuhause gewesen sei. In der Kindertagespflege liegt daher mindestens die Lö-
sung, erwerbstätig zu bleiben.

Marja: eine gelenkte Orientierung an Care in Deutschland


Marja ist eine 40jährige Tagesmutter aus Polen, die in einem städtischen Vorort in
Westdeutschland lebt. Obwohl sie im Vergleich zu den anderen Fällen nur ein Kind
geboren hat, verdeutlicht ihr Lebensweg, welche Komponenten sich ineinander ver-
schränken, bis die Kindertagespflege als Berufsoption wahrgenommen und aufgegrif-
fen wird. Marja arbeitet seit fünf Jahren als Tagesmutter. Als sie über eine Mittels-
person der städtischen Kindertagespflege von meinen Forschungsaktivitäten hört,
nimmt sie Kontakt zu mir auf. Sie möchte mir ihre Geschichte erzählen. Wir treffen
uns an einem Bahnhof außerhalb der Stadt. Sie wirkt aufgeschlossen. Wir fahren mit
dem Auto über Landstraßen zu ihrer Wohnung. Es handelt sich um eine Wohnung in
einer ruhigen Gegend. Wir laufen mehrere Stockwerke hinauf und befinden uns in
einer ordentlichen Drei-Zimmer-Wohnung mit geräumigem Wohnzimmer und wei-
tem Balkon. Die anderen Zimmer sind ein Kinderzimmer und ein Schlafzimmer. Wir
Lebensverläufe 149

setzen uns an einen Glastisch. Bei einer Tasse Kaffee beginnt Marja in fließendem
Deutsch zu erzählen.

Marja’s Eltern sind erwerbstätig. Sie lernt früh, sich um sich selbst und ihre drei
Geschwister zu kümmern. Zügig durchläuft sie die Grundschule, macht Abitur und
absolviert eine Ausbildung im Bereich Touristik. Da in diesem Berufszweig Fremd-
sprachenkenntnisse besonders wichtig sind, plant sie einen längeren Auslandsaufent-
halt, den sie im Alter von 22 Jahren über ein Au-pair-Jahr in Deutschland realisiert.
Während heute vornehmlich junge Frauen aus der Ukraine und Russland als Au-pair
nach Deutschland kommen, kamen in den 1990er Jahren viele dieser Frauen aus
Polen, das 2004 der Europäischen Union beitrat. Erst seit 2011, nach einer siebenjäh-
rigen Übergangszeit, können polnische Bürger und Bürgerinnen europaweit ohne
Arbeitserlaubnis arbeiten. Marja erzählt, wie der Au-pair-Aufenthalt in einer Migra-
tion mündet:

Und dann bin ich 1996 nach Deutschland gekommen. Für ein Jahr eigentlich. Als
Au-pair. Und da war auch eigentlich der Kontakt, ich äh war in eine Familie äh mit
einer alleinerziehenden Mutter, die Lehramt studiert hat und gleichzeitig noch gear-
beitet hat. Als OP-Schwester. Und sie hatte zwei Töchter. Und ich sollte die Kinder
dann von der Schule abholen und vom Kindergarten und sie bisschen betreuen. Hm.
Ja, innerhalb von diesem Jahr hab ich meinen jetzigen Mann kennengelernt. Das
heißt, war die Motivation, dass ich doch länger bleibe. In Deutschland. Und damals
war das aber alles noch sehr kompliziert. Polen war noch nicht in der EU. Und da ich
nicht heiraten wollte ((lacht)), also sofort, ja?!, ähm dacht ich mir, also, ja, welche
Möglichkeiten, welche Wege gibt es, um legal in Deutschland zu bleiben. Und das
war eigentlich äh das Studium. Also studieren. [Hm.] Und ähm hab ich gedacht, ja,
schaff ich das, oder nicht. Aber so peu à peu haben wir das angefangen. Mit, mit den
Formalitäten. Und man musste zuerst so ein Jahr Abitur-Ausgleich machen, so Stu-
dienkolleg. Um das auszugleichen, meine Ausbildung in Polen mit, mit dem deut-
schen Stand. Und äh danach, nach einem Jahr, konnte ich mein Studium anfangen.
Also das war glaub ich 1998. Ja. Und äh ja und in der Zeit hab ich auch so als Baby-
sitter gearbeitet. Um mein Studium ein bisschen zu finanzieren. Und ähm .. ja , das
war eigentlich der nächste Kontakt. Ich hab äh Kunstpädagogik als Hauptfach stu-
diert und als Nebenfächer hatte ich dann Pädagogik und Kunstgeschichte. […] Und
ähm ich hab ähm Sprachkurse besucht. Ich hab die äh die Prüfung auch gemacht, in
der Zeit. Das gibt dann so verschiedene Stufen von Zertifikat, und dann Mittelstu-
fenprüfung usw. [Hm.] Äh also ich konnte wirklich die Sprache lernen und in der
Familie leben und meine Erfahrungen machen. Also es war wirklich ein ganz tolles
Jahr. […] Äh ja, ich musste vorweisen, dass ich mit Studium beginne. Und äh mein,
150 Deutschland: empirische Befunde

eigentlich wie ich das finanziere. Ja und wo ich dann bleibe. Ja, also, ich hatte da-
mals, ich hab damals mit meinem jetzigen Mann gewohnt und dass er mir das er-
möglicht und ja, das musste auch, das musste er auch unterschreiben und das alles
dann einreichen.

Ohne spezifische Care-Kenntnisse, aber angelockt durch das Care-Defizit in


Deutschland, motiviert von Bildungsaspirationen, gestützt durch ein legalisierendes
Austauschprogramm, gelangt Marja direkt in den Fürsorgesektor. Das Au-pair-
Wesen generiert auf diese Art eine Care-orientierte Migration nach Deutschland (die
im Fall von Marja in der Kindertagespflege Anschluss finden wird). Das Versor-
gungsdefizit der Alleinerziehenden, deren Arbeitspensum mindestens einer Vollzeit-
beschäftigung zu entsprechen scheint, unterstreicht die Care-Nachfrage in modernen
Familienmodellen. Der Übergang Marja’s vom Au-pair zur Pädagogik-Studentin
dient der langfristigen legalisierten Verortung in Deutschland. Durch das Studium
strebt sie eine Integration in die Aufnahmegesellschaft an. Gleichzeitig erlangt Marja
als Au-pair und Babysitterin Wissen und Erfahrungen in der Kinderbetreuung.

Für Marja beginnt mit einer Schwangerschaft noch während des Studiums ein neuer
Lebensabschnitt. Über die Heirat mit ihrem Mann, einem Deutschen, der selbst aus
Polen eingewandert ist, erlangt sie derweil die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihr beruf-
licher Umbruch vom Studium zur Festlegung auf den Care-Bereich geht Hand in
Hand mit der Erziehung ihres 2000 geborenen Sohnes:

Ähm ja, muss ich überlegen, ja zwischendurch hab ich geheiratet. Und dann studiert.
Und dann hab ich mein Kind bekommen. Und studiert ((lacht)). Und äh ja und hier
in der Vorstadt hab ich festgestellt dass die, dass das Thema Kinderbetreuung äh
noch sehr unterentwickelt war. Ähm das heißt ähm um zu studieren, mussten wir das
wirklich privat organisieren, dass ich in die Stadt fahren konnte. Weil ähm, also man
hat einfach keinen Betreuungsplatz bekommen, wenn man nicht gearbeitet hat. Und
das war auch eigentlich auch sehr kompliziert. Musste die Kinder wirklich schon bei
der Geburt anmelden, um hier den Platz zu bekommen. [Hm.] Und ähm das war
wirklich, wirklich sehr schwierig und ähm tja nach dem Studium war mein Sohn ei-
gentlich, muss ich überlegen, der war eigentlich schon fast fertig mit dem Kindergar-
ten, sollte in die Schule. Und ich hab dann, also, in der Zeit hab ich auch so Malkur-
se für die Kinder organisiert. Und ich hab festgestellt, dass ähm es macht mir zwar
Spaß, aber ähm um in meinem Beruf richtig zu arbeiten, muss ich sehr flexibel sein,
weil es für Kunstpädagogen eigentlich nur so auf Honorarbasis äh Beschäftigungs-
angebote gibt's. Das heißt vielleicht so Nachmittagsbetreuung für die Hortkinder und
Lebensverläufe 151

Malkurse äh da hatte ich auch so ein Angebot hier in der Grundschule. Dass ich so
was für die Kinder anbieten könnte, aber da war immer das Problem: was mach ich
mit meinem Kind, in der Zeit. Weil mein Mann auch erst spät, nachmittags oder
abends, nach Hause kam und ähm entweder musste ich dann ihn mitnehmen oder für
ihn was Organisierung. Und da ich damals wusste, dass es, dass er mein einziges
Kind bleibt und ähm ich wollte das schon so ein bisschen ähm begleiten, ja? [Hm.]
Äh hab ich mir gedacht, ist mir schade, wenn, wenn mein Kind dann von Fremden
betreut wird, um, also, damit ich andere Kinder betreue. [Hm] Und ähm im Kinder-
garten äh hatten wir im Bekanntenkreis eine Tagesmutter. Und wir haben viel mit
den Kindern unternommen und ich konnte das so ein bisschen so verfolgen, wie das
so, wie das organisiert wird. Und äh ich dachte vielleicht ist es erst mal eine Alterna-
tive für die Grundschulzeit. Äh um das alles zu vereinbaren. Dass ich so in diesem
Bereich, also, pädagogischen Bereich arbeiten kann. Und trotzdem für mein Kind da
bin. Ja, dass er dann nach der Schule nach Hause kommt. Und ich bin hier und trotz-
dem hat er Kontakt zu anderen Kindern. Und äh dass es vielleicht eine gute Idee wä-
re. Und trotzdem kann ich dann auch so beruflich was machen und auch mit Kunst,
weil mit Kleinen kann man natürlich auch viele Sachen machen. Und ähm ja und
dann hab ich in der Stadt nachgefragt wie das aussieht. Und da bin ich irgendwie so
ganz schnell reingerutscht. Weil es sehr ((lacht)) also so ja, damals war das auch, bis
jetzt ist es sehr gesucht, also Personen gesucht für die Kindertagespflege. Die Stadt
möchte das ausbauen und ähm ja hab ich so den ersten Kurs gemacht und ähm ja das
hat auch so drei Monate gedauert. Ähm und dann nach weiteren vier Monaten hab
ich schon meine ersten Kinder betreut, hier. [Hm.] Ja. Und ähm .. für mich war das,
also, im Studium hab ich auch so festgestellt, oder, in der Phase, als ich die Malkurse
angeboten habe für die Kinder, dass es ähm dass mich zwar das Künstlerische, dass
mir das gefällt, dass mich das sehr reizt. Aber so richtig Vollzeit in diesem Bereich
tätig zu sein, also, diese Kreativität eigentlich ständig zu haben, dass es sehr schwie-
rig ist. Ja?! Also, weil kreativ sein für sich selbst, es ist was anderes, als dass jeden
Tag acht Stunden oder jeden Tag zu ähm ja anzubieten. Dass man ständig neue Ideen
hat. Und ich habe festgestellt, dass mich das Pädagogische eigentlich mehr reizt und
mir mehr gefällt, ja?! [Hm.] Und ähm ja ich dacht mir, dass ist dann, dass ich das
einfach ausprobier. Dass ich eigentlich das nur in der Grundschulzeit für mein Kind
äh ja das zu vereinbaren versuche und danach was anderes. Und, ja, jetzt sind fünf
Jahre vergangen.

Nachdem Marja während des Au-pair-Jahres noch das Care-Defizit der alleinerzie-
henden Mutter ausgeglichen hat, steht sie nun selbst vor dieser Problematik. Wie
bereits geschildert, ist in den 2000er Jahren die Vereinbarkeitsproblematik in
Deutschland noch akuter als in den 2010er Jahren, weil es kaum Betreuungsmöglich-
keiten gibt. Anspruch auf einen Betreuungsplatz hatten zu jener Zeit nur Mütter, die
bereits erwerbstätig waren. Durch die Migration Marja’s (und vermutlich auch ihres
152 Deutschland: empirische Befunde

Ehemanns) bricht außerdem die Hilfe nahe lebender Angehöriger weg. Dieses Phä-
nomen tritt zunehmend auf, da junge Menschen vor allem in die Städte ziehen und
dort ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt haben. Marja muss die Betreuungsengpäs-
se selbst auffangen. Wie viele andere Mütter in Deutschland stellt sie mit der Geburt
des Kindes für mehrere Jahre die Erwerbsarbeit zurück. Marja’s Ehemann wird vo-
rübergehend zum alleinigen Familienernährer, was verdeutlicht, dass er wenig Rep-
roduktionsarbeiten in der Familie übernimmt. In den Erziehungszeiten entsteht ein
ausdrücklicher Care-Wille als wertestiftende Dimension. Eine mögliche Fremdbe-
treuung des eigenen Sohnes bedroht jetzt diese Position. Im Moment der drohenden
Fremdbetreuung des eigenen Sohnes bekräftigt Marja daher den Wert von Care-
Arbeit. Schließlich überführt Marja ihre Rolle als Familienfürsorgerin und ihre künst-
lerisch-pädagogische Bildung in die Kindertagespflege. Als professionelle Tagesmut-
ter setzt sie einen Schwerpunkt auf den kreativen Impuls ihrer neuen Arbeit.

In Marja’s Fall lenkt der migrations- und familienpolitische Kontext in das Berufs-
feld Kindertagespflege, auch wenn die Tätigkeit nicht der Höhe ihrer Qualifikationen
entspricht. Der Eintritt Marjas in das Berufsfeld Kindertagespflege um 2009 fällt
zusammen mit dem staatlichen Programm zur Erhöhung der Betreuungsquoten. Das
TAG befördert daher die Bereitschaft der Institutionen den Berufszweig zu öffnen.
Das Paradox, einer Fremdbetreuung der eigenen Kinder kritisch gegenüberzustehen
und gleichzeitig andere Kinder über die Kindertagespflege professionell fremd zu
betreuen, findet sich in den meisten Narrativen.

Das Ehepaar Welter: über den Verlust und die (Wieder-)Aneignung von
sinnstiftender Tätigkeit
Eine Angestellte der Stadt erzählte mir von einem Paar, das gemeinsam Tageskinder
betreut. Bisher war ich noch nicht auf eine entsprechende Arbeitskonstellation gesto-
ßen. Mann und Frau arbeiten als Ehepartner zusammen in diesem Beruf? Wie ist es
dazu gekommen? Wie funktioniert das? Der Fall des Ehepaars Welter wird zeigen,
wie auch ältere Migrierende aufgrund familiärer Umstände in den Beruf der Kinder-
tagespflege kommen.
Lebensverläufe 153

Gespannt treffe ich Herrn und Frau Welter in ihrer Wohngegend an einer Straßen-
bahn-Haltestelle. Es handelt sich um eine mittelgroße Stadt in Westdeutschland. Hier
leben Teile der einkommensschwächeren Bevölkerung, darunter viele Migrantinnen
und Migranten. Die aneinander gereihten Wohnhäuser ähneln Sozialbauten. Die
Straßen sind gepflegt, die Häuser scheinen in einem guten Zustand zu sein. Die Plät-
ze sind belebt. Als wir einander erkennen, fällt mir sofort die Nähe zwischen Herrn
und Frau Welter auf. Eingespielt lächeln und nicken sie mir zu. Frau Welter ist zu
diesem Zeitpunkt 55 Jahre, Herr Welter 57 Jahre alt. Sie haben zwei Kinder und zwei
Enkelkinder. Wir gehen in ein italienisches Eiscafé in der Nähe. Das Café ist leer,
nur gelegentlich dringt das Geräusch der Cafémaschine in unser Gespräch. Sie setz-
ten sich mir gegenüber nebeneinander. Sie wirken heiter. Über den Verlauf unseres
Treffens interagieren sie wie eine symbiotische Choreografie.

Herr Welters Erzählung geht zurück bis ins Ende des 18. Jahrhunderts, in die Zeit
Katharina der Großen. Seine Vorfahren waren deutsche Einwanderer, die in der
Wolgadeutschen Republik Arbeit fanden (wahrscheinlich in der Landwirtschaft).
Nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion und der Auflösung der
Wolgadeutschen Republik 1941 unter Stalin wurden sie zwangsumgesiedelt. Herr
Welter wurde somit in den 1950er Jahren in eine russlanddeutsche Familie in einem
kasachischen Dorf geboren. Zu dieser Zeit mussten Deutsche in Russland schwere
Repressalien durch die sowjetische Regierung erleiden. Andeutungen über eine er-
fahrene Internierung lassen vermuten, dass seine Eltern in Arbeitslagern der UdSSR
Zwangsarbeit leisten mussten. Die Aussichten auf ein autonomes Gebiet verschlech-
terten sich in der Folgezeit. Seit dem Bundesvertriebenengesetz von 1970 wird Wol-
gadeutschen die Einreise und Einbürgerung nach Deutschland ermöglicht. Wie viele
andere Russlanddeutsche dieser Zeit wanderten die meisten Verwandten von Herrn
Welter in den 1980er Jahren nach Deutschland aus, darunter seine Eltern und seine
kleine Schwester. Auch Herr Welter und seine Frau zogen später mit dem Aussied-
ler-Status nach. Heute kümmert sich die Schwester um die pflegebedürftigen Eltern.

Herr Welter durchlebt zunächst eine Dorfjugend im Norden Kasachstans und macht
einen mittleren Schulabschluss. Dann studiert er an einer Fachhochschule Kunst.
Sein Studium wird vom Militärdienst unterbrochen. Danach setzt er sein Studium in
154 Deutschland: empirische Befunde

Russland fort und wird dort Choreograf an einem Theater. Dort lernt er eine Theater-
regisseurin kennen und lieben, seine heutige Frau: „Dann, also, da habe ich sie ge-
troffen ((lachen)) – Frau Welter: Sofort Kind gekriegt! – Ja, wir haben sofort ein
Kind gekriegt.“ Frau Welter wurde in einer russischen Großstadt geboren und wuchs
dort mit ihren zwei Schwestern auf. Ihre Verwandtschaft samt Nichten und Cousinen
sind in Russland geblieben. Zum Studium zog sie in eine andere Stadt Russlands.
„Und da habe ich diesen Verrückten getroffen. – Herr Welter: Ein Deutscher! – Ein
Deutscher, und natürlich meine Eltern waren auch, beide waren die Zweite Weltkrieg
Teilnehmer.“ Die beiden sind ein ungewöhnliches Paar. Welters heiraten, auch wenn
beide Familien diese „Mischehe“ missbilligen. Direkt nach dem Studium bekommen
sie ihre erste Tochter – Frau Welter ist Anfang zwanzig –, bald darauf noch einen
Sohn. Am Theater verbinden sie Regiearbeit und Choreografie in gemeinsamen
Projekten. Sie erwerben sich im Umfeld einen guten Ruf, sind bekannt und angese-
hen.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gerät Russland wirtschaftlich unter Druck.
Frau und Herr Welter verdienen immer weniger Geld und befürchten, sich mit ihrem
Beruf nicht dauerhaft über Wasser halten zu können. Sie denken an die Zukunft ihrer
Kinder, denen sie eine gehobene Bildung ermöglichen möchten. Sie stellen den An-
trag per Aussiedler-Status nach Deutschland migrieren zu dürfen. Nachdem er positiv
beschieden wird, zögern sie die Migration immer wieder hinaus. Als im Jahr 1998
der Rubel im Zuge der Russlandkrise abgewertet wird, und Frau Welters Eltern ver-
sterben, setzen sie den Entschluss zu migrieren um. Die Kinder sind zu dieser Zeit
jugendlich.

In Deutschland treffen die Welters auf den Familien- und Bekanntenkreis aus Herrn
Welters Kindheit. Familiäre Netzwerke haben sich bereits gebildet. Die Migration
erfüllt aber nicht die Idee einer „deutschen“ Identität in Deutschland. In Russland
wird er als Russlanddeutscher verpönt, in Deutschland als „Ausländer“. Er spricht
kein Deutsch und kann seine Arbeit als Choreograf am Theater nicht fortsetzen. Das
Paar wird nach der Migration nicht mehr in die Herkunftsländer zurückkehren. Nur
einmal, nach zehn Jahren, reist Frau Welter nach Russland, um vor Ort ihre Rente zu
beantragen. Ihre Verwandten kommen zu Besuch nach Deutschland.
Lebensverläufe 155

Weder Herr Welter noch Frau Welter können weiterhin am Theater arbeiten. Wäh-
rend Frau Welter sehr schnell begreift, dass sie schon aufgrund gebrochener Sprach-
kenntnisse als Theaterregisseurin in Deutschland nicht Fuß fassen kann, wagt Herr
Welter einen fruchtlosen Versuch. Bald sehen sich jedoch beide gezwungen, eine
durch Herrn Welters Schwager vermittelte Fabrikarbeit aufzunehmen, die ihren intel-
lektuellen und künstlerischen Vorstellungen stark widerspricht. Die als Entfremdung
empfundene neue Arbeit führt zu einer emotionalen Krise. Herr Welter betont wie-
derholt diesen Aspekt:

Herr Welter: Und das wollte ich was dazu sagen. Dass beruflich haben wir uns hier
nicht ähm nicht gefunden, eigentlich. Ich habe dann mein äh integriert Praktikum in
einen Theater gemacht. In () Theater, Stadtviertel. Aber äh äh .. da wurde was ver-
sprochen natürlich und nicht äh und bisschen äh haben die uns ausgenutzt. Aber
trotzdem ich wollte da äh danach wollt ich nicht weiter als Choreografie arbeiten,
weil äh äh (Themen?) nicht mich interessiert sagen, sondern die kulturellen Sachen
sind so unterschiedlich, weil äh die deutsche Kultur ist so zu konzeptuell würde ich
sagen. Und äh die nicht so gefühlmäßig wie bei uns. Äh deswegen das passt irgend-
wie mich nicht äh richtig gut und äh da wurde es ziemlich schwer mir was, also, zu
vorschlagen als Choreografie.
Frau Welter: Also wir waren in andere-
Herr Welter: Aber habe ich sofort nach dem Praktikum, nach dem integrierten Prak-
tikum was beruflich zu ().
Frau Welter: Wir waren in andere Weltumschauung erzogen!
Herr Welter: Ja.
Frau Welter: Und äh unsere Generation in Russland [hm], ich=ich kann nicht sagen
die Jugend () jetzt, aber unsere Generation hat so geschätzt, dass äh die Schönheit
rettet der Welt. Das war die Credo. Und es passt nicht so zusammen äh mit alles was
läuft jetzt mit Kunst in Deutschland. Also wir waren einfach eine fremde. Eine-
Herr Welter: Ich hab gerade ein Stück äh choreografiert, wo, von Peer Gynt äh von
Ibsen äh Peer Gynt und da war, ich hab so ge- einfache Sachen gemacht, so kleine,
aber die, die zu choreografieren war für mich wirklich ein, ich hatte wirklich ein
Schritt, einfache äh nicht das Gefühl, also, Regieästhetik, was äh .. wir waren so un-
terschiedlich, das=das war ziemlich schwer für die. Deswegen ich hab aufgehört was
zu suchen äh in den Bereich. Und d a n n arbeiten wir in ein Fabrik fünf Jahre lang.
Frau Welter: Ja, wie in eine Gefängnis.
Herr Welter: Wir-
Frau Welter: Das war eine Fehler.
Herr Welter: Das war, das war absolut nicht unsere, also, äh das passte zu uns gar
nichts. Das war die eigentliche Gefängnis für uns (), wir haben unseren Lebensunter-
halt dort verdient, aber das war wirklich nicht schön, für unsere Geist, ((lacht)), für
unsere Seele, alles. Und für unsere Körper. Wir leiden immer noch von der, von der
156 Deutschland: empirische Befunde

äh wir haben immer noch die ..


Frau Welter: Was?!
Herr Welter: Was ((sagt etwas auf Russisch))
Frau Welter: Nachfolge.
Herr Welter: Die Nachfolge von der, von der Firma. Ja, die Schultern sind kaputt,
die Ellenbogen [hm].

An der Interaktion wird deutlich, wie die Konsequenzen der Migration zur Umorien-
tierung im Berufsleben nötigen. Der Umschwung ist für die beiden nicht allein von
ökonomischer Natur, auch wenn er sich unter ökonomischen Prämissen abspielt. Ihr
autonomer künstlerischer Drang, der gleichzeitig ihr intellektueller Ausdruck ist,
wird plötzlich inhaltsleer. An die Stelle des kreativen Freigeistes tritt Fließbandar-
beit. Die Welters hatten in Russland eine sinnstiftende Arbeitssituation am staatli-
chen Theater, das von einem breiten Publikum gewürdigt wurde. In Europa beginnen
sie nach Eingliederung in den Arbeitsprozess zu verstehen, dass sich die sozio-
ökonomische Anerkennung ihrer Arbeit in Deutschland anders darstellt. Sie bemer-
ken, dass ihre neue Position in der Aufnahmegesellschaft prestigelos ist. Dadurch
verschärft sich der Umbruch von Lebens- und Arbeitswelt.

Die neue Beschäftigung bietet ökonomische Sicherheit und stellt die Finanzierung
der Bildung der Kinder in Deutschland sicher. Außerdem ermöglicht sie die Fortset-
zung ihres engen Arbeitsbündnisses – „wir haben immer zusammen gearbeitet. Also,
wir waren immer ((lacht)) 24 Stunden zusammen. Er hat äh als Choreograph gearbei-
tet, ich als Theaterregisseurin. Und äh wir haben immer was zusammen gemacht.“
Allerdings wird die neue Lebens- und Arbeitssituation nicht als Gewinn wahrge-
nommen. Frau Welter expliziert etwas genauer, wie die verzwickte Erwerbsrealität
nach der Migration zu einer erneuten Umorientierung in die Kindertagespflege führt:

Frau Welter: Wir haben sofort eine fest Vertrag bekommen. Und das war für uns
Katastrophe. Weil unsere Kinder haben gelernt noch. Und ähm wir haben keinen
Geld gehabt. Also wir könnten nicht einfach uns kündigen, weil dann sollten wir drei
Monaten keine Unterhalt äh von Arbeitsamt und Sozialamt bekommen. Und es war
wirklich- ((spricht kurz auf Russisch))
Herr Welter: Ja, wie eine Falle.
Frau Welter: Wie eine Falle. Weil von andere Seite wir wollten dann nicht arbeiten,
von andere, wir konnten nicht kündigen. Und es hat gedauert. Das war furchtbar.
Das war die schlimmste Zeiten, fünf Jahren, die schlimmsten verlorenen Zeiten in
Lebensverläufe 157

unsere Leben. Weil ich persönlich am Ende fünfte Jahre ich wollte einfach sterben.
Wirklich. Ich habe die Augen geöffnet. Ich will nicht leben weiter. Und dann hat
mein Mann mir geretten.
Herr Welter: Gerettet ((lacht)).
Frau Welter: Gerettet, ja. Ein Tag, ja, unsere Tochter hatte erste Kind bekommen.
Bei Studium. Kind war sehr klein und äh sie haben hier äh in Ort gewohnt. Und wir
können unsere Enkelkind äh nur einmal in zwei Wochen sehen. Das war schwer. Wir
wollen natürlich mehr sehen, das war erste Enkelkind. Und dann unsere Chef hat
meinem Mann eine Vorschlag gegeben. Also äh die höchste Gehalt ((lacht)), also
und-
Herr Welter: Als Stapelfahrer.
Frau Welter: Ja ((lacht)) und er hat gesagt äh: Besser kündige mir. Und wir waren
gekündigt. Und dann haben wir eine Chance bekommen was Neues anzufangen.
Weil ich habe schon eine Idee gehabt. Eine von meine Kollegen, deutsch Kollegin da
ist, auch diese Betrieb, hat mir einmal gesagt: Ich versteh nicht, wieso ähm machst
du nicht Tagespflege? Ich: Was, was ist Tagespflege? Weil in Russland äh war, da-
mals gab sowas nie. Das war nur staatliche Krippe und Kindergarten. Das war's. Und
äh dann habe ich im Internet geguckt, was eigentlich ist Tageskinderpflege und ähm
da war im, das war die Zeiten von Schröder, war diese Programm für Selbstständige.
Und äh ich habe überlegt, ja, das können wir tun, wirklich. Und ich habe ihm meine
Konzept erzählt. Dass wir nehmen Kinder, dass wir machen zwei Sprachen, dass wir
sprechen Russisch mit Kindern. Egal, was für Kinder wir haben, ob sie Deutsche
sind oder Russen. Oder, jetzt haben wir Amerikaner, usw. Aber wir sprechen Rus-
sisch, Deutsch und .. es hat geklappt. Einfach. .. Das war eine Idee und das hat ge-
klappt. Und äh die äh die Stimmung war unsere eigene äh Enkelkinder, weil gerade
in diesem Moment hatte mein Sohn uns benachrichtigt, dass äh die Freundin, die war
damals Freundin und sie haben beide bei uns gewohnt, dass sie schwanger. Und sie
war noch Schülerin. Und dann haben wir verstanden, wir haben keine andere-
Herr Welter: Das muss gesorgt werden.
Frau Welter: - keine andere Wahl haben, als jetzt wirklich diese Kindertagespflege
zu machen. Und erste Kindertageskinder waren unsere eigene Kind-
Herr Welter: Wenn das Kind geboren sind, dann machen wir sofort die, das Beruf.
Und wir, wir äh gründen sofort die Tageskrippe.
Frau Welter: Unsere Unterstützung war nicht eh finanziell, finanziell schon, aber
sehr wenig, weil äh zuerst haben wir auch sehr, sehr wenig verdient und wir hatten
nicht für uns Geld genug. Äh sondern wir haben, die waren genauso alle wie wir. Die
haben früh geheiratet, früh Kinder gekriegt, nach dem Studium. Äh und unsere Sohn
hat das äh gerade nach dem Gymnasium ein Kind gekriegt.
Herr Welter: Auch, auch-
Frau Welter: Auch mit eine junge Frau und äh die waren alle bei uns und dann haben
wir einfach diese Entscheidung getroffen äh Tagespflege hier zu machen. ..
Herr Welter: Das war-
Frau Welter: wegen unsere eigene Enkelkinder und äh Kinder, weil die sollen doch
158 Deutschland: empirische Befunde

weiter studieren ((lacht)). Und die sollen doch eine Möglichkeit haben. […]
Herr Welter: Wir machen jetzt wirklich was () äh was das S i n n macht. Ähm mit
unsere neue, neue Beruf, mit den Kindern. Das macht wirklich Sinn. ((Lacht)) Ir-
gendwie dass alles wird neu äh neu gelebt oder wie äh wir betrachten das alles schon
anders. Was wir früher gemacht haben und was machen wir jetzt. Das was wir jetzt
machen für uns äh spielt viel größere Rolle als äh unsere Vergangenheit. .. Die Leute
respektieren und auch und wir respektieren die auch-
Frau Welter: Wir haben eine gute Gefühl, dass wir machen eine äh Arbeit die
braucht man wirklich.

Herr Welters knappe Feststellung „Das muss gesorgt werden“ enthält alle Hinweise
den Umbruch zur Kindertagespflege deutend verstehen zu lernen. Die sich durch
neue Enkelkinder zunehmend vergrößernde Familie führt zum Wendepunkt. Gesorgt
werden muss für die Kinder der selbst noch versorgungsbedürftigen Kinder (die zum
Teil noch im eigenen Haushalt leben), das heißt für die Kinder als auch die Enkel-
kinder. Das familiäre Care-Defizit, die jetzt erweiterte Versorgungslücke, verlangt
Sorgearbeit, damit das Familienprojekt an den eigenen Kindern nicht scheitert. Be-
merkenswert ist, dass die (groß)elterliche Unterstützung nicht allein über finanzielle
Transferleistungen erfolgt. Diese Güter sind knapp. Sie erfolgt über private Dienst-
leistungen an den Enkelkindern, die in die öffentliche Erwerbsarbeit überführt wer-
den. Der Pragmatismus von Frau Welter beweist unternehmerisches Denken, das mit
den 2006 aktuellen politischen Voraussetzungen der Ich-AG in Deutschland zusam-
menfällt. Ihr beruflich als deklassiert empfundenes Arbeitsverhältnis wird zur Chan-
ce deklariert. Diese perspektivische Umdeutung begleitet bei Herrn als auch Frau
Welter die erste berufliche Orientierung am Tätigkeitsfeld Care. Das ungewöhnliche
Beispiel zeigt, wie auch Männer, in diesem Fall über die Initiative der Ehe-Frau, in
die Lage versetzt werden können, an Care-Arbeit zu partizipieren. Das Konzept
mehrsprachiger Erziehung in der Kindertagespflege greift ihren intellektuellen An-
spruch und ihre mitgebrachte Kreativität auf (wir werden später auf diesen Punkt
zurückkommen). Indem sie wieder Sinn in ihrer beruflichen Tätigkeit finden, können
sie die empfundene Entwürdigung in der Fabriktätigkeit überwinden.
Lebensverläufe 159

Typisierung des lebensgeschichtlichen Prozesses, der zur Kindertages-


pflege führt
Fragen nach familiärer Herkunft: Was steckt im biografischen
Gepäck?

Die Erzählungen der migrantischen Kindertagespflegepersonen in Deutschland set-


zen fast ausnahmslos bei einem Leben in der Großfamilie an. Meist wachsen sie in
den 1960er oder 1970er Jahren auf. Im Durchschnitt haben sie fünf Geschwister. In
den Erzählungen vom Leben in den postsozialistischen Ländern wird oft von einer
Kindheit ohne große elterliche Kontrolle mit erwerbstätigen Müttern berichtet. Der
Einbezug der Eltern in die sozialistische Arbeitswelt führt dazu, dass sie als Kinder
ihre Freizeit häufig selbst organisieren. Die älteren Geschwister passen auf die jünge-
ren auf: „Und dieses, also, aufpassen und betreuen, das das hat eigentlich da schon
angefangen. Ein bisschen, ja. Dass nach der Schule, wenn unsere Mutter gearbeitet
hat, dass wir auf die Kleinen aufgepasst haben.“ Diese Verhältnisse werden so oder
ähnlich als Kontrast zur Lebenswelt der Kinder heute im Westen dargestellt. Mehrere
der Befragten berichten von geschiedenen Eltern und alleinerziehenden Müttern. Die
Berufe der Eltern lassen nicht auf Großverdiener deuten, sind aber auch nicht immer
im Niedriglohnsektor anzusiedeln. Sie arbeiten zum Beispiel als Verkäuferinnen,
Straßenbauingenieure, Buchhalterinnen, Elektriker oder in der Landwirtschaft.

Die interviewten Frauen und Männer berichten häufig von Freiheitsbeschränkungen


in den ehemaligen sozialistischen Herkunftsländern. Oft wird dem real existierenden
Sozialismus in den jeweiligen Ländern eine Art Trauma zugeschrieben, ob zum
Beispiel durch die Enteignung des Gutsbesitzes in der Familie durch die russischen
Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg in der ČSSR oder durch den wirtschaftlichen
Niedergang in Weißrussland nach Auflösung der Sowjetunion. Anhand des politi-
schen Systems der ehemaligen UdSSR beziehungsweise Jugoslawiens wird überwie-
gend von Korruption, Einschränkung der Autonomie und verhinderten Bildungswün-
schen berichtet, wie etwa hier:

Wenn wir gerade nicht jetzt kommunistische Ideen oder Parteizugehörigkeit hatten
ähm, man hat schon gemerkt das sind die, die Vorteile haben, ganz, ganz genau, da
160 Deutschland: empirische Befunde

wussten wir auch die=die bekommen schon die Schule, die bekommen auch die bes-
sere Arbeit, die können studieren.

Die Frauen und Männer, die ihre Lebensgeschichte erzählt haben, besuchen in ihren
Herkunftsländern alle die Schule und erwerben mindestens das Abitur. Ihre Bil-
dungsorientierung ist auffällig. In der Regel machen sie nach der Schule einen Ab-
schluss an einer Hochschule oder qualifizieren sich durch eine spezifische Ausbil-
dung. Dennoch können ihre Bildungsaspirationen nicht immer verwirklicht werden.
In den ehemaligen Sowjetstaaten zum Beispiel können ihre Wünsche mangels Beste-
chungsgeld oder fehlender beziehungsweise falscher Parteizugehörigkeit der Familie
torpediert werden.

Auslöser und Motive der Migration

Aus den geschilderten Situationen heraus entwerfen die Frauen und Männer ihre im
Jugendalter entstandene Vorstellung von einem Leben im „Westen“. Sie migrieren
meist einige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in den 1990er oder 2000er
Jahren. Die Idee eines „freiheitlichen“ Westens beinhaltet für die Migranten und
Migrantinnen, ihre Bildungsbestrebungen zu verwirklichen und damit langfristig ihre
Jobchancen und ihre Lebenslagen zu verbessern. Wirtschaftliche Krisen in ihren
Herkunftsländern verstärken die Motivation zu migrieren. Der Wunsch nach sozialer
(Klassen-)Mobilität entspricht dem der Migranten und Migrantinnen der südlichen
Länder. Die Migration wird in den meisten Fällen über die Einschreibung an einer
deutschen Universität realisiert, durch ein Au-pair-Visum, oder auf dem Wege des
Aussiedler-Status.

Die migrantischen Tagesmütter Marja und Penelope nutzen eine besondere Migrati-
onsstrategie: ein Jahr als Au-pair mit entsprechendem Visum. Ausgehend von Jobs in
der Tourismusbranche in ihren Herkunftsländern wollen sie innerhalb dieses Jahres
Deutsch lernen, um sich in ihrem ansässigen Arbeitsbereich besser zu qualifizieren.
Sie erlernen Umgangsformen, Tipps und Kniffe vom Leben in Deutschland und
richten sich in ihrer neuen Umgebung ein. Dann lernen sie einen festen Partner ken-
nen und entschließen sich zu heiraten. Noch vor Ablauf des Au-pair-Jahres bereiten
sie die Einschreibung an einer Hochschule vor, die eine Voraussetzung für den Erhalt
Lebensverläufe 161

des nächsten Visums ist. Eine langfristige Migration entsteht somit auf der Basis
eines regulären Aufenthalts mit Kost und Logis bei einer in Deutschland lebenden
Familie. Nicht selten verdienen Au-pairs während eines anschließenden Studiums ihr
Geld mit Babysitting. Über das Au-pair-Wesen entstehen zudem innerfamiliäre
Netzwerke unter Schwestern. Diese kommen auch als Au-pair nach, um dann durch
ein Studium ebenfalls langfristig in Deutschland zu bleiben. Es wird deutlich, dass
Au-pair zu einer bedeutenden Strategie transnationalen Familienlebens gehört, die
sogar als Strategie der Familienzusammenführung fungiert. Als Care-Tätigkeit mit
Kindern kann sie außerdem begünstigender Teil des Weges in die Kindertagespflege
sein.

Ein weiteres Motiv liegt in dem Wunsch, mit dem in der Aufnahmegesellschaft ken-
nengelernten Partner zusammenzuleben. Ihre (transnationalen) Beziehungen sollen in
langfristige lokale Beziehungen mit Lebensmittelpunkt in Deutschland überführt
werden. Oft heiraten sie, auch um den Aufenthaltsstatus zu sichern. Mit einem Leben
in Deutschland möchten sie die Zukunftschancen ihrer angestrebten oder schon exis-
tenten Familie stützen.

Erste Folgen der Migration: Spracherwerb, neue Bildungswege


und bi-nationale Paarbeziehungen

Die Migranten und Migrantinnen möchten sich eingliedern und am gesellschaftlichen


Leben in Deutschland teilhaben. Sie sind der Auffassung, dass der Schlüssel zur
Integration in die Ankunftsgesellschaft im Erwerb von Deutsch-Kenntnissen liegt.
Sprachkurse werden belegt. Meist sprechen sie nach Erwerb der deutschen Sprache
zwei bis drei Sprachen fließend. Umso älter die Person, desto schwerer fällt diese
Leistung. Das Ehepaar Welter gehört zu den im höchsten Alter migrierten Personen
des Sample. Sie müssen feststellen, dass ihre Kinder in kürzester Zeit besser spre-
chen, als sie selbst:

Herr Welter: Die Gehirnzellen sind ab- sind schon ((lacht)) abgestorben.
Frau Welter: Ja, ja, schon gestorben ((lacht)). Und natürlich sehr schnell.
Herr Welter: Meine Kinder haben praktisch hier keine Zeit dafür gegeben und die
haben viel besser als ich gesprochen. Äh ich hab acht Stunden pro Tag gelernt wie
verrückt und die haben mich äh einfach überholt mit den Sprache.
162 Deutschland: empirische Befunde

Die mangelnden oder sich nur langsam entwickelnden Sprachkenntnisse tragen dazu
bei, dass die Migrantinnen und Migranten in Deutschland zu vielen Berufen keinen
Zugang finden. Durch die Betreuung von Kleinkindern haben die migrantischen
Tageseltern jedoch häufiger Kontakt zu fließend deutschsprachigen Eltern. Es wird
sich zeigen, dass der Beruf der Kindertagespflege zur Verbesserung der Sprach-
kenntnisse führt. Die Sprachkurse stehen oft in Verbindung zu inzwischen verbindli-
chen Integrationskursen. Im Laufe der Zeit entsteht eine gewisse Distanzierung zum
Herkunftsland. Die Dominikanerin Penelope identifiziert sich schnell mit „der deut-
schen Ordnungsdisziplin“:

Es ist äh auch in der Dom Rep, weil ich immer pünktlich, ordentlich und ich struktu-
riert .. drei Sachen, die ein Dominikaner, es ist ihm fremd, diese Worte. […] Und
dann kam ich hier und denke, boah, ich bin angekommen. Also hier sind die Leute
echt, es war so meins. Wie ich von klein auf war.

Manchmal wird der Kontakt zur deutschsprachigen Mehrheit aus Integrationsgrün-


den dem Freundeskreis der migrantischen Minderheit vorgezogen.

Die mitgebrachten Qualifikationen werden in Deutschland in der Regel zunächst


entwertet. Bildungsabschlüsse werden nicht anerkannt oder müssen (zum Teil) wie-
derholt werden. Überdies haben mangelnde Sprachkompetenzen einen ausschließen-
den Effekt. Obwohl der soziale Statusverlust in der Aufnahmegesellschaft signifikant
ist und die ökonomische Lage durchaus prekär, wird sie als Verbesserung gegenüber
dem Leben in der Heimat interpretiert. Häufig ist eine Qualifikation auf dem deut-
schen Arbeitsmarkt aber auch schlicht unbrauchbar, wie sich in der vorliegenden
Studie zum Beispiel in den Bereichen Touristik, Theater oder Laborwesen heraus-
stellt. Oft orientieren sie sich anhand eines Studiums neu und haben vorübergehend
Jobs oder Nebenjobs im Niedriglohnsektor, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen.
Sie machen Weiterbildungen oder wiederholen Teilaspekte ihrer Abschlüsse, damit
sie auch in Deutschland zertifiziert werden, und besuchen zum Beispiel Studienkol-
legs. Häufig findet in dieser Phase eine Umorientierung des Berufsbildungswegs
statt. Ein Effekt der Migration, der allgemein als positiv bewertet wird, liegt in der
Ermöglichung einer als gut bewerteten Bildung der eignen Kinder. Langfristig soll
der soziale Status der Familie den Verhältnissen in Deutschland angepasst werden.
Lebensverläufe 163

Die Entfernung zur Herkunftsfamilie wird von den Interviewten oft als eine der ers-
ten Schwierigkeiten nach der Migration identifiziert. Andererseits halten die Fami-
lien transnationale Kontakte. Zudem stoßen sie oft auf bereits migrierte Bekannte
oder Familienmitglieder. Die Migranten und Migrantinnen gehen Beziehungen mit
Menschen unterschiedlicher Nationalitäten ein. Viele der Partnerinnen und Partner
sind in Familien geboren, welche schon über Generationen in Deutschland leben. Da
diese in Deutschland sozialisiert wurden, sind sie signifikante Stützen bei der Integ-
ration in die Aufnahmegesellschaft und bei Verhandlungen mit Behörden und Institu-
tionen. Sie vermitteln zwischen Herkunft und Ankunft der Partnerinnen und Partner.
Vor allem die Migranten und Migrantinnen aus dem ehemaligen Ostblock haben
Beziehungen zu Menschen, die auch aus der ehemaligen Sowjetunion kommen.
Begünstigend für das Kennenlernen scheint die oft mögliche Verständigung auf
Russisch zu sein. Der noch ausstehende Erwerb der deutschen Sprache, als auch die
als verbindend empfundene „Herkunftsmentalität“, spielen dabei eine begünstigende
Rolle, wie folgender Ausschnitt von Olgas Narration zeigt:

So, und ein Jahr später hab ich hier mein Mann kennengelernt. Der auch aus der Uk-
raine [sie kommt aus Weißrussland, Anm. JG] kam. Und ähm der hat einfach mal ..
ja, wir waren dann aus einem Welt sozusagen. Wie ich hier in Deutschland ange-
kommen bin, das war .. äh nicht nur wegen der Sprache. Sprache hat mir nicht gefällt
ähm ich konnte einfach mal die Leute nicht immer verstehen. Ja äh, die deutsche
Kultur oder deutsche Mentalität.

Es folgt eine Phase der Integration in die Gesellschaft und das Bildungssystem. Meist
nach ein paar Jahren eines Studiums wird das erste Kind geboren.

Lösung der Vereinbarkeitsproblematik von Familie und Beruf:


Kindertagespflege

Die Migranten und Migrantinnen dieser Studie, die in Deutschland in der Kinderta-
gespflege arbeiten, sind in der Regel bereits berufserfahren. Sie waren zumeist in
ihren Herkunftsländern schon erwerbstätig und somit ökonomisch einigermaßen
selbstständig, obwohl ihre Arbeitsverhältnisse sie nicht immer zufriedengestellt ha-
ben. Sie arbeiteten vor der Kindertagespflege im Theater, im Labor, in der Touris-
musbranche, der Gastronomie, oder etwa als Graphiker. Viele nähern sich nach der
164 Deutschland: empirische Befunde

Migration dem Tätigkeitsfeld mit und um „Kinder“: über Babysitting, als Au-pair,
über ein Pädagogik- beziehungsweise Lehramts-Studium, als Aushilfe im Kindergar-
ten.

Zwei Faktoren führen meist zur Aufgabe der von den Frauen und Männern ursprüng-
lich erlernten Tätigkeit: die nicht umsetzbaren Qualifikationen auf dem deutschen
Erwerbsarbeitsmarkt und eine nicht zu bewältigende Problematik der Vereinbarkeit
von Familie und Beruf in Deutschland. Die sozial schwache Ausgangslage mit
sprachlichen Verständigungsproblemen fällt mit der Familiengründung zusammen
und löst den Umbruch zur Kindertagespflege aus.

Mit der Familiengründung lässt sich das Berufsleben beziehungsweise das Studium
in Deutschland nicht mehr konfliktfrei fortsetzen. Schnell entsteht der Wunsch, aber
auch Zwang, für die eigenen Kinder Sorge zu tragen. Zeit wird kostbar. Es herrscht
Unzufriedenheit über die abverlangte Flexibilität im Job und die niedrigen Einkünfte.
Die Berufstätigkeit wird nun als Stressfaktor empfunden. Diese Situation wird von
mangelnden Betreuungsoptionen für Kinder in Deutschland überlagert. Das Be-
treuungsangebot kann nicht mit der Arbeitszeit in Einklang gebracht werden und
durch die Migration fehlt zudem eine eventuelle familiäre Unterstützung. Die Mütter
und Väter kalkulieren situativ Kosten und Nutzen von Erwerbsarbeit gegenüber
Familienarbeit. Oft setzen sie in dieser Zeit ihr Studium oder ihren Beruf aus. Da die
meisten Kinder vor 2007 geboren wurden, nehmen diese jungen Mütter neben dem
Bezug von Kindergeld meist Erziehungsgeld in Anspruch, das unabhängig vom
Einkommen für 24 Monate je nach Anpassung ca. 300€ im Monat betrug (oder 450€
über zwölf Monate).42 Die Partnerinnen oder Partner sind meist im Niedriglohnsektor
tätig. In den Fällen, in denen die Migranten und Migrantinnen mit Ortsansässigen
liiert sind, bestehen allerdings bessere Basiseinkünfte.

42
Dieser Konflikt zwischen Erwerbstätigkeit und Care-Arbeit ähnelt der Problematik, die viele
Zweiverdiener-Paare in Deutschland haben. Immer häufiger sind unter anderem aufgrund der
Verstädterungsprozesse auch für diese Paare die eigenen Eltern als Stütze nicht mehr verfügbar.
Schon nach der Geburt des ersten Kindes tritt eine Person, meist die Partnerin, aus dem Erwerbs-
leben aus und wendet sich oft ein ganzes Jahr (oder länger) dem Familienleben zu, um die Ver-
sorgung der Kinder sicher zu stellen. In dieser Zeit bekommt sie seit 2007 bis zu zwölf Monate
Elterngeld, das 67% des vorherigen Netto-Einkommens beträgt. Wenn ein Wiedereinstieg in die
Arbeit erfolgt, dann meist nur in Teilzeit.
Lebensverläufe 165

Nach einiger Zeit, in der die Mütter (und Väter) ihre Familie privat versorgen, wächst
der Druck nach einem zweiten Gehalt. Zum Zeitpunkt der ersten Interviewführung
haben die Befragten in Deutschland im Durchschnitt zwei bis drei Kinder. Je mehr
Kinder geboren werden, desto schwieriger wird die Gestaltung von Arbeits- und
Familienzeit. Gleichzeitig verstärkt sich der Wunsch, den Beruf mit der Erziehung
ihrer Kinder vereinbaren zu können. Sie möchten in dieser Situation die Familienar-
beit fortsetzen und vermeiden, dass ihre eigenen Kinder fremdbetreut werden. Eine
Tagesmutter drückt das so aus:

Weil ich will schon auch, ich will .. eine Arbeit neben, zum Beispiel die kann ich zu-
sammen mit mein Kinder und Arbeit auch zusammenmischen. Ich will auch nicht
mein Kinder zum Beispiel äh Hort schicken oder zum Beispiel so draußen. […] das
heißt wir wollen immer auch nen bisschen lange Zeit mit unseren Kindern bleiben.

Die Migranten und Migrantinnen entwickeln die Strategie, den Konflikt zwischen
Kindererziehung und Beruf über das Tätigkeitsfeld „Kindertagespflege“ zu entschär-
fen.43 Als Tageseltern erwirtschaften sie meist einen Zuverdienst und ziehen gleich-
zeitig die eigenen Kinder Zuhause groß. Jamila bringt den mit der Familienarbeit
verquickten Gewinn auf den Punkt:

Dann kommt die Idee zum Beispiel Tagesmutter. .. Dann kann ich auch meine eige-
ne Kinder viel helfen auch, weil was geht um Tageskinder geht's auch um meine ei-
gene Kinder und was geht um meine eigene Kinder geht's auch um Tageskinder. Das
heißt, ich arbeite zu Hause und ich bin schon eine Mutter. Ob Tagesmutter oder
((lacht)) Mutter, ich bin schon generell eine Mutter.

Diese Identifikation im Beruf verfestigt sich, umso größer die eigene Familie wird.
Dabei werden die eigenen Kinder meist bis zum dritten Lebensjahr selbst betreut, bis
diese in den Kindergarten kommen. Auch während der Kindergartenbetreuung und
der Schulzeiten bleiben Defizite, die die Wahl einer anderen Berufstätigkeit be-
schränken.

43
Diese empirischen Befunde zur Situation von Tageseltern in Deutschland entsprechen anderen,
kürzlich erhobenen, qualitativen Forschungsergebnissen. Auch diese kommen zu dem Schluss,
dass die veränderte Familiensituation einen biografischen Bruch markiert und „die Entscheidung
zur Tätigkeit in der Kindertagespflege in erster Linie durch den Wunsch nach einer besseren
Vereinbarkeit von Familie und Beruf motiviert ist.“ (Schoyerer & Weimann-Sandig 2015: 41f)
166 Deutschland: empirische Befunde

Zugänge zur Tätigkeit als Kindertagespflegeperson

Es fällt auf, dass Ortsansässigen als auch länger in Deutschland lebenden Mig-
rant_innen die Kindertagespflege als Möglichkeit, sich offiziell selbstständig zu
machen, oft unbekannt ist. Meist lernen sie andere Tageseltern auf Spielplätzen, über
Freunde oder Nachbarn kennen und erfahren so von dieser Möglichkeit. Auch Mütter
und Väter sind über diese öffentliche – nicht private – Betreuungsoption wenig in-
formiert, haben nur vage Vorstellungen und hegen Vorbehalte im Vergleich zur
institutionellen Einrichtungen wie Krippen. Beide Umstände hängen höchstwahr-
scheinlich mit der sehr jungen Professionalisierung der Tätigkeit zusammen, die mit
der öffentlichen Förderung der Kindertagespflege mit dem Tagesbetreuungsausbau-
gesetz von 2004 (TAG) beginnt. Auch etwa zu dieser Zeit, in den 2000er Jahren,
beginnen die Tageseltern dieser Studie ihre Tätigkeit. Oft wird das Moment der Ent-
scheidung, Tagesmutter oder Tagesvater zu werden, durch den Hinweis anderer
beeinflusst. Dies gilt besonders für Elia, einem der zwei Tagesväter des Samples, der
von einem Gespräch mit seiner Nachbarin berichtet: „ ‚A h h h , du gehst gut mit
Kinder, vielleicht das ist etwas für dich.‘ Und .. ich sag: ‚Ja, probier mal.‘ “ Häufig
bewertet das Umfeld den Umgang der zukünftigen Tageseltern mit Kindern positiv
und ermutigt sie in ihrer Entscheidung.

Treten die angehenden migrantischen Kindertagespflegepersonen an staatliche oder


städtische Institutionen heran, dann verläuft der Einstieg in die Qualifizierungsphase
schnell und kostenfrei. Vor dem praktischen Beginn der Tätigkeit steht bundesweit
der Erwerb einer Pflegeerlaubnis, die alle fünf Jahre erneuert werden muss. Das
Achte Sozialgesetzbuch Kinder und Jugendhilfe (SGB 8) schreibt vor: „Eine Person,
die ein Kind oder mehrere Kinder außerhalb des Haushalts des Erziehungsberechtig-
ten während eines Teils des Tages und mehr als 15 Stunden wöchentlich gegen Ent-
gelt länger als drei Monate betreuen will, bedarf der Erlaubnis.“ (SGB 8, § 43 Er-
laubnis zur Kindertagespflege) Bei der Vergabe der Pflegeerlaubnis spielt unter
anderem die Wohnsituation eine Rolle. In der Regel leben die interviewten Tagesel-
tern in Mietswohnungen, die aufgrund der eigenen Kinder mehrere Zimmer haben
und daher für die Kindertagespflege geeignet sind. Sie können oft schon nach zwei
Monaten mit dem Qualifizierungskurs beginnen. In etwa vier bis fünf Monaten ma-
Lebensverläufe 167

chen sie sich als akkreditierte Tageseltern selbstständig. Sukzessive steigern die
Tageseltern die Anzahl der möglichen zu betreuenden Kinder mit der Folge eines
auch nur allmählich ansteigenden Verdienstes. Zur Zeit der Interviewführung betreu-
en sie im Durchschnitt drei Tageskinder, die Höchstgrenze liegt bei fünf. Im Allge-
meinen stoßen sie auf eine positive Nachfrage durch Kommunen und kirchliche
Institutionen. Die hier betrachteten Tageseltern qualifizieren sich zwischen den Jah-
ren 2005 und 2008 und sind daher Pioniere des neuen staatlichen Programms. Zwei-
felsohne ist der Druck nach der Akquise neuer Tagespflegekräfte in Westdeutschland
zu dieser Zeit gerade im städtischen Raum hoch. Für manche Eltern stellt die Kinder-
tagespflege eine Alternative dar, wenn institutionelle oder familiäre Formen der
Betreuung ausgeschlossen werden müssen. Andere Eltern sind froh, überhaupt einen
Betreuungsplatz zu bekommen (vgl. Heeg 2010: 377f).44

44
Während die Betreuungsquote (in Kindertageseinrichtungen oder bei einer Tagespflegeperson)
von Kindern unter drei Jahren 2007 in Westdeutschland noch bei 11% und in Ostdeutschland bei
42% liegt (bundesweit 15,5%) (vgl. Destatis 2012:7), wächst sie 2014 in Westdeutschland auf
27,4% und in Ostdeutschland auf 52% (bundesweit 32,3%) (vgl. Destatis 2016: 7).
168 Deutschland: empirische Befunde

5.2 Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen in der Kinder-


tagespflege
In diesem Kapitel wird möglichst chronologisch geschildert, wie sich die Lebensent-
würfe der migrantischen Tageseltern in Deutschland prozesshaft an der erlebten
sozialen Mobilität ausrichten. Der Arbeitsstatus, nationale Kontexte, wie die Sprache
der Aufnahmegesellschaft, die Lebens- und Arbeitssituation der versorgten Familien
und die Besonderheiten eines Arbeitsplatzes im eigenen Zuhause beeinflussen die
Lebensrealitäten in der neuen Arbeit. In diesen Kontexten treten veränderte, selbst-
behauptete Identitätskonstruktionen hervor. Diese Identitäten schreiben sich aktiv in
Form eines doing family und doing gender45 im Prozess der Verlagerung von Care-
Arbeit auf Kindertagespflegepersonen in die deutsche Gesellschaft ein.

