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Richard Wagner und Giuseppe Verdi: Zwei Komponisten - ein Europa - Freie Presse 26.11.

12 02:27

Montag, 26.11.2012

Richard Wagner und Giuseppe Verdi: Zwei


Komponisten - ein Europa
Zum 200. Geburtstag misst Autor Eberhard Straub beide
Komponisten aneinander und betont das Gemeinsame
Chemnitz. Die Gemeinsamkeiten sind verblüffend: Beide, Wagner und Verdi,
sind im selben Jahr geboren. Richard Wagner am 22. Mai 1813 in Leipzig,
Giuseppe Verdi am 10. Oktober 1813 in Le Roncole. Beide besuchten das
humanistische Gymnasium, beide lebten nicht bürgerlich brav, beide
heirateten Frauen aus dem Theatermilieu - die aus Oederan stammende
Schauspielerin Minna Planer war Wagners erste Frau, die italienische Der Umstrittene: Richard Wagner.
Opernsängerin Giuseppina Strepponi Verdis zweite. Beide liebten Paris...
Eberhard Straub, der Autor des Buches "Wagner und Verdi", hat Foto: dapd
umfangreiches Material für die Doppelbiographie der beiden Giganten der
Opernbühne zusammengetragen, die sich schon zu Lebzeiten aneinander messen lassen mussten und die sich absichtsvoll aus dem
Weg gingen - obwohl es genügend Gelegenheiten gab, einander kennenzulernen. Eberhard Straub, geboren 1940, ist habilitierter
Historiker, Journalist und Buchautor. Er war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und arbeitet seit mehr als zehn
Jahren als freier Publizist.
"Zwei Europäer des 19. Jahrhunderts" ist das Sachbuch überschrieben, das spannend geschrieben ist und - ganz erfreulich - keine
Denkmäler einreißt, auch nicht ironisch die Macken und Eitelkeiten der Künstler der Lächerlichkeit preisgibt. Auf Privates mag man
sich gern stürzen, diese Nähe ist gewünscht.
Wert des Bandes aber ist die Betonung des Gemeinsamen - bei aller
Verschiedenheit und Konkurrenz. So ist zu erfahren, dass "Wagner am
Klavier Verdi recht amüsant parodierte", der erfolgreiche Verdi hingegen
Wagner nicht fürchtete, auch seine Partituren zwar kommen ließ, sie aber
nicht las. Die Koexistenz hielt an, bis es 1861 in Paris aufgrund politischer
Machenschaften zum Skandal um eine "Tannhäuser" -Aufführung kam. Denn
beide hatten Paris als ihre Bühne erkoren, und Wagner machte Boden gut.
Wie viel Eitelkeit auf beiden Seiten im Spiel war, einander nicht zu mögen? Es
sind Geringfügigkeiten. Verdi habe sich im Lohengrin 1871 in Bologna
gelangweilt - dort wurde erstmals eine Oper von Wagner in Italien
aufgeführt. Später habe er "nicht viel" im Tannhäuser in Wien gesehen. Ganz
wundervoll hingegen wirkte auf ihn "Tristan und Isolde", zweiter Akt, im Jahr
1898. Da war Richard Wagner allerdings schon ziemlich lange tot.
Abwechselnd wendet sich der Autor den Aktionsflächen der Komponisten zu,
ohne den historischen Hintergrund außer Acht zu lassen. In Mailand wird der
junge Verdi porträtiert, vor dem Hintergrund der italienischen
Einigungsbestrebungen geht der Autor der "Legende der patriotischen
Gesänge" nach. Leipzig und Dresden bringen hingegen den "radikalen
Antibürger Richard Wagner" hervor. Doch ausgerechnet seine Flucht aus
Dresden 1849 - nachdem er auf den Barrikaden gekämpft hat und
steckbrieflich gesucht wurde - ist auf wenige Zeilen Bericht geschrumpft.
Wagner und Verdi kämpfen beide um Paris, haben Erfolge und Niederlagen,
beide streben nach Wien: "Der populäre Verdi und der umstrittene Wagner".
Bis in Bologna 1871 mit der Aufführung des "Lohengrin" erstmals die
italienische Bastion fällt, die sich bislang Wagner verweigert hat. Richard
Wagner wurde zum "europäischen Ereignis". Und ganz besonders wurde
Italien ihm zur zweiten Heimat. Währenddessen Verdi zunehmend beunruhigt
auf die Neugier seiner Landsleute auf Wagner reagierte: Und den es
wiederum befriedigte, gerade in Deutschland zunehmend mit seinen Werken
anerkannt zu werden.
Die beiden letzten Kapitel beschäftigen sich mit den letzten wichtigen
Lebensstationen: In Bayreuth verwirklicht Wagner eine "Kunstutopie", um
dennoch in Venedig zu sterben. Verdi blieben noch 18 Lebensjahre, in denen
er etliche Freunde überlebte, das Altern wurde ihm zur Qual. Der Autor Der Populäre: Giuseppe Verdi.
schließt mit der "Verdi-Renaissance" und der "Wagner-Dämmerung," die von
Hitlers Wagner heraufbeschworen wurde. Foto: F Online
Und heute? Straub sieht den ausgleichenden europäischen Aspekt: "Der
Gegensatz Wagner-Verdi hat sich aufgelöst in ein Bekenntnis zu Wagner und Verdi", beide veranschaulichten auf ihre Art die
deutsch-italienische Kulturgemeinschaft mitten in Europa. Mag sein, dass das Thema Wagner und Verdi zusammen zu betrachten,
nicht neu ist. Die Vollständigkeit des Materials allerdings in stringenter Abhandlung auf 350 Seiten ist spannend zu lesen und dürfte
auch Intimkennern Freude bereiten. Zumal Straub das Versöhnende, Aussöhnende sieht: "Wagner ist viel italienischer, als die

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germanische oder altdeutsche Maskerade vermuten lässt, und Verdi viel deutscher, als ihm selbst zuweilen lieb sein konnte."
Das Buch: Eberhard Straub: Wagner und Verdi - Zwei Europäer im 19. Jahrhundert. Verlag Klett-Cotta 2012, 352 Seiten, 24,95
EUR, ISBN: 978-3-608-94612-3.

erschienen am 07.11.2012 (Von Marianne Schultz )


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