(Schein-)selbstständig prekär arbeiten


Soziale Verwundbarkeit in der Kindertagespflege

Die migrantischen Tageseltern dieser Studie treten zwar über die Kindertagespflege
wieder in den Beruf ein und verhindern das Outsourcing der eigenen innerfamiliären
Erziehungstätigkeit, verlieren dabei jedoch ökonomische Eigenständigkeit. Das Ein-
kommen des Partners beziehungsweise der Partnerin erweist sich als Grundvoraus-
setzung der Kindertagespflege. Sie können mit ihrer neuen Tätigkeit lediglich einen
Zuverdienst zum Familieneinkommen erwirtschaften. Insofern trifft ihre Lebenslage
auf die von Robert Castel beschriebene neuartige soziale Verwundbarkeit
(vulnérabilité) zu.46 Die Arbeitssituation der migrantischen Tageseltern dieser Studie

45
Nach dem theoretischen Ansatz des doing gender sind, „Geschlechtszugehörigkeit nicht als
Eigenschaft oder Merkmal von Individuen zu betrachten, sondern jene sozialen Prozesse in den
Blick zu nehmen, in denen ‚Geschlecht‘ als sozial folgenreiche Unterscheidung hervorgebracht
und reproduziert wird.“ (Vgl. Gildemeister 2010: 137) Das gleiche gilt für doing family, wonach
Familie ebenfalls als Inszenierung beziehungsweise soziale Konstruktion begriffen wird.
46
Der Abbau sozialstaatlicher Leistungen Ende des 20. Jahrhunderts und die Auflösung unbefriste-
ter Arbeitsverhältnisse führen zu einer Prekarisierung der Arbeit, wie Robert Castel mit Blick
auf den Anstieg der Arbeitslosigkeit feststellt: « Mettre l’accent sur cette précarisation du travail
permet de comprendre les processus qui alimentent la vulnérabilité sociale et produisent, en fin
de parcours, le chômage et la désaffiliation. Il est d’ores et déjà équivoque de caractériser ces
formes nouvelles d’emploi de ‹particulières› ou d’ ‹atypiques›» (Castel 1995: 401) Das als „be-
sonders“ oder „atypisch“ bezeichnete Beschäftigungsverhältnis entspricht Castel zufolge nicht
mehr dem Arbeits-Statut des Fordismus im 19. Jahrhundert und begründet eine Wiederkehr sozi-
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 169

ist rechtlich uneindeutig, widerspricht einem geregelten Arbeitsverhältnis nach Stun-


denlohn und Arbeitszeit und ist zudem durch die familiäre Situation beeinträchtigt.

Zu dem geringen Einkommen der interviewten Tageseltern tragen mehrere Faktoren


und politische Regelungen bei. Der Staat subventioniert seit dem 2005 in Kraft ge-
setzten TAG Eltern bei der Beschäftigung von Kindertagespflegepersonen, die über
die öffentlichen Träger vermittelt und ausgebildet werden. Nach einer Qualifizie-
rungsphase von drei bis vier Monaten an Abenden und am Wochenende steigen der
Verdienst und die Anzahl der möglichen zu betreuenden Kinder nur langsam an. Die
Selbstständigkeit der Tageseltern stellt jedoch ein Hauptproblem dar. Je nach regio-
naler oder kommunaler Regelung übernehmen die Städte Teilkosten, auferlegen den
Tageseltern aber auch Pflichten. So werden Pauschalen etwa in Bezug auf den Stun-
denlohn festgesetzt, die bundesweit variieren. Die berufliche Selbstständigkeit der
Tageseltern, nach der die Berufstätigkeit auf eigenes finanzielles und soziales Risiko
erfolgt, ist daher gleichzeitig an unterschiedliche staatliche Vorgaben gebunden. Das
als selbstständig geltende Beschäftigungsverhältnis kann Merkmale abhängiger Ar-
beit aufweisen, und rückt die Arbeit damit in die Nähe einer Scheinselbstständigkeit.
Außerdem entstehen durch die Selbstständigkeit hohe Kosten durch Abgaben zur
Einkommenssteuer, durch Beiträge bei der Kranken- und Rentenversicherung (die in
manchen Bundesländern anteilig finanziert werden) und die Haftpflichtversicherung
für Kindertagespflegepersonen. Weitere Arbeitskosten, wie die Finanzierung des
Wohnraums, der ja Arbeitsstätte ist, und Ausstattungen wie Kinderwagen, Spielzeug
oder auch Kosten für eine qualitativ hochwertige Nahrung beeinflussen die Kalkula-
tion des Verdienstes. In der Regel werden etwa drei Kinder in Teil- bis Vollzeit be-
treut, exklusive der eigenen. Hinzu kommen bestimmte Bedürfnisse einzelner Tages-
kinder. In Problemfällen beispielweise, in denen ein Tageskind besonderer Aufmerk-
samkeit bedarf, kann es vorkommen, dass Tageseltern kein weiteres Tageskind auf-
nehmen können, was wiederum zu Einkommensverlusten führt. Dieser hieraus gene-
rierte Verdienst reicht allein nicht aus, um die Bedürfnisse der Familie zu stillen. Die

aler Unsicherheit. In Anlehnung an Castel, der die Krise der sozialen Sicherung im Kern als eine
Krise der Lohnarbeit nachzeichnet (vgl. Castel 1995), führt Brigitte Aulenbacher die Notwen-
digkeit an, die Familie in als weiteren Stabililtätskern in Relation zu setzen (vgl. Aulenbacher
2009: 75). Die gegenwärtige soziale Frage stellt sich demnach auch am Wandlungsprozess der
Familie.
170 Deutschland: empirische Befunde

Einkommen bleiben gering, da sich die Bezahlung oft an gestaffelten Stundenpaketen


orientiert, und die Betreuung meist nur in Teilzeit (und zu unterschiedlichen Tages-
zeiten) gewünscht wird. Die Überführung des zumeist privaten Beschäftigungsarran-
gement in eine durch die Stadt subventionierte und akkreditierte Tätigkeit seit dem
TAG 2005 führt bis heute bei den Tageseltern nicht zu einem höheren Einkommen.
Allerdings sind Eltern nur noch selten bereit, die Betreuung auf privater Ebene zu
regeln, da dies die Betreuungskosten immens erhöhen würde. 47

Die Stundenlöhne bleiben auf Seiten der befragten Tageseltern so gering, dass einige
unter ihnen private Zuzahlungen von den Eltern verlangen. Gelegentlich bewegen sie
sich damit bewusst wie unbewusst in irregulären Grauzonen. Die Zuzahlungen stei-
gern die Kosten der Tageseltern gegenüber anderen Betreuungsformen. Manche
Kommunen verbieten sie deshalb ausdrücklich. Die juristische (Nicht-)Anerkennung
dieser Zuzahlungen ist noch ungeklärt und unterscheidet sich von Region zu Region.
Im September 2014 hat das Verwaltungsgericht im Bremen entschieden, „dass die
Forderung von Tagesmüttern und-vätern von privaten Zuzahlungen zu den Be-
treuungskosten durch die Eltern rechtmäßig seien. Begründet wird dies u.a. mit dem
Recht der freien Berufsausübung nach Art. 12 GG.“ (vgl. Bundesverband Kinderta-
gespflege e. V.) Um sie einzudämmen, werden Tageseltern in einigen Gebieten Er-
satzleistungen ausgezahlt.

Meist kamen die Tageseltern dieser Studie zum Ende ihrer Erzählungen ausführlich
auf bürokratische Probleme rund um die Selbstständigkeit und das Einkommen zu
sprechen. Auch in den sozialen Foren und Medien wie Facebook wird deutlich, dass

47
Zurzeit zahlen die Eltern an die Kommunen einen Kostenanteil, der von der jeweiligen Gebüh-
renordnung abhängt und nicht höher liegen soll als der, den Eltern für Kindertageseinrichtungen
entrichten müssen (meist um die 275€ für eine Vollzeit-Betreuung). Die Kommunen wiederum
bezahlen ihrerseits die Tageseltern. Die Eltern bekommen entsprechend ihrer Arbeitsmarktparti-
zipation gestaffelte Stundenpakete zugewiesen. Durch die Regulierung und Unterstützung der
Kindertagespflege ist diese für einkommensschwache Eltern bezahlbarer geworden. So können
beispielsweise für eine westdeutsche Großstadt etwa 280€ pro Monat für bis zu 19 Betreuungs-
stunden wöchentlich, 290€ für 24 Betreuungsstunden, usw. bis über 35 Betreuungsstunden für
390€ anfallen. Nach dem Kinderförderungsgesetz 2008 (KiföG) haben auch Arbeitsuchende An-
spruch auf Förderung in Tageseinrichtungen und in Kindertagespflege, was mit 2013 für alle
Kinder vom vollendeten ersten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr rechtlich gilt (vgl. KiföG
2008: 2). Stellen die Kommunen keinen von den Eltern gewünschten Kita-Platz zur Verfügung,
dann können sie auf eine Kindertagespflegeperson verweisen.
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 171

Kindertagespflegepersonen sich dort hauptsächlich über steuerliche und gehaltsbezo-


gene Themen austauschen. Auf die Bitte, etwas mehr über ihr Gehalt zu sprechen,
verloren die Befragten regelmäßig ihren roten Faden und wechselten in den Anga-
ben. Letztlich konnte mir keine der befragten Tageseltern auf die gezielte Frage nach
dem tatsächlichen Netto-Entgelt klar antworten. Die Angaben des bei den Tagesel-
tern ankommenden Geldes nach Abzug der Abgaben liegen bei 400€ bis höchstens
1500€. Dies unter Berücksichtigung der Unklarheit, was anzurechnen sei (wird zum
Beispiel die Betriebskostenpauschale und das Essensgeld einbezogen). Manche Ta-
geseltern sprechen von 600€ „Verdienst“ pro in Vollzeit betreutem Kind, andere von
600€ brutto. Exemplarisch für die Verunsicherung im Beschäftigungsverhältnis ist
diese argumentative Passage der Tagesmutter Milana:

Milana: Wir nehmen ne Zuzahlung, weil das vom Jugendamt einfach nicht ausreicht.
Wir sind selbstständig, wir haben Unkosten, wir sind ja dann nebenbei auch noch
Unternehmerinnen, ne?! Das muss man ja auch noch bedenken. Und das ist auch das,
wo ich oft sage, daran könnt's irgendwann bei mir scheitern, wenn das so weiter
geht. Weil mich das schon manchmal ähm nervt. Diese ganze Bürokratie und dieses
ganze, diesen Papierkram, den ich nebenbei noch mache. Der ja letztlich auch Ar-
beitszeit ist, wenn man so will. Das mach ich abends, das mach ich an den Wochen-
enden. Ich muss ständig, alle halbe Jahre ähm neue Anträge stellen auf äh wir krie-
gen ja so ne hälftige Erstattung zur Kranken- und Rentenversicherung. Ähm, wir
kriegen auch noch ne Förderung vom Land. Ähm und das muss alles immer bean-
tragt werden. Also man kriegt von verschiedenen Stellen praktisch Geld und das
macht das Ganze auch so unüberschaubar. Und, ja, mein Stundensatz, ich hab mitt-
lerweise nen anderen- also, jede Tagesmutter hat nen anderen Stundensatz. Das
kommt auch noch dazu. Dass es für die Eltern eben schwierig ist, weil jede Tages-
mutter ne andere Zuzahlung nimmt. [Hm.] Das hängt halt auch davon ab, welche
Ausgaben hat man, wie lebt man, ja, das ist, es ist halt schwierig. Es ist ne Selbst-
ständigkeit und letztlich ist man ja doch über's Jugendamt irgendwo da weisungsge-
bunden und deswegen, ja, das ist halt so ne Nische, irgendwo. […] Und ähm .. für,
also, ich kann jetzt von meinem Beispiel nur ausgehen, ich hab entweder äh Ganz-
tagskinder - also ab 35 Stunden die Woche. Oder drei Tageskinder. Also, das ist so
meins. Alles andere dazwischen hatt‘ ich jetzt in der Form so noch nicht. Oder dann
nur kurzfristig. Und, also, wenn ich jetzt mal ausgehe von einem .. also, ein Vollzeit-
kind mittlerweile kriegt, da krieg ich vom Jugendamt diese 485€ für ein Kind und
die Eltern müssen dann noch an mich äh 390€ zahlen. Das ist nen Volltag, also nen
Ganztagsplatz. [Hm] Genau, und ähm .. also, nen Dreitagesplatz, da krieg ich dann
230€ zirka, also ich weiß es nicht auf den Cent genau. Und da müssen die Eltern an
mich zahlen, 280. Weil ich hab die Staffelungen auch für mich so gehalten, dass ich
im unteren Bereich teurer bin, als im oberen Bereich. Weil ich einfach möchte, hört
172 Deutschland: empirische Befunde

sich nen bisschen blöd an jetzt das noch zu verstehen?


Interviewerin: Nee, ich hab's nicht verstanden, ja.
Milana: Also das heißt, im unteren Bereich von den Stunden [Ah ja]. Das heißt,
wenn die Kinder weniger Stunden kommen, zahlen sie eigentlich mehr, als wenn sie
jetzt mehr Stunden kommen würden. [Ja.] Vom Verhältnis. Das liegt daran, dass ich
schon möchte, möglichst, dass die Kinder .. alle immer so zur selben Zeit kommen,
zur selben Zeit gehen. Weil es einfach für die Gruppe besser ist. Also, das ist sinn-
voll. Also, ich hab festgestellt in den letzten Jahren, dass die Kinder, die weniger
kommen auch immer so das Gefühl haben, oder wie soll ich das beschreiben, also so
wie hinten angestellt zu sein. Also nicht immer, also=also=also das=das=das stört ir-
gendwie die=die Gruppendynamik. [Hm.] Und deswegen, also, ja, es ist einfach für
den ganzen Tagesablauf auch einfach schöner. Wenn man dann, wenn Kinder immer
da sind und .. alles mitmachen können. Nicht früher geholt werden oder sowas. Also,
das find ich immer nen bisschen schwieriger dann. Deswegen hab ich so diese Staf-
felung. Ja, und, also, ja darüber beläuft sich das. Ach so, und dann gibt's eben noch
diese Kinder-Förderung. Die hängt auch wieder davon ab, wie viel Stunden das Kind
pro Woche da ist. [Hm.] Fängt auch bei 100 äh 100, 150, 200, 250 € pro Monat pro
Kind. Also, wenn das jetzt ein Vollzeitkind ist, 200 bis 250€. Genau. Und die kriegt
man aber eben halbjährlich so ausgeschüttet als Betrag. Und das ist auch so schwie-
rig, weil man hat eigentlich keinen genauen Überblick über seine Einnahmen.
Interviewerin: Und nach der ganzen Buchhaltung und dem ganzen ähm können Sie
da sagen, wie viel Sie damals raushatten und wie viel Sie heute raushaben?
Milana: Das ist grad noch im Wechsel, deswegen kann ich's noch nicht genau sagen.
Also, ich kann nur sagen- meinen Sie jetzt im Monat? [Ja.] Äh .. also, abzüglich der
Betriebsausgaben .. war ich bisher immer bei 1100 bis 1500. Und jetzt ist grad der
Wechsel. Also, ich hab jetzt ja die Einkommenssteuererklärung für 2012 erst ge-
macht [hm] und das, was jetzt aktuell in diesem Jahr ist, das hab ich ja so noch gar
nicht, mit den mehr Kindern. Das ist jetzt grad im Entstehen erst. Deswegen kann ich
das so genau gar nicht sagen. Aber, ja, was ich netto praktisch dann, ja. …“

Eine außergewöhnlich klare Aussage gibt allerdings Olga:

Interviewerin: Wie viel verdienen Sie denn damit?


Olga: Also, es ist auch unterschiedlich, je nachdem, wie äh wie lange die Kinder bei
mir sind. Also, ich hab brutto jetzt momentan 2800 Euro. Das ist mein Brutto-
Einkommen im Monat.
Interviewerin: Was ist das netto?
Olga: J a a a. Also, können wir gleich ausrechnen. Die 300€ gehen an die Kranken-
kasse, weil das ist Pflicht für uns. Die 300€ gehen an die Rentenversicherung. Und
ungefähr 500€ im Monat muss ich die Steuer bezahlen. Plus noch das Essen, also,
wenn ich noch das Essen für die Kinder äh bezahle. Und viele Kleinigkeiten, ja, das
möchte ich jetzt nicht, nen Eis, oder Brezel, oder sonst noch was, ja, das ist klein,
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 173

aber gut. Also um die, gut, 1300€ müssen Sie gleich abziehen. Oder wahrscheinlich
(). Also bleibt dann, also netto bleibt ungefähr 1500€. Das ist mein Netto. Das ist
jetzt aber gutes Verdienst, ja?! Weil äh ich hab jetzt drei Kinder, die bis 18 Uhr
kommen und das ist, also pro Kind bekomme ich den 900 irgendwas Euro im Monat,
pro Kind. Wenn die Kinder weniger kommen, weil das ist auch nicht immer so das,
solche Eltern gibt die äh das ganze Paket in Anspruch nehmen. Es gibt Eltern, die
sagen „Nee, ich möchte nur 15 Stunden die Woche“ [hm], für die 15 Stunden die
Wochen bekommen wir im Monat 500€ pro Kind. Das heißt, wenn ich drei davon
habe, dann habe ich brutto 1500. Gut, dann ist es weniger äh Versicherung und Steu-
er. Aber trotzdem, das wahrscheinlich, gute Hälfte musst du gleich abziehen. Dann
arbeitet eine Tagesmutter dann schon für 1000€ im Monat. Ist immer unterschied-
lich, je nachdem wie lange die Kinder kommen.

Eine Kalkulation der üblichen Einkommen von Tageseltern ist unter den verschiede-
nen Bezahlmodi und Betreuungsmodi, die sich miteinander vermischen, kaum mög-
lich. Weder für die Tagesmutter selbst, noch für die Eltern, die Tagespflege buchen.
Auch eine außenstehende Betrachtung, welche Einkommen hier erzielt werden kön-
nen, ist deshalb schwierig. Angesichts der Komplexität der Regelungen kann die
Einkommenssituation nur als Schätzung darstellt werden. Zwischen staatlich festge-
legten Bezügen und den Zuzahlungen der Eltern entsteht eine Grauzone, die Auswir-
kungen auf Steuern und (Sozial-)Versicherungen einschließt. Es ist nicht geklärt, ob
diese Zahlungen abrechenbar sind oder in der Grauzone verbleiben. Die Autorität der
Stadt opponiert mit dem Recht der freien Berufsausübung für Selbstständige. Die
zeitlichen Bedürfnisse, die Eltern in Bezug auf ihre Kinder haben, konfligieren mit
einem kontinuierlichen Arbeitstag der Tageseltern. Unregelmäßigkeiten, wie viele
Kinder wie lange kommen und wann welche rechtliche Regelung die andere ablöst,
machen konstante Berechnungen schwierig. Die Tageseltern müssen „selbstständig“
die eingeführten Regelungen der Kindertagespflege optimieren, um einen angemes-
seneren Lohn zu erlangen. Die finanziellen als auch zeitlichen Regelungen zeigen,
dass die Interessen der Auftraggebenden und jene der Tageseltern zum Teil gegen-
sätzlich sind. Entgegen der gestaffelten Regelungen von Zeit und Entgelten sorgen
manche Tageseltern über private Pauschalen für geregeltere Arbeitszeiten. Die Bei-
spiele machen deutlich, wie Unsicherheiten in Bezug auf Lohn und Lohneinforde-
rung allein durch die Tageseltern getragen werden.
174 Deutschland: empirische Befunde

Die ambivalente Rolle der städt ischen Behörden als Agentur

In der geschilderten Problematik von Zuzahlungen und vorgegebenen Grenzen der


Selbstständigkeit bei gleichzeitiger Verpflichtung zu derselben treten die städtischen
Angestellten als für die Tageseltern signifikante Personen auf. Während der ethno-
graphischen Erhebungen, die ich in Deutschland tätigte, bin ich häufig in Kontakt mit
den Bediensteten der städtischen Behörden gekommen. Augenfällig war, dass auch
dieser Sektor überproportional durch Frauen repräsentiert wird, die mir sehr enga-
giert entgegentraten. Bei der Erschließung des Feldes und der Kontaktaufnahme mit
migrantischen Tageseltern waren sie sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. Bei einem
Kindertagespflegetreffen für Interessierte berichtete mir eine Koordinatorin im Vor-
feld sehr ausführlich von den etwaigen Problematiken ihres Berufsfeldes. Die Be-
treuung der Kindertagespflegepersonen sei für die Bediensteten des Jugendamts
problematisch. Sie in den Schranken der öffentlichen Vorgaben zu halten bezie-
hungsweise halten zu müssen, und gleichzeitig die prekäre Beschäftigungslage der
hier Arbeitenden zu erkennen, sei Kern einer schwer mit der Realität zu vereinbaren-
den Aufgabe.

Nach dem TAG von 2004 ist der „qualitätsorientierte, bedarfsgerechte und flexible
Ausbau der Kinderbetreuung für die unter Dreijährigen“ ein Ziel der Bundesregie-
rung, das mit einer „Aufwertung der Kindertagespflege zu einer qualitativ gleichran-
gigen Alternative“ zu anderen öffentlichen Einrichtungen einhergehen soll (vgl. TAG
2004). Es wird daher angestrebt, für die Eltern Wahlfreiheit zwischen Krippen und
Tageseltern zu schaffen. Vermittlerin ist das Jugendamt, dessen Angestellte mit der
schwierigen Mission betraut werden, für Eltern neben der Krippe ein möglichst kos-
tengleiches Angebot in der Kindertagespflege zu schaffen, ohne einen angemessenen
Lohn auf Seiten der Tageseltern versichern zu können. Gleichzeitig bezahlt und
kontrolliert die öffentliche Jugendhilfe den Bereich der Kindertagespflege:

So hat die öffentliche Jugendhilfe von juristischer Seite für den Kindertagespflegebe-
reich eine doppelte Funktion, und zwar eine Vermittlungs- und eine Kontrollfunktion
bzw. Fachaufsicht. Die Vermittlungsfunktion wird durch die Kommunen jedoch in
unterschiedlichen Organisationsformen – in einigen Kommunen aber auch gar nicht
– umgesetzt. (Wiemert 2009: 71)
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 175

Das Gesetz zielt eher auf eine zusätzliche Regelung zur Betreuung von Kindern ab,
als auf die Etablierung der Berufstätigkeit von Tagesmüttern. 48 Diese Problematik
macht sich in den Erzählungen der migrantischen Tageseltern bemerkbar. Zum einen
werden die Bediensteten von den Tageseltern oft als überlastete Personen beschrie-
ben, die unter Zeitdruck stehen würden und oft nur vorübergehend in dieser Funktion
tätig seien. Daher bezweifeln manche Tageseltern deren Professionalität und Urteils-
kraft in Bezug auf das Wohl der betreuten Kinder. Zum anderen werden sie oft trotz
ihres guten Willens als Stressfaktor, wenn nicht gar als Bedrohung oder Aggressor,
wahrgenommen. Ihre Unterstützung tritt hinter der bürokratischen Funktion zurück.
Ihnen wird unterstellt, die Interessen von Eltern, Krippen oder Kitas voranzustellen.
Die Jugendämter laufen daher Gefahr, Tageseltern durch Vorgaben eher zu be-
schneiden, als zu befördern. Der Anspruch einer qualitativen Kindertagespflege als
vollwertiger Beruf kann nur unzureichend eingelöst werden, und der prekäre Status
quo bleibt weitgehend erhalten. Die Kindertagespflegepersonen bleiben in wesentli-
chen rechtlichen, finanziellen und steuerlichen Fragen auf sich selbst gestellt. Mehr
Vertrauen drücken die Tageseltern gegenüber den parallel bestehenden, beratenden
und begleitenden kirchlichen Fachdiensten wie der Caritas aus, die in manchen Städ-
ten von den Jugendämtern beauftragt werden.

Die Rolle des Partners beziehungsweise der Partnerin als


breadwinner

Die Höhe des Verdienstes ist neben dem gewünschten Betreuungsumfang der Eltern
außerdem abhängig von den individuellen Lebensrealitäten der Kindertagespflege-
personen selbst. Der Umfang der eigenen Familienarbeit entscheidet beispielsweise
über die Kapazitäten, die sie als Tagesmutter oder er als Tagesvater anbieten können.
Der Familienstand kann sich auf die Höhe des zu versteuernden Einkommens aus-
wirken. In dieser Studie zeigt sich, dass der Lebensstandard der Tageseltern und ihrer
Familien wesentlich von einem existenzsichernden Verdienst des Partners oder der
Partnerin abhängt. Er ist Voraussetzung, um als Kindertagespflegeperson arbeiten zu

48
Eine Studie von Papst und Schoyerer zeigt bereits, dass die fachliche Beratung und Begleitung
sowie der Umgang mit Ausfallszeiten einer Tagespflegeperson durch die öffentlichen Jugendhil-
feträger in Deutschland bei einem belastend hohem Fachberatungsschlüssel zu einer nachlässi-
gen Übernahme der Förderauftrags führen (Papst & Schoyerer 2015).
176 Deutschland: empirische Befunde

können. In den meisten Fällen begünstigt daher der niedrige Verdienst als Kinderta-
gespflegeperson die traditionelle Rollenverteilung des Ernährer-Modells.

Die Partner und Partnerinnen der migrantischen Tagesmütter und –väter dieser Stu-
die in Deutschland haben oft ebenfalls einen Migrationshinweis und sind außerdem
vorwiegend im Niedriglohnsektor mit unsicherer Vertragslage beschäftigt, in auffäl-
liger Häufigkeit in typischen sogenannten Männerberufen, wie zum Beispiel als
Stapelfahrer oder Kfz-Mechaniker. Einkommensknappheit bestimmt daher das Leben
der Familien. Im Kontrast hierzu stehen jene migrantischen Tageseltern, die mit
ortsansässigen Partnern zusammenleben. Bei ihnen gewährleistet der Partner bezie-
hungsweise die Partnerin mehr ökonomische Sicherheit, zum Beispiel über eine feste
Stelle bei einer Bank oder als Psychologe. Für Penelope, die einen gut verdienenden
Ehepartner hat, macht es aufgrund des Ehegattensplittings ökonomisch keinen Sinn,
Vollzeit zu arbeiten:

Wenn man fünf Kinder hat wird noch mehr von alle fünf Kinder abgezogen. Das
heißt, und ich habe alles durchgerechnet, ähm in manche Fälle mag gut sein, aber in
meinem Fall es ist so, dass ich wenn ich fünf Kinder betreue, eineinhalb habe ich
umsonst betreut.

Einkommensstarke Paare werden folglich über das Ehegattensplitting familienpoli-


tisch mit dem Effekt begünstigt, dass in diesen Familien der Umfang der professio-
nellen Arbeit als Kindertagespflegeperson reduziert wird. Allen Fällen ist jedoch
gemeinsam, dass die Tätigkeit als Kindertagespflegeperson bei einem Zuverdienst
stagniert.

Sprache als Defizit oder Kompetenz: den Migrationshinweis für die


Nachfrage marktförmig machen
Der Werbeprozess um Tageskinder

Die Migrantinnen und Migranten dieser Studie müssen vor allem zu Beginn ihrer
Tätigkeit als Kindertagespflegepersonen nach Beschäftigung suchen und daher um
Nachfrage werben. Ihnen begegnen verunsicherte Eltern. Ein Teil der Eltern hegt
noch Zweifel an der Qualität der Kindertagespflege (vgl. auch Riedel & Heitkötter
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 177

2014: 789f). Skepsis drückt sich auch gegenüber des befürchteten Einflusses gebro-
chener Deutschkenntnisse auf die sprachliche und kulturelle Entwicklung ihrer Kin-
der aus. Da die Kindertagespflege in der Regel nicht in einem öffentlichen Raum
verortet ist, befürchten Eltern darüber hinaus einen Mangel öffentlicher Fürsorge-
pflicht und bezweifeln die Care-Fähigkeit der Tageseltern. Hörbar unvollständige
Sprachkenntnisse tragen zur Sorge bei, dass die Ausbildung der Tageseltern qualita-
tive Lücken aufweist. Hinzu kommt eine Meinung aus der deutschsprachigen Mehr-
heitsgesellschaft, die besagt, Mehrsprachigkeit überfordere Kinder und keine Sprache
werde richtig gelernt. Noch im Dezember 2014 forderte die Christlich Soziale Union
(CSU) in einem Leitantrag „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten wer-
den, im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen“ (vgl. Die Zeit
2014). Unter diesen Voraussetzungen ist der Eintritt in diese Tätigkeit für Migrantin-
nen und Migranten zunächst schwierig.

Manche Städte oder Gemeinden bedienen sich zur Vermittlung von Tageseltern und
Familien Computerprogrammen und technologischer Innovationen. Dennoch wird
schnell klar, dass es Hauptaufgabe der Tageseltern selbst ist, neue Kunden einzuho-
len, Nachfrage zu beantworten und geeignete Bewerbende auszuwählen. Kinderta-
gespflegepersonen in Deutschland als Teil der digitalisierten Welt sind, wie bereits
erwähnt, in beachtlichem Maße in sozialen Medien aktiv. In Foren vernetzen sie sich
mit anderen Kindertagespflegepersonen. Neben dem Austausch über Bezahlung und
rechtliche Rahmenbedingungen werben sie hier gezielt um Tageskinder. Ihre Präsenz
erstreckt sich über Profile, die Fotos, Lebensläufe und Selbstpräsentationen beinhal-
ten. Das Ego wird in Hinblick auf Kinderfreundlichkeit, Aktivitäten, pädagogischem
Ansatz und Fürsorgecharakter in Selbstbeschreibungen inszeniert. Hier nur ein
Beispiel:

Hi my name is Anastasia and I am a qualified, experienced English teacher. I have


over 3 years experience working as a teacher and I have just come back from a year
in Moscow where I worked as a kindergarten teacher and part time governess. I love
working with children and I am a very responsible and reliable individual. During
my last position - I worked as a teacher taking care of over 14 children with the help
of 2 assistants. Whilst working as a Governess, I also had to take care of the chil-
dren's personal care and development and meal times. I am looking for either
babysitting work, English tuition work or Nanny/Governess positions. Please get in
178 Deutschland: empirische Befunde

touch with any questions that you might have. I can provide references. I can speak
Russian, Serbian and German up to B2 level. (vgl. Betreut.de)

In manchen Städten organisieren Tageseltern Treffen in städtischen Begegnungs-


punkten. Hier wird Aufklärungsarbeit geleistet und Eltern lernen Kindertagespflege-
personen kennen. Dies soll Vorurteile abbauen und über Kontakte Vertrauen schaf-
fen. Sind die Tageseltern erst einmal in ihren Beruf eingestiegen und haben erste
Tageskinder betreut, automatisiert sich die Nachfrage häufig, zum Beispiel über
Empfehlungen sich untereinander austauschender Familien. Nicht zuletzt aufgrund
der schwierigen Betreuungslage vieler Eltern können die jetzt gut eingeführten
migrantischen Tageseltern sich sogar für eine Familie entscheiden, und nicht mehr
umgekehrt. Elia etwa, einer von zwei Männern dieser Studie, trifft auf eine hohe
Nachfrage von Müttern, zum Teil alleinerziehend, die ihn aufgrund des Merkmals
„Mann“ auswählen möchten.

Die Wirklichkeit in deutschen Großstädten ist mittlerweile außerdem eine multinati-


onale. Global aufgestellte Betriebe nutzen Arbeitskräfte aus aller Welt. Einerseits
werden durch die Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsmarkt alle Ressourcen
gleich welcher Identität benötigt, um die Care-Nachfrage zu decken. Andererseits
führt die Öffnung des Arbeitsmarktes für Frauen ebenfalls zu einer vermehrten Nach-
frage durch migrantische Eltern. Daher treffen die migrantischen Tageseltern dieser
Studie sowohl auf ortsansässige als auch zugezogene Eltern, die spezifische sprach-
lich-kulturelle Interessen zum Ausdruck bringen.

Mehrsprachige Kindertagespflegeangebote

Eine fremde Sprache kann im Zuge der schwierigen Annäherung an die Aufnahme-
gesellschaft ein Hindernis für ein gelingendes Betreuungsmodell darstellen, jedoch
auch einen Anspruch betonen, der sich gerade an dessen Ressourcencharakter be-
misst. Bevor das Ehepaar Welter 2006 begann in der Kindertagespflege in Deutsch-
land zu arbeiten, entstand eine spezifische Geschäftsidee:

Und äh ich habe überlegt, ja, das können wir tun, wirklich. Und ich habe ihm mein
Konzept erzählt. Dass wir nehmen Kinder, dass wir machen zwei Sprachen, dass wir
sprechen Russisch mit Kindern. Egal, was für Kinder wir haben, ob sie Deutsche
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 179

sind oder Russen. Oder, jetzt haben wir Amerikaner, usw. Aber wir sprechen Rus-
sisch, Deutsch und .. es hat geklappt.

Eine hinter der knappen Formulierung „und .. es hat geklappt“ liegende aufwendige
Vertrauens- und Werbearbeit wird durch die „Zugzwänge des Erzählens“ aufgedeckt.
Fritz Schütze zufolge zwingen diese die erzählende Person dazu, die Narration sinn-
voll in eine detailreiche Erzählung einzubetten und sie zu Ende zu gestalten, sodass
sie für den Zuhörenden nachvollziehbar wird (vgl. Schütze 1984: 79). In Herrn und
Frau Welters Erzählung werden die hinter der Erfolgskonstruktion ihrer Geschichte
liegenden Mühen entsprechend im Zuge des Erzählens aufgedeckt:

Herr Welter: Haben wir viel Werbung gemacht auch. Wir haben mehr Platz ge-
macht. Haben-
Frau Welter: Aber zuerst es war sehr, sehr schwer. Zuerst haben wir nur zwei Kinder
gekriegt. Und da war so, dass wenn zu uns eine deutsche Familie kommt, kennenzu-
lernen, die hören uns und dann gehen sie raus und sie r u f e n nicht zurück. Und
jetzt hat man, natürlich, jetzt () deprimierend. Weil wir wollen eigentlich nicht uns
nur auf äh russische Familien konzentrieren, sich konzentrieren. Weil ich finde das,
das ist dumm. In äh Deutschland wohnen und konzentrieren sich nur auf russische
Familien.
Herr Welter: Ja, wir sind keine geschlossene Gesellschaft sozusagen.
Frau Welter: Ja. Wir wollen nicht, keine geschlossene Gesellschaft zu bauen. Und äh
deswegen es war sehr, sehr schwer. Äh langsam sind zu uns zuerst unsere Landes-
leute gekommen.
Herr Welter: Gekommen
Frau Welter: Ja. Und äh da war eigene Probleme, weil äh, die sind anderes als Deut-
sche. Zum Beispiel für unsere Leute war wirklich Entdeckung: "Wie?! Wir sollen
Urlaub bezahlen? Du arbeitest nicht und ich bezahle deine Urlaub? Das kann nicht
sein." [Hm.] Das war wirklich was äh Ungewöhnliches, für unsere Leute. .. Ja. Und
dann hat zu uns erste Deutsche gekommen, die, die waren von uns überzeugt. .. Die
äh [hm] arbeitet bis heute äh an technische Uni und äh sie hat uns, sie hat für uns
Vertrauen halt gehabt. Einfach so. Und wenn äh wenn äh Kind war bei uns ein Jahr,
und nachdem sie hat aus äh eigene Stimmung, ja? Kann man so sagen? ((Spricht
kurz Russisch)) Aus eigene Entscheidung eine Initiative, eine g r o ß e Rückmel-
dung geschrieben. Wirklich eine große. Drei äh volle äh Schreibblätter ((lacht)). Das
war äh die größte Rückmeldung in meine Leben. Ja. Die hat ganze Geschichte er-
zählt. Mit der Kind, wie es war früher, wie es jetzt. Und die ist sehr begeistert. Und
sie hat aus eigene Initiative diese Rückmeldung überall geschickt. In Tageseltern-
vermittlung, (), Jugendamt, und uns natürlich alle. Und sie hat dann gesagt: „Ja gut,
wenn nächste Deutsche zu euch kommen, du darfst meine Telefonnummer geben.
[Hm.] Weil alle werden Zweifel haben, wegen die Sprache.“ .. Und das ist wirklich,
180 Deutschland: empirische Befunde

weil gerade in diesem Moment lernt man sprechen. .. Zwischen ein und drei und fünf
Jahren. [Ja]
Frau Welter: Und es hat super geklappt äh mit nächste deutsche Familien. Haben sie
angerufen, sie hatte alles- wirklich, die deutsche Kinder haben keine Probleme mit
deutsche Sprache.
Herr Welter: Die haben sie ganz schnell, genauso gut wie ihre, wie unsere Sprache ..
Frau Welter: genauso gut, ja
Herr Welter: ((Lacht)) Aber drei Jahre verstehen sie gut Russisch. Natürlich dann,
vergessen sie russische Sprache. Aber die Synapsen im Gehirn bleiben doch. Und
dann Gehirn ist einfach vorbereitet für nächste fremde Sprache. Es ist so. Das ist hier
((zeigt auf den Kopf)).“

Die Idee der Welters, Zweisprachigkeit in ihrem Betreuungsangebot zu nutzen, dient


dem Zweck, sich sinnstiftende Tätigkeiten wieder anzueignen. Die persönliche Soli-
darität der um Vertrauen werbenden ehemaligen Kundin, in diesem Fall eine Intel-
lektuelle aus der inländischen Mittelschicht, ist für das Gelingen der Geschäftsidee
mehrsprachiger Erziehung über transnationale Kindertagespflegeangebote signifi-
kant. Wie an anderer Stelle bereits herausgestellt, arbeiteten die Welters in Russland
an einem Theater, wo Sprache als Kommunikations- und Ausdrucksmittel eine her-
ausragende Rolle spielt. In Deutschland konnten sie diese Berufung nicht weiter
verfolgen, weil der schwere Zugang zur deutschen Sprache ihnen dieses intellektuelle
„Lebensmittel“ verwehrte. Welter’s Geschäftsidee liegt nun in der Wiederentdeckung
von Sprache als besondere Qualität. Die eigene transnationale Identität wird als Res-
source für andere Identitäten in ihrer Entstehung postuliert, nämlich mehrsprachig
aufwachsende Tageskinder. Die Macht der Sprache, derer sie beraubt wurden, ist nun
die Ressource, mit der sie besondere Qualitäten anbieten können. Die eigenen
sprachlichen Kompetenzen als Gewinn gegenüber einer verhaltenen Aufnahmege-
sellschaft auszuweisen, funktioniert für die beiden Theaterfreunde wie der
Brecht’sche Verfremdungseffekt. Dieser zielt darauf ab, Vorgängen den Charakter
des Selbstverständlichen und Einleuchtenden zu nehmen, das Vergängliche aufzu-
weisen und alternative Perspektiven hervorzurufen (vgl. Brecht 1967: 301). Aus der
Erfahrung einer transnationalen Wirklichkeit postindustrieller Staaten erhebt sich
Mehrsprachigkeit zum Mittel des kommenden Erfolgs.

Der Erhalt der Muttersprache hat für viele Migrationsfamilien eine identitätsstiftende
Bedeutung. In Familien mit und ohne jüngere Migrationsgeschichte wächst das Inte-
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 181

resse an einer frühkindlichen mehrsprachigen Erziehung. Städte in Deutschland sind


heute Einwanderungsstädte. Die potenzielle Klientel der migrantischen Tageseltern
ist daher selten so homogen, dass nur deutschsprachig aufgewachsene Eltern nach
Betreuungsoptionen in Deutschland suchen. Das Statistische Bundesamt gibt für
März 2012 an, dass jedes vierte Kind unter sechs Jahren in Kindertagesbetreuung
einen Migrationshintergrund hatte, das heißt, dass mindestens ein Elternteil „auslän-
discher“ Herkunft war – bei den unter Dreijährigen wurde ein Migrationshintergrund
von 17% ermittelt (vgl. Destatis 2012: 15f). In den Städten ist diese Quote erheblich
höher. Weiterhin wird konstatiert, dass unter Dreijährige mit Migrationshintergrund
bei einer bundesweiten Betreuungsquote von 16% gegenüber 33% bei gleichaltrigen
Kindern ohne Migrationshintergrund (insgesamt 27,6%) seltener in Kindertagesbe-
treuung waren (vgl. Destatis 2012: 16f).49 Das Ehepaar Welter macht deutlich, dass
eine hochwertige Kindertagespflege Sprachkompetenzen erweitert, indem sie, unab-
hängig von der Herkunft der Familien, einen Verlust durch einseitigen Sprachge-
brauch vorbeugt:

Frau Welter: Ne, letztes Jahr es war 50% Deutsche. Weil diese Jahr, in diesem Jahr,
ja, haben wir so Russische.
Herr Welter: Die wollen ihre Kinder auch die zwei, zweisprachige Erziehung und die
wollen äh die Muttersprache zu behalten, weil es geht bei uns ziemlich oft einfach
verloren, weil die, obwohl die beide Eltern sprechen so schlecht Deutsch, Kind wird
Deutsch sprechen.
Frau Welter: Kind spricht genauso schlecht Russisch.
Herr Welter: Ja ((lacht)). Wir haben sowas ziemlich oft beobachtet, deshalb haben
wir uns entschieden äh im Konzept geht das und ()-
Frau Welter: Ja, mit viele Kinder es hat geklappt. Weil mit unsere eigene Enkelkin-
der es hat super geklappt. Die sprechen ein Deutsch ohne jede Akzent. Kein Mensch
kann nicht sagen, dass die sind aus russische Familie. Aber die sprechen auf Rus-
sisch auch äh ohne Akzent.
Herr Welter: Ohne Akzent.

49
Differenziert wurde hierbei nicht zwischen Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege.
Auch über den Migrationshintergrund der Kindertagespflegepersonen informiert die Statistik
nicht. Es bleibt unbeantwortet, inwiefern migrantische Kindertagespflegepersonen oder Mig-
rant_innen in Kindertageseinrichtungen zur Betreuungsdichte von Kindern mit Migrationshin-
tergrund beitragen.
182 Deutschland: empirische Befunde

Tageseltern mit Migrationshinweis fördern auf diese Art Tageskinder mit und ohne
Migrationshinweis. Für die Tageskinder, deren Eltern einsprachig Deutsch aufge-
wachsen sind, kann diese fremde Sprachressource der migrantischen Tageseltern die
nun unter der Globalisierung erkennbar werdende Einsprachigkeit der ansässigen
Eltern ausgleichen. Diese Integrationsleistung von Seiten der transnationalen Tages-
eltern sensibilisiert Tageskinder in der frühen Kindheit für die mehrsprachige Welt
und offeriert auch migrantischen Familien die Transmission von familialen Mutter-
sprachen.50 Damit können migrantische Tageseltern eine Klientel mit der gleichen
Herkunftssprache bedienen. Die Erzählungen zeigen, dass diese Beziehungen glei-
chermaßen konfliktreich oder harmonisch verlaufen, wie die Beziehungen zur deut-
schen Mehrheitsgesellschaft. Die Transnationalisierung der sozialen Welt verschiebt
insofern die Bewertung von Sprachkompetenzen zugunsten der Mehrsprachigkeit.
Die von der CSU eingebrachte Verengung auf Deutsch überlebt sich.

Unterschiedliche Wertigkeit von Sprachen in der Kindertages-


pflege

Gleichwohl unterscheiden sich die Wertigkeiten sprachlicher Ressourcen auf dem


Arbeitsmarkt der Kindertagespflege. Sehr gut deutlich wird dies am Beispiel von
Pascale, einer Tagesmutter aus Frankreich, die mit ihrem Sohn ohne Deutschkennt-
nisse zu ihrem Freund nach Deutschland zieht. Von Beginn an fasst sie den Beruf
Kindertagespflege als international einsetzbar und daher auch auf eine deutsche Stadt
übertragbar auf:

Und in meine Arbeit es war einfacher zu, hier zu kommen für mich. Also, weil ich
hab gewusst, dass in der Stadt äh mit alle die Leute, die kommen überall äh ich wer-
de Arbeit finden. Also, das war für mich äh nicht äh unmöglich. [Hm.] Äh ich hab
mich trotzdem beraten lassen von der Stadt. Da hab ich gehört, dass ich werde kein
Arbeit finden, weil die Leute suchen ähm Tagesmutter, die sind deutsch, die spre-
chen Deutsch, für die Kinderentwicklung und so. Äh und also, dass die machen es
gern, meine Anmeldung, dass ich kann gern meine Qualifizierung, meine Grundqua-
lifizierung machen. Aber, dass ich werde kein Arbeit finden, weil es gibt keine ..
Markt dafür. Aber ich war äh sicher, dass es war nicht der Fall. Ich war sicher, dass

50
Auch Mozère stellt in ihrer Studie zu migrantischen Tageseltern in Frankreich fest, dass gebro-
chene Sprachkenntnisse zwar zu einem handicap linguistique werden können, jedoch sehen
manche Eltern in der Mehrsprachigkeit auch eine Ressource (vgl. Mozère 2000: 147).
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 183

es gibt genug äh Leute, die sind interessiert in die französische Sprache und äh dann,
die haben mir gesagt im Amt: ja, Sie werden nur mit französische Leute arbeiten. Ja,
es gibt viele Franzosen in der Stadt. Also, mal sehen. Aber ich war nicht ähm äh ..
also, ich habe es nicht wahrgenommen. Hein?! [Hm.] Und äh dann hab ich einfach
kleine Anzeige überall geklebt, weil ich hab mich entschieden, privat zu arbeiten.
Selbstständig. Also, ich bin im Amt gemeldet. Die kennen mich. Die kommen hier
zu Hausbesuch. Die sind meine Ansprechpartner für alles Mögliches. Aber ich arbei-
te mit die Eltern privat. Also, die Amt bezahlt nix, hein?! Also, ich bin teurer als die
äh normale Tagesmutter hier in der Stadt. [Ah ja.] Weil äh ich äh biete an, eine Be-
treuung mit viele Erfahrung. Ich hab insgesamt viel mehr Erfahrung als die anderen
hier. Also, nicht immer. Aber äh ich bin die alte Tagesmutter mit Erfahrung. Ähm
ich biete an eine französische Sprachkurs, weil eigentlich ich betreue die Kinder ja
auf Französisch. In meine Muttersprache. Und äh wir essen auch französische Kü-
che. Natürlich, hein?! Und wir gehen auch ins Schwimmbad, in den Zoo, im Theater
äh usw. Also wir machen, wenn es möglich ist, wenn die Kinder so weit sind, hein?!
[…] Äh Eltern, die sind äh die waren super motiviert mit mein Konzept. Die waren
begeistert und die waren bereit, es zu bezahlen auch, hein?! Und die meisten von
diese Eltern sind überhaupt nicht französisch. Die sind deutsch und äh die suchen,
also, die meisten, ich hatte bis jetzt nur eine Mama, die war französisch. Der Rest
sind alle deutsche Eltern. Und äh die wollen diese spezielle, speziell, also, diese an-
dere äh Betreuung, hein?! Weil ich habe auch eine Art und Weise, es zu machen.
Vielleicht es ist komplett anders als in Deutschland. Ich weiß es nicht. Man hat nicht
dieselbe Kultur, dieselbe Art mit die Kinder. Und äh die suchen sich das speziell aus.

Das Selbstbewusstsein Pascales als ausgebildete Tagesmutter aus Frankreich korres-


pondiert mit ihrer privilegierten Position innerhalb der Gruppe migrantischer Tages-
eltern. Ein Trend zum prestigebesetzten Französisch erhöht die Nachfrage im Bereich
frühkindlicher mehrsprachiger Erziehung in Deutschland. Die französische Sprache
wird als Haute Culture auf privater Ebene vermarktet. Auf diese Weise geht die
soziale Anerkennung von Pascales Berufsposition auch über die der deutschsprachi-
gen Tageseltern hinaus. Ähnlich den Welters nutzt sie ihr transnationales Potential
und verkehrt die institutionelle Diskriminierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt in
ein Unternehmen, während die städtischen Vertreter_innen dieses Potential überse-
hen. Das soziale Image der migrantischen Kindertagespflegepersonen bemisst sich an
der Bewertung der angebotenen Fremdsprachen. Im Ranking der Sprachen, die El-
tern in Deutschland ihren Kindern von früh auf mitgeben möchten, steht Französisch
oder Englisch als Mittel globalisierter Mobilität vor Russisch oder Türkisch. Entspre-
chend honoriert die Aufnahmegesellschaft mit ihrer Kaufkraft und ihrem Investiti-
onswillen dieses gehobene Angebot der Kindertagespflegepersonen. Dennoch kommt
184 Deutschland: empirische Befunde

Pascale über die 1 000-1 500€ Endverdienst nicht hinaus, im Gegensatz zu einem
ehemaligen Netto-Verdienst von 2 500€ in Frankreich.

Die Arbeit in der Kindertagespflege managen


Ist die Nachfrage gelöst, beginnt die Aushandlung von Arbeitszeiten, -kosten und -
inhalten. Die Tageseltern arbeiten oft Teilzeit, da Mütter in Deutschland bislang
selten Vollzeit arbeiten. 51 Mit gleitenden Übergängen liegen die Arbeitszeiten der
Tageseltern dieser Studie unter der Woche zwischen 8:00 Uhr und 17:00 Uhr. Häufig
findet an Freitagen keine Betreuung statt. Die Betreuungszeiten müssen die Fahrten
der Eltern zu ihrem Arbeitsplatz und zur Tagespflege einschließen. Trotz dieser
zeitlichen Summierung kommen sie nicht auf eine in Deutschland übliche Regelar-
beitszeit von vierzig Stunden. Je nach spezifischem Arbeitsalltag der Eltern entstehen
viele Unregelmäßigkeiten bei den Betreuungszeiten einzelner Tageskinder. Da die
Pflegeerlaubnis jedoch immer nur eine bestimmte Anzahl von gleichzeitig betreuten
Tageskindern zulässt, bedeutet jedes unregelmäßig angemeldete Tageskind zusätzli-
ches Management und eventuell Verdienstausfall.

Das auf beiden Seiten gewünschte flexible Betreuungsverhältnis kann Vorteile und
Bürden generieren. Flexibilität auf Seiten der Tageseltern beantwortet die Nachfra-
gewünsche der Eltern. Flexibilität auf Seiten der Tageseltern bemisst sich an den
Bedürfnissen ihrer eigenen Kinder entsprechend spezifischer Lebenslagen. Die Ta-
geseltern versuchen durch Auswahl der Familien ihre Betreuungszeiten an die eige-
nen Lebensumstände anzupassen. Übergangszeiten des Kindergartens müssen gema-
nagt oder Kinder zur Schule gebracht beziehungsweise von dieser abgeholt werden.
Das Alter und die Anzahl der eigenen Kinder beeinflusst, wie viele Tageskinder sie
in Betreuung nehmen. Zeitlich besteht eine höhere Flexibilität gegenüber den öffent-
lichen Einrichtungen, was Eltern wiederum zu schätzen wissen. Allerdings ist das
mögliche Arbeitspensum der Tageseltern von den genannten Familienumständen,
ihrem Gesundheitszustand, ihrer Energie und Fitness abhängig. Auch die eigenen

51
Unter den Nutzer_innen der Kindertagespflege arbeiten im Übrigen Mütter häufiger Teilzeit als
Nutzer_innen von Kitas, wo der Anteil vollzeiterwerbstätiger Eltern höher ist (vgl. Rie-
del & Heikötter 2014: 787)
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 185

Körperkräfte, die gerade im höheren Lebensalter nachlassen, sind daher an die mög-
liche Entlohnung gekoppelt.

Die genaue Definition von Arbeitszeiten fällt den Tageseltern dieser Studie schwer,
da sich unbezahlte Arbeitsinhalte und offizielle Arbeitszeiten überlagern. Jene Tätig-
keiten, die die Tageseltern außerhalb oder auch innerhalb ihrer „Dienstzeiten“ als
Mehrwert erbringen, werden meist nur beiläufig erwähnt. Oft ist das Tagesprogramm
der Kindertagespflegepersonen anspruchsvoll. Die Arbeit beginnt beim Frühstück,
wo Nahrungsaufnahme als sozialer familiärer Akt inszeniert wird. Der Nährwert der
Nahrung wird als Qualitätsmerkmal der Betreuung ausgewiesen. Weitere Maßnah-
men der Gesundheitsförderung erfolgen durch tägliche Bewegung an der frischen
Luft. Putzen, Aufräumen, Einkaufen und Kochen sind nicht Teil der vergüteten Ar-
beitszeiten, wobei die Kosten für Lebensmittel erstattet werden. Auf meine Aufforde-
rung, ein bisschen mehr über ihren Arbeitsalltag in der Kindertagespflege zu erzäh-
len, gibt Tagesmutter Olga detailreich Auskunft. Sie hat drei eigene Kinder und
betreut drei Tageskinder in Vollzeit.

Äh um halb vier geh ich mit den Kindern meine Kinder wieder abholen vom Kinder-
garten und gehe wieder zum Spielplatz mit der ganzen Bande. [Hm.] Und um fünf,
ab 17 Uhr oder halb sechs, werden dann die Tageskinder abgeholt. Also ich arbeite
jeden Tag bis 18 Uhr. Mit die Tageskindern. Außer Freitag. Also quasi den ganzen
Tag hab ich die Kinder, wenn die abgeholt sind, die Tageskinder, hab ich wieder
meine ((lacht)). Der Große kommt, ja, von der Schule. Die Hausaufgaben müssen
gemacht werden. Dann decken die Kleinen, auch das ist die Pflicht von den Kleinen,
die decken dann den Tisch. Es wird zu Abendessen, Abendbrot gegessen. Weil so
viel zu kochen schaff ich auch nich jeden Tag. Ich koche einmal warm. Die Mittag-
essen. Und die Kleinen essen dann warm, einfach wenn Kindergarten- am Wochen-
enden koche ich dann alles schön und warm. .. Ja. Nach dem Abendessen gibt's noch
Bücher lesen. Der Große darf abräumen. Das ist seine Pflicht, wenn die Kleinen de-
cken, dann der Große räumt ab. .. Und ich lese dann inzwischen für die kleine Kin-
der einfach noch mal Bücher vor. Und dann gehen die auch mal schlafen, so um 20
Uhr, acht, halb neun, gehen die dann schlafen. Dann hab ich Feierabend quasi. [Hm.]
Dann hab ich Qual der Wahl, was ich mache. Entweder lese ich ein Buch oder gehe
ich schlafen. Oder spreche mit meinen Mann noch, weil der braucht ja auch noch
was von mir. Der wollte auch die Seele raus lassen, da muss ich auch noch mal zuhö-
ren. Ja. Und dann irgendwann, also, ich geh ins Bett zwischen elf und zwölf. Also
nicht, früher schaff ich nicht. Weil ich bereite normalerweise für den nächsten Tag
noch mal Mittagessen. Also das heißt Gemüse schneiden oder Kartoffeln vorberei-
186 Deutschland: empirische Befunde

ten. Oder Fleisch auftauen. Also irgendwas, was ich für den Mittagessen, für die Ta-
geskinder am nächsten Tag schnell koche. Damit ich nicht noch äh viel Zeit verliere,
alles noch mal zu schneiden und schnipseln, weil das hab ich nicht so viel. [Hm.]
Und am nächsten Morgen um sechs fängt das wieder an. Alles von vorne. Und das
ist schön. Das ist das Leben, das einfach mal einem auch Kraft bringt. Irgendwann
wurde ich gefragt: „Olga, wieso bist du so fit?“ Ich sage: „Ja, ich geh nie zum Fit-
nessstudio, ehrlich. Bin nie dagewesen. Es ist einfach, weil mein Leben mal so aktiv
ist.“ Ja, wenn andere im Büro sitzen und sich äh alles da sammelt sich langsam, es ist
bei mir nicht der Fall. Man läuft. Also gute 15 Stunden am Tag dann (). Ja, und dann
noch mal dazwischen kommt aufräumen, von Zuhause. Ja, das es alles sauber ist.
Das ist auch wichtig, weil wenn die Pflegekinder kommen, ich mag nicht, wenn es
irgendwo rumliegt oder schmutzig ist. Der Boden muss immer sauber gewaschen
werden, weil vom Spielplatz kommt auch immer viel Dreck. Ja, oder wenn es regnet.
Das ist auch dann, also, es muss dann immer alles ordentlich sein. Das ist auch noch.
Dazu ist es manchmal meine Freitag fällig ((lacht)), ja. Also wenn ich am Freitag
dann frei habe, dann habe ich dann jeden Freitag Frühjahrsputz. Fenster putzen, alles
putzen, sauber machen. So, dass es ordentlich aussieht. So ist es mein Tag. Und so
ist dann die ganze Woche einfach. Also Woche für die Woche.

Arbeitszeiten und Arbeitsinhalte von Familie und Arbeit verschwimmen offensicht-


lich in der Realität des täglichen Managements. Die bezahlte Care-Arbeit ergänzt
sich durch unbezahlte Care-Arbeit, die in Vorsorge der zu leistenden Arbeit entsteht.
Die hier sichtbar werdende Reproduktionsarbeit besteht aus der immer neu genährten
Sorge um die eigenen Kinder, die Tageskinder, dem Kochen in der „Freizeit“, der
Haushaltsarbeit an „freien“ Tagen und der partnerschaftlichen Fürsorge innerhalb
wie außerhalb der Erwerbsarbeitszeit. Der Vorteil der Zusammenführung von Fami-
lie und Beruf in der Kindertagespflege birgt Nachteile in Form einer Überlastung in
dauerhafter Fürsorge. Trotzdem begründet der Wert der Reproduktionsarbeit für
Olga die Konstruktion eines positiven Lebensentwurfs.

Der Arbeitsplatz im eigenen Zuhause: der „Arbeitsplatz Zuhause“


Der Ort des privaten Lebens als Arbeitsplatz

Die Kindertagespflegepersonen dieser Studie haben mich in der Regel für gemein-
same Treffen zu sich nach Hause eingeladen. Ich habe sie oft mehrfach in ihren pri-
vaten Räumlichkeiten, das heißt an ihrem Arbeitsplatz, aufgesucht. Alle für diese
Studie interviewten Personen leben in Miets- oder gelegentlich auch Eigentumswoh-
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 187

nungen. Da sie Kinder haben, wohnen sie meist in Vierzimmerwohnungen. Die


Wohnungssituation ist vom partnerschaftlichen Einkommen, der Anzahl und dem
Alter der eigenen Kinder sowie der Lage des aus lebensgeschichtlichen Gründen
gewählten Wohnorts bestimmt. Als Erwerbsvoraussetzung ist sie für die spätere
Beschäftigung konstituierend. Der private Wohnraum wird bei der Vergabe der Pfle-
geerlaubnis als Maßstab herangezogen (§ 43 SGB VIII). Die Größe der Wohnung
und die Höhe des Stockwerks mit oder ohne Verbindung zu einem Aufzug können
sich auf die Anzahl der Kinder, die betreut werden können, auswirken. Kariane Höhn
zufolge fehlen auf den Checklisten der Fachberatenden der Jugendhilfeträger zudem
Formulierungen, aus denen sich Mindestqualitäten ableiten lassen und die die Beson-
derheiten der Örtlichkeit Privathaushalt einbeziehen (vgl. Höhn 2013: 22). Als
Selbstständige sind die Kindertagespflegepersonen für die Bereitstellung dieses Be-
treuungsraums verantwortlich. Insofern übersetzen sich Wohnungsressourcen als
ökonomisches Kapital auf die spätere Erwerbstätigkeit. Zwischen 2008 und 2013
konnten Tagespflegepersonen zwar einen Zuschuss für Investitionen der Erstausstat-
tung beantragen (ebd.: 23), allerdings nutzten die Personen dieses Samples dieses
Angebot nicht.

Das Leben in diesen privaten und über die Kindertagespflege gleichzeitig teilöffent-
lichen Räumen habe ich bei meinen Besuchen meist als lebhaft wahrgenommen.
Zentrum des Geschehens war meist das Wohnzimmer, in dem Tageskinder und eige-
ne Kinder zugegen waren. Des Öfteren traf ich auch auf Eltern. Da der Arbeitsplatz
immer auch der Ort des privaten Lebens bleibt, findet ein permanentes Management
von Grenzziehungs- oder auch Grenzöffnungsarbeit statt. Es zeigt sich, dass die
Tageseltern in einem Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und privater Sphäre
ihrer Arbeit nachgehen. Einerseits wünschen sich die Tageseltern häufig eine deutli-
chere räumliche Trennung von ihrer Erwerbsarbeitswelt, andererseits eröffnet der
Arbeitsplatz im eigenen Zuhause die Verschränkung von Arbeit und Leben. Dieser
Widerspruch scheint unauflöslich. Folgend wird der Arbeitsplatz der Kindertages-
pflegepersonen in Abgrenzung zum „Arbeitsplatz Privathaushalt“, bei dem es sich
meist um fremde Wohnungen handelt, als „Arbeitsplatz Zuhause“ bezeichnet.
188 Deutschland: empirische Befunde

Beispiele von Grenzziehungs- und Grenzöffnungsarbeit

Marja, deren lebensgeschichtlicher Verlauf von Polen über ein Au-pair-Jahr in die
Kindertagespflege bereits nachgezeichnet wurde, handelt Grenzen von Privatsphäre
und öffentlicher Sphäre sprachlich aus. Nachdem sie einerseits die Vorteile des Ar-
beitsplatzes im eigenen Zuhause im Wegfall der Fahrtwege betont: „Ich weiß das zu
schätzen, dass ich eigentlich, auch wenn die Kinder, also, halb acht kommen, dass
ich eigentlich Zuhause bin. Und ich muss mich dann nicht beeilen, mich nicht stres-
sen. Ich mach die Tür auf und die Arbeit kommt zu mir“; schildert sie andererseits,
wie diese erwerbsbedingte Spielstätte für Tageskinder vor dem eigenen Sohn zwie-
spältig wird: „Ja, also, er weiß was es ist, wenn ich dann sage, ‚ne im Moment hab
ich keine Zeit dir zu helfen‘, weil die Kleinen was wollen, ich sag dann immer ‚ich
arbeite noch‘ ((lacht)), ja, und ähm er muss warten. Er spielt mit den Kleinen, wenn
er Zuhause ist.“ Lohnarbeitszeit wird hergestellt über „ich sage dann immer ‚ich
arbeite noch‘“: sie setzt in Kraft, was sie benennt und bekräftigt diese Benennung
durch Wiederholung. Der britische Sprechakttheoretiker John L. Austin definiert eine
solche Sprachhandlung als „performativen“ Akt: “[…] a case in which to say some-
thing is to do something; or in which by saying or in saying something we are doing
something.” (Austin 1962: 12, Hervorhebungen im Original)52 Über die Sprachhand-
lung Marja’s werden die Grenzen zwischen Arbeit und Leben in Kraft gesetzt. Die
Grenzziehung von Arbeiten gegenüber dem Leben im Haus setzt voraus, dass Arbeit
durch Entlohnung vom Leben getrennt ist. Die Grenzziehung von Marja durch einen
Sprechakt an dieser Stelle verdeutlicht genau jenen Widerspruch von Arbeit und
Leben im eigenen Zuhause, der die Tageseltern dieser Studie begleitet.

Während Marja noch den Wert des Arbeitsplatzes betont, der „zu einem nach Hause
kommt“, spricht Penelope aus der Perspektive jener, die nicht selbst zur Arbeit gehen
kann, um dessen „Türen“ auf- und wieder zuzuschließen:

52
Wird darüber hinaus das Tun in der Sprachhandlung expliziert (zum Beispiel “ich lege fest, dass
jetzt Arbeitszeit ist”) handelt es sich um einen „expliziten performativen Sprechakt“ (explicite
performative): “Moreover, the verbs which seem, on grounds of vocabulary, to be specially per-
formative verbs serve the special purpose of making explicit (which is not the same as stating of
describing) what precise action it is that is being performed by the issuing of the utterance [...].”
(Austin 1962: 61, Hervorhebung im Original)
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 189

Viel also ähm, dass hier meine Wohnung ist und von meine Familie. Also, ich kann
hier nicht äh alle Pflanzen entfernen und äh ich lebe hier. Und nicht nur ich. Sondern
meine Familie, das heißt, ich hätte gerne so. Wie wir für uns, wir, gerne hätten. Und
natürlich sind sicher, ne?! Alle Steckdosen sind gesichert, es steht nicht vor die Kin-
der äh irgendeine Gefahr darstellt. Aber ich will nicht hier, es ist immer noch meine
Wohnung. Das sind keine private Räumlichkeiten, die ich nur für die Tagespflege äh
das heißt von 8 bis 17 Uhr, oder, jetzt bis 16 Uhr, so wie sie das sehen, dann ich
guck ich mal, dass natürlich liegt hier rum und sind die Spielzeuge. Äh wenn die ge-
hen, räum ich alles in Kasten, in Schubladen, und das ist die Wohnung für, für uns
da. [Hm.] Und das ähm da haben mich dann die ganzen Jahren kein Ärger mit meine
Familie hier. Oder mit meine Kinder. Sozusagen. Weil die, sie gehen morgens zur
Schule und wenn sie nach Hause kommen, es steht genauso die Sachen, so wie sie
gelassen haben. Das heißt, die Kinder wissen, das gehört uns und das dürfen wir.
Was auf dem Schreibtisch ist gehört meine Kinder, dürfen wir nicht. Ich auch nicht.
Also, das, wir sagen immer wir, wir kommt besser, ähm und dann sage ich „ich ma-
che auch nicht, ihr auch nicht“ und äh und dann ähm denk ich mal äh erleichtert das
Ganze. Dass für meine Familie keine Belastung ist, dass hier Fremde äh na am An-
fang sind Fremde irgendwann nicht, aber doch, Leute, die nicht zu unserer Familie
gehören äh hier den Tag verbringen. Also das, das sind so Sachen, die für mich stres-
sig sind, weil ich muss morgens gucken, dass meine Kinder nicht hier irgendwo lie-
gen gelassen haben. Wiederum abends gucke ich, dass die Tageskinder nicht ir-
gendwas kaputt oder sonst von meine Kinder. Äh und die so bisschen Frieden äh zu
haben hier. [Hm.] Und das, das empfinde ich in die Tagespflege als an-, das ist an-
strengend! Weil ich kann, ich mache nicht die Tür zu und gehe zur Arbeit und kom-
me, sondern ich bin den ganzen Tag hier und muss immer gucken äh, dass für die
Kinder gut ist und dass für die andere, die hier wohnen, meine Familie äh auch gut
ist. Und das ist ähm das empfinde ich als anstrengend. ((Räuspert sich)) [Hm.] Aber
es ist so. ((Lacht)) Ja. Und das, das auch, auch mit den fremden Leute, dass, dass äh
das ist auch der Nachteil, meine Meinung nach. Dass man, wenn neue Eltern kom-
men, dann muss ich natürlich mein Zuhause, die kenn ich nicht. Die habe ich am Te-
lefon gehabt und ähm und dann muss ich hier=hier die Wohnung zeigen. Die müssen
in mein Zimmer, die müssen, wo die Kinder sich bewegen. Und die bewegen sich
eben in die ganze Wohnung. Also muss ich äh im Bad, ist egal, und das ist für mich
äh ja wo ich denke manchmal "ah ja" ((lacht)) ähm hm! Das, das mag ich nicht so
besonders, aber es ist so. Also, ich denke ähm das ist die äh die andere Seite, die
nicht so angenehm ist. [Hm.] Von der Tagespflege. Dass man, danach kennt man die
und es ist in Ordnung, aber am Montag hat ich eine Familie hier und die sind, die
sind Fremde, also die hab ich noch nie gesehen und trotzdem gehen sie in meinen in-
timen Bereich. Also, die gehen in Bad, wo unsere Sachen sind. Die gehen- und das
immer wieder kostet äh eine Überwindung, ja?! Und das, wo ich denke „ah nee“.

Wohnen ist ein wesentlicher Teil der Reproduktion und damit auch die Wohnstätte.
Indem aber bezahlte Care-Arbeit in dieser Wohnstätte ihren Platz findet, dringt sie in
190 Deutschland: empirische Befunde

den privaten und daher intimen Reproduktionsbereich der Familie ein. Die unbezahl-
te Reproduktionsarbeit unterliegt der bezahlten Arbeit und fällt zeitlich mit ihr zu-
sammen. Das intime Zuhause muss immer wieder der Öffentlichkeit, das heißt den
Kunden, präsentiert werden. Der Verlust der Privatheit ist die Grundlage des ökono-
mischen Gewinns am Arbeitsplatz Zuhause. Da die Wohnung privat und gleichfalls
zu bestimmten Zeiten durch den Arbeitsauftrag genutzt wird, gibt es eine Über-
schneidung der jeweiligen Bedürfnisse. Dieser Konflikt bestimmt das gesamte Ar-
beitsverhältnis. Die Verwandlung verschiedener familiärer Räume in vorübergehende
berufliche Sphären ist eine andauernde Grenzarbeit. Letztlich sucht Penelope die
Intimität der Familie zu verteidigen, indem die Spuren der Lohnarbeit für den Eintritt
der Familienzeit unkenntlich gemacht werden und umgekehrt. Es wird dabei deut-
lich, dass sich in der Kindertagespflege eine besondere Form von Haushaltsarbeit
verstärkt: mindestens zwei Mal am Tag den Privathaushalt zum Ort für Tageskinder
umzufunktionieren und vice versa. Öffentliche Einrichtungen wie Krippen, Kitas
oder Schulen behalten im Vergleich dazu langfristig ihren institutionellen Charakter
bei und die Gebäudereinigung wird in aller Regel auf externe Firmen ausgelagert.
Die Familie vor der Belastung der Kindertagespflege zu schützen, ob über Haus-
haltsarbeit oder verbale Grenzziehungen, ist unbezahlte Mehrarbeit.

Eine besondere Funktion nimmt die Türschwelle der Wohnung ein. An dieser Stelle
findet die wesentliche Kommunikation mit den Eltern statt. Hier werden Privatsphäre
und Öffentlichkeit oder Arbeitswelt und Privatleben am deutlichsten verhandelt. Sie
symbolisiert das ambivalente Verhältnis, das die Kindertagespflegepersonen zum
Arbeitsplatz Zuhause einnehmen. Marja hat im Eingangsflur zu ihrer Wohnung di-
rekt neben der Haustür ein Programm mit Speiseplan und vorgesehenen Aktivitäten
zur Einsicht für die Eltern angebracht.
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 191

Neben der damit bezweckten Angleichung an andere öffentliche Einrichtungen wie


Kitas oder Krippen signalisiert diese Pinnwand den Beginn eines pädagogischen
Raums, der eine symbolische Grenze zwischen Eltern und professioneller Sphäre der
192 Deutschland: empirische Befunde

Tagesmutter zieht. Dies ist kein vertrauter Ort einer liebevollen Hausfrau, die sich
„mütterlich“ um ihre Gäste sorgt und sie willkommen heißt, sondern trennt als pro-
fessioneller Arbeitsplatz Arbeitgebende von Arbeitnehmenden. Er bewahrt eine
Dienstleistung vor der Interpretation, sie sei naturgegebene Sorgearbeit und mahnt an
eine distanzierte Haltung. Ab der Haustürschwelle beginnt das Reich der Tagesmut-
ter. Und trotzdem: sie markiert auch die Schwelle zur privaten Welt der Mutter und
Ehefrau Marja. Immer wieder konnte ich beobachten wie zur Ankunft oder beim
Abholen der Tageskinder die Kommunikations- und Körperarbeit mit den Eltern an
der Türschwelle beginnt und endet. Die Tageseltern berichteten dann beispielsweise
von den Ereignissen des Tages (was haben die Kinder gegessen, was wurde unter-
nommen, ...). Indem sie sich dabei aber körperlich an der Türschwelle positionierten,
markierten sie für die Eltern den Beginn und das Ende von Arbeitsraum und Arbeits-
zeit.

Doing (extended) family: Inszenierungen von (Groß-)Familie


Familiäre Beziehungen in der Kindertagespflege

Die in Tagesbetreuung übergebenen Kinder sind in Deutschland in der Regel etwa


ein Jahr alt und bleiben mindestens bis zum Eintritt in den Kindergarten, das heißt bis
zum dritten Lebensjahr. Aufgrund der nicht ganztägig geöffneten Institutionen wer-
den sie darüber hinaus auch noch während der Kindergarten- und Schulzeiten teilbe-
treut. Zwischen den Tageseltern und den Tageskindern entstehen über diese Zeiträu-
me meist starke emotionale Bindungen:

Zum Beispiel eine ist schon letzte Monate in Kindergarten. Ich hab auch gestern mit
ihr telefonisch geredet. Direkt mit mir telefonisch und die fragt mich: „Jamila, ich
hab dich vermisst.“ Und ich frag die auch: „Wie war im Kindergarten?“ – „Ja, das
war schön, ich hab schon Freundin da“, und die erzählt. Die war schon eine Baby,
die Mutter auch am=am äh am Ende, als die, als hat schon, wir ham Abschiedsfeier
gemacht, sie hat schon geweint. Sie hat mir gesagt, unglaublich, zwei Jahre bin ich
hin und zurück und die war, das war auch ein bisschen, ja, äh wie gesagt. Das auch,
tut auch ein bisschen weh für uns. Auch, ja natürlich, ein Kind, zwei Jahre und dann
geht.“
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 193

Tageseltern halten oft langfristig Kontakt zu ihren Tageskindern und empfinden nicht
selten eine Art von Trennungsschmerz, wenn das Tageskind „Flügge wird“. Auch
wenn sich gelegentlich eine Art Befremden von Seiten mancher Mütter einstellt, die
erwerbstätig sind, wird diese Bindung in der Regel von den Eltern gestützt. Auch
Karin Jurczyk präzisiert: „Die Betreuerin soll wie eine Mutter sein, ohne diese zu
sein.“ (Jurczyk 2004b: 20, Hervorhebung im Original) Oft wird das Geschwisterchen
eines Tageskindes hinzugegeben, sodass enge familiäre Konstellationen in die Kin-
dertagespflege verlagert werden. Geschwister-Konstellationen treten darüber hinaus
auch mit den Kindern der Tageseltern auf – alle werden sozusagen Teil einer Fami-
lie.

Die eigene Familie ist ein intrinsischer Auslöser für den Einstieg der Migrant_innen
in die Kindertagespflege. In der Bewertung des Arbeitsalltags wird ein Care-Gewinn
für die Entwicklung der eigenen Kinder aufgezeigt, wie Marja verdeutlicht:

Ja, das, diese Möglichkeit, diese, dass man das vereinbaren kann mit der eigenen
Familie. Das ist auch sehr schön. Ja, dass mein Kind das nicht kennt mit dem Schlüs-
sel nach Hause zu kommen [hm], was ich eigentlich, vielleicht ist es auch jetzt Be-
zug zu der Kindheit ((lacht)), was ich eigentlich kenne, ja?! [Hm.] Dass man alleine
ist, ja?! Nachmittags. Äh .. und auch, ja, die Erfahrung für ihn. Als Einzelkind. Das
finde ich, vielleicht auch dadurch, dass ich viele Geschwister hatte. Das weiß ich,
dass das schon, man ist, man führt jetzt vielleicht ganz anderes Leben. Also mit den
Geschwistern. Aber trotzdem man weiß, da ist jemand. Und er hat das eigentlich. Al-
so in kleinem Maße, ja?! Und durch die Kinder hat er das auch so, konnte er halt
auch diese Erfahrung machen. Ja?! [Hm.] Als der große Bruder. Nur also so kurzes
Beispiel, das war wir hatten ein Schulkind, ein, das Mädchen ist in die erste Klasse
gekommen und Markus war schon in der vierten Klasse. Und die saßen zusammen
am Tisch ähm und er kam und dann sagt er: „Na, wie war dein Tag? hast du schon
Freunde in der Klasse?“ Das war wirklich wie ein großer Bruder. Ja?! Der fragt
dann: „Ja, wie geht’s dir? Wie war dein Tag? Du bist neu in der Schule.“ Und da hab
ich mir gedacht, schön, dass er sowas erleben darf, ja?! Weil er hätte das nie erleben
können, ja?! Weil er keine Geschwister hat, kleinere. Und er hat das durch die Ta-
gespflege jetzt ganz toll, also, er hat sich ganz toll entwickelt.

Anhand des „Schlüsselkinds“ greift Marja einen Begriff auf, der im Deutschland der
Nachkriegszeit für Kinder erwerbstätiger Eltern ohne Nachmittagsbetreuung geläufig
war und hier eine starke Wirkung mit negativer Konnotation in der Gesamtgesell-
schaft erzeugte. Marja stellt die Tätigkeit in der Kindertagespflege als Care-Leistung
194 Deutschland: empirische Befunde

am eigenen Kind dar. Ihre Argumentation verfolgt dabei das Ziel einer Entlastung.
Auch wenn in Marjas Kindheit in Polen das Vorurteil des Schlüsselkindes nicht
verbreitet war, hat der deutschlandspezifische Diskurs um die Rabenmutter (im Übri-
gen ein Wort, dass es im Französischen nicht gibt) sie längst erreicht. Neben der
Befürchtung, als Mutter in der modernen Kleinfamilie zu enttäuschen, erscheint die
(biografische) Erfahrung von Großfamilie wertvoll. Großfamilie wird über Tageskin-
der als vermeintliche Substitution für Geschwister hergestellt und mit einem pädago-
gischen Gewinn verknüpft, der ihre Erwerbstätigkeit positiv besetzt.

Während in manchen Momenten Grenzziehungsarbeit geleistet wird, besteht die


Inszenierung einer Großfamilie vor allem aus Grenzöffnungsarbeit zwischen Tages-
eltern, deren Kindern und den Tageskindern. Das Kind oder auch der Ehemann spie-
len hier und da mit dem Tageskind und übernehmen dabei einen Teil der Sorgearbeit.
Es kann sogar zu Übernachtungen oder langfristigen Betreuungsphasen kommen,
wenn zum Beispiel Eltern auf Dienstreisen sind oder alleine in den Urlaub fahren
wollen. „Also, das macht auch so eine Ersatzfamilie, oder eine erweiterte Familie,
ich weiß nicht“, rückt die Tagesmutter Pascale diesen Zwiespalt zurecht. Indem das
Tageskind „Teil der Familie“ wird, verschwimmen die soziobiologisch vorher gel-
tenden Grenzen und eine innovative Form von doing family entsteht, in der die
migrantischen Tageseltern ihre eigenen Erfahrungen vom Aufwachsen in der Groß-
familie an ihre Kinder zu übermitteln suchen. Emotionale Bindungen entstehen auch
zwischen Kindern und Tageskindern, die über die ersten drei Lebensjahre hinaus
gemeinsam aufwachsen und sich bis zu Freundschaften beziehungsweise „Geschwis-
terschaften“ im Erwachsenenalter entwickeln können.

Öffentliche Szenen

Das doing family in der Kindertagespflege führt in der öffentlichen Wahrnehmung


der Aufnahmegesellschaft allerdings zu Irritationen. Immer wieder erzählten mir die
Tageseltern von einer spezifischen Erfahrung, die sie beim Schieben des Kinderwa-
gens auf der Straße gemacht haben. Olga beispielsweise erzählt davon auf eine recht
amüsante Weise:
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 195

Also ich hatte so einen Doppelwagen auf dem Flohmarkt gekauft. Ich konnte mit
Beiden auch spazieren gehen. Und jede Oma auf der Straße hat gesagt „Oh, süße
Zwillinge“, obwohl eine zehn Monate und das zweite gerade mal so ein kleines Baby
war. Also, ich wurde dann öfter angesprochen. Und später habe ich mir einen Vierer-
Kinderwagen gekauft. Aus Amerika. Sieht ganz süß aus. Das ist so wie ein Zug. Für
vier Kinder. Also ein Sitz, zwei, drei, vier, unter einem Dach, blau. Jedes Kind ist
angeschnallt und die Sitze sind wie Fahrradsitzen, so ungefähr. Man kann die auch
umkippen. Und wenn ich mit diese Kinderwagen unterwegs war, wurde ich sofort
gefragt: „Oh, wie? V i e r l i n g e ?“ Glauben Sie mir, wie viele Male ich das ge-
fragt wurde „O h h h , die Frau hat aber Mut. Oh je, oh je, oh je.“ Und ich hatte eine
Kind, die kam aus China, der eine war blond, der dritte war schwarz und der, keine
Ahnung, die Manja, genau, die Manja war rothaarig, weil die Mama ist aus Irland
gewesen, hatte rote Haare und so Locken. Trotzdem alle Omas meinten: „Da sind die
Vierlinge!“

Diese Erzählung verrät, wie stark homogene Vorstellungen von Familie im kollekti-
ven Gedächtnis der Gesellschaft verankert sind. Optische Unterscheidungsmerkmale,
zum Beispiel von Ethnizität oder Alter, werden vor der zum Faktum gewordenen
Vorstellung biologischer Familienzusammengehörigkeit gar nicht erkannt bezie-
hungsweise übersehen. Neue Formen von doing family, die auch vermehrt als Patch-
work- oder Regenbogenfamilien existieren, werden von der Umgebung unter be-
kannte Sinnstrukturen subsumiert und dabei verkannt. Diese Anekdoten verraten, wie
Familienpolitik und kulturelle Wahrnehmung zusammenhängen oder auseinander-
klaffen. Dominant bleibt ein Bild, nach dem die heutige Migrationsgesellschaft eth-
nisch homogen und Familienerscheinungen wesentlich als biologische Kleinfamilie
verstanden werden.

Die Kindertagespflege als mögliche Konstellation eines familiären Gruppenbildes,


zusammengesetzt aus Frau und Kindern, bewegt sich an den Grenzen intelligibler
Familienstrukturen. Judith Butler fragt in ihrem Essay Antigone’s Claim: Kinship
Between Life & Death mit Bezug auf Hegel und Lacan danach, wie bestimmte Ver-
wandtschaftsverhältnisse als die einzig intelligiblen und lebbaren allererst geschaffen
wurden: “The question, however, is whether the incest taboo has also been mobilized
to establish certain forms of kinship as the only intelligible and livable ones.“ (vgl.
Butler 2000: 70, Hervorhebung im Original). Verwandtschaft wird als ein Bündel
von Praktiken verstanden, und Beziehungen werden jeweils durch die Praxis ihrer
Wiederholung neu eingesetzt. Die Inszenierung von Familie in der Kindertagespflege
196 Deutschland: empirische Befunde

widerläuft, wie andere Konstellationen, die im Zuge der Pluralisierung der Lebens-
formen für Deformation und Verschiebung stehen, normativen Prinzipien von Ver-
wandtschaft.

Die Eltern-Problematik: Beziehungsarbeit


Ambivalenzen von Nähe und Distanz in der Beziehungsarbeit
mit Eltern

Tageskinder kommen nicht alleine in den Haushalt der Tagesmutter: „Und man hat
nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern. Und bei vier Kindern .. da hat man acht
Leute die, also, insgesamt sind sind es zwölf ((lacht)), die man mehr oder weniger
hat.“ Tageskinder bedeuten, wie Penelope hier aufklärt, für die Tageseltern immer
auch eine Auseinandersetzung mit überantwortenden Eltern. Nicht nur Variablen wie
Arbeitszeiten und Anfahrtswege der Eltern haben Auswirkungen auf die Arbeit der
Tageseltern. Ein neues Tageskind bedeutet darüber hinaus auch Beziehungsarbeit mit
den dazugehörigen Elternteilen, in der Regel der Mutter. Schon beim ersten Telefon-
gespräch wird im Voraus mit Bauchgefühl abgeschätzt, ob ein Arbeitsbündnis mit
den Eltern gelingen kann. Beziehungsarbeiten setzen sich über den gesamten Verlauf
des Arbeitsbündnisses fort: Grenzen ziehen, Emotionen glätten, Sinnzusammenhänge
überprüfen und Erziehungsfragen klären. Diese Aushandlungen sind Teil des wider-
sprüchlichen Prozesses von Öffentlichkeitsherstellung versus Schutz von Privatsphä-
re, wie bereits anhand des Arbeitsplatzes Zuhause illustriert. Die Türschwelle der
Wohnung als symbolische Schwelle zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre inklu-
diert in besonderem Maße die Beziehungsarbeit zu Eltern. Um eine Vereinnahmung
durch Eltern zu unterbinden, wird Distanz über Körperarbeit symbolisch hergestellt.
Das Gros der Emotionsarbeit wird an dieser Stelle geleistet, wie Penelope verdeut-
licht: „Aber ähm zu fragen, aber sie fragen, also die wollen, also, wenn, wenn nach
den Eltern wäre, würde ich jeden Tag halbe Stunde an der Tür stehen. [Hm.] Und ich
lasse sie nicht rein!“ Art und Dauer des Kommunikationsbedürfnisses der Eltern
können daher die Arbeitsbelastung der Tageseltern vergrößern.

Entlang der Erzählungen der Tageseltern dieser Studie entsteht der Eindruck, dass
die Kommunikation mit den Eltern sehr belastend sein kann. An Penelopes Erläute-
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 197

rungen lässt sich zudem eine hierfür beispielhafte Nähe und Distanz-Problematik
veranschaulichen:

Und das ist sehr besondere in diese Beruf. Weil man hat im Kindergarten oder Krip-
pe, die Kinder, ne?!, das gibt ein Elternabend. Hier ist mehr persönlich. Also hier
ähm die sind nicht meine Freunden die Eltern, trotzdem es gibt so eine, man sieht sie
jeden Tag. Man weiß mehr, als man lieb ist ((lacht)) äh von der Familie. Und es ist
so, irgendwie, es ist, weder noch. Das sind nicht Freunden, aber auch das sind ganz
nah. [Hm.] Ähm na ja, also, sie mehr als ich. Also von mir wissen sie ja weniger,
aber ähm man kriegt immer mit ähm von allem in alle Zeit in diesen Familien pas-
siert. Und, und das verbindet einfach, ne?! […] Ja, also, dass ich dann ähm wie ge-
sagt äh die Eltern mehr oder weniger, das ist eigentlich ein blödes Wort, aussuche.
Da such ich mir die aus, aber gut. [Hm.] Ich versuche so, dass sie ein bisschen hier
reinpassen von, von Lebensart her, sagen wir mal so. Aber natürlich die haben ein
Chef, die haben Partner, die haben x Problem. [Hm.] Also, da ist es passiert, dass
kommen eine Mutter morgens um acht und sagt „hast du eine Minuten?“ Und ich,
natürlich habe ich keine, weil ich habe die andere Kinder und die kommen und dann,
aber ich, natürlich, also, man will nicht, und dann erzählen sie mir äh, eine weint,
dass äh weil da so viel Druck in, bei der Arbeit ist. Und sie muss was äh hinkriegen
und schafft nicht und der Mann hat heute nicht gehört, weil der auch seine Sachen
hat. Und natürlich es ist so, dass ich da bin ((lacht)). Ich bin da. Ich bin da. Ich bin
nett. Die mögen mich. [Hm.] Und ähm ((lachen)) und ja, doch, das ist einfach, denk
ich mal, sich zu öffnen. Also, sie erzählen mir Sachen, wo ich kann weder äh nichts
sagen. Ich sag gar nichts am besten. Oder, oder mit dem Partner, ne?! Oder er hat
heute mir so und so gesagt, wo ich denke „interessiert mich nicht.“ Also, da hat nicht
mit dem Kind zu tun, direkt. Und das zeige ich am Anfang. Ich will alles was mit
dem Kind zu tun hat, die relevant ist, für mich, für die Erziehung, für=für unsere Ar-
beit. Dann möchte ich gerne wissen. [Hm.] Alle anderen nicht. Aber da wie so, das
ist so wie eine Grauzone. Da mit den, ich=ich versuche mich, ich bin echt, ich mache
Seminare, ich mache alles Mögliche, dass ich weiß, ich weiß, wo meine Grenzen
sind. Ich zeige die auch, aber wird oft äh übersehen. Also, meine Freundlichkeit
((räuspert sich)) die ich auch habe äh wird s o o o anders interpretiert, ne?! Oft. Also,
das heißt, die denken, und die denken das ehrlich, dass ich eine Freundin bin
((lacht)). Wo ich denke „äh bin ich nicht.“ Also ich habe auch viele Freundinnen, wo
ich äh, das sind meine Freundinnen, und das ist hier äh eine Arbeitsverhältnis, sozu-
sagen, ne?!

Die Mutter trägt Konflikte an die Schwelle von Penelopes Haustür, die aus der Ab-
gabe von Care-Arbeit zum Zweck der Erwerbsarbeit resultieren. Penelope erfährt die
Ambivalenzen zweier Familieninszenierungen, die einander gleichzeitig konstituie-
ren: das doing family in der Kindertagespflege gibt es nicht ohne das doing family
198 Deutschland: empirische Befunde

berufstätiger Mütter. An Penelopes Zitat wird erkennbar, dass auch die Mutter des
Tageskindes ein doing family in Kraft setzen möchte, in der sie selbst gleichsam Teil
der familiären Sphäre wird. Diese Handlungen stehen in Konflikt mit der von Pene-
lope bevorzugten Gestaltung von Arbeit. Da ihre eigene Familienkonstruktion auf der
Zusammenführung von beruflicher Tätigkeit mit privater Sorgetätigkeit basiert,
bricht sich die Intimität einer freundschaftlichen Annäherung zur Mutter an der
Grenze zur beruflichen Sphäre, die Distanz erfordert. Der Schutzraum der Professio-
nalität wird durch das Kommunikationsbedürfnis der Mutter perforiert, deren Er-
werbseintritt dennoch Grundlage der entstandenen Profession der Tagesmutter ist.
Um professionelle Distanz zu etablieren, entwickelt Penelope eine Strategie, die sie
dem Modell der öffentlichen institutionellen Einrichtungen entlehnt: sie organisiert
Elternabende, die thematisch auf die Tageskinder (nicht auf die privaten Sorgen der
Eltern) abgestimmt sind. Rückblickend schlussfolgert sie: „Äh und dann mit den,
zwischen Tür und Angel ist ein bisschen reduziert seitdem.“

Eine ähnlich konfliktreiche Verkennung des Arbeitsverhältnisses vollzieht sich, wenn


Penelope Einladungen zu Geburtstagsfeiern von Familien ehemaliger Tageskinder
erhält. Sie lehnt diese daher kategorisch ab. Langfristige Kontakte, die über die Kin-
dertagespflege zwischen Tageseltern und Tageskindern entstehen, werden bei summa
summarum 40 Tageskindern, deren Familien sich immer wiederkehrend melden, zu
einer ernsthaften Belastungsprobe:

Da merke ich, dass sie denken, ich bin ein Teil der Familie sozusagen, weil ich äh ih-
ren Kind zwei Jahre oder drei Jahre, und die sind so dankbar. Das ist es, das ist es.
Das ist das Wort. Die sind so dankbar, dass so gut gelaufen ist und dass so toll war
und dass das Kind sich so gut entwickelt und ähm dann wollen sie mir so zurückge-
ben, so um, nehmen mich sozusagen auf, in diese Familiengeschichte, wo ich nicht
hingehöre und mich nicht wohl fühle, natürlich. Weil äh wenn die gehen kommen
andere und ich pflege ein bisschen diese Beziehungen, aber ich, bei 40 Kinder, kann
ich nicht. Also ich kann nicht 40 Kinder, das sind 80 Eltern, die ich äh und Großel-
tern, die ich mal kennenlerne. Und da muss ich sagen „nein“, äh „kann ich nicht“,
oder mittlerweile sage ich „ich möchte nicht“, weil ich [hm] gehör nicht da.

Nachdem einzelne Tageskinder aus der Betreuung ausgetreten sind, muss Peneople
die Inszenierung des Familienlebens beenden. Die hohe Anzahl der betreuten Tages-
kinder verringert die Möglichkeiten, eine langfristige Beziehung aufrechtzuerhalten.
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 199

Weil die Eltern daran scheitern, die Kindertagespflegeperson in den Familienverlauf


zu integrieren, ist die Konstruktion einander ergänzender Familienformen nur tempo-
rär. Die Reproduktionsgemeinschaft existiert vordergründig in der Zeit des offiziell
eingegangenen Arbeitsbündnisses. Daran zeigt sich, dass die Entlohnung in der Kin-
dertagespflege auch zu einer Distanzierung beitragen kann, in der Sorgearbeit nicht
allein intrinsischen Motiven folgt.

Erziehungskonflikte zwischen Eltern und Tageseltern

Gegenüber den Eltern muss Professionalität in Fragen der Erziehung gegenüber den
Eltern hergestellt werden. Einerseits holen Eltern bei den Tageseltern Ratschläge ein.
Andererseits möchten sie die Erziehung ihrer Kinder bei der Kindertagespflegeper-
son mitbestimmen. Im Zentrum stehen Fragen der Ernährung, Schlafenszeiten und zu
fördernde Aktivitäten. In schwierigen Beziehungen zu Eltern kann der Arbeitsplatz
Zuhause auch zum Ort der Bedrohung durch diese werden. Konflikte können oft nur
schwer bereinigt werden, solange sie auf der Ebene des Privaten ausgehandelt wer-
den.

Viele Interventionen in Bezug auf Erziehungsfragen kommen von Müttern, die sich
nur langsam vom alltäglichen Leben mit dem eigenen Kind distanzieren. Jamila
berichtet in diesem Zusammenhang:

Weil manchmal zum Beispiel als Tagesmutter ich bleibe viel Zeit oder ich äh mit das
Kind. Ich kann vielleicht mehr beobachten als die Mutter, weil die Mutter ist schon
unter Stress. Zum Beispiel ganz Tag in Arbeit und wenn kommt nach Hause, entwe-
der kurz Zeit mit das Kind zum Beispiel oder hat keine Zeit zum Beispiel oder das
viel zum Beispiel beobachten. Aber bei uns als Tagesmutter, das gehört auch unsere
äh äh Arbeit zum Beispiel diese Kinder beobachten. Gibt's die Eltern, die sagen, ja
ok, das ist mein Sohn, ich kenn ihn besser, ich weiß, was geht um ihn.

Tatsächlich unterliegt dem Outsourcing von Erziehungsarbeiten eine zeitliche „Care-


Seite“, die sich für Eltern auf den Umfang des mit den eigenen Kindern Erlebten
auswirkt. Die Verschiebung der Frauenrolle zu mehr Erwerbstätigkeit steht nicht nur
für die Partizipation an einer männlich geprägten Arbeitswelt, sondern auch für den
Verlust an Möglichkeiten zwischenmenschlicher Fürsorge in der Kernfamilie. Die
Resistenz, sich von der Versorgungsfunktion gegenüber den eigenen Kindern zu
200 Deutschland: empirische Befunde

lösen und sie in die Kindertagespflege zu verlagern, ist Ausdruck dieses zwiespälti-
gen Wandels. Die Tageseltern wiederum müssen um Anerkennung ihres Kompe-
tenzbereichs kämpfen, der Erziehungsfragen beinhaltet, die nicht immer den Vorstel-
lungen der Eltern entsprechen. Eine Krippe oder eine Kita repräsentiert eine instituti-
onelle Gemeinsamkeit. In der Kindertagespflege in Deutschland hingegen gibt es
diesen stärkenden institutionellen Rahmen nicht, der Professionalität stärker deutlich
macht.

Besonders drastisch erleben die Tageseltern Erziehungskonflikte mit Eltern in der


sogenannten Eingewöhnungszeit. Da die Kinder in Deutschland meist im Alter von
ein bis eineinhalb Jahren in die Obhut der Tageseltern genommen werden, haben sie
oft eine starke frühkindliche Bindung zu ihren Müttern beziehungsweise näheren
Bezugspersonen entwickelt. Der abrupte Austausch der Bezugspersonen über mehre-
re Stunden am Tag mündet in einer heiklen Emotionsarbeit für alle Beteiligten. Wäh-
rend Tageskinder und ihre Mütter lernen, sich voneinander zu lösen, müssen die
Tageseltern diese Bindung neu orientieren. Umso älter die Tageskinder sind, desto
schwieriger wird die Ablösungsphase. Die Eingewöhnungszeit gilt unter den Tages-
eltern daher als ausgewiesener Stressfaktor.

Alleinerziehende Elternteile: prekäre Helferinnen der Prekä-


ren

Es konnte bereits festgestellt werden, dass ein Ernährer-Einkommen Grundvoraus-


setzung für die Kindertagespflege ist, da von der Tätigkeit kein Lebensunterhalt
bestritten werden kann. Die migrantischen Kindertagespflegepersonen in Deutsch-
land leben alle in Partnerschaften mit einem Familienernährer beziehungsweise einer
Familienernährerin. Im gesamten Sample dieser Studie lässt sich keine Person aus-
machen, die zur Zeit der Ausübung der Kindertagespflege alleinerziehend ist. Man-
che der Befragten haben eine Scheidung durchlebt. In den Phasen, in denen sie finan-
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 201

ziell auf sich gestellt waren, haben sie jedoch aufgrund des geringen Verdienstes
nicht als Kindertagespflegeperson arbeiten können.53

Alleinerziehende überantwortende Mütter tauchen jedoch in den Erzählungen der


Kindertagespflegepersonen häufig als soziale Grenzfälle auf. Dies führt bei den Kin-
dertagespflegepersonen oft zu Gewissenskonflikten. Tagesmutter Milana berichtet
beispielsweise:

Gerade ich, wo ich's weiß, was es bedeutet ähm finanziell schlechter gestellt zu sein
und dann eben auch ähm nicht weiter zu kommen, aufgrund dessen. [Hm.] Also, ich
hab jetzt auch ne Mutter, das muss ich auch ehrlich sagen, von der nehm ich gar kei-
ne Zuzahlung. Das ist ne alleinerziehende Mutter, ähm der Mann ist verstorben, ähm
die kann das nicht begleichen. Das war dann so, dass ich einfach für mich gesagt
hab: Ich=ich ähm möchte dieser Frau einfach die Chance geben, ja?! Ich häng das
jetzt nicht an die große Glocke, also, die anderen Eltern wissen das auch gar nicht.
Ich weiß nämlich nicht, wie sie darauf reagieren würden. Aber da ich weiß, dass die
anderen Eltern wirklich gut gestellt sind, finanziell, finde ich es einfach nur gerecht,
dann auch ähm einer Mutter die Möglichkeit zu geben, die es eben nicht leisten
kann, auch wieder ins Berufsleben reinzukommen. [Hm.] Ne, das sind auch Gelder,
die mir zwar monatlich dann verloren gehen. Aber da muss ich einfach gucken, weil
dafür hab ich dann nen Kind mehr, was ich aufnehme, zum Beispiel, um das dann
wieder auszugleichen.

Die eigene prekäre Lebenslage scheint Milana unter anderem für die Lebenslagen
anderer zu sensibilisieren, namentlich alleinerziehende Mütter. Qua ihrer Berufung
leistet sie über Care direkte Hilfe. Sie nimmt daher eine aktive Rolle bei der Vertei-
lung von Wohlfahrt in der Gesellschaft ein. Es wird deutlich, dass sie kein Vertrauen
in die staatliche Fürsorge hat. Sie wird da ersetzt, wo die Grauzone der Regulierung
von Zuzahlungen an den unterschiedlichen Voraussetzungen der Eltern scheitert. Die
Bereitschaft hier der Gerechtigkeit Vorschub zu leisten, weist auf Einblicke in die
Problematiken eines postindustriellen Wohlfahrtsstaats hin, in dem die
Ökonomisierung sozialer Dienstleistungen zu Pflegenotständen führt und zusätzlich
jene benachteiligt, die die Pflegearbeit erbringen.

53
Diese Forschungsergebnisse widersprechen im Übrigen den Forschungen von Schoyerer und
Weimann-Sandig, die in ihrem Sample eine hohe Zahl von Alleinerziehenden verzeichnen, diese
allerdings einem sehr fragilen, von Unsicherheiten bestimmten, Typus zuordnen (vgl.
Schoyerer & Weimann-Sandig 2015: 86).
202 Deutschland: empirische Befunde

Die Männer-Problematik
Der Mann am Arbeitsplatz

Männer im Tätigkeitsfeld der Kindertagespflege lösen manchmal bei Eltern, aber


auch bei Institutionen, Ängste aus. Aus dieser Studie geht hervor, dass es sich zu-
meist um die Ehemänner der Tagesmütter handelt, die gelegentlich am Arbeitsplatz
Zuhause präsent sind.

Vorurteile gegenüber Männern, die vom Stereotyp des potentiell das Kindeswohl
gefährdenden Mannes genährt werden, stellen ein Problem dar. Auf der Grundlage
meiner Forschungsergebnisse beziehen sich die oft nur angedeuteten Ängste in der
Kindertagespflege vordergründig auf fehlende Fürsorgebereitschaft, einen denkbaren
Alkoholismus oder mögliche pädophile Neigungen, die bei den Ehemännern bezie-
hungsweise Partnern oder jugendlichen Söhnen der Tagesmütter befürchtet werden.
Pascale spiegelt die Ängste wider, die von Seiten der Eltern auf sie einwirken:

Hier in Deutschland, ich weiß nicht wie es ist, es gibt diese Geschichte, es gibt Ge-
schichte mit Kinderkrippe, aber mit Tagesmutter, das ist etwas noch: in eine fremde
Haus. Also nicht eine Kinderfrau die kommt zu Hause. Das existiert seit Generatio-
nen in reiche Familie, hm?! Die Nanny zu Hause, es existiert seit der Anfang der
Zeit. Fast man kann sagen. Aber äh diese Sache mein Kind zu bringen, in ein fremde
Haus, zu eine fremde Frau, mit eine fremde Familie. Ein fremder Mann. Fremde
Kinder. Vielleicht größere Kinder. Vielleicht Jungs auch. Also, das macht schon
Angst!

Olga hingegen erzählt mit Blick auf die institutionelle Seite:

Zuhause wird alles geprüft, ob alles kindsgerecht gemacht ist, ob du Spielsachen


hast, ob du kein Dreck hast, ja es ist sowas. Das ist dann, ob für das Kind wirklich
passend ist. Ob du genug Platz hast, ob du einen Kinderwagen hast, wo du mit ihm
raus auch gehst. Also, die Umgebung, die Wohnung, ob dein Mann trinkt.

Der Kompetenzbereich Care wird als „weiblicher“ verstanden und reproduziert. Da


die Zuweisungen an den Mann allgemein Konsens erlangen, wird die Frau als sein
Gegenentwurf davon entlastet. Die gesellschaftliche und institutionelle Diskriminie-
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 203

rung des Mannes wird vom Prozess der Stigmatisierung 54 genährt. Erwin Goffman
zufolge diskreditieren die zugewiesenen Attribute das Individuum und hindern es
daran, in der Gesellschaft vollständig akzeptiert zu werden (vgl. Goffman 1991: 3f).
Für den Mann am Arbeitsplatz der Kindertagespflege erschwert dies sowohl den
Zugang zu Care-Berufen, als auch die Partizipation am Alltag der häuslichen Sphäre
der Tagesmutter, was wiederum seine Rolle als Versorger stützt.

Neben der Stigmatisierung des potentiell übergriffigen Mannes werden von Seiten
der Eltern auch Verlustängste gegenüber dem „fremden“ Mann ausgedrückt, wenn
dieser plötzlich zu einer väterlichen Identifikationsfigur für die eigenen Kinder wird.
Dann wird auch die ohnehin seltene Vaterfigur der Kernfamilie im doing family-
Prozess ausgelagert, denn der Ehemann der Tagesmutter übernimmt seine Position.
Der Einbezug des Ehepartners in den Berufsalltag der Tagesmutter ist aber eher
selten oder findet aktiv nur am Rande der Betreuungsstunden statt. Viele der Tages-
mütter, die ich in ihre Lebenswelten begleiten durfte, verteidigten „ihren“ Bereich
Kindertagespflege. In meiner Gegenwart wurden die Partner (und eine Partnerin) oft
der Wohnung oder in ein separates Zimmer verwiesen. Auch maternal gatekeeping,
bei dem die Partizipation des Vaters an der Kindeserziehung verhindert wird,55 ist
daher Teil einer Grenzziehungs- und Professionalisierungsstrategie von Tagesmüt-
tern – nicht nur innerfamiliär, sondern vor allem in Abgrenzung zu den betreuten,
fremden Kindern.

54
Die Bedeutung der hier gebrauchten Bezeichnung bezieht sich auf folgende Definition von
Erwin Goffman: “While the stranger is present before us, evidence can arise of his possessing an
attribute that makes him different from others in the category of persons available for him to be,
and of a less desirable kind - in the extreme, a person who is quite thoroughly bad, or dangerous,
or weak. He is thus reduced in our minds from a whole and usual person to a tainted, discounted
one. Such an attribute is a stigma, especially when its discrediting effect is very extensive; some-
times it is also called a failing, a shortcoming, a handicap. […] There are blemishes of individual
character perceived as weak will, domineering or unnatural passions, treacherous and rigid be-
liefs, and dishonesty, these being inferred from a known record of, for example, mental disorder,
imprisonment, addiction, alcoholism, homosexuality, unemployment, suicidal attempts, and rad-
ical political behavior.” (Goffman 1991: 3f)
55
Puhlman und Pasley bieten folgende Definition für das maternal gatekeeping an: “[…] a set of
complex behavioral interactions between parents, where mothers influence father involvement
through their use of controlling, facilitative, and restrictive behaviors directed at father's chil-
drearing and interaction with children on a regular and consistent basis.” (Puhlman & Pasley
2013: 176)
204 Deutschland: empirische Befunde

Tagesväter in Deutschland: eine andere Geschlechterperspek-


tive

Tagesväter arbeiten in einem sozialen Raum, der überwiegend weiblich konnotiert


ist, wie Jamila in ihrem Arbeitsalltag beobachtet: „Meistens die Mutter, weil die
meiste Vatern, die, die lassen Abstand. Das heißt, meisten Vater, die sagen: Ich hab
keine Zeit, meine Frau ((lacht)), meine Frau macht das. Die schieben alles bei die
Frau.“ Tageseltern sind meist Frauen und sie kommunizieren auch überwiegend mit
Frauen in einer fast unbehelligten Frauenwelt. Sie agierten an allen Schaltstellen, an
denen ich mich während der Recherchen bewegte – als Kindertagespflegeperson; als
Mütter, die ihre Kinder von der Tagesmutter abholen; als Angestellte der Stadt, so-
wohl als Sozialarbeiterinnen als auch in den Informationszentren. Die Organisation
der Verlagerung von Care-Arbeit auf andere, fremde Personen liegt daher auf eine
sehr „gendermächtige“ Art und Weise in Frauenhand.

In der deutschlandweiten Diskussion um die Integration von Migrant_innen in öf-


fentlichen Schulen werden immer häufiger Stimmen laut, die mehr Lehrerinnen und
Lehrer mit Migrationshintergrund fordern. Ähnlich verhält es sich mit der Forderung,
mehr männliche Erzieher für öffentliche Einrichtungen zu gewinnen, wie beispiels-
weise das vom Bundesministerium angestoßene Programm „Mehr Männer in Kitas“
verdeutlicht (vgl. Koordinationsstelle MiK). Diese Trendwende kann für Männer mit
Migrationshinweis zunehmend zu einer Chance der Integration in den deutschen
Erwerbsarbeitsmarkt werden. Das gilt auch für Au-pairs, die zurzeit noch fast aus-
nahmslos junge Frauen sind.

Betrachten wir die von Frauen dominierte Kindertagespflege aus der Perspektive von
den beiden migrantischen Tagesvätern dieser Studie, lässt sich zunächst feststellen,
dass sich ihre Motive nicht wesentlich von jenen der Tagesmütter unterscheiden.
Auch sie wollen nach der Familiengründung aus einer statusbeschränkten Lebenslage
heraus selbst für die eigenen Kinder da sein. In der Konstruktion ihrer prozesshaften
Berufs(um)orientierung wird Geschlecht zunächst nicht thematisiert. In den folgen-
den Beschreibungen der Arbeitsinhalte wird jedoch ein geschlechtsbinärer Umgang
mit Arbeitsinhalten immer deutlicher und letztlich auch von den Tagesvätern expli-
ziert. Die Beschreibungen reflektieren, was es heißt als „Mann“ in einem von Frauen
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 205

dominierten Arbeitsfeld zu agieren und immer wieder durch die Gesellschaft auf
Geschlechterrollen rückverwiesen zu werden.

Elias Fall: männliche Identitätsarbeit als Tagesvater

Elia ist ein Mann mittleren Alters, der seine aus Deutschland stammende Ehefrau in
seiner Heimat in Mexiko kennengelernt hat. Als diese schwanger wurde, migrierte er
zu ihr nach Westdeutschland. In der neuen Wahlheimat sieht er eine bessere Zukunft
für seine Familie, was er an Bildungsoptionen für seine Kinder festmacht und an der
Sicherheit, die Deutschland im Gegensatz zu den „Drogen-Kartellen“ Mexikos biete.
Elia und seine Frau haben heute insgesamt drei Kinder. Seine Frau geht in Deutsch-
land kontinuierlich einer festen Beschäftigung nach.

Elia hatte nach der Migration aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse als Graphiker
Schwierigkeiten, sich in den Arbeitsmarkt der Aufnahmegesellschaft einzugliedern.
Außerdem wollte er eine Fremdbetreuung seiner Kinder vermeiden. In Folge dessen
kam es zur Annahme der Rolle als Hausmann und Erzieher, die sich während der
Phasen gelegentlicher Arbeitslosigkeit festigt. Er erzählt:

Für mich ist besser hier zu sein, wenn die Kinder von der Schule kommen. [Hm.]
Und nicht, dass die nach Hause kommen und=und sie sitzen da und sie müssen .. äh
etwas von der Tiefregal essen oder- .. Fernsehen gucken. Das finde ich ist schwierig,
schwer. Deswegen, das ist eine=eine, meine Motive, dass ich hier zu Hause bleiben
will. Ich wollte nicht, dass andere Leute auf meine Kinder aufpassen. Ich=ich=ich ..
ich weiß, dass es gibt viele Tagesmütter und andere Optionen oder kann ich mein
Kinder Hort schicken. Und da kann essen und Hausaufgaben machen. Aber ist nicht
dasselbe. Ist .. ist nicht die Familie. Ist jemand anders passt auf meine Kinder auf.
Und das wollte ich nicht, das. Vielleicht ist ein bisschen, denke ich, es gibt Leute, die
denken: Ja, .. so ist das, ja?! Aber .. für mich ist wichtiger die Kinder, ja, die Familie.
Vielleicht liegt das äh als äh .. dass ich eine schöne Familie und eine sehr enge Fami-
lie hab=hab=habe. Und ich wollte das weitergeben. Weiß es nicht, also ((lacht)).
Aber für mich ist besser, hier zu sein. Und die Kinder zu äh Tür aufmachen, sagen:
Ja, wie war die Schule? Ja, wir essen zusammen. .. Ich weiß nicht, ich denke, für die
Kinder in der=der Zukunft wird das eine gute Erinnerung .. Papa war da und hat uns
geholfen mit den Hausaufgaben, haben wir zusammen gelebt.

Die Familien- und Care-Orientierung Elias ist offensichtlich. Er betreut fremde Kin-
der, lehnt es aber ab, seine eigenen Kinder fremd betreuen zu lassen. Ein Paradox,
206 Deutschland: empirische Befunde

dass sich auch durch viele Narrative der Tagesmütter dieser Studie zieht. Familienle-
ben wird bei Elia als Priorität vor der Erwerbsarbeitswelt rekonstruiert – mit der
Konsequenz einer Verschiebung traditioneller Geschlechterrollen, die sowohl für
Deutschland als auch für Mexiko gelten. Zudem wird der Wechsel in hauptverant-
wortliche Reproduktionsarbeit durch die Migration und den damit verbundenen Sta-
tusverlust befördert. Sein Zuverdienst als Tagesvater wird vom ethischen Wert als
Qualität gestützt, den die US-amerikanische Psychologin Carol Gilligan eigentlich
unter der Entwicklung einer ausgewiesen weiblichen Fürsorgemoral beschreibt und
aufwertet (vgl. Gilligan 1996:27). Die Entdeckung und Aufwertung der Fürsorgemo-
ral durch Elia erfolgt vielleicht gerade deshalb, weil er vom beobachtenden Stand-
punkt aus auf die Seite der Teilhabe wechselt. Auf der Basis einer neuen Erfahrung
lernt er den Wert von Care zu schätzen. Im Gegensatz hierzu übernehmen die Ta-
gesmütter dieser Studie den Wert von Care oft mit größerer Selbstverständlichkeit.

Spricht Elia von Kindertagespflegepersonen, dann gebraucht er in der Regel die


Bezeichnung „Tagesmütter“. Diese aus gelebten Stereotypen generierte und gewiss
sehr normativ verwendete Bezeichnung wird in den gesamten Narrativen dennoch
durch Elia selbst aufgebrochen: er komplettiert sie erstmals durch die Bezeichnung
„Tagesvater“. Sein rarer, exklusiver Status als Tagesvater wird zum Motor weitrei-
chender Anerkennung. Diese positive Resonanz gibt er am Beispiel einer ihn aufsu-
chenden Mutter wieder und schildert seine Rollenfindung:

Weil sie hat mir gesagt: ich wollte mehr für mein Kind ein=ein Männervorbild krie-
gen, als .. und=und das hab ich auch in der Kindergarten, wo meine Kinder war, vie-
le Mutter haben gesagt: ich werde besser, wenn=wenn ein Erzieher ein Mann da wä-
re als nur Frauen, ne, Erzieherinnen. […] Ich habe in=in diese Kurs als die Grund-
qualifizierung, war nur Frauen. Ich war die einzige ((lacht)) Mann da. Aber alles ha-
ben toll gefunden. Das: „Ah, du machst auch den Kurs, ah, und wir finden toll und
sehr schön“, und .. ja ((lacht)) .. ich glaube, als Mann es gibt auch ein Vorteil,
weil=weil es gibt nicht so viele und=und die Leute finden das äh interessant, ja, dass
ein Mann auf die Kinder passen kann und mit Kinder spielen und .. ja. Und ich den-
ke, und eine und eine Tagesmutter hat einmal erzählt, dass äh sie hat äh gemerkt auf
dem Spielplatz zum Beispiel, wie=wie Männer und Frauen mit Kinder gehen. Zum
Beispiel Männer sind mehr, lassen die Kinder, ok, das äh .. geh auf der Rutsche al-
lein, oder probier mal. Und äh bei Frauen ist mehr, die äh musst schützen, ja, ich
muss immer dabei sein und, ja: ja, mach das nicht. […] Aber .. aber ich=ich persön-
lich, ich war so mit meine Kinder da, ich war nicht so ((lacht)) .. ich war mehr locker
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 207

und habe der Kinder einfach allein laufen lassen. Und zum Beispiel mit Alex hab ich
gesagt äh äh zum Beispiel ich war im Park und er ist weit weit weggelaufen und er
ist einfach gedreht und mir geguckt und habe einfach gesagt: hier bin ich. Er hat ge-
guckt und dann weiter gespielt. Aber ich habe nicht gesagt: Ja, komm her! Ne, nicht
weit weg. Oder .. nur wenn ich wusste, dass etwas gefährlich wird, zum Beispiel eine
Straße oder so. Dann hab ich, bin ich ein bisschen nah gelauft. Aber sonst hab ich ..
also, zum Beispiel die=die eine Rutsche, hab ich mein Sohn allein gelassen, dass er
richtig klettern und dann rutscht. Und, erinnern mich, ich war ganz oft bei Muttern,
haben gesagt: „Lasst du dein Kind alleine? Ist nicht zu gefährlich?“ Hab ich gesagt:
„Ne, ich bin da.“ Aber ich will nicht so mein Kind so die ganze Zeit halten und sa-
gen was, wie oder weiß nicht, das muss allein lernen. Ich habe nur gesagt: „Du musst
richtig festhalten und langsam.“ Hat er so gemacht und gerutscht. () Hat so: ich
schaffe das nicht. Aber ich denke, das lernen die Kinder auch. Wenn man so viel
Angst hat, dann die Kinder sind auch so ne das nehm ich nicht oder äh .. weiß nicht.
Vielleicht das ist Unterschied zwischen Erziehern oder Mutter und Vater. .. Ich weiß
nicht. .. Und vielleicht das schätzen viele Eltern, dass sagen, ja, ich will besser ein äh
Tagesvater als ein Tagesmutter.

Die Aufwertung als Tagesvater durch die positive Resonanz aus dem Umfeld von
Müttern und Tagesmüttern führt dazu, dass Elia seine Erziehungsrolle neu definiert:
im Sinne einer Pädagogik, die Kindern Autonomie zutraut, die ihnen Freiheiten lässt,
um Erfahrungen zu sammeln und Gefahren eigenständig zu bewältigen. Diese Strate-
gie geht so weit, dass er die Rolle des Tagesvaters jener der Tagesmutter entgegen-
setzt. Er positioniert die Erziehungskompetenz des Tagesvaters in binärer Opposition
zu der schützenden, beschränkenden, vor Gefahr bewahrenden Tagesmutter und
betont dadurch eine männliche Kompetenz. Die Dominanz weiblicher Erziehungs-
muster in öffentlichen Einrichtungen und die immer seltener werdenden Männer in
Erziehungsprozessen lassen ein Defizit erkennen. Elia bringt jetzt professionell
männliche Erziehungsmuster in den Prozess ein, ohne traditionelle Rollen in Frage
zu stellen. Er betreibt insofern Identitätsarbeit als erziehender Mann.

Es fällt auf, dass Elia die Rolle seiner Ehefrau innerhalb der eigenen Familie nicht
erwähnt. Sie ist die Haupternährerin, die die ökonomischen Verhältnisse der Familie
gewährleistet. Er jedoch schöpft seine Identität aus der neu gewonnen Funktion als
Hausmann und männlicher Erzieher. Es ließe sich interpretieren, dass diese Betonung
des Wertes männlicher Care-Arbeit mehr Gleichwertigkeit ermöglicht.
208 Deutschland: empirische Befunde

Herr Welter: ein handyman

Für das Ehepaares Welter ist die gemeinsam verbrachte Arbeitszeit im Leben be-
zeichnend. Die Idee der Kindertagespflege als Eintrittsmöglichkeit in eine sinnstif-
tende Tätigkeit und als Fortführung eines gemeinsamen Projekts wurde von Frau
Welter hervorgebracht und mit Herrn Welter umgesetzt. Neben der dramatischen
Ausgangslage hat die enge Partnerschaft, die Erwerbsarbeit einschließt, sicherlich die
Care-Orientierung des Mannes begünstigt. Trotz der gemeinsamen Arbeit an gleicher
Stelle werden unterschiedliche identitätsbezogene Care-Positionierungen deutlich,
was folgende Interaktion aufweist:

Frau Welter: Also, da gibt's bestimmte Regeln. Äh wenn man will eine Tagepflege
machen, dann soll er zuerst Grundqualifizierung machen. Dann Erste Hilfe Kurs.
Und äh dann soll er die Wohnung, auch vorbereitet sein.
Herr Welter: () dafür.
Frau Welter: Ja. Nicht da in () wahrscheinlich. Aber äh-
Herr Welter: Da die Sicherheit äh Sachen äh montieren usw. Das meine ich.
Frau Welter: Ja. […]
Interviewerin: Sie haben erzählt, dass Sie ja zu zweit arbeiten. Können Sie mehr da-
rüber erzählen?
Herr Welter: Wie geschmiert eigentlich ((Frau Welter: lacht)). Wie geschmiert. Die
Popo wäscht sie ((Frau Welter: lacht)) (( alle lachen)) ..
Frau Welter: Ich soll nicht lachen ((alle lachen)).
Herr Welter: Die Arbeit wird äh während, einige Sachen mache ich, bis sie die Win-
deln wechselt, ich bin bei der Kinder da spiele-
Frau Welter: Wir sind zusammen 37 Jahre und ähm wir haben i m m e r zusammen
gearbeitet. Immer.
Herr Welter: Ja.
Frau Welter: Ich kann mich nicht vorzustellen, wie kann ich äh ohne ihn arbeiten. Es
ist so. Wir waren immer zusammen. [Hm.] Sogar in diese Betrieb, wir waren zu-
sammen. […]
Herr Welter: Also die, die unsere äh Vertretung ge- äh bei der Arbeit jetzt, sind nicht
fest verteilt ((lacht)). Deswegen wir machen, wir sind bei, wir sind aktiv die ganze
Zeit äh übernehmen von eine andere Mutter, Kinder, alles. Das wichtig, dass die
kocht. Ich koche nicht äh gerne. () gerade, dass, wenn ich dazu Zeit habe, wenn ich
nicht mit der Kinder beschäftigt usw.
Interviewerin: Auch die Windeln? ((lacht))
Herr Welter: Äh die Windeln-
Frau Welter: und die auch-
Herr Welter: Die Windeln mache ich auch.
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 209

Frau Welter: Ja, er versucht.


Herr Welter: Obwohl, () vermeiden, ich versuch das zu vermeiden.
Frau Welter: Er versucht das immer, dass mir delegieren. Aber wenn es nötig ist,
dann natürlich.
Herr Welter: Wenn geht anders nicht, dann mache ich das. Mache ich (nicht?), aber.
Frau Welter: Wir spielen und wir tanzen und das machen wir alle zusammen.
Herr Welter: Ja, das machen wir. .. Wir sind auch täglich draußen und wir, ich hab
ein Rollerwagen genommen äh zusammengebaut äh zum, zum Kaufen gibt's natür-
lich welche. Aber die sind viel zu teuer. Und so eine wie unsere, die, die sind nicht
gleich. Die sind für vier Kinder meistens. Ja.
Frau Welter: Ja, sechs Kinder.
Herr Welter: Für sechs äh und ich, ich brauche für sieben. Und ich habe ein, ich hab
einen etwas größeren gebaut. Also von=von null einfach. Durch den Bollerwagen
sind wir jetzt in Stadtteil bekannt geworden.
Interviewerin: Aha ((lachen)).
Herr Welter: Die Leute () Bollerwagen ((lacht)). Und die Kinder sitzen da drin, die
kommen aus dem Auto raus ((lacht, macht nach wie die Leute erstaunt gucken))-
Frau Welter: Also, wir sind sehr kooperativ.
Herr Welter: Ja.

Am Arbeitsplatz Zuhause wird die Rolle Care-Gebender gemeinsam erfüllt, in der


Leben und Arbeit weiterhin zusammenfallen. Während Frau Welter die traditionell
weiblich konnotierte Rolle innerhäuslich bezogener Care-Tätigkeiten (Windeln
wechseln, kochen) übernimmt, orientiert sich Herr Welter an den eher technischen
Tätigkeiten, die dennoch im Bereich Care ihre Berechtigung finden (Wohnung si-
chern, Bollerwagen bauen). Majella Kilkey und Diane Perrons bemerken, dass in den
wohlhabenden Haushalten des globalen Nordens nicht nur traditionell weibliche
Haushaltsarbeit auf Migrantinnen verlagert wird, sondern auch typisch männliche
Haushaltstätigkeiten auf Migranten (Kilkey & Perrons 2010: 240). Sie haben in
diesem Zusammenhang das Phänomen des handymans definiert: „By handymen we
are referring to men doing traditionally ‘masculine’ domestic jobs such as home
maintenance and gardening.” (Kilkey & Perrons 2010: 239) Auch in dem Ge-
schäftsmodell der ausgelagerten Betreuungsarbeit der Welters sind typische Haus-
haltstätigkeiten von Männern enthalten, die Herr Welter mit der Konstruktion des
Kinderwagens oder Montagetätigkeiten in der Wohnung übernimmt. Und Frau Wel-
ter toleriert offenbar, dass er sich den Pflegeaufgaben weitgehend entzieht. Über die
Kindertagespflege führt das Paar in diesem Zuge geschlechterrollenspezifische Tä-
tigkeiten fort, die in den meisten Haushalten eine Norm darstellen.
210 Deutschland: empirische Befunde

5.3 Perspektiven der Handlungsfähigkeit und Selbstermächtigung:


eine professionelle Haltung finden
Bisher sind der lebensgeschichtliche Verlauf bis zum Eintritt in die Kindertagespfle-
ge und dessen Konsequenzen auf die Lebens- und Arbeitswelt der migrantischen
Tageseltern geschildert worden. In diesem Kapitel wird nun der Fokus auf Perspekti-
ven der Selbstermächtigung und Handlungsfähigkeit entlang der Profession Kinder-
tagespflege gelegt. Die migrantischen Tageseltern befinden sich in einer prekären
Arbeitslage mit geringem Verdienst und mangelnder rechtlicher Unterstützung in
einer oft schon ohnehin monetär schwachen Familienkonstellation. Aus dieser Situa-
tion heraus entwickeln sie Strategien der Selbstermächtigung und Professionalisie-
rung. Ausgehend von ihrem pädagogischen Selbstverständnis steht der konkurrieren-
de Konflikt mit den öffentlich-institutionellen Bereichen wie Krippen und Kitas
sinnbildlich für einen Kampf um angemessene Anerkennung. Über private Verträge
erarbeiten sie Wege der Selbstsicherung, die bald zu einem gemeinsamen Austausch
mit anderen Tagespflegepersonen herausfordern. In Form von Vereinen kann es zu
einer kollektiven Organisierung kommen. Auch eine Regularisierung des Aufenthalts
ist Voraussetzung um eine professionelle Berufstätigkeit zu erhalten.

Selbstpräsentationen der pädagogischen Kompetenzen gegenüber anderen


öffentlichen Einrichtungen (Krippen, Kitas, Erzieher_innen)
Zur pädagogischen Anerkennung der Tätigkeit

Im Vergleich zu Kita-Nutzer_innen leben Nutzer_innen der Kindertagespflege häufi-


ger in den Ballungszentren Westdeutschlands und oft stellt die Kindertagespflege
bisher nur eine vorübergehende Lösung bis zur Aufnahme in eine Kita dar (vgl.
Riedel & Heitkötter 2014: 786ff). Die öffentlich geförderte Kindertagespflege wird
in Deutschland erst allmählich mit dem TAG von 2005 wahrgenommen. Dies führt
dazu, dass Eltern, Medien und auch der Staat für diese Problematik wenig sensibili-
siert sind. In den Medien und bei politischen Talkshows bleibt die Kindertagespflege
als Teil der öffentlich vermittelten Kleinkindbetreuung meist unerwähnt. Wahr-
scheinlich liegt dies an der langen Tradition privater Kleinkindbetreuung durch Kin-
derfrauen, die nicht als anerkannte Profession geleistet wurde. Zunehmend verdrängt
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 211

aber das Bild der berufstätigen Karrierefrau das der Rabenmutter und führt zu einer
schrittweisen Anerkennung professioneller Tageseltern.

Ungeachtet der jungen Qualifizierungsgeschichte haben die Kindertagespflegeperso-


nen dieser Studie ein überwiegend positives Selbstbild ihrer Arbeit und ihrer Kompe-
tenzen. In ihren Erzählungen über die Arbeit drückt sich eine starke Fürsorgemoral
und Care-Ethik aus, die monetäre Gewinne oft in den Hintergrund stellt. Sie be-
schreiben ihre Arbeit vor allem als sinnstiftende Tätigkeit mit hoher pädagogischer
Qualität. Häufig wiederholen die befragten Tageseltern, dass die Arbeit Care-Wissen,
Geduld und Liebe erfordert. Marja betont beispielsweise: „Und ähm dass es nicht nur
so, so ein bisschen, also, auf die Kinder aufpassen Zuhause, sondern es ist wirklich
eine pädagogische Arbeit. Also, es ist dieses alltägliche Lernen, aber trotzdem es ist
eine pädagogische Arbeit. Ja?!“ Um den Wert ihrer Arbeit für die Eltern sichtbar zu
machen, fertigt sie für jedes Tageskind ein Portfolio an: „Durch Fotos, durch ver-
schiedene Notizen [hm] ja, also es ist, es ist auch im Kindergarten und in der Schule
es ist natürlich auch anders als für die so U3-Bereich, ja?! Also man hält verschiede-
ne Entwicklungsstufen fest.“ Ihr Verweis auf den Kindergarten und die Schule macht
deutlich, dass die Anerkennung der Care-Arbeit im Bereich der unter Dreijährigen in
besonderem Maße erkämpft werden muss. Portfolios sind nur eine Strategie, ihre
Professionalität sichtbar zu machen. Auch das Wochenprogramm, das Marja für
Besucher_innen in die Nähe ihrer Türschwelle angebracht hat, zählt zu diesen Strate-
gien. Die an die Pinnwand gehefteten Informationen für die ankommenden Eltern,
wie ein detaillierter Speiseplan der Woche und besondere vorgesehene Aktivitäten
des Monats, zeugen von der Orientierung an öffentlichen Einrichtungen. Ähnlich
verhält es sich bei zwei Tagesmüttern dieser Studie, die einen separaten Ort als Ar-
beitsstätte gemietet haben. Dieser Schritt erinnert an Krabbelstuben und Kinderläden,
wie sie in deutschen Großstädten seit den 1970er Jahren zu hunderten entstanden
sind. Selbstorganisierte Eltern und selbstständige Erzieher_innen schufen gemeinsam
Betreuungsplätze. Extra Räume erfordern aber für Tageseltern extra Kosten und
daher ist dies wenig verbreitet. Außerdem kann die Versorgung der eigenen Kinder
in dieser Form wieder zu einem Problem werden.
212 Deutschland: empirische Befunde

Konkurrierende Betreuungsformen

Konkurrenz problematisiert die Beziehung zwischen Erzieher_innen in Krippen und


Kindertagespflegepersonen. Die Tageseltern dieser Studie fühlen sich häufig durch
städtische Behörden gegenüber Krippen und Kitas benachteiligt. Sie müssen auf-
grund ihrer Selbstständigkeit in Hinblick auf Krankheits- oder Urlaubszeiten gegen-
über öffentlichen Einrichtungen Abstriche machen und oft private haushaltsbezogen-
de Mehrarbeit leisten. In Bezug auf die Schaffung eines kostengleichen Betreuungs-
angebots für Eltern durch die Jugendämter stellt Heike Wiemert in ihrer Studie fest:
„Die Auflage, der Elternwunsch [ob Kita oder Kindertagespflege, Anm. JG] dürfe
keine Mehrkosten verursachen, ist im Falle der Kindertagespflege in jedem Fall
gegeben.“ (Wiemert 2009: 47) An der in dieser Studie deutlich gewordenen Praxis
der von den Tageseltern privat eingeforderten Zuzahlungen wird hingegen deutlich,
dass Eltern für die Kindertagespflege in Wirklichkeit häufig mehr zahlen müssen.
Gegenüber dem Ausbau von Krippenplätzen werden sicherlich Kosten, die für den
Bau von Gebäuden anfallen, gespart. Die Problematik um eingeforderte Zuzahlungen
aufgrund mangelnden Verdienstes, und teilweise deren Verbot durch Kommunen,
zeigt aber, dass die Arbeitskräfte selbst von der Bundesregierung beim Umbau des
U3-Bereiches nicht vollwertig eingeplant wurden.

Trotz eingeschränkter Anerkennung wird die Kindertagespflege neben Krippen im-


mer mehr zu einer gesellschaftlichen Praxis und bleibt als gleichwertige Form der
Kindertagesbetreuung auch formuliertes Ziel der Bundesregierung. Erzieher_innen
von Kindertageseinrichtungen, die eine Ausbildung oder gar ein Studium durchlau-
fen haben, fürchten diese Gleichstellung. Laut einer Studie der Gewerkschaft Erzie-
hung und Wissenschaft (GEW) sind auch Erzieher_innen von fehlender „Leistungs-
und Bedürfnisgerechtigkeit des Einkommens“ und mangelnder beruflicher Zukunfts-
sicherheit betroffen (Fuchs & Trischler: 3). Sie verdienen, weil sie oft nur Teilzeit
beschäftigt sind, wenig. Allerdings werden sie gewerkschaftlich vertreten. Ob sich
die Gewerkschaften in Zukunft für eine Professionalisierung der Kindertagespflege
einsetzen, bleibt abzuwarten. Bisher sind keine entsprechenden Anstrengungen zu
erkennen.
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 213

Die von mir befragten migrantischen Tageseltern bemühen sich im Interessenkampf


der Beteiligten innerhalb des Pflege- und Erziehungssektors um Differenzierung.
Gleichzeitig betonen sie ihre Qualität gegenüber den öffentlichen Einrichtungen. Ob
das Tageskind besser in einer Krippe aufgehoben sei oder in der Kindertagespflege
machen die Tageseltern vom Charakter und der Situation des Tageskindes abhängig,
nicht etwa von der pädagogischen Expertise der Fachkräfte. Dennoch heben sie einen
bestimmten Wert ihrer Betreuungsarbeit hervor, der in öffentlichen Einrichtungen
nicht gleichermaßen gewährleistet werden könne: die besondere Qualität der Kinder-
tagespflege liege in der ganzheitlichen Betreuung in familiärer Umgebung in kleinen
Gruppen. Jennifer macht diesbezüglich eine interessante Beobachtung:

Ja. Und das ist natürlich die ursprünglichste Form, die Familie, ne?! Und ich denke
in der heutigen Zeit ist die Familie das wichtigste immer noch, was, obwohl es im-
mer nur ein Kind vielleicht gibt. ((Flüstert mit dem Kind, dass neben dem Tisch
spielt)) Obwohl das oft nur ein Kind ist, aber diese enge .. Bindung in der Familie,
das ist natürlich schön. Das hat man nirgendswo so sehr wie man seine Familie, das
ist immer eine ganz enge Bindung und das ist ja irgendwie da in der Tagespflege
auch. Die Kinder sind alle in einem, in einem, in einer Wohnung oder in einer ähm
zwei, drei Räume und es ist immer eine Person da und die haben wie so ein Ge-
schwisterverhältnis. Entstehen Freundschaften. Da wird gestritten genauso wie ge-
lacht und gesungen wird. Und da wird alles so in eine familiären äh Situation äh ei-
gentlich gelebt. [Hm.] Und ich glaub das ist die Ursprung. Und da, da, da, da geht's
auch zurück. Deswegen funktioniert das auch so toll. Das ist die, die ur-, ursprüng-
lichste Form und letztendlich ist das der Schönste für so ein Kind von null bis drei,
den man geben kann. Da wird auch frisch gekocht. Da wird um den Tisch gegessen.
Alle zusammen. Da werden die Rituale irgendwie, Traditionen, gelebt. .. Und das hat
alles mit Stärke und mit, mit ähm mit Selbstbewusstsein dann auch der Kinder und
mit dieses Gefühl ähm eine Richtung, eine Linie zu haben.

Die Inszenierung von Großfamilie in der Tagespflege als ursprüngliche Familien-


konstellation auszuweisen, bedeutet dem durch Verlagerung auf fremde Personen
beförderten Entfremdungseffekt von Familienmitgliedern eine qualitative und gleich-
sam familiale Alternative entgegenzusetzen, die sich auf traditionelle Werte bezieht.
Da die befragten Personen dieser Studie meist aus Großfamilien kommen, ist die
Tradierung dieser gelebten Wirklichkeit naheliegend. Ausgehend von dem Status quo
pluralisierter Lebensformen bedeutet Traditionsarbeit als Arbeit an der Tradition der
Großfamilie hier eine überraschende Rückbesinnung auf familiäre Konstellationen
214 Deutschland: empirische Befunde

der vorindustriellen Gesellschaft, in denen Gesinde und Nachkommen eines Fami-


lienzweigs auf einem Hof zusammen lebten. Der hochwertige Aspekt persönlicher,
zwischenmenschlicher Fürsorge in der Kindertagespflege ist gegenüber der
entgrenzten Lebens- und Arbeitswelt der neuen Sandwich-Generation junger Eltern –
die in der „Rushour des Lebens“ die Sorge um Eltern, Kinder und Karriere unter
einen Hut bringen müssen – ermächtigend.

(Schein-)selbstständigkeit und Vertragsgestaltung: sich rechtlich absi-


chern
Selbstständigkeit als Freiheit auf der einen und als Eigenverantwortlichkeit auf der
anderen Seite will in einem Einzelunternehmen gelernt sein. Arbeitsstandards müs-
sen die Tageseltern sich etwa durch vertragliche Regelungen zusichern. Teilweise
gibt es städtische Vordrucke, die sich die Tageseltern im Internet herunterladen kön-
nen. Diese Musterverträge werden allerdings von den Tageseltern dieser Studie all-
gemein für mangelhaft erklärt. Angemessene Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und
Vertretung oder Urlaubsanspruch müssen in selbst erarbeiteten Verträgen festhalten
werden.

Mit der Zeit haben die in dieser Studie interviewten Tageseltern die Verträge an ihre
spezifische Berufssituation angepasst. Krankentage werden beispielsweise so festge-
legt, dass sie auch im Falle der Krankheit des eigenen Kindes gelten. Pascale trägt in
ihre privaten Verträge Kündigungsfristen von bis zu zwei Monaten ein. Im Fall einer
Mutter, die ihr Kind plötzlich in den Kindergarten schickt, hat sie dadurch vor Ge-
richt eine juristische Handhabe:

Hier ist die Tagespflegeregelungen des Landes und es ist hier genau geschrieben,
dass die Stadtschulamt bezahlt keine Kündigungsfrist. Und weil es gibt ein Vertrag
dann logischerweise die Eltern müssen bezahlen. Und äh dann die haben akzeptiert
die Hälfte zu zahlen.

Wenn Eltern Absprachen missachten, schützt der private Vertrag die Lohnsicherheit
mehr als der städtische.
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 215

Milana wiederum setzt Pauschalen auf, um etwaige Dilemmata in der Lohnfortzah-


lung zu berücksichtigen, die in den städtischen Programmen auch nicht vorgesehen
sind:

Das ist im Grunde meine äh meine Sozialversicherung. Wie's=wie's bei dem Arbeit,
wenn man irgendwo arbeitet. Ich hab nen Vertrag mit den Eltern. Ähm den wir auch
äh ganz am Anfang geb ich den den Eltern mit, noch bevor der unterschrieben wird,
damit sie sich den wirklich ganz gut durchlesen können, w e i l es ist auch so, dass
diese Extra-Gelder mit äh Eintritt des dritten Lebensjahres des Kindes wegfallen. Al-
so, das ist ne Förderung für Kinder unter Dreijährige. Wenn nen Kind jetzt aber im
Januar drei wird und noch keinen Kindergartenplatz hat äh werd ich dieses Kind jetzt
nicht vor die Tür setzen. Sondern ich werd's weiterbetreuen, bis es in den Kindergar-
ten geht. Und das können ja dann noch mal acht Monate ins Land ziehen. In diesen
acht Monaten fehlt mir das Extra-Geld. .. Und ähm da hab ich dann auch im Vertag
stehen, für diese Zeit verpflichten sich die Eltern, diese Extra-Gelder zu übernehmen.
Da kommen dann auch noch mal Kosten auf die Eltern zu.

Die Tageseltern unterstehen durch ihr prekäres Unternehmertum als Einzelpersonen


den Logiken des freien Marktes, deren Gesetze die Erwerbsgenerierung verkompli-
zieren. Offensichtlich ist die strukturelle Unterstützung für die Problematiken des
realen Berufsalltags der Tagesmütter von öffentlicher Seite nicht ausreichend. Der
Status der Selbstständigkeit lässt die sonst übliche Sozialversicherung von Dienstleis-
tungsangestellten vermissen, obwohl die Tageseltern in abhängiger Beschäftigung
arbeiten. Für die Gesamtheit der Fälle gilt, dass die migrantischen Kindertagespfle-
gepersonen mit dem juristischen Know-how überlastet sind. Deswegen versuchen
Einzelne sich in Vereinen zu organisieren, wie das Folgekapitel zeigt.

Ansätze des Austauschs, der Selbstorganisierung und der Solidarisierung


Um als selbstständige Kindertagespflegepersonen mit Migrationshinweis eine profes-
sionale Haltung einzunehmen und den Berufszweig gesamtgesellschaftlich zu stär-
ken, bedarf es einer gemeinsamen Solidarität. Diese entsteht in sozialen Räumen, in
denen sie sich untereinander austauschen oder einander begegnen können. Es wird
schnell deutlich, dass in Deutschland Begegnungsstätten institutioneller Form und
räumlicher Art fehlen. Für die befragten Tageseltern dieser Studie trägt ein Ort maß-
geblich zu einer möglichen Vergemeinschaftung bei: der Spielplatz. Oft lernen sich
die Tageseltern hier kennen, verabreden sich, tauschen sich aus, schmieden Allian-
216 Deutschland: empirische Befunde

zen, treffen gemeinsame Arbeitsarrangements wie Urlaubs- und Krankheitsvertre-


tungen, beraten sich, planen, vermitteln einander passende Tageskinder, kurzum: der
Spielplatz wird zum Ort einer vernetzten Community.

Um die berufsbezogenen Missstände der Tageseltern wirksam zu verbessern, reicht


der Spielplatz alleine nicht aus. Zwei der befragten Tagesmütter haben einen einge-
tragenen Verein für Kindertagespflegepersonen gegründet, der die Präsenz der Kin-
dertagespflege nach außen hin sichtbar machen und von innen die Qualität der Arbeit
verbessern soll. Der inzwischen mitgliedsstarke Verein organisiert gut besuchte
Treffen mit interessierten Eltern. Hier klären die Kindertagespflegepersonen Eltern
über ihre Arbeit, die Qualität der Arbeit und ihre besonderen Fähigkeiten auf. Oft
seien die Eltern vom Potential der Kindertagespflege überrascht. Der Verein fungiert
getrennt von städtischen Institutionen, aber auch als solidarische Interessenvertretung
für die Belange der Tageseltern selbst. Penelope erzählt:

Äh und dann haben wir gedacht, ne, komm, dann ähm organisieren wir uns. Weil wir
hatten das Gefühl, dass ähm auch von Seite der Stadt ähm würden viele Sachen ge-
macht, wo wir einfach so gestellt bekommen haben. Also war kein Gesprächsbereit-
schaft. Und dann haben wir gedacht, einen Verein und äh haben so eine äh dann gu-
cken wir mal, das wir nach den Qualität gucken. Ähm das wir einfach wachsam sind.
Dass wir uns organisieren. Das wir uns (eben?) sein muss, unser Standpunkt. Ähm
vertreten können gegenüber der Stadt und es ist egal gegenüber wen. Das wir uns ei-
nen, einen Rechtsanwalt, also, juristischen Beistand, suchen. Haben wir. Das wir äh
einen Steuerberater, die sich fit macht für unsere äh für die Tagespflege. […] Die
Behörden, die Sachen, ist eine andere, hat eine andere Dynamik. Ähm und manch-
mal laufen da Sachen die, die nicht in Ordnung sind. Ne, zum=zum=zum äh Benach-
teiligung der Tagespflegepersonen. Und dann haben wir gesagt ähm vom Verein, al-
so, wir wollen auch diese Leute äh die Hilfe brauchen und die nicht etwas Komi-
sches gemacht haben, das ist uns ganz klar ähm die=die einfach korrekt arbeiten,
aber irgendwas wird unterstellt oder wie auch immer. Dann stehen wir natürlich da.
Und dann ist diese Mensch, die natürlich allein arbeitet, wie jede Tagespflegeperson,
ist nicht allein, sondern hat eine Körperschaft hinter sich, die dazu steht und ihr hilft.
Und das ist, haben wir immer wieder ein Fall. Aber das, das ist ein gutes Gefühl. Al-
so dass äh bin ich froh, dass wir einen Verein haben.

Die Gründung des Vereins und die hier ausgewiesenen Problematiken zeigen, dass
das Engagement der Tageseltern die Bedingungen der Tätigkeit verbessern kann. Die
Funktionsfähigkeit des Berufs zu garantieren, sich gegenseitig zu unterstützen, Öf-
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 217

fentlichkeitsarbeit zu leisten, sichtbar zu werden und die Qualität der Arbeit zu si-
chern, verfolgt eine Organisierung mit arbeitsrechtlichen Interessen. Die selbst orga-
nisierten Tagesmütter verbleiben jedoch noch auf der Ebene struktureller Unterstüt-
zung in Steuer- und Rechtsfragen und kämpfen primär für ihren guten Ruf. „Da wird
jetzt noch mal drauf geschaut, ist sie wirklich auch geeignet. Was ich sehr, sehr wich-
tig find. Nicht einfach zu sagen, jeder kann das machen, sondern dass da noch mal
selektiert wird irgendwie, ne?!“ Neben der Selektion professionell einzuordnender
Tageseltern möchten sie sicherstellen, dass die Kindertagespflegepersonen weiterhin
Standards erfüllen. Während Kitas und Erzieher_innen ihre Interessen innerhalb von
Gewerkschaften vertreten, lässt sich bundesweit für Kindertagespflegepersonen noch
keine gewerkschaftliche Schlagkraft politischer Natur erkennen. Der Ausschluss der
städtischen Behörden verweist zudem auf eine polarisierte Beziehung zu jenen, die
eigentlich mit der Qualitätssicherung beauftragt sind.

Bildung und Weiterbildung im Beruf als Qualitätshinweis


Die Überführung der Kindertagespflege in eine durch das Land akkreditierte Arbeit
schließt neben der zu erwerbenden Pflegeerlaubnis Fortbildungen ein, die meist am
Abend oder am Wochenende stattfinden. Das führt zwar zu einer weiteren Ein-
schränkung privater Freizeit und steigert die Belastung im Arbeitsalltag, erhöht aber
auch das professionelle Selbstverständnis der Tageseltern und eröffnet einen weiteren
Ort der Zusammenkunft. Mit den Qualifikationen können sie auf eine wichtige Res-
source zurückgreifen: anhand der besuchten Seminare und Fortbildungen begründen
sie ihre Fachkenntnisse in Fragen von Pflege, Betreuung und Erziehung. Diese intel-
lektuelle Ressource fördert den Status und das Selbstbewusstsein als professionelle
Tageseltern und kann die entgegengebrachte Wertschätzung durch Eltern und Öffent-
lichkeit erhöhen. Die befragten Kindertagespflegepersonen legen großen Wert auf
diese Bildungsoptionen, wie die Welters hier beispielhaft verdeutlichen:

Herr Welter: Und dann haben wir eine Thema genommen zum Prüfung äh die
Grundphase, also die schwierigste Phase ((lacht)). Weil wir wollten das wirklich äh
ausüben und theoretisch uns wirklich vorbereiten. Äh das wirklich, das ist die
schwierigste Thema, mit den Kindern. Mit den Kindern klarzukommen in der Trotz-,
in der Trotzphase. Diese Thema dann genommen für uns und das hat uns wirklich
geholfen in Praktik, in der Praktik.
218 Deutschland: empirische Befunde

Frau Welter: Ja, wir haben fünf Kinder, die sind gleichzeitig in diese Trotzphase ge-
gangen, gerade in der Zeit. Und deswegen unsere äh Arbeit war wirklich auch eine
Praktikum ((lacht)). War unsere Alltag-Praktikum.
Herr Welter: Das hat wirklich uns geholfen. Die viele Fragen wurden jetzt klarer und
äh ..
Frau Welter: Ja, ja.
Herr Welter: Zurzeit haben wir keine Probleme mit der, mit der Phase ((lacht)). Ob-
wohl die ist immer noch anstrengendste. Aber trotzdem, wir können damit umgehen
schon viel lockerer.
Frau Welter: Und mit den Eltern auch.
Herr Welter: Und mit den Eltern auch, weil die Eltern sind auch äh erwischt von der
Phase-
Frau Welter: Und überrascht, meistens, ja.
Herr Welter: Ja. Die fragen, was machen wir jetzt?
Frau Welter: Gestern war eine nette Kind und heute ist eine Monster. Wieso?
Herr Welter: Ja.
Frau Welter: Das ist sehr schwer für die Eltern auch. Deswegen, na.
Herr Welter: Jetzt können wir jetzt äh die Eltern beraten plus äh wir haben die Lite-
ratur dazu. Äh zum lesen, die kriegen das auch von uns.
Frau Welter: Auch beide Sprachen.
Herr Welter: Ja, beide Sprachen.
Frau Welter: Haben wir gelernt ((lächelt)) .. Kinderpsychologie auf Russisch und auf
Deutsch ((lacht)). Diese Thema. Das war gut.

Die Fortbildungen gehören zum Bildungsrepertoire und damit zur Professionalisie-


rung der Kindertagespflege. Das pädagogisch zertifizierte Wissen weist die Tagesel-
tern gegenüber den Eltern als Expert_innen aus, die jene nun – im Fall der Welters
sogar in mehreren Sprachen – beraten können. Auch als Interviewerin und während
meiner ethnographischen Erhebungen am Arbeitsplatz Zuhause wurden mir von den
befragten Tageseltern regelmäßig pädagogische Fachkenntnisse vermittelt. Die Ta-
geseltern verdeutlichten mir damit ihr qualifiziertes Wissen.

Wege der langfristigen Legalisierung von Aufenthalt und Berufstätigkeit


In Deutschland beruht Staatsbürgerschaft auf dem Abstammungsprinzip (ius
sanguinis). Erst 2000 wurde das Abstammungsprinzip durch das Geburtsortsprinzip
mit Optionspflicht ergänzt. Seither müssen die Kinder eingewanderter Familien die
Staatsbürgerschaft nach dem 18. Lebensjahr beantragen, wobei doppelte Staatsbür-
gerschaft in den meisten Fällen ausgeschlossen wird. Eine langfristige Berufstätigkeit
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 219

als Kindertagespflegeperson mit Migrationserfahrung ist in Deutschland nur über die


Hürde des unbegrenzten Aufenthalts- und Arbeitsstatus oder durch Staatsbürger-
schaft (zum Beispiel über Heirat) zu erreichen.

Die Frauen und Männer dieses Samples haben zum Teil die deutsche Staatsbürger-
schaft. In den Fällen, in denen unbegrenzte Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung
besteht, ist nicht erkennbar, dass das Ziel einer deutschen Staatsbürgerschaft verfolgt
wird. So könnten beispielsweise Olga und ihr Mann, oder Amalia, eine Einbürgerung
beantragen, möchten sich aber nicht von ihren jeweiligen, aktuellen, Staatsbürger-
schaften trennen. Ihre Kinder haben jedoch in der Regel die deutsche Staatsbürger-
schaft, wenn auch mit Optionspflicht.

Der Weg in einen langfristigen legalisierten Aufenthalts- und Arbeitsstatus wurde


zumeist mit Hilfe des Partners beziehungsweise der Partnerin realisiert. Nachdem die
meisten Migrantinnen aus den postsozialistischen Ländern über ein Studium oder
Au-pair-Aufenthalt zunächst selbstständig und legal eingereist sind, folgte in der
Regel zur Zeit der Familiengründung eine Heirat, die den Aufenthaltsstatus dauerhaft
legalisierte. Marja beispielsweise ist mit einem Au-pair-Visum noch vor der EU-
Osterweiterung von Polen nach Deutschland gereist, ihr Status ging kurzfristig in ein
Touristenvisum über, bis sie dann mit Hilfe eines Studierendenvisums das Studien-
kolleg belegte. Ein regulärer Weg erfolgte daher über Bildung. Das Studium, welches
sie 1998 aufnahm, und die Vergabe des Visums wurden durch eine Bürgschaft des
mittlerweile kennengelernten Partners und dessen geregelter Wohnsituation unter-
stützt. Zwei Jahre später wurde der Status durch eine Hochzeit abgesichert.

Zukunftsaspirationen: berufliche Perspektiven, körperliche Verfassung


und Altersvorsorge
Die von mir befragten Kindertagespflegepersonen in Deutschland sind im Alter von
30 bis 50 Jahren. Die Tätigkeit wurde zu Beginn oft nur als vorrübergehende Zwi-
schenlösung, die der Familiensituation entsprach, angestrebt. Während der Interviews
haben sie von sich aus wenig über ihre Lebensperspektiven gesprochen. Nach meiner
Aufforderung, sich die Zukunft vorzustellen, wurde in den Narrativen deutlich, dass
eine Weiterorientierung im Bereich Care für die meisten zu einer denkbaren Option
220 Deutschland: empirische Befunde

geworden ist. Vorstellbar erscheint ihnen beispielsweise ein Pädagogik-Studium oder


eine Ausbildung zur Hebamme. Weiterhin beschäftigte die Tageseltern die Frage
nach Ruhe, Stabilität und der Rente im Alter. Eine Bedrohung geht von der Vorstel-
lung aus, dass die körperliche Fitness, die diese Arbeit erfordert, nachlassen könnte.
Die potentiell dauerhafte, volle Erwerbstätigkeit der Tageseltern wird an keiner öf-
fentlichen Stelle in Frage gestellt. Mit anderen Worten: es gibt keine Institution, sei
es staatlich oder medial, die die Sorge um die kommende Prekarität im Alter themati-
siert. Die schwierigen Migrationserfahrungen überlagern sich mit der mangelnden
Vorsorge als Selbstständige mit geringem Verdienst. Die Frage, wie diese Care-
Arbeiter_innen im Alter versorgt sind, kann erst in den nächsten Jahrzehnten beant-
wortet werden. Es bleibt allerdings zu vermuten, dass viele dieser migrantischen
Tageseltern im Alter von Transferleistungen des Staates abhängig sein werden. Der
geringe Verdienst als Selbstständige ermöglicht es kaum, Geld für die Altersversor-
gung zurückzulegen.
Resümee 221

5.4 Resümee zu den migrantischen Tageseltern


Die Erzählungen der von mir interviewten Migrantinnen und Migranten in West-
deutschland beginnen meistens bei einer Kindheit in einer Großfamilie in einem
sozialistischen Land. Es handelt sich vorwiegend um Frauen, die in einfachen Ver-
hältnissen aufgewachsen sind und gute Bildungsgrundlagen erworben haben, mindes-
tens das Abitur. Das Streben nach sozialem Aufstieg, Bildungsaspirationen und die
Hoffnung im „Westen“ bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu finden, führen
zum Beispiel über den Weg eines Au-pair-Visums oder eines Studiums zur Migrati-
on. In Deutschland erschweren Sprachdefizite im Deutschen die Integrationsprozesse
und den Zugang zum Arbeitsmarkt, der sich durch die geringe Anerkennung bereits
vorhandener Abschlüsse zusätzlich verkompliziert. Gegenüber dem Herkunftsland
markiert das Leben im neuen Aufnahmeland einen sozialen Statusverlust; der An-
schluss an die Mehrheitsgesellschaft wird jedoch über eine Umorientierung im Be-
rufsbildungsweg verfolgt.

Durch ein beginnendes eigenes Familienleben wird ein langfristiger Aufenthalt in


Deutschland unterstützt. Die Familiengründung und das Anwachsen der Familien-
mitglieder führen in eine aus dieser Situation nicht zu bewältigende Problematik der
Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das Studium beziehungsweise die Erwerbsar-
beit wird zugunsten der privaten Familienarbeit aufgegeben. Da die Partner oder
Partnerinnen mit Ausnahme einzelner Fälle meist im Niedriglohnsektor tätig sind,
verstärkt sich mit Anwachsen der Familie allmählich der Druck nach einem zweiten
Gehalt. Um einen Anschluss für ihre jetzt manifeste Care-Identität und die Versor-
gung der eigenen Kinder zu ermöglichen, entwickeln die Migrantinnen und Migran-
ten dieser Studie die Strategie, den Konflikt zwischen Kindererziehung und Beruf
über das Tätigkeitsfeld Kindertagespflege zu entschärfen. Sie machen sich als akkre-
ditierte Tageseltern selbstständig. Der migrations- und familienpolitische Kontext
lenkt sie somit in einen Beschäftigungsrahmen, der nicht ihren Qualifikationen ent-
spricht, der aber die internalisierte Care-Ethik als wertestiftende Dimension in Fami-
lie und Arbeit aufrechterhält.

Das neue Berufsleben in der Kindertagespflege bedeutet ökonomische Abhängigkeit.


Der Ertrag ihrer Arbeit stagniert bei einem Zuverdienst, womit ein zweites Einkom-
222 Deutschland: empirische Befunde

men eines breadwinners eine Grundvoraussetzung der neuen Lebens- und Arbeitssi-
tuation wird. Die prekäre (Schein-)selbstständigkeit verursacht hohe Kosten bei
unregelmäßigen Arbeitszeiten und unbezahlte Mehrarbeit außerhalb der offiziellen
Arbeitszeiten. Die Forderung nach privaten Zuzahlungen durch Eltern kann in Grau-
zonen der Legalität führen. Zwar stagniert die soziale Mobilität der Paare, da auch
die Partner in der Regel wenig verdienen, im neuen Berufsleben der Kindertages-
pflege treten jedoch auch selbstbehauptete Identitätskonstruktionen auf. Die Fremd-
sprachenkenntnisse der migrantischen Tageseltern werden beispielsweise als qualita-
tive Ressource der Betreuung ausgewiesen und dadurch als Geschäftsmodell genutzt.
Ihre mehrsprachige Erziehungs- und Bildungspraxis sensibilisiert Eltern und Tages-
kinder für die Konsequenzen einer globalisierten, transnationalen Welt und offeriert
in der Migrationsgesellschaft eine Rückbesinnung auf familiale Muttersprachen von
selbst Eingewanderten. Als weitere selbstbewusste Identitätskonstruktion sticht die
Rollenfindung der migrantischen Tagesväter hervor, die die Stigmatisierung des
Mannes im Bereich der Kindertagespflege mit einer Identitätsarbeit als Mann und
Care-Arbeiter positiv wenden und hierdurch gleichzeitig ihren sozialen Statusverlust
ausgleichen.

Da der neue Arbeitsplatz im eigenen Zuhause liegt, ist er gleichzeitig teilöffentlich


und bedeutet eine Einschränkung von Privatheit. Die Tageseltern leisten deshalb
permanent Grenzziehungs- und Grenzöffnungsarbeit. Hergestellte Merkmale, die auf
den Beginn und das Ende von Arbeitsraum und –zeit hinweisen, bestehen beispiels-
weise in der Verwandlung familiärer Räume in vorübergehende berufliche Sphären,
in der körperlichen Positionierung an der Türschwelle oder einem offiziellen Wo-
chenprogramm. Eine Öffnung der Grenzen findet vor allem im doing family zwi-
schen Tageseltern, deren Kindern und Tageskindern statt, wird aber in der Bezie-
hungsarbeit mit den Eltern wieder geschlossen. Die Lebenssituation berufstätiger
Mütter kann im Berufsalltag der Tageseltern problematisch werden, wenn beispiels-
weise Mütter, die die Fremdbetreuung ihrer Kinder als Verlust erleben, in den pro-
fessionellen Kompetenzbereich der Kindertagespflegepersonen einzudringen versu-
chen. Gegenüber alleinerziehenden Müttern wiederum leisten die Tageseltern aus
Gründen der Care-Ethik Unterstützung, die eigentlich Aufgabe des Wohlfahrtsstaats
wäre.
Resümee 223

Aus der Perspektive der Handlungsfähigkeit wird immer wieder ein ermächtigendes
Merkmal der Kindertagespflege betont: dem durch Verlagerung auf fremde Personen
beförderten Entfremdungseffekt von Reproduktion wird eine qualitative und gleich-
sam familiale Alternative entgegengesetzt, die persönliche und zwischenmenschliche
Fürsorge sichert. Ihre intellektuelle Kompetenz beziehen die Tageseltern aus zertifi-
zierten Seminaren und Fortbildungen. Außerdem sichern manche der Tageselten ihre
juristische Handhabe in Steuer- und Rechtsfragen, die aus Erfahrungen der Selbst-
ständigkeit entstanden sind, über eine gemeinsame Interessenvertretung in einem
Verein. Auf rechtlicher Ebene gilt außerdem, dass die Tageseltern dieser Studie ihre
Tätigkeit nur über einen unbegrenzten Aufenthalts- und Arbeitsstatus oder durch die
deutsche Staatsbürgerschaft garantieren konnten. Allerdings deutet die ausbleibende
Altersvorsorge aufgrund geringen Verdienstes auf eine geringe Rente und eine Ab-
hängigkeit von Partner_innen und Staat im Alter hin.
6 Frankreich: Empirische Befunde

6.1 Frankreich: Lebensverläufe bis zum Eintritt in die Kinderta-


gespflege
Für die migrantischen assistantes maternelles in Frankreich ist folgende Sequenz
kennzeichnend, mit der Leila in ihre Lebensgeschichte einsteigt:

Guten Tag, ich heiße Leila. Ich bin 44 Jahre alt. Ich wurde in Algerien geboren. Ich
habe, ich habe vier Schwestern und, nein, ich habe sechs Schwestern und vier Brü-
der. Nach der mittleren Reife ((lacht auf)) habe ich mit der Schule aufgehört. Das ist,
man hat mir vorgeschlagen zu heiraten und, und ich habe akzeptiert. Ich bin bis heu-
te mit meinem Mann verheiratet. Äh und nach der Hochzeit, nach der Hochzeit, das
war nach einem Jahr, da habe ich meine ältere Tochter bekommen. 56

Die typische migrantische Kindertagespflegeperson in Frankreich, die sich für diese


Studie auf die Spuren ihrer Lebensgeschichte begeben hat, ist eine Frau mittleren
Alters – zwischen 30 und 50 Jahren – aus dem Maghreb. Zumeist sind die Frauen
dieser Studie aus Algerien oder Tunesien nach Frankreich migriert. Nur zwei Perso-
nen kommen aus anderen Teilen der Welt, aus Südamerika und Afrika südlich der
Sahara. Aufgrund der französischen Maxime, dass „ethnische Kriterien“ bei der
Erhebung von Zuwanderungsdaten keine Rolle spielen sollen, gibt es keine verlässli-
chen Statistiken zum Migrationsverhältnis in der Kindertagespflege. Mit Rückgriff
auf die Revolution von 1789 stellt die nationalité française entsprechende Betrach-
tungen in den Hintergrund. Es scheint aber offensichtlich, dass die Mehrheit der
Tageseltern mit Migrationshinweis in Frankreich Bezüge zu den Ländern der Magh-
reb-Staaten aufweisen.57 Die Geschichte französischer Kolonien und die postkolonia-

56
« Bonjour, je m'appelle Leila. J'ai 44 ans. Je suis née en Algérie. J'ai, j'ai quatre sœurs et, non, j'ai
six sœurs et quatre frères. Et après le collège ((elle se mit à rire)) j'ai arrêté des études. C'est, on
m'a proposé mariage et j'ai, j'ai accepté. Je suis mariée avec mon mari jusqu'à aujourd’hui. Euh et
après le mariage, après le mariage, c'était, c'est un an, un an j'ai eu ma grande fille. »
57
Auch die japanische Soziologin Yoko Maki ist bei ihren qualitativen Studien in Paris auf eine
Vielzahl von Tageseltern mit arabischen Namen gestoßen, die einen Migrationshinweis auf
Nordafrika haben (Maki 2014: 62, 67).

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


J. Glaeser, Care-Politiken in Deutschland und Frankreich,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19851-0_6
226 Frankreich: empirische Befunde

le Entwicklung erklärt die starke Präsenz maghrebinischer Tagesmütter. 58 Sie verfü-


gen daher meist schon vor der ersten Migration über sehr gute Kenntnisse der franzö-
sischen Sprache und der institutionellen Struktur. Oft bestehen bereits transnationale
mehrgenerationale familiäre Netzwerke, die sich zwischen den Nationalstaaten etab-
liert haben. Auch durch gezielte Nachfrage konnte kein männlicher Gesprächspartner
gefunden werden. Nach einer Studie des Französischen Instituts für Statistik (Insee)
machten 2008 die in Haushalten arbeitenden Tagesväter lediglich 0,4% aus (vgl.
Insee).

Ausgehend von zwölf assistantes maternelles werden folgend die Lebensgeschichten


und -verläufe der Migrantinnen in Frankreich bis zum Eintritt in das Berufsfeld Kin-
dertagespflege exemplarisch nachgezeichnet und anschließend typisiert. Die ausge-
wählten Fälle illustrieren besonders eindringlich, wie ökonomische Unsicherheiten
die neuen Familienfürsorgerinnen zur Auseinandersetzung mit Traditionen drängen,
die in der Aufnahmegesellschaft über Politiken wie dem sogenannten Kopftuchver-
bot sanktioniert werden. In einem stark begrenzten Möglichkeitsraum entwickeln
diese Frauen über die Kindertagespflege die Chance subjektive Ressourcen und
Traditionspraxen für den Eintritt in die neue Arbeitswelt zu nutzen und in diese „ein-
zuarbeiten“.

Lydia: der „klassische“ Weg


Lydia ist eine Frau aus Algerien, die ich über eine Sozialarbeiterin in einem der Zen-
tren für Tagesmütter in Frankreich kennenlerne. Sie ist Anfang 30, seit 13 Jahren
verheiratet und hat vier Kinder. Sie wirkt sehr lebhaft, scherzt mit ihren Kolleginnen
und teilt mir mehrfach ihre Verwunderung darüber mit, dass ich mich für Tageseltern
interessiere. Sie bekräftigt gleichwohl ihren Gefallen an dem Projekt. Noch im Bei-

58
Nachdem es mit den Verträgen von Évian 1962 zu einem Waffenstillstand im Algerienkrieg kam
und Algerien unabhängig wurde, warb Frankreich weiterhin um algerische Arbeitskräfte. Bis
heute sind die algerisch-französischen Beziehungen geopolitisch und wirtschaftlich miteinander
verflochten. Kinder, die in Frankreich geboren sind und von denen mindestens ein Elternteil vor
dem 3. Juli 1962 in Algerien geboren wurde, besitzen die volle französische Staatsangehörigkeit
(vgl. Ambassade de France). Auf administrativer Ebene, zum Beispiel in der Schul- und Kultur-
politik, blieb Algerien zu bedeutenden Teilen frankophon. Auch Tunesien und Marokko sind
heute noch enge Partner Frankreichs.
Lebensverläufe 227

sein anderer Tagesmütter und der Sozialarbeiterin bietet sie mir an, ihre Lebensge-
schichte zu erzählen und steigt prompt wie folgt ein:

Guten Tag. Ich bin eine Tagesmutter, die in einem fremden Land geboren wurde. Äh
in den 80er Jahren, also, ich bin das zwölfte Kind einer großen Familie. Ich habe ei-
ne sehr glückliche Kindheit verbracht. Wie alle anderen auch bin ich in die Grund-
schule gegangen, weil es keine Vorschule gab. Und dann aufs Collège, dann auf das
Gymnasium. Ähm ich war dann also auf dem Gymnasium mit Schwerpunkt auf Na-
turwissenschaften. Das war schön in der Schule. Ich habe nicht, ich habe mein Abi
nicht gemacht, weil man mir die Fotos meines zukünftigen Mannes geschickt hat
((lacht)). Und so habe ich mich mehr auf meinen zukünftigen Mann konzentriert, als
auf die Schule. Neun Monate nach meiner Ankunft in Frankreich habe ich mein ers-
tes Baby bekommen.59

Da Lydia bereits nach einigen Sätzen auf den schulischen Verlauf zu sprechen
kommt und ihn positiv besetzt, scheint er eine in ihrem heutigen Leben nicht unwe-
sentliche Rolle zu spielen. Die abgebrochene Schulausbildung erklärt sich aus der
Priorität, die sie der eigenen Familie und der Idee, Ehefrau zu werden, zuweist.

Noch während Lydia auf die nötigen Papiere wartet, um Teil der in Frankreich le-
benden Familie ihres Ehemanns zu werden, macht sie eine Ausbildung zur Schneide-
rin:

Äh zwischenzeitlich habe ich das Schneidern gelernt, als ich auf meinen Mann war-
tete, der meine Papiere organisiert hat. Ich habe gelernt, ich habe eine Schneideraus-
bildung gemacht. Äh über sechs Monate. Wohl wissend, dass ich das gar nicht prak-
tizieren würde.60

Die als anschlusslos betrachtete Schneiderausbildung stellt die schulischen Ambitio-


nen weiter in den Hintergrund. Im angesteuerten Eheleben scheinen schulische Qua-

59
« Bonjour. Je suis, je suis une assistante maternelle qui est née dans un pays étranger. Euh des
années 80 alors je suis la 12ème enfant d'une grande famille. Euh j'ai vécu une enfance très heu-
reuse. Je, j'ai fait mes études comme tout le monde en primaire, parce qu’il n’y avait pas de ma-
ternelle. Et puis collège. Puis lycée. Euh j'étais, j'étais donc, au lycée j'étais en classe euh
sciences, sciences naturelles. Euh j'ai passé des bons moments au lycée et pareillement au col-
lège. J'ai pas, j'ai pas eu mon bac, parce qu'on m’a envoyé des photos de mon futur mari ((elle se
mit à rire)). Alors euh voilà j'étais plus concentrée sur mon futur mari que, que mes études. Neuf
mois après mon arrivé en France j'ai eu mon premier bébé. »
60
« Euh entre temps j'ai appris la couture en attendant que mon mari prépare mes papiers. J'ai fait
des études, j'ai fait une formation de couturière. Euh pendant six mois. Sachant que je pratique
même pas la couture. »
228 Frankreich: empirische Befunde

lifikationen nur marginal Platz zu finden. In dieser Zeit übt das Foto des Mannes
außerdem eine symbolische Macht aus, die sie mit einer zukünftigen Mutterrolle
verknüpft: „Um zu kommen äh und hier meine eigene Familie zu gründen.“ 61 Das im
Leben wesentliche Projekt der Hochzeit, als Familiengründungsprojekt und ange-
kündigtes persönliches Glücksversprechen, kann retrospektiv von Lydia betont wer-
den, weil es sich zurzeit der Interviewführung mit vier Kindern auch erfüllt hat. In
ihrem Lebensverlauf ist das Ideal der kinderreichen Mutter und Hausfrau fest veran-
kert.

Das neue Leben in Frankreich wird von der Eingliederung in die neue Familie getra-
gen. Der selbst nur wenig Arabisch sprechende Ehemann hilft Lydia dabei, ihr Fran-
zösisch zu verbessern. Mit der Schwiegermutter und den Schwägerinnen führt sie ein
Leben in der häuslichen Sphäre, das zwar von Konflikten begleitet wird, aber den
vertrauten Gefühlen vom Leben im Maghreb näher kommt:

Und mit meiner Schwiegermutter und mit ihm äh ich kannte Frankreich noch nicht,
wie das funktionierte, wie, wie die Leute denken, wie das draußen läuft, ich, äh wohl
wissend, dass ich nicht gerne rausging, weil ich dann die Entfernung zu meiner Fa-
milie spürte. Ich spürte dann, dass ich in einem fremden Land bin. 62

Diese starke Konzentration auf das familiäre Leben über mehrere Jahre führt zu einer
Absonderung von der Aufnahmegesellschaft. Sie bekommt in dieser Zeit drei Kinder.
Außerdem wirkt sich die Arbeitslosigkeit des Mannes auf das Leben in Frankreich
aus. Der gelernte Gabelstapelfahrer findet über mehrere Jahre keine feste Beschäfti-
gung und hat lediglich gering bezahlte Gelegenheitsjobs unterschiedlicher Art. Dies
beschränkt die Unabhängigkeit des jungen Paares. Sie können nur bescheiden an der
Gesellschaft teilhaben, da ihnen für materielle Anschaffungen und Aktivitäten das
Geld fehlt.

Aus dieser prekären Situation heraus sucht Lydia erstmals nach einer Möglichkeit, in
Frankreich Geld zu verdienen. Ihre drei Kinder sind zu jener Zeit noch jung und der

61
« Pour venir et construire ma propre famille ici. »
62
« Et avec ma belle-maman et avec euh lui euh je connaissait pas encore la France, comment ça
fonctionnait, comment, comment les gens ils pensent, comment ça marche dehors, je, euh sa-
chant que j'aimais pas trop sortir dehors, parce que comme ça je sentais pas l’éloignement de ma
famille, je sens pas que je suis dans un pays étranger. »
Lebensverläufe 229

Anspruch, die eigene Identität in der Familienarbeit zu wahren, ist groß. Sie sucht
daher nach einem Weg, Geld zu verdienen, ohne ihre eigenen Kinder in Fremdbe-
treuung geben zu müssen. Außerdem möchte sie ihr Kopftuch bei der Tätigkeit wei-
terhin tragen: „Und mit Blick darauf, dass ich Muslimin bin und ich kann nicht, ich
habe nicht, selbst von mir selbst aus kann ich mein Kopftuch nicht abnehmen, um
aus dem Haus zu gehen.“63 Die in Frankreich untersagte Zurschaustellung „auffälli-
ger religiöser Symbole“ in öffentlichen Einrichtungen erschwert daher in Frankreich
die Suche nach einer geeigneten Beschäftigung. Das laizistische Frankreich wertet
seit 2004 la voile als religiöses Symbol. Darüber hinaus wird die abgebrochene
Schulbildung jetzt zu einem spürbaren Qualifikationsmangel auf dem französischen
Arbeitsmarkt. Sie stellt fest, dass ihre Schwägerinnen einen ähnlichen Konflikt
durchlebt haben und heute als Kindertagespflegepersonen bei sich Zuhause arbeiten.
Im Zuge dieser Beobachtung beschließt auch sie, in der Kindertagespflege zu arbei-
ten: „Kurzum, für mich war das die einzige, die einzige Tür, um herauszukommen äh
um zu arbeiten. Ich konnte keine andere Arbeit machen.“64 Durch die eigene „Haus-
tür“ nimmt Lydia daher ihren Weg in die Kindertagespflege.

Kaya: fremdbestimmte Reproduktionsarbeit führt zu selbstermächtigen-


der Care-Arbeit
Ich höre über Freunde von Kaya. Sie ist die Tochter eines algerischen Paares, das
nach Frankreich migriert ist, weil der Vater in den 1950er Jahren als Arbeitskraft
angeworben wurde. Sie ist 47 Jahre, hat drei Kinder, ist alleinerziehend und arbeitet
seit sieben Jahren als Tagesmutter. Sie erklärt sich schnell bereit, mir ihre Lebensge-
schichte zu erzählen. Wir treffen uns in dem Stadtzentrum, in dem sie lebt. Ihr locki-
ges Haar ist blond gefärbt. Sie trägt Jeans und T-Shirt. Um sie herum springt ein
Kind, ihr Sohn. Sie nimmt mich mit in ihre Wohnung. Bei Tee und Gebäck nehmen
wir im geräumigen Wohnzimmer Platz. Die Atmosphäre ist lebhaft. Ihr Sohn spielt
auf dem Teppich oder läuft durch den Raum und schaltet gelegentlich den Fernseher
ein. Ihre älteste, erwachsene Tochter sitzt am Computer und chattet oder telefoniert

63
« Et vu que je suis musulmane et je ne peux pas, j'ai pas, au moins de moi même je peux pas
enlever mon foulard pour sortir dehors. »
64
« Enfin bref, pour moi c'était la seule, la seule euh la seule porte de sortie pour euh pour travail-
ler en fait. Je pouvais pas faire un autre travail. »
230 Frankreich: empirische Befunde

mit ihrem Freund, nebenbei hört sie uns zu und klinkt sich ab und an in das Gespräch
ein. Kaya zündet sich eine Zigarette an und beginnt ihre Erzählung unaufgefordert
mit dem Satz: „Ähm .. es ist schon mal so .. ich, also, als ich in Frankreich ange-
kommen bin, hatte ich keinen Beruf!“65

Nicht zufällig beginnt Kaya ihre Erzählung mit ihrem Leben als erwachsene Frau in
Frankreich. Ihre Erfahrungen als 33jährige Alleinerziehende, die beginnt sich in
Frankreich neu zu entwerfen, markieren einen lebensgeschichtlichen Einschnitt, der
entscheidend mit ihrem vorangegangenen Leben in Algerien kontrastiert. Migratio-
nen haben Kayas Leben immer eine besondere Wendung gegeben. Entlang des Woh-
norts konstruiert sie ihr Leben dreiteilig: das Aufwachsen in Frankreich, das Leben in
Algerien als Jugendliche und die Zeit als erwachsene Frau in Frankreich.

Kaya wird in Frankreich in eine achtköpfige Familie geboren und geht hier auch zur
Schule. Ihr Vater ist ein Arbeitsmigrant, der vermutlich in einer der Sektoren des
industriellen Booms angestellt wurde. Frankreich, das sich mit Ende des Zweiten
Weltkriegs als Einwanderungsland definiert, zuerkannte 1947 die französische
Staatsbürgerschaft für Algerier und Algerierinnen. Dies führte vor allem zwischen
1949 und 1955 zu einer erheblichen Migration von ca. 180 000 algerischen Arbeitern
nach Frankreich und in den Folgejahren stieg auch die Zahl zugewanderter Frauen an
(vgl. Requate 2011: 126f). Mit der Trendwende nach 1974 in der Migrationspolitik
wurden Remigrierenden unter der Präsidentschaft Giscard d’Estaings finanzielle
Prämien versprochen. Kayas Vater entscheidet daraufhin, dass die Familie nach
Algerien zurückkehrt.

Zur Zeit der Remigration der Familie ist Kaya 14 Jahre alt, im republikanischen
Frankreich sozialisiert und hat bestimmte Werte internalisiert, die sie in der französi-
schen Gesellschaft erfahren hat. Dann verändert sich ihr Leben abrupt. Mit 15 wird
sie verheiratet und „erlernt“, was es bedeuten kann, eine Ehefrau in Algerien zu sein.
Sie verlässt den in Frankreich begonnen institutionellen Bildungsweg und erlebt
einen traumatischen Verweis in die Privatsphäre. Sie erzählt:

65
« Euh .. déjà () moi, en fait quand je suis arrivée euh en France j'avais pas de métier! »
Lebensverläufe 231

Ich war sehr jung, als ich geheiratet habe, weil ähm nein, das war so bei uns zu einer
anderen Zeit. Das ist was Familiäres. Ich habe geheiratet. Ich blieb, also, .. ich bin 18
Jahre verheiratet bei demselben Mann geblieben. In der Zwischenzeit, na, habe ich
meine Tochter bekommen, die jetzt 27 Jahre alt ist. Und ich lebte, na, ich lebte in
Algerien ein, ich sag mal, sehr banales Leben! .. Sehr banal und auch sehr bescheu-
ert, denn wie ich so Zuhause blieb, ich bin Zuhause geblieben, verstehst du?! Ich ar-
beitete nicht. Letztlich, als ich geheiratet habe, fand ich mich in dem Clan einer Fa-
milie wieder. Das waren mehrere Brüder, die in demselben Haus lebten. Alle verhei-
ratet. Aber mit ihren Kindern, aber ähm das war ein sehr großes Haus. Alle wohnten
dort. .. Schlussendlich, vom Grunde her ähm hatte ich wirklich eine andere Erzie-
hung, weil das war nicht die gleiche. Ich hatte eine französische können wir sagen.
Ich habe in Frankreich gelebt. Und dann ist das übergegangen zu einer Erziehung zur
verheirateten Frau. Aber sehr jung und ich, die ich überging, die fast nichts vom Le-
ben kannte. Mit 15 Jahren weißt du nichts! Und die direkt in so eine Situation ge-
kommen ist. Die Situation einer verheirateten Frau, die Verpflichtungen hat. Sachen,
an die du in dem Alter, wenn du heiratest, nicht denkst. Na ja, also, dann mit der
Zeit, sagen wir mal, hatte ich meine Schwägerinnen, ich musste k o c h e n lernen.
Ich musste lernen .. ähm .. mich um einen Mann zu kümmern. Denn das, was ich bis
dahin hatte, das waren feste Freunde. Das war nicht eine verheiratete Frau sein.66

An Kayas Erzählung ist zunächst abzulesen, dass sie durch die frühe, arrangierte
Hochzeit in eine Versorgungstätigkeit eingebunden wird, die ihrem bisherigen Le-
bensweg widerspricht. Die Norm, der sie sich in Algerien nur widerwillig anpasst, ist
weiblich konnotiert. Dies umso mehr, als sie sich an anderer Stelle als garçon
manqué bezeichnet (dt. etwa ‚verloren gegangener Junge‘). Die Erziehung zur guten
Ehefrau, die die ihr zugewiesene Verantwortung übernimmt, impliziert eine Schu-

66
« Je me suis mariée très jeune, parce que après j'en euh non, c'est des situations qui étaient les
nôtres à un autre temps. C'est sur familiale. Je me suis mariée. Je suis restée, bon bah, .. je suis
restée euh 18 ans mariée avec euh le même homme. Entre temps bah j'ai eu ma fille qui a main-
tenant 27 ans. Et j'ai vécu bah j'ai vécu en Algérie euh la vie euh, on va dire, très banale! .. Très
banale et très conne aussi, parce qu'en restant aussi à la maison euh, je restait que à la maison,
hein?! Je travaillais pas, en restant à la maison et en fin de compte, quand je me suis mariée je
me suis retrouvée dans un clan, d'une famille. C'est plusieurs frères qui vivaient dans la même
maison. Mariés tous, mais avec leur enfants, mais euh c'était euh une grande maison. Tout le
monde y habitait. .. En fin de compte pour la base euh c'est vrai que j'ai eu une autre éducation,
parce que c'était pas la même parce que- moi j'en avais eu une française, on va dire. J'ai vécu en
France. Après ça je passais à une éducation de femme mariée. Mais très jeune et me qui passe,
qui connaissait presque rien de la vie euh. À 15 ans on connait rien. Et qui passe directement
dans une situation comme ça, une situation de femme mariée et qui a des euh obligations,
des=des choses qui- en cet âge là, qu'on-t-on se mariée, on n'y pense pas. Après bon bah, avec le
temps bah, on va dire, j'ai mes belles sœurs, il a fallu que j'apprenne à faire à m a n g e r , il a
fallu que j'apprenne euh .. à m'occuper d'un homme. Parce que euh pour moi, ce que j'avais eu,
c'était des petits copains. C'était pas être une femme mariée. »
232 Frankreich: empirische Befunde

lung zur Care-Arbeiterin in der Großfamilie. Insofern vollbringt sie Care-


Dienstleistungen nicht nur am eigenen Kind und ihrem Ehemann, sondern für die
gesamte Familiengemeinschaft. Bedeutungsvolle Kenntnisse – wie Mutter sein,
Schneidern, Teppiche knüpfen, Putzen, Kochen, Kinderbetreuung und Fürsorge
spenden– werden unter der Kontrolle der Schwägerinnen eingeübt und durchgeführt.
Hier akkumuliert sie eine subjektive Ressource, die sie später in der Kindertagespfle-
ge mobilisiert. Dennoch ist unverkennbar, dass Kayas Autonomie unter dem Einfluss
der mächtigen Großfamilie und der patriarchalen Lebensweise stark beschnitten
wird.

Der Autonomieverlust Kayas lässt sich beim Erwachsenwerden nicht länger negie-
ren. Im mittleren Alter vollzieht Kaya den Ausstieg aus ihrem Leben in Algerien und
verlässt ihren Ehemann. Ihr Impuls nach Frankreich zu gehen, wird von dem Wunsch
geleitet, selbstbestimmter zu leben. Sie migriert zunächst alleine nach Frankreich und
holt binnen kurzer Zeit ihre zu dem Zeitpunkt 14jährige Tochter nach. Eine Schei-
dung von ihrem Ehemann konnte bis heute nach algerischem Recht nicht realisiert
werden. Jedoch kann Kaya das Recht auf doppelte Staatsbürgerschaft umsetzen, da
sie in Frankreich geboren wurde.

In Frankreich wird Kaya schlagartig zur Familienernährerin, ist alleinerziehend und


ohne Diplom. Sie findet vorübergehend eine gering bezahlte Beschäftigung. Ein bis
zwei Jahre nach der Migration bekommt sie außerdem eine weitere Tochter, kurz
darauf noch einen Sohn. Sie wohnt beengt, ihre Mittel bleiben knapp. Den Umbruch,
den die Migration auslöst, entwirft sie trotz der prekären Ausgangslage als Beginn
eines neuen, selbstbestimmten Lebens:

Und nun gut, ich habe mir ein neues Leben aufgebaut, ich habe mein Leben neu be-
gonnen ähm ich habe mir mein Leben so aufgebaut wie ich es wollte. Sagen wir das
mal so ((lächelt)). Das ist eine Veränderung ähm ob da ein Mann ist, der dir sein Le-
ben aufzwingt. .. Denn wenn du in Algerien bist, du=du- die=die=die Stärke der Frau
gibt es da nicht. Es gilt was der Mann sagt. Und hier habe ich meine Rechte für mich
ähm es stimmt, dass ich als ich hier angekommen bin diesen Zustand eigener Freiheit
gefunden habe. Der mich trotz allem in meinem Leben voran gebracht hat. […] Ich
Lebensverläufe 233

musste noch einmal lernen .. als Frau frei zu leben u n d=und gesellschaftlich. Denn
hier musst du auch ein soziales Leben wiederfinden. 67

Die Migration fungiert als Befreiungsakt von der Unterdrückung durch Gesell-
schaftsstrukturen, die die Freiheitsrechte der Frau stark einschränken. Dabei handelt
es sich nicht nur um ihre persönliche Freiheit, sondern auch um die Freiheit des Um-
gangs mit anderen Menschen.

Aufgrund der Geburt ihrer zwei weiteren Kinder kann Kaya in Frankreich eine
Alleinerziehendenhilfe von ca. 950€ bis zum dritten Geburtstag des jüngsten Kindes
beziehen, die Allocation de parent isolée, die seit 2009 in den Revenu de solidarité
active (RSA), vergleichbar mit dem Arbeitslosengeld II, eingegliedert wurde. Noch
vor dem dritten Geburtstag des jüngsten Kindes nutzt Kaya die in der Ehe in Algeri-
en und während der Familiengründung angehäuften biografischen Care-Ressourcen
zum Erwerb der Pflegeerlaubnis zur assistante maternelle:

Und dann ähm wollte ich, habe ich von dieser Arbeit als Kinderfrau erzählt bekom-
men. Also dann hab ich das so ein bisschen wie alle anderen gemacht, ein bisschen
recherchiert um herauszufinden was da verlangt wird. Welche Leistung erbracht
werden muss. Nun gut, ich habe den Antrag gestellt und ähm das war günstiger für
mich mein Kind noch mit einem anderen Kind zusammen zu betreuen. Gut, ich hab
dann den Antrag gestellt, mein télé-dossier und dann habe ich auf die Antwort der
Kommission gewartet. Denn das ist hier die Stadt, die die Pflegeerlaubnis vergibt.
Und dann habe ich meine Pflegeerlaubnis bekommen, nachdem ich meine Pflegeer-
laubnis bekommen habe, musste ich eine Ausbildung von 60 Stunden absolvieren.
Ich habe mit einem kleinen Jungen angefangen [hm], der drei Monate alt war. Und
meine Tochter, meine Tochter war schon über zwei Jahre alt und mein Sohn einein-
halb. Dann macht das gleichzeitig, das sind=das sind zwei Dinge. Es stimmt, dass
diese Arbeit, das ist eine Arbeit die Zuhause gemacht wird. Deswegen ist es einfach,
sich um die eigenen Kinder zu kümmern und um die Kinder der anderen. […] Es
stimmt, am Anfang war das eine Arbeit .. um sich ernähren zu können und ähm mit
der Zeit möchte ich ähm mochte ich diese Arbeit. Das war fast so, dass das, was
mich in diesen Beruf gebracht hat, anfangs meine Kinder waren. Du suchst eine Ar-

67
« Et bon bah j'ai refait ma vie, j’ai refait ma vie eh, j’ai refait ma vie comme moi je voulais. On
va dire ((elle se mit à sourire)). Ca change de euh que ca soit un homme qui m'impose ma vie. ..
Parce que, quand on est en Algérie, la force de la femme elle y est pas. C'est ce que dit l'homme.
Que là j'avais mes droits à moi euh, c'est vrai que=qu'en arrivant là j'ai trouvé cette situation de
liberté. Qui m'a quand même avancé dans la vie. […] Il a fallu que je réapprenne .. à vivre en
tant que femme libre e t =et sociale. Parce que il faut retrouver une vie sociale ici. »
234 Frankreich: empirische Befunde

beit, um ein gesellschaftliches Leben zu haben, um=um=um gesellschaftlich, um


ähm wie alle später eine Rente haben zu können, um zu arbeiten. Und da musste ich
schauen, wo ich meine Kinder betreuen lasse oder ich betreute andere Kinder. Es
stimmt, dass dieser Beruf ähm für mich gemacht war, für mich ähm ich habe den Be-
ruf gefunden, der meiner Situation am ehesten angepasst war. So ganz ohne Dip-
lom.68

Um sich an den Arbeitsmarkt anzupassen nutzt Kaya in ihrer Situation ohne Zeugnis-
se und Zweiteinkommen die Möglichkeit, Kindertagespflegeperson zu werden. Die
Aufnahme des Berufs der Tagesmutter ist rein pragmatisch. Die (Re-)Migration, der
Mangel an Geld, der Status als Alleinerziehende bei gleichzeitigem Familienzuwachs
und das Defizit an Diplomen führen über die Erziehungszeiten zur in Frankreich
verfügbaren Option Kindertagespflege. Hierbei wird deutlich, dass Kaya die Sorge
für die eigenen Kinder mit einer Erwerbstätigkeit, die ihre ökonomische Lage sichert,
verbinden will – nämlich als Arbeit, die sie Zuhause leisten kann. Mit der Zeit ent-
deckt sie den für sie gewonnenen Wert einer weitgehend selbstbestimmten Arbeit,
den sie im Gegensatz zur aufgezwungenen Dienstleistung in der Großfamilie in Al-
gerien ausdrücklich bejaht. Die Kindertagespflege wird zum Faktor der Inklusion in
die französische Gesellschaft, um „als Frau frei zu leben und gesellschaftlich“ und
sichert ihr soziales Leben ab. Der Beruf ermöglicht durch die Integration in das Sozi-
alsystem und die Versorgung der eigenen Kinder die Teilhabe am gesellschaftlichen
und kulturellen Leben.

68
« Après bon, j'ai voulu euh on m'a parlé de ce travail de=de nounou. Alors j'ai fait un peu comme
tout-le-monde, un peu de recherche pour savoir ce qu'ils demandaient. Ce qu'il faillait faire. Bah
je faisais la demande et puis euh euh ca me revenait moins cher de garder ma fille avec un enfant
avec. Alors je bah j'ai fait la demande, mon télé-dossier euh après euh est allé en commission,
parce que c'est, ici, c'est la PMI .. qui donne euh les agréments. Après bon j'ai eu mon agrément.
Après que j'ai eu mon agrément, il fallait faire euh une formation de 60 heures. C'était qu'un petit
garçon. [Hm.] Qui avait trois mois. Et ma fille, moi j'avais ma fille qui avait déjà euh deux ans et
mon fils avait un an et demi. Après ça faisait en même temps, c'est=c'est deux choses. C'est vrai
que ce travail là, il euh euh c'est un travail à domicile, alors c'est facile de pouvoir s'occuper de
ses enfants et des enfants des autres. […] Au début, c'est vrai, c'était un travail .. pour pouvoir se
nourrir et pour pouvoir euh au fur et à mesure c'est vrai qu'avec le temps moi j'aimais euh j'ai-
mais ce travail.. c’est presque qui m'a fait rentrer dans ce métier, c'est plutôt mes enfants, au dé-
but. Tu cherches du travail pour avoir une vie sociable, pour pouvoir euh avoir euh comme tout-
le-monde une retraite plus tard, pour travailler. Et pour ça il fallait que je fasse garder mes en-
fants ou que je garde d'autres enfants. C'est vrai que ce métier était euh adapté, pour moi euh,
c'était euh je trouvais le métier, que c’etait le plus adapté pour moi. Pour ma situation. En ayant
aucun diplôme. »
Lebensverläufe 235

Noura: eine notwendige Existenz auf dem Arbeitsmarkt


Noura ist eine 32jährige Frau aus Tunesien. Sie lebt heute in einem quartier
populaire, einem „Arbeiterviertel“ am Rande einer Großstadt in Frankreich. Ich lerne
Noura bei einem Treffen für Tagesmütter kennen. Wir verabreden uns zu einem
Gespräch in ihrer Wohnung. Beim Aufsuchen der Wohnung reiht sich Sozialbau an
Sozialbau. Die Wände sind grau gestrichen, der Putz bröckelt von ihnen ab. In den
engen Wendelstufen liegt Abfall. Es riecht streng. Aus den Wohnungen drängt Lärm,
Menschen unterhalten sich, Fernseher dröhnen. Noura öffnet mir. Sie trägt über
langen Gewändern ein Kopftuch. Sie ist kleiner als ich. Ich fühle mich mit meinen
blonden Haaren als Frau mittleren Alters in Jeans plötzlich sehr europäisch. Die
Wohnung ist äußerst schlicht eingerichtet und sehr sauber. Wir nehmen in einem
großen Raum Platz. Er ist mit einem Fernseher und einer langen Couch eingerichtet.
In der Ecke sitzt eines ihrer Kinder. Noura hat mit ihrem Ehemann vier Kinder. Bei
einem Glas Tee und Gebäck beginnt sie mit ihrer Erzählung.

Noura wächst mit vier Geschwistern in einem Dorf in Tunesien auf. Ihre Mutter ist
Hausfrau, ihr Vater verstirbt im Alter von etwa 60 Jahren. Die Familie ist mittellos.
Früh hilft sie ihrer Schwester, deren Kinder zu versorgen, zu erziehen, zu betreuen.
Im Alter von etwa zwölf Jahren bricht sie die Schule am Collège (Sekundärstufe I)
ab, um in einer deutschen Kleiderfabrik in Tunesien zu arbeiten und damit bereits
etwas Geld zu verdienen. Als 15jährige verlobt sie sich und heiratet im Alter von 19
Jahren. Sie fügt hinzu: „Das ist eben Familie, mein Mann.“69 Vermutlich ist es eine
arrangierte Ehe mit einem Mann aus dem Verwandtschaftskreis. Da dieser in Italien
lebt, migriert sie ebenfalls dort hin, hilft ihm sporadisch als Tellerwäscherin in einem
Snack-Restaurant und bekommt ihre erste Tochter. Sie leben vier Jahre in Italien,
erwerben aber nicht genügend Italienisch-Kenntnisse, um sich in der dortigen Gesell-
schaft ausreichend zurechtzufinden. Das einsame Leben auf dem Land in Italien
gefällt ihnen nicht. Sie entschließen sich zur Weitermigration nach Frankreich. Meh-
rere Gründe sprechen für das Nachbarland: bessere, wenn auch nicht flüssige,
Sprachkenntnisse; familiäre Netzwerke des Mannes, dessen Bruder eine Arbeit ver-
mitteln kann; günstige Bildungsaussichten für die Kinder.

69
« Parce que c’est la famille, mon mari. »
236 Frankreich: empirische Befunde

In Frankreich helfen sie zunächst im Restaurant von Nouras Schwager aus. Es folgt
eine längere Periode der Arbeitslosigkeit. Dann werden sie bei einem türkischen
Restaurant beschäftigt. Schließlich kaufen sie sich selbst ein kleines Snack-
Restaurant. Weil sich dies nicht rentiert, müssen sie verkaufen und verlieren sehr viel
Geld. Ihre prekäre Lage verschärft sich dadurch drastisch. Es entstehen bei der Bank
hohe Schulden, die sie monatlich abzahlen müssen und dazu kommen weitere offen
stehende Kredite. Ihre Finanzen werden notariell überwacht, sodass ihnen lediglich
die zum Leben notwendig erachteten Beträge bleiben. Mit ihren vier Kindern und
ihrem Ehemann wohnt sie heute in einer Fünf-Zimmer-Wohnung, deren Wände (wie
die vorherigen) feucht sind. Eine Tochter erleidet deshalb gesundheitliche Schäden.
Der Ehemann arbeitet inzwischen als Angestellter in seinem ehemaligen verkauften
Snack-Restaurant.

Während sich die Lage des Paares in der oben geschilderten Form verschärft, führt
Nouras Weg in die Kindertagespflege. Der Kauf des Snack-Restaurants erforderte
viel Kapital. Zur Zeit dieses Kaufs beginnt Noura sich nach einer Arbeit in Frank-
reich umzuschauen. Sie erzählt:

Und ich habe angefangen hier eine Arbeit zu suchen. Ähm weil hier in Frankreich
kann man nicht mit dem Kopftuch arbeiten. Es gibt nichts. Das ist auch so, dass ich
nur ein bisschen Französisch spreche, weil ich die Schule nicht beendet habe und all
das. Wenn ich bisher gearbeitet habe, dann war das nur Putzen. Aber mein Mann
möchte nicht, dass ich außerhalb von der Wohnung putzen gehe. Mit der Kleinen
und dann .. ((stöhnt)) .. [hm] hab ich den zweiten Jungen bekommen. Ich habe auch
noch ein Mädchen bekommen und noch ein Mädchen. Drei Mädchen, ein Junge.
[Hm.] Ich habe daran gedacht, eine Pflegeerlaubnis einzuholen, um Zuhause zu ar-
beiten. Pflegeerlaubnis für Tagesmütter. .. Und ich habe sie beantragt, sie haben
mich angenommen. Ähm und ich habe lange gearbeitet, fast mit vielen, als ich die
Pflegeerlaubnis bekommen habe, arbeitete ich sofort. Ich blieb nicht ohne Arbeit. Ich
arbeitete viel, mit fast sechs Kindern.70

70
« Et j'ai commencé chercher un travail euh ici. Euh parce que ici en France, on ne peut pas
travailler avec le foulard, il n'y est a rien, parce que je parle un peu le français aussi, parce que
j'ai pas terminé mes études et tout euh je faisais juste le ménage, mais mon mari il veut pas que je
travaille pour faire le ménage en dehors de la maison. Avec la petite et après .. euh .. ((gémisse-
ment)) [hm] j'ai eu le deuxième garçon. Et j'ai eu une autre fille aussi et une autre fille. J'ai quatre
enfants. Trois filles, un garçon. [Hm.] J'ai pensé demander un agrément pour travailler à la mai-
son. Agrément d'assistante maternelle. .. Et j'ai fait le demande, ils m'acceptaient. Euh j'ai travail-
Lebensverläufe 237

Anhand Nouras Weg in die Kindertagespflege wird deutlich, dass sich innerhalb der
stark diskreditierten und ernüchternden Ausgangslage der migrantischen Familie im
europäischen Wohlfahrtssystem eine Chance des Berufszugangs für Frauen im
Dienstleistungssektor eröffnet. Monetäre Engpässe zwingen dazu, dass Noura die
Familie mit ernährt. Dem gegenüber stehen tradierte Werte, denen zufolge die Ehe-
frau ihren Lebensmittelpunkt Zuhause bei den Kindern haben muss. Die Kinderta-
gespflege wird für Noura zu einem Weg, die Sorge um ihre eigenen Kinder mit Er-
werbstätigkeit zu verbinden. Damit setzt ein Tradierungsprozess des familiären Pra-
xiswissens ein, der auf biografischen Ressourcen beziehungsweise dem biografischen
Wissen als Familienfürsorgerin basiert. Der „Kniff“, der zur Zustimmung des Ehe-
mannes führt, liegt in einem vermeintlichen Rückgriff auf traditionelle Häuslichkeit,
die sie in die Erwerbsarbeitswelt transportiert. Indessen bewirkt der Zugang zum
Arbeitsmarkt eine Verschiebung traditioneller Zuschreibungen von Geschlecht und
Erwerbsarbeit. Da jedoch die Beschäftigung als Care-Arbeiterin gleichzeitig inner-
halb der für maghrebinische Familien typischen binären geschlechtsspezifischen
Arbeitsteilung verbleibt, stellt sie das Wertesystem von mit Häuslichkeit verbundener
Mütterlichkeit nicht grundlegend in Frage.

Typisierung des lebensgeschichtlichen Prozesses, der zur Kindertages-


pflege führt
Fragen nach familiärer Herkunft: Was steckt im biografischen
Gepäck?

Die Erzählungen der Tagesmütter beginnen überwiegend mit Schilderungen vom


ländlichen Leben in Großfamilien. Die von mir befragten Frauen haben durchschnitt-
lich sieben Geschwister und wachsen bis auf zwei Einzelfälle in eher bescheidenen
Verhältnissen auf. Ihre Kindheit wird von der handwerklichen Arbeit der Eltern
geprägt, die oft Analphabeten sind. Die Familien weisen patriarchale Strukturen
auf. 71 Ihre Mütter stellen Mutterschaft in den Vordergrund ihrer Bestimmung und

lé longtemps, avec beaucoup, quand j'ai pris l'agrément j’ai travaillé tout de suite. Je suis pas res-
té sans travail. Je travaillais beaucoup, avec presque six enfants. »
71
Die Soziologin Lacoste-Dujardin stellt in ihrem Werk Des mères contre les femmes, maternité et
patriarcat au Maghreb (dt. ‚Mütter gegen Frauen, Mutterherrschaft im Maghreb‘) aus dem Jahr
238 Frankreich: empirische Befunde

übernehmen daher zu großen Teilen innerhäusliche Tätigkeiten wie Erziehungs- und


Haushaltsarbeit sowie Schneiderarbeiten, während die Väter außerhäuslich beschäf-
tigt sind. Bildungsbestrebungen, welche die interviewten Frauen in ihren Herkunfts-
ländern verfolgen, werden oft durch die dort knappe Infrastruktur torpediert. Lange
Wege führen dazu, dass die Eltern ihre Töchter aus Angst vor Übergriffen nicht in
die Schule schicken. Wenn die ökonomischen Ressourcen knapp sind, werden die
männlichen Geschwister außerdem privilegiert. Die Chancen der Söhne, später eine
gewinnbringende Beschäftigung zu erlangen, werden höher eingeschätzt.

Im Laufe des Erwachsenwerdens verblassen die Bildungsmotive der jungen Frauen


vor dem Hintergrund einer starken Orientierung an einer zukünftigen Heirat mit
Gründung einer eigenen Familie. Die begonnene Schulbildung kann entweder nicht
fortgesetzt werden oder wird bewusst abgebrochen. Als Kinder und Jugendliche
beginnen sie damit, der Mutter bei ihren Tätigkeiten in Heimindustrie und Haushalt
zu helfen. Sukzessive wird Familienarbeit als identitätsstiftendes Merkmal ange-
nommen. Etwa zur Zeit der Volljährigkeit werden diese Bestrebungen in Form einer
(arrangierten) Ehe verwirklicht. Dies ist ein auffälliges Merkmal, welches sich in den
Lebensgeschichten der maghrebinischen Tagesmütter in ähnlichen Schilderungen
wiederholt und sich mit den Studien von Mozère deckt (vgl. Mozère 2000: 144).

Auslöser und Motive der Migration

Bei den maghrebinischen Frauen ist eine arrangierte Ehe zumeist ausschlaggebend
für die Migration zum bereits in Frankreich lebenden Ehepartner. Es wird aber auch
von selbst gewählten Partnern aus dem familiären Umkreis berichtet. Auch die Fami-
lien der Partner weisen damit eine Migrationsgeschichte auf, die im Maghreb be-
ginnt. Manchmal sind die Ehemänner der Frauen auch schon in Frankreich geboren.
Mit der Volljährigkeit konnten diese für die französische Staatsbürgerschaft optieren.

1985 fest, dass Mutterschaft in der patriarchalen Ideologie maghrebinischer Familien vor allem
davon motiviert ist, einen Sohn zu haben: « Pour une Maghrébine, être femme ce n’est pas vivre
avec un homme, c’est posséder un fils. Mais alors que, dans l’idéologie de couple, une femme
désire un enfant d’un homme, un enfant qui soit une création à deux, une œuvre qui consacre et
prolonge le couple, dans l’idéologie patriarcale une femme attend, à l’exclusion d’une fille, un
garçon qui appartiendra socialement à un homme, certes, mais qu’elle possèdera affective-
ment. »71 (Lacoste-Dujardin 1985: 144)
Lebensverläufe 239

Die Migration wird für die Frauen zunächst nur als ein Teilaspekt des neuen Lebens
bewertet, im Vordergrund steht die Gründung einer eigenen Familie. Auf meine
Aufforderung, etwas mehr über die gemeinsame Geschichte mit dem Ehemann zu
erzählen, antworteten viele der Frauen so oder ähnlich:

Meinen Ehemann?! [Hm] Ähm ich kannte ihn. Ja, da drüben. Wir haben uns vor al-
lem vorher gesehen. Heute sehen und treffen sich die Leute auch. Gut, sie sprechen
miteinander und so. Aber früher meine ich ähm da gab es Eltern, sie begannen uns
zu fragen, man kannte sich so, das heißt nicht, dass man miteinander gesprochen hät-
te oder so, ja?! Vor der Hochzeit. Man kannte sich so, weil er ist mein=mein Cousin.
Ich habe ihn gesehen. Ja, ja. Das heißt man kannte sich. Ja. Das ist alles. Also haben
wir geheiratet ((lacht)).72

Es handelt sich bei der Auswahl des Mannes entweder um einen Cousin, um ein
Mitglied einer befreundeten Familie oder um jemanden, der mit demselben Dorf
„verwurzelt“ ist. Diese Männer haben sehr stabile transnationale Beziehungen zum
vertrauten Familien- und Bekanntenkreis aus dem Maghreb und oft enge Beziehun-
gen zu der Großfamilie ihrer neuen Ehefrau. Die transnationalen Netzwerke der
Großfamilien erstrecken sich überdies von Nordafrika über ganz Europa bis in die
USA.

Verwoben mit der Heirat eines Mannes in Frankreich und dem Aspekt der Familien-
gründung sind Aspirationen nach sozioökonomischer Sicherheit beziehungsweise
sozialem Aufstieg sowie der Wunsch nach einem autonomen Leben: „Nach Frank-
reich, warum. Für diese Freiheit dort. Machen, was man wirklich machen möchte.“73
Die Idee eines autonomen Lebens ist zum einen losgelöst von den paternalistischen
Vorgaben der Eltern. Zum anderen geht es um die Erweiterung von Möglichkeiten,
die erlauben, vorhandene Ideen von Leben und Arbeit überhaupt umsetzen zu kön-
nen. Eine wesentliche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Aussicht auf reprä-

72
« Mon mari?! [Hm.] Euh je le connais, moi. Oui, là-bas. On se rencontrait surtout avant. Mainte-
nant aussi ils se voir et ils se rencontrent. Bon, ils parlent et tous. Mais dans l'autre temps, ça
veut dire euh il y a les parents, si ils nous disent est-ce que, on se connait comme ça, ça veut dire
on n'a pas parlé ensemble et tous, hein?! Avant le mariage. On se connait comme ça, parce qu'il
est mon, mon cousin. Je l'ai vu. Oui, oui. On se connait ça veut dire. Oui. C'est tout. Alors on
s'est marié. ((Elle se mit à rire)). »
73
« En France, pourquoi. C'est pour cette liberté là. Faire ce qu'on a envie de vraiment faire. »
240 Frankreich: empirische Befunde

sentative und bezahlbare Bildungskarrieren für die eigenen Kinder, wie das Zitat
einer Tagesmutter verdeutlicht:

Das ist so, ich wollte mein Studium beenden. Aber ich konnte nicht. Das ist alles. Ich
habe alles getan, damit meine Kinder aufwachsen und studieren. Eigentlich bin ich
deshalb hier, damit meine Tochter ihr Studium beenden kann. Dass ich ihr helfe
((lacht)). Weil das nicht einfach ist mit den Kindern und allem Medizin zu studieren,
das ist schwierig.74

Der französische Sozialstaat soll den Söhnen, und mit besonderem Nachdruck auch
den Töchtern, jene Weiterbildungsmöglichkeiten verschaffen, auf die sie selbst ver-
zichten mussten.

Erste Folgen der Migration: Familiengründung, Isolation der


Ehefrauen, soziale Segregation und neue Bildungswege

Auffällig ist die rasche und kontinuierliche Umsetzung der Familiengründung. Die
Frauen gebären ihr erstes Kind im Folgejahr der Heiratsmigration, etwa im Alter von
18 bis 19 Jahren. In regelmäßigen Abständen gebären sie weitere Kinder. Im Durch-
schnitt haben die maghrebinischen Frauen dieser Studie zur Zeit der ersten Interview-
führung drei bis vier Kinder und sind im Alter von 32 bis 52 Jahren. Die Familien-
gründung führt zu einer starken Orientierung auf die eigenen Kinder und den Ehe-
mann. Viele der jungen Frauen erleben dadurch nach der Migration eine Phase star-
ker Isolation in der Aufnahmegesellschaft. In dieser Zeit wird das familiäre Leben im
Maghreb reinszeniert beziehungsweise bestmöglich in die neue Umgebung übersetzt.
Die Anpassung an die neue Familie wird bisweilen von größeren Schwierigkeiten im
Verhältnis zu den Schwiegermüttern begleitet. Nach Möglichkeit werden Kontakte
zu bereits vorhandenen maghrebinischen Netzwerken hergestellt. Eine Erkundung
der Aufnahmegesellschaft wird zunächst vermieden, wie die Bemerkung der Tages-
mutter Leila an dieser Stelle verdeutlichen soll: „Und ich die ich noch nie Frankreich
gesehen hatte, als ich gehe, ich bekam Kinder und bin nicht mal rausgegangen. [Hm.]

74
« C'est, je voulais bien terminer mes études. Mais j'ai pas pu. C'est tout. J'ai tout fait pour que
mes enfants ils grandissent et fassent des études. En fait c'est pour ça que je me suis installée ici
pour que ma fille termine ses, fait ses études et tout. Que je l'aide. ((Elle se mit à rire)) Parce que
c'est difficile avec les enfants et tout de faire des études en médecine, c'est difficile. »
Lebensverläufe 241

Man sah nur das. Man hat nichts anderes gesehen.“75 In dieser Zeit spielt der Ehe-
mann eine vermittelnde Rolle zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre, die für den
neuen Alltag essentiell ist. Die Kinder hingegen integrieren sich durch Schulbesuch
und Kontakt mit anderen Kindern in die französische Gesellschaft.

Durch den in Frankreich räumlich eingenommenen Lebensmittelpunkt verstärkt sich


die Transnationalisierung der Familienbezüge, da die Frauen Kontakte zu ihren Her-
kunftsfamilien aufrecht erhalten. Da Schwestern und Brüder, Onkel und Tanten, zum
Teil ebenfalls migrieren, erstrecken sich transnationale Beziehungen der Großfamilie
nicht nur nach Frankreich. In den maghrebinischen Familien werden jährlich Fami-
lientreffen in den Herkunftsländern veranstaltet. Diese in den Sommermonaten statt-
findenden Zusammenkünfte erfordern Flexibilität im Berufsleben, was sich auf den
Berufsalltag der Tagesmütter auswirken wird. Gelegentlich werden auch einzelne
Kinder während dieser Urlaube im Herkunftsland geboren. Dann verkompliziert sich
der Erwerb der Staatsbürgerschaft. Ist allerdings eines der in Frankreich lebenden
Elternteile bereits Franzose beziehungsweise Französin, so erhält auch das im Aus-
land geborene Kind die französische Staatsbürgerschaft.

Das neue Eheleben in Frankreich beginnt mit Ausnahme einzelner Kontrastfälle


mittellos. Die Ehemänner arbeiten in auffälliger Häufung als Stapelfahrer oder in
Snackrestaurants, mit gelegentlichen Phasen der Arbeitslosigkeit. Die ökonomischen
Ressourcen liegen am Rande oder unterhalb der Armutsgrenze. Daher ziehen die
Frauen häufig mit ihren Partnern in Sozialwohnungen. Es handelt sich oft um die
erste eigene Wohnung und wird trotz beengter Verhältnisse mit einem Gefühl des
Triumphes beschrieben. Tagesmutter Kaya schildert beispielsweise wie sie mit
Kleinkind und jugendlicher Tochter zunächst logiert: „Wir lebten in meiner ersten
Wohnung. Das war ein Studio mit zwei- 18m². [I: Wie viel?] 18! Zu der Zeit war das
für mich ein Hotel, verstehst du?!“76 Der französische Sozialstaat bietet einkommens-
schwachen Familien Sozialwohnungen an. Jedoch begünstigt dies die Verankerung

75
« Et moi qui n’ai jamais visité la France, quand je vais, j'avais des enfants et je sortais même pas.
C’est comme un a des () on sortait même pas, on est encore attaché à notre pays. À notre famille.
[Hm.] On voyait que ça. On voyait pas autre chose. »
76
« On habitait dans mon premier appartement, qui était un studio à deux- 18m². [I: Combien?] 18!
Là, pour moi c'était un hôtel, hein?! »
242 Frankreich: empirische Befunde

in den über Frankreich hinaus so berüchtigten banlieues, in denen sich oft soziale
Konflikte entladen.

Zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, während der trente glorieuses
(dem französischen Wirtschaftswunder), erlebte Frankreich einen plötzlichen demo-
grafischen und industriellen Boom. Dies bedeutete eine entschiedene Ablösung von
der Agrarwirtschaft zugunsten urbanen Lebens, die auch als Seconde Révolution
française bezeichnet wird (vgl. Requate 2011: 109ff). Unter Zeitdruck wurden
Hochhaussiedlungen errichtet, in denen vor allem Industriearbeiter an den Rändern
der städtischen Ballungsräume eine bezahlbare Wohnung fanden. Als Erbe dieser
Wohnungspolitik leben heute in diesen Vororten vor allem Migrant_innen mit gerin-
gem Einkommen, die zudem oft Sozialleistungen beziehen. Die Eltern der neu auf-
wachsenden Generation waren oft Arbeitsmigranten aus dem Maghreb. Auch für
einige Ehemänner und Familien der Frauen dieser Studie gilt eine entsprechende
Migrationsgeschichte.

Durch die Orientierung der Frauen an günstigem Wohnraum oder den Zuzug in jene
Viertel entstehen erste Kontakte in maghrebinischen Enklaven. In diesen marginali-
sierten Stadtteilen orientieren sie sich nach der Migration neu und der Anschluss an
die restliche Aufnahmegesellschaft verzögert sich. In der neuen Community stärkt
die Ausrichtung der Mütter an Familienarbeit die gemeinsame Identität und hält den
traditionell weiblichen Bezug auf Care-Arbeit aufrecht. Während der Interviews in
den Privatwohnungen der Frauen wurde schnell klar, dass die Lage des Zuhauses für
die Beschäftigungslage der Kindertagespflegepersonen bedeutend ist. Der vorhande-
ne Wohnraum ist Grundvoraussetzung für die Pflegeerlaubnis und generiert daher die
Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt.

Die interviewten Frauen haben teilweise nur eine Grundschule besucht oder weiter-
führende Schulen früher oder später abgebrochen. Häufig fehlen daher Bildungsqua-
lifikationen. Durch die anfängliche Orientierung am Familienleben wird erst langsam
präsent, dass sich dies nachteilig auf die Eingliederung in den französischen Er-
Lebensverläufe 243

werbsarbeitsmarkt auswirkt. 77 Die Frauen beginnen jetzt nach Möglichkeiten zu


suchen, Berufskarrieren zu initiieren und den Mangel an Qualifikationen oder auch
an Sprachkenntnissen auszugleichen. Die Haushalts- und Sorgearbeit als zertifizierte,
austauschbare Dienstleistung bietet sich auf dem französischen Arbeitsmarkt in Form
einer hierarchisierten Arbeitsteilung an: « La formation apprend à chacun à tenir sa
place dans la division sociale du travail. La disposition à servir se nourrit de ce pro-
cessus d’assignation aux emplois indésirables et se construit dans le mouvement
même de mise au travail. » (Monchâtre 2010 : 29) Das Angebot einer möglichen
Beschäftigung im Care-Sektor durch Berufsabschlüsse auch für niedrig qualifizierte
Arbeitskräfte begünstigt die Orientierung der Frauen dieser Studie am Sektor der
Kinderbetreuung. Über die Akkreditierung zur assistante maternelle erwerben sie
oftmals ihr erstes Zeugnis.

In den Erzählungen der Frauen wird die gute Integration der Kinder in das französi-
sche Schulsystem betont. Nach Möglichkeit wird in Nachhilfe und Mehrsprachener-
werb investiert, um die Kinder auf dem Weg zum Abitur, und zu einem Studium, zu
unterstützen. Es wird deutlich, dass die Migrantinnen den Wert des transnationalen
Lebens nicht allein auf eine ökonomische, sondern auch auf eine intellektuelle Ebene
transportieren. Verschiedene Fähigkeiten wie Sprache, Wissen und theoretische
Kenntnisse sollen die Möglichkeiten der Kinder erweitern, wie beispielsweise die
Tagesmutter Pegricia erkennen lässt: „Das größte Vermächtnis, das man seinen Kin-
dern überlassen kann ist nicht Geld, sondern Bildung. So haben sie einen intellektuel-
len Besitz. Aus meiner Sicht ist das sehr wichtig. Also, die Kinder sprechen drei
Sprachen. Das hat ihnen viele Türen geöffnet.“78 Die Bildungswege der Kinder wer-
den als Resultat ihrer Migration erfahren und damit zu messbaren Erfolgen ihrer
eigenen Entbehrungen und Kämpfe.

77
Die in den 1950er und 1960er Jahren umfassende Demokratisierung des französischen Schulsys-
tems bis in die Ära Mitterands schuf neue Chancen für sozialen Aufstieg und berufliche Einglie-
derung über zertifizierte Abschlüsse, wodurch soziale Herkunft eine geringere Rolle spielte. Die
Qualifikationen differenzieren und spezialisieren sich zunehmend (vgl. Monchâtre 2010 : 22).
78
« Le meilleur héritage qu'on peut faire à un enfant, c'est pas de l'argent, c'est les études. Comme
ça ils ont un bagage intellectuel. De mon point de vue, c'est très important. Alors, les enfants, ils
parlent trois langues. Et ça leur a ouvert beaucoup de portes. »
244 Frankreich: empirische Befunde

Bedrohung der Care-Identität durch Erwerbsdruck

Die Migrantinnen werden häufig in einem traditionell weiblich konnotierten Tätig-


keitsfeld sozialisiert. Sowohl in der Herkunfts- als auch in der Aufnahmegesellschaft
wird ihnen Care-Arbeit vor dem Hintergrund einer gesamtgesellschaftlich wirksamen
binären Geschlechterlogik heraus normativ zugewiesen. So gut wie alle Tätigkeiten,
die diese Frauen noch vor der Kindertagespflege ausübten, entsprechen dieser Norm.
Üblicherweise lernen die Tagesmütter aus dem Maghreb in ihrer Kindheit oder Ju-
gend das Schneidern. Sie betreuen und pflegen außerdem Geschwister, Cousins und
Cousinen, aufwachsende oder ältere Familienmitglieder. Die Arbeitsfelder, in denen
die Mehrzahl der Frauen sozialisiert wird und in denen sie Kenntnisse und Fertigkei-
ten erlangen, sind meist unbezahlt und vom regulären Erwerbsarbeitsmarkt ausge-
schlossen. Dabei gleicht bei genauerer Betrachtung die investierte Arbeit in die Re-
produktion der eigenen Familie dem emsigen Charakter leistungsorientierter Berufs-
karrieren. Die Reproduktion in ihrer Gesamtheit – Erziehung, Hausarbeit, Emotions-
arbeit, Pflegearbeit … – wird perfektioniert. In den wenigen Fällen, in denen die
Frauen nach der Migration vorübergehend eine reguläre Erwerbsarbeit in der Auf-
nahmegesellschaft annehmen, liegen diese in den Arbeitsfeldern Frisörin, Sekretärin
und in der Personenbetreuung (zum Beispiel von älteren oder behinderten Men-
schen).

Auf Basis stagnierender Mittel begreifen die Paare prozessartig, dass die ausschließ-
liche Orientierung der Frauen an der familiären Reproduktion in Konflikt steht mit
der Erreichung (oder Aufrechterhaltung) des gewünschten Lebensstandards. Auf der
einen Seite steht ein Weltbild, das den Frauen die Aufgabe zuweist, die Kinder un-
entgeltlich großzuziehen. Die in dieser Studie interviewten Frauen in Frankreich
identifizieren sich mit dieser Aufgabe und gebären viele Kinder. Auf der anderen
Seite steht eine Aufnahmegesellschaft, die längst das Zwei-Verdiener-Modell als
Norm etabliert hat und daher die Frau zur Partizipation auf dem Erwerbsarbeitsmarkt
drängt. Von hier an greift Zahnrad in Zahnrad. Die Familien bemerken die Notwen-
digkeit der Erwerbstätigkeit der Frau, um die notwendigen Einkünfte zu erzielen und
an den Gütern der französischen Gesellschaft teilhaben zu können. In der Regel
arbeiten die Ehemänner im Niedriglohnsektor, haben befristete Arbeitsverträge oder
Lebensverläufe 245

sind arbeitslos. Sind die Ehemänner über längere Perioden ohne Beschäftigung,
entsteht eine besonders hohe ökonomische Dringlichkeit ein zweites Familienein-
kommen zu erwirtschaften. Den Familienmitgliedern – im besonderen Maße den
männlichen Familienernährern – wird dies oft erst allmählich, mit Anwachsen der
Familie, ernsthaft bewusst.

Auch jene Frauen dieser Studie, die nicht aus dem Maghreb oder aus gehobeneren
Schichten nach Frankreich migriert sind, konzentrieren sich nach der Geburt ihrer
Kinder auf das Familienleben und stellen das Erwerbsleben oder Studium zurück. In
der Folge gleichen ihre Fälle den anderen. Auch sie haben entweder keine verwertba-
ren Qualifikationen für den französischen Arbeitsmarkt oder durch die Kindererzie-
hungszeiten deren zeitnahen Einsatz verpasst, was die Auswahl an Berufsmöglich-
keiten bedeutend beschränkt.

Bedrohung der Identifikation als muslimische Frau mit Kopf-


tuch durch Erwerbsdruck

Für die meisten maghrebinischen Frauen dieser Studie erschwert das von Ihnen ge-
tragene Kopftuch die Erwerbsintegration in Frankreich. Demonstrativ zur Schau
getragene religiöse Symbole, unter die la voile zählt (sowie Kippa und Habit oder
große Kreuze), dürfen in öffentlichen Einrichtungen nicht mehr getragen werden.
Dies wurde 2004 unter Jacques Chirac bestimmt. Je nach Einstellung und Willen der
Arbeit gebenden Person gilt dieses Verbot zum Beispiel auch für die Haushalts- und
Gebäudereinigung, eine der wenigen ergreifbaren Erwerbstätigkeiten für die Migran-
tinnen ohne Qualifikationen. Folgende Aussage einer Tagesmütter verdeutlicht die
Effekte diesen Verbots: „Und damals konnte ich nicht draußen arbeiten gehen wegen
meinen Kindern und wegen meinem Kopftuch. Das ist es. Deswegen habe ich=habe
ich=habe ich gesagt, ich arbeite nicht.“ 79 Viele der Frauen dieser Studie sind
überzeugterweise nicht gewillt, ihr Kopftuch für eine Arbeit abzunehmen, was eine
Berufsausübung verzögern oder gar verhindern kann.

79
« Et, et à l'époque je ne pouvais pas aller travailler dehors par rapport à mes enfants et par rap-
port à mon foulard. C'est ça. C'est pour ça j'ai=j'ai=j'ai dit je travaillais pas. »
246 Frankreich: empirische Befunde

In der Kindertagespflege gibt es bislang keinen Zwang zum sogenannten Kopftuch-


verbot. Da die Kindertagespflege im semi-öffentlichen Raum stattfindet, greift das
Verbot des Kopftuchs in diesem Bereich bisher nicht. Als ein der Öffentlichkeit
(teil-)entzogener Ort steht der Arbeitsplatz Zuhause nicht unter massiver Kontrolle
laizistischer Staatsdoktrin. Im Jahr 2011 hat die Radikale Linke unter Francoise
Laborde einen Gesetzesentwurf in den französischen Senat eingebracht, der das
Kopftuchverbot auf die Kindertagespflege ausweiten sollte. Sie scheiterte jedoch an
heftiger Kritik aus der Öffentlichkeit und den Verbänden für Kindertagespflege. Das
Kopftuchverbot generiert daher zusätzlich eine Orientierung muslimischer Frauen an
dem Berufsfeld Kindertagespflege.

Lösung der Vereinbarkeitsproblematik von Familie und Beruf:


Kindertagespflege

Über die Aneignung des Berufszweigs Kindertagespflege vereinen die Frauen dieser
Studie scheinbar disparate Interessen, nämlich ihre Care-Tätigkeiten Zuhause fortzu-
setzen und gleichzeitig zu arbeiten. Die Frauen suchen nach Perspektiven, in denen
ihre Identifikation als Mutter und die von ihnen geleistete Wertschöpfung in der
Familienarbeit Anschluss findet. Obwohl sie Erwerbsarbeit leisten müssen, wollen
sie weiterhin die Familienarbeit erfüllen. Die kostengünstige Betreuung für Kinder in
Frankreich wird aus traditionellen Gründen nicht in Erwägung gezogen. Sie wün-
schen sich, dass sich Familie und Beruf vereinbaren lassen, jedoch nicht als vonei-
nander getrennte Sphären: Familie mit Beruf statt Familie und Beruf.

Die Sorge um Verwandte soll eine innerfamiliäre Angelegenheit bleiben, wie eine
Tagesmutter verdeutlicht: „Ich konnte wem auch immer kein Vertrauen schenken
und die Kinder überlassen.“80 Interessanterweise kommt Ihnen jetzt entgegen, was sie
selbst zur Erwerbsbeteiligung zwingt: Die Lebenswirklichkeiten in der Doppelver-
diener-Gesellschaft Frankreich erfordern eine Betreuungsgrundlage, wie sie die Kin-
dertagespflege bietet. Für die Vielzahl der in Vollzeit erwerbstätigen Mütter in
Frankreich stellen Tageseltern bei der Versorgung der unter Dreijährigen die primär
genutzte Betreuungsoption dar. Wegen der ausbleibenden Partizipation der Väter ist

80
« Je ne pouvais pas donner ma confiance à qui que ce soit pour laisser les enfants. »
Lebensverläufe 247

die Arbeit als Tagesmutter von der festen Beschäftigung der Mütter in Frankreich
abhängig, die Beschäftigungsmöglichkeit der Mütter wiederum von der Arbeit der
Kindertagespflegepersonen. In diesem Kontext wird das Ergreifen des Berufs
assistante maternelle für die Migrantinnen zum Verhandlungsraum zwischen eigenen
Wünschen und der neuen Lebensrealität. Sie qualifizieren sich kostenfrei, benötigen
keine Zugangsvoraussetzungen oder Zertifikate und vereinen räumlich wie sozial die
Prämissen Familie, Erwerbsarbeit und das Kopftuchtragen. „Deshalb hab ich das
gemacht, weil das Zuhause war, ich war nicht gezwungen mein Kopftuch abzuneh-
men und ich musste meine Kinder nicht zurücklassen,“81 sagt die Tagesmutter Oran.

In den Narrativen der Tageseltern drückt sich ein starkes Selbstbewusstsein als Müt-
ter aus, das in den neuen Beruf übertragen wird. Eine der Tagesmütter erzählt etwa:
„Da ich ja schon Kinder hatte war das nicht so kompliziert. Ich habe nachgemacht,
was ich mit meinen eigenen Kindern gemacht habe. Du folgst deinem Instinkt als
Mutter.“82 Sie wenden ihre Erfahrungen als Erziehungsleistende an, denn ihre biogra-
fisch gesammelten Care-Kenntnisse entsprechen dem neuen Einsatzfeld.

Zugang zur Tätigkeit als Kindertagespflegeperson

Eine signifikante Vermittlerinnenrolle in die Kindertagespflege spielen oft Nachba-


rinnen oder neue Bekanntschaften auf Spielplätzen, Freundinnen oder – wie im Fall
von Leila – auch Sozialarbeiterinnen:

Und dann, als ich geheiratet habe, habe ich mich um meine Kinder gekümmert. Und
als sie groß wurden, als der letzte drei Jahre alt war, da hab ich gesagt: „Ich weiß
nicht, mit ohne Diplom, was werde ich als Arbeit finden mit den Kindern, ohne Dip-
lom.“ Ich wusste nicht, dass es Tagesmütter gibt. Das wusste ich nicht. [Hm.] Dann,
als ich eines Tages zur Sozialarbeiterin gegangen bin und sie um Hilfe gefragt habe,
um etwas zu finden, hat sie gesagt: „Was willst du?“ Und ich habe gesagt, dass ich

81
« C'est pour ça que je l'ai fait, parce que c'était à la maison, j'étais pas obligée de faire euh le
foulard et j'étais pas obligée de laisser mes enfants. »
82
« Comme j'ai déjà eu des enfants, c'était pas très compliqué. J'ai reproduit, c'est ce que j'avais fait
avec les miens. Tu suis ton instinct comme une mère. »
248 Frankreich: empirische Befunde

nicht viel studiert habe und dass ich kein Diplom habe und dass ich mit Kindern ar-
beiten möchte. Dann hat sie zu mir gesagt: „Warum wirst du nicht Tagesmutter?“83

Diese Kommunikation ist entscheidend, da sich die Idee der Kindertagespflege als
öffentlich gefördertes Betreuungsmodell oft noch der Kenntnis oder gar Vorstellung
der Frauen entzieht. Der kostenfreie Erwerb der Qualifikation und der obligatori-
schen Pflegeerlaubnis (agrément) mit insgesamt 120 Ausbildungsstunden, zuzüglich
darauf aufbauender Fortbildungsstunden, erfolgt bei den Tagesmüttern dieser Studie
zügig, ungeachtet der zum Teil gänzlich fehlenden Schulbesuche. Der einfache
Sprachgebrauch der Dossiers wird von den Migrantinnen positiv bewertet und die
Ausbildung lässt sich mit der Familiensituation vereinbaren, zumal sie nach Mög-
lichkeit über Parallelbetreuung in die Arbeitszeiten eingegliedert wird. Da sich die
Frauen oft in Phasen des Familienzuwachses befinden und Säuglinge versorgen, ist
die praktische Umsetzbarkeit der beruflichen Neuorientierung Grundvoraussetzung.
Ein mehrjähriges Studium oder lange Ausbildungszeiten widersprächen ihrer Le-
benssituation und -vorstellung.

Außerdem ist eine „angemessene“ Wohnsituation Voraussetzung zum Erhalt der


Pflegeerlaubnis. Auch die Bezahlbarkeit des Wohnraums ist daher eine Vorausset-
zung für den Beruf der assistante maternelle. Die Wohnungen, oft Sozialwohnungen,
in denen die interviewten Frauen kostengünstig leben, sind an die Größe der Familien
angepasst. Die Familien verweilen langfristig an diesem Wohnort, in dem die Kinder
aufwachsen und nicht zuletzt Freundschaften schließen. Bei der Vergabe der Pflege-
erlaubnis sind die Räumlichkeiten der Frauen verdienstentscheidend. Der Wohnraum
muss groß genug sein, damit kindgerechte Spielecken in der Wohnung eingerichtet
werden können oder Zimmer als angemessene Schlafstätte für die Tageskinder ge-
nutzt werden können. Hoch gelegene Wohnungen müssen Anschluss an einen Lift
aufweisen. Voraussetzungen wie diese entscheiden darüber, für wie viele Tageskin-

83
« Et après, quand je me suis mariée, je me suis occupée de mes enfants et quand ils ont grandi, le
dernier il a trois ans, là j'ai dit: je sais pas, avec sans diplôme, qu'est-ce que je vais trouver un
travail avec les enfants, sans diplôme. Je savais pas qu'il existe assistante maternelle. Je savais
pas celle la. [Hm.] Après, un jour je suis partie voir une assistante sociale et je voulais, je lui ai
demandé pour des, une aide pour trouver quelque chose. Elle m'a dit ‹qu'est-ce que tu veux›, je
lui ai dit j'ai pas fait des grandes études et je suis sans diplôme et je voulais faire quelque chose ()
comme travailler avec les enfants. Et après elle m'a dit ‹pourquoi tu fais pas assistante mater-
nelle›. »
Lebensverläufe 249

der die Pflegeerlaubnis vergeben wird. Inspektionen und Sicherheitsprüfungen erfol-


gen vor Vergabe der Zulassung durch institutionelle Vertreter_innen. Ein hoch gele-
genes Stockwerk ohne Anschluss an einen Lift reduziert die Pflegeerlaubnis auf
wenige Kinder. Auch die Zusammensetzung der Familie der angehenden Tagesmut-
ter beziehungsweise ihre Lebenssituation wird als Maßstab herangezogen. Die Über-
führung privaten Lebens in einen Arbeitsbereich öffentlich geförderter Kinderbetreu-
ung kann unterschiedliche Vorstellungen familiären Zusammenlebens berühren, wie
eine Tagesmutter verdeutlicht: „Weil sie ist gekommen, die Kinderbeauftragte, hat
mich gefragt, wo sie schlafen werden und ich habe ihr gezeigt, wie das abläuft. Aber
ich glaube, sie, so wie sie mir das gesagt hat, braucht man ein leeres Zimmer für die
Kinder. Ohne meine Kinder.“ 84 In diesem Fall widerspricht das private kulturelle
Leben der Großfamilie den öffentlich angelegten Maßstäben der Aufnahmegesell-
schaft. Im Zweifel kann das den möglichen Verdienst schmälern. Um diesen Gege-
benheiten Rechnung zu tragen kann bei der Wohnungsbehörde ein Antrag auf eine
größere Wohnung zum Zwecke der Berufsausübung gestellt werden. In der Regel
haben die Tagesmütter dieser Studie zur Zeit der ersten Interviewführung eine Pfle-
geerlaubnis für vier Kinder und betreuen durchschnittlich drei Kinder in Voll- oder
Teilzeit.

84
« Parce que elle est venue, la puéricultrice, elle m'a demandé où ils vont dormir, je lui ai montré
comment ça se passe. Mais je crois, elle, elle, comme elle m'a dit, il faut une chambre vide pour
eux, pour les enfants. Pas avec mes enfants. »
250 Frankreich: empirische Befunde

6.2 Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen in der Kinder-


tagespflege
In diesem Kapitel werden die Lebensentwürfe und die soziale Mobilität in der Be-
rufstätigkeit in den Blick genommen. Über die Kindertagespflege erleben die Mig-
rantinnen dieser Studie in Frankreich einen sozialen Aufstieg, der durch soziale Seg-
regation eingeschränkt werden kann. Die Statusbestimmungen und Identitätskon-
struktionen werden vom Arbeitsstatus, dem Verdienst, sowie von der Nachfrage auf
dem allgemeinen Arbeitsmarkt, und speziell innerhalb der Wohnviertel, beeinflusst.
Auch policies in Bezug auf Erziehungszeiten und die Lebens- und Arbeitssituation
der eigenen und der versorgten Familien spielen eine Rolle, die mit den Besonderhei-
ten eines Arbeitsplatzes im eigenen Zuhause zusammenlaufen. Emanzipationsprozes-
se schreiben sich aktiv in Form eines doing family und doing gender in den Prozess
der Verlagerung von Care-Arbeit auf Tagesmütter in die französische Gesellschaft
ein.

Mit Care-Arbeit Geld verdienen


Die meisten Frauen dieser Studie in Frankreich werden über ihren Verdienst erstmals
zu Nebenverdienerinnen ihrer Partner, oft zu gleichberechtigten Familienernährerin-
nen, manchmal zu Haupternährerinnen. Die Verdienstmöglichkeiten sind von den
persönlichen Lebensumständen, der Anzahl der eigenen Kinder, der körperlichen
Verfassung und der Lage und Größe des Wohnraums abhängig. Der Großteil der
Frauen verfügt über 1 500€ bis 2 400€ Netto im Monat. Während der Erhebung der
Studie achtete ich darauf, Tageseltern aus möglichst unterschiedlich situierten Stadt-
teilen zu interviewen. An der Stadtteilproblematik, wie sie bereits an der Wohnungs-
baupolitik Frankreichs erläutert wurde, wird eine unerwartete Kehrseite des Auf-
stiegs dieser Frauen erkennbar. In den Stadtkernen und den einfach bis gut situierten
Vierteln sind die Einkünfte hoch und die Nachfrage in Vollzeitbetreuung kann als
gesättigt gelten. In den Sozialbauvierteln, den quartier populaires, leiden die Tages-
mütter jedoch gelegentlich an Unterversorgung. Sie verharren daher manchmal nur
auf einem Verdienst von 500€ bis 800€ Netto im Monat. Grund hierfür sind vor
allem die hohe Dichte maghrebinischer Tagesmütter in einzelnen Vierteln, die da-
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 251

durch selbst keine Nachfrage generieren, und Vorbehalte anderer Eltern gegenüber
diesen „Problemvierteln“, wie später näher erläutert werden wird.

Auch wenn die Kalkulation des Einkommens kompliziert ist, geben die Tageseltern
an, pro Vollzeitkind etwa 700€-800€ im Monat zu verdienen. Kaya bringt am Ende
einer unserer Gespräche verschmitzt zum Ausdruck: „Wir haben auch einen Vorteil.
Bei dem ich nicht weiß, ob ich ihn Ihnen verraten soll ((lacht)) [Das heißt sie-] be-
zahlen keine Steuern. Das ist der Vorteil dieser Arbeit ((lacht)).“ 85 Durch eine festge-
legte Pauschale, die vom Endverdienst abgezogen wird, sind ihre Brutto-Einnahmen
letztlich Netto-Einnahmen. Die Stundenlöhne der Betreuung pro Kind variieren von
2,3€ bis 5€ und werden vor allem in den Stadtkernen sehr selbstbewusst eingefordert.
Die Tagesmütter dieser Studie berichten jedoch, dass es in den quartiers populaires
auch zu Unterbietungen des gesetzlichen Mindestlohnes von momentan 2,7€ die
Stunde und Kind kommt. Manche der migrantischen Tageseltern mit entsprechenden
Erfahrungen bedauern daher, dass das Gehalt nicht einheitlich bleibt, sondern von der
fortdauernden Anzahl der betreuten Tageskinder abhängt. Dadurch sind die Tagesel-
tern stärker von den Turbolenzen auf dem Arbeitsmarkt abhängig als sogenannte
Normalarbeitnehmer_innen mit festem Monatslohn. In der Regel suchen Eltern nach
einer Vollzeit-Betreuung, da Mütter in Frankreich meist selbst Vollzeit beschäftigt
sind. Dadurch haben die Tageseltern annähernd regelmäßige Arbeitszeiten.

Wie Noura zur unentbehrlichen Verdienerin wird

Noura, deren lebensgeschichtlicher Verlauf bis zum Eintritt in die Kindertagespflege


bereits nachgezeichnet wurde, äußert sich zufrieden über ihre neu gewonnene Beru-
fung als Care-Arbeiterin: „Ich arbeite gerne Zuhause und ich mag Kinder ((lacht)).
Ich habe Geduld mit Kindern und ich arbeite gerne mit ihnen.“86 Ihr Weg in die Ehe
mit einem dreizehn Jahre älteren Mann aus dem Familienkreis folgte einer Migration
von Land zu Land, an die sich ein auf das andere Mal eine dramatische
Prekarisierung der Lebenslagen anschloss. Mit ihrer Arbeit als Kindertagespflegeper-

85
« Nous on a l'avantage d'une chose aussi. Que je suis pas sûr de vous le dire ((elle se mit à rire)).
[Donc vous-] paye pas d'impôts. L'avantage de ce travail ((elle se mit à rire)). »
86
« J'aime travailler à la maison et j'aime les enfants, moi ((elle se mit à rire)). J'ai la patience avec
les enfants et j'aime travailler avec eux.»
252 Frankreich: empirische Befunde

son generiert Noura nun einen Verdienst von 1 400€ bis 1 600€ im Monat. Aufgrund
der ökonomischen Lage des Paares ist davon auszugehen, dass der Ehemann keinen
Verdienst erzielt, der im bedeutenden Maße darüber hinaus geht. Die sich nach und
nach verschlechternde Situation hat eine aktive Rolle der Ehefrau auf dem Arbeits-
markt ab einem gewissen Tiefpunkt notwendig gemacht. Das hohe und schnelle
Arbeitspensum, von dem Noura berichtete – „ähm und ich habe lange gearbeitet, fast
mit vielen, als ich die Pflegeerlaubnis bekommen habe arbeitete ich sofort, ich blieb
nicht ohne Arbeit“87 –, verhilft ihr zu einer wirtschaftlich relevanten Position. Zur
Zeit der Interviewerhebungen bezieht Noura dessen ungeachtet Erziehungsgeld. Als
Konsequenz aus ihrer Tätigkeit als assistante maternelle hat sie Anrecht auf den
pauschalen Zuschuss zur freien Wahl der Tätigkeit (frz.: Complément du libre choix
d’activité), was ihr eine Unterbrechung der Erwerbstätigkeit bis zum dritten Geburts-
jahr des jüngsten Kindes ermöglicht.

Wie Kaya zur kalkulierenden Arbeitnehmerin wird

Kaya, die sich im Alter von dreißig Jahren von ihrem Mann in Algerien löste und
ohne Bildungszertifikate mit ihrer 14jährigen Tochter nach Frankreich migrierte,
versorgt als Alleinerziehende ihre vierköpfige Familie. Sie arbeitet in einem gut
situierten Stadtkern, in dem es eine hohe Nachfrage an Tageseltern gibt. Nach acht
Jahren in diesem Beruf sagt sie:

In Frankreich haben wir nämlich ein System, bei dem es keinen Sinn macht schwarz
zu arbeiten, weil, sagen wir mal, wir werden gut bezahlt. [Hm.] 2 000€, das ist nicht
nichts. .. Äh und manchmal komme ich auf 2 300€ im Monat. Das ist nicht nichts.
Danach muss ich sagen, hab ich die 2 300 plus die 300 von den CAF [Familienaus-
gleichskassen, Anm. JG] für die Kleinen. Das macht am Ende des Monats schon, das
macht etwa 2 500€ im Monat. Äh und mit einer Miete, die bei 400€ liegt [ja], die ich
für die Miete bezahle, weil die Wohnhilfe 550€ von der Miete zahlt. Siehst du, damit
hat man was zum Leben. Na, mir geht’s gut. Siehst du, das ist nicht, das ist nicht- Ich
konnte meine Kinder in die Kolonie [umgangssprachlich: nach Algerien, Anm. JG]
schicken, das hat mich 2 000€ gekostet .. Für 20 Tage. Sehen Sie, [der Sohn ruft: 21
Tage!] es ist wahr dass hier- es ist wahr, dass man hier lebt, dass man=man=man hier
in Frankreich gut lebt. Das ist nicht äh ich habe niemanden. Ich habe nur mich und

87
« Euh j'ai travaillé longtemps, presque avec beaucoup, quand j'ai pris l'agrément je travaillais
toute suite. Je pas resté sans travail. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 253

meine Kinder. Ich habe es nicht schlecht zu Hause. Man kann sagen das ist äh das ist
einzig mein Gehalt von dem wir leben. Und wir können davon gut leben.88

Kaya zeigt, dass sie den Bedarf im Care-Sektor in Frankreich nutzen kann, um sich
in den Arbeitsmarkt einzugliedern, obwohl sie weder eine höhere Schulbildung vor-
weisen konnte noch die Unterstützung eines Partners beziehungsweise einer Partne-
rin. Die familienpolitischen Maßnahmen werden von anderen staatlichen Subventio-
nen wie Wohngeld und Zulagen für Alleinerziehende begleitet und machen die Ver-
knüpfung von Familienarbeit und Erwerbsarbeit zum Zwecke der Lebenserhaltung
möglich.

Kayas Tochter, die denselben beruflichen Weg wie ihre Mutter eingeschlagen hat,
rechnet mir auf einem Stück Papier vor, warum der Verdienst ihrer Mutter steuerfrei
bleibt:

88
« Parce qu'en France on a le système pour ça et on n'a pas à chercher du travail au noir, parce que
on va dire on est bien payé. [Hm.] 2 000€, c'est pas rien. .. Euh il y a des fois que j'arrive à 2 300.
C'est pas rien. Après je vais dire, j'ai 2 300 plus j'ai les 300€ de la CAF des petits. Ca me fait
quand même la fin du mois, ça fait à peu prêt, j'arrive à avoir 2 500€ par mois. Et avec un loyer
qui est à 400€ [oui] ce que je paie dans le loyer, dans les 400 euros euh la =l’APL, l'aide au lo-
gement, paie 550 dessus. Tu vois, ça fait quand même qu’on a de quoi à vivre. Bah je vis très
bien. Tu vois, c'est pas, c'est pas. Moi j'ai pu envoyer mes enfants en colonie, ca me coutait 2 000
euros. .. Pour vingt jours. Vous voyez, [son fils: vingt et un jours!] c'est vrai que ici c'est- c'est
vrai que on y vit, on=on=on vit bien dans en France. C'est pas euh moi j'ai personne. J'ai que moi
et mes enfants. J'ai pas de main à la maison. On va dire que c'est euh c'est mon seul salaire avec
lequel on vit. Et ce nous fait bien vivre. »
254 Frankreich: empirische Befunde

Übersetzung: Kaya ist 8 Stunden am Tag präsent. Der Mindestlohn liegt bei 9,27 und für 8
Stunden und mehr zählt man 3 Stunden Mindestlohn. Also mindestens 8 Stunden Präsenz, das
macht 3 Stunden Mindestlohn 3 x 9,27 = 27,81 am Tag. 27,81 x 22 Tage im Monat = 611,83€
+ 70€ Essen + 60€ Ausgleichszahlung. Steuerpflichtiges Netto 680€, also ist die Steuerberech-
nung: 680 + 70 + 60 – 611,82 = 198,18. Also reduziert sich das steuerpflichtige Netto von
611,18 auf 198,18€ im Monat.
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 255

Anhand der Berechnung ist erkennbar, dass der für die Steuer herangezogene Betrag
so niedrig ist, dass er steuerfrei bleiben muss.

Die Anerkennung als assistante maternelle überträgt sich nach und nach auf Kayas
Identifikation als Care-Arbeiterin. Sie gewinnt ein Selbstbewusstsein als Tagesmut-
ter, die rechnerisch denkt:

Kaya: Es kommt drauf an, weil alles ansteigt. Wie soll ich sagen, das ist=das ist=das
ist wie in der Wirtschaft, nicht wahr?! Man muss, also, wenn der Preis für das Brot
ansteigt, ist man gezwungen den Rest anzuheben. Das ist an die Situation angepasst.
Interviewerin: Aber Sie gehen nicht unter 3,5€?
Kaya: Nein. Nein. Sagen wir mal, in Anführungszeichen, das bringt mir nichts. Das
ist trotzdem, das ist trotzdem, ein Gehalt. Das ist eine Arbeit. 3,5€. Sonst verdient
man nichts. Schön und gut ist es, den Beruf zu lieben, aber es ist ein Unterschied
seinen Beruf zu lieben und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Also, man kann
nicht unter 3,5€ gehen.89

Kaya entwickelt, wie andere Tagesmütter dieser Studie in Frankreich, eine ökonomi-
sche Verhandlungsmentalität. Über- und Unterbieten von Stundenlöhnen oder das
Ausloten von Spielräumen in den Verträgen wird zu einem Alltagsgeschäft der Ge-
haltsmaximierung. Grundlage hierfür ist das entwickelte und jetzt eingeforderte
Selbstverständnis, die Tätigkeit müsse angemessen entlohnt werden. Als „angemes-
sen“ wird ein Gehalt begriffen, das mindestens die ökonomischen Bedürfnisse der
Familie stillt. Aber auch der Anspruch darüber hinaus konsumieren zu können, wie
zum Beispiel die Kinder zum Urlaub nach Algerien zu schicken, symbolisieren einen
neuen Lebensstandard und Lebensstil.

89
Kaya : Ca dépend, parce que, bon, c'est comme tout euh tout augmente. C'est=c'est=c'est com-
ment dire, c'est dans l'économie, hein?! Faut, voilà, la baguette augmente, on est obligé d'aug-
menter le reste. Voilà, c'est par rapport à la situation et euh voilà, c'est euh. Intervieweuse : Mais
vous faites pas au dessous de 3,5€? Kaya: Non. Non. On va dire, entre guillemets, ça me ramène
rien. C'est quand même, c'est quand même, un salaire. C'est un travail. 3,5€, après on ne gagne
rien. Mais on a=on a beau aimer le métier, mais il y a aimer le métier et gagner sa vie. Alors, on
ne peut pas descendre au dessous de 3,5€.
256 Frankreich: empirische Befunde

Nachfrage und Vermittlung als Faktoren einer erfolgreichen Beschäfti-


gungslage
Die Rolle der städtischen Behörden als Vermittlerinnen

In Frankreich gibt eine hohe Nachfrage an Kinderbetreuungsleistungen. Die Eltern


suchen vorzugsweise einen Ort in der Nähe ihres Wohnsitzes oder ihres Arbeitsplat-
zes. Bis zur Eingliederung in die École maternelle, in der Regel ab dem dritten Le-
bensjahr, bleiben die Tageskinder in der Obhut ihrer assistante maternelle. Aufgrund
des periodischen Ein- und Ausscheidens der Tageskinder ist eine regelmäßige Fluk-
tuation ohne Auszeiten für die Tageseltern verdienstentscheidend. Der daraus resul-
tierende Organisationsaufwand ist groß. Als Vermittlerinnen fungieren jedoch aller-
orts die „Tagesmütterzentren“, die sogenannten Relais d’assistante maternelle
(RAM), die seit 2005 offiziell geworden sind. Sie werden von der Familienbeihilfe
(CAF) initiiert und begleitet. Die hier beschäftigten Kinderkrankenpfleger_innen,
Kindererzieher_innen oder auch Sozialarbeiter_innen vermitteln in einem persönli-
chen Vorgespräch die Familien zu den passenden Tageseltern. Die jeweiligen Profile
werden zum Beispiel in Hinblick auf Arbeitszeiten, Modalitäten der Verfügbarkeit
und Essenswünsche abgeglichen.

In der Phase der Feldforschung habe ich des Öfteren diese staatlichen Vermittlerin-
nen in ihren Büros besucht und mich mit Ihnen unterhalten oder habe sie zu Treffen
mit Kindertagespflegepersonen, Singkreisen oder anderen Aktivitäten begleitet.
Diese Frauen bearbeiten in eigenen Geschäftszimmern Listen von Eltern und Tages-
eltern, die beide Parteien einsehen können, und führen auf beiden Seiten vertrauliche
Gespräche. Dies mindert den Organisationsaufwand für die migrantischen Tagesel-
tern dieser Studie erheblich. Während die Vermittlung vor allem in den innerstädti-
schen Zentren in Hinblick auf Angebot und Nachfrage relativ problemfrei verläuft
und zu einer vergleichsweise konfliktfreien Annäherung zwischen Eltern und Tages-
eltern beiträgt, kann es in Problemvierteln zu Vermittlungsproblemen kommen.
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 257

Die problematische Nachfrage in den quartiers populaires

Einzelne migrantische Tagesmütter dieser Studie, die in einem quartier populaire


leben, haben Schwierigkeiten, trotz ausreichender Pflegeerlaubnis, regelmäßig Arbeit
zu finden. Noura, die selbst kein Beschäftigungsproblem hat, aber in einem entspre-
chenden Viertel lebt, klärt mich auf:

Hier in dem Viertel gibt es keine Arbeit. Weil alle Tagesmütter werden. Nicole [die
Kinderkrankenpflegerin, Anm. JG] hat gesagt es sind fast 80% hier in dem Viertel.
Weil wir alle Kopftuch tragen. Wir können nicht. Die Türken und die Araber, alle,
sie tragen alle Kopftuch, sie können nicht arbeiten, weil es hier nicht erlaubt ist mit
dem Kopftuch zu arbeiten. Das Gesetz. In Frankreich. Das Gesetz, man kann nicht
arbeiten.90

Als Konsequenz aus dieser starken Verdichtung von muslimischen Tagesmüttern an


einem Ort, der zudem in der Öffentlichkeit diskreditiert ist, reduzieren sich die Be-
schäftigungsmöglichkeiten. Ihre Migrations- und Lebensgeschichten, auch in ihrem
Verhältnis zur Kopftuchfrage, in weitgehend ethnisch homogenen Vierteln, gleichen
sich. Die Aufnahme des Berufs Kindertagespflege gehört für die meisten dieser
Frauen zu einer der wenigen verfügbaren Optionen. Unter ähnlichen Voraussetzun-
gen werden ähnliche Lösungswege gefunden. Die Wirkung ist fatal. Diese Frauen
brauchen keine Betreuung für ihre eigenen Kinder, sie betreuen sie selbst – dies tun
jedoch auch die anderen Frauen des Viertels, wodurch sich Sinn und Zweck bezahlter
Fremdbetreuung gegenseitig aufhebt. Darüber hinaus schrecken erwerbstätige Eltern
aus benachbarten Wohnvierteln davor zurück, ihre Kinder in „Problemvierteln“
betreuen zu lassen. Aus den genannten Gründen erleben einzelne Tagesmütter dieser
Studie längere Phasen der Arbeitslosigkeit oder Teilzeitbeschäftigung. Sie müssen
verstärkt um Beschäftigung werben. Die Vermittlung über Freunde, oder Weiteremp-
fehlungen zufriedener Eltern über das eigene Viertel hinaus, gewinnen neben der
Hilfe durch die Städte an Bedeutung. Die schlechte Arbeitsmarktlage kann zur Ak-
zeptanz unregelmäßiger Arbeitszeiten abends, nachts oder am Wochenende führen.

90
« Ici dans le quartier il y a plus de travail. Parce que tout le monde travaille comme assistante
maternelle. Il y a presque 80% d'assistante maternelle a dit Nicole [la puéricultrice, Anm. JG] ,
ici dans le quartier. Parce qu’on a toutes le foulard. On peut pas. Les Turcs et les Arabes, toutes,
elles mettent le foulard, elles ne peuvent pas travailler, parce qu'on n'a pas le droit de travailler
avec le foulard ici. Les lois. En France. La loi, on ne peut pas travailler. »
258 Frankreich: empirische Befunde

Außerdem sinkt der Marktpreis der Tagesmütter, wenn sie sich gegenseitig in ihren
Stundenpreisen unterbieten oder länger arbeiten, als sie bezahlt werden. In solchen
Situationen werden die gesetzlichen Regelungen daher, aus Not heraus, unterlaufen.

Bei den meisten Tagesmüttern dieser Studie kommt die Krippe als zweitbeliebte
öffentliche Betreuungseinrichtung kaum zur Sprache. Überraschenderweise fördert
der Staat jedoch in einem Problemviertel, in dem eine Tagesmutter dieser Studie
arbeitet, den Ausbau von Krippenplätzen. Tatsächlich kommt es unter Familienmi-
nisterin Nadine Morano 2010 zu der Initiative „Crèche Espoir Banlieues“, die zum
Ziel hatte, mit 3 000 zusätzlichen Krippen in banlieues sozialschwachen Familien die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen und so die Arbeitsmarktpartizi-
pation der dort lebenden Frauen anzuregen (vgl. Crèche Espoir Banlieue). Die Krip-
pen zeichnen sich durch besonders flexible und lange Öffnungszeiten aus. Leila
erzählt, welche Konsequenzen in ihrem Viertel daraus erwachsen:

Das sind die Krippen, es gibt hier viele Krippen. Tausend Krippen. Sie beschäftigen
keine Tagesmütter von hier. Manchmal kommen die Tagesmütter von weit her. Hier
gibt es Tagesmütter, sie holen andere Tagesmütter, das ist nicht normal! Nein. Siehst
du, sie haben alle eine Ausbildung mit mir gemacht. Alle meine Freundinnen. Und
sie haben wirklich alle Erziehungszeit und so, aber sie haben nie Kinder zum Betreu-
en.91

Das Ziel der integrationspolitischen Maßnahme, einer Arbeitslosigkeit entgegenzu-


wirken, erzeugt offenbar in manchen banlieues eine gegenteilige Wirkung. Die Ver-
sorgung durch Krippen verschlimmert in dem angeführten Fall die Arbeitsmarktlage.
Scheinbar werden dort überdies Arbeitskräfte engagiert, die nicht aus den eigenen
Vierteln kommen. Es ist zu vermuten, dass das Kopftuch für die Beschäftigung in
einer öffentlichen Krippe, neben der nötigen Weiterqualifizierung, auch ein Problem
darstellt.

91
« C'est des crèches, il y a beaucoup des crèches là. Y a mille crèches. Ils font pas travailler des
assistantes maternelles d'ici. Des fois elles viennent, les assistantes maternelles, de loin. Ici, il y a
des assistantes maternelles ici, ils ramènent des autres assistantes maternelles, et c'est pas nor-
mal! Non. Tu vois, ils m'ont fait une formation. Et à toutes mes copines. Et ils ont, vraiment ils
ont des congés parentaux et ça, mais ils n’ont jamais des enfants pour garde. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 259

Sozialpolitische Leistungen im Beschäftigungsverhältnis


Der Kinderreichtum der Frauen dieser Studie unterstützt die Orientierung an der
Kindertagespflege und verfestigt sie langfristig. Umso mehr Kinder sie bekommen,
umso weniger können sie sich vorstellen, außerhalb des Arbeitsplatzes Zuhause zu
arbeiten. Phasen der Schwangerschaft können aber auch eine kontinuierliche Er-
werbstätigkeit in der Kindertagespflege einschränken. Als bedeutsames familienpoli-
tisches Instrument erweist sich in diesen Phasen das Erziehungsgeld, das
Complément du libre choix d’activité, welches nach Ablauf des Mutterschutzes ge-
zahlt wird.

Im Verlauf der biografisch-narrativen Interviews forderte ich die Frauen in der Regel
irgendwann dazu auf, noch ein bisschen von ihrem momentanen Arbeitsalltag zu
sprechen. Mich verwunderte zunächst, dass einige von ihnen so oder ähnlich antwor-
teten:

- Oh, momentan bin ich in Erziehungszeit .. ich warte noch bis der Kleine drei
Jahre alt wird .. .92

- Jetzt? Nein, jetzt arbeite ich nicht. [Sie sind-] in der Erziehungszeit. Aber ich
habe eine Pflegeerlaubnis für drei Kinder. Ja. Aber momentan arbeite ich nicht,
ich bin in Erziehungszeit bis September. Weil mein Jüngster im September drei
wird.93

Es fiel außerdem auf, dass die akkreditierten Tagesmütter zwar oft eine Pflegeer-
laubnis erhalten haben, aber einige Jahre nicht davon Gebrauch machten. Das Erzie-
hungsgeld regt, wie sich herausstellte, diese Tagesmütter dazu an, die Beschäftigung
bis zum dritten Lebensjahr der Kindes, das heißt mit Eintritt des Kindes in die École
maternelle, auszusetzen. Dies gilt verstärkt für jene Tagesmütter, deren Arbeits-
marktlage ungünstig ist. Nach den Richtlinien gilt: wenn sie zuvor zwei Jahre er-
werbstätig waren (bei zwei Kindern zwei Jahre in den letzten vier Jahren, bei drei
Kindern zwei Jahre in den letzten fünf Jahren) können sie in dieser Zeit einen „pau-

92
« Oh, maintenant je suis en congé parental … j’attend que le petit ait trois ans .. »
93
« Maintenant? Non, maintenant je ne travaille pas. [Vous êtes-] en congé parental. Mais j'ai un
agrément de trois enfants. Oui. Mais pour le moment je travaille pas, je suis en congé parental
jusqu'au mois de septembre. Parce que mon dernier il aura trois ans au mois de septembre. »
260 Frankreich: empirische Befunde

schalen Zuschuss zur freien Wahl der Tätigkeit“ in Höhe von bis zu 576,2€ im Monat
erhalten. Hinzu kommt der Bezug von Kindergeld.94 Viele der Tagesmütter erwerben
erst durch die Tätigkeit als akkreditierte Tagesmutter den Anspruch auf das Erzie-
hungsgeld, also in der Regel nach 2004. Da aber in den Zeiten der Berufsaufnahme
immer neue Kinder entstehen, bedeutet dieses familienpolitische Instrument vor
allem für jene Frauen, die in den quartiers populaires Beschäftigungsprobleme ha-
ben, oft einen Anreiz die Erwerbstätigkeit als Tagesmutter periodisch – bis zum
dritten Lebensjahr des jüngsten Kindes – wieder auszusetzen. Der lange Bezug des
Erziehungsgeldes steht im Gegensatz zu der starken Vollzeitbeschäftigung der meis-
ten Mütter in Frankreich, die in der Regel schon einige Monate nach der Geburt
zurück ins Erwerbsleben streben.

Bei Noura wird eine gute Beschäftigungslage durch eine Schwangerschaft mit an-
schließendem Bezug des Erziehungsgeldes unterbrochen:

Ich habe viel gearbeitet, mit fast sechs Kindern. Kommt drauf an. Ich habe Vollzeit
mit zwei Schwestern, Schwarze, gearbeitet und, aber ich habe mit ihnen fast dreiein-
halb Jahre gearbeitet. Bis ich mit der Kleinen schwanger geworden bin. Und ihre
Mutter, vorher hat ähm bei Lidl gearbeitet, und danach hat sie aufgehört, um sich um
ihre Töchter zu kümmern. Sie vertraut niemandem außer mir, weil die Kinder gerne
bei mir sind und so. Als ich schwanger geworden bin ((stöhnt)), ich, jetzt, ich bin
jetzt in der Erziehungszeit bis ähm bis drei Jahre. Die Kleine ist jetzt zwei Jahre und
zwei Monate alt. Und danach geht es weiter mit der Suche nach einer anderen Arbeit
((lacht)) mit Kindern als Tagesmutter, weil ich nicht draußen arbeiten kann mit vier
Kindern und allem.95

94
Das Kindergeld beträgt 2012 ab zwei Kindern 127,68€, bei drei Kindern 291,27€, bei vier Kin-
dern 454,86€, bei fünf Kindern 618,45€ und zusätzlich pro weiterem Kind 163,69€ (vgl. Securité
sociale). Ab Juli 2015 ist das Kindergeld unter der Regierung Manuel Valls einkommensabhän-
gig deutlich reduziert worden.
95
« Je travaillais beaucoup, avec presque six enfants. Ca dépend. En temps plein et j'ai travaillé
avec deux sœurs, black et, mais j'ai travaillé avec elles presque trois ans et demi. Et deux der-
nières sœurs. Jusqu'à ce que je tombe enceinte de la petite. Et leur mère, avant elle travaillait le
euh à Lidl, et après elle a arrêté pour garder ses filles. Elle ne donne pas sa confiance à qqn
d'autre que moi, parce que les enfants elles aimaient rester avec moi et tout. Quand je suis tombé
enceinte ((gémissement)) je, maintenant, je suis en congé maternité ((elle fait claquer sa langue))
euh jusqu'à trois ans. La petite, maintenant, elle a deux ans et deux mois. Et après on commence-
ra à chercher un autre travail et ((elle se mit à rire)) avec les enfants comme assistante mater-
nelle, parce que moi je ne peux pas travailler dehors avec quatre enfants et tout. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 261

Durch das Erziehungsgeld, und das Kindergeld für vier Kinder, erhält sie etwas über
1 000€ im Monat („mille et quelques“). Die Aufgabe der Erwerbstätigkeit bedeutet
unter Bezug dieser Leistungen einen monetären Verlust von einigen hundert Euro:
„Vorher habe ich im Monat mit Kindergeld und meiner Arbeit 1 500, 1 400, verdient.
Kommt drauf an. 1 500, 1 600, das kommt auf die Stunden der Mama an, aber das
Kindergeld, das ist fix. Sie geben jeden Monat so viel, soviel, oder so viel. [Hm.] Hm
((schnieft)).“ 96 Der Gehaltseinbruch scheint, unter der durch das Anwachsen der
Familie erforderlichen Versorgung der eigenen Kinder, hinnehmbar zu sein. Wie
schnell Noura wieder in Beschäftigung kommt, wenn das Erziehungsgeld nicht mehr
gezahlt wird, bleibt offen.

Die Kindertagespflegepersonen erwerben mit ihrer Tätigkeit außerdem nach mindes-


tens vier Monaten (122 Tage oder 610 Arbeitsstunden) das Anrecht auf Arbeitslo-
senbeihilfe. Gibt es Versorgungsproblematiken, wenn beispielsweise mal ein Kind
verzögert nachrückt, dann kann beim Arbeitsamt die Allocation de chômage bean-
tragt werden. So können zwischenzeitliche Finanzierungslücken ausgeglichen wer-
den. Samsara beschreibt diese Prozedur:

Ich hatte zwei die am Ende des Schuljahres gegangen sind und zwei sind geblieben.
Ähm von September bis März. Mit zweien. Und ich habe ähm im Dezember, Januar
und Februar Arbeitslosengeld bezogen. Als die beiden neuen kamen, zwei Neue, na
ja, da habe ich nicht mehr das Geld bezogen und hatte vier. [Hm.] Seit März. Und
von März bis Juli und dann sind wieder zwei gegangen, sehen Sie? [Hm.] Zwischen
Juli und August sind zwei gegangen, weil eigentlich die Großen in die École
Maternelle integriert wurden. Und dann ähm normalerweise habe ich Arbeitslosen-
geld beantragt, weil nur noch zwei blieben. Und das hat gedauert und gedauert und
gedauert mit dem Antrag bis=bis=bis letzten Monat, als mir das Recht auf die Beihil-
fe zugesagt wurde. Ähm und jetzt im Januar habe ich zwei Neue bekommen. 97

96
« Avant par mois j'ai, j'ai gagné à la Caf et mon travail 1 500, 1 400, ca dépend. 1 500, 1 600, ça
dépend le, les heures de la maman et, mais le Caf, c'est fixe. Ils donnaient chaque mois quel, quel
ou quel. [Hm.] Hm ((renifler)). »
97
« J'en ai deux qui sont partis euh à la fin de l'année scolaire et, et je suis restée avec deux. Euh de
septembre jusqu'à mars. Avec deux. Et j'ai touché l'indemnité chômage euh en décembre, jan-
vier, février. Quand j'ai eu l'entrée de deux nouveaux, deux nouveaux euh bien je ne touchais
plus d'indemnité car j'en avais quatre. [Hm.] Depuis mars. Alors de mars jusqu'à juillet il y eu
sorti de nouveau de deux, vous voyez? [Hm.] Entre juillet et aout en fait il y en a deux qui sont
partis parce que les grands sont, on=ont intégré la, la maternelle. Et puis euh normalement j'ai
262 Frankreich: empirische Befunde

Samsaras periodisch genutzte Arbeitslosenbeihilfe sichert ihr bei reduzierter Be-


schäftigung offenbar ein kontinuierliches Arbeitseinkommen.

Die genannten Regelungen in Bezug auf Arbeitslosenbeihilfe und Erziehungsgeld


haben zur Folge, dass eine Abwägung von Berufstätigkeit und Nutzung von staatli-
chen Leistungen in der jeweiligen Familiensituation erfolgt. Ein großer Teil der
Tagesmütter dieser Studie haben diese sozialpolitischen Leistungen in Anspruch
genommen. Sie können die Berufstätigkeit der Tageseltern verzögern und die Konti-
nuität der Versorgung berufstätiger Eltern stören.

Kindertagespflege als Mittel der Integration


Integration als Geschlechterfrage: die Rolle von „Tradition“

Die wirtschaftliche Situation des Ehemannes bestimmt zunächst das Lebensniveau,


den sozialen und den rechtlichen regulären Status der maghrebinischen Frauen in
Frankreich. Eine klassische Rollenverteilung, mit einer starken Ausrichtung auf
Ehemann und Familie, konditioniert die privaten Care-Leistungen der Frauen. In der
Regel sind die Ehemänner dieser Studie im Niedriglohnsektor beschäftigt, nicht
selten auf Zeitarbeits-Basis mit auffälliger Häufigkeit als Stapelfahrer. Daher ist von
einem Verdienst um den Mindestlohn auszugehen (2013 lag dieser bei 1 430,22€ pro
Monat bei einer 35-Stunden-Woche).

Mit dem Eintritt der Ehefrauen in die Erwerbstätigkeit erfährt die Ernährerfunktion
des Mannes einen Wandel. Auch die Ehefrauen generieren nun als assistantes
maternelles einen Verdienst etwa in der Höhe des Mindestlohns, wenn nicht sogar
darüber hinaus. Noura, die berichtete: „Aber mein Mann möchte nicht, dass ich au-
ßerhalb der Wohnung putzen gehe,“98 bricht die alte Rollenaufteilung über die Kin-
dertagespflege auf, indem sie die ökonomische Sicherung der Familie mit über-

demandé la l'indemnité chômage, parce qu'il m'en restait que deux. Et le dossier a trainé, a trainé,
a trainé jusqu'à le=le=le mois dernier pour me dire que j'ai le droit à l'allocation. Euh et j'ai eu
l'entrée de deux nouveau là en janvier, en fait. »
98
« Mais mon mari il veut pas que je travaille pour faire le ménage en dehors de la maison. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 263

nimmt. Die tradierte Identifikation mit der Mutterrolle wird allerdings weiterhin
aufrecht erhalten. Erfahrungen lehren, wie Ursula Apitzsch feststellt,

[…] daß die Suche nach sozialer und kultureller Zugehörigkeit in der neuen Auf-
nahmegesellschaft in einem großen Maße verbunden ist mit biographischer Anstren-
gung, die sich auf die Wiederherstellung eines symbolischen Raumes von
Traditionalität bezieht, auf deren Hintergrund erst die Möglichkeit entsteht, als Mig-
rantIn den eigenen Platz in der neuen Gesellschaft zu bestimmen. (Apitzsch
1999: 11)

Die Ehemänner dieser Studie erkennen den vermeintlich weiblichen, hohen Wert der
Mutterrolle in der Tagespflege an, weil die Frauen einen „symbolischen Raum von
Traditionalität“ aufrechterhalten. Mit dem Eintritt ins Erwerbsleben ist diesen zu-
mindest die Möglichkeit gegeben, eine selbstbewusste Rolle über die ihnen zuge-
dachte Gender-Rolle hinaus wahrzunehmen. Oft befürworten und unterstützen die
Ehemänner die Weiterqualifizierung ihrer Ehefrauen in ihrem neuen Beruf, beispiel-
weise über eine Zertifizierung erworbener Erfahrung (VAE, Validation des acquis de
l‘expérience). Der Anstoß zur Integration in die Aufnahmegesellschaft ist damit
gegeben. Die Isolation der Frauen wird aufgebrochen, indem sie Zugang zum staatli-
chen Bildungssektor erhalten und in Kontakt mit anderen Personen außerhalb des
engen familiären Bezugskreises treten. Dies können unter anderem Eltern, Tageskin-
der, Sozialarbeiterinnen oder andere Tagesmütter sein.

Die Teilhabe der maghrebinischen Frauen am französischen Erwerbsarbeitsmarkt


verstärkt das Engagement für die Bildungswege der Töchter. Ihre eigene Erfahrung,
als Frau keine Bildung finanziert bekommen zu haben, wird in den lebensgeschicht-
lichen Konstruktionen kritisiert. In den Narrationen der migrantischen Tagesmütter
werden jetzt die Töchter stark thematisiert. Nicht selten kümmern sich jene Frauen,
die bereits ältere Töchter haben, um ihre Enkelkinder, um die Berufsbildungswege
der Töchter zu unterstützen.

Integration als strukturelle Frage: die Funktion von Bege g-


nungsräumen und die Rolle städtischer Behö rden

Oft lernen sich Tageseltern in Parks oder auf Spielplätzen kennen. So geschieht es
beispielsweise bei Elise und Pascale:
264 Frankreich: empirische Befunde

Und als Marie geboren wurde, ein paar Monate später haben wir uns kennengelernt,
Pascale mit Maik ähm wir haben uns im Park kennengelernt. Wir dachten alle beide,
dass die ganzen Kinder unsere seien. Ich vermutete nicht, dass sie Kinderfrau sei. Sie
glaubte nicht bis zu dem Tag als wir: „Das sind deine Kinder?“ – „Nein, ich bin
Kindermädchen.“ – „Na, ich auch.“ – „Ach so.“ ((Lacht.)) Das war lustig. So haben
wir uns kennengelernt ((lachen)).99

Damit eröffnet sich der Zugang zu einer Gruppe von Tageseltern, die eine
Vergemeinschaftung, im Sinne einer subjektiv gefühlten Zusammengehörigkeit der
Beteiligen (vgl. Weber 2006: 49), ermöglicht.

Einen bedeutenden Einfluss auf eine Vergesellschaftung der Tagesmütter, verstanden


als motivierte Interessenverbindung (Weber 2006: 50), haben zudem die staatlich zu
Verfügung gestellten Begegnungsräume. Es gibt Kinderhäuser (frz. Maisons de
l’enfance), die über die Woche nachmittags und auch zu Urlaubszeiten geöffnet
haben. In regelmäßigen Ateliers, gemeinsamen Versammlungen, können die Kinder-
tagespflegepersonen mit ihren Tageskindern Zeit verbringen. Hier treffen die Frauen
neben Eltern und anderen Tageseltern auch immer wieder auf Schlüsselfiguren ihres
Arbeitsbereichs – seien es Angestellte des Rathauses, der Vermittlungsstellen, Sozi-
alarbeiterinnen oder Kinderkrankenpflegerinnen. Vor allem die Bediensteten der
Vermittlungsstellen für Kindertagespflegepersonen (RAM) werden von den Tages-
müttern geschätzt. Die hier Beschäftigten vermitteln nicht nur neue Tageskinder, sie
sind auch wichtige Bezugspersonen und Ansprechpartnerinnen für die migrantischen
Tagesmütter. Sie offerieren Aktivitäten, animieren gemeinsame Spiele mit den Ta-
geskindern und bieten konkrete Hilfestellungen in Fragen des Arbeitsvertrags und
der Tarifordnung. Tagesmutter Oran erzählt:

Man ist mit Kindern zusammen, man ist mit Eltern zusammen. Man ist nicht alleine,
das ist es. Wir haben einen starken Kontakt zu Angelique [Bedienstete des RAM,
Anm. JG]. […] Deshalb mochte ich diesen Beruf, weil es dort Eltern gibt, da gibt es

99
« Donc euh quand Marie est née, quelques mois après on s'est connu, Pascale euh avec Maik euh
on se connu au parc. On=on=on pensait toutes les deux que tous les enfants étaient les nôtres.
Moi, je pensais pas qu'elle était nourrice. Elle pensait pas non plus pour moi jusqu'au jour où:
‹Ce sont tes enfants?› – ‹Non, je suis nounou.› – ‹Bah, moi aussi.› – ‹Ah bon.› ((elle se mit à
rire)) C'était rigolo. C'est comme ca qu'on s'est connu. ((Elle se mit à rire)) »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 265

Kinder, da gibt es Angelique. Da gibt es Freundinnen, die Tagesmütter. Sie sind Ta-
gesmütter und gleichzeitig sind sie meine Freundinnen. 100

Die Treffpunkte, welche durch die institutionelle Bereitstellung gegeben sind, eröff-
nen daher einen Raum, in die Öffentlichkeit zu treten und soziale Kontakte aufzu-
bauen. Über die soziale Integration in die Personengemeinschaft des Arbeitssektors
bricht die häusliche Bezogenheit auf die eigene Familie auf.

Ich habe im Verlauf der Studie viele dieser Räumlichkeiten gesehen. Ich war über-
rascht von der Vielzahl verschiedener Räume, kindgerecht mit Mal- und Spielutensi-
lien ausgestattet, für die sich die Tageseltern entscheiden konnten. In den animierten
Spiel- und Singkreisen spielten Tageskinder miteinander und Tageseltern tauschten
sich während der gemeinsamen Tätigkeiten aus. Ich konnte beispielsweise verfolgen,
wie sie die ökonomische Krise Frankreichs diskutierten und ob deshalb ein Rückgang
der Betreuungsnachfrage zu spüren sei. Eine von mir interviewte Tagesmutter nutzte
dort den gesamten Vormittag um einen Säugling und dessen Mutter vor der Ver-
tragsabschließung kennenzulernen. Frauen und Kinder gingen ein und aus. Bald
konnte ich auch bemerken, dass ein regelmäßiges Ateliers in einem quartier
populaire ein Treffpunkt maghrebinischer Tagesmütter war. Die Frauen trafen sich
dort regelmäßig, auch wenn sie keine Tageskinder zu betreuen hatten oder gerade in
Erziehungszeit waren. Als ich das erste Mal dieses Atelier betrat, blickten ungefähr
fünf Frauen mit Kopftüchern von ihrer Arbeit auf dem großen Tisch in der Mitte der
Raumes auf und grüßten mich freundlich. Sie agierten als Gemeinschaft. Zusammen
mit der von ihnen gepriesenen Sozialarbeiterin hatten sie vor kurzem ein interkultu-
relles Bühnenstück aufgeführt, mit dem sie um die Gunst der Eltern werben wollten.
Bei meiner Ankunft bastelten sie an einem Buch, in dem sie eine Fabel aus der Kind-
heit einer der Frauen illustrierten. Eine unter ihnen, Leila, erzählt mir in einem per-
sönlichen Gespräch:

100
« Y avait un contact avec les enfants, un contact avec les parents. On n’est pas seul, c’est ca. On
a un contact fort avec Angelique [la puéricultrice, annotation JG] aussi. […] C'est pour ca j'ai
aimé ce métier, parce qu'il y a les parents, il y a les enfants, il y a Angelique. Il y a des copines,
les assistantes maternelles. elles sont assistantes maternelles et en même temps c'est mes co-
pines. »
266 Frankreich: empirische Befunde

Und mit den Zusammenkünften haben sie uns das erklärt, wie man ein Gehalt vor-
schlägt, wie man stundenweise bezahlt wird, wie man die Steuererklärung ausfüllt,
wie, du siehst, diese Dinge ähm dann, danach, damit und hab ich gesagt, ich mochte
diese Arbeit, aber als ich dann wirklich gearbeitet habe, habe ich die Arbeit noch
mehr gemocht. […] So bleibe ich nicht Zuhause und mache nichts. Ohne, weißt du,
wenn es da eine Arbeit für dich gibt, du bist Zuhause, du hast nichts zu tun. Und dass
gibt mir die Möglichkeit mit den Kindern rauszugehen, alle möglichen Dinge mit
den Kindern zu machen, vor allem, wenn man viel macht, so komme ich hier her, um
mit den anderen Tagesmüttern zu arbeiten. Jeden Nachmittag komme ich, kennst du
das Atelier da? Ab 14 Uhr öffnet es. Für die Kinder und die Tagesmütter und die El-
tern. Empfang der Eltern und der Kinder, das ist da drüben, jeden Nachmittag bringe
ich die Kinder da hin, und ich treffe die Tagesmütter. Wir sprechen miteinander, wir
diskutieren, die Kinder spielen. Das mag ich an meiner Arbeit. Es ist der Dialog mit
den anderen. Gespräche, wie, wie man mit den Kindern arbeitet. Du kommst mit an-
deren Ideen raus. Mit vielen äh mit vielen Dingen. Und wann war das? Das war letz-
tes Jahr. 2011 habe ich mir was überlegt, ich werde eine Weiterbildung als Klein-
kindbetreuerin machen. Ein Diplom der CAP petite enfance.101

Die Identität der Tagesmutter in einer Berufsgemeinschaft wird im Gegensatz zur


Isolation am Arbeitsplatz Zuhause mit gegenseitig erarbeiteter Sinnhaftigkeit ver-
knüpft. Mit der Einbettung in eine aktive Gemeinschaft erfährt die Tätigkeit eine
frappante Aufwertung. Leila betont den persönlichen Gewinn dieser Aufwertung, der
eine Integration in die Community einschließt. Anerkennung und Selbstverwirkli-
chung innerhalb der Gemeinschaft befördern eine Leidenschaft zur Berufswahl, die
Anreize zur Weiterbildung setzt. Durch die Struktur des hergestellten Netzwerks, in
dem sich die Beschäftigten über Regeln und Knowhow austauschen, wird Qualität
gesichert, die professionalisiert. Das kommt auch dem sozialen Miteinander der

101
« Et avec les réunions comme ça ils nous expliquent comment, comment on propose notre
salaire, combien on demande par heure, comment on remplit les impôts, comment, tu vois, les
trucs euh de, après avec ça et j'ai dit quand, j'ai aimé ce travail, mais quand je suis rentrée dans le
travail, je l'ai aimé encore plus. […] Comme ça je reste pas à la maison sans rien faire. Sans, tu
vois, quand il y a ton travail, tu es à la maison là, tu as rien à faire. Et ca elle m'a permis de, de
sortir avec les enfants, de faire pleins des trucs avec les enfants, surtout qu'on fait beaucoup,
comme ça je viens ici, travailler avec d'autres assistantes maternelles. Tous les après-midis je
vais, tu vois où il y a l'atelier là? Après de 14 heures il est ouvert. Pour les enfants et assistantes
maternelles et parents. Accueil des parents et les enfants, c'est là-bas, tous les après-midis je ra-
mène les enfants là-bas, et je rencontre les assistantes maternelles. On parle, on discute, les en-
fants ils jouent. C'est ce que j'aime dans mon travail. C'est le dialogue avec les autres. Les dia-
logues, comment, comment travailler avec les enfants. Tu sors avec les autres idées. Avec pleins
euh avec pleins de trucs. Et c'était quand? () C'était l'année dernière. 2011 j'ai réfléchi à un pro-
jet, je vais faire CAP petite enfance. Je fais un, prends un diplôme de CAP petite enfance. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 267

Tageskinder zugute. Die vermittelnde Rolle der Sozialarbeiterinnen innerhalb dieses


Netzwerkes ist meist positiv besetzt.

Aus dem bereits erwähnten interkulturellen Bühnenstück schöpfen die Frauen ein
neues Selbstbewusstsein:

Als wir ein Bühnenstück gemacht haben. Das war das erste Bühnenstück, das wir
gemacht haben, wir haben gesagt, das würden wir nicht zustande bekommen. Wir
sind noch ne auf die äh auf die Bühne gestiegen, um zu singen. Das war schwierig
für uns. Weil wir hatten noch nie mit den Leuten vom Atelier gesungen. Das ist wie
wenn du sagst, wenn du sagst, in einem Monat wirst du singen, Million, das war ()
das waren Kinder die kannten nur die Betreuenden der Krippen, das war mit den
Krippen, und wir haben=wir haben das gemacht, dieses Bühnenstück auch mit den
Eltern. Das sag ich dir, man muss hochsteigen, um das erste Mal zu singen. Das war,
wir haben viel gearbeitet, aber als wir auf der Bühne waren, auf die Bühne zu kom-
men, neben der Direktorin der Krippe und allen, dem Team der Krippe, da haben wir
uns gesagt „oh là là, ob wir das schaffen“. Und das war wirklich, wenn du rein-
kommst, dann dann bist du ruhig und sagst dir „ah, das ist gut“. Aber die haben das
Stück von uns gemocht. Deshalb haben wir mit dem Buchprojekt begonnen. Das ist
es, was ich mag.102

In der neuen Profession wird eine kreative Kraft geweckt, mit der sich Leila selbst
zum Ausdruck bringt. Das Bühnenstück, in dem sie auftritt, hat den Effekt, dass das
Selbst in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer Menschen tritt. Die Verwirk-
lichung ihrer Ideen drückt sich im kreativen Tun aus und schafft einen
präsentierbaren Wert über die Gemeinschaft der Kindertagespflege hinaus. Ihre Rolle
auf der Bühne hat Konsequenzen für die Verortung ihrer Identität auch auf der Bühne
der sozialen Welt und damit auf ihre Funktion und ihren Selbstwert als Tagesmutter.
Etwas schaffen und sich selbst dabei erschaffen bedeutet zu produzieren bezie-

102
« Quand on fait le spectacle. C'était le premier spectacle qu'on ait fait, c'est on a dit on va jamais
pouvoir faire ce spectacle. On a jamais monté sur le, le euh le la scène pour chanter ça, c'était
difficile pour nous, parce qu'on a jamais chanté avec, avec l'atelier des gens. C'est comme tu dis,
comme tu dis, d'un mois tu vas chanter, de millions de, c'était () c'était des enfants qui savaient
que des animatrices de crèches, c'était avec des crèches et on a fait ça, ce spectacle avec des pa-
rents aussi. C'est te dire, faut monter la première fois pour chanter. C'était, on a bien travaillé,
mais quand on a porté à la scène, pour passer à la scène à côté de, de la directrice de crèche et de
tous les, l'équipe de crèche, on a dit oh là là, comment on va faire, là. Et c'était vraiment, quand
tu rentres dedans, ca=ca re() t'es tranquille tu dis ah c'est bon. Mais ils ont aimés le spectacle
qu'on a fait, c'est pour ca qu'on a commencé à faire le, le projet de livre. Et c'est ça, c'est ça que
j'ai aimé. »
268 Frankreich: empirische Befunde

hungsweise ein Werk zu vollbringen, mit dem gleichzeitig das Selbst reproduziert
wird. Diese Form kreativer Reproduktion wertet die Arbeit auf als ein Bestreben,
dass um seiner selbst willen verfolgt wird.

Die Arbeitszeit managen


Für die Berufsgruppe der assistante maternelle gilt durchschnittlich eine Arbeitszeit
von 45 Stunden die Woche (vgl. Particulier employeur). Diese wird oft ausgeschöpft.
Die meisten Tagesmütter dieser Studie arbeiten Montag bis Freitag im Zeitraum von
8:00 Uhr morgens bis 18:00 Uhr abends. Betreuungssuchende Eltern können von
dieser Zeitspanne profitieren, denn sie müssen ihre Kinder noch vor der Arbeit zur
Tagespflegeperson bringen und nach der Arbeit wieder abholen. 103 Die Arbeitszeiten
der Eltern sind manchmal unregelmäßig (Schichtdienste, Zeitarbeitsagenturen, Aus-
landseinsätze oder längere Arbeitszeiten). Dies steht allerdings in Konflikt mit den
angestrebten, regelmäßigen Arbeitszeiten der Tageseltern. In den quartiers
populaires sind Abweichungen der Arbeitszeiten der Tageseltern häufiger. Es kann
zu Betreuungsarrangements bis in die späten Abendstunden kommen, in einem Fall
dieser Studie bis 22 Uhr, in einem anderen Fall über einen zweiwöchigen Urlaub der
Eltern.

Spezifische Familien- und Lebenssituationen der Tageseltern geben Anlass, die Be-
treuung der Kinder bestmöglich zu managen. Samsara sucht Eltern mit spezifischem
Profil, um den Arbeitstag ihren familiären Bedürfnissen anzupassen und ihr transna-
tionales Familienleben in den Sommermonaten in Tunesien fortzusetzen:

Und also es ist so, ich habe Glück, dass ich mehrere Eltern habe, die lehren. Zum
Beispiel die Mama von Louis, sie ist Französisch-Lehrerin auf dem Gymnasium.
Und ich habe außerdem eine andere, ein anderes Elternteil auf einer Schule (), das
heißt sie hat auch Schulferien. Das korrespondiert also auch äh ich habe regelmäßig
mindestens zwei Eltern, die Lehrkräfte sind und äh ich habe äh und=und=und der
dritte, () ich darf nach meiner Pflegeerlaubnis vier Kinder betreuen. Vier Kinder
gleichzeitig. Und normalerweise habe ich zwei bis drei regelmäßig und zwischen-
zeitlich vier. Damit habe ich nicht so oft vier auf einmal. Ähm und die anderen El-

103
In Frankreich gilt seit 2000 offiziell die Regelarbeitszeit von 35 Stunden die Woche. Nach
Eurostat wird im Durchschnitt 38 Stunden die Woche gearbeitet (vgl. Eurostat).
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 269

tern, wie machen die das, sie haben ihre Familie und Großeltern, die auch mal auf
das Kind aufpassen können, ihre Eltern, in der Zeit wenn die Tagesmutter keine Zeit
hat. [Hm.] Also auch das, also habe ich Glück gehabt Kinder zu finden, die zu mei-
nem Profil passen und ihre, und ihre Verfügbarkeit im Jahr.104

Die persönliche familiäre Situation als auch die transnationale Lebensweise der Ta-
gesmütter erfordern bestimmte Beschäftigungszeiten, die ihrer Lebensrealität ange-
passt werden müssen. Daher stehen Flexibilität von Seiten der Eltern und Flexibilität,
verstanden als eigener Möglichkeitsraum, in der Kindertagespflege in Konflikt zuei-
nander. Lehrerinnen und Lehrer als auch Beschäftigte im Hochschulwesen und Eltern
mit nahe lebenden Familienangehörigen können als begünstigt gelten, da sie oft über
mehr Flexibilität verfügen. Da sie also auch Flexibilität gegenüber den Tagesmüttern
offerieren können, erlangen diese mehr Freiraum in der eigenen Zeitgestaltung. Das
Management von Arbeitszeiten in der Kindertagespflege verläuft insofern immer als
Anpassung an die Realitäten des französischen Arbeitsmarktes. Da in Frankreich die
Geschäfte traditionell vor allem im August ruhen, werden die transnationalen Aktivi-
täten und Beziehungen der maghrebinischen Tagesmütter in den Sommermonaten
begünstigt.

Der Arbeitsplatz im eigenen Zuhause: der „Arbeitsplatz Zuhause“


In Frankreich habe ich, wie in Deutschland, die Mehrzahl der migrantischen Tagesel-
tern in ihrem Zuhause besucht. Außerdem habe ich mich mit ihnen im Freien auf
Spielplätzen oder in einer der vielen Begegnungsstätten getroffen. In ihren Narrati-
ven kommt es immer wieder zu Klagen in Bezug auf den Mehraufwand an Haus-
haltstätigkeiten, der durch das Ein- und Ausgehen von Tageskindern im eigenen

104
« Et donc euh voilà j'ai la chance d'avoir euh plusieurs parents qui sont enseignants. La maman
de Louis par exemple, elle est, elle est prof de français dans un lycée. J'ai aussi une autre, un
autre parent dans une école euh du (sur?sour?) en fait, donc aussi elle a des vacances scolaires.
Donc ça correspond. Aussi euh j'ai régulièrement au moins deux parents qui sont enseignants et
euh j'ai euh et=et=et le troisième, () moi j'ai le droit à quatre enfants en fait, dans mon agrément.
Je peux avoir quatre enfants simultanément. Et en général j'ai deux à trois régulièrement et puis
une petite période dans l'année où j'en ai 4. Donc je n'ai pas les quatre euh souvent, hein?! Quatre
enfants souvent. Euh et donc les autres parents, ils se débrouillent comment, ils ont leur famille
et les grands-parents qui peuvent aussi garder les enfants, leurs enfants le temps quand l'assis-
tante maternelle n'est pas disponible. [Hm.] Donc ça aussi, ça, donc j'ai la chance de trouver ()
des enfants qui correspondent à mon profil et puis moi aussi je corresponds au profil des parents
et leur, et leur disponibilité dans l'année. »
270 Frankreich: empirische Befunde

Zuhause oder das Kochen in den Abendstunden entsteht. Grenzziehungs- und Grenz-
öffnungsarbeiten bestimmen auch in Frankreich den Arbeitsalltag. Die Privatsphäre
muss gegenüber den Eltern gewahrt und die Abendgespräche reduziert werden, um
das Ende der Betreuungszeit einzuhalten. Manche der Tageseltern gehen regelmäßig
am Nachmittag mit ihren Tageskindern in eine der nahe gelegenen Maisons de
l’enfance und lassen die Tageskinder dort von den Eltern abholen. Das Kopftuch
taucht als ausschließendes Problem in den Schilderungen der Tätigkeit der Tages-
mütter nicht mehr auf, auch wenn sie es in den Maisons de l’enfance tragen.

Von den migrantischen Tagesmüttern in Frankreich herausgestellt werden überwie-


gend die Vorteile des Arbeitsplatzes im eigenen Zuhause. Es werden hauptsächlich
jene Komponenten zeitlicher und räumlicher Art positiv ausgewiesen, die auch für
den Berufseintritt entscheidend waren: die eigenen Kinder Zuhause großzuziehen,
die familiäre Nähe zu wahren und gleichzeitig zu arbeiten. Kaya bringt in Anwesen-
heit ihrer Tochter die Vorzüge folgendermaßen auf den Punkt:

Kaya: Also, das ist schon wahr, dass ich gleichzeitig bei mir bin. Ich kann sozusagen
ähm sagen wir mal ich könnte mich ausruhen, aber na ja, ich habe einen Moment
ähm .. ich kann, ich weiß nicht, morgens so rennen wie, wenn man aufsteht, wenn
man auf die Arbeit geht, ich sehe wie die Eltern bei mir ankommen ähm .. 8:30 Uhr,
sind ein bisschen gestresst, weil- kommen zu spät. Ich hingegen, ich bin nicht zu
spät, weil ich bei mir bin. Ich, ich muss nicht rennen, ich habe nicht, gleichzeitig
wachsen meine Kinder bei mir auf. Ich muss sie morgens nicht mehr zur Schule
bringen, weil sie da selbst hingehen. Also bin ich bei mir Zuhause. Da gibt es mor-
gens keinen Stress. Tagsüber gibt es Stress, weil es nicht einfach ist die Kinder zu
beaufsichtigen, weil sie, man hat viel Verantwortung. Aber es gibt nicht den dicken
Stress, holen gehen ähm ich habe den Bus verpasst, ich habe verpasst ähm ich ähm
das Auto ist kaputt oder was weiß ich, es gibt viele Sachen, die .. also, ich habe mei-
ne Wochenenden. Ich arbeite nicht am Wochenende ((lacht)). Es gibt andere Kin-
dermädchen, die am Wochenende arbeiten. Am Samstag. … Und außerdem habe ich
auch meine Tochter mit dem Virus infiziert. Den Virus? Ja.
Interviewerin: Die Krankheit?
Kaya: Ja, ja, wenn du so willst. Man nennt das einen Virus. Weil man dir sagt-
Interviewerin: Die Arbeit?
Kaya: Genau.
Tochter: Wenn du „Virus“ sagst-
Kaya: Aber nein! Sie hat es verstanden. Sie hat mir gesagt die gleiche Arbeit, die
meine Tochter jetzt macht.
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 271

Tochter: Genau. Und ich, ich bin diejenige die samstags arbeitet.
Kaya: Sie ist es, die samstags arbeitet ((lacht)). So ist das. 105

Das ineinander übergehende und einander einschließende Leben und Arbeiten in der
Kindertagespflege als Vorteil auszuweisen, deutet auf eine Kritik an den Anforde-
rungen des modernen Arbeitsmarktes außerhalb der eigenen Räumlichkeiten hin.
Diese Kritik berührt fremdbestimmte Attribute wie Flexibilität, Überstunden und
Pünktlichkeit am Arbeitsplatz. Der Arbeitsplatz Zuhause hingegen weist durch aktive
Zusammenführung von Erwirtschaftung des Lebensunterhalts und häuslicher Repro-
duktion auf Lebensweisen hin, die die Trennung von Lebens- und Arbeitszeit wieder
aufhebt. Mit dem Arbeitsplatz Zuhause meint Kaya dem Diktat der Anwesenheit am
fremdbestimmten Arbeitsplatz ein Stück weit zu entgehen und dem eigenen Rhyth-
mus folgen zu können. In dieser Haltung als Zeitmanagerin, die sich selbst organi-
siert, drückt sich der Freiheitsaspekt aus, keinem Chef untergeordnet zu sein. Im
Beschäftigungsverhältnis tauchen Vorgesetzte wenn, dann in Form von Sozialarbei-
terinnen auf. Diese werden aber von den meisten Tagesmüttern dieser Studie als
Mitspielerinnen wahrgenommen. Kayas positive Bewertung der Arbeitssituation im
eigenen Zuhause wurde der Tochter übermittelt. Auch diese arbeitet heute als
assistante maternelle. Aus einer Perspektive, die die Vorteile der Kindertagespflege

105
Kaya : Voilà, alors, ça fait que euh c'est vrai que euh et même temps je suis chez moi. On va dire
je peux euh on va dire je pourrais pas me reposer mais bon, j'ai un moment de euh .. je peux, je
sais pas, courir le matin comme, quand on se lève, quand on va travailler, je vois les parents
quand ils arrivent chez moi euh .. 8:30h sont un peu pressés, parce que- ils arrivent en retard.
Que moi, je suis pas en retard, parce que je suis chez moi. J'ai pas, j'ai pas à courir, j'ai pas, en
même temps mes enfants grandissent. Alors j'ai plus le=le matin à les monter à l'école, parce que
ils montent tout seuls. Alors, je suis chez moi. Il y a pas ce stress du matin. Il y a le stress de la
journée, parce que les enfants, c'est pas facile à garder, parce qu'ils, il y a beaucoup de responsa-
bilité. Mais il n'y a pas le stress de pouvoir, d'aller chercher euh j'ai raté mon bus, j'ai raté euh je
euh la voiture marche pas ou je sais pas quoi, il y a pleins des trucs qui .. voilà. .. Et j'ai mes
week-ends. Je travaille pas le week-end ((elle se mit à rire)). .. Ah bah non il y a d'autres nounous
qui travaillent le week-end. Le samedi. ... Et en même temps j'ai passé le virus à ma fille. Le vi-
rus? Oui. – Sondeuse : La maladie? – Kaya : Si=si tu veux. On appelle un virus [le boulot?]
Parce que on te dit- – Kaya : Voilà. – Fille : Si tu lui dis « virus- » – Kaya: Mais non. Elle a
compris. Elle m'a dit le même travail que fait votre fille maintenant. Voilà. Ma fille fait le même.
– Fille: Voilà. Et moi, c'est moi qui travaille le samedi. – Kaya: Et c'est elle qui travaille le sa-
medi. ((Elle se mit à rire.)) Voilà.
272 Frankreich: empirische Befunde

betont, wird der Arbeitsplatz Zuhause zur Option, pendeln zwischen Arbeitsplatz und
Zuhause zu vermeiden: „Auswählen, sich nicht fortzubewegen“, 106 wie Samsara sagt.

Doing (extended) family: Inszenierungen von (Groß-)Familie


Doing family

Die Tageskinder sind, wenn sie zu ihrer Tagesmutter kommen, in der Regel etwa drei
bis sechs Monate alt, in manchen Fällen auch etwas über zwei Monate. Viele Mütter
nehmen die Erwerbsarbeit einige Monate nach der Geburt wieder auf, weil der be-
zahlte Mutterschutz (frz. Congé de maternité) dann endet.107 Dies korrespondiert mit
vielen Tageseltern, die bevorzugt jüngere Kinder aufnehmen. Samsara erzählt:

Zwischen drei und sechs Monaten, um dann wieder arbeiten zu gehen und außerdem
gibt es manche, die ein Jahr bevorzugen. Ein Jahr (), aber das ist eher selten. Und ich
bevorzuge Kinder zu bekommen, die noch ganz klein sind, drei Monate, vier Mona-
te. Weil sie sich schneller anpassen. Ähm die Trennungskrise, das Kind beginnt die
Trennung ab sieben, acht Monaten zu verstehen. Ähm und von da an beginn- ähm es
gibt Kinder die jetzt anfangen Schwierigkeiten zu haben, sich von ihren Eltern zu
trennen, um dieses Alter herum. Und deswegen ist die Anpassung ein bisschen heik-
ler. Aber wenn sie ganz klein sind, passt sich das schnell an.108

Die Tagesmütter versuchen dieser „Trennungskrise“ zwischen Eltern und Kind wäh-
rend der Überführung in Fremdbetreuung pragmatisch entgegenzutreten. Die schnel-
lere Eingewöhnung des Tageskindes in die neue Betreuungssituation durch frühe
Übernahme reduziert den Arbeitsaufwand einer „Trennungskrise“, die hier als Bruch
mit der schon fester etablierten Eltern-Kind-Beziehung verstanden wird. Die frühe

106
« Choisir de ne pas se déplacer. »
107
Während der Mutterschutz (frz. Congé de maternité) zwischen 16 und 26 Wochen als volle
Lohnfortzahlung entrichtet wird, gibt es für die anschließende Elternzeit (frz. Congé parental)
keine monetäre Ersatzleistung. Es bleibt das Erziehungsgeld (frz.: Complément du libre choix
d’activité), das wiederum mit etwa 527€ im Monat für Normalverdiener_innen sehr niedrig an-
gesetzt ist.
108
« Entre trois et six mois, pour reprendre leur activité et puis il y en qui préfèrent prendre une
année. Une année (), mais c'est plus rare. [Hm.] Et moi je préfère avoir les enfants qui sont tout
petits, de trois mois, quatre mois. Parce qu'ils s'adaptent rapidement. Euh la crise de séparation,
l'enfant commence à comprendre la séparation à partir de sept, huit mois. Et c'est là qu'ils com-
mencent- euh il y a des enfants qui commencent à avoir euh du mal à se séparer de leurs parents,
à cet âge là. Et donc l'adaptation elle est un peu plus délicate. Mais quand ils sont tout petits, ça
s'adapte rapidement. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 273

Übernahme unterstützt eine sich konfliktfrei entwickelnde Bindung zwischen Tages-


eltern und Tageskind. Das Fremdeln durch frühe Fremdbetreuung abzuschwächen,
bedeutet die frühkindliche Bindung des Kindes an seine Eltern durch jene an die
Tageseltern zu ergänzen.

Die Ernährung des Kleinkindes in der Fremdbetreuung kann nicht über das Stillen
erfolgen, zumal die Mutter abwesend ist. Tatsächlich stillen Mütter ihre Kinder in
Frankreich vergleichsweise selten. Ende der 1970er bis Mitte der 1990er Jahre wur-
den weniger als die Hälfte der Neugeborenen gestillt und noch 2010 ist die Quote der
Mütter, die stillen, mit 60,2% eine der niedrigsten Europas (vgl. Blon-
del & Kermarrec 2011: 33). In der Zeit nach der Geburt sinkt diese Quote zudem
schnell: Drei Monate alte Kinder werden einer 2014 erschienen Studie des Institut de
veille sanitaire zufolge nur noch zu 39% gelegentlich und zu 10% exklusiv durch
Muttermilch gestillt (vgl. Salanave et al. 2014: 450). 109 Das Babyfläschchen hat
daher in Frankreich Tradition. Élisabeth Badinter zufolge hat es für die französische,
erwerbstätige Mutter einen emanzipatorischen Stellenwert: « Dans les années
soixante-dix, il [l’allaitement] est abandonné au profit du biberon qui permet aux
jeunes mères de continuer à travailler, et celles qui allaitent alors ne sont qu’une
petite minorité. » (Badinter 2010: 84) Auch wenn Badinter befürchtet, dass die Zahl
der stillenden Mütter in Frankreich ansteigt, ist die vergleichsweise frühe Fremdbe-
treuung der Säuglinge immer noch kulturell verankert.

In vielen Fällen bleiben die Tagesmütter langfristig an die Tageskinder gebunden,


das heißt über die Zeit des Arbeitsverhältnisses hinaus. Als Noura mir von einem
ihrer ehemaligen Tageskinder erzählt, das sie kürzlich auf der Straße getroffen hat,
und mit den Worten „tout propre“ (dt. ‚ganz gepflegt‘) umschreibt, erinnert dies fast
an die Beschreibung eines hauseigenen Produkts. Die Entwicklung der Tageskinder
nach der vollbrachten Tagespflege wird zum Maßstab des Arbeitserfolgs. Da dieser
Erfolg auf den innerfamiliären Werten und Ressourcen der Tagesmutter aufbaut,

109
Erst mit der Entdeckung der Pasteurisierung von Milch um 1864, welche durch Erhitzung die
Bakterien in der Milch abtötet, entstand die Möglichkeit Milch für das Neugeborene haltbar zu
machen. Mit der Verwendung adäquater Ersatzmilch und dem Fläschchen für den Säugling wur-
den ansteckende Krankheiten seltener und die Nährmutter vom Lande entbehrlich.
274 Frankreich: empirische Befunde

weist er auf sie zurück – zum Beispiel in der äußeren Erscheinung, dem Sprachge-
brauch, dem Benehmen oder den Fremdsprachenkenntnissen des betreuten Kindes.

Die in den Betreuungszeiten aufgebaute Nähe zu den Tageskindern kann bei der
Überführung in die École maternelle Verlustängste auslösen. Bei Elise zum Beispiel
besteht eine starke Bindung zu einem Tageskind, dessen Betreuung sie zunächst
aufgrund einer eigenen Schwangerschaft ausgesetzt hat. Doch weder die Familie des
Tageskindes noch ihre eigene Familie (inklusive des Ehemanns) sind glücklich, dass
das Kind nicht mehr Teil des betreuten Alltags in der Tagespflege ist. Es passiert
folgendes:

Also habe ich ihn schnell wieder aufgenommen. Nach sechs Monaten habe ich ähm
es war vorgesehen, dass ich zwei Jahre aufhöre. Aber na ja, das ist dermaßen
schlecht verlaufen. Paul hat uns so sehr gefehlt, dass wir uns gesagt haben: gut, das
ist nicht schlimm, ich nehme meine Arbeit wieder auf und habe äh habe also nach
sechs Monaten Paul genommen, ich hatte also mein sechsmonatiges Baby und Paul,
der zu diesem Zeitpunkt ein Jahr, eineinhalb Jahre alt gewesen sein muss, ja?! Und
äh ich glaube, dass ich zu dem Zeitpunkt wirklich zu schätzen begonnen habe, Ta-
gesmutter zu sein, Kinderfrau. Eine die eine sehr, sehr starke Bindung hatte, die sich
zwischen meinen eigenen Kindern und der Familie des Kindes, das ich betreute, er-
streckte. Wir waren sehr, sehr vertraut. Wir sind es immer noch.110

Elise und ihr Mann haben die Liebe zum Tageskind in das vertraute Familienleben
integriert. In dieser Familieninszenierung werden die Grenzen familiärer Zugehörig-
keit neu definiert. Der hier zugelassene Bindungsprozess der Bezugsperson(en) zum
Neugeborenen betrifft einen grundlegend ethischen Wert von Reproduktionsarbeit,
nämlich die emotionale Zuwendung.

Bei ihren Überlegungen zu einer Verteilung emotionaler Zuwendung entlang der


Kategorien Klasse, Rasse, Geschlecht und Nation ergänzt Arlie R. Hochschild den
Marx’schen Mehrwert um einen „emotionalen Mehrwert“:

110
« Donc je l'ai repris assez rapidement. Après six mois j'ai euh c'était prévu que je m'arrête deux
ans. Mais bon, ça se passait tellement mal. Paul nous manquait tellement que on s'est dit: bon,
c'est pas grave, je reprends mon travail et donc après six mois j'ai euh j'ai pris Paul, donc j'avais
mon bébé qui avait six mois et Paul qui devait avoir à ce moment là un an, un an et demi, hein?!
Et euh donc je pense que c'est là où vraiment j'ai euh j'ai apprécié euh d'être, d'être assistante ma-
ternelle, d'être nounou et qui avait des liens très, très fort, qui se mettait entre mes propres en-
fants, entre la famille de l'enfant que je gardais. On était très, très proche. On est toujours. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 275

Denn zum einen rührt die Betreuungsarbeit an die Emotionen eines Menschen. Es
handelt sich um emotionale Arbeit, und oftmals ist sie sogar mehr als das. […] Ge-
fühle sind keine „Ressource“, die man so einfach jemanden wegnehmen und einem
anderen geben kann. Doch andererseits unterscheiden sie sich doch auch wieder
nicht völlig von einer Ressource. (Hochschild 2001: 162)

Bei den Tagesmüttern dieser Studie ist das Verteilen von Gefühlen Grundlage einer
Arbeit, die gleichzeitig im innerfamiliären Kontext stattfindet. Die Trennung von
Gefühlsarbeit als Erwerbsarbeit und Gefühlsarbeit als Familienarbeit ist, wenn über-
haupt, nur sehr schwer zu vollziehen. Der Ausdruck „il faut aimer“ (dt. ‚man muss
lieben‘) taucht überdurchschnittlich häufig in den Narrativen der Tagesmütter auf.
Dieser der Sphäre der symbolischen Repräsentation entnommener Phraseologismus
wird häufig als Referenz zur Liebe zu Kindern allgemein verwendet. Die Liebe zu
den Tageskindern wird unterstrichen durch die Liebe zu den eigenen Kindern, von
denen sie gemessen an französischen Verhältnissen überdurchschnittlich viele haben.
Pegricia steigert diese Liebesauffassung in einer Weisheit, die sie mir übermittelt:

Um glücklich zu sein, muss man eine andere Person glücklich machen. Dann wirst
du dein ganzes Leben glücklich sein. .. Aber ja, wenn du deinen Freund glücklich
machst, bist du auch glücklich. Man darf nicht egoistisch sein, um glücklich zu sein,
man muss geben. Um glücklich zu sein. Man muss Kinder lieben, um sich um sie
kümmern zu können. Um einen guten Job zu machen.111

Im Vergleich zu der französischen Mehrheitsgesellschaft, in der der institutionellen


Betreuung gegenüber der privaten Betreuung ein großer Stellenwert zukommt, sind
diese Frauen sehr stark an ihren eigenen Kindern orientiert, also eher mères poules
(dt. ‚Glucken‘) als Karrierefrauen. Diese Identitätskonstruktion als Mutter fließt in
die Arbeit mit den Tageskindern ein und wird auf der Ebene sprachlicher Handlung
als Mutter, die grundsätzlich lieben muss, reproduziert. Die Tageskinder werden in
die Liebe zu den eigenen Kindern integriert.

111
« Pour être heureux il faut rendre heureux une autre personne. Comme ça tu seras heureux pour
toute ta vie. .. Mais oui, si tu rends heureux ton copain que tu es heureuse aussi. Il faut pas être
égoïste pour être heureux, il faut donner. Pour être heureux. Pour s'occuper des enfants, il faut les
aimer. Pour faire un bon boulot. »
276 Frankreich: empirische Befunde

Doing extended family

Oft werden nach und nach auch Geschwister von Tageskindern aufgenommen. Hier-
durch entsteht eine neue Form des familiären Zusammenlebens, die durch das Out-
sourcing gemeinsamem Geschwisterlebens möglich gemacht wird. Tageseltern,
deren Kinder und die Tageskinder inszenieren ein familiäres Leben in einer Großfa-
milien ähnlichen Konstellation. Eigene Kinder und Tageskinder, manchmal im sel-
ben Alter, begegnen sich täglich. Viele der Tageseltern greifen in diesem Zusam-
menhang einen Diskurs auf, der in der französischen Gesellschaft besagt, dass Kinder
für die Entwicklung des Sozialverhaltens früh in die Gesellschaft anderer Kinder
kommen sollten. Gemeinsame Aktivitäten binden die Kinder aneinander, sodass
Freundschaften entstehen, die bis ins Erwachsenenleben anhalten können. Kaya
verdeutlicht diesen „Familienalltag“:

Meine=meine äh, also zum Beispiel Faruk, er spielt gut mit den Kleinen. Wenn er da
ist, bin ich eigentlich nicht mehr gemeint, ich beaufsichtige sie mehr als dass ich mit
ihnen spiele. Ich passe auf, dass- vor allem dass sie nichts Schlechtes machen. Aber
ich spiele nicht mit ihnen, weil sie meistens lieber mit dem Großen spielen wollen
als mit mir. Ab diesem Moment haben sie- interessieren sie sich nicht für mich. Da
geht’s mehr um die Großen, das, was sie machen.112

Während die Kinder füreinander Interessen entwickeln, werden, wie in anderen Fa-
milien auch, einzelne Rollen konstruiert. Die im Spiel erfolgte Exklusion der Tages-
mutter stärkt die Bindung unter den Kindern, was umso mehr an ein Geschwisterver-
hältnis erinnert. In Kayas Erläuterung wird deutlich, dass Betreuungs- und Beschäfti-
gungsfunktionen im doing family mit den Tageskindern auf unterschiedliche Fami-
lienmitglieder verschoben werden können. Die Beteiligung der eigenen Kinder am
Arbeitsalltag der Tagesmutter veranschaulicht erneut, wie Leben und Arbeit am
Arbeitsplatz Zuhause zusammenfallen.

112
« Les miens=les miens euh, alors comme Faruk, il joue bien avec les petits. En fait, quand on est
là je suis plus en=en garde, je suis plus en surveillance que jouer avec eux. Je surveille ce que-
qu'ils se fassent pas mal surtout. Mais je joue pas avec eux, parce que la plupart du temps ils veu-
lent plus jouer avec le grand que jouer avec moi. A ce moment là ils ont- moi, je les=je les inté-
resse pas. C'est plutôt les grands ce qu’ils font, ce qu'il y a, voilà. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 277

Eine Trennung der Bedürfnisse von eigenen Kindern versus Tageskindern wird durch
die emotionale Komponente des „il faut aimer“ erschwert. Das Zusammenfließen
von Arbeit und Familienleben kann problematisch werden, wenn im engen Verhält-
nis professionelle Distanz erforderlich wird. Kaya, die zuvor noch die Vorteile des
Arbeitsplatzes Zuhause beschrieben hat, macht auch die Kehrseite dieser Situation
deutlich:

Dass man trennen muss. Das Problem des Berufs ist, dass man nicht machen kann,
wie man die Sachen sozusagen machen muss mit unseren Kindern, man ist dazu ge-
zwungen, sie nach der Arbeit zu machen. [Hm.] Ich kann nämlich nicht die Hausauf-
gaben mit meinem Sohn machen, weil die Kleinen an meiner Ferse hängen. Das geht
nicht, kann man nicht …113

So kommt es unter der Ambivalenz, Privatsphäre zu inszenieren und gleichzeitig


Professionalität zu wahren, immer wieder zu Abgrenzungsarbeit. Um eine professio-
nelle Haltung einzunehmen, werden private Aufgaben von den Tagesmüttern dieser
Studie häufig bewusst von den Arbeitszeiten während der Kindertagespflege ge-
trennt. Das heißt, Tageskinder können die Freizeit mit den eigenen Kindern durchaus
einschränken. Die Überwachung von Kindern und Tageskindern erfordert außerdem
erhöhte Aufmerksamkeit. Ein neben der Phrase „il faut aimer“ häufig von den Ta-
gesmüttern in Frankreich gebrauchtes Wort lautet „confiance“ (dt. ‚Vertrauen‘). Die
Betreuung fremder Kinder bedeutet Verantwortung über menschliches Leben, ver-
mittelt durch überantwortende Eltern, zu übernehmen. Diese hohe Verantwortung
verschiebt die Care-Arbeit an den eigenen Kindern. Eigene Familienpflichten
und -bedürfnisse müssen immer wieder zurückgestellt werden.

Familieninszenierung auch für Schulkinder

Die staatlichen Subventionen der Tageseltern in Frankreich gelten für den Bereich
der unter Dreijährigen. Dennoch werden Tageseltern auch für die Betreuung von
(Vor-)Schulkindern engagiert. Familieninszenierungen setzen sich interessanterweise
fort, weil ehemalige Tageskinder von den Tageseltern vor allem in den Mittagspau-

113
« On va dire, c'est ca l'inconvénient de ce métier. C'est qu'il faut séparer. L'inconvénient du
métier, c'est qu'on ne peut pas faire, on va dire comme on devrait faire les choses avec nos en-
fants, on est obligé de les faire que après le travail. [Hm.] Parce que moi je peux pas faire les de-
voirs à mon fils, avec les petits dans les pieds. Il y a pas, peut pas .. »
278 Frankreich: empirische Befunde

sen der Schulzeiten weiterbetreut werden. Zudem kommen die eigenen Kinder in der
Schulzeit häufig zum Mittagessen nach Hause, obwohl in Ganztagsschulen in Frank-
reich in der Regel Essen in Kantinen angeboten wird. Auch nach der Schule oder an
dem in Frankreich traditionell schulfreien Mittwoch kommen (ehemalige) Tageskin-
der zur assistante maternelle. 114 Zwar ist meist an die École maternelle ein Hort
angegliedert, über die diese Stunden überbrückt werden können, jedoch bevorzugen
Tageskinder und Eltern oft die Fürsorge der (ehemaligen) Tagesmütter, wie Elise und
Pascale mir erklären:

- Elise: Um hier zu essen, weil in der Kantine, sie haben sehr lange Tage, verste-
hen sie?! Das sind, das sind sehr lange Tage. In der Schule, sind sie einmal in
der Schule äh von acht Uhr dreißig bis mittags, zwei Stunden, bis 16 Uhr. Es
gibt manche, die auch bis 18 Uhr im Hort bleiben. Und äh da ist es sehr laut,
das äh das sind sie nicht gewöhnt, gut, sie kommen lieber zum Essen. Mit der
kleine Schwester, weil ich die kleine Schwester betreue. Sie wollen, sie essen
lieber bei der Nounou als in der Kantine. Ja, das ist schwer für sie. 115

- Pascale: Und dann er ist zu mir gekommen für Mittagessen und für schlafen
auch. Für diese kleine Mittagsschlaft. Es war oft Kinder, die haben es noch ge-
braucht. Und deswegen hab ich l a n g mit diese Kinder gearbeitet, weil die
waren bei mir noch jede Nachmittag, jede Ferien, äh Schulferien bei mir und
jede Mittwoch. Dass du ihn abholst für Mittag essen, dann ist gut bei dir, er
kann sich ausruhen, es ist nicht s o o laut wie in die Schule. Und das hab ich
äh deswegen hab ich manchmal mit Kindern gearbeitet, sechs Jahre lang.

Tageseltern sind als familiäre Bezugspersonen im Gefüge des ganztägigen Schulsys-


tems gefragt. Das Outsourcing der Kinder in ganztägige Betreuung in staatlichen
Schuleinrichtungen wird in familiäre Strukturen zurückgegeben. Die Verlagerung
von Betreuungsarbeit auf fremde Einrichtungen wird auf ihren Gegenentwurf
„umverlagert“: sie wird der Öffentlichkeit teilentzogen, verbleibt aber gleichzeitig
innerhalb der öffentlichen Betreuungskultur. Hier zeigt sich die Qualität der Kinder-

114
Seit 2014 gilt mittwochs nur noch der Nachmittag als schulfrei (vgl. Heures école primaire). Die
école maternelle schließt gegen 16 Uhr.
115
« De manger à la, ici, parce que la cantine, ils ont des très longues journées, hein?! C'est, c'est
des journées qui sont très longues. À l'école, une fois qu'ils vont à l'école euh de 8h30 à midi,
deux heures, jusqu'à 16 heures. Il y en a qui restent à la garderie jusqu'à 18h aussi. Et euh ca fait
beaucoup de bruit, c'est euh ils ont pas l'habitude et, bon, ils préfèrent venir manger. Avec la pe-
tite sœur, parce que je garde la petite sœur. Ils veulent, ils préfèrent manger chez leur nounou
que à la cantine. Oui, c'est dur pour eux. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 279

tagespflege als familiäre Pflege am Menschen. Es bleibt offen, ob dies einer Ambiva-
lenz geschuldet ist, die Eltern bei der ganztägigen Verlagerung der Care-Arbeit in
öffentliche Einrichtungen an ihren Kindern erfahren – trotz der breiten Anerkennung
und Förderung öffentlicher Betreuungsstrukturen in Frankreich. Aus der Perspektive
der Tageseltern dieser Studie werden Stressfaktoren, denen Kinder in öffentlichen
Betreuungsinstitutionen ausgesetzt sind, im doing family der Kindertagespflege ab-
gemildert.

Für die Tageseltern bedeuten diese extra betreuten Stunden ein zusätzliches Gehalt,
das in Form einer privaten Dienstleistung entlohnt wird. Einige Tagesmütter berich-
teten mir von älteren Frauen, die ebenfalls Schulkinder stundenweise betreuen wür-
den, um ihre Rente aufzubessern. Auch die Inszenierung von doing grandma ist
daher ein denkbarer Teil des Verlagerungsprozesses.

Die Eltern-Problematik: (emotionale) Grenzen des Outsourcings


Die Tageseltern prüfen meist vor Zustandekommen des Vertrages das Arbeits- und
Beziehungsverhältnis. Vertrauen und Bauchgefühl beeinflussen, ob ein Arbeitsbünd-
nis zwischen Eltern und Tagesmüttern zustande kommt. Sie arbeiten mit Eltern (und
Tageskindern) aller Schichten. Alleinerziehende Mütter werden in den Erzählungen
nur marginal hervorgehoben. Sie beschäftigen die Tageseltern nur insofern, als sie
auf lange Betreuungszeiten angewiesen sind. Über die Jahre entwickeln sich oft enge
Beziehungen auch zwischen Tageseltern und Eltern. Oft verhindert das persönliche
Verhältnis zwischen Mutter und Tagesmutter aber eine distanzierte Professionalität.

Tageseltern betreuen „ihre“ Tageskinder intensiv: Sie geben das Fläschchen, frühstü-
cken mit ihnen, wechseln Windeln und Kleidung, begleiten sie auf Toilette, spielen,
sorgen für Ruhepausen und Aktivitäten, bereiten Essen zu, bekommen ihre ersten
Worte mit. Die Care-Arbeit schließt auch die Intimsphäre des Kindes ein. Pegricia
kommentiert einen dreijährigen Jungen, der während unserer Unterhaltung auf einem
Babyklo aus Plastik sitzt: „Normalerweise machen sie Pipi und Kacka auf dem Topf.
Aber er ist noch nicht sauber. Er fragt nicht. Aber er macht sicher ein kleines Kacka
auf dem Topf. Alles was ihm fehlt ist zu fragen: kann ich Pipi machen, oder kann ich
280 Frankreich: empirische Befunde

Kacka machen.“116 Tagein tagaus erleben und beobachten sie die Entwicklung des
Tageskindes vom Kleinkindsalter an. Juliette sagt: „Wir leben unseren Alltag. Ja, wir
leben das Alltägliche.“117 Am Ende des Tages haben sie oft mehr von den einzelnen
Entwicklungen mitbekommen, als deren Eltern. Kaya erzählt:

Weil ich, die meiste Zeit betreue ich sie, ich betreue sie zehn Stunden am Tag. [Oh.
Hm.] Ja, ich betreue sie von 8:30 Uhr bis 18:30 Uhr. Das macht zehn Stunden. Das
heißt sie, wenn sie nach Hause kommen, ihnen zu Essen geben, sie duschen, sie ins
Bett bringen. Weil am nächsten Morgen müssen sie wieder auf die Arbeit, da bleibt
am Ende, um 20:30 Uhr () was bleibt da? Es bleiben zweieinhalb Stunden mit ihnen!
[Hm.] Aber die zehn Stunden verbringen sie mit mir. Hier zum Beispiel ist es sozu-
sagen so, die Kinder werden nach und nach groß. Und wenn sie schlecht erzogen
sind, dann wird man sagen, das meiste der Erziehung liegt an mir, weil ich es bin, die
sie äh .. […] Weil das ist eher Assistante maternelle. Eine Person, die den Eltern as-
sistiert. Das drückt die Bezeichnung aus. [Okay.] Weil wir sie zehn Stunden haben
äh assistieren wir den Eltern eigentlich. Weil wir sie erziehen sie auch- wir erziehen
sie mehr äh als die Eltern. Als die Eltern, die sie am Wochenende haben und an den
Abenden. So ist das. Das=das=das ist mehr vom anderen als Betreuung, das ist Be-
treuung plus Erziehung. Erziehung von allem. Ob es um’s Essen geht, um’s Trinken,
sprechen zu lernen, wie- das ist viel.118

Die Auslagerung der Erziehung aus den Händen der Eltern lässt in den Erzählungen
der Tageseltern erkennen, wie viel Reproduktionsarbeit in der Realität noch in den
Händen der Eltern liegt. Kayas Argumentation suggeriert überdies, dass die Tages-

116
« Mais normalement ils vont pipi, caca sur pot. Mais il n'est pas propre encore. Il ne demande
pas. Mais il fait très sur un petit caca au pot. La seule chose qui lui manque c'est demander: je
peux faire pipi, ou: je peux faire caca. »
117
« On vit nos quotidiens. Oui, on vit le quotidien. »
118
« Parce que moi, la plupart du temps que je les garde, je les garde dix heures par jour. [Oh. Hm.]
Oui, je les garde de 8h30 à 6h30. Ca fait dix heures. Ca fait que eux, quand ils rendent chez eux,
ils les font= ils les font manger, ils les douchent, ils les mettent au lit. Parce que c'est le matin il y
a un autre travail, alors, il y a tout le reste, à l'heure de 8h30 () il reste quoi? Il reste deux heures
et demie avec eux! [Hm.] Mais les dix heures ils les passent avec moi. Ici, par exemple, on va
dire les enfants grandissent, petit-à-petit, quand ils grandissent, ils sont mal élevés, bah euh c'est-
on va dire l'éducation la plupart, elle euh elle revient à euh envers moi, parce que c'est moi qui
les ai euh .. […] Parce que là c'est plutôt assistante maternelle. Qui assiste de les parents. C'est le
mot qui veux dire ca. [D'accord.] Parce qu'on les a dix heures euh on assiste les parents en fait.
Parce que on les élève auss- on les élève euh plus que les parents. Que les parents ils les ont en
week-end et ils les ont les soirs. Voilà. Et c'est ce, c'est à peu prêt ça. C'est=c'est=c'est plus de
euh c'est plus que de la garde, c'est la garde avec l'éducation avec. L'éducation de tout. Que ça
soit de manger, de=de boire, de=de comment on apprend à parler, comment- il y a beaucoup des
choses. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 281

kinder durch die täglich, stündlich, minütlich wiederkehrenden Care-Leistungen


primär durch die Tagesmutter geprägt werden. Demnach werden Eltern von der Rolle
der „Assistentin“ abgelöst und gleichzeitig von wesentlichen Erziehungselementen
abgekoppelt. „Ich ersetze nicht die Eltern, aber ich bringe meine eigene Unterschrift
an,“119 wie Samsara es an anderer Stelle ausdrückt. Durch diese Arbeitsteilung bleibt
nicht nur der überantwortende Vater, sondern auch die Mutter, von wesentlichen,
eher pflegenden Elementen von Reproduktionsarbeit – wie dem Kochen, Füttern oder
der Körperhygiene – befreit. Dadurch entsteht ein reziprokes Verhältnis sich unter-
scheidender Mutterrollen. Die Identitätskonstruktion der Tagesmutter, die grundsätz-
lich lieben muss, steht der Identitätskonstruktion einer Mutter gegenüber, die ihr
Kind innerhalb der ersten Monate der Tagesmutter überantwortet, um sich der Er-
werbsarbeit zu widmen. Sie bedingen und schaffen sich gegenseitig.

Die mit den Tageskindern gemeinsam verbrachte Zeit in alltäglich wiederkehrenden


Care-Leistungen kann zu einem Kenntnisvorsprung der Tagesmütter gegenüber den
Eltern in Bezug auf die Entwicklung des Kindes führen. Bei den Tagesmüttern dieser
Studie kann dies Verstimmungen im persönlichen als auch professionellen Verhältnis
zu den Eltern hervorrufen. Erziehungsfragen führen dann zu Auseinandersetzungen,
zum Beispiel um welche Uhrzeit ein Mittagsschlaf für das Kind sinnvoll ist. Die
Tageseltern müssen daher Gefühlsarbeit im alltäglichen doing family und die profes-
sionelle Distanzierung gegenüber den Eltern im Gleichgewicht halten. Eine von
Emotionen freie Arbeit als Tagesmutter ist nicht realisierbar.

Die Männer-Problematik: eine Frage der Abwesenheit


Bei meinen Recherchen im Sektor der Kindertagespflege und bei meinen Hausbesu-
chen bei den Tagesmüttern bin ich Männern grundsätzlich nicht begegnet, weder
Tagesvätern, noch Ehemännern. Auch die Schaltstellen des Berufszweigs waren alle
weiblich besetzt. Nach einer Studie des Französischen Instituts für Statistik waren
2008 lediglich 0,4% der Tageseltern Männer (vgl. Insee 2012). Wir sprechen daher
von einem der vergeschlechtlichsten Tätigkeitsbereiche überhaupt. Obwohl sich also
die Rolle der Frauen auf dem Arbeitsmarkt ändert, scheint die Rolle des Mannes in

119
« Je me substitue pas aux parents, mais j'apporte ma propre euh signature. »
282 Frankreich: empirische Befunde

der Care-Frage unbeweglich. Gleichwohl gibt es Tagesväter, wie mir eine Tagesmut-
ter bekräftigend verrät: „Ich bin ihnen schon begegnet. Bei der Prüfung, als ich meine
Prüfung abgelegt habe, da habe ich Männer gesehen. Und im Park auch, da bin ich
Männern begegnet. Die andere Arbeiten aufgegeben haben, um Kinder zu betreuen
und sich gleichzeitig um ihre eigenen Kinder zu kümmern.“ 120 Es bleibt nicht ohne
Ironie, dass die Begegnung des Mannes in der Kindertagespflege eine originelle
Entdeckung bleibt.

Auch die Abwesenheit der Ehemänner am Arbeitsplatz Zuhause ist auffällig. Ich bin
ihnen weder begegnet, noch vorgestellt worden, obwohl ich mich häufig in den
Wohnzimmern und am Arbeitsplatz Zuhause aufgehalten habe. Ihre Beteiligung in
der professionellen Kindertagespflege scheint nicht gegeben. Der Tätigkeitsbereich
ist offensichtlich den migrantischen Tagesmüttern vorbehalten. Dass es dennoch über
die Kindertagespflege auf der Basis traditioneller Werte zu einer Verschiebung der
traditionellen Funktionen kommt, habe ich bereits am Beispiel von Noura deutlich
gemacht, die über die ihr zugedachte Familienrolle hinaus zur Miternährerin der
Familie wurde.

Um einen Erklärungshinweis für den im Care-Bereich kaum aktiven Mann zu finden,


hilft es, sich die historische Entwicklung von Care innerhalb des letzten Jahrhunderts
noch einmal kurz in Erinnerung zu rufen. Die Emanzipation der Frauen auf dem
Arbeitsmarkt wurde von einem starken Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung vor
allem in den 1970er Jahren begleitet. In diesem Zuge hat sich das Modell erwerbstä-
tiger Mütter als feste Norm in der französischen Gesellschaft verankert. In die neuen
Berufe, die durch den Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung entstehen konnten,
strebten vor allem Frauen. Allerdings wurden wenig sozialpolitische Anreize gesetzt,
dass Männer sich an Care-Arbeit – entgeltlich oder unentgeltlich – beteiligen. Die
verschwindend geringe Aktivität des Mannes in der Kindertagespflege wird daher
zusätzlich durch eine nur sehr geringe Beteiligung an häuslicher Care-Arbeit ergänzt,
wie Marie-Thèrese Letablier feststellt:

120
« J'en ai déjà croisé. À l'examen, quand j'ai passé mon examen, j'en ai croisé des messieurs. Et au
parc aussi, j'en croise des messieurs. Qui ont laissé leur travail pour garder des enfants, en même
temps s'occupe de leurs propres enfants. »
Soziale Mobilität und Identitätskonstruktionen 283

Thus the involvement of women in paid work has not resulted in a corresponding
level of involvement by men in unpaid work, although the time spent by men on do-
mestic tasks has slightly increased. Although the right to care is incorporated into so-
cial policies in order to promote gender equality at work, the gender culture, in terms
of norms and values, continues to guide social practices, particularly in maintaining a
genderbased division of labour in the home. The burden on women is heavy, espe-
cially for those in low-income families or lone mothers who cannot delegate part of
their domestic tasks. (Letablier 2003: 159)

Die Normen und Werte der französischen Gesellschaft in Hinblick auf Geschlecht
sind so stark, dass sie offenbar im privaten Bereich als auch in sogenannten Frauen-
berufen keine nennenswerte Veränderung für die Identitätskonstruktion des Mannes
zulassen. Während das erstrebenswerte Bild von Frauen häusliche Care-Arbeit, Er-
werbsarbeit und heteronormativ sexualisierte Attraktivität vereint, bleibt das erstre-
benswerte Bild des Mannes eindeutig in der von Care-Arbeit losgelösten Erwerbsar-
beitswelt verankert. Frankreich wurde deshalb auch als „moderates Ernährermodell“
typisiert (vgl. Lewis & Ostner 1994).
284 Frankreich: empirische Befunde

6.3 Perspektiven der Handlungsfähigkeit und Selbstermächtigung


Bisher sind die biografischen Prozesse beschrieben worden, die den Weg in die Kin-
dertagespflege ebneten, sowie dessen Konsequenzen auf die Lebens- und Arbeitswelt
der Tagesmütter dieser Studie. Aus ihrer neuen Position als Erwerbstätige mit päda-
gogischem Selbstbild entwickeln die migrantischen Tageseltern Strategien der
Solidarisierung. Eine Ausweitung ihrer Handlungsmacht sowie einer Professionali-
sierung des Berufszweigs zeichnet sich in gewerkschaftlichem Engagement und
Formen der Weiterqualifizierung ab, die sich auf biografische Erfahrungen stützen.
Eine langfristige Legalisierung mit zukünftigem Rentenanspruch in Frankreich wird
zu einer wichtigen Komponente der Kindertagespflege.

Selbstbild der pädagogischen Kompetenzen und öffentliche Wahrneh-


mung
Die Aufnahme des Berufs Kindertagespflege ist zunächst von der Suche nach Er-
werbsmöglichkeiten motiviert. In der Regel folgt aber bald eine über den Erwerb
hinaus gehende positive Identifikation als assistante maternelle. Die Tagesmütter in
Frankreich erachten ihren Beruf als gesellschaftlich konstitutiv. Das Prinzip ihrer
Arbeit wird von einer Tagesmutter als „donnant donnant“ (dt. ‚geben und nehmen‘)
bezeichnet. Sie bemerken, dass ihre Arbeitskraft als Garant für das Berufsleben ande-
rer, für die Wirtschaft und das Rentensystem steht und daher eine Wechselwirkung
zwischen Care-Infrastruktur und der Sicherung von Arbeitsmarktaktivitäten existiert.
Die Kindertagespflege wird sogar als feste Berufslaufbahn empfunden: „Mein Leben
dreht sich um die Kinder. Aber ja. Das ist meine Karriere, das ist Tagesmutter.“ 121
Besonders der soziale und emotionale Anteil in der Arbeit wird von den Tagesmüt-
tern als sinnstiftend erklärt. Sorge spenden und Liebe schenken („il faut aimer“)
haben neben dem monetären Gewinn ihren Tauschwert in Gegenliebe. Sie beschrei-
ben ihre Arbeit mit „être à l’aise“ (dt. ‚sich wohl fühlen‘) oder „je me sens bien avec
eux“ (dt. ‚ich fühle mich gut mit ihnen‘). Samsara erzählt:

121
« C'est que ma vie tourne autour des enfants. Mais oui. C'est ma carrière, c'est assistante mater-
nelle. »
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 285

Also bei dem Beruf, das, was bei dem Beruf gut ist, da sind eigentlich die Kinder.
Kontakt mit Babys haben. Also die Babys, ich, ich habe die ganz Kleinen schreck-
lich gern. Also, sie sind w u n d e r v o l l. Mit drei Monaten, und sie dann aufwach-
sen zu sehen ist unglaublich, das ist unglaublich. Sie sind, sie sind wundervoll. Aber
sie ändern sich eigentlich jeden Tag. Ein Baby, das drei Monate alt ist bis zum fünf-
ten, sechsten Monat, sie ändern sich immer, man sieht Dinge. Und sie beginnen zu
reden- Zuerst Silben und dann machen sie ihre ersten Schritte und dann, also, all das,
das ist wunderbar.122

Am wachsenden Kind lassen sich Tag für Tag der Fortschritt und die Ergebnisse der
investierten Care-Arbeit ablesen. Es spiegelt die eingebrachte Liebe und Mühe. Die
Wirkung der eigenen Tätigkeit im Gegenüber ist identitätsstiftend. Die sich im Su-
perlativ erschöpfende Beschreibung des Erlebens von Reproduktion („w u n d e r v o
l l“, „unglaublich“) bekräftigt den nicht entfremdeten Teil von Care-Arbeit.

Die Tätigkeit der assistante maternelle ist heute aufgrund der Professionalisierung
ein anerkannter Beruf. Die meisten Eltern nutzen diese Dienstleistung. Es gibt aber
auch Vorurteile. Es wird an den Narrativen der migrantischen Tagesmütter in den
quartier populaires deutlich, dass diese auch Vorbehalten durch Eltern begegnen.
Dies zeigt sich unter anderem an der geringen Nachfrage ihrer Dienstleistung. Zu-
sätzlich ist die gegenseitige Konkurrenz hier größer. Die Enklavenbildungen und das
Kopftuchverbot bewirken Nachteile gegenüber Tageseltern in anderen Vierteln, die
besser beschäftigt sind. Darüber hinaus werden die assistantes maternelles, ähnlich
wie in Deutschland, mit bestimmten, gesellschaftlichen Familienbildern und –
normen konfrontiert:

Ja, weil, gut, es gibt immer diesen Blick der Leute von außen, ja?! Das ist äh das ist
nicht immer äh vor allem, wenn man viele Kinder hat, wissen nicht alle, dass ich
Kinderfrau bin. „Oh viele Kinder, Madame, wie machen sie das?“ ((Lachen)) Gut,
also, das macht jetzt vier, fünf Jahre, dass ich mit einer Familie arbeite, die äh die
gemischt ist äh wo der Papa äh Afrikaner aus Nigeria ist und die Mama Französin

122
« Alors le métier, ce qui est bien dans ce métier, c'est les enfants en fait. C'est d'avoir ce contact
avec euh les bébés. Mais alors les bébés, moi, j'adore les tout petits. Mais euh ils sont a d o r a b
l e s. À trois mois, et puis les voir évoluer euh c'est incroyable, c'est incroyable. Ils sont, ils sont
adorables. Mais ils changent tous les jours en fait. Un bébé qui a trois mois jusqu'à cinq mois, six
mois, ils changent toujours, on voit autres choses et puis, ils commencent à dire des, des s-,
d'abord () oui et puis après vers des syllabes et après il va faire ses premiers pas et après, voilà,
tout ça, c'est merveilleux. »
286 Frankreich: empirische Befunde

und äh also zweimal ist die selbe, die beiden selben Familien die Kinder hatten äh
erstes Kind, zweites Kind. Und das sind Kinder, die zusammen etwa jedes Mal im
selben Alter aufgewachsen sind. Also waren zum Beispiel die großen Brüder 20
Monate alt äh und dann hatte ich eine kleine Blondine mit blauen Augen und äh ei-
nen kleinen Gemischten, und neben mir halten die Menschen an: „Oh, wie haben sie
das gemacht?“ ((Lachen)) – „N e i n . Das sind nicht meine.“ – „Oh.“ Und da war
mal ein Papa, ein Schwarzer Papa: „Oh. Wie haben Sie das gemacht? ((Lacht)) Oh,
ich verstehe.“ Aber das ist scheinbar machbar ((lacht)). Na gut, außerdem ist da im-
mer dieser Blick von außen, wo die Leute echt denken, dass ähm dass das ein degra-
dierender Beruf ist, obwohl das ganz und gar nicht das ist, will ich meinen. Das ist
äh das ist, nun gut, für mich ist das genau das Gegenteil.“ 123

Die Vorstellungen der Außenstehenden von Ethnizität und biologischer Abfolge


innerhalb von Familie sind hier auf sonderbare Art und Weise miteinander verknüpft.
Im kulturellen Gedächtnis gibt es nur Familien, die aus einer Partnerschaft entstehen,
aus der das Merkmal Hautfarbe resultiert. Außerdem gilt auf der Ebene der symboli-
schen Repräsentation, dass eine Frau, die mit Kindern spazieren geht, eine biologi-
sche Familie darstellt. Dieser Geltungsbereich wird bei der Registrierung einer Frau,
die mit zwei Kindern des gleichen Alters, aber unterschiedlicher Hautfarbe, spazieren
geht, gestört und in der Folge schwer erklärbar. Viele der Tagesmütter tragen zusätz-
lich ein Kopftuch. Der Schwarze Papa steht vor diesem „Wunder“ wie Platon vor
dem Höhlenbild, bis er erkennt, die Frau ist weder die biologische Mutter, noch sind
die beiden Kinder miteinander verwandt. Dennoch wird Reproduktion in einer ähnli-
chen Konstellation, nur mit vertauschten Akteuren, gewährleistet. Das Outsourcing
nicht nur von Care-Arbeit, sondern auch von Familie, erzeugt ein neues kulturelles
Phänomen, das sich performativ auch als sichtbare ethnische Verschiebung – im

123
« Oui, parce que, bon, il y a toujours le regard des gens d'extérieur, hein?! C'est euh c'est pas
toujours euh surtout quand on a beaucoup des enfants tout le monde ne sait pas que je suis nour-
rice. ‹Oh, beaucoup d'enfants, madame, comment vous faites?› ((Rire)) Alors, bon, là à ce mo-
ment ça fait quatre, cinq ans que je travaille avec une famille qui est métisse euh dont papa euh
africain de Niger et maman française et euh donc ça fait deux fois avec la même, les deux mêmes
familles qui ont eu les enfants euh première enfant, le deuxième enfant. Donc ce sont des enfants
qui ont grandi ensemble et qui ont à peu près le même âge à chaque fois. Donc les grands frères,
par exemple, ils avaient euh 20 mois euh donc j'avais une petite blondinette avec les yeux bleus
et euh un petit métisse, à côté les gens ils s'arrêtent: ‹Oh, comment vous avez fait?› ((Elle se mit
à rire)) – ‹N o n . Sont pas les miens.› – ‹Oh.› Et () c'est un papa, un papa black, qui m'est arr-
qui, qui est arrivé: ‹Oh. Comment vous avez fait ça? ((Elle se mit à rire)) Oh, d'accord.› Mais
c'est faisable apparemment. ((Elle se mit à rire)) Mais bon, après il y a toujours ce, ce regard de
l'extérieur où euh les gens qui pensent vraiment c'est euh que c'est un métier euh dégradant alors
que c'est pas du tout ça quoi, je veux dire. C'est euh c'est, fin, pour moi c'est tout le contraire. »
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 287

Sinne einer Veruneindeutigung von Herkunft und Hautfarbe – zunehmend behauptet.


Überdies behauptet und verteidigt es sich, wie in dem letzten Teil des Zitats deutlich
wird, mit einem positiven Selbstverständnis gegenüber dem Vorurteil der Kinderta-
gespflege als degradierte Tätigkeit.

Arbeitnehmendenrechte und Solidarisierung


Einzelne Tagesmütter dieser Studie sind Mitglied in einer Gewerkschaft für Kinder-
tagepflegepersonen. Im Zuge der Solidarisierung der Tagesmütter entwickelte sich
bereits 1988 eine der ersten Arbeitnehmendenvertretungen für Kinderfrauen, nämlich
der Syndicat Professionnel des Assistants Maternels et des Assistants Familiaux
(SPAMAF). Weitere Gewerkschaften folgten. Sie verbesserten Zug um Zug, in Zu-
sammenarbeit mit dem Staat, die Rechtslage der Tagesmütter. Eine Tagesmutter, die
schon sehr lange in Frankreich Kleinkinder betreut, erzählt:

Am Anfang war das wirklich nachlässig. Wie ein deklassierter Beruf. In kleinen
Schritten ist das dann von den Gewerkschaften zurechtgerückt worden. Äh sie ver-
teidigen regelmäßig und jedes Jahr den Berufsstatus der Kindertagespflegepersonen.
[…] Vielleicht gab es auch ein schlechtes Bild vom Beruf, weil er noch nicht gere-
gelt war. Der Staat hat wahrgenommen, dass viele Frauen schwarz arbeiteten. Sie
waren nicht sozialversichert usw., und dann, auch wegen dem Schutz des Kindes.
Weil man nicht so genau weiß, wie sie arbeitet, was passiert und äh das war gar nicht
geregelt. Also, ich denke, sie haben das wahrgenommen und angefangen, den Eltern
und Tageseltern zu helfen. Äh und dann gab es auch ein Mangel an Plätzen, ja?!
Weil, gut, nicht genug Krippen, nicht genug Horte, also brauchten sie uns für die
Kinderbetreuung. Außerdem haben Frauen in Frankreich nur, nur drei Monate Mut-
terschutz. Deshalb gehen sie danach wieder arbeiten. Äh man musste eine Lösung
finden für äh für diese Kinder da und dass es sicher ist für das Kind, für die Eltern.
Weil das nicht selbstverständlich ist, sein Neugeborenes einer Person zu überlassen,
die man nicht kennt und äh die keine Ausbildung hat äh und die mehr oder weniger
alleine in der Wohnung ist mit den Kindern. 124

124
« Au début c'était vraiment négligé. C'est comme un sous-métier, c'était euh et petit à petit donc
la () (qui?) a mis en place des syndicats. Euh qui défend régulièrement et chaque année le statut
d'assistante maternelle. […] Peut-être que le métier était mal vu aussi, parce que euh il n'y avait
pas vraiment de, c'était pas encadré. L'Etat a pris conscience qu'il y avait beaucoup de, euh des
femmes qui travaillaient au noir. Elles ont pas d'assurance euh sociale et tout ça [hm] et deux euh
pour la protection de l'enfant aussi. Parce que on sait pas trop ce, comment elle travaille, qu'est
ce qui ce passe et euh c'était pas du tout encadré. Donc je pense qu'ils ont pris conscience de ça
288 Frankreich: empirische Befunde

Die Qualitätssicherung der Arbeit beginnt mit ihrer Regulierung durch die öffentliche
Hand, die sie in einen Beruf mit Arbeitnehmendenstatus und nationalem Tarifvertrag
überführt. Die sehr analytische Betrachtung der Tagesmutter verweist auf ein heute
statusbewusstes Selbstverständnis als Arbeitnehmerin. Wie in der Beschreibung der
Tagesmutter deutlich wird, schafft die Professionalisierung durch den Staat Vertrau-
en bei den Eltern. Dies führt zur notwendigen Anerkennung des Arbeitsplatzes Zu-
hause.

Die Gewerkschaften verhandeln bis heute über die Tarifverträge, Rechte und Pflich-
ten des Berufszweigs. Außerdem werden Gewerkschaftsmitglieder bei der Kalkulati-
on des Verdienstes und der Anmeldung der Lohnsteuer von den
Arbeitnehmendenvertretungen unterstützt. Die Forderungen und Verbesserungswün-
sche, die die Tagesmütter dieser Studie an den Beruf der Kindertagespflege stellen,
beziehen sich zum Beispiel auf die Anpassung des Tarifvertrags an jene Verträge, die
in Unternehmen geschlossen werden: „Weil, wenn man sich das genau anguckt, ist er
nicht wie äh er unterstützt nicht die Arbeitsrechte wie äh ein, wie ein Tarifvertrag
von=von Unternehmen.“ 125 Es ist immer noch nicht geregelt, ob Tageseltern dem
Arbeitsrecht oder dem Familienrecht zuzuordnen sind. Wenn sie Arbeitslosenhilfe
beantragen wollen, wissen die Beschäftigten des Pôle emploi (entspricht der Bundes-
agentur für Arbeit) oft nicht, wie sie die Tageseltern klassifizieren sollen. Ihre Ei-
nordnung bereitet Schwierigkeiten, weil die Verträge mit den Eltern einzeln ge-
schlossen werden, so dass in einem Jahr bis zu acht Verträge Grundlage der Entloh-
nung werden können. Zudem werden die assistantes maternelles direkt von den

et qu'ils ont commencé à aider euh les parents et les assistantes maternelles. Euh après il y a eu
un manque de place aussi, hein?! Parce que, bon, il n'y a pas assez des crèches, il n' y a pas assez
de haltes-garderies, donc ils ont eu besoin de nous euh pour pouvoir garder ces enfants. Puis que
euh les femmes en France ont juste, juste trois mois de, de congé de maternité. Donc après elles
vont travailler. Euh il fallait bien trouver une solution pour euh pour ces enfants là et que ce soit
euh sécurisé pour l'enfant, pour les parents. Parce que c'est pas évident de laisser son nourrisson
à une personne qu'on connait pas et euh qui n'a pas suivi de formation euh et qui est seule à la
maison, plus ou moins, avec, avec ses enfants. »
125
« Parce que si on la voit de prés elle est pas comme euh elle ne soutient pas les euh les droits
de=de=du travail comme euh un=un, comme la convention collective de=de, des entreprises. »
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 289

Eltern bezahlt.126 Dies kann zu Zahlungsausfällen führen. Oran erzählt beispielswei-


se:

Ich hatte ein Problem mit einer Mama. Ich hatte zwei Probleme mit zwei Mamas. Es
gab eine Mama, die mir ihren Sohn brachte, die Zulagen haben sie mir gegeben, das
Gehalt hat sie mir nicht gezahlt. Bis heute nicht, seit vier Jahren. Und die zweite hat
mich auch seit fast sechs Jahren nicht bezahlt. Zwischen den beiden sind das große
Summen, aber sie haben nicht, 800€ bei beiden. Aber sie haben mich nicht be-
zahlt.127

Da die Tageseltern direkt von den Eltern bezahlt werden, ist der Schutz vor Ausbeu-
tung begrenzt. Laut einer Studie des DREES bleiben Eltern vor allem einzelne, ver-
gessene oder übersehene Stunden schuldig (vgl. David-Alberola & Momic 2008: 7).
Aufgrund dieser Unsicherheiten gibt es Forderungen auf Seiten der Tageseltern, vom
Staat bezahlt zu werden. Um diesem Wunsch Nachdruck zu verleihen, schreiben
manche Tagesmütter ein festes Monatsgehalt in ihre Verträge. Rechte und Pflichten
der Tageseltern sind bis heute offensichtlich noch nicht an die regulärer
Arbeitnehmender angepasst. Dennoch schafft die Solidarisierung von Care-
Arbeitenden in Gewerkschaften eine Basis, Rechte erkämpfen und ausweiten zu
können. Mindeststandards der Arbeit werden dadurch abgesichert.

Bildung und Weiterbildung im Beruf als Qualitätshinweis


Parallel zur Ausübung der akkreditierten Berufstätigkeit nehmen die Tageseltern an
Fortbildungsprogrammen teil (formation continu), in denen Themen rund um Sicher-
heit, Animation oder das Kindeswohl behandelt werden. Sie haben das Recht auf bis
zu 24 Stunden Weiterbildung im Jahr. Diese Weiterbildungsprogramme können
während der Arbeitszeit oder außerhalb der Arbeitszeit absolviert werden, zumeist
werden sie aber an den Wochenenden durchlaufen. Finden sie außerhalb der eigentli-

126
Zum Beleg können die Arbeitgebenden eine Lohnabrechnung (frz. ‚bulletin de salaire‘) auf der
offiziellen Seite der französischen Verwaltungsbehörde ausfüllen. Dadurch erhalten die Eltern
eine Beihilfe für die Kosten der Tageseltern von den Kassen der Familienbeihilfe (Caf).
127
« J'avais un problème avec une maman. J'avais deux problèmes avec deux mamans. Il y a une
maman elle a ramené son fils, mes indemnités ils m'en donnés, salaire elle m'a pas payé. Ce jus-
qu’à maintenant, depuis quatre ans, et la deuxième elle m'a pas payé depuis presque six ans aus-
si. Entre les deux c'est des grosses sommes, mais ils m'ont pas, 800€ en comptant les deux. Mais
ils m'ont pas payé. »
290 Frankreich: empirische Befunde

chen Arbeitszeiten statt, dann erhält die Kindertagespflegeperson eine Beihilfe, die
seit 2014 bei 3,44€ die Stunde liegt (vgl. Casamape). Die Tagesmütter dieser Studie
bekräftigen, dass sie hierdurch einen Bildungsfortschritt erlangen, der sie gegenüber
den Eltern als professionelle Tagespflegepersonen auszeichnet.

Ihr Bestreben nach beglaubigten, verwertbaren Abschlüssen wird darüber hinaus um


die Möglichkeit eines Erwerbs der Validation des acquis de l’expérience (VAE) (dt.
etwa ‚Zertifizierung erworbener Erfahrung‘) gestützt. Diese ermöglicht es, einschlä-
gige biografische (Berufs-)Erfahrungen für eine Zertifizierung zu nutzen. Beispiels-
weise kann damit in öffentlichen Krippen gearbeitet werden. Diese Aufstiegsoption,
über den Status der assistante maternelle hinaus, weckt bei vielen der befragten
Tagesmütter Ambitionen. Kaya beispielsweise, die keine weiterführende Schule
besucht hat, erhält hierdurch neben der Anerkennung als assistante maternelle ihr
erstes Diplom. Sie muss grundlegende Elemente der allgemeinen Schulausbildung
nachholen und einige Prüfungen ablegen, bis sie über die VAE das Diplom CAP
petite enfance (dt ‚Kleinkindbetreuerin‘) erlangt:

Kaya : Und dann, für mich ein, wie nennt sich das, zu haben .. na, zumindest in mei-
nem Leben ein Diplom zu haben, ich habe eins erworben ähm das ist jetzt ein Jahr
her oder?
Ihre Tochter: Ja, das ist ein Jahr her, seitdem du den letzten Kurs gemacht hast.
Kaya: Genau. Ich habe das Zertifikat CAP petite enfance gemacht.
Interviewerin : Und ändert das etwas, ähm das Diplom ?
Kaya : Äh das ändert etwas für mich .. ich habe trotzdem, ich habe nicht studiert,
aber ich habe trotzdem ein Diplom äh für mich. Darüber hinaus stimmt es schon,
dass das was ändern kann, sagen wir mal in einigen Jahren. Wenn ich, na, wenn
meine Kinder groß werden und äh sie zumindest .. weniger Lust- äh wenn sie mich
weniger brauchen .. mit diesem Diplom könnte ich dann draußen arbeiten, in der
Krippe. [Ah. Ok.] So ist das. Oder in der Vorschule arbeiten als ATSEM128. Mit der
Vorschule. Das ist ein äh das ist ein Diplom das schon auch dienlich ist, das was
bringt. Aber mein Ziel ähm, als ich das CAP gemacht habe, das Ziel war, mir zu sa-
gen ich habe etwas gemacht. Ich habe eine VAE gemacht. Zertifizierung der Erfah-
rung. Voilà. Voilà. Voilà. Voilà, also, ich bin zufrieden mein CAP zu haben. […]
Und am Ende, da waren andere mit mir, die schon Diplome hatten. Oder das Abi,
oder eine Lehre, all das. Aber ich hatte das alles nicht. Ich musste Französisch, Ma-

128
Agent Territorial Spécialisé des Écoles Maternelles
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 291

the, Grammatik alles was äh Geschichte äh alles was geografisch ist, alles. Und dann
über meinen Beruf reden. Ich musste alles durchlaufen. 129

Die Weiterentwicklung ihrer Profession durch zertifiziertes Wissen festigt Kaya‘s


Selbstbewusstsein. Dieser persönliche Gewinn materialisiert sich durch die Bereit-
stellung einer Qualifikation, die auch in anderen Einrichtungen genutzt werden kann.
Die Weiterbildung zu einer Kleinkindbetreuerin bedeutet eine Selbstermächtigung im
Sinne beruflichen Aufstiegs. Das Zertifikat liefert den entsprechenden Qualitätshin-
weis.

Die Weiterqualifizierung ermöglicht die Erschließung neuer Tätigkeitsfelder. Aller-


dings wird hiervon nicht unbedingt Gebrauch gemacht, wie das Beispiel von Samsara
zeigt, die bereits in einer Krippe gearbeitet hat. Sie ist über eine Heiratsmigration aus
Tunesien in ein Stadtzentrum nach Frankreich gekommen. Als Teil einer wohlhaben-
den Familie hat sie eine gehobene Bildung genossen und noch in Tunesien das Abitur
gemacht. In Frankreich schrieb sie sich für ein Wirtschaftstudium ein, was sie im
Zuge der Familiengründung nicht beendete. Alternativ absolvierte sie eine CAP
petite enfance und arbeitete dann sowohl in einer Vorschule als auch in einer Krippe,
bevor sie um der eigenen Flexibilität Willen zur Kindertagespflege wechselte. Sie
sieht die Vorteile der Kindertagespflege in flexiblen Beschäftigungszeiten, der mög-
lichen Orientierung am Rhythmus des Tageskindes und im gegenüber Krippen gerin-
geren Krankheitsrisiko für Kinder. Außerdem verdient sie bei 1 445€ Netto im Monat
zusätzlich zu ihrem erwerbstätigen Ehemann genug, um über den Sommer regelmä-

129
Kaya : Et après pour moi avoir euh comment s'appelle ça .. bah avoir au moins un diplôme dans
ma vie, j'ai passé euh ça fait un an maintenant? – Sa fille : Oui, ça fait un an que tu as passé le
cours dernier. – Kaya: Voilà. J'ai passé mon=mon CAP petite enfance. – Intervieweuse: Et ça
change quelque chose, euh ce diplôme? – Kaya: Euh, ça change pour moi .. j'ai pas obtenu, j'ai
pas fait d'études j'ai quand même un diplôme que euh pour moi. Après c'est vrai que ça peut
changer on va dire dans quelques années. Si moi bah mes enfants ils grandissent et euh ils au-
raient au moins là .. moins d'envie- euh moins besoin de moi .. avec ce diplôme je pourrais tra-
vailler à l'extérieur en crèche. [Ah. Ok.] Voilà. Ou travailler à l'école en tant que ATSEM. Avec
la maternelle. C'est un euh c'est un diplôme quand même qui sert, qui sert à quelque chose. Mais
moi le euh le but quand j'ai passé le CAP c'était le but de me dire j'ai fait quelque chose. Je l'ai
passé en VAE. Validation des acquis. Voilà. Voilà. Voilà. Voilà, alors, je suis contente d'avoir
mon CAP. […] C'est que en fin de compte, d'autres, qui étaient avec moi, avaient déjà eu
des=des diplômes. Ou le bac, un brevet, tout ça. Mais moi j'avais pas tout ca. Il a fallait que moi
je repasse le français, les maths, la grammaire, tout ce qui euh concerne l'histoire euh tout ce qui
est géographique, tout. Et après, de parler de mon métier. Il fallait que je passe tout.
292 Frankreich: empirische Befunde

ßig Urlaub in Tunesien zu machen. Mit Rücksicht auf die Gepflogenheiten in einem
muslimischen Haushalt konnte ich außerdem beobachten, dass sie in meiner Anwe-
senheit ein Kopftuch abnahm, es jedoch dann, als ein franko-französischer Vater sein
Kind abholte, wieder anzog. Es bleibt unbeantwortet, ob dies eine Geste der Ge-
wohnheit ist, einem identitätsstiftenden Sinn unterliegt, oder der Konfrontation mit
Öffentlichkeit geschuldet ist und damit ein Ausschlusskriterium für die Beschäfti-
gung in Institutionen darstellt.

Wege der langfristigen Legalisierung von Aufenthalt und Berufstätigkeit


Die migrantischen assistantes maternelles dieser Studie haben entweder befristete
oder unbefristete Aufenthaltsgenehmigungen, die französische Staatsbürgerschaft
oder eine doppelte Staatsbürgerschaft. Der Rechtsstatus hängt unter anderem davon
ab, ob die Generation der Eltern einen Bezug zum kolonialen Frankreich nachweisen
kann oder ob der Ehemann über einen legalisierten Aufenthaltsstatus verfügt. Die
Heirat mit einem in Frankreich lebenden Mann führt nicht unmittelbar zum Erwerb
der französischen Staatsbürgerschaft. Die Tagesmütter dieser Studie, die einen erst
einmal gesicherten Aufenthaltsstatus haben (zum Beispiel eine carte de sejour für
zehn Jahre), streben zunächst nicht unbedingt eine Staatsbürgerschaft an. Oft wird
ein Antrag erst mit Aufwachsen der Kinder gestellt, denn diese sind meist französi-
sche Staatsbürger_innen, sofern sie nicht bei einem Besuch im Herkunftsland gebo-
ren wurden. In dieser Studie hat sich herausgestellt, dass einzelne Kinder aufgrund
der transnationalen Lebensbezüge nicht in Frankreich, sondern im Herkunftsland
geboren wurden. In der Konsequenz sind die staatsbürgerschaftlichen Anrechte zwi-
schen den Familienmitgliedern ungleich verteilt. Da Geschwister an verschiedenen
Orten geboren werden und in Frankreich das Geburtsortsprinzip primär gilt, haben
sie unterschiedliche Papiere und damit unterschiedliche staatbürgerschaftliche Pflich-
ten und Rechte.

Noura hat zur Zeit der Interviewführung eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung
für zehn Jahre. Ihr migratorischer Parcours wird von den jeweiligen nationalstaatli-
chen Regelungen innerhalb Europas mitbestimmt:
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 293

Und dann, er, er wohnt in Italien. Er hatte keine Papiere. Er blieb fast vier oder fünf
Jahre ohne Papiere. Vier Jahre! Vier Jahre! Ich habe mich mit ihm verlobt, er war
nicht mit uns, seine Familie ist gekommen, ich verlobte mich, aber mein Mann war
nicht dabei, er war in Italien ohne Papiere. [Hm.] Er blieb nach der Verlobung drei
Jahre und dann haben sie ein Gesetz beschlossen, um Papiere zu erlauben. Wenn du
nachweisen kannst, dass du an dem und dem Datum gekommen bist, kannst du Pa-
piere bekommen. Sie haben die Papiere gemacht und dann ist er nach Tunesien ge-
kommen. Wir haben den Geburtsakt äh den Heiratsakt gemacht, um die Papiere für
mich vorzubereiten. Und dann hat er die Anfrage für mich gemacht und ich bin zu
ihm gekommen. Als er die Papiere und alles fertig hatte, haben wir geheiratet. Nach
einem Jahr habe ich ihn in Italien erreicht. Dann bin ich vier Jahre bei ihm geblieben.
Dann sind wird nach Frankreich. […] Das ist das Restaurant meines Schwagers, ja.
Er hat einen Vertrag gemacht, er hat mit ihm und mir gearbeitet. Vorher wollten sie
keine Papiere geben, weil mein Mann hier ein Visum gemacht hat. Äh ich habe die
Kleine mit zwei Jahren mit mir genommen. Und war schwanger mit meinem Jungen,
als ich nach Frankreich kam. Schwanger. [Hm.] Schwanger. Fünf Monate oder so, in
meinem Bauch der Junge. Sie wollten keine Papiere ausstellen, sie hat „nein“ zu mir
gesagt, für meinen Mann der hier arbeitet „ja“, für mich „nein“. Ich hatte nicht das
Recht Papiere zu bekommen und alles. Ich habe mir eine Anwältin genommen. Weil
ich schwanger bin, hat die Anwältin gesagt: „Wie wird sie das machen ohne
Gesundheitskarte und allem, sie kann das Kind hier nicht gebären und sie hat keine
Papiere, nur die Papiere aus Italien.“ Ich habe Papiere für ein Jahr bekommen, ich
und mein Mann. Ein Jahr, ein Jahr, dann für fünf Jahre. Und dann haben sie Papiere
für zehn Jahre gegeben. Für mich und meinen Mann. […] Und vielleicht nehmen wir
die Staatsbürgerschaft an. Ich fahre nach Tunesien, ich mache die Papiere, weil mei-
ne Tochter hier eine Durchgangskarte hat, weil sie nicht hier geboren wurde, sie
wurde in Italien geboren. [Hm.] Das ist nicht, zwischen ihr und ihren Brüdern exis-
tieren unterschiedliche Karten. [Hm.] Und deswegen beantragen wir die Staatsbür-
gerschaft, für sie und die anderen. 130

130
« Et après, lui, il a habité en Italie. Il n'a pas des papiers. Il est resté presque quatre ans ou cinq
ans, y a pas de papiers. Quatre ans! Quatre ans! J'ai fait les fiançailles et lui, il n'a pas avec nous,
sa famille elle est venu pour faire le, j'ai fait les fiançailles, mais mon mari il est, n'est pas avec
nous, il est en Italie sans papiers. [Hm.] Il est resté après les fiançailles trois ans et après ils ont
fait une loi pour faire les papiers qu'il a là-bas en Italie trois, si tu a la preuve que, que t'es rentré
euh et à quel date, tu peux faire les papiers. Ils ont fait les papiers et après il est descendu en, en
Tunisie. On a fait le, l'acte de naissance euh l'acte mariage, pour préparer euh les papiers pour
moi. Et, et après il a fait la demande pour euh moi je, je vais chez lui. On fait, après quand il a
terminé les papiers et tous, on a fait le mariage. Après un an, moi, je l'ai attrapé en Italie. Et, et
après on a, moi, je suis restée avec lui quatre ans. Après on est venu en France. […] C'est le res-
taurant de mon beau-frère, oui. Il a fait un contrat, il a travaillé avec lui et moi, avant, ils vou-
laient pas donner les papiers, parce que mon mari il a fait le Visa ici. Euh j'ai ramené la petite
avec moi à deux ans. Et je suis venue en France enceinte moi avec le garçon. Enceinte. [Hm.]
Enceinte. Cinq mois quelque chose comme ca, dans mon ventre le garçon. Ils vont pas faire les
294 Frankreich: empirische Befunde

Der rechtliche Status in den verschiedenen Nationalstaaten bestimmt sowohl den


Migrationsprozess als auch die partnerschaftliche Odyssee des Paares. Erst mit der
Legalisierung des in Italien lebenden langjährigen Verlobten wird die Heirat vollzo-
gen und ein legalisierter Nachzug Nouras nach Europa möglich. Innerhalb Europas
wird eine legalisierte Weitermigration von Noura nach Frankreich erst durch ihre
Schwangerschaft und mithilfe eines Anwalts gestattet. Der Ehemann hingegen be-
kommt in Frankreich „Papiere“ ausgestellt, weil er eine Erwerbstätigkeit nachweisen
kann. Darin wird deutlich, wie Erwerbstätigkeit auf der einen und Familienrecht auf
der anderen Seite Strategien zur Regularisierung sein können, den Migrierenden aber
auch Grenzen setzen. Durch die später folgende Tätigkeit als registrierte Kinderta-
gespflegepersonen gelten die Migrantinnen in Frankreich heute als aktive Erwerbstä-
tige.

Zukunftsaspirationen: berufliche Perspektiven, körperliche Verfassung


und Altersvorsorge
Den Beruf mit mehreren Kindern gleichzeitig auszuüben erfordert körperliche und
mentale Fitness. Dies bereitet den Tageseltern mit Blick auf die Zukunft Sorgen. Die
körperliche Konstitution entscheidet über Dauer und Umfang der Arbeit und damit
über die Höhe des Gehalts und des zukünftigen Rentenbezugs in Frankreich. In der
Regel haben die Frauen inzwischen hier ihren festen Lebensmittelpunkt. In den quar-
tiers populaires kommt es manchmal zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, wenn
keine Vollbeschäftigung erreicht werden kann: „Ich habe nachgedacht, was ich tun

papiers, elle m'a dit ‹non›, pour mon mari parce qu'il travaille ici, pour moi ‹non›. J'ai pas le droit
de faire les papiers et tout. J'ai pris un avocat. Et je fais, comme quoi, parce que je suis enceinte
euh l'avocat elle a dit : ‹Comment elle va faire sans carte vitale et tout, elle peut pas, accoucher
ici et elle n'a pas de papiers, juste les papiers de l'Italie.› J'ai pris euh les papiers un an, moi et
mon mari. Un an, un an, pour dans cinq ans. Et après on m'a donné euh pour dix ans. Des papiers
pour dix ans. Pour moi et pour mon mari. […] Et peut-être on va faire le nationalité. Je descends
en Tunisie, je vais faire les papiers, parce que ma fille elle a une carte de circulation ici, parce
que elle n'est pas née ici, elle est née en Italie. [Hm.] C'est pas, entre elle et ses frères, différent
les cartes. [Hm] Euh c'est pour ça qu'on va faire la nationalité, pour elle et pour les autres. »
Perspektiven der Handlungsfähigkeit 295

kann. Um den Beruf zu wechseln. Um etwas anderes zu machen, womit ich gleich
beginnen kann. Und das einzige, was man finden kann, ist putzen.“ 131

Einzelne Tageseltern können sich vorstellen, später über die erworbene CAP petite
enfance in eine öffentliche Krippe zu wechseln. Andere denken gemeinsam mit ande-
ren Tageseltern über die Gründung einer sogenannte micro-crèche (dt. ‚Familien-
krippe‘) nach.

131
« J’ai réfléchi pour faire. Pour changer de métier. Pour faire, pour faire autre chose en fait. Que
je peux trouver tout de suite. Et la seule chose qu'on peut trouver c'est le ménage ici. »
296 Frankreich: empirische Befunde

6.4 Resümee zu den migrantischen Tagesmüttern


Die migrantischen Tagesmütter in Frankreich wachsen zumeist in der Großfamilie
auf dem Land im Maghreb in bescheidenen Verhältnissen auf. Die Orientierung und
Mitarbeit an Haushaltstätigkeiten ihrer Mütter prägt das Familienleben. In der Ado-
leszenz stellen sie ihre Bildungsaspirationen mit Blick auf eine zukünftige Hochzeit
zurück. Mit der Volljährigkeit verwirklichen sie typischerweise eine eigene Fami-
liengründung über eine (arrangierte) Heiratsmigration mit einem bereits in Frank-
reich lebenden Mann. Oft handelt es sich um einen näheren Bekannten oder Ver-
wandten der Familie. Viele der Frauen ziehen in Sozialbauviertel in Frankreich. Dort
vergrößert sich ihre Familie auf oft bis zu vier Kinder und das familiäre Leben wird
in den Vordergrund gerückt. Es folgt eine Phase starker Isolation in der Aufnahme-
gesellschaft. Der Anschluss an die umgebende Gesellschaft verzögert sich, was zu-
nächst nur durch Kontakte zu anderen maghrebinischen Frauen aufgebrochen wird.
Die Kinder integrieren sich nach und nach in das französische Bildungssystem.

Prozessartig wird den Paaren mit dem Anwachsen der Familien bewusst, dass ein
zweiter Verdienst notwendig wird. Das an Doppelverdienern orientierte Frankreich
verlangt nach der Erwerbstätigkeit der Frauen. Durch die Konzentration auf das
Familienleben fehlen den jungen Migrantinnen jedoch Qualifikationen für den fran-
zösischen Arbeitsmarkt. Erschwert wird die Erwerbsintegration außerdem durch das
von vielen unter ihnen genutzte Kopftuch, das als religiöses Symbol gewertet wird,
und daher nicht in öffentlichen Einrichtungen getragen werden darf. Auf der Suche
nach Erwerbsperspektiven, in denen sie ihre biografischen Ressourcen aus der Fami-
lienarbeit und ihre Identifikation als Mütter übertragen können, stoßen sie auf die
Kindertagespflege als Option. Über diesen Beruf können sie scheinbar disparate
Interessen vereinen: Zuhause bleiben und gleichzeitig arbeiten. Eine Fremdbetreuung
der eigenen Kleinkinder wird vermieden und die Tradition des Kopftuchtragens
gewahrt.

In der Berufstätigkeit als assistante maternelle verdienen die Frauen erstmals ein
eigenes Gehalt. Oft werden sie gleichermaßen Ernährerinnen der Familie, manchmal
werden sie sogar zu den Haupternährerinnen ihrer Familie. Über den neuen Beruf
gelten sie als sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmerinnen, die durch eine be-
Resümee 297

sondere Regelung für ihre Berufsgruppe keine Steuern zahlen. Insofern erreichen die
Frauen auf Basis einer sehr bescheidenen Ausgangslage einen sozialen Aufstieg, der,
wie im Fall der alleinerziehenden Tagesmutter Kaya, bemerkenswert sein kann und
neues Selbstbewusstsein schafft. Diese Entwicklung wird allerdings von der Beschäf-
tigungslage einzelner Tagesmütter in quartier populaires stark konterkariert. Auf-
grund der hohen Konzentration maghrebinischer Tagesmütter in diesen Vierteln
kommt es zu einer nur geringen Nachfrage und der Verdienst bleibt bescheiden. Um
in Phasen der Schwangerschaft oder Arbeitslosigkeit einem Verdienstausfall entge-
genzuwirken, machen die Tagesmütter von sozialpolitischen Leistungen wie dem
Arbeitslosen- oder Erziehungsgeld Gebrauch. Letzteres kann zu einem längeren
Wiederaustritt aus der Erwerbstätigkeit führen, weil die Ersatzleistung bis zum drit-
ten Lebensjahr des jüngsten Kindes für einkommensschwache und gleichzeitig kin-
derreiche Familien eine gewisse Attraktivität besitzt.

Über die Teilhabe der maghrebinischen Frauen am französischen Erwerbsarbeits-


markt schließen sie Kontakte mit Eltern, Tageskindern, Sozialarbeiterinnen und
anderen Tagesmüttern. Daraus folgt ein Eintritt in die französische Gesellschaft, der
über den Bezugsrahmen ihrer Wohnviertel hinaus geht. Eine bedeutende Rolle
kommt den Beschäftigten der Vermittlungsstellen für Kindertagespflege zu, da sie
den Interessensausgleich zwischen Eltern und Tageseltern fördern und für die Tages-
eltern eine kontinuierliche Bezugsperson darstellen. In den staatlich zur Verfügung
gestellten Begegnungsräumen entwickelt sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl
innerhalb der neuen Berufscommunity. Über diesen Raum wird die Identität als
Tagesmütter beispielsweise in Form gemeinsamen kreativen Tuns gefestigt. Die
Begegnungsräume ergänzen außerdem den Arbeitsplatz Zuhause, da die Tageseltern
mit den Tageskindern dorthin wechseln können.

Am Arbeitsplatz Zuhause bestimmt wiederum Grenzziehungs- und Grenzöffnungs-


arbeit den Alltag. Im eigenen Zuhause zu arbeiten bedeutet einerseits, Pendeln zwi-
schen Arbeitsplatz und Zuhause zu vermeiden, andererseits bereitet das doing family
mit den Tageskindern Probleme. In der Inszenierung des Familienlebens mit den
Tageskindern entstehen Bindungen und dadurch können Grenzen familiärer Zugehö-
rigkeit zerfließen. Die Frauen erzeugen auf der Basis einer symbolischen Repräsenta-
298 Frankreich: empirische Befunde

tion von Liebe, in der Liebe als für die Arbeit notwendiges Faktum ausgewiesen wird
(„il faut aimer“), einen emotionalen Mehrwert. Der Interessenausgleich zwischen
eigenen Kinder und Tageskindern bedeutet eine zusätzliche Belastung. Gefühlsarbeit
als Erwerbsarbeit und Gefühlsarbeit als Familienarbeit scheinen unauflöslich inei-
nander verwoben zu sein. Der von den Frauen erzeugte emotionale Mehrwert in der
Arbeit wird auch von Eltern geschätzt, die ihre schon (vor-)schulpflichtigen Kinder
für die Mittagszeiten bei einer Tagesmutter (weiter-)betreuen lassen. Der Rückgriff
auf Tageseltern bedeutet dann eine Weiter- beziehungsweise teilweise Rückverlage-
rung von öffentliche in familiäre Strukturen.

Weil die Tagesmütter viel Zeit mit den Tageskindern verbringen, können sie oft
Dinge beobachten, die den Eltern verborgen bleiben. Dies kann zu Auseinanderset-
zungen über Erziehungsfragen führen und in Spannungen kumulieren. Die Identitäts-
konstruktionen von Mutterschaft auf der Seite der assistantes maternelles, die auf
Familienarbeit konzentriert sind, stehen im Kontrast zu jenen der überantwortenden
Mütter, die in die außerfamiliäre Erwerbsarbeitswelt streben. Gleichzeitig können die
Identitäten beider in der modernen Arbeitswelt nur über diese Polarisierung gelebt
werden, da sie einander ihre Existenzen garantieren. Männer spielen eine marginale
Rolle, da sie kaum Care-Arbeiten übernehmen. Während die Rolle des Mannes auf
Erwerbstätigkeit beschränkt bleibt, wird die der Frau in der französischen Gesell-
schaft ausgeweitet – sie ist erwerbstätig und leistet das Gros der Familienarbeit.

Die Familienkonstruktionen in der Kindertagespflege sind aus Kindern ähnlichen


Alters oder unterschiedlicher Hautfarbe und deren migrantischer Tagesmutter zu-
sammengesetzt. In der Öffentlichkeit stehen sie für eine sichtbare Verschiebung der
normativ oft als homogen wahrgenommenen Kleinfamilien. Im Bewusstsein, die
Arbeitsmarktaktivitäten der Gesamtgesellschaft zu sichern, liegt eine der identitäts-
stiftenden Merkmale der Tagesmütter. Zur Vertretung ihrer Interessen in der Arbeit
solidarisieren sich die Tagesmütter zum Teil in Gewerkschaften. Sie fordern eine
Ausweitung der Arbeitsstandards wie sie auch in Unternehmen gelten. Löhne sollen
direkt durch den Staat gezahlt werden, um die Gehälter zu sichern. Die Tagesmütter
bilden sich im Beruf durch Fortbildungsprogramme weiter und nutzen zum Teil die
Resümee 299

Option einer Weiterqualifizierung über die Zertifizierung erworbener Erfahrung


(Validation des acquis de l’expérience).

Durch das transnationale Familienleben der Frauen und die nationalstaatlichen Rege-
lungen in Bezug auf Staatsbürgerschaft haben die einzelnen Familienmitglieder oft
unterschiedliche rechtliche Status. Bezüge zum kolonialen Frankreich, das Familien-
recht oder eine gesicherte Situation des Ehemannes können den Erhalt einer langfris-
tigen Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung erleichtern. Die Tagesmütter sind über
die Erwerbstätigkeit alle in das französische Rentensystem einbezogen. In den quar-
tier populaires ist dennoch wegen der stagnierenden Beschäftigung mit einer gerin-
gen Rente im Alter zu rechnen.
7 Zusammenfassender Vergleich der empirischen Be-
funde
Den Wandel von der Großfamilie zur Kleinfamilie, der in den Ländern Mitteleuropas
seit dem 19. Jahrhundert stattgefunden hat und dem nunmehr eine Pluralisierung der
Lebensformen folgt, erfahren ansässige Familien in Deutschland und Frankreich nun
schon über mehrere Generationen. Sowohl die Frauen (und Männer) dieser Studie,
die aus den postsozialistischen Ländern nach Deutschland migrieren, als auch jene,
die aus den Maghreb-Staaten nach Frankreich kommen, haben ihren familialen Zu-
sammenhalt in einer in Westeuropa als tradiert geltenden Großfamilie. Das Zusam-
menleben der einzelnen Familienmitglieder in einer Großfamilie war zwingende
Voraussetzung zur Erwirtschaftung von Nahrung, Versorgung und Behausung und
damit Lebenserhaltung. In der Großfamilie sind Familienprojekte bestimmend, um
alle Mitglieder der Familie abzusichern. Damit einher geht ein Vorrang der Familie
gegenüber individuellen Wünschen und Bewegungsräumen. Im europäischen Wohl-
fahrtsstaat haben Individuen unabhängig von der Familie mehr Möglichkeiten ein
autonomeres Leben zu führen; gleichzeitig führt diese „Individualisierung“ zu prekä-
ren Lebenslagen, in denen Menschen häufiger auf sich selbst gestellt bleiben (vgl.
Beck 1986: 146, 150; Dumont 1983; Giddens 1990; Taylor 1989). Trotz der Verän-
derungen in den Familienstrukturen hat die „Transmission“ von Kenntnissen und
Gütern auch in der Klein- oder Patchworkfamilie weiterhin eine prägende Funktion.
Die Ressourcen der Familie, ideeller und materieller Art, werden von Generation zu
Generation an die einzelnen Familienmitglieder weitergegeben und beeinflussen
daher signifikant die persönliche Orientierung der Einzelnen. Der Lebensverlauf
einzelner Familienmitglieder entspringt somit der gesamten Entwicklung der Familie,
der „familiären Verlaufskurve“, und Reproduktion verortet sich so als dynamischer
Prozess in der Familieneinheit (vgl. Bertaux & Bertaux-Wiame 1988: 8). Die anhän-
gigen Familienprojekte der Migrantinnen und Migranten in der Kindertagespflege
samt Erfolgen und Misserfolgen in Hinblick auf soziale Mobilität konstituieren sich
vor diesem Hintergrund sowohl in Frankreich als auch in Deutschland.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


J. Glaeser, Care-Politiken in Deutschland und Frankreich,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19851-0_7
302 Zusammenfassender Vergleich der empirischen Befunde

7.1 Wege in die Kindertagespflege: eine gemeinsame Lösung unter


divergierenden Voraussetzungen
Die Projekte der Tagesmütter aus dem Maghreb sind im Unterschied zu den Tagesel-
tern, die aus den ehemals sozialistischen Ländern stammen, stärker über die Familie
determiniert. Die Normen der familiären Ordnung im Maghreb werden im frühen
Lebensalter internalisiert. Die wenig urbane, mehr am Handwerk orientierte Eltern-
generation übermittelt eine strikte Geschlechterordnung, in der sich Möglichkeits-
räume für Töchter hauptsächlich in der Familienarbeit abzeichnen. Die transnationa-
len, über mehrere Generationen verlaufenden familiären Netzwerke zwischen Frank-
reich und dem Maghreb, entstanden durch die historische Verflechtung mit der Ko-
lonialzeit Frankreichs, werden von der gesamten Familie in Form einer meist arran-
gierten Heiratsmigration genutzt, um den Zusammenhalt der Familie zu sichern. Die
postkoloniale Migrationspolitik Frankreichs, die ihren ehemaligen Kolonien Zuge-
ständnisse in Punkto Staatsbürgerschaft und Familienzusammenführung macht, folgt
diesen Gegebenheiten. Mit der Heirat erfüllt die Frau die für sie vorgesehene Rolle.
Sie verkörpert eine weibliche Care-Identität, deren Tradierung durch patriarchale
Strukturen in Ehe und Familie gewahrt wird. Eine alternative Identitätskonstruktion
ist unter den geltenden Familiennormen nur schwer denkbar. Für alle Angehörigen
markiert die Verehelichung einen Statusgewinn, der durch die Migration ins ökono-
misch stärkere Europa gesteigert werden soll. Die Auswahl eines Mannes aus dem
erweiterten Familien- und Bekanntenkreis garantiert die Rückführung sozialen und
ökonomischen Gewinns in die eigene Familiengemeinschaft. Das Familienprojekt
wird damit Teil eines transnationalen Familiennetzwerks und -unternehmens.

Die Gruppe der interviewten Tageseltern in Deutschland erscheint heterogener als


die maghrebinischen Frauen in Frankreich. Zum einen sind einzelne Männer Teil des
Samples geworden, zum anderen sind die nationalstaatlichen Kontexte, aus denen sie
nach Deutschland migrieren, schwerer zu generalisieren. Dennoch verweist die Her-
kunft der meisten, als übergeordnete Gemeinsamkeit, auf eine familiäre Vergangen-
heit im realsozialistischen Staat. Während Familienprojekte in den untersuchten
maghrebinischen Familien als geschlossene familiale Räume inszeniert werden,
unterstützen die Familien in den postsozialistischen Ländern die individuelle Migra-
tion der von mir interviewten Frauen und Männer. Für viele Frauen der Müttergene-
Wege in die Kindertagespflege 303

ration eröffnete sich nach der Oktoberrevolution von 1917 neben lebensentscheiden-
den Beschränkungen ein erweiterter Möglichkeitsraum. Abhängigkeiten in der pat-
riarchalen Gesellschaft wurden geschwächt, indem Scheidungen möglich wurden,
und Bildungs- und Erwerbsarbeitsmärkte wurden erobert. Ausgehend von den Erfah-
rungen einer realsozialistischen Familienpolitik übermitteln die Eltern ihren Kindern,
dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg sei. Zudem unterstützen sie einen legalen
Zugang nach Europa, zum Beispiel als Au-pair oder mit Studierenden-Visum. Wäh-
rend im Maghreb Bildungsaspirationen im Licht einer Heirat für die Frauen plötzlich
unwesentlich erscheinen, streben die Migrantinnen und Migranten aus der ehemali-
gen Sowjetunion oder aus dem ehemaligen Jugoslawien und Polen umgekehrt über
Bildung nach sozialem Aufstieg. Im Gegensatz zu den maghrebinischen Migrantin-
nen, deren Französisch-Kenntnisse im Aufnahmeland während der Familiengrün-
dung in den Hintergrund treten, erlernen die osteuropäischen Migrantinnen und Mig-
ranten die deutschen Sprache neu. Ihre Migrationsprojekte sind, sehr viel mehr als
jene aus dem Maghreb, mit dem Interesse verbunden, persönliche Autonomie über
den Bildungsweg zu gewinnen. Einen Konflikt zwischen Geschlecht, Familie und
Arbeit erwarten sie dabei nicht.

Obwohl die Migrantinnen und Migranten aus den postsozialistischen Ländern nur
schwer zum Arbeitsmarkt Zugang finden und auch der Spracherwerb ein Problem
darstellt, gliedern sie sich vergleichsweise schnell in die Aufnahmegesellschaft ein.
Im Prozess der schwierigen Anerkennungsphase bereits erworbener Qualifikationen
orientieren sie sich in Beruf und Bildung um, geraten jedoch nicht in eine dauerhafte
Arbeitslosigkeit. Im Unterschied zu den maghrebinischen Frauen in Frankreich stellt
daher nicht der Qualifikationsmangel ein Problem dar, sondern der relative Rück-
schlag eines bereits erworbenen Status. Analog mit der Bildungsorientierung wird die
Teilhabe an der Aufnahmegesellschaft befördert und eine Familiengründung verzö-
gert. Die Familienpolitik in Deutschland, die lange Zeit ausschließlich das Ernährer-
Modell favorisierte, unterstützt ein im Vergleich zu den postsozialistischen Staaten
konservatives Familienleben. Im Zuge einer sich verfestigenden Paarbeziehung be-
einflusst dieses Modell nun auch die Lebensrealität der Migratinnen (und Migranten)
in Deutschland. Im Kontrast zu den migrantischen Tageseltern in Frankreich, die zur
Zeit der Interviewführung drei bis vier Kinder haben, tritt erst nach einigen Jahren
304 Zusammenfassender Vergleich der empirischen Befunde

des Aufenthalts in der deutschen Gesellschaft eine familienorientierte Phase auf, aus
der weniger, zur Zeit der Interviewführung etwa zwei bis drei Kinder, hervorgehen.
Allerdings zwingt die Familiengründung der Frauen in Deutschland umso heftiger zu
einem Rückzug aus dem Erwerbsleben oder dem Studium. Sie löst einen
signifikanten turning point im Sinne Tamara Hareven und Kanju Masaokas aus: “A
turning point is a process involving the alteration of life path, of a ‚course correc-
tion‘.” (vgl. Hareven & Masaoka 1988: 272, 274) Vereinbarkeit von Familie und
Beruf wird jetzt für diese Migrantinnen zur in Deutschland klassischen Kardinalfrage
und ändert die vorherige Lebensplanung grundsätzlich. Das Berufsleben, meist im
Niedriglohnsektor, wird aufgrund einer nicht mehr zu bewältigenden Vereinbarkeit
von Familie und Beruf eingestellt. Ihre Kurskorrektur besteht in der Anpassung an
die Mehrheitsgesellschaft in Westdeutschland, in der Frauen nach der Familiengrün-
dung das Berufsleben meist für längere Zeit aussetzen. Ihre liberale Sozialisierung in
Hinblick auf Geschlecht verschiebt sich zugunsten einer konservativen Rollenvertei-
lung in der neuen Wertegemeinschaft.

Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland haben die jungen Familien meist nied-
rige Einkünfte. Auffällig sind die prekären Beschäftigungsverhältnisse der maghrebi-
nischen Ehemänner in Frankreich, deren Frauen zusätzlich erwerbslos sind. Die oft
selbst migrierten Partner arbeiten in typischen sogenannten Männerberufen mit nur
geringen Aufstiegschancen. Partnerschaften entstehen deshalb innerhalb von spezifi-
schen Schichten, wodurch letztere zusätzlich reproduziert werden. In Deutschland
leisten die hinzu gewanderten Frauen (und Männer) jedoch immer einen Zuverdienst
und häufiger haben der Partner oder die Partnerin schon ein stabiles Beschäftigungs-
verhältnis. Die Partnerwahl der Frauen aus den postsozialistischen Ländern erfolgt
zudem selbstbestimmter. Im Vergleich hierzu ist die meist arrangierte Ehe der Frauen
aus dem Maghreb mit Männern in Frankreich a priori entschieden. Die Umsetzung
des Familienplans als Plan der Großfamilie mit Ziel bald mehrere Kinder zu bekom-
men erfüllt sich. Da ihre Hauptaufgabe in der Reproduktion der Familie liegt, ver-
knüpfen die Frauen Sinn und Zweck ihres Lebens mit der entstehenden Familie, was
die soziale Eigenständigkeit in bedeutendem Maße reduziert. Die aus der Konzentra-
tion auf die Privatsphäre resultierende Isolation wird durch die staatliche Wohnungs-
politik begünstigt, da sie häufig in maghrebinische Enklaven führt. In der neuen
Wege in die Kindertagespflege 305

Umgebung wird die vertraute Lebenswelt reinszeniert. Auch die Nähe zur französi-
schen Sprache, in Einwanderungsländern of